« E iS «NWSSLs«« -«-sooi MM, WHM MM WM WM LLM WO, WM; ZWKK ME ML M WML DMzM MÄ-M WM WM NWW- >L» 1 ^. Langmscheidtsche Bibliothek sämtkiekler griecüi^en unä römis^en ätknsblier in neueren deutschen Muster-Mersehmrgen. Siutor V°nd» Übersetzer ^ Autor Übersetzer L'seb^Ios 1 Prof. Dr. Donner Vri'ck 67-69 Prof. Dr. Suchier, L-w'p 2 Prof. Dr. wilh. Binder XnL'kreon 3 Prof. Dr. Ld. Mörike und Dr. Alex. Berg 4 Dr. Ioh. Gottl. Regis krulsk'in»« 37.38 D. t. B. Dr. Schubart Lristo'pli»- 5-8 Prof. Dr. Minckwitz ks'rsius 65 Prof. Dr. w. Binder N68 ^risto'tele« XrrlL'ii 6L'8»r «AIN'U Li'esro vorn. Xe'xos Ou'i'tins 20-26 27 77 63 78-93 94 95 und Dr. L. Wessely Prof. Dr. Ad. Stahr, Prof. Dr.Karsch u.a. Prof. Dr. K. Ließ Prof. Dr. H. Köchly und Dberst Rüstow Rekt. Dr. Fr. Presse! *prof. Dr. W.^Mnder, Prof. Dr. Köchly u. a. Prof. Dr. Siebelis Prof. Dr. Siebelis ?i'nä»r klk'ls klau'tu« kli'nius klut^reli kol^bios krope'itiu» 65 16 39-42 70-73 102 43-48 49-51 74 Prof. Dr.pranth Prof. ! Dr. Lyth, Dr. Lonz, t Prof. Dr. Planck, k Prof. Dr. w. Binder Prof. Dr. Klußmann! u. Prof. Dr. Binder ! Prof. Dr. Ed. Lyth I Prof. Dr. A. Haakh I und Prof. Dr. Kratz I Vemo'stlivnss 28 Prof. Dr. westermann Prof. Dr. w. Binder vioäo'r 29 Prof. Dr. wahrmund (lnjntiliL'n 94 Prof. Dr. H. Bender Lpikts't 30 Prof. Dr. Karl Tonz ^ui'ntus 2 Prof. Dr. Donner Lurl'xiäo« S-13 Prof. Dr. Minckwitz u. 8uIIu'stii>» 103 Prof. Dr. K. Lleß Prof. Dr. Binder 8e'N66L 104-5 Lnlro'plus 94 Konrektor Dr.Forbiger 8v'plwkles 17-19 Prof. Dr. Ad. Schöll Relioäo'r 31 Dr. Theodor Fischer 8trt'tivs 74 pfr. K. w. Bindewald IlonodiL'n 31 Prof. Dr. Ad. Stahr Strn'do 52-55 lleroäo't 32.33 Geh. Hofrat Bähr 8nLtv'ii 106 Prof. Dr. Ad. Stahr llesio'ä 2 Prof. Dr. Lyth la'oilus 107-8 Prof. Dr. Ludw. Roth Home'r 14.15 lere'ntius 75 Prof. Dr. Ioh. Herbst 8or»'2 62 Prof. Dr. w. Binder Ibeo'xnis 3 Prof. Dr. Binder l80'K,»tS« 34 Prof. Dr. Flathe und Idevkri'l 3 Prof. Dr. w. Binder u. Dr. Friede. Notier ^nsti'nus 96 Konrektor Dr.Forbiger VIitzoirllrL'st 30 Prof. Dr. w. Binder ^uveilL'Iis 63 Dr. Alexander Berg Illukz^iliäes 56. 57 Prof. Dr. wahrmund Li'vlus 97-101 Prof. Dr. Gerlach libu'Uiis 74 Prof. Dr. Binder LuvL'llllS 64 pfr. Dr. I»l. Krais Vellerns 109 Prof. Dr. Lyßenhardt LueiLv 35.36 Dr. Theodor Fischer Vi'olol' 109 Iniere'tins 65 Prof. Dr. w. Binder Virxi'Uus 76 Prof. Dr. w. Binder L^bu'rxos 34 Prof. Dr. H. Bender Vilrn'vius 110 Prof. Dr. Reber I-x'sirs 34 Prof. Dr. westermann Xe'noplio» 56-61 Prof. Dr. Zeisinq, Re?» u. Prof. Dr. Binder tor Dr. Rieckher, Kon- Mrk ^ure'I 30 Prof. Dr. K. Ließ rektor Dr. Forbiqer ! Anrtiu'Iis 66 Dr. Alexander Berg u. Prof. Dr. Dörner «°'nd« Autor Übersetzer Bandet Autor Übersetzer -- Griechische Dichter. — — Römische Dichter. — 1 L'svU^Ios Prof. Dr. Donner viitu'll Rekt. Dr. Fr. Presse! Lso'x Prof. Dr. wilh. Binder IIorL'r Prof. Dr. w. Binder ss ll68io'ä Prof. Vr. Ld. L^th 83 ^uvenL'lis Dr. Alexander Berg Prof. Dr. Donner 84 IiU0L'NL8 pfr. Dr. Jul. Krais f ^nakreon Prof. Dr. Ed. Mörike s I^Lere'tiüS Prof. Dr. w. Binder 3s l'beo'^nis Prof. Dr. w. Binder 85s ks'rsius Prof. Dr. w. Binder 1 lüeolLrl't prof.Dr.Ld.Mörikeic. s kbii'äi'as Prof. Dr. Siebelis 4 Lutboloxi'« Dr. Ioh. Gottl. Regis 88 Dr. Alexander Berg 5-8 ^rislo'xdL- Prof. Dr. Minckwitz 67-66 6rh4 Prof. Dr. Sllchier rc. L08 und Dr. E. Wessels 76-73 Prof. Dr. w. Binder 9-13 Luri'Mvs Prof. Dr. Minckwitz rc. 74^ krope'i'liiis SlaUvs 14.15 Ilowe'r Prof. Dr. Donner I lidu'IIu» Prof. Dr. w. Binder 16 ki'uLrr Prof. Dr. Schnitzer 75 fksre'utill» Prof. Dr. Ioh. Herbst >7-1» Lo'plwkles Prof. vr. Ad. Scholl 78 Virxi'Iius Prof. Dr. w. Binder Griechische Prosaiker. — — Römische Prosaiker. — 26-28 ^risto'tele« Prof. Dr. Ad. Stahr rc. 77 6L's»r Prof. Dr. H. Aöchl? 27 XrriL'v Prof. Dr. A. Ließ und Dberst Rüstow 28 VSILO'StlltzN. Prof. Dr. westermann 78-93 Li'osro Prof. Dr. Mezger, 2S vioäo'l' Prof. Dr. wahrmund Prof. Dr. w. Binder, f Lpikto't Prof. Dr. Karl Tonz Prof. Dr. Aochiy u. a. 36s Mrk^ure'I Prof. Dr. K. Ließ l 6oru. 5'e'xos Prof. Dr. Siebelis t Ibeoxbi-L^t Prof. Dr. w. Binder 64s Lutro'pius Konrektor Dr.Farbiger llelioüo'r Dr. Theodor Ascher UlliuliliL'u Prof. Dr. H. Bender 31^ üoro<1iL'L Prof. Dr. Ad. Stahr 95 vu'rtills Prof. Dr. Siebelis 32. 33 Hvroüo't Geh. Hofrat Bahr 96 ^llSl^LLS Konrektor Dr.Forbiger l Iso'kl-Ltss Prof. Dr. Flathe rc. 97-161 l-i'vlus Prof. Dr. Gerlach 34^ L^ku'rZos Prof. Dr. H. Bender 102 kli'uiu» pveif Dl- Kliitznitinn I^slas Prof. Dr. Ivefterm. -c. ii prnf Di- Bindor 35-38 huviru Dr. Theodor Fischer 103 LLlla'stiLs Prof. Dr. K. Ließ O. L. B. Dr. Schubart 36-42 Prof. Dr. prantl rc. 164-5 Ls'nevL Konrektor Dr.Forbiger 43-48 kluiL'roli Prof. Dr. Ld. L 7 th 168 8ueto'n Prof. Dr. Ad. Stahr 46-51 kolx'bio8 Prof. Dr. A. Haakh rc. 167-8 l'L'ollus Prof. Dr. Ludw. Roth 52-55 8tr»"do KilNl-pkkfN-Dl- Fpll-kli^Sl- s Vtzlle'^us Prof. Dr. Lyßenhardt 58-57 Hirlkz'^äiäes Prof. Dr. wahrmund 0^1 Vl'etor Konrektor Dr.Forbiger 58-81 Xo'nonüon prof.Dr.Aeisinq rc. 116 Vitl'L'vins Prof. Dr. Reber " sM zur langen ^ck»eiät^ auf den ersten Blick dem Auge vielleicht etwas ungewöhnlich erscheinend, ^ wird sicherlich allen der Betonung Unkundigen willkommen, den derselben Kundigen aber nicht störend sein. LangmMW Wlichek sämtlicher griechischen und römischen Klassiker in neueren deutschen Muster-Übersehungen. 46. Band: Wlutarch IV. ------- Inhalt: -------- Agis und kleomenes. — Romulus und Auma. — Theseus. — Valerius publicola. — üork k > I/M Horwort zu Agis und Kleomenes. Muta'rch* hat A'gis III. und Kleoünenes III. in eine passende Vergleichung gebracht mit den Griechen in Rom. Beide Paare sind sich in dem Adel der Gesinnung, in der Reinheit der Absichten ähnlich, aber auch in dem Trauerlose ihres Untergangs. Man darf jeden unter ihnen zu den großen Männern der Weltgeschichte zählen; nur zerfallen eben die großen Männer nach ihrer Lebensstellung und ihren Schicksalen, wie uns dünkt, in drei scharfbegrenzte Klassen. Die einen kommen zur rechten Zeit, die anderen kommen zu früh, und die dritten kommen — zu spät. Glücklich — trotz aller Kämpfe, ohne welche es niemals eine wahrhafte Größe gibt — glücklich sind solche Heroen des menschlichen Geschlechts zu nennen, welche, wie etwa Martin Luther, gleichsam nur den Brennpunkt bilden, worin sich die Ideen ihrer Nation oder ihres Jahrhunderts vereinigen und zum lebendigen Ausdruck, zur Gestaltung und Verkörperung gelangen. Unglücklich dagegen erscheinen uns schon solche, welche, wie Joseph II., ihrer Zeit um mehr als ein Jahrhundert vorangeeilt sind, daher nirgends ein Verständnis ihres * Der Laut, hinter dem das Zeichen ' steht, hat den Ton: Deutschland ü'ber a'lles. iL§ntzenscheidtscheB.gr.u.röm.Kl.:Bd.46;Lfrq.3l.H Plutarch XVI. 1 4 Plutarch, Vorwort zu Agis und KleomcneS. Geistes, ihres Willens finden und endlich mit einer gewissen Naturnotwendigkeit sich aufreiben, weil der genial wirkenden Kraft an keinem Orte der rechte Stoff sich zeigen will. Noch weit tragischer indessen ist der Anblick ringender Naturen, deren Ideal nicht vor ihnen, sondern hinter ihnen, nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit liegt. Sic kennen für ihr Volk und Vaterland bessere, gesegnetere Zustände und möchten sie zurückführen, aber die Blüte, welche sie zu schauen und zu schaffen wünschten, ist nicht sowohl eine unentwickelte, sie ist bereits verwelkt. Der kühle Verstand wird sie daher vielleicht als Thoren verlachen, welche das unmögliche unternehmen; aber das wärmere Herz wird ihnen seine Liebe, seine Teilnahme und Bewunderung nicht versagen. Und dies sind die Empfindungen, welche sich uns aufdrängen, wenn wir von dem römischen Brüderpaare lesen oder von den beiden griechischen Diosku'ren — von Agis und Kleomenes. A g i s. Erstes Kapitel. Es war in der That kein unstatthafter oder schlechter Gedanke, wenn einige vermuteten, die Sage von Jxi'on sei gegen den Ehrgeiz gerichtet: Jxion hatte ja nur die Wolke umfaßt anstatt der He'ra, wodurch die Kentau'ren entstanden. Ebenso beschäftigen sich die Ehrgeizigen nur mit einem gewissen Scheinbilde der Tugend, dem Ruhme. Sie können daher nichts innerlich Reines, nichts, das allgemeine Anerkennung fände, verrichten. Ihre Handlungen sind vielmehr von unechtem Gehalt und ein Gemenge von verschiedenen Bestandteilen. Sie werden in stets neue Richtungen Hineingetrieben und müssen jeder Laune und Leidenschaft folgen. Es ist gerade so, wie bei den Hirten des Sophokles, die von ihren Herden also sprechen: „Wir sind die Herrn und leisten ihnen Knechtesdienst, Und müssen auf sie hör'n, wenn sie auch stille sind." Dies erfahren in Wahrheit alle Staatsmänner, welche sich nach den bloßen Wünschen und Neigungen des großen Haufens richten. Sie sind Sklaven, die hintennach laufen, um Führer und Leiter des Volkes genannt zu werden. Wie die Matrosen auf dem Vorderdeck das, was vor ihnen liegt, weit besser sehen, als der Steuermann, aber dennoch ihr Auge auf diesen Steuermann gerichtet halten und sein Kommandowort vollziehen müssen: so ist auch ein Staatsmann, dessen Augenmerk der Ruhm ist, stets nur ein Diener des Pöbels und hat von dem Regenten nichts als den Namen. 8 Plutarch, Agis. Zweites Kapitel. Ein vollkommen wackerer Mann im strengsten Sinne bedarf überhaupt der Ehre gar nicht, außer sofern sie ihm Bahn macht für seine Handlungen, auch durch das Vertrauen, das er genießt. Nur einem jungen ehrliebenden Menschen kann man nach schönen Thaten auch eine gewisse Eitelkeit verzeihen, womit er sich in seinem Ruhme gefällt. Zn diesem Alter kommt jede Tugend erst zum Entstehen und Aufkeimen; bei günstigem Erfolge erstarkt sie, nach Theophra'stsAusdruck, durch das Lob, das man ihr spendet, und wächst dann in der Folgezeit mit dem Selbstbewußtsein noch mehr unter dem Einflüsse des gleichen Lobes. Aber das Übermaß ist allenthalben gefährlich und bei dem politischen Ehrgeize geradezu verderblich. Denn es führt jeden, der eine große Machtvollkommenheit erlangt hat, zur Narrheit und zum offenkundigen Wahnsinn, wenn er nicht mehr in dem Sittlichen die Quelle der Ehre erblicken will, sondern umgekehrt in der Ehre das Gute zu finden glaubt. Als Anti'pater einmal dem Pho'kion eine unsittliche Handlung zumutete, erklärte ihm dieser: „Du kannst nicht zu gleicher Zeit einen Phokion zum Freunde haben und zum Schmeich ler!" Dies oder etwas Ähnliches hat man auch der Menge zu erklären: „Ihr könnt nicht an dem nämlichen Mann einen Führer haben und einen Bedienten!" Es geht hier gerade wie in der Fabel von der Schlange. Der Schwanz fing Händel an mit dem Kopf und verlangte, daß er abwechslungsweise auch vorangehen dürfe und nicht immerfort dem Kopfe nachlaufen müsse! Er erhielt also die Führerschaft, kam aber dabei sehr übel weg, weil er im Unverstände seines Weges zog und den Kopf tüchtig verstauchte', der ganz gegen seine Natur gezwungen wurde solchen Teilen zu folgen, welche blind und taub waren. Den gleichen Jammer sehen wir viele erleben, die bei ihrem politischen Handeln sich nur die Gunst zum Ziele setzen. Sie hängtcn sich an die Pöbelmasien, welche aufs Geratewohl dahin- Zweites Kapitel. 9 fahren; deswegen waren sie späterhin nicht im stände, sich wieder zu fassen oder die Unordnung zum Stillstände zu bringen. Diese und ähnliche Bemerkungen sind es, die sich mir auf- drüngen beim Blick auf die Ehre, welche von der Menge kommt. Ich bemerkte den Ungeheuern Einfluß, den diese Ehre ausübt, namentlich an den Lebensschicksalen eines Tibe'rius und Ga'jus Gracchus. Beide besaßen die edelste Natur; sie hatten die trefflichste Erziehung genossen, und ebenso trefflich waren die politischen Plane, welche sie faßten. Und dennoch gingen sie unter, nicht sowohl durch ein Übermaß von Ruhmbegierde, als vielmehr durch eine gewisse Furcht vor dem Gegenteil, — eine Furcht, die aus einer durchaus nicht unedlen Quelle floß. Sie hatten schon zum voraus ein großes Wohlwollen von ihren Mitbürgern genossen und schämten sich, so zu sagen, diese Schuld unbezahlt zu lassen. Und so entstand ein gewisser Wettstreit. Stets suchten sie durch wohlthätige politische Maßregeln die empfangenen Ehren noch zu überbieten und wurden sodann infolge der Gunst, die ihre Maßregeln fanden, nur noch mehr geehrt. Auf diese Weise entzündeten sie sich selbst gegenüber dem Volke und das Volk gegenüber von ihnen mit dem gleichen Ehrgeiz, bis sie zuletzt unvermerkt ihre Hand an Unternehmungen gelegt hatten, bei welchen man ebenso wenig mit Anstand fortzufahren, als ohne Schimpf und Schande aufzuhören vermochte. Dies wird dein eigenes Urteil bestätigen, wenn du die nähere Schilderung gelesen hast. Und nun wollen wir ihnen ein Demagogenpaar aus Lakedä'mon an die Seite stellen, die Könige A'gis und Kleo'menes. Auch diese suchten das Volk cmporzu- bringen, wie jene beiden Römer; auch sie beabsichtigten, eine schöne und gerechte Verfassung, welche seit langer Zeit in Abgang gekommen war, wiederherzustellen, und fanden daher den gleichen Haß bei der aristokratischen Partei, welche von ihren gewohnten Privilegien nicht lassen wollte. Zwar standen diese Lakedämonier nicht in dem Verhältnis von Brüdern zu einander; doch war wenigstens die Politik, welche sie trieben, eine nah verwandte und gleichsam verschwisterte. Der Anlaß ihres Wirkens lag in folgendem. 10 Plutarch, Agis. Drittes Kapitel. Sobald in Sparta die Gier nach Silber und Gold eingedrungen war, kam mit dem Erwerbe des Reichtums zugleich die Habsucht und Knauserei; ebenso stellte sich mit dem Gebrauch und Genüsse desselben auch Üppigkeit, Weichlichkeit und Verschwendung ein. Sparta verlor nun die meisten seiner schönen Seiten und sank in den elenden, unwürdigen Zustand herab, welcher bis zu jenen Zeiten andauerte, worin Agis und Leo'nidas regierten. Agis war ein Eurpponti'de, Sohn des Euda'midas, und stammte im sechsten Glied von Agesila'us, welcher sein Heer nach Asien übergesührt und die höchste Macht in Griechenland errungen hatte. Agesilaus' Sohn war nämlich Archida'mus, der bei Man- du'rium in Italien im Kampfe gegen die Messa'pier fiel. Von Archidamus stammte sodann als der ältere Sohn ein Agis II. ab; der jüngere war Euda'midas, welcher den Thron erhielt, nachdem Agis, der kinderlos blieb, gegen Anti'pater bei Megalo'polis seinen Tod gefunden hatte. Eudamidas war der Vater eines weiteren Archidamus, dieser der Vater eines zweiten Eudamidas, und letzterer endlich Vater des Agis, von welchem die gegenwärtige Schrift handelt. Leonidas dagegen, Sohn desKleo'nymos, gehörte dem andern regierenden Hause an. Er war ein Agiade, der achte von Pausa'nias, dem Besieger des Mardo'nius in der Schlacht von Platä'ä. Pau- sanias hatte nämlich einen Sohn, Pleisto'anax, Pleistoanax den Pausanias, der sich aus Lakedä'mon nach Te'gea flüchtete, worauf dessen älterer Sohn, Agesi'polis, König wurde; nach dem Tode des letzteren, der keine Kinder hinterließ, folgte der jüngere Kleo'm- brotus. Von Kleombrotus stammte abermals ein anderer Age- sipolis und Kleomenes. Dieser Agesipolis regierte weder lange Zeit, noch hatte er Kinder, weshalb Kleomenes sein Nechfolger auf dem Throne wurde. Letzterer verlor seinen ältesten Sohn Akro'tatos noch bei seinen eigenen Lebzeiten und hinterlieh einen jüngeren Sohn, Kleonymos, der jedoch nicht König wurde, sondern vielmehr A'reus, ein Enkel des Kleomenes und Sohn des Akrotatos. Viertes Kapitel. 11 Als Areus bei Korinth gefallen war, erhielt sein Sohn Akrotatos die Krone. Auch dieser starb bei einer Niederlage, welche ihm der Fürst Aristode'mos in der Gegend von Megalocholis beibrachte. Sein nachgeborener Sohn erhielt an Leonidas, Kleonymos' Sohn, einen Vormund, starb jedoch später noch vor seinem Eintritt in das Mannesalter. So kam denn die Regierung an den genannten Leonidas, an welchem jedoch seine Unterthanen wenig Gefallen fanden. Denn obgleich bei dem verderbten Zustande der Verfassung bereits alle Spartaner gleicherweise gesunken waren, so zeigte sich doch in der Lebensweise des Leonidas eine ganz auffallende Abweichung von den alten Sitten. Er hatte sich eben lange Zeit an persischen « Satrapcnhösen herumgetriebcn und bei Seleu'kus in Dienst ge- H standen; jetzt trug er den Hochmut des dortigen Wesens in einer 1 keineswegs passenden Weise auch in die griechischen Verhältnisse 1 und eine gesetzlich beschränkte Regierung herüber. » Dierkes Kcrpitel'. U Agis dagegen ging nicht nur ihm, sondern beinahe allen, M welche nach dem großen Agesilaus den Thron bestiegen, an edlen H natürlichen Anlagen, wie an Geistesgröße, unendlich weit voran. » Er war noch nicht einmal zwanzig Jahre alt, war in der Fülle G des Reichtums und der Üppigkeit ausgewachsen, und zwar unter » Weibern, seiner Mutter Agesi'strata, und seiner Großmutter Archi- 3 da'mia, welche das größte Vermögen in Lakedämon besaßen; den- « noch entsagte er unverzüglich und aufs kräftigste allen äußeren Vergnügungen und entkleidete seinen Leib alles eitlen Flitter- ^ staates, der doch die Anmut einer Gestalt so ganz besonders her- .1 vorzuheben scheint. Jede Pracht und Üppigkeit wurde abgcthan Z und streng gemieden. Dagegen gefiel er sich in einem ganz ge- A wohnlichen Mantel und liebte Mahlzeiten, Bäder und Lebens- Z weise ganz nach lakonischer Art. Auch sprach er sich wiederholt dahin aus, daß die Krone für ihn keinen Wert hätte, wenn er nicht dadurch die Gesetze und das Leben der alten Zeit wieder- herzustellcn vermöchte. 12 -Plutarch, NziS. Jünftes Kerpitek. Der Anfang des Verderbens und der krankhaften Zustände in den Verhältnissen Lakcdämons geht ungefähr aus die Zeit zurück, in welcher man die Hegemonie Athens gestürzt und sich selbst an Gold und Silber übermäßig bereichert hatte. Indessen so lange man nur die Zahl der Familien, welche Lyku'rgus festsetzte, bei der Vererbung einhielt und jeder Vater dem Sohne sein „Feldlos" ^ hinterlies;, blieb diese Ordnung und Gleichheit unter den Bürgern wenigstens notdürftig bestehen, so daß die Stadt sich von den Folgen ihrer sonstigen Gebrechen immer wieder erholte. Allein nun wurde ein einflußreicher, jedoch stolzer und nach seinein Charakter unangenehmer Mann, Epi'tadeus, zum Ephorate erhoben. Dieser geriet mit seinem Sohn in Streitigkeiten, weshalb er ein Gesetz gab, wonach „jedermann sein Haus und seinen Güteranteil nach Belieben einem anderen teils schon bei Lebzeiten übergeben, teils in seinein Testamente hinterlassen durfte". Bei Epitadeus war es nun bloß eine gewisse Privatrache, die er mit dem Einbringen eines solchen Gesetzes zu erfüllen suchte; die anderen ließen sich durch ihre Habsucht zur Annahme desselben verleiten. Sie bestätigten es und richteten dadurch den besten früher» Stand der Dinge zu Grunde. Non jetzt ab konnten die Vornehmeren ihre Besitzungen bis zum Übermaß ausdehnen, indem sie die rechtmäßigen Verwandten aus ihren Erbschaftsrechten verdrängten. Bald floß der Strom des Reichtums in der Hand von einigen wenigen zusammen, während die Armut in der übrigen Stadt herrschend wurde. Dazu gesellte sich die weitere Folge, daß sich alle edlen Bestrebungen verloren und dagegen die niedrigsten Gesinnungen aufkamen, verbunden mit Neid und tiefer Mißstimmung gegen die Besitzenden. Es blieben also nicht mehr als siebenhundert echte Spartiaten übrig, und von diesen waren es vielleicht nur hundert, welche uoch einen Landbesitz und ein „Feldlos" hatten. Die übrige I. „Feldlos", d. h. der bestimmte Anteil an dein Staatsqnte. Sechstes Kapitel. 13 Masse des Volks sas; daneben in der Stadt — unbemittelt und verachtet. Brach ein auswärtiger Krieg aus, so führte sie die Verteidigung ohne alle Energie und Bereitwilligkeit; dagegen lauerten diese Leute stets auf einen Augenblick, in welchem eine Veränderung und Umwälzung der vorhandenen Lage eintreten sollte. Sechstes Kapitel. Dies waren also die Gründe, weshalb es Agis, und zwar mit vollen: Rechte, für eine schöne Aufgabe hielt, in Sparta den Grundsatz der Gleichheit und die volle Bürgerzahl wiederherzustellen. Er sondierte nun unter den Menschen. Die jungen Leute hörten schneller, als er erwarten durfte, aus seine Ermahnungen; sie entschlossen sich insgesamt, zur alten Tugend wieder herabzusteigen, indem sie, um zur Freiheit zu gelangen, ihre Lebensweise wechselten, wie ein Gewand. Dagegen bei den älteren, die schon so lange Zeit in der Verderbnis gelebt hatten, zeigte es sich, das; die meisten, gerade wie entlaufene Sklaven, die man wieder zu ihrem Gebieter zurückführt, förmlich zitterten und bebten vor Lp- ku'rgus. Sie tadelten Agis heftig, als dieser über den Stand der Gegenwart zu jammern begann und seine Sehnsucht nach der alten Höhe Sparta's ausdrücktc. Nur bei Lysa'nder, Li'bys' Sohn, bei Mandroklei'das, E'k- phanes' Sohn, und ferner bei Agesila'us fand er eine willige Aufnahme. Diese beeilten sich auf seine edlen Bestrebungen einzugehen. Lysander war einer der hochgeachtetsten Bürger, wie Mandro- kleidas der tüchtigste Diplomat von Griechenland, — ein Mann, bei welchem sich diese hohe Verständigkeit und Schlauheit zugleich mit dem kecksten Mute verband. Agesilaus endlich war ein Oheim des Königs, ein gewandter Redner, außerdem jedoch weichlich und geldgierig. Auf diesen wirkte sichtbar der ermunternde Einfluß seines Sohnes Hippo'medon ein, der sich in vielen Kriegen ausgezeichnet hatte und durch seine Beliebtheit bei der Zugend überhaupt viel vermochte. Die eigentliche Ursache aber, wodurch Agc- silaus bewogen wurde, sich an dem Plane zu beteiligen, lag in 14 Plutarch, Agis. der Menge seiner Schulden, von welchen er frei zu werden hoffte, wenn er eine Änderung der Staatsverhältnisse herbeiführte. Sobald daher Agis diesen Mann gewonnen hatte, machte er unverzüglich einen Versuch, in Verbindung mit ihm auch seine Mutter zu überreden. Letztere war eine Schwester des Agesilaus, eine Frau, die bei der Menge ihrer Klienten, Freunde und Schuldner einen bedeutenden Einfluß in der Stadt besaß, ja sogar vielfach auf die öffentlichen Angelegenheiten entscheidend einwirkte. KieU-mtes Kapitel. Als diese Frau von der Sache hörte, erschrak sie anfänglich in hohem Grade und suchte den jungen Mann von seinen Bestrehungen abzubringen, deren Verwirklichung ihr ebenso unmöglich, als unnütz erschien. Allein Agesilaus belehrte sie, wie schön der Plan und von welch hohem Interesse dessen Ausführung sei. Auch der König selbst bat seine Mutter, ihm ihren Reichtum für sein ehrenvolles und rühmliches Unternehmen zu überlassen. „An Geld und Geldeswert", sagte er, „vermöge er freilich nicht, sich den andern Königen gleichzustellen. Der Diener eines Satrapen, der Sklave eines Hausverwalters bei Ptolemä'us oder Seleu'kus besitze mehr, als alle Könige in Sparta miteinander. Wenn er aber die Üppigkeit jener Leute mit Mäßigkeit, mit Einfachheit, mit Seelengröße überbiete, wenn er den Grundsatz der Gleichheit und Gemeinsamkeit für seine Mitbürger wieder feststelle: so werde er sich den Namen und den Ruhm eines wahrhaft großen Königs erringen." Diese Worte bewirkten einen völligen Umschlag in den Gesinnungen der Frauen. Von den rühmlichen Bestrebungen des jungen Mannes wurden sie selbst gehoben; ja, sie wurden von einer solchen Begeisterung für das Edle erfüllt, daß sie sogar den Agis auch ihrerseits aufmunterten und zur Eile antrieben. Sie beschieden ihre Freunde zu sich, sprachen ihnen zu und redeten auch mit den anderen Frauen; denn sie wußten eben recht wohl, daß die Lakedämo'nier stets willig auf die Stimme ihrer Weiber horten und denselben eine größere Einmischung in die öffentlichen Angelegenheiten gestatteten, als sich selbst in die eigenen häuslichen. Aber damals befand sich von den lakedämonischen Reich- tümern der größte Teil in den Händen der Weiberwelt, ein Umstand, der für Agis seine Unternehmung sehr schwierig, ja. fast unausführbar machte. Denn die Frauen opponierten, nicht bloß weil sie einen Luxus verlieren sollten, in welchem sie bei ihrer Unkenntnis des wahrhaft Edlen das höchste Glück fanden, sondern sie thaten es auch, weil sie für die Ehre und Macht, welche sie durch ihren Reichtum genossen, eine wesentliche Beschränkung voraussahen. Sie wandten sich daher an Leonidas mit der Aufforderung, als der ältere dem Agis Einhalt zu thun und die Ausführung seiner Plane zu verhindern. Nun hatte zwar Leonidas große Lust, die Partei der Reichen zu unterstützen; auf der anderen Seite aber fürchtete er sich vor demVolke, welches die beabsichtigteVeränderungsehnlichstwünschte. Er that deswegen nichts gegen Agis in offener Weise; dagegen suchte er heimlich der beabsichtigten Unternehmung Schaden zu thun und sie zu Hintertreiben, indem er mit den höchsten Staatsbeamten sich besprach und den Agis verleumdete: „Agis", sagte er, „wolle nur eine despotische Macht gewinnen, wenn er der unbemittelten Klasse den Besitz der begüterten anbiete. Mit allen Schenkungen an Landbesitz, mit allem Nachlassen von Schulden wolle er lediglich eine Masse von Trabanten für sich selbst erkaufen, — keineswegs neue Bürger für Sparta!" Achtes Kapitel. Dessenungeachtet setzte Agis die Ernennung desLysander zum Ephoren durch und brachte alsbald durch dessen Vermittelung einen Gesetzesvorschlag an den Senat, von welchem die Hauptpunkte folgende waren: „Alle Schulden sollten den Schuldnern erlassen sein; bei der neuen Landesverteilung sollte der Strich, welcher 16 Plutarch, Agis. von dem Groben bei Pelle'ne ausging und sich an den TaP- getus, nach Ma'lea und Sella'sia erstreckte, zu viertausendfünfhundert Losen gemacht werden; der weiterhinaus gelegene zu fünfzehntausend Losen; der letztere sollte an diejenigen Periöken welche die Waffen zu tragen vermöchten, der innere dagegen an die Spartiaten selbst verteilt werden; die Anzahl der letzteren sollte ergänzt werden durch Periöken und Fremde, welche eine edle Erziehung genossen hätten, außerdem eine stattliche Körperbildung besäßen und im waffenfähigen Alter ständen; dieselben sollten eingeteilt werden auf fünfzehn Kosttische zu vierhundert und zweihundert Mann, und die Lebensweise, die sie führten, solle die gleiche sein, wie sie die Vorfahren einst gehabt hätten." Neuntes Kapitel. Nachdem dieser Vorschlag gemacht war, konnten sich die Mitglieder des Senates in ihren Ansichten darüber nicht vereinigen. Lpsander berief daher eine Volksversammlung, worin er selbst mit den Bürgern sprach. Auch Mandrokleidas und Agcsilaus baten: „sie möchten nicht um einiger weniger willen, die nur ihr Spiel mit ihnen trieben, die Augen gegen den Sturz der spartanischen Würde verschließen. Vielmehr sollten sie sich der früheren Orakelsprüche erinnern, welche ihnen geboten, sich vor der Geldgier, als dem Verderben Sparta's, zu hüten. Auch der neuesten von Pasiphaa ihnen gegebenen Weissagungen sollten sie gedenken. Es war nämlich ein Tempel und ein hochgeachtetes Orakel der Pasiphaa in Tha'- lamü; Pasiphaa selbst soll nach einigen eine Tochter des Atlas gewesen sein, welche von Zeus den A'mmon gebar; nach anderen war sie des Pritrmus Tochter Kassa'ndra, welche hier starb und den Beinahmen Pasiphaa empfing, der darauf hinwies, daß sie jedermann Orakel erteilte. Phplatchos dagegen erzählt, daß des l. Periöken (Umwohner) sind die auf dem Lande wohnenden Lake- dämonier, !m Gegensatz gegen die in der Stadt befindlichen und allein mit dem vollen Bürgerrechte begabten Spartiaten. Zehntes Kapitel. 17 Amy'klas* Tochter, namens Daphne, welche den Nachstellungen Apolllo's zu entfliehen suchte und nun bekanntlich in einen Baum verwandelt wurde, seither von dem Gotte hoch in Ehren gehalten und mit der Sehergabe beschenkt worden sei. Man sagte nun, das; auch deren Orakelsprüche den Spartanern befohlen hätten, insgesamt in das Verhältnis der Gleichheit zu treten, gemäß dem Gesetze, welches Lykurg gleich anfänglich ausgestellt hatte. Über alles jedoch ging der Umstand, daß König Agis öffentlich auftrat und nach einer kurzen Rede erklärte, die größten Beiträge für die Verfassung, die er aufstelle, selbst geben zu wollen. „Fürs erste lege er sein eigenes Vermögen auf den Altar des Vaterlandes; dasselbe sei beträchtlich in Grundstücken für den Ackerbau, wie für die Viehzucht, und abgesehen hiervon enthalte es sechshundert Talente^ an Geld. Das Nämliche wollten auch ihre Mütter, Freunde und Verwandte thun, und dies seien die reichsten Personen in Sparta." Zehntes Kapitel. Das Volk war nun höchlich erstaunt über die Großherzigkeit des jungen Mannes und jubelte laut, daß nach dreihundert Jahren endlich wieder ein König auftrete, der Sparta's würdig sei! Dagegen begann Leo'nidas eben jetzt hauptsächlich Streitigkeiten im Sinne des Widerstandes. Er berechnete, daß er zwar genötigt sein würde, das Gleiche zu thun, aber ohne bei seinen Mitbürgern den gleichen Dank dafür einzuernten. Vielmehr, wenn auch alle in gleicher Weise ihren Besitzstand opfern müßten, so werde man doch nur demjenigen die Ehre geben, welcher den Anfang gemacht habe. Er richtete also an Agis die Frage, ob er glaube, daß Lyku'rg ein gerechter und edler Mann geioesen sei? Agis bejahte dies. „Nun denn," fuhr Leonidas fort, „wo hat denn jemals Lykurg entweder eine Abschaffung der Schulden verwilligt, oder Fremde in unsere Bürgergemeinde eintreten lassen, — er, der den Zustand Sparta's durchaus für keinen gesunden hielt, I. 600 Talente ^ 2829000 Reichsmark. ' Ter Leut, hinter dem d.iS Zeichen ' steht, hnt den Ton: Den'tschland n'ber n'lleö. 92 ^aiisensSieldlsche B. s,r. u. rbm. -l.; Bd. Lfrs>. 31.) P l il t .1 rch XVI. 2 18 Plutarch, Agis. wenn man gegen die Fremden nicht eine förmliche Austreibung vornahm?" Agis erwiderte: „er wundere sich gar nicht über Leonidas, wenn derselbe, ausgewachsen im Ausland und verkuppelt an Satrapentöchter, gar nicht wisse, das; Lykurg auch alles Leihen und Entlehnen, samt der Münze selbst, aus Sparta verbannt und von den in den verschiedenen Städten befindlichen Fremden nur solche nicht habe leiden mögen, welche sich mit den Landessitten und Landesbräuchen nicht haben vereinigen können. Wenn er sie austrieb, so sei das kein Kampf gegen ihre Person gewesen, sondern eine Furcht vor ihrem Leben und ihrer Lebensweise, weil sie vielleicht bei ihrer Vermengung mit den Bürgern einen Hang zur Üppigkeit, Weichlichkeit und Habsucht hätten erzeugen können. Terpa'nder, Thalles und Phereky'des seien auch Fremde gewesen; weil sie jedoch allezeit mit Lykurg übereinstimmten in dem, was sie sangen und dachten, so hätten sie in Sparta eine ausgezeichnete Hochachtung genossen. „Du selbst", fuhr er fort, „lobst den E'kprepes, der als Ephore dem Musiker Phry'nis zwei von seinen neun Saiten mit der Axt abhieb. Du lobst auch die, welche unter Timo'theus ein anderes Mal gerade das Nämliche thaten. Uns dagegen tadelst du, weil wir Luxus, Verschwendung und Übermut aus Sparta vertilgen wollen! Als ob nicht auch sie das Hochmütige und Überschwengliche in der Musik nur darum zu verhüten gesucht Hütten, damit es nicht an einem Platze aufkomme, wo das Übermaß und die Überschwenglichkeit im Betragen, in der Lebensweise unsere Stadt in sich selbst verstimmt und unharmonisch gemacht hat!" Elftes Kapitel. Hierauf stellte sich die Masse des Volkes völlig auf die Seite des Agis, während dagegen die Reichen den Leonidas aufforderten, sie nicht preiszugeben. Auch die Mitglieder des Senates, welche in der Vorbereitung der Beratungen ihre bedeutendste Macht hatten, wurden durch Bitten und Zureden aller -i Elftes Kapitel. 19 Art so weit von ihnen gebracht, daß sich für die Verwerfung des Vorschlages eine Majorität von einer Stimme bildete. Aber Lpsandcr, der noch im Amte stand, beeilte sich nun, den Leonidas gerichtlich zu verfolgen, und zwar gemäß einem gewissen alten Gesetze, welches jedem Herakliden verbot, sich mit einem ausländischen Weibe zu verehelichen, und jeden, der Sparta verließ, um sich anderwärts niederzulassen, mit der Todesstrafe belegte. Dies waren die Gründe, welche er einige andere Personen gegen Leonidas vorzubringen anstiftete. Er selbst lauerte mit seinen Amtsgenossen nur auf ein bekanntes Zeichen, das in folgendem besteht: Alle neun Jahre nehmen die Ephoren eine unbewölkte und mondlose Nacht und setzen sich in der Stille nieder, den Blick nach dein Himmel gerichtet. Wenn nun ein Stern von einer gewissen Seite nach einer anderen hinüber fliegt, so ist ihnen dies ein Zeichen davon, daß die Könige sicki gegen die Gottheit versündigt hätten. Man enthebt sie also ihrer Würde, bis von Dc'lphi oder Olp'mpia ein Orakelspruch eingetroffen ist, der die verurteilten Fürsten wieder freispricht. Dieses Zeichen, behauptete Lysander, sei ihm wirklich geworden. Deswegen brachte er den Leonidas vor Gericht und stellte Zeugen auf, daß derselbe von einer asiatischen Frau, die ein Untcrfeldhcrr des Seleukus ihm zur Ehe gegeben hätte, zwei kleine Kinder besitze; weil er aber von seiner Frau schlecht behandelt und gehaßt werde, sei er gegen seine eigentliche Absicht in die Heimat zurückgekehrt und habe daselbst den gerade erledigten Thron an sich gerissen. Zugleich mit der Einleitung des Prozesses bewog er den Kleo'mbrotus, die Krone anzusprechen; dies war ein Schwiegersohn des Leo'nidas und selbst von königlichem Geblüt. In seiner Angst flüchtete sich nun Leonidas in den Tempel der Athe'ne „vom ehernen Hause", und seine Tochter flüchtete gleichfalls zu ihrem Vater dorthin, indem sie den Kleo'mbrotus verließ. Der Vorladung vor Gericht leistete er keine Folge, weswegen man ihm durch richterlichen Spruch die königliche Würde entzog, um sie dem Kleombrotus zu übergeben. 20 Plutarch, AgiS. Zwölftes Kapitel. Indessen mußte Lpsander sein Regiment niederlegen, weil seine Zeit vorüber war. Die aufgestellten Ephoren ließen jetzt den Leonidas aus seinem Asyl wieder hcrvortreten und hängteu dagegen dem Lysander und Mandroklei'das einen Prozeß an, weil dieselben gegen das Gesetz die Abschaffung der Schulden und eine Landverteiluug hätten beschließen lassen. Von dieser Gefahr bedroht, suchten nun beide die Könige zu bewegen, „daß sie fest zusammeustünden und sodann sich um alle Anträge der Ephoren nichts kümmern sollten. Diese Behörde empfange ihre Stärke nur aus dem Zwiste der Könige, indem sie den bessern Antrag mit ihrer Stimme unterstütze, wenn der eine König dem Staatsinteresse widerstrebe. Sobald jedoch beide sich in ihren Absichten vereinigten, könne ihre amtliche Vollmacht durch nichts aufgehoben werden, und die Ephoren würden bei einen: Kampfe gegen die Könige ganz ungesetzlich handeln. Nur wenn die Könige selbst sich bekämpfen, komme den Ephoren das Recht der schiedsrichterlichen Entscheidung zu, während ihnen keine Einmengung gestattet sei beider Eintracht der Könige!" So ließen sich denn beide überreden. Sie zogen mit ihren Anhängern auf den Marktplatz, wo sie die Ephoren von ihren Stühlen vertrieben, um sodann andere an ihrer Stelle einzusetzen. Darunter befand sich auch Agesila'us. Sodann riefen sie viele von der jungen Mannschaft unter die Waffen, entließen die Gefangenen aus dem Kerker und ließen ihre Gegner ernstlich befürchten, daß sie eine große Anzahl umbringen würden. Doch wurde niemand von ihnen getötet. Im Gegenteil, als Leonidas nach Te'gea zu entwischen suchte und nun Agesilaus ihn zu verderben trachtete, indem er Leute gegen ihn aussandte, um ihn unterwegs zu überfallen: so schickte Agis, der dies erfuhr, andere vertraute Personen ab, welche den Leonidas in ihre Mitte nahmen und sicher nach Te'gea geleiteten. Dreizchntcs Kapitel. 21 Dreizehntes Kapitel. Soweit ging denn ihr Unternehmen seinen Gang weiter fort. Niemand trat ihm mit Hindernissen in den Weg, — als plötzlich ein einziger Mann, Agesila'us, alles wieder umwarf und verdarb, indem er er den schönsten, echt lakonischen Gedanken durch die schmählichste Pest, durch die Sucht nach Reichtum, völlig zu Grunde richtete. Er selbst besaß nämlich ganz ungemein viele und gute Ländereien, war aber zugleich sehr mit Schulden belastet. Da er nun weder diese Schulden zu bezahlen vermochte, noch Lust hatte, seinen Güterbesiitz fahren zu lassen, so überredete er den Agis, daß doch die gleichzeitige Ausführung beider Pläne eine gar zu große Neuerung für die Stadt abgeben müßte; wenn man dagegen durch die Erlassung der Schulden zuerst den Begüterten einen Gefallen erweise, so würden sie nachher ohne Schwierigkeit und in aller Ruhe auch die Verteilung sich gefallen lassen. Dies leuchtete auch Lysander und seinem Anhang ein, welche gleichfalls von Agesilaus getäuscht wurden. Man brachte die Schuldverschreibungen, die man „Kla'ria" nennt, auf den Markt zusammen, wo man sie alle aus einen Haufen warf und verbrannte. Als die Flamme emporschlug, entfernten sich die reichen Gläubiger in tiefer Betrübnis; Agesilaus aber, um ihrer gleichsam noch zu spotten, äußerte: „daß er in seinen: Leben noch kein helleres Licht und kein schöneres Feuer gesehen habe, als dieses!" Nun verlangte aber das niedere Volk auch eine sofortige Verteilung des Landes, und wirklich befahlen die Könige, so zu thun. Agesilaus warf jedoch stets einige Hemmungen in den Weg und brachte allerhand Vorwände zu Tage, um die Sache zu verschleppen, bis Agis in den Fall kam, mit dem Heere auszurücken, weil die Achäer als Bundesgenossen in Sparta um Hilfe nachsuchten. Denn man erwartete einen Einfall der Äto'lier im Pcloponne's und hierbei einen Durchmarsch über das megarische Gebiet. Um dies zu verhindern, sammelte der a'chäische Ober- 22 Plutarch, Agis. feldherr Arackus eben jetzt Truppen und schrieb zugleich an die Ephoren. Vierzehntes Kapitel. Letztere schickten unverzüglich den Agis ab, dessen Stimmung durch den Ehrgeiz und den Mut seiner Mitstreiter sehr gehoben war. Die meisten waren jung und gehörten der ärmeren Klasse an. Sie hatten hinsichtlich der Schuldenlast, die ihnen abgenommen war, nichts mehr zu fürchten und hofften vielmehr nach ihrer Rückkehr aus dem Feldzug auf eine alsbaldige Verteilung der Ländereien. Deswegen war nun ihr Benehmen Agis gegenüber ein höchst ausgezeichnetes. So fanden sie auch die größte Anerkennung in allen Städten, weil sie, ohne irgend Schaden anzurichten, ganz ruhig und fast unhörbar durch den Peloponnes marschierten, zur Verwunderung der Griechen, welche sich fragten: „was das erst für eine Pracht von einem spartanischen Heere sein müßte, wenn es einen Agesilaus oder jenen berühmten Lysander oder den alten Leoni- das an seiner Spitze hätte, da die ganze Mannschaft schon gegen einen jungen Mann, der seinen Jahren nach fast unter allen andern stünde, eine solche Ehrerbietung, einen solchen Geist der Unterordnung zeige!" Übrigens war auch der junge Mann selbst durch seine Einfachheit, sein freudiges Ertragen aller Strapazen, wie durch seine Kleidung und Bewaffnung, die sich in nichts vor der des gemeinen Mannes hervorhob — und eben dies war sein Stolz —, in der That ein würdiges Schauspiel, das bei der Menge die höchste Bewunderung fand. Freilich den Reichen gefielen seine Neuerungen nicht; denn sie fürchteten, er möchte durch sein Beispiel allenthalben dem niederen Volke einen Anstoß zur Bewegung geben. Fünfzehntes Kapitel. In der Nähe von Korinth fand die Vereinigung des Agis mit Ara'tus statt. Letzterer bedachte sich noch wegen einer Schlacht und der Aufstellung gegen die Feinde; Agis aber zeigte die Sechzehntes Kapitel. 23 größte Willigkeit und einen hohen Mut, der jedoch von Tollkühnheit und unüberlegtem Wesen weit entfernt war. Seine eigene Ansicht, erklärte er, gehe auf eine entscheidende Schlacht, wobei man den Krieg nicht erst in das Innere hereinkommen lasse, indem man die Pässe in den Peloponnes preis gebe. Jedoch werde er nur nach den Ansichten des Aratus handeln. Dieser sei der ältere und zugleich der oberste Feldherr der Achäer. Er selbst sei nicht gekommen, um den Achäern Vorschriften zu machen oder die Führung zu übernehmen, sondern nur, um mit ihnen und für sie zu fechten! Allerdings berichtet Ba'ton aus Sino'pe, daß Agis, trotz des Befehls von Aratus, keine Lust zum Kampfe gezeigt habe. Er hatte nicht gelesen, was Aratus hierüber zu seiner eigenen Verteidigung geschrieben hat: daß er es nämlich für besser gehalten, wenn die Feinde erst, nachdem fast alles Getreide von dem Landvolk bereits eingebracht war, in das Land eindrängen, als wenn er selbst eine gefahrvolle Schlacht wagen sollte, bei der alles auf dem Spiele stand. Nachdem also Aratus sich nicht zum Kampfe hatte entschließen können, entließ er auch seine Bundesgenossen mit Worten der Anerkennung. Agis, den man allgemein bewunderte, brach wieder auf, während im Inneren von Sparta bereits viele Verwirrung herrschte und manches sich verändert hatte. Sechzehntes Kapitel. Agesila'us war daselbst noch Ephore. Aber befreit von allem, was ihn vorher niedergedrückt hatte, scheute er sich vor keiner Ungerechtigkeit, sobald sie ihm Geld einbrachte. Er schob sogar, ohne daß damals der Zcitumlauf eine solche Maßregel verlangte, in vollem Widerspruch mit der gesetzlich bestimmten Zeitordnung einen dreizehnten Monat in das Steuerwescn ein und betrieb danach die Zahlungen. Da er jedoch die Beeinträchtigten fürchten mußte und von jedermann gehaßt war, so hielt er sich Trabanten und begab sich nur unter ihrer Bedeckung in das Rcgierungsgebäude. Den 24 Plutarch, Achs. einen König verachtete er vollständig; bei Agis dagegen wünschte er den Schein hervorzurusen, als ob er ihn mehr wegen seiner Verwandtschaft, als wegen seiner königlichen Würde noch einigermaßen in Ehren hielte. Auch ließ er das Gerücht aussprengcn, daß er nochmals das Ephorat übernehmen würde. Deshalb mußten sich also seine Feinde um so schneller von dieser Gefahr befreien. Sie vereinigten sich und führten in offenster Weise von Te'gea aus den Leonidas in das Regiment zurück, was denn auch von der Masse des Volkes nur mit Vergnügen gesehen wurde. Denn dieses war erbittert über die erlittene Täuschung, indem man die Verteilung des Landes unterlassen hatte. Freilich wurde nun Agesilaus selbst durch seinen Sohn Hip- po'mcdon, welcher bei den Bürgern eine Fürbitte einlegte und wegen seiner Tapferkeit allgemein beliebt war, glücklich und wohlbehalten zur Stadt hinausgebracht. Von den beiden Königen nahm Agis seine Zuflucht in den Tempel der Athene „Chalkiö'- kos"tz während Kleombrotus in dem Posei'dontempel Schutz suchte. Denn gegen diesen war Leonidas, wie man glaubte, noch mehr erbittert und zog daher mit Soldaten gegen ihn heran, während er den Agis unbeachtet ließ. Er machte dem Kleombrotus leidenschaftliche Vorwürfe darüber, daß derselbe, als sein Schwiegersohn, so schlimme Plane gegen ihn geschmiedet, ihn vom Throne gestoßen und aus der Heimat vertrieben Hütte. Siebzehntes Kapitel. Kleombrotus vermochte nichts hierauf zu erwidern. In größter Verlegenheit saß er da und schwieg. Chilo'nis aber, die Tochter des Leonidas, hatte zwar früher, als ihr Vater übel behandelt wurde, diese Behandlung mit ihm getragen, ja sogar, als Kleombrotus den Thron an sich riß, sich von ihrem Gatten getrennt, um sich an ihren Vater im Unglück anzuschließen; so lange er in Sparta war, hatte sie mit ihm sich in den Tempel 1. Vom ehernen Hause, s. Kap. 11 z. E. Siebzehntes Kapitrl. 25 eingeschlossen; als er flüchten mußte, verharrte sie in ihrer Trauer und ihren: Unwillen gegen Kleombrotus. Aber jetzt, als das Schicksal sich wendete, that sie es gleichfalls, und man sah sie mit ihren: Gatten als Schutzflehende an: Altäre sitzen, indem sie ihn mit ihren Armen umschlang und von ihren Kindern das eine rechts, das andere links schirmend zur Seite behielt. Jedermann verwunderte sich, jedermann war gerührt über den Edelmut und die Liebe dieser Frau, welche ihren Schleier und ihre Locken, die nachlässig herunterhingen, mit der Hand berührte, indem sie sprach: „Vater, diesen Zustand, dieses Äußere hat mir nicht das Mitleid mit Kleombrotus gegeben; nein, dein Unglück, deine Verbannung ist es, weshalb mir der Schmerz geblieben ist als mein einziger Freund und Geführte. Was soll ich thun? Soll ich, während du König in Sparta, während du der Sieger bist, fortlcben in diesem Elend? Oder soll ich ein glänzendes, fürstliches Gewand anlegen und es darin mit ansehn, wie von dir der Gatte meiner Jugend gemordet wird? Wenn es ihm nicht gelingt, Vezeihung von dir zu erbitten, wenn er dich nicht bewegen kann durch die Thränen seiner Kinder und seines Weibes: dann muß er eine schwerere Strafe, als du selber wünschest, erdulden für sein schlimmes Unternehmen: er muß sehen, wie ich, die er so sehr geliebt, noch vor ihm sterbe. Wie könnte ich denn noch leben mit freiem Blicke gegen die anderen Frauen, wenn ich weder von meinen: Manne, noch von meinem Vater ein Erbarmen finde mit allen meinen Bitten? Nein, dann bin ich nur geboren, um als Weib und als Tochter unglücklich zu sein und Schmach zu dulden mit den Meinigen. Wenn er vielleicht nun auch einen scheinbar besseren Vorwand hatte, — ich Hab' ihm diesen genommen, damals genommen, als ich mit dir die Prüfung bestand und Zeugnis ablegte wider sein Beginnen. Du machst ihn: bei seiner Schuld die Verteidigung lei.cht, wenn du die königliche Macht so groß, so erkäm- pfenswert darstellst, daß man um ihretwillen selbst einen Eidam morden und gegen die Bitten seiner Kinder taub sein darf!" 26 Plutcirch, Agis. Achtzehntes Kapitel. Bei diesen flehenden Worten legte Chilonis ihr Angesicht auf das Haupt des Klcombrotus und lies; einen erstorbenen, thränenfeuchten Blick über die Anwesenden hinschweifen. Nach einer kürzen Besprechung mit seinen Freunden hieß nun Leonidas den Kleombrotus sich erheben, um in die Verbannung zu gehen. Seine Tochter dagegen bat er zu bleiben und ihn nicht zu verlassen, da er sie so innig liebe und ihr einen Beweis dieser Gesinnung gegeben habe durch die Begnadigung ihres Mannes. Allein er vermochte nicht, sie zu bewegen. Vielmehr als ihr Mann sich erhob, legte sie ihm eines der beiden Kinder in die Arme, nahm selbst das andere, betete noch an dem Altäre der Göttin und verlies; sodann den Tempel mit ihm, so daß Kleombrotus, wenn er nicht von eitler Ruhmsucht völlig geblendet war, seine Verbannung für ein größeres Glück hätte halten müssen, als selbst die Krone, um eines solchen Weibes willen! Sobald Leonidas nun den Kleombrotus entfernt und die ersten Ephoren abgesetzt, dagegen andere an ihrer Statt eingesetzt hatte, begann er alsbald seine Jntriguen gegen Agis. Anfänglich suchte er ihn zu bereden, daß er den Tempel verlassen sollte, um mit ihm den Thron zu teilen, weil die Bürger ihm ihre Verzeihung gewährt hätten; denn er sei eben als ein junger ehrgeiziger Mann von Agesilaus hintergangen worden, wie andere auch! Agis schöpfte jedoch Verdacht und blieb an seinem Platze, weshalb Leonidas aufhörte, ihn mit seiner Heuchelei berücken zu wollen. Dagegen kamen A'mphares, Damo'chares und Arkesilaüs sehr häufig und unterhielten sich mit ihm. Manchmal nahmen sie ihn auch mit zum Bade, führten ihn dann von dem Tempel hinweg und brachten ihn nach dem Baden wieder in Pie Sicherheit des Tempels zurück. Sie waren insgesamt vertraute Freunde von ihm. Amphares hatte sogar erst vor kurzem kostbare Kleidungsstücke und Trinkgefäße von Agesi'ftrata entlehnt. Aber eben deshalb schmiedete er jetzt gegen den König und die Neunzehntes Kapitel. 27 Frauen einen tückischen Plan, um ihnen diese Gegenstände zu entreißen. Er soll es hauptsächlich gewesen sein, der auf die Stimme des Lconidas achtete und die Ephoren aufhetzte, zu denen er selbst gehörte. Neimzchntcs Kapitel. Da nun Agis die meiste Zeit in dem Tempel zubrachtc, indessen manchmal, wenn es ihn ankam, auch zu dem Bade heruntcrstieg, so beschlossen sie, ihn dort festzunehmen, wenn er den Tempel verlassen hätte. Sie warteten also, bis er mit dem Baden fertig war, gingen ihm dann entgegen, grüßten ihn und begleiteten ihn dann unter heiteren Gesprächen, wie man sie mit einem guten Freunde und jungen Manne zu führen pflegt. Nun machte der Weg seitwärts eine Abbiegung nach dem Gefängnis hin. Als sie auf ihrem Gange an diesen Punkt gelangten, faßte Amphares kraft seines Amtes den Agis an mit diesen Worten: „Agis, ich führe dich zu den Ephoren; du mußt Rechenschaft ablegen für dein Treiben in Sparta!" Und Da- mochares, ein kräftiger großer Mann, warf ihm sein Kleid um den Hals und zerrte ihn vorwärts. Andere stießen ihn von hinten, wie dies verabredet war. Niemand half ihm; keine Seele war in der Nähe. Und so schleppten sie ihn in das Gefängnis. Jetzt erschien Leonidas unverzüglich mit einer großen Schar von Trabanten und ließ das Gebäude von außen umzingeln. Die Ephoren traten zu Agis hinein; man berief die gleichgesinnten Mitglieder des Senates in das Gebäude, angeblich um über ihn Gericht zu halten, und forderte ihn nun auf, sich wegen seiner Handlungen zu verteidigen. Als der junge Mann über ihre Heuchelei zu lachen begann, ries ihm Amphares zu: „er werde schon noch seufzen lernen und für seine Frechheit büßen!" Ein anderer von den Ephoren, welcher sich gegen Agis gemüßigter zu benehmen und ihm einen Ausweg aus seiner Schuld zu zeigen suchte, fragte ihn: „ob er das nicht gethan hätte, weil 28 Plutarch, Agis. er eben von Lysander und Agesilaus dazu gezwungen worden sei?" Agis erwiderte: „er sei von niemand gezwungen worden; Lykurg sei sein Vorbild gewesen, dem er nachgestrebt habe; auf diesen: Wege sei er zu dem gleichen politischen Verfahren gekommen." Noch einmal stellte der gleiche Mann die Frage an ihn, ob er seine Handlungen nicht bereue? Allein der junge König erwiderte: „er habe die edelsten Absichten gehabt und diese könne er nicht bereuen, auch wenn er sehe, daß er das Äußerste dafür erdulden müsse!" Jetzt verurteilten sie ihn zum Tode und befahlen ihren Schergen, ihn in die sogenannte „De'chas" abzuführen. Dies ist ein Gemach im Gefängnisse, worin man die Verbrecher durch Erdrosselung ums Leben bringt. Aber Damochares mußte es sehen, daß die Schergen es nicht wagten Hand an Agis zu legen, und ebenso die anwesende Schar seiner Trabanten mit Abscheu sich der blutigen Arbeit zu entziehen suchte, weil sie es als eine sündhafte, gesetzwidrige Handlung betrachteten, die Person eines Königs anzutasten. Nachdem er also zuvor die stärksten Drohungen und Scheltworte gegen sie ausgestoßen hatte, schleppte er selbst den Agis in das Gemach hinein. Denn bereits hatten viele dessen Gefangenneh- mung erfahren. Es entstand ein wilder Lärm an den Thüren, zahlreiche Fackeln erschienen; auch Agis' Mutter und Großmutter waren herbeigecilt, fchriecn und baten: „der König von Sparta müsse Recht und Gericht finden unter seinen Bürgern." Aber nur um so mehr eilte man mit der Hinrichtung, weil man eine gewaltsame Befreiung während der Nacht befürchtete, wenn die Volksmenge sich noch vergrößern sollte. Zwanzigstes Kapitel. Als Agis zu dem Stricke hinging und dabei einen von den Schergen selbst im tiefsten Schmerze weinen sah, rief er ihm zu: „Jammere nicht mehr, lieber Mann; wenn ich so wider Gesetz und Recht sterben muß, bin ich besser daran als meine Mörder!" EimmdzwanMstes Kapitel. 29 Und nach diesen Worten bot er willig seinen Hals dein Strange dar. Hierauf trat Amphares zu der Thüre des Gefängnisses hinaus, wo Agesi'strata, seine alte nähere Freundin, sich ihm zu Füßen warf. Er hob sie auf, indem er hinzufügte: „man werde gegen Agis keinen gewaltsamen oder unheilvollen Schritt vornehmen". Zugleich hieß er sie auch selbst, wenn sie wolle, zu ihrem Sohne hineintreten. Agesistrata sprach den Wunsch aus, daß auch ihre Mutter sie begleiten möchte,worauf Amphares erwiderte: „diesem Wunsche stehe kein Hindernis entgegen". Er ließ somit beide eintreten und hierauf die Thüren des Gefängnisses wieder abschließen. Dann aber übergab er zuerst Archida'mia, welche bereits hochbetagt und in der größten Hochachtung unter ihren Mitbürgerinnen ergraut war, den Henkern. Nachdem diese geendet hatte, befahl er, daß nun auch Agesistrata eintreten sollte. Als sie hereinkam, sah sie ihren Sohn auf dem Boden liegen und ihre Mutter tot am Stricke hängen. Letztere nahm sie selbst mit Hilfe der Diener herunter, legte den Leichnam neben Agis und deckte ihn mit Gewändern zu. Dann stürzte sie sich auf ihren Sohn, küßte ihn ins Antlitz und sprach: „Ach, mein Kind, deine zarte Schonung, deine Sanftmut, deine Freundlichkeit hat dich ins Verderben gestürzt, dich und uns!" Amphares sah an der Thüre, was vorging, und hörte diese Ausrufungen. Rasch trat er ein und sprach zornig zu Agesistrata: „Nun denn, wenn du ebenso gesinnt warst, wie dein Sohn, mußt du auch eben so büßen!" Da erhob sich Agesistrata selbst, um sich hängen zu lassen, mit den Worten: „Sei's drum! Nur Sparta zum Heil!" Kinnndzwanzigsles Kapitel. Indessen verbreitete sich die Nachricht von diesen traurigen Ereignissen in der Stadt. Als man jedoch die drei Leichname heraustrug, war die allgemeine Furcht nicht so bedeutend, daß die Bürger nicht ihren Schmerz über das Geschehene, wie ihren 30 Plutarch," Agis. Haß gegen Leonidas und Amphares offen hätten hervorblicken lassen; denn diese That war das Schrecklichste und Frevelhafteste nach ihrer Ansicht, was je in Sparta verübt worden war, seitdem die Dorier den Peloponnes bewohnten. An einen spartanischen König legten ja, wie man weiß, nicht einmal die Feinde, die ihm in der Schlacht begegneten, leicht ihre Hand, sondern wandten sich ab von ihm, teils aus Furcht, teils aus Hochachtung gegen seine Würde. So viele Kämpfe daher Lake- dä'mon auch mit den Griechen auszufechten hatte, so starb doch vor den Zeiten des Philippus nur ein einziger König eines gewaltsamen Todes; es war Kleo'mbrotus, der bei Leu'ktra von einem Speere getroffen wurde. Zwar behaupten die Messe'nier, daß auch Theopo'mpus durch die Hand des Aristo'menes gefallen sei; doch bestreiten dies die Spartaner, indem sie nur seine Verwundung zugeben. Über diese Fälle mögen immerhin verschiedene Ansichten herrschen, so viel ist gewiß, daß in Sparta selbst Agis der erste war, welcher in der Stellung eines Königs durch die Ephoren starb. Seine Absicht ging nur auf edle, Spartas würdige Unternehmungen. Auch stand er noch in einem Alter, in welchem ein Mensch, der einen Fehler beging, sonst überall Verzeihung erhält. Einen Tadel hätte er mehr aus dem Munde seiner Freunde, als von seinen Feinden verdient. Denn er hatte einem Leonidas das Leben geschenkt und den anderen nur allzu großen Glauben beigemessen; Milde und Sanftmut war ein Grundzug in seinem Charakter gewesen. KLeomene s. Erstes Kapitel. Unmittelbar nach A'gis'* Tode rettete sich dessen Bruder Archida'mos durch die Flucht, so daß Leo'nidas mit dem Versuche seiner Verhaftung zu spät kam. Dagegen ließ er die Gemahlin des Agis, welche kurz zuvor ein Kind geboren hatte, gewaltsam aus ihrem Hause wegführen und vermählte sie mit seinem eigenen Sohne Kleo'menes. Freilich stand letzterer noch keineswegs in heiratsfähigem Alter, allein er wünschte eben nicht, daß die Frau irgend einem anderen gegeben würde. Agia'tis, eine Tochter des Gyli'ppus, hatte nämlich die Anwartschaft auf ein sehr bedeutendes Vermögen, zeichnete sich durch blühende Schönheit in hohem Grade vor allen Griechinnen aus und besaß überdies einen sehr gutmütigen Charakter. Deswegen that sie zwar mit Bitten, wie man erzählt, ihr möglichstes, um dem Zwange, den man ihr anthat, zu entgehen; allein sobald sie nun einmal mit Kleomenes verbunden war, setzte sie ihren Haß nur gegen Leonidas fort, während sie gegen den jungen Mann selbst sich als eine wackere, liebevolle Gattin benahm. Daher faßte auch Kleomenes von dem Tage der Vermählung an die zärtlichste Neigung für sie; ja, er teilte mit einer gewissen Sympathie die freundliche Gesinnung und die Erinnerung seiner Gattin an Agis. Dies ging so weit, daß er oftmals selbst nach den früheren Ereignissen fragte und mit gespannter Aufmerksamkeit auf ihre Worte lauschte, wenn sie ihm von den Gedanken und Absichten erzählte, welcheAgis gehabt hatte. Kleomenes besaß aber auch Ehrgeiz und Geistesgröße. Dabei neigte sich seine Natur zur Selbstbeherrschung und Einfachheit * Der Laut, hinter dem daS Zeichen ' sieht, hat den Ton: Deutschland n'ber a'lles. 92 söc>i'ge»schcidischeB.zr.u.röm.Kl.:Bd. 46;Lfr§.31.^ Plu tarch XVI. Z 34 Plutarch, Kleomenes. nicht weniger, als früher die des Agis. Andererseits besaß er nicht jenes Vorsichtige und Sanfte. Vielmehr lag in seinem angeborenen Charakter noch ein gewisser Sporn der Leidenschaft und ein mit Heftigkeit verbundener Trieb zu allem Edlen, wo irgend dies sich ihm vor Augen stellte. Und als das Edelste erschien es ihm, Herr zu sein bei freiwilligem Gehorsam seiner Unterthanen; aber schön und edel fand er es auch, ohne ihre gutwillige Unterwerfung Meister zu bleiben, um so die Verbesserungspläne mit Gewalt durchzusetzen. Zweites Kapitel. Nun gefielen ihm freilich die Verhältnisse in der Stadt keineswegs. Unthätigkeit und Vergnügungssucht hatte die Bürger völlig in Schlummer eingewiegt, und der König ließ alle Geschäfte gehen, wie sie eben» gingen; es sollte ihn nur niemand stören, wenn er bei seinem großartigen Vermögen müßig zu gehen oder zu schwelgen wünschte. Die allgemeinen Interessen wurden vernachlässigt, während, Haus für Haus, jeder einzelne den möglichsten Gewinn an sich zu ziehen suchte. An Einübung und Solidität der Jugend, an strenge Lebensweise oder Grundsätze der Gleichheit durste man, ohne sich Gefahren auszusetzen, seit dem Untergange des Agis und seines Anhanges mit keinem Worte mehr erinnern. Kleomenes soll in seinen jüngeren Jahren auch einigen philosophischen Unterricht genossen haben, indem Sphä'rus aus Bory'sthenis^ nach Lakedämon geriet und sein Aufenthalt daselbst bei den jüngeren Klassen bis zum Mannesalter herauf nicht ohne Einfluß blieb. Dieser Sphärus gehörte zu den ausgezeichnetsten Schülern Ze'no's aus Killium^, und es ist wahrscheinlich, daß er bei Kleomenes das Männliche in dessen Natur liebgewonnen und seinen Ehrgeiz noch stärker entflammt hat. 1. Borysthenis, Stadt am Bory'sthcnes (jetzt Dniepr). Sphärus schrieb unter anderem ein Werk über Lakedämou. 2. Zeno, Stifter der sto'ischen Philosophenschule. Drittes Kapitel. 35 Von dem alten Leonidas* erzählt man, daß er auf die Frage: „was er von dem Dichter Tprtä'us^ halte?" die Antwort gab: „Guat zum Umbringa für a jungs G'müat!" Denn erfüllt von Begeisterung, die ihnen seine Gedichte einflößten, kannten sie in der Schlacht keine Schonung ihres Lebens. So enthält auch die stoische Philosophie für große, raschere Naturen ein Element des Gefährlichen und der Verwegenheit; wo sie dagegen sich mit einem tiefen und sanften Charakter verbindet, bewirkt sie die entschiedensten Fortschritte für jene Sittlichkeit, die in ihr liegt und n u r in ihr. Drittes Kapitel. Als Kleomenes nach dem Tode des Leonidas die Regierung übernahm, bemerkte er, daß die Bürger ebendamals sich in einem Zustande völliger Erschlaffung befanden. Die Reichen hatten über ihren Privatvergnügungen und ihrer Gewinnsucht kein Auge mehr für das Allgemeine, während die Armen bei ihrer bedrängten häuslichen Lage teils alle Geneigtheit für den Kriegsdienst verloren hatten, teils auch in der spartanischen Lebensführung gar keine Ehre mehr suchten. Er selbst führte nur den Namen eines Königs, die Herrschaft war ganz in den Händen der Ephoren. Daher setzte er sich alsbald in den Sinn, den gegenwärtigen Zustand abzuändern und umzuschaffen. Da er nun einen Freund, Te'narcs, besaß, der sein früherer „Liebhaber" ^ war, — ein Verhältnis, das die Lakedämonier mit dem Ausdruck „begeistert sein" bezeichnen — so versuchte er es zuerst mit diesem Manne. Er erkundigte sich bei ihm nach Agis: „was das für ein König ge- 1. Leonidas, der bei Thermo'pylä fiel. 2. Tyrtäus, lahmer Dichter aus dem attischen Aphi'dnä, den die Athener im Messenischen Kriege den Lakedämoniern auf deren Bitte um einen — General zusandten. Er war ihnen beinahe mehr. Durch seine Kriegslieder entflammte erden Mut der Truppen, und derSiegwurdegewonnen. 3. Wir haben — mit einigem Rechte — kein eigenes Wort für dieses hellenische Verhältnis, das neben schönen Seiten zugleich die Keime von so großer Korruption in sich trug. 3 36 Plutcirch, KleoincucS. wesen sei und auf welche Weise und mit wem er seine Bahn betreten habe?" Benares erinnerte sich anfänglich nicht ungern an die früheren Ereignisse und erzählte ihm daher mit großer Ausführlichkeit den näheren Hergang im einzelnen. Als aber Kleomenes ganz unverkennbar eine gar zu leidenschaftliche Aufmerksamkeit verriet, als der Eindruck, den die früheren Neuerungen des Agis auf ihn machten, sich übermäßig stark zeigte und er daher oftmals das nämliche zu hören wünschte, so schalt ihn Xenares zornig als einen Menschen, der nicht bei gesunden Sinnen sei. Ja, zuletzt gab er alle Unterhaltungen mit Kleomenes, wie auch alle Besuche bei ihm völlig auf. Indessen sprach er sich bei niemand über die Gründe des Zerwürfnisses aus, sondern beschränkte sich auf die Äußerung: „Kleomenes kenne sie selbst". Nachdem .Lenares auf diese Weise sich widerspenstig gezeigt hatte, war Kleomenes überzeugt, daß es bei den anderen ebenso stehe. Er überlegte also sein Vorhaben ganz allein für sich selbst. In der Meinung aber, daß er im Kriege eher, als im Frieden, die vorhandenen Zustände umzuändern vermöchte, führte er einen Konflikt Sparta's mit den Achä'ern herbei, welche selbst mehrfach Anlaß zu Beschwerden gaben. Ara'tus nämlich, der damals in Achai'a allmächtig war, wünschte von Anfang an hauptsächlich, alle Peloponne'sicr zu einer einzigen organisierten Vereinigung zu führen. Dies war bei seiner vielfachen Bekleidung der Stelle eines Oberbefehlshabers und seiner langen politischen Thätigkeit immer sein Endziel gewesen, weil er die Überzeugung hegte, daß man nur aus diese Weise gegen jeden Angriff von auswärtigen Feinden gesichert sein würde. Beinahe alle anderen waren ihm allmählich beigetreten; nur Lakedämon, E'lis und ein Teil von Arkadien, der es mit Sparta hielt, waren noch zurück. Unmittelbar nach dem Tode des Leonidas begann nun Aratus, die Arkadier zu belästigen. Namentlich suchte er dem an Achaia angrenzenden Teile Schaden zuzufügen. Er beabsichtigte hierbei zugleich die Lakedämonier auf die Probe zu stellen, und den Kleomenes verachtete er als einen jungen, unerfahrenen Menschen. Viertes Kapitel. 37 Viertes Kapitel. Infolge hiervon schickten die Ephoren den Kleomenes zuerst ab, um den Tempel der Athe'ne bei Belbi'na* zu besetzen. Dieser Punkt ist ein Paß nach Lakonien, und gerade damals stritt man sich um denselben mit Megalo'polis. Kleomenes besetzte und befestigte ihn, ohne daß Aratus irgend welche Einwendungen erhob; wohl aber rückte der letztere während der Nacht mit Truppen aus, um einen Angriff auf Te'gea und Orcho'menos zu machen. Als jedoch die gedungenen Verräter den nötigen Mut zur Ausführung verloren, zog sich Aratus wieder zurück, in der Meinung, unbemerkt geblieben zu sein. Aber Kleomenes schrieb ihm einige ironische Zeilen, worin er sich bei ihm als seinem Freunde erkundigte: „wohin er denn nachts habe gehen wollen?" Aratus erwiderte, er habe gehört, daß Kleomenes die Absicht hege, Belbina zu befestigen; der Zweck seines Kommens sei also gewesen, dies zu verhindern. Jetzt schrieb ihm Kleomenes nochmals: „er sei von der Wahrheit dieser Angabe überzeugt; aber", setzte er hinzu, „wenn dir's nichts ausmacht, so laß mich doch auch wissen, warum so viele Fackeln und Leitern mitgegangen sind?" Als Aratus über diesen Spott lachte und sich bei diesem Anlaß näher nach dem Charakter des jungen Mannes erkundigte, so sagte ihm der verbannte Lakedämonier Damockrates: „Wenn du etwas thun willst gegen Lakedämon, so beeile dich, ehe dem jungen Hahn die Sporen wachsen." Bald darauf erhielt Kleomenes, der mit einigen wenigen Reitern und dreihundert Mann Fußvolk in Arkadien lagerte, von seiten der Ephoren, welche sich vor dem Kriege fürchteten, den Befehl zum Rückzug. Er zog sich wirklich zurück; als aber nun Aratus Ka'phyä wegnahm, ließ man den Kleomenes abermals ausrücken. Er nahm Methy'drion weg und machte einen raschen Einfall in A'rgolis, weshalb nun die Achäer mit zwanzigtausend Mann Fußvolk und tausend Reitern unter Aristomachos ins Feld zogen. I. Belbina, Stadt auf dem Wege von Megalo'polis nach Sparta. 38 Plutarch, KleomencS. Kleomenes rückte ihm bei Palla'ntium entgegen und wünschte eine Schlacht. Allein Aratus fürchtete seine Kühnheit und duldete daher kein Wagnis bei seinem Feldherrn, sondern entfernte sich wieder, geschmäht von den Achäern, verhöhnt und verachtet von den Lakedämoniern, deren Anzahl nicht einmal fünftausend Mann betrug. Dadurch wurde das Selbstbewußtsein des Kleomenes ungemein gehoben, der sich nun laut vor seinen Mitbürgern rühmte und sie dabei an die Äußerung eines alten Königs erinnerte: „daß die Lakedämonier diesmal hinsichtlich ihrer Feinde umsonst fragten, — nicht wie viel, sondern wo sie seien". Fünftes Kapitel. Hierauf zog er den Ele'ern, die von den Achäern angegriffen wurden, zu Hilfe. Letztere waren bereits im Abzüge begriffen, als er bei Lykä'on sie überfiel, ihr ganzes Heer in die Flucht schlug und zersprengte, wie auch eine große Anzahl niedermachte oder gefangen nahm, so daß sich in Griechenland sogar das Gerücht verbreitete, Aratus selbst sei gefallen. Allein Aratus wußte den günstigen Augenblick vortrefflich zu benutzen, indem er unmittelbar nach jener verlorenen Schlacht vor Mantine'a rückte und diese Stadt, in welcher ihn niemand erwartet hatte, sogleich wegnahm und besetzt hielt. Dadurch sank den Spartanern ihr Mut wieder vollständig, und sie legten dem Kleomenes wegen aller weiteren Feldzüge Hindernisse in den Weg. Deswegen beeilte er sich, den Bruder des Agis, Archida'mos, der von dem anderen regierenden Hause ein Thronrecht besaß, aus Messenien herbeizurufen, weil er glaubte, daß die amtliche Gewalt der Ephoren ihre Schneide verlierenwürde, sobald das Königtum wieder ins rechte Gleichgewicht und in den Besitz seiner vollen Macht gelangte. Die Ephoren aber, welche früher den Agis umgebracht hatten, merkten diese Absicht, und da sie befürchteten, nach der Rückkehr des Archidamos für ihr Vergehen bestraft zu werden, so empfingen sie ihn zwar, als er heim- Sechstes Kapitel. 39 lich in der Stadt ankam, und beteiligten sich sogar an seinem Einzuge, dann aber ließen sie ihn sogleich umbringen, sei es nun, daß dies wider den Willen des Kleomenes geschah, wie Phyla'rchus meint, oder daß Kleomenes auf das dringende Zureden seiner Freunde ihnen diesen Mann preisgegeben hatte; denn der größte Teil der Schuld fiel jedenfalls auf sie, indem man bei Kleomenes einen Zwang annahm, dem er unterlag. Sechstes Kapitel. Indessen war er entschlossen, alsbald die Verhältnisse in der Stadt umzugestalten. Deswegen bewog er die Ephoren durch Geldschenkungen,daßsieihmeinenneuenFeldzugdekretierensollten. Er suchte auch noch viele andere Personen zu gewinnen, und zwar durch seine Mutter Kratesikle'a, die ihn reichlich mit ihren Mitteln unterstützte und seinen Ehrgeiz teilte. Ja, sie ging so weit, daß sie, ohne selbst nach einer neuen ehelichen Verbindung lüstern zu sein, dennoch um ihres Sohnes willen sich abermals an einen höchst angesehenen und einflußreichen Bürger verheiratete. Ausgerückt mit seiner Armee, nahm Kleomenes in dem Gebiete von Megalo'polis zunächst das befestigte Leu'ktra weg. Als daher die Achäer in größter Eile unter Aratus gegen ihn heranzogen, stellte er sich unmittelbar vor der Stadt in Schlachtordnung auf, erlitt jedoch mit einem Teile seiner Truppen eine Niederlage. Aratus duldete nun aber den Übergang der Achäer über eine dort befindliche tiefe Schlucht nicht, sondern gebot der Verfolgung Halt. Im Unwillen hierüber ließ Lydi'adas aus Me- galopolis seine Reiter ansprengen, geriet aber bei dieser Verfolgung in ein Gelände voll von Weinbergen, Gräben und Mauern. Seine Linien wurden auseinandergerissen und er erlitt bedeutende Verluste. Kaum bemerkte dies Kleomenes, als er die Tarenti'ner und Kreter gegen ihn anrücken ließ, von welchen Lpdiadas nach einer heldenmütigen Gegenwehr niedergemacht wurde. Durch diesen Vorfall bekamen die Lakedämonier neuen Mut. 40 Plutarch, Kleomenes. Sie warfen sich mit lautem Geschrei auf die Achäer, deren ganzes Heer sie in der Flucht jagten. Eine große Anzahl blieb tot ans dem Platze, die übrigen gab Kleomenes infolge eines Vertrags, den man abschloß, wieder frei. Der Leichnam des Lydiadas aber wurde auf seinen Befehl zu ihn: herangebracht; er ließ ihn in einen Purpurmantel hüllen, setzte ihm einen Kranz aufs Haupt und schickte ihn so an die Thore von Megalopolis zurück. Dies war derjenigeLydiadas,welcher freiwillig diemonarchische Gewaltniedergelegt, seinen Mitbürgern die Freiheit zurückgegeben nnd den Anschluß der Stadt an den Achäischen Bund veranlaßt hatte. Siebentes Kapitel. Durch diese Ereignisse war das Bewußtsein des Kleomenes bereits sehr gehoben. Er hegte die Überzeugung, daß er, sobald er als selbständiger Regent den Kampf gegen die Achäer führen dürfe, ohne Schwierigkeit den Sieg davontragen würde. Daher belehrte er den Gatten seiner Mutter, Megi'stonus, das; man vor allen: sich die Ephoren vom Halse schaffen müsse, um sodann sämtlichen Besitz den Bürgern preiszugeben und nach Wiederherstellung der allgemeinen Gleichheit Sparta zur Hegemonie in Griechenland aufzuwecken und hinzuleiten. Als jener für den Plan gewonnen war, zog er noch zwei oder drei weitere Freunde hinzu. Zufällig ereignete es sich in diesen Tagen, daß auch einer von den Ephoren, welcher in den: Tempel der Pasi'phaa * sich zun: Schlafe niederlegte, daselbst einen seltsamen Traun: hatte. Er meinte, an den: Orte, wo gewöhnlich die Ephoren sitzen, wenn sie ihre Amtsgeschäfte abmachen, da stehe bloß noch ein einziger Stuhl, während die vier anderen weggenommen seien; und als er sich darüber verwunderte, habe sich eine Stimme aus dem Tempel hören lassen, welche sprach: „so sei es zun: Heile von Sparta!" Als nun der Ephore diese Traumcrscheinung den: Kleomenes I. Pasiphaa, lakonische Orakelgöttin, znweilen mit Kassa'ndra oder Da'phne für identisch gehalten, s. Agio, Kap. 9. erzählte, war dieser anfänglich sehr betroffen, weil er einigermaßen den Verdacht hegte, daß man ihn nur auskundschaften wolle. Nachdem er sich jedoch überzeugt hatte, daß der Erzähler keine Heuchelei treibe, faßte er neuen Mut. Er nahm sämtliche Bürger, von denen er am meisten argwöhnte, daß sie seinem Unternehmen in den Weg treten würden, eroberte mit ihnen die Städte Herä'a und Alsä'a, die sich den Achäern untergeordnet hatten, brachte neuen Proviant nach Or- cho'menos, blockierte Mantine'a und machte überhaupt durch lange Märsche, Land auf Land ab, seine Lakedämonier vollständig matt. Dann ließ er auf ihre eigene Bitte die meisten in Arkadien zurück, während er selbst, bloß von den Soldtruppen begleitet, wieder Sparta näher rückte. Noch unterwegs teilte er denjenigen, auf deren gute Gesinnung er das meiste Vertrauen setzte, seine Absichten mit, marschierte- jedoch nur langsam vorwärts, um die Ephoren gerade bei der Tafel überfallen zu können. Achtes Kapitel. Zn der Nähe der Stadt angelangt, schickte erden Eurpkli'das nach dem gemeinsamen Speiselokal der Ephoren, angeblich, um in seinem Aufträge eine Meldung von der Armee zu überbringen. Aber Therr/kion und Phö'bis nebst zwei näheren Jugendfreunden des Kleomenes, welche man Mo'thakes nennt, kamen mit einer kleinen Schar von Soldaten hintennach. Noch besprach sich Euryklidas mit den Ephoren, als die Soldaten plötzlich mit gezücktem Schwert eindrangen und sie niederhieben. Der erste, welcher verwundet wurde, sank zur Erde nieder und wurde für tot gehalten. Es war Agylä'us. Allein er raffte sich in aller Stille wieder auf und schleppte sich aus dem Saale fort, worauf er unbemerkt in ein kleines Gebäude hineinkroch, das ein Tempel des Pho'bos* war und zufällig damals offen stand, während man es sonst immer verschlossen hielt. An diesen Ort wußte er hineinzukommen und schloß die Thüre ab. I. Phobos, allegorische Gottheit, die Furcht bezeichnend. 42 Plutarch, Kleomenes. Die vier anderen wurden umgebracht, und außerdem nicht mehr als zehn von denen, welche ihnen zu Hilfe eilten si Wer sich ruhig verhielt, verlor das Leben nicht; ebensowenig legte man der Entfernung aus der Stadt Hindernisse in den Weg. Man verschonte sogar den Agpläus, als dieser am andern Tage wieder aus seinem Tempel hervorkam. 'Zlonntes Kopilot. Die Spartaner haben übrigens nicht bloß für den Gott der Furcht (Phobos), sondern auch für den des Todes, des Lachens und anderer ähnlicher Gemütsbewegungen besondere Tempel. Den Phobos verehren sie nicht wie böse Gottheiten, welche sie von sich abwenden wollen; sie halten ihn nicht für eine schädliche Macht, sondern glauben vielmehr, daß ihr Staat eben vorzugsweise durch die Furcht zusammengehalten werde. Deswegen ließen auch die Ephoren, wie Aristoteles erzählt, beim Antritt ihres Amtes den Befehl an die Bürger ergehen: „sie sollten den Schnurrbart abschneiden und acht haben auf die Gesetze, damit sie nicht in deren Strafe verfallen." Hinsichtlich des Schnurrbartes ging, nach meiner Ansicht, ihr Zweck lediglich dahin, die Jugend auch in der geringsten Kleinigkeit an Gehorsam gegen ihre Vorgesetzten zu gewöhnen. Selbst die Tapferkeit scheinen mir die Alten nicht für eine Freiheit von der Furcht, sondern gerade für eine Furcht vor dem Tadel, für eine Angst vor der Beschimpfung anzusehen. Wer sich den Gesetzen gegenüber am meisten fürchtet, ist am mutigsten gegen den Feind, und vor keiner Gefahr erbeben Menschen, welche vor dem Verluste ihrer Ehre zittern. Deswegen ist es ein vortreffliches Wort: „Wo Furcht ist, ist auch Ehrgefühl"; und ebenso heißt es bei Home'r: „Innig verehrt, mein Schwäher, das bist dn mir, herzlich gefürchtet/' Wie auch die Stelle: - „— schweigend in Furcht vor den Herrschern." Denn das Gefühl der Achtung haben die meisten Menschen nur l. Man liest jetzt des Zusammenhangs wegen nach Schömann ol> 7:).riv^e; statt — ll. Zehntes Kapitel. 43 gegen diejenigen, welche sie zugleich fürchten. Deswegen hat man auch zu Lakedämon neben dem Speisesaale der Ephoren die Bildsäule der Furcht aufgestellt, weil man die Negierungsgewalt möglichst einer Monarchie nahe zu bringen suchte. Zehntes Kapitel. Als der Tag angebrochen war, sprach Kleomenes über achtzig Bürger die Ächtung aus; diese mußten Sparta verlassen. Auch die Stühle der Ephoren lies; er entfernen, mit Ausnahme eines einzigen, auf welchen er sich selbst niederlassen wollte, wenn er seine amtlichen Geschäfte besorgte. Hierauf veranstaltete er eine Volksversammlung, worin er sich wegen des Geschehenen verteidigte. Er sagte: „von Lykurg seien den Königen noch die Mitglieder des Senates beigegeben worden. Lange Zeit habe man auf diese Weise den Staat regiert, ohne einer weiteren Behörde zu bedürfen. Erst später, als der Messenische Krieg sich in die Länge zog, hätten die Könige, stets mit ihren Feldzügen beschäftigt, von selbst einige Leute aus dem Kreise ihrer Freunde für das Nichteramt ausgewählt und dieselben, unter dem Namen von Ephoren, für ihre Mitbürger als Stellvertreter zurückgelassen. Die Ephoren seien nun anfänglich nie etwas anderes gewesen, als Diener der Könige. Später hätten sie allmählich die Amtsgewalt auf ihre eigene Person übergeleitet und auf diesem Wege unvermerkt eine eigene hohe Behörde sich zurecht gemacht. Der Beweis liege darin, daß bis auf den heutigen Tag ein König, den die Ephoren berufen lassen, auf die erste und die zweite Ladung sich weigere, dagegen erst bei der dritten Ladung sich erhebe, um sich zu ihnen zu begeben. Der erste, welcher dem Amte der Ephoren seine Stärkung und Kräftigung gegeben, sei Astero'pus gewesen; allein dieser sei erst um viele Generationen später Ephore geworden. Hüttensie nun", fuhr er fort, „einigeMüßigung bewiesen, so war geduldigesErtragen am rütlichsten. Allein sie haben durch ihre angemaßte Vollgewalt das altehrwürdige Regiment aufgelöst, so sehr aufgelöst, das; sie sogar von den Königen mehrere verjagt, andere ohne richter- 44 Plutarch, KleomeneS, lichen Spruch umgebracht haben und jedermann bedrohen, der sich sehnt, die herrlichste, himmlisch schöne Ordnung der Dinge in Sparta wieder zu sehen. Und dies ist unerträglich. Wenn es nun möglich wäre, ohne Blutvergießen die unnatürlichen, erst eingedrungenen Unheilsquellen Lakedämons zu verstopfen, als da sind: Üppigkeit aller Art, Verschwendung, das ganze Schuldenwesen und zwei noch ärgere Übel, Reichtum und Armut: dann würde er sich für den glücklichsten König halten, der, wie ein guter Arzt, das Vaterland geheilt, ohne ihm Schmerzen zu bereiten. Nun aber sei etwas anderes zur Notwendigkeit geworden, die ihm Lyku'rg verzeihen werde, — Lykurg, der, ohne König oder Staatsbeamter zu sein, nur als gewönlicher Bürger die Hand nach königlicher Macht ausgestreckt, indem er in Waffen auf den Markt gerückt, so daß der wirkliche König Chari'llus in seiner Angst nach einem Tempel flüchtete. Aber Charillus, ein rechtschaffener Mann und guter Patriot, habe bald die Pläne des Lykurgus selber unterstützt und diese Änderungen in der Staats- verfaffung willig angenommen. Thatsächlich habe also Lykurgus Zeugnis davon abgelegt, daß die Umbildung eines Staates schwierig sei ohne Gewalt und Schrecken. Und diese Mittel", sagte Kleomenes, „habe er nur mit großer Mäßigung angewendet. Nur solche, die der Rettung Lakedämons wirklich im Wege standen, habe er aus dem Wege geräumt. Den anderen insgesamt", fuhr er fort, „gebe er sämtlichen Grund und Boden zum besten; die Schuldner befreie er von ihren Schulden; unter den Fremden beabsichtige er eine Sichtung und Prüfung, damit die wackersten aus ihrer Mitte, Spartaner geworden, mit den Waffen die Stadt beschützen und wir aufhören", sagte er, „Lakonien als Beute in der Hand von Ätoliern und Illyriern zu erblicken, weil ihm die Menschen fehlen zur Verteidigung!" Elftes Kapitel. Hierauf legte er zuerst selbst sein Vermögen auf den Altar des Vaterlandes. Das Gleiche that sein Stiefvater Megi'stonus Zwölftes Kapitel. 45 und jeder einzelne von seinen anderen Freunden, hierauf auch die übrigen Bürger insgesamt. Das Land wurde also verteilt. Übrigens teilte er auch jedem Bürger, der durch ihn flüchtig geworden war, einen Landesanteil zu und versprach, allen die Rückkehr zu gestatten, sobald die Verhältnisse wieder zur Ruhe gelangt wären. Nachdem er ferner die Bürgerschaft durch die wackersten Leute von den Periöken^ wieder vollzählig gemacht hatte, errichtete er eine Schar von viertausend Schwerbewaffneten, welche er anleitete, anstatt des kurzen Spießes mit beiden Händen eine lange Lanze zu führen, wie auch den Schild an einem Handgriffe zu tragen, nicht inehr an Riemen. Sodann wandte er seine Aufmerksamkeit auf die Heranbildung der Jugend und die sogenannte „Zucht", wobei ihm Sphü'rus persönlich die größte Beihilfe leistete. Bald erhielten sowohl die Leibesübungen, als die „Tischgenossenschaften" ihre gehörige Ordnung wieder, indem nur wenige durch den Drang der Umstände, die meisten aber freiwillig sich zu der bekannten einfachen, echt spartanischen Lebensweise beguemten. Um jedoch das Unangenehme, das in dem Namen der Monarchie lag, abzuschwächen, ernannte er seinen Bruder Eukli'das zum Mitrcgenten: der einzige Fall, daß man in Sparta zwei Könige aus einem Hause hatte. Zwölftes Kapitel. Aber jetzt bemerkte Kleomenes, daß die Achäer und Ara'tus den Stand seiner Sache wegen der vorgefallenen Revolution für gefährdet ansahen und ein Ausrücken aus Lakedämon, ein Verlassen der Stadt, deren Zustände bei so großen Bewegungen noch in der Schwebe hingen, als unmöglich betrachteten. Gerade deswegen l. Periöken (eigentlich Umwohner) sind gleich den Lakedämoniern im engeren Sinne, die nicht so viele Rechte hatten, wie die Bewohner der Stadt, die Spartiaten, sondern mehr nnr tributpflichtige Unterthancn waren, doch mit dem Rechte zu Grundeigentum, Handel, Gewerbe und Kriegsdienst in den Reihen der Schwerbewaffneten. 46 Plutarch, KleomencS. erschien es ihm ebenso kühn als vorteilhaft, den Feinden von dein willigen Mute des Heeres einen thatsüchlichen Beweis zu geben. Er machte daher einen Einfall in das Gebiet von Megalo'- polis, wo er teils eine Masse von brauchbaren Gegenständen zusammenraffte, teils in der ganzen Gegend eine bedeutende Verheerung anrichtete. Zuletzt fing er gar einen Trupp von Komödianten auf, die von Messenien her durchpassierten. Nun wurde in Feindesland ein Theater aufgeschlagen und eine Vorstellung gegeben, die vierzig Minen i kostete. Kleomenes war selbst einen ganzen Tag lang als Zuschauer auf den Bänken, nicht weil es ihm um eine Komödie zu thun war, sondern weil er damit die Feinde verhöhnen und durch eine solche Demonstration der Verachtung gewissermaßen seine volle Überlegenheit kundgeben wollte. Denn außerdem war, gegenüber allen griechischen und königlichen Armeen, das spartanische Heer das einzige, welches keine Schauspieler, keine Taschenspieler, keine Tänzerinnen oder Sängerinnen in seinen: Gefolge hatte, vielmehr von aller Liederlichkeit, Possenreißerei und Schmausereien sich rein erhielt. Die Jüngeren brachten ihre meiste Zeit mit körperlichen Übungen zu, die Älteren mit Unterweisungen der anderen. Hatten sie je eine freie Stunde, so ließen sie unter sich ihre Erheiterungen nach alter Gewohnheit in ihren neckischen Späßen, in irgend einen: lakonischen Witzwort bestehen. Ünd welchen Nutzen eine solche Art von Erheiterungen mit sich führt, darüber haben wir schon in dem Leben des Lykurgus gesprochen. Dreizehntes Kapitel. Er selbst wurde der Lehrer von allen. Sein sparsames einfaches Leben, das für niemand etwas Drückendes oder über das Volk sich Erhebendes hatte, war ein Vorbild der verständigen Nüchternheit, welches er zum allgemeinen Besten aufstellte. Ünd dies gab ihm auch in den hellenischen Verhältnissen ein gewisses entscheidendes Gewicht. Wenn die Menschen mit allen anderen Königen in eine persönliche Berührung kamen, so war ihr höch- I. 3144 Reichsmark. Dreizehntes Kapitel. 47 liches Erstaunen über all' diesen Reichtum, all' diese Herrlichkeiten nie so groß, als der Ekel, den sie über den Stolz und Hochmut empfanden, womit diese Fürsten in widerwärtigster, härtester Weise jedermann behandelten, der vor sie kam. Ging inan dagegen zu Kleomenes, der doch auch ein König war und ein König genannt wurde, da sah man nirgend etwas von Purpur und kostbaren Gewänden an seinem Leibe, nirgend etwas von kunstvollen Ruhebetten und Sänften; kein Schwarm von Läufern und Thürstehern, keine Vermittelung von Schreibern machte bei ihm eine geschäftliche Verhandlung schleppend und schwerfällig. Er selbst, in jeder beliebigen Kleidung, kam der einfachen Begrüßung mit Handschlag entgegen; seine Unterredung, wobei er sich immer die nötige Zeit nahm, wenn man ihn sprechen wollte, war heiter und freundlich. Dies war der Zauber, den er ausübte, dies seine Demagogenkunst, welche bewirkte, daß man ihn, nur ihn „für He'rakles' echten Sohn" erklärte. Was seine Mahlzeiten betrifft, so speiste er gewöhnlich nur zu drei Personen und das Essen war außerordentlich kurz beisammen, durchaus „lakonisch". Dagegen wenn er Gesandte oder Gastfreunde empfing, so machte man die Einrichtung noch für zwei weitere Personen, und die Diener mußten den Tisch um ein klein wenig glänzender bestellen. Dies geschah jedoch keineswegs durch irgendwelche Leckerbissen oder kostbares Backwerk, sondern lediglich dadurch, daß der Wein besser und die aufgetragenen Gerichte reichlicher waren. So tadelte er einmal einen seiner Freunde, als er hörte, daß dieser seinen fremden Gästen mit nichts als schwarzer Suppe und Gerstenbrot — nach der Sitte bei dem spartanischen Mittagessen — aufgewartet hatte. „Bei solchen Dingen", sagte er, „und gegen Fremde darf man's mit dem Spartanertum nicht gar zu pünktlich nehmen." Marder Tisch abgetragen, so brachte man auf einem Dreifußgestell einen ehernen Mischkessel mit Wein, zwei silberne Schalen, je zwei Kotylen^ fassend, und ganz wenige silberne Becher. Daraus 1. Im Text heißt es eigentlich: „Die Mahlzeit beschränkte sich auf drei Lagerstätten" (trieli'ninin). 2. Kotyle, ein Flüssigkeitsmaß, das etwa 0,273 1 hielt. 48 Plutarch, Kleomcnes. konnte nun trinken, wer Lust hatte; einem, der nichts verlangte, brachte kein Mensch einen Becher. Einen Ohrenschmaus gab es nicht und suchte man nicht. Er selbst war beim Trinken der leitende Me'ntor für die Gesellschaft. Bald that er eine Frage, bald gab er eine Erzählung zum besten, und in allen seinen Reden war selbst der Ernst nicht unangenehm und andererseits auch der Scherz voll Anmut und frei von jeder Gemeinheit. Denn während alle anderen Fürsten ihre Jagd auf die Menschen machten, indem sie dieselben durch Geld und Geschenke köderten und verdarben, hielt er dies für eine Ungeschicklichkeit, ja für ein Unrecht. Dagegen durch freundliches Benehmen, durch eine Unterhaltung, welche den Eindruck von Anmut und Zuverlässigkeit machte, durch solche Mittel allen, mit denen man in Berührung kommt, eine gewisse Zutraulichkeit einzuflößen und sie an sich zu ziehen: das erschien ihm als das Schönste, wahrhaft Königliche. Denn nur darin, glaubte er, unterscheide sich der Freund von einem Mietling, daß man den einen durch Charakter und Wort, den andern lediglich mit Geld einfange. Vierzehntes Kapitel. Zuerst riefen ihn nun die Mantine'er zu Hilfe. Als er während der Nacht in ihre Stadt eindrang, halsen sie ihm die achüische Besatzung hinauswerfen; sodann legten sie ihr Schicksal völlig in seine Hand. Allein Kleo'menes gab ihnen sogleich ihre Gesetze und ihre Verfassung wieder zurück, um noch an dem gleichen Tage nach Te'gea abzumarschieren. Bald darauf rückte er absichtlich auf Umwegen über Arkadien gegen das achäische Phe'rä. Seine Absicht ging dahin, entweder die Achäer zu einer Schlacht zu veranlassen oder den Aratus in den bösen Leumund zu bringen, daß er davon laufe und sein Land dem Feinde prcisgebe. Denn obwohl eigentlich Hype'rbatas damals die Feldherrnstelle bekleidete, so lag doch bei den Achäern die sämtliche Gewalt in den Händen des Aratus. Die Achäer rückten nun mit ihrem gesamten Kriegsvolke ans und schlugen bei Dymä in der Nähe von dem Hekatombäon* **) ) ihr Lager. Hier näherte sich jetzt Klcomcncs, wobei cs freilich ungeeignet schien, gerade in der Mitte zwischen Dymä, einer feindlichen Stadt, und dem achäischcn Heere sich niederzulasscn. Allein mit keckem Mnthc bot er den Achäern die Schlacht an und zwang sic, dieselbe anznnchmcn. Der Sieg war entscheidend. Er schlng nicht nur die feindlichen Truppen in die Flucht, sondern tödtcte auch eine beträchtliche Anzahl in der Schlacht und bekam eine Menge lebendig in seine Gewalt. Darauf rückte er gegen Langen, vertrieb auch dort die achäische Besatzung und gab die Stadt an Elis zurück. Cap. 15. So war denn die Macht der Achäer auf's tiefste erschüttert und Aratns, sonst gewohnt, Jahr um Jahr ununterbrochen das Amt des Strategen zu führen, kündigte jetzt selbst seine hohe Stellung auf und bat um seine Entlassung, trotz aller Berufungen und Bitten. Es war nicht schön von ihm, das; er gleichsam in einem Sturme, der stärker war, als die Verhältnisse, einem Anderen das Steuerruder überließ und seine Vollgewalt niedcrlegte. Klcomcncs seinerseits schien anfänglich an die Achäer ganz gemäßigte Forderungen zu stellen. Aber bald schickte er andere Abgesandte und verlangte die Uebcrtraguug der obersten Führung an ihn selbst; im klebrigen werde er sodann keine Differenzen mehr mit ihnen haben, sondern ihnen sogar ihre Gefangenen unverzüglich zurückgeben und ebenso ihre Ländereien. In der That wollten die Achäer auf diese Bedingungen den Frieden annehmeu. Sie luden den Klcomenes nach Lcrna^J ein, wo sie zu diesem Zwecke eine Volksversammlung abznhaltcn gedachten. Unglücklicherweise wurde Klcomenes in Folge eines angestrengten Marsches und eines unzeitigcn kalten Trunkes von einem Blutsturz befallen, der ihm die Sprache raubte. Er schickte *) Hekatombäon, ungcivis; —ob Dorf oder Tempel? **) Lerna, bekannt durch die Lcrnäische Schlange, welche Herkules erlegte. Plutnrch. XVt. 4 50 deshalb zwar von den Gefangenen die hervorragendsten Persönlichkeiten an die Achäer zurück, verschob jedoch die Versammlung auf spätere Zeit, um zunächst sich nach Lakedämon zurückzuzieheu. Cap. 16. Dieses Ereigniß wirkte sehr nachthcilig auf die Verhältnisse von Griechenland ein, welches sich sonst in irgend einer Weise von seinen augenblicklichen Zuständen noch erholen und dem Uebermuth, der Habgier Makedoniens entrinnen konnte. Aratns ließ sich entweder von Mißtrauen und Furcht vor Kleomenes leiten, oder von einem Gefühle des Neids gegen den so unerwartet emporgekommcncn Mann. Nachdem er selbst drei- nnddreißig Jahre die erste Stellung inncgehabt hatte, dünkte es ihm doch entsetzlich, daß nun ein junger, nachgewachscner Mensch ihm seinen Ruhm und seine Macht entreißen, ihm die oberste Leitung über einen Staat, den er selbst so hoch gehoben und so lange Zeit beherrscht halte, hinwegnehmen sollte! Er machte daher zuerst einen Versuch, die Achäer selbst mit Gewalt an ihrem Vorhaben zu verhindern. Allein diese hörten nicht auf seine Mahnungen, weil sie von der Kühnheit des Kleomenes eingcschüchtcrt waren. Sie fanden vielmehr die Forderung der Lakedemonier sogar noch gerechtfertigt, wornach man dem Peloponnes wieder seine alte Organisation zurückgcben wollte. Und so entschloß sich denn Aratns zu einer Handlung, die sich überhaupt für keinen Griechen eignete, aber gerade für ihn am schmachvollsten, seines bisherigen Verfahrens, seiner bisherigen Politik am unwürdigsten war. Er berief den Antigonus*) nach Griechenland und füllte den Peloponnes mit Makedoniern an, — Makedoniern, die er selbst in jüngeren Jahren, nach der Befreiung von Akrokorinth, ans dem Lande gejagt hatte. Alle dortigen Könige mißtrauten ihm, mit allen hatte er Streit gehabt, und eben über diesen Antigonns hatte er in den Memoi- ') AntigonnS mit dem Beinamen Doson. 51 ren, die er später hinterließ, unzählige Löse Dinge ausgesagt! Ja, er erzählt selbst, wie viel er gelitten und gewagt im Interesse der Athener, damit ihre Stadt der Besatzung und der Makedonier los würde; und jetzt führte er den gleichen Feind mit Waffen gegen seine Heimath und an den Herd seines eigenen Hauses, ja bis in's innerste Gemach hinein! Und dagegen einen Nachkommen des Herakles, einen König von Sparta, der die Verfassung seiner Vorväter, wie einen verstimmten Accord, wieder in's Reine bringen und auf das nüchterne, ächtdorische Gesetz und Leben Lyknrg's zurnckführen wollte, ließ er — ans Gründen der Ehre! — nicht zum Heerführer von Sikyon und Tritaa ernennen! Um dem Gerstenbrode, dem schlichten Soldatenrock und (was das Schrecklichste von allen seinen Vorwürfen gegen Kleomenes war) der Aufhebung des Reichthums und der Erleichterung der Armuth zu entfliehen, unterwarf er sich selbst sammt Achaia in schnödester Weise dem Diadem und Purpur, den Befehlen von Makedoniern und von Satrapen! Um nur nicht den Schein zu haben, als gehorchte er einem Befehle des Kleomenes, feierte er das Fest eines Antigonns und sang in eigener Person, den Kranz auf dem Kopfe, hochtrabende Hymnen auf einen Menschen, der von der Schwindsucht verzehrt wurde! Indessen ist es bei diesen Bemerkungen nicht unsere Absicht, dem Aratus Vorwürfe zu machen. Aratns war in vielen Stücken ein guter Patriot und großer Mann. Wohl aber bedauern wir hiebei- die Schwachheit der menschlichen Natur, wenn sie nicht einmal bei solchen hervorragenden Charakteren voll der trefflichsten Eigenschaften das Gute hervorzubringen vermag — ohne die tadelnswerthen Schattenseiten. Cap. 17. Bald darauf fanden sich die Achäer abermals zum Zweck einer Volksversammlung in Argos ein. Da auch Kleomenes ans Tegea daselbst eintraf, so hoffte man allgemein und mit Entschiedenheit auf eine Beendigung der Feindseligkeiten. Allein Aratus, der sich bereits mit Antigonns über alle Hauptpunkte ver- 4* 52 ständigt hatte, hegte die Besorgniß, daß Kleomenes seine Zwecke insgcsammt erreichen könnte. Daher bearbeitete er das Volk theils mit freundlichen Worten, theils mit Gewalt und verlangte jetzt: „Der König solle gegen Empfangnahme von dreihundert Geißeln ganz allein in ihre Mitte cintreten, oder auch außerhalb, bei der Ningschule Kyllarabium, mit seiner Armee zur Unterhandlung sich einstellen." Als Kleomenes dies erfuhr, erklärte er cs für eine schwere Beleidigung. „Man hätte ihm dies schon damals, alsbald und offen sagen sollen, nicht aber jetzt, da er vor ihrer Thürc stehe, ihn mit Mißtrauen behandeln und abweisen." Auch erließ er hierüber ein Schreiben an die Achäer, dessen Hauptinhalt aus Beschuldigungen gegen Aratus bestand. Als nun aber auch Aratus sich vor der Volksversammlung in heftigen Schmähungen gegen Kleomenes erging, so brach dieser in aller Schnelligkeit auf und sandte einen Herold mit ver Kriegserklärung an die Achäer. Indessen, zog er nicht nach Argos, sondern nach Acgium, um, wie Aratus behauptet, ihren Rüstungen zuvorzukommen. Jetzt entstand eine große Bewegung unter den Achäern und die Städte beeilten sich mit ihrem Abfall, weil das niedere Volk eben so sehr auf eine Verthcilnng von Ländereien und völligen Schuldenerlaß hoffte, als ihrerseits die höheren Stände vielfach über Aratus Beschwerden hegten. Einzelne waren auch deshalb über ihn erbittert, weil er die Makedonier nach dem Peloponnes heranführte. Durch alle diese Umstände ermuthigt machte also Kleomenes seinen Einfall in Achaia. Zuerst eroberte er Pellene durch Ueber- rnmpelung und vertrieb die Besatzung sammt den Achaiern. Hierauf brachte er Pheneon und Penteleion zum Anschluß. Da nun die Achäer eine Verräthcrei in Korinth und Sikyon fürchteten, welche allerdings im Werk war, so schickten sie ihre Reiterei und die fremden Miethtruppen aus Argos dahin ab, um Wache zu halten, während sie selbst zur Feier der nemeischcn Spiele sich nach Argos begaben. Daher faßte Kleomenes die wohlbegründcte Hoffnung, diese Stadt, die nun von einer Masse von Festgästen und Zuschauern wimmelte, durch einen unerwarteten Anmarsch um so mehr iu Verwirrung bringen zu können. Er sührte also während der Nacht sein Heer vor die Mauern, besetzte den schwierigen und nicht leicht zugänglichen Platz bei dem „Schildhügcl", gerade über dein Theater, und jagte hiedurch den Menschen einen solchen Schrecken ein, daß kein Einziger eine Vertheidigung versuchte, sondern vielmehr eine Besatzung eingenommen, aus der Mitte der Bürger zwanzig Geißel gestellt und ein Waffenbund mit Lakcdämon abgeschlossen wurde, wobei Kleo- menes den Oberbefehl erhielt. Cap. 18 . Dieser Erfolg gab keinen geringen Beitrag zu seinem Ruhme, wie zu seiner Macht. Die alten Könige Lakedämons hatten trotz den vielfachsten Bemühungen niemals vermocht, Argos ans die Dauer zu sich heranzuziehen. Auch der gcfürchtclste von allen Fcldherrn, Pyrrhus, war zwar mit Gewalt hereingekommen, hatte aber die Stadt dennoch nicht erobern können; er hatte vielmehr seinen Tod gefunden und mit ihm war ein großer Thcil seiner Streitmacht vernichtet worden.' Deswegen fand die Energie und Klugheit des Klcomcnes große Bewunderung. Alle, die ihn früherhin auslachtcn, indem sie äußerten: „er wolle mit der Schuldencrlassnng und Gleichstellung des Besitzstandes den So- lon und Lykurg nachäffen", — jetzt waren sic vollständig überzeugt, daß in jenen Eigenschaften allein der Grund dieser ganzen, mit den Spartanern vorgegangencn Veränderung liege. Denn zuvor war ihre Erniedrigung so groß, die Unfähigkeit, sich selbst zn helfen, so entschieden, daß die Aetolcr bei einem einzigen Einfall in Attika fünfzigtausend Menschen in die Sklaverei fortschleppten, weßwcgcn auch ein älterer Spartaner die Aeußcrnng gcthau haben soll: „die Feinde hätten doch Lakonien etwas genützt — durch Erleichterung." Aber nur eine geringe Zeit mußte vergehen, — sie mußten nur ihre alterthümlichen Gewohnheiten wieder erfaßt und sich wieder auf den Weg jener Lebensführung gestellt haben, als sie bereits dem Lykurgus, der gleichsam wieder 64 in ihrer Mitte zu weilen und cm der Lenkung des Staates Thcil zu nehmen schien, die großartigsten Beweise von Tapferkeit und Gehorsam gaben, indem sie die Hegemonie über Griechenland für Lakcdamon zurückgcwanncn und ebenso sich wieder in den Besitz des Peloponneses zu setzen vermochten. Cap. 19. Nach der Eroberung von Argos und dem unmittelbar darauffolgenden Anschluß von Klconä und Phlius an Klcomencs befand sich Aratus gerade in Korinth, um eine gewisse Musterung über Alle, denen man eine zu Sparta hinneigende Gesinnung zuschricb, abzuhalten. Jetzt traf aber die Nachricht von den obigen Ereignissen ein, wodurch er in die höchste Bestürzung gerietst. Er merkte Wohl, daß die Stadt allmälig eine Schwenkung zu Kleomencs machte und dagegen von den Achäern loszukommcn suchte. Deswegen lud er die Bürger zu einer Versammlung auf dem Nath- hausc ein, aber eben in dieser Zeit entwischte er unvermerkt znm Thore hinaus. Dort brachte man ihm ein Pferd, welches er bestieg, um sodann nach Sikyon zu entfliehen. Die Korinther hielten nun ein solches Wettrennen nach Argos, um zu Kleomencs zu kommen, daß — nach Aratus' Behauptung — „allen Pferden der Leib zerbarst." Kleomencs aber habe den Korinthicrn schwere Vorwürfe gemacht, daß sic den Aratus nicht festgcnommcn, sondern ihn hätten entwischen lassen. Indessen sei doch auch zu Aratus selbst ein gewisser Mcgistonus gekommen, — abgesandt von Kleomencs, welcher gegen "die gewünschte Uebcrgabe von Akrokorinth, das noch bis dahin achäische Besatzung hatte, eine sehr bedeutende Geldsumme anbot. Erhübe jedoch geantwortet: „daß er nicht mehr Herr über die Lage sei, vielmehr sei die Lage Herr über ihn!" Dies berichtet Aratus. Jetzt rückte Kleomencs von Argos heran. Nachdem er zuvor Trvzen, Epidaurus und Hcrmione zum Anschluß gezwungen hatte, kam er nach Korinth, dort ließ er die Burg mit einem Belagcrungswall umzingeln, weil die Achäer nicht abziehcn wollten. Auch berief er die Freunde und Verwalter des Aratus zu sich und befahl ihnen das Haus und Vermögen desselben zur Aufbewahrung und weiteren Besorgung. Doch sandte er abermals einen gewissen Tritymallus aus Messenien an ihn selbst ab, mit -dem Vorschläge einer gemeinschaftlichen Besetzung Akrokorinths * **) ) durch Achäer und Lakc- dämonier, wogegen er privatim dem Aratus eine Pension versprach, — doppelt so groß, als die, welche er vom König Pto- lemäus genoß. Allein Aratus schenkte seinen Worten kein Gehör, sondern schickte seinen Sohn mit den anderen Geißeln zu Antigouus und bewog die Achäer zu dem Beschlüsse, eben diesem Autigonus ihre Festung zu übergeben. Unter diesen Umständen machte Klcomcncs einen Einfall im Sikponischcn, das er verheerte. Das Vermögen des Aratus erhielt er, in Folge eines Beschlusses der Korinthier, zum Gescheut. Cap. 20. Als uun Antigouus mit einer bedeutenden Streitmacht über die Gerania^) hcranzog, hielt cs Kleomenes für zweckmäßig, nicht sowohl den Isthmus, als vielmehr Onea***) mit tüchtigen Werken zu versehen und beseht zu halten, um die Makedonier lieber durch die Benützung des Terrains abzumatten, als sich mit so trefflich eiuerercirten Truppen in ein Handgemenge einzulasscn. Durch die Ausführung dieses wohlbcrcchncten Plans setzte er wirklich den Autigonus in Verlegenheit. Denn dieser hatte sich keineswegs mit genügendem Proviant versehen; ebensowenig war cs leicht, den Vorbeimarsch zu forcircn, wo Klcomcncs lag. Zwar versuchte er, während der Nacht seitwärts über Lechäum-j-) *) Akrokorinth, d. i. die Burg von Korinth, auf einer die Stadt beherrschenden Anhöhe gelegen. **) Gcrania, Bergrücken von Megara nach dem Isthmus. ***) Onca (EselSber^ gleichfalls ein Bergrücken. -j-) Lcchäum, westlicher Hafen von Korinth. 66 dnrchzukommcn; allein cs mißlang und er verlor dabei einige Mann Soldaten. Die Folge war, daß Kleomcncs das vollkommenste Vertrauen gewann und seine Truppen von ihrem Siege begeistert waren, als sic an ihre Abendmahlzeit gingen, während dagegen Antigonus allen Math verlor und sich durch die Noth zn sehr schwierigen Maßregeln hingedrängt sah. Er saßte nämlich den Plan, nach dem Vorgebirge Heränm anfznbrechen und von dort seine Armee ans Schiffen nach Sikyon hinübcrzubringen, — ein Plan, dessen Ausführung allerdings viele Zeit und ungewöhnliche Vorbereitungen erforderte. Bereits war cs beinahe Abend geworden, als von Argos, über das Meer, einige Freunde des Aratus cintrafcn, die ihn dorthin beriefen, weil die Argivcr wieder von Klcomencs abzu- fallcn beabsichtigten. Der Anstifter' des beabsichtigten Abfalls war ein gewisser Aristoteles. Dieser vermochte die Menge ohne alle Schwierigkeit zu bereden, weil eben das Volk selbst darüber ungehalten war, daß Klcomencs nicht, wie man gehofft hatte, eine Aufhebung der Schulden dckrctirte. Aratus ließ sich also von Antigonus tausend fünfhundert Mann Soldaten geben, mit denen er nach Epidanrus segelte. Indessen wartete ihn Aristoteles nicht ab, sondern griff an der Spitze der Städter die Besatzung der Burg mnthig an, wobei ihm Timorcncs hilfreich zur Seite stand, indem er mit den Achäern ans Sikyon hcrbciciltc. Cap. 21. Dies Alles erfuhr Klcomencs erst in der zweiten Nachtwache. Er berief sogleich dcn 'Megistonns und crthciltc ihm im .größten Zorne den Befehl, unverzüglich der Besatzung in Argos zn Hülfe zn ziehen. Denn dieser Mann war cs hauptsächlich gewesen, der sich bei ihm für die Treue der Argiver verbürgt und ihn verhindert hatte, die Verdächtigen zu entfernen. Nachdem er also den Megistonus mit zweitausend Mann abgcfcrtigt hatte, richtete er selbst fortwährend seine Aufmerksamkeit auf Antigonus und suchte die Korinthier durch die Versicherung zn beruhigen, daß die Vorfälle in Argos von keiner erheb- 57 liehen Bedeutung, sondern Alles nur ein Krawall sei, der von einigen wenigen Leuten ausgchc. Allein Mcgistonus wurde bei seinem Eindringen in Arges im Kampf getödtct und kaum vermochte die Besatzung noch Widerstand zu leisten. Sic schickte daher Boten über Boten an Kleomenes, der nun wirklsch befürchtete, daß die Feinde nicht nur Arges überwältigen und die Pässe absperren, sondern alsdann auch das lakonische Gebiet ungestört verheeren und Sparta in seiner Verlassenheit belagern könnten. Er führte daher seine Armee von Korinth weg. Diese Stadt war nun alsbald für ihn verloren; denn Antigonus rückte ein und legte eine Besatzung hinein. Da machte Kleomenes einen Angriff ans Arges, dessen Mauern er zu erstürmen unternahm, wcßhalb er seine ans dem Marsch befindlichen Truppen znsam- mcnzog. Der Sturm mißlang. Dagegen drang er durch die unter der Aspis*) gelegenen Gewölbe, die er aufbrechcn ließ, nach oben hinein, worauf er sich mit denen, welche darin waren und noch immer ihren Widerstand gegen die Achäer fortsetzten, vereinigte. Durch angelegte Leitern nahm er noch einige weitere Theile der inneren Stadt und säuberte die engen Gassen von Feinden, indem er die Kreter von ihren Pfeilen Gebrauch machen ließ. Allein als er den Antigonus mit seiner Phalanx von den Anhöhen nach der Ebene hcruntcrrückcn sah, während zugleich die Reiterei bereits, wie ein Strom, in die Stadt hineinjagte: da verzweifelte er dennoch an dem Siege. Deswegen sammelte er alle die Seinigcn in seiner unmittelbaren Nähe, rückte unangefochten wieder herunter und zog, der Mauer entlang, von dannen. Er hatte in möglichst kurzer Zeit die größten Unternehmungen glücklich ansgcführt. Es fehlte nur wenig, so wäre er bei einem einzigen Umzug Herr von dein ganzen Peloponnes geworden; aber eben so schnell war Alles wieder verloren. Denn ein Thcil seiner Truppen zog nun sogleich von ihm hinweg; andere übergaben sehr bald darauf ihre Städte an Antigonus. ») „AspiS", Schildhllgel. 58 Cap. 22. So war cs ihm ergangen in seinem Feldzuge. Als er seine Truppen hinweggeführt hatte. -— es war bereits Abend, in der Gegend von Tegea, — da kamen von Lakcdämon einige Boten mit einer Nachricht, die so traurig war, als das andere Mißgeschick der Gegenwart. Seine Gattin war gestorben, um derentwillen er nicht einmal bei ganz günstig verlaufenden Kriegszügcn sich innerlich halten konnte, ohne daß er immer wieder nach Sparta eilte: so hoch stand Agiatis in seiner Liebe und in seiner Achtung. Darum fühlte er sich jetzt auf's Schmerzlichste betroffen. wie dies auch begreiflich ist bei einem jungen Manne, dem eine so schöne, so tugendhafte Gattin entrissen wurde. Dennoch vermochte sein Leid nicht so viel über ihn, daß er sein Selbstbcwußtsein und seine Seelengröße irgend vernnehrt oder preisgegeben hätte. Er wußte Stimme, Haltung und Gestalt ganz in der Art seiner früheren Gewohnheit festzuhaltcn, crtheiltc den Offizieren seine Befehle und sorgte mit Bedacht für die Sicherheit der Tcgeatcn. Aber mit Anbruch des nächsten Tages reiste er nach Lakcdämon. Dort vollzog er im Hanse alle Traucrgebräuche mit seiner Mutter und seinen Kindern; dann waren unverzüglich alle seine Gedanken wieder dem Wohle des Ganzen gewidmet. Als um jene Zeit der ägyptische König Ptolemäns*), welcher ihm seine Unterstützung zusagte, hicfür die Kinder und die Mutter des Kleomcnes als Geißeln zu erhalten verlangte, schämte sich dieser geraume Zeit, seiner Mutter ein Wort davon zu sagen. Er besuchte sie häufig in ihrer Wohnung, und wenn er hart am Reden stand, so wurde er wieder stumm, so daß auch sie Verdacht schöpfte und sich bei seinen Freunden erkundigte: „ob er ihr nicht etwa eine Mittheilnng machen wolle, die ihm schwer falle?" Endlich nahm sich Kleomcnes ein Herz, zu sprechen. Da *) PtolcmäuS Evergetcs, der dritte König dieser Dynastie. lachte seine Mutter laut hinaus. „Also das war's (sagte sie), weßhalb du so oft einen Anlauf nahmst und immer wieder den Math verlorst? Flink' bring mich in ein Schiss und schick' mich fort, — überall hin, wo du glaubst, daß dieser Leib für Sparta noch am nützlichsten sein kann, eh' er vor Alter hier in der müssigcn Ruhe anscinandcrfällt!" Als Alles nun bereit war, kamen sic zu Land nach Tcina- rum und das ganze Heer gab ihnen im Waffenschmnck das Ehrengcleite. Kurz vor ihrer Einschiffung führte Kratesiklca noch den Klco- mcnes allein in den Tempel des Poseidon und umarmte ihn dort auf's zärtlichste, während er in tiefster Trauer und Bestürzung sich befand. „Wohlan (sagte sic), König der Lakedämo- nicr! Wenn wir draußen sind, darf uns Niemand weinen, Niemand etwas thun sehen, das Sparta's unwürdig ist! Dies allein steht in unserer Hand. Was sonst geschehen mag, das kommt vom Himmel!" Nach diesen Worten richtete sie ihr Antlitz festen Blickes nach dem Schiffe, dem sic zuging, das Kind an der Hand, und befahl unverzüglich dem Steuermann die Abfahrt. In Aegypten angckommen erfuhr sie, daß Ptolcmäus Unterhandlungen mit Antigonns führe und Gesandtschaften von ihm annehmc. Ebenso vernahm sic über Klcomcncs, daß derselbe, während die Achäer ihm Fricdcnsanträgc machten, um ihretwillen sich fürchtete, ohne Genehmigung des Ptolcmäus den Krieg cinzustcllen. Sic schrieb ihm also: „er möge thun, was für Sparta auständig und nützlich sei, keineswegs aber um eines alten Weibes und eines kleinen Kindes willen stets in Angst leben vor einem Ptolcmäus!" Gewiß ein schöner Zug von dem hohen Sinn, den diese Frau in ihrer traurigen Lage gezeigt haben soll. Cap. 23. Indessen hatte Antigonns Tcgca weggcnommcn, Orchomcnos und Mantinea geplündert; Klcomcncs war ans das einzige La- kvnicn beschränkt. Er erklärte also jeden Heloten, der fünf attische 60 Minen*) zu erlegen vermochte, für frei und brachte dadurch fünfhundert Talente zusammen, womit er noch weitere zweitausend Mann auf makedonische Weise bewaffnen ließ, um sie den sogenannten „Weißschilden"**) auf Antigonus' Seite cntgegenzustcl- lcn. Und jetzt faßte er den Gedanken an eine große Unternehmung, die für Jedermann überraschend sein mußte. Megalopolis war damals, schon für sich allein gerechnet, nicht im geringsten kleiner oder schwächer, als Lakedämon, Es war als fester Punkt in Arkadien erst spät gebaut und mit den Einwohnern von 40 kleineren Städtchen und Dörfern bevölkert worden. Dabei genoß cs noch einen Beistand von Seiten der Achäer und des Antigonus, welcher ans den Flanken der Stadt sich festgesetzt hatte und, wie man allgemein glaubte, hauptsächlich auf Betrieb der Megalopolitaner von den Achäern Herbeigerusen War. Diese Stadt also beabsichtigte Klcomcncs zu überrumpeln und auszuplündcrn; denn anders läßt sich das Schnelle und Ucberraschcndc in seinem Handeln nicht wohl erklären. Er befahl seinen Truppen, sich auf fünf Tage mit Proviant zu versehen, und führte sie dann nach Scllasia, scheinbar um das Gebiet von Argos zu beschädigen. Plötzlich aber zog er südwärts gegen das Mcgalopolitanische, ließ bei Rhöteum das Abendessen cinnehmcn und zog sodann unverzüglich über Hclikus gegen die Stadt. Sobald er auf eine kleine Entfernung sich genähert hatte, schickte er Pauteus mit zwei größeren Abthcilungen von Lakedä- monicrn ab. Dieser hatte Befehl, ein zwischen zwei Thürmcn befindliches Stück Mauer wcgzunehmen, welches von den Mega- lopolitancrn am schwächsten besetzt war, wie man Klcomcncs berichtete; mit der übrigen Armee kam er langsam hintcnnach. Indessen fand Panteus nicht nur jene Stelle, sondern überhaupt einen großen Theil der Mauer völlig unbewacht. Er er- *) Fünf Minen betragen den zwölften Theil eines attischen Talents, — etwa? über IVO Thalcr. **) „Weißschilde" — schwächere Nachahmung derjenigen Truppe Alexanders, welche den Namen der „Silberschilde" trug. 61 obcrte daher ein Stück sogleich, ein anderes ließ er cinrcißen und sämmtliche Bcdeckungssoldatcn, auf welche er stieß, niedermachen, so daß Kleomcncs höchst unerwartet hcrcinkonnnen konnte und, che es die Megalopolitaner auch nur bemerkten, mit seiner Armee — drinnen war. Cap. 24. Als endlich den Einwohnern das geschehene Unglück — mit Mühe — klar wurde, stürzte eine Anzahl sogleich hinaus, indem sic ihre werthvolle Habe möglichst mitschlcpptcn. Andere rotteten sich zusammen, mit den Waffen in der Hand, stellten sich dem Feinde in den Weg und wagten sogar einen Angriff. Doch zeigte sich ihre Kraft nicht genügend, um denselben wieder hinauszuwerfen, wenn es auch gelang, den flüchtenden Mitbürgern wenigstens ein sicheres Entkommen möglich zu machen. Nicht mehr als tausend Personen fanden sich in der Stadt noch vor, während alle andern, sammt Kindern und Weibern, rechtzeitig über die Grenze von Messenien kamen. Selbst von denen, die zum Kampfe herbcigecilt waren, konnte sich die überwiegende Mehrzahl retten. Nur ganz Wenige fielen in Gefangenschaft, worunter sich Lysandridas und Thcaridas befanden, — zwei angesehene Männer, die in Mcgalopolis einen hervorragenden Einfluß besaßen. Deswegen wurden sie auch von den Soldaten unverzüglich nach ihrer Festnehmung vor Kleomcncs geführt. Sobald LfPindridas den Klcomenes von Ferne erblickte, rief er ihm mit lauter Stimme zu: „König der Lakcdämonicr, jetzt kannst du eine That verrichten, weit herrlicher und königlicher, als die, welche du gcthan; jetzt kannst du deu höchsten Ruhm dir erringen!" Kleomcues ahnte den Sinn dieses Zurufs und erwiderte: „Was meinst du, Lysandridas? Du verlangst doch nicht, daß ich euch die Stadt wieder zurückgebcu soll?" Darauf sagte Lysandridas: „O ja! gerade das mein' ich, und rathc dir, eine so bedeutende Stadt nicht zu verderben, sondern sic voll zu machen mit treuen, zuverlässigen Freunden und Waffenbrüdern, indem du den Mega- 62 lopolitanern ihre Stadt zurückgibst und für ein so großes Volk der Netter wirst!" Auf diese Worte schwieg Kleomeues einige Augenblicke; daun »ersetzte er: „Es ist schwer, dies zu glauben; aber die Ehre soll bei mir stets höher stehen, als das Interesse!" Und, dies gesagt, schickte er sogleich jene Männer nach Messene zurück, nebst einem Herold seinerseits, und ließ die Zurückgabe der Stadt anbieten unter der Bedingung: „Neben sofortiger Trennung von Achaia sich ihm als Freunde und Bundesgenossen anzuschließcn." Aber so wohlgemeint und freundlich dieses Anerbieten des Kleomenes sein mochte, so duldete doch Philopömcn nicht, daß Megalopolis seinen Versprechungen gegen die Achäer untren werden sollte. Indem er vielmehr gegen Kleomenes die Beschuldigung erhob, daß dieser nicht sowohl die Stadt zurückzugcbcn, als vielmehr auch noch die Bürger in seine Gewalt zu bekommen suche, verjagte er den Thearidas und Lysandridas ans Messene. (Dies war der gleiche Philopömcn, welcher späterhin in Achaia die erste Stellung einnahm und sich den höchsten Ruhm in Griechenland errang — worüber das Nähere in seiner besonderen Lebensbeschreibung zu finden ist.) Cap. 25. Als diese Nachrichten cintrafen, so gerieth Kleomenes, welcher bisher die Stadt mit der größten Sorgfalt unberührt und unbeschädigt erhalten hatte, so daß Niemand unentdeckt blieb, der auch nur das Geringste wegnahm, — jetzt, sage ich, gerieth er in die größte Aufregung und Erbitterung, ließ alle wcrthvollen Gegenstände plündern, alle plastischen Werke und Gemälde nach Sparta senden und von der Stadt selbst die meisten und bedeutendsten Theile niederrcißcn und vernichten. Dann brach er auf, — der Heimat zu, aus Furcht vor Autigonus und den Achäern. Doch wurde von ihrer Seite nichts unternommen. Man hielt nämlich in Acgium gerade eine Bcra- thung ab. Nachdem hier Aratus die Nednerbühne bestiegen hatte, fing er an, lange Zeit — zu weinen, das Gesicht mit dem 63 Mantel zugedeckt. Als man voll Verwunderung hierüber ihn sprechen hieß, sagte er nur: „Mcgalopolis ist zerstört von Klco- menes!" Jetzt löste sich die Versammlung unverzüglich auf; denn die Achäer waren durch das Uebcrraschendc und die Größe des Jammers ganz niedergeschlagen. Nur Antigonus wollte einen Hülfs- zug unternehmen. Da jedoch seine Truppen nachher nur langsam aus ihren Winterquartieren sich erhoben, so gab er ihnen wieder Befehl, an Ort und Stelle zu bleiben, während er selbst sich nach Argos begab, in Begleitung von einer ganz geringen Anzahl seiner Soldaten. Dies war der Grund, weßhalb der bekannte zweite Handstreich von Kleomencs unternommen wurde, und zwar, wie man glaubte, mit einer wahnsinnigen Verwegenheit; aber dennoch war, nach Polyb's Angaben, die Ausführung mit einer großen Planmäßigkeit verbunden. Diesem Schriftsteller zufolge wußte Klco- mcncs, daß die Makedonier in viele einzelne Städte zerstreut waren, — ebenso, daß Antigonus nur unter dem Schutze einer ganz kleinen Söldnerschaar mit seinen Freunden in Argos überwinterte. Er machte daher einen Einfall im Argivischen Gebiet, indem er berechnete, daß entweder Antigonus durch die drohende Schande zu einem Treffen aufgestachelt werden könne, worin er unterliegen würde, oder daß er, wenn er den Kampf nicht wagte, bei den Argivcrn in Mißkredit verfallen müßte. Letzteres war wirklich der Fall. Als nämlich das Land von Kleomencs vollständig verheert und alles bewegliche oder unbewegliche Gut geplündert wurde, rotteten sich die Argiver, erfüllt von Unwillen, an dem Palaste des Königs zusammen. Laute Rufe erschallten, die von ihm eine Schlacht verlangten oder die Abtretung des Oberbefehls an einen tapfereren Mann. Allein Antigonus handelte, wie ein vernünftiger Heerführer handeln mußte. Sich unüberlegter Weise in eine Gefahr stürzen und die Sicherheit aufgeben, — d as galt ihm für eine Schande, keineswegs aber die Schimpfereien von Laien in dieser Sache. Anstatt auszurücken, verharrte er also bei seinen eigenen Berechnungen. Dagegen rückte nun Kleomencs mit seiner Armee bis an die Stadtmauern vor, bot dem Feinde Trotz und verwüstete Alles, — worauf er sich unangefochten wieder zurückzvg. Cap. 26 . Bald darauf vernahm er, daß Antigonus wieder gegen Tcgca vorwärts marschire, um von dort aus einen Einfall in Lakonien zu machen. Schnell ließ er seine Soldaten ausbrcchcn, zog auf anderen Wegen au dem Gegner vorüber und erschien mit Tagesanbruch abermals vor der Stadt Argos. Das flache Land wurde verheert, das Getreide jedoch nicht, wie sonst gewöhnlich, mit Sicheln und Säbeln abgchauen, sondern mit groben Holz- stückcn, die in Form eines großen Schwerts ausgcarbeitct waren, abgeschlagen, als ob die Leute nur zum Scherze, beim Marschiren, ohne die geringste Bemühung, Alles zertrümmerten und auch das Getreide vernichteten. Als sie jedoch bei dem Gymnasium KyllarabiS ankamen und bereits Hand anlegtcn, um dasselbe in Brand zu stecken, duldete cr's nicht — eine Andeutung davon, daß er auch sein Verfahren gegen Megalopolis mehr als eine Handlung der Leidenschaft, denn als eine schone Handlung, ansah. Antigonus kehrte nun zuerst ohne Verzug nach Argos zurück. Als er sodann die Berge und hervorragenden Punkte insgesammt zur Deckung besetzen ließ, so nahm Kleomeues hicgcgen die Miene einer verächtlichen Gleichgültigkeit an und schickte Herolde an ihn, durch welche er die Schlüssel zum Hcratempel zu erhalten wünschte, „um vor seinem Abmarsch der Göttin noch ein Opfer darzubringcn." Nach diesen Acußerungcu eines ironischen Spottes opferte er wirklich der Göttin vor den Thoren des verschlossenen Tempels, worauf er seine Armee nach Phlius abführte. Hierauf verjagte er die Besatzung von Oligyrtos und marschirte dann ab, an Orchomenos vorüber. Durch alles dies hatte er nicht nur seinen Mitbürgern ein hohes,' muthigcs Selbstbewusstsein cingeflößt, sondern sich auch bei den Feinden in den Ruf eines tüchtigen Feldherrn gesetzt, der seine bedeutende Stellung verdiene. Denn mit den Truppen einer einzigen Stadt auszurücken und mit diesen neben der makedonischen Armee auch sämmtliche Peloponnesier und die subsidiarische Hülfe eines Königs zu bekämpfen, dabei nicht nur Lakonien unangetastet zu erhalten, sondern auch dem gegnerischen Gebiete wesentlichen Schaden zu thun und eine Anzahl bedeutender Städte einzunehmen: das konnte man doch nicht als das Werk einer alltäglichen Tüchtigkeit und Geisteskraft betrachten. Cap. 27. Indessen — wer zuerst das Geld den nsrvus rornm genannt hat, der hat es wohl hauptsächlich beim Blick auf die Verhältnisse des Kriegs gethan. Als die Athener einmal den Befehl crtheilten, die Kriegsschiffe in See zu bringen und zu bemannen, während sie übrigens kein Geld hatten, sagte Demades bei diesem Anlaß in ähnlicher Weise: ,,ch' man Brod backt, muß man den Teig kneten!" So erzählt man ferner von dem alten Archidamus gegen den Anfang des peloponnesischen Kriegs etwas Aehnliches; als die Bundesgenossen von ihm die genaue Bestimmung der einzelnen Beiträge verlangten, sagte er: „der Krieg frißt nicht nach Rationen." Gerade wie Athleten, welche sich tüchtig cingeübt haben, selbst auch einen gewandten, kunstfertigen Gegner durch ihre Ausdauer endlich abmatten und Niederkämpfen: ebenso handelte Antigonus. Während er selbst aus seinen reichen Hülfsquellen stets neue Kräfte für den Krieg zu schöpfen vermochte, brachte er den Kleomencs zur Ermüdung und zum Unterliegen im Kampfe, weil dieser nur knapp und mühsam den Sold für die Micthtruppen und den Proviant für seine Mitbürger aufzutrcibeu im Stande war. Frcillch — in allen anderen Stücken wirkte die Zeit zu Gunsten des Klcomenes, weil die Angelegenheiten seiner Heinrath den Antigonus zum Aufbruch veranlaßten. Denn während seiner Abwesenheit erlitt Makedonien ringsum Angriffe und Einfälle von seinen barbarischen Nachbarn, und eben jetzt war ein starkes Heer von Illyriern im Norden eingedrungen, durch dessen Verheerungen sich die Makedonier veranlaßt sahen, nach Antigonus zu schicken. Nur wenig fehlte, so wäre dieses Schreiben gerade noch vor der Schlacht in seine Hände gelangt. Wäre cs ihm zugekommen, Plutarch. XVI. 5 66 so würde er ohne Zweifel abgezogen sein nnd hätte den Achäern ohne Umstände Lebewohl! gesagt. Allein das Schicksal pflegt oft die wichtigsten Entscheidungen durch eine Kleinigkeit herbcizuführen; auch hier zeigte cs die Wichtigkeit und die Kraft eines Augenblicks. Die Schlacht bei Scllafia war bereits geliefert, Kleomcnes hatte Heer und Stadt bereits verloren, als im nächsten Moment die Boten cintrafen, welche den Antigonns zurückberiefen, — ein Umstand, der das Mißgeschick des Kteomcnes noch viel bedauerlicher machte. Er durfte nur zwei Tage lang noch die Sache Hinhalten und dem Kampfe auswcichen, — dann bedurfte cs für ihn gar keines Kampfes mehr; er konnte unter Bedingungen, wie sie ihm selbst beliebten, mit Achaia Frieden schließen; die Makedonier waren abgezogen. Aber jetzt, wie gesagt, zwang ihn der Geldmangel, Alles auf Entscheidung der Waffen zu sehen und mit bloß zwan- zigtausend Mann, nach Polyb's Angabe, gegen dreißigtauscud Feinde in Schlachtordnung zu treten. Cap. 28 . Im Kampfe zeigte er sich selbst als einen bewunderungswürdigen Feldherrn. Auch seine Mitbürger fochten unter ihm mit außerordentlichem Muthe, wie denn sogar die Tapferkeit der fremden Söldner keinem Tadel unterlag. Allein durch die Art der feindlichen Ausrüstung und die Wucht der schwerbewaffneten Phalanx wurde er dennoch aus seiner Stellung gedrängt. Phylarchus behauptet, daß auch eine Vcrräthcrci stattgefundcn und diese hauptsächlich für Kleomenes die Sache verderbt habe. Antigonus hatte (nach der Angabe dieses Schriftstellers) den Illyriern nnd Akarnanicrn Befehl crtheilt, in einem weiten Bogen den einen Flügel zu umgehen, auf welchem Kleomenes' Bruder, Euklei- das, stand; hierauf ordnete er seine übrigen Truppen zur Schlacht. Von einem hohen Punkte aus recognoscirte nun Kleomenes. Da er jedoch nirgends die Waffen der Illyrier und Akarnanier erblickte, so fürchtete er, daß Antigonus sie eben zu einem solchen Plane möchte verwendet haben. Er ließ daher den Damoteles berufen, der über die söge- 67 nannte „Kryptcia" *) gesetzt war; diesem befahl er, zu sehen und zu suchen, wie es im Rücken und auf beiden Flanken der Schlachtordnung stehe. Damotcles erwiderte ihm: — (denn er war, wie behauptet wird, schon früher von Antigonus bestochen worden) — „er solle ganz ruhig sein! Alles stehe gut! Er solle seine Aufmerksamkeit nur auf den Angriff in der Front richten und dort sich vertheidigen!" Kleomenes glaubte ihm und rückte gegen Au- tigonus vor. Durch den nachdrucksvollen Anprall der Spartaner in seiner Umgebung drängte er die makedonische Phalanr aus ihrer Stellung, so daß diese sich etwa fünf Stadien weit zurückzog und Kleomenes mit Heftigkeit und überlegener Gewalt ihr folgte. Aber bald wurde auf der andern Seite die Abtheilung des Eukleidas umringt. Er machte Halt, und als er die Gefahr vernahm, rief er: „Dn bist verloren, theurer Bruder, du bist verloren! Aber du bist ein Held, — das Vorbild für Sparta's Jugend und der Preisgesang der Frauen!" So wurde denn Eukleidas mit seinen Truppen niedergcmacht. Dort Meister geworden, stürmten jetzt die Feinde heran, und als Kleomenes seine Soldaten voll Bestürzung sah, ohne den Muth zu längerem Widerstande zu besitzen, suchte er sich selbst zu retten. Auch von den Micthtruppcn sollen viele gefallen sein, — von den Lakedämouiern alle, bis auf zweihundert Mann. Es waren sechstausend gewesen! Cap. 29. Bei seiner Ankunft in Sparta gab er den Bürgern, welche ihm cntgcgcngingcn, den Rath, dem Antigonus die Thore zu öffnen. „Er selbst -—- erklärte er — werde im Leben wie im Tode stets nur das Interesse Sparta's zur Richtschnur seines Handelns nehmen." *) „Krypteia" bestand, wie schon der Name andentet, darin, daß die jungen Leute unter mancherlei Unbequemlichkeiten sich selbst ihre Nahrung verschaffen mußten, indem sie auf den Bergen herumirrten und mit List das Nöthigste holten, ohne von Jemand gesehen zu werden. Die Übersetzung mit Einem geeigneten Worte wird wohl unmöglich sein. — Andere denken an den Befehlshaber der Reserve. 5 * 68 Wie er sah, daß die Frauen den mit ihm entronnenen Kriegern zuliefen, ihnen die Waffen abnahmcn und zu trinken brachten, da begab er sich Wohl auch in seine Wohnung. Das Mädchen, welches er hatte, — eine Freigeborcne aus Megalopolis, die er nach dem Tode seiner Gattin annahm, -—- eilte, wie gewöhnlich, auf ihn zu und wollte ihm eine Erquickung reichen, weil er aus dem Feldzug zurückkam. Aber trotz allem Durste konnte er sich nicht entschließen, zu trinken, trotz aller Müdigkeit nicht, sich niederzusetzen. Wie er gerade war, in voller Rüstung, stützte er die Hand seitwärts 'an eine Säule und legte das Gesicht auf den Arm. In dieser Stellung ruhte er sich einige Augenblicke aus, durchlief in Gedanken rasch alle möglichen Pläne und eilte sodann mit seinen Freunden nach Gythium. Dort bestiegen sie einige für eben diesen Zweck bereit stehende Fahrzeuge und segelten ab. Cap. 30. Antigonus brauchte nur heranzukommen, um sogleich die Stadt cinzunehmen. Doch behandelte er die Lakedämonier freundlich. Die Würde Sparta's wurde durch keinerlei Beschimpfung oder Uebermuth gekränkt; vielmehr gab er den Spartanern sogleich ihre Gesetze und ihre Verfassung zurück, opferte den Göttern und zog dann am dritten Tage wieder zurück, weil ihm die Nachricht zukam, daß in Makedonien ein starker Krieg ausgebrochen sei und das Land von den Barbaren verwüstet werde. Bereits hatte ihn auch seine letzte Krankheit mit Macht befallen und war in eine heftige Schwindsucht mit anhaltendem Bluthusten ausgeartet. Dennoch verlor er den Muth nicht, sondern dauerte die Kämpfe in seiner Heimat noch mit solcher Kraft aus, daß er zuvor erst einen glänzenden Sieg erfocht und ein furchtbares Blutvergießen unter den Feinden anrichtete, ehe er um so ruhmvoller starb. Und zwar starb er, — wie es an sich wahrscheinlich ist und namentlich auch von Phylarchus berichtet wird, — ;ndem er sich eben durch das laute Schreien im Kampfe innerlich 69 etwas zersprengte. In den Schulen*) konnte man hören, daß ein lauter Freudenruf, den er nach dem Siege ausstieß: „o schöner Tag!" ihm einen Blntsturz zugezogen habe; ein anhaltendes Fieber gesellte sich dazu und machte seinem Leben ein Ende. Soviel von Antigonus. Cap. 31. Klcomenes nahm bei seiner Abfahrt von Kythcra seine Richtung nach einer anderen Insel, Aegialia. Von hier beabsichtigte er, nach Kyrene übcrzuschen, als einer seiner Freunde, Therykion, ein Mann, der bei allen Handlungen einen hohen Geist gezeigt hatte, dabei aber in seinen Worten stets hochtrabend und ruhm- rednerisch gewesen war, ihm unter vier Augen etwa folgende Vorstellungen machte. „Den schönsten Tod," sagte er, „den Tod in der Schlacht haben wir uns entgehen lassen. Und doch haben uns Alle sagen hören: Antigonus werde nur über die Leiche des Spartanerkönigs hinschreiten dürfen. Aber ein anderer Tod, an Heldenehre der zweite, bleibt uns noch übrig. Wohin segeln wir in unserem Unverstände? Wollen wir dem Unglück entfliehen, das uns nahe ist, — wollen wir ihm nachjagen in weiter Ferne? Wenn es keine Schande ist, daß Herakles' Enkel den Nachkommen eines Philippus und Alexander dienstbar werden, so können wir uns eine weite Fahrt ersparen. Wir dürfen uns nur an Antigonus übergeben, der vcrmnthlich eben so hoch über Ptolemäus steht, als über den Acgyptern Makedoncr. Achten wir's aber unter unserer Würde, Solchen zu dienen, von denen wir mit den Waffen besiegt sind — warum machen wir denn einen Menschen, der gar nicht gesiegt hat, zum Gebieter über uns? Etwa, daß wir vor der Welt dastehen — schlechter — nicht nur, als Einer, sondern als Zwei? Denn vor Antigonus fliehen wir; dem Ptolemäus schmeicheln wir! Oder wollen wir sagen, daß wir deiner »> In den „Schulen", d. h. höheren Lehranstalten wurden auch geschichtliche Vorträge gehalten. 70 Mutter wegen nach Aegypten kommen? Da wäre es doch für sie ein schönes, bcueidenswerthes Schauspiel, wenn sie dich den Weibern eines Ptolemäus zeigte, — den Exkönig als Gefangenen, ihren Sohn als Flüchtling! Nein, so lange wir noch Herren sind über unser eigenes Schwert und Lakvnien noch in Sicht haben, wollen wir nicht uns hier frei machen von dem Schicksal, hier uns rechtfertigen gegen die, so bei Sellasia gefallen sind für Sparta? Oder wollen wir lieber in Aegypten Hinsitzen und uns fragen: wen Antigonus als Satrapen für Lakedämon hintcrlassen hat?" Auf diese Worte Thcrykions erwiderte Klcomcncs: „Schurke, wenn du dem Leichtesten in der Welt, was Jedermann haben kann, dem Tode, nachjagst, — da träumst du noch von einem Hcldenthnm? Und bist dabei doch auf einer Flucht, die schmählicher ist, als jene erste war! Dem Feinde sind schon Leute gewichen, die tapferer waren, als wir, — wenn das Glück sie betrog, oder wenn die Uebcrmacht sic überwältigte. Wer aber bei Mühsal und Leiden, wer bei Mcnschentadcl und Mcnschcnmcinungen den Muth sinken läßt, der unterliegt nur seiner eigenen Schwachheit. Der frei erwählte Tod darf nicht eine Flucht sein vor dem Handeln, sondern selbst ein Handeln. Es ist schmählich, nur für sich selbst zu leben, nur für sich selbst zu sterben. Und dazu forderst du mich auf, weil du darauf dringst, uns losznmachcn ans der Lage des Augenblicks, ohne sonst etwas Edles oder Nützliches dadurch ins Werk zu setzen. Meine Meinung ist: ich und du, — wir beide dürfen die Hoffnungen, die wir noch für das Vaterland hegen, nicht aufgcben. Wenn diese Hoffnungen uns aufgeben, dann werden wir leicht den Tod finden, welchen wir suchen!" Auf diese Worte erwiderte Therykion nichts. Allein sobald er einen günstigen Augenblick erhaschte, nur sich von Klcomenes zu entfernen, ging er beiseite — an das Ufer des Meeres und — erstach sich. 71 Cap. 32. Kleomenes dagegen segelte jetzt von Aegiala ab und landete in Afrika, wo er unter Begleitung der königlichen Diener nach Alexandrien kam. Er wurde dem Ptolcmäus vorgestellt und anfänglich von diesem mit einer gewissen allgemeinen Freundlichkeit und Herablassung behandelt. Bald jedoch gab er Proben seiner geistigen Befähigung und zeigte sich als einen Mann von hohem Verstände. Auch im täglichen Verkehr mit dem Könige war sein schlichtes, spartanisches Wesen mit der Anmuth einer feineren Bildung verbunden. Nirgends machte er seinem hohen Stande Anehre; nie ließ er sich von seinem Schicksal niedcrbeugen. Deßwegcn erschien er jetzt als ein Mann, der mehr Zutrauen verdiente, als alle Andern, deren Schmeichelworte sich nur nach dem Wohlgefallen des Fürsten richteten. Ptolcmäus empfand in hohem Grade ein Gefühl von Scham und Reue über die bisherige Vernachlässigung einer solchen Persönlichkeit und deren Preisgcbung an Antigonus, welcher dadurch ebensosehr an Ruhm, als an Macht gewachsen war. Er suchte daher den Kleomenes durch Auszeichnungen und Freundlichkeiten wieder zu gewinnen. Ja, er er- mnthigte ihn sogar durch die Versicherung, ihn mit Schiffen und Geld nach Griechenland schicken und wieder in sein Königreich cinsetzen zu wollen. Auch bewilligte er ihm znm Unterhalt eine Summe von vierundzwanzig Talenten auf jedes Jahr. Hievon bestritt Kleomenes die nöthigcn Ausgaben für sich und seine Freunde in sparsamer, vernünftiger Weise, während er den größten Theil auf liebevolle Unterstützung von Solchen verwendete, die sich aus Griechenland nach Aegypten hatten flüchten müssen. Cap. 33. Allein nun starb der ältere Ptolcmäus, che er dem Kleo- mcncs sein Versprechen der Rücksendung erfüllt hatte. Und da jetzt die Regierung alsbald in die tiefste Schwelgerei, Trunken- boldswirthschaft und Weiberherrschaft verfiel, so wurden auch die Angelegenheiten des Kleomenes vernachlässigt. 72 Der König selbst War durch Weiber und Wein geistig so sehr heruntergekommen, daß er, wenn er noch am ehesten nüchtern und verhältnißmäßig bei Verstände war, nur eben Feste feierte und dabei, mit der Pauke in der Hand, in der Residenz Umzüge hielt. Die wichtigsten Angelegenheiten der Regierung besorgte die Geliebte des Königs, Agathoklea, nebst deren Mutter und einem Bordellbesiher Oenanthes. Dennoch schien es anfänglich, als ob man immerhin den Klcomenes nicht ganz entbehrlich finde. Denn Ptolemäus fürchtete seinen Bruder Magas, weil dieser durch den Einfluß seiner Mutter bei der Armee in hoher Geltung stand. Er zog daher auch den Klcomenes herbei und ließ ihn an seinen geheimen Be- rathungcn Theil nehmen, indem er die Ermordung seines Bruders beabsichtigte. Während nun alle Andern zur Ausführung dieses Planes auffordcrten, blieb Klcomenes der Einzige, der mit Nein! stimmte. Er erklärte: „wenn cs möglich wäre, müßte man dein Könige lieber noch m eh r Brüder schaffen — zur Sicherheit und zum Bestand seiner Regierung." Als nun Sosibius, welcher unter den näheren Vertrauten der einflußreichste war, sich dahin äußerte: „daß sie sich eben auf die Soldtruppen nicht gehörig verlassen könnten, solange Magas lebe!" so bat ihn Klcomenes, wegen dieses Punktes ganz unbesorgt zu sein. „Mehr als dreitausend Mann von den fremden Truppen seien Peloponnesier, und diese richteten sich nach ihm; er brauche nur zu winken, und alle würden bereitwillig, die Waffen in der Hand, sich cinstellcn!" Diese Aeußerung vermehrte für den Augenblick das Vertrauen auf die guten Gesinnungen des Kleomcncs nicht wenig, und ebenso den Glauben an seine bedeutende Macht. Späterhin aber, als durch die Schwachheit des Ptolemäus auch dessen Furchtsamkeit sich steigerte, und als — nach der häufigen Erfahrung bei gedankenlosen Menschen — Angst vor Allem und Mißtrauen gegen Jedermann für das Sicherste zu gelten ansing: da machte jenes gleiche Wort den Klcomenes bei den Höflingen zu einem Gegen- ») PtolomLuS Philopator. 73 stände der Furcht, weil man seine bedeutende Geltung bei den Soldtruppen wahrnahm. Oft hörte man nun Aeußerungen, wie folgende: „er sei ein Löwe, der sich hier unter den Schafen um- trcibe." Denn in der That — einen solchen Charakter zeigte er auch im Palastc, wo er ohne Scheu die Augen umherlaufen ließ und alle Vorgänge beobachtete. Cap. 34. Um Schiffe und Truppen zu bitten, hatte er aufgcgcben. Als er jedoch erfuhr, daß Antigonus gestorben, die Achäer in einen Krieg mit den Aetolicrn verwickelt seien und die Lage der Dinge seine persönliche Anwesenheit aufs Dringendste verlange, weil der Peloponnes sich in voller Verwirrung und Zersplitterung befinde: so verlangte er zwar, ganz allein mit seinen Freunden abgesandt zu werden, aber er fand nichts, als taube Ohren. Der König hörte ohnehin nicht auf ihn, sondern beschränkte sich auf Harem, Schmausereien und Saufereien. Der Mann aber, welcher Alles leitete und einleitcte, Sosibius, hegte die Ansicht: „daß Kleomcncs, wenn er unfreiwillig bleiben müßte, schwer zu behandeln und sehr zu fürchten sein würde; entlasse man ihn aber, so sei er zu kühn, — ein zu unternehmender Mann, der überdies das Königreich in seinem krankhaften Zustande mit Wohlgefallen gesehen habe." Denn auch Geschenke vermochten nicht, einen Kleomenes freundlicher zu stimmen. Es war, wie bei dem Stier Apis, der im Ueberfluß seine Tage hinbringt und scheinbar das üppigste Wohlleben führt, dabei aber dennoch sich nach einem ihm natürlichen Leben sehnt, wobei er frei umhcrlaufcn und Sprünge machen darf; man merkt ihm die innere Unbehaglichkeit deutlich an, trotz aller Wartung unter den Händen der Priester. Ebenso konnte keine erwiesene Zärtlichkeit den Kleomenes befriedigen; — „o nein, cs zehrt' ihm im Herzen" wie dein Achilleus, „Dort zu bleiben, — und sehnte sich doch nach des Kampfes Getümmel!" ») ') Vgl. Homer U. I, LSI f. 74 Cap. 35. So standen seine Verhältnisse, als der Messenier Nikagoras nach Alexandrien kam, — ein Mann, der den Kleomencs haßte, wiewohl er sich als dessen Freund gebärdete. Er hatte einmal ein schönes Landgut an Kleomencs verkauft und hatte — ver- muthlich wegen Geschäftsüberladnng und kriegerischer Abhaltungen — das Geld dafür nicht bekommen. Diesen Mann also bemerkte jetzt Kleomencs, und zwar sogleich beim Aussteigen ans seinem Handelsschiff; denn zufällig ging er gerade am Rand des Hafens spazieren. Er grüßte ihn freundlich und fragte: „was für ein Grund ihn nach Aegypten führe?" Nikagoras, der den Gruß höflich erwiderte, gab ihm die Auskunft: „er bringe schöne Pferde für den König, — Streit- rosse!" Da lachte Kleomencs und sagte: „ei, da solltest du eher mit Harfenspielerinnen *) und geilen Buben kommen! Das ist jetzt die Hauptpassion bei dem König!" Auf dies verzog Nikagoras nur den Mund zu einem Lächeln; aber wenige Tage nachher erinnerte er den Kleomencs an das Landgut und sprach den Wunsch aus: „wenigstens jetzt den Werthbetrag in Empfang zu nehmen; — er würde ihn nicht belästigen, wenn er nicht bei dem Verkauf seiner Ladung einen ziemlichen Verlust hätte." Kleomencs erklärte darauf: „daß ihm von allen empfangenen Geschenken nichts mehr übrig geblieben sei," worüber Nikagoras sich dergestalt ärgerte, daß er dem Sosibius den spöttischen Witz des Kleomencs hintcr- brachte. Letzterer nahm Wohl auch die Sache mit Freuden an; doch suchte er noch eine bedeutendere Schuld, um den König aufzuhetzcn. Er veranlasse daher den Nikagoras, einen Brief zum Nachtheil des Kleomcnes zu schreiben und dann zu hinterlassen, woraus dessen Entschluß hervorgehe: „im Fall er Kriegsschiffe und Soldaten vom Könige bekomme, mit diesen Kyrene wegznnehmcn." ») Wir habe» hier freilich dem antiken Instrument ein modernes unterschoben — und zwar «egen des häufigen RenoinmöS derer, die cs betreiben. Nikagoras verfaßte wirklich einen solchen Brief; dann fuhr er ab. Vier Tage später überbrachte Sosibius den Brief an Ptole- mäus, unter dem Vergeben, ihn so eben erhalten zu haben. Hiedurch versetzte er den elenden jungen Fürsten in heftigen Zorn und man beschloß, den Kleomcnes in ein großes Hans zu führen, wo ihm zwar seine sonstigen Unterhaltsmittel, wie bisher, gereicht, dagegen jeder Ansgang verwehrt werden sollte. Cap. 36. Schon diese Vorfälle waren für Kleomcnes betrübt genug; allein die Aussichten, die er für die Zukunft hatte, gestalteten sich noch weit jämmerlicher durch folgendes Ereigniß. Ptolemäus, Chrysermos' Sohn, ein Freund des Königs, hatte sich die ganze Zeit stets nur in artiger Weise mit Kleomcnes unterhalten; cs fand sogar bei ihnen eine gewisse Vertraulichkeit und gegenseitige Offenheit statt. Diesen Mann also hatte Klco- mcnes um einen Besuch gebeten. Er kam und zeigte sich im Gespräche ganz anständig. Als er jedoch wieder in: Begriffe war, das Hans zu verlassen, und nnvorsichtigcrwcise nicht bemerkte, daß Kleomcnes hinter ihm bis, an die Thure mitging, schalt er die wachestchcndcn Soldaten tüchtig ans: „daß sie die große, schwer zu hütende Bestie so nachlässig und leichtsinnig bewachten." Dies hörte Kleomcnes mit eigenen Ohren, zog sich, bevor Ptolemäus dies bemerkte, wieder zurück und erzählte es nun seinen Freunden. Voll Erbitterung ^gabcn nun Alle die früher gehegten Hoffnungen völlig ans und beschlossen, zuerst sich gegen die Ungerechtigkeit, den Uebcrmnth des Ptolemäus zu wehren und dann Sparta's würdig zu sterben, keineswegs aber abzuwartcn, bis man sie, wie Opfcrthicre, erst fettgemästct habe zum Abschlachten. Man fand es empörend, wenn Kleomcnes, der gegenüber von Antigonus, einem hcldenmüthigcn, energischen Manne, jede Versöhnung gleichgültig abgcwiesen hätte, nunmehr ruhig hinsitzcn solle, bis ein bigotter*) ») „Bigott" ist wohl daS geeignetste Wort siir bas »niibcrsehbare griechische, welches einen Menschen bezeichnet, der hcrumliiuft, »in siir die Götterinnttcr Cybele Gaben cinzusaimncln. 76 König Zeit fände, die Pauke aus der Hand zu legen und das Saufgelage seiner Feste aufzugcbcn, um ihn — umzubringen. Cap. 37. Nachdem dieser Entschluß gefaßt und glücklicherweise Ptole- mäus nach Kanopus verreist war, sprengten sie vor Allem das Gerücht aus, daß Klcomenes von dein König aus seiner Haft entlassen werde. Sodann handelte man nach einer gewissen königlichen Gewohnheit, wonach Solchen, die ans dem Gcfängniß frei- gegeben werden sollten, ein Festessen und sonstige Geschenke überbracht wurden. Demgemäß ließen auch die Freunde des Klcomenes viele derartige Dinge für ihn Herrichten und schickten sie von auswärts hinein, indem sic die Wächter täuschten, welche Alles von dem Könige hcrgesandt glaubten. Er hielt sogar ein Opfer und gab ihnen von Allem ihren reichlichen Anthcil, setzte Kränze ans den Kopf und schmauste behaglich und fröhlich mit seinen Freunden. Indessen soll er. früher, als seine Absicht gewesen war, zu der Ausführung geeilt sein. Er bemerkte nämlich, daß einer von den Sklaven, die um den Plan wußten, außerhalb des Hauses seiner Geliebten einen Besuch gemacht hatte. Somit befürchtete er eine Anzeige. Als cs Mittag war und er seine Wächter in der Trunkenheit eingcschlafen sah, zog er sein Unterkleid an, wovon er die Naht auf der rechten Schulter aufgctrennt hatte, und stürzte nun mit gezogenen: Schwert zum Palaste hinaus, in Begleitung seiner Freunde, welche in gleicher Weise ausgerüstet waren, — dreizehn an der Zahl. Hippitas, der etwas gelähmt war, drang Anfangs gleichfalls in stürmischem Muthc hinaus; als er jedoch sah, daß die Andern um seinetwillen langsamer vorwärts zogen, forderte er sie auf, ihn umzubringeu und nicht die ganze Unternehmung zu verderben, indem sie auf einen unbrauchbaren Menschen warteten. Zufällig aber führte ein Einwohner von Alerandricn gerade ein Pferd an der Thüre vorbei. Dies nahmen sie ihm ab, setzten flink den Hippitas hinauf und jagten nun durch die Straßen, wobei sic zugleich das ganze Volk zur Freiheit anfricfcn. 77 ^ Allein diese Menschen besaßen, wie cs scheint, nur Kraft genug, um die Kühnheit des Kleomenes zu preisen und zu bewundern, während Niemand den Muth hatte, ihm zu folgen, oder bcizustehen. Indessen kam Ptolemäus, Chrysermos' Sohn, vom Hofe dahergegangen; drei fielen alsbald über ihn her und tödteten ihn. Als auch ein zweiter Ptolemäus, der städtische Kommandant, in einem Wagen auf sie zufnhr, rannten sie ihm entgegen, jagten seine Diener und Trabanten nach allen Seiten auseinander, rissen ihn selbst vom Wagen herab und tödteten ihn gleichfalls. Hierauf zogen sie nach der Burg, und beabsichtigten, daselbst das Gefängnis' aufzubrechen, um die ganze Masse der Eingcsperrten für ihre Zwecke zu verwenden. Allein die Wache hatte noch bei guter Zeit gehörig abgesperrt, so daß Kleomenes, nach dem völligen Scheitern auch dieses Versuchs, andere Richtungen einschlug und in der ganzen Stadt umherirrte. Kein Mensch schloß sich ihm an; Alles lief in ängstlicher Hast davon. So resignirte er also und sprach zu seinen Freunden: „nun, da war's kein Wunder, daß hier Weiber herrschen, über Männer herrschen, die vor der Freiheit davonlaufen!" Zugleich ermahnte er alle, sein und ihrer früheren Thaten würdig zu sterben! Zuerst wurde Hippitas, auf seine eigene Bitte, von einem der Jüngeren niedergestochen. Dann tödtete sich von den Andern Mann für Mann unerschrocken und furchtlos mit eigener Hand. Nur Panteus fehlte noch, welcher einst der Erste war, der die Mauern von Megalopolis erstiegen hatte. Dieser stand in der schönsten Blüthezeit des Lebens und war auch in seinem Benehmen der edelste aller Jünglinge. Der König hatte ihn daher als Liebling stets in seiner Nähe gehabt und befahl ihm jetzt: „wenn er ihn und alle Andern gefallen sehe, — erst dann sich den Tod zu geben." Bereits lagen sie insgesammt am Boden. Da ging nun Panteus herum und gab Jedem mit dem Dolch einen kleinen Stich, um zu versuchen, ob in Keinem mehr noch etwa verstecktes Leben wäre. Auch den Kleomenes stach er, und zwar in die Ferse; und als er sah, daß dieser das Gesicht dabei verzog, küßte 78 er ihn; dann setzte er sich neben ihn. Und als es mit ihm zu Ende war, umarmte er noch den Leichnam und gab sich über ihm dann selbst den tödtlichcn Stich. Cap. 38. Kleomenes war sechzehn Jahre lang König von Sparta gewesen, und jetzt mußte der große Mann ein solches Ende finden! Schnell hatte sich die Sage durch die ganze Stadt verbreitet. Kratcsiklea, wiewohl sonst ein so hochherziges Weib, gab jetzt dennoch ihr stolzes Sclbstbewußtsein dahin — gegenüber von der Größe des Unglücks. Indem sie die Kinder des Kleomenes heftig umschlang, brach sie in ein lautes Wehgeschrei aus. Von diesen Kindern rannte das älteste plötzlich davon und, ohne daß Jemand so etwas ahnen konnte, stürzte es sich vom Dach herunter auf den Kopf. So jämmerlich nun sein Zustand war, — todt war es nicht, sondern als man es anfhob, schien es voll Unwillen darüber, „daß man es nicht sterben lassen wolle!" Als Ptolemäus diese Vorfälle vernahm, gab er Befehl, den Leichnam des Kleomenes in eine Thicrhant zu stecken und dann an's Kreuz zu heften, die Kinder aber, die Mutter sammt den Frauen ihrer Umgebung umznbringcn. Unter letzteren befand sich auch Panteus' Gattin, die sich durch ihre würdevolle Schönheit ganz besonders auszeichnete. Noch waren sic ganz junge Ehe- -lente und standen auf dein Höhepunkt ihrer Liebe, als das Unglück über sie hercinbrach. Sie hatte nun gewünscht, sogleich mit Panteus das Schiff besteigen zu dürfen, allein ihre Eltern litten cs nicht; sic wurde gewaltsam von ihnen eingesperrt und Wohl gehütet. Bald darauf gelang es ihr jedoch, sich ein Pferd und eine kleine Summe Geld zu verschaffen, womit sie Nachts durchging. Sie jagte gestreckten Laufs nach Tänarum und bestieg daselbst ein Schiss, das nach Aegypten segelte. Dort gelangte sie wieder zu ihrem Manne und ertrug mit ihm das Leben in der Fremde, — klaglos und sogar fröhlich. Sie war es, welche jetzt Kratcsiklea, als diese von den Soldaten hinaustransportirt wurde, an der Hand führte, ihr das 79 lange Kleid tragen half und Muth einsprach, obwohl Kratesiklea selbst sich keineswegs vor dem Tode fürchtete, sondern nur die eine Bitte aussprach, vor den Kindern sterben zu dürfen. Als sie an dem Platze ankamen, wo die Henker ihr Handwerk auszuüben Pflegten, mordeten sie zuerst die Kinder und Kra- tcsiklea mußte zusehcn. Dann kam die Reihe an sie selbst, wobei sie trotz der maßlosen Größe ihres Unglücks doch nur das einzige Wort sprach: „o liebe Kleine, wohin ist's mit euch gekommen!" Panteus' Gattin aber, eine kräftige, große Person, schürzte sich den Rock auf, um sodann jeder der Sterbenden schweigend und ruhig noch den letzten Dienst zu leisten, indem sic deren Kleidung ordnete, soweit die Umstände es erlaubten. Zuletzt nach allen machte sie selbst ihre Todestoilctte und ließ die Gewandung nieder, duldete aber nicht, daß irgend ein Dritter heraukam und sie sah, mit Ausnahme dessen, der zur Vollziehung der Hinrichtung befehligt war. Sie endete als eine Heldin, und brauchte keine Hand, die sie noch herausputzte oder zudecktc nach ihrem Tode. So blieb denn auch im Sterben noch die edle Schönheit ihrer Seele, und die sorgsame Achtsamkeit, die sie im Leben ihrem Leibe angedeihen ließ, wurde von ihr bewahrt bis zum letzten Augenblick. Cap. 39. Lakcdämon hatte durch dieses tragische Fraucnschicksal einen großartigen Wettkampf durchgckampft, einen Kampf um die Männlichkeit mit der Männerwelt. Es hatte auch hier den Beweis geliefert, daß selbst in Zeiten des äußersten Unglücks die wahre Tugend nicht verhöhnt werden kanü von dem Schicksal. Wenige Tage nachher bemerkten die Leute, welche den gekreuzigten Leichnam des Klcomencs bewachen mußten, eine ungewöhnlich große Schlange, die sich um seinen Kopf hernmgeschlungcn hatte und hiedurch das Gesicht verdeckte, so daß kein fleischfressender Vogel hcranslog. Dies erweckte in dem König eine abergläubische Vcsorgniß und Angst, wie es auch die Weiber zu seltsamen Reinigungen veranlaßte, indem man jetzt den Getödteten für einen -' 80 ^ Liebling der Götter, ja selbst für ein höheres Wesen ansah. Auch die Bewohner von Alcrandricn kamen oft und zahlreich zu dem Ort heran und nannten den Kleomenes einen „Heros", einen „Göttersohn", bis endlich die Gescheiteren der Sache ein Ende machten und zwar durch die Nachweisung, daß bei dem Ver- Wcsungsproceß von dem Rindvieh Bienen, von den Pferden Wespen sich bilden, ebenso unter der früheren Voraussetzung aus den Eseln lebendige Käfer hcrvorkommen, unv endlich in ähnlicher Weise ein menschlicher Leichnam, wenn die verschiedenen Blutsäfte am Mark zusammenfließen und eine gewisse Consistcnz in sich an- nchmen, alsdann Schlangen hervortreten läßt. Diese Beobachtung wurde schon im Altcrthum gemacht und war der Grund, wcßhalb man kein anderes Thier, als gerade die Schlangen, mit den „Heroen" in nähere Beziehung setzte. Druck von C. Hofs mann in Stuttgart.