r las Cafes Tagebuch über Napoleons Leben. Eine treue Uibersetzung des UbinnviklI de 8 ninto - Helkns. Zehntes Bändchen. Dresden, 1824 . in der Arnoldischen Buchhandlung. Summarischer Inhalt des zehnten Bändchens. Uiber den russischen Krieg Napoleons An- und Absichten Offiziell« Instruktionen. ... . Gelte « Heftiger Fluß —- Innere und häusliche Anekdoten.- y Der Schmerz hält au — Jmmoralität, alS das schlimmste Laster der Fürsten. - >, SS fehlt dem Kaiser, der noch immer krank ist. an Arzneimitteln — Italienische Kriege von Scrvan — Frau von Montesson. , >2 Der Kaiser ist stets leidend — Charakteristische Umstände. . . - >4 Fünfter Tag des Juhauscbleibens — Anekdote von einer unbezahlten Rechnung — Uiber Jmpopularirät ....,» 15 Der Kaiser verletzt, sagte er, die Regel» der Medizin — Er hak sein ganzes Leben hindurch kommandirt — Er war der erste, der UNS die große Nation nannte.. ...» I? Abspannung deS Kaisers — Seine Gesundheit nimmt sichtlich ab — Unruhe de« ArzteS — Unsre Gefangenen in England, ihre Ponton« u s. w.» iz Antwerpen — Große Absichten Napoleons — Es ist eine der Ursachen seine« Falls — Die edlen Gründe, weShglb er den Traktat von Cbatillon verweigerte — Arbeiten in, Marinefache; Cherbourg u. s. w. — Offizieller Bericht über das Kaiserthum im Jahre >8iZ — Summe der Ausgaben für alle Arbeiten unter Napoleon. Lsi Der Kaiser ist sehr leidend — Gchwerinuth desselben. — Heitere Anekdoten — Zwei Adjutanten — Tollheit deS General Mallet. ... zy Fortsetzung deS leidenden Zustands und Einschließens — Der Kaiser hätte zu Moskau oder Waterloo sterben solle» — Lob seiner Familie. ..» 42 Geographie, Leidenschaft LeS Augenblicks — Mein Atla» — Paradebett, das von London angekommen ist — Wahr« Rattenfalle — Anekdoten aus englischen Mitlheilungen — Briefe auS St. Helena n. s. w. , 44 Physische Lage Rußlands — Dessen politische Macht — Merkwürdige Worte — Notizen über da» englische Indien — Pirt und Fcr — Ideen aus der politischen Qekonomie — Kompagnien oder freier Handel — Die Edelbosr gegen die Gewerbe n. s. rv. — Herr von Suffren — Ansichten des Kaisers von der Marine.qy Organisation der Kaiser-Regierung ; Präfekte l Auditoren des Staats- ratb«; Beweggründe zu großen Besoldungen; Plane für die Zukunft u. s. w. ..... ..xy Die Vcndee; Cöarette — Lamargue Trauerspiele deS Aeschi- ins, Sophokles u> s. w. -— Wavre Tragödien bei den Römer» — Die Med-a des Seneka. Soilderbarkeit. . . . Der Kaiser befindet sich viel besser — Cr und i» die Luft! — Madame R.... von St. I... d'A.... — Die beiden Kaiserinnen — Verschwendung Josephinens; Unzufriedenheit des Kaisers damit. Ihn charaktciisirendc Anekdoten. . . . Krieg auf großen Heerstraßen — Dumouriez kühner als Napoleon — Näheres über die Prinzessin von Wallis, den Prinzen Leopold von Sachsen Coburg u. s. w. Verschiedene sehr wichtige Gegenstände — Unterhandlungen von Amiens — Erstes Auftreten des ersten Konsuls in der Diplomatik — Von der Verbindung unter den Völkerschaften Europa's — Von der Eroberung Spaniens — Gefahr von Rußland aus — Bcrnadottc. Der Kaiser setzte wenig Vertrauen in das glückliche Ende von 1815 — Thcniistoklcs — Einen Augenblick stieg bei der Krisis von iSig der Gedanke bei ihm auf, selbst die Bourbons wieder einznsctzen — Werke des Baron Fain über die Krisis von illig —- Abdankung zu Fontainebleau; beson ere Züge — Traktat von Fontainebleau u. s. w. Der Degen des großen Friedrich — Man hofft, daß der Löwe schlummern werde — Neue Beeinträchtigungen des Gouverneurs; er nimmt mir einen Bedienten weg u. s. w. — Unser Loos mitten in unserm Elende noch beneidenswerth — Glück in seiner Nähe. Neue Beschäftigungen des Kaisers — Uibcr große Feldherrn, den Krieg u. s. w. — Seine Ideen über verschiedene Einrichtungen zum Besten der menschlichen Gesellschaft — Advokaten — Priester — Andere Gegenstände. Der Kaiser verändert sich zum Erschrecken — Der Gouverneur umgiebt uns mit Befestigungen — Schrecken des Sir Hudson Lowe — General Lamarque — Madame Necamier und ein preußischer Prinz.. . . Die gegenwärtigen englischen Minister; Portralts derselben — Alle Ministerien sind Hospitäler für Aussätzige; ehrenvolle Ausnahmen — Ansichten Napoleons über die, welche ihm gedient haben. Noch etwas über die Generale der italienischen Armee Der Vater eines seiner Adjuvanten — Schlechtigkeiten von Paris; abscheulicher Roman — Uiber Spieler — Familie Roche- soucault u. s. w.. Seit« Hz - S7 - üg - 72 ' 87 - rog - ioz - II? - I2o - I2Y Freitags, den 25. Oktober 1816. ^ch fand den Kaiser beim Anziehen. Das Wetter war erträglich und er gieng daher aus. Wir gelangten in daS Wäldchen; er fühlte sich schwach, denn seit 10 Tagen war er nicht hcrausgekommen; Seine Knice zitterte», sagte er, bald werde er sich auf mich stüz- zen müssen. Jetzt erreichte uns, die Kalesche. Archambaud fuhr mit langen Lenkriemen. Nach seines Brudcrö Abreise konnte das nicht anders seyn. Anfangs wollte der Kaiser nicht einsteigen. Er hielt es nicht für rathsam bei der Menge von Baum-Sturzeln. Er erinnerte an sein bekanntes Umwerfen zu Saint-Cloud und verlangte, daß einer der englischen Reilknechte sich als Postillion auffetzen sollte; aber Archambaud versicherte, er sey dann seiner Sache weniger gewiß, als wenn er allein fahre. Er sagte, seit seines Bruders Abreise habe er sich unaufhörlich mitten unter diesen Bäumen geübt, damit er für alles stehen könne. Nun stieg der Kaiser ein und wir machten zwei Touren. Bei der Rückkehr besuchte er die Wohnung des Troßmarschalls, die er noch nicht kannte. Der Abend vergicng bei dem Lesen einiger Stellen aus der Medca von Longepierre, welches der Kaiser unterbrach, um sie mit der Medca des Euripides zu vergleichen, die er herbei holen ließ. Er erzählte bei dieser Gelegenheit, er habe einmal befohlen, man solle ihm aus dem Hoftheatcr ein griechisches Stück ganz ui,' verändert ln der besten Übersetzung und mit möglichster Annäherung an die Manier, das Kostüm, die Form und die Dekorationen des Originals geben. Er erinnerte sich nicht, durch welche Umstände oder Schwierigkeiten die Ausführung seines Befehlö gehindert worden sey. Als er nach seinem Zimmer zurückkam, warf er sich, weil er noch nicht Lust zum Schlafen halte, nach einigen Malen Aus und Abgehen, auf sein Kanapee, schlug eine Art von politischer Sammlung oder Almanach auf, den er eben zur Hand hatte, kam darin- v. Ealeo Tageb. m. Bd. 1 nen auf die Lifte unserer Marschälle, gteug dieselben nach der Reihe durch und erzählte dabcy eine Menge bereits bekannter, oder schon erwähnter Anekdoten. Bei dem Marschalle Hourdan hielt er sich länger auf und schloß mit der Bemerkung: „Das ift einer, den ich dock wirklich sehr übel behandelt habe. Es war nichts natürlicher, als daß ich glauben mußte, «r werde mir das sehr nackgetragen haben. Aber im Gegentheil! ich habe zu meinem großen Vergnü- gen erfahren, daß er mir nach meinem Falle treu ergeben geblieben ift. Er hat dadurch eine Größe der Seele gezeigt, welche die Men> schen ehrt und auSzeicknet. Er ift übrigens ein wahrer Patriot — und das erklärt Vieles." Er gieng nun auf eine Menge anderer Gegenstände über und verweilte dann bei dem Kriege gegen Rußland. „Uibrigens, sagte er, nach Vielem was schon vorausgcgange» war, hätte dieser Krieg der populairfte in der neuern Zeit seyn sol- len. Er war von der gesunden Vernunft und wahrhaften 2m teressen vorgeschriebe», er sollte Ruhe und Sicherheit für Alle her- beisühren, sollte Frieden begründen und erhalten und war ganz europäisch und continental. Bei einem glücklichen Ausgange desselben mußte sich ein Gleichgewicht bilden, mußten neue Verknüpft - ungen entstehen, durch welche die jetzigen Gefahren verschwunden und statt ihrer friedliche Zeiten hervorgegangen wären. Der Ehr- geitz hatte keinen Theil an den Absichten, welche ich hegte. Polen wollte ich wieder Herstellen, diesen Schlußstein der großen Wölbung, und es kam mir nichts darauf an, wer auf dem Throne dieses Reiches, ob ein König von Preußen, ein Herzog von Destcrreich ^,oder wer sonst darauf sitzen würde. 2ch selbst wollte nichts gewinnen, als den Ruhm Gutes gestiftet zu haben, die Secgnungc» der Nachwelt wollte ich mir erwerben. Dar eS wohl zu glauben, daß ich eben hier unglücklich seyn, hierbei meinen Untergang finden würde? Nie hatte ich etwas Besseres gethan, nie größeres Verdienst gehabt; aber, als ob die allgemeine Meinung auch ihre ansteckenden Krankheiten haben könnte, auf einmal erhob sich von alle» Seiten das Geschrei gegen mich. Alle Welt war gegen mich aufgebracht. Man nannte mich den Tnrannen der Könige, mich, der ick ihre Existenz wieder befestigt hatte, den Zerstörer der Vol- kesreckte, mich, der für das Volk so viel thac, so Vieles noch thun wollte — und Völker und Könige, jene sonst so unversöhnlichen Feinde, vereinten und verschworen sich gegen mich und vergessen waren alle früheren Handlungen meines Lebens! Mit dem Siege, hoffte ich, würden die Völker mir ihre Herzen wieder zuwcnden; aber ich erlangte ihn nicht und so erfolgte mein Fall. — Das ist der Menschen Sinn und meine Geschichte! Aber die Völker wie die Könige, und vielleicht beide zugleich, werden mich vermissen! und mein Andenken wird durch das mir widerfahroe Unrechc hin« reichend gerächt werden; das ist gewiß. An merk. Wenn einige Stellen dieses Gesprächs größere Deutlichkeit oder Beweis erfordern, so wird man beides in dem nachfolgenden Briefe finden, der so wohl in Hinsicht auf die Zeit, in der er geschrieben wurde, als durch seinen Inhalt von gleich großen: Werthe ist. Napoleon hat in demselben seine BewegungS« gründe und die Absicht, die er bei dem Kriege gegen Rußland halte, in dem Augenblicke auseinander gesetzt, als er denselben zu unternehmen im Begriff stand. Der gemeine Haufe war allerdings weit davon entfernt, ihn dabei zu begreifen und ihm Gerechtigkeit wie« Verfahren zu lassen; aber es darf nicht unbemerkt bleiben, daß die« ser Krieg, nach der Meinung von Staatsmännern, welche weiter zu sehen vermochten, und hier wirklich weiter sahen, sehr Volks- thümlich war. Der Moment war ihnen unangenehm, aber sie hat« ten seine großen Absichten dabei wohl erfaßt. Instruktion für Herrn. wornach derselbe bei seiner Mission nach Polen sich richten soll. ( 18 . April 1812 .) „Mein Herr! Der Kaiser, welcher Ihre Ergebenheit und Ihre Fähigkeiten kennt, giebt Ihnen einen ausgezeichneten Beweis seines besonder» Vertrauens, indem er Sie mit einer Mission von dem größten politischen Interesse beauftragt. Es verlangt dieselbe Thä« tigkeic, Klugheit und Verschwiegenheit. „Sie gehen nach Dresden. Der sichtliche Gegenstand Ihrer Reise ist, daß Sie Sr. Majestät dem Könige von Sachsen einen Brief überreichen, den Sie Morgen beim Lever aus den Händen des Kaisers erhalten werden. Sr. Kaiserliche Königliche Majestät haben Ihnen bereits ihre Absichten zu erkennen gegeben, uns wer« den Ihnen morgen die letzten Instruktionen über diejenigen Eröffnungen ertheiicu, welche Sie dem Könige von Sachsen zu machen haben. „ES ist der Wille des Kaisers, daß dieser Souverain mir aller der Ehrerbietung behandelt werde, welche der ganz besonder» Hoch- achtung angemessen ist, die Sr. Majestät für dessen Person hegen. Sie werden sich rheilS mit dem Könige selbst, theilS mir dessen Ministern ohne allen Rückhalt verständigen und Vertrauen in die Eröffnungen setzen, die Sie von dem Grafen von Sec«Pilsac (Senfc von Pilsach) erhalten. „Sachsen wird kein Opfer zu bringen haben, wofür es nicht entschädigt würde. „Sachsen legt wenig Werih auf die Souveraineräc deS H,r;og« lhumS Warschau, wie solche dermalen besteht. Es sieht darinnen einen prekären und lästigen Besitz. Dieses Bruchstück von Polen bringt dasselbe mit Preußen.Oesterreich und Rußland in ein unangenehmes Verhältnis Aie haben diese Ideen noch mehr zu entwickeln und die Frage in dem Sinne aufznstellen, wie sie am 17ien in Ihrer Gegenwart im Kabinette des Kaisers verhandelt wurde. Sic werden das Dresdner Kabinct nicht geneigt finden 2bnen große Einwürfe zu machen; es hac in seinen diplomatischen Mittheilun- gen zu mehrern Malen die obigen Bemerkungen gemacht, und es ist mithin keineswegcs von irgend einer Zerstücklung der Staaten des Königs von Sachsen die Rede. „Nach einem kurzen Aufenthalte in Dresden werden Sie 2hrt Abreise nach Warschau melden, wo Sie dann neue Befehle des Kaisers zu erwarten haben. „Set Kaiser!. Majestät bittet den König von Sachsen Sie bei seinen Polnischen Ministern zu accrcditiren. „2n Warschau werden Sie mit dem Kammerherrn des Kaisers Prinzen *** und dem General *** im Einverständnisse handeln. Beide stammen von den berühmtesten Polnischen Hauser» ab; sie haben versprochen, den Einfluß, den sie bei ihren Mitbürgern besitzen, dahin zu verwenden, daß sie solche geneigt machen, zu der Unabhängigkeit und dem Glücke ihres Vaterlandes nach Kräften beizutragen. Es muß nun 2hr Bestreben seyn, dem Gouvernement des Großherzogthums einen solchen 2mpuls zu geben, wodurch die großen Veränderungen vorbereitet werden, welche der Kaiser zu Gunsten der polnischen Nation bewirken will. „Es ist nothwendig, daß die Polen die Absicht des Kaisers unterstützen und selbst das 2hrige zu ihrer Wiedergeburt beitragen. Sie haben die Franzosen hierbei nur als mächtige Gehülfen zu betrachten. „Der Kaiser verkennt die Schwierigkeiten nicht, welche er bei der Wiederherstellung Polens finden wird. Dieses große politische Werk stehc allerdings mit den scheinbaren und gegenwärtigen 2nteressen seiner Alliirten im Widerspruch. „Die Wiederherstellung Polens durch kaiserlich französische Waffen ist eine gewagte — selbst gefährliche Unternehmung, wobei Frankreich zugleich gegen Freunde und Feinde ankämpfen muß. Hierüber noch einiges Nähere: „Die Absicht des Kaisers geht dahin, wo möglich ohne Krieg, Polen mit seinem ganzen älter n Gebiete, oder mit einem Th eile desselben zu organisiren. Um zu diesem Zwecke zu gelangen, haben Se. Majestät 2hren Ambassadeur zu Petersburg sehr ausgedehnte Vollmachten erchcilt, haben einen Negocia- teur mir dem Aufträge »ach Wien geschickt, mit den vornehmsten 5 ^ Mächten zu unterhandle», große Terrirorial-Opfer im Namen des Französischen Reichs als Entschädigungen für diejenigen Abtretungen zu bieten, welche die Wiederherstellung des Königreichs Polen erfordern d.ürfte. „Europa besteht aus drei großen Abchcilungen: dem Französi- schen Reiche In Westen, den deutschen Staaten in, Mittelpunkte und dem Russischen Reiche in Osten.. England kann aus dem Con« linente nur denjenigen Einfluß haben, den dessen Mächte ihm zu- gestehen wollen. „Durch eine starke Organisation des Mittelpunktes muß vcr- hindert werden, daß weder Rußland noch Frankreich durch Erweiterung seiner Grenzen jemals die Oberherrschaft von Europa an sich reißen könne. Das französische Reich genießt jetzt die ganze Fülle seiner Kraft. Wenn eü nicht den jetzigen Augenblick benutzt, die politische Constitution von Europa zu ordnen, so kann cs morgen ; die Dorcheilc seiner Lage verlieren und sein Unternehmen hierbei scheitern. „Prcußenö Bildung zu einem Militair-Staare, die Regierung und die Eroberungen des großen Friedrich, die in Umlauf gekommenen Ideen des Jahrhunderts und der französischen Revolution haben den alten germanischen Bund zerrissen. Der Rheinbund ist ! nur provisorisch. Die Fürsten, welche dadurch gewonnen haben, I wünschten vielleicht dieses System befestigt zu sehen, aber jene, weiche dadurch verloren, die Völker, welche durcl^ den Krieg unglücklich geworden sind, die Staaten, welche die allzugroße Macht Frankreichs fürchten, werden, so oft sich ihnen die Gelegenheit dazu darbieiet, sich der Erhaltung des Rheinbundes widcrsetzcn. Selbst diejenigen Fürsten, weiche durch das neue System an Land und Leuten gewonnen haben, werden darnach streben, sich davon loszu- machcn, sobald die Zeit den Besitz der erlangten Vergrößerung befestigt haben wird und Frankreich würde am Ende ein mit allzugroßen .Opfern erkauftes Protektorat seinen Händen entrissen schen. „Der Kaiser ist daher gemeint, zu einem Zeitpunkte, dessen Eintritt nicht entfernt scyn kann, eine solche Vereinigung zu treffen, daß alle Europäischen verbündeten Mächte ihre völlige Unabhängigkeit erlangen. „DaS Oesterreichiscke Haus, welches drei große Königreiche besitzt, muß bei der topographischen Lage seiner Staaten, die Seele dieser Unabhängigkeit scyn, darf aber dabei kein Hcrrschcramt aus- übcn wollen, und im Falle eines Bruches, zwischen Frankreichs und Rußlands Kaiserreichen, würde ein solcher Bund der Zwischen- Mächte, wenn derselbe durch einen gleichen Impuls in Bewegung gesetzt würde, nochwendiger Weise de» Untergang der einen oder 6 der andern der streitenden Parlheien nach sich ziehen und Frank» reich wäre dabei größerer Gefahr alö Rußland ausgesetzt. „Der Mittelpunkt von Europa muß aus Staaten bestehen, die ungleich an Macht sind, von denen jeder einer eignen Politik folge und in Rücksicht seiner Lage und seiner politischen Verhältnisse in dem Protektorate der überwiegenden Mächte Schutz suchen muß. Diese Staaten sind mithin bei der Erhaltung des Friedens in» teressirt, weil sie stctS die .Opfer des Krieges seyn würden. Bei diesen Betrachtungen findet der Kaiser, nachdem er neue Staaten gebildet, und ältere vergrößert hat, um in Zukunft unser Allianz» System zu befestigen, ein großes Interesse für sich und zugleich für Europa in Polens Wiederherstellung, da ohne die neue Begründung dieses Königreichs, Europa von dieser Seite ohne Grenzen bleibe, wo Oesterreich und Deutschland dem mächtigsten Reiche der Welt entgegen steht. „Der Kaiser sieht voraus, daß Polen und Preußen in der Folge die Attiireen Rußlands seyn werden. Wenn aber Polen ihm seine Wiederherstellung verdankt, so wird die Epoche der Verein!» gung dieser Staaten noch so weit entfernt bleiben, daß inzwischen die neue Ordnung sich befestigen kann. Wenn bann Europa auf diese Weise organisirt seyn wird, kann kein Grund der Eifersucht zwischen Frankreich und Rußland übrig bleiben; beide Reiche wer» den gleiche Handels-Interessen haben, und nach gleichen Grundsätzen handeln. „Ehe die Verhältnisse mit Preußen kälter wurden, hatte der Kaiser den Gedanken, ein festes Bündniß mit dessen Könige zu schließen und die Krone Polens auf sein Haupt zu setzen. Es wären In diesem Falle, da Preußen schon ein Dritthcil jenes Rei» ches besaß, weniger Schwierigkeiten zu besiegen gewesen. Man hätte Rußland dasjenige gelassen, was es durchaus ferner zu be» sitzen verlangt haben würde und Oesterreich Entschädigung ange» wiesen. Der Gang der Ereignisse hat jedoch diesen Plan des Kaisers geändert. „Bei den Negotiationen zu Tilsit mußte man eben in den Ge» genden, welche am meisten die russische Macht fürchteten, Staaten bilden. Der Moment war günstig, Polen wieder herzustcllen, wenn es auch nur mir Gewalt und unter Verletzungen geschehen konnte. Aber dann mußte der Krieg verlängert werden. Die Französische Armee litt durch die Kälte und den Mangel an den unentbehrlichsten Dingen. Rußland hatte Heere auf den Beinen und der Kaiser war von den großmüthigen Gesinnungen gerührt, weiche ihm der Kaiser Alexander bewies. Von Seiten Oesterreichs zeigten sich Hindernisse und er ließ daher seine Politik durch daS 7 ebenfalls innig« Verlangen leiten, einen Frieden z» unterzeichnen, dessen Dauer zu hoffen war, hatte England, durch Rußland und Oesterreich bewogen, in eine allgemeine Friedcnöstiftung eingehen wollen. „Nun Preußen unglücklich gewesen war, hegte rS zu großen Haß gegen uns, als daß wir nicht nach Verminderung von dessen Macht halten streben sollen. Zu diesem Zwecke erfolgte die Drga- ntsacion des GroßherzsgthumS Warschau. Man gab diesem den König von Sachsen zum Souverain, einen Fürsten, der sein ganzes Leben nur dazu angewendet hat, seine Unterthanen glücklich zu machen. Man suchte die Polen durch Einrichtungen zu befriedigen, die ihnen angenehm waren, und sowohl mir ihren Sitten, als mit ihrem Nationalcharakter übereinkamen. Allein diese Maßregeln waren in jedem Sinne übel gewählt. „Sachsen, das durch Preußen von seinem neuen Besitz« lhume getrennt war, konnte mir Polen keinen Körper bilden, der fest und mächtig gewesen wäre. Die Errichtung einer durch das preußische führenden Miiicair-Scraße, um eine Verbindung zwischen Sachsen und Polen zu begründen, war erniedrigend für die Preußi« sehe Nation und die Polen seufzten, daß sie sich in ihren Hoffnun« gen getäuscht sahen. „Der Kaiser federte die Besetzung der Preußischen Festungen, um gewiß zn seyn, baß diese Macht nicht an Mittel denken möchte, den Krieg aufs neue zu entflammen. Der Feldzug von 1800 bewies wie scharfsichtig seine Politik gewesen war, und brachte ihn zu dem Entschlüsse, ohne Unterlaß an der Beendigung jener Dr- ganisacion zu arbeiten, welche diesen unseligen Kriegen ein Ziel setzen soll. „Der Kaiser hat geglaubt, daß er durch die Menge der Trup« pen, welche er an die Weichsel Vorgehen läßt, und die Besetzung der Preußischen Festungen, sich furchtbar zeigen müsse, um sich der Treue seiner Bundesgenossen zu versichern und vielleicht durch Unterhandlungen zu erlangen, was sonst wohl nur durch den Krieg zu erreichen seyn möchte. „Unter diesen Umständen ist die Gefahr dringend. Nicht ohne Wagniß kann man Heere 500 Stunden weit von ihrem Gebiete entfernen, und Polen muß eben so viel von seiner eignen Kraft, als von dem Beistände des Kaisers erwarten. Die Polen müssen, ich wiederhole es, diesen Beistand, wenn der Krieg «usbricht, nur alS Vermehrung ihrer eignen Mittel betrachten und an die Zeiten sich erinnern, wo sie, durch ihre Vaterlandsliebe und ihren Muth, den zahlreichen Heeren Widerstand leisteten, welche ihre Unabhängig kcit augriffen. „Die Völker deS Großherzogthums wünschen Polens Wieder» Herstellung. An ihnen ist es die Wege zu bahnen, aus welchen dann die usurpirrcn Provinzen ihren Willen aussprechen können. Das Gouvernement des Großherzogihums muß, sobald eS nur die Umstande erlauben, die losgerissenen Glieder ihres unglücklichen Vaterlandes unter dem Panier der Unabhängigkeit sich consödcriren lassen. Wenn es aber unter Rußlands oder -Oesterreichs Herrschaft befindliche Polen gicbt, welche sich weigern, zu dem Mutterlande zurück- zukehrcn, darf man sie kcinrswegcs dazu zwingen wollen. Polen muß seine Kraft eben so sehr in seinem Gemeingeiste und seiner Vaterlandsliebe finden, alS in den Einrichtungen, welche das neue Scaalsband gründen werden. „Der Gegenstand Ihrer Sendung ist also dieser: die polnischen Patrioten aufzuklärcn, zu ermuthigen und ihre Operationen zu lei« ten. Sie haben dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten von Ihren Verhandlungen Rechenschaft zu geben, dieser wird mir den Erfolg anzeigen, indessen ich von Ihnen Auszüge Ihrer Berichte erwarte. „Das Unglück und die Schwäche der Republik Polen wurde durch eine Aristokratie herbeigeführt, welche weder Ordnung noch Mäßigung kannte. Damals, wie noch jetzt, war der Adel mächtig, die Klasse der Bürger unterwürfig und daS Volk galt für nichts. Aber bei allen diesen Unordnungen hatte diese Nation doch eine Liebe zur Freiheit und Unabhängigkeit, welche ihr schwaches Daseyn lange aufrecht erhielt. Dieß Gefühl muß mit der Zeit und durch die Bedrückung sich verstärkt haben. Die Vaterlandsliebe ist de» Polen, ja selbst den Individuen großer Familien angeboren, und der Kaiser wird das Versprechen, welches er im 25. Artikel des Traktats vom 9. Iuly 1807 gcthan hat, daß das Großherzogchum durch Constitutionen, welche seine Freiheit und die Privilegien des Volkes sichern, regiert werden soll, so weit sich solches mit der Ruhe der Nachbarstaaten verträgt, ohne alle Einschränkung halten. Polen wird unabhängig und frei seyn, und die Dahl deo Souverains durch einen Tractat bestimmt werden, den Sr. Majestät mit den übrigen Mächten abschließcn wollen. Sr. Majestät machen keinen Anspruch auf Polens Thron, weder für sich noch für Ihre Familie. Sie haben bei dem großen Werke der Wiederherstellung dieses Reichs keine andere Absicht, als das Glück der Polen und die Ruhe von Europa. Sr. Majestät bevollmächtigen Sie hiermit, diese Erklärung zu machen und zwar in aller Form, sobald Sie es den Interessen Frankreichs und Polens angemessen finden. „Sr. Majestät haben mir besohlen, Ihnen diese Note mit Ihrer Instruktion« wovon Dieselbe» Kcnntniß genommen haben« zu s übersenden, damit Sie daraus das Wesentliche Ihrer Unterhalt»!!» gen mit den sremden, zu Dresden und Warschau sich befindenden, Ministern entnehmen möchten. „Der Kaiser läßt Noten an den KriegSministcr und den Mini» ster der auswärtigen Angelegenheiten im Herzogthume Warschau er» gehen. Wollte es an pecuniären Mitteln ermangeln, so würden Sr. Majestät den Polnischen Kassen durch Anweisungen auf die außerordentlichen Domainen zu Hülfe kommen, welche Sie annoch in Polen und in Hannover besitzen." Sonnabends, den 26. Oktober 1816. Man sagte, daß der Kaiser sehr leidend scy. Er ließ mich In sein Zimmer rufen. 2ch fand ihn in seinem Lehnstuhle, den Kopf in ein Tuch eingcpackt und ganz nahe bei einem Feuer sitzend, daS er sich halte anzünden lassen. „Was ist wohl das größte Hebel und der empfindlichste Schmerz?" fragte er. — Ich antwortete, es sey wohl immer der des Augenblicks. „Nun gut! sprach er weiter, also Ist cs Zahnschmerz." Er hatte in der That einen sehr heftigen Fluß; sein rechter Backen war geschwollen und überaus roch. Ich befand mich in diesem Augenblicke allein bei ihm und wärmte nun abwechselnd ein Stück Flanell und eine Servierte, wo» von er bald das eine, bald das andere an den leidenden Thcil brachte, weil, wie er äußerte, eS ihm sehr gut that. Hierzu kam »och ein starker nervöser Husten, Gähnen, und Fieber verkünden» der Frost. „Was ist doch der Mensch," sagte er. „Ein Leiden an der kleinsten seiner Fibern, ist hinreichend, ihn ganz untauglich zu ma» chen. lind von der andern Seite, muß man, bei allen liebeln, denen er trotz bietet, ihn doch wieder zuweilen mit Gewalt todt schlagen, wenn man will, daß er enden soll. Welch eine sonder« bare Maschine! in dieser traurigen Hülle soll ich vielleicht noch 30 Jahre stecken!" Er glaubte, daß sein Fluß von seinem letzten Ausgange und einem Zugwinde hcrrühre, den er sehr wohl gefühlc habe. „Die Natur ist immer der beste Rathgeber, sagte er. Ich bin wider Willen, meinem Instinkt trotzend und nur der Vernunft folgend, ausgegangen." Der Doktor kam und fand, daß er etwas Fieber habe. Der Kaiser brachte daher den übrigen Tag damit zu, daß er, uncer sehr bcfrigen Schmerzen, bald von seinem Lehnstuhle nach dem Kanapee, Haid von diesem zu dem erstercn zurück gicng und während der 10 Zwischenräume, wenn der Schmer; nachließ, über verschiedene Ge> genstänve sprach. Er verweilte einen Augenblick bei den Schmutzereien, die man sich um ihn her, zur Zeic seiner Macht, zu Schulden gebracht habe. Eine Familie in den Tuilcricn, die er einst mit Güte überhäuft, und welche, im Vorbeigehen gesagt, bei der Katastrophe sich sehr schlecht benahm, war von ihm selbst einmal dabei ertappt worden. Er hatte sich aber darauf beschrankt, ihnen ihr Unrecht vorzuhal- ten, anstatt sie zu bestrafen. WaS war daraus entstanden, fügte er hinzu; er hatte sie gegen sich aufgebracht, ohne ein Beispiel derGe- rechcigkeit zu geben. „Da sehen Sir, bemerkte er, was das sage» will, wenn man eine Sache nur halb thut; man verliert stets dabei. Man muß nicht rhun als ob man sähe. Wenn man aber sehen will, so muß man sich auszusprechcn wissen." Er erwähnte dann einer Frau, die, eben so wie ihr Mann, sehr vortheilhast «„gestellt war und doch ohne Aufhören von ihrer Ar. much sprach. „Sie schrieb mir okr, sagte er, um Geld von mir zu verlangen, als ob sie ein Recht dazu hätte, wie cö etwa Frau ' von Bertrand, nach der Rückkehr von Helena, oder irgend jemand von euch übrigen thun könnte." Ferner gedachte er eines Mannes, der im Jahr 18l4. sich ganz besonders an ihm vergangen hatte. „Sie glauben vielleicht, er habe sich bei meiner Rückkehr geflüchtet. Nein, im Gegrncheile, er belagerte mich. Er gerieth gar nicht in Verlegenheit, als er mir sagte, daß er eine augenblickliche Vorliebe für die Bourbons gehabt, die sich jedoch bald bestraft habe. Dies habe übrigens die natürliche Zuneigung, welche jeder mit so großem Rechte für mich hege, nur noch mehr verstärkt!! — Ich wollte nichts von ihm wissen. Wahr, scheinlich liegt er jetzt zu ihren Füßen und sagt ihnen, wie das in der Ordnung ist, die abscheulichsten Dinge über mich. — Arme Menschheit! du bist doch immer und überall dir gleich! —" Endlich erzählte er — und zwar abermals von jemand, den er früher mit Wohlthaten überhäuft hatte — eine ganz abscheuliche, die Kaiserin Zoscphine betreffende Geschichte. Man wollte diese nämlich unter dem Vorwände, ihr die Gestattung des fernem Aufenthalts und ein ruhiges Leben in Frankreich dadurch zu bewirken, eigentlich aber, um sich anderwärts damit ein Verdienst zu machen, bewegen, einen Brief zu unterzeichnen, der sic nur erniedrigen konnte. Sie sollte darinnen dem Könige schreiben, sie wisse nicht, was sie scy, noch was sie gewesen und bitte ihn daher ihre Existenz zu bestimmen rc. Die Kaiserin vergoß viele Thränen, wollte nicht darauf eingehen, verlangte Aufschub und zog den Kaiser Alexander zu Rathe, welcher ihr sagte, daß ein solcher Brief ihr , — 11 — zur Schande gereichen würde; Ke solle die Jntrigueomacher »nd Zwischenträger sortschicken; er sey gewiß, daß man ihr dergleichen Dinge nicht zumuthen werde, daß kein Meusch daran denke, sie ans Frankreich forrzuschicken, oder sonst ihre Ruhe zu stören, und daß er äußersten Falles die Bürgschaft für sie übernehmen wolle w. Gegen Abend legte sich der Schmerz und der Kaiser konnce schlafen. Er mochte viel gelitten haben; seine Gesichtszüge waren sehr verändert. ' Sonntags den 27. -Oktober. Der Kaiser brachte den ganzen Tag auf seinem Kanapee oder auf seinem Lehnstuhle am Feuer zu. Er hatte wenig geschlafen, t eben so sehr als gestern gelitten und nicht gegessen. Seine Kops- » und Zahnschmerzen waren überaus heftig,, der Fluß hatte sich um i nichts vermindert. Er brauchte wieder seinen gewärmten Flanell I und die Servietten, wie gestern, und sagte, als er mich sah, daß ^ ihm das so gut gethan hätte. Ich begann, sie ihm wieder zu wärmen und aufzulegen; er schien davon gerührt zu seyn, lies ei- l nigemale seinen Arm auf meine Schultern fallen, «nd sagte wiederholt: „Mein Guter! Sie thun mir wohl!" Der Schmerz verringerte sich ein wenig, und er schlummerte einige Augenblicke; dann öffnete er die Augen, und fragte: „Habe ich denn lange geschlafen, H haben Sie sich recht schön gelangweiit?" und nun nannte er mich ^ seinen Bruder Krankenpfleger, den Maltheser-R i cter j auf St. Helena. Da fetzt der Schmerz wieder heftiger als ^ jemals wurde, lies er den Arzt kommen. Dieser fand, daß er ii Fieber habe; der Frost von gestern stellte sich wieder ein, und er ! sah sich genöthigt, näher ans Feuer zu rücken. So gieng es den ganzen Abend. Gegen 7 Uhr sprach er oom zu Bette gehen, und da er nicht essen wollte, so machte er sich l selbst Brodwafser, lhac Zucker und Orangenblüthen hinein, und ! Brod, das sein Kammerdiener rösten mußte. Unter mancherlei flüchtigen Gesprächen habe ich einige Worte über die Zmmoralität aufgefaßt: „Die Immoralitäc, sagce der Knifft, ist ohne Zweifel die schlimmste Neigung, die man an einem Fürsten finden kann. Durch ihn wird sie zur Mode, man macht » eine Ehre daraus, um ihm zu gefallen, alle Laster vergrößern sich, I alle Tugenden, die ganze menschliche Gesellschaft wird verpestet; sie - ist das größte Unglück eines Volkes. Die öffentliche Sittlichkcic § hingegen ist die natürliche Erfüllung aller Gesetze, und selbst für § sich ein besonderes Gesetzbuch." Er versicherte hierbei, daß die Revolution doch, bei allen ihren Greueln, die eigentliche Ursache zu der Wiederherstellung unsrer Sitten gewesen sey. „So wie die schmutzigsten Düngerhaufen die herrlichste Vegetation Hervorbringen." Er behauptete ferner, seine Verwaltung sey eine denkwürdige Acra der Rückkehr zur Moralität geworden. „Wir eilten ihr mit allen Segeln zu, sagte er, aber eben so gewiß ist cs auch, daß die ein. getretenen unglücklichen Ereignisse derselben widerstreben werden, denn wie wäre eS wohl möglich, daß mitten unter so vielen Schlechtigkeiten und Unordnungen, man der Verführung aller Art, den Lockspeisen der Iniriguc, den Begierden, den Veranlassungen zur Bestechung widerstehen sollte. Aber bei alle dem wird, wenn auch der Trieb zum Besseren ausgehalten und zurückgedrängt ist, daS Bessere selbst doch nicht vernichtet werden können, denn die öffentliche Moralität ist daS besondere Besitzthum der Vernunft und der Aufklärung, sie ist ihr natürliches Erzeugniß, und diese kann man nun nicht mehr zurückgehen lassen. Um den Skandal und die Schändlichkeit früherer Zeiten wieder eintrcten zu lassen, die Weihe des doppelten Ehebruchs, die liederliche Lebensweise der Regentschaft, die Ausschweifungen der darauf folgenden Regierung, müßten auch alle die Verhältnisse jener Zeit vorhanden seyn, was unmöglich ist; der gänzliche Müssiggang der ersten Klasse, die keine andere Be> schäfcigung hatte, als den freiesten Liebeswecksel der beiden Ge. schlechter, müßte wicderkehren, man müßte in der Mittelklasse jenen Gährungsstoff der Iudustrie zerstören können, welcher jetzt jede Phantasie bewegt, große Ideen weckt, und die Gemüther erhebt; man müßte endlich die unterste Klaffe aufs Neue in jenen erbärm- lichen und unwürdigen Zustand versinken lassen, der sie zu wahren Lastchieren machte: alles das ist nun nicht mehr möglich. Die öffentliche Sittlichkeit ist also im Steigen, und man kann es vor. aussetzen, daß sie sich allmählig aus der ganzen Erde verbessern werde rc." Um 9 Uhr, als der Kaiser schon im Bette war, verlangte er, daß alle Welt bei ihm eintrcten möchte. Der Großmarschall und dessen Gemahlin waren von der Zahl. Er behielt uns eine halbe Stunde bei sich, und sprach bei zugezogenen Vorhängen. Montags den 28. Oktober. Ich befand mich bei meinem Erwachen sehr unwohl und wollte daher ein Fußbad nehmen; allein eS war nicht zu erlangen. Ich führe das nur an, damit man, wenn es möglich ist, unsre wahre Lage in Longwood begreife! Das Wasser ist im Allgenieinen hier sehr selten, aber seit einiger Zeit ist eS auf ganz besondere Weise noch viel seltener geworden, und es macht daher eine wichtige An< gelegenheit aus, wenn dem Kaiser ein Bad verschafft werden soll. So geht es ohngesähr mit jeder Art von ärztlicher Hülfe. Der Doktor sprach gestern in Gegenwart des Kaisers von Droguerie, von Instrumenten, von nothwendigen Heilmitteln, fügte aber bei jeder Sache hinzu: Unglücklicherweise kann man das hier nicht haben. „Man hat also, sagte der Kaiser zu ihm, als man unS hieher schickte, sich doch wohl verbindlich gemacht, daß wir uns ununterbrochen hier wohl befinden werden." In der That fehlt cS anden unbedeutendsten und doch unentbehrlichsten Dingen. Der Kaiser hat, um sein Betre warmen zu lassen, dazu kein anderes Mittel gefunden, als eine von seinen großen silbernen Kugeln, welche bestimmt waren zu dem Warmhalten der Schüsseln bet der Tafel, herzunehmen, ein Loch hinein zu machen, und sie mit Kohlen anfüllcn zu lassen. Seit zwei Nächten entbehrt man etwas Weingeist, um damit daS nölhige Getränk zu wärmen. Der Kaiser litt heute abermals wahrend des ganzen Tages. Der Backen war sehr geschwollen, aber der Schmerz minder heftig. Ich fand ihn bei dem Feuer sitzend, und die Kriege der Gallier in Italien von Servan lesend. Er kam dabei auf den Gedanken, unfern, für Soldaten vom Handwerke, so kostbaren italienischen Kapiteln noch einiges hinzuzufügen, und lies deshalb die Charte dieses Landes herbciholen. AIS ich jetzt meine Verwunderung äußerte, daß der Verfasser, der bis auf unsre Zeiten kömmt, und selbst die Feldzüge deS Kaisers schildert, das Terrain so wenig beschreibt, und eS sogar nicht sehr zu kennen scheint, sagte er: „Er wird cs vielleicht durchreiset haben, ohne cS kennen zu lernen, und hat eS wohl selbst dann nicht errakhen, als er es sah, während das Genie großer Unternehmungen und bedeutende Erfolge hauptsächlich darinnen bestehen, daß man die Kunst besitze, das Terrain zu errathen, ohne es gesehen zu haben re." Der Kaiser mußte sich, wie gestern, zeitig zu Bette legen. Er hatte ohne Zweifel Fieber, denn er fror sehr. Seit gestern halte er nicht», alS etwas Suppe gegessen, und war zu einer Art Schwindel geneigt. Sein Bette sey schlecht gemacht, die Decken nicht recht gelegt, nichts in Ordnung, sagte er, und versuchte nun AlleS übel und böse zurcchcbringen zu lassen, dabei bemerkend, daß Alles, was er um sich habe, nur darauf berechnet sey, daß er sich stets in voller Gesundheit befinde, und niemand habe einige Erfahrung, jeder werde sich sehr linkisch anstellen, wenn ihm einmal eine schwere Krankheit zustoßen sollte rc. Er lies sich Thee von Orangcnblättern aufgießen, worauf er lange Zeit mit einer Geduld wartete, deren ich gewiß nicht fähig gewesen wäre. 14 Er sprach Im Bette von seinen ersten Jahren zu Brienne« von dem Herzoge von .Orleans, von Frau von Monteffon, die er beide dort gesehen zu haben sich erinnerte; von der Familie von No> grnt und von Brienne, waS mir seinen frühem Jahren genau zu« sammenhängc ic. l „Frau von Monteffon, erzählte Napoleon, fragte, als ick zur Regierung gelangt war, einst bei mir an, ob sie wohl den Tirel l einer Herzogin von Orleans annehmen dürfe, was ich sehr lache» > lieh fand." Der Kaiser glaubte nämlich, sie sey blos die Mailresse « deS Prinzen gewesen. Ich versicherte ihn, sie habe sich allerdings i und mit Zustimmung Ludwig XV. vermahlt, und, wie ich gewiß 1 zu wissen glaubte, nach dem Tode ihres Gemahls bei allen Ver- ! Handlungen den Namen der Wittwe von Orleans geführt. Der » Kaiser äußerte hierauf, daß ihm das ganz unbekannt gewesen wäre. !> „Aber was sollte wohl, fragte er, auch in diesem Falle der erste f Konsul sagen, was sollte er thun? — DaS war denn auch immer i meine Antwort an die, welche sich dafür interessircen, und mit mir ^ wenig zufrieden waren. Sollte ich mich denn sogleich zu den Unre- H gelmäßigkeiten und Lächerlichkeiten der alten Schule bekennen?-c." i Dienstags am 29'. Oktober. ! Mein Sohn war krank, ich selbst nicht wohl, und meine - Schlaflosigkeit dauerte fort. Der Doktor besuchte uns. Er sagte, der Kaiser sey besser, habe jedoch großes Unrecht, daß er durch» aus keine Arznei nehmen wolle. ^ Erst uni 5 Uhr wurde ich zum Kaiser gerufen. Ich fand ihn ! im Fußbade, weil er noch sehr am Kopfe litt. Das Fußbad de» kam ihm jedoch recht gut. Er setzte sich auf sein Kanapee, nahm die Memoiren von Noaillcs vor, las einige Bruchstücke über den Herzog von Vendome bei der Belagerung von Lille und einige andere, über den Herzog von Berwick ganz laut vor, und begleitete das Gelesene mit seinen eignen, immer neuen, originellen und treffenden Bemerkungen. Ich bedaure sehr, daß ich nichts davon hier aufzeichnen kann; aber in dieser letzten Parchie meiner Hefte, welche noch nicht aufS Reine gebracht war, als man sie mir wegnahm, finde ich nun nichts als Andeutungen, die nach so langer Zeit meinem Gedächtnisse ganz fremd geworden sind. Der Kaiser bemerkte aus seiner Kommode einiges Back- oder Zuckerwerk, das man dort vielleicht vergessen hatte, und verlangte, daß Ich ihm ctwaS davon bringen mochte, gewabrte jedoch meine Verlegenheit und mein Zögern, alS ich nicht wußte, wie ich es ihm aus anständige Weise präsentsten sollte. „Ach! mit der Hand, mein Herr! rüste er mir zu, ganz geradezu mit der Hand. Keine Umstände, keine Komplimente weiter unter uns! Dir müssen, wie die Soldaten, aus einer Schüssel essen, fortan einer für den andern leben." Das ist ohne allen Zweifel an und für sich etwas sehr Unbedeutendes, was aber Vielen die Wendung des Geistes, den Charakter, die Neigungen des Gemüths, die innere Stimmung besser bezeichnen wird, als es sonst mit einer Menge von Worten nicht möglich wäre; denn eS gicbt Menschen, die scharfsichtiL genug sind, Dinge zu erkennen und zn begreifen, vou denen andere gar keine Ahnung haben, und anS diesem Grunde will ich auch hier noch etwas nachholen, was ich früber, in der Besorgniß, man möchte cs für unbedeutend oder doch für unnütz halten, immer weggelaffen habe. Ich muß schon anderwärts gesagt haben, daß der Kaiser gern mit mir in dem engen Kreise der größer» Vertraulichkeit alle Titel die Musterung passiren UcS. Ach! guten Morgen Monseigneur! Wie befinden Sich 2hre Epcellenz? WaS sagen Ihre Herrlichkeit heute? rc. Eines Abends nun will ich in den Salon gehen. Der Thürsteher ist im Begriff, mir die Thüre zu öffnen, als die des Kaisers, welche sich ganz nahe dabei befindet, aufgeht, und letzterer sich ebenfalls in den Salon verfügt. AlS ich mich nun hinstelle, um ihn Vorbeigehen zu lassen, nimmt er mich, wahrscheinlich in der Zerstreuung, bei dem Ohre, und spricht zu mir sehr freundlich: „Was «nackten Ihre Majestät hier ?" Aber kaum war dies Wort über die Zunge, so lies er mein Ohr los, sein Gesicht legte sich in ganz andere Falten, und er sprach sehr ernsthaft von andern Dingen. Ick hatte bei ihm allerdings schon so viel gelernt, daß ich that, alö ob ich jenes nicht gehört hätte, aber dennoch war er offenbar unwillig aus sich selbst, daß ihm dieser Titel entschlüpfe war. Alle andere gelten ihm so viel wie bloße Scherze, aber mit diesem schien daS nicht der Fall zu seyn — vielleicht in Rücksicht seiner besonder» Beschaffenheit, vielleicht in Betracht der gegenwärtigen Verhältnisse, was weiß ich? — Jeder mag sich daS selbst zu erklären suchen; ich erzähle blos die Sache. Des Abends nach dem Diner lies uns der Kaiser iiisLesainmc vor. Er lag Im Bette, und kam wieder auf seine Ungläubigkeit bei dem Gebrauche der Arzneimittel. Er sagte, daß seine Gründe so mächtig hierbei wären, daß selbst Corvisard und andere berühmte Acrzte nur noch matt, blos um die Ehre ihrer Zunft zu retten, dagegen gestritten hätten. Mittwochs am 30. Oktober. Der Kaiser befand sich heute nicht besser, und hatte zur ge« 16 wohnlichen Stunde seinen leichten Fieber-Anfall. DeS Abends kam der Doktor und brachte einige unschuldige Gurgclwasser, wie er es nannte, mit, aber eö kostete dennoch große Mühe den Kaiser zu bewegen, Gebrauch davon zu machen. Er hatte viele Blasen an den Lippen, im Munde und selbst Im Schlunde, wodurch Ihm das Schlingen und, wie er sagte, selbst das Sprechen sehr erschwert wurde. Man fand kein >Oel für ihn, das nur allenfalls zu brauchen gewesen wäre. ES ist abscheulich schlecht und der Kaiser gleichwohl hicrinn sehr delicat. AlS der Kaiser heute unter andern von dem Aufwande, der Geldversplitterung und den immerwährenden Schulden ZosephinenS sprach, erzählte derselbe: Er, der ordentlichste Mensch, der je gelebt, sey einmal zum Gegenstände eines höchst unangenehmen Skandals zu St. Cloud geworden. „Ich sitze, so sprach er, in meiner Kalesche, die Kaiserin neben mir, und auf einmal wird mein Wagen, bei einem Ungeheuern Zulause von Menschen, wie das nur im -Orient dem Sultan wiederfahren kann, der sich in die Moschee be- giebt, von einem Manne ausgehalten, der für mich selbst gearbeitet hat, und nun die Bezahlung einer bedeutenden Summe fodert, die man ihm schon seit langer Zeit vorenchält. Es fand sich bald, der Mann hatte vollkommen recht — ick aber auch. Zch hatte längst daS Geld gegeben, nur die' Mittelsperson war schuldig u> s. w." AlS ich ihm i» einem andern Momente im Verfolge eines Gesprächs über den Mangel an Volksgunst, den er zuletzt noch zu beklagen gehabt habe, meine Verwunderung zu erkennen gab, daß er nicht dahin getrachtet habe, auf irgend eine Weise den Schmähschriften entgegen zu wirken und die öffentliche Meinung, welche man ihm entziehen wollte, zu seinen Gunsten zu befestigen; antwortete er mit einer Art von Begeisterung: „Meine Absichten waren in der That zu groß, als daß ich mich damit abgcbcn konnte, auf einen kleinen Haufen von Menschen, einige Cottcricn oder Sekten Rücksicht zu nehmen und bei denselben zu fucksschwänzen. Wäre ich nur siegreich von Moskau heimgckehrt, dann würden nicht blos diese Leute, nicht bloS Frankreich, die ganze Welt würde zu mir zurückgekommen seyn, würde mich bewundert, mich gesegnet haben. Hätte ich dann auf eine unerklärliche Weise verschwinden können, so würde das gemeine Volk die Fabel von Romulus wiederholt, es würde gesagt haben, ich sey hinaufgcgangen zum Himmel, um meine» Plaff unter den Göttern rinzunehmen!" — Ilm 7 Uhr legte sich der Kaiser zu Beite, weil er sich am Kopse und am ganzen Leibe matt fühlte. Nach unserm Diner lieS er uns alle wie gestern wieder cintretcn. Seine Vorhänge waren zugezogen.' Nach einer flüchtigen Unterhaltung von wenigen Minuten 17 fiel ihm ein, sich den Robinson vorlesen z» lassen. 2eder kam an die Reihe, nur ich blieb, wegen des Zustandes meiner Augen, aus» genommen. Nach Verfluß von ein oder zwei Stunden entließ er uns insgcsammt bis auf den jüngsten von uns, den General Gour» gaud, der das Lesen noch fortsetzen und ihn unterhalten sollte. Donnerstags, den 31. Letober. Das Wetter war wieder schön und die heutige Temperatur köstlich. Sechs Tagt schon hütete der Kaiser das Zimmer. Er hatte daS Einförmige seines Uebels satt, beschloß, wie er sagte, das Gesetz des Doktors zu übertreten und gieng aus, fühlte sich jedoch so matt, daß er kaum sortkonnre. Er lies seine Kalesche kommen, und wir machten unsere gewöhnliche Spazierfahrt. Er war dabei still und traurig, hatte Schmerzen und litt besonders an den Blasen aus seinen Lippen. Bald nach der Rückkehr lies er mich In sein Zimmer rufen. Die Promenade hatte ihn noch matter gemacht. Er fühlte sich äußerst schwach und hatte Lust zu schlummern. 2ch beredete ihn, etwas zu essen. Er trank am Ende ein GlaS Liqueur-Wein und gab zu, daß ihn das wieder munter gemacht hätte und daß er sich besser befinde. Er fieng nun an zu sprechen. „Sobald ich den Fuß nach Italien setzte, sagte er, so änderte Ich die Sitten, die Gesinnungen, die Sprache unserer Revolution. 2ch erschoß die Emigrieren nicht, ich stand den Priestern bei, schaff« te die Einrichtungen und Feste ab, welche uns entehrten. Freilich lies ich mich nicht durch blose Launen, sondern durch Vernunft und Billigkeit, diese beiden vorzüglichsten Grundpfeiler der hohem Politik lei« ten. Zum Beispiele — sagte er zu einem von uns — wenn das Fest der Hinrichtung des Königs immerfort gefeiert worden wäre, hätten Sie wohl nicht Gelegenheit gefunden, sich wieder anzu» schließen re." Dann erwähnte der Kaiser, wie er der erste gewesen, der Frank» reich mit dem Namen große Nation begrüßt habe. „Und ge» wiß habe ich sie der Welt, die zu ihren Füßen lag, in dieser Art gezeigt." Nach einer kurzen Frist fuhr er dann fort: „Sie wird es auch immer seyn, wenn ihr Nationalcharakcer in Harmonie mit ihren physischen Vorzügen und moralischen Mitteln bleibt w." 2n einem andern Augenblicke sprach er von jemand, Len er sehr liebt. „DaS ist ganz der Charakter einer Kuh, sagte er. Sie ist gut und ruhig, was ihr auch geschehe. — Nur, wenn man ihren Kindern etwas thun will, zeigt sie die Hörner; man könnte sie dann in Wuth bringen k. Cafes Tazeb. ill. Bb- 2 18 Er sprach ferner van jemand, der über 30 Jahr alt Ist, und von dem er gleichwohl sagre, daß er noch zu jung sei). „Und doch, fuhr er forc, hatte ich in diesem Alter schon alle meine Er» oberungen gemacht, beherrschte schon die Welt. Ich hatte den Sturm beschworen, die Parchcien verschmolzen, die Nation unter sich vereint, eine Regierung, ein Kaisertbum gebildet; nur der Na« me des Kaisers fehlte mir noch." Bei Fortsetzung dieses Gesprächs sagte er dann: ,,2ch war verwöhnt — das muß ich gestehen, denn ich habe immer befohlen. Don meinem Eintritte in'S Leben an, war ich mit Macht versehen, und die Umstände, so wie meine Kraft, waren von der Beschaffenheit, daß von dem Augenblicke an, als ich befehlen konnte, ich dann weder einen Herrn noch ein Gesetz über mir anerkannte." Freitags, am 1. November. Das Wetter war heute sehr schön. Der Kaiser wollte es benutzen und versuchte um 2 Uhr auszugehen. Nach einigen Schritten durch den Garten fiel ihm ein, bei Frau von Bertrand auszu- ruhen. Er blieb dort über eine Stunde, ohne zu sprechen, leidend und mact in einem Lehnstuhle fitzen. Nach dieser Zeit gieng er ganz langsam nach seinem Zimmer, warf sich auf sein Kanapee und schlummerte wie Tags vorher. Diese Abmattung schmerzte mich tief. Er suchte von Zeit zu Zeit seines Zustandes Herr zu werden, aber es wollte dennoch mit dem Sprechen nicht fort und wenn er zu lesen anfieng, so ekelte es ihm auch gleich wieder an. 2ch verlies ihn, damit er ruhen sollte. Eine Englische Fregatte ist vom Kap, auf der Fahrt nach Eu- ropa, angekommen. Das wäre eine Gelegenheit für uns an unsere Freunde zu schreiben, aber ich habe mir dennoch dieses Vergnügen versagt. Die immerwährenden Klagen deS Gouverneurs nöthigen mich hierzu in Rücksicht der Folgen, womit er mich bedroht. Vielleicht kommt ein minder peinlicher Augenblick; ich werde warten! — Der Doktor O' Meara besuchte meinen Sohn, Lessen Zustand noch Immer beunruhigend ist. Man hatte ihm gestern wiederholt zur Ader gelassen und er war drei oder viermal an einem Tage ohnmächtig worden. Der Dokter benutzte diese Gelegenheit mit mir umständlichrr über die Gesundheit deS Kaisers zu sprechen und mir zu sagen, daß er wegen des allzugroßen Einspcrrcns desselben nicht ohne Be- sorgniß sey. Er höre nicht auf, sagte er, in ihn hineinzupredigen, daß er sich mehr Bewegung machen solle, und verpflichtete mich, bei der öfter» Gelegenheit, die ich hätte, den Kaiser zu sprechen, ihn ja zum Ausgehen zu veranlassen. Es sey sicher, darüber waren wir beide einig, daß er sich auf eine schreckliche Weise verändere, und er, der Dokter, versicherte, daß eine so völlige Ruhe, nach so vieler Thätigkeit, ihm höchst nachtheilig werden könne, daß dann jede ernstere Krankheit, welche die Beschaffenheit des Klima oder jeder andere natürliche Zufall so leicht hervorbringen könnte, gewiß tödtlich seyn würde. Die Worte des Doktors und seine Aengstlich- keit haben mich sehr gerührt. Von dieser Zeit an konnte ich in ihm das wahrhafte 2nteresse schon erkennen, das er nachher so sehr bewiesen hat. Um 6 Uhr lies mich der Kaiser rufen. Er war im Bade und litt vielleicht noch mehr als gewöhnlich. Das sey, meinte er, wohl eine Folge des gestrigen Ausganges. Das Bad bekam ihm gut, er befand sich etwas besser daraus und las ziemlich lange Zeit in dem Werke über die Gesandtschaftsreise des Lords Macartney nach China, wobei er denn im Hin- und Hergehen sich über mehrere dort erwähnte Gegenstände äußerte. , Nun legte er sein Buch weg, um zu sprechen, und da war denn die Lage unsrer Kriegsgefangenen in England zufällig ein Ge- k genstand der Unterhaltung. !; 2ch will was er heuce und andere Male hierüber sagte, hier zusammenfassen. Der schnelle Bruch des Friedens von Amiens, welcher unter so elendem Vorwastde und auf so unredliche Weise von Seiten der englischen Minister statt fand, mußte den Ersten Consul, den man sonach zum Besten halte, sehr beleidigen, und die Wegnahme mehrerer Handelsschiffe, welche vor erfolgter Kriegserklärung geschah, ihn im höchsten Grade erbittern. „Auf meine lebhaften Reklamationen, sagte der Kaiser, antworteten sie ganz kalt, das sey so ihr Gebrauch, sie Härten es immer so gehalten. Das hatte nun schon seinen guten Grund; aber es war nicht mehr die Zeit, wo Frankreich dergleichen Ungerechtigkeiten und Erniedrigungen ungeahndet hingehen lassen konnte. 2ch war der Mann, der dessen Rechte und Ruhm zu vertreten hatte und vollkommen dazu geneigt, unsren Feinden zu zeigen, mit wem sie jetzt zu thun hätten. Unglücklicher Weise brachte cs hier unsre gegenseitige Lage mit sich, daß ich eine Rechtsverletzung nur durch eine andere noch größere rächen konnte. Dergleichen Repressalien, die an eigentlich unschuldigen Personen verübt werden, sind eine traurige Zuflucht; aber eS blieb mir dabei keine Wahl übrig. „Sobald ich also die auf meine Beschwerden eingegangene spöttische und beleidigende Antwort gelesen hatte, gab ich, noch mitten in der Nacht, den Befehl, in ganz Frankreich und auf jedem von 20 i ! linsten Truppen besetzten Gebiete, alle Engländer zu arretlren und sie, um Repressalien wegen der uns so ungerechter Weise genommenen Schiffe zu gebrauchen, als Gefangene festzuhalten. Die Mehr« zahl dieser Engländer waren bedeutende reiche, mit großen Titeln versehene Leute, welche die Reise zu ihrem Vergnügen gemacht hat« een. He neuer nun dieses Verfahren, je auffallender die Ungerech« tigkcit war, desto lieber war es mir. Das Geschrei wurde allgemein. Alle diese Engländer wendeten sich an mich; ich wieS sie an ihre Regierung; ihr Loos, antwortete ich, hänge von dieser allein ab. Mehrere giengen so weit, daß sie den Vorschlag mach« ten, sie wollten, wenn man sie sortlasse, sich verbindlich machen, den Betrag der weggenommencn Schiffe zu bezahlen. Geld sey cS nicht, was ich verlange, lies ich ihnen sagen, sondern die Beobachtung einer ganz einfachen Moral, die Zurücknahme eines gehässigen Unrechts. Aber, sollte man cs wohl glauben? die Englische Regierung , welche eben so arglistig, eben so hart bei Behauptung ihrer Secrechte ist, als der Römische Hof bei seinen Ansprüchen In Kirchcnsachen, lies lieber eine Menge sehr ausgezeichneter Mitbürger ungerechter Weise ln Ketten, als daß sie aus eine authentische Weise für die Zukunft einem elenden steräuberischen Gebrauche entsagt hätte. „Schon als ich an die Spitze der Consular-Regierung gelangte, hatte ich einen eignen Handel mit dem Englischen Kabinette in Beziehung auf die Gefangenen gehabt, und damals den Sieg davon getragen. Das Direktorium hatte nähmlich die Albernheit begangen, sich zu einem Arrangement geneigt finden zu lassen, daS uns äußerst nachlheilig und wobei der Dortheil ganz für die Engländer war. „Die Engländer unterhielten ihre Gefangenen in Frankreich und wir mußten die unfern in England ernähren. Nun waren sehr wenig Engländer bei uns und desto mehr Franzosen bei ihnen. Die Lebensmittel kosteten äußerst wenig In Frankreich und ungeheures Geld in England. Die Engländer hatten mithin nur ein Geringes zu bezahlen, indessen von unsrer Seite ungeheure Summen, bei unsrer großen Armuth, ins Ausland wanderten. Es kam nun noch hinzu, daß durch dieses Detail auf beiden Seiten an den verschiedenen Orten Agenten nöthig wurden, und der Englische Herr Commissair weiter nichts alS ein Spion, ein Zwischenträger, ein Rankeschmidt für die Complotte war, welche man im Hnnern mit den Emigranten im Auslande anzeddelte. Kaum hatte ich von diesem Zustande der Dinge Kenncniß erlangt, als ich dem Mißbrauche durch einen einzigen Federstrich ein Ende machte. Es wurde dem Englischen Gouvernement angezeigt, daß von nun an jede Nation die Gefangeucn z» unterhalten haben würde, welche sie gemacht hibe, wenn man nicht Vorzüge, sie auszuwechseln. Man erhob ein gewaltigeö Geschrei, drohete, man würde sie Hungers sterben lassen. Ich konnte bei der großen Härte und dem Egoismus der Englischen Minister mir wohl denken, daß diese leicht hierzu Lust haben konnten, war aber überzeugt, daß die Menschlichkeit der Nation so etwas nicht geduldet haben würde. Man gab nach. Unsre armen Franzosen waren weder besser noch schlechter dran, wir halten großen Vortheil dabei und enrgiengcn einer Einrichtung, die für eine Art von Joch oder Tribut gelten konnte. „Ich habe wahrend des ganzen Krieges nie aufgehört die Auswechslung der Gefangenen anzubiecen. Aber das Englische Gouvernement glaubte, daß sie mir vorthcilhaft sey und verweigerte daher solche, bald unter dem, bald unter jenem Vorwände. Dagegen läßt sich nichts sagen. Die Politik geht Im Kriege dem Gefühle vor; aber warum ohne Noch barbarisch seyn? Und das sind sie gewesen, sobald die Zahl der Gefangenen anwuchs. 2etzt begann für unsre armen Landsleute das schreckliche Loos auf den Pontons, womit die Alten ihre Hölle bereichert haben würden, wenn sie im " Stande gewesen wären, sie auszusinnen. Zch glaube zwar wohl, ^ daß die Sache von denen, die sich deshalb zu beschweren harren, übertrieben worden ist, aber die, welche diese Maasregeln verchci- ' digten, haben auch nicht die Wahrheit gesagt. Wir wissen recht gut, waS es mit einem Berichte ans Parlament für Bewandniß ^ hat. Wir sehen das recht genau, wenn wir die Derläumdungen > und Lügen lesen, welche diese Abscheulichen, die sich nicht schämten unsre Henker zu werden, mit so kalter Frechheit im offnen Parlamente vorbrachten. Die Sache mit den Pontons ist wahr — und es genügt die ganz einfache Thatsache, daß man unsre armen, an die See nicht gewöhnten Soldaten an verpesteten -Orten, die zu ^ eng waren, sie zu fassen, übereinander schichtete, und sie nur aller ' 24 Stunden, bei einlrecendcr Ebbe die höchst ungesunde Schlamm- ' luft einsaugen lies, und auf diese Art das schreckliche Loos eines jeden einzelnen Tages zehn bis zwölf Jahre verlängerte. Muß einem nicht bei der gräßlichen Schilderung einer solchen Barbarei daS Bluc in den Adern kochen? 2ch mache mir große Vorwürfe darüber, hierbei keine Repressalien ausgeübc, nicht in solche ähnliche ^ Pontons alle Mylords und vornehme Herrschaften geworfen zu ha- > den — denn auf arme Matrosen oder Soldaten hätte man doch nicht geachtet. Zch hätte ihnen freie Corrcsponden; mit ihrem Lande und mit ihren Familien lassen sollen und ihr Geschrei wäre dann doch bis zu den tauben Ohren der Herrn Minister gedrungen, sie hätten nachgeben müssen. Freilich würde man mich in den Pa- riser Salons, die Immer mit dem Feinde im engsten Bunde standen, einen Tiger, einen Kanibalen geschimpft haben — aber das L galt alles gleich; ich war es den Franzosen schuldig, die mir Ihren I Schutz und ihre Dertheidigung übertragen harten. Ich habe einen » Mangel an Charakter gezeigt, meine Pflicht unerfüllt gelassen." Er ^ fragte mich jetzt, ob die Pontons zu meiner Zeit existirc hatten; j ich konnte es nicht sagen; inzwischen glaubte ich, daß es nicht der Fall gewesen sey, weil ich gewiß wußte, daß es damals Gefängnisse gab, wo die Gefangenen im freien Felde eingepfercht waren und viele Engländer sie dort besuchten, um ihnen Gutes zu rhun und ihre kleinen Arbeiten zu kaufen. Auf jeden Fall mußten sie aber auch dort sehr schlecht verhalten werden und Hunger leiden; man erzählte, daß, als ein Agent des Gouverneurs zu Pferde hinein gekommen und einen Augenblick abgestiegen sey, man hinter seinen Rücken sich über das Pferd hergemacht, es in Stücke zerrissen und verzehrt habe. 2ch konnte die Sache nicht verbürgen, aber sie war uns selbst von Engländern und zwar von fanatischen Menschen erzählt worden, die den Vorfall nicht etwa als einen Beweis der Noch der französischen Gefangenen, sondern nur darum erwähnten, damit man daraus sehen möchte, wie wild und gefräßig diese wären. Der Kaiser lachte darüber, wie über einen blauen Dunst. Er sagte: die Geschichte wäre schauderhaft, wenn man sie für wahr halten könnte, denn so viel sey gewiß, daß der Hunger bis zur höchsten Wuth angestiegen seyn müsse, ehe man sich entschlösse Pferdefleisch zu essen. 2ch gab ihm nun noch einen andern Grund an, warum ich nicht glaubte, daß es zu meiner Zeit solche Pontons gegeben habe; weil es nämlich damals schon in Frage gekommen sey, den Gefangenen einige kleine zwischen England und 2rland liegende ganz öde 2nseln zu überlassen. Man hätte sie dort ausgesetzt, jede Einschiffung verhindert, sie von aller Welt getrennt, sich selbst überlassen uud dann nur einige leichte Schiffe nöthig gehabt, die zur Bewachung derselben umhergekreuzr i wären. Der einzige Einwurf, welcher gemacht wurde, bestand darinnen, daß der Feind bei einer Landung nur nach dieser 2nsel zu , gehen und daselbst Waffen zu vertheilen brauche, um gleich eine vollständige Armee zu haben. Vielleicht, fügte ich hinzu, hat eben diese 2dee auf die Pontons geführt, denn die Behörden schauderten allerdings bei der täglich wachsenden Zahl der Gefangenen, wenn sich diese auf dem Lande, mitten unter einem Volke befanden, das man ohnehin für sehr geneigt hielt, mit den Franzosen ^ Brüderschaft zu machen. „Nun wohl, sagte der Kaiser; diese 2n« sein begreife ick, denn die Sicherheit und Selbsterhalrung geht allem andern vor: aber die Marter mit den Pontons bleibt ein Schandfleck für die Menschlichkeit der Engländer, ein Stachel zur Entflammung der Wukh in den Herzen der französischen Gefangenen, der immer stechen wird. „Der Punkt, wegen der Kriegsgefangenen, Ist stets einer von denen gewesen, wobei sich die gewohnte Unredlichkeit der englischen Minister mit jenen machiavellistischen Grundsätzen gezeigt hat, welche die jetzige Schule so ganz charakcerisiren. Bei dem festen Entschlüsse, jede Auswechselung derselben zurückzuwcisen, und gleich wohl nicht das Ansehen zu haben, daß solches ihre Absicht sey, vermehrten sie die Vorwände hierbei auf eine ganz unnatürliche Art. Anfangs war eS meine unerhörte Verletzung der CivilisationSgesetze, die ich mir gegen die Zurückgehaltenen erlaubte, welche ich wie Kriegsgefangene behandeln wollte; ein Grundsatz, den sie, wie sie behaupteten, nie anerkennen dürften, wie man auch die Sache betrachten mochte. Dann waren es die gegenseitigen Entweichungen. Einige der Zurückgehaltencn, welche ihr Ehrenwort gegeben hatten, und sich deshalb auf freiem Fuße befanden, hatten sich nämlich sorcgemachc, und wurden mit Jubel empfangen. Mehrere Franzosen machten es nun eben so, und ich tadelte ihre Rückkehr, gieng selbst so weit, in Vorschlag zu bringen, daß man von beiden Seiten sich diejenigen zurückschicken möchte, welche ihre Zusage verletzt hätten, aber man gab mir zur Antwort, daß Zurückgehalcene keine Kriegsgefangene wären, und diese daher nichts gethan hätten, als von ihrem wohlbegründeten Rechte Gebrauch zu machen, und ihre Ketten abzuwerfen, eine Sache, die man nur gut heißen könne. Sie wurden hierauf anzestellt, und nun veranlaßte ich die Meinigen auch, sich sortzumachen, und stellte sie ebenfalls an. Jetzt füllten die Minister ihre öffentlichen Blätter mit den frechsten Beschuldigungen an, und bezeichnecen mich dem ganzen Europa als einen unmoralischen Menschen ohne Treue und Glauben:c. „Als es endlich, aus irgend einer Ursache, ihnen gefällig war, über die Auswechselung zu unterhandeln, oder sie vielleicht einen Einfall gehabt hatten, den sie für geeignet hielten, mich dabet hinters Licht zu führen, schickten sie einen Kommiffair. Die größern Schwierigkeiten schwanden jetzt, und die Liebe zur Humanität, sammt andern schönen Redensarten, wurde zu Grunde gelegt. Sie willigten ein, daß die Zurückgehaltencn in die Zahl der Kriegsgefangenen mit eingerechnet werden sollten, und gleichermaaßen auch die han- növcrsche Armee, die ich zu Gefangenen gemacht, und auf Ehrenwort frei gelassen hatte. Dieser letztere Punkt hatte bisher zu großem Widerspruche Veranlassung gegeben; man sagte, die Hannoveraner wären keine Engländer. BiS hieher gieng alles recht gut. ES schien, als werde man bald zum Abschlüsse kommen; allein ich 24 kannte meine Gegner, und merkte ihre eigentliche Absicht; sie hatten ungleich mehr Franzosen, als ich Engländer. Hätten sie nur ihre Leute wieder gehabt, so würde sich bald eine Veranlassung gefunden haben, um die Sache inS Stocken gerathen zu lassen, und meine übrigen armen Franzosen wären in alle Ewigkeit aus ihren Pontons geblieben. Zch erklärte also, daß ich mich auf keine partielle, sondern nur auf eine gänzliche Auswechselung einlassen könne, welche auch sehr leicht zu bewerkstelligen seyn würde. Zch gab nämlich zu, daß ich viel weniger Engländer, als sie Franzosen, hätte. Da sich aber dafür Spanier, Portugiesen und andere englische Bundes- truppen in meiner Gefangenschaft befänden, die unter ihren Fahnen und für die nämliche Sache gedient hätten, so wäre nach dieser Rechnung die Zahl der Gefangenen, die ich anzubieten hätte, un. gleich größer, als die ihrige, — gleichwohl wäre ich bereit, alle gegen alle auszuwechseln. Man stutzte anfangs über diesen Vorschlag, er wurde bestritten, und endlich zurückgewiesen. Bald aber, als man das künstliche Mittel gefunden zu haben glaubte, zu demselben Resultate zu gelangen, gieng man auch diesen Vorschlag ein. Zch hatte jedoch die Augen überall. Es war mir ganz klar, daß wenn der Anfang damit gemacht würde, ganz einfacher Weise Franzosen gegen Engländer auszuwechseln, sie gewiß, so bald sie sich nur gedeckt sähen, irgend einen Vorwand finden würden, um abzu- brechen, und, da wir nur ohngefähr den dritten Theil Engländer, gegen die Zahl der Franzosen in England gerechnet, hatten, uns in ihre alte Hypothese verfallen zu lassen. Zch schlug also, um auf beiden Selten jeden Mißverstand zu vermeiden, ihnen vor, die Auswechselung immer in Transporten von 3000 Mann auf einmal dergestalt zu bewerkstelligen, daß man mir 3000 Franzosen für looo Engländer und 2000 Hannoveraner, Spanier, Portugiesen und andere grben möchte, so, daß wenn irgend ein Grund zur Uneinigkeit einträte, und das Geschäft dadurch aufgehalten würde, wir uns in dem nämlichen Verhältnisse wie zuvor befänden, und weder der eine noch der andere Theil zu kurz kommen könne. Zch verspräche jedoch, daß ich, wenn alles glücklich zu Ende gebracht würde, die übrigen Gefangenen als eine Zugabe überlassen wolle. Zch hatte sehr richtig vorausgesehen, daß man über diese nähern Bedingungen, so vernünftig sie auch waren, dennoch wegen des Prinzips, das dabei angenommen werden sollte, großes Geschrei erheben würde — und die ganze Sache zerschlug sich. Sey cs nun aber, daß den englischen Ministern wirklich daran gelegen war, ihre Gefangenen wieder zu haben, oder daß mein Widerstreben, mich nicht von ihnen prellen zu lassen, sie in Staunen setzte — kurz es schien, als wollten sie endlich auf einen Antrag eingehen, den ich ! ihnen auf einem Umwege thun lies, als nun unsre Unglückssälle ! in Rußland alle ihre Hoffnungen weckten, und jeden Anspruch von > meiner Seite vernichteten." > Der Kaiser sprach jetzt von der guten Behandlung, die wir den Gefangenen wiederfahren ließen, und sagte, er sey so großmü- thig und nachgebend als möglich gegen sie gewesen, glaube auch nickt, daß irgend eine Nation ihm hierbei etwas vorwerfen könne. „Das Zeugniß der Gefangenen selbst, äußerte er, und ihre ganze Gesinnung hat hierbei zu unsern Gunsten gesprochen; denn, mit Ausnahme derer, die fest an ihrer Heimach Gesetzen, oder mit , andern Worten, an der Freiheit hiengen, — was sich blos auf Engländer und Spanier beschränkte — blieben alle Uebrige, die ' Destreicher, die Preußen, die Russen sehr gern bei uns, verließen uns mit traurigen Herzen, und kamen freudig zurück. Mehr als einmal hat diese Stimmung auf das Maas ihrer Beharrlichkeit und ihres Widerstandes eingewirkt w." So sagte der Kaiser auch ferner: „Ich hatte den Gedanken gefaßt, in Europa hinsichtlich des Rechts und der Gewohnheiten in Beziehung auf die Kriegsgefangenen eine Aenderung einzuführen; Ich wollte sie in Regimenter sormiren, und sie militärisch bei großen dauernden Werken und Unternehmungen zur Arbeit anstellen. Sie sollten ihre Löhnung nach Maasgabe ihrer Arbeit erhalten, das Nichcsthun hätte mit allen den Unordnungen aufgehört, welche völ- liger Müßiggang gewöhnlich erzeugt. Sie wären gut verpflegt, gut gekleidet worden, es hätte ihnen an nichts fehlen sollen, und sie würden dennoch dem Staate, der durch ihre Arbeiten bezahlt worden wäre, keine Kosten verursacht haben; alle Welt hätte sonach dabei gewonnen. Aber meine Idee fand bei dem Staatsraihe keinen Beifall; man lies mich dabei jene falsche Philantropie sehen, die jedermann irre führt. Man gab sich bas Ansehen, als finde man * es hart und barbarisch, die Gefangenen zur Arbeit zu zwingen, lies ^ dabei durchblicken, daß Repressalien zu besorgen wären, sagte, ein Gefangener sey schon dadurch unglücklich genug, daß er seine Freiheit verloren habe, und es scheine nicht, daß man ein Recht über die Anwendung seiner Zeit und über einen Theil seiner Handlungen besitze. Aber das ist ja eben der Mißbrauch, den ich rüge, den ich gern abstellen möchte, war meine Antwort. Ein Gefangener kann und muß gesetzlichen Zwang erwalten, und derjenige, den Ich ihm / auferlegt wissen will, gereicht zu seinem und anderer Besten. Ich verlange nicht, daß sein Zustand kümmerlicher und beschwerlicher werden, sondern daß er mit geringerer Gefahr für ihn verbunden seyn soll, als er es jetzt gewöhnlich zu seyn pflegt. Sie fürchten Repressalien, daß nämlich der Feind unsere Franzosen eben so be« — — handeln möchte, Wollte doch der Himmel, daß eS geschähe I Ich würde das für rin großes Glück ansehen! Ich sähe dann meine Matrosen, meine Soldaten im freien Felde oder auf öffentlichen Plätzen beschäftigt, anstatt daß ich sie jetzt In dem hohlen Raume ihrer gräßlichen Pontons lebendig begraben wissen muß. Sie war. den dann gesund, arbeitsam, zur Arbeit abgehärtet zurückkommen, und jeder ließe in dem fremden Lande Werke zurück, die doch eini- germaaßen zu einer Art von Entschädigung für die traurigen Verwüstungen des Krieges dienen könnten «. Um doch in etwas nach- zugeben, beschloß man hierauf die Bildung einiger Korps von Kriegsgefangenen zu freiwilligen Arbeiten und dergleichen. Dadurch wurde aber meine 3dee durchaus nicht vollständig erreicht«." Sonnabends am 2. November. Der Kaiser gieng nicht aus dem Zimmer. Als ich mich zu ihm begab, fand ich ihn sehr leidend. Es war zurückgeiretcne Transpiration oder vielmehr ein sehr starker Fluß. 2ch mußte den größten Theil des Tages bei ihm bleiben; bald versuchte er, ein wenig zu sprechen, bald wieder zu schlummern. Er veränderte in jedem Augenblicke seinen Platz und seine Lage, gieng auch wohl ein wenig, und näherte sich oft dem Feuer. Sein Zustand war offenbar fieberhaft. Bei den zahlreichen, oft unterbrochenen Gegenständen der Unterhaltung, verweilte er aber doch längere Zeit bei Antwerpen, dem Arsenale, den Festungswerken, der Wichtigkeit dieses Platzes, und den großen politischen und militairischen Absichten, die er in Betreff dieses so glücklich gelegenen Punktes gehegt habe«. So viel er auch schon für Antwerpen gethan habe, sagte er, so sey dies doch nur wenig gegen das, was er noch habe thun wollen. Auf der Seeseile sollte es ein mörderischer Angriffspunkt für den Feind und von der Landseite ein sicherer Zufluchtsort im Unglücke, ein wahrer National-RettungSpunkt werden, der eine ganze geschlagene Armee aufnehmen, und ein ganzes 2ahr nach den geöffneten Laufgräben noch widerstehen könne; während dessen dann eine Nation hinreichend Zeit hätte, in Masse hcrbeizukommen, es zu entsetzen, und nun die Defensive wieder zu ergreifen. Fünf bis sechs Plätze dieser Art sollten das neue Vertheidigungsfystem, das er einzusühren beabsichtigte, begründen. Man bewunderte bereits die in so kurzer Zeit zu Antwerpen vollendeten Arbeiten, dessen zahlreichen Werste, Magazine und großen Wasserbehälter. Aber das alles war noch nichts, sagte der Kaiser, das war eigentlich nur für die Handelsstadt. Die militairische Stade sollte auf dem andern 27 Ufer seyn; das Terrain war schon zu geringem Preise mit einer so glücklichen Speculacion angekauft, daß man davon, im Verhällniß wie nun die Stadt aufgebauet wurde, mit sehr bedeutendem Ge» Winne wieder verkaufen, und auf diese Weise den Gefammtaufwand beträchtlich vermindern konnte. Die Dreidecker sollten vollständig armirt in die Winter-Bassins eingelassen werden können. Man wollte bedeckte Räume bauen, um darunter die Schiffe ln FriedenSzeiten aufs Trockne zu bringen re. Der Kaiser sagte, daß nach seinen Beschlüssen das Ganze ein kolossales Riesenwerk geworden wäre. Antwerpen sollte für sich eine ganze Provinz seyn. Als er späterhin auf dieses herrliche Etablissement zurückkam, bemerkte er, es sey dasselbe eine der Haupcursa- chcn, warum er sich auf St. Helena befinde. Die Abtretung von Antwerpen habe ihn unter andern bewogen, den Frieden von Cha- tillon nicht zu unterzeichnen. Hätte man dies ihm lassen wollen, so würde er vielleicht darauf eingegangen seyn. Er fragte sich jetzt, ob er nickt Unrecht gehabt habe, die Unterschrift des Ultimatums zu verweigern. „Es gab, sagte er, allerdings noch eine Menge von HülfSmitteln und möglichen Fällen, aber es war auch viel dagegen." Am Ende äußerte er: „Ich habe sie verweigern müssen, und wußte sehr gut, was ich that. Selbst hier auf meinem Felsen, in diesem Augenblicke, im Gefühle meines ganzen Elends, bereue ich nicht, dies gethan zu haben. Wenige werden mich verstehen, das weiß ich. Aber sollte nicht die Menge, selbst nach der unglücklichen Wendung meines Schicksals, dennoch jetzt einsehen, daß Pflicht und Ehre mir nicht »erstatteten, anders zu handeln? Würden denn wohl die Alliirren, wenn ich schon so viel nachgegeben hatte, dabei stehen geblieben seyn? Wäre wohl ihr Friede ehrlich gemeint, ihre Aussöhnung aufrichtig gewesen? Um das zu glauben, und sich hierauf zu verlassen, hätte man sie schlecht kennen, —> hätte man ein wahrer Thor seyn müssen. Würden sie nicht den ungeheuren, ihnen durch den Traktat zugestandenen Vortheil benutzt haben, um mit Arglist zu vollenden, waS sie mit den Waffen begonnen hatten? Und was wäre aus der Sicherheit, der Unabhängigkeit, was aus der Zukunft Frankreichs geworden? Wo wären meine Verpflichtungen, meine Eide, wo wäre meine Ehre geblieben? Würden nicht die Alliircen mich in moralischer Hinsicht vor aller Welt blos gestellt haben, wie sie dies schon auf dem Schlachtfelde gethan hatten? Die allgemeine Meinung war dafür nur zu gut vorbereitet. Welche Vorwürfe hatte ich nicht von Frankreich zu erwarten, wenn Ich sein mir anvertrautes Gebiet so zerstückeln lies! Welche Menge von Fehlern würde nicht die Ungerechtigkeit mir auf den Kopf Schuld gegeben haben. Mit welcher Ungeduld würden nicht die Franzosen bei der noch frischen Erinnerung an ihre Macht und ihren Ruhm in diesen Trauertagen die unvermeidlichen Lasten getragen haben, die ihnen aufgelegt werden mußten! Und nun in der Folge neue Unruhen, Anarchie, Auflösung aller Bande, Unter, gang und Tod! Ich zog vor, im Kampfe bis zur Vernichtung ^ mein Heil zu suchen, und im Nokhfalle der Regierung zu entsagen :c." *) *) Man höre uun jemand, der in Europa die Worte bestätigt hat, weiche Napoleon in St. Helena sprach: Brief des Herrn von Coulincourt an den Redakteur des Constitutionneil. (Nummer des 21. Januar I8ro.) „Mein Herr! In einem Werke von Herrn Koch unter dem Titel: Feldzug des Jahres 1814 befinden sich mehrere Bruchstücke von Briefen, die ich an de» Kaiser und den Herzog von Ncuschatel, während des Kongresses zu Chatilion. geschrieben habe. „Ich glaube, erklären zu müssen, daß ich selbst an der Mitthei, lung meiner Korrespondenz, und an ihrer bffentlichcn Bekanntmachung ganz und gar keinen Antheil habe. Die wichtigen Quellen, aus welchen der Verfasser, wie er versichert, geschöpft hat, geben seinem Werke eine historische Bedeutung, welche, so viel mich betrifft, nicht gestattet, daß ich durch mein Schweigen die Jrrthümer bestätige, die es enthält. Die meisten Angaben in Betreff der Ereignisse nnd Unterhandlungen, welche vom zi. März bis zum 12 . April statt gesunden haben, find unrichtig. l „Haben auch, so viel den Kongreß von Chatillon betrifft, allerdings die folgenden Ereignisse mein Verlangen nach dem Frieden für mein Vaterland gerechtfertigt, so wäre cs doch unbillig, Frankreich und die Geschichte über die BcwcgnngSgründe des NationalintercsseS und der Ehre in Unwissenheit zu lassen, die den Kaiser hinderten, die drückenden Bedingungen zu unterschreiben, welche von den Fremden gemacht Wurden. „Ich erfülle daher die erste aller Pflichten — gerecht und wahr zu seyn — indem ich durch folgenden AuSzng der Befehle dcS Kaisers diese BewcgungSgründe bekannt mache. Paris am iy. Januar 1814. V ,,— — — — — Vor allem andern besteht der Kaiser auf der Nothwendigkeit, daß Frankreich seine natürlichen Grenzen behalte; daS ist meine Bedingung eine yua non. Alle Mächte, selbst England, haben diese Grenzen zu Frankfurth anerkannt. So bald Frankreich auf seine alten Grenzen beschränkt werden sollte, würde es jetzt nicht mehr zwei Drittheile des Machtverhältnisses besitzen, das cs vor zwanzig Jahren hatte. Was selbigeS nach dem Rheine hin erlangt hat, wiegt das keincSweges auf, was Rußland, Oestreich und Preußen durch die Theilung Polens erworben haben. Alle diese Staaten haben sich vergrößert, und es heißt also, Frankreich zum Falle bringen, eS erniedrigen, wenn man cs auf seine alten Grenzen beschränken will. Frankreich ohne sein« RheindepartcmentS, ohne Belgien, ohne Ostende, ohne Antwerpen ist nichts. Das System, ihm die ehcmali- Ich gestand, daß der Kaiser recht gethan habe. Er hat allerdings den Thron verloren, aber freiwillig, und Indem er unsre Rettung und seine Ehre diesem vorzog. Die Geschichte wird dieses großmüthige Opfer zu würdigen wissen. Macht und Leben sind vorübergehend, aber der Ruhm dauert fort; er ist unsterblich. „Aber, so fragte jetzt der Kaiser, wird auch die Geschichte gerecht seyn, wird sie cs seyn können? Man war mit so viel , Schmähschriften und Lügen überschwemmt; des Kaisers Handlungen s wurden so entstellt, sein Charakter so verdunkelt, so verkannt! ec." ! Man antwortete ihm, daß allerdings die Zeit während seines Lebens noch die meiste Ungewißheit »erstatten werde, daß nur höchstens seine Zeitgenossen ungerecht gegen ihn würden seyn können, daß ^ber nachher, wie er selbst schon gesagt habe, je mehr er sich dem Urcheile der Nachwelt nähere, auch diese Nebel schwinden würden, daß schon jetzt jeder Tag ein Gewinnst für ihn sey, und ein Mann von Geist dieses sein Leben, als den schönsten Stoff für die Geschichte, ergreifen werde, daß nur die erste unglückliche Katastrophe seinem Andenken vielleicht habe nachtheilig werden können, weil viele Stimmen sich dabei gegen ihn erhoben hätten, daß aber die Wunder seiner Rückkehr, die Thaten seiner kurzen Administration, sein Exil auf St. Helena nun in den Augen der Völker und für den Griffel der Geschichte sein Haupt mit Strahlen umgeben hätten. „Es ist wahr, erwiederce er jetzt mit einer Art von innerer gen Grenzen wieder zu geben, Ist unzertrennlich von der Wiedereinsetzung der BourbonS, den» nur sie allein würden eine Bürgschaft für die Festhaltung dieses Systems gewähren. England fühlt das sehr wohl. Bei jedem ander» Systeme würde ein auf solchen Grundlagen erlangter Friede unmbglich und ohne Dauer seyn. „Weder der Kaiser, noch die Republik, wenn sie aus den Umwälzungen wieder Hervorgiengen, würden jemals Bedingungen dieser Art unterzeichnen. Was Se. Majestät betrifft, so ist deren Entschließung gefaßt, und unabänderlich. Sic werde» Frankreich nie kleiner zurück lassen, «IS Sie es erhalten haben. Dafern also die Alliirten die vorgeschlagene» und angenommenen Basen — in Beibehaltung der natürlichen Grenzen — abändern wollen, so sicht der Kaiser Nur drei Wege ! vor sich. Sich zu schlagen und zu siegen, oder sich zu schlagen und . rühmlich zu sterben, oder endlich, wenn er von der Nation nicht unterstützt werden sollte, zu abdiciren. Er hängt nicht an äußrer Größe, und wird deren Beibehaltung nie durch Erniedrigung erkaufen." „Ich erwarte von Ihrer Unparlhcilichkeit, mein Herr.' daß Sie diesem Briefe eine» Platz in Ihrem Blatte cinräume» werden, und ergreife diese Gelegenheit zu der Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung ic. Unterzeichnet: Coulincourt, Herzog von Vicenza. Beruhigung: Mein LooS ist im Widerspruche mit dem vieler anderer Menschen. Gewöhnlich erniedrigt sie ihr Fall; der metnige hat mich unendlich erhoben. Jeder Tag befreit mich mehr von dem Anstrich des Tyrannen, des Mörders, des Grausamen rc." Nach kurzem Stillschweigen kam er wieder auf Antwerpen, und die englische Expedition. „Die englische Regierung und deren General hatten mit Unerfahrenheit zu kämpfen, sagte er. Wenn Lord Chacam, den unsre Soldaten nur den Mylord 2'attend's (ich warte) nannten, sich mulhig auf uns geworfen hätte, so konnte er ohne Zweifel unser schönes und kostbares Etablissement durch einen Schnellstreich vernichten; so wie aber der erste Moment ungenutzt geblieben, und unsere Flotte wieder ringelaufen war, befand sich auch der Platz in Sicherheit. Man hat viel zu viel Aufheben- von den Anstrengungen und Maasregeln gemacht, die zu seiner Rettung getroffen worden wären. Der Eifer der Bürger war in geheimnißvoller und strafbarer Absicht aufgereitzt worden." Als ich nun jetzt einige besondere Umstände erwähnte, von denen ich Zeuge ! gewesen war, und mir beikommen lies, ihm zu sagen, daß sonst gewöhnlich die Marschälle die Armeen die Musterung passiren ließen, ! hier aber es das Ansehen gehabt habe, als ob dies die Soldaten mit den Marschällen chäten, da sie deren nach und nach drei in ganz kurzer Zeit gehabt hätten, antwortete Napoleon: „Die politischen Verhältnisse forderten daS so; ich schickte Besseres, weil die damalige Krisis einen vertrauten, vollkommen sichern Mann verlangten; so wie sie aber vorüber war, säumte ich nicht, ihn abzulösen, weil ich ihn gern bei mir haben wollte." Die Marine-Arbeiten zu Antwerpen, so ungeheuer sie auch waren, sind doch nur ein kleiner Theil von denen, welche man Napoleon zu verdanken hat. 2ch gehörte als Staatsrath zu der Marinc-Abtheilung, und besitze ex olücio die genaueste Kenntniß von denselben. Wahrscheinlich wird man gern sehen, wenn ich sie hier namentlich aufführe, wobei ich in geographischer -Ordnung von Süden nach Norden gehen will. 1.) Bei dem Fort Boyard, welches zu Vergrößerung und Ver- theidigung des Ankergrundes der 2nsel Aix erbaut war, wurde durch kühne Beharrlichkeit, von diesem Ankergrunde aus zwischen -Oloron und dem Lande ein bedeckter, außer dem Bereich des Feindes liegender Weg zu Stande gebracht, auf welchem man bis zu j den Ankerplätzen von der Gironde und deren Mündungen gelangen konnte. 2.) Die großen herrlichen Arbeiten von Cherbourg. — Der unter Ludwig xvi. angefangene Damm, der während der Revolution viele Abänderungen erfahren hatte, wurde wieder hergesteltt, und 31 In dessen Mitte, 9 Fuß über dem höchsten Meeresstande, In einer Ausdehnung von 100 Tolsen der Raum zu einer Batterie von 20 Kanonen des größten Calibre aufgeworfen. Diese Arbeic wurde in weniger als 2 Jahren, von 1802 bis 1804, so glücklich vollendet, daß, obschon die Werke seit 1813 ohne Unterhaltung geblieben sind, sie sich doch erhalten und nicht das mindeste von der Zeit ge» licken haben. In dem Mittelpunkte des Dammes und innerhalb desselben hat man zu dessen Schutze und so, daß der Damm ihn gegenseitig schützt, einen großen Thurm, oder ein elliptisches Bollwerk auS Quadersteinen von Granit gebaut. Der ungeheure Grund, den dieses Bollwerk soderte, und dessen Bau in das Meer hinein, sehr große Schwierigkeiten harte, wurde zu Ende des Jahres 1812 in einer Höhe von 6 Fuß über dem höchsten Meeresstrande vollbracht. Die Festigkeit, welche dasselbe seitdem bei allem Mangel der Un» terhalcung gegen das heftigste Ankämpfen der Wellen bewiesen hat, ist die sicherste Bürgschaft für die Solidität der Werke, welche auf diesem künstlichen Felsen, sobald der schickliche Moment zu deren Ausführung erschienen wäre, entstehen sollten. Im ersten Stock» werke sollte sich nämlich eine Kaserne zu Unterbringung der Gar» nison, das Pulvermagazin und die Eisterne befinden, das Ganze aber eine gewölbte, bombenfeste, zu Aufstellung einer Batterie von 19 Sechsunddreißig-Pfündern eingerichtete Placform, worunter man noch eine zweite Platform zu Aufnahme einer Küsten-Baktcrie an» bringen wollte, erhalten und sich über die auf dem Damme selbst schon befindliche Central-Batterie dergestalt erheben, daß man so dem Feinde vier Bakterie-Reihen übereinander zeigte. In weniger als Acht Jahren wurde ein Kriegshafen in den Felsen eingehauen, der 15 Kriegsschiffe, die verhällnißmäßige An» zahl von Fregatten, drei Schiffsbauplätze u. s. w. faßte. Dieser für die Linienschiffe, bei der natürlichen Beschaffenheit der, der Gewalt des Meeres allzusehr ausgesetztcn, Rhede von Cherbourg so nöthige Zufluchtsort, wurde, damit die Schiffe des ersten Ranges darinnen stets eine sichere, jeder Gefahr trotzende Station finden möchten, 30 Fuß tiefer als der niedrigste Meeresstand ausgegraben. Im Jahre 1813 waren bei seiner Eröffnung die Hafen» und Dasser- dämme, in dem ganzen Umfange desselben, völlig hergestellt. Die Kaiserin Marie Louise fand damals dort mit ihrem ganzen Hofe das prächtige und große Schauspiel, welches das plötzliche Eindrin» gen dcS Occans gewährte, der durch das bewerkstelligte Durchbre, chen des ungeheuren Wehr's, welches ihm bisher kräftig wiederstan» den hatte, von dem Hafen Besitz nahm. Gleichzeitig wurden nun die Schiffe des ersten Ranges eingelassen, und haben seitdem da» 32 selbst ein eben so bequemes Unterkommen gefunden, als die Anstal. ten zur Ausbesserung, Bau oder Ausrüstung der Schiffe und mit einem Worte alle Erfordernisse einer so wichtigen Schöpfung, welche die Kunst und die Marine Napoleon verdankt und mit Recht als eines der größten Monumente seiner Regierung betrachtet wird. Dieses Werk war jedoch, in der Idee des Kaisers, nur ein erster oder Vor-Hafen. Es war ihm zur Seite der Raum zu einem zweiten oder Hinter-Hasen aufgespart, welcher nun, in Folge der dazu bereits getroffenen Vorkehrungen, sogleich ohne Schwierigkeit gebaut werden und zu Aufnahme von 25 andern Linienschiffen ge« eignet seyn sollte. Hinter diesen beiden Hafen wollte dann der Kaiser, nach ihrer gemeinschaftlichen Länge, in der Form eines Halb» zirkels noch 30 gedeckte Räume zu Unterbringung von eben so viel Linienschiffen bauen lassen, welche immer bereit seyn mußten in See zu gehen. Diese Ungeheuern Arbeiten waren nur allein für Cherbourg entworfen und zum Theil schon ausgeführt. 3. ) Die zahlreichen Arbeiten, welche die zu der Invasion in England bestimmte Flottille nöthig machte. — Es mußten die er» fodcrlichen Ankerplätze vorgerichtet, hierbei auf das Abfahrcn derselben Rücksicht genommen und um alle Maasregeln des Angriffs und der Vertheidigung gehörig zu treffen, auf mehrern Punkten Befestigungsarbeiten in Stein und Holz vorgenommen, es mußten -Quais, Gräben, Dämme, Wege, Schleußen u. s. w. gemacht werden. Boulogne wurde zu dem Centralsammelplatze ausgewählt, Vi- mereux, Ambleteuse und Etaples zu den Seiten- und Hülfsplätzen. Boulogne sollte allein mehr als 2000 Schiffe verschiedener Art aufnehmen. Außer seinem natürlichen Hafen schuf man daselbst ein künstliches Bassin, mit Hülfe eines durch eine Schleußt von 24 Fuß Breite in der Mitte geschlossenen Zuganges. Dieses Bassin faßte 8 bis 900 stets flotte und zum Auslaufen bereite Schiffe und die Schleußt gewährte, durch das frühere Zurückhalten des Wassers, einen jähen Fall desselben, der zu gleicher Zeit dem eigentlichen Hasen die gehörige Tiefe verschafft, und den Eingang zu selbigem von den Sandbänken befreite, welche ihn außerdem leicht verstopften. Dimereux, Etaples und Ambleteuse wurden ihrerseits zugleich in den Stand gesetzt, um eine verhältnißmäßige Zahl von Schiffen, ungefähr 1000 überhaupt, aufzunehmen, und alle diese Arbeiten vollendete man in einem Zeiträume von zwei Fahren. 4. ) Ausbesserungen und wichtige Verbesserungen in allen Häsen der Küste. — Havre wurde für Fregatten dadurch zugänglich gemacht, daß man, durch Anlegung einer starken Trieb-Schlcuße, die Bank von Strandstein zerstörte, welche das Einlaufen behinderte. St. Valery, Dieppe, Calais, Grevelingen, Dünkirchen, wo- selbst der verschüttete Hafen geräumt vnd die Stadt von dem sie bedeckenden Moraste befreiet wurde; -Ostende/ welches bestimmt war, eine zweite Flotille aufzunehmen und woselbst man das freie Ein- ; laufen durch Schlämmung deS Fahrwassers sicherte u. s. w. ' 5.) Die Arbeiten zu Fliessingen. — Da diese Stadt augenblicklich in die Gewalt der Engländer gefallen war, und diese bei f ihrem Abzüge alle militairischen Etablissements daselbst zerstörten, so ^ benutzte der Kaiser diesen Vorfall, um den Wiederaufbau der dortigen Werke nach einem ungleich größer» Maasstabe anzubefehlen. u Er fühlte ganz die Wichtigkeit der geographischen Lage von Flies- f singen, und wollte, daß, sowohl dessen Bassin, als der Eingang ^ dazu neu ausgegraben und vergrößert werden möchte. Das Fahr- ^ wasser sollte in dem Grade vertieft werden, daß das Bassin in i Zukunft selbst Schiffe von 80 Kanonen aufnehmen und man dar« / inne eine Eseadre von 20 Schiffen überwintern lassen könne, vie i mit einer oder höchstens zweimal Ebbe und Fluth stets unter Se- s gel zu gehen bereit seyn müßten. Man hoffte mit Hülfe der sehr i sinnreichen Idee des Marine-Commandanten der Stadt diesen Zweck i durch das einfache Zurückhalten der Fluch-Wässer in den Stadt- i gräben zu erreichen. Die Erlangung dieses Bassins wurde darum - höchst wichtig, weil, wenn man nach Außen hin alle Hindernisse, , die durch die Schelde verursacht wurden, wegräumte, man sich dann ^ den Englischen Küsten unmittelbar gegen über befand, wodurch die i Engländer nothwendigerweise immerwährend in Allarm bleiben und j ihre Schiffe kreuzen lassen mußten, statt daß sie bisher, sobald sie ; wußten, daß bei dem Eintritte des Winters, unsre Fliessinger Schiffe s abgetakelt und den Strom hinauf bis Antwerpen gebracht waren, ^ ganz ruhig nach Hause gierigen und biS zu der Rückkehr der l schönen Jahreszeit nichts zu fürchten hatten. Fliessingen mußte so- ! nach dergestalt befestigt werden, wie es die Verwahrung eines so ^ theuren Pfandes, wie eine ganze Eseadre ist, fodert. Die Werke ' wurden deshalb auf verschiedenen Punkten vermehrt und bei dem l Wiederaufbau gewisser Magazine und sonstiger Etablissements, deren bombenfeste Wölbung und Deckung von oben mit Batterien anbefohlen. Fliessingen sollte gehörig mit Kanonen gespickt und ganz unangreifbar gemacht werden. . 6.) Die zu Terneuse begonnenen Arbeiten. — Die westliche Mündung der Schelde war für die Manoeuvres des Ein- und Auslaufens unsrer Flotte, welche bei übler Winterszeit in jedem Jahre ! mit großen Schwierigkeiten bis Antwerpen zurückgehcn mußte, so 'Wichtig, daß der Kaiser einen Augenblick lang beschlossen hatte, ein noch beträchtlicheres Arsenal, als zu Wessingen, an der Mündung des Flusses selbst herzustellen. Terneuse, an dem linken Ufer der L. CaseS Tage-, io. Bd. 3 Schelde und drei Stunden von ihrer Mündung gelegen, wurde dazu gewählt und die Arbeiten begannen sofort. Sie wurden je- doch in der Folge beschränkt und das Ganze wegen der langen Zeit, die zu dessen Ausführung ersoderlich gewesen wäre und der ungeheuren Kosten, welche dieselbe verursacht haben würde, vertagt. 7.) Die großen und unermeßlichen Arbeiten zu Anrwerxen. — Diese, ungefähr zwanzig Stunden von dem Meere entfernte und von demselben durch eine wegen ihrer vielen Krümmungen und sonst sehr beschwerlichen Fahrt getrennte Stadt, schien die erforderlichen Eigenschaften eines g'üten Marine-Arsenals durchaus nicht darzubieten. Es befanden sich daselbst nur einige geringe Vorrichtungen für die Handelsschiffahrc. Eine Flc te, welche daselbst erbaut wurde, konnte nur mir der größten Mühe den Strom hinab fahren und wäre gegen die Gewalt der Ströme und Unternehmungen des Feindes wenig geschützt gewesen. Sie mußte iibrigens fast Ein Drirtheil des Jahres unbenutzt bleiben, da die Herannahung des Winters und das Eiü sie nöthigte, den Strom hinauf zu gehen, um Schutz gegen die Gewalt und daS Eis des Stromes zu suchen, weil eS noch keine schiffbaren Bassins gab. Doch alle diese Hindernisse waren nichts in den Augen Napoleons. Bei seiner Ungeduld de» Engländern die Gefahr der Schelde empfinden zu lassen, da sie selbst so oft gesagt hatten, daß sie ihnen furchtbar seyn könnte, befahl und wollte Napoleon: und in weniger als acht Jahren hatte Antwerpen ein Marine-Arsenal von der größten Wichtigkeit und die Schelde trug eine bedeutende Florte. Zu alledem mußte jedock erst der Grund gelegt; alles mußte ganz neu geschah , sen werden. Die Magazine aller Art, die Duais, die Werfce u. s w. Für den Augenblick wurde für die Schiffe eine Zuflucht gegen das ' Flußeis im Rüpel gefunden, wahrend man nun in der Stadt selbst k zwei große, zur Aufnahme völlig ausgerüsteter Schiffe jeden RangcS t geeignete Bassins grub. Zwanzig Schiffsbau-Räume erhoben sich ! wie durch Zauberei in einer Linie und zwanzig Schiffe, die zugleich k auf diesen Wersten lagen, zeigten dem Reifenden, der von Teie- de-Flandres her kam, daS erhabene Schauspiel von zwanzig gleich einer Escadron aufgestellten Linienschiffen. DaS Mehreste von diesen Dingen erschien jedoch Napoleon nur noch wie ein vorläufig vom Handel entlehntes Werk. Er hatte die Absicht, ein vollständiges viel größeres Arsenal im Angesichte Antwerpens auf dem Tele- de-Flandres gegenüber gelegenen Ufer zu errichten. Ja, anfänglich hegte er selbst den kühnen Gedanken, über diesen schwer zu behandelnden Fluß eine Brücke zu schlagen, entschied sich jedoch nachher für sehr sinnreich erfundene fliegende Brücken. Der Kaiser Ham riesenhafte Ideen für Antwerpen. Er würde das Ganze mit seinen jk Einzelnheiten und Unterstützungspunkten b!S an das Meer ausge» st dehnt haben. Er hatte sich geäußert: er wolle, daß Antwerpen am n Ende für sich allein eine Provinz, ein kleines Königreich werde. » Die Sache lag ihm wie eine seiner wichtigsten Schöpfungen am ff Herzen. Zu mehreren malen unternahm er Reisen dahin, um selbst !- zu sehen und sich über die geringsten Kleinigkeiten zu besprechen, i Bei dieser Gelegenheit gerieth er mit einem Capicain oder i Obristlieutenant vom Genie, der auf eine bescheidne Weise ganz im Verborgnen das Seinige zu den Befestigungsarbeiten des Platzes h, beitrug, über einen das Metier betreffenden Gegenstand in Streit, st Einige Zeit nachher erhielt dieser -Offizier ganz unerwartet eine ^ Avancements-Ordre. Er war zum Adjutanten des Kaisers ernannt, t mit dem Befehle, den Dienst in den Tuilerien sogleich anzutrcten. !s Der arme Offizier glaubte zu träumen; er war überzeugt, man ^ müsse sich geirrt haben. Seine Lebensweise war so einfach und > seine Bekanntschaft so beschränkt, daß, da er sich jetzt erinnerte, j mich einmal zu Antwerpen gesehen zu haben, er seine Zuflucht zu mir nahm und bei seiner Ankunft in Paris, mir seine gänzliche ' llnkenntniß der Hsfsitcen und seine unbeschreibliche Verlegenheit bei ' Hofe zu erscheinen gestand. Aber es war nicht schwer ihn zu er- muthigen. Sein Eintritt dort war sehr ehrenvoll und die beste Empfehlung ihm schon vorangegangen. Dieser Offizier ist der General Bernard, dessen große Talente hierdurch ans Licht kamen ! und den, seit unsrer Katastrophe die Vereinigten Staaten gewonnen i haben, wo ihm die Ober-Aufsichc über die militairischen Arbeiten i anvcrtraut worden ist. s ' Napoleon gewöhnte uns übrigens an dergleichen Ueberraschun- > gen. Wo er nur das Talent bemerkte, zog er es hervor, um am j rechten Orte Gebrauch davon zu machen, ohne daß Nebendinge ihn davon abhalten konnten. ES war dieß eine seiner großen charakteristischen Eigenheiten. 8.) Die Werke in Holland. — Kaum war Holland in Napoleons Händen, alö sein schöpferischer Eifer sich schon über alle Zweige von dessen politischer Oekonomie erstreckte. Er stellte so- ! gleich die Arsenale der Maas, Rotterdam und Helvetsluys, wieder I her und erweiterte dieselben. Die Kriegsschiffe konnten Amsterdam j nur mit vielem Aufwande an Geld, Zeit und Kraft erreichen. Sie i mußten bis an die Ocffnung des Zuidersee's leer und abgetakelt auf sogenannten Schiffskamelen hergeschleppt werden. Das waren ! Operationen, die zu der jetzt erforderlichen Schnelligkeit und den nunmehrigen großen Hülfsmitteln nicht mehr paßten. Der Kaiser beschloß das Nord-Arsenal außerhalb dieser Hindernisse und Schwie- rigkeiten zu bringen, rind befahl die Herstellung oder Verbesserung des Nievendiep, wo nun in kurzer Zeit schon 25 Schiffe sicber überwintern und an herrlichen -Üuais anlegen konnten. Dieser wichtige Punkt wurde unter den Schutz der milikairischen Der. theidigung des Helders, jenes Schlüssels von Holland, gestellt und der Kaiser hatte dessen Umfang dergestalt berechnet, daß Nievendiep daS Antwerpen des Zuidersee's werden sollte. 9.) Die Arbeiten an der Weser, Ems und Elbe. — Sobald Napoleon das Gebier von Bremen, Hamburg und Lübeck mit dem Reiche vereint hatte, zeigten sich auch, zugleich mit seiner Herr, schast, daselbst seine neuen Schöpfungen. Er ordnere Arbeiten an, um die Elbe für Linienschiffe zugänglich zu machen nnd beabsich. tigte den Bau eines See.ArsenalS zu Delfzpl an der Mündung der Ems. Aber was ihn vorzugsweise beschäftigte, war eine Kanal. Verbindung, wodurch mit Hülfe der Ems, Weser und Elbe, Hol. land und das Baltische Meer vereint — und eine freie, sichere, durch eine bloße innere Schiffahrt bewerkstelligte, Eommunikation von Bordeaux und dem Mittelländischen Meere mit den Nordischen Mächten hervorgebracht werden sollte. So hätten wir recht bequem alle Seeprodukte für jeden unsrer Häfen erhalten und im Noch, falle unsre Flotillen des Kanals und Hollands gegen den Norden vorrücken lassen können u. s. w. So viele und beträchtliche Arbeiten wurden oft in einem Au« genblicke beschlossen und gleichzeitig schon zur Ausführung gebracht. Der schöpferische Wille Napoleons ordnete sie an; der Minister Dccres verfolgte dann den Gegenstand mit der größten Festigkeit; die Prosny, die Syanzin, die Cachin und andere fertigten die Pläne und besorgten deren Ausführung. Glücklich die Namen derer, welche sich durch so herrliche Denkmale verewigt haben, sie wer« den nie untergehn! Wenn man zu dem, waS wir erwähnt haben, noch andere, gleich, zeitig in allen Zweigen und in allen Theilen deS Reichsgebiets auö« geführte Wunder rechnet, und in Erwägung zieht, daß solche wäh. rend eines unaufhörlichen Krieges geschahen, ohne mehrere, vielleicht sagar weniger, Abgaben irgend einem der Länder, welche das ungeheure Reich bildeten, aufzulegen, als jetzt nach einem langen Frieden darauf lasten, so wird man mit Recht darüber in Verwunderung und Erstaunen gerathcn. Aber dies ist der mächtige Einfluß eines festen Willens, der mit Kraft gepaarten Einsicht, und mit Weisheit und Ernst verwalteter Finanzen! So viel ist gewiß, daß wenn man, nach dem, was wir angeführt haben, noch an die Massen von Befestigungswerken, die Menge Straßen, Brücken, Kanäle und Gebäude denkt, welche er entstehen lies, man bald die lieber» 37 zeugung auösprcchen wird, daß nie ein Mensch auf der Welt so unendlich Vieles in so kurzer Zeit und mit minderer Belastung des Volkes hcrvorgebracht habe. Italien, dessen König er war, hatte auch seinen Theil an diesen prachtvollen Schöpfungen. Er durchbrach die Alpen an mehreren Punkten, durchschnitt die Apenninen mit den schönsten Straßen, baute ein Marinearsenal zu Genua, befestigte Corfu, um es zu dem Schlüssel von Griechenland zu machen, stellte den Hafen von Venedig wieder her, vergrößerte denselben, wollte sein Fahrwasser vertiefen lassen, und machte ihn inzwischen durch Anwendung der holländischen Kameelschiffe für unsre großen französischen Schiffe zugänglich. Da diese aber bei dem Auslaufen, in dieser gefährlichen Stellung auf den Kamcelen, Gefahr liefen, angegriffen zu werden, so befahl er, in Uiberlegung zu ziehen, ob nicht diese letzter» selbst wieder eigene Batterien haben könnten, waö denn auch, wenn ich nicht irre, geschehen Ist, oder doch geschehen sollte. IlibrigenS beabsichtigte Napoleon auch noch die Anlegung cineö Marine-Arsenals zu Nagusa, eines zweiten zu Pola In Istrien, und noch eines dritten zu Ancona. Er faßte den kühnen und glücklichen Beschluß, den Meerbusen von Venedig mit dem von Genua durch den Po und einen Kanal zu verbinden, der von Alexandrien ausgehend Savona über die Apenninen hin erreichen sollte. Welch ein unermeßliches Resultat wäre hierdurch erlangt worden! Abgesehen von den commerziellen Dortheilen, wäre es ein unschätzbarer Gewinn gewesen, eine direkte, und gegen den Feind völlig geschützte Verbindung von Venedig und allen Sceprodukten des adriatischen Meeres mit Toulon und allen dessen Marine-Bedürfnissen hcrvorzubrin- gen. Endlich reinigte Napoleon Rom von seinem Schutte; er re- staurirte eine große Menge von Niberblcibseln der römischen Kunst, beabsichtigte die Austrocknung der pontinischen Sümpfe re. Zuletzt möge hier der Eingang der Rede stehen, die der Minister des Innern, Gras von Montalivet, im gesetzgebenden KorpS am 25. Februar 1813 hielt. Durch diesen vortrefflichen, durchge« hendS auf authentische Belege sich gründenden Aussatz kann man eine richtige Idee von der Gesammtheit der Wunder bekommen, welche die Verwaltung des Kaisers Napoleon hervorbrachre. Wir hoffen, daß es hiernächst den Lesern angenehm seyn wird, am Schluffe eine offizielle Uibersichl der auf öffentliche Arbeiten, wahrend dieser ewig merkwürdigen Epoche verwendeten Kosten zu finden. „Meine Herren! Der Kaiser hat mir befohlen, Ihnen die Lage des Reichs in seinem Innern während der Jahre 1811 und 1812 mitzutheilen. „Sie »Verden mit Vergnügen bemerken, daß, der großen Ar» I meen ungeachtet, welche der Kriegszustand zu Wasser und zu Lande » dermalen nöthig macht, dennoch die Bevölkerung immer noch im Wachsen ist, daß unsere Industrie neue Fortschritte gethan hat, daß « das Land nie besser angcbaut worden Ist, die Manufakturen niemals I blühender gewesen sind, und der Reichthum noch zu keiner Epoche > unserer Geschichte so sehr über alle Klassen des Volkes sich ver- I breitete. » „Der einfache Landmann kennt jetzt Genüsse, welche ihm bisher ganz fremd geblieben waren, und kauft zu den höchsten Preisen den l» Grund und Boden, der ihm gelegen ist, seine Bekleidung ist besser, » seine Nahrung reichlicher und kräftiger, und er baut sich sein Haus I bequemer und fester. - „Die neuen Fortschritte bei dem Ackerbaue, bei den Gewerben, - bei den nützlichen Künsten weiden nicht mehr blos darum verwor- f fcn, weil sie Neuerungen sind. Ueberall macht man Versuche da« - mit, und was die Erfahrung alS gut bewährt, wird an der Stelle 8 deS Alcen in Anwendung gebracht. Die künstlichen Wiesen haben l sich vermehrt, das System der Brache wird aufgegeben, ein besser ! verstandener Fruchtwechsel, neue Methoden den Boden zu behan- I deln, erhöhen dessen Ertrag. Der Viehstand wird beträchtlicher, e die Racen verbessern sich. Selbst Bauern sind nun schon begütert l genug, um sich zu hohen Preisen Widder von spanischer Race und f Bescherter von unfern besten Pferdegatcungen zu verschaffen. Sie ! begreifen nun schon ihr wahres Interesse, und nehmen keinen An- k stand, diesen nützlichen Aufwand zu machen. So werden nun die ! Bedürfnisse unsrer Manufakturen, unsres Ackerbaues und unsrer f Armeen mit jedem Tage besser befriedigt. « „Dieser steigende Wohlstand ist eine Folge der liberalen Gesetze, ss wodurch das Reich regiert wird, so wie der Abschaffung der Feudal» f rechte, der Zehenten, der todten Hand und der Mönchsorden, wodurch nun eben diese große Menge von Privatbcsitzungen entstanden oder befreit worden ist. Besitzungen, die nun das freie Erbtheil l einer großen Anzahl, sonst leibeigner Familien, sind; ferner eine Folge der gleichen Vercheilung- der größer» Deutlichkeit und Vereinfachung der Eigenthumsgesetze und des Hypolhekenwesens, so wie der Schnelligkeit, womit die Processe geendigt werden, welche zudem sich täglich vermindern. Eben diesen Ursachen und dem Einflüsse der Kuhpockenimpfung muß man das Wachschum der Bevölkerung znschreiben. Und warum sollten wir es verschweigen, daß die Konskription selbst, welche in jedem Jahre die Auswahl unsrer Jugend unter unsre Fahnen stellt, dadurch zu diesem Wachsthume beigetragen hat, daß sie die Zahl der Ehen vermehrt, indem sie sie begünstigt; weil ein? solche Verbindung für immer daß ?ooS eines jeden jungen Franzosen bestimmt, so bald er nur einmal dem Ge- setze gehörig Genüge geleistet hat." Genaue, offizielle und mir den Belegen begleitete Angabe, des zu den öffentlichen Arbeiten seit Napoleons Belangung zum Kaiserthrone erfoderlich gewesenen Aufwandes, wie solche von dem Minister deS Innern dem gesetzgebenden Korps vor- gelegt worden ist. Kaiserliche Paläste und Krongebäude . . o : Festungswerke.. Seebäsen .. Große Straßen, Chausseen re. Brücken zu Paris und in den Departements Kanäle, Schifffahrt und Austrocknungen . . . Arbeiten zu Paris. Oeffentliche Gebäude in den Departements und den großen Städten. Franks. 62,000,000 144.000. 000 117.000. 000 277.000. 000 31,000,000 <"3,000,000 102 . 000 . 000 140 000,000 Zusammen 1,005,000,000 Sonntags am 3. November. Der Kaiser fuhr fort, steh hermetisch einzuschließen. Als der Tag sich neigte, lieö er mich rufen. Er leide wcnigcd an seinem Flusse, sagte er, befinde sich aber doch um nichts besser, und im Ganzen fühle er sich sehr schwach, sey traurig und melancholisch gestimmt, und habe den ganzen Tag in seinen schwarzen Ideen verleben wollen. Er befand sich im Bade, und sagte nach einigem Stillschweigen, als ob er aus einem Traume erwache, und sich gewaltsam zerstreuen wolle. „Nun Schwester Dinarzade, wenn Sie nicht schlafen, erzählen Sie mir eine von den hübschen Ge« schichlchen, die Sie wissen. Seit langer Zeit, mein Theurer, haben Sie mir nichts mehr von Ihren Freunden in der Vorstadt Saint- Germain gesagt. Immer vorwärts! — Aber Sire! ich erzähle nun schon sehr lange, und muß ja nun wohl damit zu Ende seyn. Ich habe alle jene herrlichen Histörchen nun schon zum Vorschein gebracht, die wahren wie die falschen, mit denen man sich dorr herumkrägt. Nur das Skandal bleibt mir noch übrig, und Ew. Majestät weiß sehr gut, daß man es auch daran nicht ermangeln läßt. Und da fällt mir doch in diesem Augenblicke noch etwas ein: Als eines Tages Herr von T.. nach seinem Mini- sterburcau gieng, sagte er zu Frau von T.. er würde Herrn von Denon zum Diner mitdringen, sie möchte doch darauf 40 bedacht seyn, sich Ihm angenehm zu machen, das beste Mittel dazu sey, dessen Werk zu durchblättern, und sich mit ihm darüber zu unterhalten. Sie würde es in seiner Bibliothek an dem und dem Orte, unter der und der Abtheilung finden. Frau von T.-X-. holt sich sogleich das Werk, cs amusirt sie königlich, und sie freut sich nun schon darauf, mit dem Verfasser darüber zu sprechen. Kaum ist man nun zur Tafel gegangen, so sagt sie zu Herrn Denen, der sorgfältig neben sie gesetzt worden ist, sie habe eben sein Werk gelesen, es habe sie ganz glücklich gemacht. Herr Denen verneigt sich. Er habe doch ein abscheuliches Land durchstreichen und sehr viel ausstehen müssen. Herr Denen verneigt sich aber» mals, Sie habe ihn recht herzlich bemitleidet. Bis dahin geht al» les recht gut. Aber, ruft sie jetzt aus, wie groß war meine Freude, als ich las, wie Ihr treuer Freitag in Ihrer Einsamkeit zu Ih» nen kam; ist er noch in Ihrem Dienste? — Jetzt wendet sich Herr Denen ganz verblüfft zu seinem Nachbar. — Sollte sie mich wohl gar für Robinson halten? lind in der Thal hatte die Frau von T.... .in ihrer Unschuld, wenigstens nach den boshaften Erzählungen der Pariser Gesellschaften, statt der Reise durch Egypten, die Abentheuer Robinsons ergriffen. — Der Kaiser lachte Thränen über die Geschichte, und erzählte sie nun seinerseits nachher zu wiederholten Malen. Hierdurch kam das Gespräch auf die erfinderische Bosheit der Pariser Gesellschaften, welche zum Beispiele die hübsche Geschichte von dem linkischen Benehmen jenes Tischers ganz vortrefflich ausgeschmückt hatten, der, indem er B. daö geheime Fach eines Bürcaus zeigte, auch zu gleicher Zeit unwillkührlich ihm die Geheimnisse seines Hauses entdeckte, die darinn verborgen waren; von B.s heftigem Zorne gegen Ventre de Biche, von dessen Mitleiderregen bei Madame V.. und dem sonderbaren Tröste, welchen er erhielt w. Dem Kaiser, dem das Alles vielen Spaß machte, waren diese Dinge größtenteils unbekannt. Er fand sie höchst scherzhaft, und bemerkte, daß er fest glaube, es sey doch etwas Wahres an der Sache. Bei alledem lies er sich wieder sehr stark gegen unsre Salons aus, nannte sie wahrhaft teuflisch, sagte, daß Schmähen und Verläumden in denselben zu Hause sey, und sie daher auch wohl verdient hätten, die Tribunale der Straspolizei der Hauptstadt unaufhörlich zu beschäftigen re. Jetzt hatte sich der Kaiser etwas erholt, und begann daher auch seinerseits ein Gespräch, das er lange Zeit fortsetzte. Als er hierbei — nicht aber auf günstige Weise — eines Offiziers gedachte, erlaubte ich mir, ihm zu sagen, daß gleichwohl selbiger, so viel ich mich erinnerte, Adjutant eines ausgezeichneten Generals gewesen wäre. Was kömmt darauf an? antwortete er lächelnd, ich sehe wohl, Sie wissen noch nicht, daß man zuweilen zwei Adjutanten hat, einen im Feuer und den andern für die Küche oder das Schlafgemach re. Späterhin ergoß er sich über den unsrer Nation eignen Mangel an Geschick, eine Revolution zu enden, und Festigkeit anzunehmen. Gr schloß, indem er als einen Beweis davon die bekannte Mailet- sche Angelegenheit ansührte, und sagte von derselben scherzend, sie sey seine Rückkehr von Elba Im Kleinen; deren wahre Karikatur. „Dieses tolle Unternehmen, fügte er hinzu, war eigentlich nichts, als eine förmliche Prellerei. Ein Staatsgefangener, ein ganz obscu- rer Mensch, entkömmt, um nun seinerseits den Präfekt, sogar den Polizeiminister, seine Wächter im Gefängnisse und seine Helfershelfer zu verhaften, die sich auch wirklich wie die Schöpse binden lassen. Da ist ein Präfekt von Paris, der geborne und noch dazu mir sehr ergebne Vertreter seines Departements, der sich ohne den mindesten Widerstand zu thun, zu den Vorkehrungen der Bildung eines neuen Gouvernements brauchen läßt, das gar nicht existirt. Da sind von den Verschwörern ernannte Minister, die ohne Bedenken ihr Costum anordnen, und schon ihre Tournee von Visiten machen, indessen diejenigen, von welchen sie ernannt worden sind, sich bereits wieder in ihrem Kerker befinden. Da ist eine ganze Hauptstadt, die des Morgens beim Erwachen eine Art von politischer Ausschweifung der vergangenen Nacht erfährt, ohne daß ihr das weiter unangenehm wäre. Ein solcher Narrenstreich, wiederholte der Kaiser, konnte gar keine ernsten Folgen haben. Wäre die Sache auch vollständig gelungen, so mußte sie dennoch wenige Stunden nachher in ihr Nichts zerfallen, und den glücklichen Ver« schwornen blieb nichts übrig, als sich, so lange es noch gut gieng, zu verstecken. Auch war ich ungleich weniger über das Unternehmen des Urhebers, als über die Leichtigkeit erstaunt, womit selbst diejenigen, welche mir vor allen andern ergeben waren, seine Schuld getheilc hatten. Zeder erzählte mir bei meiner Ankunft recht ehrli- eher Weise alle, auch die kleinsten Umstände, welche ihn angiengey, und sie inSgesammt schuldig machen. Sie gestanden ganz naiv, man habe sie überrascht, sie hätten wirklich einen Augenblick geglaubt, daß ich für sie verloren sey. Sie verhehlten cs gar nicht, daß sie bei der Blindheit, womit sie geschlagen gewesen wären, in dem Sinne der Verschwornen gehandelt hätten, und wie sie sich nun mit mir freuten, allem dem doch noch glücklich entgangen zu scyn. Kein einziger konnte anführen, daß er den geringsten Widerstand geleistet, sich nur einige Mühe gegeben habe, die bestehende Ordnung zu vertheidigen und zu erhalte». ES schien, als ich man 42 gar nicht daran gedacht habe; so sehr waren die Menschen nun schon an die Veränderungen, an Revolutionen gewöhnt, und jeder zeigte sich also bereit, und darein ergeben, wieder eine neue entstehen zu sehen. Welche Gesichter machten sie daher alle, und welche schreckliche Verlegenheit zeigte sich nun In ihren Mienen, als ich ihnen im strengen Tone sagte: Sie glauben also wirklich meine Herren, und behaupten, daß ihre Revolution zu Ende sey! Sie hielten mich für todt, wie Sie sagen. Ich habe nichts dagegen. Aber der König von Rom! Wo bleiben 2hre Eide, Ihre Grundsätze, 2hre Meinungen! 2ch muß vor der Zukunft zittern. — lind nun hielt ich für nöthig, ein Epempel zu statuiren, damit man künftig klüger seyn, und besser Acht haben möchte. Dies Schicksal traf den armen Frochot, den Präfekten von Paris, der mir wirklich sehr ergeben war. Aber er mußte auch gestehen, daß er auf die bloße Veranlassung eines jener Marktschreier, anstatt der kräftigen Maasregeln, wozu ihn sein Posten verpflichtete, anstatt eines verzweifelten Widerstandes, wobei er selbst sein Leben nicht achten durfte, ganz ohne Umstände befohlen habe, den -Ort einzurichten, wo die Sitzungen des neuen Gouvernements gehalten werden sollten. Das kömmt daher, weil wir dasjenige Volk von ganz Europa sind, welches am mehresten geeignet ist, ein solches unstetes Wesen zu verlängern. Nur wir allein sind fähig, einen Zustand dieser Art zu ertragen. Bemerken Sie aber auch, wie jeder, welcher Parthei er auch angehören möge, fest überzeugt zu seyn glaubt, daß noch nichts am Ende sey. Europa thcilt diese Meinung, und gründet solche eben so sehr auf unsere Unbeständigkeit, und unsere natürliche Unruhe, als auf die Masse von Ereignissen, welche sich in einem Zeiträume von 30 2ahreo bei uns zugelragen haben." Montags am 4. November. Auch heute wollte der Kaiser den ganzen Morgen über niemand sehen. Er lies mich zu der Stunde rufen, wo er Ins Bad gieng, während und nach welchem wir lange über die Beschränktheit unserer Kenntnisse des Alterthums, die Historiker, die uns solche überliefert, die Fäden an welche sie ihre Angaben geknüpft haben-e., uns unterhielten. 2mmer sahen wir unS zu der Schlußfolge gezwungen, daß die Welt noch sehr jung, viel gewisser aber noch, daß dies der Fall mit dem menschlichen Geschlechte sey. Dann kamen wir auf die Zusammensetzung, gleichsam das Zimmerw-rk unseres Erdballs, die Unregelmäßigkeiten seiner -Oberfläche, die Ungleichheit der Masse zwischen Land und Meer; auf die Gesammtheit seiner Bevölkerung, auf den MaaSftab ihrer Verbreitung, die ver- 43 schiedencn politischen Vereine, welche sie bildet re. Ich nahm an, da) Europa 170 Millionen Bewohner habe; er bemerkte, daß er hiervon 80 Millionen befehligt hatte, und ich fügte hinzu, daß er sich, nach der Allianz mit Preußen und -Oesterreich an der Spitze von mehr als 100 Millionen befunden habe. Jetzt brach er das Gespräch schnell ab, verlangte meinen Atlas, sieng an Asien durch» zugehen, verglich dabei die Marginalien mit der Charte selbst, und sagte oft, daß dieses Werk für die Jugend und die Salons ganz unbezahlbar sey. Späterhin sprach der Kaiser von den Wundern seines Lebens und dem Wechsel seiner Schicksale. Er hätte zu Moskau sterben sollen, sagte er; dann wäre sein militairischer Ruhm ohne Unglücks- fällc, und seine politische Laufbahn ohne Beispiel in der Weltgeschichte geblieben. Hierbei entwarf er nun eines jener schnellen und geistreichen Gemälde, wie ihm das so leicht wird, und wobei er sich doch oft so erhaben zeigt. Da er jedoch auf keinem Gesichte einen recht deutlich ausgesprochenen Beifall wahrnahm, so sagte er: „Sie theilen meine Meinung nicht — glauben nicht, daß es gut gewe» sen wäre, wenn ich zu Moskau geendet Härte? — Nein Sire! war die Antwort: und eben um dieser Geschichte willen, denn sie wäre dann ohne Ihre Rückkehr von Elba des edelsten, heldenmüchigsten Akts beraubt gewesen, den ein Mensch je vollbracht hat; der größten, herrlichsten, erhabensten That, die je gesehen worden ist. — Nun wohl! ich gebe zu, baß darinnen etwas liegt; so wäre es denn Warerloo; dort hätte ich sterben sollen? — Sire — wurde abermals erwiedert, wenn ich Gnade für Moskau gefunden habe, so sehe ich nicht ein, warum Ich sie nicht auch für Waterloo erbitten sollte. Die Zukunft liegt außer dem Bereiche unsers Willens und der Menschen Macht. Sie ist allein in Gottes Hand!" — In einem andern Momente kam der Kaiser auf seine ganze Familie, auf die wenige Unterstützung, die er von ihr genossen habe, und auf die Verlegenheiten zu sprechen, In welche er durch sie verwickelt worden sey. Er verweilte besonders bei dem falschen Begriffe, den sie gehabt, daß, sobald sie sich an der Spitze eines Volkes befunden, sie dann auch geglaubt hätte, daß sie demselben in dem Grade angehörte, um dessen Interessen dem gemeinschaftlichen Vaterlande vorzuziehen. Er gab zu, daß dieses Gefühl in gewissem Betrachte ehrenvoll zu seyn scheine. Doch hätten die Seinen insofern eine falsche und schändliche Anwendung davon gemacht, daß sie bei ihrer geträumten absoluten Unabhängigkeit sich als vereinzele betrachtet und vergessen hätten, daß sie nur Theile eines Ganzen wären, dessen Regungen sie unterstützen müßten, anstatt denselben zu widerstreben. Alles wohl erwogen, wären sie freilich noch neu und sehr jung, auch von Fallstricken und Schmeichlern, von Intti. I guanten aller Art, so wie von Menschen mit bösem Willen und » geheimen Absichten umringt gewesen, und indem er nun von ihren, k Unrechte plötzlich zu ihren bessern Eigensckaften übergieng, fügte er hinzu: „Uibrigens muß man am Ende stets verglcichungsweise ur- theilen. Welche Familie würde sich wohl unter gleichen Umstanden besser benommen haben? Ein Staatsmann zu seyn, ist nicht jedem gegeben; ein Wesen dieser Art erfordert ganz eigne Bestandtheile, und ist daher nicht so häufig zu finden. Alle meine Brüver waren in dieser Hinsicht In einer ganz son- derbaren Lage. Sie hatten insgesammt von jenen Bestandtheilen zu viel oder zu wenig; zu viel, um sich blindlings einem lei« tenden Ralhgeber zu überlassen, und zu wenig, um ihn gänzlich zu entbehren. Bei alledem hat meine zahlreiche Familie ein Ganzes gebildet, dessen ich mich nicht zu schämen brauche. „Joseph würde in jedem Lande eine Zierde der menschlichen Gesellschaft, und Lu ei an cs in jeder politischen Versammlung ge» wesen seyn. — Jerome würde bei reifem Jahren das Regieren gelernt haben; ich entdeckte Eigenschaften an ihm, die mir die beste Hoffnung gaben. Louis mußte überall bemerkt werden, und gefallen. Meine Schwester Elise besaß einen männlichen Geist und ein kräftiges Gemüch, gewiß har sie viel Philosophie bei ihren Widerwärtigkeiten gezeigt. Caroline besitzt viel Geschick und große ^ Fähigkeiten. Paul ine, vielleicht das schönste Weib ihrer Zeit, ist und bleibt dabet das beste Geschöpf unter der Sonne, und, was meine Mutter betrifft, so verdient dieselbe gewiß jede Art der Verehrung. Welche Familie möchte wohl bei einer solchen Zahl von Mitgliedern ein schöneres Ganzes gewähren? Erwägen Sie nun i noch, daß wir, außer den Kreisen des politischen Zwanges, uns gegenseitig liebten. Ich wenigstens habe nie mein Bruderherz ver- ! mißt, habe sie alle geliebt, bin auch überzeugt, daß sie mich im Grunde wieder liebten, und mir alle im Nochfall Beweise davon geben würden rc." Nach dem Diner wurden wir InSgesammt gegen eine halbe ' Stunde bei ihm vorgelassen. Er war zwar im Bette, sprach aber mit viel größerer Leichtigkeit, und befand sich augenscheinlich besser. Wir verließen ihn mit der Hoffnung, ihn bald völlig hergestellt zu sehen, und bemerkten däbei, daß wir nun schon zwölf Tage ohne Ihn dinirt hätten, und dock auch ohne ihn jeder Moment, jeder Tag, unser ganzes Leben für unö verloren und farblos sey. Dienstags am 5. November. Der Kaiser schloß sich immer noch ein. Zu der Stunde, wo 4S er inS Bad zu gehen pflege, lies er mich, wie an den vergangenen Tagen, rufen. Sein Mund heilt, aber an den Zähnen ist er noch sehr empfindlich. Er kam wieder aus daS gestrige Gespräch über den Zusammenhang der einzelnen Theile des Globus. Der Kaiser hat jetzt eine wahre Leidenschaft für die Geographie. Er nahm meine Weltcharte vor, und betrachtete die unregelmäßige Vertheilung von Land und Meer, verweilte dann bei dem großen Flächenraume von Asten, bei der Ausdehnung des stillen Meeres und der Be» schränkmig des atlantischen, warf sich selbst Fragen auf über die veränderlichen und beständigen Winde, die Passatwinde Indiens, die Ruhe des stillen Meeres, die -Orkane der Antillen w., und fand auf der Chane an den behufigen Orten selbst die physische und spekulative Lösung dieser Aufgaben, wie sie dermalen die Wissenschaft gewährt. Er war davon entzückt, und stellte nun Vergleichungen an, dachte nach, machte Einwürse, sprach sich aus, und sagte dann: „Wahrhaftig nur mit solchen Übersichten kann man der Wahrheit näher kommen. Die Ideen werden dadurch geweckt und aufgeregt. Ihr Unternehmen, Geschichte und Geographie, mit ihren merkwürdigsten Verhältnissen, ihren Schwierigkeiten, ihren Wundern rc. in übersichtlichen Gemälden darzustellen, Ist vortrefflich. Ihr Buch zieht mich täglich mehr an *). Der Kaiser schloß damit, daß er die ältesten Reisebeschreibungen verlangte. Man brachte ihm den Mönch Rubruquis und den Ita« liener Marco-Polo. Er blätterte sie durch, und beklagte, daß man kaum «was brauchbares darinn finde; sie hätten, sagte er, keinen andern Werth, als ihr Aller. Als er das Bad verlies, gieng er in sein Schlafzimmer, um das große, von London anhergeschickte und daselbst eben aufgestellte Bette zu betrachten; es war eine Art von Baldachin, von vier starken Säulen getragen, welche so hoch waren, daß sie abge« schnitten werden mußten, wenn daS Bette in dem kleinen Schlaf» O Ich hatte nur ein Exemplar davon mit auf St. Helena, und dieses war in der That unaufhörlich in seinem Zimmer, so daß, wenn ich cS einmal mit fortnabm, um Gebrauch davon zu machen, oder einige Korrekturen einzutragcn, er es immer gleich zurück verlangte. Bet meiner Abreise bat mich der Graf Bertrand, cs ihm zuin Unterrichte seiner Kinder zurückzulassen. Er hat mir aber seitdem gesagt, daß ec keinen Gebrauch davon machen konnte. Der Kaiser hatte es ganz an sich behalten, und als er in seinen letzten Lebenslagen eine Auswahl von Büchern traf, die sein Sohn auS seiner Privatbibliothek erbalten sollte, so befand sich auch mein AtlaS darunter. Verzeihung! daß ich der Versuchung nicht widerstehen konnte, dieses günstige Urlheil zu erwähnen. I 46 zimmer des Kaisers ausgestellt werden sollte. Es füllte dasselbe gänzlich aus, und roch sehr übel; dabei war daS Ganze sehr schwer« fällig und doch nicht solid, so daß es den Gedanken an Nein, antwortete der Matrose, nur eine alte kranke Mutter, die ich so gern einmal sehen wollte. — Nun gut, rief Napoleon auS, du sollst sie sehen, und gab sogleich Befehl, daß man sich des jungen Menschen annehmen, ihn kleiden, und an Bord des ersten besten Kreuzers von seiner Nation bringen, ihm auch noch zugleich ein!» ges Geld für seine Mutter geben sollte, indem er dabei bemerkte, wie das gewiß eine gute Mutter seyn müsse, weil sie einen so gu« ten Sohn habe *). 2n Bezug auf das Wohlwollen des Kaisers gegen die In Frank« reich verhafteten Engländer habe ich selbst einen Zug anzuführen, dessen Gegenstand ein Herr Manning war, welchen ich in Paris sehr genau kannte. Dieser, welcher der Wissenschaften wegen re!« sete, fand kein anderes Mittel aus, um seine Freiheit wieder zu erlangen, alS sich geradezu an Napoleon mit einer bloßen Bittschrift zu wenden, um ihn darinn um die Erlaubnlß anzugehen, das 2n« nere Asiens zu bereisen. Wir lachten in unsern Salons ihm wegen dieser Einfalt ins Gesicht, aber er chat uns dasselbe an, als er nach einigen Wochen uns den glücklichen Erfolg dieses Mittels und seine Freiheit verkündete. 2ch las in dem Werke des Doktor D'Meara, daß dieser Herr Manning In der That durch eine höchst sonderbare Verkettung des Zufalls, nach dem Herumwaodern wäh« rend mehrerer 2ahre, bei seiner Rückkehr nach St. Helena kam, und da alle Mittel anwendetc, um vor Napoleon gelassen zu werden, um ihm seine Dankbarkeit auszudrücken, einige kleine Ge« schenke ihm zu Füßen zu legen, und dem Kaiser über das Daseyn Seit meiner Rückkehr nach Europa sind Briefe aus St. Helena herausgegeben worden, in welchen ich diese Anekdoten fast Wort vor Wort wieder gesunden habe. Diese und andere Umstände veranlaßten mich, Erkundigungen über diese Schrift cinzuziehen, und ich kann also versichern, daß, ob dieselbe gleich anonym, sie doch von der größten Glaubwürdigkeit ist, und das vollste Vertrauen verdient. 49 und die Verhältnisse des Daley Lama, den er auS besonderer Be« günstigung hatte besuchen können, Auskunft zu geben. Mittwochs am 6. November. Mit dem Kaiser giengs immer besser. Er sah gegen Mittag einige Personen. 3ch war mit Frau von Montholon bei ihm. Der Kaiser sprach sehr viel über die Gesellschaften in Paris, und erzählte einige Anekdoten aus den Tuilerien. Abends bezeugte er wieder dieselbe Vorliebe für Geographie. Er blieb vorzüglich bei Asien, der politischen Lage Rußlands, der Leichtigkeit für dasselbe, eine Unternehmung gegen Indien und selbst gegen China zu machen, der Unruhe, die deshalb die Engländer haben sollten, der Zahl von Truppen, welche Rußland dabei brauchen müßte, den Ausmarschpunkcen, dem Wege, den sie zu nehmen hacken, den Reichthümern an Gold - und Silberwerch, die sie davon zurückbringen würden u. s. w., stehen, und gab uns über mehrere dieser Gegenstände höchst schätzbare Bemerkungen. Leider habe ich nichts darüber ausgezeichnet, und kann mich bei solchen Dingen nicht auf mein Gedachlniß verlassen. Daraus gicng der Kaiser dazu über, was er die bcwunderns- werthe Stellung Rußlands gegen das übrige Europa nannte, und auf die Unermeßlichkeit der Massen, mit denen es Vordringen könne. Er schilderte uns diese Macht, wie sie unter dem Pole sitzt, an die ewigen EiSmassen gelehnt, die im Nothfalle allen Zutritt zu ihr abschnriden. Sie war, fuhr er fort, nur drei bis vier Monate im Jahre angreifbar, während ihr das ganze Jahr, zwölf lange Monate gegen uns zu Gebote standen. Sie boc den Angreifenden nur Entbehrungen, Leiden, Rauhheiten eines wüsten Bodens, einer tod- len odrr vereisten Natur dar, während ihre ganze Volksmasse sich mit Wonne den Herrlichkeiten unsres Südens entgegenstürzte. Zu diesen physischen Verhältnissen, fügte der Kaiser hinzu, kam noch eine unermeßliche, brave, ausdauernde, treuergebene und passive Bevölkerung, und unzählbare Völkerschaften, deren natürlicher Zustand das Enksesseltseyn und Vagabondiren ist. „Man muß wahrhaftig, sagte er, bei dem Gedanken einer solchen Masse schaudern, die man weder auf den Seiten, noch im Rücken angreifen kann, die ungestraft sich über uns ergießt, und wenn sie siegt, alles überschwemmt, oder, wenn sie geschlagen wird, sich in die Mitte ihres Eises, in den Schooß ihrer Verwüstung und des Todes, welche beide nun ihre Reserven ausmachen, zurückzieht, und dabei noch stets bereit ist, augenblicks wieder da zu scyn, wenn der Fall eintrirt. Ist das nicht der Kops der Hydra, der Anteus der Fabel, r. Laseö Tageb. iv. Bd. 4 50 mit dem man nicht anders enden kann, als wenn man Ihn beim Leibe saßt, und in seinen Armen zu Todte drückt. Aber woher ei« ncn Herkules sür so etwas nehmen? Nur wir durften auf diese Rolle Anspruch machen, aber wir haben eS linkisch angefangen, wie wir nun eingestehen müssen." Der Kaiser sagte, daß nach den neuen europäischen politischen Verhältnissen das Schicksal dieses Theils der Erde nur von der Fähigkeit und dem Willen eines einzigen Mannes abhange. „Laßt einmal, sagte er, einen russischen Kaiser sich finden, der tapfer, ungestüm, fähig, kurz ein Zaarist, der Haare auf den Zähnen har, (er drückte dies aber übrigens noch viel kräftiger aus,) so ist Eu« ropa sein. Er kann selbst auf deutschem Grund und Boden seine Operationen ansangen, 50 Meilen von den beiden Hauptstädten Berlin und Wien, deren Beherrscher die einzigen Hindernisse für ihn sind. Des einen Bündniß erzwingt er sich durch Gewalt, und schlägt mit dessen Bcihülfe den andern. Nun ist er im Herzen Deutschlands, mitten unter Fürsten des zweiten Ranges, von denen die meisten mit ihm verwandt sind, oder alles von ihm hoffen. 2m Nolhfalle, wenn es seyn müßte, schleudert er im Dorüberziehn ei« nige Funken über die Alpen auf italienischen Boden, der für einen Ausbruch ganz vorgerichcet ist, und rückt nun siegreich gegen Frank« reich vor, als dessen abermaligen Befreier er sich kund giebt. Ich wenigstens würde in einer solchen Lage zur bestimmten Zeit und aus Etappenstraßen zu Calais ankommen, und nun Herr und Schieds« richtcr Europa'S seyn." — Nach einigen Augenblicken Stillschwei« gens setzte er dann hinzu. — „Vielleicht haben Sie, mein Lieber, Lust, mir wie dort der Minister des Pyrrhus seinem Herrn zu sa> gen: Und alsdann? was nun? 2ch würde Ihnen aber ant« Worten: ein neues geselliges Derhältniß zu gründen, großem Unglücke entgegen zu arbeiten. Europa erwartet diese Wohlthar, fleht um sie. Das alte System ist zu Ende, und das neue noch nicht begründet, und wird eS ohne lange und schreckliche Zuckungen auch nicht seyn." Der Kaiser schwieg von neuem, und maß mit einem Zirkel Entfernungen auf der Charte, indem er nachher sagte, daß Kon« stantinopcl ganz die Lage habe, um der Mittelpunkt und Sitz der allgemeinen Weltherrschaft zu werden u. s. w. Dann kam er wieder auf das englische Indien, und fragte mich, ob Ich dessen Geschichte genau kenne? Ich theilte ihm das wenige davon mit, das ich wußte. Elisabeth schuf Kraft ihrer königlichen Obergewalt eine indische Kompagnie. Hundert Jahre später stiftete daS Parlament eine zweite. Nicht lange daraus wurden diese beiden Kompagnien, die sich gegenseitig einander schadeten, in ein und dasselbe Nationaleigenthum verwandelt und vereint. 2m 2ahre 1716 erhielt die Kompagnie von den indischen Fürsten den berühmten Firma» oder die indische Charte, wodurch ihr sreie Ein« und Ausfuhr zugestanden ward. 1741 mischte sie sich zum erstenmale militairisch in die In« dische Politik, der französischen Kompagnie In feindseliger Stellung nahe gegenüber stehend. Seit der Zeit stritten sich diese beiden Nationen auf jenem entfernten Kampfe jedesmal, so oft es Krieg zwischen ihnen in Europa gab. 2n dem Kriege von 1740 hatte Frankreich einen sehr glänzenden Augenblick, in dem von 1755 ! ward es aber erdrückt, erwarb jedoch in dem von 1779 die ^ Gleichheit wieder, und verschwand völlig in dem während der Revolution. ! Jetzt beherrscht die indische Kompagnie der Engländer die ganze Halbinsel, auf welche man eine Bevölkerung von mehr als 60 Millionen rechnet, wovon 20 ihre Unterthanen, 20 ihre Tributzahlende oder Verbündete, und der übrige Theil Sklaven ihres Systems, und gezwungen sind, gemeinschaftliche Sache mit ihr zu machen *). Dies ist die so berühmte ostindische Kompagnie, die zugleich" Kaufmann und Fürst ist, deren Reichchümer aus dem Dorcheile ihres Handels und den Einkünften ihres Territoriums fließen, woraus denn folgt, daß der Kaufmann oft durch den Ehrgeiz des Fürsten gestachelt wird, und der Fürst mit der Habsucht des Kaufmanns rechnet, befiehlt und vollzieht. 2n diesen ganz eignen Verhältnissen, in dem doppelten Charakter sowohl, als in der Natur und Zahl der Angestellten, wie in der Entfernung des Schauplatzes, aus dem man spielt, muß man den Schlüssel zu Unternehmungen, Maaöregeln, Neckereien, Widersprüchen, Unordnungen und Geschrei suchen, woraus die Geschichte dieser berühmten Kompagnie besteht. ^ Diese englisch ostindische Kompagnie ist seit langer Zeit unab- ^ hängig und ganz und gar ihr eigner Herr gewesen. Sie ward und wird von Direktoren geleitet, die auS der Masse der Mitglieder gewählt werden. Diese Direktoren senden und leiten in 2ndien durch ihre Depeschen eine Regentschaft oder Rath, der aus dem Gouver- Dies ward im Fahre 1816 geschrieben vor den letzten Ereignissen in Indien, welche also, wie eS scheint, nun die Unterwerfung der ganzen Halbinsel zur Folge gehabt haben. neur und einigen Beisitzern bestehr, welche die höchste Autorität da« selbst bilden und ausüben. 2m Jahre 1767 brachte die Krone zuerst Ansprüche auf deren Territorium und Einkünfte vor, aber die Kompagnie kaufte sie durch eine Subsidie von 10 bis 12 Millionen Franks ab. Gegen 1773 war die Kompagnie in ihren Angelegenheiten sehr zerrürcer, und wandte sich Hülse suchend an das Parlament, welches ihre Verlegenheit benutzte, um sich daö Opfer ihrer Unabhängigkeit bringen zu lassen. Es schrieb politische, gerichtliche und finanzielle Reglements vor, denen es alle Besitzungen der Kompagnie unterwarf. Aber diese waren nicht gut ausgedacht, sie brachten die Unordnung in der Halbinsel auss Höchste, und führten dorr besonders einen obersten Gerichtshof ein, der ass Nebenbuhler des hohen Raths »uf- trak, und mit dem Aufträge, die englischen Gesetze in diesem Lande geltend zu machen, die Eingeborncn in Schrecken jagte und allem den Umsturz drohte. Die Wuch der Partheien, ihre gegenseitigen Angebungen, Klagen und Reden entluden sich in abscheulichen Hand- lungen, ungezügelter Habsucht und wilder Tyrannei. Dieser Zeitraum ist der stürmischste und am wenigsten Ehre bringende in der Geschichte der Kompagnie. Um dem abzuhelsen, schlug Fox, der damals Minister war, im Jahre 1783 seine berühmte Bill vor, deren Nichcdurchgehcn ihn aus dem Ministerio trieb. 2m folgenden 2ahre brachte Pitt, der sein Gegner gewesen war, eine andere vor, wodurch dessen großer Ruf begründet ward, und nach welcher noch jetzt die Kompagnie be« herrscht wird. Die Bill von Fox war eine wahre gerichtliche Hülfö« Vollstreckung. Sie entzog der Kompagnie alles Eigenthum, und gab dies in die Hände eines Comics, der statt ihrer es verwaltete, deren Schulden liquidirte, und alle Stellen besetzte. Die Mitglieder die» seS Comits, welche vom Könige oder dem Parlament ernannt wur» den, sollten unauflößlich bei diesem Geschäfte scyn, und so lange dabei verweilen, bis sie es aus einen bessern Fuß gebracht hätten. Man schrie von allen Seiten gegen eine Anordnung, die, wie man sagte, so große Nutzungen, eine so große Gewalt, und so unge> heuern Einfluß in die Hände von wenigen Personen legen sollte. Es hieße dies eine vierte Macht Im Staate gründen, der Krone selbst einen Nebenbuhler schaffen. Man beschuldigte sogar Fox, daß er sich dadurch im Ministerio für immer habe halten, und sich eine Art geheimer Oberherrschaft begründen wollen, welche die deS Königs sogar überwöge, denn da er Minister sey, nnd in diesem Augenblicke das Parlament beherrsche, würde er auch den Comit>- ernannt, und beherrscht haben. Mittelst des Einflusses dieses Co> mit° hätte er dann das Parlament ernannt und beherrscht, und mit Hülfe deö Parlaments wieder den Comtte geschützt und verewigt. Nun hätte eö kein Ende mehr bei diesem gegeben. Das Geschrei war also ungemein, und der König machte die Sache zur eignen Angelegenheit. Er beruste sich deshalb auf seine Freunde, auf die, welche in dem Obcrhause ihm herzlich zugethan waren, und stellte sie ihnen als einen Gegenstand vor, der seine eigne Existenz selbst angreife. Fox scheiterte und mußte das Ministerium verlassen. Pitt zeigte dem Anscheine nach mehr Mäßiguwg, und war ge» schickrer. Er begnügce sich damit, durch seine Bill die Kompagnie unter Bormundschast zu stellen, unterwarf alle ihre Unternehmungen einem Comics zur Revision und Contrasignatur, überlies der Kompagnie die Ernennung aller ihrer Angestellten, behielt aber der Krone die Ernennung des General-Gouverneur und ein Veto bei jenen vor. Dieser Comtts, den der König ernannte, bildete einen neuen Zweig im Ministers. Noch immer schrie man gewaltig über den unermeßlichen Einfluß, welchen diese Maasregel zu der könig- liehen Gewalt hinzufüge, und der, wie man sagte, unfehlbar das konstitutionelle Gleichgewicht anshcbcn werde. Fox hatte man vorgeworfen, daß er diesen Einfluß dem Könige ganz rauben wolle, und Pitt beschuldigte man, daß er Ihn ganz in dessen Hände gelegt hätte. Alles, was der eine für das Volk habe thun wollen, sagte mm., thue der andere für den Monarchen. Und in der That bestand die ganze Verschiedenheit der beiden Bills in diesen unterscheidenden Charakteren, diesen einander entgegengesetzten Mißverhältnissen. Es war in der Thac eine entscheidende Schlacht zwischen den Torys und Whigs. Pitt gewann sie, und die Torys lrium- phirten. Die Fehler von Fox'S Bill sind blos hypothetisch geblieben, weil diese nicht in Ausübung gebracht worden ist, aber die Unannehmlichkeiten, welche man von der Plttschen voraussah, sind förmlich in Erfüllung gegangen. Das Gleichgewicht der Kräfte ist aufgehoben, die wahre englische Konstitution hat ausgehört zu seyn, die königliche Autorität hat durch ihren täglichen Wachsthum alles über- rankc, und gehr jetzt ohne Hinderniß auf der großen Heerstraße der Willkühr und des Despotismus. Die Minister machen mit dem Parlamente durch eine Majorität, die sie schufen, und welche ihre Macht verewigt, so wie ihre Gcwalt- thäiigkelten heiligt, was sie wollen. So wird die englische Freiheit täglich mehr im Namen und durch die Formen selbst, durch welche sie vercheidigt werden sollte, in Fesseln geschlagen, und die Zukunft liegt rettungslos, oder doch von den größten Unglückssällen bedroht, vor uns! Hätte Fox's Plan schrecklichere Resultate hervsrbringeu können? Denn diese großen Veränderungen in der englischen Kon- S4 stitution schreiben sich in der That aus Indien her. Das Gewicht, daS Fox auf die Volksseire legen wollte, wäre wohl kaum für die Freiheit so nachcheilig gewesen, als das, womit Pitt die königlichen Vorrechte erhoben hat. Auch sprechen es jetzt viele Personen unumwunden aus, daß Fox Recht hatte, daß er klüger war, und nicht so großen Schaden stiften konnte, als sein Nebenbuhler. Die Namen Pitt und Fox veranlaßten den Kaiser, sich über ihren Charakter, ihr System und ihre Handlungen zu verbreiten. Er schloß mit nochmaliger Wiederholung dessen, was er schon mehr» mals gesagt hat: „Pitt herrschte über die ganze europäische Politik, in seinen Händen lag das moralische Wohl der Völker, aber er hat schlechten Gebrauch davon gemacht, hat die Welt in Brand gesteckt, s und die Geschichte wird seinen Namen unter Flammen, Jammer , und Thränen nennen, wir sie den des Herostratus nennt! Schon die ersten Funken unsrer Revolution, dann der Widerstand gegen den gemeinsamen Willen des Volkes, und endlich alle die gräßlichen Verbrechen, die hieraus entsprangen, waren sein Werk- Dieser 25jährige allgemeine Aufruhr, diese zahlreichen Coalitionen, welche ^ ihn unterhielten, dieser Umsturz aller Ordnung, diese Verwüstung > durch ganz Europa, diese Ströme von Blut, welche dabei vergossen worden sind, diese ungeheure Schuld Englands, womit alle jene Dinge erkauft wurden, das pestilentialische System der Anleihen, das schwer auf den Völkern lastet, die jetzige allgemeine drückende Lage —> alles daS kömmt von ihm. Die Nachwelt wird ihn richten, sie wird ihn als eine wahre Geißel schildern, und dieser, zu seiner Zeit so hochgefcicrte Mann wird einst der Welt wie der Genius des Bösen erscheinen. Ich halte ihn darum nicht für einen Teufel, ich glaube sogar, daß er überzeugt seyn konnte, er handle recht; auch für die Bartholomäus-Nacht gab eS Gründe; der Papst mit seinen Kardinälen haben sie durch ein Te Deum gefeiert, und unter diesen guten Leuten gab es denn doch ohne Zweifel einige, die es redlich meinten. Aber so sind die Menschen mit ihrer Vernunft und mit ihrem Urtheile. Was aber die Nachwelt vor allem andern Pitt zum Vorwurf machen wird, ist die abscheuliche Schule, welche er hinterließ, ihren frechen Machiavelismus, Ihre versteckte Immoralicäc, ihren kalten Egoismus, ihre Verachtung menschlicher Glückseligkeit und alles Rechtes. Bei alle dem ist und bleibt doch Pitt, möge es nun wahrhafte Bewunderung oder bloße Erkenntlichkeit, vielleicht auch reiner Instinkt oder Sympathie seyn — stets der Abgott der europäischen Aristokraten, weil er wirklich eine Art von Sylla war. Seinem Systeme verdankt man die fortdauernde Unterjochung der Sache deS 55 Volkes und den Triumph der Patricier. Für Fox findet man kein Vorbild unter den Alten. Er selbst wird aber ein Vorbild seyn, und seine Schule früh oder spät die Welt regieren." Der Kaiser sprach nun noch lange über Fox, wiederholte, wie dieser so ganz sein Mann gewesen sey, wie sehr er ihn geliebt, und daß er sogar, ehe er ihn noch persönlich gekannt, seine Büste in Malmaison aufgestellt habe. Er schloß mit der Aeußcrung, die er schon fast in andern Worten und in anderer Beziehung gcthan hat: „Daß Fox starb, war für mich ein sehr unglückliches Ereig« niß- Wäre er am Leben geblieben, so hätten die Dinge eine ganz andere Wendung genommen. Die Sache deS Volkes-hatte den Sieg davon getragen, und wir würden eine neue Ordnung der Dinge in Kurzem geschaffen haben." Der Kaiser kam dann auf die Indische Kompagnie zurück, und sagte, eS sey eine sehr große Frage, ob das Monopol einer solchen Gesellschaft, oder die Freiheit des Handels für alle, den Vorzug verdiene? „Eine solche Kompagnie, bemerkte er, legt die größten Vorkheile in die Hände Einiger, welche dann für ihre Person sehr guce Geschäfte machen, indessen sie jedoch auf den Nutzen der Masse keine Rücksicht nehmen, auch arte, sagte er, jede Kompagnie leicht in Oligarchie aus, welche stets eine Freundin der höchsten Gewalt, und derselben beizustchen bereit sey. 2n dieser Beziehung hiengeo die Kompagnieen ganz mit der alten Zeit und dem alten Systeme zusammen. Der freie Handel hingegen sey das Eigcnthum aller Klassen, beschäftige das allgemeine Streben, und bringe das ganze Volk in Regsamkeit. Er sey eins mit der Gleichheit, führe auf natürlichem Wege zu der Unabhängigkeit, und gehöre mithin mehr dem neuen Systeme zu. „Nach dem Frieden von AmienS, welcher Frankreich seine indi« schen Besitzungen zurückgab, lies ich in meiner Gegenwart diese große Frage lange und gründlich erörtern. Ich hörte die Meinung der Handelsleute und die der Staatsmänner, entschied aber für den freien Handel und verwarf die Kompagnieen." Der Kaiser gieng jetzt aus mehrere Gegenstände der politischen Oekonomie über, welche Smith in seinem Reicbthume der Nationen vercheidigt hac. Er sagte, sie wären dem Prinzipe nach wahr, würden aber bei der Anwendung unrichtig. Unglücklicherweise finde ich auch hier nur trockne Notizen. Er schloß dann mit den Worten: „Man kannte ehemals nur «ine Gattung deS Eigenthums — Grund und Boden. Dann cnc» stand eine zweite durch die Industrie, welche jetzt sich im Kampfe mit der erstem befindet, und endlich eine dritte, die aus den ungeheuren Abgaben entstehet, welche man den Administrirren auflegt, alS wodurch, wenn sie von neutralen und unpartheiischen Händen i» der Negierung vertheilt sind, eine Schutzwehr gegen das Monopol I der beiden ersten entsteht, und zugleich der Streit derselben vermit« I telt und verhindert wervcn kann." Er nannte diesen großen Kamps ^ in unsern Tagen den Krieg der Felder gegen die Schreibstuben, der Edelhöfe gegen die Gewerbe. „Eben darum, sagte er, weil man diese mächtige Revolution des Eigenthums nicht anerkennen wollte, und beharrlichst gegen diese Wahrheiten die Augen verschloß, har man in unsrer Zeit so große Thorheicen begangen, und sich so vielen Umwälzungen ausgesetzt. 11 Die Welt hat eine große Erschütterung erlitten, und jeder sucht I den alten Platz wieder einzunehmen. Das ist in zwei Worten der » Schlüssel zu der allgemeinen Bewegung, welche uns beunruhigt. Man hat das Schiff umgeladen, den Ballast von vorn nach hinten geräumt, und nun entstehet dadurch ein Schwanken, das bei dem !I ersten Ungewitler den Schiffbruch verursachen kann, wenn man darauf besteht, es fortan auf die alte Weise zu regieren, ohne zuvor ein neues Gleichgewicht herzustellen." Der heutige Tag war ergiebig für mein Tagebuch. Außer den l schon abgehandelten Gegenständen war noch von vielem andern die I Rede. Bei der Erwähnung Indiens und der englischen Kompagnie r kam man auf Herrn von Suffren. s Der Kaiser wußte nichts Genaueres von ihm. ES war ihm ! wie dunkel erinnerlich, daß dieser Offizier große Dienste geleistet ! habe, und er blos darum seiner Familie vieles bewilligt hätte. Er I fragte mich jetzt über Ihn, ich hatte ihn aber nicht gekannt, und » konnte ihm daher nur erzählen, was ich aus Hörensagen vom Marinekorps wußte. Dort galt es für eine ausgemachte Sache, daß ^ Herr von Suffren seit Ludwig XIV. der Einzige gewesen sey, der / an die großen Namen der schönsten Epoche der Geschichte unseres ! Seewesens erinnert habe. i „Herr von Suffren war ein Mann von Genie, von schöpferi- ' schein Geiste, von großer Lebhaftigkeit, einem gewaltigen Ehrgeize ^ und einem eisernen Charakter, mit einem Worte, einer von den l Menschen, welchen die Namr Fähigkeit zu Allem gegeben hatte. Ich habe sehr verständige und kräftige Leute sagen hören, sein Tod habe im Jahre 1789 als ein Nationalunglück betrachtet werden s können, er würde, wenn er in der Krisis des Augenblicks in das !, Conseil des Königs berufen worden wäre, der rechte Mann gewesen i seyn, den Angelegenheiten einen andern Ausschlag zu geben. Herr I von Suffren war sehr hart, sehr bizarr, äußerst egoistisch, ein ' schlechter Bettgeselle, ein schlechter Kamerad, von niemand geliebt, aber vou jedermann geschätzt, von jedermann bewundert. Mit ihm konnte man nicht leben. Es war schwer/ ihm zu befehle»/ er gehorchte wenig, kritlsirte alles, deklamirce zum Beispiele unaufhörlich über das Unnütze der Taktik, und zeigte sich, wenn's darauf ankam, als den besten Taktiker. So machte er's mit allen Dingen; das war aber nur die Unruhe, die üble Laune des Genies und des Ehrgeizes, der nicht freie Macht hat, zu thun, was er will. Als ihm das Kommando der indischen Escadre übertragen worden war, und er zum Könige gehen wollte, sied bei ihm zu be- 's Urlauben, halte ein Thürsteher Noch, im Gedränge Platz für ihn § zu machen, damit er seinen Zweck erreichen konnte. „Ich danke i Ihnen, sagte er brummend und in seinem gewöhnlichen Nascnlone ^ zu diesem, wenn ich wieder komme, sollen Sie aber sehen, daß s ich mir selbst Platz machen kann." Und er hielt Worr. Bei seiner Ankunft in Indien eröffnete er einen neuen Schauplatz für unsre Waffen, und chat Wunder, welche man vielleicht in Europa nicht genug gewürdigt hat. Sie bestanden besonders in Handlungen und einem Benehmen beim Oberbefehl, wie man es bis dahin gar nicht kannte. Er nahm Alles auf sich, wagte alles, sorgte für alles, sah alles voraus, setzte seine Hauptleure im Nochsalle ab, ernannte seine Offiziere, equipirre seit langer Zeit für unbrauchbar erklärte Schiffe, und führte sie ins Gefecht, fand die Mittel an Ort und Stelle in Indien zu überwintern, anstatt daß man sonst, nach alter Gewohnheit, 12 bis 150» Stunden weit davon, auf Isle de France, Winterquartiere gemacht hatte. Man sah endlich, wie er, der Sitte unsrer Tage voraneilend, sich der Küste näherte, Soldaten, die sich Tags vorher geschlagen hatten, einschiffte, mit ihnen die englische Escadre angriff, und sie dann am folgenden Tage wieder auf ihr Schlachtfeld zurückführte, um aufs neue zu fechten. So bekam unsre Flagge auf einmal eine Ueber- macht, welche den Feind in Verlegenheit brachte. „Ach warum, rufte der Kaiser aus, warum hat dieser Mann nicht bis zu meiner Zeit gelebt, warum habe ich nicht auch einen von diesem Gepräge gefunden, ich hätte einen Nelson für uns aus demselben gemacht, und unsre Angelegenheiten hätten eine andere Wendung genommen! Aber ich habe meine Zeit mit vergeblichem Suchen nach einem tüchtigen Seemanne verloren. Es fodert dieses Metier etwas ganz i Eignes, eine technische Kenntniß, deren Mangel alle meine Enc« ^ würfe lähmte. Schlug ich etwas Neues vor, gleich hatte ich Gant- haume auf dem Nacken und die ganze Marine-Sektion. — Sire, das geht nicht an. — Und warum nicht? — Die Winde, Sire, gestatten es nicht, oder die Windstille oder die Strömungen, und so hielten sie mich immer kurz. Wie soll man nun die DiScussiou mir Menschen fortsetzen, deren Sprache man nicht sprechen kann. Wie oft habe ich ihnen nickt im Staatsralh den Vorwurf gemacht, daß dieser Umstand von ihnen gemißbraucht werde. Wer etwas von der Marine wissen wolle, müsse, so war ihre Meinung, dabei auf« erzogen werden. Auch diese Behauptung, sagte ich ihnen oft, sey ein Mißbrauch, Ich würde, wenn ich nur eine einzige Fahrt mit ihnen nach Indien machen könnte, nach der Rückkehr eben so in ihrem Metier zu Hause scyn, wie auf meinem Schlachcfelde. Davon wollten sie aber nichts wissen, und versicherten immer wieder, man müsse, wenn man ein guter Seemann werden wollte, von der Wiege an dabei seyn. So brachten sie mich denn dahin, etwas zu thun, was lange Zeit schwer auf mir gelastet hat, daß ich nämlich mehrere tausend Kinder von sechs bis acht Jahren enrolliren lies. „So sehr Ich auch dagegen stritt, so mußte Ich doch am Ende ihrem einstimmigen Beschlüsse nachgeben, und mich daraus beschrän« ken, daß Ich ihr Gewissen dafür verantwortlich machte. Was ent« stand daraus? Daß man im Publikum murrte, daß man dcklamirte und uns lächerlick machte, und die ganze Operation einen Kinder« mord nannte. Winrer, Verhuel, alle nordische Seeleute und noch andere kamen nachher, und sagten mir und behaupteten, daß das Konscriptionsalter von 18 bis 20 Jahren nicht zu spät sey um ein Matrose zu werden, daß die Dänen ihre Soldaten dazu ge« brauchten, daß bei den Russen die Flottenmannschast einen Theil der eigentlichen Armee ausmache, was freilich den unschätzbaren Dortheil gewährt, sie für immer zu zwei verschiedenen Zwecken ge« brauchen zu können. „Ich beabsichtigte etwas Aehnliches, alS Ich meine Kriegsschiffs« Equipagen bildete. Aber welche Hindernisse lieS man mich nicht finden, welche Vorurtheile mußte ich besiegen, welche Gewalt de» Willens anwenden, ehe Ich dahin kommen konnte, den armen Ma« trosen eine Uniform zu geben, sie in Regimenter zu formiren, und ausexerciren zu lassen. Da sollte Ich alles verderben, und von wel« ckem Nutzen sind sie mir nicht gewesen! Welch glücklichere Idee konnte es geben, als zweierlei Dienst für einen und denselben Sold zu erlangen. Sie blieben gute Macrosen, und zeigten sich als die besten Soldaten. Sie waren im Nothfalle Mattosen, Soldaten, Artilleristen, Pontoniers, alles, was man wollte. Hätte Ich bei der Marine, statt immerfort nur Schwierigkeiten bekämpfen zu müs« sen, einen Mann gefunden, der meine Ideen verfochten, und ihnen zuvorgekommen wäre, welche herrliche Folgen wären nicht daraus entstanden! Aber unter meiner Regierung verstand auch nickt einer sich über den Scklendrian zu erheben, und etwas zu schaffen. Ich liebte die Seeleute ganz besonders, ich achtete ihren Muth, ihre 29 Vaterlandsliebe, fand aber nie einen Mittler zwischen ihnen und mir, der ihre Kräfte und ihr Verdienst ins Leben hätte treten lassen u. s. w. Donnerstags am 7. November. Napoleon sprach von der Organisation seiner Kaiserregierung. Es sey, sagte er, die gedrungenste gewesen, welche mit einer rei. ßendcn Schnelligkeit in den Bewegungen, nervige Kraft in einem Grade, wie man zuvor noch nie gesehen, verbunden hätte, „lind das Alles, sag» er, war schlechterdings nothwendig, wenn wir über die unermeßlichen Schwierigkeiten siegen wollten, mit denen wir von allen Seiten umringt waren, wenn alle die Wunder geschehen soll» ken, die wir vollbracht haben. Die Organisation der Präfekturen, ihre Wirksamkeit und die Resultate der letzkern erregten die größte Bewunderung. Der gegebene Impuls theilte sich im Augenblicke einer Masse von mehr als 40 Millionen Menschen mit, und durch diese Mittelpunkte der Lokallhätigkeit war die Bewegung an den Grenzen des Reichs eben so lebendig, als im Herzen desselben. „Die uns besuchenden Fremden, welche zu sehen und zu urthei- len vermochten, waren darüber ganz erstaunt. Sie schrieben dieser gleichförmigen Wirksamkeit auf einem so großen Terrain die wun» dervolle Kraft und die ungeheuren Resultate zu, welche, wie sie bekannten, sie bis dahin nicht begreifen konnten. „Die Präfekten waren bei der Autorität, womit sie bekleidet waren, und den Lokalmitteln, die ihnen zu Gebote standen, selbst Kaiser im kleinern Maasstabe; da sie aber keine Gewalt hatten, als die, so von dem ersten Impulse herrührte, dessen Organe sie blos waren, da aller Einfluß derselben kein persönlicher war, sondern nur von dem Amte ausgieng, das sie für den Augenblick verwalteten, da ihnen der Boden nicht angehörte, den sie zu regle» rcn hatten, so gewährten sie alle Vortheile der frühem absoluten 'Machthaber, ohne deren Gebrechen zu haben. Es war übrigens nothwendig, ihnen diese ganze Gewalt einzuräumen. 2ch war Diktator, so wollte eS die Macht der Verhältnisse, und alle Fäden, welche von mir ausgiengen, mußten, wenn das Resultat erlangt werden sollte, mit der Hauptkraft in Harmonie seyn. Das Regierungsnetz, an dessen Boden ich saß, verlangte eine furchtbare Spannung, eine wunderbare, elastische Kraft, wenn alle die schreck» liehen Schläge abprallen sollten, womit man uns unablässig bedro» hete. Die meisten dieser Springftdern waren zudem nach meinen Absichten nur Einrichtungen für die Diktatur, nur Waffen für den Kriegszustand. Wäre die Zeit für mich eingetreten, wo Ich die 60 Zügel Nachlassen konnte, so hätten sich auch jene Gewebe aus sympathetische Weise von selbst abgespannt, wir würden nach einer Friedenseinrichtung, nach unfern Lokalinsticucionen gehandelt haben. Wenn wir diese noch nicht besaßen, so lag die Schuld nur daran, daß die Krise, worinnen wir uns befanden, es noch nicht zuließ. Wir hätten ohne Zweifel unterliegen müssen, hätten sie von allem Anfänge an bestanden. Und dann darf man nicht verschweigen, daß wir noch nicht reif genug waren, um einen guten Gebrauch davon zu machen. Man muß nicht glauben, daß die Nation schon im Stande war, ihre Freiheit auf würdige Weise zu genießen. Noch hatte die Masse in ihrer Erziehung, wie in ihrem Charakter zu viele Vorurtheile der vergangenen Zeit. Es würde sich gefunden * haben, wir kamen mit jedem Tage weiter, aber eS war noch immer viel zu lernen. Bei dem Ausbruche der Revolution war der Patriotismus auf natürliche Weise entstanden, cs lag dieses Gefühl instinktmäßig im Blute, und wurde zur Leidenschaft, zu einer wahren Wuth; daher kam das Aufbrausen, das Uibermaaß, die Uiber- lreibung in dieser Periode. Man kann aber nicht mit Keulen drein schlagen und in Sprüngen dahin kommen, daß man dieses neue System naturalisiren, und sich dessen erfreuen kann. Es muß bei der Erziehung eingcimpft werden, die Wurzeln desselben müssen sich durch Vernunft und durch Uibcrzeugung befestigen, was mit der Zeit unfehlbar geschehen wird, da es auf natürlichen Wahrheiten beruht. Aber unsre jetzige Generation wollte so gern herrschen, war so neidisch auf die Gewalt, übte sie mit so vieler Wichtigkeit aus — um kein schlimmeres Wort hierbei zu gebrauchen — und war gleichwohl auch so geneigt von der andern Seite, sich zu der Knechtschaft hinzugebcn! — Wir befanden uns immer zwischen beiden Fehlern. Bei allen meinen Reisen, sagte er, war ich immer genöthigc, den ersten mich umgebenden Kronbeaimen zu sagen: Aber lassen Sie doch den Herrn Präfekt sprechen. Gieng ich dann nach irgend einer Unterabtheilung des Departements, so mußte Ich wieder dem Präfekt zurufen: Aber lassen Sie doch den Herrn Unterpräfekt oder den Herrn Maire sprechen; so sehr trachtete jeder, seinen Nachbar zu verdunkeln, und nahm keine Rücksicht auf das Gute, was aus einer direkten Mittheilung an mich selbst hcrvorgehen konnte! Schickte ich meine Großofsiziere oder meine Minister, um den Wahlkollegien zu präsidiren, und empfahl ich ihnen dabei auch noch so sehr, sich nicht zu Kandidaten des Senats ernennen zu lassen, da dieser Platz ihnen auf einem andern Wege gesichert scy, und man den Notablen der Provinzen hierinnen eine Befriedigung gewähren müsse, sie kamen dennoch jedeömal mit dieser Ernennung zurück." hierbei fällt mir ein, daß einst einer der Minister (Decm's) mir erzählte, wie er eben über diesen Gegenstand einen Streit mit dem Kaiser gehabt habe, weil ihn derselbe wegen einer solchen Erneu« nung ausschmälce. „Aber Sire! antwortete dieser scherzend, Ihr Einfluß ist stärker, als Ihr Wille. 2ch mag noch so viel sagen, daß ich nicht mag, daß es 2hnen mißfällt, daß Sie verlangen, man solle diese Ernennungen unter sich selbst Vorbehalten; Sie mö- gen von nichts als 2hrer Wahl wissen, und so oft Sie mich hin» schicken, werde ich doch wieder ernannt werden." „2ch hatte, so sprach der Kaiser ferner, den Präfekten und an-« dern ungeheure Gehalte bewilligt. Man muß aber bei Verschwendungen dieser Art bei mir wohl unterscheiden, ob sie nach einem gewissen Systeme oder nur nach zufälligen Umständen statt fanden. Die letztem nölhigten mich zu diesen großen Besoldungen, indessen das erstem mich dahin geführt haben würde, die Dienstleistung un- entgcldlich zu erlangen. 2m Anfänge, als es darauf ankam, die 2ndividuen zu gewinnen, wiederum eine gesellschaftliche Ordnung und im gleichen Verhältnisse die Sitten zu bilden, waren große Gehalte, war diese Aussicht auf Gewährung eines ansehnlichen Vermögens unvermeidlich. So bald aber dieses Resultat erreicht gewesen, und mit der Zeit alles in die natürliche Ordnung zurückgekehrt wäre, so würde auch meine Absicht dahin gegangen seyn, die Mehrzahl der hohen Beamlenstcllen im Gegentheile fast ohne allen Gehalt zu lassen. 2ch hätte die Dürftigen ausgemärzt. Sie sind nie selbstständig, ihre drückenden Bedürfnisse erzeugen die politische 2mmoralität. 2ch wollte es dahin zu bringen suchen, daß man diese Acmcer blos Ehren halber sich erbitten sollte, dann wären sie ruhmvolle Würden geworden. Männer von großem Vermögen, deren Beruf, deren Menschenliebe, deren redlicher Eifer die sicherste Bürgschaft einer edlen Unabhängigkeit gewährten, hätten als Fricdenrichter eine unermeßliche Wirksamkeit ausgeübt. Und das ist es eigentlich, woran man die wahre Größe einer Nation, woran man ihre Majestät erkennt, was ihren Ruhm erhöht, und die öffentliche Sittlichkeit her- beisührt. Eine Abänderung unsrer Sitten wäre dadurch ausgemacht gewiß gewesen, und cs würde die Abneigung gegen Anstellungen die wahre Rückkehr zu einer Hähern Stufe der Moralität bezeichnet haben. Man hat mir hier gesagt, daß diese Begierde nach Anstellungen über das Meer gegangen sey, und unsre Nachbarn angestcckt habe. Die alten Engländer hegten dagegen große Verachtung« Wir wollen sehen, ob man in den vereinigten Staaten sehr darnach geizt. Eine solche Neigung Ist der fürchterlichste Stoß, den die Moralität eines Volks erleidet. Wer durchaus eine Anstellung begehrt, ist im Voraus verkauft. 2n England streben fetzt die vor« nehmsten Personen, die größten Familien, die ganze Pairschaft strebt darnach. Sie führen an, daß die enormen Taxen ihnen nicht mehr gestatteten, ohne Besoldung zu leben. Elende Ausflucht! Es beweist, daß cS um ihre öffentliche Sitten noch schlechter steht, als um ihr Vermögen. Wenn es schon dahin gekommen ist, daß eine gewisse Klaffe die Aemter um des Geldes Willen sucht, so befindet sich dte Nation nicht mehr auf der Stufe wahrer Unabhängigkeit; sie hat keinen Adel, keine Charaktergröße mehr. Unsre Entschuldigung lag allenfalls noch In den Umwälzungen und Erschütterungen der Revolution. Jeder war dadurch aus seinen früher» Verhältnissen gerissen worden, jeder fühlte daS Bedürfnis sich wieder festzusetzen. Ich glaubte dieser allgemeinen Nothwendigkelt die Hand bieten zu müssen, und um die zarteren Gefühle so sehr als möglich zu schonen, hielt ich es für Pflicht, die Aemter so gur eS nur gehen wollte mit Gehalten, Glanz und Ansehen auszustatten. Allein mit der Zeit sollte sich dieß alles, blos durch die Gewalt der öffentlichen Meinung, ändern. Man glaube ja nicht, daß das unmöglich gewesen wäre. AllcS wird leicht in den Händen der Regierung, sobald sie nur das will, was gerecht, ehrenvoll und schön ist, u- s. w. „Die Lage meines Sohnes sollte höchst glücklich seyn. Für ihn erzog ich in der neuen Schule die zahlreiche Klasse der Auditoren des Staatsraths. Nach Beendigung ihrer Bitdung und im reiferen Alter, hätten sie dann alle höhere Reichsämter eingenom- men. Welch eine schöne Zukunft! Da diese Männer dann später mit der Kraft der eingeflößten Grundsätze und den Erfahrungen ihrer Vorgänger auSgestattet und insgesammt zwölf bis funfzehen Jahre älter als er gewesen wären, so hätte er sich zwischen zwei Generationen und deren beiderseitigen Vorzügen befunden. Uiber ihm die Reife, die Erfahrung, die Weisheit und unter ihm die Jugend, die Schnelligkeit, die Gewandheit." AlS ich jetzt meine Verwunderung ausdrückce, daß er von diesen großen und herrlichen Anstalten nichts habe merken lassen, sagte er: „Wozu hätte das Geschwätz geholfen? Man würde mich für einen Charlatan gehalten, würde sich dabei geheime Absichten und Kniffe gedacht, es sich zum Geschäfte gemacht haben, mir entgegen zu arbeiten und ich wäre auf diese Weise in Mißkredit gefallen. In der Lage, worinnen ich mich befand, ohne ererbte, auf die Traditionen des Alterthums sich gründende Autorität, ohne den Heiligenschein der sogenannten Legitimität, durfte ich nie Gelegenheit geben, mit mir in die Schranken zu treten, ich mußte kurz, befehlshaberisch, schnell entscheidend seyn. M>" hat, wie ich von Ihnen selbst weiß, in Ihrer Vorstadt von mir gesagt: Darum ist er nur nicht legitim! Wäre ich es gewesen, so würde ich gewiß nicht mehr gethan haben, aber Ich hätte dann mehr Gutmüthigkeit zeigen können, u. s. w." Freitags, den 8. November. Der Kaiser arbeitete mit einem von uns, waS uns sehr er» sreuce, da es bewies, daß er sich viel besser befinde. Vor dem Diner lies er mich rufen. Es schien, daß die Ar« beit ihm neues Leben gegeben habe. Er sprach sehr viel und wir giengen dabei im Zimmer auf und ab. Das Merkwürdigste von unsrer Unterhaltung betraf die Dendce, die Unruhen ln derselben, und die Chefs, welche sie gezeigt hat. CHarette war der einzige, auf welchen er einiges Gewicht legre. „Ich habe, sagte er, eine Geschichte der Dendce gelesen. Wenn die darinnen enthaltenen Umstände und Schilderungen richtig sind, so ist Charctte der einzige große Charakter, der wahre Heros jener merkwürdigen Episode unsrer Revolution, welche, wenn sie schon großes Unglück brachte, doch wenigstens unsere Ehre nicht preis gab. Man hat sich gewürgt, aber nicht erniedrigt, hat zwar fremde Hülfe angenommen, aber nicht auf schändliche Weise unter deren Fahnen gedient, keinen täglichen Sold von Fremden gezogen, um nur ihren Willen in Ausführung zu bringen. 2a, fuhr er fort, Charette hat in meinem Herzen den Eindruck eines großen Charakters zurückgelassen. Er har Dinge gechan, welche Energie und ungewöhnliche Kühnheit verrathen; man sah, daß er Genie hatte." Ich erzählte jetzt, daß ich Charette in meiner frühesten Jugend sehr gut gekannt, mit ihm in der Marine-Garde zu Brest gedient und er lange Zeit mit mir in einem Zimmer gewohnt, an dem nämlichen Tische gespeist, so wie daß selbiger durch seine Waffenthatcn und seine glänzende Carriere jedermann, der mit ihm früher in näherer Verbindung stand, in Erstaunen gesetzt habe. Wir hielten Charette für sehr gemein, wenig unterrichtet, sehr gall» süchtig und höchst indolent. Nicht einer von uns glaubte ihn fähig, sich über das Unbedeutende zu erheben. Allerdings aber erinnerten wir uns, sobald man von ihm zu sprechen begann, und wir erzähl» ten es nun mit vielem Vergnügen, daß er bei einem seiner ersten Feldzüge Im amerikanischen Kriege, als er noch ein halbes Kind war, während des Winrers von Brest auslief, daß sein Kutter den Mast verlor, wobei man den Verlust des Fahrzeugs für gewiß an» sah; daß bei dem schrecklichen Wetter und dem offenbaren Unter» gange, die Matrosen auf den Knieen lagen, den Kopf verloren hat» ten und nicht mehr arbeiten wollten, um das Schiff zu retten, daß aber nun der Marine-Gardist Charette, seiner zarten Jugend unge» achtet, einen derselben niederstieß, um die andern zur Arbeit zu zwingen, und daß er durch dieses abschreckende Beispiel, sie wirk. Ilch dazu brachte und das Fahrzeug gerettet wurde. „Sehen Sie wohl! sagte der Kaiser, der wahre Charakter bricht sich immer seine Bahn, wenn es darauf ankömmt; das war in der That schon der Funke, der den Heros der Vendse verkündete. Man muß solche Menschen nur nicht mißverstehen. Es giebt Schläfer, deren Er. wachen schrecklich ist. Kleber war auch, seiner Gewohnheit nach, ein solcher Schläfer; aber wenn sich die Gelegenheit zeigte, und wenn es Noch that, erwachte er dann wie ein Löwe." 3ch fügte noch hinzu, daß Charette oftmals erzählt habe, wie in einem Mo. mente die Matrosen von freien Stücken einstimmig aufgeschrieen und das Gelübde gethan hätten, daß wenn der Kurier gerettet würde, sie im Hemde und mit nackenden Füßen unsrer lieben Frauen von Recouvrance (einem Thcile von Brest) eine Kerze bringen wollten. „Und Sie mögen es nun glauben oder nicht, sagte Charette dabei ganz naiv, kaum )var ihr Gebet zu Ende, so lies der Wind plötzlich nach und wir fiengen an zu hoffen, daß wir davon kommen würden." Sobald die Matrosen heimkamcn, erfüllten sie nun auch, ihre Offiziere an der Spitze, recht fromm daö gethane Gelübde. Uibrigens war dies nicht das einzige wunderbare Ereigniß, das dem kleinen Kutter begegnete. Es war im December, die Nacht, lang und sehr finster. Man wußte, daß man sich mitten unter Klippen befinde, aber ohne Mast und andere Mittel wie sie aus dem Schiffe nölhig sind, schwamm man auf gut Glück umher und erwartete sein Heil allein vom Himmel, alS auf einmal ein Glöckchen er- tönte. Es ward sogleich der Grund mittelst des Senkbleies unter- sucht, und da man nur geringe Tiefe vorfand, Anker geworfen. Wie groß war nun bei Tagesanbruch das Erstaunen und die Freude, sich an der Mündung des Flusses Landernau zu sehen! Die Glocke, welche man gehört hatte, war von der nahen Pfarrei, und mithin das Schiff auf wunderbare Weise durch unzählige Klippen, womit der Hafen von Brest umsäet ist, hinschwimmend durch die enge Einfahrt gekommen, hatte drei bis vierhundert Seegel, welche die Rhede bedeckten, passirt und endlich ein sicheres, ruhiges, abgelegenes Plätzchen gerade an der Mündung eines Flusses gefunden. „Sehen Sie, sagte der Kaiser, den Unterschied zwischen der Menschen Tappen im Finstern und dem sichern Gange der Natur. Was Sie so in Verwunderung setzt, mußte so kommen. Es ist höchst wahrscheinlich, baß bei aller menschlichen Kunst, doch die Unruhe, die Täuschung der Sinne, den Schiffbruch des Fahrzeugs herbeige» führt haben würden, indessen bei allem Zusammentreffen der un- glücklichsten Verhältnisse, die Natur es rettete; die Fluch hat es —. HZ ergriffen und die Gewalt der Strömung dasselbe ohne Gefahr durch jedes Fahrwasser hingeführc, so mußte es gerettet werden, re." Er kam jetzt auf den Vends'ekrieg zurück, und erinnerte daran, daß, da er von der Alpenarmee abgerufen wurde, um sich zu der in der Bendse zu begeben, er es vorgezogen habe, lieber seinen Abschied zu nehmen, als einen Dienst fortzusetzen, in welchem er, nach dem damaligen Zeitgeiste, nur Böses Mitwirken konnte, ohne persönlich zu irgend etwas Gutem gelangen zu können. Eine seiner ersten Sorgen beim Antritte des Consulacs scy daher gewesen, dieses unglückliche Land völlig zu beruhigen und sein trauriges LooS in Vergessenheit zu bringen. Er hatte viel für dasselbe gethan, das Volk war ihm dankbar dafür und als er jenes durchreiste, schien es, als ob selbst die Priester ihm recht aufrichtig ergeben wären. „Auch hatten, setzte er hinzu, die letzten Unruhen nicht mehr den nämlichen Charakter als die erste. Es war nicht mehr reiner Fanatismus, sondern blos der leidende Gehorsam für eine herrschende Aristokratie. Dem sey wie ihm wolle, Lamarque, den ich bei der stärksten Krise dahin geschickt hatte, that dort Wunder und übertras alle meine Erwartungen." Und von welchem Gewichte hätten seine Handlungen nicht bei dem großen Kampfe seyn können. Die ausgezeichnetsten Häupter der Vend^e, die jetzt ohne Zweifel die Gnadenbezeigungen des Hofes erndten, haben selbst nach der Schlacht bei Waterloo, sogar nach seiner Abdikation, Napoleon als Kaiser anerkannt. War das nun von Seiten Lamarques Unwissenheit der wahren Lage der Dinge oder bloße Phantasie des Siegers? Kurz, er ist im Exil — und unter der Zahl der 3tz. „Man sieht daraus, daß Aechten leichter ist, als Siegen, re." Dem Kaiser siel es ein, mit uns zu diniren. ES war zum erstenmale nach seinem Uebelbesinden, das heißt, seit 16 Tagen. Wir feierten ein kleines Fest, bemerkten aber dabei auf schmerzliche Weise, eine große Veränderung in seinen Zügen, und sichtliche Spuren eines so langen Zimmerhütens. Nach dem Diner wurden die seit so langer Zeit unterbrochenen Lektüren wieder vorgesucht. Der Kaiser las den Agamemnon von Aeschilus und bewunderte seine außerordentliche Kraft bei der größten Einfachheit. Wir erstaunten insbesondere über die Gradation des Schreckens, welche die Werke dieses Altvaters des Trauerspiels charakrerisirt. An diesem Funken, bemerkte man, hat sich das schöne Licht unsrer Tage entzündet. N>1Ä) dem Agamemnon von Aeschilus lies der Kaiser den -Oe- dipus von Sophokles hcrzuholen, der uns eben so vieles Vergnügen machte. Der Kaiser wiederholte sein Vedauren, daß er ihn nicht gerade so in Saint-Cloud habe spielen lassen. L. Eases Tageb. io. Bd. 5 66 Talma hatte diese Idee stets bestritten, aber der Kaiser sagte, es ärgere ihn, daß er nicht darauf bestanden habe. „Nicht daß ich der Meinung gewesen wäre, fügte er hinzu, diese alte Sitte wieder einzusührcn und darnach unser Theater verbessern zu wollen. Gott bewahre mich! sondern nur weil ich gern versucht hätte, welche» Eindruck dies antike Machwerk auf unser modernes Gefühl hervor» gebracht haben würde." Er war überzeugt, daß ein solches Schauspiel großes Vergnügen gewährt hätte, und fragte sich selbst, welche Wirkung bei unscrm neuen Gcschmacke der Choriphäe und die griechischen Chöre hätten machen können, m s. w. Er kam nun auf den Ledipus von Voltaire, den er sehr rühmte. Er fände, sagte er, daß dieses Stück das schönste unserS Theaters sey. Was die Fehler beträfe, zum Beispiel, die lächerliche Liebe des Philocret, so müsse man nicht den Dichter deshalb anklagen, sondern die Sitte der damaligen Zeit und die großen Aktricen derselben, welche damals Gesetze vorschrieben. Dieses Lob für Voltaire verwunderte uns sehr, es war ganz neu für uns, so selten kam eS aus des Kaisers Munde. Um 11 Uhr, als der Kaiser schon zu Bette war, lies er mich noch rufen, um das Gespräch über unser Theater und über das griechische fortzusetzen, wobei er viele sonderbare Dinge über diesen Gegenstand sagte. Anfangs wunderte er sich, daß die Römer keine Tragödien hatten; dann gab er zu, daß sie nicht geeignet gewesen wären, ini Theater gerührt zu werden, und daß sie sich zu sehr der Wirklich, keit in ihrem CircuS hingegebrn hätten. „Die Gladiatoren-Kämpse, sagte er, die mit wilden Thieren ringenden und ihnen preiß ge- gebenen Menschen waren viel schrecklicher, als alle unsre drama- tischen Scenen zusammen genommen, und paßten besser für das ab- gehärtete Wesen, die eisernen Nerven der Römer. Bei alle dem, erwiederten wir, hatten die Römer einige Ver- suche von Tragödien, deren Verfasser Seneka war, dessen Medea, im Vorbeigehen gesagt, etwas sehr Sonderbares enthält, indem das Chor darinnen ganz deutlich die Entdeckung von Amerika voraus- sagt, welche erst 1400 Jahre später erfolgte. „Ein neuer Typhon, ein Sohn der Erde, wird in den künftigen Jahrhunderten, nach Westen hin weit entfernte Gegenden entdecken und Thule wird nicht mehr das Ende der Welt seyn.*) — — — venienk snin8 Lusculg serles neeänus » Sonnabends, am 9. November-. k Der Kaiser befand sich ungleich besser. Von uns allen um» t geben, sprach er von den Wundern bei dem Antritte seiner Lauf» k bahn, und welchen Eindruck sie bei aller Welt gemacht haben müß- ten. Dieser war, erwiederte einer aus dem Kreise, so groß, daß man Uibernatürliches dabei ahnete — und bei dieser Gelegenheit , erzählte er eine Anekdote, welche man damals in den Pariser Sa» I lons verbreitet hätte. Ein Neuigkeitskrämer in einem Luartiere der k Hauptstadt tritt dort ganz außer sich in eine Gesellschaft mit der * Nachricht, daß Bonaparte eben umgekommen scy, erzählt nun die Explosion der Höllenmaschine und endet mit den Worten: da Ist er denn in die Lust geflogen. — Der in die Luft? ruft fetzt ein - alter Lcsterreicher aus, welcher genau zugehört hatte, und dem noch I alle die verzweiflungsvollen Lagen gegenwärtig waren, aus denen er den jungen General der italienischen Armee so glücklich und wun» . dervoll hatte entkommen sehen. „Der in die LuftI 3a, Sie i kennen Ihren Mann gut! Ich wette, was Sie wollen, er befindet sich in diesem Augenblicke besser als wir Alle. Den kenne ich schon etwas länger, mit allen seinen närrischen Streichen!" Als in einem andern Momente Madame R_von St. I... !: dÄ.... genannt und dem Kaiser gesagt wurde, welche Ergebenheit ^ für ihn sie während seines Aufenthaltes auf Elba bewiesen habe, - niste der Kaiser erstaunt und vergnügt aus: „Wer? Sie?— Ja Sire! — Ach! die arme Frau, sagte er nun mit dem Tone und der Gebehrde des Bedauerns, und ich habe sie doch so übel be» handelt. Nun da ist doch jemand, der für die Abtrünnigen be- ! zahlt, die ich mit Wohlthaten überhäuft habe!" — Nach kurzem ' Schweigen sagte er dann mit Bedeutung: „Das bleibt gewiß, daß man hier aus Erden Herzen und Gesinnungen nur durch große Prüfungen kennen lernt!" Bei dem Diner war der Kaiser recht wohl, zufrieden und munter. Er wünschte sich selbst Glück, daß er die letztere Krise überstanden habe, ohne Arznei zu nehmen und ohne dem Doktor einen Tribut zu zahlen. Das ärgere denselben, sagten wir; er hätte sich gern mit so wenigem begnügt; das geringste Nachgeben würde ihn befriedigt haben! — Er würde mit dem bloßen Beicht» zettel zufrieden gewesen seyn, sagte der Kaiser, indem er herzlich über die Sache lachte. Aus bloßer Gefälligkeit habe er wirklich 1'aeeLt teilns, »ovos Dermal oi'bes, »ec sit kerris »leim» Mnils. Ende des Chors im 2ten Akt der Medea von Seneka. 68 ein Gurgelwasser versucht. Das sey aber so abscheulich schais gc, wesen, daß eS ihm Schmerz verursacht hätte. Er müsse, nieime er, nur sehr süße Arznei bekommen, alle andere zöge bei ihm zusammen. „Physisch und moralisch, sagte er, muß man mich mit Milde behandeln, sonst stelle ich mich auf die Hinterfüße. 2m Lause des Gesprächs kam der Kaiser wieder auf die Kaiserinnen Ioftphine und Marie Louise. Er erzählte von ihnen eine Menge höchst lieblicher Dinge mit den kleinsten Nebcnumstän- den, und schloß mit seiner gewöhnlichen Bemerkung, die eine sey die Grazie selbst mit allen ihren Reizen, die andere die Unschuld in aller ihrer Liebenswürdigkeit gewesen. Der Kaiser berechnete was Malmaison gekostet habe, nämlich ohngesähr 3 bis 400,600 Franken in Allem. Dann zählte er zusammen, waS die Kaiserin Iosephine von ihm bekommen haben könnte und sagte hierbei am Ende, daß sie mit ein wenig -Ordnung und regelmäßiger Wirthschaft, gegen 50 bis 60 Millionen hatte hintcrlassen können. „IhreZeldversplitterungen waren meine Marler. Da ich der immerwährende Rechner bin, so liegt es in meiner Natur, lieber eine Million wegzuschenken, als 100,000 Franken verschleudern zu sehen." Er erzählte uns, daß er eines Morgens ganz unerwartet in den kleinen Morgenkrcis 2osephinenS cingetrc- ten sey, und daselbst eine Dame gefunden habe, die ganz eigentlich eine Putz- und Modehändlerin gewesen wäre. „Mein plötzliches Erscheinen, so sprach er, brachte die akademische Sitzung in grobe Unordnung. Es war eine berühmte Modehandlcrin, der ich ausdrücklich hatte verbieten lassen, zu der Kaiserin zu kommen, weil sie von ihr ruinirt wurde. Ich gab also ganz unvermerkt meine Ordres, wornach sie beim Fortgehen sestgenommen und nach Bicötre abgeführt wurde. Da gab eS denn in ganz Paris ein furchtbares Geschrei; das sey ein wahrhaftes Skandal sagte man. Es gehörte zum guten Tone ihr Visite zu machen, und vor ihrer Thür war immerfort eine Reihe von Wagen. Die Polizei gab mir Kenntnis hiervon. Desto besser, sagte ich; Sie haben ihr dock sonst kein Leid zugefügt; sie ist doch nicht in einem Kerker? — Nein Sire, sie hat mehrere Zimmer; sicht Gesellschaft.-„Immerhin, lassen Sie sie immer schreien; desto besser wenn man das Geschehene für eine tyrannische Handlung hält. Es wird ein überraschender Grundton für viele seyn. Am Geringen werden sie sehen, wie viel ich wohl im Nothfalle lhun konnte, u. s. w." Er erwähnte noch einen andern berühmten Modchändler und sagte, er sey der insolenteste Mensch gewesen, der ihm je in der Welt vorgekommcn sey. „Ich hatte, erzählte Napoleon, eines Tages bei der Besichtigung eines von ihm gelieferten Familien-Trousseau, eine Frage an ihn gethan, als er sich unterstand, mir Vorschriften machen zu wolle,?, mir, mit dem doch sonst nicht so guc Kirschenesscn war. Er setzte nämlich, waS außer ihm wohl nicht leicht noch jemand in gan; Frankreich gewagt haben würde, mir recht weitläusig auö einander, daß ich der Kaiserin Iosephine nicht genug gäbe, und daß cs unmöglich scy, für dieses Geld sie zu kleiden. 2ch unterbrach jetzt seine impertinente-Beredrsamkeit durch einen einzigen Blick und er war wie versteinert." Kaum war der Kaiser nach dem Diner in sein Zimmer zurück, a!s er mich rufen lies, obschon er bereits zu Bette war. Ich mußte bis sehr spat bei ihm bleiben. Ersetzte rcchc heiter daS Gespräch, das bei der Tafel gehalten worden, noch fort und gieng zugleich ans viele andere Gegenstände über. Er sagte, daß er sich viel besser befinde und das Schwatzen ihm Vergnügen gemacht habe. Für uns war der Abend höchst angenehm gewesen. Bei alle dem hustete er docy sehr viel und cs war dadurch unsre Abendunterhaltung oft unterbrochen, auch er vom Tische aufzustchen mehrmals genökhigt worden. „Ich werde in Gedanken zu viel Taback geschnupft haben, sagte er; ich bin ein GcwohnhcitSthier. Die Unterhaltung hat mich zerstreut. Sic sollten mir in solchen Fällen die Dose wegnehmen, mein Guter! So macht mans mit Personen, denen man gut ist. rc." Sonntags, am 10. November. Seit einigen Tagen beschäftigte sich der Kaiser bei seinem Lesen mit dem Kriege, mit der Besestigungskunst, Artillerie, re. Er hat Vauban durchgegangen, das Wörterbuch von Gassendi, einige Feldzüge der Revolution und Guiberks Taktik, welche ihn sehr anzieht. Er kam hierbei wieder auf einige Generale zu sprechen, die er schon sonst oft erwähnt hat, und sagte von ihnen: „Sic konnten nur auf den großen Heerstraßen Krieg führen und aus Kanonen- schußwcite, indessen ihr Schlachtfeld das ganze Land hätte umfassen sollen." Bei dem Diner sprach er von dem Feldzüge DumouricrS in der Champagne, den er eben gelesen hatte. Er machte nichts aus dem Herzoge von Braunschwcig, der bei seinem Angriffsplane doch nur 18 Stunden in 40 Tagen vorwärts gekommen scy. Von der andern Seite tadelte er aber auch Dumouricr sehr, dessen Stellung er viel zu vermessen gefunden hatte. „Und daS will von mir vicss sagen, setzte er hnizu, da ich mich für den kühnsten Menschen iin Kriege halte, der wohl jemals gelebt har. Aber ich wäre gewiß nicht in Dumouricrs Stellung geblieben, weil sie mir zu gefährlich geschienen hätte. 3ch kann mir nichts anders dabei denken, a!S 70 daß er nicht gewagt hat sich zurückzuziehen. Er hat gewiß noch größere Gefahr bei dem Rückzuge vorausgesehen, alö bei dem Blei- den. Wellington hälfe sich mit mir am Tage der Schlacht bei Waterloo in dieselbe Lage versetzt. l „Die Franzosen sind die bravsten Soldaten von der Welt. 2n j jeder Stellung werden sie sich schlagen, aber sie verstehen es nicht, vor » einem siegreichen Feinde sich zurückzuziehen. Wenn sie den gering- ! sten Schlag erleiden, so haben sie dann weder Haltung noch Dis- st ciplin; sie entschlüpfen unrer den Händen. So harte Dnmourier, s glaube ich, seine Lage betrachtet, re. oder sie war auch vielleicht die ^ Folge der oder jener uns unbekannt gebliebenen heimlichen Ver- i? Handlung." ; Die öffentlichen Blätter, welche man uns heute zu lesen gab, sprachen von der Vermählung des Prinzen Leopold von Sachsen- Coburg mit der Prinzessin Charlotte von Wallis. „Der Prinz Leopold, sagre der Kaiser, sollte mein Adjutant werden; er bat darum, nnd ich weiß nicht, was seiner Ernennung noch Im Wege gestanden haben mag. Es ist ein großes Glück für ihn, daß eS ihm damit nicht gelungen war. Dieser Titel würde ihn um die Vermählung gebracht haben, die nun statt findet, und darum mag man einmal erklären, was in dem Leben der Menschen auf dieser Welt Glück oder Unglück ist!" — Jetzt wurde das Gespräch über die Prinzessin Charlotte fortgesetzt. Einer von uns sagte, sie sey überaus populair in London gewesen und habe unzweideutige Beweise von Charakterstärke gege- ^ ven. Es war zum Sprüchworce unter den Engländern geworden, >> daß sie eine zweite Elisabeth werden würde. Man wollte sogar behaupten, daß sie selbst etwas ähnliches von sich glaube. Der ! Erzähler sagte, er habe sich im Jahre 1814 zu London befunden, wie eben diese junge Prinzessin wegen der ihrer Mutter in Gegenwart der alliirten Fürsten wiederfahrnen Beleidigungen, den Prinz- Regenten, ihren Vater, schnell verlassen habe, in den ersten besten ! Fiacre, der ihr zu Gesichte gekommen, gesprungen und nach der Wohnung der von ihr angebeceten Mutter hingeeilt sey. Der stolze Ernst der Engländer zeigte sich bei dieser Gelegenheit sehr nachsichtig. Man suchte sehr gern die Entschuldigung eines solchen j unbedachten Schrittes in dem moralischen Gefühle, das ihn veranlaßt hatte. Die junge Prinzessin wollte ihre Mutcer nicht wieder ; verlassen. Der Herzog von Dork oder ein andrer ihrer Onkels, selbst der Großkanzler von England, mußten erst kommen und sie durch die Vorstellung, daß ihre Widersetzlichkeit sogar das Leben ihrer Mutter in Gefahr bringen könne, zur Rückkehr zu ihrem Vater zu bewegen suchen. Die Prinzessin Charlotte halt« schon damals einen sehr festen Charakter gezeigt, als sie sich weigerte, den Prinzen von Lranien zum Gcmahle anzunchmen. Sie sagte, daß sie solches vornämlich nur deswillen chue, weil sie dann genöthigt seyn würde, zu Zeiten außer England zu leben, und dieses Nationalgefühl machte sie den Engländern nur noch weither. Wie uns die hier befindlichen Engländer sagten, gieng die Dahl des Prinzen Leopold von Sachsen Coburg ganz von ihr selbst aus. Sie äußerte offen: sie hoffe auf glückliche Tage, weil sie dabei nur ihr Herz gefragt habe. Der Prinz harte ihr sehr gefallen. „Das will ich glauben: bemerkte der Kaiser, wenn ich mich recht erinnere, so ist er der schönste junge Mann, den ich je in den Tuilerien gesehen habe." Man erzählte jetzt, die hiesigen Englän- der hätten vor einigen Tagen eine Geschichte zum Besten gegeben, welche, wie sie das so nennten, eine Charakterprobe, ein Beweis der Würde ihrer künftigen Gebieterin scy. Als nämlich einer der Minister sich zu ihr verfügt Härte, um bei den Vorbereitungen zu ihrer Vermählung einige häusliche Angelegenheiten mit ihr ins Reine zu bringen, und dabei Vorschläge grthan habe, die nach ihrer Meinung sehr unpassend gewesen wären, so habe sie dem Minister stolz erwiederr: „Mylord! Ick bin die Erbin von Großbrittanien, und werde einst dessen Krone tragen. Mit dieser meiner hohen Bestimmung habe ich mich vertraut gemacht. Bedenken Sie also wohl, daß Sie mich hiernach zu behandeln haben. Glauben Sie nicht etwa, daß, weil ich mich mit dem Prinzen Leopold vermähle, ich eine Mistriß Coburg werden will. Den Gedanken lassen Sie sich vergehen rc." Diese junge Prinzessin ist der Abgott der Engländer, die mit Freuden in ihr die Hoffnung einer bessern Zukunst erblicken. Der Kaiser kam jetzt aus den Prinzen Leopold zurück, der früher sein Adjuvant hatte werden sollen, und sagte: „Eine Menge anderer deutscher Fürsten bewarben sich eifrig um diese Gunst. Als ich den Rheinbund geschaffen hatte, hielten die dazu gehörenden Fürsten es für eine ganz gewisse Sache, daß ich in meiner Person wieder die Etiquccte und Formen deS heiligen römischen Reichs erneuern würde, und alle, sogar Könige, wünschten, meinen Hof zu bilden, so daß einer mein Obcrmundschcnk, der andere mein Grandpanerier, (Äberhosbäckerei-Aufsehcr) rc. werden wollte. Zu dieser Zeit bestürmten die deutschen Fürsten die Tuilerien. Sie füllten die Säle und verloren sich bescheiden unter der Menge. Italiener, Spanier und Portugiesen machten es allerdings nicht anders, so daß der größte Thcil von Europa in den Tuilerien versammelt war. — Mit einem Worte, so schloß der Kaiser, Paris ist unter meiner Regierung die Königin der Nationen, und die Franzosen sind das erste Volk der Welt gewesen! —" MoncagS am 11. November. Der Kaiser gieng nicht aus seinem Zimmer. Ich habe fast den ganzen Tag bei ihm zugebracht, und ihn nur während -es Diners verlassen. Die heutigen TagSgespräche waren lang, reichhaltig und höchst interessant. Der Kaiser schien sehr zum Sprechen aufgelegt, und die Worte flössen ihm schnell vom Munde. Er durchlief eine Menge von Gegenständen, die, so fremd sie oft waren, doch von selbst ganz natürlich herbeigeführt wurden. Sie ließen für mich neue Begriffe und Thatsachcn strahlen, aber unglücklicher Weise sind mir bei ihrer Menge und Wichtigkeit viele davon entfallen, und immer noch würde mir es lieb scyn, wenn ich nur bei denen, welche ich behalten habe, die buchstäbliche Richtigkeit versichern könnte; aber meine große Anstrengung, das Verlorne wieder zu finden, hat mich wohl hier und da auch bei dem, was mir noch einfiel, zerstreut gemacht. Als er von den Elementen des bürgerlichen Vereins sprach, sagte er: „Die Demokratie kann heftig seyn, aber sie hat doch rin Herz und läßt sich erweichen, die Aristokratie hingegen bleibt ewig kalt und verzeiht nie w." In einem andern Augenblicke, äußerte er, in Folge eines schon vorausgegangenen Gesprächs: „Alle irdischen Einrichtungen haben zwei Seiten, eine vortheilhafte und eine mangelhafte. Man kann mithin für und wider die Republik, für und wider die Monar- chi e streiten. Es ist ohne allen Zweifel theoretisch leicht, den Beweis zu führen, daß die eine, und eben so, daß die andere gut, sogar sehr gut sey. Bei der Anwendung aber möchte es etwas schwerer werben." Dies führte ihn zu der Behauptung, die äußerste Grenze der Regierung Mehrerer sey Anarchie, und die der Re-i gierung eines Einzelnen Despotismus. Das Bessere würde! ohne allen Zweifel in der Mitte liegen, wenn es die menschliche Weisheit vermöchte, sich in derselben zu erhalten. Er bemerkte, daß diese Wahrheiten längst anerkannt wären, ohne daß etwas Gutes daraus hervorgehe, daß man schon eine Menge Folianten darüber geschrieben habe, und noch schreiben würde, ohne daß es etwas helfen könne rc. Späterhin sagte er ferner: „Es giebt keinen absoluten, sondern, nur einen relativen Despotismus; kein Mensch darf es damit ungestraft ausS Aeußcrste treiben. Wenn ein Sultan die Köpfe nach 73 seiner Laune Abschlägen läßt, so büßt er leicht den selnigen auf gleiche Weise ein. Das Uibermaaß wird immer nach der oder jener Seite hin austreten. Was der Lcean aus einem Punkte an sich reißt, verliert er auf einem andern. Auch giebt cs Sitten und Gebrauche, an denen sich jede Macht bricht. 2u Egypten war ich als Eroberer, der unbeschränkteste Herr und Gebieter, der durch bloße Tagsbefehle der ganzen Volksmasse Gesetze vsrschrieö, und doch hätte ich eS nie gewagt, die Häuser durchsuchen zu lassen, so wie es außer meiner Macht lag, die Einwohner zu hindern, auf den Kaffeehäusern frei zu sprechen. Sie waren dort ungezähmter, zügelloser und größere Raisonneurs, als in Paris, und, wenn sie überall sich bcquemten, Sklaven zu scyn, so wollten sie doch dort ihre Freiheit behaupten. Die Kaffeehäuser waren daS Bollwerk ihrer Freimüchigkeit, der Marktplatz für ihre Meinungen. Dort sprachen sie laut, und urlheilten mit der größten Kühnheit. Kein Mensch vermochte j ihnen das Maul zu stopfen. Wenn ich mich etwa dort zeigte, so verneigte man sich zwar, allein das geschah blos aus persönlicher Achtung. 2ch war der Einzige, — meinen Stellvertretern hatte man das nicht gcthan w. „Dem mag nun scyn, wie ihm wolle, sagte er dann in Folge von Aeußerungcn über andere Gegenstände, die Macht der Einheit und Conccntration wirkt, wie Sie sehen, selbst auf den gemeinsten Haufen. Das Mehreren preisgegcbene, schmerzhaft hin und herge- zogeuc Frankreich unterlag schon den Streichen des vereinten Europa, da vertraut es das Steuerruder den Händen eines Einzelnen an, und sogleich schreibe ich, als erster Consul, eben diesem Europa Gesetze vor. „Es war ein ganz eignes Schauspiel, als die alten europäischen Kabinette die Wichtigkeit dieser Veränderung nicht begreifen konnten, und es mit der Einheit und der Conccntration fortan treiben wollten, wie sie eS mit der Menge und den zerstreuten Kräften gerhan hatten. Merkwürdig aber blieb es,.daß Paul, den man für verwirrt hielt, der erste war, der draußen in seinem Rußlande diesen Unterschied gewahrte, indessen der berühmte, hocherfahrne englische Minister ihn zuletzt cinsah. „Was von Ihrer Revolution zu halten sey, lasse ich bei Seite gestellt, schrieb Paul an mich, ich halre mich an eine Thatsache, die mir genügt. Sie sind in meinen Augen eine Regierung, und ich wende mich an Sie, weil wir uns verstehen können, und weil ich nun unterhandeln kann." „Was aber dagegem den englischen Minister betrifft, so mußte ich erst überall siegen, überall zum Frieden zwingen, ihn gänzlich von dem übrigen Europa trennen, ehe ich dahin kommen konnte, 74 daß er mich anhörte. Und auch dann noch gieng er nur ln dem schleppenden, durch die Iicrrathen beö alten Schlendrians erschwer» ten Gange auf vorläufige Besprechungen ein. Er versuchte es mich durch Weitläustigkeiten, Protokolle, Formalitäten, Etiquette, Borbereitungen, Verschick, und was weiß ich, womit noch sonst hinzu- halcen. 3ch lachte dazu, denn ich fühlte mich ja so mächtig! — „Ein ganz neues Terrain verlangte auch ein ganz neues Verfahren. Die englischen Bevollmächtigten glaubten sich ihrer Sache in Hinsicht auf Zeit, Gegenstände und Menschen ganz gewiß. Meine Manier brachte sie aber aus aller Fassung. Ich fings mit ihnen in der Diplomatik an, wie ich anderwärts mich unter den Waffen gezeigt hatte. Hier sind meine Vorschläge, sagte ich ihnen gleich gerade heraus. Wir sind Herren von Holland und der Schwei; — aber ich verzichte auf beides, wenn Sie herausgeben, was Sie uns und unfern Alliirten hcrauszugeben haben. Wir sind ferner Herren von Italien, ich gebe einen Theil davon zurück, behalte aber daö übrige, um das Bestehen des Ganzen und dessen Dauer in meiner Gewalt zu haben, und beides verbürgen zu können- Das sind meine Basen! — jetzt bauen Sie rings umher, was Sie nur wollen, mich soll's nicht kümmern; — aber jener Zweck und dessen Resultat müssen mir verbleiben, daran kann ich nichts ändern. 2ch will mir von Ihnen keine Concessionen erkaufen, sondern ich will ein vernünftiges, ehrenvolles und dauerndes Abkommen; hierum dreht sich Alles. Sie sind, wie ich sehe, mit unfern Verhältnissen und unfern beiderseitigen Mitteln wohl bekannt; ich fürchte meinerseits weder Ihre abschlägliche Antwort, noch Ihre Anstrengungen, noch alle die Verlegenheiten, in welche Sie mich bringen möchten. Ich habe starke Schultern, und werde das Alles ertragen können. „Diese ungewöhnliche Sprache, fuhr der Kaiser fort, that ihre Wirkung. Man halte uns Anfangs in Amiens nur Hinhalten wollen, und unterhandelte nun ernstlich. Da sie nicht wußten, wie sie mir beikommen sollten, so boten sie mir an, mich zum Könige von Frankreich zu machen. Ich zuckte mitleidig die Achseln. Sie kamen da an den Rechten — König durch des Auslands Gnade! — ich, der ich schon Souverain durch den Willen des Volks war! — „Das Gewicht, was ich mir nun schon verschafft hatte, war so groß, daß ich mir, selbst während der Unterhandlungen, von den Italienern die Präsidentschaft ihrer Republik ertheilen lies, und daß dieser Akt, der bei der gewöhnlichen Diplomatik Europas, großen Widerspruch erzeugt haben würde, weder Unterbrechung noch Aufenthalt verursachte. Die Verhandlungen kamen zum Abschlüsse, und meine trockene Freimüthigkett hatte mir mehr geholfen, a!S ! alle sonst gewöhnlichen Spitzfindigkeiten vermocht haben würden. Eine Menge von Schmähschriften und Manifeste von gleichem Gelichter haben mich, in Hinsicht auf meine Unterhandlungen, treulos, unredlich, wortbrüchig genannt. 2ch habe diesen Vorwurf nie, ! andere Kabinetcer hingegen haben ihn immer verdient. ! „Uidrigens glaubte ich ganz ehrlicher Weise, daß zu Amiens z Frankreichs und Europas, so wie mein eignes Loos fest bestimmt worden, daß drr Krieg beendigt sey. Das englische Kablnet allein ^ hat alles wieder in Brand gesteckt. Nur ihm hac Europa das Un- ? glück zu verdanken, was späterhin erfolgte — nur England ist z dafür verantwortlich. Zch wollte mich einzig der Verwaltung Frankreichs widmen, und würde, glaub' ich, Wunder hervorgebrachc haben. An Ruhm hätte ich dabei gewiß nichts verloren, und an Genuß unendlich viel gewonnen. 2ch hätte Europa eben so moralisch erobert, wie ich auf dem Punkte stand, es durch Gewalt der Waffen zu khun. Um welche wahre Glorie bin ich doch gekommen! — „Man hört nicht auf, von meiner Liebe zum Kriege zu sprechen; bin ich denn aber nicht immerwährend genölhigt gewesen, mich zu verchcidigen? Habe ich wohl einen einzigen großen Steg errungen, ohne unmittelbar darauf den Frieden vorzuschlagen? — „Ich bin in der That nie Herr meiner Handlungen gewesen, habe mir selbst niemals vollkommen angehört. „Ich habe vielleicht viele Pläne gemacht, war aber nie ungebunden genug, um einen einzigen auszusühren. Wenn ich auch das Sleuer- s rüder führte, wenn auch der Arm stark war, der es zu regieren hatte, die sich schnell aufchürmenden zahllosen Meereswogen waren es auch, und ich hielt für klüger, nachzugeben, als bei einem hartnäckigen Widerstande zu scheitern. 3ch bin mithin nie so eigentlich ' mein eigner Herr gewesen, sondern immer von den Verhältnissen dergestalt beherrscht worden, daß mich zuweilen, im Anfänge meiner Erhebung unter dem Konsulate, meine treusten Freunde, meine eifrigen Anhänger in der besten Absicht, und um ihr Verhalten darnach einzurichten, fragten: wo ich denn eigentlich hinaus wolle, und ich ihnen gleichwohl stets antwortete, daß ich es selbst nicht wisse. Sic waren darüber verwundert, vielleicht selbst unzufrieden, und dennoch sagte ich ihnen die reine Wahrheit. Späterhin, als ich Kaiser war, und man nicht mehr so vertraulich mit mir sprechen konnte, schienen viele Gesichter die nämliche Frage an mich zu thun, und ich hätte ihnen nur das Nämliche antworten können. Ich war keinesweges Herr meiner Handlungen, weil ich nicht die Thorheit begieng, die Ereignisse in mein System zwängen zu wollen, sondern viel mehr mein System nach dem unvorhergese- henen Zusammentreffen der Verhältnisse bildete. Dies hat mir zuweilen den Anschein der Unbeständigkeit, der Jnconftquenz gegeben, man hat mich öfters beider beschuldigt; aber geschah es denn mit Recht? —" Nachdem nun der Kaiser über viele andere Gegenstände noch gesprochen hatte, sagte er späterhin: „Eine meiner größten 2deen war die Verbindung, die innige Vereinigung derjenigen geographisch zusammen gehörenden Völker, welche durch Revolutionen und politische Einwirkungen getrennt und verstückelt worden waren. So rechnet man in Europa, obschon zum Theil zerstreut, mehr als 30 Millionen Franzosen, 15 Millionen Spanier, 13 Millionen Italiener, 30 Millionen Deutsche. Ich wollte gern aus jedem dieser Völker einen einzigen, für sich bestehenden Staatskör- pcr bilden. Wie schön wäre cs gewesen, mit einem solchen stattlichen Gefolge in die Nachwelt, zu den Segnungen der Jahrhunderte überzugehen! — Ich fühlte mich dieser Ehre würdig! „Nach einer solchen summarischen Vereinfachung würde es dann leichter geworden scpn, sich dem schönen Traume eines Ideals der Civilisation zu überlassen. Dann war es möglicher eine Gleichheit der Gesetze, der Grundsätze, der Meinungen, der Gesinnung, der Ansichten und der Interessen herbcizusühren. Erst wenn die -Aufklärung überall Eingang gefunden hatte, lies sich daran denken, für die große europäische Familie den amerikanischen Kongreß oder Griechenlands Amphiktyoncn-Gericht in Anwendung zu bringen. Welche Kraft, welche Größe, welche glücklichen Tage, welche allgemeine Wohlfahrt war dann zu erwarten! — ein herrliches, unvergleichliches Schauspiel! „Die Vereinigung von 30 bis 4o Millionen Franzosen war erfolgt und vollendet. Die von 15 Millionen Spanier war sehr nahe daran, es auch zu scyn. Nichts ist aber gewöhnlicher, als das Zufällige mit dem Grundsätze zu verwechseln. Jedermann schließt, daß, weil ich die Spanier nicht besiegt habe, sie nicht zu besiegen gewesen wären. Das Wahre an der Sache ist aber, daß sie bezwungen waren, und in dem Augenblicke, als sie mir entkamen, die Cortes von Cadix bereits mit mir ins Geheim unterhandelten. Auch war es nicht ihr Widerstand, nicht die Anstrengung der Engländer, wodurch sie befreit wurden, sondern meine Fehler tragen die Schuld, meine weit davon erlittenen Unfälle, der Umstand, daß ich mich auf tausend Stunden Weite von ihnen entfernt hatte, und dort zu Grunde gieng. Außerdem würde sich die spanische Regierung befestigt, die Gemücher würden sich beruhigt, die verschiedenen Partheien vereinigt haben. Nach drei oder vier Jahren hätten sie sich im tiefsten Frieden und als eine kräftige Nation in einem glänzenden Wohlstände befunden. Ich hätte großes Verdienst um sie gehabt, ihnen die gräßliche Tyrannei erspart, unter welcher sie schmachten, die schrecklichen Unruhen, welche sie zu erwarten haben. „So viel die 13 Millionen Italiener betrifft, so war deren Vereinigung schon weit vorgerückt. Nur Zeit war noch erfodcrlich; jeder Tag brachte die Einheit der Grundsätze, der Gesetzgebung, der Gedanken und der Gefühle, diesen festen Kitt menschlicher Vereinigung, zu größerer Reife. Die Verbindung von Picmonc, Parma, Toscana und Rom mit Frankreich war nach meiner Idee nur tem- porair, und hatte keinen andern Zweck, als die nationale Ausbildung der Italiener zu beobachten, zu sichern und zu fördern *). «) Ein so großer Beschluß, als die künftige Ansgebung von Italien gewesen wäre, wovon ich z»»i ersten Male etwas störte, und der jetzt nur ganz im Vorbeigehen, ohne das mindeste Gewicht darauf zu legen, ohne eine» Beweguugügrund dabei anzugcbcn, und ohne einen Beweis für dessen Wahrheit aufzustclle», geäußert worden war, hätte, wie ich gern gestehen will, in meinen Auge» keinen höher» Wertst gestabt, als den man jeder gewagten Versicherung bcizulegen pflegt, welche oft die Wärme des Gesprächs herbeiführt, und entschuldigt. Aber Zeit und Umgang habe» mich belehrt, daß solche Reden bei Napoleon ihren vollen, klaren, buchstäblichen Sinn hatten. So habe ich sie jedesmal befunden, wenn ich nachher die Mittel erhielt, mich von der Wahrheit zu überzeuge», und ich bemerke dies in der Absicht, damit diejenigen, welche geneigt sehn möchten, diese Aeußerungen als unwahr zu verwerfen, hierbei nicht zu leichtsinnig zu Werke gehen, und wenigstens erst versuchen möchten, ob sich kein Beweis dafür auffin- dcn lasse. So finde ich zuin Beispiele jetzt in einer dem General Montholon von Napoleon diktirten, und von erstercm in seinen lblcmoires pour servir ä I'kiecoir,: 60 sirance. Vol. I. pax. IZ7. bekannt gemachten Stelle eine so vollständige, so befriedigende Entwickelung jener aus seinem Gespräche von mir aufgenommenen Rede, daß ich dem Drange, sie hier mitzuthcilcn, nicht widerstehe» kann. „Napoleon, so heißt cs dort, wollte ein Italienisches Vaterland wieder Herstellen, wollte die Dcnetianer, die Mailänder, die Picmon- teser, die Genueser, die ToScaner, die Parmascncr, die Modcneser, die Römer, die Neapolitaner, die Sicilianer, die Sardinier zu einer einzigen, unabhängigen, durch das adriatische, jonische und mittelländische Meer begrenzten Nation vereinen; das sollten die Trophäe» scyn, die er feinem Nnbmc errichten, wodurch er unsterblich werden wollte. Ein so großes uud mächtiges Reich hätte zu Lande die Qesterrcicher in Schranken gehalten, und zur See würde dessen SchifsSmacht, mit den Tculvnerflottcn vereint, das mittelländische Meer beherrscht und die alte Handelsstraße nach Indien auf dem rvthen Meere über Suez beschützt haben. Rom, die Hauptstadt dieses Reichs wäre cs auf ewig geblieben, da sic durch die drei großen Barrieren, die Alpen, den Po und die Apcnnincn gedeckt, und ihre Lage zudem angemessener, als die jeder andern der drei großen italienischen Inseln Sehen Sie wohl, wie richtig ich urtheilte, und wie groß die Macht gemeinsamer Gesetze Ist! Die Parkheien, welche mit uns vereinigt waren, zeigten sich, obschon eben diese Vereinigung das Ansehen ^ einer gewaltsamen Besitznahme gehabt hatte, bei aller ihrer Liebe ' zum Vaterlande doch als diejenigen, welche vor allen andern treu an uns sesthielten. Nun sie sich selbst wieder gegeben sind, — nun erst halten sie ihr Land für erobert, ihr schönes Erbtheil für l verloren, — und so ist eS auch! — I „Der ganze Süden von Europa würde mithin nun bald ein Ganzes, nicht nur örtlich, sondern zugleich durch Ansichten, Mei- i nungen, Gesinnungen und Znceressen gebildet haben. WaS hätten ^ war. Aber Napoleon hatte hierbei große Schwierigkeiten zu besiegen. ^ Er sagte einst zu der Consulta von Lyon: Ich brauche 20 Jahre I zur Herstellung der italienischen Nation. V „Drei Dinge waren es vornämlich, die seinem großen Vorhaben ! entgegenstanden. 1. Die Besitzungen der fremden Mächte; 2. die ört- ! liche Stimmung, und Z. der Aufenthalt des Papstes zu Rom, i „Zehn Jahre waren seit der Consulta zu Lyon verflossen, und j schon war das erste Hindcrniß völlig gehoben. Keine fremde Macht ! hatte noch ein Bcsitzthum in Italien, cs stand unter dem unmittelbar ! ren Einflüsse des Kaisers. Die Auflösung der Republik Venedig, deS ! Königreichs Sardinien, des Großherzogthums ToScana, die Vereinigung des Kirchenstaats mit dem Reiche hatte auch bereits die zweite Schwierigkeit entfernt. Gleich Stückgießcrn, welche, wenn sie mehrere Kanonen von kleinem Kaliber zu einem 48 Pfänder umsormen wollen, erstere in den großen Glutofen werfen, um sie einzuschmclzen, hatte man zeithcr die kleinern Staaten mit Oesterreich oder mit Frankreich ver- I eint, damit sie in ihre Grundtheile aufgclößt werden, das Andenken ß an frühere Zeiten verlieren, ihre Ansprüche vergessen, und so zu dem !! Augenblicke ihrer neuen Gestaltung in einer größer» Form vorbereitet t werden sollten. Die Denetiancr, welche mehrere Jahre hindurch der ! österreichischen Monarchie zugcbörtcn, hatten die ganze Bitterkeit des I Zustandes, den Deutschen untcrthan zu seyn, gefühlt- Als dieses Volk wieder unter italienische Herrschaft kam, fragte cs nun nichts darnach, ob seine Stadt die Hauptstadt, und ob seine Regierung mehr oder minder ! aristokratisch sey. Die nämliche Umwälzung erfolgte zu Piemont, zu s Genua, zu Rom, die durch die mächtige Bewegung des französischen k Reichs zerstückelt wurden. » „Es gab jetzt keine Venetianer, keine Piemonteser, keine Tos- j kaner mehr. Alle Bewohner der Halbinsel waren blos Italiener, alle bereit, das große italienische Vaterland zu bilden. Das Großher- zogthum Berg blieb für die Dynastie, welche für den Augenblick den neapolitanischen Thron einnahm, erledigt. Der Kaiser wartete mit Ungeduld auf die Geburt seines zweiten SohneS, um ihn dann nach Rom zu führen, ihn zum Könige von Italien zu krönen, und die Unabhängigkeit der schönen Halbinsel unter der Regentschaft des Prinzen Engen zu proklamire», —" 79 wir uns dann um die Völker des Norden gekümmert? Würde nicht jede menschliche Macht an einer solchen Schutzwehr gebrochen seyn? „Die Vereinigung der Deutschen soderte einen langsamem Gang, auch that ich nichts dafür, als daß ich ihre ungeheure Zusammen» i setzung vereinfachte. Uibrigens waren sie mehr als zu sehr für die j Centralisation gestimmt. Sie konnten vielleicht blindlings auf uns !i zurückwirken, che sie unS verstanden. Wie in aller Welt mag es ! aber nur gekommen seyn, daß kein deutscher Fürst die Neigung sei» l ner Nation begriffen, und sie benutzt hat? — Hätte mich der ! Himmel als einen deutschen Fürsten geboren werden lassen, so hätte Ich mitten unter den unzähligen Krisen unsrer Tage doch ohne allen Zweifel über 30 Millionen unter sich vereinter Deutschen geherrscht, und, so wie ich sie kenne, glaube ich, daß wenn sie mich einmal zu ihrem Regenten erwählt, und alS solchen proklamirc hätten, Fe mich auch nie verlassen haben würden, und ich sonach wohl nicht hier seyn möchte." — Jetzt folgten einige nähere Auseinander» setzungen und schmerzliche Beziehungen; dann sprach er weiter: ,,Dem sey nun, wie ihm wolle, so wird doch jene Einigung früher oder später durch die Gewalt der Dinge erfolgen. Der Impuls dazu ist bereits gegeben, und mich dünkt, daß nach meinem Falle und dem Verschwinden nieines Systems es kein anderes Mittel zu einer Art von größerem Gleichgewichte geben kann, als die Ein!» - gung und der Bund großer Nationen. Der erste Fürst, der bei dem nächsten bedeutenden Handgemenge auf ehrliche Weise sich der Sache der Völker annimmt, wird sogleich an der Spitze von ganz Europa stehen, und alles unternehmen können, was er nur will.. „Man könnte mich jetzt fragen, warum ich nicht sonst derglei» chen Ideen verlaulbarte? warum ich sie nicht der öffentlichen Dis» kussion übcrlies? Sie waren so populär, wird man vielleicht hin» zusetzen, die allgemeine Meinung würde dann meine Macht auf unermeßliche Weise verstärkt haben. Ich anrworte aber hierauf, daß der böse Wille stets ungleich thäciger ist, als das Gute; daß wir in unserer Zeit so viel seinen Geist haben, daß er sehr leicht über den gesunden Menschenverstand siegt, und nach Belieben die licht» vollsten Dinge verdunkelt; daß, wenn man dergleichen große Gegen» stände der öffentlichen Diskussion überläßt, dies nichts anders heißt, als sie den Witzeleien der Gesellschaftszirkel, den Leidenschaften der ' Intriguen, der Klatscherei preisgeben, um als sicheres Resultat nichts als Mißkredit und Widersetzlichkeit zu erlangen. Nach mei» ner Berechnung hoffte ich also in dem Geheimnisse eine weit bessere j Hülfe zu finden. Dann blieb dieses Unbestimmte, was die Menge fesselt und ihr gefällt, gleich einem Lichtschein? um mich, diese ge» 80 heimnißvollen Spekulationen, welche alle Gemüther beschäftige» und erfüllen, kurz jene glänzenden und plötzlichen Entwickelungen, die man mit so vielem Beifalle aufnimmt, und die so viele Uibermachc gewähren. Dieses Prinzip war jedoch auch daran Schuld, daß ich unglücklicherweise so schnell nach Moskau eilte. Mit mehr Langsamkeit konnte ich jede Gefahr vermeiden, aber ich hatte mich nun schon in die Nolhwendigkeit versetzt, keine Zeit zu Auslegungen zu lassen. Mit dem, was ich schon gcthan halte, bei dem, was ich noch chun wollte, mußte mein Gang, es mußten meine Erfolge etwas übernatürliches haben." — Hierbei kam nun der Kaiser auf die Expedition gegen Rußland, und wiederholte eine Menge von Dingen, die ich schon anderwärts erwähnt habe. 2ch beschränke mich mithin nur ans das, was mir neu schien. „Hier, sagte er, ist nun wieder ein anderer Fall, wo man abermals den Zufall für die Absicht angesehen hat. Mein Unternehmen gegen Rußland ist mißlungen, also sind die Russen in ihrem Lande unangreifbar, unüberwindlich, und gleichwohl, — woran hat eö denn gelegen? Man frage doch ihre bessern Köpfe, die Klügeren, die Nachdenkenden unter ihnen? Man frage Alexander selbst, und was er damals empfand? — Sind es denn die Russen gewesen, die mich zu Grunde gerichtet haben? Nein, es war reiner Zufall, ein Streich deS Schicksals! eine Hauptstadt, welche auf fremdes Anstiften, gegen den Willen ihrer Bewohner in Brand gesteckt wird, ein Winter, ein Frost, dessen Härte und plötzliches Einrreten als eine- Art von Phänomen betrachtet wurde; falsche Rapporte, lhörichke 2ntriguen, Derrath, Dummheit, eine Menge Dinge, die man erst mit der Zeit genauer erfahren wird, und deren Kenntniß doch cinigermaaßen die zwei großen Fehler in der Diplomatik und der Kriegskunst, welche man mir mit Recht vorwcrfcn kann, mindern oder entschuldigen wird; daß ich nämlich ei» solches Unternehmen gewagt, und dabei zwei Kabinetter, die sich nicht völlig in meiner Macht befanden, und zwei Heere, die bei der ersten verlornen Affaire zu feindlichen wurden, erst auf meinen Flügeln, und bald darauf in meinem Rücken gelassen habe. Aber um der Sache gleich ein Ende zu machen, und mit einem einzigen Worte alles früher Gesagte niederzuschlagen, will ich bemerken, daß ich diesen berüchtigten Krieg, dieses kühne Unternehmen nicht wollte, daß ich keine Lust hatte mich zu schlagen, und Alexander eben so wenig, daß wir aber, da wir einmal einander gegenüber standen, von den Verhältnissen fortgetrieben wurden; Unglücksfälle thaten dann das Uibrige bei der Sache." Nach einer tiefen Stille, von einigen Minuten sagte hierauf der Kaiser, als ob er aus einem Traume erwache: „Und ein Franzose U halte das Schicksal der Welt in seinen Händen! Wenn er Ur- / theilökraft und Gemüch gehabt hätte, dem hohe» Standpunkte, auf ^ „ sich befand, gemäß, wenn er ein guter Schwede gewesen . wäre, wie er cs seyn wollte, so konnte er den Glanz und die > Macht seines neuen Vaterlandes wieder Herstellen, konnte Finnland ! ' wieder nehmen, und früher, als ich in Moskau war, in Petersburg ' seyn. Aber er hat nach den Eingebungen einer persönlichen Ab- ! vcigüng, einer thörichten Eitelkeit und nach kleinliche» Leidenschaften ^ qchandelt. 2hm, dem ehemaligen Jakobiner, hac es den Kops ) verdreht, daß die Legitimen Ihn aufsuchten, ihm Weihrauch streuren. 1/ daß er mit einem Kaiser aller Reussen, der keine Schmeicheleien !, sparte, persönlich zusammenkommen, und mit ihm politische und - ftcimdschaftliche Unterhaltungen pflegen konnte. Man versichert, es - fty ihm damals zu verstehen gegeben worden, daß er auf die Hand einer von dessen Schwestern Anspruch machen könne, wenn er sich von seiner Frau scheiden lassen wolle, und daß von der andern Seite ein französischer Prinz ihm geschrieben habe, es scy ihm sehr angenehm, zu bemerken, daß Bearn die Wiege ihrer beiderseitigen Häuser sey! B.! und sein Haus! —") ^ „Trunken von Entzücken brachte er sein neues wie sein altes ! Vaterland zum Opfer, zugleich aber auch seine Ehre, seine wahre j ^ Macht, die Sache des Volkes, das Heil der Welt. Das ist ein l Fehler, den er thcuer bezahlen wird! Kaum war ihm das gelun- b gen, was man von ihm forderte, so konnte er dies auch bereits fühlen. Man sagt, es habe ihn schon gereut, aber das Schlimmste > wird Nachkommen. Er ist nun der einzige Emporkömmling, der s noch auf dem Throne sitzt, dies Skandal kann nicht ungestraft blei- ^ ben, das Beispiel wäre zu gefährlich! —" j Dienstags am 12. November. ! Der Kaiser sprach heute von seiner Rückkehr von Elba, und ' seinem zweiten Falle bei Waterloo, und gab hierbei folgende merk- ! würdige Worte zu vernehmen: „Es ist gewiß, sagte er, daß ich ! damals nicht mehr das Vorgefühl deö Gelingens, nicht mehr das alte Vertrauen auf mich selbst hatte. Sey es nun, daß ich nicht mehr in dem Alter war, das von dem Glück vorzugsweise bcgün- ! stigt wird, scy es, daß in meinen eignen Augen, in meiner eignen § Einbildung daö Wundervolle meines Wesens von seinem Glanze ^ verlor; so viel bleibt gewiß, daß ich immerwährend in mir fühlte, i daß mir etwas fehle. Es war nicht mehr jenes Glück, das sonst l *) Napoleons persönlicher Unwille hat auf diese und die folgenden Rede» offenbar den cntstcllcndste» Einfluß gehabt. D, Uibcrseper. z, L. CaseSTageb.io. Bd. 6 82 freudig seine Gaben über mich ausschüttcte, an meine Schritte ge« fesselt war, sondern statt seiner ein ernstes Schicksal, dem ich nur noch zuweilen eine Gunst mit Gewalt abzwingen konnte, das aber dann sich augenblicklich an mir rächte, denn es ist allerdings merkwürdig, daß jetzt auf jeden Vortheil, den ich errang, jedeSmal sogleich ein Unglück folgte. „Ich durchzog ganz Frankreich, der allgemeine Jubel des höchsten Entzückens seiner Bürger brachte mich bis zu dessen Hauptstadt, aber kaum war ich in Paris angekommcn, als man durch eine Arc von Zauberei, ohne einen eigentlichen Bewegungsgrund dazu zu ha« den, plötzlich umlenkte, und alles kalt um mich her wurde. „Ich war dahin gelangt, annehmbare Bedingungen anfzufinden, wodurch ich zwischen mir und dem österreichischen Hofe eine aufrich« tige Annäherung bewirken wollte, und hatte an selbigen mehr oder minder treue Agenten abgeschickt *). Aber da kam Murat mit seiner unseligen Kriegsunternehmung dazwischen, und jedermann glaubte In Wien, es geschehe auf meinen Befehl; sie beurcheilten mich dort nach sich selbst, sahen in der ganzen Sache nur Schwindeleien die ich ihnen vormachen wolle, und hatten nichts weiter zu thun, als Gegenintriguen wider mich zu schmieden. „Mein Auszug ins Feld war mit großer Geschicklichkeit angelegt; es konnte mir dabei nickt fehlen, ich wollte den Feind einzeln überfallen, aber da kömmt ein Uiberläufer von unsrer Generalität, und giebt ihnen noch zu rechter Zeit Kunde von meinem Plane. „Ich gewinne jetzt die Schlacht bei Ligni auf höchst glänzende Weise, aber mein Stellvertreter bringt mich um die Früchte dieses Sieges. Ich triumphire selbst bei Waterloo, stürze jedoch ln dem nämlichen Augenblicke in den Abgrund. Aber alle diese Streiche des Schicksals, ick kann eö wohl sagen, so schwer sie mich auch trafen, setzen mich nicht mehr in Verwunderung. Ich harte das Vorgefühl eines Übeln Ausganges in mir, nicht als ob es auf meine Beschlüsse und Unter andern der Baron von Strassard, dessen bekannte Ergebenheit ihn des Vertrauens würdig machte, von Napoleon aus de» Kongreß zu Wien mit dem Aufträge, die Festhaltung des Friedens von Paris zn ncgveiren, abgesendct zu werden. Aber er konnte nicht weiter kommen als bis Linz. Die eifrigsten und wütbendften Individuen in den Kabinettern der Alliirten hatten die Vorsicht gebraucht, die Untersagung jeder Verhandlung mit Napoleon als Grundsatz aufstellen zu lassen. Dennoch wurde auf indirekten Wegen dem Baren Strassard zu erkennen gegeben, daß wenn Napoleon dem Tlirone zum Besten seines Sohnes vor Erbffnung der Feindseligkeiten entsagen wolle, Oesterreich hierauf cingehe» würde. Nur mäße Napoleon sich jedenfalls seinem Schwiegervater überlassen, der ihm anderweit die Sou- verainität der Insel Elb» oder eine andere ähnliche garantire« werde. 83 mein, Handlungen irqend einen Einfluß gehabt hatte, aber ich trug s, es in meinem Innern mit mir umher." D Ein Zug, welcher diese innere und geheime Stimmung Napo« ^ lcons bestätigt, ist zu merkwürdig, als daß ich ihn nicht hier mit« § theilen sollte. k Der Kaiser befand sich an dem Ufer der Sambre, es war sehr I früh am Morgen und die Witterung rauh. Er naht sich jetzt, blos st von seinem Adjutanten vom Dienste (dem General C.) be« gleitet, dem Feuer eines BivouacS, wo ein Kessel im Kochen ist: » eS sind Kartoffeln; er läßt sich eine davon geben, und ißt sie im » tiefen Nachdenken. Als er sie verzehrt hat, spricht er mit sichtba- I rer Niedergeschlagenheit einige abgebrochene Worte. — „Das ist ! bei alle dem so übel nicht, es läßt sich genießen, — und damit - kann man ja überall sein Leben fristen. -— Der Augenblick ist viel- ! leicht nicht mehr fern — o Themistokles! —" Letzt gieng er j weiter. Der General, sein Adjutant, aus dessen Munde ich, nach ; meiner Rückkehr nach Europa, diese Anekdote vernahm, setzte noch I hinzu: wenn der Kaiser glücklich gewesen wäre, so würden ihm i diese Worte, wie viele andere, ganz entfallen seyn; aber jetzt, nach ß seinem Sturze und nachdem er besonders jenes Themistokles in ^ dem bekannten Briefe an den Prinz-Regenten gelesen habe, sei ihm ; die Erinnerung an den Bivouac an der Sambre aufs Herz gefallen; der Ausdruck, die Haltung, der Ton, womit Napoleon jene Reden geführt habe, hätten ihn lange Zeit im Innersten beunruhigt, und er werbe sie nie vergessen. Uiberhaupt würde man sich sehr irren, wenn man glaubte, daß Napoleon bei jeder Gelegenheit so viel Selbstvertrauen gehabt habe, ' als es seine Handlungen und Beschlüsse zu beweisen scheinen. Als er im Monate Januar 1814 die Tuilerien verlies, um seinen ewig groß bleibenden aber unglücklichen Feldzug in der Umgebung von Paris zu beginnen, schied er dort mit einem von den schlimmsten Vorgefühlen gepreßten Herzen. Am mehresten bewies er seinen Scharfsinn dadurch, daß er, (was die Menge um ihn her gewiß nicht ahncte,) überzeugt war, er werde, wenn er unglücklich scy, es durch die Bourbons seyn. Er lies dieses einigen seiner Vertrauten merken, die ihn vergebens hierüber zu beruhigen suchten. Umsonst stellten sie ihm vor, daß man nach so langer Zeit sich der Bourbons kaum noch erinnere, daß sie ja von der jetzigen Genera« j tion nicht einmal gekannt wären. „Sie irren sich, sagte er dann j gewöhnlich, es ist doch so — hierinnen liegt die wahre Gefahr." ! Als er daher die schöne Anrede an die versammelten Dffiziere der Nationalgarde gehalten hatte, welche einen so lebhaften Eindruck bei jedem hinterlies, der Zeuge davon war, wobei er unter andern 84 sagte: „Sie haben mich gewählt, ich bin 2hr Werk, j^tzt ist cS a» Ihnen, mich zu verlheidigen," und dann, mit der eine» Hand die Kaiserin, mit der andern den König von Rom vorführend, zum Schluffe die Worte sprach: „Ich gehe dem Feinde entgegen — Ihrem Schutze vertraue ich das Theucrste, was ich auf der Welt besitze. —" Als er jetzt, sage ich, die Tuilerien verlies, und in diesem entscheidenden Augenblicke ein Vorgefühl der Verrä- therei, der schrecklichen Untreue hatte, welche späterhin sich zeigte, so beschloß er, sich der Person dessen zu versichern, der in der That die Seele der Verschwörung wurde, die ihn gestürzt hat. Nur die Vorstellungen, ja, man kann wohl sagen, die persönliche Verbürgung einiger Minister, welche ihm auseinander setzten, dag der Mann, welchen er in Verdacht habe, gerade derjenige sey, der mehr als jeder andere die Bourbons zu fürchten hätte, brachte den Kaiser zum Nachgcben; er äußerte aber noch ausdrücklich, wie sehr zu besorgen sey, daß sie und er eS noch bereuen würden! — r Und nun noch ein anderer Vorfall, der, wie ich glaube, wenig bekannt, aber von völliger Gewißheit und großem Werthe ist, indem er beweist, wie sehr die Bourbons im Momente der Krise den Geist Napoleons beschäftigten. Nach dem Verluste bei Bricnnc, der Räumung von Troies, dem gezwungenen Rückzuge an der Seine und dem Eintreffen der erniedrigenden Bedingungen von Chatillon, welche der Kaiser mit edlem Stolze verwarf, hatte er sich mit je» mand ringeschlosscn, und als er nun bei der Betrachtung der Sünd- siuth von Unglücksfallen, welche ganz Frankreich überströmte, in ein düsteres Nachdenken versunken war, sprang er plötzlich von seinem Stuhle auf, und rüste laut: „Ein Mittel bleibt mir vielleicht noch übrig, Frankreich zu retten. — Wenn ich nun selbst die Bourbons zurückrufte! Dann dürften ja die Alliirten nicht weiter verrücken. Würden sie nicht sonst sich schämen müssen? nicht den Vorwurf der Doppelzüngigkeit auf sich laden? nicht sogleich zuge- stehen, daß sie es mehr auf unser Land, als auf meine Person angelegt haben? Ich will dem Varerlande jedes -Opfer bringen, will der Vermittler zwischen ihnen und dem französischen Volke werden, will sie nöthigen, die Nationalgefetze anzuerkennen, sie sollen die bestehende Verfassung beschwören, mein Ruhm und mein Name werden den Franzosen eine sichere Bürgschaft seyn. WaS mich selbst betrifft, ich habe genug regiert. Mein Leben hac einen Uiberfiuß an großen und glänzenden Thacen, und diese letztere würde nicht die unbedeutendste seyn, ich würde auf diese Weise mich mehr erheben, als erniedrigen." Doch nach einigen Momenten eines tiefen Schweigens fuhr er schmerzlich fort: „Aber kann wohl eine vertriebene Dynastie jemals verzeihen? — Kann sie bei ihrer Wiederkehr vergessen? — Wird man ihnen wohl trauen? — und sollte wohl Fox bei seiner bekannten Behauptung über die Restaura« tioucn Recht haben?" — Ganz erschöpft von Bangigkeit und ^ Trauer warf er sich jetzt aus ein Bett, wo man ihn mit der Nachricht von Viücherö Fiankenmarsch, dem er schon seit einiger Zeit i heimlich nachgcspürc hatte, aufweckte. Er stand auf, um diesen Ausweg, der sich zeigte, auf kraftvolle, höchst rühmliche Weise zu > benutzen, und die Namen Champ-Auberc, Moulmirail, Chateau« Thierry, Vaux-Champ, NangiS, Montcreau, Craouc u. s. w. werden unvergeßlich bleiben. Jene wundervollen siegreichen Gefechte, die sowohl den Kaiser Alexander, als die Engländer dergestalt in ' Erstaunen setzten, daß sie einen Augenblick zu unterhandeln wünschten. Und in der That hätten diese Vortheile die Gestalt der Dinge schnell verändern können, wenn Napoleon nicht eine Unzahl widri« ^ ger Ereignisse und außer der Berechnung liegender unglücklicher Zu- f fälle entgegen gewirkt hätten. Dahin gehört, daß dem Vicekönige ! sehr wesentliche Ordres nicht zugckommcn waren, Murats Nieder» j läge, die weichliche Schwäche und Sorglosigkeit mehrerer Chefs und l selbst der außerdem günstige Umstand der bewirkten Trennung des ^ Kaisers von Oesterreich, seines Schwiegervaters, von den andern ^ verbündeten, noch weit mehr erbitterten Fürsten, wodurch die letztem V freie Hand bekamen, die in der Geschichte unsrer Schicksale und unsrer Moralität ewig merkwürdig bleibende Thronentsagung zu s Fontainebleau allein zu betreiben. f Kommt hin nach Fontainebleau ihr philosophischen Denker, ihr ^ Erforscher des menschlichen Herzens! Seht ihn fallen — ihn, den größten aller Monarchen! Lernt dort die Menschen kennen mit ihrer Unverschämtheit, ihrem Unbestande, und erröthet in ihre Seele! Seht die hohe Umgebung des unglücklichen Helden, diese Kreaturen, die er mit Wohlthacen, mit Ehre, mit Reichthümern überhäuft hat, seht wie sic in dem nämlichen Augenblicke, wo ihm das Glück den Rücken kehrt, ihn verlassen, ihn verrathell, ja sogar vielleicht Versuche machen, ihn persönlich zu beleidigen! Seht dort, wie selbst der erste unter ihnen sowohl durch seinen Rang, als durch die f Gunst und das Vertrauen seines Herrn, dessen Moralität, dessen Herz der große Fürst dadurch zu erheben und zu verbessern suchte, daß er ihn an sich zog, ihn seinen Freund nannte; — seht, wie er nun mit dessen Mamelucken, der es nach der Sitte seines Landes natürlich fand, einem gefallenen Herrn nicht länger zu dienen, sich auf gleiche Linie stellt! AlS zu Fontainebleau die Krisis aufs höchste gestiegen, und Napoleon eben in ein tiefcS Gespräch verwickelt war, kam cnss einmal dieser sein Liebling, und bat um Erlaubnis), nur aus wenige 86 Augenblicke nach Paris zu reisen, weil er daselbst einige Geschäfte in -Ordnung bringen müsse, nach deren Beendigung er alsbald zu- rückkehren werde, um den Kaiser nie wieder zu verlassen. Napo. leon, der die Kunst verstand, in den Herzen zu lesen, unterbrach jetzt schnell seine Rede, und sagte, als jener noch im Zimmer war, zu dem, mit welchem er sich im Gespräche befand: „Sehen Sie, wer dort fort geht? Er eilt seiner Schande entgegen, er kömmt nimmer wieder, wenn er schon sagte, daß er wieder kommen werde." Und in der That, der Uiberläufer gieng, um sich an den^ Strahlen der neuaufgehenden Sonne zu wärmen, verläugnete seinen Freund, seinen Wohlchäter, seinen Herrn! — Man hat sogar gehört, daß er, von ihm sprechend, ihn: der Mensch! genannt hat. Und dennoch bezeugte Napoleon, der so ganz an die Schwachheit der Menschen gewöhnt, und über alle Empfindlichkeit, über jedes Rachgefühl so hoch erhaben war, bei seiner Rückkehr ein Verlangen, ihn zu sehen. „Der schlechte Bursche, sagte er lachend, fürchtet sich gewiß vor mir. Er hat Unrecht. 3 ch hätte ihm keine andere Strafe auferlegt, als sich mir in seinem neuen Costüme zu zeigen. Er soll darinnen noch häßlicher, als sonst seyn " . Wer wüßte nicht von dergleichen Schändlichkelten zu erzählen! Auch ich kann versichern, daß eine von den wichtigen Personen, welche, als sie von Fontainebleau znrückkam, sich durch Grobheit auszeichnete, »ach dem 20. März zu denen gehörte, die sich in den Tuilerien am mrhresten zudrängten. Freilich schien sich der Herr in großer Verlegenheit zu befinden, und stand, in Folge der zufälligen oder absichtlichen Entfernung aller anderer, ganz zur Seite, als ein Zeuge seiner jüngstbegangenen Sünden, sie bei der allgemeinen Freude ins Meer der Vergessenheit versenkend, auf ihn zugieng, um ihn aus dieser Verlegenheit zu retten, — eine Großmuth, die ihm in diesem Augenblicke wenig kostete. De» frohen Herzen wird die Tugend immer leicht. Wenn man etwas Näheres über diese traurigen und schmerzlichen Erfahrungen wissen will, muß man das Manuskript von I8I-1 lesen *). Dort Der Baron Tain, erfier Kabinetssecretair des Kaisers, hat über die großen Ereignisse jener Tage ein Werk unter dem Titel: Tlanuscric >ie 1814 (?ariz, cktzr Uorrange trores) herausgcgebcn. Schwerlich kann etwas größeres Interesse erwecken und lebendiger seyn, ai» diese Schilderung jener wichtigen, so wenig bekannten Begebenheiten , und besonders des ewig denkwürdigen kurzen Feldzugs von igrq. Es ist dies eine Episode von lauter Wundern. Napoleon erscheint darinnen höher, als ein bloßer Mensch, sowohl wegen seines Genies, als wegen der Kraft seiner Seele, der Schnelligkeit seiner Bewegungen, der Festigkeit seiner Ansichten, der Große seines MuthcS; wird man lernen — nein man wird nichts lernen. — Die Men« scheu aller Länder, aller Nationen bleiben sich in solche» Verhalt» Nissen gleich, besonders die Hofkreaturen, — und das Lager Napoleons hatte Zeit gehabt, ein Hoflager zu werden. Aber die Geschichte wird ihr Urtheil fällen. — Man soll nicht etwa sagen, daß das Heil des Vaterlandes, dessen Rettung, dessen Vorthcil, ibnen ihr Betragen vorgeschricben habe. Ihr Vaterland war die Erhaltung ihrer Ehrentitel, dir Sicherstellung ihrer Schätze, der ruhige Genuß ihrer erworbenen Güter. Ich wiederhole es, die Geschichte wird ihnen ihr Recht wiederfahrcn lassen. Die Geschichte sag' ich, nicht wir; denn die Masse der Gesellschaft, ihre Zeitgenossen, haben nicht einmal diese traurige Ehre zu verdienen gewußt. Wo hätte sich denn unser Unwille, wo ein förmlich erklärter Abscheu gezeigt? — Wohlverstanden jedoch, daß diese mit der Politik nichts zu thun hat, denn es ist keineSweges Frage von der Sache, welche man behauptet, sondern von der Moralität, die man dabei bewiesen hat. Auck glaube man nicht etwa, daß mein finstrer Menschcnhaß sich cS vorgesetzt habe, die Herzen zu entmuthigen, und unser ganzes Geschlecht ausgerottet wissen zu wollen; nein, ich weiß sehr gut, daß die Zeit großer Prüfungen auch die großer Extreme ist, und der glänzendste Heldenmuch schöner Seelen sich gar oft an der Seite der niedrigsten Leidenschaften zeigt. Ehre sey also den alten Krie- gerschaarcn, deren bittere Thränen ihren tiefgefühlten Schmerz bezeigten. Ehre der unzählbaren Menge von Subalternen-Dffizieren, die nur einen Wink erwarteten, um freudig ihr Bluc zu vergießen! Ehre dem biedern Landvolkc, das bei seinem schrecklichen Elende doch auf allen Straßen herbei kam, unser» Soldaten ihren eigenen letzten Bissen Brod zu bringen, um ihnen bei der Rettung VeS nichts gleicht seinen Wundern, als der »«ermüdete Eifer jener Handvoll braver Männer, die, als ob sie alle natürlichen Bedürfnisse abgelegt hätten, ohne Schlaf, ohne Nahrung, ohne Ruhe sich vor dein unermeßlichen Feinde gleichsam vervielfältigten, immer auf dem Marsche. unaufhörlich im Gefechte, und dabei siets siegreich waren. Der Baron Fain hat uns mit einem Gemälde beschenkt» worauf die Nation stolz seyn kann. Der Dank seiner Mitbürger kann ihm nicht fehlen. Bei der Schilderung der Kriegsscencn, der Unordnung, der allgemeinen Noth tritt Geist und Herz Napoleons mehr als einmal auf glänzende Weise hervor. Besonders für denjenigen, der, wie ich, sich mit dem letzter» Gegenstände ausschiießend beschäftigt hat, muß es eben so süß, als zugleich für de» Leser merkwürdig seyn, wenn daraus hcr- vvrgehet, welche lliberetnstimmung Erzälilcr die einander ganz fremd sind, und von so verschiedenen Zeiten und Umständen sprechen, dennoch hierbei bewiesen haben. SS Vaterlandes beizustehen. Ehre der Masse großmülhiger Gefühle, welche sich unter den Bürgern aller Klassen, jeden Geschlechts, jeden Alters aussprachcn. Wenn auf der einen Seite der Unwille das Herz empört, wird es auf der andern von den süßesten Empfindungen durchdrungen. Der Kaiser hat auf St. Helena die Tage zu Fontainebleau und seine Reise nach Elba dikcirt. Mein Gedächtnis; verbietet mir, hiervon etwas anzuführen. Ich habe davon keine Notiz genommen, denn ich hatte mir's zur Regel gemacht, um meine eigene Arbeit abzukürzcn, mich bei nichts aufzuhalten, was andern dikcirt wurde, indem ich ja wußte, daß die Kunde hiervon der Welt gesichert sey. Auch werden wir uns mit der Zelt der Herausgabe dieser Erzählung erfreuen. Ich will mich also blos aus einige einzelne Dinge beschränken, von denen ich glaube, daß man sie dort nicht finden wird; sie rühren von mündlichen Gesprächen Napoleons" und andern sichern Duellen her. Sobald das Unglück deS Jahres 1814 sich entschieden zeigte, die Gefahr wuchs, und die Alliirken schon in Paris eingezogen waren, bemerkte man bald die Wirkung, die solches auf eine Menge von Generalen hakte. Die, deren Selbstsucht größer war, als ihre Vaterlandsliebe, denen der Lebensgenuß mehr galt, als Pflicht, Ehre und Ruhm, trieben nunmehr blos die Katastrophe vorwärts, anstatt sie zu bekämpfen. Die ersten Chefs wagten es, die Thronentsagung anzurathen. Sie bewiesen, daß sie unerläßlich sey, einige giengen sogar so weit, daß sie sich gegen den Kaiser verlauten ließen, sic stünden nicht für die Unzufriedenheit, nicht für die Wuth der Soldaten gegen ihn. „Und doch, sagte uns Napoleon, war Leren Liebe ganz im Gegentheile so groß, und die Ergebenheit der -Offiziere so innig, daß, hätte ich meiner Seits ihnen die Ränke, welche geschmiedet wurden, bekannt gemacht, die Schuldigen in die größte Gefahr gekommen waren: es kostete mich ein Wort, und sie wurden in Stücken gehauen." Der Kaiser ordnete in der That eine Revue an. Das Divatrufen der Soldaten war dabei allgemein und ihre Liebe zeigte sich, als hätte das Unglück ihnen den Kaiser noch theurer gemacht, nie ausdrucksvoller als jetzt. „In der Thar, sagte Napoleon, ich war mit diesen Braven so ganz eins, unsre Gemüther waren so eng verbunden, daß es gar nicht anders seyn konnte, — auch hatte ich nie an ihnen gezweifclt." In diesen äußerst dringenden Verhältnissen denkt jetzt der Kaiser nach, was ihm zu thun noch übrig bleibe? — Er har noch 40 bis 50000 Mann, aber die besten, die ergebensten Truppen yon der Welt. Er kann den treulosen Generale» als Herr gebieten, oder sie ohne allen Nachthcil sortjagen, und eS zeigen sich ihm In dieser Lage noch drei verschiedene Auswege. Der erste ist — nach Paris zurückzugehen; er glaubte nicht, daß ein General In der Welt, wenn er auch noch so verwegen wäre, es wagen mochte, mit dieser ungeheuren Stadt im Rücken gegen ihn zu fechten. „Ihre ganze Bevölkerung, sagte der Kaiser, wäre auf meinen Ruf aufgestanden, mein Heer hätte sich um Ein» bis Zweimalhunderttausend Mann verstärkt, aber die Alliirten konnten bei ihrem Rückzuge Paris in Brand stecken, und dieses Unglück hätte man dann als mein Werk betrachtet. Nun konnte zwar der Brand von Paris eben so gut zum Heile Frankreichs gereichen, wie der Brand von Moskau zum Heile von Rußland, aber Opfer dieser Art müssen blos von denen gebracht werden, die dabei selbst interessier sind-" Der zweite Ausweg war, Italien zu gewinnen, und die Ver« einigung mit dem Vicckönige zu bewerkstelligen. „Aber, sagte der Kaiser, einen solchen Schritt konnte nur die Verzweiflung thun. Das Resultat stand damit nicht im Verhältnisse. Das Theacer war zu entfernt, als daß sich nicht die Gemüchcr bis dahin abkühlen konnten, und dann war dort nicht mehr Frankreich, nur hier auf diesem heiligen Boden allein, den unsre Füße betraten, konnten die Wunder hervorgebracht werden, die jetzt durchaus nöchig waren." Keiner dieser beiden Wege war also wählbar. Noch blieb ein dritter, — sich zu vertheidigen, jeden Schritt Landes streitig zu machen, und den Krieg bis zu einem neuen Wechsel deö Glücks fortzusetzen. Die Vorliebe, welche die Alliirten erlangt haben konnten, mußte bald verrauchen; die Uibel, welche nun bald Nachkommen, die Lasten, welche sie auflegen mußten, würden, das war vorauszusehen, die allgemeine Verwünschung zur Folge gehabt haben. Die Wuch des Volks mußte wieder erwachen, und die Alliirten konnten noch Ihr Grad auf dem Boden finden, de» sic zu verletzen gewagt hatten. Aber das konnte viele Zeit fodern, und doch blieb der Erfolg zweifelhaft, wenigstens weicausschend, — deö Volkes Leiden war aber dabei gewiß, sie erfolgten unmittelbar, waren nicht zu berechnen. Die große Seele Napoleons wurde davon gerührt, und er beschloß die Thronentsagung. Bei alle dem schickte er den Herzog von Vicenza mit einer Deputation von Marschällen an den Kaiser Alexander. Unter den letzter» befand sich der Herzog von Ragusa, einer von denen, die er vorzüglich liebte. Sie waren beauftragt, Napoleons Thronentsagung zum Besten seines Sohnes anzubieten. Der Kaiser glaubte auf diese Weise noch etwas für Frankreich thun, dessen Unabhängigkeit erhalten, uud die Dauer seiner Einrichtungen sicher» zu 90 können. Alexander hatte zwar schon vor mehreren Tagen öffentlich erklärt, daß er forcan weder mit Napoleon, noch mit irgend einem Gliede von dessen Familie unterhandeln werde, machte aber dennoch dieses Anerbieten zu einem Gegenstände ernstlicher Duscussion gegen 1 den demselben widersprechenden Theile des Senats, der bereits die » Absetzung des Kaisers ausgesprochen hatte. Die Marschälle redeten lebhaft und Im Namen der ganzen Armee. Alexander war bereits erschüttert, die Regentschaft schien den Sieg davon zu tragen, — als aus einmal die Nachricht von dem Abfälle des Herzogs von z Ragusa kömmt, und Alex-andern in seinem frühem Beschlüsse bestärkt. ! Er hielt dies Ereigniß für ein Licht, daS er über die Lage der i Dinge erhalten habe. Die Armee ist nicht von gleichem Geiste be« seelt, dachte er jetzt, und nun war alle Schonung verschwunden, er j blieb unbeweglich. So standen die Sachen, als man zu Napoleon ^ zurückkam. Er wird umringt, gedrängt, man läßt nicht ab, ihn zu quälen, er soll die Thronentsagung rein und unbedingt erklären, j Nicht ohne großen Innern Kampf giebt er nach, und diktirt sie in ! folgenden Worten: s „Da die Mitten Mächte proklamirt haben, daß dvr Kaiser i Napoleon daS einzige Hinderniß bei Wiederherstellung des Friedens > von Europa sey, so erklärt derselbe, treu seinem Eide, daß er den Thronen von Frankreich und Italien für sich und seine Erben ent« ! sage, — indem es kein persönliches Lpfer giebt, das Leben nicht l ausgenommen, das er dem Besten Frankreichs zu bringen nicht be- I reit seyn sollte." > Diese Erklärung, welche die Alliirten bei weitem nicht so voll« / ständig erwartet hatten, hob jede Schwierigkeit, und die Marschälle k kamen mit der Schrift zurück, welche man den Traktat von Fon« tainebleau nennt, und die man einige Seiten weiter uncen finden wird. Ich lese in dem Manuscripte von 1814 vom Baron Fain eine vollständige Deutung gewisser Worte des Kaisers, welche ich vorher niedergeschrieben hatte, ohne sie ganz zu verstehen. Es ist früher von mir erzählt worden. daß der Kaiser bei einem Gespräche über den Traktat von Fontainebleau gesagt habe: „Ich will von diesem Traktate nichts wissen, ich verläugne ihn, bin weit davon entfernt mir etwas darauf einzubilden, schäme mich vielmehr seiner. Man hat dabei an meiner Statt, ohne meine Zustimmung unterhandelt rc." und ein anderes Mal: „Wenn man künftig einmal den ganzen Verlauf der Begebenheiten zu Fontainebleau kennt, wird gewiß jedermann darüber sehr verwundert seyn rc." Das Manuscript von 1614 belehrt uns, daß Napoleon wirklich von diesem Traktate nichts wissen wollte, daß man alle ersinnliche Mühe hatte, um ihn , zu dessen Ratifikation zu bewegen. Nur indem man große politische ^ Ansichten aufstellte, konnte man ihn so weit bringen. Er hielt ihn s für erniedrigend und ganz unnütz. Nach seiner srühern Größe ge» ! nügte eö ihm, nur ganz als Privatmann zu leben; er schämte sich, daß ein solches Opfer, wie er es dem Frieden der Welt gebracht l hatte, mit pekuniären Arrangements vermengt scyn sollte. „Wozu j einen Traktat, sagte er, wenn man nicht mit mir das ordnen will, f was Frankreichs Heil betrisst? Von dem Augenblicke an, wo nur von meiner Person Rede seyn soll, bedarf es keines Traktats niehr. Ich bin besiegt, ich weiche dem Loose der Waffen, — verlange l nur, nicht Kriegsgefangener zu seyn, und um mir dies zu bewilligen, ist ein ganz einfaches Cartel hinreichend!" — Vergebens suchte man ihn auf seine persönliche Lage, seine künftige Existenz, auf seine Bedürfnisse aufmerksam zu machen. Er drückte sich am Ende darüber sehr kräftig in den Worten aus: „Was kümmert mich dies AlleS! Täglich einen kleinen Thaler und ein Pferd — das ist alles, was ick brauche." Ich kann meiner Seils ebenfalls versichern, daß der Kaiser jenen Entschluß unendlich bedauerte, so wie, daß es nicht der einzige war, der ihm auf der Seele lastete. Er beklagte eben so sehr, daß er in seiner Stellung bei Saint-Dizier und Doulevant den verschiedenen Betrachtungen, die man um ihn her anstellte, den unzähligen Meinungsäußerungen, womit er bestürmt wurde, nachgegcben hatte, und gegen seine eigne Ansicht wieder auf Paris losgegangen war. „Es war Charakterschwäche von mir, sagte er, ich hätte schlechterdings meiner Idee folgen, und den Marsch an den Rhein sortsctzen, mich mit allen meinen Garnisonen verstärken, mit allen zum Aufstand gebrachten Völkern umgeben sollen; so hätte ich bald eine ungeheure Armee gehabt; Plural wäre dann sogleich zu mir zurückgekommen, er und der Vicekönig hätten Wien in meine Hand gelegt, wenn die Mitten es wagten, Paris zu nehmen. Aber nein, die Feinde würden bald vor der Gefahr gezittert haben, in welche sie gerathen wären, und die Mitten Souveraine mußten es dann wie eine Gnade betrachten, wenn ich ihnen den Rückzug zugestand, und damit wäre der Vulkan, der gegen uns aufgebrachten Fremden verloschen. Man hätte Frieden gemacht, und ihn endlich gehalten. Jeder war ja so ermattet, überall waren ja so viele Wunden zu heilen! — Man würde im Aeußern sich um nichts bekümmert haben, indessen ein solcher Ausgang der Sache jede Illusion, jeden bösen Willen im Innern zerstört, und alle Meinungen, alle Absichten, alle Interessen für immer ausgeglichen haben würde. Ich hätte als Sieger, umgeben von meinen unüberwindlichen Kriegsschaaren, der Ruhr gepflegt, mein treues Heldenvolk den llibrigen, welche schwank- 02 cen, den Ton angegeben, die, welche Ruhe bedurften, hatten sie gefunden; durch eine neue Generation von Chefs wäre unsre Ersten; wiederum fest geworden; wir wurden uns nur um unsre innere Wohlfahrt bekümmert, nud bann noch glückliche Tage erlebt haben!!" — Er sprach jetzt von der Unordnung, die in Paris bei der Ankunft der Alliircen entstand, von der Muchlosigkeit. — um nicht etwas schlimmeres zu sagen — derjenigen Klasse, welche für Rec« tmH sorgen sollte, von der guten Stimmung und dem Eifer des Volkes, bas sich durchaus schlagen wollte, dem man aber die Was« sen verweigerte. Da erwähnte ich nun, daß besonders die Abreise der Kaiserin eine sehr schlimme Wirkung hervsrgebracht habe, und gedachte unter andern des ganz besonder,: Umstandes, daß der König von Rom gegen seine Gewohnheit mit einem eignen Instinkte sich schlechterdings geweigert habe, das Schloß zu verlassen, daß*er geweint und sich an den Meublen festgehaltcn habe, von denen man ihn habe losreißcn müssen. Ich fügte hinzu, man habe allgemein gesagt, die Kaiserin hätte bleiben wollen, und das Conseil sei) ihrem Verlangen beigecrecen, als man ihr einen ausdrücklichen Befehl von ihm, Napoleon, vorgezeigt habe, daß sie bei einbrcckender Gefahr von Seiten des Feindes Paris verlassen solle. „Ja, ohne allen Zweifel, erwiederte der Kaiser, sie mußte allerdings fort. Die Kaiserin war noch sehr jung und ohne Erfahrung in den Geschäften. Wäre sie im Stande gewesen, selbst Beschlüsse zu fassen, so würde ich einen ganz entgegengesetzten Befehl gegeben haben; dann wäre Paris ihr Posten gewesen. Aber ich sah alle die Jntri- guen voraus, denen sie dort ausgesetzt seyn würde, und wollte das verhindern, was doch späterhin zu -Orleans geschah. Dort hindertet sie diejenigen, welche von einer Regentschaft träumten, und unter ihr zu regieren hofften, daran zu mir zu kommen, und Gott weiß, was das alles für Folgen gehabt hat! — Wollte doch der Himmel, daß ick auch noch den Befehl gegeben hätte, sie Zeit genug von Orleans fortzuschaffen! w." So viel ist gewiß, daß die Tage zu Fontainebleau über Napoleon fast in einem und demselben Augenblicke alle moralische Leiden häuften, welche einen Menschen nur treffen können. Besiegt durch den Abfall der Seinen, nicht durch die Waffen, mußte seine große Seele im höchsten Grade empört seyn, sein gutes Herz brechen. Seine Waffengefährten verließen, seine Diener verriethen ihn; der eine überlieferte sein Heer, der andere seinen Schatz den Feinden, und Menschen, die er erhoben , die er gehalten, die er mit Wohl- thaten überhäuft hatte, schlugen ihn zu Boden. Der Senat, den er so sehr gelobt, der noch TagrS zuvor ihm Konscribirte in Menge — SZ — z„ Bekämpfung des Feindes geliefert halte, trug heute kein Bedenke», sich zu einem Werkzeuge desselben Feindes gebrauchen zu lassen. Iliiecr dem Einflüsse der Bajonette desselben tadelt er, und macht selbst zum Verbrechen, was doch sein eigenes Werk war. Er zerbricht selbst das Götzenbild, das er sich geschaffen, dem er so lange auf sklavische Weise Weihrauch gestreut hat. Wie schändlich! wie unedel! wie niedrig! — Und endlich, was der empfindlichste Streich für Napoleon ist, — seine Gemahlin, sein Sohn werden von ihm abwendig gemacht, man bemächtigt sich derselben, und er soll, allen Traktaten und Gesetzen, aller Moral zum Trotz, sie nie wieder sehen! —' Es scheint, alS habe Napoleon bei so vielen Leiden, und umgeben von so hassenswerchen Geschöpfen, bei einer aufs höchste gestiegenen Verachtung der Menschen und der Dinge das Verlangen gehabt, das Leben zu verlassen. Es giebt einen Brief von seiner Hand, worinn er der Kaiserin schreibt, daß man in diesem Augenblicke alles erwarten könne, alles möglich sey — selbst des Kaisers Tod; ohne Zweifel eine Anspielung auf das, was in der Nacht vom 12. zum 13. April auf höchst geheime Weise sich in dem Innern des Schlosses zugetragen haben soll. Wenn das, was das Manuskript von 1814 hierbei erralhen läßt, wirklich gegründet wäre, so hätten die rohsten Feinde Napoleons nicht einmal Recht, wenn sie, wie man damals überall hören mußte, auf höchst dumme und gemeine Weise sagten: Daß er nicht einmal den Muth gehabt'habe, zu sterben. — Nach dem Manuskripte also müßte man im Gegentheile glauben, daß er es nicht gekonnt habe! Dieses sonderbare Ercigniß wäre wohl eins der wundervollsten in seinem Leben. Dann erschiene, als höchst edel und erhaben, nicht allein das große Wort, waö er bei seinem unerwarteten Wiedercr- wachcn sprach: Gotc will es nicht! sondern auch die ruhige Ergebung, welche man von diesem Augenblicke an, an ihm bemerkte. Der rührende Abschied, den Napoleon von seinen Soldaten nahm, seine letzte Umarmung der durch ihn berühmt gewordenen Adler, ist allgemein bekannt. Ein preußischer Diplomat hat mir selbst erzählt, daß diese Scene auf sein Gcmüth einen unauslöschlichen Eindruck gemacht habe. Er fügte noch hinzu, daß der englische Kommissarius, sein Nachbar, ein Mensch, der, wie er selbst gestand, sich bis dahin über die Maaßen gegen Napoleon eingenommen bewiesen hatte, Thränen dabei vergossen habe. Die Achtung und Verehrung, welche Napoleon in diesen Momenten einfiößce, war so groß, daß bei der allerdings bedenklichen Lage, welche seine fortdauernde ungern gesehene Gegenwart hervorbrachte, doch niemand wagte, ihn wegen Beschleunigung seiner Ab« 94 reise zu drängen. Man lies ehrfurchtsvoll ihn alle Vorkehrungen ' treffen, ihn thun, was er nur wollte. Die Thronentsagungs-Urkunde ist vom 11. April, und erst am ! 20., mithin 9 Tage später, trat Napoleon die Reise an. Bei dem ersten Theile derselben, bewies man ihm überall die größte Hochachtung, oft die lebhafteste, die zärtlichste Thcilnahme *). Bis dahin hatten die Fremden keine Idee von dem Geiste, j welcher Frankreich beseelte, und der eigentlichen Stimmung dev Volkes für den Kaiser. Demohnerachtet hatte man für ralhsam ; gesunden, die Einrichtung zu treffen, daß er erst zur Nachtzeit in ^ Lyon ankommen sollte, oder, wenn ich nicht irre, daß er die Stadr i gar nicht berühren möchte. 3ch habe es aber aus dem Munde ei- ! nes jener vornehmen Engländer, welche so lange Zeit in Frankreich j sestgehalten wurden, und der sich in Lyon befand, wie er und ein f österreichischer General ein boshaftes Vergnügen darinn suchten, sich ! verkleidet unter das sich nach dem Wagen drängende Volk zu mi- ^ scheu, welches seinen abgesetzcen Kaiser sehen wollte. Beide freuten ! sich auf die Verwünschungen, die man ihm zurufen würde, aber es herrschte bei seinem Anblicke das tiefste Stillschweigen, und eine le- i jahrte, durch ihre Haltung sich über das Gemeine erhebende Frau I in Trauer stürzt sich mit verstörcem Blicke und ganz erhitzt nach ! der Thür des Wagens hin. Zetzt glaubten die beiden Neugierigen, g daß es losbrechen werde. „Sire! sprach sie mit einem feierlichen ! Tone, der Segen des Himmels möge Sie begleiten. Seyn Sie so ! glücklich, als es Ihnen nur möglich ist. Sie werden uns geraubt, aber unsre Herzen werden an jeden Ort hin Ihnen folgen." Jetzt I sagte der erstaunte General zu seinem Kameraden: „Kommen Sie, die alte Närrin ist mir fatal, und das ganze Volk hier ist nicht gescheut im Kopfe!" — ! Eine Strecke Wegs über Lyon hinaus erschien der General en !> Chef der Ostarmee an der Straße. Napoleon stieg aus dem i Wagen und sprach lange Zeit mit ihm. Als er zurückkam, wagte ^ einer der Generale, die als Kommissarien der Alliirlcn den Kaiser i i Der Kaiser verlaßt Fontainebleau den 20. April 1814, und wird von einer Kompagnie Grenadiers zu Pferde cSkortirt. Der Großmarschall, Graf Bertrand, sitzt bei ihm im Wagen. Er kömmt den 20. Abends nach Briarre, - 2i. nach Nevcrs, - 22. - Rouanne, - 2Z. - Lyon, - 24. - Montelimart, - 25. - Orgon, den 2ü. übernachtet er zu Luc, - 27. zu Frejus, und schifft sich -- 28. um 8 Uhr Abends auf der englischen Fregatte Undaunted, Kapital» Uscher, ein. 95 begleiteten, ihm seine Verwunderung über die Vertraulichkeit zu äußern, die er diesem Chef bewiesen habe. — „Und warum, antwortete Napoleon? — Wissen denn Cw. Majestät nicht, was er geihan hat? — Was denn? — Seit mehreren Wochen, Sire! war er schon mit uns einverstanden. — Und wirklich, sagte der Kaiser, hatte dieser Mensch, dem ich Frankreichs Loos auf diesem Punkte anveriraut hatte, es hingeopfert, es verralhen." Und nach mehreren wiederholten Klagen schloß er jetzt mit der Aeußerung: „Schon längst war der Marschall nicht mehr das, was er früher als Soldat galt. Sein Muth, seine hohen Tugenden hatten ihn über die Menge erhoben, Ehrenbezeigungen aber, Würden und Tlücksgücer, die ihm zu Theil wurden, nun ihn wieder erniedrigt. Der Name des Siegers bei Castiglione wäre Frankreich auf ewig theuer geblieben, aber es wird dem Andenken des Abtrünnigen von Lyon und allen denen fluchen, die gleich ihm gehandelt haben, wenn sie nicht ihr Unrecht gegen das Vaterland durch neue ihm geleistete Dienste in Vergessenheit bringen." Das war der Grund zu der berühmten Proklamation, welche der Kaiser bei seiner Rückkehr diktirte: „Franzosen! so heißt es darinn, der Abfall des Herzogs von Castiglione überlieferte Lyon den Feinden ohne Schwerdtschlag. Das seinem Kommando anver» traute Heer war durch die Zahl seiner Bataillone, den Muth und die Vaterlandsliebe der Truppen, aus denen solche bestanden, stark genug, die österreichische Armee zu schlagen, die ihm gegenüber stand, und dem linken Flügel des feindlichen Heeres, welcher Paris bedrohece, in den Rücken zu kommen. Die Siege bei Champ-Au» bert, Montmirail, Chateau-Thierry, Daux-Champ, Mormans, Mon- tercau, Craone, Reims, Arcis-sur-Aube und St. Dizier, der Aufstand der braven Bauern in Lothringen, der Champagne, dem Elsaß, der Franche-Comte und Burgunds, so wie der Stellung, welche ich im Rücken deS Feindes genommen hatte, und die hierdurch bewirkte Trennung von seinen Magazinen, seinem Reserve-Park, seinen Transportmitteln und seiner ganzen Equipage, hatten denselben in eine verzweifiungsvolle Lage gebracht. Nie waren die Franzosen mehr aus dem Punkte, die größte Macht zu erringen, und die Elite des feindlichen Heeres war schon ohne Rettung verloren. Es hätte in den weiten von ihm ohne Erbarmen verwüsteten Gefilden sein Grab gesunden, — und in diesem Augenblicke lieferte der Hochverrach des Herzogs von Ragusa die Hauptstadt in des Feindes Hand, und desorganisirte die Armee. Dies unerwartete Benehmen dieser beiden Feldherrn, die ihr Vaterland, ihren Fürsten und ihren Wohlthäccr betrogen, änderte das Loos des Krieges. Die Lage des Feindes war so schrecklich, daß er nach dem Gefechte vor 96 Paris in Folge der Trennung von seinen Reserve-Parks sich ohne Munition befand -c. *)" 2e mehr Napoleon sich der Provence näherte, desto weniger gut ward seine Behandlung. Die Machinationen hatten nun schon Zeit gewonnen, ihm voranzueilen. Dem Auflaurer Maubrcuil war er zwar glücklich entkommen, wäre aber dafür Orgon fast in die Hand gefallen. Dieser Theil des hierüber dikcirlen Aufsatzes ist nicht der am wenigsten interessante. Als er an dem Einschiffungsorte endlich cintraf, fand er zwei Schiffe zu seiner Uibcrfahrt bereit, rin englisches und ein französi- sches. Napoleon bestieg schnell die englische Fregatte. Es würde ihm allzuschmerzlich seyn, äußerte er, wenn man je sagen könne, daß ein Franzose ihn deportirt habe. Das ist denn mit wenigen Worten jenes große Ereigniß, wor> über man das Weitere, wie ich schon bemerke habe, so erfahren wird, wie es der Kaiser selbst diktirt hat. Frankreich wurde damals mit einer Unzahl von Pamphlets überschwemmt, welche jedoch mit so ekelhaften Lügen angefüllc waren, daß rechtliche Menschen jetzt erröthen, ihnen Glauben beigemessen, ja sie nur gelesen zu haben. Der hier folgende Traktat von Fontainebleau wurde uns damals sorgsam vorenthalten. Der Moniteur hat ihn nie bekannt gemacht, und wir haben lange Zeit seinen Inhalt nicht erfahren. Man findet ihn nur in offiziellen Sammlungen und auch nur mit Varianten. 2ch glaube daher, daß man es mir Dank wissen wird, wenn ich ihn hier aufnehme. Er hängt mit dem Gegenstände meines Werkes genau zusammen, uud viele Artikel desselben sind für uns Zeitgenossen wichtige Punkte der täglichen Unterhaltung. Es muß daher jedem angenehm seyn, wenn er auf diese Welse Gelegenheit erhält, mit gehöriger Kenntntß der Sache darüber sprechen zu können. Traktat von Fontainebleau vom 11. April. I. Artikel. Se. Majestät der Kaiser Napoleon entsagt für sich, seine Erben und Nachfolger, so wie für jedes Mitglied seiner Familie, jedem Souverainitäcs - und Gebietsrechte sowohl in Ansehung des französischen Reichs und des Königreichs 2talien, als jedes andern Landes. *) Einer meiner Bekannten, der in Teutschland reiste, hat mir erzählt, daß er mehrere Jahre nachher aus dem Munde des russischen Park, Kommandanten gehört habe, daß es mit diesem Anführcn seine völlige Richtigkeit gehabt hätte. S7 II. Ihre Majestäten der Kaiser Napoleon und die Kaiserin , Marie Louise werden diese Ihre Titel und Eigenschaften auf Le» benszeit behalten. Des Kaisers Mutter, Brüder, Schwestern, Neffen uud Nichten werden ebenfalls, wo sie sich nur befinden möchten, die Titel der Prinzen und Prinzessinnen seiner Familie behalten. III. Dle von Sr. Majestät dem Kaiser Napoleon zum Ausritt* s halte gewählte Insel Elba wird, so lange derselbe lebt, ein besonderes Fürstenlhum bilden, das er mit vollem Souverainitäts» und Eigcnchumürechte besitzen soll. Uiberdcm soll der Kaiser Napoleon ein jährliches Einkommen von zwei Millionen als Rente auf das große Buch von Frankreich zu freier Disposition erhalten, und eine Million hiervon an die Kaiserin zurückfallen. IV. Alle Mächte machen sich verbindlich, ihre guten Dienste anzuwenden, daß die Flagge und das Gebiet der Insel Elba von den Barbaresken geachtet, und diese Insel in ihren Beziehungen auf dieselben Frankreich gleichgestellt werde. v. Die Herzogchümer Parma, Piacenza und Guastalla werden der Kaiserin Marie Louise mit vollem Eigenthums- und Souverai- nitaisrechte überlassen; es soll dasselbe auf ihren Sohn und dessen Nachfolger in gerader Linie übergehen. Der Prinz, ihr Sohn, wird sofort den Titel eines Prinzen von Parma, Piacenza und Guastalla annehmen. vi. In den Landen, welchen der Kaiser entsagt, werden für i ihn und seine Familie Domaincn oder Renten auf das große Buch von Frankreich Vorbehalten werden, welche zusammen, nach Abzug aller Lasten, ein reines Einkommen von zwei Millionen, Fünfmal» I hunderttausend Franken bilden. Diese Domainen oder Renten gehören mit allem Rechte des Eigenthums den Prinzen und Prinzessinnen seiner Familie zu vollkommen freier Gewährung, und werden dergestalt unter sic vertheilt, daß das Einkommen eines jeden Einzelnen in folgendem Verhältnisse statt finden wird. Es gehören davon 300000 Franken der Kaiserin Mutter; 500000 Franken dem Könige Joseph und der Königin; 200000 Franken dem Könige Louis; 400000 Franken der Königin Hortensia und ihren Kindern; 500000 Franken dem Könige Zerome und der Königin; 300000 Franken der Prinzessin Elise, und 300000 Franken der Prinzessin Pauline. Die Prinzen und Prinzessinnen der Familie des Kaisers Napoleon werden zudem alles ihnen als Privatpersonen zustehende beweg- v. Safes Tageb. eo. Bv. ^ 98 liche und unbewegliche Vermögen, von welcher Art eS auch seyn möge, und besonders auch diejenigen Renken behalten, welche sie ebenfalls als Privatpersonen von dem großen Buche von Frankreich und den Monte Napoleone in Mailand zu beziehen haben. VII. Der jährliche Gehalt der Kaiserin Josephine wird bis auf eine Million in Domainen oder Jnscript'vnen auf das große Buch von Frankreich beschränkt. Sir behält übrigens ihr gesummtes be» wegliches oder unbewegliches Privatvcrmögen, und kann in Gemäß» heit der französischen Gesetze darüber disponirrn. VIII. Der DicekLnig von Italien, Prinz Eugen, soll rin ange» messeneS Etablissement außer Frankreich erhalten. IX. Was Se. Majestät der Kaiser Napoleon in Frankreich, sey es nun als excraordinaire oder als Privat-Domaine besitzt, verbleibt der Krone. Von denjenigen Fonds, welche der Kaiser Napoleon entweder auf daS große Buch oder bei der Bank von Frankreich,-oder auf Waldungsakcien, oder sonst auf irgend eine Weise untergebracht hat, nun aber der Krone hintcrläßt, soll ein, die Summe von zwei Millionen nicht übersteigendes Kapital zu Gratifikationen für dicjcni» gen Personen angewcndet werden, weiche der Kaiser auf einem von ihm Unterzeichneten Etat, welcher der französischen Regierung kluge» händigt werden soll,. hierzu bezeichnen wird. X. Alle Diamanten der Krone verbleiben Frankreich. XI. Der Kaiser Napoleon wird alle auS dem Schatze oder an» dern öffentlichen Kassen auf seinen Befehl entnommenen Summen »nd Wechsel, mit Ausnahme dessen, was für die Civilliste gezahlt worden ist, zurückgeben lassen. XII. Die Schulden des Hauses Sr. Majestät des Kaisers Na« poleon sollen, nach deren Betrag am Tage deS Abschlusses des ge» genwärcigen Traktats, und den von einem hierzu ernannten Kom« missarius darüber gefertigten EtatS von den Rückständen bezahlt wekdcn, welche die Civilliste bei dem öffentlichen Schatze zu for» dern hat. Xlil. Die Verbindlichkeiten des Monte Napoleone werden gegen alle Gläubiger desselben, sic mögen nun Franzosen oder Fremde sryn, genau gehalten werden, und es soll hierbei keine Abänderung start finden. XIV. Man wird zu der ungehinderten Reise Sr. Majestät des Kaisers Napoleon, der Kaiserin, der Prinzen und Prinzessinnen, ! und aller Personen ihres Gefolgs, welche sie begleiten oder sich außerhalb Frankreich niederlassen wollen, so wir für ihre Equipagen Pferde, und Effekten das nölhige sichere Geleite geben. Die alliirten Mächte werden ihnen folglich auch Offiziere mit einiger Mannschaft zur Eöcorte zugestehen. ^ XV. Die französische Kaisergarde wird ein Detachement von !! 12 biS 1500 Mann stellen, welche die Escorte bis Saint Tropss, i dem Einschiffungsorte, bilden soll. !l XVI. Man wird eine Corvetle sammc den nöthigen Transport» schiffen bereit stellen, um Se. Majestät den Kaiser Napoleon und s die Personen seines Hauses nach dem Orte ihrer Bestimmung zu bringen. Die Corvelte soll völliges Eigenthum Sr. Majestät deS Kaisers bleiben. XVII. Es soll Sr. Majestät dem Kaiser Napoleon erlaubt seyn, 400 Freiwillige an Offizieren, Unteroffizieren und Gemeinen mit sich sortzunehmcn, und sie als seine Garde bei sich zu behalten. XVill. Alle Franzosen, welche Sr. Majestät dem Kaiser Na» ! poleon und seiner Familie dienen, und nicht ihre Eigenschaft alS s Franzosen verlieren wollen, müssen innerhalb drei Zähren zurückkeh» ren, wenn sie nicht unter den Ausnahmen begriffen sind, welche die französische Regierung sich nach Ablauf dieser Frist statt finden ! zu lassen vorbehält. I Xix. Die polnischen Truppen von jeder Waffe, welche sich in § französischen Diensten befinden, können nach ihrer Hcimath zurück« j gehen. Zum Zeichen ihrer ehrenvollen Dienste behalten sie ihre Waffen und Ihr Gepäck. Ferner behalten ihre Offiziere, Unteroffi« ! ziere und Gemeinen die ihnen ertheilten Decorationen, sammt den !! damit verbundenen Pensionen. ! XX. Die alliirten hohen Mächte garanciren die gehörige Beob» s achtung aller Artikel dieses Traktats. Sie machen sich verbindlich, ^ bei Frankreich deren Annahme und Sicherstellung zu bewirken, n XXI. Gegenwärtige Urkunde soll innerhalb zehn Tagen, oder, wenn es seyn kann, noch früher ratificitt, und die Ratificationen zu Paris ausgewechselt werden. Geschehen zu Paris den 11. April Eintausend Achthundert und Vierzehn. Unterzeicknet: Coulaincourt, Herzog von Vicenza; der Marschall Herzog von Tarenco, Macdonald; der Marschall Herzog ! von Elchingen, Ney '); der Fürst von Metternich. *) Es ist bemerkenswertst, dag tcr Warschau Ney stier, aus Rücksicht für den Kaiser Alexander sich seines LitelS alS Fürst von der Moskwa «nkstälk. 100 Die nämlichen Artikel wurden noch besonders unter dem näm> lichen Datum von Seiten Rußlands durch den Grafen von Nessel» rode und von Seiten Preußens durch den Baron von Hardenberg vollzogen. Erklärung Im Namen Ludwig des xviu., in Form einer Beitriltsurkundr. Nachdem Ich, der Unterzeichnete Minister, Staatssecretair deS Departements der auswärtigen Angelegenheiten, dem Könige In Betreff des Antrags, welchen Ihre Excellenzen die Herren Bevollmächtigten der alüirten Höfe auf Befehl Ihrer hohen SouverainS, bezüglich des Traktats vom 11. April, erhalten, welchem das provisorische Gouvernement bereits beigetreten ist, Vortrag erstattet, so haben Se. Majestät geruht, mich zu der in dessen Namen ab. zugebenden Erklärung zu beauftragen, daß die Frankreich zur Last fallenden Clauseln deS Traktats treulich beobachtet werden sollen. Ja Folge dessen hat demnach selbiger die Ehre, solches Ihr» Ep. cellenzen hiermit zu erklären. Paris den 31. Mai 1814. Unter» zeichnet: Fürst von Benevent. Es hat mithin das große Triumphirat von Europa den Traktat von Fontainebleau diktirc, England ist demselben beigetrcten, Frank, reich hat das, was dasselbe betrifft, zu beobachten versprochen, und aller dieser Sicherheiten ungeachtet konnte man fast sagen, daß kein einziger Artikel desselben gehalten worden sey. So viel ist gewiß, daß man nicht offenbarer mit Treu und Glauben spielen, nicht förmlicher die Unterschriften so erhabner Personen comxromittiren kann, wenn schon jede derselben sich die Norhwendigkeit, daß solche als untrüglich und heilig betrachtet werden müßten, tief ins Herz prägen sollte. Diese wellkundigen Verletzungen wurden demnach zu einer moralischen Rechtfertigung für Napoleons Unternehmung im Jahre 1815. Es erhoben sich in Europa eine Menge von Stimmen für diese Meinung; die ausgezeichnetsten Mitglieder in beiden Häusern des englischen Parlements, diese unermüdeten Vertheidiger edler Grundsätze, sprachen sie laut aus; die bessern Staaksrcchts- lehrer in jedem Lande bekannten sich zu derselben, und eine große Zahl anderer Individuen war davon ergriffen. Zum Schlüsse dessen, was von so wichtigen Autoritäten als richtig angenommen worden ist, will ich noch die Aeußerung eines einzelnen Menschen mittheilen, die, wenn eS ihm auch nicht Ernst damit seyn mochte, doch viel- leicht um so gerechter war. Ein Sesterreicher von hohem Range, der sich im Jahre 1815 aus Neugierde mitten unter uns befand, nnd seiner Natur nach sehr erbittert gegen Napoleon war, machte mir in der Zelt, wo das Vorrücken des Kaisers nach der Hauptstadt schon große Sensation verursachte, und jenen Herrn bereits wegen seiner Flucht bedenklich werden lies, einen Besuch, wobei er mir dann mit wichtiger Miene und ganz ehrlich sagte: „Bisher hat er allerdings aus dem Throne ihres Reichs als Usurpator gesessen, das ist eine ganz ausgemachte Sache! aber, fügte er mit ächt diplomatischem Stottern hinzu: wenn es ihm jetzt, nachdem alle Monarchen ihn als Souverain anerkannt, und, indem sie die mit ihm eingegangenen Bedingungen nicht hielten, ihm daS Recht Krieg zu führen selbst gegeben haben, gelänge, Frankreich zu erobern, so wäre eS damit freilich eine ganz andere Sache, und wahrhaftig! -— ich meinerseits ! — ich glaube, daß in diesem Falle — daß es wohl geschehen könnte — und daß nicht ganz ohne Grund anzunehmen seyn würde — daß er nun legitim geworden sey. 2a, waS mich betrifft, — so glaube ich, daß eS mir so scheint." Brief des Lord Castlercagh an den Lord Bathurst über den Traktat von Fontainebleau. (In ShöllS Sammlung.) Paris den 13. April 1814. „....Ich beschränke mich daher für den Augenblick nur darauf, ^ Ihnen dasjenige miizutheilen, was in Betreff des künftigen Schicksals Napoleons und wegen des Etablissements seiner Familie bisher , geschehen ist. Ew. Hoh. kennt bereits durch den Lord Cathcart die von Buo« naparte am 4. dieses Unterzeichnete Thronentsagungsakte, so wie daß derselbe durch den Kaiser von Rußland und das provisorische ! Gouvernement die Zusicherung einer Pension von 6 Millionen Frau« ! ken und einer Zuflucht auf der Insel Elba erhalten hat. Bouna» parte hatte diese Urkunde in die Hände deS Herrn von Coulincourt i und der Marschälle Ney und Macdonald gelegt, um sie gegen rin j förmliches Versprechen von Seilen der Attiircen in Betreff der vorgeschlagenen Uibereinkunst auszuwechseln. Eben diese Personen i waren aurorisirt, in einen Waffenstillstand zu willigen, und eine DemarcacionSlinie zu bestimmen, wodurch den Alliirten Genüge ge- ^ leister, und zugleich unnützes Blutvergießen vermieden würde. ! Dieses Arrangement sollte bei meiner Ankunft in dieser Maaße eben abgeschlossen werden. Es war eine Convenrion bereits erör- ° tert, und man wollte sic noch desselben Tages unterzeichnen, als ' die Nachricht von der Ankunft der Minister der Alliirten eintraf. ^ Der Grund, warum man den Abschluß dieser Akte so beeilte, war die Unannehmlichkeit — man kann vielleicht sagen, die Gefahr — welche man darinnen fand, daß Napoleon, umgeben von seinen i immer noch treu an ihm hängenden Truppen, zu Fontainebleau 102 war; — die Furcht vor Jntriguen in der Arme« und der Haupt« stadt, und die Wichtigkeit, die es in den Augen vieler Offiziere harte, daß ein ihrem Chef günstiges Abkommen abgeschlossen würde, welches ihnen dann gestattete, selbigen zu verlassen, ohne sich zu entehren. 3n der Nacht nach meiner Ankunft hatten die vier Minister eine Konferenz über die mit dem Fürsten von Benevent verabredete flibereinkunft. Ich gab meine Einwürfe zu erkennen, erklärte aber zu gleicher Zeit, daß man nicht glauben möchte, ich wolle auf die Gefahr, Frankreichs Ruhe durch Verhinderung der Ausführung des russischer Seits wegen Drangs der Umstände gegebenen Versprechens aufs Spiel zu setzen, bei meiner Meinung beharren. Der Fürst von Benevent erkannte den Gehalt mehrerer der von mir gemachten Einwendungen, erklärte aber zu gleicher Zeit, wie für den Augenblick ihm nichts so wichtig scheine, als daß das pro« visorische Gouvernement alles vermeiden müßte, was den Charakter eines Bürgerkriegs annehmen könnte, cs zugleich aber auch höchst wesentlich sey, daß das Gouvernement jedes Mittel anwende, um die Armee auf seine Seite zu bringen, und sie in eine solche Stimmung zu versetzen, welche dem Gouvernement »erstatte, sich ihrer zu bedienen. Nach dieser Erklärung und einer zweiten des Grafen von Nesselrobe, daß der Kaiser, sein Herr, in Abwesenheit der Alliirten die Nochwendigkeic gefühlt habe, in ihrem und seinem Namen zu unterhandeln, enthielt ich mich nun jedes fernem Einwurfs in Hinsicht auf daS Prinzip, und beschränkte mich nur auf einige Bemerkungen bei einzelnen Dingen. Ich verweigerte nämlich im Namen meiner Regierung, daß solche bei dem Traktate mehr als Beitrittsparthei seyn, und daß der Beitritt GroßbriccanienS sich über ein Mehreres alS die darinn vorgeschlagenen Terricorial-Arran« gemenrö erstrecken könne. Man fand meine Bemerkung vollkommen richtig, und gestand es zu, daß wir nicht nöthig hätten, an dem eigentlichen Traktate — besonders in Hinsicht dessen Theil zu nehmen, was die Anerkennung des Titels betreffe, der Napoleon bei den vorwalcendcn Verhältnissen cingcräumc wurde. Ich füge jetzt das Protokoll und die Note bei, wodurch der Grad der Ausdehnung näher bestimmt ist, nach welchem ich übernommen habe, im Namen meines Hofes etwas zuzusichern. Nach meinen Vorschlägen wurde dann die Anerkennung des kaiserlichen Titels in der Familie auf die Lebenszeit der Individuen in eben der Maase beschränkt, wie damals geschah, alS der König von Polen Churfürst von Sachsen wurde. Gegen dasienige, was zu Gunsten der Kaiserin geschehen ist, habe ich keine Einwendung gemacht. Ich glaubte, daß man da» 103 dem großen Opfer schuldig sey, welches der Kaiser von Oesterreich M Familienvater der Sache Europa's bringt. Wohl aber hätte ich gewünscht, statt der Insel Elba eine anders gelegene als den Ort, wohin Napoleon sich zurückziehen sollte, annehmlich machen zu können. Aber es ist keine vorhanden, welche den nämlichen Grad von Sicherheit, die er durchaus fordert, darböce, und gegen welche man nicht gleiche Einwendungen machen könnte, auch glaubte ich nicht, nähern Anlaß zu der Alternative geben zu dürfen, die nach Versicherung des Herrn von Coulaincourt, in Gemäßheit seiner oftmaligen Aeußerungrn, in dem Verlangen eines Asyls in England bestehen würde. Noch in derselben Nacht hakten die Minister der Alliirten eine Konferenz mir dem Herrn von Coulaincourt und den Marschällen. Ich war dabei zugegen. Der Traktat wurde durchgegangen und mit Abänderungen angenommen; seitdem ist er unterzeichnet und ratisicirc worden, so daß Buonaparte morgen oder übermorgen seine Reise nach dem Süden antreten wird. Unterzeichnet: Castlereagh." Ich glaubte diesen Brief hier miktheilen zu müssen, denn außer daß er über den Traktat vom 11. April, dessen nähere Bedingungen ich zu St. Helena selbst noch nicht kannte, Licht verbreitet, so sind mir noch dabei zwei Dinge höchst merkwürdig. Ich erkläre mir nun die Antwort des Kaisers, der, als ich ihn bei einer wichtigen Gelegenheit daran erinnerte, er scheine vergessen zu haben, daß die Engländer zu Fontainebleau seinen Titel anerkannt hätten, sich darauf beschränkte, mir zu sagen, er habe es absichtlich gethan. Jetzt erfahre ich nun, daß Castlereagh sich dessen sorgfältig geweigert hatte, was aber übrigens der gewissenhaften Genauigkeit der Anführungen Napoleons keinen Eintrag thuc. Der zweite Punkt, auf den ich nach meiner Unpartheilichkeit aufmerksam machen muß, ist, daß Lord Castlereagh von der Alternative spricht, welche Napoleon angebocen habe, sich, wenn ihm die Insel Elba nicht abgetreten würde, nach England zurückzuziehen. Nun wird man aber weiter unten (Montags den 18. November) finden, daß Napoleon im Gegentheilc dem Lord Castlereagh den Vorwurf macht, daß dirser ihm habe insinuiren lassen, diese Parthie vorzugsweise zu ergreifen. Das sind also zwei Angaben, die einander schnurstracks widersprechen; die Unpartheilichkeit befiehlt mir, ich wiederhole es, beide mitzucheilen. Jeder mag nun nach seiner Einsicht oder seiner Neigung darüber urthcilen, wie es ihm beliebt. Ich habe ja den Kaiser so oft sagen hören, daß eine Stimme so gut wie die andere sey. Meine eigene Wahl fällt mir nicht schwer. Ich kalte die Worte Napoleons, Lord Castelrcagh mag sagen was er will, für richtiger; denn die in diesem Tagcbuche erwähntes — 104 — irrigen Behauptungen dcS Lord Whitworch, so wie die schändlichen Anführungen, welche Lord Casrlereagh über Napoleon im offnen Parlamente oder in andern öffentlichen Versammlungen vorgebracht, endlich die verfälschten Urkunden, in Folge deren man Murats Ab. setzung ausgesprochen, und die einige und zwanzig Ablaügnungen, derer sich Lord Bathurst in der Pairskämmer nicht geschämt hat, liegen hier vor mir. Die Falschheit der mchresten von ihnen war aller Welt hier in St. Helena klar, und setzte sogar Sir Hudson Lowe in Verlegenheit re. Ich bleibe mithin bei meinem Glauben, biö ich durch hinreichende Beweise eines Andern überzeugt werde. Mittwochs am 13. November. AlS ich am heutigen Morgen bei dem Kaiser einen Augenblick unbeschäftigt war, betrachtete ich die große Uhr von Friedrich dem Großen, welche am Kamine hängt. Der Kaiser äußerte bei dieser Gelegenheit: „Ich habe sehr kostbare und rheure Andenken in mei» neu Händen gehabt. Ich besaß den Degen Friedrich deö Großen, die Spanier brachten mir den Degen Franz i. in die Tuilerien. Die Huldigung war groß, sie mußte ihnen viel kosten. Und haben nicht die Türken und Perser mir Geschenke mit den Waffen ge« macht, von denen sie behaupteten, daß sic Gengiskann, Tamerlan, Schach-Nadir und wer weiß wem sonst gehört hatten? Ich glaube aber allerdings, daß daran nichts wahr gewesen seyn mag, als ihre gute Absicht." Ich äußerte hierbei zuletzt, wie ich- mich sehr wundern müsse, daß er nichts dafür gethan habe, des großen Friedrichs Degen zu behalten. „Ich hatte ja meinen eignen," antwortete er mit dem sanftesten Tone der Stimme und seinem ganz bcsondern Lächeln, indem er mich ganz leicht inS Ohr knipp, und in der That er hatte Recht, ich sagte ihm damit etwas sehr Einfältiges. Späterhin kam er von neuem darauf zu sprechen, daß er bei seiner Wiedervermählung eine Französin hierzu hätte wählen wollen und auch sollen. „Das wäre höchst national gewesen, sagte er, Frank» - reich war groß und sein Monarch mächtig genug, und dieser brauchte mithin keine Rücksicht auf das Ausland zu nehmen. Zudem ist die Blutsfreundschaft unter Fürsten keine hinreichende Schutzwehr, wenn politische Interessen in Frage kommen, und veranlaßt sogar in dieser Beziehung nur zu oft moralische Abscheulichkeiten in den Augen des Volkes. Hicrnächst wird dadurch eine Fremde mit den Staatsgeheimnissen bekannt, sie kann dieselben mißbrauchen, und wer dann auf seine Verwandten im Ausland rechnet, steht lrichtlich über einem durch Blumen verborgenen Abgrunde. Mit einem Worte, eS ist eine wahre Chimäre, wenn man glaubt, daß dergleichen Verbindungen etwas nützen oder sicher stellen." ^ Dem sey aber wie ihm wolle, die Maasregel einer neuen Der« ! Mahlung war doch den gescheuten Bürgern, welche an die Zukunft ^ dachten, höchst angenehm. Napoleon sagte hierüber wenige Tage K nach dem deSfalls gefaßten Beschlüsse In einem frohen Momente zu ^ einem seiner Minister (dem Herzoge von Dccr>-s:). „Man ist also sehr erfreut über meine Vermählung. — 2a Sire! sehr. — Ich höre, man glaubt, der Löwe werde nun schlafen- — Allerdings, ' Sire! um die Wahrheit zu sagen, wir rechnen einigermaaßen dar« 's ^ auf. — Wissen Sie denn, fuhr Napoleon nach kurzem Schweigen > i fort, daß man sich dabei betrügt, niemand jedoch dies dem Löwen j ' Schuld geben muß. Der Schlaf würde ihm eben so süß seyn, alS ^ jedem andern. Aber sehen Sie denn nicht, daß, indem ich un« !! aufhörlich das Ansehen habe, als ob ich der angrei« ! sende Thcil sey, ich doch noch nie etwas anders chac, alS H mich zu vert heidi gen." Die Wahrheit dieser Versicherung konnte, so lange der schreckliche Kampf dauerte, bezweifelt werden, « aber nun ist man in der Freude und Geschwätzigkeit des Siegs gar so weit gegangen, ihr daS Opfer zu bringen, und sie selbst einzu« ^ gestehen. Die einen haben sich gerühmt, daß von ihnen der Krieg i so lange fortgesetzt worden sey, bis sie ihren Feind vernichtet hätten, und etwas anderes hätten sic nie gewollt. Die andern haben sich nicht gescheut, öffentlich bekannt zu machen, daß sie unter der Maske des Bündnisses und der Freundschaft sogar das Komplot zu seinem Slurtze geschmiedet hätten!!! Der heutige Tag und die beiden folgenden wurden mir durch eine mich persönlich angehende Neckerei verdorben, die zu viel Einfluß auf mein Schicksal gehabt hat, als daß ich ihrer nicht erwäh« l nen sollte. Seit ich in Longwood wohnte, hatte ich nämlich einen jungen Menschen aus der Insel, einen freien Mulatten, zum Be« ' dienten gehabt, und war mit ihm sehr zufrieden gewesen. Plötzlich aber siel cs Sir Hudson Lowe ein, ihn mir zu nehmen. Angetrieben von seiner geistreichen Beschäftigung, unS stetS zu quälen, oder, wie viele andere es steif und fest geglaubt haben, in Folge eines trciiloserweise berechneten Plans, sandte er den Offlzier der englischen Wache an mich ab, und lies mir durch diesen sagen, daß, da er über den Umstand, daß mein Bedienter ein Eingeborner der Insel sey, sich einige Bedenken machen müsse, er ihn von mir nehmen, und mit einem andern, den er selbst ausgewählt, ersetzen werde. Ich antwortete ihm ganz einfach aber bestimmt darauf folgendes: 106 „Der Gouverneur könne mir nach seinem Belieben meinen Bedien, ten nehmen, solle aber die Müde sparen, ihn durch einen andern nach seiner Wahl zu ersetzen. Ich lerne jeden Tag mehr mich von den Genüssen des Lebens loözumachen, daher würde ich auch nölhi. genfalls mich selbst zu bedienen wissen. Diese Entbehrung mehr, sey ganz und gar nichts gegen die Leiden, die er unausgesetzt über uns verhänge." Nun begann über diesen Gegenstand ein gewaltiger Wechsel von Zuschickungen und Briefen. Sir Hudson Lowe schrieb zwei- bis viermal des Tags an den wachthabenden Offizier, um mich eben so oft durch diesen zu beschicken. Er begreife, wie er sagte, die Schwierigkeiten gar nicht, die ich mache, und könne sichs gar nicht rinbilden, was ich gegen einen Bedienten, den er mir zusendc, ein. wenden könne_ Der, den er für mich ausgesucht, sey gewiß eben so gut wie der andere. — Sein Anerbieten, ihn für mich auszusuchen, sey seiner Seics nur eine Aufmerksamkeit gegen mich u. s. w. Mir lhat es leid, daß der arme Offizier so oft hin und her gehen mußte, und Ich selbst hatte es herzlich satt. Ich bat ihn also, um seine Füße zu schonen, den Gouverneur zu versichern, daß ich ihm nie etwas anders antworten würde, als daß er mir wohl meinen Bedienten nehmen könne, aber nicht dran dfnken solle, daß ich je seinen, den er mir ausgesucht habe, annehmcn würde, so wie er denn auch eine solche Garnison bei mir allerdings mit Gewalt aber nie mit meiner eignen Zustimmung einlegen könne. Doch hatte man wahrend dieses Hin« und HerredenS meinen Be» dienten kommen lassen, ihn ausgefragt, einmal aus dem Dienste genommen, dann mir wieder zugeschickt, und endlich ihn ganz von mir abgeholt. Ich erzählte alles dieses dem Kaiser aufs genauste, und er gab mir vollkommen Recht, daß ich nicht, wie er sich ausdrückte, einen Spion unter uns gelassen habe. „Da aber, fuhr er auf eine höchst verbindliche Art fort, Ihre Aufopferung für alle von Nutzen ist, so ist eS billig, daß Sie nicht allein darunter leiden. Lassen Sie sich also meinen Bedienten, den Gentilini, kommen, und den Dienst bei Ihnen mir antrecen. Er wird entzückt seyn, noch ein paar Napoleons mehr zu verdienen. Sic brauchen ihm nur zu sagen, daß ich es befohlen habe." Gentilini kam gleich herzlich froh zu nur, aber noch an demselben Abende sagte mir der arme Junge, daß es nicht schicklich sey, wenn der Diener deö Kaisers einem Privatmann bediene!!!... Und der Kaiser trieb nun dir Gefälligkeit so weit, daß er Gentilmi selbst kommen lies, und ihm den Befehl dazu mit eignem Munde gab. 107 I So fuhr der Gouverneur fort, unS täglich und auf alle Art »u I »erfolgen, ob ich gleich nichts weiter davon erwähnt habe. Nicht ! etwa weil ich mich daran gewöhnt hätte, sondern vielmehr weil die > Unannehmlichkeiten, die für unS aus seiner schlechten Laune entstanden, ! zu der Masse der übrigen Leiden sich nur wie Kleinigkeiten vrrhiel« ten. Und in der Thai! was konnten sie auch anders im Verhält, nisse gegen unser großes Elend seyn?... ^ Dringt man ganz in alle Schrecknisse unsrer Lage ein, so er« f blickt man mich wahrscheinlich für immer auf eine wüste Strecke» ! 2060 Meilen vom Daterlande entfernt, auSgcsetzt, und in ein Ge« ! sangniß, unter einen Himmel, in ein Klima, aus einen Boden, > die uns allen ganz fremd sind, beschränkt. So erblickt man mich, wie ich, ein Lebender schon in den Tiefen des Grabes wandlr, dem einzigen wahrscheinlichen Ende aller dieser Uibel. Ich habe mein Weib, meine Kinder, meine Freunde verloren, ob sie schon noch am Leben sind; aber ihr Universum ist nicht mehr das meine, und folglich der Gemeinschaft mit dem menschlichen Geschlcchte entrissen. Jeder Mensch, der dieses ließt, seine Meinung, sein Vaterland, sein angeborneS Wesen sey, welches cs immer wolle, wird mich gewiß bedauern, wird sich bei der traurigen Lage, in der er mich ! erblickt, zum Mitleid hingerissen fühlen — und doch hätte er Unrecht — er soll mich bald beneiden! — Wessen Herz schlagt nicht bei gewissen Handlungen eines Alexanders oder eines Cäsars? — Wer bliebe wohl ganz unbewegt, wenn er einem Denkmale Karl des Großen nahe steht? Von wel« chem Werrhe müßte es uns nicht seyn, wenn wir nur einzelne Worte — oder Stimmlauce von Heinrich l V. vernehmen könnten? ? Wohl denn! Bei der mindesten Spur einer moralischen Niedergc- ! schlagcnheit, bei dem leisesten Gefühle, daß mein Geist der Erbe« ^ bung bedürfe, rief ich, Geist und Herz von jenen schönen Gedanken E und Gefühlen voll, aus: „Ich besitze dies alles und unendlich mehr! ! Es sind nicht bloße Täuschungen, nicht bloße geschichtliche Erinne« rungen, ich bin ihm nahe dem großen Manne, der so unendliche - Wunder vollbracht hat — er lebt! Täglich, augenblicklich kann i ich nach meinem Gefallen die Züge des Edlen betrachten, dessen j Wink Schlachten ordnete und der Reiche LooS entschied, ich sehe ! seine erhabene Stirn geschmückt mit den Lorbccrkränzen von Rivoli, ^ von Marengo, von Austerlitz, von Wagram, von Jena, von Fried« lanb; ich kann sie erfassen diese Hand, die so viele Sccprer führte, !! so viele Kronen verthciltc, die Fahnen von Arcolk und von Lodi ! hielt, und in einem feierlichen Momente einer in Thränen zerstic» i ßcnden Gattin die einzigen Beweise der Schuld ihres Mannes zu« i rückgad; ich höre sic, die Stimme des Mannes, der bei dem 108 Anblicke der «zyprischen Pyramiden seinen Soldaten zurief: „Kinder! von den Gipfeln dieser Denkmäler schauen vierzig Jahrhunderte auf uns;" des Mannes, der sein Gefolg bei einem Transport verwundeter -Oesrerreichcr halten lies, sein Haupt entblößte, und die Worte sprach: „Ehre und Achtung dem Muthe im Unglücke." 2ck> lebe ln vertraulichen Gespräche» mit ihm, dessen Wille Europa leitete, dessen Zeitvertreib die Verschönerung unsrer Städte und die Wohl- fahrt unsrer Provinzen war, der uns groß machte in der Meinung der Völker, und unser» Ruhm bis zu den Wolken erhob! — Ich sehe, ich höre, ich pflege ihn, ich bestrebe mich, ihm angenehm zu seyn, — ich trage vielleicht zu seinem Tröste bei! welch ein LooS! j Mag man mich auch vielleicht hier und da beklagen, wird nicht > dafür eine Menge von Menschen mich auch beneiden? Wem wird wohl ein solches Glück zu Theil? wo vereinigen sich die Umstände so günstig, wie bei uns? i Donnerstags am 14. November. j, Der Kaiser lieS mich gegen 6 Uhr in sein Zimmer rufen. Er ! hatte, wie er sagte, ein sehr schönes Kapitel über die Secrcchte dtkrirt, und sprach nun von seinen Plänen zu neuen Werken. Ich i wag», ihn an die vierzehn Paragraphen, wozu er die Idee schon ! entworfen hatte, zu erinnern. Er nahm cs mit Wohlfallen auf, i und versicherte, daß er gewiß darauf zurückkommen werde. Er sing dann an, sehr kostbare Aufsätze zu lesen und zu korri- > gircn, die er dem Großmarschalle über den Unterschied der älccrn ! Kriege im Vergleich mit den neuern, über die Verwaltung bei den > Heeren, ihre Bestandtheile re. diktirc hatte. AlS er hierauf zum ^ Sprechen übergieng, und diesen Gegenstand der Unterhaltung festhielt, sagte er unter andern: „Fortgesetzte große Handlungen können nicht das Werk des Zufalls oder des Glückes seyn; sie sind vielmehr die Erzeugnisse des Nachdenkens und des Genies. Selten ! nur scheitern große Männer selbst bei ihren gefährlichsten Unterneh- ! mungen. Betrachten Sie Alexander, Cäsar, Hannibal, den großen Gustav und andere, es gelang ihnen alles. War eS denn nur ihr Glück, daß sie zu so großen Männern machte? Nein sie beherrschten ihr Glück, eben weil sie große Männer waren. Untersucht man das Räderwerk ihrer Erfolge, so erstaunt man über alles das, was sie gcthan haben, um so weit zu kommen. s „Alexander war kaum über die Kinderjahre hinaus, alö er ^ mit einer Handvoll Menschen einen Theil des Erdballs eroberte. ! Aber war es denn etwa ein plötzlicher Uiberfall, eine Art von ^ Sündfluth? Nein — alles ist mit Weisheit berechnet, mit Kühn- ^ htll ausgesührt, mit Klugheit geleitet. Alexander beweißt, daß er zu gleicher Zeit groß als Kriegsheld, als Politiker und alS Gesetzgeber ist. Unglücklicherweise wurde, alS er den Lichtpunkt seines ! Ruhmes erreicht hatte, sein Kopf verdreht oder sein Herz verdor- i ben. Er hatte mit dem Gemüthe eines Trajan begonnen, und endete mit dem Sinne eines Nero und den Sitten eines Hclioga- bals. „Der Kaiser beschrieb jetzt Alexanders Feldzüge; ich sah den Gegenstand in einem ganz neuen Lichte. I Als er dann auf Cäsar übergieng, sagte er: Es habe der« i selbe ganz anders als Alexander, und zwar erst sehr spät seine ! große Laufbahn begonnen. Nach einer geschästslosen, sehr lasser« haften Jugend habe er endlich einen überaus thätigen Geist, ein höchst edles und schönes Gcmüth gezeigt. Sein Charakter scheine ihm einer der liebenswürdigsten in der Geschichte zu seyn. „Cäsar, so bemerkte der Kaiser, überwand die Gallier und die Gesetze seines Vaterlandes, — aber waren wohl seine großen KriegSchaten nur i Glück und blinder Zufall?" Er setzte jetzt die mächtigen Handbun« j gen Cäsars eben so auseinander, wie er es bei Alexander gethan ^ hatte. „Und dieser Hannibal, sagte er, der kühnste, vielleicht auch der bewundertste von allen, beherzt, sicher und vielumfassend bei dem, was er that, begriff schon in dem Jugend-Alter von 28 Jahren das Unbegreifliche und vollbrachte daS Unmögliche. Er entsagte aller Verbindung mit seinem Vaterlande, zog dahin durch feindliche Länder, die er angreisen und bezwingen mußte, erkletterte die Pyrenäen und die Alpen, die man für unübersteiglich gehalten l hatte, bezahlte, als er den Hinabweg nach Italien unternahm, die i bloße Erreichung seines Schlachtfeldes, das bloße Recht zu fechten?- mit der Hälfte seines Heeres, besetzte, durchzog und beherrschte ! aber dann dieses Italien 16 Jahre lang, brachte das schreckliche < das allgemein gefürchtete Rom zu mehreren Malen an den Rand des Verderbens, und lies seine Beute nicht eher fahren, als bis man die große, durch ihn gegebene Lehre, daß man Rom in Rom angreisen müsse, benutzte. Darf man wohl glauben, daß sein tha- renreiches Leben nichts als eine Laune des Zufalls, eine bloße Gunst des Glückes war. Der Mann, der auf die Frage seines jugendlichen Ueberwinders nicht zauderte, obgleich er besiegt war, sich selbst Alexander und Pyrrhus, die er für die beiden ersten Männer in dieser Kunst hielt, unmittelbar nachzusetzen, mußte wohl eine große kräftige Seele und eine hohe Meinung von seiner Kriegskunst haben. „Alle diese großen Heerführer der Alten, fuhr Napoleon fort, und diejenigen, welche später auf würdige Weise in ihre Fußcapfen getreten sind» haben daS Große nur dadurch vollbracht, daß sie sich nach den natürlichen Regeln und Grundsätzen der Kunst richteten, das heißt, durch die Genauigkeit ihrer Berechnungen und weise Ver.cfleicbung der Mittel mir dem Resultate, der Anstrengungen mit den Hindernissen. Nur auf diesem Wege konnten sie daS Gelingen finden, wie groß auch die Kühnheit ihrer Unternehmungen, wie auS« geduhnt auch deren Erfolge seyn mochten. Sie haben zudem nie aufgehört, den Krieg wissenschaftlich zu behandeln. Nun sind sie unsre großen Muster geworden, und nur indem man dieselben nach, ahmt, kann man ihnen naher zu kommen hoffen.. „Man hat meine größten Daffenthaten blos dem Glücke beige» messe», und wird nicht ermangeln, mein Unglück auf meine Fehler zu schieden. Wenn ich aber meine Feldzüge schreiben werde, so wirb man sich verwundern, wie sehr in beiden Fallen meine Der» nun ft und jede meiner Fähigkeiten in völliger Uibereinstimmung mit den Prinzipien geblieben sind rc." Wie wünschenswertst ist eS doch, daß der Kaiser den Gedanken, seine Feldzüge zu schreiben, ausfühsen möge. Welche Commentarien winden wohl mir denen Napoleons zu vergleichen seyn?*) — ES scheint, als ob der Kaiser diese- Werk, das für Männer vom Metier von so großem Wertste gewesen seyn würde, nicht ganz voll» endet stabe. Inzwischen enthält die zweite Lieferung der Memoiren Napoleons von den Generalen Monthoion und Gourgaud, welche jetzt (Paris, Bossange FrercS) herauskömmt, Napoleons kritische Bemerkungen über ein militärisches Werk, welche von dem größten Interesse sind, und in gewisser Beziehung das ersetzen, was wir verloren staben. Man findet darinnen jene eben jeyt erwähnten Feldherren der Alten, aber mit der sorgsamen Entwickelung, der Kraft und den Vorzügen, welche ein durchdachter, in die Feder diktirter Aufsatz vor dem rohen Auszüge eines flüchtigen Gesprächs hat. Ein anderer höchst interessanter Gegenstand, den jene Werke enthalten, ist die Sammlung offizieller Urkunden und das Protokoll der Negotiationen zu Chatillon. Man hat viel von der Verlegenheit gesprochen, in welcher sich Ludwig XIV. zu Ende des SuecesstonSkricgs bei de» schrecklichen Conserenze» von Gertruidenbcrg befunden habe; aber großer Gott! was ist das gegen den Kongreß von Chatillon! Wie vcrzweiflungSvoll war der Zustand des unglücklichen französischen Reichs und die Lage, wortnnen sich dessen einziger Bevollmächtigter befand, der allein gegen die gesamn.te trium- phirende Diplomatik von ganz Europa ankämpfen mußte! — Doch wundert man sich nach alle dem nicht mehr über die Hochachtung, welche der Herzog von Vicenza allen Fremden gleichsam abgenöthigt hat. Es konnte nicht anders seyn: in ilim war Rechtlichkeit, Große, Freimütstigkeit, — mit einem Worte, Alle- vereint, was eine schöne Seele ausmacht. Seine Korrespondenz atbmet ununterbrochen die Gesinnungen de- treuen Unterthans, des innigcrgcbenen Freundes, und besonders des auSgezeicUncten Staatsbürgers. L)l»>e in den Werth seiner persönlichen Meinung «inziigehen, ist eS doch unmöglich, sich bei dein Lesen seiner Schriften nicht von Verehrung durchdrungen zu slll'iiN. 111 Der Kaiser fuhr dann fort, eben so sich über Gustav Adolph und Cond>- zu verbreiten; er sagte, bei ihnen sey die Wissenschaft gleichsam ein Instinkt gewesen, die Natur habe sie schon unterrichtet geschaffen. Türen ne hingegen habe sich mühsam und durch großes Studium ausgebildet. Ich erlaubte mir die Bemerkung, daß Turenne, wie man wahrgenommen habe, keine Schüler gebildet, Cond« hingegen mehrere ausgezeichnete Zöglinge hinterlassen hätte. „Es ist dies eine Laune deS Schicksals, erwicderte der Kaiser, das Umgekehrte von dem, was eigentlich geschehe» sollte. Aber es hängt nicht immer von dem Meister ab, gute Schüler zu ziehen, die Natur muß die Hand bieten, der Saamc den rechten Boden finden." Er sprach hierauf von Eugen, Marlborough, Ven- dSmerc., über Friedrich den Großen, von dem er gedachte, daß er vor Allen andern ein großer Taktiker gewesen sey, und das Geheimniß besessen habe, wahre Maschinen aus seinen Soldaten zu machen. Bei dieser Gelegenheit sagte er: „Wie sehr weicken die Menschen doch oftmals von dem ab. was sie Anfangs scheinen! Wissen sie wohl stets selbst, was sie sind? Das ist nun einer, der bei seinem ersten Auftreten vor seinem eignen Siege flieht, und während seines ganzen übrigen Lebens sich ganz ohne allen Zweifel als der unerschrockenste, unerschütterlichste, als der kälteste Mensch zeigt re." Nach dem Diner sprach der Kaiser, der noch ganz bei seiner Tagesarbeic war, die er seit einiger Zeit mit einem wahren Dergnü- gen und innerer Zufriedenheit verfolgt, bis gegen ein Uhr Morgens auf eine höchst geistreiche, kräftige und lichtvolle Weise als ein wahrer Meister seiner Kunst von einer Menge den Krieg angehender Gegenstände. Er kam dabei wieder auf den Unterschied der alten und neuen Art, Krieg zu führen. „Die Erfindung des Schießpulvers, sagte er, hat alles verändert. Diese große Entdeckung war übrigens ganz zum Vortheile der Belagerer, obschon bisher die mehrsten Neuern das Gegcntheil behauptet haben. Die Körperkraft der Alten, be- merkte er hicrnächst, stand im Verhältnisse mit ihren Angriffen und Bertheidigungswaffen, dagegen die Waffen unsrer jetzigen Zeit ganz über unsre Sphäre sind. Wenn der Kaiftr seine Ideen über diese Gegenstände hinterlassen sollte, so würden sie ganz vortrefflich seyn. Er hat diesen Abend seine Meinung über die mchresten milicairischcn Angelegenheiten geäußert, und sich dabei zu den höchsten Begriffen erhoben, so wie zu den geringsten Kleinigkeiten herabgclassen. Er sagte, der Krieg bestehe aus zufälligen Dingen, und odsckon ein Heerführer sich an allgemeine Grundsätze halten müsse, so dürfe 112 er doch nichts auS den Augen verlieren, was ihn in den Stand setze, den Zufall j» benutzen. Der gemeine Hausen werde das Glück nennen, und doch sey cs nur das Eigenchum des Genies. — Er wollte, daß man in dem jetzigen Zustande dem dritten Gliede bei der Infanterie mehr Consistcnz geben, oder es ganz abschaffen möchte, und entwickelte seine desfallsigen Gründe. — Er wollte ferner, daß die Infanterie bei einem Kavalcrieangriffe schon aus weiter Ferne auf selbige schießen möchte, anstatt sie bis auf Schußweite herankommen zu lassen, wie man jetzt zu thun pflegte, und er bewies de» Voriheil, den solches gewähre. — Er sagte hierauf, daß Infanterie und Kavalerie, wenn sie nicht von Artillerie unterstützt werde, kein entscheidendes Resultat herbei- führen könne, daß aber mit Artillerie, wenn sonst die Verhältnisse sich gleich wären, die Infanterie der Kavalerie unterliegen müsse, was er, nebst vielen andern Dingen auf eine sehr lichtvolle Weise auseinandersetzte. Er fügte hinzu, daß die Artillerie heut zu Tage das Loos der Waffen und der Völker entscheide, daß man sich jetzt mit Kanonen wie sonst mir der Faust zu Leibe gehe, und in der Schlacht wie bei Belagerungen die Kunst jetzt darinnen bestehe, eine Menge von Feuerschlünden nach Einem Punkte zu richten, und daher, wenn es zum Handgemenge gekommen sey, derjenige immer den Sieg davon tragen werde, der geschickt genug sey, plötzlich und gegen Erwarten deS Feindes eine Masse von Artillerie nach einem solchen Punkte zu schleudern. DieS zu bewirken, sey sein großes Geheim, niß und seine Taktik gewesen. UibrigenS, schloß er, sey dasjenige, was er sich unter einer wahren Armee, wie sie seyn sollte, denke, ohne eine Revolution In den Sitten und der Erziehung deS Soldaten, selbst auch des Df. fizierS, gar nicht zu erreichen. Es könne gar nicht bestehen mit unfern Backöfen, unfern Magazinen, unserm AdminlstrationS-Troß, unfern Wagen. Eine Armee sey nur da zu finden, wo der Sol. dar, wie bei den Römern, sein Getreide erhielte, seine Handmühle hätte, sein Brod in seiner kleinen Blecksorm backe re. Mithin würde es nicht eher eine wahre Armee geben, als bis man unsre schreckliche, papierverwüstende Administration sortgejagt haben würde re. „Ich hatte, sagte er, über alle diese Veränderungen nachge- dacht: aber nur im tiefsten Frieden war daran zu denken, die Sache zur Ausführung zu bringen. Bei einer Armee im Felde lies sich Vas nicht machen, sie hätte revoltirt und mich nach Hause geschickt«." Weil ich einmal hierauf gekommen bin, will ich hier einige zer. streute Nocen einschalcen, die ich bei verschiedenen Gelegenheiten über mancherlei von dem Kaiser projektirte Neuerungen, nicht bl»S 113 bei der Armee, sondern auch bei andern wesentlichen Thellen der gesellschaftlichen .Ordnung mir ausgezeichnet habe. Der Kaiser harte die Absicht, bei einem allgemeinen Frieden jede Macht zu einer sehr bedeutenden Reduclion der stehenden Truppen zu veranlassen, wie er uns das mehr als einmal gesagt hat. Nach seiner Idee sollte jeder Fürst sich auf seine Garde, als Eadre der übrigen bedürfenden Falls aufzustellenden Armee, beschranken. Ferner war es seine Meinung, daß dafern er genöchigr wäre, ein starkes Heer in Friedenszeit zu unterhalten, dieses zu öffentlichen Arbeiien zu gebrauchen, und ihm eine ganz besondere Organisaeion, Form und Berpflegungsmelhode zu geben. Man wird ohne Zweifel hiervon einiges in seinen Memoiren finden; ich weiß, daß er zu verschiedenen Zeiten dies und jenes darüber an mehrere der Herren diktirc hac. Er hatte, wie er sagte, die Erfahrung gemacht, daß die größten Hindernisse bei den Entwürfen für seine Feldzüge und größer» Un- rernehmungen ans der neuern Vcrpflegungsarc der Soldaren entstanden seyen. Man mußte Geiraide finden, dies Gecraide mußte man mahlen lassen, dann mußte daraus Brod gebacken werden. Die römische Methode, die er sehr gut fand, und welche er ganz oder -um Theil noch einführen wollte, hätte alle diese Schwierigkeiten leicht gehoben. „Mit ihr, sagte der Kaiser, konnte man bis ans Ende der Welt gehen. Aber cs kostete Zeit, ehe man eine solche Abänderung der Verpflegung ins Werk sehen konnte. Sie lies sich nicht durch einen bloßen Tagsbrfehl anordnen. Ich hatte seit langer Zeit schon daran gedacht, aber, so groß auch meine Macht war, so hütete ich mich doch, sie anzubefehlen. Leere Magen kennen weder Subordination noch Furcht. Nur in friedlichen ruhigen Zeiten läßt sich so etwas nach und nach einrichken. Ich würde meinen Zweck durch Bildung neuer milirairischer Sitten überhaupt erreicht haben." Der Kaiser hielt immerwährend fest daraus, die ganze Nation die Feuerprobe der Conscripcion aushalten zu lassen. „Ich lasse in Betreff der Ausnahmen nicht mit mir handeln, sagte er eines Tages im Scaatkrathe, sie sind verbrecherisch. Wie kann man sein Gewissen damit belasten, daß man den einen zum Nachtheile des andern tödcen läßt. Ich weiß nicht, ob ich meinen eignen Sohn ausnehmen würde." Bei einer andern Gelegenheit sagte er: „die Conscription sey die festeste Wurzel einer Nation, eine Reinigung ihrer Moralität, die ächceste Basis aller ihrer Gewohnheiten; durch sie gelange die Nation zu einer bestimmten Ordnung nach ihren wahren Interessen in Beziehung aus die Vertheidigung nach Außen und die Ruhe im Innern." So organisirt, so gemauert, hätte «o daS l. «Las:» Taa«l>. tv> Di' 8 114 französische Volk mit der ganzen Welt aufnehmen, und mit mehr Wahrheit noch gleich jenem stolzen Gallier sagen können: „Und wenn der Himmel herabfallen wollte, wir wurden ihn mit unfern Lanzen oben halten." Nach seinem Systeme und seinen Absichten mußte die Conscrip- ^ tion, weit entfernt, der Erziehung Schaden zu bringen, vielmehr s ein Werkzeug derselben werden. Der Kaiser wollte, wie er sagte, >1 dahin kommen, bei jedem Regimente eine Schule zu den Anfangs- » gründen oder auch zum fortgesetzten Betreiben von Arbeiten aller I Art, so wie zum Unterrichte in den freien oder einfachen mechani- ss scheu Künsten zu haben. „Nichts war leichter als das, bemerkte ö' er, war die Sache einmal in Gang gebracht, so hatte jedes Rest« » ment alle seine Bedürfnisse aus sich selbst entnommen. Wie wohl« f khatig wäre dann der Austritt der jungen Leute mit ihren erlangten ft Kenntnissen geworden, wenn es auch nur Anfangsgründe waren, j! wie herrlich hätten die bessern Sitten, die immer eine natürliche z Folge hiervon sind, auf die Masse der Gesellschaft gewirkt rc." So sagte der Kaiser auch einmal: Es würden, wenn er Ruhe gehabt hätte, wenige Verhältnisse übrig geblieben seyn, an welche er nicht Hand angelegt hätte. Er verweilte dann bei der Landplage der Prozesse, die er einen Aussatz, einen wahren Krebs nannte. „Schon hatte, sagte er, mein Codex sie sehr vermindert, indem er eine Menge von Sachen für jedermann begreiflich machte; aber es blieb dem Gesetzgeber noch viel zu thun übrig; nicht etwa, daß dieser sich schmeicheln könnte, die Menschen vom Streiten abzuhalten, das wird zu allen Zeiten geschehen, aber er muß verhindern, daß nicht ein Drittthcil derselben von den Streitereien der bkiden andern Dritttheile leben, und dadurch, daß es sie dazu aufteizk, sich die Mittel verschaffen will, recht gut zu leben. Ich hätte . mithin gern die Einrichtung getroffen, daß nur diejenigen Advokaten Bezahlung fordern könnten, die ihren Prozeß gewonnen hätten. Was würden nun für eine Menge von Streitigkeiten aufgehörk haben! — Natürlich hätte jeder bei der ersten Prüfung eines Rechts- Handels ihn sogleich zurückgewiesen, wenn der Ausgang ihm zweifelhaft geschienen. Man hätte wohl nie zu besorgen gehabt, daß ein Mann, der von seiner' Arbeit leben muß, eine Sache übernehmen werde, bloö um das Vergnügen zu haben, sich sprechen zu hören; und wenn auch das der Fall gewesen wäre, so hätte er den Schaden allein tragen müssen. Aber mit den Praktikern wird die einfachste Sache schwierig. Man brachte sofort eine Menge von Ein- würsen, eine Masse von Hindernissen zum Vorschein, ich hatte keine Zeit zu verlieren, und schob daher das Ganze auf. Aber ich bleibe noch dabei, daß der Gedanke gut war, und wenn man ihn gchirig durcharbeitece, von allen Seiten beleuchtete, und nach Befinden modificirte, derselbe sehr ersprießlich werden könnte. Dann kamen die Pfarrer daran, die nach seiner Meinung recht bedeutend und nützlich werden sollten. „Je aufgeklärter sie sind, desto weniger werden sie ihre Stelle mißbrauchen." Mit ihrem theologischen Kursus sollte ein Unterricht im Ackerbaue und den Hauptbegriffen der Heil- und der Rechtekunde verknüpft seyn. „Dann, sagte er, würde das Dogma und die Controverse, dieses Bataillen-Pferd und diese Waffe des Narren und Fanatikers, nach und nach seltener auf der Kanzel geworden seyn, man würde dort nur reine Moral gehört haben, die immer schön, immer beredt, immer eindringlich, immer gern gehört ist; und da man stets lieber von dem spricht, was man versteht, so hätten dann diese Diener einer Religion, welche die Liebe selbst ist, sich vor allem andern mit den Landleucen von der Kultur des BodenS, von ihren Feldern unterhalten, ihnen gute Lehren gegen die Chikane, den Kranken heilsamen Rach gegeben, und alle würden dabei gewonnen haben. ^ Dann wären die Pastoren wirklich die treuen Hüter ihrer Schaase, l und da man ihre Lage ansehnlich verbessert haben würde, zugleich ; sehr geachtete Männer geworden. Sie würden sich vor allem selbst geehrt haben, und dann auch von aller Welt in Ehren gehalten « worden seyn, würden zwar nicht die Macht eines Lehnsherrn, aber doch, ohne alle Gefahr, dessen Einfluß gehabt haben. Ein Land- ! geistlicher wäre der natürliche Friedensrichter und in moralischer Hinsicht der wahre Gebieter seiner Gemeine gewesen, der sie geführt ' und geleitet, indessen er selbst von der Regierung abhängig war, welche ihn ernannte und besoldete. Wenn man nun noch zu alle dem die Prüfungen und das zu Erlangung eines solchen Amtes nöthige Noviciac rechnet, wodurch für die Berufung zu selbigem gewissermaßen Bürgschaft geleistet ward, indem beides die besten Eigenschaften des Herzens und Verstandes voraussetzte, so kann inan wohl behaupten, daß die Anstellung solcher Pastoren im Volke eine wahre moralische Umwälzung zum Besten der Civilisation Hervorgebracht haben würde." . Dabei fälle mir ein, daß ich den Kaiser Im Staatsrathe gegen das unbestimmte Einkommen der Kirchendiener habe sprechen hören; er setzte dabei auseinander, wie unziemlich es sey, sie in den Fall zu bringen, mit den heiligsten und zugleich unerläßlichsten Dingen einen Handel zu treiben, und schlug daher vor, dies abzuschaffen. „Wir erheben die Würde, die Wohlthäligkeit, die Liebe zu allen religiösen Handlungen, wenn sic umsonst ausgeübt werden müssen; wir thun damit sehr viel für die »iedern Volksklassen, und es ist ja nichts leichter und natürlicher, als dieses zufällige Einkommen 116 durch eine gesctzlichk Auflage zu ersetzen; denn jedermann wird geboren, viele heirachen und alle sterben; — aber eben dieses sind die drei großen Gegenstände des religiösen Wuchers, welche mir widerstehen, und die ich daher so gern abschaffen möchte. Warum könnce man sie nickt, da sie alle Welt angehen, in eine besondere Auflage verwandeln, oder vielmehr in den allgemeinen Steuern un- tergehcn lassen re." Aber der Vorschlag hatte keine Folgen. Ich erinnere mich in diesem Augenblicke, baß ich ihn ferner habe den Vorschlag chun hören, , daß alle in öffentlichen Aemtern stehenden Personen, sogar die Milicairs unter sich selbst den Fonds zu ihren künftigen Pensionen durch einen kleinen Abzug von ihrem jährlichen Diensteinkommen bilden möchten. Er legte großen Werth hierauf. „Auf diese Weise, sagte er, würde eines jeden Zukunft nicht mehr ein Gegenstand der Bitte, keine Gunst — sondern ein Recht, ein wahres Eigenthum seyn. Das man jedem gekürzt hat, fließt zu der Amortisations-Kasse, 'die es gut schreibt. Es wird dadurch sein Besitzthum, das er im Auge behalt, und ohne allen Widerspruch, sobald er in den Ruhestand tritt, wieder einzieht." L Man machte ihm ven Emwurf, es gebe Gehalte, besonders bei ^ den Militairs, welche keinen Abzug zuließen. „Nun gut, erwiderte dann der Kaiser, so will ich zulegen, ich will den Gehalt um > den ganzen Betrag des Abzugs erhöhen." — Aber wozu nützt denn c die Sache, bemerkte man dann weiter, wenn der nämliche Aufwand I gemacht werden muß, so wird ja dadurch nichts erspart. Welchen Vortheil könnte denn die ganze Einrichtung bringen? — „Der Vortheil, antwortete der Kaiser, bestünde in dem Unterschiede zwischen ! der Gewißheit und der Ungewißheit — in der Vereinfachung, die I es für die Kassen hcrvorbrächte, wenn sie sich nicht mit Zufälligkei- 1 ten zu beschäftigen hätten, und der Ruhe der Bürger, die im Be- I sitze einer sichern Gewähr seyn würden re." ^ Der Kaiser vertheidigte seine 2dee mit vieler Wärme. Er kam L mehr als einmal darauf zurück, und dennoch blieb sie ohne Resultat. Ich habe bereits gesagt, daß ich ihn oft so improvisircn hörte, und er auch oft eine Menge von Gegenständen in Druckschriften zur Discussion brachte, welche das nämliche Schicksal gehabt haben. Folgendes beweißt mit wenigen Worten die Menge von Arbeiten und die Thätigkeit seiner Administration. „Man hat berechnet, daß während der Regierung Napoleons, in einem Zeiträume von 14 Jahren und 5 Monaten, 61,139 Deliberacionen über verschiedene Gegenstände bei dem Staacsrathe vorgckommen sindl — (kli-coi,.- critigu« «r r.ils->N!ie's etc. sich zu solchen Dingen erniedrigen kann. Von dem Arme, den er s leitet, kann man aus sein Herz schließen!" Ich gestehe, daß nach meinem Gemüthe und den Forderungen des Wohlstandes ich gern die vorstehenden Aeusserungen weggelasscn oder doch gemildert hätte. Aber eine Bedenklichkeit hac mich davon zurückgehalten. Und wenn nun, sagte ich zu mir nämlich selbst, der edle, jetzt über mir schwebende Scharten des so schrecklich be» leidigcen Mannes dir zurief: „Da du mich hier redend einführen willst, so bediene dich auch meiner eignen Worte!" — Und so schrieb ich denn. Auch ist es gut, wenn jedem sein Recht wieder» fährt. Wer Ehre und Macht genießt, nimmt die Verbindlichkeit über sich, für seine Untergebenen zu haften. Der Angesckuldigce mag sich verantworten, desto besser, wenn er es kann. Der Kaiser gieng jetzt auf Lord E. über. Dieser, sagte er, beherrscht alles, und mit Hülfe seiner Ränke und Kühn» heit sogar den Prinz Regent. Vermöge einer Majorität, welche er sich verschafft hac, ist er stets bereit, im Parlament, und zwar mit der größten Unverschämtheit gegen Vernunft, Recht, Gerechtigkeit und Wahrheit zu fechten. Keine Lüge wird ihm schwer, nichts kann ihn hindern, alles gilt ihm gleich. Er weiß, daß seine Stim» wenden stets bereit sind, alles gut zu heißen, alles zu bestätigen. Er hat sei» Land gänzlich hingeopfert, und bringt es täglich durch seine, dessen Politik, Grundsätzen und Interessen gänzlich widerstrebende, Geschäftsführung mehr herunter; er liefert es ganz in die Hand des Concinents. Die Lage des Reichs wird täglich bedenklicher. — Gott weiß, wie man sich am Ende herausziehen wird. 123 „Lord C.. wird, so fuhr er fort, In England selbst, wie man mich versichert hat, für einen höchst immoralischen Men« scheu gehalten. Er hat mit einem politischen Abfälle debntirc, der zwar in seinem Lande etwas gewöhnliches ist, aber doch ein ewiger Schandfleck bleibt. „Er hat seine Laufbahn unter der Fahne der Volkssache angetreten, ist aber dann der Mann der Gewalt und der Willkühr geworden. Soll ihm sein Recht widerfahren, so muß er den Vorländern, seinen Landsleuten, ein Abscheu scyn, und eben so den Engländern, deren Freiheiten im Innern und deren Interessen in Beziehung auf das Ausland er vernichtet hat. „Er ist unverschämt genug gewesen, Dinge, von denen er wohl wußte, daß sie verfälscht waren, die er vielleicht selbst verfälscht hatte, dem Parlamente als authentisch vorzulegen, und in Folge dieser Aktenstücke ist gleichwohl Murats Entthronung ausgesprochen worden. Er macht sich ein Geschäft daraus, an jedem Tage öffent- lich im Parlamente und in offener Versammlung zu lügen, mir Worte und Pläne unterzuschieben, die von der Art sind, daß sie mich seinen Landsleuten verhaßt machen muffen, wenn er schon weiß, daß nicht das Mindeste davon wahr ist; eine Handlungsweise, die um so niederträchtiger ist, da er mich in die Unmöglichkeit versetzt hat, darauf zu antworten. „Lord C. ist ein Zögling Pitts, und wenn er auch dem- selben gleich zu kommen glaubt, doch nur sein Affe. Er hat nie aufgehört, die Pläne und Complotts seines Meisters gegen Frankreich nachzuahmen. Die Hartnäckigkeit und der trotzige Widerstand, welchen er hierbei bewiesen hat, sind vielleicht seine wahren und einzigen Lualttaten; allein Pitt hatte große Ansichten. 2hm gieng das Interesse seines Landes allem andern vor; er hatte Geist und schöpferische Kraft, und beherrschte von seiner wohl geschützten Insel aus die Könige des Contingenrs, so daß sie thun mußten, was er von ihnen forderte. C. hingegen hat statt der Schöpfungs- kraft nur Intriguen, nur Subsidien statt des Genies, bekümmert sich wenig um das Heil seines Landes, und gebraucht den Kredit und den Einfluß der Könige des Continents, um seine Macht auf seiner Insel zu befestigen und zu verlängern. Und dennoch — so gehen nun einmal die Dinge auf der Welt — war Pitt immerwährend unglücklich, und dem erbärmlichen C.ist alles vollkommen gelungen. D blindes Glück! „C. war ganz der Mann des Continents, der Herr von Europa, er befriedigte alle Welt und vergaß blos sein Vaterland. Seine Handlungen waren in so hohem Grade verwundend für das Nacionalinteresse, und so ganz im Widerspruche mit den National-Grnndsätzen, sie trugen so sehr de» Charakter der Lncon« sequenz, daß man nicht begreifen kann, wie es möglich war, daß ein so klugeS Volk sich von einem solchen Thoren regieren lies! „Er nimmt die Legitimität als Basis an, will aus ihr einen politischen Lehrsatz machen — obschon.dieselbe den eignen Thron seines Herrn uncergräbt — und dennoch erkennt er Bernadette aus Kosten Gustavs kV., der sich für England aufgeopferc hat. „Er proklamier mit den Alliirten die Wiederherstellung der alten Ordnung der Dinge, die Ausgleichung des Anrechts, der verübten Gewalt, der geschehenen Bcraubungen — wie man sich auszudrücken pflegt — mit einem Worte die Rückkehr der öffentlichen Moralität als eine zweite Basis, und gleichwohl opfert er die Republik Ve« „edig, welche er an Oesterreich, und die Republik Genua, die er an Piemont überläßt; vergrößert Rußland, seinen natürlichen Feind, durch Polen, beraubt den König von Sachsen zu Gunsten Preußens, das ihm nun nichts mehr helfen kann, reißt Norwegen von Däne« mark los, obschon erstcres, weniger abhängig von Rußland, ihm die Schlüssel zum Baltischen Meere reichen kann, und bereichert Schweden damit, das durch den Verlust Finnlands und seiner Inseln im Baltischen Mccre sich ganz in Rußlands Macht befindet — so wie er endlich den ersten Elementen der allgemeinen Politik zum Hohne bei seinen so mächtigen Verhältnissen die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Polens vernachlässigt, hierdurch aber Konstantinopel ausliefert, ganz Europa in Gefahr, und England in lausend Verlegenheiten bringt. „Ich schweige von der ungeheuren Querköpfigkeit eines Ministers, der die freieste aller Nationen repräsentirt, und 2talien aufs neue unterjochen läßt, Spanien unter dem Joch erhält, und alle seine Kräfte aufbietet, Ketten für den ganzen Continent schmieden zu Helsen. Glaubt er vielleicht, daß die Freiheit nur für Engländer passe, und der Concinenc nicht für selbige geschaffen sey? *) Aber selbst dann noch begeht er großes Unrecht an seinen eignen Lands« leulen, die er an jedem Tage um irgend eines ihrer Vorrechre bringt; bald geschieht es durch ganz unbefugte Aufhebung der Habens-Korpus«Akte, bald durch eine Fremden - Bill, nach welcher — sollte man das wohl glauben? — die Frau eines Engländers, wenn sie eine Fremde ist, nach Belieben des Herrn Ministers aus England fortgejagt werden kann; ferner durch ein bis ins Un- ») Lord C. bat in vor That späterhin die Frechheit gehabt, dies, beinahe mit de» obigen Worte», bei Gelegenheit der Badenschcu oder Baiernsche» Eonstitntivn vor dein ganzen Parlamente zu erklären! ? 124 endliche ausgedehntes Spionir« und Anklage-System; durch Beste!- lung von förmlichen Denuncianken einer teuflischen Erfindung, mit deren Hülfe man ItcrS sicher ist, Schuldige zu finden und Schlacht« opfer in Menge zu haben, durch die kalte Strenge, das eiserne Joch, das auf den auswärtigen Besitzungen lastet *). Nein! Lord C. ist nicht der Minister eines freien Volks, beauftragt, den übrigen Nationen Ehrfurcht einzuflößen, er ist ein Vezier der Könige des Concinento, der auf ihren Antrieb seinen Mitbürgern die Sklaverei beratet; er ist der Kettcnring oder der Zubringer, durch welchen die Schätze Großbrictaniens nach dem Contincnte und die schädlichen Grundsätze des Auslandes nach dem Innern geleitet werden. „Er scheint der Partisan, der eifrige Genosse der geheimnißvoilen heiligen Allianz, dieses allgemeinen Bündnisses zu seyn, von welchem ich weder Sinn noch Zweck begreife. Soll sie gegen die Türken gerichtet seyn ? Dann müßten aber die Engländer sich derselben widersetzen. Soll sie wirklich dazu dienen, einen allgemeinen Frieden zu erhalten? — einer solchen Chimäre können doch wohl diplomatische Kabinette keinen Glauben beimessen. Alliancen können nur im Widerspruche und als Gegengewicht statt haben. Sobald alle unter sich alliirc sind, so hak die Sache keinen Sinn mehr. 3ck kann mir dieselbe nur als einen Bund der Könige gegen die Völker denken — was will aber dann Lord C. dabei? Wenn die Sache so wäre, könnte er und sollte er sie nicht einst theucr bezahlen müssen? — „Ich habe diesen Lord C. in meiner Macht gehabt; er war zu Chatillon. um dort zu incriguiren, und meine Truppen übereilten bei einem momentanen glücklichen Erfolge den plötzlich umringten Kongreß. Der englische Premier-Minister war ohne einen öffentlichen Charakter, und das Völkerrecht konnte ihn mithin nicht ») Der Kaiser hat, wie ich in Erfahrung gebracht habe, nach meiner Äbreisc bei dem Lesen der Beschwerden der Jonischen Inseln sich nochmals sehr unwillig über die Handlungen der Alliirten geäußert, welche so viel und so lange Zeit von Moral und Gerechtigkeit und von der Unabhängigkeit der Volker laut gepredigt, sich aber doch von den Trümmern des großen Reichs recht hübsch genährt, uno manche Mil, ltonen Seelen unter sich gethcilt hätten. „Und diese, sagte er endlich, haben es wagen können, mich vor der ganzen Welt heißhungerig, un» redlich, tyrannisch zu nennen l — AlS er das Loos des unglücklichen Parga erfuhr, rüste er aus: „Parga! Parga! O das ist doch gewiß eine Handlung, die cs werth wäre, daß der Mensch gezeichnet, daß er für immer aus die Stirn gcbrandtmarkr würde." nicht schützen. Er fühlte daS, und seine Angst, sich in meiner Gewält zu befinden, wir schrecklich. Ich lies ihm sagen, er möchte sich beruhigen, er sey frei. Ich that das um meiner selbst, nicht um seinetwillen, d .,n von ihm erwartete ich wahrhaftig nichts Gutes. Inzwischen äußerte sich einige Zeit nachher seine Erkenne- lichkeit auf ganz besondere Weise. Er lies mir nämlich, als ich s die Insel Elba zu meinem Aufenthalte wählte, ein Asyl in England ! anbieten, und wandte seine ganze Beredsamkeit, seine ganze Feinheit an, um mich zu bestimmen. Ictzt muß jedes Anerbieten eines C. mir verdächtig Vorkommen, und es ist wohl keinem Zwei- , fel unterworfen, daß er schon damals über der schrecklichen Behänd- ! lung brütete, die man mich jetzt erdulden läßt! - „Es ist ein großes Unglück für das englische Volk, daß sein dirigirender Minister in eigener Person mir den Fürsten des Conti- nentö verhandelt hat, es liegt darinn eine Verletzung der Constitu- i lion- Der englische Stolz sah hierbei nichts, als daß sein Ncprä- > sentanc hingehe, Gesetze vorzuschreiben. Allein es hat wohl jetzt große Ursache, dies zu bereuen, da der Erfolg gelehrt hat, daß es dabei nichts erlangte, als Verlegenheiten, Verminderung seines An- ; sehens und Verluste. l „Es ist eine ganz ausgemachte Sache, daß Lord C. ^ alles erhalten konnte; aber er hat, sey es nun aus Blindheit oder j aus Unfähigkeit oder aus Verrach vielmehr alles geopfert. Da er ' mit den Königen auf einer Bank saß, schämte er sich vielleicht, den Frieden als Kaufmann zu diktiren; er wollte ihn lieber als gnädiger Herr verhandeln. Sein Stolz hat dabei gewonnen, auch läßt sich wohl glauben, daß er in Ansehung seiner persönlichen Vortheilc nichts dabei eingebüßt haben werde, bloö sein Vaterland ' har darunter gelitten, Und wird noch viel und lange Zeit darunter leiden. „Auch die Könige des Concinents werden vielleicht den Fehler schwer büßen müssen, daß sie ihre dirigirenden Minister unter sich in so nahe Berührung gebracht haben. Scheint es doch, als ob , alle diese Premier-Minister sich gegen ihre Herren eine Art von Untersöuverainitäc gestaltet, sich dieselbe gegenseitig garantirt, und sie, wie man zu glauben berechtigt ist, unter Einwilligung ihrer j! Herrn, mit recht gehörigen Hülssmitteln ausacstattet Härten. Auch i läßt sich recht wohl begreifen, wie man das angefangcn hat, nichts ! ist ja einfacher und zugleich sinnreicher. Indem an einem Orce das geheime Budjec festgesetzt wird, läßt man zugleich beschließe», daß, > da der und der auf dem Conlincnce sich sehr nützlich g.machc habe. Und noch machen könne, man ihm dafür seine Erkenntt chkeit bewcsi ^ sen müsse. Jener sorgt dann, seines Orts bemerklich zu mache», L. Casts Lageb. io. Bd, st 126 daß ein anderer dort große Dienste geleistet, daß er dabei sogar die eignen Interessen gefährdet habe, und man ihm dafür wohl dankbar seyn möchte. Das sind denn dergleichen Arrangements, die ohne Zweifel zu jener Aeußerung einer sehr vornehmen Person in Wien Anlaß gegeben haben, der in einem ärgerlichen Momente gesagt hat: Der kostet mich meine Augen im Kopfe. Aller dieser unedle Verkehr, alle diese schändlichen Geschichten werden einst an den Tag kommen. Dann wird man erfahren, welche enor« men Summen vermacht oder verschlungen worden sind. Neue Briefe von Barillon werden mit der Zeit darüber erscheinen, aber sie werden unö »ichcS Neues entdecken, werden Niemands Ehre brandmarken — die Mitlebenden sind hierbei schon zuvorgekommen." Nach diesem kräftigen und langen Ausfälle, bei welchem ich Napoleon zum erstenmale vielleicht im vertraulichen Gespräche mit so viel Feuer und Bitterkeit gegen Menschen sprechen hörte, über welche er sich persönlich zu beklagen hat, schwieg er einige Augen« blicke still, und fuhr dann fort: „Und dieser C. besaß die Kunst, sich immer auf Lord W. (den der Kaiser in diesem Augenblicke unter den Ministern vorfand) zu stützen. W. ist seine Kreatur geworden. Sollte man es wohl für möglich hal« ten, daß der neue Marlborough hinter einem C. hcrläust? daß er seine Siege an die Schändlichkeitn eines politischen Markt« schreiers knüpft? Schämt sich denn W.... . nicht, so etwas von sich sagen zu lassen; kann sich sein Geist nicht zu der Größe seiner Siege erheben?" — Zch habe im Allgemeinen bemerkt, daß es dem Kaiser zuwider war, den Lord W. zu nennen. Wenn auch die Gelegen« heil dazu sich darboc, so vermied er dennoch, seine Meinung über ihn auszufprechen. Ohne Zweifel hielt er es für unpassend, den verächtlich darzustellen, unter dessen Streichen er gefallen war. Diesmal aber lies er seiner Zunge freien Lauf, und sprach sich ganz frei und offen über ihn aus. Das Gefühl aller der unwürdigen Dinge, die man über ihn auszuschütten sich erlaubt hatte, wirkte in diesem Augenblicke gewiß mit aller Kraft auf ihn. Nie habe ich ihn, der sich sonst so gleichgültig und ruhig über diejenigen äußert, die ihm daS größte Leid angethan haben, so warm gesehen. Seine Gebehrdcn, sein Ton, seine Züge waren, als ob er einen Fluch aussprcchen wollte. Ich war ganz erschüttert davon. „Man hat mich versichern wollen, fuhr er fort, er sey daran Schuld, daß ich mich hier befinde, und ich glaube es *). Das ist ja dessen ») Diese Idee leuchtet «och aus den letzten Zeilen hervor, welche Napoleon geschrieben hat. würdig, der, mit Hintansetzung einer förmlichen Kapitulation, Ney umkommen lies, mit dem er so oft sich auf dem Schlachtfelde befunden hatte! Sicher ist es, daß ich ihm eine böse Viertelstunde gemacht habe. Das pflegt sonst bei großen Seelen für etwas zu gelten; die seinige hat das aber nicht gefühlt. Mein Fall und das Loos, welches man mir bereitet hat, haben ihm größern Ruhm gebracht, als alle seine Siege, das hat er eingesehen. Ach! den alten Blücher mag er ja in Ehren halten, ohne den weiß ich nicht, wo 2hro Gnaden — so wird er genannt— jetzt scyn möchten, ich wenigstens wäre gewiß nicht hier. Seine Truppen waren ganz vortrefflich, seine Dispositionen aber dagegen ganz erbärmlich, oder er hac vielmehr gar keine gemacht. Er hatte sich ganz die Mög- lichkeit geraubt, einen Plan zu entwerfen, und, sonderbar genug, daS eben hat ihn gerettet. Konnte er dahin kommen, seinen Rückzug zu beginnen, so war er verloren. — Er blieb Meister des Schlachtfeldes, das ist gewiß, aber verdankte er cS denn etwa seinen Combinacione»? Er sammelte die Früchte eines wundervollen Sieges, aber hatte ihn denn sein Genie herbeigeführt? Sein Ruhm ist ganz negativ, seine Fehler sind ungeheuer. Er alS europäischer Generalissimus, aus dem so große Interessen ruhen, läßt, indem er einem so raschen, so kühnem Feinde, als ich, gegenüber steht, seine zerstreuten, in einer Hauptstadt schlafenden Truppen von diesem überrumpeln. Aber wenn nun einmal Unglück scyn soll! 2n drei Tagen ist zu dreimalen das Loos Frankreichs, das Loos der Welt meinen Berechnungen entschlüpft. „Zuerst hätte ich, ohne die Vcrrätherei des Generals, der uns verlies, und dem Feinde Kunde brachte, alle seine Massen auseinander gesprengt, und sie vernichtet, ehe sie sich in Korps vereinigen konnten. Dann hätte ick auf meinem linken Flügel, ohne die ungewohnte Zögerung Neys, bei -Üugcre-BraS die ganze englische Armee aufgericbcn. ' „Und endlich stürzten Grouchi's unerhörte ManeuvreS auf meinem rechten Flügel, anstatt mir den gewissen Sieg herbeizusühren, mich in mein Unglück und Frankreich in den Abgrund. „Nein, wiederholte er, W. hat nur ein spezielles Talent — wie es etwa Bcrlhler besaß — wodurch er sich vielleicht auSzeichnet, aber er hat keine SchSpfungsgabe; daS Glück hat mehr für ihn, als er für das Glück gethan. Welcher Unterschied mit Marlborough, dem ers gleich thun, dem er sich gleich stellen will. Marlborough handhabte, indem er feine Schlachten gewann, zugleich die Kabinette, und unterjochte die Menschen. W. folgt, das ist alles, was er weiß, den Ansichten und den Plänen von C. Darum hat auch Frau von Stasl von ihm gesagt. 128 daß er außer der Schlacht nicht zwei Gedanken habe. Di« Pariser Salons mit ihrem seinen, zarten und richtigen Geschmacke haben gleich gesagt, daß sie recht habe, und auch der sranzösische Bevoll« -nächtigte in Wien hat es bestätigt. Seine Siege mit ihren Resul. taten und ihrem Einflüsse werden in der Geschichte immer höher und höher stehen, aber sein Name wird sinken — selbst noch bei seinem Leben re. —" Als er dann auf die Ministerien überhaupt, besonders auf die Gesammtheit der Ministerien« mit allen ihren Intriguen und größern i? und kleinern Leidenschaften zu sprechen kam, sagte der Kaiser: U „Mein Theurer! das sind, bei Licht betrachtet, lauter Lazareche. L Keiner entgeht darinn der Ansteckung. Wer auch noch so tilgend- » Haft dazu gelangte, verlöre doch dabei seine Reinheit. Nur zwei w möchte ich davon ansnehmen — mein Ministerium und die Minister » der amerikanischen Freistaaten. Das meinige, weil meine Minister » nur meine Geschäftsführer waren, und ich mir die Verantwortlich- i kcic ganz vorbehiell, und die der amerikanischen Staaten, weil sie ? dorr von der allgemeinen Meinung abhängen, die immer gerecht, wachsam und streng ist." Er endete dann mit den merkwürdigen Worten: „2ch glaube nicht, daß je ein Souvcrain sich mit solchen Ministern umgeben hat, als es mir endlich gelungen war. Was hätte man wohl mit Recht gegen sie sagen können? Wenn man mir dafür nicht Dank gewußt har, so liegt eS wohl hauptsächlich darinnen, daß man bei uns unaufhörlich auf die Regierung schimpfte." Nun zählte er die Minister an den Fingern her: „Meine Großwürdenträger, sagte er, Cambaceres und Le- brun, zwei sehr ausgezeichnete und gutgesinnte Männer. „Bassann und Caulaincourt, beide herzlich und brav. Mole, der sich als Magistratsperson einen schönen Namen gemacht hat, und wahrscheinlich unter de» künftigen Ministern seine Rolle spielen wird. „Moncalivet, ein sehr rechtschaffener Mann; Deer6s, dessen Verwaltung so rein und so streng war. Mollien stets so scharfsichtig und so prompt, und alle meine Slaarsräche so kluge Köpfe, so fleißige Arbeiter! Alle diese Namen sind von dem mei- nlgen unzertrennlich. Welches Land, welche Zeit wird sich eines ! Ganzen rühmen können, das besser, das moralischer wäre! Glücklich ist die Nation, welche solche Werkzeuge besitzt, und sie zu benutzen weiß. Db ich schon von Naiur nicht zum Loben ge« f neigt, und meine Zufriedenheit im Allgemeinen blos negativ war, so weiß ich doch genau, wer gut gedient, und sich ein Recht zu r meiner Dankbarkeit erworben hat. Die Zahl derselben ist ungeheuer, und die Bescheidensten unter ihnen besitze» wohl nicht das geringere 129 Verdienst. Auch soll es mir nie einfallen, sie alle nennen zu wollen. Denn man würde das Unrecht, sich vergessen zu sehen, gewiß recht sehr empfinden, und ich könnte meinerseits leicht höchst undankbar scheinen rc." Sonntags am 17. November. Der Kaiser war unwohl und hatte den ganzen Tag über niemand gesehen. Am Abende lies er mich rufen. Ich gab ihm meine Unruhe über seine Gesundheit zu erkennen; aber er sagte mir, er leide mehr geistig als körperlich, fieng dann an zu sprechen, und zwar über eine Menge von Gegenständen, die ihn aufyeicercen. Er ging nochmals die Generale der italienischen Armee der Reihe nach durch, erzählte Charakcerzüge und Anekdoten von denselben, sprach von der Habsüchcigkeic des einen, der Charlacanerie des andern, den Thorheicen eines dritten, den Plünderungen mehrerer, den löblichen Eigenschaften anderer, und den guten und reellen Diensten, welche sie dabei doch insgesammc geleistet hatten. Er verweilte dann besonders bei einem, den er am meisten geliebt, dessen Untreue ihm das Herz zerrissen habe, und bemerkte schlüß- lich, daß nach dem, was er von ihm wisse, er oft sehr unglücklich scyn möchte. „Nein, sagte er, nie ist ein Abfall so öffentlich, keiner ist so traurig in seinen Folgen gewesen; er steht im Moniteur von ihm selbst unterzeichnet, und wurde die unmittelbare Ursache unsres Unglücks, das Grab unsrer Macht, die Wolke, welche unfern Ruhm verbirgt w. Und bei alle dem, fügte er mit einer Art von wohlwollender Erinnerung hinzu, muß ich es wiederholen, weil ich es glaube, er denkt wirklich besser, als man eö ihm zutraut, sein Herz ist nicht so schlimm, alS sein Betragen — und scheint es nicht, fuhr der Kaiser fort, alö ob er das selbst fühle? Wir haben in den Zeitungen gelesen, daß, alö er vergebens für Lavalette bar, und mit Innigkeit den Einwürsen deS Monarchen begegnete, er ihm gesagt habe: Aber Sire! ich gab Ihnen mehr noch als das Leben! Andere haben uns ebenfalls vcrrathen, sagte der Kaiser, und auf noch schlechtere Weise, aber ihre Handlung ist doch nicht so wie diese durch Bcweisurkunden bestätigt!" Der Kaiser ging jetzt weiter zurück und erzählte, daß er ihn erzogen habe, wie ein Vater seinen Sohn, daß selbiger genöthigt gewesen scy, in ein Provinzial-Rcgiment zu gehen, weil er bei dem Königlichen Artillerie-Corps nicht eintreten können. „Er war, sagte der Kaiser, der Nevcu eines meiner Kameraden zu Brienne und Im Reaunentc la Fe're, der mir ihn, alS er emigrirte, empfahl. Hierdurch war ich sein Onkel und Vater geworden, und erfüllte 130 meine Pflichten redlich, nahm wahres Interesse an ihm, «nd hatte anch bald sein Glück gemacht. Sein Vater war Ludwigsritter, be- saß Eisenhammer im Burgund, und überhaupt ein bedeutendes Vermögen." Napoleon erzählte, daß, alS er im Jahr 1794 von der Armee von Nizza nach Parts zurückgereiftt, und hierbei in die Nähe dcS Schlosses von dessen Vater gekommen wäre, er dort eingcsprochen habe, und da er schon eine Art von Ruf gehabt, prachtvoll ausgenommen worden sey. Er, der Dacer, war, nach des Sohnes eigener Versicherung, ein wahrer Geizhals, aber es lag ihn» am Herzen, seinen Gast, der so viel Güte für seinen Sohn gehabt hatte, gut zu bewirlhen, und er that eS auf die verschwenderische Weise der Geizigen. Er wollte das Geld zum Fenster hinauswerfen. Es war im Juli oder August, und doch mußte auf seinen Befehl Feuer in allen Zimmern brennen, daß man hätte ersticken mögen, „Diesen Zug, so schloß Napoleon, hätte Molliere sich gewiß nicht entgehen lassen re." Später sprach der Kaiser von den Sitten zu Paris, von dessen ungeheurer Bevölkerung, von den unoermeidlicken Gräueln, die in einer so großen Stadt Vorgehen, wo die natürliche Verdorbenheit und die Summen aller Laster in jedem Augenblicke durch Bedürft niß, Leidenschaft, so wie durch den Geist und den Leichtsinn des Menschen-Gewirres aufgereizt werden. Jede große Stadt, wiederholte er oft, sey ein Babylon. Er cicirte dann einige Züge der aller schmuzigsten und ekelhaftesten Lüderlichkeit, und erwähnte, daß er als Kaiser sich das schändlichste Buck, was je die verworfenste Phantasie nur habe ersinnen können, zum Durchsetzen habe bringen lassen. Es sey ein Roman gewesen, der selbst zur Zeit deö Konvents die öffentliche Moralität in dem Grade empört hatte, daß man den Verfasser einsperren lassen. Er sey auch nie wieder auf freien Fnß gekommen, und werde, wie er glaube, noch am Leben seyn. Sein Name ist mir entfallen, ich hörte zum ersten Male von jenem Produkte. Der Kaiser hatte, wie er sagte, versucht, so viel die Umstände zuließen, manche Schandlichkeiten dieser Art zu unterdrücken, aber doch nicht den Muth gehabt, bei andern auf das Einzelne einzuge- hrn. Er hatte unter andern das Hazardspiel untersagt, und selbst alle Spielhäuscr verbieten wollen; aber wenn dann die Sache reckt gründlich vorgenommcn werden sollte, so fanden sich immer große Fragen dabei zu lösen. Ich erwähnte jetzt, daß gleichwohl die Polizei in einem der ersten Häuser der Vorstadt Saint Germain unS verboten habe, unter uns zu spielen; er konnte eine solche Beeinträchtigung nicht begreifen; ich versicherte ihm jedoch, daß Fouch,- i;i sie In seinem Namen anSgeübt habe, — ,nnd er erwiedrrte dann: „Das kann wohl seyn, aber Ich habe nichts davon gewußt, und Sie können mir glauben, daß dies mit allem Detail der hohen, Mittlern und niedern Polizei so der Fall war." Er fragte mich dann über das Spiel aus, wovon ich eben gesprochen halte, über dessen Natur, dessen Umfang rc. Da ich nun immer von uns sprach, unterbrach er mich endlich und fragte: „Aber sind Sie denn selbst von der Parthie gewesen? Waren Sie denn je ein Spieler? — Ei wohl, Sire! unglücklicher» weise. Allerdings freilich nur in großen Zwischenräumen, aber so oft ich einen Anfall dieser Art hatte, trieb ich's, bis der Magen ganz verdorben war. — Wie froh bin ich, daß ich das nicht früher gewußt habe. Sie hätten in meiner Meinung verloren — nie etwas bei mir gegolten. DaS ist ein Beweis, daß wir uns noch sehr wenig gekannt haben, und Ihr Berhälcniß noch niemand sehr auffällig war, sonst hatten mich bald gute Seelen davon unterrich» tet. Man kannte mein Vorurtheil gegen alle Spieler, ich konnte kein Vertrauen zu ihnen haben. Ich halte schon keine Lust, näher zu untersuchen, ob ich Recht habe oder nicht, sondern rechnete lie» der gar nicht weiter auf sie." Die Vorstadt Saint Germain gab Veranlassung, die ersten Fa» milien der Hauptstadt durchzugchen. Der Kaiser verweilte bei dem Namen La Rochefoucault und mehrern Mitgliedern dieses Hauses — der Dame d'Honneur der Kaiserin Iosephine, ihrem Gcmahle, den er zum Ambassadeur in Wien und in Holland gemacht hatte, seinem Bruder, dem Gesetzgeber, ihrem Vater, Herrn von Lianeourt. den er sehr hochschätztc, und endlich bei dessen Tochter, die er an den Fürsten Aldobrandini, Bruder des Prinzen Borghese vermählt hatte. Er wiederholte, daß er einen Augenblick die Idee gehabt habe, sie Ferdinand Vll. zur Gemahlin zu geben. Dann nannte er noch einen andern Herrn von La Rochefoucault, der zu Anfänge seiner Regierung im Gefängnisse gestorben sey, und fragte, was an ihm wäre? — Ich konnte cs ihm nicht sagen, da Ich weder die Person noch die Verhältnisse kannte, wovon der Kaiser sprach. „Er war, sagte er, der Urheber einer Verschwörung gegen meine Person, von der ich noch nicht mit Ihnen gesprochen habe. Sie ist mir bis jetzt nie eingefallen. „Dieser Herr von La Rochefoucault organisirte im Interesse deS Königs, alS derselbe noch in Mitau war, zu Paris eine Verschwörung, deren erster Streich der Tod des Chefs der Regierung sehn sollte. Er endete im Gefängnisse nach einer Haft von vier oder fünf Jahren. Nachdem man die Fäden des ganzen Handels entdeckt hatte, nahm ein Vertrautet der Polizei an der Verschwörung 132 Theil, und wurde eines der lhäcigsten Glieder derselben. Dieser reiste nach einen. Schlosse in Lothringen zu einem alten Edelmanne, der früher einen ausgezeichneten Rang in der Condeiscken Armee eingenommen hatee, und seine Rückkehr der Amnestie des ersten Konsuls verdankte. Dort holte er sich seine Wechsel, indem letzterer beauftragt xoar, die nöthigen Mittel und den erforderlichen Kredit zu verschaffen, um bis zu Ludwig XVlll. nach Mitau zu gelangen. Der gute brave Edelmann — man muß ihm diese Gerechtigkeit wiederfahren lassen — gab sich zu der Sache nur ungern und mit vielem Widerwillen her. Es sey nun schon etwas spät, sagte er, zu dergleichen Unternehmungen. — Frankreich fange an, seiner Ruhe sich zu erfreuen, — und ganz besonders betheuerce er, wie es ihm schlechterdings unbekannt geblieben sey, daß dem ersten Konsul, welchen et nun schon für einen außerordentlichen und heiligen Mann halte, die mindeste Gefahr drohe re. Der Agent kam zurück, nachdem er zu mehreren Malen Ludwig XVlU. in Mitau gesehen hatte. Er wußte nun Alles/ und man arretirte den Herrn von La Rochefoucault mit sammt seiner Bande. — -Ob sie denn wohl gewußt haben mögen, wem sie es zu verdanken hatten! —"