!as CaseS 4 '. Tagebuch über Nap o l e o n ' s Leben, seit dessen Abdankung, am 15. Iunius 1815. Eine treue Uibcrsetznng des Uemvriul Mein neues Logt» — Beschreibung — Morgenbcsuch. -14 Lrklür« deS Kaisers — Fra» v. Scvign^ — Karl XII. — Paul und Mrginie — Vertot — Rolli» — Velly — Garnier. . » Dü Ißberwiindne Schwierigkeiten — Persönliche Gefahren deS-Kaisers zu Syian, Jena — Russische, österreichische, preußische Truppe» — Der junge Guibert — Corbiueau — Marschall Lau, nei — BessiereS — Duroc.- l4 btudium deS Englischen — Details — Betrachtungen — Spazierritte — In den Schlamm versunkneS Pferd.. Der izte Bcndcmiaire.- Zo Schlacht bei Montcuotte.»42 Topographie Italiens.»5? Lob des Kaiser» für St. Helena — Geringe Vorräthe auf der Insel,. üi Erstes Aderlaß bei meinem Sohne — Der Kaiser schenkt mir ein Pferd.. » üz Fortschritte deS Kaisers im Englischen.ebend. Der Kaiser erfährt Murat'S Tod.. - - Ü 4 Porlier, Ferdinand — Mein historischer AtlaS.- ü? Üiber Egypten — Alter Plan in Betreff deS Nil.» üy EmsLrmigkcit — Langeweile — Einsamkeit de- Kaisers — Karikaturen.- ...» 70 Lange Fußtour deS Kaisers.»7* Schlechtes Klima von St. Helena — Wichtige Bemerkungen über ocn rvein oie>es Lggcvum». .. Politische Ansicht deS Kaisers in Betreff der Angelegenheiten .... Gemälde des häuslichen Glücks deS Kaisers — Zwei junge Mädchen auf der Insel.. Arbeiten des Kaisers auf Elba — Vorliebe der BarbareSken für ihn. - 76 Piontkowsky — Karikaturen. ..«77 Rückkehr von Elba. ... Seite 7» Feldzug in Italic» und Egypten — ttrthcil deS Kaiser« über unsre große» Dichter — Moderne Trauerspiele — Hektor — Die Staude von Bleis — Talma.. Die Geschäftsmänner in der Revolution — Credit deS Kaisers bei seiner Rückkehr — Sein Ruf in den Wureaux als Rech- nungSvcrständiger — Minister der Finanzen, des Schatzes — Catastcr.. - z. Uibcr die Invasion Englands — Details.. . . - zz Chinesische Flotte.. - zz Hof des Kaisers; Etikette u. s. w. — Anekdote von Tararc — Grvßofftliante» — Kainmerhcrrn — Glanz ohne Gleichen am Hofe der Tuilerisn — Gute Verwaltung deS Pallastes — Absicht des Kaisers bei seinen Levers — Grand Couvert — Von Hof und Stadt.. ......... Schachspiel aus China —. Vorstellung der Offiziers von der chinesischen Flotte.- y? Mystification. . ....- yz Der Kaiser wendet sein Englisches an — Uiber die Arzneikunst — Corvisart — Definitionen — Uiber die Pest — Medizin der Babylonier.- gy Ncy's Prozeß — Wagen, der bei Waterloo verloren ging — Zusammenkunft zu Dresden — Uibcr die Launen der Weiber — Prinzessin Pauline — Rühmliches Ergriffcnscyn des Kaisers. - 10z Beleidigung gegen den Kaiser und de» Prinzen von Wales — Ncy's Hinrichtung — Lavalette'S Entweichung.- ,iö Auftrag an den Prinz Regent.- 11? Geist auf Jsle de France...- nß Seine Absichten mit Rom — Schreckliche Nahrungsmittel — Britanniens. -120 Der 20. März — Niederkunft der Kaiserin.- irr Verschwörung Catilina's — Die Gracchen — Die Geschichtsschreiber — Schlaf während des Treffens — Cäsar und seine Com- mentare — Die verschiedene» Militairsysieme. -124 Tage zu Longwood u. s. w. — DrouvtS Prozeß — Militairver- «rtheilungen — Soult — Massen« — Cameraden des Kaisers bei der Artillerie — Der Kaiser glaubt, daß in einigen Jahren sein Name selbst zu Paris vergessen scyn werde. . . - 128 Untersuchung des politischen Glaubensbekenntnisses — Treuge» schildertcr Instand deS Reichs und dessen Wohlstand — Liberale Ideen des Kaisers über Verschiedenheit der Partheien — Marmont — Murat — Berthier.» rzr Gcfabrverhältniß bei Schlachten u. s. w. — Sehr wahrhafte Vüllctins.- IZS Ungesunde Lage der Insel.ebcnd. Worte des Kaisers über seine Expedition in den Orient. . . , izy Uibersicht der verfloßnen neun Monate.. - 141 Fernerer Aufenthalt in Longwood. Mittwoch, am 10. 2anuar 1816. ^egcn 4 Uhr lies; mich der Kaiser In sein Zimmer kommen. 3ch fand ihn ungezogen und in Stiefeln. Er wollte ansrcikcn oder in dem Garten spazieren gehn, aber es regnete ei» wenig. Wir sprachen im Zimmer auf- und abgchend und warteten, daß das Werter sich aufklären solle. Er ösnete die Thür seiner Stube nachdem topographischen Cabinet, um seine Promenade dadurch zu verlängern. Als er an das dort stehende Bette kam, fragte er mich, «b ich auch immerfort da schlafe. 2ch antwortete, daß cs nicht mehr der Fall gewesen sei, seit ich wüßte, daß er frühzeitig aus- reiten wolle. „Was schadet das? sagte er, schlafen Sie nur wieder hier, ich kann ja im Nothfall durch meine Hinterthüre gehen." Der Salon stand offen, er ging hinein. Die Herren von Mon- tholon und Gourgaud waren darinnen. Man arbeitete daran, einen kleinen, recht niedlichen Lüstre und einen auch nicht eben großen Spiegel über dem Camin festzumachcn. Der Kaiser ließ den letztem gehörig richten, da er um einige Linien auf die Seite hing. Er freute sich über diese Verbesserung in der Ausschmückung deS Salons. Man sieht daraus, wie sehr doch alles in der Welt relativ ist. Was wären diese Gegenstände vor einigen Jahren in seinen Augen gewesen, da er für 40 Millionen McubleS in seinen Palläsren hatte? Wir gingen in das topographische Cabinct zurück. Der Regen hielt an und er gab den Spaziergang auf; aber cs that ihm leid daß der Großmarschall nicht gekommen war, weil er Lust zur Arbeit hatte, die seit 14 Tagen unterbrochen worden. Er wollte, bis Verwand kommen würde, die Zeit hinbringen. „Lassen Sie uns ein wenig zu Frau von Monrholon gehen," sagte er. Ich meldete ihn an; er setzte sich, ließ auch mich nicdersctzcn und wir sprachen von häuslichen Einrichtungen. Zczt machte er das Vcr- reichniß von den Mobilien unsrer Wohnung, von einem Behältniß nach dem andern, und wir waren sämmtlich darüber einverstanden, daß solches nicht über 30 Napoleond'ors wcrth sei. Als er Frau von Montholon nun verließ, ging er von Zimmer zu Zimmer und Li Casts Tageb, Z.Vd, 1 blieb vor der Treppe stehen, die !m Vorzimmer hinauf zu den Leu. een führt, einer Art ganz steiler Schiffölcitcr. „Wir wollen doch Marchands Wuartier besehen, sagte er, cS soll wie ein Putz, stübchen eingerichtet seyn." Wir kletterten hinaus Miu- chand war zugegen. Sein Stübchen ist recht nett, er hat eS mit Papier auSgeklebt und dasselbe selbst übermalt. Sein Bette war nicht ausgestellt, denn er schlaft nicht so weit von seinem Herrn. Zu Briars lag er mit den beiden andern Kammerdienern immcr auf der Erde, quer vor der Thür des Kaisers und zwar so, das, wenn ich spät wegging, ich über sie wegstcigen mußte. Der Kai, ser ließ die Schränke aufschließen. Es war nichts darinnen, als Wäsche und Kleider von ihm, im Ganzen nur sehr wenig und doch war er verwundert, so reich zu seyn. „Wie viel Paar Sps> rcn habe ich denn," fragte er» indem er ein Paar in die Hand nahm. Vier Paar, antwortete Marchand. — „Giebc es daruuter welche, die besser sind als die übrigen?" — Nein, Sire. — „ Nun gut, ich will Las EascS ein Paar davon geben. Sind diese hier alt?" — 2a, Sire, sie sind fast ganz abgenutzt. Ihre Majestät haben sic in den Feldzügen bei Dresden und bei Paris getragen. — „Hier, Lieber, sagte er, indem er mir sie gab, die sind für Sie." 2ch hätte gewünscht, daß er mir erlaubt hätte, sie knieend in Empfang zu nehmen. Er machte mir da ein Geschenk mit einer Sache, die so ganz an die merkwürdigen Tage von Ehampaubert, Montmirail, Nangis, Montcreau erinnert. Gab es zu den Zeiten dcö AmadiS wohl ein würdigeres Denkmal deS M- terthums! „Ew. Majestät machen mich zum Ritter, sagte ich. Aber wie soll ich diese Sporen verdienen? 2ch kann auf keine Waffenthat mehr hoffen, und an Liebe, an treuer Anhänglichkeit, Sire, habe ich schon längst nichts mehr zu geben." Der Großmarschall blieb aus und gleichwohl wollte der Kaiser gern arbeiten. „Sie können nicht mehr schreiben, sprach er, 2hrr Augen caugcn gar nichts mehr." Seit wir hier waren, hatte ich alle Arbeit abgebrochen, meine Sehkraft verschwand gänzlich und das machte mich sehr traurig. „2a, Sire, antwortete ich ihm, meine Augen sind verloren und eö schmerzt mich nur, daß ich sie im italienischen Feldzuge eingebüßt und gleichwohl nicht das Glück und den Ruhm gehabt habe, ihm bcizuwohnen." Er suchte mich zu trösten und sagte, daß wenn ich nur meinen Augen Ruhe lasse, sie gewiß wieder gesund werden würben; dann fügte er Hinz»! „Ach warum hat man uns Planat nicht gelassen! Der braue junge Mann würde mir jezt von großem Nutzen seyn" und nun ließ er den General Gourgaud komme», um ihm zu diktircm Donnerstag, am 11. Januar. Nach dem Frühstück gegen halb 1 Uhr ging ich vor dem Ein« Mgslhore spazieren und sah auf einmal eine große Zahl von Reitern ankommcn, an deren Spitze sich der General, -Oberster des Men Regiments befand. Es war der Admiral Taylor, der den Tag zuvor mit seiner Escadre vom Kap angekommcn war und übermorgen nach Europa abgehcn will. Unter seinen Capitains >M sein Sohn, welchem ein Arm fehlt, den er bei Trafalgar verloren hat, wo sein Vacer den Tonnant commandircc. Der Admiral Taylor war, wie er sagte, gekommen, um dem Kaiser seine Ehrerbietung zu bezeigen; aber man antwortete ihm, daß dieser krank sei, und er sah sich dadurch in seiner Erwartung sehr betrogen. 2ch bemerkte ihm, daß das Klima von Longwood Napoleon höchst ungünstig sei; allein ich hatte den Augenblick schlecht hierzu gewählt, denn der Himmel war sehr heiter und über den Lrt selbst ein so täuschender Reiz hingebreitet, alö hier nur immer möglich ist. Der Admiral sagte daher, daß doch die Gegend sehr schön sei, aber kaum hatte ich ihm mit traurigem und unverstelltem Gesichte geantwortet: „2a Herr Admiral! sie ist es heute und besonders für Sie, der nur eine Viertelstunde hier bleibt," so machte er mir hundert Entschuldigungen und bar , mich, ihm seine, wie er sagte, sehr unziemliche Aeußerung zu verzeihen. 2ch bin es ihm schuldig, dieses in jenem Moment bewie« , sene sehr artige Betragen zu rühmen. Freitag am 12. bis Sonntag am 14. 2anuar. i Der Kaiser hatte seit mehrern Tagen seine gewohnten Spazierritte ganz unterlassen. Ein neuer Versuch, den er damit am 12ten machen wollte, war nicht geeignet, ihm wieder Geschmack daran finden zu lassen. Wir hatten unser Thal wie sonst besucht und ritten den Bergrücken, Longwood gegenüber, hinauf, als von einer der Höhen, wo bisher kein Posten gewesen war, ein Soldat unS , unter gewaltigen Gebehrdcn zurufte. Da wir uns innerhalb des Kessels unsrer Gränze befanden, so nahmen wir keine Notiz davon. Aber jezt kam der Mensch ganz außer Odem herab und lud im j Lausen sein Gewehr. Der General Gourgaud blieb zurück, zu sehen, was er wolle, indessen wir unsern Weg fortsetztcn. 2ch konnte bei mehrmaligem Umsehen bemerken, wie er ihn beim Kragen faßte und zurückhielt. Er mußte ihm bis zu dem nächsten , Posten bei dem Großmarschall folgen. Der General Gourgaud wollte hn dort hineinbringen, allein er entwischte ihm- Es 4 erklärte sich nachher, daß cS ein bctrunkner Korporal war, der sein« Instruktion falsch verstanden hatte. Er hatte mehrcreinalc auf uni gezielt. Wir mußten nach diesem Vorfälle, der so leicht sich wie. verholen konnte, für daS Leben des Kaisers zittern. Er selbst sah darinnen nur eine moralische Widerwärtigkeit, ein neues Hinderuiß für sein Ausreiten. Der Kaiser hatte seine Einladungen zum Diner eingestellt. Die Stunde, zu der er speiste, die Entfernung, das Anziehen wer für die Gäste lästig, und wir empfanden unsrerseits auch nur Zwang dabei, ohne baß es unS ein Vergnügen machte. Der Kaiser hatte nun nach und nach seine regelmäßigen Ar» beiten wieder begonnen. Er dikcirte täglich dem Großmarschall über die Expedition von Egypten und kurze Zeit vor dem Diner ließ er mich und meinen Sohn kommen, um die verschiednen Kapitel des italienischen FeldzugS nochmals zu lesen und sie in Paragraphen abzutheilcn. DaS Reversi war ganz abgckommen, der Kaiser harte darauf Verzicht geleistet. Die Zeit nach der Tafel war seitdem der Lektüre gewidmet. Der Kaiser laS selbst laut vor und wenn er müde wurde, gab er das Buch an einen andern, aber daS hielt er nicht länger als eine Viertelstunde auS. Wir hatten jczt die Romane vorgcnommen und fingen einen nach dem andern an, ohne einen zu enden. Erst Marion l'Escaut, den wir bald alS einen Roman für die Bcdicntcnstube wegwarfen; dann die geistreichen Memoiren von Erammont, die aber den vornehmen Sitten der Zeit keine Ehre machen; dann Chevalier von Faublas, den man jedoch nur in dem Alter von zwanzig Iahrcn erträglich finden kann u. s. w. Wenn wir mit unserm Lesen cilf Uhr oder Mitternacht hcranbringen konnten, so bezeigte der Kaiser eine wahre Freude darüber; er nannte daö Siege über die Zeit und fand, daß sie nicht so leicht zu erringen wären. Bisweilen kam auch die Politik daran. Wir erhielten aller drei oder vier Wochen ein dickes Paquer Journale aus Europa. Das war jedesmal ein Peitschenknall, der uns wieder aufregte und aus einige Tage in große Bewegung brachte. Nun wurden die Neuigkeiten abgehandclt und geordnet und zusammen gefaßt, bis wir dann unvermerkt wieder in unfern trüben Zustand verfielen. Die letzten Zeitungen hatte uns die Levrctte mitgcbracht, eine Corvcttc, welche vor einigen Tagen angekommen war. Sie dienten einen Abend zu unsrer Unterhaltung und brachten den Kaiser aus einen Augenblick in ein Feuer, in eine solche Begeisterung, wie ich öfterer im Staatsrath an ihm wahrgenomyien habe, und wie cs auch hier dann und wann in ihm aufglimmt. Er ging mit großen Schritten zwischen uns auf und ab, wurde Immer lebhafter und unterbrach sich nur in kurzen Momenten dcS Nachdenkens. „Armes Frankreich! so sprach er, was wird dein Loos ftyn! MaS ist vor Allem a«S deinem Ruhm geworden!"- Es war eine lange Rede, die er hielt, ich unterdrücke sie jedoch — weil ich muß. Es schien auS den Zeitungen hervorzugchcn, daß England nach der Zerstückelung Frankreichs erachte, Rußland aber sich derselben widersetzc. Der Kaiser sagte, daß er auch dieser Meinung sei, weil daS System so Natürlich wäre. Rußland könne bei der Entkräftung Frankreichs nicht gleichgültig bleiben, da cs zu fürchten kälte, daß sich dann Deuschland nach und nach zu einem größer» Körper vereinigte, der ihm Widerstand zu leisten vermöchte, indessen i «en der andern Seite die englische Aristokratie die äußerste Schwäche > Frankreichs und seinen Despotismus über dessen Ruinen wünschen müsse. „Ich weiß wohl, daß daS nicht Ihre Ansicht ist, sagte er hierbei zu mir. Sie sind ein Engländer." Ich antwortete ihm, er mache cS mir zwar sehr schwer, ihn zu widerlegen, allein ich doste doch, es sollten sich selbst in dieser englischen Aristokratie, wenn eö zum Aeußerstcn käme, noch tüchtige Köpfe und redliche Herzen finden, die zu begreifen Im Stande waren, daß, nachdem dasjenige besiegt sei, waS ihrer Macht gefährlich werden konnte, eS nur Bmheil bringen könne, wieder zu erheben, waS man nicht mehr zu fürchten habe, und daß nun der eigne Fall eincrcten könne, ein Cystem zu gründen, wodurch beide Nationen in ihren vorzüglichsten Interessen vereint und sich einander nothwendig würden, anstatt jene natürliche Feindschaft zu nähren u. s. w. Der Kaiser endigte damit, daß er sagte, er sei ein schlimmer Prophet, sähe jedoch mit großer Gewißheit nur sehr kriegerische- und blutige Katastrophen voraus. Montag am 13. Januar. Ich hatte am Bord deö Schiffes von der geheimen Geschichte dcS ÄabinetS von Bonaparte, von Goldsmith, sprechen hören und es kam mir in den ersten müssigen Augenblicken hier die Lust an, sie zu durchblättcrn; allein ich hatte viel Mühe, dieselbe zu bekommen, die Engländer wehrten sich lange. Sie sagten, cs sei ein abscheuliches Libell, daS sie nicht in meinen Händen wissen möchten; denn sie müßten sich selbst dessen schämen. Ich erhielt cS erst nach langen Bitten und der wiederholten Versicherung, daß wir gegen solche Höflichkeiten alle wohl gcwassnct wären, und der, den sie eigentlich treffen sollten, wenn ihm cii, solches Werk zufällig in die Hände gerathe, nur darüber zu lache» pflege. Uibrigens müsse ja daS Buch, wenn es so schlecht sei, seinen Zweck verfehlen und dann ganz aufhören etwas zu fey». 2 ch fragte hiernächst, wer denn dieser Goldsmith wäre und man antwortete, er sei ein Engländer, der sich lange gegen sein Vater, land zu Paris habe brauchen lassen, um Geld zu gewinnen, nun aber nach England zurückgckehrc wäre und seiner Strafe dadurch zu ent. gehen suche, daß er Schimpf und Schande über daS Haupt des Götzen zu bringen suche, dem er so lange Weihrauch gestreut habe. Man muß gestehen, es ist fast unmöglich, schändlichere, gräßlichere und zugleich lächerlichere Dinge zu Hausen, alS schon die ersten Seiten enthalten. Nolhzucht, Vergiftung, Blutschande, Mord und alle hieraus hcrvorgehcnde Laster schmücken den Helden dieser Ge. schichte von seiner zartesten Kindheit an. Wahr ists, daß der Ver> sasscr sich wenig darum kümmert, seine Angaben glaubwürdig dar-' zustcllen, daß er sie sogar selbst alS unmöglich erscheinen laßt, oder vielmehr ihren Grund durch Anachronismen, durch das Alibi, und durch Widersprüche aller Art, so wie durch Unrichtigkeiten der Na. men, Irrthum in den Personen und den allerbekanntesten That> suchen gänzlich zerstört u. s. w. So hac nach ihm Napoleon, schon che er zehn oder zwölf Jahre alt und als er in seiner Mi. tairschulc eingesperrt war, Abscheulichkeiten begangen, die wenig. stenS ein reiferes männliches Alter und eine gewisse Freiheit echt- dcrn würden. Der Autor läßt ihm daS, was er seine Räubereien in Italien nennt, an der Spitze von 8000 aus ihren Gefängnissen zu Toulon entwischter Galeerensklaven unternehmen, dann gegen 20000 Polen die österreichische Armee verlassen und zu den Fah. neu des französischen Generals übergehen u. s. w. Läßt ferner Napoleon im Fruktidor nach Paris kommen, obschon Jedermann weiß, daß er seine Armee niemals verließ; läßt ihn mit dem Prin» zen Conds unterhandeln, und ihn um die Hand von Madame, alS Lohn seines Verrachs, werben. Es ist ganz augenscheinlich, daß er, besonders was die Anekdoten betrift, sich daraus beschränkte, das was er gehört hat, auf einander zu schichten; aber aus welcher Duelle hat er hierbei geschöpft? — Die mehrestcn jener Züge haben ohne allem Zweifel ihre erste Entstehung in einigen sehr übelgesinnten Gesellschaften zu Paris gehabt; aber dort war doch noch immer ein gewisser Geist, Witz, Satyre, doch noch ein An. strich von Wahrscheinlichkeit, eine Art von Feinheit, ein Ausdruck damit verbunden. Wie man sie hier findet, sind sie schon aus den höhern Gesellschaften auf die Gassen gewandert, haben schon langein den Pützen gelegen, ans denen man sie nun aufgehoben hat. Die Engländer >me» völlig einverstanden, daß dies Werk nur bei den untersten Klassen der Gesellschaft von Wirkung sepn könne, außerdem aber für das Eist, womit es angesüllc sei, auch zugleich das Gegengift enthalte. Man wird sich freilich wundern, daß Ich ein solches Produkt nicht gleich nach dem Durchblattern der ersten Seiten weggcworfen habe. Allein cS ist so grundschlecht, daß cS nicht einmal zum Zorne reizt, und von der andern Seite ist auch nichts so lang» Mig, das nicht noch gegen die Langweile auf St. Helena zu brauchen wäre. Man ist so froh, wenn man nur ccwaö durch;«» lesen hat. Der Kaiser sagte vor einigen Tagen recht spaßhaft: Mir haben hier nichts im Uebcrfluß als Zeit. Aus dieser Ursache laS ich also weiter. Und dann — darf ich cS wohl gestehen — machte mir cs sogar eine Art von Vergnügen, die i ganz lächerlichen Geschichten, die Lügen, die Derläumdungen zu lesen, Dinge, die jeder Schriftsteller, wie sich das von selbst versteht, allemal von sehr sicherer Hand hat, und zwar über Gegenstände, die ich jetzt so ganz genau kenne, und mit denen ich so innig vertraue worden bin, wie mit den Angelegenheiten meines eignen Lebens; wie es denn auch einen gewissen Neiz für mich hat, das aus falschen Farben entstandene, ganz fantastische Bild an der Seite deS Originals bei seiner an neuen und großen Ideen so reichen Unterhaltung mit der Wahrheit zu vergleichen. . Als mich der Kaiser heute Morgens nach dem Dejeuner kom- ! inen licö, fand ich ihn in seinem Schlasrock auf dem Kanapee liegend. 3m Lauf des Gesprächs fragte er mich, was ich jetzt lese, und ich antwortete ihm, eS sei eins der bekanntesten und der schmutzigsten Libelle, die gegen ihn erschienen wären, und erzählte ihm gleich einige der abscheulichsten Züge daraus. Er lachte sehr, und wollte das Werk sehen. Ich lies es holen, und wir gingen cs zusammen durch. Er fand Schändlichkeit aus Schändlichkeit, rüste einigemal aus: Jesus!! — Jesus! — und bekreuzigte sich dabei, wie er das, so' viel ich bemerkt habe, im vertrautem Kreise zu thun pflegt, wenn er auf gräßliche, unverschämte, cinischc Behauptungen stößt, die seinen ganzen Unwillen erregen, ohne ihn doch eigentlich in Zorn zu bringen. Im Hin- und Hcrgehen zergliederte jetzt der Kaiser einige Thatsachen, und berichtigte mehrere, von denen der Autor nur etwas gewußt hatte. Einigemal zuckte er mitleidig die Achseln, dann lachte er wieder recht herzlich, ohne nur im mindesten üble Laune zu verrathen. Als er von seinen vielen Ausschweifungen, seinen Gewaltstreichen, den harten -Beleidigungen las, die er begangen und zugesügt haben sollte, bemerkte er, der Verfasser habe wahrscheinlich aus ihm einen Helden in jeder Hinsicht machen wollen, er wolle ihn daher denen übergeben, die ihn, Napoleon, für unkräftig erklärt hätten, diese beieen Herren möchten sich nun zusammen vertragen, übrigens aber, fügte er scherzend hinzu, sei auch nicht alle Welt so unglücklich, als der Rechtsgelehrtc von Toulouse. Man habe übrigens ganz unrecht, sagte er, ihn von Seiten der guten Sitten anzngreifen, da er doch, wie allgemein bekannt, so viel gethan habe, sic zu verbessern. Niemand könnte darüber in Unwissenheit scpn, daß sein Naturel ihn gar nicht zu Ausschweifungen geneigt mache, und daß die Menge seiner Te- schäfte ihm nicht einmal die Zeit dazu lasse. AlS er endlich auf die Stellen kam, wo seine Mutter zu Marseille in der niedrig« sten und schimpflichsten Rolle geschildert ist, blieb er mehrmals stehen, und rufte mit dem Tone des größten Unwillens halb« schmerzlich ans: „Ach Mutter! meine arme Mutter! — Du mit deiner stolzen Seele!-Wenn du das lesen solltest! — Großer Gott!" — So brachten wir über zwei Stunden zu, biS er sich dann an seinen Anzientisch setzte. Der O--. O'Meara erschien; das war seine gewöhnliche Stunde, Dottore! sagte er ihm auf italienisch, indem er sich rasirte, ich habe eben eines der schönsten Londner Produkte gegen mich gelesen. DaS Gesicht deS DoctorS drückte die Frage aus, welches er wohl meine. 2ch zeigte ihm das Buch von weitem, denn eben von ihm hacke ich cs geliehen, und er war in der grüßten Verlegenheit. „Man hat doch sehr Recht, fuhr der Kaiser fort, wenn man sagt, daß nur die Wahrheit beleidigt. 2ch bin nicht einen Augenblick erzürnt gewesen, aber ich habe sehr oft gelacht." Der Doctor suchte ihm zu antworten, und verwickelte sich dabei in große Phrasen; er nannte eS ein niederträchtiges, eckclhaftcS Libcll, das alle Welt dafür erkenne, woraus niemand etwas mache, und wenn noch irgend jemand ihm einigen Glauben bcimessc, so scl nichts daran Schuld, als daß man nicht darauf geant« wortet habe. Aber was ist zu chun, sagte der Kaiser, wenn jemand den Einfall hätte, drucken zu lassen, daß ich ein Fell bekommen hätte, und auf vier Füßen umherkröchc, so gäbe cs gewiß Leute, welche eS glaubten und sagen würden: Gott habe mich gestraft, wie Nebukadnezar. Und was könnte ich machen? ES gicbt dagegen gar kein Mittel." Der Doctor ging wieder fort, milr konnte diese heitere Laune, diese Gleichgültigkeit, sein ganzes Wesen, wie er es eben beobachtet hatte, gar nicht begreifen; wir andern waren schon längst daran gewöhnt. Dienstags, am 16. 2anuar. Um 3 Uhr lies mich der Kaiser rufen, um während deS Anziehens sich mit mir zu unterhalten, dann gingen wir einigemal im Garten auf und ab. Er Äußerte dabet, daß er sich doch schäme, nicht einmal englisch lesen zu können. Ich versicherte, daß wenn er nach den beiden Stunden, die ich ihm in der Gegend von Madera gegeben hatte, nicht wieder mit Lernen aufgehörc hätte, so würde er jetzt schon -edeS englische Buch lesen können. Er räumte daö ein, und befahl mir, ihn zu nölhigen, an jedem Tage eine Stunde zu nehmen. Nun kamen wir darauf, daß ich meinem Sohne eben die erste Stunde in der Mathematik gegeben hatte; das ist eine Wissenschaft, welche der Kaiser sehr liebt, und worinnen er sehr stark ist. Er war sehr verwundert, daß ich meinem Sohne dabei Vieles ohne Buch und ohne Heft zeigte; er wußte noch gar nicht, wie er sagte, daß ich hierinnen so stark sei, und drohete dabei, er werde manchmal ganz unerwartet Lehrer und Schüler überhören. Bei Tische ging er dem Professor der Mathematik, wie er eS nannte, zu Leibe, und untersuchte, ob er auch wohl beschlagen sei. Eine Frage jagte die andere, und bisweilen waren sie sehr subtil. Immer sprach er wieder davon, daß man in den Lyceen die Mathematik nicht zeitig genug lehre. Er sagte, daß man seinen guten Absichten in Betreff der Universitäten entgegen gearbeitet hatte, beklagte sich sehr über Herrn von Fontanes, und daß, wenn er genöthigc gewesen sei, in weiter Ferne Krieg zu führen, man zu Hause Alles durcheinander gerührt , hätte:c. Das brachte ihn wieder auf seine Jugendjahre, aus den i Pater Patraulc, seinen Lehrer der Mathematik, dessen Geschichte er ! uns erzählte. Ich habe sie bereits niedergeschricbcn, man wird sie weiter oben gefunden haben. Mittwoch, am 17. Januar. Heute nahm der Kaiser die erste Stunde im Englischen, und da cö mein vorzüglichster Zweck war, ihn so weit zu bringen, die Zeitungen mit Leichtigkeit lesen zu können, so bestand mein heutiger ! Unterricht nur darinnen, ihn mit einer englischen Zeitung näher bekannt zu machen, Form und Plan derselben zu studircn, ihm die ^ sich Immer gleich bleibende Reihenfolge der verschiedenen Artikel, j welche sic enthalt, zu zeigen, die Ankündigungen, die Stadtklat- schereic» von den politischen Neuigkeiten zu trennen, und bei den letzten wieder zu unterscheiden, was authentisch und was ein bloS gewagtes Gerücht sei. Ich habe mich anheischig gemacht, daß, wenn der Kaiser die Geduld hatte, sich alle Tage mit dergleichen Lcctionen zu langweilen, er binnen einem Monate im Stande seyn sollte, die Zeitung ohne alle unsre Beihülfe zu lesen. Der Kaiser wollte hieraus einige Aufgaben bearbeiten. Er schrieb Phrasen, die ich ihn» 10 diktiere, auf, und übersetzte sie dann, mit Hülfe einer kirim.-, Tabelle, die ich ihm über die Hülsswörter und die Artikel gemacht halte, und eines DiccienairS, in welchem ich ihn die andern Nette ^ selbst ausschlagcn licü, ins Englische. Ich erklärte ihm die Regel» des SyntapcS und der Grammatik, wie sich die Gelegenheit dazu ergab. 'Er versuchte selbst einige Phrasen nach dieser Anleitung, was ihm mehr Vergnügen machte, als das Uibersetzen. Nach der Stunde gingen wir um 2 Uhr in den Garten spazieren. Wir hörten einige Flintenschüsse. Sie waren so nahe, daß man . glaubte, sie müßten im Garten gewesen scyn. Der Kaiser be> merkte; cs schiene, alS ob mein Sohn (wir dachte», er wäre eS) gucc Jagd mache. Ich ergegnece, daß er sie zum letztcnmale so in seiner, des Kaisers Nähe gemacht haben würde. „Sagen Sie es ihm wirklich, crwicderte er, er soll sich damit auf Kanonen« schußwcite von unS entfernt halten." Ich lief nach Ihm, wir halte» ihm aber unrecht gethan. ES war bei den Pferden des Kaisers, die man an den Schuß gewöhnen wollte. Nach dem Diner legte der Kaiser beim Kaffee mir, alS ich mit dem Rücken an dem Kamin stand, die Hand auf den Kopf, um mich zu messen, und sagte dann: „Ich bin ein Riese gcge» Sic. — Ew. Majestät sind eS für so viel andere, crwicderte ich, daß mich das eben nicht sehr betrüben kann. Jetzt sprach kr sogleich von etwas anderm, da er sich nicht gern bei Phrase» dieser Art aushält.. Donnerstag, am l8 biS. Sonnabend, am 20. Januar. Unser Leben blieb in der größten Gleichförmigkeit. Der Kaiser ging des Morgens niemals aus. Gegen 2 Uhr nahm er regel« mäßig englische Stunde. Dann wurde in den Garten spaziert, oder eS gab irgend eine Präsentation, waö jedoch sehr selten vor« fiel; sodann wurde eine kleine Spazierfarth in der Kalesche gemacht, denn die Pferde waren nun endlich angekommcn. Vor dem Diucr nahm er hierauf noch eine Durchsicht des FeldzugS in Italien oder Egypten vor; nach dem Diner war Vorlesung aus einem unsrer Romane. Am 20. nahm der Kaiser den Gouverneur Wilks an, und ; unterhielt sich mit ihm recht gründlich über Armeen, Wissenschaften, . Verwaltung und über Indien. Als er von der Organisation der englischen Armee sprach, hielt er sich bei der Art des Avancements in derselben auf, und drückte seine Verwunderung aus, daß bei einem Volke, bei welchem Gleichheit der Rechte gelte, die Soldaten so selten zu Offizierstellen gelangten. Der Oberste MkS gestand, daß ihre Soldaten nicht geeignet wären, Offiziers zu „erden, und daß die Engländer über den Ungeheuern Unterschied erstaunt wären/ den sie hierinnen bei der französischen Armee wahr» genommen hätten, in welcher säst jeder Soldat Anlage zum Offizier zeige. „Das ist eine der wichtigen Folgen der Conscription, durch sie ist die französische Armee die am besten zusammengesetzte geworden, welche jemals bestanden hat. Das ist eine Anstalt, fuhr er fort, die höchst nationel und mit unfern Sitten schon ganz verwebt ist. Nur noch die Mütter betrübten sich darüber, denn schon nahete die Zeit, da kein Mädchen einen jungen Burschen haben mochte, der nicht seiner Pflicht gegen das Vaterland Genüge geleistet hatte. Und in diesem Zustande nur, fügte er hinzu, kann die Conscription das höchste Maas ihrer Vortheile erlangen. Sie durste nicht wie ein Unglück, nicht wie ein Frohndienst angesehen werden, sondern wie eine Ehrensache, auf die jedermann eifersüchtig seyn muß, dann erst ist die Nation groß, ruhmvoll und stark; dann erst kann sie mit Festigkeit dem Unglück, den Invasionen, den Jahrhunderten trotzen. „Mrigens, fuhr er fort, muß man der Wahrheit gemäß sagen, daß cs nichts gicbt, waS man von den Franzosen nicht erlangen könnte, wenn die Gefahr sie lockt. DaS scheint ihnen erst Geist zu geben, das ist ihr gallisches Erbtheil. Die Unerschrockenheit, die Liebe znm Ruhm sind bei den Franzosen ein Instinkt — gleich« sam ihr sechster Sinn. Wie oft habe ich in der Hitze der Schlacht still gehalten, um meinen jungen Conscribirtcn zuzusehen, die voll Begierde zum erstenmale ins Handgemenge kamen. Die Ehre und der Much drangen ihnen aus allen Poren hervor. Der Kaiser wußte, daß der Gouverneur WilkS sehr stark In der Chemie sei, und er setzte ihm also auch desfallS zu, sprach hierbei von den Ungeheuern Fortschritten, welche diese Wissenschaft bei allen unfern Manufakturen hervorgebracht habe, und sagte, England und Frankreich waren ohne Zweifel gleich reich an großen Chemikern, aber es sei die Chemie ungleich mehr in Frankreich verbreitet, und zu nützlichen Resultaten in Anwendung gebracht, so daß sie in England eine Wissenschaft bleibe, in Frankreich aber auf dem Wege wäre, mehr etwas Praktisches zu seyn. Der Gouverneur war einverstanden, daß dieü Alles buchstäblich wahr sei, und fügte seinerseits sehr höflich hinzu, daß man diese Vorchcile ihm, dem Kaiser, zu verdanken habe, weil jederzeit, wenn die Wissenschaft durch die Hand der Macht unterstützt würde, sie die größten und glücklichsten Erfolge für das Wohl der Menschheit hervor, bringe. Der Kaiser sagte, man habe in der letzter» Zeit den Zucker aus Runkelrüben von eben der Güte ussd zu eben dem Preis als den von Zuckerrohr gewonnen. Der Gouverneur war darüber sehr verwundert, er hatte das nicht geahnec. Der Kaiser versicherte ihm, daß dies eine ganz auögemachte Sache, und d.,S Dorurtheil, welches dagegen in ganz Europa und selbst in Frank, reich bestanden hätte, widerlegt sei. Er bemerkte ferner, daß der nämliche Fall mit dem Färberwaid, wodurch der Indigo erseht werde, und fast mit allen Colonialwaarcn sei, mit Ausnahme des FarbholzcS. Er zog hierbei den Schluß, daß wenn die Entdeckung der Magnetnadel eine Revolution in der HandelSwelc hcrvorgebracht hätte, die Fortschritte der Chemie geeignet wären, die Gegenrede, lution zu bewirken. Man kam nun auf die zahlreichen Auswanderungen der sranzS. fischen und englischen Handwerker nach Amerika. Der Kaiser äußerte, daß dies mit so großen Vorzügen ausgestattete Land sich von unfern Thorheiten bereichere. Der Gouverneur lächelte und sagte: daß in deren Namenöverzeichnisse die englischen, wegen der vielen Fehler der Minister, oben anstünden, indem dieselben den Aufstand der Colonien und ihre Losreissung zur Folge gehabt hätten. Der Kaiser erwicderte hieraus, daß dieses Letztere unser, ineidlich gewesen wäre, weil, wenn die Kinder so groß geworden wären, wie die Eltern, sie dann schwerlich noch lange gehorchten. Das leitete die Unterhaltung auf Indien. Der Gouverneur ist lange Zeit in bedeutenden Acnitern daselbst gewesen, und hak wichtige Untersuchungen dort angcstellr. Er konnte mithin dem Kaiser, auf eine Menge Fragen, über die Gesetze, die Sitte», die Gebräuche der Indianer, so wie über die Verwaltung der Engländer, deren gegenwärtige Gesetzgebung daselbst re., ausführlich antworten. Die Engländer werden nach englischen, die Eingebornen hinge, gen nach Lokalgcsctzen regiert, welche durch die verschiedenen, von der Compagnie eingesetzten Conseils, nach der ihnen ertheilce» Hauptvorschrift, sich hierbei den eignen Gesetzen dieser Völker mög« lichst zu nähern, gegeben werden. Hyder Aly war ein Mann von Kopf, Tipps, sein Sohn, hi», gegen ein eingebildeter, unwissender und sehr unbesonnener Mensch. Hyder Aly hatte über hunderttausend Mann, Tippo nie mehr als funfzigtausend. Es fehlt diesen Völkern nicht an Much, aber sie haben nicht unsere physische Kraft, sie sind zudem ohne Disciplin und Taktik. Siebzehntausend Mann englische Truppen, unter denen sich nicht mehr als viertausend Europäer befanden, waren hinrci> chend, um das Reich Misore zu zerstören. Indessen war wohl zu glauben, daß früher oder später der Nationalgcist dieser Länder sie von dem europäischen Joch befreien werde. Die Vermischung dcö 13 modischen BluteS mit dem Blur der Eingeboren erzeugte ein vermengtes Geschlecht, das durch seine Natur und Vermehrung eine mit Bestimmtheit vorauszuschende Revolution vorbereitete. Zn jedem Fall waren diese Völker unter der englischen Herrschaft jetzt ' glücklicher, als zuvor. Eine sorgsame Justizverwaltung und die Müde der Negierung sind bisher die sichersten Bürgschaften der Hauptstadt gewesen. Auch hatte-man für gut gehalten, hiermit das Verbot zu verbinden, daß Engländer und überhaupt Europäer ! dort keine Ländereien kaufen, auch sonst keine erblichen Etablissements errichten dürfen ac. Delphine der Frau von Scacl, diente uns jetzt zu der Abendnn- terhaltung. Der Kaiser sprach viel darüber, und nur wenig darin» fand Gnade vor seinen Augen. Seine Kritik traf vorzüglich da» Ungeregelte des Geistes und der Phantasie, welches in diesem Buch , vorherrscht. Diese Fehler waren cs hauptsächlich, sagte der Kaiser, Kelche ihn auch vormalS von der Verfasserin desselben encfcrne hielten, so groß und so lebhaft auch ihr Zuvorkommen, und so fortgesetzt auch ihre Schmeicheleien waren. Sobald der Sieg den jungen Dbergcneral der Armee von Italien erhoben hatte, sprach Frau von Stack, ohne ihn zu kennen, einzig von der Sympathie des Ruhms ungezogen, bei jeder Gelegenheit enthusiastische Gefühle, wie sie ihrer Corinne würdig sind, ! für ihn aus. Sie schrieb ihm lange Episteln geistvollen, glühenden und metaphysischen Inhalts. Es sc! ein Fehlgriff der menschlichen Einrichtungen, sagte sie ihm darinnen, daß er die sanfte, die ruhige Madame Vonaparte zur Frau bekommen habe, eine Seele voll Feuer, wie die ihrige (die Seele der Frau von Stack nämlich) habe ohne allen Zweifel die Natur für einen Helden, wie er sei, bestimmt oc. Zeh verweise auf die Feldzüge in Ztalien, um zu zeigen, daß das Ausbleiben der Antwort den Eifer der Frau von Stael nicht geschwächt hatte. Sie hatte die Gabe, nicht so leicht entmuthigt zu werden, und gelangte späterhin so weit, Bekanntschaft anzu- kuüpfen, dann selbst Zutritt bei ihm zu haben, und sie benutzte diese Gunst, wie der Kaiser versicherte, so sehr, daß sie am Ende zudringlich wurde. ES ist eine wahre Geschichte, daß sie, als einst der Kaiser ihr das fühlen lassen wollte, und sich entschuldigen lies, weil er kaum angeklcidct sei, auf höchst gefühlvolle Weise schnell antwortete: Das hindere sie gar nicht, denn das Genie habe kein Geschlecht. Von Frau von Stael kamen wir ganz natürlich auf ihren Vater, den Herrn von Neckcr. Der Kaiser erzählte, daß, als er nach Marengo gegangen sei, er von ihm zu Genf einen Besuch 14 erhalten, und derselbe bei dieser Gelegenheit ihm ohne große Um, schweife sein Verlangen, wieder Minister zu werden, zu erkennen gegeben habe, — ein Verlangen, das dessen Rival, Herr Calonnc, späterhin mit einer ganz unbegreiflichen Leichtigkeit ebenfalls bezeigt hatte. Herr von Nccker hatte nachher ein gefährliches Werk über Frankreichs Politik geschrieben, worinn er zu beweisen suchte, daß dieser Staat weder eine Monarchie noch eine Repnblick ferner, hin seyn könne, und in welchem er den ersten Consul den noth- wendigen Mann nannte. Der erste Consul verbot dieses Buch, das In damaliger Zeit ihm sehr nachtheilig werden konnte, und trug die Widerlegung desselben dem Consul Lebrun auf, der dann in seiner schimn Prosa, wie der Kaiser sich ausdrückte, demselben schnelle und voll, kommene Gerechtigkeit wicdersahrcn lieS. Die Neckersche Kotteric war darüber erbittert, Frau von Stael schmiedete Jntriguen, und erhielt den Befehl, Frankreich zu verlassen. Seitdem blieb sie eine sehr eifrige und thatige Feindin. Bei alle dem schrieb Frau von Scacl bei der Rückkehr des Kaisers von Elba an selbigen, oder lies, um nach ihrer Art ihr Entzücken über ein so wundervolles Ercigniß zu erkennen zu geben, ihm sagen: Sie erkläre sich für überwunden; das sei keine menschliche That, sie habe von nun an ihn unter die Götter versetzt. Dabei bat sie aber, um sich kurz zu fassen, der Kaiser möchte die Gnade haben, ihr die zwei Mil< lioncn auszahlen zu lassen, welche der König aus besonderer Gunst ihr bereits bewilligt habe, ihre Gesinnungen, wie ihre Feder soll, ten dann auf immer ihm gcweihet seyn. Der Kaiser lies ihr ant« Worten. Nichts in der Welt könne ihm so schmeichelhaft seyn, alS ihr günstiges Urtheil über Ihn, da er ihr Talent zu schätzen wisse, daß er aber in der That nicht reich genug sei, um es so thcuer zu bezahlen. Sonntag, am 21. Januar. Ich hatte nun endlich das Quartier bezogen, welches für mich gebaut worden war, um mich aus meinem Schwitzkasten zu be» freien. Auf einen immerwährend feuchten Grund halte man einen Fußboden von achtzehn Fuß Länge und eilf Fuß Breite gelegt, denselben mit einer anderthalb Fuß starken und sieben Fuß hohen, aus einer Art von Pise oder mit Stroh durchknetetcm Lehm ge- formten Wand, die man mit einem Fußtritt einftoßen konnte, um. geben, und das Ganze mit Bretcrn überdeckt, auf welche man gethcertes Pappier gelegt hatte. Das war denn der Umriß meines neuen Palastes, der innerlich in zwei Gemächer abgetheilt war, von welchen das eine ganz genau zwei Betten, dazwischen eine Com. 15 mode und eine» einzigen Stuhl faßte, das andere aber zu gleicher M mein Salon und mein Cabincc war, und ein einziges Fenster HM, das wegen der Heftigkeit der Winde und deS Regens für immer verklebt bleiben mußte, rechts und links an demselben stan- dm zwei Schreibetische für mich und nieinen Sohn, und gegenüber c!» Kanapee sammt zwei Stühlen. Das ist denn meine ganze s Ausstattung, mein gestammtes HauSgeräth. Man denke sich noch hinzu, daß beide Fenster nach der Seite hingehen, wo unaufhörlich der Wind hcrkömmt, und wo die dort so häufigen Platzregen an- schlagcn, welche denn auch schon durch die -Ocffnungen cingedrun- ! gen und durch Dach und Mauern gesickert waren, che wir noch daö neue Duarticr bezogen hatten. Zch hatte nun die erste Nacht hier -»gebracht, befand mich unwohl, und war durch die Veränderung meiner Lagerstätte um den Schlaf gekommen. Gegen 7 Uhr meldete man mir, daß der Kaiser eben ausreiten wolle, ich ant- mrtete, daß ich nicht recht wohl sei, und deshalb versuchen wolle, noch ein wenig zu ruhen. Allein nach einigen Minuten tritt . Irniaud schnell in meine Stube, öffnet ohne Umstande meine Vor- i hänge, findet nicht gut, daß ich so faul sei, sagt, man muffe sein .llebclbesinden abzuschnttcln suchen, bemerkt dann den widrige» Tarbcngeruch, so wie, daß die Stube doch allzuklein sei, daß die -Betten zu nahe beisammen stehen; äußert, daß man nicht so übereinander schlafen müsse, daß das recht ungesund sei, verlangt, baß ich mich wieder deS Bettes im topographischen Cabinet bedienen U solle, daß ein falsches Zartgefühl mich nicht daraus entfernen dürfe, daß ivenn ich dort gcnirte, man mir eö ja wohl sagen würde, — und dieser Jemand war, wie man wohl errachen haben wird — der Kaiser. Man kann sich leicht denken, daß Ich rasch auS dem Bette, lilsuud, munter und schnell angekleidct war. Allein er war schon «eit fort, und ich mußte ihn im Park aufsuchen Sobald ich ihn erreicht hatte, sprachen wir von der gestrigen langen Audienz des ^Obersten Dilks, besonders scherzte er über den großen Werth, den derselbe auf mein Werk zu legen, und das außerordentliche Wohlwollen, das cs ihm für mich eingeflößt zu haben scheine. „UibrigenS ohne Zweifel, setzte der Kaiser hinzu, unter der Bedingung gehörlos» Erwiederung. Dies ist nun einmal die gegenseitige Zärtlichkeit und Bruderliebe der Schriftsteller, so lange sie sich nicht bößlich kritisirten. f Miß er denn', daß Sie mit dem ehrwürdigen Las Casas verwandt stob? Ich antwortete ihm, daß mir eS wenigstens nicht bekannt wäre, ob» der General Gourgaud, der auf der andern Seite des Kaisers 'Sing, bejahrte es." „Und woher wissen Sie cs denn selbst? sagte der Kaiser ferner, erzählen Sic uns da nicht vielleicht auch so ein Histörchen ? — 16 Hören Sie meine Beweise, Sire! Wir waren schon über 2üü Jahre in Frankreich, alS Bartholomäus von Las CasaS in Spante» berühmt war. Ader die spanischen, Geschichtschreiber geben insge- sammt die nämliche Stadt als seinen Geburtsort an, aus welcher auch wir abstammen, nämlich Sevilla. Nach allen ist er ein Sprößling einer alten französischen Familie, welche um eben die Zeit sich nach Spanien wendete, alS auch wir daselbst waren. — Was, Sie sind keine Spanier? — Sie und er Franzosen? — 2a, Sire. — D erzählen Sie unö doch daS; geschwind, Hm Burgwart, Herr Stegreifritter, Herr Paladin! — verschaffen Eie sich den Hochgenuß, Ihre alten Pergamente aufzurollen, sei),. Eie einmal ganz glücklich! — Sire! Einer meiner Vorfahren war in dem Heere Heinrichs, Grafen von Burgund, der an der Spitze einiger Krcuzbrüdcr im Jahre 1100 Portugal eroberte. Er Hai der Schlacht von Uriguez, welche die portugiesische Mona» chie gründete, als Fahnenträger beigewohnt. Späterhin sind wir mit der Königin Bianca, als sie sich mit dem Vater des heiligen Ludwig vermählte, nach Frankreich zurückgckommen, Das ist Alles, Sire! w." Montag, am 22. bis Freitag, am 26. Januar. An allen diesen Tagen regnete eS unaufhörlich. Nur an einem derselben konnte der Kaiser des Morgens in den Park, und ein anderes Mal Nachmittags durch unser gewöhnliches Thal reiten, in welchem das Wetter den Weg ganz verdorben hatte. Der Magen war gar nicht zu gebrauchen, wir mußten uns auf einige Spaziergänge im Garten beschränken, und außerdem die Traurigkeit der Witterung theilen. Destomehr haben wir gearbeitet. Der Kaiser hat recht regelmäßig und fleißig Stunden im Englischen genommen. Gewöhnlich bringt er den ganzen Vormittag mit Lesen zu. Er geht ganze bedeutende Werke durch, ohne daß es ihn im mindesten ermüdet, und liest mir gewöhnlich etwas davon vor, ehe er sich an das Englische setzt. 2n den Briefen von Madame de Sevigns, deren Schl so fliessend ist, und welche so schön die Sitten der damaligen Zeit schildert, las er den Tod von Turenne und den Proceß M Fouquet. Er bemerkte, daß das Interesse, welches Frau von Sevign« an diesem genommen habe, für blose Freundschaft doch recht warm, lebhaft und zärtlich sei. Als er Karls des xil. Vertheidigung gegen die Türken in der Festung Bender laS, konnte er sich des Lachens nicht erwehren, und sagte mehrmals, wie diese: Kopf von Eise»! Kopf von Eisen! Er fragte mich, ob man über die Art seines 17 TodeS einverstanden sei, und ich antwortete ihm, daß ich aus Eu- ^ st>iv des m. eignem Munde wisse, die Seinen hätten ihn ermordet. ! Gustav untersuchte es in dessen Grab-Gewölbe. Die Kugel war in der Nähe und hinter ihm auS einer Pistole abgeschossen worden :e. Im Anfänge der Revolution hatte ich die genaue Bekanntschaft mit Gustav in. in den Badern von Aachen gemacht, und ^ so jung ich auch noch war, doch mehrmals die Ehre gehabt, mich mit ihm zu unterhalten. Es war mir von ihm sogar eine Stelle 1 u der Marine versprochen, ln dem Falle / wenn in Frankreich die Sache eine üble Wendung nehmen möchte. ! Ein andermal las der Kaiser Paul und Virgin,e. Er hob ^ die schönste» Stellen, und zwar immer nur die einfachsten und ! natürlichsten auS. Die, worinn Pathos und jene abstrakten und falschen Begriffe vorherrschen, welche zu der Zeit, alS das Buch l herauskam, so sehr in der Mode waren, sind immer kalt, schlecht »ud ganz verfehlt. Der Kaiser sagte, er sei ln seiner 2ugend von ^ diesem Buche sehr eingenommen gewesen, aber desto weniger schätze er den Amor. Er könne ihm nicht verzeihen, bei der Rückkehr aus Italien seine Freigebigkeit so gcmißbraucht zu haben. „DaS Zartgefühl des Herrn Bernardin de St. Pierre, sagte der Kaiser, i hatte wenig Aehnlichkeit mit dem lieblichen Bilde von Paul und Mrginie. Er war ein häßlicher Mensch, der seine Frau, eine Tochter des Buchdrucker Didoc, sehr mißhandelte, und konnte auf unverschämte Weise um Almosen betteln. Wie ich aus Italien zurückkehrte, kam Bernardin sogleich, mich zu besuchen, und sprach ^ auch auf der Stelle von seiner unglücklichen Lage. Ich, der in i seinen Iugcndjahren nur immer von Paul und Virginic geträumt hatte, ^ fühlte mich von seinem Vertrauen, das ich für einzig mir zugewendct I hielt, recht sehr geschmeichelt, rechnete dabei viel auf meinen erlangten Ruf, und hatte nichts nöthigeres zu thun, alS ihm meinen Besuch wieder zu machen, und dabei, ohne daß jemand etwas merken konnte, ein Röllchen mit 25 LouiSd'ors auf einem Winkel des Kamins liegen zu lassen. „Aber wie schämte ich mich, alS ich von aller Welt über meine Delicacessc ausgelacht wurde, und man mir sagte, daß der- ! gleichen zarte Formen bei Herrn Bernardin nicht nöthig wären. ! ES sei sein Handwerk, jedermann anzusprechen und von jedermann »u nehmen. Ich habe es ihm nie ganz vergessen können, mich so «"geführt zu haben. Mit meiner Familie ist eS ihm besser gegangen. Joseph hat ihm eine bedeutende Pension ausgesetzt, und Äuiö jhm unaufhörlich gegeben." Aber so sehr der Kaiser Paul und Virginie liebte, so sehr lächelte er mitleidig über die Studien der Natur von dein näm- L. Cafts Tagcb. Z. Bd. 2 Men Verfasser. Bernardin, sagte er, ist ein guter Litcerakor, aber kaum Geometer. Dies letztere Werk war so schlecht, baß Kunstverständige sich nicht die Mühe gaben, etwas da» über zu äußern. Bernardin erhob deshalb großes Geschrei, und der berühmte Mathematiker Lagrangc erwtederte hierauf, mit Lc> Ziehung auf daö Institut. „Wenn Bernardin In unsre Classe cc. hörte, wenn er wie unser eins spräche, dann könnten wir ihn schon zurechtwcisen, aber er ist von der Akademie» und mithin dürfen wir über seinen Styl gar nicht verheilen." AlS nun Bernardin sich einmal, wie er das gewöhnlich that, bei dem ersten Consnl beklagte, daß die Gelehrten gar nicht Notiz von ihm nähmen, fragte ihn dieser: „Kennen Sie die Differential-Rechnung, Hm Bernardin? — Nein. — Nun gut, so lernen Sie sie und dann können Sie sich selbst auf ihre Frage antworten." Späterhin, alS Kaiser, fragte er jedesmal, wenn er ihn sah: „Wann bekommt» wir wieder einen Paul und Dirginie von Ihnen, Herr Bernardin? oder ein indianisches Hüttchen? Sie sollten aller sechs Monate uns so etwas liefern." Bei dem Lesen der römischen SlaatSumwälzungen von Ver tot, die er übrigens sehr schätzt, fand er die Reden darin» sehr wässerig. Das ist die immerwahrende Klage deS Kaisers gegen alle Werke, die ihm unter die Hände kommen. ES lvar das, wie er sagte, sein eigner großer Fehler in der Jugend, dcn er jedoch, wie man mit Recht sagen kann, seitdem sehr verbessert hat. Der Kaiser harte sich daher den Spaß gemacht, alle Schma- rozer-Phrascn im Vcrtot wegzustrcichen, und in der That war er dadurch viel kräftiger, wärmer und geistvoller geworden. „DaS wäre in der That eine köstliche und geschmackvolle Arbeit, sagte ei, dergleichen verständige Kürzungen mit den vorzüglichem Schriftsicl« lern in unserer Sprache vorzunehmen. Montesquieu ist wirklich der einzige, den ich dabei durchlassen würde." Er blätterte oft im ! Rollin, und fand ihn zu wcitläuftig, auch gar zu gutmi'ithig, ganz abscheulich aber Crevier, der dessen Werk fortgesetzt har. Er klagte stets über unsre klassischen Materialien, und daß die Jugend Lei diesen schlechten Büchern so viele Zeit verlieren müsse. Sie sind leider, sagte er, von Rhetorikern, von bloßen Professoren geschric» Len, anstatt daß diese ewig wichtigen Gegenstände die BasiS unsres Wissens für das ganze Leben — von Staatsmännern, und von Leuten, die in der Welt gelebt haben, vorgctragen und abgc- faßc werden sollten. Der Kaiser hatte hierüber sehr glückliche Ideen; mir die Zeit hatte ihm gefehlt, um sie auösührcn zu lassen. Noch weniger war der Kaiser mit unfern Geschichtschreiber» über Frankreich zufrieden. Er mochte keinen davon lesen. Velly M ihm zu reich an Worten und zu arm an Sachen; die Fort' scher seines Werks hielt er noch für ungleich schlechter. „Unsere Geschichte, sagte er, muß in fünf oder in hundert Bänden gcschrie, den werden." . Er halte Garnier gekannt, der Velly und von Maret fortgesetzt hat, und zu Malmaison wohnte. ES war ein braver GrciS von achtzig 2ahren, der ein nach der Straße gehe»' des Entresol mit einer kleinen Gallcrie innen hatte. Verwundert über die liebevolle Theilnahme, die der gute Alte jedesmal bewiest, wenn der erste Eonsul vorbei kam, fragte dieser, wer daS sei, und alS er nun erfuhr, daß es Garnier wäre, wußte er sich auch sein Benehmen zu erklären. „Er dachte ohne Zweifel, sagte der Kai- ser scherzend, daß, da er ein Geschichtschreiber wäre, ich in sein Reich gehöre, nur mußte er sich freilich wundern, da Consuln zu finden, wo er Könige zu sehen gewohnt war." Der erste Consul lieö ihn eines Tages zu sich rufen, sagte ihm das lachend, und bewilligte ihm eine ansehnliche Pension. „Der gute Mann, äußerte der Kaiser, hätte von diesem Augenblick an, in seiner Dankbarkeit vvn ganzem Herzen gern, alles geschrieben, was man nur von ihm verlangt hätte." Sonnabend am 27. äanuar. Der Kaiser fuhr gegen 5 Uhr aus. Der Abend war sehr schön; die Pferde liefen rasch, und der Raum, aus den wir beschränkt sind, ist so klein. Der Kaiser befahl daher, langsamer zu fahren, um den Weg zu verlängern. AlS wir zurückfuhren, und unsre Augen dabei auf das Feld fielen, von welchem wir durch die Schlucht getrennt waren, fragte er, ob man nicht da hinüber kommen könne, um unsere Promenade zu verdoppeln. Man antwortete, das sei unmöglich, und wir setzten unfern Rückweg fort. Aber er wurde auf einmal durch das Wort unmöglich aufgeregt, von dem er so oft gesagt, es sei nicht französisch, und befahl deshalb, daß man das Terrain untersuchen solle. Wir stiegen ins- gesammc aus, die leere Kalesche folgte uns über die schwierige Stelle, wir überwanden die Hindernisse glücklich, und kehrten, als ob wir unsere Herrschaft verdoppelt hätten, triumphirend heim. Während des Diner und nachher sprach man von verschiedenen Daffenthaten. Der Großmarschall sagte, das, was ihn in dem Kben des Kaisers am mehresten in Erstaunen gesetzt hätte, sei der Moment bei Eylau gewesen, wo er blos mit einigen Offizieren von seinem Gcneralstaabe beinahe mit einer Colonne von vier bis fünftausend Russen ins Handgemenge gekommen wäre. Der Kaiser M zu F„ß u„d als nun der Prinz Neuchatel schnell die Pferde 20 herbeikoMmen lassen wollte, warf er ihm einen verweisenden BW zu, gab Befehl, daß gleich ein Gardebataillon vorrücken solle, das aber ziemlich weit entfernt stand, blieb selbst unbeweglich auf sti> nein Platz und rüste, da dle Russen immer näher heran kamen, zu mehrcrenmalen auS: Welche Kühnheit! welche Kühnheit! Bei dem Anblick der Grenadiers von der Garde machten die Ruf, sen plötzlich Halt. ES war wahrhaftig Zeit, sagte Bertrand. Der Kaiser hatte keinen Fuß gerührt, aber alle um ihn her zitterten. Der Kaiser hatte diese Erzählung mit angchört, ohne dabei etwas zu bemerken. Aber dann äußerte er, eins der schönsten ManocuvreS, die er femalS ausgeführt hätte, sei das bei Eckmühl gewesen. Unglücklicher Weise sprach er nicht weiter und wir erschien mithin »ichtS Näheres darüber. „Der glückliche Erfolg i>» Kriege, äußerte er nachher, hängt dergestalt vom richtigen kliber- blick und vom Moment ab, daß dle Schlacht bei Austerlitz verloren gewesen wäre, wenn ich sechs Stunden früher angegriffen hätte. Die Russen hakten dort so ausgezeichnete Truppen, wie man sie seitdem nie wieder bei ihnen gesehen hat. Die russische Armee von Austerlitz hätte die Schlacht an der Moskwa gewiß nicht verloren. „Die Oesterreicher schlugen sich nie so gut, alü bei Marengo. Dort rhaten ihre Truppen Wunder, aber ihr Much ging auch daselbst zu Grabe; man hat sie nie wieder so gesehen. „Die Preußen leisteten bei 2ena nicht den Widerstand, den man von ihrem alten Ruf erwartete. UibrigenS waren die Massen von 1814 und 1815 nur Volk, gegen die gemachten Soldaten von Marengo, Austerlitz und Jena." Den Tag vor der Schlacht bei Jena war der Kaiser, wie er erzählte, in große Gefahr gekommen. Er konnte dort gleichsam verschwinden, ohne daß man gewußt hatte, waS auS ihm geworden sei. Er hatte nämlich während der Dunkelheit, nur von einigen -Offiziers begleitet, sich den preußischen BivouakS genähert und sie §ceognoscirt. Der Begriff, den man sich von dem preußischen Heere machte, erhielt alle Welt munter, denn man glaubte die Preußen zu nächtlichen Uiberfällen sehr geneigt. Bei des Kaisers Rückkehr schießt die erste Post seines Lagers ihr Gewehr ab; das war daö Signal für die ganze Linie und eS gab gar kein andres Mittel, als sich so lange auf den Bauch nie- derzuwerfen, bis das Mißverftändniß entdeckt war. Dabei befand er sich in der größten Besorgniß, die preussische Linie, der er st nahe war, möchte eS eben so machen. Die österreichischen Soldaten hatten bei Marengo den Sieger von Castiglione, von Arcyle und von Rivoli nicht vergessen. Sein — 21 . N»e war nicht ohne Wirkung auf ihre» Geist, aber sie glaubten durchaus nicht, daß er gegenwärtig sei; sie hielten ihn für todc. Mn hatte dafür gesorgt, ihnen zu sagen, er sei !» Egypccn um« gekommen, der erste Consul, von dem man spreche, sei nur sein Bruder. Dieses Gerücht ward so allgemein geglaubt, daß Napoleon, um cö zu zerstören, sich In Mailand öffentlich zeigen mußte. AlS der Kaiser dann über eine große Menge von Offizieren i und seine Adjutanten sprach, theilte er ohne Umschweife Lob und j Tadel auS: er kannte sie alle vollkommen. Zwei Ereignisse, sagte er, Härten auf dem Schlachtfelde ihn ganz besonders gerührt, näm« l lich der Tod des jungen Guibert und dcö Generals Corbineau; > dem ersten war bei Abukir eine Kugel mitten durch die Brust ge« ! gangen, ohne daß er auf der Stelle geblieben wäre. Der Kaiser ! hatte noch einige Worte mit Ihm gesprochen und dann, von seinen Gefühlen überwältigt, sich entfernen müssen. Der andre wurde bei kylau durch eine Kugel von seiner Seite gerissen, fortgewälzc und vernichtet, als er ihm eben einige OrdreS gegeben hatte u. s. >v. Der Kaiser sprach ferner von den letzten Augenblicken deS Marschalls LanneS, dieses tapfern Herzogs von Montevello, mit Recht der Roland der Armee genannt, der, als der Kaiser ihn auf seinem Todesbette besuchte, seine Leiden zu vergessen und ^ sich nur mit dem zu beschäftigen schien, den er über alles liebte. ^ Der Kaiser hielt sehr große Stücken auf ihn. „Lange Zeit, sagte ! er, war er ein bloßer Haudegen, aber er hatte sich zu einem gro- ' ßen Talent gebildet." Einer in der Gesellschaft sagte, er möchte doch wissen, wie sich derselbe wohl in der letztem Zeit benommen haben würde. „Wir haben zwar gelernt, auf nichts mehr zu schwören, erwiedcrte der Kaiser, allein ich halte eö doch für unmöglich, daß er sich jemals an Ehre und Pflicht vergangen haben könnte. ! Aber er würde nicht mehr existirt haben. Brav wie er war, hätte 1 er in der letzter» Zeit den Tod ausgesucht, oder er wäre in dem ! Grade verwundet worden, daß er dann entfernt vom Schauplätze j sich befunden hätte. Wäre er aber wirklich noch in Thätigkeic gewesen, so war er auch der Mann, welcher durch sein eignes Gewicht und den Einfluß, den er sich zu verschaffen wußte, eS wohl vermocht haben würde, den Dingen eine andere Wendung zu geben.". Nun kam der Kaiser auf Duroc'S Charakter und Privatleben, worüber er lange sprach. „Duroc, schloß er, hatte sehr lebhafte, zärtliche und geheime j Leidenschaften, die mit seiner äußern Kälte sehr kontrastirten. - Ich habe das lange nicht gewußt, so regelmäßig und genau er sich auch in seinem Dienste zeigte. Wenn aber mein Tagewerk vollbracht und geschlossen war, wenn ick schon schlief, dann ging erst das scinige an. Bloö der Zufall har mir das entdeckt. Dursc war ein reiner, moralischer Mensch, ganz uneigennützig im Nehmen und im höchsten Grade cbelmüthig bei dem Geben." Bei der Eröfnung des Feldzuges von Dresden hatte der Kai- ser zwei ihm sehr cheure Menschen und zwar auf die dümmste Weise von der Welt eingebüßt; das war Besseres und Dum. Er gab sich das Ansehen, als könne er mit einer Art von Etol- cismus davon sprechen, allein es war ihm nicht natürlich, wie men bald merkte. Als er Duroc nach Empfang seiner Todeswunde besuchte, wollte er ihm noch einige Hofnung geben; aber Duroc, der sich über seinen Zustand nicht täuschte, bat ihn statt der Antwort, ihm etwas -Opium reichen zu lassen. Der Kaiser war zu gerührt, er konnte nicht länger verweilen und entzog sich diesem herzergreifenden Schauspiele. 2czt erinnerte ihn einer von uns daran, daß er, nach seiner Rückkunft von Duroc, ganz allein vor seinem Zelte hin und her gegangen wäre und niemand gewagt hätte, sich ihm zu nahen. Gleichwohl habe man wesentliche Maasrcgeln für den folgenden Tag zu nehmen gehabt und ihn doch am Ende gefragt, wo die Batterie der Garde ausgestellt werden solle? Alles auf morgen, war des Kaisers Antwort, und noch jezt brach er bewegt bei dieser Erinnerung schnell ab und sprach von etwas Andern,, , Duroc war einer von den Menschen, deren Werth man erst > ganz erkennt, wenn man sie nicht mehr hat. Dieses Gefühl war bei seinem Tode allgemein bei Hofe, wie in der Stadt und überall. Duroc war zu Nanc.y, Im Departement de la Meurthe geboren und man hat schon oben gelesen, auf welche Weise er sein Glück gemacht hatte. Napoleon hatte ihn im Train bei der Belagerung von Toulon gefunden und sich sogleich für ihn interessirt. Don Tag zu Tag war er ihm lieber geworden und sie hatten sich, so zu sagen, nie wieder verlassen. 2ch habe schon anderwärts gesagt, wie ich vom Kaiser selbst weiß, daß Duroc sein blindes Vertrauen besaß und er für ihn kein Geheimniß hatte. Duroc Ham nichts Glänzendes, aber eine vorcressche llrtheilskraft und leistete die wesentlichsten Dienste, die größtentheils ihrer Natur nach und bei seiner Bescheidenheit gar nicht bekannt wurden. Duroc liebte den Kaiser um seiner selbst willen. ES war mehr der Privatmann, den er so innig ergeben war, als der Monarch. Da er die geheimsten Empfindungen des Kaisers wußte und in sich bewahrte, so harte er das Mittel gesunden, wohl gar das Recht erlangt, sie zu mildern und zu leiten. Wie oft hat er nicht, wenn jemand von einer zornigen Acußerung des Kaisers betroffen war, ihm inS -Ohr geflüstert: „Lassen Sie ihn nur. Er sagt >oaS er fühlt, nicht was er denkt, nicht was er morgen chttt." Welch lin Diener, welch ein Freund, welch ein Schutz ist so ein Mann! Wie vielen Verdruß hat er ihm erspart, wie viel erhaltene Befehle, die in dem ersten Anfwa'len gegeben waren, hat er unvollzogen erlassen, weil er wohl einsah, daß man cS ihm morgen Dank wissen werde. Der Kaiser hatte deshalb ein stillschweigendes lieber« einkommen mit ihm getroffen, und überließ sich nun dann und wann um so mehr den Ausbrüchen seines Zorns, wenn sein natürliches Gefühl ihn hillriß, indem er so seinem Herzen Luft machen konnte. Duroe kam auf die traurigste Weise in einem Moment uinS Leben, der ungemein kritisch war und so wurde sein Tod ein höchst unglückliches Ereigniß in dem Leben Napoleons. Den Tag nach der Schlacht bei Wurschcn war gegen Abend das leichte Gefecht bei Reichenbach zu Ende und daö Schießen bereits eingestellt. Duroe beobachtete seitwärts aus einer Höhe mit dem General Kirchner den Rückzug der letzten feindlichen Truppen. Eine Kanone wird auf die von Gold blitzende Gruppe gerichtet und die linglückskugel bringe beiden Generalen den Tod. *) Duroe hatte größer» Einfluß auf die Entschließungen des Kaisers, als man wohl meint. 3n dieser Hinsicht ist sein Tod ein großes Nationalunglück gewesen. Man hat Ursache zu glauben, daß, wenn er gelebt hätte, der für uns so verderbliche Waffcnstiil- stand von Dresden nicht statt gehabt haben würde. Man hätte den Feind biS an die Oder und noch weiter zurückgetriebcn, dann würden fle den Frieden angenommen haben und wir wären ihren Machinationen, ihren Zntrikcn und besonders der weitauSgesponne- ncn, niedrigen und abscheulichen Treulosigkeit des — — —- entgangen, die unS so schreckliches Unheil gebracht hat. Spater hätte Duroe ohne Zweifel auch auf andre wichtige Ereignisse cingewirkt und den Dingen eine andre Gestalt zu geben gewußt. Auch würde er bei Napoleons Fall sein Loos nicht von dcS Kaisers Schicksal getrennt haben, er würde mit uns nach St. Helena gegangen seyn und schon seine Gegenwart hätte bei den furchtbaren Dualen, womit das Gemüth Napoleons dort gepeinigt worden ist, ein Gegengewicht gebildet. Bcssieres war aus dem Departement du Lot und kam durch dis Revolution in die militairische Laufbahn. Er wurde anfangs gemeiner Soldat in der konstitutionellen Garde Ludwig xvi. Späterhin war er Offizier unter den Chasseurs und zog durch Handel Der General Kirchner war ein sehr geschickter Ingenieur, Schwager des Marschails Lonnes, der ihn wegen seines Mnthes und seiner Fähigkeiten vorgezogen hatte. 24 langen einer großen persönlichen Tapferkeit die Aufmerksamkeit des Chefs der italienischen Armee auf sich, welcher deshalb, als er seine Guiden errichtete, ihm deren Commando übertrug. So hat Vessieres angefangen und dann auf diesem Wege sein Glück gemacht. Man findet ihn von diesen Zeiten an immer an der Spitze der Garde des ConsulS und dann der kaiserlichen Gar« den; man findet ihn bei der Reserve, womit er den Sieg entschei« det, oder seine Früchte einsammlet. Sein Name glänzt auf die edelste Weise bei allen unfern größer» Schlachten. Bcssieres wuchs mit dem Manne, der ihn ausgezeichnet hatte, und erhielt einen bedeutenden Theil der Gunstbezeugungen, welche der Kaiser auötheilte. Er ernannte ihn zum Reichsmarschall, zum Herzog von Zstrien, zum Obersten der Garde «Cavallerie u. s. w. Seine Fähigkeiten, die sich entwickelten, wie eS die Umstände an die Hand gaben, erhielten ihn stets auf der Höhe deS Glücks. Bcssieres war immer gut, menschlich und edel; dabei sehr mc»> schenfrcundlich und von einer alten Biederkeit, ein höchst rechtlicher Mann, als Soldat, als Besitzer eines bedeutenden Vermögens und als Bürger. Er machte oft von der großen Gunst, in welcher er stand, zu Leistung wichtiger Dienste und ganz besondrer Verpflich« tungen, selbst bei sehr abgeneigter Stimmung des Kaisers, Gebrauch. 2ch kenne Personen^ die, wenn sie dankbar seyn wollten, mit mir dieses Jeugniß wiederholen und bestätigen müßten, wie hochsinnig er z» handeln pflegte! — Bcssieres wurde von der Garde angebetet, in deren Mitte er sein Leben zubrachte. Zn der Schlacht Lei Wagram riß ihn eine Kugel vom Pferde, ohne daß er verwundet wurde, und ein Schrei deS Schmerzes ertönte durch die ganze Garde. Als Napoleon ihn wieder sah, sagte er zu ihm: „Bcssieres, die Kugel, die Sie traf, hat meine ganze Garde zu Thränen gebracht; bedanken Sie sich bei dieser Kugel, sie muß Zhnen sehr lieb seyn." Be! Ecöfnung des Feldzugs in Sachsen war er minder glück« lich. Er hatte sich bei einer ganz unbedeutenden Veranlassung am Tage vor der Schlacht bei Lützen zu weit vor gemacht, war mitten unter die Tirailleurs gcrathen und wurde von einer Kugel tödtlich in die Brust verwundet. Er hat wie Bayard gelebt und ist wie Turenne gestorben. Noch kurz vor diesem traurigen Ercigniß habe ich mit ihm ge« sprachen. Der Zufall hatte uns in zwei verschiedene Logen im Theater zusammen geführt, wo er, nachdem wir über mancherlei, seinem Herzen, welches das Vaterland schwärmerisch liebte, recht wichtige Angelegenheiten gesprochen hatten, endlich beim Scheiden zu mir sagte, er würde noch in dieser Nacht zur Armee abgchen 22 ,>„d er wünsche, daß wir uns Wiedersehen möchten; „denn, setzte cr hinzu, Lei diesen entscheidenden Verhältnissen und wegen unsrer jungen Soldaten, ist eS Pflicht, daß wir ChcfS uns nicht schonen." Ach, er sollte nicht wiederkommen! Besseres liebte den Kaiser wahrhaft; er empfand eine Art Micher Verehrung für ihn und würde eben so wie Duroc ihn nie verlassen und jedes LooS mit ihm getheilt haben. Es scheint als ob das Schicksal, welches sich so ganz in den letzten Lebens- Momenten Napoleons gegen denselben erklärte, einen Gefallen daran gesunden habe, ihm zwei so innige Freunde zu entziehen und dadurch den süßesten Trost, zugleich aber auch zweien seiner treusten Diener den schönsten Ruhm — den Ruhm der Dankbarkeit im Unglück zu rauben. Der Kaiser ließ die Ueberreste dieser zwei Männer, die seinem Herzen so theuer waren und von denen er wußte, daß sie ihn so treu wieder liebten, nach dem Invalidenhause zu Paris bringen, wo er sie noch besonders zu ehren gedachte. Die nachkommenden Ereignisse haben dieses Vorhaben vereitelt — aber die Geschichte, deren Blätter unzerstörbarer sind als Marmor und Erz, hat ihr Andenken geweiht und sie auf ewig der Vergessenheit entzogen. *) Sonntag, am 28 . Januar. Unsre Tage vergingen, wie man sich das leicht denken kann, in einer beständigen und betäubenden Monotonie. Langeweile, Zu- rückdenken und Schwermuth waren unsre gefährlichsten Feinde; Arbeit hingegen unsre sicherste, unsre einzige Rettung. Der Kaiser setzte seine Arbeiten regelmäßig fort; die Erlernung der englischen Sprache war für ihn eine Sache von Wichtigkeit geworden. ES waren nun ungefähr vierzehn Tage vergangen, *) In Napoleons Feldzuge in Sachse» lm Jahre r8iz, (Dresden, Arnvldische Buchhandlung 1816) von einem Augenzeugen, dein Baron von Odelcben geschrieben, findet man unter dem io. August, dem Moment des Wiederbcginnens der Feindseligkeiten, zwei oder drei Monate nach Durvc's Tode, folgende Stelle: „Auf dem Marsche von Rcichenbach nach Görlitz hielt Napoleon in Markersdorf an, und zeigte daselbst dem König von Neapel den Punkt, wo Duroc fiel. Er lieg den Besitzer des zunächst dabet gelegenen Bauergutes, in welchem der Großmarschall gestorben war, zu sich rufen, und setzte eine Summe von 20000 Livres aus, von denen qooo zu einem Monument'für den Todte» und lüooo für daS Ehepaar, welchem jenes Gut gehörte, bestimmt wurde. Oie Schenkung ist noch an demselben Abend, in Gegenwart deS Predigers und des Richters von Markersdorf vollzogen, in ihrem Bciseyn daS Geld auS- gezahlt, und ihnen zugleich übertragen worden, für die zweckmäßigste Errichtung deS Denksteines zu sorgen. fekdem ee die erste Lektion darinnen genommen hatte und „in, wurden an jedem Tage einige Stunden von zwölf Uhr an, bald mit einem wahrhaft bcwundernswerthen Eifer, bald wieder mit sichtbarem Verdruß hierzu verwendet. Diese Alternative brachte mich in schreckliche Angst; ich legte den größten Werth auf einen glücklichen Erfolg und fürchtete doch jeden Tag, die Frucht des vorhergcgangenen und am Ende alle die herrlichen Resultate zu verlieren, die ich mir als Lohn für die furchtbare Langeweile gedacht hatte, die ich ihm machen mußte. Don der andern Seite spornte mich es denn wieder an, wenn ich sah, daß ich meinem Ziele näher kam. Die englische Sprache war unfehlbar für den ^ Kaiser eine äußerst wichtige Eroberung. Er sagte selbst, daß ihn sonst die bloßen ^Übersetzungen jährlich hunderttausend Thaler gekostet hätten, und noch frage sechs, habe er auch dabei die rechten Sachen gewählt? waren die Uibersetzungen treu ausgefallen? 2czr waren wir nun in die englische Sprache gleichsam cingesperrc, von ihren Werken umringt; alle die großen Veränderungen, alle große Fragen, die der Kaiser auf dem Continenk hervorgebracht hatte, waren im entgegengesetzten Sinne von Engländern abgehandclt worden. Welche Menge neuer Ansichten für den Kaiser, die ihm bisher ganz unbekannt geblieben waren. Hierzu kommt, daß die französischen Bücher bei uns ftltc» waren, daß der Kaiser sie alle kannte und bis zur Mersättigung oft gelesen hatte, dagegen wir aber unS eine große Anzahl englischer, die ihin neu waren, sogleich verschaffen konnten. Endlich erlangt ^ man auch durch die Erlernung der Sprache eines Fremden ein gewisses Recht in seinen Augen, eS ist ihm angenehm, ein wahrer Gewinn für ihn, er kann sich nun leichter unterhalten und es entsteht für beide eine Art von Annäherung. Bei alle dem erblickte ich doch schon in der Ferne das Ende der jetzigen Schwierigkeiten, ^ sah, daß der Kaiser nun bald die unvermeidliche Langeweile, welche ! die Erlernung der Anfangsgründe jederzeit verursacht, besiegt ha- ! ben würde. Aber man denke sich auch nur, was cs ihm kosten mußte, wie ein Schulknabe noch Conjngationen, Deklinationen, Artikel u. s. w. zu lernen. Es gehörte ein großer Much von Seiten deS Schülers und wahre Kunst bei dem Lehrer dazu, um es durchzusetzen. Oftmals fragte er mich, ob er nicht die Ruthe verdient hätte, er fühle recht den Nutzen ihrer Anwendung in der Schule; er wäre weiter gekommen, sagte er scherzend, wenn er sich davor fürchten müßte und wenn auch seine Fortschritte noch so groß waren, beklagte er sich doch, daß er nicht vorwärts käme. 2e größer, schneller und wirksamer der Geist ist, desto weniger ist eS ihm möglich, sich bei einzelnen streng geregelten Kleinigkeiten 27 aufzuhalten. Der Kaiser faßte daher mit einer bewundernswürdigen Leichtigkeit alles, was zu dem Geist der Sprache gehört, dagegen ihm der materielle Mechanismus derselben sehr schwer ; fiel. Er begriff mit der größten Lebhaftigkeit und merkte dabei sehr schlecht. Darüber war er oft ganz untröstlich. Er fand daß es ihm nicht gelingen wolle. Sobald ich die fraglichen Gegenstände unter ein gewisses analoges Gesetz bringen konnte, so waren sie alsbald von ihm begriffen und geordnet; der Schüler übertraf dann selbst den Meister bei der Anwendung und den Folgerungen; aber kam cS dagegen darauf an, etwas auswendig zu lernen, oder die bloßen Anfangsgründe zu wiederholen, so war das eine sehr schwere Sache. Zmmer wurde dann eins mit dem andern verwechselt und ivollte ich nicht das Ganze zertrümmern, so durfte ich hierbei nie gar zu große Genauigkeit fordern. Eine andre Schwierigkeit war, Mim Worte mit denselben Buchstaben, mit denselben Sylben, doch eine ganz verschicdne Aussprache verlangten. Der Schüler wollte keine andre als die unsre gelten lassen und der Lehrmeister würde die Sache zehnmal schlimmer gemacht haben, hätte er hierbei auf Richtigkeit dringen wollen. Der Schüler hatte in seiner eignen Sprache eine Wuth, die Namen und fremde Worte zu verstümmeln. Er sprach sie ganz willkührlich aus und wie sie ihm einmal über die Zunge gekommen waren, so klangen sie dann ewig, weil er sie nur in dieser Form für immer in seinem Kopf ausgenommen hatte. So ging es denn jezt auch mit den englischen Wörtern, und der Lehrmeister mußte so klug scyn, ihn mit Nachsicht zu behandeln und von der Zeit zu erwarten, ob eS ihr möglich seyn würde, alle diese Unrichtigkeiten nach und nach zu verbessern. Hierdurch ! entstand denn in der That eine ganz neue Sprache, die nun frei- ! lich niemand als mir verständlich war, aber der Kaiser konnte doch englische Bücher lesen und hätte sich zur Noch auch schon schriftlich ausdrücken können; das war doch schon viel, es war eigentlich Alles, was man verlangen konnte. Inzwischen setzte der Kaiser seinen Feldzug in Egypten regelmäßig mit dem Großmarschall fort. Mein italienischer Feldzug war längst schon zu Ende; aber wir halfen immer noch nach, bald in Hinsicht der tipographischcn Form, bald bei der Abtheilung de» Kapitel und Paragraphen u. s. w. Man wird im Fortgange dieses Werks sehen, wie wenig davon in meinen Händen geblieben ist. Von Zeit zu Zeit dikcirte er andre Parthiee» an die Herren Gourgaud und Montholon, und mit aller dieser Arbeit verband er ichr wenig Bewegung. Manchmal einen kleinen Spazierweg zu Fuß, dann einmal in der Kalesche und fast gar nicht mehr zu Pferde, Am 30sten wollte er dennoch einmal unser stilles Thgll — 28 besuchen, wo wir so lange nicht gewesen waren. Wir waren bis zu der Mitte gekommen und fanden den Weg dort durch dürres Gesträuch und eine Art von Schlagbaum» der das Vieh abhalten sollte, versperrt. Der Läger, unser treuer Aly, stieg wie gewöhn« lich ab, um uns den Weg frei zu machen; wir ritten weiter, aber das Pferd des ZägerS hatte sich, während seines Geschäfts, von ihm loögemacht und als er eS wieder erfassen wollte, lief cS davon. ES hatte stark geregnet uud daS Pferd versank ln einen Sumpf, der eben so tief war, als jener, wo der Kaiser, wenig Tage nach seiner Ankunft zu Lougwood, bald für immer stecken geblieben wäre. Der Läger kam uns nach, um zu sagen, dass er Zurückbleiben müs. se, um seinem Gaule wieder herauSzuhelsen. Wir befanden uns eben auf einem sehr beschwerlichen schmalen Wege, wo wir einer hinter dem andern herritten und der Kaiser hörte mithin erst einige Zeit nachher uns von dem Vorfall mit dem Läger sprechen. Er schmälte, daß wir nicht gewartet hätten, und verlangte, daß der Eroßmarschall und der General Gourgaud zu ihm znrückkchren sollten. Der Kaiser stieg inzwischen ab und ging nach einer kleinen Erhöhung, wo er denn gleichsam auf einem Fußgcstelle mitten unter Ruinen stand. Er hatte den Zügel seines Pferdes um den Arm geschlungen und pfis sich ein Liedchen; sein Echo war die stumme Natur und seine Umgebung eine Lde Wüste. „ Wie viele Zepter, sagte ich mir unwillkührlich, ruhten noch unlängst in seinen Händen, wie viele Kronen auf seinem Haupte, wie viele Könige Lagen noch ihm zu Füßen! — Allein i» den Augen aller, die ihm nahe stehen, die ihn täglich sehen und hören, bleibt er größer als er jemals war. Da- ist das Gefühl, das Ist die Meinung Aller, die ihn umgeben. Dir dienen ihm mit gleichem Eifer und lieben ihn mit verdoppelter Zärtlichkeit!" Indessen kam der Großmarschall und Gourgaud zurück. Sie halfen dem Kaiser wieder aufS Pferd und wir rieten weiter. Die Rückkehrendcn versicherten übrigens, daß ohne ihren Beistand daS Pferd nicht wieder herausgekommen Ware und die vereinten Kräfte von drei Personen kaum zugereicht hätten, ihm zu helfen. Ziemlich lange nachher, als wir um eine Ecke ritten, bemerkte der Kaiser, daß der Läger uns nicht gefolgt sei und sagte, man hätte warten sollen, bis er im Stande gewesen wäre, mitzureiten. Die Herren meinten, er werde zurück geblieben seyn, um so guc als möglich sein Pferd zu reinigen. Bei fernem Wendungen auf unsrer fortgesetzten Promenade wiederholte der Kaiser immer wieder die nämliche Bemerkung. Wir kehrten bei dem Großmarschall ein und ruhten dort einige Minuten aus. Der Kaiser fragte, als er wieder aus dem Hause trat, ob der Läger vorbei geritten wäre; man 22 hatte ihn abek nicht gesehen. Als er endlich nach Longwood kam, Wr sein erstes Wort, ob der Jäger angekommcn sei? —- Er war cs lange schon, indem er einen andern Weg genommen hatte» Ich habe mich vielleicht zu sehr bei einem so geringfügigen Ilmstande verweilt, aber er schien mir höchst charakteristisch. In dieser Sorgfalt eines guten Hausvaters wird der Leser schwerlich das unempfindliche, harte, boshafte, grausame Ungeheuer, mit einem Worte, gewiß nicht den Tyrannen erkennen, von dein man ihm so viel vorgesagt hat. Anmerkung. Ich habe oben Fragmente über den Feldzug in Italien mitzutheilen versprochen, die unter meinen Händen geblieben sind. Ich bin jezt mit einem Monat zu Ende gekommen und will nun einige Kapitel davon einschalcen. Da nach meiner Rückkehr nach Frankreich, In Folge deS traurigen Ereignisses, das mich mir selbst zurückgegeben hat, die Gründe wcgfielen, jene Bruchstücke, die ich mit Zustimmung des Kaisers besitze, für mich zu behalten, und die erfolgte Wegnahme meiner Papiere durch das englische Ministerium mir es unmöglich macht, etwas über St. Helena herauszugeben, so überließ ich einige jener Fragmente zur Bekanntmachung und forderte dabei nur, daß man nicht verschweigen möchte, daß es bloße BrouillonS wären, welche man bei dem ersten Diktiren flüchtig niedergeschriebcn habe und die nachher ohne allen Zweifel große Abänderungen erlitten habe» würden. Jezt da die Rückgabe meiner Papiere mich In den Stand setzt, das Denkbuch von St. Helena erscheinen zu lassen, habe ich mich entschlossen, diese Fragmente über den Feldzug in Italien damit zu verbinden. Ich hoffe, daß eS für diejenigen nicht ohne Interesse sei)» wird, die den ersten Entwurf mit den nachherigen reifem Gedanken gern vergleichen wollen, und zwar um so mehr, als ich von den Personen, welche das Manuscript über seine Feldzüge in Händen haben, weiß, daß der Kaiser seinen Willen dahin ausgesprochen hat, daß das Ganze auf eine splendide Weise mit Karten und Planen hinaus gegeben und seinem Sohne dedicirt werden soll, mithin aber zu glauben berechtigt bin, daß noch viele Zeit verfließen werde, ehe inan daS Vergnügen haben wird, eS ans Licht kommen zu sehen. Ich werde demnach das Wenige, was ich davon besitze, nämlich sieben Kapitel von zwei und zwanzigen, entweder bei dem Schluß der Monate, oder bei solchen Stellen des Journals selbst einschaltcn, wo eS ihm sonst an Interesse fehlen könnte. Hier sind die ersten Bruchstücke: Vendemiaire, die Bataille von Montcnotte und ein Theil deS dritten Kapitels, über die Topographie von Italien. Der dreizehnte Vendemiaire. Anmerk »ng. Alle mit anderer Schrift gedruckte Worte sind Im Originaimanuscripte enthaltene Verbesserungen von Napoleons eigner Hand. i. Constitution des Jahres Hl. — Der Sturz du Municipalitäc vom 31. Mai, der Parthel DantonS und Robes- pierrcs, zog den Sturz der Jakobiner und das Ende der revolu- tionären Regierung nach sich. Don dieser Zeit an wurde der Convent nach und nach von mehreren Auktionen beherrscht, deren keine jedoch sich ein klibcrgcwicht verschaffen konnte. Ihre Grund« sätze wechselten mit jedem Monat. Das Innere der Republik litt durch eine furchtbare Reaktion. Die Domainen wurden vergebens feil geboten und da der Credit der Assignaten täglich tiefer sank, so waren die Truppen ohne Sold; nur Requisitionen und das Maximum hatten seither sie noch im lliberflusse erhalten. Jczt standen die Magazine leer und kaum konnte man dem Soldaten noch Brod schaffen. Die Truppenaushebung, die während der RcvolutisnSrcgierung mit der größten Strenge vollzogen worden war, hörte auf. Die Armeen waren zwar noch immer glücklich in ihren Unternehmungen, indem sie noch nie so zahlreich gewesen waren, aber sie erlitten doch tägliche Verluste und es gab kein Mittel mehr sie zu ersetzen» Die auswärtige Parthei gewann, uncer dem Vorwände, daß sie die VourbonS wieder einsetzen wolle, immer mehr und mehr Kraft. In den Salons sagte man öffentlich und ohne Scheu seine Meinung. Die Mictheilungen ins Ausland waren leichter geworden und man verhehlte sich nicht länger, daß die Republik auf dem Wege zu ihrem Verderben sei. Die Revolution war nun schon alt; sie hatte viele Interessen empfindlich berührt und eine eiserne Hand aus jeden Einzelnen gelastet. Viele Verbrechen waren verübt worden. Sie wurden jczt mit Erbitterung genannt und man reizte täglich mehr den Unwillen des Volks gegen alle diejenigen auf, die zu den Erfolgen der Revolution bei den Zweigen der Regierung, oder der Verwaltung, oder sonst auf irgend eine Weise mitgewirkt hatten. Pichegru war gewonnen. Er, der erste General der Republick, Sohn eines Landmanns in der Franche-Comt- und in seiner Jugend Minorit im Collegio zu Brienne, hatte sich nun der königlichen Parchej verkauft und waö sein Heer errungen hatte, ihr überliefert. 31 Die Proftlitcn der RevolutionSfctnde waren jedoch di der Armee nicht zahlreich. Sie blieb den Grundsätzen derselben, sür die sie so viel Blut vergossen, sür welche sie so viele Siege erkämpft hette, getreu. Alle Partheien waren mit dem Convent — er war sogar mit sich selbst unzufrieden. Die Bestimmung desselben war die Errichtung einer Constitution und er sah nun endlich ein, daß das Heil des Vaterlandes, wie seine eigne Wohlfahrt eS sodere, ohne Auf» schub diese ursprüngliche Bestimmung zu erfüllen- Er nahm daher am 21. Zuni 1795 diejenige Constitution an, welche unter dem Namen der Constitution des Jahres 3 bekannt ist. Die Regierung ward dadurch fünf Personen des DireccoriumS und die Gesetzgebung zwei Conseils, welche man den Rath der Fünfhundert und den Rath der Alten nannte, anvertraut. Diese Constitution nun wurde der Bestätigung des Volks in einer Pr!» mairversammlung anheim gegeben. ii. Additionalgesetze der Constitution. -— Man hatte überall die Meinung verbreitet, daß der Fall der Constitution von 1791 dem Gesetze zugeschrieben werden müsse, wornach die Mitglieder der exekutiven Gewalt von der gesetzgebenden ausgeschlossen seyn sollten. Der Convent verfiel nicht in den nämlichen Fehler. Er fügte der Constitution zwei Gesetze hinzu, wodurch bestimmt wurde, daß zwei Drittheile dcS neuen gesetzgebenden Körpers aus Mitgliedern des Convents bestehen und die Wahlversammlungen der Departements sür diesesmal nur das Recht haben sollten, ein Drittheil der beiden Räthe zu ernen» nen. Der Convent beschloß ferner, daß diese zwei Additionalge» setze dem Volke, als unzertrennlich von der Constitution selbst, zur Genehmigung vorgelegt werden sollten. Don dieser Zeit an war nun die Unzufriedenheit allgemein.' Die Parthei des Auslandes sah seine Absichten durch diese Dis» Positionen Hintertrieben. Sie hatte sich geschmeichelt, die beiden Räche würden aus lauter neuen Leuten zusammengesetzt seyn, denen die Revolution ganz fremd wäre, vielleicht zum Theil selbst auS Menschen, die ein Opfer derselben geworden waren — und hatte daher gehofft, selbst durch den Einfluß der Legislatur die Gegen» revolution zu bewirken. Es fehlte dieser Parthei gar nicht an sehr guten Gründen, wodurch sie die 'wahren Ursachen ihrer Unzufriedenheit verhehlen konnte. Sie führte an: die Rechte des Volks wären verkannt, weil der Convent, der nur die Bestimmung gehabt habe, eine Con» üillition zu errichten, nun die Gewalt eines WahlkörperS an sich 22 reiße, indem er seinen eignen Mitgliedern die Macht eines gesctz. gebenden Corps beilege — daß ferner der Beweis dafür, daß der Convent absichtlich gegen den Willen des Volks handle, darinnen liege, daß selbiger den Primairversammlungen willkührlich die Verbindlichkeit auflege, zugleich über das Ganze der Constitution und ihre Additionalgesetze abzuftimmen. Der Convent dürfe aber niemals wollen, was das Volk nicht wolle. Warum lasse er nicht einzeln über die Constitution und über die Zusatzgesetze votiren? ES geschehe blos, weil er wohl wisse, daß dann die letztem einstimmig verworfen werden würden. So viel nun die Constitution selbst betraf, so war sie allerdings dem, was seither bestand, vor- Anziehen; über diesen Punkt waren alle Partheien einverstanden. Freilich hätten die Einen lieber einen Präsidenten, statt der fünf ^ Dircctorcn gehabt, und die Andern ein volkSthümlichereS Conseil > gewünscht; aber im Allgemeinen sah man die neue Constitution ! gern. Die Parthei des Auslandes, die von geheimen Comiteen geleitet wurde, legte ihrerseits wenig Werth auf die Formen der Regierung, die nach ihren Willen keinen Bestand haben sollte, und schenkte ihr nur insoweit ihre Aufmerksamkeit, als sie in jeder Constitution die Mittel aufsuchte, mit deren Hülfe die Gegenrevo- lution herbcigeführc werden könne. Alles was dazu diente, die ^ Macht den Händen des ConvencS und seiner Anhänger zu entr!>i> gen, war ihr angenehm. in. Die Additionalgesetze werden von den Pariser Sektionen verworfen. — Die acht und vierzig Sektionen von Paris vereinigten sich. Es waren dies acht und vierzig Tribünen, welchen die wüchendsten Reduer zuströmtcn. Laharpc, Eerizi, Lacretelle der Jüngere, Vaublanc, Rcgnault u. s. w. ES bedurfte nur eines geringen Talents, um alle Gemüther gegen Den Convent aufzubringen, und mehrere dieser Redner zeigten ei» großes. So wurde die Hauptstadt in Tährung gebracht. Nach dem neunten Thermidor hatte man die Nationalgarde orga- nisirt. Man wollte die Jakobiner daraus entfernen, ! war aber in den entgegengesetzten Fehler verfallen, wodurch sich die § Gegenrevolutionairs in ziemlich großer Zahl in derselben befanden. , Diese Nationalgarde bestand aus 4oooo Mann, bewaffnet und be- , kleidet. Sie thcilte die ganze Erbitterung der Scktionsmitglicder gegen den Convent; und die Additionalgesetze wurden in Paris vcr- i worfen. Die Sektionen erschienen eine nach der andern vor den ! Schranken des Convents und sprachen dort laut ihre Meinung ans. , Der Convent glaubte indessen, daß diese ganze Bewegung sich Wieder beruhigen werde, sobald die Provinzen ihre Meinung durch Anmhnic der Constitution und der Additionalgesctze kund gcthan haben werden. Er glaubte, daß solche mit den gewöhnlichen Volks- i ausstanden zu London zu vergleichen sei und mit denen die vormals j zu Nom zur Zeit der Comicien so oft statt gefunden hätten. Am 23. September proklamirte derselbe die Annahme der Constitution und der Additionalgesctze durch die Mehrheit der Primairversamm- lmigen. Aber sogleich am folgenden Tage ernannten die Sektionen i von Paris Deputirte, um eine Centralversanimlung von Wählern zu bilden, welche sich Im Odeon vereinigten. IV. Bewaffneter Widerstand der Sektionen von Paris. — Die Sektionen hatten ihre Kräfte ermessen und die Schwäche dcS ConvcntS erkannt. 2cne Versammlung von Wählern war eine Versammlung von Aufrührern. Der Convent annullirte die Versammlung deS Odeon, er- > klärte sie für gesetzwidrig und befahl seinen Comitcen, sie mit Gc- mit aufzulöscn. Am 10. Vendemiaire rückte die bewaffnete Macht nach dem Odeon vor und vollzog jenen Befehl. Das auf dein Platz Odeon vcrsammlete Volk begann zu murren, erlaubte sich einige Beleidigungen, leistete jedoch keinen Widerstand. Das Conventsdekret, welches das Odeon schloß, erregte den Unwillen aller Sektionen. Es schien jedoch, als ob die Sektion Lepclletier, deren Hauptort im Kloster der Fillcs-Saint-Thomas war, an der Spitze dieser Bewegung stehe. Ein Conventsdekret verordnete daher, daß der Sitzungssaal derselben geschlossen, die Versammlung aufgelöset und die Sektion entwaffnet werden solle. Am 12. Vendemiaire (3. Oktober) um 7 oder 8 Uhr AbendS bczab sich der General Menou in Begleitung der Volkörcpräsen« kanten, Commissarien der Armee des 2nnern, mit einem zahlreichen ,, Truppencorpö nach den Ort, wo die Sektion Lepclletier ihre Sitz- ^ »ngen hielt, um das Dekret des ConvcntS vollziehen zu lassen, i Infanterie, Cavallerie, Artillerie, alles wurde in der Straße Vivi- cnne, an deren Ende das Kloster der Filles-Saint« Thomas sich befindet, über einander gehäuft. Die Sektionsmitglicdcr hatten die Fenster der Häuser in dieser Straße besetzt; mehrere ihrer Bataillone waren in dem Klosterhofe in Schlachtordnung aufgestellt und die militairische Macht, welche der General Menou befehligte, sah sich in einer eignen Verlegenheit. Der Comics der Sektion erklärte sich zum Repräsentanten deS souverainen Volks in Ausübung seiner Funktion und versagte dem s Befehle deS Convents den Gehorsam. Nachdem man eine Stunde ^auf unnütze Weise unterhandelt hatte, zog sich der General Menou ^ L.Cases Tages, z.Bd. 3 34 nebst den Conventscommlssarien, in Folge einer Art von KaMu- lation, zurück, ohne die Versammlung aufgelöst und entwaffnet zu ^ haben. V. Menoa wirb baS Commando der Armee des Innern ab genommen. — Die siegreiche Sektion erklärte sich für permanent, sendete Deputationen an alle andere Sektionen, rühmte sich ihres glücklichen Erfolgs und drang auf eine ihren Widerstand sichernde MaaSregel. So wurde der 13. Vendcmiaire vorbereitet. Der General Bonaparte, der seit einigen Monaten bei dcr Direktion der Bewegungen der republikanischen Armeen angestellt war, befand sich eben in einer Loge des Theaters Feydeau, als einige seiner Freunde ihm von der sonderbaren Scene Nachricht k gaben, die sich ereignet hatte. Er war begierig, ein so großes ^ Schauspiel in dcr Nähe zu betrachten, und als er nun sah, daß s die Convcntstruppcn zurückgctrieben waren, eilte er auf die Till'»-- ! ncn deS Versammlungösaales, um die Wirkung einer solchen Neuig- kcit und die Art, wie man sie vortragen, so wie die Farbe, welche !. man ihr geben würde, zu beobachten. Der Convent war in der größten Bewegung. Die dcr Armee ' zngcgebnen Repräsentanten schoben alle Schuld auf Mcnou; iiia» nannte Verrath, waS doch nur Ungeschicklichkeit war und er wurde j verhaftet. i 3ezt zeigten mehrere Repräsentanten sich nach und nach aus dcr Bühne, um die Größe dcr Gefahr zu schildern, und die Nachrichten, welche in jedem Augenblicke von den Sektionen eingiugc», bestätigten nur zu sehr ihre Versicherung. Jedes Mitglied schlug einen General vor, in welchen cö besonderes Vertrauen setzte, und diejenigen unter ihnen, welche zu Toulon oder bei der italienischen Armee gewesen waren, samt den Mitgliedern deS Wohlfahrtsausschusses, welche in täglicher Berührung mit Napoleon staube», nannten ihn als den Mann, der wegen seines schnellen Uibcrbliu'eS und der Festigkeit seines Charakters vor allen geeignet sei, sie a»S dieser gefahrvollen Lage zu ziehen. Man sendete fort, ihn auf;»- j i suchen. Napoleon, der alles mit angchört hatte und wußte, wovon die Frage sei, ging über eine halbe Stunde mit sich selbst zu Ralhc,H waS er zu thun hätte. Zwischen dem Convent und Paris war jcjk ein Kampf aus Tod und Leben ansgebrochcn. War cS uu» klug sich zu erklären und so im Namen von ganz Frankreich zu sprechen? Wer durfte cs wagen, allein auf den KanipsM binabzustciacn und sich zum Verfechter dcr Sache des Conmu« < ! aHuwerfen? Selbst der Sieg hatte dann etwas Gehässiges — indessen die Niederlage der Verwünschung aller künftigen Geschlechter Preiß geben mußte. Wer konnte wohl Lust haben, der Sündenbock so vieler Verbrechen zu werden, woran man doch ganz unschuldig war und gutwillig, seinen ehrlichen Namen zum Opfer zu bringen, um dann „ach wenig Stunden unter die Zahl derer zu gehören, die man nur mit Abscheu nennt! WaS wurde aber von der andern Seite, wenn der Convent unterlag, auS den großen Wahrheiten unsrer Revolution? Unsre zahlreichen Siege, die wir so oft mit unserm Blute erkauft hatten, waren dann nur Schandthaten. Das Ausland, das wjr so viel- ! mals bezwungen hatten, triumphirte dann und strafte unS mit Dcr- ! ein übcrmüthige, entartete Umgebung kam dann siegreich zurück, warf uns unsre Verbrechen vor, übte seine Rache aus und beherrschte unS, gleichsam als Heloten, durch die Macht des Auslandes. , Die Niederlage des Convents mußte sonach dem Auslande den ^ Siegcrkranz und dem Vatcrlande Schmach und Knechtschaft bringen. Diese Betrachtung, 25 Jahr, Vertrauen in seine Kräfte, sei» I Geschick! — Kurz, er war entschlossen, begab sich zu ' dein Comitec, schilderte dort mit lebhaften Farben die Unmöglichkeit mit drei Repräsentanten, die eigentlich alle Gewalt auöübtcn und allen Unternehmungen des Generals Zwang anlegten, ein so wichtiges Geschäft zu leiten, und setzte hinzu, daß er Zeuge dcS Borfalls in der Straße Divienne gewesen sei, daß die Commissgricn ^ die mehreste Schuld gehabt hätten und gleichwohl in der Dcr- "sanimlung mit dem glücklichsten Erfolg als Ankläger erschienen .wären. Betroffen von diesen Wahrheiten, beschloß der Comitec, bei der Unmöglichkeit die Commissarien ohne eine lange Verhandlung der ssonvcntsversammlung abzusetzen, um Alles beim Guten zu crhal- > tcn, denn cö war ja keine Zeit zu verlieren, den Gcnc- ral selbst in die Versammlung aufzunehmen. Er schlug zu diesem H Meck dem Convente Barras zum General cn Chef vor und über» st' trug Napoleon daS Commando, welcher auf diese Weise von den i i drei Commiffaricn befreit war, ohne daß diese sich beklagen konnten. Sobald Napoleon mit dem Befehl zu Vertheidigung des Cou- >! »ents beauftragt war, begab er sich sogleich in eins der Zimmer der ; Tuilerien', wo sich Menou befand, um von ihm die nöthigcn Mit- « Heilungen über die Stärke und die Stellung der Truppen, so wie ' ll> gleicher Maase über die Artillerie zu erhalten. Die Armee 36 bestand überhaupt nur auS sooo Mann von asten Waffen mü 4o Kanonen, die in den SablonS mit 15 Mann Wache standen. Es war 1 Uhr NachtS. Napoleon schickte sogleich einen ESkadronschcf vom 21stenChas. scnrsregimente (Murat) nüt 300 Pferden und der Ordre ab, sich eiligst in die Sablons zu verfügen und die Artillerie nach dem Garten der Tuilerie» zurückzubringcn. Einen Augenblick später war eS nicht mehr Zeit. AlS jener .Offizier um 2 Uhr in den SablonS ankommt, trist er dort mit der Spitze einer Eolonnc der Sektion Lepellctier zusammen, welche den Park wegnehmen will. Allein er hac Cavallerie, man befindet sich aus ebnen Boden, die Sektion zieht sich zurück und des Morgens um 6 Uhr rücken die 4o K>r- nonen in den Tuilcrien ein. VI. Dispositionen deS Angriffs und der Verth eidigung für die Tuilcrien. Von 6 bis 9 Uhr besuchte Napoleon alle Posten und stellte seine Artillerie an der Brücke Ludwig Xvi., am Pont. Royal, an der Straße Rohan, am Cul de Sae Dauphin, in der Straße Sainte.Honore, am Pont Tournant ».sw. n. rer den Befehlen sicherer Offiziers, überall mit brennender Linite auf und vertheiltc seine kleine Armee auf den vcrscdiedncn Posten. Die Reserve stand im Garten und auf dem Carousclplatz. In ganz Paris wurde Gencralmarsch geschlagen. Die Natio- ualgardcn besetzten alle Ausgänge und umringten so das Schloß und den Garten. Ihre Tamboure trieben die Kühnheit so wrir, den Gencralmarsch sogar auf dem Carousclplatz und dem Platz Ludwig XV. zu schlagen. Die Gefahr war groß. 40000 Mann wohlbewaffncte, seit langer Zeit organisirte Nacionalgarden, die höchst aufgebracht gegen den Convent waren und ihnen gegenüber die zu seiner Verkheidi- gung bestimmten Linientruppen, welche bei ihrer geringen Zahl so leicht von der sie überall umgebenden Volksmenge verführt iverdm konnten. Der Convent ließ jezt an 1500 Individuen, die man die Patrioten von 89 nannte, Waffen auscheilen. DaS wart» Leute, die in Folge deS 9. Thermidor ihre Anstellungen vcrlorin und ihre Departements verlassen hatten, wo die allgemeine Meinung sic verfolgte. Man bildete davon 3 Bataillone, die man dem General Berruycr anvcrtrautc. Sie schlugen sich mit der größten Tapferkeit, rissen so die Linientruppen mit fort und trugen viel zu dem Erfolg des Tages bei. Ein Comitce von 4o Gliedern, unter dem Vorsitz von Caniba-' ceres aus dem Wohlfahrtsausschuß und dem Comitce der allgemeinen Sicherheit gebildet, leitete daS Ganze. Man stritt sich vicl,> 27 bcsckwß nichts und die Gefahr wurde mit jedem Augenblicke drin» geuder. Einige wollten, man solle die Waffen niedcrlegcn und die Sek- tionSmitgiiedcr empfangen, wie ehemals die römischen Senatoren die Gallier empfangen hatten. Andre schlugen vor, man möchte sich auf die Höhen von Saint-Cloud, dem Camp de Ccsar zurückziehen und dann sich mit der Armee der Ostseeküstcn vereinigen. Noch Andre verlangten, daß man Deputirte an die 48 Sektionen schicken solle, um ihnen verschiedene Vorschläge zu thun. Während dieser unnützen Verhandlungen dcbouchirte Nachmittags „m 2 Uhr ein gewisser Lafond, von der Sektion Lcpellcticr mit 3 oder 4 Bataillonen auf dem Ponc-Neuf, eine andere Coloune von gleicher Starke kam vom Odeon ihm entgegen und beide vereinigten sich auf dem Platz Dauphine. Der General Cortaux, der mit 400 Mann und 4 Kanonen am Pont-Ncus stand, mit der Ordre, beide Enden der Brücke zu rertheidigcn, verließ seinen Posten und zog sich biS zu den Pfört- chen zurück. Zu gleicher Zeit nahm ein Bataillon Nationalgardcu von dem Garten der Infantin Besitz, gab dabei vor, daß es dem Convent ergeben sc! und bemächtigte sich gleichwohl dieses Postens ohne dazu erhaltenen Befehl. Von einer andern Seite ward Saint- Roch, das Theater Fran^ais und das Hotel de NoailleS von der Nacionalgarde mit Gewalt genommen. Die Posten der Gcgenpar- khei waren kaum 12 bis 15 Schritt von ihnen entfernt und die Eektionömanncr schickten in jedem Augenblicke ihre Weiber, oder kamen selbst ohne Waffen und die Hüte cmporwcrsend, herzu, um mit den Linientruppen sich zu verbrüdern. Vll. Gefecht am 13. Dcndemlalre. — Die Lage der Dinge verschlimmerte sich von Minute zu Minute. Um 3 Uhr schickte Danica, ein General der Sektionen, einen Parlementair, um den Convent aufzufordern, die das Volk bedrohenden Truppen zurückzuziehen und die Terroristen zu entwaffnen. Dieser Parlementair ging mit verbundenen Augen, nach achtem Kriegsgcbrauch durch die Posten. Er iwurde so in die Mitte des Comitee der Vierzig eingcführt und erweichte denselben gar sehr durch seine Drohungen. Um 4 Uhr entließ man ihn. Die Nacht nahte heran und man zweifelte nicht, daß sic der SektionSparthci bei ihrer großen Anzahl sehr günstig seyn müsse. Ihre Mannschaften konnte» sich auf allen Wegen zu den schon so eng cingeschloffenc» Tuilerien von Haus zu Haus weiter schleichen. Ohngefähr zu der nämlichen Stunde wurden 700 Stück Gewehre samt-Patroncaschcn »nd Patronen nach dem Coiiventssaqlc gebracht, um die Csn- 58 vcntsmitglicder selbst als ein Reservecorps zu bewaffnen. Diese Maaörcgel beunruhigte mehrere unter ihnen gar sehr, da sie nun erst hierdurch die Größe der Gefahr begriffen, in der sic sich de- fanden. Endlich hörte man ein Viertel auf 5 Uhr Flintenschüsse von dem Hotel de Noailles her, dessen die Scktionsparthe! sich bemächtigt hatte. Die Kugeln flogen bis zu der steinernen Treppe dcr Tuilericn. 2»i nämlichen Augenblick brach die Colonne Lafond durch den Luai Voltaire hervor und marschirte nach dein Pont- Royal. 2czc erhielte» die Batterien -Ordre zu feuern. Ein Acht- Pfänder im Cul-de-Sae Dauphin machte den Anfang und gab das Signal für alle Posten. Nach einigen Schüssen war Saint-Roche genommen. Die Colonne Lafond, welche von der auf dem Quai, in der Gegend des Pförtchens am Louvre und vor dem Pont-Ropal, ausgestellten Artillerie von vorn und in den Flanken beschossen wurde, gerietst dadurch in Unordnung. Die Straße Saint-Hemm, die Straße Saint-Florentin und die angrenzenden Plätze wurden gereinigt. Ldhngefähr 100 Mann suchten im Theater der Repu- blick »och Widerstand zu leisten, aber einige Haubitzen brachte» sie sogleich zum Weichen und um 6 Uhr war AlleS zu Ende. Wenn man in dcr Nacht noch einige Kanonenschüsse hörte, so war es blos, um den Versuch einiger Einwohner zu hindern, welche mit Fässern hier und da Sperrungen machen wollten. Von jeder Seite waren ungefähr 200 Mann geblieben oder verwundet, und zwar von der Parthe! deö ConventS die mehrcsten an den Thoren von Saint« Roch. Drei Repräsentanten, Frcron, Louvet und Syeyes zeigten Entschlossenheit. Die Sektion von Luinze-Vingt, in der Vorstad» Saint- Antoine, ist die einzige, welche dem Convent 250 Mann gestellt hat; so sehr hatten seine letzten politischen Schwingungen die , Gemüt her aller Klassen von ihm gewendet. Allein wenn schon die Vorstädte sich nicht zu seinem Gunsten erhoben, so handelten sie doch wenigstens auch nicht gegen ihn. ES ist übrigens ungegründct, daß man zu Anfänge der Aktion nur blind geschossen habe. Daö hätte zu nichts gedient, alö die SckcionSparchei zu ermuthigen und den Truppen Schaden zu bringen; aber als daS Gefecht im Gange und der Erfolg nicht mehr zweifelhaft M- wnrde nicht mehr anders, als nur blind geladen. vill. Der 14. Vendemiaire. Noch immer dauerst» die' lmsammeilkünsce in der Sektion Leprlleticr fort. Au> l4. MorgeiiS rückccn die Colonnru durch die Boulevards, -ie Straß« Richelieu und das PaiaiS Royal gegen sie an. Veden vorzüglichsten Zugängen waren Kanonen ausgestellt, und so waren die SectionS-Männer bald aus einander gesprengt. Der Rcst dcö TagcS wurde verwendet, dis Stadt zu durchstreichen, die Hauptsammclxlätzs der Scctionen zu visttiren, ihnen die Waffen abzmiehmen, und Proklamationen zu verlesen. Am Abend war Allcö zur Ordnung zurüekgekchrt, und Paris vollkommen ruhig. Sobald nun, nach diesem großen Ereignisse, die Offiziers der Armee deS Innern dem Convent lm CorpS vorgestcllc wurden, ernannte derselbe durch Aeclamatlon Napoleon zum Chef dieser Armee, da WarraS nicht länger den Titel eines Repräsentanten ml! einem inilltairischen Amte vereinen konnte. Der General Menou wurde vor ein Kriegsgericht gestellt; man wollte seinen Tod, doch der General cn Chef rettete denselben. Sr sagte seinen Richtern, daß wenn dieser den Tod verdient habe, cr von den drei Repräsentanten, welche seine Operationen geleitet >mb mit der SectionSparthcl parlcmcntirt hätten, ebenfalls verwirkt wäre, und mithin der Convent sic gleichermaßen richten lassen müsse. Dann erst könne ein Urtheil über Menou gefällt werden. Der Kastengeist war stärker, als die Stimme der Feinde Mcnons. Bon eben dieser Commission wurden mehrere Individuen ln Contumaciam zum Tode verurthcilt; unter andern Vau> blaut. Der vorhingenannte Lafond war aber der einzige, welcher hingcrichtet wurde. Der junge Mann hatte ln der Thar bei dem Gefecht großen Much bewiesen. Die Spitze seiner Colonne sammelte sich auf dem Pont Royal während des Katäcschen« Feuers zu mehrcrenmalen wieder, ehe sie sich gänzlich zerstreute. Er war ein Emigrant, und eS gab kein Mittel, ihn zu retten, so sehr man auch dazu geneigt seyn mochte. Seine unklugen Antworten vereitelten stets die gute Absicht der Richter. ix. Napoleon csmmandlrk als Chef die -Armee beS Innern. —> Nach dem 13. Vendcmlairc hatte Napoleon die Nationalgarde zu orgauisiren. Es war dies ein Gegenstand der größte» Wichtigkeit, denn sic bestand nun aus 104 Bataillonen. Er bildete zugleich die Garde deS Direktoriums, und stellte die dcS gesetzgebenden CorpS wieder her. In diesen Elementen fand er späterhin die vorzüglichsten Mittel zu dem glücklichen Erfolge an dem berühmten Tage deS 18. Brumalre. Er hatte ein solches Andenken bei diesem CorpS hinterlassm, daß bei seiner Rückkehr anö Egypten, ob schon das Direktorium seinen Soldaten bekannt gemacht hatte, daß ihm nur in völliger Uniform militalrische 40 Ehrenbezeugungen gehörten, sie sich doch nicht adhalten ließen, je, desmal, er mochte erscheinen, wie er wollte, Feldmarsch zu schlagen. Napoleon hatte in den wenigen Monaten, alS er die Armee dcS Innern commandircc, mit vielen Hindernissen und Schwierig, keiten zu kämpfen. Dahin gehört, die Einsetzung einer neuen Regierung, deren Mitglieder unter sich selbst nicht einig und oft in völligem Widerspruch mit den Rathen.waren; eine dumpfe Gährunz unter den altern Sectionspartheien, welche die Majorität in Paris ausmachtcn; der thätige Geist der Unruhe bei den Jakobinern, die sich aufs Neue unter dem Namen der Gesellschaft dcS Pantheon vereint hatten; die fremden Agenten deS Königthums, welche eine gar mächtige Parthei bildeten; der sinkende Credit der Finanzen und dcS Papiergeldes, der die größte Unzufriedenheit bei den Truppen erregte; vor Allem aber dis furchtbare Hungersnot!), welche damals die Hauptstadt bedruckte. Zehn oder zwölfmal fehlte es an Lebensmitteln, und die tägli. chm geringen Austhcilungen, zu welchen die Regierung sich genö. thigt sah, wurden unterbrochen. ES bedurfte einer seltnen Thätig. kcit und eines äußerst geraden und festen Ganges, um solche Hindernisse zu übersteigen, und bei so traurigen und schwierigen Verhältnissen die Ruhe in der Hauptstadt zu erhalten. Die Gesellschaft des Pantheon gab dem Direktor!» täglich grö. ßcrn Anlaß zur Unruhe. Die Polizei wagte nicht, sie geradehin anzugreifen. Der General en Chef aber lies den Ort ihrer Zusammenkünfte unter Siegel nehmen, und dis Mitglieder derselben wagten, so lange er gegenwärtig blieb, eS nicht, sich zu rühren. Erst nach seiner Abreise zeigten sie sich ausS Neue, und wurden unter dem Einfluß von Babeuf, Antonelle und andern auf dem Camp de Grenelle wiederum laut. Oft kam er in den Fall, öffentlich zu sprechen, an der Halle, in den Straßen, zu den Sektionen und in den Vorstädten. ES verdient hierbei bemerkt zu werden, daß, von allen Abtheilungen der Hauptstadt, die Dorstadt Saint-Antoine immer am ersten der Vernunft Gehör gab, und für edlere Eindrücke empfänglich war. Während des Commandos von Paris machte Napoleon die Bekanntschaft der Frau von Beauharnaiö. AlS nämlich die allgemeine Entwaffnung der Sektionen vollzo« gen wurde, erschien bei dem General-Stabe ein junger Mensch von zehn bis zwölf Zähren, der den General en Chef dringend bat, ihm den Degen seines DaterS, welcher General der Republik gewesen war, zurückgeben zu lassen. Dieser junge Mensch war Eugen von Beauharnais, späterhin Dicckönig von Italien. Napoleon rührte die Natur seiner Bitte, so wie der Anstand, 41 Miitt er schon in diesem Alker zu kitten verstand, und er ge« ivährce Ihm sein Verlangen. Eugen weinte, als er seines Vaters Degen erblickte, der General war davon ergriffen, und bezeigte ihm so großes Wohlwollen, daß Frau von Beauharnais sich sür verbunden hielt, am folgenden Tage ihm ihren Dank persönlich darzubringen. Napoleon beeilte sich, den Besuch zu crwiedern. Die überaus große Anmuth der Kaiserin Iosephine, ihr höchst gefälliges und anziehendes Benehmen ist jedermann bekannt. Die Bekanntschaft wurde bald so innig und zärtlich, daß sie nicht zögerten, sich mit einander zu vermahlen, x. Napoleon wird zum Okergeneral der Armee von Italien ernannt. Man tadelte Scheerer, welcher die Armee von Italien commandirte, daß er nicht verstanden habe, von seiner Schlacht bei Loano Vortheil zu ziehen, wie man denn überhaupt mit seinem Benehmen nicht sehr zufrieden war. In seinem Hauptquartiere zu Nizza sah man mehr Angestellte, als Mlitairs. Er verlangte Gold, um die Truppen zu bezahlen, und die verschiedenen Zweige des Dienstes wieder herzustellen. Er ver» langte Pferde zum Ersatz derer, die man hatte verhungern lassen, und die Regierung konnte ihm weder das eine, noch das andere gewähren. Man gab ihm aufschiebende Antworten, und hielt ihn mit leeren Versprechungen hin. Er zeigte hierauf an, daß wenn man noch länger zögern würde, er sich genöthigt sähe, die Küste von Genua zu verlassen, bis an die Roya und vielleicht selbst bis über den Var zurückzugehen. Das Direktorium beschloß jetzt, ihn abiösen zu lassen. Ein junger General von 25 Jahren konnte nicht an der Spitze der Armee des Innern bleiben. Die Meinung, die man von seinen Talenten, und daS Vertrauen, welches die Armee von Italien zu ihm hatte, bezeichneten ihn als denjenigen, der allein fähig sei, sie auS der schlimmen Lage zu ziehen, in welcher sie sich befand. Die Verhandlungen, die er über diesen Gegenstand mit dem Direktorium hatte, und die Pläne, die er demselben vor» legte, ließen darüber nicht länger im Zweifel. Er reiste nach Nizza ab, und der General Hatri, ein Mann von 60 Jahren, kam von der Sambre und Meuse Armee, ihn bei der Armee deS Innern zu ersetzen, was nun, seitdem die CrisiS wegen des Mangels an Lebensmitteln überstanden war, und die Regierung Festigkeit erlangt hatte, nicht mehr alS etwas Wichtiges betrachtet werden konnte. 42 Die Schlacht bei Montenotte. Zeitraum von einem Monat, vom 28. März 1796 an, als dem Tage der Ankunft deS ObergcncralS zu Nizza, bis zu dem Waffenstillstand von CharaSco, den 28. AM desselben Jahres I. Plan Vcö FrldzugS zum Eindringen in -Italien durch Umgehung der Alpen. Der König von Sardinien, den man wegen seiner geographischen und mllitairischcn Stellung den Thürhüter der Alpen nannte, besaß Im Jahre 1796 Festungen bei den Ausgängen aller Bcrgschluchten, welche nach Piemont führen. Wollte man über die Alpen nach Italien eindringen, so mußte man nothwendig diese Festungen erst erobern. Nun gestatt teten aber die Wege keinen Transport von Belagerungsgeschütz, zudem sind die Berge drei Vicrtheile deS IahreS mit Schnee bedeckt, und cS blieb mithin nur ein kurzbr Zeitraum zu den Bcla- gerungSarbeitcn übrig. Man kam daher auf den Gedanken, die ganzen Alpen zu umgehen, und gerade auf dem Punkte in Italien rinzudrlngen, wo diese hohen Berge aufhörcn, und die Apcnnincn anfangen. Der Sanct Gotthardt ist der höchste Gebirgspaß der Alpen, die andern sind schon alle niedriger; denn der SancttGott- hard ist höher, als der Brenner, dieser höher, alS die Gebirge von Cadore; letztere höher, alS der Berg Tarvis und die Gebirge KrainS. Don der andern Seite ist der Sanct-Gotthardt höher, als der Simplon, dieser höher, als der Sanct-Bernhard; letzterer höher, als der Mont-Cenis, und der Mont-CcuiS höher, als der Tcnda. Von hier auS neigen sich die Alpen immer mehr. Sie enden dann mit dem Sanct-Iacobs Gebirge bei Savona, Ivo die Apcnnincn beginnen. Nun erhebt sich die Kette der Apennincn immer mehr und mehr im umgekehrten Verhältnisse, dergestalt, daß die Vochctca und die nahlicgcnden Gebirgspasse, welche Ligurien von Parma, ToSkana von Modena und Bologna trennen, immer auswärts steigen. DaS Thal von la Madonna dt Savona und die Bergstrccken von Sanct-Iacob und von Montenotte sind mithin zu gleicher Zeit die niedrigsten Punkte der Alpen und der Apenni- nen. ES sind nämlich diejenigen, wo die einen aushören und die andern anfangen. Savona, das einen Hafen hat, und dabei ein fester Platz ist, war geeignet, sowohl zum Magazin alS zum Stützpunkt zu dienen. Don dieser Stadt bis la Madonna sind drei Meilen gepflasterte Chaussee, und von da nach Carcari wieder vier bis fünf Metten. Dieser letztere Zwischenraum konnte in wenig Tagen für die Arlil- Icrie sahrbar gemacht werden. Von Carcari ans findet man dann Fahrwege, die in das Innere von Piemont und Mont - Fcrrat führen. Ans diesem Punkte allein konnte man nach Italien kommen, ohne über Berge zu gehen. DaS Ansteigen der Erdflächen ist . s wenigstens so unbedeutend, daß man später unter dem Kaiserthum den Plan zu einem Kanal gemacht hat, um das adriatische Meer mit s dem mittelländischen durch den Po und einen Arni der Bormida, -t einen Fluß, der auf den Höhen bei Savona entspringt, zu verbinden. - Bei dem Eindringen ln Italien, an den Duetten der Bormida, - durfte man sich mit der Hoffnung schmeicheln, die Sardinische und . die Desterreichische Armee zu trennen, und von einander zu son- s dern, indem man von da aus in gleicher Maaße die Lombardei und O Piemont bedrohete. Man konnte eben so leicht auf Mailand alü ' aus Turin losgehen. Das Interesse der Picmoutescr verlangte Turin, und das der Ocsterreicher Mailand zu decken. il. Zustand der beiden Armeen. Der General Brausten, ein ausgezeichneter .Offizier, der sich bereits einen Ruf durch seine Feldzüge im Norden erworben hatte, eommandirce das feind- liehe Heer. Es war mit Allem versehen, was cS furchtbar machen konnte. Die französische Armee litt dagegen an Allem Mangel, und ihre Regierung konnte ihr nichts geben. Daö Heer der Mitten besrgnd auS Ocsterrcichischen, Sardinischcn und Neapolitanische» Truppen. ES war dreimal so stark, als daö französische, und sollte nach und nach durch die Truppen deö Pabstes, inglei- chen von Neapel, von Modena und von Parma auS annoch verstärkt werden. Es theitte sich dieses Heer in zwei große CorpS, nämlich die p active Oestcrreichische Armee, bestehend aus vier Divisionen, einer beträchtlichen Artillerie und zahlreichen Cavalcrie, nebst einer Division Neapolitaner, zusammen 60000 Mann unter den Dassen. Die accive Armee von Sardinien auS drei Divisionen Piemontescrn und einer Dcsterreichischcn Division mit 4000 Pferden zusammengesetzt, war von dem Desterrcichischcn General Colli csmmandirt, der aber ebenfalls unter dem General Bcanlieu stand. Der Ueber- rcst der Sardinischcn Truppen war zu Garnisonen in den Festungen und zu Vertheidigung der Engpässe der Alpen verwendet, die der französischen Armee gegenüber lagen. Sie wurde» von dem Herzog von Aosta befehligt. Die französische Armee bildete vier active Divisionen unter de» Generalen Massen«, Augcrcau, la Harpe «uv 44 Scrrurler. Jede dieser Dlvtsione» mochte, eins lnö andere gerech. nec, etwa 6 biö 7000 Mann unter den Waffen haben. Die Cavalcrie, von 3000 Pferden, war in den, allcrelendcften Zustande, obschon sie lange Zeit, um sich neu zu bilden, an der Rhone gestanden hatte, aber es hatte ihr an Lebensrnitteln gefehlt. Die Zeughäuser zu Antibes und zu Nizza waren wohl versehen, aber eS mangelte an Transportmitteln, denn man hatte alle Zugpferde jämmerlich umkommen lassen. Die Geldnoth bet den Finanzen i„ Frankreich war so groß, daß man trotz aller Anstrengung doch nicht " mehr, als 2000 Stück Louisdors in Golde für die KriegScaffe der - Armee zu der Eröffnung dcö Feldzugs zusammcnbringen konnte. Don Frankreich auS war mithin nichts zu erwarten. Die Hülse konnte jetzt nur durch den Sieg erlangt werden. In den Ebenen von Italien mußte man sich Transportmittel verschaffen, die Artil« lcrie bespannen, die Soldaten bekleiden, die Cavalcrie beritten machen. Alles dies war gewonnen, so bald eS gelang, in Italien einzudringen. Die französische Armee war in der Thac kaum 30000 Mann stark, und hatte 90000 gegen sich. Hätten diese beiden Heere in einer offnen Schlacht gegen einander kämpfen sol« len, so wäre es ohne allen Zweifel der französischen bei ihrer ' geringen Mannschafrszahl und dem großen Mangel an Artillerie . und Cavalcrie gar nicht möglich gewesen, Widerstand zu leisten; aber so konnte man, was an der Menge abging, durch Schnellig« keit der Märsche, den Mangel an Artillerie durch vermehrte Wirksamkeit derselbe», und die fehlende Cavalcrie durch besonders gewählte Stellungen ersehen. IlibrigenS war die moralische Beschaffenheit unsrer Truppen ganz vortrefflich; alle Soldaten hatten entweder den frühem Feldzügen ln Italien, oder denen au den ! Pyrenäen beigewohnt. s M. Napoleon kömmt zu Nizza an. — Napoleon ! traf zwischen dem 26. und 29. März zu Nizza ein. Der Bestand , ^ der Armee, wie Schcercr ihm denselben vorlegte, war noch viel > schlimmer, als man sich Ihn nur hatte denken können. ES war nicht einmal mit Sicherheit auf Brod zu rechnen, und schon feit langer Zeit hatte der Soldat kein Fleisch mehr bekommen. Nur 200 Maulesel waren zu den Transporten vorhanden, und man durfte nicht daran denken, mehr alö 12 Kanonen fortzubringen. ! Mit jedem Tage wurde die Lage schlimmer. Es war mithin kein ! Augenblick zu verlieren. Wo die Armee stand, konnte sie nicht t mehr bleiben, sie mußte vor oder rückwärts gehen. § Der französische General gab dann also -Ordre zum Aufbruch Er sollte gleich bei Eröffnung des FcldzugS den Feind überraschen, durch glänzende und entscheidende Erfolge ihn einschüchten. Das Hauptquartier war seic Anbeginn deS Krieges noch niemals auS Nizza gewichen. Jetzt erhielt es den Befehl/ nach Albcnga abzugehcn. Seit langer Zeit betrachteten sich die Admini- firationsbehörden wie auf einem fixen Posten, und beschäftigten sich mehr mit ihren Lebenöbcqucmlichkciten, alö mit Anschaffung der Armecbedi'irfnissc. Der General hielt jetzt Revue über die Truppen, und sagte ihnen: „Soldaten! ihr seid nackt und blos und schlecht verpflegt; man ist uns viel schuldig und kann unS doch nicht- geben. Eure Geduld, der Muth, den ihr mitten unter diesen Felsen beweiset, verdient Bewunderung, aber Ihr erwerbt Euch dabei keinen Ruhm. Ich komme, Euch in die fruchtbarsten Gefilde der Welt zu führen. Reiche Provinzen, große Städte werden in unsre Hände fallen, dort sollt Ihr Schätze, Ehre und Ruhm finde». Soldaten von Italien! kann cS Euch an Muth fehlen? —> Diese Rede eines jungen Fcldhcrrn, von 25 Jahren, in den man schon so großes Vertrauen wegen der glänzenden -Operationen gesetzt hatte, die in den verflossenen Jahren von ihm zu Toulon, zu Saorgio, zu Savona geleitet worden waren, wurde mit dem lebhaftesten Freudcngcschrci ausgenommen. Sollten nun die ganzen Alpen umgangen werden, um durch den Engpaß von Cadibonne nach Italien zu kommen, so mußte die ganze Armee sich nach ihrem äußersten rechten Flügel hin zusammcnziehcn, eine sehr gefährliche Bewegung, wären nicht die Alpen'Ausgange mit Schnee bedeckt gewesen. Der Ucbcrgang von der Verthcidigung zu dem Angriff ist stets eine sehr kritische -Operation. Serrurier wurde mit seiner Division nach Garczzio geschickt, um das Lager, das Colli oberhalb Eeva hatte, zu beobachten. Massen» und Augereau erhielten Befehl, sich zu Loano, Finale, blS nach Savona hin als Reserve aufzustcllcn. Laharpe rückte vor, Genua zu bedrohen, und seine von Cervoni commandirte Avantgarde besetzte Volrri. Zu gleicher Zeit verlangte der General cn Chef die Zustimmung des Raths von Genua zu dem Uibergang über die Bochctta, und die Schlüssel von Gavi, woraus denn her« vorging, daß er in die Lombardei cindringen, und bei seiner Un- ternehmung sich auf die Stadt Genua stützen wolle. Es entstand darüber ein gewaltiger Lärm in Genua, die dortigen Regierungsbehörden erklärten sich sogleich für permanent. kV. Schlacht bei Montenotte den 11. April. — Bcanlicu gcricth in große Unruhe, und eilte, von Mailand aus, Genua zu Hülse. Er verlegte sein Hauptquartier nach Novi, und 46 Geilte sein Heer in drei CorpS. Der rechte Flügel, unter de» Befehlen von Colli, hotte sein Hauptquartier zu Ccva, und wurSt mit der Berthcidigung der Stura und deö Tanaro beauftragt. Das Ccntrum, unter den Befehlen von Dargentau rückte bis Mo», tcnotte vor, um über den linken Flügel der französischen Arince hcrznfallen, ihn abzufchncidcn, und ihr selbst bei Savona den Wcg nach der Cornichc zu verlegen. Beaulicu selbst geht nach Boltri, und deckt mit seinem linken Flügel Genua. Auf den erste» Blick schienen diese Dispositionen gut berechnet, aber bei genauerer Be» trachtung des TerrainS sicht man, daß er seine Kräfte thcilte, weil alle unmittelbare Communication zwischen seinem Ccntrum und dem linken Flügel nur im Rücken der Gebirge möglich blicb, indessen hingegen die französische Armee so ausgestellt war, daß sic in wenig Stunden zusammen gezogen scyn, und in Masse ister das eine oder das andere feindliche Corps herfallen konnte: sobald eins derselben eine starke Niederlage erlitt, war das andere schlcch- rerdings zum sofortigen Rückzüge gezwungen. Der General Dargcntau, welcher das Centrum des feindlichen Heeres befehligte, campirte am 9. April bei Nieder-Montenouc. Am 10. marschirte derselbe nach Monte-Legino, um durch la Ma- donna vorzudringen. Der Dberste Rampen, dem die -Obhut übcr die drei Schanzen von Monte-Legino anvertraut war, hatte Kindc von dieser Bewegung dcS Feindes, und schickte ihm eine starke Rccognoscirung entgegen. Sie traf in der Zeit von Mittag biS zwei Uhr wieder in den Derschanzungcn ein, und Dargcntau versuchte die letzter» mittelst eines schnellen Ucbersalls zu nehmen, wurde jedoch dreimal hinter einander zurückgcschlagcn, und mußte daher sein Vorhaben aufgebcn. Seine Truppen waren ermüdet, er nahm daher eine angemessene Stellung, gedachte nun TagS darauf die Derschanzungcn zu umgehen, und hoffte sie zum Fallen zu bringen. Beaulicu seinerseits rückte am 9. nach Genua vor; Laharpe war am io. den ganzen Tag übcr mit dessen Avantgarde vor Doltri engagirt, um ihm die Bergschluchten streitig zu machen, und ihn aufzuhalten. Aber am 10. Abends zog er sich auf Savona zurück, und war am 11. mit Tagesanbruch mit seiner ganzen Division hinter Rampen und den Verschanzungcn von Monte- Legino. Zn der nämlichen Nacht ging der Dbcrgcncral mit den Divisionen Massena und Augereau durch den Engpaß von Cadi« bonne, und drang hinter Montcnotte vor. So wie der Tag graute, wurde Dargentau — von allen Seiten umringt — durch Rampen und Laharpe von vorn, und durch den Obcrgeneral im Rücken und von der Seite angegriffen. Die Unordnung war bald allgemein, und in dem nämlichen Momente, alS Beaulicu zu Voltri erschien, 47 ohne jemand dort xn finden, bereits daS gan-e CorpS von Dargcntau vernichtet. Erst am 12tcn erhielt dieser General Kunde von dem siiisall bei Monrcnotte und dem Einmarsch der Franzosen in Piemont. Er sah sich dadurch genöthigt, seine Strcitmaffeu auf sich selbst zurückznzichen und nochmals die schlechten Wege zu passiren, ivclche er nach den Anordnungen seine- früher» PlanS, eingeschlagen batte. Die Folge davon war, das, drei Tage später, bei der Schlacht von Millesimo nur ein Theil seiner Truppen zu rechter Zeit eintreffen konnte. V. Schlacht bei Millesimo, den 14. April. Am 17ken war daS Hauptquartier der französischen Armee zu Carcari. Der geschlagene Feind hatte sich zurückgezogen und zwar die Pic- niontescr nach Millesimo und die -Ocfterreicher nach Dego. Diese beiden Stellungen waren durch eine piemontcsische Division, welche die Höhen von Viestro besetzen sollte, unter sich verbunden. Pie- montesische Reiterei deckte die Straße nach Piemont, und Colli vereinte sich mit ihr samt alle den Truppen, die er von dem rechten Flügel an sich ziehen konnte. Zu Dego hatten die Destcrrcichcr eine Stellung genommen, um die Straße nach Aqui, welche geradehin nach dem Mailändischen führt, streitig zu machen und wurden nach und nach durch alle die Truppen verstärkt, welche Beau- licu von Voltri wieder herbeiziehcn konnte. ES war diese Stellung zugleich geeignet, alle die Truppen aufzunchmcn, welche die Lombardei ihnen zusenden konnte. So waren also die zwei großen Zugänge von Piemont und dem Mailändischen gedeckt; der Feind schmeichelte sich, gehörige Zeit zu haben, sich dort fcstznsctzcn und zu verschanzen. So vortheilhaft auch für unS die Schlacht bei Montenottc gewesen war, so hatte doch der Feind bei der Uibcr- zahl seiner Screitmassen bald Mittel gesunden, seinen Verlust zu ersetzen. Aber am zweiten Tage darauf, am 14ten, öffnete unS die Schlacht bei Millesimo die Zugänge nach Turin und Mailand. Augcrcau ging mit dem linken Flügel der französischen Armee auf Millesimo los, Massen« mir dem Ccntrum nach Dego und Laharpe mit dem rechten Flügel nach den Höhen von Cairo. Der Feind hatte seinen rechten Flügel durch die Besetzung der Bergenden von Cosscria gedeckt, welche die beiden Arme der Bcrmida dominiren; aber am litten drängte der General Augereau, welcher nicht mit in der Schlacht von Montenotte gewesen war, den rechten Flügel des Feindes mir solcher Gewalt, daß er ihm die Schluchten von Millesimo nahm und die Bergzunge von Cosscria cinschloß. Pro- vera wurde mit seiner Arricregarde von 2N00 Mann nbgeschnirtcn. 2n dieser verzweistungSvollen Lage galt cs zu wage». Ee warf sich 4S tn die Ruine eines alten Schlosses und verrammelte sich daselbst, da er von der Höhe den rechten Flügel der sardinlschcu Armee, die sich zu der morgenden Schlacht rüstete, erblickte und durch sie erlöst zu werden hoffte. Alle Truppen von Colli und dem Lager bet Ccva, sollten in der Nacht ankommen. Man suhlte daher, wie wichtig eö sei, sich des Schlosses von Cosseria zu bemächtigen, aber dieser Posten war sehr fest und der Angriff schlug fehl. Am folgenden Tage kamen beide Armeen an einander. Massen« und Laharpe nahmen Dego nach einem hartnäckigem Kampfe; McnarS und Zoubert die Höhen von Bicstro. Alle Angriffe von Colli, um Cosseria zu Hülfe zu kommen, waren vergeblich; er wurde geschla« gen und eifrig verfolgt. 2ezt mußte Provera das Gewehr strecken. Der Feind, dem man in den Bcrgschluchten von Spigno nachsetzte, ließ einen Thcil seines Geschützes im Stich und litt an Fahnen und Gefangnen bedeutenden Verlust. Nun wurde die Treu« uung der österreichischen Armee von der sardinischcn sehr merklich. Beaulieu legte sein Hauptquartier nach Aqui, auf der Straße nach dem Mailand! sehen und Colli ging nach Ceva, um die Vereinigung mit Serruricr zu hindern und Turin zu decken. VI. Gefecht von Dego, am 15. August. Inzwischen kam eine Abtheilung österreichischer Grenadiers, die man von Volui durch Sassello dirigirt hatte, um 3 Uhr deS Morgens zu Dego an, das nur noch durch einen Vorposten besetzt war. Die Grenadiere nahmen daher das Dorf mit leichter Mühe weg und eS entstand kein geringer Lärm im französischen Hauptquartiere, wo man nicht f begreifen konnte, wie es möglich sei, daß der Feind sich zu Dego ' befinde, indessen unsre Vorposten schon auf der Straße von Aqni wären. Nach einem zweistündigen sehr heißem Gefechte wurde Dego wieder genommen und die feindlichen Truppen fast gänzlich gefangen. Wir verloren in diesen Gefechten den General Banel zu Mil« lesimo und den General von Causse zu Dego, zwei überaus brave DffizierS, die von der Armee der Ostpyrenäen kamen. ES ist be« merkenswertst, daß alle Offiziers von jener Armee ganz auSgezeich« ueten Eifer und den größten Muth zeigten. 2» dem Dorfe Dego fiel Napoleon zum Erstenmale ein Bataillonschef auf, den er so« gleich zum Obersten ernannte. Es war Lannes, der nachher RcichS- marschall, Herzog von Montebcllo wurde und die größten Talente entwickelte. Man wird von nun an sehen, daß er immer ganz vorzüglichen Theil an allen militairiscken Ereignissen nahm. Dcr französische General richtete nun seine Unternehmungen gegen Colli und den König von Sardinien, und begnügte sich, die österreichische ^ Armee in Schach zu halte». Laharpe wurde bei Dego mit einem BeobachtungöcorpS ausgestellt/ um unö den Rücken zu decken und Bcaulicu in Respekt zu halten, der bei seiner großen Entkräftung sich nnr mit dem Sammle» und mit Wiederherstellung der Trümmer Der Armee beschäftigte. Die Division Laharpe, welche sonach mehrere Tage in dieser Stellung bleiben mußte, befand sich dabei i„ großer Verlegenheit wegen ihres Unterhalts, da bei dem Mangel m Fuhrwerk und der gänzlichen Erschöpfung der Gegend, wo so viele Truppen gestanden hatten, es durchaus an Lebensmitteln fehlte, ms allerdings zu mancherlei Epcessen Anlaß gab. Sobald alS Serruricr zu Garessio von den Schlachten bei Montenotte und Millesimo Kunde erhielt, brach er sogleich auf, bemächtigte sich der Höhe von Saint-Jean und nahm an dem nämlichen Tage von D Ceva Besitz, alS Augereau auf den Höhen von Montezcmoto ein« Li traf. Nach einigen leichten Gefechten räumte Colli am 17tcn das »verschanzte Lager bei Ceva, so wie die Höhen von Montezcmoto »und zog sich hinter die Cursaglia zurück. An dem nämlichen Tage »verlegte der Lbergeneral sein Hauptquartier nach Ceva. Der »Feind hatte sein ganzes Geschütz daselbst zurückgelassen, da er cs »in der Eile nicht mit fortbringen konnte und begnügte sich, das U Schloß besetzt zu halten. Die Ankunft der Armee auf den Höhen «i von Montezcmoto gewährte ein erhabenes Schauspiel. Vor ihnen U lagen nun die unermeßlichen fruchtbaren Fluren Piemonts ausge- H breitet. Durch dieselben hin schlängeln sich in die Ferne der Po, »der Tanaro und eine Menge andere Flüsse. Ein weißer Gürtel »von Eis und Schnee umgab am Horizont biö zu einer wunder- »»ollen Höhe den reichgeschmückten Kessel des verheißenen Landes. » Diese riesenhaften Schutzmauern, gleichsam die Grenzen einer andern Welt, welche die Natur so furchtbar geschaffen, an denen die Kunst ihre Kräfte verschwendet hatte, waren wie durch Zauberei gefallen. „Hannibal hat den Uibcrgang über die Alpen erzwungen, sagte der französische General, indem er de» Blick aus die lBcrge heftete, wir, wir haben sie umgangen." Er drückte so mit Mi Worten sehr glücklich die 2dee und den Erfolg seines Feldzugs aus. Die Armee setzte über den Tanaro und zum ersten- male befanden wir unS auf einer vollkommnen Pläne, wo die Ca- fiv»llerie »ns von einigen Nutzen seyn konnte. Der General Steinigel, welcher sie commandirte, ging bei Lezegno über die Cursoglia und durchstreifte die Ebene. DaS Hauptquartier wurde in daö Schloß von Lezegno auf dem rechten Ufer der Cursoglia verlegt, ' nahe bei der Stelle, wo sie in den Tanaro fällt. A Casts Tagrb.z.Bd. 4 VII. Gefechk von Saint - Michel, Schlacht vo» Mondovi, den 20. und 22. April. Der General Scmullr vereinte seine Macht zu Sainc-Michel. Am 20stcn ging er über die Brücke von Saint.Michel zu der nämlichen Acit, als Massen«, um die Picmonteser auzugrciftn, über den Tanaro setzte. Mer Colli, der die Gefahr seiner Steilung begriff, verließ diesen Ver« einigungspunkt der beiden Flüsse und wollte sich bei Mondovi ans stellen. Durch einen zufälligen Umstand traf er mit seinen Sneit- krästcn in dem nämlichen Augenblicke vor Saint-Michel ein, als der General Serrurier über die dortige Brücke kam. Cr machte Halt, drang mit überlegener Macht auf den Letztem ein und zwang ihn, zurückzugehcn. Serrurier würde sich jedoch noch immer in Saint-Michel gehalten haben, hätte sich nicht eines seiner leichten Lnsanterieregimentcr dem Plündern hingcgebcn. Der französische General rückcc den 22sten über die Brücke von Torre vor lind ging auf Mondovi los. Colli hatte daselbst schon einige Schanzen aufgeworfen und seine Stellung mit dem rechten Flügel bei Nom Dame von Dcvico und mit dcm Ccntrum an der Bicoquc genommen. Noch an dem nämlichen Tage nahm Serrurier die dasige Schanze und entschied die Schlacht, welche den Namen der Schlacht von Mondovi erhalten hat. Diese Stadt fiel mit allen ihren Magazinen in die Hände deö Siegers. Der General Steingcl, der mit 1000 Pferden sich in den dortigen Ebenen zu weit entfernt hatte, wurde von Piemontcscrn, die noch einmal so stark waren, angegriffen. Er machte seine Disposition, wie man sie nur von einem vollendeten General erwarten konnte und zog sich auf seine Verstärkungen zurück, als er plötzlich im Handgemenge durch einen Stich tödtlich verwundet wurde. Der General Murat trieb hierauf an der Spitze der Cavallcrie die Piemontcser zurück und verfolgte sie seinerseits mehrere Stunden. General Steingel, ein Elsässer von Geburt, war ein ausgezeichneter Husarenoffizier. Er hatte in den Feldzügen im Norden unter Dumonrier gedient, war geschickt, klug und rasch, vereinte mit den Eigenschaften der Jugend, die eines reiferen Alters, und war ein wahrer Vorpostcngcneral. Einige Tage vor seinem Tode war er der Erste in Lczegno, bki der Wegnahme dieses Orts. Der französische General kam einige Stunden später dort an und was er nur für nöthig halten mochte, das war Alles schon gethan. Die Defilecn, die Führten im Wasser, waren schon recognoScirt, Sichcrhcitspostcn ausgestellt, der Geistliche des DrtS und der Postmeister befragt, Verständnisse mit den Einwohnern angcknüpst, Spione nach mehreren Richtungen hin ausgeschickt, die Briefe auf der Post in Beschlag genommen und diejenigen, welche Auskunft über militairische Gegenstände gewähr« ttn, übersetzt und erklärt, so wie alle Maasregcl» zu Errichtung von Magazinen und zu Stärkung der Truppe» getroffen. Unglücklicher Weife hatte Steiugel ein schlechtes Gesicht, ein wesentlicher Fehler bei seinem Metier, der für ihn sehr verhauguißvoll wurde ,md zu seinem Tod beitrug. Nach der Schlacht bei Mondovi gi„S der Dbergeneral nach Charasco, Serrurier aus Fossano und Auge» «an auf Alba los. vm. Wegnahme von Charasco,' am 25. April. Die gedachten drei Colonnen rückten zugleich am 25. April zu Charasco, zu Fossano und zu Alba ein. Colli hatte sein Hauptquartier an dem nämlichen Tage noch zu Fossano, als Serrurier ihn daselbst vertrieb. Charasco, an der Mündung der Stura und des Tanaro, war befestigt, aber schlecht ausgerüstet und verproviantier, weil cs kein Grenzort ist. Der französische General legte großen Werth auf den Besitz dieses Platzes. Er fand Kanonen darinn, und ließ mit Macht arbeiten, um ihn in gehörigen Vcr- lheidigungsstand zu setzen. Die Avantgarde ging über die Stura und rückte noch bis jenseits des Städtchens Bra vor. Unterdessen gestaltete die Vereinigung mit Serrurier unS nun eine direkte Verbindung mit Nizza über Ponte «Dinava. Wir erhielten Artillerie- Verstärkungen und alles, wasman indessen hatte vorberciten können. In allen den verschiedenen Gefechten hatte man vielArtillcriegegcnstande und Pferde genommen und bekam dergleichen von allen Seiten aus den Ebenen von Mondovi. Wenig Tage nach der Ankunft zu Charasco besaß die Armee 60 gehörig bediente Feucrschlündc und die Cavallerie wurde vollständig beritten gemacht. Die Soldaten, an welchem den 8 bis i o Tagen dieses Feldzugs keine Lebensmittel vcrcheilt worden waren, empfingen nun regelmäßig ihre Portionen. Das Plündern und andre Unordnungen, die immer mit der reißenden Schnelligkeit der Bewegungen verbunden sind, hörten auf, die Dis- ciplin wurde wieder hergestellt und bei den großen Mitteln, welche dieses schöne Land darbot, veränderte sich die Gestalt der Armee mit jedem Tage. Die Verluste wurden ersetzt. Die große Beweglichkeit und der glühende Eifer der Truppen, besonders aber die Kunst, sie dem Feinde immer wenigstens in gleicher Stärke und selbst oft an Zahl überlegen, entgegen zu stellen, so wie die unaufhörlich errungenen Vortheile harten unS viele Leute erhalten. Zudem kamen die Soldaten aus allen Bergschluchten, aus allen Depots, allen Hospitälern, auf daö erschollene Gerücht unserer Siege und des Uiberflusscs, der nun bei der Armee herrschte, herbei. Man fand zu Piemont alle Arten von Wein; die von Montfcrat blichen den französische». Daö Elend war bisher in der Armee so 52 groß gewesen, daß man cö kaum zu beschreiben wagt. Seit mel). rern Jahren erhielte» die Offiziers nicht mehr als 6 Franken nw, natlich und der Stab war immer gänzlich zu Fuß. Marschall Berthicr hat unter seinen Papieren einen TagSbefehl von Albenga aufgehoben, wornach jedem General eine Gratifikation von 3 Louis» d'orö bewilligt wurde. IX. Waffenstillstand von CharaSco, den 28. April. Die Armee war nur noch 1v Stunden von Turin entfernt. Der Turincr Hof wußte nicht, wozu er sich entschließen Me. Seine Armee war cntmuthigt und zum Thcil vernichtet. Das bi« auf die Hälfte zusannnengeschmolzene österreichische Heer schien kei» nen andern Gedanken mehr zu haben, alS Mailand zu decken. Die Gemüther im ganzen Piemont waren in großer Bewegung und der Hof nicht im Genuß dcS öffentlichen Vertrauens. Er überließ daher sein Schicksal der Diskretion deS französischen Heerführer) und bat um einen Waffenstillstand, den der letztere ihm auch bewil» ligte. Diele hätten vorgezogen, daß die Armee weiter vorgerückt wäre und Turin genommen hätte. Aber Turin ist eine Festung. Wollte man unS die Thore verschließen, so bedurfte man eines Artil» lerictraiiiS, woran es aber fehlte, um sie öffnen zu lassen. Zudeui hatte der König noch eine große Zahl von Festungen und fo viele Siege auch errungen waren, konnte doch der geringste Verlust, eine augenblickliche Laune deö Schicksals, das ganze Gebäude über de» Haufen stoßen. Die beiden feindlichen Armeen waren, nach ihre» häufigen Unglückssallcn, doch noch eben so stark, alS die französische. Sic hatten eine beträchtliche Artillerie und besonders hatte ihre Eavallerie »och nichts gelitten. 2n der französischen Armee gab cS hicruächst nach allen diesen Siegen doch noch Zweifler. So sehr man über die Größe des Unternehmens erstaunt war, eben so wenig glaubte man an die Möglichkeit eines glücklichen Ausgangs, besonders wenn man erwog, wie gering die vorhandenen Mittel waren. Ein noch so unbedeutendes ungünstiges Ereigniß würde mithin bei dieser Stimmung der Gemüther sehr übertrieben worden scyn. Offiziers, selbst Generale, begriffen nicht, wie man mit so wenig Artillerie, fast ohne Cavallcrie und mit einer so schwachen, sich täglich durch Krankheiten und die weite Entfernung vom Vatcrlande verringernden Armee, an die Eroberung von Ltalien habe denken können. Die folgende Proklamation, welche der Obergeneral zu CharaSco an seine Soldaten richtete, enthalt Andeutungen dieser in der Armee vor» handencn Stimmung. „Soldaten! 2hr habt ln fünfzehn Tagen sechs Siege errungen, 21 Fahnen, 25 Kanonen, mehrere Festungen und den reichsten Lhcil von Piemont erobert, habt IZOvoMann gefangen und mehr M 10000 getbdtet oder verwundet. „BiS jezt habt Ihr Euch um unfruchtbare, durch eure Siege l'mchmt gewordene, aber dem Vatcrlande unnütze Felsen geschlagen. Ihr gleicht nunmehr durch Eure Verdienste den siegreichen Armeen i.i Holland und am Rhein. Entblößt von Allem, wie Ihr wäret, - i habt Ihr Alles durch Euch selbst ersetzt. Ihr habt die Schlachten ^ r ohne Kanonen gewonnen, seid ohne Brücken über die Flüsse ge- ^ gangen, habt forcirte Märsche ohne Schuhe gemacht und bivou- ! ! gkirt ohne Branntwein, oft selbst ohne Brod. Nur Republikaner, ' t nur Soldaten der Freiheit waren fähig zu erdulden, was von Euch ö erduldet worden ist. Habt Dank dafür Soldaten! Das erkennt- - liehe Vaterland wird Euch einen Theil seiner Wohlfahrt schulden ' ^ und wenn die Sieger zu Toulon Euch den unsterblichen Feldzug ftf von 1793 vorhersagten, so muß der noch ungleich herrlicher sei)», ft de» Eure jetzigen Triumphe verkünden. ch, „Die zwei Heere, die noch unlängst Euch mit so viel Kühnheit ? i angrijftn, sind in Furcht gejagt und fliehen vor Euch. Die Tho- » m, die über Euer Elend lachten, die sich im Herzen über die U Triumphe unsrer Feinde freuten, sind nun verlegen und zittern, -r Aber, Soldaten! Ich darf Euch nicht verhehlen, Ihr habt noch E »ichtS gethan, so lange Euch noch so viel zu thun übrig ist. We- 7 der Turin noch Mailand ist in Eurer Hand. Die Asche der Bc- i ft sieger TarquinS wird noch von den Mördern Basscvilles mit Füßen i l getreten. Bei Eröffnung des Feldzugs wäret Ihr von Astern cnt- H Wt, jezt seid Ihr bis zum Uiberfluß versorgt. Zahlreiche Maga- i - ziue sind dem Feinde genommen und unser Feld- und Belagcrungs- H geschütz ist angclangt. Soldaten! Das Vaterland hat ein Recht, i ErGeS von Euch zu erwarte». Werdet Ihr diese Erwartung rccht- i i fertigen? Die wichtigster! Hindernisse, die vor uns lagen, haben ^ Ar nun im Rücken; aber cS grcbt noch Schlachten zu liefern, ^.SMe zu nehmen, über Flüsse zu setzen. Ist einer unter Euch, s dem cS weich umS Herz wird? Der cs verziehen möchte, auf die ft Bergspitzcn der Apenincn und der Alpen zurück.zu kehren und die -! Beleidigungen jener sklavischen Soldarcske ruhig zu erdulden? , Nein, unter den Siegern von Montcnotte, von Mistesimo, von ft. Dcgo, von Mondovi fit er nicht zu finden. Ihr Aste brennet, den ch Ruhm des französischen Volks immer weiter zu verbreiten, jene ft'stelzen Könige zu demüchigen, welche es wagten, unS in Fesseln ft schlagen zu wollen, und einen ruhmvollen Frieden zu diktiert», der i das Vaterland für seine Ungeheuern Opfer entschädigt. Meine Frcuride! ich verspreche Euch diesen Triumph! — Aber nur unrel i rum Bedingung, welche zu erfüllen Ihr mir beschwören müßt. Sie ist: jene schrecklichen Plünderungen aushörcn zu lassen, welche von unseren Feinden angereizte Bösewichtcr sich zu Schulden dri». gen. Sonst seid Ihr nicht die Befreier, sondern die Geisel der Völker, seid nicht die Ehre deS französischen Volks, nein, eS wird Euch vcrläugncn! Eure Siege, Euer Muth, alle Eure herriichc» Wasscnthaten, das Blut Eurer im Kampfe gefallncn Brüder — Alles wäre verloren, selbst die Ehre, selbst der Ruhm. Was mich betrift und die übrigen Generale, denen Ihr Vertrauen schenkt, wir müßten erröthcn, eine undiöciplinirte, eine zügellose Armee;u kommandircn, die kein andres Gesetz kennt, als die Gewalt. Ab» bekleidet mit der Volksgewalt, stark durch Gerechtigkeit und des Gesetz, werde ich die kleine Zahl von Menschen, ohne Muth Md ohne Herzen zwingen, die Forderungen der Menschlichkeit und d» Ehre, welche sic mit Füßen treten, zu beachten; werde es nicht langer dulden, daß diese Räuber Eure Lorbccrn beflecken, und das Reglement streng vollziehen lassen, daß ich Euch in Ordre gegeben habe. Die Plünderer werden ohne Barmherzigkeit erschossen, wie dies schon zu mehrcrcnmalcn geschehen ist. Mit Vergnügen habe ich bemerkt, mit welchem Eifer die bessern Soldaten der Armee sich bereit zeigen, hierbei meine Befehle zu vollbringen. „Volker Italiens l Die französische Armee kommt, Eure Ketten zu zerbrechen. Die französische Nation ist die Freundin aller Belker: kommt ihr vertrauensvoll entgegen. Euer Eigenthum, Eure Religion, Eure Gebräuche sollen geachtet werden. Wir führen den Krieg als edclmüchige Feinde, er ist nur gegen die Tyrannen gerichtet, die Euch zu Sklaven erniedrigen." Die Unterhandlungen wegen des Waffenstillstandes wurden ini Hauptquartier bei Salmatoris gepflogen, der damals Haushofmeister deö Königs war und späterhin Pallastpräfekt deS Kaisers wurde. Der piemontcsische General Latour und der Oberste Lacoste begaben sich mit Auftrag des Königs nach Cherasco. Der Gras Latour war ein alter Soldat, Generallicutcnant in sardinisehm Diensten, allen neuen Ideen Feind, wenig unterrichtet und von sehr mittelmäßigen Fähigkeiten. Der Oberste Lacoste hingegen ein Sa- voyard von Geburt, in seinen besten Jahren, drückte sich mit Leichtigkeit aus, harte viel Verstand und zeigte sich von sehr vorchcii- Hafter Seite. Die Bedingungen waren: Der König solle von der Koalition abtreten und einen Bevollmächtigten nach Paris sende», um den definitiven Frieden abzuschließen; bis dahin solle Waffenstillstand seyn, bis zu dem Frieden oder dem Abbruchen der Unterhandlungen. Ceva, Coni, Tortoua oder in dessen Ermangelung Alcssandria solle» sofort der französischen Armee mit allem Geschütz und den vorhandenen Magazinen übergeben werden. Letztere solle WWWWMMWMWWWWD laö ganze Gebiet, daö sie bereits im Besitz habe, fortan beseht ! allen; ihr auch die freie Communication auf den Milirairstraßen „ach allen Richtungen mit Frankreich und eben fo von Frankreich anS zu der Armee gestartet fcyn; Valcnza solle ferner ohne Anstand von den Neapolitanern geräumt und dem französischen General, bis zu seinem Uibergange über den Po, übergeben; und endlich die Landmiliz entlassen, die Linicnarmcc aber dergestalt in die Garnisonen zerstreut werden, daß die französische Armee nichts von derselben zu besorgen haben könne. Nun konnte man die sonach isclirtcn Oesterreicher bis in daö Innere der Lombardei verfolgen. Alle zu der Armee der Alpen gehörige und in der Nahe von Lyon stehende disponible Truppen konnten hcrbcigezogcn werden. Unsre Com- iminicationslinie mir Paris war um die Halste abgekürzt und man erlangte übrigens Stutzpunkte, so wie große ArtilleriedcpotS, um sich das iiilhigc Belagerungsgeschütz zu verschaffen und Turin selbst zu belagern, im Fall daS Direktorium den Frieden nickt abschloß. X. Der Oberste und Adjutant Murat geht durch Piemont und bringt die Nachricht von den Siegen der Armee nach Paris. Der General Murat, erster Adjutant deS OdergeneralS, wurde mit 21 Fahnen und einer Abschrift des Waffenstillstands nach Paris abgcscndet. Napoleon hatte diesen Offizier, seit dein 13. Dendcmiairc, an welchem derselbe noch ES- cadronSchcs im Listen Chasseursrcgimente war, an sich gezogen. Derselbe vermahlte sich späterhin mit einer Schwester des Kaisers, i wurde Neichsmarschall, Großadmiral, Großhcrzog von Berg und König von Neapel. Er hat stets vielen Thcil an allen militairi- schen Operationen genommen, und dabei jederzeit große Tapferkeit und besonders ganz ausgezeichnete Kühnheit bei dem Gebrauch der Cavallcrie bewiesen. Die Provinz Alba, durch welche die Franzosen gingen, war von ganz Piemont dasjenige Land, welches vorzüglich dem königlichen Ansehen abgeneigt war und wo sich die mchrcstcn Keime zu einer Revolution zeigten. Schon früherhin, so wie neuerlich wieder waren hier bereits Unruhen ausgcbrochen. Hatte Napoleon die Fortsetzung dcS Krieges gegen den König von Sardinien der Eröffnung von Friedensuntcrhandlungen vorziehen wollen, so würde er daselbst die meiste Unterstützung und viele Bereitwilligkeit zum Aufstand gefunden haben. Und so war denn, nach Ablauf von fünfzehn Tagen, der erste Punkt des über den Feldzug entworfenen Planes bereits erfüllt, cs waren die größten Vortheile errungen; die piclnontcsischcn Alpenscstungcn befanden sich in unserer Gewalt und die Koalition sah sich um eine Macht geschwächt, die 5000U Mann unter den Waffen hatte und die beson- derS durch lhrc Sceilung derselben von so großer Wichtigkeit ftyn mußte. Die Narisnalgesehgebung hatte sünfmal dekretirt, daß die Armee von Italien sich um das Vaterland verdient gemacht habe und zwar in den Sitzungen vom 21., 22., 24., 25. und Lösten April. Der König von Sardinien sandte in Folge der Bedingungen des Waffenstillstands von CharaSco, Len Grasen von Rcvcl nach Paris, um den definitiven Frieden zu unterhandeln. Am 15. Mai wurde derselbe dort abgeschlossen und unterzeichnet. Durch diesen Traktat blieb Alcssandria fortwährend den französischen Truppen. Suza, Labonnctta und Exil wurden geschleift. Die Alpenpäffe stan- den nun offen und der König von Sardinien war in den Händen der Republik, da er keinen festen Punkt mehr hatte als Turin und das Fort von Ward. Anmerkung des Herausgebers. Wir erklären hier einmal für immer, daß sich zwischen den offiziellen Berichten und diesen Kapiteln manche unvermeidliche Abweichungen ergeben werden. Sie haben ihren Grund darinnen, daß die Berichte mit großer Eile abaeftßt worden sind, daß der Obergcneral damals seine Plä- ne, so wie dem Feinde seine eigentlichen Streirkräfce geheim Hab ten mußte u. s. w. Es ist zum Beispiel in jenen Berichten ge« sagt, daß Beaulieu Montcnotte selbst angegriffen habe; man glaubte es damals. Ferner ist gesagt, daß Voitri nur von Ivooo Ocstcr- rcichern angegriffen worden sei; aber eS folgten ihnen noch zwei Colonncn, die am folgenden Tage am Gefecht Thcil nehmen selb ten, denn Beaulieu hatte in der Meinung gestanden, daß er aus diesem Punkte mit der ganzen französischen Armee zu thun haben würde. Eben so berichtete man, Montcnotte sei nur mit 15000 Mann attaquirt worden, indem loooo Mann zurückgeblieben wä- ren, welche die Communication mit dem rechten Flügel bei Cm bildeten. Diese Truppen waren eö, auf die Massena, als er mit Anbruch des Tages durch Cadibonne vorrückte, den ersten Kanonen- schuß that. Denn hiernächst dort weder von den Entwürfen des Obcrge- nerals, noch von seinen Unterhandlungen mit den Genueser» die Rede ist, so kommt daö daher, daß überhaupt der Bericht nur ein Auszug aus der offiziellen Correspondenz war und eö, wie wir schon erwähnt haben, mit den Ansichten des Obergenerals übereinkam, dem Feinde die Kenntniß seiner Plane und seiner Handlungsweise zu entziehen. Dies mag genug seyn, um die Verschiedenheiten zu erklären, die mau vielleicht wahruehmen könnte und wir wiederholen, daß diese Erläuterung für all« diese Fälle ein für allemal hiermit gegeben worden ist. Fragmente des dritten Kapitels. I. Gründe zu Beibehaltung der Stellung am Tessins. Sobald der Waffenstillstand abgeschlossen war und die Festungen Coni, Tortona und Ecva sich in unsrer Gewalt befanden, entstand die Frage, ob eS nicht angemessen sei, über den Tessins zu gehen. Man sah zwar den Nutzen ein, den ein Waffenstillstand haben mußte, der die Festungen in unsre Hände gegeben und die österreichischen Truppen von den piemontcsischen getrennt hatte; aber cs wurde die Frage aufgeworfen, ob eS denn nicht vortheil« haster seyn würde, nun von den erlangten Mitteln Gebrauch zu machen, und ehe man weiter ginge, erst Piemont und Genua ganz zu revolutioniren. Das Direktorium hatte daS Recht, die sorge« schlagenen Unterhandlungen abzulehnen und seinen Willen durch ein llttiniacum zu erklären. Ist es denn nicht unpolitisch, sagte mau, sich von Frankreich zu entfernen und den Tessins zu überschreiten, ohne im Rücken vollkommen gedeckt zu seyn? Die Könige von Sardinien, die unS so nützlich waren, so lange sie für unS kämpf« ten, haben, seitdem sie ihre Politik änderten, am mehrstcn zu un« ferm Unglück beigctragen. Zezt dürfen wir unS über die vorwal« tende Stimmung nicht täuschen. Der Adel und die Pfaffen beherrschen diesen Hof und sind unversöhnliche Feinde der Republik. Wenn uns bei dem Vorrücken eine Niederlage beträfe, was hätte man nicht Alles von ihrem Haß und ihrer Rache zu fürchten! Selbst wegen Genua können wir nicht ohne große Unruhe seyn. Dort regiert die Oligarchie und so zahlreich auch unsre Anhänger daselbst seyn mögen, so sind sie doch ohne Einfluß auf die poli« tischen Beschlüsse. Genuas Bürger verstehen sich aufs Deklamiren; aber hierauf beschränkt sich auch alle ihre Macht. Die Oligarchen herrschen; sie gebieten den Truppen und dabei noch über 8 biS loooo Bauern aus den Thälcrn von Fontana-Bona und andern, welche sie in kritischen Augenblicken zu ihrer Vcrthcidigung herbei« rufen. Wo aber —- so fragte man weiter — soll man stehen bleiben? Soll man über den Tessino, die Adda, den Oglio, den Müicio, die Ecsch, die Brenta, die Piave, den Tagliamcnto und wohl gar bis an den 2sonzo gehen? 2st cs klug, so zahlreiche ungünstig gestimmte Völkerschaften hinter sich zu lassen? 2st eS nicht das sicherste Mittel, vorwärts zu kommen, wenn man bedäch« tig vorschrcitct, und sich in allen Ländern, durch welche wir kom- men, dadurch Stützpunkte bildet, daß man ihre Regierung äudcn und die öffentliche Verwaltung Personen anvertraut, die mit uns gleiche Grundsätze und gleiches Interesse haben. Wenn wir in die Staaten der Venetianer verrücken wollten, würden wir dann nicht diese Republik, die über 50000 Mann gebietet, dadurch nöthigciit die Sache unserer Feinde zu ergreifen? — II. Gründe zu dem Beschluß, biS an die Etsch vorzugehen. Man antwortete auf das -Obige: Die französische Armee muß ihren Sieg benutzen. Wir dürfen nicht eher Halt machen, alö bis wir die beste Vertheidigungslinie gegen die Heere erreicht haben, die bald gegen uns austreten werden. Diese Linie gewährt die Etsch. Sie deckt alle Thäler des Po, scheidet dag mittlere von dem untern Italien, schützt die Einschließung und Belagerung von Mantua und wahrscheinlich wird dieser Platz genommen seyn, ehe die Feindseligkeiten wieder beginnen können. Sobald man an die Etsch vorrückt, gewinnt man dadurch die Mittel zu dem gcsammten Armccaufwand, indem sodann die Last desselben unter mehrere Völker verthcilt wird und nun Piemont, die Lombardei und die Legationcn dazu beitragen müssen. Man fürchtet, Venedig möchte sich gegen unS erklären? DaS beste Mittel, dem zuvorzukommen, ist, den Krieg in wenig Tagen bis in die Mitte seiner Staaten zu entzünden. ES ist auf ein solches Ereigniß nicht vorbereitet, hat uoch nicht daran gedacht, Truppen auszuheben und Beschlüsse zu fassen; man muß also dem Senat keine Beit zum Uiberlcgen lassen, besonders da, wenn wir am Tessins stehen blieben, die Dcsterreicher ihn zwingen könnten, mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen, oder vielleicht der Pärchen gcist in Venedig selbst ihn hierzu anreizen möchte. Der König von Sardinien ist nicht mehr zu fürchten; seine Milizen sind entlassen, die Engländer hören auf Subsidien zu bezahlen und die Angelegenheiten im Innern sind im schlechtesten Zustande. Welche Parthci auch der Hof ergreifen wollte, so mehren sich doch die Unzufried- ncn und nach dem Fieber pflegt die Schwäche einzutrcten. 12 biS 15000 Mann sind Alles, waS diese Macht noch an Streitkrästen hat; sie sind in die Garnisonen zerstreut und reichen kaum hin, die öffentliche Sicherheit zu erhalten. Von der andern Seite wird der Haß -Oesterreichs gegen den König von Sardinien mit jedem Tage wachsen. Es ist beleidigt, daß er eS bei der ersten verlornen Schlacht verlassen hat und wird das Beispiel seiner Vorfahren an- führcn, die ihm auch dann noch treu verbündet blieben, alö Frankreich schon im Besitz von Turin war, indessen dieseomal die ge- mcinschastliche Sache anfgegebcn wurde, che man eine einzige Fe« innig verloren hatte. Der sardinische Hof hat also von jetzt an die Lefterreicher sehr zu fürchten. Die Oligarchen von Genua keimen unS keine Besorgniß cinflößen, unsere beste Bürgschaft dagegen sind die unermeßlichen Vortheile, die ihnen ihre Neutralität verschafft. Wollte man die Grundsätze der Freiheit in Piemont ,,„d Genua durch Anfachung eines Bürgerkrieges verbreiten, so würde man das Volk gegen den Adel und die Priester aufbringen, und wegen aller der Ausschweifungen verantwortlich seyn, die von einem solchen Kampfe unzertrennlich sind. Sobald wir hingegen „n die i^tsch gelangen, sind wir Herren von allen Staaten des Hauses Oesterreich in Italien, so wie von denen des Pabstes diesseits der Appennincn, und dann sind wir in der erforderlichen Stellung, die Lehren der Freiheit zu proklamiren, und die Vaterlandsliebe Italiens gegen die fremde Herrschaft, so wie den Unwillen deö Volks von Bologna und Ferrara gegen die Regierung des PabftcS aufzureitzen. Unnütz wird cs dann, den Saamen der Zwietracht uutcr die verschiedenen Klassen der Bürger zu säen. Adliche, Bürgerliche und Bauer werden gleich gestimmt für die Wicderher- sicllung eines italischen Vaterlandes, zu den Waffen greisen. Das Lsosungswort: Ztalia! Jcalia! wenn cs von Mailand bis Bologna erschallt, wird eine magische Wirkung Hervorbringen. Käme es vom Tessins, würden die Italiener sagen: Warum geht ihr nicht vorwärts. in. Topographie Italiens. Die großen Ebenen des westlichen Italiens, welche sich zwischen den, sie von Frankreich, von der Schweiz und von Deutschland scheidenden, Alpen, den Apenninen, die sie von Genua und Toscana trennen, und dem adriatischen Meere befinden, bilden daS Thal des Po, die Thäler, welche sich nördlich vom Po, und diejenigen, welche sich südlich nach dem adriatischen Meere neigen. Sie sind durch keine Hügel von einander abgeschieden, und es könnten mithin alle Flüsse derselben, wenn es nöthig würde, mit einander in Verbindung gebracht werden. Auf dieser Pläne — einer der fruchtbarsten, größten und reichsten in der ganzen Weit —- befinden sich die wohlhabendsten Städte und eine Bevölkerung von 8 bis 10 Millionen Seelen in den Ländern Piemonts, der Lombardei, von Parma, Piaeenza, Modena, Bologna, Ferrara, der Romagna und in den vcnctiani- schen Staaten. iv. Thal des Po. Der Po entspringt aus dem Berge Viso, und nimmt nach und nach auf dem linken Ufer folgende Flüsse 60 stollo nahe bei Guaftalla; die Secchia unweit Sau-Benedctto; der Panaro und der Reno in der Gegend von Ferrara; dreißig Meilen davon fallt er dann durch mehrere Mündungen in daS adriatische Meer. ES wird dieser Strom durch die große Menge von Flüssen, die er in allen Richtungen ausnimmt, eine Art von Meer, ssr geht höher, alö der Boden, und ist durch Dämme cingcschlosscn, so daß die schönsten Gegenden Italiens eben so wie Holland durch Kunst gegen die Uebcrschwcmmung geschützt sind. Bei dem Laus der Flüsse, die er auf seinem linken Ufer ausnimmt, gicbr cS keine Schwierigkeiten, die Natur thut dort daS Beste, und eö fällt sonach die Dorea-Baltea, der Tesino, die Adda ohne Hindernisse in den Po. Anders ist cS bei den Nebenflüssen deS rechten UfcrS. Alle, vom Tanaro an, haben einen höchst unregelmäßigen Lauf, und verursachen große hydraulische Aufgaben. Man muß alljährlich die Dämme erhöhen, weil außerdem die angränzenden Länder, besonders Parma, Modena, Bologna, Ferrara großen Ucbcrschwcm- mungen auögesetzt scyn würden. Diese immer wiedcrkchrendcn Schwierigkeiten, welche die Natur hcrvorbrinac, haben die Italiener so geschickt in der Hydraulik gemacht, daß die Ingenieurs dieses Landes jene so wichtige Wissenschaft auf eine höhere Stufe, a!S au allen andern Orten, erhoben haben. Die Wässer, welche aus beiden Usern in den Po falle», sind unter sich noch dadurch verschieden, daß die deS linken UfcrS fair alle schiffbar, und ohne Fürthen, indessen die vom rechten llfcr nirgends schiffbar sind, und fast immer zu Fuß durchgangen werden können. Die erstem sind wirkliche Flüsse, die letzter» aber cigcnt- lich nur reissende Waldbächc. Anmerkung. Hier endet dieser Thcil des Kapitels. Ich beklage um so mehr, ihn nicht vollständig zu besitzen, weil sich darinnen eine kunstgerechte Angabe aller Verthcidigungsmittcl Italiens gegen Oesterreich befindet, von welcher der Kaiser selbst ohne Bedenken sagte, daß sic sehr schön und für das Kriegshandwerk klassisch sei, so lange die Form und die physischen Eigenheiten der Halbinsel nicht von der Natur zerstört würden. Jedoch wird das vollständige Werk über die Feldzüge in Italien diesen Mangel zuverlässig ersetzen. Donnerstag den 1. Februar. Die glücklichste und weiseste Philosophie ist wohl diejenige, die »uS von höchst ungünstigen Umständen zuweilen die vortheilhasten Selten zeigt. 2n einer solchen Stimmung sagte uns eben jetzt der Kaiser bei einem Spaziergänge durch den Garten: Wenn er nun einmal im Exil leben müsse, so sei am Ende St. Helena immer noch der beste Drt. In den höheren Breiten würden wir viel von der strengen Kälte auogcstandcn haben, und auf jeder andern Insel der Tropenländcr bei der brennenden Hitze auf elende Weise umgekommen scyn. „Der Felsen von St. Helena, suhr er fort, ist ohne Zweifel öde und unfruchtbar, das Clima monoton und ungesund, aber die Temperatur der Luft, daS müsse man gestehen, sei mild und angenehm." Das Gespräch gab ihm Veranlassung, mich zu fragen, ob wohl, wenn uns freie Wahl geblieben wäre, -Amerika oder England zu uuscrm Aufenthalte vorzuziehcn gewesen scyn würde. Ich antwortete, daß, sobald der Kaiser die Absicht gehabt hätte, als ein Philosoph, als ein Weiser zu leben, in einer ungestörte» Ruhe, und von den Wclthändcln ganz abgezogen, Amerika zu wählen gewesen scyn würde; aber sobald er nun cinigermaaßen noch Ge- schäftsverhältnissc für den Augenblick oder für künftig mögliche Fälle im Sinn gehabt hätte, dann würde freilich England den Vorzug verdient haben, und da Ich bei der vortheilhasten Schilderung, welche der Kaiser so eben von unfern erbärmlichen Felsen gemacht hatte, nicht gern Zurückbleiben wollte, so wagte ich selbst die Behauptung, daß wohl Ereignisse kommen könnten, bei denen St. Helena nicht der schlimmste Zufluchtsort scyn möchte, indem wir hier in der Verborgenheit lebten, unduns, wenn das Ungcwitter anderer Drce ausbrcche, hier außer der Atmosphäre der Leidenschaften befänden, was allerdings ein günstiger Umstand für die möglichen Wechsclfälle einer bessern Zukunft sei. Eine solche Bemerkung bewies sicher ein großes Verlangen, die Gegenstände !m schöner» Uchte zu erblicken, und ich bedurfte dazu die lebhafteste Phantasie i» der weitesten Ausdehnung ihres Horizonts. Um inzwischen einen richtigen Begriff von unscrm Exil und lnsserni dortigen Wohlbefinden zu geben, muß ich bemerken, daß man uns an demselben Tage gesagt hatte, wie wir mit mehrcrn Gegenständen unsrer kleine» Wirthschaft doch sparsamer umgehen 62 möchten, — auch vielleicht auf einige Zeit ganz darauf würden verzichte» müssen; so wie, daß der Kaffee außerordentlich selten sei, an dem cö wohl in Kürze fehlen könne; schon seit längerer Zeit hatten wir keinen weißen Zucker mehr, und ein kleiner Rest, von sehr schlcch. tcr Gattung, wird für den Kaiser selbst aufgespart; aber auch damit geht es leider zu Ende, und so ist es mit mehreren wesentlichen Bedürfnissen. Unsre Insel gleicht einem Schiffe, welches das Meer hält; cs tritt der Mangel ein, wenn die Fahrt sich verlängert, oder wenn zu viele Mäuler darauf sind. Unsre Zahl war hinreichend, um auf St. Helena eine Art von HungerSnoth hcr. vorzubringen, besonders da Handelsschiffe sich der Insel nicht nahen dürfen. Wir müßten glauben, daß man dies Land für eine furcht- bare und fluchwürdige Klippe halte, wenn wir nicht wüßten, daß ein englisches Schiff es umkrenze, um sie von uns sorgfältig entfernt zu halten. Aber von allen Entbehrungen, die uns drohen, hat keine uns so sehr erschreckt und würde keine uns so schmerzlich fallen, als der Mangel an Papier. Man hat unS gesagt, wir hätten in den drei Monaten, die wir hier sind, den Gcsammtvor- rath der Colonie erschöpft, und wir haben hieraus entnommen, daß sie entweder gewöhnlich sehr schlecht damit versorgt ist, oder wir entsetzlich viel Papier verbrauchen, indem unsere zu Longwood vereinte Gesellschaft sechs bis achtmal mehr bedarf, als die ganze übrige Jnselbevölkcrung. Zu diesen materiellen Dingen kommen min noch unsre physischen und moralischen Entbehrungen, und daß wir durch Willkühr und Eigensinn um manchen Genuß gebracht sind, welchen gleichwohl die Znscl darbietet. Hier ist selbst kein Gras und kein Laub, wohl aber in andern Gegenden zu finden, welche von Longwood entfernt sind. Der Admiral hatte dem Kaiser versprochen, daß er jeden Ort auf der Znsel solle besuchen dürfen, und dabei gesorgt werden würde, ihn auf eine solche Weise im Auge zu behalten, wie er eS kaum bemerken könne. Man weiß bereits, daß der Admiral schon bei dem zweiten Versuch, hiervon Gebrauch zu machen, dieses gegebene Wort brach, daß ein -Offizier sich auf seinen Befehl in unsre Gesellschaft eindrangen wollte, und der Kaiser von diesem Augenblick an auf jede weitere Entfernung verzichtete, so daß wir also dem Umgang mit der Welt ganz entzogen sind. Unser thicrisches Leben ist erbärmlich, sei es nun unmöglich, Besseres hcrbeizuschaffcn, oder die Folge übler Besorgung; so viel bleibt gewiß, daß fast Alles ungenießbar ist. Der Wein ist grundschlecht und das -Oel taugt eben so wenig, auch habe ich bereits erzählt, daß es an Bucker und Kaffee fehlt, und daß wir die 2nsel auszchren. 2ch weiß recht gut, daß man Alles entbehren kann, Md nicht gleich davon stirbt, aber wenn behauptet wird, daß man „n§ ans eine prachtvolle Weise behandle, wenn man unö cinreden will, daß wir uns sehr wohl befinden, dann bringt man uns dahin, cS laut zu sagen, wie schlecht es uns ergeht, und wie wir an Allem Mangel leiden. Man könnte vielleicht aus unserm Stillschweigen den Schluß ziehen, daß wir glücklich sind; darum soll man doch wenigstens erfahren, daß nur unsre moralische Kraft unS über die Leiden erhebt, welche sonst über allen Ausdruck seyn würden. Donnerstag den 2. Februar. Mein Sohn litt schon einige Zeit sehr an der Brust, und sein Puls ging sehr schnell. Ich zog drei Chirurgen zu Rache, die ihn zum Aderlässen vcrurtheilceu. Das ist jetzt das Lieblingsmittel bei den Engländern, es soll gegen alles helfen, und wird gebraucht, den Patienten mag nun viel oder gar nichts fehlen. Sie lachten über unsre Verwunderung, und daß uns dieses System so neu sei. Gegen Mittag machten wir eine Spazierfarth in unsrer Kalesche. AlS wir zurückkamen, lieS der Kaiser sich ein Pferd vorsühren, das man gekauft hatte, ein schönes und recht gewandtes Thier; Es wurde auf seinen Befehl vorgeritten. Er fand es recht hübsch, und machte mir sogleich mit ganz besonderer Güte ein Geschenk damit. Alleist ich konnte keinen Gebrauch davon machen, weil eS Capricen hat, und es wurde nun dem General Gourgaud zu Theil, der ein besserer Reiter ist alS ich. Sonnabend den 3. bis Dienstag den 6. Februar. Am 3. war abscheuliches Wetter, cs regnete ohne Aufhörcn, und man konnte daher nicht ausgehen. Das ging einige Tage sofort, und ich hätte es nie für möglich gehalten, daß wir so lange zu Hause bleiben könnten. Die Feuchtigkeit umgab uns von allen Seiten, und der Regen drang überall durch unser Dach. Innerhalb des Hauses war eben so schlechtes Wetter. Ich mochte wohl ganz betrübt aussehcn. Der Kaiser war nicht wohl, und ich befand mich auch nicht zum Besten. „Was ist Ihnen? sagte er an einem dieser Morgen. Seit einigen Tagen sind Sie anders. Ist es wohl Ihr Gemüth? Haben Sie etwa finstre Gedanken, nach Art der Frau von Sevigns? Sire! antwortete ich, es ist nur wein Physisches, der schlimme Zustand meiner Augen, der mich so nlederschlägt, denn das Moralische weiß ich im Zaume zu halten, zur Noch habe ich noch die Trense, und äußersten Falles würden die Sporen, welche Ew. Majestät mir geschenkt haben, ein gewiß wirksames Mittel seyn." 64 Inzwischen arbeitete der Kaiser drei, vier, auch wohl fü,s Stunden im Englischen, seine Fortschritte waren in der Thar st groß, und er darüber so verwundert, daß er sich wie ein Kind freute. Er sagte dieser Tage einmal bei der Tafel, und wieder, holte eS sehr osc, daß er mir diese Eroberung verdanke, welche für ihn sehr wichtig sei. Ich habe eigentlich dabei kein anderes Den dienst, als bei allen andern Arbeiten, für den Kaiser. Ich M ihn freilich darauf gebracht, und es gewagt, ihn immer wieder daran zu erinnern, und habe daun, als die Sache nugcsaugen war, bei der weitern Ausführung, die freilich von mir abhieng, einen Fleiß und eine so regelmäßige tägliche Ordnung beobachtet, daß ich ihm al> lein dadurch Muth machen konnte. Wäre ich nicht immer zu seinem Dienst bereit gewesen, wenn er mich verlangte, hätte er oft auf den folgenden Tag etwas verschieben müssen, so wäre er der Sache gleich überdrüssig worden, und die Arbeiten würden liegen geblieben > seyn, bis ihn wieder etwas veranlaßt hätte, sie vorzusuchen. „Ich muß angelrieben werden, sagte er mir einmal im Vertrauen, bei einer vorkommcnden kurzen Unterbrechung; denn nur daö Vergnügen, vorwärts zu kommen, kann mich festhaltcn. Wir wollen cS unS nur gestehen, mein Lieber! Viel Freude giebts hier nicht bei uns, nichts zum Lachen in unsrer ganzen Existenz." Vor dem Diner spielte der Kaiser gewöhnlich einige Parthien Schach. Nach dem Essen war das Rcvcrsi wieder in Gang gekommen, was wir iange Zeit aufgegeben hatten. Da wir unS sonst nicht eben regelmäßig bezahlten, so wurde beschlossen, in eine gemeinschaftliche Casse zu spielen. Man stritt sich über die künftige Bestimmung derselben, der Kaiser verlangte, unsre Meinung zu wissen. Einer von unS schlug vor, die schönste Sklavin auf der Insel von dem Gewinn loszukaufen; hiermit waren Alle einverstanden. Man ging nun recht eifrig anö Spiel, und der erste Abend trug zwei und einen halben Napoleondor ein. Mittwoch den 7. und Donnerstag den 8. Februar. Die Fregatte la Thebaine kam vom Kap und brachte uns verschiedene Zeitungen mit. Ich übersetzte sie dem Kaiser, indem wir im Garten auf- und abgingen. Eine derselben enthielt eine große Katastrophe. 26) las nämlich, daß Murat mit einigen Mannschaften in Calabricn anö Land gekommen, sogleich ergriffen und erschossen worden sei. Bei diesen Worten faßte der Kaiser plötzlich meinen Arm, und rüste aus: „Ach die Calabresen waren menschlicher, waren großmüthiger, als diejenigen, welche mich hieher geschickt haben!" — DaS war Alles. Nack) einigen Momenten 66 de§ Schweigens fuhr ich/ da er nichts weiter sagte, mit "Lesen wieder fort. Mnrat, ein Mann ohne richtige Urteilskraft, ohne die Fähigkeit, einen festen Standpunkt anzunehmcn, und ohne einen Charakter, der diesen Verhältnissen das Gleichgewicht gehalten hätte, verlor sein Leben bei einem Unternehmen, das offenbar ganz hoffnungslos war. Es ist gar nicht unmöglich, daß des Kaisers Rückkehr von der Insel Elba ihm den Kopf verdreht hatte, und daß er glaubte, cs könne ihm wohl auch gelingen, jenes Wunder zu eignem Dortheil zu erneuern. Und so mußte also derjenige elende Weise umkommcn, der ein so thätiges Werkzeug zu unserm Unglück gewesen war! Sein Muth, seine Kühnheit konnte «ns im Lahr 1814 von eben dem Abgrund retten, in welchen sein Verrath uns stürzte, er zog am Po sich von dem Vieckönig ab, und stand dann dort selbst gegen ihn, anstatt, daß, wenn er sich mit ihm vereint hätte, sie durch die Bergschluchten Tyrols mit Macht Vordringen, durch Deutschland über Basel an den Rhein gehen, die Alliirten im Rucken angreifen, und nach den größten Niederlagen ihnen den l Rückzug aus Frankreich abschncidcn konnten. Der Kaiser war zu stolz, um von der 2nsel Elba aus sich mir dem König von Neapel in Verbindung zu setzen. Aber als i er nach Frankreich abging, schrieb er ihm, daß, da er jetzt wic- ' derum Besitz von seinem Thron nehmen werde, er ihm erklären Me, wie er es dafür ansehe, daß zwischen ihnen nichts vorgefallen sei, daß er ihm sein zuletzt bewiesenes Verhalten verzeihe, ihm seine Wohlgcwogcnheit wieder schenke, und ein Gesandter den Auftrag habe, die Garantie seiner Staaten zu untcr- L zeichnen, daß er ihm aber vor allen Dingen empfehle, mit den K Schmeicheln in gutem Vernehmen zu bleiben, so wie, in dem »Zulle, da sie gegen Frankreich marschircn ließen, sich darauf zu L beschränken, dieselben davon möglichst zurückzuhalccn. Murat ver- P langte damals, nach der nämlichen Art, wie er in seiner frühen z Jugend zu handeln pflegte, weder Garantie noch Unterschrift; er niste aus: das Wort des Kaisers, und seine Freundschaft sei ihm genug, er werde beweisen, daß er mehr unglücklich, als schuldig gewesen sei. Seine Ergebenheit, sein Eifer würde bald das Geschehene in Vergessenheit bringen. «Aber es lag nun einmal in der Bestimmung Murats, sagte bei Kaiser, uns zu schaden. Es war ein Unglück für uns, daß n uns verlies, und abermals unser Unglück, daß er zu hitzig »nsre Parthie wieder nahm. Er hielt dabei kein Maaß, griff die b, Eastz Tageb. Z. Bh. 2 66 Ocsterreicher an, ohne vernünftigen Plan, ohne zureichende Mittel, und unterlag, ohne Schwerdtschlag." Die Ocsterreicher, die sich jetzt von diesem Hindernis befrei! sahen, bedienten sich desselben, aus Ueberzeugung oder als ciucS Vorwands, um davon auf ehrgeizige Absichten Napoleons zu schliessen, der nun wieder auf der Scene erschienen war. Sie machten ihm diesen Einwurf, so oft er nun seine Mäßigung versi- chern wollte. Der Kaiser hatte, vor dem unglücklichen Ereigniß der von Murat begonnenen Feindseligkeiten, schon einige Unterhandlungen mit Oesterreich angeknüpft. Andere kleinere Staaten, welche ich nicht nennen will, hatten ihm wissen lassen, daß er auf ihre Ne», tralität rechnen könne. Es ist also wohl keinem Zweifel untemor. sen, daß der Fall des Königs von Neapel den Dingen eine audm Wendung gegeben hat. Oft har man Napoleon als einen schrecklichen und unversöhnlichen Menschen zu schildern gesucht. Aber er war in der Lhat von aller Rachsucht weit entfernt, und konnte, so großes Lcid mau ihm auch zugefügc harre, doch nicht Groll hegen. Sein Aon, machte sich gewöhnlich durch einige heftige Aeußerungen Lust, das war Alles. Wer ihn näher kannte, wußte das auch sehr aut. Murat hatte ihn auf die abscheulichste Weise verrarhen, man hat nur eben gelesen, daß er zweimal so großes Verderben über ihn gebracht, und dennoch wählte Murat Toulon zu seinem Asyl. „Ich hatte ihn bei Waterloo gebraucht, sagte der Kaiser zu unS, aber die französische Armee war so patriotisch, war so rechtlich gesinnt, daß sic schwerlich den Abscheu gegen einen Mann überwunden hätte, von dem sie behauptete, daß er Frankreich vcmthen und ins Unglück gebracht habe. Iich hielt mich nicht für mächtig genug, ihn zu halten, und doch hieng vielleicht unser Sieg dam ab; denn zu gewissen Momenten jenes Tages wäre seine Gegenwart viel werth gewesen, wenn es vielleicht darauf ankam, drei oder vier englische geschloßne Vierecke zu durchbrechen. In einem solchen Falle konnte Murat Wunder thun, er war der rechte Mann dazu. Nie hat man bei einem Anführer der Reutcrei größere Entschlossenheit, mehr Bravour, glänzendere Waffenthaten gesehen. „Wenn man übrigens die Umstände bei der Landung Napoleons und Murats, in Frankreich und in Neapel, unter sich vergleichen wollte, sagte der Kaiser, so würde man finden, daß ei» - solcher Vergleich gar nicht statt finden könne. Murat hatte i» i seiner Sache kein anderes haltbares Argument, als den Erfolg, den i er erwartete, und auch dieser war ein bloßer Trugschluß i» dein > Moment, und durch die Art, wie er sie unternahm. Napoleon « Wk vom Volk gewählt, und legitim durch ihre neuern Doktrinen; Murak hingegen war kein Neapolitaner, und die Neapolitaner hatten niemals Murat gewählt; war es wohl zu erwarten, daß er bcl Ihnen ein lebhaftes Interesse erregen könne? Auch war seine Proklamation ohne Kraft und Wahrheit. Ferdinand von Neapel konnte und durste ihn nicht anders, als wie einen Ausrührer betrachten. Er that cs, und behandelte ihn dem gemäß. „Welch ein Unterschied mit mir, fuhr Napoleon fort, schon «er meiner Ankunft klopften alle Herzen in ganz Frankreich mir entgegen. Ich landete, und meine Proklamation zeigte in jedem Worte gleiche Gefühle. Ein jeder laS darinnen, was er in der eignen Brust empfand. Frankreich war unzufrieden, in mir erkannte eö seinen Retter. Man hielt mein Erscheinen für das rechte Mittel gegen die Krankheit. Das ist der Schlüssel zu der elektrischen Bewegung, die in der Geschichte ohne Beispiel ist. Ihre -Quelle entsprang einzig aus der Natur der Umstande. Ein allgemeiner Volksaufstand brach ohne Verschwörung aus. Man sprach kein Wort, und doch verstand sich alle Welt. Ganze Völkerschaften strömten auf dem Wege des Retters zusammen. Das erste Bataillon, welches die Freude des Widersehens zu mir hinriß, war die ganze Armee. 2ch kam nach Paris, die bestehende Regierung verschwand mit ihren Helfern von selbst, wie die Wolken fliehen bei dem Erscheinen der Sonne. Und — wäre es auch nicht gelungen, endete der Kaiser, wäre ich auch sogleich in die Hände meiner Feinde gefallen, so war ich doch nicht blos das Haupt von Aufrührern, sondern ein von ganz Europa anerkannter Souverain; ich hatte meinen Titel, meine Fahnen, meine Truppen, und kam, um Krieg zu führen mit meinem Feinde. Donnerstag den 9. Februar. In den Zeitungen, welche ich dem Kaiser übersetzte, fand ich die Geschichte Portiers, eines der merkwürdigsten Anführer der berühmt gewordenen Guerillas. Er hatte es versucht, die Nation — — — — — — aufzurufen, aber sein Plan war gescheitert, und man hatte ihn gehangen. Der Kaiser sagte: „Ich bin über ein solches Unternehmen in Spanien gar nicht verwundert. Bei meiner Rückkehr von der Insel Elba wendeten diejenigen Spanier, welche sich am erbittertsten gegen meine Invasion gezeigt, welche den mehrsten Ruhm durch ihren Widerstand erworben hatten, sich unmittelbar an mich. Sie hatten, so sagten sie, gegen mich gekämpft, wie gegen ihren Tyrannen, jetzt kämen sie, mich zu bitten, ihr Befreier zu werden. Eie bedürften nichts, als eine geringe Summe, um sich selbst zu 68 helfen, und eine Revolution auf der Halbinsel zu bewirken, welche der »reinigen ähnlich seyn würde. Hatte Ich zu Waterloo gesiegt, so wäre ich ihnen zu Hülfe geeilt. Dieses Ercigniß erklärt mir den gegenwärtigen Versuch. Er wird ohne Zweifel wiederhelt werden. — — — — — — — — — — Als wir mit den Zeitungen fertig waren, blätterte der Kaiser auS Langeweile in meinem Aclaö, und ich hatte die große Freude, daß er sich endlich einmal bei meinen genealogischen Tabellen auf< hielt, was ich schon lange gewünscht hatte, wenn er sie immer unbemerkt lies. 2ch zeigte ihm auf der Tabelle von England dm berühmten Krieg von der rochen und der weißen Rose, der ohne eine solche Veihülfe für die Mehrzahl der Leser ganz unverständlich ist. Er war ganz erstaunt über die Nützlichkeit meines Werkes, durchlief setzt eine große Zahl noch anderer Tabellen, und bemerkte bei der von Rußland, daß cö ohne ein solches Mittel sehr schwer seyn würde, der unregelmäßigen Sncccssion der letztem Souveraine zu folgen. Be! der Tabelle von Frankreich war er höchlich vcr. wundert über die sonderbare Auseinandersetzung, aus welcher man ersah, daß Ludwig der XVI. , sieben oder acht Auslegungen des Salischen Gesetzes zum Trotz immer noch regiert hatte, als «b dieses Gesetz nie vorhanden gewesen wäre. Der Kaiser verweilte lange bei den strengen und vollständigen > Abtheilungslinien dieser Tabellen. Er betrachtete immer ivicttr' aufs Neue die Menge von Dercinigungspunkten, die auf dem klein« > sten Raum angegeben sind, die Ordnung der Souveraine nach Nummern, die Stufenfolge ihrer jedesmaligen Abstammung, dik Angabe der sämmtlichen Seitenlinien ac., und er wiederholte, mS er mir auch wohl schon sonst gesagt hatte, daß, wenn er dieselben gekannt hätte, er nicht ermangelt haben würde, mich rufen ln lassen, und mir aufzugeben, ein bequemeres und minder kostspicli« ges Format zu besorgen, um es dann in den Lyceen cinznsührcn. Er setzte noch hinzu, daß er wohl die ganze Geschichte niit! solchen Hülssmittcln zu ihrer Verständlichkeit abgedruckt zu sehen . wünschte. 2ch antwortete, daß ich den nämlichen Gedanken gciM ^ hätte, und derselbe auch bereits bei der englischen Geschichte m Hume ausgeführt sei, so wie daß ein Gleiches, ohne die letztem. ^ Ereignisse, für die Geschichte von Deutschland von Pfeffcld, (?)i - ^ für Frankreich von Hainaut, und für die drei nordischen äste- ^ nen -c. geschehen seyn würde. < Gegen vier Uhr stellte ich dem Kaiser den Capital» der Dt« ^ baine, welcher folgenden Tages nach Europa abgchc» wollte, mss 69 de» Obersten des Regiments von Ceylon, Maeoy, vor. Dieser brave Soldat sah anö wie ein verstümmeltes Denkmal. Er hatte > e!» Bein zu wenig, ein Säbelhieb war ihm über die Stirne gegangen, und noch andere Narben bedeckten sein Gesicht. Auf dem Schlachtfeld in Calabrien war er Kriegsgefangener des General Parthonaux geworden. Der Kaiser nahm ihn ganz besonders wohl aus, man bemerkte die Verwandtschaft der Seelen. Der Oberste Maeoy war Major in dem Corsischcn Rcgimentc gewesen, daö der neue Gouverneur, welchen wir erwarten, kommandiere. Er sagte zu jemanden von unS, er fände, daß ein Mann, wie der Kaiser, hier sehr schlecht gehalten sei, und daß er dem General Lowe zu viel Edelmuth zutraue, um nicht zu glauben, daß schon seine Annahme der Gouvcrneurstelle auf der Insel beweise, daß er unsere Lage verbessern wolle. Der Kaiser stieg sodann zu Pferde, und wir ritten den ge» wöhiilichcn Weg durch unser Thal, kamen erst gegen 7 Uhr zurück, und der Kaiser ging dann noch im Garten spazieren. Die Luft war sehr mild, der Mond schien freundlich, und das Wetter war überhaupt nun wieder recht schön geworden. Sonnabend den io. Februar. Der Kaiser ging jetzt im Englischen immer besser vorwärts, ! und konnte mit Hülfe dcS Dictionairö mich zur Noth schon entbehren. Seine entschiedenen Fortschritte machten ihm großes Ver» . gnngen. Bei der heutigen Lection kamen wir In der brittischen Encyclopadie aus den Nil, und er machte sich einige Notizen hierbei zum Behuf dcö Dictirens an de» Großmarschail. Wir fanden nämlich ein Citat, wovon ich schon früher mit dem Kaiser gesprochen, und waS er bisher für ganz lächerlich angesehen . hatte. Albuqucrque, der Große, habe den König von Portugal , vorgeschlagen, den Nil, vor seinem Lauf durch das Thal Egyptens, in das rothc Meer abzuleitcn, um dadurch Egypten zu einer un- .. Mhbaren Wüste und das Vorgebirge der guten Hoffnung zu der i einzigen Handelsstraße für den großen indischen Handel zu machen, 1 Bauce hält diesen Ricsengedanken nicht für ganz unausführbar, , und der Kaiser war davon sehr ergriffen. § Gegen fünf Uhr fuhr der Kaiser in seiner Kalesche aus. Die ^ Spazierfarth war überaus angenehm. Der Einfail, einige Bäume , niederzuschlagen, har unfern frühem Bezirk um das Dreifache erweitert, indem wir dadurch mehrere natürliche Zugänge geöffnet , erhielten. Nach der Rückkehr benutzten wir den schönen Abend, um ) »vch recht lange im Garren spazieren zu gehen. Uns e Umcrhal- 70 tung war höchst interessant. Sie betraf große und wichtige Gegen, stände. Wir sprachen nämlich über die verschiedenen Religionen, den Geist, der sie eingegeben, die lächerlichen Thorheiten, womit man sie vermengt, die Ausschweifungen, wodurch man sie hcrabge, würdigt, die Einwürfe, welche man ihnen gemacht habew. w. Der Kaiser behandelte alle diese Gegenstände mit der ihm eignen Gei- stesüberlegenheic. Sonntag den 11. Februar. Der Kaiser las heute den Artikel: Egypten In der Encyclopädir, und entnahm daraus mehrere Notizen, die ihm für seinen dortigen Feldzug nützlich wurden. Es ist ihm das sehr angenehm, und er wiederholte daher mehrmals an einem und demselben Tage, wie glücklich ihn seine Fortschritte machten. Er kann in der That schon ohne alle Bcihülfe lesen. Gegen vier Uhr folgte ich dem Kaiser in den Garten, wir gingen einige Zeit allein darinn umher, dann kam man uns nach. Die Luft war sehr mild. Der Kaiser machte seine Bemerkungen über die Stille unsrer Einsamkeit. ES war Sonntag und alle Ar, beiter waren abwesend. Er fügte hinzu, man würde uns wenig, stens nicht nachsagen können, daß wir einen ausschweifenden Lebens, Wandel geführt, und den Vergnügungen allzuciftig nachgcjagt hätten. Wirklich cö ist schwer, sich ein gleichförmigeres Leben und einen größer» Mangel an Zerstreuung zu denken. Der Kaiser erträgt diese Lage auf bewundernswürdige Weise, er übertrifft uns Alle durch Gleichbleiben des Charakters und fort, währende heitere Laune. Man kann nicht leicht eingczogener und stiller leben, sagte er. Um 10 Uhr ging er zu Bette, und stand nicht eher auf, das heißt, er ging nicht eher aus, als um 5 oder 5 Uhr Nachmittags. Sein äußeres Leben währte also nicht länger, als 4 Stunden. Das war die Existenz eines Gefangenen, den man täglich aus seinem Kerker läßt, um etwas Luft zu schöpfen. Aber wie viele Arbeiten giebt cs jeden Tag, wie viel Anlaß zum Denken bei dem langen Eingcsperrtbleiben. Als von der Arbeit die Rede war, sagte der Kaiser, daß er so stark sei, als er jemals gewesen wäre, daß er sich weder verwelkt, noch entkräftet fühle, und sich selbst darüber verwundere, daß die letzter» Ereignisse, die ihn betroffen hätten, nicht nachtheiliger für seine Gesundheit geworden waren. ES sei alles wie Blei vom Marmor abgeglitten; die Schwere habe die Federn zusammcndrücken, aber nicht zerbrechen können, sie hatte» sich mit aller ihrer Ausdehnungskraft wieder gehoben. Er glaube, es gebe niemand in der ganzen Welt, der sich besser, als er, i» 71 so eisernes Schicksal hätte finden könne». Dies sei der wahre Triumph der Verminst und der Festigkeit der Seele. Die Stunde des Ausfahrens war herbei gekommen; als der Kaiser nach der Kalesche sich begeben wollte/ bemerkte er die kleine Hortensia, Tochter von Frau von Bertrand, die er sehr liebt. Erlies sie näher treten, küßte sie zu mchrcrenmalen, und nahm sic, nebst den kleinen Tristan von Montholon mit in den Wagen, linterwegs erzählte der Großmarschall, der die Zeitungen eben kurchlescn hatte, einige Bonmots und Karrikaruren, die er darinnen gefunden habe. Eine der letzter» war sehr bcissend. — Das Bild stellte zweierlei dar. Das eine davon war Napoleon, welcher der , Fürstin Hazfeld den Brief, um ihn ins Feuer zu werfen, zurück« gab, dessen Verschwinden ihren Gemahl rettete; unten stand: Tyrannische Handlung eines Usurpators. Der Pandent war von ganz anderer Art. Das brachte unS darauf, dem Kaiser zu erzählen, mit welcher Unzahl von Karrikaruren man uns nach der Restauration über« schwemmt hatte. Mehrere davon haben ihn sehr belustigt, und eine, welche die Veränderung der Dynastie zum Gegenstand hatte, brachte ihn zum Lachen. Der Kaiser machte die Bemerkung, daß wenn die Karrikaruren bisweilen Rache übten für zugefügtes Unglück, sie noch weit unaufhörlicher die Gewalt neckten. Wie viel sind nicht auf mich gemacht worden, sagte er; nun fragte er uns nach einigen, und von allen, die wir erwähnten, fand er besonders eine sehr lustig und gut ausgedacht, nämlich die, wo der alte Georg m. von der englischen Küste aus Napoleon an dem entgegengesetzten Ufer eine ungeheure Runkelrübe an den Kopf wirft, und dabei ihm zuruft: ,,Da, mach dir Zucker draus!" Montag den 12. Februar. Das Wetter war wieder schön geworden. Der Kaiser ging gegen 4 Uhr im Garten spazieren; wir fanden die Lust überaus angenehm, und jeder von uns erklärte laut, eS sei wie an einem unsrer schönsten europäischen Abende. Wir hatten seit der Ankunft auf der Insel noch nichts AchnUches erlebt. Der Kaiser lies die Kalesche Vorfahren, und wollte heute zur Abwechslung., unsre Gummibäume einmal im Stich lassen, um auf dem Wege, der zu dem Großmarschall führt, dann zu der Straße zu gelangen, die das obere Becken unseres Lieblingsthales umzieht, um so, nach der Gegend hiuzukommen, wo sich die Besitzung einer Dcmoisellc Malen, auf dein Longwood gegenüber liegenden Bergrücken, befindet 72 Er lies Frau von Bettrand einstclgen, Fra» von Monrhelon und ich saßen schon im Wagen, die übrigen folgten zu Pferde, so daß wir alle beisammen waren. Einige Schritte von der Wohnung der Fra» von Bercrand, bei den dort ausgestellten Militairposten, war der Weg sehr felsig und uneben, die Pferde wollten nicht anziehen, und man mußte anrsteigen. Der Schlag war kaum breit genug für den Wagen, aber die englischen Soldaten liefen zu, und halfen recht gern und geschwind, ihn über die schwierige Stelle weghcben. Inzwischen waren wir nun einmal in dem neuen Vergkcssel, und der Spaziergang zu Fuß so angenehm, daß der Kaiser ihn fortzusetzen wünschte. Bald nachher wurde es Abend, und er wollte nun, daß der Wagen allein sich den Weg bis an die Thüre der Demi- scllc Mason suchen möchte. Wir gingen immer -fort zu Fuß weiter. 2» der That war der Abend überaus schön, die Nacht brach an, aber der Mond schien hell und klar durch sie hin, und unser Spaziergang weckte die Erinnerung an die schönsten Sommeraben« de, wo wir in den Umgebungen unsrer Schlösser in Europa lustwandelten. Als die Kalesche uns wieder erreicht hatte, wollte der Kaiser noch immer nicht einstclgen. Er schickte sie voran bis an da» Haus von Frau von Bercrand, und selbst, als er dort angelangt war, wollte er noch immer weiter bis nach Longwood zu Fuß gehen, wo er dann endlich sehr ermüdet ankam. Er war gegen sechs Meilen gegangen, was für ihn, der in seinem ganzen Leben sich nicht ans Fußgehen gewöhnt hat, als etwas besonderes gelten mußte. Dienstag den 13 . bis Freitag den 16 . Februar. 2ch habe schon anderwärts gesagt, daß cs auf St. Helena keine 2ahreszeiren giebt, sondern nur einen gewissen unregelmäßigen Kreislauf von gutem und schlechtem Wetter. 2etzt regnete eS unaufhörlich, und wir konnten kaum dann und wann aus einige Minuten ausgchen. Es würde mir sehr schwer fallen, vier Worte zu finden, um damit für diese vier Tage irgend eine Abweichung von unsrem Gewohnheicsleben zu bezeichnen. 2ch ergreife daher diese Gelegenheit, ein für allemal zu erklären, daß wenn von Zeit zu Zeit in meinem Tagebuche mehrere Tage unter einen Artikel gebracht wurden, es darum geschah, weil ich eine» Theil dessen, was sie mir etwa darboten, weglassen wollte; wozu ich, wie man leicht crrathcn wird, durch verschiedene Gründe bewogen scyn kann. Bisweilen sind mir die Gegenstände zu kindisch, dann wieder ein- > mal so wichtig, daß sic für die Gegenwart noch nicht geeignet scheinen; oder sie betreffen nur Persönlichkeiten, die ich überhaupt sorgsam zu vermeiden pflege. Wenn man dennoch dann und wann dergleichen findet, so geschah eS, weil die Hauptfigur meiner Geschichte deren Erwähnung durchaus nothwendig machte und um den Charakter des Kaisers treu zu schildern, Aber auch dann kann ich mir noch zu meiner inneru Beruhigung sagen, daß diese Persönlichkeiten nur öffentliche Charaktere und nur solche Dinge betreffen, welche schon aller Welt bekannt sind. Ich habe übrigens mir nicht verhehlt, daß das von mir unter- nommene Werk mir große Unannehmlichkeiten herbeisühren werde, aber ich betrachte es als eine heilige Pflicht und strebe nach deren vollkommenster Erfüllung; komme was da wolle! Sonnabend, am 17. Februar. DeS Morgens um 6 Uhr stieg der Kaiser zu Pferde. Wir ritten durch den Park, nahmen zuerst die Richtung nach unscrm Thale und kamen dann auf den Weg, welcher übers Feld zu dem Großmarschall führt. Vor der Thüre des Letzter» machte eine Masse von 150 b!S 200 Matrosen vom Northumberland, die täglich Meter und Steine für Longwood oder dessen Umgebung tragen, vor uns Halt und stellten sich in Linie auf, um uns vorbei zu lassen. Der Kaiser sprach mit den Offizieren und lächelte recht freundlich unfern alten Reisegefährten zu, denen man cs ansah, wie sehr sie sich freuten, ihn wieder zu sehen. Ich habe schon gesagt, daß wir von einer Zeit zur andern Zeitungen aus Europa erhalten, die uns dann sehr beschäftigen und immer am Ende zu sehr lebhaften und geistreichen Bemerkungen des Kaisers Gelegenheit geben. Er fand heute, daß Frankreich !>n Ganzen sich nicht verbessert habe. „Den BourbonS, wiederholte er, blieb diesmal nichts andres übrig, alö Strenge. Vier Monate waren nun schon verstrichen, die Allürten wollten Frankreich verlassen und man hatte bis jezt nur halbe Maasregeln genommen. Eine Regierung kann nur bestehen, wenn sie an ihrem Grundsatz fest hält; hier ist es offenbar die Rückkehr zu den alten Maximen und man hätte es offen thun sollen. Die Kammern werden vor Allem in einem unglücklichen Verhältniß stehen; da sie das Vertrauen des Königs nie gewinnen und keine Macht über die Nation erlangen können. Der König wird bald nicht inehr wissen, wie er sich ihnen mittheilen soll, da sie einen andern Glauben, eine andre Sprache als er haben. Niemand wird dann noch daS blecht besitzen, das Volk zu enttäuschen, bei alle den verrückten Dingen, die der Erste der Brüte ihm vorpredigen, wenn man ihm erzählen 74 wird, daß man die -Üuellcn vergiften, die Häuser i» die Lust spmi. gen wolle u. s. w." Der Kaiser meinte, es würde manche gerichtliche Exekutionen geben und ein großes Verlangen nach einer Reaktion, stark genug um zu erbittern, aber zu schwach um zu siegen u. s. w. Europa im Allgemeinen schien dem Kaiser eben so aufgeregt als je. Es habe Frankreich vernichtet, meinte er, aber dieses könne einst bei einem Aufstand der Völker wieder auferstchcn, da die Politik der Souvcraine nicht geeignet sei, sich diese zu befreunden. Zener könne hiernächst auch leicht die Folge der Uneinigkeit der Mächte scpn, welche ohne Zweifel bald ausbrechcn werde. Unsere eigne Lage würde sich auf keine andre Weise, als durch Englands Dazwischcnkunst verbessern, und diese uns nur bei dem Entstehen eines politischen Interesse, bei einer Veränderung des Ministern, oder dem Eintritt eines Regierungswechsels, oder auch wohl bei dem durch den Scrom der allgemeinen Meinung ema- chcnden Gefühle der Nationalehre, einst günstig werden. Ein politisches Interesse könne durch die Verhältnisse hcrbeigeführt werden; durch Veränderung bei den Machthabern, welche die Zeitereignisse vcranlaßten, so wie endlich durch das Gefühl der Nationalehre, welches so leicht zu fassen sei, und für das, wenn das jetzige Ministerium es auch miöverstanden habe, doch andre wohl empfänglicher scyn dürften. Sonntag, am 18. Februar. Der Kaiser ließ mich gegen 10 Uhr rufen. Er war eben nach Haus gekommen. Man hatte mir gesagt, er sei aus der Jagd gewesen. Er verneinte es jedoch und erzählte mir, daß er um 6 Uhr ausgerittcn wäre, aber nicht gewollt habe, daß mau Se. Excellenz im Schlafe störe. Wir arbeiteten dann englisch zusammen. Man brachte das Frühstück, es war abscheulich schlecht und ich konnte mich nicht enthalten, eine Bemerkung darüber zu machen. Er bedauerte mich, daß ich cs so übel fände und sagte, daß man freilich Hunger haben müsse, um es hinterzubringen. Wir setzten dann unsre Lektion bis gegen 1 Uhr fort, wo die Hitze Ruhe gebot. Gegen 5 Uhr ging der Kaiser in den Garccn. Er begann das häusliche Glück eines rechtlichen und sich wohlbesindenden Privatmanns zu schildern, der tief in der Provinz ruhig in dem Besitz des von seinem Vater ererbten Gutes lebt. Was er sagte, war äußerst philosophisch. Wir konnten uns nicht erwehre», über ein so friedliches Bild zu lächeln und ec lnipp deshalb einen von mW ! > p, die Ohren. „UibrigcnS, fuhr er fort, kennt man in Frankreich dieses Glück nur noch durch Tradition. Die Revolution hat es zerstört. Sie hat die altern Leute darum gebracht und die jünger» sind noch zu neu in dessen Genuß. Das -Original meines Gemäldes ist nicht mehr vorhanden." Er bemerkte ferner, daß, wer das Stübchen nicht mehr habe, in dem er zur Welt gekommen, den Garten, in dem er als Kind herumgelaufen sei, auch kein Vaterland besitze. Einer von uns fügte hinzu, daß wer um das Haus komme, daö er sich nach dem Schiffbruch erbaut, das er mit seinem Weibe gccheilt habe, wo seine Kinder geboren worden wären, auch daö zweite Vaterland verliere. Wie viele Menschen sind in diesem Falle! Zn welcher Zeit haben wir gelebt! Unsre Kalesche fuhr jezt vor und wir machten unsre gewöhnliche Spazierfahrt. Beim Diner sprach man von zwei jungen Damen auf der Znsel, von denen die eine groß, sehr schön und ungemein anziehend sei, die andere weit weniger hübsch, aber sehr angenehm in ihrem Betragen und unübertrefflich in Hinsicht auf Grazie und Haltung. Alle Meinungen waren verschieden. Der Kaiser, der nur die elftere kannte, erklärte sich sehr bestimmt für diese. Einer von uns nahm sich die Freiheit, ihm zu sagen, daß wenn er auch die zweite sähe, er doch seine Ansicht nicht andern würde. Daö war ihm nicht genug; er wollte, daß dieser Eine seine eigne Wahl aussprechen möchte und dieser antwortete hieraus, daß er sehr für die zweite sei, was denn nun freilich fast wie ein Widerspruch aussah. Der Kaiser verlangte eine bestimmtere Erklärung. „Wenn ich mir eine Sklavin kaufen wollte, sagte jener, so würde ich mich für die Erstere bestimmen; wenn ich aber ein Glück darinnen fände, selbst ein Sklave zu werden, mich an die Zweite wenden." „Das will also so viel sagen, erwiederte der Kaiser lebhaft, daß Sie mir einen schlechten Geschmack oder schlechten Ton zucraucn?" „Nein, Sire! ich denke mir nur die Neigungen Ew. Majestät ganz anders als Hste meinigen." Er lachte und widersprach nicht weiter. Montag, am 19. Februar. Heute bei sehr frühem Morgen — es war kaum 6 Uhr — wollte der Kaiser schon auöreiten. Zch hatte befohlen, mich zu wecken, stand fix und fertig da und er war nicht wenig verwundert darüber, daß ich davon gewußt hatte und so aufmerksam gewesen sei. Wir ritten ohne einen bestimmten Zweck im Park umher und kamen gegen 9 Uhr zurück, da die Sonne schon ziemlich heiß zu scheinen begann. Gegen 4 Uhr wollte der Kaiser sein Englisch vornehmen, akn, er befand sich unwohl. Den ganzen Tag über, sagte er, sei ihm alles im unangenehmen Lichte erschienen, nichts gelungen. Bei dem Spaziergänge im Garten war ihm nicht besser geworden; auch bei Tische suhlte er sich nicht wohl. Er konnte sein Schach „ich; wie gewöhnlich spielen, denn schon nach der ersten Parlhie zog er sich wegen seines Uibclbefindens zurück. Dienstag, am 20. Februar. DaS Wetter war überaus schlecht, und der Kaiser die ganze Nacht hindurch unwohl gewesen, am Morgen aber schon wieder viel besser, doch ging er vor 5 Uhr nicht auö seinem Zimmer. Gegen 6 Uhr benutzten wir einen Sonncnblick, um in der Kalesche in den Park zu fahren. Die Pferde, womit man uns beschenkt hat, haben Capriccn. Wenn ihnen etwas in die Augen kömmt, so werden sie stätrg. Sie blieben zu mehrerenmalen stehen; der Weg war vom Regen schlecht geworden, und es mußte einmal alle Kraft angcwendet werden, um nicht gcnöchigt zu seyn, zu Fuß heimzu» kehren. Der Großmarschall und der General Gourgaud stiegen aus, und griffen in die Räder, um den Wagen sortzubringen. Endlich kamen wir, mit vieler Mühe, wieder nach Haus. Während der Promenade sprachen wir von der Insel Elba. Der Kaiser erzählte uns von den Wegen, die er dort hatte machen, von den Häusern, die er daselbst hatte ausbanen lassen; die ersten Mahler Italiens stritten um die Ehre, darinnen zu arbeiten, und baten, wie um eine besondere Gunst, sie verschönern zu dürfe» :c. Seine Farbe, seine Flagge sei, sagte er, bald die Erste im mittelländischen Meere geworden. Die Varbaresken hielten sie heilig, und machten den Capitains Geschenke, um, wie sie äußerten, die Schuld von Moskau zu bezahlen. Der Großmarschall erzählte: Es wären einmal mehrere Schiffe dieser Nation zugleich gekommen, um an der Insel Elba Anker zu werfen, und hätten dadurch ihnen große Unruhe verursacht. Man habe daher diese Leute nach ihrer Absicht, und endlich ganz gerade zu, ob sie als Feinde kämen? gefragt, hierauf aber folgende Antwort erhalten; „Gegen den gro» ßen Napoleon? gewiß nie! — Wir führen nicht Krieg mit Gott!" Wenn die Flagge der Insel Elba sich in irgend einem Hafen deS mittelländischen Meeres zeigte — Livorno ausgenommen — wurde sie stets mit dem lebhaftesten Freudenruf empfangen. Es war, als sei das Vaterland heimgekehrt. Einige französische Schiffe, die auS der Bretagne und aus Flandern kamen, und an Elba landeten, zeigten gleiche Gesinnung. „AlleS ln der Welt, schloß der Kaiser, hat doch seine eigne Abstufung. Die Insel Elba, die wir vor einem Jahre noch so häßlich fanden, ist, mit St. Helena verglichen, ein entzückender L>rc. Aber Sc. Helena kann sicher seyn, künftig nie vermißt zu werden. Mittwoch, am 21. biS Freitag, am 23. Februar. Der Kaiser fuhr fort, früh aufzustchen, und seinen Spazierritt zu Pferde zu machen. Wenn er auch nur Schritt und nur unter seinen Gummibäumen umher ritt, so war ihm doch diese j kleine Bewegung heilsam, sie zwang ihn, Luft zu schöpfen; er kam dann mit größerer Eßlust zurück, und arbeitete mit mehr Vergnügen. Unter einigen Bäumen, die man mit einander verbunden, und ihm dadurch etwas Schatten verschaft hatte, wurde im Garten gesrühstückt. An einem dieser Morgen, alö er sich eben zur Tafel setzen wollte, bemerkte er in der Ferne den Polen Piontkowöky, und lies ihn cinladen, mit ihm zu frühstücken. ES macht ihm Vergnügen, mancherlei Fragen an ihn zu richten, so oft er ihm begegnet. Piontkowsky, dessen Herkunft nicht recht bekannt worden ist, war nach Elba gekommen, und hatte die Erlaubniß erhalten, als Gemeiner in der Garde zu dienen. Bei der Rückkehr von Elba war er zum Lieutenant aufgcrückt, hatte bei der Abreise von Paris die Erlaubniß erhalten, dem Kaiser zu folgen, und war zu Plymouth einer von denen, welche, in Gemäßheit der englischen Instruktionen, von uns getrennt wurden. Piontkowsky war aber beständiger oder gewandter gewesen, als seine Kammeraden, und es ihm daher gelungen, zu uns zu kommen. Bei alle dem hatte der Kaiser ihn nie gekannt, und sprach ihn zu Sc. Helena zum erstenmalc. Auch niemand von uns kannte ihn näher; die Engländer waren erstaunt, wie wenig uns seine Ankunft zu Herzen ging. Einige von denen, die uns nicht lieben, hatten geschrieben, wir hätten ihn sehr schlecht ausgenommen, was durchaus unwahr Ist. Es war jedoch hinreichend, um den ministeriellen Blättern Stoff zu geben, ihre gewöhnlichen Artigkeiten und Feinheiten zu zeigen. Der Kaiser sollte ihn geschlagen, wir sollten ihn sorcgcjagt haben. Man hat mir späterhin von einer Karrikacnr erzählt, nach welcher der Kaiser ihn in seinen Klauen hielt, ich auf ihn gesprungen war, um ihn zu fressen, und der Herr der Bestien nur mit einem Stock, den er -wischen meine Zähne gesteckt hatte, mich von seinen Schultern herunterriß. Das war der feine Witz, den man auf unsre Kosten machte. Sonnabend, am 24. Februar. , AlS der Kaiser, nach dem Diner, den Kaffee trank, sagte er, es sei so jetzt ohngcfähr dieselbe Zeit, zu welcher er !m vorigen Jahn Elba verlassen habe. Der Großmarschall erwiedcrte, es sei m 26. Februar, und zwar an einem Sonntag gewesen: „Ich weiß noch Sire! daß Sie die Messe beschleunigen ließen, um mehr Zell zu haben, Ordres zu diktiren." Des Nachmittags waren sie abgereift, uud am folgenden Mor. gen noch um io Uhr denen im Gesicht, die sich um sie ängstete» und so lebhaften Antheil an dem glücklichen Erfolg nahmen. Der Kaiser kam immer tiefer in dieses Gespräch, und erzählte noch über eine Stunde mancherlei kleinere Umstände, in Betriff dieses, durch den Muth bei der Unternehmung und die Wunder der Ausführung in der Geschichte ganz einzigen Ereignisses. Ich werde das Weitere späterhin nachholen. Sonncag, am 25. bis Mittwoch, am 28. Februar. Die mehreften unsrer Tage glichen sich genau. Wenn sie unS einzeln lang schienen, so verloren sie sich doch schnell in die Vergangenheit. Sie waren ohne Charakter, ohne Farbe, und verwischten sich in der Erinnerung. Mit dem Englischen ging eS imnur besser und besser. Der Kaiser gestand, daß ihm die Sache einen Augenblick zum Eckel gewesen sei, eS habe ihn, wie er sich auS- drückte, seine lUi-ls i'r-mcess befallen, aber ich ihm, sagte er, durch eine Methode, die er für sicher, für untrüglich und für die beste von allen erkenne, wieder Luft gemacht. Diese Methode besteht darinn, eine und dieselbe Seite so lange zu lesen und durch;»« gehen, bis man sie völlig auswendig kann. Die grammatikalischen Regeln werden nebenbei erklärt. So geht nicht ein Augenblick für das Studium und das Gedächtniß verloren; man glaubt Anfangs wenig Fortschritte zu machen, aber wenn man an die fünfzigste Seite kömmt, ist man erstaunt, die Sprache zu kennen. Wir hatten daher immer eine Seite aus dem Telemague unsrer übrigen Lektion zugefügt, und uns hierbei sehr wohl befunden. Der Kaiser durchlief, wenn er auch erst zwanzig bis fünf und zwanzig vollständige Lektionen gehabt hatte, doch jedes Buch, und wußte sich auch bereits schriftlich verständlich zu machen. Freilich verstand er noch nicht Alles; aber man konnte schon jetzt, wie er sagte, ihm nichts mehr geheim halten, und das war für ihn ein unermeßlicher, ein vollständiger Sieg. 79 Der Feldzug tu Egypten war mit Bertrand völlig bearbeitet, so wclt es nämlich der Mangel an Materialien gestattete. Der Kaiser begann jetzt mit einem der Herrn eine neue sehr wichtige Periode, von der Abreise zu Fontainebleau an, bis zu der Wiedcr- „nkmisc in Paris und seiner zweiten Thronentsagung. Er besaß nichts Schriftliches über diese schnell auf einander folgenden Ereignisse. Aber eben diese reissende Schnelligkeit veranlaßte mich, ihn dringend zu bitten, sein Gedächtniß anzustrengen, um jene Verhältnisse und Begebenheiten, welche sonst durch den Partheigeist so leicht geschwächt oder entstellt werden könnten, auf die Nachwelt zu bringen. Oftmals sah auch der Kaiser mit mir die verschiedenen Kapitel dcS Feldzugs in Italien durch. Gewöhnlich wurde die kurze Zeit gleich vor dem Diner hierzu verwendet. Er hatte mir aufgetragen, jedes Kapitel nach einer gewissen regelmäßigen und sich gleich bleibenden Art abzuschneiden, dabei die Paragraphen auf schickliche Weise anzugeben, die verschiedenen Belege zu sammeln, und sie anzumcrken. Er nannte das die Zersetzung oder auch die Charlata- ncric des Herausgebers. „Und das ist 2 hre Sache, sagte er mir eines Tages mit einer Huld und Güte, die mir in die Seele ging; eS ist nun schon Ihr Eigenthum. Der Feldzug von Italien wird mit Ihrem Namen erscheinen, und der Feldzug in Egypten mit Bertrandö Namen. Ich will, sie soll zu gleicher Zeit Ihnen Geld einbringen, und Sie verewigen, Sie werden dafür 100000 Franken bekommen, und Ihr Name wird so lange fortleben, als die Erinnerung an meine Schlachten re. Was unsre Zeit nach dem Diner betrifft, so hatten wir daS Revcrsi zum zweitenmal ausgegeben. Es konnte sich nicht halten. Nach der zweiten oder dritten Tour blieben die Karten bei dem Gespräch liegen. Wir nahmen die Lectüren wieder vor. Mit den Romanen waren wir fertig, und beschäftigten uns jetzt mit den Theaterstücken, besonders mit dem Trauerspiel. Der Kaiser liebt die Trauerspiele vorzugsweise, und es macht ihm Vergnügen, sie zu analisircn. Er hat dazu seine eigne Logik und vielen Geschmack. Er kann eine große Menge von Versen auswendig, und zwar noch von seinem achtzehnten Jahre her, der Zeit, wo, wie er sagt, er ungleich mehr wußte, als jetzt. Der Kaiser ist entzückt von Racine, und findet bei ihm köstliche Stellen; er bewundert Corneille und macht gar nichts aus Voltaire. Dieser, meint er, strotze von Schwulst und Klingklang, man stoße immerwahrend auf Unrichtigkeiten, und finde bei ihm weder Menschen noch Sachen, keine Wahrheit und nirgends Schilderung großer Gefühle. Der Kaiser sprach bei einem seiner Coucherö in Saint-Cloud 80 lange über ein Stück, das man so eben gespielt hatte. Es M Hector, von Luce de Lancival, das ihm sehr gefallen hatte. Er nannte es, wegen des ihm eignen Feuers und seiner kräftigen Stellen, ein Hauptguarticrstück, und versicherte, man ginge dann mit mehr Lust gegen den Feind. Es wäre gut, wenn es viel Theaterwerke in diesem Geiste gäbe rc. Er kam dann auf das Drama, welches er die Tragödie du Kammerjungfern nannre. Stücke der Art waren allenfalls gm genug, um eine Vorstellung zu erleben, und gingen dann nach und nach zu Grabe, wohingegen ein gutes Trauerspiel mit jedem Tag! mehr Werth bekomme. Die höhere Tragödie, fuhr er fort, um stets die Schule großer Männer. Es ist die Pflicht der Fürsten, die Dichter dazu zu ermuntern, und ihre Werke zu verbreiten. Man brauche nicht selbst Dichter zu seyn, um sie zu beurtheilen. Es sei hinreichend, daß man die Menschen und die Dinge kenne, daß man der Begeisterung fähig, und ein Mann des Staates sei. Er wurde immer lebhafter, und sagte endlich mit Feuer: „Das Trauerspiel entflammt den Geist, erhebt das Herz, es kann und muß Helden schaffen. Und in dieser Beziehung hat vielleicht Frankreich einen Theil seiner Großthaten Corneille zu danken. Auch, meine Her» ren! würde ich ihn, wenn er noch lebte, zum Fürsten ernennen." Ein anderesmal zergliederte und verwarf er bei seinem Couch» die Stände von BloiS, ein Stück, welches man zum erstenmale ans deni Hoftheater gegeben hatte, und da er unter uns den Erzschatzmeister Lebrun, einen ausgezeichneten Gelehrten, bemerkte, fragte er ihn um seine Meinung. Dieser begnügte sich, ohne Zweifel zu Gunsten des Autors, ihm zu antworten, das Sujec sei schlecht: „Aber das wäre ja schon der erste Fehler, den Renouard gemacht hätte, er» wiederte der Kaiser. Er hat eö selbst gewählt, kein Mensch hat es ihm aufgegeben, und übrigens ist kein Sujet so schlecht, woraus ein großes Talent nicht noch etwas machen könnte. Corneille würde auch hierinnen ganz gewiß Corneille geblieben seyn. Renou». ard hat seine Sache ganz verfehlt; er zeigt darinnen kein anderes Talent als Verse zu machen, Alles übrige ist schlecht, sehr schlecht. Seine Anlage, die einzelnen Scenen und die Entwickelung, nichts davon ist gelungen zu nennen. Das Geschichtliche ist falsch, die Charaktere sind verzeichnet, und seine Politik ist gefährlich, sogar schädlich. Das bestätigt mir aufs Neue, was übrigens jedermann schon weiß, daß ein ungeheurer Unterschied unter dem Lesen und dem Aufführen eines Stückes ist. 2ch hatte geglaubt, daß dieses , Stück wohl allenfalls anginge, und erst diesen Abend habe ich das Un- § passende desselben erkannt. Die an die Bourbons verschwendeten Lobes» § «rhebungen sind noch das Geringste; die Stellen, welche die Revolution 81 betreffen, sind noch viel schlimmer. Renouard hat auS dem -Ober-. Haupt der Sechzehn den Capuziner Chaboc vom Convent gemacht. Alle Parthcien, alle Leidenschaften finden etwas sür sich in diesem ' Stücke, und wenn ich es in Paris geben ließe, so könnte cs leicht ! ! geschehen, daß man mir meldete, es hatten sich fünfzig Personen i ' jm Parterre die Halse gebrochen. Zudem hat der Autor aus Heinrich IV. einen wahren Philint, und aus dem Herzog von ' Guise einen Figaro gemodelt, was doch gar zu sehr gegen die Geschichte verstößt.. Der Herzog von Guise war einer der größten Männer seiner Zeit, mit überlegenen Eigenschaften und Talenten, der es nur zu wagen brauchte, wenn er schon damals die vierce Dynastie begründen wollte. Er war übrigens ein Verwandter der - Kaiserin, ein Fürst aus dem Hause Oesterreich, mit dem wir in Freundschaft sind, und dessen Ambassadeur heute Abend bei der ' Vorstellung gegenwärtig war. Der Autor hat mehr als einmal - auf ganz sonderbare Weise alle Schicklichkeit aus den Augen ge- ^ setzt." Der Kaiser sagte hierauf: es befestige dies immer mehr bei ihm den Entschluß, nie ein neues Trauerspiel auf dem bffentli- - chen Theater geben zu lassen, wenn es nicht zuvor eine Prüfung 'auf dem Hofcheater auSgehalten hatte. Er lies daher auch die ! Vorstellung der Stände von Vlois untersagen. Aber cs ist wohl ft bemerkenswerth, daß unter dem Könige dieses Stück recht förmlich '. und mit aller der Begünstigung zum Vorschein kam, die ihm dcö ! Kaisers Achtung nur gewähren konnte, daß es aber dennoch durch- siel; so richtig war das Urtheil, daS Napoleon davon gefallt hatte. Der berühmte Tragiker Talma gelangte oft bis zu dem Kaiser, der auf sein Talent großen Werth legte, und ihn reichlich ' belohnte. Als der erste Consul Kaiser wurde, lief in Paris das ft Gerücht umher, er lasse Talma zu sich kommen, um Stunde zu nehmen in Stellungen und im Costüm. Der Kaiser, der immer ^ von Allem unterrichtet war, was man gegen ihn sprach, scherzte ! einmal mit Talma darüber, und als dieser nun ganz bestürzt und verlegen war, sagte der Kaiser zu ihm: „Sie haben unrecht. Zch hätte ohne Zweifel gar nichts Bessers thun können, wenn ich nur Zeit dazu gehabt hätte." Und jetzt gab er seinerseits Talma einige »gute Lehren in Hinsicht auf seine Kunst: „Racine, sagte er ihm, U hat seinen Orcst schon ohnehin mit elenden Kleinigkeiten überladen, « Md Sie thun noch das Zhrigc hinzu. 2m Tod dcö Pompejus s spielen Sie nicht den Cäsar wie einen großen Mann, in Britanni» ^ eus den Nero nicht wie einen Tyrannen, re." und alle Welt weiß, > daß dieser große Schauspieler seitdem bedeutende Verbesserungen in -i, diese» berühmten Rollen statt finden lies. t L. Cafes Tages. z.Vd. 6 Donnerstag, am 29. Februar. Der Kaiser ging nach der Arbeit um 6 Uhr Im Garten ft», zieren, dann führe» wir aus und- kamen erst bei Nacht und starkem Regen wieder zurück. Nach dem Diner fiel bei dcm Kaffee, den wir noch bei Tisch sitzend im Speisesaal tranken, das Gespräch auf die Personen, die man in Paris die Ecschäftsmänncr, die Glücksritter der Revolution nennt. Der Kaiser kannte sie alle nach ihrem Namen, ihrer Familie, ihren Handlungen, und dcm Grad ihrer Moralität, s Kaum war er erster Consul geworden, so kam er auch schon, , wie er sagte, mit der berühmten Madame Recamicr zusammen; ; 2hr Vater hatte eine Stelle bei der Post, und Napoleon, der bei dem Antritt seiner Negierung eine Menge von Anstellungslisten aufs Gcradewohl unterzeichne» mußte, führte überall strenge Ans, sicht. Er entdeckte bald, daß eine Correspondcnz mit den ChouanS unter Couvert von Herrn Bernhard, Vater der Madame Recamicr, statt hatte. Dieser wurde abgcsctzt, und lief Gefahr, zum Tode vcrurchcilt und hingcrichtet zu werden. Die Tochter verwendete sich für ihn bei dem ersten Consul, der dann auch auf diese Fürbitte ' wohl geneigt war, den Proccß nicderzuschlagen, jedoch im silbrigen ' unerschütterlich blieb, wohingegen Madame Recamicr, gewohnt, für jede Bitte Erhörung zu finden, nichts weniger alS die Wiedereinsetzung ihres Vaters begehrte. Dergleichen Dinge gehörten damals zur Sitte deö TagS. Die Strenge deS ersten ConsulS verursachte großen Lärmen, man konnte so etwas gar nicht begreifen, und Madnne Recamicr sammt ihrem zahlreichen Anhänge haben ihm das nie verziehen. Die Lieferanten und die Geschäftemacher lagen der neuen Obergewalt als eine Geißel, alS der Aussatz der Nation vor allen auf der Seele. Der Kaiser versicherte, ganz Frankreich würde nur für die in Paris befindlichen nicht hinreichend gewesen sei)». Sie harren bei seinem Regierungsantritt eine wahre Macht gebildet, die höchst gefährlich für den Staat war, da sie durch ihre Lntrigucn und das ^ Treiben ihrer Agenten und ihrer unzähligen Clienten, alle Kräfte desselben störce und hinderte. Sie konnten, sagte er, in der That freilich jederzeit nur, wie Luden und Wucherer, vergiftete und höchst verderbliche Hülssqucilen offnen. Sie hatten keine Achtung für daS Direktorium, und glaubten auch, das Consulat gängeln zu könnet,, denn allerdings waren sie damals das Haupt der Gesellschaft, und nahmen den höchsten Rang in derselben ein. „Einer der größten Rückschritte, den ich der bürgerlichen Ge- , sellschaft zu ihrem frühem Zustand und ihren ehemaligen Sitten f lhiin lieS, bestand darinnen, daß ich dieser ganzen falschen Herr« Weit ein Ende machte. Nie kam es mir in den Sinn, ans diesem gemeinen Volke jemand zu Ehren zu bringen. Don aller Aristokratie schien mir diese die schlimmste." Der Kaiser lies Lcbrun die Gerechtigkeit wicdcrfahrcn, daß er besonders ihn in diesem Grundsätze befestigt habe. „Sie hat mir daS nie vergeben, diese Parthei, sagte der Kaiser, aber noch viel weniger die strenge Untersuchung, die ich über ihre, an die Negierung abgelegten Rechnungen verhängen lies/- - Hierbei hat, wie er versichert, sein Staatsrath sich sehr nütz- i lich erwiesen. Er ernannte nämlich eine Commission von vier bis fünf Mitgliedern desselben, die er als unbescholtene und fähige Männer kannte, sie mußten ihm Bericht erstatten, und wenn die Sache sich zur Untersuchung eignete, so setzte er unten hin: An den Großrichter um gesetzlich verfahren zu lassen. Mar eS dahin gekommen, so thaten die Zmplicirten gewöhnlich Bergleichsvorschläge, und gaben lieber Ein, Zwei, Drei biö Vier Millionen wieder heraus, alö daß sie sich den Proccß machen ließen. Der Kaiser wußte sehr gut, daß diese Dinge in den Gesellschaften ^ der Hauptstadt ganz falsch erzählt wurden, baß sie ihm große ' Feindschaft und den Vorwurf der Willkühr und der Tyrannei zuzo- gcn, aber er erfüllte eine sehr wichtige Pflicht gegen den Staat im Ganzen, und dieser war ihm für dies Verfahren gegen solche Blutigel Dank schuldig. „Die Menschen bleiben immer die nämlichen, sagte der Kaiser. Seit Pharamunt haben sich die Pachter nicht anders betragen und man hat in Hinsicht auf sie auch immer ein Gleiches gcthan. Aber zu keiner Zeit der Monarchie sind sie mit so legalen Formen bekämpft worden, niemand ist ihnen mit so viel Kraft und -Offenheit zu Leibe gegangen, als ich. Die Meinung der Geschäftsmän« nee war hierbei ganz eine andre, alS die der Salons. Moralisch und rechtlich gesinnte Menschen fanden selbst in dieser Strenge eine neue Sicherheit, und man sah einen merkwürdigen Beweis ^ hiervon bei der Rückkehr von Elba. Londoner und Amsterdamer Hauser cröffnetcn mir inS Geheim einen Credit von 80 biö 100 Millionen zu den geringen Zinsen von 7 bis 8 vom Hundert. Das Geld, das sie in die Staatskasse zu Paris baar cinlieferten- f wurde in Renten zu so in das große Buch eingetragen und diese waren nun für daS^ Publikum zu 56 bis 57 zu haben." Eine solche Halse, die für die Verhältnisse von so großem " Nutzen bei der Krisis war, worinnen man sich damals befand, und zugleich so befriedigend und schmeichelhaft für denjenigen, dem sie geboten wurde, beweist die wahre Meinung, die man in Europa 84 von dem Kaiser hatte und das Vertrauen, das man tu seine Geschäftsführung setzte. Zugleich erklärt diese Verhandlung, weiche damals ganz unbekannt geblieben war, woher die ganz unbegrcis- liehen finanziellen Mittel kamen, die dem Kaiser aus einmal bei seinem Diedererscheincn zu Gebote standen. Der Kaiser hatte sich, wie er sagte, bei den Geschästsmännem und Zahlcnmachern eine ganz -eigne Reputation erworben und zwar dadurch, dast er selbst seine Sache so wohl verstand. „Der erste Fall, wodurch ich meinen Ruf gründete, war, daß ich bei dem Durchsehen der Einnahme und Ausgabe eines Jahrganges währe») des Consnlats, einen Rechnungsfchler von zwei Millionen zinn Nachthcil der Republick entdeckte. Der damalige Schatzminisier Dufresnc, ein übrigens sehr rechtlicher Mann, wollte cs anfangs nicht glauben; allein die Zahlen wiesen es aus und er mußte bald zugcben. Es dauerte mehrere Monate, ehe die Kassenbeamtcn st», den konnten, worinncn eigentlich der Fehler liege. Er zeigte sich endlich in einer Rechnung des Lieferanten Seguin, der ihn sogleich einsah, alS man ihm die Papiere verlegte, und unter der Verficht. ^ rung, daß er sich bloö geirrt habe, Ersatz leistete." ! -Als der Kaiser ein andreömal die Löhnung der Garnison von ! Paris nachrechnctc, fiel ihm ein Ansatz von einigen und 60000 Franken für ein Detachcmcmem, das, wie er versicherte, nie in der Hauptstadt gewesen wäre, alS unrichtig auf. Der Minister merkte sich die Sache an, aber eigentlich nur aus Artigkeit, denn in seinem Innern war er fest überzeugt, der Kaiser habe Unrecht. Allein die Sache harte ihren guten Grund und die Summe mußte ersetzt werden. Der Kaiser hielt die Trennung des Ministeriums der Finanzen von dem des Schatzes für höchst wichtig, weil sie zu einer genaue» Unterscheidung der Gegenstände Anlaß gebe und zugleich eine gegenseitige Eontrole begründe. Der Schatzminister sei, sagte er, unter einem solchen Chef, wie er, der wichtigste Mann von Allen; nicht als Minister, sondern als Generalconcroleur. Alle Zahlungsanweisungen auö dem ganzen Reiche kamen ihm zu Gesicht; er könne daher alle Spitzbübereien und Mißbräuche, wo sie nur statt gefunden hatten, entdecke» und ins Geheim dem Regenten anzelgen, waö denn auch alle Tage vorgckommcn wäre. Don der Genauigkeit und Ausführlichkeit in den Ansätzen sprach er mit eben so vieler Vorliebe, weil sie zu den glücklichsten HD' Mitteln bet seiner Verwaltung gehört hätten. Als er des Catasterö gedachte, wie er denselben angeoldnel hatte, äußerte er: Es habe derselbe schon an und für sich als ci»e wahre Constitution des Reichs betrachtet werden können, nämlich alö die eigentliche Sicherheit deS Eigenthums und der Unabhängigkeit; denn nach dieser Einrichtung und nach der von dem gesetzgebendem Körper beschchenen Festsetzung der Abgaben konnte jeder nun sich selbst die Berechnung machen und hatte daher nicht mehr die Willkühr der Behörden oder der Verthciler zu befürchten, welche so höchst empfindlich und das gewisseste Mittel ist, um zu der Unterwerfung zu zwingen. Bei diesem Gespräche äußerte der Kaiser seine Meinung über die Talente und den Charakter Gaudins, MollienS und Louis, so wie der mehresten seiner Minister und Staatsrathe. Er schloß dann mit der Versicherung, wie er dem Ziele nahe gewesen wäre, die reinste und kräftigste aller Verwaltungen in ganz Europa zu begründen, und ihm das Nähere hierbei so genau bekannt sei, daß er sich getrauen würde, blos mit Hülfe des Moniteurs die ganze Geschichte der Rcichsverwaltung unter seiner Regierung zu schreiben. Freitag, am 1. März. Heute kamen Schiffe vom Kap an; das eine war der Wellcs- lcy von 74 Kanonen, der noch ein zweites zerlegtes Schiff geladen hatte. Beide waren ln Indien von Tekholz gebaut, daS um drei Viertel wohlfeiler als in England ist. ES lst ein ganz vortreffliches Holz und die davon erbauten Schiffe dauern ungleich länger alS die europäischen. Allein bis jezt beklagt man sich noch, daß sie minder gut segeln. Demungeachtec ist es wahrscheinlich, dvß hieraus eine gänzliche Umwälzung in dem Gebrauche der Materialien und der Bauart be! der englischen Marine hervorgehen werde. Sonnabend, am 2. März. Die Flotte von China ist diesen Morgen angekommen. Mehrere Schiffe sind den Tag über nach und nach in den Hafen cin- gelaufen und viele andre sind in der Ferne zu sehen. DaS ist eine Freude, das ist ein Fest, eS ist die Ernte der Insel. DaS Geld, was die Passagiers während des kurzen Verweilcnö hier lassen, macht einen großen Theil des Einkommens ihrer Bewohner auS. Gegen 5 Uhr ging der Kaiser in den Garten und zu Fuß bis an die Lehmung einer Schlucht, wo man mehrere Schiffe sehen konnte, die mit vollen Segeln dem Ankergrund Milten. DaS letztere vom Kap angekommene Fahrzeug hatte einen Phaeton für den Kaiser mitgebracht. Er wollte diesen Abend einen Versuch damit machen, setzte sich mit dem Großmarschall hinein und fuhr >o den Park. Et hak diese Art von Wagen hier ohne Nutzen und für ihn lächerlich gefunden. Abends, nach dem Diner, fühlte sich der Kaiser ermüdet; er klagte überhaupt seit einigen Lagen und zog sich bei Zeiten zurück. Sonntag, am 3. März. Der Kaiser ließ mich um 2 Uhr zu sich rufen. Er rastete ßch und sagte mir. Ich-sähe in ihm einen Menschen, der todt sei und den man begraben müsse; es könne mir sein Zustand nicht ganz unbekannt seyn, da er mich gewiß mchreremale in der Nacht aufgeweckt hätte. 2ch hatte ihn wirklich unaufhörlich husten nnd niesen gehört. ES ist ein sehr heftiger, den Kopf einnehmender Schnupfen, den er gestern Abend im Garten bekommen hat, m er zu lange in der feuchte» Luft geblieben, und er gelobte sich selbst, künftig längstens um 6 Uhr hcimzukehren. AlS er mit seinem Anzug fertig war, setzte er sich einen Augenblick ans Englische, aber er war wirklich angegriffen und sein Kopf sehr eingenommen. Er sagte mir, ich möchte mich neben ihn setzen, und ließ mich so zwei Stunden von meinem Aufenthalt in London, während meiner Emigration, schwatzen. Er unterbrach mich einmal und fragte: „Haben sie sich in England nicht recht vor meiner sft Znvasion gefürchtet? Wie war die allgemeine Meinung über diesen i Gegenstand?" — „Sire, antwortete ich, das kann ich nicht sagen, denn ich war damals schon wieder nach Frankreich zurück. ^ Aber in den Salons von Paris machte cö unö, so wie den dort befindlichen Engländern, nicht wenig Spaß. ES wurde dort erzählt, daß sogar Vrunet sich darüber lustig mache und daß Sie ihn hätten arretiren lassen, weil er die Unverschämtheit gehabt habe, in seinen Rollen Nußschaalen aus einem Wasserbecken umhcrschwim- i men zu lassen und dabei witziger Weise zu sagen: er beschäftige ^ sich mit seiner kleinen Flotte." — „Recht gut, crwicderte der ft Kaiser, wenn sie auch in Paris darüber gelacht haben, so war eS doch Pitt in London nicht zum Lachen. Er hatte bald die ganze Größe der Gefahr begriffen und schickte mir richtig eine Koalition über den Hals, alö ich eben im Begriff stand, zu dem Streiche, > den ich vsrhatte, den Arm aufzuheben. Nie stand der englischen -Oligarchie das Messer so an der Kehle als damals. „Ich hatte die Ausführbarkeit der Landung sorgsam vorbcrei« > cct und besaß die beste Armee, die jemals epistirt hat — die Ar- r - mee von Austerlitz, daS sagt Alles. 2n vier Tagen wäre ich in - London gewesen. Nicht als ein Eroberer, sondern alS ein Befreier - wollte ich dort cinzichen. 2ch hatte daS Beispiel von Wilhelm ui. ft erneuert, aber mit mehr Edclnutth und Uncigcnnützigkeit. Die ^ 87 Disclplln meiner Armee sollte bke strengste ftyn. Cie würde sich in London wie in Poris betragen, keine Opfer, keine Contribmion von den Engländern gefordert; wir würden und nicht wie Sieger, sondern wie Brüder ihnen gezeigt haben, deren einzige Absicht war, ihnen ihre Freiheit »nd ihre Rechte w-edcrzugeben. Zeh hatte sie inifgesordcrc, in einer Nationalversammlung selbst an ihrer Wieder« gcburt zu arbeiten, hatte ihnen gesagt, daß sie, waS die politische Gesetzgebung bctrist, unsre älter» Brüder seien; daß wir durchaus nichts anders wollten, als unS an ihrem Glück, an ihrer Wohlfahrt erfreuen und ich würde streng Wort gehalten haben. Auch hätten gewiß nach Ablauf von wenig Monaten beide, so feindselig gegen einander gesinnte Nationen, sich durch Gleichheit der Grundsätze, des Willens und des Interesse fest vereint, und ich würde nun die Ausführung meines Planö, die Wiedergeburt Europas vom Süden zum Norden unter republikanischer Form (denn ich war damals noch erster Consul) sofort begonnen haben, wie ich ihn späterhin nach monarchischer Form vom Norden nach Süden inS Werk setzen wollte. Beide Systeme konnten gleich aut seyn, da ich auf beiden Wegen mit Festigkeit, Mäßigung und Redlichkeit nach einem und demselben Ziele trachtete. Welche Menge unü schon bekannter Uibel, wie viele, die wir noch nicht kennen, wurden so dem armen Europa erspart worden seyn! Nie ist wohl ein Vorhaben, daS so weitumfassend für die Vortheilc der Civilisatisn gewesen wäre, mit edleren Absichten aufgefaßc worden und seinem Gelingen so nahe gewesen. Und waS das Merkwürdigste ist, die Hindernisse, die eS uns zum Scheitern brachten, kamen nicht von Menschen, sondern einzig von den Elementen. Im Süden hat das Meer, im Norden der Brand von Moskau und der eisige Winter meine Kraft vernichtet — Wasser, Feuer und Luft, die ganze Namr und ganz allein die Natur. Sie war also die Feindin einer allgemeinen Regeneration, welche gleichwohl die Natur selbst gebietet! — Die Geheimnisse der Vorsehung sind unauflöslich!" Nach einem Schweigen von wenig Minuten kam der Kaiser auf seine Invasion zurück: „Man glaubte, sagte er, sie sei nichcS als eine leere Drohung, weil man ihre Möglichkeit nicht begreifen konnte; aber ich hatte mich dabei wohl vorgesehen und nahm meine Maasregeln ganz unvermerkt. Alle unsere Schiffe waren auf meinen Befehl zerstreut und die Engländer genöthigt, sie auf allen Punkten des Erdenrunds aufzusuchen. Die unsrigcn hatten aber keine andere Bestimmung, als ganz unerwartet zurück zu kommen und auf einmal an unfern Küsten sich in Masse zu vereinigen Ich würde so 70 bis 80 französische und spanische Schiffe im Kanal beisammen gehabt haben und hatte wohl berechnet, baß ich zwei Monate über sie gebieten konnte Drei bis viertausend kleine Fahrzeuge erwarteten nur das Signal und meine looooo Mann wiederholten Tag für Tag das Mnnocuvre deS Ein- und Ausschif. scnS, wie ein Tempo bet dem Eperzircn, sie waren dabei voll Much und gutem Willen. Die Unternehmung war überhaupt nach den, Sinn der Franzosen und die Wünsche einer großen Menge von Engländern stimmten damit überein. War meine Landung glücklich vollbracht, dann brauchte ich nur noch auf eine einzige Schlacht zu rechnen, deren Ausgang nicht zweifelhaft scyn konnte und der Sieg führte uns sofort nach London, denn die -Oertlichkcik deS Landes laßt durchaus keinen Chikanenkrieg zu. Mein moralisches Verhol« ten hätte das Uibrige bet der Sache gethan. Das englische Volk seufzte unter dem Joche der Llygarchie und sobald sein Stolz nicht verletzt worden wäre, würden wir es alsbald für unS gewonnen haben. Man hätte uns wie Verbündete -betrachtet, welche sie zu retten kamen; wir wären mit den magischen Worten: Freiheit und Gleichheit dort ausgetreten w." Und nachdem er uns nun noch eine Menge gleich bewundcrnS- werther, die Ausführung selbst betreffender Umstände erzählt und dabei bemerkt hatte, wie wenig an der letzter» gefehlt habe, unterbrach er sich schnell, und sagte: „Aber wir wollen doch einen Spaziergang machen." Wir gingen hierauf In den Garten. Das Wetter war drei Tage lang regnerisch gewesen, und nun wieder sehr schön geworden. Inzwischen erinnerte sich der Kaiser an seinen Entschluß, immer um 6 Uhr heimzukehren, und er verlangte also die Kalesche, um bei guter Zeit wieder zu Hause zu seyn. Mein Sohn folgte zu Pferde, eö war das erstemal, daß ihm dies vergönnt war, und er nah», sich sehr gut dabei. Der Kaiser gab ihm seinen Beifall zu erkennen. Da dieser noch Immer leidend war« zog er sich abermals sehr zeitig zurück. Montag, am 4. März. Der Kaiser empfieng heute einige Capitalns von der chinesischen Flotte, und sprach recht lange mit ihnen über die Natur ihres Handels, die -Art ihres Umganges mit den Chinesen, über die Sitten der letztem rc. Die Fahrzeuge von China fassen 14 bis 1500 Tonnen, sind mit Schiffen von 64 Kanonen, ohngcfähr von gleicher Größe, und gehen 22 bis 23 Fuß tief im Wasser. Sie führen fast alle Thee, und eins derselben hatte davon gegen 1500 Tonnen am Bord. Die sechs Schiffe, welche gestern eingclaufen 89 sind, werden auf 60 Millionen angeschlagen, und da sie bei ihrer Ankunft eine Abgabe von hundert Procent erlegen müssen, so werden sie in Europa die Summe von 120 Millionen in Um- ,a„f bringen. Die Europäer genießen sehr wenig Freiheit zu Eancon. Sie dürfen nur in den Vorstädten sich zeigen, und werden von de» Chinesen, die sich sehr über sie erheben, mit großer Willkühr und Verachtung behandelt. Diese letzter» sind sehr klug, geschickt und mocrbsam, dabei aber mißtrauisch, Spitzbuben und Betrüger. Alle Geschäfte werden in europäischen Sprachen betrieben, welche sie mit Leichtigkeit sprechen. Die Ankunft der Flotten macht sowohl die Passagiere als die Znsel stets sehr glücklich. Die Einwohner verkaufen ihre Maaren und kaufen ihren Bedarf. Die Passagiere kommen ans Land, und schöpfen frische Luft. Das dauert gewöhnlich vierzehn Tage bis - drei Wochen so fort. Aber bei den jetzigen Umstanden hat der ! Admiral, zu unser», großen Verdruß, diese Erholungszeit für die ersten zwei Schiffe, welche eingclaufen sind, auf zwei Tage be- , schränkt, und befohlen, daß die übrigen außerhalb des Hafenö unter Segel bleiben müssen. Sie dürfen dann nur nach und nach, i immer zwei auf einmal, näher kommen. Er muß sehr strenge j Befehle hierüber erhalten haben, oder selbst in großer Angst seyn, woran wir gar nicht zweifeln. Der Kaiser promenirte einige Zeit im Garten, che er ausfuhr. Man sah mehrere Neuangekommene Offiziere ganz in der Nähe an den Bäumen hin und hcrgehen, um den Kaiser zu sehen, was Ihnen sehr am Herzen lag. Dienstag, am 5. März. Heute kam der Kaiser auf seinen Hof, und die an demselben beobachtete Etiquctte zu sprechen. Er hielt sich dabei recht lange auf, und was ich davon behalten habe, war folgendes: Zur Zeit der Revolution, sagte er, harten die Höfe von Spa- nie,. und von Neapel noch die Pracht und Grüße der Zeiten Ludwig XIV. beibehalten, und mit der Aufgeblasenheit und Uibertreibung der Castilianer und der Mauren vermischt, sie war traurig und lächerlich zugleich. Der Hof von Petersburg hatte Farbe und Formen der Salons angenommen; der Hof von Wien war bürgerlich geworden, und eS blieb auf diese Weise keine Spur mehr von dem schönen Geist, der Grazie, und dem guten Geschmack deS ehemaligen Hofes von Versailles. Napoleon fand daher, als er zur Oberherrschaft gelangte, wie man zu sagen pflegt, ein unbebautes Feld, ein leeres 90 HauS, und konnte sich seinen Hof ganz nach Gefallen Men. Er strebte mithin nach einer vernünftigen Mictclstraße, lind wollte ! gern die Würde des Thrones mit unfern neuern Sitten in lieber, einstlmmung bringen, besonders aber seine Schöpfung zu einer Ver. ^ besserung der Sitten in den höhcrn Ciassen und der Industrie der Nation dienen lassen. Aber cS war keine kleine Aufgabe, auf dm nämlichen Grund und Boden, wo man den regierenden Monarchin nach allen Rcchtssoimcn hingerichtet, wo man zcicher der Constüu. tion zu Folge alljährlich Hast den Königen geschworen hatte, einen neuen Thron aufzubauen; kein leichtes Geschäft, alle die Würden und Titel und Orden in der Mitte eines Volkes wieder hcrzustcllcn, das für deren Verbannung seit fünfzehn Vahren gekämpft lind gesiegt hatte. Und dennoch bezwang Napoleon, der nun einmal alles durchzusctzcn schien, waS er wollte, weil, wie er sagte, cr die Kunst verstand, nur das zu wollen, waS recht und billig war, alle diese Schwierigkeiten. Man machte ihn zum Kaiser, und cr schuf sich Große, die seinen Hof bildeten. Bald übernahm, wie es schien, der Sieg die Sorge, diese neue Ordnung der Dinge zu befestigen und zu verschönern. Der Kaiser wurde von ganz Europa anerkannt, und es gab sogar eine Zeit, wo man sagen konnte, daß alle Höfe des ContlnentS in Paris zusammen gckom> men wären, um den Hof der Tuillerien zu bilden, welcher so der glänzendste und der zahlreichste wurde, den man je gesehen hak. Da gab es Cercle, BallctS, Schauspiel. Da sah man eine Pracht und eine Größe ohne Gleichen. Nur die Person deS Monarchen selbst behielt ihr äußerst einfaches Wesen bei, was aber eben dazu diente, ihn sogleich zu erkennen. Die Ursache hiervon war, wie er sagte, daß Luxus und Pracht, so sehr er sie begünstigte, und so sthr er sie seinen Absichten angemessen fand, doch nicht sei» eigner Geschmack, sondern nur darauf berechnet waren, unsre National» Industrie zu wecken, und unscrn Manufakturen Vortheil zu bringen. Die Feierlichkeiten und Feste bei der Vermählung mit der Kaiserin und bei der Taufe dcö Königs von Rom haben Alles, waS früher in dieser Art vorgekommen ist, weit hinter sich gelassen, und man wird wahrscheinlich nie wieder etwas Aehnliches sehen. Der Kaiser nahm sich vor, nach Außen alles hcrzustellen, WaS ihn mit andern Höfen Europas in völlige Harmonie bringen könne, lm Innern aber eS seine immerwährende Sorge sei)» zu lassen, dle altern Formen den neuern Sitten anzupassen. So kamen die Levers und Couchers unsrer Könige wieder in Gebrauch. Aber von dem, was sie sonst eigentlich waren, bestand nur »och der alte Namen. Anstatt daß man sonst dort auf den Anzug bis auf die geringste Kleinigkeit sah, und anstatt aller der 91 Erbärmlichkeiten, die hieraus hcrvorgingeu, benutzte der Kaiser diese Morgen und Abende aus eine sehr reelle Weise, um den Dienern seines Hauses, welche das Recht hatten, vorzugsweise zu jenen außmvählten Stunden bei ihm zu erscheinen, direkte Befehle zu erthcilen. So stellte der Kaiser die besondern Präsentationen bei seiner Person, und die Zulässigkeit an seinen Hof wieder her, aber anstatt sie blos von der Gcburr abhängig zu machen, geschähe eS von nun an nur auf der vereinten Basis des Vermögens, des Einflusses und der geleisteten Dienste. So schuf der Kaiser Titel, deren Namen der ehemaligen Feu» dalität die Hand reichten, aber sie blieben ohne wahren Werth, und waren zu einem rein nationalen Zweck geformt. Sie sollten keine Vorrechte, keine Privilegien gewähren, und bei jeder Art der Herkunft, für jedes Verdienst, für jeden Stand erreichbar seyn. Seine Meinung war, daß sie eine nützliche Annäherung an die ältern europäischen Sitten !m Auslande, und eine unschuldige Kinderklappcr für so manche Art der Eitelkeit im Innern seyn soll» ten. „Denn wie viel recht vorzügliche Menschen, sagte er, sind nicht mehr als einmal des TageS noch Kinder!" So lies der Kaiser die Drdensdecorationen wieder erscheinen, und theilte Kreuze und Bänder aus, aber anstatt sie nur auSschlie» ßend an besondere Classen zu geben, verbreitete er sie unter die ganze bürgerliche Gesellschaft bei jeder Gattung geleisteter Dienste, bei jeder Art von Talenten, und, es war vielleicht ein ganz eignes Vorrecht, das auf der Person Napoleons ruhte, denn jcmehr er sie bewilligte, desto größer wurde ihr Werth. Er schätzt die Zahl der Decorationen der Ehren-Legion, welche er ausgegcbcn hatte, auf 25,ooo, und versicherte, daß das Verlangen, sie zu besitzen, doch immer größer geworden scy; cS sei dasselbe zu einer Art von Wuth geworden. Nach der Schlacht bei Wagram schickte er diese Dekoration dem Erzherzog Karl, und zwar mit einer, nur Napoleon eignen, ganz außerordentlichen Feinheit, bloS das silberne Kreuz, wie eö der gemeine Soldat gewöhnlich erhielt. Diese treue und freiwillige Ausübung von Grundsätzen, wie sie eben angegeben worden sind, machte ihn, den Kaiser, wie er sagte, zu einem wahrhaft nationalen Monarchen, der so das Haupt der vierten Dynastie wurde, wodurch diese eine ächt konstitutionelle Dynastie geworden wäre. „Das Volk in den untersten Ständen, bemerkte er oft, hatte hiervon ein richtiges inneres Gefühl." Der Kaiser erzählte: Als er von der Krönung in Italien zurückgereisct, und das Volk in der Gegend von Lyon der Straße zugcströmt sei, habe er den Einfall gehabt, zu Fuß und ganz allein 92 den Berg Tarare zn besteigen. Er habe daher verboten, ihm folgen, sich dann unter daS Volk gemischt, und ein gutes M ' Weib angeredet, um zu fragen, waS denn das bedeute? Sie Hube Ihm geantwortet, der Kaiser solle vorbcikommen. Nach einigen m< i dern Worten über Politik habe er zu ihr gesagt: „Aber, meine ' Liebe! sonst hattet ihr den Tyrannen Ca per, jetzt habt ihr Len Tyrannen Napoleon, was Teufel habe ihr nun da ge> Wonnen?" Meine kräftige Bemerkung, sagte Napoleon, brachte die Alte auf einen Augenblick In Verlegenheit. Aber sie faßte sich schnell, und antwortete mir: „Aber, verzeihen Sic, mein Hm! es ist dabei doch eigentlich ein großer Unterschied, diesen hier haben wir gewählt, und jenen hatte unS der Zufall gegeben. ..... Und die gute Alte hatte Recht, fügte der Kaiser hinzu." Sie bewies da mehr natürlichen Verstand und gesunden Sinn, als viele gelehrte Herrn und große Geister." Der Kaiser umgab sich mit Großofsiziers der Krone, und bildete sich ein zahlreiches Maison d'Honncur an Kammerherrn, S-A- meistern und Andern; er nahm sie theilS aus den neuen Crealmen der Revolution, thcilö auü den alten Familien, die durch sie um daS Ihrige gekommen waren. Die erstem glaubten sich auf einem Gebiet, daS sie erkämpft hatten, die andern auf einem Boden, den sie wieder zu erobern hoffen könnten. Der Kaiser selbst stichle aber ln dieser Vermischung nur Mittel zu Vertilgung des Hasses und zu Verschmelzung der verschiedenen Parthcicn. Zudem machie ^ cs ihm Vergnügen, die Verschiedenheit ihrer Sitten und Gebräuche zu beobachten. Die alten Höflinge zeigten viel großem Eifer, viel mehr feinem Anstand in ihrer Dienstleistung. Eine Frau von Montmorency würde sich ohne Bedenken »iedcrgcworfcn haben, um der Kaiserin die Schuhe zu binden, jede von den neuem Damen hätte sich bedacht, und gefürchtet, man möchte sie für eine bloße Kammerfrau ansehen; aber Frau von Montmorency siel so etwas gar nicht ein. Diese Ehrenämter waren größkcnthcilS ohne Einkommen, forderten sogar großen Aufwand, aber sie brachten täglich In die Nähe des Herrn, und zwar eines allmächtigen Herrn, der Luelle der Ehren» und Gunstbczcugungcn, eines Herrn, der laut erklärt hatte, er wolle nicht, daß irgend ei» Beamter seines Hauses sich an jemand anders, als an ihn selbst wenden solle. Be! der Vermählung mit der Kaiserin wurden eine Menge neuer Kammerherrn aus den ersten Häusern der ehemaligen Aristo- ' kracie ernannt, theils um Europa zu beweisen, daß in Frankreich ! nur eine Parthei bestehe, theils um die Kaiserin mit Namen zu umgeben, die ihr vielleicht schon näher bekannt waren. Doch stand der' Kaiser an, ihre Ehrcndamen aus dieser Klaffe zu ernennen. 93 Die Bcsorgniß, die Kaiserin, deren Denkungsart et noch nicht kannte, möchte mir Norurchcilen der Geburt cinkommcn, und die alte Ptirthe! möchte dadurch gar zu aufgeblasen werden, bestimmte ih„ zu einer andern Wahl. Von dieser Zeit an biS zu dem Moment unsres Unglücks bewarben sich die ältesten, die berühmtesten Familien ängstlich um Steilen an dem kaiserlichen Hose, und warum hätten sie eS auch nicht thun sollen? Der Kaiser beherrschte die Welt, er hatte Frankreich) und die Franzosen über alle andere Nationen erhoben, die Macht, der Ruhm und die Stärke bildeten sein Gefolg, man fühlte sich glücklich in den KrciS einer solchen Herrlichkeit cinzucre- ten, und umnittelbar seiner Person anzugchören, gab im Innern wie im Auslände Anspruch auf Hochachtung, auf Huldigungen, auf Ehrerbietung. Nach der Restauration, sagte ein Royalist, der sich ganz unbefleckt, und vor dessen Augen ich Gnade erhalten hatte, in vollem Ernste zu mir, (denn welche Verschiedenheit der Ideen führt nicht die Verschiedenheit der Parthcicn mit sich!) dasi ich bei meiner Herkunft und dem offnen Benehmen, das ich gezeigt hatte, doch noch nicht daran verzweifeln solle, einer Anstellung bei dem König, oder in dem Hause eines Prinzen oder einer Prinzessin theilhaftig zu werden. Wie zerfielen aber diese Begriffe in ihr Nichts, alS ich ihm antwortete: „Mein Lieber! für mich ist daö nun schon ganz unmöglich ! geworden. Ich habe dem mächtigsten Herrn auf der Erde gedient, und kann das nun, wo cS auch sei, hienieden nicht wieder finden. Wissen Sie wohl, daß man uns, wenn wir des Kaisers Befehle an die fremden Höfe brachten, und mit seinen Farben erschiene», Fürsten gleich betrachtete. Wir habe» bei ihm wohl sieben Könige mitten unter uns in seinen Salons ihn erwarten scheu. Bei seiner Vermählung trugen vier Königinnen den Mantel der Kaiserin, und einer der Unser» war doch ihr Chevalier d'Honncur, ein anderer ihr Stallmeister. Glauben Sie also, mein Lieder! das ein edler Ehrgeiz von solcher Größe volle Befriedigung erlangt haben kann." Uibrigens war bei der Pracht und dem Glanze, die dieser Hos ohne Beispiel zeigte, eine -Ordnung und Regelmäßigkeit in der Wirthschast zu finden, wovon diejenigen, welche nachher die Trümmer desselben durchwühltc», in Erstaunen gesetzt wurden. Der Kaiser sah selbst zu mchrcrcnmalcn im Jahre die Rechnungen durch. Mau fand alle seine Schlösser im baulichen Stand und verschönert, fand darinnen für vierzig Millionen McublcS und für vier Millionen Geschirr, und mit der regsten Einbildungskraft würde man kaum das fassen können, was noch geschehen wäre, wenn er einige üticdcnsjahre gehabt hätte. Der Kaiser sagte, er hake eine sehr glückliche 2dce gehabt, ^ und cs sei ihm sehr unangenehm, daß er sie nicht zur Ausfuhr»», ' gebracht hatte. Er habe nämlich einige Personen beauftragen ivsl- len, die wichtigsten Gesuche zu prüfen: „Von ihnen waren mir täglich drei biS vier Privatpersonen aus der Provinz genannt, „nd diese dann zu meinen Lever gelassen worden, um mir ihre Arge, legenheitcn selbst vorzutragcn, ich hätte dort selbst mit ihnen darüber gesprochen, und ihnen schnelles Recht verschafft." Zeh bemerkte dem Kaiser, daß die Commission, die er vor länger» i Zeit unter dem Namen dcrPetitionscommissio» niedergesetzt gehabt halte, j der eben gedachten Idee sehr nahegekommen, und in der That von j großem Nutzen gewesen wäre. Lch war nach der Rückkehr von Elba deren Präsident geworden, und hatte in dem ersten Mona» schon drei bis viertausend Bittenden zu ihrem Rechte verhelfen. „Freilich, sagte ich ihm, hätten Anfangs die Umstände »nd dann die Gewohnheit cs verhindert, daß diese Einrichtung niemals zu dem Genuß des großen Vorzugs gelangt sei, welchen er ihr gleichwohl bei ihrer Begründung bewilligt gehabt hätte; zu einem Vorzug, der gewiß die größte Wirkung auf die allgemeine Meinung hervorgebracht haben würde, nämlich die Erlaubniß, ihm jedeSmai, Sonntags bei der großen Audienz, das Resultat der Arbeit von der ganzen Woche offiziell vorzulcgcn. Aber die Natur der Dinge, die immerwährenden Verrichtungen dcS Kaisers, besonders aber die Eifersucht der Minister, alles das hätte bcigctragen, der Commission dieses schöne Vorrecht zu rauben." So that es auch dem Kaiser leid, wie er sagte, daß er eS nicht als eine Etiguette bei Hof eingeführt hätte, daß alle bei ihm vorgestellte Personen, besonders die Frauen, welche auf eine Au» dienz Anspruch machen konnten, berechtigt gewesen wären, in de» - Dienstsaal zu kommen. Da der Kaiser an fedcm Tage mehrmals durchging, konnte er im Vorübergehcn mchrern solchen Bitten Ge> nüge leisten, und würde auf diese Weise entweder die abschläglicde ! Antwort in Betreff der Audienzen, oder den Zeitverlust, den sir Ihm verursachten, erspart haben. Der Kaiser hatte einige Zeit sich bedacht, wie er äußerte, ob er auch das Grand-Couvert unsrer Könige wieder Herstellen — da» > heißt, ob er jeden Sonntag mit der ganzen kaiserlichen Famiiie ^ öffentlich speisen solle. Er wollte unsre Meinung hierüber wissen. ^ Sie war verschieden. Die einen fanden ein solches Familicnbild recht moralisch für das Publikum, und geeignet, die beste Wirkung hervorzubringcn, zugleich würde es, wie sie meinten, für jedermann das Mittel gewesen scyn, seinen Fürsten zu sehen. Die übrigen - waren dagegen. ES liege, wendeten sic ein, in einer solche» Feier- 92 — Üchkelt etwas abgöttisches und lehnShcrrischeS, sie sei eine knechtische Angafferci, die nicht mehr zu imscl'n Sitten und der ihnen jetzt eignen Würde passe. Man könne ja den Souvcrain in der Kirche und im Schauspiel sehen, dort nähme man selbst Thcil an seinen religiösen Handlungen, oder an seinem Vergnügen; allein ihn essen sehen sei von beiden Seiten etwas Lächerliches. Die Oberherrschaft, die jetzt ein ehrenvolles Amt geworden sei, müsse, wie das der Kaiser selbst so schön ausgedrückk hatte, sich stets in voller Activi« rät zeigen, Gnaden anstheilend, Unrecht vergütend, Geschäfte vollbringend, Musterung haltend, aber vor Allen frei von menschlichen Eckwachen und Bedürfnissen. Ihr Nutzen, ihre Wohlthäcigkeit müsse jetzt ihr neuer Zauber und ihre Erscheinung jederzeit unerwartet, wie die Vorsehung scyn. So sordcrte eS das System der neuem Schule, und dies war das «nsrigc gewesen. „Gut, sagte der Kaiser, es ist vielleicht wahr, daß die Zeitum- siände verlangten, diese Gewohnheit blos auf den kaiserlichen Prinzen zu beschranken, und sie auch nur während seiner Kindheit statt finden zu lassen. Aber dies Kind gehörte der ganzen Nation an, es war allen Herzen heilig und mußte also auch allen Augen sichtbar scyn." Der Kaiser äußerte, er habe nach der Rückkehr von Elba die Zdcc gehabt, an jedem Sonntage mit vier- bis fünfhundert Personen in der Dianen-Gallcrie zu speisen, ES würde das, meinte er, ohne allen Zweifel von großer Wirkung auf das Publikum gewesen seyn, besonders zu der Zeit des Maiseldes bei Vereinigung der Deputirten auS den Departements in Paris, aber die immerwährenden, höchst wichtigen und überhäuften Geschäfte hätten ihn daran verhindert. Er besorgte zugleich auch wohl, man möchte diese Maasregel für eine allzugroße Affectation von Popularität an» sehen, und seine Feinde im Auslande sie ihm als Furcht auSlegen. Man pflegt immer, sagte der Kaiser, von dem Einfluß zu sprechen, welchen der Ton und die Manieren des Hofs auf die Sitten der Nation haben. 5hm sei cö noch nicht gelungen, ein solches Resultat hervorzubringen. Aber das lag nur an den Umständen, und dem unmcrklichen Zusammentreffen der Verhältnisse. Er hatte sehr darüber nachgcdacht, und hoffte eS mit der Zeit hcrbcizuführen. „Der Hof im Allgemeinen, fuhr er fort, übt keinesweges diesen Einfluß aus. Aber die Elemente, aus welchen er zusammengesetzt ist, tragen was sie an der gemeinschaftlichen Duelle geschöpft haben, in ihren Wirkungskreis hinüber. Der Ton dcS Hofes theilt sich also nur durch die Zwischengcsellschasten der Nation mit. Bis jetzt hatten wir noch keine Gesellschaften, wir konnten sie noch — S6 — nickt haben. 2cne Vereinigungen, welche so überaus angenehm sind, wo man die Vorzüge der Civilisation in so reichem Maaße genießt, verschwinden plötzlich bei einer Revolution, und bilden sich nach dem Ungewitter nur erst langsam wieder. Das erste Bedürft niß zu ihrem Bestehen ist Ruhe und Wohlstand. 2ctzc waren wir noch in steter Bewegung, und zu dem Schätzesammeln war e§ noch nicht gekommen. Die große Menge von Schauspielen, die vielen öffentlichen Orte gewährten zudem eine leicht zu erlangende, bequeme und recht lebendige Art deS Vergnügens. Die jetzige Generation der Frauen war noch jung, und liebte daher mehr, bald da bald dort sich in der Welt zu zeigen, als zu Hause, oder ln einem beschränkten Kreise zu seyn. Aber dieS Geschlecht wäre älter geworden, und mir etwas Zeit und Ruhe Alles hierbei wieder in den natürlichen Gang gekommen. Außerdem möchte eS auch wohl unpassend seyn, mit der Erinnerung an einen alten Hos, einen neuen zu beurthcilen. Die ehemaligen Höfe waren wahrhafte Mächte, man sagte: der Hof und die Stadt. Wer jetzt richtig spre- chen wollte, mußte eigentlich Stadt und Hof sagen. Seitdem die Belehnten ihre Gewalt verloren hatten, suchten sie sich durch Bcrgnü- Zungen zu entschädigen. Die Landesherrn selbst schienen sich diesem Gesetz unterwerfen zu müssen. Bei unfern Frciheitsbegriffcn hörte der Thron nach und nach auf, eine Herrschaft zu seyn, er wurde mm ein bloßes Amt. Dem Fürsten blieb nur eine moralische, auf die Länge der Zeit immer verdrüßliche und langweilige Würde, er mußte daher sich davon losmachen, und als ein bloßer Bürger in der Gesellschaft erscheinen, um an Ihren Freuden Thcil zu nehmen. Unter der großen Menge von Entwürfen, welche der Kaiser für eine ruhigere Zukunft gemacht hatte, war eS sein LieblingSgc- danke, nach wiederhergestclltem Frieden und befestigtem Ruhestand, einzig den administrativen und örtlichen Verbesserungen zu leben, und ohne Unterlaß sich bald in dem, bald in jenem Departement zu zeigen. Er würde sie ordentlich besucht haben, nicht blos vor- übergceilt, nicht blos durchgereiset, sondern mit seinem Hoflager einige Zeit liegen geblieben seyn. Er wäre bei diesen Reisen mit eignen Pferden gefahren, hätte die Kaiserin, den König von Rom, den ganzen Hof mitgenommen. Bei alle dem hätte aber dieser große Zug niemand zur Beschwerde gereichen, sondern vielmehr für alle Welt wohlthäcig seyn müssen. Mit einer Wandbckleidung von Gobelins, und was man hierzu sonst noch gebraucht, in seinem Gepäck, hätte er seine jedesmalige Wohnung meubliren und ausschmücken lassen. Die Hoflcute nur wären, nach der Kreide, bei den Bürgern cinquartirt worden, und ihre Wirthe würden daS mehr für ein Glück, als für eine Last angesehen haben, da sie 97 darinnen die Gewißheit irgend eines Vorcheilö oder irgend einer Begünstigung gesunden hätten. „Auf diese Weise, suhr er fort, HE ich nn jedem -Orte die Betrügereien verhindern, die Verschwendung züchtigen, öffentliche Gebäude, Brücken, Straßen au- erdnen, Sümpfe anstrocknen, Gegenden fruchtbar machen können re. hätte der Himmel mir noch einige Jahre geschenkt, so wäre Paris die Hauptstadt der Welt, und ganz Frankreich ein wahres romantisches Bild geworden." Er wiederholte die letzter» Worte oft; — wie viele mögen schon das Nämliche gesagt haben, — wie viele werden es noch sagen ? — Dienstag, am 6. März. Gegen 7 Uhr ritt der Kaiser auö. Er sagte mir, daß ich »leinen Sohn rufen möchte, um uns zu begleiten. DaS war eine große Gunstbezeigung. Der Kaiser stieg fünf- oder sechsmal wahrend unsrer Promenade ab, um mit Hülse des Augenglases die Schiffe zu betrachten, die man In der Ferne bemerken konnte. Eins davon erkannte er für ein Holländisches. Die drei Farben bringen »nste Herzen stets in die lebhafteste Bewegung. Bei einem solchen Haltmachen lief das rascheste von unfern Pferden davon, und man mußte ihm lange Zeit nachsctzen. Mein Sohn verdiente sich seine Sporen, er brachte cs im Triumph zurück, und der Kaiser äußerte, es würde das bei einem Turniere für einen Sieg gelten. Als wir zurückkamcn, ging der Kaiser zum Frühstück an sein Schattenplätzchen, und wir wurden inögcsammt dazu eingcladen. Bor und nach demselben nahm mich der Kaiser auf die Seite, und sprach mit mir über ernste Gegenstände, die ich dem Papier nicht anvertrauen kann. Die Hitze war sehr groß geworden, und er zog sich daher zurück. Halb 5 Uhr lleS er mich wieder rufen, er war eben mi« Anziehen fertig geworden. Der Doctor brachte ihm ein Schachspiel, das er am Bord der chinesischen Schiffe gekauft, und wofür er 30 Napoleons bezahlt hatte. Der Kaiser harte eins zu haben gewünscht, aber, obschon der gute Doctor das Gekaufte sehr bewunderte, fand es doch der Kaiser höchst abgeschmackt. Die Figuren waren, anstatt de» unser» zu gleichen, insgesammt große, schwere Bilder ihrer Namen. Der Springer war ein völlig bewaffneter Ritter, und die Thürme ruhten auf Ungeheuern Stephanien. Der Kaiser konnte keinen Gebrauch davon machen, er sagte im Scherz, er müßte einen Kranich haben, um die Figuren zu bewegen. indessen streiften noch immer viele Offiziers und sonstige An Mellte von den ans China angelanglcn Schiffen im Garten umher. L> Loses Tagrb.z.Bd. 7 Vor einigen Stunden war ihre Neugierde so weit gegangen, daß sic förmlich bei uns cindrangcn, und uns in unser» Zimmer» in Be- schlag nahmen. Der eine sagte, es würde der Scolz seines gan;c» Lebenö seyn, wenn er sagen könne, daß er den Kaiser gesehen habe; der andere, daß er sich in England nicht vor seiner Fra» zeigen dürfe, wenn er nicht so glücklich gewesen sei, ihn in der Nähe zu schauen; wieder ein anderer, daß er gern den ganz», Gewinn seiner Reise für einen einzigen Augenblick hergeben wolle u. s. w. Der Kaiser lies sie näher kommen, und ihre GlückscliM darüber, ihre Freude war ganz unbeschreiblich. Sie halten dnS weder zu bitten, noch zu hoffen gewagt. Er that an sie, wie ge- wöhnlich, eine Menge von Fragen über China, den Handel dieses Reiches, dessen Verbindungen, dessen Sitten, über die Missionaire ic. Es dauerte länger als eine halbe Stunde, che er sie cntlies. Wie sie fort waren, schilderten wir ihm den Enthusiasmus, den diese -Offiziere »ns gezeigt hatten. Wir erzählten ihm alle ihre Amerlingen über ihn. „Ich glaub es gern, sagte er, Sic haben wohl noch nicht wahrgenommcn, daß sie zu deist Unfern gehören. Alle die Menschen, die sie hier gesehen haben, sind aus dem Tiers-M von England, und, vielleicht ohne cs selbst zu wissen, die natürlichen Feinde ihrer veralteten und unsinnigen Aristokratie." Bei dem Diner aß der Kaiser wenig, er war nicht wohl. Nach dem Kaffee versuchte er eine Parthie Schach zu spielen, M aber zu matt und zog sich daher sehr bald zurück. Dienstag, am 7. März. Der Kaiser ritt sehr früh aus, und verlangte wiederum, daß ich meinen Sohn rufen sollte, um ihn zu begleiten- Schon gestern fragte mich der Kaiser, als er ihn zu Pferde sah, ob ich ihm nicht habe Anweisung geben lassen, sein Pferd selbst zu besorg!», daß dies von sehr großem Nutzen sei, und er deshalb besonder« Befehle bei der Militairschulc von St. Germain gegeben Häm. Ich ärgerte mich, daß mir das nicht selbst eingefallen war, ergriff diesen Gedanken sehr lebhaft, und mein Sohn noch mehr als ich. Er ritt nun eben ein Pferd, das kein Mensch alS er selbst angerührt hatte. Der Kaiser, dem ich das sagte, schien zufrieden zn seyn, und war so gnädig, ihn kürzlich darüber zu examiniren. Unser Spazierritt dauerte zwei und eine halbe Stunde, und beschränkte sich dabei stets auf die nächste Umgebung von Longwood. Ais wir zurückkamen frühstückte der Kaiser im Garten, und wir mußten insgcsammt Thcil nehmen. 99 Kurz vor dem Diner ging ich, wie gewöhnlich, in den Salon. Der Kaiser spielte eine Parthie Schach mit dem Großmarschall. Der Kammerdiener vom Dienst gab mir schon an der Thüre des Salons einen Brief, ans dem äußerlich, sehr dringend, stand. Ans Respekt vor dem Kaiser suchte ich ihn in einem Winkel zu lesen. Er war englisch geschrieben, und man sagte mir darinnen, ich fei der Verfasser eines sehr schönen Werkes, das jedoch keineswegeß fehlerfrei sei, und es wäre mithin keinem Zweifel unterworfen, daß solches sehr gewinnen würde, wenn ich in einer neuen Ausgabe dieselben verbessern wollte: daß man übrigens Gott bitte, mich in seinen hohen und heiligen Schutz zu nehmen. Ein solcher Brief mußte mich überraschen, und ein wenig meinen Zorn aufregen, ich mr roth geworden, und hatte mir nicht einmal die Zeit genommen, die Handschrift genauer zu betrachten. Als ich den Brief nochmals überlas, erkannte ich nun die Hand, obschon die Schriftzüge ungewöhnlich schön waren, und ich konnte mich nicht enthalten, für mich recht herzlich zu lachen. Der Kaiser sah mich von der Seite an, und fragte, von wem denn der Brief sei, den man mir eben zugeftellt habe? 2ch sagte ihm, es sei das eine Schrift, deren erster Eindruck sehr verschieden von dem gewesen wäre, welchen sie - zurücklasse. 3ch sagte das so natürlich hin, und die Täuschung war so wohl gelungen, daß er vor Lachen weinen mußte. Der Brief war nämlich von ihm selbst, der Schüler hatte sich ein Späßchen ' mit dem Lehrmeister machen, und seine Kräfte auf dessen Kosten «ersuchen wollen. Zch hebe ihn sorgsam auf. Sein heitrer Styl »nd die sonstigen Umstände machen mir ihn werthcr, als jedes Brevet, das der Kaiser zur Beit seiner Macht mir hätte geben können. ^ Freitag, am 8. März.' > Der Kaiser hatte die Nacht nicht geschlafen, und sich das , Vergnügen gemacht, mir abermals einen englischen Brief zu schrei- ' ben. Er schickte mir ihn versiegelt zu, ich corrigirte die Fehler, antwortete ebenfalls englisch durch den zurückgehendcn Courier, und i er hat mich sehr wohl verstanden. Letzt ist er von den Fortschritten, > die er gemacht hat, überzeugt, und ihm bewiesen, daß er nun > allenfalls in der neucrlernten Sprache correspondiren könnte. > Seit ohngefähr vierzehn Tagen ist der General Gourgaud krank, sein klebet hatte sich in eine anhaltende Dysenterie verwandelt, die - »ns besorgt machte. Der Admiral schickte ihm den Arzt des Nvrthumberland (Dokter Barden) und der Kaiser behielt ihn zum t Diner. Während der Mahlzeit und noch lang nachher unterhielt man sich einzig und allein über die Heilkunde, bald scherzend, bald 100 ernst und tief betrachtend. Der Kaiser war von guter Laune, ein Wort jagte das andere, er bestürmte den Doktor mit Fragen, und geistvollen und seinen Bemerkungen, welche denselben in „ich geringe Verlegenheit setzten. Letzterer sah, mit welchem Feuer jener sprach, und nahm mich daher nach dem Diner bei Seite, um mich zu fragen, woher es komme, daß der Kaiser so stark in dieser Materie sei, er glaubte, sie müsse zu seinen Licblingsgesprüchen gehören. „Nicht mehr, alS jede andere, antwortete lch ihm, der Wahrheit gemäß, aber eö giebt wenig Gegenstände, die dem Kaiser fremd sind, und er behandelt sie alle auf eine neue und scharfsinnige Weise." Der Kaiser halt nichts auf Heilkunde, nichts auf Arzneien, und macht keinen Gebrauch davon. „Doktor, sagte er, unser Körper ist eine Maschine zum leben, sie ist dazu eingerichtet, es ist daS ihre natürliche Bestimmung. Lassen Sie dieses Leben nur gehen, wie es will. Eö mag sich selbst vertheidigcn, und wird cs wirksamer thun, als wenn sie cS durch Ucbersüliung mit Ihren Arzneien lähmen. Der menschliche Körper gleicht einer guten lihr, die eine gewisse Zeit geht, der Uhrmacher versteht nicht, sie zu öffnen, er tappt dabei ganz im Finstern, und wie viele Ignoranten werden sie verderben, für Einen, der, wenn er mit seinen plumpen Instrumenten daran hcrumstümpert, etwas an ihrem Gange verbessert re." Der Kaiser erkannte den Nutzen der Medccin nur in gewissen seltenen Fällen, bei schon bekannten, durch lange Erfahrung genauer bestimmten Krankheiten, und dann verglich er die Kunst dcS Arztes, mit der eines Ingenieurs bei regelmäßigen Belagerungen, wo die Grundsätze von Vauban und andere auf Erfahrung beruhende Lehren, alle Unternehmungen bekannten Gesetzen unterwerfen. Nach diesem Princip hatte der Kaiser schon die erste Idee zu einem Gesetz gefaßt, welches der Masse der französischen Acrztc mir die Anwendung unschuldiger Mittel gestattet, und den Gebrauch gewisser heroischer Arzneien, nämlich solcher, welche tödtlich werden können, jedem untersagt hätte, der nicht ein Einkommen von wenigstens drei bis vier tausend Franken beweisen könne, wobei man denn schon Erziehung, Kenntnisse und ein gewisses öffentliches Vertrauen voraussetzcn dürfe. „Eine solche Maasregcl, sagte er, würde auf jeden Fall gerecht und wohlthätig gewesen scyn, aber sie war In meinen Verhältnissen noch nicht der Jahreszeit angemessen. Das Licht der Aufklärung hatte sich noch nicht hinreichend verbreitet und ohne Zweifel würde die Masse dcS Volks in einem Gesetz dieser Art, wenn cs dasselbe auch von seine» Henkern befreite, doch nur eine» Akt der Tyrannei erblickt haben. s Der Kaiser yartr seinen Leibarzt, den berühmten Corvisart, j oftmals über die Heilkunde vorgcnonimcn, welcher bann der Ehre i seiner Zunft und seiner College» unbeschadet gestand, daß er ohn- i ge'sähr die nämliche Meinung hege, und bei seiner Praxis nach derselben verfahre. Er war ein großer Feind der Arzneien, und brachte sie nur selten in Anwendung. Die Kaiserin Marie Louise litt sehr viel wahrend ihrer Schwangerschaft, und plagte ihn, ihr Lästerung zu verschaffen. Er war so boshaft, ihr Pillen von ' Brodkrumc zu geben, und sie sagte alle Tage, daß sie ihr sehr gute Dienste thatcn. Der Kaiser erzählte, er habe Corvisart zu den, Gcständniß gebracht, daß die Heilkunde ein privilegirtcs Erwerbsmittel sei, ivelchcs den Neichen wohl Nutzen bringen könne, für die Armen ! aber zu einer Geißel werde. „Denn glauben Sie nicht, sagte der Kaiser, daß bei der Unsicherheit der Heilkunde an und für sich, ^ und der ungeschickten Anwendung derselben die Resultate im Ganzen für die Völker mehr nachtheilig, alö ersprießlich sind? — Corvisart räumte daö offen ein. „Aber, wie ist eS, haben Sie selbst noch niemand ums Leben gebracht? ich meine, sind noch nie Kranke offenbar an ihrer Arznei gestorben? — Ohne Zweifel, antwortete Corvisart, aber ich brauche mir darüber kein größeres Gewissen zu machen, als Ew. Majestät, wenn ein Reiter ums Leben kömmt, nicht weil dieselben ein schlechtes Manöuvre angeordnet haben, sondern weil sich aus seinem Wege ein Graben oder i ein Abgrund bcsundc» hat, von dem Sie nichts hatten wissen können." Jetzt ging der Kaiser zu Aufgaben und Auseinandersetzungen über, die er dem Doktor vorlegtc. „WaS ist Leben? fragte er, wenn und wie erhalten wir eö? ist das noch immer ein Geheimnis;?" i Dann erklärte er die gefahrlose Geistesverwirrung. Er nannte sie eine Lücke, eine Abweichung des Urthcils zwischen richtigen Begriffen und ihre Anwendung. Ein Narr ißt Weintrauben in einem Weinberge, der ihm nicht angehört, und antwortet dem Eigenthümer, der ihn zur Rede stellt: wir sind hier zwei, die Sonne sicht uns, und ich habe also das Recht, Weintrauben zu essen. Der gefährliche Narr ist dagegen derjenige, wo diese Lücke oder diese Abweichung zwischen seine» Begriffen und seinen Handlungen statt findet, welcher einem clngeschlafcne» Menschen den Kopf abschncidet, und sich dann hinter eine Hecke versteckt, um sich an der Verlegenheit des Tobten zu weiden, wenn er dann auswachen werde. Weiter fragte der Kaiser den Doktor, welcher Unterschied sei Wischen Schlaf und Tod, und er antwortete sich selbst, indem er sagte: der Schlaf sei der momentane Stillstand der Fähigkeiten, 10 -> über welche der Wille seine Mache auSübt; der Tod hingegen der fortdauernde Stillstand/ nicht nur dieser, sondern auch derjenige!, Fähigkeiten, über welche der Wille keine Wacht hat. Nu» siel daS Gespräch auf die Pest. Der Kaiser behauptete, daß sie sich sowohl durch Einachmcn als durch Berührung niittheile. Sic werde am gefährlichsten und am ansteckendsten durch die Furcht, ihr vornehmster Sitz sei in der Einbildung. In Egypten wären alle daran gestorben, deren Phantasie dadurch erhitzt worden. DaS sicherste, das weiseste Gegenmittel sei der moralische Muth. Er hatte selbst, wie er sagte, ungestraft mit der Pest Behaftete zu Jaffa angegriffen, und viele Soldaten dadurch gerettet, daß man diese länger alö zmi Monate über die Natur ihres Nebels täuschte. Das sei keine Pest hatte man ihnen gesagt, sondern nur ein Beulenficber. Außerdem hatte er bemerkt, daß das beste Mittel, die Armee dagegen zn verwahren, darinnen bestehe, sie marschirc» zu lassen, und ihr recht viel Bewegung zu machen. Zerstreuung und Müdigkeit hätten sich als ganz besonders schützend hierbei bewährt *). Der Kaiser sagte endlich auch noch dem Doktor: wenn Hippo- kratcs auf einmal in Ihrem Hospital erschiene, würde er sich nicht sehr verwundern? würde er nach gleichen Maximen und Vorschriften handeln, nicht vielmehr Sie tadeln? Würden Sie wohl feine Sprache verstehen, und sie sich einander gegenseitig begreifen? — Endlich schloß er damit, daß er im Scherz die babylonische Heilmethode rühmte, wo man die Kranken vor die Thüre setzt, und wo deren Verwandte ihnen zur Seite, die Vorübergehenden anhai- ten, um sie zu fragen, ob sie einmal, ein gleiches Uebcl gehabt hätten, und was ihnen geholfen habe? Man sei dann wenigstens gewiß, meinte er, diejenigen nicht zu fragen, die schon an der Arznei gestorben wären. Sonnabend, am l>. März. Ich frühstückte eben, nach der englischen Stunde, bei dem Kai- *) In den Memoiecn von Larrey findet man als ein Phänomen, ob» doch wenigstens als eine große Merkwürdigkeit angegeben, daß bei dem Rückzuge von St. Jean L'Acre, wo in Folge der Umstände die li»< terhaltung der Kranken nur noch in einigen Stückchen Zwieback und ilirc Arznei in salzigem Wasser bestanden hatte, Liese Kranken bo Stunden weit durch die Wüste marschirtcn, daß ihnen dies gar nicht nachtheilig, sondern vielmehr so heilsam wurde, daß die mehrestcn bei der Wiederkehr nach Egypten hcrgestcllt waren. Er glaubt, daß dieses Wunder der mittelbaren und »»mittelbaren Bewegung, der trockne» Hihe in der Wüste, »nd vor allein der Freude zugeschricbe» werden müsse, in das Land zurückzukomnicn, das für die Soldaten gleichsiu» ein neues Vaterland geworden war. er, als »um mir zu mciner innigsten Freude und Dankbarkeit einen Brief von meiner Frau »verbrachte. Sie schrieb mir, das; weder Furcht, noch Beschwerde, noch Entfernung sie abhaltcn wurden, zu mir zu kommen, daß sie nur bei mir glücklich seyn könne, und daher nur die bessere Jahreszeit erwarte. Welche bewundernswürdige Ergebenheit! Sie überreifst bei weitem die unsrige, da sie dieselbe mm, bei vollkommener Kenntniß der Umstände, auöüben will. Ich glaube nicht, daß man in England so grausam seyn könnte, ihr Begehren adzuschlagen. Was verlangt sie denn? Ist es wohl eine Gnade, eine Gunst? Nein, sie will ein EM theilen, will aus einen öden Felsen gehen, um daselbst eine Pflicht der Liebe zu erfüllen*). Die Fregatte l'Owcn-Tlendower, vom Cap kommend, hakte mir diesen Brief und zugleich die europäischen Zeitungen biö zuin 4. Dccember mitgebracht. Sonntag, am 10. biö Dienstag, am 12. Märzl Es war sehr schlechtes Wetter geworden, unaufhörliche Platzrc» gen hinderte» unS sogar, den Garten zu besuchen; zum Glück hatten wir Zeitungen, um uns die Zeit zu vertreiben. Diesmal Ham ich die Freude, zu sehen, daß der Kaiser sie ohne alle Bei- hülfe durchlap. In diesen Blättern stand viel Näheres über den Proceß des Marschall Ney, der eben im Gange war. Der Kaiser bemerkte hierbei, der Horizont sei sehr trübe, und der unglückliche Marschall allerdings in großer Gefahr, doch müsse man noch nicht verzweifeln. «Der König glaubt sich seiner PairS wohl versichert zu haben, sagte er, sie sind ohne Zweifel gehörig gestimmt, entschlossen und erbittert, und doch kann ein unbedeutender Umstand, ein bloßes Drehen des Windes, was weiß ich, allen Anstrengungen des Kö» nigs, und Allem dem, was sie jetzt für vorcheilhaft halten, z»m Trotz, es dahin bringen, daß eö plötzlich der Pairökammer einfällt, nicht zu verurthcilen, so daß dann Ney gerettet ist." *) Wie wenig hatte ich die Herze» derer gekannt, die »uS gefangen dielten! Frau von LaS Cascs wurde stets bald unter dem, bald unter jenem Vorwände, oder auch stillschweigend abgcwicsen. Endlich lic§ Lord Bathurst, wohl nur um sie los zu werden, zu Anfang de« Lahres 1817 ihr schreibe», daß mau ihr allenfalls gestalten könne, sich nach den» Vorgebirge der gute« Hoffnung, (Zoo französische Mci, !cn weiter als St. Helena) zu begeben, und daß sie dann von dort aus, wen» der Gouverneur von St. Helena nichts dagegen hätte, zu ihrem Gemahl gehen mochte. Das brachte de» Kaiser auf weitläustigerc Acußcrungen über unser» leichten, schichtigen, veränderlichen Sinn. „Alle Franzosen, sagte er, schimpfen auf die Regierung, und sind unruhige Köpfe, aber nicht zum Verrach, noch weniger zu Verschwörungen geneigt. 2hr Leichtsinn ist ihnen so natürlich, der Wechsel ihrer Gesinnun- gen kommt ihnen so plötzlich, daß man eigentlich nichts Entehrendes darinnen finden kann. Sie sind wahre Wetterfahnen. Aber bei einem solchen Fehler ist kein böser Wille, und das ist ihre beste Entschuldigung. Ulbrigens verstehe es sich von selbst, daß dies nur von der Masse gesagt sei, aus welcher die öffentliche Meinung her- vergehe, den einzelnen Beispielen entgegengesetzter Art habe eS in letzter Zeit nicht gefehlt, und gewisse Klassen von Menschen sich von einer zurückstoßendcn Nichtswürdigkeit gezeigt." Diese Kenntniß des Nationalcharaktcrs, fuhr der Kaiser fort, habe ihn immer abgchalten, einen obersten Gerichtshof cinzuführeu. Es lag in unsrer Verfassung, der Staatsrath hatte die Einrichtung desselben bereits beschlossen, aber der Kaiser harte die ganze Gefahr, welche das Aufsehen und die Unruhe eines solchen Schau« spielö herbeiführt, wohl gefühlt. „Ein solches Verfahren, sagte er, wäre eine wahre Berufung an das Publikum gewesen, und würde jederzeit, wenn der Angeklagte lok-gesprochen wurde, der höchsten Behörde einen großen Stoß gegeben haben. Ein Ministerium wie das englische könne ohne Nachtheil die Wirkungen einer verlornen Appellation ertragen, aber ein Herrscher wie ich, hätte ohne die größte Gefahr für das allgemeine Beste, bei den verwaltenden Umständen, es nie gekonnt, und ich gab daher den gewöhnlichen Tribunalen immerfort den Vorzug. Die Bosheit fand hieran viel auszu- setzen, aber, wen würde wohl, von allen denen, welche damals als Schlachcopfcr bezeichnet wurden, bei den letztem Ereignissen in der Gunst des Volkes geblieben seyn? Diese haben hierbei meine Dertheidigung übernommen; jene Personen sind alle durch die Meinung der Nation beschimpft." Der Kaiser hatte einen Artikel in den Zeitungen aufgcspart, um ihn mit mir zu lesen. Er betraf seinen bei Waterloo verlornen Wagen, und war ihm wegen der vielen technischen Ausdrücke zu schwer gewesen. Der Zeitungsschreiber erzählte darinnen eine Menge geringfügiger Umstände, und gab ein Vcrzcichniß der unbedeutendsten Kleinigkeiten, die sich In dein Wagen befunden hatte», wobei er denn bisweilen die gemeinsten Bemerkungen machte: so erwähnte er ein kleines Fläschchen mit Liqueur, und sagte dabei: Dtp Kaiser habe sich nicht vergessen, und es sich an nichts fehlen lass«'/ ferner bei einigen seltenen Stücken seines Necessairs: inan könne daraus sehen, daß er seine Toilette u (cs mar französisch ausgcdrückt) gemacht habe. Diese letztem Worte bewirkten bei dem Kaiser eine Empfindung, wie sie vielleicht ein wichtigerer Gegenstand nicht erregt haben würde. „Aber, sagte er zu mir mit einer Art von schmerzlichem Eckel, hält mich denn dieses englische Volk für ein wildeö Thier, hat man es wirklich so weit gebracht? — oder macht denn ihr Prinz von Walles seine Toilette nicht, wie jeder Mensch bei unö, der einige Erziehung hat?" So viel ist gewiß, daß es mir sehr schwer geworden wäre, ihm zu erklären, was der Zeitungsschreiber mir alle dem habe sagen wellen. ES ist übrigens bekannt, daß niemand weniger Werth aus Bequemlichkeit legte, und sich weniger darum bekümmerte, als der Kaiser, daß aber auch niemand mit so großer Sorgfalt und mit so wahrer Ergebenheit, als er, von seinen Leuten bedient wurde, wie er das auch selbst so ose äußerte. Ob er schon zu sehr unbestimmten Stunden aß, so fand mau auf seinen Ausflügen und Reisen doch immer Mittel, sein Diner, fast eben so gut, wie in den Tuierlicn, in der größten Nähe bereit zu halten. Er durfte nur ein Wort äußern, so war es auch schon aufgctragen. Er nannte das selbst wundervoll. Fünfzehn Jahre lang, hat er nichts, als Burgunderwein (Chambertin) getrunken, er liebte ihn vor andern, und glaubte, daß er ihm zuträglich sei. Da fand er diesen Wein denn überall, in ganz Deutschland, wie im äußersten Spanien und in Moskau w. Freilich stritten sich Kunst und Lupus mit dem, was Eleganz und der feinste Geschmack nur ersinnen kann, ohne sein Wissen darum, ihm dann und wann einen Genuß zu verschaffen. Der englische Journalist beschrieb also eine unzählige Menge Gegenstände, die ohne Zweifel sich in dem Wagen befanden, von denen aber der Kaiser nicht die mindeste Kenntniß hatte, ob er sich gleich, wie er selbst sagte, gar nicht darüber wundere. Das schlechte Wetter, welches uns immer im Hause gefangen hielt, hat keinen Einfluß auf dle gute Laune des Kaisers gezeigt, vielmehr war er gerade diese Tage her mittheilender, und zum sprechen aufgelegter, als gewöhnlich. Er sprach lange über die berüchtigte Zusammenkunft zu Dresden, und ging dabei in die genausten Details ein. Diese Zusammenkunft war der Zeitpunkt der höchsten Macht Napoleons. Er erschien als König der Könige. lOsi Von dcr Türkei, sagte er bei dieser Gelegenheit, dieses Reich, so zerfallen eS auch scheine, müsse stets zwischen Frankreich und Rußland liegen. Es sei der Morast, der dcü erster» rechte Flaust decke. Mit Griechenland sei eö eine andere Sache." Dann, bri diesem Lande verweilend, fuhr der Kaiser fort: „Griechenland erwartet einen Befreier! — das wäre eine schöne Ehrenkrone! — Ein solcher würde seinen Namen für die Ewigkeit z» dem von Homer, Plato und Epaminondas schreiben? — Zch war vielleicht nicht mehr weit davon! — Alö Ich auf meinen italienischen Feld,rüge» an die Ufer des adriacischen Meeres kam, schrieb ich dem Direk- torio, daß ich Alexanders Königreich vor den Augen habe! Spät» knüpfte ich Verhältnisse mit Ali Pascha an, und wie man unö Corfu nahm, muß man Munition und eine vollständige Ausrüstung für eine Armee von 40 biS 50,000 Mann gefunden haben. 2ch hatte Karten von Mazedonien, Servicn, Albanien u. s. w. ausneh- men lassen. „Griechenland, mindestens der Pclopones, muß derjenigen europäischen Macht zu Theil werden, welche Egypten besitzen wird. Wir sollten daö seyn, — dann noch im Norden ein unabhängiges Königreich, Konstantinopel nebst seinen Provinzen, um als Vormauer gegen Rußland zu dienen, wie man cs mit Frankreich zu chun behauptete, als man das Königreich dcr Niederlande schuf." Bei einer andern Abendunterhaltung sprach dcr Kaiser gegen die Launen dcr Weiber. „Denn, sagte er, bei ihnen ist nichts mehr für Rang, gute Erziehung und guten Ton Bürge, als Gleichheit des Charakters, und der stete Wunsch, zu gefallen. Er setzte hinzu, daß sie gehalten wären, sich stets alö Herr über sich selbst zu zeigen, und immer auf der Bühne zu stehen. So wären seine beiden Frauen stets gewesen, und doch so höchst verschieden in ihren Eigenschaften und Neigungen. 2n diesem Pmikie aber hatten sie sich vollkommen geglichen. Keine von beiden habe ihm je auch nur die mindeste üble Laune gezeigt. Beide wäre» stets beschäftigt gewesen, ihm zu gefallen u. s. w. Einer von unö wagte eS doch, ihn daran zu erinnern, daß sich Marie Louise gerühmt habe, wenn sie etwas von ihm haben wolle, so schmierig es auch sei, brauche sie nur zu weinen Der Kaiser lachte darüber, das sei für ihn etwas ganz neues, sagte er. Allenfalls von Iosephinen hätte er so etwas vermuthen können, von Marie Louise wisse er cs aber nicht. Dann wandte er sich an die Damen Bcrtrand und Montholon und sagte: „Darüber muss» 107 Sie uttheilen, meine Damen, denn in gewissen Dingen sehen Sie sich alle einander gleich." Er sprach lange über die beiden Kaiserinnen und wiederholte, seiner Gewohnheit nach, daß die eine die Unschuld, die andre die Annnlth selbst gewesen sei. Von da ging er zu seinen Schwestern über, und hielt sich besonders lange bei den Reizen der Prinzessin Pauline auf. Eö war bekannt, daß sie ohnstrcicig die schönste Frau in Paris war. Der Kaiser sagte, die Künstler wären einverstanden gewesen, auS ihr eine wahre Venus von Mcdicls zu machen, und als man nun forcfuhr, ihre Reize mit vieler Eleganz und Anmuth zn entwickeln, so fragte er plötzlich, ob eine jetzige Prinzessin- Man erlaubte sich, über die Macht, welche die Prinzessin Pau- line auf der Insel Elba über den General Drouot errungen hatte, der ihr trotz der Verschiedenheit der Jahre und dem Ernst auf seinem Gesichte unausgesetzt den Hof machte, einige Scherze. Die Prinzessin, sagte man, habe ihm acht Tage vorher das Geheimniß der Abreise entlockt. Er habe Türenne's Fehler wieder begangen: worauf der Kaiser sagte: ,, Da seht ihr die Frauen und ihre gefährliche Herrschaft!" Madame Bercrand rief nun aus, daß der Groß- marschall sich einen solchen Fehler nicht habe zu Schulden komme» lassen. „Madame, encgegnete schnell der Kaiser, und lächelte, er war ja auch nur Ihr Mann!" Jemand bemerkte darauf, daß die Prinzessin Pauline, als sie in Nizza gewesen, einen Postwagcnlauf eingerichtet habe, wodurch sic täglich von Paris die neusten Modetrachten erhalten. „Hatte ich das gewußt, sagce der Kaiser, so würde das nicht lange gedauert und ich sie tüchtig auögeschmält haben. So gehtö aber wenn man Kaiser ist, man erfährt nie so etwas." In Folge dieser Unterhaltungen fragte der Kaiser, deo wievielsten des Monats wir schrieben? Eö war der 11. März. „Ha, ha, sagte er, heue vorm Jahre verlebte ich einen schönen Tag. Ich war zu Lyon, ließ die Truppen die Revüe passiren und hatte den Maire zu Tische bei mir, der sich übrigens, im Vorbeigehen gesagt, nachher berühmt hat, daß dies das schlechtste Diner gewesen sei, das er in seinem Leben gehabt habe." Der Kaiser war belebter worden und ging mit großen Schritten auf und ab. „Ich war damals, fuhr er fort, wieder eine große Macht geworden." Hierbei entfloh ihm ein Seufzer, den er aber dann durch die nachfolgenden Worte wieder gut zu machen suchte, welche mit einem Ausdrucke und einer Wärme gesprochen wurden, die durchaus nicht zu beschreiben sind. „ Ich hatte daö schönste Kaiserreich auf der Erde begründet, und war ihm so nothwendig, bah ich trotz aller dieser letzten Unfälle, mir doch bcdünkc, hier auf diesem Felsen noch alü Herr von Frankreich zu Hansen. Betrachten Sie ms vergeht, lesen Sie die Zeitschriften, Sie finden das ans jeder Zeile. > Last mich nur erst wieder bis zu ihm durchdringen, so soll man sehen, was dies Land ist und was ich kann!" Und weiche Plane, welche Ideen zum Ruhm und Glück des Vaterlandes hat er darauf entwickelt! Lange sprach er nun mit so vieler Teilnahme und so völliger Unbefangenheit, daß wir Stunden, Ort und Zeit vergaßen. Hier noch etwas aus diesem Gespräche. „Welches Unglück, daß man sich nicht schon daran bei meiner Rückkehr von Elba hielt! Daß nicht Jedermann cinsah, ich sei ganz dazu geeignet und nothwendig zu dem Gleichgewichte und der Ruhe von Europa. Aber die Könige und Völker fürchteten mich; sic hatten Unrecht und können es noch theuer bezahlen. Ich kan, als ein ganz neuer Mensch zurück. Das wollten Sie nicht glauben. Sie konnten sich nicht verstellen, daß ein Mann Scclcnstärke genug besitze, einen Charakter zu verändern, oder sich nach den dringenden Umständen zu richten. Und doch hatte ich Proben abgelegt, und bereits Beweise dieser Art gegeben. Wer weiß nicht, daß ich kein Freund von halben Maasregeln bin? ' 3ch wäre ganz ans vollem Herzen der Monarch der Constitution und des Friedens gewesen, wie ich vorher der der Diktatur und großer Unternehmun gen war. „Wir wollen doch ein wenig über das sprechen, was Könige > und Völker von mir fürckccn konnten. Was also die Könige zuerst? Etwa meinen Ehrgeiz, meine Eroberungen, meine Universal- Monarchie? Aber meine Macht, meine Kräfte waren nicht mehr dieselben, und dann hatte ich ja auch nur um meiner eignen Vcr- thcidigung willen gesiegt und erobert: eine Wahrheit, welche die Zeit mit jedem Tage mehr enthüllen wird. Europa hörte ja nie auf Frankreich, dessen Grundsätze und mich zu bekriegen, und wir - mußten schlagen, wenn wir nicht selbst geschlagen scyn wollten. Ocffentlich oder geheim, anerkannt oder abgcläugnet war doch stets eine Koalition gegen uns vorhanden. Sie war stets permanent. Nur an den Alliirten lags, uns den Frieden zu geben. Wir, für i unfern Theil, waren des Kriegs müde. Die Franzosen erschrocken > vor neuen Eroberungen. Glaubt man denn mich selbst für die Reize der Ruhe und der Sicherheit unempfindlich, wenn cs Ruhm und Ehre nicht durchaus anders wollten? Die beiden Kammern hätten mich nun gewiß nicht wieder über den Rhein gehen lassen. H Und warum hätte ich denn auch den Willen dazu haben sollen? ! Wegen meiner Universalmonarchic? Aber ich habe doch nie Beweise gänzlicher Tollheit gegeben, und das deutlichste Kennzeichen 109 davon ist doch allerdings das Unverhältnißmäßige zwischen Zweck „ad Mittel. War ich einigeinal auf dem Punkte, mit dieser Uni- vcrsalmonarchic zu Stande zu kommen, so geschah dies ohne Vorausberechnung, nur weil man mich selbst Schritt vor Schritt dazu gebracht hatte. Die letzten Anstrengungen, um dazu zu gelangen, schienen gar nichts mehr zu kosten: war es da unverständig sie zu versuchen? Konnte aber nach meiner Rückkehr von Elba eine sol- che Zdce, ein so thörichtcr Gedanke, ein so unmöglicher Erfolg auch dem albernsten Menschen einfallcn? Die Souveraine hatten also von meinen Waffen nichts zu fürchten. „Scheuten sie sich aber etwa davor, daß ich sie mit anarchischen Grundsätzen überschwemmen möchte? Aber sie kannten ja meine Ansichten darüber aus Erfahrung. Zeder derselben hat mich Im Besitz von seinem Lande gesehen; wie oft bin Ich da angetrieben worden, cs zu rcvolutioniren, ihre Städte zu municipalisiren, ihre Unterchancn aufzuwiegeln! Hat man mich auch in ihren Namen als den modernen Attila, den berittenen Robespicrre begrüßt, so wissen doch alle im Grund ihrer Herzen es besser, dahinab aber mögen sie steigen! Wäre ich einer von jenen beiden gewesen, so herrschte ich vielleicht noch, sie wenigstens ganz gewiß und seit lange schon nicht mehr. Zwei Wege waren es, deren Befolgung bei der großen Sache, in der ich mich als Dberherr und Schiedsrichter betrachtete, sich nur darbot. Entweder den Königen durch die Völker Vernunft zu predigen, oder die Völker durch die Könige in den sichern Hafen zu leiten. Man weiß aber wohl, ob es leicht sei, Völker, wenn sie einmal losgelassen sind, wieder aufzuhalten: daher war es weit natürlicher, etwas auf die Weisheit und Einsicht der Könige zu zählen. Für so klare Vorthcile mußte ich freilich stecS Verstand genug voraussctzen, aber ich habe mich doch betrogen, sie haben nicht berechnet, und in ihrer blinden Leidenschaftlichkeit diejenigen, die ich gegen sie zurückgehalten hatte, gegen mich entfesselt. Mögen sie es nun sehen!!! „Beleidigte eS endlich etwa die Souveraine, daß ein bloßer Soldat zu einer Krone gelangte? Fürchteten sie das Beispiel? Aber die Feierlichkeiten, die Umstände, welche meine Erhebung begleiteten, mein Beeilen, mich ihren Sitten und Gebräuchen anzuschließen, mich Eins zu machen mit ihrer Existenz, mit ihrem Blute und ihrer Politik mich zu vereinen, schlossen neuen Mitbewerbern hinlänglich die Pforte. Nochmehr: wenn man nun einmal das Schauspiel einer unterbrochenen Legitimität haben mußte, so behaupte ich, daß es für sie weit vortheilhaster war, wen» es durch mich, der von unten herauf kam, als durch einen Fürsten, der ein Mitglied ihrer Familie, geschah. Denn Tausende von Zahrhunder- — 1 i 0 — ten werden vergehen, che die Verhältnisse, wie sie auf mein Haup! sich häuften, einen andern aus der Menge herausholen werden, um dasselbe Schauspiel wieder hervorzubrtngen, während eS keinen Für. sten giebt, der nicht, einige Schritte von sich, im eignen Pallasie Vettern, Neffen, Bruder, Verwandte habe, welche wohl dazu geeignet, dem leicht nachzuahmen, der einmal in ihre Stelle zettele,> wäre. „Und wovor konnten auf der andern Seite die Völker sich fürchten ? Daß ich kommen und sie berauben und ihnen Ketten anlegen möchte? Aber Ich kam als Messias des Friedens und ihrer Rechte zurück! 3n dieser neuen Lehre bestand meine ganze Kraft. Sie verletzen, hieß mich selbst stürzen. Aber die Franzosen selbst fürchteten mich. Sie waren so verrückt, zu untersuchen, wo sie nur kämpfen sollten, sich zu trennen, wenn es galt sich um jeden Preis zu vereinigen. Und war es denn nicht immer noch besser, Gefahr zu laufen, mich zum Herrn z:» haben, als sich der auszusetzen, das 2och der Fremden zu tragen? War es nichr leichter, einen Desporen, einen Tyrann aus dem Wege zu räumen, als die Ketten aller vereinten Nationen abzuschütteln? Und woher denn ihr Mißtrauen gegen mich? Weil sie es schon gesehen hatten, wie in mir sich alle Kräfte vereinten und ich sie mir starkem Arme handhabte? Lernen sie es jetzt aber nicht auf eigne Kosten, wie nothwendig dies war? Wohl denn! die Gefahr war stets dieselbe, der Kamps schrecklich, die Krisis drohend. War bei diesem Zustande der Dinge nicht die Diktatur nothwendig, unerläßlich? Das Heil meines Vaterlandes befahl mir es sogar, dieses bei meiner Rückkehr von Leipzig, offen zu erklären. Ich hätte es, als ich von Elba wiederkam, auch thnn sollen. Die Franzosen glaubten, es mangle mir Charakter und Vertrauen, weil mehrere von ihnen das Letztre schon nicht mehr für mich selbst hegten, und da thaten sie mir doch großes Unrecht. Sahen auch beschränkte und gemeine Seelen in allen meinen Aeußerungen nur Sorge für meine Macht, so hätten doch weitersehende Geister es nicht verkennen sollen, daß bei den Verhältnissen, in welchen wir uns befanden, meine Macht und das Vaterland nur eins und dasselbe waren. Bedurfte es denn so großer und unheilbarer Unglücksfälle, um mich begreiflich zu machen? Die Geschichte wird mir mehr Gerechtigkeit wiederfahren lassen, sie wird mich im Gegencheil als den Mann der Derläugnung und der Uneigennützigkeit bezeichnen. Welche Verführungen stürmten nicht bei der italienischen Armee auf mich ein? England bot mir nach dem Traktat von Amiens an, König von Frankreich zu werden. 2ch verwarf den Frieden von Chatit- lon, wies jede persönliche Bedingniß zu Waterloo als unwürdig — llt — nick. Warum? Weil alles dies nicht das Vaterland war Mid ich keine» andern Ehrgeiz alS den seinen, den seines Ruhms, seines Übergewichts, seiner Malestat hatte, darum blieb ich auch trotz alles grosten Unglücks doch unter den Franzosen so volksthümlich. Ihrerseits eine Art von Instinkt, von Nachgerechtigkeic. „Ich hatte mehrere hundert Millionen in meinen Gewölben. Mehrere andre Hunderte von Millionen bildeten den Betrag meiner . außerordentlichen Domaincn. Das Alles war mein Eigenrhum. . Was ist damit geschehen? Sic sind verwendet für die Bedürfnisse des Vaterlandes. Man sehe doch nur, wie nackt und blos ich auf meinem Felsen lebe! Mein ganzes Vermögen lag ja allein in dem Vermögen Frankreichs. Bel der wundervollen Stellung, wozu daS Schicksal mich erhoben halte, gehörten meine Schätze nur ihm — sein LooS und das meinige waren, ohne Vorbehalt, in einander verschmolzen. Konnte Ich wohl meine Berechnungen aus einem ' höher» Gesichtspunkte anstellen? Hat inan jemals gesehen, daß ich mich mit mir selbst beschäftigt hätte? Ich kannte ja keinen andern Genuß, keinen andern Rcichthnm alS das öffentliche Wohl. Denn Zosephinen, welche die Künste liebte, es gelang, auf meinen - Namen irgend ein bedeutendes Kunstwerk zu erlangen, und es sich nun in meinem Schloß, unter meinen Augen, in meinem Haushalt befand, so fühlte ich mich dadurch verletzt, ich hielt mich für bestehlen, denn — eS war nicht im Museum. „Ach! es ist gewiß, daß daS französische Volk viel für mich gclhan hat, mehr als je für einen andern Menschen. Aber wer khac auch jemals mehr für das französische Volk? wer war je so Eins mit ihm? „Aber wieder zu dem Obigen. Was hatte es nach alle dem noch zu fürchten? Waren die Kammern und die neue Constitution nicht von nun an hinreichende Bürgschaften? Trugen jene Addi« ^ tionalpunktc, gegen welche man so sehr ausgestandcn ist, nicht in sich selbst alle Verbesserungen, alle nochwcndigc Gegenmittel? Wie hätte ich sie jemals verletzen dürfen? Jene Millionen Arme waren nicht blos für mich da, ich war ja nur ein Mensch. Die > öffentliche Meinung, welche mich aufs Neue erhob, konnte mich i auch wieder vernichten, und was konnte ich wohl im Derhältniß j mit dieser Gefahr für mich gewinnen? — ! „Aber von unfern Umgebungen komme ich vornehmlich auf j England zurück. Welche Besorgnisse, welche Bcwegungsgründe, l welche Eifersucht konnte es haben? Das fragt man vergebens. ^ Hatten wir nicht mit unsrer neuen Constitution, mit unfern -wei Kammern uns nun zu seinem Glauben bekennt? War das nicht das Mittel uns cinzuvcrstehen, von nun an gemeinschaftliche 112 Sache zu machen? Sind die Launen, die Leidenschaften der Hm. scher einmal gebunden, dann gehen die Interesse» der Völker ungehindert in Ihrem natürlichen Wege fort. Man beobachte nur die Handelsleute der einander widerstrebenden Nationen. Sie sind i>i» mer einverstanden und betreiben ihr Geschäfte ohne Unterlaß, wenn auch ihre Regierungen mit einander im Kriege sind. Bis zu dii. sein Punkte waren nun beide Völker gelangt. Durch ihre beider, fettigen Parlamente war das eine des andern Bürge geworden und weiß man wohl, wie weit diese Einigung zweier Nationen und ih> rer Interessen geführt haben könnte? kennt man die neuen Verknüpfungen, die man möglicherweise dabei erlangen konnte? Es viel ist gewiß, daß nach der Errichtung unserer Kammern und un- screr Constitution, die englischen Minister den Ruhm und die Wohl, fahrt ihres VacerlandcS in den Händen halten und zugleich di>S glücklichste Loos der ganzen Welt. Hätte ich die englische Arme geschlagen und meine letzte Schlacht gewonnen, so würde ich eile Welt in ein frohes Erstaunen gesetzt haben. Am folgenden Tage wären Friedensvorschläge gethan worden und ich würde für diescs- mal die Vorlheile mit vollen Händen verschwendet haben. Start dessen werden vielleicht die Engländer noch dahin gebracht werden, ihren Sieg bei Waterloo dereinst zu beweinen!!! „2ch wiederhole nochmals, die Völker und die Könige haben Unrecht gehabt. 2ch hatte aufS Neue die Thronen befestigt, ich hatte den nicht beleidigenden Adel befestigt; und Thronen und Adel können wiederum in Gefahr kommen. 2ch hatte die vernünftigen Grenzen der Volksrechte bestimmt und geheiligt, aber die ungcgnin- dcten, willkührlichen, ungcmäßigten Ansprüche können wieder zum Vorschein kommen. „ Meine Rückkehr und meine Erhaltung auf dem Throne, meine offenbare Anerkennung — diesesmal von Seiten der Souvcraine — hätte die Sache der Könige und der Völker definitiv entschieden; die einen wie die andern hatten sie gewonnen. 2ctzt kommen sie in Frage und beide Theile können sie verlieren. Alles konnte nun vollbracht scyn und man wird vielleicht Alles vom Neuen beginnen. Man durste sich eine lange und sichere Ruhe versprechen; konnte ansangen zu genießen und statt dessen kann aus einem Funken ein allgemeiner Brand entstehen! Du arme trauernde Menschheit!" Bei meiner Ergebenheit in die Worte und die Meinungen, die ich von Napoleon auf seinem Felsen vernommen und angenomnun habe, bei meiner vollkommenen Uiberzcugung von ihrer unumstößlichen Richtigkeit — macht es mir dennoch jedesmal ein unsägl!» ches Vergnügen, wenn ich deren Wahrheit irgendwo bestätigt finde, Zch darf sagen, daß ich dicftS Vergnügen eben so oft genieße, als sich die Gelegenheit dazu zeigt. Man hat eben die merkwürdige Stelle gelesen, worinnen Napo- l lern seine Ideen, seine Absichten und Gesinnungen zu erkennen gab. Welchen Werth mußten nicht diese Worte, die ich in einer ^ ^ Entfernung von zweitausend Meilen zu St. Helena aufgesaßt habe, dadurch erhalten, daß ich sie hier In Europa nochmals bei einem berühmten Schriftsteller wieder fand, der sie selbst, mir einer zum ! Lheil abweichenden Meinung und zu einer ganz andern Zeit auS dem nämlichen Munde vernahm. Wie glücklich ist dieser Umstand für die Geschichte! 2ch kann mich nicht enthalten, jene Worte Benjamin Constants, lheils wegen ihres innern GehaltS, theils wegen des Gewichts, den sie durch diesen berühmten Publicisten erlangt haben, der sie uns mittheilt, und endlich wegen des Vergnügens, daS mir ihre vollkommene Gleichheit mit denen, die ich auf einer andern Hemisphäre ausgezeichnet habe, verursacht, hier nie» derzuschreiben. Es sind die nämlichen Absichten, die nämlichen Grundideen, die nämlichen Gefühle darinnen zu erkennen. „Ich begab mich in die Tuilerien, sagt Benjamin Constant in seiner Schrift, und fand Vonaparte allein. Er fing das Ge- ^ sprach zuerst an; es verlängerte sich. 2ch werde nur die Grundzügc . desselben wieder geben, denn eS kann nicht meine Absicht scyn, einen unglücklichen Mann aufs Theater zu bringen. 2ch will meine ; , Leser nicht auf Kosten der gefallenen Macht belustigen, will den- . jenlgen, dem ich — sei cS auch aus welchem Grunde eS wolle — gedient habe, nicht boshafter Neugierde Preiß geben und ich werde ; mithin von seiner Rede, nur was zur Sache nöthig ist, niederschrei- ! den, hierbei jedoch seine eignen Worte beibehalten. ^ «Er gab sich keine Mühe, mich über seine Erwartungen, oder lx über die Lage der Dinge zu täuschen, oder sich als gebessert durch l l! die Lehren des Unglücks zu zeigen. Er wollte sich nicht das Der- U dienst beilegen, als ob er auS Neigung zu den Grundsätzen der Freiheit zurückkehre; sondern er prüfte kalt in Bezug auf sein 2n» «resse mit einer Unpartheilichkeit, die zu sehr an Gleichgültigkeit . grenzte, was ausführbar und waS vorzuziehen sei. «Die Nazion, sagte er zu mir, hat zwölf 2ahre lang von aller politischen Bewegung und seit einem 2ahre von dem Kriege f «usgeruht. Diese doppelte Ruhe macht ihr jetzt die Thätigkeit zum Bedürfnis Sie will eine Tribüne und Versammlungen, oder glaubt sie zu wollen. Sie hat das nicht immer gethan. Als ich zur Regierung gelangte, warf sie sich mir zu Füßen. Sie müssen ßch dessen erinnern, Sic, der andrer Meinung zu scyn versuchte. Wo war aber 2hr Schutz, wo 2hre Kraft? Nirgends. 2ch nahm L. Casts Tages. 3. Bd. L -- ll4 — mir weniger Macht, als man verlangte, daß ich sie mir nehmt» solle. Jetzt ist daS Alles anders. Ein schwaches Gouvernement, das mir den Nacionalinteressen im Widerspruch war, machte es diesen Interessen zur Gewohnheit, sich in Vercheidigungsstand zu setze» und die höchste Gewalt anzusechten. Der Geschmack an Constitutione», an Debatten, am Redehalten scheint wieder aufzulebcn. — Jnzwischin, täuschen Sie sich hierbei nicht, ist eS nur die Minderzahl, weicht das verlangte. DaS Volk, oder wenn Sie das lieber höre» — die Menge will nur mich. O Sie haben sie nicht gesehen diese Men- , ge, wie sie sich um mich drängte, wie sie von der Höhe du Berge hcrabstürzte, mich rufend, mich suchend, mich begrüßend.') „Bei meiner Rückkehr von Cannes hierher habe ich nicht n> obert, sondern verwaltet. Ich bin nicht, wie man bas gesagt hat, Kaiser der Soldaten, ich bin Kaiser der Bauern, der Plebejer und Frankreichs. — Sie sehen wie das Volk, des Geschehenen »uze-! achtet, wieder zu mir kommt. ES ist Sympathie unter uns. Mj den Privilegirten verhält sich die Sache anders. Die Adelichen hat>! ten mir gedient; sie strömten haufenweise nach meinen Anlich» bern. ES gab keine Stelle, die sie nicht angenommen, die sit nicht gesucht, um die sie nicht ängstlich gebeten hätten. Ich hm die Montmorenci, die Noailles, die Rohans, die Be»«- veaus, die Mortmarts. Aber die Verhältnisse waren sehr verschieden. Das Pferd machte Courbctten, es war sehr gut zuge-i ritten, aber ich fühlte, daß es zitterte. Dahingegen sind die 8» bern d:S Volks die meinigcn, auö ihm bin ich hcrvorgcgangen; ei hört auf meine Stimme. Sehen Sie diese Conscribirten, dieftj Bauernsöhne. Ich schmeichelte ihnen nicht, ich behandelte sie hm und doch drängten sie sich um mich her, doch rüsten sie ihn Note von B. C. — Bonaparte legte eine» große» Werth daraus,j zu zeigen, daß seiuc Rückkehr nicht eine bloße milttairischc BcwcgW gewesen sei. Ich bedaure, daß ich nicht sechs von ihm über dies» j Gegenstand geschriebene oder diktirte Seiten zur Hand habe, dieus sorgfältlg korrigirt hatte. Bei der Miktheilung, welche ich hier j zähle, gab er mir dieselben, weil er wünschte, ich möchte dem Castelrcagh antworten, der ln einer Parlamelitsrcde alle» seine» El, folg hierbei der Armee zuschrteb. Da ich nichts schreiben wollte, bevor ich nicht sicher war, t->I der, welchem ich Frankreich wicdergäbc, kein Despot sei, so schlug >4 diese Arbeit aus, und im Jahre iSis vertraute ich die von Napesi leon erhaltene Skizze einem meiner Freunde, der »ach England reisu.> Ich habe bisher vernachlässigt, sie mir wieder komme» zu lassen. Ä war viel Feuer darinnen, viele sonderbare aber kraftvolle Aiisduild, eine große Schnelligkeit der Gedanken und manche Züge wahrer M- redsamkeit. 115 Vivo ILmxerei»'! Das liegt darinnen, daß wir von gleicher Na- lur sind, daß sie mich für ihren Schutz, für ihren Befreier von den Adelichen halten. 2ch darf nur winken, oder vielmehr, ich darf nur die Augen wcgwcnden und die Adelichen in allen Provinzen werden geschlachtet. So schön haben sie ihre Sachen in den letzten sechs Monaten gemacht! — Aber ich will nicht der König eines Bauernwesens seyn. Wenn ich mittelst einer Constitution regieren könnte, das lies ich mir gefallen. Ich habe die Herrschaft über die Welt gewollt, und um sie zu erlangen, war unbeschränkte Macht mir unentbehrlich. Um Frankreich allein zu regieren, ist vielleicht eine Constitution besser. Ich habe die Herrschaft über die Welt gewollt, und wer an meiner Stelle würde anders gehandelt haben? Die Welt forderte mich auf, sie zu regieren; Herrn und Unterthanen unterwarfen sich wetteifernd meinem Scepter. In Frankreich habe ich zwar auch nur selten Widerstand gefunden, aber doch bei einigen unbekannten und bald entwaffneten Franzosen, mehr als unter jenen Königen, die jetzt so stolz darauf sind, keinen Mann des Volks mehr unter ihres Gleichen zu haben. Sehen Sie zu, was Ihnen möglich scheint; bringen Sie mir Ihre Ideen. Freie Wahlen, öffentliche Verhandlungen, verantwortliche Minister, Freiheit, Alles das will ich, vornehmlich Freiheit der Presse. Sic unterdrücken wollen, ist Dummheit, hiervon bin ich überzeugt. Ich bin der Mann des Volks, wenn das Volk ernstlich die Freiheit will; ich bin sie ihm schuldig, ich habe ihre Herrschaft erkannt, ich muß ihren Willen, selbst ihre Launen beachten. Nie habe ich sie zu meinem Vergnügen unterdrückt. Ich hatte große Plane; das Loos ist darüber gefallen. Von nun an bin ich kein Eroberer mehr, ich kann es nicht mehr seyn. Meine Sendung beschränkt sich auf Eins nur: Frankreich zu erheben und ihm eine Regie- ruugsform zu geben, wie sie ihm zusagt. Ich hasse die Freiheit nicht, ich habe sie nur vermieden, so lange sie mir den Weg versperrte; aber ich verstehe sie, denn ich bin in ihrem Sinne auferzogen. Freilich ist nun das Werk von fünfzehn Jahren zerstört. ES laßt sich nicht wieder beginnen. Man müßte ihm noch zwanzig Jahre und zwei Millionen Menschen opfern. Zudem verlangt mich nach Frieden und ich kann ihn nur durch die Gewalt der Siege erlangen. Ich will Ihnen keine falschen Erwartungen geben; ich lasse aussprcngcn, es wären Unterhandlungen angeknüpfc. Es ist ungegründet. Ich sehe einen schweren Kampf voraus, einen langen Krieg. Um ihn zu führen, bedarf ich der Uncerstützung der Nation; aber sie wird zum Lohn die Freiheit fordern <— sie soll sie haben. Die Lage ist neu. Ich wünsche jetzt vor allen Ihren Rath. Ich werde alt! mit 45 Jahren ist man nicht mehr, was 116 man Im drelsigftcn war. Die Ruhe eines constitutionellcn Königs wird mir wohlthun und noch mehr wird sie meinem Sohne zu statten kommen." (dlinorvesi.n^aise.oste IIv. romo VIII, lline lettis sur les reut fours, bl. D. Lo 11 sta i> t.) Mittwoch, am 13. März. Der Kaiser befahl den, Großmarschall, er möchte schriftlich bki dem Admiral anfragcn, ob ein Brief, den er, Napoleon, an de» Prinz Regenten schreiben wolle, ihm zugesendct werden würde. Gegen 4 Uhr ließen der Untergouverneur Skclton und dessen Tat« tin sich erkundigen, ob eS ihnen erlaubt sei, dem Kaiser ihre Aufwartung zu machen. Er nahm sie an, führte sie in den Garte» und fuhr dann mit ihnen spazieren. Der ganze Tag war sehr nebelicht gewesen. Bei einem lichten Moment sahen wir auf einmal eine Corvette oder Fregatte, die mit vollem Segel sich dem Hasen näherte. Donnerstag am 14. und Freitag am 15. März. Wir erhielten die Antwort des Admirals. Sie fing sich mit dem alten Liede an, daß er niemand aus der Insel kenne, der Kaiser Heise; er bemerkte jedoch, daß er deS Kaisers Brief ohne allen Zweifel an den Prinz Regenten schicken, sich aber hierbei an den Buchstaben seiner Instruktion halten werde, nach welcher cr jedes Papier, daß nach England bestimmt sei, zuvor öffnen müsse. Diese Zuschrift setzte uns allerdings in das größte Erstaunen. Die Stelle der Instruktion, von welcher der Admiral sprach, hatte zweierlei zum Gegenstände, und auf keines von beiden paßte die Auslegung, welche der Admiral ihr gab. Das Erst« war der Fall, wenn wir uns beklagen wollten, damit die Ortsbchörde ihre Bemerkungen hinzufügcn und die Regierung in England uns schnelles Recht verschaffen könne, ohne erst die Bcschwerdcschrift wieder nach der Insel zu senden, um Anzeige darüber zu erfordern. Das war eine Vorsicht, offenbar zu unfern Gunsten. Das Zweite, was dieser Maaöregcl zu Grunde lag, war, daß unsre Correspondcnz nicht den Interessen des Gouvernements oder der Politik von England nachthcilig werden könne. Aber wir schrieben an den Souvcrain, an den Chef, an den Herrn dieser Interessen und dieses Gouvernements selbst. Wenn also Jemand hier verräthcrisch handelte, so chaten wir es nicht, die wir schrieben, sondern nur derjenige, der unfern Brief unterschlagen oder das Geheimniß desselben verletzen wollte. Daß man bei uns für Kerkermeister und deren Helfershelfer sorgte, hielten wir, obgleich eö uns nicht recht schien, doch für möglich; aber daß diese Kerker» mcister ihr Amt bis auf ihren Landesherr» zurückwirken ließen, da» für hatte» wir keinen Sinn. Das hieS den Letzter» zu dem Begriff eines »nissigen Königs, oder eines in sein Serail vergrabenen Sultans herabivürdigcn — zu einer wahren Mißgeburt nach unfern europäischen Sitten. Scho» seit langer Zeit hatten wir nur wenig, oder gar keinen linigang mit dem Admiral. Der Eine glaubte, cS müsse üble Laune ihm seine Antwort eingegeben haben; ein Andrer meinte, ! jener besorge wohl, daß der Brief Beschwerden über ihn enthalten möchte. Allein der Admiral kannte den Kaiser zu gut, um nicht zu wissen, daß er sich nie an Jemand anders, als an den Richtcr- stuhl der Nationen wenden werde. Ich, der allein den Gegenstand deS beabsichtigten Briefes kannte, empfand vor allen den grüßten tluwillen. Der Kaiser hatte nämlich nichts anders gewünscht, als aus diesem Wege, dem einzigen, den er seiner Würde angemessen glaubte, seiner Gemahlin zu schreiben und sich Nachrichten von seinem Sohne zu verschaffen. Der Großmarschall antwortete dem Admiral, daß er seine Instruktion überschreite, oder falsch auslege, daß man seinen Beschluß nicht anders als wie eine neue ungeheure Lualcrei betrachten könne und daß die auferlegte Bedingung zu sehr unter der Würde des Kaisers und deS Prinz Regenten sei, um nur noch weiter an das Schreiben zu denken. Die Neuangekommene Fregatte hieß der Spion. Sie brachte uns die Zeitungen aus Europa biS zum 31. Deccmber, welche die Nachricht von der Hinrichtung des unglücklichen Marschall Ney und dem Entkommen Lavalette's enthielten, ch „Ney, sagte der Kaiser, ist eben so schlecht angegriffen, als ! vertheidigt worden, und die Pairskammer hat ihn, einer heiligen ^ Capikulacion zum Trotz, vcrurtheilt. Man hat ihn hierauf hin- ch richten lassen, daS war ein Fehler mehr, und von diesem Augenblicke an ist er zum Märtyrer geworden. Wenn Labedoyere keinen Pardon erhielt, weil man darinnen nur eine Vorliebe für die alte Aristokratie erkannt haben würde, so ließ sich das wohl begreifen; aber die Begnadigung des Marschalls Ney würde nur ein Beweis der Kraft deS Gouvernements und der Mäßigung deS Fürsten ge- ' wesen seyn. Man wird vielleicht sagen, es habe ein warnendes ! Beispiel gegeben werden müssen. Allein eben durch den Pardon . ^ wäre der Marschall, der nun schon durch seine Verurtheilung beschimpft war, es ungleich sicherer geworden. Das wäre für ihn ciu wahrhaft moralischer Tod gewesen, wodurch er allen Sinsiuß miorcn hätte, und dennoch war auch aus diese Weise das Straft anu der Autorität ausgeübt, der Landesherr befriedigt und das Bei. spiel gegeben." Die versagte Begnadigung für Lavalctte und sein Entkommen waren, wie der Kaiser bemerkte, neue, den Volkssinn verletzende Wunden. „Aber, sagte der Kaiser, die SalonS in Paris zeigten jetzt die nämlichen Leidenschaften, wie vormals die Clubs; der Adel fing eS da wieder an, wo cs die Jakobiner gelassen hatten. Ganz Europa blieb in einer vollkommenen Anarchie, man handelte ganz offenbar nach den Gesetzen einer unmoralischen Politik. Was in die Hände der Souvcraine fiel, war jedem von ihnen gut genug. Sonst war ich die Zielscheibe aller Schmähungen dieser Art und die Sou. veraine führten nichts als Grundsätze und Tugenden im Munde. Jetzt, da sie gesiegt hatten, da sie ^nichts mehr im Zaum hielt, trieben sie alles daS selbst, was sie vorhin tadelten. Welche Hülfe, welche Hoffnung blieb jetzt den Völkern und der Sittlichkeit? Unsre Französinnen wenigstens, bemerkte er hierbei, zeigten noch ein edleres Gefühl; Frau von Labedoyere war für Schinerz gestorben; und wir sahen auS unsern Zeitungen, daß die Gemahlin Ney's das Schauspiel des größten MutheS und der höchsten Erbitterung gegeben hatte; daß Frau von Lavalette die Heldin Europas werden wollte" n. s. w. Sonnabend, am 16. März. Der Kaiser hatte die brittische Encyklopädie bei Seite gelegt, um nun bei seinen englischen Stunden in den Annual - Registers zu lesen. Er hat darinnen die Geschichte eines Herrn Spencer Schmith gelesen, der zu Venedig arretirt und verurtheilt worden sei, sich nach ValencienneS zu verfügen, der aber unterwegs enn wischte. „Es war gewiß etwas sehr einfaches, sagte der Kaiser, woraus der Erzähler eine große Geschichte gemacht hat." Er war mit diesem Vorfälle ganz unbekannt. Die ganze Geschichte betraf, bemerkte er, einen Polizeigegenstand von zu geringer Wichtigkeit, all daß er bis zu ihm hätte gelangen können. Gegen 4 Uhr stellte man dem Kaiser den Kapicain des Schiffs, der Spion, vor, welcher von Europa, und einen Kapitain, der von Ceylon kam und nach England ging. Der Kaiser war wenig auf. gelegt. Er war unwohl. Die Audienz des erstem dauerte sehr kurze Zeit und dem zweiten wäre es auch so ergangen, wenn er nicht den Kaiser dadurch ermuntert hätte, daß er fragte, ob wir Briefe nach Europa schiefen wollten. Der Kaiser ließ ihn dam ^ imch mich befragen, ob er den Pein; Regent sehen werde, und als j der Kapicain eS bejahte, mußte ich diesem übersetzen, daß der Kai« scr an den Prinz Regent habe schreiben wollen, wegen der »ne» i' Hirten Bemerkung des Admirals jedoch, daß er diesen Brief dann -! offnen werde, sich davon habe abhaltcn lassen, weil dieses gegen seine und selbst des Prinz Regent Würde gewesen wäre. Daß er «iel rühmliches von den Gesetzen Englands gehört, ihre Wohltharen aber bis jetzt noch nicht empfunden habe; daß ihm nichts übrig bleibe, als noch auf den Henker zu warten, ja ihn herbei zu wün» ' scheu; daß die Abspannung, in der man ihn lasse, unmenschlich sei; daß cs sreimüthigcr, energischer gewesen wäre, ihn den Tod s zu geben. 2ch mußte dem Kapitain im Namen des Kaisers wie- ^ verholen, daß er ja diesen Auftrag ausrichren möge. Darauf ent- , ließ er ihn. Dieser war sehr roch und sehr verlegen. Sonntag, am 17. März. Ein englischer Oberst, der vom Kap über 2sle de France kam, wendere sich heut früh an mich, um dem Kaiser seine Aufwartung , machen zu dürfen. Der Admiral harte dem Schiffe nur vergönnt, Mi bis drei Stunden vor Anker zu liegen. Nachdem ich dem Obersten ft hlnterbracht, daß der Kaiser ihn um 4 Uhr sehen wolle, versicherte ft er, daß er lieber sein Schiff abssgeln lassen, alS eine solche Gele» > genheit verabsäumen werde. Der Kaiser war nicht recht wohl. ' Er hatte sich mehrere Stunden lang gebadet. Um 4 Uhr empfing - er Len Oberst. ft Der Kaiser fragte ihn viel über 2sle de France, das seit kur- i zem an die Engländer abgetreten war. Es schien, als ob dessen ft, Wohlstand und Handel seit Veränderung der Oberherrschaft gelitten hätte. ft AlS der Oberst fort und ich mit dem Kaiser allein im Garten ' war, erzählte ich ihm, daß die Einwohner von 2sle de France ihm j »och sehr anzuhängen schienen, indem mir der Oberst gesagt, daß der Name Napoleon dort nur mit Rührung ausgesprochen werde. ' AlS inan des Kaisers Fortgehen aus Rochefort und Anlangen in Plymouth erfuhr, war eS eben an einem großen Festtage für die Co- leiste. Besonders sollte im Schanspielhause etwas Ausgezeichnetes ' anfgeführt werden. Da jedoch die Kunde davon am Tage äuge- langt war, erschien Abends nicht ein einziger Colonist, Weißer oder I Farbiger im Theater. Es gab bloS Engländer dort, die darüber i sehr verlegen und unruhig wurden. Der Kaiser hörte mir aufmerksam zu. Nach einem augenblicklichen Stillschweigen sagte er, i «das ist ganz einfach, eS beweist, daß die Einwohner von 2sle de 120 France Franzosen geblieben sind. Ich bin daS Vaterland, dies lieben sie, man hat cs in mir beleidigt, sie betrüben sich darüber" Ich fügte hinzu, daß da der Wechsel des -Oberherrn ihren Ausdrücken Fesseln anlegte, sie es nicht wagten, des Kaisers Gesundheit öffentlich zu trinken, man aber doch, wie der -Oberst sagte, sie nie fehlen ließ: man trank auf ihn. Dies Wort war ihm geheiligt. Diese kleinen Züge rührten ihn. „Arme Franzosen! sagte er mit tiefem Ausdrucke. Armes Volk! Arme Nation! Ich verdiente das alles, denn ich liebte Dich. Aber Du, Du verdientest sicher alle die Uibcl nicht, die auf Dir lasten! Ach! wie sehr verdientest Du cö, daß man sich für Dich opferte! Aber eingestchen muß man, mit welcher Bosheit, Feigheit, Unwürdigkeit ich umgeben war!" Darauf wandte er sich an mich, hinzusügend: „Ich spreche da nicht von Ihren Freunden in der Vorstadt Saint Gcrmain, denn was diese betrifft, so ist das noch eine andre Frage." -Oft gelangten Züge und Worte zu uns, die, denen von M de France gleich, wohl geeignet waren, die Fibern des Herzens zu bewegen. Zle dÄscension in unsrer Nachbarschaft, war stets wüst und verlassen gewesen. Seit wir hier sind, hielten es die Englän« der sür nöthig, ein Etablissement daraus zu begründen. Der Ka< pitain, der davon Besitz genommen hatte, sagte uns bei seiner Rückkehr, wie erstaunt er gewesen, als er beim Ausschiffen an, User die Inschrift gefunden: Für immer lebe der große Napoleon! In den letzten Zeitschriften, die wir erhielten, fanden wir unter andern wohlwollenden Zügen oder Wortspielen, auch in mchrcrn Sprachen dieses: daß Paris nur dann glücklich seyn werde, wenn man ihm seine Helena wieder zurück gebe. Das waren einige Honigtropsen in uvsern WermuthSkelch. Montag, am 18. bis Dienstag, am 19. März. Um 8 Uhr ritt der Kaiser aus. Er hatte das lange nicht ge« than. Der Mangel an Raum zum Reiten war die Ursache davon. Seine Gesundheit litt sichtbar dabei, und man mußte staunen, daß der Mangel an Bewegung für den, der sonst täglich sich so hcf« tige machte, nicht noch schädlicher geworden war. Bei der Rückkehr frühstückte der Kaiser im Freien. Wir mußten alle dabei seyn. Nach dem Frühstück fiel die Unterhaltung aus Herkula- uum und Pompeji, das Phänomen und die Epoche ihrer Ver« schüttung, die Zeit und Zufälle ihrer neuern Wiederentdeckung, die Denkmale und Seltenheiten, die uns seitdem aus ihnen zu Tage gefödert worden. Der Kaiser sagte, daß wenn Rom ihm geblieben 7 — 12l — wäre, er es aus seinen Ruine» wieder hätte hervorgehcn lassen. Er hatte sich vorgcnommen, es von allem Schutte zu reinigen, alles Mögliche wieder herzustellen u. s. w. Er zweifelte nicht daran, daß derselbe Sinn sich auf den Nachbarstaat verbreitet haben, und ein Gleiches vielleicht auch mit Herkulanum und Pompeii geschehen seyn würde. Als das Frühstück ganz vorüber war, lies der Kaiser durch meinen Sohn den Theil des Crevier holen, worinn diese Begebenheit steht, und las sie uns, so wie den Tod und Charakter des Plinius vor. Gegen Mittag zog er sich zurück, um der Ruhe zu pflegen. Um 6 Uhr machten wir in der Kalesche unfern gewöhnlichen Ausflug. Der Kaiser hatte Herr und Frau Skelton, die ihn besucht hatten, mit sich fahren lassen. Bei der Rückkehr, wo den Kaiser die Feuchtigkeit aus dem harten trieb, besuchte er den General Gourgaud, der sich schnell wieder bessert. Als man Mittags die Tafel verlassen hatte, und in den Salon trat, konnten wir uns nicht enthalten, über das Mahl zu sprechen, von dem wir eben aufgestandcn waren. Nichts war im eigentlichen Sinne genießbar. Schlechtes Brod, Wein, den man nicht trinken konnte, eckelhastes, ungesundes Fleisch. Man mußte es zurückschicken. -Ohnerachtet unsrer Gegenvorstellungen blieb man dabei, es uns schon geschlachtet zu liefern, denn so konnte man uns krepirte Thiere mit unterschieben. Der Kaiser ward durch dieses ausführlichere Gemälde ergriffen, und sprach mit Därme: „Lhnstreitig sind viele Menschen noch in einer physisch weit schlechtem Lage, als wir, dies benimmt uns aber nicht das Recht, über die unsre und die niederträchtige Behandlung, die man uns empfinden läßt, zu klagen! Die schändlichen Procedu- ren des englischen Gouvernements haben sich nicht darauf beschränkt, uns hieher zu schicken, sondern man hat auch mit gleichen Gesinnungen die Personen ausgewählt, denen man uns und unsere Bedürfnisse anvertraut hat! Was mich betrifft, so würde ich weniger leiden, wenn ich die gewisse Ueberzeugung hätte, daß eines Tages irgend ieniand dies alles der Welt bekannt machte, so daß die mit Schande bedeckt würden, welche solcher Dinge fähig sind. Doch von etwas andcrm, fuhr er fort: Welchen Tag haben wir heute? Man antwortete, den 19. März. Wie! ries er aus, den Vorabend vor dem 20. März. Und nach einigen Sekunden: „Sprechen wir lieber von etwas anderm." Er lies einen Band von Racine holen, und ficng an, in dem Lustspiele, I«, nlaiäeurs (die Prozeßführer) zu lesen, nach ein paar Scenen ging er aber zum Britanniens über, und las ihn vor. Als er beendet, und ihm der verdiente Zoll der Bewunderung gespendet worden war, sagte er, 122 daß man bei diesem Stücke Racine die zu schnelle Entwickelung verwerfen könne, und das man nicht lange genug vorher die Vergiftung des BritannikuS ahne. Er lobte den Charakter deö Narcissns sehr, und bemerkte, daß man stets dadurch, wenn man die Eigenliebe der Fürsten beleidige, am meisten Einfluß auf ihre Entschlüsse gewinne. Mittwoch, am 20. März. Nach dem Mittagsessen machte einer von uns dem Kaiser be« merklich, daß heut vorm 2ahre, an demselben Tage, in demselben Augenblicke er weniger isolirt, weniger ruhig gewesen sei. „Ich setzte mich in den Tuilcrien an die Tafel, crwiedcrte der Kaiser, mit Mühe war ich dahin gelangt, ich lief wenigstens so viel Gefahr wie bei einer Schlacht.^ 3n der That war er, als er dort angekommen, von mehrcrn tausenden von Offizieren und Bürgern in Beschlag genom. men worden, man hatte sich ihn einander aus den Händen gerissen, er war nicht ins Schloß hinaufgesticgen, hinausgetragcn war er worden, und daö mehr mit einem Tumulte, als wolle man jemand in Stücken reisten, als mit der Ordnung und der Ehrfurcht für jemand, den man ehren will. Aber man mußte hier nur Gefühl und Absicht in Anschlag bringen. Enthusiasmus und Liebe warm biS zur Wuth, bis zur Raserei gestiegen. Der Kaiser setzte hinzu, wie er überzeugt sei, daß diesen Abend mehr als eine Person in Europa davon sprechen, und man netz aller Oberaufsicht mehr als eine Flasche auf sein Wohl leeren werde. Nun kam die Unterredung auf den König von Rom. ES war der Zahrcstag seiner Geburt. Der Kaiser rechnete nach, daß er nun 5 2ahre alt sei. Darauf ging er zur Niederkunft der Kai- scrin über, und schien sich in dem Selbstloben zu gefallen, daß er sich dabei als ein so guter Ehemann benommen habe, wie nur irgend einer in der Welt seyn könne. Er ging mit der Kaiserin die ganze Nacht umher. Wir wußten etwas darum, wir, die wir zum Hause gehörten, denn um 10 Uhr Abends wurden wir alle ins Schloß berufen, und brachten da die ganze Nacht zu. Dann und wann drang das Schreien bis zu 'uns. Als gegen Morgcn der Geburtshelfer dein Kaiser gesagt, daß die Schmerzen aufgehstt hätten, es aber noch lange dauern könne, nahm dieser ein Bad, und entließ uns mit dem Bedeuten, uns nicht aus unsern Weh» innigen zu entfernen. Nicht lange befand sich der Kaiser im Bade, als die Wehen von Neuem anficngcn, und der Geburtshelfer, drr ganz den Kopf verloren hatte, zum Kaiser stürzte, und ihm sagte, er sei der unglücklichste Mensch auf der Welk, von 1000 Entbia- rangen, die in Paris verfielen, sei nicht eine so schwierig, wie diese. Der Kaiser zog sich eilig an, sprach ihm Much zu, indem er sagte, daß ein Mann, der sein Handwerk verstehe, nie den Kopf verlieren dürfe, daß hier gar nichts vorgefallen sei, was ihn beunruhigen könne, daß er sich nur einbilden solle, er accouchire eine Bürgersfrau aus der Straße Saint Denis, daß die Natur stets nur Ein Gesetz befolge, daß er, der Kaiser, überzeugt sei, jener werde sein Möglichstes thun, und daß er auf keinen Fall einen Vorwurf zu befürchten habe. Man stellte ihm vor, daß für Mutter oder Kind sehr zu fürchten sei. „Die Mutcer, sagte er ohne Zaudern, wird mir ein anderes Kind geben. Benehmen Sie sich hier, alS ob Sie den Sohn eines Schuhflickers erwarteten." Als der Kaiser zu Marie Louise kam, fand er sic wirklich in Gefahr. Das Kind lag schlecht, und alles schien anzuzeigen, daß es erstickt sei "). Der Kaiser fragte DuboiS, warum er durch die Kunst nicht helfe? Dieser weigerte sich dessen, bis Corvisart gekommen wäre, der Anfangs noch fehlte. „Was soll er denn dabei? erwicderte der Kaiser. Wünschen Sie einen Zeugen oder eine Rechtfertigung durch ihn, so bin ich doch da, ich!" Zetzt zog Dubois seinen Rock auS, und ging ans Werk. Als die Kaiserin die Zangen sah, stieß sie ein Wehgcschrei aus, und rief, daß man sic tödten wolle. Der Kaiser, Madame von Montesquieu, Corvisart, der eben gekommen war, und andere hielten sie fest. Die Montesquieu ergriff geschickt die Gelegenheit, sie zu trösten, indem sie ihr sagte, daß sie selbst mehr als einmal in dieser Lage gewesen sei. Doch ließ eS sich die Kaiserin nicht ausrcden, daß man mir ihr anders umgehe, als mit jeder andern, und wiederholte oft: „Will man mich denn opfern, weil ich Kaiserin bin?" Sie hat nachher dem Kaiser gestanden, daß sie dies wirklich gefürchtet hatte. Endlich ward sie entbunden. Die Gefahr war so groß gewesen, sagte der Kaiser, daß alle Etikette, die man bei dieser Gelegenheit ausstudirt und festgesetzt hatte, bei Seite geschoben, und das Kind seitwärts auf die Diele gelegt wurde, während man sich einzig mit der Mutter beschäftigte. Dort blieb das Kind einige Augen» *) Dicker Auftritt ging in Gegenwart von 22 Personen vor sich. Nämlich folgenden: Der Kaiser, Dubois, Corvisart, Vourdicr und Ivan, die Damen von Montebello, Lucap und MvntcSquio». Die ü ersten Hofdamen: Ballaut, Dcschamcs, Durant, Hurcau, Nabusson und Gerard. Fünf Kammerfrauen, Mademoiselle Hvnorch Edouard, Dar» Acre, Aubert und Geoffroy. Die Wächterin Blaise und zwei Gar- derobcnmädchcn. (Erinnerungen der Madame Durand, Wittwe des General». Lhl. r> G. y 8 .) 124 blicke lang, und man hielt es für todt. Corvisart hob es auf, rieb cs, und brachte cs zum Schreien u. s. w. Donnerstag, am 21. und Freitag, am 22. März. Der Kaiser ritt sehr zeitig aus. Wir ritten in verschiedenen Richtungen an unfern Gränzen hin. Während dieses Spazierrittes hält jetzt der Kaiser seine englische Stunde. Ich bin ihm zur Seite, er formt englische Phrasen, die ich, so wie er sie ausspricht, Wort vor Wort übersetze. Dies beweist ihm, daß er verstanden wird, oder setzt ihn in den Fall, sich zu corrigiren. Wenn er die Phrase beendet hat, wiederhole ich sie ihm aus englisch, damit er sie selbst nun richtig höre, wodurch sein Ohr gebildet wird. Heut las der Kaiser in der römischen Geschichte die Ver« schwör ung des Catilina. Er konnte sie so, wie sie geschil. dert war, nicht verstehen. „Welch ein Bosewicht, sagte er, auch Catilina war, so mußte er doch einen Zweck haben. Der, in Ren, zu herrschen, konnte es nicht seyn, weil man ihm vorwarf, er habe es an allen vier Ecken anzünden wollen." Der Kaiser meinte, cS möge vielmehr irgend eine neue Faktion nach Art des Marius uud Sylla gewesen seyn, die, als sie gescheitere, auf ihre Anführer alle hergebrachten Anschuldigungen, womit man in ähnlichen Fällen sie angreifc, gehäuft habe. Jemand von uns bemerkte darauf gegen den Kaiser, daß dasselbe mit ihm der Fall würde gewesen seyn, wenn er im Vendemiaire Fructidor oder Brumaire unterlegen, ehe er den Horizont von Wolken gereinigt, und ihn mit so Hellem Glanze erleuchtet hätte. Iliber die Gracchen hatte er auch andere Zweifel und andern Verdacht, der, wie er sagte, fast zur Gewißheit werde, wenn man mit den Angelegenheiten unsrer Zeit zu thun gehabt habe. „Die Geschichte, bemerkte er, stellt unS als Resultat die Gracchen als Aufrührer, Empörer und Bösewichcer dar, und laßt doch in den Einzelnheiten durchschlüpfen, daß sie Tugenden besaßen, sanft, uneigennützig, sittlich waren. Uiberdies waren sie Söhne des berühmten Cornelius, was doch in edlen Menschen sofort ein starkes , Vorurtheil für sie erzeugen mußte. Woher also ein solcher Kontrast? Daher, sagte der Kaiser. Die Gracchen hatten sich edel- müthig den Rechten eines unterdrückten Volks geweiht, auftrctend gegen einen unterdrückenden Senat, und ihr großes Talent, ihr edler Charakter brachte eine ungebändigte Aristokratie in Gefahr, die über sie triumphirte, sie würgte, und ihren Nachruhm schwärzte. In diesem Geiste haben die parthciischcn Geschichtschreiber sie unS geschildert. Unter den Kaisern mußte man diesen nachschreibeii. -7 Schon das Dort, Rechte der Völker, war unter einem despotischen Regenren Gotteslästerung, Verbrechen. Unter dem Feudalismus war eö späterhin dasselbe, dieser wimmelte von kleinen Despoten. DicS ohnstreitig ist das böse Schicksal, was über dem Nachruhms der Mecken gewaltet hat. Ihre Tugenden haben also in der Folge der Jahrhunderte leider nie aufgehört, Verbrechen zu seyn, jetzt aber, wo wir mit reiferer Kenntniß uns gewöhnt haben, über Dinge nachzudcnken und dies auszusprcchen, können und müssen die Gracchcn Gnade vor unfern Augen finden. „Bei dem schrecklichen Kampfe der Aristokratie mit der Demokratie, der sich in unfern Tagen erneut, bei dieser Erbitterung des alten Bodens gegen die neue Industrie, welche durch ganz Europa gährt, ist cs kein Zweifel, daß, wenn die Aristokratie durch die Gewalt siegt, sie überall viele Gracchen zeigen, und sie in Zukunst eben so gütig behandeln wird, wie es ihre Vorgänger gethan haben. „Der Kaiser fügte hinzu, daß man leicht sehen könne, wie hier bei den alten Schriftstellern in dieser Epoche der Geschichte eine Lücke, und alles, was die Neuern uns dafür böten, sichtlich nur eine ärmliche Nachlese sei. Darauf kam er zu den Vorwürfen, die man bereits dem guten Rollin und seinem Zögling Crevier gemacht habe. Sie seien beide ohne Talent, Zweck und Farbe. In dieser Hinsicht seien die Alten, wie man eingeftehcn müsse, uns sehr überlegen, und daö deshalb, weil bei ihnen die Staatsmänner Gelehrte, und die Gelehrten Staatsmänner waren. Sie häuften die Beschäftigungen, während wir sie eigenmächtig und bestimmt trennen. Die berühmte Trennung der Arbeit, welche bei uns allerdings Vervollkommnung in mechanischen Dingen hervorbringt, ist doch allen geistigen Erzeugnissen durchaus nachlheilig. Jedes geistige Werk steht um so höher, je universeller sein Schöpfer ist. Wir verdanken dem Kaiser das Bestreben, diesen Grundsatz sestzu» stellen, indem er oft dieselben Menschen bei unter sich ganz verschiedenen Gegenständen angestellt hat. Das war sein System. Eines Tages sandte er aus eigner Bewegung einen seiner Kammerherrn nach Illyrien, um dort die österreichische Schuld zu liquidsten. Dies war ein wichtiger und sehr verwickelter Gegenstand. Der Kammerherr, dem bis dahin die Geschäfte ganz fremd waren, erschrack darüber, und der Minister, welchem man die Ernennung dazu entzogen hatte, und der darüber unzufrieden war, wagte es, dem Kaiser vorzustellen, daß seine Wahl auf jemand gefallen, der noch ganz neu, und daher zu fürchten sei, daß er sich in der Sache nicht werde behelfen können. „Ich habe eine glückliche Hand, antwortete der Kaiser, die, auf welche ich sie lege, sind geschlch zu allem. „Der Kaiser fuhr in seiner Kritik sorc, und verurtheilte auch mehreres von dem, was er geschichtliche, läppische Dinge nannte, welche Uibersetzer und Commenlacoren auf eine lächerliche Meise in die Höhe geschraubt hätten. Sie beweisen, sagte er, schon m> sprünglich, daß jene Geschichtschreiber über Menschen und dm» Lage falsch urtheilten. „So hatte man zum Beispiel unrecht, Sciplo's Enthüll- samkeit so sehr zu rühmen, über Alexanders, Cäsars und mehrem anderer Ruhe so außer sich zu seyn, weil sie am Tage vor eine, Schlacht geschlafen hätten. Nur ein Mönch, der kein Weib har, dessen Gesicht sich schon bei deren Namen erheitert, und der bei Annäherung eines Weibes hinter seinem Gitter wiehert, kam Scipio ein großes Verdienst daraus machen, daß er ein Frauen- zlmmer, welches der Zufall in seine Gewalt brachte, unbmihu lies, da so viele andere ihm zu Gebote standen, ein Hungrig» würde eS ihm eben so hoch anrechnen, wenn er bei einer wohlbe- setzten Tafel vorbelgcgangcn wäre, ohne darüber herzusallen. M das Schlafen bei einer Schlacht betrifft, so gab es bei uns keine Soldaten, keinen General, der nicht hundertmal dieses Wunder auch gethan hätte, und ihr ganzer Heroismus bestand doch nur in der Ermüdung von gestern." Der Großmarschall bemerkte hierbei. Er habe Napoleon nicht blos am Tage vor der Schlacht, sondern während der Schlacht selbst schlafen sehen. „Man mußte wohl, sagte der Kaiser, wen» man Schlachten lieferte, die drei Tage dauerten; die Natur har auch ihre Rechte, ich benutzte mithin den kleinsten Augenblick, und schlief wo und wenn ich konnte. Der Kaiser hatte auf den j Schlachtfeldern von Wagram und von Bautzen, während des Kam- pfes selbst, und gar sehr innerhalb der Schußweite geschlafen. Er sagte, daß außer der Nothwendigkeit der Natur Folge zu leisten, so ein Schlaf einem Anführer oft den köstlichen Vorthcil bringe, ruhig die Berichte und das Zusammentreffen seiner Armeeabthellun- gen abzuwarten, anstatt sich vielleicht von dem einzelnen Gegend stände, der ihm vor Augen liegt, hinreissen zu lassen. Der Kaiser äußerte noch, er fände im Rollin und selbst ini Cäsar Umstände, den gallischen Krieg betreffend, die er nicht verstehe. Er wisse nicht, was das Eindringen der Helvetier bedeuten solle, begreife nicht den Weg, den sie genommen, nicht den Zweck, den sie dabei gehabt, nicht die Zeit, die sie zu dem Uebcrgang über die Saonc gebraucht hätten, er begreife Cäsar nicht, der sich erst in Italien Legionen herbeiholte, die so weit wie Aquileja c»l- 127 stritt waren, und dann die Eindringenden doch noch bei dem liebergang über die Saone fand re. Eben so unverständlich sei ihm die Art von Winterquartieren, welche sich von Trier bis nach Bannes erstreckt hätten. Und wie wir unser Erstaunen über die unermeßlichen Arbeiten ausdrückten, welche damals die Feldherrn ihren Soldaten zumuthctcn; diese Gräben, diese Mauern, jene dicken Thürme, jene Brustwehren w. bemerkte der Kaiser, damals habe man alle Kräfte darauf verwendet, diese Arbeiten an -Ort und Stelle zu fertigen, anstatt daß diese Anstrengung jetzt mehr in -ein Fortschaffcn derselben bestehe. Er glaubt übrigens allerdings, daß jene «Soldaten mehr gearbeitet hätten, alS unsre jetzigen, und nimmt sich vor, etwas hierüber zu diktiren. „Die alte Geschichte ist lang, fuhr er fort, und daS Kriegssystem ändert sich oft. Zn unfern Tagen ist es schon nicht mehr das, wie zu Zeiten Turennes und Vaubans. Zetzt werden die Feldwerke un» nütz. Selbst das Festungssystem ist nun problematisch oder unwirksam geworden. Die ungeheure Menge von Bomben und Haubitzen ändert Alles. Man hat sich nicht mehr gegen horizontale Schüsse, sondern gegen die Wirkungen deö Wurfgcschützcs in dem Bogen und der Entwicklung sicher zu stellen. Keine ältere Festung war jetzt noch un- nehmbar und sicher, und kein Land ist reich genug, seine Festungen zu unterhalten. Die ganzen Einkünfte von Frankreich würden nicht für die Linien von Flandern hinreichend scyn, denn die äußere Befestigung beträgt jetzt nur den vierten oder fünften Theil deö erforderlichen Aufwandes. Die Casematten, die Magazine, die Einrichtungen zum Schutz gegen die Bomben, alles das ist jetzt ganz unentbehrlich, und doch nicht mehr zu schaffen möglich." Der Kaiser klagte vornämlich über die Unhaltbarkeit der jetzigen Maurerarbeiten. Die Ingcnieurkunst leide hierlnnen an einem großen Gebrechen, das ihm ungeheure, hierbei rein verlorne Kosten verursacht habe. Der Kaiser hatte, durchdrungen von diesen neuen Erfahrungen, ein den älcern Axiomen ganz widersprechendes System erfunden, welches darinnen bestand, ein großes Kaliber vor der Hauptlinie nach außen gegen den Feind hin auszustellen, und die Hauptlinic selbst durch eine große Menge von leicht beweglicher Artillerie zu vertheidigen. Auf diese Weise wurde der Feind bei seinem plötzlichen Vorrücken aufgchalten. Er hatte dann nur schwaches Geschütz gegen starkes; das große Kaliber war ihm überlegen, und um dasselbe her befanden sich zur Unterstützung die kleinern Piecen, welche nach Befinden gleich Tirailleurs vorgingen, und bei ihrer leichten Beweglichkeit selbst den Feind bei allen seinen Bewegungen verfolgen konnten. Der Feind konnte so ohne Belagerungsgeschütz nicht sorckommen, und mußte förmlich die Trancheen eröffnen, man 128 gewann hierdurch Zeic, und der eigentliche Zweck der BefestiMg war erreicht. Der Kaiser hat dieses System mit großem Erfolg und zur Bewunderung der Ingenieurs bei der Dertheidigung von Wien und Dresden in Anwendung gebracht. Er wollte sich bcssck ben auch bei Paris bedienen, da er glaubte, daß es nur auf diese Weise — dann aber mit gutem Erfolg — vertheidigl werden könne re. Sonnabend, am 23. bis Dienstag, am 26. Marz. Wir hatten des Morgens zum Theil sehr schlechtes Wetter, Platzregen, die uns kaum gestatteten, die Nase hinauSzustecken. Der Kaiser durchlief die Schrift einer gewissen Miß Willam über die Rückkehr von der Insel Elba, welche wir aus England erhalten harten. Er hatte sie bald satt, und sie mußte ihn aneckeln. Es ist nämlich ein boshaftes Machwerk nva zusammengmagenen Lügen, das Echo der damaligen Gerücht« in den übelgesinnten Cirkeln von Paris. Sobald es Abend wurde, kümmerte uns das Wetter nicht mehr, eS war unS gleich, ob es regnete oder Heller Mondschein war. Bei anbrechender Nacht machten wir unS selbst so recht eigentlich zu förmlichen Gefangenen, denn von 9 Uhr an waren wir mit Schildwachten umgeben, und eS mußte uns doch gar zu schmerzlich fallen, ihnen zu begegnen. Später konnten der Kaiser und auch wir nur unter Begleitung des zu unserer Bewachung angestellten englischen Offiziers ausgehen, und das wäre für uns mehr eine Strafe, als ein Vergnügen gewesen, was jedoch dieser Offizier nicht begreifen konnte. Er lies Anfangs merken, daß nur üble Laune au dieser eignen Beschränkung Schuld scyn möchte, die aber wohl bald Nachlassen werde. Ich weiß nicht, was er in der Folge von unserer Beständigkeit gedacht haben mag. Ich glaube schon gesagt zu haben, daß der Kaiser regelmäßig um 8 Uhr zur Tafel ging. Er blieb nie länger als eine halbe Stunde dabet, oft kaum eine Viertelstunde. Wenn wir dann in den Salon zurückkamen, und er leidend oder still war, dann kostete es große Mühe, 9 bis halb 10 Uhr heranzubringen; wir mußten in diesem Falle immer noch einige Leetüre zu Hülfe nehmen. Wenn er hingegen heiter und gesprächig war, so wurde eS 11 Uhr und drüber, wir wußten nicht wie: das waren unsre schönsten Abende. Er zog sich dann mit einer Art von Zufriedenheit zurück, weil er, wie er sich ausdrückte, die Zeit bezwungen hatte. An eben diesen Tagen, .an denen unser Verdienst so gering war, bemerkte er gewöhnlich, es gehöre unser Muth dazu, um ein Leben zu ertragen. i 12S Bei einer dieser Abenduntcrhaltungen fiel das Gespräch ans die militärischen Processe, die jetzt in Frankreich statt finden. Der Kaiser konnte sich nicht verstellen, daß der General Drouot deshalb, weil er in dem Gefolge eines anerkannten Souverains dm Krieg gegen einen andern geführt habe, verurtheilt werden Me. Einer von uns erwiederte, das was hierbei als seine Rechtfertigung gelten solle, bei dem Gericht der Legitimität ihm gerade ! die grüßte Gefahr bringe. ! Der Kaiser gab zu, daß sich gegen jene, jetzt in Frage kommende Lehre nichts einwenden lasse. Don der andern Seite, meinte er, würde man, wenn der General Drouot verurtheilt würde, zugleich den Stab über die Emigration brechen, und die Dcrurthei- lung der Emlgrirten gut heißen. Die republikanischen Doctrincn - bestraften jeden am Leben, der die Waffen gegen Frankreich trug, i die königliche Doctrine lautet anders. Wenn man hier das repu- i bükanische Gesetz in Anwendung bringt, so sprechen die Emigrirteir ^ und die königliche Parthei sich selbst das Verdammungsurtheil. Wrigens war, im Allgemeinen betrachtet, der Fall bei Drouot ^ sehr verschieden von der Sache Ney's. Man hatte bei letzten» ein 's; unglückliches Schwanken bemerkt, das bei Drouot keinesweges wahr- geuommcn wurde. Das Interesse für Ney gehörte der Meinung an, das für Drouot hingegen der Person. Der Kaiser verbreitete sich dann über die Gefahren und Verlegenheiten der Tribunale und des RcchtS bei allen die Rückkehr - «on Elba betreffenden Angelegenheiten. Ein Umstand war ihm ;r äußerst merkwürdig, nämlich die Lage, in welcher sich Soulc be- f fand, von dem man uns sagte, daß ihm der Proceß gemacht werdet Er, Napoleon, so sagte er, wisse, bis zu welchem Grade Soult ch unschuldig sei, aber ohne diese besondere Kenntniß der Verhältnisse ^ i würde er, alö Privatmann und Geschworner, ihn ohne allen Zwci- K fei für schuldig erklären, da der Anschein so ganz wider ihn sei.' K Ney läßt In seiner Vertheidigung auf eine unerklärliche Weise dem D Kaiser ganz fälschlich sagen, daß er mit Soult einverstanden sei. ^ Hiermit kommen alle Umstände in Ansehung seines Ministeriums, U des Vertrauens das ihm der Kaiser bei seiner Rückkehr bewies ac.' st überein, wer hätte ihn nicht verurtheilen sollen? „Und doch ist i Soult unschuldig, versicherte der Kaiser, er hat mir selbst gestan» st den, daß er eine recht wahrhafte Zuneigung für den König einst Pfunden habe. DaS Ansehen, welches er unter ihm genoß, und M-das so sehr von dem meiner Minister abstach, war für ihn etwas U sehr süßes, und harte ihn ganz gewonnen. L „M assena, fuhr der Kaiser fort, der nach Inhalt unserer Zeitungen U Siich proscribirt ist, war ganz ein anderer Mann. Sie werden ihn vielleicht M L.Caseö PagcS.z.Bd. 9 des VerrathS schuldig glauben. Ganz Marstille war gegen ihn, u befand sich Im größten Gedränge, und doch that er seine Schuldig, keit bis zu dem Augenblick, da er sich offen erklärte." Er M sogar weit davon entfernt, als nach seiner Ankunft in Paris Napoleon ihn fragen lies, ob er auf ihn rechnen könne, sich aus seinm Benehmen ein Verdienst zu machen. „Das Wahre von allen dcm ist, sprach der Kaiser weiter, daß alle Chefs ihre Pflicht erfüllt!», aber daß sie nichts gegen den Strom der Meinung vermochte», und daß niemand die Gesinnung der großen Masse, die Aufstehung dieser Nation richtig vorauSgeschen hatte. Carnot, Fouchch Mm, CambacsrLs haben mir zu Paris bekannt, daß sie sich über dich» Punkt sehr getäuscht hätten. Und noch jetzt, meinte er, urtlM man unrichtig darüber re. „Hätte der König länger In Frankreich verweilt, dann würde er vielleicht in einem Ausstande umS Leben gekommen styn. Me er aber in meine Hände gefallen, so hätte ich mich für stark genug gehalten, ihn auf irgend einem von ihm selbst gewählten Schlosse, wie Ferdinand vorhin zu Balencay, aufs Beste behandeln zu lasse»!!."! Unmittelbar vor diesem Gespräch spielte der Kaiser Schoch. Sein König siel zur Erde, und er rief laut: „Ach du arniu König, da liegst du nun!" Als man ihn jetzt wieder aufhob, « etwas daran zerbrochen. „Ach, das ist ja schrecklich! sagte er weiter, ich mag an keine schlimme Bedeutung glauben, ich bi» sogar weit davon entfernt, sie zu wünschen, so böse bin ich de»» doch nicht auf ihn." 2ch habe diesen an und für sich so unbedeutenden Vorfall »ichr weglassen mögen. Er ist in jeder Beziehung so sehr charakteristisch Hierüber waren wir, alS der Kaiser sich zurückgezogen hatte, Mi einig. Welche Heiterkeit, welch ein leichter Sinn bei seinem schrill- lichen Unglück! so sagten wir zu einander. Welch eine Ruhe de! Gemüths, so ganz ohne Gift, ohne Zorn, ohne Haß! Wer MI hierinncn den Mann erkennen, den die Erbitterung und die Lüg!» alö ein so furchtbares Ungeheuer geschildert hat? Wer, selbst »o»z den Seinigen, hat ihn recht gekannt, wer hat sich Mühe gegebunk dafür zu sorgen, daß er recht gekannt werde? n An einem andern Abende sprach der Kaiser von seinen erster» § Zähren in der Artillerie und seinen Tischgenossen, denn daS ist eine Zeit, von der er immer gern spricht. Man nannte ihm eine» derselben, der Prüftet eines Departements unter ihm und unter dun König gewesen war, und es nicht hatte dahin bringen können, eS bei seiner Zurückkunft zu bleiben. Der Kaiser suchte sich seiner i» erinnern, und sagte dann, cs habe selbiger zu einer gewissen Epoche sein Glück bei ihm verscherzt. AlS er die Armee des 2mmn — 1 . 3 ! — ^ commandirt hätte, habe er ihn mit Wohlwollen überhäuft, ihn zu ' ^ seinem Adjudant ernannt, und sich vorgenommen, ihm ein bcson» ' ! dereS Vertrauen zu schenken, aber dieser so sehr begünstigte Herr ' i Adjudant habe sich gegen ihn sehr schlecht benommen, als er zu > ' der Armee in Italien abgcgangen wäre, er habe seinen General > ^ verlassen, und sei zu dem Direktorium übergegangen. „Demohn« > erachtet, sagte der Kaiser, würde er, als ich zum Thron gelangt > war, viel über mich vermocht haben, wenn er sich darnach zu > - benehmen gewußt hätte. Daö Recht der Iugendjahrr geht ' . nie verloren. Einer Ucbcrraschung bei einer Zusammenkunft, bei ' - der Jagd zum Beispiel, einem halben Stündchen traulicher Unter« i Haltung über die alten Zeiten hätte ich gewiß nicht widerstehen > können. Ich hätte Alles vergessen, was er mir zu Leide gcthau ' hat. Es kam mir ja dann nichts mehr drauf an, ob er von l meiner Parthei gewesen war oder nicht, ich hatte sie ja nun alle fti, für mich gewonnen. Wer den Schlüssel zu meinem Charakter hakte, wußte recht gut, daß, wie ich auch vorher gestimmt gtwcsen sti-n mochte, jeder doch, wie man beim KämmerchemVermiethen scn Spiel gewinnt, sobald man nur sein Plätzchen erreicht, cS auch gewonnen hatte, sobald er nur an mich kommen konnte. Mir ' blieb daher, wenn ich Widerstand leisten wollte, nichts anders ^ übrig, als die Zusammenkunft zu verweigern." ^ Er sprach noch von einem andern alten Kammeraden, der, ' wenn er Geist und sonstige passende Eigenschaften gehabt hätte, alles über ihn vermocht haben würde, und von einem Dritten, der ^ eben so weit gekommen seyn könnte, wenn er nicht so begehrlich gewesen wäre. Wir fragten uns selbst, ob sie auch wirklich dies Gcheimniß dmchblickt, und ihr Glück gekannt hätten, und ob nicht die ^ Größe und der Glanz des Kaisers eS ihnen doch schwer gemacht haben würden, davon Vorlheil zu ziehen? i Bei Gelegenheit deS GlanzeS der kaiserlichen Macht sagte der ^ . Großmarschall, wie erhaben und glänzend ihm auch der Kaiser auf ' . dem Throne erschienen sei, dies doch niemals einen größern, viel» , sticht nicht einmal einen gleichen Eindruck auf ihn gemacht habe, !,l als sein Verhältniü bei der Armee von Italien. Er entwickelte u »ab bewies dann seine Gedanken naher, und der Kaiser hörte ihm mit einer Art von Wohlgefallen zu. WaS ist indessen nicht Alles . geschehen, sagten wir, welche Erhebung! welche Größe! welcher ' ^ Ruhm über die ganze Erde! Aber, sagte der Kaiser, bei alle dem , ist Paris groß, cs wohnen viel Leute von verschiedenem Schlage l! darinnen, und es gicbt, wie ich glaube, doch närrische Menschen i darunter, die mich nie gesehen, wohl gar solche, die nie etwas von mir gehört haben.' Glauben Sie das nicht auch? fragte er uns?- Man mußte das selbst sehen, mit welcher Sonderbarkeit, mit ml- l cher Geistesfülle er eine Meinung, die ihm doch nicht falsch W, ncn mußte, dennoch verfocht. Wir schrieen dagegen laut auf, daß, i was seinen Namen betreffe, es keine Stadt und kein Dorf lo s- Europa, vielleicht keines in der ganzen Welt gäbe, wo dcrsM ^ nicht genannt werde. Einer von uns fügte hinzu: „Sire! Nach dem Frieden von Amiens, als Ew. Majestät nur noch erster Conßil waren, durchreiste ich vor meiner Rückkehr nach Frankreich das Herzogthum Wallis, als eine der außerordentlichsten Parthieen von ^ England. 2ch erglimmte die wunderbar hohen, ganz öden Vcrg- ^ spitzen, und erreichte dort Hütten, die einer andern Welt anzugehi- ren schienen. 2ndcm ich in eine solcke abgelegene Einsiedlcrwohmmg cintrat, sagte ich zu meinem Reisegefährten: Hier ist noch die wahre Ruhe zu finden, hieher muß man flüchten, um dem Geräusch der Umwälzungen z» entgehen, und das erste Wort, welches du Eigenchümer deö Hauses, der uns gleich für Franzosen hielt, a» ' uns richtete, war, daß er nach Neuigkeiten aus Frankreich fragte, und was denn der erste Consul Vonaparte mache? „Sire! sagte ein anderer, wir waren höchst neugierig, die OffiM l aus China zu fragen, ob unsre europäischen Angelegenheiten io jenem Reiche bekannt worden wären? Ganz gewiß, antworteten sie. Zwar ist Manches dunkel geblieben, denn man nimmt im Allgemeinen keinen großen Antheil daran, aber der Name ihres Kaisers- ist dort berühmt, und knüpft sich an die größten 2deen von Eroberung und Revolution, genau eben so, wie zu uns die Namen l derjenigen gedrungen sind, welche die Gestalt jenes Theils der ^ Edre verändert hätten, der Gengis-Kan, die Temcrlan ic."z Mittwoch, am 27. März. Der Kaiser ging heute mit mir und dem Großmarschall im Garten spazieren, und wir kamen auf unser politisches Glaubens-., bkkenntniß zu sprechen. ! Der Kaiser war, wie er sagte, zu Anfänge der Revolution - sehr warm für sie und ihr sehr treu ergeben gewesen. Nach und nach, so wie seine Begriffe mehr Festigkeit und Richtigkeit erlangt hätten, : sei er kälter geworden. Sein Patriotismus sei gesunken bei dcn politischen Thoryeiten und dcn ungeheuren bürgerlichen Ausschwci- . fungcn unserer gesetzgebenden Körper. Endlich sei seine republika- : Nische Gesinnung bei der durch das Direktorium beschchcne Der- - letzung der Dolkswahlen zu der Zeit der Schlacht bei AbM i gänzlich verschwunden. Der Großmarschall sagte: Er sei nie ein Republikaner gewesen, »her sehr eifrig constitutionel gesinnt bis zum 10. August. Dieser mißliche Tag habe ihn von aller Täuschung geheilt. Er hätte sich können bei Vcrthcidigung des Königs in den Tuilerien für ihn umbringen lassen. Von mir war es schon notorisch, daß ich als ein vollkommener ,»>d höchst eifriger Royalist begonnen hatte. „Daraus geht denn hervor, crwicderte der Kaiser scherzend, daß ich hier der Einzige bin, der ein Republikaner gewesen?" Und noch ist, Sire! — sielen wir beide, Bcrtrand und ich, ln'ö Wort. — „2a, wieder» Helte der Kaiser, Republikaner und Patriot!" „Patriot, Sire! bemerkte jetzt einer von «ns, bin ich bei allem meinem RoyaliSmuS auch gewesen, aber, sonderbar genug, ich bin es erst unter dem Kaiserthum geworden.— „Was? Sie schlechter Mensch! Sie wollten auf diese Weise zugeben, daß Sie ihr Vaterland nicht immer geliebt haben?" — Sire! ist es nicht unsre Absicht, die reine Wahrheit zu bekennen? 2cl) gestehe sie gern. Konnte ich wohl, als ich ln Folge Ihrer Amnestie nach Paris zurückkam, mich dort alsbald wie einen Franzosen betrachten, wenn man in den Gesetzen, Decreten, Ordonanzen, womit die Straßen beklebt waren, mein unglückliches Berhältniß als Emigrant mit den beleidigendsten Beinamen belegte! Auch glaubte ich bei meiner Ankunft nicht, dort bleiben zu können. 2ch war durch Neugierde herbeigelockt worden, hatte dem unwiderstehlichen Reize des väterlichen Bodens nachgegeben, und dem Bedürsniß, noch einmal die Atmosphäre meines Geburtslandes einzuathmcn. 2ch hatte aber durchaus kein Eigenthum mehr, hatte, um nur Frankreich wicderzusehen, die Verzichtleistung aus mein väterliches Erbe, und die Gesetzlichkeit meines Verlustes beschwören müssen, auch betrachtete ich mich nun in diesem Lande, daS sonst mein Vaterland war, nur als einen Reisenden. 2ch war in der That ein Fremder von übler Laune und sogar mit bösem Willen. Jetzt begann das Kaiscrthum; das war für mich eine wichtige Erscheinung; das war, so sagte ich mir, nun endlich der Triumph meiner Sitten, meiner Vorurtheile, meiner Grundsätze, der ganze Unterschied lag nur in der Person des Herrschers. AlS dann der Feldzug von Austerlitz eröffnet wurde, erstaunte ich, daß ein französisches Herz mir im Busen schlug, meine Lage wurde peinlich, mir war, als ob vier Pferde an mir zögen, und mein Gefühl war gecheckt zwischen der blinden Leidenschaft und der Natisnalchre. Die Siege der französischen Armee und ihres Heerführers waren mir zuwider, und doch würde ich ihre Niederlage mir selbst für eine Schande angerechnec haben. Endlich zogen aber die Wunder von Ulm und der glänzende Sieg von Austerlitz mich — 134 — aus aller Verlegenheit; der Ruhm hatte mich überwunden, ich ^ bewunderte Napoleon, ich erkannte ihn an, ich liebte ihn, und von diesem Augenblicke an wurde ich Franzoö bis zur Schwärmerei. 2ch hatte nun keinen andern Gedanken mehr, sprach und sühite nichts anders, und bin — an Ihrer Seite." Der Kaiser chac jetzt eine Menge von Fragen über die Emi, Station, die Zahl der Emigranten und ihren Geist. 2ch erzählte ihm sonderbare Dinge von unfern Prinzen, dem Herzog von Braunschweig, dem Könige von Prcußenl Er mußte lachen über die Unvernunft unsrer Ansprüche, das Vertrauen auf unsere Er, folge, die Unordnung in Hinsicht auf unsre Mittel, die Unfähigkeit - unsrer Heerführer. „Die Menschen, sagte ich, waren wirklich damals nicht, was sie seitdem geworden sind, glücklicherweise jedoch waren diejenigen, gegen welche wir ankämpften, Anfangs uns an Kräften gleich. Mir glaubten vornämlich, wir wiederholten es häufig, und ich selbst glaubte eS steif und fest, daß die ungeheure Mehrzahl der Nation auf unsrer Seite sei. Ich hätte klüger > werden sollen, als wir mit unfern Heereöhaufen bis Verdun vorgerückt waren, und auch nicht ein Mensch sich an uns anschloß, alle vielmehr bei unsrer Annäherung sich sortmachten. Bei alledem » habe ich es noch lange Zeit geglaubt, selbst nach meiner Rückkehr . auö England. 2n diesem Grade täuschten wir uns durch abge- - ^ schmackte Dinge. Wir sagten uns einander: Die Regierung ruhe in den Händen einer kleinen Zahl von Menschen, und sei nur aus ' die Gewalt gegründet, sie werde von der Nation verabscheut; uud es giebt Menschen, die nie aufgehört haben, das alles zu glauben. ^ 2ch bin überzeugt, daß unter denen, die es jetzt im gesetzgebenden - Körper wiederholen, solche sind, die das wirklich so meinen. 2ch erkenne darinnetz den Geist, die Begriffe und die Redensarten von Coblcnz. Aber wenn gingen 2hnen denn endlich die Augen auf? fragte der Kaiser. Sire! sehr spät. Selbst alS ich mich wiedcr anschloß, als ich an Ew. Majestät Hof erschien, trieb mich mehr mein Gefühl, meine Bewunderung, als die Ueberzeugung Ihm Kraft und der Dauer derselben. 2ndessen sah ich in 2hrem Staate» path die Freimüthigkeit, womit man über die entscheidendsten Be» » schlösse abstlmmte, daß kein Mensch dabei den geringsten Widerstand ? besorgte, daß jedermann seiner Sache vollkommen gewiß war, und min schien cs mir, daß 2hre Macht und der Zustand der Dinge so reisscndc Fortschritte mache, die ich zu fassen gar nicht im Stande sei- Als ich bei mir selbst über die Ursachen dieser Veränderung pachdachte, machte ich endlich die große und wichtige Entdeckung, daß dies alles schon seit langer Zeit so bestehe, daß ich cs nur sticht gewußt habe, auch nicht habe wissen wollen- «ud daß ich- il. 135 ,M das Lickt nicht zu sehen, mich hinter den Scheffel gesteckt harte. Jetzt sah ich mich von dessen vollem Glanze umgeben, ick war dmn geblendet, und von nun an schwanden alle meine Dorur- lhciie, die Binde war meinen Augen nunmehr cnmommen. Bei der späterhin erfolgten Sendung Ew. Majestät besuchte ich >„chr als 60 Departements, und wandte hierbei die größte und redlichste Sorgfalt an, um meinen Glauben über einen Gegenstand j» befestigen, bei dem ich so lange in Zweifel geblieben war. Ich befragte die Präfecten, wie die Unterobrigkeiten, lieS mir die Be» Misdocumcnte und die Register vorlegen; ich befragte bloße Privatpersonen, ohne von ihnen gekannt zu seyn, stellte Proben aller Art an, und erlangte die feste Uebcrzeugung, daß die Regierung wahrhaft national, und dem Wunsche deS Volkes vollkommen angemessen sei, daß Frankreich zu keiner Epoche seiner Geschichte stärker, blühender, besser verwaltet, glücklicher gewesen sei, daß cs nie sorgsamer unterhaltene Straßen gehabt, daß der Ackerbau um ein Zehntheil, dann um ein Neumheil und nun um ein Achtthcil des Äirags sich gebessert habe *). Ein allgemeines eifriges Treiben belebte die Arbeiten, und brachte sie zu einer täglich zunehmenden Bewollkommung. Der Zndigo war erobert. Ein gleiches war für den Zucker so gut als gewiß. Noch niemals hakte man cs bei dem innern Handel und bei dem Gewerbfleiß so weit gebracht. Anstatt der vier Millionen Pfund Baumwolle, die man zur Zeit der Revolution verbrauchte, wurden jetzt über dreißig MWo,,«:,, Pfund verarbeitet, obschon wir sic nicht über Meer bekommen konnten, sondern zu Lande von Eonstaminopel bezogen. Rouen lieferte wundervolle Resultate re. Die Steuern gingen überall regelmäßig ein, die Conscription war nationalisirt, und Frankreich keineswegeS erschöpft, sondern bevölkerter als sonst, und die Volksmenge nahm täglich zu re. Denn ich mit diesen Angaben in meinen vorigen Gesellschaften erschien, verursachte ich einen wahrhaften Aufstand. Man schrie überlaut, lachte mir ins Gesicht, aber dennoch gab es vernünftige Menschen darunter, und ich wurde immer stärker, brachte nach »ad nach Einige zum Wanken, andere zur Uebcrzeugung, und machte nach meiner Art so auch Eroberungen." Es ist sonderbar, dag jch diese Versicherung, über de» Zustand des Ackerbaues, vom Herrn von Villele, der seitdem so berühmt geworden ist, zu Longuedoc erhalte» habe. 136 Der Kaiser sagte, das Resultat von dem Allen sei, daß uns« Politischer Verein aus St. Helena von ganz außerordentlicher Art und jeder von uns auf seinem besondern Wege zu dem gemeinschaftlichen Ccntro gelangt wäre. Indessen habe jeder diesen Weg alö ein ehrlicher Mann zurückgelcgt. Nichts beweise mehr den rvahren Zufall, die Unsicherheit, das blinde Walten des Schicksals, das in dem Labyrinthe der Revolutionen die bessern Herzen leite und eben diese Ansichten, diese Grundsätze wären es, die ihn zn dem rechten-Manne für den Brumaire gemacht hätten, wie er denn auch ohne allen Zweifel es bei den gegenwärtigen Verhältnissen Frankreichs seyn würde. Er hatte über diesen Punkt kein Mißtrauen, keine Dorurtheile, keine Leidenschaften, brauchte die Menschen aller Klassen, aller Partheien, ohne jemals sich zu bekümmern, was früher geschehen sei, ohne zu fragen, was sie gethan, gesagt, gedacht hätten; er verlangte einzig und allein, daß sie nur als rechtliche Männer den Weg, aus dem der allgemeine Zweck, das Heil und der Ruhm des Ganzen, erreicht werde, gehen, sich alö wahre und gute Franzosen zeigen möchten. Niemals wendete er sich an die Parthcihäuptcr, um sie zu gewinnen, sondern im Gcgcntheil nur immer an die Masse, um jene nicht zu gebrauchen. Dies war, wie er sagte, das immerwährende System seiner inner» Politik gewesen und er sei, der letztem Ereignisse ungeachtet, weit davon entfernt, cs zn bereuen, sondern er würde, wenn er noch «inmal anzufangen hatte, es eben so machen. „Es ist besonders ganz unvernünftig, sagte er, wenn man mir vorwirft, daß ich Ad- lliche und Emigranten angestellt habe. Es gab in der That unter mir in Frankreich nur individuelle Meinungen und Gesinnungen. Nicht die Adlichen und die Emigranten haben die Restauration hcrbcigcsührt, aber sie hat die Adlichen und die Emigranten wieder ins Leben gebracht. Sie haben nicht mehr als Andere zu unsem Verderben beigecragcn. Die Alleinschuldigcn sind die Intriken- machcr aller Farben und aller Doktrinen. Fouch« war nicht von Adel, Talleyrand kein Emigrant, Augerean und Marmont keinS von beiden. Und wollen. Sie den sichersten Beweis davon wisse», wie unrecht man hat, gegen ganze Partheicn eingenommen zu seyn, wenn eine Revolution wie die unsrige sie durchgearbeitet hall Rechnen Sie doch einmal! Unter Vieren sind zwei von Ihnen Adliche und einer sogar ein Emigrant. Der gute Herr von Sc- gur, so alt wie er ist, lies mir anbieten, daß er mich begleiten-! wolle. Ich könnte meinen Beweis bis ins Unendliche fortsetzen. So ist cS ferner unvernünftig, mir vorzuwerfcn, daß ich es verschmähet habe, mich gewisser Personen von Einfluß zu bedienen. Ich war zu mächtig, um nicht ohne Gefahr für mich die Iutrikcn ! - und die bekannte 2-mnoralität der Mehrzahl unter ihnen verachten zu können. Auch hat nichts von alle dem meinen Sturz herbei- geführt, sondern einzig und allein ganz unvorhergesehene unerhörte Katastrophen und die Gewalt der Umstände; 500000 Mann vor dca Thoren der Hauptstadt, eine noch ganz srische Revolution, eine Krise, die sür die Köpfe der Franzosen zu stark und vor allem, daß meine Dynastie nicht alt genug war. 2ch würde mich noch a»! Fuß der Pyrenäen wieder aufgerichtec haben, wenn ich nur wenigstens mein Enkel gewesen wäre. „Aber da kann man sehen, wie groß der Zauber des Vergangenen ist! 2ch war doch in der That der Auserwählte der Franzosen, und ihr neuer Gottesdienst deren eignes Werk. Und doch, so wie die Alten sich wieder zeigten, mit welcher Leichtigkeit eilten sie zurück zu ihren Götzenbildern! „Wozu nun noch alle dem eine andre Politik? Hätte sie wohl das verhindern können, was mich ins Verderben stürzte? 2ch wurde verrathcn von M*) **, den ich meinen Sohn, mein Geschöpf nennen konnte, den ich mein ganzes Daseyn anvertraute, den ich deshalb nach Paris sendete, und der in dem nämlichen Augenblicke meinen Untergang hinterlistiger Weise vollbrachte. 2ch bin von Mnrat vcrrachen worden, de» ich vom gemeinen Soldaten bis zum König, zu dem Gemahl meiner Schwester erhoben hatte. Berthier hat mich verrathen, dieser Gänserich, aus dem ich eine Art von Adler gemacht habe; und im Senat verriethen mich diejenigen von der Volksparthci, die mir Alles zu verdanken hatten. An allen dem war also mein System der inncrn Politik nicht Schuld. Man würde mich billig beschuldigen können, daß ich zu unbesonnen bei der Anstellung von Adlichen und von Emigranten gewesen wäre, wenn ein Macdonald, ein Dalence "), ein Montesquieu mich ver- rathen hätten; aber diese blieben mir getreu. Will man mir die Dummheit Murats zum Vorwurf machen, so antworte ich mit der Klugheit Marmonts. 2ch habe also mein System der innero Politik nicht zu bereuen " u. s. w. *) Ais ich eines TageS zu Lougwvob die Namen der Senatoren durchging, welche die Lossagiingsakte unterzeichnet haben, bemerkte einer von uns den Namen des Herrn von Valcncc, der als Sekretair unterschrieben hatte. Aber ein anderer erklärte diese Unterschrift für falsch, versicherte, Herr von Valcncc habe sich darüber beschwert und widersprochen. „DaS ist sehr richtig, sagte der Kaiser, ich weiß cS, er war brav; Vgience ist von nationaler Gesinnung," Donnerstag, am 28. Marz. Der Kaiser sprach bei dem Diner über die verschiedenen Gesahrcn, welche die chinesischen Schiffe lausen, von denen, »ach den Angaben, die er von den Capikains erhalten hatte, eins gegen dreisig verloren geht. Das brachte ihn auf die Verschiedenheit dcö Verlustes in den Schlachten, den er im Ganzen für geringer halt. Die Schlacht von Wagram wurde von ihm alS eine der blutigsten ge- nennet. Er schätzte die Gebliebenen jedoch nur aus 3000; ms denn, da wir 160000 Mann stark waren, nur ein Funfziglheil auSmacht. Bei Eßling, wo wir nur 40000 Mann hatten, bliebe» hingegen ungefähr 4000, daö war also ein Zehnthcil; aber das gehörte zu den allerschlimmsten Fällen, bei den andern Schlachten war der Verlust ohne allen Vergleich kleiner. Zetzt kamen wir auf die Bulletins zu sprechen. Der Kaiser versickerte, daß sie sehr wahrheitgemäß und die Angaben darinnen, mit Ausnahme dessen, waö die Nähe des Fcindeü, der, wenn sie in seine Hände sielen, davon Vortheil hätte ziehen können, zu verbergen nöthigte, sehr genau gewesen wären. Man lies ihnen in Wien und in ganz Teutschland mehr Gerechtigkeit wiedcrfahrcn, alS bei unS. Wenn sie in unfern Armeen einen schlechten Ruf hatten, wenn man zu sagen pflegte: lügenhaft wie ein Bulletin, so lag daö in persönlicher Eifersucht, im Parlheigeist, der das so hervorgebracht hatte. ES lag in der beleidigten Eigenliebe derer, die man darinnen zu nennen vergessen hatte, und welche dennoch ein Recht daran zu haben glaubten. Vornämlich aber lag es an unserm lächerlichen Nationalfehler, keine größern Widersacher bei unfern glücklichen Erfolgen und bei unserm Ruhm zu haben, als unS selbst. Nach Tische spielte der Kaiser einige Parthien Schach. Der Tag war sehr regnerich gewesen, er war nicht wohl und zog sich zeitig zurück. Freitag, am 29. März. Das Wetcer war immerfort so schlecht, daß man keinen Fuß nach außen setzen konnte. Regen und Feuchtigkeit drangen in unsre Stuben von Pappe. Unser aller Gesundheit litt davon. Die Tcmpcrarnr ist hier mild, aber das Clima ist höchst ungesund. ES gilt für eine ausgemachre Sache auf der 2»sel, daß man dort selten das fünfzigste, fast nie das sechzigste Jahr erreicht. Man rechne 139 mm noch unsere Abgeschiedenheit von der Welt hinzu, unsere physischen Entbehrungen, die schlechte Behandlung l» moralischer Rücksicht, und man wird zugebcn muffen, daß die Gefängnisse in Europa der Freiheit auf St. Helena weit vorzuzichen sind. Gegen 4 Uhr brachte man mir mehrere Capitains 'von den Schiffen aus China, welche dem Kaiser vorgeftellt seyn wollten.' Sie konnten hierbei die Kleinheit, die Feuchtigkeit und überhaupt die schlechte Beschaffenheit meiner Wohnung sehen. Sie fragten, nie cs mit der Gesundheit des Kaisers gehe? und ich antwortete, daß sie sich sichtbar verschlimmere. Wir hören nie eine Klage von ihm. Seine große Seele widersteht allem und täuscht ihn sogar über seinen Körper. Aber wir sehen ihn offenbar dahin schwinden. Einige Augenblicke nachher führte ich sie zu dem Kaiser, der im Garten spazieren ging. Er kam mir just heute mehr verändert vor, als gewöhnlich. Nach einer halben Stunde enclieS er sie, ging inS Haus zurück und nahm ein Bad. Vor und nach dem Diner sah er abgemattct und leidend aus. Er fing an die Femmcs SavanteS vorzulesen, aber schon nach dem zweite» Akt gab er das Buch an den Großmarschall und schlummerte auf dem Kanapee während der ganzen übrigen Lektüre. Sonnabend am 3v. und Sonntag am 31. März. Auch heute war das Wetter sehr schlecht und wir alle leidend. Dabei werden wir ganz buchstäblich von Natten, von Flöhen und von Wanzen angefallen. Wir können davor nicht schlafen und unsere nächtlichen Martern reichen sonach den Martern, die uns am Tage quälen, recht freundlich die Hand. Am 31. war das Wetter wieder schön geworden und wir fuhren in der Kalesche spazieren. Der Kaiser kam im Lauf der Unterhaltung auf Egypten und Syrien zu sprechen und sagte, daß wenn er St. Lean d'Acre genominen hatte, was allerdings geschehen mußte, er eine Revolution ini -Orient bewirkt haben würde. „Die allerkleinsten Umstände führen zu den größten Ereignissen, sprach er. Die Schwäche eines Fre- Wtencapitains, der das Weite suchte, anstatt seinen Eingang in den Hafen zu forcircn und einige kleine Unordnungen in mehrern Schaluppen oder leichten Schiffen, haben es verhindert, daß die Gestalt der Welt sich nicht änderte. War St. 2 ean d'Acre io meiner Gewalt, so flog die französische Armee nach Damaskus »nd nach Aleppo. Sie wäre im Augenblick am Euphrat gewesen. Die Christen von Syrien, die Drusen, die armenischen Christen hätten sich mit ihr vereint, und alle Völkerschaften kamen in Aufstand." Einer von uns bemerkte jetzt, man würde sich bald um loovvo Mann verstärkt haben. ,, Sagen Sie lieber 600000, erwiederte der Kaiser; wer kann berechnen, was dann geschehen seyn würde. Ich hätte Constantinopel und Indien erreicht, hätte die ganze Welt umgeschaffen!" Uiberslcht der versioßnen neun Monate, Da hätte ich denn nun schon neun Monate meines Tagebuchs geschrieben und muß fürchten, daß bei den heterogenen Dingen, die darinnen ohne Ordnung auf einander folgen, man nur zu oft das vorzüglichste, das einzige Ziel, das zu erreichen ich mir vorgesetzt habe, aus den Augen verloren haben möchte. Nur von Napoleon soll cs handeln und von alle dem, was dazu dient, ihn zu chmkecrisiren. Um hierbei so gut als möglich nachzuhelftn, will ich in einigen Zeilen eine kurze Uibcrsicht geben, und werde solches zu diesem Ziveck von nun an aller drei Monate thun. AlS wir Frankreich verließen, warteten wir einen Monat lang' auf die Beschlüsse des englischen Ministeriums; dann waren wir drei Monate nach. St. Helena unterwegs. Nach unsrer Landung wohnte» wir fast zwei Monate zu BriarS- Jetzt sind wir drei Monate in Longwovd. Diese neun Monate haben für jeden, der Napoleon naher beobachten wollte, sehr verschiedene Epochen enthalten. Während des Aufenthalts in Plymouth blieb Napoleon In sich verschlossen und gänzlich passiv, er widerstand nur mit der Kraft der Unthätigkeit, denn seine Uibel waren so ganz unheilbar, daß er Alles dabei gehen lies, wie es ging. Bei unserer Seefahrt bemerkte man an ihm ein sich Immer gleiches Benehmen, wahre Gleichgültigkeit; er gab keinen Wunsch, keinen Verdruß zu erkennen- Man bewies Ihm allerdings die größte Achtung, aber er nahm sie an, als ob er eö nicht wisse, sprach wenig, und immer war sein Gespräch seiner Person fremd. Wer plötzlich an Bord unserS Schisses geworfen worden wäre und seine Unterhaltung mit angehört hätte, würde schwerlich errathen haben, Mn er vor sich habe: das konnte der Kaiser nicht feyn! Ich kann ihn in dieser Lage nicht besser schildern, als wenn ich ihn mit einen, hohen Reisenden vergleiche, den man mit großer Achtung an dm Ort seiner Sendung bringt- L'CaseS Tageb. Z.Bd- 10 Unser Aufenthalt ln BriarS bot wieder eine andre Gestalt dar. Napoleon war fast ganz auf sich selbst beschränkt, nahm niemand an, widmete sich ganz der Arbeit, schien Menschen und Schicksale zu vergesse» und den Frieden und die Ruhe der größten Zurückgezogenheit zu genießen. AuS Zerstreuung oder Verachtung bemerkcc er die Unschicklichkeiten und die Entbehrungen nicht, welche man ihn unaufhörlich erdulden lies und wenn er dann und wann etwas darüber verlautete, geschah eS doch nur dann, wenn die Ungezogenheit irgend eines Engländers oder die Erzählung von Beleidigungen, welche die Scinigen erfahren hatten, ihn dazu reiztem Er brachte den ganzen Tag mit Diktiren zu; die übrige Zeit widmete er der Erholung bei einem vertraulichen Gespräch. Er erwähnte der Angelegenheiten Europas nicht; selten nur sprach er von der Zeit des KaiserthumS, sehr wenig nur vom Consulak, aber oft von seinem Commando in Italien und noch mehr, fast armer, von den allergcringfügigstcn Dingen aus seiner Kindheit und einen Iugendjahrcn. Diese letztem Gegenstände schienen nun einen anz eigenen Retz für ihn zu haben; und als ob er darinnen das Mittel zu einer gänzlichen Vergessenheit fände, wurde er hierbei oft sogar heiter. Hiermit füllte er unzählige Stunden seiner nächtlichen Wanderungen beim Mondscheine aus. Unser Einzug in Longwood brachte die vierte und letzte Veränderung hervor. Bis dahin war unser Zustand immer nur ephemer und vorübergehend gewesen. Der nunmehrige war der bleibende und drohte mit langer Dauer. Mit ihm begann unser Exil und unser neues Loos. Dort wird uns die Geschichte finden, dort ! werden die Blicke der ganzen Welt auf unS gerichtet seyn. Der Kaiser, der so zu rechnen schien, ordnete nun alles, waS ihn umgab und nahm die Stellung eines von der Uibermacht unterdrück- ! ren großen Mannes an. Er zog eine moralische Brustwehr um sich her, hinter welcher er sich sorgfältig gegen alle Unschicklichkeiten und Beleidigungen verkheidigte. Er läßt jetzt seinen Nersol» l gern nichts mehr ungerügt hingehen, er nimmt eS nun genauer in Ansehung der Formen und zeigt sich gewaffnet gegen Feindseligkeiten. Die Engländer hatten eS erwartet, daß Gewohnheit zuletzt Förmlichkeit hcrbciführen werde: der Kaiser führt lctztre schon am ersten Tage wieder ein, und die tiefste Ehrfurcht zeigt sich. Es war für uns ein Gegenstand wahrhafter Bewunderung und der innigsten Befriedigung, daß, ohne zu wissen wie cö eigentlich zuging, eS uns dennoch so ganz klar vor Augen lag, wie der Kaiser in der Meinung und Bcurtheilung der Engländer jetzt ungleich höher als jemals stand und wir sogar ganz deutlich bemerken konnten, daß dieses Gefühl täglich znnahm. --- °— Wenn der Kaiser mit uns war, sprach er nun wieder über die europäische» Angelegenheiten. Er setzte die Pläne und das Verholten der Souveraine genau auseinander und verglich damit die ftinigen; er kritisirte, er zergliederte, er verbreitete sich über seine Regierung, seine Handlungen, mir einem Worte, er war wieder der Kaiser und ganz Napoleon. 2ch will jedoch damit nicht sagen, daß er einen Augenblick aufgehört hätte es zu seyn, in Hinsicht unsrer Ergebenheit, unsrer Sorge für ihn, oder daß wir daö Geringste von ihm zu erdulden gehabt hätten. Er war im Gegentheil mit nnS stets von gleicher Laune, von beständiger Güte, von gewohnter Freundlichkeit. Wenn er so in unserer Mitte, gleichsam in seiner Familie war, dann lies er wohl seine Ausfälle gegen den gemeinschaftlichen Feind lauter werden; aber auch die heftigsten, von denk» man glauben wird, daß er sie Im Zorn auögestoßen habe, begleitete er doch mit einem Lächeln, oder mit irgend einem Scherz. Während der sechs Monate, die unserm Einzüge in Longwood vorangingen, schien die Gesundheit des Kaisers nicht im Geringsten zu leiden. Doch war seine Lebensweise so sehr verändert. Essenszeit und Nahrungsmittel waren nicht wie sonst, alle seine Gewohnheiten hatte er aufgeben müssen. Er, der sich immer viel Bewegung zu machen pflegte, mußte die ganze Zeit in seinem Zimmer eingesperrt bleiben; seine Bäder, d'e einen Theil seines DaseynS ausmachten, konnte er nicht haben u. s. w. Erst als er nach Longwood kam und so manches von diesen Dingen ihm wieder zu Gebote stand, als er wieder auSritt und sich badete, bemerkte man eine augenscheinliche Veränderung in seinem Befinden. Es ist in der That sonderbar; so lange schlecht für ihn gesorgt M, befand er sich wohl, und nur erst als eine bessere Behandlung eintrac, wurde er leidend. Beweist daS nicht, daß in der moralischen, wie in der physischen Ordnung der Dinge, zwischen lirsache und Wirkung oft ein weiter Zwischenraum liegt? Verbesserungen. 3n> zweiten Bändchen S. 39 ist statt „die Vermählung mit Marie Louise ward zu Fontainebleau vollzogen" zu lesen „zu ^ o m p i e g ii e. 2 ^« WW MG «KM-Ä KM'sÄW MW ^ cv 5 ^ G LI VL.