LaS Cafes Tagebuch über Nap o l e o n ' s Leben, seit dessen Abdankung, am 15. Iuni'us 1815. Eine treue Nibersetznng des Uenaorial ilo 8 ainl« - IlvI^nc. Zweites Bändchen. Dresden, 1823. in der Arnoldischen Buchhandlung. Summarischer Inhalt des zweiten Bändchens. Ausschiffung des Kaisers ans Sankt Helena.Seite i Der Kaiser flrirt steh zu Vriars — Beschreibung — Eiende Lage, ebend, Beschreibung von Briars — Garte» — Die beiden Töchter vom Hause... » 4 Wer die französische Jugend — Der Kaiser besucht daS benachbarte Haus — Naivrtätcn...ebend. Der Admiral besucht den Kaiser.. - 6 Schrecken und Elend unserer Verbannung — Unwille des Kaisers — Note au di- englische Regierung.. ebend. Leben zu Briars — Besteck von Austerlitz — Großes Necessaire des Kaisers — Dessen Inhalt — Libelle u. s, w. gegen Napoleon, die mau in den Tullerien ließ.. » rc> Der Kaiser fängt den cgpptischen Feldzug mit dem Großmarschall an — Anekdoten vom Brümaire — Brief des Grafen von Lille — Die schöne Herzogin von Guiche.- iz Anwendung des Tags — Staatsrath — Ungnade von PortaliS — Auflösung des gesetzgebenden CorpS 181Z — Senat. . - 19 Heftige Acnßerungcn — Charakteristischer Umstand.-LY lliber die Generale der italienischen Armee — Armee» der Alten, Genaiskan u. s. w. — Neuere Eroberungen — Charakter der Eroberer.. » . . - Zo Zdieu, Pläne, politische Insinuationen u. s. w.. . , zr Unannehmlichkeiten — Moralische Betrachtungen.- ZZ Der Kaiser schickt die Pferde zurück.. Respekt für Lasten...«L7 Mitternächtliche Unterhaltung beim Mondscheine — Die beiden Kaiserinnen — Vermählung Marie Luisens — Ihre Dienerschaft — Herzogin von Mvntcbcllv — Frau von Montesquieu — Institut von Meudon — Gesinnungen des Hauses Oesterreich gegen Napoleon — Anekdoten seit der Rückkehr nach Europa i» Deutschland gesammelt.ebend. Kleine innere Details u. s. w. — Betrachtungen.»48 Eehr geheime Details u. s- w. u, s. w. — Sonderbare Beziehungen. . ..ebend. Uiber die Vorstadt St. Germain u. s. w. — Der Kaiser ohne Vorurihcil, ohne Galle u. s. w. — Charakteristische Worte. » Zo Uiber die Offizianten deS Kaiserhauses im Jahre 18 >4 u. s. w. — Plan zu einer Adresse. ..- 85 Idee des Kaisers, sich Corstka vorznbchaltc» — Meinung über Robespierre — Ideen über die öffentlichen Meinungen — Sühnende Absicht des Kaisers in Bezug der Rcvoluticnsopftr, - 57 Wasserfall von Briars.-.- 6 c> Erster und einziger Ausflug während des Aufenthalts in Vriars — Ball beim Admiral. ... Mein Benehmen während Napoleon auf Elba war. . . . . - 6 r GemüthSstimmmig deS Kaisers — Ausflüge — Aerztlichcs System. 6 y Lebe» zu Briars — Mein erster Besuch in Lvngwrvü — Höllenmaschine, ihre Geschichte. ... Verschwörung von Georges, Pichcgrü — Der Herzog von Eng, hien — Der Sklave Tobias — Charakteristische Betrachtun, gen Napoleons.. Seite Entstehung der Gnidcn — Andre Gefahr Napoleons — Dicker deutscher Haiiptmann — Ein Hund.. go Krieg — Grundsähe — Anwendung — Uibcr verschtcdne Generale. ...- jr Lage der spanischen Prinzen In Valenccy — Der Pabst ln Fontainebleau — Betrachtungen u. s. ... zz Uiber die neue Hclvise und die Liebe — Unannehmlichkeiten. . » zz Englischer Lieutenant — Sonderbarkeit — Die Abreise »ach Longwood wird aufgcschobcn — Politik — Zustand Frank, rcichs — Nep's Rechtfertigung.. zz Uibersicdlung nach Longwood — Beschreibung des Weges — Be- sihnaliine — Erstes Bad.. gr Beschreibung von Longwood u. s. w. — Einzelne Zimmer. . . « yz Einrichtung bei der Dienerschaft des Kaisers — Moralische Lage der Gefangnen unter sich — Einige Züge aus Napoleons Charakter — Napoleons Gemälde Lurch de Pradt, aus einer englischen Zeitung überseht — Widerlegung.- yz Erlcichtrung meiner persönlichen Lage — Acndrung meines Bettes. .., loz Gewohnheiten und bestimmte Stunden des Ketiscrs — Seine Art sich auszndrücken bei den beiden Kaiserinnen — Einzelnhcitcn — Mapimen des Kaisers über Polizei — Geheime Brief- Polizei — Sonderbare Details — Der Kaiser erklärt sich für eine feste und gemäßigte Negierung.» IVZ Erster Ausflug des Kaisers zu Pferde — Härte der seinethalbcn gegebenen ipinistericllen Instruktionen — Unsre Leiden — Unsre Klagen — Worte des Kaisers — Grobe Antworten. » >II Verachtung des Kaisers gegen Popularität — Seine Ursachen — Seine Gründe — Uiber meine Frau — General Gourgauds Mutter und Schwester.. HZ Des Kaisers häufige Verwundungen auf seinen Feldzügen — Kosaken — Befreites Jerusalem.- N 7 Meine Unterhaltung mit einem Engländer. 118 Uibcr Auswanderung — Wohlthätigkcit der Engländer — Hülfs- mittel der Emigrirte»., 11 » Schwieriger Ausflug — Erster Versuch in unscrm Tbale — Treuloser Morast — Charakteristischer Moment — Enttäuschte Engländer — Gift des Mithridatcs.. . . » I2§ Der Kaiser zieht eine Furche — Scherflcin der Wittwe — Unterredung mit dem Admiral — Neue Einrichtungen — Der Pole Piautkowsky...« ir 7 Untcrgcuvcrncur Skclton, . .- 12g Neujahr — Jagdflinten — Familie des Gouverneur Wilks. - l:» Leben in Longwood — Des Kaisers Ausreiten — Unsre Npm- phe — Spihnamcn — Uibcr Inseln und ihre Vertheidigung — Große Festungen; Gibraltar — Kultur und Gesetze von St. Helena — Enthusiasmus.. . - Der Kaiser wird sehr unartig behandelt — Neue Streitigkeiten »>lt dem Admiral, 156 Aufenthalt zu Briars. Vom 16. Oktober bis zum s. December 1815. Montag, den 16. Oktober 1815. 9tach der Tafel ging der Kaiser mit dem Admiral und Eroßmarschall ans Land. Ein eigenes gemeinsames Gefühl hatte alle Offiziers und den größten Theil der Schiffoequipage auf das oberste Stockwerk des Schiffs geführt. Es war jezt nicht mehr Neugierde, denn man kannte sich ja min seit drei Monaten, son» Lern der lebhafteste Antheil. Ehe der Kaiser das Booc bestieg, lieö er den Capilain kom« men, welcher daS Schiff commandirte, nahm Abschied von ihm und trug ihm auf, in seinem Namen den Offiziers und der Equipage zu danken. Seine Worte machten einen riesen Eindruck auf aste, die sie «erstanden oder sich solche auslegen ließen. Der übrige Theil des kaiserlichen GefolgS wurde um 8 Uhr ausgeschifft und dabei von mehrern Offiziers begleitet. Alle Welt, die Bleibenden sowohl, als diejenigen, welche das Schiff verließen, schienen recht innig und herzlich für uns gestimmt zu seyn. ! Wir fanden den Kaiser In dem ihm bestimmten Salon. Bald darauf ging er hinauf nach seinem Zimmer und ließ uns dann zu sich rufen. Er war nicht viel besser logirt, als am Bord des > Schiffes; wir befanden uns in einer Art von Gasthof oder Hotel- garni. Die Stadt St. Helena ist weiter nichts, als eine sehr kurze Straße oder eine Reihe von Häusern, in einem engen Thale, das - Mischen zwei Bergspitzen eines ganz kahlen und unfruchtbaren Felq senS liegt. Dienstag» den 17. Oktober. DeS Morgens um 6 Uhr ritten der Kaiser, der Großniar- schall und der Admiral aus, um Longwood (langer Wald) zu besehen, das Haus, das zu des rrstern Residenz bestimmt war und L.CasesTagc-, s.Bd. 1 etwa drei Stunden von der Stadt liegt. Bei der Rückkehr be. merkten sic tiefer im Thale ein kleines Landhaus, In einer Entsu. ' mmg von zwei (englischen) Meilen von der Stadt. Der Kaiser sträubte sich sehr wieder in daö Hans znrückzukehren, wo er ge< j schlafen statte, da er dort in der That noch beschränkter als aus l dem Schiffe war. Schildwackcn hielten dieThüren besetzt. Neugierige s. sammlcten sich unter seinen Fenstern und er war mithin im strengstcn i Sinne auf sein Zimmer beschränkt. Ein kleiner Pavillon, zu dem f erwähnten Landhause gehörig, gefiel ihm und der Admiral war ein» n verstanden, daß er dort besser als in der Stadt wohnen würde, ff Der Kaiser nahm Besitz davon und schickte sodann nach mir. - Seine Arbeit in Betreff der italiänischen Feldzüge war ihm so lieb - geworden, daß er sich nicht mehr davon trennen konnte. 2ch machte mich sogleich auf den Weg. Das kleine Thal, worinn sich der Flecken St. Helena befindet, ^, verlängert sich noch weit in die Insel hinein und schlängelt sich zwischen zwei Ketten von dürren Bergen hin, welche cS begränzcn und eineiigen. Durch dieses Thal streckt sich ein sehr gut unten staltcncr Fahrweg, der in der Entfernung von ohngcfähr zwei Men len an der Seite des nämlichen Berges hinläufc, an welchen er ^ sich zur Linken anlchnt. Auf der rechten Seite desselben sieht nm in steile Abgründe. Aber bald erweitert sich die Gegend. Man erblickt eine kleine Fläche mit einigen Gebäuden, eine Spur oon Vegetation und mehrere Bäume, eine Art von kleiner Dase mittcn unter Felsen. Hier war die bescheidne Wohnung eines Handelt' manns der Insel, des Herrn Balcombc. Man sieht dort 30 bis ^ 40 Fnß rechtö von dem Hauptgebäude auf einem senkrechten Hü- » gel eine Art von kleinem Lusthäuschcn, dessen sich die Familie be> biente, um bei schönen Tagen dort den Thee zu trinken und frische Luft zu schöpfen. Das war das von dem Admiral gemiethctc Plätzchen, welches vor der Hand des Kaisers Wohnung sei,n sollte, und das er seit heute Morgens inne hatte. Indem ich nun so den Zugang zu jenem kleinen Berge, welcher ziemlich steil war, hiiinnp kletterte, sah ich ihn wirklich schon von weitem. Er war ganz wie er immer ist, ein wenig gebückt, die Hände auf dem Rücken, in seiner leichten und ganz einfachen Uniform, mit seinem berühilitcn kleinen Hütchen. So stand er auf der Thürschwelle und pfiff, nlS ich ihm näher trat, eine Arie aus einem Vaudeville. „Ah dn sind Sie ja! sagte er, warum haben Sie Ihren Sohn nicht mit-, gcbracht?"— „Sire! meine Ehrfurcht, schuldige Rücksichten» haben mich daran verhindert." — „Ach Sie können ihn doch s nicht missen, fuhr er fort, lassen Sie ihn kommen I" ' j Nie, in keinem Feldzüge, vielleicht in keiner Lage seines Lebens - hat der Kaiser eine so kleine Wohnung gehabt, nie an so vielen il Dingen Mangel gelitten. Der ganze Raum- den er innen hatte, ^ bestand in einem einzigen Zimmer im Erdstock von ziemlich vier-. » eckiger Form mit zwei Thüren, einander gegenüber und zwei Fcn- k stcrn in jeder der perpendikulär hinlaufcnden Seitenwändc, übrigens r ohne Vorhänge, ohne Laden und kaum ein Stuhl vorhanden, s Der Kaiser war ganz allein In diesem Augenblicke. Seine beiden , Kammerdiener waren nach einen Bett gegangen, Las sie sür ihn ? ausschlagen wollten- Es siel ihm ein, ein wenig zu gehen, allein cs gab von keiner Seite des Häuschens gleichen Boden, der Hü- i ^ gel bestand rundum nur aus großen Stein - und Felsenstücken. Er nahm meinen Arm und begann recht aufgeräumt mit mir zu !: scherzen. Inzwischen war die Nacht angebrochen, ringsum tiefe ! ^ Stille und die größte Einsamkeit. Welche Menge von Gefühlen bemächtigte sich in diesem Moment meiner Seele. 2ch befand mich also ganz allein, und säst in dem Zustande der Familiarität mit dem Manne, der die Welt regiert hatte, ja — um alles in x Ein Wort zusammen zu fassen — mit Napoleon!!! Will man cs k aber begreifen, was jezt in mir vorging und was ich empfand, dann » muß man sich freilich in die Zeit seiner Allmacht versetzen, in die Tage, wo sein Beschluß hinreichend war- Throne umzustürzen und Könige zu schaffen! Man muß zurückdenken an die Empfindungen, wovon in den Tuillcricn alle durchdrungen waren, die ihn dort umgaben; die scheue Verlegenheit, die tiefe Unterwürfigkeit, womit seine Minister und seine Offiziere sich ihm nahten; die Acngstlich- keit- die Furcht der Ambassadeurs, der Fürsten und selbst der Könige! Meine Gesinnungen waren jezt noch immer die nämlichen! Als der Kaiser sich niederlcgen wollte, sahen wir, daß an der Seite des Bettes, säst in gleicher Höhe mit seinem Gesichte ein unbedecktes k Fenster war. Wir versetzten cs daher, so gut wir nur konnten, um ihn L gegen die Luft zu verwahren, weil er dafür sehr empfindlich ist und bei s dem leisesten Zugwind Schnupfen oder Zahnweh bekommt. 2ch selbst verfügte mich dann in den ober» Raum des Häuschens, unmittelbar über dem Kaiser, ein Plätzchen von sieben Fuß im Oua- - drat- wo nichts zu finden war als ein Bett, nicht einmal ein Stuhl. Hier war mein Nachtlager; sür meinen Sohn wurde eine Matratze auf den Fußboden gelegt. Hatten wir uns wohl zu be- k klagen? Dir waren dem Kaiser so nahe, hörten den Ton seiner A Stimme, vernahmen selbst seine Worte! — « Seine Kammerdiener schliefen aus bloßer Erde, quer der Thür x gegenüber in ihre Mantel gehüllt. DicS Ist die buchstäbliche Beschreibung der ersten Nacht Napoleons zu Briars; (in Sen Dornen) so heißt der Orr. Mittwoch, den 18. Occober. Ich frühstückte mit dem Kaiser. Er hatte weder Tischtuch noch Servietten und das Frühstück bestand aus den Uibcrresten von i dem gestrigen Mittagessen. Ein englischer Offizier war in das NebenhauS loglrc, um »»S zu bewachen und zwei Unteroffiziers gingen und kamen ächt miln tairisch bis unter unsre Augen, um unsre Bewegungen zu beobachten. Nach beendetem Frühstück setzte sich der Kaiser einige Stunden lang an die Arbeit, dann fiel ihm ein, unsre neue Herrschaft nä- her zu untersuchen, das dieselbe umgebende Gebiet in Augenschein zu nehmen und sich förmlich In Besitzstand zu setzen. Wir stiegen auf der Seite, dem Hauptgebäude gegenüber, von unser»! Hügel herab, fanden hier einen Fußsteig, der an dem Abgrund hin mit einem Geländer versehen war, und uns in einer Entfernung von zweihundert Schritten an einen kleinen Garicn führte, dessen Thüre offen stand. Dieser Garten streckt sich nach der Länge hin, hat sehr unebnen Boden und ist von einer stattlichen Allee durchschnitten. Bei dem Eingänge wird das eine Ende desselben durch eine Bogenlaube begränzr und an dem andern Ende stehen zwei Hütten, in welchen die Neger wohnen, die den Tarten zu besorgen haben. Man findet übrigens Fruchtbäume und einige Blumen darinnen. Kaum waren wir eingctrete», als die beiden Töchter des Hausherrn sich zu uns gesellten. Sie stehen in dem Alter von 14 bis l5 Jahren; die eine ist lebhaft, wild und nichts beachtend; die andre etwas gesetzter, aber doch auch äußerst naiv. I Beide sprechen etwas französisch. Sie liefen schnell durch den Garten, wußten nicht, was sie dem Kaiser alles anbieten sollten und marterten ihn mit den allersonderbarsten und lächerlichsten Fragen. Den Kaiser belustigte diese ihm so neue Vertraulichkeit sehr. „Wir kommen vom Maskenball", sagte er, als wir sie verlassen hatten. Donnerstag, den 19. bis Freitag, den 20 . -Occober. Der Kaiser ließ meinen Sohn zum Frühstück herbeirufen. Man denke sich seine Freude über diese Gunst. Es war das erstemal, daß er ihm so ganz nahe seyn, daß er ihn hören, vielleicht selbst mir ihm sprechen sollte! Er war davon in, hohen Trab ergriffen. UibrigenS blieb unsre Tafel noch immer ohne Tischtuch. Man , brachte daö Essen aus der Stabt herzu und es beschränkte sich aus i zwei bis drei elende Schüsseln. Heute war ein Huhn dabei. Der Kaiser wollte cs selbst zerlegen und theilte cS dann aus. Er wun« bette sich, daß er damlc so gut fertig werden könnte. ES sei so lange her, sagte er, daß er das nicht gemacht habe; denn seine ganze Höflichkeit sei für immer in den Geschäften und Sorgen des Dbercommandos in Italien uncergegangcn. Der Kaffee ist ein Bedürfniß für den Kaiser. Er war aber so schlecht, daß er glaubte, man habe ihn vergiftet. Er schüttete ihn weg und ich mußte den weinigen auch weggeben. Der Kaiser bediente sich in diesem Augenblicke einer Tabatiere, in welcher mehrere antike Medaillen eingefaßt waren, welche gricch« ! ische Inschriften hatten. Der Kaiser war über einen der Namen in Zweifel und verlangte von mir, daß ich ihn übersetzen sollte, und als ich ihm antwortete, daß dies über meine Kräfte sei, sing er an zu lachen und sagte: Sie sind also auch nicht stärker alS ich? — Iezt erbot sich mein Sohn mit Zittern und laS: Mi» thridateS Demetrius - PoliorceceS und einige andre. Die große Jugend meines Sohnes und dieser Umstand zogen jezt des Kaisers Aufmerksamkeit auf denselben. „Was, Ihr Sohn ist schon so weit? sagte er, das ist schön!" Nun fragte er ihn ein Langes und Breites über sein Lyceum, seine Lehrer, seine Stunden u. s. w- Dann wendete er sich wieder an mich: „Welch eine Jugend hin« Masse ich! sagte er. Das ist doch mein Werk! Sie wird mich hinreichend rächen, durch das was sie werden kann. Wenn daS Werk gut ist, so lobt eS den Meister, und die Dummheit, so wie die Bosheit derer, welche gegen mich deklamiren, wird in den Erfolgen ihre Schande finden. Wenn ich nur an mich, nur an die Förderung meiner Gewalt gedacht hätte, wie sie mir immer Schuld gegeben haben und es noch behaupten, wenn ich wirklich einen an« der» Zweck gehabt hätte, als das Reich der Vernunft, so hätte ich das Licht unter dem Scheffel zu verbergen gesucht, anstatt dessen bin ich, wie jedermann weiß, nur beschäftigt gewesen, es an den Hellen Tag zu bringen. lind doch hat man für diese Kinder noch nicht gcthan, was ich mir gedacht hatte. Meine Universität, wie ich den Entwurf dazu gemacht hatte, war ein Wunderwerk in ihrer Zusammenstellung und sollte ein zweites in ihren National« Wirkungen werden. Ein häßlicher Mensch hat mir das alles ver« dorben, und zwar in böser, ohne allen Zweifel wohl berechneter ^ Absicht n. s. m." , Als der Abend kam, besuchte der Kaiser seine Nachbarn. Der ^ Herr vom Hause hatte das Podagra, war im Schlafrock und lag auf dem Kanapee. Seine Frau und die beiden Mädchen von heute ' früh waren uni ihn her. Der Maskenball fing recht schön wieder ' an. Man sprach abwechselnd, was man nur wußte, und kam da« bei auf Romane. Das eine der Mädchen hatte Mathilde von Madame Cottin gelesen. Das war eine Freude, als man erfuhr, daß z der Kaiser diesen Roman kannte. Ein dicker Engländer mit einem f viereckigen Gesicht und, wie es schien, ein wahres iNm>w, der mit beiden Ohren recht ernsthaft zuhörte, um sein Bischen > Französisch auch anzubringcn, wagte endlich die bescheidne Frage , an den Kaiser, ob die Prinzessin, Mathildens Freundin, die doch ' so einen ganz vortrefflichen Charakter habe, wohl noch am Lebe» : scyn möchte. Der Kaiser antwortete ihm mit recht feierlichem ; Ernst: „Nein, mein Herr, die ist rodt und begraben." Er glaubte man treibe seinen Spas mit ihm, wie er mir nachher sagte, als er l nun bemerkte, daß bei dieser unglücklichen Nachricht die Thräncn in ^ den großen und derben Augen deö großen und derben Gesichtes standen, i DaS eine der Mädchen äußerte sich nicht weniger naiv — nur f war es freilich bei ihm verzeihlicher. Indessen sah ich wohl, daß l man hier nicht eben stark in der Zeitrechnung scyn müsse. Bei , dem Durchblättern der Estelle von Florian, wobei sie zeigen wollte, i daß sie französisch lesen könne, kam sie aus Gaston de Foix und > als sie sah, daß er General genannt war, fragte sie den Kaiser, ob er mit ihm zufrieden gewesen wäre, ob er bei allen Schlachten mit heiler Haut weggekommen sei und ob er denn noch lebe? — Sonnabend, den 21. Oktober. Am Morgen kam der Admiral, dem Kaiser aufzuwarcen. Er klopfte an die Thür, und wenn ich nicht bei ihm gewesen wäre, so hätte er sich genöthigt gesehen, selbst aufzumachc'n: sonst stünde der Admiral noch draußen. Alle zerstreute Mitglieder unsrer kleinen Colonie kamen eben« : falls aus der Stadt und wir waren auf einem Augenblick alle bei- ^ sammen. Zeder erzählte von zahllosen Leiden und der Kaiser cm« ^ Pfand die sei.ugen um so schmerzlicher, Sonntag, den 22. bis Dienstag, den 24. Oktober. Es schien, als ob die englischen Minister, als sie die Rechte der Gastfreundschaft verletzten, die wir mit so großem Vertrauen in e Anspruch genommen hatten, nichts gespart hätten, um diese Ver- ^ letznng zugleich recht bitter und recht empfindlich werden zu lassen. ' Alst sie uns an daS Ende der Welt unter lauter Entbehrungen l versetzten, uns die schlechteste Behandlung erdulden, an allein New gcl leiden ließe», wollten sie, daß wir den Leidenskelck bis auf die Heft» leeren sollten. St. Helena ist ein wahres Sibcrien. Der Unterschied liegt bloß in der dortigen Kälte statt der hiesigen Hitze „ d im kleinern Umfange. Der Kaiser Napoleon, welcher sich einst im Besitz einer so großen Macht befand und über so viel Kronen gebieten konnte, ist hier auf eine häßliche kleine, auf der Höhe eineö unfruchtbaren Felsens stehende Hätte, von einigen Fuß im Ouadrat, ohne Vorhänge, ohne Laden, ohne Meubles, beschränkt. Hier soll er schlafen, sich anziehen, essen, arbeiten, wohnen, und muß hcrauSgehcn, wenn er sie reinigen lassen will. Zu seinem Unterhalt bringt man ihm anS der Ferne einige elende Schusseln, wie einem Verbrecher inS " Gefängniß. Er hat in der Thac Mangel an den ersten Lebens- i bedürsnissen. Brod und Wein ist nicht wie wir beides zu genießen gewohnt sind, und widersteht unö daher. Wasser, Kaffee, Butter, Del und andre nothwendigc Dinge sind höchst selten, oder unerträglich schlecht. Ein Bad, das ihm für seine Gesundheit unentbehrlich ist, kann er nicht haben, auSrcitcn eben so wenig. Seine Gefährten, seine Diener sind zwei Meilen von ihm und können nur unter Begleitung eines Soldaten zu ihm gelangend Sie sind ihrer Waffen beraube, müssen wohl gar die Nacht auf der Hauptwacht zubringen, wenn sie etwa zu spät zuräckkommcn, oder die Wachten schlecht instruirt sind, was fast täglich vorfällt, lind so vereint sich für unö auf diesem abscheulichen Felsen die Härte der Menschen mit den Widerwärtigkeiten der Natur. Gleichwohl wäre es so leicht gewesen, »ns einen erträglichen Aufenthalt anzuwciscn und uns eine anständigere Behandlung zu sichern. Wahrhaftig, wenn die Beherrscher von Europa dieses Exil bestimmt haben, so ist die Ausführung ihres Willens durch einen geheimen Haß geleitet worden. Wurde diese Maasrcgcl nur von der Politik als nothwcndig vorgeschrieben, hätte sie dann nicht, um die Welt davon zu überzeugen, das berühmte -Opfer, um dcsscntwillcn sie, wie sie sagte sich genöthigt sah, alle Grundsätze und Rechte zu verletzen, mit allen Zeichen der Achtung, der Ehrerbietung und der Schadloshaltung umgeben sollen? — Wir befanden unö insgesammt bei dem Kaiser und er sprach mit Wärme über daö, was geschehen war: „Für welche schändliche Behandlung hat man unö ausbcwahrt! rüste er ars. Das ist wahrhafte Todesangst! Mit der Ungerechtigkeit, mir der Gewalt vereinen sie die Kränkung der Ehre und langsame Martern. Wenn ich ihnen so schädlich war, warum räumten sie mich nicht ganz aus dem Wege? Einige Kugeln in das Herz oder vor den Kops wären hinreichend gewesen; mid in einem solchen Verbrechen hätte. 8 sich doch »och einige Energie erkennen lassen. Wenn Sic nicht ^ waren, «nd besonders Ihre Frauen, Ich wollte gern mit dem, waS einem gemeinen Soldaten gebührt, zufrieden seyn. Wie kön« nen die Herrscher Europas in mir den heiligen Charakter der Souverainitac so ganz entweihen lassen! Sehen sie denn nicht ^ ein, daß sie zu St. Helena sich mit eigner Hand ums Lebe» bringen. 2ch bin als Sieger in ihre Hauptstädte gekommen, ivaS l wäre aus ihnen geworden, wen» ich gleiche Gesinnungen wiege, bracht hätte. Sie haben mich alle ihren Bruder genannt, und ich war es in der That durch die Wahl der Volker, durch die Sanccisn des Sieges, durch die Weihe der Kirche, durch poli< tische Bündnisse und Blutsfreundschaft. Hoffen Sie denn, daß die gesunde Vernunft der Völker unempfindlich bei ihrer Moral bleiben wird? und was erwarten sie dann? — 2n jedem Falle» x meine Herren, werden Sie sich beklagen, Europa wird davon > Kenntniß erhalten, und zürnen! 2ch, für meine Person, halte es unter meiner Würde, und meinem Charakter unangemessen. - Lch befehle — oder schwelge." . Am folgenden Tage öffnete ein Offizier ohne Umstände die Thüre, und kam unangemeldet in des Kaisers Zimmer, wo ich mit ihm eben arbeitete. Seine Absicht war indessen gut. ES war der Capital» eines der kleinen, mit uns angekommenen Schiffe, der eben wieder nach Europa abgehen, und fragen wollte, ob der Kaiser ihm dahin Aufträge zu geben habe. Napoleon kam aus den gestrigen Gegenstand zurück, wurde immer lebhafter, und äußerte ihm seine Meinung über sein Gouvernement in den erha« benstcn, den stärksten und den merkwürdigsten Ausdrücken. Ich übersetzte eS so gut und so schnell, als möglich. Der Offizier f schien von jeder Phrase betroffen, und versprach beim Scheiden, ! feine Sendung treu zu erfüllen. Aber kann er auch den Aus- druck, besonders den Ton der Stimme wieder geben, wie ich ihn vernommen habe? Der Kaiser lies eine Art von Note aufsetzcn, die dem Offizier ziemlich schwach vorgekommen seyn muß, nach dem, was er hatte hören müssen. Hier ist sie: Note. Der Kaiser verlangt, mit dem nächsten hieher zurück« kommenden Schiffe Nachrichten von seiner Gemahlin und seinem Sohne zu erhalten, und zu wissen, ob der letztere noch lebt? Er > benutzt diese Gelegenheit, um dem brittischen Gouvernement die Protcstationen erneuert zukommen zu lassen, die er bereits gegen t die unerklärlichen gegen ihn in Anwendung gebrachten Maaßregeln f erhoben hat. I s 1 . ) Daö Gouvernement hat ihn für einen Kriegsgefangenen erklärt. Der Kaiser ist keinesweges Kriegsgefangener; sein Brief an den Prinz Regenten, den er dem Capicain Maicland, ehe er sich an Bord des Bellerophon begab, schriftlich mitgetheilt hat, beweist der ganzen Welt zur Genüge, daß seine Neigung und sein > Vertrauen ihn frei zu der englischen Flagge hingesührt haben. Der Kaiser konnte, ehe er Frankreich verließ, Bedingungen machen, wodurch alles, was auf seine Person sich bezog, festgesetzt worden wäre. Aber er hat es verschmäht, persönliche Angelegen« Hellen mit den großen Zncressen zu vermischen, die unaufhörlich sein Gemüch erfüllten. Er konnte sich dem Kaiser Alexander erge« l bcn, der sein Freund gewesen war, oder seinem Schwiegervater dem Kaiser Franz. Doch bei dem Vertrauen, das er zu der eng« s lischen Nation hegte, wollte er keinen andern Schutz, als die ? Gesetze, und da er den öffentlichen Angelegenheiten entsagte, suchte er kein anderes Land, als das, welches feste Gesetze, unabhängig ^ von jeder Willkühr, beherrschen. 2. ) Wenn auch der Kaiser Kriegsgefangener gewesen wäre, so sind doch die Rechte der civilisirten Nationen durch daS Völkerrecht beschränkt, und enden mit dem Kriege selbst. 3. ) Da nun das englische Gouvernement, wenn schon willkühr« lieh, den Kaiser als KriegSgefangner betrachtete, so war sein Recht durch das öffentliche Recht bestimmt, oder, da es kein Kartei in dem jetzigen Kriege zwischen beiden Nationen gegeben har, so konnte dasselbe gegen ihn die Grundsätze der Wilden In Anwendung bringen, dir ihre Gefangenen tödtcn. Dieses Verfahren wäre mensch- ! licher und der Gerechtigkeit angemessener gewesen, als ihn auf diese ^ abscheulichen Felsen zu schaffen. Der Tod am Bord des Bellero» Phon auf der Rhede von Plymouth wäre im Vergleich damit eine j Wohlthac gewesen. s Wir haben die traurigsten Gegenden von Europa durchwandert; i doch keine kann mit diesen dürren Felsen verglichen werden. Hier l fehlt alles, was das Leben erträglich machen kann, und jeder Augenblick erneuert die Dual des Todes. Die ersten Grundsätze des Ehristenthums und die große, dem Menschen auferlegte Pflicht, seiner Bestimmung zu folgen, welche es auch seyn möge, müssen ihn verhindern, einem so schrecklichen Dasein selbst ein Ziel zu setzen. Der Kaiser findet nie Ruhm darinnen, sich über dasselbe zu erheben. Aber wenn das brittische Gouvernement für gut fände» bei dem bisherigen Unrecht und der ihm zugefügten Gewalt zu beharren, so würde er es für eine Wohlthac erkennen, wenn eS ihn tobten lassen wollte." 10 Das Schiff, welches mit dieser Nore nach Europa abgiug, war der Redpol, Capital» Dcsmont. Genug der immerwährenden und cruiüdendcn Klage, sic sind immer wieder dieselben. Aber man vergesse nicht, daß es für uns noch ungleich langweiliger seyn muß, sie zu wiederholen, als für andere, sie zu lesen. Mittwoch, am 25. bis Freitag, am 27. Oktober. Der Kaiser zog sich sehr zeitig an, und ging ein wenig auS; wir frühstückten um 10 Uhr, er machte noch einen Spaziergang, und dann setzten wir uns an die Arbeit. 2ck las ihm vor, was er mir Tags vorher diktirte, und mein Sohn am Morgen abge- schrieben hatte; er corrigirtc cs, und dikcirte mir wieder für morgen. Um 5 Uhr gingen wir nochmals auS, und kamen um 6 Uhr zu>» Diner zurück, indem unterdessen das Essen aus der Stadt gebracht worden war. Der Tag war lang, die Abende aber noch länger. Unglücklicherweise verstand ich nicht Schach zu spielen. Ich hatte einen Augenblick Lust, cs des Nachts zu lernen, aber wie, und von wem? Ich gab vor, daß ich ein wenig Piket spielen könne, aber der Kaiser sah bald, wie schwach ich war, und wußte mir für meine gute Absicht Dank, aber er hörte auf. Bisweilen führte ihn der Mangel an Beschäftigung in des Nachbars HauS, wo die kleinen Mädchen ihn Whist spielen lehrten. Oesterer noch blieb er nach dem Essen am Tisch, und sprach sitzend, denn die Stube war zu klein zum hin und hergehcn. An einem dieser Abende lies er sich ein kleines Feld-Necessaire bringen, betrachtete jedes Stück desselben genau, uud gab es mir mit den Worten: „Ich besitze es lange schon, und habe cs a» dem Morgen der Schlacht bei Austerlitz gebraucht. Der kleine Emanuel soll es künftig haben, fuhr er fort, indem er meinen Sohn ansah. Wenn er dreißig oder vierzig Jahre alt seyn wird, dann sind wir nicht mehr, mein Freund! und das Ding wird hernach mehr gelten, alS jetzt. Er wird es vorzeigen und sagen: Der Kaiser Napoleon hat cs meinem Vater auf St. Helena geschenkt." Ich ergriff daS kostbare Geschenk, empfinde eine Art von Verehrung dafür, und achte es gleich einer Reliquie. Indem er dann ein großes Necessaire durchsah, betrachtete er die Portraits seiner eignen Familie, und mancherlei Geschenke, die er selbst erhalten hatte. Es waren darinnen die Bildnisse von Madame, von der Königin von Neapel, von Josephs Töchter», von seinen Brüdern, vom König von Rom re. Ein sehr seltener AugustuS, sammt einer Livia , ein Scipio, eine andre sehr kostbare Antike, die ihm der Pabst geschenkt hakte, ein Peter der Große a»! xincr Dosc, eine andere Dose mir Carl dem Fünften, noch eine ;„it eine»! Turenne, nebst andern, deren er sich alltäglich bedient, worauf mehrere Medaillen von Cesar, Alexander, Sylla, Mithrida- teS,c. re. Dann folgten einige Tabatieren mit seinem Portrait, reich mir Diamanten besetzt. Zetzt suchte er auf einmal eines ohne Diamanten, und da er es nicht fand, so rufte er seinen Kammerdiener, der es ihm geben sollte. Unglücklicherweise befand sich dies Portrait noch in der Stadt bei dem Gepäcke. Es thae „Nr leid; ich glaube, daß ich dabei um etwas gekommen bin. Dann betrachtete der Kaiser einige Tabatieren von Ludwig dem xviii., die bei seiner schnellen Abreise auf seinem Tische in den Tuillerien stehen geblieben waren. Die eine davon stellte auf einer, dem Elfenbein ähnlichen schwarzen Paste, in einer eignen Verbindung, daS Portrait Ludwig deS XVI., der Königin und von Madame Elisabeth dar. Sie bildeten drei in Form eines gleichschenklichen Triangels an einander angelegte Halbmonde, und eine große, dicht geschlossene Schaar von Cherubim machten die äußere Einfassung aus. Auf einer andern sah man eine getuschre, nur leicht angelegte 3 agd, die keinen andern Werth haben konnte, als die Hand, von der diese Zeichnung herrührte. Man glaubte, sie sei von der Herzogin von Angyuleme. Eine dritte enthielt ein Porcrait, das allem Anschein nach die Gräfin von Provence verstellen soilte. Alle diese Dinge waren höchst einfach, sogar schlecht, und nur das Geschichtliche konnte ihnen einen Werth geben. Der Kaiser fand bei seiner Ankunft in Paris am 20. März Abends das Cabinet deS Königs, wie es von ihm bewohnt worden war. Alle Papiere lagen noch auf den Tischen. Der Kaiser lies diese Tische in die Winkel des Zimmers schieben, und andre herbcibringen. Er befahl, nichts davon anzurühren, und behielt sich vor, jene Papiere in müßigen Stunden durchzusehen, lind da der Kaiser selbst Frankreich verlassen hat, ohne wieder in die Tuillerien zurückzukommen, so wird der König sein Zimmer mit den Papieren ohngefähr so wieder gesunden haben, wie er cS selbst hinrerlasscn hatte. Der Kaiser warf den Blick nur auf einige dieser Schriften. Er fand darunter Briefe des Königs an Herrn von Avarai zu Madera, wo er gestorben ist. Sie waren von seiner Hand, und ihm I wahrscheinlich zurückgeschickt worden. Er fand noch andere sehr ! vertrauliche Briefe des Königs, dem Anschein nach ebenfalls von t seiner Hand. Aber wie kommen sie dahin? Wie waren sie ihm . wieder zugckommen. DaS war schwer zu erklären. Sie waren ! fünf h>s sechs Seiten lang, recht sauber geschrieben, dabei sehr —. 12 —- geistreich, wie der Kaiser sagte, aber höchst abstrakt und mcla- physisch. In dem eine» sagte der Fürst derjenigen Person, an welche der Brief geschrieben war: Urcheilen Sie, Madame! ob ^ ich Sie liebe; Sie sind eS, um derentwillen ich dle l Trauer aufgegeben habe. Und diese Trauer hatte dam lange Paragraphen in einem ganz akademischen Style herbeigesüh«. i Der Kaiser errieth nicht, an wen diese Briefe gerichtet gewesen scyn konnten, noch was es mit dieser Trauer für eine Bewandniß gehabt haben mochte, ich konnte ihm noch weniger einen Aus. schluß darüber geben. Auf einem dieser Tische fand der Kaiser zwei oder drei Tage nachher, als er eine gewisse Person aufs Neue an die Spitze ein« berühmten Anstalt gestellt hatte, ein Memorial derselben, das, bei der Art wie man sich darin über ihn und seine ganze Familie ausgedrückt hakte, ihn wohl von dieser neuen Ernennung abgehalten haben würde. Es gab daselbst noch viele andere Schreiben dieser An; aber das wahre Archiv der Niederträchtigkeit, der Lüge und Schändlichkeit befand sich in den Zimmern des Grand-Mailre de la Garderobe Herrn von Blacas, der Minister de la Maison war Da gab es Projekte, Berichte, Gesuche aller Art. ES waren nur wenige darunter, wo man nicht irgend etwas auf Kosten Napoleons geltend machte, den man gewiß nicht wieder zurück erwartete. Die Masse davon war so groß, daß Napoleon eine Commission von vier Mitgliedern ernennen mußte, um desfallS eine genaue Untersuchung anzusrellen; er betrachtete es alS einen Fehler, daß er nicht diese Untersuchung nur einer, und zwar einer r solchen, ihm ganz ergebnen Person anvercraut hatte, von der er gewiß seyn konnte, daß nichts davon wcggekommen wäre. Er hatte Grund zu glauben, daß er schon damals Anzeigen der Untreue gefunden haben würde, wovon er sich bei seiner Rückkehr von Waterloo umgeben sah. Man fand unter andern einen langen Brief von einer der Frauen der Prinzessin Pauline, worinnen sie sich sehr übler Ausdrücke über die Prinzessin und deren Schwestern bedient hatte, und diesen Menschen (damit war der Kaiser gemeint,) mit ! den schlechtesten Farben schilderte. Man hatte geglaubt, daß das s noch nicht genug sei. Es war darinnen mehrereS radirt, und !: mit einer andern Hand hineingeschriebcn, um Napoleon dadurch s zum wahren Scheusal herabzmvürdigcn, und an den Rand war j von der Hand des Zwischenschrcibcrs dazu bemerkt: Zum Druck 13 bestimmt. Einige Tag» später wäre diese kleine Schmähschrift wahrscheinlich erschienen. Eine nach mid »ach empor gekommene, jetzt einen hohen Rang j,n Staate einnehmende Frau, die der Kaiser mit Wohl» thaten überhäuft hatte, schrieb in aller Eile an eine Dame von gleicher Gattung, um ihr die berüchtigte Entschließung deS Senats, in Betreff der Absetzung und Aechtung Napoleons kund zu thun. „Meine liebe Freundin! Mein Mann kömmt zurück, er ist halb todt vor Müdigkeit, aber seine Anstrengungen haben gesiegt. Wir sind befreit von diesem Menschen, und bekommen die Bourbons wieder. Gott sei Dank! dann werden wir doch wirkliche Gräfinnen seyn! rc." Napoleon hatte die Kränkung, unter jenen Schriften manches höchst ungeziemende über seine Person selbst und dies von der Hand solcher Menschen zu finden, die den Tag nach seiner Ankunstschon ihm aufzuwarcen sich beeilt, auch bereits Gunstbezeugungen von ihm erhalten hatten. 2n den ersten Momenten seines gerechten Iln« willens wollte er diese Schriften drucken lassen, und seine Wohl» thaten zurücknehmen; im zweiten Augenblick änderte er aber schon seinen Entschluß. „Wir sind so flüchtiger, so unbeständiger Natur, so leicht zu verführen, sagte er, daß am Ende ich mich nicht überzeugen könnte, ob nicht diese Menschen wirklich in redlicher Absicht, ans gutem Herzen wieder zu mir gekommen sind. Zch hätte sie also vielleicht bestrafen lassen, eben als sie es nun wirk» lich gut meinten. Es ist besser, die ganze -Sache nicht zu wissen, und ich lies daher Alles ins Feuer werfen." Sonnabend, am 28. bis Dienstag, am 31. Oktober. Mein Sohn und ich arbeiteten mit der größten Beharrlichkeit.' Er fing an zu kränkeln, die Brust schmerzte ihn. Meine Augen wurden ebenfalls schwach, und wir litten in der That von allzu großer Anstrengung, wir hatten aber auch wirklich eine ungeheure Arbeit zu Stande gebracht, denn wir waren fast mit den icalieni» scheu Feldzügen zu Ende *) Ich besitze noch einige von den Schriften, wie der Kaiser sie mir diktirt hat. Wenn sie auch einige Abänderung erlitten, und dann mehr Ausführlichkeit erhalten habe», so ist diese erste Skizze nicht» desto weniger von großem Werth, und wäre cs auch nur durch de» Vergleich mit de» später hinzugckommcnen Ideen. Ich werde auch, und zwar mit um so grbßerm Interesse für das Publikum, da nicht» ungewisser ist, als das baldige Erscheine» des ganze» Werks, keinen An» stand nehmen,fix herauszngeben, Man wird in diesem Tagebuch die mi« 14 Gleichwohl fehler cS dem Kaiser noch an hinreichender Be« schästigung. Arbeit war ja seine einzige Zuflucht, und was er bis jetzt diktirt hacce, gewann schon eine solche Gestalt, daß ihm du Fortsetzung immer wünschenswerther werden mußte. Es war „m bald die Rede von Egypten, und er hatte schon oft davon gesprochen, daß er dazu den Großmarschall gebrauchen wolle. Diejenigen von unü, welche in der Stadt wohnten, befanden sich schlecht daselbst, und fühlten sich unglücklich, von dem Kaiser so weit entfernt zu seyn. Dieser Zwang und der Verdruß über jenes Entferntwohnen gab ihnen eine gewisse Erbitterung. 2ch schlug dem Kaiser vor, uns alle auf einmal bet seiner Arbeit anzustcllen, und so zu gleicher Zeit die Feldzüge in Italien, die in Egypten, das Consulat, die Rückkehr von Elba vorzunchmen. Die Zeit, sagte ich, würde ihm daun schneller vergehen, das herrliche Werk, Frankreichs Ruhm, geschwinder zu Stande kvm- men, und diese Herren würden minder unglücklich seyn. Dich 2dee gefiel ihm, und von diesem Augenblick an kamen einer oder zwei derselben regelmäßig, sich vom Kaiser diktiren zu lassen. Aoi folgenden Tag brachten sie das Niedcrgeschriebene, blieben dam zur Tafel, und er fand in ihrer Gesellschaft etwas mehr Zn» streuung. Wir harren uns nun nach und nach eingerichtet, so daß du Kaiser sich doch in mehreren Rücksichten etwas besser befand, lim sein Wohnzimmer zu verlängern, wurde ein ziemlich großes Zelt aufgespannt, das der Generaloberste des 53stcn Regiments mir hatte geben lassen. Des Kaisers Koch war nun in Briars, »m nahm Wäsche und Silberzeug aus den Koffern, und das erste Diner mit diesen Verbesserungen war in der Thar ein kleines Fest. Jedoch die Abende hinzubringen, blieb immer eine schwere Sache. tiktirte» 'Gegenstände bunt durch einander geworfen finden. Unglück: llichcrweise besitze ich jedoch nur sehr wenig davon. Bei meiner Fortschaffung von Longwood und der Wegnahme meiner Papiere rccla- mirtc der Kaiser dasjenige, was ich über die Feldzüge in Italic» bei mir haben konnte, um es nicht in die Hände des Sir H. Lowe falle» zu lassen. Ich schickte zurück, was mir davon nun eben zu Gesicht kam. Als ich späterhin einige Hefte davon unter meinen übrigen Papieren wieder fand, lies ich den Kaiser in dein Augenblick meiner Abreise befragen, ob er mir erlauben wolle, sic als ei» Andenken za behalten. Er NeS mir antworten, daß er cs sehr gern gestatte, da ce wisse, daß alles, was unter meinen Händen bliebe, eben so gesichert sei, als wenn cS nie aus seiner eigne» Verwahrung gekommen wäre, Auch bat keines dieser Blätter mich verlasse», so lange ich so glücklich war, hoffen zu können, Laß ich je einen Auftrag in Beziehung «ust die italienische» Feldzüge von ihm erhalte» würde, 15 Biöweilen besuchte der Kaiser daö benachbarte Haus, ein ander» mal versuchte er außer seiner Stube sich Bewegung zu machen, öfterer aber blieb er dort, um sich zu unterhalten, und zehn " oder cilf Uhr heranzubringen. Er ging ungern so zeitig zu Bette, weil er dann mitten in der Nacht wieder auswachte, und, da er ^ sich seinen Betrachtungen nicht überlassen wollte, alsdann genöthigt war, aufzusrehcn und zu lesen. Diese Tage sah der Kaiser bei Tisch das königliche Wappen an einer ihm eigentlich nngehörenden Feldschüssel. „Wie sie mir doch alles verdorben haben," sagte er, in wohl noch etwas kräf- tigern Ausdrücken. Er konnte sich nicht der Bemerkung enthalten, daß der König doch sehr eilig gewesen sei, von allen diesen Gegenständen Besitz zu nehmen, besonders da er an dieses Sil- i berzcug in keinem Falle als ein srühcres Eigenkhum Anspruch machen konnte, indem es ganz unzweifelhaft ihm, Napoleon, anzehörte. Denn als er den Thron bestieg, fand sich keine Spur von königlichem Eigenthum, und wie er denselben verließ, ver- blieben der Krone für fünf Millionen Silberzeug, und vielleicht für vierzig bis fünfzig Millionen Mobilien, alles mit seinem Golde von der Civilliste erkauft. An einem dieser Abende erzählte der Kaiser bei der gewöhnlichen Unterhaltung die Geschichte des Brumaire. Ich schweige hier von den nähern Umständen, weil sie späterhin dem General Gour> gaud dikcirt worden sind, und man daher das Ganze dieses großen Ereignisses einst in den Memoiren finden wird. Sieyes, der einer der provisorischen Eonsuln zugleich mit Napoleon war, hörte bei der ersten Couferenz wie er über Gegen- . stäistc der Finanzen, der Verwaltung der Armee, der Politik, der ' Gesetzgebung sprach, und lief dann ganz erstaunt bei seinen vertranten Freunden umher: „Meine Herren, sagte er, indem er von Napoleon sprach, Sic haben einen Meister! Der Mann weiß Alles, will Alles und kann Alles! Ich war damals in London, und sagte jetzt dem Kaiser, daß wir dort große Hoffnungen gehegt, und sehr auf den I8ccn Vru- maire und sein Consulat gerechnet hätten. Mehrere von uns, die vormals Madame de Beauharnais gekannt hatten, reisten sogleich nach Paris ab, in der Erwartung, daß eS ihnen vielleicht durch diese gelingen könne, einigen Einfluß auf die Geschäfte zu haben, oder ihnen, die sich nun unter einer ganz andern Gestalt zeigten, irgend eine Richtung zu geben. Wir glaubten allgemein in jener Zeit, der erste Eonsul habe Vorschläge von unfern Prinzen erwartet, und gründeten diese Meinung vornämlich ans den Umstand, daß er in s» langer Zeit sich 10 noch nicht über sie ausgesprochen habe, — was späterhin fteilist, aus niederschlagcnde Weise in einer förmlichen Proklamation geschr. hen ist. Dies letztere Resultat schoben wir aus das tückische, dummstolze Benehmen des Erzbischofs von Arras, dem ober» R«h und Leiter unsrer Angelegenheiten, der aber übrigens, nach seinem eignen Geständnisse, die Geschäfte mit geschlossenen Augen betrieb, und sich rühmte, daß er seit mehrerer Jahren kein Blatt Zeitungen gelesen habe, weil sie seitdem nur mit dem Glücke oder den Lügen jener Elenden angefüllt gewesen wären. Während des Consulacs hatte ihm jemand den Rath gegeben, Negotiationen bei dem ersten Consul, unter Vermittelung von Madame Bonaparte zu versuchen, aber er wieß die Sache mit dem größten Unwillen zurück, und bediente sich dabei so schlechter und schmutziger Ausdrücke, daß der Rathgeber sich veranlaßt fand, ihm zu sagen, daß dergleichen Reden nicht bischöflich wären, und er sie wohl schwerlich aus seinem B.cvier entnommen haben möchte. Zu der nämlichen Zeit hielt er selbst an der Tafel deö Prinzen, dem Herzog von Choiseuil eine derbe Strafrede, worinnen er ihn mit den härtesten Worten züchtigte. Der Herzog war nämlich durch wohlthätige Fürsorge des Csnsuls aus dem Gefangniß zu Calais entkommen, und dem Tode entgangen, und endigte nun die ihm von dem Prinzen eben abverlangten nähern Nachrichten über Bonaparte damit, daß er eine persönliche Dankbarkeit für denselben nicht abläugnen könne. Der Kaiser äußerte auf dieses alles, daß er nie an die Prinzen gedacht habe, daß die Phrasen, auf welche ich angespiclc hatte, von einem der andern Consul gewesen wären, und keine besondere Veranlassung gehabt hätten. Es habe hiernächst geschienen, als ob wir im Auslande keinen Zweifel über die allgemeine Stimmung im Innern hätten, und wenn von ihm auch wirklich eine günstige Gesinnung für die Prinzen gehegt worden wäre, es doch nie in seiner Macht gestanden haben würde, sie geltend zu machen. Bei alle dem waren ihm jedoch in jener Zeit Eröffnungen von Miele» und London auS zugekommen. Der König schrieb ihm, wie er sagte, einen Brief, der ihm von Lcbrün zugeftellt wurde; dieser harte ihn von dem AM von Montesquieu, dem geheimen Agenten dieses Fürsten zu Paris, erhalten. Jener sehr abgemessene Brief besagte Folgendes: „Sie zögern sehr, mir meine Krone zurückzugeben. ES ist zu fürchten, daß Sie sehr günstige Augenblicke verstreichen lassen möchten. Sie können Frankreich nicht ohne mich glücklich machen, und ich vermag ohne Sie nichts über Frankreich. Eilen Sic daher, und bestimmen Sie selbst die Stellen, die Sie für Ihre Freunde wünschen.". Der Erste Consul antwortete: „Ich habe Ew. Königs. Hoheit Zuschrift erhalten und siecS an Ihrem und Ihrer Familie Unglück den lebhaftesten Antheil genommen. Denken Sie nie daran, sich > In Frankreich zu zeigen, Sie würden nur über hunterttausend Lei» ^ chen dahin gelangen. Uibrigens werde ich mich stets becifern, alles ^ waS ich vermag beizutragen, um Ihr Loos zu lindern und Sie ! Ihr Unglück vergessen zu lassen." Die Eröfnuiig des Herrn Grafet, von ÄltsiS war zierlicher und ! noch gesuchter. Er schickte die Herzogin von Guiche ab, eine sehr schöne Frau, die ganz dazu gemacht war, durch die lieblichen Züge ihres Gesichts der Wichtigkeit ihrer Sendung größere Reize zu ge- ^ ben. Sie drang leicht biö zu Madame Bonaparce, mit der alle - Personen des ehemaligen Hofes in einer gewissen natürlichen Ver- ; bindung standen. Bei einem Dejeuner, das in Malmaison veranstaltet war, erzählte Madame de Guiche, als von London, von den ^ Emigrirten und von unfern Prinzen die Rede war, sie sei vor wenigen Tagen bei dem Grasen von Artois gewesen, man habe dort von Geschäften gesprochen und da habe denn jemand den Prinzen gefragt, was man wohl für den Ersten Consul thun würde, wenn er die Bourbons wieder cinsetzte. Da habe denn der Prinz geantwortet: „Er würde sogleich Connetable und was sonst noch , damit verbunden ist, wenn er das wollte. Aber wir würden das nicht einmal für gcnung halten, sondern auf dem Carousselplatz - eine hohe prächtige Säule errichten, worauf die Statue Bonapar- teö stehen müßte, wie er die Bourbons krönte. Wie nun der Erste Consul nach dem Dejeuner selbst kam, hatte Iosephine nichts nothwendigers zu thun, als ihm dies wieder i zu sagen. „Hast Du auch geantwortet, entgegnete ihr Gemahl, daß diese Säule den Leichnam des Ersten ConsulS zum Fußgestell haben würde?" Die niedliche Herzogin war noch gegenwärtig. Ihr reizendes Gesicht, ihre schönen Augen, ihre Worte, alles warb für die gute Ausnahme ihrer Sendung. Sie fühle sich so glücklich, sagte sie, und werde nie dankbar genug für die hohe Gunst seyn können, womit Madame Bonaparce ihr das Glück zu Theil werden lasse, einen so großen Mann, einen so berühmten Helden in der Nähe zu sehen. Aber Alles das war umsonst. Noch in dcrselbigen Nacht erhielt die Herzogin von Guiche den Befehl, Paris zu verlassen und die Reize der schönen Botschafterin waren zu beunruhigend für Iosephincn, als daß sie hätte allzudringend bei ihrer Verwendung für sie seyn sollen. Am folgenden Tage war also die ! Herzogin aus dem Wege nach der Grenze. L> EaseS Tageb. », V!>- 2 18 „UibrigenS, sagt« Napoleon, ging allerdings später das F,. nicht, daß ich meinerseits den französischen Prinzen Vorschläge l, Betreff der Abtretung ihrer Rechte oder der Derzichkleistmig quj die Krone gcthan hätte, und man har durch pomphafte Erklären- l gen, welche in großer Menge durch ganz Europa verbreitet wurden, t jenem Geruckt einen gewissen Werth bcizulegen gesucht. Die C>r> : che war grundlos und mußte cS wohl scyn. Wie wäre cs wohl möglich gewesen, daß ich, der durchaus nickt anders, alS nach dm Prinzip der Volkssouverainetät, dem ncmliehcn, das sie ausschloß, . regieren konnte, Rechte von ihnen zu erlangen gesucht hätte, die ^ ln ihren Personen geächtet waren? 2ch hätte mich ja dann selbst ^ geächtet. Das Widersinnige, daS Abgeschmackte wäre hierbei zu schreiend gewesen; ich wäre auf immer in der allgemeinen Mci> ^ nung untergcgangen. Auch habe ich wirklich, weder geradehin noch auf Umwegen, weder nahe noch entfernt etwas gcrhan, M sich hierauf beziehen könnte. Auch hoffe ich, daß damals alle denkende Menschen, welche mich nicht für schwachköpfig oder sin j närrisch hielten, dies von mir geglaubt haben werden. „Bei alle dem fand ich mich, durch den Lärm, welchen die Sache verursachte, bewogen, Untersuchungen anstellen zu lassen, was wohl dazu Gelegenheit gegeben haben könne, und waS ich dar , über erfuhr war folgendes: „Au der Zeit, alö wir in gutem Einverständniß mit Preußen ^ waren und diese Macht sich'S angelegeis seyn lies, sich freundlich gegen uns zu zeigen, wurde von ihr angefragc, ob eS wohl ba uns Mißtrauen erregen könnte, wenn französische Prinzen aus deren Gebiet geduldet würden und man antwortete mit Nein. Hierdurch ermuthigt erfolgte die fernere Anfrage, ob cs wohl sehr mißfällig ausgenommen werden möchte, wenn man denselben eine jährliche Unterstützung verschaffte, und man erwicdcrte abermals mit Nein; nur müsse Preußen gut dafür scyn, daß sie sich ruhig verhielten ,, und sich aller Intriguen entschlügcn. „Nun mag der Himmel wissen, waS bei den Verhandlungen unter ihnen über diesen Gegenstand, vielleicht der Eifer irgend ei- ncS Agenten, oder gar die Doctrincii deS Berliner Cabincts, web che nicht die unsrigcn waren, in Vorschlag gebracht haben mögen? DaS aber ist ohne Zweifel der Bewegungsgrund und der Vorwand, welcher zu jenem schönen Briefe Ludwig des 18ten Veranlassung gegeben hat, der so sehr bewundert wurde und dem alle Glieder seiner Familie mit so großem Aufsehn beitrate». Es ergriffen dicft Prinzen begierig eine solche Gelegenheit, das Interesse und die Aufmerksamkeit von Europa, welche die damaligen großen kreis- IS «jsse der Zeit von ihnen abgclenkt hatten, Wieder zu ihrem Gunsten zu erwecken.^ Mittwoch, den 1. bis Sonnabend, den 4. November. Ünsere Tage waren schon wieder eben so gleichförmig, als diejenigen, die wir am Bord des Schiffes zugebracht hatten. Der Kaiser licS mich rufen, um mit ihm zu frühstücken. Das geschah von 10 biS 11 Uhr. Nach dein Frühstück und einer halbstündigen Unterhaltung laö ich ihm vor, was er TagS zuvor diktier hatte und dann diktirte er für den folgenden. Der Kaiser zog sich nicht mehr des Morgens an, und ging nicht wie sonst vor dem Frühstück auS. Der Tag wurde ihn dadurch zu sehr zerrissen und allzulang. Er kleidete sich jezc erst um 4 Uhr an und ging dann auS, damit man indessen sein Bett machen und das Zimmer reinigen könne. Wir spazierten im Garten; er hatte diese Einsamkeit ! licbgewonnen und ich lies die Art von Bogengang die sich dort befindet ^ mit einer Leinwand überdecken, einen Tisch nebst Stühlen hinbringen und von diesem Augenblick an diktirte der Kaiser dort jeden» der Herren, der für diese Arbeit auS der Stadt gekommen war. Vor deni tiefer liegenden Hause unserö Wirths war ein Gang zwischen einigen Bäumen. Dort hatten zwei englische Soldaten Posto gefaßt, um uns zu beobachten. Sie wurden aber, auf Bitte des Wirths, weggcnommcn, weil eS ihm um seiner selbst willen unangenehm war. Dcmohnerachcet streiften sic noch Immer im Angesicht des Kaisers umher, entweder aus Neugierde, oder In Folge erhaltenen Befehls. Endlich verschwanden sie aber gänzlich und der Kaiser nahm nun nach und nach von dieser untern Allee Besitz. Das war für ihn eine wahre Vergrößerung seiner Herrschaft; er begab sich nun jeden Tag, nach der Arbeit, bei dem Herausgehen auS dem Garten dorthin, um d,selbst die Stunde des Mittagessens zu erwarten. Dort fanden ihn die beiden jungen Mädchen und deren > . Mutter, um ihm Neuigkeiten zu erzählen, und er kehrte selbst dann und wann nach dem Diner, wenn die Witterung es gestattete, dahin zurück. 2n diesem Falle verging der Abend, ohne daß er es nöchig hatte, seine Nachbarn zu besuchen, was er nur in» äußersten Nothfall that und wenn er wußte, daß niemand Fremdes dort wäre, welches ich vorher immer erst durch die Fenster zu erforschen pflegte. Bei einem dieser Spaziergänge verbreitete der Kaiser sich über den Senat, das gesetzgebende Corps, und besonders über den Scaatörath. Der letztere war ihm, wie er sagte, wahrend der gan» ^ ren Zeit seiner Verwaltung sehr nützlich gewesen. 2ch will hier Mas Näheres über diesen StaatSrath sagen und zwar um so lte- 20 -l. der, als man denselben in den Salons b!S jezt nur wenig kannte, 2ch werde zugleich, weil er in der frühem Are nicht mehr besteht, einiges über dessen Mechanismus, so wie über die Pflichten und Rechte desselben mit cinschalten. „Der Staatsrath, sagte der Kaiser, war im allgemeinen aus : gelehrten Leuten, guten Arbeitern und Männern von dem besten Rufe zusammengesetzt. Fremont und Boulay, zum Beispiel, sind gewiß brave und rechtliche Männer. Der unzähligen Prozesse ungeachtet, die sie geführt haben und obschon sie ein sehr beträchtli- ^ ches Einkommen hatten, würde ich mich doch nicht wundern, wenn man mir sagte, daß sie nicht mehr besitzen, als höchstens so diel, um sorgenfrei zu leben." Der Kaiser gebrauchte die Staaksräthe, wie er sagte, einzeln mit Nutzen zu jedem Geschäft. Vereint waren sie sein wahres Conseil; sein Gedanke bei der Ucberlegung, so wie die Minister sein Gedanke bei der Ausführung. 2m Staatsrath wurden die Gesetze entworfen, welche dann der ^ Kaiser dem gesetzgebenden Corps vorlegen lies, und eben dadurch war derselbe ein Element der gesetzgebenden Gewalt. 2m Staats- rath wurden ferner die Dekrete des Kaisers und seine Vorschrift« für die öffentliche Verwaltung abgefaßt. Hier prüfte, diskutirte und verbesserte man die Pläne der Minister u. s. w. Lin den Staatsraih gingen die Appellationen und er entschied in letzter 2nstanz über alle Beschlüsse bei administrativen Gegen- ständen, und in gewissen Fällen auch über die Urchel aller andern Tribunale und selbst deS CassationSgerichtS. Hier wurden die Klagen gegen die Minister geprüft und selbst die Berufungen von dem Kaiser an den besser unterrichteten Kaiser. Und so war der Staatsrath, in welchem stets der Kaiser selbst präsidirte, oft in völliger -Opposition gegen die Minister und berufen, die Mißbräuche bei ihren Handlungen oder Abweichungen von der Regel, abzustel- len. Er war mithin die natürlichste Zuflucht aller 2nteressen, oder Der durch irgend eine Behörde verlezten Personen. Wer einer Sitzung desselben beigewohnt hat, wird wissen, mit welcher Wärme die Sache der Bürger dort vcrchcidigt wurde. Eine Commission von Mitgliedern des Staatsrarhs übernahm die sämmtlichen Gesuche und legte dem Monarchen alle diejenigen vor, welche seine Aufmerksamkeit verdienten. Es ist zum Erstaunen, wie sehr, mit Ausnahme der 2urisren und der bei den verschiedenen Verwaltungszwcigcn angestellten Personen, alle übrige und besonders diejenige», welche der sogenannten - guten Gesellschaft angehvren, über unsre eigne politische Gesetzgc- - bring in Unwissenheit ist. Man hat dort durchaus keine richtigen Begriffe von de,» Staatsrath, dem gesetzgebende» CorpS und dem Eener. So ist eS zum Beispiel eine ganz angenommene Meinung, daß das gesetzgebende Corps, wie eine Versammlung von Stum« men, bei jedem Gesetzvorschlag sich völlig leidend und ohne den mindesten Widerspruch zu rhu», zu verhalten pflege. Man hielt für Nachgiebigkeit und knechtischen Sinn, was doch nur die Natur und die Vortrefflichkeit der Einrichtung erzeugte. Die in dem Scaatsrath entworfenen Gesetze wurden durch Coniniissaricn, auS dessen Mitte entnommen, einer Commission des gesetzgebenden Corps, welche mit deren Empfang beauftragt war, jedesmal überbracht. Sie besprachen sich darüber unter einander auf freundschaftliche Weise, und dicß hatte denn oftmals zur Fol» ge, daß sie, ohne viel Lärm davon zu machen, in den Slaatsrath zurückgebracht wurden, um daselbst ermäßigt zu werden. AlS die beiden Deputationen nicht mit einander einig werden konnten, hielten sie unter dem Vorsitze des ErzkanzlerS und Erz» schatzmcistcrs rcgelmäsige Conferenzen, so daß die Gesetze, wenn sie an daö gesetzgebende Corps gelangten, schon die Zustimmung beider entgegengesetzten Parthcien hatten. Fand noch irgend eine Verschiedenheit statt, so wurden in Gegenwart des gesammtcn gesetzgebenden Corps, welches dann die Stelle einer Jury einnahm, von beiden Commissionen darüber gegen einander Erörterungen angcstellt. Dieses nun sprach, wenn es genugsam unterrichtet zu seyu glaubte, durch geheime Abstimmung darüber ab, und hatte also Gele» genheit, mit vollkommener Freiheit seine Willensmeinung kund zu geben, weil niemand wußte, ob eine weiße oder schwarze Kugel eingelegt werde. „Keine Art und Weise, sagte der Kaiser, konnte gegen die leidenschaftliche Lebhaftigkeit, welche unserer Nation und besonders unser» jungen Leuten bei allen Gegenständen, welche aus die politische Freiheir Bezug haben, eigen zu senn pflegt, zweck» mäßger seyn, als diese." Der Kaiser fragte mich, ob die Berathunge» Im Staatörathe vollkommen frei gewesen wären, ob seine Gegenwart dabei nicht gcnirt habe? Ich führte ihn eine sehr lange Sitzung an, in welcher nur er stets allein seiner Meinung gewesen, und folglich nicht durchgedrungen sei. Ich war glücklich genug, ihm übel und böse den Gegenstand derselben bezeichnen zu können. Er erinnerte sich gleich wieder daran. „Ja, sagte er, es muß eine Frau aus Amsterdam betroffen habe», die, auf den Tod angeklagt, dock zu dreiemnalen von den kaiserlichen Gerichtshöfen frei gesprochen worden war, und cs war der Cassalionsbof, der die nochmalige Untersuchung verlangte." 22 Der Kaiser behauptete, daß diese glückliche Uibereinsrimmuuz der Aussprüche die Härte des Gesetzes gegen diese Unglückliche erschöpft habe, daß dieses merkwürdige Zusammentreffen der Umstände ihr zum Dortheil gereichen müsse. Man erwiederte ihm, daß er allerdings im Besitz deg wohlchätigen HülfsmirtclS der -Begnad,- s gung, daS Gesetz selbst aber unerbittlich sey und seinen ungestörten ' Lauf gehen müsse. Der Streit darüber dauerte sehr lange. Mural re sprach viel und sehr gut. Er riß alles mit sich fort. Der Kaiser, der stets in seiner Ansicht allein geblieben war, ergab sich , endlich drein, indem er folgende merkwürdige Worte sprach: „Meine Herren! Man stimmt hier nach der Mehrzahl ab. 2ch bleidr allein, muß also nachgeben, aber ich erkläre hiermit, daß ich nicht ' meinem Gewissen, nur den Formen weiche. Sie haben mich zum Stillschweigen gebracht, aber keincsweges überzeugt." Oie Welt, welche keinen Begriff von dem hatte, was der Staatsrath wirklich war, war überzeugt, daß darinn kein Mensch s ein Wort zu sagen wagte, das der Ansicht des Kaisers entgegen ' gewesen wäre; und ich erregte daher in der Gesellschaft großes ^ Staunen, als ich erzählte, daß der Kaiser, welcher ciiimu- bei einer sehr lebhaften Diskussion dreimal in der Entwickelung seiner Meinung unterbrochen ward, sich endlich an den, der ihm so unhöflich ins Wort gefallen sey, ziemlich heftig mit den Worten gewendet : habe: „Mein Herr, ich bin noch nicht zu Ende, und ich ersuche Sie, mich ausreden zu lassen. Es scheint mir doch wahrhaftig, alö ob wenigstens hier jeder das Recht habe, seine Meinung zu sagen." Eine Ergegnung über die, ohnerachtet des OrtS und der Ehrfurcht, doch jedermann, ja der Kaiser selbst lachen mußte. Allerdings, sagte ich zu ihm, konnte man wohl bemerken, wie > jeder Redner die Ansicht Ihrer Majestät zu erreichen suchte. Mau ' war glücklich, wenn man mit Ihr übereinstimmte, verlegen, wenn ^ man entgegengesetzt dachte. 2a, man beschuldigte Sie, daß Sie i uns manchmal Fallen gelegt hätten, um unsere Gedanken besser ^ kennen zu lernen. >— Hatte man jedoch einmal seine Ansicht ausgesprochen, so blieb man gewöhnlich aus Selbstliebe und in der Wärme dafür mit um so größerm Eifer dabei, je mehr der Kaiser immer zu der vollkommensten Freiheit der Mittheilung ermunterte. „Ich bin gar nicht böse, wenn man mir widerspricht, pflegte er zu sagen, ich wünsche Aufklärung. Sprechen Sie, wiederholte er oft, wenn man dunkel ward, oder der Gegenstand von zarccr Behandlung war, sagen Sie Ihre volle Meinung. Wir sind hier unter «ns, wir sind nur unter Freunden." Man erzählte mir, der Kaiser habe während deS ConsnlatS oder im Anfänge des Kaiscrthumö im Sraatsrachc die Meinung eines - Mitglieds bestritten, woraus bei der Hitze und Hartnäckigkeit, mit welcher jener die (einige verfocht, eine wahre persönliche und sehr l.'bhafte Streitigkeit entstanden sey. Napoleon hielt an sich und schwieg endlich. Einige Zeit darauf sagte er aber zu seinem Geg- , ncr, alS er bei einer öffentlichen Audienz zu diesem kam, halb im ' Ernst, halb im Scherze: „Sic sind sehr für Ihre Ansichten ein- genommen: wenn ich cS nun auch so wäre! Jedenfalls haben Eie Unrecht, die'Obergewalt aus eine solche Probe zu stellen! Sie muffen ni: ganz der menschlichen Schwächen uneingcdenk scyn!" Ein andrcsmal sagte er zu einem Mitgliede, daS ihn ebenfalls biS aufs äußerste gebracht hatte, Insgeheim: „Haben Sie doch die Aufmerksamkeit für mich, meine Laune ein wenig zu schonen. Neulich gingen Sie sehr weit, Sie brachten mich dahin, daß ich mich hinter den Ohren kratzen mußte. Das will bei mir viel sagen; nehmen Sie sich künftig In acht, mich biS dahin zu treiben." Nichts glich dein Interesse, daS die Gegenwart wie die Worte des Kaisers über alle Sitzungen deS StaacsrathS verbreiteten. Er xräsidirte regclmäsig zweimal In der Woche, wenn er in der Hauptstadt sich b^and, und dann hätte keiner von unS um alles in der Welt willen nicht gefehlt. : Zwei Sitzungen, so sagte ich dem Kaiser, hätten vor allen den tiefsten Eindruck auf mich gemacht; die eine, in Betreff der Innern Polizei deS StaakSrathS, voll Ausdrücke der Empfindung, als ein Mitglied desselben daraus gestoßen worden war, die andere, in Bezug aus constitucionelle Entscheidung, alS er daS gesetzgebende CorpS aufgelösec hatte. Eine Rcligionöparchei sachte bürgerliche Zwietracht an, sie trug insgeheim Bullen und Schriften deS Papstes umher und ließ sie -irkuliren. Man zeigte sic einem StaatSrathe, der für den CultuS Sorge zu tragen hatte. Dieser aber, wenn er sie auch nicht selbst verbreitere, that ihnen wenigstens keinen Einhalt und zeigte die Sache nicht einmal dem Kaiser an. Es ward entdeckt, und der - Kaiser rief ihm unerwartet im vollen StaatSrathe zu: „Was für einen Bewegungsgrund hatten Sie dazu, mein Herr! Waren eö Ihre religiösen Grundsätze? Warum sitzen Sie denn aber noch hier? Ich verletze keines Menschen Gewissen. Habe ich Sie beim Kragen dazu gezogen, mein Staatsrath zu werden? ES war dsts eine außerordentliche Gunst, um welche Sie baten. Sie sind hier der jüngste und vielleicht der einzige, der keine persönlichen Ansprüche daraus hat. Ich sah in Ihnen nur den Erben der Dienste, welche Ihr Vater mir leistete. Sie haben mir persönlich geschworen, wie können sich denn da Ihre religiösen Gesinnungen mit dem offenbaren Eidbruche vertragen, den Sie begangen haben? Reden Eie über, reden Sie, Sir sind hier unter Ihrer Familie, Ihn Cameraden werden Sir richten. Ihr Fehler ist groß! Eine kör, perliche Verschwörung ist gehemmt, so bald man deS ArmS sich bemächtigt, der den Dolch hält, aber eine moralische Verschwörung ist gränzenlos, sie ist ein Lauffeuer, eine Pulverlinie. Vielleicht morden sich in diesem Augenblicke ganze Städte einander, weil Sie es verschuldeten." Der Angeklagte war verwirrt, und antwortete nicht. Schon bei der ersten Anrede war er sich seiner Schuld bewußt- Fast die ganze Gesammtheit deS Staatsrachö, für welche diese Begebenheit ganz unerwartet kam, behauptete voll Staunen das tiefste Stillschweigen. „Warum, fuhr der Kaiser fort, entdeckten Sie mir, wie Ihr Eid eö forderte, nicht den Strafbaren und sein Vorhaben? Lder bin Ich nicht für jeden von Ihnen in jedem Augenblicke zu sprechen?" — Sire, wagte der Angeredete zu antworten, es war mein Cousin. — „Um so größer ist Ihr Fehler, crwicderte heftig der Kaiser, Ihr Verwandter wurde nur auf Ihr Gesuch angestellt. Von dem Augenblicke an übernahmen Sie die volle Verantwortlichkeit für denselben. Wenn ich jemand als mir ganz angehörig ansehe, wie eS mit Ihnen allen hier der Fall ist, so sind diejenigen, welche ihm angchören, für die er einsteht, von dem Augenblicke an der Aussicht der Polizei gänzlich entnommen. So denke ich." — Da nun der Schuldige nichts darauf erwicdcm konnte, schloß der Kaiser mit folgenden Worten: „Die Pflichten eines Staatsrath gegen mich sind uncrmessen, Sie haben sie verletzt mein Herr, Sie sind eS von nun an nicht mehr. Gehen Sie, und lassen Sie sich nicht wieder hier erblicken." Da der Vcrurtheilte im Fortgehn ziemlich nahe beim Kaiser vorbciging, sah ihn dieser noch fest an und sagte zu ihm: „Es thnt mir wahrhaft weh, mein Herr! denn ich habe noch stets das Andenken und die Verdienste Ihres Vaters vor Augen." Und als er hinaus war, setzte der Kaiser hinzu: „Ich hoffe, daß ein solcher Auftritt nie wieder Vorkommen wird, er hat mich zu sehr geschmerzt. Ich bin nicht mistrauisch, aber ich konnte cs vorauSse- hen! Ich bin von allen Partheien umgeben, selbst Emigriere, Soldaten der Condsschen Armee sind um meine Person, ob man aber gleich gewünscht hätte, daß sie mich umbrächten, so muß ich ihnen doch die Gerechtigkeit wiederfahren lassen, zu gestehen, daß sie mir alle treu gewesen sind, Dies ist, seit ich die Zügel der Regierung ergriffen habe, der erste Mensch aus meiner nähern Umgebung, der mich verrathen hat. Und darauf wandte er sich zu Locre, der das Protokoll über die Sitzungen deS Staatsraths führte, mit dt» Worten: „Schreiben Sie verrathen; verstehen Sie?" 25 Welch ein« Sammlung müßten dies« Protokolle Locrö'S seyn! Wo sind sie hingckommen? Wort für Wort würde man das, was Ich mitgetheilt habe, darin finden. Bei Gelegenheit der Auflösung des gesetzgebenden Corps ward der StaatSrath am lezten oder vorlezten December 1813. zusammen berufen. Wir wußten, daß die Sitzung wichtig werden würde, ohne jedoch den Gegenstand derselben zu kennen. Die Crisis war ausö höchste gestiegen, der Feind hatte das französische Gebiet betreten. „Meine Herren, sagte der Kaiser, Sie kennen die Lage der Sachen und die Gefahren, welche das Vaterland bedrohen. Ich glaubte, ohne dazu verpflichtet zu seyn, dennoch den Abgeordneten des gesetzgebenden CorpS eine geheime Mittheilung davon machen zu müssen. Ich wollte sie so mit dem vertraut machen, was ihre höchste Theilnahme erregen mußte. Aber sie haben diese Handlung des Vertrauens als Waffe gegen mich, das heißt gegen das Vaterland gewendet. Statt mich mit ihren Anstrengungen zu unterstützen, hindern sie die meinen. Unsre Stellung allein konnte de» Feind noch aushalten, ihr Benehmen ruft ihn herbei. Statt ihm eine Stirne von Erz zu zeigen, legen sie ihn unsere Wunden bloS. Den Frieden fordern sie mit mächtigem Geschrei von mir, wenn das einzige Mittel ihn zu erwerben doch nur dieses wäre, mir zum Kriege zu rachen. Sie beklagen sich über mich, sie sprechen von ihren Beschwerden, aber welche Zeit, welchen -Ort Wahlen sie dazu? Mußten sie nicht blos unter unS Vertrauten, aber nicht In Gegenwart des Feindes über solche Gegenstände unterhandeln? War ich denn unzugänglich' für sie? Habe ich mich jemals unfähig gezeigt, vernünftigen Rath anzunehmen? Es muß daher ein Entschluß gefaßt werden. Das gesetzgebende Corps trägt dazu bei, Frankreichs Untergang zu beschleunigen, statt zur Rettung uns die Hände zu bieten, cs verräth seine Pflichten: ich erfülle daher die weinigen, — ich löse es auf." Dann ließ er uns ein Dekret vorlesen, worinn enthalten war, daß bei zwei Fünftheilcn des gesetzgebenden Corps schon die Vollmachten erloschen wären, daß am i. Januar ein anderes Fünftheil sich in demselben Verhältnisse befinden würde, folglich alsdann dis Majorität dieses Corps in der That nur aus denen bestehen würde, die kein Recht mehr dazu hätten, und mithin, in Betracht dieser Umstände, das gesetzgebende CorpS von diesem Augenblicke, bis cs durch neue Wahlen wieder vollzählig geworden, aufgehoben lind vertagt sey. Nach dieser Vorlesung fuhr der Kaiser fort: „Dicß ist der Inhalt deS Dekrets, daö Ich erlasse, und wenn man mir selbst sagte, daß xs noch heuce das Pariser Volk dahin brächte, in Masse aufzuftehn und mich in den Tuilerien umzubringen, so würde ich cü doch erlassen, denn meine Pflicht fordert eS. AlS die franzisi. sche Nation mir ihr Schicksal anverrrautc, prüfte ich die Gesetze die eS mir darbst um cS zu beherrschen. Hätte ich sie unzureichend dazu gesunden, so hätte ich jenes nicht angenommen. Man - glaube von Massena, Augerau, Scrrurier u. s. w. Massen», von seil. - nem Muche und einer so merkwürdigen Ausdauer, einer Kraft, die : mit der äußersten Gefahr nur noch immer stärker wuchs, so daß er ! selbst besiegt, doch immer, als ob er Sieger gewesen wäre, zum st Wiederbeginnen bereit war. Augerau dagegen selbst durch dm f Sieg ermüdet, und gleichsam entmmhigt. Sein Wuchs, seine Ma< l nieren, seine Art zu sprechen, gaben ihm daö Anschn eines Groß- st prahlerS, und dies war er übrigens der Sacke nach gar nicht, wenn er nur einmal mit Ehrenstetten und Ncichthümern vollgestopft war, welche er sich übrigens von allen Drtcn her und aus alle Art anzueignen suchte. Scrrurier hatte alle Formen und alle - Strenge eines vormaligen ZnfanteriemajorS bcibehalten, ein braver, ° rechtlicher, sichrer Mann, aber ein unglücklicher General u. s. w. 1 Die weitre Entwickelung alles dessen wird man in den italiänischen ^ Feldzügen finden. Aus verschiedenen Gegenständen, von welchen heut gesprochen ward, merke ich das an, waS der Kaiser über die Heere der Alten st sagte. Es war nämlich die Frage, ob man an die großen Heere f glauben dürfe, von welchen die Geschichte Meldung thut. Der j Kaiser meinte, die meisten Citate darüber seien falsch und lächer- l lich. So glaubte er auch nicht an die zahllosen Heere der Car- s thagcnienser in Sizilien. „So viele Truppen, sagte er, wären ja j r bei einer so kleinen Unternehmung ganz unnütz gewesen, und hätte ' Carchago wirklich so viele Soldaten auf die Beine bringen können, so würde es dies gewiß weit eher bei HannibalS Unternehmung gethan haben, die doch von ganz andrer Wichtigkeit war. Dieser aber hatte nicht mehr als 40 bis 50,000 Mann." So glaubte er auch nicht an die Millionen des CyruS und DariuS, die ganz Griechenland bedeckt und sich gewiß wieder in eine Menge einzelner Heere vertheilt hätten. Er maß selbst diesem ganzen glänzenden Theile der griechischen Geschichte keinen Glauben bei. 2n dem Resultate des berühmten persischen Kriegs erblickte er bloS unentschiedene Assairen, wo sich jeder den Sieg zuschreibe. KerpcS 21 khrle triumphireud zurück, nachdem er Athen genommen, verbrannt und zerstört hatte, und dle Erlcchen erhüben ihren Sieg, weil sie zu Salamis nicht unterlegen waren. „ Man vergesse doch ja, bemerkte der Kaiser, bei den pompösen Beschreibungen der Siege der Griechen und der Niederlagen ihrer zahllosen Feinde nicht, daß die Griechen dies selbst sagen, die bekanntlich eitel und übertreibend leeren, und daß uns nie eine persische Chronik hat vorgclegt werden können, um durch widersprechendes Anfuhren unser Unheil z» bekräftigen." Zu der römischen Geschichte aber hatte der Kaiser Vertrauen, wenn auch nicht in Betreff der einzelnen Umstände, doch in Bezug auf die Resultate, weil diese sonnenklare Thatsachen geben. Auch an die Armeen Gengiskans und TamcrlanS, so zahlreich man sie auch gemacht habe, glaubte er, weil diese Heerführer an der Spitze ganzer Nomadenvölker standen, die sich unterwegs noch mit andern Völkern vergrößerten. Es wäre nicht unwahrscheinlich, bemerkte er, wenn Europa selbst eines Tages so ende. Die durch die Hunnen bewirkte Umwälzung, deren Ursache man nicht kenne, weil ihre Spur sich in der Wüste verliere, könne sich erneuern. . Rußland sei rreflich gelegen, uni eine solche Katastrophe herbei- zusührcn. Es könne nach Willkühr unzählige HülfSvölker aufbicten, und sic alle über uns ausströmcn. Dazu werde es alle diese No- madenvölkcr um so geneigter, um so ungeduldiger finden, je mehr die Berichte und das Glück derer, die zuletzt noch so glückliche und einträgliche Wanderungen zu uns unternommen hatte, ihre Einbildungskraft gereizt und ihre Habsucht erregt hätten. Nun ging die Unterhaltung auf Eroberungen und Eroberer über, und der Kaiser folgerte, daß um mit Erfolg zu erobern, man nochwendig rauh und wild seyn müsse, und daß wenn er dies hätte seyn wollen, er die ganze Welt erobert haben würde. 2ch wagte es, gegen diese letztem Worte, die ohnstreitig der Laune des Augenblicks entschlüpften, auszutreten und ihm vorzuftcllcn, daß er, Napoleon, ja geradezu der Beweis vom Gegentheilc sei, daß er nicht rauh und wild gewesen und doch die Welt erobert habe; daß er mit Wildheit bei unfern gegenwärtigen Sitten eS gewiß nie dahin gebracht haben würde. Und in der That ist cS heut zu Tage nicht mehr das Schrecken, das einem Menschen uns unterwerfen kann, sondern nur gute Geseye Uibcrzeugung von einem großen Charakter und Kenntniß einer Kraft, die jede Probe besteht bei dem, welcher beauftragt ist jene Gesetze in Ausübung zu bringen. Und dieses, setzte ich hinzu, sind auch gerade die Ursachen von Napoleons Erfolgen, von der Unterwerfung und dem Gehorsam der Völker gewesen. Der Convent war wild und flößte Schrecken ein, man gab nach, aber man konnte ihn nicht ertragen. Wäre er ein einzelner Mensch gewesen, so würde man sich seiner bald entledigt haben, aber es war eine Hydra, und doch, welche Versuche wagte man nicht? Wie viel Gefahren, denen er nur durch ein Wunder entging? Er mußte sich endlich i» Mitten seiner Triumphe selbst begraben. Damit ein Eroberer mit Erfolg wild scyn könne, müßte er auch eben so wilde Soldaten befehligen und die Rede müßte von unkultivirten Völkern seyn. 2n dieser Beziehung hat Rußland einen unermeßlichen Vorzug vor ganz Europa. ES besitzt nämlich den seltenen, eine civilisirtc Regierung und barbarische Völker zu haben. Be! ihm leitet und herrscht der Verstand, und die Unwissenheit führt auS und verwüstet. Ein türkischer Sultan würde jezc nicht lange irgend eins der aufgeklärten Völker Enropa'ö beherrschen können. Die Herrschaft des Lichts würde stärker scyn als seine Macht. Uiber einen andern Gegenstand bemerkte der Kaiser, daß wir Franzosen, wenn wir auch weniger Energie hätten als die Römer, doch mehr Sitte besäßen. Wir würden uns nicht gleich jenen Römern unter den ersten Kaisern selbst gccödtet, aber auch nicht die ganze Masse von Schändlichkeitcn, die volle Knechtschaft gezeigt haben, die man unter den letztem begangen. „Selbst in unfern herabge- würdigtsten Augenblicken, sagte er, bestand unsre Niedrigkeit doch nicht ohne gewisse Beschränkungen, so z. V. hätten Höflinge, denen der Fürst bei sich alles hätte anbefehlen können, sich doch geweigert, bei einem öffentlichen Lever vor ihm zu knieen u. s. w." 2ch habe schon gesagt, daß wir über die Zeitbegebenhciten fair tzar nichts Schriftliches bei uns hatten. Die wenigen Bücher, die der Kaiser mitnahm, waren blos Klassiker, welche ihn auf allen Feldzügen begleiteten. 2ch erhielt vom Major Hodson, der aus der 2nsel wohnce, eine Sammlung politischer Schriften vom 2ahre 1.793 bis 1807» die, unter dem Namen ^nunal licAislci-, (jährliche Ulbersicht) eine recht gut geordnete Folge der Begebenheiten jedes 2ahreS, so wie einige der wichtigsten offiziellen Schriften dazu liefert. Bei uuserm Mangel war dies ein reicher Erwerb. Dienstag, am 7. November. Der Kaiser frühstückte allein und arbeitete viel den Tag hindurch mit dem Großmarschall und Montholsn. 2ndem wir schon etwas spät Abends allein in der unter» Allee, worin» er gern weilte, spazieren gingen, sagte ich ihm, daß eine wichtige Person, deren Gedanken und Nachrichten uns mit den Haupttriebsedern der Staatcnverwaltung verbinden, und aus unser künftiges Geschick von großem Einflüsse seyn kSnnten, einen von uns mit sehr bezeichnenden Formen und Vorreden angesprochen § habe, ihr im Verminen zu sagen, was er in Bezug auf gewisse st politische Gegenstände vom Kaiser halte; ob er nämlich die letzte - Constitution wirklich in der Absicht gegeben, um sie zu halten; ob r er von Grund der Seele auf seine vorigen Pläne eines großen st Weltreichs Verzicht geleistet, ob er England bei seiner Dberherr- st schast aus dem Meere ruhig lassen werde, ob er sie nicht um den ungestörten Besitz Indiens neide, ob er sich nicht dazu verstehen l würde, die Colonien aufzugeben und die Colonialwaaren künftig st bloS von den Engländern, versteht sich nach wahrem Kauföwerthe, ; zu erhandeln, ob er sich im Fall eines Bruchs zwischen England - und Amerika nicht mit dem letztem verbinden werde, ob er nicht st seine Zustimmung gebe, daß ein großes Königreich in Deutschland ! s für das Hans England errichtet werde, da letztres aus der Stelle, ! wenn die junge Prinzessin von Wallis zum Thron gelangte, Groß« st brittanien verlieren würde, oder ob er nicht darein willige, daß statt r in Deutschland, dieses Reich ln Portugall gegründet werde, wenn England darüber mit dem Hofe von Brasilien einig werden könnte? u. s. w. st Diese Fragen beruhten nicht auf bloßen Ideen oder müssigen ,st-Ansichten, sondern die Person, welche frug, stützte sie auf folgende st Thatsachen. »Wir bedürfen, sagte sie, eines langen und dauerhaften Friedens auf dem Continent, eines ruhigen Genusses unsrer gegenwärtig erlangten Vortheile, um aus der Crisis, in der wir uns ^ jezt befinden, zu kommen, und die unermeßliche Schuldenlast, die ' : uns drückt, zu vermindern. Weder die jetzige Lage Frankreichs - noch die von ganz Europa, so wie sie in ihren gegenwärtigen Ele» t menten sich befindet, kann uns dieses Resultat gewähren." st »Unser Sieg bei Waterloo war euer Verderben, aber uns hac -st,er keineswegs gerettet. So denken alle vernünftige Menschen bei ' uns, alle, die sich dem augenblicklichen Einflüsse der Leidenschaften st entreißen können, oder werden wenigstens noch so denken" n. s. w.' st Der Kaiser zweifelte an der einen Hälfte dieser Mittheilung h und behandelte die andre wie Träumereien. Dann aber besann er sich und fragte mich: »Nun, und Ihre Meinung? Heraus damit, Sie sitzen jczt in: Staacsrathe." — Sire, antwortete ich, ! man erlaubt sich manchmal Träumereien über die wichtigsten Ge- ^ genständc, und wenn man in St. Helena cingesperrt ist, ist eS s uichc verboten, Romane zu dichten. Ich will also einmal einen st ersinnen. Warum sollte eö nicht eine politische Vermählung zweier i Volker geben können, wo als Mitgift das eine, eine Armee, das andre -eine Flotte brächte. Gewöhnlichen Ansichten nach wäre dieö frei- r L, Cafes Tages. 2 . Bd, 3 34 7 kich eine tolle Idee, selbst in den Augen der geübtesten Mensche,, zu gewagt, weil sie durchaus neu und ungewohnt ist, aber dennoch gehört sie unter die Clnsse unerwarteter, lichtvoller und nützlicher Schöpfungen, welche Ew. Majestät, die sic allein zu höre» geben kann und auözusühren versteht, charakterisiren. „Sollte», fuhr ich fort, indem ich noch weiter ging als der Engländer selbst es gewagt hatte, sollten Ew. Majestät nicht bereit scnn, morgen schon, wenn cs in Ihren Kräften stünde, alle französische Schiffe dahin zu geben, um Frankreich, die Niederlande und das linke Rheinufer wieder zu erwerben? Nicht 150 Millionen opfern, um mehr als 10 Milliarden zu gewinnen? Und was für ein Handel übrigens noch, der beiden Völkern zugleich den Gegenstand vcrschaftc, um welchen sie sich ohne Unterlaß seit so vielen Jahren gegenseitig ruiniren und erwürgen! Ein Handel, der diese beiden Völker dahin bringen würde, sich einander wesentlich zu bedürfen, statt daß sic sich jetzt unaufhörlich nnfeinden! . Wäre denn da- nichts für Frankreich, wenn cs nun dann in allen englischen Coio» nien, gleich den Engländern selbst aufgenommen wäre und ohne Schwerdcstreich an dem ganzen Welthandel Theil nähme. Wäre es nicht das Höchste für England, wenn cs sich seinerseits die Oberherrschaft über die Meere, den ganzen Umfang des Handels, für dessen Erwerb und Erhaltung cs sich stctS den größten Gcfah« reu auosetzc, sicherte, indem cs dann und für immer Frankreich, welches de» Contincnt ordnete und sogar schiedsrichterlich beherrsch te, mit diesen, Systeme verknüpfte? „Nun aller Furcht entnommen und durch die vollen Kräfte seines Landes stark, würde England seine Armee als Gegenepfer für das ihr von Frankreich mit seiner Flotte gebrachte, entlassen, ja eS könnte selbst die Zahl seiner Schiffe beträchtlich vermindern, dann würde es seine Schuld bezahlen und sein Volk entlasten, cS würde gedeihen und, weit entfernt in der Zukunft Eifersucht gegen Frankreich zu hegen, würde man cs, sobald einmal das Systein angenommen wäre und die Leidenschaften dem wahren Vortheile das Feld geräumt hätten, an dessen Continentalvergrößerung selbst arbeiten sehen, weil Frankreich dann vielmehr Englands Avantgarde, dieses aber dessen HauptcorpS und Reserve seyn würde. „Einheit der Gesetzgebung für beide Nationen, gemeinschaftliche Interessen, die sichtlichsten Vorcheile, würden in diesem Plane noch da ergänzen, wo Leidenschaften der Herrschenden Hindernisse oder Schwierigkeiten entgcgenstellen könnten^ u. s. w. Der Kaiser hörte mich an, antwortete aber nichts. Er läßt selten in sein Jnnrcs blicken und giebt sich ungern zu politische» Unterhaltungen her. Fürchtend, mich nicht deutlich genug ansg<' z drückt zu hüben, bat ich ihn, mir zu erlauben, meine Gedanken ' noch ausführlicher zu Papiere zu bringen, er bewilligte es, sprach aber nicht wieder darüber *). Es war sehr spät, er ging als» « ans sein Zimmer. i, Mittwoch, am 8. November. ff Der Kaiser hat im Garten nach einander Montholsn und . Eourgaud diktirt, und ist dann in seine Lieblings-Allee gegangen. Er war müde und krank. Man wollte ihm Ungeschickterwelse f. einige Frauen vorstellen, die absichtlich auf diesen Spaziergang ziigekoinmen waren, und dies verstimmte ihn. Er wich ihnen aus. i 3ch schlug ihm dann vor, ein Pferd zu besteigen, um sich ein - wenig zu erholen, denn wir hatten seit einigen Tagen deren drei r zu unsrer Disposition. Er antwortete mir jedoch, daß er sich nicht an den Gedanken gewöhnen könne, stets einen englischen Offizier ff neben sich zu haben, um diesen Preis entsage er daher aufs be» » siimmteste jedem Rite, und er fügte hinzu, daß in der Welt ja alles r auf Berechnungen beruhen müsse, wenn also das Ucbel, seinen K Kerkermeister stets an seiner Seite zu sehen, größer wäre, als daS Gute, welches ihm ein Pferd verschaffen könne, so sei es offenbarer 1 Gewinn, darauf Verzicht zu leisten. 4, Der Kaiser hat wenig zu Mittag gegessen. Beim Desert un- ff lerhielt cS ihn, die Gemälde auf einigen sehr schönen Tellern von Severs-Porzellan zu betrachten. Es sind Meisterstücke in dieser Art, jeder kostet 30 Napoleons, und alle beziehen sich auf egyp- tische Gegenden oder Gegenstände. Endlich ging er wieder in seine Lieblings-Allee. Nach einigen ff bald abgebrochncn und kurzen Gesprächen sah er an seine Uhr, lff und freute sich, zu sehen, daß cs endlich halb 11 sei. ff Die Lust war köstlich, und unvermerkt hatte der Kaiser sich f völlig erholt. Er klagte über seine Constitution, die, obgleich sehr ^ ' stark, ihn doch dann und wann der leichtesten physischen Abweisung unterliegen lasse. Uibrigens wünschte er sich Glück, daß ! feine moralischen Ansichten so beschaffen wären, daß sic ihn nicht - abhalten würden, wenn er sich nach dem Beispiele der Alten dem j ^ Ekel und den Widerwärtigkeiten des Lebens entziehen wollte. Er ! sagte, daß er oft nicht ohne Schrecken auf die lange Reihe von ff Jahren blicken könne, die er vielleicht noch zu durchleben habe, so ; wie auf das Unnütze eines hohen Alters, und daß, wenn er sagen *) Vielleicht räume ich diesem Aufsätze und einigen andern Urkunden, wenn ich sic wieder finde» kann, am Schiussc dieses Tagebuchs noch ein Plätzchen ein« 36 könnte, daß Frankreich glücklich, ruhig, und seiner nicht mehr K. durstig sei, er genug gelebt habe. Wir gingen nach Mitternacht erst zu HauS. ES war eia - wahrer Sieg, eS bis zu einer so späten Stunde gebracht zu habt». ,, Donnerstag, am 9. November. 2ch ging zeitig zu Herr Dalcombe, um meine Briese nach Europa an lhn abzugeben. Ein Schiff sollte dahin segeln. Den traf ich unsern Wacht-Offizler an. Noch von der Abspannung, in welcher ich gestern den Kaiser gesehen hatte, beunruhigt, un- überzeugt, wie dringend die Nothwendigkcit sei, daß er sich eine Bewegung mache, sagte ich diesem, daß ich die Ursache, welche den Kaiser auszureitcn hindre, vermuthc, und daher offen und um so freier mit ihm sprechen wolle, weil ich die zarte Weise, mit welcher er seine Pflicht bei unS erfülle, vollkommen zu wür< digen verstehe. Ich fragte ihn also, wie weit seine Instruktionen gangen, und was er thun würde, wenn der Kaiser in der Nahe des Hauses reiten wolle, gab dabei ihm aber den Widerwillen zu erkennen, welchen dieser nothwendig gegen alles empfinden müsse, was ihn in jedem Augenblicke an die Lage, in welcher er sich befinde, erinnere. Uibrigens versicherte ich ihn, sei hier durchaus von keiner Persönlichkeit die Rede, so daß der Kaiser, wenn u weite Ritte zu unternehmen Lust haben sollte, vor allen ihn sich zu seiner Begleitung ausbitten würde. Der Offizier antwortete, daß seine Instruktionen ihm beföhlen, dem Kaiser zu folgen, daß er aber, da er eS sich zum Gesetz gemacht, ihm so wenig als möglich unangenehm zu werden, es auf sich nehme, ihn nicht zu begleiten. Beim Frühstück erzählte ich dem Kaiser meine Unterredung mit dem Capitain. Er antwortete, daß ihm dies natürlich sehr angenehm sei, er aber keinen Gebrauch davon machen werde, f indem cs ganz seinen Grundsätzen entgegen, von einer Bewilligung Dortheil zu ziehen, die einen Offizier in Verlegenheit sehen ^ könnte. Wie gut war dieser Entschluß, denn als wir Abends zu unser» Wirthen kamen, zog mich der Offizier bei Seite, und sagte mir, daß, da er heut in der Stadt gewesen, er irsit dem Admiral von unsrer Unterredung gesprochen, dieser ihm aber eingeschärft habe, sich streng an seine Instruktionen zu halten. Ich konnte mich nicht enthalten, darauf lebhaft zu antworten, daß der Kaiser, wie ich überzeugt sei, unmittelbar die drei Pferde, welche man ihm überlassen, zurücksendcn werde. Der Offizier, dem ich übrigens die Antwort mittheilte, welche der Kaiser heut früh mir üb« diesen Gegenstand gegeben, eröffnet« mir, wie er auch glaube, daß cS sehr gut, >a das Beste sei, die Pferde wieder zurückzu- senden. Eine Antwort, die ihm ohnstreicig der eigne Verdruß über die Rolle, welche er dabei spielen mußte, In den Mund legte. AlS wir wieder von unfern Wirthen gingen, spazierte der Kai» ser noch in seiner Allee. Ich eröffne» ihm, was mir so eben der englische -Offizier gesagt habe. Man hätte glauben sollen, daß er dieses erwarte, und ich hatte mich auch nicht betrogen, denn er befahl mir, die Pferde zurückzuschicken. Da mir dieser Unfall sehr unangenehm gewesen war, so sagte ich vielleicht etwas zu lebhaft, daß ich, wenn er eö mir erlaube, auf der Stelle seinen Befehl vollziehen wolle, worauf er mir aber mit ganz eignem Ernst und Ton der Stimme antwortete: „Nein, mein Herr! keine üble Laune. In solcher Stimmung handelt man selten recht. Uiber das Unrecht des vorigen TageS muß man stets eine Nacht verstreichen lassen." Wir blieben biö beinahe Mitternacht zusammen. Die Witterung war köstlich. Freitag, am 10. November. Nachdem wir heut unsre gewöhnlichen Arbeiten vollendet hatten, nahm der Kaiser eine neue Richtung, und ging auf der Straße nach der Stadt bis dahin, wo man die Rhede und die Schiffe erblickte. AlS er wieder zurück ging, begegnete ihm Madame Balcombe, unsre HauSwirthin und eine Madame Stuart, eine junge sehr hübsche Frau von 20 Jahren, die eben von Bombai nach England reise». Der Kaiser unterhielt sich mit ihnen über Sitten und Gebrauche von Indien, die Unannehmlichkeiten einer Seefahrt, besonders für Frauen, über Schottland, das Geburtsland der Madame Scuart, viel über Osftan, und das Glück, daß daS indische Clima ihren schottischen Teint verschont habe. Sklaven mit schweren Kisten durchkreuzten unfern Weg. Madame Balcombe hieß sie ziemlich hart bei Seite gehen, der Kaiser aber setzte sich dagegen, und sag»: „Respekt für Lasten, Madame!" Bei diesen Worten entschlüpften der Madame Stuart, die im Verstohlnen mit großer Begier nur immer die Züge und Physionomie des Kaisers recht aufzufasscn gesucht hat», zu ihrer Nachbarin die Worte: „Mein Gott, wie verschieden ist doch dieses Wesen, dieser Charakter von dem, was man mir darüber gesagt hatte!" Sonnabend, am 11. bis Montag, am l3,. November. Unsre Lebensart zu Briars war höchst regelmäßig. Alle Tage 3 » ging der Kaiser, nachdem er mir diktirt hatte, zwischen 3 und 4 , Uhr in den Garten. Da diktirte er demjenigen, der dazu ans der Stadt gekommen war, im Herumspazieren, indem dieser in der kleine» Laube schrieb. Gegen 5 Uhr verfugte er sich hinter den Hausern unsrer Nachbarn weg in die untere Allee, die ihm mit jedem Tage lieber ward. Jene speißten um diese Zeit zu ^ Mittag, und so waren mjr für unsre Ruhe und die Freiheit dieses Spaziergangs vollkommen gesichert. Ich fand mich dort wieder ^ zum Kaiser, und er wartete, bis man ihm meldete, daß ange« richtet sei. Auch nach Tische ging der Kaiser wieder dort hinunter, ja manchmal lies er selbst den Kaffee dahin bringen. Mein Sohn ging zu den Nachbarn, und wir setzten unsern Spaziergang ungestört fort. So gingen wir oft ganze Stunden lang auf und ab, > und wenn Mondschein war, bis tief in die Nacht. Hier vergaßen wir in der sanften Kühlung die brennende Hitze des Tages. Nie war der Kaiser mittheilender, als hier, nirgends sonst gab er sich so ganz hin. Er fand bei der Dauer und der Unbefangenheit solcher Unterhaltungen Vergnügen daran, von seiner Kindheit zu erzählen, von seinen ersten Jünglingsjahren, von den Gefühlen und Wahnbildern, die sie gewöhnlich verschönern, von den kleinen Le- bensverhälcnissen sogar, seit er eine Rolle auf der großen Wcll- bühne gespielt hatte. Anderswo habe ich wieder erzählt, was ich davon wiederholen zu können, nur für erlaubt hielt. Lft schien er darüber verlegen, daß er so lang gesprochen, und von zu kleinlichen Dingen geredet habe, dann sagte er zu mir: „Nun ist die Reihe an Ihnen. Auch so ein Paar von Ihren Histörchen. Sie plaudern nicht gern." Ich hütete mich wohl, um nicht etwas von dem zu überhören, was mich so sehr anzog. Bei einem dieser nächtlichen Spaziergänge sagte mir der Kaiser, daß er während seines Lebens sich vorzüglich mir zwei an sich sehr verschiedenen Frauen beschäftigt habe. Die eine sei die Kunst und Grazie, die andere die Unschuld und einfache Natur selbst gewesen. Jede von beiden, setzte er hinzu, hatte ihren eignen großen Werth. In keinem Momente des Lebens sah man an der erster» eine Stellung oder Lage, die nicht reizend und verführerisch gewesen wäre. Unmöglich würde es gewesen seyn, sie auf irgend einer Unschicklichkeit zu überraschen, oder bei ihr davon berührt zu werden. Was die Kunst nur für Erhöhung von Reizen erdenken kann, ward durch sie angewendet, aber so geheim, daß man nie auch nur das Mindeste gewahrte. Die andere, im Gegentheil, Ham nicht einmal eine Vermuchung, daß man mit unschuldigen Kunst- qnffen clwaö gewinnen kenne. Jene war stets auf der Seite der Wahrheit, ihr erstes inneres Gefühl war die Negative, diese wußte nicht, was eine Lüge sei, jeder Abweg war ihr fremd. Die crsterc bat ihren Mann nie um etwas, aber sie war überall schuldig, die zweite trug kein Bedenken, ihn zu bitten, wenn sic nichts mehr besaß, doch kam dieses sehr selten vor, sie hatte nie geglaubt, daß inan etwas kaufen könne, ohne cs auch sogleich zu bezahlen. Uibrigcns waren alle beide gut, sanft, und ihrem Manne sehr ergeben. Doch schon lange hat man sie errathen, und wer sie je sah, erkennt in ihnen die beiden Kaiserinnen. Der Kaiser sagte, sie seien stets von gleich guter Laune und i der größten Gefälligkeit gewesen. Die Vermahlung mit Marie Louise ward zu Fontainebleau un- - mittelbar nach ihrer Ankunft daselbst vollzogen. Der Kaiser, alle Etikette bei Seite stellend, fuhr ihr entgegen, und stieg verkleidet in ihren Wagen. Höchst angenehm überrascht war sie, als sie ihn j erkannte. Man hatte ihr stets gesagt, daß Berthicr, mit dem sie in Wien durch Procuration vermahlt ward, in Gestalt und Alter i dem Kaiser vollkommen ähnlich sei. Sie ließ fallen, daß sic einen I sehr angenehmen Unterschied finde. E Der Kaiser wollee ihr alle die Kleinlichkeiten der Haus-Etikette, die bei solchen Gelegenheiten üblich sind, ersparen. Uibrigcns hatte man in Wien sie darinn aufs vollkommenste unterrichtet. Der Kaiser fragte sie, was ihre verehrten Eltern in persönlichem Bezug auf ihn ihr für Instruktionen gegeben hatten. 2hm ganz anzugc« hören, und in allen Dinge» zu gehorchen, war ihre -Antwort, und i zugleich für den Kaiser die Lösung von allen Gewissensfragen, nicht aber die Entscheidung gewisser Cardinäie oder Bischöfe, wie man s damals erzählte. Uibrigcns handelte Heinrich iv. im gleichen j Falle eben so. Der Kaiser erzählte weiter, daß seine Vermählung mit Marie ^ Louise an demselben Tage und unter denselben Formen und Be» r diugungen, wie die von Marie Antoinette, deren Ehekontrakt man ^ dabei zum Vorbild genommen habe, geschlossen worden sei. Seit der Trennung von Ioscphine hatte man mit den» Kaiser von Rußland wegen einer von dessen Schwestern unterhandelt. Nur religiöse Beziehungen hinderten den Abschluß. Als Prinz Eugen mit Schwarzenberg schwatzte, erfuhr er von diesem, daß der ostreichische Kaiser nicht abgeneigt scyn werde, seine Tochter Napoleon zur Gemahlin zu geben. Er theilte dies dem Kaiser mit. Man berief einen Staatsrath, ui» abzuwägen, welche Verbh^kdung, die mit Rußland oder Dcstreich die vorrheilhafteste seyn würde. Engen und Tailyrrnd waren für Ocstreich, Eambacercs dagegen. Die Ma 40 joricät emschled. Eugen erhielt den Auftrag der offiziellen Eröff- nung, und der Minister der auswärtigen Angelegenheiten Vollmachten, um, daftrn sich Gelegenheit dazu darböte, noch an demselben Tage zu unterzeichnen. Dies geschah auch wirklich. Rußland war verdrüßltch darüber, und sah sich für überlistet an. DicS war aber nicht der Fall. Noch war nichts Verpflich- j tendes zwischen beiden Mächten vorgefallen, und beider Hände waren ungebunden. Politisches Interesse hieß das Uibrige bei Seite zu setzen. Zur Obcrhofmeisterin Marie Louisens bestimmte der Kaiser die Herzogin von Montebello, den Grasen Beauharnais zum Oberhos- meistcr, und den Prinzen Aldobrandini zum Oberstallmeister. Nach den Unglücksfällen von 1814 entsprachen sie, sagte der Kaiser, der Ergebenheit nicht, welche die Kaiserin von ihnen erwarten ' durfte. Ihr Oberstallmeister verließ sie ohne Abschied, der Oberhofmeister wollte sie nicht begleiten, und die Obcrhofmeisterin glaubte, ohnerachtet der außerordentlichen Zuneigung, welche die Kaiserin für sie hegte, Ihrer Pflicht volle Genüge geleistet zu haben, alü sie ihre Gebieterin bis Wien gebracht harte. Die Wahl der Herzogin von Montebello ward damals allgemein alS höchst glücklich gepriesen. Sie war jung, schön, vom trefflichsten Ruf, und Wittwe eines Marschalls, welchen das Heer seinen Roland genannt hatte, und der vor Kurzem auf dem Belle der Ehre gestorben war. Die Armee freute sich dieser Wahl ungemein, und sie gab neues Vertrauen demjenigen Theile der Nation, den diese Vermählung und die Zahl und Beschaffenheit der Kam« merhcrrn, welche die Kaiserin umgaben, in Schrecken setzte, weil man dies für einen Schritt zu dem ansah, was mehrere mit dem Namen einer Contrerevolution belegten, oder sich wenigstens Mühe gaben, andere zu diesen Ansichten zu bewegen. Der Kaiser hatte vorzüglich die Unbekanntschaft, die er noch von Marie Loui senS Charakter hatte, und die Furcht bestimmt, sie mochte Ge- burtsvorurcheile mitbringen, die dann dem Hofe des Kaisers schädlich geworden wären. Als er sie näher kannte, als er sah, daß sie ganz in die Ideen des Tages eingehe, bedauerte der Kaiser, keine andere Wahl getroffen zu haben, und nicht lieber die Contcsse de Beauveau erlesen zu haben, die bei einem guten, sanften und friedliche» Charakter, nur von den Familien-Rathscklägen ihrer zahlreichen Verwandten sich würde haben leiten lassen, so daß dadurch eine Art von heilsamer Mittheilungen, und eine große Anzahl wohlcmpfohlner Subalternen eingeführt worden wäre. Sie hätte auch noch viele Personen, die jetzt von einander entfernt blieben, verknüpfen können, und alles dieses ohne die geringste Unannehmlichkeit, weil es doch nur durch die eignen Comblnatio» neu des Kaisers geschehen wäre, der nicht der Mann darnach war, sich mißbrauchen ru lassen. Die Kaiserin saßte sür die Herzogin von Montebello eine wahr, hast zärtliche Zuneigung. Diese konnte Königin von Spanien werden. Nach dem Beispiele deS Prinzen von Baden, der Mllel de BeauharnaiS geheirathet hatte, bat Ferdinand vik. zu Valancey Napoleon um die Hand der Mlle. de Tascher, leibliche Cousine Iosephinens, und ihre Namens-Schwester. Der Kaiser, der schon damals an seine Trennung von Zoscphincn dachte, schlug es ab, weil er durch dieses neue Band die Schwierigkeiten nicht noch mehr häufen wollte. Spater bat Ferdinand um die Hand der Herzogin von Montebello oder jeder andern Französin, die der Kaiser an Lochterstelle annehmen wolle. Diese Mlle. de Lascher ist dieselbe, welche der Kaiser später an den Herzog von Arem, berg vermählte, in der Absicht, sie zur Gouvernantin der Nieder» lande zu erheben, um Brüssel wegen des Vcrlusts seines ehemaligen Hofes zu entschädigen. An des Grafen Beauharnais Stelle wollte der Kaiser den Grafen von N-arbonne, der bei der Vermahlung der Kaiserin mitgewirkt harte, annchmen, Marie Louise war darüber aber so betrübt, daß eS der Kaiser unterließ. Uibri» genS beruhte diese Abneigung der Kaiserin nur auf Hosintriguen ihrer Umgebungen, die von Beauharnais nichts zu befürchten hatten, aber Narbonne's Geist und Einfluß sehr scheuten. 2m Allgemeinen pflegte der Kaiser, wie er uns sagte, wenn er kitzliche Stellen zu besetzen hatte, seine Umgebungen nach Personen dafür zu befragen, und nach den Listen und Nachrichten, die er sich dadurch verschaffte, überlegte er dann insgeheim seine Wahl. Er nannte uns einige von den Damen, die man ihm zur Dberhofmeisterin vorgcschlagen hatte, es waren die Prinzessin de Vaudemont, eine Madame de la Rochefoucault, die dann Madame de Castellancs ward, und mehrere andere. Dann fragte er uns, wenn wir wohl selbst vorgeschlagen hätten, und bei dieser Gelegenheit ließen wir einen großen Theil des Hofstaats die Musterung passiren. Bei dem Namen der Madame de Montesquieu, den einer von uns nannte, antwortete er: „DaS will ich wohl meinen, aber sie hatte einen noch bessern Posten. Das ist eine Dame von seltnem Verdienste. Ihre Religiosität ist aufrichtig, ihre Grundsätze sind trefflich. Sie hat sich hohe Ansprüche auf meine Achtung und Zuneigung erworben. Hätte ich zwei wie sie, ich hätte ein halbes Dutzend gehabt, ich hätte sie ehrenvoll angestcllt, und noch mehrere mir gewünscht. 2» Wien hat sie sich gegen meinen Sohn trefflich betragen." Jetzt noch etwas, das über die Art, wie der König von Ron, erzogen ward, Ausschluß gicbc. Dieser junge Prinz wohmr in, uncern Stockwerk, das aus den Hof der Tuillcricn ging. Wenige Stunden des Tages gab eö, wo nicht eine Menge Zu« schauer durch daS Fenster sahen, um ihn zu erblicken. AlS er eines Tages heftig böS war, und gegen alle Anordnungen der Montesquieu sich rebellisch bezcigre, befahl diese sogleich, alle Fcn« sterladcn zu schliessen. ES ward plötzlich finster. DaS Kind, davon bestürzt, fragte „Maman Duiou," weöhalb sie das thue. „Teil ich Sie zu lieb habe, antwortete sie, um Ihre Unart nicht vor jedermann zu verbergen. Waö würden alle die Menschen, über die Sie vielleicht einst herrschen, sagen, wenn sie Sie in einem solchen Zustande gesehen hätten! Glauben Sic denn, daß sie Ihnen dann gehorchen möchten, wenn sie wüßten, daß Sie so böß wäreitti" Und daS Kind bat auf der Stelle um Verzeihung, und versprach, cs künftig nicht wieder zu thun. „Das ist doch, setzte der Kaiser hinzu, ein ganz anderes Benehmen, als das von Villeroi mit Ludwig XV. Dieser sagte zu dem Knaben: Sehe» Sic dieses Volk, mein Gebieter, es gehört Ihnen, alle die Mcn> scheu, welche sie da erblicken, sind die Ihrigen." Das Kind bctecc aber auch Frau von Montesquieu an. Ais man sie von Wien sorcschicken wollte, mußte man zur List seine Zuflucht nehmen, um eö zu tauschen, ja mau fürchtete für dessen Gesundheit. Der Kaiser hatte über die Erziehung des Königs von Rom viele neue Ideen. Er rechnete auf daS Institut in Mcudon, dessen Gründung er schon beschlossen hatte, und wo er diese Ansichten zu entwickeln gedachte. Dort wollte er alle Prinzen dcS kaisceli« chen HauseS versammeln, besonders aber die von allen den Zwei« gen, die er auf den Königsthron gehoben hatte. Dorr hatte man, glaubte er, mit der Sorgfalt der Privaterzichung alle Vor« lheile der gemeinschaftlichen vereinen können. „Diese Kinder, sagte er, welche bestimmt waren, auf verschiedenen Thronen zu sitzen, und über verschiedene Nationen zu herrschen, hätten dort gemein« schaftliche Grundsätze eingcsogcn, gleiche Sitten gelernt, cinandcc ähnliche Ideen aufgcfaßt. Um das Verschmelzen und die Gleich« heit der föderativen Theile des ganzen KaiscrstaatS zu erleichtern, hätten die Prinzen dann von auSwärtS her 10 bis 12 Kinder ihres Alters und aus den ersten Familien ihrer Länder »litgcbrackc, Welchen Einfluß würden diese dann nicht darin bei ihrer Rückkehr gezeigt haben. Ich zweifle gar nicht daran, fuhr der Kaiser fort, daß nicht auch die Fürsten fremder Dynastien mich, als um eine große Gunst, gebeten hätten, auch ihre Kinder dort erziehen laßen r k ! — yg zu dürfen.' Und welcher Vortheil würde nicht daraus für die Wohlfarth der Völker Europas entstanden seyn. Diese lungen Prinzen sämmtlich waren dann schon zeitig genug bei einander gewesen, um jene Bänder zu knüpfen, die in den 2ahrcn der Kindheit so süß und so mächtig sind, und würden doch auch zeirig genug wieder getrennt worden seyn, um den fürchterlichen Folgen entstehender Leidenschaften, dem Streben nach Vorrang, dem Ehr» geiz des Erfolgs, der Eifersucht der Liebe zuvorzukommcn. Der Kaiser hatte die 2dce, dass die ganze Erziehung dieser dcreinstigcn Könige sich auf allgemeine Kenntnisse, große Uibcrblicke, Summarien, Resultate hätte gründen sollen. Er wollte mehr Kenntniß als Wissenschaft, mehr Urcheil als Wissen, mehr An» Wendung der Details als Studium der Theorien haben, vorzüg« lich nicht zu weit ausgesponnene besondere Theile, denn er hielt die Vervollkommnung, oder vielmehr das zu weite Fortschreitcn in gewisse» Einzelnheiten, in den Künsten, wie in den Wissenschaften einem Fürsten für nachthcilig. Die Völker, sagte er, können nur dabei verlieren, wenn sie einen Dichter, einen Virtuosen, einen Naturforscher, einen Chemiker, einen Drechsler, einen Schlosser u. s. w. zum Könige haben. Marie Louise gestand dem Kaiser, daß sie in den ersten Au» genblicken, wo von einer Vermählung mit ihm die Rede gewesen sei, sich eines gewissen Schreckens nicht habe enthalten können, weil sie unter den Ihrigen immer so viel Nachthciligcü von Napoleon gehört, doch hätten, alS sie dieses angeführt, ihre Onkels, die Erzherzoge, die sie zu dieser Verbindung sehr anlriebcn, ihr geantwortet: das sei alles nur damals wahr gewesen, als er unser Feind, jetzt sei er aber das nicht mehr. „Uibrigens, setzte Napoleon hinzu, um euch eine Idee von der Sympathie und dein Wohlwollen für uns zu geben, in welchen man diese Familie erzog, erzähle ich euch, daß einer der sehr jungen Erzherzoge oft seine Puppen verbrannte, und dazu sagte, er brate Napoleon. Freilich, sagte er nachher, daß er ihn nicht mehr brate, daß er ihn jetzt sehr liebe, weil er seiner Schwe» ster Louise viel Geld gebe, um ihm Spielsachen dafür zu schicken." Seit meiner Rückkehr nach Europa hatte ich mehr als eine Gelegenheit, mich von den Ausdrücken, wie den Gesinnungen dieses Hauses in Betreff Napoleons zu überzeugen. 2ch habe es aus dem Munde eines sehr angesehenen Mannes selbst, der eS mir in Deutschland erzählte, daß, alS er bei dem Kaiser Franz auf dessen italienischer Reise im 2ahre 1816 eine Privat-Audicnz hatte, auch die Rede auf Napoleon kam. Da sprach Franz nur auf das vortheilhasteste von ihm. Man halte denken sollen, sagte mein 44 Gewährsmann, daß er ihn noch für den Beherrscher Frankreichs Hel« re, und ganz vergessen habe, daß er tn diesem Augenblicke auf Sr. Helena scy. Er nannte ihn nie anders, alS den Kaiser Napoleon. Dieselbe Person erzählte mir auch, daß der Erzherzog Johann, , als derselbe in Italien eine Rotunde besuchte, an deren Plafond man ein Gemälde erblickte, welches eine berühmte That Napoleons verstellte, und beim Zurückbiegen des Kopfs dessen Hut hcrabficl, worauf denn gleich das Gefolge hcrbeistürzte, um Ihn wieder auf« zuhcben, tn die Worte ausbrach: „Laßt cS seyn, laßt cs! so ge« bührt es sich, den Mann zu betrachten, der dort oben steht." Bei dieser Gelegenheit will ich noch einige Notizen mittheilen, die ich seit meiner Rückkehr nach Europa In Deutschland erfuhr, und um ihnen den rechten Werth zu crthcilen, füge ich hinzu, daß sie von Personen herrühren, die zu den Hähern Diplomaten gehi« rcn. Man weiß, daß alle diese Personen unter sich eine Art von Familie, eine Art Frcimauerel bilden, und ihre Duellen stets die sichersten sind. Die Kaiserin Marie Luise klagte darüber, daß als sic Frankreich verlies, Tallcyrand sich die Ehre Vorbehalten hatte sie uni die Rückgabe der Staatsdiamantcn zu ersuchen, und genau nachzusehcn, ob sie vollständig erfolgt scy. Bel den Unglücksfallcn, welche im Jahr 18l4. über Frankreich hercinbrachen, war der Prinz Eugen der Gegenstand einer Menge glänzender Anerbietungen und Verführungen. Ein österreichischer General bot ihm im Namen der Alliirten, wenn er sich mir ihnen verbinden wolle, die Krone von Italien an. Dieses Anerbieten kam dann von noch höherer Hand und ward öfters wiederholt. Bel der Kaiser!. Regierung war schon von ihm für die Throne von Portugal, Neapel und Pohlen die Rede gewesen. Im Jahre 1815. sondirte ihn sehr wichtige Diplomaten, um zu erfahren, ob, wenn Napoleon von neuem abdanken müßte, und die Wahl des Volks sich auf ihn richte, er die Krone annehmen werde. Hierbei, wie sonst stetS,. war der Prinz aus dem Pfade der Pflicht und Ehre, die ihn unsterblich gemacht haben, unerschütterlich. Ehre und Treue, war seine stete Antwort, und die Nachwelt wird diese Worte zu seiner Devise wählen. Als im Jahre 1814. die Staaten vertheilt wurden, wollte Kaiser Alexander, der oft zur Kaiserin Josephine nach Malmaison ging, deren Sohne die Oberherrschaft über Genua verschaffen. Sie schlug es, auf Andringen eines dirigirenden Diplomaten, der ihr fälschlich Hofnung zu etwas besser«» machte, aus. Derselbe Kaiser Alexander, der den Prinz Eugen mit besondcrm Wohlwollen beehrte, begehrte aus dein Wiener Eongresse für ihn wenigstens 300,000 43 Untcrthanen. Er bezeigte ihm damals eine innige Freundschaft, «nd ging regelmäßig jeden Tag mit ihm Arm in Arm spazieren. Die Landung zu Cannes machte, wenn auch nicht diesen Gesinnungen, doch wenigstens dem öffentlichen Zeichen derselben und dem politischen Interesse des Kaisers von Rußland für Eugen ein Ende. ES war damals selbst Seiten Oesterreichs die Rede, sich der Person Eugens zu bemächtigen und ihn in eine ungarische Festung zu senden, aber sein Schwiegervater, der König von Bayern, eilte voll Unwillens zu dem Kaiser von Oesterreich und stellte ihm vor, daß Enge» unter seinem Schutze, unter seiner Garantie nach Wien gekommen seyn, und diese doch nicht verlezt werden dürste. So blieb Engen auf sein und des Königs, seines Schwiegervaters Ehrenwort, frei. — Noch 1818. prägte man in Mailand Goldstücke zu 20 Francs ^ und 40 Francs mit Napoleons Bild, und der Zahrzahl 1814. - SeyS ans Oekonomie oder woher sonst, man hatte noch keinen andern Stempel geschnitten. — Alexander hac seit Napoleons Sturz bei mchrern besondern Gelegenheiten eine» entschiednen und heftigen Widerwillen gegen ihn gezeigt. Er war im Jahre 1815. die Seele und der Beförderer deS zweiten KreuzzugcS gegen Napoleon, er hat alles mit einer solchen Wärme geleitet, als ob es eine Privarsache scy, indem, wie er selbst sagte, seine Abneigung darauf beruhe, daß er von ihm betrogen und überlistet worden scy. War dieses spätere Gefühl nicht bloS scheinbar, so hat man alle Ursache zu glauben, daß es von einem ehemaligen Vertrauten Napoleons geweckt worden sey, welcher die Kunst verstand, in geheimen Unterredungen Alexanders Eigenliebe durch wahre oder falsche Mitthcilungen von den Ansichten und Geständnissen Napoleons, in Betreff seines hohen Freundes, zu verletzen. 3m Jahre 1814. ließ Alexander vcrmuthen, daß er sich nicht entgegensetzen würde, wenn der junge Napoleon zur Krone gelange. Seit der zweiten Abdankung scheint er bei weiten weniger Wohlwollen für dieses Kind zu hegen. Der Kaiser Alexander rückte bei dem zweiten Kreuzzuge mit Ungeheuern Massen vor. Man hörte ihn damals die Meinung aus- sprechen, daß der Krieg leicht 3 Zahre dauern könne, aber Napoleon doch unterliegen müsse. Bei der ersten Nachricht von der Schlacht bei Flcurus erhielten die Spitzen aller russischen Colonnen Befehl, auf der Stelle Halt zu machen, während ihrer Seits die ganzen österreichischen Truppen im selben Augenblicke dadurch gcnöthigt wurden, sich von ihnen zu trennen und für sich allein zu agiren. Wäre der Wie- —» 46 — ncr Kongreß vor dem 20. März auseinander gewesen, so hätte man der größten Wahrscheinlichkeit nach den Kreuzzng nicht wieder beginnen können, und wenn Napoleon bei Waterloo gesiegt hätte, so würde er ohne Zweifel sich aufgclöset haben. Die Nachricht von der Landung Napoleons zu Cannes war ein Donnerschlag für unfern Bevollmächtigten in Wien. Wahr ist eS, daß er die Redaction der Declaration vom 13. Mär; besorgt harte, und so heftig sie auch ist, so war es doch der Entwurf dazu noch weit mehr. Die andern Minister milderten ihn. Gestalt und Haltung dieses Bevollmächtigten waren, je nachdem man Napoleons Fortschritte erfuhr, ein Thermometer, über welchen alle Mitglieder des Kongresses lachen mußten. -Oesterreich wußte sehr bald woran cs sich zu halten hatte. Seine Kuriere gaben ihm treffliche Nachrichten. Nur die ftanzö- fische Gesandschaft blieb stets im Zweifel. Sie vertheiltc sogar noch einen heldenmüthigcn Brief des Königs an alle Souvcramc, um ihnen zu erkennen zu geben, wie er entschlossen scy in de» Tuilcrien zu sterben, als man schon wußte, daß er aus der Hauptstadt nach den Gränzcn abgercist sey. Ein Mitglied des Kongresses und Lord Wellington unterhielten sich vertraulich mir der französischen Gesandschaft, und bezcichnctcn, die Karte in der Hand, den 20. oder 21. als den Tag des Eintreffens Napoleons in Paris. So wie der Kaiser Franz offizielle Mictheilungen von Grenoble oder Lyon erhielt, sandte er sie unmittelbar nach Schönbrun an Marie Louise, die sich der höchsten Freude deshalb überlics. lind allerdings ist cs wahr, daß später von einer Entführung des jungen Napoleon die Rede war, um ihn nach Frankreich zu bringen. Der französische Bevollmächtigte verlies endlich Wien, und ging, um eine bessere Lage für die Unterhandlungen entweder in Gent oder Paris anzunchmen, nach Frankfurt und WiSbadcn. Nie empfand ein Hofmann größere Angst und Verlegenheit über die Ereignisse, als er. Die Hitze, in welche ihn die Nachricht von Napoleons Landun zu Cannes gebracht hatte, war durch dessen Einzug in Paris schon sehr gemäßigt, und er harte sich mit Fouch» einverstanden, daß stcser ihn bei Napoleon vertreten solle, während er dieses seinerseits für Fouchs bei den Bourbons thun wolle. Man kann mit Recht glauben, daß die Anerbietungen dieses Bevollmächtigten bei seinem neuen Herrn noch stärker waren und noch weiter gingen, daß aber Napoleon sie mit Unwillen verwarf, um, wie er sagte, seine Politik nicht allzusehr herabzuwürdigcn. Im Zahr 1814. war Tallcyrand, che er sich für die Bourbons erklärte, zuerst der Regentschaft geneigt. Aber er wollte die Haupt- rolle dabei spielen. Umstände, welche für die Dynastie Napoleons höchst unglücklich waren, verhinderten die Benutzung dieses Augenblicks der Ungewißheit. Alles scheint übrigens zu beweisen, daß daS damals obsiegende Resultat ganz gegen -Oesterreichs Absichten ' war, daß dieses dabei wahrscheinlich betrogen, verrathen, oder wenigstens mit Scurm genommen ward. 2n den militärischen Bewegungen lag der Unfall, daß die At- liirkcn in Paris ohne Coneurrcnz des österreichischen CabinetS cin- rückten. Die berühmte Erklärung Alexanders gegen Napoleon Bo- napartc und dessen Familie ward ohne Vcirath -Oesterreichs gemacht, und der Graf Artois schlich sich nur wider Willen dcö Oc- sterreichischcn Hauptquartiers, das ihm sogar Pässe verweigerte, in Frankreich ein. Es scheint, als habe -Oesterreich nach Napoleons Rückkehr von Moskau sich in London redlich für den Frieden mit diesem verwendet; aber das russische Cabinct war dort allmächtig und wollte auf nichts hören. 2c;t trat der Waffenstillstand von Dresden ein, und Oesterreich ergriff die Parthc! des Kriegs. 5n dieser Zwischenzeit ward der österreichische Unterhändler in London nie gehört. Doch blieb er noch lange Zeit dort, und verließ cs nicht eher, als bis die Ailiirtcn ins Herz Frankreichs eingedrungen waren, und Lord Castlcreagh einen Augenblick ahnen ließ, daß Napoleons errungene Vorchcile Unterhandlungen unumgänglich nothwendig machen dürften. Wenn dieser Unterhändler nicht deshalb nach London gesendet worden wäre, so hätte man ihn nach Paris geschickt, und vielleicht hatte er dann dort dahin einwirken können, eine ganz andere Wen-, düng hcrbcizuführcn, als die welche während seiner Abwesenheit zwischen den Tuilcricn und Wien eintrat. Bei der Hauptcrisis ward er gleichsam mit Gewalt in England zurnckgehaltcn. Ungeduldig den Mittelpunkt der wichtigsten Unterhandlungen wieder zu erreichen, verließ er seinen Posten und kam trotz eines heftigen Srurms nach Holland. Kaum war er a ' der Geschäfts- bühne aber angelangt, alS er zu Saint-Dizier in .stapolcons Hände siel. Frankreichs Schicksal war jedoch dam-us schon entschieden, wenn inan es auch im französischen Haupt giartierc noch nicht wußte. Alexander rückte in Paris ein. Vergebens hatte der österrcichsche Unterhändler in London alle Mühe angcwcndet, sich einen Paß zu verschaffen, um über Calais und Paris wieder zu feinem Herrn zu gelangen. Diese zufällige oder absichtliche Verdrießlichkeit war ein Unglück mehr. Außerdem wäre er vor den Missten in Paris cingetroffcn, hätte Marien Lui- 48 sen gefunden, die leztern Pläne Talleyrands Hintertrieben und neue Ansichten aufgestellt. 2m österreichischen Cabinet gab es zwei Meinungen, eine für die Vereinigung mit Frankreich, die andere für die mit Rußland. Sey's Schicksal, sey's Folge von Jntrigiicn, die russische Parchei siegte endlich, und Oesterreich ward mit fortgerissen. Dienstag, den 14. November. Heute früh brachte man erträglichem Kaffee, er war sogar gut. Der Kaiser bezeigte, als er ihn kostete, ein wahres Vergnügen. Einige Augenblicke später rieb er sich den Magen mit der Hand, und sagte, wie es ihm darinn wohlthue. Es möchte schwer scyn, meine Gefühle bei diesen einfachen Worten zu schildern. Indem der Kaiser gegen seine Art einem so kleinen Genüsse so großen Werth beilegte, entdeckte er mir, ohne es zu wollen, das Fort» schreiten aller Entbehrungen, die man ihm aufcrlegce und worüber er sich nie beklagte. Als wir des Abends von unserem Nachmittagsspaziergange zu» rückkamen, las mir der Kaiser auf seinem Zimmer ein Kapitel über die provisorischen Consuls vor, daS er Montholon diktirt hatte. AlS die Lektüre beendet war, nahm der Kaiser ein Band, und heftete damit selbst die einzelnen Bogen zusammen. Es war spät. Schweigen der Nacht herrschte um uns. 2ch betrachtete den Kaiser bei dieser Arbeit, die länger dauerte. Meine Betrachtungen waren heute sehr schwermüthiger Art. 2ch blickte auf jene Hände, die so viele Zepter getragen haben, sie waren in diesem Augenblicke ruhig, vielleicht nicht einmal ohne Genuß, beschäftigt einfache Papierbogen an einander zu heften, denen der Geist, der über ihnen waltete, freilich Züge aufprägte, die nie verlöschen werden. Die Gemälde die er aussätc, werden llr« theile für die Nachwelt bleiben. Für viele von denen die darin stehen ist dies das Buch des Lebens oder des Todes. Stillschweigend sagte ich alles dieses und vieles andere noch zu mir selbst. Und der Kaiser liest mir daö alles vor, dachte ich, er spricht vertraulich mit mir, er fragt mich manchmal waS ich davon denke, ich wage es meine M nung zu sagen. O! ich bin nicht zu beklagen, daß ich nach St. Helena kam l — Mittwochs, den 15. November. Gleich nach dem Mittagsessen ging der Kaiser In seine untere Allee, ließ sich den Kaffee dorthin bringen und trank ihn beim Spazierengehen. Die Unterredung kam aus die Liebe. Ich mußte 49 ! hoch sehr schöne und zarte Sachen über diesen großen Gegenstand ; sagen, und mich alö sehr sentimental zeigen, well der Kaiser über i wein Gezwitscher, wie er eö nannte, lachte, und mir sagte, daß s er von Meinem romanhaften Geschwäz gar nichts verstehe. Er selbst sprach sehr leicht darüber hin und affectirte weit vertrauter ' mit Genüssen alS mit Gefühlen zu scheinen. Ich erlaubte mir zu bemerken, daß er sich zwinge, schlechter zu seyn, als dieses aus . sehr sichern und sehr geheimen Pallaistnachrichten doch hcrvorgehe. „lind was besagten die?" antwortete er, indem er mich scharf aber sehr heiter ansah. — Sire, man behauptet, daß aus dem Gi. h pfcl Ihrer Allmacht Sic sich von süßen Banden hatten fesseln las. j scn, daß sie sich als Held eines Romans benommen Härten, daß Eie sich bei einem Widerstande, der Sie überraschte, an eine nicht vornehme Dame angeschlossen und ihr wohl ein Dutzend Briefchen , zugeschickt hätten, diese aber Sie dahin gebracht und gezwungen, t sich, damit Sie allein zu ihr in ihre Wohnung in Paris kommen ^ konnten, einer Verkleidung zu unterwerfen. — „Aber wie hätte man denn das wissen können?" fragte der Kaiser lächelnd. — : Pas hieß doch nicht Nein sagen. — Und ohnstreitig, fuhr er dar. i auf fort, fügte man hinzu, daß dies die größte Unklughcit meines f Lebens gewesen, denn wenn die Dame nicht rechtlich war, waS !s hätte mir dann so allein und verkleidet bei den Verhältnissen, in s welchen ich mich befand, den Fallen, mit denen ich umgeben war, i nicht alles begegnen können? Aber was erzählte man weiter?" iS Sire, man behauptete, daß Ew. Majestät Nachkommenschaft sich s nicht auf den König von Rom beschränke. Die geheime Chronik s giebt ihm zwei ältere Geschwister, wovon der eine Bruder von deiner schönen Fremden stamme, welche Sie in weit entfernten Lan, i^den sehr geliebt hätten, der andre aber die Frucht einer nähern, s selbst in Ihrer Hauptstadt angcknüpften Verbindung sei. Man r sagte ferner, beide seien vor Ihrer Abreise nach Malmaison ge. ^kommen, den einen habe seine Mutter, den andern sein Vormund ^ dahin begleitet. Beide das lebendige Ebenbild ihres Vaters *). -f Der Kaiser lachte ungemein über so viele Kenntnisse, wie er l sich ausdrückte, und da er einmal sehr heiter gestimmt war, so fing an, seine frühem Jahre ohne allen Rückhalt und völlig freimü. l thig die Revüe passiren zu lassen, und erzählte ml so manches § Abentheuer des Herzens oder des Kopfs. Ich übergehe die erste ' Hälfte. AuS der zweiten führe ich ein Abendessen zu Anfang der s ') Man sagt, ein vertrautes Codizill ln Napoleons Testament, das aber ganz geheim bleiben solle, habe dies« Bermuthungen zur vollkommen» f sic» Wahrheit gestempelt. ^ L. Safes Tageb,». Bd, S l 4 50 Revolution an, In der Nachbarschaft der Saone urch In Gesellschis, ^ l mlc dem treuen Demazis, welches der Kaiser auf das ErM.U lichste erzählte. Ein wahres Wespennest, sagteer, wo seine pi-R triotische Beredsamkeit gewaltig gegen die entgegengesetzte Ansich! ' der übrigen Gäste zu kämpfen hatte, und er fast Gefahr dadurch - gelaufen wäre. „Wir beide waren damals ohne Zweifel sehr M von einander entfernt," bemerkte er. — Sire, antwortete ich, mag den Raum betraf, nicht so sehr, aber gewiß himmelweit in Bezufs auf die Ansichten. Ich war auch damals in der Nähe der Sasne auf einem Duai von Lyon, wo die Patrioten zusammen liefen und' gegen die Kanonen, die sie In den Barken entdeckt halten, und' welche sie eine Gegenrevolution nannten, gewaltig schimpften. 2ch erlaubte mir sehr zur Unzeit ihnen den guten Rath zu erthcilen,; sich dieser Kanonen dadurch zu versichern, daß sie dieselben den Bürst ^ gereid schweren ließen. Mein Vorlautscyn hätte mir bald den, ' HalS gekostet. Sie sehen Sire, daß ich im Nothfali und in deiust > selben Augenblicke das Gegengewicht zu Ihnen hätte abgcben kdiist ' neu, wenn Ihnen unter Ihren Aristokraten ein Unglück wiederfah'', ren wäre." Diese sonderbare Näherung war nicht die einzige, welche an diesem Abende zur Sprache kam. Der Kaiser hatte mir i eine intercssanre Anekdote vom Jahre 1788 erzählt, und fragtest mich dann: „Und Sie — wo konnten Sie wohl damals seyn?"—> , „Sire, antwortete ick nach einigen Sekunden, zu Martinique,«» ' Ich jeden Abend neben der künftigen Kaiserin Iosephine bei der Tafel saß." Es fing an zu regnen und wir mußten diese Allee verlasse», ! , welche, wie der Kaiser sagte, vielleicht uns eine nicht unangenehme.! ' Erinnerung gewähren werde. „DaS ist wohl möglich, bemerkte ich,A aber gewiß nicht eher, als biS wir fern davon scyn werden. Wj f dahin wollen wir unS begnügen, sie die philosophische Allee zu neu- : nen, da sie nun einmal nicht die des Lethe seyn kann." Donnerstag, am 16. November. Heute kam der Kaiser auf die Dorstadt St. Germain zu spu- chen und fragte vieles in Betreff dieses letzten Bollwerks der alte» Aristokraten, wie er sie nannte, dieser festverwachscncn Zuflucht der' s veralteten Vorurtheile, dieser germanischen Ligue. Ich versich« erte ihm, daß vor den letztem unglücklichen Criscn auch dort feinst, Macht von allen Selten eingedrungcn gewesen wäre. ES war gc». nommen dieses Bollwerk; ihm blieb nur noch der bloße Name. Der Ruhm hatte es anfangs erschüttert und dann besiegt. Durch ^ die Triumphe von Austerlitz, von Jena, von Tilsit war es völlig j erobert. Die Jugend, alle edle Herzen konnten bei dem Glanze -i ihres Vaterlandes nicht unempfindlich bleiben. Die Verbindung u mit Marie Luise vollendete diese Erfolge und von nun an gab eS ' , keine Unzufriednen mehr, als diejenigen, deren Ehrgeiz ungesättigt Mb, und dergleichen Wesen finden sich in allen Klassen, oder etwa einige hartköpfige Greise, oder hier und da ein ihren ehema- '' ligen Einfluß beweinendes altes Weib. Alle vernünftige und besonnene Leute beugten sich unter das Genie des Staatsoberhauptes - und suchten sich über den erlittenen Verlust mit der Hoffnung zu ^ tristen, daß vielleicht ihren Kindern ein schöneres Loos zu Theil werden könne. Nach diesem Ziel wendete sich vornämlich ihre Ein- i biidung. Sie waren dem Kaiser sehr dankbar für die Vorliebe, ? die er für die altern Geschlechtsnamen zeigte. Jeder Andre — ' das gaben sie zu — hätte damit begonnen, sie zu vernichten. Sie legten einen großen Werth auf das Vertrauen, womit der Kaiser sich mit ihnen umgab und rechneten es ihm sehr hoch an, baß er, indem er ihre Kinder zum Dienst bei der Armee forderte, ge« ^ sagt hatte: „Diese Namen sind Frankreichs Eigenthum, sie gehören der Geschichte an. 2ch bin der Beschützer ihres Ruhms und werde ihn nimmer untcrgehn lassen." Jene Worte und andre ähnliche Aeußerungcn hatten ihm eine große Anzahl von Prosely- ' ten zugeführt. Der Kaiser sagte jczt, daß doch dieser Parthei vielleicht nicht genug geschmeichelt worden wäre. „ Mein System der Verschmelzung forderte es und ich habe es gewollt, sogar befohlen. Allein die Minister und andre große Mittelspersonen haben hierbei niemals meine v Absichten ganz erfüllt; sei es nun, daß sie zu kurzsichtig waren, oder daß sie Nebenbuhler für die ihnen zu Theil werdende Gunst i und dadurch eine Verminderung ihres Vortheils fürchteten. Vor- ! nämlich hat der Herr von Talleyrand mir hierbei immer widerstrebt und nie aufgchört, mein Wohlwollen für den vormaligen ^ Adel zu bekämpfen." Ich bemerkte ihm, daß die große Zahl de» ! rer, die er an sich gezogen habe, sich bald ihm sehr ergeben gezeigt, i daß sie ihm rechtschaffen gedient hätten und im Allgemeinen in i dem Momente der Krise ihm treu geblieben waren. Der Kaiser »ar damit einverstanden und äußerte sogar, da der König zurückge- kommcn wäre und er dem Throne entsagt gehabt hätte, so habe dieses zweifache Ereigniß allerdings auf gewisse Meinungen und i Grundsätze sehr cinwirkcn müssen, wie er denn auch das Benehmen ! im 2ahr 1814 ganz anders, als das im 2ahre 1815 bewiesene f bemheile. j Hier fühle ich mich zu der Bemerkung gedrungen, daß ich, so ' lange ich den Kaiser kenne, ihn nie einen Augenblick erzürnt oder erbittert gegen legend Jemand gesehen habe, der sich auch noch s, schlecht in Beziehung auf ihn selbst betragen hatte. Er macht nie großes Aufheben davon, wenn ihm das Verhalten irgend einer Einzelnen besonders angerühmt wird, sondern er betrachtet das Geschehene als Pflichterfüllung, aber er ist auch nicht entrüstet gegen solche, die sich etwas zu Schulden gebracht haben. Er hatte es von ihnen zum Theil vorauSgesehcn — sie waren ihrer Natur treu geblieben — so sprach er von ihnen ganz kalt und ohne Galle, schob dabei selbst vieles auf die eingetretenen Umstünde, gestand, daß sic allerdings schwierig gewesen wären, und rechnete alle- Uibrige auf die menschliche Schwachheit. „Marinont, sagte er, hatte die Eitelkeit verführt. Sein Leben wird der Nachwelt nicht fleckenlos erscheinen und zwar mit Recht — aber sein Herz ist besser als sein Nachruhm. Augercau'S Verhalten erklärte er aus seinem Mangel an Verstand und seiner schlechten Umgebung. Bert hier, meinte er, sei ebenfalls ein geistloser, unbedeutender Mensch gewesen u. s. w. Ich gedachte, daß der letztere sich die schönste und leichteste Gelegenheit, seinen Namen berühmt zu machen, habe entgehen lassen. Er hätte dem König auf gerade und rechtliche Weise seine Unterwürfigkeit erklären, ihn aber zugleich bitten sollen, ihm zu gestatten, daß er in der Einsamkeit denjenigen beweine, der ihn mit dem Namen seines Waffcngefährtcn beehrt und ihn seinen Freund genannt hatte. „Ja, sagte der Kaiser, so einfach auch dieses Benehmen gewesen wäre, so überstieg daS doch feine Kräfte." — Wir haben uns oft über seine Fähigkeiten und seine Geisteömittel gestritten, sagte ick weiter; Ew- Majestät Wahl, Ihr ihm geschenktes Vertrauen, Ihre besondere Gunst hat uns oft sehr verwundert. — „Berchierwar bei alle dem nicht ohne Talente, erwiederrc hierauf der Kaiser, und ich bin weit entfernt, ihn und meine Gesinnungen zu vcrläugnen; aber seine Talente waren, wie seine Verdienste, nur speziell und technisch — sonst war durchaus kein Geist in ihm — und dann so schwach!" — Ich bemerkte, daß er demohner- achtet sehr anspruchsvoll, sehr hochmüchig gegen unö gewesen sei. „Und der Titel eines Günstlingö, rechnen Sie den für nichts?" sagte der Kaiser. — Ich fuhr fort: Er war so hart, so absprechend. — „Nichts in der Welt, entgegnete jezt der Kaiser, ist so gebieterisch, als die Schwäche, die sich nur von der Kraft unterstützt fühlen muß, daö sehen Sie an den Weibern." Der Kaiser hatte bei seinen Feldzügen Berthier mit in seinem Wagen. Unterwegs auf den Landstraßen durchlief der Kaiser gewöhnlich sein Ordrcsbuch und seine ElatS, saßte Beschlüsse, entwarf Pläne und ordnete die verschiedenen Bewegungen an. Ber- Hier nahm Kennmiß davon und fertigte nachher, auf der ersten l Elation, oder bei dem ersten ruhigen Momente, cS mochte nun Lag oder Nacht seyn, seinerseits die verschiedenen DrdreS auS und bei'orace alles, was nur nöchig schien, mir einer Rcaclmäßiakeir, t »nermiwet. „Seyen Sie woyr: spicrinncn lag das spezielle User« ^ dienst BerthierS. Es war für mich sehr wichtig und von großem Werth; kein Andrer hätte ihn ersetzen können." i 5ich komme noch auf einige charakteristische Züge des Kaisers. ^ Es ist wahr, er spricht kalt, ohne alle Leidenschaft, ohne Dorur« s lheii, ohne Empfindlichkeit von den Begebenheiten und Personen, die mit seinem Leben in Verbindung stehen. Man fühlt, er könnte der Verbündete seiner erbittertesten Feinde werden und mit dem Menschen leben, der ihm das größte Leid zugcfügt hat. Er spricht - von seiner Geschichte, alS wenn sich Alles vor dreihundert 3ah« ren ^»getragen hätte. Seine Erzählungen und seine Bcmer« kungen führen die Sprache vergangner Jahrhunderte. Es sind Gespräche iin Reiche der Todten, er selbst gleicht dabei cinem Schatten in den elyseischcn Feldern. Wenn er von den Handlungen des Kaisers spricht, so drückt er sich dabei oftmals so ans, alo ob von einer dritten Person die Rede wäre, zeigt dann die Thatsachen an, welche die Geschichte ihm zum Vorwurf machen könnte, setzt aber auch die Ursachen und Bewegungsgründe auS« einander, die inan zu seiner Rechtfertigung anführen kann. Er könne, so sagt er, keinen seiner Fehler auf Andre schieben, indem er stctö nur seiner eignen Einsicht gefolgt sei. Höchstens , dürfe er sich über falsche Nachrichten, nie über schlechte Rath« schläge beklagen. Er habe sich srccS mit den einsichtsvollsten Per« sonen umgeben, aber doch bei alle dem sich nur an seine eigne Bcur« lhcilung gehalten, und sei weit davon entfernt, das zu bereuen. ,,Un« - tiitschlossenhcit und Anarchie beiden Urhebern, sagte er, bringe Anarchie ltiid Schwäche in den Resultaten hervor. Die Billigkeit fordere ' aber, daß wenn man dein Kaiser die Fehler zum Vorwurf machen i wolle, die auf seine alleinige Rechnung fallen, man dagegen auch die droßthacen auf die andre Waagschaale legen müsse, welche unter« blieben wären, sammt den andern Fehlern, die er begangen haben würde, wenn er sich auf die Rathschläge Anderer verlassen hätte." Bei der Verwickelung der Umstände, die seinen Fall begleiteten, sieht er Alles so in Massen, und betrachtet cö von einem so hohen Standpunkte, daß die Menschen sich ganz verlieren. Er äußerte noch »lesich tcbhastgegendiejciiigcn, von denen man glauben sollte, daß ersieh über sie am mchrstcn zu beklagen habe« DaS größte Zeichen seiner einer Genauigkeit und Schnelle, die, wie der Kaiser sagte, bewnn« . dmiswerth war. Zu dieser Arbeit war er stets bereit und dabei -— 64 -—- . Verwerfung ist, wie ich mich oft schon überzeugt habe, daß er M bleibt, wenn man eine Person dieser Art erwähnt. Aber wie oft fällt er uns inS Wort, wenn wir in seinem Bciseyn uns hart und ohne Rückhalt ausdrücken. „Sie kennen die Menschen nicht, sagt er dann, sie sind schwer zu fassen, wenn man gerecht seyn will. Kennen sie sich —- verstehen sie sich wohl selbst? Die mchrsten , von denen, die mich verlassen haben, hätten wohl, wäre ich fortwährend im Glück geblieben, ihren eignen Abfall nicht für möglich gehalten. Cs giebt Fehler und Tugenden der Verhältnisse. Unsre letzten Erfahrungen sind über alle menschliche Kräfte! Und dann bin ich ' mehr verlassen als verreichen worden, es war mehr die Schwäche als die Untreue mir zur Seite — die Verläugnung Petri, - wobei Reue und Thränen schon vor der Thüre seyn können. Und wer hat dagegen wohl jemals mehr Anhänger und Freunde gehabt, wer war mehr der Mann des Volks und mehr geliebt als ich? Wer ist je so laut und innig betrauert worden? — Sehen Sir, wenn wir hier auf meinem Felsen von den jetzigen Unruhen in Frankreich lesen, soll man da nicht versucht seyn zu glauben, daß ich noch dort herrsche? DieKönigeund dieFürsten, mcineVcrbündcten, sind bis zum letzten Augenblicke mir treu gewesen. Sie wurden von dcn Völkern in Masse mir entführt und alle die zu meiner nähern Umge- bung gehörten, waren in einer höchst verwickelten Lage und so verblüfft, daß sie wie von einem mächtigen Wirbelwind unaufhaltsam mit fortgerissen wurden. — Nein, die menschliche Natur konm sich noch häßlicher zeigen und ich noch mehr zu beklagen seyn!" Freitag, am 17. November. Heute fragte mich der Kaiser über die Offizianten seines HauftS. Zwei bis drei derselben ausgenommen, die selbst die Verachtung der Parthei, zu der sie übergcgangen waren, auf sich geladen hat- ten, konnte man den übrigen nichts nachsagcn. Die große Mehr- . zahl derselben hatte sich sogar auf thätige Weise ihm ergeben be- f wiesen. Der Kaiser erkundigte sich nun besonders nach einigen, die er nannte, und ich konnte nur Gutes von ihnen berichten. Bei einem derselben unterbrach er mich schnell — „Was sagen Sie mir da, rief er aus und ich — ich habe ihn bei meiner Rückkehr so schlecht in den Tuilerien empfangen! Ach! wie sehr fürchte ich, daß ich gegen meinen Willen Ungerechtigkeiten begangen habe. So geht cs, wenn man sich gleich auf das erste Gerede verlassen muß und nicht Zeit hat, die Sache näher zu untersuchen. Wie sehr habe ich auch zu besorgen, daß ich eine Menge von Dankesschulden hinterlasscn habe. Wie unglücklich ist man doch, wenn man nicht alles selbst thun kann!" § ! Ich crwicdertc: „Sire! So viel Ist gewiß, daß wenn die Ls« sjMie» dcö Hauses sich Fehler zu Schulden gebracht haben, eS bc. seiiderS Fehler Ihrer Gesammthclc gewesen sind; aber eben diese mußten uns ln den Augen der andern Nationen sehr erniedrigen. Sobald nur der König wiedcrkam, hat man sich vor ihm nicdcrgc- ivorftn, nicht wie vor dem Herrn, den uns Ihre Entsagung gab, sondern wie vor dem, der nie aufgchört hatte cs zu seyn. Nicht mit jener Menschenwürde, die sich fühlt, Immer in dem Wege der Pflicht geblieben zu seyn, sondern mit der zweideutigen Derlc- gcnheit eines Höflings, der sich ungeschickt benommen zu haben fürchtet. Ew. Majestät wurden von diesem Augenblicke an nicht weiter anerkannt und selbst verläugnct. Der Name Kaiser verschwand. Die Minister, die Großen, selbst die Vertrauten Ew. Majestät crröthecen nicht vor sich selbst, nicht vor der Nation, nunmehr nur Bonapartc zu sagen. Man war gezwungen gewesen zu bleuen, hatte nicht anders gekonnt, würde außerdem zu schlechte Behandlung haben erdulden müssen " u. s. w. Der Kaiser fand darinnen die Eigenheiten unserS Nationalcharakters und daß wir noch Immer die alten Gallier waren; der nämliche Leichtsinn, die nämliche Unbeständigkeit und besonders die nämliche Eirclkeit. „Wenn werden wir nur endlich, sagte er, diese mit etwas Srolz vertauschen?" — „In jedem Falle, fuhr ich fort, haben die -Offizianten deö Hauffs eine schöne Gelegenheit versäumt, sich selbst zu ehren unv zugleich sich sehr beliebt im Volk zu machen. Ihre Zahl betrug über hundert und fünfzig; viele davon gehörten zu den ältesten Geschlechtern und alle besaßen ein Vermögen, dag sie ganz unabhängig machte. An ihnen war cS, ein Beispiel zu geben, wodurch, wenn eS deren Mehrere befolgt hätten, die Nation selbst eine andere Richtung bekommen und wir dann ein Recht auf die allgemeine Achtung erhalten haben würden" *). Wohl ist eö gewiß, ') Es wurde, zum Vorbild für andre Corps, der Entwurf einer Adresse der Offizianten des Hauses an den König in diesem Geiste gefertigt. Er lautete folgcndcrmaasen: „Sire! Die Unterzeichneten, welche zu dem Hause des Kaisers Napoleon gehörten, bitten Ew. Majestät um die Gnade einer besons dern Berücksichtigung. „Sie waren, als die Erbe» der Verpflichtungen ihrer Vorfahren, Vorhlu treue Vcrtheidigcr des Thrones. Niedrere von ihnen sind Ew. Majestät lauge Jahre hindurch in fremde Länder gefolgt und haben ihre Ergebende«! mit de!» Verlust ihres Vermögens besiegelt. „Diele ilirc bekannten Grundsätze und ihr gebilligtes Verhalten, waren re, weshalb inan, als em ukucr Thron errichtet werden sollte, sagt« der Kaiser, daß wenn alle ersten Klassen durchgehend- k, die, ser Are sich benommen hätten, die Sachen ganz anders gegangen scyn würden. Die alten Zeitungsschreiber hätten nichts von dem Hirngespinste der alten guten Zeit geträumt, es wäre nicht Rede von einer geraden noch von einer krummen Linie gewesen, der Ki- iiig hätte sich ganz ordentlich an seine Charte gehalten; mir wäre es nicht eingefallen, die 2nsel Elba zu verlassen. Der edlere Theil der Nation hätte seinen Rang in dem Buche der Geschichte mit mehr Ehre und Würde behauptet; wir hätten Alle dabei, gewonnen.^ vornämlich auf st« das Augenmerk richtet« und Ihnen bas Vorzugsrecht einräumte, demselben nahe zu sichen. „Die Erwartung dessen, dem zu dienen wir nun berufen warm, wurde nicht getäuscht und konnte eS nicht werden, da wir auch tirse neuen Verpflichtungen mit Ehre und Treue erfüllten. Die sonach von uns beobachteten Grundsähe — Sire! die sichern Bürgen aller übrige», würden hinreichcn, um uns selbst zu achten, wenn wir in «nissiger Verborgenheit bleiben dürften. Aber ist wohl redlichen und guten Franzosen ein solcher gänzlicher Ruhestand angemessen? Und wenn auch einige von uns aus Zartgefühl sich veranlaßt fände», in der Stille ihre neue Berufung zu erwarten, könnte nicht vielleicht der Wcwcgungsgrund, der sie leitet, verkannt werden? Und wäre von der ander» Seite eS nicht eben so möglich, daß diejenigen mißverstanden würden, die nur ihrem Herzen folgend, der Gnade Ew. Majestät zu schnell entgegen kämen? „Dies ist, Sire! die ganz eigne zarte Lage, in welcher wir «ns jezt befinde». Aber sie hat schon ihre Endschaft erreicht, sobald Ew. Majestät so gnädig sind sie zu erwäge». Ihr königliches Herz wird das Gefühl zu deuten wissen, das uns in diesem Augenblicke leitet und unser» aufrichtigen Wunsch, Ihnen und dem Vaterland» mit gewohntem Eifer und unsrer bisherige» Treue zu dienen, huldreich aufnehmen." Man faud Schwierigkeiten bei den Unterschriften dieser so abgemessenen Schrift. Kaum sollte man cs glauben, daß das offene, bestimmte und »«entschuldigte Eingeständnis unsrer bisherigen Funktionen, vornämlich aber die Worte: der Kaiser Napoleon", große Bedenklichkeiten verursachten. Jeder fand dabei eine, nach Verschiedenheit seines Charakters. Sv war die Stimmung in diesen Tagen, Man brachte sonach nicht mehr als siebzehn Unterschriften zusammen; achtzehn bis zwanzig versprachen, die ihrigen noch hinzuzubringen, sobald nur fünf und zwanzig unterzeichnet haben würden; aber niemand wollte beitragen, diese Zahl voll zu machen. Zwei sogar, welche besorgten, etwas gethan zu haben, was sie nicht recht gefaßt hätten, da eigentlich ihre Meinung nur gewesen sei, um Bestätigung in ihren Posten anzusuchen, gingen hin, um ihre Unterschrift wieder auSzustrcichcn. Das Original dieser Schrift muß in de» Händen eines der Unterzeichner zu Paris oder zu Versailles geblieben ftp». Sonnabend, am 18. November. - ! Ilm 4 Uhr führte mich der Kaiser nach der gewöhnlichen Ar- Leit in den Garten. Er hatte eben über Korsika dikcirt und war rannt;u Ende gekommen. Es war hierbei dieser Gegenstand in Beziehung auf die Insel, auf Paoli, auf den Einfluß, den er selbst nach seiner Trennung von Paoli, seiner Zugend ungeachtet, erlangt hatte, erschöpft worden, und er hatte nur noch hinzugefügt, daß er überzeugt sei, er würde alle Wünsche, alle Meinungen, alle Kräfte daselbst vereint haben und gegen jede fremde Macht geschützt gewesen scyn, wenn er bei dem Weggange von Paris sich nach Korsika zurückgezogen hätte. Er hatte, als er seinem Sohne zpl Gunsten der Krone entsagte, wirklich diese Absicht gehabt und auf dem Punkte gestanden, sich den Besitz von Korsika auf Lebenszeit vor- zubchaitcn. 2n Ansehung des MeereS war kein Hinderniß vorhanden, um hinzugclangcn. Er wollte cS aber nicht, damit seine Entsagung freier und nützlicher für Frankreich seyn möchte. Sein Aufenthalt im Mittelpunkte deS mittelländischen Meeres, im Herzen von Europa, so nahe bei Frankreich und Italien hätte den Alliir- ten einen dauernden Vorwand darbietcn können. Er zog selbst Amerika England vor und zwar auö dem nämlichen Bewegungsgrunde und In derselben Zdce. Freilich hatte er, nach der Offenheit in seinen Maasregcln, die ungerechte und gewaltsame Deportation nach St. Helena nicht vorhergeschen und, wie er sagte, nicht vorhcrschen können. Späterhin durchlief der Kaiser verschiedene Epochen der Revolution und verweilte bei Robcspierre, den er zwar nicht gekannt hatte, dem er aber weder Talent, noch Kraft, noch ein System zugestand. Nichts desto weniger hielt er ihn für eine» wahren Sün- dcnbock der Revolution, der, sobald er sic in ihrelu Laufe aufhalten wollte, geopfert wurde. Er bemerkte, es sei dies übrigens das gewöhnliche Schicksal aller derer gewesen, die bis auf ihn, Napoleon, einen Versuch dieser Art gewagt hätten. Die Terroristen und ihre Lehre überlebten Robespicrre, und wenn ihre Unchaten nicht fortdauerten, so war cS nur um deswillen, weil sie der öffentlichen Meinung nachgeben mußten. Sie schoben alles Geschehene auf Robcspicrrc; aber dieser antwortete vor seinem Tode, daß er gar keine Schuld an den letztem Hinrichtungen habe, da er seit sechs Wochen nicht bei den Eomiteen erschienen wäre. Napoleon gestand, daß er bei der Armee von Nizza lange Briese desselben an seinen Bruder gesehen habe, worinnen er die SchreckenSthaten der Convents-Commissarien mißbilligt und sagt, daß sie durch ihre Tyrannei und dir verübten Grausamkeiten der Revolution den größten Schaden brächten w. w. CanibacercS, der, wie der Kaiser bemerkte, über diesen Theil der Revolution eine gültige Stimme halte, am- wertete ihm einst, ausgcfordert, seine Meinung über dessen Der. dammung zu sagen, mit den merkwürdigen Worten: „Sire! er ist gerichtet, aber nicht vertheidigt worden," und fügte hinzu, Robespierre habe mehr Conscquenz in seinem Betragen, und mehr Verstand gehabt, alS man glaube. Seine Absicht sei gewest», nach Bezwingung der zügellosen Parthcien, die er zu bekämpft» hatte, Ordnung und Mäßigung hcrzustellen. „Kurz vor seinem Fall, fügte CambaeercS hinzu, hielt er über diesen Gegenstand eine Rede, worinncn eine Menge vortrefflicher Stellen verkamen. Man lies sie nickt im Moniteur cinrücke», hat vielmehr jede Spur der. selben vertilgt." Dies ist nicht der erste Fall, wo ich von einem Mangel an Genauigkeit im Moniteur gehört habe. Er ist in jener Zeit bei den Verhandlungen des National-Convcnts sehr unsicher, da die Protokolle darüber bei einer der Commitscn nur nach Wiliknhr ausgenommen wurden. Diejenigen, welche glauben, daß Robespierre der Revolution satt und müde war, daß er sie sogar fürchtete, und sic deshalb in ihrem Fortgang aufzuhattcn beschlossen hatte, versichern dabei, cr habe diese seine Absicht nicht eher aussühren wollen, alS bis cr jene Rede gehalten haben würde, weil cr nicht zweifelte, daß sie einen großen Eindruck auf den National-Convcnc machen werde. Wenn das wahr ist, so hat cr seinen Zrthum oder seine Eitelkeit theuer bezahlt. Andersdenkende werfen ein, Danton und Camille dcö Monlinö hätten die nämliche 3dce gehabt, und dennoch habe Robespierre sie hingeopfert. Die erstem antworten hierauf, das sei kein Grund; Robespierre habe sie aus dem Wege geräumt, um bei dem Volke beliebt zu bleiben, oder mehr noch, um ihnen nicht den Ruhm des Unternehmens zu lassen. Obschon das so seyn mag, so findet man auf jeden Fall, jemehr man sich den Handelnden und den Instrumenten jener Katastrophe nähert, desto größere Dunkelheit, desto tieferes Geheimnis;; das wird mit der Zeit noch merklicher werden, und die Geschichte dieser Epoche, wie so manche andere, nicht aus dem bestehen, was wirklich geschehen ist, sondern nur auS dem, waö man davon erzählt hat. 2n Betreff des nämlichen Robespierre bemerkte der Kaiser, daß er dessen Bruder, den Rcprcsentantcn bei der Armee von Italien, sehr gut gekannt habe. Er sagte ihm nichts Ucbles nach. I»> Gegenthei!, cr hatte ihn ins Feuer geführt, und ihm großes Der- Vertrauen, und ein recht lebhaftes und inniges Gefühl für seine Person eingeflößt, so daß dieser, als ihn sein Bruder, kurz vor dem 9. Thermidor, der ins Geheim vorbereitet wurde, zurück» berief, Napoleon schlechterdings nach Paris mitnchmen wollte. Dieser hatte alle Mühe, davon losznkommcn, und es gelang ihm nur dadurch, daß der Dbergeneral Dumerbion, dessen Vertrauen er besaß, und dem er sich unentbehrlich gemacht hatte, dagegen auf sein Verlangen Vorstellung that. „Wenn ich dem Rufe gefolgt wäre, sagte der Kaiser, welche ganz andere Wendung hatte dann vielleicht mein Schicksal genommen. An welchen schwachen Fäden hängt überhaupt das Loos eines Menschen? Man hätte mich ohne allen Zweifel brauchen wollen, ich konnte vielleicht schon » damals dazu bestimmt seyn, eine Art von Dendemiaire zu versu» che». Allein ich war noch sehr jung, meine Begriffe waren damals noch nicht so geordnet, als späterhin, und ich glaube wohl, , daß ich mich nicht auf die Sache eingelassen haben würde. Aber ? in dem entgegengesetzten, selbst siegreichen Falle, welche Erfolge waren denn zu hoffen? Bei dem Vendemiaire hatte das Fieber : der Revolution sich schon gelegt; bei dem Thermidor war es noch iu feiner ganzen Kraft, in steigender Gluth und in dem Zustande der Raserei re." „Die öffentliche Meinung, sagte er zu einer andern Zeit und bei einer andern Gelegenheit, ist eine unsichtbare geheime Gewalt, der nichts zu widerstehen vermag; eS gicbt nichts in der Welt, MS so beweglich, so stark und so unbegrenzt wäre; so groß auch ihre Launen seyn mögen, so ist sie dennoch oft viel wahrhafter, vernünftiger und gerechter, als man glauben mag." „Als ich provisorischer Consul wurde, war es einer der ersten Acte meiner Verwaltung, ohngefähr fünfzig Anarchisten fortzuschaf» ftn. Die öffentliche Meinung, von der sie verabscheut wurden, änderte sich aber plötzlich zu ihrem Vortheil, und ich war genöthigt, meinen Beschluß zurückzunehmen. 2edoch siengen die nämlichen Anarchisten bald darauf an Ränke zu schmieden, und wurden nun von eben dieser Meinung, die sich nun für mich erklärte, ganz zu Boden gedrückt. Auf solche Weise war es, durch verkehrte Maas» regeln zur Zeit der Restauration so weit gekommen, daß die KS» nigsmörder Lieblinge des Volkes wurden, obschon die Masse der Nation sie kurz zuvor geächtet hatte." „Es kam nur auf mich an, fuhr er fort, das Andenken Ludwig des ScchSzchnte» in Frankreich wieder zu erheben, und die Nation von Verbrechen zu reinigen, womit unglückliche Verhältnisse und einige Rasende sie beschimpft hatten. Die aus dem Auslande hcünkehrendcn VourbonS gehörten der Familie an, rächten mithin nur ihre eigne Sache, mid verstärkten dabei den Vorwurf, der Us der Nation lastete- Zch hingegen ging aus dem Volks hervor, und sorgte für dessen Ruhm, wenn ich diejenigen daraus entfernte, die ihm jenen Schimpf bereitet hatten. Und das war meine Absicht, aber ich ging mit Klugheit zu. Werke. Die drei Sch. riungsaltäre zu Sc. DcniS waren nur ein Vorspiel davon. Der ! Tempel des Ruhmes, auf dem Grunde des Magdalena Kirchhofs - errichtet, sollte mit ungleich gröfierm Glanze diesem Gegenstände - geweiht werden. Hier sollte nah bei Ihrem Grabe, über ihren s Gebeinen selbst, durch ein irdisches Denkmal und die heilige» r Gebräuche der Kirche im Namen deS französischen Volks das An» ^ denken der politischen -Opfer seiner Revolution gefeiert werden, s DicS war ein Geheimnis, um welches nur etwa zehn Personen i wußten, da man doch denen, welche die Anordnung deS Gebäudes ' besorge» sollten, etwas davon mittheilcn mußte. Aber ich wollte s eS nicht eher, alS etwa in zehn Zähren, und dann noch mit der >' größten Vorsichr ins Werk setzen, um alles erst recht auszugleichen, ? und jeden Anstoß zu entfernen. Zedermann wäre dann damit zu» frieden gewesen, niemand hätte dabei gelitten. Alles kömmt daher i auf die Umstände und dle Formen an, und Earnot hätte unttr meiner Negierung eS nicht gewagt, c!» Memoire zu schreibe», > worinnen er sich der Theilnahme an dem Tode dcö Königs rühme, f wie er cS nun unter den BourbonS gcthan hat. ES liegt einzig darinnen, daß ich die öffentliche Meinung für mich gehabt hätte, um ihn zu strafen, anstatt daß dieselbe gegenwärtig denselben i» Schutz nimmt. Sonntags, am 19. November. Mein Sohn und ich waren früh aufgestanden, und unsre Arbeiten schon TagS zuvor beendet. Wir wußten, der Kaiser würde mich sobald nicht rufen lassen, und benutzten also die Morgenkühle, um unsere Umgebung zu besehen. Wenn man das Thal von ZamcS-Town verfolgt, so kömmt man, rechts von unsrer kleinen Fläche bei Briars, an eine sehr tiefe, von zahlreichen Feisklippen durchschnittene Schlucht. Wir stiegen mit großer Mühe hinab, und gelangten an daS Ufer eines klaren Baches, an dem eine große Menge von Kresse stand. ES machte uns Vergnügen, das Thal, dem Bach entlang, wie Vota» nisirende hinauszugehcn, und nach einigen Krümmungen desselben fanden wir daS Ende von beiden, oder vielmehr deren Ursprung, den eine ungeheure Felsenmauer bildete, weiche das Thal versperrt und von deren Höhe, wie auS einem vorragcnden Gerinne, ein schöner Wasserfall herabstiirzt. ES entstehet derselbe durch die oben zusammcnströmcnden Gewässer, und durch Ihn ha! sich darben beschriebene Thal gebildet, indem dieses Wasser bisweilen mic Mer Gewalt nach dem Meere hinströmt. In diesem Augenblicke ! Miebtc der Wasserfall über unserii Häuptern wie ein feiner Regen s oder leichter Nebel; aber bei Ungewittern soll er in Strömen mit k fürchterlichem Gccöß sich durch das Thal nach dem Meere fort» E Mlzen. Das Ganze war ein düsteres, einsames, melancholisches x Schauspiel, und dennoch so anziehend für unö, daß wir uns nur ! schwer davon trennen konnten. Heute, Sonntags, hatte der Kaiser unS inSgesammt zum ' Mittagsessen eingcladen. Er bemerkte recht heiter, daß wir eine ^ recht stattliche Tafel bildeten. Nach Tische fragte er, da allerdings § der KrciS unserer Belustigungen nicht eben groß war, ob wir s diesen Abend in das Lustspiel, oder in die Dper, oder inS Trauer- H stiel gehen wollten, und da wir unS für das Lustspiel entschieden, A so laS er selbst einige Scenen aus dem Geizigen, und lies sich ! ^nachher von andern ablösen. Der Kaiser war heiser, und hatte d etwas Fieber. Er zog sich daher bei Zeiten zurück, und bat mich, i Ihn später noch zu besuchen, wenn er nicht schlafe. Ich begleitete l die Unsrigen mit meinem Sohne bei ihrer Rückkehr nach der Stadt. " Als ich wieder kam, war der Kaiser zu Bett gegangen. ^ Montags, am 20 . November. Der Kaiser lies mich, nachdem er mit einem der Herrn ge- t wihnlichermaaßen gearbeitet hatte, gegen 5 Uhr zu sich rufen. ,! Er befand sich ganz allein. Die Herren waren mit meinem Sohne ) nach der Sradt gegangen, wo der Admiral einen Ball gab. Wir ^spazierten auf der Straße nach der Stadt bis zu dem Punkt, wo ff man die Rhede mic den Schiffen vor sich hat, und links im s Grunde des Thales eine niedliche kleine Wohnung wahrnimmt, z Der Kaiser betrachtete sie lange Zeit mit seinem Augenglase, ^ somit dem, wie es schien, recht gut unterhaltenen Garten, wo ^ man recht liebe kleine Kinder unter Aussicht der Mutter umher» i z lausen sah. Wir erfuhren, daß diese Wohnung dem Major Hob» s-n, einem Einheimischen auf der Insel, dem nämlichen also, der l mir das An nual« Register geliehen hatte, angchöre. Sie lag i ln der Tiefe der nämlichen Schlucht, die in der Nähe von BriarS ^dei dem sonderbaren Wasserfall entstehet, von den, ich ausführlicher ss bmitö oben gesprochen habe. Der Kaiser hatte Lust, hinunter s s ru gehen, obschon es nahe an 6 Uhr war. Der Weg war sehr l steil; wir fanden ihn weit länger und beschwerlicher, als wir ^geglaubt hatten, und kamen ganz achemloö an. Nachdem wir ^ Einrichtung des sehr hübschen Hauses, bei der man wohl 62 bemerkte, daß sie von jemand, der dort auf längere Zell zu wchu» gerechnet habe, und nicht von einem nur kurze Zeit verweilenden Fremden herrühre, durchgehends betrachtet, von dem Ninh eine recht höfliche Aufnahme erfahren, und unserer SeitS der Fm vom Hause viel Schönes gesagt hatten, machte der Kaiser Anstalt, Abschied zu nehmen. Aber cö wurde schon Nacht, und wir waren müde, nahmen eö daher an, daß man unS Pferde gnb, auf welchen wir unsre Hütte und unser Diner bald erreiche. Dieser kleine Ausflug und das lang unterlassene Reiten schien dem Kaiser sehr guc bekommen zu seyn. Er wollte, daß ich, meines Widerwillens ungeachtet, auf den Ball gehen sollte. Um halb 9 Uhr hatte er die Güte, zu bemerken, daß die Nacht sehr finster, der Weg schlecht, und eS also Zeit sei, ihn zu verlassen. Er wolle es, sagte er, ging dm in sein Zimmer, wo ich sah, daß er sich ausklcidete, und sich zu Bette legte. Er hieß mich nun noch einmal gehen, und ich that es, obschon höchst ungern, indem cS eine Gewohnheit unterbrach, ' die mir so lieb geworden war. 2ch ging zu Fuß nach der Stadt. Der Ball, den der Admiral gab, war recht glanzend. Lang vorher sprach man von nichts, als von diesem Balle; es schien, als wollte der Admiral zu verstehen geben, daß er nur uns zu Ehren sei, und er lies uns feierlichst dazu einladen. War es nun schicklicher, die Einladung anzunehmen, oder sie auszuschlagcn? Für das eine, wie für das andere gab es Gründe. Politische Unglücksfalle verlangt» nicht die Haltung, die man bei einer Haustrauer zu bcobackten hat. Es ist nichts Unschickliches darinnen, und kan» selbst von Nutzen seyn, das Zusammentreffen mit seinen Kerkermeistern nicht ^ zu vermeiden, und wir konnten daher die eine Parthie eben sowohl, als die andere ergreifen. Man beschloß also, hinzugchen, aber welche Rolle sollte man dort spielen, -— die stolze oder eine ; höflich gewandte? Das erstere schien bedenklich. 2n unserer Lage , wird jeder verletzte Anspruch zu einer Beleidigung, das zweite war! , daher angemessener. AlS Leuce von gutem Ton auch die geringste Höflichkeit, die man erwarten kann, und an welche man gewöhnt ist, freundlich aufzunehmen, und sich das Ansehen zu geben, alS ob man die unterlassene nicht vermißt habe, dünkte unS auf jeden Fall das Beste. Zeh kam sehr spät auf den Ball, und habe denselben, in jeder Rücksicht zufrieden, auch bei guter Zeit wieder verlassen. Dienstag, am 21. bis Mittwoch, am 22. November. Bei den verschiedenen Fragen, die der Kaiser oftmals in Ve» 63 mff des, während seiner Abwesenheit auf der 2nftl Elba bewie» senen Verhaltens vieler seiner Minister, Staatsrathe und HauS« Offizianten an mich that, ging er mir nun auch selbst deshalb zu Leibe, indem er sagte: „Aber, mein Guter! waS haben Sie selbst unter des Königs Regierung gcthan? wie ist e§ 2hncu in dieser Zeit ergangen? Geschwind, berichten Sic! Sie wissen, daS ist so meine Art, und es ist die einzige, um wohl zu ordnen, was man sagen, und was man wissen will; das wird dann ein Artikel mehr in unserm Tagbuche seyn. Und bedenken sie, setzte er lachend hinzu, daß dann 2hre Biographen nur Mangen dürfen, und Alles wohl vorgearbeitet finden werden." „Sire! hier ist es Wort für Wort. 2ch habe Zhnen nur sehr wenig zu sagen. 2ch commandirte am 31. Marz die zehnte Legis» von Paris, und zwar die des gesetzgebenden CorpS. Wir verloren an diesem Tage eine ziemliche Menge Leute. In der Nacht erfuhr ich die Capitnlacion, und schrieb nun an meine» l Nachmann: ich übergebe ihm meine Legion, da mir alö Mirglied des StaatsrathS schon früherhin der Befehl crcheilt worden sei, . mich anderwärts hin zu begeben, und ich nur angestanden hatte, meine Legion im Augenblicke der Gefahr zu verlassen, daß aber durch die neuern Ereignisse die Umstände verändert wären, und mir nun andere Pflichten oblägen. „Mir Anbruch des Tages machte ich mich auf den Weg nach Fontainebleau, und gcrieth unter die Trümmer der Corps von r Marmont und Mortier. Ich war zu Fuß, hoffte aber leicht ein Pferd zu erkaufen. 2ch erfuhr sehr bald, daß der Soldat auf ^ der Flucht weder rechtlich noch liebenswürdig zn seyn pflegt, meine Nationalgarde-Unisorm wurde in diesem Moment des Unglücks ver» spottet, ich selbst gemißhandclt. Ermattet von Anstrengungen und zwei oder drei durchwachten Nachten, faßte ich nach einer Stunde i Wegs, da ich kein bekanntes Gesicht um mich her sah, und keine : Aussicht mehr hatte, mir ein Pferd zu verschaffen, den traurigen i Entschluß, nach der Hauptstadt znrückzumandern. „Die Nationalgardc wurde commandirt, bei dem Triumph» Einzug der Feinde zn paradiren. Sie hatte zu befürchten, daß sie die Ehrenwachen bei den Souvcrains, die uns besiegt hatten, werde geben müssen. 2ch beschloß daher, nicht zu Hause zu seyn. Meine Frau und meine Kinder hatte ich schon eine oder . zwei Wochen früher außer Paris in Sicherheit gebracht, und ich selbst nahm nun die Güte eines meiner Freunde in Anspruch, mir ans einige Tage -Ouartier zu geben. 2ch verbarg, wenn ich i ausging, mich unter einen alten Ueberrock, und trieb mich so überall ans den Gassen, den Kaffeehäusern, den öffentlichen Plätzen, 54 und WS nur Menschen beisammen standen, umher. Non welche» Dingen bin ich in jenen Augenblicken Zeuge gewesen! „In der Gegend der Wohnung dcS russischen Kaisers fth ich Männer von hohem Range, Menschen, die sich Franzose» nennen, mitten unter der Menge sich aus hundertfältige Weise bemühen, um sie zu bewegen: ES lebe Alexander, unser Befreier! zu rufen. „Ich sah, Sire! mehrere Elende aus der Hefe dcS Volks, die, gedungen von sehr vornehmen Personen, sich nach allen ihre» Kräften an Ihrer Statue auf dem Vendomc-Platze abmühten. „Endlich sah Ich, in einem Winkel desselben Platzes vor dem Hause des Platzeommandantcn, einen Ihrer Haus-Offizianten, der, schon am Abend des ersten TageS, junge Conscribirtc zu einem ganz andern, als zu Ihren! Dienst verführen wollte, hörte aber auch, daß er von ihnen eine solche Lektion erhielt, worüber er wohl hatte erröthen müssen, wenn er dessen nur fähig gewesen wäre. „Ohne Zweifel wußten diejenigen, von denen ich hier spreche, Vicht, daß ich mich in diesem Augenblicke mitten unter der Canaille befand, und ich bin der Wahrheit schuldig, es zu sagen, daß die Schändlichkeiten jener Tage von hier nicht auSgingcn. Handlungen dieser Art wurden dort nicht gut geheißen, im Gegentheil streng bcurtheilt, und zwar nach den Grundsätzen der Rechtlichkeit und nach den edlcrn Gefühlen, die von ihrer Höhe sich nun aus die öffentlichen Plätze niedergelassen hatten. Welche Vorwürfe könnte ich hier wiederholen, die ich damals vernommen habe! „Ew. Majestät entsagten dem Thron. Ich hatte meine Unterschrift zu dem Beitritt des Staatsraths verweigert. Ich glaubte damals, ich weiß selbst nicht mehr warum, sie durch eine besondere beicretende Erklärung nachbringen zu müssen. Der Moniteur enthielt jeden Tag Schriften dieser Art; die meinige verdiente nicht die Ehre, gedruckt zu werden. „Endlich kam der König an, er war nun unser Souverain. Man bestimmte einen Tag, an welchem alle diejenigen Zutritt bei ihm haben sollten, die Ludwig dem Sechszehnten vorgcstcllt gewesen waren. Ich war vermöge dieses Vorzugsrechts in den Luilerien. Ach, waS sprachen diese Mauern zu meiner Seele, die noch ohnlängst mit Ihrem Ruhm und mit Ihrer Macht erfüllt waren! Und dennoch kam ich mit redlichem und aufrickligcm Herzen. Ich war zu kurzsichtig, um zu glauben, daß Sie jcmals hier wieder erscheinen würden. „Die Deputationen an den König mehrten sich ins Unendliche. Di« Reihe traf unter andern auch dabei einen Verein von dtt 66 Mi Marine. 2ch antwortete demjenigen, der inir sie übertrug, ^iß niemand inehr am Herzen liegen könne, sich mit seinen alten Kameraden zu verbinden, als mir, daß unter ihnen niemand aufrichtigere Gesinnungen hegen könne, als ich, daß ich aber vermöge der Ämter, denen ich vorgesianden hätte, mich in einem ganz besonder» zarten Verhältnisse befände, und unter diesen Umständen die Klugheit mir beföhle, mich nicht in den Fall zu bringen, an der Spitze einer solchen Deputation Dinge zu sagen, die weder mit meiner Dcnkungsweise in Uebereinstimmung seyn, noch zu i meiner Person passen würden. s „Späterhin wollte ich auf dringendes Zureden meiner Freundes i gegen meine Scimmung und meine Neigung, dennoch etwas thnn. ' Der Staatsrath wurde wieder zusammengesetzt, viele Mitglieder l desselben sagten mir, daß, im Widerspruch mit meinen desfallsigen ^Erwartungen, nichts leichter wäre, als dessen Mitglied fortan zu M verbleiben, und ihnen solches schon dadurch gelungen sei, daß sie dem Staatskanzler einen Besuch gemacht hatten. 2ch hatte nicht ^ den Much, dem hschmögcndcn Herrn einöü einzigen Augenblick U seiner kostbaren Zeit zu rauben, und begnügte mich daher, ihm zu « schreiben, daß ich im letzten Staatsrath Maitre des Ncguetcö -gewesen sei, und, wenn dies nicht ein Grund zur Ausschließung wäre, ich ihn bäte, mich Sr. Majestät als Conseiller d'Eeat iu Vorschlag zu bringen» 2ch bemerkte dabei, daß ich eine cilfjährige AiMandmmg und den Verlust meines väterlichen Erbcheils für die Sache des Königs hierbei keineSwegcs in Anschlag bringen wolle. Es sei dabei nichts geschehen, als was in jener Zeit als Dicht von mir betrachtet worden wäre, und daß, so viel ich Dßte, ich solche in jedem Falle bis zu ihrem Aufhören treu erfüllt hätte. Diese Phrase brachte mich, wie man leicht denken kann, selbst um die Ehre einer Antwort. «Inzwischen machte mich die neuere Lage, In welcher sich Paris befand, der Anblick der Fremden, das immerwährende Vivatruseu M zu unglücklich. 2ch folgte daher, wie einem Strahl des achtes, dem Gedanken, auf einige Zeit nach London zu Freunden ru gehen, von denen ich alle den Trost erwarten konnte, für den ich nur irgend empfänglich war, aber ich besorgte allerdings, daß ich in London das nämliche Schauspiel und das nämliche Freuden- Pschrei wieder finden würde, was mich von Paris vertrieben hatte, »ad so war cs auch in der That. Ein Fest, ein Schauspiel, ein Dübel folgte dem andern, wegen ihres Triumphs und unserer Marine vorgcnomn Kameraden meiner 6V den Ich längst auS dem Gesichte verloren harre, der Chevalier »ou ! Grimaidy war Mitglied deS mit diesem Geschäft beauftragten l i ComittSe. Er suchte mich, und sagte meiner Frau: erfrisch - verwundert gewesen, daß ich mich nicht zur Wiedcranstellung ge. meldet hätte, und daher gekommen, um mir zu sagen, daß das Gesetz mir ein Reckt gäbe, entweder in daö CorpS wieder zu treten, oder meinen Abschied mit einer bestimmten Pension zu erhalten, daß sie daher dafür sorgen möchte, meine Gesinnung darüber zu erfahren, und sic hierbei auf seine Freundschaft rechnen solle, daß aber dabei keine Zeit zu verlieren sei. Für mich Ham dieses Zeichen von freundschaftlicher Zuneigung größer» Werth, aiz die Gunst, womit sic mich beglücken wollte. Dcmohnerachtet schrieb ich an den Comitt-e, daß da mir sehr daran gelegen sei, einen Rock zu tragen, der mir so wcrth geworden, ich darum bäte, mir den Ticel eines überzähligen Schiffs--CavitainS auSzuwirken,;. indem ich auf Pension, woran ich kein Recht zu haben glaubte,, Verzicht leiste. „2ch kam nun nach Paris zurück, und die Verschiedenheit den > Meinungen, die Erbitterung der Gcmüther schien mir den hschsienf, Grad erreicht zu haben. Langst harte ich mich von der Weil zurückgezogen. 2ch beschränkte mich damals auf mein Haus, und blieb in dem Kreise meiner Frau und Kinder. Nie war ich ein- ' besserer Gatte, nie ein besserer Vater gewesen, und vielleicht m ich auch physisch nie so glücklich alS damals. „EineS Tages las ich im 2ournal deS DebatS den AuSzvz eines Werks von Herrn Beauchamp, und fand unter mehrcrn Edel- leutcn, welche am 31 . Marz auf dem Platze LouiS xv. d,iK Königsthum auSgerufen hatten, auch meinen Namen angeführt. - 2ch befand mich ohne Zweifel In guter Gesellschaft, aber am Endtt war doch die Angabe falsch, und ich konnte in der Achtung viele Leute verlieren, wenn man ihr Glauben bcigemessen hätte. A, bat also schriftlich um Berichtigung eines 2rrthums, der mir ftb-ni viele unverdiente Glückwünsche verursacht hätte. Welche Reize auch g ein solcher Schritt für mich gehabt haben könnte, so wäre mir s doch derselbe nicht möglich gewesen, da ich als Commandeur cim ' Legion der Nationalgarde Verpflichtungen auf mir gehabt hätte, von denen keine andere Neigung mich zu entbinden vermocht habe>> würde u. s. w. 2ch schickte einen Brief an den Dcputiuni Chabaud-Larour, den ich sehr liebte, und welcher einer von tt» Eigenthümern des 2ournals war. Er wollte a»S reinem Wohls wollen für mich denselben nicht aufnehmen, und ich wendete M nun an den Redacteur, der ihn wieder wegen seiner Mcimmgh Verschiedenheit nicht einrückte. „Inzwischen lieS die allgemeine Stimmung eine unvermeidliche und nahe Katastrophe vorhcrsehen. Man prophezeihte den Bourbons das Schicksal der StuartS, und Ich laS mit meiner Frau m jedem Abend die von Hume beschriebene Geschichte jener merkwürdigen Epoche. Wir hatten bei Karl dem Ersten angefangen, und Ew. Majestät erschienen schon, ehe wir noch biS an Jacob den Zweiten gekommen waren. (Hier konnte sich der Kaiser des Lachens nicht erwehren.) „Ihr Marsch und Ihre Ankunft, fuhr ich fort, waren für unS ein großer Gegenstand der Freude und der Angst. Ich war weit davon entfernt, das ehrenvolle freiwillige Exil zu ahnen, das die Folgen hiervon für mich erzeugt haben, und das, weil ich Ew. Majestät damals noch wenig bekannt war, auch nur durch die aus diesen Ereignissen selbst entstandenem Verhältnisse herbeigeführt werden konnte. Wenn ich daS kleinste Amt unter der Regierung deS Königs bekleidet, wenn man mich nur oft in den Tuilerien gesehen Hütte, was doch so ganz unschuldig und legitim geweftn wäre, so würde ich gewiß nicht so bald vor Ew. Majestät erschienen scyn. Nicht daß ich mir Vorwürfe gemacht hätte, oder meine Gefühle für Sie minder innig gewesen wären, sondern bloS darum, weil ich nicht für ein HoftMeubcl angesehen seyn wollte, oder für einen Menschen, welcher der Macht Weihrauch streut, wo er sie nur erblickt. Ich hätte meine Anstellung erwartet, anstatt mich eifrig darum zu bewerben. Aber jetzt fühlte ich mich so frei, alles war In mir in so vollständiger klebercinstimmung, daß cs mir vorkam, «iS ob ich an jenem großen Ereignisse Theil nehmen müsse. Ich beeilte mich also, Ew. Majestät gleich bei Ihrem ersten Erscheinen unter die Augen zu treten, ich fühlte, daß ich ein Recht an Ihre Gnade und ihre Gunstbezeugungen hatte. Nach Ihrer Rückkehr von Waterloo trieben mich gleiche Gefühle und gleicher Eifer zu Ihnen hin, und ich habe Sie seitdem nicht wieder verlassen. Was mich damals anzog, war Ihr öffentlicher Ruhm, jetzt würden Ihre persönlichen Eigenschaften dieselbe Kraft äusscrn, und wenn eS mich wirklich damals einige Aufopferung kostete, so fühle ich mich jetzt durch das Glück, Ihnen dieses sagen zu können, hundertfach belohnt. „UibrigenS würde eS mir schwerlich gelingen, den Eckel an Een Dingen zu schildern, der mich während Ihrer zehnmonatlichen Abwesenheit befallen hatte; diese gänzliche Verachtung der Menschen und der Eitelkeit dieser Welt, diese gewaltsam zerstörten Trugbilder. Alles erschien mir farbenlos, alles wie geendet, und als ob es nicht verdiene, daß man noch den geringsten Werth daraus lege. Ich hatte während meiner Emigration das Ludwigs- 68 Kreuz erhalten. Nach 2nhalt einer -Ordonnanz sollte man sich deöfatts durch ein neues Brevet lcgitimircn. 2ch hatte nicht die Kraft deshalb den geringsten Schritt zu thun. Nach einem andern Befehle sollte man die von Ew. Majestät crthciltcn Titel bestätigen lassen. Es war mir jedoch gleichgültig, wenn auch die während deS Kaiserthmns erlangten Würden mir verloren gingen. Endlich schrieb man mir aus dem Ministerium der Marine, daß mein Bre« vct als Schiffscapitaine dort cingegangen sey, und cö liegt noch jczt dorf. „Wahrend Ew. Majestät Abwesenheit fühlte ich mich gleichsam verwaist und verbarg niemand weder mein Bedauern, noch meinen Schmerz. 2ch ärndctc die Früchte hiervon bei 2hrer Rückkehr, in dem Zeugnisse aller die Sie umgaben, und von denen ich zuvor kam» gekannt war. Bei dem ersten Lever Ew. Majestät nahm derjenige, welcher damals die auswärtigen Angelegenheiten einstweilen dirigir. te, als er von 2hncn hcrauokam, mich in ein Fenster und sagte mir, ich möchte mein Bündel schnüren; ich würde wahrscheinlich eine Reise machen müssen. Er habe, sagte er, mich Ew. Majestät vorgcschlagcn und, wie er hinzufngte, mich als einen Narren geschildert, aber als einen, der cS für Sie geworden sei. 2ch m- langte zu wissen, von welchem Orte denn die Rede wäre, aber er' wollte das weder sagen, noch zu sagen im Stande seyn. Mehr habe ich davon nicht erfahren. „Rcgnault de Caint 2can d'Angeli setzte mich auf die Äste dir Kaiserlichen Commissarien, welche Ew. Majestät in die Departct ments sendete. 2ch versicherte ihn, daß ich zu Allem bereit sci, doch bemerkte ich, daß, da ich von Adel und cmigrirt wäre, diese beiden Worte, von dem ersten dem Besten ausgesprochen, hinreichend seyn würden, mich zu jeder Zeit und an jedem -Orte in die größte Verlegenheit zu bringen. Er fand meine Bemerkung- richtig und dackstc nicht weiter daran. „Ein Senator crbac mich von Ew. Majestät zu der Präfectur von Metz, seiner Gcburtsstadc, und ersuchte mich zugleich selbst dieses -Opfer nur auf Drei Monate zu bringen, um, wie er sagte, die Gemüther zu beruhigen und die Angelegenheiten in gehörigen Gang zu bringen. Endlich schlugen Dceres und der Herzog von Nassaus mich zum Scaatsrathe vor und Ew. Majestät hatten meine Anstellung am dritten Tage nach 2hrcr Ankunft schon unterzeichnet."- Donnerstag, am 23 . November. Der Kaiser war sehr leidend, hatte sich cingeschlossen und! wollte niemand scheu. Abends um 9 Uhr lies er mich rufen. r«7 69 Ich fand ihn sehr niedergeschlagen mid traurig. Kaum hat er einige Worte an mich gerichtet und ich habe nicht den Much gehabt ihm etwas zu sagen. Wenn sein Leiden physisch war, so mußte cs mich sehr beunruhigen; und wenn cs moralisch wäre, dann Wide cs mich sehr kränken, ihm gegenüber nicht alle die Mittel «Wenden zu können, an denen das Herz, für den, welchen es Mt, so reich ist. Nach einer halbe» Stunde schickte er mich weder fort. Freitags, am 24. November. Der Kaiser war immer noch sehr leidend und weigerte sich -emano ^n sehen. Erst ziemlich spat ließ er mich kommen um mit ihm za Mittag zu essen. Es wurde auf einem sehr kleinen Tisch neben sscinem Kanapee, woselbst er sitzen blieb, aufgctragen. Er aß ziem» lieh viel. Er fühle, sagte er, das Bedürfniß einer Erschütterung, die auch nicht mehr lange ausblciben werde; so sehr kennt er stink Constitution. Nach dem Essen nahm der Kaiser die Memoiren des Marschail de Villars. Das machte ihm Vctgiuigcn und er las mehrere Artikel laut vor. Sie weckten mancherlei Erinner- !U>M und gaben Anlaß zu der Erzählung mehrerer Anekdoten. Sonnabend, am 25. November. Der Kaiser war noch nicht wohl; er hatte eine schlechte Nacht schabt. Er lies mich wieder zum Diner an sein Kanapee kom, M>>, das er nicht verläßt. Aber er war doch merklich besser. Bch Tische wollte er lesen. Es lag eine große Menge von Bü> lchcm run sein Sopha her. Die Schnelligkeit seiner EinbildungS- kraft und das Ermüdende des wiederholten Lesens über den nemli- chcn Gegenstand machte, daß er ein Buch nach dem andern ergriff Md wieder wegwarf. Endlich blieb er bei der Iphigenie von Racine. Kr rühmte die Schönheiten dieses Gedichts, nannte und sprach über die wenigen Fehler die man darinnen findet und schickte mich ziemlich zeitig wieder fort. Der Kaiser hat, gegen die allgemeine, sonst von mir selbst be- Wgte Meinung, keine starke Constitution. Seine Glieder sind kräftig, aber seine Fibern sehr weich. Bei einer sehr breiten Brust ilt er doch immer heiser. Sein Körper leidet bei dem geringsten äu» kern Anlaß. Der bloße Geruch eines Anstrichs ist hinreichend, ihn lrank zu machen; gewisse Speisen, die mindeste Feuchtigkeit wirken nachthcilig auf ihn. Sein Körper ist gar nicht von Eisen, wie l das wohl geglaubt hat, wohl aber sein Geist. Man kennt 70 sein» wundervollen Anstrengungen im Auslände, seine ununterbrochenen Arbeiten im Innern, noch nie hat ein Finch seinem Körper so viel zugemuchet. Was man hierbei als das Stärkste ansührt, ist sein Ritt mir verhängten Zügel von Valladolid bis BurgoS (Fünf und Dreißig Spanische Meilen in Fünf und einer halben Stunde, mithin mehr als Sieben Meilen in Einer Stunde).*) Bei der Gefahr auf Guerillas zu stoßen, war der Kaiser mit ei> nein sehr zahlreichen Gefolge abgereist und in jedem Augenblicke blieben welche zurück; Napoleon kam fast ganz allein an. Mao führt auch den Ritt von Wien nach Simmering (18 bis 20 srsii- -ösische Meilen) a», wo er zu Pferd frühstückte und sogleich wie. der zurück kam. Er machte bisweilen Jagden von Acht und Dreißig Stunden weit, die kleinsten waren von Fünfzehn. Einst kam ein Russischer Offizier in Zwölf biS Dreirehen Tagen als Courier von Petersburg und traf den Kaiser zu Fontenaibleau in dem Au« gcnblicke, da die Jagd begann. Anstatt ausruhen zu können, wm. de ihm die Ehre der Einladung der Jagd zu folgen. Er woiile cs nicht ausschlagen, fiel im Walde hin und man hatte Mühe ihn wieder zu finden. Ich habe den Kaiser im Staatsrath Acht bis Neun Stunden hintereinander beschäftigt gesehen, und er hob dann die Sitzung mit so herrlichen Gedanken auf, sein Kopf war so frisch wie zu Anfänge. Ich habe ihn zu St. Helena Zehn bis Zwölf Stunden hintereinander abstracte Dinge lesen sehen, ohne daß er davon im geringsten ermüdet schien. Er hat die schrecklichsten Stöße deS Schicksals, die ein Mensch nur erfahren kann, ruhig ertragen. Bei seiner Heimkehr von Moskau oder von Leipzig sagte er, nachdem er dem Staatsrach sc-n Unglück geschildert hatte: „Man hat in Paris ausgespreugk, mein Haar sey weiß geworden! aber Sie sehen, daß nichts dran ist (indem er mit der Hand nach der Stirn zeigte) und ich hoffe, noch ganz andres zu überstehen." Aber diese wundersamen Proben sind ihm nur, so zu sagen, durch eine Art von Uiberlistung feine- Physischen gelungen. Dies leztere zeigt sich weniger empfindlich, wenn die Lebhaftigkeit seines Geistes am größten ist. *) Das scheint ganz unglaublich; ich selbst zweifelte alS ich heute daS Niedcrgeschriebene wieder durchlas. Aber ich darf nicht vergessen, daß als einst in Lvngwood bei der Tafel davon die Rede war, man lange Zeit darüber hin und her stritt, und ich doch gewiß am Ende nur dasjenige niedcrgcschrteben habe, was man als richtig annahm. Ilibrigens lebe» noch so manche von denen, die ihn damals begleit« tcn. Man könnte also die Sache noch berichtigen. Der Kaiser ißt sehr unregelmäßig und im Allgemeinen äußerst wenig. Er sagt oft, daß inan sich leicht durch zu viel essen und nie durch wenig z» essen schaden dann. Er ist im Stande, Vier und Zwanzig Stunden gar nichts zu sich zu nehmen, bloß uin für den nächsten Tag seine Eßiust z» wecken. Er trinkt noch weniger als cr ißt. Ein einziges Glas Madera oder Champagner ist hinrci» chend, um ihm srische Kräfte zu geben, oder ihn selbst vergnügt zu machen. Er schlaft gar nicht viel und zu sehr unbestimmten Stunden, steht bei dem ersten Erwachen aus um zu lesen oder zu arbeiten und legt sich dann wieder schlafen. Der Kaiser hält nichts auf Medizin und nimmt niemals etwas ein. Er hat sich selbst ein System hierüber gebildet. Sein großes Eeheimniß bestand, wie er sagte, lange Zeit darinnen, daß er eine Art von Ausschweifung im entgegengesetzten Sinne von dem bc. ging, was eben seine Gewohnheit war. Er nennt es: Das Gleich» gewicht der Natur wieder Herstellen. Wenn er demnach einige Zeit ganz ruhig zugcbracht harre, so machte er plötzlich einen Ritt von Sechzig Meilen, eine Jagd von einem ganzen Tage. Wenn er dagegen von den größten Beschwerden und Mühselig, keilen einmal recht erschöpft war, so zwang er sich zu Vier und Zwanzig Stunden gänzlicher Ruhe. Eine solche unvorbereitete schnelle Veränderung verursachte eine innere Krise, welche sogleich das erwünschte Resultat herbciführtc. Er sagt: ES sei) ihm nie miölnngen. Das Lymphsystem deS Kaisers ist zu dick, sein Blut fließt zu langsam. Aber die Natur hat ihn mit zwei Vorzügen von großem Wcrthe beschenkt. Der eine ist, daß er, sobald er der Ruhe bedarf — an jedem Orte und zu jeder Zeit — cinschläft, und der zweite, daß cö ihm gar nicht möglich ist, Im Essen oder im Trinken schädliche Ausschweifungen zu begehen. „Wenn ich nur Im mindesten mehr, als meinen gewöhnlichen Trunk Wasser 'zu mir nehmen wollte, sagte er, so würde mein Magen, was zu viel ist, gleich wieder auswerfen." Er übergiebt sich sehr leicht; ein bloßer Hustenreiz macht bisweilen, daß er sein Mittagsessen wieder von sich gicbt. Sonntags, am 26 . bis Dienstags, am 28 . November. Am 26 . zog sich der Kaiser sehr zeitig an; er befand sich vollkommen wohl und wollte auögehen, weil das Wetter sehr schön war und man seit Drei Tagen sein Zimmer nicht in Ordnung ge» bracht hatte. Wir besuchten den Garten um unter dem Bogengänge Z» frühstücken; er war sehr munter und dsö Gespräch lenkte sich auf vcrsichiedne Gegenstände und Personen. Der Kaiser war jezt völlig wieder hergestelic und kam »,», auch zu seinen gewöhnlichen Beschäftigungen zurück; sic waren ja seine einzige Zuflucht. Sein Zimmer, Lesen, Diktiren, der Garte», mußten den Tag ausfüllen. Bisweilen gingen wir noch nach der untern Allee; allein die Veränderung der Jahreszeit und der Mondwechsel hatten uns nach und nach daraus verbannt. Eben so war eS mit dem Hause unsers Wirthes, wo die zahlreichen Be> suche, welche die Neugierde, den Kaiser dort zu sehen, herbei» führte, ihm Zwang auflcgten und ihn gänzlich entfernt hielten. Wir blieben also in unfern kleinen Raum eingepfercht. Lösche» dieser Zustand nur einige Tage dauern sollte, so waren doch schon Sechs Wochen verflossen und noch keineswegs von einer Veränder» ung die Rede. Der Kaiser war während dieser ganzen Zeit eben so beschränkt, als wenn er am Bord des Schiffes geblieben wäre. Bis jezt hatte er sich erst einen einzigen weitern Gang, bis zu dem Major Hudson erlaubt und wir erfuhren späterhin, daß schon dies eine außerordentliche Unruhe verursacht hatte. Es war bis zu dem Balle und dorc bis zu den Ohren der Behörden gedrungen und hatte sie höchst besorgt gemacht. Man arbeitete immerfort zu Longwood, wo unsre neue Wohnung seyn sollte. Die aus England mit uns angekommencn Truppen lagerten in der Umgegend. Der -Oberste gab einen Ball, wir wurden eingeladen und der Kaiser befahl, daß ich hingehc» und mir den Ort besehen möchte. Ich fuhr mir Madame Bercrand in einem mit Sechs Ochsen bespannten Wagen. Mit diesem Mero» vingischen Fuhrwerk erkletterten wir den Raum, der unS von Leng» wood scheidet. Zum crstcnmale sah ich neue Gegenden der Insel, aber auf dem ganzen Wege erblickte ich nur die Zeichen oftmaliger großer Erschütterungen; Häßliche nackte, aller Vegetation gänzlich beraubte, ungeheure Fclsenmasscn ohne Erde. Wenn man dann und wann, bei dem Wechsel der Aussicht, in der Ferne einiges Grün, vielleicht ein paar einzelne Baumgruppen, wahrgcnommcn zu haben glaubte, so verschwand Alles wie die Gebilde der Dichter, sobald wir näher hinzukamcn. Dir sahen dann Nichts alS einige Scepflanzen, wilde Sträuchcr, oder höchstens einige Gummi- bäume, welche die ganze Pracht der Insel ausmachcii. Ich kehrte um 6 Uhr zu Pferde zurück, um zeitig genug wieder bei dem Kaiser zu seyn. Er that eine Menge Fragen in Betreff unserer neuen Wohnung. Ich war jedoch nicht sehr erbaut davon, und als er endlich im Allgemeinen zu wissen verlangte, ob wir gewinnen oder verlieren würden, so konnte ich meine Meinung in die Zwei Worte zusammcnsassen: „Sire! Hier sind wir in einem Käfig lund dort werben wir eingczaunt seyn." > Am 28. legte der Kaiser sein militärisches Kleid, das er wieder angezogen hatte, als er an den Bord des Velcrophon ging, Bieder ab und zog nun einen gewöhnlichen Frak an. Bei den verschiedenen Gegenständen der Unterhaltung berührte er heute eine Menge gegen ihn gerichtet gewesener Verschwörungen. Es kam dabei auch die Reihe an die Höllenmaschine. Diese Erfindung deS Teufels, welche so viel Lärmen machte und so viele Opfer kostete, war ein Werk der Royalisten, welche die Idee dazu von den 2a- cobiucrn hatten. Ohngefähr Hundert rasende Iacoviner, sagte der Kaiser, die Anstifter deS September, des 10. August u. s. w. hatten beschlossen den Ersten Consul aus dem Wege zu räumen. Sie hatten zu diesem Zweck eine Art von Haubizgranade von 15 bis 16 Pfund erfunden, welche in den Wagen geworfen werden, dort durch ihren eignen Fall zerplatzen und alles um sich her vernichten sollte. Damit sie ihrer Sache recht gewiß wären, wollten sie auf der Straße eine Anzahl Fußangeln nmherstrcucn, ui» so die Pferde plötzlich auftuhallen und den Wagen zum Stillstehen zu bringen. Der Handwerker- welcher diese Fußangeln fertigen sollte, schöpfte aber Verdacht bei diesem Anträge gegen die Gesinnungen der Bestellenden und zeigte sie der Polizei an. Sie waren bald entdeckt besonders da man dieselben auf der That ertappte, als sie außerhalb Paris bei dem 2ardin des Plantes die Wirkung der Maschine versuchten, welche auch wirklich eine schreckbare Erplosion verursachte. Der Erste Consul harte sich'S zur Regel gemacht, die zahlreichen Verschwörungen gegen seine Person nicht zu allgemeiner Kenntniß kommen zu lassen und wollte daher auch kein Aufhebens von dieser machen. Man begnügte sich daher die Schuldigen zu verhaften, war eS aber bald müde, diese Hast geheim zu halten, und lies ihnen nun wieder eine Art von Frciheic. Mit ihnen in dem nemlichen Gefängnisse hatten sich aber mehrere Royalisten befunden, welche den Plan gehabt hatten, den Ersten Consul mit Hülfe von Windbüchsen um'S Leben zu bringen. Beide Banden verbrüderten sich und die le-tern schilderten ihren auswärtigen Freunden die Idee mit der Höllenmaschine als eine solche, die den Vorzug vor jeder andern verdiene. Es ist merkwürdig, daß der Erste Consul an dein Abend jener Katastrophe die größte Abneigung gegen das Allsgehen zeigte. Man gab ein Oratorium und Madame Bonaparte sowohl, als einige Freunde des Ersten Consulö wollten durchaus, daß er hingeheu sollte. Er war auf seinem Sopha cingeschlasen, einer brachte ihm den Degen, der andere den Hut, und man hatte viel Noch ihn zu wecken. Noch in, Wagen schlummerte er und hatte, wie er sogtc, geträumt, daß er tm Tügliümciito ertränke, alS er plözlich die Augen öfnete. Um dies zu verstehen, muß maii wissen, daß ' er vor mchlcr» 2ahren schon, während seines CommandoS der Italiänischen Armee, einst in der Nacht, gegen die Warnung aller, die ihn umgaben, zu Wagen über den Tagliamento setzte. Er ' wagte damals diesen Ucbcrgang im 2ugcndscuer, das kein Hinderlich kennt, unter Begleitung von etwa hundert Mann, die mit Stangen und Fackeln versehen waren. Der Wagen fing an zu schwimmen und er kam dermaßen in Gefahr, daß er sich schon für verloren hielt. 2ezt erwachte er nun mitten in einer Verfehlst- rung, ganz mit denselben Gefühlen wie damals bei dem Ucbcrga»- ge über den Tagliamento. Der Wagen schien sich zu heben — . allein diese Empfindungen dauerten keine Secunde. Man Hirte einen furchtbaren Knall. „Wir sind untcrminirt!" niste er LanmS ? und Vessieres zu, die bei ihm In dem Wagen saßen. Diese weil- tcn durchaus anhaltcn lassen, er aber sagte ihnen, daß man sich ^ wohl hüten müßte, dieö zu thun. Der Erste Consul kam an und zeigte sich in der Oper, als wenn nichts vorgefallen wäre. Die i Kühnheit und Schnelligkeit seines Kutschers hatte ihn gerettet. Nur ein oder zwei Mann von den hinten Leute» der Eskorte wurden von der Maschine erreicht. Die gemeinsten Dinge bringen oft die unermeßlichsten'Wirkun- i gen hervor. Der Kutscher war nämlich betrunken und cs ist kel- ^ ucm Zweifel unterworfen, daß eben diese Trunkenheit das Lebe» - deö ersten Consuls erhielt. Sie war von der Art, daß er erst am ! folgenden Tage erfuhr, was vorgcgangen sei. Er harre den Knall für eine Salve gehalten. Man dachte natürlich gleich aus die 2a> ^ kobincr, da sie früher schon wegen dcS Vorsatzes zu Ausführung l einer solchen That überführt worden waren, und schaffte eine ziem- i liehe Anzahl derselben fort. Sic waren jedoch nicht die cigenili- - chen Thäter; ein ganz sonderbarer Zufall brachte diese ans Licht, ss Drei bis vierhundert Fiakers gaben nämlich dem Kutscher dcS ersten ConsulS, weicher für sie der Held des TagcS und ihrer Tilde geworden war, ein großes Gastmahl, zu einem Louisd'or oder zwölf Franken für das Couvert. Einer der Zechbrüder trinkt, alS die Gesellschaft nun warm geworden ist, ihm wegen seiner Geschicklich- keit ein Lebehoch zu und sagt dabei: Er wisse, wer ihm den Streich gespielt habe. Man nimmt ihn sogleich fest und cS findet sicb, daß an dem Tage oder Tags vorher, ehe die schreckliche Erplosm erfolgt war, dieser Kutscher mit seinem Fiaker vor einem Thorwcge gehalten habe, wo der kleine Karren heraus gekommen war, der , das Unheil eingerichtet hacke. Man geht nach dein hezcichnetcn ^ ^ Orte hi», wo wirklich Wagen aller Art zu verleihen sind. Du / > —- ! Leute, denen sie gehören, geben alles zu und zeigen den Schuppen, i wo der Karren schon wieder ausgcbeffert worden ist und man sieht ft noch die Spuren des Pulvers daran. Sie hatten, wie sic sagten, geglaubt, daß die Leute, welche ihn borgten, Schleichhändler auS der Bretagne waren. Man brachte nun leicht alle diejenigen her» m>S, die außerdem bei der Sache zu thun gehabt hatten, den, der das Pferd dazu verkauft hatte u. s. w., und es fanden sich Anzeigen, aus denen hervorging, daß das Complott von roialistischen ChonanS herrührte. Es wurden einige kluge Personen nach ihrem Hauptquartiere zu Morbihan abgeschickt, und da die Schuldigen keineswegs laugneten, sondern nur bedauerten, daß das Unternehmen - verunglückt sei, so wurden einige derselben Ungezogen und bestraft, f Mau will wissen, daß ihr -Oberhaupt nachher sein Verbrechen im Schooße der Kirche durch strenge Gelübde habe abbüßen wollen, und Trappist geworden sei. Mittwoch am 29. bis Donnerstag am 30. November. Ich finde hier in meinem Manuskripte sehr schätzbare Nachrichten über die Verschwörungen von Georges, Pichcgru und Moreau, so wie über den Prozeß des Herzogs von Enghicn. Aber da öfterer dergleichen Gegenstände in meinem Tagebuche Vorkommen, so verspüre ich diese Notizen, bis ich an einem andern Orte von ihnen eine vollständige stlibersicht geben kann. Der kleine Garten deö Herrn Balcombe, in welchem wir oft spazieren gingen, wurde von einem alten Neger in Ordnung gehalten. Als wir ihn zum erstenmal antrafen, ließ mich der Kaiser, nie gewöhnlich, ihn befragen und seine Geschichte interessirte unS sehr. Er war ein Indier von Malaiischer Abkunft, den, vor vielen Jahren schon, englisches Schiffsvoik auf eine betrügerische Weise Len Seinen entrissen, an Bord gebracht und dann zu St. Helena verkauft hatte, wo er nun als ein Sklave lebte. Seine Erzählung trug das Gepräge der Wahrheit und sein freies gutmüthiges Gesicht, seine geistvollen noch recht lebendigen Augen, seine nichts weniger als unedle Haltung, Alles sprach zu seinem Gunsten. Die Erzählung einer solchen Schandthat erregte unfern ganzen Unwillen und wenig Tage nachher dachte der Kaiser daraus, ihn zu kaufen und nach seiner Hcimath zurückbringen zu lassen. Er sprach darüber mit dem Admiral, der, um seine Landsleute zu ver- lheidigcn, gleich behaupten wollte, daß so etwas ganz unmöglich und der alte Tobias, so hieß der unglückliche Sklave, offenbar ein Betrüger sei. Er ließ jedoch die Sache untersuchen und thcitte, als sich die Angabe bestätigte, nicht allein unfern Unwillen, sondern versprach auch zu seinem Vesten zu handeln. Wir verliehen nachher Briars, ivurd.cn nach Longwood gebracht und der arme Tobias hatte das allgemeine traurige LooS, bald vergessen zu werde»; ich weiß nicht was aus ihm geworden seyn mag. Dem sei nun wie ihm wolle. Der Kaiser blieb, wenn er de» Garten betrat, die längste Zeit bei Tobias stehen. Ich mußte ihn über sein Land, seine Iugcndjahrc, seine Familie, seine gegcnwär- tige Lage befragen und man hätte glauben sollen, daß er seine Empfindungen erforschen wolle. Am Schluß der Unterhaltung mußte ich ihm stets einen Napoleon geben. Tobias war uuö sehr gewogen. Man sah ihm jedeSmal die Freude an, wenn wir kamen. Er hörte auf zu arbeiten und auf sein Grabscheit gelehnt, betrachtete er mit innigem Vergnügen unser beider Gesicht, und da er kein Wort von dem, was wir sprachen, verstand, so lächelte er im Voraus dem ersten Worte entgegen, waS ich ihm verdollmctschcn würde. Er nannte den Kaiser nicht anders als den guten Herrn (ci,a gooll gc-nlci»»u), das war der einzige Name, den er ihm geben konnte, er wußte ja nichts weiter von ihm. Ich bin über diesen Gegenstand so wcitläuftig geworden, weil die Unterhaltungen mit Tobias oft neue, treffende und höchst charakteristische Bemerkungen des Kaisers zur Folge hatten. Sein Geist war ja so leicht aufgeregt und es wurden hierbei immer wieder andre Ansichten aufgestellt. 2ch begnüge mich davon nur folgende nicderzuschrciben. „Dieser arme Tobias da, sagte er einst, ist seiner Familie, seinem Besitzthum, er ist sich selbst gestohlen und verkauft worden. Kann es eine größere Dual für ihn geben? Kann man etwas Schändlicheres thun? Hat der Schiffscapicain allein diese Thar verübt, so ist er bestimmt ein höchst boshafter Mensch; ist sic hingegen von der ganzen Masse des Schiffvolks begangen worden, so ist cs immer noch möglich, daß ein solches Verbrechen dennoch Menschen zur Last fällt, die nicht in dem Grade böS sind, als man glauben sollte, denn die Verdorbenheit ist immer in den 2n< dividuen, fast nie in der Menge. Wenn die Brüder 2oscphS sich nicht entschließen können, ihn zu tödten, so liefert 2udas als ein kalter Heuchler seinen Herr» für einen elenden Lohn seinen Henkern aus. Ein Philosoph hat behauptet, die Menschen wurden bös geboren. Es wäre etwas sehr weicläufcigeS und unnützes, zu untersuchen, ob er wohl recht gehabt habe. So viel ist aber gewiß, daß die große Masse der menschlichen Gesellschaft nicht bös seyn kann; denn wenn nun die Mehrheit verbrecherisch handeln und den Nutzen der Gesetze verkennen wollte, wer hätte dann die Kraft ihr 77 EinlM z» thun und sie zu bezwingen? Und hicrinnen liege der ^ eigentliche Triumph der Civilisation. AuS ihrem Schooßc ist dieses >, glückliche Resultat hcrvorgegangcn, an ihrer Brust genährt wordcn. I Der größte Theil der Gefühle beruht auf Traditionen. Wir cm« « pfmden sie, weil sic uns vorausgingcn. Eben so die menschliche ^ Vernunft, ihre Entwickelung, die unster Fähigkeiten; das nur s ist der Schlüssel des bürgerlichen Vereins, das ganze Gehcimniß ^ deS Gesetzgebers. Nur diejenigen, welche die Völker betrügen l und bloS nach ihren Vortheil regieren wollen, können die f Absicht haben, dieselben in der Unwissenheit zu erhalten, denn je : aufgeklärter ein Volk ist, desto mehr Menschen werden sich dann f darunter befinden, welche von der Nothwendigkeit des Bestehens - und der Anfrechthaltung der Gesetze überzeugt sind, desto glück« ! licher, desto gedeihlicher wird sein Verhältniß scyn. Hellere Be« griffe können nur dann schädlich werden, wenn die Regierung, in feindlicher Stellung gegen die Interessen des Volkes, dasselbe s in eine gezwungene Lage bringt und die untersten Klassen im Elend umkommcn läßt; dann wird cs freilich leichter geneigt scyn, sich zu vertheidigen, oder Verbrechen zu begehen, i „Mein Gesetzbuch hat durch seine Einfachheit Frankreich mehr i genützt, alS die ganze Masse seiner frühem Gesetze. Meine Schulen, mein gegenseitiger Unterricht schaffen neue, bisher noch unbc« l kannte Generationen. Auch verminderten sich die Verbrechen wäh« j rend meiner Negierung mir bcwundernswcrthcr Schnelle, indessen sie !j bei unfern Nachbarn in England im Eegcmhcil auf eine schauder« i volle Weise sich vermehrten. Und das ist, wie mich dünkt, hinrei« ! chcnd, um über beide Staatsverwaltungen ein richtiges Urtheil zu j fällen *). ? *) Diese Wahrheit wird durch authentische Urkunde» begütigt. Sie s eittlialtcn Resultate, wie man sich solche nicht Vorsteven sollte, i (öiluation >lü I',L»»Ietorre par lVI. ilo KIontveiL».) Frankreich. England. I Einwohner- Zum Tode In den Einwohner- Zum Tode j zahl verurtheilt Jahren zahl verurtheilt H Z4,00200s 882 1801 18,000000 Zqoo' I 42,OOOOOO ZY 2 >8n ;7,0OO0OV 6400 Man sieht hieraus, daß im Jahre 1801 in Frankreich 26 Ver- urlhciiungcn zum Tode auf eine Million Einwohner kamen, und im Zaire 18H, mithin nur io Jahre spater, sich dieselben schon um zwei Drittel, nämlich bis zu y auf die Million vermindert hatten. „Und sehen Sie nur, wie ln den vcreinken Staaten, ohne a». j scheinende Gewalt, ohne die mindeste Anstrengung, Alles so Hern j lich gedeiht, wie glücklich und wie ruhig mau dort ist. ES kommt ' lediglich davon her, daß dort der Wille und das Interesse der Nation i herrscht. Setzte sich dasselbe Gouvernement in Streit mit den, ; Willen und den Interessen des Volks, so sollten Sie bald den Lär, men sehen, der daraus entstünde, welches Hin- und Hcrzieheii, ' welche Unruhen, welche Verwirrung und vornämlich welches Zmich- ! men der Verbrechen. j ^ „Mehrere hatten, als ich zur Macht gelangte, gewünscht, daß U ich ein zweiter Washington werden mochte. Worte kosten freilich j j, nicht viel und diejenigen, die es nun so leichthin gesagt hatten, » kannten weder Zeit, noch -Ort, noch Menschen noch den Stand der ' Dinge. Wäre ich in Amerika gewesen, mit Freuden wäre auch ich f ein Washington geworden und hätte eigentlich wenig Verdienst da- i bei gehabt, denn ich sehe nicht recht ein, wie man hätte anders handeln können. Hätte aber Washington sich in Frankreich befunden, so hätte ich gewettet, daß er bei jener gänzlichen Auflösung im Innern und dieser Bekämpfung von Außen nicht er selbst geblieben wäre, und wenn er cs doch gewollt hätte, sowäreercinDummkopf gewesen und , hätte nichts als die Fortdauer großer Drangsale damit bewirkt. Ich j konnte nureingekrünterWashington scyn, konnte cs nur, mit- len in einem Verein von Königen, von überzeugten oder durch mich beherrschten Königen werden. Dann erst, und nur dann erst durfte ich mit glücklichem Erfolg, seine Mäßigung, seine Uneigennühigkcit, i seine Weisheit zeigen. Aber dahin konnte ich vernünftigerweise nur durch eine allgemeine Diktatur gelangen. 2ch habe sie mir zu erringen gestrebt, kann man mir das zum Verbrechen machen? Glaubt man wirklich, daß es übermenschliche Kräfte erfordere, sie niederzulegen? Sylla, dessen Sündenmaas voll war, wagte es unter den Verwünschungen des Volks ihr zu entsagen! Was hätte In England hingegen waren im Jahre i8ol schon 2l2 TodeS- urthcile und im Jahre i8l> 37S auf eine Million Einwohner zu rechnen. Hieraus folgt ferner, daß sonach die Menge der Vcrurthet- lungcn zum Tode in England sich zu Lenen in Frankreich, wie y zu Z7ü oder wie l zu 42 verhielten. Eben so merkwürdig ist der Vergleich, welcher dort über die Bettelei in Frankreich und die de» Gemeinden zur Last fallenden Armen in England angcstellt wird., In Frankreich waren nämlich im Jahre I8ir bei einer Bevölkerung von 43,000000 Einwohnern nicht mehr «IS zo,ooo, in England hingegen, in demselben Jahre, der vierte Thcii der Bevölkerung, oder 4,250000 Arme, welche von den Ge« meindcn ernährt werden mußten. (Mvntvüran.) wohl mich davon abhalcen können, mich, der dabei nur Segnungen zu ernten hakte! — 'Zu Moskau mußte Ich siegen! — Ach wie Diele werden noch dereinst mein Unglück und meinen Fall bedauern! Aber was noch nicht gereist war, vor der Zeit von mir ver» langen, war gemeine Dummheit; und eben so wenig konnte ich cS in, Voraus ankündigen und versprechen; man harre es natürlich für bloße Worte, für Aufschneidere! gehalten und das war nicht meine Art. — Ich wiederhole noch einmal, zu Moskau mußte Ich Sieger scyn!" — Ein andresmal, als er vor Tobias stehen blieb, sagte er: „WaS ist nun so eigentlich diese arme menschliche Maschine? Auch nicht Eine Außenseite, die sich gliche, kein Inneres, daS nicht von andern verschiede» wäre! Und um diese Wahrheit nicht aner» keimen zu wollen, begeht man so viele Fehler! Wäre dieser Tobias ein Brutus, so hätte er sich den Tod gegeben, und wäre er ein Aesop, so würde er vielleicht je;t der Rathgeber des Gouverneurs seyn. AlS ein frommer und eifriger Christ trüge er. seine Ketten und segnete sie im Angesicht Gottes. Der arme Tobias aber kümmert sich um daS AllcS nicht; er krümmt sich und arbeitet in seiner Unschuld fort." Und nachdem er ihn noch einige Augen» blicke ganz still betrachtet hatte, sagte er im Fortgehen: „Wahr bleibt es jedoch, von dem armen Tobias bis zu einem König Richard ists weit.-Bei alle dem, sprach er dann weiter, bleibt die That nicht minder gräßlich, denn auch dieser Mensch hat seine Familie, seine Freuden, sein Leben, das ihm angehörte. Man hat ein abscheuliches Verbrechen verübt, ihn hier unter der Last der Sklaverei sterben zu lassen." Auf einmal blieb er stehen und sagte: „Aber ich lese in Ihren Augen, Sie denken, daß er nicht daö einzige Beispiel dieser Art zu St. Helena ist," und sei eS nun, daß cS ihn beleidigte, sich mit Tobias in Parallele zu sehen, oder daß er glaubte, mein Muth bedürfe einer Erhebung, oder was eS sonst sei)» mochte, er fuhr jezt mit Majestät und Wärme fort: „Mein Lieber! cs läßt sich hierbei durchaus kein Vergleich anstcl« len. Ist hier das Attentat noch größer, so hat man den Opfern auch noch andre Vorzüge gelassen. Man hat unS nicht körperlichen Martern unterworfen und wollte man cS auch versuchen, so hätten wir ja noch so viel Geist, um unsre Peiniger zu überlisten! — Unsre Lage hat selbst noch manche Reize! — Die ganze Welt sieht aus uns! — Wir sind die Märtyrer einer unsterblichen Sache!. Millionen von Menschen beweinen unser Schicksal, das Vaterland seufzt und der Ruhm ist in Trauer! — Wirkämpfcn hier gegen ein Schicksal, das uns die Götter aufcrlegcn und die Wünsche der Völker sind uns günstig." Hier hielt er einige Sekunden inne, dann sprach er weiter: „Meine wahren Leiden sind nicht hier! Kenn ich „»r»» mich dächte, ach! dann könnte ich mich vielleicht sogar glücklich schätzen. Auch das Unglück hat ja seinen Heroismus und scim» Ruhm! — Ein widerwärtiges LooS schlte meinem Leben! - Wäre ich auf dem Throne, in den Wolken meiner Allmacht, gcswr, den, dann würde ich vielen Menschen unerklärlich geblieben fty». 2e;t, Dank sei meinem Unsternc! wird man mich ohne Hülle bc> urtheilen können." Fernerer Aufenthalt in Briars. Freitag am 1. bis Sonntag am 3. Decemvcr. Eine große Menge Gegenstände erfüllen diese Tage. Mehrere davon lasse ich als unwesentlich aus, über andre schweige ich a»§ Rücksichten und überliefere mithin nur einige neuere Züge, das Dbercommando der italiänischen Armee betreffend. Nach dem Uibcrgange über den Mincio hatte Napoleon alicS Nöthige geordnet, der Feind wurde nach allen Richtungen berscht und er selbst verweilte in einem Schlosse am linken Ufer des Sm> mes. Er hatte Kopfweh und nahm eben ein Fußbad, als plötzlich eine verirrte und verlorne Abthcilung des Feindes den Fluß her« aufkommt und biS an das Schloß gelangt. Napoleon ist fast al» lein. Die Schildwacht an der Thür hat kaum Zeit sie zuzuschla» gen und ins Gewehr zu rufen und der Dbcrgcncral, der sich im Schooße des Sieges befindet, muß sich, mit einem Stiefel imd einem naktcn Bein, durch ein Hinterpförtchen des Gartens flüchten. Wäre er gefangen worden, ehe sein Ruf ihm die Weihe ge» geben hatte, so wären die genialen Thaten, womit er damals erst ausgetreten war, in den Augen der Menge nur glücklich abgetan« fene, aber doch immer tadclnswerthe dumme Streiche geblieben. Die Gefahr, welcher der General entgangen war, die aber bei seiner Art zu operiren noch oft wieder eintreten konnte, gab Anlaß zu der Errichtung von Guidcn, welche zu Bewachung seiner Per» son bestimmt waren, und es ist diese Anstalt nachher auch bei an» dcrn Armeen nachgeahmt worden. Noch ein andresmal kam Napoleon in diesem Feldzüge in gleich große Gefahr. Wurmser war gcnöthigt sich nach Mantua zu werfen und rückte zu diesem Zweck plötzlich in einer Pläne vor, wo er durch ein altes Weib erfuhr, daß eben in diesem Augenblick der französische General fast ganz allein vor ihrer Thnre gehalten und bei dem Anblick der Desterrcichcr die Flucht genommen habe, . Wurmser schickte schiiell eine ziemliche Anzahl Reiter nach alle» Richtungen auö und zweifelte gar nicht, daß der köstliche Fang gelingen werde. „Aber, sagte der Kaiser, ich muß ihm die Gerecht . rigkeit wiedersahren lassen, er befahl streng, mich nicht zu tödten, i oder mir sonst ein Leid zuzusügen." Durch die Schnelligkeit deS Pferdes und seinen Glückstcrn wurde der junge Feldherr gerettet. ! Man wird bald sehen, wie sehr die neue von Napoleon in s Anwendung gebrachte Art Krieg zu führen, alle Welt in Erstaunen setzte. Kaum war der Feldzug eröfnet, als auch schon die Lom- s bardei nach allen Seiten hin mit Truppen überschwemmt war und man, mitten zwischen feindlichen Partheien sich bereits mit den ^ Laufgräben von Mantua beschäftigte. Der Lbergrneral craf in der Gegend von Pizzighitone einen dicken deutschen Hauptmann oder Obersten, den man eben gefangen hatte. Es fiel Napoleon ein- einige Fragen an ihn zu thun. „Nun wie gehn denn die Affai» reu?" sagte er zu ihm. „Ach, sehr schlecht, antwortete jener ^ ohne Napoleon zu kennen- ich weiß nicht was noch daraus werden i soll; kein Mensch begreistö. Man hat uns geschickt, daß wir uns , mit einen' jungen Maulaffen schlagen sollen. Und der greift uns ^ nun an, bald rechts, bald links, bald von vorne, bald von hinten, man weiß gar nicht, was man anfangen soll. Die Manier ist ! ganz unausstehlich. Mir Ists eben recht, daß meine Sache zu Ende ist." Napoleon erzählte ferner, daß er einst, nach einem der größer» ; Gefechte in Italien, über ein Schlachtfeld ging, von dem man die l Leichen noch nicht weggebracht harte. „Es war Heller Mondschein, sprach er, als in der stillen Einsamkeit der Nacht plötzlich ein i Hund unter den Kleidern eines Leichnams hervor auf unö zufuhr l und fast eben so schnell mit kläglichen' Geheul nach seinem Lager zurückkehrte. Bald leckte er das Gesicht seines Herrn, bald stürzte . er wieder auf uns los, als ob er zugleich Hülse fordern und Rache i nehmen wolle. War es nun augenblickliche Stimmung, war es der Ort, die Stunde, die Zeit, die Scene selbst, oder was sonst — kur; ich kann versichern, daß auf keinem Schlachtfelde jemals etwas i einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht hat. Unwillkührlich blieb ich stehen, das Schauspiel zu betrachten. Dieser Mensch, ' sagte ich mir selbst, hat vielleicht Freunde im Lager oder in seiner ! Compagnie, und liegt dennoch hier verlassen von Allen, nuk von '.seinem Hunde nicht! Welche Lehre giebt unö die Natur durch dieses Thier! — „Was ist der Mensch! Wovon hängen die Bewegungen sei- l ms Herzens ab! — Ich'habe, ohne gerührt zu sepn, Schlachten ! Keordnet, die das Looö der Armee entscheiden sollten -— habe mit L.CafisTageb. 2 ,Bd» 6 trocknen Augen Seenen des Gefechts gesehen, die den Verlust ein-r l - großen TheilS der Unsrigcn hcrbeiführte»; und hier fühle ich mich ^ durch das Geschrei, durch den Schmerz eines Hundes erweiche So viel ist gewiß, daß ich in diesem Augenblick für die Bieren eines Feindes leichter zu gewinnen gewesen wäre. 2ch begriff den > Achill, der den Leichnam deS Hektor dem weinenden Primus l überläßt." Montag, am 4. bis Mittwoch, am 5. Decembcr. . Meine Augen litten sehr und ich war daher genöthigk, meint r Arbeiten zu unterbrechen. Es will gar nicht mehr damit fort und ^ ich werde sie am Ende noch über den Feldzug in Italien ganz ^ einbüßen. ,' Seit, einiger Zeit hatte die Temperatur eine merkliche Berändc- i rung erlitten; doch verstanden wir unS übrigens durchaus nicht mehr auf die Jahreszeit. Denn da hier die Sonne zweimal über unfern Häuptern steht, so hätten wir glauben sollen, zwei Sommer zu haben. Eigentlich wurden wir bei unfern Ansichten nach ge> wohnlichen Begriffen gar nicht mehr klug in der Sacke, besonder- wenn wir, um die Verwirrung vollständig zu machen, sie als Europäer - verkehrt betrachteten, da wir, weil wir eigentlich uns auf der mittag' lieben Halbkugel befanden, darnach unsre Berechnung einrichten soll- i tcn. Dem mag nun seyn wie ihm wolle, kurz es regnete oft, die !. Atmosphäre war sehr feucht und kälter geworden. Der Kaiser ging - des Abends nicht mehr aus, er hatte sft den Schnupfen und i schlief nicht guc. Er war genöthigt nicht mehr unter dem Zelle, i sondern in seinem Zimmer zu speißcu. Dort befand er sich besser, ^ aber man konnte sich nicht rühren. Die Unterhaltung mußte, »ach - aufgehobener Tafel, indem wir an derselben sitzen blieben, soitge« ' setzr werden. Heurc ging er dem General Gourgaud, der zinn i Diner geblieben war, über die Ansangsgründe und die ersten lii- l bringen der Artillerie zu Leibe. Der leztere war von dieser Waffe und hatte sie noch vor kurzem in Uebung gehabt. Die sonderbare - Prüfung machte viel Spaß, aber der Kaiser zeigte sich dabei nie ^ als der Schwächere. Es war, als ob er eben erst das Schul« Examen überstandc» hätte. Man sprach nun vom Kriege und von großen Feldherrn. „Der Ausgang einer Schlacht, sagte der Kaiser, ist das Werk eines Au« - genblickö, eines einzigen Gedankens. Man kömmt an einander — ^ noch unter sehr gemischten Erwartungen von dem Gange den die Schlacht nehmen könnte; — 2ezr wird man handgemein, und schlagt sich eine Zeit lang; — Plözlich erscheint der entscheidende 83 . Augenblick, ein moralischer Funken glimmt auf und ein ganz kleines Rescrvccorps giebc de» Ausschlag." Es war dann Rede i von den Schlachten bei Lützen, bei Bautzen u. s. w. f Nachher erzählte der Kaiser: Er habe bei Waterloo den Ge- - danken verfolgt, den rechten Flüge! dcö Feindes zu umgehen, und s das setz ilnn leicht geworden — dann habe er aber vorgezogen das - Centrum zu durchbrechen und beide Armeen von einander zu trcn» mn. Allein es sey hierbei alles so schlecht gegangen, daß das ss Tanze als etwas höchst Ungereimtes erschienen wäre — und dennoch M ihm eigentlich der Sieg nicht fehlen können. Bei keiner sei« 's nee Schlachten sei er so sicher gewesen, sie zu gewinnen, als bek s dieser, und noch sey ihm das Geschehene unbegreiflich. Grouchi l habe sich verirrt. Ney habe alle Besonnenheit verloren; was i ^ sein Gewissen ihm wegen Fontainebleau und Louislele-Saunier vor» s geworfen, sey auf dessen Stirn zu lesen gewesen. Derlon habe s sich ganz unnütz gemacht. Niemand sey vollkommen seiner Herr ^ Mieden. Hätte er am Abend Grouchis Stellung gewußt, und l baß er sich dorthin werfen könne, so würde eS ihm bei Tagesanbruch möglich gewesen seyn, mit Hülfe seiner ganz vortrefflichen Reserve f Alles wieder gut zu machen und vielleicht selbst durch ein neues l Mander, durch eine gewohnte Rückkehr seines Glücks, die niemand s mehr in Staunen gesetzt hätte, die Alliirten zu vernichten. Aber er i wußte nichts von Grouchi und zudem war cs auch nicht leicht, mitten unter den Trümmern der Armee seiner mächtig zu bleiben» ^ Man kann sich keinen Begriff von ihrem Zustande in dieser Schiner- ! zensnacht machen. Sie glich einem Strome der sein Bett verlassen hat und Alles mit sich fort reißt. Als er dann hiervon nbbrach, sagte er: Das Handwerk eines H Generals sei in Hinsicht auf die Gefahr nicht mehr mit sonst zu K «»gleichen. 2ezt könne ein General, die Stellung möge seyn wie sie wolle, von den Kanonenkugeln erreicht werden. Vormals wären sie nur dann ausgesetzt gewesen, wenn sie selbst angegriffen hätten, i und das sei Cäsar nur zwei oder dreimal begegnet. Selten sei, sagte er in einem andern Moment, jede nothwtndi» >i ge Eigenschaft zu einem guten General, in Einer Person vereint. > Das WünschenSwettheste und was am sichersten auszeichne, sei das : Glcichmaaß des Geistes und des Charakters oder des MuthS. Er nenne das viereckig seyn — eben so viel Grundfläche als Höhe l haben. Wenn der Much die Oberhand behaupte, dann unternehme der General fehlerhastcrweise mehr, als seinem Verstände angemessen, und wenn im Gegentheil der Geist nicht gehörig von dem k Muche unterstützt werde, dann wage er nicht auszuführen, was ! sein Verstand von ihm sodere. Er erwähnte hierbei den Vice« 1 ' 84 König, der nur durch dieses Gleichgewicht sich gehoben habe Md ' mit dessen Hülse ein sehr ausgezeichneter Mann geworden sei. Ferner wurde viel über physischen und moralischen Much c,e> sprachen. Der Kaiser sagte, aiö von dem erstem die Rede nu,n Murat und Ney sei cs ganz unmöglich gewesen, nicht brav z„ seyn. Aber man könne nicht mehr ohne Kopf seyn als sie; vorzüglich Murat. WaS den moralischen Mulh betreffe, so versicherte er den von zwei Stunden nach Mitternacht nur sehr selten gesunden zu habe»/ Er meine damit den Muth bei unvorhergesehene» Dingen, der du, plötzlichsten Ereignissen Trotz bietend, dem Verstände, der Unheils- kraft und der Entschließung die größte Freiheit laßt. Er nahm gar nicht Anstand cs auözusprechen, daß er vor Allem an sich selbst diesen Muth von zwei Stunden nach Mitternacht wahrgenominen und wenig Menschen nur gefunden habe, die dabei nicht weit hinter ihm geblieben wären. Man habe, fügte er hinzu, großcntheilS einen sehr unrichtigen Begriff von der Kraft der Seele, welche dazu gehöre, mit völliger Uibcrlegung aller daraus entspringenden Folgen, eine große Feldschlacht anzuordnen, von deren Ausgange das LooS einer Armer»' oder eines Landes, oder wohl gar der Besitz eines Thrones abhange. Auch träfe inan nicht oft Feldherrn an, welche sehr begierig darnach wären, eine Schlacht zu liefern. Sie suchten eine gute Stellung zu nehmen, setzten sich fest darinnen, und überlegten dann hin und her, was zu thun oder zu erwarten sei — aber nun blieben sie unentschlossen — und nichts sei schwerer, gleichwohl aber wichtiger, als sich schnell zu entschließen. Das Gespräch lenkte sich fetzt auf mehrere Generale und der Kaiser gcruhete hierbei auf manche an ihn gcthane Frage zu antworten. Kleber, sagte er, hatte ein großes Talent, aber er mar nur der Mann des Augenblicks. Er strebte nach Ruhm, weil er darinnen den einzigen Weg zu einem glücklichen Leben erkannte und war in keiner Weise nationcl, so daß es ihm nichts gekostet hätte, außer Landes zu dienen. Er hatte seine militärische Laufbahn in der Lugend bei den Preußen begonnen, und immer eine große Vorliebe zu ihnen. Desair besaß in einem sehr hohen Grade jenes köstliche Gleichgewicht, wovon vorhin gesprochen wurde. Moreau erschien in der ersten Linie der Generale als ein unbedeutender Mensch. Die Natur hatte seine Bildung unvollendet gelassen; er hatte mehr Instinkt als Genie. Bei Lannes lief der Much mit dem Kopf davon; über sein Geist nahm täglich a» Kräften zu und strebte nach jenem Gleich- Mlchkc. Er war ein großer Mann, als er fiel. „Als einen Pygmäen habe ich ihn bekommen und alS einen Niesen verloren." Bei cincin gewissen andern, den er nannte, nbertraf der Geist de» persönlichen Charakter. Zwar konnte man ihm Bravour nicht absprechen, aber bei alle dem berechnete er die Schußweite, wie so manche Andere. ' Als er so von Eifer und Muth sprach, äußerte der Kaiser- Ich weiß von allen meinen Generalen, wie weit sie — wie ich zu sage» pflege — ins Wasser gehen. Einige (er zeigte es mit der Hand) bis an's Degenkuppel, andere bis ans Kinn und noch an« tcrc selbst bis über den Kopf. Aber die Zahl der letztem ist sehr klein, wie ich wohl versichern kann. Suchet war einer von denen, bei welchen Charakter und Geist auf eine erstaunliche Weise zngcnommen hatten. Massen« war ein höchst ausgezeichneter Mann, der in Folge einer ganz eignen Gabe das so unschätzbare Gleichgewicht nur mitten im Feuer besaß. Er bekam es wo die Gefahr am größten f lich zeigte. „Die Generale, welche sich für die Zukunft zu erheben schient», schloß der Kaiser, waren Gcrard, Clauscl, Foy, Lamas quc, u. s. m. Sie waren meine neuen Marschallc," Mittwochs, am 6. December. Nachdem der Kaiser mir heute Morgens diktirt hatte, arbeitete er mit einem von den Herrn nach dem andern und ging sodann etwas länger als gewöhnlich mit ihnen spazieren. Nachdem sie lwcggcgangcn waren, begleite ich ihn nach der untern Allee; er war traurig, still, und in seinem Gesicht lag etwas unzuftiedneä find ernstes. „Nun, wir werden also, sagte er, als wir zum Diner gingen, zu Longwood Schildwachccn unter unfern Fenstern haken. Man wird mich zwingen wollen, einem fremden Offizier an Miner Tafel, in meinem Salon zu dulde». 2ch werde nicht aus- rciten können, ohne mich von einem begleiten zu lassen; mit einem Morte, wir werden keinen Schritt chun, keine Hand rühren können, ohne daß wir nicht irgend eine -Beleidigung zu besorgen hätten." 2ch erwiederte hierauf: Es sei dieß nur ein Tropfen Wer- nnith mehr in den Lcidcnsbecher, den wir seinem Ruhme und seiner vormaligen Allgewalt zu Ehren anstrinkcn müßten; sein Stoizismus sei ja übrigens, hinrcichcnd, um es auch hierbei mit seinen Feinden auszunchmcn, die dann über ihr Verfahren vor den Augen oller Nationen crröthen müßten. Ich wagte noch hinzuzusetzen, die Spanischen Minzen zu Valcuccy, so wie der Papst zu 86 Fontainebleau gewiß keine solche Behandlung ersah»» hätten. „I,, das wolle ich meinen: ergegncte er, die Prinzen gingen zu Valenz auf die Jagd, gaben dort ihre Bälle und hatten physisch nicht die!! windelte Empfindung von ihren Ketten. Sie erhielten von M' Seiten in ihrer ganzen Umgebung die ihnen gebührenden Rücksich, ten und AchtungSbezeugungcn. Der alte König Karl IV. ging, sobald er es wollte, von Eompiegne nach Marseille und von Mar. seille nach Rom. Und welcher Unterschied ist nicht in Hinsicht a„s die Orte selbst, verglichen mir diesem hier! Auf gleiche Arc wurde dik Papst zu Fontainebleau behandelt, was man auch sonst lügenhafter Weise hierüber verbreitet haben mag; und noch kennt man die Zahl der Personen nicht, die, unter diesen Umstanden, aller An-> nehmlichkeiten ungeachtet, die inan ihm machte, sich dennoch gmei^ gert haben, ihn zu bewachen. Es hac mich solch eine Weigerung niemals beleidigt, da sie mir selbst erklärlich schien. Es gehockt diese Function in den Bereich des inncrn Zartgefühls und unsre Europäischen Sitten verlangen nun einmal, daß die äußere Macht von der Ehre in Schranken gehalten werde." Er fügte noch hinzu, daß er selbst als Mensch und als Offizier stets sich geweigert haben würde, den Papst zu bewachen, daß er aber auch übrigens es niemals anbesohlen habe, den Papst nach Frankreich zu tranS-^ portiren. Mein Gesicht drückte große Verwunderung aus. „Sie wundern, sich darüber, fuhr er fort. Wußten Sie das nicht? Und doch ist es wahr, und so ist es mit vielen andern Dingen, die Sic noch i erfahren werden. Uibrigens ist es auch eine ganz andere Sacht^ mit den Handlungen eines Fürsten, der sie als ein gemeinsaim Wille unternimmt, als mit denen eines Privatmannes, welcher bss ' seinen Vewegungsgründen keinen Zwang fühlt. Die Politik gestat-U tcr und befiehlt oft dem erstem, was bei dem zweiten unvemt- wörtlich wäre." Man ging zum Diner; das führte andere Gegenstände du . Unterhaltung herbei und er vergaß dabei seinen Verdruß. Dit Munterkeit behielt jetzt die Oberhand. Indessen dachte der Kaiser doch ernstlich darauf, seine elende! Hütte zu verlassen, so viele Unannehmlichkeiten wir auch beider! neuen Wohnung zu erwarten haben mochten, und da ich den Sich des Abends bei unserem Wirth zubringen wollte, trug er mir ans-j ihm eine Dose mit seinem Namenszuge zu überbringen und ihois zu sagen, daß es ihm leid thue, ihm so viel Beschwerde vmw! sacht zu haben- — L7 — Donnerstag, am 7> Deceniber. Der Kaiser lies mich schon früh herunter kommen. Er laS die neue Heloise, machte oftmals dabei Bemerkungen über die Schönheiten und die Kraft der geistvollem Stellen, und setzte diese Unterhaltung über zwei Stunden fort. Ans mich machte diese Lektüre einen tiefen Eindruck, sie versetzte mich in eine schmerzliche und zugleich süße Schwermuth. Dieser Roman hat stetö viel Anziehen« des für mich gehabt, immer schöne Erinnerungen in mir erweckt, und dabei manchen Kummer ansgercgt. Der Kaiser lächelte einigemal über mich, und bei dem Früh« stück wurde das Buch der Gegenstand unseres Gesprächs. Rousseau hats übertrieben, sagte der Kaiser, er hat den Wahnsinn gemalt. Die Liebe muß ein Vergnügen bleiben, und nicht zu einer Marter werden. Ich meinerseits behauptete, was er gesagt habe, sei keineSwegeö der Wahrheit zuwider, und selbst, was er, der Kaiser, Marter nenne, könne ein glücklicher Zustand seyn. „Ich sehe wohl, sagte er lachend. Sie haben einen Anstrich von Schwärmerei. Hat Sie das auch glücklich gemacht k" „2ch beklage mich nicht über mein Schicksal, Sire! antwortete ich ihm, »nd wenn ich noch einmal leben sollte, möchte ich kein anders." Nach dem Frühstück setzte der Kaiser das Lesen fort, und je weiter wir dabei kamen, je mehr hielt er von Zeit zu Zeit innen. Der Zauber des Inhalts hatte auch sein Gemüth erreicht. Endlich legte er das Buch aus der Hand, und wir gingen nach dem Garten. „In der That, sagte er unterwegs, das Buch macht warm, cS bringt das Gemüch in Bewegung und Unruhe." Der Gegenstand wurde recht gründlich verhandelt, wir haben ein Langes und Breites darüber gesprochen, und das Resultat davon war, daß wir übereinkamen, die wahre, vollkommene Liebe sei das ideale Glück: beides aber sei nun wieder, eins wie das andere eben so ätherisch, eben so flüchtig, eben so geheimnisvoll und unerklärlich, und daß übrigens die Liebe die Beschäftigung des Müßigen, die Zerstreuung des Kriegers, die Klippe deS Fürsten sei. Der Großmarschall und Gourgaud kamen an, sie waren in Longwood gewesen. Seit einigen Tagen trieb es der Admiral sehr, nns dahin zu schicken, und der Kaiser verlangte eben so sehr, sich dahin zu verfügen, denn er befand sich gar zu schlecht in Briars. Es fragte sich nun, ob der Farbcngcruch es ihm gestatte, da es ihm nach seiner Natur ganz unmöglich war, ihn zu ertragen. In seinen kaiserlichen Pallästen hatte er sich dem niemals ausgcsetzk. Oft hatte inan aus seinen Reisen deshalb seine vorge- tichtete Wohnung schnell umändern müssen, und auf dem Northum« bcrland war er von dein Anstreichen des Schiffs krank geworden: Hier hatte man ihm nun TagS vorher gesagt, daß Alies fertig und kein Geruch mehr zu spüren sei. Es war dem gemäß be» f schlossen worden, am zweiten Tag, Sonnabends, nach Longwood s anfzubrechcn, um dann Sonntags die Abwesenheit der Arbeitslcute i zu benutzen. Der Großmarschgll und Gourgaud erklärten ihm aber jetzt weitläustig und übereinstimmend, daß, nachdem sie sich an Ort und Stelle überzeugt hätten, sie nicht glaubten, daß er dort sich aufhaltcn könne. Der Kaiser wurde verdrüßlich über den früher» Bericht, den man ihm gemacht, und über den Beschluß, den er in dessen Folge gefaßt hatte. Beide Herren blieben jedoch bei ihrer Behauptung, und so gelangten wir nach der untern Allee. Indem nun der Kaiser immerfort übler Laune war, kam der Herr von Montholon sehr ungelegener Weise von Longwood, um ebenfalls zu sagen, daß Alles dort bereit wäre» und daß der Kaiser nun i dahin abgehen könne, so bald er wolle. Das Widersprechende in diesen beiden, gleich auf einander folgenden Berichten verursachte, daß der Verdruß immer lauccr wurde; glücklicherweise machte das Mittagsessen eine Unterbrechung. Man harre in dem Schlafzimmer gedeckt, weil der Kaiser zu enrhümirt war, um unter dem Zelte - zu speisen. Nach der Tafel wurde wieder gelesen, und wir be- i schlossen den Tag, wie wir ihn angesangen hatten, mit der neuen Hcloise. l Freitag, am 8. Sonnabend, am 9. Oeeember. i Der gestern aufgeworfene Zweifel über den Geruch der Farbe j In Longwood hatte mich auf den Gedanken gebracht, die Sache ! selbst zu uncersuchen, und da ich dem Kaiser bei seinem Frühstück i gern Nachricht davon geben wollte, machte ich mich sehr früh auf, f und drei Viertel des Wegs zu Fuß, weil die Stalllcutc noch f schliefen. Vor 9 Uhr war ich schon zurück. Allerdings war nur j noch sehr wenig Geruch in dpn Zimmern, aber doch noch immer zuviel für den Kaiser. i Am 9. wurde der Eapitain des Minden, eines vom Cap zurücks - kehrenden Schiffs von 74 Kanonen, daS in wenig Tagen nach i Europa wieder absegeln sollte, dem Kaiser vorgestellt. Er war dieser Ehre schon zu Paris zwölf Jahre früher unter dem Consulat i rheilhastig worden, und bat jetzt um die Erlaubniß, dem Kaiser i einen seiner Lieutenants, jn Ansehung einiger ziemlich sonderbaren Verhältnisse, präsenrjren zu dürfen. Der junge Mann war zn Bologna, gerade bei dem ersten Ejnrücken der französischen Armee in diese Stadt zur Welt gekommen. Der französische General, Ra> Men pämlich, hatte sich poch damajs in eine, seine Tauft 89 betreffende Angelegenheit, worüber man nicht im Klaren gewesen w,r, gemengt, und ihm bei dieser Gelegenheit eine dreifarbige Kokarde geschenkt, die man seitdem als ein Kleinod in der Familie aufbe« nährt hatte. AlS diese Personen entlassen waren, kam der Großmarschall von Longwood. Er fand, daß der Geruch wirklich unbedeutend sei. Der Kaiser befand sich so unbequem, weil schon ein Theil seiner Sachen abgegangen war, und er beschloß also, am folgenden Tage sich nach Longwood zu verfügen. 2ch konnte es gern zufrieden scyn. Seit mehreren Tagen hatte ich mich überzeugt, daß man sich vorgenommen hatte, den Kaiser zum Ausziehen zu bewegen. Ich hatte aber alle laute und geheime Mittheilungen über diesen Gegenstand für mich behalten, und, weil ich mirs zum Gesetz wachte, dem Kaiser alle die widersprechenden Dinge zu ersparen, welche hierbei an mich gelangten, mir das Beste herausgenommen, inn darnach zu handeln. Seit zwei Tagen schon war, ohne daß man es verlangt hatte, das Zelt abgebrochen worden. Der damit beauftragte -Offizier hatte den Befehl, zugleich auch die Fensterladen an des Kaisers Wohnzimmer wcgnehmen zu lassen. 2cl> nahm es auf mich, Ihm z» sagen, daß dies ja nicht angehe, weil der Kaiser noch schlafe, und schickte ihn fort. Dagegen vertraute man mir, um mich zu erschrecken, auf eine sehr geheimnißvolle Weise und unter dem Siegel der Verschwiegenheit, daß wenn der Kaiser noch langer bliebe, schon Rede davon sei, hundert Mann Soldaten vor den Eingängen der Umzäunung lagern zu lassen. 3ch antwortete, das sei recht schön, und machte nichts draus re. Was konnte es nur für einen Grund geben, unS so zu dran- gen. Zch kann ihn nur in der Laune unserer Kerkermeister suchen. Man wollte seine Macht zeigen, das mochte wohl die Hauptsache seyn. Wir hatten Zeitungen bis zum 15. September bekommen, und sic wurden der Gegenstand unserer Unterhaltung. Der Kaiser setzte ihren Zufall auseinander. Die Zukunft schien fortan von finstern Wolken umdüstert. Drei große Resultate stellten sich dar« wie der Kaiser sagte: die Theilung Frankreichs, die Regierung der Bourbons, oder eine neue Dynastie. Ludwig xvlil., bemerkte er, würde cs im Jahre 1814 leicht geworden seyn, zu herrschen, hätte er sich die Nation befreundet. Nun bleibe ihm nur noch die sehr gehässige und unsichere Maaßregcl der äußersten Strenge, nur noch eine Schreckensregierung übrig. Seine Dynastie könne fortbe- stehen, oder die, welche ihr folgen würde, noch im Schoose der Zeit verborgen seyn. Einer von nnp bemerkte, haß mqn wohl ans den Herzog — CN — von Orleans Rücksicht'nehmen konnte; der Kaiser bewies uns aber mit großer Lebhaftigkeit und aus sehr beredte Weise, daß, wem der Herzog von Orleans nicht vermöge seines SueccssionsrcchlS ' zum Throne gelange, cs außerdem in dem wohlverstandenen 2„- tcrcsse aller Herrscher Europas sehn müßte, lieber ihn, Napoleon, dem Herzog von Orleans vorzuziehcn, der dann sein Glück nur einem Verbrechen zu danken haben würde. „Denn, sagte er, was verlangt jetzt die Doktrin der Könige bei den Ereignissen der Zeit mehr, als jede Erneuerung des Beispiels zu verhindern, das ich gegen dasjenige, was sie Legitimität nennen, gegeben habe. Der Fall aber, wie er mit mir statt gefunden hat, kömmt nun in Jahrhunderten nicht wieder vor, wohingegen ein solcher, wie bei dem Herzog von Orleans, der ein naher Verwandter deS Monarchen aus dem Throne ist, alle Tage und in jedem Lande wieder eintreffen könnte. Denn wo gäbe cs denn einen LandeShcrrn, der nicht in seiner Nähe, selbst in seinem Pallast, Vettern, Neffen, Brüder oder sonst irgend einen Anverwandten hätte, der sich dazu eignete, das Beispiel eines Ersatzes dieser Art nachzuahmen." Wir lasen in eben diesen Zeitungen einen Auszug der Recht- sertigungöschristen deS Marschall Ney. Der Kaiser fand sie höchst erbärmlich. WaS er gesagt hatte, war weder hinreichend, ihm da) Leben, noch seine Ehre zu retten. Seine Argumente hatten ein elendes, farbloses Ansehen, um die Sache nicht noch mit eineni , schlimmer» Namen zu belegen. Nach dein, was er sich zu Schulden gebracht harte, behauptete er noch, daß er dem König ergeben gewesen sei, und sich von dem Kaiser gewendet habe. „Eine ab- > geschmackte Handlungsweise, sagte Napoleon, die, wie eS scheint, von Allen beobachtet worden ist, welche in jenen merkwürdigen Augenblicken eine Rolle spielten. Sie vergaßen, daß ich durch unsere Wunderthaten, unsere Denkmäler und Einrichtungen dergestalt > mit unserem Nationalruhm eng verbunden bin, daß ich, ohne Frankreich zu beleidigen, gar nicht mehr davon getrennt werden kann. ES darf mich nicht verläugucn, wenn es sich nicht selbst entehren will. Wie sehr man sich auch quälen und winden, welche Lügen man auch ersinnen mag, um das Gegcntheil zu beweisen, so werde ich darum doch in den Augen dieser Nation nicht weniger gelte». „Neys politische Dcrthcidigung, fuhr der Kaiser fort, scheint mir ganz einfach. Er war durch eine allgemeine Bewegung, die der Wille und das Heil des Vaterlandes zu seyn schien, mit sortgcrissen worden, hatte ohne bösen Vorsatz, nicht als ein Verräther gehandelt. Unglücks« falle waren eingecreten; und so fand er sich vor ein Tribunal gestellt Dies war Alles, was er über dieses große Ercigniß zu sagen haue. Sein Leben konnte er aber nicht anders vcrchcidigen- als daß er sich ans den Schutz berufte, der eine feierliche Capinilation für ihn enthielt» ivormich Schweigen und Vergessenheit für alle politische Meinungem und Handlungen bedungen worden war. Wenn er dann noch fiel, so geschah es doch wenigstens durch offenbare Verletzung der heiligsten Rechte, im Angesicht aller Nationen. Er wäre als eim großer Mann gestorben, hätte die Theilnahme aller Edlen mit ins Grab genommen, und seine Henker mit Schmach und Schande bedeckt. Aber ein solches Verhalten war wohl über seine moralischen Kräfte. Ney ist der tapferste Mann von der Welt, aber das ist auch Alles." Es ist gewiß, daß Ney mit völliger Ergebenheit für den König Paris verlies. Er wendete erst um, alS er sah, daß alles verloren sei. Wenn er dann im entgegengesetzten Sinne sich eifrig zeigte, so war cs nur, weil er wohl fühlte, daß er der Verzeihung gar sehr bedürfe Nach seinem bekannten Tagsbefehle schrieb er dcm Kaiser, daß das, was er eben gcthan habe, vornämlich in dem Interesse seines Vaterlandes geschehen sei, und er nur, weil er ihm, dem Kaiser, nicht angenehm seyn könne, bitten müsse, ihm zu gestatten, daß er sich zurückziehen dürfe. Der Kaiser lieö ihm antworten, daß er kommen möchte, er werde ihn, wie nach der Schlacht an der Moskwa, bei sich aufnehmen. Als nun Ney vor dcm Kaiser erschien, und wiederholt äußerte, daß dieser, nach dem, was zu Fontainebleau vorgcfallen wäre, Verdacht gegen seine treue Ergebenheit haben müsse, und daß er also ihn um keinen andern Posten, als um eine Grenadierstclle bei seiner Garde bitte, reichte der Kaiser statt aller Antwort ihm die Hand, und nannte ihn den Braven der Braven, wie er das oft that. Später sagte er zum Kaiser — — — — — — — — — Der Kaiser verglich die Lage, worinnen Ney war, mit derjeni» gen, in welcher sich Turcnne einstmals befand. Ney war zu vertheidigen, Turennes Verhalten lies sich schlechterdings gar nicht rechtfertigen, und doch wurde ihm verziehen, er kam selbst zu Ehren, und Ney wird wahrscheinlich sterben müssen. „Turcnne, sagte er, commandirte im Jahr 1649 die Armee des Königs; Anne von Destreich, die Regentin des Reichs, hatte ihm dieses Commando übertragen. Er leistete den Eid der Treue, verführte aber dennoch die Armee, erklärte sich für die Fronde, »nd ging auf Paris los. Aber sobald man erkannte, daß er des Hochverrachs schuldig sei, wurde er von der Armee, die ihre Thar bereute, verlasse», und flüchtete zu dem Fürsten von Hessen» UM der Gerechtigkeit zu entgehe», „Ney hingegen wurde von dem Wunsche, von dem ciusiinnni. !gen Geschrei der Armee sorrgeriffen. Erst seit neun Monaten haue er einen Monarchen anerkannt, dem tzooooo fremde Bajonette »orangegangen waren, einen Monarchen, der die ihm, als die förmliche und nothwcndige Bedingung seiner Rückkehr, von dem Senat vorgelcgte Constitution nicht angenommen hatte, der hier, nächst durch die Erklärung, daß er seit 19 Jahren regiere, zu erkennen gab, wie er alle frühere Gouvernements für unrechtmäßig erkläre. Ney ist wahrend der Volks-Souvcrainität erzogen; er hatte fünf und zwanzig Jahre dafür gefochten, war vom gemeinen Soldaten bis zum Marschall aufgerückt. Wenn sein Verhalten vom 20. März nicht ehrenvoll genannt werden kann, so blieb e» doch leicht erklärlich, und konnte in gewisser Hinsicht entschuldigt werden; aber Turenne handelte völlig als ein Verbrecher, den» die Fronde war eine mit Spanien, daö damals im Kriege mit seinem König sich befand, verbündete Parthei. Zudem trieb ihn eignes und Familicn-Jnteressc, er hoffte sich ein Fürstenthum aus Kosten Frankreichs, und mithin zum Nachchcil seines VaterlaudcS zu erringen. Wohnung zu Longwood» Sonntags, am 10. December. Der Kaiser lies mich gegen 9 Uhr zu sich rufen, um mit ihm in den Garten zu gehen. Er mußte sein Zimmer zeitig verlassen, weil er noch heute Morgens die neue Wohnung zu Longwood bc« ziehen sollte. Sobald wir in den Garten kamen, verlangte der Kaiser, daß das Frühstück gebracht, und sein Wirch, Hm Valcombe Ungeladen wurde, zu ihm zu kommen, um mit ihm zu frühstücken. Er war überaus wohl und sehr aufgeräumt bei der Unterhaltung. Um zwei Uhr wurde der Admiral angesagt. Er näherte sich mit einer gewissen Verlegenheit. Die Art, wie der Kaiser in Briars behandelt worden war, der Zwang, den man den Scinigcn aufcrlcgt hatte, die in der Scadt zurückbleibcn mußten, hatte eine gewisse Kälte herbeigesuhrt; der Kaiser hatte den Admiral nicht mehr zu sich eingcladen, aber demohncrachcct benahm er sich in diesem Augenblick gegen ihn, als ob sic sich erst gestern gesehen hätten, H. ^ Endlich ging die Rclse von BriarS fort nach Longwood. Der > Kaiser bestieg das Pferd, das man ihm hatte vom Cap kominen lassen, »nd das er jetzt zum erstenmal sah. Cs war klein, lebhaft ,md recht hübsch. Der Kaiser trug seine Uniform der Chasseurs von der Garde. Cr war heute überaus freundlich, und sah sehr - wohl auS. 2cdcrmann um und her machte diese Bemerkung, und sie thac meinem Herzen wohl. Der Admiral war sehr aufmerksam »nd sorgfältig; die Straße mit vielen Menschen, die ihn sehen wollten, belagert, und einige englische -Offiziere, die sich an unS anschlosscn, bildeten die Eskorte. Aus dem Weg von Briars nach Longwood nähert man sich einige Zeit der Stadt wieder, auf einmal aber wendet der Weg sich rechts, und geht in einigen Krümmungen über die Bergkette, welche die eine Seite dcö Thalgrundes bildet. Man befindet sich nun auf einer etwas erhöhte» Fläche, entdeckt dort einen neuen Horizont und andere Gegenden, läßt jene kahlen Berge und unfruchtbaren Felsen hinter sich, welche die Seite, wo wir auSgeschifft wurden, bezeichnen, und hat nun eine neue Bergkette vor sich, wovon der Pie der Diane die höchste Spitze ist, auch zugleich der Schlüssel und der Kern des ihn umgebenden Narursystems zu seyn scheint. Links auf der Ostscite der Insel, wo Longwood liegt, schließt sich der Horizont mit den Reihen kahler Felsen, welche gleichsam die feste Ringmauer der ganzen 2nsel bilden. Der Boden ist roh, ungebaut und wüst, indessen zur Rechten das Auge in einer weiten Aussicht umherschweift, wo die Gegend zwar ungleich ist, man aber doch Graö und Baume, viele Gebäude und alle Anzeichen von Cultur wahrnimmt, so daß dieser Strich einen recht romantischen und sogar angenehmen Anblick ' gewährt- 2e weiter man nun auf der sehr wohl unterhaltenen Straße, vorwärts kömmt, je mehr wölbt sich links ein tiefes Thal. Nach zwei , Meilen macht die Straße plötzlich eine» Winkel zur Linken, und - hier befindet sich Huts-gate, ein schlechtes, kleines, zu der Wohnung dcö Großmarschalls und seiner Familie bestimmtes Haus. Einige Schritte davon hat das immer tiefer sich aushöhlende Thal einen ringförmigen Schlund geformt, dein man wegen seiner Weite« Tiefe und Riesengestalt den Namen der Teufels-Punsch-Bswle gegeben hat. Der Weg verengert sich hier durch eine rechts befindliche Höhe. Man geht so lange links an einem Abgrund hin, bis die Straße Longwood erreicht, welches hier ganz nahe zur Rechten liegt. An dem Eingangschor von Longwood fanden wir eine Wache unter Gewehr, welche dem erhabenen Gefangenen die sorge» — >ö4 — schrieben?» Honneurs machte. Sein rasche-, ungelehrige- und an dergleichen Lärm nicht gewöhntes Pferd scheute sich vor der Trommel, und weigerte sich hartnäckig, durchs Thor zu gehen, — und nur durch die Kraft des Spörens seines Reiters konnte cs dazu gebracht werden. Die Herren von der Eskorte wechselten Labei unwillkührlich bedeutende Blicke unter sich. Es war um 4 Uhr, als wir nun endlich unsre neue Wohnung betraten. Der Admiral war beflissen, Alles bis auf den geringsten Ge- genstand selbst zu zeigen. Er hatte alle Arbeiten selbst geleitet, mehrere waren von seiner eigenen Hand. Der Kaiser fand Alles sehr gut, und der Admiral war darüber höchst glücklich; man sah, daß er üble Laune und Verdruß besorgt hatte, allein der Kaiser war im Gegcntheil überaus gütig. Gegen 6 Uhr zog er sich in sein Zimmer zurück, und winkte mir, ihm zu folgen. Er richtete sein Augenmerk auf mancherlei kleine Meubcls, fragte mich, ob ich auch damit versorgt sei, und lies, als ich die Frage verneinte, sie zu mir bringen, indem er mit der huldreichsten Art von der Welt mir sagte: „Nehmen Sie doch, man läßt cs mir gewiß nicht fehlen, und sorgt besser für mich, als für Sie." Er war sehr ermüdet, und fragte mich, ob man eS ihm nickst ansehc? Es fei die Folge einer fünfmonatlichen ununterbrochenen Ruhe. Er war am Morgen viel gegangen, und dann einige Meilen weit geritten. Wir fanden in der neuen Wohnung eine Badewanne, welche der Admiral durch seine Zimmerlcute so gut als möglich haue fertigen lassen. Der Kaiser, der, seitdem er von Malmaifon weg war, kein Bad, so sehr es auch zu seinen Lebensbedürfnissen gehörte, hatte haben können, wollte sogleich eines nehmen, und sagte mir, daß ich ihm dabei Gesellschaft leisten möchte. Er sprach hier mit mir über mancherlei kleine Umstände in Betreff Unserer neuen Einrichtung, und da das mir angewiesene Lokal zu den schlechtesten gehörte, so wollte er, daß ich mich den Tag über in seinem sogenannten topographischen, an sein eignes anstoßendes Äabinet aufhaltcn möchte, um, wie er sagte, nicht so weit von ihm entfernt zu seyn. Das Alles sagte er mit einer Tüte, die mich ergriff. Er ging so weic, mir zu mehrerenmale» zu sagen, daß ich doch am folgenden Tage auch ein Bad in seiner Badewanne nehmen möchte, und wie ich nun in demüthiger Sicklung und mit geziemender Bescheidenheit mich dessen weigerte, sagte er: „2m Gefängniß, lieber Freund! muß man sich gegenseitig helfen. 2ch kann ja das Ding nicht den ganzen Tag brauchen, und das Bad wird Ihnen so wohl thun, als mir." Es war, alS wolle er mich ffür de» Verlust entschädigen, daß ich 3 s, ihn MM nicht mehr Kttöschliesscnd besitzen würde. So viele Güte rhac mir allerdings wohl, dar» ist wahr, allein meine Freude war ! rcmioch mir einiger Trauer vermischt, denn was ich vom Kaiser ^ jetzt crsuhr, war ohne Zweifel der Lohn meiner ihm zu Briars i bewiesenen Anhänglichkeit; aber es kündigte mir zugleich das Ende jener täglichen Gewohnheiten an, die ich nur unsrer gänzlichen Einsamkeit verdankte. Nach dem Bade wollte sich der Kaiser nicht wieder anziehcn, und speißte deshalb auf seinem Zimmer. Ich mußte bei ihm bleiben, wir waren allein und das Gespräch lenkte sich auf einen Gegenstand, dessen Resultat von großer Wichtigkeit seyn konnte. Er fragte mich um meine Meinung, und trug mir auf, ihm morgenden Tages meine Gedanken vorzulegcn. — -— — — Montag, am 11. bis Donnerstag, am 14. Deccmber., Endlich lag ein neuer Theil unsers Aufenthalts auf den un» glücklichen Felsen von St. Helena enthüllt vor uns. Man hatte uns in unsere künftigen Wohnungen eingewiesen, und unö die Grenzen des gräßlichen Gefängnisses gezeigt. Longwood war ursprünglich ein einfaches Pachtgut der Com» pagnie, das man dem Untergouverneur als ein Landhaus übeslaffen halte. Es liegt in einer der höchsten Gegenden der 2usel. Der englische Thermometer zeigt hier wenigstens 10 Grad Unterschied gegen das Thal, wo wir ausgeschifft wurden. Es ist eine ziemlich , weite Fläche auf der Dstküste und nicht fern von dem Gestade. ' Unaufhörliche, oft sehr heftige und stets von der nämlichen Gegend herkommende Winde kehren ohne Unterlaß die Flache des Landes, das von einem selten verschwindenden Nebel bedeckt tift Die Sonne, welche nicht oft sich zeigt, hat nichts dcstowenigcr einen höchst nachtheiligen Einfluß auf die Atmosphäre, sie greift die Leber an, wenn man sich nicht dagegen schützt*), und häufige Rcgen- ! güsse hindern jeden Unterschied der Jahrszciten, dergleichen cs auf >' Longwood gar nicht giebt. Wind, Nebel und Feuchtigkeit bringen eine gemäßigte und eintönige Temperatur hervor, die übrigens vielleicht mehr langweilig als ungesund ist. Der starken Regen ungeachtet giebt eS kein GraS, weil cs entweder der Wind zerstört, oder die Hitze wegsengt. Das- Wasser wird durch eine Wasser« lritung zugcführt, und ist so ungesund, daß der Untergouverneur, Siche das Werk des Oe. ü'Meara. sllvlailon <1e« cvsuomeus ar- rivss Lc. llelbiie, elc, 1'arls 1819. 9Ü welcher sich vor uns dort befand, eS jedesmal, wenn er es für sich und seine Leute gebrauchen wollte, zuvor abkochcn ließ. Wir ren gezwungen ein Gleiches zu rhun. Die Bäume welche »um daselbst findet und die dem Orte aus der Ferne ein lachendes Ansehen geben, sind nur Gummibäume. Sie haben ein schlechtes erbärmliches Laub, das keinen Schatten giebt. Ein Theil des Horizont » zeigt in der Ferne daS unermeßliche Meer und außerdem sieht me» nichts als große unfruchtbare Felsenmassen, tiefe Abgründe, zerrissene Thäler und weit hinaus die mit Nebel bedeckte grünliche Bergspitze der Diana. Mit einem Worte, der Anblick von Longwood kenn nur einem Reisenden zur See angenehm seyn, der des langen ! Aufenthalts auf dem Schiffe müde ist und deshalb jedes Land rei- zend findet. Wenn er an einem freundlichen Tage dort ankommt und plötzlich alle die bizarren Gegenstände erblickt, worüber man wohl staunen kann, dann wird er wohl gar ausrufen: Ach wie schön! Aber die Bewunderung eines Menschen, der nur einen Augenblick daselbst verweilt, fällt dem armen Gefangenen schwer ^ aufs Herr, die verdammt sind, für immer dort zu bleiben. Seit zwei Monaten hatte man unaufhörlich gearbeitet, Long- wood für uns bewohnbar zu machen. Zedoch das Resultat davon war sehr unvollkommen geblieben. i Den Eingang von Longwood bildet ein Bchaltniß, das zn gleicher Zeit Vorsaal und Speisezimmer sehn soll. Von da kommt man in ein anstoßendes, das zum Salon eingerichtet; hierauf i» ein drittes, diesem quer über, das sehr finster ist und für die Karten und Bücher des Kaisers bestimmt war, nachher aber der Spii- sesaal wurde. Wenn man sich in diesem Zimmer rechts wendet, , gelangt man zu der Wohnung des Kaisers. Sie besteht aus Mi ganz kleinen auf einander folgenden Behältnissen von gleicher Gri- ^ ße, von denen das eine sein Kabinet und das andre seine Schlafstube ist. Ein kleiner äußerer Corridor, hinter diesen beiden, soll , ihm zum Badezimmer dienen. Der Wohnung des Kaisers gegenüber, auf der andern Seite des Gebäudes, war die Wohnung der Frau von Montholon und des Gemahls derselben, so wie ihre- Sohnes, später aber die Bibliothek des Kaisers. Außerhalb und den unförmlichen Ausgangsthüren war quer über meine Wohnung, ein kleines viereckiges Bchältniß an der Küche im Erdsioek. Durch eine Fallthüre und mit Hülfe einer Schiffslciter gelangte man zu dem Nachtlager meines Sohnes, einen wahren Bodcn- kämmerchen, das nichts als den Raum für sein Bett enthielt. ^ Unsre Fenster und Bettest hatten keine Vorhänge, und der wenigen Meublen unserer Zimmer hatten sich bei dieser Gelegenheit S7 sichtlich die Einwohner der Insel entledigt, um auf eine solche Art sie gut auzubringen und sich dann mit Vortheil bessere anzuschaffen. Den Großmarschall mit seiner Gemahlin und feinen Kindern hatte man, zwei Meilen von uns entfernt, in einem Hause gelassen, das man dort selbst unter dem Namen einer Hütte (Hut'ö- gate) belegt. Der General Gourgaud, inglcichen der Arzt *) und der die Mchtmannschaft commandirende Offizier, wurden, bis ihre Stuben, welche noch in aller Eile von den Matrosen des Northumberland gezimmert werden sollten, fertig scyn würden, unter ein Zelt quartiert. Es war um uns her eine Art von Garten angelegt. Aber der Mangel an Wasser, die Natur des Klima und die geringe Sorgfalt, die wir darauf wenden konnten, machte, daß er wirklich nur den Namen eines Garten hatte. Unmittelbar in unserm An« gesicht und in geringer Entfernung, jedoch durch eine tiefe Schlucht vo» uns geschieden, lagerte das 53ste Regiment, von welchem mehrere Posten die nahen Gipfel der Berge besetzt hielten. Dies war Leun nun unser neuer Aufenthalt. Am 12ten erstattete ich dem Kaiser meinen Bericht über den Gegenstand, in Betreff dessen er mir befohlen hatte, ihm binnen zwei Tagen meine Gedanken mitzutheilen. Er entschied nichts darüber, indem er glaubte, daß die ganze Sache ohne allen Nutzen sei. 2ch wagte, in ihn zu dringen, weil dabei wenigstens nichts gewagt wurde und nichts zu verlieren war. Es hieß sein Glück in der Lotterie, ohne die Kosten einer Einlage versuchen. Die Folge hat übrigens bewiesen, daß er richtig geurtheilt hatte. Das Unternehmen wäre ganz unnütz gewesen und ohne allen Erfolg geblieben. Noch an dem nämlichen Tage kam der Oberste Wilks, bisheriger Gouverneur der Compagnie, den der Admiral abgelSset hatte, seine Aufwartung zu machen, und ich vertrat dabei die Stelle eines Dollmecschers. Morgen oder am folgenden Tage sollte der Minden nach Europa unter Segel gehen, und ich benutzte diese Gelegenheit, nach London und nach Paris zu schreiben. *) Dies» Arzt war der Doktor Q'Meara vom Northumberland, der, alS er Napoleon ohne Arzt nach St. Helena abrciscn sah, mit großem Beifall der Selnigen und unter den lebhaftesten Dankbczeigungcn von uns Allen, sich auf sehr cdclinüthige Weise, ihn zu begleiten anbot. Nur die englischen Minister scheinen sich darüber erzürnt zu haben, denn Jedermann kennt die Beleidigungen, das empörende Unrecht und die Verfolgungen, welche ihre kalte und barbarische Wuth über das Haupt dieses würdigen Engländers brachte, der doch durch sein Ver» halten die Menschheit, sein Vaterland und sein Herz ehrte. L. Cafes Tages, 2. Bd. 7 Freitag am 15. bis Sonnabend am 16. Deeembcr. DeS Kaisers Diensilenre bestanden bei dem Abgänge von Pli,- mouth noch auS cilf Personen. Es macht mir ein Vergnügen, hier ihre Namen niederzuschrciben — ich bin cs ihrer Ergebenheit schuldig. " Wie groß nun auch diese Zahl seyn mag, so muß man doch U der Wahrheit gemäß sagen, daß wahrend unsrer Reise, so wie seil f unsrer Landung zu St. Helena, diese Menschen ausgehörk hatten, < für ihn da zu seyn. ") - Unsere Zerstreuung, die Unsicherheit bei unser» Einrichtungen, 1 unsre Bedürfnisse, verglichen mit der Unregelmäßigkeit, womit die- f selben befriedigt wurden; Alles das hatte nothwcndigcrweise Unorb- nung erzeugt. i ^ Sobald wir nun zu Longwood vereint waren, wollte der Kaiser ' seine Umgebung ordnen und jeden nach dem Maas seiner Kräfte anstelle». Der Großmarschall behielt den Oberbefehl und die Ober- A aufsicht über das Ganze; dem Herrn von Montholon wurden alle ^ häusliche Angelegenheiten, Gourgaud der Stall und mir das Mobiliar sannnt der inncrn Wirchschaft in Betreff alles dessen, M man uns lieferte, anvertrauc. Diese lctztre Parthie schien inir in ^ so enger Verbindung mir der Besorgung der häuslichen Angelegen- f Helten zu stehen und die Vereinigung beider Funktionen für das gemeine Beste so vortheilhafe zu seyn, daß ich gern die Hand koc, mich davon los zu machen, was denn auch ohne Schwierigkeit sehr bald gelang. 's) Personen znm Dienst des Kaisers. K a m in e r. Marchand a»S Paris, erster Kammerdiener. St. Denis, genannt Am, a»S Versailles, Kammerdiener. Noverraz aus der Schweiz, desgleichen. Santini aus Corstta, Thürhütcr. Livree. Archambault der Acltcre, «ns Fontainebleau, Piaucme. ^ Archambault der Lungere, desgl. deSgl. ! ^ Ecntilini aus Elba, Fußknecht. Tafel und Küche. Cypriani aus Corsika, auf St. Helena gestorben, HauSbofmchler, Pierron aus Paris, Offiziant. Lepaac, Koch. Rousseau aus Fontainebleau, Silbcrdiener. Sobald diese Beschlüsse vom Kaiser gefaßt waren, sing alles an ganz leidlich von Statten zu gehen und wir befanden uns dabei auf jeden Fall ungleich besser. Bei alle dem mar doch, so verständig auch der Kaiser zu Werke ging, dadurch der Same der Zwietracht gestreut, so daß derselbe hier und da Wurzel faßte und bisweilen hervorkeimcc. Der eine glaubte er habe verloren, der andre wollte seiner Parthel zu viel Gewicht geben, der dritte hielt sich bei der seinigcn für verletzt. Wir waren ja nicht die Glieder einer und derselben Familie, welche, indessen jedes nach seinen Kräften das Seine thut, nur darauf denkt, das Gemeingut zu verbessern. Weit davon entfernt, der Nothwcndigkcit Gehör zu geben und ihr Gebot in Ausübung zu bringen, stritten wir unS vielmehr um die Trümmer unsers ehemaligen Glanzes, um die Uiberbleibsek unserS Ehrgeizes. Als die Anhänglichkeit an die Person dcö Kaisers uns bei ihm zusammenbrachte, so hatte hierbei nur der Zufall, nicht die Sympathie der Herzen gewirkt. Wir bildeten einen Verein, der ohne alle Wahlvcrwandschast der Seelen entstanden war. Wir hingen zu Longwood an einander mehr durch den Zwang des Raums, als durch freiwillige Annäherung. Und wie konnte baS auch wohl anders seyu? Wir waren uns einander alle ganz fremd und unglücklicher Weise erhielten Verhältnisse, Alter und Verschiedenheit deö Charakters unS in diesem Zustande. Die unangenehme Folge davon war, daß wir nnS hierdurch der größten Erleichterung in unsrer Lage beraubt sahen. Vertrauen, gegenseitige Mittheilung, jene Herzcnscinigkeic, welche oft dem größten Unglück noch gewisse Reize giebt, war für unS verloren. Von der andern Seite habe ich aber dadurch manche besondere Eigenschaften in dem Gemüthe des Kaisers kennen lernen- Dahin gehörten seine indirekte» Versuche, die Einigkeit unter uns hcrznstcl- len und unsre Gesinnungen zu verschmelzen; seine unaufhörliche Sorgfalt, jeden wahren Grund zur Eifersucht uns zu ersparen, seine angenommene und wohlberechncte Unaufmerksamkeit bei allen Dingen, von denen er nichts wissen wollte, und endlich selbst seine väterlichen Strafpredigten, die, wenn wir sie auch, wie ich zu Ehren Aller sagen muß, eifrigft zu vermeiden suchten, doch dann und wann statt fanden und nun mit eben der Ehrfurcht ausgenommen wurden, als hätte er sie auf seinem Throne in den Tuilerien gehalten. Der auf der Welt kann sich wohl rühmen, den Kaiser als Privatmann so genau wie ich zu kennen. 2ch habe zwei Monate in der einsamen Wüste von Vriarö mit ihm verlebt, habe jene langen Spaziergänge im Mondschein an seiner Seite, jene zahlrci« cken Stunden der Unterhaltung mir.ihm genossen, habe dabei von dem Moment, von Ort und Zeit Gewinn ziehen können, habe über das Glück seiner Kindheit, die Freuden seines Iugendlebens, über die Bitterkeit seiner jetzige» Leiden mit ihm gesprochen. Auch glaube ich, sein Gemüth bis auf den Grund erforscht zu haben, und kann mir daher so viele Dinge, die sonst manchem »»verstäub- lieh waren, -ezt erklären. 2ch begreife nunmehr, was »nS so osr in Erstaunen setzte und ihn in den Tagen seiner Macht so besonders charakterisirte, daß man bei ihm seine Sache nie für ganz verloren ersehen durfte, daß, wenn auch seine Ungnade offenbar, wenn der Abgrund auch noch so tief war, worein man sich gestürzt sah, doch die Hoffnung nicht verschwand, einst wieder empor zu kommen, daß wer einmal sich in seiner Nahe befand, wie er auch gefehlt haben konnte, wie groß auch das Mißfallen seyn mochte, das er sich zugezogen hatte, doch höchst selten gänzlich verstoßen wurde. Der Kaiser hat im höchsten Grade zwei köstliche Eigenschaften: einen großen Sinn für Recht und eine natürliche Neigung sich anzn« schließen. Bei den größten Widerwärtigkeiten, bei der höchste» Aufwallung des Zornö, beherrscht ihn dennoch die laute Stimme der Gerechtigkeit. Man kann stets daraus rechnen, daß er Gründe aufmerksam anhören wird, daß er, wenn man schweigt, sic selbst Vorbringen werde, sobald sie sich seinem Geist darstcllen. So vergißt er nie die Dienste, die man ihm jemals erwiesen und ebenso wenig dasjenige, an was er sich einmal gewöhnt hat. Früher oder später erinnert er sich. Er fragt sich dann selbst, wie viel man nun schon gelitten, findet, daß die Strafe nun lang genug gedauert habe, und läßt dann den von aller Welt Vergessenen, der nicht weiß wie ihm geschieht, oft aus der weitesten Entfernung zu allgemeiner Verwunderung hcrbeihelen. Man kennt eine Menge von Beispielen dieser Art. Der Kaiser faßt leicht und ohne viele Worte zu machen recht herzliche Zuneigung. Hat er sich einmal an Jemand gewöhnt, so denkt er nicht mehr an die Möglichkeit einer Trennung. Er bemerkt die Fehler, er ist unzufrieden, er tadelt seine eigne Wahl, er zankt aus, aber man hat nichts zu fürchten. ES ist, als ob alleS das ihn noch fester anzöge. Es sicht vielleicht sonderbar aus, daß ich diese Züge in dem Charakter Napoleons so einfach skizzire. Was man gewöhnlich darüber geschrieben hat, ist so gesucht; man hat so viel Gegensätze, so viel Ausschmückung für nöthig gehalten, und weil es jedem um den Effekt zu thun war, sich dabei gewaltig den Kops zerbrochen. 3ch hingegen schreibe was ich sehe und was ich fühle. Diese Betrachtung koiinte ich übrigens nicht passender anbringcn. Dcr Kaiser fand heute iu den englischen Journalen sein eignes Bild, durch den Erzbischofs von MalincS gezeichnet, jnft so ein von Antithesen und Contrastcn strotzendes, mit vielem Kopfzerbrechen auf höchst gezwungene Weise zusammen gesetztes Gemälde. Der Kaiser verlangte, daß dcr Großmarschall es ihm Wort für Wort übersetzen sollte. Hier sind die wesentlichsten Züge davon. -„ Napoleons Geist (sagt dcr Abbs de Pradt In sci- „er Sendung nach Warschau im Jahre 1812 ) war viclumfassend, aber er verfiel dabei, nach Art dcr Orientalen und durch einen gewissen Widerspruch in seinen Neigungen, gleichsam durch sein eignes Gewicht auf Kleinigkeiten, die man unedel nennen könnte. Der erste Anklang war dabei immer groß, aber der zweite wurde kleinlich und schlecht. Wie mit seinem Geiste ging cs auch mit seinem Sessel. Verschwendung und Knickerei hatten daran jedes ein eignes Band. Sein Genie, für das große Welttheater wie für die Marktschreierei geeignet, zeigte sich bald im königlichen Mantel, bald in der Harlekinsjasse. Gr war ein wahrhaftes Doppelwcsen. Dcr Mann, welcher die Alpen erniedrigt, den Simplon geebnet, das Meer nach seinem Willen hcrbeigchoit oder von seinem Ge- stade fortgedrangt hatte, endete damit, sich selbst an einen englischen Kreuzer zu überliefern. „Er ist von einem wundervollen unendlichen Scharfsinn, er ersaßt und schafc in jeder Frage ungewöhnliche und neue Beziehungen und hat einen Uiöerfluß von lebendigen und pittoresken Bildern. Sein Ausdruck ist seclenvoll, gleichsam durchstechend, und wirksamer noch durch das Unkorrekte seiner Sprache, die immer etwas Fremdartiges beibehalt. Er ist ein Sophist, voll Sub- Mitten, überaus leicht beweglich und hat eine ganz andre Art zu sehen, als alle übrige Menschen. Mit diesen Eigenheiten vereinige man nun noch seinen Glücksrausch, seine Gewohnheit, aus einem Zauberbecher zu trinken, und sich von der ganzen Welt Weihrauch streuen zu lassen, dann wird man den Mann begreifen, der mit seinen Sonderbarkeiten alles Hohe und Niedere eines Sterblichen, die größte Majestät in dem blendenden Glanze der fürstlichen Macht, die größte Würde bei der Regierung mit dem Unedelsten und der bis zum größten Verbrechen hcrabsinkenden Schwachheit, den Meu« chelmord mit Entthronungen vereint und so eine Art von Jupiter» Hanswurst darstellt, der bis jezc noch nicht auf der Erde erschienen war." Nun das ist doch gewiß Geist, und zwar von der ausgesuchtesten Art. Ich schweige von dem Skandal, das hier dcr ehrwürdige Charakter eines Priesters giebt, ein Erzbischoff, der von seinem Herrn mit Wohtthattn überhäuft worden ist, dcr, so lange 1N2 der Letztere im Glück war, ihm unaufhörlich den Hof machte, b» stets mit den größten Schmeicheleien sich ihm nahte und nun, nachdem der Tag des Unglücks über ihn hereingebrochen ist, sich so niedriger und gemeiner, so übertriebener, so beleidigender Ausdrücke von ihm bedient, wie man sie eben gelesen har. — (Napoleon in der Harlekinsjacke — ein Jupiter« HanSwurst! --) Ich bleibe ganz allein bei der Richtigkeit deS UrtheilS stehe», wenn der Herr Abb« von Pradt sagt: „daß der erste Anklang bei dem Kaiser immer groß, der zweite aber klein — daß er ein wahres Doppelwesen, daß er der Mann war, welcher dir Alpen niedriger und den Simplon eben machte und dann damit schloß, daß er sich selbst an einen englischen Kreuzer überlieferte." Der Herr Abba von Pradt hat also die Größe, die Hoheit einer solchen Handlung nicht gefühlt? —. Sich von einem durch ungetreue Nathgcber irregeleiteten Volke trennen, um ihm sein künftiges Loos zu erleichtern; seinen persönlichen Vorthcil dem Unheil eines Bürgerkrieges ohne glückliche Resultate für die Nation zum Opfer bringen; eine ehrenvolle sichere, aber keine Unabhängigkeit gewährende Freistatt verschmähen und ihr die Zuflucht zn einem Volke, nach einem zwanzigjährigen feindlichen Kampfe mit demselben, verziehen, diesem Volke einem, dem eignen Sinn gleichenden Edelmuth zutrauen, und dessen Gesetze so sehr ehren, daß man sich durch dieselben gegen den -ÜstracismuS von Europa geschützt glaubt. — Solche Gedanken und Entschließungen kennen wohl nicht für daS Gegenthci! des Riesenhaften, des Edlen und Erhabenen gelten. NU. Hier folgten in meinem Journal mehrere Seiten mit sehr bösen, den Herrn Erzbischofs von Malines betreffenden Dinge», wie ich sie aus dem Munde des Kaisers gehört hatte, oder wir sie selbst schon wußten. Ich übergehe sie jetzt, weil ich dies für Pflicht halte, nachdem der Kaiser späterhin, wie man mir gesagt hat, bei dein Lesen der von Herrn von Pradt geschriebenen Coneordatc seine Zufriedenheit zu erkennen gab und was mich selbst betrifft, in Hinsicht des Vergnügens, das mir seitdem hundert andere Zeugnisse derselben Art aus der nemlichen Ouelle verursacht haben. Eine ehrenvolle, freiwillige Reue ist tausendmal mehr werth als alle Widerlegung. Außerdem giebc cs Menschen,. welche die Bekehrung zu schätzen wissen und sie hoch aurcchnen; ich gehöre zu diesen. Indem ich dieses schrieb gab man mir eine neuere Aeußerung des Herrn Abbs de Pradt zu lesen, welche sehr schön geschrieben, aber noch ungleich schöner durch ihre Richtigkeit und Wahrheit 103 ist. Ich kann mich nicht enthalten, sie abzuschreiben. Sie maz d,io oben Gesagte wieder gut machen. Der Erzbischofs von Malincs sagt neinlich, in Beziehung auf eine von Laybach aus erlassene Erklärung der Souveraine, worinnen Napoleon, über den man das Verdammungpnrchcil ausspricht, der Repräsentant der Revolution genannt wird, folgendes: „Es ist zu spät, Napoleon, der jetzt ohne Waffen ist, zu insul- liren, wenn man so viele Jahre lang, alö er damit wohl versehen war, sich tief vor ihm gebückt har. — Bewehrte Arme sollten den Wehrlosen in Ehren halten, den» der Ruhm des Siegers besteht zum Thcil darinnen, die Gefangenen mit Achtung zu behandeln; besonders wenn sie nicht von dem Genie, sondern nur von der Übermacht bezwungen worden sind. Es ist zu spat, Napoleon einen Revolutionär zu nennen, wenn man ihn lange Zeit den Wie- dcrhersttller der Ordnung in Frankreich und mithin zugleich in Europa genannt hat. Es ist zu spät, ihm einen Schandfleck anzuhängen, wenn man so lange ihm die Hand alö Freund gereicht, ihm sein Ehrenwort alö Bundesgenossen gegeben, wenn inan Sicherheit für einen wankenden Thron in der Blutsverwanhschast mit ihm gesucht hat. Weiter unten sagt er: „Er, ein Repräsentant der Revolution? „Sie zerreißt die Bande welche Frankreich mit Rom vereinen; er knüpft sie wieder an. „Sie hat die Tempel niedergcworfen und verschlossen; er baut sie wieder aus. „Sie hat die beiden Kleriscyen entzweit; er vereinigt sie wieder. „Sie hat Saint DeniS profanirt; er weihet es wieder ein und bringt Sühnopfer der Asche der Könige. „Sic hat den Thron umgcstürzc; er richtet ihn wieder auf und erhöhet denselben. „Sie hat die höhcrn Stände aus Frankreich vertrieben; er öffnet ihnen wieder Thor und Thür, und selbst die Thorc seines Palastes, obschon er in ihnen seine unversöhnlichsten Feinde kennt, vereint sie aufs neue mit dem Scaarc, der sie auf grausame Weise verstoßen hatte, obgleich er weiß, daß der größte Theil den Staatsdienst haßt. „Ein Repräsentant einer Revolution, die man die autisocialc nennt — er, welcher das Oberhaupt der Kirche kommen lies um seine Stirn mit dem Oel zu salben, welches die Diademe weiht? „Ein Repräsentant einer Revolution, die man als die Feindin der Könige betrachtet, er, welcher Deutschland mit Königen bereichen, der die Fürsten zu höheren Würden erhoben, der das Kj, nigthum wieder hcrgestcllt, ihr verwischtes 2deal neu geschaffen har „Ein Repräsentant einer Revolution die man der Anarchie gleichsetzt, er, welcher wie ein zweiter 2ustinian, mitten ! unter dem Geräusch der Waffen, bei allen Nachstellungen der ein, st stern Politik, alle jene Gesetzbücher gegeben hat, welche bis jetzt st die mindest unvollkommenen der menschlichen Gesetzgebung sind, ^ und aus dessen Hand das Kunstwerk der kräftigsten Regierung her« vsrging, welches je auf Erden gefunden wurde. st „Ein Repräsentant einer Revolution, die man ge- st wöhnlich beschuldigt, daß sie alles zerstört habe, er, welcher die jst Univcrsiräten und Schulen wieder herstellce, und sein Reich mit st Wunderwerken der Kunst erfüllte, er, der Urheber der ungeheuer- j sten, der kühnsten Unternehmungen, die je den menschlichen Geist st in Staunen gesetzt und ihm Ehre gemacht haben. Wie will man s gegen das Zcugniß der Alpen, die auf sein Geheiß geebnet, der st Meere, die zu Cherburg, zu Fließingen, am Helder, zu Antwerpen st bezwungen wurden, der Ströme, die sich gelehrig unter der Last st der Brücken von 2ena, von Sevres, von Bordeaux, von Turin st krümmen, der Kanäle, welche die Meere unter sich verbinde», l und endlich gegen das Zeugniß von Paris, das er metamorphesüt st hat, ihn einen Hauptagenten der Verwüstung nennen! 2hn der st alles wieder hcrgestcllt hat, den Repräsentanten einer Re- st' volution, welche alles zerstörte! Noch einmal, glaubt man denn j mit Menschen zu sprechen, die den Verstand verlohren haben? —" i Sonncag, am 17. December. ^ Der Kaiser lies mich um 2 Uhr rufen. Er fing an sich an« st zuklciden. Bei meinem Eintreten fand er mich bleich; ich sagte - ihm, es könne das wohl von der Atmosphäre meiner Stube her- st rühren, die durch das Angranzeu an die Küche zu einem wahren ^ Schwitzkasten würde, auch oft voll Rauch sei. Er verlangte, daö ^ ich das topographische Cabinet ganz einnchmen möchte, um am t Lage daselbst zu arbeiten und des Nachts in dem Bette, das der st Admiral für ihn hatte vorrichten lassen, dort zu schlafen, indem er j von dem letztem ohnehin keinen Gebrauch mache und lieber sein t gewöhnliches Feldbette vorziehe. Als er mit seinem Anzüge zu j Stande war, gab er von drei Dosen, die er in der Hand haue, , plözlich eine an seinen Kammerdiener (Marchand). „Schließen Sie sie ein, sagte er, sic kömmt mir immerwährend unter die Augen und das thut mir weh." 2ch kann nicht sagen, was er eigentlich damit mcinre, doch vcrmuthe ich, es war ein Portrait dcö Königs MI Nom darauf. Der Kaiser ging aus Mid ich folgte Ihm. Er besah daö HauS und kam in mein Zimmer. Wegen eines kleinen Toilettenspiegels fragte er mich, od cS derjenige sei, den er l mir gegeben habe? — Dann fühlte er mit der Hand die Mauer nn, welche von der Küche erhitzt wird und sagte abermals daß ich ! nicht da wohnen könne; er fordre schlechterdings, daß ich von jetzt an in seinem Bette im topographischen Cabinet schlafen solle, in- s dun er schmeichelnd hinzusctzte: cs sei das Bette eincö ^ Freundes. Dann gingen wir nach einem schlechten Pachcgme, Hs das wir vor unS hatten. Aus unsrem Wege fanden wir die Woh- s- luing für die Chinesen. Das sind Handwerksleute, Tagelöhner und dcrgl. welche die englischen Schiffe von Macao mitbringen und ^ die, wenn sie eine gewisse Anzahl Jahre im Dienst der Compagnie i auf der Insel geblieben sind, hierbei aber, ohngcfähr wie unsre i Aiwcrgnaten, ein kleines Vermögen erworben haben, dann wieder ! hcimkehrcn. Der Kaiser wollte sic vielerlei fragen, wir konnten ^ imö aber ihnen nicht verständlich machen. Jetzt gingen wir nun, um ^ das eigentliche Pachtgut Longwood zu besehen. Den Kaiser hatte die Benennung (kein».) getäuscht; er glaubte etwas AehnlicheS ? wie die schönen Flandrischen oder Englischen Pachtgütcr zu fin- ° den — aber wir trafen hier nichts, als den Koth unsrer schmu- f tzigstcn Mcicrhöfe. Von da begaben wir uns hinunter in den Gar- ^ ccn der Compagnie, der in dem aufgeworfenen Boden aus zwei s einander gegenüber liegenden Schluchten angelegt ist. Der Kaiser ! licS den Gärtner kommen und den welcher das Vieh der Compag- s nie, so wie die Chinesen unter sich hat und that eine Menge auf - ihr Geschäft sich beziehender Fragen an dieselben. Dann kehrte er - sehr ermüdet von seinem Fußspazicrgange wieder heim. Es war ^ sein erster Ausflug und wir hatten kaum eine Meile gemacht. ! Vor Tische lies der Kaiser mich und meinen Sohn kommen, um mit uns wie gewöhnlich zu arbeiten. Er nannte mich faul ! und machte mich aufmerksam darauf, daß mein Sohn verstohlen darüber lache. Als er mich um die Ursache fragte, sagte ich, eS i werde wohl darum scyn, weil Sr. Majestät ihn räche. „Aha, ich ^ verstehe, antwortete er mit Lachen, ich bin hier der Großvater." Montags, am 18. und Dienstags, am 19. Decembcr. Nach und nach regelten sich unsre Stunden und Gewohnheiten. Der Kaiser frühstückte gegen lO Uhr auf einem kleinen Tischchen. Dann und wann wurde einer von uns dazu gerufen. Wir früh« ^ stückicn an der Dicustrafel ohngesähr um die ncmliche Zeit. Der Kaiser halte uns erlaubt, nach unsrem eignen Gutbcsinden dazu einzuladcn, wer unS etwa dabei angenehm seyn könnte. 106 Noch waren keine Stunden für daS Spazierengehen bcuim'n,. Am Tage war es schrecklich heiß und des Abends trat schnell g,o. ße Feuchtigkeit ein. Seit langer Zeit schon sprach man von Rein und Wagenpferden, die vom Kap kommen sollten, aber sie krach, nie ein. Des Morgens arbeitete der Kaiser mit mehren, von uns. Mir blieb gewöhnlich die Zeit unmittelbar vor dem Diner, das nicht eher als um 8 oder 9 Uhr aufgctragen wurde. Er lies mich also gegen 5 oder 6 Uhr mit meinem Sohne. rufen. Bei de». Zustande meiner Augen konnte ich selbst nicht inehr schreiben und lesen; mein Sohn war nun schon im Stande meinen Platz ein;,,, nehmen. Er schrieb jezt alles nieder waS der Kaiser diktirtc; ich war nur noch dazu da, um späterhin ihm zu helfen, daß er sich in seine Gefthwindschrift finden könne, und hatte cs dabei so weit gebracht, daß ich fast buchstäblich und nach ihrem ganz vollsrändi- gen Sinne die Worte des Kaisers zu wiederholen vermochte. Der Feldzug von Italien war zu Ende; wir gingen ihn vom Anfänge an noch einmal durch und der Kaiser verbesserte dabei oder diktirtc wohl von Neuem. Von 8 bis 9 Uhr wurde dinirt, wie ick nur eben gesagt habe. Die Tafel stand in der ersten Piece vom Eingänge; Frau von Moncholon saß rechts neben den, Kai> ser, ich ihr zur Linke». Herr von Msntholon, Gonraaud >md mein Sohn saßen uns gegenüber. Noch immer war Geruch im Saale, besonders bei feuchter Witterung, zwar unbedeutend aber doch schlimm genug, um den Kaiser zu incommodiren. Wir blieben daher kaum zehn Minuten bei der Tafel; das Dessert wurde im anstoßenden Zimmer, unsrem Salon, anfgetragcn, wir setzten uns dort noch einmal zu Tische und tranken auch da den Kaffee. Dort wurde zugleich die Unterhaltung fortgesetzt; man las einige Scenen aus Molisre, Racine oder Voltaire und bedauerte jedesmal nicht auch Corneille zu haben. Sodann wurde eine Parthie Revers, gespielt; cs war das Spiel, welches der Kaiser in seiner Jugend geliebt hat und das ihm daher angenehme Erinnerungen gewahrt. Er glaubte, daß eS ihm recht lange Zeit Vergnügen machen werde — allein diese Täuschung verschwand sehr bald. Wir spielten es übrigens mit allen Variationen; das gab der Sache Leben und ich habe gesehen, baß Fünfzehn biS Achtzchnlauscnd Marken an Remisen aufgeschrieben waren. Der Kaiser suchte jedesmal Revers,, das heißt alle Stiche zu machen, was sehr schwer ist, und nichts desto weniger ihn, oft gelang. So zeigt in Allem sich fein Charakter! Zwischen Zehn und Eilf Uhr ging man auseinander. Als ich heute, den l9., zu dem Kaiser kam, gab er mir ein Libcll zu übersehen, das ihn, zufällig in die Hand gekommen war. Nach tausenderlei Dummheiten fanden wir Privalbriefe, die an die Aiiiscrln Ioscphine unter der solennen Form: Ll-x'-ime »cine kleine gute Louise! geschrieben hat. Nach der Schlacht bei Friedland habe ich zu Saint-Cloud, in du Kaiserin Zosephine Händen, die erste zusammenhängende Schrift des Kaisers gesehen. Es machte ihr Vergnügen,' sie unö gleich Hyrogliphcn zu entziffern und sie enthielt folgendes: „Meine Kinder haben neuen Ruhm über meine Laufbahn verbreitet; Fricdland M in der Geschichte neben Marcngo, Austerlitz und Iena stehen. Du wirst die Kanonen lösen und Cambaccrcs das Bulletin ausge- bk» lassen. — — " Späterhin wurde mir durch eben diese Gunst das Glück zu Theil, einen Brief von seiner Hand nach dem Friede» von Tilsit zu sehen. Er besagte: „Die Königin von Preußen ist in der That sehr reizend, und ganz überaus freundlich gegen mich. Allein sei deshalb nicht eifersüchtig. Ich bin eine Wachs- leilnvand, über die alles leicht hingleitet. Es würde mir thcuer zu stehen kommen den Galanten zu spielen." Bei dieser Gelegenheit wurde damals in dein Salon der Kaiserin Ioscphine erzählt: Es habe die Königin von Preußen eine sehr schöne Rose in der Hand gehabt und der Kaiser sic darum gebeten. Die Königin habe einige Augenblicke gezögert und sie ihm dann mit den Worten gegeben: „Warum bin ich nur so leicht bereit Ihnen zu geben, da Sie doch so unbiegsam sind, wenn ich Sie um etwas bitte." Sie spielte damit auf die Festung Magdeburg an, um welche sie den Kaiser dringend ersucht hatte. Das sind denn also die Beziehungen und die Art der Gespräche, welche die englischen Schrisrstcllcr einer gewissen würdigen Gat- luug, ohne zu erröchen, in dem Grade entstellt haben, daß nach ihnen der Kaiser wie ein stolzer, unbändiger und ungeschliffener Tyrann erscheint, der bereit ist, mir Hülse seiner Mamelucken, jener schönen Königin selbst unter den Augen ihres unglücklichen Gemahls Gewalt anzuthun. Was nun die großen Spionir- und Polizeianstalrcn betrifft, wovon man so vielen Lärm gemacht bat, so frage ich, welcher Staat m>f Lern Concincnt sich wohl rühmen kann, hierbei weniger als das 10S Französische Gouvernement gcchan zu haben? und auf wclämn Gebier gleichwohl die bimständc es ernster als hier geboren? Aüe 'Pamphlets von Europa suchten ihn deshalb verhaßt zu mache», s denn ans diesem Wege konnte man desto besser das Treiben in, - eignen Lande verbergen. Der Kaiser hat stets, diese dem Grund, k salze nach so nSrhigcn, bei der Ausführung aber so höchst schlechte» Maaörcgcln, nur ganz im Großen und nach seiner festen Maxime, 8 daß man dabei nur das thun dürfe, was ganz unvermeidlich sei, 1 in Ausübung gebracht. Ich habe cs im Scaatsrathe osc selbst wie § angchört, wenn er sich über diesen Gegenstand Bericht erstatte» § ließ, ihn mit einer ganz besonder» Sorgfalt behandelte, dabei Bei. I bcffcrungen anordncce, allem Unziemlichen cntgegcnwirkte, Commis. 8 sionen des StaatsrathS ernannte, welche die Gefängnisse besuchen ! und ihm dann unmittelbare Anzeigen über den Bestand erstatten - mußten. Da ich selbst zu einer Sendung dieser Art gebraucht § worden bin, so habe ich Gelegenheit gehabt, mich von alle» de» s Mißbräuchen, allen den Bedrückungen der Untcrbcamtcn, die hierbei E statt fanden, aber auch von der völligen Neigung, von dem äußer, sie» Verlangen des Kaisers zu überzeugen, ihnen ein Ziel zu setze». - Der Kaiser wollte selbst, wie er sagte, diesen VerwaltimgS, zweig, der in gewisser Maaßc durch Vorurthcilc und böse Meinung in den Augen des Volks beschimpft war, dadurch zu Ehren bri»- , gen, daß er denselben einem Manne anverlrauce, dessen Charakter - und Moralität ganz vorwurfsfrei wäre. Er lies deshalb im Jahre p 1810. den Staaesralh Baron " ° zu sich nach Fontainebleau rufe». Dieser war ehemals emigrier, oder doch in ähnlichen Verhältnisse» gc. wesen. Seine Familie, seine erste Erziehung, seine frühem Grundsätze, Alles das hätte ihn jedem, der mistrauischer als der Kaiser war, verdächtig machen müssen. Im Lause des Gesprächs fragte er ih» nun: „Wenn man jetzt den Graf von Lilie in Paris entdeckte, ! und Sic waren mit der Polizei beauftragt, würden Sie ihn am- s ciren lassen?" — Ja, ohne allen Zweifel, antwortete der Staats. rath; er hätte dann seinen Bann gebrochen und sich gegen alle ^ bestehende Gesetze aufgclebnt. — „Wenn Sie Mitglied einer Ce»» st» Mission wären, ihn zu richten, würden Sie ihn verdammen?" — 8 Ja, ich würde cS, denn cS wäre der Wille der Gesetze, die ich bc- A schworen habe. — „Nun wohl! sagte der Kaiser hierauf, gehe» ß Sie »ach Paris zurück; ich ernenne Sie zu meinem Polizei-Prä- ß scet daselbst. *) I So viel daS Geheimnis! der Briese unter der Regierung Na- D poleonS anbclangc, wovon man so viel im Publikum gesagt Hatz Eiche Lic Briese vom Cap. so versicherte der Kaiser, daß auf den Posten nur sehr wenige ge« lesen wurden. Selten daß einer der Briefe, die offen oder wieder zngesiegelt an Privatpersonen gelangten, gelesen worden wäre. Wie hätte man auch damit fertig werden wollen. Dies! sollte mehr ein Wittel sei)», um gefährliche Correspondcnzen abzuwenden, als sic zu entdecken. Diejenigen Briefe, die man wirklich gelesen hatte, trugen davon nicht die mindeste Spur, da hierbei die aller» größte Sorgfalt angewendec wurde. Schon seit Ludwig dem Xiv., sagte der Kaiser, bestand ein politisches Polizeibureau, um die Verbindungen mit dem Auölande zu entdecken. Von dessen Regierung an waren die ncmlichen Familien hierbei im fortwährenden Besitz; die Individuen und ihre Funktionen aber ganz unbekannt; doch galt es nichts desto weniger für ein ordentliches Amt. Sic wurden dazu mit großen Kosten in den verschiedenen Hauptstädten Europas gebildet, hatten ihre eigne Moral und gaben sich nur un- gcrn zu Durchsicht der Briefe in, Innern her, womit sie sich gleichwohl beschäftigen mußten. Sobald nun jemand auf der Liste die» ser wichtigen Beobachtung (surv-gliancl-) stand, wurde sein Wappen bei dem Bureau nachgcstochcn und seine Briefe gelangten, nachdem man sic gelesen hatte ganz unverletzt und ohne die mindeste Verdacht erregende Spur an -Ort und Stelle. Diese Verhältnisse, die großen Verlegenheiten welche dadurch entstehen konnten, die bedeutenden Vorchcilc, welche hierbei zu erreichen waren, gaben dem Amte LeS Gencraldireccors der Posten jene große Wichtigkeit, und forderte» von seiner Person so viel Klugheit, Bedächtigkeit und Scharfsinn. Der Kaiser machte Lavalctte desfalls große Lobeserhebungen. , liibrigcnö war er, der Kaiser, niemals ein besonderer Freund dieser Maasrcgcln. In Hinsicht auf die diplomatischen Nachrichten, die man sich auf diese Weise verschaffen konnte, glaubte er, daß sie . nicht im Verhältniß zu den großen Kosten stünden, welche dabei verwendet werden müßten; denn das Bureau verursachte einen Aufwand von SechSmalhunderttausend Franken, und, so viel die sonsiigcu Privatbriefc anbctriffc, war er der Meinung, daß damit mehr Böses alS Gutes bewirkt würde. „Selten, sagte er, werden Verschwörungen auf diesem Wege angesponnen; und die Meinungen Einzelner, die man aus ihrer Correspondenz erfährt, können, besonders bei unserm Charakter, einem Fürsten eher verderblich als nützlich werden. Worüber beklagen wir uns bei unsrer nationellen Gefügigkeit und Beweglichkeit nicht alles? Icmand den ich beim Lever mißhandelt hatte, wird Nachmittags niederschreiben, daß ich ein Tyrann sei; am Tage vorher wird er mich mit Lobpreisungen nbcrhänfc haben, und am folgenden Tage vielleicht bereit scyn, sein Leben für mich zu lassen. Die Verletzung dcö Briefgeheimnisse» kann daher den Fürsten leicht um seine besten Freunde bringen, indem sie ihn mit Unrecht Mißtrauen und vorgefaßte Meinungen einflößt, dies aber um so mehr, da die Feinde, welche zu schaden im Stande sind, immer zu viel Klugheit besitzen, um sich dieser - Gefahr auözusctzen. So habe ich Minister gehabt, von denen ich ^ nie einen Brief auszufangen im Stande war." 2ch glaube schon gesagt zu haben, daß man nach der Rückkehr l von Elba bei BlacaS in den Tuilerien eine Menge Bittschriften und Aufsatze fand, in denen Napoleons auf eine sehr unanständige Weise Erwähnung geschah. Er ließ sie verbrennen. „Sie hätten eine sehr verworfene Sammlung ausgemacht, sagte der Kaiser. Zch hatte einen Augenblick die Idee, einige davon im Moniteur ab. drucken zu lassen, sie hatten einige Individuen herabgcwürdigt, aber über das menschliche Herz nichts neues gelehrt. Die Mensche» bleiben stets dieselben!" Der Kaiser wußte freilich bei weitem nicht alles, was die Polizei in seinem Namen über Schriften und Individuen verhing. Er hatte weder Zeit noch Mittel dazu. Auch erfuhr er täglich von uns oder durch die Pamphlete, die ihm in die Hände fielen, von Arrcstationen einzelner oder Unterdrückung von Schriften die ihni ganz neu waren. Beim Gespräch über die Schriften, welche die Polizei während seiner Negierung mit andern Blättern versehen, oder verboten lM, erzählte der Kaiser, daß, da er auf Elba nichts zu thnn gehabt, er sich das Vergnügen gemacht habe, einige derselben zu durchlc- sen, und oft die Gründe der meisten Verbote der Polizei in dieser Hinsicht gar nicht begriffen habe. Von da ging er auf die Freiheit oder Beschränkung der Presse über. 2hm zu Folge war dies etwas unbestimmbares, das aber keine halben Maasregeln erlaube. „Es ist nicht das Princip an > sich selbst, sagte er, was die größten Schwierigkeiten macht, fon» dern die Ausführung, oder die Umstände, unter denen man von ^ diesem im abstrakten Sinne genommenen Grundsätze Anwendung zn machen hat." Der Kaiser wäre für unbeschränkte Freiheit. A»S demselben Gesichtspunkte, und mit denselben Gründen habe ich ihn> stets alle wichtigen Untersuchungen behandeln sehen, auch war Na> poleon in der That der Typus, die Fahne und der Herzog liebcra' ler 2deen und wird es in aller Zeit bleiben; sie wohnen in sei'! nein Herzen, seinen Grundsätzen, seiner Logik. Schienen manch' mal seine Handlungen davon abzuweichen, so geschah es nur, rostl ihn die Umstände unwiderstehlich beherrschten. Hier ein BewciS! ! davon, dev mir schon damals bekannt ward, den ich aber erst spä« ' ker ganz würdigen lernte. ^ Als er eines -Abends in einem der CercleS in den Tuilerlen» p>ie eö oft zu geschehen pflegte, mit 3 bis 4 Personen des Hof» s staats bei Seite traulich schwatzte, schloß er eine wichtige politische s iintersuchung mit diesen merkwürdigen Worten: „Denn ich bin ü nun einmal von Grund aus und meiner Natnr nach für eine be« s stimmte und gemäßigte Regierungsart." Und da er auf dem Ge« sichte eines der mit ihm Sprechenden einige Verwunderung las,- s fuhr er fort: „Sie glauben das nicht? Warum denn? Etwa weil meine Handlungen mit meinen Worten nicht im Einklänge scheinen? O! mein Theurer, wie wenig kennen Sie die Menschen und Dinge! Gilt denn die Nothwcndigkeit dcö Augenblicks in Ähren Augen für nichts? Ich dürfte nur die Zügel etwas lockerer halten, und sie sollten bald einen schönen Lärmen sehen. Uibermor« ' gen schliefen vielleicht weder Sie noch ich mehr in den Tuilerien." Mittwoch am 20. bis Sonnabend am 23. December. k. Nach dem Frühstück ritt der Kaiser aus. Wir ritten nach dem Pachthofe zu und unterwegs begegnete unS im Garten des Landhauses der Pachter. Wir hießen ihn unS folgen. So durchstrichen wir mit ihm die ganze Gegend. Der Kaiser fragte ihn mannich« fach über alle Einzelnheiten seiner Pachtung, wie er, seiner Aeuße- rung nach, bei den Jagden in der Umgegend von Versailles zu lhun gewohnt war, wo er mit den Pächtern über die Ideen deS , Staatsraths sprach, um nachher die Einwürfe der Pächter dcmsel» - ben Staatörathe wieder vorzulcgcn. Wir ritten längs des ThalcS durch das ganze Gebiet von Longwood, bis die Pferde keinen Weg mehr frei fanden und" wir wieder umkehren mußten. Dann ritten wir quer durchs Thal, kamen auf den freien Platz des Lagers, gelaugten bis zu dem Signalbcrgc, zogen uns auf seinem Kamme hin und gcriethen außerhalb des Lagers durch das Signalgebände, ! bis auf den Weg der von Longwood zu Madame Vertrand führt. Anfangs wollte der Kaiser bis zu ihr, auf halbem Wege besann er sich aber anders, und wir kehrten nach Longwood zurück. Die Instruktionen der englischen Minister in Bezug auf den Kaiser in St. Helena waren von jener Härte und Abscheulichkeit dieser Männer eingcgebcn worden, welche in Europa bei der feierlichen ^ Verletzung deö Völkerrechts präsidirten. Ein englischer Offizier sollte stets bei der Tafel des Kaisers scyn. Eine grausame Maasregcl, die »ns der Wonne beraubt hätte, unter uns zu scyn. Nur deshalb, All der Kaiser außerdem stets auf seinem Zimmer würbe gespeist ha« 112 ben, stand man davon ab. Vielleicht bereute er cs, wie ick nicht ohne Grund vermache, daß er nicht schon am Bord deü Northum« berland so gehandelt hatte. So sollte auch ein englischer Offizier den Kaiser stets beim Ausreiten begleiten. Eine harte Maasregel, die dahin zielte, daß der Kaiser in seiner unglücklichen Lage auch nicht einen Augenblick der Vergessenheit haben möchte. Man verzichtete jedoch daraus, Wenigstens im Umkreise gewisser uns deshalb bestimmter Granzer, weil der Kaiser erklärt hatte, daß er außerdem nie ausrciten werde. Zeder Tag fügte unsrer traurigen Lage noch neue Unannehmlichkeiten hinzu. Immer war cs ein neuer Stich, der um so mehr schmerzte, da er von da an stets für eine lange Zukunft galt. Voll Wunden, wie man es nur seyn kann, waren wir sür alles um so empfindlicher, und nur zu oft nahmen die Gründe, die man in,S für etwas angab, noch dazu die Farben des Spottes an. So war- den Nachts unter die Fenster des Kaisers und bis vor unsre Thü- ren Schildwachcn ausgestellt. Um unsrer eignen Sicherheit wiilcu, wie man uns sagte. Man gcnirre das freie Verkehr mit den Einwohnern, hielt uns entfernt, und zwar wie man antwortet, damit der Kaiser nicht überlaufen werde. Die Anordnungen, die Befehle wechselten ohne Unterlaß, und so lebten wir in der Sorge, dem Zweifel, der Furcht, bei jedem Schritte irgend einer unvorher- gesehenen Beleidigung ausgesetzt zu werden. Der Kaiser fühlte das alles tief und ließ daher durch Montholon an den Admiral schreiben. Er redete mit Warme und fügte seinen Worten brach« tenswerthe Bemerkungen hinzu. „Der Admiral glaube ja nicht, daß ich über so etwas mit ihm unterhandeln werde. Und wenn er morgen zu mir käme, würde er ungeachtet meines gerechten Unwillens mein Gesicht doch so lächelnd, und mein Gespräch so unbedeutend finden, wie gewöhnlich, nicht etwa weil ich mich absichtlich verstellen wollte, sondern weil meine Erfahrung mich nun einmal so gelehrt hat. 2ch erinnere mich noch des Lord Withworth, der ganz Europa mir einer langen Unterredung, welche er mit mir gehabt haben wollte, erfüllte, von der doch kaum einige Worte wahr waren. Zmmer aber war dies auch damals ein Fehler von mir, und ich zog aus meinem Unwillen darüber die Lehre, ihn nie wieder zu begehen. Zczt hat nun der Kaiser zu lange schon geherrscht, um nicht zu wissen, daß er sich nie der Diskretion von irgend Zemand hingeben dürfe, dem er dadurch ein Recht einraume, fälschlich zu sprechen: Das hat mir der Kaiser gesagt, und wo der Kaiser dann nicht einmal das Hülfsmittel hätte, das Eegen- theil zu versichern- Ein Zeugniß ist des andern werch, er muß 4 «Iso nochwendig Jemand haben, der den Erzähler in dem was er dem Kaiser sagen last, Lügen strafe, und versichre, wie er bereit sei ihm über diesen Ausdruck Rede zu stehen, waS der Kaiser doch nie konnte." Montholens Brief war lebhaft, die Antwort beleidigend und rummstolz: Auf St. Helena wisse man nicht was das für ei» Ding sei, ein Kaiser; die künftigen Zeiten nochwürden die Gerechtigkeit undMäßignng der englischen Regierung in Bezug auf uns bewundern u.s. w. Der Doktor Ä'Mcara ward beauftragt, diese geschriebne Antwort mit den empörendsten mündlichen Zusätzen zu begleiten, z. B. zu ftagcn, ob der Kaiser wünsche, daß ihm der Admiral die Schriften und die heftigen anonymen Briefe schicke, die er an ihn erhalten habe u. s. w. Ich arbeitete eben mit dem Kaiser, als man ihm diese Antwort hinterbrachte. Unmöglich -konnte ich das Staunen und den Unwillen, welche mir gewisse Ausdrücke verursachten, bergen. Aber bei alle dem mußte hier nur Philosophie die Stelle der Empfind» Weit vertreten, man mußte sich leider sagen, daß jede Genug» thlimig außerhalb unsrer Macht liege. Denn hätte man an den Prinz Regent direkte Klage deshalb gelangen lassen wollen, so hätte man diesem vielleicht eben dadurch Freude gemacht und dem, der uns beleidigte, einen Verdienstanspruch verschafft. Uibrigens konnte der Kaiser auch bei niemand auf der Erde seine Klagen anbringen, für ihn gab cs in dieser Hinsicht keinen andern Richterstuhl mehr, , als Gott, die Nationen und die Nachwelt. Am 2?,sten kam die Fregatte Doris vom Kap an. Sie brachte sieben Pferde mit, die dort für den Kaiser erkauft worden waren. Sonntag am 24. Deccmber. s Der Kaiser las etwas, worin man ihn mit zu vieler Güte i sprechen ließ. Er äußerte sich über den Lrrthum des Schriftstel- sslcrS. „Wie konnte man mich das sagen lassen? Das ist zu zart» Aich, zu süßlich für mich. Man weiß recht gut, daß ich das nicht Win." — Sire, entgegnete ich, man hat es gut gemeint, die Sache Ulst an sich unschuldig und konnte auswärts zu guten Erfolgen süh» Wen. Dieser Ruf der Güte, den Sie nicht zu würdigen scheinen, Psnnte auf die öffentliche Meinung ein großes Gewicht haben, und Wenigstens den Farben vorbauen, womit ein gewisses europäisches HEystem Ew. Majestät den Augen der Völker fälschlich vorgcstellt Wt. Ihr Herz, das ich nun jezt ganz kenne, ist gewiß eben so uut, als das von Heinrich iv., den ich nicht gekannt habe. Nun L. Esse« Tages. ». Bd, K — 114 — ? denn, noch lebt seine Güte im Sprüchwort, er Ist ein Idol geblle- f ben, aber ich füräste doch, daß Heinrich IV. ein klein wenig listig ausS Aeußcre hielt (Charlatan). Warum wollten Ew. K. M. das verschmähen? Sie zeigen zu große Abneigung gegen eine solche Art von Hülssmitteln. Und doch ist es bei alle dem dieses (der < CharlataniSmus), welches die Welt beherrscht. Glücklich genug, n wenn es nur unschuldig zugleich ist." Der Kaiser lachte über dies Geschwätz, wie er eS nannte. ss „Mein Lieber, sagte er, waS heißt das populär? sanstmüthlg? ^ (il-i-oiiiir-iier«). Wer war populärer, sanftinüthiger als der unglückliche Ludwig xvi? Und welches war dessen uncrachtcc sein LooS? ,, Er ward hingerichtet. Darum muß man mit Würde dem Volke dienen, aber sich nicht damit abgebcn, ihm zu gefallen. Die beste Art es zu gewinnen ist die, ihm wohizuthun. Nichts ist gefährlicher, als ihm zu schmeicheln. Hat es dann nicht gleich alles, was cs begehrt, so erhitzt eS sich und denkt, man habe ihm das Wort nicht gehalten, und widersteht man ihm dann noch, so haßt LS um so stärker, je mehr eS sich betrogen glaubt. Ohnstreitig ist es die erste Pflicht eines Fürsten, das zu thun, was das Volk will, aber das was cs will, ist fast niemals das, was cs sagt. Sein Wille, seine Bedürfnisse müssen weniger im Munde deS Fürsten, als in dessen Herzen scyn. „3edeS System kann ohne Zweifel aufrecht erhalten werden, das der Sanftmuth, wie das der Strenge; jedes hat seine Vorzüge und seine Nachthcilc; alles hält sich hier unten daS Gleichgewicht. Fragen Sie mich nun, wozu mir meine strengen Form» und Ausdrücke Helsen konnten, so antworte ich Ihnen, mich dann! zu verschonen, das zu thun, womit ich drohte. Und in der That, welches Unglück habe ich denn zugcfügt? Welches Blut habe ich! vergossen? Wer kann sich rühmen, daß er in Verhältnissen, wir die »reinigen waren, eS besser gemacht haben würde? Wo giebt, es eine Epoche der Geschichte, die bei so vielen Schwierigkeiten, wie in der mcinigcn, auch so viele schuldlose Resultate gewahrte, alSf ebendiese? Denn was kann man mir vorwcrfcn? Man hat fielst der Archive meiner Staatsverwaltung bemächtigt, man ist Herr meiner Papiere geblieben, und was hat inan denn daraus zu Ta-stl fördern können? Findet man nicht alle Souveräne in meiner Lags in der Mitte von Partheiungen, Unruhen und Verschwörungen,; mit Morden und Hinrichtungen umgeben? lind bettaäM- Sie bei alle dem, wie schnell ich Frankreich beruhigt habe! Dicstff Verfahren setzt Sie in Staunen, fuhr er lachend fort, Sic, deri manchmal die Milde und Naivetät eines Kindes hat?" Da ich jedoch nun meiner SeitS behauptete, daß jedes System seinen Vorthcil haben könne, setzte ich noch hinzu: „Eingestehen ^ muß ich, daß jeder Mensch durch Erziehung sich einen Charakcer ' „neignen müsse, aber die Basis davon muß doch derjenige seyn, den I ihm die Natur verlieh, sonst läuft er Gefahr die Dortheile von 8 diesem zu verlieren, ohne diejenigen des Charakters zu erlangen, H den er sich anerziehen wollte, und eS würde daraus nur ein 2n« s snmnent werden, das stetS unrichtig ginge. 2cdcnfallS muß der ! Lebenslauf eines 2eden das deutliche Resultat, daö wahre Unheil ; über seinen Charakter geben. Worüber hatte also ich mich zu be» i, klagen? AuS dem tiefsten Elende habe ich mich ganz allein zu ' einer sehr schonen Verbindung erhoben, bin, vom Pflaster Londons b!S an die Stufen 2hres Throns, zum Sitz in 2hrem Staatsrathe gelangt, ohne vor irgend jemand, wer es auch sei, mich eines Wor- ! teö, einer Schrift, eines Schritts schämen zu dürfen. Habe ich ^ da nicht auch im Kleinen meine kleinen Wunder hervorgebracht? s lind waS hatte denn bei einer andern Wendung, die man meinem i Charakter gegeben hätte, besseres geschehen können?" j Man unterbrach uns hier durch die Meldung, daß der Admiral und einige Damen, die auf der Doris angekommcn, um die Gnade ersuchen ließen, vorgestellt zu werden. Der Kaiser antwortete trotz« ken, er sehe niemand, man solle ihn in Ruhe lassen. So wie wir damals standen, war die persönliche Artigkeit des : AdmiralS eine Beleidigung mehr, und was die betraf, welche bei j ihm waren, so konnte der Kaiser, da man bloS mit Erlaubniß des ! Admirals zu uns zu gelangen im Stande war, nicht zugeben, daß s man so ihm die Honneurs mache. Geschah cs heimlich, so mußte i man es ihm andcutcn, wo nicht, so mußte er sehen können wen ! er wollte, ohne das lästige Dazwischcntreten von irgend 2emand. k Vorzüglich mußte man sich in Europa nicht damit brüsten, ihn mit ! jeder Art von Rücksicht und Achtung zu behandeln, wenn man ihn nur mit Unartigkeiten und Launen überhäufte. 4 Der Kaiser ging um 5 Uhr aus und in den Garten spazieren. U Der General, Dbcrst des 53sten Regiments suchte ihn dorr auf, > und bar uni die Erlaubniß, ihm am folgenden Morgen sein Dffi« i ziercorps vorstellen zu dürfen. Der Kaiser nahm es auf 3 Uhr an. i Wir beide blieben nun allein und der Kaiser setzte seinen Spa« . -iergang fort. Vor einem Blumenbeete blieb er stehn und betrach« ttle eine Blume, nachfragend, ob das nicht eine Lilie sei. ES war ! eine ganz ausgezeichnet schöne. Nach Tisch bei unscrm gewöhnlichen Rewersi, das übrigens den Kaiser schon zn langweilen anfing, fragte er plötzlich: „Wo '»lag jezc in diesem Augenblicke Frau von LaS CaseS seyn?" — Ach, Sire, antwortete ich, das weiß Torr! — „In ^ariS ist sie, j fnhr er fort, heut ist Sonntag 9 Uhr, da ist sie in der Oper." — ^ Nein, Sire, dazu liebt sie mich zu sehr, um inS Schauspiel z« ^ gehen, während ich mich hier befinde. — „Da sieh: man die i' Männer, sagte der Kaiser lachend, immer vertrauensvoll und leicht, gläubig!" — Dann wendete er sich an den General Gourgaud, ' scherzte ebenfalls über dessen Mutter und Schwester. Diese» i stimmte aber das traurig, und Thränen traten ihm in die Augen. ' Der Kaiser sah ihn seitwärts an und sagte auf eine höchst am»». ' thige Art: „Ist es nicht recht schlecht, recht hart, recht tyrannisch von mir, so zarte Saiten auf diese Art zu berühren?" -h Dann fragte der Kaiser, wie viel ich Kinder habe, wenn und wie ich meine Frau habe kennen lernen. Ich antwortete ihm, daß meine Frau !m Lebe» meine erste weibliche Bekanntschaft gewesen, unsre Verbindung ein Band sei, das wir schon in der Kindheit selbst geknüpft und daß doch fast alle Begebenheiten der Rcvelu» . kion dazu gehört hatten, um sie zu Stande zu bringen. Montag am 25. December. Der Kaiser war gestern nicht ganz wohl gewesen, er war auch heute unpaß und ließ sagen, daß er die Offiziere deS 53sten Regiments nicht, wie verabredet, sehen könne. Um Mittag ließ er mich rufen und wir laßen einige Kapitel aus den italienischen Feldzügen wieder durch. Ich verglich das von der Schlacht vsn Arcole mir einem Gesänge aus der Iliadc. Einige Zeit vor der Stunde des Diners waren wir alle in sei- ^ nein Zimmer um ihm. Man meldete daß angerichtet sei. Da , schickte er uns fort. Ich war der letzte, er hielt mich zurück ^ „Bleiben Sie, sagte er, wir wollen zusammen speisen. Wir si»d die Alten, lassen Sic die Jungen gehen. Wir wollen eiuauder ^ Gesellschaft leisten." Dann wollte er sich anziehn, weil er, wie er sagte, nach Tisch in den Salon zu kommen Willens sei. *) Der General Gourgaud besaß für Mutter und Schwester eine außer» ordentliche Zärtlichkeit. Auch sie liebten ihn eben so wieder. Seinen Sorge für sie ging so weit, daß er in seinen Briefen ikuicn St. Helena »iS einen köstlichen Aufenthalt schilderte, damit sie sich nur über ihn nicht bennruhigten; da gab eS Orangen- und Eiironenwälder, «inen immerwährenden Frühling, mit einem Worte, einen wahren Fcenausenthalt. Und die englischen Minister haben sich späterhin nicht geschämt, Liese unschuldigen Tänschuugen, dieses kindliche Zartgefühl gegen ihn selbst geltend zu machen l! 117 Ms cr seine Toilette machte, legre er die Hand auf seinen linken Schenkel, wo man eine ansehnliche Vertiefung sah. Er legte den Finger hinein, indem er sie mir mit Bedeutung zeigte. De er sah, daß ich nicht wußte, waS cö scyn könne, so sagte er mir, daß die Wunde von einem Balonctstiche herrührc, der ihm bei der Belagerung von Touion säst den Schenkel gekostet habe. Mrchand, der ihn anzog, sagte, daß man am Bord des Northum» berland daS recht gut gewußt, und einer vom Schiffsvolk ihm gleich bei der Ankunft gesagt habe, eö sei ein Engländer gewesen, der unfern Kaiser zuerst verwundet. Der Kaiser nahm den Stoff auf und sagte, daß man sein seltnes Glück, welches ihn In Mitten so vieler Schlachten gleichsam unverwundbar gemacht, allgemein bewundert und übermäßig gerühmt habe. „Und doch war man, setzte er hinzu, im Jrrthum, nur habe ich stets aus allen meinen Gefahren ein Geheimniß gemacht." Hierauf erzählte cr, daß bei der Belagerung von Toulon drei Pferde unter ihm getädtet worden seien, cr eben so mehrere in den italienischen Feldzügen und drei bis vier bei der Belagerung von Ct. 3can d'Acre gctödtet oder verwundet gehabt habe. Er selbst sei viclemale blessirt worden. Bei der Schlacht von Regcnsburg habe ihn eine Kugel in die Ferse getroffen, in der Schlacht von Esiing oder Wagram — ich weiß nicht mehr genau In welcher -- eia andrer Schuß den Stiefel, den Strumpf und die Haut am linken Beine zerrissen. 1814 habe er bei Arcis-sur-Aubc oder in dessen Nachbarschaft sein Pferd und seinen Hut verloren, und nach der Affaire von Briennc, als er Abends ins Hauptguartier traurig und nachdcnkcnd zurückgekehrt, sei er unerwartet von Kosaken, die sich in dcnRücken der Armee geschlichen gehabt, angegriffen werden und habe den Degen zu seiner eignen Vcrthcidigung ziehen müssen. Es seien auch dabei mehrere Kosaken an seiner Seite ge» tobtet worden. „Was aber diesem Vorfall besonder» Werth für mich giebt, ist dieses, sagte er, daß das kleine Gefecht unweit eines BaumeS verfiel, den ich mir in diesem Augenblicke betrachtete, und als den wieder erkannte, an dcffcm Fuße ich lm Alter von 12 2ahr während der Erholungsstundcn das befreite Jerusalem gelesen hatte." Hier also hat Napoleon wahrscheinlich die ersten Regungen dcS StrcbenS nach Ruhm empfunden. Der Kaiser wiederholte, daß cr in den Schlachten sehr oft der größten Gefahr ansgesetzt gewesen sei, man habe es aber stets sehr sorgfältig verschwiegen. Er hatte ein für allemal daS strengste Stillschweigen bei allen ähnlichen Angelegenheiten anbesohlen. Welche Unordnung, welche Verwirrung würden auch aus dem leise» im Gerücht, aus dem kleinsten Zweifel an seinem Leben entstanden 118 seyn, wie er selbst sagt. DaS Schicksal eines großen Kaiserreichs, die ganze Poiicik und die Bestimmung Europas war an dieses Leben geknüpft. Uibrigens kam es, wie er sogleich »och Hinz» fügte, von dieser Gewohnheit, dergleichen Dinge geheim zu halten, her, daß er nicht daran gedacht hatte, derselben in seinen Feldzügen zu erwäh. ncn, und so habe er sie anch jetzt säst ganz vergessen. Nur zufällig, so sagte er, konnten sie ihm etwa im Laufe des Ge» sprächs wieder beifallen, u. s. w. Dienstag, am 26. December, Der Kaiser ist immer noch unwohl. Ein Engländer, dessen Fra» gestern im Gefolge des AdmiralS der Zutritt zum Kaiser verweigert worden war, besuchte mich heute Morgens, um einen neuen und letzten Versuch zu machen, bis zu Napoleon zu gelangen. Er sprach sehr gut französisch, da er wahrend des ganzen Kriegs in Frankreich gelebt hatte. Er uiar einer von denen, die damals unter dem Namen der Zurückbehaiie- ncn (iis'tciE) bekannt waren, einer von denen, die in Frankreich als Reisende sich eingcfunden hatten, und beim Bruch des Traktats von AmienS vom ersten Consul alS Wiedcrvergcltung dafür, daß die englische Regierung, ihrer Gewohnheit nach, sich vorder Kriegserklärung unsrer Schiffe bemächtigt hatte, sestgchaltcn wurden. Dieser Umstand verursachte zwischen beiden Regierungen eine lauge, heftige Auseinandersetzung, und verhinderte selbst während dcS ganzen Kriegs eine Auswechslung der Gefangenen. Die englischen Minister verstockten sich, ihre Landsleute nicht als Gefangne ausehen zu lassen, weil sie fürchteten, es schließe dies Anerkenntniß dann eine stillschweigende Verzicht auf ihre Arc von Recht, der Freibeuterei in sich. Aber leider zog diese Harenäekigkeic für ihre Landsleute eine lange Gefangenschaft nach sich, denn sie mußten mehr als 10 Lahre in Frankreich bleiben. Eine Abwcscn- heit, wie die beim trojanischen Kriege, eben so lange, eben so peinlich, aber weniger ruhmwürdig. Dieser Engländer war ein Bruder des Admiral Burton, dcr als Commandant der Station von Indien starb. Diese Beziehung konnte ihn bei seiner Ankunft in England in einige Verbindungen mit den Ministern bringen, er konnte vom Admiral ausgewahlk worden seyn, um dort über unsre Angelegenheiten genau zu berichten, ich weigcrce mich also seiner Unterhaltung nicht, verlängerte sie vielmehr. So dauerte sie über 2 Stunden, und icb berechnete dabei alles, was er.dem Admiral wieder sagen, und bei de? englischen Regierung oder in den borkigen Gesellschaften wieder- 119 holen konnte. Meine Leser verschone ich damit. Sie würden darin nur die ewige Wiederholung unsrer Vorwürfe, Beschwerden, die ermüdende Aufzählung unsrer Klagen und Schmerzen finden. Jetzt und immer würde eS wieder die Verletzung der für heiligst geachteten Rechte betreffen, die Beleidigung unseres Vertrauens, den Stolz, die Unverschämtheit, die gemeinsten Beschimpfungen der Mer,nacht u. s. w. Vorzüglich berief ich mich auf die schlechte Behandlung, welche man uns hier wiederfahren lasse, über die EeisteSverkchrchcit dessen, in dessen Hand sich hier unsre Ketten befanden. „Sein Ruhm, sagte ich, kann nicht darin bestehen, f nnS zu unterwerfen, sondern vielmehr uns gefällig zu seyn, Er sollte durch seine Achtung die ganze Strenge und alle Ungerechtig« keitcn der Politik vergessen machen. Sollte er denn absichtlich den - - Unwillen der Menschen zu erwerben suchen, wenn sein Glück ihm dazu / Gelegenheit verschaffe, seinen Namen auf eine so edle Art neben den des f Mannes seiner Zeit, des Helden der Geschichte zu stellen? Sollte er 2n- sttnktionen dagegen anführen? Aber nach unfern europäischen Sitten ist die Ehre dafür da, um diese der Rechtlichkeit gemäß auszulcgen." u. s. w. Mein Engländer hörte mir mit vieler Aufmerksamkeit zu, und zeigte selbst manchmal eine besondere Thcilnahme, indem er mehrere meiner Bemerkungen billigte: war er aber auch aufrichtig, und wird er nicht in London ganz anders sprechen? So oft ein Schiff von St. Helena nach England kommt, theilen die öffentlichen Blätter sogleich über die Gefangenen zu Longwood die untreusten, abgeschmacktesten Nachrichten mit, die sie nothwendig bei der Masse des Volks lächerlich machen müssen. ' Als wir unS darüber hier nicht ohne Bitterkeit beklagten, sagten ' uns wackere und vornehme Engländer: „Verkennen Sie uns dabei nicht. Diese Beleidigungen kommen nicht von unfern Landsleuten her, die Sie hier besuchten, sondern von unfern Ministern in London. Denn die Regierung, die unS jetzt beherrscht, fügt zu der Ausgelassenheit und Gewaltthätigkeit der Macht noch die ganze , Kleinlichkeit der niedrigsten und gemeinsten 2ntriguen." Mittwoch, am 27. December. Da der Kaiser wieder besser sich befand, so ritt er gegen 1 Uhr aus. Nach der Rückkehr empfing er die .Offiziere des 53stcn 4 Regiments. Er war voll Artigkeit und Anmuth gegen sie. z Der Kaiser hatte mir befohlen, bei ihm zu bleiben, und ging nach diesem Besuche mit mir im Garten umher, wo ich ihm über mein gestriges Gespräch mit dem Engländer, der zu mir gekommen war, Rechenschaft ablegte. Darauf fiel die Unterhaltung auf AuS- f Wanderungen, London und die Engländer. >20 !! Ich sagte ihm, daß die Ausgewanderten die Engländer nicht .l liebten, daß cs aber wenig derselben gegeben habe, die sich nicht ^ an einige Engländer angeschlosscn hätten, daß eben so die Enzian. - der auch die Ausgewanderten nicht liebten, cs aber wenige englische ' Familien gebe, die nicht einige Franzosen in sich ausgenommen hätten. Dies sei der Schlüssel zu den oft widersprechenden Gesüh. len und Beziehungen, denen man gewöhnlich bei diesem Gegenstände begegne. Was das Gute betreffe, baS uns, besonders von der Mittelklasse, welche überhaupt immer die Charakteristik eines Volkes bestimme, erwiesen worden sei, so gehe das über alle Beschreibung und wir wären ihr den aufrichtigsten Dank dafür schuldig. Es I ist in der That schwer, die einzelnen Wohlthaten, die freundlichen u Einrichtungen, die milden Maasrcgeln aufzuzählen, die man in Bezug auf uns anwcndece. Die Einzelnen waren es, welche die Regierung dahin brachten, uns regelmäßige Unterstützung angedeihen ^ ö zu lassen, und als dieses letztere geschehen, hörcen die erstem doch e, nicht auf. Der Kaiser fragte mich, ob auch ich Theil an diesen Unter« stützungen genommen habe? 2 ch hatte cs vorgezogen, nur meinem i Geiste etwas zu verdanken zu haben, und die gesellige und geistige Organisation Euglands war so beschaffen, daß man mit einem solchen Gefühle des Erfolgs sicher war. — Aber hatte sich mir 7 denn nie die Gelegenheit dargeboten, mein Glück zu machen? — Zweimal. Ein Bischof von Rhvdcz Colbcrt, ein geborner Schotte, der mich sehr liebte, hatte mir vorgeschlagcn, mit seinem Bruder nach Jamaica zu gehen. Er wurde dort nämlich Oberhaupt der kpecuciven Gewalt, da er einer der angesehensten Pflanzer war. Dann würde er mir die Geschäftsführung seines Besitzthams ander, traue, und auch die von dem seiner Freunde verschafft haben. Der < Bischof garantirte mir binnen 3 2ahren ein bedeutendes Vermögen. Ach zog der Entfernung von Frankreichs Küsten die Fortsetzung , i eines elenden Lebens vor. ' Ein andercsmal wollten mich Freunde nach 2ndien schicken, s 2 ch wäre dort angestellt, befördert worden. Auch hier versicherte man mir in kurzer Zeit beträchtlichen Reichthum. 2ch wollte nicht, ich fühlte mich zu alt dazu. Es wäre zu weit, sagte ich. 2etzt ^ sind seitdem 20 2ahr verflossen, und ich bin auf St, Helena.^ ß llibrigens gab es aber wenige Personen, denen die Auswande« rnng im Anfänge härter gefallen wäre, als mir, ob sie gleich in ihrem Schlüsse eben so glänzend war. 2ch war mehr als 1 einmal auf dem Punkte gewesen, buchstäblich an allem Mangel zu ,i leiden, lind doch hatte ich mich nie unmurhig, selbst nie unglücklich ' gefühlt. 3ch hatte den wahren Schatz der Philosophie darin ge« fmidcii, mich mit der großen Zahl derer um mich her zu vergleichen, die noch weit unglücklicher waren, alS ich, mit den Greisen, den Frauen, denen, die ohne Erziehung und sonstige Talente nie eine fremde Sprache erlernten, sich auf keine Art ssrtzuhelfcn wußten. 3ch war jung, feurig, fühlte mich zu etwas fähig. Ich war voll Hoffnung, ich leistete, was man wollte, selbst das', waö ich auch noch nicht wußte. Den Tag vorher lernte sich das, was man am folgenden von mir verlangte. Mein historischer Atlas war eine glückliche 2dee, die für mich zur Geldquelle ward. Und doch war er damals eine bloße Skizze. Aber in London giebt alles Muth, verkauft sich alles. Und dann segnete der Himmel meine Bemühungen. Als ich im Ausfluß der Themse gelandet war, ging ich nur mit 7 Louisdor in der Tasche, ohne Bekanntschaft, ohne Empfehlungen auf der fremden Küste, nach London. AlS ich es wieder verlies, fuhr ich mit der Post, besaß 2,500 Guineen, und haue mir innige Freunde erworben, für die ich mein Leben hingegeben hätte. Aber ich, sagte der Kaiser, wenn ich ausgewandert wäre, was würde mein Schicksal, was mein Loos gewesen scyn? Dann musterte er vergebens verschiedene Richtungen, und blieb stets beim Militair stehen. Nun, sagte er, bei alledem würde ich meinen Weg doch wohl gemacht haben. Das ist nicht ganz gewiß, Sire, antwortete ich, sie wären von der Menge erstickt worden. Wenn Eie nach Coblenz oder unter jedes andere französische Corps gekommen wären, würde man sie nach der Rangliste angestellt haben. Da hätte Zhnen nichts dagegen geholfen, denn wir waren strenge Beobachter der Formen, u. s. w. Darauf fragte mich der Kaiser, wie und wenn ich nach Frankreich zurückgekommen wäre. Nach dem Frieden von Amiens durch die Wohlthat Ihrer Amnestie. Doch hatte ich mich noch alö Contrcbande in eine englische Familie eingeschlichen, um nur eher nach Paris zu kommen. So bald Ich da war, zeigte ich mich, um jene Familie nicht in Ungclegenheit zu setzen, bei der Polizei selbst an, und diese gab mir eine Karte, welche ich alle Wochen oder alle Monare visircn lassen sollte. 3cb that cs nicht, cS geschah mir aber auch nichts. Ich war entschlossen, mich vernünftig auf- zusühren, waö harte ich denn da zu befürchten, sagte ich zu mir selbst. Doch bemerkte ich eines Tages, daß es mir hätte theuer zu stehen kommen können. Dies war nämlich der lebhafteste Moment der Crisis zwischen Georges und Pichegrü. Gewöhnlich brachte ich meine Abende in vertrauter Gesellschaft zu Hause zu. Denn fast nie ging ich aus. Letzt aber entweder aus Zufall , oder weil ich in der Thal an dieser Angelegenheit den lebhaftesten Anlhkii nahm, verirrte ich mich eines Abendö ziemlich spät in die Dorstadt Saint Germaln. 2ck> verfehlte den Weg über die Brücke Ludwig XVl. , den ich doch recht gut kannte, und kam auf den Boulevard der Invaliden, ohne zu wissen, wo Ich mich eigentlich befand. Die Posten waren überall verdoppelt und verdreifacht. Ich st»g eine Schildwache nach meinem Wege, und hörte deutlich deren Kamineraden einige Schritte davon diese fragen, weöhalb er mich nicht arrctire, dieser antwortete, daß ich ja nichts Uiblcs lhue. Da ei'te ich über Hals und Kopf nach Hause, schaudernd ob der Gefahr, der Ich entgangen. Ich war gegen die Polizei in offenbarer Widersetzlichkeit; meine Auswanderung, mein Name, meine Gewohnhciccn, meine Ansichten stellten mich in die Parthei de» Unzufriedncn. Alle Erkundigungen über mich mußte» zu meinem Nachtheile ausfallen, ich hätte mich auf niemand berufen können. Man hätte in meinen Taschen, — und dies machte mich vollends bestürzt, — fünf Guineen gefunden, ob ich gleich schon seit zwei Zähren In Frankreich war. Es waren die letzten, die ich mir mit meinen Arbeiten verdient hatte, ich trug sie stccS bei mir, ich habe sie noch hier. Ihr Anblick gewährte mir eine Art von Glück, sie erinnerten mich an eine peinliche Zeit, die nun vorüber war. DaS konnte, was mußte aus dem Zusammenfluß so vieler Umstände nicht entstehn! Ich hätte gut läugnen oder betheucrn gehabt, niemand hätte mir geglaubt. ck)hne Zweifel hätte ich viel leide» müssen, und doch war ich unschuldig. So geht cs mit der Gerechtigkeit der Menschen. Und dennoch setzte ich mich nie mit der Polizei in das gehörige Verhältnis', cs begegnete mir aber auch nie etwas. AlS ich am Hofe Ew. Majestät vorgestcllk war, sorgten die Emigranten, da sie sich in gleichem Falle mit mir befanden, dafür, daß die Aufsicht auf sie, welche für 10 Jahre angcordnec war, aufgehoben wurde. Ich nahm mir vor, die meinige ihres natürlichen Todcö sterben zu lassen. Im Namen Ew. Majestät ward ich zu einem Feste, daß Sie in Fontainebleau gaben, cingcladen, ich fand es spaßhaft, bei dieser Gelegenheit auf die Polizei zu gehen, und um einen Paß zu bitten. Man gab zu, daß er nllr der Regel nach nothwendig sei, aber man versagte ihn mir, um, wie nian sich ausdrückte, die Behörde nicht lächerlich zu machen. AlS ich später Kammerhcrr Ew. Majestät geworden war, hatte ich eine kleine Reise in eignen Geschäften zu machen, und dicsesmal erklärten sic mich unter Lachen für immer von allen künftigen Formalitäten frei. Bei Ew. Majestät Rückkehr 1815 wollte ick einigen Emigran- 125 , km, die mit dem Könige wieder gekommen waren, eine Gefälligkeit erzeigen, und ging für sie auf die Polizei. 2ck war Staatsrath, j alle Bücher standen mir offen. Nächst dem Artikel, der meine Freunde bccras, war ich neugierig, meinen eignen kennen zu lernen. Da sah ich, daß ich als ein gewaltiger Höfling des Grafen Artois In London bezeichnet sei. 2ch konnte mir cs nicht versagen, darüber nachzudcnken, was der Unterschied der Zeit und die Laune der Revolutionen hcrvorbringen könne. Uibrigcns war das über mich Niedcrgeschricbene nichts weniger alö genau. Allerdings ging ich zu dem Grafen ArtoiS, aber vielleicht höchstens alle Monate einmal. Hätte ich auch den Höfling bei ihm spielen wollen, hätte ich es doch mit dem besten Willen nicht gekonnt, weil ich für meinen täglichen Unterhalt zu sorgen hatte. 2ch war stolz genug, von meiner Arbeit leben zu wollen, folglich meine Zeit mir sehr kostbar. Meine Erzählung unterhielt den Kaiser sehr, und für mich war dies selbst das größte Vergnügen. Heut segelte die Fregatte Doris nach Europa ab. Donnerstag, am 28. December. Die Hausleute von BriarS kamen, in der Hoffnung den Kaiser zu sehen. Aber er war von neuem unwohl. Seine Gesundheit leidet, dieser Aufenthalt ist ihm offenbar nachtheilig. Um 3 Uhr ließ er mich rufen. Er hatte einen leichten Fieberanfall gehabt, befand sich aber besser. Er sprach mit mir viel über seine neuen häusliche» Einrichtungen, die doch manchmal Neckereien bis zu ihm durchdringen ließen. Dann zog er sich an, um einen Spaziergang zu versuchen. 2ch überredete ihn, seine Flanellwcste anzuziehcn, die er unklugerweise hier, wo die Temperatur so seucht und unber ständig ist, abgelegt hatte. Wir gingen, in den Garten spazieren. Das Gespräch drehte sich immer noch um den oben angegebenen Gegenstand. Der Kaiser ging, wie ihn der Zufall führte, umher, und gelangte so an die Gummibäume, welche den Garten verlängern, indem er über unsre hiesige Lage, unsre Verhältnisse mit den Behörden sprach, über die politischen Ereignisse Europas Conjcktu- ren machte, u. s. w. Der Regen überraschte unS, und wir mußten unter einem Baume Schutz suchen. Hier kamen der Großmarschall und Montholon zu uns. Als der Kaiser rückkehrte, mußte ich ihm folgen, und er spielte dann im Salon Piket mit Frau von Montholon. Es war sehr feucht, der Kaiser wünschte, daß geheizt werde. Kaum war das Feuer angezündct, als der Rauch uns alle verjagte. Wir mußten uns in das Zimmer des Kaisers selbst flüchten, wo die Parrhie fortgesetzt ward. Bald jedoch hielt er bloy »och die Karten in der Hand, den» seine Unterhaltung war 124 im höchsten Grade Intcressank geworden. Er erzählte „nS Anckds. ten auS seinem kleinen Innern Kreise/ und bestätigte, berichtigte oder wicdcrlegte dadurch die, von denen Frau von Montholon oder ich ihm sagten, daß sie in der Welt im Gange wären. Nichts pikanter alü dieses! ES war eine vollkommen vertrauliche Unter« Haltung. Auch war es uns allen höchst verdrüßlich, alö man dem Kaiser meldete» daß angerichtet sei. Freitag, am 29. Dcccmber. Es gicbt einen Punkt in unserer Umzäunung, von wo ans man von weitem den Lheil dcS Meeres sehen kann, wo die an> kommenden Schiffe landen. Dorr steht ein Baum, an dessen Fuße man das alles nach Wohlgefallen betrachten kann. Seit einigen Tagen pflegte ich in müßigen Stunden dahin zu gehen, um» wie ich mir selbst sagte, das Schiff anlanden zu sehen, das unser Elend enden sollte. Der berühmte Munich hat 20 Jahre im tiefsten Sibirien gewohnt, und jeden Tag auf seine Rückkehr nach Peters» bürg getrunken, bis endlich der ersehnte Augenblick erschien. Ich würde seinen Muth auch besitzen, hoffe aber nicht seiner Geduld zu bedürfen. Seit einigen Tagen kömmt Schiff aus Schiff. Am frühen Morgen sah man schon drei, von denen zwei mir Kriegsschiffe zu seyn schienen. Als ich zurückkam, sagte man mir, daß der Kaiser schon aufgcstanden sei. Zeh ging In den Garten, um ihm meine Entdeckung mitzutheilen. Er wolllc im Freien frühstücken, und behielt mich zurück. Nach dem Frühstück mußte ich ihn zu Pferde begleiten. Wir ritten außerhalb Longwood bei allen Gummibäumcn vorbei, und versuchten es, am äußersten Ende in ein sehr steiles und ticfauögcschnittcneö Thal herabzukommen. ES war ein sandiger, mit rottenden Kieselsteinen und Dornensträuchen besäter Weg. Wir mußten abstcigen. Der Kaiser befahl dem General Gourgaud, aus der andern Seite mit den Pferden und den beiden PikcurS, die wir bc! uns hatten, hcrabzukommen, während er sichs in den Kops setzte, selbst durch alle Hindernisse, auf der Seite wo wir uuS befanden, ins Thal zu gelangen. Ich gab Ihm den Arm, wir stiegen und kletterten mühsam durch die Schluchten herab. Er bedauerte, daß er nicht mehr so gewandt sei» wie in seiner Jugend, und warf mir vor, flinker zu seyn, als er. Er fand einen größer» Unterschied zwischen uns, als cs nach der kleinen Verschiedenheit unsrer Jahre möglich war Das kommt daher, sagte ich, weil ich mich verjünge, indem ich Ihnen diene. Unterwegs machte er die Bemerkung, daß wer nnS jetzt sehr leicht die französische Unruhe und Ungeduld wieder erkennen würde. „In der. Thak, sagte er, 125 kann eS nur Franzosen in den Sinn kommen/ VaS za thun, was wir jetzt unternehmen." Endlich kamen wir ganz außer Athem unten im Thale an. WaS wir von weitem für einen Fußsteg gehalten hatte»/ war bloS ein anderthalb Fuß breiter Bach. Wir wollten über ihn stei» gen bis uns unsre Pferde ankamc»/ aber seine Ufer waren unsicher. Sie schienen von trockner Erde und hielten unS anfangs, aber bald sanken wir so tief hinein, als ob wir auf Eis gegangen und durch» gebrochen waren. Wir waren in Gefahr ganz unterzusinken. 3ch steckte schon bis übers Knie darinnen als ich mit Kraft mich heraus» riß. Dann kehrte ich zurück, um dem Kaiser die Hand zu reichen. Er war mit beiden Beinen eingesunken, hatte die Hände auf der Erde und suchte sich loszumachcn. Nicht ohne Mühe und besonders nicht ohne Schmu; gelangten wir wieder auf festen Grund und Boden. 2ch konnte mich jedoch nicht enthalten, laut auszu» rufen: «Morast von Arcolc! Morast von Arcole!" Wir hatten einige Tage vorher darüber einiges nicdergeschriebcn. Napoleon wäre auch beinahe darinn stecken geblieben. Er selbst sagte, indem er feine Kleider betrachtete: «Lieber Freund, das ist ein schmutziges Abentheuer!" und dann: «wenn wir hier verschwunden wä» ren, was würde man in Europa davon gesagt haben? Die Scheinheiligen hatten gewiß bewiesen, daß uns um unsrer Sünden willen die Erde verschlungen habe." Endlich waren unsre Pferde da, wir waren fortgegangcn, hatten über Hecken gesetzt, Mauern erklimmt, und mit vieler Mühe das ganze Thal, welches Longwood vom Pie der Diana trenne, zurückgcmcssen. So kamen wir in der Gegend, wo Madame Bcr» trand wohnte, wieder heraus. Es war 5 Uhr. Man benachrichtigte unS, daß die Fahrzeuge, welche wir heute früh erblickten, eine Brick, ein Transportschiff von England und ein Amerikaner seien. Gegen 7 Uhr lies mich der Kaiser rufen. Der Großmarschall war bei ihm, der ihm die Zeitungen vom 9. bis 16. Dctobcr vor» laS. Das nahm kein Ende, und cs wurde 9 Uhr. Der Kaiser wunderte sich, daß es so spät sei, stand schnell auf, war ungeduldig, daß man ihm nicht sein Diner aufgetragen hatte, ging gerade» Wegs zur Tafel und beklagte sich, daß man ihn habe warten las« ftn. Man war so albern, ihm eine lächerliche Ursache anzugebcn. Diese häusliche Unannehmlichkeit hatte ihn lebhaft ergriffen, dann hatte er sich wieder innerlich geärgert, daß er sich so ärgerlich ge» zeigt hatte, und daher war das Mittagsessen trüb und stumm. Als wir daS Dcscrt im Salon einnahmen, ergriff jedoch der Kaiser wieder das Wort über die Neuigkeiten, welche in den Zeitungen gestanden hatten, über die Fricdensbedingungcn, die den 126 Fremden überlassenen Festungen, die Unruhen in den großen Siöd- ten. Mir Meisterhand behandelte er diese Gegenstände, ging aber zeitig auf sein Zimmer, da der Augenblick vor dem Diner ihm sichtlich noch aus dem Herzen lag. Bald darauf lies er mich rufen, und wollte in den Zeitungen sortfahren. Da ich mich nun zum Lesen nicdcrsetzce, so erinnerte er sich des Zustandes meiner Augen, und wollte es wieder nicht. Ich beharrte jedoch darauf und sagte ihm, daß ich es schnell durch- flöge und mich nicht lange dabei aufhaltcn wurde, er legte sie aber selbst weg und crgegnete: „Die Natur läßt sich nicht befehlen; ich verbiete eS Ihnen: ich kann ja bis morgen warccn." Er ging nun umher, und sprach bald das aus, was er auf dem Herzen hatte. L>! wie liebenswürdig erschien er mir in diesen Vorwürfen und Klagen. Welch ein guter Mensch war er da! Wie war alles was er sagte so wahr und richtig! 3a, dies waren solche köstliche Augenblicke, wo die Natur, auf der That ergriffen, unverstellt den Grund des Herzcnö und Charakters zeigt. Als ich ihn verlies sagte ich zu mir selbst, was ich nachher noch so osc Gelegenheit hatte zu mir zu sagen: „Guter Gott! Wie wenig hac doch die Welt den Kaiser gekannt!" klibrigens läßt man ihm doch hier »lehr Gerechtigkeit wieder« fahren. Diese so erbitterten Engländer, die aber wegen der sal« sehen Ansichten, mit denen man sie unaufhörlich unterhielt, bei alle dem Verzeihung dafür verdienen, fangen an von seinem Charakter eine richtigere Idee zu erhalten. Sie gestehen, daß sie sich zu ihrem Staunen mit jedem Tage mehr enttäuscht finden, und der Kaiser von dem Napoleon, wie ihn ihre politischen Interessen und der Lngengcist gezeichnet hatten, ganz verschieden sei. Bei allen denen die ihn haben sehen, hören, mit ihm zu thun erhalten können, ist nur eine Stimme darüber. Bei allen Streitigkeiten die wir mit dem Admiral hatten, ist diesem mehr als einmal der Ausruf ent« fallen, daß der Kaiser chnstreitig der gutmüthigste von der ganzen Gesellschaft, der vernünftigste, der gerechteste, der am leichtesten zu« friedengestellte fei; und er hatte Recht. Ein andrcömal gestand ein braver Engländer, den wir oft ft« hen, Napoleon selbst mit voller Scclcndemuth und alS eine Art von Sühnung, daß er es sich vorwerfe und darüber hoch« lieh betreten sei, daß er steif und fest alles Schändliche, was man über den Kaiser verbreitete, geglaubt habe; dessen Erwürgungen, Metzeleien, Wuthanfälle, Gemeinheiten, selbst bis auf die Ungescal« tung seiner Person und sein häßliches Gesicht. „Warum, setzte ir offen hinzu, hätte ich es aber auch nicht glauben sollen? Alle unsere Bücher waren voll davon, aus jedem Munde ströme es Ger, nicht Eine Stimme erhob sich dagegen." — „Nun denn, sagte Napoleon lächelnd, so bin ich also Ihren Ministern für alle diese Artigkeiten Dank schuldig. Sie haben Europa mit Schmäh» scliriften und Pamphlets gegen mich überschwemmt. Vielleicht kSmilen sie alö Entschuldigung anführen, daß sie nur in denselben Ton cinstimmten, welchen sie aus Frankreich herüber schallen hörten, denn wahr istS, diejenigen der Unfern, die man seitdem auf den Ruinen ihres Vaterlandes hat Freudensprünge machen sehn, ließen es daran nicht fehlen und versorgten sie reichlich. „Wie dem auch sei, so quälte man mich zur Zeit meiner Macht sehr oft, diese MaaSregcln zu widerlegen, ich wollte cS aber nie thun. Zu was hätte es mir auch gedient, mich zu vertheidi» gen? Man hätte gesagt, ich habe bezahlt dafür, und dies hätte mich nur noch mehr in den Schalten stellen müssen. Ein Sieg, ein Denkmal mehr, sagte ich stets, das ist die wahre Antwort. Die Lüge vergeht, die Wahrheit bleibt. Die verständigen Leute, j die Nachwelt besonders richtet nur nach Thatcn. Und was ist > denn übles dabei? Schon zerstreut sich die Wolke, das Licht dringt durch, mit jedem Tage gewinne ich mehr, bald wird cs das pikan» ^ teste in Europa seyn, mir Gerechtigkeit wiederfahrcn zu lassen. Die welche auf mich folgten, sind im Besitz der Archive meiner Staats« Verwaltung, der Archive der Polizei, der Registrandc» der Tribu« nale. In ihrem Solde, ihnen zu Gebote stehen jetzt die, welche die AuSüber, die Mitthäcer meiner Grausamkeiten, meiner Derbre» chen hätten sei)» müssen. Und was haben sie bekannt gemacht? WaS haben sic für Aufschlüsse gegeben? „Sobald die erste Wuch vorbei ist, werden die Männer von Geist und richtigem Urthcil wieder zu mir zurückkehren, nur die Thoren oder Bösen meine Feinde bleiben. Ich kann ruhig scpn, ich darf nur geschehen lassen, und die Folgen der Begebenheiten, die Kämpfe der entgegengesetzten Parthcien, ihre widrigen Erzeugnisse, werden mit jedem Tage mehr die sichersten, rühmlichsten Ma» terialien für meine Geschichte leuchten lassen. Und wozu haben denn nun die Ungeheuern Summen, die man für Libelle gegen mich verschwendet hat, geholfen? Bald wird keine Spur derselben mehr vorhanden seyn, während meine Denkmäler und Einrichtungen mich noch der entferntesten Nachwelt empfehlen werden. „Heutiges Tages übrigens würde man dies Unrecht gegen mich nicht von neuem wieder anfangcn können. Die Verläumdung hat all ihr Gift aus meine Person ergossen und sich erschöpft, sie würde mir nicht mehr zu schaden verstehn; sie ist für mich nur noch das Gift des Mithridaces." 123 Sonnabend, am 30. Deeember. Vor 8 Uhr hatte mich der Kaiser rufen lassen. Während er sich ankleiden ließ, fuhr ich im Vorlesen der gestern erhaltenen Schriften fort. AlS er gekleidet war, ging er aus, spazierte nach den Ställen zu, verlangte sein Pferd und ritt mit mir, während man die des übrigen Gefolgs aufzäumte, allein hinweg. Wir stri. chen ohne Plan umher. Als wir an einem Felde, welches man bearbeitete, ankamen, stieg der Kaiser vom Pferde, nahm znm gro> ßcn Erstaunen dessen der ihn handhabte, den Pflug und zog selbst eine sehr lange Furche. Dann stieg er wieder zu Pferde und wie streiften aufs Gerathcwohl in der Nachbarschaft umher. Nach und nach fanden sich der General Gourgaud und die Pikeurs bei ihm ein. Nach der Rückkehr wollte der Kaiser im Garten unter einem Baume frühstücken, und wir mußte» bei ihm bleiben. Beim Reiten hatte er uns gesagt, daß er uns ein kleines Geschenk machen wolle. Allerdings sehr unbedeutend, setzte er hinzu, aber alles hänge von den Umstanden ab, und in unfern hier sei es für ihn das Scherflcin der Wittwe. Es bestand in einem Monatsge- halte für jeden von uns, den er unS anszuzahlen anbcfohlcn hatte. Freilich aber mußte er von einer nicht sehr starken Summe genommen werden, die wir der englischen Wachsamkeit entzogen hatten, und welche die einzige Hülfsquelle für Napoleon blieb. Man kann leicht denken, wie thencr uns dieses Geschenk war, auch benutzte ich den ersten Augenblick, wo ich mich mit dem Kaiser allein befand, um ihm meine Ansichten darüber zu eröffnen, so wie meinen persönlichen Entschluß, von seiner Wohlchat keinen Gebrauch zu machen. Er lachte gewaltig darüber und sagte, als ich darauf bc- harrte, indem er mich am Lhre zupfte: „Nun wohl, wenn Sie rs nicht nöthig haben, so heben Sie cs mir auf, ich weiß dann wo ick etwas finde, wenn ich's brauche." Nach dem Frühstück ging der Kaiser in seine Innern Zimmer, und ich mußte ihm folgen, um die Zeitungen vollends zu lesen. 2ch hatte bereits sehr lange gelesen, als Montholon um Erlaubniß zum Eintreten bitten lies. Er hatte lange mit dem Admiral gesprochen, der sehr wünschte, den Kaiser zu sehn. Der Kaiser unterbrach meine Uiberletzung, ging einige Zeit umher, als ob er nock- schwanke, nahm dann seinen Hut und verfügte sich in den Salon, um dort den Admiral anzunehmen. Dies machte mir sehr große Freude. Dürfen wir überhaupt aus unscrm feindseligen Zustande heraustreten, so war ich sicher, daß zwei Minuten von ihm mehr Schwierigkeiten beseitigen würden, alS zwei ganze Tage eines jeden von uns. 2n der That erfuhr ich auch, daß seine Gründe, seine Logik, seine Gutmüthigkeit alles mir forrgerissen hatten. Man versicherte mich, der Admiral sei entrückt sortgegangen. Auch der Kaiser mar sehr zufrieden. Er haßt den Admiral ganz und gar nicht, vielmehr scheint er eine Schwache für ihn zu haben. „Sie können ein sehr geschickter Seemann scyn, soll er zu ihm gesagt haben, aber von unsrer Lage verstehen Sie doch nichts. Wir bitten Sie um nichts; wir können uns in der Verborgenheit von nnsern Leiden und Entbehrungen nähren, unS selbst genug sepn, aber unsre Achtung verdient eS doch wohl, daß man sich Mühe „in sie gebe." Der Admiral berief sich auf seine Instruktionen. „Miß man denn aber nicht, erwiederte der Kaiser, welche ungeheuere Kluft zwischen dem Aufzcichncn der Instruktionen und ihrer Aufführung befestigt ist? Aus der Ferne befiehlt sie jemand an, der sich selbst dann dagegen setzen würde, wenn er ihre Vollziehung mit ansehen müßte. Wer weiß denn übrigens nicht, setzte er noch hinzu, daß bei dem kleinsten Zweifel, der geringsten Unannchmiich- ' keit, dem ersten Geschrei der Meinung, die Minister ihre Instruk» ' tionen nicht mehr anerkennen, oder im heftigen Tadel sich ergehn, j daß man sie nicht besser verstanden habe u. s. w." i Der Admiral hat sich sehr gut benommen, und der Kaiser sich ! nur über ihn zu erfreuen gehabt. Alle Härten sind gemildert wor- : den, man hat sich über alles einverstanden. So ist man denn auch ^ darin übereingckommen, daß der Kaiser auf der Insel herumftrcifen ' kann, daß der -Offizier, den die Instruktionen an dessen Person i fesselten, nur von weitem eine Art Ausficht führe, welche der Äch» lang für den Kaiser nicht zu nahe treten könne, daß die Bcsn- - chenden bei dem Kaiser nicht mehr die Erlaubniß des Admirals» welcher der Obcrausseher über Longwood war, sondern blos der dcS Eroßmarschalls, der die Honneurs dort machte, bedurften. Heute vermehrte sich unsre kleine Colonie durch einen Pohlen, i den Capitain Piontkowsky. Er gehörte unter die, welche wir zu ! Portsmouth zurückgclasscn hatten. Seine Ergebenheit für den Kai- ! ser, sein Schmerz von ihm getrennt zu seyn harten die Engländer i gerührt, und er hatte ihnen die Erlaubniß entrissen, wieder zu i ersten» zu kommen. Sonntag, am 31. Deecmber. ! Der Untergouverneur, Oberst Skeltvn und dessen Frau, die sich i immer sehr zuvorkommend gegen uns gezeigt hatten, bezeugten dem ! Kaiser ihre Huldigungen und nachdem dieser sich eine gute Srun- ? de lang mit ihnen unterhalten, ließ er mich dem Oberst Skelcon ji dst Einladung übersetzen, mit ihm auszureitcn. Der Oberst nahm L. CaftS Tageb. a.Bd. ll es mit Vergnügen an. Wir setzten uns in Marsch und durch,,». ^ gen das Thal das uns vom Pic der Diana trennt, zum große» ! Staunen des -Obersten, für den dieser Weg ganz »cn war, der ihn ermüdend fand, und ihn sogar an gewissen Punkte» unbedenklich für gefährlich erklärte. Der Kaiser behielt ihn und seine Gm. rin zum Diner und zeigte sich sehr liebenswürdig gegen sie. Montag, am 1. 2anuar 1816. bis Mittwoch, am 3. Januar. - Am ersten Tage des neuen Jahres versammelten wir uns, alle gegen 10 Uhr, um dem Kaiser unsere Glückwünsche darzubringen. l Einige Augenblicke darauf ließ er uns vor. Wir harten ihm eigentlich inehr Wünsche alS Glücksanerkennungen zu spenden. Der ^ Kaiser wollte mit uns frühstücken und uns den ganzen Tag bei sich sehen. Er bemerkte, daß wir ja nur noch eine Hand voll Menschen am Ende der Welt ausmachten, und unser Trost wenig- stens darinn bestehen müsse, «ns gegenseitig dort zu lieben. Wir - begleiteten ihn alle in den Garten, wo er, wahrend man das Früh- - stück anrichtcte, spazieren ging. In diesem Augenblick brachte man ^ ihm seine Jagdflinten, welche bis dahin vom Admiral zurückbehal- i ren worden waren. Diese Sendung war übrigens ein Beweis i mehr von den veränderten Gesinnungen des Admirals, sonst kenn- - ten sie von keinem Nutzen für den Kaiser seyn. Die Beschaffenheit des Terrains und der Mangel an Wild ließ ihm keine Täuschung übrig, daß hier von Jagdvergnügen die Rede seyn könne. , Aus unsren Gummibaumen saßen bloß Turteltauben, welche einige l Flintenschüsse vom General Gourgaud und meinem Sohne bald ' vernichtet, oder zur Auswanderung genöthigt haben würden. Man konnte annehmen, daß die besten und wohlwollendste» Absichten des Admirals doch stets einige Beschränkungen, einen Anstrich von Laune tragen würden, die deren Wirkung wieder zerstörten. Be! den 2 oder 3 Flinten des Kaisers befanden sich auch 2 oder 3 andere, uns angehörende. Sie wurden uns auch über- lassen, aber unter der Bedingung, daß sie jeden Abend in das Zelt des wachthabenden -Offiziers wieder abgeliesert werden müßten. Man kann sich leicht denken, daß ein solches Verlangen uns sogleich veranlaßte, für die ganze uns zugedachte Gunst zu danken, und so wurden diese Flinten uns erst nach einigem Hin - und Hcr- reden unbedingt überantwortet. Aber wer waren wir auch 2 Einige Unglückliche, von dem übrigen Univcrso getrennt, mit Schildwachen umgeben und von einem ganzen Lager bewacht! Und wovon handelte sich's? Von zwei Jagdflinten. Ich berühre absichtlich diesen Gegenstand. Er ist an sich sehr klein aber er charakterisier »nd 131 !k bezeichnet mehr alS viele andere Dinge die wahre Beschaffenheit dä Lage in welcher wir uns befanden und die Art und Weise unserer Leiden. Am 3cen frühstückte ich bei Madame Bertrand, mit der ich beim Gouverneur zum Mictagsessen gehen sollte. Die Entfernung von Plantation-House, ihrer Wohnung, sodert mit sechs Ochen eine Krise von anderthalb Stunde, denn Pferde würden hier gefährlich styn. Man kommt durch oder neben fünf bis sechs Engpäßen vorbei, die mit Abgründen von mehrern hundert Fuß Tiefe öegränzt sind. Geht es sehr steil herab, so nimmt man vier Ochsen vom Wagen weg, und legt sie, wenn eS bergan geht, wieder vor. Als wir Dreiviertel des Wegs zurückgelegt hatten, hielten wir an und besuchten ein» alte gute Dame von 83 2ahren, die gegen die Kinder der Madame Bertrand sehr gefällig gewesen war. Ihre Wohnung war recht angenehm. Seit 16 Zähren war sie nicht daraus gekommen, als man jedoch des Kaisers Ankunft erfuhr, hatte sie sich doch nach der Stadt verfügt, indem sic gesagt, wenn cs ihr auch das Leben kosten sollte, würde sie doch glücklich seyn, wenn sie dahin gelange, ihn zu sehen. Sie hatte dies Glück gehabt. Plantation-House ist der bcftgelcgenstc »nd angenehmste -Orc der ganzen Insel. Schloß, Garten und Zubehör erinnern an die Wohnung von Familien in den Provinzen, die 26 bis 30000 Li« mS jährlicher Einkünfte haben. Dieser Punkt ist sehr gnc gehalten und geschmackvoll eingerichtet. Zn der Umzäunung von Plan« tation-House scstgchalten, könnte man glauben, sich in Europa zu befinden, «nd keine Ahnung von den Gegenden voll Verwüstungen haben, auS denen der übrige- Theil der Znsel besteht. Der -Oberste Wilks, der vor Ankunft des Admirals Gouverneur war, ist ein sehr angenehmer Mann, vom besten Ton; auch dessen Frau ist recht liebenswürdig und seine Tochter ein reizendes Mädchen. Die Gesellschaft, welche der Gouverneur geladen hatte, bestand ungefähr aus dreisig Personen. Sitte, Unterhaltung, Form, alles war dabei nach europäischem Gebrauch. Wir haben dort einige Stunden zugebrachc, die einzigen einer gänzlichen Vergessenheit «nd Zerstreuung, welche ich, seit wir auS Frankreich sind, verlebt habe. Der Oberste Wilks bewies mir ungemein viel Theilnahme und Wohlwollen. Wir sagten uns gegenseitig die schönsten Dinge mit dem Gefühl zweier Schriftsteller, die sich einander beurthcilcn können. Zeder hat dem andern sein Werk geschenkt. Er überhäufte Herrn Le Sage mit Lobsprüchcn und ich crwicdcrte sic von Grund des Herzens, denn sein Werk enthält überaus viel Neues uns Interessantes von Zndostan, wo er sich lauge Zeit in einem diplc-ma- 13.' i tischen Geschäft befunden hat. Sein Buch ist zugleich durch ph§. l losophische Ansichten, durch lehrreiche Gegenstände und einen qc- ! läuccrrcn Styl sehr ausgezeichnet. Uibrigens zeigt Herr WilkS, j bei seinen politische» Meinungen, sich als einen Mann non kaltem i Blute, der ohne alle Leidenschaft mit der größten Ruhe über die ' Angelegenheiten dcS Tages urtheilt und sich, bei seinen gesunden st Begriffen und liberalen Grundsätzen, als ein verständiger und un- abhängiger Britte nicht irre machen läßt. Zn dem Augenblicke, da wir uns zu Tisch setzen wollten, sagte : man unö, daß der Kaiser mit dem Admiral fast bis zur Thüre ' von Plantation-Housc gekommen wäre und einer der Gaste, Hm ^ Doveton von Sandy-bay, erzählte jczt, daß er diesen Morgen das Glück gehabt habe, ihn drei Viertelstunden lang bei sich zu sehen. Donnerstag am 4. bis Montag am 8. Zanuar. Wie ich zum Kaiser kani, um ihm von unserm gestrigen Ausflüge Bericht zu erstatten, nahm er mich bei dem Lhre und sagte: „Schon gut! Sie haben mich gestern im Stiche gelassen. Zch habe doch meinen Abend recht gut zugebracht. Glauben Sic ja nicht etwa, daß ich nicht ohne Sie leben könnte!" Wie freundlich waren diese Worte, wie sehr hat der Ton, womit er sic sprach, meinem Herzen, das nun das scinige so genau kennt, wohlgetha»! Wir haben lauter schöne Tage, die Luft ist trocken und die Hitze sehr groß; doch läßt sie gewöhnlich gegen fünf oder sechs Uhr plötzlich nach. Der Kaiser hatte seit seiner Ankunft in Longwood das DM« : ren unterbrochen. Er vertrieb sich die Zeit mit Lesen in seinem Kabinct, zog sich dann von drei bis vier Uhr an und ritt hieraus mit Zwei oder Dreien von uns aus. Die Morgen mußten ihm länger dünken, aber seine Gesundheit gewann dabei. Unsre Ausflüge waren immer nach dem nahen Thale, wovon ich schon gc- sprocken Labe, gerichtet. Bald daß wir aufwärts ritten, hieraus den Weg nach dem untern Theil einschlugen und durch die Wohnung deS Großmarschalls zurückkamen, bald von dieser Seite den Anfang machten und nachher den Berg herunter ritten, bald aber auch, was ein- oder zweimal geschah, das Thal durchschnitten und zur Seite durch ähnliche Schluchten gelangt. Wir erforschten ans diese Weise unsre Umgebung und besuchten die wenigen Hauser, die sich in derselben befinden. Sie sind insgcsammt armselig und eiend, und da die Wege großen TheilS so schlecht sind, daß man nicht forckonimcn kann, so mußten wir oft abstcigcn, bisweilen selbst über Hecken wcgscyen und steinerne Mauern erklettern, die man hier und da antrifft, aber nichts hielt uns aus. Bei diesen gewöhnlichen Spazierwegen hatten wir seit einigen Tagen eine regelmäßige Station in der Mitte deS Thals angenommen/ denn hier hatten wir unter wüsten Felsen ganz unerwartet ein Blümchen entdeckt. Es war unö nämlich unter einem nicdcrn Dache ein liebliches Gesichtchen von fünfzehn bis sechszchn 2ahren erschienen. Das erstemal hatten wir es in dem alltäglichen Anzuge, der nichts weniger als Wohlhabenheit andeucetc, überrascht. Am folgenden Tage zeigte sich jedoch die junge Person recht sorglich geputzt und nun kam uns das liebliche Feldblümchcn wie eine ganz gewöhnliche Gartenblume vor. Demohnerachtct verweilten wir täglich einige Minuten bei derselben. Sie kam immer einige Schritte näher, um die wenigen Worte zu vernehmen, die der Kaiser an sie richtete, oder ihr dollmetschen ließ, und wir ritten dann, im traulichem Gespräch über ihre Reize, unscrs Weges weiter. Von dieser Zeit an vermehrte sie unser Namenregister von kongwood; wir nannten sie nicht anders als unsre Nymphe. Der Kaiser hatte in seinem vertrauten Kreise die Art, alles was ihn umgab, nach und nach zu taufen. So hieß die Schlucht, durch weiche wir ritten, stets das ftille Thal, unser Wirth zu Briars unser Amphütrion; sein Nachbar, der Major von Sechs Fuß, unser HerkuleS; Sir George Cockburn, wenn wir aufgeräumt waren, Monseigneur der Admiral, wenn wir aber vcrdrüßlich wurden, nannten wir ihn den Haifisch u. s. w. Unsre Nymphe ist die eigentliche Heldin des Hirtengedichts, womit es dem Doktor Warden gefallen hat, seine Briefe auszuschmücken. 2ch suchte seinen 2rrthum z» berichtigen, als er mir dasselbe vor seiner Abreise nach Europa zu lesen gab und sagte zu ibm: „Wenn Sie ein Mährchen erzählen wollten, so ist das recht schön; sobald es aber Wahrheit seyn soll, müssen Sic Alles abändern." -Ohne Zweifel hat er geglaubt, daß seine Erzählung sehr interessant sei, denn er hat sie bcibehalcen. Uibrigens habe ich erfahren, daß Napoleon unsrer Nymphe Glück gebracht habe. Sie hatte eine Art von Ruf erlangt und die Neugierde der Reisenden aus sich gezogen. 2hr hübsches Ge« sichtchen that das Uibrige bei der Sache. Kurz sie ist die Frau eines sehr reichen Negozianten oder Capitains der indischen Compagnie geworden. Wenn wir von unfern Spazierritten zurückkamen, fanden wir gewöhnlich schon die zum Diner eingcladenen Personen. Dergleichen Einladungen erhielten nach und nach der General, der-Oberste des allsten Regiments, mehrere andere-Offiziers nebst ihren Frauen; der Admiral; die gute, schöne und liebliche Madame Hudson, die Fra» unscrö Herkules, welche der Kaiser einmal in den, Grunde von BriarS besuche und ihre Kinder geiiebkoft hatte u. s. w. Nach dem Diner machte der Kaiser gewöhnlich eine Parthic, und die übrige Gesellschaft eine zweite. Der Kaiser sprach an dem Tage, da der Admiral bei ihm speiste, mit ihm über die militärische Lage der 2nsel. Der Admi- ral sagte dabei, daß das 66fte Regiment zu Verstärkung des 53stm angekommcn wäre. Der Kaiser lachte und fragte, ob er sich noch nicht für stark genug hielte, und als er dann zu allgemeinen Betrachtungen überging, bemerkte er, daß ein Schiff von 74 Kanonen mehr seyn würde, als ein Regiment, da Schiffe einer Insel größere Sicherheit gewährten; daß Befestigungen nur einen Aufenthalt Hervorbringen könnten, und eine Landung mit überlegenen Kräften immer gelingen müsse, indem nur die Zeit dabei einen Unterschied ausmache, wenn die weite Entfernung keine Verstärkung zulasse. Der Admiral fragte, welchen Platz er wohl für den festesten in der Welt hielte. Der Kaiser antwortete, das lasse sich nicht bestimmen, weil die Festigkeit eines .Ortes von den ihm eignen Mitteln und von ungewissen äußern Verhältnissen abhänge. Demohn- erachtec nannte er Straßburg, Lille, Metz, Mantua, Antwerpen, Malta, Gibraltar. Der Admiral sagte hierauf, England habe ihn einige Zeit in Verdacht gehabt, daß er Gibraltar angreifcn wolle. Der Kaiser antwortete: „Dafür hüteten wir uns wohl, das war eine Sache, die uns sehr zu statten kam. 2cne Festung ist für Sie von keinem Nutzen, sie vertheidigc und behindert nichts, kostet England, alö ein bloßer Gegenstand der Nationaleigenliebe große Summen und verwundet den Stolz Spaniens in dem Grade, daß wir wohl sehr ungeschickt hätten seyn müssen, diese Verhältnisse zu stören." Am 6ten wurde ich nebst Madame Bertrand und meinem Sohne nach Briars, wo unser ehemaliger Wirch eine große Gesellschaft zusammen gebeten hatte, zum Diner ringelnden. Wir kamen sehr spät zurück und in Rücksicht der Schwierigkeiten deö Weges, so wie der Finsterniß der Nacht, nicht ohne Gefahr, welche unS, besonders aus Achtung für die Besicht der Madame Bcrcrand, einigemale nöthigte, ein Stück zu Fuße zu gehen. Am 7ten machten der Sekretair des Gouvernements und ei» Mitglied des Conseils dem Kaiser die Aufwartung. Er richtete, nach seiner gewöhnlichen Art, eine Menge von Fragen an sic, über die Kultur und das Aufblühen des Wohlstandes der Insel und die dabei etwa möglichen Verbesserungen. 2m Jahre 1772 hatte mau daö System angenommen, den Einwohnern aus den Magazinen dcr — 133 — Compagnie das Fleisch um die Hälfte deS Werths zu liefern. Allein es hatte solches eine große Faulheit bei der Industrie und die Vernachlässigung des Ackerbaues zur Folge. Die seit fünf Jahren erfolgte Abänderung dieses Systems und andere Umstände haben die Nacheiferung wieder geweckt und die Insel in einen so vorzüglichen Zustand gebracht, als sie vorher nie gewesen ist. Da» gegen besorgt man aber, daß unsere Ankunft ein Todesstoß für diese wachsende Wohlfarch derselben seyn möchte. St. Helena hat ohngcfahr 7 bis 8 Stunden Umfang *), mithin ziemlich die Größe von Paris, und es sind dort im Allgemeinen die englischen, außer» dem aber auch noch besondere Lokalgesctze in Gültigkeit. Die letztem erhält dasselbe durch das Conseil und sie werden in England durch den Gerichtshof der indischen Compagnie bestätigt. DaS Conseil bildet der Gouverneur, zwei Civilmitglieder und der Sekretair, welcher die Registranden führt. Sie werden insgesammt von der Compagnie ernennt und auf Verlangen zurück berufen. Die Mitglieder des Conseils sind Gesetzgeber, Verwalter und Magistrats-' Personen. Sie entscheiden ohne daß eine Appellation Statt hat, mit Hülse einer Iury, in Civil- und Criminalsachen. Es giebt weder einen Prokurator, noch einen Advokaten auf der Insel. Der Sekretair des Conseils verrichtet alles aus rechtsgültige Weise und ist dort eine Art von alleinigem Notar. Die Bevölkerung der Insel besteht aus ungefähr 5 bis 6000 Seelen, die Schwarzen , und die Garnison mit eingerechnet. An einem dieser Tage ging der Kaiser mit mir allein im Garten spazieren. Auf einmal naht sich uns mit sichtlicher und freudenvoller Bewegung, dabei jedoch mit offenbarer Furcht von Außen bemerkt zu werden, ein Matrose von etwa 22 biS 23 Iahrcn und einem recht offnen gutmürhigem Gesicht. Er sprach nur englisch und sagte mir in größter Geschwindigkeit: Er habe zweimal schon der Gefahr Trotz geboren, von den Schildwachten entdeckt zu werden und sich ernsthaft vertheidigen zu müssen, um nur den Kaiser in der Nähe zu sehen. Er fügte — indem er ihn nun ganz ge- nan betrachtete — sodann hinzu: Er wolle nunmehr gern sterben und bete zum Himmel, daß er, Napoleon, sich recht wohl befinden und einst glücklicher seyn möck" Ich schickte ihn fort und noch ' im Abgchen verbarg er sich hinter die Bäume und Hecken, um uns noch länger sehen zu können. Wir erhielten oft dergleichen unzweideutige Proben des größten Wohlwollens der Seeleute. Ve- *) Nach sichern gecgrapyische» Messungen, ir Stunde», nämlich 10^. englische Meile» lang und sis breit Anmerkung des UibcrseycrS. sonders bildete» die vom Northumbcrland sich ein, ein näheres Recht an den Kaiser zu haben. Wahren» nnserS Aufenthalts zu Briars, wo wir nicht so eng eingesperrt waren, streiften sie oft des Sonntags um uns herum und sagttji: Sie kamen, um ihren Schiffskameraden (Sipsmate) einmal wieder zu sehen. An dem Tage, an dein wir jenen Ort verließen, war ich mit dem Kaiser ganz allein im Garten. Da kam denn auch einer an die Thür, und fragte mich, ob cs ihm denn wohl übel genommen würde, wenn er ein wenig naher träte. 2ch erkundigte mich nach seiner Heimath und seiner Religion, und statt der Antwort machte er schnell einige Kreuze, zum Zeichen seines enger» brüderlichen Ei». Verständnisses. Dann sah er den Kaiser an, der vor ihm stand, blickte zum Himmel auf, und sprach, unter einem Aufwand von Gebehrden, mit sich selbst. Sein großes Gesicht war von Freude belebt, und hatte einen halb komischen, halb sentimentalen AuS- druck. Zndessen konnte man nicht leicht mehr innige Bewunderung, Ehrfurcht, Herzlichkeit und Liebe zeigen. Die Thranen rollten in großen Tropfen über seine Wangen. Sagen sie dem lieben Herrn, sprach er, daß ich ihm gut bin, und daß ich ihm recht viel Glück wünsche. Wir sind ihrer viele, die so denken, es soll ihm wohl gehen, recht lange wohl gehen! Er hatte dabei einen Strauß von Feldblumen in der Hand, und man merkte ihm an, daß er ihn gern angeboren hatte, aber alö ob ihn das, was er sah oder empfand, davon nbhalte, ging er ans einmal schwankend und wie mit sich selbst im Kampf zurück, und schwand mit einem kurzen Abschieds» grüß uns aus den Augen. Der Kaiser war bei beiden Gelegenheiten recht sehr gerührt; denn dieser Menschen Gesicht und Ton und Gcbehrde trug so ganz das Gepräge der Ehrlichkeit. Er sagte: „Welche Macht hat doch die Phantasie, wie viel vermag sie über die Menschen! Das sind nun Leute, die mich gar nicht kennen, die mich sonst nie gesehen, und nur von mir gehört haben, und wie empfinden sie dennoch, was würden sic nicht für mich thun! Sonderbar, daß sich dies in jedem Lande, bei Menschen von jedem Alter und von jedem Geschlecht wahrnehmen läßt. Das ist wahrer Fanatismus! 2a die Phantasie beherrscht die Weltl — Dienstag, am 9. 2anuar. Die uns bezeichnete Granze, innerhalb welcher wir uni Long« wood her promeniren können, gestattet uns nur einen Ritt von einer halben Stunde. Das hatte den Kaiser bewogen, um den Weg zu verlängern, oder Zeit zu gewinnen, auf sehr schlechten und zuweilen gefährlichen Wegen in die Schluchten hinunter zu klettern. Da die Insel einen so kleinen Umsang hat/ so wäre zu Miisckcn gewesen, daß man diese Gränzc biö auf eine Meile vom Seegcstadc festgesetzt hatte. Dann chatte man auf einem Raum von fünfzehn b!S achtzehn Meilen sich frei bewegen können. Die Bewachung würde nicht beschwerlicher und nicht weniger wirksam gewesen seyn, wenn sie auf die Meeresufcr und die Ausgange der Bergschluchtcn beschränkt worben wäre, und man hätte noch immer alle Schritte des Kaisers durch Signale andeutcn können. Man hatte uns allerdings gesagt, daß dem Kaiser »«verwehrt sei, auf der ganzen Insel zu gehen, wohin er nur wolle, jedoch nur unter Begleitung eines englischen Offiziers. Der Kaiser war jedoch ent« schlossen, lieber gar nicht auszugehen, als während seines Spazier« gangs nicht mit sich selbst und seiner vertrautem Umgebung allein zu seyn. Der Admiral hatte daher, bei seiner letzter» Zusammenkunft mit dem Kaiser, auf recht zarte Weise beschlossen und versprochen, daß wenn letzterer über jene Grenze hinausgehen wolle, er es nur dem englischen Capitaine vom Dienst zu Longwood sagen lassen möchte, daß sodann dieser sich sogleich auf den Posten verfügen würde, um den Kaiser passircn zu lassen, und man dann die Beobachtung seiner Person, insofern dergleichen überhaupt nöthig seyn sollte, auf eine solche Weise fortsehen würde, daß der Kaiser, während der weitern Promenade, er möchte nun in Häuser gehen, oder in irgend einer schönen Gegend verweilen, um daselbst zu arbeiten, nichts gewahren solle, wodurch er in einem solchen Augenblicke gestört werden könnte. Dem gemäß beschloß der Kaiser heute Morgens um 7 Uhr anszureiten. Er hatte ein kleines Frühstück zubereiten lassen, wollte seinen Weg nach Sandy-Vay hinnehmen, dort eine Duelle aufsu- chcn, oder sich an einigen hübschen Bäumen und Sträuchern, die man zu Longwood nicht findet, ergötzen, und an einem solchen Plätzchen einige Vormittagsstunden arbeiten. Unsere Pferde standen bereit, und als wir uns aufsctzen woll« ten, ging ich, dem Capital» davon Nachricht zu geben, der aber, zu meinem großen Erstaunen, mir erklärte, daß er sich uns zuge- sellc» werde, daß der Kaiser das nicht übel nehmen, und überhaupt ein Offizier nicht die Rolle eines Domestiken spielen, und allein zurück bleiben könne. Ich antwortete, daß der Kaiser ohne Zweifel diese seine Bemerkung ganz richtig finden, jedoch sogleich auf seine Parthie verzichten würde. „Sie müssen es ja wohl ganz natürlich finden, und können sich nicht dadurch für beleidigt halten, wenn die Gegenwart dessen, der ihn bewahren soll, ihm unangenehm ist." Der Offizier thac, als ob die Sache ihm Kummer mache, und äußerte, daß er sich in der größten Verlegenheit befände. — 138 — „Das können Sie nicht seyn, sagte ich ihm, wenn Sie bei Ih«r -Ordre stehen bleiben. Wir verlangen niebtS von Ihnen, Sic haben nichts zu verantworten. Es sollte Ihnen ebenfalls ivün« schcnswerth seyn, wenn man die Gränze nach dem Meere hin festsetzcn wollte, Sie würden dadurch von einem lästige» und eben nicht ehrenvollen Dienste befreit. Der Zweck könnte dabei auf eben so sichere Weise, und ich glaube, noch mit größerer Gewißheit erreicht werden. Denn wenn man jemand bewahren will, so besetzt man die Thüre seiner Grube, oder die Eingänge der äußern lim, gebung. Um alle inner» Thüren kann man sich unbekümmert lassen. Sie verlieren den Kaiser täglich aus den Augen, wenn er in die Schluchten innerhalb, seiner Gränzcn hinuntergchr, und über, zeugen sich von seiner Gegenwart nicht eher, als bis er zurück, kommt. Machen Sie sich also doch ein Verdienst aus dieser Begünstigung, welche die Umstände jetzt fordern, erstrecken Sie dieselbe biS auf eine Meile vom Seeufer. Sic können ja Immer mit Hülfe von Signalen ihn von Ihren Berghöhen verfolgen." Allein der Offizier kam Immer wieder darauf zurück, daß er von dem Kaiser keinen Blick und kein Wort verlange, daß er unter uns seyn wolle, a!S ob er nicht da wäre. Er konnte nicht begreifen, und begriff auch wohl wirklich nicht, daß schon ihn zu sehen, dem Kaiser so zuwider seyn könne. Ich sagte ihm, es gäbe einen gewissen Maasstab der Gefühle, und daß solcher nicht für jeden Menschen passe. Er schien z» glauben, daß wir von den Empfindungen des Kaisers uns eine unrichtige Vorstellung machten, und daß, wenn inan ihm seine Gründe auseinander setzte, er sich darein ergeben würde. Er hatte Lust, ihm zu schreiben, ich sagte ihm aber, daß, was die Person hierbei beträfe, er dem Kaiser gewiß nicht so viel, als ich, sagen könne, und daß ich ihm übrigens unsre Unterhaltung Wort für Wort berichten wolle. Bei meiner bald daraus erfolgten Rückkehr bestätigte ich nur das, was ich gleich gesagt hatte, daß nämlich der Kaiser sogleich aus seine Parthie verzichtet habe. Da mir jedoch daran gelegen war, jedes Mißverständniß zu vermeiden, das diesen sehr verdrüßlichcn Streit hätte vergrößern können, so fragte ich ihn, ob er etwa» dagegen habe, mich seine» Bericht über diesen Vorfall an den Admiral lesen zu lassen. Er antwortete, daß er nichts dagegen haben würde, daß er ihn aber nur mündlich abstatten werde. Ich wiederholte ihm daher daS Wesentliche unserS langen Gesprächs in zwei Worten: daß er nämlich erklärt habe, dem Kaiser in seiner übrigen Begleitung mit folgen zu wollen, und daß ich ihm hierauf geantwortet hätte, wie der Kaiser in diesem Falle auf seine Parthie verzichte, und die ihm angewiesenen Granzen nicht überschreiten werde. Wir waren hierüber vollkommen einverstanden. Der Kaiser lies mich in sein Zimmer rufen. Er harte den Verdruß über dieses Ercigniß ganz in der Stille verschmerzt. Me schon ausgezogen, und in seinem Hauskleide. Ich mußte mit ihm frühstücken. Er bemerkte, daß es mit Regen drohe, und wir vielleicht schlechtes Wetter zu unserm Ausflug gehabt haben würde». Das war jedoch eine schwache Milderung der drückenden Harte, die uns um ein unschuldiges Vergnügen gebracht harte. Die Sache lag darinnen, daß der Dffizicr neuere Ordres er» halten hatte; der Kaiser aber nie auf diese kleine Reise gefallen ftyn würde, wenn ihn die Versprechungen des Admirals nicht auf den Gedanken gebracht hatten, und zwar Versprechungen, worüber der Kaiser ihm seine ganz besondere Zufriedenheit ausgedrückt hatte. Diese Abänderung, von der man dem Kaiser nicht die geringste Kenntniß gegeben hatte, mußte ihm sehr empfindlich ftyn. Man war sonach entweder wortbrüchig, oder man wollte ihn zum Besten haben. Dieses Unrecht des Admirals ist eins von denen, welche dem Kaiser vorzüglich aufs Herz gefallen sind. Der Kaiser nahm ein Bad, und speißte ohne uns. Um 9 klhr lieS er mich zu sich rufen; er las im Don Ouichotte, und wir sprachen nun von der spanischen Littcratur, den Uebcrsetzungen von Lesage w. Er war sehr traurig, sprach mir wenig, und schickte mich nach drei Viertelstunden wieder fort. Notizen zum Plan von Longwood. Dieser Plan ist derselbe, von welchem die Zeitschriften von Zeit zu Zeit ge» sprechen haben, als sei er vom jungen LaS Cafes anfangs für seine Mutter ausgearbeitet, und dann in einen aufgefangenen Brief an die Kaiserin M Louise eingcfchlvssen gewesen. Es ist auch derselbe, dessen in dem Briefe des Prinzen Lucians oder der Erzählung von de» Begebenheiten in St. Helena Erwähnung geschieht. Umstände haben veranlaßt, ihn hier ohne alte Veränderungen bcizubehalten. K. Schlafzimmer des Kaisers. Worinn a) ein kleines eisernes Bett, in dem der Kaiser schlief. i>) Sopha des Kaisers, auf dem er die meiste Zeit des Tages, nach dem Kamin zu gerichtet, saß. c) Ein kleines rundes Tischchen, auf dem der Kaiser frühstückte; da mußte mein Da» tcr oft mit ihm speisen, besonders während des Unterrichts im Englischen. st) Kommode zwischen beiden Fenstern, o) Großes Waschbecken; aus der Kirche d-rbcigebracht. k. Arbeitscabinct, Worin» t) Bibliotkick. x) Ein zweites kleines Bett, dem erster» gleich. Wenn der Kaiser nicht schlafen konnte, ging er immer von einem Bett ins andere, k) Tisch, an welchem der Kaiser arbeitete, nämlich: i) Plag des Kaisers; 2) der meines Vaters; z) der Meint ge, woran er mir die italienischen Feldzüge diktirte. Jeder von uns hatte seine besondrc Arbeiten zu bestimmten verschiedenen Stunde». 6. Gang, worin» sich der Kammerdiener aufhielt. v. Speisesaal. Worin» 1) Platz des Kaisers; 2) der meines Vaters; Z) der Meinige; 4) Mouthoion; Z) Gvurgaud; ü) Fr. v. Montholon. k. Meines Vaters Schlafkammcr. Worin»; i) Sei» Bett; 2) das Meine. Die Kammer war so klein, daß höchstens noch zwei Stühle darin stehe» konnten. ?. Unser Arbeitszimmer. Worinn: i) Schrcibpult meines Vaters; 2) Tisch, au dem ich schrieb; Z) Tisch von Ali, dem Kammerdiener des Kaisers, der oft für meinen Vater abschrteb; 4) Kanapee, auf dem mein Bater einen großen Thcil des Tages über lag. Die Zimmer sind so niedrig, daß man mit der über den Kopf ausgestreckten Hand die Decke erreichen kann. Sie sind mit betheertem Papier auStappczirt. Schien die Sonne, so erstickten wir; regnete cs, so schwammen wir im Wasser. Wie vielmal ist mein Vater mit mir in diesem Zimmer bis tief in die Nacht «mhergegangen, um von dir zu sprechen, meine tbeurc Mutter. Herr und Madame Bertrand wohnen in einem andern Hause, ohnge- sähr 2 Mellen von Longwood, und kommen blos alle Sonntage zu Tisch. Nach dem Mittagsesscn, das nie über iZ bis 18 Minuten währte, schickte der Kaiser die Bedienten fort, indem er gewöhnlich an ihnen sein englisches xo our, xo rc> eupper einübte. Dann fragte er meist, ob wir in die Komödie oder ins Trauerspiel gehen wollten, schickte mich dann in seine Bibliothek, und las laut vor. Stets war cs einer unsrer großen Schau- spicldichter, am öftersten Corneille, Racine, Molierc; dann zog er sich zurück und ging zu Bette. Wen» cs n Uhr oder gar Mitternacht geworden war, so fühlte er sich glücklich und nannte das eine der Zeit abgewonnene Eroberung. U. Ein kleiner Tisch, aus dem der Kaiser gewöhnlich eine Parthie Schach spielte, ehe er sich zur Tafel setzte. j) Badewanne des Kaisers, der sich so oft badete, als kein Wassermangel da war. Der Großmarschall wohnte 400 Schritt von u»S entfernt.