LaS Cafes Tagebuch über Napoleons Leben, seit dessen Abdankung, am 15. Juni'ns 1815. Eine treue Uibersctznng des ü moriaI <16 8 .11IIl 6 - nü 1 - Deputation der Pairskammcr. — Coulaincvurt. — Touche. . . - tc> Die provisorische Regierung wird dem Kaiser vorgesiellt. . . . ebend. Der Kaiser verläßt das Elisäum.ebend. Der Marineminisier kommt nach Malmaison. I l Die provisorische Regierung stellt den Kaiser unter General BcckcrS Aufsicht. — Napoleon verläßt Malmaison. — Cr reiset nach Rvchefvrt ab. .. «....« 12 Reise von Orleans nach Jarnac. ...... . 15 Abentheuer in Salutes. ..ebend. Anknnst in Rochcfort. »ist Ruhe des Kaisers. >17 Einschiffung des Kaisers.ebend. Der Kaiser besucht die Festungswerke der Jnse! Aip.- 18 Erste Unterredung am Bord des Bcllervphon.. . ebeuv. Ungewißheit des Kaisers, welche Parthic er ergreife.- iy Der Kaiser auf der Insel Air...ebend. Abfahrt von Küstcnbötcn.ebend. Zweite Unterredung am Bord des Bcllcrcpho«. — Napoleons Brief an den Prinz Regent.. ebend. Der Kaiser am Bord des Bellcrophon.- 2Z Der Kaiser am Bord des Admiral Hotham. — Abfahrt nach England. — Der Kaiser commandirt englischer Soldaten Waffcn- übung.ebend. Einfluß des Kaisers auf die Engländer am Bord des Bcllervphon. — Zusammenstellung, vom Kaiser diktirt.»24 Oucssaut. — Englische Küste. .. -28 Ankerwerfc» bei Torbap.. . ebend. Zustrbmnng von Fahrzeugen, um den Kaiser zu sehen.ebend. Unterwerfen bei Plymouth. — Aufenthalt daselbst.- S-- Admiral Keith. — Zurufen der Engländer auf der Rhede von Plymouth im Angesicht des Kaisers. .-Zl Ministerielle Entscheidung unsertwegen. — Angst.. Die Generale Savary und Lallemaird könne» dein Kaiser nicht folgen. - z/p Der Kaiser fragt mich, ob ich mit ihm nach St. Helena gehen wolle, ebend. Merkwürdige Worte des Kaisers. ..» Zö Abfahrt von Plymouth. — Kreuzer im Kanal. — Protcstation. - zz Beweise des Vertrauens, die mir der Kaiser giebt. ..... 40 *) Ein ausführliches alphabetisches Realregistcr über das ganze Werk wird am Schluffe desselben geliefert werde». Ankerwcrsen bei Start-Point. — Personen, welche den Kaiser begleite!,.Seite q» Unterredung mit Lord Kcith. — Untersuchung der Effekten des Kaisers. — Der Kaiser verläßt de» Bcllcrophon. — Trennung. — Abfahrt nach St. Helena.. Beschreibung der Wohnung des Kaisers am Bord des Northum- berland.- 47 Wir verlieren das Land aus dem Gesichte. — Betrachtungen. — Anklage gegen die englischen Minister.- §z Kleine Umstände und Eigenheiten des Kaisers am Bord. . » - Z6 Sonderbare Gunst des Glücks für Napoleon.. 58 Schiffahrt. — Einförmigkeit. — Beschäftigungen. — Uiber die Familie des Kaisers. — Seine Abstammung. — Anekdoten. cbcnd. Madera. — Starker Wind. — Schachspiel.- Hz Canarische Inseln. — Passage des Wendekreises. — Ein Mensch im Meere. — Kindheit des Kaisers. — Nähere Umstände. — Napoleon in Bricnne. — Pichcgru. — Napoleon in der Mt- litairschule zu Paris. — Im Artilleriecorps. — Sein Umgang. — Napoleon beim Beginn der Revolution. . . . . , Hy Inseln des grünen Vorgebirgs. — Schiffahrt. — Nähere Umstände u. s. w. — Napoleon bei der Belagerung von Toulon. — Anfang Duroc's, Junot's u. s. w. — Streitigkeiten mit den Bolksrepräsentantcu. — Zänkereien mit Aubry. — Anek, roten vom VeNdimiairc. — Napoleon. General der italiäui- schen Armee. — Reinheit der Verwaltung. — Uneigennützig» kcit. — Warum, kleiner Cor p oral? — Unterschied des Systems des Direktoriums von dem des Generals der italiänischen Armee.... . . . s 87 Einförmigkeit. — Langeweile. — Der Kaiser entschließt sich, seine Memoiren zu schreiben.. 101 Passatwinde. — Die Linie.s lvr Ungcwitter. — Libelle gegen den Kaiser. — Untersuchung derselben. — Allgemeine Betrachtungen. . -.» roz Zeitanwcndung. ... . - iio Phänomen des Zufalls. — Passire» der Linie. — Taufe. . . - m Fang eines Haysisches. — Untersuchung des Anti - Gallican. — Werke dcS General Wilson. — Pestkranke von Jaffa. — Züge aus dem egyptischcn Feldzuge. — Geist der egyptischcn Armee. Berthier. — Scherze der Soldaten. — Dromedare. — Klebers Tod. — Junger Araber. — Philippcaux und Napoleon. — Wovon das Schicksal abhängt. — Caffarelli. — Ruf der französischen Armee im Orient. — Napoleon verläßt Egypten , um in Frankreich zu herrschen. — Englische Expedition. — Kleber und Desaix.. HL Beschaffenheit der Diktate des Kaisers. ........ - IZ 5 Sonderbarer Zufall u. s. w. ............ - kZ6 Murren des Schiffvolks gegen den Admiral. — Untersuchung eines neue» Werks. — Widerlegungen. — Betrachtungen. . ebcnd. Anblick von St. Helena...- >39 Ankunst auf St. Helena. - 140 Anzeige. Vom Verfasser selb ft. ^ic Herausgabe dieses Werks verzögerte sich nicht wenig, jedoch mir ans blos zufälligen und persönlichen Gründen. Ich benutzte diesen Verzug, um die beide» ersten Bände desselben von einem eben so wissenschaftlichen als loyalen Rcchtsgelehrtcn durchsehen zu lassen. 2 ch hatte cs mir nicht verheimlicht, Wie zart bei dem Niederschreibcn derselben verfahren werden mußte, und alle Sorgfalt mit zu der Arbeit gebracht, die mir angeborne Umsichtigkeit und hohe Achtung für die Gesetze einflößte. Und so genoß ich denn auch das Vergnügen, meine beiden Bände aus den Händen meines Eensors mit der Zusicherung wieder zu erhalten, daß er nichts darin gefunden, das, seiner Meinung nach, auch nur im mindesten, oder auf die entfernteste Weise, die Religion, die guten Sitten, oder die Staatsverwaltung beleidigen könne. So lasse ich sie denn mit voller Zuversicht und unter der schützenden Aegide einer weisen und gesetzmäsigcn Freiheit öffentlich erscheinen. Wollten unglücklicher Weise, trotz meiner Bemühungen, Finsterlinge noch etwas TadclnswertheS darin aufspüren, so mögen sie wenigstens bedenken, daß ein solcher Jrrthum nur auf Rechnung meiner Einsichten, nie aber auf die meiner Absichten kommen könne, denn ich hätte ihn nur zu wissen gebraucht, um ihn auch sogleich zu unterdrücken. blibrigcns bemerke man n mochten, ich mußte ihn bewundern, und von der Bewunderung rur Liebe ist ja, wie man weiß, nur Ein Schritt. Gerade zu derselben Zeit rief der Kaiser einige Mitglieder der erfreu Familien um seinen Thron und ließ unter den übrigen es verbreiten, daß er den für keinen guten Franzosen halte, der verstockt noch fern bleibe. 2ch zögerte keinen Augenblick. 2ch hacce, wie ich zu mir selbst sagte, meinem natürlichen Eide, dem der Geburt und Erziehung, Genüge geleistet, ich war ihm bis zur Selbstaufopferung treu geblieben. 2ezt war von unfern Prinzen nicht 'mehr die Rede. Wußten wir ja nicht einmal gewiß, ob sie noch lebten. Religionsfeierlichkeiten, Verbindung mit Königen, ganz Europa, Frankreichs Glan; lehrte mich dagegen, daß ich einen neuen Oberherrn habe. Hatten unsre Vorfahren gleichmächtigen Kräften eben so lange widerstanden, bevor sie sich mit dem ersten Capet vereinten? So gestehe ich denn offen, daß ich, innig erfreut durch diesen Ruf aus der peinlichen Lage, in welcher ich mich befand, mit Ehren hcraustreten zu können, von da an frei, ganz und mit vollem Herzen auf den neuen Oberherrn all den Eifer, all die Hingebung, all die Liebe übertrug, die ich fortdauernd und treu für meinen vorigen Herrn gehegt hatte, und die Folge dieses Schrittes war meine unmittelbare Zulassung an den Hof. Doch wünschte ich innigst, mit meinen Worten auch Thaten verbinden zu können. Die Engländer belagerten Vlieffingcn und bedrohcten Antwerpen. 2ch eilte als Freiwilliger zur Vcrtheidigung dieser Festung. Vliessingen ward geräumt und meine Ernennung zum Kammerherrn rief mich an den Hof. Meinen 2deen nach mußte ich mit Diesem Ehrenposten irgend eine nützliche Beschäftigung verbinden. 2ch bat um die Stelle als Mitglied des Staatsraths und erhielt sie. Nun vertraute man mir mehrere Sendungen an. 2ch wurde nach Holland bei dessen Vereinigung gesendet, um die Marinegcgenstände zu übernehmen, nach 2llyricn, um dort die Staatsschuld zu liquidsten und im halben Reiche umher, um die öffentlichen wohlthätigen Anstalten zu untersuchen. Bei unfern letztern Unglücksfällen habe ich rührende Beweise erhalten, daß ich in den Ländern, wohin ich gesendet worden war, einigen gute» Ruf hintcrlassen hatte. Aber die Vorsehung hat unser». Glücke einen Zielpunkt gesetzt! Man kennt die Katastrophe von Moskau, die Unglücksfälle von Leipzig, die Belagerung von Paris. 2ch befehligte in dieser Stadt eine jener Legionen, die am 31. März sich durch de» Verlust einer großen Zahl Bürger Ehre machte. 2m Augenblick der Capitulation legte ich mein Commando in die Hände meines NachmanneS nieder; ich glaubte, andre Pflichten, andre Beziehungen riefen mich zu der Person des Fürsten, aber ich konnte Fontainebleau nicht sei- tig genug erreichen. Der Kaiser dankte ab, und der König bestieg den Thron. 2ezc ward meine Lage noch sonderbarer, als sie zwölf 2ahre zuvor gewesen war. Sie siegte nun endlich, die Sache, der ich mein Vermögen aufgcopfcrt, für die ich zwölf 2ahre im Auslände als Verbannter und sechs 2ahre im 2nlande in Derzichtung gelebt hatte, sie siegte endlich, und doch hinderten mich Ehrgefühl und andre Rücksichten, die Frucht davon cinzucrntcn! Welche Laufbahn war verworrener gewesen, als die meine! Zwei Revolutionen waren vollendet worden, eine der andern entgegengesetzt. Die erste hatte mich mein väterliches Erbe gekostet, die zweite konnte mein Leben kosten, keine von beiden gewährte mir vortheilhaste Erfolge. Die große Menge wird in allen dem nur einen tadclnswerthen Wechsel meiner Meinungen finden, die 2ntri- gans werden sagen, daß ich zweimal betrogen worden sei, und nur eine kleine Anzahl wird eS begreifen, daß zweimal große und ehrenvolle Pflichten meine ganze Seele erfüllten. Wie dem auch sei, meine alten Freunde, deren Achtung und Zuneigung die Bahn auf der ich gewandelt war, mir nicht hatte rauben können, und die indeß allmächtig geworden waren, riefen mich zu sich. Es war mir unmöglich auf ihre wohlwollende Stimme zu hören; ich war verstimmt, niedergedrückt; ich beschloß, meine öffentliche Laufbahn zu beendigen. Sollte ich mich dem falschen Urtheile derer anssctzen, die mich beobachteten! Konnte jedermann denn in meinem Herzen lesen?! — Franzos bis zum Fanatismus, konnte ich die Herabwürdigung der Nation, von welcher ich mitten unter feindlichen Bajonetten an jedem Tage Zeuge war, nicht ertragen und versuchte cs also, vor dem Unglücke meines Vaterlandes in die Ferne zu flüchten. 2ch brachte einige Monate in England zu. Wie ganz verändert schien mir da alles! 2ch war cs ja selbst so sehr! Kaum war ich zurückgckommen, als Napoleon wieder an unfern Küsten erschien. 2n einem Augcnaufschlagen, ohne Gefecht, ohne Streit, ohne Blutvergießen befand er sieh in der Hauptstadt. 2ch bebce für Freude! 2ch glaubte den Flecken der Fremden von unS gewaschen, neugeboren unfern alten Ruhm. Das Geschick hatte es anders beschlossen. So wie ich erfuhr, daß der Kaiser von Waterloo zurück sei, eilte ich freiwillig zum Dienste um seine Person. 2m Augenblicke seiner Abdankung befand ich mich bei ihm, und als von seiner Entfernung die Rede war, bat ich ihn, mich sein Schicksal theilen zu lassen. Die Uneiaennüssigkeit, die Einfachheit, -a einige werden wohl gar sagen, die Albernheit meines Benehmens war bisher so groß gewesen, daß der Kaiser, ob ich schon als -Offiziant seines Hauses und Mitglied seines Staatsraths in täglichen Beziehungen zu ihm stand, mich doch kaum kannte. „Wissen Sie aber auch, sagte er staunend, wie weit sie Ihr Anerbieten führen kann?" — 2ch habe cs nicht berechnet, antwortete ich. — Er nahm mich an und — ich bin in St. Helena. Iezt habe ich mich zu erkenne» gegeben; der Leser hat meine Beglaubigung in den Händen; eine Menge meiner Zeitgenossen lebt, wir wollen sehen ob auch nur einer darunter sich erheben wird sie zu entkräften. — So beginne ich denn. Dienstag am 20. 2uni 1815. 2ch erfahre die Rückkehr des Kaisers inö Elisse und eile, mich freiwillig zu seinem Dienste zu stellen. Dort finde ich die Herren von Montalcmbcrc und Montholon in gleicher Absicht. Der Kaiser hatte eine wichtige Schlacht verloren. Das Heil Frankreichs beruhte also auf der Kammer der Repräsentanten, auf ihrer Treue, ihrem Eifer. Der Kaiser eilte in der 2dee herbei, noch mit Schlachtstaube bedeckt sich unter sie zu begeben, dort unsre Gefahr, aber auch unsre Hülfsmittel zu entwickeln, zu erklären, daß sein persönliches 2nteresse dem Heile Frankreichs nie ein Hinderniß in den Weg legen dürfe, und dann wieder zurückzureisen. Mau versichert, Mehrere hatten ihn davon abgerathcn, indem sie ihm eine im Entkeimen begriffene Gahrung unter den Deputieren fürchten ließen. UibrigcnS kann man noch alles das nicht fassen, was das Gerücht über diese unselige Schlacht verbreitet. Einige sagen, es sei offenbarer Verrath dabei im Spiele gewesen, andre, nur beispiellos unglückliche Zufälle. Dreisigtausend Mann unter Gronchy haben Zeit und Weg verfehlt: sie sind gar nicht zum Treffen gekommen; die Armee, die bis zum Abende den Sieg verfolgte, soll, sagt man, gegen 8 Uhr plötzlich ein panisches Schrecken ergriffen haben. Ein Augenblick, und sie war aufgelößt. Hier ist Crscy, Azin- csurt. *) — 2edcr zittert, man hält alles für verloren. Hier stand im Text: „ein wahrer Tag des Gpcrons." (Schlacht bei Guinegßte,lZ lZ,niit einem Spitznamen, die der Spore» genannt). Ich darf die Ursache nicht verschweigen, warum ich diese Stelle gestrichen habe. Der Kaiser, der allein es wußte, daß ich ein Tagebuch halte, wollte in St. Helena einmal einige Seite» daraus von mir vorgc- lesen haben. Bei dem AuSdrucke, ein Tag des EperonS, de» ich Mittwoch/ am 21. Juni. Von gestern Abend an und während der ganzen Nacht ist die National-Rcpräsentarion / sind ihre bestgefinntcsten und einflußreichsten Mitglieder durch gewisse Personen bearbeitet worden, die, wenn man ihnen glauben darf, authentische Dokumente und halboffizielle Schriften vorgezeigt haben; nach welchen Frankreichs Wohl, wie sie sagen, nur allein durch die .Abdankung des Kaisers gesichert werden kann. Heut früh war diese Ansicht so fest geworden, daß sie unwiderruflich schien. Der Präsident der Versammlung, die ersten Männer des Staats, die besten Freunde des Kaisers kommen und beschwören ihn, Frankreich durch seine Abdankung zu retten. Der Kaiser, obgleich nicht ganz überzeugt, antwortet mit Scelengriße. Er dankt ab! Rings um das Eliss'e verursacht dies eine ungehem-e Bewegung. Die Menge drängt sich und bezeugt die lebhafteste Thcilnahme. Viele Einzelne dringen herein, selbst einige ans den untersten Klassen, indem sie über die Mauern klettern. Einige weinen, andre machen dem Kaiser, der ruhig im Garten spazieren geht, mit fast wahnsinnigem Geschrei Anerbietungen aller Art. Nur der Kaiser allein bleibt ruhig, und antwortet stets, daß man diesen Eifer, diese Zuneigung lieber für das Wohl des Vaterlandes anwenden möge. Ich stellte ihm die Deputation der Repräsentanten vor. Sie dankten für seine Ergebenheit an die Sache der Nation. Die Schriften und Urkunden, welche einen so großen Eindruck gemacht und daö heutige große Ereignis herbeigeführt haben, sollen, wie man sagt, aus regelmäsigcn Mittheilungcn zwischen Fouchs und Metternich bestehen, in welchen letzterer, Napoleon dem Zweiten, im Fall der Abdankung des Kaisers, die Regierung garantirt. Diese Mittheilungcn seyen ohne Wissen Napoleons schon lange fortgesetzt worden. ohne große Uibcrlcqung hingeschrieben hatte, rief er heftig aus! „O! Sie Abscheulicher! Was haben Sie da geschrieben! Streichen Sie aus. streichen Sic es gleich aus. — Ein Tag des Epe- ronS! — Welch ein Irrthum! welche Berläumdung! — Ein Tag deS Epcrons! wiederholte er. Ach! armes Heer! brave Soldaten! Ihr habt euch nie besser geschlagen als eben da!" lind nach einer Pause von einigen Augenblicke» fing er wieder mit einem Tone an, dessen Ausdruck etwas ticscreS ahnen ließ. „Wir haben erbärmliche Menschen unter uns gehabt! Möge der Himmel es ihnen vergeben. Aber Frankreich! wird cs sich je wieder erheben! ?" 10 Fouch» muß einen wüthenden Hang zu heimlichen -Operationen haben. Man weiß, daß die erste Ungnade, in welche er vor cini- gen Jahren fiel, daher rührte, weil er auf eigne Hand ohne Vorwissen des Kaisers Unterhandlungen mit England angeknüpft hatte. Bei großen Vorfällen hat er stets etwas verstecktes gehabt. Der Himmel gebe, daß seine heutigen noch in Dunkel gehüllten Tha- ccn dem Vaterlands nicht unheilbringend werden. Donnerstag, am 22 . 2uni. 2ch bin ein paar Stunden zu Hause gewesen. Heut hat man dem Kaiser die Deputation der Pairskammer vorgestellt. Abends hatte man schon einige Mitglieder der provisorischen Regierung ernannt. Caulaincourt und Fouch«, die darunter befindlich, waren mitten unter uns im Saale des Dienstes. Wir wünschte» dem erstem Glück, weil man in der That der öffentlichen Sache es dadurch zugleich wünschte. Er antwortete uns nur durch sein Schrecken. Wir freuen uns, fuhren wir fort, über die Wahlen, welche man bereits kennt. „Sicher ist's, warf Fouchs leicht daraus hin, daß ich gewiß nicht verdächtig bin." Wären Sie es gewesen, antwortete der Repräsentant Bulay de la Meurthe, der sich mit zugegen fand, ziemlich trocken, so seien Sie überzeugt, daß wir Sie auch nicht ernannt hätten. Freitag, am 23. Sonnabend, am 24. 2uni. Die Zurusungen und die Theilnahme von außen dauern vor dem Elysc'e fort. 2ch stelle dem Kaiser die provisorische Regierung vor, und dieser läßt sie, nachdem er sie verabschiedet, durch den Herzog Decre's zurück geleiten. Die Brüder des Kaisers, 2oseph, Lucian und 2crome werden heut mehrcremale bei ihm ein« geführt und unterhalten sich lange mit ihm. Alle Äbende versammelte sich eine große Menge um das Ely-- sc'e und nahm immer mehr zu. 2hr Zurufen, ihre Theilnahme für den Kaiser beunruhigten die entgegengesetzten Faktionen. Die Gährung war in der Hauptstadt aufs höchste gestiegen. Der Kaiser beschloß morgen diese zu verlassen. Sonntag, am 25. 2uni. 2ck> begleite den Kaiser, der sich nach Malmaison begiebt, und bitte ihn mir zu erlauben, in seinen neuen Verhältnissen ihn nicht verlassen zu dürfen. Mein Dortrag scheint ihn in Staunen zu setzen. 2ch war ihm biö jezt blos in Geschäften bekannt. Er nahm es an. Montag, am 26. Juni. Meine Gattin hat mich besucht. Sie vermuthete meine Absicht. Es ward mir schwer sie ihr zu gestehen, schwer sie zu überzeugen. Theure Freundin, sagte ich zu ihr: indem ich mich der Pflicht hingebe, die mein ganzes Herz erfüllt, habe ich zugleich den Trost, nicht gegen Deinen Vortheil zu verstoßen. Beherrscht uns künftig Napoleon so lasse ich Dir große Ansprüche auf ihn zurück, hat es der Himmel anders beschlossen, so erhalte ich Dir ein rühmliches Asyl, einen Namen, den man nicht ohne Achtung neunen wird. 2n beiden Fällen finden wir unö wieder, sei es auch erst in einer bessern Welt. Nach Thronen, selbst nach Vorwürfen, die mich jedoch nur erfreuen konnten, ergab sie sich darein, doch mußte ich ihr versprechen, daß sie bald zu mir kommen dürfe. Von diesem Augenblicke an zeigte sie nur die Geisteserhcbung, den Mulh, dessen ich selbst bedurft hätte, wenn er nicht schon mein Herz beseelte. Dienstag, am 27. Juni. Mit dem Secminister, der nach Malmaison gekommen war, um über die für den Kaiser bestimmten Fregatten zu berichten, ging ich auf ein paar Stunden nach Paris. Er lies mich die Instruktionen lesen, die er den Capicainen sandte, sagte mir, daß der Kaiser auf mich zähle, daß er mich mitnehme und versprach mir in der bevorstehenden Crisis für meine Frau Sorge zu tragen. Die Legislatur hat Napoleon il. proklamirt. Ich lasse meinen Sohn aus dem Lycäum holen, weil ich ihn mit mir nehmen will. Dir packen wenig Wäsche und Kleidungsstücke ein und kehren nach Malmaison zurück. Meine Frau begleitet uns, geht aber noch an demselben Abende wieder nach Paris. Der Weg dahin fing bereits an unruhig und schwierig zu werden, denn der Feind nahte. Mittwoch, am 28. 2uni. 2ch wünschte meine Frau noch einige Augenblicke zu sehen. Die Herzogin von Rovigo fuhr mit mir und meinem Sohne nach Paris. Ich fand de Dertillac und de Duitry bei mir, die letzten Freunde, die ich an mein Herz drückte. Sie waren voll Bestürzung. Unruhe, Ungcwisheit stiegen in Paris aufs höchste. Die Feinde standen vor den Thoren. Als wir wieder nach Malmaison kamen, sahen wir die Brücke von CHLtou brennen. Man stellte Wachen um das Hauö. Die Klugheit gebot Schutz zu suchen. Ich ging zu dem Kaiser, ich schilderte ihm, wie ich die Hauptstadt gefunden hatte, ich erzählte ihm die allgemeine Ansicht, daß Foiich« die Sache der Nation frech verrache, daß alle guten Franzosen nur noch hofften, er, Napoleon werde sich noch in dieser Nacht zur Armee.begeben, die nach ihm verlange. Der Kaiser hörte mir nachdcnkcnd zu und verabschiedete mich, ohne darauf zu antworten. Donnerstag, am 29. Freitag, am 30. 2uni. Wahrend des ganzen Morgens hallte die Hauptstraße nach Sainr Germain von dem Rufe: es lebe der Kaiser! Es waren die Truppen, die bei Malmaison vorbeizogen. Gegen Mittag kam ein Abgeordneter der provisorischen Regie« rung, General Becker, bei uns an: er sagte unö mit einer Art von Unwillen, daß er den Auftrag erhalten, Napoleon zu bewachen. *) ^ Bei meiner Rückkehr nach Europa hat der Zufall mir folgende auf diesen Umstand sich beziehende Papiere in die Hände fallen lassen. Ich theile sie hier mit, weil sie, so viel ich weiß, noch nie veröffentlicht worden sind. Es sind Abschriften von den Originalen selbst und sic bedürfen keines Cvmmentars. Abschrift eines Schreibens der Rcgierunzs-Commissioii an den Prinzen Eckmühl, Kriegsminister. Paris, am 27. Juni 1815. Herr Marschall! Die Umstände verlangen, daß Napoleon »oth- weudig sich nach der Ansei Air begeben muß. Entschließt er sich nach der durch Sie zu vollziehenden Bekanntmachung dieses Entschlusses nicht dazu, so müssen Sie ihn zu Malmaison dergestalt bewachen lassen, daß er nicht entweichen kann. Sic werden daher die Gendarmerie und Truppen, so viel als deren nöthig sind, um alle Zugänge nach Malmaison zu bewachen, zur Disposition des General Becker stellen. Zu dem Ende haben Sic die erforderliche» Befehle a» den ersten General-Inspekteur der Gendarmerie zu erlasse». Doch müssen diese Maasrcgcl» so geheim als möglich bleiben. Dieses Schreiben, Herr Marschall, ist für Sie bestimmt. Der General Becker, der den Entschluß Napoleon einhändigen soll, wird von Ew. Epcell. besvndre Anstructioneu erhalten, und jenem zu erkennen geben, daß diese MaaSrcgeln zum Besten des Staats und um der Sicherheit seiner eignen Person willen, getroffen werden, daß eine schnelle Ausführung unerläßlich sei, kurz daß Napoleons eigne Rücksicht auf sein künftiges Schicksal dies gebieterisch verlange. Signirt: Der Herzog von Ortranto u. s. w. Abschrift des Beschlusses der Regierungs-Commission. Auszug aus den Minuten des Staatssccrctariats. Paris, am 26. Juni 1815. Die Negierungs-Commission beschließt, wie folgt. Artikel i. Der Marincminifler wird Befehl geben, daß zwei Fregatten in Nochcfort ausgerüstet werden, um Napoleon in die vereinigten Staaten uberzuschiffcn. Die niedrigste Gesinnung hatte diese Wahl geleitet. Fouchä wußte, dag der General Becker sich persönlich über den Kaiser zu beklagen habe, und zweifelte daher nicht, in ihm erbitterte» Sinn „nd Bereitwilligkeit zur Rache zu finden. Aber man hatte sich gröblich betrogen. Dieser General bewies dem Kaiser stets eine Ehrfurcht und Ergebenheit, die seinem Charakter Ehre machten. Zndcß wurden die Augenblicke dringend. Auf dem Punkt abzureisen, ließ der Kaiser der provisorischen Regierung durch den Art, 2. DIS zur Einschiffung selbst soll il»n, wenn cr eS verlangt, unter dem Befehl des Gcnerallieutenants Becker eine hinreichende Eskorte gegeben werden, die für seine Sicherheit sorgt. Art. Z. Der Generaldircctor der Posten wird seinerseits die »b- thigen Befehle wegen der Relais geben. Art. 4. Der Marincminister wird Ordre geben, daß die Fregatten »ach der Ausschiffung »»mittelbar zurückkchre», und die nbthjgcn Sicherheitsmaasregein deshalb treffen. Art. 5. Die Fregatten verlasse» die Rbede von Rochcsvrt nicht eher, bis die verlangten Sicherheitspässe angekommen sind. Art. ü. Die Ausführung dieses Beschlusses bleibt den Ministern der Marine, des Krieg- und der Finanzen, jedem zu seinen Theik übertragen. Signirt: Der Herzog von Ortranto. Für die Negierungs-Commission, der Sekretair, Beisitzer des Staatsraths. Signirt: Graf Verlier, Abschrift eines Briefs des Herzogs von -Ortranto, an den Kriegsminister. Paris, am 27. Juni I 8 k 5 Mittags. Herr Marschall! ich sende Ihnen eine Abschrift des Briefs, welchen ich eben an den Marineministcr in Bezug auf Napoleon geschrieben habe. Sie werden, nachdem Sie ihn gelesen, die NothweNdigkcit fühlen, dem General Becker Len Befehl zu ertheilen, daß cr sich, so lange Napoleon auf der Rhede bleibt, nicht von ihm trenne. Genehmigen Sie u. s. w. Signirt: Der Herzog von Ortranto. ' Abschrift eines Briefs des Herzogs von Ortranto an den Marineminister. Paris, am 27. Juni i 8>5 Mittags. Herr Herzog l Die Commission erinnert Sie an die Instructionen, welche sie Ihnen vor einer Stunde zusandte. Der Beschluß muß so, wie ihn die Commission gestern faßte, vollzogen werden, dergestalt, daß Napoleon Bvnaparte bis zu Eingang der Pässe auf der Rhede bleibt. Das Staatswohl, da« auch ihm nicht gleichgültig seyn wird, fordert cs, daß er dort so lange verweile, bis sein und seiner Familie Schicksal auf eine bestimmte Art festgesetzt sei. Man wird alles auwenden, daß die Unterhandlungen darüber z» seiner Zufriedenheit General Becker selbst anbieten, als einfacher Bürger sich an die Spitze der Truppen zu stellen. Er versprach, Blücher zurückzn- drängen und dann sogleich weiter zu reisen. Da die provisorische Regierung dies abschlug, so verließen wir Malmaison. Der Kaiser und ein Theil seines Gefolgs nahmen den Weg nach Rochefort über Tours. 3ch, mein Sohn, Monlholon, Plonat und Resigny nebst zwei bis drei andern Wagen gingen über -Orleans. Dort kommen wir am 30. 2uni früh, und um Mitternacht in Ehatellerault an. auSfallcn. Die Ehre Frankreichs ist dabei im Spiele. Unterdessen aber muß man alle mögliche Vorsichtsmaasregeln für Napoleons persönliche Sicherheit ergreife» und sorgen, daß er den Aufenthaltsort nicht verlasse, welcher ihm für den Augenblick angewiesen ist. Genehmigen Sic u. s. w. Der Präsident der Regierungs-Commission. Signirt: Der Herzog von Ortranto. Der Kriegöminister an den Herrn General Becker. Paris, am 27. Juni r8lS. Ich habe die Ebre Ihnen In der Anlage einen Beschluß zu übersenden, welchen Sie von Seiten der Negierung--Commission, dem Kaiser Navolcon bekannt machen sollen, indem Sie Sr. Majestät bemerken, wie die Umstände so gebietrisch seien, daß sein Entschluß zur Abreise nach der Insel Air unvermeidlich wäre. Die Commission bemerkt dabei, daß dieser Beschluß eben sowohl der Sicherheit seiner eignen Person, als des Staatswohls wegen, das ihm stet- theuer seyn müsse, genommen worden sei. Faßte nach dieser Bekanntmachung Se. Majestät doch keinen Entschluß, so geht die Meinung der Regierungs-Commission dahin, daß man die ndtlngc Aussicht gebrauche, um eine Entweichung Sr. Majestät zu verhindern, und jedem Versuche gegen Dero Person zuvorzukommen. Ich wiederhole Ihnen nochmals, Herr General, daß dieser Beschluß mit Rücksicht für das Staatswohl eben so wie für die persönliche Sicherheit des Kaisers genommen worden sei und daß die Regierungs-Commission dessen schnelle Erfüllung als wesentlich für Las künftige Schicksal Sr. Majestät und dessen Familie betrachtet. Ich habe die Ehre u. s. w. blk. Dieser Brief blieb ohne Unterzeichnung, weil der Prinz Eckmühl im Moment derselben zu seinem Sekretair sagte: „Ich werde diesen Brief nie unterzeichnen, thun Eie es, es wird auch hinretchcn." Daß doch dieser Mann die Kraft gefühlt hätte, noch mehr zu tbun! Ob der Brief abgeschickt worden, oder nicht, daS kann ich nicht sagen. Sonnabend, am 1. Sonntag, am 2. Iulit Wir gehen durch Limoges am 1. 2uli gegen 4 Uhr Nachmit- tags. Den 2ten speisen wir zu Rochefsucault und kommen um 7 Uhr in 2arnac an, wo wir Nachtqaarticr machen. Der üble Wille deS Postmeisters zwingt unS die Nacht dort zu verweilen. Montag, am 3. 2uli. Erst um 5 Uhr früh konnten wir wieder aufbrechen. Die Bosheit des Postmeisters, der uns nicht allein die Nacht hindurch aufgchalten harte, sondern auch alle mögliche Mittel anwendctc, unsere Reise noch mehr zu verzögern, war Schuld daran, daß wir fast Schritt vor Schritt bis zum Relais von Cognac fahren mußten, doch bezeigten unS dort der Postmeister und die Zuschauer ganz andre Gesinnungen. Wir konnten leicht bemerken, wie unsre Reise gewaltige Bewegung der Gemüther, jedoch in verschiedener Ansicht verursachte. Als wir gegen 11 Uhr Vormittags nach SainreS kamen, wären wir bald das -Opfer eines Volksauflaufes geworden. Ein aus dem -Orce gebürtiger Garde du corps hatte, wie man uns sagte, uns diesen Hinterhalt gelegt und unsre Nie- dcrmctzlung organisirt. Wir wurden von dem Volke feilgehalten, von der Nationalgarde zwar beschützt, aber doch als Gefangene in einen Gasthof abgeführt. Man beschuldigte uns, den Staatsschatz entfremden zu wollen, man nannte uns Bösewichte, deren Tod allein die Gerechtigkeit befriedigen könne. Diejenigen, welche sich zu der gebildeten Klasse in dieser Stadt zahlten, besonders die Frauen, zeigten sich am allerglühendsten für unsre Hinrichtung. Lctztre gingen einzeln an den Fenstern, unweit deren wir saßen, vorüber, um uns in unserm Elende noch naher beleidigen zu können. Sie trieben die Wuth so weit, daß sie, — sollte man cs wohl glauben? —- als wir ruhig dabei blieben, mit den Zahnen knirschten. Und doch waren dies Menschen aus den besten Ständen, Frauen von Bildung und Ansehn! Real hatte also doch Recht, als er dem Kaiser wahrend der hundert Tage Im Scherz sagte, waö die 2akobincr betreffe, so sei cs wohl billig, daß er sich auf sie verstehe, und somit behaupte er, daß aller Unterschied zwischen den Schwarzen und Weißen nur darauf hinausgehe, daß die einen Holzschuhe getragen hatten, und die andern in seidnen Strümpfen gegangen wären. Prinz 2oseph, der, ohne daß wir es wußten, auch durch die Stadt reiste, machte unser Abentheuer nur noch verwickelter. Er 18 ward sogar auf der Präfektur arrccirt, aber mit großer Achtung behandelt. Wir übersahen einen Platz, den eine sehr unruhige und unS feindselige Menschenmenge überströmte. Sie überhäuften uns mit Drohungen und Schimpfrcdcn. Der Unterpräfckt kannte mich und konnte daher versichern, wer wir seien. Man untersuchte unfern Wagen und hielt unS dabei noch immer in Aufsicht. Gegen 4 Uhr erhielt ich die Erlaubnis, mich zum Prinzen zu verfügen. - Ais ich auf die Präfektur ging, immer aber noch von einem Unteroffizier bewacht, redeten mich mehrere Personen an. Einige händigten mir heimlich Briefchen ein, andre sagten mir etwas ins -Ohr, alle vereinigten sich in der Versicherung, wir sollten nur ganz ruhig scyn, die guten und wahren Franzosen wachten über uns. Gegen Abend lies man «ns abreiscn. Alles war da völlig verändert. Wir verließen unfern Gasthof unter den lebhaftesten Anrufungen. Frauen aus dem Volke weinten, drückten uns die Hände und küßten sic. Don allen Seiten Anerbietungen unS zu begleiten, um einem Hinterhalte auszuweichen, welchen die Feinde des Kaisers unS in einiger Entfernung von der Stadt gelegt hätten. Diese sonderbare Veränderung der Stimmung kam daher, weil viel Landleutc und eine große Menge Föderirter in die Stadt gekommen waren, und nun die öffentliche Meinung beherrschten. Dienstag, am 4. 2uli. Unweit Rochefort stießen wir auf Gendarmerie, welche auf die Nachricht unsers Unfalls uns entgegengeschickt worden war. Um 2 Uhr früh kamen wir zu Rochefort an. Der Kaiser war schon seit gestern Abends dort *). Prinz Joseph kam auch noch heuc Abend an. Ich führte ihn zum Kaiser. Den ersten ruhigen Augenblick benutzte ich, um dem Präsidenten des Staatsraths über die Gründe Bericht zu erstatten, die mich zu meiner Entfernung veranlaßt hatten. Ich schrieb ihm: „Große und unerwartete Begebenheiten haben mich genöthigt, mich auS Paris zu entfernen, ohne um den nöchigcn Urlaub nachzusuchcn." „Die Beschaffenheit und Wichtigkeit der Umstände waren an dieser Unregelmäsigkcit Schuld. Ich befand mich in dem Augenblicke, als der Kaiser abreis'te, in dessen Diensten. Ich konnte die« *) Die Reiseroute deS Kaisers war folgende: Abgereis't am 2y. Juni und Nachtlager zu Rambouillet. Am zo. Nachtlager zu Tours; am I. Juli Nachtlager z» Nivct. Am 2. Juli Ankunft zu Rochefort. Aufenthalt dort bis zum 8 ten. Einschiffung am Bord des Belle- ropho» am iZ. Juli. st» großen 'Mann, der uns mit so hohem Glanze beherrschte, der sich selbst verbannte, um daö Schicksal seines Vaterlandes zu er- leichtern, dem jezt von seiner vorigen Allmacht nur sein Ruhm und sein Name übrig blieb, ich konnte diesen großen Mann sich nicht entfernen sehen, ohne dem Drange ihm zu folgen, ihm nac'o- zugehen. 2n den Tagen seines Glücks würdigte er mich einiger Gunst, jezt bin ich ihm jedes Gefühl, jede Thatkraft, die noch mein ist, zu widmen schuldig u. s. w." Mittwoch, am 5. Freitag, am o. Juli. Der Kaiser trug in Rochefort nicht mehr milicairische Kleidung^ Er wohnte auf der Präfektur. Eine große Menge Menschen stand unausgesetzt um das Haus; von Zeit zu Zeit hörte man Anruf. Der Kaiser selbst zeigte sich zwei bis dreimal auf dem Austritt der Präfektur. ES werden ihm eine Menge Vorschläge von Generalen gemacht, die entweder selbst kommen, oder besondre Bevollmächtigte senden. UibrigenS ist es während des ganzen Aufenthalts zu Rochefort um den Kaiser wie in den Tuillcricn. Wir kommen ihm nicht näher als dort. Nur Bertrand und Savary haben Zutritt, und über alles, was ihn betrift, müssen wir unS nur auf Gerüchte und Muthmasungen verlassen. So viel scheint aber gewiß, daß der Kaiser mitten in der Bewegung der Menschen und L .,c ruhig und ungestört bleibt, sich sehr gleichgültig, ja besonders sehr wenig eilig zeigt. Ein Schiffslicutenant unsrer Marine, welcher ein dänisches Kauffarthcifchiff befehligt, bietet sich großmüthig an, ihn zu retten. Er schlägt vor, ihn allein aufzunehmcn, ihn so zu verbergen, daß er durchaus nicht gefunden werden kann, und augcnblicküch nach den vereinigten Staaten abzusegeln. E". verlangt nur eine unbedeutende Summe, um seine Schiffscigen-.hümer für den möglichen Verlust bei der Unternehmung zu entschädigen. Bertrand bewilligt es unter gewissen Bedingungen, die mit meinem Namen auSgefer- tiget werden. Ich unterzeichne in Gegenwart und unter den Au» gen des MarinepräsektS diesen Schcinhandel. Sonnabend, am 8. Juli. Unter lautem Zuruf der Stadt und des Landes erreicht der Kaiser gegen Abend Fourras. Er schläft am Bord der Saale, die er um 8 Uhr besteigt. Zch kam viel später dort an, denn ich hatte Madame Bertrand in einem andern Boote begleitet, daS von wo anders ausgcfahrcn war. Sonntag, am 9. Iulf- Ich gehe mir dcm Kaiser, der ziemlich früh auf der Insel Aix ans Land steigt. Er besucht alle Festungswerke und frühstück» wieder am Bord. Montag, am 10. Juli. In der Nacht vom Sonntag zu Montag werde ich mit dem Herzoge von Rssizo an den Commandant der englischen Kreuzer abgcschickt, um zu erfahren, ob man dort die SicherhcitSpässe erhalten habe, die die provisorische Regierung uns zur Uibersahrt i» die vereinigten Staaten versprochen hatte. Man antwortete mit Nein, doch werde man sich unmittelbar an den commandirenden Admiral wenden. Wir stellten die Idee auf, ob Napoleon nicht auf den Fregatten mit Parlamcntair-Flagge absegeln könne? Man antwortete, daß man sie feindlich behandeln werde. Nun sprachen wir von seiner Uibersahrt auf einem neutralen Schiffe. Man antwortete, daß jedes neutrale Schiff aufs strengste untersucht und vielleicht in einen englischen Hafen werde gebracht werden, doch gab mau unS unter den Fuß, uns nach England zu begeben und versicherte, daß wir dort nicht die mindeste üble Behandlung zn befürchten hüccen. Um 2 Uhr Nachmittags kamen wir wieder zurück. Das englische Schiff, der Bellcrophon, an dessen Bord wir gewesen waren, folgte uns, und warf in der Rhede des BasqueS Anker, n uns mehr bei der Hand zu seyn. Die Schiffe beider Narioucn blieben einander im Gesicht und sehr nahe. Als wir auf dem Bellcrophon angekommen waren, hatte der englische Capitain uns französisch angeredet. Ich beeilte mich nicht, ihm zu entdecken, daß ich so übel und böse seine Sprache ein wenig verstehen und sprechen könne. Einige gewechselte Ausdrücke zwischen ihm und den andern englischen Offizieren in Gegenwart des Herzogs von Rovigo und meiner, hätten, wenn ich eingeräumt, daß ich sie verstanden, der ganzen Unterhandlung schaden können. Als man uns daher eine Zeit darauf fragte, ob wir englisch verstünden, ließ ich den Herzog von Rovigo Nein antworten. Unsre politische Lage war so, daß ich mir kein Bedenken aus diesem kleinen Betrüge machen durfte, und nöthigtc uns dazu, auch spreche ich nur deshalb davon, um anzudeuten, wie sehr ich mich, da ich vierzehn Tage lang mit allen'diesen Personen zusammen ösieb, in Obacht nehmen mußte, um das, was ich gleich an- sc>.» , oerborgen halte, nicht nachher zu verrathcn. In der That las .ch auch wohl englisch, da ich aber seit länger als zwölf Iah- r... keme Uibung im Sprechen gehabt hatte, so ward es mir sehr schwer, von der Unterhaltung etwas zu verstehen. 19 Dienstag, am 11. Zull. Alle AuSgänge waren von englischen Schiffen blosirtr Der -/ Kaiser war noch sehr unentschlossen, welchen Entschluß er ergreifen - sollte. ES war die Rede von neutralen Fahrzeugen, von großen Küstcnbötcn, mit jungen Seekadcts bemannt, man fuhr in Vor» ^ schlagen von der Landseite her fort u. s. w. - Mittwoch, am 12. Juli. > Der Kaiser landete wieder auf der Insel Aix bei allgemeinem t Zuruf und Entzücken. Er verließ die Fregatten. Sie hatten ent- i weder aus Charakterschwache des Commandantcn, oder weil sie l neue Befehle von der provisorischen Regierung erhalten, cs abge» ^ schlagen auszulaufen. Mehrere glaubten, das Unternehmen hatte nicht ohne Aussicht auf Erfolg versucht werden können. Doch ! muß man cingcstchen, daß der Wind stets sehr ungünstig war. Donnerstag, am 13. Juli. Prinz Joseph besuchte heut seinen Bruder auf der Insel Air. Der Kaiser steht gegen 11 llhr in der Nacht im Begriffe, sich in' i ein Küstcnboot zu werfen. Zwei davon liegen schon, mit versehie- ? denen, Gepäck von ihm und einigen seiner Leute, zum Abfuhren bereit. Unter den letzter» war de Planat. Freitag, am 14. Juli. Morgens um 4 Uhr fahre ich mit dem General Lallemand wie» ^ der an Bord des Bellerophons, um zu erfahren, ob denn gar keine k' Antwort angckommen sei. Der englische Capitain sagt uns, daß > er sie in jeder Minute erwarte, und fugte hinzu, daß, wenn der ! Kaiser sich sogleich nach England einschiffen wolle, er die Doll» . macht habe ihn aufzunehmen und dahin ru führen. Er fügte noch ! hinzu, und mehrere andre anwesende Capitains standen ihm bei, daß Napoleon ohne allen Zweifel in England jede Achtung und diejenige Behandlung finden werde, auf welche er Ansprüche machen könne, daß in diesem Lande der Dberherr und seine Minister nicht wie auf dem Contincnt willkührliche Gewalt besäßen, und daß das i englische Dolk einen Edelmuth der Gesinnungen und eine Freiheit - der Meinungen hege, die noch höher seien, als die Souverainität , selbst. Ich antwortete, daß ich dem Kaiser von diesem Anerbieten des CapicainS und der ganzen Unterhandlung Bericht erstatten würde, fugte auch noch hinzu, wie ich den Kaiser Napoleon genug zu kennen glaubte, um überzeugt zu scyn, er werde gar nicht abgeneigt seyn, sich England voll Vertrauen in die Arme zu werfen. 20 um dort Hülfsmitkel zu finden, seine Reise in die vereinten Scaa» ' teu fortzusetzen. Ich schilderte ihnen Frankreich jenseits der Loire ! noch ganz in Flammen, und wie, so lange Napoleon gegenwärtig wäre, die Hoffnungen der Völker immer auf ihn gerichtet seyn würden, erwähnte die Vorschläge, die ihm i» jedem Augenblicks und von allen Seiten her gemacht worden wären, seinen festen Vorsatz, einem Bürgerkriege wcd>.r zum Grunde noch zum Vor» wände zu bienen, den Edclmuth, den er durch seine Abdankung bewiesen, um dadurch das Fricdensgeschäft zu erleichtern, seinen unerschütterlichen Entschluß, sich selbst zu verbannen um diesen Frieden bald und ganz zu schenken. .Der General Lallemand, der, da er zum Tode vcrurthcilt, Sei dem zu fassenden Entschlüsse für sich selbst sehr intereffirt war, fragte den Capital» Maitland, mit dem er vor längerer Zeit in Egypten bekannt worden, ja dessen Gefangner er, so viel ich weiß, gewesen war, ob jemand, der in die bürgerlichen Unruhen seines Landes mitverwickclc gewesen, wenn er sich freiwillig nach England begebe, jemals fürchten müßte, an Frankreich auSgclicfcrt zu wer» dann Der Capicain Maitland antwortete, nein, und wleß jeden Zweifel alS eine Beleidigung zurück. Ehe wir von einander fehle» den, faßten wir noch einmal das Verhandelte kur; zusammen. Ich wiederholte, daß es nach den Umstanden und ftstbestimmten Absichten des Kaisers möglich seyn könne, daß er sich nach dem Anerbieten dcS Capitain Maitland übergebe, um in England Si» cherhcitspässe nach Amerika zu erhalten. Der Capitain Maitland r verlangte wohl zu bemerken, daß er nicht dafür stehe, daß inan sie t bewilligen werde, und so trennten wir uns. Im Grunde dcS i Herzens glaubte ich auch nicht, daß man sie unö bewilligen würde, aber der Kaiser wünschte nichts sehnlicher, als nur ruhig leben zu können, und war entschlossen, persönlich an allen politischen Wege» I benhcitcn auch nicht den geringsten Anthcll zu nehmen, wir sahen l also ohne große Beunruhigung die Möglichkeit vor unö, daß man f uns nicht wieder aus Ergland fortlasse, darauf aber beschränkten ^ sich auch.alle unsre Befürchtungen und Ahnungen, und darauf ! gründete sich auch, so viel ich überzeugt bin, Maitlands Glaube, j Ich muß ihm die Gerechtigkeit wiederfahrcn lassen, daß er so wie ! die andern Dffizicre bei der Schilderung, die wir uns von den ^ Gesinnungen Englands gemacht hatten, offen und ehrlich handelte. Um 11 Uhr kamen wir zurück. Aber daS Ungcwitter nahte sich, die Augenblicke wurden immer kostbarer, cs mußte ein Enc» sckluß gefaßt werden. Der Kaiser versammelte »nS zu einer Art von Staatsrath. Man sprach über alle mögliche Fälle. Das dänische Schiff schien unausführbar, von den Küstcnbötcn war nicht mehr die Rede, denn die englische Kecuzerlinie war undurchdringlich. Nichts blieb mehr übrig, als zu Lande znrückzukehrcn, den Bürgerkrieg zu unternehmen, oder die vom Capitain Maitland gemachten Anerbietungen sich gefallen zu lassen. Hierbei blieb man stehen. Man sagte, daß, indem inan den Beücrophou besteige, man schon ans englischem Grund und Boden sei; dann würden sich die Engländer von diesem Augenblicke durch bas Recht der Gastfreundschaft gebunden finden müssen, Bande, die selbst bei den rohsten Völkern heilig wären; von demselben Augenblicke an würde man unter den bürgerlichen Rechten jenes Landes stehen; die Engländer würden nicht so unempfindlich für ihren Ruhm seyn, um diese schöne Gelegenheit nicht mit beiden Händen zu ergreifen. So schrieb denn Napoleon an den Prinz Regent. „Königliche Hoheit! Ausgesctzt den Friktionen, die mein Land zerreißen, so wie der Feindschaft der größten Mächte Europa's, habe ich meine politische Laufbahn beendigt. Ich komme, um mich wie ThemlstoklcS an den Heerd der brittischen Nation zu setzen. Ich begebe mich unter den Schutz von dessen Gesitzen, und unter den Ihren, Königliche H.'heit! als des wichtigsten, ausdauerndsten, aber auch cdclmüthigstcn meiner Feinde." Gegen 4 Uhr verfügte ich mich wieder mit meinem Sohne und dem General Gsurgaud an Bord des Bcllerophon, von denn ich nicht wieder zurückkehrcu sollte. Mein Auftrag bestand darin, die Ankunft Sr. Majestät auf dem Bcllerophon für den folgenden Tag anzukündigcn und dem Capitain Maitland eine Abschrift des Schreibens des Kaisers an den Prinz Regent cinzuhändigen. General Eourgand hatte dagegen den Auftrag, unmittelbar und in Person den Brief des Kaisers an den Prinz Regent nach England zu überbringen. Der Capitain Maitland las den Brief Napoleons, bewunderte ihn sehr und ließ zwei andre Capitains davon, bis er öffentlich werde, indcß geheime Abschriften nehmen. Überdies beschäftigte er sich damit, den Gencral Eourgand so schtwll alS möglich auf der Corvctre Slam; (die Eilende) abznscndcn Dieses Schiff hatte eben den Bcllerophon verlassen und ich befand mich mit meinem Sohne im Zimmer des Capitains allein. Maitland hatte eben Drdres ausgctheilt,. da trat er plötzlich und mit ganz veränderter Miene und Stimme ins Zimmer. „Graf LaS Cafes, sagte er, man betrügt mich. Während ich mit Ihnen unterhandle und mich um ein Schiff schwäche, zeigt man mir an, daß Napoleon entflohen sei. Das würde mich bei meiner Regierung in eine fürchterliche Lage bringen." Ich bebte bei diesen Worten für Freude, denn ich hätte um alles ln der Welt gewünscht, daß diese Nachricht wahr sei. Der Kaiser hatte sich zu nichts verbindlich gemacht, ich selbst war im vollsten Glauben hier« her gekommen, gern wäre ich also daS Opfer eines Ilmstandes ge» worden, an welchem ich völlig unschuldig war. Ich fragte nun mit der größten Ruhe, um welche Zeit der Kaiser entflohen seyn solle. MaitlanS war so bestürzt gewesen, daß er sich darnach gar nicht erkundigt hatte. Er lief also aufs Verdeck, und sagte mir rückkchrcnd, um Mittag sei cs gewesen. „Wenn dem so wäre, entgegncte ich, so würde die Absenkung der Slany, die Sie eben erst besorgt haben, keinen Nachthcil bringen. Seyn Sie aber ruhig, erst um 4 Uhr habe ich den Kaiser noch auf der 2nseb Air verlassen. — Können Sic mir das betheuern? fragte er. —> Zeh gab ihm mein Ehrenwort und er wandte sich darauf zu einigen mitanwesenden Offizieren und sagte ihnen auf englisch, daß die Nachricht falsch seyn müsse, daß ich zu ruhig sei, zu ehrlich aussähc und ihm überdies jezt eben mein Ehrenwort daraus gege« bcn habe. Die englischen Kreuzer hatten zahlreiche Einverständnisse auf unfern Küsten, und ich habe seitdem zu der Gewißheit kommen können, daß sie ganz genau von allen unfern Schritten unterrichtet waren. *) Man dachte jezt nur an den morgenden Tag. Der Capitain Maitland fragte mich, ob ich wünsche, daß seine Böte den Kaiser abholcn sollten, ich antwortete Ihm aber, daß des Kaisers Trennung zu viel schmerzliches für die französischen Seeleute habe, um nicht diesen die Beruhigung zu lassen, ihn bis zum letzten Augenblicke zu behalcen. An» Bord des Northumbcriand hatte bei unserer Uiberfahrt nach St. Helena der Admiral Coctbnr» uns die Benutzung seiner Bibliothek erlaubt. Als einer von uns eine» Band der britischen Encpklopädio durchblattcrtc, fand er -arin zufällig einen Brief aus Rochclle, der an den Befehlshaber der englischen Krenzcrslotte gerichtet war. Darin stand unsre Angelegenheit mit dem dänischen Schiffe, der Zeitpunkt der projektieren Abfahrt, dessen Absichten u. s. w. Wort für Wort. Wir ließen diese» Brief von Hand zu Hand gehen und leg, ten ihn dann wieder sorgfältig in das Buch. Er lehrte uns eigenr, Üch nichts Neues, denn wir wußten schon vorher, welches Cinver, sländniS zwischen.dem In- und Auslände statt fand, aber wir waren Loch neugierig, ein solches Pröbchen davon zu lesen. Aber wie kam dieser Brief am Bord des Northumbcrland? Unstreitig batte der Capitain Maitland mit uns zugleich auch alle uns betreffende Papiere an den Northumberland abgegeben und wahrscheinlich war dies derselbe Brief, der de» Capitain Maitland, als ich mich am Bord seines Schiffes befand, so sehr wegen Napoleons Entweichung i» Schrecken setzte. r; Sonnabend, am is. 2utt. Mir Tagesanbruch erblickten wir auch allerdings unsre Brigg, den Sperber, die unter Parlamentairflagge auf den Bcllcrophon zu manvcuvrirtc. Wind und Fluch waren entgegen, der Capitain Maitland sandte also sein Brot dahin. AlS es zurückkchrtc, suchte der Capitain Maitland mit der größten Aengftiichkcit durch sein Fernrohr zu entdecken, ob der Kaiser sich darauf befinde. Er bat mich jeden Augenblick, selbst hinzuschen, aber ich konnte ihm keine befriedigende Antwort geben. Endlich blieb kein Zweifel mehr. Der Kaiser bestieg, von seinen Offiziere» umgeben, den Vcllero- phon. Ich stand an der Schifföleicer, um ihm den Capicain Maitland vorzustellcn. Zu diesem sagte er: „Ich komme auf Ihr Schiff, um mich unter den Schutz der englischen Gesetze zu begeben." Der Capitain Maitland führte ihn darauf in sein Zimmer, und räumte cs ihm ein. Bald nachher stellte er dem Kaiser alle seine -Offiziere vor, und dieser ging dann aufs Verdeck, worauf er noch in der Frühe alle Theile des Schiffs untersuchte. Ich erzählte ihm das schrecken, das der Capicain Maitland gestern in Betreff seiner vermeinten Entweichung gehabt habe. Der Kaiser aber bcurthcilte es nicht, so wie ichs gethan. „WaS harte er denn zu befurchten? antwortete er mit Kraft und Würde, Sie waren ja am Bord!" Gegen 3 Uhr sahen wir den Superbe, von 74 Kanonen, Admiral Hotham, -Oberbefehlshaber dieses Thcils der Kreuzerflottc, Anker weifen. Der Admiral besuchte den Kaiser, blieb zu Mittag bei ihm, und bat denselben, da dieser ihm einige Fragen über sein Schiff vorlegte, ihm die Ehre zu erzeigen und morgen es zu besteigen. Der Kaiser lud sich und alle dahin zum Frühstück ein. Sonntag, am 16. Juli. Der Kaiser begicbt sich an Bord des AdmiralS Hotham und ich begleite ihn. Man erzeugt ihm alle Ehre, nur läßt >üan die Kanonen nicht. Wir besahen alle Theile des Schiffs bis ins Kleinste und fanden bewundernswürdige Ordnung und Haltung. Der Admiral Hotham zeigte uns alle Anmnch und Aufmerksamkeit, die einem Manne von ausgezeichnetem Range und Erziehung eigenthümlich sind. Gegen 1 Uhr fuhren wir zum Bcllcrophon zurück und gingen 12 Tage nach unsrer Abreise von Paris nach England unter Segel. ES war fast Windstille. Als der Kaiser heut früh aus seinem Zimmer ging um sich zum Admiral Hotham zu begeben, hielt er sich nur kurze Zeit auf dem Verdeck auf, wo ihm die Soldaten militairische Ehrenbezeu-- gnngen machten. Er kommandirte selbst mehrere Handgriffe, ließ sie das Vajonet fällen und da dieses nicht ganz nach französischer Art geschah, so trat er selbst unter die Soldaten, schob die Ba- joncts mit beiden Händen bei Seite und ergriff die Finne eines Soldaten des dritten Glieds, mit der er dann ganz nach unsrer fs Art selbst exerziere. Auf den Gesichtern der Soldaten, Offiziere s und sämmtlicher Zuschauer zeigte sich plötzlich ein tiefer Ausdruck, f das Staunen malend, hier den Kaiser zu erblicken, wie er sich selbst - mitten unter die englischen BajonetS stellte, deren einige ihm die > Brust berührten. Man konnte sich deö nachdcnkendcn Staunens nicht erwehren. AlS wir vom Superbe wieder zurückkamen, fragte z man uns indirekt über diesen Gegenstand. Man wünschte zu wis- i sen, ob er cS oft mit seinen Soldaten auch so halte, und schau« ^ derte über seine Zuversicht. Keiner konnte sich mit der Idee von ! Fürsten vertraut machen, die gleich ihm selbst befühlen, erklärten und i ansführten. Leicht konnten wir daraus erkennen, -Laß auch nicht einer I einen richtigen Begriff von dem Manne hatte, den sie jezt vor sich ! sahen, ob er schon seit 20 Zähren unaufhörlich der Gegenstand i ihrer Aufmerksamkeit und aller ihrer Gespräche gewesen war. Montag am 17. Dienstag am 18. Zuli. Die Windstille dauerte fort. Doch verloren wir das Land auS hem Gesichte. Mittwoch, am 19. Zuli. Der Wind erhob sich stark, ohne uns günstig zu sehn. Wir schiffen höchstens 9 Knoen. Donnerstag am 20. bis Sonnabend am 22. Zuli. Wir setzten unscrn Weg mit nicht sehr günstigem Winde fort. Der Kaiser befand sich nicht lange in der Mitte seiner erbittertesten Feinde, derer, die man stets mit den abgeschmacktesten und aufreizendsten Gerüchten erregt harte, ohne den vollen Einflust seines NuhmS auch auf sie zu zeigen. Der Capicain, die Offiziere, die ganze Mannschaft hatten bald die Gebräuche seines Gc- solgs angenommen. Sic erwiesen ihm dieselbe Achtung, dieselbe Ehrfurcht, hatten dieselbe Sprache gegen ihn. Der Capitain nannte ihn nicht anders als Sire und Ew. Majestät, wenn er auf dem Verdeck erschien so zog jeder den Hut ab und blieb unbedeckten Hauptes, bis er wieder wcggegangen war. Alles das war in den ersten Augenblicken nickt der Fall gewesen. Man konnte nur durch eine "leihe seiner Offiziere in sein Zimmer gelangen, hei seiner Tafel erschienen von denen des Schiffes nur die, welche ^ — 25 — - cr eingeladen hatte, kur; Napoleon war am Bord deS Bcllersphon Kaiser. Er zeigte sich oft auf dem Verdeck und sprach mit einigen von uns oder den Schiffspersoncn. Von allen, die ihn begleitet hatten, war ich vielleicht derjeni- s ge, welchen er am wenigsten kannte. 2ch habe schon vorher ge- i zeigt, wie ich, uncrachtec der Beschäftigungen um seine Person, doch in sehr wenig unmittelbaren Verhältnissen mit ihm stand. Seit meiner Abreise aus Paris hatte er mit mir noch kaum gc- sprechen, während der Schiffahrt aber sing cr an, sich sehr oft mit mir zu unterhalten. Umstände und Gelegenheit waren dazu höchst günstig für mich. 2ch verstand englisch genug, um ihm viele Aufschlüsse über das, was man um uns her sprach, zu geben. 2ch war Seemann gewesen und gab also dem Kaiser alle gewünschte Erklärungen über die ManoeuvreS des Schiffs, den Stand des.Windes und des Meeres. Auch in England war ich zehn 2ahrc gewesen und hatte mir § dort bestimmte Kenntnisse über Recht, Sitten und Gebräuche jenes l Landes erworben. So konnte ich dem Kaiser aus die Fragen, die ; cr deshalb an mich zu richten mich würdigte, befriedigende -Aus- j kunft geben. ^ Endlich wußte ich von meinem liiswrchus her noch eine ^ Menge Epochen, Data und Verhältnisse, wo er mich stetS mit der Antwort bereit fand. ^ Zugleich wendete ich die Musestunden unsrer Fahrt zu einer ! fortlaufenden Zusammenstellung unsrer Lage in Rschefort und der ; Beweggründe an, welche die Bestimmung deS Kaisers herbeige- s führt hatten. 2ch erhielt darüber genaue und authentische Mic- ^ theilungen. Hier sind sie. - Zusammenstellung. Die englische Kreuzerflotte war ' nicht sehr stark. Zwei Corvctten waren vor Bordeaux stationirt, > wo sic eine französische Corvette blokirten, und auf die Amerikaner, welche alle Tage in großer Anzahl ausliefen, 2agd machten. Bei l der 2nsel Air hatten wir zwei wshlbcwaffnete Fregatten; die Cor- - verte der Vulkan, von erster Größe, war auch auf unsrer Rhede; endlich auch noch eine große Brigg. Alle diese Fahrzeuge wurden durch ein Schiff von 74, eins der kleinsten der englischen Marine, und eine oder zwei schlechte Corvctten blokirt. Dhne Zweifel hatte man mit Aufopferung von ein oder zwei Fahrzeugen durchbrechen können, aber der kommandirende Capitain war ein schwacher Mann, *) Dies ist Napoleons eignen yirlaicn uachgeschriehen, kl' schlug die Ausfahrt ab. Der zweite nach ihm, ekn sehr derer» minirter Seemann, hätte es wohl versucht. Unstreitig hatte der Commandant, vonFouchs, welcher den Kaiser offenbar verriech und ihn auszulicfcrn strebte, Befehle erhalten. Wie dem auch seyn möge, von Seiten des Meeres war sonach nichts zu hoffen. 2ezk landete der Kaiser auf der Insel Aix. Wäre dieser Posten dem Admiral Verhucl, sagte der Kaiser, , anvercraut gewesen, wie man es ihm bei seiner Abreise von Paris f versprochen hatte, so würde er unstreitig durchgckommcn seyn. Die ! Equipage der beiden Fregatten war voll Anhänglichkeit und En- l thusiasmus. ! Die Garnison auf der 2nsel Aix bestand aus 1500 Seesolda- i ten, die ein schönes Regiment ausmachten. Die Offiziere, voll Unwillen, daß die Fregatten nicht auslanfcn wollten, schlugen dem ! Kaiser vor, zwei Küstenböte im Hafen, jedes von 15 Tonnen, zu bewaffnen. Die jungen Kadets wollten Matrssenstelle vertreten, im Augenblicke der Ausführung aber erklärten sie, daß eS sehr schwer seyn werde, Amerika zu erreichen, ohne auf irgend einem ; Punkte an den Küsten von Spanien oder Portugal zu landen. ; Unter diesen Umständen bildere der Kaiser eine Art von ! Staatsrath aus Personen seines GcfolgS. Man stellte hier vor, ^ daß man weder auf die Fregatten, noch auf die bewaffneten Fahr- ^ zeuge mehr rechnen könne und daß die Küftenböte schwerlich ein ! erfolgreiches Resultat gewähren würvcn, weil man durchaus crwar- ^ ten müsse, aus ihnen im offnen Meere von den Engländern gcnom» i men zu werden, oder in die Hände der Aliirtcn zu fallen. Es l blieben also blos zwei Wege noch übrig. 2ns innere Land zurück« ! zukehren, um das Schicksal der Waffen zu versuchen, oder ein Asyl l in England zu wählen. Für den ersten befand man sich an der Spitze von 1500 Seesoldatcn, voll Eifer und guten Willen. Der Commandant der 2nscl war ein alter Offizier der egyptischen Armee gewesen, und Napoleon ganz ergeben. Er Härte mit seinen 1500 Mann in Rochefort gelandet, man hätte sich durch die Garnison der Stadt, die vom trefflichsten Geiste beseelt war, und aus vier Bataillons Föderirter, die alle ihre Dienste anboten, verstärkt, und so sich stark gefunden, sich entweder mit dem General Clausel, der sich an der Spitze der Armee von Bordeaux fest hielt, oder mit dem General Lallemand, welcher mit der der Vendee Wunder gc- than hatte, zu vereinigen. Beide, hieß es, erwarteten Napoleon. Leicht hätte man dann den Bürgerkrieg im 2nnern Frankreichs unterhalten können. Aber Paris war genommen, die Kammern waren anfgelößt, 5 bis 600,000 Feinde im 2nnern des Reichs. Der Bürgerkrieg konnte kein anderes Resultat haben, als alles, 2 WS Frankreich an wassern, Napoleon ergebnen Einwohnern besaß, zu vernichten. Ein solcher Verlust wäre zu tief, zu unersetzlich ge» ' Ivesen, er hätte die Hoffnungen und daö künftige Schicksal Frank» reich» zerstört, ohne einen andern Vorthcil zu gewähren, als den Kaiser in den Stand zu setzen, zu unterhandeln und für seine Person vorchcilyastc Bedingungen zu erhalten. Aber Napoleon hatte aus- i gehört zu herrschen, er verlangte nur ein ruhiges Asyl. Er wieß cs von sich, eines so geringen Resultats wegen alle seine Freunde prciß zu geben und die nationelle Parthci ihre wahren Stützen zu be» rauben, die doch früher oder später die Ehre und Unabhängigkeit - Frankreichs wieder Herstellen könnten. Er wollte nur in Zukunft ' als Privatmann leben. Amerika war der angemessenste, der Ort seiner Wahl. Aber selbst England mit seinen positiven Gesetzen, es konnte allenfalls für ihn ein passender Aufenthalt scyn, und ^ es schien nach meiner ersten Unterredung mit dem Capitain ! Maitland, als ob dieser ihn mit seinem ganzen Gefolge nach England cinschiffen könne, und er sich dort einer angemessenen Behänd» lung zu erfreuen haben werde. Von dem Augenblicke an befand sich der Kaiser und sein Gefolge unter dem Schutze der brittischen Gesetze, und diese Nation liebte den Ruhm zu sehr, um eine sich so natürlich darbictende Gelegenheit, welche zur Inschrift für die schönsten Seiten seiner Geschichte dienen mußte, sich entgehen zu lassen. Man beschloß also, so bald Maitland den Befehl uns auf- zunchmen bestimmt ausgesprochen haben würde, sich an die engli» schen Kreuzer zu übergeben. Man kehrte zu Napoleon zurück; der Capitain Maitland sprach buchstäblich aus, daß er von seiner Negierung aucorisirt sei, den Kaiser, wenn sich dieser an Bord des Bellerophon begeben wolle, aufzunehmen und ihn mit seinem Gefolge nach England übcrzuschiffcn. Nun that dies der Kaiser in der That, nicht weil ihn seine Feinde dazu zwangen, weil er nicht in Frankreich bleiben konnte, sondern weil er als bloßer Privat» mann leben, sich nicht mehr in die össentlichen Angelegenheiten mischen, und vorzüglich die Lage Frankreichs nicht noch verwickelter machen wollte. Gewiß hätte er diesen Weg nicht erwählt, wenn er nur iin mindesten die unwürdige Behandlung, die man gegen ihn im Sinne hatte, hätte voraussehcn können. Das kann jedermann leicht denken. Sein Brief an den Prinz Regent giebt laut genug sein Vertrauen, wie seine Uiberzeugung kund, und da der Capitain Maitland, dem er offizicl mitgctheilt ward ehe sich der Kaiser zu ihm an Bord begab, auch nicht die geringste Bemerkung darüber machte, so anerkannte und heiligte er durch diesen einzigen Umstand schon alle Gesinnungen, welche dieser Brief enthielt. Sonntag, am 23. Jul!. Ilm 4 Uhr Morgens erblickten wir Ouessant, bei dem wir In der Nacht vorüber geschifft waren. Seit wir uns dem Kanäle näherten, sahen wir jeden Augenblick in allen Richtungen ankcm. nicndc und abgehende englische Schiffe oder Fregatten. Nachts waren wir im Angesichte der Küste Englands. Montag, am 24. Juli. Gegen 8 Uhr such warfen wir auf der Rhede von Torbay Zinker. Der Kaiser war um 6 Uhr bereits ausgcstanden und ans die Kampaney (das oberste Stockwerk am Hintcrcheile eines großen Schiffs) gestiegen, von wo aus er die Küsten und das Ankerwcrfen deS Schiffs beobachtete. Ich verließ ihn nicht, um ihm dabei die nöthigen Erklärungen zu geben. Der Capitain Maitland sendete sogleich einen Ksnrier an Lord Kcith, seinen Dberadmiral, der sich zu Plymouth befand. General Eourgaud, der auf der Siany abgercisi war, kam hier wieder zu uns. Er hatte den Brief an den Prinz Regent an einen Dritten «ibgebcn müssen. Man hatte ihm nicht erlaubt, sich auSzusckiffen, ja ihm selbst jede Art von Mitthcilung untersagt. Dies war für uns von böser Vorbedeutung. DaS erste Anzeichen der zahllose» Beunruhigungen und Quälereien, die darauf folgten. Sobald cö verlautete, daß der Kaiser sich am Bord des Belle« rophon befinde, war die Rhede mit Booten und Neugierigen bedeckt. Der Eigcnthümer eines feinen Landhauses, das wir von weitem sehen konnten, sendete ihm ein Geschenk von Fruchten- ! Dienstag, am 22. Juli. Derselbe Zustuß von Fahrzeugen, dasselbe HerbeistrSmen von Zuschauern. Der Kaiser betrachtete sie von seinem Zimmer aus, und ließ sich manchmal auf dem Verdeck sehen. Capitain Maitland, vom Lande zurückkehrend, händigte mir einen Brief der Lady C. ein, in welchem einer von meiner Frau lag. Meine Verwunderung war anfangs eben so groß, alö meine Freude, aber crstere fiel bei der Uibcrlcgung, daß während der länger» Zeit unsrer Ilibcrfahrt die französischen Zeitschriften unser Schicksal leicht hätte» bekannt machen und in die Ferne verbreiten können. So wußte man denn schon alles, was den Kaiser uud sein Gefolge anging, in England, und man wartete bereits fünf bis sechs Tage, che , wir ankamen, ans uns. Meine Frau hatte sich beeilt, darüber an f Lady C. zu schreiben, und diese war so klug gewesen, selbst ohne - ihn zu kennen, an den Capicain Maitland zu schreiben nnd/hn> H jene Briefe zu senden. ! Der Brief meiner Frau war voll sanfter Trauer, aber der der Lady C., welche unsre künftige Bestimmung schon in London er» fahren hakte, voll der heftigsten Vorwürfe. 2ch gehöre mir nicht f selbst an, um so über mich schalten zu können, cs sei ein Verbre» ' eben meine Frau und Kinder zu verlassen u. s. w. Traurige Wirkung unsrer modernen Erziehung, die unsre Seelen nicht genug . echcbt, um sie das Verdienst wie den Reiz großer Entschlüsse und ft großer -Opfer begreifen zu können! Man glaubt alles gesagt, alles !! Mschiedcn oder gerechtfertigt zu haben, sobald inan nur von Pri» ft Wiiitcrcsse und häuslichen Genüssen ausgcht. Man ahnet nicht, n daß die erste Pflicht gegen seine Gattin die ist, ihr eine ehrenvolle ' Lage zu erhalten, und bas reichste Echtheit, was man seinen Kin» ! ^ dem hintcrlassen kann, das Beispiel einiger Tugenden und ein ft Name, der nicht ohne Ruhm crtönc. i ' ! Mittwoch, am 26. 2uli. fi 2n der Nacht war Befehl gekommen, uns augenblicklich nach ' Plymouth zu begeben. Wir segelten also in der Frühe ab und ft kommen gegen 2 Uhr Nachmittags in unsrer neuen Bestimmung ftaa, 10 Tage nach unsrer Abfahrt von Rochesort, 27 seit unsrer ft Abreise von Paris, und 25 nach der Abdankung des Kaisers, i Von mm an düstert sich unser Horizont ungemein. Vewafncte ft Fahrzeuge umgeben das Schiff, sic rudern in einiger Entfernung, j' tim die Neugierigen bis auf Flintenschußweite von uns abzuhalecn. i Der Admiral Keith, welcher sich auf der Rhede befindet, kommt ! ^ nicht zu uns an Bord. Zwei Fregatten gaben das Zeichen einer i Mgenblicklichen Abfahrt; man sagt uns, daß ein außerordentlicher i Konricr ihnen heut früh den Befehl zu einer weiten Sendung überbracht habe. Man vcrtheilte einige von uns auf andre Fahr» zeuge. Alles umher schien unö mit einer düstern Theilnahme zu betrachten. Die ungünstigsten Gerüchte verbreiteten sich auf dem - Schiffe. Mehrere Meinungen über unsre künftige Bestimmung lie» beii sich vernehmen, immer eine schrecklicher als die andre. ! Einkerkerung im Tower war die gelindeste, einige sprachen von St. Helena. Untcrdcß suchten die beiden Fregatten, auf welche ich besonders aufmerksam gewesen war, so eilig alS es der ungün» i stige Wind nur zuließ, das Freie. Als sie neben uns gekommen wmn, ließen sie rechts und links von uns die Anker wieder fal» len, so daß sie fast an uns stießen. Da zischelte mir jemand ins i -Ohr, sie sollten uns in der Nacht aufnchmc» und mit uns nach z St. Helena segeln. Nein, nie, nie kann ich die Wirkung malen, welche diese schreck» ! lichen Worte aus mich hervorörachtcn! Ein kalter Schweiß über« ro tief meinen ganzen Körper. Dies war ein unerwartetes TodcSur. thcil. Unerbittliche Henker schleppten mich zum Hochgericht, man entriß mich gewaltsam allem, was mich an das Leben fesselte, schmerzlich streckte ich die Arme nach dem aus, was mir thcucr, ^ eü war vergebens, ich mußte untcrgchn. Dieser Gedanke und eine Menge ungeordneter anderer erregten in mir einen Sturm. Es j war daS Losreißen einer Seele, die sich von ihren irdischen Amal- i gamcn zu befreien sucht! Es hat meine Haare gebleicht! — Glücklicherweise war die Krisis nur kurz, und mein beßrer Mensch ' ging daraus als Sieger hervor, so vollkommen als Sieger, daß ich mich, von diesem Augenblicke an, über alles was andre ' Menschen noch gegen mich unternehmen konnten, erhoben fand. 26) fühlte, wie ich nun der Ungerechtigkeit, schlechter Behandlung, selbst dem Tode Trotz bicrcn konnte. Aber vor allem schwur ich, daß man von mir weder Klagen noch Bitten hören sollte. Mögen, daher diejenigen, welche mit mir waren, und denen ich in diesen traurigen Verhältnissen zu ruhig erschien, mich nicht der Gesühllo» ^ sigkcit beschuldigen. Sic haben ihren Schmerz im Einzelnen ver< lungert, der mcinige brach in Masse über mich ein. Nicht lange darauf, so trat eine jener Erinnerungen, welche zu den sonderbarsten in meinem Leben gehört, mir ins Gedächtnis'. Zwanzig Jahre früher, als ich nach England auswanderte und nichts mehr auf der Welt besaß, hatte ich ein Anerbieten zu einem sichern Glücke in Indien aus dem Grunde auögeschlagcn, weil ich es zu weit und miss) zu alt dazu fand. 2ezt, 20 Zahr alter, verließ ich Familie, Freunde, Vermögen, die süßesten Genüsse, um miss) freiwillig aus einen Felsen in Mitten des Dzcans, 1000 i Meilen weit verbannen zu lassen, und -— um nichts. Dock) nein, wie irre ick) mich! Das Gefühl, das mich jezt leitete, war weit höher und belohnender, als die Rcichthümcr, die ich damals auS- > wärcs zu suchen verschmähte; ich folgre, ick) begleitete jezt den, der die Welt beherrschte, und das Gespräch der Nachwelt scyn i - wird. f j ' Der Kaiser erschien wie gewöhnlich auf dem Verdeck. Ich sah ^ ihn einige Zeit in seinem Zimmer, ohne ihm jedoch das, was ich, " erfahren hatte, mitzutheilen. Sein Tröster wollte ich seyn, nicht j ^ zu seiner Beunruhigung beitragen. Doch waren all diese Gerüchte j - endlich auch bis zu ihm gelangt. Aber er war so vollkommen ! ^ freiwillig, war mit so ehrlichem Vertrauen an Bord des Vcllcro« " phon gestiegen, und die Engländer selbst hatten ihn da so ange> ' zogen, er betrachtete seinen an den Prinz Regent geschriebenen und . ^ im Voraus dem Capitain Mairiand mitgethcilten Brief so sehr alS > stillschweigenden Vertrag, und hatte endlich bei seinem ganzen Be- i I nehmen so viele Großmuch gezeigt, daß er mit Unwille» jede Furcht, die man in ihm erwecken wollte, zurück wieß und eö nicht zuzab, ^ daß wir nur die geringsten Zweifel hegen durften. Donnerstag, am 27. Freitag, am 23. 2uli. Unsre Sorge und Lual wäre schwer zu malen. Der größte Thcil der Unfern lebte fast nicht mehr aus Angst. Der geringste i limstand, der vom festen Lande her zu uns gelangt, die gemeinste f Ansicht irgend eines am Bord, der unverbürgteste Artikel einer - Zeitschrift, alles war für uns Stoff zu den ernstesten Gründen und Ursache immerwährenden Schwankens zwischen Hoffnung und i Furcht. Wir suchten die unbedeutendsten Gerüchte auf, und ergrif- ^ fen als willkommen jede günstige Deutung, jede trügerische Hoff- i mmg, wie sie sich nur darboten. So wenig geschickt macht unS j die Beweglichkeit und Gelenkigkeit unsers Nationalcharakters, zu i jener stoischen Entsagung, jener leidenschaftslosen Fassung, die nur l auS festen Ideen und mit der Muttermilch cingcsogenen unerschüt» j milchen Grundsätzen entstehen. - Die öffentlichen Blätter, besonders die ministeriellen, waren ge- t gen uns losgclassen. Es war das Geschrei der Minister, auf den Schlag vorbereitend, den sie zu thun sich anschickten. Man kann ! sich kaum die Schändlichkciten, Lügen und Verwünschungen vor« ! steilen, die sic auf uns häuften, und man weiß, daß leider stets ? etwas davon bei der großen Menge haften bleibt, so gut gesinnt ^ diese auch seyn möge. Daher war denn auch die Behandlungsart , ^ in» uns weniger angenehm als früher, waren die Höflichkeiten ve» i legner, die Gesichter zweifelhafter. - Der Admiral Kcith, lang vorher angemeldct, ließ sich auf einen Augenblick sehen. Es war uns deutlich, daß man unsre Lage I scheute, unsre Aeußcrungen vermied. Die Zeitungen enthielten die Maasrcgeln, die mau nehmen würde; da sie aber doch noch nichts -Offizielles mittheiltcn und sich in einigen kleinen Umständen widersprachen, so schmeichelten wir uns lieber mit etwas Bessern, und Ablieben so in einem Hin- und Hcrwogen, in einer Unbestimmtheit, l die schlimmer ist als alles was erfolgen kann. Auf der andern Seite harte unser Erscheinen in England aber doch eine sonderbare Bewegung hervorgcbracht. Die Ankunft des Kaisers hatte eine Neugier erregt, die an Wuth granzte. Die Zeitungen selbst meldeten uns diesen Umstand, indem sie ihn zugleich schalten. Ganz England stürzte nach Plymouth. Jemand, der von London gleich bei meiner Ankunft abgcrcißt war, um mich zu sehen, mußte sich unterwegs sehr lange verweile», weil es gänzlich an Pferden und Unterkommen fehlte. Das Meer war um uns her mit einer Menge 2 Böten bedeckt. Man sagte unS nachher, daß manches mit 68 Na. poleonö bezahlt worden sei. i Der Kaiser, dem ich alle Zeitschriften vorlas, behielt nichts j desto weniger, wenn er sich öffentlich zeigte, dieselbe Rnhe, dieselbe l Sprache, dieselben Gewohnheiten. Man wußte, daß cr an jedem ' Abende gegen 5 Uhr aufs Verdeck kam. Einige Zeit vorher dräng, z ten sich alle Böte, eins dicht an das andre. Es gab deren ? tausende. Sie standen so eng neben einander, daß man die See i gar nicht mehr erblicken konnte, man hätte vielmehr glauben sol» len, diese ungeheure Masse von Zuschauern stehe auf einem großen Marktplatze. Sobald der Kaiser erschien, boten der Lärmen, die Bewegung, die Gebärden so vieler Menschen ein eignes Schauspiel dar. Zugleich konnte man leicht bemerken, daß in alle dem gar nichts feindliches sei und daß, wenn dieseMenschcn auch bloße Neugierde herbeigelockt hatte, sie doch rege Theilnahme wieder mit nach Hause nahmen. Man konnte sogar gewahr werden, wie diese Empfindung sichtlich immer wuchs. Erst hatte man sich begnügt, bloß zu schauen, dann hatte man gegrüßt, einige waren unbedeckten Haupts geblieben, und dann und wann hatte man sogar Zurusungcn ge> wagt. Selbst unsre Symbole fingen an sich unter ihnen zu zeigen. Frauen und junge Leute hatten sich mit rochen Nelken ge- schmückt. Aber alle diese Dinge gereichten bei den Ministern und ihren Anhängern uns zum Verderben, und machten unsre ewige Todesangst nur noch quälender. Unter diesen Verhältnissen diktirte mir der Kaiser, der doch von allem, waS ihn umgab, nicht unberührt bleiben konnte, eine . Schrift, die den Rechtsgclehrten zur Basis dienen sollte, seine wahre politische Lage zu bcurthcilcn und zu vertheidigcn. Wir fanden Mittel, sie aufö feste Land gelangen zu lassen. 2ch behielt keine Abschrift. Sonnabend, am 29. Sonntag, am 30. 3uli. Seit 24 Stunden, ja wohl seit 2 Tagen, ging das Gerücht, eS sei ein Unterstaatssckretair von London gekommen, um dem Kai« scr die seinetwegen gefaßten Entschlüsse der Minister offiziell mit- zutheilen. Er kam auch wirklich. Es war der Ritter Banbury, der in Begleitung des Lord Keith ein ministerielles Schreiben übergab, welches die Deportation des Kaisers enthielt, und die Zahl - derer, die ihn begleiten dursten, auf drei beschränkte, doch stets den Herzog von Rovigo und den General Lallcmand, welche beide auf der Liste der Prosrribirten standen, ausschließend. , Ich wurde nicht zum Kaiser gerufen, die beiden Engländer ^ sprachen und verstanden französisch, der Kaiser ließ sie allein vor. 3Z i Ich erfuhr, daß er mic vieler Energie und Logik die Gewalt befreit« ten und abzuwehren gesucht habe, die man über feine Person auS- übte. „Er sei als Gast in England, hatte er gesagt, keineswegeS als Gefangener; sei frei gekommen unter den, Schutz der Gesetze dieses StaacS zu wohnen, man verletze in ihm die heiligen Rechte der Gastfreundschaft. Nie werde er gutwillig die Beleidigung er« tragen, die man sich gegen ihn erlaube, nur Gewalt könne ihn zwingen u. s. w." I Der Kaiser gab mir das ministerielle Aktenstück, um eS zu ^ übersetzen. Hier ist es. Mitt Heilung des Lord Keith im Namen der englischen Minister. Da es dem General Bonaparte angenehm seyn kann, ohne länger»'Aufenthalt die Absichten zu erfahren, welche daS brittische Gouvernement mit ihm har, so werden Ew. Herrlichkeit ihm folgende Gegenstände mittheilen. „Es würde kcincsweges mit unfern Pflichten gegen unser Land und gegen die Alliircen Sr. Majestät Übereinkommen, wenn der General Bonaparte Mittel und Gelegenheit behielte, von Neuem den Frieden Europa's zu stören. Es wird deshalb schlechterdings imhwendig, daß er in seiner persönlichen Freiheit insoweit beschränke werde, als es dieser erste und wichtige Zweck erfordert. „Die Insel St. Helena ist zu seinem künftigen Aufenthalte auserschen worden. Ihr Klima ist gesund und ihre Lage vcrstat- ttt, daß man ihn daselbst mit mehr Nachsicht behandle, als man bei den unvermeidlichen Vorsichtsmaasregeln, um sich seiner Person zu versichern, es anderwärts thun könnte. „Man erlaubt dem Generäl BonapartL, aus den Personen, welche ihn nach England begleitet haben, mit Ausnahme der Ec« nerale Savary und Lallemand, drei -Offiziere zu wählen, welche I dann, nebst seinem Wundärzte, die Erlaubniß erhalten sollen, ihn nach St. Helena zu begleiten, später aber nur mit Genehmigung des brittische» Gouvernements die Insel wieder verlassen können. „Der Contrcadmiral Sir Georg Cockburn, der zum Obercom« Mandanten des Vorgebirges der guten Hoffnung" und der angrän» »enden Meere ernannt ist, wird den General Vonaparte und sein Gefolge nach Sc. Helena bringen und ausführliche Instructionen über sein dcsfallsigcs Dienstvcrhaltcn bekommen. Sir G. Cockburn wird wahrscheinlich in wenig Tagen reisefertig seyn. Es ist daher wünschenswerth, daß der General Bonaparke ohne Aufschub die Personen wähle, welche ihn begleiten sollen." 2 <4 Ob wir gleich miste Deportation nach Sk. Helena erwartet hat» ten, so war unS die Nachricht davon dennoch empfindlich und wir waren inögesammk davon betroffen. Der Kaiser aber ging vor wie nach aus das Verdeck, mir dem nämlichen Gesicht, mit der nämlichen Haltung als sonst, um die Mcnschenmaffe zu betrachten, die begierig war ihn zu sehen. Montag, am 31. 2nlk. Unsre Lage war gräßlich, unser Kummer über allen Ausdruck, Wir hörten auf für Europa, für unser Vaterland, unsre Familien, unsre Freunde, unsre Freuden, unsre Gewohnheiten, zu leben. Wahr ist's, man ließ unö die Dahl, dem Kaiser nicht zu folgen; aber das war die Wahl, weiche die Märtyrer hatten, ihrer Reist gion, ihrem Gottesdienste zu entsagen oder zu sterbe». Ein Uni' stand erhöhte noch unsre Dual, nämlich die Ausschließung der Ec» ncrale Savary und Lallemand, welche darüber sehr erschrocken waren. Sie sahen nun das Schaffst vor Augen, denn sie hielten sich überzeugt, daß England die politischen Handlungen in einer Revolution nickt von den in ruhiger Zeit verübten bürgerlichen Verbrechen unterscheiden und sie ihren Feinden zur Bestrafung aus. liefern werde. ES wäre daS eine solche Verletzung aller Gesetze, ein so großer Vorwurf für England selbst gewesen, daß man versuchet war, es kaum zu erwarten. Aber nur wer gleich ihnen prostest birec war, konnte einen solchen Gedanken hegen. UibrigcnS hakten wir alle vereinigt den Wunsch, unter die zu gehören, welche der Kaiser erwählen würde — so, daß wir nur eine Furcht hatten — nämlich die, nichr gewählt zu werden. Dienstag, am 1. August. Wir bliebe» noch immer in dem nämlichen Zustande. Am Morgen erhielt ich einen Brief von London, worinncn man mir in sehr starken Ausdrücken sagte, daß Ich Unrecht rhätc, daß eS sogar rin Verbrechen sei)» würde, mein Vaterland zu verlassen. Die Person, von welcher dieser Brief kam, hatte zugleich an den Ca- picain Maitland geschrieben, daß er alles anwendcn möchte, was nur in seinen Kräften wäre, um mich von einem solchen Schritt abzuhaltcn. 2ch fiel dem Eapicain Maitland aber sogleich ins Dort und sagte ihm, daß man in meinem Alter mit Ucberlegung zu handeln pflege. 2ch las dem Kaiser täglich die verschiedenen Zeitungen vor. Harre nun besonderes Wohlwollen dabei gewirkt, oder fingen wirklich die Meinungen schon an sich zu Geilen, kur; wir fanden unter dieser Zahl zwei, welche mit großer Wärme sich unsrer annahmcn, < s und unS für die groben Beleidigungen schadlos hielten, womit die übrige» angefüllc waren. Wir überließen und der Hoffnung, c» werde auf diesen von dem Feinde eingeflößten Haß bald die Thcil- nähme folgen, welche durch große Handlungen erregt wird, da ja doch England eine Menge edler Herzen und hochsinniger Menschen habe, welche ohne Zweifel bald unsre eifrigen Dcrcheidiger werden würden u. s. w. Die Menge der zu uns kommenden Boote wuchs mit jedem Tage. Der Kaiser zeigte sich zu gewöhnlicher Stunde und wurde immer günstiger ausgenommen. Wir waren dem Kaiser in. großer Zahl von jedem Range, von jcdcin Grade gefolgt. Für die mehresten von uns war er noch immer derselbe, wie in den Thuillcrien. Der Eroßmarschall und der Her» zog von Rovigo allein besuchten ihn öfterer, sonst nahte »>a„ »-u> sprach man ihn nicht mehr, als cs zu Paris g-siheycn seyn war» de. 2ch wurde den Tag über so oft z» ihm gerufen, als Schrift ren zu übersetzen waren, und unvermerkt nahm der Kaiser die Gewohnheit an, mich regelmasig jeden Abend gegen 8 Uhr zu sich kommen zu lassen, um sich mit mir zu unterhalten. Diesen Abend fragte er mich in dem Gange dcS Gesprächs und in Folge verschiedener Gegenstände desselben, ob ich ihm nach St. Helena folgen würde. 2ch antwortete ihm mit der grüßten .Offenheit. Meine Empfindungen machten mir daS leicht. Ich sagte ihm, daß, da ich bei dem Entschlüsse Paris zu verlassen, um ihm zu folgen, mit gleiche» Füßen alle Verhältnisse übersprungen hätte, St. Helena dabei nichts ändern könne. Wir wären jedoch in großer Anzahl um ihn versammlet lind da man ihm nur »erstatte, drei von uns mitzuuehmcn, viele Personen mir aber daS Verlassen meiner Familie zum Verbrechen machten, so sei mir daher dieser Familie und meinem eignen Gewissen gegen über, die Gewißheit nöthig, daß ich ihm nützlich und angenehm scyn würde — mit einem Worte, daß er mich wählen müsse — daß ich ihm hierbei nichts verschwiegen habe, weil ihm mein ganzes Leben unbeschrankt angehöre. Während des stürzt Madame Bertrand, unverlangt, ohne angesagt worden zu sei)», plötzlich in des Kaisers Zimmer. Sie war außer sich und schrie, daß er nicht nach St. Helena gehen, daß er ihren Mann nicht mit dorthin nehmen möchte. Bei dcS Kaisers Verwunderung, der Ruhe in Gesicht und Worten desselben, eilt sie mit eben der Hast, womit sic gekommen war, wieder hinaus. Der Kaiser, immer noch verwundert, fragt mich: „Begreifen Sie davon etwas, ist sic nicht wie verwirrt?" und als wir nun ein lautes Geschrei hörten und die Bewegung des SchiffvolkS vernäh« 36 men, daö im Tumult nach dem Hintertheil deS Schiffs lief, be. fahl mir der Kaiser zu klingeln, um die Ursache davon zu ersah, ren. Madame Bertrand hatte nach dem Herauskommen vom Kai. ser sich in's Wasser stürzen wollen, und man hatte alle mögliche Mühe gehabt, sie davon abzuhalten. Man urtheilc nach dieser Seene, was in unö vorging. Mittwoch, am 2. Donnerstag, am 3. August. Am heutigen Morgen sagte mir der Herzog von Novigo, daß Ich bestimmt mit nach St. Helena abgchen würde. Der Kaiser hatte, lm Gespräch, ihm geäußert, daß wenn wir auch nur zwei wären, die ihm folgen dürften, er doch darauf rechnen würde, baß ich von dieser Zahl wäre, weil er von mir Nutzen und Trost erwarte. Das -süße Gefühl, diese Worte des Kaisers zu wissen, verdank ich bloS der Güte des Herzogs von Rovigo. Ich bin ihm sehr erkenntlich dafür, denn ohne ihn wären sie mir stets unbekannt geblieben. Mir hatte der Kaiser nichts auf diesen Punkt geantwortet; das ist so seine Art. Ich werde noch öfterer Gelegenheit haben, das zu zeigen. Ich stand mit keiner der Personen, die dem Kaiser gefolgt wa» ren, in genauer Bekanntschaft, wenn ich nämlich den General Bertrand und dessen Gemahlin ausnehme, welche mich bei meiner Sendung nach Illyrien, wo derselbe als General-Gouverneur angc. stellt war, mit Güte überhäuft hatten. Mit dem Herzog von Rovigo hatte ich frühcrhin niemals gesprochen. Gewisse Dorurthcile, die ich gegen ihn hegte, hielten mich sonst immer fern von ihm, aber kaum hatten wir uns ge. sprachen, als auch diese Vorurtheile schwanden. Sasary liebte den Kaiser aufrichtig; er ist ein Mann von Geist, von Herz und von Rechtschaffenheit, und ich glaube, daß er einer recht innigen Freundschaft fähig ist, wie wir denn gewiß noch recht ver- rrauc mit einander geworden wären. Möchte er jemals die Gefühle und das Bedauern lesen, die er in mir hinterlassen hat. Der Kaiser lies mich heut Abends zu der gewöhnlichen Unter. Haltung rufen. Nach mancherlei anderen Gegenständen, von denen wir sprachen, blieb er bei St. Helena stehen. Er fragte mich, wie das nur werden könnte, — ob es wohl möglich seyn würde, dort das Leben zu ertragen u. s. w. „Aber, sagte er, ist es denn wirklich gewiß, baß ich hingehe? Ist denn ein Mensch so abhängig von einem seines gleichen, wenn er aufhürcn will, es zu seyn? Wir gingen im Zimmer umher, er war ruhig, aber angegriffen, und gewissermaaßen zerstreut: „Mein Theurer! fuhr er fort, ich habe bisweilen Lust, euch zu verlassen, und das ist nicht so schwer. ES käme n^ darauf an, t i r i s 27 ein wenig seinen Kopf aufznsetzen, und bald würde Ich euch ent- wische seyn; Alles wäre dann auö und ihr könne« ruhig zu euren Familien zurüclgchen. Meine Grundsätze halten mich keineSwegcS davon ab. 2ch gehöre zu denen, welche glauben, daß die Strafen der andern Welt nur erdacht worden sind, um die unzureichenden Reize zu ergänzen, welche man unS davon schildert. Gort bedarf gewiß keines solchen Gegengewichts seiner unendlichen Güte, besonders für eine Handlung wie diese seyn würde. Und was wäre es auch am Ende. Nur ein Verlangen, ein wenig früher bei ihm zu seyn." Ich schrie laut auf bei diesen Gedanken. Dichter und Philosophen haben es ausgesprochen, daß cS ein Schauspiel für Götter scy, einen Mann im Kampfe mit dem Unglück zu sehen, daß standhafter Muth bei Widerwärtigkeiten auch etwas Rühmliches sey, baß rin so edler, ein so großer Character sich nicht gemeinen Seelen gleich erniedrigen könne, daß der, welcher uns so ehrenvoll beherrscht habe, die Bewunderung und der Lenker der Schicksale der ganzen Welt gewesen wäre, nicht wie ein Spieler in Verzweiflung, nicht wie ein betrogner Liebhaber enden könne. Was solle denn auö denen werden, die noch an ihn glaubten, die auf ihn hofften? Sollten seine Feinde nun ganz freyes Spiel haben, und das innige Verlangen, was diese darnach laut werden lassen, ihn nicht eben zum Widerstand bestimmen? Wer kenne übrigens die Geheimnisse der Zeit, wer sey im Stande, für die Zukunft zu hasten? Was könne ein bloßer Minister-Wechsel, der Tod eines Fürsten, der eines seiner Günstlinge, eine vorübergehende Leidenschaft, der unbedeutendste Zwist für Folgen haben «. s. w. „Manches, was Sie da gesagt habe», crwiederte der Kaiser, ist nicht ohne Gehalt. Aber was können wir in jener Abgeschiedenheit thun? — Wir wollen von der Vergangenheit leben, Sire! Wir haben hinreichende Mittel dazu. Freuen wir uns nicht an dem Leben eines Cäsar, eines Alexander? Wir haben noch weit mehr. Sire! Sie werden von sich selbst lesen. „Nun wohl, sprach er, wir wollen unsre Memoiren schreiben. 2a, inan wird arbeiten müssen; Arbeit ist die Sense der Zeit. Es ist wahr, man muß seinem Schicksal folgen, das ist auch mein Haupcgrnndsatz *). Es giebt ein älteres Dokument, dein die obenerwähnten Umstände einen besonder» Werth geben, nämlich einen Tagsbcfchl des ersten Consuis an seine Garde gegen den Selbstmord. Hier ist es: Ordre vom 22. Floreal im Jahr X. Der Grenadier Gobain hat sich ans Liebe selbst den Tod gegeben! er war Übrigens ein sehr guter Mensch, Dies ist der zweite Fall Wohlan das Meinige möge ln Erfüllung gehen!" Und von diesem Augenblicke an schien er zufrieden, war selbst munter, und ging zu Gegenständen über, die mit unserer Lage nichts gemein hatten. Freitag, den 4. August. ES war in der Nacht der Befehl gekommen, daß wir bei frü« hem Morgen abfahren sollten; wir gingen deshalb unter Segel , und waren darüber nicht wenig verwundert. Aus allen Schriften, allen offiziellen Mittheilungen, aus jeder Privatunterhaltung hatten wir entnommen, daß wir aus dein Northumberland nach St. Helena gebracht werden würden; wir wußten, daß dieses Schiff sich, um noch vollständig ausgerüstet zu werden, zu Chatam oder Portsmouth befinde, konnten also auch auf ein Verweilen von acht biS zehn Tagen rechnen. Der Bcllerophon war zu alt zu einer solchen Fahrt, und nicht hinreichend mir Lebensmitteln versehen. Zudem war in diesem Augenblicke der Wind nicht günstig, um nach Et. Helena zu segeln. Unsre Ungewißheit, unsre Muthmaßungen erneuerten sich, als wir sahen, daß man Im Canal nach Osten Hinschiffe, und aus welche Art eS auch nur scyn möchte, alle glaubten doch irgend eine Minderung der Härte, nach St. Helena -eportirt zu werden, darin zu erblicken. Alle hofften jedoch auch, der Kaiser werde in diesem entscheidenden Augenblicke eine offizielle Opposition gegen diese Ecwaltthä« tigkcit zeigen. Aber er legte wenig Werth darauf, und beschäftigte sich gar nicht damit. Bei alledem, sagten wir, würde man dadurch unfern Freunden Waffen zurüsten, und der Dolksstimme Ursache zum Andenken und Beweggründe zu unsrer Vcrthcidigung lassen. Lch wagte cS, ihm eine Schrift, die ich aufzusctzcn versucht hatte, vorzulcscn. De» Sinn gefiel ihm, er strich einige Phrasen, änderte einige Worte, Unterzeichnete sie, nnd sandte sic an Lord Keith. Hier ist sie: „Protestatio». 2ch protcstire hiermit feierlich im Angesicht des Himmels und der Menschen gegen die Gewalt, die mir gesche- dieser Art, der seit einem Monat in dem Corps vorgetommeu ist. Der erste Consiit befiehlt, daß der Garde in Ordre gegeben werde: Ein Soldat muß den Schmerz und die Schwermuth der Leidenschaften zu besiege» wissen, er muß wissen, daß eben so viel wahrhafter Mutv dazu gchbrt, Scelciilcidcn mit Standhaftigkeit zu ertragen, als auf der Brustwehr einer Batterie fest zu stehen. Sich diesem Kummer ohne Widerstand hingcben, sich nmS Leben bringen, um demselben zu entgehen, heißt das Gchlach.lseid verlasst», ehe der Sieg errungen ist. hen tst, und gegen die Verletzung Meiner geheiligtsten Rechte, indem man mit Ucbcrmachc über meine Person und meine Freiheit bestimmt hat. Frei bin ich an Bord deS Bcllerophon gekommen. ; Ich bin kein Gefangner, ich bin ein Taft in England. Ich bin / selbst auf Antrieb des CapitainS dahin gekommen, der mir gesagc I! hat, wie er Befehl von der Regierung erhalten, mich auszunehmen Al und mich, wenn daS mir gefällig, mit meinem Gefolge nach Eng» si? land überzuschiffen. 2ch habe mich mit festem Verminen darge- ß stellt, und mich unter de» Schutz der englischen Gesetze begeben, k Sobald ich an Bord deS Bcllerophon war, war ich am Heerde des brittischen Volkes. Wollte mir die Regierung, als sie dem Capitain des Bcllerophon den Befehl crtheille, mich mit meinem Gefolge «ufzunehmen, nur eine Falle stellen, so hat sie die Ehre verletzt und ihre Flagge geschändet." „Vollzöge man diese That, so würden sich fortan die Engländer vergebens aus ihre Gesetzlichkeit, ihre Rechte, ihre Freiheit berufen. Mit der Gastfreundschaft des Bcllerophon sänke auch die brittische Treue unter." „2ch berufe mich auf die Geschichte. Sie wird einst erzählen, wie ein Feind, welcher 20 Jahre lang daS englische Volk bekämpfte, endlich frei zu ihm kam, um unter dessen Gesetzen einen Zufluchtsort zu suchen. Welchen stärker» Beweis von seiner Achtung, von seinem Vertrauen konnte er ihm geben? Aber wir ent- gcgnete man einer solchen Gemüthscrhabcnheit in England? Man stellte sich, alS strecke man diesen, Feinde eine gastfreundliche Hand entgegen, und alS er sich ihr auf Treu und Glauben überließ, opferte man ihn." ^ Signirt: Napoleon. An Bord deS Bcllerophon, zur Ser. Der Herzog von Rovigo sagte mir, daß der Kaiser mich zu», Prinz Regent nach London habe senden wollen, daß man eS ihm aber hartnäckig abgeschlagen habe. DaS Meer ging hoch, der Wind war heftig, wir waren meist alle seekrank. Aber was vermag nicht dir Macht deS geistigen PrincipS über körperliche Schwächen! Jetzt war ich zum erstenmal ! bei ähnlichem Wetter cö nicht auch. ! Als wir von Plymouth segelten, steuerten wir Anfangs nach l -Osten mit gutem Winde, aber bald legten wir bei, lavircen an den Ufern hin, kreuzccn, und wir alle begriffen von dieser neuen Art Marter nicht das geringste. Sonnabend, am 5. August. Der ganze 5. August ward auf dieselbe Art zugebracht. Der Kaiser gab mir bei seiner gewöhnlichen Abenduncerhalkung zwei große Beweise seines Vertrauens. Ich kann sie dem. Papiere nicht wieder anvertraue» *). -) Doch den Einen darf Ich nun erzählen: Als der Kaiser um di« gewöhnliche Stunde niit mir auf der Schiffsgallcrie spazieren ging, zog er, indem er von einem ganz fremden Gegenstände sprach, auf einmal unter seiner Weste eine Art von Gürtel hervor, den er mir mit Len Worte» cinhäudigtc: „Heben Sic mir dieses auf." Ohne Um weiter zu unterbrechen, schob ich den Gürtel eben so unter mein Gilet. Später sagte er mir, Laß dieses ein Halsband von 200,000 Franks an Werth scy, das ihm die Königin Hortensia bei seiner Abreise von Malmaisott «usgedrungcn habe. Als wir nach St. Helena gekommen waren, sprach ich öfters davon, ihm dieses Halsband wieder zuzustcllcn, ohne je auch nur die mindeste Antwort erhalten zu können. Zu Lvngwvod wagte ich es mehrmals. Er ergegnete mir trocken: „Genirt es Sie?" — Mi,, Sire. — „Nun denn, so dchalten Sie es." Mit der Zeit gehörte dieses Halsband, das ich stets bei mir unter meinem FlaneUwestchcn trug, und es nie ablegte» gewissermaaßen mit zu meiner Persönlichkeit. Ich dachte nicht mehr Laran, — dergestalt, daß erst mehrere Tage, nachdem mau mich von Longwood wegqcrisftn hatte, mir eS plötzlich und nur durch einen Zufall wieder cinsicl. Jetzt schauderte mich, — de» Kaiser sollte ich verlassen, und ihn dabei einer solchen Hülse in der Noth berauben! — Aber wie eS ihm wieder zustellc»? mir war das strengste Geheimnis« aufcrlegt, ich war von Aufpassern und Schildwache» umgeben, jede Mittheilung ganz mnnöglich. Vergebens marterte ich mich, die Zeit verging, nur wenig Tage waren noch übrig, und hätte ich so abreisen müssen, wäre ich verzweifelt. In dieser Lage mußte ich für Alles, Alles wagen. Ein Engländer, mit dem ich schon oft gesprochen hatte, kam Lurch einen besonder» Zufall i» meine Nähe. Ich war so kühn, >»l Angesicht des Gouverneurs oder eines seiner vertrautesten Agenten, Len er mitgcbracht hatte, ihn, heimlich zuzuflüstern: „Ich halte sie für einen edlen Mann, und werde sie auf die Probe stellen. Was ich will, ist jedoch weder Schaden bringend, »och ihrer Ehre nachtheilig — es kömmt nur darauf an, Napoleon ein Kleinod wieder zuzustcllcn. Wenn sie cs wollen, so wird mein Sohn es gleich in ihre Tasche stecken." Statt aller Antwort ging er langsamer; mein Sohn war hinter uns. Ich hatte ihn vorher unterrichtet, was er zu tbu» habe, und das Halsband vo» zweimal hundert tausend Franken an Werth schlüpfte vor den Augen der Wächter in des Engländers Tasche. Noch vor meiner Abreise von der Insel hatte ich das unauksvrcchliche Vergnügen, z» erfahren, daß cs richtig in die Hände des Kaisers gekommen sei. Aci>, welches heiße Gefühl dnrchdringt das Herz bei der Erinnerung und der Erzählung eines solchen Zuges von Seilen eines Feindes und unter diese» Verhältnissen. Sonntag, ain 6. August. Gegen Mittag ginge» wir zu Starc-Bay vor Anker. Man ist dort nicht in Sicherheit, und gicichmohl waren bis Torbay, w» s man sehr gut .ist, nur noch zwei Schritte. Zudem hatten wir er» fahren, vast wir dem Northumberland, dessen Auslaufen von Portsmouth nach Möglichkeit beschleunigt worden war, cntaeaengchen sollten. Dieses Schiff erschien nun wirklich nebst zwei Fregatten, welche die Truppen führten, die zu der Garnison von St. Helena f bestimmt waren. Sic warfen in unsrer Nähe Anker, und die ^ Comniunication wurde lebhaft nncer ihnen. Die Vorsicht, daß niemand zu unS an Bord kommen sollte, dauerte jedoch fort. indessen war der geheime Grund unscrS eiligen AbsegelnS von Plymouth und aller Manüuverö, die hierauf statt gefunden hatten, doch einigermaßen laut geworden. Man hatte nämlich, wie man uuS sagte, den Admiral Keith durch den Telegraphen benachrichti- i gct, daß ein öffentlicher Beamter von London abgcreist sei, um, nach Maßgabe der Habens-Corpus-Acte, die Person des Kaisers ! im Namen des Gesetzes oder eines Tribunals zu rcclamiren. l Wir haben jedoch niemals weder über die Bcwegunasaründe ! hierzu, noch über die nähern Umstände etwas Auvcrläßiges cr- l fahren. Lord Keith, wollte man ferner wissen, habe kaum Zeit ) gehabt, dieser Verlegenheit zu ^entkommen, sich daher schnell von seinem Schiffe auf eine Brig begeben, und bei Hellem Tage von der Rhede zu Plymouch verschwinden müssen. Eben diese Ursache hielt uns von Torbay entfernt. Die Admirals Keith und Cockburn kamen an Bord des Bel- lerophoii. Der letztere von ihnen commandirt den Northumberland, ^ sie haben den Kaiser gesprochen, und ihm einen Auszug ihrer 2n- f struccion in Betreff unsrer Deportation nach St. Helena, und l unsers Aufenthalts daselbst eingehändigct. Sic brachten zugleich die Nachricht, daß man morgen alle unsre Sachen durchsuche» ^ werde, und zwar, wie man sagte, um die dem Kaiser sowohl als uns angchörcndcn Gelder, Wechsel und Diamanten in Verwahrung zu nehmen. Wir erfuhren ferner, daß man uns morgen unsre Waffen wcgnchmcn, und uns an Bord des Northumberland brin- ! gen würde. Hier folgen die erwähnten Schriften: Drdre des Admiral Keith an Maitland, Capital» des Bcllcrophon. Den Franzosen, welche sich auf dem Schiffe beffndcn, das Sie ! kvmmandircn, werden, von welchem Range sic auch scyn mögen, i alle und jede Waffen abgenommcn, —- sorgfältig zvsammcngelegt, und bleiben, so !angr jene sich auf dem Bcstcrsphoii beflnden, in Ihrer Verwahrung, — dann «der werden sie dem Capieain desjenigen Schiffes übergeben, auf welches inan dieselben bringen wird. Scarc-Bay, .vom 6. August 18l5. Instruction der Minister für den Admiral Cockburn. Sobald der General Bonapartc von dem Veilcrophon an Bord des Norrhumberland kömmt, wird der Admiral Sir G. Cockbum auf schickliche Weise, unter seiner Aufsicht die Durchsuchung der Effekten vornehmen lassen können, welche der General bei sich ha. den möchte. Der Admiral Sie G. Cockburn wird dabei die Mobilien, die Bücher, die Weine, die der General mir sich führen dürste, passi- ren lassen. (Die Weine! eine Bemerkung, die der englischen Minister würdig ist!) Unter den Artikel Mobilien versteht man auch Silberzeug, und nickt in solcher Menge, daß eS weniger für zum häuslichen Gebrauch nothwcndigcS Gcrath als für ein Eigenchum anzuschcu wäre, das man inS Geld sehen könnte. Er muß sich von seinen Geldern, seinen Diamanten und allen verkäuflichen Papieren, von welcher Art sie seyn mögen, trennen. Der Gouverneur wird ihm erklären, daß daS brittischc Gouvernement keineswegs die Absicht habe, sein Eigenthum zu confiöciren, sondern nur die Verwaltung desselben zu übernehmen, um z» verhindern, daß cs nicht ein Mittel zu seinem Entkommen werden könne. Die Untersuchung soll in Gegenwart einiger von dem General Bonaparte z» benennender Personen vorgcnommcn, und ein Verzeichnt der Sachen sowohl von dieser Person, alS von dem Eon- rrc-Admiral oder von jedem andern Individuo, das derselbe, um der Inventur beizuwohnen, bestimmen wird, niit unterschrieben werden. Die Interessen sowohl als der Hauptstamm, so hoch sich nun die Summe beläuft, werden zu seinem Bedürsniß verwendet, und die nähere Bestimmung ihm vorzugsweise überlassen. Er wird deshalb sein Bedürsniß von Zeit zu Zeit jetzt an den Admiral und künftig an den Gouverneur, wenn letzterer angekommen ist, zu erkennen geben, und sobald dieser nicht Ursache hat, etwas dagegen einzuwenden, so werden die nöthigcn OrdreS erthcilt werden, den Aufwand, mittelst aus den Schatz Sr. Majestät gezogener Wechsel, zu bestreiten. Im Fall des AbstcrbcnS (welche Voraussicht?) wird die Disposition über das Vermögen dcS Generals durch sein Testament bestimmt seyn. Der Inhalt desselben, darauf kann er sicher rech- iicn, soll Mau befolgt werde». Da eS wohl geschehe» könnte, daß man einen Theil seines EigenchumS als Personen seines Ge» seigs zugehörig angeben wollte, so ist cs damit auf gleiche Weise szu halten. ! Der Admiral wird niemand von dem Gcsolg des General Bo« l napartc nach St. Helena mit an Bord nehmen, alS mit voller h Zustimmung der fraglichen Person, und nur erst dann, wenn der» 1 selben angedcutcc worden ist, daß sie sich alle» Vorschriften unrer» ! werfen müße, die man für angemessen halten möchte, um sich der Person des Generals zu versichern. Man muß dem General zu wissen thun, daß, wenn er versuchen sollte, zu entkommen, er sich auösetzcn würde, in ein Gefängniß gebracht zu werden, und eben so' jeder seines GefolgS, von dem man Entdecke, daß er ihm bei seiner Flucht habe förderlich seyn wollen. (Später» hin bestimmt eine Bill deS Parlaments für letztere ' die Todesstrafe.) 2 Alle an ihn oder an Personen seines Gefolges gerichtete Briefe werden sogleich an den Admiral oder den Gouverneur abgegeben. ! Dieser wird sie lesen, che er sie weiter befördert; das Gleiche soll - bei denjenigen Briefen statt finden, welche der General oder jemand von seinem Gefolge schreibt. ^ Der General ist davon zu unterrichten, daß der Gouverneur > oder der Admiral den ausdrücklichen Befehl haben, jedes Vcrlan« j gen und jede Vorstellung, die er zu thun für gut finden möchte, - an das Gouvernement Sr. Majestät zu übersenden. ES ist hierbei i nichts ihrem Ermessen überlassen, aber das Papier, worauf die j Vorstellungen niedergeschriebm werden, muß offen bleiben, damit ^ jene die Bemerkungen hinzufügen können, die sie für angemessen j halten. ! ES ist unmöglich, sich unsre Gefühle in diesem entscheidenden ! Augenblicke, wo sich Gewalt, Ungerechtigkeit und Beleidigung zu ; Massen häuften, vorzustellen. i Der Kaiser, welcher gezwungen war, sein Gefolg auf drei ! Personen zu beschränken, wählte hierzu den Großmarschall, mich und den Herrn von Moncholon. Gourgaud, der in Verzweiflung war, daß er Zurückbleiben sollte, unterhandelte dcsfallS, und eS gelang. Die 2nstrnccionen gestarteten nämlich dem Kaiser, mir k drei Offiziers micziinchmcn. Man kam überein, daß ich als bloßer ? biviiist betrachtet, werden solle, und daß mit Hülfe dieser Auslegung ein Vierter zugciasscn werden könne. Montag den 7. August. Der Kaiser richtet nochmals eine Art von Protcstation an kost Keith, in Betreff der Gewalt, womit man ihn von dein Beller», phon wcggebracht habe. Ich bringe sic an den Bord des Tonnam. Der Admiral Kelch, ein sehr schöner alter Mann, von einer überaus anständigen Haltung, nimmt mich mit der größten H»s. lichkeit auf, vermeidet aber sorgfältig, über den Gegenstand M mir zu sprechen, indem er äußert, daß er schriftlich antworten werde. Das hinderte mich jedoch nicht, ihm den gegenwärtigen Z». stand des Kaisers vorzustellen. Er war sehr leidend, seine Füße schwollen, und ich versicherte Lord Kelch, daß eS für den Kaiser sehr wünschenswert!) sei, nicht sofort wieder eingeschifft zu werden. Er antwortete mir, ich sei ja selbst Seemann gewesen, und müßte wohl sehen, daß sein Anker-Grund bedenklich sei, — was ich freilich nicht verneinen konnte. Ich sagte ihm ferner, wie höchst unangenehm eS dem Kaiser wäre, seine Sachen durchwühlen und untersuchen zu lassen, ivaS ihm angekündigc worden sei, und versicherte dabei, daß er sie lieber würde ins Meer werfen sehen. Er erwiederte, cs sei das ein Befehl, den man ihm ertheilc habe, und dem er genau Nachkommen müße. Endlich fragte ich, ob man denn wirklich so weit gehen würde, ft dem Kaiser seinen Degen zu nehmen. Er ergegnctc, daß man ft denselben respecciren werde, daß aber hierbei Napoleon der einzige j sei, und alle übrige entwaffnet werden müßten. Ich zeigte ihm, - daß ich es schon sei, denn man hatte mir meinen Degen abgc- ' nommen, als ich zu ihm an Bord gehen wollte. i Ein Secretair, der auf der Seite arbeitete, bemerkte dem Lord s Keith auf Englisch, daß nach Inhalt des Befehls Napoleon auch s selbst entwaffnet werden solle. Der Admiral antwortete ihm jedoch s ganz kurz wiederum auf Englisch und sagte, so viel ich davon i «erstehen konnte: „Machen Sic doch ihre Arbeit, imd stören Sic : uns nicht bei unfern Geschäften. Ich fuhr noch immer fort, und erzählte ihm dabei die ganze . Behandlung, die wir erlitten hatten. Ich sagte ihm, daß ich mit : ^ dem Unterhandeln beauftragt gewesen wäre, daß es mich also am U mehresten schmerzen müsse, und daß ich sonach >vor allen Andern ft ein Recht hätte, mich zu beklagen. Lord Keith hörte mich mit ft merklicher Ungeduld an. Wir standen, und er verbeugte sich in ft jedem Augenblick, um mich sorczuschickcu. AlS ich darauf kam, ft ihm zu sagen, daß der Eapitain Waitland geäußert habe, wie er ft 4S ^beauftragt sei, uns nach England überzuführen, jedoch ohne unS das mindeste merken zu lassen, daß er unS alS KriegSgcfangne behandeln würde, daß dieser Capitain wohl nicht laugnen werde, daß wir frei und auf Treu und Glauben zu ihm gekommen wären, daß der Brief des Kaisers an den Prinzen von Walles, wovon ich den» Capitain Maitland zuvor Kenntniß. gegeben hätte, nsthwendigcr 'Weise stillschweigende Bedingungen habe Hervorbringen müssen, da scr ihn ohne Bemerkung gelassen hätte — da konnte er seinen ^Verdruß, selbst seinen Zorn nicht länger zähmen. Er sagte mir auf sehr lebhafte Weise, daß der Capitain Maitland sonach sehr dumm gewesen seyn müßte, indem seine Instruktionen ganz anders Bautet hätten, was er, der Admiral, wohl wissen müsse, da er sie ihm selbst ertheilt habe. „Aber Milord, sagte ick, um den Capital» Maitland zu vcrcheidigcn, Ew. Herrlichkeit drücken sich hierüber mit einer Härte aus, wofür sie vielleicht selbst verantwortlich werden könnten; denn nicht allein der Capitain Maitland, sondern auch der Admiral Hotham und alle Offiziere, die wir damals sa- f'hcn, haben sich auf gleiche Weise benommen, selbst auf gleiche Weise mit uns gesprochen. Hätte das wohl der Fall seyn können, Man ihre Instruktionen so deutlich und bestimmt gewesen wären." ^2ch hatte so meinem Herzen Lust gemacht und er hatte nicht Luft, ^das Gespräch von einer Sache fortzusctzen, worüber er mit seinem Gewissen wohl nicht ganz im Reinen seyn mochte. Ein Douanenoffizicr und der Admiral Cockhurn besorgten die Untersuchung der Effekten des Kaisers. Sic nahmen vier tau- ^scad Napoleond'orö an sich und ließen ihm fünfzehnhundert zu Bezahlung seiner Leute. Das war der ganze Schatz des Kaisers. i;Nur der Kammerdiener Sr. Majestät (Marchand) wohnte, für die - Eegenparthci, der Verhandlung bei. Es schien das besonders dem l Admiral Cockburn höchst empfindlich zu seyn; keiner von uns, obschon wir dazu rcguirirt wurden, wollte als Zeuge bei einem Akt gegenwärtig seyn, den wir zu gleicher Zeit für beleidigend und schlecht hielten. Inzwischen war der Augenblick, den Bellerophon zu verlassen, herangcnahct. Der Kaiser hatte sich lange mit dem Großmarschall cingeschlos- sen und wir befanden uns im anstoßenden Zimmer. Iezt ösnet sich die Thüre; der Herzog von Rovigo wirft sich in Thränen und schluchzend zu den Füßen des Kaisers und küßt ihm die Hände. Der Kaiser umarmt ihn ruhig und gelassen und geht nach den Schiffsboot. Er grüßt auf seinem Wege jeden, den er trist, mit huldvoller Kopfverbeugung. Alle die llnscrn, welche wir «urückließen, weinten und ich konnre mich nicht enthalten, dem Lord Keith, mit dem ich eben sprach, zu sagen: „Sie sehen, Mylord, daß hier nur die meinen, die zurück bleiben." Gegen I oder 2 Ihr kamen wir auf dem Norlhumbcrland a„. Der Kaiser blieb auf dem Verdeck uud sprach gern und zutraulich mir den Engländern, die sich ihm näherten. Lord Lowthcr und ein Herr Litieton untcrhietten sich lange übcr Politik und Staatsverwaltung mit ihm. Ich habe nichts davon gehört. Es schien als ob der Kaiser wünsche, daß wir ihn alicki lasse» möchten und ich wandte diese Zeit an, um meiner-Frau und meinen Freunden das letzte Lebewohl zu sagen. Ich war sehr er- müdet und sehr krank. In dem Augenblicke deS EiuschisscnS übersegcltc ein Kutter, der daS Schiff umstreifte, um die Neugierigen zu entfernen, ein Boot, das mit Schaulustigen angesüllt war. Ihr böser Stern harre sie sehr weit her gebracht, um hier unglücklich zu ftyir. Zwei Weiber, sagte man mir, waren dabei umgckommen. So ft. gelten wir denn endlich, 13 Tage nach unsrer Ankunft zu Plymouth und 40 nach unsrer Abreise von Paris, nach St. Helena ab. Diejenigen von uns, welche der Kaiser nicht Mitnehmer, kau», sind die lehren, die das Schiff verlassen. Sic nehmen die Beweist der Zufriedenheit und deS Bedauerns mir sich. Es wurden bei dieser letzten äußerst rührenden Abschiedsseeue noch viele Thräiic» vergossen. Gegen 7 Uhr begab sich der Kaiser in das ihm angewiesene Zimmer. Die englischen Minister hatten ck> sehr getadelt, daß man den Kaiser auf dem Bellcrophon mit so vieler Achtung behandelt habe, und nunmehr hierüber Befehle erthcilt, in deren Folge man auch wirklich auf dem Northumbcrland in Ausdruck und Manieren ein ganz entgegengesetztes Betragen annahm. Man beeilte sich besonders auf lächerliche Weise ihm gegenüber den Hut aufzusetzen und hatte streng verlangt, ihn nicht anders als General zu benennen, so wie überhaupt ihn nach dem gemäß zu behandeln. DaS war der witzige Ausweg, der glückliche Einfall, welchen die Diplomatik der englischen Minister gefunden hattet daS war der Titel, den sie denjenigen bcizulegcn für gut fanden, welchen sie alS ersten Consul anerkannt, so oft selbst Chef deS französischen Gouvernements genannt, mit dem sie zur Zeit dcö Lord Laudcrdale zu Paris als Kaiser unterhandelt, vielleicht selbst zu Chatiilon Artikel unterzeichnet hatten. Auch entfielen dem Kaiser, in einem verdrüßlichcn Augenblicke, die allerdings sehr energischen Worte: „Mögen sie mich doch nennen, wie sic wollen, sie können mich doch nicht hindern, ich zu scyn.- In der Thal war t§ Ivohl sehr auffallend und höchst lächerlich, wahrnehmen zu müs- scn, daß die englischen Minister eine große Wichtigkeit darein leg- ,kn, denjenigen nur General zu heißen, der über ganz Europa geherrscht und dort sieden oder acht Könige ernannt hatte, welche z,mi Theil diesen von ihm erchciltcn Ticcl noch tragen, der länger als zehen Jahre Kaiser der Franzosen gewesen und a!S solcher durch daS Oberhaupt der Christenheit geweihct und gesalbt worden war; den daö französische Volk zu zwei bis dreienmalcn zu seinem Beherrscher erwählt; den der ganze Contincnt von Europa als Kaiser anerkannt, der alS solcher mit allen SouverainS uncerhandel!, mit ihnen Bündnisse der Blutsverwandschaft und des Staats- Interesse abgeschlossen hatte. Er vereinigte sonach in seiner Person die Gcsammthcit der religiösen, bürgerlichen und politischen Ticel, die unter den Menschen bestehen und welche — was eben so sonderbar alS wahr ist — wohl kein regierender Fürst in Europa in gleicher Verbindung von dem ersten Begründer seiner Dynastie darzuthun im Stande senn möchte. Don dieser Zeit an, da man darauf bcbarrte. Ihm seine rcchtmasigen Titel streitig zu machen, dachte der Kaiser nicht mehr daran, unter den Namen eines Obersten Düroc oder Muiron, ein Inkognito anzunehmcn, was er früher zn thun Willens war. Dienstag, am 8. Mittwoch, am 9. August. DaS Schiff war in der größten Unordnung mir Menschen und Sachen überfüllt und unsre Abfahrt so eilig erfolgt, daß fast nicht» a,n Bord an seinem Platze sich befand; man arbeitete noch unter "Segel immerwährend an der Ausrüstung deS Schiffes. Hier möge nun die genaue Beschreibung desjenigen TheilS des Schiffes folgen, welchen wir einnahmcn. Der Raum von dem Hineermast an enthielt zwei gemeinschaftliche Behältnisse und zwei besondere Zimmer. Das erstcre war der Spciscsaal, ohngefähr zehn Fuß breit und eben so lang alS das Schiff und an den beiden Enden durch eine Srückpforrc, so wie von oben durch Glasscheiben erleuchtet. Der Salon nahm den übrigen Raum ein, den zwei gleichförmige Zimmer rechts und links, jedes mit einem AuSgange nach dem Spcisesaalc und einem andern nach dem Salon, beschrankten. Der Kaiser nahm das zur Linken ein; dort hatte man sein Feldbette aufgeschlagcn. Das Zimmer zur Rechten bewohnte der Admiral. Es war streng verlangt worden, daß der Salon gemeinschaftlich bleiben müsse und nicht etwa dem Kaiser insbesondere überlassen werden solle. Die Minister hatten die Sorgfalt so weit getrieben, sich um eine so erbärmliche Nachgiebigkeit im Voraus r» ängstigen. 42 Die Speisetafcl richrece sich noch der Form des SaalS. Der Kaiser saß >nit dem Rücken nach dem Salon und sah nach dcr Länge des Schiffs; links neben ihm saß Madame Bcrtrand, rechts dcr Admiral und wieder rechts neben diesem Madame Montholon. Nun wendete sich der Tisch; auf der schmalen Seite war der Schiffscommandant (Capitain Roß), ihm gegenüber, am entgegengesetzten Ende, Herr von Montholon, neben ihm Madame Bcrtrand, dann kam dcr Schiffssccrctair. Die Seite, dem Kaiser gegenüber, war folgendcrmaasen besetzt. An den Commandancen des Schiffs schloß sich dcr Großmarschall an, dann kam der General, dcr -Oberste des 53stcn Regiments, ich und der Baron Gourgand. Der Admiral bat täglich einen oder zwei Offiziere zur Tafel, wel- che in der Mitte zwischen uns eingcschobcn wurden. Ich war fast dem Kaiser gerade über. Die Musik des 53sten Regiments, die erst kürzlich neu geworben war, übte sich während der Mahlzeit ans unsre Kosten. Wir hatten ein doppeltes Tafelscrvice, aber cS fehlte an Lebensmitteln und außerdem war auch unser Geschmack von dem unsrer Wirthe sehr verschieden. Sie chatcn was sie konnten, das ist wahr; aber dennoch durften wir nicht zu große Ansprüche machen. Ich wohnte mit meinem Sohne am Steuerbord, dem großen Mast quer über, in einem kleinen Behältnisse aus Leinwand geformt, worinnen eine Kanone stand. Wir segelten, so gutes unS der Wind erlaubte, um auS dem Kanal zu kommen, an Englands Küsten hin, wo wir aus jedem Hafen Lebensmittel holen ließen, um daS Bedürfniß deS Schiffs zu vervollständigen. Vieles bekamen wir auS Plymouth, von wo aus mehrere Fahrzeuge zu uns kamen, eben so ging cS bei Falmouth. Donnerstag, am 10. August. Am loten hatten wir den Kanal gänzlich verlassen und verloren nun das Land aus dem Gesicht. Hier begann unser neues Loos! Dieser Augenblick machte mir noch einmal das Her; sehr weich. Verschiedene Gegenstände wirkten mit ganzer Macht auf mich ein. Es gab mir eine Art von Beruhigung, mich selbst zu quälen! „O ihr, die ich stets liebte, die auch mich wie ihr Leben schätzten, meine innigen Freunde! meine thcuern Lieben! ich bin eurer noch würdig, bleibt auch meiner werch und vcrgcßt mich nie!" Inzwischen setzten wir unsre Reise fort und bald sollten wir außerhalb Europa seyn. Der Kaiser hatte also in weniger als sechs Wochen seinem Tyron entsagt, sich in die Hände der Engländer überliefert und ward nun aus einen Felsen mitten in den weiten Weltmeer geworfen. Gewiß, daS ist kein gewöhnlicher Maavstab, 49 W darnach den Wechsel deS Glücks und die Kraft der Seele zu 4 imsscn! Auf jeden Fall wird die Geschichte besser alS wir diese !' drci großen Begebenheiten beurthcilen können. Dann wird der i Horizont sich erhellt haben, wir sind ja jezt ganz in trübe Wolken gehüllt, u Kaum hatte Napoleon dem Throne entsagt, als, bei dem Er- ^ scheinen des für das Vaterland hierauf folgenden Unglücks, man ihm j ! rlnen Vorwurf auö diesem großen -Opfer machte. Eben so hat ^ man seine Eroßmuth getadelt, womit er sich in Plymouth zum U Eesangenen machen, und selbst, daß er sich nach St. Helena sortis bringen ließ, wagt man, ihm alö ein Verbrechen anzurcchnen. So s sind die Menschen! Sie urtheilen nur immer nach dem, was sie - in, Augenblick sehen. Aber man sollte neben denjenigen Uebeln, - Kelche ein gefaßter Beschluß nicht verhindern konnte, auch jederzeit ; alle die andern erblicken, welche das Gegentheil dieses Beschlusses - hcrbelgeführt haben würde. Als Napoleon auf die Krone verzichtete, vereinte er alle Freunde , des Vaterlandes für einen und denselben Punkt, für dessen Ret« ! tuiy! Das Frankreich, welches er verlassen hatte, forderte von s allen andern Nationen nun nichts weiter, als die heiligen Rechte und ^ die Unabhängigkeit der Völker. Er hatte nun den Verbündeten jeden Vorwand genommen, dessen Gebier zu verwüsten und zu zerstückeln. So hat er jede Idee an persönlichem Ergeize zerstört, ^ ft hat er als Held eine Sache nufgegcbcn, deren Messias i er bleibt. Wenn nian von seinem Genie und seinen Kräften nicht den Dortheil gezogen hat, den man als Bürger davon er- s Karten konnte, so liegt die Schuld einzig in der Ungeschicklichkeit i oder den Derrath der Zwischcnregierung, welche ihm folgte. Sollte s er wohl, als er nach Rochefort kam und der Fregattencapitain das d Auslaufen verweigerte, die Früchte seiner Throncntsetzung aufgeben? Sollte er in das Znuere des Reichs zurückkehren, sich an die Spitze einzelner Banden stellen, nachdem er auf Heere verzichtet hatte? Sollte er wie ein Verzweifelter die Flammen eines fruchtlosen Bür- i gerkrieges nähren, der nur dazu dienen konnte, die letzten Hülfs- ! mittel und Hofnungen des Vaterlandes zu verlieren? Bei diesem Zustand der Dinge faßte er den großherzigen Entschluß — der sei- i ms Lebens würdig ist und zwanzigjährige auf lächerliche Weise zu- i fammengesuchte Verläumdungen seines Charakters- widerlegt. Aber - was wird die Geschichte von den Ministern eines freisinnigen Vol- ! kes sagen, welche stets bereit sind Coriolane bei sich aufzunehmen ^ «nd nur Ketten für einen Camillns haben? ! Auf den Vorwurf, den man ihm daraus macht, daß er sich ^ nach St. Helena deporciren ließ, wäre es eine Schande noch erst M antworten. Sich Mann gegen Mann in einem Schiffsräume zu i ° 4 veriheidigen, einen oder den andern mik eigner Hand niederzuhaucn, einen Versuch zu machen, das Schiff in die Luft zu sprengen, wäre allenfalls die Sache eines Flibustiers. Würden im Unglück zu behaupten, der Nschwendigkeit nachzugeben, ist auch ein Ruhm. ES ist der Ruhm großer Seelen, über welche das Unglück hereinstürmt. Sobald die englischen Minister Napoleon in ihrer Gewalt hatten, beherrschet Leidenschaft sie im höhcrn Grade, als Gerechtigkeit und Politik. Sie übersahen den Triumph ihrer Gesetze, verkannten die Rechte der Gastfreundschaft, vergaßen ihre eigne Ehre und i setzten die ihres Reichs aufs Spiel. Dem gemäß beschlossen sie, j ihren Gast hinaus auf das weite Weltmeer zu verweisen, ihn gefangen zwei rausend Stunden von Europa, von dem Anblicke ? menschlicher Wesen und der Gemeinschaft mit ihnen entfernt, auf einem Felsen sestzuhalten. Man könnte vielleicht sagen, sie hätten dem Peinlichen eines Exils, den Beschwerden der Reise, den Entbehrungen jeder Art und dem tödtlichen Einflüsse eines brennende» Himmels diejenige Zerstörung überlassen wollen, welche sie nicht selbst zu unternehmen wagten. Auf jeden Fall reizten die öffentlichen Blätter, um doch einigermaasen die Wünsche dcS Volks mit dem Drange der Umstande in Einklang zu bringen, jener Verlangen gemäß, die Leidenschaften der Menge gegen ihn dadurch auf, daß sie die schmutzigsten Vcrläumdungcn und Lügen wiedcrkäueten, Indessen sic, die Minister, ihrerseits erklärten, daß ihr Beschluß nur eine Folge der gegen die Alliirten übernommenen Verbindlichkeit sei. Letzt zeigten wir unS nun, in diesem Momente der Erhitzung, wo man alles ausregte, was unS nur verhaßt machen konnte. Die Zeitungen waren mit den boshaftesten Deklamationen angesüllt; Alles, was in einem zwanzigjährigen Streite den Nationalstolz verwunden und Erbitterung Hervorbringen konnte, jeder Akt, jede Schrift die« ^ ser Art wurde boshafterweise wieder zum Vorschein gebracht. Indessen mußte uns, schon während unserS Aufenthalts zu Plymouth, j als ganz England, um uns zu sehen, sich nach den Süden hin- ! stürzte, das Benehmen und die Aeußerung des Gefühls derer, welche zu uns gelangten, überzeugen, daß diese erkünstelte Aufhetz- j ung in sich selbst zerfallen werde, und wir durften, bei unsrer Abreise, der Hofnung Raum geben, daß das englische Volk, bei täglich zunehmender Gleichgültigkeit für eine Sache, welche nicht mehr ! die seinige war, mit der Zeit seine Meinung andern und sich gegen die Minister wenden werde, und wir ihnen so für die Folgezeit einen furchtbaren Angriff und eine große Verantwortung vorbereiteten. Und was könnte man wohl einem Mitgliede des brittischen Senats antworten, wenn eS unter den gegenwärtigen Umständen sich erhöbe und folgendermaasen spräche: i 21 , — „Unsre Angelegenheiten sind mi; großem Erfolg gekrönt wer- , de,,. Dos Schicksal hat den unversöhnlichsten, den standhaftesten l Feind, den wir bisher hatten, in unsre Macht gegeben. ES lag I das Loos des Beherrschers und des Volkes von Frankreich in un- ft fern Händen. Dir konnten der Zukunft gebieten, oder wenigstens l auf lange Zeit jedes ungünstige Ereigniß in Fesseln schlagen. -Ohne l Zweifel werden unsre Minister von so großen Vortheilen Gewinn ^ gezogen, unsre Dorthcile, unser Glück, unfern Ruhm gesichert ha» j den? Gewiß ist uns die Gewähr eines dauerhaften Friedens, un» t scrs vorzüglichsten Wunsches, unsers ersten Bedürfnisses, verschaffe, - und in Europa jene unruhige Bewegung, jene Neigung zum Krie» ! ge, welche alle Volker unter den Waffen hält, nunmehr ersticke worden? ! Ohne Zweifel haben sie jenes politische Gleichgewicht, welches den r Revolutionen entgegcngewirkt und die Kriege schnell beendet, aufS , neue geheiligt, unser» Volkssinn immer mehr und mehr befestigt, i das Wohlwollen und die Liebe der europäischen Völker, - als den ft Prciß unsrer Anstrengung für ihr Bestes, erlangt, durch ihre Maas» ft regeln die Vortrefflichkcit, den hohen Vorzug unserer Einrichtungen und Gesetze recht anschaulich gemacht? Aber ach! auf alle diese Fragen höre ich nur ein vielfaches nein! nein! nein! Ganz im Gegentheil sagt man mir, Europa war noch niemals mehr in Flammen. Sein Friede ist nur ein Waffenstillstand. Jede Macht mehrt die Zahl ihrer Krieger; das politische Gleichgewicht ist ganz» ^ lich zerstört, . vernichtet sind durch uns bei unser,, Nachbarn die ! Grundsätze, welche die heilige Basis unserer politischen Lehren bil» - den, eine allgemeine Eifersucht gegen uns hat sich des ganzen Con» ! tinentS bemächtigt und unsre bürgerlichen Gesetze sind in dem ^ Grade verletzt, daß ein unauslöschlicher Schimpf auf unsrem Lande ft hastet." f „Unsre Minister werden sich vielleicht geschmeichelt suhlen, in« z dem sie, statt aller Antwort, auf die Vernichtung jener Macht, un» ! strer Nebenbuhlerin, hinzeigen. Aber worinnen besteht denn hier« ! bei unser Dorthcil? Zst ihre gehörig berechnete Existenz nicht nothwendig für unser» Ruhm und unsre Dauer? 2a, ich gehöre ! zu denen, die unsre Ausartung besorgen würden, wenn wir, bei ^ einem allzugroßcn Wohlbehagen, ohne Controle bleiben sollten, i 2ch behaupte selbst, diese Nebenbuhlerin kann unö als Verbünde« . te oder als ein Gegengewicht wesentlich nothwendig werden. ES ft wäre eine Thorheit ohne Gleichen, wenn wir glauben wollten, ft daß nach Beendigung dieser großen Fehde, die so natürliche Eifer» ft sucht der Continentalmächte auf unser, ihrem Znteresse so nachthei» ^ lige Uibergewicht zur See, nicht aufs neue erwachen werde. Sie misten, durch jene wohlgemeinte Vereinigung mit uns, nur eine dringende Gefahr von sich abwehren. Unfehlbar werden gar bald die Dinge aufs neue sich verwickeln und, wenn dann jene lluiver- salmonarchic, die uns so gefährlich zu werden drohte und die wir jczt, da sie von Süden nach Norden hin sich erhob, zu Boden geschlagen haben, nun von Norden gen Süden hin sich walzend, uns abermals bedrohte, welche Hülfsguellcn würden sich uns dann öf- » ncn? Wie groß war also unsre Verblendung, Frankreich in diesem k Grade zu vernichten, daß wir ihm eine Regierung aufdrangen, D welche unsre Armeen vertheidigen und bewachen müssen? Zu wcl- R chem Zweck haben wir uns die Individuelle Feindschaft seiner unge- U heuren Bevölkerung zugezogen? Wenn die Schwächung, oder gar I die Zerstörung Frankreichs in unserm Interesse lag, so mußte sie » erfolgen. Wenn die bürgerliche Moral dies Unternehmen verdamm- « ke, so hätte dagegen die Politik die Vergebung dieser Sünde aus- « gesprochen, oder man hätte sie frcimüthig bekennen müssen. Die Nationen wie die Individuen wissen sich der Nothwcndigkeit zu ! unterwerfend Wenn man den Uiberwundenen gerade hcraussagt, ^ daß man von dem Rechte des Siegers Gebrauch mache, so beruhigt sich ihr Stolz bei dem Gedanken an die Unbeständigkeit dcS Glücks; aber ihr Herz erfüllt sich mit Wuth und mir Talle, wenn man mit der Sprache der Falschheit, der Heuchelei und des Betrugs sie plündert: dann vereint man die Gewalt mit der Bcleidi- , gung. Wozu also sagen, man habe nur das Glück der Franzosen gewollt, wenn man sic dann mir Contributioncn zu Boden drückt? Warum behaupten, man habe nur die Absicht, sie von der Tyran- ^ nei zu befreien, wenn sie dann unerträglichere Uebel erdulden müs- > sen; den Krieg nur gegen einen einzigen Mann führen, und doch die ganze Nation mit Füßen treten; ihnen ihre Festungen nehmen und sie der Trophäen berauben, die ihr ihre Siege eingcbracht haben, nicht weil man sie wieder besiegt hat — das würde ganz natürlich und sehr legitim seyn — sondern indem man ihr sagt, daß jene, Trophäen nur gestohlen und geraubt gewesen wären u. s. w.? Warum aber so viel Widcr- derspruch in Wort und Handlung? Er kommt daher, weil man bei diesen Dingen nach einem Zwecke strebt, den man nicht zu gestehen wagt, weil man sich durch eine sehr unpopulaire Gesinnung leiten läßt, nur einer gewissen Parthci in Europa dient und nicht den ewigwahren Grundsätzen folgt. Fern von mir sei jede persönliche Anwendung, ich will ohne vorgefaßte Meinung, ohne Leidenschaft sprechen, und kenne in diesem Augenblicke nur das Interesse meines Landes. ^ „Napoleon hatte bei seiner Rückkehr unsre öffentlichen Einrichtungen, unsre Fundamentalgesetze angenommen. Diesem Akt vcr- » dankte er die Liebe des Volks und feine ganze Kraft. Hatte er tönen zuwider gehandelt, so galt er nichts mehr und er war zu klug und zu stark, als daß man etwas dieser Art von ihm hatte erwarten können. Dann hatten die Grundgesetze zweier Völker, allen anderen zum Trotz, einander entsprochen, dann wäre vielleicht ein neues, bisher noch ganz unbekanntes System daraus hervorgcgangen und zwei Nationen, die bisher von einander entferne standen und sich haßten, waren dahin gelangt, sich durch die natürlichste Vereinigung, durch gemeinsame und unzertrennliche Interessen zu verkitten. An dessen Statt haben engherzige und unmoralische Ansichten uns in eine gezwungene und unnatürliche Lage versetzt; haben Großbritanien selbst mit seinen Sitten, seinen Gesetzen, seinen Grundsätzen, seiner Religion in Widerspruch gebracht. Wir, ein freies Volk, legen unfern Nachbarn Ketten an! Wir, ein souveraincs Volk, zerstören neben uns die Volkssouverainität! Wir, die Schirmer der liberalen Ideen, verwenden unsre Macht sie zu vertilgen. Wir, die Beschützer und das Haupt der protestantischen Kirche, lassen unsre Brüder in Frankreich im Angesichte der Bannicre unsrer Nation umbringen. Die Minister mögen cs uns nicht etwa als einen Vorthcil anrechnen, daß wir auf solche Weise eine beträchtliche Armee, ohne daß sie unö etwas kostet, auf dem Continent unterhalten. Ich fürchte diesen Vorthcil mehr, als ein sicheres Unglück, denn auf fremden Boden werden ur e Krieger uns fremd, am Ende werden sie kein andres Vaterland als das Schlachtfeld haben; Sitten und Grundsätze unsrer jungen Leute verderben bei den fremden Sitten und Grundsätzen. Hätten unsre Minister, die Wächter der Constitution, den Geist unsrer Vater geerbt, so würden sie, anstatt einen Werth darein zu setzen, eine große Armee auf den Beinen zu haben, lieber eilen sie zu verringern. Die Minister werden es vielleicht darauf schieben, daß die Alliirtcn ein für allemal den revolutionairen Geist in seinem Keime ersticken wollten? Aber in diesem Sinne war die Revolution beendet. Die Mieten beginnen sie aufs Neue." «Die Fürste» haben, indem sie ihre Vorrechte steigern und die aristokratische Faktion zu sehr begünstige», die Eifersucht und die Leidenschaften der Völker erregt. Bald wird ganz Europa in zwei feindliche Hälften — die Partheicn des Mariuö und des Sylla — sich thcilcn. Die Sache der Könige und ihrer Höfe war schon gewonnen, sie aber setzen sie von Neuem aufö Spiel. Wohin kann das noch führen? — Es gicbt kein Land in Europa, das mehr durch die Ausschweifungen der französischen Revolution gelitten habe, als Frankreich. Ware dies unglückliche Land wohl bestimmt, der Schauplatz von Grenclscencn im entgegengesetzten Sinne zu werden! Ein gewöhnlicher Irrlhum, den unsre Maas, regeln verbreitet haben, und den man sich nicht enthalten kann, bei dieser Gelegenheit auszudecken, ist es, nicht anzuerkennen, daß derjenige, über welchen man heut zu Tage, alö wäre er ein Mann der Revolution, den Vannsiuch ausspricht, eigentlich derjenige war, der sie auf wunder, bare Weise in ihrem Laufe gehemmt hat und zwar mit der Kraft eines Athleten, der den dahin rollenden Wagen in seinem Fluge auf. hält. Er war es, der die Gemeinschaft Frankreichs mit den übrigen Staaten Emopens wiederherstelltc, welcher daselbst Sitten, Grundsätze und die Sprache der Bildung wieder einführte; der die Flecken jener Rc. volution durch den hclllcuchtenden Glanz des Ruhmes verschwinden ließ. Die Alliirten haben bei ihrem Einzuge in Frankreich sich nicht enthalten können, seine Denkmäler, seine Einrichtungen, seine Verwaltung, welche zu gleicher Zeit die kraftvollste und die aufgc. klärteste war, die man jemals gekannt hat, zu bewundern. Was wäre wohl auö den Herrschern von _ und von — geworden, wenn er, bei dem Einzuge in ihre Hauptstadt, sich hätte erlauben wollen, ihre Völker zu revolutioniren. Man weiß vielmehr, daß er die aufgcftindenen Keime dieser Art erstickte. Er ging dabei so weit, daß inan ihn für einen abtrünnigen Gegner der Revolution gehalten hat. Wie mag eS kommen, daß diese Umstände und unsre Ungeschicklichkeit ihn jezt in den Augen aller Völker zum Märtyrer und Messias derselben machen. Man mußte ihn bekämpfen, so lange wir ihn zu fürchten hatten, aber, sobald dieser erste Zweck erreicht war, fein Genie uns aneignen. Unsre Minister mögen ja nicht etwa, um ihr Betragen zu entschuldigen, uns sagen, daß sie dazu durch das große Princip der Legitimität gezwungen gewesen wären; denn was könnten sie denn wohl eigentlich darunter »er. stehen?" — „Vielleicht die Verhinderung des Aufstehcns jeder neuen Dy. nastie? Weiß man denn nicht, daß diese Grundsätze, die in der Theorie gegründet seyn mögen, den Ereignissen in der politischen Welt unterliegen? — daß die Kronen aus der Hand Gottes und dem Gewinn der Schlachten kommen? Wenn die Schlacht bei Waterloo anders ausgefallen wäre, was würde denn wohl auS die« sein großen Prinzip der Legitimität geworden seyn? Hätte man wohl sich geweigert, aus das sin« gu» non zu unterhandeln, und glaubt man wirklich, daß Europa nach dem Erscheinen einer neuen Dynastie nicht mehr habe bestehen können? — Wagt man wohl zu behaupten, daß das Wohl der Völker davon abhänge, eS für eine heilige Wahrheit zu erkennen, daß die Gunst des Hinmiels nur für die jezt regierenden Familien da sei? Seit wenn haben denn unsre Minister diese neue Religion angenommen? und wie sind sie so schwierig und so ängstlich über diesen Punkt geworden? Hätten .etwa die vertraulichen Mitthcilungcn in Wien, jene zahl« reichen geheimen Berichte, nicht blos eine Koalition der Könige, sondern auch einen Bund der Meinungen und der Minister, eine : Verschwörung gegen daö Spiel des Glücks und der unwidcrsteh« ! lichen Gewalt der Dinge erzeugt? Wir waren also nicht so bedenk« lich, als wir den ersten Konsul anerkannten und seine Ambassadeurs f amiahmen; späterhin im Kriege mir ihm, ihn alö den Chef des ! französischen Gouvernements betrachteten; alö wir Lord Lauderdale st- absendecen, um mit dem Kaiser der Franzosen in Paris zu unter« ' handeln; als eben diese Minister auf gleichem Fuß zu Chacillon mit ihm negocircen und vielleicht sogar die Artikel Unterzeichneten, st Wären sie ratisicirt worden — wie hätte cS dann um die Heilig» ^ keic ihres neuen Grundsatzes gestanden? Warum sind sie jezt so st gleichgültig bei den Ereignissen in Spanien, wo ein Sohn seinen i Vater entthront? Wie können sie im Bunde mit Schweden seyn, st wo man den legitimen Fürsten vertrieben hat, um einen Fremden st herbeizurufcn? Noch mehr! Wie haben sie jene neue Lehre an- i nehmen können, ohne an das Haus zu denken, daS uns beherrscht, an die ruhmvolle Revolution, durch die wir es besitzen, an die , trefflichen Gesetze, die sie geheiligt haben und nach denen wir bis l zu dem heutigen Tage mit so vielem Glanze regiert wurden." i „Aber genug von den Fehlern unsrer Minister in Beziehung auf das Ausland. 2ch komme jezt auf eine Handlung im Innern, die unsre Gesetze beleidigt, unsre Ehre verletzt: auf die Verweisung if Napoleons." „Er, dieser edle Feind, verschmähte mit einem Stolze, der sei« i nem Leben entsprach, sich an den Kaiser von Rußland zu wenden, z welcher sich seinen Freund genannt har; verschmähte sich an den i Kaiser von -Oesterreich zu wenden, dessen Sohn er geworden ist, - und wählte lieber eine Zuflucht aus unsrer 2nsel, In der Mitte i eines Volks, daS er zwanzig 2ahre lang bekämpft hatte. Er ^ wollte, verfolgt von ganz Europa, im llnglück noch seine hinab» hangigkeit retten, und glaubte sic in der unerschütterlichen Festigkeit, ^ In der Macht unsrer Gesetze zu finden. Welchen schöner» Triumph st für sie konnte es wohl geben? Welche größere Auszeichnung für ! unsre Verfassung? Die Minister legten ihm eine Falle. Sie bestärkten ihn in seinen Gesinnungen und als er sich nun in ihre Macht begab, belasteten sic ihn mit Ketten. 2a, niemand wird eS st läugnen, daß Napoleon frei und, auf Treu und Glauben an den ! Bord des Vellerophon gekommen ist. ES wurde ihm gesagt, man K sei ermächtigt, ihn auszunchmcn und ihn nach England zu bringen, i! Er hat diese Worte alS ein Angolöbniß der Gastfreundschaft de« 20 —. trachtet; daS beweist sein Brief an den Prinz-Regenten, und dieses Angelobniß wurde wesentlich für ihn, da jener Brief vor seinem Erscheinen behändigt worden war, und niemand ihm widersprach. Vergebens werden unsre Minister sagen, daß sie gezwungen waren, ihn an das Gericht der Könige auszuliesern, daß sie die Verbind» lichkeit hierzu übernommen gehabt hatten. Immer wird man ihnen mit dem niederschlagenden Dilemma antworten: Entweder ihr habt diese Verbindlichkeit übernommen, ehe er kam — dann habt ihr euch an der Ehre vergangen, als ihr ihn herbeilocktet; oder ihr seid sie eingegangen, als er schon gekommen war, — und in diesem Falle habt ihr euch an eurer Pflicht versündigt, indem ihr unsre Gesetze und unsre Würde äußern Verhältnissen nachsetztet. Ich verlange also, daß Napoleon zurückgebracht, daß er in unscrm Lande, welches er sich zur Freistatt gewählt hatte, ausgenommen werde; ich verlange diese Rückkehr als eine förmliche Wiederherstellung der Ehre unsrer beleidigten Gesetze, die, durch einen Sieg dieser Art, durch jene augenblickliche Verletzung an Macht nur noch zunehmen werden w. re." Vom Freitag den 11. biS zum Montag den 14. August. Wir kamen nun bei unsrer Fahrt am Meerbusen von Gascogne vorüber, und umschifften das Cap Finisterre. Der Wind war günstig, aber schwach, die Hitze groß, und unsre Lebensweise höchst einförmig. Der Kaiser frühstückte zu unbestimmter Stunde in seinem Zimmer, wir, die Franzosen, nach unsrer Weise um 10 und die Engländer, nach der ihrigen, schon um 8 Uhr. Des Morgens lies der Kaiser einen nach dem andern von unS zu sich rufen, um Kcnntuiß von dem Schiffs-Journal zu erlangen, zu erfahren, wie viel wir Meilen zurückgelegt, was für Wind wir Härten, was cs Neues gebe w. w. Er las viel, kleidete sich gegen 4 Uhr an, kam dann in den Vcrsammlungssaal, und spielte mit einem von unS Schach. Uni 5 Uhr sagte ihm der Admiral, welcher einige Minuten zuvor aus seinem Zimmer kam, daß ange- richtct sei. Alle Welt weiß, daß der Kaiser nie gern länger, als eine Viertelstunde bei Tisch blieb. Hier wahrten, zwei Gänge nur, eine Stunde bis anderthalb Stunden, was ihm gewiß im höchsten Grade zuwider war. Allein er lies sich hiervon nicht das Mindeste merken, sein Gesicht, seine Gebchrden, sein ganzes Wesen blieb vollkommen ruhig. Man vernahm über diese neue Küche, den Unterschied der Speisen und ihre Beschaffenheit von ihm weder Lob »och Tadel, weder ein Verlangen, noch einen Widerspruch. Zwei hinter seinem Stuhl stehende Kammerdiener bedienten ihn. 2» der Regel wollte der Admiral ihm immer von Allem etwas anbieten, aber das einfache Danken dcö Kaisers, und die Art, wie er solches ausdrückte, war hinreichend, daß er davon abstand. Nichts dcstowenigcr zeigte er sich hierbei stetö sehr aufmerksam; aber er wendete sich fernerhin nun an die Kammerdiener, wenn cS etwas Vorzügliches gab, und diese hatten allein dafür zu sorgen; der Kaiser bekümmerte sich nie darum, er sah nichts, suchte nichts, bemerkte nichts. Gewöhnlich war er still, und bei der Unterhaltung (obschon solche immer französisch und mit großer Zurückhaltung geführt wurde,) als ob ihm die Sprache fremd sei; wenn er sprach, so geschah cs, um einige Fragen über Wissenschaft!!« che oder technische Gegenstände zu thun, oder einige Worte an diejenigen zu richten, welche der Admiral etwa zur Tafel geladen hatte. Mehrentheils war ich es, an den der Kaiser sich wendete, um seine Fragen zu übersetzen. Man weiß, daß die Engländer gewöhnt sind, nach dem Desert noch lange bei Tische zu bleiben, uni zu trinken und zu sprechen. Der Kaiser, den schon das lange Essen ermüdete, hätte das nicht auögehalten, deshalb stand er denn auch, vom ersten Tage schon, gleich nach dem Caffee auf, und ging auf das Verdeck. Der Großmarschall und ich folgten ihm, und der Admiral, den eS befremdete, erlaubte sich darüber eine flüchtige Bemerkung gegen die Seinen. Allein die Gräfin Bertrand, deren Muttersprache die englische ist, crwiederte mit Wärme: „Vergessen Sic nicht, Herr Admiral! daß Sie cs mit dem Mann zu thun haben, welcher Herr der Welt war, und daß Könige um die Ehre sich bewarben an seine Tafel gezogen zu werden." — Das ist wahr, antwor der Admiral, und von dieser Zeit an beeiferce sich dieser -Offizi welcher Sinn für Billigkeit, ein gewisses Znvorkommen in sein Manieren, und dann und wann selbst viel Grazie in seinem nehmen hatte, jene Gewohnheit des Kaisers zu erleichtern. Er li die Tafel so schnell als nur möglich bedienen, und verlangte der Zeit den Caffee für den Kaiser und diejenigen, die mit ihm gewöhnlich das Zimmer verließen. So bald der Kaiser fertig war, ging er fort, alle Welt stand so lange auf, bis er auS dem Zimmer war, und die übrigen tranken nachher noch länger als eine Stunde zusammen. Der Kaiser ging dann mit dem Großmarschall und mir bis zur Nacht auf dem Verdecke spazieren. DaS blieb so für alle Tage festgesetzt. Später ging der Kaiser wieder in den Saal. Wir setzten unS zum Vlu-c ^ u„, und nach einer halben Stunde zog er sich gewöhnlich zurück. Dienstag, am 15. August. Schon am frühen Morgen verlangten wir bei dem Kaiser vor. gelassen zu werden, und gingen alle auf einmal zu ihm ins Zim. wer. Er erriech nicht, was wir wollten; eS war sein Gcburtsfest, an das er nicht gcdachr hatte. An diesen. Tage waren wir sonst gewohnt, ihn in großen Prunksälen, erfüllt mit den Zeichen seiner Macht, zu erblicken, aber noch nie hatten wir ihm innigere Wün< sehe dargebracht, noch nie waren unsre Herzen so voll von ihm gewesen. Ein Tag glich dem andern, und an jedem Abend spielten wi, unser Vi„?c er im. Der Admiral und einige Engländer nahmen zuweilen daran Thcil, und der Kaiser zog sich gewöhnlich zurück, wenn er seine 10 bis 12 Napoleons verloren hatte. Das bcgeg. nece ihm an jedem Tage, weil er sich in den Kopf gesetzt hatte, seine Napoleon so lange stehen zu lassen, bis er eine größere Summe damit gewonnen haben würde. Heute hatte er damit schon 80 bis 100 gewonnen; der Admiral hielt Bank, und der Kaiser wollte sein Geld immer noch länger stehen lassen, um zu sehen, wie weit er eS wohl bringen könne; aber er glaubte zu bemerken, daß es dem Admiral angenehmer wäre, wenn er eS nicht thäte. Er hatte sechszehnmal gewonnen, und cs biö über ooooo Napoleons gebracht. Als man über diese sonderbare Begünstigung des Glücks erstaunte, bemerkte ein Engländer, daß es der GeburtScag des Kaisers sei. Mittwoch, Len 16. bis zu Montag, den 21. August. Wir umschifften am 16. das Cap Finisterre, am 13. das Cap St. Vincenr, waren am 19. der Meerenge von Gibraltar gegenüber, und segelten an den folgenden Tagen längst der afri« konischen Küste nach Madera zu. Unsre Schiffreise bot nichts bemcrkenswerthes dar, und in Ansehung unsrer Lebensweise und der Anwendung unsrer Zeit glich ein Tag vollkommen dem an« dern; nur der 2nhalc unsrer Gespräche brachte einige Verschieden« heit hervor. Der Kaiser blieb des Vormittags in seinem Zimmer. Die Hitze war groß, er zog sich nicht an, und behielt oft kaum irgend ein Kleidungsstück. Da er nicht schlafen konnte, stand er in der Nacht zu mchrern Stunden wieder auf. Lesen war sein groß« ecr Zeitvertreib. Fast an jedem Morgen lies er mich kommen; ich übersetzte ihm, was wir in der britcifchen Encyclovädie oder in andern Büchern, die wir am Bord gefunden harten, über St. Helena, oder die Länder fanden, bei denen wir vorübcrschifftcn. Das 59 brachte Ihm natürlicherweise Immer wieder meinen historischen AtlaS vor die Augen. Er hatte ihn erst am Bord des Bcllerophon ! durchblättert, und vorher einen ganz falschen Begriff davon gehabt, i! Drei oder vier Tage lang beschäftigte er sich immerwährend damit, versicherte, daß er ihm überaus viel Vergnügen mache, und Höne nicht auf, von der Menge von Sachen zu sprechen, die er darinnen gefunden, von der -Ordnung und der Genauigkeit, womit sie darge« i stellt wären, so wie, daß er bis jetzt gar keine Idee von diesem ^ Werke gehabt habe. Er durchlief nur die geographischen Charten, und l überging alle die andern. Vor allem fesselte die Weltcharte seine Aufmerksamkeit und sein Urtheil. 2ch wagte ihm nicht zu sagen und zu beweisen, daß doch die Geographie die schwächere Seite sei, und in deren Behandlung sich viel weniger Gründlichkeit fände, daß die General- und genealogischen Tabellen viel besser Men, indem die erstem nicht leicht in Ansehung der Methode, ihrer Symetrie, ihrer Deutlichkeit und der Leichtigkeit ihres Gebrauchs übertroffen werde» könnten, und da von den letztem jede einzelne eine vollständige kurze Geschichte des Landes enthalte, welches sie betreffe, so wären sie zur gleichen Zeit und in jeder Beziehung die genaueste Zergliederung und die besten Materialien zu dem Unterricht in den Anfangsgründen. Der Kaiser fragte mich, ob dieses Werk nicht bei allen Erziehungsinstituten eingeführt wäre, und sagte, daß, wenn er es gekannt hätte, er die Schulen und Lyceen reichlich damit versorgt haben würde. Er fragte mich ferner, warum ich es nur unter dem angenommenen Name» l-s Lsg« hcrauSgegeben hätte. 2ch antwortete, baß davon eine unförmliche Skizze in England zur Zeit meiner Emigration und in einer Periode erschienen wäre, wo ich meine Verwandten im 2nncrn schon dadurch in Gefahr gebracht haben würde, wenn ich mich im Auslände genannt hätte. Vielleicht habe ich es auch, fügte ich lachend hinzu, in Folge der Vorurtheile meiner Kindheit, nach der Weise der Adelichen in der Bretagne gechan, die ehemals, um den Adel nicht zu verlieren, während der Betreibung eines bürgerlichen Geschäfts, den Degen bei dem Amtmann niederlegtcn. Der Kaiser stand, wie schon bemerkt, jeden Tages viel früher als die klebrigen von der Tafel auf, und der Großmarschall nebst mir unterließen nie, ihn auf daö Verdeck zu begleiten. -Oft sogar biieb ich dort mit ihm allein, weil der Großmarschall hinunter zu seiner Frau ging, welche immer leidend war. Nach den ersten Fragen über das Wetter, den Gang des Schiffes oder den Wind, wählte der Kaiser einen Gegenstand der Unterhaltung, oder er kam auf den der gestrigen, oft aus den eines vorhergcgangenen Tageö zurück, und nach zehn oder zwölf, maligen Hill' und Herzchen auf dem Verdeck lehnte er sich gewöhnlich an die vorletzte Kanone links am Vordertheile des Schiffs. Die Midschipman, (junge Leute, die sich dem Scediensi widmen,) hatten diese Vorliebe bald bemerkt, und »im wurde jene Kanone auf dem Schiff stets die Kaiser-Kanone genannt. Hier war eö, wo der Kaiser ganze Stunden hinter einander sprach, und wo ich einen großen Thell von dem, was ich bcrich. ten will, von ihm vernommen habe. Ich glaube, hierbei bemerken zu müssen, daß ich in diese Gespräche zugleich dasjenige bringen werde, was ich nachher aus der Unterhaltung im größer» Kreise zusammen getragen habe, indem ich das, was ich über einen und denselben Gegenstand Merkwürdiges ausgezeichnet habe, lieber im Zusammenhänge erzählen möchte. Es ist vielleicht hier der Ort, ein für allemal zu sage», daß, wenn man in diesem Tagebuch wenig Ordnung und einen ungeregelten Vortrag findet, dies darin liegt, weil die Zeit mich drangt, weil die Mitwelt mit Sehnsucht wartet, und mein Gesundheitszustand mir jede Anstrengung verbietet; kaum glaube ich, daß meine Tage hinreichen werden, um eS zu Ende zu bringen. Das sind, hoffe ich, gültige Entschuldigungen und gerechte Ansprüche auf Nachsicht in Ansehung des StylS, und der Anordnung der Gegenstände. Ich schreibe schnell nieder, worauf ich mich besinne, und lasse cs gewöhnlich ' ganz unverändert stehen. Der Name Bonaparte wird bald Bonapartc, bald Buonaparte geschrieben, wie das alle Italiener wissen. Napoleons Vater schrieb f Buonaparte; ein Onkel von diesem, der Archidiaconus Lucian, der ! jenen überlebte, und bei Napoleon, so wie bei dessen Brüder» Vaterstelle vertrat, schrieb in dem nämlichen Hause und zu der nämlichen Zeit Bonaparte; Napoleon zeichnete, so lange er jung war, wie sein Vater, Buonaparte, und als er dann zu dem Commando der italienischen Armee gelangte, hütete er sich wohl, diese Ortvgraphie zu ändern, da sie ächt italienisch ist. Späterhin aber, mitten unter Franzosen, wollte er den Namen mehr fran- zösiren, und zeichnete fortan jederzeit Bonapartc. ES hat diese Familie lange Zeit eine ausgezeichnete Rolle ln dem Mittlern Italien gespielt. Sie war mächtig zu Treviso, man findet ihren Namen in dem goldncn Bucke von Bologna und unter den Patriziern von Florenz. Wie Napoleon als General der italienischen Armee und als Sieger zu Treviso seinen Einzug hielt, kamen die Häupter der Stadt ihm freudig entgegen, und brachten ihm die actenmäßigcn 61 Beweise dar, daß seine Familie daselbst in großem Ansehen gestanden habe. Kaiser Franz sagte einst, bei der Zusammenkunft ln Dresden vor dem Feldzuge in Rußland, dem Kaiser Napoleon, seinem Schwiegersöhne, daß seine Familie die herrschende zu Treviso gewesen wäre, und daß er dessen ganz gewiß sei, weil er sich hierüber die Urkunden habe vorlegen lassen. Napoleon antwortete ! ihm lachend, daß er davon nichts wissen wolle, daß er weit lieber ; der Rudolph von Habsburg seiner Familie seyn mochte. Franz ^ legte größer» Werth darauf; er sagte ihm, daß cs sehr gleichgültig l wäre, reich zu seyn, und arm zu werden; aber eS sey unschätzbar, t als Fürst geboren zu seyn. Man müsse eö Marie Louise sagen, x der eS großes Vergnügen machen werde, k Als Napoleon, wahrend dcS Feldzugs ln Italien, zu Bologna einzog, brachten Marescalchi, Caprara und Aldini, die seitdem so bekannt in Frankreich wurden, ihm, als Abgeordnete des Senats, ehrfurchtsvoll dessen goldneS Buch, worinnen der Name sammc dem l Wappen seiner Familie ausgezeichnet waren. ^ Mehrere Häuser und größere Gebäude zu Florenz beweisen ' noch, auf welche Weise daselbst sonst die Familie Bonaparte lebce; mehrere davon tragen noch jetzt deren Wappenschild. ^ Ein Corse oder ein Bologneser, ich glaube Cesari mit Namen, s war zu London von der -Art und Weise beleidigt, wie das Gon- - vernement daselbst die friedliche Zuschrift des zum Consulat ge- f langten Napoleon Bonaparte ausgenommen hatte, und gab genea- ' logische Nachrichten heraus, welche zeigten, daß dessen Familie l ehemals in naher Verbindung mit dem alten Hause von Este, ' Welf oder Guelf gestanden habe, von welcher man annimnt, daß l es das Stammhaus der jetzigen Könige von England sei *). j *) Dieser Paragraph fand sich >» meinem Mannscript in einem Zustande, der mich über seine Richtigkeit im Zweifel lies, und ich war i schon auf dem Punkt, ihn zu streichen. Ich will indessen den Grund l angeben, warum er stehen blieb. Was ist meine eigentliche Absicht? i Ich will Materialien nicderschrcibcn, sage dabei, auf welche Weise - ich sie gesammelt, daß ich sie im Laufe der Unterhandlung zusammcn» ! getragen, daß ich sie vielleicht entstelle, weil ich dieselben nur im i > Fluge aufgreifen konnte. Indem ich nun diese mögliche Fehler nicht ? verhehle, und der Verbesserung anheim gebe, habe ich ja wohl eben i so sehr meinen Zweck, als meine Pflicht erfüllt. Außerdem werde ich selbst mich bemühen, sogleich manche der beabsichtigten Bcrichti- > gungen hinzuzubringcu, und wenn die Resultate mir zeitig genug , zukommen, so wird man solche am Ende des Werks alS Errata oder ^ als einen Anhang finden. i r Der Herzog von Feltre, Französischer Minister in Toskana, hat von der Gallerie der Medicis das Vildniß einer Bonaparke, welche an einen Fürsten dieses Hauses vermahlt war, mit nach Paris gebracht. Die Mutter des Pabstes Nikolaus v. oder Panis , v. von Sarzano war eine Bonaparte. f Ferner war es ein Donapartc, der mit der Unterhandlung ^ wegen des Austausches von Livorno gegen Sarzano beauftragt war; l ein Bonaparte, der, nach dem Wiederaufleben der Wissenschaften, i eine der ältesten Komödien schrieb, ^— nämlich: Die Wittwe.' x Man findet sie auf der öffentlichen Bibliothek zu Paris *). P Als Napoleon, an der Spitze der Armee von Italien, auf -s Rom losging, und zu Tolentino die FriedenSvorschlage des Pabstes « empfing, bemerkte einer der feindlichen Ncgotiateurö, daß er der ß einzige Franzose sei, welcher seit dem Connetable von Bourbon k Rom bedroht hatte; was aber, fügte derselbe hinzu, dieser Sache k ein ganz eignes Ansehn gäbe, sei der Umstand, daß die Geschichte b jener Unternehmung ganz genau von einem Verwandten desjenigen p nicdergcschrieben sei, von welchem nun die zweite ausgesührt werde, s nämlich von Herrn Nicolaus Vuonaparce, der wirklich ein Buch: L Die Plünderung Roms durch den Connetable von Bourbon, hin» ß tcrlassen habe **). Daher kömmt vielleicht, oder von dem oben r erwähnten Pabste der Name Nicolaus, den man in verschiedenen L Flugschriften dem Kaiser, anstatt des Namens Napoleon beilegen 4 Beglaubigt bei der königl. Bibliothek. Das Manusiript ist in der i That daselbst vorhanden, und das Werk schon gedruckt. i **) Beglaubigt bei der Bibliothek, wo sich in der That diese Erzählung der Plünderung Roms befindet; aber von Jacob Bonaparte und nicht von NicolauS. Jacob lebte zu der Zeit der Plünderung NvmS, und war ein Augenzeuge derselben. Sein Manuscript wurde zuerst im Jahr 1756 zu Cbl» gedruckt, und cs enthält dieses Werk allerdings eine - Genealogie der Familie Bonaparte, welche man sehr hoch hinauf steigen läßt, und als eins der berühmtesten Häuser Toskanas bezeichnet. So wird dasselbe noch dadurch besonders merkwürdig, daß, i nach dessen Inhalt, der erste in dieser Genealogie erwähnte Bonaparte, i als ein Gibelinc, aus seinem Vaterland- vertrieben wurde. War es f denn also wohl die Bestimmung dieser Familie, in jeder Zeit und zu ! allen Epochen der Einwirkung der Guelfen zu unterliegen! Der Herausgeber in Cölln schreibt bald Buvnaparte bald Bo- ! naparte - Nicolaus Buvnaparte, der hier, im Text, aiS Geschichtschreiber - ausgeführt ist, war nur der Onkel desselben. Es wird übrigens in der Genealogie von ihm gesagt, Laß er ei» sehr ausgezeichneter Gelehrter gewesen sei, und daß er, auf der Universität zu Pisa, die Classe der RechtSgelchrheit gestiftet habe. i wollen. Man findet diese- Werk in allen Bibliotheken, und es r gehet demselben eine Geschichte des HauscS Bonaparte voran, welche vor 40 oder 50 Zabrcn gedruckt, und von einem Professor der Universität Pisa, dem Doctor Vaccha, abgefaßt ist. Der Baicrsche Gesandte, Herr von Getto, hat mir sehr oft gesagt, daß sich in dem Archive von München eine große Anzahl » italienischer Schriften befände, wodurch die Berühmtheit dieser Fall milie bewiesen werde. ! Napoleon hat, zur Zeit seiner Macht, sich auf das Beharr- ! lichste jeder Bearbeitung und selbst der Unterhaltung über diesen Gegenstand widersctzt. Der erste Versuch dieser Art wurde von ! ihm, schon als Consul, auf so empfindliche Weise niedergeschlagen, ! daß niemand einen zweiten wagen wollte. Es kam nämlich eine i > Genealogie heraus, in welcher man seine Familie von den alten - ^ nordischen Königen abstammen ließ. Napoleon lies diese Schmei- i chclei in einer öffentlichen Schrift lächerlich machen, worinnen am ^ Schluß gesagt war, daß der Adel deS ersten Consulö sich nur von - Montcnotte oder dem 18ten Brümaire hcrschreibe. Es wurde diese Familie, wie so viele andere, ein -Opfer der ^ zahlreichen Revolutionen, welche Italiens Städte in Verzweiflung ^ brachten. Die Unruhen zu Florenz nöthigten die BonaparteS zur ! Auswanderung. Einer von ihnen ging anfangs nach Sarzano, und S > von da nachher nach Coesica. Von dort aus sendeten jedoch dessen i Nachkommen von Zeit zu Zeit ihre Kinder nach Toskana zu dem » Zweige der Familie, der zu San-Miniato heimisch war. » Seit mehreren Generationen trug in dieser Familie stets der 8 zweite Sohn den Namen Napoleon, den sie ursprünglich von einem ! k Napoleon des Ursins angenommen hatten, der in der Geschichte 2ta- ! licus berühmt ist. Als Napoleon, nach der Unternehmung auf Livorno, nach Florenz ging, brachte er die Nacht bei einem alten Abbö Buona- parte in SamMiniato zu, der seinen Gcncralstab köstlich bewirthcte. j Nachdem dieser nun alle FamilicmNachrichten erschöpft hatte, sagte er zu dem jungen General, daß er ihm nun eine höchst kostbare ! Schrift hcrbeiholen wolle. Napoleon glaubte, daß er ihm irgend einen vortrefflichen Stammbaum zeigen wolle, um seiner Eitelkeit zu schmeicheln, und sagte das lachend, — aber eS war ein förm- .liches Gesuch zu Gunsten des Pater Bonavcntura Buonaparte, ^ eines Kapuziners zu Bologna, der längst selig gesprochen war, den Imaii aber, wegen der ungeheuren Kosten, die cs verursacht haben Müde, nicht canonisircn lassen konnte. „Der Pabst wird es Ihnen fticht abschlagen, sagte der gute Abbe, wenn Sie ihn darum bitten, und wenn dafür bezahlt werden muß, so wird die Summe 64 für Sie nur eine Kleinigkeit scyn." Napoleon lachte herzlich über die Gutmüthigkelt seines alten Vetters, der mit den Sitte» > des Tages so wenig bekannt war, und nicht daran dachte, daß die Heiligen jetzt kein Glück mehr machen. Napoleon glaubte ihm etwas Angenehmes zu erweisen, daß er ^ nach seiner Ankunft zu Florenz ihm das große Band des St. c Stephans LrdenS, wovon er zuvor nur das Ritter-Kreuz besaß, i übersenden lies; allein der fromme Abb-l hatte weniger Sinn für f diese irdische Gunst, als für die Gerechtigkeit des Himmels, welche ^ er in Anspruch nahm, und die auch übrigens wohl begründet war. ^ Alö späterhin der Pabst, um den Kaiser Napoleon zu krönen, nach Rom kam, brachte er auch seinerseits den dem Pater Buona- Ventura bcizulcgenden Titel zur Sprache. Er war es ohne Zwei- sel, so sagte der Pabst, welcher seinen Verwandten von dem Aufenthalte der Seligen gleichsam an der Hand herabsührte in die schöne irdische Laufbahn, welche er nun schon durchlebt hatte. -Ohne Zweifel war cs dieser heilige Mann, der ihn in jenen zahlreichen Schlachten gegen alle Gefahren schirmte rc. re. Der Kaiser blieb hierbei immer taub, und überließ cs dem persönlichen Wohlwollen des Pabstes, nach eigenem Gefallen etwas für den hochscligcn Vuonavcntura zu thun. Der alte Abbe setzte in der Folge Napoleon zum Erben ein; der Kaiser machte aber einer öffentlichen Anstalt zu Toscana ein Geschenk mit dessen Nachlaß. Uibrigcns wäre cs wohl eine schwere Aufgabe, ein genealogisches Ganzes aus diesen bloßen Bruchstücken der Unterhaltung zusammenzusetzen. Der Kaiser hat, wie er lachend sagte, nie auch , nur eins jener Pergamente angesehen. Sie sind immer in den Händen seines Bruders Joseph geblieben, den er schcrzhasterwcift den Genealogen der Familie nannte, — und, bei der Besorgmß eS sonst zu vergessen, will ich es gleich hier bemerken, daß der Kaiser ihm auf der 2nscl Aix, im Augenblick seiner Abreise, ein ganzes Volumen mit eigenhändigen Briefen übergeben hat, welche die sämmtlichen Souveraine von Europa an ihn geschrieben haben. Mehr als einmal habe ich dem Kaiser mein Bedauern darüber zu erkennen gegeben, daß er ein so kostbares, historisches Manuskript nicht an sich behalten habe *). Bel meiner Rückkehr nach Europa habe ich nicht unterlassen, üb» diese- so wichtige anvcrtrautc Gut Erkundigung einzuziehcn, und dem Prinzen Joseph zu verstehn gegeben, es noch einmal abschrctben zu lassen, damit die Existenz desselben noch mehr gesichert werde» mochte. Wie sehr hat cs mich aber betrübt, als ich hierauf erfuhr, das> dies« Karl Von aparte, der Vater Napoleons, war groß, schön und wohlgcwachsen, in Rom erzogen, hatte in Pisa die Rechte siudirt, und soll ein Mann voll Kraft und Feuer gewesen scyn. Er war cs, der bei einer außerordentlichen Consulta von Corsica, als die Unterwerfung von Frankreich vorgeschlagen wurde, eine Rede hielt, die alle Gemüther entflammte. Er stand damals im zwanzigsten Jahre. „Wann, um frei zu seyn, nichts erforderlich wäre, so sprach er, als nur es zu wollen, so wären es wohl alle Völker! Aber die Geschichte lehrt uns, daß nur wenige zu der Wohlthac der Freiheit gelangt sind, weil nur wenige die Kraft, Len Much und die Tugend besaßen, welche sie fordert." Als dann die Insel erobert war, wollte er Paoli bei seiner Auswanderung begleiten. Ein alter -Onkel, der ArchidiaeonuS kucian, welcher das Ansehen eines Vaters bei der Familie behaupt kcte, zwang ihn jedoch, zurückzukommen. Im Jahre 1779 wurde Karl Vonaparce von dem Adel der Corsischen Stande als Deputirtcr nach Paris gesendet; Er nahm Len jungen Napoleon mit sich, welcher damals 10 Jahre alt war, und erhielt, als er durch Florenz reiste, von dem Großherzog Leopold einen Empfehlungsbrief an dessen Schwester, die Königin von Frankreich. — Er verdankte diesem Brief allein den Rang und die Achtung, den die allgemeine Stimme zu Florenz mit seinem Na» mm und seiner Toscanischen Herkunft verband. ES befanden sich damals zwei französische Generale von sehr verschiedener Denkungsart auf Corsica. Durch ihre Streitigkeiten bildeten sich zwei Parchcien. Herr von Marbeus war sanft und ein Freund des Volks; Herr von Narbonne Pellet dagegen stolz und hart. In Folge seiner Geburt und seines Ansehens mußte der letztere seinem Nebenbuhler gefährlich werden; zum Glück aber für Herrn von Marbeus, der ungleich belobter in Corsica war, kam die Deputation dieser Provinz, Karl Bonaparte an ihrer Spitze, nach Versailles. Er wurde befragt, und das Feuer seiner, für den Herrn von Marbeus zeugenden Rede machte, daß dieser Recht behielt. Der Neffe des letztem, der Erzbischof von Lion UNd LIiiilri.ro Egypten zurückkehrte, präsentirte er sich ihm. Es war nicht mehr der kleine Minorit der Champagne, sondern ein großer dicker Finanzmann, der mehr als eine Million im Vermögen hatte. Zwei Jahre später besuchte er den ersten Konsul zu Malmaison. Er s sah elend und abgekommcn aus und war schlecht gekleidet. „WaS ! ist denn das? fragte der Konsul. Ach, ich bin ein ruinirtcr Mann, i der nicht das Geringste mehr hat. -— „Was?" — Ja, unerhörte UnglückSfallc. — Der Konsul lies die Sache durch die Po- ^ lize! untersuchen und da fand sich denn, daß der Pater Pacrault i ^ Wucher getrieben habe. Der große Rechenmeister hatte Alles durch t Bankroutte verloren, indem er auf kurze Fristen Geld auslieh. „Ich habe meine Schuld bereits bezahlt, sagte Ihm der erste Kon- i sul, als er ihn wieder sah. 2ezt weiß ich nichts weiter für Sie zu rhun, denn zweimal kann ich nicht das Glück eines Menschen machen." Er begnügte sich, ihm eine kleine Pension zu bewilligen, die ihn in den Stand setzte, seine dringendsten Bedürfnisse zu bestreiten. „Napoleon besann sich nur dunkel noch auf Pichegrü; er wußte, daß er groß war und etwas roth im Gesicht — Pichegrü hin- > gegen schien den jungen Napoleon in recht lebhaften Andenken behalten zu haben. Als Pichegrü sich zu der royaliftischen Parkher geschlagen hatte, zog man ihn zu Rathe, ob man sich nicht auch ^ des Lbergenerals der italiänischen Armee versichern könne? „DaS möchte wohl verlorne Mühe seyn, antwortete er, ich habe ihn in i seiner Kindheit gekannt; das muß ein unbiegsamcr Charakter ge- ^ worden seyu. Bei der Parthci, die er einmal genommen hak, bleibt der gewiß." Der Kaiser lacht sehr über alle die Geschichten und Anekdoten von seiner Zugend, in der Menge kleiner Werke die hierüber i erschienen sind und will fast von keiner etwas wissen. Eine jedoch, j die von seiner Confirmation in der Militairschule zu Paris erzählt i wird, erkannte er als richtig. Der Erzbischofs nämlich, welcher ihn ! consirmirtc, bezeigte seine Verwunderung bei dem Namen Napoleon ! und bemerkte dabei, daß kein Heiliger dieses NamcnS im Kalender ! stünde. Der Knabe erwicderte daraus mit Lebhaftigkeit, daß solches 74 auch kein Grund seyn könne, weil eS eins große Menge von He» ligcn gäbe und nur 365 Tuge. Napoleon harre vor Abschluß dcS Konkordats nie einen Na« menScag gefeierc. Sein Patron war wirklich dem französischen Kalender sremd und der Tag desselben überhaupt ungewiß. Der Pabst bestimmte erst späterhin, auf zuvorkommende Weise den 15. i August, als den Geburtstag des Kaisers und den Tag der Unter« zcichnung des Konkordats dazu. *) „2m Jahre 1783 war Napoleon unter denjenigen, welche zu Brienne wiegcwöhnlich bestimmt wurden, ihre Erziehung in der Militairschulc von Paris zu vollenden. Die Auswahl war hierbei alljährlich einem Inspekteur überlassen, der deshalb die zwölf Militairschulcn bereiste. Ein Chevalier von Kcralio verwaltete die- j seö Amt. Er war Stabsoffizier, Verfasser einer Taktik und früherhin j deS jetzigen Königs von Vaiern, der in seiner Kindheit Herzog von Zweibrückcn war, Lehrer gewesen, ein liebenswürdiger GreiS, der sich ^ l vor allen zu diesem Geschäft eignete. Er liebte die Kinder, spielte ^ mit ihnen, wenn er sic cxaminirt hatte und behielt an der Tafel ^ der Minoriten diejenigen, welche ihm am meisten gefallen hatten. > > Für den jungen Napoleon hatte er eine besondere Vorliebe und eS ^ machte ihm Vergnügen, denselben auf alle Weise zu ermuntern, j Dbschon er noch nicht das erforderliche Alter hatte, so bestimmte ^ er ihn doch zum Abgänge nach Paris, und da der Knabe bloS in der Mathematik stark war, so stellten ihm die Mönche vor, daß eS ^ besser seyn würde, bis zum folgenden Jahre noch zu warcen, damit er Zeit gewönne, in allem Uibrigen fester zu werden. Aber der Chevalier von Keralio mochte nicht darauf hören. „ 2ch weiß waS ich thue, sagte er, wenn ich auch diesmal die Regel über« f schreite. ES ist keine Familicngunst, denn ich kenne nicht einmal f die Seinigen. ES geschieht bloS um seiner selbst willen. Ich habe hier einen Funken entdeckt, den man nicht genug nähren kann." Der gute Chevalier starb gleich darauf und sein Nachfolger Herr von Rcgnaud hatte vielleicht nicht seinen durchdringenden ^ Blick. Aber er vollzog dennoch, waS einmal ausgezeichnet war und der junge Napoleon wurde nach Paris geschickt." Alles verkündete von nun an die großen Eigenschaften seiucr Seele, einen ausgesprochenen Charakter, tiefes Nachdenken, mächtige Entwürfe. Es scheint, daß seine Eltern von seiner zartesten Kindheit an, alle ihre Hoffnungen auf ihn gegründet hatten. AlS sein Va« ter zu Montpellier starb, beschäftigte er sich in der Fieberhitze, Aon Napoleon diktirt. obschoii Joseph sich bei ihm befand, doch immer nur mit Napor leon, welcher weit von ihm in seiner Schule war. Er rüste ihm unaufhörlich, daß er ihm mit seinem großen Degen zu Hülfe kommen solle. Späterhin sagte der alte Onkel Luzian auf dem Todesbctte, wo er von allen umringt war, zu Joseph: „Du bist der älteste in der Familie, aber dieser da ist ihr Oberhaupt — wo» k bei er auf Napoleon zeigte — vergiß das nie." — „Das war, ; sagte der Kaiser scherzend, eine wahre Enterbung; die Scene von r Jakob und Esau." i Da ich selbst, nur ein Jahr später als Napoleon, in der Milk- l rairschulc zu Paris erzogen worden bin, so habe ich in der Folge, I nachher Rückkehr von meiner Auswanderung, mit den Lehrer», die wir dort beide gehabt hatten, oftmals hiervon gesprochen, z Herr von l'Eguille, unser Geschichtslehrer, berühmte sich, daß, i mim man nur in dem Archiv der Militairschule »achschlagcn woll» re, cS zu finden scyn müsse, wie er vorausgcsagc habe, daß aus i seinem Zögling etwas Großes werden würde, er auch dabei in sei» l neu Bemerkungen die Tiefe seines Nachdenkens und die Schärfe s seiner Urtheilskraft gelobt habe. Er erzählte mir zugleich, daß der ! erste Konsul ihn oft zum Frühstück nach Malmaison kommen ließ k und dann immer von seinen ehemaligen Lehrstunden sprach. „Eine ! davon, sagte er einst, hat einen riefen Eindruck bei mir hinterlas» ^ ftn, nämlich die, in welcher Sie von dem Ausruhr des Connetable von Bourbon sprachen, obschon Sie denselben nicht ganz nach Gerechtigkeit schilderten. Nachdem was Sie darüber sagten, de» stand sein größeres Verbrechen darinnen, daß er gegen seinen Kö« ^ nig zu Felde zog; das war aber in jener Zeit der getheilten Herr« i schaft und Lchnsherrlichkeic nur ein geringeres Vergehen, besonders s wenn man die abscheuliche Ungerechtigkeit in Betrachtung zieht» " deren Opfer er geworden war. Sein einziges, sein großes, sein , wahres Verbrechen, worüber Sie aber zu leicht hinweggingcn, war, daß er mit den Fremden sich vereinte, umsein Geburtsland anzugreifen." Herr Domairon, unser Lehrer der schönen Wissenschaften, sagte mir, daß er stets über das Sonderbare dck von Napoleon gefertig» kc» Aussätze erstaunt wäre. Er habe sie deshalb nur immer glühenden Granit aus einem Vulkan genannt. Nur einer betrog sich In ihm; nämlich Herr Bauer, der dicke und schwerfällige Lehrer der deutschen Sprache. Mit dem jungen Napoleon wollte cs nicht fort in derselben, weshalb ihn denn Herr Bauer, der nichts für wichtiger hielt, im höchsten Grade gering» schätzte. Als er ihn einmal an seinem Platze vermißte und fragte, i wo er wohl seyn möchte, antwortete man ihm, daß er eben über Artillerie epaminirt würde. „Aber versteht er denn was davon?" sagte der dicke Herr Dauer spöttisch. Wie denn? erwiedcrte ftm ihm, er ist >a der stärkste Mathematiker in der Schule! „Nun wahrhaftig, ich habe doch immer sagen hören und cs auch smz selbst gedacht, daß nur die Dummköpfe gut Mathematik lernen." „Ich möchte doch wissen, sagte der Kaiser, ob Herr Bauer lange genug gelebt hat, um mich in der Welk dnrchkommen zu sehen und sch an seinem Urtheil zu ergötzen." Er war kaum 18 Jahre alt, als der Äbbs Raynal, den sein! Kenntnisse in Erstaunen gesetzt hatten, ihn schon für geeignet hielt, eine Bierde seiner wissenschaftlichen Dejeuners zu werden. Der berühmte Paoli endlich, der ihm eine Art von frommer Verehrung eingcflößt hatte und ihn doch auf einmal wieder, von der Zeit an, als er die Engländer begünstigen wollte, an der Spitze einer feindlich gegen ihn gesinnten Parlhei fand, pflegte zu sagen: dies» junge Mann sei nach der Antike geformt, ein Held dcS Plutarch. 2m 2ahre 1785 wurde Napoleon zu gleicher Zeit Eleve lind Offizier der Artillerie. Er verließ die Militairschule, um In das Regiment von La Fcre als Secondlieutcnant zu treten und wurde späterhin aus demselben in das Regiment von Grenoble alS Prc- mierlieutenant versetzt. Napoleon fand sein Regiment, als er auS der Militairschule abging, zu Valcncc. 2n dem ersten Winter, den er dort zubrach- tc, hatte er zu Tifchgcscllschaftcrn: Lariboiffiere, den er späterhin, als er Kaiser wurde, zum General-Inspectcur der Artillerie ernannte; Sorbicr, der in diesem Range LariboissiLres Nachfolger wurde; Hsdouville der jüngere, sein Gesandter zu Frankfurt; Mailet, der Bruder dessen, der im 2ahre 1813 jenes verwegene Unternehmen zu Paris leitete; ein gewisser Mabille, der cmigrirt war, und den der Kaiser, nach seiner Rückkehr, in einiger Zeit bei der Verwaltung der Posten anstellcc; Rolland de Dillarccaup, späterhin Präfekt von NismeS; DeSmazzis der jüngere, schon sein Kamme- rad in der Militairschule und sein Gefährte von den ersten Jahren an, dem er, als er Kaiser geworden war, das Gardcmcuble der Krone anvertraute. Die Offiziers dcS Corps befanden sich zum Thcil in bessern, andre aber in minder guten Umständen. Napoleon gehörte zu den rrstcrn. Er erhielt 1200 Franken vom Hause. Das war damals ein starkes Kostgeld für einen Offizier. Nur zweie im Regimcnte hatten Kabriolets oder Wagen und diese spielten die großen Herrn. Sorbier war einer von diesen Beiden. Seine Kameraden ließen sich von ihm kutschircn und bezahlten ihn dafür mit schlechtem Witz. Sorbier war der Sohn eines Arztes zu MoulinS. In Valcnce fand Napoleon sehr bald Zutritt bei Frau von Colombier, einer äußerst verdienstvollen Dame von 50 Jahren, pclche die ganze Stadt regierte. Sie mar ganz vernarrt in den jungen Artillerieoffizier, ließ ihn zu allen Parthiee» in der Stadt und auf dem Lande einladcn und durch sie wurde der Abb-l du Saint-Rufe, ein reicher Mann, der nicht mehr jung war und oftmals alle ausgezeichnete Personen in der ganzen Umgegend bei sich versammlete, einer seiner besten Freunde. Napoleon verdankte diese besondere Gunst und die Vorliebe der Frau von Colombier seinen ungewöhnliche» Kenntnissen und der Leichtigkeit, der Kraft und der Klarheit, womit er sie gebrauchte. Sie sagte ihm oft sein glänzendes Looö voraus. Als sie starb, war die Revolution schon ausgebrochen. Sie nahm großen Theil daran und man hat sie noch In ihren letzten Augenblicken sagen hören, daß wenn dem jungen Napoleon kein Unglück träft, er ohne allen Zweifel eine große Rolle spielen werde. Der Kaiser spricht davon stets mit recht dankbarem Herzen und zweifelt gar nicht daran, daß die besondere Auszeichnung und die ehrenvolle Art, womit sie ihn schon in seiner ersten Jugend in die hohem Zirkel einführce, großen Einfluß aus seine künftigen Schicksale gehabt haben könne. Diese begünstigte Lage, worin» sich Napoleon befand, erregte große Eifersucht bei seinen Kammeraden, und obschon ihnen aus keine Weise ein Nachtheil daraus entstand, so sahen sie eS doch ungern, daß er sich so oft auS ihrer Mitte entfernte. Glücklicher Weise hatte der Commandant, Herr von Urcubie, ein chrcnwcrther Greis, ihn ganz richtig beurthcilt. Er lies nicht nach ihm hold zu seyn, und es ihm leicht zu machen, daß er die Pflichten dcS Dienstes mit den Annehmlichkeiten dcS GescllschaftlcbenS vereinen konnte. Napoleon fand Geschmack an Fraulein von Colombier und dieses blieb dabei nicht unempfindlich. Beider erste Liebe äußerte sich ihrem Alter und ihrer Erziehung angemessen. „Niemand war unschuldiger alS wir, sagte der Kaiser. Wir hatten bisweilen kleine Zusammenkünfte. Ich besinne mich noch auf eine solche. ES war mitten im Sommer, bei Tagesanbruch, und m»n wird kaum glauben, daß unsre ganze Glückseligkeit darinnen bestand, mit einander Kirschen zu essen." ES ist übrigens falsch, was ich habe sagen hören, daß die Mutter diese Verbindung gewollt, der Vater aber sich ihr entgegengesetzt hätte, weil eines dem andern schaden würde, indem beide geeignet wären, besonders Glück zu machen. Die Anekdote, die man von einer gleichermaasen beabsichtigten Heirath mit Frau- 78 lein CLary, nachher Fran von Bernadotte, jczt Königin von SclM den, erzählt, ist eben so ungegründet. Als der Kaiser im Jahre 1805 nach Italien reiste, um sich dort alS König krönen zu lassen, fand er zu Lyon daS Fräulein Colombier wieder, welches nun Frau von Bressicup geworden mr. Nur mit Mühe gelang es ihr, die Hindernisse zu übersteigen, welche die Fürsten gewöhnlich wie Wälle umgeben. Es machie ihm zwar Vergnügen, sie wiederzusehen, aber sie hatte sich schrecklich verändert. Er that für ihren Mann, was sie von ihm erbat und stellte sie selbst als Hofdame bei einer seiner Schwestern an. Die Fräuleins von Laurencin und St. Germain waren damals die schönsten zu Valence und gewannen alle Herzen. Die Letzten wurde Frau von Montalivet, und deren Gemahl dem Kaiser späterhin sehr bekannt. Er machte ihn in der Folge zu seinem Minister des Innern. „Ein ehrlicher Mann, sagte Napoleon von ihm, der mir, wie ich glaube, herzlich ergeben geblieben ist." Der Kaiser war schon in dem Alter von 18 bis 20 Jahren sehr unterrichtet, ein tiefer Denker, der seine Gedanken nach der strengsten Logik ordnete. Er hatte unglaublich viel und mit reif« Iliberlegung gelesen. Er ist jezt, wie er selbst sagt, nicht mehr daS, was er damals gewesen ist. Sein Geist war lebhaft und schnell, seine Rede voll Kraft. Uiberall wurde er bald bemerkt. Er machte Glück bei beiden Geschlechtern, besonders bei demjenigen, das man in diesem Alter verzieht. Er gefiel durch neue und feinere Ideen, durch die Kühnheit seiner Gedanken. Die Männer fürchteten seine Logik und seine Kunst zu streiten, wozu ihn daS Gefühl seiner Überlegenheit bisweilen verleitete. Viele von denen, welche ihn in seiner frühen Jugend kannten, haben ihm eine außerordentliche Laufbahn vorausgesagt, niemand von ihnen hat sich dann über die scinige gewundert. Er erhielt zu jener Zeit den Preiß bei der Akademie von Lyon, wegen der von Raynal aufgegebenen Frage: Welche Begriffe und Grundsätze muß man den Menschen einschärfen, um sie so glücklich als möglich zu machen? Seine anonyme Schrift wurde sehr bemerkt und war im übrigen ganz im Geiste der damaligen Zeit abgcfaßt. Er warf im Eingänge die Frage auf, worinnen das Glück bestehe, und beantwortete sie dann, daß es in dem vollständigsten, unserer moralischen und physischen Bildung angemessenen Lebensgenüsse zu finden sei. Als er Kaiser geworden war, sprach er einst hierüber mit Tallcyrand. Der geschickte Hofmann brachte ihm nachher jenen berühmten Aussatz, den er aus dem Archiv der Akademie von Lyon hatte ausgra- ben lassen. Es war eben Winter; der Kaiser nahm ihn in die Hand, laS einige Seiten davon und warf dann diese seine erste Jugendarbeit inS Feuer. „Da man nicht immer vorher auf alles denkt, sagte Napoleon, so hatte der Herr von Tallcyrand sich nicht die Zeit genommen, eine Abschrift davon nehmen zn lassen." Der Prinz Conds ließ sich einst bei der Artillericschule von Auxerre ansagcn. Es war eine große Ehre und eine Sache von Wichtigkeit, die Aufmerksamkeit eines so militairischcn Fürsten aus sich gerichtet zu sehen. Der Commandant stellte, der Hierarchie zum Possen, den jungen Napoleon an die Spitze des Polygons, und zwar vorzugsweise vor anderen, die von höherm Range waren. Iezt geschah es, daß den Tag vor der Inspektion alle Kanonen dcS Polygons vernagelt wurden. Aber Napoleon war viel zu rasch und sein Blick viel zn scharf, alS daß er in einer solchen Falle seiner Kammeraden, oder in einer Schlinge, die vielleicht der erhabene Reisende selbst gelegt hatte, gefangen worden wäre. Man glaubt allgemein, der Kaiser sei in seinen frühem Jahren still, düster und mürrisch gewesen; im Gcgcnchcil, er war sehr lustig. ES giebt für ihn kein größeres Vergnügen, alö uns seine tollen Streiche aus der Militairschule zu erzählen. Er scheint dann auf Augenblicke das Unglück gänzlich zu vergessen, das unS hier eingekerkerc hat, wenn er sich aller der kleinen Umstände aus jener fröhlichen Jugendzeit erinnert. Sie hatten einen alten Commandanten von mehr alS 80 Jahren, den sie übrigens sehr verehrten. Einst, bei dem Epercircn mit den Kanonen, verfolgt er jeden Schuß mit seiner Lorgnette, versichert, man müsse weit von dem Ziele abgekommen scyn, wird unruhig, fragt seine Nachbarn, ob niemand gesehen habe, wo der Schuß hingctroffen habe — kein Mensch wußte eS, denn die jungen Leute hatten bei jeder Ladung die Kugel wegpraktizirt. Der alte General war gescheut. Nach fünf bis sechs Schüssen kam er auf den Einfall, die Kugeln zählen zu lassen. Man konnte das nicht hindern, er fand den Spaß sehr lustig, befahl aber zugleich daß alle arrelirt werden sollten. Ein andermal hatten sie einige CapitalnS auf dem Striche, denen sie eine kleine Rache ausüben wollten. Es wurde bcschl^* sen, sie auS der Gesellschaft zu vertreiben, oder vielmehr sie dg^ zu bringen, daß sie sich selbst eine Art von Arrest auferlegen so'^ tcn. Vier bis fünf junge Leute theiltcn die Rollen unter sich ai^ »nd hingen wie Kletten an den armen Geächteten. Wo ein solcher in der Gesellschaft erschien, fanden sie sich ebenfalls ein, und so wie er nur den Mund austhat, ward ihm auf die höflichste Weise, jedoch mit logischem Scharfsinn, methodisch so lange widersprochen, bis dem Unglücklichen nichts übrig blieb, alS sich fortzumachen. '„Noch cin andreSmal, erzählte der Kaiser, hatte ein Kamme» rad, welcher über mir wohnte, «»glücklicher Weise Geschmack daran gesunde», aus dem Horn zu blasen. Er schmetterte dergestalt, daß man durchaus nichts arbeiten konnte. 3ezt begegnet man sich auf der Treppe. — Freund, Sie plagen sich entsetzlich mit Ihrem Horn. — Ach nein, ganz und gar nicht. — Recht schön, abn ; desto mehr plagen Sic andre Leute. — Das thut mir leid. — ^ Aber Sie thäten wohl, wenn Sie aus dem Horn blasen wollen, damit etwas weiter zu gehen. — 2ch bin Herr auf meiner Stu- > be. — Da ließe sich doch noch manches dagegen sagen. — Das ' wird man wohl nicht wagen, denk ich. — Man fordert sich, die Kammeraden treten, ehe das Duell statt finden darf, zusammen, ^ prüfen die Veranlassung und beschließen, daß in Zukunft der rine mit seinem Horn Weggehen — und der andere hübsch geduldig seyn solle." 2n dem Feldzuge von 1814 fand der Kaiser seinen HoriM» ; scr in der Nähe von Soissons oder Laon. Er lebte dort auf sei» uem Landgutc und kam herbei, uni dem Kaiser wichtige Nachricht», über die Stellung des Feindes zu geben. Der Kaiser behielt ihn bei sich und machte ihn zu seinem Adjutanten; es war der Oberste ! Büssy. Napoleon zeigte sich, als er bei seinem Artillcricregimenke stand, so oft als immer möglich in der Gesellschaft und stets mit Glück. Die Frauen jener Zeit gaben viel auf eine geistvolle lin« terssa^tung. Sie war das erste Mittel, ihre besondere Gunst z» erlangen. Er machte damals, wie er cS nennt, seine empfindsame Reise von Valence nach dein Mont «Cenis in Burgund, und hatte , schon die Absicht, sie so wie Sterne zu beschreiben Der getreue DcSmazzis war mit ihm. Er verließ ihn nie und seine Erzahluu» ^ gen über das Privatleben Napoleons, das nun begann sich an das , öffentliche anzuschlicßen, könnten ein vollständiges Bild seines gau» czen Daseyns geben. Man würde sehen, daß so außerordentlich cS MZi Hinsicht auf die Ereignisse wurde, doch der Lauf desselben nicht manfachcr und nicht natürlicher seyn konnte, übri Ilmstände und Rücksichten haben seinen Charakter in vielem I E,',oetracht eine andre Richtung gegeben. Alles an ihm, bis aus ^ woeincn Styl, der jczt so gedrängt und so lakonisch ist, war sonst H , viel emphatischer und reicher. Von der Zeit an, als er in das gc« setzgebende Corps cintrac, wurde Napoleon ernst, streng in seinem Haltung und wenig mitthcilend. Das Armee-Commando in 5ta»! lien wirkte auch auf seinen Charakter cin. Seine große 2ugcnd! zu der Zeit, als er den Oberbefehl übernahm, forderte viel Zurückhaltung und die äußerste Festigkeit in seinem Benehmen. „Dass 8l mr nöthig, unerläßlich, sagte er, um über Mensche» zu. befehle», die ihr Alter so >vc^ über mich erhob. Auch war wirklich mci» Verholte» ganz von- fsfrei und exemplarisch. 2ch erschien als ein Cato, ich mußte mich vor aller Augen so zeigen und war auch in der That ein Philosoph, ein Weiser." Diesen Charakter hat ce auf der Scene der Welt auch durchgesührt. Napoleon war in Garnison zu Valencc, als die Revolution ausbrach. Man legte damals auf die Auswanderung der Artillerieoffiziere einen ganz besondcrn Werth. Diese aber waren ihrerseits von sehr gcthciiten Meinungen. Napoleon, der den gangbaren Ideen ganz ergeben war, ergriff mit seinem Hange nach Größe und seiner Leidenschaft für den Nationalruhm, die Parthci der Revolution. Sein Beispiel wirkte auf die Mehrzahl im Rcgimcntc. Er wurde ein sehr eifriger Patriot unter der constitnircnden Versammlung; aber die gesetzgebende war eine neue Epoche für seine Begriffe und Meinungen. Er befand sich am 21. Zuni 1792 zu Paris und war auf der Terrasse de l'Eau Zeuge des Aufruhrs der Vorstädte, welche durch de» Garten der Thuillcrien zogen und in das Schloß eindrangcn. Es waren kaum sechstausend Menschen, ein Haufen ohne -Ordnung, der in seinen Reden und seiner Kleidung die ganze Gemeinheit und Verworfenheit des Pöbels zeigte. Er war ferner Zeuge des 10 . August, an welchem die Angrei« sende» weder aus höheren Standen, noch furchtbarer waren. 2m 2ahrc 1793 war Napoleon in Corsika, wo man ihm ein Commando bei den Nationalgardcn übertragen hatte. Er widersetzte sich Paoli von dem Augenblicke an, da er Verdacht schöpfte, daß dieser Greis, der ihm biS dahin so thcuer gewesen war, die Absicht hege, die 2nsel den Engländern zu überliefern. Nichts ist so unwahr, was man doch gleichwohl überall verbreitet hat, als daß Napoleon, oder jemand von den Seinen, jemals in England gewesen wäre, mit dem Ancrbicccn, ein corsischcs Regiment für dessen Dienst zu werben. Die Engländer und Paoli errangen den Sieg über die patriotischen Corscn und brannten Ajaccio nieder. Auch das Haus der Familie Bonaparte wurde ein Raub der Flammen und letztre dadurch genöchigt, sich auf den Contincnt zu flüchten. Sic ließ sich «u Marseille nieder, von wo aus Napoleon nach Paris abging. Er kam dort an, als eben die Föderalisten von Marseille Toulon den Engländern überliefert hatten. Freitag den 1. bis Mittwoch den 6. September. Am 1. September verkündete unser Vreitcgrad, daß wir an diesem Tage die 2nseln des grünen Vorgebirges sehen würde». > Der Horizont war bedeckt, wahrend der Nacht bemerkten wir nichts. Der Admiral wollte schon, in der ckibcrzcugung, daß rm in Ansehung der Länge im Jrrthnm waren, sich rcchrS nach Westen wenden, um die Inseln zu finden, als eine Brigg, weiche voraus war, das Signal gab, daß sie solche links entdecke. I» ^ der Nacht noch erhob sich im Sndost ein Wetter, und wenn der - Admiral, im entgegengesetzten Sinne irrend, sich rechtö gewendet hatte, wäre cs vielleicht zu unserm Verderben gewesen. Man sich, . daraus, daß, so große Fortschritte die Kunst auch gemacht hak, doch immer noch leicht 2rrchümer Vorfällen, welche oft in die größte Gefahr bringen. Da der Wind immer noch heftig war und i- die Sec hoch ging, so zog der Admiral vor, lieber die Reise fort- i zusctzcn, als darauf zu bestehen, Wasser einzunehmen, besonders da er damit hinreichend versorgt zu scyn glaubte. Alles lies uns eine , glücklich Fahrt hoffen, wir waren schon sehr vorwärts gekommen! die Umstände zeigten sich fortan günstig; die Luft war mild un) unsre Schiffahrt glücklich; sic hätte unS selbst angenehm werden kennen, wäre sie mic unfern Absichten und Wünschen übcreinge- kommcn. Aber nie vermochten wir unsre traurige Lage zu vergessen und die Ankunft auS den Augen zu verlieren! Nur Arbeit konnte uns die Langeweile dieser Tage erträglich machen. Ich hatte mir vorgcnommen, meinen Sohn englisch;» lehren. Der Kaiser, mit dem ich von seinen Fortschritten sprach, wollte cs ebenfalls lernen. 2ch studirtc auf eine Methode, mit deren Hülfe ich ihm einen recht einfachen Begriff davon geben und es ihm recht leicht faßlich machen wollte. Zwei bis drei Tage ging das recht gut, aber am Ende war unser Studium eben so langweilig, alö das Uibel, daö wir damit vermeiden wollten. DaS Englische wurde bei Seite gelegt. Der Kaiser warf mir einigemal vor, daß ich meine Stunden nicht fortsetze; ich antwortete ihm, daß die Medizi» bei der Hand wäre, wenn er Lust hätte, sic hm- tcrzuschlucken. Uibrigcns blieb, vorzüglich den Engländern gegenüber, seine Art zu scy» und zu leben, in allen Gewohnheiten sich völlig gleich. Man hörte nie eine Klage, nie ein Verlangen von ihm; er war immerwährend ruhig, immer sich gleich, nie übler Laune. Der Admiral, der, wie ich glaube, in Folge der Meinung, die er von unö gehabt haben mochte, sich bei der Abreise sehr gcwaff- net hatte, legte nach und nach seine Zurückhaltung ab und nahm täglich mehr Antheil an seinem Gefangenen. Er stellte, wenn wir die Tafel verließen, bisweilen vor, daß die Feuchtigkeit unter freiem Himmel diesem nachthcilig werden könne, und wenn dann der Kaiser seinen Arm nahm und die Unterhaltung mit ihm sortsetzte, so schien ihm das rech angenehm zu seyn und ihn glücklich zu ma« f chen. Man hat mich versichert, daß der Admiral alles niedcrschricb, 1 was er aufziisassen vermochte. Wenn das wahr ist, so wird, was i der Kaiser an einem dieser Tage bet der Tafel über die Marine K sprach, von unser» desfallsigen Hülfsgucllen im Süden, wie viel er 8 dabei schon zu Stande gebracht habe, was er noch ferner beab- v sichtige hätte, über die Häfen, die Ankerplätze im mittelländischen U Meere, Acußcrungen, welche der Admiral mit der größten Aufmerk- N samkeit und mit offenbarer Besorgniß, daß der Kaiser unterbrochen D werden möchte, anhörte, für einen Seemann ein höchst schätzbares 8 Kapitel bilden. T Ich komme jezt auf die Früchte unsrer gewöhnlichen Unterhal» Ä timgen zurück. Folgendes becriffc die Belagerung von Toulon. U Napoleon Bonaparte war im September 1793 24 Jahre alt i und in der Welt, durch welche sich späterhin sein Ruf verbreiten c sollte, noch unbekannt. Er war Obristlicutenant der Artillerie und r befand sich seit einigen Monaten zu Paris, nachdem er Corsika j verlassen hatte, das bei den damaligen politischen Verhältnissen, U der Paolischcn Parthei unterliegen mußte. Die Engländer hatten E Toulon weggcnommen. Man bedurfte daselbst eines auögczcichnc- tcn Lffiziers der Artillerie, um die Velagerungsarbcitcn zu leiten, i Napoleon wurde gesendet. Dort wird die" Geschichte ihn finden, k um ihn nie wieder zu verlassen; dort beginnt seine Unsterblichkeit, k 2ch verweise auf die Memoiren des Feldzugs von Italien. Sic enthalten den Angriffsplan, den er in Anwendung bringen r lies und die Art, wie er ihn ausführtc. Man wird dort finden, R daß er cS war, er ganz allein, der den Platz genommen hat. Es war ein wichtiger Sieg; aber um seinen Werth ganz zu erkennen, muß man die Akten über jenen Angriffsplan mit den Akten über die Räumung Toulonö unter sich vergleichen. Die ersten sind eine wörtliche Voraussagung und die letzter» deren genaueste Erfüllung. Bon diesem Augenblicke an hatte der junge Artillerie-Commandant dcn ausgezeichnetsten Nus begründet. Der Kaiser spricht davon ' nie ohne ein gewisses Wohlgefallen. Das sei eine von den Epochen seines Lebens, sagt er, die ihm das mchrestc Vergnügen gemacht hätten, sei der erste gelungene Erfolg gewesen, und man weiß wohl, welche angenehme Erinnerung dieser hinccrläßt. Die Gc- i ^schichte des Feldzugs in Italien schildert hinreichend die drei Gene- N ms, die sich einander bei der Belagerung folgten; die unbegreif- Niiche Unwissenheit von Cartaup, die mürrische Dummdreustigkeit uvon Doppct und die gutgemeinte Bravheit von Dügommier. Hier schweige ich davon. In diesem ersten Momente der Revolution gab eS große Um ordnung bei dem Materiellen nnv Unwissenheit bei dem Personelle» i der Armee, was thcilS der ungeregelten Zeit, theilS der Schnellig« keit und der Verwirrung zugeschriebcn werden muß, welche bei de» ^ Beförderungen daö Wort führten. Folgendes mag einen Begriff ; von diesen Dingen und den Sitten der damaligen Zeit geben. ? Napoleon kommt im Hauptquartier an und bcgiebt sich zu dem f General Cartaur, einem stolzen Mann, vom Kopf bis zu den Fm ' ßen mit Gold bebleä>c. Dieser fragt, was für Dienst er denn thu» ^ solle. Der junge -Offizier überreicht bescheiden seine -Ordre, die ^ ihm aufgab, unter dcö Generals Befehlen die Artilleriearbeicen z» ^ leiten. „DaS war sehr unnöchig, sagt der zierliche Mann, indem er i sich den Schnurbart streicht, wir brauchen weiter nichts, um Toulon wieder zu. nehmen. Seyn Sie indessen willkommen. Sie j werden den Ruhm mir unö khcilcn, es morgen anzuzünden, ohne i die Beschwerden ertragen zu haben." lind nun mußte er zum Abendessen bleiben. Dreißig Personen setzen sich zur Tafel, aber nur der General wird wie ein Fürst bedient, alle andre möchten fast verhungern. ^ Bei dem damals geltenden Begriffe von Gleichheit mußte das dem Neuangekommenen gar sonderbar dünken. Mit Anbruch dcö TageS ,! nimmt der General ihn mit in sein Cabriolet, damit, wie er sagte, er seinen Angriffsplan bewundern möchte. Kaum har man die Höhe erreicht und die Rhede gesehen, so steigt man vom Dagen und - begiebt sich nach den Linien in den Weinbergen. Der Commaii- ^ dant der Artillerie bemerkt hier einige Stück Geschütz und etwas f aufgeworfene Erde, wobei er sich aber eigentlich gar nichts denkt» ^ kann. „Düpas! spricht jezt stolz der General zu seinem Adjuta»« . ten, der zugleich sein Vertrauter ist, sind das unsre Battcriecn?" Za, Herr General! — „Und unser Park?" — Hier, vier i Schritt von uns. — „Und unsre glühenden Kugeln?" Hierin ! den nahen Lusthausern, wo seit heute Morgen zwei Artillerie-Com« f pagnien sie glühend machen. „Ader wie wird man diese ganz f glühenden Kugeln tragen können?" Jezt kamen die beiden Men« i schcn in offenbare Verlegenheit und fragten den Artillerieoffizier, ob - er denn nicht vielleicht ein Mittel wisse. Dieser war in der That versucht zu glauben, daß man ihn zum Besten haben wolle. Die ? beiden Sprechenden waren aber dabei gar zu natürlich, und er mußte daher — weil der anzugrcifende Gegenstand wenigstens an« derthalb Stunden weit entfernt lag — alle Besonnenheit, alle» Ernst und die möglichste Schonung anwenden, um sie zu überze»« gen, daß, che man sich mit glühenden Kugeln herumtrüge, mit kalten Versuche angcstellt werden müßten, um vor allem die Schuß« ' weite auszumittcln, ES kostete ihm viel Mühe, damit durchzukom- mcn, mid cs gelang bloS darum, weil ec glücklicher Weise sich deS ^ technischen Ausdrucks Probcschusi bediente, was ihnen ausgefallen war und sie zur Nachgiebigkeit brachte. Der Probcschuß wurde also nun gcthan, reichte aber kaum über das Dricchcil des - Zwischenraumes hinaus und der General und DüpaS hörten nicht auf mit Schimpfen auf die Marsciilcr und die Aristokraten, die f ohne allen Zweifel boshafter Weise daS Pulver verdorben hatten, f Inzwischen kommt der Volks« Repräsentant geritten. Es war h GaSparin, ein verständiger Mensch, der gedient hatte. Napoleon, f der jezt die Verhältnisse, von denen er umgeben ist, bcurtheilen j kann, faßt schnell seinen Entschluß, wirft sich in die Brust, fordert ' den Repräsentanten auf, ihm die unbeschrankte Leitung dessen, was f nölhig sei, übertragen zu lassen, beweist ohne Schonung die unerhörte Unwissenheit derer, die ihn umgeben und bemächtigt sich, von diesem Augenblicke an, der Direction der Belagerung, bei welcher er mm daS völlige Commando sührre. Cartanx war so beschränkt, daß cs unmöglich war Ihm begreiflich zu machen, daß, um Toulon leichter zu nehmen, man cS an dem Ausgange der Rhede angrcifen müsse, und da es dem Artille« - ric-Eommandantcn einigemal begegnet war, daß, indem er diesen - Außgang aus der Landkarte zeigte, er zugleich sagte, da sei Tou- i lon, so glaubte Cartaux, er wisse nicht eben viel in der Geo- s graphie. Da aber, seines Widerspruchs ungeachtet, daö Anschn der Repräsentanten für diesen entfernten Angriff entschied, so war i der General nicht ohne Mißtrauen wegen Verrath. Er bemerkte ^ oft ganz unruhig, daß ja doch dort Toulon nicht liege, i Cartaux wollte einmal den Eommandantcn zwingen, eine ange- s lehnte Batterie bei einem Hause anzubringen, wo die Kanonen bei dem Schuß nicht zurückgehcn konnten. Ein andrcsmal, als er von seiner Morgenpromenade zurück kommt, läßt er den Eommandantcn zu sich rufen, um ihm zu sagen, daß er eben eine Position entdeckt habe, wo, vermöge einer dort aufzustellcnden Batterie von 6 bis 12 Stück, Toulon ohne Zweifel in wenig Tagen fallen müßte. Es war ein kleiner Hügel, von wo aus man zugleich drei oder vier FortS und einige Punkte der Stadt beschießen konnre. Er ist außer sich über die Weigerung des Arcillerie-Comniandantcn, der ihm be» merklich macht, daß wenn die Batterie diese Punkte erreiche, sie auch wieder erreiche werden könne, und daß ihre 12 Stück mit IbO zu chun haben würden, daß also ein ganz einfaches Sub- lractionSexempel ihm seinen Nachtheil anschaulich machen müsse. Demungcachttt wird der Genie-Eommandant zur Berathung her« bcigcrufcn, und alö dieser sogleich die Meinung des Artillcrjc.Esm« Mandanten theilt, sagt Cartanx, man könne mit diesen, Corps wci- ser Herren nichtö anfangen, weil sie alle zusammen hielten. U,„ nun den sich täglich erneuernden Schwierigkeiten zu begegnen, vcr- : langte der Repräsentant, daß Cartaux seinen Angriffsplan im Ganze» den, Commandanten der Artillerie mittheilen und dieser so- dann das Detail davon, nach den Regeln seiner Waffe in Ausführung bringen möchte. Dieser merkwürdige Plan von Cartaux war denn folgender. „Der Commandant der Artillerie wird Toulon drei Tage lang f. beschießen, dann werde ich es mit drei Colonncn angrcifcn und i, nehmen." ! Alle!" der Genie-Comlcee zu Paris fand diese schnellen Maas- ich regeln bei weitem mehr spaßhaft alS klug, was denn dazu beitrug, s Cartaux abruftn zu lassen. UibrigenS fehlte eö auch sonst nicht an Projekten zu der Wiedereinnahme von Toulon. Da dieser Gegenstand bei den Volksgcsellschasccn in Frage kam, so strömten sie von allen Seiten herbei. Napoleon sagt, daß er deren 600 wahrend . der Belagerung erhalten habe. Nur dem Repräsentanten Gaöpari» hatte cs Napoleon zu verdanken, das; sein Plan, nach welchem Toulon genommen wurde, über die dagegen bei den Comit-'S des Cvnvcntö erhobenen Widersprüche siegte. Er war dafür stets erkenntlich. „GaSparin war cs, sagte er, der mir die Bahn der Ehre eröfnct hat." *) Bei diesen Zwistigkeiten, welche Cartaux mit dem Artillerie- Commandanten hatte, war mcistcnthcils seine Frau zugegen, und i diese nahm gewöhnlich die Parthci dcS Letztem. „Laß doch den jungen Mann machen, sagte sie ganz naiv zu ihrem Gemahl, er weiß mehr wie Du davon, er verlangt ja nichts. Mußt Du nicht Rechenschaft geben? Die Ehre bleibt Dir doch." Diese Frau hatte einen recht gesunden Verstand, und als sic nun, nach der Abberufung ihres Mannes, wieder nach Paris kam, i dort aber die Jakobiner von Marseille dem in Ungnade gefallene» Ehepaare ein glänzendes Fest gaben, war bei Tische die Rede von den, Artillerie- Commandanten, den man bis in die Wolken erhob. Da sagte sie: „Traut dem nicht; der junge Mann ist zu gescheut, um lange Zeit ein Sans-Cülotte zu bleiben." Iczt rief der General mit einer wahren Stentorstimme ihr zu: Frau Cartaux! wir ich sind also dumme Teufel, wie? — Nein, daö will ich just nicht s sagen, mein Freund! Aber-Hör' einmal, er ist von 's Deinem Schlag, das kannst Du mir glauben. — - Der Kaiser hat in seinem Testamente dem Repräsentanten Gaspari» , cm dankbares Ändenken ftir die besondere Prvlertio» gewidmet, die Z er von ihm erhalten hat. ' 87 Einst sah inan im Hauptquartiere vou Paris her einen Pracht« ! volle» Wagen kommen; ihm folgte ein zweiter, ein dritter, ein loccr, ein 15ter n. s. w. Man denke sich daö allgemeine Erstem« ' iicn bei den damals so einfachen Sitten der Republik. Der große ^ König hätte nie mit größerem Psmb reisen können. Alle kamen aus der Hauptstadt unmittelbar, die mehresten waren Hofwagen. Ohngcfahr 60 Milicairs von schöner Haltung steigen aus. Sie ^ fragen nach dem General, und gehen so wichtig einher, wie ab- gesandte Minister. „Bürger General! beginnt der Sprecher der . Bande, wir kommen von PariS; die Patrioten sind unzufrieden mit deiner Unthäcigkcit, deinem Zögern. Seit langer Zeit ist der Bo» ? den der Republik geschändet. Sie zittert vor Wuth, noch nicht ^ gerächt zu scpn, und fragt, warum Toulon noch nicht wieder « genommen, warum die englische Flotte noch nicht verbrannt ist? , Zn ihrem Unwillen hat sie die Braven aufgefordert. Dir haben ! uns gestellt, und brennen nun vor Ungeduld, ihrer Erwartung zu st entsprechen. Wir sind freiwillige Kanoniers von Paris. Laß unS st Kanonen geben. Morgen gchtS gegen den Feind!" Der General ! ist außer sich, über diese öffentliche Beschimpfung, und wendet sich st a» den Artillerie - Commandantcn, der ihm dann auch ganz inö st Ohr verspricht, daß er ihn morgenden Tags von diesen Eisen« st fressern befreien wolle. Man erzeigt ihnen alle nur mögliche ^ Ehre; mit Tagesanbruch aber führt der Artilleric-'Commandant sie st auf den Strand, und läßt ihnen einige Artillericstücke zu ihrer st Disposition geben. Sie sind verwundert, sich von Kopf bis zu st dm Füßen so ganz ungedeckt zu sehen, fragen, ob denn gar st nichts da wäre, wo hinter sie sich stellen könnten, nicht etwa so i eine kleine Schutzwehr? Man antwortet ihnen jedoch, das sei i wohl sonst recht gut gewesen, aber jetzt gar nicht mehr Mode; : der Patriotismus habe das Alles bei Seite geworfen. Während . des Gesprächs giebt eine englische Fregatte eine volle Lage, und i die ganzen Großprahler lausen davon. Es ist ein Schreien durch ^ das ganze Lager; einige verschwinden, die übrigen verschmelzen sich i bescheidner Weise mit dem Fuhrwesen. Alles war damals nur Unordnung und Anarchie; Düpas, dir rechte Hand des Generals, übrigens ein ganz einfältiger Mensch, spielte gern den Superklugen, und plagte die Anister-Mu im Park und in den Batterien. Sie dachten reckt luff - Weise darauf, wie sie sich ihn vom Halse schaffen wollten. Mau macht ihn lächerlich, man ereifert sich, man setzt seinen Kopf auf. Er ^ werde mir scincm gewöhnlichen Dünkel, seinerseits schneidend, ge« bittcrisch, spürt überall umher; mau antwortet ihm verkehrt, legt ihm Schlingen, und sucht ihn in scnicn eignen Worten zu fangen; 88 das ttngewitter wird heftiger, cS schlägt von allen Seiten ein, man schreit über Aristokratie, droht mit der Laterne; jetzt giebt Düpas dem Pferde beide Sporen, und reitet über alle Berge. Der Artillerie-Commandant war überall. Seine Thäcigkcit, sein ganzes Wesen hatten ihm einen entschiedenen Einfluß auf die übrige Armee verschafft. So oft der Feind einen Ausfall beabsichtigte, oder sonst die Belagerer zu irgend einer schnellen und unerwarteten Bewegung nöchigte, war bei den Colonncn-Anführern und den Commandanlen der Detachements nur eine Stimme: Laust zu dem Arcillcrie-Commandantcn, sagte man, fragt ihn, was zu thnn ist; er kennt besser die Lokalität, als jeder andere; und niemand beklagte sich darüber. Er schonte sich aber auch nicht; es wurden ihm mehrere' Pferde unter dem Leibe getödtet, und er erhielt von einem Engländer einen Bajonettstich in den linken Schenkel, eine Wunde, die so bedeutend war, daß man einige Zeit besorgte, es würde das Bein abgclöst werden müssen. Eines TagcS wurde ein Artillerist, dem das Laden oblag, in einer Batterie erschossen. Er nimmt den Setzer, und ladet selbst lo bis 12mal. Einige Tage später hat er einen bösartigen Ausschlag am ganzen Körper. Man untersucht, wie er wohl dazu gekommen seyn möchte, und sein Adjutant Muiron macht die Entdeckung, daß der gebliebene Kanonier damit behaftet gewesen ist. Der jugendliche Eifer, die Thätigkelt im Dienst sind schuld, daß der Artillerie-Eommandant sich nur einer oberflächlichen Kur unterwirft, äußerlich verschwindet das Nebel, aber das Gift war nach Innen gedrungen, und seine Gesundheit davon so angegriffen, daß es ihn, fast das Leben gekostet hätte. Daher die Magerkeit, das schlimme, schwächliche Aussehen, die kranke Gesichtsfarbe des Dbcrgencrals der italienischen Armee und der Armee von Egypten. Biel später, erst in den Tuilerien, gelang cs Esrvisarc, durch zahlreiche Vesicacorien auf der Brust, seine Gesundheit völlig wieder hcrzustellen. Nun erst wurde er stark, wie man ihn spater gekannt hat. Vom bloßen Artillerie-Commandanten konnte Napoleon, vor )cr Beendigung der Belagerung von Toulon, daselbst General ui Chef werden. An dem Tage des Angriffs auf Klein-Gibraltar sollte der General Dugommier, der denselben schon einige Tage ing aufgchalten hatte, ihn noch länger verschieben. Gegen drei der vier Uhr Nachmittags ließen die Repräsentanten Napoleon u sich rufen. Sie waren besonders wegen jener Zögerung unzu- üedcn mit Dugommier, wollten ihn absetzcn, und boten das Kommando dem Chef der Artillerie an. Er schlug cs aber aus, sing sogleich zu seinem General, den er schätzte und liebte, sagte 89 demselben, wovon die Rede sei, und bestimmte ihn zum Angriff. Zn dem Augenblick der Ausführung, als die Truppen schon auf dem Marsch waren, änderten sich die Verhältnisse; die Repräsentanten untersagten nun den Angriff, aber Dugommicr, von dem Commandanten der Artillerie angetriebcn, lies sich nicht mehr davon abhaltcn. Er wäre verloren gewesen, wenn die Sache nicht gelang; sein Kopf hätte fallen müssen. So gingen die Geschäfte, so waltete die Gerechtigkeit in der damaligen Zeit. Es waren früher hauptsächlich die Nachrichten, welche die Committeön von Paris über Napoleon im Artillerie-Bureau fanden, wodurch ihr Augenmerk in Ansehung der Belagerung von Toulon auf ihn gerichtet wurde. Man hat nun gesehen, daß er von dem Augenblicke an, als er dort erschien, ungeachtet seiner Zugend und seines untergeordneten Grades, dennoch der eigentliche Befehlshaber war. Seine Uibcrlcgenheit, seine Kenntnisse und die damalige Verwirrung brachten auch ganz natürlicher Weise diese Wirkung hervor. Er war cs ganz eigentlich, welcher Toulon nahm, und dennoch ist er in den Berichten kaum genannt. Die Stadt war schon in seinen Händen, als man in der Armee noch gar nichts davon nhnete. Als Klein-Gibraltar erobert war, das ihnen stets für den Schlüssel und das Ziel der Unternehmung gegolten hatte, fand er den alten Dugommier im höchsten Grade ermüdet. „Ruhen Sie jetzt aus, sagte er zu ihm, Toulon ist unser, übermorgen sollen Sie dort schlafen." Wie dann Dugom- micr sah, daß alles sich vollkommen so bestätigte, war eö seinerseits wahrhaft enthusiastische Bewunderung, wenn er immer wieder erzählte, daß der junge Artillcrie-Commandant ihm stets auf das Genaueste vorhergcsagt habe, was geschehen würde. Es war ihm unmöglich, darüber zu schweigen. Es ist vollkommen gegründet, und man sinder es in mehrern Schriften der damaligen Zeit, daß er die Comitte-m von Paris davon unterrichtete, er habe einen jungen Mann bei sich, dem man alle Berücksichtigung schuldig sei, weil durch dessen Beitritt zu der oder jener Parthei ein großes Gewicht in deren Waagschale kommen müsse. Dugommicr wollte hierauf, als er zu der -Armee der Ost-Pyrenäen geschickt wurde, den jungen Artillerie-Eommandantcn gern mit sich nehmen, konnte cs aber nicht dahin bringen. Demohncrachtct sprach er ohne Unterlaß von ihm, und als nun späterhin diese nämliche Armee, nach dem Frieden mit Spanien, zu Verstärkung der italienischen abging, welche bald nachher Napoleon zum Obcrgcncral erhielt, wurde letzterer von den Offiziers, nach dem Begriff, welche» Du- gommier ihnen von ihm gemacht hatte, mit solcher Bewunderung 90 ausgenommen, daß, wie er sagte, sie nicht Augen genug hatten, ihn zu betrachten. Napoleon selbst war über seine Erfolge zu Toulon nicht eben sehr verwundert. Er freute sich, nach dem was er davon sprach, derselben sehr, aber ohne dabei etwas Besonderes zu finden. ES war im folgenden Jahre der nämliche Fall zu Saorglo, wo er ebenfalls Wunderdinge vollbrachte, indem er in wenig Tagen das erlangte, was man seit zwei Zähren umsonst zu erstreben suchte. „Der Vendemiaire und selbst Montenotte, sagte der Kaiser, brachten mich noch nicht dahin, zu glauben, daß ich ein ausgezeichneter Mensch sei. Erst nach dem Gefecht bei Lodi kam eö mir in den Sinn, daß ich vielleicht ein Hauptacteur ans unserm politischen Theater werden könnte. Hier, fuhr er fort, entstand der erste Funke jenes großen Ehrgeizes." Allerdings erinnerte er sich, daß er, als er nach dem Vendemiaire die Armee dcö Innern commandirte, von dieser Zeit an einen Plan zu einem Feldzuge entwarf, der sich mit einem Friedensschlüsse auf der Spitze deS Simmering enden sollte, wie er solchen späterhin zu Leoben auch wirklich zu Stande brachte. Dies Actcnstück müßte vielleicht noch in den Archiven der Bürcau'S aufzufinden seyn. Man weiß, wie zügellos die damalige Zeit war, und unter den Mauern von Toulon hatte dieser Zustand noch durch das Zusam, mentrcffen von mehr als 2«0 Deputaten zugenommen, welche von den benachbarten Volksversammlungen hcrbeikamcn, und die schrecklichsten Maaß'rcgcln forderten. Sie allein muß man wegen der Ausschweifungen anklagcn, worüber damals alle Militairs seufzten. Als Napoleon zu großen Würden gelangt war, suchte die Ver< laumdung das Gehässige hiervon auf seine Person zu wälzen. „Man würde sich erniedrigen, sagte der Kaiser, wenn man hierauf etwas crwiedern wollte." AlS Napoleon sich an der Spitze der Artillerie zu Toulon befand, benutzte er den Drang der Umstände, um viele seiner Kameraden, welche Geburt oder politische Meinungen außer Dienst gebracht hatte, wieder anzustcllcn. Auf sein Verlangen wurde der .Oberste Gasscndi Eommandant deS Zeughauses von Marseille. Man j kennt dessen Widerspenstigkeit und Strenge. -Oft kam er dadurch in Gefahr, und mehr als einmal bedurfte er Napoleons schnelle Hülfe, um ihn der Wukh der Ausrührer zu entreißen. Das Ansehen, welches er, vermöge seiner Dienste, in dem Hafen und bei dem Zeughausc zu Toulon genoß, verschaffte ihm die Gelegenheit, einige unglückliche Ausgewanderte von der Familie Ehabriant oder Chabrillan zu retten, welche ein Sturm auf den Strand dcö französischen Gebietes verschlagen hatte. Da das 91 Gesetz gegen jeden Ausgewanderten, der in Frankreich sich wiederum zeigen würde, den Tod aussprach; so sollten sie sterben. Umsonst sagten sic zu ihrer Vertheidigung, daß der Zufall sie gegen ihren Willen hcrbeigcführt habe, und daß sie nur um die Vergünstigung bäten, wieder sortgehen zu dürfen. Sie waren verloren, hätte nicht der Artillerie-Commandant cs mit großer eigner Gefahr gewagt, ihnen ein bedecktes Boot zu verschaffen, welches er unter dem Borwand auslaufen lies, daß solches wegen verschiedener, sein Departement angehender Gegenstände erforderlich sei. ES waren diese Personen nachher unter seiner Negierung so glücklich, ihm ihre Dankbarkeit auszudrückcn. Sie sagten, daß sie die Drdre, welche ihnen das Leben gerettet habe, als ein Heiligthum aiisbewahrt hatten. Mehr als einmal lief Napoleon selbst Gefahr, unter die Hand jener Henker der Revolution zu kommen. Bei jeder neuen Batterie, welche er errichtete, verlangten die zahlreichen, im Lager befindlichen patriotischen Deputationen, daß er derselben ihren Namen beilegen möchte. Napoleon nannte eine davon die Patrioten des Süden, und das war hinreichend, um angeklagt, und des Föderalismus beschuldigt zu werden. Hätte man seiner nicht so sehr bedurft, so hatte man ihn arrctirt, daS heißt so viel als: er wäre verloren gewesen. Die Raserei und die Schrecken jener Zeit waren über allen Ausdruck. Der Kaiser sagte uns zum Beispiel, er sei wahrend seiner Küstcnbcwaffnung zu Marseille Zeuge der gräßlichen Dcrurtheilung des Kaufmanns Hugues, eines tauben und fast blinden Greises von 84 Jahren gewesen, den seine ruchlosen Henker des Verrathö beschuldigten. Sein eigentliches Verbrechen war aber der Besitz von 18 Millionen Franken. Er lies dies dem Tribunal merken, erbst sich, jene Millionen herzugeben, wenn map ihm nur 500000 Franken lassen wolle, die er doch nur kurze Zeit noch genießen würde. Umsonst! sein Kopf mußte fallen. „Wahrhaftig, bei einem solchen Schauspiele, sagte der Kaiser, glaubte ich, das Ende der Welt sei da!" Dies ist ein Ausdruck, den er für solche Dinge zu brauchen pflegt. Barras und Freron waren die Urheber dieser Abscheulichkeiten; der Kaiser lies Robes- picrre hierbei Gerechtigkeit wiederfahren, und versicherte, er habe lange Briefe von ihm an seinen Bruder Robcspierrc, den jüngern, damaligen Repräsentanten der Südarmee, gelesen, worinn er sich mir Wärme gegen diese Ausschweifungen erklärte, sich ganz von ihnen loögesagc, und geäußert hätte, daß durch selbige die Revolution entehrt und umgebracht würde. Napoleon zog bei der Belagerung von Toulon mehrere Personen m seine Nähe, von denen man seitdem viel gesprochen hat. _ Er zeichnete im Train einen jungen Ossizier sehr aus, dessen Bildung ihm Anfangs viel Mühe kostete, der ihm aber nachher große Dienste geleistet hat. Es war Düroe, der, bei einem nicht eben hcrvorstehenden Aenßcrn, die solidesten und nützlichsten Eigcnschas- len besaß, den Kaiser, um seiner selbst willen, liebte, stets nur das Gute wollte, und die Wahrheit zu rechter Zeit zu sagen verstand. Er wurde Herzog von Friaul und Großmarschall. Das Schloß des Kaisers wurde durch ihn in einen vortrefflichen Zustand gesetzt, und die vollkommensten Einrichtungen in demselben getroffen. Der Kaiser glaubte durch seinen Tod einen unersetzlichen Verlust erlitten > -u haben, und eine Menge von Menschen thcilre diese Ueberzeu- ^ gung. Er sagte, Düroc habe allein um seine Geheimnisse gewußt, ^ und sein ganzes Vertrauen besessen. Bei der Errichtung einer der ersten Bakterien, welche Napoleon bei seiner Ankunft zu Toulon anordncte, verlangte er an Orc und Stelle einen Sergeanten oder Korporal, der schreiben könne. Da trat denn einer vor, der nun sogleich auf der Schulterwchr der Schanze das niedcrschrieb, was erstcrer ihm versagte. Eben war der Brief geendet, als eine Kugel ihn ganz mit Erde überdeckte. ^ „Gut, sagte der Schreiber, kaum kann ich den Streusand ersparen." Dieser Scherz und die Ruhe dabei erregten Napoleons Aufmerksamkeit, und machten das Glück deö Sergeanten- ES war Iunot, der nachher Herzog von Abrantes, General «-Oberster der Husaren, Befehlshaber in Portugal, und endlich General-Gouverneur in Illyricn wurde, woselbst er Zeichen einer Gcistcszerrüttung von sich gab, die bei seiner Rückkehr nach Frankreich noch zunahm. Er verstümmelte dabei sich selbst, und starb dann als ein Opfer von Ausschweifungen, die ihn um Gesundheit und Verstand gebracht hatten. Als Napoleon General der Artillerie geworden war, und diese Waffe in Italien commandirte, zeigte er auch hier bald die lieber- Icgcnhcit und den Einfluß, den er auf so schnelle Weise vor Ton- lon erlangt hatte. Doch geschah dies nicht ohne Widerstand und selbst nicht ohne Gefahr. Der Repräsentant Laportc, dem er nicht ) nachgeben wollte, lies ihn auf einige Zeit arrctiren. Bet einer ähnlichen Gelegenheit erklärte ein anderer Repräsentant ihn außer dem Gesetz, weil er nicht alle seine Artillerie-Pferde zum Dienst bei den Posten hcrgeben wollte. Endlich fodcrte ihn ein Dceret, daS jedoch nicht vollzogen wurde, wegen einiger mit der Befestigung von Marseille in Verbindung stehender, und von ihm anbe- fohlncr militairischer Maasrcgcln vor die Schranken des ConventS. Bei dieser Armee, von Nizza oder Italien, wirkte er dagegen gar sehr auf den Repräsentanten Rcbcopicrre, den jüngcrn, dem er überhaupt Eigenschaften beilegt, die ihn sehr von seines Bruder , unterscheiden, den übrigens Napoleon nie gesehen hat. Dieser jüngere Robespicrre gab sich, alö er vor dem 9. Thermidor durch seinen Bruder nach Paris zurückberufen wurde, alle mögliche Mühe, Napoleon zu bewegen, daß er ihm folgen möchte. „Hätte ich mich nicht mit so großer Festigkeit geweigert, ^ bemerkte Napoleon, wer kann wissen, wie weit mich dann dieser ^ erste Schritt geführt haben könnte, und wie ganz anders dann s mein Loos ausgefallen wäre." Bei der Armee von Nizza befand sich noch ein anderer, - ziemlich unbedeutender Repräsentant, dessen sehr hübsche und sehr ^ liebenswürdige Frau bisweilen dies Geschäfte seiner Mission theilte oder selbst leitete. Sie war aus Versailles. Der General der , Artillerie galt sehr viel in ihrem Hause. Er, der Repräsentant, war ganz für ihn eingenommen, und behandelte ihn auss Beste in jeder Beziehung. Dies war, wie Napoleon bemerkte, für den . jungen General ein außerordentlicher Vorthcil, da in dieser Zeit, ; wo die Gesetze schwiegen oder improvisirtcn, ein Volksvertreter - große Macht harte. Er war einer von denen, die bei dem Con» l vent, nach der Krisis des Vendemiaire, das mehreste dazu bei« - trugen, daß man den Blick auf Napoleon warf, eine natürliche Folge des großen Eindrucks, den der Charakter und die Fähig- ^ testen des jungen Feldhcrrn bei ihm hintcrlassen hatten, j Der Kaiser erzählte, daß er späterhin, nachdem er zu der Oberherrschaft gelangt war, einst die schöne Repräsentantin von Nizza, seine alte liebe Freundin, wieder gesehen habe. Sie war ! sehr verändert, kaum noch zu kennen, Wittwe, und in äußerster j Armuth. ES machte ihm Freude, alles für sie zu thun, was sie !' nur verlangte. Er lies, wie er sagte, selbst ihre Träume in Erfüllung gehen, und sie noch von der Wirklichkeit übertrcffen. Obschon sie zu Versailles lebte, so gehörten doch Lahre dazu, ehe sie bis zu ihm dringen konnte. Briefe, Bittschriften, Gesuche aller Art waren ohne Erfolg geblieben'. „So schwer ist es, sagte j der Kaiser, bis zu einem regierenden Herrn zu gelangen; selbst f dann, wenn dieser den Zutritt nicht verweigert." Am Ende war j er cs noch, der einst bei einer Zagd zu Versailles sie zufällig i erwähnte. Berchicr, der ebenfalls aus jener Stadt und von Kindheit 1 an mit ihr befreundet war, jedoch nie von derselben, noch weniger von ihren Gesuchen gesprochen hatte, stellte sie Tages darauf dem Kaiser vor. „Aber warum haben Sie sich nicht unseres ge« ! meinschaftlichen Bekannten von Nizza bedient, um zu mir zu > gelangen? fragte sie der Kaiser. Mehrere derselben spielen jetzt ! wichtige Rollen, und stehen in immerwährender Verbindung mit j 94 mir." „Ach, Sire! sie gehörten nicht mehr zu meinen Brümmer, sobald sie groß geworden waren, und ich unglücklich." Der Kaiser erzählte mir einst mancherlei kleine Umstände über dieses ehemalige Verhältnis': „Ich war zu jener Zeit noch sehr jimg, sagte er, und sehr glücklich und stolz über mein kleines Liebesglück. Ich zeigte mich dankbar dafür durch eine Menge von Ausmerk' , samkeiten, wie sie nur in meiner Macht standen. Sic Werder gleich hören, wie sehr diese Macht in solchen Fällen gcmißbraucht , werden kann, und in welchen Händen dann oft daS Loos der Menschen liegt, denn ich bin gewiß nicht schlechter, als andere. > AlS ich eines Tages in der Gegend des Engpasses des Col de Tcrde ! mitten in unser» Stellungen umherging, kömmt mir plötzlich der Gedanke ihr das Schauspiel eines kleinen Gefechts zu geben, und sogleich ertheile ich den Befehl zu einem Vorposten Angriff. Wahr tsts, wir siegten; aber offenbar ohne allen Nutzen. Der Angriff war eine leere Phantasie, und doch blieben vielleicht mehrere Menschen dabei. 2ch habe mir in der, Folge jederzeit, wenn ich , wieder daran dachte, große Vorwürfe darüber gemacht." Als die Ereignisse des Thermidor eine Veränderung bei den Commitesn des Convents hcrbcigcsnhrt hatten, befand sich Aubry, ein ehemaliger Artillerie - Capitain, an der Spitze des Kriegs'Committes, und entwarf nun einen neuen Etat der Armee, wobei er sich selbst nicht vergaß. Er machte sich zum Artillerie- General, und begünstigte mehrere seiner vormaligen Kammcraden zum Nachthcil des übrigen Theils jenes Corps, das er ncugcstal- tete. Napoleon, der kaum 25 Jahre alt war, wurde zum General der Znfantcrie ernannt, und zum Dienst in der Vendee bestimmt. Er verlies deshalb 2talicn, um kräftige Vorstellungen gegen eine Veränderung zu thun, die ihm in keinerlei Beziehung zusagte. Da aber Aubry unbiegsam war, und über jene gerechten Bemerkungen in Zorn gerietst, nahm er den Abschied. Man wird jedoch bei der Geschichte der italienischen Feldzüge finden, daß er sogleich bei dem neuen Comitte-l für die topographischen Geschäfte wieder angestellt wurde, wo man die Vorarbeiten zu den Bewegungen der Armeen und zu den Plänen der Feldzüge fertigte. Hier traf ihn der 13te Vendemiaire. Seine Vorstellungen an Aubry verursachten einen merkwürdigen Austritt. Er bestand mit aller Kraft auf seinem Verlangen, weil rr Thatsachen für sich harte; Aubry widcrsctzte sich mit Bitterkeit, indem die Macht in seinen Händen war. Er sei noch zu jung, sagte er zu Napoleon, und müßte also ältere Leute aufrückcn lassen; Napoleon erwiedcrte: auf den, Schlachtfclde altere man schnell, ^ 95 —. er komme eben von daher — Aubry hatte niemals Pulver gerochen, — ^ der Wortwechsel wurde sehr lebhaft. Ich sagte dem Kaiser, daß ich nach der Rückkehr von meiner Auswanderung lange Zeit in der Straße St. Florcntin in dem . nämlichen Hause gewohnt hatte, wo diese Scene vorgefallen sei; daß ich sie tausendmal dort habe erzählen hören, und obschon die Erzählenden nicht seine Freunde gewesen wären, jeder doch mit recht « innigem Antheil alle kleinen llmstande angegeben, und deutlich den » Theil des Aimmers und das Viereck des Parkets, wo diese Bewegung » sich gezeigt, oder jenes Wort gesprochen worden sei, vorgestellt habe. « Man wird in der Geschichte des berühmten, für den Gang « der Revolution und das Schicksal Napoleons so wichtigen Tages des Vendemiaire finden, daß er einige Zeit schwankte, ehe er sich mit der Verthcidigung deS ConvcntS befaßte. 2n der darauf folgenden Nacht erschien Napoleon in dem Coniittc-- der Vierziger, der sich in den Tuillerien für permanent erklärt hatte. Er fand für nöthig, Mörser und andern Kriegsbedarf von Meudon kommen zu lassen. Die Vorsicht des Prass Ik deuten (Cambacercs) ging aber so weit, daß aller Gefahren ungeachtet, welche diesen Tag bezeichnet hatten, er doch den Befehl dazu nicht unterschreiben wollte, sondern, und auch^ dies nur auS Nachgiebigkeit, bios darauf antrug, diese Gegenstände zu freiem Gebrauch des Generals zu stellen. Napoleon hatte, während er, in Folge des 13ten Vendemiaire, Commandant von Paris war, mit einem großen Mangel an Lc- ^ bensmitteln zu kämpfen, der zu mehreren VolkSscencn Anlaß gab. An einem jener Tage, an welchen dieser Mangel sehr groß war, »nd zahlreiche Volkshaufeu an den Thüren der Bäcker sich sammelten, ging Napoleon mit einem Theile seines GeneralstaabcS ^ aus, um über die öffentliche Ruhe zu wachen. Eine große Masse deS Pöbels, besonders Weiber, umringen ihn, drangen auf ihn ein, und sodcrn mit großem Geschrei Brod; der Auflauf wird immer größer, die Drohung heftiger, und seine Lage kritischer. Ein ungeheuer großes und dickes Weib zeichnet sich aus durch Eebchrdcn und Worte. „Die ganzen Achselbandtragcr da, schreit sic, indem sic sich vor die Offiziers hinstellt, lachen uns alle aus. Sie haben zu essen und werden dick und fett, ihnen Ist'S ganz gleich, ob die armen Leute Hungers sterben." Napoleon unterbricht sie: „Sch sie mich doch recht an, meine Gute, wer von unS beiden wohl am dicksten ist? — Napoleon war damals überaus mager. — Ich war wie Pergament so dünn, sagte er. Ein allgemeines Gelächter cntwaffncte jetzt den Pöbel, und die Offiziers »om Generalstaabe gingen weiter. 2n den Memoiren dcS Feldzuges in Italien wird man finden, wie Napoleon die Bekanntschaft von Madame Beauharnais machie, und wie eS kam, daß er sie heirathetc, ein Gegenstand, der in den Schriften der damaligen Zeit so falsch dargcstcllt worden ist. Kaum hatte er sie kennen lernen, alS er auch dann jeden Abend bei ihr zubrachte, da er dort die angenehmste Gesellschaft von ganz Paris beisammen fand. Wenn die Mehrzahl fort war, blieben gewöhnlich noch Herr von Monkesquiou, der Vater deö -Ol'cr- kammcrhcrrn, der Herzog von Nivernais, der durch die Animilh seines Wihes so bekannt worden ist, und noch einige andere. Man sah zu, ob die Thüren gehörig verschlossen waren, und dann hieß es: „Wir wollen ein wenig von dem alten Hoflcbcn schwatzen, wollen uns einmal wieder nach Versailles versetzen." Der öffentliche Schatz war so erschöpft, und das baarc Geld so selten in der Republik, daß bei der Abreise des General Bonaparte zu der italienischen Armee mit aller Anstrengung und mit der größten Muhe des Direktoriums doch nicht mehr alS zehntausend Louied'orö zusammcngcbracht werden konnten, welche er in seinem Wagen mit fortnahm. Mit dieser Summe ging er hin, Italien und die Herrschaft über die Welt zu erobern. Es soll noch ein Tagsbcschl von Bcrthicr vorhanden seyn, nach welchem der -Obergeneral, bei seiner Ankunft in dem Hauptquartiere zu Nizza, die Summe von vier Louisd'or in Golde an die Generals alS eine Beihülfe zu Bestreitung dcS Aufwands bei der Eröffnung des Feldzugs auszahlen lies, und das war zu jener Zeit eine große Summe, weil schon langst niemand mehr baareS Geld gesehen hatte. Dieser bloße Tagesbefehl schildert die damaligen Verhältnisse mit mehrerer Kraft und größerer Wahrheit, alö ein großes Werk eS vermocht haben würde. Von dem Augeirblick an, da Napoleon sich bei der Armee von Italien zeigte, erkannte man in ihm sogleich den Mann, der gemacht sei, andern zu befehlen. Er spielte von diesem Augenblick an die wichtigste Rolle auf dem großen Theater der Welt; sein Ruf beschäftigte ganz Europa, er war ein Meteor, daS plötzlich am Firmament erschien. Alle Blicke, alle Gedanken waren nun aus ihn gerichtet, er war der Gegenstand aller Unterhaltungen. Nur von ihm handelten alle Zeitungen, alle Bücher, alle Denkmale. Sein Name war auf jeder Seite, in jeder Zeile, ft wie in Aller Munde *). *) Chronologische Wiederholung. Der Kaiser ist geboren den.. . 15. August 176N' Ausgenommen in die Schule zu Brienne ....... l 77 s> Seine Erscheinung brachte eine völlige Revolution kn Sitten, Manieren, Gebräuchen und in der Sprache hervor. Decrt-S hat mir oft erzählt, er habe zu Toulon die Ernennung Napoleons zum Commandanten der Armee von Italien zuerst erfahren, und ihn vorher zu Paris sehr gut gekannt. „Als wir min hören, sagte er, daß der neue General durch die Stadt kommen wird, erbiete ich mich sogleich bei meinen Kammcradcn, daß Ich sie ihm vorstellen will, und thue mir dabei nicht wenig aus meine Bekanntschaft mit ihm zu gute. Ich laufe recht eilig und voll Freude; der Saal öffnet sich; ich will hin zu ihm und auf einmal fühle ich mich durch seine Haltung, seinen Blick, den Ton seiner Stimme zurück geschreckt. Bei alle dem fühlte man sich durchaus nicht beleidigt und doch war es hinreichend, daß von dieser Zeit an ich cs nie wieder wagte, die Schranken zu überschreiten, die zwischen ihm und mir sich erhoben hatten." Ein anderer charakteristischer Zug seines -Obcrcommando war die Geschicklichkeit, die Kraft und Reinheit seiner Verwaltung, sein steter Haß aller Verschwendung, die ausgesprochenste Verachtung alles Eigennutzes. „Ich kam, sagte er uns einmal, aus dem Feldzuge in Italien mit kaum 300,000 Franken, die ich mein nennen konnte, anstatt daß ich 10 bis 12 Millionen, als mein wahres Eigenthum hatte micbringen können. Ich habe niemals Rechnung abgelegt und man hat dies nie von mir gefordert. Ich hoffte bei meiner Rückkehr auf irgend eine große Nationalbc- lohmmg. 2 m Publikum wurde davon gesprochen, daß ich Cham« bord als Dotation erhalten sollte. Ich hatte mir in der Thac einen solchen Vcrmögensbesitz gewünscht, aber das Direktorium ließ die Sache unterdrücken. Dahingegen hatte ich wenigstens SO Mil- Konnnt i» die Pariser Schule .......... I78Z. Wird Lieutenant im erste» Artillerie-Regiment de la Fere, ... de» I. Scpt. 1785 . Capitain,.. - 6. Febr. 1792. BataillvnSchef,.- ly. Oct. > 7 YZ. Vrigadegeucral, ......... l . - ü. Febr. 1794. Divtstonsgcrieral, ....... ...» iS. Oct. 1795. General cn Chef der Armee des Innern, ...» r6. - - General en Chef der Armee von Italien, . . - 2Z. Febr- 1796. Erster Consul, ........ ...» iz. Dec. 1799. Consul auf Lebenszeit, .. ....... 2. Aug. 1802. Kaiser, ..- 18. Mai 1804. Gekrönt, .. - 2. Der. 1804. Erste Entsagung von Fontainebleau, . . ' . - ,1. April 1814. Er ergreift von Neuem die Zügel, . . . . , 20. März I815. Zweite Entsagung im Elisce, 21. Juni 1815. 7 S8 i lionen für das Bedürfniß des Staats nach Frankreich geschickt wies war wohl daö erste Beispiel in der neuern Geschichte, daß eine Armee, anstatt von dem Vaterlandc unterhalten zu werden, die Mittel sür dessen Bedürfnisse lieferte." Als Napoleon mit dem Herzog von Modena unterhandelte, kam der bei der Armee sich befindende RegicrungScommissair Su> licetti, mit dem er bisher nicht besonders Freund gewesen war, zu ihm in sein Cabiner. „Der Commandeur d'Este, ein Bruder des Herzogs, sagte er, ist gekommen und bringt 4 Millionen in Golde ' in vier Kästen mit. Er bittet Sie, im Namen seines Bruders sie ' anzunchincn und ich gebe Ihnen den Nath, eS zu thun. 2ch bin > ein Landsmann von 2hncn und kenne die Verhältnisse 2hrer Fu> ^ mitte. Weder das Direktorium noch das gesetzgebende CorpS wer- den jemals 2hre Dienste anerkennen. Nehmen Sie, was Ihnen mit vollem Reckte gehört und ohne daß man weiter darüber spricht. Die Contribution des Herzogs wird um so viel vermindere und er : sehr froh scyn, sich einen Beschützer erworben zu haben." „Ich danke 2hne», crwicderte Napoleon kalt, ich habe nicht Lust mich . sür diese Summe von dem Herzoge von Modena abhängig zu machen. 2ch will frei bleiben." Ein Adnttnistrationschcf der nämlichen Armee erzählte sehr oft, . daß er selbst gesehen habe, wie Napoleon gleichermaascn eine Summe von sieben Millionen in Golde, womit die Regierung von Venedig ihren Untergang beschwören wollte, angeboren erhalten und ; von sich gewiesen hätte. Der Kaiser lachte damals, so erzählte er uns, über das Staunen des Finanzmannes, dem dieses Ausschlagen etwas Uibermcnschttchcs und schwerer und größer als der Gewinn von Schlachten zu scyn schien. Er sprach mit einem gewissen Wohlgefallen über die besondere! Umstände bei diesen Beweisen sei« ^ ner Uncigcnnützigkcit; fügte aber hinzu, daß er dcssenohncrachcct Un» recht gehabt habe, so unvorsichtig zu scyn, da er doch Mittel bedurft hätte, um entweder alS ein Parthcichef dte Menschen zu bearbeiten, oder als ein bloßer Privatmann unter der Menge zu leben; denn bei seiner Heimkehr habe man ihn beinahe im Elend schmachten lassen; und er hätte sonach fortan in der größten Ar- muth leben können, während der letzte seiner Generale und seiner Administracionsbeamten ein großes Vermögen mitgebracht habe. „Aber von der andern Seite, fuhr er fort, waS würde mein Administratcur gcthan haben, hätte er mich das Geld annehmcn sehen. Meine Weigerung hat ihn in Schranken gehalten." „Wie ich als Konsul an die Spitze der Geschäfte trat, konnte einzig und allein meine Uncigcnnützigkeit und die größte Strenge i das frühere Benehmen der AdministationSbehörden ändern und dem ! S9 schrecklichen Schauspiel der unter dem Directorio eingerissenen Verschwendung ein Ende machen. Ich habe viel Noch gehabt, die Neigung hierzu bei den ersten Staatsbeamten zu besiegen, die man nachher an meiner Seite, rechtlich und vorwurfsfrei gesehen hat. Ich habe ihnen oft durch den Sinn fahren müssen, oft in den ConseilS erklärt, daß wenn ich meinen eignen Bruder bei einem Vergehen beträfe, ich nicht anstehen würde, ihn fortzuschicken u. s. w/' Nie har jemand auf Erden über größere Reichthümer schalten können und gleichwohl sich so wenig ungeeignet. Napoleon hat, wie er sagt, gegen 400 Millionen baares Geld in den Gewölben der Tuillerien gehabt. Seine außerordentlichen Domainen beliefen sich auf 700 Millionen. Er versicherte, mehr als 500 Millionen Dotationen an die Armee vcrthcilt zu haben. Und — was doch gewiß merkwürdig ist — er, der so große Schatze verbreitete, hatte nie ein besonderes Eigenthum. Er häufte Sachen von unschätzbarem Werth in dem Museum auf und besaß selbst nie ein Bild, nie irgend eine Seltenheit. Bei der Rückkehr aus Italien und im Begriff, nach Egypcen abzugehen, kaufte er Malmaison, wozu er fast sein ganzes Vermö« gen verwendete. Er ließ cS auf den Namen seiner Gemahlin schreiben, welche älter war als er, und würde also, wenn er sie überlebt hätte, gar nichts mehr gehabt haben. Da er sonach, wie er selbst äußerte, nie Geschmack daran gefunden, nie den Wunsch nach Eigcnthum gehabt hatte, so hatte er auch nie eins besessen, nie daran gedacht, eins haben zu wollen. „Ob ich vielleicht jezt noch einiges Vermögen besitze"), fuhr er fort, kommt ganz allein darauf an, wie man sich deSfalls, seit mci- *) Das Depositum bei dem Handelshauss Lafitte. Als der Kaiser zum zwcitcnmale abdicirt hatte, kam jemand, der ihn um seiner selbst willen liebte und seine Unvorsichtigkeit kannte, um zu erfahren, ob man Maasregcln für die Zukunft genommen habe. Man hatte nicht daran gedacht und Napoleon besaß in der Tliat gar nichts. ES gab jezt kein anderes Mittel, als daß jemand sich der Sache von ganzem Herzen annahm und bald waren die vier oder fünf Millionen zusammen gebracht, welche bet Herrn Lafitte de» ponirt sind. In dem Augenblicke, da Napoleon Malmaison verließ, war die Sorgfalt eines seiner wahren Freunde ihm nicht minder nützlich. Es wollte nämlich jemand, der Unordnung und Verwirrung für unzertrennlich von unsrer Lage hielt, sich selbst überzeugen, ob unser kleiner Schatz gehörig bis zu seiner Bestimmung gelangt sei. Wie groß war sein Erstaunen, «IS er erfuhr, daß man den Wage», auf den er geladen war, in einem Wagenschuppen zu Malmaison zurückgelassen hatte, und alS nun für die Sicherheit desselben gesorgt werden sollte, rer Abreise, benommen hat. Auf jeden Fall hing eS an einem Haar, das; ich auch nicht daS Geringste hatte. Jeder har hierüber seine eigenen Begriffe. Ich fand mehr Geschmack am Stiften, als am Besitzen. Mein Bcsitzthum fand ich in der Ehre, im Be. rühmtscyn. Der Simplon für die Völker, der Louvre für Fremde galten mir mehr alö mein Eigcnthum, als Privatdomainen. Ich kaufte Krsndiamanten, stellte dcö ReichsobcrhauptcS Pailäste wieder her, füllte sie mit Mobilien an und erschrack oft, wenn ich fand, daß Ioscphincns Aufwand in ihren Treibhäusern und in ih> rer Gallerie, meinem Iardin des PlantcS und meinem Museum zu Paris offenbaren Schaden brachten «. s. w." AlS Napoleon das Commando von Italien übernahm, gelang eS ihm, seiner großen Jugend ungeachtet, sich Subordination, Vertrauen und die vollkommenste Ergebung in seinen Willen zu sichern. Er unterwarf sich die Armee durch sein Genie mehr noch, als er sie durch seine Popularität zu gewinnncn wußte, da er im Ganzen sehr streng und selten mittheilend war. Immer hat er, im Laufe seines Lebens cö verschmähet, sich jener Hülfsmittel zu bedienen, wodurch man die Gunst der Menge gewinnt, und cS dabei vielleicht so weit getrieben, daß er sich dadurch geschadet har. Seine Jugend, oder irgend ein andrer Umstand hatte, alö er das Com. mando der italianischen Armee übernahm, bei derselben zu einem sonderbaren Gebrauche Anlaß gegeben. Nach jeder Schlacht nämlich hielten die ältesten Soldaten eine Art von Conseil über ihn, wobei sie ihrem jungen General stets einen neuen Grad erchcilten. Wenn er dann ins Lager zu ihnen heimkchrce, so begrüßten ihn die alten Schnurbärte bei seinem neuen Titel. Er wurde Caporal zu Lodi, Sergeant zu Castiglione und daher schrieb sich auch der Bei- der Schlüssel nicht mehr zu finden war. Die Verlegenheit, welche hieraus entstand, dauerte lange Zeit und verzögerte selbst unsre Abreise um einige Minuten. Herr Lafitte kam herbei, um den Kaiser «inen Empfangscheln über die erhaltene Summe zu bchändigen. Aber Napoleon wollte ihn nicht annchmen. Er sagte zu ihm: „Ich kenne Sie, Herr Lafitte; ich weiß, Sie liebten meine Regierung Nicht, aber ich halte Sie sür einen ehrlichen Mann." Uibrigens scheint Herr Lafitte bestimmt zu sehn, der Depositor unglücklicher Monarchen zu werden. Ludwig der i 8 te hatte bei seiner Abreise nach Gent ihm ebenfalls eine bedeutende Summe übergeben lassen. Bei der Ankunft Napoleons, am 20. März, wurde Herr Lafitte zu dem Kaiser gefordert und über dieses Depositum befragt. Ec läugnctc es nicht, bezeigte aber Besorgnis, daß diese Fragen zu- Lleich einen Vorwurf enthielten. „Keineswegs, antwortete der Kaiser, dieses Geld gehört dem Könige persönlich, und häusliche Angelegenheiten gehen der Politik nichts an," „ame, bet kleine Cap oral, den Napoleon lange Zeit unter den Solbace» hatte. Wer nennt die Kette, welche oft die gering, snglgste Sache an die wichtigsten Ereignisse knüpft. Vielleicht trug dieser Spottname zu dem Wunder seiner Rückkehr im Jahre 1815 bei. Als er das erste Bataillon anredcte, dein er begegnete und mit dem er parlamentircn mußte, rüste eine Stimme: ES lebe unser kleiner Caporal! wir werden nie gegen ihn fechten! > Die Verwaltung des Dircctorii und die deS Obergenerals der > Armee von Italien scheinen zwei ganz verschiedene Negierungen zu k scyn. DaS Directorium in Frankreich verdammte die Emigrirren ! zum Tode, bei der Armee von Italien kam nicht einer ums Le-, den. DaS Directorium schrieb sogar, alS Wurmscr in Mantua belagert war, an Napoleon, er möchte sich erinnern, daß derselbe cmigrirt sei; alö aber Napoleon ihn zum Gefangenen machte, bes strebte er sich, sein hohes Alter auf die rührendste Weise in Ehren zu halten. DaS Directorium beobachtete ein beleidigendes Beuch» men gegen den Pabst; der General der italiänischcn Armee nannte ihn jederzeit heiliger Vater, und schrieb mit Ehrfurcht an ihn. DaS Directorium wollte den Pabst absetzen; Napoleon hielt ihn. DaS Directorium vertrieb und ächtete die Priester; Napoleon sagre seinen Soldaten, wenn sie ihnen begegneten, sie möchten sich crin» ' nern, daß sie Franzosen und ihre Brüder wären. DaS Directo- ! rinm hätte lieber alle Spuren der Aristokratie vertilgt; Napoleon i hingegen schrieb an die Demokraten von Genua, tadelte ihr ringe» mäsigtcS Verhalten hierbei und fand keinen Anstand ihnen zu sa» gen, daß wenn er sie ferner achten solle, sie die Statüe des Doria und die Verfassung erhalten müßten, die seinen Ruhm begründet ! habe. Donnerstag am 7. bi-s Sonnabend am 9. September. Wir schiffen immer weiter, ohne baß irgend ecwaS die Einför» migkeit unterbräche, die uns umgiebt. Ein Tag gleicht dem an» dcrn. Nur die Regelmäßigkeit, inst welcher ich mein Tagebuch hielt, ließ mich erkennen, an welchem Tage der Woche oder deS MonatS wir lebten. Glücklicherweise füllte Arbeit alle meine Stunden auS, und so verging der Tag immer schnell genug. Die Materialien, die ich in den Nachmittagsunterredungen sammelte, licken mich b!S zu der deS folgenden Tages keine Zeit verlieren. Indes wußte der Kaiser, daß ich viel arbeitete. Er vermu- rhete selbst den Gegenstand meiner Beschäftigungen. Er wollte davon Gewißheit haben, und ließ sich also einige Seiten verlegen. Er schien, nicht unzufrieden damit zu scyn. Da ich aber mehr als einmal denselben Gegenstand berühren mußte, so fand er, daß ein solches Tagebuch wohl mehr interessant als nützlich sei)» dürs. l te, daß Kriegöbcgcbenheiten, z. B. wenn sie so aus einzelnen 11». i lcrhaltungen dargcstellt würden, immer mager und unvollständig, ohne Objekt und Resultat ausfallcn müßten, und oft würde nun, nur kindische Anekdoten, statt der Unternehmungen und klassischen i Ergebnisse finden. Mit Freuden benutzte ich diese vortheilhaste i Gelegenheit, ging in seine Ansichten ein und wagte cS, ihn, die ^ Zdcc hinzustellen, daß er mir seine italiäntschen Feldzüge diktiren möchte. „Es würde dies eine Wohlthat für das Vaterland, ein wahres Denkmal dcS Nationalruhms scyn. Wir hätten so viele muffige Augenblicke, langgedehnte Stunden - die Arbeit würde sie verkürzen. Einige Momente könnten selbst nicht ohne wahren Reiz scyn." Utber diesen Gegenstand sprachen wir dann noch cinigcmalc. Endlich entschloß sich der Kaiser, ließ mich Sonnabends am 9. September ans sein Zimmer kommen und diktirte mir da znm cr- sienmale etwas über die Belagerung von Toulon. Man wird die» scs Bruchstück in den italiänischen Feldzügen finden, welche ein besonderes Werk bilden werden, in welchem jedoch nichts von kiest neu Anekdoten vorkommt, die ich, wie die Gelegenheit sich darbietet, fortfahren werde hier aufzuzeichnen. Sonntag am io. bis Mittwoch am 13. September. Wenn man sich den Wendekreisen nähert, so kommt man I» die Passatwinde, das heißt, diejenigen, welche stets aus Osten wehen. Die Naturwissenschaft erklärt dieses Phänomen zur Genüge. Von Europa in die Region dieser Winde kommend, wehen sie zuerst aus Nordost, je mehr man sich der Linie nähert desto mehr gehen sie nach Ost über. Unter der Linie selbst ist meist Windstille. So wie man sie verlassen, drehen sich die Winde von Grad zu Grad südlicher, bis nach Südost, und wenn man wieder aus den Wendekreisen tritt, verliert man sie ganz und hat wieder veränderliche Winde, wie in den europäischen Meeren. So wird denn ein Fahrzeug, daß von Europa nach Sr. Helena schiffe, von den steten Ostpaffatwinden immer nach West getrieben. Schwer wäre cS daher, diese Insel aus gerader Linie zu erreichen, man verlangt aber auch dieses nicht einmal, sondern segelt bis in die Linie der veränderlichen Winde jenseits des südlichen Wendekreises, steuert dann nach dein Vorgebirge der guten Hofnung zu, so daß man in die südwestlichen Passatwinde kommt, und läßt sich dann von diesen nach St. Helena treiben. IN 7. — Um aber die südlichen veränderlichen Winde zu erreichen, giebt eS zwei Wege. Der erste ist der, die Linie im 20. dis 24sien Grade der Länge (Meridian von London) zu durchschncidc». Die Anhänger desselben führe» an, daß man dann weniger der Windstille unter der Linie ausgcsctzt sei, und daß, wenn er allerdings den Nachchcil habe, manchmal das Schiff biS Angesichts von Brasilien zu treiben, sich dann auch dieser Weg in weit kürzerer Zeit znrücklcgen lasse. Admiral Cockburn, der geneigr war, diesen Weg nur für eine 2dce deS VorurtheilS und der Gewohnheit zu halten, entschloß sich für das zweite System. Dieses besteht darin, sich weit mehr östlich zu halten, und so suchte er nach bcsondcrn ihm bekannten Beispielen, die Mittagslinie gegen den zweiten oder drit« ' ten Grad der Lange zu durchschncidc». Er glaubte gewiß auf sei- - »er Fahrt »ach den veränderlichen Luftströmungen zu St. Helena i ziemlich dicht unter dem Winde zu passiren, um so seinen Weg be- ! trachtlich abzukürzen, wenn er cS auch nicht durch Lavircn crrci- ^ chen könnte, ohne auS den Passatwindcn herauszukommen. Der Wind, der zu unserm großen Erstaunen nach West über- schlug, ein Umstand, den jedoch der Admiral für gewöhnlicher erklärte, als wir eS glaubten, bestärkte ihn noch mehr in seiner Meinung. Er ließ die schlechten Segler unscrs Geschwaders hinter sich zurück, und dachte für sich selbst nur daran, mit der möglichsten Schnelligkeit das Ziel seiner Bestimmung zu erreichen. Donnerstag am 14. biS Montag am 18. September. Nach schwachem Winde oder gänzlicher Windstille hatten wir am 16. einen sehr starken Regen. Die Schiffsmannschaft war darüber sehr erfreut. Die Hitze war sehr gemäßigt; ausgenommen bei Madera genossen wir stets einer sanften Temperatur. Aber daS Wasser war am Bord sehr selten geworden. Man benutzte also diesen Regenguß zum Einsammeln desselben auf die möglichste Art. Jeder Matrose gab sich Mühe, einen kleinen Vorrath davon zu erwerben. Der Hauptguß erfolgte gerade, als der Kaiser nach Tisch seinen gewöhnlichen Spaziergang auf dem Verdecke machte. Das hinderte ihn aber gar nicht. Er ließ sich den berühmten grauen Uiberrock bringen, den die Engländer nicht ohne die lebhafteste Theilnahme betrachten. Der Großmarschall und ich verließen den Kaiser nicht. Der Guß dauerte in seiner vollen Stärke über eine Stunde. AlS der Kaiser wieder auf sein Zimmer gegangen war, hatte ich die größte Mühe, wegen der Nässe meine Kleider vom Leibe zu bringen. Fast alles war gänzlich verdorben. Die folgenden Tage war das Wetter immer »sch, regnerisch. Meine — lo4 Arbeiten litten etnigermaasen dabei. Ln unsrem kleinen abscheulichen Zimmer ward alles naß und sencht. Eben so konnte mau auch nur mit Mühe auf dem Verdecke spazieren gehen. Es war das erste Wetter dieser Art, daö wir seit unsrer Abreise gehabt hatten. ES machte uns mismuthig. Lck füllte die Lücken, welche meine Arbeiten mir ließen, durch Unterhaltung mit den Schiffsoffi- zicren aus. Intim war ich mit keinem, aber mit allen durch die gewöhnlichen Beziehungen der Höflichkeit und der seinen Sitten verbunden. Sie hörten uns gern über die Angelegenheiten Frankreichs sprechen, denn es ist wahrhaft unglaublich, bis zu welchem Grade ihnen Frankreich und die Franzosen fremd waren. Wir setzten uns gegenseitig in Verwunderung, sie unS durch ihre ansge- artecen Grundsätze, wir sie durch unsre Ideen und neuen Einrichtungen, von denen sie keinen Begriff hatten. Frankreich war ihnen gewiß fremder alS China. Einer der Angesehensten aus dem Schiffe sprach mit mir in einer Privatuntcrrcdung: „Ich bin überzeugt, Sie würden doch sehr erschrecken, wenn wir Sie jezt gleich an der französischen Küste aussetzten? — Warum denn? — Weil der König cs Ihnen thcucr anrechnen könnre, daß Sie ihr Vaterland verlassen haben, und mit einem andern Fürsten gegangen sind, und dann, weil sic eine Kokarde tragen, die er verboten hat. — Aber sollte wohl, encgcg- nete ich ihm, ein Engländer so sprechen? Man muß Sie sehr hintcrgangen haben. Wenigstens denken Sie da ganz verschieden von den Ansichten Ihrer Staatsvcränderung, die man mit so vielem Rechte die rühm würdige nannte. Wir aber, die wir unS derselben sehr nahen und viel dabei gewonnen haben, würden Ihnen antworten, daß jedes Ihrer Worte eine Ketzerei sei. Erstlich hängt unsre Strafe nicht von dem Gutbefindcn des Königs mehr ab, sondern wir stehen in dieser Hinsicht ..nter dem Gesetze, nun epistirt zwar keins gegen uns, aber wenn man es in dieser Hinsicht verletzte, wäre es Ihre Pflicht uns zu schützen, denn Ihr General hat sich durch die Capiculation von Paris dazu verpflichtet, und cs wäre eine ewige Schande für Ihre Regierung, wenn sie Köpfe fallen ließe, die ihr öffentliches Versprechen feierlichst garanlirt hat. „Auch gehen wir hiernächst mit keinem andern Fürsten. Der Kaiser Napoleon war unbestreitbar der unsrige. Aber er hat ab- gedankt und ist es also nicht mehr. Hier verwechseln Sie Privac- handlungen mit Parcheimaasregeln, Treue, Ergebenheit, Liebe, mit Politik. Was endlich unsre Farben betrift, an denen Sie Anstoß zu nehmen scheinen, so sind sie blsS ein llibcrrest unsrer vormaligen Toilette. Wir tragen sie bloS heute noch, weil wir sic gestern — los — trugen. Man trennt sich nicht gleichgültig von dem, waS man liebt. Etwas Zwang und Nothwcndigkeit muß doch dabei scyn, warum nahmen Sic uns diese Kokarden also nicht ebenfalls weg, als Sie uns unsrer Waffen beraubten- Eins wäre eben so anständig gewesen als das andere. Wir sind hier blos Privatleute, predigen aber den Aufruhr nicht. Diese Farben sind uns theuer, daS wollen wir gar nicht läugncn. Sie sind es uns, weil wir mit ihnen über alle unsre Feinde siegten, weil wir sie im Triumph in allen Hauptstädten EuropenS gezeigt haben, weil wir sie trugen, so lange wir noch das erste Volk des Universums waren." Bei einer andern Gelegenheit sagte mir einer derselben Offiziere, nachdem er mit mir die sonderbaren Wechsel der Begebenheiten betrachtet hatte: „Wer weiß denn, vielleicht sind wir dazu bestimmt, das Uibcl wieder gut zu machen, daß wir über Sie verhangen haben. Wäre eS denn sehr zu verwundern, wenn Lord Wellington einmal eines Tages Napoleon wieder nach Paris führte?" „Ei wohl, antwortete ich, wäre das sehr zu verwundern, und ich wenigstens wurde nicht mit von der Parthic scyn. 2a, um diesen Prciß würde ich selbst Napoleon verlassen! Da kann ich aber auch ganz ruhig darüber scyn, denn ich schwöre Ihnen, das; sich Napoleon nicht dieser Probe unterwerfen würde. Von ihm selbst weiß ich dies, denn er selbst'hat mich von der entgegengesetzten Ansicht geheilt, die das, was ich Zrrthum meiner Kindheit nennen möchte, war.^ Die Engländer zeigten sich auch sehr begierig, uns über den Kaiser selbst zu befragen, dessen Charakter und Neigungen man ihnen, wie sie nachher selbst cingestanden, aufs allcrverstcllteste geschildert hatte. Unsre Schuld war cs nicht, bemerkten sie, wir kannten ihn nur auS Schriften, die bei unS hcransgckommen waren, und alle heftig gegen ihn zu Felde zogen. Sie hatten mehrere derselben mit am Bord. Eines TagcS brachte mir ein Zufall eine der schlechtesten unter die Augen. Ein andresmal machte, alS ich sehen wollte, waö einer der Dffiziere lese, dieser sein Buch verlegen zu und sagte, eS enthalte so starke Dinge gegen den Kaiser, daß er eS sich zur Gewissenssache mache, mir cs nicht sehen zu lassen. Noch ein andrcSmal befragte mich der Admiral über gewisse Beschuldigungen , die er in vcrschiednen Büchern seiner Bibliothek gelesen habe, von denen einige allerdings Aufmerksamkeit zu verdienen schienen, alle aber in England einen großen Eindruck gemacht hätten. Diese Umstände vcranlaßtcn mich alle Bücher ähnlicher Art, die sich am Bord befanden, die Musterung passircn zu lassen, um meine Ansichten darüber diesem Tagebuche cinzuvcrlci- ben. da sich schwerlich je wieder eine so günstige Gelegenheit alS — 10 « die gegenwärtige finden würde, im Nothfall über Punkte, bei de« j neu cS sich der Mühe verlohnte, die nöchige Aufklärung zu vcr> ? schaffen. f Ehe ich aber zu irgend einem solchen AuSzuge mich wende, ff muß man mir erlauben, zuvor einige allgemeine Betrachtungen f aufzuftellen, die schon im Voraus hinreichend scyn werden, auf den l größten Theil der zahllosen Beschuldigungen, auf die ich stoßen s werde, zu antworten. Vcrläumdung und Lüge sind die Waffen jedes bürgerlichen oder politischen, fremden oder einheimischen Feindes. Sic sind die Hülfsqucllen des Besiegten, Schwachen, des Gehaßten oder Furchtsamen, die Nahrung der Gesellschaften, die V Weide öffentlicher Orte. 2c höher ihr Gegenstand steht, desto er« k bitterter werden sie; es gicbt dann nichts mehr, das sie nicht wag- I tcn und verbreiteten. Je abgeschmackter, lächerlicher und unglaub« « licher nun diese Berläumdungcn, diese Lügen sind, je wohlgefälliger !ß werden sie ausgenommen und von Mund zu Mund wiederholt. » Triumphe, Siege, reizen sie nur noch höher, sie ballen sich endlich « zu einem wahren moralischen Ungewittcr auf, das im Augenblicke » deö Unglücks losbricht, den Sturz beschleunigt, ihn vollendet und » so zur allgemeinen Meinung mir ihrem unermeßlichen Hebel wird. !i Mehr als Napoleon ward nie jemand angcfochrcn, entstellt. Nie l häufte man auf einen Menschen mehr Pamphlets und Libelle, ab« ff, surde Schandlichkeitcii, lächerliche Erzählungen, falsche Behauptungen. Aber das mußte so kommen. Napoleon, aus der Menge hervortretend, um zum höchsten Range hinauszusteigen, an der Spitze einer Revolution stehend, die er von Grund auS veredelt hatte, durch zwei Umstände zu einem Kampfe auf Tod und Leben mit ^ dem ganzen übrigen Europa sortgcrisscn, zu einem Kampfe, in welchem er nur um deswillen unterlag, weil er ihn zu schnell beendigen wollte, Napoleon allein stehend, daö Genie, die Kraft, das Schicksal seiner eignen Macht, Sieger seiner Nachbarn, in gewisser Art Universalmonarch, MariuS für alle Aristokraten Europas, Sylla für alle Demagogen, Cäsar für alle Republikaner, mußte im Innern wie im Acußern einen Orkan von Leidenschaften gegen sich erregen. ^ ^ Verzweiflung, Politik und Wuth mußten ihn überall alS einen ^ Gegenstand des Abscheus und Schreckens malen lassen. Wie sich also noch über alles das wundern, was man wider ihn gesagt hat? Gilt cs sich zu verwundern, müßte cs mehr deshalb geschehen, Laß man nicht noch vielmehr sagte, oder daß die Wirkung davon nicht noch größer war. In den Zeiten seiner Macht erlaubte er nie, daß man daraus antworte. „Die Sorgfalt, die man dabei verwenden würde, sagte er, gab ja nur den Anschuldigungen, die 107 z man bekämpfen wollte, ein noch größeres Gewicht. Man würde ^ nicht ermangeln zu behaupten, daß alles, was zu meiner Verthei- digung geschrieben worden, von mir anbcsohlen oder bezahlt seil ! Schon die ungeschickten Lobeserhebungen derer, die mich umgaben, waren mir manchmal nachtheiliger, alS alle diese Beleidigungen. Nur durch Thaten mußte man darauf antworten. Ein schönes s Denkmal, ein gutes Gesetz, ein neuer Triumph mußten tausende l dieser Lugen vernichten. Redensarten gehen vorüber, Thaten bleiben." l 2n Hinsicht auf die Nachwelt ist dies vollkommen wahr. Die ? großen Männer der Vorzeit erblicken wir jetzt von den vorüber« l gehenden und leidenschaftlichen Beschuldigungen ihrer Zeitgenossen ! gesondert, aber bei der Mitwelt ist cS nicht dasselbe, und Napoleon hat im 2ahrc 1814 die traurige Erfahrung gemacht, daß Redens- k arten manchmal selbst Tharcn ersticken können. 2m Augenblicke st seines Sturzes strömten jene über. Er ward fast damit bedeckt, i ^jedenfalls war cs nur ihm, dessen Leben so reich ist an Wundern, 1 gegeben, diese Probe zu bestehen, und fast augenblicklich, nur glänzender noch wieder sich zu erheben aus dem Schoose seiner eigne» Trümmer. Seine wundervolle Rückkehr ist sowohl in Ausführung als Resultaten beispiellos. Das Entzücken, daS er ent- ' sichen ließ, schlich sich selbst bei den Nachbarstaaten ein und schuf , geheime oder selbst öffentliche Wünsche. Und der, welchen man i 1814 verfolgt und gedemüthigt hatte, als eine Pest der Nationen, i erschien plötzlich 1815 wieder als ihre Hofnung. s 2ezt sahen Vcrläumdung sich ihre Bcurc entschlüpfen, so sehr , hatten sic das Acußcrstc gcmißbrancht. Größtcnrheilö hielt der ' rechtliche Sinn der Völker Gericht über sie, und brauchte ihnen ! jczt nicht mehr Glauben beizumessen. „Das Gift vermochte nichts mehr gegen MithridateS, sagte der Kaiser, als er vor wenigen Ta- ! gen neue Aufsätze gegen sich durchgclesen hatte, nun denn, die l seit 1814 entsprungene Vcrläumdung würde jezt auch nichts gegen ; mich vermögen." - Wie dem auch sei, England behauptete bei diesem allgemeinen ^ Geschrei, das zur Zeit seiner Macht gegen ihn gerichtet ward, strtS den ersten Rang. l Dort waren stets zwei große Fabriken in voller Arbeit; die ! der Emigranten, denen alles gleich gut dünkte, und der englischen i Minister, die die Vcrläumdung systematisch behandelten. Sie hat> , ten rcgelmäsig die Verbreitung und die Wirkung derselben orga- ' nisirt, hatten Zeitungsschreiber und Libellisten in allen Winkeln Europa s in ihrem Solde, diesen schrieb man ihre Aufgaben vor, ! verband und verknüpfte ihre Angriffe u. s. w. Aber in England selbst vervielfachte das englische Ministerium den Gebrauch dieser mächtigen Waffen. 3e freier, je aufgeklärter die Engländer waren, desto mehr mußten sie bearbeitet werden. Die Minister zogen auö diesem Sistcme den doppelten Vortheil, die Stimmung gegen den gemeinschaftlichen Feind zu erhöhen, und sie von ihrem eignen Betragen abzulcnken, inocm sie die Schreier, wie den öffentlichen Unwillen auf den Charakter und die Handlungen eines andern ablcitetcn. Dadurch ersparten sie ihrem eignen Cha- rakter, ihre eignen Handlungen, eine Untersuchung oder Anschul- ^ digungen, welche sie ln Verlegenheit gesetzt haben würden. Es war der Mord Paulö zu Petersburg, der unfern Gesandten in Persien, die Aushebung des Naper « Tandy in Hamburg, der freien Stadt, die Wegnahme der beiden reich beladenen spanischen ; Fregatten mitten im Frieden, die Eroberung ganz Indiens, Malta'S und deS Vorgebirges der guten Hoffnung, die gegen alle Trakts- tcn nicht zurückgegcben wurden, die rechtlose Wegnahme unsrer Schiffe vor einer neuen Kriegserklärung, die mit so kalter und spöttischer Treulosigkeit fortgeführte dänische Flotte u. s. w., so waren dies eben so viele Frcvelthatcn, die sich nun in der allgemeinen Bewegung verlieren mußten, die man gcschickterweift gegen einen ander» erregt hatte. Um die Beschuldigungen, die eine Menge Schriften auf Napoleon gehäuft haben, aus der Waage der Gerechtigkeit zu wägen, muß man Leidenschaften und Umständen ihren Einfluß einräumen, alles, was apogryphisch, anonym, und bloS deklamatorisch ist, vcr- , werfen, sich bloö an Facta und besonders an Beweise halten, welche diejenigen gewiß gegen ihn würden bekannt gemacht haben, die »ach seinem Sturze im Besitz der authentischen Papiere, der ministeriellen Archive und der Tribunale, mit einem Worte aller Quellen auS denen Menschen die Wahrheit zu schöpfen pflegen, blieben. Sie haben aber nichts bekannt gemacht, nichts vorgezcigk, und wie viele Grundpfeiler stürzen damit von diesem ungeheuer» Gerüste zusammen. Aber wenn man noch wahrhaft billiger seyn, wenn man über Napoleon nur neben denen, die ihm analog oder gleich, das heißt, neben den Stiftern von Dynastien, oder solchen urthcilen wollte, die durch Unruhen auf den Thron gestiegen, dann scheue ick mich nicht, es geradezu zu sagen, dann zeigt er sich ohne Gleichen, rein glänzt er in Mitren alles dessen, waö man ihm cntgegeustcllt. Zeitoerschwendung wär'S, alle zahllosen Citate der alten und neuen Geschichte hier die Musterung passire» zu lassen, sie sind jevem zur Hand, nur zwei Länder wollen wir betrachten, die uns nahe liegen. HO!) — Hat -Napoleon, wie Hugo Eapat, seinen Oberhcrrn bekämpft? Hat er ihn in einen Thurm gesperrt bis zum Tode. Hat Napoleon gehandelt wie die Fürsten des jetzt regierenden englischen Hauses, die zweimal, in den Zähren 1742 und 1745 , die Schaffotte mit Schlachcopsern bedeckten, Schlachtopfern, die nach der unconsequentcn Politik der jetzigen englischen Minister nach ihren eignen gegenwärtigen Grundsätzen, nur die Bezeichnung , als treue Uncerthanen verdienten, welche für ihren legitimen Fürsten i starben. - Napoleons Weg zum höchsten Range ist ganz einfach, ganz l natürlich. Er ist einzig in der Geschichte. Die Umstande seiner Erhebung selbst machen diese beispiellos. „Ich habe die Krone nicht geraubt, sagte er eines Tages im Staatsrathe. Zch habe sie aus dem Schmutze gehoben. Das Volk hat sie aus mein Haupr ^ gesetzt. Man ehre, was es that." Und indem er sie so erhob, führte Napoleon Frankreich wieder in die Gemeinschaft Europa's ein, endigte unsre Gräslichkeiten, weckte unsern Charakter. Er reinigte unS von allen Uibeln einer unglücklichen Krisis, und erhielt uns alles Eure, das sie besaß. „Ich bestieg den Thron jungfräulich rein von allen Verbrechen meiner Lage, sagte er bei einer andern Gelegenheit. Giebt eS viele Stifter von Dynastien, die eben so sprechen können Zn keiner Epoche der Geschichte sah man Herrschergunst mit solcher Billigkeit vertheilt, das Verdienst unpartheiischcr ausgesucht . und belohnt, den Staatsschatz nützlicher angewendet. Nie stieg der Ruhm, der Glanz des Vaterlandes so hoch. „Zch wünsche, daß der Name eines Franzosen, so sagte er einmal im Staats- rathe zu unS, der schönste, der gewünschteste auf der Erde sei, daß jeder Franzose, wohin er auch in Europa reise, glaube und fühle, daß er zu Hause sey." Schien die Freiheit manchmal einen Abbruch zu leiden, schien die Obergewalt manchmal die Gränzen zu überschreiten, so geschah dies gewiß nur dann, wenn eS die Umstände nothwcndig und unvermeidlich machten. Zu spät leuchtet uns diese Wahrheit bei den Unglücksfällcn der Gegenwart ein. Wir lassen, da es nun nicht mehr Zeit ist, dem Muthe, der Urteilskraft, dem vorauöse« hcndcn Blicke, welche diese Anstrengungen und Maaßregeln verschrieben, Gerechtigkeit wiederfahren. So wahr ist dies, daß in dieser Hinsicht Napoleons politischer Sturz seine moralische Herrschaft um vieles vergrößert hat. Wer zweifelt noch jetzt, daß sein Ruhm, der Glanz seines Charakters durch sein Unglück unendlich i gewonnen habe?!! > 110 Wenn mir nun die Werke, welche ich zu durchlesen denke, Verhältnisse Verbieten werden, die auS diesen allgemeinen Bctrach. tungen sich ergeben, so werde ich sie einer genauem Prüfung unterwerfen. Uibrigcns soll das, was ich darüber schreiben werde, durchaus keine politische Streitschrift scyn. Nie werde ich mich an den Parthcigänger wenden, dessen Unheil im Voraus durch sein ^ Interesse, seine Leidenschaften besangen ist; ich spreche nur zu dem ruhigen Manne, dem Freunde der Wahrheit, der sie zu kennen wünscht, oder auch zu dem leidenschaftslosen Schriftsteller, der künftig mit Unparteilichkeit Materialien für sich aufsuchen wird. - Zu ihnen wende ich mich. In ihren Augen muß mein Zeugnis ! bei weitem mehr gelten, als alle jene anonymen Zeugnisse, und wenigstens mit denen, die durch einen Charakter verbürgt sind, gleichen Werth haben. DaS erste Werk, daS mir in die Hände kam, war der Sinti- Galliean. Weiter unten spreche ich davon. Dienstag, am 19. bis Freitag, am 22. September. Wir segelten mit demselben Winde, demselben Wetter, derselbe Temperatur der Luft fort. Unsere Schifffahrt war eine der monotonsten, aber sehr sanft, unsre Tage sehr lang, aber Arbeit vertrieb die Zeit. Der Kaiser diktirte mir von nun an regelmäßig seine italienischen Feldzüge, und ich bewahrte schon mehrere Capitel davon auf. An den Tagen, welche auf das erste Dikkiren folgten, schien er wenig Lust dazu zu haben, die Regelmäßigkeit aber und der Fleiß, mit dem ich ihm an jedem Morgen meine Arbeit brachte, und daS Forcschrciten derselben selbst, zogen ihn nach und nach immer mehr an, und das Angenehme der Stunden, die er dazu anwcndete, hatte es ihm bald zum Bedürfniß gemacht. So war ich versichert, daß er mich jeden Morgen um 11 Uhr rufen ließ. Er schien selbst Liesen Augenblick mit Ungeduld zu erwarten. Ich laß ihm dann das, was er am Tage vorher diktirk hatte, vor. Er änderte daran und diktirte von neuem. So verstrich die Zeit b!S 4 Uhr wie ein Augenblick. Dann rief er seine» Kammerdiener, und trac darauf bald in den Salon, wo er biS zum Mittagessen eine Parthie Piket oder Schach spielte. Der Kaiser diktirt sehr schnell, fast so schnell, als er spricht. Ich mußte mir eine Art von Hieroglyphcn-Schrift erschaffen. Ich selbst diktirte darauf eiligst meinem Sohne. Ick war glücklich und gewandt genug, alle Ausdrücke des Kaisers fast wörtlich aufzufaffcn. So hatte ich gar keine müssigen Augenblicke mehr. Man mußte mich zur Tafel immer erst rufen, wen» schon alle saßen. Glück- 111 licherweise war mein Platz an der immer offenbleibendcn Thüre. i A»f Bitte deS Eapitain RooS, des Schiffscommandanten, der, da er nur englisch sprach, sehr sroh war, mich manchmal um einige Auskunft fragen zu können, hatte ich schon seit längerer Zeit mit i dem Platze gewechselt, und mich zwischen ihn und den Großmar- ^ schall gesetzt. Der Capitain RooS ist gut, sanft, voll Aufmerksamkeiten. Nach der Engländer Gewohnheit, sich ein GlaS zuzn. trinken, hatte ich das »reinige immer auf die Gesundheit seiner > Frau geleert. Er thac dasselbe für die meinige. Das ward bald - täglicher Gebrauch. Nach Tische verfehlte der Kaiser nie, auf seine Vormittags« ^ Diktat« zurückzukommen, als wolle er sich »och einmal an dieser Beschäftigung und dem Vergnügen, das sie ihm gewährt hatte, ! erfreuen. DaS trug mir dann, wie auch früh, wenn lch ihn - anredete, gewisse scherzende Vciworre ein, die er durch stete Wie- ! derholung gleichsam geheiligt hatte, z. B. Ach! der weise LaS j CaseS! — Der vortreffliche Tagebuch sch reiber! Der i- Sully von St. Helena! und mehrere ähnliche. Dann setzte - er oft hinzu: „Ihre Memoiren, mein Lieber, werden eben so ! bekannt werden, als alle die, welche ihnen voraus gingen. Sie «erden so lange leben, als die andern. Nie wird man sich bei unfern großen Begebenheiten verweilen, oder über meine Person ! schreiben, ohne zu Ihnen seine Zuflucht zu nehmen." Und wieder ! in Scherz übergehend, fuhr er dann- heiter fort: „Dann wird man > sagen, der mußte eS doch gewiß am Besten wissen, eS war ja sein Staatsrath, Kammerhcrr und treuer Begleiter; dem muß man j glauben, wird man sagen, der lügt nicht, es war ein ehrlicher ^ Mann!" und tausend ähnliche Dinge. Sonnabend, am 23. bis Montag, am 25. September. ? Der Westwind wehte noch immer zu unserer großen Vcrwun- ! derung. Er war in diesen MccreSbreitcn ein wahres Phänomen. ? Er hatte uns bis dahin sehr begünstigt. Aber was Phänomene an- f betrifft, so erzeugte der Zufall am 23. noch ein weit außcrordcnt« ^ lichereS. An diesem Tage durchschnitten wir die Linie im Null »der Breite, Null der Länge und Null der Abweichung, ein Umland, den der bloße Zufall vielleicht in Zeit von hundert Jahren > nicht wieder herbeiführen wird, weil man durchaus gegen Mittag ^ am ersten Meridian ankommcn muß, um zu derselben Stunde die , Linie zu passiven, und mit der Sonne zugleich da zu seyn. ! Dieser Tag verursachte große Freude und Unordnung unter >dem Schiffsvolke. Man vollzog die Eercmonie, die die französischen p i — 112 — Schiffer die Tauft, die englischen den Tag deS großen BartS nennen. Die Matrosen führen nämlich in den komischsten Verkleidungen zu den Füßen eines von ihnen, der sich zum Neptun umgewandclt hat, mit großen Feierlichkeiten, alle diejenigen herbei, welche noch nie die Linie passirt haben. Da wird der Bark mit Schisfsthcer bestrichen, und mit einem Ungeheuern Rassirmesser bar- birt. Die Wasserfluthen, womit dann jeder von allen Seiten übergossen wird, das laute Lachen der Equipage, das der Flucht deS armen .Opfers folgt, vollenden dann die Einweihung in die großen Mysterien. Niemand wird verschont, selbst die -Offiziere - werden bei dieser Gelegenheit in gewisser Art schlimmer behandelt, als die gemeinen Matrosen. Nur wir entgingen, auS einer bcson- dcrn Güte des Admirals, der uns aber biS zum letzten Augenblicke mir dieser abscheulichen Ceremonie in Schrecken setzte, ihren i Unannehmlichkeiten und Lächerlichkeiten. Mit aller Artigkeit und t Achtung wurden wir vor den sehr derben Gott deS Meeres ge- - führt, der jedem von uns ein Compliment nach seiner Art und ^ Weise machte. Darauf beschränkten sich unsre Prüfungen. MH- ^ rend dieser Saturnalicn, wo man in der Regel niemand schont, ; beobachtete man gewissenhaft die Ehrfurcht für den Kaiser. AlS ^ er von der Sitte und der Aufmerksamkeit, die man ihm dabei ^ bewicß, hörte, befahl er, loo Napoleons an den grotesken Neptun : und seine Bande auszuthcilcn, der Admiral gab dieses aber, viel« j leicht eben sowohl aus Klugheit alö auS Höflichkeit, nicht zu. Dienstag, am 26. bis Sonnabend, am 30. September. - Das Wetter blieb uns fortdauernd günstig. Als wir die Linie - verlassen hatten, mußten wir stets eines -Ost- oder Südostwinds i gewärtig scyn. Die lange Dauer des Westwindes war ganz uuge- ^ wöhnlich, und mußte nun bald enden. Der Entschluß, den der ^ Admiral gefaßt harte, weit nach -Osten vorzugehen, kam unS nun ! sehr zu statten, und wir schmeichelten uns mit einer kurzen ^ II iberfahrt. An einem dieser Tage, Nachmittags singen die Matrosen ! einen ungeheuren Haifisch. Der Kaiser fragte nach der Ursache i des großen LärmcnS und der gewaltigen Unordnung, die sich plötz- ' lich über seinem Haupte erhüben, und als er sie erfuhr, wollte er ' daö Seeungeheucr sehen. Er stieg auf die Kampanel, und da er ' sich zu sehr genähert hatte, so hätte ihm fast eine Bewegung deS Thiers, welche 4 bis 5 Matrosen umwarf, die Beine gebrochen. Er stieg wieder in sein Zimmer herab, den rechten Arm ganz mit Alme bedeckt. Wir glaubten, er sei verwundet, es war aber nur Haifischblut. Meine Beschäftigungen und Arbeiten wurden in der regelmäßig« sten Art unv Weise fortgesetzt. Der Anti-Gallican, das erste jener englischen Werke, die Ich mir zu lese» vorgenommen hatte, war ein Buch von 500 Seiten, worin man alles gesammelt hatte, was in dem Augenblicke, alS die Franzosen England mit einer Landung bedrohten, darüber ge« schrieben worden war. Es handelte sich damals darum, diese Begebenheit zur Sache der Nation zu machen, die Gcmüther zu erhitzen, und das ganze Volk gegen dessen gefährliche Feindin zu erregen. Man findet also darin öffentliche Reden, Anermahnungen, Ausrufe eifriger Bürger, satirische Gesänge, bcissende Aufsätze, heftige Artikel aus Zeitschriften, die mit vollen Händen Verhaßtes oder Lächerliches über die Franzosen und den ersten Consul ausgiessen, dessen Kühnheit, Genie und Macht ihnen die größte Sorge verursachte. Uibrigens ist das ganz natürlich und in der -Ordnung.' Solche Werke sind nichts, als der Pfeilrcgcn, den man vor dem eigentlichen Handgemenge verschoß. Was nicht trifft, führt der Wind mit sich hinweg. Auch kann nie eine dieser Schriften für einen verständigen Menschen als ein ächteS Zcugniß gelten, unverdient daher keiner Widerlegung. Man bekümmert sich wenig um die Pamphlctschrcibcr, weil ihr Charakter das Gegengift für ihre Worte ist. Nicht so darf eS mit dem Geschichtschreiber geschehen. Aber er nähert sich ihnen, sobald er sich von der Ruhe und Unpartheilichkcit entfernt, die seine. Pflicht sind, sich gehen läßt in Deklamationen, und mit Galle schreibt. Diese Empfindung liessen in mir die verschiedenen Schriften des General Wilson zurück, die ich nach dem Anti-Gallican las. Dieser Schriftsteller wirkte um so nachtheiliger für uns, je größeres Gewicht ihm seine Talente, seine Bravour, seine zahlreichen un- glänzenden Dienste in den Augen seiner Mitbürger geben mußten. Ein Umstand kam Hinz», der seine Werke ganz besonders am Bordes Schiffs bekannt machte, und es veranlaßte, daß man vorzüglich über diese mit uns sprach. Einer seiner Söhne befand sich unter den jungen Scecadetö auf unfern Schiffen, und so konnte mein Sohn, der wegen der Gleichheit der Jahre sich die meiste Zeit unter diesen aufhielt, recht leicht die Veränderung beobachten, die sich unserthalb in diesen jungen Gcmüthcrn zeigte. Alle diese Knaben waren uns natürlich sehr abgeneigt; indem sie den Kaiser an Bord nahmen, glaubten sie nichts geringeres, als einen Menschenfresser cingeschifft z» haben, der im Stande wäre, sie zu verspeisen. Aber bald übten Wahrheit und Nachbarschaft denselben Einfluß auf sie, wie aus die übrige Schiffsmannschaft, und zwar 1l4 auf Unkosten dev kleinen Wilson, auf den seine Kameraden mm, wie sic sagten, zur Sühnung für alle die abenkheuerlichcn Ce« schichtchcn seines VatcrS, 2agd machten. Hier sind im Manuscripe eine große Menge Blüh tcr durch strichen. Am Rande steht folgende Ursache! , Ich hatte eine Menge Beschwerden gegen die Arbeit des ! General Wilson gesammelt, die ich meinerseits vielleicht nicht ohne ^ Bitterkeit beantwortete. Ein neuer Umstand veranlaßte mich, sie . zu unterdrücken. ! General Wilson erschien mit Ruhm in einer rührenden Angele« r genheit, die den Herzen derer, die sic betraf, Ehre machte. Ich f meine die Rettung von Lavalette. AlS er von einem franstsi« schen Tribunale befragt ward, ob er nicht vordem Schriften über unsre Angelegenheile» habe drucken lassen, antwortete er mit 2a, und wie er darin» das ausgedrückt, was er damals gedacht habt. Dieses Wort sprach mehr auS, als je von mir geschehen koinilc, und so eilte ich, das wieder au.Szulöschcn, was ich über ihn ge« . schrieben hatte, glücklich genug, daß ich noch gerecht an Wilson handeln konnte, dem ich in meinem Zorne gute Absicht und Recht« lichkeit abgesprochcn hatte *). ") Nach immer Entfernung von Lonqwood durchlief Gir Hudson Lowe, der sich meiner Papiere bemächtigt Patte, mit meiner Erlaubnis; dieses Tagebuch. Er fand darin sehr unanaenclimc Sachen für sich, imd sagte mir einstmals: Mein Herr Graf! welch ein Erbe bereite» Sie ihren Kindern! — Meine Schuld ist's nicht, antwortete ich, nur be» Ihnen hing es ab, daß cS anders sich gestalte. Sie würden mich glücklich machen, wenn Sic mich in den Stand fegten, das, waS ich gegen Sie geschrieben habe, eben so austilgcn zu können, wie ich'S vor wenigen Lagen mit dem über General Wilson that." Er fragte mich darauf, was ich über diesen gesagt habe, und wir brachen das Gespräch ab. Nachdem er nun alles dahin gehörige, und die Ursa, che, weshalb ich cs durchstrichcn, gelesen batte, sagte er mit kläglichem, nachdcnkendem und kunnnervoUem Tone: „2a ich sehe es webl, aber ich begreife es nicht; — denn ich kenne Wilson sehr gut, und er hatte sich doch sehr warm für die Bourbons gezeigt." Als wir Lavalettes Befreiung erfuhren, bebten wir auf unscrm Felsen darüber ans Freude. Jemand bemerkte, daß dessen Befreier Wilson, doch schwerlich derselbe scpn dürste, der so heftige Sachen gegen Napoleon geschrieben habe. „Und warum nicht?" crgegncte lepter. „Wie wenig kennen Sie den Menschen und seine Leidenschaften! Woher wissen Sic, daß dies nicht einer von den glühenden Feuerkbpfcn war, der damals schrieb, wie er damals dachte? lind «och dazu waren wir da Feinde und im Kampfe gegen einander. Heut zu Tage, wo wir unterdrückt sind, weiß er cS besser. Vielleicht findet er sich nun gemißbraucht, betrogen, und ist unzufrieden 111 > Ich lege also WilsouS Schriften sammt den verschiedenen ! Anschuldigungen, welche sic enthalten, bei Seite, und unterdrücke i auch die zahlreichen Widerlegungen, die ich gehaust hatte, nur bei , einem Punkte muß ich verweilen, weil er in andern Werken i wiederholt worden ist, ganz Europa erfüllt, und sich selbst in ° Frankreich mit Vorgunst verbreitet hat. Ich meinte die Vergiftung der Pestkranken in Jaffa. ! Wahrhaftig nichts kann mehr beweisen, wie Derlaumdung alles i unternehmen, und auf Erfolg rechnen kann, als dieses. Sei sie - nur kühn, unbescheiden, habe sie'nur zahlreiche Echo'S, werde ! mächtig und wolle fest, und cs verschlägt nichts, wenn sie auch ! Wahrscheinlichkeit, Vernunft, Menschenverstand, Wahrheit verletzt. Sic ist ihrer Wirkung doch gewiß. Ein General, ein Held, ein großer Mann, den bis dahin ' sowohl das Gluck als die Menschen ehrten, der die Blicke von drei Wcltthcilcn in diesem Augenblicke auf sich gerichtet sieht, und - > seinen Feinden selbst Bewunderung abnöthigt, wird mit eincmmalc ! eines unerhörten, beispiellosen Verbrechens angeklagt, einer Handlung, die man unmenschlich, roh, grausam, aber auch, wa§ be» sonders merkwürdig ist, zugleich ganz nutzlos nennt. Die absurdesten Einzelnhcitcn, die unwahrscheinlichsten Umstände, die lächerlichsten Zusätze häufen sich um diese erste Lüge. Man verbreitet sie in ganz Europa, das Uibelwollcn saßt sie auf, h und vermehrt sie, man liest sie in allen Zeitungen, findet sie in allen Büchern, und so wird sie für alle zu einer bestätigten Thatsache. Der Unwille ist aufö höchste gestiegen, das Geschrei allgemein, i Vergebens würde man gegen diesen Strom sich stemmen, es vcr- i suchen, ihn zu bekämpfen, zeigen, daß man keine Beweise lieferte, - daß man sich sogar widersprach, entgegengesetzte und widcrsprcch- ^ liche Zeugnisse ansühren, Zeugnisse der Männer von der Profession ' selbst, die das Gift dargcrcicht, oder es zu thun sich geweigert haben soll, behaupten, daß man den doch nicht der Unmensch- lichtest anklagcn könne, der kurze Zeit vorher dieselben Hospitäler darüber. Vielleicht wünscht er unS in diesem Augenblicke eben so Viel Glück, als er uns vorder gern Uibles zugefügt hätte." Napoleons Scharfsinn war entweder so groß, oder der Zufall leitete ihn so richtig, daß man fast sagen möchte, er habe aus der Ferne lese» können. Dieser Robert Wiiso» war allerdings derselbe Schriftsteller. Bericht dadurch, daß er eine große Nation ihrer ersten Rechte beraube» sah, ward er nun gegen die Alliirten eben so erbittert, als ob sie ihm Ketten angelegt hätten, und niemand hat einen so heftigen Unwillen über die Behandlung Napoleons gezeigt, als er, niemand ein lebhafteres Verlange», ihr ei» Ende gemacht zu sehn. ! s — 11t- — von Jaffa durch die edelste, hcldcnmürhigste Thac verewigte, indem er sich selbst dazu hergab, die Pestkranken feierlich zu berühren, um : die kranke Einbildungskraft der Uibrigcn zu täuschen und zu besii-, gen, daß man eine solche Idee doch dem nicht zukraucn könne, der, als ihn die Gcsundhcitsbcamtcn fragten, ob sie die Kleider der Kranken verbrennen, oder bloS wasche» sollten, den bedeutende» : Verlust anführcnd, den die erste Maasregcl nach sich ziehen würde, , cintworlcte: „Meine Herren, ich bin hieher gekommen, um Europas Aufmerksamkeit und Thcilnahme für ' den Mittelpunkt der alten Welt zu erwecken, nicht um j Reichthümer zu Haufen." Vergebens würde man darthun, ' daß jenes vermeinte Verbrechen ohne allen Zweck, ohne das mi„. beste Motiv gewesen seyn würde. Hatte denn der französische Gc> ueral zu fürchten, daß man ihm seine Kranken abtrünnig machte, daß man sich durch sie gegen ihn verstärkte? Wollte er sich etwa dadurch ganz von der Pest befreien. Aber daS konnte er ja eben so gut, wenn er die Kranken mitten unter seinen Feinden ließ, ja vielmehr beschenkte er nun diese damit. Vergebens würde men zeigen, daß ein gefühlloser, egoistischer Feldherr sich vielmehr a»S aller Verlegenheit gezogen hakte, indem er diese Unglücklichen ble- zurücklicS. Sie waren freilich verstümmelt, getödtec worden, aber eS wäre keinem Menschen eingefallen, ihm einen Vorwurf darüber zu machen. Alle diese Anstrengungen würden vergebens, alle diese Sorgfalt unnütz seyn, so groß und untrüglich sind die Wirkungen der Lüge ^ und der Deklamation, die mit dem Winde leidenschaftlicher Vcr< - hältnisse segeln. Das eingebildete Verbrechen wird irr jedem Munde bleiben, es wird sich in jede Phantasie graben, und so ist's von : da a» für den Haufen und die Masse für immer und ewig eine bewiesene, gewisse Thatsache. Worüber sich jedoch diejenigen wundern werden, welche nicht wissen, wie sehr man öffentlichen Gerüchten mißtrauen müsse, mib was ich nur sehr ungern hier nicdcrschrcibe, um abermals zu be« weisen, wie man Geschichte schreiben kann, ist dies, daß der Großmarschall Bcrtrand, der selbst bei der Armee von Egypten war, aber freilich noch in einem untern Grade, der keine unmittelbare Berührung mit dem Obcrfcldhcrrn «erstattete, bis zu seiner Ankunft in Helena diese VergifcungSgeschichte an einundsechSzig Kranke» selbst geglaubt hatte. DaS Gerücht davon hatte sich in der Armee f selbst verbreitet, und war von ihr angenommen. Was nun also denen antworten, die siegreich sagen: „Die Sache ist gewiß wahr, ich weiß sie von Offizieren, die dabei waren, selbst." Und doch M ' c§ nicht so. Hier denn das, was ich aus der höchsten Quelle, auS Napoleons Munde selbst darüber gehört habe. 1. ) Die Zahl der Pestkranken, von denen sich's hier handelt, belief sich, nach dem Rapport an den General cn Chef, nur auf sieben. 2. ) Nicht dieser, sondern einer der Chirurgen selbst schlug im Moment der CrisiS vor, Opium zu gebrauchen. 3. ) Dieses Opium ist aber keinem einzigen gegeben worden. 4. ) Da der Rückzug langsam ging, so blieb eine Arriergarve drei Tage in Jaffa. 5. ) Bei deren Abzug waren die Pestkranken alle gestorben bis aus einen oder zwei, welche dis Engländer noch müssen lebendig augetroffcn haben. d>v. Nach meiner Rückkehr »ach Paris hatte ich Gelegenheit, mit Personen zu sprechen, welche ihr Stand, oder ihre Kunst natürlich zu den ersten Theilnehmcrn dieses Austritts hätten machen müssen, Männer, deren Aussage das Recht hatte, als offiziell und authentisch zu gelten, und ich bin mit ihnen bis inS kleinste Detail gegangen. Folgendes theiltcn sie mir mit. Die Kranken, welche unter dem OberchirurguS standen, das heißt die Verwundeten, wurden alle ohne Ausnahme durch die Pferde des ganzen GencralstaaoeS, selbst die des General cn Chef sortgebracht, so daß Napoleon lange Zeit, wie der übrige Thcil der Armee, zu Fuß marschircn mußte: von diesen könnte also gar nicht die Rede scyn. Die übrigen unter der Oberaufsicht des Oberarztes, etwa 20 Mann, befanden sich in dem hoffnungslosesten Zustande, konnten gar nicht transportirt werden, und wahr ist cs, daß, als der Feind sich nahte, Napoleon den Oberarzt fragte, ob es nicht die Mensch« lichtest fodere, ihnen Opium zu geben. Wahr ist's auch, daß ihm dieser antwortete, seine Pflicht heische, zu heilen, nicht zu tödcen, und diese Antwort, die sich mehr auf einen Befehl, als aus eine bloße Unterredung zu gründen scheint, ist ohnstrcicig von Uibel« wollen und Verläumdung dazu benutzt worden, um daö Mährchen, was man sich seitdem davon erzählt hat, zu begründen. UibrigenS haben alle diese Aufschlüsse, die ich erhielt, folgen» des unbestreitbares Resultat gegeben: 1. ) Nie ward der Befehl ertheilt, den Kranken Opium zu reichen. 2. ) Es befand sich nicht einmal zu der Zeit in den Arznei» vorrathcn der Armee ein einziger Gran Opium, um ihn den ölraukcn zu geben. 3. ) Ware auch der Befehl gegeben worden, wäre auch Opium — li8 — vorhanden gewesen, so hätten doch die Verhältnisse des Augen, blickü, hätten lokale Lagen, die zu entwickeln hier zu wcinäuftig seyn würde, die Ausführung unmöglich gemacht. Hier noch etwas, das vielleicht den Lrrthum derer, welche das Gegcnthcil mit Hartnäckigkeit behaupten, herbcisühren, und ihm zur Entschuldigung dienen könnte. Einige unsrer Verwundeten, welche cingeschifft worden waren, sielen in die Hände der Engländer. Ln unscrm Lager fehlte eS an vielen Arzneimitteln, und man hatte statt deren Zusammensetzungen von dortigen Früchten und Kräutern genommen. Die Tisannen und andere Medikamente hatten daher einen fürchterlichen Geschmack und ein schauderhaftes Ansehen, daher sagten denn die Gefangenen, entweder um noch mehr beklagt zu werden, oder weil sie von dem Gedanken mit dem -Opium Wind bekommen hatten, oder weil sie cs der Beschaffenheit der Arzneien nach wirklich glaubten, den Engländern, daß sie wie durch ein Wunder dem Tode entronnen seien, weil sie von ihren Gcsundhcitsbcamten vergiftet worden wären. DicS in Bezug auf den -Oberchirurgus. Noch mehr für die andern. Die Armee hatte das Unglück,' zum Oberapothckcr einen elenden Menschen zu haben, dem man 5 Kamcele verwilligt hatte, um die Masse der zu der Erpedition nöthigcn Medikamente von Cairo herbeizuschaffen. Dieser beging die Schändlichkeit, diesen für seine eigne Rechnung Zucker, Kaffee, Weine und andere Nahrungsmittel, die er dann mit ungeheuer», Gewinn verkaufte, zu unterschieben. AlS der Betrug entdeckt ward, war der Zorn des General cn Chef gränzcnlos, und der Böscwicht sollte erschossen werden. Alle GesundheitSbeamten aber, die sich durch ihren Muth so ausgczcichntt hatten, und durch ihre Sorgfalt der Armee so thcucr waren, eilten herbei, und baten den General um Gnade, indem sie ihm vorstellten, daß die Ehre ihres Corps dadurch gekrankt werden würde, so entwischte als- der Elende. Spater, alö die Engländer sich Cairo's bemächtigten, trat er zu ihnen über, und machte gemeinschaftliche Sache mit ihnen. Da er jedoch auch hier Betrügereien ähnlicher Arr verübt harre, ward er vcrurchcilt, gehangen zu werden, und entging der Strafe nur durch seine Verwünschungen gegen Bonaparte, durch tausend Schand- chaten, die er auf dessen Rechnung erdichtete, und indem er öffentlich erklärte, daß er derjenige gewesen, der auf dessen Befehl den Pestkranken das Opium habe geben müssen. Seine Begnadigung war die Bedingung und der Lohn seiner Vcrläumdungen. Aus diesen O.uellcn schöpften ohnstreitig diejenigen, bei denen nicht selbst bösliche Absicht verwaltete. UibrigcnS hat die Zeit bereits dieser abgeschmackten Anschuldigung, wie vielen andern, die man auf denselben Charakter gehäuft hatte, ihr Recht rviedcrfahren lassen, und dies mit einer solchen Schnelligkeit, dag, indem ich mein Manuscript wieder durchlas, ich bei der Wichtigkeit, die ich in die Bekämpfung einer Thatsache gelegt hatte, welche heut zu Tage kaum noch jemand zu behaupten wagen würde, fass in Verlegenheit gerieth. Doch ließ ich das, was Ich einmal geschrieben hatte, alS ein Zeugnis! der Eindrücke des Augenblicks stehen, und wenn ich neuerdings noch mehrere DccailS hinzusügte, so geschah cs, weil sic mir so nahe lagen, und weil ich sie für werth hielt, alö geschichtliche Belege ausgezeichnet zu werden. Wilson rühmte, bei seiner falschen Ansicht, sich auch In seinem Werke, daß er der erste gewesen, welcher in Europa diese gehässigen Rohheiten verbreitet habe. Dhnstrcicig wird sein Landsmann Sir Siduey Smich um diese Ehre mit ihm streiten, und dies um so mehr, da er, ihr Erfinder zu seyn, größtentheils mit Recht sich anniaßcn könnte. 2n seiner Fabrik, und in dem Systeme der Bestechung, das er in jene Wcltgcgcndcn mitgcbracht hatte, entsprangen alle die lügenhaften Gerüchte, welche zum großen Nach- chcile für unsre brave cgyptische Armee Europa überschwemmten. Bekannt ist'S, daß Sir Sidney Smith sich nur damit beschäftigte, unsre Armee abtrünnig zu machen. Die falschen Nachrichten nuS Europa, die Anschuldigungen gegen den General cn Chef, die vcrführendstcn Anerbietungen,^ die den Dsfizicren und Soldaten gemacht wurden, alles war ihm gleich gut zu seinem Zwecke. Seine Schriften liegen öffentlich vor, seine Proklamationen kennt man. Einen Augenblick lang beunruhigten sie selbst nicht wenig den französischen General, und er traf Borkehrungs- maasregcln dagegen, indem er alle Gemeinschaft mit den Engländern untersagte, und in einem Tagsbefehl bekannt machen ließ, daß deren Commodorc verrückt worden sei. Dies glaubrc die Armee wirklich, und cS brachte Sir S. Smith so zur Verzweiflung, daß er Napoleon in seiner Wuth eine Ausfoderung zusandtc. Dieser ließ darauf antworten, daß er jetzt wichtigere Geschäfte im Sinne habe, als sich mit einer solchen Kleinigkeit abzugcbcn, daß, wenn der große Malborough dicS gcthan harre, er noch sich'S überlegen würde, daß aber, wenn der englische Seemann sich nun ja kampeln müsse, er einige Toisen am Ufer Neutralismen, und dorthin einen der Großprahler auS seinem Heere abscndcn werde, da möge denn der Narr von einem Commodore auch landen, und sich nach Herzenslust cS gefallen lassen. 120 Da ich einmal jetzt über Egypten spreche, will ich hier! des zusammcnstollen, was mir darüber vereinzelte Unterredungen mit den, Kaiser an Stoff gegeben haben, und waS sich doch vielleicht in den cgyptischen Feldzügen, welche Napoleon dem Großmarschall diktirc har, nicht finden dürfte. Der Feldzug in Italien zeigt alles, waS Genie und milltairi- schc Auffassung nur Glänzendes und Schönes hcrvorbringen konnte. Diplomatische Ansichten, administrative Talente, Gcsetzgcbnngs- »maßregeln in steter Harmonie mit den Wunderercignisscn des Kriegs. Und was noch mehr Staunen erregt, und daS Gemälde vollendet, das schnelle und unwiderstehliche Übergewicht des junge» General. Die Anarchie der Gleichheit, die republikanische Eifersucht, alles verschwand vor ihm. Selbst die lächerliche -Oberherrschaft des Direktoriums scheint nun plötzlich in den Hintergrund zu treten. Das Direktorium fsdert dem -Obergeneral der italienischen Armee keine Rechenschaft ab, eS erwartet sie blos, es schreibt ihm keinen Plan vor, ordnet ihn keinem Systeme unter, aber es erhält von ihm Berichte über Siege, Waffenstillstände, umgcstürtzte alte Staaten, und Schöpfungen neuer. Wohl dcnnst Alles, was man in dem italienischen Feldzuge bewunderte, findet sich auch in der Expedition nach Egypccn wieder. Wer beobachtet und nachdcnkt, findet es sogar auch dort durch SÄ)zvicrigkcitcn jeder Art, welche diesem Zuge einen ganz eignen Charakter verliehen, und von dessen Anführer noch mehr innere Hülfsqucllen und neue Schöpfungen verlangten, bei weitem erhöht. Denn hier ist alles anders, Clima, Boden, Einwohner, Religion, Sitte, Kriegsarc Die Memoiren dcS Feldzugs in Egypten werden Ideen, die blS dahin nur alö Mulhmaßungcn und Gcsprächsgegenstände für einen Theil der Gesellschaft angesehen wurden, zur Wahrheit erheben. ' 1.) Die Expedition nach Egypten ward in Folge deS gemeinschaftlichen Wunsches des Direktoriums und des Obcrgcncrals unternommen. Dic schägbarstcn Quelle» über beide »»sterbliche Feldzüge wird ob»- streitig iinmcr die Sammlung der TagSbcfchle, »nd die tägliche Cor« respondcnz des Qbergeneral mit den ander» Generalen nnd den administrativen Behörden seines Heeres bleiben. Man hat davon mehrere Wände unter dein Titel hcrausgegcben: (lc>rresj>e>nc1e»iee ineellta ostlcieils ct conülleutlvnolis rls dtiiziolsün Ileniaxarte etc. cllor I'anlt-Iiilic, Dies Ganze wird gewiß lange Zeit eine Schule bleibe», woraus alle Männer vom Handwerke ihre leuchtendsten und »schlich- Yen 2,'bren schöpfen werde». 121 2.) Malca'S Eroberung war n!chc das Resultat geheimer Einverständnisse, sondern bloS des Scharfsinns des ObergencralS. „In Mancua habe ich Malta erobert, sagte uns einmal der Kaiser, inein cdclmüthigcs Benehmen gegen Wurmser trug mir die Unterwerfung des Großmeisters und seiner Ritter ein. g.) Die Eroberung Egyptens ward mit eben so viel Klugheit berechnet, als Geschicklichkeit ausgeführt. Hätte die französische Armee Saint Jean dÄcre nehmen können, so würde eine große Umwälzung des -OriencS vollendet worden seyn, der -vbergeneral hätte dort ein Reich gegründet, und Frankreichs Schicksal wäre andern Verhältnissen überlassen geblieben. 4. ) Bei der Rückkehr auS dem Feldzuge nach Syrien hatte die französische Armee fast noch gar nichts verloren, sie war in dem furchtverbreitendsten und gedeihlichsten Zustande. 5. ) Die Abreise des -Obergenerals nach Deutschland war daS Resultat des edelsten, größten Plans. Man muß über die Schwach- köpftgkeit derer lachen, die sic für eine Flucht oder Entweichung anschcn. 6. ) Kleber siel als Opfer des Fanatismus der Muselmänner. Nichts kann nur im geringsten die alberne Vcrläumdung kräftigen, welche diese Katastrophe der Politik seines Vorgängers oder den Incrigucn seines Nachfolgers zuzuschreiben versuchte. 7. ) Es ist endlich so ziemlich bewiesen, daß Egypten für immer eine französische Provinz geblieben wäre, wenn sie ein anderer, alS Menou, verthcidigt hätte. Nur die gröbsten Fehler deS letztem konnten ihren Verlust nach sich ziehen. Keine Armee in der Welt, sagte der Kaiser, wäre weniger zu der cgyprischcn Unternehmung passend gewesen, als die, welche er dahin geführt habe. ES war die italienische Armee. Schwer möchte die Abneigung, die Unzufriedenheit, die Melankolie, die Verzweiflung dieser Armee bei der ersten Ankunft in Egypten zu beschreiben seyn. Der Kaiser sah, wie zwei Dragoner aus dem Glicdc traten, und sich geradezu in den Nil stürzten. Bcrtrand hatte die ausgezeichnetsten Generale, Lannes, Murat, in Augenblicken der Wuch ihre Lreffenhüte in den Sand werfen, und sie Angesichts der Soldaten mit den Füßen zertreten sehen. Der Kaiser erklärte diesen GcmüthSzustand vortrefflich. „Diese Armee, sagte er nämlich, hatte ihre Laufbahn vollendet, alle Individuen . waren mit Rcichthümern, Graden, Genüssen und Auszeichnungen erfüllt. Daher waren sic nicht mehr für die Düsten und Mühen i» Egypten tauglich. Auch wäre cS, fuhr er fort, wenn sich diese Armee in andern Händen, als den mcinigen befunden hätte, schwer gewesen, die Excesse zu beschwichtigen, denen sie sich über- lassen haben würde. Man machte in diesem Heere mehr als einmal das Complot, k die Fahnen zu nehmen, sie nach Alexandrien zu bringen, und äh», liehe Dinge. Nur der Einfluß, der Charakrcr, der Ruhm dieses ' Chefs konnte sie zurückhaltcn. Eines Tages ward Napoleon selbst > uumuchig, stürzte unter eine Gruppe von misvcrgnügten Generalen, i und sprach heftig, indem er sich an den längsten darunter wendete: m „Sie haben aufrührerische Reden geführt, nehmen Sie sich in - Acht, daß ich nicht meine Pflicht erfülle; Ihre 0 Fuß und 10 Zoll ^ werden Sie nicht schützen, in zwei Stunden erschossen zu seyn." ; Daö jedoch das Benehmen dieses HecrS dem Feinde gegen > über betraf, so versicherte der Kaiser, daß cs nie aufgehört habe, das von Italien zu seyn, daß cs stets Bewunderung verdiente. Vorzüglich konnten diejenigen, welche der Kaiser die Faktion der Liebhaber von großen Gefühlen nannte, weder geleitet noch beherrscht i werden. Sie waren Geisteskrank. Die Nächte brachten sie damit ! zu, im Monde den Wicderschein der Angebeteten zu suchen, welche : sie jenseits des Meeres zurückgelasscn hatten. An ihrer Spitze i stand Verthier. Der schwache, geistlose Bcrthicr, der, alö der ! Dbcrgencral in Toulon abscgeln wollte, von Paris mit Post Tag und Nacht hcrbcieiltc, um ihm zu sagen, daß er krank sei, und ihm nicht folgen könne, ob er gleich dessen Chef dcS GcncralstabS war. Der -Obcrgcncral achtete nicht einmal darauf. Bcrthicr lag 'l ja nun nicht mehr zu den Füßen der Holden, die ihn mit seiner i Entschuldigung nach Toulon geschickt hatte, folglich schiffte er sich ö auch endlich mit ein. Kaum war er aber in Egypten angclangk, . als ihn die Langeweile quälte und er seinen Erinnerungen 'nicht mehr ^ widerstehen konnte. Er bat, ihn nach Frankreich zurückkchren zu lassen und erhielt Erlaubnis dazu. Er nahm von Napoleon Ab- schied, sagte ihm Lebewohl, kam aber bald nachher in Thronen gebadet wieder, und erklärte, daß er sich doch nicht gern entehren wolle, und nun einmal sein Leben nicht von dem seines Generals trennen könne. Bcrthicr trieb mit seinen Geliebten eine Art Abgötterei. Ne« ben seinem Zelre stand stcrs noch eins, daS so sorgfältig wie das eleganteste Putzzimmcr ausgcschmückt war. ES war dem Bildnisse seiner Geliebten geweiht, vor dem er sogar Weihrauch anzündcic. Dieses Zelt ließ er sich selbst in den Wüsten Syriens aufschlagcn. Napoleon sagte lächelnd, cS habe sich doch zugetragen, daß man ihm mehr alS einmal seinen Tempel durch einen »linder reinen Cultus prosanirt habe, indem man verstohlen andre Gottheiten dort cingcsührt. 123 Berchicr hat in seiner Liebe nie nachgelassen, ja sie hat ihn mehr als einmal fast l'!S zum Idiotismus gebracht. Vei dem Bericht über die Schlacht von Marengo hatte er den jungen Visconti, ein bloßer Hauptmann höchstens und sein Adjutant, fünf biS sechs, mal, bloß zu Ehren des Andenkens von dessen Mutter genannt. Nach Bcrthicr hatte dieser die Bataille gewonnen. Der -über« general sah sich gcnöthigt, den Bericht dem Verfasser an den Kopf . zu werfen. ' Der Kaiser meinte, daß er Berthier gewiß in der Zeit seines Lebens 4o Millionen gegeben habe, aber dessen Geistesschwache, Unordnung und lächerliche Leidenschaft wurden wohl den größten Theil versplittert haben. Glücklicherweise verrauchte der Unmuth der Soldaten ln Egypten zuletzt in schlechten Spasche». Das hat immer die Franzosen gerettet. Sie wollten dem General Caffarelli sehr übel, weil sie ihn für einen der Urheber der Expedition hielten. Er hatte ein höl« zerncS Bein, indem er das seinige am Rheine verloren hatte. Als sic ihn min so bei ihrem Murren hinkend vorübergehend sahen, raumen sie einander ins Ohr: „Der macht sich viel aus allem was geschieht, er weiß doch, daß er stets einen Fuß in Frankreich behalt." Auch die Gelehrten waren der Gegenstand ihrer Scherze. Esel waren dort sehr gewöhnlich, die meisten Soldaten besaßen derer und nannten sie nie anders, als ihre Halbgelehrtcn. Beim Abgänge des ObcrgcncralS aus Frankreich harte er eine Proklamation entworfen, in welcher er den Soldaten sagte, daß er sie in ein Land führen werde, wo er sie alle reich mache» und jeder 7 Hufen Landes erhalten solle. Als die Soldaten nun in der Wüste, mieten in diesem gränzenloscn Sandmcere sich befanden, ermangelten sie nicht über die Freigebigkeit ihres Generals zu sprechen. Sie fanden ihn sehr knausernd, daß er ihnen nur 7 Husen versprochen hatte. „Der Spitzbube, sagten sie, kann es wahrhaf« tig ganz unsrer Diskretion überlassen, wir werden keinen Misbrauch davon machen." Ais die Armee durch Syrien zog, gabS nicht einen Soldaten, der nicht den VcrS auS der Zaire auf der Zunge gehabt hätte: Franzosen sind cs müd, zu suchen Tag und Nacht Klimate, die der Himmel nicht für sie gemacht. 3hr schönes Land zu lassen mag sie nicht gelüsten Um zu verschmachten in Arabiens dürren Wüsten. Der Obcrgencral wollte einst während der Waffenruhe eine Besichtigung des Landes vornehmen, ging deshalb, begünstigt von dcr Ebbe, trocknen Fußes über das rothe Meer und kam ss auf 124 das entgegengesetzte User. Bei der Rückkehr überstcl ihn aber die Nacht; er verirrte sich mitten ans dein Meere, indessen schon die Fluch cintrat und er kam dadurch In die grüßte Gefahr, auf eben die Weise, wie ehemals Pharao, das Leben zu verlieren. „Run da harten doch, sagte Napoleon scherzend, die sammtlichcu Predi. gcr der ganzen Christenheit einen vortrefflichen Text gehabt, gegen mich zu sprechen." -Bei seiner Ankunft an den Küsten Arabiens empfing er eine Deputation der Einsiedler dcö VcrgcS Sinai, welche Schuh von ihm erbaten und ersuchten, sich in daS alte Register ihrer Gewähr- lcisruugcu cinzuschreiben. Napoleon zeichnete nun seinen Namen hinter Ali, Saladin, Ibrahim und mehrere andere. Bei dieser Gelegenheit, oder einer andern dieser Art, bemerkte der Kaiser, daß er in einen, und demselben Jahre Zuschriften von Rom und von Mekka erhalten habe, worinnen der Pabst ihn seinen sehr lieben Sohn und der Scherls den Beschützer der heiligen Kaaba genennt hätte. Dieses sonderbare Zusammentreffen darf übrigens an dem nicht verwundern, den man seine Heere hat über die brennenden Sand- wüsten dcö Wendekreises und durch die eisigen Steppen des Nordens führen sehen, und der, indem er Indien auf den zwei außer- stcu Punkten bedrohte, Gefahr.lief, von den Weilen dcö rothcn MccrcS verschlungen zu werden und dann in den Flammen Mol- kau'S umzuksmmen. Der Dbcrgcncra! thcilte stets die Beschwerden der Soldaten und eö war bisweilen die Noch so groß, daß inan, ohne alle Rücksicht auf Rang, sich die geringsten Kleinigkeiten streitig machte. Es kam oft so weit, daß die Soldaten in der Wüste ihren General kaum ihren Platz überlassen haben würden, um seine Hände in eine schlammige Wuelle einzutauchcn. Bei den Ruinen von Pclusium überließ mau ihm, als er fast vor Hitze erstickt war, ein Uibcr- bleibsei eines Lhores, wo er sich einige Minuten in Schatten legen konnte. „Und das war, sagte er, eine ganz ungeheure Begünstigung." Hier geschah es, daß indem er einige Steine zu seinen Füßen durchwühlte, eine köstliche den Kennern wohlbekannte Antike ihn, vor Augen lag. *) Es war eine Camce »>it dem Bildniß Augusts, noch unvollendet aber sehr schön angelegt. Napoleon schenkte sie dem General Andrcozzl, der ein großer Sammler von Altern-linier» war. Denen aber, welcher bei der Auffindung sich nicht gegenwärtig befand, erstaunte, als er die Eaniee zn Gesicht betam, über ji-rc außcrvrdcnüiche Aclnuia,« teil mit Napoleon, der selbige nachher wieder an sich nahm. Exa'- Die französische Armee mußce auf ihrem Marsche nach Asien durch die Wüste, welche es von Afrika trennt. Kleber comman- dirte den Vortrab und verirrte sich. Napoleon, der ihm in der Entfernung einer halben Tagereise folgte, fticsi bei cinSrechendcr Nacht mit einer schwachen Bedeckung auf das feindliche Lager. Er wurde lebhaft verfolgt und entkam nur dadurch, daß, weil cS Nacht wurde, die Türken glaubten, man wolle sie in einen Hinterhalt locken. Aber was war aus dem ganzen Corps von Kleber geworden? Der größte Theil der Nacht verging in schrecklicher ^ Angst. Endlich erhielt man einige Kunde durch Araber in der Wüste und nun eilte der Dbergcneral auf seinem Dromedar, seine Soldaten aufzusuchen. Er fand sie in der größten Verzwcisiung, ^ fast todt vor Durst und Ermüdung. Mehrere der jungem Solda- i ten hatten schon ihre Gewehre zerbrochen, aber der Anblick des ' Generals und die mit ihm zurückkchrende Hosnung gab ihnen das Leben wieder. Napoleon kündete ihnen Lebensrnittel und Wasser an und beides traf bald nach ihm ein. „Aber, sagte er ihnen, wenn cs auch längere Zeit ausgeblieben wäre, durfte das ein Grund scyn, zu murren und muthloS zu seyn. Nein, Soldaten, lernt mit Ehren zu sterben!" > Napoleon reiste in der Wüste größtcnthcilS auf einem Drome- : dar. Die physische Dauer dieses Lhicres ist die Ursache, daß man i sich gar nicht uni seine Bedürfnisse kümmert. Kaum daß es frißt und sauft, aber seine moralische Empfindlichkeit ist außerordentlich. Er dultct keine üble Behandlung und wird dabei ganz wüthend. ! Der Kaiser sagte, daß der harte Trott desselben Neigung zum Brechen verursache, wie das Schwanken eines Schiffes. Es macht an einem Tage 20 Stunden. Der Kaiser errichtete Regimenter davon und der militairische Gebrauch dieser Thicre brachte die Araber in Verzweiflung. Der Reiter setzt sich auf den Rücken dcö Dromedars und lenkt cs an einem durch die Nasenlöcher gezogenen Ringe. Es ist sehr gehorsam und auf einem gewissen Laut deS Reiters kniet es nieder, um ihm das Absteigen zu erleichtern. Das Dromedar trägt sehr große Lasten, welche auf der Reise nie abgcpackt werden. Wenn cs Abends ins Nachtquartier kommt, stellt man Stützen unter seine Last, das Thier kauert nieder, schlummert und steht am Morgen wieder auf, daS Gepäck ist in Ordnung und die Reise geht weiter. Das Dromedar ist ein bloßes Saumthicr, nur zum Tragen, nie zum Ziehen zu gebrauchen. tcrhin besaß sie Iosephinc. Was nun damit geworden ist, weiß Denen nicht anzugebe». (Gelieferte Beiträge von Denen feit meiner Rückkehr nach Frankreich.) 12L Demohncrachtct hatte man in Syrien es dahin gebracht, sie a„ Geschütz zu spannen, und sie thaten auf solche Weise sehr wese»!« liehe Dienste. Napoleon, den die Einwohner EgyptcnS nur den Sultan Ksbir (Vater deS Feuers) nannten, hatte sich dort recht beliebt gemacht. Es war ihm gelungen, eine besondere hohe Achtung von seiner Person einzuflößen. Wo er sich zeigte, stand jedermann sogleich auf, eine Höflichkeit, die mau nur ihm erwies. Die Rücksichten, welche er jederzeit für die Schecks hatte, die Geschicklichkeit, womit er sie für sich zu gewinnen wußte, hatten ihn zum wahren Be« Herrscher von Egypten gemacht und ihm mehrmals das Leben gerettet. -Ohne ihre Mitchcilungen wäre er ein Opfer des heiligen Kampfes geworden, wie Kleber. Dieser, im Gegcnthcil, entfernte sich die Schecks, ließ eine» derselben mit dem Stock schlagen und kam ums Leben. Bertrand war einer von den Richtern, welche den Mörder zum Tode verdammten, was er uns einst bei der Tafel erzählte. Der Kaiser sagte hierauf: „Wenn die Libellisten, welche behaupten, daß ich Kleber habe umbringcn lassen, es wüßten, so würden sie Sie den Mörder oder den Mitschuldigen nennen und sagen, daß Ihr Titel als Großmarschall und Ihr Aufemhalt zu St. Helena die Belohnung und zugleich die Strafe darfür wären." Napoleon sprach gern mit den Bewohnern des Landes und zeigte ihnen oft Züge der Gerechtigkeit, welche sie in Staunen setzten. Als er nach Syrien zurückkehrte, kam ihm ein arabischer Stamm entgegen, thcilS um ihn aus ehrenvolle Weise zu empfangen, thcils mit ihm über die Prciße des Transports zu unterhandeln. „Der Anführer war krank und hatte seinen Sohn an seiner Stelle geschickt, der von dem Alter und der Größe Ihres SohneS war, sagte der Kaiser. Er saß auf seinem Dromedar, ritt dicht neben dem Obcrgcneral einher und sprach recht geschwätzig und zutraulich mit ihm. — Sultan Ksbir, sagte er, jetzt da Sie wieder nach Cairo kommen, möchte ich Ihnen wohl einen guten Rath geben. — Recht wohl! Sprich, mein Freund, ich werde ihn befolgen, wenn er gut ist. — Wissen Sie, was ich thäte, wenn ich an Ihrer Stelle wäre? Bei meiner Ankunft zu Cairo ließ ich mir den reichsten Sklaveühändler zur Stelle kommen und wählte mir zwanzig der schönsten Weiber aus; dann ließ ich den reichsten Iuwclcnhandlcr kommen und mir einen guten Theil seiner Waare von ihm geben, und so machte ichs mit allen andern; denn waS Hilsts denn, daß man regiert, oder der stärkste ist, wenn man nicht dadurch Schätze an sich bringen kann! — Aber, mein Freund! wenn cs nun aber doch schöner wäre, sic Andern zu lassen? — 127 Dieser Grundsatz schien ihm Stoff zum Nachdenken zn geben, aber keineswegs zu überzeugen. Der junge Mann gab, für einen Araber, schöne Hofnungcn von sich, wie man sieht; er war lebhaft, beherzt und führte seine Truppe mit Würde und -Ordnung. Vielleicht ist er bestimmt, zu Cairo alles das sich auszuwählen, wozu er den Rath gab, cS daselbst zu nehmen." Ein andrcsmal drangen die Araber, mit denen man in Freundschaft war, in ein Gränzdors ein und ein unglücklicher Fellah (Bauer) kam dabei ums Leben. Der Sultan Ksbir gericth darüber in großen Zorn und gab Befehl, den Stamm in die Wüste zu verfolgen, ihn auszueottcn und so Rache an demselben zu nehmen. Dies geschah in Bciscyn der großen Schecks. Einer derselben nahm sich heraus, über seinen Zorn und den ertheilten Befehl zu lachen. „Sultan Ksbir, sprach er, Sie spielen da ein übleS Spiel. Verfeinden Sie sich ja nicht mit diesen Leuten; sie können Ihnen weit mehr Uibles zufügen, als Sie denselben zu thun vermögen. Und warum übrigens so viel Lärm? Weil sie einen Elenden gctödtet haben. War er denn etwa ein Vetter von Ihnen?" (eine dort übliche Redensart). „Mehr noch alS das, antwortete Napoleon lebhaft. Alle diejenigen, welche ich beherrsche, sind meine Kinder; die Macht ist mir nur darum gegeben, daß ich sie beschütze." — Alle Schecks verneigten sich tief bei diesen Worten. „-O das ist schön, sagten sie, Du sprichst wie der Prophet!" Die Entscheidung der großen Moschee von Cairo zn Gunsten der französischen Armee, war ein Wunderwerk des -Obergenerals. Er brachte nämlich die Synode der großen Schecks dahin, durch einen öffentlichen Akt zu erklären, daß die Muselmänner dem französischen General gehorchen und ihm Tribut bezahlen könnten. ES ist dies das erste und einzige Beispiel dieser Art, seit dem Bestehen des Koran, welcher sich den Ungläubigen zu unterwerfen verbietet. Die nähern Umstände hiervon sind sehr wichtig; man findet sie in dem Feldzuge von Egypten. -Ohne Zweifel war cs eine eigne Erscheinung, daß zu Saint Jean d'Acrc die Europäer sich in einem schlecht befestigten Neste Asiens um den Besitz eines TheilS von Afrika schlugen. Noch mehr aber, daß diejenigen, welche die gegen einander streitenden Kräfte leiteten, von derselben Nation, von gleichem Alter, gleichem Rang, gleicher Waffe und aus einer und derselben Schule waren. Phelippeaux, dessen Talenten Engländer und Türken die Rettung von St. Jean d'Acre verdanken, war Napoleons Kammcrad in der Militairschule zu Paris gewesen, und, che man sie zu ihren verschiedenen CorpS abgehen..ließ, zugleich mit ihm daselbst epa- 123 minirt worden. „Er war von Ihrer Größe, sagte mir der Kal. ser, nachdem er mir sein Lob und alles Uible, was ihm von dem. selben zugefügt worden war, für die Memoiren diktirt batte. „Sire, antwortete ich, wir waren noch viel enger verbunden, warm die vertrautesten, unzertrennlichsten Freunde in der Miiicairschiile. Als ich mit Sir Siduey Smith, dessen Entkommen aus dem Tem. pel sein Werk war, durch London ging, ließ er mich überall suchen, ich verfehlte ihn nur um eine halbe Stunde in seiner Wohnung. Wahrscheinlich wäre ich ihm gefolgt. 2ch hatte nichts zu thuii, jedes Abentheuer war verführerisch für mich und nun welch eine neue Verknüpfung meiner Schicksale!" „Weil ich weiß, welchen Einfluß der Aufall auf unsre pollti. scheu Entschließungen har, sagte bei dieser Gelegenheit der Kaiser, bin ich immer ohne Vorurthcile und sehr nachsichtig in Hinsicht auf die Parthei gewesen, der man bei unfern Umwälzungen gefolgt war. Ein guter Franzos seyn, oder cs werden wollen, war alles waS ich verlangte." Der Kaiser verglich die Verirrung in der Zeit unsrer Unruhen mit Nachtgcscchtcn, wobei man oft auf seinen Nachbar losschlagt, anstatt den Feind zu treffen, wenn aber der Tag anbrichc und bei der Rückkehr der Ordnung alles sich aufklart, einer dem andern verzeiht. „Ich selbst kann wohl versichern, sagte er, daß meinen natürlichen Neigungen zuwider, doch vielleicht Umstände Untreren konnten, die mich zum Auswandcrn bewogen hätten. Die Nähe der Gränzc, eine Freundschaftsver» bindung, der Einfluß eines Vorgesetzten u. s. w. Bei einer Re» volution kann man nichts versichern, als was man gethan hat; cS wäre unklug, diese Versicherung auch darüber zu geben, daß man nicht auch im Stande gewesen sei, etwas anders zu thun." Hier» bei führte er ein ganz sonderbares Beispiel des Zufalls an. Ser» rurier und Hedouville der jüngere wollten mit einander nach Spanien auSwandcrn. Sie werden von einer Patrouille betroffen. Der jüngere und gewandtere Hedouville springt über die Gränze, halt sich für höchst glücklich und lebt dann in Spanien ein elendes Leben. Scrrurier, der in das Innere zurückzukehren genöthigt und darüber ganz untröstlich ist, wird Marschall. Da kann man sehen was der Mensch ist, mit seinen Berechnungen und aller seiner Weisheit! Bei St. 2can dÄcre verlor der Obergeneral Caffarelli, den er sehr liebte und hochschätztc, so wie dieser eine Art von göttlicher Verehrung für seinen Obergeneral hegte. Dieses Gefühl ging so weit, daß wenn man ihm, wie er einige Tage vor seinem Tode ohne Besinnung lag, Napoleon ankündigte, schon dieser Name ihn ins Leben zurückzubringen schien. Er kam dann zu sich, war «öl« 121 — kig bei Verstand, sprach zusammenhängend, und siel, sobald jener ihn verliest, !n seinen vorherigen Zustand zurück — ein Phänomen, daS sich eben so oft erneuerte, als der Obergeneral ihn besuchte. Be! der Belagerung von St. Jean dÄcre erhielt Napoleon ein Zeichen der hcldcnmüthigstcn und rührendsten Ergebenheit. Er war in den Laufgräben, eine Bombe siel zu seinen Füßen nieder. Zwei Grenadiers warfen sich jezt auf ihn, nahmen ihn zwischen sich, breiteten ihre Arme über seinen Kopf und deckten ihn so von allen Seiten. Glücklicher Weise respekcirce die Bombe die ganze Gruppe; keiner wurde verwundet. Einer dieser braven Grenadiers, der nachherige General Dumesnil, welcher in dem Feldzuge von Moskau ein Bein verloren hatte, war bei der Invasion von 1814 Conimandant zu Vincennes. Seit mehreren Wochen schon befanden sich die Alliirten in der Hauptstadt und immer noch hielt sich Dumesnil in seiner Festung. Man sprach damals in ganz Paris von seiner hartnäckigen Vcrthcidigung und seiner lustigen Antwort bei der Aufforderung der Russen: „Gebt mir mein Bein, so gebe ich euch die Festung!" Die französische Armee hatte sich in Egypten einen Ruf ohne Gleichen erworben und verdiente ihn auch. Sie hatte die bcrühm- tcn Mamelucken, das furchtbarste Kriegsvolk des Orients, zerstreut und mit Schrecken erfüllt. "Nach dem Rückzug aus Syrien war ein türkisches Heer zu Abukir gelandet; Mourat-Bey, der tapferste und fähigste Mameluck, verließ Obcregypten, wohin er sich geflüchtet hatte und erreichte auf Umwegen das Lager der Türken. Bei der letzten Landung waren die französischen Detachements zurückgegangen, um sich zusammenzuziehcn. Stolz auf diese anscheinende Furcht, sagte der commandirende Pascha ganz aufgeblasen zu Mou- rat-Bey: „Sieh doch! diese Franzosen, die man so fürchtet und denen du nicht widerstehen konntest. Kaum zeige ich mich und schon fliehen sic vor mir." „Pascha, antwortete ihm der sehr beleidigte Mourat-Bey in einer Art von Wuth, danke dem Propheten, daß eS den Franzosen gefällt, sich zurückzuziehen, denn wenn sie zurückkehren sollten, so würdest Du vor ihnen verschwinden, wie der Staub vor dein Nordwinde." Er hatte richtig prophezciht. Einige Tage später gingen die Franzosen auf diese Armee los, und sie verschwand. Murat-Bey, der mehrere Zusammenkünfte mit unfern Generalen hatte, konnte sich nicht genug über ihre kleine und schwächliche Gestalt verwundern. Die Orientalen legen großen Werth auf ansehnliche Formen. Sie begreifen nicht, wie es möglich ist, daß so viel Geist unter einer so kleinen Hülle sich befinden könne. Nur der Anblick von Kleber war ihnen genügend. Er war ein sehr stattlicher 9 Mann, jedock) von rauhen Sitten. Die Egyptcr waren klug genug zu errathen, daß er kein Franzos sei. Auch hatte er wirklich, obschon im Elsaß geboren, in früher» Jahren in der preußischen Armee gedient und konnte für einen Teurschen gelten. Einer von uns behauptete gar, er wäre in seiner Zugend ein Zanitschar gewesen. Der Kaiser mußte sehr darüber lachen und sagte ihm, daß man sich über ihn lustig mache. Der Großmarschall sagte dem Kaiser, daß er in der Schlacht bei Abukir sich zuerst in dessen Armee und Nähe befunden habe. Er war an die Kühnheit seiner Manönvcrs so wenig gewöhnt, daß er kaum die Befehle begriff, welche er vernahm. „Besonders, Sire! sagte er, als ich Sie einem Unteroffiziere von Ihren Garden -urufen hörte: Wohlan, mein lieber Herkules, nehmen Sie 25 Mann und greifen Sie dies erbärmliche Volk da an. Wahrhaftig ich glaubte nicht recht bei Sinnen zu seyn, als El». Majestät dabei ans vielleicht 1000 türkische Reiter zeigten." Ulbcrhanpt waren die Verluste der Armee von Egypten bei weitem nicht so beträchtlich, als man, bei dem fremden Boden, dem ungesunden Clima, der Entfernung von aller vacerländischcn Unterstützung, den Zerrüttungen des Pcstübels und besonders den zahlreichen Gefechten, welche diese Armee verewigt haben, hätte vcrmuthcn sollen. Sic bestand bei ihrer Ausschiffung in 50000 Mann, verstärkte sich durch die Uiberbleibsel der Schlacht bei Abu- kir und vielleicht auch noch durch einige Mannschaften, die aus Frankreich ankamen, und der Totalvcrlust derselben, vom Anfänge des FcldzugS an, bis zwei Monac nach der Abreise des Dbcrgcuc- rals nach Europa, das heißt, in einem Zeiträume von 27 bis 28 Monaren, beträgt nicht mehr als 8015 Mann; wie auS der offiziellen Angabe des DrdonnatcurS en Chef dieser Armee hcrvor- gehet. *) Sicherlich muß doch das Leben eines Mannes überreich an Wundern seyn, wenn man sich kaum bei einer That desselben aus- hält, wovon man doch kein Beispiel in der Geschichte findet. Ais Geblieben j» Gefechten. Zürg, Gestorben c», Wunde». 85g> Gestorben in Folge sonstiger Norfäste ....... 2 «o. Gestorben an gewöhnliche» Krankheiten.2qü8. Gestorben an der Pest ..iü8y. I» Galrv am io, Frlmaire d. Unterzeichnet Totais 8yi5. I. IX. , der Ordvmiateur en Chef. Sartelo». — 13 ! — Cäsar über den Nnbicon ging und dessen Oberherrschaft die Folge davon war, stand er an der Spitze einer Armee und ging einer andern, die ihm ein Stutzpunkt werden mußte, zu. Alexander, welcher von dem Feuer seiner Jugend getrieben, in Asien landen ließ um den große» König zu bekriegen, war eines Königs Sohn, war selbst ein König und betrat die Lansbahn des Ehrgeizes und dcS Ruhms an der Spitze der Heereömacht seines Reichs. Aber daß ein bloßer Privatmann, dessen Name drei Jahre früher jedermann unbekannt paar, dem bis dahin noch nichts zu statten kam, alö einige Siege, sein Name und das Bewußtseyn seiner Geisteskräfte, den Gedanke» fassen könne, ganz allein sich des Schicksals von dreisig Millionen Menschen anzunehmcn, ihren Niederlagen im Auslände, ihren Zwistigkeiten iui Innern Einhalt zu thun, so daß er bei den Nachrichten von den Unruhe», die man ihm schildert, und bei dem liiberblick alles dcS Unheils, das er noch in der Zukunft erkennt, gerührt ausruft : „DieseSchwätzer bringen mit ihren schönen Reden Frankreich inS Verderben, cS ist Zeit, eS zu retten!" daß er nun seine Armee verlaßt, hinflicgt über die Meere, auf die Gefahr seine Freiheit und scincn Ruhm zu verlieren, den Boden Frankreichs betritt, nach der Hauptstadt eilt, dort in der That deS Steuerruders sich bemächtigt, eine von dem Uibermaas der Leidenschaften trunkene Nation im Zaume hält, daß er dieselbe sogleich auf den wahren Pfad der Vernunft und richtigen Grundsätze zurückbringt, sie von diesem Augenblicke an zu bisher unbekannter Macht und Größe erhebt, und daß alles dieses vollbracht wird, ohne daß es einen Tropfen Bluts kostet, ohne daß eine Thräne dabei fließt, daS kann man doch wohl eine der riesenhaftesten, der erhabensten Unternehmungen nennen, von denen die Welt jemals gehört hac; ein Werk, das die ruhigere, von Leidenschaften freie Nachwelt mit Staunen und Bewunderung erfüllen wird — und gleichwohl ist es von den Zeitgenossen mit dem Namen einer verzwciflungsvollen Flucht, einer schändlichen Desertion bezeichnet worden. Dennoch blieb die Armee, welche er daselbst hinterließ, noch zwei Jahre im Besitz von Egypten und nach dcS Kaisers Meinung sollte sie nie dort bezwungen werden. Der Eroßmarschall, welcher bis zu dem letzten Augenblicke mit dort geblieben ist, thciltc diese Ansicht. Kleber, der nach dem Abgänge des Obergcnerals nach Frankreich, ihm im Commando folgte, war von schlechten Subjekten umringt und unterhandelte, von ihnen verleitet, wegen der Räumung von Egypten. Aber als seine Vorschläge vom Feinde zurückgewiesen wurden und er sich hierdurch genöthigt sah, neuen Ruhm zu erwerben und seine Kräfte richtiger zu bcurtheilcn, änderte er ans einmal seine Meinung und wollte nun selbst Egypten behaupten. Dies WM' zugleich der Wille der ganzen Armee. Alle sein Strebe» ging nun dahin sich daselbst zu halten; er entfernte daher jene Rach- geber auö seiner Nahe, welche seine früheren Absichten in ihm erregt halten nnd umgab sich mic Personen von der entgegengesetzten Meinung; so daß Egypten, wäre er nur am Leben geblieben, nie in Gefahr gekommen scyn würde. ' Nur sein Tod führte den Verlust herbei; denn nun theilte sich die Armee zwischen Menon und Register und cS entstand ein weites Feld für die 2ntrigue. Der Franzosen Kraft und Muth waren sich immer gleich, aber die Anwendung und Leitung derselben, welche dem General oblag, glich sich nun nicht mehr. Menou war ganz unfähig. Er wurde von den Engländern mit 20000 Mann angegriffen; die physische wie die moralische Kraft seiner Truppen war ungleich größer, alS die feindliche; aber er beeilte sich, in Folge einer ganz unbegreiflichen Verblendung, sie zu vereinzeln, so, daß jene in Masse sich zeigten, diese aber sie nur in kleinen Trupps beunruhigten. Hierbei sagte der Kaiser: „Wie blind doch das Glück ist! Mic Maaöregeln von entgegengesetzter Art, waren die Engländer ohne allen Zweifel gänzlich aus- gerieben worden, und welche Folgen hätte ihre Niederlage wohl herbciführen müssen! —" Uibrigens wurde ihre Ausschiffung, wie der Großmarschall sagte, auch in der That ganz wunderbarer Weise vollzogen. In weniger als fünf Minuten standen 5500 Mann in völliger Schlachtordnung. Die Bewegung war so schnell, wie bei der Aufführung einer Oper und wurde dreimal wiederholt. Nur 1200 Mann wi- versetzten sich dieser Landung und verursachten dennoch großen Schaden. Bald darauf wurde diese Masse von 13 biö 14000 Mann, durch den General Lanusse muthig angegriffen. Letzterer hatte nur 3000 Mann und dennoch den Ehrgcitz, ohne Hülfe zu erwarten mic den Engländern allein fertig werden zu wollen, was er für möglich hielt. Er rannte alles nieder, das Blutbad war schrecklich und — er unterlag. Hätte er nur 2 bis 3000 Man» mehr gehabt, so wäre sein Vorhaben ausgeführt worden. Die Engländer staunten nicht wenig, als sie unsre Lage in Egypten mit eigenen Augen sahen und schätzten sich sehr glücklich, daß die Angelegenheiten diese Wendung genommen hatten. Der General Hutchinson, der den Ruhm dieser Eroberung ei»- ärndrece, sagte späterhin in Europa, daß wenn er die wahre Lage der Dinge gekannt hätte, er gewißlich nie die Landung gewagt haben würde; aber man glaubte in England, daß nicht mehr 6000 Franzosen in Egypten wären. Aufgefangene Briefe und Verbindungen im Lande selbst hatten diesen Irthum verbreitet. „Es liegt in, Charakter de? Franzose», sagte der Kaiser, sobald sie unzufrieden werden alles zu übertreiben, sich zu beklagen und die Umstände z„ ciustellen. Alle jene Berichte waren nur Erzeugnisse der Übeln Laune, oder einer kranken Einbildungskraft; nach ihnen gab es nichls mehr zu essen !n Egypten, — bei jeder neuen Schlacht war die ganze Armee aufgeriebcn worden, — Alle waren an Krankhei- len umgekommen, — kein Mensch war mehr am Leben u. s. w." Die immerwährende Wiederholung dieser Berichte hatte endlich Pjtt überzeugt; wie hätte es auch anders seyn können. Der erste Consul erhielt seine Nachrichten aus den Berichten seines Nachfolgers an daS Direktorium und den Briefen von der Armee. Erkläre, wer es kann, die Widersprüche welche sie enthielten und bediene sich dann je wieder der Autorität Einzelner, um seine Meinung zu unterstützen. Kleber, der Obergeneral, meldete dem Directorio, daß er nicht 6000 Mann habe, und ln dem nemlichcn Paquct waren die Etats des Inspekteur aup RcvucS, worauf mehr als 2»ooo stmrdcn. Er- stcrer sagte er sei ohne Geld und nach dem von dem Zahlmeister gefertigten Casscnbestande mußten große Summen vorhanden seyn. Er sagte ferner, daß die Artillerie nur in einem verschanzten Park, ohne alle Munition, bestehe, und die Listen dieser Waffe bewiesen, daß man für mehrere Feldzüge noch hinreichend versorgt scy. „lind wenn Kleber, sagte der Kaiser, in Folge der Verhandlungen, welche er bereits begonnen, Egypten geräumt hätte, so würde lch nicht ermangelt haben, ihm bei seiner Ankunft in Frankreich den Proceß machen zu lassen. Alle einander widersprechende Schriften waren bereits dem Scaacsrath zur Prüfung und Begutachtung übergeben." Wenn Kleber, der Obergeneral, solche Nachrichten gab, was konnten die Briese von Personen eines niedrigem Grades, vielleicht selbst von gemeinen Soldaten, enthalten. Solche Briefe wurden jedoch alle Tage vom Feinde aufgesangen, wurden gedruckt, wurden bei dessen Operationen benutzt und harren eigentlich von ihm theuer bezahlt werden sollen. Der Kaiser sagte: „In allen seinen Feldzügen habe er dergleichen Wirkungen von aufgefangenen Schriften wahrgenommcn und sie wären oft von großen Nutzen für ihn gewesen. In denjenigen Briefen, welche damals ihm in die Hände sielen, fand er schreckliche Dinge gegen seine eigne Person. Mehrere derselben kamen, was ihm besonders sehr empfindlich seyn maßte, von Personen, die er mit Wohlthaten überhäuft, die er sogar seines Vertrauens gewürdigt und welche er für seine wahren Fr onde gehalten hatte. Einer von ihnen, der ihm sein ganzes Glück rer- dankte, und auf welchen er ganz vorzüglich rechnete, schrieb: „Der General cn Chef habe sich fortgemachc und dabei zwei Millionen ans der Casse gestohlen." Glücklicher Weise bewiesen die mit eben diesen Depeschen ankommendcn Rechnungen des KricgszahlmcistcrS, daß der General nicht einmal den ganzen Betrag seines Gehalts entnommen hatte. „Ich empfand, als ich dieses laS, sagte dcr Kaiser, einen wahren Abscheu gegen die Menschen, zum crstenmaic eine gewisse moralische Niedergeschlagenheit, die ich nie wieder so h rief gefühlt habe. Man hielt mich allgemein bei dcr Armee für verloren und eilte schon, andern den Hof aus meine Koste» z» machen. Uibrigcns trachtete diese nemliche Person späterhin, nie» >> der zu Gnaden zu gelangen." Der Kaiser sagte: Er habe nicht verhindert, sie in untergeordneten Verhältnissen wieder anzustellc», aber er wollte sie nicht mehr sehen und äußerte stets, daß er das fragliche Subject nicht kenne. Das war seine ganze Rache. Der Kaiser wiederholte immer und ewig, daß Egypten holte bei Frankreich bleiben sollen, ihm auch ohne allen Zweifel geblickt» seyn würde, wenn eS von Kleber oder Dcsaip verthcidigt wordc» wäre. Diese waren, wie er sagte, seine beiden ausgezcichnctsicn Stellvertreter. Beide hatten große und seltne Verdienste, warm aber von Charakter und Neigungen sehr verschieden. Man findet ihre Gemälde in den Memoiren des Feldzugs von Egypten. Kleber hatte natürliches Talent. Desaip war durch Erziehung und Studium gebildet. Klebers Genie sprudelte nur in einzelnen Momenten auf, wenn die Wichtigkeit des Anlasses ihn aufrcgte, , aber er schlief sehr bald im Schooß der Weichlichkeit und dcr Vcr- gnügnngen wieder ein; Desaip Talent aber war immerwährend rege. Er lebte und athmcte einzig in den edelsten Gefühlen der Ehre und des Ruhms, wodurch sein Charakter ganz den Helden des Alterthums glich. Der Kaiser sagt: Sein Tod sey der groß» ^ te Verlust gewesen, der ihm habe wicdcrsahrcn können. Das Ili« ^ bereinstimmende in ihrer Erziehung und in ihren Grundsätzen sey die Ursache gewesen, daß sic sich stets verstanden hätten. Desaix ' würde sich mit dem zweiten Rang begnügt haben und ihm doch i immer treu und ergeben gewesen seyn. Wäre er nicht bei Mn» rengo geblieben, so hätte der Erste Csnsul ihm das Commando dcr teutschcn Armee, anstatt es Moreau zu lassen, übertragen. Uibri- - gens ist es ein höchst sonderbarer Umstand in den Schicksalen die» ser beiden Lieutenants von Napoleon, daß ncmlich an dem nemli- chen Tage und zu der nemlichen Stunde, da Kleber zu Cairo ermordet wurde, Desaip zu Mnrengo von einem Kanonenschuß siel. 133 Sonntag dc» 1. biö Dienstag den 3. Oktober. Wind, Meer und Wärmegrad blieben sich ininicr gleich. Dieser Westwind, der unS so lange günstig gewesen war, sing nun an und widrig zu werden. Wir hatten uns, aur Passatwinde hoffend, ! gegen Osten gewendet, befanden uns aber nun, durch jenes Aus- ! dauern des Westwindes, worüber aste Welt verwundert war und welcher die ganze Schiffsequipage zur Verzweiflung brachte, unter dem Winde unserer Bestimmung. Der Kaiser setzte regelmäßig an jedem Morgen sein Diktiren j fort — cs wurde ihm selbst mit jedem Tage lieber, da die Scun- ' den dabei leichter zu verfliegen schienen. Das Schiff hatte mit solcher Hast den Hafen verlassen müssen, > daß erst auf dem Meere noch dabei alles in Ordnung gebracht werden mußte. ES war noch gar nicht lange her, daß man cs neu angcstrichen hatte. Dem Kaiser, der in Hinsicht auf den Geruch sehr empfindlich war, mußte das äußerst unangenehm scyn uud er hütete deshalb zwei Tage lang sein Zimmer. Es war an jedem Abend, wenn er auf dem Verdeck umhcr- spazierte, ein besonderes Vergnügen für ihn, auf die Morgcnarbeit wieder zurückzukommcn. ES hatte sich für jczt noch keine andere Schrift, als ein schlechtes Werk unter dem Titel: Krieg der Franzosen in Ztalien gefunden, das ohne Grund und ohne Zweck geschrieben war, so wie ohne alle chronologische Ordnung, j Der Kaiser durchblättcrte es, sein Gcdächtniß that daü Uebrige. 2ch fand dasselbe um so bewundernswcrther, als es ihm, so oft er dessen bedurfte und gleichsam auf seinen Befehl, jederzeit zu Gebote stand. Der Kaiser beklagte sich jedesmal im Anfänge, daß die Gegenstände ihm fremd geworden wären, er schien sich nicht zu trauen ^ und sagte, er könne nie mit seinen Erinnerungen so ganz ins Reine kommen. Dann sann er einige Minuten nach, und nun stand er auf, setzte sich in Marsch und sing endlich an zu diktiren. Von diesem Augenblick an war er ein ganz anderer Mensch; die Worte strömten ihm gleichsam aus der Seele; er sprach wie begeistert; Ausdrücke, Orte, Tage, alles war ihm gegenwärtig. Am folgenden Tage wiederholte ich ihm anfS genaueste, was er diktirt hatte und bei der ersten Verbesserung, die er für nothig fand, sieng er wieder an über denselben Gegenstand zu diktiren, als wenn er Tags vorher nichts darüber gesagt hätte. Die neue Stelle war, verglichen mir der alten, von derselben sehr verschieden. Sic war viel bestimmter, reicher und besser geordnet. Bisweilen zeigten sich selbst wesentliche Abweichungen. — i 36 — Ai» dritten Tage gings eben so. Er diktirte nochmals über de» nemlichen Gegenstand. Das Resultat davon lag dann mitte» innc und brachte das frühere in Uibercinftimmung. Aber hatte er auch vier/ sieben/ ja noch zchcnmal darüber dikcirt, was wohl auch geschehen ist/ eS blieb doch immer die nemlichc Hauptidee, der richtige Zusammenhang und sogar der Ausdruck fast sich gleich. Auch hatte man nicht nöthig fortzuschrcibcn, man konnte es vor seinen Augen eben so gut unterlassen: Er gab nicht Acht darauf und fuhr immer fort. Wenn man etwas nicht verstanden hatte, so war cs umsonst zu versuchen, es ihm noch einmal wiederholen zu lassen. Er ging immer weiter und zwar so geschwind, daß man Fragen gar nicht wagte, aus Furcht, noch mehr zu verliere» und den Faden nicht wieder zu finden. Mittwoch den 4. bis Sonnabend den 7. Oktober- Die immcrfcrtwahrcnden Südwcstwinde waren eine wahre Noch für unS geworden; wir gingen zurück statt vorwärts zu komme» und kamen immer weiter in den Meerbusen von Guinea. Mir sahen ein Schiff, das man nur beobachten licS. Es war ein fran> zösisches, daS wie wir von seinem Wege abgckommen. Es kam aus einem Hasen der Bretagne und ging nach der 2nscl Bourbon. Der Kaiser klagte immerfort über den Mangel an Büchern. 2ch sagte ihm lachend, daß vielleicht eine mir angchörcnde Kiste mit Büchern am Bord jenes Schiffes wäre, da ick vor mehrere» Monaten nach der nemlichen Gegend eine solche Kiste abgcschickt hatte. Wie sonderbar waltet nicht oft der Zufall! Ich hatte wahr gesprochen ! Hätte ich das Schiff suchen wollen, gewiß würde ich dann alle Meere vergebens durchkreuzt haben. 2ch erfuhr cs am folgenden Tage, sobald der Offizier, welcher cs visitirc hatte, mir dessen Namen nannte. Der französische Eapitain war sehr überrascht, bei der Nachricht, daß der Kaiser Napoleon sich aus dem Schiffe vor ihm und auf der Reise nach St. Helena befinde. Der ehrliche Mann schüttelte schmerzlich den Kopf und sagte dem abgeschickten Offizier: Sic rauben uns unser Kleinod und bringe» uns um den Mann, der es verstand, uns nach unfern Sitten und nach unfern Neigungen zu regieren. Sonntag den 8. bis Mittwoch den 1l. Oetober. Die Witterung war ohne Beispiel hartnäckig. An jeden Abend tröstete man sich, sic werde sich vielleicht in der Nacht ändern; aber an jeden Morgen erwachte man mit gleichen: Verdruß. Wir waren beinahe schon so weit gewesen, daß wir Congo sehen konnten und entfernten unS nun davon immer mehr und mehr. öS schien als wolle niemals wieder anderes Wetter werden. Alle Welt verlor den Much und die Ungeduld stieg aus den äußersten Grad. 137 ^ Di« Engländer gaben ihrem Admiral die Schuld. Hatte er, sagten sie, den gewöhnlichen Weg eingeschlagcn, so würde man nun . schon längst angekommen seyn. Sein Eigensinn habe ihn, gegen ^ M Vernunft, zu Versuchen verleitet, wovon man kein Ende ab- j sehe. Inzwischen war das Murren doch nicht so heftig als gegen ^ Christoph Columbus. Wir hätten unserer Scits herzlich gelacht, j Kenn cS mit ihm dahin gekommen wäre, sich ein Sauet Sal- vador zu suchen um der Gefahr zu entgehen. Ich meinerseits, . der alle Hände voll zu thun hatte, fragte kaum nach diesem un- ^ günstigen Winde. Eine Haft war ja wie die andre! Und der ^ Kaiser schien dabei noch unempfindlicher; er betrachtete den Verzug wie abgelaufne Zeit. Die Memoiren über Napoleon Bonaparte von ei- ^ nem der ihn wahrend eines Zeitraums von 15 Iah- ^ ren nie verlassen hat, ,waren dasjenige Werk, das ich, nach dem von Wilson, zunächst prüfte. Es ist ein Band von dreihundert Seiten und der Verfasser hat sich nicht genannt. Schon daö ist hinreichend um dagegen einigen Verdacht zu erwecken. Aber der Text selbst und dessen Styl erregen bei jedem Leser, der fähig ist zu überlegen und Bücher zu beurtheilen versteht, gegen dessen Inhalt die bestimmtesten Zweifel. Und wer besonders den Kaiser je gesehen hat und ihn nur cinigcrmaafen kennt, der wird gleich nach dem Lesen der ersten Zeilen versichern, daß diese Schrift ein - Roman von ganz beliebiger Erfindung sey; daß dessen Verfasser i den Kaiser nie gekannt habe, nie in seine Nahe gekommen, j daß er vielmehr von dessen Sprache, von seinen Gewohnheiten und von allem was ihn betrifft, hundert Meilen weit entfernt : sey. Nie hat der Kaisev zu einem Minister gesagt: Graf! machen j Sie das. Graf! vollbringen Sie jenes. Die Ambassadeurs ka- ^ men kcinesweges zum Lever. Napoleon konnte in seinem 14ten ! Jahre keiner Dame in einer Gesellschaft diejenige Antwort geben, die man ihm, in Beziehung auf den Vicomte von Turenne, in ! den Mund legt, da er vom loten bis zum 18tcn Jahre sich in j den Militairschulcn befand und cs dort keine Damen - Gesellschaft ; gab; cö war nicht Pcrignon, denn der kannte ihn gar nicht, sondern Dügommicr, sein vorheriger General, von dem er auf so ausgezeichnete Weise dem Direktor!» empfohlen wurde: der Brief, den einst der erste Consul erhielt, galt mehr der Wiederherstellung der Demokratie, als der Wiedereinsetzung der Bourbons u. s. w- - Nie harte der Kaiser, der wohl ziemlich allgemein in Europa den Ruf hatte, daß man nicht so leicht in seine Entwürfe und Ansichten eindringcn könne, sich an gewisse Gebchrdcn oder wohl gar an Selbstgespräche gewöhnt, di« ihn hätten vcrrathen können; sein Zorn brachte ihn nie in einen Zustand von Sinnlosigkeit oder W epileptischer Zufalle. Das ist eine lächerliche Fabel, womit ,M , sich lange Zeit in gewissen Zirkeln zu Paris herumgerragen Hel, ! und wovon man endlich wieder abging, da man sah, daß diese Zufälle bei sehr wichtigen Anlässen nicht eintraten. Die ganze Erscheinung ist ohne allen Zweifel ein bestelltes Werk, die Specuia« i tion irgend eines Buchhändlers, der den Titel dazu geliefert hat. Wie dem aber auch seyn möge, so hätte man doch glauben sollen, i daß eö bei der Deffentlichkeit der Lebensweise, welche der Kaiser und jeder führte, der in seiner Umgebung war, dem Verfasser wohl , habe gelingen können, mehr Kenntniß und Wahrheit bei dem Ge- ^ gcnstandc zu zeigen, den er zu behandeln hatte. Er fühle übrigens wohl, daß er der Sache nicht gewachsen sey und sucht sich zu vertheidigen, indem er sagt, er habe die Namen verändern müssen und gewisse Abbildungen nicht zu ähnlich machen wollen. Allein er crcibt seine Vorsicht gar zu weit, nicht blos die Personen, sondern auch die Sachen sind unkenntlich geworden. DaS Mchreste dabei ist reine Erfindung von ihm. Dieß ist der Fall mir jener Schrift in Egypten, deren Verlust dem -Obcrgeneral so große Angst verursacht haben soll; mit jener Empfehlung des jungen Engländers, worüber Bonaparte außer sich vor Freude ist, weil sie ihm eine so glänzende Aussicht für Konstantinopel eröffnet; mit dcm wahren Melodram von Malmaison, wo Madame Bonapartc, aus der er eine Amazone macht, auf so thatige Weise die Rettung ihres Gemahls bewirkt. Das Alles kann bei dem Leser wohl Zn- i teresse erwecken, aber eö sind nichts als Fabeln, von denen die Letztere, im Vorbeigehen gesagt, bewcißc, daß der Charakter und die Neigungen Joscphinens dem Verfasser eben so unbekannt waren, als die des Kaisers selbst. Gleichwohl giebt jener Schriftsteller, da er ^ einige Züge besonders anrühmt, gewisse Handlungen sehr heraus i hebt, andere als erlogen bestreitet, sich ein Ansehn von llnparthei- ^ lichkcit, welche bei seiner vorgeblichen Stellung in der Nähe des . Kaisers, während eines Zeitraums von fünfzehn Zähren, in den Augen der Menge eine merkwürdige Wirkung hervorbringt. Die , Mehrzahl der Engländer auf dem Schiffe verließen sich auf dieses Buch wie auf ein -Orakel. Es paßte ihnen gar nicht, den Kaiser , so verschieden von dem Charakter zu sehen, den dieser Roman ihm andichtet. Sie waren viel geneigter zu glauben, daß das Unglück, oder der Zwang den Kaiser geändert habe, als daß alle die schönen gedruckten Sachen lauter Lügen wären. Auf meine Bemerkungen antworteten sie immer: Es sagt,cs doch ein unpartheiischcr Manu, der fünfzehn Jahre lang nicht von seiner Seite gekommen ist. — Aber fuhr ich fort: Wie heißt denn der Mann? Wenn er sie 17.9 „im in seinem Buche persönlich beleidigt hätte, wie wollten sie ihn l denn vor Gericht belange», um sich gegen ihn Recht zu vcrschas-- > Könnte nicht der erste der beste von ihnen selbst der Versas- s str seyn? Diese Argumente blieben allerdings unwiderlcgt; aber bei alle dem kostete cs ihnen viel, den ersten Eindruck, den sie da-- ! durch erhalten hatten, selbst wieder zu vernichten. So ist nun cin- ! „ml die Menge; die Wirkung, welche gedruckte Lügen auf sic her- ! „erbringt, ist unvermeidlich. l Genug jedoch über ein Werk, das nicht werth ist sich darüber > noch langer zu beunruhigen. Ich schenke waS weiter folgt und ^ unterdrücke es. 2czt da ich mein Manuscript in Europa wieder l durchlcse, finde ich, daß die öffentliche Meinung schon solche Fortschritte gemacht hat, daß ich mich schämen müßte, jezc noch Angaben und Thatsachcn zu widerlegen, welche Menschen von Geist und gutem Geschmack längst verworfen haben und die man nur noch in dem Munde der Narren findet. Man könnte jedoch vielleicht sagen: Ich hätte bei Zerstörung . des unrichtigen Bildes, das jener Ungenannte von dem Eharakter ^ Napoleons entworfen hat, dagegen das wahre aufstellcn sollen. 2ch werde mich aber wohl hüten dies zu thun, sondern mich vielmehr begnügen, nicdcrzuschreiben waS ich gesehen und gehört habe, werde erzählen, was ich aus seiner Unterhaltung weiß und sonst wird man nichts von mir verlangen. Donnerstag, am 12. Freitag, am 1.",. Octobcr. i Indessen näherten wir uns doch mit Hülfe der Geduld und ! einiger leichter Acndcrung des Wetters unscrm Ziele, und wenn ^ schon der eigentliche Passatwind nicht eintrat, so trieben wir doch l immer mehr nach unserer Bestimmung hin. Je weiter wir kamen, l desto günstiger wurde das Wetter. Endlich hatten wir vollkommen ^ gute» Wind — aber das geschah erst 24 Stunden vor unserer Ankunft, i Sonnabend, am 14. -Octobcr. ") j Man rechnete noch an diesem Tage St. Helena zn erblicken, s Der Admiral hatte cS uns so verkündet. Kaum waren wir von t der Tafel aufgcstandcn als man: Land rüste. Der Moment, in dem solches geschah, war nur um Eine Viertelstunde von dem ver- j schieden, den man vorher angegeben hatte. Nichts beweist mehr - die Fortschritte die man in der Seeschifffahrt gemacht hat, als diese Art von Wunder, nach welchen man einen einzelnen Punkt in dem Wie merkwürdig ist cs doch, daß Napoleon eben am 14. Octobcr ißist. zuerst Helena erblickte! Folglich gerade y Fahr später als die Schlacht bet Fe»a, welche am 14. Octobcr igoü. geschlagen ward. ! Welch ein Wechsel der Geschicke! K Anmerkung des UiberseperS. 1^0 große» Raume zu bcstimntter Stunde erreicht oder entrisst. Der Kaiser war aus dem Vordertheil, um das Land zu sehen und glaubte eS zu Micken. 2ch sah gar nichts. Die ganze Nacht Liber blieb das Schiff bcigelegc. Sonntag, den 15. -Oktober. So wie es Tag wurde, sah ich ohne Mühe die 2nsel und zwar sehr nahe schon. 2hr Umfang schien mir schon recht bcdeu. tend. Aber sie verkleinerte sich sehr, je näher wir kamen. Sic- benzig Tage nachdem wir England und hundert und zehn Tage nachdem wir Paris verlassen hatten, werfen wir nun gegen Mittag dort Anker. 2ezc erreicht er den Grund und daS ist der erste Ring in der Kerte, welche den neuen Prometheus an seinen Felsen schmiedet. Eine große Menge von Schiffen unsrer Eskader, welche von uns abgckommen waren, oder die wir alS zu langsame Segler hinter unö gelassen hatten, waren schon cingelaufen; sic waren schon seit mehreren Tagen angekommen und es ist dieß ein Beweis mehr von der großen Unsicherheit der Berechnungen auf dem Meere. Der Kaiser zog sich gegen seine Gewohnheit zeitig an und kam auf das Verdeck. Er war auf dem Vordertheil, um das Ufer in der Nähe zu sehen. Man bemerkte eine Art von Stadt, die in ungeheure, öde und kahle Felsenmassen cingezwängt ist, welche sich biS in die Wolken erheben. 2ede obere Fläche, jede -Oesiuuig, jede Spitze war mit Kanonen bepflanzt. Der Kaiser übcrlief daS Ganze mit seinem Augenglas. 2ch stand ihm zur Seite und betrachtete unaufhörlich sein Gesicht. Nicht den geringsten Eindruck konnte ich darauf wahrnehmcn und doch war es von nun an, vielleicht auf ewig, sein Kerker! Vielleicht selbst sein Grab! — WaS blieb nun mir zu suhlen oder zu sagen wohl übrig? — Bald darauf ging der Kaiser auf sein Zimmer, lieS mich rufe» und arbeitete mit mir wie gewöhnlich. Der Admiral, welcher schon zeitig anS Land gegangen war, kam um 6 Uhr ganz ermüdet zurück. Er hatte alles Ocrtliche in Augenschein genommen und glaubte zwar etwas Passendes gefunden zu haben, allein c§ waren Herstellungen nöthig, die vielleicht zwei Monate auchalten konnten. Drei Monate hatten wir schon in unsrem hölzernen Gefängnisse zugcbracht und gleichwohl verlangten die 2nstruktionen der Minister, daß wir so lange darinnen noch zurück- gehalten werden sollten, bis unsre Hast zu Lande in Ordnung seyn würde. Der Admiral — man muß ihm Gerechtigkeit wiedersahrcn lassen — hielt sich einer solchen Barbarei nicht für fähig, er kün- digteuns vielmehr mit einem gewissen unverkennbaren innen: Wohlbehagen an, daß er cö auf sich nehme, uns morgendes Tageö auszuschiffen.