las CaseS Tagebuch über N a p o l e o n ' s Leben. Eine treue Uibersetznng des Llemoriul cle 8 aintv - EilfteS Bändchen. Dresden, 1824. in der Arnoldischen Buchhandlung. Summarischer Inhalt des eilften Bändchens. Seice PoniacowSki, wahrer König von Polen — Charakteristische Züge über Napoleon — Zerstreute Reden; hingeworfene Noten., . . . i Uiber die Schwierigkeiten bei der Geschichtschreibung — Georges, Pichegrü, Moreau, Herzog von Enghien. . 12 Heimlicher Besuch des Bedienten, den man mir entfuhrt hatte — Sein Anerbieten — Zweiter Besuch — Dric-- ter; ich vertraue ihm geheimnißvoll einen Brief an Prinz Lucian an; Ursache meiner Deportation. 26 Meine Entführung von Longwood.. Offizielle Untersuchung meiner Papiere u. s. w.32 Meine Uibersiedlung in Balcombe'ö Hücce. 25 Ich fasse einen Entschluß; meine Briefe an Sir Hudson Lowe u. s. w.. Meine persönlichen Beschwerden gegen Sir Hudson Lowe — Charakteristische Züge.45 Die berüchtigte geheime Schrift — Mein Verhör bei Sir Hudson Lowe — Mein Brief an den Prinzen Lucian. 47 Aengstliche Besorgnisse — Brief des Kaisers: Wahres Glück. 89 Uiber den Brief des Kaisers — Betrachtungen — Einzelne Umstande — Neue Schwierigkeiten, welche Sir Hudson Lowe macht. 74 Offizielle Entscheidung in Betreff meiner Deportation nach dem Kap — Hinterlistige und lächerliche Maasrcgeln deS Sir Hudson Lowe. 78 Fortsetzung des Briefwechsels — Der Gouverneur geräch durch meine Endbestimmuog io Verlegenheit. 83 Seite Abgang aus Balcombr-Hütte — Übersiedlung In die Stadt. 88 Aufenthalt >n, Schlosse des Gouverneurs; besseres Verhalten; Einzelnheitcn u. s. w...89 Worte des Kaisers — Abschied von, Großmarschall. ... 9o Letzter Abschied — Versieglung der Papiere — Abreise. . 92 Uiberfahrt — Die Beschwerden von Longwood — Einzeln« Heiken u. s. w.. 97 Mein Einschließen im alten Schlosse — Einzelnheitcn. . . 123 Übersiedlung nach Newlands, Landhaus des Gouverneurs — Einzelnheitcn u. s. ..144 Aufenthalt zu Tigerberg; Napoleons Name ist in der Wüste allgemein bekannt — Manuscript von Sankt Helena; Einzelnheiten u. s. w.151 Fahrt nach Europa — Abfahrt vom Kap — Uiberfahrt — Landung in England. 161 Reise von der Themse auS bis nach Frankfurt — Man verbietet mir England — Deportation nach -Ostende — Verfolgungen in den Niederlanden, Preussen u. s. w. — Süße Vergeltung — Ankunft in Frankfurt.170 Montags am 18. und Dienstags am 19. November. Ä>ir sprachen von dem durch des Kaisers Ruf erschütterten Polen und den Königen, denen cs nach unserer Meinung bestimmt gewesen seyn könnte, und jeder von unS nannte einen andern. Der Kaiser schwieg anfangs, sagte aber dann: „Der wahre König von Polen war Poniatowsky; er hatte alle Ansprüche und alle Fähigkeiten cS zu seyn." sind nun war er wieder still! Zn einem andern Augenblicke lachte der Kaiser über die Wichtigkeit, welche man darein gesetzt hat, seine Embleme und seinen Namenszug auf den von ihm errichteten Denkmälern zu vertilgen. „Man konnte die Albernheit begehen, sie den Blicken des Volkes zu entziehen, aber man kann sie weder aus den Blättern der Geschichte noch aus der Seele der Kenner und der Kunstgenossen verwischen. Zch habe ganz anders gehandelt, habe alle Spuren des Königthums, welche ich noch auffand, respectirt, habe sogar die Lilie» oder andre Embleme, sobald es die chronologische Ordnung fodertc, wieder hergestellt." Hierbei bemerkte jemand, daß der Prinz Lucian ganz die nämliche Gesinnung bewiesen habe. 2m PalaiS Royal, welches er auf Befehl des Kaisers, bei seiner Ankunft im Zahre 181S bewohnte, erstaunte er, als er die schöne Treppe hinaufging, über die Menge von Lilien, womit die Wände verziert waren, und sagte zu dem kaiserlichen -Offizier, welcher den Dienst bei ihm hatte: „Nicht wahr, das wird bald weggebracht? — Warum Monseigneur? — Nun weil es die Znsignien des Feindes sind. — Dann, Monseigneur! könnten sie ja wohl für unsre Trophäen gelten? — Sie haben vollkommen recht, erwiederte er lebhaft. Das sind auch meine Gesinnungen und meine Ansichten." Heute habe ich wenig von dem Kaiser zu sagen, und bald werde ich gar nichts mehr von ihm vernehmen. Zch will diese Lücke damit ausfüllen, daß ich mancherlei Gegenstände, die ich in verschiedenen Notizen, selbst auf dem Umschläge meines gewöhnlichen Journals, hier und da ausgezeichnet finde, hier einschalte. L. Lasiö Tageb. ii. Bd.. 1 2 Zch merkte mlr nnrcr ander» so mancherlei an, was ich anderwärts zu sagen vergessen harre, was mir ccwa von früherer Zeit her wieder deisicl, oder auch gewisse bedenkliche Punkte, wobei unsere Lage, als Gefangene, Vorsicht nöchig machte, und endlich Manches, daS Ich späterhin aus sichern Quellen in Erfahrung gebracht hatte. Diele dieser Dinge haben keinen Zusammenhang unter sich, aber sic vereinigen sich dennoch in dein sieten Zwecke dieses Werk-S -— theils dadurch, daß sie daS Lügenhafte in der damaligen Schilderung Napoleons ans Licht bringen, thci>S indem sie ihn in seinem wahren Charakrer zeigen. Möchte doch das Lesen dieses Tagebuchs diejenigen, welche ihm näher standen, dazu veranlassen, auch ihrerseits alles das, waö sic von ihm wissen, oder von ihm selbst gehört haben, auf die Nachwelt zu bringen. Alle Welt sprach sonst von der entsetzlichen Grobheit und Heftigkeit des Kaisers gegen seine nächsten Umgebungen — jetzt ist eS eine bekannte Sache, daß diejenigen, die ihn allernächst zu bedienen hatten, ihn eben wegen seiner Güte und seines ganz vortreffliche» Herzens anbeccten. WaS sein äußeres Benehmen betrifft, so hat mich, »ach meiner Rückkehr nach Europa ein Mann vom höchsten Range versichert, dessen bloßer Name, bei der Achtung die er genießt, hinreichend seyn würde, jeden Zweifel zu heben, da er besonders immerwährend, sowohl im Kriege, als in dem Innern seines friedlichen Schlosses, um die Person des Kaisers war, daß er nur ein einzigesmal ihn über einen Reitknecht höchst aufgebracht gesehen habe, der, bei dem Rückzüge von Saint Jean d'Acrc sich weigerte, sein Pferd zum Trauvporc der Kranken herzugeben, nachdem er, als General en Chef, schon das seinige dazu überlassen, und seinen ganzen Generalstaab ein gleiches zu thun genöchigk halte. Und noch, sagte man mir, scy es gar nicht unwahrscheinlich, daß sein Benehmen hierbei mehr politisch, als natürlich war, da die Sache in Gegenwart einer Menge entmuchtgter Soldaten verfiel, denen er vielleicht gern einen Beweis der lebhaften Fürsorge geben wollte, die man für sic hege. Es war eine ganz angenommene Sache, daß Napoleon an seinem Hofe und gegen seine Diener höchst unhöfllich sei), daß er keinem Menschen etwas Angenehmes oder Schmeichelhaftes sagen könne. Von dem was Ich jetzt erzählen werde, bin ich aber selbst Zeuge gewesen. Der Kaiser empfing, bei seiner Rückkehr von der unglücklichen Schlacht bei Leipzig die Beamten seines Hauses zu einer ungewöhnliche» Stunde. Er zeigte sich uns hierbei mit trauernder Miene. Als er an Herrn von Aeauvcau kam, der, glaube ich, mir zur Seite stand, und dessen Sohn, fast noch ein Kind, bei der Shrengarde oder sonst mit ins Feld gezogen war, sagte Napo- z keon zu ihm; „Ihr Sohn har sich vortrefflich benommen und sei« ncm Namen Ehre gemacht. Er ist zwar verwundet, doch nur ganz unbedeutend und wird dcmohnerachtet mit Stolz einst sagen können, daß sein Blut zu rechter Zeit für daS Vaterland geflossen sey." In eben diesen Tagen' hatte er bei einem seiner Levers dem General Gerard, welcher neben mir stand und dessen Ruf schon die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, einige Ordres gegeben und dabei mit einigen Phrasen geschlossen, welche offenbar sein besonde« res Wohlwollen ausdrückcn sollten, aber doch eigentlich unverständlich blieben. Nachdem er nun bei seiner Tourm'e um einige Schritte weiter gegangen war, und wahrscheinlich auf dem Gesichte deS General Gerard gelesen hatte, daß er nicht verstanden worden sey, kam er auf einmal zu demselben zurück und sprach jetzt ganz deutlich: „Ich habe gesagt, daß wenn ich viele Männer wie Sie hätte, ick meinen Verlust für ersetzt halten und über alles andre bald hinwegkommen wollte." So habe ich auch in jener Zeit gesehen, welche moralische Gewalt der Kaiser über gewisse Gemüthcr ausübte, welchen Grad von Anbetung man ihm zollte. Ein General, dessen Namen ich nicht weiß, war am Beine schwer verwundet und harte sich mühselig zu dem Lever des Kaisers geschleppt, zu welchem er damals weit mehrere Personen als sonst zuließ. Wahrscheinlich war Napoleon davon unterrichtet, daß die Amputation ganz unerläßlich sey und dieser unglückliche Offizier sich solcher schlechterdings nicht unterwerfen wolle, denn als er an ihn kam sagte er zu ihm: „Wie können Sic sich einer Operation entziehen, die Ihnen das Leben retten wird? Furcht kann es nicht seyn. Sie haben Ihr Leben so. oft in Schlachten gewagt; wäre es vielleicht Lebensverachtung? — Aber sollte Ihnen denn Ihr Herz nicht sagen, daß man mit einem verlornen Beine noch immer dem Daterlande sehr nützlich seyn, dem Staate große Dienste leisten könne? —" Der General schwieg, sein Gesicht und seine ganze Haltung schienen ruhig und gelassen, aber man erkannte das Verneinende in seinem Blicke. Der Kaiser war jetzt ganz betrübt schon weiter gegangen, als der General seine Kräfte zusammen nahm, und sich mit schnellem Entschlüsse an den Kaiser mit den Worten wendete: „Sire! wenn es Ew. Majestät befehlen, so gehe ich im Augenblicke hin." — Der Kai- ser antwortete: „So weit, mein Bester! reicht meine Macht nicht. Nur durch Ueberrevung hoffte ich Sie so weit zu bringen — aber vor dem Befehlen soll mich der Himmel bewahren!" — Wenn ich aber nicht sehr irre, so erzählte man nachher allgemein, daß der unglückliche Offizier sich unmittelbar nachher der traurigen Operation unterworfen habe» 1 * 4 Bei der Rückkehr von Elba traf der Kaiser AbcndS erst sehr spat in den Tuilerien ein und sein erstes Lever am folgenden, Mor- gen war, wie man leicht denken kann, höchst zahlreich. Es würde mir sehr schwer werden, wenn ich einen Begriff von meinen Ideen und Empfindungen in dem Augenblicke geben sollte, als sich die Thürc öffnete und er vor uns erschien. Er trat herein, ganz wie sonst, als ob gar nichts dazwischen vorgefallen wäre — eS schien mir als hatte ich ihn erst gestern so gesehen; das nämliche Gesicht, das nämliche Costüm, die nämliche Haltung, die nämlichen Manieren. Ich war tief bewegt und glaube, daß alle Anwesende mein Gefühl theilkcn. Bei alledem siegte die Herzlichkeit über den Respcet und jedermann eilte ihm entgegen. Er selbst war sichtbar gerührt und umarmte mehrere ausgezeichnete Personen. Dann begann er seine gewohnte Tournse. Seine Stimme war sanft, sein Gesicht zufrieden, sein ganzes Wesen voll Freundlichkeit. Er sprach nach und nach sehr gütig mit einem 2eden. „Ach! der Herr Major-General von der weißen Armee!" sagte er zu jemand zwei Schritte von mir mit einem deutlichen Gemische von Schmerz und Wohlwollen. Mehrere der Anwesenden waren nicht ganz ohne Verlegenheit in Hinsicht auf die vorübergegangenen großen Ereignisse; Napoleon schien durchaus von nichts zu wissen; er vergaß nicht, daß er in Fontainebleau jeden seiner Pflicht entbunden hatte. Solche Züge beweisen die Richtigkeit seines Raisonnemcnts und seiner Kaltblütigkeit im Handeln. Sie zeigen insbesondere, daß ob er sich schon aus dem höchsten Gipfel der Macht befand, doch seine Billigkeit und Mäßigung auch bei Dingen Stand hielt, die ihm persönlich angiengen, selbst dann, wenn sie ihm überaus empfindlich seyn mußten. Als Moreau in die Sache von Georges und Pichegru verwickelt war und deshalb arretirt wurde, nahm ein Adjutant des Ersten Consuls, der vielleicht früherhin auch Adjutant bei Moreau gewesen war, oder wenigstens unter dessen Befehlen gedient hakte, keinen Anstand, ihn mit einem sehr merklichen Antheile an seinem Schicksale, zu besuchen. „Das mag recht schön seyn, sagte Napoleon, als er es erfuhr; ich will eine solche Handlung gerade nicht tadeln; aber ich muß mich nach einem andern Adjutanten Umsehen. DaS ist nun einmal ein Posten des Vertrauens und der vollkommensten Ergebenheit, wobei die Gesinnung in einer so persönlichen Angelegenheit nicht getheilt seyn darf." Er gab hierauf diesem Adjutanten, dem Obersten Lacue'e, einem sehr ausgezeichneten -Offiziere, ein Regiment und es blieb selbiger bald nachher an dessen Spitze in den Gefechten, welche der Capitiilation von Ulm unmittelbar vorangicngen. Lhngefähr zu dieser Zelt wurde in der nämlichen Sache der, eben so sehr durch seine administrativen Talente als durch den Adel seines Characters ausgezeichnete Präfecc von Leyden plötzlich nach Paris berufen. Er eilte dahin in den schönsten Erwartungen der Beweise von Zufriedenheit, die er erhalten würde und die er so sehr verdiente, wurde aber sogleich zu dem Grand-Inge (Dberrich- ccr) berufen und sollte noch eher sich vor ihm gestellcn, als er sich dem Ersten Consul prascntiren würde. Dort ward er nun ganz unerwartet über einen Biics offiziell befragt, welchen man ihm vor- lcgte. Er konnte nicht sogleich die Unterschrift abläugnen, so geschickt war sie nachgemachc; war aber ganz außer sich über die Gesinnungen, welche der Brief enthielt — eine offenbare Vertheidi- gung Morcau's und Verwünschungen gegen den Ersten Consul. — Ein Beamter von hohem Range und ein Feind des Präfecten hatte dies Machwerk schmieden lassen, um ihn zu stürzen. Der Prüftet bewies, daß diese Sache ihm ganz fremd sey und erschien nun in der großen Audienz bei dem Ersten Consul, welcher ihm einer ganz besonvern Aufmerksamkeit würdigte und indem er von ihm gieng zu ihm sagte: „Kehren Sic zu Ihrem Berufe zurück, den Sie so treu erfüllen. Meine ganze Achtung folgt Ihnen. Dieses vf» sencliche Acugniß muß Sie über eine Unannehmlichkeit trösten, welche Niederträchtigkeit und Verläumdung Ihnen zugezogcn haben." Aus folgendem Zuge mag man erkennen, daß Napoleon, selbst bei einer unzulässigen Frcisinnigkeic nicht gleich in Zorn gcrieth. Herr von Montalivet war, wie ich von ihm selbst weiß, einst nach einem Minister-Conseil mit dem Kaiser allein und sagte zu demselben: „Nicht ohne wahrhafte Verlegenheit muß ich eö wagen, Ew. Majestät von einer fast lächerlichen Sache zu unterhalten, aber ein Präsect — noch ein ganz junger Auditor — weigert sich offenbar, mir einen Titel beizulegen, den alle Ihre Minister gewöhnlich erhalten. Mehrere Subalternen meines BureauS haben bemerkt, daß er mir nie das Prädikat Monseigneur gicbt, und, weil sie dieses für absichtlich hielten, ungeschickterwcise ihn in meinem Namen darüber zur Rede gestellt. Er hat hierauf ganz kurz geantwortet, daß er cs nicht thun werde. So sehr ich mich nun auch schäme, daß cs mit dieser Sache so weit gekommen ist, so kann ich doch nun nicht mehr zurückgehcn." Dem Kaiser kam an- sangS eine solche Widersetzlichkeit ganz unglaublich vor — er konnte sich über die Narrheit eines jungen Präfecten nicht genug verwundern. Endlich aber antwortete er dem Herrn von Montalivet, nach einigen Minuten Nachdenkens, lächelnd: „Bei alle dem steht von dieser Verbindlichkeit kein Wort im Codex und der junge s Mensch ist vielleicht doch eine gute, wenn schon noch nicht reise Frucht. Aus keine» Fall darf aber dies Skandal sorcdauern, man muß demselben ein Ende machen. Lassen Sie mir seinen Vater kommen — ich bin gewiß, der junge Mann wird einem Befehle von diesem gehorsam seyn." Welch eine zarte, ganz moralische Wendung! Am 20. März Abends Ist der Kaiser kaum in seine Zimmer in den Tuilerien eingecreccn, alö der Dragoner» Hauptmann G. D- vor ihm erscheint und die mittelst einer höchst kühne» und geschickten Unternehmung bewirkte Capiiulacion von Vincennes überbringt. Napoleon lächelt bei der Erzählung der einzelnen Umstände, erinnert sich aber plötzlich, als er hört, in welcher Exaltation und in welchen glühenden Ausdrücken der Erzählende spricht, deS Gouverneurs Puyverc, der schon einmal ein trauriges Loos in Bin« cennes erfahren hatte, und fragt jetzt schnell: „Aber, mein Herr! Sie sagen mir kein Worc von dem Gouverneur — was ist auS ihm geworden?" — Sire! erwieberc der -Offizier jetzt ruhiger, man hat ihm einen Paß ausfertigen nnd ihn eskortier» lassen; er ist außerhalb Paris. Napoleon tritt nun zwei Schritt näher, ergreift, mit einem Ausdrucke, in dem sich seine ganze bisherige Be» sorgniß zu erkennen gicbt, die Hand deS Offiziers. „Ich bin zufrieden, mein Herr, sagt er zu ihm mit Wärme; das ist gut, sehr gut, vollkommen gut." Ich finde, verloren hingeschriebcn, daß der Kaiser einst sagte, der beste militärische Brief, den er jemals gelesen habe, sey unter seinen: Consulaie von einem Soldaten aus einer südlichen Provinz, Namens Leon, geschrieben gewesen. Ein solches Zeugniß deutet auf etwaö sehr Vorzügliches und ich erwähne die Sache, von der ich ein Mehrere» nickt weiß, blos in der Hosnung, daß ich dadurch vielleicht jemand auf die Spur bringen könnte, den Brief bekannt zu machen, im Falle eS noch nicht geschehen seyn sellre. Man har bemerkt, daß Napoleon Sechzig Schlachten — Cäsar nur Fünfzig geliefert habe. ES wurde einst In Napoleons Gegenwart die Frage ausgewor» fen, woher cS wohl kommen möchte, daß ein noch ungewisses Uibcl oft größcrn Eindruck mache, als ein schon geschehenes? „Das kömmt, enviedrrte er, davon, daß sowohl in der Phantasie, als bei der Berechnung, die Kraft des Unbekannten unermeßlich ist." „Gehen Sie jetzt, mein Herr! eilen Sie! sagte der Kaiser gewöhnlich, wenn er jemand eine wichtige Sendung anvertraut, oder ihm die nähern Vorschriften wegen einer bedeutenden Arbeit erlheilt Halle, und vergessen Sie nicht daß die Well In Sechs Tagen geschaffen wurde/' Bei einer solchen Gelegenheit schloß der Kaiser seine Rede mit den Worten: „Verlangen Sie von mir was Sie wollen, nur nicht Zeit. Sie allein liegt außer den Grenzen meiner Macht. Em anderesmal hatte er jemand eine sehr dringende Arbeit auf« getragen, die er noch am nämlichen Tage zurnck erwartete; man brachte sie ihm aber erst am folgenden sehr spät. Der Kaiser bezeigte seine Unzufriedenheit und als nun der Ucberbringer, »m sich zu rechtfertigen, versicherte, daß er den ganzen Tag gearbeitet habe, antwortete Napoleon: „Aber, mein Herr! hatten Sie denn nicht auch die ganze Nacht? —" Der Kaiser beschäftigte sich immer sehr sorgfältig mir der bequemen Einrichtung und der Verschönerung der öffentlichen Plätze in der Hauptstadt und sagte gewöhnlich: „Die Halle ist der Louvre des Volks." Die Anerkennung der Gleichheit der Rechte, d. h. jene gemeinschaftliche Fähigkeit eines jeden, Anspruch zu machen, zu verlangen und zu erlangen — gehörte zu den, Napoleon angebornen, mit seiner Natur verwebten Charakterzügen. „Ich habe nicht immer regiert, sagte er, und vergesse keineSwegcs, daß ich, ehe ich ein regierender Herr wurde, ein Untcrkhan gewesen bin — vergesse nicht, welche Kraft das Gefühl der Gleichheit über meine Einbildungskraft, welchen Theil sie an dem Leben meines Herzens hatte." Eben so drückte er sich über die Freiheit aus. Als er einst einem Staatsrathe die Redaciion eines Entwurfs übertrug, sagte er zu ihm: „Sehen Sie vor allen Dingen darauf, daß der Freiheit und mehr noch, daß der Gleichheit kein Zwang angethan werde, denn, was die erstrre betrisst, so können Umstände vorhanden seyn, die, wenn wir ihr auch noch so sehr zu nahe treten, uns entschuldigen, aber in Ansehung der Gleichheit darf dies um keinen Preis geschehen. Dafür mag mich Gott behüten! Sic ist die Leidenschaft des Jahrhunderts und ich will ein Sohn des IahrhundercS bleiben!" In seinen Augen war ledeö Verdienst eines und dasselbe; es wurde aus gleiche Weise vergolten. Daher erhielten Diener der Kirche, Mstitwre, Künstler, Gelehrte, wissenschaftliche Personen, einerlei Titel, einerlei Ehrenzeichen und man wird eingestehen müssen, daß nirgends, bci keinem Volke, zu keiner Zeit, das Verdicst mehr geehrt, das Talent herrlicher belohnt worden ist. Seine Absichten hatten hierbei keine Grenzen und ich habe schon einmal erzählt, daß er einst sagte: „Wenn Corneille noch lebte, ich machte ihn zum Fürsten!" — Der Kaiser äußerte eines TagcS auf St. Helena: „Ich glau- ^ de, daß ich von der Nacur zu großem Unglücke geschaffen bin. ! Zch habe, wie man wohl sieht, eine Seele von Marmor; der Blitz kann ihr nichts anhaben, er gleitet ab." Ein andereömal rüste bei Gelegenheit einer neuen Beeinträchtigung eine der Personen von Napoleons näherer Umgebung aus: „Sire! Sie werden nun dieffEngländer noch mehr alö zcithcr hassen müssen." Napoleon zuckte die Achseln und sagte halb scherzend, halb mitleidig: „Sie, Mensch voll Vorurcheile, von gemeinem und niedrigem Sinne; fragen Sie mich lieber und äußersten > Falles, ob ich den oder jenen Engländer mehr hassen werde. — > Aber, weil wir nun einmal hiervon sprechen, so muß ich Ihnen ^ sagen, daß ein Mann, ein wahrhafter Mann, niemals haßt. Sein Zorn, seine üble Laune dauern nicht länger, als einen Augenblick — nicht länger als ein elcckrischer Schlag. — Der Mann, der für die Geschäfte und für die obere Gewalt geschaffen ist, sieht nicht auf ^ die Person, sondern nur auf die Sache, auf deren Gewicht und > deren Folgen." Bei einer gewissen Gelegenheit äußerte er: Sein Andenken werde ohne allen Zweifel in dem Grade gewinnen, als cS auf die künftigen Zeiten übergehe. Die Geschichtschreiber würden sich für j verbunden halten, ihn wegen aller der von seinen Zeitgenossen erlittenen Ungerechtigkeit zu rächen. Alle Epceffe erzeugten von selbst ihre Rückwirkungen. 2n größrcr Entfernung müsse auch das Licht, worinnen er dann erscheinen werde, günstiger und von tausenderlei Unreinigkeiten befreit scyn. Dann werde man ihn aus einem grö- ! ßern Gesichtspunkte und nicht nach einem so kleinlichen Maasstabe I beurtheilen, werde sich an die Harmonie des Ganzen halten, örcli- > che Unregelmäßigkeiten übersehen, vor allem aber, nicht mehr ihn sich selbst, sondern dem was man alSdann vor sich haben werde, gegenüber stellen. Er schloß mit drr Aeußerung, daß er sowohl jetzt als künftig sich stolz vor das strengste Tribunal stellen, alle seine Privachandlungen dessen Urtheil unterwerfen, und sicher scyn könne, von aller Schuld frei gesprochen zu werden. Der Kaiser sagte mir einst, daß er damit umgehe, seine diplomatische Geschichte, oder seine sämmtlichcn Verhandln»- j gen von dem Frieden zu Campo Formio an, bis zu seiner Thronentsagung, zusammen zu stellen. Welch ein historischer Schatz, wenn er sein Vorhaben auSgcführt hat! Bei Gelegenheit eines Gesprächs über militairische Beredsamkeit ! äußerte er: „Wenn ich bei dem Beginn der Schlacht an der Linie ! hinunter ritt und dann ausrusle: Soldaten, laßt die Fah- ii en wehen! jezt gilt es! — Dann mußte man unsre Franzosen sehen, wie sie vor Freuden mit den Füßen stampften, wie sie sich verhundertfachten. 3n solchen Augenblicken schien mir nichts unmöglich." Man kennt eine Menge militärischer Anreden von Napoleon. Hier ist eine, die ich auö dem Munde dessen weiß, der sie an Ort und Stelle ausgezeichnet hat. Er lieS nämlich zu Lobcnstein baö zweite Regiment der Chasseurs a Cheval zwei Tage vor der Schlacht bei Jena, die Revue passiven und fragte den Obersten: „Wie viel haben Sie präsente Mannschaft?" — Fünfhundert Mann, antwortete der Oberste; es sind jedoch viele junge Leute darunter. — „Was thut das? erwiederte der Kaiser mit einem Gesichte, auf dem sich seine Verwunderung über diese Bemerkung ausdrückre; sind sie nicht alle Franzosen? —" Dann wandte er sich an das Regiment selbst: „Ihr jungen Leute, sagte er, man muß den Tod nicht fürchten und wenn man ihn nicht fürchtet, dann jagt man ihn dem Feinde in die Glieder." Die Bewegung seines Armes zeigte deutlich, wie er das meinte — und man hörte bald an dem Geklirr der Waffen, am Stampfen der Rosse und an einem dumpfen Gemurmel des Enthusiasmus, die Verkündigung des merkwürdigen Sieges, wodurch 48 Stunden später die Colonne von Roßbach geworfen wurde. Bei der Schlacht bei Lützen bestand der größte Theil der Armee aus Conscribirkcn, die sich noch nie geschlagen hatten. Da erzählt man denn, daß der Kaiser, als daS Gefecht am hitzigsten war, hinter dem dritten Gliede der Infanterie ritt, mit seinem tra- vcrsirendcn Pferde cinigcmale die jungen Soldaten drängte und ihnen zurustc: „S'ist nichts, meine Kinder! steht unerschrocken; das Vaterland blickt auf euch! man muß für sein Vaterland zu sterben wissen! —" Napoleon hatte eine ganz besondere Vorliebe für die ceutsche Nation. „Ich habe sie viele Millionen zahlen lassen, sagte er, denn das war nochwendig, mich jedoch recht sehr gehütet, sie durch Geringschätzung zu beleidigen. Ich schätzte sie vielmehr ungemein. Daß die Teutschcn mich hassen, ist ganz natürlich; man nöthigte mich zehen Jahre lang mich über ihren Leichnamen zu schlagen; sie kannten meine wahren Absichten nicht und konnten mir nicht Dank wissen für Dinge, die ich mit ihnen im Sinne hatte. — Das war aber nichts Geringes." Der Kaiser sagte einst, indem er von einem seiner Beschlüsse sprach: „Das war eigentlich mein Wille gar nicht; ich lies mich aber rühren und gab nach. Ich hatte unrecht; das Herz eines Staatsmannes muß in seinem Kopse scyn." to So machte der Kaiser die Bemerkung, daß unsre physischen Fähigkeiten sich nach MaaSgabe der Gefahr und dev Bedürfnisses schärfen. „Der Beduine in der Wüste, sagte er, hat Luchsaugen, und der Wilde in den Wäldern die Geruchsnerven der Thiere." Man sprach einmal von jemand, der, so ausgezeichnet auch sei» ne Plane und seine Thacen scyn möchten, doch bisweilen aussallen- de Mängel in seinen Manieren, in seinen Ausdrücken wahrnehmen lasse. Der Kaiser erklärte diesen Wid 'rspruch, indem er sagte: ,,Sie sehen wohl, die Behandlung seiner Haut ist daran schuld; seine Windeln werden zu grob oder zu schmuzig gewesen seyn." Der Kaiser sprach von der Gefahr, der er sich bet dem Br» maire im Rache der Fünfhundert auSgesetzc habe. Er schob sie, als Militair, blos auf daö Local im Orangerie-Gebäude, wo er auf einem der Endpunkte cindringen und durch den langen Saat hingehcn mußte. „Unglücklicherweise, sagte er, konnte ich nicht sogleich Fronte machen, sondern mußte die Flanke exponiren." ES war von jemand Rede, welcher glaubte, daß er durch seinen Ton und seine bisweilen an Drohung grenzenden Worte, Furcht einjagen könne. „Das ist jezt lächerlich, meinte der Kaiser, Niemand fürchtet sich mehr; kein Kind hat noch Furcht und hier der kleine Emauel — er zeigte dabei auf meinen Sohn — ist sicher schon bereit, Pistolen zu wechseln, mit jedem der Lust dazu haben könnte." Diese Worte Napoleons werden vielleicht auf dessen ganzes künftiges Leben einwirken. Bei der Rückkehr auS dem Russischen Feldzuge zeigte Napoleon die größte Bewunderung über die Kraft der Seele, welche Ney bewiesen habe. Er ernannte ihn zum Fürsten von der Moskwa und sagte zn mehrcrcnmalen: „Ich habe 200 Millionen in met- neu Gewölben; für Ney würde ich sie hingeben." Der Kaiser behauptete auf alle nur mögliche Art den Triumph der neuern Grundsätze. „Wie sollten sie denn nicht siegen? sprach er; beobachten Sie doch nur den Gang der Dinge. Selbst durch die Unterdrückung macht man seine Sache schlechter!" Als man bei einer Gelegenheit äußerte, daß er sich nicht gern wichtig mache, antwortete der Kaiser: „Das rührt daher, daß Moralität und Güte nicht in meinem Munde, sondern in meinen Nerven sind. Meine eiserne Hand war nicht an meinem Arme, sondern unmittelbar an meinem Kopfe. Ich hatte sie nicht von der Nacur erhalten, sondern bediente mich derselben nur, wenn ich eS für nothwendig hielt." In einem Augenblicke deS Verdrusses über die Bosheit und daS immerwährende Murre» der Pariser, fragte Napoleon, was 11 man denn, nach allem dem, was er schon gcrhan habe, eigentlich von ihm erwarte? Da erlaubte sich jemand ihm zu antworten : „Sire! man wünscht, daß Ew. Majestät Ihr Pferd anhalken möch- ten. — Mein Pferd anhalten! Das ist bald gesagt. — Es ist wahr, ich bin stark genug, um, mir einem Anziehen der Zügel, alle Pferde des ConcincntS anzuhalten. Aber ick habe keine Zügel um dem Aussckwingen der Engländer Einhalt zu chun! Hier liege das Uebel begraben; Ist man denn wirklich nicht so klug, das zu begreifen!? —" Er warf einst jemand vor, daß er nickt die Fehler ablrge, wel- che er doch an sich kenne. „Mein Herr, sagte er zu ihm, wenn man sein moralisches Uebel kennt, so muß man seine Seele zu curiren wissen, wie man seinen Arm oder sein Bein curirc!" Der Kaiser sprach von dem durch ihn errichteten Adel und beklagte sich, daß man ihn dabei so wenig begriffen habe. „Es war doch eine meiner größten, vollkommensten, glücklichsten Ideen. Drei Gegenstände von der größten Wichtigkeit hatte ich mir dabei zum Ziele gesetzt und bei allen dreien wäre dasselbe erreicht worden. Frankreich mit Europa auezusöhncn, die Harmonie durch eine schein» bare Annahme feiner Sitten herzustcllen; auf eben diesem Weg« Frankreich in sich selbst zu befrieden, das alte Frankreicy mit dem neuen zu amalgamircn; und endlich den Feudal-Adel, der allein beleidigend, drückend, unnatürlich ist, ganz verschwinden zu lassen. „Ich erreichte, so sprach der Kaiser, durch meine Schöpfung den Zweck, wirklich bestehende verdienstliche Dinge an die Stelle alter, verdammlickcr Vorurtheile zu setzen. Meine Nacionaltictel stellten eben jene Gleichheit wieder her, welche der Feudal-Adel geächtet halte. Nur Leute von Verdienst konnten sie erlangen. Statt der Pergamente galten große Handlungen und statt der Privacinteressen das Heil des Vaterlandes. Niemand konnte nun noch auf ein« eingebildete Dunkelheit, wohl aber auf die schönsten Zeugnisse unserer Geschichte stolz seyn. Verschwinden mußte der beleidigende Vorzug des GeblütS, jener absurde Begriff; denn es giebt ja nur Eine Art Menschen und man har noch nie bemerket, daß die einen mit Stiefeln an den Beinen und die andern mit einem Packfartel auf dem Rücken geboren würden. „Der ganze Adel von Europa, der es faktisch beherrscht, war dadurch gewonnen. Er schenkte seinen Beifall einstimmig einer Einrichtung, die, nach ihren Grundideen zwar neu war, doch aber dessen Vorzüge wieder erhob — und dennoch mußte dieselbe durch Ihre Neuheit das Alte tief untergraben und unvermeidlich anorotken. 12 Woher kam es nun, daß die Meinung, welche ich siegen lies-, doch ungeschickterweise nur allein ihren Feinde» zu statten kam? — Doch ich habe dieses Unglück mehr a!S einmal gehabt! —" Mittwochs am 20. November. „Man muß gestehen, sagte heute der Kaiser zu mir, daß achte Wahrheit schwer für die Geschichte zu erlangen ist. Glücklicher» weise ist die leztere öfterer ein Gegenstand der Neugierde, als von eigentlicher Wichtigkeit. Es giebt so viele Wahrheiten! — Die Wahrheit FouchsS zum Beispiel und anderer Jntriguenmachcr, so» gar die Wahrheit vieler rechtlicher Mensche» wird nickt selten von der meinigen sehr verschieden seyn. 2ene historische Wahrheit, die man so oft sodcrt, auf welche man sich so oft beruft, ist größten- theils nur ein leeres Wort. Sie ist selbst im Augenblicke des Ereignisses, wegen der Hitze der sich kreuzenden Leidenschaften nicht zu erreichen und wenn dann späterhin eine Vereinigung zu Stande kommt, so liegt es vielleicht nur darin, daß die dabei inceressirten Personen, daß die Widersprechenden, nicht mehr leben. Aber was ist sonach oft diese historische Wahrheit? Nichts als eine Fabel, über welche man einig geworden ist, wie man sich witziger Weise ausgcdrückt hac. Bei allen diesen Dingen giebt es zwei sehr wesentlich von einander verschiedene Theile; die materielle Thalsache und die moralische Absicht. Die materielle Thacsache sollte eigentlich wohl ganz unbestritten seyn und doch, sagen Sie selbst, findet man wohl zwei Relationen die sich gleich sind? Sie giebt sogar zuweilen zu einem ewigen Prozesse Anlaß. Was aber die moralische Absicht betrifft, so ist wohl alle Mühe umsonst, sich hierbei, selbst unter vorausgesetzter redlicher Meinung des Erzählers, wiederzufin- den. Wie soll es nun denn möglich seyn, wenn die Unredlickkeic, die Selbstsucht oder die Leidenschaft dabei ihr Wesen treiben? — 2ch habe jezt einen Befehl gegeben und niemand konnte wohl in meiner Seele lesen, was ich dabei dachte, was ich dadurch beabsichtigte — und doch fallt jedermann über diesen Befehl her, mißt ihn nach seinem Plane, nach seinem individuellen Systeme. Wie verschieden sind nun erst die Farben, welche der Jntrigucnmacher ihm geben wird, je nachdem dieser Befehl nun seiner Äntrigue Zwang anlegt, oder für selbige brauchbar seyn könnte, wie wirdjer ihn hiernach zu verdrehen suchen! So geht es ferner mit dem, der sich gern wichtig machen möchte und gegen den die Minister, oder der Fürst selbst, vielleicht ein vertrauliches Wort über die Sache fallen ließen; so ist cö mit der großen Zahl der Hosmüssigganger, die nichts wei- ter zu rhmi, nichts besscrs wissen, als an den Thürcn zu horchen und, wenn sie nichts gehört haben, Lügen z» machen. Leder, der etwas z» erzählen hat, ist zudem seiner Sache so gewiß; alle Leute geringer» Standes, die etwas aus so vornehmem Munde erfahren, sind auch ihrerseits so fest überzeugt! und dann die Memoiren, die verschiedenen Tagebücher, und die Bonmots und die Salon- Anccdotcn in einem fort! — La, mein Guter! so ist es doch! — Lch habe cs erlebt, daß man mir den Plan zu meiner Schlacht abstrciten, daß man die Absicht, die ich bei der und jener Ordre gehabt hatte, besser wissen wollte, daß man deshalb auf mich loö- zog. Lst das nicht das Auflehnen der Crcatur gegen den Schöpfer? — Aber das schadet gar nichts; mein Widersacher, mein Opponent hat doch seine Parthei. Das ist cs auch, was mich abgehalten hat, meine Privat-Memosten zu schreiben, meine individuellen Gesinnungen ans Licht zu bringen, aus denen man dann allerdings die eigentlichen Nüaneen meines CharacterS erkannt haben würde. Lch durfte mich nicht zu Bekenntnissen a i-> Zcan Laques erniedrigen , welche der erste der beste angcsochicn haben würde. Deshalb glaubte ich nun, daß ich mich darauf beschränken mußte, Ihnen nur über öffentliche Thatsachen zu diktiren. Lch weiß recht gut, daß auch diese Relationen bestritten werden können, denn wo ist ein Mensch htcniedcn, der nicht, wie sehr er auch Recht haben, und mit welcher Kraft und Macht auch sein Recht hervorcretcn möchte, von einer Gegenparthei angegriffen und Lügen gestraft würde. Aber in den Augen des Weisen, des Unpartheiischen, des Ueberlegendcn, des Vernünftiger» wird doch meine Stimme wenigstens so viel, als eine andre gelten und dann brauche ich die Entscheidung in meiner Sache nicht zu fürchten. Schon jczt ist darüber so vieles Licht verbreitet, daß ich, wenn die Leidenschaften verschwunden, die Nebeldünste gefallen seyn werden, auf den Glanz rechnen kann, welcher Zurückbleiben wird. Aber welche Lrrthümer werden inzwischen noch entstehen? — Ost noch wird man den einfachsten Dingen von der Welt eine Wichtigkeit bcimcssen, wird ihnen Absichten und Plane unterlegen, die ich nie gehabt habe. Man wird sich fragen, ob O Ein Man» von Geis! und großen Kenntnissen, ter vormalS viel Vertrauen von Napoleon genoß und ost mit ilnu in enger Geschäftsverbindung stand, erzählte mir, nach dessen erster Lhronciitsagung, mit einer recht innigen Ueberzeugnng, cs sey Napoleons Plan gewesen, nach vollendeter Ausführung seiner Erobcrungsabsichtcn, Paris zu verlassen, um dann Rom zu der Hauplstadt des große» Reichs zu machen, Ich kannte damals den Kaiser noch so wenig, daß nur diese Acußerung sehr im Kopfe hcriungieng; jczt frage ich mich nur noch, wo mein HlstvrieuS dicß wohl her haben konnte? — 14 kk wirklich eine Untversal-Monarchie im Schilde führte, oder nicht? wird lange noch sich überlegen, ob meine absolute Autoritär, ob meine willkühriichcn Handlungen auS meinem Charakter cntspran- gen, oder berechnet waren» ob sie aus meinen Neigungen oder aus der Macht der Verhältnisse hcrvorgiengen? ob jene immerwährcn- den Kriege mein besonderer Geschmack, oder nur die Folgen einer nothwenbigcn Derthcidigung gewesen sind? ob mein unermeßlicher, mir so oft vorgeworftncr Ehrgei; durch Herrschbegierde und Ruhm» sucht, oder vielleicht durch das Bedürsniß der -Ordnung und das Verlangen nach allgemeiner Wohlfarch herbeigeführt worden ist? — denn er verdient cs doch wohl von beiden Seiten betrachtet zu werden. Man wird sich noch viel über die Beweggründe streiten, die mich bei der Katastrophe des Herzogs von Enghicn geleitet haben, *) und so wird cS noch mit einer Menge anderer Dinge gehen. -Ost wird man verdrehen und verwirren was ganz einfach und natürlich ist. ES gehörte mir keineswcgcs zu, alle diese Gegenstände wcicläustig zu verhandeln; ich verschmähe das — sie mögen sich selbst vertheidigcn. Wenn die Rechtlichkeit und der Scharfsinn der Geschichtschreiber aus den allgemeinen Materialien, wie ich sie diktirt habe, die Mittel heraussindet, sich eine richtige und wahre Meinung über dasjenige zu bilden, worüber ich schwieg, — desto besser! Allein welche Menge von Irrlichtern werden diese neben diesen schwachen Funken umgeben, von den Fabeln und Lügen der großen Jntriguenmacher an, von denen jeder seinen eignen Zweck, seine eignen Ränke, seine Privarabsichten hat, und welche, indem sic den eigentlichen Faden darin verschlingen, das Ganze in dem Grade verwirren, daß der Knoten nie gelöset werden kann — bis zu den Mittheilungen, den Porteseuillen, den Betheuerungen meiner Minister, jener braven Männer, welche aber dennoch ungleich weniger von dem zu sagen wissen, was wirklich bestand, als von dem, was sie sich nur dachten; denn hat denn irgend einer von ihnen meine Hauptidee vollkommen gekannt? — 2hr spccieller Geschästoancheil bestand meistentheilS nur in Elementen des großen Ganzen, das sie nicht ahneten; sie haben sonach nur die Seite des Prisma gesehen, die für sie gehörte, Und wie hätten sie auch jene Hauplidce zu fassen vermocht! Hätten sie wohl das Ganze davon begriffen? War sie nicht eigentlich in sich selbst schon zerstückelt? Und doch wird ohne Zweifel nicht einer unter ihnen seyn, der, nachdem er in den Blitz gesehen hat, nicht das phantastische Resultat seiner eignen Gebilde für mein System aus- *) Man weiß, auf wie vielfältige Art diese traurige Begebenheit erzählt worden ist, zu welcher Menge von Conjeeturen sie Anlaß gegcbe» Par. 15 gäbe, — so entsteht denn die abgeredeke Fabel, welche man Ge« schichte nennt. ES kann daS auch nicht anders komme», denn da ihrer mehrere sind, so werden sie schwerlich einerlei Meinung seyn. UebrigcnS zeigen sie sich bei ihren Behauptungen ohne Zweifel geschickter alS ich, der ich oft in große Verlegenheit ackommcn seyn würde, häcic ich meine ganze vollständige Idee der Wahrheit gemäß kund rhun sollen. Man weiß, baß ich nicht darnach strebte, die Umstände nach meinen Absichten zu formen, sondern daß ich meine Absichten mehr von den Umständen entnahm; denn wer kann wohl im Voraus für zufällige, unerwartete Ereignisse stehen? Wie oft habe ich deshalb nicht meine Pläne sehr wesentlich abändern müssen ! Auch habe ick mich immermchr inic Haupkübcrsichcen beholfen, alS feste Pläne geschmiedet. Die Masse deS allgemeinen Besten, und das, waS ick für die Mehrzahl ersprieSlich glaubte, war der Anker an dem ich mich festlegle. Um diese» KrciS her segelte ich mchrcntheilS nur auf gut Glück rc." Hier, nach diesen merkwürdigen Worten, finde ich die beste Gelegenheit, meinem Versprechen gemäß auf einen geschichtlichen Punkt znrückzukommen, der eigentlich seinen Platz viel früher hätte finden sollen. 2ch meine die Verschwörung von Georges und Pi- chegrü und die Verurtheilung des Herzogs von Enghien. Die Leser werden den eigentlichen Grund dieser Versetzung und eines so langen Verzugs sogleich erfahren. „Der Krieg mit England, sagte der Kaiser, harte aufs Neue begonnen, als auf einmal unsre Seeküsten, unsre Straßen und die Hauptstadt selbst »nc Agenten der BourbonS überschwemmt waren. Man zog mehrere derselben ein, konnte aber noch nicht hinter ihre eigentlichen Absichten kommen. Sie waren von fcdem Range und von jeder Farbe; alle Lciocnschasten erwachten aufs Neue, die Unruhe stieg aufs Höchste und die öffentliche Meinung zog sich zu einem wahren Gewitter auf. Schon hatte dieser gespannte Zustand ein recht düstres Ansehen bekommen und die Polizei, welche nichts auSrichtcn konnte, fast zur Verzweiflung gebracht, als mein Scharfblick mich rettete. Ich stand in einer Nacht auf, wie ich das oft zu thu» pflegte, um zu arbeiten. Der Zufall, welcher dte Welt regiert, will, daß mein Blick auf einen der leztern Berichte der Polizei fällt, worinn die Namen derer stehen, die n au schon wegen einer andern Sache arretirt hatte, bei welcher eS noch ganz an der nähern Spur fehlte. Ich bemerkte darunter einen Armee-Chirurgus und dachte mir sogleich, daß ein solcher Mensch wohl mehr rin Intrignenmachcr, alö ein sich hingehender Fanatiker seyn möchte. Ich craf sogleich alle mögliche Veranstaltungen, um 16 eln schnelles Geständniß von ihm zu erlangen; eine Militair-Com- Mission beschäftigte sich sofort mit seiner Angelegenheit; noch desselben TageS wurde er verurlhcilt und ihm gedroht, daß, wenn er nicht gestände, die Epccution sogleich erfolgen würde. Nach Verlauf einer halben Stunde hatte er nun Alles — bis auf die geringsten Umstände entdeckt. Iezc kannte man die wahre Natur und den ganzen Umfang des in London geschmiedeten Complots und bald daraus erfuhr man die Intriguen Moreaus, die Anwesenheit Pichegrüs in Paris w." Ich übergehe nun dle einzelnen Umstände bei dieser Sache. Man findet sie in den Briefen voin Cap zu Widerlegung des Doktor Warden und in dem Werke von -O'Meara. Ich könnte nichts anderes sagen, als lczterer — denn wir schöpften aus derselben .Quelle. Was die auf Pichegrüs Tod sich beziehende Beschuldigung anbelangt, der, wie man behauptete, auf Befehl des Ersten Consuls erwürgt worden seyn sollte, so äußerte Napoleon: er würde sich schämen, hierüber auch nur ein Wort zu seiner Dcrchcidigung zu sagen; es sey das gar zu absurd. „Was konnte ich denn dabei gewinnen? bemerkte er. Ein Mann von meinem Characcer handelt nicht ohne wichtige Vewegungögründe. Hac man mich jemals aus bloßer übler Laune Bluc vergießen sehen? So viel man sich auch Mühe gegeben hat, mich anzuschwärzen und meinen Charakter zu entstellen, so wissen doch diejenigen, welche mich näher kennen, daß das Verbrechen meinem Wesen nicht zusagt. Es kömmt in meiner ganzen Regierung kein einziger Akt vor, von dem ich nicht vor einem Richkerstuhle Rechenschaft geben könnte — und zwar nicht blos, ohne in Verlegenheit zu kommen, sondern ich müßte sogar dabei gewinnen. Die Sache war ganz einfach so, daß Pi, chegrü sich in einer rettungslosen Lage erblickte — daß sein krästi- ges Gemüth die Infamie der Todesstrafe nicht ertragen konnte und daß er daher, weil er entweder meine Begnadigung nicht hoffte, oder sie verschmähte, sich selbst aus der Welt schaffte. „Wäre ich geneigt gewesen ein Verbrechen auf mich zu laden, so hätte mein Arm nicht Pichegru, der nichts ausrichten konnte, sondern Moreau getroffen, der mir in diesem Augenblicke höchst gefährlich war. Hätte dieser sich unglücklicherweise im Gefängnisse umgcbracht, so würde mir meine Rechtfertigung, in Betracht der großen Dortheile, die mir die Befreiung von ihm gebracht hätte, viel schwerer geworden seyn. Ihr dort im Auslande habt, eben so wie die unsinnigen Royalisten im Innern, den in Frankreich herrschenden Geist nie gekannt. Pichrgrü, der als Derräher an sei. 17 nem Daterlande nun einmal entlarvt war, interessiere niemand mehr; vielmehr war schon das Verhältniß, in welchem er mit Moreau stand, hinreichend, auch diesen in der allgemeinen Meinung zu stur» zen; eine Menge seiner Partisane verließen ihn, weil die Masse bet dem Kampfe der Partheien unter sich schon mehr auf das Da» tcrland als aus die Individuen sah. Ich beurthcilre das so rich. tig, daß ich, als Real mir vorschlug Moreau zu arrctiren, mich, ohne Anstand, seinem Vorschläge wtdersetzce. Moreau, sagte ich zu ihm, ist ein zu bedeutender Mensch und steht mir zu direct ge« genüber; mein Interesse mich von ihm zu befreien ist zu groß, uni mich auf diese Art den Conjccturen der allgemeinen Meinung Preiß zu geben. — Aber wenn nun Moreau, fuhr Real fort, dennoch mit Pichegrü conspirirt? — Dann ist es eine andre Sache. Beweisen Sie mir das — beweisen Sie, daß Pi« chegrü hier ist, dann unterzeichne ich augenblicklich den Bcftbl zu MoreauS Verhaftung. Real harte indirecte Kunde von der Ankunft Pichegrüs, konnte ihm jedoch nicht auf die Spur kommen. Eilen Sie zu seinem Bruder, sagte ich; har dieser seine Wohnung ver» lassen, so ist das schon ein wichtiges Anzeigen, daß Pichegrü hier ist. Befindet sich aber sein Bruder noch in seinem Logis, so vcr- sichern Sie sick seiner Person; er wird überrascht scyn und die Wahrheit bekennen. Dieser Bruder war ein ehemaliger, jetzt in Paris in einem vierten Stockwerke lebender Mönch. Sobald er fest« genommen wurde, sagte er sogleich, ohne eine Frage abzuwartcn, was er denn gethan haben solle? Db man ihm denn etwa ein Verbrechen daraus mache, daß sein Bruder ihn gegen seinen Wil- len besucht habe? Er sey der erste gewesen, der ihm geschildert habe, wie gefährlich sein Unternehmen sey, und der ihm >pcrachcn, wieder fortzugehen. Das war genug, um Moreaus Verhaftung anzuordnen und zu vollziehen. ES schien anfangs, als ob er ganz ruhig dabei sey; aber als er im Gefängnisse ankam, und erfuhr, daß er sich dort befinde, weil er mit Georges und Pichegrn conspi» rirc habe, war er sehr betroffen und gcrielh in die größte Angst. Was die Parthci im Ganzen betrifft, so war für die Mehrzahl der Mitglieder der Name Pichegrü ein wahrer Triumph; überall behaupteten sie, Pichegrü sey ja in London und es müsse mithin in wenig Tagen das Alibi erwiesen scyn. Entweder wußten sic wirklich nicht, daß er in Paris war, oder sic hofften, daß es ihm leicht seyn werde zu entkommen." Seit langer Zeit schon hatte der Erste Consul mit Moreau gebrochen, der ganz von seiner Frau beherrscht wurde. „Es ist dies allemal ein Unglück, sagte der Kaiser; man ist dann weder er selbst, noch seine Frau —> man ist gar nichts." L. CaseS Tagcb. H.Bd. 2 18 Moreau zeigte sich gegen den Ersten Consul bald gut, bald nicht gnt — zuweilen unterwürfig und dann wieder beißend. Der Erste Consul hätte ihn gern gewonnen, war aber genöthigt, siel? ganz von ihm zurückzuziehen. „Moreau, sagte er, wird sich am Ende die Stirn an den Schloßsäulen einrenncn." Zu allen diesen Dingen trieben ihn die lächerlichen Inconsequenzen seiner Frau und seiner Schwiegermutter. Diese gicng so weit, daß sie der Gemahl lin des Ersten Consuls den Rang streitig machen wollte. „Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, sagte Napoleon, mußte einmal bei einer ministeriellen FKe Gewalt gegen sie gebrauchen, um sie znrückzuhalten." Sobald Moreau verhaftet war, lies ihm der Erste Consul sagen, eS würde ihm sein Geständniß genügen, daß er Pichegrü gesprochen habe, um dann alles weitere Verfahren gegen ihn cinstcl- len zu lassen. Moreau antwortete in einem sehr hohen Tone; sobald aber Pichegrü auch arretirt war, und nun die Sache eine ernste Wendung nahm, schrieb Moreau einen sehr dcmüthigcn Brief an den Ersten Consul; fetzt aber war cs nicht mehr Zeit. Moreau hatte wirklich mit Pichegrü und Georges eonferirt und aus ihre Vorschläge folgcndcrmaaßcn geantwortet: „Bei der jetzigen Lage der Dinge kann ich nichts für euch thun; ich kann nicht einmal für meine Adjutanten stehen; aber schafft euch den Ersten Consul vom Halse; Ich habe-meine Anhänger im Senat und man wird mich augenblicklich anstatt seiner ernennen. Sie, Pichegrü wird man, in Betreff des ihnen vorgeworfenen Verrarbs an der Sache der Nation, zur Rede stellen. Sic dürfen sich nicht verheimlichen, daß man sie nothwendig vor Gericht fordern muß, allein ich verbürge das Resultat; dann sind Sie zweiter Consul; wir Wahlen den Dritten nach unserm Gefallen und gehen einträchtig und ungehindert unfern Gang. Georges, der dabei gegenwärtig war, und welchen Moreau noch gar nicht kannte, nahm den dritten Platz sehr lebhaft in Anspruch. „Das kann nicht sepn, sagte Mo- reau. Sie kennen den Geist nicht, der Frankreich beseelt. Sic sind stets weiß gewesen und sehen, daß sich Pichegrü schon wegen der Absicht cS scyn zu wollen rein waschen muß. — Ich verstehe, sagte jetzt Georges zornig, welches Spiel man da treibt. Wofür sehen Sie mich denn an? — Sie arbeiten also blos für sich allein und keinesweges für den König? Wenn das so gehen soll — nur blau für blau, — da ist mir am Ende der jetzige lieber." Mali trennte sich in großer Unzufriedenheit. Moreau bot Pichegrü, diesen groben Menschen, diesen unsinnigen dummen -Ochsen nicht wieder mitzubringen. „Bei Abhaltung des Gerichts, sagte Napoleon, wurde Moreau nur durch die Festigkeit der Mitschuldigen, das Point d'honncur, wodurch sie ihre Sache veredelten, und das von dein Advocaccn angerathene gänzliche Läugncn gerettet. Auf hie Frage, ob die Conferenzen und Zusammenkünfte, die man ihm Schuld gebe, gegründet wären? antwortete er mit Nein. Aber der Sieger von Hohenlinden war nicht gewohnt zu lügen. Sein Gesicht über- ! fiog eine plötzliche Röthe. Keiner der Zuschauer war getäuscht. , Bei alle dem wurde er aber freigcsprochcn und die Mehrzahl der Mitschuldigen zum Tode verdammt. „Ich begnadigte viele derselben; allen denjenigen, deren Weiber, oder für welche sonst lebhafte Verwendungen bis zu mir dringe» konnten, wurde das Leben geschenkt. Die Polignac, Herr.von ^ Riviere und andere, wären, ohne glückliche Umstände, welche sie retteten, ohne allen Zweifel verloren gewesen. Dies war ferner der Fall mit einigen minder bekannten Personen; einem gewissen Borcl, d'Ingand, de Saint Maur, de Röchelte re. welche eben so glücklich durchkamen. „Freilich, bemerkte er, erkannten sie die ihnen zu Theil gewordene Milde in der Folge keineswcges, und wenn sic eö werth wären, daß man ihre Handlungen genau in Erwägung zöge, so würden sie eben nicht geeignet scyn, zum Begnadigen Lust zu machen. Einer von ihnen, der bei dieser Gelegenheit vornämlich den dringenden Bitten Murats das Leben verdankte, war es besonders, der im Jahre 1815 . einen Preis in der Provence auf dessen Kopf setzte. Hat er vielleicht gedacht, daß die Treue auf Dankbarkeit keine Rücksicht nehmen könne, so hat ihm doch wohl das Opfer schwer werden müssen. Ein anderer ist derjenige, welcher jene Beschuldigung, die eben so lächerlich, als die welche Pichegrü betraf dumm war, von dem Morde des englischen Lieutenant Wright am meisten verbreitete. *) „Und zu diesen, Georges, Pichegrü und Moreau angehenden Geschichten, kam nun noch der Vorfall mit dem Herzoge von Enghien, der sie auf eine sonderbare Art verwickelte." Der Kaiser erzählte jetzt das Nähere hierüber. Dieser lezterc Umstand ist es, der mich frühcrhin bewogen hat, das Ganze über diesen Punkt seiner eigentlichen Stelle zu entrücken und bis jctzr zu verschieben, so sehr widerstrebte es mir, einen schon an sich selbst so höchst traurigen Gegenstand zu berühren, der zudem für eine große Menge meiner Bekannten, welche mit dem Prinzen in nähern Verhältnissen standen ) Siebe die Briefs Vom Cap, 20 und ihm persönlich anlnngen, so schmerzlich scyn >n>iß. Ich sürch« rete insbesondere so unglücküch zu scyn, bei einer hohen Person, welche mich vormals mir ihrem Wohlwollen beehrte und deren Ar. ^ denken mir stccs thcuer geblieben ist, höchst betrübende Erinncim. gen zu-wecken. Dies sind meine Gründe; man wird mich vcr> stehen und sie billigen. Nun aber nahe ich mich den, Schlüsse meiner Arbeit und die Pflicht eines treuen Erzählers mahnt mich gebieterisch, diese traurige Geschichte zu erwähnen, indem man sonst meinem völligen Schweigen eine Auslegung geben möchte, die nickt in meinem Sinne läge. Bei alle dem werde ich, aus den schon angegebenen Gründen, die davon bereits bekannten einzelnen Umstande übergehen; man hat sic schon in den oben angeführten Biss chern (den Briefen vom Cap und dem Werke des Herrn O'Meara) - gelesen, und meine Angaben könnten eigentlich nur die nämlichen seyn, dä sie wie jene aus dem Munde Napoleons kamen. 2ck be- schränke, mich mithin aus einige besondere Umstande, von weichen jene Schriften nichts enthalten, und die zu sehr aus charakteristischen ^ Eigenheiten NapoleonS^beruhen, als dafl ich sie unerwähnt lassen könnte. , ! Jener Vorfall hatte zu seiner Zeit mein Gemüth eben so wie i die ganze Masse von Paris bewegt. Vielleicht war ich, bei den Grundsätzen, Gewohnheiten und Verhältnissen meines Jugendlebeno, bei der Richtung meiner politischen Meinungen, l.denn ich war damals noch weit davon entfernt mich dem neuern System anzuscdlic. ßcn,) tiefer als andre davon erschüttert. Es war einer der erster» Eindrücke, der in meiner Seele sich immer In Kraft erhielt und meine 2dcen über diese Sache blieben stecs von der Art, daß ich ^ es nie gewagt haben würde, den Namen des Prinzen in Gegenwart des Kaisers auszusprechen; ick hätte gefürchtet, den Ton des Vor- wurfs dabei nickt vermeiden zu können. Das gieng so weit, daß ich, als er selbst ihn zuerst nannte, aus Verlegenheit über und über roch wurde. Glücklicherweise gieng ich aus einem schmalen Fuß. steige hinter ihm her, denn sonst hätte cs ihm nicht entgehen kön. nen. Trotz dieser Stimmung meines Gemüths muß ich aber doch gestehen, daß, als der Kaiser zum erstenmale dieses Ereigniß im Ganzen mit allen seinen kleinen Zügen und Ncbenumständen ent. wickelte, und nun die verschiedenen Bewcgungsgründe, welche ihn dabei geleitet, mit seiner gedrungenen lichtvollen uvd hinreißenden Logik auseinander setzte, die Sache für -nick, nach und rack ein an- deres Ansehen gewann. Als er endlich schwieg, war ich erstaunt und wußte nichts zu sagen; ich dachte Im Stillen an weine früheren Ansichten zurück, zürnte mit mir selbst daß ich mir jezc wenig oder nichts antworten könne und mußte mir am Ende selbst eingrstchen, dag das Gefühl In mir ungleich beredter scy, als die Kraft meiner Grunde, meiner haltbaren Einwürsc. Der Kaiser sprach »ft über diesen Gcacnstand und ich habe da» durch Gelegenheit gefunden, die ausgesprochenste» Charakccrzüge an ihn, wahrzunehmen. Sehr deutlich habe ich hierbei und sonst noch oftmals geseben, wie sehr in ihm der Privatmann mit dem Staats« manne im Widerspreche und das natürliche Gefühl seines Herzens mw dem Srolze und der Würde seiner Stellung im Streike war. Bei dem Hingebcn eines vertraulichen Gesprächs zeigte er sich nicht unempfindlich für das Loos deö unglücklichen Fürsten; aber sobald er öffentlich sich äußenc, war cs damit ganz anders. Als er einst mw mir über dessen Jugend und sein trauriges Schicksal gcspro« chm harte, schloß er mit den Worten: „Und ich habe späterhin erfahren, mein Theurer! daß er mir geneigt war; man har mich versichert, daß er nie ohne eine Art von Bewunderung von mir sprach; so geht es in dieser Welt mit der distributiven Gercchtig« ket! —" Er sprach diese leztcrn Worte mir einem Ausdrucke und aic Züze seines Gesichts waren damit in so völliger Harmonie, daß ick fest überzeugt bin, wäre derjenige, den Napoleon eben be- kmace, in diesem Augenblicke in seiner MaHt gewesen, so hätte er i m gewiß mit Freuden vergeben. Es war dieß allerdings nur ein augenducklichcs Gefühl, eine unerwartete Lage, wobei ich ihn über« rascbte, und ich glaube nickt, daß dieß oft so vorgekommen seyn mochte. N,,Meon konnte damit nicht verschwenderisch seyn. Die« ser zarte Punkt lurülirte seinen Stolz und die Gediegenheit seiner Seele zu nahe. Sein Raisonnement und seine Ausdrücke veränder« rcn sich hierbei immer in dem Verhältnisse, in welchem der Kreis um ihn her sich erweiterte. Man hat eben vernommen, wie er sich bei den Ergüssen des Tore a Tate hierüber äußerte. Wenn wir uns alle beisammen befinden, war es damit schon anders; dann sagte er, daß er mit Bedauern, aber durchaus ohne Gewissensbisse an Len Vorfall denke, daß er sich nicht , einmal irgend einen Vor« ! wurf dabei zu machen habe — und sprach er vor Fremden, so halte der Prinz sei-, Loos verdient. D.r Kaiser betrachtete diese Sache gewöhnlich aus zwei ver« sckiedenen Gesichtspunkten: erstens nach dem grmeMen Neckte, oder den Begriffen der festgeschten Ordnung, und zweitens nach dem Naturrechte, oder als einen Gewaltstreich. Mit uns sprach er dar« über recht gern und gewöhnlich nach den Grundsätzen des gemeinen RechtS. Es geschah entweder in Folge deS zwischen uns bestehen« den vertraulichen Umgangs, oder seiner Uebcrlegcnheit, baß er sich hierzu heraluirs und fast immer schloß er mlt der Bemerkung: man könne ihm zwar verwerfen, daß er streng gewesen sey, ihn aber ! nicbr beschuldigen daß er daö Recht verletzt habe, indem er, was ! auch Bosheit und Unredlichkeit, was auch Derläumdung und Lügen ihm nachgcsagt haben könnten, doch jederzeit die vorgcschriebencn Formen mit der größten Regelmäßigkeit und Strenge beobachtet habe. Aber im Gespräche mit Fremden hielt sich der Kaiser fast aus- schlicßend an sein natürliches Recht und die Federungen der höhern Politik, Man sah, daß es ihm unangenehm gewesen seyn würde, sich ihnen gegenüber, große Mühe zu geben, das gemeine Recht geltend zu machen, da dieß wie eine Vcrtheidigung ausgesehcn haben würde. „Hätte ich, sagte er, bei dem Unrechte des Schuldigen, nicht die Gesetze des Landes für mich gehabt, so blieben mir immer noch meine Rechte nach dem Naturgesetze, die Rechte der legitimen Vcrtheidigung, übrig. Er hatte cs sich sammc den Sei- nigen zum täglichen Geschäfte gemacht, mir nach dem Leben zu trachten. Don allen Seiten, in jedem Augenblicke wurde ich angefallen — mit Windbüchsen und Höllenmaschinen und Complotten und Nachstellungen aller Art. Das war ich müde und ergriff da- ^ her die Gelegenheit, ihnen den Schrecken bis London zurückzuscn- . den, was mir denn auch gelang. Don diesem Tage an hörten die Verschwörungen auf. Wer kann etwas dagegen sagen? Wie? man wollte aus einer Entfernung von hundert und fünfzig Meilen cödt- liche Streiche gegen mich führen; keine Macht, kein Tribunal auf ! der Erde dachte daran mir Gerechtigkeit wicderfahren zu lassen — ^ und ich hätte nicht zu meinem natürlichen Rechte meine Zuflucht nehmen, nicht Gewalt mit Gewalt vertreiben sollen? Wo ist der Mensch, dessen Blut kalt genug ist, in dessen Geiste so wenig Ur- theilskrafc und Sinn für Recht zu finden wäre, daß er es wagen möchte, mich zu verdammen? Welchen Theil wird nun wohl der Tadel, das Gehässige, daS Verbrechen treffen? Bluc fodert Blut; daS ist die natürliche, unvermeidliche, untrügliche Wechselwirkung. Wehe dem, der die Veranlassung dabei giebt! — Wer nicht aus- hörc bürgerliche Unruhen und politische Bewegungen anzustiften, der setzt sich der Folge aus, alS ein -Oopfer derselben zu fallen. Man müßte ein Dummkopf oder ein Tollhäuslcr scyn, um zu glauben, oder sich einzubildcn, cs könnte irgend eine Familie das sonderbare Privilegium haben, mein Leben täglich anzugreifcn, ohne daß ich das Recht hätte, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Sic, diese Familie, kann doch vernünftiger Weise nicht verlangen, über ! das Gesetz erhaben zu seyn, um andre zu vernichten, und gleich- i wohl, wegen der eigenen Erhaltung, den Schutz desselben sodern? Hierbei kann kein Unterschied obbwaltcn. „Von mir persönlich war keinem von ihnen etwas zu Leide geschehen; eine große Nation hatte mich an ihre Spitze gestellt und fast ganz Europa diese Wahl genehmigt. Mein Blut war bei alledem auch nicht dem Staube entquollen und cs war nun endlich Zeit, es dem ihrigen gleich zu stellen. Was wäre es denn wohl gewesen, wenn ich meine Repressalien weiter ausgedehnt hätte? — Ich konnte es. Ihr Leben lag mehr als einmal in meinen Händen. Ihre Köpfe, einer wie der andere, wurden mir angcboten. Mlt Schaudern habe ich alle diese Dinge zurückgewiesen. Nicht etwa daß ich cs, bei der Lage in welche sie mich versetzten, für unrecht gehalten hätte, mich dieser Mittel zu bedienen; aber ich fühlte mich so mächtig, achtete die Gefahr so gering, daß ich dadurch eine unnöchlge Niedrigkeit zu zeigen geglaubt hatte. Meine große Maxime, im Kriege wie in der Politik, war stets: Jedes Mel, scy cs auch an sich erlaubt, läßt sich nur dann entschuldigen, wenn cs nothwendig ist, außerdem wird es zum Verbrechen. „Konnte man sich wohl auf das Völkerrecht berufen, wenn man cs selbst so offenbar vergaß? Die Verletzung des Badcnschcn Gebiets, worüber man so viel geschrieen hat, kommt eigentlich bei der Sache gar nicht in Frage. Die Schuldigen hatten keinen Anspruch auf die Unverletzbarkeit des Territoriums, denn dieses Recht gründete sich blos auf die Unabhängigkeit der Völker und die Würde des Fürsten. Nur der Landesherr durfte sich mithin beklagen und er that es nicht; ohne Zweifel wich er, im Gefühl seiner politischen Schwäche, hierbei der Gewalt; aber Ich frage nochmals, was hatte dies mit den Machinationen und Attentaten gemein, die man gegen mich im Schilde führte, und wofür ich mit allem Rechte Rache nehmen konnte?" Er schloß dann mit der Aeußerung: Die wahren Urheber dieser blutigen Katastrophe, welche dieselbe einzig und allein zu verantworten haben, sepen die nämlichen, die im Auslande die Anstifter, die Begünstiger, die Ausreitzer bei den gegen den Erste» Eonsul statt gefundenen Mordversuchen gewesen wären. „Denn, fügte er hinzu, entweder der unglückliche Prinz war in ihr Gchcimniß cingeweiht und dann hatten sic sei» Loos selbst ausgesprochen, oder er hatte keine Kenntniß davon, in diesem Falle ließen sic ibn unkluger Weise am Rande eines Abgrundes schlafen, weil er üch in dem nämlichen Augenblicke, wo ein so großer Schlag im Namen und zum Besten der Familie erfolgen sollte, zwei Schritte von der Grenze befand." Im vertraulichen Gespräche mit uns sagte der Kaiser, daß der Fehler auf Rechnung eines übermäßigen EiferS, oder gewisser Pri- vatabsichtcn, oder gar geheimer Jntriguen im Innern komme. Er 24 scy, ohne dag er sich dessen versehen, mit fortgerissen worden. Man habe ihn überrasche, seine Maasrcgeln übereilt, das Resultat derlei- ben gefesselt. „Einrs Tages, erzählte er, war ich ganz allein; ich sehe mich noch, wie ich halb auf dem Tische saß, an welchem ich dinirt hatte und eben meine Tasse Kaffee trank, als man mir eckig die Kunde eines neuen Anschlags trachte. Der Ucbcrbringer dieser Nachricht sezt mir mit großer Wärme anscinder, cs scy endlich einmal Zeit so schrecklichen Accet tace» cjn Ziel zu setzen, cs ff» Zeit denen eine Lehre zu geben, die cS sich zum täglichen Geschäf- le machten, Verschwörungen gegen mein.Leben anzuzeddeln. Man werde dabei nicht anders zum Zwecke kommen, als wenn man blu- tige Rache an einem derselben nähme. Der Herzog von Enghien müsse dieses Opfer seyn, denn ihn könne man jetzt bei der That ertappen, da er an der gegenwärtigen Verschwörung Thcil nähme, schon in Strasburg, auch sogar, wie man glaube, in Paris gewesen sey, und dem Plane zu Folge in dem Momente der Explosion von -Osten her Vordringen solle, indessen der Herzog von Berry in Westen landen würde. Ich wußte, so fuhr der Kaiser fort, damals kaum wer der Herzoa von Enghicn scy; die Revolution hatte mich noch sehr jung getroffen; ich gieng nie an den Hof und wußte nichts von seiner Eristcn». Man unterrichtete mich über alle diese Dinge. Ei, wenn sich dieß alles so verhält, rusce ich aus, dann muß man ihn feftnchmen und die hierzu nöchigen Befehle geben. Da man dieses voraussehen konnte, so waren die Ausfertigungen schon bereit, ich brauchte nur zu unterschreiben und das Loos des Prinzen war entschieden. Er befand sich ieic einiger Zeit drei Meilen vom Rheine in den Badensckcn Landen. Hätte ich früher von dieser Nachbarschaft und deren Wichtigkeit etwas gewußt, so würde ich sie nicht gelitten haben, und ein solcher Verdacht von meiner Seite hatte ihm das Leben gerettet. „Was den mannichfachen Widerspruch betrifft, den ick gefunden, die zahlreichen Fürbitten die man bei mir eingelegt haben soll, wie man damals aussprcngte, so ist daran kein wahres Wort. Das alles wurde nur erfunden, um mich recht verhaßt zu machen. Eben so vrrhält cs sich mit den vielerlei Vewcgunasgründen, welche inan mir untergelcgt hat. Diese Ursachen konnten vielleicht in der Seele und den Privacabsichten der subalternen Acteurs, die hierbei auf- tracen, verbanden seyn, ich selbst habe nichts dabci gedacht, als was die N cur der Sache an und für sich und die Energie meines ganzen Wesens mit sich brachte. So viel ist gewiß, daß, wenn ich zeitig genug von gewissen Eigenheiten in Betreff der Meinungen und des Natureis des Prinzen unterrichtet gewesen wäre, und besonders, wenn ich den Brief, welchen er an mich geschrieben, den man mlr aber, Gott mag wissen warum, erst alS cr nicht mchr war, überbrachc har, gelesen hätte, ich !tm, verliehen haben würde." Es war ein schönes Gefühl für uns, zu bemerken, w>e dir>c »ur an uns gerichteten Aeußerungen des Kaisers, rein aus seiner Natur und ans seinem Herzen flössen. Er würde eS gewiß für sehr erniedrigend gehalten haben, hätte man nur einen Augenblick glan. den können, er wolle sich verlheidigen, »der gar bis zu einer Recht- serrigung hc.ablaffen. Seine Besorgnis, seine Empfindlichkeit gieng hierbei so weit, daß wenn cr mir Fremden über die Sache sprach, oder für daS Publikum diecirte, er sich stets auf d>c Bemerkung beschränkte, daß, wenn cr Kenntniß von dem Briefe des Prmzen gehabt hätte, er ihn vielleicht, in Hinsicht der großen politischen Dortheilc die cr hieraus ziehen können, begnadigt haben würde _ und als er seine lczten Gedanke» nied.-rschricb, von denen er glaub« te, daß er sie für die Mit- und Nachwelt geschrieben habe, sprach er sich über diesen Gegenstand ln der Art aus, daß, obschon er voraussetze, derselbe werde als einer der delikatesten für die Ehre seines Gedächtnisses angesehen werden, dennoch, wenn zdie Frage entstände, ob er nochmals so handeln wolle, cr solches zu rbun de- reit seyn würde. So war dieser Mann, so die Farbe seines Ge« müths, so die Richtung seines Charakters. 2ezt mögen nun diejenigen, die das menschliche Herz durch« schauen und die tiefsten Falten desselben erforsche» wollen, um Schlüsse und Folgerungen daraus zu sieben, nach Gefallen ihr Ge« schäsc vornehmen. 2ch habe ihnen Materialien und Documente von großem Wcrthe dazu geliefert, denen ich noch das lezte nlchr minder merkwürdige hiuzufügen will. Napoleon sagte mir einst über den nämlichen Gegenstand folgendes: „Wenn ich schon durch dieses traurige Ereigniß Schrecken verbreitet habe, wie sehr hätte nicht die Welt von einem ganz an« « dern Schauspiele ergriffen werden sollen! — „Man hat mir zu mehrkrenmalen Anerbietungen gemacht, nach welchen das Leben derjenigen Personen, an deren Stelle ich den Thron einnahm, zu dem Preise von einer Million für jeden Kopf, mir zu Gebote stehen sollte. Man betrachtete sie als meine Neben« buhlcr, glaubte, daß ich begierig nach ihrem Blute fenn müsse, aber, wäre auch meine Natur anders, als sie war, beschaffen, wäre ich auch wirklich zum Verbrecher geboren gewesen, so hätte ich doch zu einer solchen Thar, schon um deswillen keine Neigung gehabt, weil sie mir ganz unnölhig schien. Ich war ja so mächtig, hielt meine Lage für so ganz gesichert und jene für so wenig furchtbar. — Man denke doch nur an dir Zeit des Tilsiter Friedens, an die Schlecht bei Wagram, an meine Vermählung mit Marie Louise, an den Zustand, an die damalige Stellung von ganz Europa zurück! Bei alle dem glaubte man, als es mir der Krisis in der Verschwörung von Georges und Pichegrü aufs höchste gestiegen und ich von allen Seiten mit Mördern umgeben war, daß nun der Zeitpunkt gekommen scy, mir neue Anträge in Beziehung auf denjenigen zu chun, den die öffentlichen Scimmen in England und in Frankreich als die Hauptperson bei der Betreibung jener gräßlichen Machinationen bezeichnctcn. Ich befand mich eben zu Voulognc und der lliderbringcr des Antrags hatte sich ebenfalls dort eingefunden. Ich kam aus den Einfall mich selbst von der Wahrheit und dem eigentlichen Zusammenhänge des Vorschlags zu überzeugen und befahl, ihn herbeizuholen. Nun, mein Herr! wie ist's? so redete ich ihn an, als ich ihn erblickte. — 3a, Herr Erster Consul, für Eine Million sollen Sic ihn haben. — Sie sollen Zwei Millionen bekommen; allein sie müssen mir ihn lebendig herbei schaffen. — Das, ach nein! stammelte der Mensch, den der Ton meiner Stimme und mein Blick schon aus der Fassung gebracht hatte; das könnte ich nicht verbürgen. — Nun halten Sie mich denn für einen Mörder? Sie müssen wissen, mein Herr! daß ich eine Züchtigung beabsichtige, ein großes Epcmpcl statuircn will, daß ich aber dazu keines Meuchelmörders bedarf; und so jagte ich ihn fort. Schon dadurch, daß er bei mir gewesen, glaubte ich mich beschmuzt." Von Donnerstag am 21. bis zum Sonntage am 24. November. Gestern Abends war ich bis Ein oder Zwey llhr »ach Mitternacht bei dem Kaiser geblieben, und als ich nun nach meiner Wohnung zurückkam, so dörre ich, daß ich einen kleinen Besuch gehabt hatte, der mich durchaus habe erwarten wollen. lieber diesen kleinen Besuch, den mein Sohn annahm, und den ich damals aus weiser Vorsicht mit recht gehcimnißvollcn Zügen in mein Journal cinlrug, kann ich mich jczt ohne alle» Rückhalt erklären. Es war nichts anders als das heimliche Wiedercrscheincn des Bedienten, den Sir Hudson Lowe mir genommen und der von der Nacht begünstigt, da er alle Schliche wußte, jedes Hinderniß besiegt, die Schildwache glücklich vermieden und einige Schanzen erklettert harte, um mir zu sagen, daß er bei jemand in Dienste getreten, der in wenigen Tagen nach London reise, und daß er mir in Allem zu dienen bereit sey. Er hatte sehr lange in meinem Zimmer gewartet und da ich nicht vom Kaiser zurückkam, auö Furcht, ertappt zu werden, für besser gesunden, zurückzukehren, jedoch wollte er, entweder unter dem Vorwände seine Schwester zu besuchen, die in unsrer Wirthschaft eingestellt war, oder auf die nämliche Weise, wie cs ihm hcuce gelungen war, wiederkommen. 2ch hatte nichts Eiligeres zu thun, als dem Kaiser zu melden, wie glücklich ich scy. Er war sehr zufrieden darüber und schien einen gewissen Werth auf die Sache zu legen. Nun war ich sehr eifrig und bemerkte mehrmals mit vieler Warme, daß wir nun schon über Ein 2ahr hier wären, ohne daß sich unser Loos nur im Geringsten verbessert und daß man uns vielmehr jeden Tag mehr beschränkt, gcmißhandelt und wie Misselhäter gemartert hätte. Wir wären hier auö der Welt verkannt; ganz Europa scy in Unwissenheit über unsre eigentliche Lage; cö scy unsre Pflicht sic ihm bekannt zu machen. Täglich erführen wir aus den Zeitungen, hinter welchem betrügerischen Schleyer man unfern Zustand verberge, die unverschämten groben Lügen, deren Gegenstand wir wären; wir müßten also die Wahrheit aufoecken. Sie würde dann vielleicht bis zu den Fürsten dringen, die sie ohne Zweifel nicht wüßten, würde den Völkern bekannt werden, deren Theilnahme tröstend für uns seyn, deren lauter Unwille uns am Ende selbst an unfern Henkern rächen würde:c.. Wir giengcn nun unser kleines Archiv durch. Der Kaiser vertheilte die Materialien, damit, wie er sagte, jeder das Seinige recht geschwind niederschreiben möchte. Der Tag verstrich jedoch ohne daß etwas in der Sache gethan wurde. Am folgenden — es war Freitag — wagte ich, sobald ich den Kaiser sah, ihn an den gcste- rigen Gegenstand zu erinnern, aber er schien sich viel weniger darum zu kümmern und sagte am Ende: wir wollen sehen. Auch dieser Tag vergieng wie der gestrige und ich stand wie auf glühenden Kohlen. 2n der Nacht kam, um mich aufs Neue zu sprechen, mein Bedienter, und wiederholte sein Anerbieten. 2ch sagte ihm, daß ich es benutzen würde und er dabei ganz unbedenklich seyn könne, weil ich ihm kein Verbrechen ansinnen und ihn keiner Gefahr aussetzcn wolle. Er antwortete: 2hm sey das ganz gleichgültig. Er werde jeden Auftrag übernehmen, nur müsse er mir sagen, daß er übermorgen, Sonntags, sich pünktlich einfindcn werde, ihn abzuholen, indem er Tags darauf wahrscheinlich abscgle. Am folgenden Tage — Sonnabends — eilte ich, als ich zu dem Kaiser kam, ihm dies leztcre zu melden und stellte vor, daß wir nur noch 24 Stunden Zeit Härten, aber der Kaiser sprach ganz gleichgültig von andern Dingen. 2ch war sehr betroffen, da ich 2S den Kaiser zu gut kannte, »in nicht zu missen, daß diese Sorglosigkeit, diese scheinbare Zerstreuung keineswegeS ein bloßer Zufall, oder gar eine bloße Laune sey; aber welche Grunde konnte er nur dazu haben? Dao lag mir den ganzen Tag über im Kopfe, ich war betreten und recht unglücklich. Die Nacht kam heran, und das nämliche Gefühl, dag mich den Tag über beunruhigt hatte, brachte mich um den Schlaf. 2ch gieng im Geiste recht schmerzlich alles durch, waö nur eiulgermaaßcn sich hierauf beziehen konnte, alS auf einmal mir ein Lichtstrahl in die Seele fiel. Was fodre ich auch von dem Kaiser, so fragte ich mich selbst. Kann er sich denn bis zu diesem Detail — zu Dingen, die so tief unter ihm sind — hcrablassen? Es ist klar, daß eine unterdrückte Abneigung, daß ein wahrer Ekel dafür an dem Schweigen schuld sind, daS mich betrübt. Aber dürfen wir darum die Gelegenheit ungenützt vorbei gehen lassen? Können wir ihm nicht dienen, ohne ihm weh zu thun? Jezt traten mehrere seiner Acußerungen mir wieder vor die Seele. Halte ich ihn nicht von der Sache in Kennlniß gesetzt, hatte er sie nicht genehmigt; was wollte ich mehr? Nun war rS meine Sache zu handeln; auch faßte ich augenblicklich den Entschluß, dabei vorwärts zu gehen, ohne ihm weiter etwas davon zu sagen und damit der Handel geheim bleiben solle, so wurde ich mir mir einig, alles allein zu machen. Vor einigen Monaten schon war es mir gelungen, den bekannte» Brief — eine Antwort an Sir Hudfon Lowe, in Betreff der Commissarien der Alliinen, sortzuschaffen, und es war dies bis >ezr das einzige Aktenstück, das nach Europa abgegangen war. Derjenige, der es bestellen wollte, brachte mir ein großes Stück Atlas und ich verbrauchte einen Tbeil desselben zu jener Schrift. Ein andres Stuck besaß ich noch davon und das war gerade was ich gebrauchte. So vereinigte sich denn Alles, um mich dem Abgrunde zuzuschlcuderu, in welchen ich stürzen sollte. So wie der Tag anbrach, gab ich meinem Sohne, auf dessen Verschwiegenheit ich rechnen konnte, den Rest Atlas, und er saß den ganzen Tag, um meinen Brief an den Prinzen darauf zu schreiben. Mein junger Mulatte hielt in der Nacht richtig Wort. Er war eine Art von Schneider, nähte sich selbst, was ich ihm anoer« traute, in seine Kleidungsstücke ein, und nahm dann Abschied von mir, wobei ich ihm, im Fall er noch einmal wieder käme, noch mehr mit- zugeben versprach, und ihm glückliche Reise wünschte, wenn ich ihn nicht ) Das Journal des Dvctor O'Meara sagt wie „ach einem Zeiträume von d Jahre», daß ich den Kaiser vollkommen errathe» hatte. 29 Wiedersehen sollte. Nun legte ich mich mir erleichtertem Herzen und mir der inner» Befriedigung zu Berte, daß ick mein Tagewerk recht glücklich vollbracht hatte. Der Gedanke, daß dabei der Faden, der mich an Longwood fesrbcmd, von mir mir eigner Hand zerrissen worden sei), lag fern von meiner Seele!! — Und ach! bald wird man erfahren, daß, ehe noch 24 Stunden verflossen, man diesen Brief zum Vorwand brauchte, mich von Longwood sortzuschleppen, und daß sich dann meine Person und meine sämmtlichcn Papiere in der Gewalt und freien Willkühr dcS Gouverneurs Sir Hudson Lowe befanden. Wenn man mich jezc fragt, wie ich so ganz ohne Mißtrauen bleiben.und keinen Verdacht schöpfen konnte, baß man mir eine Falle lege, so antworte ich, daß ich meinen Bedienten für ehrlich hielt, daß ich an seine Treue glaubte und noch nickt die geringste Idee von bestellten Anklägern, jener neuen Anstalt hatte, wovon die englischen Minister die Ehre der Gründung in Anspruch nehmen können, und weiche seitdem aus dem Continente schon so große Fortschritte gemacht hat. 3» i Meine Entführung von Longwood. Abgesonderte Einspcrmng ans St. Helena- Zeitraum von ohngefähr Sechs Wochen. MontagS am 25. November. Der Kaiser lies mich gegen Vier Uhr rufen. Er war mit sei« ncr Arbeit fertig und schien sehr zufrieden damit. „ Ich habe mit ! Bertrand den ganzen Tag Fortification getrieben, sagte er mir, und ^ die Zeit ist mir gar nicht lang geworden." Ich habe schon er» ^ wähnt, daß der Kaiser jezt Geschmack hieran findet. Das ist nur so ein Geschmack für den Moment und Gott weiß! wie viel der» gleichen Momente hier wertst find! ! Ich fand den Kaiser aus der Art von Rasenplatze, welcher an das Zelt grenzt; wir giengen dann in die Allee, die nach der ! Tiefe deö Gartens führt. Man brachte Fünf Apfelsinen auf einem j Teller sammt Zucker und einem Messer. Hier auf der Insel sind ! sie höchst selten zu haben, man bringt sie vom Kap und der Kaiser liebt sie sehr. Diese waren ein Geschenk von Lady Malcolm; der Admiral schickte welche, so oft er Gelegenheit fand. Wir waren ihrer Drei in diesem Augenblicke bei dem Kaiser. Er gab mir eine von jenen Apfelsine», um sie für meinen Sohn einzustecken. Die andern schnitt er selbst in Stücken, setzte sich auf einen Baumsturz, aß dann davon und theilte recht heiter und freundlich das Uibrige unter uns aus. Ich liberlies mich durch ein eignes Ver- hängniß dem Glücke dieses schonen Moments, ach! und war weit davon entfernt zu ahnen, daß dies das letzte Geschenk seyn sollte, das ich aus seiner Hand erhielt! Der Kaiser gieng dann cinigemale im Garten auf und ab und ! als der Wind kalt geworden war, in das Haus zurück. Ich mußte j ihm folgen und er gieng nun in dem Salon und Billardsaale nach ! ihrer ganzen Länge hin und her. ' Nachdem er nochmals von sei- 7,1 nein Tagewerke gesprochen und mich auch nach dem weinigen ge« fragt hatte, kam er auf seine Vermahlung, verbreitete sieh dabei über die Feste, welche das schreckliche Ercigniß bei Schwarzenberg herbeigesührt hatten, und ich nahm wir schon vor, daraus einen reche interessanten Artikel für mein Tagebuch zu wachen, alS sich der Kaiser aus einmal unterbrach, um durch das Fenster nach einer ansehnlichen Zahl englischer -Offiziere zu sehen, welche durch das Thor unsres Bezirks auf uns zu kamen; es war der Gouverneur von vielen seiner Leute umgeben. 2ezc erfuhren wir von dem ein- tretendcn Großmarschallc, daß lezterer schon am Morgen da gewesen und ziemlich lange bei ihm geblieben, auch übcrdcm noch eine gewisse Bewegung unter den Truppen wahrgenommcn worden sei,. Diese Umstande waren auffallend und man sicht was das böse Gewissen thut! 2ch dachte sogleich an meinen heimlichen Brief und eine innere Ahnung sagte mir, daß dicß alles mich angehe. In der That meldete man mir nach wenig Augenblicken, der englische Oberste, eine Kreatur von Sir Hudson Lowe, erwarte mich in meinem Zimmer. Ich gab durch ein Zeichen zu verstehen, daß ich mich bei dem Kaiser befände. Dieser sagte mir aber gleich darauf: „Gehen Sie Lieber! und sehen Sie zu, was das Thier von Ihnen will;" und alS ich nun schon gicng, rüste er mir noch zu: Kommen Sie aber ja bald wieder. Dieß waren die lcz- ten Worte die ich aus seinem Munde vernahm. Ach! ich habe ihn nie wieder gesehen! Diese Lame, der Ton mit welchem er sprach, klingt noch in meiner Seele nach. Wie oft habe ich mich der Erinnerung daran schon hingcgeben! Wie süß und wie schmerzlich zugleich kann ein solches Andenken seyn! Der Mensch, der mich rufen lies, war der Liebediener, der Helfershelfer des Gouverneurs, mit dem ich schon oft als Dollmct- schcr verhandelt hatte. Kaum erblickte er mich, als er mit einer recht wohlwollenden Miene und einer honigsüßen Stimme sich reche zärtlich nach meinem Befinden erkundigte. — Das war der Judaskuß — denn als ich ihn jezc durch ein Zeichen mir der Hand ersuchte, auf meinem Kanapee Platz zu nehmen und mich dabei selbst setzte, benutzte er diesen Moment, sich zwischen die Thürc und mich zu stellen, änderte nun plötzlich Gesicht und Sprache un? machte mir bekannt, daß er mich auf eine Dcnuneiation meines Bedienten, wegen heimlicher Correfpondenz, im Namen des Gouverneurs verhafte. Dragoner umringten schon mein Zimmer, alles Reden mar umsonst, man muffe fter Gewalt nachgeben, und ich wurde unter zahlreicher Eskorte sortgcbrachc. Der Kaiser bat, wie man späterhin finden wird, schriftlich geäußert, daß, alS er durch daS Fenster gesehen habe, wie ich von den Soldaten sorcaeschleppc 32 würde, und der zahlreiche Generalstab voller Freude mir den großen Federbüschcn um mich herum laufe, er an die wilde Freude der Völker im Südmecrc gedacht habe, wenn sie um das Schlachtopfer herumtanzen, das sie fressen wollen. Man hatte mich von meinem Sohne getrennt und leztcrn a!S Gefangenen in meiner Stube festgehalccn. Bald darauf brachte man ihn jedoch, ebenfalls unter Escorte, mir nach und von diesem Augenblicke an hörte plötzlich alle Gemeinschaft zwischen unö und Longwood für immer auf. Mau sperrte m,s beide in eine elende Hütte, in der Nähe der ehemaligen Wohnung der Familie Bcr- rrand. Ich mußte auf einer schlechten Streu und mein Sohn neben mir liegen, wenn er nicht auf bloßer Erde schlafen sollte. Er war nur wenige Tage zuvor, bei einem Anfälle von Pulsaderge- schwulst fast in meinen Armen gestorben und ich glaubte ihn noch in Todesgefahr. Bis 11 Uhr gab man uns nichts zu essen, und wenn ich, um für die Bedürfnisse meines Sohnes zu sorgen, von den Leuten die uns umgaben, einen Bissen Vrod verlangen wollte, so zeigten sich, ich mochte nun an Thür oder Fenster gehen, überall Bajonette zur Antwort. Dienstags am 25. und Mittwochs am 2L. November. Welch eine Nacht! die erste die ich zwischen vier Mauer» ein« gekerkert zubringen mußte! — Deich ein Gefühl! was für Betrachtungen ! Bei alle dem war der lczcc Gedanke am Abende und auch wieder der erste bei meinem Erwachen, der, daß ich jezt noch nur wenige Minuten von Longwood entfernt und dem ohnerachtet vielleicht durch eine Ewigkeit davon getrennt sey! — Des Morgens kam der Großmarschall, wie ich aus meiner Hütte sah, von einem Offiziere begleitet so nahe vorüber, daß ich ihm zurufen konnte. Ich fragte von meinem Gefängnisse aus, wie sich der Kaiser befinde. Der Großmarschall gicng nach Plantation- House zu dem Gouverneur; ahnt allen Zweifel meinetwegen, aber worin konnte wohl sein Auftrag bestehen? Waö mochte wohl nur der Kaiser denken, waS in dieser Angelegenheit verlangen? DaS kam mir gar nicht aus dem Sinne. Als aber dann der Groß- Marschall zurückkam, machte er mit traurigem Blicke eine Gcbehr- de, die wie ein Abschied auSsah und mi5 das Herz zusammen preßte. Noch an dem nämlichen Morgen kam der General Gourgaud und Herr von Montholon bis an die vormalige Wohnung der Frau von Bertrand, mir ziemlich nahe gegenüber. ES war ein süßes Gefühl für mich, sie zu sehen und die Zeichen ihrer Theilnahmc und Freundschaft wahrzunehmen. Vergebens haken sie gebeten mich besuchen zu dürfen; sie mußten, ohne ihren Zweck zu erreichen, dar von gehen. Bald nachher schickte Frau von Bcrtrand mir Apfel» sinen und lies mir sagen, sie habe so eben indirekte Nachrichten von meiner Frau erhalten, sie befinde sich wohl. Diese Besorgniß um mich, diese Beweise der Freundschaft aller meiner Gefährten zeigten mir, daß das Familicngefühl bei dem ersten Schlage des Unglücks erwacht, und ich fand in diesem Augenblicke eine Art von Genuß in meiner Gefangenschaft. Inzwischen war man, nach meiner Verhaftung, in meiner alten Wohnung nicht müssig geblieben. Ein Polizeicommissar, ganz ein neues Wesen in der Colonle, so viel ich weiß der erste auf brittt- schcm Boden gewagte Versuch dieser Art, hatte sein erstes Probe» stück an mir gemacht. Er hatte mein Schreibcpult durchwühlt, die Schubkasten aufgcsprcngt, sich aller Papiere bemächtigt, und um seine ganze Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit zu zeigen, dann die Betten auseinander, die Kanapceüberzüge herunter gerissen und sogar von dem Aufheben des Fußbodens gesprochen. Der Gouverneur, der nun Herr aller meiner Papiere war, setzte sich mit acht oder zehen -Offizieren in Function, um sie mir trium- phirend vorzulegen. Er war mir gegenüber in der ehemaligen Wohnung der Frau von Bertrand abgetreten und lies mich fragen, ob ich dorthin kommen wolle, um bei deren Inventur gegenwärtig zn seyn, oder ob ich vielleicht vorzöge, daß er zu mir käme. Ich antwortete, daß da er mir die Wahl lasse, letzteres mir angenehmer seyn würde. Als nun alle Welt Platz genommen hatte, stand ich auf, um gegen die unschickliche Art, wie ich von Longwood fortgerissen worden scy und über die Illegalität, womit man in meiner Abwesenheit meine Papiere versiegelt habe, laut zu protestircn. Ich protcstirte ferner gegen die Verletzung des Geheimnisses derjenigen Schriften, in welchen ich meine verborgensten Gedanken niedergclegt hätte, die nur für mich vorhanden wären, von denen bis jetzt noch kein Mensch etwas wisse. Ich sprach gegen den Mißbrauch der Gewalt bei dergleichen Dingen. Ich sagte Sir Hudson Lowe, wenn er glaube, daß die Umstände erforderten, daß er Keniitnig von diesen Schriften nähme, es eine Ausgabe für seine Klugheit > wäre, dies zu veranstalten , daß mich übrigens das Lesen derselben gar nicht in Verlegenheit setze, daß ich es aber mir selbst und der Sache schuldig sey, ihn deshalb verantwortlich zu machen, nur der Gewalt zu weichen und einen solchen Akt nicht durch meine Zustimmung als gültig anzuerkcnnen. Diese von mir in Gegenwart aller dieser Offiziere gesprochenen Worte waren dem Gouverneur höchst unangenehm. Erzürnt rufce p. Loses Tazeb. 11. Dd. b 34 er auS: Herr Graf! verschlimmern Sie Ihre Lage nicht noch mehr, sie ist schon schlimm genug! Es sollte nies wahrscheinlich eine An- spielung auf die uns oftmals angedrohte Todesstrafe seyn, dafern wir dem hohen Gefangenen zu seiner Flucht bchülflich seyn wurden. Er zweifelte nicht einen Augenblick, daß meine Papiere ihn zu gro< ßen Entdeckungen führen mußten. Gott mag wissen, welche Vor« Heilungen er sich hierüber machte. Als das Lesen beginnen sollte, rüste er den General Bingham, zweiten Commandanten der Insel auf, persönlich daran Theil zu nehmen. Allein daS Zartgefühl und dir Begriffe dieses ManncS waren von den seinigen sehr verschieden. „Sir Hudson Lowe, antwortete er mit einer sehr deutlichen Abneigung, ich bitte Sie, mich zu entschuldigen; ich glaube nicht, daß ich diese Art französischer Schrift lesen könnte." ' Ich hatte eigentlich nichts dagegen, daß der Gouverneur meine Papiere einsah und sagte ihm daher, ich wolle ihm — nicht alS Richter oder alö »Magistratsperson, denn er sei für mich weder das eine noch das andere — aber sonst auf gütlichem Wege, aus blo« ßer Nachgiebigkeit, recht gern gestalten, meine Papiere durchzugchcn. Er fiel nun sogleich über mein Tagebuch her und man stelle sich jetzt die Freude vor, die er hatte, als er hier nun alles zu finden hoffte, was von einem Tage zu dem andern in unsrer Micce zu Longwood vorgegangen. Das Werk war schon so angeschwollen, daß eine Inhaltsanzeige und eine Angabe der Kapitel vor jedem Monate stand. Sir Hudson Lowe, der hier so oft seinen Namen sah, schlug gleich die bezeichnecen Seiten auf um daS Nähere nachzulesen. Ich bemerkte ihm, daß wenn er hierbei oft Gelegenheit finde, seine Langmulh zu üben, dies nicht mein Fehler sei, sondern vielmehr seine Indiskretion die Schuld trage — es sei jedoch diese Schrift ein tiefes Teheimniß, von welchem niemand wisse und selbst der Kaiser, den sie einzig und allein betreffe, habe nur die ersten Zeilen davon gelesen. Zudem sei sie bei weitem noch nicht fertig und werde mithin noch lange von mir geheim gehalten werden. Sir Hudson Lowe hatte nun schon zwei bis drei Stunden mein Tagebuch durchblätkcrc und jetzt sagte ich chm, es sei meine Absicht gewesen, daß er eine vollständige Idee davon erhalten solle; nun sei cs aber genug und ich hielte mich aus mehrcrn Gründen für verbunden, so viel in meinen Kräften stehe, ihm das Weiterlcsen zu versagen. Er könne nun zwar dabei Gewalt brauchen, ich wolle aber hiergegen und gegen jeden Mißbrauch seiner Autorität hiermit protestier». ES machte mir Vergnügen zu sehen, daß ihn, daS höchst ungelegen war; er besann sich selbst einige Zeit, am Ende hatte jedoch meine Protestation ihre volle Wirkung und mein Tage» buch wurde nicht weiter angerührt. Zch Hütte diese Protestatio» auch auf meine übrigen Papiere ausdehnen können, aber auf diese nahm ich keine besondere Rücksicht und so verursachten sie während mehrerer Tage die allergenaueste Durchsuchung. Mein letzter Wille befand sich versiegelt darunter. Zch mußte das Couvert öffnen und eben so ging es mit andern Schriften dieser Art. Man kam auf den Boden eines Portefeuille, wo mehrere Sachen lagen, die ich seit meiner Entfernung aus Europa nie an» zurühren gewagt hatte. Alles mußte aufgemacht werden. Es sollte dies nun einmal ein Tag seyn, an dem viele Gemüthsbewcgungen zusammen kamen. Mein Herz brach bei dem Anblicke so theurer Erinnerungen, die ich seit dem Augenblicke der schmerzlichsten Treu» nung verborgen hielt und ich mußte schnell das Zimmer verlassen. Mein Sohn, der zurück blieb, sagte mir nachher, daß der Gonvcr» neur selbst bei dieser Scene nicht unempfindlich geblieben wäre. i Donnerstags am 28. bis Sonnabend am 30. November. ; Heute den 28. wurden wir auS unsrer elenden Hütte erlöst und ! nach der eine Stunde davon entfernten, Herrn Balcombe unserm s Wirth von Briars gehörigen Chaumicre (siehe die Charte) gebracht. Die Wohnung war zwar klein, aber doch recht erträglich und dem nahen Longwood geradeüber gelegen, das aber durch mehrere Ab- i gründe und steile Höhen davon getrennt ist. Wir wurden von einem Detachement des 66sten Regiments bewacht und waren von einer Menge von Posten umgeben, die niemand zu uns ließen. Ein Offizier war dort, wie sich Sir Hudson Lowe sehr höflich aus- 1 drückte, zu unserm Befehle und unsrer Bequemlichkeit. Alle Com- ^ munication blieb auf das Ernstlichste untersagt und man hütete uns mit der größten Strenge. Auf dem ober» Rande unsers Felscn- grunds lief ein Weg hin. Dort zeigte sich der General Gourgaud in Begleitung eines englischen Osficiers. ES machte uns glücklich zu sehen, wie er sich alle Mühe gab, uns so nahe als möglich zu f kommen und mit herzlicher Freude erwiedetten wir die Grüsse und Zeichen der Liebe unsers Gefährten. Die gute, treffliche Frau von Bercrand schickte uns abermals Apfelsinen und da uns nicht erlaubt war, ihr ein Wort deS Danks zu schreiben, so mußten wir uns darauf beschränken, ihr einige Hände voll Rosen zu schicken, die wir in unserm Gefängnisse pflückten. Am folgenden Tage besuchte uns Sit Hudson Lowe in unsrer neuen Wohnung. Er wollte wissen, wie ich die Nacht gelegen hätte. Zch führte ihn in ein anstoßendes Gemach und zeigte auf eine an ^ der Erde liegende Macratze. So war eS auch mir Essen und Trin- 36 ken gewesen. „Ich sage Ihnen das, äußerte ick, weil Sic mich fragen, obschon ich darauf wenig Wcrch lege." Er war jetzt im hohen Grade auf diejenigen erzürnt, welche den Auftrag erhalten hatten uns cinzurichcen, und schickte uns nun das Essen aus seiner Küche in Plantationhouse, das zwei Stunden entfernt liegt, biS man für unsre Bedürfnisse besser gesorgt hatte. Da wir uns nun einmal in diesem neuen Gefängnisse befanden, so mußten wir auf Beschäftigung denken, um die Langweile zu vertreiben. Ich theilte die Stunden ein, uni den Tag auszusüllen, gab regelmäßig meinem Sohne Unterricht in Geschichte und Ma- thematik, dann wurde gelesen und in den Zwischenräumen gingen wir innerhalb unsers Bezirks umher. Für Sancc Helena war der -Ort nicht unangenehm, es gab dort einiges Grün und mehrere Bäume, eine Menge von Hühnern zur Consumlion in Longwood, auch Perlhühner und anderes großes Geflügel, das wir bald an uns lockten. Gefangene sind sinnreich und mitleidig. Des AbendS wurde im Kamin Feuer angezündct, ich erzählte meinem Sohne Familiengeschichten, machte ihn mit meinen häuslichen Angelegenheiten bekannt, nannte ihn die Namen derer, die mir im Leben sieb irgend wohlwollend erwiesen oder mir besondere Dlenlte erzeugt hatten und lies sie von ihm aufschreibcn. Im Ganzen waren unsre Tage traurig und melancholisch, aber doch ruhig und daher nicht ganz ohne eine gewisse Annehmlichkeit. Ein Gedanke, der uns nie verließ, war uns aber höchst schmerzlich. Der Kaiser war in der Nähe, fast vor unfern Augen, und doch bewohnten wir zwei verschiedne Welten; die Trennung war so gering und doch hatte alle Mittheilung aufgehörc! Dieser Zustand hatte etwas Schreckliches. Ich war nicht mehr bei ihm — und eben so wenig bei den Mcinigen, die ich ihm zu Liebe verlassen hatte; waS blieb mir denn nun noch übrig? — Mein Sohn theilte diese Gefühle ganz; der gute Junge, der bei seinem jugendlichen warmen Blute über unsre Lage ganz außer sich war, erbot sich in einem solchen lebhaften Momente, die nächtliche Finsterniß zu benutzen, um die Schildwachen zu täuschen, dann über die Abgründe und jene steilen Hohen zu klettern und sich bis zu Napoleon zu schleichen und mir, wie er gewiß versichere, noch vor Tagesanbruch Nachricht von ihm zu bringen. Ich suchte ihn zu beruhigen, denn wenn seine Unternehmung auch ausführbar gewesen wäre, würde es doch nur ein persönliches Interesse befriedigt haben, hätte aber dabei die aller nachtheiligsten Folgen herbeiführcn können. Der Kaiser hatte mit mir so oft und so viel gesprochen, daß ich nicht glaubte, daß er mir etwas zu sagen haben werde, und wäre der Versuch meines SohneS entdeckt worden, was für ein Lärmen hätte man nicht erhoben, welche Wichtigkeit hätte der Gouverneur der Sache gegeben, welche verkehrte Dinge hätte man erfunden und vorgebrachc! Sonntags am 1. bis Freitags am 6. December. Inzwischen verstrichen die Tage unsrer Gefangenschaft, ohne daß der Gouverneur, ob er uns schon fortan oft besuchte, von Geschäften sprach; nur hatte er durchblicken lassen, daß unser Aufenthalt auf der Insel in diesem abgesonderten Zustande, sich wohl bis aus die Ankunft von Antworten aus London verziehen könne. Gegen acht Tage waren nun schon verflossen, ohne daß man die mindeste Spur einer wcitern Entwickelung der Sache entdecken konnte. Dieses passive, unlhäligc Verhalten war nicht in meiner Natur. Die Gesundheitöumstände meines Sohnes waren mitunter höchst beunruhigend. Von aller Gemeinschaft mit Longwood ganz adgcschnilten, blieb ich gänzlich mit mir selbst allein. Ich dachte über meine Lage nach, entwarf einen Plan und nahm meine Parthie. Ich wählte daS Aeußerste und dachte, wenn cS von dem Kaiser genehmigt würde, könnte es wohl Nutzen bringen, im Falle er es aber nicht wolle, so wäre ja nichts leichter, als zurückzutreten. Ich schrieb hierauf dem Gouverneur nachstehenden Brief: „Mein Herr Gouverneur! — In Folge einer Schlinge, die mir mein Bedienter gelegt hat, bin ich am 25stcn dieses Monatö von I Longwood entführt worden, und man hac dabei alle meine Papiere i in Beschlag genommen. Ich hatte allerdings die Beschränkungen übertreten, denen ich mich unterworfen habe. Sic haben aber in Beziehung auf diese Beschränkungen mir weder mein Ehrenwort abverlangt, noch sonst deren Beobachtung von meiner Delikatesse abhängig gemacht; denn in diesem Falle waren sie mir gewiß heilig gewesen. Sie haben bloß Strafen auf die llebcrcretung gesetzt, und auf diese hin habe ich cs gewagt; Sie haben dann diese Bestrafung nach ihrer Fantasie bestimmt, und cs ist von mir nichts dagegen eingewcndct worden. BiS hicher ist alles in der besten Ordnung; aber die Strafe muß doch ihre Grenzen haben, wenn daS Vergehen nicht grenzenlos ist. lind was ist denn nun eigentlich geschehen? — Zwei Briefe sind ohne Ihr Wissen abgcschickt worden. Der eine an den Prinzen Lucian, enthalt die Erzählung des» ^ scn, waS wir erfahren haben. Er würde durch Ihre Hände gegangen scyn, hatten Sie mir nicht sagen lassen, daß wenn ich meine Correspondcnz in der bisherigen Maaße forisetzte, Sie meine Entfernung vom Kaiser anbcschlcn würden. Der zweite ist nichts als eine freundschaftliche Mitiheilung. Inzwischen hat dieser Vorfall veranlaßt, daß all« meine Papiere sich in Ihren Händen befinden. 38 Sie haben die allcrgebeimsten unter ihnen schon gesehen. Ich habe cö Ihne» bei Ihren Nachsuchungen so leicht gemacht, daß Sie aus Ihr b'oßrs Privatverlangen selbst alles das durchsehen dursten, was noch keinem Menschen als mir bekannt war, was aus noch ganz ungeformlen Gedanken bestand, die in jedem Augenblicke geändert, verbessert, berichtigt werden konnten — mit einem Worte, meine geheimsten Gedanken, das bloße Chaos meiner Ideen. Ich habe Sic auf diese Weise überzeugen wollen, auch — ich appellire des» falls an Ihre Ehrlichkeit: — wie ich hoffe, wirklich überzeugt, daß in der Masse von Papieren, welche Sie summarisch durchgeschen haben, sich nichts befindet, was den höhern und wichtigem Theil Ihres Dienstes angeht. Kein Komplot, keine Verbindung, nicht die entfernteste Idee, die auf eine Flucht Napoleons Beziehung hätte. Es war unmöglich etwas der Art zu finden, weil es nicht vorhanden ist. Wir halten diese Flucht für unmöglich und denken nicht daran. Ich sage dicß nicht zu meiner Vertheidigung. Nein, ich würde vielmehr mir Freuden die Hand dazu geboten, ich würde diese Flucht gern mit meinem Leben bezahlt haben, wenn ich nur eine Möglichkeit dazu gesehen hätte. Bei einem solchenMärtyrer« tode der treuen Ergebenheit hatte ich ja in allen edlen großmüth!« gen Seelen fortlcben müssen. Aber ich wiederhole hiermit, daß kein Mensch diese Flucht für möglich halt und niemand daran denkt. Der Kaiser Napoleon wünscht noch immer, eben so, wie an jenem Tage, wo er frei und auf Treu und Glauben sich auf den Bellerophon begab, einige ruhige Tage unter dem Schutze der Gesetze in Amerika oder selbst in England zu finden. „Die jetzt die Sachen stehen, protestire ich aus allen meinen Kräften, ich widersctze mich feierlich dem fernem Durchlesen — ich könnte sagen aller meiner geheimen Papiere — beschränke mich aber auf diejenigen, die ich mein Tagebuch nenne. Ich bin diese MaaSregcl der Ehrfurcht schuldig, die ich für die erhabene Person hege, welche immerwährend darinnen vorkommt, ich bin sie der Achtung für mich selbst schuldig. Ich verlange daher von zwei Dingen das eine: entweder, wenn nach Ihrer gewissenhaften lieber« zeugung diese Papiere Ihrem großen Gegenstände nichts angchcn, selbige mir aus der Stelle zurückzugcben, oder, wenn Sie glauben, daß, nach dem was Sie davon gelesen haben, mehrere Parrhicen davon, ihrer Natur nach, Ihren Ministern vorgelegt werden müssen, dann fordere ich, daß Sie ihnen das Ganze zusenden und mich demselben in Person Nachfolgen lassen. Es ist darin zu oft Rede von Ihnen, mein Herr, als daß Ihr Zartgefühl es Ihnen nickt zur Pflicht macken sollte, die eine oder die andere dieser beiden.Partheien zu ergreifen. Sic können nicht diese Gelegenheit, mehr als 39 ich es gestattet habe, benutzen wollen, um Dinge darin zu lesen, welche Ihre Person betreffen. Zu welchem Mißbrauche Ihrer Au« toritat möchten Sie nicht vielleicht hierdurch verführt werden und nie würden Sie eS wohl hindern, daß man nicht dann einen Zu« sammenhang zwischen der Schlinge, die mir gelegt worden ist, und dem großen Lärm, den man von einer höchst geringfügigen Sache gemacht hat, finden könnte? „Wenn ich dann in England angekommen bin, werde ich eben so die Minister fragen und die ganze Welk zu Zeugen ausrufen, von welchem Wcrthe denn in den Augen des Gesetzes eine Schrift scyn kann, worin die Gespräche, die eignen Dorre, vielleicht mitunter selbst die Gebehrdcn des Kaisers Napoleon, mit der Sorglosigkeit, die man bei einer ganz im Verborgnen bleibenden Sache für erlaubt hält, Tag für Tag angegeben sind. Ich werde sic insonderheit fragen, ob ich nicht das größte Recht auf Unverletzbarkeit deS Geheimnisses wegen eines jeden Theils einer Sammlung habe, die bis jetzt noch nichts als meine hingcworfcne Idee war, mithin eigentlich noch gar nicht epistirt und in Wahrheit nur rohe Materialien enthält, von denen ich ohne mir ein Gewissen zu machen, alles ab- läugncn kann, indem ich darüber nirgends mit mir selbst im Reinen war, worin ich jeden Tag, in Folge eines neuen Gesprächs, Zrrlhümer berichtigte, die bei einem früher» vorkamen, Irrthümer, die da so unvermeidlich sind und so häufig staic finden müssen, wo von der einen Seite der Sprechende sich unbeachtet glaubt, und von der andern der Schreiber an keine GcwährSIeistung denkt. Was Sic bcirifft, mein Herr, so ist Ihnen la, wie wir uns einander jetzt gegenüber stehen, nichts leichter, als, sobald Sie glauben, daß Sie sich über die Meinungen und die Handlungen, welche dort in Beziehung auf Ihre Person Vorkommen, zu beklagen haben könnten, Mann zu Mann mir meine Fehler Nachweisen. Sie können mich nicht glücklicher machen, als wenn Sie mir Gelegenheit verschaffen, gerecht zu scyn, und Sie werden gewiß in Folge dieser Aufklärungen, welches auch die Meinung sei, die ich persönlich hege, wenigstens meiner Rechtlichkeit und meiner Liebe zur Wahrheit Gerechtigkeit wicderfahren lassen müssen. „Was Sie nun aber auch über mich beschließen möchten, mein Heer Gouverneur, so nebme ich doch von diesem Augenblicke an, so viel solches »ur die Lage, worin ich mich befinde, erlaubt, meine bisherige freiwillige Unterwerfung zurück, in welche ich mich Ihnen gegenüber gestellt hatte. AlS ich mich dazu bereit finde» lies, sagten Sie mir, daß cS mir immer noch frei stehen werde, memcn Entschluß zu widerrufen. Von nun an also trete ich in die Rechte eines jeden Bürgers ein Ich stütze mich aus Ihre Civil- gcsctze und appellier an Ihre Tribunale. Ich bitte dabei um keine Gunst, sondern verlange nur Recht und Gerechtigkeit. Ich glaube, Herr General, daß Sie zu viel Achtung für Ihre Gesetze haben und zu viel natürliches Rechcsgcfühl in Ihrem Herzen tragen, alS daß ich Sie zu beleidigen fürchten müßte, wenn ich erst noch be. merken wollte, daß Sie wegen aller Verletzungen dieser Gesetze in Beziehung auf mich, sie mögen nun direkt oder indirekt erfolgen, verantwortlich bleiben. Ich zweifle, daß der Buchstabe Ihrer In» struktion, der Sie vielleicht veranlassen könnte, mich mehrere Monate lang hier oder auf dem Kap gefangen zu halten, Sie gegen den Geist eben dieser Instruktion schützen werde, welchen die Kraft, di« Obergewalt und die Hoheit der Gesetze in Anspruch nimmt. „Wenn ich recht verstanden habe, schreibt Ihre Instruktion Ihnen vor, jede zu dem Etablissement von Longwood gehörende Person, che Sie solche frei lassen, noch eine Zeitlang hier zu behalten. Dies kann wohl keinen andern Zweck haben, als die Verbindungen, die man mit diesem schrecklichen Kerker haben könnte, zu stören und veralten zu lassen. Nun hat aber schon die Art und Weise meiner Fortschaffung hingereicht, um diesem Zwecke Genüge zu leisten. Man hat eS mir ganz unmöglich gemacht, irgend einen Gedanken, den ich gehabt haben könnte, mit sortzunehmen, hat mich gleichsam ganz Unerwartet todtgeschlagen. Und wenn ich übrigertö als ein Angeklagter, als ein Mensch der sich in Untersuchung befindet, nach England geschickt werde, so wird man, im Falle ich schuldig befunden würde, gewiß Maasregcln nehmen, um dem Nacktheit, zuvorzu» kommen, den man verhindern wollte. Findet man mich aber nicht schuldig, so wird immer noch die Alien-Bill und meine freiwillige Unterwerfung unter alle, selbst willkührliche Maasregeln, die man dcsfalls gegen mich nehmen zu müssen glauben dürste, übrig bleiben. „Ich habe, mein Herr Gouverneur, ohne Ihr Vorhaben in Beziehung auf meine Person zu kennen, mir selbst das allerharteste Opfer auferlegt. Nur wenige Schritte von Longwood entfernt, trennt mich dennoch eine Ewigkeit davon. Gräßlicher Gedanke, der mein Herz zerreißt und mich ohne Unterlaß verfolgen wird! Nur erst vor wenigen Tagen haben Sie mir durch die Drohung, daß ich außerdem von dem Kaiser Napoleon weggerissen werden solle, die äußerste Unterwerfung abgelockt. Jetzt können Sie mich nicht wieder zu ihm zurückschicken. Ich bin bei meiner Verhaftung, die fast unter seinen Augen erfolgte, beschimpft und kann von nun an nicht mehr ein Gegenstand des Trostes für ihn seyn. Der Anblick eines so entehrten Mannes könnte nur schmerzliche Erinnerungen in ihm erregen. Und gleichwohl war, ihn zu sehen, mich seiner Pflege zu weihen, mir theurcr als das Leben. Aber vielleicht wird man fern von hier Mitleid mit mir haben. ES ahnet mir, daß ich zu» rückkchren werde und zwar auf eine Weise, die meine Ehre wieder herftellt und wobei ich alle mit mir nehmen kann, die mir lieb und cheucr sind, um dann mir ihnen fromm und treu das unsterbliche Wesen zu umgeben, das ein ungesundes Clima, so wie Unredlichkeit und Grausamkeit der Menschen auf einem Felsen am Ende der Welt nach und nach aufreiben müssen. Sie haben, mein HerrGou- vcrneur, von Ihrem Kummer gesprochen, wir ahnctcn gar nicht, sagten Sie, welche Pein Sie zu erdulden hätten. Allein Zeder kennt und fühlt vor allem Andern nur den eignen Schmerz. Sic ahnen den Trauerflor nicht, welchen Sie über Longwood ausbreiten. Ich habe die Ehre re." Jetzt halte die Correspondenz mit Sir Hudson Lowe einmal be. gönnen und ich blieb nun nicht mehr müssig. Ich schrieb ihm am folgenden Tage anderweit, daß ich, in Beziehung auf meinen gestrigen Brief, ihn auf authentische und offizielle Weise anffodcre, mich von Sankt Helena zu entfernen und nach Europa nüzuschlk- kcn. Am folgenden Tage thac ich ein Gleiches io Hinsicht auf meine Verhältnisse und meine häusliche Lage. ! „In meinen beiden frühem Zuschriften, so meldete ich ihm, wovon die eine wie die andere meine politische Lage betraf, hielt ich es für unpassend und des Hauptgegcnstandes derselben unwür- big, auch nur ein Wort von meinen häuslichen Verhältnissen ein« fließen zu lassen; aber nun, da ich in Folge iener beiden Briefe in die Zahl der Ihnen Untergeordneten und in die Kategorie eines bloß zufällig auf der Insel befindlichen Fremden getreten zu scyn glaube, stehe ich nicht länger an, Sie mit dem Schrecklichen meiner eignen Lage bekannt zu machen. Sie kennen den furchtbaren Gesundheitszustand meines Sohnes. Sie sind gewiß durch kunstvcr« ständige Personen genau davon unterrichtet. Seit dem Augenblicke, wo das theure und heilige Band zerriss?» wurde, das unö an Long- wood fesselte, haben sich alle seine Gedanken, Wünsche und Hoffnungen mit Heftigkeit nach Europa gewendet, und sein Uebel ver- ^ schlimmere sich thcils durch seine Ungeduld, theils durch die Macht ' der Einbildungskraft, und dieses sein physisches Leiden erhöht, so weit es nur möglich ist, mein moralisches, indem ich zugleich mein Herz und meinen Geist bekämpfen muß. Mit Entsetzen fühle ich mich verantwortlich, ihn mit hieher gebracht zu haben; ick erkenne meine Schuld, wenn man ihn hier zurückhält. Was soll ich der Mutter antworten, wenn sic ihn von mir sodrrt? Was soll ich dem müssigen, selbst gleichgültigen Haufen sagen, der stets bereit -um Richten und zum Verdammen ist. Ich spreche nicht von »iri- ner eignen Gesundheit; bei diesem unruhigen und qualvollen Leben lege ich keinen Werth darauf. Gleichwohl befinde ich mich in ei» nem Zustande ganz offenbarer, Mitleid erregender Schwäche, seitdem Ich die Triebfeder nicht mehr vor Augen habe, welche alle Kräfte meiner Seele in Spannung erhielt. Mein Körper erliegt nun den ^ schrecklichen Zerstörungen, welche ein anderthalbjähriger Kampf bei so unaufhörlichen Prüfungen und unglücklichen Ereignissen, die alles ! Ersinnliche übersteigen, wohl hervorbringcn mußte. Ich bin nicht mehr an der Seite des erhabenen Gegenstandes, dem ich mir Freu. ! den jedes Opfer brachte, und dennoch wie zuvor entfernt von den Meinigen, die ich nur mir zerrißnem Herzen verlassen konnte. Dieses unter beide gecheilte Herz entbehrt nun den einen wie die an- dcrn, verliert sich in einen Abgrund und wird diese Pein nicht lange , ertragen können. Ich überlasse es Ihnen, Herr Gouverneur, das Gewicht dieser Betrachtungen zu prüfen. Bringen Sie nicht zwei ! Menschen auf einmal ums Leben. Ich bitte Sie, uns nach Eng« j land zu schicken, wo wir den Beistand der Kunst in jeder Art finden werden. Es ist dies die erste und soll zugleich die letzte Bitte seyn, die ich an Sie oder Ihren Vorgänger gcchan habe. Der unglückliche Zustand meines Sohnes besiegt meinen Stoizismus. Wird er auch Sie zur Menschlichkeit bewegen? — Es giebt außerdem noch eine Menge von Gründen, die Sie zu diesem Entschlüsse führen könnten; mein Brief vom ZO. November enthält sie insgcsammt. Ich will Ihnen nur noch den einzigen hinzufügen, daß Sie dadurch eine schätzbare Gelegenheit erhalten, aller Welt die vollkommenste und seltenste Unpariheilichkeit zu beweisen, indem Sie , selbst Ihren Ministern einen Ihrer entschiedensten Gegner zusenden." j Nach Empfang dieser Briefe kam Sir Hudson Lowe zu mir ' und läugnekc, was den ersten betrifft, sogleich, daß er mir durch l nieinen Bedienten eine Schlinge gelegt habe. Er gab jedoch zu, daß ich die Sacke leicht so habe ansehen können. Wie konnte es wohl anders seyn, sagte ich zu ihm; dieser Bediente war, che man wir ihn nahm, mehrmals von der Behörde mir abverlangt worden, ! und nun kan, er srcundlick, um mir seine Dienste bei seinem Ab- ! gange nach Europa anzubicten. Er versickerte, daß es ihm nickt ^ schwer fallen würde, ins Geheim bis zu mir zu gelangen und meine , Aufträge abznbolen; auch kam er wirklich zu mehrerenmalen, der strengen Bewachung ungeachret, die um uns her statt fand. Wie ! dem auch scnn mag, Sir Hudson Lowe gab mir sein Ehrenwort über diesen Punkt, und so mußte ich ihm sreilich glauben. ! Er bestritt sodann einige Stellen meiner Briefe, verweilte ins- j besondere bei verschiedenen Ausdrücke», bei denen er mir auf eine freundschaftliche Weise auseinander setzte, daß sic ihm unangenehm seyn müßten und fand mich nicht blos hierbei/ sondern auch bei vielen andern Gelegenheiten willfährig. Meine gewöhnliche Antwort i war, daß er doch nur die Feder nehmen und die Worte, die ihm mißfielen, ausstrcichen oder abändern möchte. 2ch verschone die Leser mit einer ziemlich voluminösen Corre- spandenz, die sich stets um einen und denselben Gegenstand drehte. Ich brauche darüber nur so viel zu sagen, daß Sir Hudson Lowe ' im Allgemeinen anfangs nicht antwortete, sondern selbst kam, um, ! wie man eben gesehen hat, mit mir mündlich über die eben erhal- tenen Briefe sich zu besprechen und dabei einige Rasuren zu erlangen, worauf er denn beim Fortgehen weitläustige Antworten versprach, die er aber weder damals noch späterhin ertheilt hat, nur l Lies hat man mir von England aus geschrieben, daß er jetzt periodische Schriften oder Libellisten bezahle, um das Tagebuch von St. ^ Helena zu zerfleischen und dessen Verfasser zu beleidigen. Da er bei jenen zahlreichen mündlichen Gesprächen über meine Briese, außer einigen Rasuren in Beziehung auf gewisse Ausdrücke, nichts von Bedeutung von mir erlangen konnte und durchaus nicht seinen eigentlichen Zweck erreichte, so ging er davon ab, bezeichncte i mich aber jedermann als einen äußerst feinen, sehr gefährlichen Men- j schen, denn für ihn war man freilich schon sehr fein, sehr verschmitzt und sehr zu fürchten, wenn man nicht dumm genug war, j gerade das zu lhun, was er gern haben wollte, oder sonst recht tölpisch in seine Fallen zu gehen. Bei alle dem habe ich ihm, ^ wenn schon das Gefangenseyn, der Mangel an Beschäftigung und strenge Behandlung den Scharfsinn bisweilen weckt, nur einen einzigen Streich gespielt, den ich eben erzählen will. Wir waren ja !m Kriege mit cinanber und das Recht des Gefangenen, seinen Kerkermeister zu betrügen, ist anerkannt. Ich habe schon zu Anfänge gesagt, daß mir der Kaiser bei der Abfahrt nach Sanct Helena ein sehr kostbares Diamantcnhalsband heimlich anvenraute. Gewohnt, cs immer zu tragen, dachte ich so wenig mehr an dieses Kleinod, daß cs mir erst mehrere Tage nach meiner Verhaftung und auch da bios in Folge eines Zufalls wieder einfiel. Welch ein Schrecken für mich! Bei der Art wie ich bewacht wurde, sah ich keine Möglichkeit, es dem Kaiser, der gewiß i eben so wenig als ich daran gedacht hatte, wieder zuzustcllen. Endlich entschloß ich mich, Sir Hudson Lowe selbst dabei zur Mittelsperson zu machen. Ich bac um die Erlaub,nß, von meine» Gefährten Abschied zu nehmen und schrieb dann folgenden Brief, „Mein Herr Großmarschall! — Da man mich aus Ihrer ^ Mitte gerissen und mich mir selbst überlassen hat, so bin ich, bei dem Entbehren aller Gemeinschaft mit Ihnen, in Fassung irgend ! eines Beschlusses blos aus meinen Verstand und mein eignes Ge» . suhl beschränke. Was ich aber beschlossen, habe ich dem Gouvcr- ncur Sir Hudson Lowe unter dem Losten des vorigen MonatS offiziell miegeeheilc. Um der Freiheit zu entsprechen, die mir gelassen ist, enthalte ich mich eines jeden weitern Wortes davon und ver- lasse mich vielmehr darauf, daß die oberste Behörde das Zartgefühl besitzen werde, Ihnen, wenn je von einem Thcile desselben Rede seyn sollte, meinen ganzen Brief mitzutheilcn. 2ch folge meinem Geschicke. „ES bleibt mir nichts übrig als Sie zu bitten, meine Ehrfurcht, meine Liebe, meine innigsten Wünsche zu den Füßen dcS Kaisers zu legen. Mein Leben bleibt für immer seinem Dienste geweiht. Nur indem ich seiner erhabenen Person nahe war, konnte ich noch glücklich seyn. „Bei dem Mangel an allem Notwendigen, worin Sie sich unglücklicher Weise insgesamt befinden, hätte ich sehr gewünscht, 2H- ! nen einige Diamanten meiner Frau — ein Halsband — das Schcrflein der armen Wictwe! zurücklasscn zu können; aber wie darf ich cs wagen es 2hnen anzubiccen? — Ich habe ein Gleiches oft mit 4000 LouiSd'or versucht, die ich besitze und über wel- che ich in England diSponiren kann; ich wiederhole gern auch diesfalls meine Anträge. Die neue Lage, in welche ich gerathcn bin, wie sie sich auch gestalten möchte, darf hierbei nichts ändern. 2ch werde stolz auf meine Armuth seyn! Schildern Sie dem Kaiser nochmals — ich bitte Sie darum Herr Marschall! — meine Ergebenheit, meine Treue, meine unerschütterliche Beständigkeit. „Und Sie, meine thcuern Gefährten in Longwood, vergessen Sie mich nicht! 2ch kenne 2hre Entbehrungen, ich kenne 2hre Leiden; ich trage die Wunden davon in meinem eignen Herzen. 2ch war 2hncn wenig, als ich mich bei 2hnen befand, aber Sie sollen sehen, waS ich 2hnen in der Ferne seyn will, wenn man anders so menschlich ist, meinem Eifer und meiner Sorgfalt keine Hindernisse in den Weg zu legen. 2ch umarme Sic Alle zärtlichst und bitte Sie, Herr Großmarschall, insbesondere, von den Gefühlen meiner tiefsten Hochachtung und Ehrfurcht überzeugt zu seyn. ! „N. S. Dieser Brief war 2hnen längst bestimmt. 2ch ^ schrieb ihn, als ich mich von 2hnen zu entfernen glaubte. Erst ! heute erhalte ich die Erlaubniß deS Gouverneurs, denselben abzu- i senden und erfahre zugleich von Ihm, daß ich bis zum Eingänge einer Antwort aus England hier warten muß. So werde ich also noch Monate auf Sc. Helena bleiben und doch wird Longwood für mich nickt vorhanden seyn. DaS ist eine neue Strafe, auf die ich nicht gefaßt war." ^ -—45 — Sir Hudson Lowe, dem ich diesen Brief offen einhändigke, wie er eS bedungen hatte, las ihn, hatte nichts dagegen einzuwendcn „nd war so gütig, selbst die Bestellung zu übernehmen. Die Auf« mcrksamkelt des Kaisers wurde dadurch in der That rege gemacht und dies trug, wenn schon nur indirekt, nicht wenig dazu bei, daS anvertraute kostbare Pfand wieder in die Hände Napoleons zu bringen. Sonnabends am 7. bis Montags am 9. Dezember. An einem dieser Tage bat ich den wachthabenden Offizier zum Diner. Er erzählte mir bei dieser Gelegenheit, daß er lange kriegs- gefangen zu Verdun gewesen wäre, endlich aber die Erlaubniß erhalten hätte, nach Paris zu kommen. Der Zufall wollte, daß, a!S er mir seinen Vermittler zu Paris nannte, ich es war, der ihm diese damals nur sehr schwer zu erlangende Gunst von dem Herzoge von Fclcres ausgewirkt hatte. Unsre Lage bleibt sich übrigens ganz gleich. Noch ist kein Anschein zu irgend einer Lösung des Knotens. Schon sind 14 Tage verflossen, seitdem man unö hier cingesperrt hat und Alles bleibt noch beim Alten. Kaum daß wir einige Kunde, blos durch den Gouverneur selbst, von dem Kaiser erhielten. Wir waren, wie ich schon gesagt habe, Longwood gegenüber und, bei einer sehr geringen Entfernung, nur durch Abgründe davon getrennt. So oft wir nun also die Augen ausschluacn, war der Gegenstand unsrer Gedanken und unsrer Sehnsucht vor uns, wir verfolgten ihn ohn Unterlaß, dachten ihn unS in allem seinen uns so wohl bekannten Thun und Treiben. Wir erkannten alle Gebäude, aber es war uns unmöglich, irgend ein lebendes Wesen zu unterscheiden- Dieser immerfort dauernde Kampf von Sehnsucht und Entsagung, diese gleich große Nähe und Entfernung, dieser unaufhörlich sich zeigende und eben so schnell verschwindende Gegenstand unsers Verlangens hatte in der Thac viel Aehnlichkeit von der Hölle der Alten. Sir Hudson Lowe gab das zu und versprach gleich am ersten Tage, unö bald hier wegzuneh- men; cs sollte blos eine provisorische Wohnung scyn, bis man anderwärts ein schicklicheres Unterkommen für uns eingerichtet haben würde, womit man sich, wie er sagte, schon beschäftige; allein Wochen waren schon verflossen und cs geschah nichts. So schnell übrigens Sir Hudson Lowe bei einer schmerzlichen Verfügung seyn kann, so überaus schwerfällig ist er, sie wieder aufbörcn zu lassen, wenn dieser Fall überhaupt cinttitt, wie es bei mir freilich nicht geschah. 46 Uebrigens muß ich aber doch bekenne», daß dieser Gouverneur, seitdem er mich in seinen Händen hatte, überaus höflich und auf- merksam gegen mich war und es recht darauf anlegte, mir Zeichen seiner Achtung zu geben. 2ch habe gesehen, wie er selbst in höchsteigner Person eine Schildwacht, die durch ihren Anblick mir unangenehm werden konnte, hinter Bäume stellte, wo ich sie nicht sehen sollte. Diese Geneigtheit, seine redlichen Absichten, wie er sie nannte, entsprangen, nach seiner Versicherung, aus einem l reinen Wohlwollen, das er zu mir hegte, und die Art, wie er mit mir sprach, war dabei so herzlich, daß ich mehrmals zu zweifeln bc- gann, ob nicht die Meinung, die wir bisher von ihm gehabt hatten, ungerecht sey? — aber am Ende überzeugte ich mich doch ! stets, daß Sprechen und Handeln bei Sir Hudson Lowe zwei sehr von einander verschiedene Dinge seycn. So habe ich zum Beispiele In dem Werke von L'Meara gelesen, daß er gerade in dem Augenblicke, alS ich mich von ihm durch Güte überhäuft glaubte und wie eine Art von Vorwurf daraus machte, ihm so abgeneigt gewesen zu scyn, von ihm selbst geschmiedete Geständnisse durch den Doktor an Napoleon bringen lies, die er theils mündlich, thcilS schriftlich durch mich erhalten haben wollte — und zwar alles dies ! wahrscheinlich in der Absicht, in Longwood auf diese Weise einige ! Worte oder sonst Aufschlüsse herauszulockcn, von denen er Gebrauch machen könnte. So lies er mich unter andern sagen, wie ick dem Gouverneur eingestanden, daß er eigentlich gar kein Unrecht gegen uns habe, sondern wir mit einander in Longwood dahin übereingekommen gewesen wären, dem Kaiser alles zu entstellen, um diesen in der Erbitterung zu erhalten. Welche elende, erbärmliche Mittel! 2ch könnte noch viele Dinge dieser Art erzählen, doch folgender Zug wird mich dieser Mühe überhcben. Mein Sohn war fortwährend sehr krank. Seine Pulsschläge waren bisweilen so heftig, daß er aus dem Bette aussprang und mit großen Schritten im Zimmer umherlief, oder sich in meine Arme warf, wo ich sein Verscheiden fürchtete. Der Dokcor Bax- ! ter, Oberarzt der 2»sel und Tischgenosse des Sir Hudson Lowe, j vereinte, wie ich ihm gewiß nie vergessen werde, seine freundliche ! Sorgfalt mit dem Bemühen des Doktors L'Meara. Beide stellten ! Sir Hudson Lowe den bedenklichen Zustand meines Sohnes vor und ! unterstützten meine Bitte, ihn nach Europa zu schicken, mit Lebhaf» ^ tigkeic. Als nun Doktor L'Meara einst, nach einem neuen An- ' falle, Sir Hudson Lowe desfalls allein bestürmte, schaffte er sich, > seiner Zudringlichkeit müde, denselben mir den Worten vom Halse: Ucberhaupt, mein Herr, was fragt denn die Politik nach dem Tode eines Kindes! — Herr L'Meara hat mir ' und meinem Sohne diese Worte seitdem mehrmals wiederholt und ich enthalte mich eines jeden EommentarS derselben. Die Herzen aller Väccr und Mütter werden, denke ich, an dem bloßen Ausdrucke genug haben. Dienstags am io. bis Sonntags am 15. Dezember. Der Gouverneur begehrte bei seinen zahlreichen Besuchen an jedem Tage, immer aus dem oder jenem Grunde, ein neues Durchsuchen meiner Papiere, und ich zeigte mich dabei jederzeit überaus willfäbrig. Ich wollte mit Fleiß ihm dadurch meine Gefälligkeit und Mäßigung beweisen, erlangte aber auf diesem Wege zwar manches schmeichelhafte Wort, aber dennoch nicht die geringste Nachgiebigkeit. AlS er einst alle diese Paquete wieder durchwühlc hatte, wurden aus Unachtsamkeit zwei derselben nicht wieder in den Koffer, worin die Papiere verwahrt lagen, eingeschloffen. Am folgenden Tage machte ich mir das boshafte Vergnügen, ihm dieselben wieder zuzustellen. Er erstaunte. Man hätte glauben sollen, er werde mir diese Papiere lassen; aber er schloß sie, blos der Ordnung wegen, wie er sagte, sorgfältig wieder ein, obschon ich ihm lachend bemerkte, daß dies ganz unnütz sey, weil er doch wohl glauben könne, daß wenn ich etwas davon hätte Wegbringen wollen, eS nun wohl nicht mehr darunter seyn würde. Schon am ersten Tage war ich in den Fall gekommen, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß mein Portefeuille, welches man in Longwood wcggenommen hatte, nicht versiegelt worden sei. Er gab zu, daß dies eine große Unregelmäßigkeit gewesen und erkannte cs mit Danke, daß ich die Sache mit einer bloßen Bemerkung hingehen lasse. Ich hatte wirklich keinen andern Zweck, als ihm zu beweisen, wie weit ich davon entfernt sei, von allen den Anlässen Gebrauch zu machen, die er mir selbst gab, ihm Schwierigkeiten in den Weg zu legen; aber ich wiederhole es, daß dieses Benehme» von meiner Seite höchstens durch einige Redensarten vergolten wurde, außerdem aber ohne alle thälliche Erwiederung blieb. Es wurde ein Verzcichniß aller Briefe meiner Londner Freunde gefertigt, um in den Bureaup der Minister nachschen zu können, ob nicht einer oder der andere derselben mir auf Schleifwegen zu- gckommen sei. Ich hatte einen zweiten Brief an den Prinzen Lucian angefangen und bei dem verweilte sich der Gouverneur ganz besonders. Umsonst zeigte ich ihm, daß darin überall auogcstricken, mit Bleistift, der nun schon säst ganz verwischt war, dazu gesetzt, daß dieser Brief ja gar nichc geschrieben, eigentlich also gar nicht vorhanden sei, daß ich ihn mit gutem Gewissen abläugnen könne, 43 daß es unmöglich fallen wurde, Irgend einen regalen und rechtlichen Gebrauch davon zu machen. Er lies dennoch einige Stellen davon abschreibcn; Gott mag wissen wozu! Ein Billet von der Frau des Untergouverneurs machte ihm viel zu schaffen. Sic hatte bei ihrer Abreise nach England uns gesagt, daß daS Gesetz ihr verbiete, Briese von uns mitzunehmen. Wenn sie uns aber sonst dienen könne, werde sie es mit dem größten Vergnügen thun. 2ch schickte ihr daher damals einige Dinge, die der Kaiser im Gebrauche gehabt hatte, oder die doch von ihm selbst kamen; ein kleines silbernes Dintenfaß: ich glaube einige Worte von seiner Hand, vielleicht eine Locke von ihm — was weiß ich? — und nannte das kostbare Reliquien. Madam Skelton hatte mir geantwortet, daß sie selbige mit der Ehrfurcht behandeln werde, welche sic verdienten; sie müsse mir jedoch bekennen, sie habe der Versuchung nicht widerstehen können, einen kleinen Theil davon zu ent- wenden. 2edesmal wenn Sir Hudson Lowe kam, sollte ich naher angeben, worinnen diese kostbaren Gegenstände bestanden hätten. ES würde mich schmerzen, wenn hieraus irgend auf eine Weise Unannehmlichkeiten für diese Dame entständen. 2ch hatte das Billet auS reiner Hochachtung, die ich für sic fühlte, zum Andenken auf- gehoben. Herr und Madam Skelton waren edle, vortreffliche Menschen, denen wir, ohne es zu wollen, großen Nachtheil gebracht halten, die aber jedes Unrecht, das ihnen durch unS wiederfuhr, mit neuen Beweisen der Achtung und Aufmerksamkeit vergalten. Sie mußten bei unsrer Ankunft ihre Wohnung in Longwood verlassen, seine Stelle wurde eingezogen und sie waren genöthigc nach Europa zurückzugehen, wo sie nun ohne alles Vermögen leben werden. Endlich kamen denn auch mit der Zeit die wichtigen heimlichen Schriften daran — mein Brief an den Prinzen Lucian und an meine Bekanntschaft in London. Sir Hudson Lowe hatte sie sorg- faltigst abschreiben lassen, aber der Schreiber nicht alles lesen können. Mehrere'Worte waren, weil der Atlas, seitdem er sich nicht mehr In meinen Händen befand, zufällig naß geworden war, verwischt und man mußte mithin in der Abschrift Lücken lassen. 2ch trieb die Gefälligkeit so weit, diese Lücken auSzufüllen und nun begann eine Art von heimlicher Vernehmung. Zwei Punkte waren cs vornämlich, worüber der Gouverneur, wenn, wie er sagte, ich nichts dagegen hätte, gern ins Klare kommen wollte. Der erste betraf die Worte meines Briefes an den Prinzen Lucian: „Die Menschen, welche uns hier umgeben, beklagen sich bitter, daß verfälschte Briese von ihnen in öffentlichen Blättern stehen ,c." Der sind diese Menschen? fragte man mich und der Adjutant dielt die Feder bereit, meine Antwort nieder;»- schreiben. Ich ließ bemerken, daß ich kein Bedenken hätte, hierauf aus freiwilliger Höflichkeit zu antworten; sobald mich aber der Gouverneur etwa alö Behörde befragen wollte, wurde ich sogleich schweigen. Ich sagte sodann: Jene Worte meines Briefes wären ganz in der Allgemeinheit und ohne alle Beziehung lcichchin gesagt. Alle Welt habe sich so geäußert, wenn man uns über die sehr übel angebrachten Ausdrücke und Schilderungen trösten wollen, welche wir dann und wann, uns betreffend, unter der Ueberschrist Sanct Helena in Londner Zeitungsblättern gefunden hatten. Es falle mir in diesem Augenblicke aber auch ein besonderer Fall ein. Eine ^ Dame aus dem Lager, die ihm wohl bekannt sei, habe überall ver» > sichert, daß der lächerliche Brief, der unter ihrem Namen erschienen wäre, von ihr gar nicht geschrieben worden sei. Entweder hätten ! ihre Freunde in England Veränderungen damit vorgenommen, oder eS sei derselbe vielleicht in Gesellschaft vorgelesen, schlecht gemerkt und dann unrichtig abgedruckt worden. Die zweite Frage des Gouverneurs bezog sich auf meinen Privatbrief. Er enthielt unter andern den Auftrag, bei dem Lord Holland anfragen zu lassen, ob er die an ihn adressircen Paqucte erhalten habe? Sir Hudson Lowe fragte, was für Paquete das gewesen wären und durch wen Ich sie ihm geschickt hätte? Er verdoppelte hierbei sichtlich die Freundlichkeit und Süßigkeit seines Benehmens gegen mich, um eine befriedigende Antwort zu erhalten, gab zu, daß er kein Recht habe, mich zur Antwort zu zwingen, versicherte jedoch, daß ich dadurch allerdings meine Angelegenheit ^ sehr abkürzcn und vereinfachen würde u. s. w. Ich crwiedcrte mit vieler Feierlichkeit, das sei ein Geheim» iß, und der Eindruck, den dies auf dem Gesichte Sir Hudson Lowes hcrvorbrachce, war ganz unverkennbar. Meine Worte wurden niedergeschriebcn und da ich dies bemerkte, so diklirte ich ferner, daß die Antwort, wie ich sie eben gegeben hätte, im übrigen nur Folge meiner Erziehung und Lebensart sei, daß jede andere leicht Zweifel bei dem Herrn Gouverneur würde haben erwecken können und daß cs mir nicht passend scheine, die Wahrheit meiner Angaben dem leisesten Verdachte anszusetzen, daß ich aber nun nach dieser vorläufigen Acußcrung kein Bedenken mehr trage, bestimmt zu erklären, daß ich in meinem ganzen Leben nicht in der geringsten Verbindung mit Lord Holland gestanden habe. Dieses unverhoffte Finale war ein Theater-Coup, eine förmliche Comedicn-Scene. Unmöglich ists, das Erstaunen des Gonvcr- neurs, die Verwunderung der Offiziere, das Erstarren der Feder in der Hand dcö Protokollanten zu schildern, Sir Hudson Lowe zö- L. Cafes Tages. ll. Bd, 4 — 60 -— gerte jedoch nicht, mir zu erwicdern, daß, ob er mir schon vollen Glauben beimcsse, er dennoch gestehen müsse, von alle dem nichts zu begreifen. Ich bekannte meinerseits, daß ich mich nicht enthalten könne, über die Verlegenheit zu lachen, die ich ihm verursacht hätte, daß Ich aber nichts anders zu sagen wüßte. Das Wahre von der Sache ist, daß ich, als mein Bedienter wiedcrkommcn wollte, darauf gerechnet hatte, ihm einige authentische Urkunden über unsre Lage an Lord Holland noch besonders miczugcbcn, daß man mir aber keine Zeit dazu gelassen und zu sehr mit meiner Entfüh- rung geeilt hatte. Ich kannte Se. Herrlichkeit nur ans dem Edel« muthe und der Hoheit seines öffentlichen Lebens, aber cö schien mir, daß es ganz schicklich für uns Beide sei, ihm, dem Erbgesetz, geber seines Vaterlandes, einem Mitgliede des obersten Gerichts- Hofes von Großdrittanien, die Wahrheit z» berichten und ich glaubte, daß man darin eine wohlwollende Gesinnung für den englischen Charakter erkennen müsse. Uebrigens folgt hier jener Brief an den Prinzen Lucia», von dem so oft die Rede gewesen ist. Ich hätte meine Leser gern damit verschont; allein er hat zu viele Beziehung auf Longwvod und spielt eine zu wichtige Rolle bei meinem unglücklichen Schicksale, als daß ich mich enthalten könnte, denselben so mitzutheiien, wie er bei meiner Rückkehr nach Europa öffentlich bekannt gemacht worden ist. „Gnädigster Herr! Ich habe eben Ihren Brief aus Rom vom 6. März d. 2. erhalten und ich fühle mich durch dieses Zeichen der wohlwollenden Erinnerung, womit mich Ew. Durchlaucht beehren, höchst beglückt. Um dem mir hierdurch bewiesenen Vertrauen nach meinen Kräften zu entsprechen, werde ich Ihnen von Zeit zu Zeit für Dero ganze Familie ausführliche Nachrichten über alles was den Kaiser betrifft, seine Gesundbeitsumstände, seine Beschäftigung und die Behandlung, welche er erfahrt, zu erthcilen suchen. Sie sollen, gnädigster Herr! Alles ganz so erfahren, wie es wirklich geschehen ist und wie die Sachen sich in Wahrheit befinden; ich verlasse mich aber auf Ew. Durchlaucht, daß Sie gewiß dem so zartfühlenden Herzen einer Mutter dasjenige verhehlen werden, was sie allzusehr betrüben konnte. „Um meinen Brief vollständiger sonn zu lassen, werde ich damit bis dahin zurückgchen, wo ick Ew. Durchlaucht im Palais Royal verlies, um mich freiwillig dem Dienste deS Kaisers zu widmen. Ich beginne also bei dem Augenblicke, wo ich Sr. Majestät nach Malmaison folgte, um Dieselbe nie wieder zu verlassen, dem Augenblicke, wo der Kaiser, schon im Begriffe in den Wagen zu steigen, unter dem Donner des feindlichen Geschützes, der proviso- 51 rischen Regierung sagen ließ, daß er durch seine Thronentsagung auf das schönere Recht eines Bürgers, für das Vaterland zu kam« pfen, nicht verzichtet habe und, wenn man cs wolle, sich sogleich an die Spitze der Armee stellen würde. Die Lage der Dinge sei ihm genau bekannt; er stehe dafür, daß er den Feind insoweit schla« gen werde, daß doch die Negierung mehr Zeit und Mittel zu einer vortheilhafcen Unterhandlung gewinnen würde. Wenn dies vollbracht sei, werde er nichts desto weniger alsbald seine Reise sortsetzen. „Nach Eingang der abschläglichcn Antwort der Regierung rci« sten wir am 29. Juni Abends nach Rochcforc ab, wo zwei Frc« gatten kommandire waren, die «nS nach den Vereinigten Staaten von Amerika übersetzen sollten. DirS war daS Asyl, das sich der Kaiser gewählt hatte. „Der Kaiser legte diesen Weg mit einem Theile seines Gefolgs, das in einigen Wagen fuhr, ohne alle Eskorte unter dem lauten Zuruf des aus den Straßen herzueilenden Volkes zurück. Man konnte nickt ungerührt bleiben und nur der Kaiser schien gleicht gültig. Auf allen Gesichtern las man das Verlangen nach dem, den man verlieren und die Angst in Beziehung auf jenen, den man dafür erhalten sollte. Dieses Schauspiel hatte etwas Rührendes und Sonderbares — es boc hinreichenden Stoff für Geist und .stwrz. „Bei unsrer Ankunft in Rocheforc warteten wir dorr mehrere Tage vergebens auf die Reisepässe, wozu man uns bei unserm Ab« gange von Paris Hoffnung gemacht hatte. Inzwischen gingen die Ereignisse einen reißenden Gang. Alles machte es rathsam, bald« i möglichst unter Segel zu gehen. Die Feinde waren in Paris ein« i gerückt; unsre Hauptarmer hatte, mit Unwillen und W»th im Her- i zen, sich hinter die Loire zurückgezogen; die Armeen der Vendee und von Bordeaux theilten die nämliche Gesinnung und in dem Volke herrschte die äußerste Gährung. Don allen Seiten gelangten Bitten ! an den Kaiser, daß er zurückkommen und die Sorge für das allge« ! meine Beste wieder übernehmen möchte. Allein sein Beschluß war unwiderruflich. Von der andern Seite zeigten sich die englischen Kreuzer, alle Pässe waren schon verriegelt und der Wind blieb doch immerfort ungünstig, Indessen zu Lande alles uns trieb die Abreise zu beschleunigen, vereinigte sich auf dem Meere ebenfalls alles, sie unmöglich zu machen. Zu dieser Noch schickte der Kaiser mich, der ich, in Folge meiner vormaligen Emigration, die Engländer besser als die übrigen kennen mußte, auf den feindlichen Kreuzer, i Zch fragte ob man nichts von unfern Pässen nach Amerika gehört j habe? Niemand wußte davon. Zch schilderte nun unsre wabrc z Lage, die dem Kaiser geschehenen Anerbietungen, seine Weigerung und dessen unerschütterlichen Entschluß. Zch setzte voraus, daß wir 22 auf einem neutralen Schiffe «Kreisen könnten; der englische Kapital» hatte aber .Ordre eS weazunehmen. Ich sprach dann von dem Auslaufen der Fregatten mit Parlementairflaggc, aber er hatte Befehl sie anzugreisen. Nun stellte ich ihm den ganzen Umfang deS Unglücks vor, woran er Schuld seyn würde, wenn er den Kaiser nö- thige, wieder anö Land zu gehen. Er versicherte, daß er dabei nichts auf sich nehmen dürfe, jedoch sofort das Nökhige seinem Admirale melden und mir in zwei Tagen antworten würde. „Wir hatten inzwischen unserer SeitS in Hinsicht aus unser Auslaufen alles erschöpft, was sich nur ersinnen lies. Man war dabei so weit gegangen, die Fahrt über den Lcean auf zwei elenden Fischcrboten vorzuschlagen. Einige dem Seedienste sich widmende junge Leute voll Eifer und Enthusiasmus wollten die Equipage dieser Fahrzeuge bilden; der Kaiser nahm den Vorschlag an; aber im Momente der Abreise mußte man auch darauf verzichten; nächst ^ andern Schwierigkeiten zeigte sich, daß man genöthiat senn werde, an den spanische» und portugiesischen Küsten zu landen, um Was- i ser einzunehmen. I „Inzwischen thürmte das moralische Ungcwittcr sich immer mehr über uns und näherte sich mit furchtbarer Schnelligkeit. Immer dringender wurden aber auch die Bitten um den Kaiser her- ^ Generale kamen in Person ihn zu ersuchen, daß er sich an ihre Spitze stellen möchte, aber der Kaiser blieb unerschütterlich. „Nein, ! antwortete er stets, das Ucbel ist nicht zu heilen. Ich kann jetzt nichts mehr für das Vaterland thun. Ein Bürgerkrieg würde ohne Zweck und ohne Nutzen für dasselbe senn. Nur mir könnte er einigermaaßen vortheilhasc werden, indem ich dadurch noch einige Zeit gewinne» würde. Allein ich müßte diesen Vorcheil mit dem > unvermeidlichen Verluste des Edelsten erkaufen, was Frankreich be< > sitzt — ich verschmähe ihn." „Das nämliche Gefühl hinderte ihn auch, bei seiner durch die ! Treulosigkeit so nothwendig gewordenen Thronentsagung sich Corsika vorzubehalten, wohin er gelangen konnte, ohne irgend einen feind- ' licken Kreuzer zu fürchten. Aber er wollte nicht von sich sagen i lassen, daß er bei dem nur zu gut von ihm vorbergeschenen Schiff- ' brache des französischen Volks, sich allein ein Asyl zu verschaffen i gewußt habe und wieder nach Hause gegangen sei. ! „Da ich keine Antwort kommen sah, so begab ich mich wieder an Bord des englischen Schiffes. Der Kapital» hatte noch keine ^ Nachrichr von seinem Admirale; aber er sagcc mir jetzt, daß er von > seiner Regierung aulvrisirt sei, Napoleon samr s.inem Gefolge, . wenn er cs wünschen sollte, nach England übcrzuschiffen. Ich anc- ^ wortete, daß ich dieses Anerbieten auörichten wolle und keinen Zwei- ! 22 sei hätte, der Kaiser werde großmüthig und ohne Mißtrauen das« selbe benutzen, um dann in England selbst die Mittel zu seiner Reise nach Amerika zu suchen. Der Kapitain bemerkte hierauf, er könne mir nicht dafür haften, daß inan uns dieselben zugestehen möchte, versicherte aber zugleich, unter der Beistimmung mehrerer Offiziere, daß wir ohne allen Zweifel daselbst eine Behandlung sin« den würden, die einer so erhabnen, großen und edelgesinnten Na« tion würdig sei. „Bei meiner Rückkehr versammlete der Kaiser uns Alle um sich her und fragte uns um unsere Meinung. Sie ging einstimmig dahin, daß wir die unS angebotene Gastfreundschaft annehmen müß» ren. Kein Mensch hegte die geringste. Besorgniß. „DaS ist eine Gelegenheit zum Ruhme, sagte man, welche der Prinz-Regent be« gierig ergreifen wird. Welcher Triumph kann herrlicher für Eng» land scyn, als dieses edle Vertrauen seines großen Feindes, als dieser Vorzug, den er ihm vor seinem Schwiegervater und seinem alten Freunde giebt! - Es wird dieses Ereigniß ewig in den Geschichtsbüchern jenes Reichs glänzen und der größte Lobspruch für die Vorlresflicbkeit und de» hohen Ruf seiner Gesetze seyn!" 2ch wagte cs, gnädigster Herr! mich hierbei selbst auf die hohe Meinung zu berufen, die Ew. Durchlaucht von dem Nationalcharakter des englischen Volkes, seiner Moralität, seinem Edelsinne und seinem Einflüsse aus die Handlungen der Regierung hegen. Der Kaiser glaubte allerdings, daß seine Flucht nach Amerika mit Eifersucht betrachtet werden und mancherlei Schwierigkeiten unterworfen sepi, würde, und da er dieses Asyl nur gewählt hatte, um unter festen Gesetzen zu leben, so kümmerte es ihn wenig, wenn er auch gezwungen wurde in England zu bleiben, da er jene Dorrheile daselbst ebenfalls erlangen konnte. Er beschloß nun dieses endlich selbst und schrieb an den Prinz-Regenten jenen merkwürdigen Brief, den alle Zeitungen Europas wiederholt haben. „Ich begab mich noch an demselben Abende wieder an den Bors des B clle r oph on, kündigte die Ankunft des Kaisers auf den folgenden Morgen an und blieb die Nacht über dort. Der General Gourgaud, Adjutant Sr. Majestät, welcher mich begleitete, wurde sogleich nach England abgesendet. Er war der Ueberbringer des Briefes an den Prinz-Regenten und sollte Sr. Künigl. Hoheit des Kaisers Wunsch zu erkennen geben, in seinen Staaten, unter dem Namen eines Obersten Düroc zu landen und sich, mit seiner Genehmigung, in einer seiner Gesundheit am zuträglichsten Provinz niederzulassen. „Kaum war der Kaiser am Bord des Bellerophon angelangt, alS auch schon der Admiral deS Kreuzers erschien und neben unS 54 Anker warf. Se. Majestät bezeigten das Verlangen, sein Schiff, den Superbe, zu besuchen und der Admiral Hocham machte da, bei die Honneurs mit einer Gefälligkeit und einein Anstande, die seinem Charakter zur Ehre gereichten. „Wir reisten dann ab und waren unsrer Sache so gewiß, daß ' wir auf Treu und Glauben die Zeit der Reise ganz unbekümmert mit unschuldigen Träumen über unser künftiges Geschick im Schösse der Ruhe und der drircischen Gastfreundschaft ausfüllten. Wie weit waren wir doch entfernt, alles das Gräßliche unscrs schrecklichen Irrchums zu ahnen! „Kaum hatten wir aber an dem englischen Gestade Anker ge» warfen, als schon alles ein höchst düstres Ansehen erhielt. Der Kap!» j kain hatte sofort angeftagr, bei seiner Rückkehr jedoch durften wir nur ! sein Gesicht sehen, um darauf unser Unglück zu erkennen. Er war ein rechtlicher Manu, der seinen Instruktionen folgte, ohne das schreckliche Gehcimniß zu kennen, das sie dikcirt hatte. Wir waren i schon früher dazu verdammt, hinaus mitten ins Meer, fünfhundert Meilen weit vom Lande, auf den öden Felsen Sanct Helena geworfen zu werden. „Von nun an befanden wir uns in dem strengsten Gewahrsam. Alle Mittheilung war uns verboten; bewaffnete Fahrzeuge umkreuz, ! ten uns und entfernten mit Flintenschüssen die Neugierigen, welche ! sich uns nahen wollten. Dann machte man uns in den härtesten ^ Ausdrücken und unter den beleidigendsten Formen unser ungerechtes, l unseliges Verdammungsurtheil bekannt und verlor keinen Augenblick cs in Vollziehung zu setzen. Man foderte unsre Degen und durchsuchte unsre Sachen, um uns unser Geld, unsre Wechsel, unsre Diamanten abzunchmen und, wie man sich auSdrückte, unser Gut zu administriren. Sie glaubten bei dem Kaiser große Schatze zu finden. Wie wenig kannte man ihn doch! Man fand nicht mehr als viertausend Napoleons bei ihm, welche weggenommcn wurden und außerdem etwas Silberzeug, das man ihm lies. Einige Sachen zum täglichen Gebrauche, etwas Wäsche und Kleider und ein paar Reise-Bibliothekkisten machten das ganze Vermögen deS ! ManneS ans, der die Welt beherrscht, Königreiche vercheilt und Könige geschaffen hakte. „Dir wurden von dem Bellerophon auf de» Northum- berlaub geschafft und hinaus in das weite Meer gestoßen, wo ! wir unsre neue Bestimmung am Ende der Welt finden sollten. „Eine Menge von Personen waren dem Kaiser gefolgt, aber nur vier von uns erhielten die Erlaubniß, seine Strafe zu theilcn. Schluchzend sahen die Zurückblcibenden ihn scheiden. Einer von ' denen, die so glücklich waren ihm folgen zu dürfen, konnte sich nicht — 25 — enthalten dem Admiral Kelch, der zrrr Seite stand, die Bemerkung zu machen: Sie sehen übrigens, Mylord, daß die nur, welche zu» rückbleiben müssen, Thronen vergießen. „Der Kaiser hinterließ eine kurze, einfache und kräftige Pro» testation *). Ich liefere sie Ihnen in dcrNoce, weil sie nur unvollständig in den öffentlichen Blättern gestanden hat. Dir, gnädigster Herr! fragten mit erbittertem, cicfempörten Herzen »nS einer den andern: Was ist das für eine schändliche Verrächerei? Sind wir nicht mehr unter civilisirten Menschen? WaS ist aus dem Völkerrechte, was aus der öffentlichen Moralität geworden? Wir rüsten Gott zum Rächer der Treulosigkeit, zum Zeugen des an uns ver» übten VerrathS an. Unmöglich kann ich Ihnen den Aufruhr schildern, den ein solcher abscheulicher Mißbrauch der Gewalt und Lüge mit unsrer sorglosen Leichtgläubigkeit in unfern Herzen hervordrachte. Noch jetzt, da ich dieses schreibe, gnädigster Herr! rollt mir das Blut schneller durch die Adern. Wir lesen in den öffentlichen Blättern, daß man unö zu Kriezsgefangnen gemacht habe — unS, die wir so ganz frei und mit so cdelmüthigcm Vertrauen kamen! Wir wären genöthigt gewesen uns auf Diskretion zu ergeben, da wir doch aus Großmuth verschmäht hatten, von dem Wechsel des Kricgsglücks zu Lande Gewinn zu ziehen und das Loos der Waffen zur See zu versuchen. Und konnte denn wohl unsre Behandlung schlimmer ausfallcn, selbst wenn wir der Gewalt gewichen wären? Wer darf wohl daran zweifeln, daß wir das Aeußerstc gewagt, daß wir selbst den Tod nicht gescheut haben würden, wenn wir das LooS ahnen konnten, das uns bevorstand? — Aber schon der Brief des Kaisers an den Prinz-Regenten setzt dir gegenseitige Absicht des Vertrauens außer allen Zweifel. Der englische Kapitain, dem jener Brief im Voraus mitgetheilt wurde, harte diese Ansicht, als er keine Einwürfe dagegen machte, stillschweigend genehmigt. Man har unS späterhin gesagt, die Behandlung des Kaisers Napoleon sei nicht England allein überlassen gewesen, sondern habe auf einer Convention zwischen den vier alliirten großen Mächten beruht. Vergebens glauben jedoch die englischen Minister hiermit die Schande zu bedecken, welche deshalb auf ihrer Nation haftet, denn jedermann wird sagen: Entweder ihr habt diese Convention geschlossen, che daS erhabene Seblachcopfer sich in eurer Macht befand und so niederträchtig gehandelt, ihm eine Schlinge zu legen, um dasselbe zu fangen, oder sie ist erst dann zum Abschlüsse gekommen, a!s er schon in euren Händen war. Dann habt ihr verbrecherischer Weise die Siehe die Protestatio»! ln» ersten Bande S. Z8- Ehre eures Landes und die Heiligkeit eurer Gesetze fremden Interessen prciß gegeben, wozu euch niemand zwingen konnte. „Welche Uebcl entstehen nicht durch so ungeheure RechtSvcr, letzungcn sur das arme Europa! Welche Leidenschaften werden nicht dadurch aufgeregt! Wer sicht nicht in diesen willkührlichen, tyran- ^ Nischen Maasregcln, in dieser Verachtung aller Gesetzlichkeit, in dem ^ Verfahren gegen den Kaiser Napoleon ein recht studirtcS Wieder» i aufstrcben gewisser politischer Doktrinen? Der Sturm war bcsäns- ^ tigt; man regt ihn abermals auf. U bcrall hört man die gezwungene Behauptung, daß die Revolution in Napoleons Aechtung er- ! lösche. Seltsame Verblendung! Man vergißt, daß er selbst sie ! beendet hat! Man fängt sie von vorn an. Die Völker Europas werden bald mehr als je im Gähren seyn. „Nach Inhalt der von den englischen Ministern ertheilten Instruktionen sollte der Kaiser den Titel General erhalten; sie untersagten jedes Zeichen besonderer Achtung und Ehrfurcht. Der Kaiser konnte auf diesen Titel stolz seyn; er hat ihn unsterblich gemacht; allein die Verhältnisse und die dadurch auSgcdrückte Absicht machten ihn zur Beleidigung. Wir glaubten nicht, daß eS den englischen Ministern zukomme, die Ordnung der Dinge in Europa willkührlich abzuändern und ihm den von einer großen Nation beigelegten, durch kirchliche Weihe und seine Siege geheiligten, durch Traktaten anerkannten und ihm von dem ganzen Contincnce zugestandenen Namen, nach ihren Belieben zu rauben — wir beharrcen daher darauf, ihn, der wenig Tage zuvor sich selbst den Titel eines Obersten gewählt hatte, fortan Kaiser zu nennen. „Unsre zweimonatliche Fahrt war übrigens glücklich, gleichförmig und ruhig. Es wimmelte auf dem Schiffe wie auf allen Punkten brittischcr Herrschaft von Pamphlets und Schmähschriften gegen des Kaisers Person, Charakter, Formen, Sitten und Handlungsweise. Alles siel mit Dorurtheilen über ihn her und cs war ein merkwürdiges Schauspiel für den aufmerksamen Beobachter, wie nach und nach der Lüge Nebel sich vor dem Glanze der Wahrheit zerstreuten und dann der Horizont ganz andere Farben annahm. Man hörte nicht auf, seine Ruhe, seine Heiterkeit, seine Kenntnisse und besonders die Gleichheit seiner GcmüthSstimmung zu bewundern. Als wir von einander schieden, entschlüpfte demjenigen, der am mchrestcn mit ibm zu thun gehabt halte, die Bemerkung, daß er ihn bei keiner Gelegenheit unzufrieden oder begehrlich gesehen habe. „Der Kaiser brachte jeden Morgen in seinem kleinen Zimmer zu. Gegen fünf Uhr rrat er in den Salon, wo er eine Parchic Schach spielte, ehe er sich zur Tafel setzte. Während des Diners sprach der Kaiser selten und nur wenig. Cie wissen, gnädigster 57 Herr', daß er nie über achtzehn biS zwanzig Minuten bet der Tafel blieb; hier pflegte man länger als zwei Stunden dabci zu sitzen; daö war für ihn nicht auszuhalten. Nach Ablauf einer Stunde wurde ihm der Kaffee gebracht, dann stand er auf und ging aufS Verdeck; wir, der Großmarschall und ich folgten ihm gewöhnlich; es war dies der einzige Moment, wo er sich öffentlich zeigte. Er ließ dann den Offizier vom Dienst, oder einige Personen vom Me« kier, den Cyirurgus, den Commissair oder den Geistlichen hcrbei- kommen und sprach mit denselben über Dinge die sie ängstigen. 2u den ersten Tagen bewies die sämtliche Schiffsequipage viele Neugierde, bald aber ward bloö Thcilnahme daraus. So wie nur aber irgend etwas vorging, wodurch eine unruhige Bewegung, oder eine Unordnung aus dem Verdecke entstehen konnte, so eilten die jungen Zöglinge herbei und bildeten auS eigne», Antriebe auf recht rührende Weise einen Kreis, um ihn gegen jede Beleidigung zu schützen. Der Kaiser ging stccS bei guter Zeit in sein Zimmer zu» rück und so verstrich ein Tag wie der andere. „Bei der Ankunft auf Sankt Helena wurden wir, nachdem wir zwei oder drei Tage vor Anker gelegen hatten, in Zames- Town, einer Art Dorf, Colonic oder Flecken von einigen Häuser», unter denen, da es der jährliche Ankerplatz der indischen Flortc ist, einige größere Gebäude zur Bequemlichkeit der Reisenden aufgcführk worden sind, zur Nachtzeit ausgeichiffr. „Am folgenden Morgen ging der Kaiser unter Begleitung dcS Generals nach dem Innern der Insel, um die ihm bestimmte Woh. nung zu besehen. Sie verlangte einige höchst noihwendigc Reparaturen , die jedoch erst nach einigen Tagen vollendet scyn konnten. Der Kaiser mußte also nach 3amcü-Town zurückkehren, wo eine Hitze zum Ersticken, wo es ungesund war und wo, ohne von andern ungleich größern slnannchmlickkeiten zu sprechen, ihm eine zudringliche Neugierde lästig wurde. Er zog vor, drei oder vier Mci- Icn von der Stadt zu scyn und ließ mich noch am nämlichen Abende zu sich kommen. Der wenige Raum in seiner neuen Wohnung ge- stattete nicht, daß jemand bei ihm scyn konnte. Es war eine Arc Lusthaus, in einer Entfernung von fünfzig Schritten von dem Wohn, gebäude des Eigenthümers und bestand in einem einzigen Behält- nissc zu ebner Erde, von einigen Fuß ins Gevierte. Der Kai, er ließ hier sein Feldbette aufschlagen, und mußte nun In dieser ein- zigen Piece schlafen, sich anziehen, arbeiten, essen und umher spazieren. Ick schlief über ihm in einer kleinen Dachkammer, wo ich und mein Sohn kaum Plag hatten, uns hinzuleaen. DcS Kaisers Kammerdiener schliefen an der Erde, quer vor seiner Thurc. Die Familie des Hausbesitzers, recht brave gu:c Menschen, wohnce fünfzig Schritte davon. Unrer ihr befanden sich zwei junge Mäd- chcn von vreizeh» bis vierzehn Jahren. Es sind diese dieselben, welche den neuesten öffentliche» Blättern einen so schönen Stoff ge> de», sich über sic lustig zu machen. In den erstern Tagen besuchte der Kaiser diese Familie zuweilen, aber da die Gastfreundschaft des Hausherrn dann und wann Neugierige dort versammelte, so verzichtete er hierauf. Die andern Offiziere seiner Suite, welche in der Stadt geblieben waren, kamen so oft als sie konnten zu ihm, hatten aber dabei, durch Mißverstand und Unordnung bei der Instruktion der Wachen, immer mit den größten Unannehmlichkeiten zu kämpfen. Der Kaiser befand sich sehr schlecht, schlechter als - Sie es glauben werden, gnädigster Herr! In den ersten Tagen mußte man sein Diner aus der Stadt herbei holen, späterhin aber ^ fand man Mittel, eine Art von Küche einzurichtcn. Nie war es ! möglich, ein Bad für ihn zu erlangen, obschon dies zu seinen ersten ! Bedürfnissen gehörte. Er mußte sein Zimmer verlassen, wenn man ^ auskehren oder das Bette machen wollte. Wir gingen dann auf ! dem rauhen felsigen Boden um daS HauS herum, oder wenn die ! Sonne tiefer stand, oder der Mond schien, in einer nahen Allee > spazieren. i „ So brachten wir zwei Monate zu, nach deren Ablaufe wir ! nach Longwood gebracht wurden, wo wir jetzt wohnen. Ein so lan- gcr Zeitraum war zu den ersten Herstellungen erforderlich gewesen. Die ganze Colonie war nun hier beisammen, mit AuSnabmc des ersten Marschalls und seiner Frau. Mangel an Raum nöthigte sie, zwei bis drei Meilen entfernt, in einem abgesonderten Hause zu wohnen. „Longwood war anfangs nur ein Pachtgut der Colonie, das man dem letzten Untergouvcrneur überlassen hatte, welcher cs dann endlich zu einem Landhause umgestaltcte. Die Gebäude, die man jetzt noch hinzu gefügt hat, sind in solcher Eile vollendet worden, daß sie nur sehr ungesunde und dabei der Zerstörung in dem Grade unterworfene Behältnisse darbieten, daß die mehrestcn in Jahresfrist nicht mehr zu brauchen seyn werden. ! „Der Kaiser wohnt sehr schlecht und wir sind fast wie auf Bivouac. Damit Sie, gnädigster Herr! dies Alles genau kennen lernen, sende ich Ihnen hiermit den Plan des Ganzen, wie ihn mein Sohn für seine Mutter gezeichnet hat. Glauben Sie also ja nicht an das berühmte Schloß von Holz, wovon alle englische Blätter posaunt haben. Der Pomp desselben ist für Europa, die Erbärmlichkeit für Sankt Helena. Allerdings sind vor einiger Zeit eine große Menge roher Bohlen angekommen. Aber da man be- > rechnet hat, daß sieden bis acht Jahre nöthig seyn würden, ehe ! man einen Gebrauch davon machen könnte, dag wir diese «ganze Zeit über unter den Arbeitslemen zubringen müßten, und dass das Ganze ungeheure Summen kosten würde, so hat man die Sache aufgegeben. DaS Holz liegt auf der Erde und fault. „Man darf aber nicht glauben, daß es auf der Insel nicht Wohnungen gäbe, die Longwood vorzuziehen sind; besonders Pian- tacion-House, die Wohnung dcS Gouverneurs, ist ein Gebäude im europäischen Style, mit einem recht hübschen Garten, welcher Schatten und alle Annehmlichkeiten hat, die man nur hier er war« tcn kann. Aber das Ausziehen eines Gouverneurs, um dein hohen Gefangenen Platz zu machen, wäre eine Achtungsbezeigung gewnscn, und die englischen Minister haben es daher, wie man uns gi.sagt hat, ausdrücklich verboten. Die Umgebungen von Longwood sind in der Thar höchst elend. Hier kann durchaus nichts gedeihen, oder es würde wenigstens einen Grad von Pflege fordern, die bei weitem unsre Kräfte übersteigt. Mit einem Worte, es ist der wüste Theil der Insel. Bis jetzt hac die Natur hier weder Menschen noch Kultur aufkommen lassen; das Wasser ist sehr selten; Schat» tcn giebts gar nicht; man findet nichts als einige elende Seege. wächse, Sträuchcr und jene Gummibäume, Mißgeburten, die weder Laub haben, noch Schatten geben. Von Ratten und Mäusen sind wir dabei buchstäblich belagert. „Be! alle dem geschieht cs, daß wenn ein Reisender, der mit von dem ewigen Einerlei der Wellen ermüdeten Augen das erste beste Land, das er erblickt, zu bewundern genügt ist, übers Meer kommt und an einem schönen Tage die obere Fläche unsrer Höhe» erklettert, staunend über die furchtbaren Felsen, deren Spitzen überall hervorragcn und die Abgründe, die zu seinen Füßen liegen, immer noch, bei dem lachenden Anblicke des wilden Grüns, welches die nahen Bcrggründe bedeckt, ach wie schön! ausruft. Wir erfahren das nicht selten zu unsrer großen Kränkung. Aber, gnädigster Herr! .für jeden der dazu verdammt ist, hier zu wohnen, bleibt e's ein schrecklicher Drt. Das Nämliche gilt von dem Klima, daS vielleicht diejenigen, welche nur vorüber reisen, für mild und um schädlich halten. Allein die Insel liegt unter der verzehrenden Gluch des Wendekreises; der Himmel ist die mchrste Zeit mir Wol» ken bedeckt und Longwood häufigen Regen auSgesetzt. Das hat denn die Folge, daß wenn dir Sonne scheint, man verbrennt und wenn sie sich verbirgt, in einer fürchterlichen und anhaltenden Feuch, tigkeit befindet. Mithin leidet man fast zu gleicher Zeit an Frost und Hitze, ein Eontrast, der die schrecklichsten Verwüstungen in der mcitzchlichen Natur hervorbringc. Die Jahreszeit, die sich immer gleich bleibt, laßt die Lage ohne Farbe und in einer Einförmigkeit, 60 welche Gemüth, Geist und Körper angreift, Schwerlich kann man die fade Langweile schildern, welche hieraus entsteht; cS ist eine Oua!, die sich mir jedem Tage, mit jedem Augenblicke erneuere. Diese physische Marter preßte dem Kaiser, bei allen moralischen Leiden, die man ihm hier täglich erdulden läßt, als er das traurige Loos MuratS erfuhr, die Worte auS: Die Ealabrcscn waren nicht so barbausch — sie waren großmüthiger als die Leute in Plymouth! ,,Als der Kaiser in Longwovd ankam, begann er wieder sich durch Reiten Bewegung zu machen. Bei der wundervollen Thä- tigkeit seiner bisherigen Lebensweise, schien eine gänzliche Unterbrechung derselben gefährlich; auch wissen Sie vielleicht, gnädigster Herr! daß Corvisarc ihm das Reiten gegen ein Uebel dringend empfahl. wovon er bedroht ist. Man hatte uns einen ziemlich engbegrenzten Raum angewiesen, wo wir aber ohne fremde Begleitung überall hin konnten. Es ist bekannt, an welche schnelle und weile Ritte der Kaiser gewöhnt war. Hier machte ihm der enge Raum, die Einförmigkeit der Gcgcnd, das Einerlei des Weges, wodurch diese LcibeSüdung zu einer Arc von Rci.bahn wurde, das Reuen ! schnell fatal; er verzichtete bald ganz darauf und alles unser Bit« ! tc» und Flehen, es wieder anzusangen, blieb vergeblich. „Ich kann mich nicht ewig um mich selbst herum drehen, sagte er; wenn Ich ein Pferd unter den Beinen habe, so will ich fort — und diese Lust kann ich hier nicht genießen. Besser also, daß ich mir Len Acrger > erspare." Die Insel hat fünf und zw nzig bis drcisig Meilen im ^ Umkreise. Der Kaiser durste unter Begleitung eines englische» Offiziers überall hingchen, aber er wollte sich dem nie unterwerfen. Die Farbe des Kleides oder der Unterschied der Nation war eS nicht, was ihn abhielt; denn wer nur die Feuertaufe erhalten hat, sagte er, ist von einer und derselben Religion. Aber er wollte einen Genuß davon haben, wenn er hinaus ging, wollte in solche» Momenten sein Herz gegen unö ausschütcen; vor einem Fremden konnte er das nicht; er wollte seine Lage vergessen, aber die Nähe eines solche» Kerkermeisters erinnerte ihn ja unaufhörlich daran. ' Alles ist im Leben berechnet, alles abgewogen. Der Dorlheil, den sein Körper dabei gehabt haben würde, wäre weit hinter dem Ucbel - geblieben, das sein Geist auf diese« Weise erlitten hätte. Der Admiral Cockburn ließ sich mit vieler Artigkeit einmal bereit finden, « ihn, jene weitern Exkursionen zu erleichtern, aber das war nur für ^ einen einzigen Tag. Am folgenden schon hatte es ihm gereut, oder was cS sonst scyn mochte. Es hieß, man habe sich mißverstanden ! und es war nicht weiter Frage davon. „Die wichtigste Beschäftigung dcS Kaisers besteht darinnen, daß ^ er in seinem Zimmer liest, oder irgend einem von uns die merk- würdigsten Periode» seines Lebens diktirt. Sankt Helena wird für die Geschichte und den französischen Ruhm nicht ganz verloren sevn. Die italienischen Feldzüge und die Expedition nach Egnpten sind schon fertig und in der Thar Werke, ihres Gegenstandes würdig. Ihm, der diese Wunder vollbracht hat, kam es vor allen zu, sie unS zu erzählen. „Der Kaiser hat Englisch gelernt, gnädigster Herr! und ich hatte die Ehre sein Lehrer zu scyn. In weniger als zwanzig Lektionen war er so weit, die Zeitungen lesen zu können. Jetzt versteht er schon jedes Buck. i „Was das animalische Leben fordert, ist hier alles von der schlechtesten Beschaffenheit, oder cs fehlt ganz daran/ Das ist sehr schlimm; nicht allein deswegen, weil in dieser Breite, in dieser Colonie dieS nun einmal nicht anders ist, sondern auch, weil wir in Entreprise verpflegt werden, nach einem Concrakcc, wobei aber unsrerseits kein Mensch Aufsicht oder ein Controle führt. Wir haben nie dahin gelangen können, daß man uns die Thierc lebendig lieferte, man erräch leicht warum, noch auch daß man uns anders alS immer nur für einen Tag versorgte; so daß es uns schon mehrere« > mal begegnet ist, daß wir mit dem Essen warten mußten, weil die I LebenSmittel noch nicht angekommen waren, und daß cs wohl gar im Laufe bcS TngeS an Essen und Trinken fehlte, weil die eine Ration verzehrt und die andre noch nicht angelangt war. Das Fleisch ist ganz abscheulich, das Brod nicht von unsrer Art, der Wein sehr oft nicht zu trinken, das Ocl, wobei der Kaiser sehr ekel ist und es gleichwohl liebt, kann, wie wir cs bekommen, gar nicht gebraucht werden, und so war es auch bisher unmöglich, guten Liqueur zu erlangen, den man doch so gern gehabt hatte u. s. w. Der Kaiser, der in Ansehung aller dieser Dinge seit langer Zeit in dem Grade verwöhnt ist, daß man cs gar nicht sagen kann und er daS selbst nicht weiß, da er auf alle diese Genüsse nur einen negativen Werth legt, würde cs gar nicht gewahr werden, wenn alles daS vorzüglich gut zu haben wäre, empfindet eö aber dagegen sehr, daß eS so schleckt ist. Er beklagt sich nicht; er würbe mit der Nation eines gemeinen Soldaten fürlieb nehmen, aber er leidet dennoch dabei und wir leiden noch mehr, indem wir daS mir ansehen müssen« ! Wird man wohl glauben, daß man es bei der Behörde nicht ge- ^ stattete, als wir so aufmerksam waren, ihm diese kleinen Genüsse ohne sein Wissen verschaffen zu wollen? „Der Kaiser hat keine äußere Zerstreuung. Er nimmt fast niemand mehr bei sich an. Der neue Gouverneur hat die Besuche mit solchen Schwierigkeiten verbunden, daß sie so gut wie untersagt sind. Der Kaiser har dabei selbst Unannehmlichkeiten gefunden. 62 welche ihn davon zurückgekracht haken. Die Reisenden verschweiß beten bei uns Bitten über Bitten, um die Ehre zu haben, bei ihm gemeldet zu werden, und dann war es etwas ganz gewöhnliches, daß wir fünf Monate nachher in den englischen Blattern unter den Na« men eben der Personen, welche so höchst dringend bet ihrem Ge« suche gewesen waren, lesen mußten, daß sie von uns auf die de« müchigM Weise ausgenommen worden mären, den Ausdruck der größten Dankbarkeit bet unS gefunden hätten. Einmal für immer, gnädigster Herr! glauben Sie keinem dieser Blätter mit ihren er« bärmlichen Lügen. Wenn wir hier diese Gcschichtchen lesen, die sie enthalten, so sind sie selbst den Engländern, die uns umgeben, zum Acrger und zum Lachen. „Sie beklagen sich, daß ihre Briefe verfälscht sind, versichern, daß keiner von ihnen Dinge der Art schreiben werde, daß sie in London geschmiedet worden seyen, oder von Bediente» hier gewesener Reisenden herrühren müßten. Der Kaiser, 2hr Durchlauchtigster Bruder, ist, gnädigster Herr! immer derselbe. Wir, die wir das Glück haben in seiner Nähe zu leben, erfahren die Wahrheit der oft bezweifelten Behauptung, daß ein großer Mann auch denen, die ihn entkleidet sehen, die ihn weder Tag noch Nacht verlassen, es bleiben und ihnen nur um so größer erscheinen müsse. „Der Kaiser schläft sehr wenig; er legt sich zeitig nieder und da er weiß, daß auch ich selten schlafen kann, so läßt er mich oft rufen, um ihm Gesellschaft zu leisten, bis er einschläst. Gewöhn« lich wacht er um drei Uhr wieder auf; man bringt ihm Licht und er arbeitet bis um sechs oder sieben Uhr, wo er dann sich wieder niederlegt und noch ein wenig zu schlafen sucht. Um neun Uhr genießt er sein Frühstück, das man auf einem kleinen Tischchen, einer Art von Gueridon, an seinem Kanapee aufirägt. Er läßt zuweilen einen von unö dazu einladcn; dann liest er, arbeitet, oder schlummert auch wohl während der großen Hitze und endlich diktirt er uns. Lange Zeit pflegte er gegen vier Uhr mit uns allen in der Kalesche spazieren zu fahren; aber auch das ist ihm wie das Reicen zum Ekel geworden. Statt dessen geht er spazieren, bis die Feuchtigkeit ihn nbchigt, wieder ins Haus zu gehen. Wenn es Ihm begegnet, daß er sich hierbei bis über fünf Uhr vergißt, so bekommt er gewiß einen heftigen Schnupfen, Kopfschmerz, Husten oder Zahn« weh. Wenn der Kaiser heimkommt, diktirc er noch bis um acht Uhr, oder er geht in den Salon und spielt dort eine Parthie Schach, ehe er sich zur Tafel setzt. Bei dem Descrt liest er uns, wenn die Bedienten sich entfernt haben, selbst Einiges aus unser» besten Dichtern, oder einem sonst dazu ausgewählken Werke vor. „Dies sind nun die kleinsten Details von dem Leben des Kai« sers. Wie glücklich wollten wir seyn, wenn er bet seiner Trennung von der ganzen Welt, durch unsre sromme und zärtliche Pflege seine Leiden vergessen und hier einige friedliche kummcrsreie Stunden genießen könnte. Aber seit der Ankunft des neuen Gouverneurs vergeht kein Tag, fast keine Minute, ohne daß ihm nicht irgend eine neue Wunde beigebracht werde; man könnte diesen einen Stachel nennen, der immerwährend durch wiederholte Verletzungen den Schlummer stört, der auf Augenblicke die Schmerzen lindern würde. „Bei unsrer Ankunft in der Colonie befanden wir uns hier sehr schlecht; aber wir fielen von einer solchen Höhe herab, daß, wären wir auch recht gut verhalten worden, wir uns doch zu beklagen gehabt haben würden. Die edelgesinnten Engländer, welche sich in unsrer Umgebung befanden, und andre, welche vorüber kamen und unsre wahre Lage erkannten, versicherten immerfort, entweder weil sie uns trösten wollten, oder weil cö die Meinung ihres Herzens war: „Ihre jetzige Lage ist nur provisorisch, so kann das ja nicht fortdauern. Die Politik forderte, wie man das nun einmal so ansah, daß man sich Ihrer Personen versichere; aber das natürliche Recht, die Großmuth, die Ehre verlangen schlechterdings, daß man Sie mit der möglichsten Milde behandle. Das Schlimmste ist nun geschehen. Schiffe umkreuzen die Küste; die Ufer sind mit Soldaten besetzt; Signale umgeben Sie in jedem Augenblicke im Innern der Insel; alle SicherheitsmaaSregeln sind genommen. Nun wird man für eine freundliche Behandlung sorgen. Es kommt ein General-Lieutenant hieher, der sein ganzes Leben auf dem Festlande entweder im Hauptquartiere, oder an fürstlichen Höfen zugebrachc und gewiß gelernt hat, was man einem Napoleon schuldig ist. Diese Wahl schon sagt Ihnen genug; man wollte einen ausgezeichneten Mann zu dieser Sendung haben, der sich, seines hohen Berufes würdig, mit Seelengröße und zugleich mit der Feinheit und dem Zartgefühle zu benehmen wüßte, wie es sein Verhältniß fordert. Nur noch eine kurze Geduld und alles wird sich geben, so gut eS nur immer möglich ist." — Endlich kam er an, dieser neue Messias, — ach Gott verzeih mir die Sünde! — gnädigster Herr! man hatte uns einen Gendarme, einen Henker geschickt. Bei feinem ersten Worte schon nahm alles die traurigste Gestalt an. Jever Schein von achtungsvoller Rücksicht, jede gefällige Form verschwand. Seitdem hat die schmerzlichste, die beleidigendste Behandlung sich von Tage zu Tage verschlimmert. Er verengte unsre Grenzen, drang bis in unsre Zimmer ein, mengte sich in unsre kleinsten häuslichen Angelegenheiten, untersagte jede Gemeinschaft mit den Inselbewohnern, entfernte selbst die Offiziere seiner eignen 64 Nation, umringte unS mit Gräben und Pallisaden, verstärkte die ! Wachen, umgab unsre Kerker mit neuen Kerkern und trennte uns ! durch sein Schreckenssystem von aller Gemeinschaft mit Menschen. Der Kaiser war nun wie ein Gefangner in seinem Thurme -— er ging nicht mehr auö seinem Zimmer. Die wenigen -Audienzen, welche er diesem -Offiziere zugestand, waren höchst unangenehm und peinlich. Er machte daher der Sache ein Ende und beschloß, ihn nie wieder zu sehen. „2ch hatte Ursache, sagte er, mich über den 1 Admiral zu beklagen, aber der hatte doch wenigstens ein Her;! Dieser gleicht keinem Engländer -— er ist ein elender sicilianischer i Sbirre." ' „Sir Hudson Lowe entschuldigt sich wegen aller dieser Belei» digungen mir den von den Ministern erhaltenen Instruktionen. Be« folgt er sie wirklich genau, so sind seine Instruktionen barbarisch , und wenigstens können wir versichern, daß er sie auf barbarische > Weise in Ausübung bringt. ! „Der Kaiser kann bei dieser Behandlung nicht mehr lange ! leben. Das glaubt jeder der es versteht. Was wird aber die Ge» i schichte dazu sagen? Sir Hudson Lowe stellt gar nicht in Abrede, daß des Kaisers Leben in Gefahr sei, aber er antwortet ganz kalt, daß dieser selbst daran Schuld sei, daß er es nicht anders haben wolle. DaS letzte Gespräch zwischen ihm und de», Kaiser war sehr merkwürdig und lebhaft. Er hatte vorgegeben, daß er ihm > sehr wichtige Eröffnungen zu machen habe, und eS lies sich der I Kaiser daher auf dem Spaziergange von ihm anreden. Die Ab« ! sicht war, ihm zu sagen, daß der jährliche Aufwand für uns 20000 i Pfund Sterling betrage und da die Regierung nicht mehr als 8000 ! bewilligen wolle, dem Kaiser überlassen bliebe, das Deficit zu dek« , kcn. Der Kaiser, der hierüber betroffen war, bat, ihn mit diesen i Dingen zu verschonen, und als Sir Hudson Lowe darauf bestand, - sie noch länger zu verhandeln, verlangte der Kaiser mit Heftigkeit, ^ man solle ihn mit diesen kleinlichen Details nicht beschweren und ^ ihn in Ruhe lassen, er verlange nichts von ihm. Wenn ihn hung« re, werde er sich mit an den Speisekesscl jener Braven setzen, (er j zeigt! hierbei mit der Hand nach dem Lager des 53sten Regiments), sie würden gewiß den ältesten Krieger Europas nicht fortweisen. Bei alle dem war der Kaiser hierdurch in die Nothwendigkeit ver« setzt, sein Silbcrwerk zerbrechen und verkaufen zu lassen, um nur ^ von Monate zu Monate unser dringendstes Bedürfniß zu bestreiten. Es müßte Ihnen rührend gewesen seyn, gnädigster Herr! hätten . Sie den Schmerz und die Thränen der armen Menschen gesehen, die ein solches Schauspiel erleben zu müssen sich nie gedacht hatten. — 65 — „Sie, gnädigster Herr! wissen, in welchem Ueberflusse der Kal« ser zu leben gewohnt war und müssen sich freilich hierüber betrüben. Sie wissen ja aber auch, welchen Werth er eigentlich stets ans dergleichen Dinge legte. Er ist empört, aber er klagt nicht. In jedem Falle ist das Verfahren, einen großen Mann auf bctrü- gcrischc Weise festzunchmcn, sich seiner Gelder und sonstigen Mittel mit Gewalt zu versichern, mit den übrigen Interessenten ei» Abkommen zu treffen, wobei man, um allein Herr über die Person des Gefangenen zu bleiben alle Lasten übernimmt, und dann mit ihm über seine Existenz zu handeln, von ihm die Bezahlung seiner Bedürfnisse zu verlangen — es ist, sag ich, dies Verfahren so höchst widerlich, daß es in der That kein Wort giebt, es nach Verdienst zu bezeichnen. „Uebrigens ist alles hier ganz unvernünftig theuer. Ich glaube nichts Uebmriebeneö zu sagen, wenn ich behaupte, daß die Prcißc sechs- bis siebenfach höher sind, als bei Ihnen in Italien. Auf diese Weise sind die 8000 Pfund Sterling bald verthan, welche die englichen Minister bewilligt haben. Auch bin ich fest überzeugt, daß unsere Grundbesitzer in der Provinz mit einem Einkommen von 15 bis 1800 Franken besser wohnen, besser meublirt sind und besser leben, als der Kaiser. „Da Sie nun unsre Leiden kennen, werden Sie vielleicht glauben, gnädigster Herr! daß wir durch diese Verhältnisse und unfern Schmerz erbittert, dahin gebracht sind, immerfort und über alles zu klagen. Wir waren allerdings zu entschuldigen, wenn wir es tha- ken- Aber dennoch hat das Uebermaaß der Uebel, welche man uns zufügt, uns nicht unempfindlich und undankbar für die Theilnahme und die Aufmerksamkeit werden lassen, welche mehrere hiesige Einwohner und eine Menge von Offizieren der Garnison uns bewiesen haben. Vor allem hat uns die Offenheit im Betragen und die Rechtlichkeit des Admirals Malcolm erfreut. Nur das drückende Gefühl unsers Unglücks Und die Delikatesse welche sein amtliches Vcrhältniß forderte, haben uns abgchaltcn, sowohl ihm als Lady Malcolm, deren Charakter alle Ehre gebührt, die freundschaftliche Gesinnung an den Tag zu legen, welche sie uns cinstößcn. Als einst der Admiral !m Gespräche mit einem von uns gehört hatte, daß wir damit umgingen, dem Kaiser ein Zelt zu verschaffen, wo er, weil es ganz an Scharten fehle, mitunter einige Minuten zubringen könnte, so lies er schnell durch die Matrosen von Segeln seiner Fregatte ein geräumiges Zelt aufschlagen, unter welchen, der Kaiser einige Tage nachher sein Frühstück einnahm. Das war eine europäische Höflichkeit, an die wir nicht mehr gewöhnt waren und die uns mithin um so mehr zu Herze» gehen mußte. Der Kaiser k. Cafes Lageb. ii. Bd- 5 hat sich nun schon lange dieses Zeltes erfreu: — und freue sich desselben noch immer, ober nichc oknc Störung. Die oft sine er nicht, wenn so ein fatale» feindliches Gesicht ibm dorr zu nahe kaui, seine Unterhaltung und sein Diktiren abgebrochen. „Fort, rufte er dann aus, sort in unser Loch! — man beneidet mir die Luft, die ich hier einathme." „Alles, bis auf die kleinsten Umstände, verrätst den Charakter und die persönliche Stimmung unserS Wächters. Die öffentlichen Blätter worin wir am meisten gemißhandell werden, sind unS zu lesen gestattet, dagegen aber andere die sich mit mindercr Feindseligkeit gegen uns ausdrücken, verboten. Cr läßt kein Buch, daß uns günstig ist, zu unö gelangen, weil ein solches nicht von seinen Ministern komme, aber er beeilt sich uns alle Schmähschriften ge. gen uns aus seiner Bibliothek zuzuschicken. „Die größte Aufmerksamkeit wendet aber Sir Hudson Lowe daraus, daß ja nur seine Wahrheit nach Europa den Weg finde. Er wacht mit der größten Acngstlichkeic und Eifersucht darüber, daß durchaus nichts von der unsrigen nach außen drin, gen möge. Er hält daher alle Reifende von uns entfernt und legt es uns zum Verbrechen aus, wenn wir einzelne Umstände bekannt machen und daS Nähere von unfern Verhältnissen unter die Leine bringen wollen. Noch unlängst har er mir sagen lassen, daß wenn ich fortsühre, in meinem gewöhnlichen Tone an meine Freunde zu schreiben, er mich von dem Kaiser wegnebmcn und auS Sankt He. lena fortschicken werde. Ich schrieb nur die Wahrheit, und kann doch nicht sagen daß wir hier glücklich leben und gut behandelt werden. Sollte vielleicht Sir Hudson Lowe seinen Ministern nicht trauen, die meine Briefe nach ihm lesen? — Denn außerdem können sie ja dieselben, wenn sie selbst sich von allen unterrxchcec haben, im- mer noch nach Belieben unterdrücken. Dem sei nun wie ihm woi. le; ich habe mir das nicht zweimal sagen lassen, schreibe nun nicht mehr an meine Familie und bin daher für sie rodt. Dieser gegen, wärtiqe Bericht sogar, der Ihnen, gnädigster Herr! durch die Hände des Gouverneurs zukommen sollte, muß nun aus irgend eine heim, liche Gelegenheit warten. Sie können dabei nur gewinnen, denn wahrscheinlich hätten Sie mein Schreiben nie erhalten. Jene heimliche Gelegenheit wird sich aber gewiß früher oder später finden. Irgend ein großmüihiger Reisender, der ein Freund der Wahrheit ist, wird schon dieses Papier, das keine politischen Angelegenheiten, aber wohl Dinge enthält, welche die Ehre seines Landes betreffen, mitnebmen. Er wird damit die Pflicht des rechtschaffenen Mannes und eines guten Bürgers zu erfüllen glauben. 67 „Sir Hudson Lowe übertreibt und verdreht unaufhörlich alles, waS uns betrifft. Man hat sich unsrer Personen versichern wollen und nun denkt er, daß er uns in einen Kerker sperren müsse. Wir sollten von der politischen Welt getrennt seyn, er glaubt sich da» her gehalten, uns lebendig zu begraben. Man hielt sür nöthig, Aufsicht führen zu lassen, daß unsre Correspondenz nicht zu heimlichen Anschlägen und Comploccen abziclcn möchte, und er erkennt darinn die Nothwendigkcit, uns ganz in Vergessenheit zu bringen und unsre Epilienz zu vernichten. Wenn er hierinn dennoch seinen geheimen Instruktionen gemäß handelt, so paßt das nicht zu dem, was die Minister selbst im Parlemente gesagt haben, nicht zu der öffentlichen Meinung ihres Landes, nicht zu dem Verlangen aller Edeldenkendcn in ganz Europa, ihre Gesinnung sei übrigens welche sie wolle. Sie belasten ihre Verwaltung mit einer gehässigen, ganz unnützen Maasreget; die Wahrheit wird nicht verborgen bleiben, man wird empört darüber seyn und dann fragen, ob eine solche Behandlung zu der sickern Verwahrung des Gefangenen erforderlich war? Wenn sie aber von der andern Seite nur die Folge eineS übertriebenen Diensteifers von Sir Hudson Lowe wäre, so würde dieser Eifer sein böses Herz, seinen schlechten Charakter beweisen und sein Andenken mit Schande bedecken. „In jedem Falle seufzen wir hier, dem Sinne und den Wor- ten der englischen Gesetze zum Trotze, unter der Tyrannei und Willkühr eines einzigen Menschen, eines Menschen, der seit zwanzig Jahren keine andere Besckäftigung gehabt hat, als die Missethäter und Ucbcrläufer in Italien unter die Regimenter zu stecken, eines Menschen, der bei seiner Furcht und seiner Vorsicht keine Grenzen kennt, dessen Herz im höcksten Grade verhärtet ist und dessen Ein» biidungekraft ihn immerwährend nur Gespenster vormahlt. Diese gräßliche Lage, in welcher wir Uns befinden, ist eine traurige Folge unsrer Verbannung an das Ende der Welt, in die weite Einöde des Lccans. Wie lange soll nur noch unsre Strafe dauern? Wenn wird sich endlich einmal die Wahrheit einen Weg zu dein englischen Volke bahnen? Wann wird cs bis zu dem Grade deS Unwillens kommen, in welchem es das Unrecht wieder gut zu ma« chen streben wird, das es beschimpft? Sollen wir denn hülflos auf diesem schrecklichen Felsen umkommen? Wir verursachen dem Mutterlande so großen Aufwand und ruiniren diese elende Colonie. Sie verstrickt unfern Aufenthalt, wie wir ihr Dascyn verstricken. Und wozu soll denn bas alles helfen? — Der Kaiser sagte vor einigen Tagest sehr spaßhaft! „Wir werden nun bald das Geld stickt mehr werth seyn, waS wir kosten, und eben so wenig die Mühe, die man sich um unsertwillen giebc." Warum sollten uns 08 denn die Minister nickt zurückrufcn? Unsere Rückkehr würde ii>rc Kraft und die Festigkeit ihres Charakters zeigen. Man würde glau- den, unsere momentane Verbannung sei eine Maasregel politischer Nocbwendigkeit und nicht ein Werk deö Hasses gewesen. Sic würden ein großes Ersparniß machen und sich einen wahren Ruhm erwerben. Der Kaiser hat vor wie nach die Absicht und den Wunsch, den er hegte, «lS er frei und auf Treue und Glaube» an Bord des Bcllerophon kam. Seine politische Laufbahn ist zu Ende. Ruhe unter dem Schutze fester Gesetze ist alles, waö er verlangt, was er jetzt will. Die Abnahme seiner Gesundheit, die entstandene Schwäche seines Körpers, die Zahl seiner Jahre, die Abneigung, die er gegen alle Welthandel, vielleicht gegen die Menschen selbst, hegt, das alles macht, daß er sich nach dieser Ruhe mehr als jemals sehnt, daß sie ihm höchst nochwcndig ist. ! „Was uns betrifft, die wir seine Umgebung bilden, so würde, ! möchte auch unsre Gefangenschaft noch so unbillig seyn, doch jeder Kerker auf Englands Boden uns wie eine Wohlchat erscheinen. Wir wären dann unter einer schützenden Gewalt, entgingen der Willkühr eines subalternen Bevollmächtigten, athmeten wieder europäische Luft und kämen wir auch am Ende um, so würden doch unsre Gebeine in christlicher Erde ruhen. „Vor einigen Monaten landeten die Commiffarien der Mitten Machte auf der Colonie. Sir Hudson Lowe hat ihnen bekannt gemacht, daß ihre Sendung rein passiv sei und ihnen keine Autorität oder irgend ein Ein ni engen in Ansehung alles dessen, was uns angehe, gestattet werden könne. Er sendete hierauf den Traktat vom 2. August nach Longwood und verlangte die Zulassung dieser Commissaricn. Der Kaiser versagte solche in Beziehung auf ihr politisches Verhältnis,, hatte aber nichts dagegen, sie für ihre Person anzunehmcn. Er lieS von dem Herrn von Montholon eine offizielle Antwort an Sir Hudson Lowe fertigen, worinnen er logisch seinen ganzen Unwillen in Donncrworkcn zu erkennen gab, die zugleich die erhabensten Gedanken enthielten. Ich hoffe, daß Ihnen dieselbe, trotz aller Mühe, welche sich Sir Hudson Lowe giebr, sic geheim zu halten, mir der Zeit zukommen soll. Seine Ängstlichkeit in dieser Hinsicht ist ganz unbeschreiblich; sic hat mir schon persönlich manche Vorwürfe zugezogen. „Der Kaiser spricht sehr oft von Ihnen Allen, gnädigster Herr! Von den mehrestcn von Ihnen hat er PortraitS, die um ihn her ln seinem Zimmer aufgehangcn sind. So ist sein kleines Siübcbcn ein wahrer Hausaltar geworden. Er hat die Briese von Ihnen, von der Kaiserin Mutter, vom Kardinal Fesch und von der Prinzessin Pauline richtig erhalten. Der Gedanke, daß die Worte der liebevollsten Zärtlichkeit, welche sie enthalten, von der ganzen langen Reihe von Agenten, welche uns bewachen, gelesen worden sind, war chm sehr empfindlich. Lieber will er Ihre Briefe missen, wenn er sic um diesen Preist erkaufen soll. Er wollte seinerseits durch den Prinz-Regenten Nachrichten an die Familie gelangen lassen. Man hat ihm aber hier gesagt, man wurde seinen Brief, wenn er nicht unversiegelt wäre, entweder gar nicht fortschichen, oder ihn erbrechen. Er ist davon abgegangcn und wir lächelten bei der Betrachtung, wie gering diese Beleidigung doch noch im Vergleiche mit derjenigen ist, welche man dem Prinz-Regenten damit zudachke. „Ich habe, gnädigster Herr! viel von den Leiden gesprochen, die wir in der Umgebung des Kaisers zu erdulden haben. Aber w>r vergessen sie ganz bei dem Glucke, ihm unsre Ergebenheit bezeigen zu können. Wir leiden nur in seine Seele. Unsre Entbehrungen , unsre persönlichen Dualen gleichen dem Verdienste und den Freuden der Märtyrer. Wir werden in den Herzen der Edlen ewig leben. Tausende beneiden unser Loos, auf welches wir stolz sind und das uns so höchst glücklich macht! — „Genehmigen Sie die Versicherung u. s. w. Unterzeichnet: Der Graf von Las Cafes. Montags am 16 . Dezember. Drei Wochen waren nun schon verflossen und noch sahen wir keine Veränderung in unsrer schrecklichen Lage. Die Krankheit meines Sohnes machte mich noch immer lm höchsten Grade besorgt um ihn und meine eigne Gesundheit verschlimmerte sich offenbar bei alle diesem Kummer und der Angst, die ich auostchcn mußte. Wir waren in so strenger Halt, daß wir noch nickt ein Wort von Longwood gehört hatten. Ich wußte durchaus nicht, was man dort von meiner unglücklichen Geschichte dachte, blos das war mir zu Obren gekommen, daß der Kaiser wahrend der ganzen vierzehn bis achtzehn Tage sein Zimmer nicht verlassen und fast immer allein gespeist hatte. Was mußte ich nicht unter diesen Umständen leiden! Offenbar war die Sache dem Kaiser sehr empfindlich gewesen, aber aus welchen Ursachen eigentlich? — Dieser Zweifel wurde mir, ich muß es bekennen, zu einer wahren Pein, die mich von dem Augenblicke an, wo ich Longwood verlassen hatte, ohne Unterlaß marterte. Der Kaiser wußte durchaus nickt, warum ick sortgeschafft worden war — das wollte das Unglück nun so. Was mußte er nun denken, wenn er von meinen heimlichen Briefen sprechen hörte. Was >ür eine Ansicht mußte er nun wohl von der ganzen Sache haben- wie konnte er sich nun meine Zurückhaltung gegen ihn er- klären, da ich doch sonst gewohnt war, keine» Schritt zu thun, kein Wort zu sprechen, ohne ihm davon zu sagen. Ich stellte mein Unrecht mit dem Gedanken an seine rührende Güce in den letzten Augenblicken zusammen und es erschien mir dann um so größer. Noch wenige Minuten zuvor, ehe ich von seiner Seite gerissen wurde, war er so freundlich gegen mich, schien sich herzlicher noch alS gewöhnlich mir zuzuneigen und nun mußte auf einmal etwas geschehen, wobei ihm mein Verhalten gewiß ganz unerklärlich war. Sollte nicht vielleicht der Gedanke eines Unrechts, nicht irgend ein Zweifel an mir sich in seiner Seele erhoben haben? Diese Idee betrübte mich mehr, als ich es jemals sagen kann, und wirkte sichtbar auf meine Gesundheit. Glücklicher Weise gab mir der Gouverneur selbst das Leben wieder. Er fand sich heute gegen Abend bei mir ein, schien sehr den Kopf von dem voll zu haben, was er mir zu sagen hatte, und nach einer langen Vorrede, a»S der ich gar nichts entnehmen konnte, kam eS denn endlich heraus, daß er einen Brief an mich habe, den er eigentlich bei den Verhältnissen, n welchen ich mich befände, mir vorenthaltcn könnte, daß er aber doch, weil er wisse, wie lieb mir die Hand sei, welche diesen Brief geschrieben habe und welchen Werth ich auf die Empfindungen legen müßte, die darinnen ausgedrückt wären, aller persönlichen Gründe ungeachtet, die ihn davon abhalten sollten, mir diesen Brief zeigen wolle. Es war ein Brief von dem Kaiser. Meine Thränen stoffen — ach er war so höchst rührend! — und hätte ich den Tod ! zu taufendmalen für ihn gelitten — ich war jetzt dafür belohnt! ! Was auch Sir Hudson Lowe uns zu Leide gethan hat und ^ was ihn auch zu der Micthcilung dieses Briefs eigentlich bewogen I haben möchte — so bin ich ihm doch für diese Glückseligkeit, die ! er mir verschaffte, die größte Erkenntlichkeit schuldig, und wenn ich hieran denke, bin ich in der That versucht, mir über manche Dinge, über manches, was ich ihm nachgesagt habe, Vorwürfe zu machen; allein ich war eS der Wahrheit — war es höhern Rücksichten schuldig. Ich wurde so bewegt, daß es ihn selbst zu rühren schien, und als ich ihn bat, daß er mir erlauben möchte, von dem, was mich in dem Briefe nur ganz persönlich anginge, Abschrift zu nehmen, willigte er wirklich rin. Mein Sohn schrieb nun in größter Eile ab — wir waren in unbeschreiblicher Angst, er möchte sieb noch anders besinnen — und als er dann fort war, schrieben wir ! das Copirte immer wieder und bald die, bald jene Stelle ab; wir lernten es sogar auswendig, so sehr waren wir in Furcht, Sir Huofon Lowe möchte am Ende in der Nackt die gegebene Erlaub- i niß bereut haben. In der That bezeigte er mir am folgenden ! Tage sein Bedauern über diesen Punkt und ich säumte nicht einen 7l Augenblick, ihm die Abschrift wieder anzubiclcn, Indem ich zugleich versicherte, baß meine Dankbarkeit bariun nicht minder groß scyn wurde. Wir hitcen miS freilich schon gehörig vorgesehen um sogroß« mttihig senn zu können. Sei cd nun, daß er das merkte, oder wollte er wirklich seine Rolle in der Art sonspielen, kurz er ver« langrc nichts weiter von unS. Hier folgt nun dieser Brief. DaS Ldriginal desselben, das er zurück behielt, sollte — so versprach er auf Ehrenwort — mit meinen übrigen Papieren gleiches Loos ha» den. Ick habe cs jedoch nach dem Tode Napoleons und als die englisch- Regierung sich für verpflichtet hielt, mir mein Tagebuch zuruckzugeben, nur mit der größten Mühe wieder erlangt. Ich werde hier nur diejenigen Stellen des Briefes mittheilen, welche ich damals m c Sir Hudson Lowes Erlaubniß abschrieb uud die bei meiner Rückkehr nach Europa bekannt wurden. Was er zurück be» hielt, in unten in Noten angegeben. Beides zusammen bildet dann den Inhalt der Urschrift. „Mein lieber Graf von Laö CaseS! Mein Herz empfindet ganz, wie viel Sie leiden müssen. Seit vierzehn Tagen sind Sie nun von meiner Seile gerissen, eingcspcrrt und von aller Welt abgesondert, so daß ich weder von Ihnen Nachricht erhalten, noch Ihnen Kunde von mir geben konnte, daß Sie mit niemand, weder mit Franzolen, noch mit Engländern sprechen dursten, und nichr einmal einen Bedienten nach eigner Wahl hatten. „Ihr Benehmen auf Sankt Helena war — es macht mir Freute Ihnen dieses Zeuaniß zu geben so wie Ihr ganzes Leben stets ehrenvoll und tadellos. „Ihr Brief an eine Freundin in London kann Ihnen nicht als etwas Unrechtes zum Vorwurf gemacht werden. Sie haben darinnen Ihr Herz in den Busen der Freundschaft ausgeschüttet. (Hier fehlt die Hälfte des Briefs. *) *) „Dicker Brief gleicht acht oder zehen andern, die Sie an diekellie Person geschrieben und unversiegelt fortgcschilkc haben. Der Com- mandant des Landes hier hat ko unzart gehandelt, das, was Sie dem .Herzen einer Freundin anvertrauen wollten, auSzuspicnire», hat Ihnen obmängsi sich hierauf beziehende Vorwürfe gemacht »»d Sie bc» d-ovt, wenn Ihre Briefe fernerhin einen Tadel seines Benehmens enthielten, Sie von der Infel fortzuschich.n. Er hat hierdurch die erste Pflicht seines Amtes, den ersten Artikel seiner Instruktion und die erste Forderung der Ehre verletzt — somit aber Sic berechtigt, aus andere Mittel zu denken, wie cs Ihnen gelinge» könne, Ihr Herz m een Buse» Ihrer Freunde auszusckütten und sic von dem straftaren Verhalten dieses Eommandanicn i» äkenntniß zu setze». „Ihre Gesellschaft war mir nochwendig. Sie allein lesen, sprechen und verstehen englisch; wie viele Nächce haben Sic nicht, alS ich krank war, bei mir zugcbrache. Inzwischen verlange ich — ja ich befehle cö Ihnen sogar — de» Commandanren dieses Landes zu veranlassen, Sic aus den Coniinent zurnchzuschicken. Er Aber Sic waren zu gut, Ihr Vertrauen zu der Ehrlichkeit Anderer konnte leicht benutzt werden!! ,. Man lauert auf eine Gelegenheit, sich Ihrer Papiere zu bemächtigen. Jener Brief an Ihre Freundin in London konnte aber zu keiner polizeiliche» Verfügung gegen Sie ein Recht geben, da er keinen Anschlag, kein Gehcimniß enthält und nur die Ergießung eines edlen freiinilthigen Herzens ist. Das illegale, übereilte Verfahren, das man bei dieser Gelegenheit beobachtet hat, trägt den Stempel eines niedrigen pcrsbnlichcn Hasses. „Selbst in den mindest civilisirtcn Staaten stehen Vertriebene, Gefangene und selbst Verbrecher unter dem Schutze der Gesetze und der Obrigkeit; Diejenigen, denen ibrc Bewachung anvertraul ist, haben, unter den VcrlvaltungS-und Gerichtsbehörde» Vorgesetzte, welche sie streng beobachte». Auf diesem Felsen hier darf jedoch der Mensch, welcher die abgeschmacktesten Vorschriften giebl, sie auch mit Gewalt in Ausübung bringen, darf alle Gesetze überschreiten. Niemand ist da, der seine Leidenschaften im Zaume hält. „Der Prinz-Regent kann nie von dem Verfahren, das man in seinem Namen beobachtet, unterrichtet gewesen seyn. Man weigert sich, ihm meine Briefe zukommcn zu lassen, hat mit dem größten Unwille» die Beschwerde zurückgcschickt, weiche der Graf Montholon übersendete, und seitdem dem Grafen Bcrtrand zu erkennen gegeben, daß man keine Briefe mehr annchmeu werde, wenn sie wie die bisherigen mit Schmähungen angefüllt wären, „Man verhüllt Longwood in ein Gehcimniß, das man gern ganz undurchdringlich machen möchte, um ein strafbares Verfahren zu verbergen, — cs läßt sich hieraus ans noch weit schlimmere Absichten schließen I!! „Durch listig verbreitete Gerüchte sucht man die Offiziere, die Reisenden, die Inselbewohner und selbst die Agenten, welche, dem Vernehmen zu Folge, von Oesterreich und Rußland hier unterhalte» werden, zu täusche». Ohne Zweifel wird auch eben so die englische Regierung durch geschickt angebrachte Lügen betrogen. „Man hat sich Ihrer Papiere, cbschou man wußte, daß Schriften von mir sich darunter befinden würden, neben meinem Zimmer. obuc die mindeste Förmlichkeit, mit wilder lärmender Freude bemächtigt. Wenig Minuten nachher Wurde es mir gemeldet; ich ging ans Fenster und sah, daß mau Sic fortbrachte. Ein zahlreicher Generalstab umschwärmtc mein HauS. Mir war alS sähe ich die Wilden am Südmcerc um ein Schlachtopfcr tanzen, das sie eben fresse» wollten. darf es Ihnen nicht verweigern, da er kein andres Recht über Sie hat, als aus der freiwillig von Ihnen Unterzeichneten Schrift. Es wir- ein großer Trost für mich seyn, Sie auf dem Wege nach glücklichem Landern zu wissen. „Wenn Sie in Europa angekommen seyn werden und entwe- der nach England oder in 2hr Vaterland zurück gehen, so vergessen Sie die hier erlittenen Hebel und rühmen Sie sich der Treue, die Sie mir bewiesen haben, und aller der Liebe, die ich für Sie empfinde. „Sehen Sie einst meine Frau und meinen Sohn, so umarmen !' Sie beide. Seit zwei Jahren habe ich weder direkte noch indirekte Nachrichten von ihnen. (Hier fehlen drei oder vier Zeilen. ! „ Vor Allem beruhigen Sie sich — beruhigen Sie meine ! Freunde. Mein Leib befindet sich freilich in der Gewalt meiner mich hassenden Feinde. Sie vergessen nichts, was ihre Rachgier l befriedigen kann; sie tödten mich mit Nadelstichen; aber die Vorsicht ist zu gerecht, als daß dieser Zustand noch lange fortdauern k- könnte. Das ungesunde, auszehrende Elima dieser Insel und der j' Mangel an alle dem, was die Lebensgeister sesthalt, wird — ich fühle eö — mein Daseyn schnell enden. (Hier fehle« vier oder fünf Zeilen, **) ^ „Da es sich nicht denken läßt, daß man Ihnen erlauben wer- , de, mich vor Ihrer Abreise noch zu besuchen, fo umarme ich Sie mit der Versicherung meiner Achtung und meiner Freundschaft. Möchten Sie recht glücklich seyn! - Ihr ergebner Longwood am 11. Dezember 1816. Napoleon. Seit einem halben Jahre befindet sich ein Botaniker hier, der sic einige Monate vor seiner Abreise im Garten z» Schönbrnn» geselle» hat. Die Barbaren habe» cS sorgsällig gehindert, daß er mir keine Nachrichten von ihnen bringen darf. **) Meine letzten Aiigenblilkc werden eine Schande für de» englische» Charakter sehn. Europa wird einst den Namen jenes Iiinlerlistigr» »nd boshaften ManneS »nt Absehen nennen und die ächten Englänc der werden cS längnen, daß er ein Dritte war. Dienstags am 17. bis Donnerstags am 19. Dezember. Der Brtcs drö Kaisers wackre mich ganz glückselig; ick laS ihn immer wieder aufs Neue. Er hob meine Unruhe, befestigte meine Vorsätze und gab mir meinen Frohsinn wieder. Jedes Wort wurde bei dem wiederhotten Lesen genau erwogen- ES machte mir ein wahres Vergnügen, nachrdem wie ick den Kaiser kannte, heraus, zustudiren, wie cs hcrdeigcführt worden sei. Ich sah >m Geiste seine Unruhe über meine Forcschaffung, sein Erstaunen über eine geheime Korrespondenz; ich horte ihn, wie er in seiner gewöhnlichen Manier jede Sache von allen Selten betrachtete; ich erkannte, wie sei» Scharfsinn gerade das heraus fand, waö wirklich geschehen war und wie er sich nun entschloß, mir- in dieser Beziehung zu schrei» bcn — und doch erriech ich, waö mir nachher genau bekannt wur> de, daß er mir, nach einigem Verzüge, geschrieben habe, ohne doch eigentlich zu wissen, welche Schriften zu meiner Verhaftung Anlaß gegeben hätten. Und wie groß mußte nickt der Werth dieses Briefes für mich serm! für mich, in dessen Bciseyn er so oft gesagt haire, daß er nickt an seine Gemahlin, nicht an seine Mutter, nicht an seine Brüder schreiben werde, da cS nicht geschehen könne, ohne daß die Briefe von seinem Kerkermeister geöffnet und gelesen würden. Die» ser mein Brief war geöffnet und zwar mit seiner Bewilligung und von seiner eignen Hand; denn nachdem ihn der wachthabende Offizier an Sir Hudson Lowe überbrackc halte, schickte >hn dieser mit der Bemerkung zurück, daß er ungelesen nicht bestellt werden könne, nun aber die Frage sei, ob er nichts dagegen habe? Man brachte ihn daher dem Kaiser wieder; er lag auf seinem Kanapee und als man ihm nun diese Schwierigkeiten vorgetragcn Harle, streckte er die Hand über seinen Kopf hinaus, griff nach dem Briefe, und ohne ein Wort zu sagen, ohne selbst den, der ihn zurückdrachte, anzu> sehen, brach er das Siegel loS. Ferner wird der Wertst des Brieses für mich dadurch erhöhet, daß er die ganz vollständige Unterschrift des Kaisers hat. Ich wußte, wie schwer ihm das unter den jetzigen Verhältnissen wurde. Ich glaube es war zum crstenmale seit seinem Aufenthalte auf der In'cl, baß er sich so unterzeichnet hac. Es macht mir Vergnügen, an dem Original zu sehen, wie er dabei gezögert hac, wie schwer es ihm geworden ist Er hielt anfangs für hinreichend, mit eigner Hand dlos das Datum: Longwood am l 1. Dezember 18 16. zu schreiben und mir seiner gewöhnlichen Paraphe zu schließen ' dann sielst inan aber, wie er seine Meinung geändert, diese Signatur nickst f»r hinreichend und weiter unten die Worte: Ihr 75 ergebner Napoleon, nebst seiner nochmaligen Parapbe binzu- gesetzt hat. DaS Ganze rrägc die unvrrkcnnbarcn Spuicn einer großen Unentschlossenheit. *) Aber die größte innere Zufriedenheit gewährte mir dieser Brief des Kaisers durch die Freude, ihn, bei dem was ick aethan hatte, errachen zu haben. „2ck mache Sie verbindlich, sagt er, und da nöthig, befehle lch es Ihnen, diese Insel zu verlassen." Nun hat man schon oben gesehen, daß ich, in »icincr abgesonderten Hast, wo ich von aller Welt geschieden war und mir ganz allein selbst ratheu mußte, diesen Beschluß gleich in den er. sten Tagen meiner Einspcrrung gefaßt hatte. Ich könnte ja nun, so sagte ich mir damals selbst, dem Kaiser fernerhin keinen bcson- dcrn Trost mehr gewähren, wohl aber vielleicht ihm in der Entfer« innig nützlich senn. Ich will nach England gehen, will mich den Ministern nähern. Ich kann ihnen nicht verdächtig seyn, alS obich dabei nach einem verabredete» Plane handle. Ich bin ja menge, kommen, alS wenn ich eines plötzlichen Todes gestorben wäre. AlleS was ich ihnen sagen werde, kommt ,a sonach offenbar nur von mir, ans meinem eignen Herzen. Meine Schilderung wird Wahrheit — sie werden gerukrt sevn von den Lctdc», die sic durch mich erfahren sollen; sie werben bas hoos LeS hohen Geachteten verbessern und es wird mir gelingen, zu seinen Füßen die Tröstungen nieder- zulegen, die dann allein durch meinen Eifer bewirkt sind. Ich erneuerte also recht dringend meine Bitten und Anregun. gen, und was mich in diesem Augenblicke ganz vorzüglich hierzu crieb, war ein neuer Krankheitsanfall meines Sohnes, wobei er eine halbe > Stunde ohne Bewußtsenn gewesen war und keinen andern Beistand als mich, mir meiner Uncrfahrenhcit. gehabt halte. Man urihcilc, in welchem schmcrzlichen Zustande ich mich befand; ich kannte mich jetzt selbst nicht mehr und schrieb an den Gouverneur: „Sie brin- gen mich zur Verzweiflung. Welche Verantwortlichkeit laden Sie doch in meinem Herzen auf sich! Sie sind Vater — der Him« , wcl gebe, daß nickt einst eine Angst, wie ich sie empfinde. Sie an die Bitten erinnere, die ich jetzt umsonst an Sie vcr« schwende!" — Es ist gewiß, daß wir bei fortdauernder Haft dem Es ist dieser Brief von jemand von des Kaisers Leuten geschrieben; aber die Interpunktion hat er mit eigner Hand binzngeseht. Ich muß biernächst, mir Beziehung aus die früher erzählte Sonderbarkeit des Kaisers im BorbciaeheN bemerken, daß er, der selbst kein Wort o> !>'vgrapbtlch schrieb , doch darinnen ganz geringe Fehler kor,girt hat. Grabe züchten und ich konnte nicht begreifen, warum er die Sache so verwickelte und nicht vorzog, uns anderwärts sterben zu lassen. Sir Hudson Lowe kam noch desselben TagcS, bewogen, wie er sagte, durch daS meinen Sohn betreffende Billct, zu mir. Er hatte den Doktor Baxter holen lassen, der ihm auf dem Fuße folgte. Ich sah bei einein sehr langen Gespräche mit mir recht deutlich, daß Sir Hudson Lowe heute etwas mit mir im Schilde führte. Wir fühlten uns gegenseitig über mehrere Punkte aus die Zähne. Er äußerte endlich, daß er mich anfangs darum nicht habe nach England schicken können,, weil der Kaiser mein Tagebuch, als auf seinen Befehl geschrieben, in Anspruch genommen und ich gleichwohl meinerseits verlangt hätte, daß cs mich nach England begleiten solle — ein Raisonncmcnt, das eben so abgeschmackt als hinterlistig war. Dann, sagte er auf einmal, alS ob ibm ein Strahl des Lichts vom Himmel käme und ihn plötzlich eine Art von Nachgiebigkeit ergriffe, daß er recht gern darein willigen würde, wenn ich etwa nach Longwood zurückgchen wollte. 2ck zitterte — dennoch sielen mir sogleich die inhaltsschweren Worte des Kaisers ein und ich antwortete daher, daß dies zwar nun ganz gegen meine Absicht sei, wenn ich aber dcSfalls von deö Kaisers Verlangen unterrichtet werden sollte, sich mein Entschluß hierüber sofort ändern würde. Hierauf erwiederte er, daß er viele Ursache habe zu glauben, daß eS der Kaiser wünsche, und die Sache schien ihn überhaupt recht sehr zu beschäftigen. Er hatte offenbar irgend eine Idee mit mir, aber ich erriech sie nicht. Als ich ihm nun bemerkte, daß ich nach Longwood schreiben müßte, um den Wunsch des Kaisers zu erfahren, so verweigerte er das nicht geradehin, aber er drückte sich auf eine sehr verwickelte Weise darüber aus. Endlich verlies er mich — wenigstens glaubte ich cs und dachte, daß er schon weit entfernt seyn müsse. Er hatte aber die ganze Zeit über mit dem -Offiziere, der sein besonderes Vertrauen besitzt, ins Geheim gesprochen und trat nun wieder ein, um mir zu sagen, daß er, nachdem er sich die Sache überlegt habe, für gut fände, wenn ich in Betreff meiner Rückkehr an den Großmarschall schriebe — allein es bliebe wohl ausgemacht, daß cs ganz auf die Art ankommen würde, wie ich meine Gedanken verbrächte, um den Kaiser über LaS Ja oder Nein bei seiner Erklärung zu bestimmen. Das war nun freilich wahr und ich lachte darüber. Da ich nun aber die wichtigsten Punkte unsers langen Gesprächs in Klarheit bringen wollte, dabei auch einen festen Beschluß hcrbcizuführen wünschte, so schrieb ich ihm, sogleich nach seinem Weggehen, folgenden Brief. „Herr Gouverneur! <— ES ist mir wieder eingefallen, daß Sie bei Ihrem Besuche von den Verlegenheiten sprachen, die 2H- , rem Beschlüsse über mich hinderlich gewesen waren und dabei besonders meines Iournaiü gedachten, indem Sie bemerkten, daß solches Sie abgehalren habe, mich nach Europa abgehen zu lassen, weil ich verlangt hätte, daß es mir dahin folgen solle, aber dasselbe auch zugleich zu Longwood in Anspruch genommen worden sei. Beides, sagen Sie, habe nicht zugleich geschehen können. -Ohne Zweifel, mein Herr! Haren Sie kluger Weise, aus wichtigen Gründen, diese Schwierigkeit forcdaucrn lassen, die Sie außerdem so leicht heben konnten. Jeder Wunsch, jedes Wort, das von Longwood kommt, ist für mich ein unverbrüchliches Gesetz. Ich hätte auf meine Papiere verzichtet, wenn Sie mir Kunde davon gegeben, aber eben so würde man dort vielleicht jenes Verlangen aufgegeben haben, wenn Sie meine Entschließung über diesen Gegenstand daselbst bekannt gemacht hatten. Zn jedem Falle betrachte ich es nun als Ihre Obliegenheit, daß Sie meine Gesinnung hierüber als ein Zeichen meiner tiefen und unendlichen Ehrfurcht, und um jede Schwierigkeit in dieser Sache gänzlich verschwinden zu lassen, dort eröffnen. Je weiter ich übrigens hierbei gehe, desto mehr muß ich mich verwundern, daß eine so einfache und unwichtige Angelegenheit, als die meinige doch nur ist, so verwickelt werden und so viel Lärmen machen kann. Die sichere Folge hiervon wird der immer mehr und mehr verbreitete und an Wahrscheinlichkeit gewinnende Gedanke seyn, daß bei dem Verfahren gegen mich meine beiden heimlichen Briefe nur der Vorwand, meine übrigen Papiere aber ! der eigentlich wahre Bcwegungsgrund gewesen sind — und das ! große Interesse, was man bei Ihnen vermuchet, mein Tagebuch zu- ^ rückmbehalcen, von dem «in Theil Sie persönlich betrifft, muß Sie allerdings bei Ihrer moralischen Stellung sehr in Verlegenheit setzen. Wenn Sie mich nicht nach England zurückschickcn, so bestätigen Sic die Furcht, die man an Ihnen voraussetzt, daß das, was hier vorgebt, anderwärts bekannt werden möchte. Sie sollten also dem Himmel für die Gelegenheit danken, die ich Ihnen gebe, aller i Welt auf eine recht förmliche Weise das Gcgeniheil zu zeigen. Ich hatte Ihnen die Mittel angegeben, allen dem zu begegnen. Dies gehört übrigens nur vor den Richterstuhl der Moralität und der öffentlichen Meinung; ein positiveres vor dem unmittelbaren Richtcr- stuhle der Gesetze zu verantwortendes Unrecht ist cs aber, daß Sie einen Menschen mehrere Monace lang bis zu Eingang einer Antworc aus England im Arreste halten, der die freiwillige Unterwerfung, in welcher er sich Ihnen gegenüber befand, zurückgenommen, seine Ent- 7rr seimig von dieser Insel .Ulf authentische Welse verlangt «nd 2h. nen folgendes ganz einfache Dilemma Vorgelege hak. „Sie erlauben sich gegen mich einen Akt der Willkühr und ich fordre Sie auf, den Gesetzen Folge zu leisten. Wenn ich nichc schuldig bin, so schicken Sie mich zurück; bin ich aber schuldig, so übergeben Sie mich an die Tribunale und lassen Sic Recht über mich sprechen. Aber Ihre Papiere sagen Sie hierauf. — Sind diese Papiere meiner Sacke fremd, so geben Sie mir dieselben zurück. Stehen sie damit im Zusammenhänge, so übersenden Sie dieselben an meine Richter und mich dazu. Aber diese Papiere sind ebenfalls von einer andern Person in Anspruch genommen, i sagen Sie weiter. Nun dann leiste ich Verzicht darauf, so bald Sie mir diesen Wunsch zukommen lassen, oder diese Person sicher von ihrem Verlangen ab, wenn Sie ihr das meinige kund chun. DaS ist die ganz einfache Frage. UebrigcnS ist der wichtigste Ge> gcnftand dieses Briefes, baß Sie gütigst eine fernere Erklärung meiner ehrfurchtsvollsten Bereitwilligkeit in dicser Hinsicht nach Long- ! wood gelangen lassen möchten. So viel aber das Schreiben wegen jener desondern Gunst betrifft, die Sie mich in Beziehung auf meine Rückkehr nach Longwood hoffen ließen, so werde ich damit anstehen, bis ick wieder die Ehre gehabt habe, Sie bei mir zu sc» hen. Ich bin u. s. w. Freitags am 20. und Sonnabends am 21. Dezember. Inzwischen fing Sir Hudson Lowe, dem ich durchaus nicht Ruhe lies und dem die Stellung Zwang anlcgte, in welche er sich mir gegenüber versetzt hatte, doch an, wegen des Lärmcns, daS er um eine so geringfügige Sache gemacht hatte, in Verlegenheit zu geraihen. Er wünschte recht augenscheinlich, daß ich zu dem Kaiser zurückkehren möchte, wodurch er allerdings aus dem ganzen verdrüßlichcn Handel und die ganze Sache ins Gleiche gekommen wäre. Seht wahrscheinlich, um mich geschwinder dafür zu bestimmen, sendete er , mir den offiziellen Beschluß zu, nach welchem ich nach dem Borge- ! birge der guten Hoffnung gebracht weroen sollte und fügte einen Brief bei, worinnen er, in sehr berechneten Ausdrücken, wiederholt z von der Erlaubniß sprach, die er mir eriheilen wolle, nach Long- ^ wood zurückzukehrcn. Hier folgen beide Aktenstücke. Ich unter- i drucke, so viel ich nur kann, die Dokumente unsers Briefwechsels, ^ ich kürze selbst mehrere meiner Briefe ad. weil ich besorge, die Ge« dulo oer Leser damit zu ermüden. Dennoch muß ich alles das- „uigc mittheile», waö zu dem Kaden der Gesetz chte gehört und da- zu dient, daS Ganze verständlich zu machen. H Erklärung. „Nachdem der Gouverneur eille diese Umstände, welche sich auf die Sacke des Grafen von LaS Cafes beziehen, genau erwogen hat, so ist von ihm nunmehr folgender Beschluß gefaßt worden: „Der Graf von LaS Cafes hat sich eine direkte und vorsätzliche Verletzung der auf der Insel von der brittischen Regierungsbehörde in Bezug auf den General Bonaparte festgesetzten Reglements, durcd Verleitung elneS Inselbewohners zur Untreue zu Schulden gebracht, indem er letztem, auf eine strafbare und binecrlistige Weise, zum Uebcrbringer heimlicher, nach Europa bestimmter Briefe machen wollte, sonach aber eine der unerläßlichen Bedingungen übertreten, unter welckcr, Inhalts der von ihm freiwillig Unterzeichneten Erklärung, ihm der Aufenthalt auf Sankt Helena verhaltet war. Er ist daher von der Person des Generals Vonapartc getrennt worden, und soll nun, der Vorschrift der von der britlischcn Regierung er- lheiltcn Instruktion gemäß, nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung transporcirc werden. „Dem Grafen von Las Cafes ist erlaubt, alle seine Effekten und Papiere mit fortzunehmen. Von den letztem sind jedoch diejenigen ausgenommen, die sich auf den General Bonapane von der Zeit an beziehen, da sich selbiger unter der Autorität der englischen Regierung befindet, so wie diejenigen Briese, welche nicht durch den offiziellen Kanal der englischen Behörden gegangen sind. „In Betreff derjenigen Schriften, über deren Natur sich Streit erheben möchte, sollen die Befehle der britiischen Regierung erwartet werden. Plantacion-Housc, den 20. Dezember 1816. Unterzeichnet: Hudson Lowe." Sir Hudson LoweS Brief, womit die vorstehende Urkunde begleitet war. „Mein Herr! Indem ich Ihnen den beifolgenden Beschluß übersende, erlaube ich mir, Ihnen zu bemerken, daß, wie ich Ihnen Alle diese Urkunde» sind in dem Ilecueli ill' I>ieci-S anUiaiuicjues »ur ie enxtik >Ie 8ai»te - lleleu«, psr Lllrrei.!'. k'sris 1821. wörtlich zu finden. schon mündlich sagte, ich nichts dagegen habe, wenn Sie bis nach Eingang der Instruktionen der brittischen Regierung, lieber auf die< ser Insel bleiben, als sich nach dem Vorgebürgc der guten Hoffnung verfügen wollen. «In diesem Falle aber finde ich für nöthig, von 2hnen eine schriftliche Erklärung zu verlangen, welche sowohl Ihren desfallfigen Wunsch, als das Versprechen enthalt, sich den nämlichen Beschran- kungen zu unterwerfen, unter welchen es 2hnen bisher erlaubt war, sich auf Sankt Helena aufzuhalten. «Sonach steht 2hnen, mein Herr! die Dahl gänzlich frei, sich nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung zu begeben, oder samt 2hrcn unter Siegel gebrachten Papieren so lange noch hier zu blei- den, bis ich die 2nstrukcionen der Regierung erhalten haben werde. 2ch habe die Ehre u. s. w. Unterzeichnet: Hudson Lowe." 2ch zeigte sogleich den Empfang der beiden Schriften an und verlangte dabei ein Recepisse über alle meine Briefe, da ich bis jetzt nie einen Empfangschein darüber erhalten hatte. Da ich übrigens auch das Anerbieten des Gouverneurs, in Betreff meiner Rückkehr nach Longwood, beantworten wollte, so übersendete ick ihm alsbald einen Brief an den Großmarschall, (wovon hier ein Auszug folgt,) damit er ihn lesen und dann absenden möchte. «Mein Herr Großmarschall! — Der Gouverneur Sir Hudson Lowe hat mir eben mit vieler Höflichkeit und Theilnahme das Anerbieten gethan, nach Longwood zurückzukchrcn. Aus meine Weigerung und die hinzugefügte Bemerkung, daß ich nur auf ausdrückliches Verlangen des Kaisers dahin zurückgehen könne, äußerte der Gouverneur, wie er Ursache habe zu glauben, daß es des Kaisers Wunsch sei. Dieser Wunsch, mein Herr Großmarschall, wäre für mich ein Gesetz, er würde mein Herz beglücken und augenblicklich den festen Vorsatz besiegen, nach welchem ich zu Ehren der Gesetze und meines. Charakters mich der Erduldung eines unaussprechlichen Leidens unterwerfen wollte. «Auf jeden Fall würde ich mich glücklich schätzen, 2hnen, ehe ich die Ueberzeugung jenes von mir höchst ersehnten Wunsches erhalten habe, die Bewegungsgründc auseinander setzen zu können, welche meine anfängliche Weigerung hctvorbrachten. ,, 2ch bitte also den Herrn Gouverneur, 2hnen gefälligst meine unter dem 30sten November, so wie 2ten, 4ten und 18ten Dezember an denselben geschriebenen Briese mitzuihcilen. Er kann nichcS gegen eine Sache haben, die für unö angenehm und für ihn — bl — gleichgültig Ist; denn wenn ich nach Longwood zurückkehre, werde ick ja in den Stand gesetzt, Ihnen von diesen Briefen die genaueste Kenntniß zu geben, und wenn ich nicht zurnckkehre, so werden Sie freilich nicktS Näheres darüber erfahren, aber dann wäre auch nicht viel daran gelegen, da wir nicht mit einander sprechen und mithin auch keinen weitern Vortheil daraus ziehen können. Das einzige wesentliche Resultat würde für mich nur in der moralischen Beruhigung bestehen, daß Ihnen meine Gedanken und Gefühle bei dieser Angelegenheit nicht unbekannt geblieben wären. „Mein Dank würde eben so vollkommen als die Großmuch des Herrn Gouverneurs scyn, wenn derselbe mir die Versicherung geben wollte, daß diese Rückkehr meinen Interessen, hinsichtlich aus das Gesetz, in keiner Weise präiuditirlich, und auf die seinigen ohne alle Wirkung wäre, was ihm ja nicht schwer fallen könnte u. s. w. „Wie dem nun immer seyn möge, mein Herr Großmarschall! so werden gewiß alle diese Betrachtungen bei dem geringsten Zeichen oder Winke des Kaisers, wodurch es mir erlaubt würde, mich zu seinen Füßen zu werfen, augenblicklich verschwinden. ES fehlt mir dieses Glück und wie gern wäre ich nicht von dem Augenblicke an, da ich die Freiheit eS lhun zu dürfen hoffen konnte, z i chm hingeflogen, hätte ich den Eingebungen meines einzig und allein hierbei interessieren Herzens folgen dürfen, aber größer als di-r-s Gefühl ist meine treue Ergebenheit, meine tiefe Ehrfurcht für den Kaiser u. s. w." Kaum wird man es glauben, daß Sir Hudson Lowe diesen Brief, in welchem er alles, was ihm beliebte, wcggestrichen und nur wenige Zeilen gelassen hatte, zurück schickte und mithin verla >gtc, daß ich mir von ihm vorschreiben lassen sollte, was ich dem Grafen Bcrcrand sagen möchte. Er begleitete diese Rücksendung mit folgendem Briese, wodurch er, wie er sagte, das Obige beantwortete. „Ich betrachte den Brief, den ich Ihnen gestern zuzusenden die Ehre hatte, samt dem ihm beigefügcen Beschlüsse als eine allgemeine Beantwortung der vcrschiednen in Ihrem Briefwechsel mit mir aufgestellten Gründe. „Der Gesundheitszustand Ihres Sohnes und Ihr eignes Uebcl- besinden, so wie die in Ihren Briefen vom Vtcn und 7ten dieses, so stark geschilderten körperlichen und Seelenleiden bewogen mich, nach Empfang der letztem jener Zuschriften, sogleich in Person zu Ihnen zu gehen, um Ihnen die Rückkehr nach Longwood anzubie- ten, woselbst immerwährend solche ärztliche Hülfe zu finden ist, über welche man sich, so lange Sie hieb sind, noch nie beklagte, i!. Caseü Tagib. ri. Bd. 0 „ES bestimmt mich außerdem noch ein Gefühl von Achtung für die Person, von welcher Sie getrennt worden sind, Ihnen die- ses Anerbieten zu. thun. „Ich kann jedoch keineswegs mich dazu verstehen, bei irgend einer Diseussion oder sonstigen Verhandlung über diesen Gegenstand die Mittelsperson zwischen Ihnen und Longwood zu scyn. DaS Eilnige, wobei hier meine Mitwirkung statt finden könnte, wäre dies, Ihnen zu der Gewißheit zu verhelfen, ob man daselbst Ihre Rückkehr, unter den Bedingungen der Forcskhung Ihres Aufenthalts aufder Insel, welche ich Ihnen in meinem gestrigen Briefe ausgedrückt habe, wünsche oder nicht- Eine Mittheilung über diesen Punkt mit einer kurzen An. frage an den General ist Alles, was ich hierbei bestellen könnte. „Die Erlaubniß nach Longwood zurückzukehren, setzt hiernachst die Nothwendigkeit einer offnen Uebereinkunft über diese Angelegen« heit voraus. „Wenn Sie nicht dahin zurückkehren wollen, so sehe ich in einer verlängerten Correspondenz über diesen Gegenstand nur einen Stoff zu Erbitterungen und zu Unannehmlichkeiten für Alle. „Eine Menge einzelner rein persönlicher und die Hauptfrage nichts angehender Dinge, die in Ihren verschiedenen Briefen vor. kommen, schienen mir ein Zuacständniß oder eine Antwort offiziell ler Art nicht zu erfordern. Von der anderen Seite sind diese Briefe mit Gegenständen, die dennoch einen offiziellen Charakteren sich zu tragen scheinen, so verwebt, daß allerdings das eine wie daS andere wohl nicht ganz unbeantwortet bleiben kann. „Um aber in alle diese Einzelnhciten einzuaehen, bedarf ich mehr Muße, als eine unendliche Menge von andern Geschäften hier« auf zu verwenden gestattet. Ich beschäftige mich jedoch in diesem Augenblicke mit dem Niederschreiben von Bemerkungen über daS Ganze Ihrer Mittheilungen, und werde Ihnen, sobald diese Arbeit beendigt seyn wird, eine Copie davon zukommc» lassen. *) Ich könnte in diesem Falle vielleicht selbst eine nach Longwood über« schicken. Inzwischen mag der Beschluß, den ich Ihnen zugesendtt habe, samt dem Briefe, welcher solchen begleitete, als Antwort auf alle diese Briefe dienen. „Sie erhalten hiermit Ihren Brief an den Grafen Bercrand zurück. Ich habe die Stellen darinnen, weiche mir sehr übel angc« bracht schienen, oder deren Mittheilung an ihn wenigstens unnütz scyn dürfte, unterstrichen. Ich habe die Ehre u. s. w. Unterzeichnet H. Lowe. *) Der Graf von Las Safts hat nie weiter etwas hiervon gehört; »i< ist ihm auch nur eine einzige Zeile darüber zugekommen. Sonntags am 22. bis Montags am 23. Dezember. ^ Der Gouverneur kam zu mir, um die Wirkung zu scheu, welche ! seine Erklärung samt den beiden Briefen hcrvorgebracht hätte. Er > zweifelte nicht, daß sie einen großen Eindruck gemacht haben muß« ^ tcn und glaubte, daß er meinen Brief an den Großmarschall mit den von ihm angedeuteten Abänderungen bereit finden mußte und daß dieser meine Rückkehr nach Longwood bewirken würde. Ich ^ sagte ihm aber ganz kalt, daß, weil er sich erlaubt habe mir dik» i rircn zu wollen, ich nun gar nicht schreiben würde. Er schien sebr ^ erstaunt und betroffen hierüber — und nach langem Berathen mit sich selbst war er endlich so weit gekommen, mich zu fragen, ob die Abänderungen, die er gemacht hätte, das einzige Hindcrniß btcr« ! bei wären. — Diese ungewohnte Nachgiebigkeit von seiner S«tte leitete nun mein weiteres Verhalten. Ich war standhaft und kurz. Noch heute Abend, sagte ich zu ihm, würde er meine unwidcrruft > liehe Entschließung samt der Angabe meiner Brwrgungsgründe und zugleich meine Bemerkungen über die verschiedenen Schriften erhal« ten, die er mir zugeschickc hätte. Ich wollte auf diese Weise jedes flüchtige, leicht abzuläugnende Wort vermeiden, da ich überhaupt meine Erklärungen lieber auf eine authentische Weise zu Papier bringe. Hier ist nun mein Brief: „Mein Herr Gouverneur! Sie haben mir den Brief, welchen ich, auf Ihr mündliches Anerbieten mich nach Longwood zurückzu« schicken, an den Grafen Bcrtrand geschrieben habe, mit Hinzuge« brachten Correkturen wieder zugesendet. So war denn aiso, wie Ihnen das hier fast täglich begegnet, Ihr Anerbieten nur scheinbar und keineswegs reell; es sollte bei der Ausführung in sein Nichts verschwinden. Das nimmt mich gar nicht Wunder. Sobald ich am folgenden Tage über Ihren Antrag nachdachtc, habe ich mir die Sache gleich nicht anders gedacht. Sie sind übrigens so ebr« sich gewesen, mit zu sagen, wie Sic nicht gestatten könnten, daß irgend eine Mittheilung der Ideen zwischen mir und Longwood statt finde, oder mit anderst Worten, daß wir unsre wahren Wünsche uns gegenseitig zu erkennen gäben- Sie mögen hierzu nun wohl vielleicht Ihre sehr guren Gründe haben, ich will das recht gern zugcben, aber ich habe meinerseits auch nicht Lust, mit mir spielen zu lassen und dazu beizutragen, daß diejenigen getäuscht werden, welche sich für mich intcressiren. Ihre Stellung zwischen Longwood Und mir ist doch gar zu vortheilhaft, mein Herr! ich soll an den Grafen Bcrtrand nicht einmal schreiben, was ich denke, sondern nur was Sie mir dikciren. Ich leiste daher gänzlich Verzicht, be« i trachte Ihr Anerbieten als nicht geschehen, da die Annahme dessel» 84 den unstatthaft geworden ist und beschranke mich nun ganz imwibe-- ruflich auf die Gedanken, Gefühle und Beschlüsse, welche meiu Brief vom 30. November über diesen Gegenstand enthält. „Sie sind übrigens im Irrthnme, mein Herr! wenn Sie verstanden haben, daß ich ans alle Argumente und Punkte meiner Briefe eine Antwort verlange. Ich ehre Ähre Beschäftigungen und den Werth 2hrer Zeit und habe auch weiter nichts, als die ganz einfache Empfangsanzeige, um der guten Ordnung willen, gebeten. 2ch glaube nicht, daß Sie irgend einen Grund haben können, mir solche zu versagen. „Es scheint, mein Herr! als ob Sie über den höchst traurigen Gesundheitszustand meines Sohnes und mein Uebclbefindcn ganz erstaunt wären. Sie drücken zu zwei verschiedenen malen Ihre Verwunderung aus, daß ich Ihnen in Longwood keine Klage hierüber Härte zukommen lassen. In Longwood habe ich gar nicht an meinen Körper gedacht, mein Herr! und klagte cs übrigens, wenn ich litt, nicht der Behörde, sondern dem Arzte, wie Sie das von ihm leicht erfahren können. So viel aber meinen Sohn betrifft, so muß es mich in der That sehr befremden, daß 2hnen von seinem Zustande, von den Consulrationen die hierüber statt gefunden ha. bcn, von den verschiedenen Krisen die er ausaestandcn hat, dem östern Blutlassen desselben u. s. w. gar keine Kunde zugekommcn seyn sollte. Und ist cS denn etwas so Außerordentliches, wenn die gegenwärtigen Verhältnisse unsre Nebel vermehren, unfern Krank- hcitszustand plötzlich verschlimmern? „2ch komme nun auf 2hrcn Beschluß in Betreff meiner Deportation nach dem Kap. 2ch finde darinnen, daß man alle diejenigen Papiere zurück behalccn will, welche sich aus die hohe Per. son beziehen, der ich mit Freuden meine Sorgfalt und mein ganzes Leben weihcc. Welche andere Schriften soll ich dann noch besitzen, mein Herr? — Waö will man denn damit sagen, daß ich alle übrige mit mir forcnehmcn könne? Heißt das nicht ebenfalls etwas anbietcn und doch nichts geben? Sie behalten sonach mein Tage buch, dieser einzige und eigentliche Gegenstand, der bis jetzt schon so viel Lärmen verursacht hat und doch nur unvollendete, unberichtigte, bis jetzt jedermann ganz unbekannt gebliebene Notizen über dasjenige, was ich von einem Tage zum andern sah und Hörle, enthält. Gicbc es wohl eine Schrift, die mir cheurcr, die mehr nock mein Eigcu- thum wäre, als diese? Können Sie wohl eine Unkcnntniß 2prci> Inhalts noch vorschützcn? 2ck habe es von 2hnen Blatt vor Blatt, nach jedem beliebigen in dem Sachregister angegebenen Artikel aus Diskretion zwei Stunden lang durchsetzen lassen. Glauben Sic denn nicht wegen der Wendung, die Sie der Sache geben, wegen deS Mißbrauchs, den Sie sich hierbei erlauben, verantwortlich zu seyn? Sollten Sie denn nicht einmal genökhigt senn, sich wegen dcü falschen Begriffs, den Sie ohne Zweifel Ihren Ministern davon bcigebracht haben, zu rechtfertigen? Sie haben eS gegen mich ein politisches Tagebuch genannt. Ich hätte, fugten Sie hinzu, kein Recht gehabt, in meinen Verhältnissen, ein Register über das was der Kaiser Napoleon gesprochen habe zu halten. Besonders sei cs ein Mißbrauch, sagten Sic, daß ich mich dabei auf oft f fizielle Aktenstücke bezogen hätte. AlS ob das, was ich sehe, lese, i berühre, höre, nicht mit allem Rechte und ohne Bedenken in das j Reich meiner Gedanken gehörte, nicht mein völliges Eigenchum wä- "re, so lange das Gesammelte noch verborgen und geheim bleibt? Sollte man wohl glauben, daß dergleichen Grundsätze aus der Quelle ' der liberal«! Ideen Englands geschöpft seyn könnten? Sollte man ' nicht vielmehr hierinnen die verhaßten Maximen der Continental- ^ Polizei erkennen? Und was findet man denn am Ende in diesem ^ Tagcbuchc? — Reden, Handlungen, erhabene Ausdrücke des gro- i ßen Mannes, den es betrifft? Materialien zu seiner Lebcnsbcschrei- ' bung, vielleicht aber auch Dinge, die Ihnen nicht sehr angenehm , seyn möchten! — Aber wer wird sie denn zu öffentlicher ^ Kunde bringen? Das Werk sollte ja erst noch burchgegangen, cs ! konnte ja wohl darinnen noch vieles geändert, umgeschmolzcn und s berichtigt werden? Wer ist jetzt daran schuld, wenn es nicht ge- ^ sckichc? — Ucbrigens möchten aber wohl die jetzigen Ereignisse, ^ mein Herr! mich eben nicht sehr geneigt machen, etwas anderes von ! Ihnen zu sagen, als was ich denke und was der Wahrheit gemäß ist. ^ „Endlich sprechen Sie in Ihrem Beschlüsse, unterm Daco des 20. Dk- j lobers aus, daß ich von Longwood entfernt und nach dem Vorgebirge der f guten Hoffnung geschickt werden sollte. Wer wird nach der Form i und nach den Ausdrücken dieses Beschlusses nicht glauben, daß er H gegen meinen. Willen so gefaßt sei, indessen Sie doch, nach einer > langen Reihe von Tagen damit eine Sentenz fällen, die dem neuer- i liehen Vorfälle, von dem sichs handelt, ganz fremd ist. Sie ent- . fernen damit jemand von Longwood, der sich selbst seit zwanzig i Tagen schon, durch freiwillige Unterwerfung in Ihre Hände über- i liefert hat, der Sie seit achtzehn Tagen aus authentische We>se ans- fordert, ihn von der Insel wegschaffen zu lassen. Wer kann das wohl aus dem Inhalte Ihrer Schrift erkennen? Ein zugleich an mich gelangender Brief von Ihnen läßt mir die freie Wahl, ob ich mich dem Uriheile unterwerfen, oder nach Longwood zurückgehcn will. Aber wenn ich mich von dem Glücke kirren lasse, das Sie mir an- i biecen, so haben Sic gewonnenes Spiel und bleiben in guter Ruhe ^ Herr meiner geheimsten Papiere; ich bin aus» Neue Ihr Gesänge- so »er, bin vor w>e nach dergleichen Aussuchungen, Wegnahmen, Ver. Haftungen nach Ihrem Belieben auögesctzt. Nein, mein Herr! ! Ich habe keine Wahl und muß Ihnen jetzt immer das Nämliche > wiederholen, was ich Ionen bereits so oft gesagt habe: Handeln Eie gesetzlich mic mir. Bin ich schuldig, so verlange ich mein Ur- > theil — bin ich cö nicht, meine Freiheit. Stehen meine Papiere ln keiner Beziehung mit der Sache, so geben Sie mir dieselben zurück. Glauben Sie, daß eine strenge Durchsicht derselben crsor- derlich ist, so senden Sie sie an die Minister und mich zugleich mit sort. klebrigem) verlangt meines Sohnes Gesundheitszu- ! stand, so wie mein eigner schlechterdings, daß wir uns wieder an I einem -Orte brsinden, wo wir jede Art der Hülfe finden können. Ich bitte Sie inständigst, uns nach England zurück zu schicken. ^ „Nichts war einfacher und doch ist die Sache so verwickelt ' worden. Sie schützen vergebens Ihre Instruktion vor; sie hat diese ! besondcrn Falle nicht vorhcrschen können. Selbst Ihre Unsicherheit beweist mir, daß sie weder bestimmt noch deutlich ist. Anfangs wollten Sie mich auf der Insel, in abgesondertem Arrest, von Leng. » wood getrennt lassen. Sie glaubten nicht, daß es nöchig sei, mich I nach dem Vorgebirge zu schicken. Sie drehen und wenden nun den f Buchstaben Ihrer Instruktion, um ein Resultat hervor zu zwingen, j Fürchten Sie denn n-cht, Ihren Ministern verantwortlich zu wer- ^ den, wenn Sie sie falsch verstehen? Fürchten mir fertig zu seyn, wenn ich aus dem Kap und getrennt von meinen Papieren seyn werde, die Sie an sich behalcen? Aber selbst dann, wenn ich aufs Neue dort gefangen bin, sollen die Winde Ihnen mein Dilemma und meine Klagen über die moralische Marler zurück bringen, die Sie dann noch erhöhen und über meine körperlichen Leiden, die Sie verschlimmern; denn Sie sind es dann immer, der mich dort sesthatt, entweder durch direkte Befehle, oder durch geheime Instruktionen. Die Siegel dürfen nur in Gegenwart dessen abgelöst werden, den die Sache bccrisst — wollen Sie mich denn vom Kap zurück bringen lassen, um sie hier abzunehmen? Motten Sie mich dort so lange festhalten, bis der Befehl kommt, die Papiere nach England zu schicken? Wohin soll Sic am Ende das noch führen? Und doch gäbe es immer noch ein ganz einsa- 87 cheg Mittel, alles auszuglcichen.' Meine natürliche Neigung, jede Schwierigkeit aus dem Wege zu raumen, ist hierbei schon zuvorge- kommen und hat für Alles gesorgt. Ich habe mich im Voraus freiwillig allen Maasregcln, selbst den willkührlicken, unterworfen, die man in England, anstatt der Wuarancaine a„f pxm Kap, für angemessen halten könnte — und de» doch gewiß sehr gültigen Grunv, der meines Sohnes und meinen eignen Gesundheitszustand dccriffc, noch hin,»gefügt. „Sollte denn die Furcht, gegen den Buchstaben irgend eines Punktes Ihrer Instruktion zu verstoßen, in Ihren Augen größer scyn als die Nochwcndigkcit, als das so gültige Recht mehr den Geist derselben, und die Gewalt der Umstände und dir Forderungen der Menschlichkeit z» berücksichtigen? Noch ist eS Zeit/ mein Herr! ge rn Sie meinen Bitten nach. Ich werde glauben daß der letztere G und — daß die Menschlichkeit Sic bewogen habe und mich Ih. nen verpflichtet fühlen. Der zweifache Anspruch an meine Papiere, voi Longwood aus und von mir, kann keine gültige Entschuldigung senn. Man wird fragen, was haben Sie aeihan, um dieses Hindcrniß aus dem Wege zu räumen? Wollen Sie, daß ich deshalb selbst schreibe? — Drei Worte werden hinreichcn, um uns über diesen Gegenstand vollkommen zu vereinigen. „Wie dem nun aber auch sei, mein Herr! welchen Beschluß Sie auch fassen, welche neue Dual mir auch bevorstehen möge, keine laßt sich mir der Pein vergleichen, länger auf diesem verdamm« len Felsen zu verweilen, nachdem ich von dem erhabnen Gegenstände getrennt bin, der mich hierher gezogen hat. Jede Stunde, jede Minute, die ich in diesem Zustande hier znbringe, ist ein Jahr meines unglücklichen, vielleicht nur noch kurzen Lebens. Jeder Augenblick verschlimmert den gefahrvollen Zustand meines armen Soh- ncS. Ich bitte Sie also und werde nicht aufhören in jedem Augenblicke es zu bitten: Entfernen Sie mich von diesem -Orte der Wual! Empfangen Sie übrigens u. s. w-" Dcr Gouverneur war über meinen Brief und den Entschluß, nicht nach Longwood zurück zu kehren, höchst betroffen. Es war dies seinen Absichten offenbar ganz entgegen, ohne daß ich jedoch das Nähere hierbei ergründen konnte, und da ich eben deshalb unerschütterlich blieb, so kam er am folgenden Morgen zu mir. Nach einer langen dunkeln Vorrede über seine aufrichtige gute Meinung, sagte er, um mir davon einen Beweis zu geben und mein Ver- häitniß mit Longwood zu erleichtern, so willige er in die Absendung meuies ersten Briefes an den Grafen Bcrtrand, wie ich ihn gcschrie- btn hätte; er wolle ferner — was er bisher hartnäckig verweigert Ham — eine Copic meiner gesamten Corrcspondcnz hinzusügen; 88 aber je mehr er bewilligte, desto standhafter glaubte Ich seyn zu muffen. „ES ist nicht mehr Zeit, ancworceke ich ihm mit einer Art von Feierlichkeit, ich habe mir selbst mein klrcheil gesprochen. 2ch werde nun nicht nach Longwood schreiben und verlange jetzt zum Hundertstenmale, daß Sie die Güte haben, mich ohne Anstand sortzuschicken. — Aber Sie werden doch wenigstens von meinem Anerbieten und Ihrer Weigerung nach Longwood Nachricht geben? — 2a das werde ich thun." Er ging äußerst betreten sort und machte «och einen letzten Versuch, indem er äußerte, daß wir nur bei Gelegenheit eines Transports unter Segel gehen könnten, daß er nicht zu sagen wisse, wenn dicö geschehen möchte, daß kein Arzt am Bord und solches in Betracht der GesundheitSumftände meines Sohnes doch ein sehr bedenklicher Umstand sei u. s. w. Dienstags am 24. November. Mein Sohn war in der Nacht sehr krank und ich selbst überaus leidend. 2ch schickte daher mit Tages Anbruch zu den Doktoren Baxter und O'Meara, um ihre sofortige Hülfe zu erbitten und schrieb in meiner Verzweiflung, so niedergedrückt wie ich war, an Sir Hudson Lowe, daß es uns unmöglich sei, die Behandlung länger zu ertragen, bei welcher wir, ich und mein Sohn, umkom- men müßten, daß bei dem gefahrvollen Zustande meines Sohnes wir doch seit sieben Tagen keinen Arzt bei uns gesehen hätten und so weit vom Wege uns befänden, daß, bei allem persönlichen Wohlwollen für uns, doch zu große Beschwerde mit unsrer Behandlung für sie verbunden sei. 2ch müßte ihn also ersuchen, diese Absonderung ohne den mindesten länger» Anstand aushören und uns in die Stadt — wenn auch, sobald er das für nöthig hielte, in das allgemeine Stockhaus — schaffen zu lassen. Diesmal hatte mein Brief seine augenblickliche Wirkung. Ich erhielt durch die rückkehrende -Ordonnanz ein Billct des Gouverneurs, worinncn er mir an- kündigte, daß ich »och heute in seine eigne Wohnung in der Stadt gebracht werden würde. Wirklich kam gegen Abend ein Offizier, «ns abzuholen. Wie lange ruhten nicht beim Scheiden noch unsre Blicke auf Longwood! Wie fesselte es während des ganzen WcgcS alle meine Gedanken! Meine innersten Gefühle waren aufgeregt. 2ch lies anhalten, um es noch einmal zu betrachten. Gott, was empfand ich, als ich nun weiter fuhr und eS jetzt aus meinen Blik« ken verschwand! Wie könnte ich das beschreiben! — 89 Mittwochs dcn 25. dis Sonnabends den 28. Dezember. Jetzt war uns nun unsre Wohnung in dem Hause des Gou- verncurS — das Schloß genannt — einem weitläusclgen und recht angenehm gelegenen Gebäude, angewiesen. Eine große Veränderung war plötzlich mit uns vorgegangcn; zwar wurden wir noch durch Schildwachen unter Aufsicht gehalten, aber sonst stand uns Alles zu Gebote und cs schien, als ob man sich alle Mühe gäbe, uns recht verschwenderisch zu versorgen. „Lassen Sie sich ja nichts abgehcn, sagte der Haushofmeister einmal übers andre, die hono- rable indische Compagnie bezahlt Alles." — Aber diese verspätete Sorgfale rührte mich wenig. Nur einö lag mir am Herzen und dies war eine möglichst schnelle Beendigung meiner Sache — die ich aber doch nicht erlangen konnte. Der Gouverneur kam zwar alle Tage zu mir, aber nur um einige artige Worte fallen zu lassen; von Geschäften schwieg er gänzlich. Es wurde für mich höchst dringend, zum Ziele zu kommen. Seit meiner Fortschaffung von Longwovd hatten die unaufhörlich wiederkchrenden Schwierigkeiten und Ränke, wovon ich mich umgeben sah, und mein stetes Mühen ihnen zu entgehen, eine unaufhörliche Abmattung für mich erzeuge und zu dieser Geistesmatter gesellte sich nun noch der Kummer, von dem mein Herz erfüllt war. Dies Alles zusammen brachte in meinem Innern eine Art von Revolution hervor. Ich fühlte mich plötzlich um zehen Jahre älter und von dieser Zeit an entstanden und zeigten sich die ersten Symptome der Schwäche, welche mich seitdem nicht wieder verlassen hat, die täglich zunimmc und nur mit meinem Leben enden wird. Ich kam sonach in dem Zustande einer wahren Krise in die Stadt. Der Gouverneur erstaunte über meine Veränderung und die außerordentliche Schwachheit, die er an mir bemerkte. Kaum konnte ich ein Gespräch fortsetzcn. Ohne Zweifel, um mir wieder etwas Mutb zu schenken, lies er mich wissen, daß der Kaiser sehr lebhaft dcn Wunsch zu erkennen gegeben habe, mich vor meiner Abreife noch einmal zu sehen. Diese Erinnerung an mich war mir höchst rührend, meine Thräncn flössen und gleichwohl war ich so wenig im Stande, eine GcmüthSbcwegung zu ertragen, daß ich beinahe in Ohnmacht gefallen wäre. Mein Sohn sagte mir späterhin, daß der Gouverneur sehr betroffen darüber geschienen hätte. Dcmohnerachlct sammelte ich alle meine Kräfte, um den Gouverneur nochmals zu bitten, mich sobald als nur möglich sortschaffcn zu lassen. Jetzt bestimmte er, daß meine Abreise in zwei Tagen statt haben sollte. Er sagte mir dabei, daß er sich ein Kriegsschiff — 90 — zu verschaffen gesucht habe, weil eS paffender und zugleich bequemer für mlck sei, da sich auch ei» Arzt aus demselben befinde. Sonncags am 29. Dezember. , Schon am frühen Morgen kam heule ein Offizier, um uns zu sagen, daß wir unsere Sachen bereit halten möchten, um an Bord gebracht zu werden; es sei bestimmt, daß mir sehr bald abrcisen würden. Das war für uns die Stunde der Befreiung. In wenig Minuten war alles was wir hatten cingepackc; wir waren fertig und marteren. Endlich nahte ja nun der ersehnte Augenblick — ach Me groß kann nicht die Einwirkung der veränderten Umstande auf das Gefühl seyn! Ich, der es noch vor kurzem für die größte ! Strafe gehalten hätte, von dem Kaiser getrennt und von Sankt Helena fortgeschafft zu werden — ich stand jetzt, nachdem mein Entschluß gegen den offenbaren Wunsch des Sir Hudson Lowe nun einmal gefaßt war, in Hinsicht auf die positiven Worte deö Kai- sers, „ich ersuche Sie und befehle Ihnen nöchizcn Falls, diese Insel zu verlassen," in Hinsicht auf manches Frühere und sehr ^ Wichtige, was ich auS seinen Gesprächen entnommen habe, jedoch, z so fremd eS auch der Politik ist, nicht sagen kann, und endlich we« ! gen mancher Chimären, die ich mir selbst gemacht habe, die größte -Bcsorgniß aus, man möchte mich noch hier behalten, und obgleich mir schon die Stunde der Abreise angesagt war, so konnte ich mich i doch von dieser schrecklichen Angst nicht los machen. Der Gou- > verneur schien meine Furcht zu rechtfertigen, denn er lies den ganzen Tag auf sich warten. Es war schon spät und ich harte daS ! Fieber vor Ungeduld, vom Warten und aller meiner Unruhe bekommen. Gegen 6 Uhr erschien der Gouverneur, auf den ich nun schon gar nicht mehr rechnete, und sagte mir, nach seiner gewöhnlichen kurzen Vorrede, daß er den Großmarschall mirgebrachc und ihm erlaubt hätte, Abschied von mir zu nehmen. Er führte mich in den anstoßenden Saal, wo ich wirklich dielen würdigen Lewens- i geführten von Longwood umarmte. Der Kaiser harre ihn beauftragt, mir zu sagen, er würde es gern sehen, wenn ich hier bliebe und würde es gern sehen, wenn ich abreiste. Es waren dies seine eignen Worte. Er kenne mein Her; und baue fest auf mich, denn ! sei» Vertrauen zu niir habe keine Grenzen. Die Kapitel des italienischen Feldzugs, welche ick mir als ein liebes und thcures Andenken erberen hätte, wolle er mir gern überlassen, so wie alles das- . jenige, was etwa sonst in meinen Händen geblieben senn könne. Er werde alle diese Gegenstände demungeachtrc so betrachten, alS ob sie noch immer die seimgcn wären. Sir Hudson Lowe war ge- > 91 genwartig geblieben; das war in der Ordnung. Der Großmar- schall fügte dann noch einige Aufträge hinzu, wegen Übersendung von Büchern, besonders deS Moniteurs und einiger andrer Dinge, die dem Kaiser thcils nökhig, thcilö dock nützlich werden konnten, und schloß endlich damit, daß er mir recht bedeutend sagte, ich würde gewiß schon immer dasjenige thun, was ich für das Beste hielte. Es war voraus zu sehen, daß die Freundschaft des Großmar« schallS meine Leiden erhöhen würbe. Mein Scheiden ging ihm nahe und er gab sich alle crsinnliche Mühe, mich zum Hicrbleibcn zu bewegen. Meine Abreise sei ein Verlust für sic alle, sagte er mit der größten Zärtlichkeit, indem er sich dabei an den Gouverneur wendete; ein Verlust für den Kaiser und selbst für ihn — Sir Hudson Lowe — er werde das bald scheu. Der Gouverneur anc- wortere durch ein beifälliges Kopfnicken und beide suchten meinen Vorsatz zu erschüttern. Ich begriff das von dem Gouverneur, aber ich konnte die Ursache nicht errathen, welche den Großmarschall hier« bei leitete, besonders nach dem, was er mir im Namen des Kaisers zu sagen gehabt hatte. Außer allen den übrigen vielfältigen Gründen, welche mich sonzogen, kam nun noch in Betracht, daß Sir Hudson Lowe, wie ich schon erwähnt zu haben glaube, seiner- seics nicht das mindeste nachgab; er behielt meine Papiere, verlangte meine reine und vollständige Unterwerfung und ich legalisirte mithin, so zu sagen alles, was er bis jetzt gethan harte; ich auro- risirre ihn, durch diesen Vorgang, den ersten besten von uns, wie es ihm nur so einsallen möchte, nach Belieben wieder fest zu nehme» und einzusperren. Ick durfte, ich konnte mich ohne Befehl zu so entehrenden Dingen nicht willig finden lassen und leistete daher bcldcnmaßigen Widerstand. Inzwischen war jedoch die Nacht eingebrochen. Der Gouverneur bemerkte, daß es nun zu spät sei und da auch unsre letzten Arrangements noch nicht getroffen waren, so verschob er die Ab- reise auf morgen und suchte mich, weil er sah, daß mir dies Kummer machte, dadurch zu lrösten, daß der Zroßmarschall noch einmal kommen solle, mich zu sehen. So glücklich cs mich nun schon machte, meinen Kammeraden von Longwood noch einmal zu umarmen und auch nochmals Nachrichten vom Kaiser zu bekommen, so verursachte mir dennoch dieser Verzug eine wahre Pein. Er verlängerte meinen Innern Sturm und riß meine Wunden wieder auf. Bekanntermaaßen giebt es Siege, die man nur durch die Flucht erlangt. Der, nach dem ich strebte, war von dieser Art. 92 Montags am 30 . Dezember. Früh bei guter Zeit schon besuchte mich der Admiral Malcolm. Er kam, wie er sagte, um mir den Lieutenant Wright vorzustellen, der beauftragt war, mich auf der Brigg, der Greif genannt, nach dem Kap zu bringen, indem er mich ihm als seinen Freund aus die gefälligste Weise empfahl und mir die Versickerung gab, daß ich gewiß mit seinem Bestreben, sich mir angenehm zu machen, zufrieden scyn würde. 2ch nahm dieses Zeichen der zartesten Thcilnah« me, welche mir der Admiral hierdurch bewies, so wie er cs verdiente auf und empfand den wahrhaften und innigsten Dank dafür, mehr noch als ich ihm denselben ausdrücken konnte. Sein Wohlwollen mußte mir um so schätzbarer seyn, als seine Verhältnisse zu dem Gouverneur ihm Rücksichten auflegten, auch war er deshalb vorsichtig genug gewesen, sich von dem Offiziere begleiten zu lassen, der das besondere Vertrauen von Sir Hudson Lowe besitzt. 2ch erwartete nun mit der mir eignen Aengstlichkeit den entscheidenden Augenblick, und fürchtete dabei immer fort, daß der Gouverneur am Ende doch noch unvorhergesehene Hindernisse vor- sckützen werde. Sein Wunsch, daß ich zurückbleiben möchte, lag allzuklar vor Augen. Gegen 11 Uhr kam der Großmarschall in Begleitung des Gouverneurs und mehrerer Offiziere. Er erneuerte sein Bemühen von gestern, mich zur Rückkehr nach Longwood zu bewegen, ohne jedoch dabei sich auf ein positives Verlangen des Kaisers zu beziehen. Er kannte mich zu gut, um nicht zu wissen, daß ein Wort hinreichend gewesen seyn würde, mich zu bestimmen, aber er sagte dieses Wort nicht und wenn ich deshalb in ihn drang, dann trat er zurück und beschränkte sich aus die bestimmte Aeußerung des Kaisers, die er mir gestern kund gethan hatte. Und so mußte ich mich also gegen den noch zur Wehre stellen, von welchem ich Veilland erwartete. Seine Liebe wurde mir zur Pein; ohne Rettung schwebte ich mit zerrißnem Herzen zwischen dem Verlangen zu bleiben und dem Willen abzureistn. Wenn mein Her; das eine forderte, so gebot mein Much daö andere und ich — blieb unerschütterlich. 2ch kann nicht unerwähnt lassen, daß der Großmarschall im Lause des Gesprächs mir erzählte, daß der Kaiser mich vor meiner Abreise noch einmal zu sehen gewünscht hätte; da aber der Gouverneur verlangt habe, daß ein englischer Offizier dabei zugegen seyn müsse, so sei er dadurch gcnöchige gewesen, hierauf zu verzichten und er lasse mir nur sagen, ich wisse wohl, daß er um diesen Prelli seine Gemahl!», selbst seinen Sohn nicht sehen würde. Welche Worte für mein Herz! — Als wir dann von Geschäften sprachen, übergab ich dem Groß» marschall dreizehn auf meinen Banquier in London gestellte Wechsel. ES waren dies die 4(>on LouiSd'ors, welche ich dem Kaiser so oft angeboren und von denen mir der Großmarschall gestern gesagt hat» tc, daß er sich endlich entschlossen habe, sie anzunehmen. So war denn nun doch mein Wunsch erfüllt; ich fühlte mich höchst glücklich. Als dies beendigt war, wurde dem General Gourgaud, der die Erlaubniß erhalten hatte den Großmarschall zu begleiten, gestattet, von mir Abschied zu nehmen. Dieser neue Beweis seiner Thcil- nähme, verbunden mit allen denen, dieser mir seit meiner Verhaft tung ohne Unterlaß gegeben hatte, wirkten tief auf mein Gemüth. Da die Sitzung ziemlich lange dauerte, so hatte Sir Hudson Lowe die Artigkeit, diesen Herrn zu sagen, daß sie bei mir zum Frühstück bleiben möchten. Er selbst ging fort und nahm seine ganze Umgebung mit , den einzigen -Offizier vom Dienste zu Long wood ausgenommen, der die Herren eskortirt hatte — cs war der gmc Capicain Poplcco», mit dem wir stets unendlich zufrieden zu seyn Ursache hatten. Seine Gegenwart, so viel ist gewiß, hätte uns nicht gehindert, während des ganzen Dejeuners, das ziemlich lange dauerte, uns heimlich zu sagen, was wir nur immer wollten. Aber wir hatten kein Gcheimniß und eS wurde, weder von der einen, noch von der andern Seite auch nur ein heimliches Wort gesprochen. Hätte ich vorausgcschen, wie es kommen würde, so konnte ich von meinem Sohne meine ganze Correspondenz mit Sir Hudson Lowe ausheben und sie nun recht bequem nach Longwood gelangen lassen. Bei besserem Ueberlegen war ich aber froh, daß ich cs nicht thun konnte, indem ich denn doch Sir Hudson Lowe nicht krauen durfte, der, bei seinem offenbaren Bestreben mich zurück zu behalten, vielleicht eine solche Entdeckung benutzt und alle bereits getroffene Anordnungen wieder aufgehoben, dann aber ganz anders mir mir verfahren haben würde. Nach dem Dejeuner mar ich der erste, der den Muth hatte, vom Abschiednehmen zu sprechen. Ich bat, daß der Gouverneur herbei gerufen werden möchre, um dcrSache ein Endezu machen, umarmtemeineKam- mcradcn und sie verließen mich nun. Der General Gourgaud sprach beim Scheiden zu mehrcrcnmaleu mit der größten Herzlichkeit und Güte, über manche kleine Verdrießlichkeiten, die wir vielleicht mir einander gehabt hatten, und cS rhat mir wohl, hieraus die licbcr- zeugung zu schöpfen, daß selbige nur aus unsrer peinlichen Lage entstanden waren und unser beider Herzen keinen Theil daran ge- hadc hauen. Die Erinnerung an diese letzten Augenblicke wird mir stets sehr angenehm — ist, werde immer deckst dankbar dafür seyn. *) Als Sir Hudson Lowe zurück kam und sah, daß diese Herren sortgingen, sagte er mir mit ausdruckövollem Blicke, nickt ohne sicht» licke Verlegenheit und Verdruß: „Sie finden also nicht für gut, nack Longwood zurück zu gehen und müssen daher wohl Ihre guten Ursachen dazu haben." Ick verneigte mich statt aller Antwort und bat ihn, nun sofort zu der Versieglung der Papiere zu verschrecken, da dies das Einzige sei, was mich noch zurückhalre. Schon vor mehrern Tagen hatte ick gebeten und es auch verlangt, daß ein Jnventarium davon gemacht wurde, wovon ick gern eine authcn« tische von Sir Hudson Lowe Unterzeichnete Abschrift mitnehmcn ! wollte. Jetzt kam cs nur noch darauf an, die Siegel aufzudrückcn. Sir Hudson Lowe hatte diese Formalität nach Möglichkeit bis zu dem letzten Augenblicke verschoben und vollzog sie nun auf eine ihn ckaraktcrisirende Weise. Er sagte mir mit vielen Umschweifen und in sehr schönen Worten, daß er aus Achtung für den Kaiser und zugleich aus Rücksichten für meine persönlichen Eigenschaften, wohl darein willigen wolle, daß ich mein Siegel beivrucken möchte, nur müßte ich gestatten, daß er in meiner Abwesenheit cs erbrechen könne, sobald er es für nöthig finden sollte. Ich lächelte und er« klarte meine Weigerung und nun ging ich mit großen Schritten auf und ab, bis er endlich, alö ob er einen großen Sieg über sich selbst errungen hatte, ausruste: „Es mag seyn! ich nehme es auf mich!" Jetzt lies er den Gouvernements «Secretair herbeirufen und in meinem Bciseyn die Siegel der Insel aufdrücken. Ich verlangte nun eine Erklärung über seine Weigerung, mein Siegel bcidrücken zu dürfen, oder der sonderbaren Bedingung, die er mir hierbei gemacht habe und er zögerte jetzt von Neuem, lies aber solche doch endlich folgendermaßen auSfertlgen. Erklärung von Sir Hudson Lowe an den Grafen von Las CaseS. In Folge des Ausspruchs des Gouverneurs, in der den Grafen von Las Cafes betreffenden Angelegenheit, sind bei des letztem Abreise von der Insel eine sehr große Menge von Papieren auf ^ derselben zurückgeblieben. ES ist liier -er Ort zu bemerken, Laß. wen» früher gesagt worden ist, Laß der General Gourgauv sich darum beworben habe, die Rene nach Sankt Helena rniizumache», mlwea auf einem ärrtimine beruhte. Der Kaiser hatte ihn selbst gewühlt. S5 Der Gouverneur, dessen spezielle Obliegenheit es ist, darauf zu scheu, daß keine von Longwood kommende Schriften ohne vorgängige Durchsicht die Insel verlassen, hat sich dennoch, aus besondern Gründen, von diesen Papieren des Grafen von Las Casee Kcnntniß zu nehmen, bisher enthalten und verordnet, daß solche (nachdem er sich dis jetzt nur von dem allgemeinen Inhalte derselben unterrichtet batte) in zwei besondere Paquece gebracht und bei der Kasse der Insel so lange aufbewahrt werden sollten, biS er hierüber die Befehle seiner Regierung erhalten haben würde. Der Graf von LaS Cafes kann sein Siegel jedem dieser Paquece beidrücken, jedoch unter der Bedingung, daß selbiges erbrochen werden darf, wenn diese Paquece die Insel, in Folge hierzu erhaltener Befehle, verlassen sollten, oder es sonst das Beste dcS Dienstes erfordern möchte. Sonach würde freilich die Beidruckung dcS Siegels ihm nur eine moralische Versicherung geben, welche der Gouverneur ihm gern zugcstehen will, um ibn möglichst zufrieden zu stellen, daß nämlich diese Paquece nicht geöffnet werden, wenn cs nicht einer der vorerwähnten Fälle alS durchaus nothwendig erscheinen läßt. Wenn unter diesen Umständen nun der Graf von Las CascS sein Siegel den Paquccen nicht beidruckcn will, oder vielmehr sich ^ weigert, es unter den angegebenen Bedingungen zu thun, so kann der Gouverneur, der nicht erlauben darf, daß ein versiegeltes Pa« quec oder überhaupt Papiere, welche von Longwood kommen, ohne erbrochen zu werden aus seinen Händen gehen, durchaus nicht umhin, seiner Regierung, bis nach Empfang ihrer Befehle, die erforderliche Sicherheit in Beziehung auf die zurückbehaltenen Schriften zu verschaffen. Da nun alsö der Graf von Las Cafes sein Siegel unter der oben angegebenen Bedingung nicht bcidrucken wollen, so sind die in zwei verschiedene Paqucte gesonderten Papiere in zwei Kisten gelegt und letztere sowohl mit dem Gouvernemcncssiegcl, als mit dem Siegel der Insel verwahrt worden. Am ZI. Dezember 181 . 6 . Unterzeichnet: H. Lowk" Sobald nunmehr alles unter uns beendigt war, eilte der Gouverneur, ganz dem Benehmen angemessen, das, seitdem ich mich unter seinen Händen befand, höchst charakteristisch und entweder wirklich Güte, oder blos berechnet war, an seine Bekanntschaften aus dem Kap einige Empfehlungsbriefe für mich zu schreiben. Er sagte, daß sie mir gewiß sehr zu statten kommen würden und ich harte nicht den Mulh sie zurück zu weisen, so sehr schien sein Anerbieten Ihm vom Herzen zu gehen. Endlich erschien der Augenblick dieser ewigen Abreise; Sir Hudson Lowe ging mit mir herab, begleitete mich biS zu der Ausgangslhürc und besaht dann sämmtlichcn -Offizieren, mir, wie er sagte, die Honneurs zu machen und mich bis an den Einschiffungsplatz zu bringen. 2ch warf mich mit Hast in das für mich bereit liegende Boot, eilte damit über die Rhede hin und kam dabei einem Schiffe seir nahe, das eben vom Kap cingetroffen war und von welchem ich von dem Polen und den drei Domestiken, die man vor einigen Monaten uns entrissen hatte, durch allerlei Gebehrden begrüßt wurde. Sie waren nun auf der Heimkehr nach Europa und ihr Anblick ergriff mich rief. Einer von ihnen war der Uedcrbringer des einzigen Briefs, der heimlich von der Insel sortgcbracht worden ist, uns die Com> missarien der alliircen Mächte becraf. 2ch besorgte sehr, die Entdeckung, daß dieses meine Bedienten gewesen, möchte den Gouverneur zu einer Durchsuchung dieser Personen, die sich dessen gewiß nicht versahen, Anlaß geben; glücklicherweise ist es aber nicht geschehen und der brave, treue Santini hatte das Verdienst der erste zu scyn, der eine authentische Nachricht über Longwood nach Europa brachte. Endlich bestieg ich die Brigg; sie lichtete die Anker und ich glaubte nun den fruchtbringendsten aller meiner Wünsche schon erfüllt zu sehen. Eitle Täuschung, welche die Zeit auf schreckliche Weise zerstörte, indem mir die Erfahrung, welche ich von dem Herzen gewisser Personen machte, bewies, daß sie nur eine thörichle Chimäre war! — Wie konnte ich auch nur einen Augenblick an das Gefühl derer glauben, die gegen alles Recht das Unheil gesprochen und die Vollziehung der Strafe anbcsohlen hatten. Ach! warum bin ich nicht lieber zurück geblieben ! Warum habe ich nicht lieber meine häuslichen Sorgen für ihn fortgesetzt, anstatt von diesen ihm in der Ferne zu leistenden Diensten zu träumen! 2ch hätte meine zärtliche Pflege noch einige Zeit verlängert, hätte noch manches Zeichen seiner Gunst erhalten — und bei dem Eintritte des unglücklichen Augenblicks Thcil an dem allgemeinen Schmerze, Thcil an der Sorge Aller genommen, hätte ihm die letzten Augenblicke seines Lebens versüßen helfen, ihm dann, wie sie, die Augen zugcdrückt! — Doch nein! 2ch würde bei dem Eindrücke des dortigen Klima auf meine schwache Gesundheit, lange Zeit vor ihm unterlegen haben Und also nicht Zeuge jenes schreckbarcn Ereignisses gewesen sehn! — Dann hätte ich mir aber diesen nie endenden Schmerz erspart --- ich wäre jetzt nicht mehr, rührte nun dort in Frieden und brauchte nicht mit der fürchterlichen Schwäche zu kämpfen, die ich von daher mitgebracht habe. Viele Menschen ! ! ! würden meine lehre Wohnung für eine besondere Gunst meines Glückssterns, für eine hohe Gnade des Himmels halten. Jetzt bin ich nun nicht mehr in Sankt Helena und sollte viel» leicht meine Erzählung enden, denn ich kann nicht mehr den Kai» ser selbst sprechen lassen. Dennoch aber ist dasjenige, was noch folgen wird, im Allgemeinen so genau mit dem was ihn angeht, verbunden, daß man mir diese Fortsetzung gewiß verzeihen wird. > Fahrt von Sankt Helena nach dem Kap. Zeitraum von achtzehn Tagen. Dienstags am 31. Dezember 1816. bis Freitags am 17. 2anuar 1817. Mit Tagesanbrüche war Sankt Helena nur noch in unfern Her. jen. Wir entfernten mit unserm leichten Fahrzeuge uns schnell von diesem lieben und verhaßten Orte hinaus in den weiten -Ozean bis zu einer unermeßlichen Entfernung zwischen der alten und neuen Welt. Bald erkannten wir, daß Offiziere und Equipage uns ein ^ ganz ausgezeichnetes Wohlwollen bewiesen. Nach ihrer Sorgfalt, ihrem Bestreben Uns gefällig zu sehn, ihren freundlichen Rücksichten, ^ ihrer Herzlichkeit, hätte ick, ohne die fremde Sprache, glauben müs- ^ scn, daß ich mich am Bord eines französischen Schiffes befände. I Hier sah man nichts mehr von dem Mißtrauen, von der Zurück« ! Haltung in Sankt Helena — die hingehende Offenheit war an ihre Stelle zetteten. O ich sah recht wshl, wie viel ich dabei dem Admiral Malcolm zu verdanken hatte; ihm war ich es schon schul« > dig, daß ich, anstatt deö elenden Transports, womit man mich be« ! drohte, eine Kriegsbrigg erhielt. Vsn dem Augenblicke an, als er den Beschluß des Gouverneurs wußte, war er zu diesem gegangen, um ihm eines seiner Schiffe anzubietcn Und ihm zu sagen, daß er Mir gern dadurch die Unannehmlichkeiten und Entbehrungen erspa« ren möchte, denen ich sonst ausgesctzt scyn würde. Er gab jetzt ein Signal, auf welches der Greifs herbei kam, dessen Kapitain er besonders liebte; und man weiß bereits, wie et mich mir ihm be» kannt machte. Längst schon hatte der Admiral ein Verlangen ge« L. Cases Tageb. ii.Bd. 7 SS zeigt mich zu sehen, aber aus Vorsicht den Moment der Abreise abgewarcet. Er fürchtete besonders, wie man mir sagte, daß ich ihm meine Sache voriragcn und ihn dabei zum Richter zwischen mir und dem Gouverneur machen würde, dem gegenüber seine Siel« lung höchst delikat war. Aber er hatte deshalb ganz ruhig scyn können; ich kam auö einer zu guten Schule, um etwas so Einfältiges zu lhun. Ein Lheil der Zeit wurde bei unsrer Fahrt dazu angewendet, daß mein Sohn einige Papiere wieder abschrieb, die wir absichtlich zerrissen und die Stücke davon theils unter unsre Effekten zerstreut, theils zu unS gesteckt hatten. Sir Hudson Lowe hatte diese Vorsicht dadurch als nöthig erscheinen lassen, daß er mir schon vor einiger Zeit sagte, er würbe vor unsrer Abreise meine Papiere nochmals durchsuchen, um zu sehen, was ich während meiner Gefangenschaft geschrieben hätte. „Ein solcher Akt, war ich so frei ihm zu antworten, würde ganz tyrannisch und unzart scyn; dann hätten Sic mir ja Federn und Papier nur darum in die Hände gegeben, um meine Gedanken zu erfahren, die ich sonst für mich behalten haben würde; das wäre eine empörende List, die gewiß selbst vor den Augen Ihrer Tribunale verdammlich und zugleich schimpflich in denen aller ehrliebenden Menschen seyn müßte." Wahrscheinlich fühlte Sir Hudson Lowe die Richtigkeit dieser Bemerkung, denn es war nacbher nicht mehr Frage von der Sache. DaS Wichtigste dieser Papiere, das wenigstens, worauf ich den mehrsten Werth lrgte, war die Schrift, welche ich meine Beschwerden zu Longwood genannt habe. Als ich mich noch in der Gewalt von Sir Hudson Lowe befand, brachten mich die verschiedenen Unterhaltungen mit ihm daraus, ihm, nach seinem eignen Verlangen eine nähere Angabe unserer Klagen niederzuschrciben. Der Zustand meines SohneS und meine üblen Augen verhinderten unS, diesen Aufsatz selbst abzu- sckreiben. Ich bat den Gouverneur um einen Kopisten, aber ich erhielt ihn nicht und fand cs gleichwohl unzart, auf meinem Verlangen zu bestehen, weil der Inhalt der Schrift ihm eben nicht angenehm seyn konnte. Von der andern Seite war es mir wesentlich, da ich ohne Wissen meiner Kammeradcn und gleichwohl oft in Ihren Namen gesprochen hatte, daß sie Kenntniß davon erhalten und mich belehren möchten, wo Ich mich vielleicht geirrt haben könnte. In dem Augenblicke meiner Abreise sagte ick daher Sir Hudson Lowe, daß meine Schrift beendigt sei. Ich zeigte ibm daS versiegelte Paquet und sagte dabei, daß ich mir vorgenommen hätte, es auf dem Kap oder vielleicht schon am Bord der Brigg abschreiben zu lassen und ihm dann zwei Exemplare, eins für ihn, SS das andere für Longwood zu übersenden. Sir Hudson Lowe schien an der Sache viel gelegen zu scyn, und da er deshalb ein anderes Arrangement angemessener fand, so wurden wir mit einander einig, daß ich sogleich mein Manuskript in der Hand eines Dritten lassen, jeder Theil davon Abschrift nehmen und dann das -Original mir wieder zugeschickt werden solle. 2ch suchte deshalb jemand, zu des» sen Ehrliebe ich Vertrauen haben könne, und sogleich fiel mir der Unterkommandant General Bingham ein. 2ch adrcssirce daher das Paquet, mit Zustimmung deS Gouverneurs, an denselben und zwar unter der ausdrücklichen Bedingung, daß es zu gleicher Zeit Sir Hudson Lowe und dem von dem getroffenen Arrangement unterrichteten Grafen Bcrtrand mitgetheilt werden solle. Hier iss nun die Schrift sclbss. Sie enthält allerdings nur Wiederholungen. Aber kann dies wohl anders seyn? Wenigstens wird sie ein zusammen« gedrängtes Resüms gewähren und hoffentlich in dieser Beziehung Nachsicht finden. Zudem iss cs aber auch eine Urkunde, die ich nothwendigerweise darlegen muß. Darstellung unserer Beschwerden zu Longwood. Mein Herr Gouverneur! — Bei den verschiednen Streitigkeiten, welche die Umstände meiner persönlichen Verhaftung herbei- führtcn, kamen mitunter Bemerkungen über Longwood vor, welche mir immer wieder eingefallen sind. Sie haben oftmals gesagt, wir wären dorr im 2rrrhume und wollten es auch durchaus bleiben. 2ch mochte 2hnen antworten so viel mir beliebte, daß das gerade die Bemerkung wäre, die wir tagtäglich über Sie machten, Sie blieben doch, mit der Miene der innigsten Ueberzeu- gung auf 2hrem Satze. Ein andreSmal haben Sie mir gesagt, wir hätten 2hnen unsre Beschwerden zukommen lassen sollen, sie würden sie dann an 2hre Minister geschickt und so selbst bekannt gemacht haben, was Sie davon persönlich angehe. 2ch habe 2hnen dagegen bemerkt, daß meine Briefe, die durch 2hre Hände gingen, diesen Zweck vollkommen erfüllt hätten, daß selbst derjenige, den ich an den Prinzen Lucian schrieb und der jetzt der Grund zu meiner Verhaftung war, gleiche Bestimmung hatte und diese Briefe mir gleichwohl von 2hnen untersagt wurden. Das geschah wegen der dabei gemachten Reflektionen, sagten Sie mir. Unsre Leiden waren ja aber zum größten Theile moralischer Art, mußten sie dann nicht vor Allem Reflektionen herbeisührcn? Alle diese Dinge und viele andere dergleichen hätten, um sich völlig darüber einzuverstchen, eine genauere Entwicklung und zu diesem Zwecke «ine ordentliche ruhige Unterhaltung gefordert. Doch 100 Sie »ließen dieselbe nicht statt finden und Ich suchte sie eben so wenig. So ist mir denn, bei manchen noch hinzukommendcn de« sondern Umständen, der Gedanke geblieben, daß Sie eigentlich Ihre Stellung zu Longwood gar nicht kennen, oder daß Cie so manches Unrecht, das Sie gegen unS haben, nicht einmal ahnen. Es hört hierdurch allerdings nicht auf, aber eS verschwindet doch in meinen Augen der gehässigste Theil desselben — die böse Absicht. Ich habe mir seitdem vorgenommcn, die Muße meiner Verhaft tung dazu anzuwcndcn, Sie damit bekannt zu machen. Meine Si- tuacion, so wie der Augenblick sind dazu höchst günstig. Ich werde ruhig und ohne alle Leidenschaft schreiben. Ich werde hier nicht die Galle haben, die ich in Longwood. ehe ich Sie hier sah, hatte; übrigens wird, was ich schreibe, nur meine persönliche Meinung, cs werden meine Bemerkungen nur die eines einzelnen Menschen, von Wahrheitsliebe cingegeben und soll ich es wohl sagen? (urcheilcn Sie ob ich gerecht bin) von einer Art von Interesse für Sie selbst cingegeben seyn; denn der Zwang, den Sie jetzt gegen mich verhängen, hindert mich doch nickt daran, die Rücksichten zu unterscheiden, womit Sie denselben verbinden. Lesen Sie aber auch selbst mit Ruhe, mein Herb! Bedenken Sie, daß, was ich unsere Beschwerden nenne, Ihr Unrecht ist, es mag nun wahr oder bloö scheinbar seyn; daß ich sie, wie ich in meinem Tagebuche that, mit der größten Freimüchigkeit niederschreibe und als ob Sie meine Schrift nie lesen sollten- Wenn ich mich in einzelnen Dingen vielleicht irren sollte, so bedenken Sie giftigst, daß Sie mir alle meine Papiere weggenommen haben, daß mir alle Urkunden fehlen und ich nun bloS aus dem Gedächtnisse schreibe, auch gern bereit bin, jeden wesentlichen Fehler abzuändern, den Sie mir Nachweisen möchten. Ich sänge ganz von vorne an. Ein mächtiger Fürst wird durch Vcrrarh deS Schicksals und der Menschen im höchsten Besitze seiner Macht plötzlich vom Throne gestürzt, seiner Freiheit beraubt und auf einen mitten aus dem weiten Occane hervorragenden Felsen geworfen. Alles dies geschieht mit so reißender Schnelligkeit, daß der Beschluß vollzogen ist, ehe er noch mit Ordnung gefaßt war. Wir warteten daher zu Sankt Helena angstvoll auf die eigentliche nähere Bestimmung unsres Schicksals, hofften aber immer dabei, das Schlimmste müsse über- ftanden seyn und waren fest überzeugt, daß unsere Lage nicht noch unglücklicher werden könne. Europa, so sagten wir uns einander, richtet die Blicke auf un« fern Felsen und die Völker sehen auf ihrer Könige Thun. Ganz gewiß wird man verschwenderisch bei den Rücksichten und bei der Sorgfalt seyn, wodurch man nun die sogenannte politische Noch« Wendigkeit auszugleichcn suchen muß. So spricht daS Gesetz, so spricht die öffentliche Meinung in England und die englischen Mi» Mer dürfen, als verantwortliche Depositaricn der Ehre ihrer Nation, sollten sie auch persönlichen Haß hegen, ihn doch nicht an die Stelle der Moralität des allgemeinen Verlangens treten lassen. Es ist einem Manne das Commando hier übertragen (man nannte Sie hierbei, mein Herr!) der einen ausgezeichneten Rang bei der Armee hat, der sein Glück, wie man sagt, persönlichen Verdiensten verdankt, und der immer in diplomatischen Verhältnissen, in den Hauptquartieren der Könige auf dem Eontinence lebte; Ihm muß wohl der Name, der Rang, die Macht, ihm müssen die Ansprüche, welche der Kaiser Napoleon machen kann, völlig bekannt seyn. Dessen öffentliche und geheime Verhältnisse mit den Sou- vcratncn , die ihn so lange Bruder nannten, die seine Freunde, seine Allürcen waren und zum Theil noch seine Verwandte sind, können ihm nicht entgangen seyn. Er muß cs fa wissen, daß es zu Chatillon nur von ihm adhing, selbst mit Zustimmung Englands über Frankreich zu herrschen, daß es auch späterhin ganz auf ihn ankam, sich andere Länder vorzubehalten. Dieser Mann, der aus dem diplomatischen Wolkenhimmel hervortritt, wird dort richtige Begriffe über Menschen und Dinge ge- > sammelt haben. Nach dem Eincrnten dieser Früchte lacht er ohne Zweifel über jenen Schwall von Verläumdungen und Schmähschriften, welche Furcht und Politik nur für bas gemeine Volk geschaffen haben. Unter diesen Umständen würde er gewiß eine Mission nicht annehmcn, die mit diesen seinen Begriffen nicht im Einklang seyn könnte, und deren Zweck nicht dahin ginge, unser letziges Loos zu verbessern. Schon daß er es ist, welcher kommen soll, muß uns die schönsten Erwartungen in Hinsicht der Natur seiner Instruktionen geben. Haben Sie mir nickt gesagt, daß er bei Champ Aubert und bei Montmirail mit gewesen ist? — fragte einst der Kaiser — Wir haben also Äugeln mit einander gewechselt. Das ist in meinen Augen immer ein schönes Verhältnis So war die Stimmung, in welcher wir Sir Hudson Lowes Ankunft entgegen sahen. Sie trafen jetzt ein, mein Herr! und Ihr erstes Erscheinen in Longwood erfolgte zu einer unschicklichen Stunde, zu einer Stunde, in welcher der Kaiser nie jemand annahm. Keiner Ihrer Adjutanten war vorher gekommen, um sich nach der Zeit zu erkundigen, die ihm dazu angenehm seyn möchte — eine Formalität, welche Sie gewiß bet keinem Zhrcr Minister, nicht einmal bet irgend 102 einem Vornehmern als Sie sind, in England oder sonst aus dem Continrnre, vernachlässigt haben würden — und mit wem hatten Sie es gleichwohl zu thun? — Sie wurden nicht angenommen. So war denn gleich der erste Schritt, den Sie thaccn —> Sie wer. den bas zugebcn müssen — nicht glücklich. Allein die vorgefaßte Meinung, welche wir von Ihnen hatten, war Ihnen so günstig, daß wir unö gern einbildeten, daß, da Sie erst auf der Insel gelandet wären, jemand diesen Umstand boshafter Weise benutzt habe, Sic mit einer Beleidigung aufcreccn zu lassen. Einige Tage spä. ker besahen Sie sich das Etablissement und rühmten gegen einen von unS die Schönheit des Ortes, der doch für unS nur ein Auf. enthalt der Verzweiflung scyn kann. Man machte Ihnen bemerk« lich, daß es ganz an Schatten mangle und dies für den Kaiser eine große Entbehrung sei). Man zvird Bäume pslanzen, antworteten Sie. Eo waren dies vier schreckliche Worte! aber ich will jetzt gern glauben, daß Sie deren gräßlichen Sinn nickt ah. rieten. Mit Ihnen zugleich erschien sofort die Verbindlichkeit für unS, förmlich zu erklären, daß, da unser Aufenthalt auf Sankt Helena freiwillig sei, wir uns auch ohne Weigerung alle den Beschränkun. gen unterwerfen müßten, die man uns auflegen würde. Es war daher, ich weiß nicht durch wen und warum, daS dumpfe Gericht verbreitet worden, daß wir durch diese Erklärung unser Exil ans Lebenszeit unterzeichnen sollten. Sie werden inzwischen dennoch ge. sehen haben, mit welcher Schnelligkeit jeder, vom ersten Offiziere an, bis zu dem untersten Bedienten herbeieilte, um zu thun, was verlangt wurde. Nach einigen Tagen kamen Sie mit der Unterschrift der Bedienten zurück. Es sei nöthig sic zu versammle», mit ih- nen zu sprechen, sagten Sie, und verlangten hierzu dcS Kaisers Genehmigung. Ich antwortete Ihnen, Sie hätten Macht und Ge« Walt zu handeln, wie Sie es für gut fänden; aber es sei unnütz, eö erst anznkündigcn und Überbein liege darinnen noch eine Bclei« digung mehr, denn wir hätten biö jetzt angenommen, daß die Umgebung des Kaisers wohl ein unverletzbares Heiliglhum scyn sollte. Wenn Ihre Minister zwölf Bedienten bewilligt harren, als so viel man nicht einmal verlangte, so sollten diese wohl das ihm be« stimmte Haus bilden. War eS nun wohl schicklich, sich unter sie zu mengen, gleichsam die Hand zwischen dem Kaiser und seinem Kammerdiener zu haben? Konnte die wichtige Sendung des Go»> verneurö von Sankt Helena wohl einen andern Zweck haben, als über die äußern Grenzen von Longwood zu wachen, aber das in- nere Asyl, die innere Verfassung zu respeklircn? Durfte er sieb in das Haus selbst cindrängcn? Inzwischen sahen Sie aber, wie diese 102 Bedienten Ihre Erklärung anerkannten, ohne daran zu denken, wie ehrverletzend diele feierliche Maasrcgel für uns Alle war. Wenn die Gesetze diese Garantie forderten, so standen Ihnen ja eine Menge indirekte Mittel zu Gebote, um die Sicherheit zu erlangen, welche Sie begehrten! Wir sahen darinnen nur die berechnete Absicht uns zu ernicdri« gen und zu beleidigen. Wir sagten, man habe uns aus England einen bloßen Kerkermeister zugeschickt. Unsre Herzen verschlossen sich, alle Hoffnungen waren nun schon verschwunden und die Bresche war entschieden. Sie zeigten sich bald nicht anders mehr, als mit einem finstern, feindlichen Gesichte; wir wechselten nur unangenehme Worte. Sie erwähnten sehr oft, so sagte man uns, und Sie sprachen es auch gegen uns selbst auS, daß wir uns sonderbar über unsre Verhältnisse täuschten. Was will er damit sagen? fragten wir unS einander, wie können wir unS täuschen? Wir wohnten in den Tui» lcricn und gaben dort Befehle, jetzt aber auf einem Felsen und tra» gen Ketten. Kann man diese Ueberzeugung Täuschung nennen? Sollte er sich vielleicht über die Artigkeiten unsrer Manieren verwundern? Will er uns lieber widerspenstig sehen? Findet er etwa» daß wir zu viel Stolz besitzen? Warum sollte dieser nicht natürlich seyn? Ist es nicht ganz klar, daß dieser bei der Widerwärtigkeit noch steigen muß? Ist es also nicht vielmehr er selbst, der sich täuscht und seine Verhältnisse verkennt? Weiß er denn nicht, daß die Nachgiebigkeit bei der Macht gesucht werden muß, daß sie dieselbe erhöht und ehrt? Sieht er denn nicht ein, daß es ihm keine Ehre bringen kann, uns zu unterwerfen, wohl aber uns zufrieden zu stellen, und daß er sich durch sein Verhalten um einen großen Ruhm in der Geschichte bringt? Begreift er denn nicht, daß wenn es überhaupt schicklich wäre üble Laune zu zeigen, dieS wohl uns, den blutende» Schlachtopsern, am ersten erlaubt seyn müßte. Dem Kaiser Napoleon fehlt nur sein Thron. Ein Unstern hat ihm denselben geraubt, etwas mehr Glück würde ihn beseitigt haben. Er hat nur seine irdischen Güter verloren; alle seine erhabnen Eigenschaften sind ihm ja geblieben. Noch immer ist er der Erwählte eines großen Volks, der die kirchliche Weihe, wie die Weihe des Sieges erhielt, den alle Souveraine anerkannten, von denen selbst mehrere sein Werk sind! Seine Handlungen sind Wunder, seine Monumente bedecken die Erde und seinen Namen kennt die ganze Welt. Seine Einrichtungen, seine Ideen sind bewährt gesunden, sind nachgeahmt worden und glänzen mitten unter seinen Feinden und er hat nur seinen Thron verloren; alles ander« Ist Ihm verblieben und gebietet Ehrfurcht bei aller Welt. Der Gouverneur irrt sich, wir täuschen uns nicht. ES ist uns auch gesagt worden, Sie könnten uns keine besondere Achtung beweisen, weil wir auch damit gegen Sie zu sparsam wären. Sie ließen uns bei dieser Art von Kampf Ihr Uebcrgewicht sehr suhlen, obschon wir durchaus nickt wußten, über welchen Fehler gegen die Ihnen schuldigen Rücksichten Sie sich zu beklagen hätten und welche Rücksicht wir so eigentlich Ihnen schuldig wären. So standen die Sachen, alS eine Fremde von Distinktion hier ankam. Sie nahmen sie in PlancacionShouse auf und schrieben , wahrscheinlich um ihr Vergnügen zu machen, zu gleicher Zeit auch ihre Neugierde zu befriedigen, eine Einladung an den General Bonaparte, mit Ihrer Fremden bei ihm zu dinircn. Hatte» Sie denn auch wohl bedacht, was Sie thaten? Hielten Sie eS denn in der Thac für möglich, daß diese Einladung angenommen werden würde? In welche Verlegenheit müßten Sie nicht dabei gekommen seyn? Hätten Sie wohl Ihrem Gaste den Titel General beigelegt, der durch die Verhältnisse für ihn zu einer Beleidigung geworden ist? Wie hätten Sie ihn denn bei der Tafel setzen wollen, wie denselben behandelt, als Divisions- oder als Dbergcneral? Jeder Gedanke, jedes Wort, mein Herr! wird hierbei zur Beleidigung; und gegen wen? — Gegen das stolzeste Gcmüth vielleicht in der ganzen Welt. Ich will Ihnen gestehen, daß ich vor Verwunderung und Unwillen erblaßte, als ich Ihr Biller las. Er aber gab es ganz ruhig und gleichgültig an den Großmarschall. Dieser fragte: Welche Antwort soll darauf gegeben werden? Keine, sprach er ganz kalt. Aber, mein Gott! was mochte nicht dabei in seiner Brust Vorgehen! Was litten schon wir dabei! Wie qualvoll hätte die Sache für Sie werden müssen! Sie werde» cs bedauern, wenn Sie dies lesen und würden es ohne Zweifel nie wieder unternehmen. Fast gleichzeitig hiermit begannen unsre individuellen Besckwer- den. Ein Fremder, der nach Longwood kam, um uns zu besuchen — denn damals befanden wir uns noch nicht in jener Luftpumpe, der schrecklichen Wohnung, wo wir bald umkommen werden — dieser Mensch ging nach England, wollte, wie er sagte, in fünf bis sechs Monaten wieder hier durchkommen und mir schlechterdings irgend einen Dienst in London erweisen. Hier fehlt es an nicht mehr als an Allem, wie Sie wissen. Ich gab ihm eine Uhr, die aus Sankt Helena nicht hergestellt werden konnte und lies ihm durch meinen Kammerdiener einen alten Schuh als Modell zustellen. Verzeihen Sie, mein Herr! wenn ich auf so geringe Gegenstände komme, aber die Umstände, welche eS nökhig machen« werden mich entschuldigen. 1V5 I , Einige Tage später schickte mir dieser Mensch jene Dinge zurück und entschuldigte sich in einem äußerst höflichen Briefe. Der Gou« verncur, sagte er, habe ihm verboten, sich dergleichen Aufträge geben zu lassen, wenigstens müßten sie durch seine Hände gehen; ich dürfe mich nicht direkt an ihn wenden. Er Wiederholte mir dicS nachher einigcmale, weil er keine Antwort von mir erhielt; ! aber ich hütete mich wohl dafür. 2ch hätte lieber in meinem Leben keine Uhr haben, lieber barfuß laufen wollen. Ich hatte die Beleidigung gefühlt und sie in aller Scille verschluckt, was kann ! man bessers thun, wenn man keine Abänderung erlangen kann? Konnte ich übrigens wohl meinen alten Schuh an einen General, an einen Gouverneur schicken? 2ch hätte mich dabei allerdings nur nach der Strenge seiner Verordnungen gerichtet, aber mußte ich i nicht Achtung vor mir selbst haben? Ich zog hieraus den Schluß, j daß eine direkte und persönliche Absicht zu beleidigen in der Sache liege. Hätten Sie wohl — ich frage Sie — das nicht selbst geglaubt? Außerdem, so sagte ich mir selbst, würde Sir Hudson Lowe mir die Ehre erzeigt haben, bei seiner Anwesenheit mit zu mir herein zu kommen, würde mir gesagt haben, daß er zufällig erfahren hätte, wie von mir, gegen die Regel, jemand Sachen nach Europa micgegeben worden wären, und daß er, um mir etwas angenehmes zu erweisen, sogleich den Abgang dieser Sachen genehmigt hätte, daß er mir aber für die Zukunft den regelmäßigen Weg ! hiermit bemcrklich mache und es ihm lieb seyn würde, wenn ich ihn ! befolgen wollte. Wie ich auch früher gestimmt gewesen seyn könnte, ein Verfahren dieser Art hätte auf mein Gemüth tief einge« ! wirkt; ich wäre wenigstens verlegen gewesen, und ich glaube kaum« ! daß Sir Hudson Lowe jemals wieder Gelegenheit gehabt haben ! möchte, sich, was diesen Punkt betrifft, über mich zu beklagen. ! Aber so sollte es nun einmal nicht seyn. Da ich jedoch ein Feind aller Klatschereien und Zänkereien bin und jener Vorfall mich nur persönlich anging, so blieb er lange Zeit ein Geheimniß, bis endlich ein Umstand die Sacke zur Sprache brachte, der nicht wenig zur Vermehrung unsers Kummers und Verdrusses zu Longwood beitrug. Einer von uns hatte seit mehrcrn Tagen einen Bedienten angenommen. Sie begegneten demselben an der Hausthüre und arrc« kirten ihn selbst, auf einem Platze, den wir bis dahin für heilig gehalten hatten. Glücklicherweise befand sich der Kaiser auf einem entfernten Spaziergänge« außerdem hätte es vor seinen Augen geschehen können. „Er hat den kurzen Zeitraum, wo ich spazieren gehe, auf eine schändliche Weise benutzt, sagte er von 2hncn, als er die Sacke erfuhr. Er kennt vielleicht unsre Sitten nicht, weiß vielleicht nicht. daß alles Gold Amerikas und ganze Massen von Diamanten ein« solche Beleidigung nicht auögleichen können." Sie haben zwar nachher versichert, nicht gewußt zu haben, daß dieser Mensch 2e> mandcn von unö zugchöre. Ich will cs glauben, aber schon dieses j Nichtwissen, Ihre Uebercilung, die Handlung selbst, die doch immer " statt sand, zeugt nicht alles von dein Mangel an Achtung, weiche uns so tief verwunden mußte? ^ Die Grast» Bertrand schreibt ein Billct nach der Stadt, Sie ! nehmen cö weg und schicken cS ihr zurück, behaupten, daß sie ge» gen Vorschrift gehandelt habe und deucen uns an, daß wir, wie daö immer so gehalten worden sei, uns der schriftlichen Communikalion mit jedem auf der Insel, wer cö auch seyn möchte, enthalten müßten, es sei denn, daß die Sache zuvor an Sie ge. l bracht würde und die Villets unversiegelt wären. Wir mochten sa- gen was wir wollten, daß es noch nie so gewesen sei, mochten immerhin unö auf. das Zeugniß Ihrer eignen Leute hierbei berufen, die unö beitraccn, mochten bemerken, daß es allerdings in 2hrer Macht stehe, dergleichen Anordnungen zu treffen, daß Sic aber nur nickt sagen müßten, daß dadurch in den Vsrickrifce» 2hres Vor. ! gängcrö nichts geändert werde, Sie blieben doch bei 2hrem Willen und wir hatten bloö den Trost über ein Verbot zu lacken, nach ! welchem wir zwar zu den Leuten gehen und mit ihnen sprechen, > denselben aber nicht schreiben dursten. Bei alle dem konnten wir ! aus einer solchen Inconscquenz nichlö anders entnehmen, alü daö i ganz offenbare Verlangen, uns zu quälen und auf sehr unzarte ! Weise das Gewicht 2hrer Autoritär fühlen zu lassen. l Bisher fand man auf Passirzetcel dcö Großmarschalls Zutritt in Longwood. Es lag darinnen eine reinhöfliche Nachgiebigkeit. Der« jcnigc, welcher den Oberbefehl auf der 2»scl harte und die Polizei daselbst ausübte, konnte nach Belieben in aller Ruhe jede diesfallsige j Anfrage bei dem Großmarschalle untersagen und so dessen scheinbaren ^ Prärogative aufhören lassen. Sie vernichteten dieselbe, mein Herr! gaben aber dennoch ihrerseits Erlaubnißschcine, nach Longwood zu gehen und verschafften sich hierdurch, nach unsrer Meinung, auf i eine hockst anstößige Weise die Mittel, unscrn berühmten Gesänge- ! ncn nach Gefallen wie eine Seltenheit sehen zu lassen. Es wurde l Ihnen hieraus schriftlich zu erkennen gegeben, daß wenn cö hiermit nickt beim Allen bleiben dürfe, der Kaiser entschlossen wäre, nie- j wand mehr zu sehen; man ersuchte Sie dabei noch insbesondere, ! ihn mit der Zudringlichkeit derjenigen Personen zu verschonen, die nur von Ihnen kämen. Was antwortete» Sic hierauf? Sic beklagten sehr, zu erfahren, daß der General Bonaparcc mit irgend einem Besuch behelligt ^ worden wäre. Sie würden sogleich Ihre Maasregeln nehmen, daß diese Unannehmlichkeit nicht wieder statt finden solle. Unser Ver« hälcniß, in welches Sie unS hierdurch versetzten, glich von nun an einer Art von abgesonderter Hast. Dir waren empört über ein solches Verfahren und besonders über den damit verbundnen Spott. Es schien uns barbarisch und erfüllte uns mit dem größten Unwillen. Aber das war noch nicht genug. Ihre Agenten, oder der Himmel mag wissen was sollst für Menschen, deren Eifer gewiß 2hre Absichten übcrtraf, hatten überall ausgcsprrngc, der Kaiser wolle niemand mehr sehen und beklage sich, daß er von mehreren , Personen behelligt worden sei. Dies Gerücht war allgemein im ! Lager, in der Stadt, überall. 2ch habe selbst für meinen Thcil eS 1 drei bis vier Personen auSgcrcdcc, die ihrer Sache hierbei ganz ge« wiß scyn wollten. Und nun sind Sie noch verwundert und beleidigt über gewisse Zeichen von Mißtrauen, über mancherlei in Long« wood über Sie herrschende Zweifel. Sie haben mir mehrmals gesagt, daß Sic so gern jedes Ding von zwei Seiten betrachteten; kommen Sic nur einen Augenblick auf die unsrigc, erwägen Sie l einmal das Alles und dann richten Sie. ! Von nun an wurde unser Horizont immer trüber; mit jedem Tage verloren wir mehr Terrain. Der Schrecken breitete sich uni uns aus, jedermann entfernte sich sichtlich von diesem fiuchbclastcren ^ Orte und wir nahten uns mit großen Schritten einem wahren Ker- i kerleben. ^inzwischen waren 2hre Noten weit davon entfernt, dieS i zu beweisen; sie schienen uns sehr geschickt abgefaßt, besonders eine ^ derselben setzte uns auf sonderbare Weise in Erstaunen. Mein Ge- dächtniß ist mir dabei nicht ganz treu. Sic bccraf eine üble Be- Handlung des Kaisers und arhmctc gleichwohl die tiefste Ehrfurcht für denselben. Dieser Eoncrast erregte die Aufmerksamkeit dessen, ! den man so wenig kennt, dessen Worte oft schnell ausgesprochen ! sind, der aber nur langsam und erst nach der sorgsamsten Erwägung ' verdammt. Er zögerte noch immer mit seiner Meinung, die wir ^ unsrerseits schon längst nach aller Strenge ausgesprochen hacken. „Der Mann ist ganz unbegreiflich, hatte er oft gesagt, wie schwer ist es doch, ein Unheil über ihn zu fällen! Er kann wohl selbst eine böse Handlung begehen und doch nicht boshaft scyn." DieS« mal aber sagte er: „So schlecht handeln und so schön schreiben, mit einer Hand zu morden und mit der andern sich rein zu wa- . scheu — ja! das ist sehr geschickt und weise!" und nun sprach er ! auS daS entscheidende Wort: „Sir Hudson Lowe ist ein bö- ser Mensch! Wären Sie unter unS gewesen, mein Herr! Sic hätten unter diesen Umständen gewiß das Rämiiche gedacht, das ' Nämliche gesagt. 108 Wir kommen letzt auf einen delikaten Gegenstand in Betreff des Aufwandes. Eines Tages wurde uns angcdeuket, daß nachdem über 20,000 Pfund Sterling für uns erforderlich gewesen wären, Sie sich durch höhere Befehle genörhigt sahen, diese Kosten bis auf 8000 Pfund zu beschränken; wenn aber der Kaiser Ihnen den llederschuß einhändigen wolle, so sollte alles auf dem seitherigen Fuße verbleiben; im entgegengesetzten Falle aber wären Einschrän- kungcn ganz unerläßlich. Der Kaiser hatte kein Geld; alle Com- munlkalion mit Europa war ihm untersagt und Sie verschütten mithin zu den Ersparnissen. Da Sie jedoch selbst die Summe von 8000 Pfund für ganz unzureichend erkannten, so nahmen Sie eS auf sich, sic bis auf 12,000 zu steigern und bezeigten mir nachher Ihre Verwunderung, daß Sie dafür nicht den geringsten Dank er« halten hätten. Indignation, mein Herr! Indignation, welche den höchsten Grad erreicht hat, läßt kein anderes Gefühl auskommcn! Wenn Sie immer nur diese Indignation bei uns fanden, wenn man Sic dieselbe bei jeder Gelegenheit fühlen lies, so galt diese Bit» terkcit nicht blos Ihnen, sie galt eben so sehr Ihren -Obern, sie traf die ganze Nation, lind welches andere Gefühl konnten wohl Gefangene hegen, die in diesem Augenblicke auf eine höchst schmerz« liehe Weise an jenen Derrach —> an die schreckliche Gastfreundschaft des Bcllerophon erinnert wurden! — die ihren Aufenthalt hier als die Folge eines abscheulichen Betrugs an- sahen, denen man hinterlistiger Weise Freiheit und Vermögen geraubt hatte, die man nun mit Ketten belastete und mit welchen man doch nun über die Mittel zu ihrem Lebensunterhalte handelte, gleich als ob von einer erbettelten Gunst, von einem demülhig erbetenen Asyle Rede wäre! Was mußten Menschen wohl empfinden, mit denen man sich jetzt um Gegenstände herumstritt, die sie, bei ihrem schrecklichen Unglücke, für gar nichts achten konnten; die, hätte man ihnen alle Bedürfnisse im reichsten Maaße geliefert, doch nichts darinnen finden konnten, als Dinge, um welche man sie gebracht hatte! WaS mußten sie empfinden, als man ihnen ausrcchncte, was die drei oder vier Plätze kosteten, welche die Tafel des Kaisers ausma- chen sollten, ein Miccagöeffen, welches man ihm wöchentlich zu geben gestattete und dergleichen Dinge mehr? — Hätte nicht der Kontrast einer kalten Berechnung in den Schreibstuben, gegen den Sturm unsrer Leidenschaften, Ihnen selbst aussallen sollen? Solche Kleinigkeiten dem zu bieten, der die Welt regierte, der Könige geschaffen harre, zu glauben, daß er sich so weit hcrablassen, daß er dies Alles anhörcn soll! — Die Feder fällt mir aus der Hand, das Blut kocht, man weiß nickt aus wen mast zürnen soll! Edle, groß- gesinnte Seelen Großbrtccanicnv! dich englisches Volk, Sic, den 109 Prinz-Regenten, der dasselbe repräsentier und cs mit Ehren thun will — Sie klage ich nicht an; Sie wären gewiß selbst unerbirt. liche Ankläger, wenn Sie dies Alles wußten! Es müßte Sie em» pören, daß man Ihren Charakter so hcrabwürdigen, daß bei diesen großen Interessen, da, wo cs sich um Ehre handelte, von einigen Geldstücken Frage scyn konnte! Ist das der Edelmuch, die Kraft und Größe, deren Ihr Euch rühmt? Sind das Eure Gesinnungen? War das Euer Wille? Und doch behandelt man auf diese Weise In Euren Namen jenen großen zwanzigjährigen Feind, der, als die Stunde pes Unglücks hereinbrach, Euch hoch genug schätzte, um eben zu Euch seine Zuflucht zu nehmen. Euch den Fürsten vorzuziehen, von denen einer sich seinen Freund genannt harte, der andere sein Vater war! — War die Frage: L)b man auf jenem unseligen Felsen, Napoleon alS einen Fürsten, oder alS einen gemeinen Gefangenen behandeln solle, wirklich in dem Sinne Eurer Gesetze? Paßte sie wohl zu der Sprache Eurer Minister selbst, welche gesagt hatten, daß, die Freiheit ausgenommen, ihm Alles in größter Fülle gereicht werden solle, um diese außerordentliche Lage dadurch zu lindern? Und doch bedrückt man mir einem so schimpflichen Verfahren eben den, für welchen man in Eucrn Zeitungen Palläste und den prachtvollsten Ucbcrfluß einschifft! Wer mag sich dann noch wundern, wenn jene erhabne Person befiehlt, sie mit diesen elenden Kleinigkeiten zu verschonen, wenn dieselbe mit der Hand nach dem Lager des 53ftcn Regiments hinweisend, ausruft: „Man lasse mich in Frieden; sobald ich Hunger habe, will ich mich unter jene Braven hinsetzen; sie werden den ältesten Sol- ' daten in Europa nicht von sich stoßen." Früher schon hatte der Kaiser, als gleich bei unsrer Ankunft Schwierigkeiten dieser Art eincratcn, gesagt: „Wenn ich nicht Frauen mir mir hätte, so wollte ich mich gern mit der Ration eines Soldaten begnügen." Inzwischen ließen Sie Ihre Ersparnisse nach Gefallen eimreten. Man nahm uns Personen ad, die wir zu unsrer Bedienung bedurften und ordnete so empfindliche Beschränkungen an, daß, da wir in der That nichts mehr hatten, als was wir durchaus gebrauchten, wir ^ selbst aus Mittel denken mußten, uns zu helfen. Der Kaiser befahl also, einen Theil seines Silberwerks zu verkaufen und dies wurde nun ein neuer Gegenstand zum Kummer und zu .Quälereien. Von der einen Seite vergossen unsre Leute Thronen, daß sie Dinge zerbrechen sollten, die sie bisher wie Reliquien betrachtet hakten; von der andern» legten sie uns in der Stadl die größten Hindernisse io den Weg und beschwerten sich über uns, daß wir uns erlaube hätten, diese Dinge dahin zu schicken, ohne erst 3hre Crlaubniß dazu nachzusnchcn. Um diese Zeit war viele Rede von an unS gekommenen Briefen, die Sic, ohne «ns etwas zu sagen, nach Europa zunick geschickt hätten, weil selbige nickt durch den Kanal der Minister an Sie gelangt waren. Dieser Vorwurf war Ihnen sehr empfindlich. Sie haben mir gesagt, daß er ungcgründet war, daß Sic nie Briese zuruck gesendet haben. Ich glaube Ihnen,, denn Sie gaben mir ! Ihr Ehrenwort darauf. Aber in Longwood mußten wir allerdings über die Wendung lachen, daß Sie von uns verlangten, wir sollten ! sagen, wenn Sie Briefe zurückgcschickc hätten und von wem sie ge- ! wesen waren; daS konnten wohl Sie nur wissen. ^ Gewiß ist cs aber, daß Sie einen Brief an mich 35 Tage zu» ' rückhicltcn. Er fand sich eines Morgens unter andern eingcschobcn, die neu angekommen waren. Sie haben mir gesagt, daß er aus Versehen in Plantacionhousc liegen geblieben wäre. Sie jedoch diese Entschuldigung nickt hätten machen wollen, auS Besorgnis', daß man sic nicht glauben möchte. Sie haben vollkommen reckt, ich hätte eben so gehandelt. Aber ich, der das nicht wußte, was mußte ^ Ich denken? WaS würden Sie wohl selbst gedacht haben? — i Um eben diese Zeit ereignete sich etwas, das in mehrerer Rück« sicht bcmcrkenswcrth ist, um unsre Lage zu schildern. Nach der ! Niederkunft der Frau Gräfin von Moncholon eilce ein junger sehr ! eifriger englischer Geistlicher herbei, ihr Kind zu taufen. Wir behielten ' ihn an der Dienstcafel zum Frühstücke. Das Gespräch kam aus die Religion und wir bemerkten in seinem Gesichte den Ausdruck der größten Verwunderung, als er unser Bedauern vernahm, daß wir keinen Priester bei unS hätten. Er theilte wahrscheinlich die Meinung gemeiner Seelen von unS und hatte, bei dem Unsinne, den j man unaufhörlich über unS verbreitere, in dem Wahne gestanden, sich unter lauter Renegaten zu befinden. Am Ende vergaß er sich ^ so sehr, uns zu gestehen, daß man ihm gesagt und daß er auch wirklich geglaubt habe, es hätte ein Priester aus Madera sich erboten, zu uns zu kommen; wir hätten ihn aber mit einigen niedrigen Soldatengrobhcitcn zurück gewiesen. Wie groß war nicht seine Verwunderung, alS er Hörle, daß, wenn ein solches Anerbieten statt gefunden hätte, es'uns doch nicht bekannt worden sei. Ich benutzte hieraus diese Gelegenheit und bat, nach dem Frühstücke, den Geistlichen, mit mir zu kommen. Hier ergriff ich die sich so natürlich darbietende Gelegenheit, ihm unsre moraliscke Situation zu schildern. Wir hatten, ohne noch von uns selbst zu sprechen, Frauen, wir hatten Kinder, für welche der Mangel an Religionsübung eine , wahrhafte Entbehrung war, und wünschten so lebhaft ohne alle» ^ 111 Geräusch und Aufheben dem abzuhelfen. DnS sei nun, sagte ich, ganz seine Sache. 2ch vertraute ihm mithin unsre Wünsche und verpflichtete sein Gewissen, dafür bei dem Gouverneur zu sorgen. Gleich bei dem ersten Worte merkte ick aber schon seine Verlegen» heit, seine Furcht, sich zu compromittiren; so sehr hatte nun schon der Schrecken sich um unö her gelagert. 2ch habe nie wieder etwas davon erfahren. Sollte er vielleicht cö wirklich nicht gewagt haben, seinen Auftrag auszurichten; oder wollten Sie vielleicht auch hierbei, wie bei so vielen andern Dingen, daß ich 2hnen meine Bitten selbst vertragen möchte? Wenn ich cS nicht that, so geschah cö aus Verlegenheit, weil Dinge dieser Art so leicht ins Lächerliche gezogen werden können, und dann in Folge der -Besorg- ntß, daß, wenn man unö die Wahl dieses Seclenarztcs nicht selbst überließe, eine Wahl, wozu noch mehr Vertrauen alö bei einem körperlichen gehört, unS am Ende ein Fremder aufgedrungen werden möchte, der, ohne uns einigen Trost zusprcchen zu können, von uns vielleicht für einen Aufpasser mehr, für einen Spion in unsrer Milte gehalten worden wäre. Der Ton der gegenseitigen Noten war so lebhaft geworden, daß Sie dieselben abdrcchen zu müssen glaubten, um das zu vermeiden, was Sie 2niuricn, wir aber Wahrheit nannten und das vielleicht das eine wie das andere war. Sie äußerten, daß Sic die Correspondenz nicht sortsetzen würden; wir nahmen das für uns gesagt an und schreiben von nun an nicht mehr. Freilich behaupteten Sie späterhin, daß wir 2bre Meinung falsch ausgelegt hätten, aber daS war ein Streit um bloße Worte. Sie machten Bedingungen, wodurch unS die Sache ohnehin unausführbar wurde. Sie verlangten-zum Beispiel von nun an, daß, um eine Klage durch Sie an die Regierung gelangen zu lassen, dieselbe von dem Kaiser eigenhändig unterschrieben scyn müsse. Wie konnten Sie das hoffen? Bei wem auf der Welt konnte der Kaiser seine Beschwerden anbringen? Wo ist ein Tribunal für ihn, wenn es nicht der Rich- tcrstub! der Nationen ist? Der Kaiser kann sich nur bei Gort und den Völkern beklagen. Sind das vielleicht die Klagen, welche man fürchtete, als man sich weigerte ihn schreiben zu lassen, ohne daß es gelesen würde? Die Delikatesse scheint diesen Gedanken allerdings zu verwerfen; aber welche Bewegungsgründe konnte imn sonst wohl bei einer MaaSregcl haben, die für die Würde beider hohen Personen gleich beleidigend war? Welche Absicht konnte man ihm wobl unterlegen? 2ch will sie 2hnen entdecken. Er wollte mit Hülfe dieses respeklirtcn Couverts, auf diesem einzigen schicklichen Wege, der ibm übrig blieb, sich Nachrichten von seiner Gemahlin und seinem Sohne zu verschaffe» suchen; man fand aber 113 Mittel, ihm selbst das zu verleiden, rvaö er als Gemahl und als Vater für höchst unschuldig und zarc gehalten hatte. Das Abbrechen aller Korrespondenz trat erst ein» nachdem bereits alle mündlichen Mittheilungen aufgehört halten. Der Kaiser beschloß, nach drei oder vier Audienzen, Sie nicht wieder vor sich zu lassen. Nun hatten wir gar kein Mittel mehr, an Sie zu kommen. Wir hofften jetzt, Sic nicht mehr zu sehen; aber Sie kamen immer wie gewöhnlich. Jedermann floh, sobald Sic sich nur blicken ließen; jeder von uns suchte sich ein Asyl, doch triumphirend setzten sie die Runde fort in dem Kerker, wo Ihre Schlachcopfer zusammen krochen. ! Bei dieser Stimmung kommt inzwischen ein Schiff aus Europa ^ an. Sie erhalten Ihre Depcchen und erscheinen dann, von einem ^ zahlreichen Gcncralstabe umgeben, in bongwood, um dem Kaiser neue, besondere Eröffnungen zu rhun. Jeder von unS hält, nach diesem Aufsehen, bei diesen Ausdrücken für ganz gewiß, daß es etwas höchst Erfreuliches seyn müsse, der Kaiser aber, sei cs nun, daß er nicht mit uns überein dachte, oder daß nach seiner Ansicht die Natur der Mittheilungcn aus die Natur des Mittheilcrs keinen Einfluß haben könne, weigert sich Sic vorzulasscn. Einige Tage ! später ist er geneigt, sich von einem Ihrer Offiziere die Sache vor- ^ tragen zu lassen. Was hat er ihm aber zu eröffnen? Es sind j die allerunangenehmsten, die allerbeleidigendsten Dinge. Das also ^ wollte er ihm so gern selbst übcrbringcn? so rüsten wir alle aus. Was mußten wir nun hierbei fühlen und denken, was würden Sie selbst an unsrer Stelle empfunden haben? Diese Depechen enthüllen un?er andern, man solle uns neue Deklarationen, nach einer ganz schlichten und einfachen Form zur Unterschrift vorlegen. Bei ^ den ersten Erklärungen hatte man etwas dabei zu gewinnen ge« j glaubt, wenn man uns die Furcht einjagtc, wir würden für immer hier i bleiben müssen. Nun kannte man uns aber besser. Man wußte j uun recht gut, daß wir zu Kreuze kriechen würden, wenn man uns ! bedrohe, uns sogleich sortzuschicken. Mit dieser Alternative legte l man uns jetzt eine Schrift vor, die schon durch ihre Ausdrücke unS ! höchst widrig werden mußte. Vergebens machten wir Einwendungen dagegen — das sins gu» non hallte unaufhörlich in unfern Herzen wieder. Wir sollten nämlich im Weigerungsfälle sogleich nach dem > Kap geschickt werden, mithin den lhcurcn, heiligen Gegenstand unsrer Gelübde und Sorgen lebendig ins Grab steigen sehen. Wik Unterzeichneten ohne sein Wissen, da wir überzeugt waren., daß cs ihm Kummer machen würde, thaten eö bei nächtlicher Weile, alS er schon schlief und freuten uns dann unsres Sieges über seine per« 113 sönliche Gesinnung. ES war der Triumph zärtlicher Söhne, die Ihren Vater betrügen, um ihm treu zu dienen, i Jetzt traten nun die neuen Beschränkungen ein, von denen die , nurcrwähnten Deklarationen begleitet waren. Sie verengten un» ! scre Enceinte um Vieles. Die Promenaden, welche der Kaiser bis« i her zu Pferde gemacht hatte, mußten wegfallen und Sie gaben als ! Bcwegungsgrund an, daß er sie nicht mehr mache, setzten jedoch : höchst förmlich hinzu, daß wenn er jemals Lust bekäme, wieder die» ! ftn Weg zu nehmen, dann sogleich die Posten für die Zeit die- ! ses Spazierritts wieder aufgestellt werden sollten. Sogleich sagten wir wieder zu einander: Seht, das heißt abermals mit einer Hand ^ todtschlagen und mit der andern sich rein waschen; auf der einen ^ Seite boshaft mißhandeln und auf der andern sich bei den Mini» ! stcrn und der öffentlichen Meinung hcraushalten; denn es war ja gar nicht möglich für den einzelnen Fall eines solchen Spazierritts die Posten wieder aufzustellen, auch kannten Sie uns zu gut, um i zu glauben, daß wir das jemals verlangen würden. Die übrigen i Beschränkungen enthielten mehr oder weniger unangenehme Dinge ^ für unö; wir nahmen oder ließen davon, was wir wollten. EinS aber wird man sich schwerlich denken, wird man kaum glauben kön» § ncn, daß Sie nämlich dabei sagten, wenn der Kaiser bei seinen Spaziergängen jemand begegnete, so dürfe er weiter nichts mit ihm , sprechen, als was die gewöhnliche Höflichkeit mit sich bringe. Wel» ! eher Zwang! Welche Form! Wem bocen Sie das? — Unser ^ Gefühl hierbei war ganz unbeschreiblich. Es war nicht mehr Indig» ! Nation zu nennen, denn diese war schon längst erschöpft. Für alle j diese neuen groben Beleidigungen blieb uns nur eine Art dumpfer ! Bestürzung. Aber wenn die Kunde von diesen Beschränkungen ^ nach Europa gelangte, Wenn sie, der unö crcheilten Versicherung ^ ungeachtet, daß Sic ein Geheimniß daraus zu machen suchten, doch im Publikum bekannt wurden, wenn die Nachricht davon bis zu ^ den Ohren der Könige drang, bei denen Sie gewesen sind — was glaubten Sie denn, daß man davon denken würde? Dem sei wie Ihm wolle; wir haben alles geduldig hingenommen, uns aber wohl gehütet, dem Edlen, den die Sache eigentlich anging, etwas davon l wissen zu lassen, so daß cs ihm wahrscheinlich noch jetzt ein Ge» i heimniß ist. Inzwischen wurden überall die Schildwachcn vermehrt. > Sie wurden zu früherer Stunde schon enger züsammengezogen, man ! grub Gräben um uns her, verpallisadirre den Thurm unsrer Woh» nung und da wo sein Pferdestall stand, zwei Schritte vom Hause, warf man zwei wahre Schanzen auf, welche die Chinesen und die Soldaten, welche bei dieser Arbeit gebraucht wurden, spottend daS Fort Hudson und das Fort Lowe nannten. Was ist daraus i k. Cas-s Tageb. 11. H»- 8 114 l - t- j - 1 >-.- l- 1 r , entstanden? — Daß der Kaiser, dem man seine Spazierritte verleidet hatte und der nun ans einige elende Wege zu Fuße im Garten und dem Gehölze beschränkt war, sich nun in sein Zimmer rinschloß, weil er überall und bei jedem Schritte den er chac, auf Gegenstände stoßen mußte, die ihn beleidigten. So werden Sie gewiß seinen Tod befördern. Die Aerzte glauben, daß er bei diesem gänzlichen Mangel an Bewegung mit großen Schritten dem Grabe zueiie. Sie haben es Ihnen zu wissen geihan und es ist die feste Meinung derselben. Sie antworteten darauf, der Kaiser habe es > nicht anders gewollt; Sie wüschen Ihre Hände in Unschuld. Aber ! wenn Sie zugcben, daß er den Tod sich wünsche und ihn herbei- ^ ruse, wer hat ihm denn das lieben so unerträglich gemacht? — Welche schreckliche Verantwortlichkeit! Wenn ich hierbei noch län- > gcr verweilen wollte, mein Herr! so würde ich Sie doch vielleicht überzeugen, welche zarte Sorgfalt, weiche ängstliche Kümmerniß, , wenigstens wahrend Ihrer Administration, Ihnen die Furcht vor ! dem Hinsterbcn dieses großen Mannes hätte einflößen sollen. > Jetzt habe ich nun nach und nach die hauptsächlichsten Gegen- ^ stände durchgegangen, von denen ich selbst In Longwood Zeuge gewesen bin. Nun erlauben Sic mir zu fragen: Was für Gründe halten Sie denn wohl, so schnell diese strengen MaaSrcgeln eintre- ^ len zu lassen, wodurch sich unsre Lage täglich auf eine so schreck- ! liche Weise verschlimmerte? Ist der hohe und wichtige Zweck Ih- ^ res Amtes, über den Aufenthalt des Kaisers Napoleon auf der ^ Insel Sc. Helena Aufsicht zu führen, nicht noch der nämliche, der - er seit seiner und seit Ihrer Ankunft auf dieser Insel war? Was sollen diese harren, diese barbarischen Abänderungen bedeuten? Hat sich die Gefahr vielleicht vergrößert? Ist -etwas besonderes vorgefallen? Haben Sie vielleicht irgend ein Complott entdeckt? Ist eine Correspondenz augeknüpft worden? Haben Sie die Fäden zu Irgend einem Geheimnisse gesunden? Können Sie sagen, daß irgend , etwas der Art geschehen, irgend ein gegründeter Verdacht vorhanden sei? Nein, und wenn Sie dadurch nur allen möglichen Fällen ^ im Voraus begegnen wollen, wo werden Sie da aufhören? Nur I der Tod kann alle dem ein Ende machen. Aber es ist notorisch ^ und Sie müssen es ohne allen Zweifel selbst zugcben, daß seit un- ! screr Ankunft auf der Insel, die Tbat, weshalb ich mich jetzt in ! Ihrer Gewalt befinde, das Einzige ist, was Sie anführcn können. Sie konnten anfangs glauben, daß Sie große Dinge entdecken war- > den. Sie haben gesehen, mit welcher Bereitwilligkeit, mir welcher ! Ruhe ich Ihnen entgegen gekommen bin, ich habe sogleich Ihnen meine allergeheimsten Papiere auf Diskretion vorgelegt, diejenigen , Schriften, welche meine Gedanken und meine Handlungen Tag für Tag enthielten. Sie konnten Sich dadurch von der Wahrheit mei> ner vorhin gelhane» Versicherung, daß daö jetzt Geschehene die erste und einzige Handlung dieser Art sei, völlig überzeugen und wissen nun, daß auch diese Sache nichts, auch gar nichts war. So ist es denn wahr — wir wenigstens sind von dieser Meinung durch, drungen und jeder unparrheiische Mensch muß sie thcilen — daß Erbitterung, üble Stimmung gegen uns und vloßc Persönlichkeit Ihre Maasregcln weit mehr, als Rücksicht auf Ihre Amtspflich- ten geleitet habe. Niemand ist weniger geneigt als ich, von jemand das Schlimmste zu glauben, aber ich weiß, daß der Mensch bei seinen Beschlüssen, selten geheimen ihm selbst unbewußten und in den tiefsten Falten seines Herzenö verborgenen BewcgungSgrün- den entgeht. Gehen Sie einmal in sich selbst zurück, untersuchen, prüfen Sie daselbst und Sie werden vielleicht cmaunen. W,r sähen immer, pflegen Sie so oft zu sagen, in unfern Verhältnissen nur die schlimmste Seite; Sie versichern dabei, daß Sie viel unpar- kheuscher, viel unbefangener, viel gerechter, in dem was Sie angche, wären. Selten aber ist man ein gerechter Richter in eigner Sache, mein Herr! Diese Unparihcilichkeit, diese Gradheit ist eS eben, die wir so sehr bezweifeln. Sie haben in diesem Betrachte einen großen Vortheil über uns; Sic machen Ihre Bemerkungen, Ihre ^ Erwiederungen auf unsre Schriften; aber wir — wo sind denn die Ihrigen? Wer zwischen uns entscheiden sollte, müßte wahrhaftig in die größte Verlegenheit gerathen, wenn wir uns so am Hellen Tage zeigen und Sie Ihrerseits ganz im Dunkel bleiben? Welches f Mittel haben wir denn, uns gegen Irrlhümer zu verteidigen? i Diese Betrachtung muß einst Ihren Ministern in die Augen fallen, > wenn sie gerecht seyn wollen. Das Wenige, was wir von Ihren Ideen erfahren, ist oft sehr verfänglich und trügerisch — Wendungen, die dem Prinzip nach vollkommen gerecht sind und bei der Ausführung unzulässig und nichtig werden. So haben Sie mir zum Beispiele gesagt, daß Sie, in Hinsicht auf die Versicherung der Person des Kaisers und des Zutritts zu demselben ohne Ihre be- ' sondere Erlaubniß, gewiß Einrichtungen treffen wollten, die unsere Lage verbessern würden, DaS ist doch wirklich recht vernünftig, rufte ich aus. Aber so bald wir nun von dem Detail sprachen, i so wären Sie bald geneigt gewesen, noch weiter zu gehen, als Sie biS jetzt schon gegangen waren u. s. w. Ich komme jetzt auf das, was mich persönlich betrifft. Ich war derjenige, der vor allen andern Ihre Aufmerksamkeit auf sich zog und den Ihr besonderes Mißfallen traf. Ich verdiente cs —- denn obschon ich vielleicht von Charakter der ruhigste bin, so erschien ich doch, bei den verwaltenden Umständen als der reizbarste. — HL — Ich war stetS voll Eifer, stolz, Immer mit meiner Lage beschäftigt und wagte es, mich sehr frei auSzndrücken. Dieser Scim. mung müssen Sie alles zuschrcibcn, was ich gethan, waS ich geschrieben habe — nichts geschah aus Bosheit, denn boShafc bin ich nicht. Sonach schilderte ich in meinen Briefen, was ich sah, waS ich empfand und drückte mich darinnen bei allem, was Sie anging, ohne den mindesten Rückhalt aus. Ich schickte sie Ihnen selbst so zu, mein Herr! Hätte daS, was ich schrieb, geheim bleiben dürfen, dann würden meine Ausdrücke vielleicht gemäßigter gewesen seyn. Diese Briefe haben Ihnen mißfallen, Sie gegen mich erbittert; Sie haben mir endlich das Schreiben untersagt und zwar unter der Bedrohung, daß Sie mich von dem Kaiser trennen würden, wenn ich damit fortführc. Sie hatten gesehen, daß ich einige Dinge, deren ich für meine Person bedurfte, aus Europa verlangte und sagten mir selbst, daß dergleichen Sachen auS England hergeschickc worden wären und ich davon Gebrauch mache» könne. Ich halte aber bei mir selbst beschlossen, daß Sie mich persönlich nie auf der Liste der Ausgaben und eben so wenig auf der Liste der Bittenden finden sollten. Ich dankte Ihnen daher unter der Bemerkung, daß ich nicht gewohnt sei Dinge anzunehmen, die ich selbst besäße. Ich wollte mein Ge- suhl frei erhalten, ihm nicht durch die Erkenntlichkeit Zwang anlc- gen und Sie ließen mir einige Tage nachher sagen, Sie würde» es Ihren Ministern anzcigen, daß ich mit Verachtung zurückwcise, was sie mir anböcen. Sie beklagten sich über meine Gespräche mit denjenigen Personen , welche hier durchreisten. Ich bewies denselben allerdings die Albernheit der Verläumdungcn, die Lächerlichkeit der Gerüchte, die man in Masse über den größten Mann verbreitete, ich erzählte selbigen Züge, die ihnen unbekannt waren und worüber sie erstaunten. Sie warfen mir dann vor, daß ich eifrig Dinge aussprengte, die Sie angingen und zwar in der Absicht, daß die Kunde davon nach Europa dringen solle und ich kam mir Labei vor wie jener, den man im freien Felde würgt und der, da ihm niemand zu Hülfe kommt, die vorüber fliegenden Vögel zu Zeugen nimmt. Hies es denn übrigens sich an Ihrem Vaierlande vergehen und dessen Gesetze verletzen, wenn ich demselben die Wahrheit zukommen lieS. Das war ja vielmehr ein Dienst, den ich ihm erzeigte, ein Verdienst, das ich mir um solches erwarb. Die Gewalt, die Sie hierbei gegen uns ausübten, Ihre ungcmäßigren und strcngrn Vor- sichtsmaasregcln gegen Ihre eignen Landsleute, mußten uns natürlich in unserer festen Ueberzcugung bestärken, daß Sic, auf Ihre entfernte Stellung vertrauend, um Ihre wtllkührlichen Hand- 117 Hingen In den Augen der Negic-ung rechtfertigen zu können, keine größere Furcht kannten, als daß solche im Publikum bekannt wer» ! den möchten. Warum sonst uns so einsperren? Warum das Be« suchen, das Sehen, das Sprechen Ihrer Landsleute hindern, wenn ihnen nicht etwas verborgen werden sollte? War cs vielleicht Furcht, daß wir ihnen unrichtige Schilderungen machen möchten, nun dann mußte man sie je lieber mit eignen Augen sehen lassen. Thatsa» chcn hätten ihre Ansichten berichtigt und sie würden uns dann mit Bedauern verlassen haben, daß wir uns die Sache selbst so schwer machten. Als es in Frage kam, dem Kaiser Jemand wegzunehmen, so erklärten Sie, daß Ihre Wahl mich treffen würde, wenn Sie nicht glaubten, daß ich ihm nützlich sei. Mit einem Worte, Sie wieder« holten Ihre Instruktionen, Ihre Aeußerungcn gegen mich bei jeder j Gelegenheit. Mich kürnmrrte das sehr wenig, wie ich gern gestehen I will. Der Märtyrer, mir dem es bis zu einem gewissen Grade deS ^ Leidens gekommen ist, berechnet seine Dualen nicht mehr, sondern ^ gefällt sieh vielmehr in seiner Lage. Längst schon hatte ich dieses ' Ziel erreicht; ich war physisch und moralisch schon aufs Acußcrsre ! gebracht. Kaum war ick, buchstäblich genommen, in meiner Woh« i nung gegen die Witterung geschützt; wenn es regnete, so kam ich in Gefahr zu ertrinken und schien die Sonne, zu ersticken- Mein ' Sohn und ich hatten eine Schlaskammer, die kaum zwei kleine Bet» i ten faßte, wir lagen über einander und ich hatte es in Ncwgate ! viel besser gehabt. Ohne das fromme Streben, das meinen Geist ! in Kraft erhielt, hätte mein Körper langst unterliegen müssen. Ihnen konnte und durfte dieser Zustand nicht unbekannt seyn. Wenn ich mich hierüber durchaus nicht mit Bitten an Sie wenden i wollte, so handelte ich blos meiner würdig; es war schon an und ! für sich Ihre Pflicht dem Allen abzuhclfen. Er soll, so sagte ich > mir, wachen über mich, sowohl im Guten als im Bösen. Das Wahre von der Sacke ist aber, daß man uns für Verworfene hielt, für die alles gut genug sei. Der Himmel behüte mich die Aus» mcrksamkeit aufzufodern für jenen Hohen, der durch die Erhebung ^ eines ganzen Volkes einst wieder aus den Thron gesetzt und nur ! durch die blinde Wuch der Nationen und daö unruhige Gericht der ^ Könige demselben aufs Neue entrissen wurde. Ich spreche nur von ! denen, die ihn umgeben. Was hakte man mir wohl vorzuwcrfcn, ' der ich ein Opfer zweier Revolutionen geworden bin, der seinen eignen Vorthcil vergessend, mein väterliches Erblhcil verlor, weil . ich einen gestürzten Monarchen beiftehen wollte, und dann meine Familie, mein ganzes Vermögen Preiß gab, um einen Monarchen zu pflegen, den man erhoben hatte? Und dieser ehrwürdige Groß- marschall, dieses Muster der Treue und jeder Tugend, waS kann man ibm vorwcrfen? Und eben so allen Andern? Nein, sagte ich mir stolz, wir sind keine Verbrecher, wir sind keine gemeinen Menschen, wir zeigen die größte, die edelste, die seltenste aller Tu. gendcn; wir geben der Welt ein Beispiel, prägen unsre Namen tief in alle schöne Herzen rin und machen allen denen Ehre, welche zu der nähern Umgebung der Könige geboren. Man soll nun nicht mehr sagen, daß es keine Ergcl'enbcit, keine Treue, keine Liebe an unglücklichen Thronen gebe, oder wenigstens bekennen, daß Napoleon sich dieselbe auch hier zu verschaffen wußte. ^ Ich harte einen Bedienten aus den Bewohnern der Insel; er , wurde Ihnen verdächtig und Sie beschlossen, mir ihn zu nehmen. I Das war alles recht gut; aber Sie wollten mir dafür einen ander» ^ nach Ihrer Wahl geben und ich schlug dieses aus. Die Antwort, ^ welche ich Ihrem .Offizier erihcitte, war, Sie könnten, Kraft Ihrer Macht und Gewalt, Garnison in meine Stube legen, aber nie mit meiner Einwilligung und wenn ich nicht einen Bedienten nach eig« ner Wahl haben dürste, wolle ich mich lieber mir eigner Hand bedienen. Sie bebarrtcn auf Ihrem Sinne und ich blieb ohne Bedienten. Und doch hätten Sie mir so leicht meinen Willen thun können, da es ja immer noch bci Ihne» stand, meine Wahl durch ! Ihre Weigerung zu beschränken! Jener Mensch, de» Sie mir ge> ! nommen hatten, kam kurze Zeit nachher und sagte mir, er hoffe ! nach England abzugchen und wolle mir dabei gern zu Diensten scyn. Ich gab ihm zwei Briese und Sie kennen nun den unbedcu« tenden Inhalt derselben. Der eine enthielt eine Relation an den Prinzen Lucian, die durch Ihre eigne Hand hatte gehen sollen, der andere rein freundschaftliche Mitthcilungen. Darauf kommt nichts an. Ich hatte gegen Ihre Beschränkungen gesündigt und bin nun hier. Ich glaubte cö unter meiner Würde, einen Streit über die Frage zu erheben, wie weit Ihre Rechte über meine Person sich erstreckten. Waren Sie dabei zu weit gegangen, so mußten die Ge- sehe mir Recht verschaffen. Ich handle nie um eine Strafe, nehme ! hin waS mich dabei trifft und bestrafe mich am folgenden Tage hundertfach selbst; wie ich mir denn auch hierbei das größte, daS i schmerzlichste Opfer auserlegt habe. „Ich bin beschimpft, so schrieb ^ ich Ihnen, und kann von nun an dem Kaiser keinen Trost mehr gewähren. Ich würde in seinen Augen einen Flecken an mir tragen , der ihn immer an eine schwere Beleidigung erinnern müßte. Ich verbanne mich selbst von Longwood, ich will weg von hier, um mir das Wiedersehen zu erbitten und hoffe, nach einem weiten Wege, gereinigt wieder zu erscheinen. Von nun an muß die frei- willige Unterwerfung aufhören, in welche ich Ihnen gegenüber gc- — IIS — willigt hacke. Ich begebe mich hiermit unter den Schütz der Gesetze und verlange von Ihnen meine Freiheit zurück." Habe ich cs aber auch verschmäht, dasjenige in genaue Erwägung zu ziehen, ivaS Sie mir selbst durch meine Wegführuiig von Longwood angckhan haben, so kann ich doch nicht Ihr Unrecht vergessen, daö sie durch Verletzung jener heiligen unglücklichen Stätte begingen. Es wäre Ihnen so leicht gewesen, mich zu dem Sitze Ihres Gouvernements berufen zu lassen! Ich stand unter Ihren Befehlen und Sic erlangten das nämliche Resultat, hätten aber eine tiefe Wunde dem erspart,- dem Sie solche gewiß beigebracht haben. Als ich denn einmal in Ihren Händen war, habe ick mich — wie ich gern gestehen will — mit einer Achtung behandelt gesehen, die ich nickt erwartete. Mit jcdcM Tage bemerkte ich einen größeren Unterschied. Dieses Räthsel setzte mich wahrhaft in Erstaunen. Ist das Nachgiebigkeit meines Charakters? fragte ich mich. Sollte ick mich wohl in Longwood getäuscht haben — lausche ich mich vielleicht hier? Nein, keineswegs. Sie schienen mir wirklich nicht mehr der NämUche. Ich sah Sic aber jetzt nickt mehr, wie ick Ihnen auch sagte, durch einen blutigen Trauerflor. So fand ich endlich den Knoccu. Ick stand Ihnen hier näher; alles war in Harmonie zwischen uns. Bei dem riesenhaften Maasstabe zu Longwood waren wir das nie, denn Sic wollten diese Größe nie erkennen, wollten nie cinsehen, daß Sic nicht herab- sondern hinaufsteigen müßten, umsic'zu erreichen. Der Kreis war zu klein, in welchen Sie Gegenstände eineiigen wollten, die von allen Seiten über diese Grenzen hinaus« traten und die Sie zu verstümmeln suchte», um sie dennoch einzuzwängen. Sie ärgern sich, daß das nickt gelingen will und erinnern an den Mann in der Fabel, der den Reisenden ein zu kleines Bitte gab und alles wcgschnitt, was darüber herausragcc. Sie sprachen vom Irnhume bei Beurtheilung der Verhältnisse, daS ist, mein Herr! der wahre Irrthum. Ich habe ihn entdeckt und nun will ich Ihnen alles erklären. Versuchen Sie einmal selbst darüber nachzusinnen, vielleicht kommen Sie auf andre Gedanken. Vergebens berufen Sie sich auf den Buckstahen Ihrer Instruktion. Es kann kein wichtigeres, kein außerordentlicheres Amt geben, alS das Ihrige. Ihre Instruktion scheint Ihrer Sendung unwürdig, denn sie ist groß diese Sendung und Sie können sic nickt genug erheben. Welcher Gelegenheit berühmt zu werden berauben Sie sich doch! Wollte ich in der Welt nach Ruhme ringen, so wäre nach dem Verhältnisse, in welchem ich in Longwood stand, Gouverneur von dieser Insel zu seyn, der erste Posten, den ich von dem Schicksale erbitten möchte. Ich würde gewiß die ganze Wich- 120 tlgkeic, den ganzen Umfang meiner Pflichten erkennen. 2ch würde mich meines Gefangenen vollkommen versichern, außerdem aber ihm nichts zu wünschen übrig lassen. Es würde mir nicht genügen, daß sch von ihm geschätzt wäre, geliebt müßte ich von ihm werden. Ich würde mich seinen Ketten nur auf den Knien nähern. Man soll mir ja nickt sagen, daß strenge Befehle und 2nstrukcionen mich schon zwingen konnten, das Gegenthcil von dem zu thun, was ich gern möchte. Das reiche Traktcmcnt von Sankt Helena, die Ehre, die mit einem solchen Posten verbunden ist, das Vertrauen, waS derselbe schon bewies, Allcs das wäre mir nichts gegen die Freiheit meines Herzens, das Unheil der allgemeinen Meinung. Andere würden mir folgen. Und welche Gefahren können Sie sich nicht zuziehen? Sie kennen die Geschichte 2hrcs Landes besser alS ich. Sie wissen reckt gut, wie viele ChesS, wie viele Generale, nach peinlichen und schwie- rigcn Missionen, als -Opfer der veränderten -Obergewalt oder der Launen der öffentlichen Meinung gefallen sind. Wenn 2hncn ein ähnliches Unglück wiekerfahrcn sollte, wie viele Stimmen würden sich nickt hier gegen Sie erheben? Sie können sich leicht einen Abgrund graben. Sie werden mir antworten, daß Sie sich aus das Zeugniß Ihres Gewissens verlassen. Das ist nun freilich daS Größte, Tröstlichste und Süßeste von allem, aber nur Gott gegenüber ist es vollständig, vor Menschen bleibt eS gar oft ganz unzureichend. Wie viele sind nicht schon mit einem reinen Gewissen unter den Streichen der Ungerechtigkeit und der Meinung gefallen! Wie viele sind durch den Sieg der Vcrläumdung beschimpft worden! Ihr Richter Ieffries, abscheulichen Andenkens, war, so sehr auch sein Name verflucht wird, doch vielleicht ein braver Mann, der seine barbarischen Vorschriften nach dem klaren Buchstaben vollzog. Zeit, unglückliche Ereignisse, Vcrläumdung, Uebcrtreibung, Parkheigcist, können das Uebrige bei der Sache gcthan haben. Sehen Sie also, wie falsch man in das Buch der Geschichte eingetragen werden kann! Pelch ein Nachlaß! Warum nur sich dem aussetzen, wenn es doch anders seyn könnte? Und was vermöchte Sie wohl in dem Falle zu schützen, wenn ein gewisser trauriger Kampf einlrätc? Es giebt jetzt nur zwei große Parlhcien in der Welt. Sie sind im Schooße der liberalen Ideen geboren und ich müßle fürchten Sie zu beleidigen, wenn ick glauben wollte, daß Sie diese Doktrin verlassen hätten; allein jetzt wurden Sie in Folge sonderbarer Verhältnisse der direkte Agent der alten Aristokratie. Wenn Sie nun je in den Fall kämen, wegen der Beschwerden, von denen jetzt die Rede ist, an die öffentliche Meinung zu appclliren, zweifeln Sie wohl daran, daß Sie bei allen Nationen die Menschen Ihres 121 Glaubens gegen sich haben würden? Glauben Sie ja nicht, daß Sic doch wenigstens bei der Gegcnparthci Schutz finden müßten. 2ch bin lange genug ein Mitglied derselben gewesen und kenne die Schwäche wie die Starke derselben. Kein Mensch wird läugncn, daß bei politischen Ketzereien dort die Größe der Seele und die edle Gesinnung eben nicht im hohen Grade zu finden sind. Man würde Sie im Stiche lassen. Jetzt habe ich Ihnen mein Herz mit allen Beschwerden und der ganzen Bitterkeit meiner Erinnerungen aufgeschlossen. Ich habe zwar mit der größten Freiheit, aber auch zugleich in der besten Absicht geschrieben, nicht mit der Bosheit, welche verwunden, sondern mit dem Gefühle, daS unterrichten will. Ich wiederhole nochmals, wenn ich mich bei irgend einem Anführer! geirrt haben sollte, daß mir die BewelSurkundcn gemangelt haben, und wenn ick in irgend einem Stücke nickt wahr gewesen wäre, es dock nur ein ehrlicher Irrthum seyn würde. Was hier gesagt ist, habe ich auch wirklich so gedacht oder gefühlt. Ich wünsche nur, daß Sie mit eben diesen Gesinnungen, wovon ich bei dem Schreiben durchdrungen war, das Geschriebene lesen mögen. Noch oft möchte ich Ihnen versichern, baß ich weit weniger die Absicht hatte, Ihnen Vorwürfe zu machen, als Sie in den Stand zu setzen, nachzudenken, zu antworten, vielleicht wieder gut zu machen, sollte es auch auf meine Kosten senn. Möchte doch das Lesen dieser Schrift über manche Dinge ein nützliches Lickt verbreiten, eine bessere Zukunft erzeugen! Hier ist der Ort Ihnen zu sagen, in welchem Zustande ich Longwosd verlassen habe. Es ist unmöglich ihn treu zu schildern. Die Existenz war dort unerträglich geworden. Von jeder Communication abgeschnit« ten und in den wahrhaft abgesonderten Hast, worinncn wir unS befanden, wurden die Stunden zu Ewigkeiten. Alles, selbst die Luft, weiche wir aihmetcn, kam uns wie ein matteS Gift vor. Der Lc- beneüberdruß war aufs Höchste gestiegen, die Last zu groß für unsre Kräfte und das größte Unglück bei dem allem, daß wir den stündlich dahin schwinden sahen, für welchen wir lebten. Sein stilles Lächeln bewies uns täglich, daß er unsre Ketten bald brechen wolle. Meine Thräncn fließen! Unsre Leiden waren in diesem Hause so schrecklich, daß wenn es möglich wäre, einen Augenblick die Pflicht zu vergessen, die unsre Herzen erfüllt und regiert, wenn eS möglich wäre, sage ich, daß ein solcher Moment der Abweichung von dieser Pflicht einrretcn könnte, der jeden sich selbst zurück gäbe, ich mich gar nicht wundern würde, wenn meine unglücklichen Gefährten nach dem Beispiele der Alten, um sich von einem so kummervollen Leben zu befreien, sich gegenseitig den Tod gäben und man eines My» 122 gcnS Ihnen die Nachricht brächte, dag Longwood nur noch ein Grab sei, daß Sie dort nur noch Leichname zu bewachen hätten. Ist ein solcher Zustand der Dinge, sind solche Martern denn wirklich in dem Wille» und dem Geiste Ihres Prinzen, Ihrer Mi. nister, Ihrer Gesetze, Ihrer Nation, Ihres Herzens? — Wie schrecklich wäre das! — Woher kommr aber sonst alle das Böse, was Sie chun? — ! Wie dem nun sei, mein Herz erfüllt, ich mag Ihnen nun fern oder nahe scyn, ein einziges Verlangen, bei welchem jedes andere schweigt. Sorgen Sic für des Kaisers Gesundheit, schonen Sic sein Leben und ich will Sie segnen! BalcombeS Cotcage, in enger Haft, Longwood gegenüber, am 19. Dezember 1816. Der Graf von LaS CaseS. ! Ich habe nicht eher wieder etwas von dieser Schrift erfahren, als sechs ! Iadrc nachher und nur waS ick in dem Werke des Herrn -O'Mcara j darüber gesunden habe. Die Herren, welche von Longwood zurück- f kehrten, sagten mir, sie sei ihnen nie mitgerheirt und auch dem ! Kaiser der eigenlliche Inhalt derselben nie bekannt worden. ES scheint alS habe Sir Hudson Lowe nach meiner Abreise sich dieses Dokuments, Kraft seines Arms, gegen die eingcgangenrn BeLingun- gen, ganz für sich bemäcktigr und cs mit manckertti Auslegungen, so wie selbst bei falschen und boshaften Erdichtungen zum Grunde gelegt. I Ich finde in der Erzählung der Ereignisse auf Sankt Helena vom ! Herrn O'Meara folgendes: „Sir Hudson Lowe, sagt er, benutzte die > Kunde, welche er durch das Lesen des Manuscripts deS Grafen von Las Cafes (die Beschwerden) erhielt und bediente sich eines Kunst- griffe, der des Systems, . daS er auf Sankc Helena angenommen hatte, vollkommen würdig war. Er befahl mir nämlich, Napoleon zu erzählen, der Graf von Las CaseS habe während seiner Hast gestanden, daß die den Franzosen in Longwood auferlegten Beschränkungen als bloße Form betrachtet werden müßten und daß er fick nebst ! den übrigen Franzosen alle mögliche Mühe gegeben habe, den Geist sei- ! nes Hrrrn durch Vcrläumdungen und falsche Nachrichten zu ver- ! giften. Er fügte hinzu, die Sache sei vollkommen wahr, er habe eS schriftlich und von der eignen Hand des Grafen. Er cilirle mir sogar eine Sentenz dieser Schrift, damit ich sie Napoleon milthci- len möchte, nämlich: Wir haben Napoleon Alles durch einen mit Blut getränkten Schleier sehen lassen. Wahrhaftig, rüste Na- poleon aus, wenn man den Henker vor sich har, sieht man auch immer Blut! — und setzte mit jenem Scharfblicke, mit ftner Lebhaftigkeit des Geistes, welche ihn so sehr auszelchnet, noch 12Z hinzu, er sei überzeugt, daß Ailcs, 17,ad ich ihm eben gesagt Hütte, nur eine Erfindung von Sir Hudson Lowe sei , oder letzterer vielleicht irgend eine Stelle in der Schrift von Las Eases verfälscht habe; daß der Gras, welcher so zart fühle und so reizbar sei, na« tüeiicher Weise über die erlittene Behandlung sehr betroffen gewesen seyn müsse, besonders da er nie aufgchört habe, von der englischen Nation in Ausdrücken des Enthusiasmus und der Bewunderung zu sprechen. Er glaube daher wohl, daß er sich auf kräftige Weise und mit Freimüthigkeit über ein Verhalten ausgcdrückc haben möchte, daS der an dem englischen Volke von ihm stets so gerühmten Großmuth und licbcralen Gesinnung ganz entgegen gesetzt sei, daß aber auch wirklich die Behandlung, welche die Franzosen erfahren müßten, so barbarisch wäre, daß es ganz unnütz seyn würde, seine Zeit zu verlieren, um das Benehmen derer, die sie ungeordnet halten, erst noch auseinander zu setzen." 2ch finde" ferner in Napoleon im Epik, einem Werke oder Journale des nämlichen Herrn O'Meara unterm 4. Dezember 1816, daß der Gouverneur mich sagen läßt, ich hätte, seit ich in direkten Beziehungen mit ihm stände, meine Meinung von ihm sehr geändert, und hinzusetzt, er habe die Entdeckung gemacht, daß die Franzosen im Gefolge Napoleons keine andere Absicht hätten, als sich seiner wie eines Werkzeugs zu Befriedigung ihres Ehrgeizes zu bedienen, ohne sich weiter um die Mittel zu bekümmern, die, um daS Ziel zu erreichen, angewendct werden müßten u. s. w. Das sei eine Noüz, sagte Sir Hudson Lowe zu Herrn O'Meara, die er dem General Vonaparce geben solle. Dann unter dem litten: „Der Graf LaS Cafes sei Napoleon nicht ans Liebe gefolgt. Der General wisse gar nicht, was LaS Cafes geschrieben, welcher Ausdrücke er sich bedient habe" n. s. w. Ferner unterm 14. Januar l.817, wo er Herrn O'Meara versicherte, wie er selbst in meinem Journale gelesen habe, daß Napoleon seinen Abscheu vor der englischen Uniform und jedem Offiziere dieser Nation erklärt hätte. Er, O'Meara, würde wohl thun, eine Gelegenheit zu ergreifen, ihm das wieder zu sagen, solle jedoch hin« zusctzen, er, der Gonrerneur, glaube demiingcachtct nicht, daß er sich jemals in dieser Art geäußert haben könne. Endlich steht noch an einen« andern Orte, daß der Gouverneur Herrn O'Meara aufgetragen, in Longwood zu sagen, er habe eben meinethalben an die englischen Minister geschrieben, daß sie mir für immer die Rückkehr nach Frankreich verwehren möchrrn. Er kann das wohl so gesagt haben — Gott inagS wissen! — der Ausgang und die Zeit haben aber bewiesen, daß die englischen Minister feine wohlwollende Meinung wevig beachtet, oder auch vielleicht d«e fran- zösisckcn die Sache keiner Aufmerksamkeit gewürdigt haben. Man wird zu seiner Zelt sehen, daß, wenn ich, als man mir bei meiner Rückkehr nach Europa England untersagte und dagegen die Wahl zwischen Calais und Ostende frei stellte, mich für letztcrn Orc bc. stimmte, solches auS ganz andern Gründen geschah, als aus einer Furcht, welche Sir Hudson Lowe bei mir hcroorbringen wollte. Es schien auch übrigens, als ob er selbst an der Wirksamkeit seiner Anklage gczweifclt, oder vielmehr alS ob er zweifache Dorsichts« maasreaeln für noihwendig gehalten hätte, denn er wendete seine ganze Geschicklichkeit und alle möglichen Kniffe an, um cs dahin zu bringen, daß ich als ein Gefangner auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung sestgehalten werden sollte. ES entwischte, so hat man nur erzählt, seinem Helfershelfer im Gespräche von mir die Acußc- rung: „Der wird uns nicht viel Unruhe mehr machen. Wir ha- den ihn auf dem Kap empfohlen, dort mag er im Kerker verfaulen." ES war dicS der nämliche Mensch mit der honigsüßen Rede und dem gnädigen Lächeln, das man immerfort an ihm bemerken konn- tc, welcher wollte, wie Herr O'Mcara sagt, daß, wenn Napoleon Schwierigkeiten mache, man ihn in Ketten legen müsse, und bei einer andern Gelegenheit geäußert haben soll, die Miirten wären ihres großen Ziels nicht eingedenk gewesen, als sie versäumt hätten, den jungen Napoleon erwürgen zu lassen. Ich komme jetzt auf den Gouverneur zurück. Wie lassen sich alle die Höflichkeitsbezeigungen, alle die Versicherungen seines Wohlwollens und der besten Absichten, die er mir zu erkennen gab, mit den falschen Berichten, seinen mir unterschobenen, erlogenen Reden, mit allen den boshaften Erfindungen vereinigen, die er nach Long- wood gelangen lies, als ich mich nicht mehr dort befand. Wir wollen dieses alles den Lesern mir rechtlichem Sinne und chrliebcn- dem Gcmüthe zur eignen Bcurtheilung überlassen. Das Vorgebirge der gmen Hoffnung liegt 500 Stunden von Sankt Helena, allein wegen dcS Umwegs, wozu die Passalwinde nöchigen, erhöht sich die Entfernung bis auf 700 . Man sucht bei i der Abfahrt von Sankt Helena sogleich gegen Südwest hin die hohe , See zu gewinnen, um so schnell als möglich der Zone der Passat» ! winde zu entgehen, und so bald nun die veränderlichen Winde erreicht sind, steuert man gen Osten, hält sich jedoch immer auf meh- ' rcre Grade der Breite unter dem Kap, nach Süden hin, um gegen die sehr heftigen Südostwinde auf der Hut zu scyn, welche zu j dieser Jahreszeit besonders herrschen. Unsre Fahrt war sehr glücklich und da wir die erwünschten Winde trafen, überaus kurz, doch wurde ich und mein Sohn zu mchrcrenmalen aus die schrecklichste Weise seekrank. Am sechsten 125 oder siebenten Tage verließen wir die Passatwinde und bekamen Westwind, der uns schnell in neun bis zehn Tagen an den Orc unsrer Bestimmung brachte. Erst als wir uns dem bekannten Kap drS TempetcS näherten, traf uns ein heftiger Südostwind bei sehr hocdgehcnder Sec. Und selbst diese Widerwärtigkeit, welche cs blos in Bezug auf die Instruktionen des Kapicains war, fiel für mich günstig aus; denn der Gouverneur halte dem Kapitain die Ordre gegeben, mich jenseits des Kaps und hinter demselben in Simons- day auszusetzen. Vielleicht glaubte er, daß wenn ich nicht in die Stadt käme, das Aufsehen vermieden werden und die Ungerechtigkeit meiner Gefangenschaft nicht so in die Augen springend seyn würde. Das mag nun seyn wie ihm wolle, das Ungewiktrr nahte und der Kapirain nahm cs auf sich, auf die uns schon so nabe liegende Scadt gerade loS zu segeln. Um zwei Uhr des Morgens erreichten wir die Küste genau zu der Stunde, welche der Kapirain ohne Bedenken und ohne erst das Senkblei auszuwcrfen, oder sonst eine Untersuchung anzustcllcn, vorauSgcsagt hakte, so vollkommen richtig war seine Berechnung gewesen. Der Kapitain Wrighc ist überhaupt ein ausgezeichneter Seemann. Er besitzt Thäcigkcic, Eifer, Regelmäßigkeit, Charakter, und wird sich gewiß einen Namen machen. Uebrigens habe ich Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß diese Genauigkeit bei der Schifffahrt jetzt ziemlich allgemein ist. Ich weiß nicht, wie es jetzt mit unsrer Marine steht, die lange Zeit wegen ihrer wissenschaftlichen Uebcrlegenheit berühmt war; aber ich habe die Erfahrung gemacht, daß die Engländer jetzt sehr stark, daß ihre Berechnungen so vollkommen und so vielfältig sind, daß man sich kaum noch die Möglichkeit weiterer Fortschritte in dieser Wissenschaft denken kann. Nach einer Fahrt von achtzehn Tagen warfen wir am 17ten Nachmittags um zwei Uhr Anker. Der Kapitain entschuldigte sich sehr höflich wegen der Nothwendigkeit, daß ich noch am Bord bliebe, bis er die Befehle deö Gouverneurs, seiner Instruktion zu Folge, eingeholt "haben würde. Er kam zurück und machte mir kund, daß ich nicht eher als übermorgen landen könne, weil die Wohnung, welche man mir bestimme, nicht eher im gehörigen Stande seyn könne, was mir allerdings unangenehm seyn mußte, da man nach einer Seereise sich immer sehr darnach sehnt, den Fuß ans Land zu sehen. So mußte ich denn zwei Tage auf der Rhede des Kaps verweilen, die übrigens sehr schön ist. Das Wetter war herrlich, die Hitze groß, aber doch die Luft dabei rein und wohlthuend. Ich hatte In meiner Jugend, als ich in die Marine eintrat, hundertmal von den Offizieren, welche den indischen Krieg mitge« Z2Ü mache hakten, sehr umständlich von allen den Punkten sprechen hö> ren, die nun jetzt mir vor den Augen lagen. ES machte mir Freude, mir diese alten Erinnerungen aufzufrischen und man zeig!« mir jene sogleich alle, so wie sic mir wieder cinsielcn'. Aus einer wenig über das Meer hervorragenden Erdstäche lag . die bedeutende, schöne und regelmäßig gebaute Kapstadt mir ihrer ! nahen, aus sehr hohen und steilen Gebirgen bestehenden Umgebung ! vor mir. Man zeigte mir den Teufels berg zu meiner Linken, I den Tafelberg mir grade gegenüber, den Zuckcrhuc zu meiner i Rechten, so wie auch den Löwen rücken, wegen seiner großen j Achnlichkeit mit dem, waS dieser Name andeuiet, also genannt, ! und cS machte mir Vergnügen, alle diese Berge sogleich wieder zu !, erkennen. Die Festungswerke vor und auf beiden Seiten der ScaLt ^ schienen mir in sehr schlechtem Stande und besonders auch übel angelegt zu seyn, da sie von mehrcrn Punkte» und besonders von dem zuletzt genannten, selbst leicht zugänglichem Berge aus beherrscht werden. Man darf sich daher nicht wundern, daß dieser Posten bei dem Angriffe jeder nur einigermaaßcn überlegenen Macht stets sogleich genommen worden ist. Am sichersten gehr ma» zu Werke, bis künftig dem vorgebaut seyn wird, wenn man nördlich in weiter ! Entfernung von dem Platze auf einer ganz freiliegenden und unvcr. kheidigten Ebne landet und dann auf die Stadt loSgeht, um sie von der Landseitc anzugreifen. . Ich erinnerte mich oft gehört zu haben und ich konnte eS in der kurzen Zeit meines Aufenthalts selbst wahrnchmen, daß der Teufels, und Tafelberg zuweilen und zwar ziemlich schnell mit Del. ken bedeckt werden, wenn auch sonst der Himmel ganz vollkommen j rein bleibt. Es sicht dann aus als ob der glänzendste Schnee auf ihnen läge und man sagt dann gewöhnlich, daß der Tisch gedeckt ! sei, was wirklich einen sehr treffenden Begriff von diesem Schau, spiele giebt. 3m Winter ist diese Erscheinung häufig der Unglücks, voce eines nahen Sturmes. Die Rhede bleibt den Nordwestwinden ! völlig preiß gegeben, welche während der üblen Jahreszeit sich sehr ! oft und heftig zeigen. Man ist dann dort verloren und kann nur unter der ziemlich weit von dem Eingänge der Bay entfernt lie- genden Insel Robin Schutz finden. Ich erwähnte gegen meine Umgebung einen Vorfall, von dem ich unsre Offiziers so oft harte sprechen hören. Der Landvoigt von Suffren hatte nämlich, alS er nach hergestcllcem Frieden von seinem herrlichen Feldzüge in Indien zurückkam, einige Tage vor der ihm auf dem Fuße folgenden englischen Escadre, hier Anker geworfen. ! Diese letztere mußte eilen den Ankerplatz zu erreichen und nun war ! der Blick deS französischen AdmiralS so scharf und so sicher, daß j 127 er bei dein Erblicken eines der einlaufcnden Schiffe sogleich voraus» sagte, daß es unfehlbar zu 'Grunde gehen müsse. Augenblicklich befahl er allen Chalouppen seiner Eseadre, daS Signal zu einer bald nothwendig werdenden Hülfe zu geben. Wenige Minuten später sank das englische Schiff; man flog von allen Seiten hinzu, aber die französischen Fahrzeuge hatten die Ehre, bei weitem die ersten zu seyn. Das Schauspiel war sonderbar genug und gewiß sehr rührend, wie die beiden sonst gegen einander so erbitterten, nur nach ihrer gegenseitigen Vernichtung trachtenden Escadern jetzt mit einander wetteiferten, sich wie die besten Freunde die eifrigste Hülfe zu leisten. Die jungen englischen Offiziere, denen Ich dies erzählte, wußten jedoch nicht daS Geringste von dieser Sache und es geht hieraus hervor, daß Gegenstände, welche die Zeitgenossen auch noch so sehr beschäftigen, über den folgenden bald vergessen sind, wenn jene keine Wichtigkeit in der Geschickte erlangt haben. 12S Aufenthalt auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung. Zeitraum von mehr als sieben Monaten. Sonntags am 19. bis Dienstags am 28. Januar. Als ich unfern Kapital» von dem Gouverneur Lord Charles Somerset zurückkommcn sah, brauchte ich ihm nur ins Gesicht zu sehen, um nichts Gutes zu erwarten. Cs war nicht mehr der nämliche Mensch; er hatte jetzt ein kaltes, verlegnes Gesicht und seine Zurückhaltung fand bald Nachahmer unter denen, die ihn umgaben. Mehrere Marineoffiziers, die sich auf der Rhede des Kaps befanden, kamen und besuchten ihre Kameraden am Bord der Brigg und cs war leicht zu bemerken, daß die Neugierde mich zu sehen, wohl hierzu beigetragen haben mochte; sie vermieden es jedoch, ein Gespräch mit mir anzuknüpfcn, unterhielten sich viel« mehr abgewendet und heimlich; auf mich blickten sie nur wie aus einen Geächteten hin. Alle diese Dinge und einige Worte, welche man fallen lies, verkündeten mir, daß man, trotz der weiten Ent« sernung, doch in Hinsicht auf die sichere Verwahrung des großen Gefangenen hier die nämliche Furcht, das nämliche Mißtrauen wie auf Sankt Helena hege. Ich konnte nun schon hieraus schließen/ daß die schwarze, Longwood verhüllende Wolke sich wohl bis zu mir ausdehnen werde und fand denn auch wirklich, sobald ich ge« gen zwölf Uhr ans Land gebracht wurde, den mit meiner Be.'« chung beauftragten Offizier sogleich am Ufer. Der Kaxitain der Brigg, der mich auf seinem Canot begleitet hatte, wollte mich, auS alter Bekanntschaft und ich hoffe zugleich aus wahrer Freundschaft, nicht eher verlassen, als bis ich In der mir bestimmten Wohnung «„gekommen seyn würde und wir gingen nun nach dem sogcnann« tcn alten Schlosse oder der Festung hin. Nachdem wir über mehrere Zugbrücken und bei verschiedenen Hauplwachccn vorbei gekommen waren, gelangten wir in den innern Hof oder Waffenplatz und von da über verschiedene Treppen und Vorsäle nach der unS be- rcichneren Wohnung, deren Thüren jedoch verschlossen waren. Ber» gebens suchte man dte Schlüssel dazu; wir mußten ln einen ge» meinschaftlichcn Saal cintrctcn, wo sich mehrere -Offiziere der Gar» nison befanden, und daselbst warten. Zufällig kam ein Offizier vom Gcncralstabe hinein, dessen Gesicht sogleich großes Erstaunen ausdrückte, daß man uns mit andern so ungehindert sprechen lasse. Unter einem höflichen Vorwände führte er uns in sein Zimmer, wo uns einige Erfrischungen gereicht wurden und endlich kam man, nach Ablauf mehrerer Stunden, und sagte uns, daß unsre Zimmer fceciz wären. Sie bestanden aus drei verfchicdnen Behältnissen, die wir, als sich der Staub nach und nach legte, eins nach dem andern entdeckten. Sie wurden nämlich eben gekehrc als wir ein» traten und waren deshalb mit Scaub ganz angefüllt. Daö erste Behältniß war ganz leer, daS mittlere enthielt eine große Tafel, einen Lehnstuhl mit zerbrochncn Füßen und vier schlechte Stühle, das dritte zwei Bettstellen, zwei Pfühle, einen Srrohsack und drei Decken, hieraus bestand das ganze prachtvolle Gerüche. Wie gut war cS jetzt, daß wir unsre Betten mit auf das Schiff genommen hatten, aber wie war es nur möglich, daß nur zwei Tage crforder» lieh gewesen, um diese Vorbereitungen zu beendigen!? Dieser Um» stand gab mir keinen hohen Begriff von der Regelmäßigkeit, Pünkt» > lichkeit und Geschwindigkeit der neuen Herrschaft, unter welcher ich mich nun befand. , Der uns zugegebene Offizier nahm sogleich Besitz von dem i Vorzimmer; nach außen wurde eine Schildwacht gestellt und mir ! angcdeutet, daß ich mit niemand sprechen dürfe, mithin befand ich l mich in einem wahren Gefängnisse. Ich hatte mich über Bal» combes Cottage beklagt, aber hier war es eine noch ganz andere Sache; das ist ohne Zweifel, so sagte ich mir selbst, die erste Wir» ! kung der guten Empfehlung von Sir Hudson Lowe. ! Jetzt kam das Diner; der Tisch war gut besetzt, unser Off-zier > hatte es besorgt. Der Offizier des Generalstabes, dessen vorsichtige Höflichkeit uns am heutigen Morgen ftstnahm und der uns nun schon wie alte Bekannte betrachtete, oder der auch vielleicht mit einer besondcrn Aufsicht beauftragt seyn konnte, kam und sagte mir, daß er sich die Erlaubniß erbitte, mit uns freundschaftlich zu speisen ! und er bestrebte sich nun mit seinen Kameraden uns bestmöglichst ! zu bcwirthen. Sie zeigten das größte Verlangen, sich uns ange» ! nehm zu machen, aber ich war nicht im Stande einzustimmen, schützte Ermüdung vor und ließ sie mit ihren Flaschen allein, bei ! denen sie sichs auch, nach gewohnter Sitte, biS rief in die Nacht ! gefallen ließen. ! Am folgenden Tage besuchte mich einer unsrer Kapitains von Sankt > Helena. Da ihm der Krankheitszustand meines Sohnes bekannt L. CaseS Taaeb. it. Nd, 3 war, so brachte er einen Arzt mit, was allerdings eine große Auf. nicrksamkeit von ihm bewies. Es gab die Vorstellung des Letztem einige Minuten lang zu einem spaßhaften Mißverstände Anlaß. Ich hielt nämlich diesen Arzt für des Kapitairs Sohn oder Neffen. Man denke sich ein Kind von achtzehn Jahren mit allen Formen, allen Manieren und mit der Stimme eines Frauenzimmers. DieS sollte nun ein großer, gelehrter Arzt seyn; «her dieses Kind war ein Phänomen, wie ich nun erfuhr. Herr Barry, so hies derselbe, hatte schon in dem Alter von dreizehn Jahren, seinen allen Epa« minatoren zum Trotz, das Diplom als Doktor erhallen und bereits hier an -i)rc und Stelle Wundcrkuren verrichtet; er hatte eine der Tächrer des Gouverneurs bei einer Krankheit, wo man schon alle Hoffnung aufgegcben hatte, gerettet und war dadurch ein Liebling deS ganzen Hauses geworden. Ich benutzte den letztem Umstand, um einige Aufklärung über Gegenstände zu erhalten, die mein Be> tragen gegen diesen neuen Gouverneur leiten sollten, und noch am nämlichen Tage schrieb ich demselben folgenden Brief, um ihn übet meine Verhältnisse näher zu unterrichten und förmlich darauf anzu« tragen, daß mau mich nach England schicken und völlig auf freien Fuß setzen möchte. „Mylord! Da ich mich nun schon seit mehrern Tagen unter Ihrer Botmäßigkeit befinde und mein ferneres Schicksal von Ihnen abhängt, so gebe ick mir die Ehre, mich an Ew. Epccllenz zu wen» den, um zu erfahren, waS Sie mit mir zu thun beabsichtigen. In Folge eines Vorfalls, der mich nur ganz persönlich angeht, bin ich durch Sir Hudson Lowe, den Gouverneur von St. Helena, von Longwood am 25. November getrennt worden. „Wenige Tage nachher habe ich, in Folge mehrerer Unterhal« tungen mit dem Gouverneur, wobei es zu keinem Beschlüsse über mich gekommen war, die Ehre gehabt ihm zu schreiben, daß ich von diesem Augenblicke an meine freiwillige Unterwerfung als zu« rückgenommen betrachtete, nach den Gesetzen behandelt seyn wolle, und ihn bäte, nach selbigen mit mir zu verfahren — daß ich also, wenn ich schuldig wäre, gerichtet und wenn ich es nicht sei, in Freiheit gesetzt werden müßte. Ich fügte hinzu, daß der schreck« liehe Gesundheitszustand. worinnen sich mein Sohn befinde und selbst auch der meinige schlechterdings verlange, daß wir uns an der Duelle ärztlicher Hülssmirccl befänden und ich ihn daher dringend bitten müsse, uns nach England zu schicken. Der Gouverneur schien sehr ungewiß zu scy», was er thun solle. Ich habe alle Ursache zu glauben, daß er einen Augenblick lang nicht abgeneigt war, mich nach Europa cinzuschiffcn, dann wollte er mich wieder auf Sankt Helena, von Longwood getrennt, bis zu der Ankunft einer Antwort aus England behalten, dann hak er mir ferner zu wledcrholtenmalen angeboren, daß ich nach Longwood zurückkehren solle; endlich aber, um sich nach dem Buchstaben seiner Instruktion aus der Verlegenheit zu ziehen, mich nach dem Kap geschickt und unter Ew. Excel- lenz Befehle gestellt, indem er vielleicht von einem andern dabei dasselbe Resultat erwartete, während er sich selbst dadurch aller persönlichen Verantwortlichkeit entledigen konnte- Das ist, Mylord! der kurze Inhalt dessen, was ich Ihnen zu eröffnen für Pflicht hielt, damit Sie nun genauere Kenntntß von meinen eigentlichen Verhältnissen nehmen können. Sie werden sonach, mit Ihrem Sinne für Recht, gewiß die authentische Bitte, welche ich jetzt Ihnen selbst vorzulcgen die Ehre habe, mich sobald nur immer mög« > lich nach England zu schicken und in dem Grade, als meine natürlichen Rechte sich mit Ihren politischen Pflichten vereinigen lassen, i sogleich in Freiheit zu setzen, ganz einfach, folgerecht, ordnungsmä- ^ ßig und auf keine Weise beleidigend finden. Ich habe die Ehre w. I „N. S. Ich bitte Ew Extellenz mir gütigst wissen zu lassen, ! Pb es mir erlaubt ist, an Se. König!. Hoheit den Prinz-Regenten und an dessen Minister zu schreiben. Ich würde in diesem Falle ^ mir die Ehre geben, Ihnen zwei Briefe mit dem Ersuchen zuzu- ! senden, selbige ohne Anstand weiter zu befördern. Ferner würden Sie mich sehr verbinden, wenn Sie mich davon benachrichtigen wollten, wenn sich eine Gelegenheit nach Sankt Helena zeigt, da ^ Ich einige Schriften an den Gouverneur Sir Hudson Lowe zu über- ! schicken habe." ! Ich erhielt seine Antwort am dritten Tage. Sie war i kurz und ohne in daS Nähere einzugche», enthielt sie im Wcsent- ! liehen, daß ich, aus den Rapport von Sir Hudson Lowe, ! sein Gefangener und von ihm verurtheilc sei hier zu verbleiben, bis i Antwort aus England eingegangen scyn würde. Ich konnte keinen Widerstand leisten, mußte mich also freilich seinem Aussprüche un- i terwerfen und drückte dies in einem zweiten Briefe aus, welchem ! ich noch zwei andere beischloß, den einen für Lord Castlcreagh, den ! Ich ersuchte, einen andern dem PrinzMegentcn vorzulegen. „Mylord! -— so schrieb ich an den Gouverneur — Ich habe die mir von Ihnen zugesendete Antwort erhalten und daraus ersehen, daß Ew. Excellcnz mich hier gefangen zurück behalten, bis Sir Hudson Lowe die mich betreffende Antwort aus England erhalten haben wird. Dhne Zweifel haben Ew. Ercelienz die Gründe Weislich ermessen, welche Sie zu einem so wichtigen Akte, als der ist, mich Meiner Freiheit zu berauben, ohne daß dabei zuvor die mindeste gerichtliche Form beobachtet, selbst ohne daß mir eine Ursache dazu angegeben worden wäre, bestimmen können. Es bleibt 132 mir nichts übrig, alS mich der Gewalt zu fügen und auf die Ge« setze zu verlassen, welche für mich wachen, wenn daS Angedrohke wirklich geschehen sollte. „2«) will nichts weiter zu meiner Verteidigung ansührcn, denn ich bin überzeugt, daß Sie schon von selbst, Mylord! bei einer so delikaten Sache und bei Ihrem Sinne für Recht AiieS, was für mich sprechen kan», aufmerksam erwogen haben werden. Bei alledem bemerke ich doch in Ihrer Antwort, daß Ihr Ent« schluß auf den Umständen beruht, welche Sir Hudson Lowe über mich angeführt hat. Ist denn aber dieses Anfuhren durch die er« forderliche Gegenrede bei Ew. Epccllenz in gehörige Klarheit gesetzt, ist auch der andre Theii gehört worden und glauben Sie fick wirk« lich gegen alle persönliche Verantwortung geschützt, wenn Sie auf die bloßen Nachrichten von Sir Hudson Lowe verfahren, ohne auf meine Forderungen die mindeste Rücksicht zu nehmen? Und wie sollte eS denn wohl zugehen, daß, wenn Sir Hudson Lowe es nicht wagen zu dürfen glaubte, mich als einen Gefangenen zurückzuhal« ten, eine solche Behandlung leichter und ohne alles Bedenken auf dem Kap statt haben könnte? „ Mylord I Wenn Ew. Epcellenz sich über meine Angelegenheit und meine Gesinnungen näher unterrichten wollen, so bin ich gern bereit, Ihnen meinen ganzen Briefwechsel mit dem Gouverneur von Sankt Helena miczutheilcn, Ihnen auch dasjenige vorzulegen, waS ich darüber an S. K. H. den Prinz«Regenten und dessen Minister schreibe. Ich erbiete mich nicht allein hierzu, sondern wünsche selbst, daß Sie es annehmcn möchten. Noch mehr! Wenn eine freiwillige, offene Unterwerfung wegen aller der Dorsichcsmaasregcln, selbst der willkührlichcn, welche man bei meiner Ankunft in England, anstatt der hiesigen politischen Ouarantaine, für nölhig erachten möchte, Ihren Beschluß ändern kann, so bin ich von ganzem Herzen be« reit, selbige zu unterschreiben; so sehr hat die Sorge für die Ge« sundhcit meines Sohnes und meine eigne, hicrnächst die schreckliche Einsamkeit, worinnen ich mich befinde, da ich weder mit meiner mir so lieben Familie, noch mit dem hochverehrten Gegenstände seyn kann, für welchen ich alle jene schmerzlichen Opfer gebracht habe, ein brennendes Verlangen, nach Europa hcimzukehren, in mir erweckt. „Dafern jedoch, Mylord! für mich selbst keine Abänderung statt finden soll, so lassen Sie wenigstens meinen Sohn abreisen, damit er nicht als ein Opfer von Dingen falle, die ihm bei seinem Alter in keiner Weise angehen. Ich will ihn gern von mcincni Herzen losreißen lassen, um nur ihm ein besseres Loos zu bereiten. Ich werde dann, wenn ich mit meinen Schwächen uud meinem Kummer allein bin und er nur glücklich ist, mich io das über mich 133 verhangene LooS, eines langsamen Todes zu sterben, mit größerer Gleichgültigkeit ergeben, wenn auch kein Tribunal darüber berath« schlagt, wenn auch kein Richter cs ausgesprochen hat. „2ch habe die Ehre Ew. Ercellcnz einen Brief an Lord Cast» lereagh mit einem Einschlüsse an Se. K. H. den Prinz-Regenten zu übersenden. Beide Briese lagen schon bereit, als die Nachweisun» gen, welche Sie die Güte gehabt haben, mir desfalls zukommcn zu lassen, an mich gelangten. Es war mir unbekannt, an welchen Minister ich mich eigentlich zu wenden hätte, glaube aber doch nicht, daß cs nölhig scyn sollte, meine Arbeit wieder von vorn an» zusangcn. Der Zustand meiner Augen macht mir das Schreiben l sehr beschwerlich und ich sehe doch, daß ich die wesentlichsten For» men beobachtet habe." ! Brief an Lord Castlcreagh mit Einschluß eines zwei» ten an den P rin z » Regenr cn. „Mylord! — Da ich nicht weiß, zu welchen 2hrcr Kollegen Ich eigentlich meine Zuflucht nehmen soll, so gebe ich mir die Ehre, mich an Sie zu wenden, da ich Sie aus den öffentlichen Ereignis» sen kenne. Wenn Ew. Epcellenz' die besonder» Mittheilungen Sankt Helena betreffend vorgelegt worden sind, so werden sie 2H» nen ohne allen Zweifel eine große Abneigung gegen mich eingeflößt haben, und gleichwohl würden eben diese Angelegenheiten, hatte man sie 2hncn gehörig auseinander gesetzt, Ew. Ercellcnz, das bin ich überzeugt, gewiß der Beachtung, vielleicht selbst 2hrer Thcil- na.mc würdig erschienen scyn. „Longwood betrachtete ich wie eine heilige Feste deren Wälle ich vcrtheidigen müsse; gern wäre ich an ihrer Bresche gefallen, aber ich widerstand. 2etzt bin ich außer dem angebctcccn Kreise, bin wieder unter dem gemeinen Hausen und muß mithin eine an» dcrc Stellung annehmcn. 2cb bitte nun in Demüthigkeit. i „2ch ersuche Sie also, Mylord! ich bitte Sie inständig und spreche immer dabei in der Voraussetzung, daß ich mich an den Minister wende, der mich hören muß — ich bitte Sie dringend, mich nach England zurückkchren zu lassen, da der schreckliche Zu» stand meines Sohnes und meine eigne Gesundheit die sorgsamste, die schleunigste Hülfe sodern. „Und welchen Bcwegungsgrund könnte man auch haben, den Bittenden zurückzustoßcn? Vielleicht den persönlichen Haß? 2ch bin für diese Ehre viel zu gering. Vielleicht eine Art von Abnci« l gung wegen Verschiedenheit der Meinungen? Sie sind ja dort bei Ihnen an diese Verschiedenheit so gewöhnt und empfinden so wenig 134 Bitterkeit darüber, daß es lächerlich wäre, wenn ich mir so etwas rinbilden wollte. Vielleicht die Furcht, ich möchte schreiben, be- kannt machen, sprechen? — Aber würde man mich nicht dadurch, daß man mich zurückstößt, berechtigen, meine Galle anderwärts aus» zukochen? Und wenn man wirklich jemand in dieser Art einen Zwang anlegcn und seiner gewiß seyn möchte, wäre dann nicht gerade der Boden Englands dazu der günstigste, der sicherste von allen? Sie haben ja gegen dergleichen Beleidigungen nicht bloS ihre allgemei. neu, sondern auch besondere Gesetze, und wenn die Person in 2H» rer Nahe ist, noch außerdem eine sestgegründece Bürgschaft, die Vorsicht, die Klugheit dieser Person und besonders deren Wunsch, unvcrtrieben zu scyn. „Ich sehe also, Mylord! keine Ursachen, warum man meine Bitten abschlagcn, wohl aber im Gegcnrheile viele, weshalb man sie mir gewähren sollte. Wie können Sie eine schönere Gelegenheit finden hinter die Wahrheit zu kommen, sich über unsre Sache auf der entgegengesetzten Seite Licht zu verschaffen? Können Sie in Ihrem edlen Amte als Richter Ihr Gewissen für befriedigt halten, wenn der fragliche Gegenstand nur von einer Seite beleuchtet wird? Ich kann Ihnen die andere ausdccken und will cö ohne Vorurrhcil, ohne Leidenschaft thun, nur die des Gefühls werden Sie dabei nicht vermissen. „Ich komme jetzt auf meine zu Sankt Helena zurückgehalcnen Papiere, habe schon oft über deren eigentliche Nacur gesprochen und will auch Ew. Epcellenz hierbei das Nöthige bemerken. Sie ent» halten eine acktzehnmonatliche Sammlung, bei welcher ich Tag vor Tag aufzcichnete, was ich von demjenigen, der in meinen Äugen der größte Mann gewesen ist und immer scyn wird, erfahren, ge» sehen und gehört habe. Aber diese noch ungeordnete, unrichtige, keineswegs beendigte, aus jeder Seite korrigirte und natürlich noch immerfort der Verbesserung bedürfende Sammlung war ein Geheim« niß, welches nur die Umstände ans Licht gebracht haben. Niemand wußte davon als höchstens die erhabene Person, welche der Gegenstand derselben war, und auch diese kennt bis jetzc deren Inhalt nicht. Sic sollte bei meinem Leben nicht erscheinen, aber cs machte mir Vergnügen, sie zu dem vollständigsten, kostbarsten historischen Denkmale auszubildcn. Geruhen Sie zu befehlen, Mylord! daß sie Ihnen unversehrt zukomme. Ew. Herrlichkeit können eS ohne Be» denken; ich versichre hiermit feierlichst, daß darinnen sich nichts befindet, waS direkt oder indirekt der Lokalbchörde von Sankt Helena nöthige oder nützliche Aufschlüsse in Betreff dcS großen Gegenstandes geben könnte, womit dieselbe beauftragt ist. Es kann derselben nicht den geringsten Vorthcil bringen, Kcnntniß davon zu nehmen, 125 wohingegen eS große Unannehmlichkeiten herveiführen würde, wenn, wegen der darinnen vorkommenden Persönlichkeiten, die Bitterkeit und der Unwille, welche schon ohnehin groß genug sind, noch erhöht werden sollten. „Wenn sie dann bei Ihnen angekommen seyn wird, Mylord, und Ihr politisches Vcrhältniß es sordcrn sollte, daß diese ihrer Natur nach so heiligen und geheimen Papiere dennoch näher unter» sucht werden müßten, würde ich mich dieser MaaSregel recht gern unterwerfen, weil diese Verhandlung unter meinen Augen vorgenommen und dabei gewiß, auf Befehl Ew. Epcellenz, die Unver» lctzlichkeit und Heiligkeit der hierbei wahrzunehmenden Formen, gehörig beobachtet werden würde. Ich glaube nicht, daß Sie gegen diese insiändigst von mir erbetene zweite Gunst etwas einzuwendea haben dürsten. ,<2ch habe, Mylord! hiernächst die Ehre, 2hnen einen Brief an Se. Königl. Hoheit den Prinz.Rcgenten zu überschicken und ersuche Sie hiermit, die Gnade zu haben, ihm denselben vorzulegen. BloS meine tiefe Ehrfurcht vor dessen erhabner Person hat mich behindert, diesen Brief offen zu lassen, aber es steht Ew. Excellenz vollkommen frei, solchen zu erbrechen, wenn es die angenommene Sitte «erstattet. „2ch habe die Ehre zu seyn u. s. rv.". Brief an den Prinz-Regenten von England. „Königliche Hoheit! Ein unbedeutender, unglücklicher Ausländer, der ein Spiel politischer Stürme ist und ohne ein Asyl zu finden nmherirren muß, wagt cs, sich vertrauensvoll an 2hr könig« lich gesinntes Herz zu wenden. Zweimal in meinem Leben hat mich das Mißgeschick getroffen, mein Vaterland — und zwar stets im Streite mit meinem Privat- vorcheste — verlassen zu müssen, beidemal jedoch habe ich die Ue- berzcugung mit mir genommen, daß ich dadurch eine der wichtigsten, der edelsten Pflichten erfüllte. Bei meinem ersten Erste linderte der Aufenthalt in England den Kummer meines jugendlichen Gcmüths, und eben so rechnete ich auf dasselbe, bei dem Verlangen, noch einige ruhige Tage in meinem Alcer zu verleben. 2nzw>schen mache man mich besorgt, daß ich von ihm verstoßen werden möchte. Was könnte inir aber wohl diese Härte zuziehcn? Sollte cs wirklich der Ort seyn, von dem ich komme, sollte es die sorgsame Pflege seyn, der ich mich dort widmete, die Gefühle, die zärtlichen Wünsche, welche ich ohne Unterlaß dahin zurücksende? Allein, Prinz! ich habe in Longwood eine große und seltne Tugend ausgeübt, habe 13Ü dort mit meinen würdigen Gefährten die Ehre aller derer aufrecht erhalten, welche die Könige umgeben. Man wird nun nicht mehr sagen können, daß cs keine treue Liebe für unglückliche Monarchen gebe. Kann man wohl dergleichen Handlungen durch Verfolgung bestrafen, mir darum ein Asyl versagen!? Vernehmen Sie die Worte, welche er, der immer groß dachte, mir von dem Felsen seiner Leiden geschrieben hat; Worte, auf welche mein Herz stolz seyn muß: „Sei eS nun, daß Sie in Ihr Vaterland zurück- ! kehren, sei es, daß Sie an einen andern -Ort gehen, ! rühmen Sie sich überall der Treue, welche Sic mir ^ bewiesen haben." Hat er mir nicht hiermit einen Anspruch, i rin Recht auf das Wohlwollen aller Könige gegeben? — Prinz! Ich begebe mich demnach unter Ihren königlichen Schutz! „Da ich täglichen Zutritt bei dem hatte, der die Welt beherrschte ! und sie mit seinem Ruhme erfüllte, da ich so oft mit ihm sprechen l konnte, so kam mir der Gedanke, welchen ich auch sofort aueführte, Tag für Tag nicderzuschreiben, was ich von ihm sehen, was ich von ihm hören würde. „Hieraus entstand in dem Zeiträume von achtzehen Monaten eine Sammlung, die einzig in ihrer Art, aber noch ganz ungesormt, ^ unrichtig, unabgeschlossen und noch keinem Menschen — selbst der erhabnen Person nicht, welche der Gegenstand derselben war — bekannt ist. Man hat mir diese Sammlung weggenommen und ich stelle sie hiermit ebenfalls unter Ihren königlichen Schutz. Ich wage denselben im Namen der Gerechtigkeit, der Wahrheit und der Geschichte zu erbitten. „Möchte Ew. König!. Hoheit die Gnade haben, mich unter dem Schatten Ihrer Flügel ein ruhiges Plätzchen finden zu lassen, wo ich meinen Erinnerungen leben — wo ich weinen kann. ! „Ich bin mit dem tiefsten Respekt u. s. w. Der Graf von Las Cafes." Ich erhielt von Lord Somcrsec als Antwort die Genehmigung der Abreise meines Sohnes mit der ersten nach Europa abgehcndcn Gelegenheit. Ich wollte daß er davon Gebrauch machen sollte, ich drang in ihn, ich befahl es ihm sogar; aber er weigerte sich schlech- ^ tcrdings und schrieb deshalb einen Brief an den Gouverneur, der mir zu große Freude machte und sein Herz zu sehr ehrte, als daß i ich mir cs versagen könnte, seiner Erwähnung zu thun. ! „Mein Vater, so schrieb er, hat mir eben die Erlaubniß vor« ! gelesen, welche Sie mir ertheilcn, nach Europa zurückzukchren; er hac mich gebeten, er hat mir sogar befohlen, davon Gebrauch zu machen. 137 „Mylord! 2ch werde jedoch Ihre Güte nicht benutzen, werde cS wagen, meinem Vater ungehorsam zu seyn. Die Leiden des Körpers sind nichts gegen den Kummer, welcher das Her; durch« dringt. Seit zwei Jahren bin ich meiner Mutter beraubt, täglich weine ich um sie, aber dennoch werde ich meinen Vaccr nie unter einem Klima verlassen, das nickt das selnige, und in einer Lage, die für ihn so ungewohnt ist. Ich kümmere mich wenig um meine Gesundheit, wenn ich nur ihm einigen Trost gewähren und die Ue- bcl, die sich von einem Tage zum andern mehr über ihn häufen, einigermaaßen erleichtern und sie theilen kann. „Ich will lieber an seiner Seite sterben, als entfernt von ihm leben, bin zu stolz auf seine edlen Eigenschaften, zu verlangend seinem großen Beispiele zu folgen, alS daß ich ihn einen Augenblick aus den Augen verlieren möchte, und wenn ich unterliege, so wird man zwei Opfer für einö zählen können. „Ich danke Ihnen darum nicht weniger, Mylord! vom Grunde meines Herzens, für Ihren mir bewiesenen geneigten Willen. Ach wie würde ich mich gefreut, wie würde ich Sie gesegnet haben, hätten Sie denselben bis aus meinen Vater erstrecken wollen! Ich habe die Ehre u. s. w." Ohne Zweifel wurde dieser Brief bei Lord Somerset im Familienkreise gelesen und erregte dort diejenigen Gefühle, deren er wohl würdig war; denn als am folgenden Tage der junge Doktor kam, nahm ich ihn bei Seite, »m ihn zu bitten, daß er sein ärztliches Ansehen bei meinem Sohne gebrauchen möchte, um ihn zur Abreise zu bewegen. Anstatt mich anzuhören, lief er aber in meines Sohnes Stube, siel ihn um den Hals und zwar, wie er sagte um deswillen was er eben gethan habe; er versicherte zugleich, daß er nichts auf ihn gehalten haben würde, wenn er anders gehandelt hätte; dann zog er ihn an daS Fenster. Unten hielten zwei Damen in ihrer Kalesche und nun grüßte man vielfältig von beiden Seilen. Es waren die beiden Töchter des Lord Somerset, welche beute Morgens selbst den Doktor in den Hof unsres Gefängnisses hatten führen wollen, wahrscheinlich um die Thcilnahme und die Neugierde zu befriedigen, welche die Ausdrücke in meines Sohnes Briefe erregt halten. Inzwischen blieb unsre Lage in der Art von Kerker, worinnen wir uns befanden, gleich traurig. Unsre Fenster, welche keine Vorhänge hatte», gingen nach einen mir glühendem Sande bedeckten Hofe. Wir halten in dieser entgegengesetzten Hemisphäre, obschon es Januar war, doch jetzt die größte Sonnenhitze und hätten crstik- kcn mögen. — 12ö — 2m Innern dauerte der nämliche Zwang/ die nämliche Be« ^ schränkung und jede Unannehmlichkeit fort. Die nämlichen Offiziere spielten die höflichen Wirthe bei unserm Dejeuner und bei Tische. Dieser letztere Umstand war für mein Gefühl besonders widrig und ich beschloß mich davon zu befreien, es koste was eS wolle. Ich blieb im Bette und lieS mir von nun an mein Essen dahin bringe», mit dem festen Entschlüsse, cs nie wieder zu verlassen, wenn ^ meine Marter keine Erleichterung fände. Ick litt übrigens an lies« j tigcn Magenschmerzen, hatte zuweilen Fieber und war überhaupt ! mit meiner Gesundheit ganz in Unordnung. Der wacktliabcnde ^ Offizier hatte mir allerdings zu erkennen gegeben, daß er Ordre habe, mich in die Stadt und selbst nach deren Umgebung zu be- ! gleiten, sobald ich ein Verlangen dazu zeigen möchte, aber ich dankee für meinen Theil und machte hiervon nur für meinen Sohn Ge« ! brauch. Kein Mensch kam zu mir. Der Offizier wies jeden Versuch deshalb streng zurück, entweder weil ich unwohl war und er mir also dadurch einen Dienst zu leisten glaubte, oder weil man ihn so angewiesen hatte. Es gab dies zu einem höchst sonderbaren Vorfälle Anlaß. Unsrer Thüre gegenüber war ein langes Vorzimmer, ! wohin wir gehen durften, weil dies zu mehrcrenmalen täglich noch« wcndigerweise geschehen mußte. Als ich es einst gethan und in der Nachbarschaft eine sonst verschlossene Thüre offen gesunden harte, war ich neugierig genug cinzutreten. Eine steile Treppe führte mich hier auf das Dach und die Plattform des Schlosses, von wo aus ich die Kapstadt übersehen und auf das Meer hinaus schauen konnte. Ganzergrif« sen von der Schönheit dieses Anblicks verlor ich mich in meinen Betrachtungen und zwei Stunden waren verflossen, ehe ich daran dachte, zurückzukehren. Zufällig harte ich das Zimmer verlassen, während der Offizier mit meinem Sohne spazieren gegangen war, inzwischen wurde auch die Schildwacht abgelöst und als ich nun wieder an meine Thüre kam, setzte der Soldat sein Gewehr vor und stieß mich ganz grober Weise zurück. Je mehr ich auf dem Hincingehcn bestand, desto hitziger wurde jener. Die Sache fing an mir Spaß zu machen, aber noch lustiger fand ich cs, daß Ich jetzt selbst die Treppe hinunter, über die Höfe weg und nach der Hauptwacht gehen mußte, um Leute zu holen, die mich wieder in - mein Gesängniß bringen sollten. Bei dem ersten Worte, das ich ! sprach, erschrickt der Offizier, mich dort zu sehen, springt würbend j die Treppe hinauf zu der Schildwacht und nun beginnt zwischen ihnen der fürchterlichste Zank. Der Offizier schimpft und flucht und droht mit Zusammenhauen; der Soldat, seinerseits auch wir thcnd, schwöre mit weit herausgctrelencn Augen, daß er doch nur seine Schuldigkeit gechan habe; ich aber stehe ganz ruhig dabei und kann mich kaum des LachenS erwehren über die verdrießliche Geschichte, wobei keiner den andern begreifen, die nur ich erklären konnte. Bei alle dem wurde jedoch der Friede auf Kosten des Gefangenen geschlossen, man brachte mich wieder unter Schloß und Riegel und alle Welt war nun beruhigt. Der junge Doktor war der einzige, der bis zu mir gelangte; er besuchte mich oft und seine Unterhaltung war mir angenehm. Er sagte mir alle Tage, daß ich an meine Gesundheit denken möchte, daß er den Sitz meiner Leiden wohl ahne, aber sehr bedaure, dagegen kein Mittel zu haben. Ich versicherte ihm, das wirksamste, was er mir in diesem Augenblicke verschaffen könnte, würde ein Vorleser seyn, der zugleich im Stande wäre das nachzuschrciben, was ich ihm dikciren möchte. Seit meiner Ankunft schon hatte ich vergebens darum gebeten; der Zustand meiner Augen wurde mir bei jeder Beschäftigung hinderlich und meinem Sohne war sic gänzlich untersagt. Gleichwohl wurden mir die Tage unerträglich, wenn ich so müßig meinen furchtbaren Betrachtungen überlassen blieb. Der Doktor erzählte mir, daß der Gouverneur nächstens die Colonie bereisen und drei Monate abwesend seyn würde. DaS lieS mich denn in die Ewigkeit eines Zustandes blicken, den ich nicht länger aushalten konnte. Ich entschloß mich daher, noch einen letzten Versuch zu machen und zwar — weil ich wenig auf den Er- folg rechnete — nur damit ich mir nichts vorzuwerfen haben wollte; denn die abscheuliche und ganz unziemliche Art, wie man mich behandelte, verwunderte mich eben nicht, ich war darauf vorbereitet worden. ' Schon auf Sankt Helena hatte man uns oft gesagt, daß > Lord Somerset unser persönlicher Feind sei und als ich hier ankam, > wurde mir aus meine Fragen über seinen Charakter und die Auf. ! nähme, welche ich zu erwarten haben dürste, geantwortet: „Wein Herr Graf, wenn man nicht ein Hund oder ein Pferd ist, so gilt ' man nichts bei Ihm." Seitdem habe ich bei der Langweile in meinem Gefängnisse mir gar oft recht traurig vorgesagt: Ja da sieht man wirklich, daß ich kein Hund und kein Pferd bin, es fragt kein? Seele nach mir. Bald wird man aber sehen, wie wenig der Gouverneur daö verdiente. Es hatte dieser in seinem ersten Briefe den Wunsch ausgedrückt, mir meinen Aufenthalt so wenig als möglich unangenehm werden zu lassen. Ich benutzte diese Phrase alS eine natürliche Gelegenheit, um ihm in dem hier folgenden Briefe meine Meinung ^ über die Behandlung, welche ich erdulden mußte, recht unverholc» zu sagen. 140 „Mylord! 3ck vernehme, däß Ew. Excellcnz auf lange Zeit verreisen wollen. Es bestimme mich dies, so sehr eö auch cigent- lich gegen meine Gefühle streitet, mich über einen verdrießlichen Gc> genstand, nämlich über einige häusliche Angclegcnbcicen zu äußern. 3ch glaube, daß ich dazu verbunden bin, damit, wenn mir jemals öffentlich einige unzufriedene Worte entfallen sollten, Ew. Excellcnz mir nicht den gerechten Vorwurf machen können, daß ich unterlassen hätte, sie von der Sache gehörig in Kennrniß zu setzen. „Ehe ich aber zu dem Wesentlichsten komme, Mylord! muß Ich, damit Sie, waS ich weiter unter sagen werde, nickt etwa läehcruch finden möchten und um Ihnen zugleich einen richtigen Begriff von meinen Verhältnissen zu geben, welche Sic, waS ich sehr natürlich finde, vielleicht nicht kennen, Ew. Excellcnz bitten, mir zu erlauben, daß ich mit aller der Verlegenheit eines Mannes, der in den unangenehmen Fall kommt, von sich selbst zu sprechen, Ihnen bemerk- lich mache, wie sich hier niemand befinde, mit dem ich mich nicht, in aller und jeder Beziehung, ganz vollkommen auf eine und dieselbe Linie stellen könnte und stellen müßte. Ferner, daß ich keine Schonung oder Begünstigung in Hinsicht auf meine persönlichen Bedürfnisse erbitte, vielmehr sehr wünsche, hierbei das Nö- thige aus eignen Mitteln bestreiken zu können. „Nachdem nun diese beiden Punkte ins Reine gebracht sind, gehe ich auf einige Worte Ihres Briefes über, worinnen Sie mir gütigst Ihr Verlangen ausdrücken, mir meinen hiesigen Aufenthalt so wenig als möglich kummervoll werden zu lassen. Ich muß aber die Ehre haben, Ew. Excellcnz zu bemerken, daß ich mich in einem wahren Kerker befinde, wo ich wohl schwerlich noch lange würde leben können. „Man hat mich mit meinem Sohne in ein ganz kleines Stübchen eingcsperrt, wo wir bei der heißen Jahreszeit beide krank übereinander liegen; wir können uns darinnen nicht rühren, denn es ist durch unsre Betten vollkommen auSgefüllt und das Anprallen der brennenden Sonne durch ein Fenster ohne Vorhänge zwingt mich, den ganzen Tag im Bette zu bleiben. Allerdings ist noch ein zweites Behältniß gleicher Art zur Seite, aber das ist bas Speisezimmer, wo zwei von Ihren -Offizieren mich zu bewirthen pflegen. Wenn ick bisweilen hineingehe, so berechne ich auch schon die Minuten. Dann kommt ein drittes Behältniß, welches der Offizier bewohnt, den Sie die Bewachung meiner Person anvertraut haben und ich muß, so viel es mich auch kostet, dock stets hindurchgchen, wenn unvermeidliche Bedürfnisse mich dazu nöthigcn. „So hart, so schrecklich auch diese Lage für mich ist, immerhin! ich war Matrose, war Soldat und mehr noch, ich bin ein Mann. 14t Ich könnte dieS alles wohl stillschweigend ertragen und spreche mithin von diesen Dingen nur in Beziehung aus lene verbindliche Stelle Ihres Brieses. Hicrnächst ist bet uns kein Feuer zu haben und wenn wir also, wegen der Gesundheit meines Sohnes, oder sonst zu irgend einen, augenblicklichen Bedürfnisse, ein wenig heißes Wasser brauchen,- so müssen wir entweder darauf verzichten, oder zu der Barmherzigkeit der Nachbarn unsre Zuflucht nehmen. Vergebens hac der Doktor für meinen Sohn Bäder verordnet, sie sind nicht zu erlangen. Habe ich irgend einen Einfall, mir das oder jenes selbst zu verschaffen, so mache man mir den Einwurf, daß Ew. Exccllenz befohlen haben, uns mit allem zu versorgen; ich schweige dann sogleich aus Zartgefühl, unterdrücke meinen Wunsch und er bleibt mithin unbefriedigt. „Von einer Menge andrer Dinge will ich gar nicht sprechen; sie sind zu sehr unter Ew. Excellen; und meiner eignen Würde. Kommt die peinliche Eßzcit heran, so nehmen zwei Dffiziere, voll Aufmerksamkeit, Höflichkeit und Rücksicht, wie ich gern gestehen will, den Vorsitz bei der Tafel. Aber selbst ihre Sorgfalt, sonderbar genug und doch vollkommen wahr, erhöhet meine -Üual; denn ich bin dadurch genöchigc, immerwahrend darauf zu denken, wie ich gehörig antworten will, indessen es mir ungleich natürlicher und wünschcns- wcrthcr wäre, könnte ich meine Gedanken bis weit von dem Lrce hinauSschweifcn lassen, wo ich mich befinde. Hiernächst sind auch unsre Gewohnheiten und Sitten so ganz verschieden. Ich muß jetzt mehrere Stunden bei Tische sitzen bleiben, wo ich sonst keine halbe Stunde zu verweilen pflegte. Und muß nicht jeder Gegenstand dieser fremdartigen Unterhaltung mir jetzt unangenehm scyn? Es kann Ew. Exccllenz Scharssichc nicht entgehen, daß diese Lage wirklich eine Pein für mich ist; so wie ohne allen Zweifel meine Traurigkeit diesen Tischgefährcen unangenehm scyn wird, eben so könnte mir ihre Lustigkeit zur Last werden. Gänzliche Einsamkeit ist mir jetzt daö liebste, nur sie kann mir gefallen; ich habe eS daher nicht länger aushalten können und esse in meinem Bette. „Wozu ist es übrigens nöthig, baß mir ein -Offizier zugegeben wird? Ich wage dies Ew. Excellen; zu fragen, muß jedoch zugleich wiederholen, daß ich diejenigen, welche Dieselben mir zugc- thcilt haben, nickt genug rühmen kann. Soll er mich bewachen? Dazu scheint die Schildwacht vor meiner -Thüre hinreichend. Soll cs eine Aufmerksamkeit und das Mittel scyn, meine ecwanigen Bedürfnisse zu erfahren? Ich habe deren keine. Soll er über die Besuche, welche ich erhalten möchte, Aufsicht führen? Ich darf ja niemand bei mir aufnehmen, als wen man zu mir lassen will. Soll ! er mich aus meinen Spaziergängen begleiten? Ich will ja gern kei- 142 nen Schritt thun, womit Ich einem Offiziere lästig werden könnte, will nie ausgehen. „Da Sie denn nun beschlossen haben, Mylord! daß ich Ihr Gefangener bleiben soll, würden Sie denn wohl Bedenken finden, > mich In einem Hause In der Stadt unterzubringen, wo ich, unter ^ den von Ihnen nöthig befundenen VorsichtSmaasregeln, einen Be» ! dienten, einen Koch u. s. w. nach meinem Gefallen, auf meine Ko« ! sten haben und mir selbst überlassen bleiben könnte? Dann Hanen ! Ew. Excellen; für alles gesorgt und würden gar nichts mehr von mir hören. Fiele mir ein, eine Spazierfahrt zu Wagen zu machen, oder sonst etwas der Art vorzunehmcn, so würde ich an den Offi- zier schreiben, ich kenne seine Gefälligkeit, er würde gewiß gern bc< ^ reit scyn. Ich habe von einem Hause in der Stadt gesprochen, j Mylord! denn die Natur der Krankheit meines Sohnes fordert be- i sonders einen immerwährenden, oft schnellen ärztlichen Beistand und verbietet mir daher das Wohnen auf dem Lande. „Das wären nun diejenigen Angelegenheiten, welche Ew. Excel» j lenz miczutheilen, ich mich genöchigt sah. Möchten sie Ihnen we- ^ Niger unangenehm, weniger peinlich scyn, alS mir. Ich habe die , Ehre u. s. w." Dieser Brief mußte nun wühl, seiner Nacur nach, irgend ein entschicdnes Resultat Hervorbringen. Die augenblickliche Antwort darauf bestand darinnen, daß der General-Adjutant sogleich bei mir erschien und mir im Namen des Gouverneurs sagte: erstens, es j sei von ihm Befehl ercheilt worden, daß von morgen an mein ! Sohn ein besondreS Zimmer haben solle; zweitens, daß hinführo ! der Offizier nicht mehr mit unS speisen würde; drittens, daß man j ohne Verzug sich damit beschäftigen wolle, uns eine gesündere ! Wohnung zu verschaffen und endlich, daß, wenn wir noch sonst ir- l gend einen Wunsch hätten, man es sich angelegen scyn lassen werde, ihn zu erfüllen u. s. w- Dies hatte also mein Brief bewirkt. Sein Erfolg war, M man sieht, höchst vollkommen und übcriraf alle meine Erwartungen. Ich freute mich höchlich ihn geschrieben zu haben, denn ich hatte >a min die sehr befriedigende Entdeckung gemacht, daß Lord Charles Somerset ungleich besser gestimmt sei, als ich voraussetzen konnte. Aber das war bei weitem noch nicht alles. Am folgenden Morgen schreibt mir ein Oberster, der erste Adjutant des Gouverneurs, daß er mir etwas zu eröffnen habe und meine Befehle erwarte, zu welcher Stunde eS mir gefällig scyn würde, ihn anzunehmen. Auf ^ die von mir erchcilte Antwort erscheint er sogleich und sagt mir nun, er sei von dem Gouverneur beauftragt, mir zu melden, daß dieser zum Vehufe einer Dienstreise diesen Morgen die Scadc verlassen 142 habe; er ft! sehr betreten darüber, daß tch btö hetzt so schlecht !)e. wohnt hätte und bitte mich, inständig zu glauben, daß es gamz ohne sein Vorwissen geschehen sei; es liege ihm wahrhaft am Herzen, mir meinen Aufenthalt so erträglich als möglich zu mach!n, und er biete mir sein Landhaus, seine Leute und alles, was sich dort nur befinde, hierzu an, bäte mich, sogleich Besitz davon zu nehmen und wiederhole, was er mir schon sagen lassen, daß wenn ich noch irgend einen Wunsch haben sollte, ich ihn nur äuß,>rn möchte, indem derselbe, nach bereits dazu ertheiltem Befehl, alsbald in Erfüllung gebracht werden würde. Ich nahm das Anerbieten ohne Zögern an und der .Oberste ging augenblicklich, um zu unsrer Wohnungsveränderung die nöthigen Anstalten zu rresscn. Nun konnte ich sehen, wie sehr der Charakter des GouvernemS verläumbet worden war. Ich hatte jetzt den sichern Beweis, r>aß Lord Charles Somerset in Formen und Sitten und Gefälligkeit seinem ausgezeichneten Range vollkommen entspreche und stellte deshalb über die Verschiedenheit der Menschen Betrachtungen in. Aus Sankt Helena würde man nach einem solchen Briefe unsure Ketten gewiß fester angezogen haben; hier hatte er das Anerbieten eines Pallaftes zur Folge und schon dies war hinreichend, um diic beiden Machthaber zu charaktcrisireu, mit welchen ich zu thun hatte!- In der Tchat, Lord Charles Somcrfet verdiente das durchaus nicht, waS ich von ihm gehört harte. Jeder Mensch hat seine Verläum« der und besonders haben wenige Obere das Glück, ihnen zu entgc-' hen. Lord Charles Somerset war, wie ick mich in der Folge über-« zeugte, edel, großmürhig, moralischgut, sehr fromm und von einem höchst wohlwollenden Sinne. Kein Hebel, am wenigsten dasjenige, was mich getroffen hatte, kam von ihm; aber eine Menge von untergeordneten Personen, welche die gewöhnlichen Geschäfte zu besorgen hatten, blieben nickt ohne Einfluß aus seine Anordnungen, Nun theiltcn aber diejenigen, welche mit meiner Sache zu thun harren, die gemeinen Dorurtheile der Nation; sie haßten unS als Franzosen und freuten sich daher, wen» sic durch ein strenges Verfahren uns peinigen konnten. Hätte ick mich in gesellschaftliche VelbindUng mit dem Gouverneur gesetzt, waS — wie ich zu glauben Ursache habe — mir nicht schwer gefallen seyn würde, so zweifle ich gar mckt, daß cS mir, wenn ich dann Gelegenheit gehabt hätte, meine Sache Lord Charles Somerset selbst genau auseinander zu setzen, an dem Gelingen meiner Wünsche nichts gefehlt haben könnte, weil diese Wünsche vollkommen gerecht waren. Allein es ziemte sich keineswegs für mich, in meiner Lage diese Annäherung zu suchen und seine Umgebung war vielmehr geneigt, solche von seiner Seite zu 144 verhindern, kr lieS sich zwar mehrmals bei mir ansagen, führte jedoch sein Vorhaben niemals aus. Mittwochs am 29. Januar bis Sonnabends am 5. April. Am heurigen Morgen stand schon sehr früh und pünktlich, so wie ich es mit dem -Obersten und General-Adjutanten verabredet hatte, ein Wagen mit vier Pferden, worinnen der Oberste saß, vor unsrer Thüre. Wir machten uns auf den Weg und in weniger alS drei Viertelstunden hatten wir Newlands, das Landhaus des Gouver- ncurS, erreicht, das auch in Europa alS eine recht niedliche Weh« ming gelten würde. Es war unS lieb sogleich zu bemerken, daß schon manches Jahr seit seiner ersten Benennung (Neuland) verflossen seyn müsse, denn eS ist von sehr hohen Bäumen, einer großen Menge von Lustgebüschen und vielen völlig tragbaren -Obstgärten umgeben. Ein Adjutant des Gouverneurs führte uns mit der ausgezeichnetsten Artigkeit rin und da er mich gern mit dem ganzen Umsange der Besitzung und der Umgebung derselben genau bekannt machen wollte, so bat er mich, sie mit ihm zu durchgehen, sprach dabei kein Wort von Grenzen oder sonstigen Beschränkungen, lies dagegen sehr geschickt die Bemerkung fallen, daß die Soldaten, welche ich sähe, nur die gewöhnliche Wache des Gouverneurs wären und keinen andern Befehl hatten, als ihren ganz gewöhnlichen, sagte dann, daß ich mich hier ganz wie zu Hause betrachten möchte, daß mir alles zu Befehl stehe und nahm hierauf Abschied von mir. Als wir nun allein waren und diesen reizenden -Ort in genauen Augenschein nahmen, sprachen wir uns gegenseitig über das Glück aus, uns so plötzlich aus einem abscheulichen Gefängnisse in ein sol«' chcs Paradies versetzt zu sehen. Diese schön gehaltenen Zimmer, die nahe dabei befindlichen Volieren mit Vögeln aller Arc, Blumen im größten Uebcrflusse, zahlreiche Schattengebüsche, herrliche Spaziergänge und dann diese Stille, diese Einsamkeit — alles das zusammen genommen hatte etwas Magisches für uns, wir dachten dabei an Zemire und Ilzor. Alles was sich nur im Hause befindet, war uns zum Gebrauche überlassen und in dem Zustande zurückgeblieben, in welchem cs bei der Bewohnung gewesen war. Mein Sohn, der ein Farbenkästchcn öffnete, entdeckte darinnen eine noch unvollendete Zeichnung einer der Töchter des Lord Charles. Es war das Abbild dcS verehrten Gegenstandes, welchen wir beweinen, denn wo fände sich dieses nicht! Das Musterblatt lag zur Seite, eine erbärmliche Skizze, eine Art von Äarrikatur, am Bord des Norlhumbcrland gefertigt, 145 die uns überall verfolgt und welche wir, wo wir sie nur fanden, mit dem heiligen Elfer vernichteten, womit die Missionarien die fal« scheu Götter zerstörten. 2m aufglühendcn Dichterftucr schrieb mein Sohn sofort, als ersten poetischen Versuch, unter die entstellende Zeichnung der Miß Somerset folgende Worte: 2n Deiner Hand muß alles sich verschönen lind Helden bilden ziemet wohl den Frauen — Doch dieses Bild! — darf ich den Augen trauen! Wie? wolltest Du den Kricgsgolt selbst verhöhnen? — 2ch legte dann eine kleine Medaille mit einem treuen Eben» bilde Napoleons dazu. Wir verschlossen hierauf alles wieder recht sorgfältig, fröhlich über unsre kleine Schelmerei und frcuten uns nun im Voraus über das Erstaunen der Miß Somerset, wenn sie einst, ohne darüber zu zürnen, die Censur lesen würde, die wir unter ihre Zeichnung gebracht Hanen. Der Gouverneur hatte seine Aufmerksamkeit so weit getrieben, daß auf seinen Befehl ein Mann, unter dem Titel eines Haushofmeisters aus der Stadt gekommen war, welcher sich meine Befehle an jedem Tage in Betreff des Essens, und Trinkens, wie er sagte, erbitten sollte und dabei hinzusetzte, daß ich nicht sparen möchte. Allein ich hatte nun schon spartanische Sitten angenommen. Ich bar ihn daher, seine Fürsorge auf das bloße Bedürfnis zu beschrän» ken und änderte, was ihn selbst betraf, seine Bestimmung dahin ab, daß ich ihn zu meinem Vorleser bestellte, wozu er denn auch ganz außerordentlich gut zu gebrauchen war. Uebrigens fand ich in ihm sonderbarer Weise, den Neffen des einzigen Mannes, den ich auf Sankt Helena kennen gelernt hacke, deS braven Amphttrion, unsers mir so lieb gewordenen ehemaligen Wirrhes von Briars. AlS ich den Adjutanten wieder sah, der unS sehr regelmäßig besuchte, weil er, nach seiner Versicherung, ausdrücklichen Befehl hatte, darüber zu wachen, daß eS uns an nichts fehlen möchte, bat ich ihn, unser» Dank und unsre Erkenntlichkeit dem Lord Charles Somerset für alle das gnädige Wohlwollen auszudrücken, womit er unS selbst unsre Gefangenschaft zu verbergen suche. Denn eine Gefangenschaft, so bat ich ihn hinzuzusetzen, bleibe es immer, weil unsere Thränen bei der Entfernung von Sankt Helena und von Europa, selbst gegen Unfern Willen, flössen. Das Verlassen unsers Gefängnisses und das Beziehen von New- lands bewirkte eine wahre Revolution für unS. Wir erhielten nun L.EaseS Taget,. n.Bd. 10 Besuche; viele Personen beeilten sich unS zu sehen. Der General Hall, dem in Abwesenheit des Gouverneurs das Commando über, tragen war, kam mit seiner Gemahlin, einer Frau von dem feinsten angenehmsten Tone, die dabei sehr hübsch war und sehr guc französisch sprach. Ihr Gemahl war eilf Jahre lang in Frankreich gefangen gewesen und sie demselben, des strengen Verbots ungeachtet wcl« ches damals zwischen England und Frankreich bestand, dahin gefolgt. Sie hatte sich, wenn ich mich recht erinnere, nicht gefürchtet, in einem bloßen Fischerboote über den Kanal zu gehen. Beide waren mit mehrern meiner Freunde in Paris genau bekannt. Der Gene» ral Hall, ein Mann von strenger -Offenheit und großer Rechtlich, keit, sagte mir, es würde ihn glücklich machen, wenn er, jede Meinungsverschiedenheit gänzlich vergessend, mir die gute Behandlung vergelten könnte, die ihm so großmüchiger Weise in Frankreich wiederfahren sei und er hielt redlich Wort. Auch der Oberste Ware, dessen Schwägerin an ein Mitglied des jetzigen Ministeriums verbcirathet ist, besuchte mich. Da er nur eine Viertelstunde von Newlands wohnt, so bot er mir gute Nachbarschaft an und er hat auch wirklich nie aufgehört, uns unfern Aufenthalt durch einen höchst freundlichen und sehr fleißigln Umgang möglichst angenehm zu machen. Jedermann, selbst eine in jeder Rücksicht höchst ausgezeichnete Frau, die sich zufällig in der Kolonie befand, hatte christliches Mitleid mit einem armen Gefangenen. Sie kam, so wenig ich auch auf dies Glück hoffen konnte, doch zu mehrerenmalen und die anziehendste Unterhaltung, ihr Benehmen voll Grazie, ihre unwiderstehliche Bescheidenheit erhöhte» den Werch des mir hierdurch bewiesenen Wohlwollens. Ich sah In ihr eine ächt europäische, auf den öden Boden des Kaps verpflanzte Blume. Eine Menge von Personen In öffentlichen Diensten, von jeder Waffe und von jedem Range beeilten sich außerdem noch, uns in unsrer Einsamkeit zu besuchen, unsre Leiden mit wahrhaft rührender Freundschaft und' Tyeilnahme nach allen Kräften zu lindern. ES hätte ihnen damals dieser Beweis ihres Wohlwollens, wäre cS zur Kenntniß ihrer Minister gelangt, vielleicht Unannehmlichkeiten, wohl gar Absetzung zuziehen können, und selbst jetzt noch verschweige ich lieber ihre Namen, so viel es mich auch kostet; allein sie mögen cs doch wissen, daß keine ihrer Handlungen, daß keines ihrer Worte in meinem Herzen verloren gegangen sei. Ich bin dazu geboren, dankbar zu seyn. 147 Die Neugierde hatte übrigens auch ihren Thcil an der Sache. Kein Fremder kam in die Kolonie, der nicht eben so wie die zahl« reichen aus Indien hier einlreffenden Reisenden, Ncwlands besucht hätte. 2ch war ein Strahl aus Longwood, man wollte den sehen, der bei Napoleon gewesen war, so sehr beschäftigte er alle Ecmü- thcr, so allgemein beliebte man von ihm zu sprechen. Ich fand hierbei Gelegenheit, auf eine Menge von Fragen zu antworten, die man über seine Persönlichkeit an mich rhac, und eS machte mir dann Vergnügen, immer recht ausführlich zu scyn. Welche Menge von Vorurtheilen vernichtete ich nur auf diese Weise! Wie erstaunte man oft über das waS ich sagte! Niemand würde cS jetzt noch glauben wollen, welche schrecklichen Lügen und Dumm» hcitcn bei dem Mangel alles Verkehrs zwischen den beiden Völkern, in einer so langen Reihe von Jahren und bei diesem Grade gegenseitiger Erbitterung, über den Kaiser verbreitet worden waren. Kann man sich wohl vorstellen, daß ein Militair von höher», Range und von vielem Verstände sogar, mich bat, ihm doch unter uns ganz offen zu sagen, ob Napoleon wirklich einige Worte zu schreiben verstände. Er glaubte nämlich, daß er Soldat, aber außerdem durchaus gar nichts weiter sei; vielleicht zweifelte er selbst, ob der Kaiser lesen könne. Ich lachte ihm ins Gesicht und fragte, ob er denn nie etwas von seinen militairischcn Proklamac'oncn gehört und gesehen hätte? Ei wohl, antwortete er, aber er habe gedacht, daß er seine Leute habe, die ihm diese Sachen machten. Wie sehr verwunderte er sich jedoch und wie beschämt schwieg er still, als ich ihm erzählte, daß er schon in dem Alccr von 27 Jahren Mitglied des Instituts von Frankreich war, einer Gesellschaft, die wohl ohne Zweifel die erste und gelehrteste ihrer Art in der ganzen Welt ist. Sobald ich nur in Ncwlands eingerichtet war, lies ich es eine meiner ersten Sorgen seyn, mancherlei Dinge nach Longwood zu schicken, von denen ich wußte, daß sie dort fehlen. Ich kannte aus der Erfahrung die Dual der dortigen Entbehrung von Gegenständen, welche man doch gebraucht, besonders solcher, die eine lange Gewohnheit einem norhwendig und angenehm gemacht haben. Ich wußte wohl, daß man sich daselbst über das alles wegsetze, aber ich meinte demungeachtct, daß es mit diesem Herzen voll Erinnerungen meine Pflicht sei, jenem Mangel abzuhelfen. Ich lieS mithin Erkundigung einziehen, ob man etwas Vorzügliches von Constantia- wein, Bordeauxwein, Kaffee, Liqucur, Del, Kölnischem Wasser re. haben könne. Es müsse jedoch alles das von ganz besonderer Güte seyn, außerdem möchte ich es lieber gar nicht haben. Das Kap >48 ist aber biS jetze mir unser» feinen europäischen Genüssen noch schlecht versorgt. Mit Ausnahme des Constantiaweins, welcher dort einheimisch ist, war von allen' übrigen wenig oder gar nichrS zn haben. Ich braueylc die Vorsicht, den General Hall zu fragen, ob er wohl meine Sendung genehmigen würde und er bejahte cS mit der größten Höflichkeit. Freilich erklärte ich auch sogleich, um jeder Schwierigkeit in Ansehung der Zuläisigkeit dieser unbedeutenden Gegenstände aus Sankt Helena zu begegnen, daß ich dabei ganz aus dem Spiele bleiben und sie nicht einmal sehen wolle, bat daher die -Offiziere des Generalstabs, mir dieselben zu besorgen und lhat selbst weiter nichts bei der Sache, als daß ick bezahlte. Nach diesen behutsamen Vorkehrungen, die ich Sir Hudson Lowe meldete, sendete ich das Ganze an ihn ab. Man findet bei Herrn -O'Meara, daß der Gouverneur dieses Unternehmen sehr anstößig und beleidigend für die englische Regierung gesunde» habe. Mir selbst aber antwortete er, cs sei zwar nicht zu verkennen, daß ich mich bei der Sache sehr vorsichtig benommen hätte, gleichwohl könne er nicht gestatten, daß diese Dinge in Longwovd abgegeben würden. Es sei seine Sache, iin Namen der englischen Regierung für alle dortige Bedürfnisse Sorge zu tragen. Er vergaß dabei ganz, wie oft er sich über die Unzulänglichkeit der Mittel beklagt halte und daß wir uns so oft bei ihm über den Mangel an den unentbehrlichsten Dingen beschweren mußten. Dennoch habe ich späterhin erfahren, daß er am Ende alles an seine Bestimmung gelangen lies, und cs ist mir die ganz unbeschreibliche Freude geworden, die Kunde zu erhalten, daß besonders der Sonstaniiawein dort sehr angenehm gewesen ist. Der Kaiser hat ihn ausschließlich für sich behalten und nannte ihn nicht anders, als nach meinem Namen. Wenn ihn in seinen letzten Momenten alles anekelte, wenn er gar nicht wußte, was er nur genießen solle, dann sagte er: „Bringt mir Las-Cascs-Wein!" Welche Worte für mein Herz! Zu der nämlichen Zeit schickte ich Sir Hudson Lowe die eventuelle Urkunde zurück, welche der Großmarschall mir in dem qualvollen Augenblicke der Abreise über die dem Kaiser überlassenen 4000 Louisd'ors, zugestcllt hatte. Als ich mich damals sie zu nehme» weigerte, sagte mir der Gouverneur ganz höhnisch: „Greifen Sie zu, Sie gehen jetzt dahin, wo der General seine Fonds hat und dies wird Ihnen dazu dienen, Ihre Bezahlung zu erhalten." Dieser Umstand war mir späterhin wieder eingefallen; ich zweifelte nicht, baß Sir Hudson Lowe desselben in den Berichten an seine Minister gedacht haben werde und glaubte ihm daher diese Urkunde 149 zurückschickcn, Ihm auch zugleich bemerken zu müssen, daß ich wünsche, er möchte bei seiner Regierung die irrigen Auslegungen widerrufen, womit er unfehlbar die Anzeige dieser Sache begleitet haben möchte. Ich hätte nichts verlangt, sagte ich ihm, als dessen Unterschrift, die mehr werth sei als die ganze Summe und ich sende ihm mithin das Uebrige zurück, um die falschen Begriffe zu nickte zu machen, welche er mich babe durchblicken lassen. Die Urkunde sei mir ganz unnütz, fügte ich hinzu. Jedes Mitglied der Familie des Kaisers werde gewiß dem andern die Ehre streitig machen, mir mein Geld zurück zu zahlen. Im Nokhfalle würde der erste beste Franzose, dem ich begegnete, dafür mein Schuldner seyn wollen. Zwei Monate waren nun schon in NcwlandS verflossen und viele Leser- werden nach dem, was sie bisher gelesen haben, glauben, daß wir hier recht glückliche Tage verlebten; aber giebt es wohl ein Giück in der Gefangenschaft bei der Entfernung von dem Vatcr- lande? — Wir können blos sagen, daß wir hier unsre Zeit so gut als cs möglich war, hinbrachccn. Wir ordneten unsre Stunden und unsre Beschäftigung; mein Sohn setzte seine Unterrichtsstunden fort; das Piano der beiden Miß Somerset gewährte ihm Zerstreuung und ich lies mir viel vorlesen. Ich hatte Bücher zur Hand und meine Freunde versorgten mich mit Zeitungen und allem Neuen, was bei uns erschien. Wenn der Abend kam, dann verirrten wir uns zusammen in die schönen Schatrengänge, oder mein Sohn machte wohl auch, da er sich ein Pferd gekauft hatte, einen Ritt in die Nachbarschaft und wenn er dann hcimkehrend seine Aufgabe ; in den schönen Alleen von NcwlandS noch vor meinen Augen voll- ! endece, so machte es mir auf meinem Eitze Vergnügen, it,m dabei ! zuzuschen. Es kam mir vor, als ob er wieder auflebe, als ob er i sich entwickele. r Ich muß es gestehen, wenn ich an diesen schönen Sommer« abcndcn, umgeben von einem so reinen Himmel, diese erquickende l Frische unter jenen schönen Bäumen einathmete, so habe ich bet i dem hinreißende» Schauspiele einer so herrlichen Natur, manche ' Stunde sehr genußreich zugebracht — es war mein Abschied von dem Leben. Die Unbicgsamkeir des Gemüths, die bei der Behandlung auf Sankt Helena in uns entstanden war, hatte nun schon unter diesem freundlichen Himmel und bei der vollkommenen Ruhe unsres Aufenthalts wieder nachgelassen und oft habe ich mich selbst bei de», Wunsche überrascht, daß doch meine übrige Familie auch hier seyn möchte! Ach wenn doch nur der Kaiser auch so schön wohnte! — Aber diese Augenblicke der Vergessenheit waren selten und kur;, denn ich wiederhole es nochmals, eö läßt sich durchaus kein wahres Glück, kein vollständiger Genuß denken, als da, wo man zu Hause und unter denen ist, die man liebt; cS mag einem anderwärts auch noch so wohl gehen, man lebt dock i» der Einöde. Dieses Gefühl, die Ungeduld, welche daraus entstand, das Verlangen nach dem Ende meiner Dual wirkten sehr nachtheilig auf meine Gesundheit; ich hatte immerwährend schlaflose Nächte, die mir zur wahren Pein wurden. Ich mochte noch so viel arbeiten, mir noch so viel Bewegung machen, noch so spat mich nicderlcgcn, kaum war j ich ins Bette, so dachte ich auch schon, gegen meinen Willen, an das loögcrcihete Kettenglied, daß ich nämlich wieder einen Tag meines Exils überstanden habe; unwillkührlich sing ich nun an auszuzahlen und hin und her zu rechnen', wie viele Tage wohl noch bis zu Ankunft des Befehls von London zu unsrer Befreiung ersordcr« > lich scyn möchten, zu überlegen, was vielleicht »och dazwischen kommen könne u. s. w. und war ich einmal aus diese Gedanken gcra- ' then, so wurde es mir auch durchaus unmöglich, ein Auge zuzu- ! thun. So erneuerte sich also mit jeder Nacht eine Marter, welche ! wirklich zu den allcrgrausamsten gehört, die man sich nur denken > kann. Inzwischen nahte die Zeit der Rückkehr des Gouverneurs und ich begann mich darüber zu ängstigen, daß ich mich mit ihm in einem und demselben Hause befinden sollte, ohne daran zu denken, daß eö weder für den einen noch für den andern schicklich und angenehm scyn könne, zu gleicher Zeit Gastfreundschaft und Gefangenhaltung unter einem Dache wohnen zu lassen; doch meine Verlegenheit wurde bald gehoben. Mochte cs nun wahr oder ein bloßer Vorwand scyn, kurz, der Kolonie-Sekrctair gab mir zu erkennen, der Gouverneur sei durch die bevorstehende Ankunft dcö Lord Amhorst, der von seiner Ambassade nach China zurückkomme, genökhigk, mir eine andere Wohnung anzuweisen. Dieser Kolonie-Sckretair, von dem ich noch nie gesprochen habe, obschon er die zweite siivilstelle bei der Kolonie bekleidete, war, physisch und moralisch betrachtet, ein höchst cxccntrischcr Mensch. Er war zu mehrerenmalen Parlemencsmitglicd gewesen, von allem unterrichtet, sprach über alles und verwirrte oftmals alles und man sagte von ihm, er sei eine Encyklopädie, von welcher bei dem Einbinden die Blätter vermengt worden wären. Er scyte sich anfangs ! ln den Kopf, daß er uns an einem Orte unterbringen wolle, den er nur erst angelegt und bei der Regierung sehr herausgestrtchen l 15t hakte. Glücklicher Weise fanden sich hierbei unübersteigliche Hlnder- nissc, alS zum Beispiel, daß man, wie Ich glaube, nur übers Meer dahin gelangen konnte, ferner, daß man nicht einmal sicher war, stets, so wie man wollte, zu uns kommen zu können. Endlich bestimmte man sich, wegen unscrs künftigen Aufenthalts für eine rechtliche Familie zu Tigerberg, acht oder zehn Stunden vom Kap» einem Orte, der feinen Namen von der großen Menge von Tigern erhielt, welche man bei dessen Besitznahme daselbst antraf. Diese Besitznahme war noch nicht vor sehr langer Zeit erfolgt, denn alle dortige Ländereien gehören erst seit kurzem in das Reich der Civilisation. Mehrere Personen hatten, wie sie mir sagten, noch mit eignen Augen die Tiger in die schönen Alleen von New» lands kommen sehen, in denen wir jetzt spazieren gingen. Es scheint, daß die Holländer sich mehr auf die See beschränkten und sich wenig, oder doch nur ohne sich dabei zu übereilen, um den Anbau des Landes bekümmerten. Jetzt nehmen die Dinge, bei der Betriebsamkeit und Thäcigkeic der Engländer, eine ganz andere Gestalt an. Dieses Land und besonders die Kapstadt, welche die Seeleute die unvermeidliche Herberge für die beiden Welccheile nennen, wird in der Zukunft eine große und glänzende Rolle spielen. Der Boden ist hier ergiebig und der Himmel wunderschön. Es kommen hier fast überall zu gleicher Zeit die Erzeugnisse der gemäßigten Zone und tropische Gewächse fort. Englische Auswanderer finden sich in Menge ein, der Flächcnraum des Landes ist unermeßlich und die Bevölkerung muß in reißender Schnelligkeit zunchmen. Europa dringt von der Südseite in Afrika ein und sein Geschlecht wird cS bald bedecken, wie cs schon den Boden Amerikas überzogen hat; eben so wird es, von Votany-Bay aus, mit der Zeit sich über Neuholland verbreiten und dann China unterjochen. Das europäische Geschlecht wird nach und nach sich über den ganzen ErdkrciS ausdchnen und ihn beherrschen. Möchte es dann durch die Wohl- that der Civilisation die Missethaten der ersten Eroberung, den unreinen Ursprung seiner Herrschaft, abbüßen! Sonntags am 6. April bis Dienstags am 19. August. Dir verließen NewlandS gegen Mittag und kamen erst in der Nacht in Tigerbcrg an. Unser neuer Wirth, Herr Baker aus Coblen; oder aus der Nahe dieser Stadt gebürtig, war unser wahrer Landsmann durch seine Herkunft, seine Gesinnungen und seine Freundschaft für unS. Seine ihm gleichgesinnte Familie bestand 152 auö den besten Menschen von der Welt. Es würde uns sehr schwer geworden scnn, Irgendwo eine sorgsamere Pflege, mehr Achtung und Aufmerksamkeit zu finden. Jedem unsrer Wünsche kam man zuvor; man crrieth uns und that alles was nur möglich war. Jetzt begann nun also die dritte Epoche unsrer Gefangenschaft auf dein Kap. Die erste ein Schloß, war ein unerträgliches Kerkcrleben und dauerte zum Glücke nur zehn Tage; die zweite zu NewlandS hatte zwei Monate gewährt, es war ein reizender höchst lieblicher Aufenthalt; die dritte zu Tigerberg, einer wahren Einöde, sollte auf vier Monace — und auch noch über diese Zeit hinaus das Tragen meiner Ketten — sich verlängern. Hier befanden wir uns nun in der Nachbarschaft der umherirrenden Horden. Oaö Land ist dorr mit einzelnen Besitzungen, die in weiter Entfernung von einander liegen, und mit Kolonisten von verschiedenen Nationen, welche neue Erdstächen urbar machen und sich dadurch ein Vermögen erwerben wollen, übersäet. Die Erreichung dieses Zwecks kann bei Ausdauer, Ordnung und einigen Mitteln zu dem ersten Anfänge nicht fehlen. Bei alle dem trafen wir, selbst hier am Ende der civilisirtcn Welt, überall die wohlwollendste Behandlung. Unsre europäischen Ereignisse waren den Menschen daselbst weder unbekannt noch gleichgültig geblieben und da der größte Thcil der Bevölkerung aus Holländern bestand, welche mit uns gleiches NacionabJnrercsse hatten, so waren die Neuigkeiten dort mit großer Partheilichkeit ausgenommen worden. So fand ich auch zu meiner großen Verwunderung den Namen Napoleons überall. Der tüchtigste, siegreichste Hahn In der Umgegend wurde Napoleon genannt; der berühmteste Renner, Napoleon! der kraftvollste Stier, Napoleon! Napoleon und immer Napoleon!! Ich mußte lachen — aber die Art Helden zu preisen und zu verewigen ist nun einmal verschieden und jeder wollte doch immer den schönsten Namen geben, den er nur wußte. Ohngeachcet unsrer große» Entfernung von der Stadt erhielten wir doch dann und wani, Besuch und es mußte uns allerdings erfreulich seyn, aus der Weite des Weges und andern Schwierigkeiten auf den Grad der Thcilnahme zu schließen, welche man uns hierdurch bewies. Hier, in dieser unsrer Wüste, erfuhren wir den Schissbruch eines französischen Schiffes, der Nachtigall, welches in der Gegend des Kaps strandete. Ich schätzte mich glücklich, den Unglücklichen Beweise meines lebhaftesten Anthcilü geben zu können. Erst hier, am Ende der Welt, habe ich cs recht tief empfinden ler- — 15:; — neu, wie das Vaterland, allen politischen Unruhen zum Trotz, dir Menschen verbrüoerc. Auch ich harte das Glück gehabt, die süße Ueberzeugung von gleichen Gesinnungen zu erhalten. Landsleute von mir kamen heimlich bis in meine ferne Einöde; andere waren schon in Ncwlands, wie sie glaubten, mit Gefahr für ihre Person« liche Sicherheit und ihr Vermögen, zu mir gedrungen, um mir ihre DIenße anzubieten, und selbst in meine euge Hast in der Stadt hatten sich einige Franzosen recht listig «ingeschlichen; ach! und in solcher Lage sind dergleichen Liebesbeweise dem Herzen so thrucr und werth! UebrigenS beschränkte sich diese wohlwollende Thcilnahmc nicht aus unsre Landsleute. Ein amerikanischer Kapitain lies mir das Anerbieten thun, mich aus meiner Einsamkeit zu retten. Er habe an alles gedacht, für alles gesorgt, lies er mir sagen; ich durste also nur wollen, denn ich harre blos einen Wirrh, keinen Wächter. Aber wozu hätte mir das helfen können? — Es gab für mich nur einen Drt, nur ein Ziel — London und die Nähe der englischen Minister. Wir suchten unS mir Hülfe unsrer gewöhnlichen Beschäftigungen die Zeit zu vertreiben. Ich halte mir einen Vorleser verschafft und bediente mich seiner sehr oft. Der Entfernung ungeachtet ver> sorgten uns doch unsre Freunde mir Zeitungen und andern Tags- nruigkeitcn. Ich las damals das Werk des Herrn Hobbhouse, das erste, glaube ich, das Napoleon günstig ist und in welchem man cs gewagt hat, einiges Gute von ihm zu sagen; ferner das von dem Doktor Warden, das aber, bei der besten Absicht, von der ich überzeugt bin, viele Unrichtigkeiten enthält und endlich das bekannte Manuscript von Sankt Helena, dasin Europa so v'el Theilnahme erregte und so begierig gelesen wurde. Man war dorr so verschied,! cr Meinung, man erschöpfte sich in Muth- maaßungcn über die Auchenticirät und den eigentlichen Ursprung dieses BuchcS, aber das Erstaunen und die Ungewißheit, die cs bei l mir selbst verursachte, die Menge von Dermuthungen, die ich dar- j »über anstelire, läßt sich gar nicht beschreiben. Ich war ganz außer i mir, ich wußte nicht was ich denken sollte, wenn ich fand, daß ganze Seiten die vollkommenste Wahrheit enthielten, Dinge, die mir auS der eignen verschwiegnen Brust gestohlen zu scyn schienen und dann wieder Stellen mit den allergemeinstcn Unrichtigkeiten vsrkn' men. Bisweilen hielt ich beim Lesen innc, um mich zu überzeugen, ob ick träume oder wache. Ich erkannte den Gegenstand, vollnän- ! b,gc Phrasen, die eignen Ausdrücke wieder. Ich erinnerte mich, sic 124 aus dem Munde deS Sprechenden aufgcfaßc und damals nicdcrge. schrieben zu haben. Sie standen in den Schriften, die mir Sir Hudson Lowe auf Sankt Helena zurückbehaltcn hatte. Ick konnte jedermann versichern, daß alle jene großen und schönen Gedanken, dasjenige, was über die höhere Politik gesagt ist, so wie die großen Entwürfe und überhaupt Alles, was in dem famösen Manuseripce anzirbt und gefallt, aus der Unterhaltung Napoleons herrührc und ta meinem Tagcbucke stehe. Hätte ich In dem Buche nichts alö das gefunden, so wurde ich nickt einen Augenblick im Zweifel gewesen seyn, daß es direkt von Longwood hcrkomme, denn die Zeit wäre allenfalls auch cingekroffcn, da schon sechs bis sieben Monate seit meiner Vertreibung von Sankt Helena verflossen waren. Aber woher rührre der fremde Zusatz, der sich darinnen fand? — Diese Scndcrbarkeit konnte ich mir durchaus nicht erklären. Sollte das ein Mißbrauch seyn, den man mit meinen Papieren getrieben harte, sollte vielleicht eine fremde Hand sie zum Tbeil benutzt haben? — Aber nickt allein, daß ich einem so beleidigenden Gedanken, ohne Beweis dafür zu haben, gar nicht Raum geben durfte, es war auch zudem g:r nicht wahrscheinlich, daß eine so seindlichgesinnte Behörde etwas herausgegcben haben würde, das im Ganzen doch dem berühmten Schlachtopfcr des von Len Königen gehaltenen Gerichts günstig war. Mir welcher Gesinnung war denn nun eigentlich das Werk geschrieben? Sie ist sehr oft zweideutig. Was für Hände mögen nur daran gearbeitet haben? Es finden sich so viele Widersprüche. WaS hat man sonach denn eigentlich damit gewollt? Der Styl ist verschieden, der Geist selbst verschieden, die Duellen, aus denen man geschöpft hat, sind verschieden. Das Ganze scheint — es muß sogar ein Flickwcrk seyn. Wie wäre cs sonst möglich, daß der Verfasser so vertraut mit den geheimen Plänen deS Sprechenden, so wie mir den Absichten seines Kabinets und doch so unbekannt mit seiner Meinung über öffentliche Verhandlungen und Thacsacken, wobei er gar nicht zurückhaltend war, alS über seine erste Vermählung, die Lage der Franzosen in Egypten, die Vcrurcheilung deS Herzogs von Enghien u: s. w. gewesen wäre. Wer durch sich selbst zu der Kcnntniß so wichtiger Geheimnisse zu gelangen vermochte, wie konnte der dazu kommen, sie mit so gemeinen Jrrthümern zu vermischen — und war er gescheit genug, jene großen Wahrheiten zu errathen, wie hätte ihn wohl sein Scharf, sinn bei den übrige» Gegenständen so ganz verlassen können? Ick schweige übrigens von den sonderbaren höchst gesuchten Ausdrücken, 125 dem schlechten Gcschmackc, de? eine übel gelungene Nachahmung verräth, so wie von den zahlreichen, ganz unglaubiichcn Fehlern in der Zeitrechnung; aber eben diese Dinge und mehrere andre noch machten mir die Sache — und machen sie mir noch jetzt so ganz unerklärlich. Inzwischen verging die Zeit, ohne daß ich das Ende meines EMS erblickte. Es konnten nun schon Briefe von London da seyn, aber es kamen keine. Ich war in die tiefste Melancholie versunken» in wahrhafte Verzweiflung. Ich hatte immerwährende heftige Ma. gcnschmerzen, brachte meine Nachte schlaflos zu, meine Gesundheit verschlimmerte sich von Tage zu Tage und mein Uebcl machte rci> ßcndc Fortschritte. Jetzt zeigten sich zuerst die Kopfschmerzen, die mich seitdem nie wieder verlassen haben. Schon in Balcombcs Cottage und in Ncwlands hatte ich in Folge anhaltender großer Anstrengungen, jedoch immer nur nach langen Zwischenräumen, gleichsam einen Funken, eine» wahren elektrischen Schlag in mei» nein Kopse gefühlt. Ich rechnete es auf die Ermüdung von der Arbeit, unterbrach dieselbe und damit wars gut. Aber jetzt em. Pfand ich einen fortwährenden und wenn ich außer dem Bette war, von einer leichten Betäubung begleiteten Schmerz und dann und wann auch Hcrzübcl dabei; das war denn das Beginnen und der Ursprung von denjenigen Leiden, welche seit fünf Jahren unter »er« i schicdcnc» Symptomen und unter mancherlei Wechsel der Art dcS Schmerzes meinen Kopf eingenommen und mich keinen'Tag davon frei gelassen haben. Eine Zeit lang waren cö heftige und öftere Sticke bald über dem einen, bald über dem andern Auge, von einem unerträglichen Ohrcnbrauscn begleitet; ich war ganz taub und auf einmal verging es wieder. Ein andresmal zog jedes lebhafte Gespräch mir eine Geschwulst in der Gegend der Ohren zu, daß ich dann die Kinnladen nicht gebrauchen konnte. Bisweilen glaubte ich deutlich zu suhlen, daß große Buckel, eine Art von Beulen, ans meinem Kopfe heraustraten; sie waren auch wirklich da, aber nur aus Augenblicke und dann schmerzten mich wieder alle Mus« kein am Halse. Dieser Zustand hat mich in Teukschland zu einer solchen Schwäche gebracht, daß cs mir ganz unmöglich geworden war, mich mit irgend etwas zu beschäftigen, nur einige Zeilen zu diktiren. Doch konnte ich das Vorlcsen, selbst mehrere Stunden hinter einander, jederzeit noch vertragen. Vergebens habe ick überall mich des Raths der Acrzte bedient. Kein Mittel schaffte mir augenblickliche Linderung und bis jetzt habe ich noch am wirksamsten gefunden, daß ich gar nichts gebrauche. 156 Skit meiner Rückkehr nach Frankreich hatte sich jedoch meine Gesundheit merklich gebessert. Bei Ruhe und Einsamkeit war ich schon ziemlich weit damit gekommen. Nur wenn ich einmal lange Himer einander sprach oder irgend einem Gedanken nachhtng, dann zeigte sich mein Leiden bald mehr, bald minder stark, eö war als ob eine bleierne Hand mich an der Mitte des Kopfs erfaßte. Als ich nun bei dieser Verbesserung meiner Gesundheit erfuhr, daß inan sich über mancherlei Vernachlässigungen bei den ersten Bänden des Tagebuchs von Sankt Helena beklage, wsliie ich etwas niehr Sorgfalt aus die Redaktion der folgenden Bände wenden. So thac ick mir nun wieder Schaden und verfiel in einen noch schlimmer» Zustand als der frühere war; ich mußte daher diese spateren Lieferungen oftmals unterbrechen und sehr oft fürchten, daß ich sie gar nicht beendigen würde; nun aber ist cs mehr Schwäche als Schmerz, doch regt die mindeste Arbeit gleich das frühere Uibrl wieder auf und es ist dann mit einer Kraftlosigkeit verbunden, die mein ganzes Wesen cinnunmt. Ich kann nur mit großer Mühe gehen, Furcht und Zittern bemächtigen sich meiner so wie ich außer dem Berte bin, der Fußboden scheint mir unter den Füßen zu weich.», ich caumle, bekomme ciuc Art von Herzklopfen und muß mich anl-mren, weil ich zu fallen glaube. Man hat Kopsschwindel; mich dünkc ich habe den Schwindel an den Füßen. Doch ich komme wieder zur Sache. Bei diesem Ucbclbefindcn, das jeden Tag größer wurde, schrieb ich an den Gouverneur in Betreff der Erlaubniß, nach der Stadt zurückzukehrcn, um dort der ärztlichen Hülfe näher zu seyn; aber umsonst, Lord Charles Somerset war fühllos für mich geworden. Ich halte allerdings m't meiner Ungeduld und bei der schrecklichen Dual, die mir die Verlängerung meiner Gefangenschaft machte, seit meinem Aufenthalte zu Tigerbcrg, bei dem Gouverneur zu inehrernmalen, vielleicht in etwas heftigen Ausdrücken die Bitte wiederholt, daß er mich nach Europa zurückschicken solle, und wirklich zuweilen Ursache zu'glauben, daß es mir gelungen sei, sein Herz zu rühren. Mochte nun von seiner Seite cs eine Folge des ihm natürlichen Sinnes für Recht oder sonst eine Ursache vorhanden dazu seyn, cs schien doch, alS ob er nicht ganz ohne Unentschlossenheit und Unruhe bei der Sache wäre. „ Sei es denn wohl schicklich, sagte er sich selbst, daß er sich nach der Art des Sir Hudson Lowe zum Kerkermeister erniedrige. Habe er auch wohl ein Reckt, mich so meiner Freiheit zu berauben?" Aber seine bösen Rath- 147 geöer machten ihn gleich wieder ander» Sinnes: „Hätte man mich nicht gut logirt, gut versorgt? sagten he, worüber konnte ich mich denn noch beklagen — lind wie hätte ich eine so aure Behandlung, so vieles Wohlwollen erkannt? 2ch wäre nie ausgegangcn, hätte mich nirgends sehen lassen, um nur recht nach Gefallen von Tcsan- genschasc und von einer mir wiedcrfahrcnen Tyrannei sprechen zu können. Welcher Ausdrücke hätte ich mich nicht ln meinen so übel angebrachten heftigen Briefen bedient?" Es war ihnen besonders bei einem Vorfälle gelungen, den Gouverneur mir abgeneigt zu machen. Lord Charles Somerset hatte nämlich bei der Ankunft des Lord Amhorst und des Admiral Plamplm, vielleicht um ihnen Gelegenheit zu geben mich zu sehen und zu sprechen, oder aus Ir« gend einem andern Grunde, mir mittelst Ordonnanz die Einladung zu einem feierlichen Balle zugcschickt, de» er, wenn ich mich recht erinnere, bei dem Geburtsscste des Prinzen von Wallis gab, und besohlen, auf meine Antwort zu warten. Ick ercheiite sie gleich auf die Einladungskarte selbst und zwar in sehr harren Ausdrücken. Ich war außer mir, daß Lord Charles Somcrfte die sch:cck'kchd Lage, in welcher er mich zurückhiclc, so wenig begriff und mich fähig glaubte, daß ich in der Trauer, wormnen ich mich bcf>md, auf einen Ball gehen könnte. „Endlich, — so schloffen die erwähnten bösen Rachgeber, um ihren Siez zu vollenden — wenn Se. Herrlichkeit in Beziehung auf mich sich eines Fehlers schuldig gemacht hätte, so sei es nun zu spät etwas dabei zu ändern. Die Sache sei zu weit hinein böse und würde ihm daher immer einen Tadel zuziehen; dann aber sähe es aus, als ob man nicht gewußt habe, was man eigentlich wolle; mau verdamme sich selbst und cS sei mithin viel besser abzuwartcn, was daraus werden solle. *)" *) Dir materielle Dernrthcilung des Lord Charles Somerset Ist mir späterhin durch Zufall in die Hände gekommen. Ich besitze in Duplikaten, einen von dem Unter-Stabssekretair Goulbmn ou Frau von Las' Cafes zn Paris unterm 21. Februar ,8! 7 geschriebenen Brief, worinnc» cs heißt: er habe de» Auftrag von Lord Bath urst, ihr die Abreise ihres Gatte» von Sankt Helena nach dem Kap zu meiden uns dag derselbe mithin, wen» er sich entschlösse »au, Europa zurück zu kehren, ohnqcfähr i» der Mitte des Mais erwariee werden könne;" und gleichwohl habe ich daS Kap crsi drei Mvnaie später, gegen Ende des Augusts verlass»' Lord Battuest Halle also nicht darauf gerechnet, daß man mich dort sesthaiten könne und Lord Charles Somerset mithin durch meine Verhaftung nimr die Befehle seines Minisicrs befolgt, sondern nur nach den Eingebungen von Sir Hudson Lowe gehandelt! Allerdings habe ich keine» 153 Alle diese Umstände zusammen genommen hatten mick gänzlich um die Gunst des Lord Charles Somerset gebracht und ihn, gegen seine Natur, in dem Grade erbitterc, daß er in diesem Falle un« menschlich handelte. Auf den Brief, worinnen ich ihm meinen Ge« sundheitszustand und die dringende Notwendigkeit meldete, mich In der Stadt ärztlich behandeln zu lassen, lies er mir ganz kalt durch seinen Adjutanten vom Dienste antworten, er könne nichiS an sei, cn Beschlüssen ändern, würde aber dafür sorgen, daß ich allen nülhigcn ärztlichen Beistand erhielte. Nun befand ich mich aber acht bis zehn Stunden von der Stadt und der Arzt konnte w'ch nur hoch» stens einmal in der Woche besuchen, wobei er dann Mittel verord« nete, die erst wieder aus der Stadt hrrbeigeschaffc werden mußten, dadurch wurde die ganze Sache unrhunlich. Ich verlor die Geduld bei einer Antwort, die mehr barbarischen Spott als die Bereit« Willigkeit mir zu helfen, auSzutrücken schien, wendete mich in me!« nem Unwillen an den Kolonic-Sekrctair und schrieb ihm: „Meine Unterbringung bei Herrn Baker sei vcrmuchlich sein Werk gewesen. Ich hätte also die Ehre ihm zu melden, daß, weil ich mich durch« anS in der Nähe eines ärztlichen Beistandes befinden müßte/ ich mich ohne Anstand nach der Stadt zu dem Doktor Leisching, dem Schwiegervater bcS Herrn Baker, verfügen würde, um mich von demselben behandeln zu lassen." Er eilte mir zu antworten, daß er ans Befehl Sr. Exccllen; des Herrn Gouverneurs mir zu wissen lhun müsse, wie dessen Instruktion nicht erlaube, mich nach dem Kap kommen zu lassen. Aber ich beschloß, nichts darnach zu fragen und schrieb noch« mals an den Kolonie-Sekretair: „ Seiner Zuschrift ungeachtet würde Ich mich doch auf den Weg machen, um nach der Stadt zu kcm« men; man müßte denn Gewalt anwenden mich in Tigerberg ftstzu« halten. Es sei ja nichts leichter, als mich dort am Thore zu ar« recircn und in strengere Verwahrung zu bringen als zu Tigcrberg. Ich würde aber immer so viel dabei gewinnen, ärztlicher Hülse nä« her zu scyn; denn wenn ich auch keinen großen Werth aus das Leben legte, so hielt ich es doch für eine Pflicht, die Sorge für da- Grund zn glauben, daß diese für mich doch so traurige Unregel» Mäßigkeit Lord Bathurst besonders zu Herzen gegangen sei, wohl aber bin ich — in der Voraussetzung, Lord Charles richtig bcur» thcilt zu haben — überzeugt, daß sie ihm nahe gegangen sepn und daß er sie bedauert habe» werde. Ach vergebe sic ihm also auch von Gründe der Seele gern. Leben nickt ganz zu vernachlässigen." Glücklicher Weise kreuzte sich die endlich von London cingecroffene Erlaubniß zu meiner Abreise mit diesem meinen Unternehmen; ich wüßte nickt, wie es wohl sonst geendet haben möchte. Der Gouverneur lies mir hiervon Nachricht geben und mir zugleich eine sür mich vorbereitete Wohnung in der Stadt anbieten. 2ch schlug sie aus und begab mich, wie ich cS angczeigt hatte, zu der Familie des Doktors Lciscking, wo ick alle die zärtliche und liebreiche Pflege und Gastfreundschaft, die mir in Tigcrbcrg zu Theil geworden war, in einem ächt patriarchalischen Hause wieder sand, in welchem der Anblick so vieler Tugenden dem Herzen schon wohlthun mußte. Aber jetzt zeigten sich bald neue Unannehmlichkeiten. 2ch sollte nun einmal den Leidensbecher bis auf den Boden leeren. Der Gouverneur hatte mir zugleich mit der Nachricht von der Er anb- niß zu meiner Abreise zu erkennen gegeben, daß sich zwei vcrlchle- dene Gelegenheiten hierzu darböten, unter denen ich nur wählen und ihm dann meine Wahl anzcigcn möchte. 2ck crw'cdcrtc, daß die schnellste Gelegenheit mir auch die liebste scyn würde. Vertrauensvoll erwartete ich nun die endliche Benachrichtigung dcs Gouverneurs mit meinen Pässen. 2ndesscn ich jetzt das Belte hü« j ten mußte, verflossen zwei Tage und das eine der beiden Schiffe ! segelte ab. Man stelle sich meine Angst und meine Leiden vor, besonders als cs sich nun ergab, daß der Gouverneur mir nichts weiter zu sagen gehabt und mir überlassen hatte, mich selbst, wie ich könnte, aus der Affaire zu ziehen. 2ch schrie nun allerdings laut, daß man mich habe die erste Gelegenheit zur Abreise vcrsäu- i, men lassen, aber die Sache war nicht mehr zu ändern und da sich ein großes Schiff auf der Rhede befand, das ein Artillerie-Regiment nach England zurückbrachte, so bat ich den Gouverneur, mich dieses Fortkommen, besonders auch wegen des ärztlichen Beistandes, den ich auf demselben finden konnte, benutzen zu lassen. 2ch erhielt zur Antwort, daß kein Platz mehr sür mich sei. Umsonst cr- j wiederle ich, daß wenn noch zwei Artillerie-Offiziere mehr wären, > man sie gewiß nicht zurücklassen würde, und wenn noch zwei Ma- trosen mit fort sollten, sie gewiß auch Platz finden müßten; mehr bedürften wir aber auch nicht. Alle meine Bemerkungen waren unnütz. Es wurde der Einwurf gemacht, daß außerdem das Schiss Sankt Helena berühren werde, dieser Umstand aber schon hinreiche, eS mir zu untersagen. 2ch mußte der Gewalt nachgcbcn und die Wahl, welche mir der Gouverneur so großmüchig gelassen hatte, auf daS einzige Fahrzeug beschränke», das sich noch außerdem aus der 160 Rhede befand. Dies war nämlich eine ganz kleine Brigg, eine wahre Muschel, woraus ich also l-00 Meilen zurückiegen sollre. Ich schwankte keinen Augenblick, denn lieber hätte ich mich zum Forkschwimmen in die See gestürzt, alö einen Moment nur länger gesäumt. Der Handel wurde sogleich und blindlings abgeschlossen; ich dachte an nichts alS an die Abreise. Der Kapitain meiner Brigg kündigte mir an, er habe von dem Gouverneur Befehl erhalten, mir alle Gemeinschaft mit dem Lande z» untersagen, wenn er während der Reise fick genöthige sehen sollte, irgendwo anzulegen und auch in England mich nicht eher landen zu lassen, bis er erst die Erlaudniß der Regierung einge- holc haben würde. Ich war sonach förmlich ein Gefangener in der Hand dieses Mannes und döch verlangte man von mir, daß ich ihm die Summe zahlen mußte, weiche ihm gefällig war von mir zu fordern. Dieses Verfahren war in meinen Augen so sonderbar, daß ich Verlangen trug, einen Beweis dafür zu haben, indem ich besorgte, man würde eS mir auf meine bloße Erzählung nicht glauben wollen. Indem ich mich also zum Letzrenmale an den Gouverneur mit der Bitte wendete, mir meine Passe ausfertigen zu lassen, machte ich ihn zugleich auf diese Sonderbarkeit aufmerksam und ersuchte ihn, bei Ertheilung seiner Antwort zu bezeugen, daß ich mein Reisegeld für dle Brigg, obschon sie nach dem Inhalte seiner Befehle mein neues Gesängnlß werde, aus eignen Mitteln bezahlt habe. Ich erhielt jedoch, wie man leicht denken kann, meine Pässe und nickt ein Work weiter- 161 Fahrt nach Europa. Zeitraum von beinahe hundert Tagen. Mittwochs am 20. August bis Freitags am 15 . November. Gegen Abend gingen wir, in Begleitung unsrer beiden trefli- chen Wirche von Tigerberg und vom Kap, deren treue Pflege, deren unendliche Aufmerksamkeit bei so vielen sonstigen Beweisen wahrhafter Liebe uns zu der innigsten Dankbarkeit verpflichtete, an den Strand. Die Luft war still, aber so wie wir den Fuß ins Boot setzten, erhob sich, wie durch ein Wunder, ein günstiger Wind. Wir rüsten Alle laut aus, das sei eine gute Vorbedeutung, aber leider! traf sie nicht ein. Man wird weiterhin sehen, daß unsre Fahrt ganz ungewöhnlich lang und besonders, als wir uns dem Einlaufen näherten, mit der allerschrecklichsten Gefahr verbunden war. Dir bestiegen das Schiff, die Anker murden gelichtet und so befanden wir uns denn endlich aus der längst ersehnten Reise nach Europa. Mit dem Augenblicke des Absegelns gab eS für mich und meinen Sohn keine Kapstadt, keine afrikanische Küste mehr, nicke blos darum, daß sie am folgenden Tage unfern Blicken schon entschwunden waren, sondern weil wir uns beide wegen einer abscheulichen Seekrankheit, welche sehr lange anhicit und wobei wir fast 'Umzu- kommen fürchteten, tief ins Schiff vergrabe» mußten. Unsre Wohnung war überaus klein, schmutzig und unbequem. Es war nur eine Brigg von 200 Tonnen und 12 Mann Equipage, worunter sich zwei Schiffsjungen befanden und von denen nur der Kapicain und der Boorsmann, sein Gehülfe, für ein paar gute Seeieuce gelten konnten, dann war noch der Koch, ein schwacher Greis, und v. Cafes Tages. . L>V. 11 162 außerdem lauter Kinder auf dem Schiffe. Eine solche Kleinlich, keil war für i»ich um so empfindlicher und mußle um so stärker auf meine natürliche Geneigtheit zur Seekrankheit cinwirkcn, weil ich, den Greiff ausgenommen, immer nur aus Schiffen von 74 Kanonen mit 7 bis LOO Mann Equipage gewesen war. Und dennoch, sei es nun daß diese Erschütterung ein gutes Hülfsmittel der Natur ist, oder wie eS sonst zuging; kurz meine und meines Sohnes Gesundheit besserte sich, trotz jenes entsetzlichen Uebels, einer höckstelendcn Beköstigung und der Entbehrung aller sonstigen Lebensbedürfnisse doch äußerst merklich; und nun soll man noch an den Nutzen der Arzneien glauben! Wie' oft sagte nicht der Kaiser: Der Mensch ist eine Lebemaschine. Die Funktio« nen seiner Natur sind viel wirksamer als alle Kunst der Aerzte. Nach einer Fahrt von dreizehn Tagen erlangten wir den Wen« dekreis des Slcinbocks und die regelmäßigen Winde. Acht Tage später, Sonntags den 7. September, kamen wir bei Sankt Helena vorüber, jedoch in einer Entftrnung von fünfzehn Meilen, wobei eS kaum zu erkennen war. Man müßte, wie ich, dort gewesen seyn, sich in eben der Lage daselbst befunden, alle die Liebe und jedes sonstige Gefühl, das sich mir an diesem Orre eingeprägt hat, mit empfunden haben, um begreifen zu köu« nen, waS in mir vorging — die Gedanken, welche dieser Anblick in mir aufregte, die Schmerzen, welche dabei mein Herz zerrissen! Es war in meiner Macht gewesen, dort zu verbleiben und daS Loos der Verbannung von dieser Insel war mithin meine eigne Wahl! — Gleichwohl ließen die Erfahrungen, welche ich aus dem Kap gemacht hatte, mich sehr befürchten, daß ich sie auf bloße Chimären gegründet haben möchte. Wir segelten nun auf diesem Meere der beiden Wendekreise, auf welchem wir eine Fahrt von mehr als 1500 Meilen zu bestehen hatten, friedlich nach der Linie hin. Unsere kleine Barke war unsre ganze Welt. Welches Feld von Betrachtungen, wenn man sich so allein hundert Tage lang auf dem weiten -Oceane ohne einen andern Schutz als das unermeßliche Gewölbe des Himmels, auf einen so elenden dahin schwimmenden Körper befindet, wo man nur durch ein lccht zerbrechliches Bret von gierigen Sceungeheucrn und unendlichen Abgründen getrennt ist! -— Welch eines Elements hat sich dcch unsre Kühnheit bemeistert! Welche Vortheile hac sie sich dadurch zu verschaffen gewußt! Wie groß ist nicht der Mensch, wie erhaben sind seine Kräfte, wie wundervoll ist deren Anwendung! — 163 Myriaden von Fischen umgaben uns. Sie schienen hier beson- ders recht in ihrem Reiche zu scyn. Man hätte manchmal glauben sollen, daß es dem Schifflein schwer werden würde, sich eine Bahn durch ihre Massen zu brechen. Sind in diesem größtcnthcils stillen und ruhigen Meere, wo ewig nur die nämlichen Winde herrschen, die Segel einmal gerichtet, so hat man nichts weiter zu thun; auch wendete jeder Matrose seine müsstge Zeit immer nur dazu an, einige von diesen unzähligen Fischen einzufangen, welche uns umgaben, und wenn sie dabei, was ziemlich selten geschah, einmal glücklich waren, so war die Freude darüber groß. Wir waren so schlecht verpflegt und mußten im Vergleich mit dem, wie wir es doch gewohnt waren, uns so schlecht behelfen, daß eine Makrele, ein Delphin, wenn sie schon kein Leckerbissen von Natur scyn mögen, uns doch höchst schmackhaft schienen und daß ein solcher Fang für uns alle zu einem köstlichen Mahle wurde. Es gab jedesmal ein wahres Fest, denn ich glaube wir hätten Haifische gegessen. Der Himmel mag übrigens unserm theuern Kapicain das ewige Leben schenken für sein Fleisch, seine gesalznen Fische und alles andre elende Zeug, womit er uns regelmäßig zweimal des TageS vergiftete, obschon wir ihm ein enormes Kostgeld bezahlen mußten, wofür er uns den vorcreflichsten Tisch und die bequemste Wohnung versprochen hatte. Aber ein Trog, ein wahrer Düngerhaufen, vier oder fünf große Brode, einige Dutzend alte Hahne, das war die ganze Herrlichkeit. Nun traue ein Mensch auf die Redlichkeit dieser Korsaren! Gott bewahre einen jeden dafür! — In dem abgesonderten Zustande, worinnen wir unS jetzt befanden, machte jede Sache stärker» Eindruck als sonst. Welche Glückseligkeit und Freude war eS nicht, wenn wir, im Verhältnisse wie wir vorwärts kamen, immer von Zeit zu Zeit einen neuen Stern der Hemisphäre unsers Vaterlandes entdeckten und endlich alle Sternbilder Europas wieder fanden. 3ch gab meinem Sohne an jedem Abende unter diesem schönen Himmel Unterricht in der Astronomie und am Tage üble er sich mit dem Kapicain in nautischen Gegenständen. Der letztere entschädigte uns für das körperliche Leiden, was er uns zufügte und wobei er uns so sehr betrogen hatte, durch geistige Nahrung in öftern und langen Vorlesungen, was er wirklich ganz vortrcflich machte. Nach Verlauf eines Monats, den 20. September, erreichten wir unsre mitternächtliche Halbkugel wieder, indem wir den Aequa« tor gegen Mittag fast mit der uns gegenüber sinkenden Sonne zu- * 104 gleich durchschnitten. Wir kamen sehr glücklich durch die nördliche Nähe der Linie, wo cs sonst nie an Windstillen oder Stürmen fehlt. Dort vereint sich die Gluth des' Acquators mit der Gluth des afrikanischen Sandes, um die Natur zu quälen und zu peinigen, welche dann entweder ihre Müdigkeit durch lang anhaltende Windstille äußert, oder unter Regcnströmen und fürchterlichen Donner erwacht. Fünf und zwanzig Tage später passirten wir den zweiten Wen. dekreiS und erreichten die Grenzen der veränderlichen Winde. Wir hatten bas Kap im Winter verlassen und fanden, nachdem wir die heiße Zone der Wendekreise zurückgelegc harten, den Winccr an den Pforten Europas wieder. Ungewittcr standen an den beiden End« punkten unsers Weges — bei der Hinreise waren wir ihnen glück- lieh entkommen, nun gingen wir aber denen der Rückkehr noch entgegen. Wir fanden sie an ihren Posten und zwar mit aller ihrer Heftigkeit. Als wir nach ohngcfähr zwanzig Tagen die Azoren im Ange- sichte hatten, traten vcrändrrliche, jedoch unbedeutende und unsichere Winde ein. Unsere Reise hatte bereits den Charakter der äußersten Langsamkeit angenommen. Man hat dieselbe wohl schon, vom Kap bis nach England in dreißig Tagen zurückgclcgt; gewöhnlich braucht man aber fünfzig. Wir aber hielten nun schon achtzig Tage die See und kamen nun erst in die größer» Schwierigkeiten. Sobald wir die Azoren erblickten, gingen unsere Trübsale an; es begann unsre Marter wo che, wie wir sie nannren. Am ersten November traf uns der erste, allerdings noch sehr gemäßigte Windstoß, das war aber nur ein Vorgeschmack; wir sollten die Sache nach und nach gewohnt werden. Am zweiten war gänzliche Windstille. Am dritten kam der zweite Immer noch erträgliche Windstoß, aber in der Nacht, die überaus finster war, erlitten wir den dritten, der nun ein wahrer -Orkan war. Der Wind sprang mit schrecklichem Sausen von hinten nach vorn. Er pfiff dabei fürchterlich, nahni die wenigen Segel, welche wir halten, von der entgegengesetzten Seite und im Augenblicke war die eine Seite des Schiffes mit reißender Schnelligkeit im Wasser; das Meer erreichte fast den Fuß der Masten. Eine große Menge von den Tonnen der Schiffsladung stürzten jetzt vor und vermehrten durch ihre Schwere die ohnehin schon so bedeutende schiefe Richtung des Schiffes. Glücklicher Weise zerriß der Wind die ihm gänzlich überlassenen Segel, sonst mußten wir finken. Jedermann sah schon 165 dcn Tod tn den Wellen vor Augen. Doch das Schicksal wollte es anders; unser Ständlein war »och nicht gekommen und wir entrannen glücklich dem Untergange. Der Vorfall war demjenigen sehr ähnlich/ wodurch im Jahre 1782, säst in derselben Gegend, die Stadt Paris nebst vier andern Schiffen von 74 Kanonen un- terging. Unser Kapitain und sein Gehülfe, welche nun schon seit zwanzig Jahren auf der See leben, versicherten, daß sie noch kein so heftiger Sturm betroffen habe. Stärker sei er gar nicht möglich, sagten sie. Das Meer war davon ganz weiß und leuchtend, so weit nur das Auge reichte. Dieses Toben deö Windes dauerte drei Stunden gleich stark und dann noch, mit minderer Gewalt, den ganzen vierten November und einen Theil des folgenden Tages fort. Am fünfte» gegen Abend wurde eS erträglicher, aber eö dauerte nur kurze Zeit. Am sechsten wehre den ganzen Tag ein sehr heftiger Wind. Er ve> mehrte sich während der Nackt und trieb uns vor sich her. DaS Meer tobte; es brauste über das Verdeck hin; die Ocsnung, durch welche wir aus unsrer Hütte heraus stiegen, mußte hermetisch verschlossen werden. So waren wir nun unten im Schiffe bei dem düstcrn Scheine einer einzigen Lampe eingesperrt. Es schien die Höhle des Neptun zu seyn, welche bald die Pluloshöhle zu werden drohte. Wir waren buchstäblich unter dem Wasser, dessen Wellen über dem Kopfe zusammen schlugen. Dieser Zustand dauerte Freitags den siebenten fort. Seekrank, wie ich war, hatte ich mich schon lange nicht von meiner Hängematte weggerübrc. Nachmittags um vier Uhr benutzte ich aber einen bessern Moment und versuchte mich nach dem Ausgange un- sers häßlichen Aufenthalts Hinzuschleppen und mich dort ein wenig umzuschrn. Wahrhaftig das Schauspiel war groß, erhaben, impo- nirend, schrecklich; auf dem weiten, von einem glühend rochen, erzürnten Himmel verdunkelten Ldcean thürmten sich unzählige, laut- brüllende, von tiefen Thälern und Abgründen durchschnittene Gebirge empor und bildeten so eine majestätische, das Gemüch mir heiligem Grausen erfüllende Scene. Mit wundervoller Schnelligkeit glitt unsre kleine Barke zwischen zwei solchen beweglichen Bergen hin, deren Ränder sich oft über unserm Verdecke mit einander vermischten und die in jedem Augenblicke sich zu unserm Untergange zu vereinen drohten, indessen lange schlangenförmige Wellen, gleich den Ungeheuern der Fabelzeit, hinter uns Herzogen, in dem Eifer ihrer unablässigen Verfolgung ihre häßlichen Häupter über unscr Schiffchen cmporhoben und sich darüber hinneigten, um gleichsam die Beute näher zu betrachten, die ihnen Immer wieder entging, wobei sie jedoch bald hier bald da ein Stück Holz von dem Öder« theile dcS Fahrzeuges mit fort nahmen. In diesem Zustande war allerdings die Gefahr sehr groß. Man sprach wenig, blickte sich nur schweigend an und ließ so die Zeit hingegen. So viel ist ge> wiß, daß es bei einer einzigen falschen Bewegung des Steuerruders, bei der kleinsten Unaufmerksamkeit, der geringsten Vcrnachläs» sigung, für immer um uns geschehen seyn mußte. Hatte unS eine der furchtbaren Wellen von hinten her erreicht, so waren wir unter ihrer Last versunken und das war es, was wir ganz besonders zu fürchten hatten. Mehr als einmal waren wir schon nahe daran, zu Grunde zu gehen. Die Wellen schlugen mit größter Gewalt und mit einem schallenden Getöse, das dem Kanonendonner glich, auf uns los. Mit Grausen sahen wir, wie die Macht derselben immer mehr und mehr zunahm und ein großer Thcil der Nacht wurde dazu verwendet, uns gegen sie zu verschanzen und Dcrthei« digungsmiicel gegen dieselben anzubringen. Mein Sohn, der sich weder niederlegen noch schlafen konnte, - stieg oft hinauf, um zu sehen wie es gehe und kam alsdann zu mir zurück, da Ich immerwährend in meiner Hängematte liegen blieb. Indem wir nun nickt wußten was wir lhun sollten, um in dieser langen, gräßlichen Nacht uns ein wenig zu zerstreuen und wo möglich zu täuscken, versuchte ich, meinem Sehne einen Äugenblick und zwar einige Worte über ältere Geschichte zu diktiren. Aber ' ans einmal drang eine Welle durch eine der einzelnen Vertiefungen ein und überschwemmte meine Hängematte samt dem Papiere mei« - nes Sohnes. Wir glaubten, daß unsre letzte Stunde gekommen wäre; mein Sohn erfaßte meine Hand und sagte fast scherzend: ' Wenigstens sinke» wir in guter Gesellschaft; wir gehen mit unfern Griechen und Römern hinab. Ich muß eS im Vorbeigehen deiner« kcn, daß ich wirklich bei dieser doch gewiß furckrbarcn Lage, ! mit dem Benehmen meines Sohnes sehr zufrieden seyn konnte. ! Er betrachtete alles was geschah mit Ruhe, verfolgte cs mit Diß« begierde und sprach davon mit der größten Unbefangenheit. Man sieht daraus, wie viel nur einige Monare mehr oder weniger bci unsrer Maschine auömachcn, wie viel überhaupt die Kraft unsrer Muskeln über unsre Empfindungen vermag! Mein Sohn sagte mir in der Lage, worinncn wir unö letzt befanden, mit dem kalten Blute, wovon er mir eben einen Beweis gegeben harre, daß er aus ! der Hinreise nach Sankt Helena am Bord deS Northumberland, vor doch nicht länger als zwei Jahren, die Nächte schlaflos in seinem Bette zugebracht hätte, blos aus Angst, daß das Schiff, während er schlafe, sinken möchte. So schwach er damals war, da eS doch gar keinen Anschein der Gefahr hatte, eben so unerschrok- ken war er jetzt, a'.S der Tod für gewiß betrachtet werden konnte! Es ging dabei so weit, daß sein Benehmen dem. Kapitain unangenehm wurde, der es einen Augenblick lang höchst anstößig fand. Dieser Mann, den wir für einen wahren Mccrwolf gehalten hatten und der, wie es dazu kam, nichts weniger war als das, indem er bei der größten Gefahr seinem Gchülfcn alles überließ und muihlos auf seinem Bette liegen blieb, dort an seine Sünden, vielleicht an die an uns verübten Spitzbübereien dachte — man kenne ja die Frömmigkeit und die Gewissensbisse der Seeleute ln den Stunden der Gefahr — dieser Mensch, sage ich, wurde auf einmal wieder stark, um meinem Sohne eine Scene zu machen, weil er sich erlaubt hatte, Scherzreden zu führen und ein Liedchen zu trällern. Das bieße In der schrecklichen Lage, worinnen wir uns befänden, sich au Gott versündigen. Nur seine Jugend und Unersahrcnheic habe ihm die Gefahr verborgen, in welcher wir seit acht Tagen schwebten, wo es in jeder Minute mit uns aus seyn könne — und darinnen hatte er Recht. Doch das. was man eben gelesen hat, sollte noch nicht das Ende unsrer Gefahren und unsrer Angst seyn. Das Ungewitter dauerte immer fort und schien noch stärker zu werden. Endlich, Sonnabend den 8:cn gegen Morgen, erklärte der Mann, welcher das Steuerruder führte und für den geschicktesten und unerschrockensten von der ganzen Equipaac galt, daß er cs nicht länger über« tnbme Er fange an schwach im Kopfe zu werden und cs könne leicht ein Fehler, den er mache, sehr schlecht sür uns ablaufen. J tzc blieb uns durchaus nichts übrig, als zu treiben, das heißt, dis Schiff gegen den Wind zu kehren; ein höchst schwieriges Wo« nöuvrc in unsrer verzweifelten Lage, bei dessen Ausführung wir sehr Ilichc zu Grunde gehen konnten. Allein die Vorsehung nahm unS abermals in Schutz; cS gelang mit einem seltnen Glück und lameö Dank- und Jubclgescstrci gab uns in unserm untern Raume die Kunde davon. Wir schätzten uns nun höchst glücklich, obschon der eigentliche Unterschied nur darinnen bestand, nun nicht mehr von hinten her, sondern in die -Quere verschlungen zu werden. Doch ist eö allerdings wastr, daß von dem Augenblicke an, wo das Schiff diese veränderte Stellung angenommen hatte, wir unS wie in dem Hafen befanden. WaS mich persönlich betrifft, so halte ich den Beschluß, die Route zu ändern, sehr ungern gesehen, denn unser Lauf nach der Entscheidung unsers Schicksals wurde aus diese Weise ! unterbrochen Allein so wie ich nur etwas ruhiger geworden war, ! hätte nichts ln der Welt mich dahin bringe» können, mich wieder in die Lage zu versetzen, welche wir so eben verlassen hatten. Zn einem so schrecklichen Zustande wie derjenige war, in welchem wir ! so viele Stunden zugedrachc harten, nimmt man am Ende seine ! Pinie, so wie aber das Vertrauen wieder auflebc, dann mag man ! doch nicht von Neuem aufs Leben verzichten. Dieser furchtbare Sturm dauerte nun schon drei Tage; die Woche ging nun zu Eure und ich rechnete sehr aus den Sonntag, der nun bald nndrcchen sollte, nicht bloS weil wir an diesem Tage Mondwechsel hatten, sonccrn weil derselbe uns, seit der Abreise, immer besonders günstig gewesen war. Meine Hoffnung ließ mich auck nicht zu Schanden werden, denn in der Nacht des Sonnabends wurde das Wetter erträglich und am Tage konnten wir unsre Reise sortsetzcn. Es war allerdings ganz sonderbar, daß, seitdem wir das , Kap verlassen harten, die Sonntage sich uns immer höckst glücklich j erwicsrn. Es war ein Sonntag, an dem wir den südlichen Wen« d,kreis durchschnitten und die veränderlichen Winde erreichten; cs war ein Sonntag, au welchem wir Sankt Helena erblickten; ein andrer Sonntag, an d.m wir zu der Znscl Ascension gelangten; wieder ein Sonntag, an dem wir die Linie passirten; ferner ci» Sonntag, da wir über den zweiten Wendekreis hinkamen, so auch ein Sonntag, als wir bei der Höhe von Gibraltar, dem ersten Punkte deS großen europäischen Vaterlandes vorüberschiffren, und endlich geschah cs an einem Sonntage, daß wir die Höhe von Bayonne öder von Bordeaux, wo unser liebcö Frankreich beginnt, wicdersan- dcn, so wie es ein Sonntag war, an welchem sich jetzt unsre schreckliche Woche auf der Höhe von Brest endete. Mir Recht, — so sagte» wir unS einander — konnten wir nun auf einige schöne Tage rechnen. Wir glaubten unfern Tribut theuer genug bezahlt, die Wach der Winde hinreichend erfahren zu habe»; daS Senkblei zeigte europäischen Grund und wir träumten von einer recht glücklichen Beendigung unsrer Fahrt. Eitle Hoffnung! Kaum war der ^ freundliche Sonntag verstrichen, so kam ein fünfter Windstoß. Zn« zwischen befanden wir uns nun schon an dem Eingänge des Kanals, ohne jedoch vorher Kenntnlß von dem nahen Lande gehabt zu haben, weshalb denn auck unsre eigentliche Lage nicht gehörig ein« gesehen werden konnte Die Vorsicht gebot, wieder das Weite zu 16S suchen, doch glücklicher Weise dauerte daS nicht lange, und alS wlr nun unsre Reise wieder sortsetztcn, erblickten wir endlich daS Kap Lezard. Allein wir sollten nun einmal nicht 24 Stunden glücklich verbringen. Es trat ein dicker Nebel ein und der sechste Windüoß traf uns unter den widrigsten Verhältnissen. Er kam von Süden und wir hielten uns sür verloren. Wir kämpften dagegen ohne allen Schutz, von der einen Seite trieb er uns nach dem Kap Lezard, von der andern nach den höchst gefahrvollen Seil!,,-Inseln hin; die Sec ging sehr hoch; unsre Lrtskcuniniß war äußerst gering; die Nacht brach ein und dauerte letzt vierzehn Stunden. Welche Gründe zu der größten Unruhe! Welche Vorstellungen lallten wir uns machen ? Was sollten wir thun? Während der Ve- trübniß, in welche man verfallen war, und des höchsten Grades der Entmutigung kommt jetzt, obschon wir uns in der Mitte des Novembers befanden und cs sehr kalt war, ein heftiger von Donner begleiteter Platzregen, um unS wundervoll zu retten. Der Wind springt plötzlich nach der guten Seite, um für diesmal unsre Verlegenheit zu enden und uns gerade nach drn Dünen hinzuführen, wo wir Anker warfen. Welches Glück, welches tausendfältige Glück, so vielen und schrecklichen Gefahren entgangen zu seyn! Wenn wir späterhin in Tcuscbland die englischen Blätter lasen, fanden wir von jedem Tage die Nachricht sehr großer, zu der nämlichen Zeit und in derselben Gegend geschehener UnglückSsälle. Ein Schiss war gesunken, daS andere gescheitert, ein drittes zur Seite liegend, ohne Masten und irgend ein lebendes Wesen gesehen worden, ein viertes beim Einlaufen noch mit Mann und MauS unter- gcgangen Das Wetter wurde als das allergräßlichste geschildert, die Unfälle waren nicht zu zählen und man muß wie wir in Gefahr gewesen seyn, um sich den Eindruck verstellen zu können, welchen diese Nachrichten auf uns machten, so wie die Innigkeit des Dankes, den wir dabei jedesmal der Vorsehung darbrachten! 178 Reise von der Themse aus bis nach Frankfurt. Zeitraum von zwanzig Tagen. Vom 16. November bis zum 11. Dezember. Wir hatten gestern in den Dünen nur Anker geworfen, um dort die Nacht zuzubringcn. Mit Tagesanbruch segelten wir nach der Themse ab. Die Reise ging gerade auf London los und cs schien, als ob jetzt nichts mehr mich davon zurückhalten könne. Schon rechnete ich die Stunde der Ankunft aus; alle meine Hoff« nungen konnten nun noch in Erfüllung gehen. Ich faßte schon wieder Vertrauen, aber wie sehr betrog ich mich! — Sobald ich in Gravesand angekommen war, wo ein besonderes mit der Polizei über die Fremden beauftragtes Schiff staiionirt Ist, wurde mir, sobald ich nur meinen Namen nannte, von einem Offizianten der Behörde angedcutet, daß ich nicht weiter gehen dürfe und ihm sogleich mit meinen Effekten nach dem Alien-Ship (Fremdenschiff) folgen müsse. Ich mochte dagegen mich setzen, wie ich wollte, eS half alles nichts. Ich zeigte meinen Paß und daß alles in bester Ordnung damit sei-, aber eben dieser war die Ursache meiner Verdammung. Ick habe späterhin erfahren, daß lange vor meiner Ankunft in England diese Maasregel in allen Häfen angcordnct war. So wie ich an Bord des Alien-Ship angekommen war, versiegelte man meine Papiere und sagte mir, daß ich jetzt die endlichen Befehle der Regierung erwarten müsse. Ich hatte im Augenblicke unsrer Ankunft in den Dünen an Lord Vachurir geschrieben und schrieb ihm nun nochmals. Ich wußte zwar nicht, waS 171 er mit mir thun wolle, aber ich hielt für ganz unmögl'ch, daß ihm nickt sehr daran gelegen scyn sollte, mich vor sich erscheinen zu las. sen; besonders siel mir gar nicht ein, daß er sich diese schöne Ge. legenhcic entgehen lassen werde, die Gegen'parchei über alles das zu hören, was in Sankt Helena geschehen war; man wird aber doch sogleich erfahren, daß eben dieses Unerwartete dennoch geschah. Die Verhaftung ausgenommen, wurde ich aus dem Alien-Ship mit aller Art von Achtung behandelt. Der Kapital», der seit dem Frieden nicht mehr viel zu thun halte, kam nur am Tage auf das« selbe und wies mir sein eignes Bette an. Mitgenommen von dieser neuen Widerwärtigkeit, leidend an meinen gewöhnlichen Ucbeln und auS langer Weile, die ich in meinem abermaligen Gefängnisse hatte » legte ich mich zeitig nieder, wurde aber mitten in der Nacht von einer kreischenden Stimme geweckt. „Gras! Graf! — so rufce jemand, der mich überall gesucht und in seiner Eile nicht einmal Licht mitgenommen hatte — eö ist dem Prinz-Regenten gefällig, daß Sie sogleich Großbrittanien verlassen." Halb im Schlafe, wie ich war, antwortete ich: „Wahrhaftig, das ist eine traurige und schlechte Gefälligkeit, welche Se. Königl. Hoheit mir erwiesen. Aber Sie, mein Herr, wer sind denn Sie?" — Er sei Staatsbote oder Bote der Minister, sagte er. Ich verlangte nun, daß er doch die Güte haben und warten möchte, bis ich bereit scyn würde und wollte gern erst aus-chlafen; aber umsonst. Mit Tagesanbruch mußte ich mit meinem Sohne ein Boot besteigen, wir wurden heim, lich fortgeschafft, in eine Postchaise gepackt und so auf dem kürze« sie» Wege nach Dowcr gebracht. Hier sagte mir mein Führer, daß er Befehl habe, mich nach meinem Wunsche entweder an das Paqurtboot von Calais-, oder an daS Paqnetboot von .Ostende ab« zugcbcn; unter diesen beiden Punkten stehe mir die Wahl frei. In Dower fand sich bald aus dem bald aus jenem Grunde, daß wir uns nicht sogleich einschissen konnten und man verkündigte mir, daß cs unter zwei biS drei Tagen nicht geschehen könne. Man sperrte uns in einen Gasthof, woselbst unser Hüter unter der Maske der größten Gefälligkeit, ein höchst niederträchtiges Manöuvre an mir auegchcn ließ. Wenn man sich auf dem Continente über das unedle Betragen der Polizcidiener beklagt, so giebt doch derjenige, mit dem wir jetzt zu thun hatten, hierinnen keinem etwas nach, in welchem Lande man ihn auch suchen wollte. Ich hatte zufällig geäußert, es sei doch unangenehm, daß meine Papiere versiegele mären, well Ich außerdem meinen Aufenehalc benutze haben wurde, einige Briefe zu schreiben. Da sag» er denn, cs sei allerdings sehr hart, mich um diese Beruhigung und sonach um eine Sache zu bringen, die doch so unschuldig und so billig sei. Er nahm jetzt selbst die Sie, gel ab, gab mir alle meine Schriften zurück und ermuchlgte mich, mein Herz bei einer Widerwärtigkeit zu erleichtern, von welcher cr leiser! daS Werkzeug seyn müsse. Das war aber alles nur cme Schlinge, um die Freude zu haben, mir das wegzunehmen, waS ich mit dem in mir erweckten Vertrauen geschrieben harre. Dieser Mensch spielte den Heiligen wahrend der Tage, die cr mir uns znbrachtc, bewies mir jedoch durch hunderterlei Dinge seine ganze chändiichc Natur. So sagte er mir zum Beispiele, daß es sür ibn suud die Setnigcn kein anderes Gesetz gebe, als das Belieben, dcS Prinzen, ferner sprach er von seinem Herrn, dem Lord Sidmouth, Minister des Innern; von seinem Herrn, dem Vor« gängck des Lord Sidmonlh und so fort. Spottend bemerkte ich, wie ich geglaubt hätte, daß er dem Ministerium und nicht dem Mi, nister angchöre; cr antwortete mir aber sehr treuherzig: da sei ich im Irrthum, er gehöre dem Minister zu, denn von ihm bekomme cr seinen Gehalt und dieser könne auch denselben nach Gefallen cinzieben; er fügte noch mehrere Albernheiten dieser Art hinzu, die für einen Negersklaven auf Jamaika allerdings passender gewesen waren, als sür einen weißen Europäer und Bürger von Großbritta- nien, waS übrigens mir ziemlich gleichgültig gewesen seyn würde, wären nur diese edlen Grundsätze nicht, wie man gleich sehen wird, an mir in Ausübung gebracht worden. In dem Augenblicke nämlich, als eben die Abreise statt haben - sollte, sagte mir dieser Mensch, der bisher so artig und nachgebcnd gewesen war, mit einer recht insolenten Miene, es sei nur noch eine kleine Formalität zu vollbringen und indem er sich jetzt meiner Effekten bemächtigte, durchsuchte cr meine ganze Wäsche samt allen ! meinen Kleidungsstücken mit der ängstlichsten Genauigkeit und nahm mir meine sämtlichen Papiere weg, ohne dabei die mindeste Form zu beobachten, indem er sich sogar weigerte, irgend eine Art von Vcrzcickniß darüber aufzunehmen. Ich erhob dagegen lautes Geschrei, ich fragte nach der obrigkeitlichen Behörde, verlangte, daß ^ meine Procestacion gehörig niedergeschrieben würde, aber man gab ^ mir zur Antwort, daß in der Lage, wvrinnen ich mich befände, und da ich ein Fremder sei, ich mich keineswegs auf die Wohlthac der . Gesetze berufen könne, indem ich von derselben ausgeschlossen sei, ! 17Z So mußte ich also abreisten — wobei ich denn folgenden Brief an Lord Sivmouch htnterließ. „Mylord! — Mit inniger Betrübnis gebe Ich mir die Ehre an Ew. Herrlichkeit zu schreiben, weil Ich schon gewiß bin. eine Antwort von Ihnen, wodurch vielleicht mein Begehren gewährt werden würde, nicht mehr erhalten zu können. „Seit vier Tagen befinde Ich mich in den Händen Ihres Boten, der sogleich de! seiner Ankunft die Siegel von meinen Papieren abnehmen ließ und mir sagte, daß ich frei damit schalten könne. Seitdem hat er mich schreiben sehen und mich selbst dazu crmu- thigt, im Augenblicke der Abreise aber in Ihrem Namen mir meine sämtlichen Schriften bis aus das kleinste Blättchen weggenommen. Einen Fallstrick dieser Art, Mylord! darf ich wohl niemand höherem zutrauen, alS dem Menschen, der ihn mir gelegt hat. Er verstand nichts als Englisch und hatte noch einen zweiten bei sich, der sich dafür ausgab, daß er etwas französisch verstehe, mithin alle meine Schriften lesen und dann an sich behalten wollte. Er würde acht Tage Zeit dazu gebraucht haben und zudem glaubte ich nicht, daß ein bloßer Particulier das Recht dazu habe. „Man hat mir alles genommen, Briefe, Noten, Studkenhefte meines SohneS. Urkunden, welche mein Eigenthum betreffen, geheime, mein Hauswesen angehende Schriften, offizielle Aktenstücke von Sir Hudson Lowe und Charles Somerset, mein Tagebuch, sogar einen Brief an den französischen Polizeimlnister und einen andern an meine Frau, die ich hier bei meiner müssigcn Zeit schon dikcirt hatte, um sie bei meiner Ankunft in Ostende sogleich abscn- den zu können. Man hat mich von diesen Schriften getrennt, ohne darüber ein Invevtarium aufnehmen, ohne sie unter Nummern bringen zu wollen und man sagte, es geschehe auf Ew. Herrlichkeit ausdrücklichen Befehl. In den ersten Augenblicken meines Unwillens habe ich gegen eine solche Eewaltthäcigkcic Protest!«. Ich verlangte, daß eine obrigkeitliche Person ein Protokoll über meine Beschwerden aufnehmen möchte, will aber die Antwort hier verschweigen, welche ich darauf erhielt. „Als ich dann zu ruhiger Besinnung kam — ich, der nichts so sehr verabscheue, als seinen Namen bei öffentlichen Diskussionen nennen zu hören — dachte ich darüber nach, wie unmöglich cs doch sei, daß Ew. Herrlichkeit eine solche Abweichung von aller in der 12 174 ganzen Welt eingesührcen rechtlichen -Ordnung befohlen haben könn- ken, indem die Behörde sich doch überall sicher stellt, daß derjenige,, gegen den man auf solche Weise verführe, nicht sagen könne, daß man ihm irgend eine Schrift genommen, oder untergeschoben habe. Ich beschrankte mich daher nunmehr auf die dringende, mit einer Menge von Gründen unterstützte Bitte, daß er, der Bote, der über mein Schicksal zu gebieten hatte — meiner Abreise noch so lange Anstand geben möchte, bis ich an Ew. Herrlichkeit geschrieben und er selbst die Bestätigung seiner strengen Anordnungen nachgesucht haben würde. Allein dieser Mensch, der meine Reise drei Tage lang, aus ganz unbedeutenden Ursachen, verzögert hakte, war bei einem so wichtigen Grunde doch schlechterdings nickt dazu zu bewegen. Umsonst sagte ich ihm, daß ich durchaus nichts dagegen habe, daß alle meine Schriften von vertrauten Personen, welche Ew. Herrl. dazu ernennen möchten, gesehen würden, daß eS aber selbst in Ew. Herrl. Interesse sei, dabet gewisse Formen zu beobachten, so wie daß meine Gegenwart bei Durchsicht der Papiere von Nutzen, wenn auch nicht durchaus nothwendig wäre, damit ich Auskunft über manche Dinge geben könne, welche man sonst gar nicht verstehen würde, er aber auf diese Weise meine Person auf den Concinent, und dagegen meine Papiere nach London schicke, als wodurch leicht Mißverständnisse statt haben könnten, statt daß ln vier und zwanzig Stunden alles ins Klare zu bringen seyn würde. Er antwortete mir ganz kalt, ich brauche mich darüber nicht zu beunruhigen, ich könne ja, wenn es nüthig wäre, leicht von dem Continente zurück« kommen; Sie würden dabei die Kosten bezahlen. Was für Hän> den, Mylord! haben Sic mich übergeben? — Außerdem ist cs gewiß auch gegen Ihre Absichten geschehen, daß ich genölhigt war, meinem Wächter, wegen der groben Beleidigungen, die er gegen den großen Mann ausstieß, den ich über Alles hoch schätze, Schwel« gen zu gebieten. „Kurz, Mylord! ich bin von dem Augenblicke an, da Ich dies Land betrat, wie rin Missethäter behandelt worden. Und wer« innen besteht denn mein Verbrechen? In einer Verschiedenheit mei« ncr politischen Meinung und einer freiwilligen Gefangenschaft in Longwood. Etwas anders kann ich nicht glauben! Aber ist diese letz« tere Handlung nicht vielmehr eine der edelsten, der großmüthigsten, der ehrenvollsten, so daß wohl jedermann in seinem Herzen darauf stolz seyn könnte! Mylord! ich bin sest überzeugt, Sie können bei dem sanften Charakter und dem natürlichen Sinne sür Recht, den man Ew. Herrl. beilegt, zu der Behandlung, welche mir wieder« fahren ist, nicht Auftrag ertheilr haben. Ich habe darauf brstan. den und es endlich auch durchgesetzt, mein Siegel den mir wegge- nominellen Papieren aufdrücken zu dürfen, nicht um mich gegen Ew. Hcrrl. damit zu verwahren, sondern, in Ihrem eigenen Interesse, im Gcgenthctle zu verhüten, daß von Ihren Agenten kein Verstoß gegen die Formen verübt werde» solle. „Was mich selbst betrifft, so bitte ick Ew. Herr!., nichts über meine Papiere zu verfügen, ohne von mir die Erläuterungen erlangt zn haben, welche Sie vielleicht darüber wünschen möchten. Sie werden dadurch vollkommen befriedigt werden, und ich erkläre im Voraus, daß darunter nicht das Mindeste ist, was nicht — wenn auch die Verschiedenheit der Meinung und des Gefühls noch so auffallend wäre — gerichtliche Prüfung oder freundliche Erörterung zuließc. Man wird darinnen nichts interessantes über Staatsangelegenheiten und kein politisches Gcheimniß finden. Ich habe nie etwas der Art besessen und wäre eS der Fall gewesen, so hätte ich schon längst Gelegenheit gehabt, es auf die Seite zu bringen. „Hier dürfte es vielleicht am rechten Orte seyn, auch derjenigen Papiere zu gedenken, welche man mir auf Sankt Helena samt vielen andern Dingen zurückbehalten hat, als weshalb ich mich an Ew. Hcrrl. oder an Lord Bathurst zu wenden haben werde. Allein bei der Kürze der Zeit, die man mir nur läßt und bei der durch so unvorhergesehene und so schnell eintretende Verhältnisse entstandenen Verwirrung meiner Ideen, sehe ich mich genöthigt, dies noch zu verschieben. „ Ich werde ängstlich auf eine Antwort von Ew. Hcrrl. warten. Wo ich sie erhalten werde? Vielleicht in Brüssel, wenn man mir den Aufenthalt daselbst gestattet. Ich habe die Ehre u. s. w." Man warf mich nun In ein Pakrtbook, womit ich nach -Ostende segelte, und dg ich mir einmal erlaubt habe, dann und wann von meinen physischen Leiden zu sprechen, so will ich hier gedenken, daß so viel ich auch während der langen Fahrt von hundert Tagen aus- gcstanden halte, ich doch, wenn schon das Wetter nicht übel war, noch seekranker als damals wurde, waS man vielleicht höchst lächer- sich finden wird. Am folgenden Tage erreichte ich Ostende und man ließ mich ohne Widerrede landen. Schon glaubte ich am Ende meiner Leiden zu scyn und meine Freiheit wieder erlangt zu haben; aber Ich betrog mich abermals. Jetzt begannen Verfolgungen anderer Art; doch darf ich in keinem Falle mich über die ersten Momente beklagen. Es kam, ohne daß ich weiß, wie man mich erkannt hatte, ein Beamter der Lokalbehörde zu mir in das Wirthshaus, um mir zu sagen, er habe Befehl, mich unter Aufsicht zu halten und fühle sich hierbei verpflichtet, mich zu fragen, wie ich wünsche, daß dieser Formalität Genüge geleistet werden möchte. Seit langer Zeit schon war ich nicht mehr an eine so höfliche Manier gewöhnt. Ich be- ! merkte das sogleich, mit dem Hinzufügen, daß ein solches Verfahren ! bei mir hinreiche, um mich mit vollem Vertrauen dem hinzugcben, was er über mich verfügen wolle. Seine Höflichkeit führte die Verlängerung eines Gesprächs herbei, worauf er recht begierig zu ^ seyn schien und bald sagte er nun, er müsse mir doch eine Frage ! vorlegen, die allerdings vielleicht unbescheiden oder übel angebracht zu seyn scheine, er könne aber dem Verlangen nicht wiederstehen, zu erfahren, ob cs den» wahr sei, daß ich Napoleon verlassen hätte, weil das Unglück diesen in dem Grade erbittert habe, daß eö unmöglich sei, ferner bei ihm zu leben. Die englischen ministeriellen ! Blätter hätten hundert Fabeln über mich enthalten, von denen im- ! mer eine lächerlicher sei, als die andere. Ich antwortete ihm lächelnd: „Mein Herr! wenn mir von Napoleon das geringste Leid wiederfahren wäre, wenn ich den geringsten Grund zur Beschwerde gegen ihn hätte, so würden Sie jetzt schwerlich eine Aufsicht über mich zu führen haben; ich würde wohl nirgends solchen Mißhandlungen ausgrsetzt seyn." Das sei — rufte er jetzt aus, indem er sich die Stirne rieb — eine Antwort, die er sich allerdings lclckr selbst hätte geben können und er zeigte sich von nun an noch lieb, reicher gegen mich. Da er übrigens von mir vernahm, daß ich die Absicht habe nach Brüssel zu gehen, so legte er mir keine andere Bedingung meiner vollkommenen Freiheit auf, als daß ich nicht ohne sein Vorwissen abreisen möchte, wobei er zugleich versicherte, daß binnen vier und zwanzig Stunden schon ein Beschluß über > mich eintressen müsse, da rin Kourier an den Gouverneur der Provinz abgefertigt worden wäre, der schnell zurückkehren und mir wahr- schrinlich die Nachricht von meiner völligen Freiheit mitbringen würde. Ich wendete diesen Zwischenraum dazu an, an die Polizeiminh ster von Frankreich und den Niederlanden I» Betreff meiner gegenwärtigen Verhältnisse zu schreiben. „Mein Herr Gras! 2ck glaube wohl daran zu thun, so sagte ich i» meinem Briefe an den französischen Polizeiminister, wenn ich sofort nach meiner Ankunft auf dem Kontinente Ew. Excellenz von meinen Verhältnissen näher unterrichte und ich hoffe, Dieselben werden meine Bewezungögründe hierzu billigen. „Seit einem Jahre — denn so lange ist es nun schon her, daß ich plötzlich von Longwood fortgcrissen worden bin — irre ich als ein Gefangner von einem Gestade zum andern. Bei meinem Einlaufen in die Themse wurde mir angcdeutec, daß ich augenblicklich nach dem Kontinente abreiscn müsse, cs ward mir jedoch nur die Wahl zwischen Calais und Ostende gelassen. „Zartgefühl und Vorsicht befahlen mir, Ostende den Vorzug zu geben. Vor allen andern Staaten war eigentlich Frankreich derjenige, wo cS am natürlichsten schien, über mein Wiedererscheinen zu wachen. Ich wollte Ihrem Departement, Herr Graf! diese Mühe und mir selbst die Unannehmlichkeiten ersparen, die hieraus für mich entstehen konnten. Diese doppelte Betrachtung nun hat . mich zu dem schreckliche» Entschlüsse bewogen, mich selbst freiwillig zu verbannen. Noch ein anderer Bcwegungsgrund hat mich hierbei ! geleitet, nämlich die Leichtigkeit, womit ich, wie ich wenigstens hoffe, ^ (weit entfernt von aller Politik und nur noch den Anregungen meines persönlichen liebevollen Gefühl, auf ganz legalem, nach den englischen Reglements völlig zulässigem Wege und selbst unter Couverc der englischen Minister) dem unschuldigen Märtyrer in Longwood einige tröstende Erleichterungen von hieraus zukommen lassen kann. Die Erfüllung dieser frommen und heilige» Pflicht würde mir in Frankreich vielleicht falsch auögelegt worden seyn und gerechten ^ Widerspruch erfahren haben. ! „Ick glaube, Herr Graf, daß diese natürliche und freimüthige Auseinandersetzung den ungünstigen Begriff vernichten wird, den Ihnen die Umstände von mir gegeben haben könnten. Ich ver- ! folge diese nämliche Absicht, wenn ich mir die Freiheit nehme, einen ! offnen Brief an meine Frau hier bcizuschließpn und es dabei wage, Ihre Güre für dieselbe i» Anspruch zu nehmen, um, insoweit sol§ i ches von Ihrem Ministcrio abhängt, derselben zu der Theilnahme I an meinem freiwilligen Exil behülfiich zu seyn. Genehmigen Sie re." ! An den Polizeiminister der Niederlande schrieb ich, dass man ! gtwöhnlich der Aufsicht zu entgehen suche, ich aber im Gcgenthcll I ihn um die seinige bitte. Ick wiederholte, waö man in dem vor- ! stehenden Briefe über meine Behandlung aus der Themse gelesen 178 hat und daß ma» mich auf den Kontinent herüber geworfen habe, ohne mir einen Grund davon anzugeben, oder mich irgend einer Uebclthat beschuldigen zu können. Ich unterrichtete ihn ferner, daß ich an den französischen Poli- zciminiftcr geschrieben hätte, um diesem die Gründe bemerklich zu machen, welche mich zu einer freiwilligen Verbannung bestimmten. Ich schilderte ihm meinen traurigen Gesundheitszustand und wie beunruhigend auch das Befinden meines Sohnes sei, nachdem wir eine Fahrt von hundert Tagen auf einem sehr kleinen Schiffe zu. rückgelegt hatten, erwähnte hiernächst, daß mir der Aufenthalt niest ner Frau und aller der Mcintgen unbekannt wäre, daß ich zudem nicht wisse, wie es mit meinen häuslichen Angelegenheiten stehe, und bat ihn, aus allen diesen Gründen mir auf einige Tage den Aufenthalt zu Brüssel zu gestatten, damit ick-Odem schöpfen. Nach» richten einziehen, meine Frau kommen lassen und die Hülfe der Acrztc daselbst benutzen könne. Vielleicht daß in dieser Zeit das englische Ministerium , dessen Härte und Ucbercilung durchaus von einem Mißverstände herrührcn müsse, sich desönne, mir zu gestalten, meinem Verlangen gemäß, bei der Durchsicht meiner von ihm weg» genommenen Papiere in Person gegenwärtig zu scyn. Ick bin es den Pflichten der Gerechtigkeit und des Dankes schuldig, nicht unbemerkt zu lassen, daß mein Brief an den Polizei» minister von Frankreich doch wenigstens, sobald die Gelegenheit dazu sich zeigte, diejenige Wirkung halte, die man von einem Manne von gutem Ton erwarten kann. Anders verhielt cs sich bei dem Nie» dcrländischen, der mir blos durch Gendarmen antwortete. Es wurden nach allen Seiten hin Befehle erlassen mich aufzusuchen, denn man glaubte schon meine Spur verloren zu haben. Dir Erlaubniß des Gouverneurs zu meiner Abreise traf, wie der Beamte welcher mir der Aussicht über mich beauftragt war voraussagte, sehr bald ein und Ich säumte nicht, sogleich davon Gebrauch zu machen, wählte jedoch hierzu, wegen meines leidenvolleo Zustandes die bequemste, wenn auch gemeinere und langsame Gelegenheit, auf einem Kahne, was man gar nicht erwartete. Man suchte mich schon weit von Ostende, als ich mich noch beinahe an den Thoren der Stadt befand. Mein Zutrauen und meine Sorglosigkeit hatte alle Welt irre gemacht. Man wußte mein Signalement noch nicht so genau und war daher in großer Verlegenheit mich zu finden, aber ich zeigte mich sogleich selbst willig und bereit, dieser Angst ein Ende zu machen und mich, wie man zu sagen pflegt, dem Wolfsrachen zu überliefern. 179 Nach einer dreitägigen Reise kam ied sehr spät in Brüssel an. Es war meine erste Sorge, zn der Polizei zu schicken, Nachricht von meinem Eintreffen zu geben und anzufragen, welchen Beschluß der Minister, auf den von Ostende auö an ihn gerichteten Brief, in Betreff meiner gefaßt habe? Die großmürhtge Erwiederung meines unschuldigen Vertrauens bestand darinnen, daß man mich sofort in meinem Gasthose einspcrrce und mit Ungeduld den An» bruch des TageS erwartete, um mir zu sagen, daß ich ohne den mindesten Verzug die Niederlande verlassen solle. Ich war sehr krank, hatte Fieber und bat dennoch vergebens, daß man so mitleidig seyn und mir nur einen Tag überden Aufenthalt gestatten möchte. Gewiß, es mußte sehr großen Nachtheil bringen, mich in Brüssel zu lassen, oder man mußte sehr geneigt seyn, mich auf eine barbarische Weise zu behandeln, denn man gab mir keine Stunde Zeit. Ich wurde in einen Wagen, zwischen einen Polizeicommissar und einen Gcndarme geworfen und so hinaus auf die Heerstraße gecrir» den. Die nunmehrigen nähern Zeugen des Zustandes, in dem ich mich befand, empfanden Mitleid und willigten darein, noch einige ! Stunden anzuhalcen, damit ich ein wenig ruhen und mich verbinden ^ lassen könne; jedoch immer nur unter der ausdrücklichen Bedingung, daß ich am folgenden Morgen in aller Frühe in Begleitung der hierzu bestimmten Aufseher weiter reisen müsse, was denn auch treulich vollbracht und allen Zeugnissen und wiederholten Vorstel« lungen der Aerzte zum Trotz, von Stade zu Scadt so fortgesetzt wurde. Bei dieser schrecklichen Behandlung glaubte ich mich nun an den französischen Gesandten In Belgien wenden zu müssen. Er würde, so dachte ick, gewiß nicht ermangeln, sich gegen ein solches Verfahren kräftig zu erheben, denn ohne allen Grund und unter Verletzung aller gesetzlichen Ordnung so mit einem Franzosen um» zugehen, der unter seinem Schutze stand, war doch offenbar eine seinem öffentlichen Charakter wiederfahrne Beleidigung. Ich gab ihm daher von den Plagen und dem barbarischen Ver» fahren Kenntniß, das man gegen meine Person nur eben ausgeübc hatte, indem ich ihm sagte, daß ich im Augenblicke meiner Landung zu Ostende dem französischen Polizeiminister die Gründe, durch welche ich mich bewogen sähe, im Auslande zu bleiben, mitgccheilr, zu gleicher Zeit aber auch den Minister der Polizei in den Nieder» landen schriftlich ersucht hätte, mir ganz kurze Zeit den Aufenthalt in Brüssel zu gestatten. Als ich nun in nu lenanncer Stadt des Abends sehr spät, frei und ohne Aufsicht a gekommen wäre, sei es mein Erstes gewesen, Sr. Excellenz hiervon Nachricht zu geben. 180 Hierauf Härten mich denn am folgenden Morgen noch vor Tagesanbruch plötzlich vier Menschen von der Polizei mir zwei Gendarmen aus dem Schlafe geweckt und meines Krankheiczuftandcö ungeachtet mir angedeutct, daß ich sogleich abreisen müsse. Umsonst sei von mir ein Arzt erbeten worden, der die Nothwendigkcic meines länzcrn Verweilens bestätigen sollen. Man habe mir gesagt, daß man, um der Form Genüge zu leisten, dies wohl zugestchcn wolle, daß ich aber dennoch, welcher Meinung auch der Arzt scyn möchte, fort müsse. Man habe mich nun auch wirklich wie einen Misse« thätcr und halbtüdt durch einen Polizeiofftzier mit einem Gendarmen nach Louvain tranüporcirr. AlS ich des Nachts noch kränker dorr angekommen, mit Zugpflastern bedeckt und vom Fieber befallen gewesen wäre, deshalb aber den folgenden Tag gern rasten mögen, sei der Bürgermeister so unmenschlich gewesen, mir meine desfalisige Bitte, drei in den stärksten Ausdrücken abgefaßter Erklärungen der Llerzte ungeachtet, abzuschlagen. Er habe selbst nicht einmal die Bitte gewährt, daß der Arzt mich wenigstens in meinem Wagen anstatt des Gendarmen, der zu Pferde folgen sollte, begleiten dürfe, und nur so viel erlauben wollen, daß der Arzc in einem zweiten Wagen mitfahrcn könne, was ohne Zweifel nichts als Spott gewesen wäre. Ich fügte hinzu, ich sei überzeugt, daß eine solche Behandlung nicht von ihm kommen könne, obschon bei den obwaltenden Verhältnissen er allein das Recht habe, über mein Schicksal zu verfügen, und zu vertraut mit der Gesinnung unsrer Nation, als daß ich nur einen Augenblick glauben möchte, seine Instruktion würde die Aechtung eines Menschen fordern, gegen welchen kein Grund und kein Gesetz zu einem solchen Verfahren vorhanden sei. Alle diese Mißhandlungen, welche ich erleiden müßte, würden mir mithin von den Behörden des Landes zugefügt, in welche!» ich gleichwohl eigentlich nur als ein bloßer Reisender zu betrachten wäre, ich könne Mithin wohl fragen, worinn mein Verbrechen bestehe und welches Recht sie über meine Person hätten? Schlüßlich legte ich meine Angelegenheit, wobei- er vermöge seines Postens mein natürlicher Beschützer sei, in seine Hände, und um ihn noch mehr für mich zu gewinnen, gab ich ihm Nachricht von Frau von Vertrand, der Schwester seiner Gemahlin, von welcher ich nur erst bei meiner Abreise von Dower Briefe erhalten hatte, mit den hinzugefügken Erbieten, daß wenn Frau von Latour du Pin ihrer Frau Schwester etwas zu sagen haben sollte, was letztere sehr glücklich machen würde, ich solches mit dem größten Vergnügen bestellen wolle, da ich 161 gesonnen wäre, Ihr regelmäßig alle Monate auf dem nach den eng» Uschen Reglements zulässigen Wege und selbst unter dem Einschlüsse der Minister zu schreiben. Se. Exccllenz ließen diesen Brief unbeantwortet. Alle Verwendung war ohne Zweifel vergebens. So kam denn vielleicht die Veranlassung oder gar der Befehl überm Meere her. Rastlos setzte ich nun, geschleppt von Stadt zu Scadt, von Commissair zu Commissair, von Gendarme zu Gendarme, meine Reise durch die Niederlande fort und wenn ich zuweilen fragte, was denn nur der Grund einer so harren Behandlung seyn könne? so war die ganz einfache Antwort, man habe -Ordre, wie denn auch in der Thac Niemand ein Mehreres zu wissen schien. Bei meiner Ankunft zu Aachen, auf preussischem Gebiete, übergaben mich die niederländischen Agenten wie einen Ballen Waare gegen einen Empsanzschcin; die Preußen schafften mich nunmehr, gleichermaßen von Post zu Post, von Commissair zu Commissair, von Gendarme zu Gendarmc eiligst weiter und wenn ich auch sie fragte, warum das geschehe, so antworteten sie ganz witziger Weise', sie wüßten es selbst nicht, aber man habe mich ihnen ins Land geworfen, da würfen sie mich denn wieder hinaus. Bat ich, bleiben zu dürfen, so erwiederten sic sehr höflich, sie möchten mich auf ihrem Gebiete nickt haben, und freundlichae- sinnte Menschen — man wird sehen, daß ich solche überall fand — raunten mir ins -Ohr, ich möchte dafür den Himmel danken und mein Glück ja benutzen, denn es wären schon französische Verbannte vor gar nicht langer Zeit bis an die Ufer des baltischen Meeres sortgeschleppt und dort in die Festungen cingcspcrrt worden. Ich erklärte jetzt, daß ich nach Frankfurt zu gehen wünsche; das schien meinen Wirthen, den Herren Preusscn, angenehm zu seyn, denn, so sagten sie, das gehe ihnen dann weiter nichts an , und mir war es, nach dem was ich eben gehört hatte, meinerseits auch sehr lieb. Ich habe nun, wenn auch nur mit sehr schwachen Farben, die mir wiederfahrne rohe und grobe Behandlung samt dem Kummer und den Leiden, welchen ich dadurch preißgegeben wurde, geschildert; nun wäre cs unbillig und undankbar und ick würde mich selbst um rin Vergnügen bringen, wenn ich die Vergeltung unerwähnt ließe, die ich dafür überall fast bei jedem Schritte erhalten habe. Meine Geschichte halte vielen Lärmen gemacht, sie war sehr weit verbreitet und ging mir voran; die öffentlichen Blätter sprachen davon. Man wußte, wem Ich gefolgt war, wen ich halte pflegen k. CaseL Tageb. ia. DV- 13 wolle«, für wen ich leiden mußte, und bestrebte sich, mir den Dank dafür auszudrückcn. Mit Wohlwollen und Freundschaft drängten sich die Menschen aus allen Klassen zu mir. Man scheute sich nickt mir seine Liebe offen zu zeigen, und von andern Seiten kamen auch geheime Anerbietungen. Da gedachte ich der Worte Napoleons, wie ich schon oft Gelegenheit gehabt hatte, mich ihrer zu erinnern: „Meine lieben Freunde, wenn Ihr einst nach Europa zurück kommt, so werdet 2hr sehen, daß ich auch noch von hier aus Kronen ertheile." Und giebt cö wohl etwas Reineres und Süßeres als die Achtung, die Liebe und Freundschaft von Menschen, die man nie gesehen hat, denen man ganz unbekannt ist. Welche Hand, sei sie auch noch so allmächtig, kann Gaben dieser Are verleiben? — Ich fand diese Gesinnungen gegen mich in den Gasthäusern, wie auf der Heerstraße und überall. Die Postillons, die Gendarmen und wen ich nur auf meinem Wege traf, alle wendeten sich mit einer Art freudigen StolzcS an mich. Der Eine sagte: Ich habe bei der kaiserlichen Garde gedient; ein Andrer: Ich war französischer Gendarmc; ein Dritter: Ich bin Soldat unter Napoleon gewesen. Diese Erinnerungen und das daraus fließende Wohlwollen zeigte sich in allen diesen Staaten und unter allen Ständen. Zweimal erhielt ich in Belgien das Anerbieten, daß man mich befreien wolle; alles, lies man mir sagen, sei genau berechnet. Das war ganz der nämliche Fall wie mit dem amerikanischen Kapital» auf dem Kap; ein Vorschlag, den späterhin noch zwei Engländer wiederholten, die mich gar nicht kannten, und welche entschlossen waren, von London nach Frankfurt zu kommen, um mich dorr wegzuholen, weil sie sich daselbst meine Lage schlimmer Lachten, als sie war. Allein meine Antwort blieb immer die nämliche: Wozu soll das helfen? Warum sollte ich meine gerechte Sache verderben ? Diese sorgliche und zarte Thcilnahme erstreckte sich selbst bis auf die Diener der Behörden. Einer derselben, dem die Aufsicht über mich anvcrtraut war,.erbot sich dennoch, jede Schrift, die ich ihm anvertraucn wolle, richtig zu bestellen. Ich benutzte dieses Anerbieten, weil ich selbst in dem Falle, daß darunter eine noch so böse Absicht verborgen war, doch nichts zu befürchten hatte, um einer sehr ausgezeichneten Person in England eine etwas stark abgefaßte Note von sechs Zeilen zuzusenden, worinnen ich die mir seit einem Jahre von den englischen Ministern wicderfahrne Behandlung schilderte und dabei bac, sie, wo nur immer möglich, in öffentliche Blätter einrücken zu lassen. Ick fügte den Auszug des Briefes 1K3 vom Kaiser bei, von welchem ich mir hatte Abschrift nehmen dür- sen und bemerkte, daß ich mich dieses Briefes fortan im Stillen erfreut haben würde, wenn nicht alberne und höchstbeleldigendc, in den Zeitungen verbreitete Lügen es mir zu einer Pflicht machrcn, ihn bekannt werden zu lassen, überließ jedoch das Ganze seiner eignen klugen Beurtheiiung. Wie groß war nun meine Verwunderung, als ich am dritten Tage darauf alles wieder in den niederländischen Zeitungen las! Es betrübte mich tief! 2n meinem Charakter lag eS gar nicht, so vielen Lärmen zu machen, vorzüglich war ich darüber außer mir, daß der, an den ich mich in England wendete und der mich gar nicht kannte, nun meinen Brief geradezu durch den Druck erhielt, eine Sache die gar nicht in meiner gewohnten Handlungsweise lag. Ich begriff ganz und gar nicht, wie das alles sich so hatte gestalten können. Nachher habe ich erfahren, daß mein Vertrauter sich aus Uebermaaßc des Eifers mit drei bis vier Personen von gleichen Gefühlen vereinigt hatte, und daß diese, nachdem sie meine Arbeit in einem Convcntikelcben gelesen, den Beschluß gefaßt, statt die Zeit damit zu verlieren dieselben nach England zu schicken, wo man vielleicht gar keinen Gebrauch davon mache, sic sofort und gleich an -Ort und Stelle zu veröffentlichen, wo sic allerdings auch das größte Aufsehen erregte. Doch gereichte sic mir trotz der Unannehm lichkeit, die ich damals darüber empfand, durch Zufall später zu», größten Nutzen. Aber enden würde ich nie können, wenn ich hier alle die rührenden Züge in Bezug auf mich, alle Anerbietungen jeder Art an Geld, Kleidern u. s. w. aufzahlen wollte, denn selbst Leute aus den gemeinern Volksklasscn drängten sich herbei um ihre Gabe zu dringen. Einer davon drang mit Gewalt bis in mein Zimmer, aus dem ihn die Gendarmen wieder zurückrisscn und rief mir zu, daß er nur zwei Kleider habe, aus meiner Scacur aber wohl erkenne, daß er mir mit dem zweiten mehr dienen werde, daß er es also verkaufen und mir das Geld dafür zum Fenster herein werfen wolle. Welche Leiden, welche Dualen wurden nickt durch die Empfindungen vergütet, die solche Thatsachen in einem Herzen erwecken müssen?! 2n Kölln mußte ich jedoch vier und zwanzig Stunden liegen bleiben, so krank war ich. Aber auch dieser Zuwachs von Schmerzen gereichte mir zum Glück. 3ch schlief nämlich eben im Bette, als der Lohnbediencc mit dem Ausbruche der Freude bercinstürzte, die man selbst empfindet und andern zu verschaffen überzeugt ist, 184 wenn man eine gute Nachricht bringt. Er meldete mir meine Eat. ein. Ich hatte nicht einmal erfahren können, ob sie noch lebte. So glaubte ich jetzt falsch gehört zu haben, vermeinte zu träumen. Die Thüren öffneten sich, sie war cs! Die arme unglückliche Frau war in der strengsten Jahreszeit, mitten durch Schnee und Regen, schon lange nach mir herumgereist, ohne mich irgendwo antrcffen zu können. So bald sie aus den Zeitungen meine Ankunft in Europa und meine Deportation nach -Ostende erfahren, hatte sie sich sogleich aus den Weg nach dieser Stadt gemacht und erst am Thore derselben erfahren, daß ich bereits abgereist sei. Sie folgte mir nun auf der Spur der Verfolgungen und Dualen, die man über mich verhängt hatte, nach, wovon jedermann unterwegs, ja selbst die Vorüberreisenden sie unterhielten, oder die sie an jedem Morgen in den Zeitungen las. klebrigeres war sie selbst überall und allgemein mit dem Interesse, dem Wohlwollen, der Sorgfalt,-der Innigkeit ausgenommen worden, wie man es mir mir gezeigt hatte. Längere Zeit hindurch begegnete ihr der schmerzliche Unfall, daß sie stets nur einige Stunde hinter mir bleiben mußte, ohne mich je erreichen zu können, bis endlich mein zufälliges Verweilen in Kölln sie in meine Arme führte. Ende des Uten Bändchens.