*4062 0L7 01 D i e Verlobten. Geschichtlicher Romait v on Alessandro Manzoni. Deutsch von Eduard von Bülow- Erster T h e i l. Leipzig, bei C. H. F. Hartman«. 1 8 2 8 . Die Verlobten von Aless andre M a n z o n i. Erster T h e i l. Ew. Excellenz befreundeten die deutsche Nation durch anerkennende, wohlwollende Worte, mit dem Geiste eines aufstrebenden, ausheimischen Dichters. Allgemeine, ihm deshalb gewordene, Aufmerksamkeit veranlaßte, die Würde des neuen Kunstwerkes, was der Künstler der Welt bescheerte, bestimmte mich, cs unserer Nation darzubieten. Wage ich, es zuvörderst in Ew. Ercellenz Hand zu geben, diese Uebersetzung Ihnen ehrfurchtsvoll zu widmen, so geschieht es aus Rücksicht für den Verfasser; daß auch diesem feinem Geisteswerke die Sonne Ihres Namens vorleuchte- Mögen Ew. Excellenz, möge die Welt meine Kühnheit nach solchem Beweggründe richten. Ew. Excellenz tiefster Verehr«: Der U ebersetz er. rHi« ! Mt Wdi Sr. Excellenz dem Herrn Staatsminister Ioh> Wolfg. von Goethe, wirklichem geheimen Rache, Großkreuz des Kaiserlich Russischen St. Annen Ordens, des Civil - Verdienstordens der Bayerischen Krone und des Großherzoglich Sächsischen weißen Falkenordens, des Kaiserlich Oesterreichischen St. Leopoldcrdens Comthur, der Königlich Französischen Ehren-Legion Offizier w. MEW M od a» »ditÄSUi «f, ui ti, ^ Ett jl Ütldg^ ; Die Verlobten. Erstes Kapitel. D)er Theil des Comersees, welcher sich mittagwarts zwischen einer ununterbrochenen Hügelreihe hindurch- wmdet und eine Menge kleiner Busen und Golfe bildet, zieht sich plötzlich mit den Betgett zusammen und erscheint als Strom, dem zur Rechten ein Vorgebirge, zur Linken ein Fluß. Eine Brücke verbindet die beiden Wasser und gerade bei ihr hört der See auf, und die Adda beginnt, Um späterhin wieder See zu werden, wo die Ufer sich von neuem von einander entfernen und abermalige Buchten und Golfe entstehen. Der Fluß entspringt aus drei Gießbachen Und lehnt sich an die Rücken zweier benachbarter Berge. Der eine ist der Sankt Martinsberg, der zweite heißt im Lombardischen Dialekte II UesoZons, wegen der vielen, kleinen Spitzen, die ihm wirklich Achnlichkeit mit einer Sage geben. Der Fluß steigt l. A V 2 eine Weile mit einer leisen Anhöhe und verschwindet dann zwischen Hügeln und kleinen Thälern. Felder und Weinberge, Städte, Dörfer, Landhäuser und Wälder wechseln bunt mit einander ab. Lecco ist die Hauptortschaft und gicbt der ganzen Umgegend den Namen. Es liegt unfern der Brücke an den Ufern des Sees, wenn er anschwillt, oft mitten in ihm. Zn früheren Zeiten hatte der Flecken auch ein Kastell. Deshalb genoß er der Ehre, einen Kommandanten, und des Vortheils, eine Garnison spanischer Soldaten zu beherbergen; die den Mädchen und Frauen des Landes Artigkeit lehrten, einem Ehcmanne oder Vater hie und da die Schultern ausklopften, und am Ende des Sommers niemals unterließen, in den Weinbergen herum zu kriechen, die Trauben abzunehmen und den Landleuten so die Beschwerden der Weinlese zu erleichtern. Von einer dieser Besitzungen zur andern laufen, von Hügel zu Hügel, bis zum Flusse hinab, kleine Wege und Stege, abschüssig, rauh oder eben, hie und da unter Mauern vergraben, so daß man aufsehend, nichts erblickt ais ein Stückchen Himmel oder eine Felsspitze. Nach und nach erheben sie sich zu offenen Erddämmen, der Ausblick erweitert sich mehr oder weniger, bleibt aber immer reich und neu, jenachdcm die verschiedenen Punkte mehr oder weniger von der Fülle der Gegend wiedcrgeben und dieser oder jener Thcil der Landschaft abwechselnd sich darstellt oder verschwindet. Hier eine Landstrccke, "^?nH„- d»ZÄem ^ ch mitten ' «l«i«> ach '> '«Lm- iiÄ!» sWj- DLiMM! ^klebtttti, mb iin'ni, in ben tauben sbiu- MlmdeM a ZeiitzliW ^.el, biSM »iW») st ,in LinEchi» ri-bHikkM ^ei inimtt lÄ Piniic l"tbr 8 dort eine weite Wasserfläche. Jetzt zeigt sich der See, in der Ferne abgeschlossen oder sich scheinbar in irgend eine Gruppe oder ein Labyrinth von Bergen verlierend, die sich, einer nach dem andern, erheben und im Wasser mit der Landschaft verkehrt zurückgespiegelt erscheinen. Hier zeigt sich ein Arm des Stroms, dort wieder See, und wieder Strom, der sich zwischen den Gebirgen hell durchschlangelt und sich ebenfalls am Horizonte verliert. Alle diese Scenen haben etwas sehr Angenehmes und Heimisches und ihre Wildheit wird dadurch gänzlich gemildert. Auf einem der Wege schlenderte am Abend des 7. November 1628 Don Abbondio, Pfarrer in einem nahegelegenen kleinen Orte, von einem Spatziergange nach Hause. Er betete in aller Ruhe seinen nächsten Gottesdienst ab, schloß nach einem oder dem andern Psalme das Brevier, legte den Zeigefinger der rechten Hand zum Zeichen dazwischen und beide Hände auf den Rücken- Er setzte dabei, zur Erde niederblickend, seinen Weg fort und schleuderte mit dem Fuße die kleinen Kiesel und Steine zur Seite an die Mauer. Er crbob sein Antlitz , sah langweilig rings um sich her und heftete dm Blick auf einen Bergrücken, von dem die Strahlen der Sonne schon geschieden waren und nur noch durch die Spalten des gegenüberstehenden Hügels leuchteten. Sie malten sich auf den einzelnen, hcrvorstehenden Massen in purpurnen Streiflichtern. A2 4 Er schlug das Brevier abermals auf, las ein Stück und gelangte zu einex Krümmung des Weges , wo er allemal auf - und sich umzusehen pflegte. Die Straße lief nun etwa sechszig Schntte.-weit gerad' aus und theilte sich dann in zwei schmalere Fußwege., Der zur rechten Hand führte bergaufwärts zur Wohnung des Pfarrers, der zur Linken ging ins Thal hinab bis zu einem Strome und war nur von einer sehr niedrigen Mauer umgeben. Die inneren Mauern der beiden Wege vereinten sich nicht winkelförmig, son-, dern in einer kleinen Capelle, die mit seltsamen, länglichen, geschlängelten Figuren bemalt war. DcsKünst- lersAbsicht mochte wohl gewesen sepn, Flammen darzustellen und mit den Flammen noch andere verschiedene Gestalten, nämlich Seelen aus dem Fegefeuer. Flammen und Seelen waren ziegelsteinfarbcn, auf grauem Grunde, und der Kalk hie und da abgelöst. Als der Pfarrer nach der Kapelle hinsah, hatte er einen ihm gar nicht erfreulichen Anblick. Er bemerkte nämlich, da wo sich die Wege schieden, zwei Menschen. Der eine saß rittlings auf der kleineren Mauer und hatte ein Bein nach außen herabhängen, das andere stand auf dem Wege. Der andere lehnte neben ihm an der Mauer, die Hände kreuzweis über die Brust geschlagen. Beider Aussehen und Haltung ließ über ihren Stand nicht in Zweifel. Einer wie der andere hatte ein grünes Netz auf dem Kopfe, das auf die linke Schulter herabfiel und in einer großen Quaste endete. Auf der Stirne gukte unterm Netze ein gewaltiges Touppee hervor. Sic trugen große an den Spitzen gekräuselte Knebelbarte. Die Jacke hielt ein blanker Ledergürtel zusammen, woran, mit Haken befestigt, zwei Pistolen und ein Pulverhorn hingen. In der rechten Tasche der weiten Pumphosen erblickte man den Heft eines Dolches. Links klirrte ein großer Degen mit ungeheurem Gefäße, das aus einer blanken, leuchtenden, mit vielen Ziffern bezeichnten Mes- stngplat'te bestand. Kurz, der erste Anblick erwies beide Kerle für Bravi. — Diese Menschenklasse hat sich jetzt ganz verloren, war aber damals und schon seit langen Zeiten iii der Lombardei sehr ausgebreitet. Die Regierung hatte ihr entgegengestrebt, doch ohne Erfolg. Besondere Mühe gab sich Don Carlos von Arragonicn, als Gouverneur von Mailand und Generalkapitain von Italien, in den Jahren 1283 und 84, ihre Banden auszurotten. Wer nur den Namen Bravo führte, selbst wenn man ihn keiner Verbrechen beschuldigen konnte, sollte gehangen werden. Aber der Bravi wurden nicht weniger, sondern nach diesen Maasregeln in Stadt und Land nur immer mehr und mehr, und alle folgenden Gouverneure hatten mit ihnen zu thun und zu kämpfen, ohne ihnen den Todesstoß beibringen zu können. Auch zur Zeit unserer Geschichte und zwar ein Jahr vor dem Vorfälle mit Do:> Abbondio hatte der Gouverneur Don Gonzalo Fernande; de Eordova neuere geschärftere Verordnungen erlassen. Die beiden bezeichnten Brav! standen augenscheinlich auf der Lauer; wie erschrak aber Don Abbondio, als er aus ihren Gesten wahrnahm, daß cs ihm gelte. Als sie ihn erblickten, sahen sie sich an und erhoben die Köpfe und schienen ihn beide zu gleicher Zeit als den rechten zu erfinden. Der, welcher saß, fuhr sogleich empor, zog sein Bein auf den Weg herüber, der andere richtete sich von der Mauer auf und beide nahelen ihm. Er hielt sein Brevier offen in der Hand und schien zu lesen, warf aber einen Blick nach dem andern darüber hinaus, sie zu beobachten. Als er sie näher kommen sah, bestürmten ihn mit einem Male tausende von Gedanken. — Er hielt sogleich inner» Nach mit sich selbst, ob zwischen den Dravi und ihm nicht noch irgend ein rechts oder links ablaufender Weg befindlich sey; so viel er sich erinnerte gab es keinen. Nun forschte er streng nach, ob er jemals irgend einen Vornehmen oder Rachsüchtigen beleidigt habe; sein Gewissen sprach ihn frei, und dennoch rückten ihm die Bravi immer naher und näher. Er putzte am Halstuche,- als ob er es ordnen wolle, fuhr sich dabei mit dein Zeige- und Mittelfinger der linke» Hand rings um den Hals, wandte das Gesicht rückwärts, um irgend ein menschliches Wesen hinter sich zu erspähen; vergebens! — Er warf einen Blick über die Mauer hinweg auf die Felder; auch da Nie- mand, noch eine» vor sich; auch da Niemand als die Bravi. Was nun thun? — Zum Umkehrcn wars zu spät. Davon laufen, war nur eine Anregung zur Verfolgung. Da also an einen Ausweg nicht mehr zu denken war, so beschleunigte er seine Schritte, um die beängstigenden Augenblicke vor der Gefahr zu kürzen, sang mit lauter Stimme ein Liedchen, verzog sein Gesicht, so heiter und ruhig er vermochte, zwang sich selbst ein Lächeln ab und als er die beiden Furchtbaren erreicht hatte, sagte er zu sich: Nun, Gott befohlen! und blieb vor ihnen stehen. „ Herr Pfarrer I" rief ihn einer derselben an, indem er ihn scharf fixirte. „Was wollt ihr?" entgcgnete Don Abbondio, von seinem Buche aufsehend und es mit beiden Händen vor sich hin haltend. Der Andere fuhr mit drohendem, zornigem Blicke fort: „Ihr wollt morgen Renzo Tramaglino und Lucia Mondelia trauen?" „So ists!" crwicderte Don Abbondio mit zitternder Stimme, „so ists! Die Herren sind Weltleute, und wissen am Besten wie es mit solchen Dingen zugeht. Der arme Pfarrer wird nicht daruni gefragt. Sie machen ihre Geschichten unter sich ab, und dann kommen sie zu uns, so wie man zu einer Wechselbank geht, und wir sind ihre gehorsamsten Diener!" „ Schon gut!" sagte der Bravo leise aber befeh- lend, „die Trauung wird nicht vollzogen, weder morgen , noch jemals!" „Aber meine Herren! " cntgegnete Don Abbon? dio mit der allersüßesten und sanftesten Ueberrekungs- stimme, „habet doch die Gnade, euch- einmal an meine Stelle zu versetzen. Ja wenn die Sache von mir abhinge .... aber Ihr sehet doch, daß ich ganz und gar nichts dagegen thun kann." „Könnte die Sache," rief ihm der Bravo zu, „mit Geschwätz abgemacht werden, so würdet Ihr uns langst schon im Sacke haben. Wir wissen nichts weiter davon und wollen auch nichts weiter davon wissen. Ihr seid gewarnt .... und versteht unsl" „ Aber die Herren sind doch zu gerecht und vernünftig ".winselte der Pfarrer. „Aber!" .... unterbrach ihn der zweite Bravo, der bis jetzt noch nicht gesprochen hatte, „die Heirath unterbleibt, oder" .... (hier folgte ein tüchtiger Fluch) „wer sie vollziehen will, den wird's gereuen, denn er möchte keine Zeit dazu behalten!" (abermals ein Fluch,) „Komm, komm!" rief der zweite, „der Herr Pfarrer versteht schon Lebensart und wir sind ehrliche Leute, die ihm, wenn er vernünftig ist, nichts anha- ben werden. Besten Gruß an Euch, Herr Pfarrer, von unserem gnädigen Herrn Don Rodrigo !" Bei diesem Namen war Don Abbondio wie vom Donner gerührt. Er verneigte sich unwillkührlich bis 9 §iü!>k re» ^ ilh §Dz j«, iiriiüüAk inrn» M l MM !«, Mt mSd' nK M t>tt- >m!i Ni«, ..chHirelh m!Üchk>Skr rhj PttM, «>!- (°kr- -, ,tu Hm ir sind iklitl , nichlU«i» HnM"- a-k- zur Erde und sagten „Wenn! Ihr mir nur beizubrin- ge» wüßtet" . . . . -, ' ,,Ach'! bringt Euch selbst etwas bei,- ihr versteht Latein! " unterbrach ihn der andere Bravo, mit einem typischen, wilden Gelachter. „Kurz und gut, es kommt auf Eüch an. Und vor- allem unterstehet Euch ja nicht, von dem, was wir zu Eurem Besten sagten, ein Wort verlauten zu lassen; sonst wäre es eben so schlimm, als hattet Ihr die Heirath vollzogen ! Nun, habt Ihr noch etwas anjDpn Nodrigo zu bestellen?" 2-' -'s „Versichert ihn meiner Ehrfurcht — — — ^ '' „Weiter,-weiter,-Herr Pastor!" - " j,Und daß — sch — stets —.zu.seinen —- Diensten—bereit- sey.^ Don Abbondiy wußte nach diesen Worten nicht, ob er sie als Versprechen oder Kompliment gegeben habe. Die Bravi-nahmen sie aber ernstlich, ' ' 4 - ,>>, .u.i L, „Sehr wohl! Nun gute Nacht/Herr Pfarrer.!ü sagte der Eine, und Beide machten sich auf den Weg- Vorhin hakte Don Abbondio alles- darum gegeben, sie los zu seyn , jetzt verlangte -ihn eben so sehr nach Fortsetzung des Gesprächs und der Verhandlungen- „ Meine Herren I"-begann-er, indem er das Buch mit beiden Händen zumachte. Aber die hörten nicht mehr auf ihn, hatten schon ein Stück des Weges, auf dem sie gekommen waren, wieder zurückgelegt und sangen dazu ein schlechtes Lied- Der arme Don Abbondio behielt. einen Augenblick de» Mund offen wie verzaubert, .dann schritt auch er auf seinem Wege weiter, doch höchst verdrießlich und langsam und eben in keinem angenehmen Gemüths- öustande.. ' Wir wissen schon, daß Don Abbondio nicht sehr löwenherzig ist. Er hatte aber seit seinen ersten Lebensjahren wissen können, daß das Wer am schlimmsten daran, was klauen- und zahnlos und doch nicht geneigt sei, sich verzehren zu lassen. Das bloße Gesetz war zum Schutz eines ruhigen, harmlosen Menschen nicht mehr genügend. An Gesetzen, und Strafen gegen Gewaltthatigkeit fehlte es zwar an und für sich nicht.- Die Gesetze trafen auch ziemlich derb, die Strafen waren aufgcfrischt, -und gingen in die verstecktesten Falle ein, ja sie waren oft selbst übertrie, ben streng und überließen ohnedem noch der Willkühr jedes Richters ihre Vergrößerung. Wer nur einigermaßen die Rechte.studiert hatte, konnte fast ohn' alle Hindernisse nach Gutdünken verdammen und losspce- chen, wie auch die harten Strafgesetze, gegen die Brav, darthatcn. Bei dem allen bewiesen aber alle die vielen, verstärkten und neu ertheiltcn Befehle und Verordnungen nichts, als der Regierungen Unkraft. Brachten sie Wirkung hervor, so war es sicher nur die, die Drangsale und Leiden der Schwachen und Friedliebenden, so wie den Trotz und die Wildheit der Verbrecher zu mehren. Straflosigkeit war form- lich an der Tagesordnung und hatte so tiefe Wurzeln gefaßt, daß Geschrei und Klagen ihr von gar keinem Schaden mehr waren. Eben so war es mit den Freistätten und Privilegien einiger Stande, die theilweise gesetzliche Kraft besaßen, theilweise mit neidischem Schweigen geduldet oder mit vergeblichen Klagen angefochten wurden. Jeder einzelne Betheiligtc vertheidigte sie mit Eifer und Gier, und bewachte mit der größten Aengstlichkeit Punkt für Punkt. Ward nun diese Straflosigkeit vom Geschrei erschüttert und bedroht, aber dennoch nie zerstört, so mußte sie natürlich immer mehr streben, sich neue Kräfte und Dauer zw verschaffen. So geschah es auch. Klagte man die Gewalthaber an, so thaten sie ihr Möglichstes, die Klagen zu unterdrücken und ein Verbot gegen sie auszuwirken. Jeder gutmü- thige, schwache und schutzlose Mensch war ihnen stets ausgesetzt; denn indem sie das Ziel im Auge behielten, über Jedermann zu gebieten, unter dem Vorwände, jedem Verbrechen zuvorzukommen oder cs zu bestrafen, unterwarfen sie alle Handlungen eines Privatmannes der freien Willkühr von Richtern und Rechts- gclehrten. Wer aber, vor dem Verbrechen, seine Maasregcln genommen hatte, sich bei Zeiten in ein Kloster zu retten oder in einen Pallast, wohin nie ein Häscher den Fuß zu setzen gewagt haben würde, oder ohn' andere Maßregeln eine Livree anzog, die zu ver- 12 theidigen im Interesse der Eitelkeit irgend einer mach» rigen Familie oder eines ganzen Ranges lag, der war frei in allem, was er thar, und konnte alle wider ihn anhängig gemachten Beschwerden verlachen. Eden von denen, die den Verbrecher richten sollten , gehörten stets einige -durch ihre Geburt zu dem bevorrechteten Stande-, ändere hingen von ihm ab, Die einen wie die andern aber bekannten sich zu seinen Grundsätzen, es sep nun aus Erziehung, Interesse/ Gewohnheit oder Unselbstständigkeit, und hüteten sich wohl, wegen eines armseligen, an den Straßen-uNd'Wegecken befestigten Stuck Papiers, 'dagegen zu ve'rsts'ßem Die unmittelbaren Richter aber^harten so kühn wie Helden, so gehorsam wie Mönche , so dcmäthig wie Märtyrer seyn können, sie würden dennoch' nichts ausgerichtet haben, denn ihrer waren,-gegen die Zahl derer, mit denen sie notwendig in Streit gerathcn mußten, viel zu wenig, und ihre Gegner hatten sie sicher aufgeopfert. Da diese nun gewöhnlich zu den ruchlosesten Geschöpfen der Zeit gehörten, so wurde ihr Amt', selbst von denen, die darunter leiden konnten, für entehrend gehalten und ihr Titel gereichte zum Schimpfworte. -Natürlich also, daß sie, statt sich aufs Spiel zu setzen und ihr Leben bei Unausführbarem zu vergeuden, ihre Untha- thigkcit und Gunst an die Großen verkauften und sich vorbehielten, ihre abscheuliche Gewalt nur da auszuübeü, wo cs keine Gefahr für sic hatte und nur die Unter- 7 °"^ ^ kUrr^. 'V L ^ jii ftnn, »i. ÄlW, «» ad,^,- k Hefts, d>- Kchtn zckeftm Wik nt«, ft », tmii idm ft MiMN- >«ch, imd t. N dift iefterM der H «cn dm, „id gstllt!» 1,. üiNlllÄ W nnd ist ^idttAld-- ldilü»!«- 13 drückung und Qmial eines arglosen- Menschen, ohne Waffen zur Verthcidigung, galt» Mer beleidigen will oder beleidigt zu-werken fürchtet,-, sucht natürlich Beistand und Genossen. ^ Dächern wurde damals auch die Parcheissicht bis zum höchsten Punkt getrieben. Jedermann suchte sich durch andere immer starker und starker zu machen. Die Geistlichkeit strebte, ihre Abgabenfrciheit, immer mehr festzustellcn und zu erweitern, der Adel seine Vorrechte, der Soldat seine Freiheiten. DieKausteute und Handwerker verbanden sich zu Innungen und Brüderschaften, die Nechtsgclehrten, die Aerzte zu Korporationen. Jede dieser kleinen.Oligarchien hatte ihre besondere, eigene Macht, in jeder fand der Einzelne den Vor- khcil, die vereinten Kräfte Anderer, je nach der Größe seiner Autorität und Geschicklichkeit, für sich in Bewegung zu setzen. Die Ehrlichen gebrauchten diesen Vortheil zu ihrer Verthcidigung, die Ruchlosen und Verschlagenen führten damit ihre schlechten Streiche aus, wozu ihre eigene Kraft nicht genügt und sie nicht hinreichend vor der Strafe gesichert haben würde. , Diese Verbrüderungen waren nun aber sehr ungleich, und besonders auf dem Lande übte der reiche, mächtige Adlige, mit einer Schaar Bcavi und ihm besonders zugethancr Bauern eine Herrschaft aus, der kein anderer Bund Widerstand zu leisten vermochte. Don Abbondio war weder adlig, noch reich, noch muthig, er hatte daher seinen Eltern, die ihn zum Priester machen wollten, willig gehorsamer, sich aber eben nicht sehr um Bestimmung und Pflichten seines Standes bekümmert. Er fähigtc ihn, sein Brod gemächlich zu verdienen, vereinigte ihn mit einer angesehenen, mächtigen Parthei, und diese Ursachen reichten zu seiner Wähl hin. Aber jede Klasse kann den Einzelnen nur bis zu einem gewissen Punkte schützen und nie zugeben, daß er seinem eigenen Systeme folge. Don Abbondio dachte nur immer aufseine eigene Sicherheit, und wollte sich zu Erlangung größerer Vortheile weder bemühen noch etwas wagen. Sein System bestand besonders darin, daß er allem Streite auswich, und wo dies nicht möglich war, nachgab: erklärte Neutralität in allen ihn umgebenden Kriegen: in den damals häufigen Uneinigkeiten zwischen der Geistlichkeit und weltlichen Gewalten: in den auch nicht seltenen Streiten zwischen Offiziers und Adligen, Adligen und Gerichtspersonen, Bravi und Soldaten, bis zur Rauferei zwischen zwei Bauern, die aus einem Worte entstand, und mit Faust und Dolch ausgemacht ward. " War seine Theilnahme für die eine oder die andere Parthei unumgänglich näthig, so hielt er sich stets zur stärkeren und behielt dabei noch wo möglich den Rücken frei, indem er der anderen zu verstehen gab, daß er nicht freiwillig gegen sie kämpfe und ihr vorwarf, warum sie nicht die stärkere sey? Er würde sich dann weit lieber ihr zugesellt haben. Indem er sich so nun stets zum Uebergewichte hielt, .kleiner flüchtiger Beleidigungen nicht achtete, mit Unterwürfigkeit ernstlichere und überdachtem aufnahm, und durch immerwährende Komplimente und launige Ehrerbietung selbst dem Mürrischsten, Trotzigsten ein Lächeln ab- nöthigte, wenn er ihm begegnete; war cs dem armen Manne gelungen, sich sechszig Jahre lang frei von bedeutendem Unglücke zu erhalten. Es sey damit nicht gesagt, daß nicht auch er seine Galle besessen habe. Dies stete Dulden und Ncchtgeben, so viele schweigend verschluckte bittere Bissen, hatten ihn dermaßen er- M-tert, daß seine. Gesundheit, hätte er sich nicht auf eine andere Art Luft machen können, sicher darunter 'gelitten haben würde. Da es nun aber damals auf der Welt und auch in seiner Nahe Menschen gab, die er als unschädlich kannte, so konnte er an diesen seine lang verhaltene Wuth auslassen, und sonach auch sich das Recht Vorbehalten, Grillen zu haben und mit Unrecht zu klagen. Ferner war er der strengste Sittenrichter gegen alle, die sich nicht nach ihm bequemten- Der Geprügelte war allemal wenigstens ein Einfaltspinsel, der Ermordete ein störrischer Mensch gewesen. Wer gegen einen Vornehmen Recht behalten wollte, den erklärte Don Abbondio immer für toll und warf seine Gründe über den Haufen. Schwer konnte ihm dies nicht fallen, da Recht und Unrecht sich selten als völlig klar und entschieden darstellen. Besonders aber erhob er seine Stimme gegen diejenigen seiner Amts- 16 gegossen, die keine Gefahr scheuten- schwache Unterdrückte gegen gewaltige Unterdrücker in Schutz zu nehmen. Er nannte cs: Streit und Uneinigkeit sich Mit baarem Gelds erkaufen, und eine ungebührliche., der Kirche Nachtheii bringende Einmischung in Welthandel. Ec predigte aber immer nur unter vier Augen oder in einer ganz kleinen Versammlung dagegen, und mit je größerem Eifer, je mehr er wußte/ daß die Zuhörer sich nicht um seine persönlichen Verhältnisse bekümmerten. Er pflegte dann gewöhnlich alle seine Reden mit dem Lieblingsspruche zu besiegeln: daß einem ehrlichen Manne, der für sich lebe und sich um keine uttgelegteN Eier bekümmere/ nie etwas schlimmes zustoßen werde. Man denke sich nun, welchen Eindruck der besagte Vorfall aus die Seele dieses armen Mannes Hervorbringen mußte: der Schrecken im Aeußeren uyd in den Worten der Bravi, die Drohung eines Herrn,der nie spaßte, sein Ruhesystem, mit so langjähriger Geduld und Mühe aufgebaut und nun mit einem Schlage zerstört, ein so gefährlicher, bedenklicher, Schritt, dessen Folgen gar nicht zu übersehen waren! Alle diese Gedanken schwärmten wild durch einander in Don Abbondio's schüchternem Kopfe. „ Ja, wenn sich Renzo mit einem bloßen Nein! begnügte; aber es ist kein Zweifel, er will Gründe haben, und was, ums Himmels willen! kann ich ihm antworten? Er hat auch seinen Kopf, er ist wohl ein Lamm, wenn man ihm nicht zu nahe tritt; widerspricht man ihm aber-und dann ist er auf die Luzia so toll wie ein junger Bursche, der sich aus Langerweile verliebt, heirathen will, nicht an Andere denkt, und sich viel um die Verlegenheit schiert, in die er dadurch einen ehrlichen Mann bringt. Warum mußten nun gerade mich die beiden Lumpenkerle packen und ihm gerade durch mich Luzicn entreißen wollen? O wehe mir, was geht mich denn das Alles an? will ich denn etwa heirathen? — konnten sie sich nicht an jemand Anderes wenden? Es ist doch Schade, wenn man einen guten Gedanken erst dann hat, wenn er nichts mehr nützt! Ich hatte sie ja mit ihrem Aufträge zu irgend einem Andern schicken können!" Don Abbondio versah sich aber doch, daß dies gottlos gewesen seyn würde, und wandte nun seinen ganzen Zorn gegen den eigentlichen Urheber seines Unglücks. Er kannte Don Nodrigo nicht anders als dem Namen und Ansehen nach, und hatte nie sonst etwas mit ihm zu thun gehabt , als daß er sein Kinn aus die Brust herabneigte und mit dem Hute die Erde berührte, wenn er ihm zuweilen begegnete. Er war schon mehr als Ein Mal in den Fall gekommen, den Ruf dieses Herrn gegen solche Leute zu vertheidigcn, die halblaut, seufzend und gen Himmel blickend, seine Handlungen verdammten, und er hatte ihn wohl hundert Mal für einen vereh- rungswerthen Kavalier erklärt. Zn diesem Augenblicke aber gab er ihm im Herzen alle Titel, die er ihm nur jemals hatte aufbürden hören. Er war unterdeß i. B 13 an der Thüre seines am Eingänge des Dörfchens gelegenen Hauses angelangt, steckte den Schlüssel, welchen er schon in der Hand hielt, rasch ins Schlüsselloch, öffnete, trat ein, schloß sorgfältig hinter sich zu und rief, nach einer »prüften Gesellschaft verlangend: „Perpetua! Perpetua!" indem er nach dem kleinen Saale zuging, wo sie wahrscheinlich das Abendessen zubereitete. Perpetua war Don Abbondio's Magd, eine treue, liebevolle Magd, die gehorchte und befahl, wie cs die Gelegenheit gab, das Gebrumme und den Eigensinn ihres Herrn zur rechten Zeit zu ertragen wußte, ihn aber dafür auch ihre Grillen ertragen ließ, die von Tage zu Tage mehr Zunahmen ; denn sie stand schon in den Vierzigen und hatte nicht geheira- thet, weil sie, nach ihrer Aussage, alle Anträge von der Hand wies, im Grunde aber, wie die Welt sagt, nie einen empfing. „ Ich komme! " erwiederte Perpetua, indem sie an den gewohnten Platz auf dem Tische eine Flasche mit Don Abbondio's Lieblingsweine setzte. Sie ging langsam nach ihm hin, hatte aber noch nicht die Saalschwelle erreicht, als ihr der Herr mit so unsicherm Schlitte, finsterem Blicke und verwirrten Zügen ent- gegenlrat, daß es gar nicht Perpeluens geschärftes Auge bedurft hatte, um sogleich zu gewahren, es müsse ihm etwas ganz besonderes zugesioßen sepn. „Barmherziger Gott! was fehlt Euch, mein lieber Herr?" „Nichts, nichts!" erwiedcrte Don Abbondio, auf seinen Sessel zurücksinkend. „Wie? nichts? das wollet Ihr mir weiß machen, so schlimm es auch Ist! Es hat sich etwas Bedeutendes ereignet!" „Aber mein Gott! wenn ich sage nichts! so ist es entweder nichts, oder etwas, das ich nicht sagen darf! " „Auch mir nicht? Und wer wird Euch denn pflegen und warten und rathen?" >, Ich sage Dir, schweig! und mache mich nicht noch verdrießlicher? Gieb mir ein Glas Wein!" „Und Ihr wollet also gegen mich behaupten, daß cs nichts sey?" sagte Perpetua, indem sie das Glas voll schenkte Und es ihm vorhielt, wie nur als Lohn des Geständnisses. „Gieb, Gieb!" rief Don Abbondio, das Glas mit zitternder Hand ergreifend und es in der Eile halb vergießend. „Ihr wollet also, daß ich in der ganzen Nachbarschaft umherlaufe und frage: was meinem Herrn begegnet sey?" sagte Perpetua, sich dicht vor ihn stellend, die Hände in die Seiten gestemmt und die Ellenbogen ausgesprcizt- Sie sah ihn dabei so scharf an. als wollte sie ihm das Geheimniß von den Augen saugen. - „Um Gottes Willen! mache mich nicht schwatzhaft, Perpetua! es gilt das Leben!" 20 „Das Leben?" „Das Leben!" '' .. „Ihr wißt ja wohl, daß ich jedes Mal, wo Ihr mir etwas wirklich im Vertrauen sagtet-" „Großsprecherin! wie oft-" Perpetua merkte, daß sie einen falschen Ton angeschlagen hatte, deshalb änderte sie ihn augenblicklich. „Mein lieber Herr!" sprach sie mit gerührter und rührender Stimme, „ich habe Euch immerdar treu gedient, und will ich jetzt das Geheimniß wissen, so geschieht es in der guten Absicht, Euch zu helfen und zu rathen. Eure Seele zu erleichtern." Don Abbondio hatte vielleicht eben so große Lust, sein Geheimniß loszuwerden, als Perpetua, es zu erfahren; er schlug also ihre erneuten immer heftigem Angriffe auch immer schwächer zurück, sie mußteihm einmal über das andere schwören, zu schweigen, und so erzählte er ihr denn unter manchem Ach und Weh den verzweifelten Fall. Als er zu dem erschrecklichen Namen des Anstifters kam, mußte Perpetua einen neuen feierlichen Schwur oblegen, und nachdem er den Namen ausgesprochen hatte, siel er in seinen Lehnsessel zurück, seufzte schwer auf und erhob beide Hände, gleich befehlend wie bittend, indem er sagte: „ Um Gottes Willen!" „Ach du Allbarmherziger!" schrie Perpetua, „wel- cker Schuft! welcher Betrüger! welcher gottvergessene Mensch!" „ Wirst Du gleich schweigen! oder willst Du mich ganz zu Grunde richten?" „Ach! wir sind ja allein, niemand hört unS. Was werdet Ihr denn aber nun anfangen, armer Herr?" „Nun!" sagte Don Abbondio ärgerlich, „Du verstehstDich aufs Rathgeben und fragst mich, was ich anfangen werde, gerade als wenn Du in der Derle» genheit wärest und das Herausziehen mir obläge!" „Ach! meinen armen Rath will ich Euch wohl geben, aber-" „Aber? — so laß hören!" „Mein Rath wäre der: Jedermann preist unfern Herrn Erzbischofs als einen heiligen und unerschrockenen Mann, der sich vor keinem Bravo fürchtet, wenn es die Rettung eines Pfarrers gilt. Also würde ich ihm einen Brief schreiben, der Hände und Füße hätte, und ihn von der Sache unterrichten." „Schweig, schweig! Kann man einem armen. Manne wohl solchen Rath crtheilen? — wenn sie mir nun indcß die Flinten auf dem Rücken zerhauen ? — Großer Gott! kann mich der Erzbischofs denn da retten?" „Ach! das geht nicht so schnell; die Schurken werden uns nicht gleich zerbeißen. Auch ist es gewiß, daß Jedermann vor dem, der Haare auf den Zähnen zeigt, Respekt hat. Wollet Ihr aber, nach Eurer 22 alten Art und Welse , niemals Eure Ursachen sagen, so sind wir wieder so weit als zuvor-" „Schweig, sag ich Dir, schweig!" „Nun wohl, beschlafet nur die Sache. Aber thut Euch ja keinen Schaden, wüthet nicht in Eure Gesundheit hinein, kommt und esset einen Bissen." „Ich werde an die Sache denken," rief Don Abbondio mürrisch, „ich werde an sie denken!" Er stand auf und sagte weiter: „Ich esse nichts, gar nichts; ich habe an andere Sachen zu denken, ich weiß auch, daß ich dran denken muß. — Mußte es denn aber gerade mich befallen?" — „ So trinkt nur wenigstens noch die paar Tropfen," sagte Perpetua einschenkend, „Ihr wißt ja, daß der Wein Eurem Magen immer gut ist." „ Bring' mir ein frisches Licht! " — Er ergriff bei diesen Worten den Leuchter und brummte vor sich hin: „Kleinigkeit, Kleinigkeit! für einen Ehrenmann wie ich. — Ach! wie wird's mir morgen ergehen?" Unter diesen und anderen Klagen, begab er sich in seine Kammer, sich niederzulegen. Auf der Schwelle erwartete er Perpetuen, legte den Finger auf den Mund, sprach langsam und feierlich: „Um des Himmels Willen!*' und verschwand. — 23 ^ An, '-»SwG LGu.« '' De» »»Ä,g,r i>h ch,'MA<>> °K >ch K ulst/' initlii md Mizklü! ch! llii >riid'i > Md UldsUI n, silch Mdil- ,l Pklp'IM, ch >Mzs« IIÄ«^ Zweites Kapitel. Ton Abbondio verbrachte einen Theil der Nacht im jämmerlichen Zustande der Rathlosigkcit. Die Warnungen und'Drohungen der Bravi etwa nicht beachten und die Trauung dennoch vollziehen, war eine Sache, woran er durchaus nicht dachte. Renzo alles mittheüen und mit ihm auf Hülfe sinnen? — Gottbehüte! — Er sollte ja gegen Niemand ein Wort fallen lassen, und bereuete schon, selbst gegen Perpctuen nicht reinen Mund gehalten zu haben. —Fliehen? — Wohin ? Und was dann? Welche Hindernisse! welche Verantwortung! Jedes Mal, daß der Arme wieder einen Ausweg verwerfen mußte, wandte er sich nach der andern Seile. Das Beste schien ihm endlich dieses noch, Zeit zu gewinnen und Renzo etwas vorzuschwatzen. Er erinnerte sich. daß in wenig Tagen die Zeit elntrete, während der keine Hochzeiten gefeiert werden dürften. Konnte er also bis dahin sich den jungen Mann vom Leibe halten, so hatte er zwei Monate Lust, und in zwei Monaten konnte sich vieles ereignen. Er suchte nach einem Vorwände. Alle, die er fand, schienen ihm zwar ein wenig seicht, erhoffte aber, seine Würde werde ihnen Gewicht verleihen und Um überhaupt gegen den unerfahruen, jungen Menschen in Vorthcil setzen. 24 Nachdem er nun so ein wenig mit sich ins Klare gekommen war, vermochte er die Augen zu schließen; aber welche Träume! Bravi, Rodrigo, Renzo, Fußwege, Felsen, Flucht, Verfolgung, Geschrei, Flintenschüsse! Das erste Erwachen in einer Verlegenheit ist sehr bitter. Die Seele hat zuerst immer wieder den Gedanken an ein vorhergegangenes, ruhiges Leben. Det neue Zustand der Dinge fällt ihr dann um so unangenehmer auf, und das Misbehagen wird für den Augenblick unerträglich. Nachdem er ihn schmerzlich empfunden hatte, ging Don Abbondio seine Nacht- beschlüffe schnell noch ein Mal durch, bestärkte sich in ihnen, ordnete sie besser, stand auf und erwartet^ Renzo mit Furcht und Ungeduld. Lorcnzo, oder wie man ihn gemeiniglich nannte, Renzo, ließ nicht auf sich warten. Kaum war die Stunde da, wo es der Anstand erlaubte, in der Pfarre zu erscheinen, als er mit dem leichten Herzen eines zwanzigjährigen Jünglings, der an diesem Tage mit der Geliebten verbunden werden soll, dahin ging. Er war seit seinem Jünglingsalter der Eltern beraubt, und übte das Handwerk eines Seidenspinners aus, welches in seiner Familie seit langer Zeit fort.'rbte, In früheren Jahren war es sehr einträglich, dann kam es zwar in Verfall, nährte jedoch noch immer seinen Mann, der etwas davon verstand. Die Arbeit nahm von Tage zu Tage ab; da aber fortwährend Ar- LS 7 -^ 8„ "^sruiiM- ---ÄÜii- ir itUM t>.' M Alt!' t'ilÄ!» lH i» ^ rrd,w«tkt! Tjiilb MO, HtMi >«r d>< ^ i» duPsim in Higm tMS nsm!qe mH l::ir S-H. d jiimi kiiül, :„iszim!rs^" i Zn! f-rN^ HL») beiter nach den benachbarten Staaten auswandertcn, wohin man sie mit Versprechungen von Vorrechten und guter Bezahlung zog, so hatten die Bleibenden im« merforl zu thun. Renzo besaß noch überdies ein Landgütchen, das er in den Stunden, wo er nicht mit Spinnen beschäftigt war, selbst bewirthschastete, und sein Auskommen war sonach gesichert. Diese- Jahr war unfruchtbarer als frühere, es trat gewiß TheuruNg ein; Renzo war aber, seitdem er Luzien liebte, guter Wirth, geworden und brauchte nicht um Brod besorgt zu seyn.. Er erschien vor Don Abbondio im höchsten Staate: einen buntfarbigen Federschmuck auf dem Hute, einen Dolch mit prächtigem Griffe in der Hosentasche. Sein ganzes Aeußere hatte etwas Festliches und verrieth einen gewissen herzhaften Trotz, den damals selbst die ruhigsten Menschen zeigten. Der ungewisse, geheimnisvolle Empfang Don Abbondio's stach sonderbar auffallend gegen das jugendlich-entschlossene Wesen des Jünglings ab- „Was mag ihm denn in die Krone gefahren seyn?" dachte Renzo bei sich; dann sagte er: „Ich komme, Herr Pfarrer, mich zu erkundigen, welche Stunde Euch die gelegenste ist, mit uns in die Kirche zu gehen?" „Von welchem Tage sprichst du denn, mein Sohn?" „ Wie? von welchem Tage? Ihr erinnert Euch Loch noch, daß Heute dazu bestimmt ward?" 26 „Heutes" entgegnete Don Abbondio, als sey eS das erste Wort, was er davon höre; „heute? ja heute mußt Du Geduld haben, heute kann ich nicht." „ Könnet heutenicht ? Was ist denn vorgefallen?" „ Fürs Erste bin ich, wie Du siehst,. nicht wohl." Das. thut mir leid; was Ihr aber dabei zu thun habt,- verlangt ja so wenig Zeit und Mühe — „Und dann, und dann, und dann — " „Nun und was dann, Herr Pfarrer?" „Dann ist die Sache auch in Verwirrung." „ In Verwirrung? woher könnte denn Verwirrung entstanden fern ?" „ Ein Fremder hat gar keinen Begriff von den mannigfachen Hindernissen und unserer schweren Verantwortung. Ich bin zu gut, ich denke immer nur daran, allen Verdruß zu entfernen, alles zu erleichtern, um es den Andern mundrecht zu machen, und überschreite meine Pflicht und ernte am Ende doch nur Vorwürfe und Schlimmeres dafür." „ Aber lasset mich ums Himmels Willen nicht so lange in Zweifel und saget mit Einem Worte, was esgiebt?" ' „Weißt Du, was bei einer Heirath alles für Formalitäten nöthig und gebräuchlich sind?" „Ich muß wohl, obgleich ich eigentlich keine Silbe davon weiß." sagte Renzo aufgebracht. „Ihr habt mir, die vergangenen Tage über, den Kopf doch ganz gehörig warm gemacht. Ist denn aber jetzt noch nicht alles beseitigt und abgethan?" „ Scheinbar alles; habe aber nur Geduld, ich bin doch das Plackthier, das seine Pflicht thut, um Andrer Bürde zu tragen. Aber jetzt ist's genug, ich weiß, was ich sage. > Wir armen Pfarrer schweben immer zwischen Amboß und Hammer. Deine Ungeduld ist zu beklagen, armer Mensch! Die Vornehmen .... doch still! — man kann nicht alles sagen, und wix kommen dabei am Ende doch am schlimmsten weg." . „So erklärt Euch denn, tvas eigentlich noch für ein Hinderniß aus dem Wege zu raumen ist, damit man handeln kann!" „Kennst Dü alle'Obstakeln der Ehe?" „Wie könnt Ihr nur an so etwas'denken?" ' """„Lrror, couäitio, Votum, cogNat'iv; "crimen, caltus chüparil»»^' vis, orcko . . . / . " 8i sis ak- Luis . . . ?" < „Wollet Ihr Euren Scherz mit mir treiben? Verstehe ich denn die lateinischen Brocken?" „Nun, wenn Du sie nicht verstehst, so habe Geduld und vertraue dich dem, der sie versteht!" „ So!" „ Nun geh, lieber Ncnzo, aber zürne nicht. Ich w"! gern alles thun, was von mir abyängt. Ich möchte Dich so gern zufrieden sehen, ich will Dein Bestes. Ach! wenn ich bedenke, wie gut Du's jetzt 28 käst. Was fehlte Dir denn? — Da muß Dir die Grille in den Kopf fahren, zu heiralhen!" „Herr! was wollet Ihr mit solchen Reden sagen?" unterbrach ihn Renzo, halb erstaunt, halb zürnend. „Ich will sagen, was ich sage, habe Geduld! Ich will Dein Glück „Nun, also . . „Also, lieber Sohn! meine Schuld ist's nicht. Ich habe die Gesetze nicht gemacht und es ist unsere Pflicht, ehe wir eine Heirath schließen, viele, viele Nachforschungen anzustellen, daß ihr auch gar nichts mehr im Wege stehe." „Nun, so sagt aber nur einmal, was ihr jetzt noch im Wege steht? " „ Geduld, Geduld! solche Sachen lassen sich nicht gleich so, mir nichts, dir nichts, besprechen. Ich hoffe, es wird nichts weiterauf sich haben; aber dem sey nun, wie ihm wolle, wir können darum kein Haar breit von der Regel abweichen. Der Text besagt klar und deutlich: sntsguaru rnstrimouium äsuun- ciot." „Ich habe Euch schon gesagt, daß ich kein Latein verstehe." „Ich muß Dir aber doch erklären." „ Warum war denn aber noch nicht alles beseitigt ? " „ Ich hatte Einiges vergessen, sage ich Dir." „Warum denn aber vergessen? Warum sagtet Ihr mir denn, es sey alles bereit?" „ Nun sieh! da schiltst Du mich wegen meiner allzugroßen Güte- Ich habe alles gethan, Deine Wünsche so schnell wie möglich zu befriedigen, aber jetzt, jetzt ist noch etwas dagegen --— —" „Was soll ich denn nun lhun?" „ Dich auf einige Tage gedulden. Einige Tage, lieber Sohn, sind ja keine Ewigkeit, also gieb Dich zufrieden!" „Auf wie lange?" „Gott sey gelobt!" dachte Don Abbondio, „daß ich ihn so weit habe." Freundlicher noch als vorher sagte er: „Nun geh, ich denke, in vierzehn Tagen „Vierzehn Tage! Nun das ist eine schöne Neuigkeit. Ihr habt gethan, was Ihr für gut fandet, Ihr habt selbst den Tag bestimmt. Der Tag ist da, und nun soll ich noch vierzehn Tage warten!" „Vierzehn Tage!" wiederbolle er lauterund aufgebrachter, indem er den Arm drohend ausstreckte und seinen Dolch schwang, und wer weiß was er noch für Tollheiten würde begangen haben, hatte ihn Don Abbondio nicht unterbrochen und seine andere Hand mit schüchterner, aber dringender Freundlichkeit erfaßt. „Geh, geh, um des Himmels Willen, erhitze Dich nicht. Ich will zusehen, ob vielleicht schon eine. Woche hinreicht." , ^ „Und was soll ich Luzien sagen?" „Daß es ein Jrrthum meinerseits ist." „Und was wird die Welt dazu sagen ?" „Sage ihr nur, ich habe den Fehler begangen, aus zu großer Eile, aus zu gutem Herzen. Schie!, Alles auf mich'! — Nun, kann ich denn mehr thun? also geh, auf eine Woche!" — „Und dann wird's keine Hindernisse mehr geben?" - . „ Wenn ich Dir sage." „Gut, ich will mich noch eine Woche gedulden, ist aber die auch vorüber, so hat das Geschwätz ein Ende. Jndeß lebt wohl!" Bei diesen Worten ging er, indem er sich nicht so tiefwie sonst vor Don Abbondio verbeugte, und ihm einen mehr scharfen als ehrfurchtsvollen Blick zuwarf. Als er auf der Straße war und dem Hanse seiner Verlobten mürri'ch zuschritt, dachte er, so zornig er auch war, noch^ein Mal an das Gespräch mit dem Pfarrer und fand es immer sonderbarer. Der frostige, verlegene Empfang Don Abbondio's, seine schwerfälligen, und doch ungeduldigen Reden, die Blicke der grauen Augen, die, wahrend er sprach, immer wo anders cherum schweiften, als ob- sie sich fürchteten, mit den gesprochenen Worten zufammenzutreffen. Das erzwungene Fremdthun mit der vorher so genast besprochenen'Hochzeit und vor allem dis einzelnen Winke und Andeutungen auf etwav''besonLercs, ohvre 31 s isi« Aich ^ k»« «,hc H Ach ze- '-">k! Ml», «s 8,spritz ä 7 , n sich »ich! ,»;!?, md ihm -»Nliik IMÄ in ch>a>isi sM ei, si zmiz li -'lilch im dmi 7, Tilsiosl!- eh siimsiiM illii, dik Uch- , s»llch , l.-Tim-»:^ k !7 b' je etwas klar auszudrückcn; alle diese Umstande flößten Renzo die Vermuthung ein, cs müsse noch ein ganz besonderes, von Don Adbondio nicht genanntes Geheimnis statt finden. Der Jüngling blieb einen Augenblick zweifelhaft stehen, ob er nicht wieder umkehren und ihn in die Enge treiben und zu näherer Erklärung zwingen solle. Da sah er Petpetuen, die vor ihm her in einen unfern des Hauses gelegenen Küchengarten ging. Er rief ihr, als sie eben die kleine Thüre öffnete, verdoppelte seine Schritte, holte sie ein und stellte sich zu. ihr, entschlossen, mehr von der Wahrheit durch sie zu erfahren. „Guten Tag, Perpetua! ich glaubte,-wir würden heute lustig mit .einander sepn können!" „Der Mensch denkt, Gott lenkt, mein armer Renzo!" „Thut mir doch einen Gefallen, Perpetua! Der Herr Pfarrer hat mich da mit einigen schönen Redensarten abgespeist, die ich nicht recht verstehe. Erklärt Ihr mir doch, warum er uns eigentlich heute nicht trauen will oder kann?" „Glaubt Ihr denn, daß ich um des Herrn Geheimnisse weiß?" „Hab' ich mir's doch gleich gedacht," sagte Renzo für sich, „daß ein Geheimnis dahinter steckt." Um mehr zu erfahren, fuhr er fork: „Nun, Perpetua, wir sind ja Freunde, sagt mir, was Ihr davon wißt, Helft einem armen Jungen ein wellig' auf!" 32 „Es ist schlimm, wenn man arm geboren wird, mein lieber Renzo!" „ Das ist wohl wahr! " entgegnete dieser, dessen Zweifel sich ihm immer mehr bestätigten und der sich der Sache immer mehr zu nähern strebte; „das ist wohl wahr! kommt es aber darum dem Prediger zu, die Armen zu mißhandeln?" „ Hört, Renzo, ich kann Euch nichts sagen, denn ich weiß nichts. So viel kann ich Euch aber versichern, daß mein Herr weder Euch noch sonst einem Menschen Unrecht thun will. Er hat keine Schuld daran." - „Wer denn aber sonst?" fragte Renzo gespannt und zagend, obwohl anscheinend sorglos. „Ich sage Euch ja, ich weiß nichts weiter. Zur Vertheidigung meines Herrn durfte ich reden, weil ich nicht leiden kann, daß auch nur der Schein des Unrecht- an ihm hafte. Der arme Mann! wenn er Sünde begeht, so geschieht es aus übergroßer Güte. Es giebr aber hier auf der Welt übermächtige Schurken, ohne Furcht und Scheu vor Gott!" — „Uebermachtige Schurken?" dachte Renzo, „das sind doch nicht die Vornehmen?" „Nun," sagte er, indem er die heftige Bewegung seines Innern mit Gewalt zurückdrängte, „nennt mir den Schuldigen!" , „Ja, Ihr wollt mich gern zum Reden bringen und ich weiß hoch nichts, es,jst.also dasselbe; als wenn ich geschworen hätte, nichts zu verrathen. Lebt wohl; es ist nur für uns Beide verlorne Zeit." Be! diesen Worten eilte sie rasch in den Garten und schloß die Thüre. Renzo erwiederte ihren Gruß, ging langsam und still zurück, damit das Geräusch seiner Schritte ihr nicht den Weg anzeige, welchen er nahm. Als er aber aus dem Gehöre und Gesichte der guten Frau war, rannte er in höchster Eile davon, stand im Nu vor Don Abbondio's Thüre, ging ins Haus, nach dem Saale, wo er ihn verließ, traf ihn daselbst noch an, und schritt trotzig und mit zornglühendem Auge aus ihn zu. r , „Nun, was giebts denn?" rief Don Abbondio. „Wer ist jener Mächtige," sagte Renzo.mit einer Stimme, die schleunige Antwort zu verlangen schien, „wer ist jener Mächtige, der sich meiner Heirath mit Luzien widersetzt?" „Was? was? was?" stotterte der arme Erstaunte, mit kreideweißem, schlaffen Gesicht, und sprang von seinem Sessel auf, der Thüre zu. Aber Renzo hatte dies vorausgeschen, kam ihm zuvor, verschloß den Eingang und steckte den Schlüssel zu sich. „Nun, Herr Pfarrer, werdet Ihr wohl reden? Jedermann kennt mein Schicksal, nur ich nicht, und zum Henker ich möchte es doch auch gern wissen! Wie heißt er?" „ Renzo, Renzo! Barmherzigkeit. Bedenke, was 'Du thust, bedenke das Wohl deiner Seele." I. C 34 „ Ich denke, daß ich es augenblicklich wissen will, und ohne Verzug! " Zugleich erfaßte er , vielleicht unbewußt, mit der einen Hand den Griff seines aus der Tasche ragenden Dolches. „Barmherzigkeit!" schrie Don Abbondio abermals mir heiserer Stimme. . „Ich will wissen-" „Wer hat Dir denn gesagt?-- —" „Keine Worte weiter. Redet klar und unumwunden !" „Willst Du meinen Tod?" „Ich verlange zu wissen, was ich zu verlangen berechtigt bin!" „Aber wenn ich rede, ist mein Tod gewiß. Ist Dir denn gar nichts an meinem Leben gelegen?" Redet!" Renzo sprach diese Worte mit solcher Energie, sein Antlitz verzog sich dabei so drohend, daß Don Abbondio gar nicht mehr an die Möglichkeit des Nichtgehorsams dachte. „Versprich mir, schwöre mir," sagte er, --niemals davon zu sprechen, Niemanden zu sagen, daß „Ich verspreche Euch, die ärgste Tollheit zu begehen, wenn Ihr nicht auf der Stelle seinen Namen nennet!" Don Abbondio sah aus, als habe er die Zange eines Zahnarztes im Munde, er stotterte: „Don — — — _" „Don,— " wiederholte Renzo, um ihm gewis- > scrmaßen zuAussprechung des Uebrigen zu helfen. Er stand gebeugt vor ibm, das Ohr dicht an ftinetn Munde, dieArme aufdem Rücken, die Hände geballt. „Don Nodn'go!" sagte der Pfarrer, mit gezwungener Eile die beiden Worte hcrauspolternd und kaum im Stande, die Konsonanten auszusprechen. „Hund!" wüthete Ncnzo, „und wie hat er es angefangen? Was hat er Euch gesagt?--" „ Wie eres angefangcn hat?" rief Don Abbondio, der sich dem andern nach einemso großen Opfer gleichsam zu seinem Schuldner geworden fühlte, unwillig. „Ich wünschte, er hatte cs mit Dir aus die nämliche Weise angefangen, so würden Dir sicherlich nicht so viel Grillen im Kopfe geblieben seyn-" Er malte nun sein Abentheuer mit den schwärzesten Farben aus, und entledigte sich dabei seines ganzen Zornes, der bisher unter dem Mantel der Furcht geruhet halte, und da er zugleich bemerkte, daß Ncnzo in seinem Zorne unbeweglich vor ihm stand und den Kopf zur Erde gesenkt hatte, so fuhr er rasch im Zuge fort: „Du hast sehr- edel gehandelt, mir einen schönen Dienst erzeigt! Darf ein ehrlicher Mensch sich wohl so etwas gegen seinen Pfarrer, in dessen eignem Hause erlauben ? Du hast da eine rechte Heldenthat begangen, mir Dein und mein Ullglück von der Zunge zu zwingen, was ich Dir aus Klugheit und zu Deinem Besten verschwieg. Nun weißt Du es, und ich werde ja sehen, was mir geschieht. Warum denn gleich in Wuth 36 gerathen, Renzo? Oeffne zum wenigsten. Gieb den Schlüssel her!" „Ich kann mich vergangen haben," entgegnete Renzo mit besänftigter Stimme, aus der aber die Wuth gegen den entdeckten Feind auftauchte, „ich kann mich vergangen haben; Hand aufs Herz, würdet Ihr aber wohl in meinem Falle —-" Er war zur Thüre gegangen, um zu offnen, Don Abbondio stand hinter ihm. Als er den Schlüssel ins Schloß steckte, trat er ihm naher und sagte, indem er ihm die drei ersten Finger der rechten Hand vorhielt, ernst und angstvoll: „Schwöremir!" „Wenn ick mich vergangen habe, so vergebt mir!" erwiederte Renzo und wollte fort. „Schwöre!" rief Don Abbondio, indem er ihn mit zitternder Hand am Arme faßte. Aber Renzo befreite sich und lief wüthend davon. „Perpetua! Perpetua!" schrie Don Abbondio, als er dem Flüchtlinge umsonst nachgerufen hatte. Perpetua antwortete nicht. Don Abbondio wußte nicht mehr wo er war. Die am vergangenen Tage aus- gestandene Furcht, die Angst und Sorge der Nacht, der eben erst gehabte Schrecken, die Furcht vor der Zukunft, versetzten ihn in einen siebergleichen Zustand. Voll Bekümmerniß taumelte er in seinen Armstuhl, fühlte sich von Frostschauer durchzittert, kaute seufzend an den Nageln und rief, zuweilen ärgerlich zugleich und zagend, aus: „Perpetua!" Endlich kam sie, mit einem großen Krautkopfe unterm Arme, ruhig und langsam an- Man kann sich denken, welches Jammer- und Klagegeschrei nun losbrach, welche Beschuldigungen und Vorwürfe, da nur sie allein geschwatzt haben könne, und welche Vetheuerungen vom Gegentheile. Endlich hieß Don Abbondio Per- pctuen die Thüre wohl verrammeln, keinen Fuß mehr hinaus setzen, und wenn Jemand klopfe, durch das Fenster antworten: der Pfarrer scy krank und liege zu Bette. Dann stieg er die Treppe hinauf, stöhnte bei jeder Stufe: „ Mit mir ist'ö aus!" und legte sich nieder. Renzo ging mit raschem Schritte nach Hause, ohne noch überlegt zu haben, was zu thun sey, aber entschlossen zu Allen,. Renzo war ein friedlicher, kei- nesweges blutdürstiger Mensch, aufrichtig und jede Hinterlist verachtend und hassend. In diesen Augenblicken aber schlug sein Herz hoch in Mordlust auf, und er dachte nur darauf, den Verrath zu rachen. Gern wäre er sogleich zu Don Nodrigo gestürzt und hatte ihn bei der Gurgel gepackt, wäre sein Haus nur nicht eine Festung gewesen, von innen und außen von Bravi umwacht, so daß nur die genauesten Freunde und die Diener frei und ohne vom Kopfe bis zum Fuße durchsucht zu werden, ein- und ausgingen, und ein unbekannter Handwerker nicht, ohne den strengsten Examen, Zutritt gefunden haben würde, er wahr- 38 scheinllch gar nicht. Nun gedachte er seine Flinte zu nehmen, sich hinter eine Hecke zu verbergen und da so lange zu lauern, bis sein Opfer dereinst einmal einsam vorüber wandle. Er vertiefte sich mit wahrem Blutdurste in diesen Gedanken, hörte schon die Fußtritte, sah sich selbst schon den Kopf erheben, den Bösewicht erkennen, anlegen, zielen, schießen und ihn treffen, daß er zu Boden stürzte. Dann warf er ihm noch einen Fluch zu und lief, auf seine Sicherheit bedacht, davon. — Und Luzia? — Kaum ertönte dies Wort in seinem Innern mitten in den trüben Fantasi'een, alsRenzo's besserer Geist erwachte. Er erinnerte sich der letzten Ermahnungen seiner Eltern, er erinnerte sich Gottes, der Jungfrau und aller Heiligen, dachte an den so oft schon genossenen Trost eines reinen Gewissens, an die Schrecknisse, die ihn jedes Mal, wo er von einem Morde hörte, umfingen, und kam mit Abscheu, Reue und einer geheimen Freude, daß bis jetzt alles nur Traum sei), von jenen Blutgedanken zurück. Aber welch andere Gedanken erregte nicht der einzige an Luzia! Welche Hoffnungen und Aussichten! Wie hatte ihm nicht die Zukunft, die er sich so sicher glaubte, zugelachelt und dieser einzige, verwünschte Tag!-Wie sollte er nun eine solche Nachricht mittheilen? Und was konnte er dann thun? wie Luzien, jenem Schändlichen zum Trotz, dennoch zur Seinigen machen? — Ein düsterer Schatten durchflog sein Inneres. — Nur eine ^ ^ ">'! »Ä- stl^ »s, ^ "hckai, im i»k silü! §i- i^ - l Mtlül Äiw lW «wridli. a;m s«M N- ^iizsiM iind sten jlmPm cidiiiM, die >ck Hill!, «' rnd tinki z, m !nd!l! 8i- , inft! Vch «litinnichi!' l», _. «irSe ic^°. '.,. > «tuGefl^ '^u keiiwrm -"';MM Md Lmrile; >M» !, Kim M»; :m ^nlkif.Ä. lii-heib- Mj M^M! >«u, Lilil!«! ij!inizb ^ tinn dn!«»- „nn°M"S 41 ängstlich: „Wasist's denn?"—„Luzia!"- sagte Renzo, „heute wird aus unserm Glücke nichts, und Gott weiß wenn -wir dereinst getraut werden können!" „ Was?" sagte-Luzip ganz fassungslos. 8icnza erzählte ihr,mit kurzen Worten Ms,, was ihm begegnet war; sie hörte angstvoll zu, und als er den Namen Don Rodrigo aussprach, ries sie erröthend und zitternd: „Ach! kann er's denn so weit treiben?—" „Also weißt Du von ihm?" fragte Renzo. „Nur zu viel! entgegnete Luzia, „aber daß er so weit gehen würde-!" „ Was weißt Du von ihm?" „Laß mich jetzt schweigen, daß ich nicht weinen muß.. Ich hole die Mutter, die mag die Mädchen fortschicken, damit wir allein bleiben. ^. „Warum hast Du mir nie ein Wort davon gesagt?" murmelte Renzo,, als sie sich entfernte. ,, „Ach Renzo!" antwortete Lueia, und wandte.sich im Gehen nach ihm zurück. Der Ton dieses Ausrufs sagte: „Kannst Du zweifeln, daß ich ohne reine und gerechte Ursachen schwieg? " Die gute Agnes-, Luziens Mutter, hatte das Geflüster mit Bettinen bemerkt und, neugierig, was man ihrer Tochter hinterbringe, war sie herabgesticgen. Luzia ließ sie bei Renzo und ging zu ihren Freundinnen hinauf, denen sie mit möglichster Fassung erklärte: der Pfarrer sey krank und könne heute nicht trauen. Worauf sie sie grüßte und eilig wieder verließ. 42 Die Mädchen entfernten sich, eine nach der andern, und gingen ins Dorf, um den Vorfall weiter zu erzählen und sich zu überzeugen, ob DonAbbondib auch wirklich krank sey. Die Wahrheit der Sache zerstörte denn auch alle etwaige Zweifel und Vermuthungen, die sie schon angefangen hatten sich zu bilden. — Drittes Kapitel. Luzia ging wieder zu Renzo, der einstweilen ih- rerMutter erzählen mußte, und beide verlangten nun von ihr die nähere traurige Erklärung, die sie ihnen so lange zurückgehalten hatte. Sie waren bei aller Liebe für Luzien etwas, — doch sehr verschiedener Art, — erzürnt auf sie, und die Alte konnte sich nicht enthalten, ihr einen Vorwurf zu machen: „Wie konntest du aber Deiner Mutter fo Etwas verschweigen ?" „Jetzt erfahrt Jhrssa Alles;"' entgcgnete Luzia, indem sie sich die Augen mit der Schürze trocknete. „Rede, rede!" riefen Mutter und Bräutigam zugleich. „Heilige Jungfrau!" rief Luzia, „wer hatte sich träumen lassen, daß es so weit kommen'könnte Und nun erzählte sie, mit von Thtanen unterbrochener Stimme, wie sie vor einigen Lagen vdn der Spin- nerel zurückgekehrt und einige Schritte hinter den Anderen geblieben sey, worauf ihr Don Rodrigo und noch ein Herr begegneten. Der erste, fuhr sie fort, habe ihr viel gar nicht schöne Sachen vorgeschwatzt; ohne ihm Gehör zu geben, sey sie aber mit schnelleren Schritten ihren Gefährtinnen nachgeeilt. Der andere Herr habe sehr darüber gelacht, Don Rodrigo aber gesagt : „Wir wollen wetten!" Am folgenden Tage waren beide wieder auf der Straße, sie aber mitten unter den Anderen, die Augen niedergeschlagen; der andere Herr lachte wieder laut auf, Don Rodrigo aber sagte: das wird sich finden, das wird sich finden! „Gott sey Dank" fuhr Luzia fort, „dies war der letzte Spinntag. Ich erzählte alles --" „Wem hast du alles erzählt?" fragte Agnes, indem sie die Tochter unwillig ansah, daß sie jemand Anderem vor ihr vertraut habe. „Dem Pater Christoforus in der Beichte, liebe Mutter!" entgegnete Luzia sanft entschuldigend. „Ich erzählte ihm alles, als wir das letzte Mal zusammen bei ihm in der Klosterkirche waren. Und wenn Ihr Achtung gegeben habt, müßt Ihr gefunden haben, daß ich an diesem Morgen sehr unruhig war und mich immer zu den Andern hielt, um nicht allein zu gehen; denn das öftere Begegnen auf der Straße hatte mich so eingcschüchtert." Bei dem verehrten Namen des Pater Christosorus heiterte sich Agnes wieder auf: „Du hast wohl 44 gethan," sagte sie, „warum erzähltest Du nicht aber auch alles Deiner Mutter?" Luzia hatte zwei gute Gründe dagegen gehabt; der » eine war , um die gute Frau nicht in Furcht zu setzen und zu betrüben, da sie doch nicht würde helfen können; der zweite, die Sache nicht zum Gerede werden zu lassen, da sie doch hoffte, sich durch die Heirath allen Verfolgungen zu entziehen. Sie führte indeß nur den ersten an. „Und Dir" wandte sie .sich zu Renzo, wie um ihn zur Erkenntnis; seines Unrechts zu bringen, -„Dir konnte ich doch nichts davon sagen. Du hast es 'ja so nun zeitig genug erfahren !" „Was meinte aber der Pater?" fragte Agnes. „Er hieß mich die Hochzeit nach Kräften betreiben- nicht ausgehen, und beten. Er hoffe, Don Ro- drigo werde, wenn er mich nicht mehr sehe, sich nicht mehr um mich kümmern. Und nun" fuhr sie weiter zu Renzo fort, crröthenö und ohne die Augen aufzuschlagen, „nun zwang ich mich zur Unverschämtheit und bat Dich um Eile und Beschleunigung der Hochzeit. Wer weiß, was Du magst gedacht haben, aber ich that cs ja aus guter Absicht und weil der Pater es so wollte und ich war gewiß... und diesen Morgen so entfernt von aller Furcht." . - Luzia konnte vor Thranen nicht weiter reden; Agnes jammerte und klagte, und Renzo ging wüthend und drohend in der Stube umher; dann blieb er vor der weinenden Luzia stehen und sagte mit Zärtlichkeit und Zorn: „Das soll öle letzte Schandthat des Schurken seyn!" „Nenzo, um Gottes Willen!" rief Luzia: „Es lebt ja auch für die Armen ein Gott. Wie soll er uns aber chelfen, wenn wir Böses thun? Rcnzo! " fuhr sie beruhigter und hoffend fort, „Du verstehst Dein Handwerk, ich bin auch arbeitsam, laß uns fliehen, so weit, daß unser Feind nichts mehr von uns höre!" „Und was dann, Luzia? wir sind ja noch nicht Mann und Frau ?" Luzia fing wieder an zu weinen, und es folgte eine Pause der Betrübniß, wogegen die Festkleidung aller nicht wenig abstach. „Hört, Kinder, ich will Euch etwas sagen/' meinte endlich die alte Agnes. „Ich war vor Euch auf der Welt und kenne sie ein wenig. Man muß nur den Muth nicht verlieren. Der Teufel ist nicht so schlimm, wie er aussieht. Uns armen Leuten scheint jeder Wirrwarr größer als er ist, weil wir das Ende nicht finden können; aber ein Studierter weiß alles ganz anders anzugreifen. Renzo, folge mir, gehe nach Lecco zum Doktor Nothstall, erzähle ihm ....— nenne ihn aber ja nicht so, denn cs ist nur ein Beiname , — alle Welt nennt ihn so, ich weiß aber seinen richtigen Namen nicht. Du brauchst ihn ja nur Herr Doktor anzureden. Gut; suche ihn also auf, er ist lang, mager, kahl, rothnasig und har eine Himbeere, als Maal auf dem Backen,", 46 »Ich habe ihn schon einmal gesehen," sagte Renzo- „Gut," fuhr Agnes fort, „das ist der Mann. Ich weiß, daß er mehr als Einem schon aus der Tinte half, der so tief darinn saß, daß er weder wo aus noch' ein wußte; und er war noch keine Stunde unter vier Augen mit dem Doktor Nolhstall gewesen, so lachte er darüber." „Nimm die vier Kapphahne, — ich wollte sie zu heute Abend schlachten!— und trage sie zu ihm, denn Mit leeren Händen darf man dem Herren niemals kommen. Erzähll ihm den Unfall und Du wirst sehen, er giebt Dir stehenden Fußes einen Nath, den wir wohl in einem Jahre nicht würden ausgeklügelt haben!" — Renzo billigte den Vorschlag, Luzia auch, und Agnes lhat sich etwas daraufzu gute, daß er von ihr herrühre. Dann ging sie in den Stall, sing die Kapphähne ein, band sie mit einem Bindfaden an den Füßen zusammen, als ob sie einen Blumenstrauß winde und stellte sie Renzo zu, der denn alsbald mit ihnen sich durch die Hinttrthüre auf den Weg machte. Ueber die Straße durfte er sich wegen des Gespöttes der Kinder nicht wagen. Als er nun über die Felder hinstrl'ch und sein Unglück bedachte und das beabsichtigte Gespräch mit dem Doktor, befanden sich die armen Hähne sehr schlecht, denn er pflegte die Empfindungen seines Innern mit Gesten zu begleiten, und hieb mannigmal unbarmherzig auf sie los. Als er den Flecken erreicht hatte, fragte er nach dem Doktor; man wies ihn zurecht und er ging hin. Er fühlte beim Eintreten alle Schüchternheit, die die Gegenwart eines Vornehmen oder Gelehrten dem Armen, Ungebildeten cinflößt, und seine schönen gelernten Worte waren vergessen. Ein Blick auf die Hahne gab ihm wieder einigen Muth. Er fragte das Dienstmädchen in der Küche, ob er den Herrn sprechen könne? Das Mädchen erblickte die Thiere und wollte, an solche Geschenke gewohnt, Hand anlegen, Nenzo « hielt sie aber fest, weil er dem Doktor doch müsse sehen lassen, daß er etwas bringe. Wahrend dieses kam der Doktor selbst an, und sagte: „Gebt hin und kommt ins Studierzimmer." Nenzo machte einen tiefen Bückling, der Doktor sagte noch ein Mal gnädig: „kommt, mein Sohn!" und führte ihn ins Zimmer. An dessen Hauptwand stand ein ungeheures Gestell mit alten, bestäubten Büchern; in der Mitte eine Tafel voll aufgeschlagener Werke, Bitt- Schmäh - und Klagschriften, zwei bis drei Stühle hcrumgcstellt, und ein alter mit Kuhhaut überzogener Lehnstuhl, dessen Arme sich wie Hörner hoch emporstreckten. Der Doktor war in Hauskleidung, nämlich einem schmutzigen Oberrocke, der ihm vor Alters einmal in Mailand bei feierlichen Gelegenheiten gedient hatte. Er schloß die Thüre und machte dem Jüngling mit den Worten Muth: „Tragt mir Eure Sache vor, lieber Sohn!" —- > >>' »--er ' 43 „Ich wollte Euch etwas vertrauen." „Nur zu, sprecht!" sagte der Doktor, sichln den Lehnstuhl setzend. Rcnzo stand steif und fest vor der Tafel, drehte den Hut in der Hand herum und sing wieder an: „Ich möchte gern von Euch als einem Studierten wissen-" „ Sagt mir die Sache rein von der Leber weg!," unterbrach -ihn der Doktor. „Entschuldigt, Herr Doktor, wir armen Leute wissen unsere Worte nicht so recht zu setzen. Ich möchte also wissen-" „Ja, so seyd Ihr, der Himmel weiß es, Alle, anstatt die Sache zu erzählen, macht Ihr solche Sprünge um sie herum, daß Ihr im Leben nicht dazu kommt." „Verzeiht, Herr Doktor, ich wollte nur wissen, ob es Sünde sey, einem Pfarrer zu drohen, weil er eine Trauung nicht vollziehen will?" „Ich verstehe," — (murmelte der Doktor, der in der That nichts verstanden hatte.) „Ich verstehe." Er nahm eine ernste Miene an, in die sich aber Mitleid und Ungeduld mischten, biß die Lippen zusammen, daß ein unarticulirter Laut ihnen entschwebte, der sein Gefühl in den nächsten Worten anzudeuten schien. „ Ein ernster Fall, mein Sohn, verlangt Ueber- legung; Ihr-habt wohl gethan, zu mir zu kommen. Der Fall ist klar, ist schon mannigmal zur Sprache ge- kommen, halt, halt ! ja, und erst im vorigen Jahre unter dem jetzigen Herrn Gouverneur; ich kann Euch mit der Hand drauf führen." Er stand vom Sessel auf, und wühlte lange unter den Folianten herum: „wo steckt er denn? immer der Unrechte! Da muß erseyn, denn die Verordnung ist wichtig- Ach da ist er, da ist er! „ Er zog ihn hervor, blätterte darin herum, verweilte endlich bei einer Stelle, sah nach dem Datum: 15 Dctober 1627. — „Also vom vorigen Jahre; könnt Ihr lesen, mein Sohn?" „Ein wenig, Herr Doktor." ' „Nun so stellt Euch dicht hierher." Der Doktor sing Hieraufan, lange Verordnungen vorzulesen, die nicht den geringsten Bezug ausRenzo's Lage hatten, und als dieser mehrmals nach der Anwendung fragte, verwies er ihn zur Geduld, sie werde gleich kommen. Der Doktor glaubte, Renzo habe rin Verbrechen begangen; er verwunderte sich also, als derselbe immer neugieriger, keineswegs aber bestürzt, ihm beim Vorlesen der diesfallsigen Strafen über die Achsel sah, und als er endete und noch einen eigenen Sermon dazu hielt, worin er ihm erklärte, er wolle ihm beistehen, wenn er keinen Vornehmen beleidigt habe, und ihn veranlaßte, sein Vergehen deutlicher zu nennen, so wie auch den Namen des Beleidigten, unterbrach ihn Renzo ganz verwundert. „Aber, Herr Doktor, Ihr habt mich ja ganz falsch verstanden; ich habe mich gegen Niemanden I. D so vergangen. Die ganze Gemeinde kann mir's bezeugen! Ich bin beleidigt worden, und ich komme zu Euch, um mir Rath zu erholen, auf welche Art ich am schnellsten Gerechtigkeit erlange." „Zum Teufel aber auch!" rief der Doktor, die Augen weit aufsperrend, „was macht Ihr für dummes Zeug! Könnt Ihr denn die Sache nicht klar und deutlich auseinander setzen? " „ Verzeiht mir, Herr Doktor, ich wollte es thun, Ihr ließt mich aber nicht zum Worte kommen. Nun sollt Ihr es gleich hören. Wißt also: ich wollte heute (hier ward seine Stimme bewegt) ein Mädchen heira- then, das ich seit diesem Sommer liebe. Mit dem Herrn Pfarrer war Alles verabredet und alle Hindernisse beseitigt. Da macht er plötzlich neue, grundlose Schwierigkeiten.ich zwinge ihn, rein heraus zu reden, und er bekennt, es sey ihm bei Todesstrafe untersagt, die Trauung zu vollziehen. Don Ro- drigo......" „Still, Still!" rief der Doktor, indem er die Stirn runzelte, die rothe Nase in Falten zog und ein abscheuliches Gesicht schnitt; „ still! bestürmt mir nicht den Kopf mit solchen Narrenspossen! Behaltet die Reden für Leute Eurer Art, die ihre Worte nicht abzuwägen wissen, und kommt damit keinem Manne von Bildung, der ihre Bedeutung kennt. Fort, fort! Ihr wißt nicht, was Ihr sprecht, ich will nichts mit 61 Tollköpfen zu thun haben. Ich will solche Neben nicht hören, sie sind aus der Luft gegriffen!" „Ich schwöre, Herr Doktor —." „ Geht, sage ich Euch. Was kümmere ich mich um Eure Schwüre. Ich habe nichts mit Euch zu schaffen, ich wasche meine Hände ln Unschuld! (Dabei rieb und wand er sie durch einander, als ob er sie wirklich wüsche.) Seht Euch erst in der Welt um und überfallt nicht auf diese Art Jemanden, der zu leben weiß!" ,, So hört doch, so hört doch!" rief Nenzo immer wieder vergeblich. Der erschrockene Doktor drängte ihn zur Lhüre hinaus, und rief der Magd: „gleb diesem Menschen augenblicklich zurück, was er brachte, ich will nichts von ihm, ich will nichts von ihm!" Die Magd hatte, so lange sie hier im Hause war, noch niemals einen solchen Fall erlebt. Der Befehl ward aber so bestimmt gegeben, daß sie nicht anstehen durfte zu gehorchen. Sie nahm die vier Thiere, und gab sie Renzo mit einem verachtenden Blicke wieder, der zu sagen schien: du mußt doch Deine Sache recht dumm angefangen haben! Renzo wollte sie zwar nicht annehmen, der Doktor aber bestand fest und bestimmt darauf, und er mußte also staunend und sinnlos und erboster als je den Rückweg mit ihnen antre- ten, um den Frauen den schiefen Ausgang seiner Sendung mitzutheilen. Luzia und ihre Mutter hatten indeß die Festkleider D 2 62 - wieder abgelegt und saßen in ihrem alltäglichen Anzuge schluchzend und seufzend in der Stube.' Agnes sprach viel von dem großen Erfolge der Rathschlage des Doktors, Luzia erwähnte den Pater Christoforus als einen Mann, der mit Rath und That jedem Armen beistehe, und es sey gewiß heilsam, ihn von Allem zu unterrichten. Agnes gab ihr Recht und sie besprachen, wie ihre Absicht am besten auszuführen sey. Heute noch nach dem zwei italienische Meilen entfernten Kloster zu gehen, würde Tollheit gewesen seyn. Indem pochte es an die Thüre und gleich darauf erscholl ein leises aber festes Dsu grstia»! Luzia vermuthctete, wer cs sey, öffnete, und alsbald trat ein Bettelmönch herein, seinen Quersack über die linke Schulter gehangen, und die beiden Enden mit der Hand über der Brust fesihaltend. „ Ach, Fra Galdino!" riesen Mutter und Tochter. „Der Herr sey mit Euch," sagte der Bruder, „ich komme zur Nuss- erndte." „Hole die Spende fürs Kloster," sagte Agnes. Luzia stand auf und ging ins Nebenzimmer; verweilte aber einen Augenblick hinter Fra Galdino und gab der Mutter, indem sie den Finger auf den Mund hielt, einen zärtlich bittenden, aber auch fast befehlenden Wink, zu schweigen. Der Mönch blinzelte Angnesen von fern an und sagte: „sollte nicht heute Hochzeit hier seyn? Ich habe schon im Dorfe so ein Gemunkel und Gezische! vernommen, was giebl's denn?" „Der Herr Pfarrer ist krank und kann nicht trauen;" sagte Agnes rasch. Ohne Luziens Wink würde sie wahrscheinlich verkebrt geantwortet haben. „Wiegeht's denn mit der Kollekte?" fuhr sie fort, um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben. „Schlecht, gute Frau, schlecht, da, seht selbst zu!" Er schwang den Sack und warf ihn mit einer Hand in die Höhe. „Das ist alles, und ich habe dock darum an zehn Thüren klopfen müssen." „Das Jahr ist karg, Fra Galdino, und wenn es an Bcod fehlt, da hapert's überall." „ Womit sind denn aber gute Zeiten wieder her- beizucufen, liebe Frau? Nur durch Almosen! Habt Ihr von dem Wunder mit dem Nussbaume gehört, das sich vor vielen Jahren in unserm Kloster in Ro» magna zutrug?" „Nein, nein, laßt doch hören!" „ Nun so wißt denn, daß in dem Kloster ein alter Mönch lebte, ein Heiliger, er hieß Pater Macarius- An einem Wintertage wanderte er übers Feld eines unserer Wohlthater, eines Ehrenmannes. Pater Macarius sah ihn selbst bei einem großen Nussbaume stehen, neben ihm vier Arbeiter mit Aexten, diedamit die Erde aufwühlten, um den Baum zu entwurzeln. „„ Was hat Euch der arme Stamm gethan? "" fragte Pater Macarius. „ „ Er giebt schon seit Iah- 54 ren keine Früchte mehr , ehrwürdiger Vater, und ich gedenke, ihn zu verbrennen."" — „„ Thut es nicht,"" sagte der Pater, „„denn dieses Jahr wird er mehr Nüsse, als Blatter tragen.""—Der Mann kannte den, der dies sagte, ließ seine Leute sogleich die Erde wieder um die Wurzeln aufschütten und rief dem seines Weges weiter gegangenen Pater zu: „die Halste der Erndte gehört dem Kloster!" Die Prophezeiung verbreitete sich und alles lief hinzu, den Nussbaum zu sehen. Im Frühlinge stand der Baum in vollster Blüthe und trug im Herbste Frucht neben Frucht. Der Besitzer hatte nicht die Freude, zu erndten, denn er empfing vorher den Lohn seines frommen Lebens, darum ward das Wunder aber nur desto erstaunlicher. Der gute Mann hatte einen einzigen Sohn hinterlassen, der in Allem sein Gegenbild war. Zur Zeit der Erndte kam nun der Sammler des Klosters und forderte die versprochene Halste ein. Der Sohn dachte aber nicht daran, sie ihm zu geben und ertheilte die steche Antwort: „„Er habe nie gehört, daß die Kapuziner Nussbäume macken könnten."" Nun merkt auf, was geschah. Eines Tages hatte der Sünder einige Freunde und Geistesgenossen zu sich eingeladen, und wahrend sie schmausten und schwelgten, erzählte er die Geschichte mit dem Nuffbaume, daß Alles die Mönche belachte. Da die ganze Gesellschaft den übermäßigen Hausen Nüsse sehen wollte, so führte er sie zum Speicher, öffnete die Thüre, gehr nach dem Winkel, wo die Nüsse lagen und, was findet er da statt ihrer? — Einen Haufen welker Nussblatter! — Das Kloster gewann dabei, denn nach diesem Ereignisse waren die Spenden der Nusserndte so groß, daß der Bruder Sammler sie gar nicht fortbringen konnte, und ein Mildthätiger dem Kloster einen Esel zu diesem Behufe schenkte. Oel wurde in so reichlicher Menge daraus gelöst, daß jeder Arme sein Bedürfnis bei uns stillen konnte, denn wir sind wie daS Meer, das von allen Seiten empfangt und giebt." Hier erschien Luzia wieder. Sie hatte die Schürze bis oben an gehäuft voll Nüsse und konnte sie kaum ertragen. Fra Gakd'ino öffnete den Sack, hielt ihn dar und empfing die reichliche Spende. Die Mutter sah Luzien erstaunt und unwillig wegen ikrer Verschwendung an, Luzia gab ihr aber einen Wink, mit dem Bedeuten, sie werde sich rechtfertigen. Fra Gal- dino konnte gar nicht enden mit Lob und guten Wünschen, Versprechungen und Danksagungen, nahm seinen Sack wieder auf die Schultern und ging. Luzia rufte ihn zurück. „ Wollt Ihr mir wohl einen Gefallen erzeigen," sagte sie, „und dem Pater Ehristoforus sagen: ich habe recht nöthig, mit ihm zu sprechen und ließe ihn um die Gnade bitten, so schnell es ihm möglich sey, zu uns zu kommen, weil ich nicht zur Kirche gehen könne." „Herzlich gern!" erwiederte der Mönch, „spa- S6 testens in einer Stunde soll Pater Christoforus Euren Wunsch kennen." „Ich verlasse mich darauf? " „Ihr könnt es!" Und somit ging er von dannen. Man glaube nicht, daß der Pater Ehristosorus, weil ein armes Landmadchen ihn zu sich kommen ließ, und ein Mönch seines Klosters ihn ohne Weiteres zu bestellen übernahm, schlecht und unwürdig gewesen sey. Er genoß im Gegentheil bei den Seinigen großes Ansehen und war in der ganzen Umgegend hochgeschätzt. Aber es lag im Karakter der Kapuziner, daß ihnen nichts zu gering und zu hoch war: dem Niedrigsten dienen und sich von dem Vornehmsten bedienen lassen; in Pallästen und Hütten mit gleicher Demuth und Sicherheit gehen; oft in einem und demselben Hause zur Belustigung dienen und bei jedem ernsten Beschlüsse unentbehrlich seyn; überall Almosen suchen und überall, wo sie gesucht wurden, geben, — der Kapuziner war an alles gewöhnt. Wanderte er seines Weges, so ließ er sich wohl in diesem Augenblicke von einem Prinzen seinen Strick küssen und gerieth im andern unter eine Rotte Buben, die ihm den Bart mit Schlamm und Koth besprühten. Das Wort Bruder ward damals mit eben so großer Ehrerbietung als bitterer Verachtung genannt. Vielleicht wurde kein anderer Mönchsorden jemals so sehr verschieden beurthcilt, als der der Kapuziner, und kein anderer hatte jemals so sonderbare Schicksale. Viel- leicht war's eben n,ur, seine Armuth, auffallendere Kleidung und demülhigereS Benehmen, was ihn der Berchrung und dem Hasse verschiedenartiger Meinungen naher brachte. Als Fra Gaidino fort war,, rief Agnes aus: Ums Himmels Willen, welcher Haufen Nüsse, in einem so unfruchtbaren Jahre !" „Vergieb, liebe Mutter," antwortete Luzia, „hatten wir nicht mehr wie andere gegeben, so hatte Fra Galdino noch wer weiß wie lange Herumlaufeis müssen, che sein Sack voll gewesen wäre und er hätte dann wohl über allem Deinen Geschwätz meine Bitte gänzlich vergessen!" „Nun, nun, Du hast wohl daran gcthan, und dann lohnt sich ja Barmherzigkeit immer tausendfältig!" sagte Agnes, die bei allen ihren Fehlern im, Grunde seelengut war, und der einzigen, vielgeliebtem Tochter eigentlich in Nichts zürnen konnte. , Renz» kam mit zorn- und schaamerglühetem Gesichte zurück und warf die vier armen Thiere—heute ihre letzte Marter—heftig auf den Tisch. „Habt mir einen schönen Nach gegeben, mich zu einem schönen Kerle geschickt! —Ja der ist wahrhaftig der Armen Trost und Hülfe!" — Er erzählte seine Abentheuer beim Doktor; doch die traurige Alte wollte dennoch behaupten, ihr Rach sey gut gewesen, und Renzo habe nur nicht verstanden, die Sache von der rechten Seite anzugreifen. Luzia unterbrach sie mit der Cc- klarung ihres sicher wirksameren Mittels, und, so ent- 58 muthigt wie Renzo war, so ließ er sich doch, wie jeder Unglückliche, von neuer Hoffnung wieder etwas aufrichten. „Und hat der Pater," rief er, „auch keinen Ausweg, so will ich ihn doch auf eine oder die andere Art verschaffen!" Die Frauen predigten Frieden, Geduld und Klugheit. „Morgen," sagte Luzia, „kommt Pater Chri- stoforus sicherlich, und Ihr werdet sehen, erbringt Hülfe, von der wir uns nicht träumen ließen. „Ich will's hoffen," sagte Renzo," in jedem Falle werde ich mir aber Recht zu verschaffen wissen. Recht muß doch Recht bleiben!" So verging der Tag und die Dämmerung brach an. „Nun gute Nacht," sagte Luzia traurig zu Renzo, der gar nicht fortkommen konnte. „Gute Nacht!" sagte er noch trauriger. „ Unsere Heiligen werden helfen," erwiederte sie, „sey nur klug und vertraue." Auch die Mutter gab noch gute Rathschlage, und so ging denn endlich der arme Bräutigam mit stürmischen Herzen davon und murmelte in einem fort bei sich die Worte: „ Recht muß doch Recht bleiben!" So wahr ist es, daß die Vernunft im Schmerze untcrgeht. 59 ^kin, ctcr h, ^ler Nri- ">> u triezt lichir '' ii jrim -ft »iffi». e»z dich i l»iz zu ^k. M. mrirtrckft h tit Niiklir jlm Mich HkM tiu» h hi Viertes Kapitel. Noch vor Sonnenaufgänge verließ Pater Christo- forus das Kloster von Pescarenlco, um seine Wanderung nach Agnesens Hütte anzutreten- Pescarenico ist ein Weiler an dem linken Ufer der Adda, oder vielmehr des Sees, unfern der Brücke; er besteht aus wenigen, meistens von Fischern bewohnten Häuschen. Hie und da erblickt man zum Trocknen ausgespannte Netze. Das Kloster liegt vor dem Weiler auf dem Wege von Lecco nach Bergamo. Die Luft war heiter. Die Sonne stieg hinter den Bergen immer mehr herauf und ihr Licht von den Gipfeln der gegenübergelegenen hernieder. Es blitzte schon durch manche Felsenspalte freundlich in dieTba- ler. Ein leichter Herbstwind wehete die welken Blatter der Maulbeerbäume zu Boden. Rechts und links in den Weinbergen glanzten auf den noch aufgerichteten Rebschössen die Blätter in röthlicher Farbenpracht und die braunen, neu gelegten Vogelherde stachen scharf von den weißlichen, im Thauschmucke funkelnden Stoppelfeldern ab. Es warein vergnügliches Bild. Aber die Menschen, die man hin und wieder erblickte, machten es düsterer. Nur zerlumpte abgezehrte Bettler, entweder im Elende ergraut oder von augenblicklicher dringender Noth ge- 60 zwungen, um Almosen zu flehen, gingen stumm vor dem Pater vorüber, sahen ihn andachtsvoll an, und obschon sie von ihm nichts zu erwarten hatten, da ein Kapuziner kein Geld anrühren darf, so bückten sie stell tief vor ihm, aus Dankbarkeit für die im ^ Kloster empfangenen Wohllhaten. Das Geräusch und der Anblick der Feldarbeitcr hatte etwas noch Traucrerregenderes. Einige warfen dünne, spärliche Saat aus, verdrießlichen Muthes, als ob sie etwas aufs Spiel setzten, was ihnen sehr schwer falle; andere waren mit Unlust beschäftigt, den Boden mit dem Spaten umzugraben. Ein elender Knabe führte seine magere, dürre Kuh am Stricke auf der Weide herum, stierte auf den Rasen und bückte sich von Zeit zu Zeit^ um dem Thiere das eine oder andere Kraut zur Nahrung der Seinigen zu rauben. Diese Eindrücke bekümmerten die Seele des Mönches von Schritt zu Schritt, und ec konnte sich nicht trüber Ahnungen über die Ursache des an ihn ergangenen Rufes enthalten. Pater Ehristoforus hatte fast schon sein sechszigsieS Jahr erreicht. Ec pflegte manchmal sein kahles Haupt, auf dein sich, nach Kapuzinerart, nur ein kleines Büschel Haare befand, mit einem stolzen, unruhigen Gefühle emporzuheben; gleich darauf sank eS aber wieder, wie im Bewußrseyn der Demuth. Ein langer, grauer Bart, der Backen und Kinn bedeckte, ließ die oberen Gesichtstheile scharfer hervortreten, s ^ EkkjH ^ »ir-S U» sti'llii-c --«ittires 'üftil Lkidt !»U mD tLkni.^mk - ÜftLin- AÄiS «i> ij> nitl lräikl »I, IljAjÜIkH 'iiii ul siin IIIÄ, W« r,m>lL e« dili»»^' ^ dn«^ kl denen langgewohnte Enthaltsamkeit bei weitem mehr an Würde gegeben als an Ausdruck genommen hatte. Seine tiefliegenden Augen waren meistens zur Erde gewendet, zuweilen funkelten sie aber mit plötzlicher Lebhaftigkeit auf. Pater Ehristoforüs hieß eigentlich Ludoviko und war der Sohn eines Kaufmannes, der mit dem Handel viel verdient, sich am Ende seines Lebens davon zurückgezogen und den großen Herrn gespielt hatte. Er bereitete dann im Innersten, daß er jemals etwas in der Welt leistete, schämte sich seines frühem Gewerbes und suchte jede Erinnerung daran zu vernichten. Demungeachtet mußte er aber immerfort an seinen ehemaligen Tuchladen, seine Ballen, Handlungsbücher und Elle, mitten in den glänzendsten Gastereien, denken, und fand nie vor ihnen Ruhe. Wer bei ihm beliebt sepn wollte, durfte in- deß nicht wagen, auch nur mit einer Silbe seines früheren Standes zu erwähnen. Dafür folgendes Beispiel: Eines Tages war die Tafel zu Ende, die allgemeine Lust eben aufs höchste gestiegen und der Hausherr scherzte freundlich mit einem der wackersten Zecher und Schmausen. Dieser, der gutmüthigste Narr von der Welt, gab in seiner Unschuld ein auf die Anrede passendes Lonmoft und zwar dem Handel entlehnt, heraus. Das Wort war kaum über seine Lippen, als er cs auch schon bereuete. Schüchtern blickte er nach seinem Wirthe auf, dessen Antlitz sich im Nu umwölkt hatte- Die anderen Gaste suchten 62 ihn wieder aufzuheitern und das Wort in Vergessenheit zu bringen. Indem sie aber eben die dazu zu nehmenden Mittel bedachten, entstand eine allgemeine Stille, welche die Unschicklichkeit nur um so mehr hervorhob. Einer vermied den Blick des Andern, denn jeder wußte, daß der andere an die fatale Sache dachte. Die Freude des Tages war dahin und der arme Schuldige wurde nie wieder eingeladen. In einem solchen ängstlichen Zustande verstrichen Ludoviko's Vater's letzte Lebensjahre. Er gab seinem Sohne eine, seiner Zeit angemessene, vornehme Erziehung, so weit es ihm Gebrauch und Gesetz gestatteten , und ließ ihn in allen Wissenschaften und ritterlichen Uebungen unterrichten. Bei seinem Tode sah der junge, hochstrebende Mann sich im Besitze eines großen Vermögens. Er war unter Schmeichlern ausgewachsen und an Ehrfurchtsbezeigungen gewöhnt. Als er sich nun aber unter die Vornehmsten der Stadt mischen wollte, fand er eine höchst unerwartete Aufnahme , und überzeugte sich, daß er zu Erlangung seines Wunsches, Umgang mit ihnen zu haben, die Schule der Geduld und Demuth ganz durchlaufen müsse; denn in jedem Augenblicke widerfuhr ihm irgend eine Beleidigung. Solche Lebensart widerstritt Ludoviko's Karakter und Erziehung. Er zog sich freiwillig zurück, blieb aber mit Unmuth in der Ferne; denn er hielt die Vornehmen doch für die ihm eigentlich gemäße Ge- sellschaft, und nur ihre Schroffheit konnte ihn zurückhalten. Halb Neigung-, halb Haß erfüllt, und da er sich ihr nicht vertraulich nahem und doch in einem Bezüge mit ihr stehen wollte, entschloß er sich, mit den Ersten der Stadt an Pracht und Aufwand zu wetteifern. Dadurch zog er sich von allen Seiten Feindschaft und Neid zu, und machte sich mehr als ein Mal lächerlich. Seine rechtschaffene und heftige Gemüths- art verwickelte ihn aber mit der Zeit in ernstere Kampfe. Er hegte einen unbezwinglichen, grenzenlosen Abscheu gegen alle Unterdrückungen und Ungerechtigkeiten, einen Abscheu, der um so starker in ihm ward, als er diejenigen, welche sich das Meiste zu Schulden kommen ließen, persönlich hasste. Diesem Abscheue zu genügen, ergriff er bei jeder Gelegenheit die Parthek gemißhandelter Schwacher, gerieth aus einem Streite in den andern, und trat so am Ende als erklärter Ver- theidiger und Racher der Unschuld auf. Diese Stellung war sehr schwierig. Er hatte eine Menge Feinde, Abentheuer und Sorgen, und fühlte sich nicht blos mit der Welt uneins, sondern sogar mit seinem Innern, da ihn seine Absichten oft selbst zu Schleichwegen und Gewaltmitteln, die sein Gewissen nie billigte, zwangen. Er war genökhigt, immerfort eine tüchtige Schaar Bravi um sich zu haben und zwar, damit er sich auf sie verlassen konnte, die verwegensten und also auch ruchlosesten; er war gezwungen, Mit diesen Schurken, um der Gerechtigkeit willen, zu leben. 64 Mehr alSein Mal, entmuthigt durch den traurigen Ausgang irgend einer Unternehmung, oder durch irgend eine drehende Gefahr, müde des steten Zwanges, auf seiner Hut zu seyn, oder der ekelhaften Gesellschaft, — mehr als ein Mal, wenn er einen Blick in die Zukunft that und aufseine Vermögenrumstande, die gute Werke und Tollheiten von Tag Zu Tag schlim- merten, war ihm der Gedanke beigekommen, ins Kloster 'zu gehen; damals der sicherste Weg, sich aus aller Verlegenheit zu ziehen. Vielleicht wäre dieser Gedanke stets nur Gedanke geblieben, hatte ihn nicht ein Ereigniß, wie Ludoviko nie ernster und fruchtbarer erlebte, zur Ausführung gebracht. Eines Tages ging er mit einem sonstigen Handelsdiener seines Vaters, den derselbe zum Haushofmeister umgestempelt hatte, hinter sich zwei Bravi, über die Straße. Der Haushofmeister, ein Mann von etwa fünfzig Jahren, hieß Christoph. Seit seiner Jugend in Diensten des Hauses, hatte er seinen jetzigen Herrn aufwachsen sehen, war verheirathct und Vater von acht Kindern. Ludoviko erblickte in der Ferne einen seiner stolzesten, ärgsten Feinde, der sich Schandthaten zum Gewerbe machte und mit dem er noch nie ein Wort sprach. Der Gegner, dem vier Bravi folgten, kam mit anmaßendem. höhnendem Wesen gerade auf ihn zu. Beide gingen dicht längs der Mauer, die Ludoviko zur rechten Hand war. Dies berechtigte ihn, Niemanden, wer es auch sey, auszuwcichen, was damals besondere Wichtigkeit hatte. Der Andere glaubte, als .Nobile, nicht nöthig zu haben, auszuweichen. Der Fall war ungewiß. Sie schritten, dicht an der Mauer, aufeinander zu. Als sie sich erreicht hatten, maß der Nobile Ludoviko'n von oben bis unten und sagte verächtlich: „ Ausgewichen!" „Weicht Ihr aus," riefLudoviko „ich habe es nicht nöthig!" „ Wenn Ihr meines Gleichen begegnet, ist es immer Eure Pflicht!" „Ja, wenn der Hochmuts, Eures Gleichen mir etwas gälte! " — Sie blieben mit wilden Blicken gegen einander stehen, und griffen zu den Dolchen. Die Vorübergehenden hielten sich, auf den Ausgang begierig, in einiger Entfernung. Ihre Anwesenheit reizte beide Feinde nur noch mehr auf. „Weich aus, du schlechter Kaufmannsbengel! oder ich willDich lehren, wie man sich gegen Edelleute zu benehmen hat!" „Du lügst, wenn Du mich schlecht nennst!" „Du lügst, wenn Du mich Lügen strafst! und war'st Du Kavallier wie ich, so wollte ich Dir mit dem Degen beweisen, daß ich Recht habe!" „Ein guter Vorwand, die Dummheit Deiner Reden nicht mit der That zu vertreten!" „ Werft den Schurken in den Koth!" rief der Nobile seinen Leuten zu. „Das wird sich finden," sagte Ludovißo, indem l- E 66 er einen Schritt zurücktrat und Hand an den Degen legte. „ Verwegener!" schrie der Andere, den seim'gen ziehend, „ich zerbreche ihn, wenn er Dein Schand- blut trank!" Einer siel über den andern her. Beider Gefolge eilte, ihrem Herren beizustehen. Das Gefecht war ungleich und Ludoviko suchte nur sich zu vcrtheidigcn und seinen Gegner zu entwaffnen, nicht aber ihn zu lobten. Er hatte schon im linken Arme von einem Bravo eine Stichwunde und in der Backe einen leichten Ritz empfangen, und der Nobile rannte hinterrücks auf ihn zu, um ihn zu tobten- Christoph, die große Gefahr seines Herrn bemerkend, siel den Nobile ebenfalls im Rücken mit dem Dolche an, zog dadurch dessen volle Wuth auf sich und ward von ihm mit dem Degen durchstochen. Bei diesem Anblicke gerieth Ludoviko außer sich, und jagte dem Nobile augenblicklich seine Waffe durch den Leib, daß er sterbend über Christoforus zusammensank. Als die Vravi des Nobile ihren Herrn getödtet sahen, ergriffen sie, übel zugerichtet, die Flucht. Die Ludoviko's waren auch nicht ohne Wunden, und da es keinen Feind mehr zu bekämpfen gab und sie nicht von dem immer mehr anwachfenden Volkshaufen bedrängt werden wollten, so machten sie sich nach der andern Seite hin aus dem Staube. Ludoviko blieb allein neben den beiden Todtcn, mitten unter der Menge. „Wie ist's denn abgclaufen? — Ein Todter? — Nein! Zwei. — Sie haben ihm ein Knopfloch in den Bauch geschnitten. — Wer ist's denn? — Ein vornehmer Hund. — Heilige Jungfrau! welch Ereigniß. — Wer sucht, findet. — Ein Augenblick bezahlt alles. — Auch er hat den Tod gefunden. — Was wird daraus werden? — Es ist eine ernste Sache. —Und der andere Unglückliche? —Himmel! welcher Anblick. — Rettet ihn, rettet ihn. — Er ist auch verwundet. — Seht, wie man ihm mitgespiclt hat. — Er blutet überund über. — Reißtaus, armer Mann, reißt aus — laßt Euch nicht fangen — " Diese durch den Lerm des Haufens dringenden Worte sprachen die öffentliche Meinung aus, und man gab nicht blos Rath, sondern auch Hülfe. Nicht fern von dem Orte stand ein Kapuziner-Kloster, wohin damals kein Hascher und die Hand der Gerechtigkeit überhaupt nicht dringen durfte. Das Volk übergab den verwundeten Schuldigen, der kaum seiner Sinne Herr war, den Mönchen dieses Klosters und empfahl ihnen denselben alseinen Ehrenmann, der gezwungen und zu seiner eigenen Wertheidigung einen stolzen Taugenichts getobter habe. Ludoviko halte vorher noch kein Blut vergossen, und obschon ein Mord zu damaliger Zeit etwas sehr gewöhnliches war, was man sehr oft sehen und hören E 2 68 konnte, so verursachte doch das neue, unaussprechliche Gefühl, zwei Todte vor sich zu erblicken, wovon der eine für, der andere durch ihn starb, eine gänzliche Umwandlung seines Innern. Der Fall seines Feindes, der schnelle Uedergang von Drohungen und Wuth zur feierlichen Ruhe des Todes machten auf Ludoviko den tiefsten Eindruck. Ec war nach dem Kloster geschasst worden, ohne zu wissen, was um ihn vorging, und als er wieder zu sich kam, befand er sich zu Bette im Krankenhause, unter den Händen des Bruder - Wundarztes (fast in jedem Kapuzinerkloster war einer), der die beiden Wunden mit Scharpie und Binden schloß. Ein Bruder, dessen ausschließliches Amt darin bestand, Sterbenden beizustehen, war sogleich nach dem Orte des Gefechtes abgescndet worden und kam nach einigen Minuten in das Krankenhaus des Klosters, an Ludoviko's Bette. „Tröstet Euch," sagte er zu ihm, „er ist zum wenigsten reuig gestorben und hat mir aufgetragen, Euch seine Verzeihung zu bintcrbringcn und Euch um die Eitrige für ihn zu bitten." Bei diesen Worten ward der arme Ludoviko wieder ein wenig Herr seiner selbst und erwachte ans seinem düstern Seelenleidcn um den Freund, dem sich Neue seiner Thal und Mitleid mit dem Getödtetcn zugescllten. „Und der andere?"-fragte er ängstlich den Mönch.-„ War, als ich ankam, schon todt." — An den Eingängen und in den Umgebungen des Klosters wimmelte es von Neugierigen. Die Sbir- renwciche kam bald an, zerstreute die Menge und stellte sich nicht weit vom Thoce im Hinterhalte auf, so daß Niemand unbemerkt hcrauskommcn konnte. Ein Bruder, zwei Vettern und ein alter Oheim des Gctödteten kamen auch, vom Kopse bis zum Fuße bewaffnet, mit einer Unzahl Bravi an, und machten mit drohenden Blicken und Geberden die Ronde ums Kloster. Kaum hatte Ludoviko seine Gedanken sammeln können, als er einen Bruder Beichtiger verlangte und ihn bat, zu Christoph's Witwe zu gehen, sie in seinem Namen wegen des unschuldig herbeigeführten Todes ihres Mannes um Verzeihung zu bitten und ihr zu versichern, daß er die Sorge für die Familie auf sich nähme. — Was ihn selbst anbetraf, so erfaßte er nun ernstlicher als je den Gedanken, Mönch zu werden; cs schien ihm, als habe Gott selbst ihm diese Veranlassung und Lage als Wink bereitet, und sein Entschluß stand fest. Er ließ den Guardian kommen und theilte ihn diesem mit. Die Antwort lautete, daß man sich damit nicht übereilen dürfe, beharre ec aber auf seinem Willen, so solle ihm gern Folge geleistet werden. Ludoviko sandte nun nach einem Notar und machte aus seinem ganzen noch übrigen Vermögen eine Schenkung an Ehristoph's Kinder und Witwe. Ludoviko's Entschluß kam dem Kloster sehr zu statten, denn es war seinetwegen in der Klemme.. Ihn fortzuschicken und der Gerechtigkeit zu 70 überliefern, d. h. der Reicheseiner Feinde, daran war allerdings nicht zu denken, denn es würde geradezu Bcrzichtlcistung auf die Vorrechte des Ordens gewesen seyn, das Kloster bei dem Volke in Miskrcdit gebracht und nicht allein alle Kapuziner der Welt höchlich erzürnt, sondern auch alle geistlichen Behörden, die sich gegenseitig einander vertraten und schützten, in Harnisch gejagt haben. Anderseits war aber wieder die mächtige Familie des Gelödleten und ihr ganzer Anhang entschlossen, Rache zu nehmen, und erklärte jeden, der sich ihr darinn widersetzte, für ihren Feind. Man weiß zwar nicht, ob der Schmerz um den Gefallenen so sehr groß war, noch ob in der ganzen Familie eine einzige Thrane für ihn geweint wurde; sie glühten aber alle vor Begierde, den Mörder todt oder lebendig in ihrer Gewalt zu haben. Ludoviko'ö Vorsatz, sich als Kapuziner einkleiden zu lassen, gab der ganzen Sache eine andere Gestalt. Er legte sich gewissermaßen selbst eine Buße auf, bekannte sich selbst für schuldig und strafbar und verließ, die Waffen niederstreckend, den Kampfplatz. Die Verwandten des Gebliebenen konnten nun nach Gutdünken ausschrcien, er scy aus Verzweiflung und Furcht vor ihrer Rache Mönch geworden. Auf jeden Fall mußte es Genugthuung für die tödtlichste Beleidigung seyn, auf Hab' und Gut zu verzichten, sich das Haupt schceren zu lassen, barfuß einherzu- wandeln, aus Stroh zu schlafen und von Almosen zu leben. Der Pater Guardian ging mit ungezwungener Demuth zu des Nobile Bruder, versicherte das ganze, hochberühmte Geschlecht seiner Dienstbeflissenheit und Achtung und gedachte der Neue Ludoviko's und seines Vorhabens. Er bemerkte mit Artigkeit, daß dem Geschlechts dies genügen könne, und ließ mit noch größerer Feinheit einfließen, es möge nun der Fall seyn oder nicht, die Sache sey abgemacht. Der Bruder gerieth in Wuth, der Kapuziner ließ sie verrauchen und sagte von Zeit zu Zeit; „ Euer Schmerz ist gerecht!" Dann erklärte der Bruder, er würde der Familie in jedem Falle Genugthuung verschafft haben, und was auch der Mönch dabei dachte, er sagte nicht nein! Endlich verlangte er noch ausdrücklich, daß der Mörder sich ohne Verzug aus der Stadt entferne. Die Kapuziner hatten es ohnedem schon beschlossen, also versprach es der Mönch, ließ ihm den Glauben, es geschehe aus Gehorsam gegen ihn, und so war man einig. Die Familie war zufrieden, daß man sie einer Verbindlichkeit entledigte; die Mönche hatten ihren Zweck erreicht, einen Menschen und ihre Privilegien gerettet zu haben, ohne sich Feinde zu machen; die Ritterschaft war zufrieden, daß die Sache auf eine ehrenvolle Weise endete; das Volk, daß sein Schützling gerettet wurde und zugleich eine Einkleidung Statt fand; und mekr als alle andere war Ludoviko selbst in seinem Schmerze zufrieden. Er begann nun ein 72 Leben der Demuth und Buße und konnte das ange- siiftcte Uebel zwar nicht ungeschehen, aber doch so viel wie möglich wieder gut machen und den unerträglichen Stachel der Reue abstumpfen. Der Gedanke, daß man seinen Entschluß könne der Furcht entsprossen glauben, betrübte ihn einen Augenblick, es tröstete ihn aber, daß er ein solches falsches Urtheil als Strafe und als Mittel zur Buße annehmcn durfte. Also bekleidete er sich in seinem dreißigsten Jahre mit der Kutte, und da er zugleich mit ihr einen anderen Namen annchmen mußte, so wählte er einen, der ihn in jedem Augenblicke an seine Schuld erinnere, und nannte sich Ehristoforus. — Nach beendeter Einkleidungszeremonie machte ihm der Guardian sogleich bekannt, daß er sein Noviziat in ***, sechszig italienische Meilen von diesem Orte entfernt, bestehen und morgen dahin abgehen solle. Der Novize neigte sich tief und bat noch um eine Gnade: „Erlaubtmir, Pater," sagte er, „daß ich, che ich diese Stadt verlasse, wo ich das Blut eines Menschen vergoß, wo ich eine Familie tödtlich beleidigte , ihr mein Unrecht zum wenigsten abbitte und ihr mein Leid kund gebe, cs nicht wieder ausgleichen zu können; daß ich vom Bruder des Getödtcten Vergebung erhalte und ihm mit Gottes Hülfe den Haß aus der Seele nehme." Der Guardian hielt eine solche Handlung nicht allein schon an und für sich für gut, sondern meinte, sie werde auch das gute Vernehmen zwischen dem Kloster und der Familie gänzlich wiederhcrstellen. Also ging er zu dem Kavalier und legte ihm des Bruders Chri- stoforus Bitte vor- Sie kam unerwartet, und dem Staunen des Nobile vermischte sich Unwillen sowohl als Mitleid. Er überlegte einen Augenblick und bestellte ihn dann zu einer gewissen Stunde des folgenden Tages. Der Guardian hinterbrachte dem Novizen die Antwort. Der Nobile wußte wohl, daß, je feierlicher und Aufsehenerregender diese Unterwerfung werde, desto mehr sein Ansehen bei Verwandten und Volke steige, und daß sie der ganzen Familie zu Ruhm und Ehre gereichen müsse. Er bestellte sogleich sammtliche Verwandte, um eine allgemeine Genugthuung zu empfangen, zum nächsten Mittag in sein Haus. Der Pallast strotzte zur bestimmten Zeit von Rittern jedes Alters und Geschlechtes, und überall drängten sich weite, prachtvolle Mantel, hohe, herabwallende Federn, und ungeheure Halskrausen durcheinander. Vorzimmer, Hof und Straße wimmelten von Bedienten, Pagen, Bravi und Neugierigen aller Art. Bruder Christoforus sah diese Vorbereitungen, erriech die Ursache, und empfand eine leichte Unruhe. Augenblicklich erholte er sich aber wieder und sagte zu sich: „Es ist gut so, ich habe ihn öffentlich, vor den Augen der Welt getödtet, so sehe denn auch die Welt meine Reue!" Mit niedergeschlagenen Augen, einen 74 begleitenden Bruder zur Seite, schritt er ins Haus, über den Hof hinweg durch eine ihn mit lästiger Neugier angaffende Menge, die Treppen empor und durch die ganze Nitterschaar dem Hausherrn zu, der, von den nächsten Verwandten umgeben, mitten im Saale stand. Er hatte das Haupt stolz aufgeworfen und sah zur Erde» die linke Hand an den Degcn- knopf gelegt, mit der rechten den Kragen des Mantels auf der Brust zusammenziehend. Antlitz und Haltung des Bruders Christoforus sagten der ganzen Versammlung klar und deutlich, daß er nicht aus menschlicher Furcht der Welt entsagte, und aller Herzen versöhnten sich ihm. Als er den Beleidigten erblickte, beschleunigte er seine Schritte, warf sich knieend vor ihm nieder, die Hände kreuzweis über die Brust gelegt, neigte sein kahles Haupt und sagte: „Ich bin der Mörder Eures Bruders. Der Himmel weiß, daß ich ihn Euch gern mit meinem Blute wieder erkaufen möchte, da dies aber nicht geschehen kann, so begnügt Euch um Gottes Willen mit meiner zwar unwirksamen und späten, aber aufrichtigen Abbitte!" Alles blickte unverwandtem Auges auf den Knieenden und den Nobile, Alles lauschte auf dessen Antwort. Als Christoforus schwieg, lief ein leises Gemurmel des Mitleids und der Achtung durch die Versammlung. Der Nobile, welcher mit erzwungener Herablassung und sichtbarem Zorne dastand, verlor bei diesen Worten seine Fassung und sagte, sich zu dem Knieenden herabbeugend, mit bewegter Stimme: „Steht auf! die Beleidigung ist in der That... aber das Kleid, das Ihr tragt_Eure Reue .... steht auf, Pater! — Es ist wahr .... mein Bruder war eine Kavalier.... ein Mensch_zuweilen sehr hitzig .... und übereilt .... aber alles geschah nach Gottes Willen .... Laßt es vergessen seyn. Aber, Pater! Euch geziemt diese Stellung nicht." Er ergriff ihn beim Arme und richtete ihn auf. Bruder Ehristoforus entgegnete stehend und mit gesenktem Haupte: „Also darf ich hoffen, Eure Vergebung zu erhalten? Und besitze ich die Eure, wer würde mir die seinigr noch vorenthalten? Laßt mich das Wort Verzeihung aus Eurem Munde hören! " „Verzeihung-" sagte der Nobile, „habt Ihr jetzt nicht mehr nöthig; da Ihr sie aber wünscht, so gewähre ich sie Euch sicherlich von ganzem Herzen und Alle...." „Alle! Alle!" rief die Versammlung einstimmig. Das Antlitz des Mönchs verrieth eine dankbare Freude, hinter der aber dennoch demuthvolle, tiefe Her- zcnszerknirschung, unabhängig von der Menschen Vergebung, hervortrat. Der Nobile ward von diesem Anblicke besiegt und von der allgemeinen Bewegung mit fortgerissen, umarmte Ehristoforus und gab und empfing von ihm den Friedenskuß. Von allen Seiten des Saales erschollen Beifallsbezeugungen. Alles drängte sich dicht um den Bru- 76 der herzu.' Es kamen Diener mit Erfrischungen. Der Edelmann nahete Christoforus, der sich entfernen zu wollen schien, und sagte: „Erzeigt mir die Freundschaft, Pater, noch Einiges bei mir zu genießen." Er wollte ihn dann vor allen andern bedienen, Ehristosorus verhinderte es aber mit Herzlichkeit, indem er erklärte: „ Diese Dinge sind nicht mehr für mich, glaubt aber ums Himmels Willen nicht, daß ich Eure Gaben verwerfe. Ich bin im Begriffe, meine Reise anzutretcn, habt die Güte, mir ein Brod reichen zu lassen, dann kann ich sagen, mich Eurer Wohlthaten erfreut, von Eurem Brode gegessen zu haben, und ein Zeichen Eurer Vergebung zu besitzen!" Der Edelmann war gerührt, befahl, daß man ein Brod herbeischaffe, und es kam sogleich ein Haushofmeister in größtem Staate, der dem Pater auf silbernem Teller ein Brod darbot. Er nahm es, dankte und steckte es in seinen Reisekorb, beurlaubte sich dann, und nachdem ihn nochmals der Hausherr und die der Zunächststehenden, welche sich seiner bemächtigen konnten, umarmt hatten, entriß er sich ihnen ganz ermattet, kämpfte sich in den Vorsälen mit Noth und Mühe durch die Bedienten und Bravi, die den Saum seines Kleides, seinen Strick und seine Kapuze küßten, und ward auf der Straße von einem Volkshaufen empfangen, der ihn wie im Triumphe bis an das Stadtthor begleitete. Dann begann er seine einsame Fußwanderung nach dein Orte seines Noviziats., Bruder und Verwandte des Getödtcten, welche an diesem Tage gemeint hatten, ihrem Stolze die Zügel schießen zu lassen, waren im Gegentheil von der reinen Freude der Vergebung mild des Wohlwollens erfüllt. Die Versammlung unterhielt sich noch eine Weile mit ungewöhnlicher Güte und Herzlichkeit von Dingen, an die Niemand bei der Ankunft gedacht hatte, und statt von genommener Mache und Genugthuung, von durchgeführtcn Absichten, sprach man von nichts, als dem Lobe des Novizen, von Versöhnung und Sanstmuth. Als man auseinander gegangen ckar, bedachte der noch ganz aufgeregte Hausherr eine Weile das mit ihm und den Andern vorgegangcne Wunder und murmelte zwischen den Zahnen: „Teufel von einem Mönche! läge er noch hier so auf den Km'een vor mir, ich glaube, ich müßte ihn am Ende um Verzeihung bitten, daß ec meinen Bruder ermordete!" — Zndeß wurde er seit diesem Tage doch weniger jähzornig und hülfsftrtiger. Bruder Ehristoforus ging seines Weges so getrost weiter, wie er seit jenem gräßlichen Tage nie hatte seyn können und war entschlossen, für denselben sein ganzes Leben hindurch zu büßen. Die erste Wicht eines Novizen war Schweigen- Er erfüllte sie leicht, da er in Gedanken immer mit sich und seinem Zustande beschäftigt war, aß daun mit Vergisst- 73 gen von dem Brode der Vergebung, legte sich aber ein Stück zurück, um es zum steten Andenken zu bewahren. — Bruder Ehristoforus kam seinen Pflichten und Obliegenheiten immerdar mit Sorgfalt und willig nach. Er predigte, stand Sterbenden bei und erfüllte eben so treulich noch zwei sich selbst auferlegte Verrichtungen, nämlich Streit beizulegen und Unterdrückten beizustehen. Auf solche Art kam er einigermaßen wieder auf seine alten Sprünge und zu einem gewissen ritterlichen Geiste zurück, den Demuth und Kasteiungen nicht durchaus in ihm hatten vertilgen können. Der Ton seiner Rede war gewöhnlich leise und bescheiden. Handelte es sich aber um beleidigte Gerechtigkeit oder Wahrheit, so belebte er sich mit dem sonstigen Feuer, das wiederum durch den ihn eigen- thümlichen Nachdruck beim Predigen gemildert ward, oder sich mit ihm vermischte, und seine ganze Sprach- weise erhielt dadurch einen sehr sonderbaren Karakter. Sein ganzes Aeußere bezeugte den Kampf seines Innern zwischen einer heftigen, empfindlichen Gemüths- stimmung und entgegengesetztem, fast immer siegreichen Willen, den höherer Einfluß und Beweggründe über alles cmporstellten. Christoforus würde jedem armen Mädchen augenblicklich geholfen haben, das wie Luzia seine Hülfe in Anspruch nahm. Er beeilte sich zu dieser um so mehr, da er ihre Unschuld kannte und schätzte, schon manches für sie gefürchtet hatte und erst kürzlich über die Verfolgungen, welche sie unterging, erbittert worden war. Zudem kam noch, daß er ihr gerathen hatte, alles zu verschweigen und ruhig zu bleiben. Dies konnte schlimm abgclaufen seyn, und er empfand nicht blos den ihm angeborenen Eifer für Barmherzigkeit, sondern auch die gewissenhafte Aengstlichkeit guter Menschen. Doch er ist schon angekommcn, hat an die Thüce geklopft, und die Frauen haben ihm, mit dem Ausrufe: „Ach! Pater Christoforus! Gott segn' Euch!" geöffnet. Fünftes Kapitel. Pater Ehristoforus blieb auf der Schwelle stehen und hatte kaum einige Blicke auf die Frauen gethan, als er wohl bemerken konnte, daß seine Ahnung nicht trüge. Er erhob also mit leichter Kopfbewegung den Bart und fragte, wie schon der schlimmen Kunde gewiß: „Nun?" — Luzia antwortete mit einem Thranenstrome. Die Mutter sing Entschuldigungen ihrer Kühnheit an, er schritt aber vorwärts, setzte sich auf einen dreifüßigen Schemmel und unterbrach ihr Geschwätz, indem er sich zu Luzien wendete: „Sey ruhig, armes Mädchen! und Ihr —," sagte er zu Agnes, „erzählt die Sache." — Während sie es that, verfärbte sich der Pater ein Mal über das andere, hob die Augen zum Himmel empor und stampfte mit den Füßen. DleAlte hatte geendet, er bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen und rief aus: „Gerechter Gott! — Ihr armen Leute! " sagte ec zu den beiden, „Gott hat Euch heimgcfucht. Arme Luzia!" „Verlaßt uns nurjnicht, Pater!" schluchzte Luzia. „Ich Euch verlassen?" sagte er, „Großer Gott! könnte ich denn jemals wieder zu dir aufblicken, wenn ich Euch verlassen hatte in einem solchen Zustande? Er hat Euch mir anvertraut, verliert den Muth nicht. Er wird uns auch beistehen. Er sieht alles. Er vernichtet wohl auch mit einem schwachen Werkzeuge wie ich bin, einen.... doch sehen wir zu und bedenken, was es zu thun giebt!" Indem er dies sagte, hatte er seinen linken Ellbogen aufs Knie, die Stirn in die flache Hand gestützt. Mit der Rechten strich er Kinn und Bart, wie um sich zu sammeln. Aber die angestrengteste Betrachtung diente nur, ihn bestimmter fühlen zu lassen, wie verwickelt der Fall sey, wie schnelle Hülfe nöthig, und wie wenige unzuverlässige und gefahrvolle Mittel ihm dazu zu Gebote standen. — „Don Abbondio beschämen und ihm zeigen, wie sehr er seine Pflicht verletzte? Scham und Pflicht gelten ihm nichts, wenn er Furcht hat. Ihm Furcht 8 t „Eachr !^k!,siiH '«!«„§» !jM -K> «A ich Ä:«ü! K > Ich Hl rÄ. §r k 7 - st dl!!»?!!, ! lsiittl kl- -I WÜ jt- I ml ösit, -z-P-V-st ii fÄ,» -> üdzii-h'«!' jagen? — womit? er fürchtet sich ja vor nichts mehr als einer Flinte. — Den Cardinal Erzbischofs von Allem unterrichten und seine Autorität aufbieten? — Das verlangt Zeit, und inzwischen? und dann? Und ist nun auch das arme Mädchen Frau, würde der Mensch deshalb seine Verfolgungen einstellen? — Wer weiß, wieweit er fähig ist, sie zu treiben. Sich ihm widersetzen? Wir? — Za, könnte ich meine Klosterbrüder von hier und Mailand zusammenberufen! Aber es Ist keine Gemrinsache. Sie würden mich im Stiche lassen. — Er giebt sich für einen Freund des Klosters und der Kapuziner aus- Seine Bravi haben sich mehr als ein Mal zu uns geflüchtet. Ich würde also allein dastehen, die Sache nur noch mehr verwickeln und dem Zänker und Unruhestifter allein die Spitze bieten müssen, und wie leicht könnte ich da nicht durch irgend eine »»zeitige That das arme Kind in noch tieferes Elend bringen?" — Nachdem Christoforus Alles für und wider so abgewogen hatte, schien es ihm das Gerathenste, selbst zu Don Rodrigo zu gehen, um ihn von seinem schändlichen Vorsatze durch Bitten und Furcht vor jenem Leben, wenn cs möglich sey, auch vor diesem, abzubringem Zm schlimmsten Falle erfuhr man auf diesem Wege zum wenigsten, wie weit seine Leidenschaft ihn führen könne, lernte seine Absichten naher kennen und vermochte, ihnen eher entgegen zu arbeiten. Wahrend der Pater so in Nachdenken versunken saß, war Renzo, den cs I. F ' 82 aus begreiflichen Ursachen nicht lange vom Hause entfernt litt, zur Thüre cingetretcn- Als er den Pater erblickte und die Frauen ihm winkten, nicht zu stören , blieb er schweigsam auf der Schwelle stehen. Der Pater sah auf, um seinen Entschluß mitzuthei- len, gewahrte Renzo und grüßte ihn mit Wohlwollen und Theilnahme. „Haben sic Euch erzählt, Pater?" fragte Renzo zagend. „Ach! nur zu vielt deshalb bin ich hier. " „Nun, was sagt Ihr zu dem Schurken?" „Was soll ich von ihm sagen? er ist nicht hier, also würden meine Worte unnütz seyn. Dir sage ich, lieber Renzo, vertraue aufGott, er wird Dich nicht verlassen!" „Gesegnet seyen Eure Worte!" rief der Jüngling; „Ihr scheint nicht von der Art zu seyn, die den Armen immer Unrecht geben. Aber der Herr Pfarrer und der Herr Doctor! " — „Laßt das Geschehene ruhen, es bringt Dich nur, ohne etwas zu helfen, in Zorn. Ich bin ein armer Mönch, aber ich wiederhole Dir, was ich schon den Frauen hier sagte, so viel meine Kräfte vermögen, werde ich Euch immer beistehen. " „Ach! Ihr seyd nicht so trügerisch wie Weltfreunde. Was haben sie mir nicht in guten Zeiten Alles versprochen: sie hätten willig ihr Blut für mich aufgeopfcrt, hatten mich gegen den Teufel selbst vcr- theidigt, wenn ich irgend einen Feind gehabt hätte, ich hatte nur reden, nur wünschen dürfen- Und nun? Ihr solltet sehen, wie sie sich davon schleichen." In diesem Augenblicke sah der Redende empor und bemerkte, daß das Antlitz seines Zuhörers sich ganz umwölkt hatte. Er mußte etwas Dummes gesagt haben. Um es wieder gut zu machen, verwirrte er sich ganz und gar: „Ich wollte nur sagen .... ich verstehe nicht .... ich.wollte nämlich sagen." „Was wolltest Du sagen? Was? Du hattest also mein Werk zu untergraben angefangen, ehe noch etwas dafür gethan werden konnte? — Es ist gut für Dich, daß Du zeitig genug enttäuscht wurdest. Wie? — Du suchtest Freunde? — und was für Freunde! — sie hatten Dir selbst mit dem besten Willen nicht helfen können. Und Du wolltest den Einzigen, der Dir helfen kann und will, von Dir stoßen? Weißt Du nicht, daß Gott der Freund aller Nothleidenden ist, die ihm vertrauen? Weißt Du nicht, daß cs dem Schwachen nichts hilft, wenn er die Zahne weist?" — Er ergriff Ren- zo beim Arme. Sein Blick sank zur Erde, feine Stimme ward feierlich, leise, und wie überirdisch: „Und hülfe es ihm auch, die Hülfe wäre entsetzlich! Renzo! willst Du mir vertrauen? — Was sage ich! mir? mir armen, unwürdigen Menschen und Klosterbruder? — Willst Du Gott vertrauen?" »Ja, gewiß!" erwiederte Renzo. „Er ist ja der wahrhaftige Herr!" — F 2 84 „Gut, so versprich mir, Dich mit Niemand ein- zulassen, Niemand aufzuregen, ganz meiner Leitung zu folgen'.," „ Ich verspreche cs Euch!" Luzia seufzte tief auf, als wäre ihr ein schwerer Stein vom Herzen gefallen; Agnes sagte: „braver Zunge!" „Hört Kinder!" nahm Bruder Christoph wieder das Wort,, „Ich spreche heute noch mit jenem Menschen. Rührt Gott sein Herz und giebt er meinen Worten Kraft, wohl! wo nicht, so wird sich schon ein anderes Hülfsmittel aufsinden lassen. Was Euch indes anlangt, so verhaltet Euch ruhig und still, vermeidet alles Geschwätz und alle Gesellschaft. Ihr seht mich diesen Abend, spatstens morgen wieder." Hierauf brach der Pater alle Danksagungen und Segenswünsche rasch ab, und ging wieder nach seinem Kloster, wo er eben recht zum Psalmengesange kam. Er aß dann sein Mittagsbrod und machte sich bald nach der Höhle des Raubthieres, das er zu zahmen gedachte , auf den Weg. Don Rodrigo's Schloß lag wie ein Wachtthurm, einsam auf dem Gipfel eines der Vorgebirge, die sich längs der Seeküste hinziehen; etwa drei italienische Meilen von dem Dorfe der Verlobten, viere vom ^ Kloster entfernt. Am Fuße des Berges, auf der Seeseite, lageine Anzahl, von Rodrigo's Unterthanen bewohnter Hüt- ten. Ging man vorüber und warf einen zufälligen Blick durch irgend eine Oeffnung, so kam man über den Zustano des Dörfchens bald ins Klare. An den Wanden hingen in bunter Verwirrung Feuergewehre, Hacken, Rechen, Strohhüte, Netze, Pulverhörner u. a. Die Bewohner waren entweder starke, unfreundliche, junge Kerle, in deren Benehmen und Tracht der Bravo unverkcnntlich; oder zahnlose Greise, die dem' ungeachtet bereit schienen, jedem feindselig Nahenden das Zahnfleisch zuzufletschen; oder Weiber mit männlichen Gestchtszügen und nervigen Armen, die die Zunge nicht im Stiche zu lassen das Anfehn hatten; und selbst aus dem Wesen der Kinder sprach gewisse Verwegenheit und Trotz., Bruder Ehristoforus ging vorüber und einen schneckenförmigen Fußweg empor, der zu einem freien Platze vor dem Schlosse führte. Der Eingang war verschlossen, zum Zeichen, daß der Herr zu Mittag speise und ungestört seyn wolle. Die wenigen kleinen Fenster, welche auf diese Seite herausgingen, und deren Flügel halb zerbrochen-und verfallen waren, versperrten starke Eisenstangen, und diedes Erdgeschosses waren so hoch, daß man kaum hatte hineinsehen können, wenn ein Mensch auf des andern Schultern gestiegen wäre. Ueberall herrschte das tiefste Stillschweigen, und ein Fremder hatte das Haus wohl leer und verödet glauben können, wäre er nicht durch vier Wesen, zwei 88 tobte und zwei lebendige/ Vi'e sich ihm simmetrisch darstell- ten, vom Gegentheile überzeugt worden. Zwei große Geier mit ausgespreizten Flügeln und frei schwebenden Köpfen/ der.eine gerupft und halb von der Zeit zerstört, der andere noch ganz und befiedert/ waren an die beiden Thorflügel festgenagelt. Zwei Bravi lagen, wachehaltcnd, auf Banken rechts und links vom Thore und erwarteten die Ablösung, um auch an den Freuden der Tafel ihres Herrn Theil zu nehmen. Der Pater blieb vor ihnen stehen, wie bereit zu warten, der eine Bravo erhob sich aber und ries: „Pater! Pater! kommt naher, Kapuziner dürfen hier nicht warten, wir sind Freunde des Klosters, und Ich bin manch Mal darin gewesen, wenn es draußen nicht gut seyn war, und hätten sie mir die Thüre verschlossen gehalten, so wäre cs mir schlimm ergangen." Er that bei diesen Worten zwei Hammerschläge, die von Innen durch Hundegebcll und Geheul beantwortet wurden, und nach wenigen Augenblicken kam brummend ein alter Bedienter an. Als er den Pater sah, verneigte er sich tief vor ihm, brachte die Thiere mit Hand und Stimme zur Ruhe, führte den Gast In ein schmales Gehöft und verschloß das Thor. Dann ging er mit ihm in einen Saal, blickte ihn mit Staunen und Ehrfurcht an und fragte: „ Seyd Ihr denn nicht Pater Chriftoforus von Pesca- renico?" „Derselbe." „ Wie Ihr seht, guter Alter." „ Ihr wollt Gutes stiften! — Gutes!" tnurmelre er zwischen de» Zähnen und abgehend, „es stiftet sich nicht allerwärts." Sie wandcrlen durch zwei, drei finstere Vorsäle nach dem Speisezimmer, aus dem ein gewaltiges Getös von Messern, Gabeln, Gläser», zinnernen Tellern und Schüsseln, vor allem aber von sich selbst übertäubenden und überschreienden Stimmen ertönte. Der Bruder wollte sich wieder entfernen und verhandelte noch mit dem Diener, bis zum Ende deS Mahles in irgend einem entlegenen Winkel deS Hauses zu warten, als die Thür aufging. Ein gewisser GrafAttilio, Vetter des Hausherrn, dessen schon, ohne ihn zu nennen, Erwähnung geschah , saß gerade der Thüre gegenüber, bemerkte den geschorenen Kopf und die Kutte und daß der Mönch aus Bescheidenheit sich zurückziehen wollte „He, he," rief er, „reißt nicht wieder aus, ehrwürdiger Pater! kommt näher, kommt näher!" Don Rodrigo errieth zwar keineswegs die Ursache dieses Besuches, eine geheime Vorahnung bedrückte ihn aber, und er hätte sich gern davon losgemacht. Da der unbcdachtsame Attilio indeß so laut aufgeschricn hatte, so mußte er es sich gefallen lassen und sagte: „Kommt, Pater, kommt!" Der Pater trat näher, verneigte sich gegen den Hausherrn und dankte mit 88 beiden Händen den Begrüßungen der Gaste. Der rechtschaffene Mann vermag gewöhnlich, dem Lasterhaften gegenüber, die Stirn zu erheben, ihn mit sicherem Blicke anzusehen und mit festem Tone anzureden. In dem gegenwärtigen Falle trafen aber eine Menge ganz besonderer Umstande zusammen, nach denen man sich nicht verwundern darf, den Bruder Christoph mit seinem reinen Gewissen, vollen Gefühl seiner gerechten Sache, und mit gemischter Empfindung von Abscheu und Mitleid, mit einer gewissen Blödigkeit und Unterwerfung vor Don Rodrigo stehen zu sehen, der in seinem eigenen Hause und Gebiete, auf hohem Lehnstuhle gemächlich da faß, umgebenpon Freunden, Unterthanen und allen Zeichen seiner Macht, und mit einer Miene, die jedem, der eine Bitte oder einen Rath, Vorwurf oder Tadel bei ihm anbringcn wollte, das Wort auf der Zunge ertödten mußte. Zu seiner Rechten saß Graf Attilio, der Genosse seiner Ausschweifungen und Uebellhaten, von Mailand gekommen, um einige Zeit bei ihm zuzubringen; zu seiner Linken, und zwar an der anderen Tafelseite, ehrerbietig, doch mit einer gewissen Sicherheit und Naseweisheit, der Herr Amtmann, derselbe, welcher, schon nach dem Gerüchte, Nenzo Tramaglinon hätte sollen Gerechtigkeit widerfahren lassen und Don Rodrigo Strafe auferlegen; dem Amtmanne gegenüber, mit der äußersten Untecthänigkeit, Doktor Nothstall, 89 "'Hiich,. «fihl s,,W »ZÄKit iaadtii, '«MM, ü Mi Ä «i!l IMIl Mich» miü. nsnich Nei- lÜNPlt indrit >»> iN, >r^ jO!» !>'" d!u^' schwarz gekleidet und mit noch mehr als gewöhnlich rothgefärbter Nase; den beiden Kavalieren aber gegenüber zwei andere unbekannte Gäste, die weiter nichts thaten als essen und trinken, sich verneigen und alles belachen, was irgend ein anderer sagte und niemand widersprach. „Einen Sessel sür den Pater!" befahl Don Rodrigo. Ein Diener brachte einen Lehnstuhl, Bruder Christoforus nahm Platz und entschuldigte sich, zu ungelegener Stunde gekommen zu scyn. „Ich wünschte, in wichtiger Angelegenheit mit Euch allein zu sprechen," flüsterte er Don Rodrigo leise ins Ohr, „Gut, gut, wir sprechen uns;" antwortete dieser, „vorher aber, Pater! müßt Ihr mit uns trinken. Der Pater wollte es ablehnen, Don Rodrigo rief aber durch den neu erschollenen Lerm: „Nein, bei Leibe! das werdet Ihr mir nicht an- thun. Man soll nie sagen, daß ein Kapuziner aus diesem Hause gegangen sey, ohne meinen Wein, noch ein unverschämter Gläubiger, ohne die Knüppel meiner Waldungen geschmeckt zu haben!" ' Allgemeines Gelächter begleitete diese Worte und unterbrach eine Zeitlang die hitzig zwischen den Gästen zur Sprache gekommene Sache. Ein D>ener brachte auf silbernem Becken eine Flasche Wein und einen langen Becher in Kelchform, überreichte es dem Pater, und da derselbe einem Manne, dessen Gunst er jetzt so nöthig hatte, diese Einladung nicht abschlagen wollte, so schenkte er sich ein und schlürfte den Wein langsam hinunter. „Die Autorität des Tasso entscheidet für Eure Sache durchaus nichts, mein verehrter Herr Amtmann, sondern gegen dieselbe!'* brüllte Graf At- tilio; „denn jener gelehrte und große Mann, der alle Regeln des Ritterthums an den Fingern herzahlen konnte, laßt Argante's Abgesandten, vor Herausforderung der christlichen Ritter, den frommen Bouillon erst um Eclaubniß dazu bitten." „Das ist aber," brüllte der Amtmann nicht minder, „nur so hingesagt, ist nur eine dichterische Zierde, denn der Gesandte ist an und für sich, nach dem Völkerrechte, eine geheiligte, unangreifbare Person. Wir brauchen deshalb auch gar nicht weit nachzufor- schcn, denn schon ein altes Sprichwort besagt dasselbe, undjdie Sprichwörter, mein Herr Graf, enthalten, wie Ihr wißt, alle menschliche Weisheit. —Da nun überdies der Abgesandte nichts in seinem eigenen Namen sagte, sondern die Herausforderung schriftlich übergab." „Wie könnt Ihr aber glauben, daß der Abgesandte ein solcher tollköpsiger Esel gewesen sey, der ganz und gar nichts von den ersten." „Mit Erlaubniß, JhrHerren," siel Don Rodrigo, der nicht wünschte, den Streit zu weit geführt zu sehen, ins Wort, „trogt die Sache doch dem Pater Ehri- stoforus vor und begebt Euch seiner Entscheidung." „Gut, vortrefflich!" sagte Graf Attilio, den es zu ergötzen schien, eine, das Nitterwesen betreffende, Frage von einem Kapuziner beantwortet zu hören. Der Amtmann war eifriger auf die Sache, willigte wider Willen darein, und mit einer leichten Gesichts- Verziehung, die Zusagen schien: „Nun so schwatzt zu!" „Aber nach dem, was ich gehört zu haben glaube," meinte der Pater, „sind es Dinge, von denen ich als Mönch keine Kenntnisse besitzen kann. " „Bloße Bescheidenheit, bloße Ausrede," sagte Don Rodrlgo, „Ihr entkommt mir nicht, Pater! Wir wissen recht gut, daß Ihr nicht mit der Kapuze über dem Kopfe geboren seyd und die Welt gekannt habt. Darum schweigt und hört die Sache! „ Sie ist die," begann Graf Attilio ihm zuzuschreien. „Laßt mich erzählen, Vetter, ich bin neutral, " siel ihm Don Rodrigo ein. „Wißt also: Einspanischer Kavalier läßt einen Mailänder herausfordern. Sein Abgesandter trifft denselben nicht zu Hause an und übergiebt die Herausforderung einem Bruder des Kavaliers. Er liest sie und prügelt statt Antwort den Boten durch. „ Schon recht, schon reckt," rief Graf Attilio; „ er war wahrhaftig inspirirt." „Vom Teufel!" fügte der Amtmann hinzu. L? „Einen Abgesandten durchzuprügeln! eine geheiligte Person! Sagt, Pater! ob das als Kavalier gehandelt ist?" „Ja, Herr! als Kavalier," rief der Graf, „ich sage es Euch, ich, der hoffentlich weiß, was ein Kavalier zu thun und zu lassen hat. Hatte er ihn mit der Faust geprügelt, so war es etwas anderes, aber der Stock besudelt die Hände nicht. Unbegreiflich ist es mir aber, wie Ihr die Schultern eines solchen Wichtes in Schutz nehmen könnt?" „ Wer hat denn von Schultern gesprochen, mein Herr Graf? Ihr dichtet mir Dinge an, die mir niemals in die Sinne kamen. Ich spreche vom Karak- ter und nicht von Schultern. Ich spreche hauptsächlich von den Gesetzen des Ritterwesens. Habt doch die Gnade mir zu sagen, ob die Plebejer, durch welche die alten Römer anderen Völkerschaften den Krieg erklären ließen, erst um Erlaubnis baten, sich ihres Auftrages zu entledigen; nennt mir nur einen einzigen alten Schriftsteller, der des-Falles erwähnte, daß ein solcher Abgesandter durchgeprügelt worden Ware." „Was gehen uns die alten Römer an? Sie mögen cs gehalten haben, wie sie wollen, in diesem Punkte waren sie gar weit hinter uns zurück. Nach den Gesetzen des neueren, wahren Rittcrwesens aber sage und behaupte ich, daß ein Abgesandter, der einem Kavalier, ohne vorher um seine Erlaubnis anzusuchen, eine Herausforderung einzuhandigcn wagt, wegen dieser unverschämten Verletzung altem Gebrauchs, Stockschlage verdient!" „Verthcidiget doch ein wenig diesen Vernunftschluß!" „Nichts, nichts, nichts!" „Aber so hört doch, hört doch, hört! Einen Unbewaffneten schlagen ist Derrath. Jener Bote war unbewaffnet, also — „Still, still, Herr Amtmann!" „Wie? still?" „Still sage ich: was wollt Ihr mir da erzählen? Vecrath iM, Jemand von hinten mit dem Degen anfallen oder ihn in den Rücken schießen, und selbst hier giebt es noch Ausnahmen . -., die aber nicht hie- her gehören; !m Allgemeinen ist's Verrath, ich geb'cs zu, aber wenn man einen Landstreicher mit Stockschlägen bedient?! — Es wäre schön, wenn man ihm erst sagen sollte: „Sich Dich vor, ich prügele los," wie man zu einem Kavalier sagt: „zieht!"—- Und Ihr, mein werther Herr Doktor, warum schmunzelt Ihr mir denn nur Beifall zu und helft mir nicht, mit Eurem guten Mundwerke und mit Gründen diesem Herrn Vernunft cinprcdigen?" „Ich?" sagte der Doktor verlegen, „ich ergötze mich an dem gelehrten Streite und segne den Zufall, der so vielen Witz und Verstand gegen einander entzündete. Es kommt mir aber auch gar nicht zu ur- 94 theilen zu, Eure Gnaden haben bereits einen Richter ernannt .... der Pater hier . .. ." „Es ist wahr," sagte Don Rodrigo, „wie soll aber der Richter reden können, wenn die beiden feindlichen Partheien nicht schweigen?" „Ich bin stumm!" sagte ErafAttilio und auch der Amtmann bedeutete sein Schweigen. „Nun endlich ist's denn an Euch, Pater!" sagte Don Rodrigo mit etwas spöttischem Ernste. „ Ich habe schon zu meiner Entschuldigung gesagt, daß ich nichts davon verstehe," entgegnete Bruder Ehristoforus, indem er seinen Becher einem Bedienten zurückgab. „Ausreden, Ausreden!" riefen die beiden Vettern, „ wir wollen den Beschluß!" „Wenn das ist," sagte der Mönch: „so würde ich unmaßgeblich wünschen, daß cs weder Herausforderungen, noch Abgesandte, noch Stockschlage gäbe." Die Tischgesellschaster sahen sich, einer den andern verwundert an. „ Nun das ist stark!" sagte Graf Attilio, „Verzeiht mir Pater! aber das ist sehr stark; man sieht, daß Ihr nichts von der Welt wißt und versteht." „Der Pater?" sagte Don Rodrigo: ha, ha, ha, der kennt sie so gut als Ihr, Vetter! Nicht wahr, Pater? Sagt, habt Ihr nicht das Eurige gethan?" Statt hierauf zu antworten, sagte der Pater ein Wörtchen heimlich zu sich selbst: „Sie wollen dir zusctzen, aber erinnere dich, daß du nicht deinetwegen hier bist, alles was dich betrifft, kommt hier außer Betracht." „Es mag seyn," sagte der Wetter, „aber-er Pater.. wie heißt denn der Pater?" „Pater Ehristoforus!" entgegncten mehre. „ Aber, Pater Ehristoforus! mein hochzuverehrender Gönner! mit solchen Grundsätzen würdet Ihr in der Welt das unterste zu oberst kehren. Keine Herausforderung ? Keine Stockschlage? Ade, Ehre und Ehrensachen! alle Landstreicher sind frei und straflos- — Zum guten Glück ist's nur Wahn." „Auf, Doctor!" rief Don Nodrigo, in dessen» Interesse es lag, die beiden Streitenden auf Anderes zu bringen, „auf, zeigt nun, daß Ihr ein Mann seyd, der Allen Recht zu geben versteht. Wir wollen einmal sehen, wie Ihr es anfangt, dem Pater Chri- stoforus hierin Recht zu geben?" „In der Thal!" erwiederte der Doktor, feine Gabel hoch in die Luft haltend und sich zum Pater wendend, „in derThat! ich begreife nicht, wie Pater Ehristoforus, der gleich vollkommne Geistliche und Weltmann, übersehen kann, daß seine Meinung, so gut und schön sie auch von der Kanzel erklingen mag, doch — ich sage es mit aller Achtung — in einem ritterlichen Streite ganz und gar nichts taugt. Der Pater weiß besser als ich, daß Alles am rechten Orte gut ist, und ich glaube, er hat sich diesmal mit ei- 96 Nem Scherze aus der Verlegenheit ziehen wollen, sein Urtheil zu sprechen." Bruder Ehristoforus antwortete hierauf nichts, aber Don Modrigo wollte von der Sache durchaus abbrechen und lenkte also auf etwas anderes. „Apropos," sagre er, „wie ich höre, soll man ja in Mailand von einem Vergleiche munkeln?" Der Leser erinnert sich, daß in diesem Jahre um die Erbfolge im Herzogthume Mantua gestritten wurde. Vinzens Gonzaga war ohne männliche Erben gestorben und der Herzog von Revers hatte als nächster Verwandter seine Staaten in Besitz genommen. Ludwig Xlll., oder Kardinal Richelieu standen ihm wegen seines französischen Seyns und Wesens bei; Philipp IV. aber, oder der Graf von Olivares, gemeiniglich der Graf-Herzog genannt, waren ihm eben deshalb entgegen und hatten ihm den Krieg erklärt. Da nun das Herzogthum Rcichslehen war, so be- müheten sich beide Partheicn auf alle Weise mit Bitten und Drohungen um den Kaiser. Die Erstere, das Lehen des Herzogthumes zu erhalten, die zweite, diese Absicht zu vereiteln und ihn zur Berjagung der Franzosen aus den Staaten zu vermögen. „Die Möglichkeit ist wenigstens dazu vorhanden," sagte Graf Attilio, „ich weiß aus sicherer Hand ...." „ Glaub's nicht, Herr Graf, glaub's nicht!" unterbrach ihn der Amtmann, „was diesen Distrikt anlangt, so kann ich alles ganz genau wissen. Der spanische Kastellan ist so gnädig, mir ein wenig wohl zu wollen. Sein Vater, als Kreatur des Grasen- Herzogs, weiß alles »Ich sage Euch aber,- daß ich in Mailand täglich, in den Fall komme, mit ganz anderen Leuten zu; reden, und aus sicherer Quelle weiß, daß der Pabst den Frieden Um jeden Preis erhalten will und Vorschläge gethan hak....E- ..»Das ist außer Zweifel und ganz in der Ordnung, Seine Heiligkeit thut nur seine Schuldigkeit. Ein Pabst muß zwischen christlichen Fürsten immer zum Frieden sprechen; aber der Graf-Herzog hat feine eigene Politik und ...." „Und, und, und .... wißt Ihr wohl auch, Herr, wie der Kaiser über diesen Punkt denkt? Glaubt Ihr, daß es außer Mantua nichts weiter auf der Welt giebt? Es gicbt mehr Dinge, wofür zu sorgen ist, Herr Amtmann! Wißt Ihr z. B. wohl, wie weil sich der Kaiser in diesem Augenblicke auf seinen Fürsten Wallistan, oder Wallistcin, oder wie er sich nennt, «erlassen kann? und ob „ Der wirkliche, deutsche Name ist. Wallenstein," Unterbrach der Amtmann abermals, „ich habe ihn mehr als ein Mal von unserem spanischen Herrn Kastellan so nennen hören- Seyd aber seinethalben in Ruhe, er ...." „Wollt Ihr mich belehren? ...." schrie der I. G 98 Graf— Don Rodrigo stieß ihn aber mit dem Knie und gab ihm einen Wink, aus Liebe für ihn nicht länger zu widersprechen. Der Graf schwieg- und die Beredsamkeit des Amtmanns nahm nun mit vollen Segeln, wie ein von Klippen befreites Schiff - seinen Lauf ins Weite. „Wallenstein macht mir wenig Sorge, denn der Graf-Herzog hat ein Auge auf alles und jedes, und machte Wallenstein nur die geringste Miene, zu mucksen, so würde er ihm bald die Wege weisen. Er steht alles, sage ich, und hat lange Arme. Und hat er einmal wie jetzt, und mit Recht, als ein so großer Politiker beschlossen: der Herzog von Revers solle nicht in Mantua Bestand haben, so wird der Herzog von Revers mit sammt dem Herrn Kardinal Richelieu mit langer Nase wieder abziehen. Es ist lächerlich, wie sich der liebe Herr Kardinal nur kann einfallen lassen, es mit einem Grafen-Herzog, einem Olivares, aufzunehmcn. Ich möchte hören, wie unsere Nachkommen einmal nach zweihundert Jahren darüber lachen werden. Der Neid zieht hier nicht, es verlangt auch Kopf, und Köpfe, wie der Kopf eines Grafcn-Herzogs, sind auf der Welt nicht weiter zu finden!" ,,Der Graf-Herzog, meine Herren," fuhr der Amtmann immer mit vollem Winde fort und selbst erstaunt, keinem Widerspruche zu begegnen, „der Graf-Herzog ist ein alter Fuchs, mit Respekt zu sagen, der einen wie den andern betörkeln würde; holt er links aus, so haut er gewiß rechts zu, und cs kann sich Niemand rühmen, jemals seine Absichten durchschaut zu haben."' 'Selbst die sie auszufühcen, die Depeschen zu schreiben haben, verstehen nichts davon- Ich kann mit einiger Sachkenntnis davon reden, denss der wackere Herr Kastellan läßt sich berab, mir seinen- vertrauteren Umgang zu schenken. Der Graf-Herzog weiß auf das genaueste alles, tv'as an andern Höfen vorgeht, und kaum .haben die großen Politiker derselben eine Sache ausgesonnen, siebst der Graf-Herzog mit seinem Kopfe, auf seinen geheimen Wegen und mittelst seiner überall angcsponnenen Faden schon dahinter gekommen- Der arme Teufel? der ^Kardinal Richelieu, versucht dies und das, zerbricht sich den Kopf und schwitzt, und was hilft's? Kaum Hut er eine Mine entdeckt, so ist des Grafen-Herzogs Gegenmine schon fix und fertig." - - k- Der Himmel weiß, wie lange der Amtmann noch fortgeschwatzt hatte! Aber des Vetters Grimassen' bestimmten Don Rodrigo, endlich seiner Rede ein Ziel zu setzen, und er.winkte einem Bedienten, eine besondere Sorte Wein herbeizubringen, „ Herr Amtmanw!" sagte Don Rodrigo, „'und meine Herren! auf das Wohl des Grafen-Herzogs l und sagt mir dann, ob der Wein seiner Werth sey-" Der Amtmann antwortete mit einer Verneigung, aus der besondere Dankbarkeit sichtbar ward, denn er nahm alles, was man zur Ehre des Grafen-Herzogs that und sagte, als ihm widerfahren auf- '> >' G 2 100 „Tausend Jahre lebe Do» Gasparo Guzman, Graf, von Dlivarcs,, Herzog.von San. Lucar, -er Vertraute des Königs, Philipps des Großen,, unsere- Herrn!" rief er aus und schwang den Becher hoch empor. 'c. „ Er lebe tausend Jahr!" riefen.di'e andern, „ „ Schenkt dem Pater ein!,sagte Don.Nodrigo. -- », Verzeiht," entgegNete dieser,, j, ich hgbe mir eine Ausschweifung erlaubt und würde nicht „Wie?" sagte Don Nodrigo, „es ist ja aufs Wohl des Grafen-Herzogs- Sollen wir. vcrmuthen, daß Jhr's mit den Navarresern haltet?" r So nannte man damals Frankreichs Anhänger. Das Wort schrieb sich wahrscheinlich aus der Zeit her, wo Heinrich IV., König von Navarra, um Frankreichs Krone stritt, und seine Gegner auch ihn den Navarre- ser nannten. ' Einem solchen Aufrufe mußte Genüge geleistet werden. Die ganze Tischgesellschaft brach in das Lob des Weines aus, nur der Doktor nicht. Er hatte den Kopf emporgehoben, blinzelte mit den Augen,, drückte die Lippen zusammen und sagte schweigend mehr als alle andere. ^,Was haltet Ihr denn davon, Doktor!," fragte Don Rodrigo. Der Doktor zog seine Nase, die röther leuchtete als der Becher selbst, aus demselben hervor: „Ich. sage, ich behaupte.und urtheile," ries er, jede Silbe betonend, ans?'„baß dies der OlivareS aller Weine ist, in allen zwei und zwanzig Staatendes Königs- unseres Herrn, den Gott behüten wolle, kein gleicher wachst, daß die Gelage des allergnädigsten Herrn, Don Rodrigo, die des Heliogabal übertreffen, und Hungersnoth auf immer und ewig aus diesem Pallaste verbannt und verwiesen ist, wo Fülle und Ueberfluß walten." „Wohlgesprochen, wohlgcsprochen!" riefen die Gaste mit einem Münde.' Aber das Wort Hungersnot!)' welches er zufällig hatte fallen lassen, brachte alle sogleich auf ein trauriges Kapitel, und man sprach nur von der Hungersnoth. In der Hauptsache waren die Meinungen ungethcilt, der Lerm war aber dennoch vielleicht größer, als wenn keine der andern'geglichen hätte. Sie sprachen alle zugleich. „Es ist keine Hungersnoth;" sagte einer, „die Wucherer sind's, die_" „Und die Bäcker," meinte ein anderer, „die das Getraide verheimliche». Man sollte sie aufhängcn!" , „ Ja, ja,. aufhängen ohne Gnade!" „ Lange Prozesse!" rief der Amtmann. „Was da, Prozesse!" überschrie ihnGrafAttilio, „den Prozeß gemacht! drei, vier« fünf, sechs hergenommen, die die öffentliche Meinung als die schlimmsten und reichsten nennt, und aufgehangen!" „Doch erst den Verbrecher beschuldigt und über- 102 führt-! Sonst kann nichts, ganz und gar nichts mit ihnen geschehen!" „Aufgehangen!'..aufgehangen! und von allen Seiten wird Getraide Herzuströmcn!" Wer einmal auf einem Jahrmarkts Ohrenzeuge der Harmonien: einer Bande Biersiedler war, wenn sie nach einem aufgespielten Stückchen ihre Instrumente stimmen, und einer den andern zu übertauben strebt, damit er die Töne des semigen deutlich vernehme , kann sich einen Begriff von dem Lärme dieser sogenannten Gespräche machen. Das Trinken und Wiedereinschenkcn des hochbelobte» Weines hörte indeß nicht auf, und die Ausbrüche der Entzückung vermischten sich mit denen der wüthcndsten Gercchtig- keitspflege. Don Rodrigo beobachtete von Zeit zu Zeit den Mönch. Er saß immer entschlossen da, ohne Zeichen von Ungeduld oder Eile, ohne nur im fernsten einmal anzudeuten, daß er warte, aber zugleich auch mit dem Ansehen, nicht eher zu weichen., bis man ihn gehört habe. Er hatte ihn gern ungehört forr- gcschickt, aber dies einem Kapuziner anzuthun, litt seine Politik durchaus nicht. Da das Uebel nun also nicht zu- siermciden war, so beschloß er, ihm baldigst zu begegnen und sich davon zu befreien. Er stand vom Tische auf und mit ihm die ganze wilde Rotte, ohne ihr' Geschrei zu enden. Don Rodrigb beurlaubte sich bei seinen Gästen, schritt stolzuuf den sogleich mit aufgcstandenen Klosterbruder zu, sagte: zu Eurem Befehl,, Pater! ^ und führte ihn in einen anderen Saal. Sechstes Kapitel. „Womit kann ich dienen?" sagte Don Rodrigo, wirken im Saale stehen bleibend. Er betonte die Worte aber auf solche Weise, daß sie deutlich sagten: „bedenke, vor wem du siehst, wieg' deine Reden ab und mach' schnell." Es gab kein besseres Mittel, dem Bruder Ehri- stoforus Muth einzuflößen, als eine harte, stolze Anrede. Vorher stand er mit niedergeschlagenem Haupte da, konnte keine Worte finden und drehte sich die Kügelchen seines im Gürtel Hangenden Rosenkranzes durch die Finger, als ob er mit ihrer Hülfe der Rede Eingang zu finden gedachte. Don Rodrigo's anmaßendes Betragen gab ihm im Nu eine Fülle von Gedanken und Worten. Er bedachte jedoch, wieviel daran gelegen sey, sein« Sache, oder waü weit mehr war, die Sache Anderer nicht zu verderben; durchmusterte seine Reden, milderte sie und sagte vorsichtig unddemuthvoll: „Ich komme. Euch 104 UM Gerechtigkeit anzuflchen, um ein Werk der Barmherzigkeit. Einige böse Menschen haben Euer Gnaden Namen gemißbraucht, einem armen Pfarrer Furcht einzujagen, ihn von Erfüllung seiner Pflicht abzuhalten und zwei Unschuldige zu mißhandeln. Ein Wort von Euch, und jene Menschen sind beschämt, Alles in Ordnung, und die, denen so großes Unrecht geschah, wieder aufgerichtet. Ihr vermögt es, und da Ihr es vermögt, so verlangt Euer Gewissen, Eure Ehre „Ihr würdet wohlthun, erst dann von meinem Gewissen zu sprechen, wenn Ich Euch dazu auffordete; was meine Ehre betrifft, so bin ich ihr Wächter und zwar ich allein. Wer sich untersteht, die Sorge um sie mit mir theilen zu wollen, den betrachte ich als einen tolldreisten Beleidiger!" Bruder Christoforus merkte'Don Rodrigo's Absicht» was er sagte, auf das schlimmste zu deuten und Streit anzubinden. Um ihm allen Anlaß dazu zu nehmen, hüllte er sich in noch tiefere Duldung und beschloß, alles, was der andere sagen möchte, zu ertragen. Voll Unterwürfigkeit cntgsgnete er: „ habe ich etwas gesagt, was Euch missiel, so geschah es gewiß ohne mein Wissen und Willen. Tadelt mich, verweist es mir nur immerhin nach Gutdünken, wenn ich nicht rede, wie cs sich schickt, seyd aber so gnädig mich anzuhören, aus Liebe zu Gott, vor bestem Richterstuhl wir dereinst alle stehen werden!" Er hatte bei diesen Worten einen kleinen hölzernen Todtenkopf, der an den Rosenkranz befestigt war, hervorgezogen und hielt denselben seinem mürrischen Zuhörer vor Augen— „verweigert mir nicht eine so leichte Gerechtigkeit, die Ihr den armen Leuten schuldig seyd; bedenkt, daß Gott Euch immerdar sieht und ihre Verwünschungen dort oben gehört werden- Die Unschuld ist gewaltig „Pater!" unterbrach ihn Don Rodrigo ärgerlich, „die Achtung, die ich für Eure Kutte habe, ist nicht gering, sähe ich aber einmal Jemand damit bekleidet, der sich als Spion in mein Haus schliche, so könnte ich wohl in den Fall kommen, sie aus den Augen zu setzen." Dem Mönche stieg das Blut ins Gesicht. Er bezwang sich aber und erwicderte: „Es kann nicht Euer Ernst seyn, mir einen solchen Titel zu geben. Ihr fühlt im Innern sicherlich, daß, was ich jetzt thue, weder niedrig noch Verachtungswerth ist. Hört mich an, Don Rodrigo, und Gott verhüte Euch den Tag, wo Ihr bereuet, es nicht gcthan zu haben. Wahrt Eure Ehre, Don Rodrigo, Eure Ehre und Ruhm vor Gott und den Menschen. Ihr vermögt viel hier auf Erden, aber...." „Wißt Ihr wohl" sagte Don Rodrigo mit Grimm, aber nicht ohne Schauder, „wißt Ihr wohl, daß, wenn mir die Grille beikommt, eine Predigt zu hören, ich den Weg zur Kirche, den die anderen wandeln, sehr gut kenne? Aber in meinem eigenen Hause.,.. !" 106 — fuhr er mit erzwungenem, höhnischem Lächeln fort — „Ihr behandelt mich über Verdienst und Würden. Nur Fürsten haben ihre Prediger im eigenen Hause." , „Der Gott, welcher Fürsten ihrer Thaten wegen zur Rechenschaft zieht, der Gott, welcher Euch heute feine Gnade zeigt, indem er seinen zwar unwürdigen, elenden Diener, der aber doch sein Diener ist, zu Euch sendet, für ein unschuldiges." „Mit einem Worte, Pater," sagte Don No- drigo, indem er Miene machte, fortzugehen, „ich weiß nicht, was Ihr eigentlich sagen wollt, es wird mir nur so viel klar, daß Euch irgend ein Mädchen am, Herzen liegen mag. Geht mit Euren Vertraulichkeiten , zu wem Ihr Lust habt, und nehmt Euch nicht langer heraus, einem Edelmanne damit beschwerlich zu fallen!" Bei Don Rodrigo's erster Bewegung hatte sich der Mönch ihm mit Ehrerbietung in den Weg gestellt und die Hände bittend erhoben. Um nicht von der Sache abzukommen, erwiederte er: „Sie liegt mir am Herzen, cs ist wahr. Aber sie selbst ist noch mehvin Sorge. Es sind zwei Seelen, die mir zusammen so vielen Kummer machen. Don Rodrigo! ich kann nichts weiter thun, als Gott für sie anrpfen, aber das geschieht aus tiefstem Herzen. Sagt nicht: nein! Ihr wollt gewiß nicht ein armes, schuldloses Kind in Furcht und Schrecken lassen. Ein Wort von Euch kann alles wieder gut machen." „Nun wohl!" sagte Don Rodri'go „da Ihr glaubt,, daß ich so viel für diese Person thun kann, da sie Euch so sehr am Herzen liegt., . ." „Nun?" fragte eifrig Bruder Ehristoforus, dem Geberde und Mienen Don Rodrigo's die Hoffnung wieder benahmen, welche diese Worte zu geben schienen. „Nun so rathe ich ihr, sich in meinen Schutz zu begeben. Es soll ihr nichts abgehen, Niemand ihr zu nahe treten, so wahr ich eia Kavalier bin!" Bei diesem Vorschläge konnte der Mönch seinen bis jetzt ge- zahnnen Unwillen nicht langer zurückhalten. Alle Klugheit und Geduld, die er sich vorgesetzt hatte, verließen ihn, er verjüngte sich und siand mit verdoppelter Kraft da. „ Euren Schutz!" rief er aus, indem er zwei Schritte zurück wich, sich stolz auf den rechten Fuß stützte, die rechte Hand in die Hüfte stemmte und die Linke mit ausgestrecktem Zeigefinger nach Don Nodri- go, den er mit flammenden Augen ansah, erhob;, „Euren Schutz! Wohlgesprochen, wohlgethan mit solchem Vorschläge! Das Maaß ist gefüllt, ich fürchte Euch nicht mehr! " „Was sagt Ihr, Pater?" „Ich sage, was man zu einem ganz von Gott verlassenen Menschen, der keine Furcht metzreinflößen 108 kann, sagen darf? -Euren Schutz! Ich wußte wohl,' daß die Schuldlose unter Gottes Schutz stehe, aber Ihr habt mich so sehr davon überzeugt, daß es un- nöthig ist, langer mit Euch ihretwegen zu reden. Luzia! sage ich, sehet — mit welcher freien Stirn und festem Auge!" „Was, in meinem Hause?." „ Ich bedaure Euer Haus: es ruht Fluch auf ihm. Ihr glaubtet, Gott habe nur darum ein Wesen nach seinem Ebenbilde geschaffen, daß Ihr es quäle» solltet; Ihr glaubtet, er könne es nicht verthei- dl'gen, verwarft seine Mahnung: Ihr seyd gerichtet. Pharao's Herz war so hart als das Eure, und Gott hat es dennoch gebrochen. Luzia ist sicher vor Euch; das sage ich schwacher Mönch. Und was Euch betrifft, so merket wohl, was ich Euch weissage: Es wird ein Tag kommen." Bis jetzt hatte Don Rodrigo wortlos zwischen Wuth und Staunen geschwebt; als er aber eine Weissagung ankündigen hörte, vereinte sich seinem Zorn ein unbestimmter, geheimnißvoller Schauder. Ec streckte die Hand drohend in die Luft und unterbrach den Unheil bringenden Propheten mit lauter Stimme: „Aus meinen Augen, verwegener Schurke, umkut- teter Tagedieb!" Diese deutlichenWorte machten den Bruder Chri- stoforusalöbald verstummen. Dem Gedanken der Mis- handlung und des Schimpfes stand in ihm seit langer Zgit der des Leidens und Schweigens so eng zur^eite, daß ihn bei, dieser Scl-niahung alker^Zorn und Aufwallung verließ und ihm nur der Entschluß blieb, Don Rodrigs ruhig auszuhören.,, Er entzog sich also gelassen den Klauen des Edelmannes, senkte chas Haupt und blieb unbeweglich stehen. ,, Durchtriebener Schurke!" fuhr Don Rodrigo fort, „ Du handelst wie deines Gleichen. D'^stke es dem Gewände, das Deine Land- sireicherschultern umkleidet, daß Dir nicht die gebührende Behandlung widerfahrt und man Dich nicht lehrt, wie Du Dich zu verhaltemhast. Für diesmal pack" Dich Mt heiler,Haut fort. ^ Wir sehen uns wieder!" Hiermit.öffnete er, voll verachtendem Ueber- muth eine Thüre, die„der, wodurch sie hereiugekom- men waren, entgegenstasid und Pater Christoforus verneigte sich und ging. Don Rodrigo wanderte mit großen Schritten aus und nieder. — , Als der Mönch die Thüre hinter sich und das andere Zimmer erreicht hatte, bemerkte, er in ihm einen Menschen, der sich, wie um nicht aus dem er- steren gesehen zu werden, leise an den Wänden hinschlich. Er erkannte den alten Bedienten, der ihn am Thore empfangen hatte. Derselbe war seit vierzig Jahren, und zwar vor Don Rodrigo's Geburt, im, Hause, wo ihn dessen dem Sohne in Allem ungleicher Vater aufnahm. o. Nach des Vaters Tode jagte der neue Herr das ganze Gesinde fort, warb neues an und behielt nur 110 diesen einzigen' Diener- theils weil er schon alt war, theils weil er, obschon von ganz anderem Geiste und Wandel als Dsn Rodrigo, diesen Fehler doch mit zwei Eigenschaften vergütete: einem hohen Begriff von der Würde des Hauses', 'und genauer Kenntniß des Zeremoniells, das er wie kein Anderer, bis auf die allerältesten Gebräuche und Kleinigkeiten, inne hatte. Der arme Greis hatte sich'nimmermehr unterstanden, dem Herren seine Unzufriedenheit mit dem, was er täglich geschehen sah , ins' Gesicht zu 'sagen oder nur merken zu lassen. Nur hie und da brummte er zwischen den Zähnen ein tadelndes Wort seinen Kameraden vor, die sich darüber lustig machten und'ihn ermähnten, als Prediger der früheren Lebensweise' in diesem Hause aufzutreten. Seine Misbilligungen kamen dem^Haus- hcrrn allemal nur mit den Scherzen zu Ohren, die man darüber anstellte, so daß sie auch ihm ein Gegen-' stand des Spottes, nicht des Unwillens, wurden- Bei Fcstlichkeltem wurde der Alte eine gar viel bedeutende Person. Pater Christoforüs sah ihn an- grüßte ihn und ging vorüber; der Alte näherte sich ihm aber gehcimnißvoll, legte den Finger auf den Mund und gab ihm sodann damit ein Zeichen, ihm in ein dunkles Zimmer zu folgen. Dort sagte er ihm: „Pater! ich habe alles vernommen und muß reden." . „Nun so thu'cs schnell, guter Freund. " „ Hier Nicht; ach ! wenn es der Herr erführe. Ich weiß Euch aber vieles zu sagen. Ich will sehen, daß ich Morgen ins Kloster kommen kann." u. „ Ist es denn irgend ein Vorhaben?" Gewiß ist etwas im Werke. Ich habe so. Manches davon aufgeschnappt f ich will heute aushorchen und erfahre schon Alles. Laßt mich nur machen. Es durchfchneidet mir-chas Herz, Dinge hären und sehen zu müssen- Dinges, die nur die Hölle kennt. Ach! das ist ein Haus.....I Aber, meine Seele will ich retten!" ^ t . Gott segne Euch! ^ sagte der Pater leise, und legte die Hand auf des. Dieners Haupt-, der, obschon viel älter als er,'."doch, gebückt wie >,cin Söhn vor ihm stand. Gott lohn' Euch! vergcßt nicht Morgen zu kommen." „Ich komme," .sagte der Greis. „Ihr geht? Um Gottes Willen verrathet mich .nur nicht.! —" Er sah. sich schüchtern, um, ging in einen anderen Saal, der nach dem Hofe führte, und da er den Weg rein fand, winkte er den Pater herbcis der durch dieses letztere Gespräch ^erheitert war, öffnete ihm das Thor und ließ ihn von dannen- Bruder Ehristoforus schöpfte, als er die Raubhöhle verlassen hatte, frischen Athem und stieg den Berg eilig hinab,' ganz erhitzt Und aufgeregt von dem, was er hörte und sagte- - Das unverhoffte Anerbieten des Dieners gereichte ihm sehr zum Tröste, und er nahm es für ein sichtli- chesZcichen himmlischem Schutzes. „Die Vorsehung," 112 dachte er „Zieht mir selbst denFüden in dieHand, in eben dem Hause, ohne daß ich ihn aufsuchte.." Er sah nach'Westen, die Sonne war schon tief gegen die Berggipfel gesunken und der Tag ging zu Ende. Er fühlte sich von deN Anstrengungen dieses Tages zwar sehr-ermüdet, verdoppelte aber!dennoch seine Schritte, Um seinen Schützlingen noch heute Nachricht zu bringen, und vor. Einbruch-der Nacht wiederum Kloster zu seyn: eine der. allerstrengsten und unverletzbarsten Regeln des Kapuzinerordens. In Luziens'Hütte hatte sich unterdeß Verschiedenes zugetragen. Als der 'Mönch fort' war- saßen alle drei stumm einander gegenüber. Luzia bereitete traurig das Mittagsessen. Renzo, zwischen Ihr und der Mutter, versuchte immerfort umsonst, sich von dem betrübenden Anblick der Braut abzuwenden. Agnes schien emsig mit ihrer Haspel beschäftigt, überdachte aber eigentlich etwas und brach, als sie damit im Reinen war, folgendergestalt das Stillschweigen': „Hört, Kinder! wenn Ihr Euch, wo es gilt, muthig und schlau bezeigen wollt, so folgt Eurer Mutter! —> (Wegen dieses Eurer hätte. Luzia aufjauchzen mögen). Ich verspreche, Euch aus dieser Verlegenheit- zu ziehen, vielleicht schneller und besser als Patek Christoforus, wenn er auch gleich der Mann seyn- mag, der er ist- Luzia hielt mit ihrer Arbeit inne und sah die Mutter mehr staunend, als dem hochtrabenden Versprechen!, L,M «^r/m Ä iiUr- «. sch« ttleM «Frist i, äj m «li«. Az- !j!, iiki- ^ l«! imit Ärrip«: ^mlhiz . IM!- Wich" ^ «ii D A««D l jch»' 113 vertrauend an. Renzo sagte rasch: „Muthi'g? schlau? Sprecht, sprecht, was zu thun ist!" „Nicht wahr, wenn Ihr getraut wäret, " fuhr Agnes fort „so hattet Ihr schon einen hübschen Vor- theil, der Euch alles andere erleichtern würde?" „Ohne Zweifel!" sagte Renzo: „wenn wir Mann und Frau waren, so stünde, die ganze Welt uns offen. Es sind nur ein paar Schritte von hier bis Bergamo und Seidearbeiter empfangt man da mit offenen Armen. Ihr wißt, wie oft mein Vetter Bartolo mich schon einlud zu ihm zu kommen, ich müsse mein Glück machen, wie er das seine. Nun, und hörte ich niemals auf ihn, so, so geschaht, weil ich mein Herz hier gelassen hatte- Sind wir einmal getraut, so ziehen wir zusammen hin, bauen uns ein Haus und leben in Ruhe und Frieden, wo uns der Schuft nichts anhaben kann und wo wir nicht in Gefahr kommen, dumme Streiche zu mpchev., Nichte wahr, Luzia?" „Ja, ja," sagte Luzia, „wie aber, „Wie ich schon sagte, " entgegnen Agnes „mu- thig und schlau, und die Sache ist leicht,",, j. „Leicht!" riefen die jungen Leute,-denen sie. sch sehr drückend schwer wurde, einstimmig.,.^ ,,, - .„ „Leicht, in Art und Weife der Ansführung " erwiederte Agnes. „Werkt wohl auf, ich will es Euch erklären. Leute, die cs verstehen, haben mir versichert,, und ich hahe selbst, einmal. Len Fall exleht, daß, so nö- b. H thig auch ein Pfarrer zu einer Heirath, seine Zustimmung doch entbehrlich sey. Sein Daseyn genügt. „ Nun wie denn so? " fragte Renzo. „Hört nur zu. Man muß zwei Zeugen haben, die beide pfiffig und unter einander einig seyen, und gebt mit ihnen zum Pfarrer, wo es die Hauptsache ist, ihm über den Hals zu kommen, damit er nicht Zeit habe, auszureißen. Der Mann sagt: Herr Pfarrer, das ist meine Frau;" dieFrau: „HerrPfarrer, das ist mein Mann, " daß Pfarrer und Zeugen es vernehmen, und die Helrath ist so gut geschlossen und gültig, als wenn sie der Pabst selbst gehciliget hatte. Sind die Worte einmal gesagt, so mag der Pfarrer lärmen und schreien und thun, wie und was er will, hilft nichts, Ihr seyd Mann und Frau." „ Ist es möglich!" rief Luzia. „Wie?" meinte Agnes, „glaubt Ihr denn, daß ich in den dreißig Jahren, die ich vor Euch auf die Welt kam, ganz und gar nichts gelernt habe? Die Sache ist, wie ich Euch sage. Der Beweis: daß eine meiner Freundinnen wider den Willen ihrer Eltern heirathcn wollte, dasselbe that und ihre Absicht erreichte. — Der Pfarrer hatte cs zwar gemerkt und war auf seiner Huth, das Paar hatte aber dennoch listigerwcise den rechten Zeitpunkt erwischt, sagte seine Worte und war Mann und Frau: wenn gleich sie es schon nach drei Tagen bereuete-" Die Sache war wirklich so, wie Agnes sie vortrng. Heirathen, auf diese Weise vollzogen, wurden damals und bis auf unsere Zeiten herab als gültig betrachtet. Man nahm aber dennoch nur dann seine Zuflucht zu ihnen, wenn man auf dem gewöhnlichen Wege un- übersteigliche Hindernisse vorfand, und die Pfarrer vermieden auch mit äußerster Sorgfalt eine solche erzwune gene Mitwirkung ihrerseits- Ward dennoch hie und da einer von einem Paare und seinen Zeugen überrumpelt, so suchte er ihnen noch unter den Händen, wie Proteus, zu entwischen." „Wenn es wahr wäre, Luzia k" sagte Renzound bückte sie bittend und erwartungsvoll an. „ Wie? wenn cs wahr wäre?" sagte ihm Agnes nach. „ Auch Ihr glaubt, daß ich meine Reden aus. der Luft griff? — Ich mache mir um Euch Sorgen, und Ihr glaubt mir nicht. Gut, gut, seht nur selbst zu, wie Ihr Euch helft; ich habe nichts mehr damit zu schaffen." „ Ach! verlaßt uns nicht, " sagte Renzo- „ Ich zweifelte ja nur, weil es mir zu glücklich schien. Ihr seyd unsere einzige Hülfe, ich betrachte Euch wie meine eigene Mutter." Diese Worte benahmen der Alten wieder ihren Zorn und sie gab den Vorsatz, mit dem es ihr doch kein Ernst war, auf. „ Aber wie mag es nur kommen, Mutter," sagte Luzia auf ihre gelassene Art, „daß es dem Pater Ehristoforus nicht eingefallen ist?" H 2 „ Nicht eingefallen?" erwiederte Agnes. „Es wird ihm wohl eingefallen seyn, er hat's nur nicht sagen wollen." „ Warum ? " fragten die jungen Leute einstimmige „Weil, weih wenn Ihr es wissen wollt, die Geistlichen sagen, daß die Sache eigentlich Sünde sey." „Aber wie kann es denn Sünde seyn," sagte Renzo, „und dennoch«^ wenn es geschehen ist,, gelten?" „Was kann ich dgrauf antworten!" erwiederte Agnes. „ Die andern haben die Gesetze gemacht, wie sie es für gut hielten; wir armen Leute können nicht alles verstehen, und wie viele Dinge ..... ^.! Seht! es ist damit wje wenn man einen Christen schlagt. Es ist Sünde! Einmal geschehen, kann es aber selbst der Pabst nicht ungeschehen machen." ^ „Wenn es Sünde ist," meinte Luzia, „so darf man cs nicht thun." g „Was!" rief Agnes, „würde ich Dir, chohl gegen Gott zu handeln rathen? Wenn es gegen den Willen Deiner Eltern geschähe und um einen schlechten Kerl zu heirathen.aber ich bin cs zufrieden, es geschieht um Nenzo's willen. Der die ganze Verwirrung anstiftete, ist ein Schurke und der Herr Pfarrer. „ Es ist klar wie der Tag;" sagte Renzo. „ Pater Christoforus darf vorher nichts davon erfahren," fuhr Agnes fort, „ist's aber geschehen und gelungen, was wird er dazu sagen? — „ „ Tochter! Ihr habt eine schwere Uebereilung begangen-"" Sie müssen so reden, die Geistlichen, glaube mir aber, in seinem Herzen freut auch er sich darüber." Luzia konnte zwar nichts dagegen einwenden, es schien ihr aber nicht sehr erbaulich zu seyn. Renzo war ganz ermuthigt und sagte: „ Wenn es sich so verhält, so ist's abgemacht!" „Sachte, sachte!" sagte Agnes, „wo sind die Zeugen? Wie dem Pfarrer zu Leibe kommen, da er sich seit zwei Tagen schon eingeschlossen hat? Und wie ihn fcsthalten? Er ist zwar schwerfälliger Natur, erblickt ec Euch aber in solchem Aufzuge, so verlaßt Euch drauf, er wird flink wie eine Katze und entschlüpft wie der Teufel aus dem Weihwasser." „ Hab's gefunden, hab's gefunden!" rief Renzo und schlug) mit der Faust auf den Tisch, daß das Geschirr, welches Luzia schon zum Mittagsessen hingestellt hatte, durchcinanderklirrte. Dann theilte er seine Gedanken, wie der Pfarrer zu fangen sey, mit, und Agnes stimmte ihnen bei. „Das sind Schleichwege," sagte Luzia „und taugen nichts. Bis jetzt haben wir schlicht und recht gehandelt; bleiben wir bei Treu und Glauben, so wird Gott uns helfen; Pater Christoforus sagte cs auch. Den wollen wir fragen." „Folge dem, der Dich leiten kann," sagte Agnes ernst. „ Was ist's nöthig, sich erst Raths zu erholen? Gott sagt: „„ Hilf Dir selbst, so wird Dir gehol- 118 fen!"" Dem Pater wollen wi'r's schon erzählen, wenn'ö geschehen ist." „Luzia!" sagte Renzo, „willstDu mir heute untreu werden? Haben wir nicht wie gute Christen gelebt und gehandelt? Sollten wir nicht schon Mann und Frau seyn? Hatte der Pfarrer uns nicht selbst den Tag bestimmt? Und wem fällt's denn zur Last, wenn wir uns jetzt mit ein wenig List helfen müssen? Nein, nein, ich kann auf Dich rechnen. Ich gehe und bringe Antwort!" Er wandte sich bittend nach Luzien, gab Agnesen eine» Wink des Einverständnisses und eilte rasch davon. Man pflegt zu sagen: Noth bringt Verstand! Renzo hatte auf seiner bisherigen geraden und ebenen Lebensbahn keine Gelegenheit gehabt, den seinigen zu schärfen; jetzt bewies er eine Erfindungsgabe, die jede», Advokaten zur Ehre gereicht haben würde. , Er schritt, seinem Plane gemäß, gerades Weges auf die nächste, einem gewissen Tonio gehörige Hütte los und traf denselben in der Küche, ein Knie gegen hen Herdschemmel gestützt, mit der rechten Hand den Henkel eines über glühender Asche stehenden Topfes haltend, und mit verkehrtem Schaumlöffel eine graue Polenta von türkischem Mehle umrührend. Tonio's Mutter, Bruder und Frau saßen um den Tisch herum und drei oder vier kleine Kinder gaben aufmerksam aus den Topf und den Augenblick Acht, wo er werde umgestürzt werden. Doch herrschte nicht die Fröhlichkeit, welche der Anblick des Mahles dem giebt, der es mit Schweiß und Mühe verdiente. Der Polenta war für die Mitesser zu wenig, und ein jeder schielte mit dem Gedanken hin, wie viel von seinem Appetite unbefriedigt bleiben werde. Wahrend Rcnzo die Familie begrüßte, schüttete Tonio die Polenta auf das dazu bestimmte buchene Hackebret, daß ein Dampfwirbel um sie aufstieg. Die Frauen baten Renzo, der Spärlichkeit des Mahles ungeachtet, zu Gaste, was die Bewohnerder Lombardei nie unterlassen, geschähe es auch dem reichsten Schlemmer und wäre es ihr letzter Bissen. „Ich danke," sagte Renzo, „ich komme blos, um mit Tonio ein Wort zu reden- Jst's Dir recht, Tonio, so gehen wir und essen in dem Wirthshause, damit es die Deim'gen nicht störe." Dies unverhoffte 'Anerbieten kam Tonio'n sehr gelegen; die Frauen hatten auch nichts dawider, einen Mitesser, und zwar den stärksten, weniger zu haben, und der Eingeladene begab sich mit Renzo von dannen. Sie langten im Wirthshause des Dorfes an und ließen sich daselbst gemächlich und einsam Nieder, denn das allgemeine Elend hatte alle Gäste verscheucht. Sie ließen sich das Wenige, was zu haben war, aufrischen, tranken ein Glas Wein, und Renzo sagte geheimnißvoll zu Tonio: „willst Du mir einen kleinen Dienst erzeigen, so vergelte ich Dir ihn mit einem großen." „ Sprich, sprich," entgegnet-Tonio einschenkend, „Du hast zu gebieten. Heute ginge ich für Dich ins Feuer!" „Du bist dem Herrn Pfarrer fünf und zwanzig Lire Pacht schuldig/ für sein Feld'/ das er Dir vergangenes Jahr überließ." Ach! Renzo, Renzo! Du vergällst mir alles Gute. An was erinnerst Du mich da! Du hast mir alle Freudigkeit benommen!" i, Wenn ich dieser Schuld 'gedenke , " sagte Renzo, „so geschieht es, weil ich Dir ein Mittel angeben kann, sie abzutragen." „Ist das wahr?" - „Es ist wahr. Würde es Dir lieb seyn ?" „Ob es mir lieb Ware? Ob es mir lieb wäre? Und wäre es nur, um die schiefen Gesichter und das Kopfschütteln des Pfarrers nicht mehr zu sehen, was er beides kein Mal unterläßt, wo er mir begegnet. Und dann das ewiger „„Vergiß nicht, Tonio!— Tonis! wann machen wir die Sache ab?"" so daß ich selbst bei der Predigt, ''wenn er mich anstckrrt, immer in Furcht schwebe, daß er mir nicht vor allen Leuten zu- rufe: „„ Meine fünf und'zwanzig Lire!" " — Verdammte fünf und zwanzig Lire! Ich habe ihm schon meiner Frau ihre goldne Halskette zum Pfände geben müssen, und hätte sie gern wieder, um'Polenta dafür anzuschaffen. Aber_" „Aber, aber, wenn Du mir'einen GefalleU thun willst, so sind fünf und zwanzig Lire Dein.'"' «Es gilt!" „Aber!" sagte Renzo, den Zeigefinger quer übersdie Lippen legend. „Was das anlangt, so kennst Du mich." „Also, der Herr Pfarrer sucht meine Heirath, mit gewissen, aus der Lust gegriffenen Gründen, auf- zuhelten, und ich möchte sie gern fördern. Nun versichert man mir, daß, wenn wir beiden Verlobten mit zwei Zeugen zu ihm gingen und ich sagte: das ist meine Frau, Luzia aber: das ist mein Mann, so sey die Heirath vollbracht. HastDu mich verstanden?" „Du willst, ich soll als Zeuge mitgehen?" „Ja." „ Und bezahlst für mich die fünf und zwanzig Lire ?" „ Versteht sich!" ... „Ein Mann, ein Wort!" , „Nun muß ich aber noch einen Zeugen aufsuchen." „Ich Hab' ihn gefunden. Mein Bruder Gervasius thut Alles, was ich ihm heiße. Du gicbst ihm ein Trinkgeld." „Und zu essen;" entgegnete Renzo, „wir neh-i men ihn mit hierher und machen uns mir ihm lustig. - Wird er sich denn aber gut anstellen?" „ Ich will ihn schon abrichten. Du weißt ja wohl» daß ich für ihn denken und sorgen muß." „Morgen_" „Gut." 122 „Etwas spat." V „Ganz recht." , „Aber!" sagte Renzo, den Finger nochmalsauf den Mund legend. - „Pah!" erwiederte Tonio, den Kopf auf die rechte Schulter neigend und die linke Hand mit einer Miene erhebend, die zu sagen schien: „ Du thust mir Unrecht." „Wenn dich nun aber deine Frau fragt, was sicher geschieht?" „Lügen,-Lügen! Ich bin ihr welche schuldig, so viel, daß ich nicht weiß, ob ich meine Rechnung jemals werde ausgleichen können. Es wird sich schon em Mährchen finden, womit ich sie zufrieden stelle." „Morgen früh," sagte Renzo, „nehmen wir nähere Abrede, damit die Sache nicht schief ablaufe." Sie verließen die Schenke, Tonio ging nach Hause und sann unterwegs nach, was er den Frauen weiß mache, Renzo beeilte sich, von seinem Erfolge Rechenschaft abzulegen. Agnes hatte unterdeß vergebens ihre Tochter zu überreden gesucht. Allen ihren Gründen setzte diese immer nur zwei Antworten entgegen: „ist es Sünde, so darf es nicht geschehen; ist es keine Sünde, warum dem Pater Christosorus es verschweigen? " Renzo kam trinmphirend zurück, erzählte, was er gethan hatte und schloß mit einer Miene, die etwa auödrückte: „Nun? bin ich nicht ein tüchtiger Mann? M MM? Mm», i ßllfipis iM, „VÄ,' ß dÄA, stk schm»' «Elin Konnte man die Sache schlauer ausführen? Würde Euch so'was eingefallen seyn?" u.s.w. Luzia schüttelte leise mit dem Kopfe, die beiden Ereiferten beachteten es aber wenig; so wie man wohl mit einem Kinde umzugehen pflegt, bei dem man zwar die Hoffnung aufgab, es zur.Vernunft zu bringen, hingegen aber überzeugt ist, am Ende, wenn es zur Sache kommt» es dennoch mit Bitten und ernstem Willen leiten zu können, wie man beabsichtigt. „Gut!" sagte Agnes, „alles gut; aber — Ihr habt doch nicht an Alles gedacht." „Nun, was fehlt denn noch?" erwiederte Renzo. „Und Perpetua? habt Ihr denn nicht an Perpetua gedacht? Tonio'n und seinen Bruder läßt sie wohl herein, aber Euch, Euch beide, bedenkt! Euch hält sie gewiß so fern wie nur möglich." „Was ist da zu thun?" sagte Renzo nachdenkend. „Still, still, ich weiß Rath. Ich gehe mit Euch, ich kenne ihre schwache Seite und will sie so bezaubern, daß sie Euch gar nicht gewahrt, und Ihr hineingehen könnt. Ich rufe sie zu mir und will sie schon auf ein Gespräch bringen, daß .... Nun Ihr werdet sehen." „ Gott segn' Euch!" rief Renzo aus, „ ich habe immer gesagt, daß Ihr in allem unsere Stütze seyd." „ Es hilft uns aber alles nichts," sagte Agnes, 124 wenn Ihr die da nicht überreden könnt, daß es keine Sünde sey." > Auch Rcnzo bot nun seine ganze Beredsamkeit auf, ohne jedoch Luzien bewegen zu können. »Ich weiß nichts auf deine Gründe zuerwiedern," sagte sie, „aber ich sehe so viel, daß die Sache nur auf Schleichwegen, mit Lug und Trug ausgeführt werden kann. Ach, Renzo! wir haben nicht damit angefangen. Ich will dein Weib werden, — ihr ganzes Gesicht erglühte — aber auf einem rechtmäßigen Wege, gottesfürchtig, vor dem Altäre! Vertrauen wir dem dort oben! Glaubst du nicht, daß er uns besser helfen kann, als wir uns selbst mit solchen Schelmereien? Und warum vordem Pater Chri- stoforus ein Geheimniß haben?" Der Streit dauerte lange und schien seinem Ende noch fern zu seyn, als eilige Sandalen - Fußtritte und das Rauschen einer Mönchskutte den Pater Chri- stoforus verkündeten- Man schwieg, und Agnes hatte nur noch so viel Zeit, Luzien ins Ohr zu zischeln : „ daß du ihm nichts davon sagst!" Siebentes Kapitel. Der Pater Christoforus kam wie ein guter General an, der ohne seine Schuld eine wichtige Schlacht verlor; betrübt, aber nicht entmutkngt, sorgenvoll, aber Nicht, betäubt, eilig, aber nicht flüchtigund immer auf dem am meisten bedrohten Punkte, wo seine Gegenwart von Nöthen ist, ermuthigend und neue Befehle erthcilend. „Friede sey mit Euch!" sagte er im Eintreten. „ Von dem Menschen ist nichts zu hoffen; wir müssen um sch mehr auf Gott vertrauen, und ich.besitze auch schon ein Pfand seines Schutzes." . - Obschon keins von -den dreien von: des Paters Versuch etwas gehofft hatte, da man den Fall, daß ein 'Vornehmer voig-einem Betrüge freiwillig, und blys in Folge nachdruckschser Bitten abgestanden.wäre, nicht selten, sondernunerhört nennen konnte.: so erfüllte die Gewißheit des Fehlschlagens doch, alle mit Trauer. Die Frauen senkten den Kopf;. im Renzo's Seele aber siegte, her Zorn über die Muthlosigkeit. Er war schon vor dieser Nachricht voller Galle und Grim.m über alleseine vereitelten.--Hoffnungen, Schmerzen und Sorgen, besonders aber über L-uziens hartnäckigen .Widerstand. .„Ich möchte wissen-," rief er, mit den Zähnen knirschend und die Stimme erhebend, wie er nie.zuvor in des Paters .Anwesenheit gewagt hatte, „ich möchte doch wissen,, aus welchen Ursachen der Hund sich dawider auflehnt « daß meine Braut nicht meine Frau werde?" . .-j u i „Armer Renzoj" erwiederte der Mönch mitleidig und mit einem Blicke dcr Sanstmuth und Ruhe, „wäre -er Vornehme immer, wenn er eine Ungerechtigkeit begehen will, gezwungen, seine Beweggründe zu nennen, so würde es in der Welt anders aussehen." „Also hat der Hund blos gesagt, er wolle nicht, weil er nicht wolle?" „Auch das hat er nicht einmal gesagt, armer Renzo. Es wäre noch gut, wenn jeder, der eine Ruchlosigkeit im Sinne hätte, sie frei gestehen müßte." „Aber etwas hat er doch sagen müssen? Was sagte denn also der Teufel? " „ Was er sagte, weiß ich wohl, kann dir's aber nicht wiederholen. Die Worte eines solchen Bösc- wichts treffen und entfliehen. Er kann sich erzürnen, daß Du Verdacht auf ihn wirfst, und laßt dir zur nämlichen Zeit fühlen, daß dein Verdacht gegründet sey; er kann beleidigen und über Beleidigung schreien, verhöhnen und Recht verlangen, erschrecken und jammern , frech seyn und untadelhaft scheinen. Laß dir damit genügen. Er hat weder die Schuldlose, noch deinen Namen genannt, hat sogar nicht geschienen, Euch zu kennen, hat seiner Ansprüche gar nicht gedacht und dennoch .... dennoch konnte ich wohl ein- sehen, daß er unbeweglich ist. Wie dem auch sey, vertraut Gott, Ihr Armen, verliert den Kopfnicht, und du, Renzo,.... glaube mir nur, daß ich mich wohlan deine Stelle denken, wohl mitfühlen kann, was in dir vorgeht. Aber Geduld! es ist ein armseliges, bitteres Wort für den, der nicht glaubt; doch würdest du Gott nicht einen, zwei Tage, soviel Zeit lassen, als ihm gutdünkt, um dem Rechte Recht zu geben? Die Zeit ist sein und er verspricht uns so viel von ihr, laß ihm walten, Renzo, und wisse, wißt alle, daß ich schon Hülfe habe. Jetzt kann ich nicht mehr darüber sagen. Morgen kann ich nicht kommen. Ich muß für Euch den ganzen Tag im Kloster bleiben. Komm du hin, Nenzo, oder sollte dich etwas davon abhaltcn, solltest du nicht selbst kommen können, so sende mir einen verständigen, sicheren Burschen, durch den ich Euch vom Geschehenen unterrichten kann. Es wird Nacht. Ich muß ins Kloster. Glauben und Muth! — Und so schlaft wohl !? Er eilte hierauf davon und schlug den schmalen, steinigen Fußweg ein, um ja nicht zu spät im Kloster anzukommen und sich nicht einen Verweis, oder was noch schlimmer gewesen wäre, eine Buße zuzuziehen, die ihn abhalten könnte, morgen zum Dienste des Paares in Allem bereit zu seyn. „HabtIhr gehört, was er sagte, von Hülfe, die er schon für uns habe?" sagte Luzia. „Man kann ihm wohl vertrauen, wenn er etwas verspricht...." „ Wenn cs weiter nichts ist! " unterbrach sie Agnes. „Er hätte deutlicher reden, oder zum wenigsten mich bei Seite nehmen und mir sagen können, was cs ftp." „Geschwätz! Ich will's schon enden, ich will's schon enden;" rief Renzo, im Zimmer wüthend hin lind hergehend/ mit .einer Stimme und einer Miene, die über den Sinn seiner Worte nicht in Zweifel ließen. . „ Ach, Renzo!" seufzte Luzia. „ Was wollt Ihr denn thun?" sagte Agnes. „ Was brnucht's erst noch gesagt zu werden? Ich wiü's schon endem Und wenn er hundert, wenn ec tausend Teufel im Leibe hätte, er ist doch am Ende non Fleisch und Bein wie andere!" - „Nein, nein, um Gottes Willen!" begann Luzia, Thronen erstickten ihre Worte. .. „Solche Reden sollte man auch nicht zum Scherz führen; L sagte Agnes. - „Zum Scherz?" schrie Renzo und'stellte sich dicht vor die sitzende Alte, die er mit funkelnden Au- gen ansah. „Zum Scherz! Nun es wird sich zeigen, ob's Scherz ist." ' „Ach, Renzo!" sagte Luzia mit von Schluchzen unterbrochener Stimme, „ Hab' ich doch noch niemals Dich so gesehen." „Sprecht nicht von so etwas, um des Himmels Willen," nahm Agnes wieder halblaut das Wort. „Wißt Ihr nicht, wie viel Arme ihm unterthan sind, und daß, großer Gott! die Gerechtigkeit immer gegen die Armen ist?" „ So will ich Gerechtigkeit ausüben! Cs ist an der Zeit. Die Sache ist schwierig, das weiß ich sehr wohl. Aber er hüte sich nur, der feige Mörder! IL 9 iiA» iNLijir, KÄ ih Äch» ^ «Ä ÄMk>i ^ Nit. W!!Il!'ü lijiri: >l° ßjf« Er weiß, wie cs mit ihm steht, aber das thut nichts! Geduld und Entschlossenheit, und der Augenblick wird sich schon finden ! — Ja! ja! ich will Gerechtigkeit ausüben, ich will das Land befreien- Wie viel Menschen werden mich nicht segnen! Und dann mit vier Sprüngen ...." Das Entsetzen, welches Luzia bei diesen deutlicheren Worten empfand, trocknete ihre Thronen und gab ihr Kraft zu reden. Sie erhob ihr Gesicht aus der Handfläche und sagte zuMenzo mit klagender aber fester Stimme: „Alsogilt es dir jetzt gleich, ob ich deine Frau werde oder nicht? Ich hatte mich mit einem Menschen versprochen, derGott im Herzen trug, aber einer der.... und könnte ihn keine Gerechtigkeit und Rache erreichen, wäre er ein Königssohn ...." „Nun wohl!" rief Renzo, mehr als je außer sich, „ich werde dich nicht besitzen, er aber auch nicht. Ich hier ohne dich , er in der ...." „Ach nein, nein! Barmherzigkeit! sprich nicht so, blicke nicht so umher, ich kann dich nicht so sehen !" rief Luzia weinend, bittend, die Hände ringend ihm zu. Agnes rief den jungen Menschen zu wiederholten Malen beim Namen, und griff ihm an Schultern, Aerme, Hände, wie um ihn zu besänftigen. Er blieb regungslos, gedankenvoll stehen und schaute einen Augenblick in Luziens flehendes Gesicht; dann stierte er plötzlich mit gräßlichem Blicke auf sie 130 HÄ», trat zurück, streckte den Arm aus, wies auf sie mit dem Finger und sagte: „ Sie, ja sie will er haben; er sterbe!" „Und ich? was Hab' ich Dir denn gcthan, daß Du auch mich tödten willst?" sagte Luzia und warf sich vor ihm auf die Knie. „Du!" sagte er mit einer Stimme, die einen sehr verschiedenen Zorn, aber doch Zorn, ausdrückte. „Du! was willst Du denn von mir? welchen,Beweis Deiner Liebe hast Du mir denn heute wohl gegeben? Habe ich Dich nicht gebeten und gebeten? und was erlangte ich damit?" „Ja, ja!" entgegnete Luzia übereilt, „ich gehe morgen mit Dir zum Pfarrer, jetzt, wenn Du es verlangst, gleich jetzt, laß nur von Deinem Borsatze ab, ich komme!" „Versprichst Du mir's?" sagte Renzo, gleich viel menschlicher in Stimme und Antlitz. „Ich verspreche es." „ Du hast es versprochen." „Ach, Gott sey Dank!" rief die doppelt beruhigte Agnes. Renzo hatte mitten in seinem Anfbrausen daran gedacht, welchen Vortheil ihm Luzien's Schrecken gewähren könne. Ob er sich ein wenig zorniger stellte, als er war, können wir nicht sagen, und sicherlich wußte er es wohl selbst nicht. So viel ist indeß gewiß, daß seine Wuth gegen Don Rodrigo in der That den höch- sten Gipfel erreicht hatte und daß er sehnlich wünsch» te, Luziens Zustimmung zu erhalten. Toben nun zwei starke Leidenschaften vereint in der Seele eines Menschen, so kann wohl niemand, ja er selbst nicht, recht eigentlich einer jeden Stimme unterscheiden und mit Sicherheit die vorherrschende angebcn. „Ich habe es versprochen!" crwiederte Luzia, mit schüchternem, zärtlichen Borwurs; „aber auch Du hast versprochen, Dich ruhig und still zu verhalten und dem Pater zu vertrauen." „Ach! schweig doch, für wen bin ich denn in Wuth gerathen? Willst Du wieder zurücktreten und mich eine Tollheit begehen lassen? " „ Nein, nein!" sagte Luzia / schnell von neuem erschreckt. „Was ich verspreche, halte ich. Aber sieh, auf welche Art Du Dir mein Versprechen verschafft hast. Gott verhüte." ,, Warum Schlimmes vorausahnen! Gott weiß, daß wir keinem Menschen Unrecht thun." „So versprich mir wenigstens, daß dies der letzte Betrug sey. „Ich verspreche es, als redlicher Bursche." „Benehmt Euch aber nur schlau dabei," rieth Agnes. Rcnzo hätte das Gespräch gern noch weiter fortgesetzt und bestimmt gesehen, was jedes am andern Tage zu thun habe, aber die Nacht war zu weit vorgerückt, als daß die Frauen sein längeres Da- I 2 132 bleiben hätten schicklich finden können. Er mußte also fort. Alle drei verbrachten diese Nacht, so gut es nach einem, an Kummer und Noch so reichen Tage wie der vorhergehende, und vor einem , so wichtigen Unternehmen von ungewissen Ansgange, gehen wollte. Renzo stellte sich bei guter Zeit ein und verabredete mit den Frauen oder vielmehr mit Agnes das große Vorhaben des Abends, z Beide erhoben und beseitigten Schwierigkeiten, stellten alle möglichen Zufalle auf und singen eins ums andere immer wieder von neuem an, die Sache wie schon abgemacht durchzugehen. Luzia hörte zu. Mit Worten konnte sie dem nicht beistimmen, was sie im Herzen verwarf, aber sie versprach das Ihrige nach Kräften zu thun. — „Werdet Ihr denn hinunter ins Kloster zum Pater Ehristoforus gehen," fragte Agnes Nenzo'n, „wie er Euch gestern auftrug?" „Ja!" antwortete Renzo zweifelhaft; „Ihr wißt ja, was er für verteufelte Augen hat. Ich glaube, er läse es mir vom Gesichte ab, daß es etwas gicbt, und wenn er ansinge, mich ins Gebet zu nehmen, so käme ich nicht heil davon. Und dann muß ich auch hier bei der Hand seyn. Es istbeffer, wenn wir Jemand schicken." „Ich schicke Menico." „Za, ja," entgcgncte Renzo und ging — nach 133 ^'!>I tzss, ^ verfitz ^ kj md iichi«, ÄciiAi '.'Schach HkM«Ä Ä st ».- dtütt )IitI l Lj«'», lsli »Ä> . A»l-k ,n,ji«s' Rlj seinem Ausdrucke — die Sachen in Ordnung zu bringen. Agnes ging ins benachbarte Haus und fragte nach Menico, einem lebhaften, zwölfjährigen Knaben, der ihr, vermöge. Schwäger - und Vetterschaften, ein wenig verwandt war. Sic erbat sich ihn von den Eltern für diesen Tag, führte ihn mit sich in ihre Speisekammer, gab ihm zu essen und hieß ihn nach Pescarenico zum Pater Christoforus gehen, der ihn wenn cs Zeit sey mit einer Antwort zurückschicken werde- „Du weißt, der Pater Ehristoforus, der schone Alte mit dem weißen Barte, sie nennen ihn den Heiligen." „ Weiß schon," sagte Menico, „ er ist den Kindern so gut und giebt ihnen immer Bilder." „Derselbe, Menico- Er wird Dich eine Weile am Kloster warten lassen, lauf nicht davon. Geh nicht mit den andern Kindern zum See, um Steine übers Wasser zu werfen, oder zu fischen, oder mit den Netzen zu spielen, die an der Mauer hängen und trocknen...." „Ach nein, nein! ich bin ja kein Kind mehr." „ Nein! sey vernünftig. Und wenn Du die Antwort bringst, so gebe ich Dir die beiden blanken Par- pagliolen." *) „ Gebt sie mir jetzt." *> Parpagllola, Mailänder Münze, an Werth anderthalh Soldi. , A. d. Ueb. 184 „Nein, nein, Du würdest sie verspielen. Geh, führ' Dich gut auf und Du sollst zufrieden seyn." Im Verlaufe dieses langen Morgens ereignete sich manches, was die schon beunruhigten Frauen mit Sorgen erfüllte. Ein Bettler, weder hinfällig noch zerlumpt wie seines Gleichen, und mürrisch und finster aussehend, kam herein und verlangte ein Almosen. Er sah dabei forschend rings umher, empfing die Gabe , ein Stück Brpd, mit schlecht verborgener Gleichgültigkeit und blieb mit einer gewissen Unverschämtheit, aber auch Unschlüssigkeit stehen, indem er Verschiedenes fragte, was Agnes allemal mit dem Ge- gentheile der Wahrheit beantwortete. Im Fortgehen that er, als verfehle er die Thüre, ging durch die, welche nach der Treppe führte und betrachtete sich da Alles, so gut die Eile es zuließ. Agnes rief ihm zu »>He, he, guter Mann, hier hinaus!" woraufer zurückkam und durch die ihm bezeichnete Thür, mit erzwungener Demuth und Unterwürfigkeit, die seinen rauhen, abgehärteten Gesichtszügen ganz und gar entgegen waren, sich entfernte. Nächst ihm ließen sich von Zeit zu Zeit auch noch andere seltsame Figuren erblicken. Was es für Leute warm, würde schwer zu cnträthseln gewesen seyn; für ehrliche Wanderer, als welche sie gelten zu wollen schienen, konnte man sie unmöglich halten. Einer kam unter dem Vorwände herein, sich nach dem Wege zu erkundigen, andre gingen langsam vorüber «»De Wp» jllL» «Ätz l>'i M. Si-r Nklfi! schnH- puIlisi tkhch ClÄL Leihü die ich! den ^ ij>» «e» We li, den 135 hlllldM »Aiwsai, i»z tik Ei- ME,ch bc-iMl- ts«Li- eil la tzi- isKilM ^ MH, W ft ti iisüi»;» riiüisli 8 «- «t „l zu m>- jl ich^ - > M ^ ^ -'7 und schauten dabei über den Hof hinweg ins Zimmer, wie um sich, ohne Argwohn zu erregen, mit dem Innern bekannt zu machen. Gegen Mittag endlich verschwanden diese lästigen Spione. Agnes ging von Zeit zu Zeit vor den Hof hinaus, sah sich rechts und links auf der Straße um und sagte freudig: „Niemand! " was auch Luzia gern hörte, ohne daß beide eigentlich wußten, weshalb. Aber der Vorfall benahm ihnen doch viel von dem zum Abende gesammelten Muthe. Um über diese Herumstreicher Aufschluß zu geben, müssen wir einen Schritt zurückthun und uns wieder zu Don Rodrigo wenden, den wir gestern Nachmittag beim Abgänge des Pater Christoforus allein ließen, Wie wir erwähnten, ging derselbe mit großen Schritten hin und her. An den Wanden hingen die Bilder seiner Ahnen. Er blieb an der einen Wand stehen, sah auf und fand sich vor einem seiner kriegerischen Vorfahren, dem Schrecken der Feinde und Soldaten. Er hatte ein furchtbaresAcußere, kurzes, borstiges Stirnhaar, zugespitzten und gedrehten Schnurrbart. Der Held stand aufrecht, in völliger, eiserner Rüstung, die rechte Hand in die Hüfte gestützt, die Linke an den Degenknopf haltend. Don Rodrigo betrachtete ihn von oben bis unten, wandte sich dann um und hatte einen andern Vorfahren als obrigkeitliche Person, den Schrecken aller Prozeßsührenden, vor Augen. 136 Er saß auf hohem Stuhle von roihem Sammet, trug eine weite, schwarze Toga mit weißem Kragen und breiten Vorblättern, und umgeschlagenem Zobelfutter, als Auszeichnung der Wintertracht der Senatoren. Bleich und mit zusammengezogenen Brauen, hielt er eine Bittschrift in der Hand und schien sagen zu wollen: „Wir wollen zuschen." Seitwärts von ihm blickte eine Matrone, der Sa-recken aller jungen Mädchen, herab, neben ihr der Mönche Schrecken, ein Abt; kurz es waren alles Leute, die zu ihrer Zeit Furcht und Entsetzen um sich verbreiteten und auch im Bilde noch keinen andern Eindruck machten. Don Nodrigo ward bei diesen Erinnerungen entrüstet und beschämt, daß ein Mönch gewagt hatte, ihm mit Ermahnungen und Vorwürfen zu nahen- Er nahm sich vor, sich zu rächen, gab es wieder auf, und überdachte dann, wie er zugleich seine Leidenschaft und das, was er Ehre nannte, befriedigen könne. Aber auch der Gedanke an die unterdrückte Weissagung durchschauderte ihn oftmals und verscheuchte alle andere aus seinem Innern. Um doch etwas zu lhun, rüste er endlich einen Be« dienten und trug ihm auf, ihn bei den Gästen mit einem Geschäfte höchster Eile zu entschuldigen. Der Bediente kam mit der Meldung zurück, die Herren sei)en schon fort und ließen ihn ihrer Ehrerbietung versichern. „ Und Graf Attilio?" fragte Don Nodrigo, immer auf- und abgehend. „Er hat die Herren begleitet, Euer Gnaben." 137 „Gut. Sechs Mann Begleitung. Ich will ausgehen. Rasch! Degen, Mantel, Hut, rasch!" „ Der Diener ging mit einer Verbeugung ab, kam nach einigen Augenblicken mit den reichen Waffen zurück, die sich der Herr umgürtete, mit dem Mantel, den er über die Schultern warf, und dem Hute mit hohen Federn, den er sich mit der Handfläche fest aufs Haupt drückte. Er ging und fand auf der Schwelle die sechs bewaffneten Kerle, die Front machten, sich verneigten und ihm folgten. Mürrischer, misvergnügter und stolzer als gewöhnlich verließ er sein Schloß und begab sich auf den Weg nach Lecco. — Alle Landleute und Handwerker zogen sich bei seinem Anblicke an die Mauer zurück, verneigten sich und begrüßten ihn mit der größten Unterwürfigkeit, ohne daß er darauf geachtet hatte. Selbst diejenigen, welche von dem gemeinen Manne Herren genannt wurden, begegneten ihm als Untergebene; denn in der ganzen Umgegend war keiner, der sich an Namen, Reichthümern, Anhang und der Begierde, über alle Andere hervorzuragen, mit ihm hätte messen können. Diesen dankte er mit stolzer Herablassung. Wenn er manchmal, was heute nicht geschah, mit dem spanischen Kastellan zusammentraf, so war die Verbeugung von beiden Seiten gleich tief und die Begegnung gleich der zweier Monarchen, die, unabhängig von einander, sich doch aus Konvem'enz gegenseitige Ehre erwiesen. Um sich seiner Übeln Laune und dem Bilde des Mönchs zu entreißen, das seine Fantasie in allerlei Gestalten belästigte, begab er sich in ein Haus, wo Gesellschaft war und wo man ihn mit der emsigen, ehrfurchtsvollen Herzlichkeit empfing, die immer Menschen zuTheil wird, welcheent- weder große Liebe oder große Furcht einzuflößen wissen. Bei anbrechcnder Nacht nahm er endlich wieder den Weg nach seinem Pallaste. Graf Attilio kam mit ihm zugleich zurück, und das Abendessen wurde aufgetragen, bei dem Don Rodrigo gedankenvoll war und wenig sprach. „Wenn bezahlt Ihr die Wette, Vetter?" sagte der Graf boshaft und spöttisch, als die Tafel aufgehoben und die Diener fort waren. „St. Martinstag ist noch nicht vorüber." „ So zahlt einstweilen im Voraus, denn es gehen wahrhaftig alle Heiligennamen im Kalender vorüber, che Ihr..,." „ Das wird sich finden. " „Vetter, Ihr wollt politisch thun; aber mich betrügt Ihr nicht, und ich bin so gewiß, die Wette gewonnen zu haben, daß ich auf der Stelle eine andere eingehen wollte." „Und die Ware?" „Daß der Pater, Pater .. ..weiß nicht mehrwie er heißt_kurz, daß dieser Mönch Euch bekehrt Hat." „Nun, das ist wahrhaftig ein seltsamer Gedanke-." „Bekehrt!" Vetter! bekehrt, sage ich. freue mich schon darauf. Welcher herrliche Anblick! wenn Ihr ganz zerknirscht, mit niedergeschlagenen Augen daherkommt. Welcher Ruhm für den Pater! Wie selbstzufrieden wird er nicht nach Hause gegangen seyn, Solche Fische fangt man auch nicht alle Tage und nicht mit jedem Netze, Seyd versichert, daß er Euch überall als Beispiel anführt und bei jeder entfernten Mission von Euren Thaten spricht. Es ist mir als hörte ich ihn:" — Er redete durch die Nase nnd begleitete die Worte im Predigerton mit karri- kirten Geberden. — „Es lebte oder lebt vielmehr noch, meine andächtigen Zuhörer, in einer Gegend dieser Welt, welche ich aus Rücksichten nicht nennen kann, ein liederlicher Kavalier, der die Frauen mehr liebt als rechtliche Leute; gewohnt, alles, was er sah, als sein Eigenthum zu betrachten, warf er ein Auge aus...." „Still, still," unterbrach ihn Don Nodrigo, halb lächelnd, halb ärgerlich. „ Wollt Ihr die Wette noch verdoppeln, ich bin's zufrieden," „Alle Teufel! also hattet Ihr den Pater bekehrt?" „ Sprechen wir nicht von ihm und hinsichtlich der Wette wird St. Martinstag entscheiden." Die Neugierde des Grafen war rege geworden, er ließ es an Fragen nicht fehlen, Don Rodrigo wich ihnen aber allen aus, indem er auf den Tag der Entscheidung vertröstete und nicht gern seine Absichten 140 mittheilen wollte, bevor sie noch nicht fest oder ein- geleitet wären. — Am folgenden Morgen erwachte Don Rodrigo ganz wieder als er selbst. Der matte Eindruck jener Worte: „Es wird ein Tag kommen_!" war von der Nacht gänzlich verwischt und nur Grimm geblieben und Reue über die gezeigte Schwäche. Der abendliche Spaziergang, die Verbeugungen und Ehrfurchts- bezeigungcn, das Geschwätz des Vetters endlich, alles hatte dazu beigetragen, ihn wieder ganz zu sich selbst zurückzuführcn. Kaum aufgestanden, ließ erGriso kommen- „ Wichtige Dinge!" — sagte der Bediente, welcher den Befehl übecbrachte, bei sich; denn der Mensch, mit dem Beinamen Griso, war kein geringerer als das Haupt der Bravi, der stets die gefährlichsten und kühnsten Anschläge auszusühren hatte. Er war des Herrn Vertrauter und ihm über jede Probe rreu, theils aus Dankbarkeit, theils aus Interesse. Er hatte öffentlich einen Mord begangen und sich, um sich den Händen der Gerechtigkeit zu entziehe», in Don Rodrigo's Schutz begeben. Er trat in dessen Dienste und war vor jeder Nachstellung sicher, indem er jedes Verbrechen beging, was ihm anbefohlen wurde. Für Don Rodrigo besaß der Gewonnene nicht geringe Bedeutung, denn er war nicht allein bei weitem der allertapferste der Bande, sondern sein Fall bewies auch die Macht, welche Don Rodrigo gegen die 141 die Gesetze ausübte; wonach er also durch ihn in der Wirklichkeit und auch in der Meinung Anderer an Ansehen gewann. „ Gciso!" sagte Don Rodrigo, „jetzt kannst Du zeigen, was Du giltst. Vor Morgen muß jene Luzia in meiner Gewalt seyn." „Niemand soll je sagen, daß Griso einen Befehl seines gnädigsten Herrn unvollzogcn gelassen habe!" „Nimm so viel Mannschaft, als Dir nöthig scheint, befiehl und ordne an, was und wie es Dir gut dünkt, nur führe die Sache gut und glücklich zu Ende. Aber daß ihr ja kein Weh geschehe!" „Herr, einen kleinen Schrecken, damit sie nicht gar zu sehr lärme, kann man ihr wohl nicht ersparen. " „Schrecken?.... nun wohl, er ist unvermeidlich. Aber, daß ihr kein Haar gekrümmt und überhaupt ihr mit Ehrfurcht begegnet werde! hast Du verstanden?" „Herr! wie ist es möglich, Jemand eine Blume zu überbringen, ohne sie zu betasten? Aber nur das Allernothwendigste soll geschehen." „ Und unter deiner Aufsicht. Und.... wie wirst Du 's denn anfangen?" „Ich dachte eben daran, Herr! Zum Glück liegt das Haus am Ende des Dorfes. Wir müssen einen festen Ruhepunkt haben; und da liegt gerade dgs halb verfallene Haus nicht weit davon mitten im Felde, dos Haus .... Euer Gnaden werden nichts davon wissen, es brannte vor einigen Jahren aus, die Leute hatten kein Geld, cs wieder herzustcllen und verließen es also und nun Hausen Hexen drinn- Aber es ist kein Sonnabend und ich lache drüber. Die abergläubischen Bauern würden sich um keinen Preis in der Welt in irgend einer Nacht dahin wagen, also können wir ohne alle Gefahr uns da niederlassen." „Gut, und weiter?" Nun schlug Griso vor, Don Nodrigo erwog und so kamen sie denn endlich mit ihrem Plane aufs Reine, die Sache dergestallt auszufuhren, daß von den Urhebern keine Spur bliebe, der Verdacht anderswohin falle, Agnes schweige, Nenzö so cingeschüchtert werde, daß ihm der Gedanke an Schmerz und an Hülfe von der Obrigkeit vergehe und er sie selbst nicht wünsche. Eben so besprachen sie alle anderen kleinen Betrügereien, die zum Hauptziele gehörten. Zuletzt ging Griso, um an die Ausführung Hand zu legen; Don Nodrigo rüste ihn aber wieder zurück und sagte: „Höre! käme Dir der grobe, verwegene Schlingel etwa diesen Abend in den Wurf! so kannst Du ihm immer ein Andenken auf den Rücken geben. Die Weisung die ihm dann morgen zu Theil wird , sich ruhig zu verhalten, thut um so bessere Wirkung. Suche ihn aber nicht auf, damit die Hauptsache nicht verfehlt werde. Verstehst Du wohl?" „Laßt mich nur machen," antwortete Griso, in- dem er sich ehrerbietig und mit einer prahlenden Bewegung verneigte und ging. Der Morgen verstrich mit Durchspähen des Dorfes. Der scheinbare Bettler, welchen sich in die Hütte Agnesens geschlichen hatte, war Niemand anders als Griso, der sich in ihr orientiren wollte. Die Wanderer waren seine sauberen Genossen, denen eine oberflächlichere KenntNiß des Orts genügte. Als sie ihren Zweck erreicht hatten, ließen sie sich nicht mehr sehen und kehrten heim, um nicht zu viel Verdacht zu erwecken. Griso legte auf dem Schlosse vom Geschehenen Rechenschaft ab, traf die letzten Anordnungen und ertheiür-einem Jeden seine Nolle. Dies Alles konnte nicht geschehen, ohne Laß der auf alles merkende alte Diener ge-, wahrte, es müsse etwas Entscheidendes im Wecke seyn. Nach vielem Horchen und Fragen schnappte er hier und da etwas auf, erläuterte sich selbst das Fehlende und kam so ziemlich mit sich über das ins Klare, was in der Nacht vor sich gehen solle. Aber die Nacht selbst war auch schon nicht mehr allzufern, die erste Abtheilung der Bande schon ausgezogen, um sich in jenem entlegenen und verrufenen Hause auf die Lauer zu legen. Obgleich der arme Greis wohl fühlte, auf welch gewagtes Spiel er sich einlasse, so wollte er dennoch sein Wort halten, verließ, unter dem Vorgeben, ein wenig frische Luft zu schöpfen, das Schloß und begab W in allergrößter Eile nach dem Kloster, um den Pater EhristoforuS von Allem zu unterrichten. Bald darauf wandcrten auch die anderen Bravi einzeln ab und zuletzt Griso, und in der Dämmerung trug man ihnen eine Sanfte in das Gebäude nach. Als sie alle daselbst versammelt waren, entsandte Griso drei Mann nach der Schenke des Orts. Einer mußte sich an die Thüre stellen und auf den Weg Acht haben, bis daß alle Dorfbewohner sich nach Hause begeben hatten. Die beiden anderen spielten und tranken drinnen und hatten überdies den Auftrag, was es etwa zu wissen gäbe, auszukundschaften. Griso selbst verhielt sich mit dem Hauptlrupp ruhig in dem Hause. Der alte Diener rannte noch seines Weges, die drei Bravi kamen auf ihrem Posten an, und eben sank die Sonne, als Renzo zu den Frauen trat und sagte: Tonio und Gerasius warten draußen, ich gehe mit ihnen nach der Schenke, um zu Abend zu essen, und sobald sie das Ave Maria lauten, kommen wir und holen Euch ab. Nur Muth, Luzia! Ein Augenblick und Alles ist vorüber!" Luzia seufzte und erwiederte: „Ach ja, Muth!" mit einer Stimme, die ihre Worte Lügen strafte. Als Renzo und seine Begleiter in dem Gasthause ankamen, fanden sie den einen der Kerle schon als Schildwache an der Thüre. Er hatte den Eingang halb versperrt und lehnte an der Thürpfoste mit kreuzweis über der Brust verschränkten Armen, indem er bald rechts bald links schielte und bald das Weiße bald das Schwarze 145 seiner Gauneraugen blicken ließ. Eine kleine schar« lachrothe Sammetmütze lag schief über der schwärzlichen Stirn und sein lockiges Haar hing bis in den Nacken herab, wo es ein Kamm fest hielt. In der einen Hand trug er einen derben Knüttel, sonst keine sichtbaren Waffen; man brauchte ihm aber nur ein Mal ins Auge zu schauen, und war überzeugt, daß er sic verborgen bei sich führe. Rcnzo war der Vorderste von den Dreien; als er Miene machte, ins Haus zu treten, sah ihn der Fremde, ohne auszuweichen, scharf an. Der junge Bursche wollte jedes Gespräch vermeiden, um sich von seinem wichtigen Vorhaben nicht abhalten zu lassen, also verlangte er nicht, daß der andere Platz mache, sondern drängte sich von der Seite dicht an der zweiten Thüre durch die fceige- lassene Leffnung. Wollten seine Begleiter ihm folgen, so mußten sie sich auch dazu bequemen. Als sie in die Stube traten, gewahrten sie die anderen, deren Stimmen sie schon von außen vernommen hatten. Sie saßen an einem kleinen Tische und spielten slls moi-a, *) indem sie dazu mit einem Munde laut aufschrien und *> Lila inora ist ein bei bk» gemeinen Leuten Italiens sehr beliebtes Spiel. Es geschieht unter Zweien. Sie sitzen einander gegenüber, heben jeder zugleich eine Hand empor, strecken so viel Finger davon aus als sie wollen, und rufen Jeder eine gewisse Zahl; derjenige hat gewonnen, welcher damit die Zahl der ausgestreckten Finger beider Hände traf. Es ist bei der Lebhaftigkeit der Italiener und der reißenden Schnelligkeit dieses Spieles sehr ergötzlich, demselben zuzuschen. A. d. Ueb. r. K 146 sich wechselseitig aus Liner zwischen ihnen stehenden Weinflasche cinschenkten. Sie flxirten die Ankommenden sehr genau, besonders der eine, welcher eben seine Rechte mit drei ausgestreckten Fingern emporhielt und ein lautes „ sechs " dazu ausbrüllte. Er betrachtete Nenzo'n von oben - bis unten und winkte dann seinem Kameraden , sowie dem Draußenstehenden, der ihm mit dem Kopfe zunickte. Nenzo faßte Argwohn, sah zweifelhaft von einem seiner Gefährten zum andern und schien von ihnen Aufklärung über diese Grimassen zu erwarten; aber ihre Mienen besagten nichts als einen sehr starken Appetit- Der Wirth trat zu ihm, wie seiner Befehle gewärtig, und Rcnzo führte ihn ins Nebenzimmer, wo er ein Abendessen bestellte. „Wer sind denn die Fremden?" fragte er dann leise, als der Wirth mit einem groben Tischtuche unterm Arme, in der Hand eine Flasche Wein, zurückkam. „Ich kenne sie nicht;" war die Antwort, als er das Tischtuch ausbreitete. „Wie? keinen einzigen?" „Ihr wißt," sagte jener, indem er das Tuch mit beiden Händen hin- und herzerrte, „das erste, was ein Gastwirth zu beobachten hat, ist, sich um andrer Thun und Treiben nicht zu bekümmern; wenn sick- nämlich die Neugierde der Weiber in Schranken halten läßt. Man würde sich immer wohl dabei mit «llen Fremden, die kommen und gehen, befinden, woll- ^ O ^ 1 M, ^ ' s,!,'F> M»»«i ! W MjMÜl -Ki >,. lirtdiki t«!l z> dmb! M tik «illMÜ'i Wt, ? «kiiiii >l A-zii j ^ hmtniii ! dkülß,,, ^ IliaoLr j »8« 147 ten nur die Zeiten sich ein wenig bessern. Mir genügt, daß die Reisenden wackere Leute seyen, was sie stuft sind und vornehmen, geht uns nichts an. Aber nun sollet Ihr auch gleich eine Schüssel Fleischklöße haben, wie Euch noch niemals delikatere vorgesetzt wurden." „Woher wollt Ihr denn wissen....?" fragte Renzo weiter, aber der Wirth war schon in der Küche. — Wahrend er da die Klöße im Tiegel zubereitete, trat der Kerl, welcher in der Thüre gelehnt hatte, unbemerkt zu ihm hin und sagte ihm leise: ,,Wer sind denn die Leute?" „Burschen aus dem Dorfe," crwiederte der Wirth, die Speise in die Schüssel schüttend. „ Gut, wie heißen sie aber? was sind sie?" fuhr der Andere zu fragen fort. i,Der eine heißt Renzo," entgegnete der Wirth heimlich, „ein guter/ ordentlicher Junge, Seidenspinner, der sein Handwerk wohl versteht. Der Andere ist ein Bauer und heißt Tonst, lustig und immer guter Dinge; Schade! daß er nichts hat, erwürbe alles hier verzehren. Der dritte ist, st zu sagen, ein wenig tölpelhaft; wenn man ihm was giebt, ißt er gar gern. Mit Erlaubniß!" Mit einem Sprunge war er vor dem Heerde und Frager vorüber und trug die Schüssel an Ort und Stelle. „ Woher wollt Ihr denn wissen," fragte Renzo, K 2 als er den Wirth kommen sah, wieder, „ daß es wackere Leute sind, wenn Zhr sie nicht kennt?" „Ihr Benehmen, mein Lieber! Man muß das Benehmen der Leute zu beurtheilen wissen- Wer den Wein trinkt, ohne ihn schlecht zu machen, nicht viel unnützes Zeug schwatzt, die anderen Reisenden nicht unverschämter Weise ausfragt und, hat er mit Jemand seinen Dolch zu probicen, es draußen abmacht, daß der arme Wirth nicht auch mit in die Tinte kommt, der ist ein Ehrenmann. Hat man mit artigen, höflichen Leuten zu thun, ist's freilich noch besser; was zum Henker, wollt Ihr aber alles wissen! Als Bräutigam solltet Ihr ganz andre Dinge im Kopfe haben. Bor diesen Fleifchklößen werdet Ihr auch wahrlich an weiter nichts denken können!" Er ging nach der Küche zurück. Aus der sonderbaren Weife aber, mit der er den Fragen Rcnzo's begegnete, ver- muthen wir, daß der gute Herr Wirth wohl nur in seinen Netzen den wackeren Leuten so zugethan seyn mochte. Im Grunde hielt er es immer lieber mit solchen, die das Aussehen oder den Ruf von Taugenichtsen hatten. Das Abendessen wurde nicht recht freudigen Mutbes verzehrt. Die beiden Gaste hätten gern mit langen Zügen ihr Vergnügen genossen, aber ihr Wirth war immer mit dem, was da kommen sollte, im Voraus beschäftigt, verdrüfilich und ungeduldig wegen des auffallenden Benehmens der Fremden, und dachte an nichts als an die Zeit zum Aufbruche. Alle 149 ü« vll.1- biüi «j Ärrsai! Ir erj Ei zi») N Vch »m, ?!I- ?! m» Er» Pi» liEnck l»KE »IEk ll^l ! l-si^ j H»,k' ! ^N- Dreie sprachen wegen den Fremden nur heimlich und mit abgebrochenen Worten untereinander. „ Es ist doch eine närrische Sache'," platzte Gervasius mit einem Male los, „daß Renzo sich eine Frau nehmen will und dazu erst ...." Renzo schnitt ihm ein wüthcndes Gesicht. „Willst Du still seyn, Schaafskopf!" sagte Tonio und gab ihm einen tüchtigen Ribbenstoß. Die Unterhaltung schleppte sich nach und nach zu Ende. Renzo trank selbst fast gar nicht und schenkte den beiden Andern mit Vorsicht ein, um sie nur zu crmuthigcn und nicht zu umnebeln. Nachdem die Speisen abgetragen waren und Renzo die Zeche bezahlt hatte, mußten sie wieder beim Fortgehen vor den Fremden vorüber. Wie vorhin, wandten die sich nach Renzo um, und als er einige Schritte vom Wirthshause entfernt war und sich umsah, bemerkte er, daß die Beiden aus der Stube folgten. Er blieb sogleich mit seinen Begleitern stehen, als ob er sagen wollte: „wir wollen doch sehen, was sie mit mir Vorhaben!" Als sich jene aber bemerkt sahen, blieben auch sie stehen, besprachen sich heimlich und kehrten um. Ware Renzo näher gewesen, um ihre Worte verstehen zu können, er würde nicht wenig darüber erstaunt seyn. „ Es brächte uns aber doch gewaltige Ehre, das Trinkgeld gar nicht gerechnet," sagte der eine, „wenn wir oben auf dem Schlosse uns rühmen könnten, ihm den Rücken 150 eiligst und schleunigst recht derb geblaut zu haben, und zwar ganz auf unsere eigene Faust, ohne daß « Herr Griso es uns geheißen hatte." „Und dabei die Hauptsache zu Schande machen G entgegnete der Andre; „ sieh hin, er hat etwas gemerkt, er ist steheq geblieben und gafft her. Ha! wenn's nur spater war'! Komm, wir wollen umkehren, sonst erregen wir Verdacht. Es sind ohnedem noch überall Leute auf der Straße. Lassen wir sie nur alle erst ins Nest." In der Thal kribbelte und wimmelte noch alles in dem Dorfe, wie allemal, wenn's Abend wird, wo in wenig Momenten alles zur Ruhe ist. Die Weiber wunderten vom Felde, die kleinsten Kinder am Halse tragend, und die erwachseneren, die ihr Abendgebet hersagen mußten, an der Hand führend. Die Männer kamen mit Spaten und Hacken auf der Schulter heim. Oeffnete sich hie und da eineHausthü- re, so sah man wohl ein Heerdseuer, an dem das spärliche Abendbrod bereitet wurde, herzuleuchten. Auf dem Wege ertönten Grüße und Gegcngrüße, mitunter auch ein kurzes, trauriges Gespräch über die schlecht ausfallende Erndle und das Elend dieses Jahres, und lauter als die Worte verkündeten einzelne, nachhallende Glockentöne das Ende des Tages. Als Renzo die beiden Bravi entfernt sah, setzte er in der zunehmenden Dunkelheit seinen Weg fort und flüsterte bald dem einen bald dem anderen Bruder eine Ermah- ^ ».Hz», ! invH ÄiLtz ! r^chi,i ! ÄL ^ », iilist ^ sildmd. imiiia Mß- t:i >jÄ- m. U ^«»in KM Ms j I, Llt^ ^ LM ^ tnMj- ^Al> «r»d' 151 nung zu. Bei LuzienS Hütte angckommen, war eS völlig Nacht. Die Zeit zwischen dem Entschlüsse zu einem gewichtigen Unternehmen und der Ausführung, gleicht einem schweren, angstvollen Traume. Luzien umfing er schon seit vielen Stunden, und Agnes, die Urheberin der ganzen Sache, selbst Agnes war in tiefen Gedanken und konnte nur mit Mühe einige Worte des Trostes für ihre Tochter aufsinden. In dem Moment der Ausführung selbst aber ändert sich alles. Andre Schrecken und andre Furcht als vorher bekämpfen den Muth der Seele, das lang überdachte Unternehmen stellt sich wie ein ganz neues, fremdes dar. Was im Anfänge die meiste Sorge verursachte, ist plötzlich beseitigt, aber neue, gar nicht geahnete Hindernisse! Die Einbildungskraft stockt, alle Glieder versagen ihren Dienst, und das Herz bricht alle gegebenen Versprechungen. Bei Renzo's leisem Anklopfen ergriff Luzien solches Entsetzen, daß sie in diesem Augenblicke entschlossen war, alles zu erdulden, auf ewig von ihm getrennt zu bleiben, nur nicht, was sie versprochen hatte, zu thun. Als er nun aber vor ihr stand und gesagt hatte: „da bin ich, kommt!" als alle »ereit waren, ohne Verzug aufzubrechen, wie bei einer festen, ausgemachten, unwiderruflichen Sache, da hake sie weder Zeit noch Muth, Schwierigkeiten zu machen, nahm, wie bezaubert, zitternd einen Arm der 152 Mutter, einen ihres Bräutigams und ging mit ihnen davon. Still und geräuschlos schlichen sie sich im Dunkeln mit vorsichtigen Schritten aus dem Hause und schlugen den W?g außerhalb des Dorfes ein. Der kürzeste würde gewesen seyn, gerade hindurch, dem Hause Don Abbondio's zuzugehen, sie wählten aber den anderen, um nicht gesehen zu werden. Auf Fußstegen durch Felder und Gärten langten sie bei dem Hause an und theilten sich. Die Verlobten versteckten sich hinter ihm, Agnes auch, etwas mehr in der Nähe, um gleich bei der Hand zu seyn, Perpetuen aufzufangen und sich ihrer zu bemächtigen. Tonis und der dumme Gervasius, der zu allem Selbsthandeln unfähig war, und dessen man doch so höchst nöthig hatte, schritten auf die Thüre zu und klopften an. „Wer will noch so spät herein?" rief eine Stimme an dem geöffneten Fenster, und zwar Perpetuens Stimme. „So viel ich mich entsinne, giebt's doch keinen Kranken; ist vielleicht ein Unglück geschehen?" „ Ich bin's," entgegnete Tonio, „und mein Bruder, wir müssen mit dem Herrn Pfarrer sprechen." „ Ist das eine christliche Stunde?" rief Perp - tua barsch; „welche Unverschämtheit! Kommt M>r» gen wieder." „Hört! vielleicht komme ich wieder, vi«leicht auch nicht. Ich habe viel Geld eingetrieben und komme, die Schuld, von der Ihr wißt, abzu- machcn. Ich habe fünf und zwanzig blanke Lire in der Tasche. Gehl's jetzt nicht, nun fo gedulde ich mich, ich will sie schon auf andere Weise durchbringen. Habe ich einmal fünf und zwanzig andere beisammen , so komme ich wieder!" „Wartet nur, wartet nur, ich komme gleich wieder? warum aber zu dieser Stunde?" „Könnt Ihr sie ändern, mir ist'S recht. Kurz, ich bin da, wollt Zhr mich nicht, so gehe ich wieder!" „Nein, nein, wartet nur einen Augenblick,bring' Euch gleich Antwort." Sie schloß das Fenster. In diesem Augenblicke verließ Agnes das Paar, sagte noch leise zu Luzien: „Muth, es ist im Augenblicke vorbei, wie wenn man sich einen Zahn ausnehmen laßt;" trat zu den beiden Brüdern vor die Thüre und ließ sich mit Tonio'n in ein Gespräch ein, so daß Perpetua, wenn sie zurückkam, glauben mußte, sie sey unterdeß vorübergegangen und habe sich einen Augenblick bei den jungen Burschen verweilt- Achtes Kapitel. — „Earneades? Wer war das?" — murmelte Don Abbondio für sich hin. Er saß in seinem Lehnstuhle im obern Zimmer und hatte ein Büchelchen vor sich aufgeschlagen. Perpetua trat herein mit ihrer Botschaft. — „Earneades!" Ich muß den Namen schon irgendwo gelesen oder gehört haben, wahrscheinlich war er ein Gelehrter bei den Alten, der Name klingt so; wer, zum Henker, war er aber nur?" Der gute Mann war weit entfernt zu ahnden, welcher Sturm sich über seinem Haupte zusammenziehe. Don Adbondio las gern täglich etwas, und ein benachbarter Pfarrer, der Bücherbesaß, lieh ihm eines nach dem andern, wie es ihm in die Hände kam. Dasjenige, worüber der noch Furchtfieberkranke, der es weit mehr war, als er sich merken ließ, jetzt studirke, war eine Lobrede auf den heiligen Karl,') die man vor zwei Jahren mit vielem Prunke im Mailänder- Dome sprach und mit vieler Bewunderung vernahm. Man verglich den Heiligen darinn, wegen seiner Liebe zu den Studien, mit Archimedes. Bis hierher verstand Don Abbondio alles, denn von Archimedes mußte er wohl ein Mal gehört haben. Rach ihm zi- -) Borromäus. 165 mit isiki >K?>M !>! », E ^.L-i ^ «M» »chdi» r s«i! t ßM, !>! UM Mmv zMliL stNüAl M»' Mk2 ^ tirte der Redner aber auch andere Schriftsteller, und hier haperte's. In diesem Augenblicke verkündete Perpetua Tonio's Besuch. „Zu dieser Stunde?" sagte natürlich auch Don Abbondio, „Ihr ^wißt ja, daß die Leute einmal keinen Unterschied zu treffen verstehen. Haltet Ihr ihn aber jetzt nicht fest...." „Wer weiß, wann ich ihn wieder erwische? Laß ihn kommen! — — He, he, Du bist doch gewiß, daß es Tonio ist?" „Das wollt'ich meinen!" antwortete Perpetua und ging hinab. Sie öffnete die Thüre und sagte: „ Wo seyd Ihr?" Tonio trat heran, Agnes mit ihm, Perpetuen beim Namen grüßend. „Guten Abend, Agnes. Wo kommt Ihr denn so spat her?" sagte Perpetua. „Ich komme aus ...," sie nannte ein nahgelegenes Dorschen — „und habe" — fuhr sie fort — „ dort gar viel für Euch gekhan." „I, wie denn so?" fragte Perpetua, dann wandte sie sich zu den beiden Brüdern: „ Geht nur hinein! Ich komme nach." „Ei!" nahm Agnes das Wort, „eine Frau von der Art, die nichts wissen und doch mitreden wollen .... könnt Jhr's glauben? unterstand sich zu sagen: Ihr hättet nur darum den Philipp Suola- 156 vecchia und auch dm Anselm Lunghigna nicht gehei- rachet, weil sie Euch nicht gewollt hatten. Ich behauptete aber, Ihr hättet einen wie den andern abgewiesen. „Das will ich meinen! die Lügnerin! die Ver- läumderin! Wer ist sie denn?" Fragt mich nicht, ich liebe nicht, Unheil anzu- stisten-" „Ihr müßt, Ihr sollt es mir sagen! Ueber die Lügnerin!" — „Seyd ruhig! Ihr kömmt aber nicht glauben, wie leid cs mir rhat, daß ich die ganze Geschichte nicht genau kannte, um sie gleich zum Schweigen zu bringen." „Sie ist das schändlichste Lästermaul!" sagte Perpetua; „was den Philipp anlangt, so weiß Jedermann _und Jedermann konnte wohl sehen .... Heda, Tonio! lehnt die Thüre an und geht nur hinauf, ich komme nach." Tonio bejahte es von innen und Perpetua fuhr angelegentlich in ihrer Erzählung fort. Gerade vor Don Abbondio's Hause eröffnete stch zwischen zwei kleineren Häuschen ein schmaler Weg, der gleich hinter denselben sich wendete und in die Felder führte. Agnes näherte sich ihm, wie um da unbemerkter schwatzen zu können, Perpetua folgte. Als sie um die Ecke gekommen waren und nicht mehr sehen konnten, was mit dem Hause Don Abbondio's vorgche, hustete Agnes laut. Dies war das Zeichen; KB ^ rk i!>' A. TlU in sm ^ MH Ai» «A Ä i lnLcii iiL'liit m a'jib m't«! üVaK ich»! I ikMn l ÄII,,, Renzo verstand es, ermuthigte Luzien mit einem Händedrucke, und beide verließen ihr Versteck, drückten sich gebückt.längs der Mauer hin, gelangten zur Thüre, öffneten sie behutsam und schlichen in die Hausflur, wo die Brüder sie erwarteten. Alte vier stiegen nun, so geräuschlos als möglich, die Treppe hinauf, und oben schritt Tonio und sein Bruder auf die Stuben- thür zu, die Verlobten drückten sich an die Wand. „ Oeo graliss ; " sagte Tonio laut. „Ah, Tonio, komm herein!" rief cs von innen. Tonio öffnete bie Thüre nur so weit, daß er und sein Bruder nach einander hindurch konnten. Ein Lichtstreifen fiel durch die Oeffnung über den kleinen Dorranm und Luzia erschrak darüber so heftig, als wenn sie entdeckt wäre. Als beide Brüder sich in der Stube befanden, machte Tonio die Thüre wieder hinter sich zu und das Paar blieb in der Finsterniß, mit angehaltenem Athem, zurück. Das stärkste Geräusch war der armen Luzia Herzpochen- Don Abbondio saß, wie schon gesagt, in einem alten Lehnstuhle, hatte einen alten Schlafrock an und auf dem Kopfe eine schmutzige Mütze, die einer Tiara glich und ihm das Gesicht bei dem matten Schein einer Lampe umschirmte. Zwei Büschel Stirnhaare hingen unter der Mütze hervor, die dichten Augenbrauen und Backenbärte, der lange Stutzbart auf dem Kinne, alles vor Alter grau, glichen, in dem schwärzlichen, gerunzelten Gesichte, beschneitem Strauch- 158 werke, das denn Dämmerlichte des Mondes zwischen Klippen hervorragt. „Ach, Ach!" warsein Gruß, während er die Brille abnahm und ins Buch legte. „Ich komme ein wenig spät, Herr Pfarrer!" sagte Tonio, indem er und Gervasius sich verneigten. „Allerdings spät, in jeder Hinsicht spät, Ahr Wißt doch, daß ich krank bin?" „Ach? das thut mir sehr leid!" „Ihr müßt cs wohl vernommen haben. Ich bin sehr krank und weiß nicht/ wenn ich mich wieder sehen lassen kann. Was soll denn aber der Andere da bei Dir, Tonio?" „Er hat mich bloß begleitet, Herr Pfarrer." „Gut, nun?-" „ Ich bringe Euch fünf und zwanzig neue Lire, worauf der heilige Ambrosius zu Pferde;" sagte Tonio und zog eine Rolle aus der Tasche. „Gieb her," erwiederte Don Abbondio, nahm die Rolle, setzte die Brille wieder aus, schüttete die Lire aus, drehte sie hin und her, prüfte sic mit scharfen Blicken, zählte sie und fand sie endlich richtig und untadelhast. „Nun, Herr Pfarrer, gebt mir auch die Halskette meiner Thekla wieder." „ Nicht mehr als billig," antwortete Don Ab- kondio, ging zu einem Schranke, suchte den Schlüssel vor, sah sich mehrmals um, wie um Niemand 159 Hineinblicken zu lassen, machte den einen Flügel auf, stellte sich vor die Oeffnung, steckte den Kopf hinein, um zu sehen, und den Arm, um das Pfand herauszuholen, schloß dann den Schrank wieder, öffnete das Kästchen, sagte: „Da ist sie!" machte cs wieder zu und händigte es Tvnio'n ein. „Nun," sagte dieser, „seyd so gefällig, mir auch etwas schwarz auf weiß darüber zu geben." „Auch das," sagte Don Abbondio; „Du denkst ja an alles. Wie doch die Welt ängstlich geworden ist! Traust Du mir nicht?" „ Wie? Herr Pfarrer, ich sollte Euch nicht trauen? Ihr thut mir Unrecht! Aber, mein Name steht ja doch in Eurem Schuldbuche, und da Ihr Euch einmal die Mühe gabt, ihn zu schreiben,-es ist nur um des Lebens und Sterbens willen— -" „Gut, gut," unterbrach ihn Don Abbondio und brummend setzte er sich vor das kleine Tischchen, nahm Papier, Feder und Tintenfaß und fing an zu schreiben , indem er jedes Wort der Schrift laut wiederholte. Jndeß winkte Tom'o seinem Bruder, und beide stellten sich vor ihn, so daß er nicht nach der Lhüre sehen konnte, scharrten dann, wie zufällig, mit den Füßen auf den Dielen hin und wieder, als Zeichen-, daß die anderen hereinkommcn sollten und um zugleich das Geräusch beim Hereintreten zu übertönen. Don Abbondio war in seine Schreiberei vertieft und beachtete sonst nichts. Renzo vernahm das Gescharre, ergriffLuziens Arm, flüsterte ihr abermals Much zu und zog die Zitternde hinter sich drein. Leise, leise traten sie auf den Zehen ins Zimmer, wagten nicht zu athmen und verbargen sich hinter den Brüdern. Don Abbondio hatte aufgehört zu schreiben, überlas es noch einmal aufmerksam, ohne die Augen zu erheben, faltete dann das Blatt und sagte: „Nun wirst Du zufrieden seyn!" Er nahm mit der einen Hand die Brille von der Nafe, reichte Tonio'n mit der andern die Schrift und sah empor. Tonio streckte die Hand aus, sie zu nehmen, trat zugleich von der einen Seite, Gervasius, auf einen empfangenen Wink, von der anderen zurück und zwischen ihnen standen Renzo und Luzia. Don Abbondio sah hin, erkannte sie, staunte, erschrak, ergrimmte, dachte nach und war entschlossen, und das alles, während Nenzo die Worte sprach: „Herr Pfarrer! in Gegenwart dieser Zeugen, das ist meine Frau!" — Kaum halte er ausgeredet, als Don Abbondio die Quittung fallen ließ, die Lampe mit der linken Hand ergriff, mit der rechten den Teppich des Tisches, den er wü- thend hinwegzog, daß Buch, Papier, Tintenfaß und Streusandbüchse zur Erde flogen, und zwischen Stuhl und Tisch auf Luzien lossprang. Mit sanfter Stimme, an allen Gliedern zitternd, begann das arme Mädchen: „Das ist ..... " aber Don Abbondio warf ihr, rücksichtslos, den Teppich über Kopf und Gesicht, um sie am Weitersprechcn zu ver- 161 «I All !u»s!irii siitvtr M 2 jl« stÄika Ä,AD, ü, tÄ>' , lidmd ilßPk , -sim LÄ--; ^ Ä nK im i! »b Ll>«> SD> !Ü!^ > > I hindern, ließ die Laterne, welche ec in Verändern Hand hielt, fallen, half dann auch mit dieser Luziens Gesicht ganz einhüllen, so daß er sie fast erstickte, und schrie immerfort aus vollem Halse, wie ein verwundeter Ochse: „Perpetua! Perpetua! Verrath! Hülfe!" — Der auf dem Fußboden verlöschende Lampcndocht warf ein schwaches, ungewisses Licht auf Luzien, die, gänzlich befangen, keinen Versuch machte, sich zu befreien, und einer halbfertigen, thönernen Statue glich, worüber der Künstler ein nasses Tuch warf. Als das Licht ganz erloschen war, ließ sie Don Abbondio stehen und tappte nach der Thür eines innern Zimmers umher. Er fand sie, schlich sich hinein, schloß hinter sich ab und sing wieder an zu schreien: „Perpetua! Verrath! Hülfe! Heraus aus dem Hause! heraus!" Im andern Zimmer war alles in Verwirrung; Ren- zo suchte den Pfarrer zu erhaschen, als ob er Blindekuh mit ihm spiele, gelangte endlich zur Thüre, und schlug daran, unter dem Geschreis: „Aufgemacht! aufgemacht! nicht so gelärmt!" Luzia rüste Nenzo'n mit heiserer Stimme und bat: „Laß uns gehn, laß uns ums Himmels Willen gehen!" Tom'o kroch auf allen Vieren umher und suchte auf den Dielen, seiner Quittung habhaft zu werden, Gervasius aber schrie und sprang wie besessen, weil er die nach der Treppe führende Thüre nicht finden und sich flüchten konnte. I. L Als der Belagert? wahrnahm, daß sein Feind noch nicht ans Fortgehn zu denken schien, öffnete er ein nach dem Gottesacker zugehendes Fenster und schrie nach Hülfe. Es war Heller Mondenschcin. Der Schatten der Kirche und des langen Thurnies lag braun und unbeweglich auf dem lichten Rasen des Kirchhofs. Alle Gegenstände erschienen so deutlich, wie am Tage, aber, so weit der Blick nur reichte, kein lebendes Wesen. Dicht an der einen Seite der Kirche, und zwar der Pfarrwohnung gegenüber, befand sich ein kleiner, verschlossener Raum, wo der Sakristan schlief. Derselbe wachte über dem tollen Geschrei auf, sprang aus dem Bette, öffnete daS Fenster und steckte den Kopf hinaus und rüste noch mit geschlossenen Augen: „Was giebt's?" „ Lauft, Ambrosius! helft! Es sind Leute in meinem Hause, " schrie ihm Don Abbondio zu- „Ich komme gleich!" cnlgegnetc jener, zog den Kopf wieder zurück, verschloß das Fenster und gedachte, in der Besinnungslosigkeit und Bestürzung mehr Hülfe zu geben, als verlangt wurde, ohne sich selbst der Gefahr blos zu stellen. Ec nahm die Hosen, die auf seinem Bette lagen, wie einen Hut unterm Arm, lies eine schmale Holztreppe hinaus nach dem Glockenstuhle, ergriff das Seil der größten der beiden Glocken und schlug an. Die Bauern richten sich bei dem Glocken- getönc in den Betten empor, die auf dem Heuboden hingestreckten Knechte sind gleich auf den Beinen: „Wasis?s? was ist's? die Glocke wird ungeschlagen! Feuer! siräuber! Bandittcn!" Viele Weiber bitten und beschwören ihre Männer, sich still zu verhalten, die andern laufen zu lassen. Einige stehen auf und treten ans Fenster; aber die Feiglinge thun, als ließen sie sich von den Weibern bewegen und kriechen wieder unter die Bettdecken. Die Neugierigsten und Beherztesten ergreifen Spieße Und Flinten und rennen dem Lärme zu, andre stehen gaffend vor den Häusern. Ehe aber die zu Hülfe eilenden wach und munter wurden und sich ankleideten, hatten schon andere, wachende und angckleidete Leute den Spektakel vernommen, und zwar einerseits die Bravi, anderseitsAg- nes und Perpetua. Wir wollen erst berichten, was mit jenen geschah, seit wir sie in dem verfallenen Hause und der Schenke verließen. Als die Drei in der Schenke bemerkten, daß alle Thütcn verschlossen waren und Niemand mehr sich auf der Straße sehen ließ/ gingen sie fort, als ob sie einen weiten Weg begönnen, schlichen sich leise und still noch einmal durch das Dorf, um sich zu überzeugen, daß Alles zur Ruhe scy, und — es regte sich auch in der That nicht das Allergeringste. Agnesens Hütte schien ihnen die stillste. Nun beeilten sie sich zu hem verfallenen Gebäude und erstatteten Griso Bericht. Dieser setzte sogleich seinen gewaltigen Hut auf, L 2 164 warf einen Mantel von Wachstuch um, nahm einen Pilgerstab in die Hand und sagte: „Kommt, Bravi! Verhaltet Euch ruhig und gehorcht rasch!" Bald hatten sie von der entgegengesetzten Seite, auf der die Bewohner sie verließen, die Hütte erreicht. Gri- so ließ die Bande einige Schritte davon Halt machen, ging allein, um zu spähen, vor, und da äußerlich die tiefste Ruhe herrschte , so winkte er zwei Kerle herbei und befahl ihnen, still eine Leiter anzulegen, über die Hof-Mauer zu steigen und sich drinnen hinter einen dicken Feigenbaum zu verstecken, den er am Morgen wahrgenommen hatte. Er selbst klopfte hierauf leise an, in der Absicht, sich für einen ermüdeten Wanderer 'auszugcben, der bis zum Anbruche des Tages um Herberge bitte. Keine Antwort. Er klopfte stärker; Alles blieb still. Nun ließ er einen dritten Bravo herbeikommen , mit dem Geheiß, sich ebenfalls neben die beiden andern zu verbergen und zugleich das Thorschloß von innen abzufchrauben, damit freier Aus- und Eingang werde. Alles wurde mit Vorsicht und Erfolg vollbracht; auch die andern herzugeholt und im Hofe verborgen, das Thor geräuschlos wieder zugemacht und mit Wachen umstellt- Erifo schritt auf die Hausthüre los, klopfte auch hier an, wartet und wartet vergebens. Er macht auch von dieser Thüre das Schloß los, —Niemand von innen vernimmt es und ruft ein: „Werda!" Nichts, gar nichts läßt sich hören, es kann nicht besser gehen. Er winkt ci- «i. Kii», ^ UM!" züch i" § ha, W?kj> Mk liichM i Tsich" chiimz« wsiH'« MW «A jck niil ln lll GÜllstl!! «,-Lü «Für Ü'-Wi lwt«, f Ach rst d->ßchh », t« 4 ««d »o 165 ! D- MrujA, »WHii, >§ÄW ^ > illl, M ÜLLza bieichch ħÄw: - V M; I!!!N?:M 7.1,'^-»ikl lj dÄÄI- ^ flÄ Aus'' ?M «s IkjüÄn? AstÄ« i, rrl«^ nÄ"^' > tzB"' nige Bravi herbei, tritt mit ihnen in das untere Zimmer, wo er am Morgen gebettelt hatte, nimmt Stahl, Stein, Schwamm und Schwefel, zündet eine kleine Blendlaterne an, geht dann ins Nebenzimmer, um gewiß zu scyn, daß Niemand darinn. Alles leer. Er geht zurück an die Treppe, leuchtet überall umher, lauscht, — Alles still! Er stellt zwei Wachen ins Erdgeschoß, laßt Grignapoco kommen, einen Bravo aus der Gegend von Bergamo, der allein drohen, beruhigen und befehlen und, mit einem Worte, den Sprecher abgcben soll, damit Agnes durch seine Sprache irre geleitet werde und glaube, der Anschlag komme aus jener Gegend. Ihm zur Seite, die andern hinter Beiden, steigt er die Treppe langsam hinauf, innerlich jede knarrende Stufe, jeden zu lauten Fußtritt der andern verfluchend. Endlich sind sie oben. Geräuschlos öffnet Griso die erste Thüre, sieht sich um,-Alles finster; er leiht das Ohr, um zu vernehmen, ob etwa jemand schnarche, athme oder sich rege, — Todtcnstille! Also hinein- Er halt sich die Laterne dicht vors Gesicht, um zu sehen, ohne gesehen zu werden, schreitet vor, erblickt ein Bett, — cs ist leer, noch unberührt und in völliger Ordnung. Er wendet sich hierauf zu den Andern, bedeutet ihnen, er wolle ins andere Zimmersehen, und sie sollen leise folgen, tritt ein und erblickt dasselbe. „Teufel! was ist das?" sagt er heimlich, „ hat uns irgend ein Hund von Spion »erreichen?" Nun wird mit we- Niger Vorsicht alles durchsucht und', durchspäht, im ganzen Hause das Unterste zu Oberff gekehrt. Untcr- deß vernehmen die beiden Wachen afft Thore eilig aus dem Innern des Dorfes nahende, schwache Fußtritte und glauben, cs werde vorüber gehen. Sie verhalten sich deshalb ruhig auf ihrem Posten. Aber es bleibt gerade vor dem Thore stehen. Es war Me- nico, vom Pater Ehristcforus mit dem Geheiß an die Frauen gesandt, so schnell wie möglich die Hütte zu verlassen und ins Kloster zu kommen. Aus welcher Ursache, wissen wir. Er will an dem Thore Lärm machen, um darinn gehört zu werden; als er aber daran klopft, öffnet sich her Flügel; schüchtern setzt er einen Fuß in den Hof, in dem Augenblicke packen ihn zwei Arme, und von beidenSeiten flüstern ihm drohende Stimmen zu: „Sey ruhig oder Du bist des Todes!" Dennoch schreit er auf, Einer der Männer schlägt ihm derb ins Gesicht, der andere zieht, um ihm Furcht zu machen, ein großes Messer hervor. Der Knabe zittert über und über und wagt keinen zweiten Versuch zu schreien; mit einem Male ertönt aber der erste Glockenschlag und clncc folgt darauf dem andern, Das war ein tödtlicher Schreck für die beiden Schurken, sie lassen Menico's Arm los, ziehen die Ihrigen zurück, sperren Maul und Nase auf, sehen sich wechselsweise an und laufen ins Haus, wo der Haupttrupp sich befindet. Kaum sieht sich Menico frei, als er in vollem Laufe nach der Gegend der Kirche zurennt, Ivo doch nolhwcndi'g Jemand,seyn mußte. Den anderen, im Hause verstreuten Bravi jagte das furchc- bare Glockengelaute gleichen Schreck, wie ihren beiden Gefährten, ein. Verwirrt und besinnungslos reime» sie wider einander, jeder sucht den kürzesten Weg zur Thüre. Es waren zwar alles erprobte, unerschrockene Leute, aber die unbestimmte, ungekamue Gefahr kam ihnen diesmal gar zu plötzlich über den Hals. Griso mußte sein ganzes Ansehen ausbieten, um sie zusammen und von der schleunigsten, ungeregeltesten Flucht abzuhalten. Der Pilgrim war al- lerwarts, hielt hier einen aus, der schon die Thüre erreicht hatte, um havonzulaufen, jagte dort mit seinem Stabe ein paar andere ins Haus zurück, rufle die sinnlos Umhertaumelnden zu sich und brachte es endlich so weit, "alle in der Mitte des Hofes zu versammeln. „Auf! Pistolen zur Hand! Dolche bereit! Alles herbei und dann aufgebrochen! So geht's! Wer kann uns etwas anhaben, wenn wir zusammeu- halken, Kameraden? Lassen wir uns einzeln angrcifcn, so haben die Bauern gewonnen Spiel, und welche Schande dann für uns alle! Haltet Euch dicht hinter mir und kommt! " Nach dieser kurzen Anrede stellte er sich an die Spitze der Schaar und schritt zum Hofe hinaus. DaS Haus lag, wie gesagt, am Ende des Dorfes. Griso nahm den Weg ins Freie, und seine Leute folgten in guter Ordnung. 168 Wir wenden uns nun zu Agnes und Perpetuen, welche wir in jenem Winkel hinter dem Hause verließen. Agnes erreichte ihren Zweck, Perpetuen ziemlich weit von dem Hause ihres Herrn zu entfernen. Plötzlich aber entsann sie sich, daß die Thüre offen stehe, und wollte durchaus umkehren. Es war nichts dagegen cinzuwcnden. Agnes wollte keinen Verdacht erregen und trat mit ihr den Rückweg an, suchte sie jedoch immer, wenn sie recht angelegentlich über die zu Wasser gewordenen Heirathen redete, aufzu- halten, gab sich den Anschein, ihr mit vieler Aufmerksamkeit zuzukören, und warf von Zeit zu Zeit, um sie davon zu überzeugen, einige nichtssagende Worte hin, wie: „gewiß: nun verstehe ich: schon gut: das liegt am Tage: und dann? und er? und Ihr?" — Mittlerweile sprach sie aber mit sich selbst von andern Dingen: — „Ob sie wohl jetzt wieder fort sind, oder noch im Hause? Wir kaben einen großen Fehler begangen, kein Zeichen für den Fall zu verabreden, baß die Sache glückte. Aber es ist einmal geschehen, und das Beste ist nun, Perpetuen so lange wie immer möglich binzuhalten, man kann damit höchstens ein wenig Zeit verlieren." So waren sie denn endlich langsam und zögernd wieder in die Nahe von Don Ab- bondio's Haus gekommen, das sie aber, wie man weiß, noch nicht sehen konnten. Perpetua erzählte eben sehr eifrig einen wichtigen Punkt ihrer Geschichte und war, ohne es selbst zu wissen, dabei mit Agnesen stehen geblie- ben. Da ertönte plötzlich durch die weite Stille der Nacht jener erste Hülferuf Don Abbondio's. „ Um Gottes Willen! was ist vorgefallcn!" rief Perpetua und wollte davonlaufen. „ Was denn? was denn?" sagte Agnes und hielt sie beim Rocke. „Gerechter Gott! habtIhrdenn nichts gehört?" erwiederte jene, indem sie sich losmachte. „Was denn? was denn?" fragte Agnes wieder und ergriff ihren Arm. „Teufel von einem Weibe!" schrie Perpetua, setzte sich in Freiheit und lief fort. In diesem Augenblicke ertönte auch der ferne, matte Schrei Menico's. „Gerechter Gott! riefnunauch Agnes und rannte der Anderen, so schnell sie konnte, nach. Kaum hakten sie sich aber in Trapp gefetzt, als die Glocke anschlug, ein, zwei, drei Mal, ohne Aufhöcen; wäre es möglich gewesen, sie hatten sich nun noch mehr beeilt. Perpetua kam einige Schritte früher an; sie wollte eben die Thüre aufreißen, als Tonio, Gervasius, Renzo und Luzia, die endlich die Stubenthüre gefunden hatten und in größter Eile die Treppe herabgekommen waren, bei dem furchtbaren Geläute ihr Heil in der schnellsten Flucht suchten und zum Hause herausstürztcn. „Was giebt's denn? was giebt's ?" fragte die keuchende Perpetua die beiden Brüder, die sic statt der Antwort aus dem Wege stießen und sich davon machten. „Und Ihr? wie? was wolltJhr denn?" fragte sie das andere Paar, als sie es erkannte. Auch von ihm erfolgte keine Antwort. Perpetua rannte also dahin, wo es am meisten Noch that, die Treppe empor zu ihrem Herrn. Die beiden Verlobten standen gerade vor der angstvollen, bekümmerten Agnes. „Ach! seyd Ihr da ?" sagte sie, kaum im Stande, zu sprechen. „Wie ist's abgelaufen? was bedeutet denn das Geläute? Und schrie nicht,...?" „ Nach Hause, nach Hause," sagte Ncnzo, „ehe Leute kommen!" Sie entfernten sich rasch; in vollem Laufe kam ihnen aber Menico entgegen, erkannte sie, stellte sich in den Weg und fragte, noch zitternd und mit halber Stimme: „Wo wollt Ihr hin? zurück, zurück! nach dem Kloster!" „ Warst Du ..,.?" begann Agnes. „Was ist denn?" fragte Renzo. Luzia schwieg erschrocken und zitternd. „In Eurem Hause ist der Teufel los!" keuchte Menico. „Ich habe sie gesehen; sie wollten mich ermorden. Pater Christoforus hat's gesagt. Ihr, Renzo, Ihr Alle sollt gleich hinkommen. Ich habe sie gesehen. Gott sey gelobt, daß ich Euch hier noch finde. Sind wir erst draußen, will ich schon Alles erzählen!" Renzo hatte noch die meiste Besinnung, bedachte, daß man entweder hier oder dorthin sich schnell aus 171 dem Staube machen müsse, ehe ein Auflauf ent? stände, und daß es das Sicherste sey, Menico'n und seinem Geheiß zu folgen. Bor dem Dorfe, außer Gefahr und Verwirrung, konnte man den Knaben weiter ausfragen. „ Nur vorwärts!" sagte er ihm, „wir folgen Dir!" Sie wendeten um, schritten hastig nach der Kirche zu, über dm Gottesacker, wo zum Glück noch Niemand war, in ein Gäßchen, was zwischen der Kirche und Pfqrrwohnung ansing, und endlich, durch den ersten offenen Durchgang, in die Felder, Sie waren noch nicht fünfzig Schritte weit, als sich eine Menge Menschen auf dem Kirchhofe versammelte, und immer mehr und mehr hinzukamen. Eins sah das andere an. Jeder wollte fragen und keiner wußte zu antworten, Die zuerst Angekom- mmen liefen nach der Kirche, — sie war verschlossen; sie liefen zu dem Glockenstuhle, und einer schrie durch ein unteres, kleines Fenster hinauf: „Was zum Henker! ist denn los?" Als Ambrosius eine bekannte Stimme hörte, ließ er das Seil los, überzeugte sich, das wirklich viele Menschen da wären und antwortete : „ Ich öffne gleich!" Schnell zog er nun seine Hosen an, die er noch unterm Arme hielt, lief hinunter und machte die Kirchthüre auf. „Was soll denn der abscheuliche Lärm? — Was giebt's? wo? was?" „Wie? Was?" sagte Ambrosius, der mit der einen Hand die Thüre, mit der andern die Hosen hielt. „ Wie? Ihr wißt's nicht? Es sind Leute bei dem Herrn Pastor. Rasch, Kinder, zu Hülfe!" Alles lief nach der Pfarrwohnung. Man sah rings umher und empor, horchte — Alles still. Einige lausen auf die vordere Seite; — die Hausthüre ist fest verschlossen; sie sehen hinauf, — ein Fenster offen, aber alles still. „ Wer ist denn drinnen? — He! Hel — Herr Pfarrer! — Herr Pfarrer!" — Als Don Abbondio die Flucht seiner Feinde bemerkte, war er vom Fenster zurückgetreten, hatte es zugemacht und zankte leise auf Perpetuen, daß sie ihn allein gelassen habe. Er hörte das Geschrei des Volkes, trat wieder ans Fenster und bereuete beim Anblicke der versammelten, zahlreichen Menge sein Hülserufen. „ Was ist geschehen? — Was haben sie Euch ge- than? — Wer war's? — Wo sind sie hin?" — riefen wohl fünfzig Stimmen auf einmal. „ Es ist Niemand mehr da, ich danke Euch, geht nur wieder nach Hause!" „Aber wer war's denn? Wo sind sie hin? Was ist geschehen?" „Schlechtes Volk, das die Nacht herumstreicht; aber sie sind fort, geht nach Hause, es ist vorüber, ein andermal, Kinder, ich danke für Euren guten Willen-" Er machte hierauf das Fenster zu- Einige singen an 173 zu murmeln» "andere zu spotten, andere zu fluchen, und mehrere gingen achselzuckend wieder nach Hause. Plötzlich kam aber ein Bauer ganz athemlos an und versuchte vergebens zu reden. Er wohnte Agnesens Hütte gegenüber, hörte das Geläute, trat ans Fenster und erblickte im Hofe die versammelten Bravi, als Griso ihnen Muth zusprach. Als er sich nun ein wenig erholt hatte, liefert „Was wollt ihr, Freunde? Hier ist nichts los, 's ist unten im Hause der Agnes Mondella; voller Bewaffnete, sie wollen einen Pilgrim tödten, der Teufel weiß, was sie sonst noch Vorhaben!" „Was? Was? Was?" schrie alles verwirrt durcheinander, „da muß man hin, — sehen, was es giebt. Wie viel sind's denn? — Wie viel sind wir? — Wer ist's? Wo steckt der Richter? der Richter!" — „Hier bin ich!" rief der Richter aus der Menge. „Hier bin ich! Aber Ihr müßt mir beistehen und gehorchen! Rasch! wo ist der Sakristan? Die Glocke gezogen! geläutet! Rasch! Einer laufe gleich nach Lccco und bringe Hülfe. Ihr andern kommt hiehcr!" Nun lief Alles durcheinander, die Verwirrung stieg aufs Höchste. Indem kam wieder Einer an, der die Bande hatte eilig abzichen sehen, und schrie seinerseits: „ Lauft, Kinder, lauft! Schurken, Ban- ditten entführen einen Pilgrim. Sie sind schon zum Dorfe hinaus. Nach! nach!" Kaum hatte er aus- 174 geredet, als alles, ohne die Befehle des Hauptmänns abzuwarten, in Masse nach der bezeichneten Gegend fortraunte. Je naher sie dem Orte katneN, desto langsamer wurden Vieler Schritte, und einer ließ sich immer vom andern überholen, die letzten drängten vor. — Endlich erreichte der ungeordnete Haufe das Haus. Die SpUr der Ruhestörer war noch frisch Und deutlich, die Thüre stand auf, die Schlösser waren abgeschraubt, aber die Räuber verschwunden. Man ging in den Hof, nach der Hausthüre, — auch sie war aufgebrochen; man ruft: „Agnes! Luzia! Pilger! Wo ist der Pilger? Stephan wird vön dem Pilger geträumt haben!" — „Nein! nein! Carl Andres hat ihn auch gesehen." „He da, Pilger! — Agnes! Luzia !" — Niemand antwortet?. „Sie haben sie fortgeschleppt, haben sie entführt!" Einige erhüben nun laut die Stimme und schlugen vor, die Bande zu verfolgen, denn es sey doch eine Ruchlosigkeit und müsse dem Dorfe zur steten Schande gereichen, wenn jeder Hallunke kommen und die Weiber sicher und ungestraft wegschleppen könnte, wie ein Hühnergeier das Geflügel. Darauf neue, noch tumultvollere Beralhung. Aber eine, man weiß nicht, wessen Stimme, rief aus dem dicksten Haufen: „Agnes und Luzia haben sich in ein Haus geflüchtet." Die Nachricht verbreitete sich rasch, man schenkte ihr Glauben, von Verfolgung war keine Rede mehr, man ging auseinander und ein jeder nach 175 Häuft. Das war ein Schwatzen, Toben, Klopfen an die Thürcn, Auf- und Aumachen derselben, Anzünden und Auslöschen von Lichtern und Laternen, Fragen der Weiber aus den Fenstern und Antworten von der Straße! Und als es außen wieder ruhig und still war, da ging das Erzählen in den Häusern los, bis cs mit Gähnen endete und auf den nächsten Tag verschoben ward. Außerdem siel nichts vor, als daß am andern Morgen der Richter auf seinem Felde stand, das Kinn in die Hand gestützt, die Hand auf den Spatengriff, und über die Geheimnisse der vergangenen Nacht, ihre möglichen Ursachen und seine Pflicht nachdachte, und daß zwei ziemlich starke Männer mit langen Haaren auf ihn zukamcn, im Acußcren, wenn es nicht gar dieselben waren, denen sehr ähnlich, welche vor fünf Tagen Don Abbondio anhiclten. Mit noch weniger Umständen als diesen, bedeuteten sie den Richter, daß er sich nicht etwa unterstehe, dem Amtmanne Meldung vom Vorgefallenen zu erstatten, wenn er gefragt werde, die Wahrheit zu antworten oder zu schwatzen und das Geschwätz der Landleute zu unterhalten; er müsse denn keines natürlichen Todes zu sterben wünschen. Unsere Flüchtinge wunderten ein gutes Stück Weges ganz schweigend, und Eines nach dem Andern wendete sich um, daß auch Niemand folge. Sic waren alle traurigen Muthcs, theils durch die Beschwerden des Abends, theils durch den abermaligen Aufschub der Hei'rath und den unglücklichen 176 Ausgang des Unternehmens, theils auch durch die neue, noch ungekannte Gefahr. Mehr als Alles be- ängstetcn sie aber die fortwährenden Glockenschlage, die, je weiter sie kamen, desto dumpfer und trauriger erklangen. Endlich hörten sie auf. Da die Wanderer nun ein entlegenes Feld erreicht hatten, wo alles ringsum still war, so hielten sie ihre Schritte an und Agnes war die Erste, welche das Wort nahm, Renzo'n nach dem Ausgange der List fragte und Menico'n nach dem, was im Hause vorgefallen sey. Renzo erzählte den Hergang mit kurzen Worten, das Kind wiederholte die Botschaft des Paters und fügte hinzu, was es selbst sah, hörte und ausstand, und mit ihr überein- tras. Die Zuhörer begriffen mehr, als Menico sagen konnte, und ein neuer Schauder ergriff sie bei dieser Entdeckung; sieblieben alle einen Augenblick stehen und sahen sich wechselsweise mit Furcht und Zagen an. Dann hatten alle zugleich ein Gefühl. Eines legte die Hand auf Menico's Kopf, das Andere auf dessen Schulter, das Dritte ergriff seine Hand, wie um ihn zu liebkosen, ihm stumm zu danken, daß er ihr Schutzengel gewesen sey und ihm Mitleid zu bezeigen und Abbitte zu thun, wegen der für sie ausgestandenen Angst und Gefahr- „Geh nun heim, damit die Deinigen nicht länger Sorge um Dich tragen," sagte ihm Agnes, gedachte dann der versprochenen Par- pagliolcn, und gab ihm vier mit Len Worten: „Hier! Li, sich»' > !,lisch' nicht in Wksil« schilt» s, sch re; sik, initik, s sacht«?! Ich,Hin sch lüt u sil», s> p ««Ä, sr Adiiitik ach, ' Ci,, KW „i > iüÜch, 177 Und bitte Gott, daß wir uns bald Wiedersehen und. ..." Renzo gab ihm einen neuen Lire und bat ihn, von dem gehabten Aufträge des Paters nichts zu erwähnen- Luzia liebkoste ihn von Neuem, grüßte ihn mit sanfter Stimme, und der Knabe nahm gerührt Abschied und ging zurück. Die andern setzten gedankenvoll ihren Weg fort, die Frauen voraus, Renzo wie zur Bedeckung hinter ihnen. Luzia hielt sich dicht an ihrer Mutter Arm und vermied sanft und geschickt die Hülse, welche der Jüngling ihr aus dem mühevollen, ungebahnten Wege bot. Sie konnte nicht umhin, selbst in dieser Noth, vor sich selbst zu erröthcn, daß sie schon so oft allein und so vertraut mit ihm gewesen sey, in der Erwartung, nach wenigen Augenblicken seine Frau zu heißen. Jetzt war dieser Traum schmerzlich entschwunden; sie bereuete, was sie für Renzo schon khat, und so viel andere Ursache sie auch zu zittern hatte, so zitterte sie doch vor der sich selbst unbewußten, jungfräulichen Schamhaftigkeit, die der Furcht des Kindes gleicht, das im Dunkeln zittert und nicht weiß weshalb? — „Ach, mein Haus!" rief Agnes mit einemmale. So wichtig diese Sorge aber auch war, Niemand er- wiedcrte etwas, weil es nichts Tröstliches zu crwiedern gab. Sie gingen immer schweigend vorwärts und gelangten endlich auf einen freien Platz vor der Klosterkirche, l. M Renzo schritt auf die Kirchthüre zu und klopfte leise daran. Sie «öffnete sich alsbald, und der durch di'e Spalte hincintreffende Mond beschken das bleiche Gesicht und den schneeweißen Bart des Bruder Ehristo- forus, der der Ankommenden harrte. Da er sah, daß keines fehlte, rief er aus: „ Gott sey gelobt!" und winkte ihnen einzutretcn. Zu seiner Seite stand ein andrer Kapuziner, der Bruder Kirchner, den er mit Bitten und Gründen vermochte, mit ihm zu wachen, die Thüre offen zu lassen und die erwarteten Unglücklichen zu empfangen. Es bedurfte auch wohl der ganzen Autorität und des Rufes von Heiligkeit, den der Pater besaß, um den Laien zu einer solchen unbequemen, gefährlichen und unerlaubten Gefälligkeit zu bewegen. Als die Flüchtigen in der Kirche waren, verschloß Pater Ehristoforus selbst leise die Thüre. Der Kirchner konnte aber nicht länger an sich halten, nahm den Pater bei Seite und murmelte ihm ins Ohr: „Aber, Pater, Pater! bei Nacht- in der Kirche.... Weiber.... zuschließen.... die Regel, bedenkt Pater!" — Als er diese Worte kopfschüttelnd und langsam vorbrachte, sagte Pater Ehristoforus zu sich; „Seht doch einmal! wäre ein Bravo mitgckommen, Bruder Bonifaz würde nicht die geringste Schwierigkeit von der Welt mache», und ein armes, schuldloses Kind, das den Klauen eines Wolfs entflieht— „Omni» muncka muiicki»!" sagte er laut und 179 wendete sich rasch zu Bruder Donifaz, nicht daran denkend, daß derselbe kein Latein verstehe. Aber gerade dies Vergessen half ihm aus der Noch. Hätte er fortgefahteN, den Kirchner Mit Gründen zu bestürmen, es würde demselben nicht anGegengtündcn gefehlt haben, und der Himmel weiß, wie es am Ende geworden wäre, Aber so ernste, geheimnißvolle Worte, mit Entschlossenheit ausgesprochen, brachten den Laien auf die VermUthUng, sie lösten alle Zweifel. Er beruhigte sich und sagte: Nun gut, Ihr versteht cs besser als ich," „Verlaßt Euch nur auf mich;" erwiederte Vater Ehristoforus- Und beim Dämmerlichte der am Altäre brennenden LaMpe wandte er sich zu den Geretteten, die in ungewisser Erwartung dastanden, und sagte: „Kinder! Dankt dem Herrn, der Euch einer großen Gefahr entzog. In diesem Augenblicke vielleicht.. Er erklärte ihnen nun, was er durch den kleinen Boten nur angedeutet hatte Und ahnete nicht/ daß sie mehr als er Von deM Ausgange wußten, denn er vermUthete, Menico habe sie vor Ankunft der Brav! ruhig in ihren Behausungen aNgetroffen. Keines benahm ihm den JkrthUM, auch Luzia nicht, weNn eS ihr gleich im Innern sehr wehe that, einen solchen Mann hintergehen zu müssen. Die ganze Nacht war aber einmal aus Trug und Lug gesponnen. „Ihr seht ein,Kinder," führ er fort, „daßJhr in diesem Dorfe Nicht mehr sicher fepd. Es ist zwar M 2 180 das Eure, Ihr seyd darin geboren, habt Niemand etwas zu Leide gethan, aber Gott will es so. Es ist eine Prüfung, lieben Kinder! ertragt sie mit Geduld und Vertrauen und ohne Unmuth, und Ihr könnt gewiß seyn, daß dereinst die Zeit kommt, wo Ihr, was Euch jetzt widerfährt, segnen werdet. Ich habe nachgesonnen, Euch einen Zufluchtsort für die nächste Zeit auszumitleln. Ich denke, Ihr sollt bald wieder in Eurem Hause sicher leben können. Gott sorgt in jedem Falle für Euer Bestes, und ich will gewiß daS Meinige thun, mich der Gnade, welche mir von ihm zu Thcil wird, würdig zu zeigen und Euch, seinen armen Geplagten, als sein Werkzeug dienlich zu seyn. Ihr" — wendete er sich zu den Frauen — „ könnt in Monza bleiben; da erreicht Euch keine Gefahr und Ihr seyd Eurer Wohnung nahe. Geht nur in unser Kloster, laßt den Pater Guardian rufen und gebt ihm diesen Brief. Er wird Euch seyn, was ich Euch bin. Und Du, lieber Renzo, Du mußt Dich jetzt vor dem Grimme Deines Feindes und Deinem eignen behüten. Trage diesen Brief zum Pater Bonaven- tura von Lodi, in unser Kloster, an der Porta orientale von Mailand. Ec wird Vaterstelle an Dir vertreten, wird Dir rathcn und Arbeit verschaffen, bis Du hier wieder ruhig und ohne Gefahr bleiben kannst. Geht zum Ufer des Sees, an die Mündung des Bione (ein Gießbach unfern dem Kloster). Es liegt dort ein Boot an, ruft ihm zu, man wird fragen: „für 181 wen?" erwiedert: „Sankt Franziskus! " die Barke wird Euch aufnchmen, und zum andern Ufer bringen; dort findet Ihr ein Fuhrwerk, das Euch gerades Weges nach Monza führt." Wer sich wundert, daß dem Bruder Christoforus solche Mittel, zu Wasser und zu Lande fortzukommen, gleich zu Gebote standen, der kennt nicht die Macht, welche ein im Gerüche der Heiligkeit stchen- hcnder Kapuziner auszuüben im Stande war. Noch blieb die Aufsicht über die Hauser; der Pater empfing die Schlüssel und versprach, für alles, was Nenzo und Agnes ihm auftrugen, zu sorgen. Letztere mußte dabei laut seufzen, denn sie bedachte, daß es jetzt offen stehe, daß wahrscheinlich alles darin verwüstet scy und vielleicht wenig zu bewachen und zu besorgen bleibe. „Ehe Ihr geht," sagte der Pater, „laßt uns alle den Herrn anrufen, daß er auf diesem Wege und immerhin mit Euch sey, Euch starke und seinen Willen zu dem Euren mache!" Nach diesen Worten knieete er in der Mitte der Kirche nieder, und die anderen thaten desgleichen. Nach einigen Augenblicken stillem Gsbetes sprach er diese Worte: „Wir beten zu Dir auch für den Elende», der uns zu diesem Schritte brachte. Wir würden unwürdig Deiner Gnade seyn, wenn wir sie nicht auch von Herzen für ihn hcrabslehten, denn er bedarf ihrer so sehr. Uns tröstet in unserer Trübsal, 182 baß sie von Dir kommt, wir können zp Dir aufblik- ken mit unseren Schmerzen und fühlen sie nicht mehr. Aber erl er ist Dein Feind, der Arme! erwiderstrebt Dir. O erbarme dich seiner, Herr! wende sein Herz zum Guten, befreunde ihn Dir und gewahre ihm alles, was wir für uns bitten könnten!" Ec erhob sich hierauf eilig und sagte: „ Nun fort, Kinder, eS ist keine Zeit zu verlieren. Gott behüte Euch und sein Engel sey Euer Geleiter, geht!" Und als sie in der Bewegung sich entfernten, die keine Worte findet und keiner bedarf, fügte der Pater leise hinzu: „Mein Herz sagt mir, wir sehen uns bald wieder." Ohne Antwort zu erwarten, ging der Bruder Christofvrus mit schnellen Schritten von dannen; die Wanderer begaben sich auf den Weg und Bruder Bonifaz verschloß dieThüre, nachdem er mit gerührter Slimme von ihnen Abschied genommen hatte. Als sie an der bezeichneten Stelle des Sees ankamen, fanden sie das Boot, wechselten die besagten Worte und stiegen ein. Der Schiffer stemmte ein Ruder an den Bootschnabel, stieß ab, ergriff ein zweites Ruder und arbeitete mit beiden Armen dem entgegengesetzten Ufer durch die Flache zu. Es herrschte die allergrößte Windstille. Der See war glatt und ruhig und würde unbeweglich geschienen haben, ohne das Zittern und Schwanken des mitten am Himmel stehenden MondeS in den leichten Wellen. Man 193 vernahm nichts als daS dnmpfe Branden der Fluch an dem Kiesufer, das fernere Geräusch der an dem Brückenpfeiler sich brechenden Wellen und den regelmäßigen Düppelschlag der Ruder, welche den azurnen Spiegel zerthcilten, plötzlich auf-und eben so schnell wieder untcrtauchtcn. Die von der Barke durchschnittene Fluch vereinte sich hinter ihr und bildete einen gekräuselten Streifen, der sich Immer weiter vom Ufer entfernte. Schweigend saßen die Reisenden und blickten zurück auf die Berge und die ganze vom Mondlicht erhellte, hie und da von langen Schatten durchbrochene Landschaft. Dörfer, Häuser, Hütten wurden sichtbar. — auch Don Ro- drigo's Schloß mit seinem platten Thurme, hoch über die am Fuße des Vorgebirges zusammengcdrängken Hütten ragend, und gleichwie auf Unheil sinnend für die ganze Ebene. Luzia erblickte es. schauderte, spähte durch die Abhänge nach ihrem Dorfe, gewahrte an bestem Ende ihre Hütte, den vollen, hohen Feigenbaum im Hose, das Fenster ihrer Stube, und da sie die hinterste in der Barke war, so stützte sic den Ellbogen auf den Rand des Kahnes, neigte die Stirn, wie um zu schlafen auf ihn herab und weinte still und heimlich. „Lebt wohl, ihr himmelhoch aus den Fluthen aufstrebenden Berge, ihr zackigen Gipfel, allen, die neben euch aufwuchsen, so lieb und werth und unvergeßlich, ihr Bäche, deren Gemurmel ihnen wie bekannte Stimmen ertönt, ihr weißschimmernden, 184 auf den Anhöhen verstreuten Billen, lebt wohl! Wie traurig ist es, von euch allen zu scheiden. Und wer euch selbst freiwillig verließe und hinweggezogen würde, von der Hoffnung auf Glück in der Ferne, wie cntschönen sich ihm nicht in dem letzten Augenblicke alle Reize der ersehnten Neichthümer. Wie gern kehrte er nicht wieder um, wie sehr erstaunt er über den gefaßten Entschluß, aber ec beharrt bei ihm in der Hoffnung, im Schooße des Glücks dereinst heimzu kommen. Ec schreitet in der Ebene vor, sein Auge ermüdet bis zum Ekel an der steten Einförmigkeit, die Lust scheint ihm schwer und ertödtend, traurig und unachtsam begiebt er sich in das Gewühl der Städte, wo Haus an Haus, Straße an Straße grenzt und ihm den Athem benehmen will; und vor bewunderten Prachtgebäuden und Pallästcn denkt er mit Sehnsucht an den kleinen Acker im heimischen Dorfe, an die Hütte, die er sich oft schon erträumte und die er zu kaufen gedenkt, wenn er reich in seine Berge zurückkehrt. Aber oft hält man einen flüchtigen, enteilenden Wunsch fest, baut auf ihn alle Pläne der Zukunft und eine feindliche Macht ent- treibt ihn weit, weit aus Augen und Herz. Man hängt an den liebsten Gewohnheiten, wird ihnen und den süßesten Hoffnungen entrissen; man läßt seine Wer- ge und eilt in die Ferne, wohin nie ehedem der leiseste Wunsch die Einbildungskraft trug, und gedenkt in keinem Augenblicke mehr ruhig und fest der Heimkehr. 185 Leb' wohl, du Haus, wo ich geboren ward, wo ich oft in heimlichem Sinnen saß und die Schritte eines geliebten, mit geheimnisreichem Zagen erwarteten Wesens, von allen anderen unterscheiden lernte. Leb' wohl, du Haus, das mir noch fremd ist, das ich oft verstohlen anblickte, vor dem ich nie ohne Erröthen vorbeiging und in dem ich mich in Gedanken so gern für immer in ungestörter Ruhe, als Gattin sah. Leb' wohl, du Kirche, in der sich meine Seele so oft im Preisgefüge zum Herrn erhob und sich erheiterte, wo ich mich verlobte und wo meine Trauung bereitet war, wo die geheimen Seufzer meines Herzens feierliche Weihe empfangen sollten, die Liebe Heiligung erwartete! Leb' wohl! Der, welcher dir den heiteren Glanz gab, ist überall und trübt nie die Freude seiner Kinder, als um ihnen eine reinere, größere, gewissere zu bereiten." So mochten etwa Luziens Gedanken seyn, und wenig verschieden wohl die ihrer Mutter und ihres Geliebten, wahrend die Barke dem rechten Ufer der Adda nahete. Neuntes Kapitel. Die Barke stieß ans Ufer. Luzia trocknete unbemerkt ihre Thränen und stand, als ob sie geschlum- wert habe, auf. Renzo sprang ans Land, half Ag- nesen, dann der Tochter hinüber, und alle Drei dankten traurigen Sinnes dem Fahrmanne. „ Nicht doch, nicht doch," entgegnete er,, „wir sind ja auf der Welt, um einander beizustehen!" Er zog fast unwillig und als ob man ihm etwas Schlechtes zumuthe, die Hand zurück, als Nenzo ihm eine Anzahl Heller von denen zustecken wollte, welche er diesen Abend mit sich genommen halte, um den Pfarrer, wäre der Anschlag gut abgelaufen, für seine unfreiwilligen Dienste großmüthig zu belohnen. Ein Baroccio *) wartete ihrer. Der Führer grüßte sie, ließ sie ein- steigen, trieb sein Pferd mit Wort und Peitschenhieb an und fuhr davon. Bald nach Sonnenaufgang erreichten sie Monza, das Ziel der Reise. Der Führer hielt vor einem Gasthause, dessen Wirkh er kannte, verlangte ein Zimmer für die Reisenden und begleitete sie dahinauf; aber auch er wollte gleich dem Schiffer, im Hinblicke auf einen ferneren, überschwenglichen Lohn, von keinem irdischen etwas wissen und floh beinahe fort, um sein Pferd zu besorgen. Nach einem Abend, wie der vorhergehende, und einer in Trauer und steter Angst vor irgend ei» *) Ein Baroccio ist ein zweirädriger < kleiner Wagen, dessen» man ssch jetzt besonders ln den Gebirgsgegenden Italiens zur Foctschaffuug bedient. 137 nem möglichen Unfälle verbrachten Nacht, ausge- setzt der mehr als herbstlichen Frische der Lust und den anbaltendcn Stößen des unbequemen Fuhrwerks, die allen Schlaf aus den Augen verscheuchten, war eS allen erwünscht, in dem Zimmer ruhig sitzen zu können, Sie klagten sich ihre Noch und Sorgen, wie sie in der kheuern Zeit würden ihr Leben fristen und mit ihren spärlichen Hülssmitteln die dringendsten Bedürfnisse befriedigen können. Keines hatte Appetit; alle dachten an das fröhliche Mahl, das sie noch vor wenigen Tagen zu halten gedachten und seufzten dabei laut auf. Renzo wäre gern zum wenigsten diesen Tag hier geblichen, um die Frauen eingewohnter zu verlassen und ihnen die ersten kleinen Dienste dabei zu leisten, der Pacer harte ihnen aber anempfohlen , ihn alsbald seines Weges zu schicken. Sie ' führten ihm diesen Grund und hundert andere an: was die Leute dazu sagen würden: daß spätere Trennung nur schmerzlicher sey, und er ja bald einmal sie besuchen und Nachrichten bringen und holen könne! "so daß er sich endlich entschloß, sich zu entfernen. Sie nahmen vorher noch nähere Abreden; Luzia verbarg nicht ihre Thränen, Renzo bezwang die seinen, schüttelte herzlich Agnesens Hand, sagte mit erstickter Stimme: „ Auf Wiedersehn!" und ging. Ohne den wackern Fuhrmann, dem geheißen war, die Frauen ins Kloster zu führen und ihnen sonst alle Hülfe und nörhige Dienste zu erzeigen, würden sie in gewaltige Verlegenheit gcrathen seyn. Sie gingen denn also nn't ihm in das, wenige Schritte vor Monza gelegene, Kloster; erzog, als sie beim Thore angelangt waren, die Glocke, verlangte nach dem Pater Guardian, und als dieser erschien, übergaben sie ihm den Brief. „Ach, von Bruder Ehristoforus!" sagte er, die Schriftzüge erkennend. Der Ton seiner Stimme und sein ganzes Wesen zeigten deutlich, daß er den Namen eines vertrauten Freundes aussprach. Bruder Ehristoforus hatte ihm in dem Briefe die Frauen angelegentlich empfohlen und zugleich mit vieler Warme ihre Geschichte erzählt- Der Guardian verricth abwechselnd Staunen und Entrüstung und erhob die Augen oft vom Blatte auf die Frauen, mit dem Ausdruck des Mitlcidcns und Interesses. Als er gelesen hatte, dachteer einen Augenblick nach und sagte dann für sich hin: „da kann nur die Signora Rath schaffen; wenn die Signora es über sich nehmen wollte_— " Er ging mit Agnesen ein wenig abseits auf den Platz vor dem Kloster, richtete einige Fragen an sie, welche sie beantwortete, und als sie zu Luzien zurückgekehrt waren, sagte er zu beiden: „Ich will einen Versuch machen, ihr lieben Leute, und hoffe Euch, mit Gottes Hülfe, einen ehrenvollen, sichern Zufluchtsort auszumitteln- Wollt Ihr mit mir kommen? " Die Frauen willigten mit ehrfurchtsvollen Zeichen ein, und der Mönch fuhr fort: „Kommt mit mir ins 189 Kloster der Signora, bleibt aber in kleiner Entfernung, denn die Leute reden gern Böses und würden, Gott weiß, was für Geschichten aushccken, wenn sie den Pater Guardian mit einem schönen Mädchen...., ich wollte sagen mit Frauen, gehen sähen-" Nach diesen Worten ging er. Luzia erröthete, der Fuhrmann sah Agnesen lächelnd an, die auch für einen Augenblick ihren Ernst ausgeben mußte, und alle drei folgten dem Mönche, etwa auf zehn Schritte Weite. Die Frauen fragten unterwegs ihren Begleiter , gegen den Pater Guardian hatten sie cs sich nicht unterstanden, wer die Signora sey? „Die Signora," antwortetete er, „ist eine Nonne, aber nicht wie andere. Aebtissin oder Priorin ist sie nicht, denn, wie man sagt, ist sie eine der jüngsten; aber eine Weltdame, deren Vorfahren große Leute waren und aus Spanien gekommen sind, wo sie über alles zu gebieten haben. Deshalb wird sie auch die Signora genannt, zum Zeichen, daß sie eine vornehme Dame, und in der ganzen Umgegend heißt sie so, denn es soll noch niemals in dem Kloster eine ihr ähnliche Nonne gewesen seyn. Ihre Verwandten leben jetzt in Mailand, wo sie viel gelten. Sie gehören zu denen, die niemals Unrecht haben. In Monza gilt sie Alles, denn ihr Vater ist da der Erste sie kann im Kloster thun, was sie will und genießt auch außer ihm die größte Ehre. Was sie unternimmt , das führt sic gewiß durch, und gelingt cs dem guten Mönche, Euch unter ihren Schutz zu bringen, so kann ich Euch sagen, daß Ihr so sicher wie am Altäre sevd." ' Dicht vor dem Kloster stand ein alter, baufälliger Thurm und geschleiftes Kastell; der Guardian blieb vor dem Thore stehen, sah sich um, ob die Andern auch folgten, und ging dann gerade auf bas Kloster zu, wo er ihrer harrte. Den Fuhrmann bat er, in sein Kloster zu kommen und Antwort abzuhölen. Er versprach es und nahm dann von den Frauen Abschied, die ihm eine Menge Danksagungen und Aufträge an den Pater Ehristoforus ertheilten. Der Guardian führte Mutter Und Tochter durch den ersten Klosterhof in das Zimmer der Schaffnerin, empfahl sie dieser und ging nutt, sein Gesuch allein anzubringem Schon nach wenigen Augenblicke» kam er heiter zurück und hieß ihnen, ihm zu folgen^ Die beiden Frauen waren hoch erfreut darüber, denn sie konnte» sich gar nicht mehr vor den neugierigen Fragen der Schaffnerin retten. Als sie über den zweiten Hof schritten, unterrichte sie der Pater ein wenig, wie sie sich gegen die Signora benehmen sollten. „ Sie will euch wohl," sagte er, „und vermag, Euch gar viel zu nutzen. Sepd demüthig und ehrerbietig, beantwortet alle Fragen, die sie etwa an Euch thUt, mit Aufrichtigkeit, und fragt sie nicht, so laßt mich nur Machen." Durch ein Zimmer im Erdgeschoß gelangten sie ins Sprach- zimmer; draußen winkte ihnen noch der Guardian 191 und sagte leise: „Sie ist diinn;" wie um ihnen alles, was er gesagt hatte, ins Gedächlniß zurückzuru- fen. Luzia hatte nach nie das Innere eines Klosters gesehen; als sie ins Sprachzimmer getreten war, forschte sie ringsumher nach der Signora, um ihre Begrüßung anzubringen, und da sie dieselbe nicht sah, blieb sie ein wenig verdutzt stehen. Nun ging aber der Pater nach einer Ecke, Agnes folgte ihm und sie gewahrte daselbst ein kleines, fenstcrähnliches, viereckiges Loch, mit zwei starken, dichten Eisenstangen versehen, die kaum handbreit von einander abstanden; hinter dem Loche eine Nonne. Sie schien etwa fünf und zwanzig Jahr alt, und ihr erster Anblick gab den Eindruck der Schönheit, wenn gleich einer ermatteten, verblühten, ja fast zerstörten Schönheit. Ein schwarzer Schleier siel zu beiden Seiten ihres Gesichts vom Haupte hernieder, und unter ihm bedeckte eine Kopfbinde vom weißesteN Linnen halb die nicht minder blendende Stirn. Eine zweite, in Falten gelegte, Binde umzog ihr Gesicht und endete unterm Kinne als Halsschleier, der ziemlich bis auf den Busen herabhing und den Saum eines schwarzen Ueberkleides bedeckte. Ihre Stirn runzelte sich zuweilen wie im Schmerz, und dann zogen sich ein Paar rabenschwarze Augenbrauen rasch unter ihr zusammen. Die gleich dunkeln Augen hefteten mit stolzem Blick auf der Anderen Antlitz oder sanken, wie um sich zu verbergen, zu Boden. Aufmerksame Beobachter würden jetzt gemeint haben, Verlangen nach Liebe, Theilnahme und Mitleid, jetzt unauslöschlichen, ticfgewurzelten Haß und einen gewissen, unnennbaren Ausdruck der Wildheit und Grausamkeit in ihnen zu entdecken; oder wenn sie so todt und unbeweglich schienen, hatten wohl auch Andere Hochmut!) und Ueberdruß in ihnen gelesen, oder das Treiben und Weben irgend eines verborgenen Gedankens, eines der Seele tief eingeprägten, sie mehr als äußere Gegenstände beherrschenden Kummers. Ihre bleichen, zartgcform- ten Wangen schienen sich langsam abgezehrt zu haben, und auch die Lippen, auf denen kaum noch eine Spur ehemaliger Rölhe zu erblicken war, kamen ihnen an Bleiche fast gleich. Die Bewegungen ihres Körpers waren, wie die der Augen, lebhaft, übereilt, aus- drucks-und geheimnißvoll. Ihr hoher, ebenmäßiger Wuchs ging in einer angewöhnten, hinfälligen Körperhaltung unter und ward oft selbst durch zu jählinge, ungeregelte und für ein Weib, noch vielmehr aber für eine Nonne, viel zu heftige Bewegung entstellt. Auch der Anzug verrielh durch einige zu sorgfältige, einige zu nachlässige Stellen einen bizarren Karakter. Ihr Leib war auf zu profane Weife gegürtet, und aus der Kopfbinde schwoll, über dem einen Schlafe, ein voller Haarzopf hervor, der von Vernachlässigung oder Geringschätzung der Ordensregel zeugte, welche vorschrieb, das bei der feierlichen Einkleidung abgeschnit- tcne Haar nie wachsen zu lassen. 1S3 Unseren beiden Frauen fielen diese Dinge nicht auf, denn sie hatten nie Gelegenheit gehabt, den Anzug der Nonnen zu mustern, und der Pater Guardian, welcher die Signora nicht zum erstenmal sah, war schon an die Seltsamkeiten und das Unregelmäßige ihrer Kleidung gewöhnt. Sie stand, wie Wirschon berichteten, eben dicht hinterm Gitter und stützte sich, ermattet daran mit der einen Hand, indem ihre schneeweißen Finger mit den Staben spielten, hatte den Kopf ein wenig gesenkt und betrachtete die Näherkommenden. „Ehrwürdige Mutter! allergnadigste Signora!" redete sie der Guardian mit gesenkter Stirn und auf die Brust gelegter Rechte an, „dies ist das arme Mädchen, für die Ihr mir Hoffnung zu Eurem vielvermögenden Schutze machtet, dies ihre Mutter." Beide verneigten sich wiederholt auf das tiefste; die Signora winkte ihnen mit der Hand, cs zu unterlassen und sagte dann zum Guardian: „ich fühle mich glücklich, unseren guten Freunden, den Vater-Kapuzinern, etwas Angenehmes erzeigen zu können. Aber," fuhr siefort, „sagt mir doch etwas Näheres über des Mädchens Angelegenheiten, damit man besser wisse, was für sie gethan werden kann." Luzia erröthete und senkte das Gesicht auf den Busen. „So wißt denn, ehrwürdige Mutter —" begann Agnes; aber der Guardian gab ihr einen Wink, l. N daß ihr das Wort !m Munde erstarb. Er entgeg- ncte: „Das Mädchen, gnädigste Signora, ist mir, wie Ich Euch schon sagte, von einem Ordensbruder anempfohlen. Sie hat aus ihrem Dorfe wegen schwerer Gefahren heimlich fliehen müssen und bedarf für einige Zeit eines Asyles, wo sie unbekannt leben kann und Niemand wagen darf, sie zu beunruhigen, wenn er auch. „Wegen was für Gefahren?" unterbrach ihn die Signora. „Bitte, Pater Guardian, sprechtmir nicht in Räthseln. Ihr wißt, wir anderen Nonnen sind neugierig und möchten gern alles recht umständlich erfahren." „Die Gefahren sind der Art," erwiederte der Guardian, „daß sie vor dem reinen Ohre der ehrwürdigen Mutter kaum angedeuket werden dürfen." „Doch, doch!" sagte die Signora schnell und erröthete ein wenig. Aus Scham? — Wer einen rasch vorübercilenden Ausdruck von Verdruß bemerkt hätte, der dieses Erröthen begleitete, würde daran haben zweifeln können, besonders im Vergleich mit der Röthe, die Luziens ganzes Gesicht überzog. Es ist hinreichend," nahm der Guardian wieder das Wort, „wenn ich sage, daß ein übermütiger Kavalier.... nicht alle Große der Erde verfahren mit dem, was ihnen die Gnade des Herrn gab, zu seiner Ehren und zu Frommen ihrer Nächsten, wie Ihr, Gnädigste; ein übermütiger Kavalier also,^verfolgte 1SZ dies arme Wesen lange Zeit mit unwürdigen Schmei- chelworten, und da sie ihm nutzlos waren, hatte er die Unverschämtheit, ihr förmlich mit Gewalt zu begegnen, so daß sie genöthigt ward, aus ihrem Hause zu fliehen." „Komm naher, Mädchen," sagte die Signora zu Luzien und winkte ihr. „Ich weiß wohl, daß der Mund des Pater Guardian nur Wahrheit kennt, aber Niemand kann doch über Deine Angelegenheiten besser unterrichtet seyn als Du selbst, also sage mir, ob jener Kavalier Dir lästig war?" Was das Nähertreten anlangte, so gehorchte Luzia augenblicklich, das Neben war aber eine andere Sache. Jede Frage über diesen Gegenstand, und wäre sie selbst nur von Jemand ihres Gleichen gekommen, würde sie verwirrt haben. Diese Worte aus dem Munde der Signora aber, und in einem gewissen boshaften, spöttischen Zweifeltone gesprochen, benahmen allen Muth zu antworten: „ Signora .... ehrwürdige Mutter .... " stammelte sie und schien nichts weiter sagen zu können. Hier glaubte sich Agnes, als die nach ihr am besten von allemunterrichtete, berechtigt, ihr beizustehen. „ Allergnädigste Signora!" hob sie an, „ich kann wohl bezeugen, daß diese meine Tochter den Kavalier haßte, wie der Teufel das Weihwasser, d. h. er war der Teufel; — Ihr müßt verzeihen, wenn ich meine Worte nicht zu setzen verstehe; wir Leute sind ja N 2 196 aber, wie uns Gott geschaffen hat. So viel ist gewiß, daß das arme Kind mit einem jungen Burschen ihres Standes in aller Gottesfurcht und Ehrbarkeit versprochen war, und wäre der Herr Pfarrer ein Mann, ein wenig mehr — ach, was sag ich da, er ist ja ein Geistlicher; aber Pater Ehristoforus, der Freund des Pater Guardians hier, ist auch ein Geistlicher, und der ist voller Menschlichkeit; wäre er hier , er könnte bezeugen-" „ Ihr sepd sehr vorschnell mit Euren Reden, ohne gefragt zu werden," unterbrach sie die Signora mit stolzen und unwilligen Blicken, die sie gänzlich entstellten. „Schweigt', ich weiß schon, daß die Eltern immer Antworten für ihre Kinder bereit haben." Die gekränkte Agnes warf Luzien einen Blick zu, der zu sagen schien: „Da siehst Du, was ich erdulden muß, weil Du nicht reden kannst." Auch der Guardian bedeutete ihr mit Blick und Kopfbewegung, daß es jetzt Zeit sey, sich zu ermannen und die arme Frau nicht sitzen zu lassen. „Ehrwürdige Signora!" sagte Luzia, „was meine Mutter sagte, ist die lautere Wahrheit. Den jungen Burschen, dessen sie gedachte— hier überzog Purpur ihr Gesicht — habe ich freiwillig erwählt. Verzeiht, wenn es unanständig ist so zu reden, aber es geschieht, damit Zhr keine falsche Meinung von meiner Mutter fassen mögt. Und was senen Herrn betrifft, dem Gott vergeben wolle, so würde ich lie- tlls ^ Will! z" KM, «l ü>r' mit», jU i«K «iuricr jst.'ch se Ul! M sil»!! « Ai z,:r M-ll^ ßiMlt All!! lt Clill, b ich s„j Nilli, ich, d der sterben, als mich ,'n seiner Gewalt befinden. Erbarmt Euch unser und verleiht uns Euren Schutz, da wir einmal zu diesem Elende gebracht sind und guten Menschen zur Last fallen müssen. Aber Gottes Wille geschehe! Gewiß, Signora! Niemand kann herzlicher für Euch beten, als wir armen Leute." „Dir glaube ich," sagte die Signora mit sanfterer Stimme, „aber ich möchte gern unter vier Augen mit Dir sprechen. Nicht weil ich etwa noch andere Erläuterungen und mehr Beweggründe zu haben wünschte, um dem Verlangen des Paters Guardian zu willfahren;" fügte sie, sich gegen ihn wendend, mit erkünstelter Artigkeit hinzu. „ Ich habe schon," sprach sie weiter, „die Sache überdacht und das Beste scheint mir dies: Die Schaffnerin des Klosters hat vor wenigen Tagen ihre letzte Tochter versorgt. Ihr Frauen könnt deren Stube bewohnen und der Mutter in ihrer Beschäftigung fürs Kloster beistehen. Eigentlich .... " Hier winkte sie dem Guardian, dem Gitter naher zu treten und sagte heimlich zu ihm: „eigentlich sollte in den jetzigen schlimmen Zeiten die Stelle der Tochter bei uns nicht ersetzt werden, aber ich spreche schon mit der Mutter Aebtissin und meine Bitte, _der Wunsch des Paters Guardian,.... kurz, die Sache ist richtig." Der Guardian begann ihr zu danken, sie unterbrach ihn aber: „Keine Umstande! Auch ich, wenn ich einmal in den Nothfall komme, werde schon di? Dienste der Vater - Kapuziner in Anstwuch nehmen, und " — hier lächelte sie mit durchscheinender Bitterkeit und Spott — „ sind wir denn nicht Brüder und Schwestern?" Sie rüste eine Laienschwester herbei, von denen ihr, aus ganz besonderer Auszeichnung, zweie zur Bedienung beigegebcn waren, hieß ihr, der Aebtissin das Geschehene hinterbringen und ließ sodann die Schaffnerin kommen, mit der das Nöthige verabredet wurde. Sie entließ sie, nahm vom Pater Abschied, und Luzia mußte bei ihr bleiben. Der Pater ging mit Agnesen bis zum Thore, gab ihr unterwegs noch neue Vcrhaltungsregeln und ging, um alles seinem Freunde Christoforus zu schreiben. „ Was die Signora doch wunderlich und neugierig ist!" dachte er bei sich, „ aber wer wird es wagen, ihre Art und Weise anzugreifen ? Sie thut doch, was sic will. Mein guter Ehristoforus laßt sich gewiß nicht träumen, daß ich ihm so gut und schnell diente. Der wackere Mann! Er hat doch nimmer Ruhe; immer muß er etwas zu sorgen haben; aber er fördert das Gute. Es ist gut für ihn, daß er diesmal einen Freund fand, der ohne Geräusch und Aufenthalt und viele Umstände alles im Nu nach seinem Wunsche vollzog. Er wird zufrieden seyn, Bruder Ehristo- forus, und einfehen, daß auch wir hier zu etwas nütze sind." — Die Signora hatte in Gegenwart des bejahrten 199 Kapuziners ihre Worte und Haltung abgemessen, allein mit dem unerfahrnen Landmädchen dachte sie nicht weiter daran, sich so zu bewachen, und ihre Reden wurden nach und nach so seltsam, daß wir, statt sie zu hinterbringen, nöthig erachten, von dem früheren Leben der Unglücklichen so viel mitzutheilen, als zum Verständnisse des Sonderbaren, Geheimnisvollen, was wir an ihr wahrnahmen, und ihres in unsere Geschichte eingreifenden Benehmens, gehört. Sie war die einzige Tochter des Fürsten ***, eines der allerreichsten Mailänder Edlen. Der unklare Begriff, welchen er von seinem Range hatte, nährte in ihm den Wahn, sein Vermögen reiche kaum zu, dessen Würde zu behaupten, und es war seine Haupt- svrge, so viel in seinen Kräften stände, es zum wenigsten ungeschmälert zu erhalten. Wie viel er Kinder hatte, wissen wir nicht und können nur soviel sagen, daß er alle jüngeren, sowohl Söhne als Töchter, für das Kloster bestimmte, damit der Erstgeborene, dessen Bestimmung war, die Familie fvrtzu? pflanzen und Kinder zu zeugen, um sich und sie dann auf gleiche Weise zu quälen, im vollen Besitz der Güter bleibe. Das Schicksal unserer Unglücklichen war sonach schon im Multerleibe bestimmt und ihre Geburt konnte nur entscheiden, ob Mönch oder Nonne werde. Der Fürst, ihr Vater, wollte ihre Klvster- bestimniung schon im Namen angedeutet wissen und hieß sie daher, nach einer hochgebornen Heiligen, Ger- trud: Puppen, als Nonnen gekleidet, waren das erste Spielwerk, welches man ihr in die Hände gab; dann erhielt sie Nonnenbilder, mit der Ermahnung, diese werthvollen Gegenstände ja recht in Ehren zu halten, und der jedesmaligen Frage: „ Nicht wahr, das ist schön?" — Wollte der Fürst oder die Fürstin oder der Erbprinz, der allein von seinen Brüdern zu Hause erzogen wurde, das schöne, wohlgebildete Kind loben, so schien es nie mit anderen Worten geschehen zu können, als: Welche ehrwürdige Mutter Aebtissin!" Doch sagte ihr Niemand je geradezu, daß sie Nonne werden müsse. Die Sache wurde in Gesprächen über ihre Zukunft nur beiläufig, als einverstanden gedacht. Ließ sich die kleine Gertrud zuweilen zu einer herrischen, gebietenden Handlung verleiten, wozu ihre Gemüthsart sehr geneigt war, so hieß es: „Du bist ein Mädchen, der so etwas nicht zukommt. Wenn Du erst Mutter Aebtissin seyn wirst, da kannst Du befehlen, was und wie Du willst. Ein andermal nahm sie wohl auch der Fürst wegen zu freien und vertraulichen Betragens gegen Andere vor, worein sie sehr leicht verfiel: „ Ei! das schickt sich nicht für Deines Gleichen. Soll man Dir dereinst die schuldige Ehrerbietung gewähren, so mußt Du schon jetzt anfangen, Dich an Zurückhaltung zu gewöhnen und Dich erinnern , daß Du in Allem die Erste im Kloster seyn wirst, wie es Deine hohe Geburt erheischt." Fortwährende Reden der Art brachten denn schon dem Kinde die feste Idee bei, dereinst Nonne zu werden. Was aber der Vater sagte, hatte immer die meiste Gewalt über sie. Es war ihm ein strenger Ernst von jeher Gewohnheit; handelte es sich aber um die künftige Bestimmung seiner Kinder, so verriekh sein ganzes Wesen so unbewegliche Entschlossenheit und düstere Willensstrcnge, daß es den Eindruck der unabänderlichsten Nothwendigkeit zurücklicß. Gertrud ward bereits in ihrem sechsten Jahre in das Kloster gethan, worin wir sie gefunden haben , um da erzogen und auf ihre künftige Bestimmung vorbereitet zu werden. Die Wahl des Orts geschah sehr absichtlich. Der Fuhrmann unserer beiden Frauen hat schon gesagt , der Signora Vater sey in Monza der Erste; Wir ergänzen es durch die Bemerkung, daß er der Grundherr des Ortes war- Natürlich also genoß er daselbst der größten Autorität, und seine Tochter mußte also auch natürlich, jetzt und wenn sie dies Kloster zu ihrem bleibenden Aufenthalte erwählte, hier noch weil mehr Auszeichnung und Ansehen finden als anderwärts. Er betrog sich darin nicht. Die damalige , Aebtissin und einige der vornehmsten Nonnen, die das Regiment führten, lagen im Streite mit einem anderen Kloster und mit einigen Familien des Landes. Daher kam ihnen der unverhoffte Schutz höchst erwünscht , sie nahmen die ihnen zugedachte Ehre mit außerordentlicher Dankbarkeit an und bewiesen sich den Absichten, welche der Fürst hinsichtlich eines festen Bleibens seiner Tochter errathen ließ, höchst willfährig, da dieselben mit ihrem Interesse durchaus zusammentrafen. Gertrud war also kaum im Kloster angekommen, als man sie schon vorzugsweise die Signora nannte, bei Tische und im Schlafsale ihr einen Ehrenplatz gab und ihre Aufführung den Anderen als Muster bezsichnete. Man liebkoste sie, schmeichelte ihr ohne Ende und legte ihr die ehrerbietige Vertraulichkeit an den Tag, auf welche Kinder so stolz zu seyn pflegen, wenn sie ihnen von denen zu Theil wird, welche Andere ihres Alters mit Zurückhaltung und ernster Würde behandeln. Zwar waren nicht alle Nonnen des Klosters auf diese Weise verschworen, denn cs gab gewiß manche, die wahre Herzenseinfalt besaßen, keine Kabalensucht kannten und den Gedanken, ein Mädchen bloßen, niedrigen Interesses halber, aufzuopfern, mit Abscheu verworfen haben würden; diese aber gingen ihren Beschäftigungen nach, bemerkten entweder alle die Winkelzüge gar nicht, oder verkannten nur halb und halb ihr Tadelnswerthes, oder enthielten sich einer nähern Beleuchtung desselben, oder schwiegen wohl auch, um keinen, nichts helfenden, Anstoß zu geben. Manche erinnerte sich vielleicht auch, dereinst selbst auf solche Act zu dem verleitet worden zu seyn, was sie dann bereuete und fühlte inniges Mitleid für die arme, schuldlose Kleine, die weit entfernt war, hinter ihrem zärtlichen, schwermuthvollen Gekost, ein Geheimniß zu ahnden. So ging denn die Jntrigue ihren Gang und würde vielleicht nie gestört worden seyn, wäre Gertrud das einzige Kind im Kloster gewesen. Aber einige der andern Zöglinge wußten, daß sie dereinst verheiralhet werden sollten. Gertruden waren lauter Gedanken an Herrschaft eingeflößt, sie sprach immerfort in hochtrabenden Ausdrücken von ihrer Zukunft als Aebtissin und Klo- stcrfärsti'n, und wollte durchaus allen Andern ein Gegenstand des Neides seyn- Zu ihrem Staunen und Aerger bemerkte sie, daß einige nichts weniger als solche Empfindungen für sie hegten. Sie stellten den majestätischen, aber beschränkten und kalten Bildern einer Klosterregierung, die mannichfaltigen und glänzenden der Ehe und des geselligen, weltlichen Lebens mit seinen Vergnügungen und Festen überhaupt entgegen und erregten dadurch in Gertrudens Seele eine solche Wallung, wie etwa ein mit frisch aufgeblühten, gepflückten Blumen gefüllter Korb, vor einen Bienenstock gesetzt, darin erregen würde. Ellern und Erzieher hatten ihre natürliche Eitelkeit sorgfältig genährt , um ihr das Kloster annehmlich zu machen; als aber auf diese Untugend solche, ihr weit näher liegende Ideen cinstürmten, wandte sie sich mit weit stärkerem' Feuer, eifriger und lebhafter zu ihnen. Um gegen die Gefährtinnen ihr Uebergcwicht ohne Unterlaß zu behaupten und doch den neuen Geist, welcher sie ergriffen hatte, nicht zu verläugnen, erwiederte sie auf alles, was jene sagten : es stehe immer in ihrem freien Willen, den Schleier zu nehmen oder nicht, auch sie könne, wenn sic wolle, sich verheira- then, einen Pallast bewobnen, die Welt genießen und zwar besser als die andern, sie würde dies alles thun, wenn sie Lust dazu empfände, und die empfand sie wirklich. Der Gedanke an die Nothwendigkeit ihrer Zustimmung, der bis jetzt unbewußt und versteckt in ihrem Gemüthe schlummerte, erwachte und gab sich mit all seiner Kraft kund. Sie rüste ihn in jedem Augenblick zu Hülfe, um sich ruhiger der Bilder einer heiteren Zukunft erfreuen zu können. Hinter diesem Gedanken zeigte sich jedoch immer unfehlbar der Zweite, daß jene Einwilligung ihrem fürstlichen Vater verweigert werden müsse, welcher sie schon zu besitzen, schon als gegeben annahm und bei diesem anderen Gedanken erfüllte sie keineswegs die Ruhe, welche ihre Worte zur Schau stellten. Sie verglich sich alsdann mit ikren Gespielinnen, die auf ganz andere Art gesichert waren, und da empfand sie gerade gegen sie den Neid, welchen sie ihnen anfänglich gegen sich beizubringcn trachtete. Zu dem Neide gesellte sich Haß, der sich jetzt durch Aerger, Launen und Unart aussprach, jetzt durch Gleichheit der Neigungen und Hoffnungen erstickt wurde und scheinbare, vorübereilende Vertrautheit entstehen ließ. Manchmal, von der Sucht nach wirklichem Genüsse getrieben, machte sie wohl die Vorrechte, welche man ihr 205 gestattete, geltend, anderemale aber, nicht im Stande, ihre Befürchtungen und Wünsche einsam für sich zu ertragen, suchte sie demulhsvoll die Anderen auf, gewissermaßen um sie um Wohlwollen, Rath und Ermuthigung anzusprechen. Unter diesen steten Uneinigkeiten mit sich und Anderen, verstrich ihr« Kindheit und sie trat in das so bedeutungsvolle Alter, in dem die Seele von einer geheimen Macht umfaßt scheint, welche ihre Neigungen und Gedanken auf- rusl, stärkt und ausfchmückt und sie zuweilen wohl auch umstürzt und mit plötzlichem Schlage verkehrt. Was bisher Gerlrudens Traume von der Zukunft am meisten beherrschte, war äußere Herrlichkeit und Pracht, jetzt aber knospete eine gewisse Wohllust und Zärtlichkeit, die, wie leicht von Nebel umhüllt, in ihr gekeimt hatten, auf und drängten sich nach und nach in ihre Einbildungskraft Und Phantasieen. Sie hatten mit verborgenem Glanze in ihrem geheimsten Innern geruhet und flüchteten sich auch aus der Gegenwart dahin zurück. Da erstanden denn auch manche sonderbare, nach Kindheit-Erinnerungen mangelhaft geformte Gestalten, aus dem Wenigen, was sie von der wirklichen Welt oder aus den Gesprächen der Gespielinnen kannte. Sie ging mit ihnen um, unterredete sich mit ihnen und gab an ihrer Statt Antwort; von dg aus entsandte sie Befehle und empfing Huldigungen jeder Art, Religiöse Gedanken störten nur Men diese Hlavzesdm p»d emfigen Feste; 208 denn die Religion, welche man Gertruden gelehrt hatte, verdammte keinen Hochmuth, sondern billigte ihn und erkannte ihn für ein erprobtes Mittel zu Erlangung irdischer Glückseligkeit. Ihres wahren Geistes so sehr beraubt, war sie nicht mehr Religion, sondern Larve, wie die Anderen. In den Zwischenräumen, wo nun diese Larve in Gertruden die Oberhand behielt und in Ihrer Phantasie anwuchs, war die Unglückliche von Schrecken überwältigt und von unklaren Begriffen ihrer Pflichten bedrückt. Sie machte sich weiß, ihre Abneigung gegen das Kloster und den Widerstand, mit welchem sie den Ermahnungen der Oberen, hinsichtlich der Wahl ihres Standes, begegne, seyen Sünde und versprach sich selbst, sie zu tilgen und freiwillig dem Kloster anzugehören. Es bestand die Regel, daß jedes junge Mädchen vor ihrer Einkleidung als Klosterschwester die Prüfung eines Geistlichen, welcher-der Nonncnvikar hieß, oder irgend eines anderen, dazu abgeordneten, bestehen mußte, damit man sich überzeuge, ihre Annahme des Schleiers sey freiwillig, Diese Prüfung konnte nur ein Jahr, nachdem sie ihren Wunsch dem Vikare schriftlich ausgesprochen hatte, Statt finden. Die Nonnen, welche das betrübende Amt übernommen hatten, Gertruden so wenig wie möglich, was man von ihr verlange, erkennen zu lassen, benutzten einen jener erwähnten Augenblicke, sie zu Ab- und Unterschrift eines solchen Gesuchs zu vermögen. Um «ns»""' Al-i^ «UM «riW jii M «st Am V n»!! Msckjid« mi» «iilitl tcv »nzistiiii NstlitlH üiiUn >!«!! iml, ml:«! j'N Ct, hd-tlk, Ä § 207 ihre Bedenklichkeiten um so mehr zu heben, verfehlten sie nicht, ihr wiederholt zu sagen, die Sache sey — wie es auch wirklich der Fall war — bloße Form» lichkeit, die ohne nachgehende, von ihrer freien Will- külw abhangende Handlungen, wirkungslos bleibe. Bei alle dem war das Gesuch kaum abgesandt, als Gertrud es schon bereuete. Sparer bereuete sie wieder diese Reue und so vergingen ihr Tage und Monate in end- losim Wollen und Nichrwollen. Ihren Gefährtinnen hielt sie diesen Zustand lange Zeit verborgen, einmal aus Furcht, einem frommen Entschlüsse Widerspruch zu erregen, anderemale aus Scham, sich dadurch blos zu stellen. Endlich siegte dennnoch das Verlangen nach Herzenserleichterung, Rath und Ermuthigung. Nach einer andern Regel konnte jene Prüfung nur vor sich gehen, wenn das junge Mädchen wenigstens einen Monat außer dem Kloster, wo sie erzogen ward, verlebt hatte. Seit Absendung des Gesuchs war daS vorgeschriebcne Jahr fast schon zu Ende und man benachrichtigte Gertruden, daß sie binnen Kurzem werde aus dem Kloster nach dem väterlichen Hause abgeholt werden, in ihm diesen Monat zuzubringen und die weiteren zu dem bereits begonnenen Werke nölhi- gen Schritte zu thun. Der Fürst und die ganze übrige Familie betrachteten dies Alles als schon geschehen; die Tochter war aber anderer Meinung und bedachte, wie statt weiterer Schritte, der erste zurück zu thun sep. In dieser Verlegenheit beschloß sie, sich einer ibrer Gespielinnen anzuvertrauen und zwar der freimüthigsten, welche stets mit kräftigen Rathschlägen am bereitesten war. Diese rieth denn Gertruden, den Fürsten mit ihrer Sinnesänderung schriftlich bekannt zu machen, besonders weil sie nicht den Muth haben dürfte, ihm zu seiner Zeit ein festes : „ Ich will nicht! " ins Gesicht zu sagen. Wie überhaupt auf dieser Welt guter Rath, in mehr als einem Sinne, theuer ist, so machte sich die Erthei- lerin des gegenwärtigen auch dafür, durch vielen Spott über Gertrudens Feigheit, von derselben bezahlt. Drei oder vier Vertraute heckten den Brief aus, und er wurde verstohlner Weise geschrieben und mit vieler Schlauheit heimlich abgesandt. Gertrud wartete angstvoll und zagend vergebens auf Antwort; nach einigen Tagen nahm die Aebtissin sie aber, mit dem Ausdruck verhaltenen Unwillens und Tadels und des Mitleidens, abseits vor, ließ einige ge- heimnißvolle Worte vom Zorn des Fürsten und der von ihr begangenen Uebereilung fallen, deutete jedoch an, daß, wofern sie sich gut aufführe, gänzliches Vergessen auch für sie zu hoffen stehe. Gertrud vernahm es und wagte nichts mehr deshalb zu bitten. Endlich kam der so sehr gefürchtete und ersehnte Tag. Dbschon Gertrud wußte, daß sie einem Kampfe entgegengehe, so erweckte ihr doch das Verlassen des Klosters und der Mauern, in denen sie acht Zahr» «ingeschloffen rpar, die Fahrt durch das freie Land« 209 der Wiederanblick von Stadt und Vaterhaus, dle lebhafteste Freude. Was ihren Kampf anlangte, so hatte sie schon nach der Vertrauten Rathschlagen ihre Maaß- regeln genommen und verfuhr damit, wie wir gleich erzählen werden. — „ Wenden sie Gewalt an," dachte sie, „so bleibe ich duldsam, demüthig, ehrerbietig und — standhaft, cs kommt doch nur darauf an, kein zweites Ja zu sagen, und davor will ich mich schon hüten. Wollen sie es mit Bitten versuchen, so bitte ich noch mehr als sie, weine, flehe, suche ihr Mitleid zu erwecken; ich verlange ja weiter nichts, als daß man mich nicht aufopfere." —Aber wie es gemeiniglich mit solchen Vorbestimmungcn geschieht, weder das eine noch andre fand Statt. Die Tage entflohen, ohne daß der Vater noch die Andern jener Supplik gedachten, noch der zweiten Einwilligung, ohne daß ihr irgend Jemand, weder mit Bitten noch Drohungen zusctzte. Die Eltern waren mit ihr ernst, traurig, mürrisch, ohne jemals des Warum? zu gedenken. Nur so viel trat an den Tag, daß man sie als gottlos und unwürdig betrachtete. Es schien ein geheimes Anathema auf ihr zu lasten, das sie von der Familie schied und nur dann ihr vereinte, wenn man für nvthig hielt, sie an ihre Unterwürfigkeit zu erinnern. Selten und nur zu gewissen Stunden durfte sie sich in Gegenwart der Eltern und des Erstgebornen zeigen, aus deren Gesprächen große Vertraulichkeit, die Gertrudens Verdammnis ihr nur noch fühlbarer und >. O 210 k schmerzlicher machte, hervorging. Niemand redete mit ihr; was sie hie und da furchtsam zu äußern wagte, ward entweder als unwichtig nicht beantwortet, oder ganz überhört; höchstens erfolgte darauf ein zerstreuter oder strenger oder gar verachtender Blick. Versuchte sie, außer Stande, eine so entsetzliche, demü- thigendc Lage länger zu ertragen, sich wieder heimischer zu machen, bat sie um Liebe, so warf man einige , nicht geradezu an sie gerichtete Worte hin, die sich aber deutlich auf die Annahme des Schleiers bezogen und ihr zu verstehen gaben, dies sey das einzige Mittel, die Liebe der Familie wieder zu gewinnen. — Um diesen Preis konnte sie dieselbe nicht erkaufen, sie zog sich also zurück, war gezwungen, fast selbst die ersten Zeichen des so ersehnten Wohlwollens abzuweisen und mußte noch überdies einen gewissen Schein des Unrechts auf sich nehmen. Diese Wirklichkeit harmom'rte sehr wenig mit den lachenden Aussichten, die Gertrud sich früher erträumte, und von denen sic auch jetzt noch nicht lassen konnte. Sie hatte gehofft, in dem glanz - und geräuschvollen elterlichen Hause wenigstens einen Vorschmack davon zu bekommen, und fand sich nun so sehr getäuscht. Sie war zu Harste so streng eingeschlossen wie im Kloster. Von Ausgehen war gar keine Rede, und ein bedeckter Gang, der aus dem Hause in die Familienkapelle der angränzenden Kirche führte, entnahm selbst die einzige Nothwcndigkeit, einen Fuß zur Erde «iE in t-isi»! liW ^ Pi» «Mn MI, mchiij lÄM ^ ik» nbr llizliH lr j S-üi tei, b-s» jm i biuduln Ättlksi ! , iljpsn 1 hLh R» iaw zu setzen. Die Gesellschaft war trauriger, geringer, einförmiger, wie im Kloster. Sobald irgend cln Besuch angemeldet ward, mußte Gertrud in ihr Zimmer mit einigen alten Kammerfrauen, und bei jedem Gastmahle nöthigte man sie, daselbst allein zu essen. Die Dienerschaft richtete ihr Betragen gegen sie nach dem der Herrschaft ein, und wenn Gertrud, wäre es auf sie angekommen, dieselbe mit vornehmer, nachlässiger Vertrautheit behandelt haben würde und ln ihrem gegenwärtigen Zustande gern, wenigstens den kleinen Trost gehabt hätte, sich von ihnen mit wohlwollender Ehrerbietung, wäre sie auch nur erlogen gewesen, behandelt zu sehen, so mußte sie die De- müthigung und den Kummer offenbarer, nur von leichtem Schleier umhüllter Nichtbeachtung, von ihnen ertragen. Jndeß bemerkte sie, daß ein Page, ungleich den Anderen, ihr mit hoher Achtung und ganz besonderer Theilnahme begegne. Das Wesen dieses jungen Menschen kam, vor dem aller anderen, den idealen Gestalten ihrer geträumten Phantasieen- welt am meisten gleich. Nach und nach ward etwas 'Neues, Ungewohntes in dem Betragen der jungen Dame erkennbar: ihre Ruhe und Unruhe war anders als sonst; sie schien etwas gefunden zu haben, was ihr Schmerz verursache, was sie ohne Aufhören an- sehen möchte, dessen Anblick sie Niemand sonst gönne. Man bewachte sie schärfer als zuvor und, — es mochte nun daran seyn, soviel da wollte, eines Morgens O 2 überraschte sie eine Kammerfrau, als sie eben im Begriff stand, ein Blatt eilig zusammen zu falten, auf das sie besser gethan haben würde, nichts zu schreiben. Nach einigem Hin- und Hcrziehen erbeutete dieKammerfrau das Blatt und trug es zum Fürsten. Eertrudens Schrecken, als sie seine Schritte nahen hörte, läßt sich nicht beschreiben noch denken; ihr Vater war erzürnt, und sie fühlte sich strafbar. Er trat herein, seine Augenbrauen waren zusammcngezogen: sie hätte hundert Ellen tief in der Erde scyn mögen, — im Kloster aber doch nicht. Er sagte wenig, aber mit Grimm. Ihre nächste Strafe war nur, unter der Aufsicht der Kammerfrau, welche die Entdeckung machte, in ihr Zimmer eingesperrt zu werden; es war die Vorbereitung zu einer Anderen, die man sie ahnen ließ, einer weit düsterem, unbestimmten und deshalb entsetzlicheren. Der Page ward, nach Verdienst, alsbald fortgcjagt und mit furchtbarer Rüge bedroht, wenn er jemals von der Sache ein Wort verlauten lasse. Der Fürst gab ihm zum Abschiede und um ihm die Lust zu benehmen, sich seines Glückes bei diesem Vorfälle zu rühmen, ein paar derbe Ohrfeigen. Ein, die Entfernung des Pagen rechtfertigender Vorwand war bald gefunden, und Gertruden gab man für krank aus. So war sie denn allein mit ihrer Unruhe, Schaam, Reue, Angst vor der Zukunft und mit dem Weibe, das sie als Zeugin ihrer Schuld, als Ursache ihres Unglücks 213 haßte und daS ihr gegenseitig grollte, weil sie ihretwegen auf unbestimmte Zeit zu dem lästigen Amte einer Kerkermeisterin verdammt war und noch über- dieß Mitbewahrerin eines sehr gefährlichen Geheimnisses. Der erste Aufruhr in Gertrudens Gefühlen stillte sich nach und nach; wie sie aber in ihrer Seele zurücktraten, wurden sie nur immer stärker und quälten sie mehr als zuvor. Zn was konnte wohl jene'gc- fürchtete Strafe bestehen? Gertrudens warmer, jugendlicher Phantasie stellten sich die verschiedenartigsten, seltsamsten dar. Die wahrscheinlichste schien ihr, nach Monza ins Kloster wieder zurückgeführt und daselbst nicht mehr als Signorina« sondern als Verbrecher»! behandelt, eingesperrt und wer weiß was sonst noch, zu werden. Welche Aufnahme stand ihr dort bevor! Was ihr diese schmerzenreiche Trübsal am allerempsindlichsien machte, war gewiß das Gefühl der Schaam. Die Worte und Ausdrücke jenes unglückseligen Blattes wichen nimmer aus ihrem Gedächtnisse; sie bedachte, wie die unerwartete Leserin sie sicher betrachtet und abgewogen hatte, so ganz anders als der würde gethan haben, zu dem sie als Antwort gelangen sollten; sie bedachte, wie das Blatt ihrer Mutter, ihrem Bruder konnte zu Gesicht gekommen seyn, und dabei vergaß sie aller Furcht und Strafe. Auch das Bild desjenigen, der an dem ganzen unglücklichen Vorfälle Schuld war, trat zuweilen vor der armen Gefangenen Augen, und es läßt 214 sich nkcht sagen, welche sonderbare Verwirrung diese Erscheinung unter allen übrigen, ernsten, kalten, drohenden, ihm ungleichen, anstiftete. Obschon sie sich nun aber nicht von ihnen trennen , noch sich ihren angenehmen Traumen einen Augenblick überlassen konnte, ohne daß sich ihr gegenwärtiger Schmerz, als deren Folge, nicht alsbald hervorgedcangt hatte, so begann sie dennoch nach und nach seltner daran zu denken, sie zu vergessen und sich ihrer ganz zu entwöhnen. Auch ihrer ehemaligen, heiteren, glänzenden Lebensbilder wagte sie sich kaum mehr auf Augenblicke zu erinnern; sie waren gar zu sehr der Wirklichkeit, der wahrscheinlichen Zukunft entfremdet. Der einzige Ort, wo Gertrud hoffen durfte, eine ruhige, ehrenvolle Zuflucht zu finden, auf welche sie rechnen konnte, war das Kloster, und das mußte sie denn wohl für immer erwählen. Sie wußte wohl, dieser Entschluß würde Alles wieder gut machen, jede Schuld tilgen und sühnen und ihre Lage im Nu ändern. Es ist wahr, jeder Gedanke an ihr Leben lehnte sich dagegen g,uf, aber die Zeiten hatten sich geändert: der Abgrund, in den Gertrud versunken war, in den sie noch tiefer zu versinken fürchten mußte! — dagegen der Stand als gefeierte, gehorsamte, mit Schmeicheleien und Ehrerbietung überhäufte Nonne! — Der Vergleich war lockend. Zwei unter sich sehr verschiedene Empfindungen trugen von Zeit zu Zeit manches bei, ihre alte Abneigung zu verlöschen: eines- 215 theils Reue über ihren Fehler und schwärmerischer Religionseifer; andernlheils ihr, von dem Benehmen der Kammerfrau, die — freilich oft von ihr gereizt — sich damit rächte, sie entweder mit der angedroh- ten Strafe zu fürchten zu machen, oder mit der Erwähnung ihres Vergehens zu beschämen, hochaufge- regtcr und beleidigter Stolz. Denn wollte sich jene einmal gütig erzeigen, so nahm sie einen so anmaßenden, herablassenden Ton an, der noch weit schlimmer als der der Beleidigung war. Durch alles dieß ward Gertrudens Verlangen, sich den Klauen dieser Frau zu entziehen und zu einer Höhe zu steigen, auf welcher sie über ihrem Zorne und Mitleid stehe, so heiß und dauernd und dringend, daß ihr alle darum auszustehcnde Leiden außer Betracht schienen. Gertrud mochte aufdicsc Weise etwa vier oder fünf lange Tage eingckerkert verlebt haben, als sie eines Morgens, außergewöhnlich erbittert und außer sich über eine Handlung ihrer Wächterin, sich in einen Winkel ihres Zimmers setzte und, das Gesicht in die Hand gestützt, eine Zeit lang mit ihrer Wuth kämpfte. Sie fühlte das stärkste Verlange», andere Menschen zu sehen und zu hören, mit ihnen freundlichen Umgang zu pflegen, dachte sie aber an Vater, Familie, wandte sie sich erschrocken davon ab. Aber sie dackte wieder, daß es doch nur von ihr abbänge, sich alle zu befreunden, und empfand plötzliches Entzücken. Jhre Gedan- ken verwirrten sich, stärker als sonst fühlte sie den Stachel der Reue über ihr Vergehen, das Verlangen, es wieder gut zu machen. Noch war sie zwar nicht entschlossen, sich aufzuopfern, nie aber vorher dem Entschluß so nahe. Sie erhob sich, ging zu einem kleinen Schreibtische, nahm jene verhängnißvolle Feder und schrieb im höchsten Grade der Aufgeregtheit und Abspannung, der Betrübnist und Hoffnung, an ihren Vater, bat inständig um seine Verzeihung und zeigte sich, wiewohl auf unentschlossene Weise, bereit, alles, wodurch sie dieselbe erlangen könne, zu thun. Zehntes Kapitel. Man kann, besonders von jugendlichen Gemü- thern, in gewissen Augenblicken durch ein wenig dringendes Bitten Alles erlangen, was nur den leisesten Anstrich von Recht und Aufopferung hat. So läßt die schwankende, halb geöffnete Blume, vom leisesten Windhauche willig die ganze Fülle ihrer Blätter entfalten. Man sollte die Natur des Menschen in solchen Augenblicken nur ehrfurchtsvoll bewundern, aber die rücksichtslose Selbstsucht späht gerade sie auf das sorgfältigste aus und pflückt ihre Frucht, zu Erreichung schlimmer Absichten im eiligen Fluge. 217 Als der Fürst den Brief gelesen hatte, gewahrte er sogleich die, seinem unabänderlichen, hartnäckigen Willen günstige Gelegenheit. Er ließ Gertruden sagen, sie solle zu ihm kommen, und bereitete sich, das Eisen zu schmieden, weil es warm war. Gertrud kam, und ohne die Augen zu ihrem Vater zu erheben, warfsie sich vor ihm nieder und vermochte kaum, ihm: „Verzeihung!" zuzustammeln. Der Vater winkte ihr, aufzustchen, entgegnete aber mit einer, wenig zu Ermuthigung geeigneten Stimme, es genüge nicht bloß, Verzeihung zu wünschen und zu verlangen, denn das sey der natürliche Wunsch eines Jeden, der gefehlt habe und Strafe fürchte, man müsse sie auch verdienen. Gertrud fragte leise und zitternd, was sie deshalb zu thun habe? Hierauf antwortete der Fürst — wir können ihn in diesem Augenblicke unmöglich Vater nennen — nicht gerade zu, sondern sing an, ein Langes und Breites über Gertrudens Vergehen zu sprechen, und traf damit ihr gequältes Herz so schmerzlich, wie wenn eine unsanfte Hand über eine offene Wunde hinstreift. Er erklärte ferner: wenn auch ein Fall.... der niemals-er Habs zwar anfänglich darauf gedacht, sie für den weltlichen Stand zu bestimmen, sie selbst ihm aber ein unüber- steigliches Hinderniß entgegcngestcllt, denn, als Mann von Ehre, sey cs ihm nicht möglich, sie nach dem, was sie gelhan, einem Kavalier zuzusagen. Die arme Zuhörerin war vernichtet. Der Fürst 218 sanftigte nunmehr stufenweise Blick und Rede, fügte hinzu: demungeachtet werde jeder Schuld Hülfe und Erbarmen, und für die ihrige sey die Art und Weise, Beides zu erlangen, deutlich und klar bestimmt: sie könne den Vorfall als Fingerzeig betrachten, daß die Welt für sie zu drohende Gefahren habe und .... „Ach ja!" rief Gertrud, Furcht und Schaam-cr- füllt, hingerissen von augenblicklicher Zärtlichkeit. „Nun? siehst Du es selbst ein?" nahm der Fürst rasch das Wort auf; „dann sey das Geschehene vergessen und vergeben. Du hast das einzig ehrenvolle, schickliche Mittel, was Dir blieb, erwählt. Da cs aber aus freiem Willen, aus eigener Wahl geschehen ist, so liegt mir ob, es Dir in allem und jedem Punkte so angenehm wie möglich zu machen, alle Vorthcile und alles Verdienst des Entschlusses Dich genießen zu lassen- Verlaß Dich auf mich." Er rief mit der aus dem Tische stehenden Klingel einen Kammerdiener herbei; „Die Fürstin und der Erbprinz!" —> Und zu Gertruden: „ Sie sollen an meinem Tröste unverzüglich Theil nehmen, ich will Dich von Allen, von dieser Minute an, so behandelt sehen, wie Du es verdienst und es Dir gebührt. Du hast mich ein wenig als strengen Vater kennen lernen, aber von nun an sollst Du nur den gütigsten in mir erblicken." Gertrud hörte betäubt zu. Jetzt fühlte sie wieder starker als je, welche Wichtigkeit diesem ihr entschlüpftem Ja inwohne, und forschte nach irgend ei- 219 mm Mittel, es zurückzunehmen, seine Bedeutung einzuschränkcn. Aber die Ueberzeugung des Fürsten schien so vollkommen, seine Freude ihr so gefährlich und seine Güte so bedingt, daß Gertrud kein einziges, störendes Wort zu äußern wogte. Die beiden Herzugerufenen komen olsbold on, und Gertrudens Anblick schien sie in ungewisses Staunen zu versetzen. Der Fürst aber theilte ihnen sogleich sein heiteres, vergnügtes Aussehen durch die Worte mit: „die Sünderin bereut! — Sey dies das letzte, an vergangenes Leid erinnernde Wort. Seht den Stolz unserer Familie! Gertrud bedarf keines Na- thcs mehr. Was wir zu ihrem Besten wünschten, hat sie freiwillig erwählt. Sie ist entschlossen- hat mir zu verstehen gegeben, daß sie entschlossen sey .... " Gertrud erhob bei diesem Worte ihren flehenden, schreckvollen Blick zu ihm empor, wie um Aufschub von ihm zu verlangen; aber er sprach mit lauter Stimme aus.. „und bereit, den Schleier zu nehmen." „Schön, schön, herrlich!" riefen Mutter und Sohn einstimmig, und eins um das andere umarmte Gertruden, die alle Liebkosungen nur mit Thränen — man legte sie ihr als Freudenthränen aus — erwiederte. Nun beeilte sich der Fürst auseinanderzusehen, was er alles thun wolle, der Tochter Schicksal auf das anmuthigste und glänzendste zu gestalten. Er sprach von den Auszeichnungen, die er ihr ,'m Kloster und der ganzen Landschaft, wo man sie wie Fürstin, wie der Familie Stellvertreterin behandeln werde, bereite; daß ihrer, unmittelbar nach erreichtem Alter, der höchste Rang warte und sie auch jetzt schon nur der Form nach unterworfen seyn solle. Die Fürstin und der Prinz wiederholten ohn' Unterlaß ihre Glückwünsche und Beifalls-Bezeugungen, und Gertrud schwebte wie im Traume. „Nun müssen wir auch den Tag fcststellen, um uns nach Monza zu begeben und der Aebtissin die. Sache vorzutragen;" sagte der Fürst: „wie wird sic sich nicht freuen! das ganze Kloster wird die Ehre erkennen, die Gertrud ihm erzeigt. Aber, .... warum wollen wir nicht gleich heute hinfahren? Gertrud wird gern ein wenig frische Luft schöpfen." „Nun so laßt uns aufbrechen!" meinte die Fürstin. „Aber. . . . " sagte Gertrud leise. „Halt, halt!" nahm der Fürst das Wort. „ Sie mag entscheiden. Vielleicht ist sie heute nicht dazu gestimmt und wartet lieber bis morgen. Sag', willst Du, daß wir heute oder morgen hinfahren?" „Morgen," erwiederte Gertrud mit schwacher Stimme, der es doch etwas schien, einen Tag gewonnen zu haben. „Morgen!" sagte der Fürst feierlich: „sie hat bestimmt, daß wir morgen fahren. Ich gehe indeß 221 zum Nonnenvikar, daß er einen Tag zur Prüfung bestimme." Er verließ das Zimmer und ging wirklich selbst — die Herablassung war nicht gering — zu besagtem Vikar, der übermorgen zu kommen versprach. Gertruden blieb wahrend des ganzen übrigen Tages keine ruhige Minute. Es wäre ihr lieb gewesen, sich von allen diesen Stürmen ausruhcn zu können, so zu sagen, ihre Gedanken über Alles aufzuklaren, sich von dem, was sie gethan hatte, Rechenschaft abzulegcn, zu überdenken, was ferner zu thun sey und zu ihrem wahren Wohle führe, die so schnell in reißenden Lauf gebrachte Maschine aufzuhalten, — vergebens! cs war unmöglich. Eines folgte dem Andern, eines ging aus dem Andern hervor. Nach der bedeutenden Unterredung führte man sie in das Ka- binet der Fürstin, wo sie unter deren Augen, von der eignen Kammerfrau angekleidet und ausgeschmückt ward. Noch war nicht die letzte Hand an den Putz gelegt, als man schon hinterbrachte, daß die Tafel servirt sey. Gertrud schritt vor den sich tief neigenden Bedienten vorbei, welche sich glückwünschende Winke über die Heilung gaben, und fand einige der nächsten Anverwandten anwesend, die man in aller Eile zu Ehren und aus Freude über die erwünschte Nachricht und erfolgte Heilung und Zustimmung, zusammen gebeten hatte. Die Braut — so heißen die angehenden Nonnen, und so wurde Gertrud gleich von allen begrüßt — hakte vollauf zu thun, alle an sie gerichtete Artigkeiten und Glückwünsche zu crwie- dern. Sie wußte wohl, daß ihre Antworten sie ab- Ichnten und zurückwiesen, wie konnte sie aber anders? Nach aufgehobener Tafel war bald die Stunde der Spazierfahrt da. Gertrud ward von ihrer Mutter und zwei Tanten, welche mit eingeladcn gewesen waren, begleitet, und nachdem man die frische Luft eine Weile genossen hakte, fuhr man nach der Straße Marina, die damals quer den Platz durchschnitt, wo sich jetzt die öffentlichen Gürten befinden, und der Sammelplatz der feinen Welt war. Die Herren traten an die Wagenschlage und erholten sich da nach des Tages Last und Hitze. Gertrudcns Oheime sprachen, wie an diesem Tage schicklich, viel mit ihr, und der eine, welcher besser, als alle Andere, alle Leute, Kutschen und Livreen zu kennen schien und immer etwas von diesem oder jenem Herrn, dieser oder jener Dame zu erzählen hatte, unterbrach sich selbst ganz plötzlich und rief der Nichte zu: „Ei, wie Du kleiner Schalk nicht auf alles dies Gerede lauschst! Du bist mir die Rechte! Mengst Dich in uns armer Weltkinder Narrheiten, willst ein heiliges Leben führen und bcgiebst Dich in das Paradies einer Kutsche!" Mit anbrechender Dämmerung fuhr man wieder nach Hause, die Bedienten sprangen mit Fackeln herzu und meldeten, es sey viel Besuch da. Das Gerücht hatte sich verbreitet, und Verwandte und Freun- L26 de kamen, ihre Pflicht zu erfüllen. Man begab sich in den Conversationssaal. Die Braut war die Königin des Abends, der Abgott und das Opfer der Gesellschaft; Jedermann machte Ansprüche auf sie; einer bat um ihr Gebet, der andere versprach, sie zu besuchen; der schwatzte von der und der Nonne, seiner Verwandten; der von einer andern, seiner Bekannten; der lobte den reinen Himmel von Monza; der ließ seiner Zunge freien Lauf über die Ehre, die ihr als Grundherrin dort gebühre. Andere, die ihr noch nicht hatten nahen können, standen von fern und warteten mit einer gewissen Aengstlichkeit auf eine Lücke unter den Belagerern, um auch ihre Schuldigkeit abzutragen. Endlich verlor sich eins nach dem andern, zufrieden und ruhig, und Gertrud blieb mit ihrer Familie allein. „Nun," sagte der Fürst, „habe ich doch den Trost gehabt, meine Tochter im Umgänge mit ihres Gleichen zu sehen. Ich gestehe, sie hat sich trefflich benommen und bewiesen, daß cs ihr keine Mühe kosten wird, die erste Nolle zu spielen und die Würde der Familie zu behaupten." Man aß schnell zu Abend, um sich bei Zeiten nicderzulegen und in der Frühe des anderen TagcS auf zu seyn. Gertrud, betrübt, verdrießlich und zugleich auch ein wenig stolz auf alle, den Tag über empfangene Huldigungen. erinnerte sich in diesem Augenblicke alles dessen, was sie von ihrer Kammerfrau erlitten hatte, und da sie den Vater so gestimmt sah, ihr in Allem, ausgenommen in einem Stücke, zu willfahren, so nahm sie sich vor, davon Nutzen zu ziehen und wenigstens eine der sie peinigenden Leidenschaften zu befriedigen. Sie erklärte also die äußerste Abneigung gegen jene Frau und beklagte sich heftig über ihre Behandlung. „Wie?" sagte der Fürst, „hat sie die Ehrerbietung gegen Dich aus der Acht gelassen? Dafür will ich ihr morgen den Kopf waschen nach Verdienst und Würden, überlaß es mir nur, Du sollst Genug- thuung haben. Eine Tochter, mit der ich zufrieden bin, soll Niemand umgeben, der ihr mißfallt." Er ließ eine andre Frau rufen und trug ihr auf, Gertruden zu bedienen, die sich, nach empfangener Ge- nugtyuung, wunderte, auf ihr heißes Verlangen darnach nur so schwache Freude zu empfinden. Es hatte sich, wider ihren Willen, das Gefühl der bedeutenden Schritte, welche sie an diesem Tage dem Kloster zck that, aller ihrer Gedanken bemächtigt. Wollte sie noch zurücktreten, so bedurfte es bei weitem größerer Kraft und Entschlossenheit, als noch vor wenigen Tagen genügt haben würde und die ihr selbst in geringem Grade mangelte. Die Frau, welche sie auf ihr Zimmer begleitete, diente schon lange im Hause, war schon Wärterin des Prinzen gewesen, den sie aus den Händen der Amme empfing und bis in sein Jünglingsalter auferzogen hatte. Er war der Gegenstand ihrer Liebe 225 und Hoffnungen, ihres Stolzes. Der an diesem Lage erfolgte Beschluß ging ihr so nahe, als wenn ihr cigencsGiück dadurch gemacht wäre, und Gertrud mußte nun schließlich auch ihre Glückwünsche, Lobpreisungen und Rathschlage anhören. Sie schwatzte viel von Tanten und Großtanten, denen cs so wohl im Kloster ergangen wäre, weil man ihnen, wegen des Glanzes ihrer fürstlichen Familie, die größte Ehre habe widerfahren lassen, die immerdar verstanden hätten, sich eine Hand frei zu erhalten und von ihrem Sprachgitter aus Sachen durchsetzten, welchen die allermächtigsten Damen unterlegen wären. Sie erwähnte der Besuche, die sie heute empfangen habe, und wie sie dereinst den Erbprinzen mit einer vornehmen Gemahlin bei sich sehen werde, worüber Kloster und Umgegend in Aufruhr und Bewegung kommen müsse. Die Alte sprach, indem sie Gertruden entkleidete, sie sprach noch, als diese sich niederlegte, und sprach, bis sie entschlafen war. Jugend und Müdigkeit überwältigten Sorgen und Kummer. Ihr Schlummer war unruhig und unerquickend, schwere Träume beängsteten ihn; dennoch erwachte sie erst auf den Ruf der Alten, die sie zu wecken kam, weil man schon zu der Fahrt nach Monza bereit sey. „Auf, auf, Fräulein Braut! es ist lichter Tag, ich muß Euch ankleiden und schmücken, und das dauert wenigstens eine Stunde. Die gnädige Fürstin ist auch' schon wach, sie hat sich vier Stunden früher, i. P als gewöhnlich wecken lassen. Der Herr Erbprinz ist schon in den Marstall hinabgegangen und zur Abreise in jeder Stunde bereit. Munter, wie ein junger Haasc! aber so war er schon von Kindesbeinen an, und ich kann mich wohl rühmen, ihn in meinen Armen gehegt zu haben. Soll gereist werden, so mag er nicht gern warten; er ist zwar der gütigste Herr von der Welt, dann verliert er aber die Geduld und lärmt, was er kann. Der arme Herr! Man muß ihn darum bedauern, es liegt im Temperamente. Diesmal hat er wohl auch ein wenig Recht, weil er sich Euretwegen bemüht. Wer ihm in solchen Augenblicken aber zu nahe kommt, der mag sich nur vorsehen, er beherrscht sich vor Niemand als dem gnädigen Herrn. Er wird es ja auch einmal werden, gebe nur Gott, so spat als möglich! Rasch, rasch, Fräulein! was schaut Ihr mich denn so starr an? Ihr solltet schon langst aus dem Bette seyn!" Der Gedanke an den ungeduldigen Erbprinzen verscheuchte alle andere, die in Gertrudens Innerem ausgestiegen waren. Sie gehorchte, kleidete sich eilig an, ließ ihren Putz ordnen und erschien im Saale, wo Eltern und Bruder ihrer schon harrten. Sie mußte sich in einen Lehnstuhl setzen, eine Tasse Schokolade zu sich nehmen; welcher Gebrauch damals den Eintritt ins erwachsene Alter bedeutete- Man meldete, der Wagen stehe bereit. Der Fürst ging mit seiner Tochter abseits und sagte: 227 „Nun, Gertrud, gestern hast Du Dir Ehre gemacht, heute mußt Du Dich selbst übertrcffen. Es handelt sich um das erste Auftreten in dem- Kloster und der Gegend, wo Du bestimmt bist, die erste Nolle zu spielen. Man erwartet Dich!" — Es braucht wohl nicht erst erwähnt zu werden, daß der Fürst am vorigen Tage an die Aebtissin geschrieben hatte — „und aller Augen werden auf Dir ruhen. Würde und Anstand! die Aebtissin wird Dich fragen, was Du willst, es ist Vorschrift. Antworte ihr: Du wünschtest das Ordenskleid des Klosters anzulegcn, wo man Dich so liebreich erzogen und Dir so vieles Gute erwiesen habe; es ist ja auch die Wahrheit! Du mußt die Worte mit Freimuth sprechen, daß man nicht glaube, sie seyen Dir eingegeben und Du verstündest nicht selbst so viel- Die guten Schwestern wissen nichts vom Vorgefallenen, cs ist Familienge- heimniß; also zeige Dich nicht etwa schüchtern und betrübt, sonst möchten sie Verdacht schöpfen. Zeige ihnen, welches Blut in Deinen Adern, sey sittsam, bescheiden, bedenke aber auch stets, daß außer der Familie an jenem Orte Niemand Dir gleich ist!" Ohne Antwort zu erwarten, ließ sie der Fürst stehen und ging. Gertrud, die Fürstin und der Erbprinz folgten die'Treppe hinab, in den Wagen. Die Unterhaltung unterwegs drehte sich um nichts als das Nichtige, Eitele der Weltfreuden und die Seligkeit des Klosterlebens, besonders für junge Mädchen aus P 2 228 den ersten Geschlechter». Als man dem Kloster nahe kam, erneuere der Fürst seine Lehren und wiederholte mehrmals die zu erthcilendc Antwort. Gertrud fühlte ihr Herz beklemmt, als sie die Thore der Stadt hinter sich sah; indeß nahm eine Anzahl Abgeordneter, welche den Wagen anhielten und ihn bekomplimen- tirten, ihre augenblickliche Aufmerksamkeit in Anspruch. Man setzte den Weg nach dem Kloster langsam durch einen von allen Seiten herzulaufenden Schwarm Neugieriger fort, j Endlich hielt er vor den bekannten Mauern , dem bekannten Thore, und Gertrud empfand die drückendste Herzensangst. Man stieg aus und schritt durch die von den Bedienten zer- theilte, unzählige Menschenmenge. Alles staunte das arme Kind an, das sich nur mit der äußersten Anstrengung aufrecht erhielt. Den meisten Zwang legten ihr die Augen des Vaters auf, den sie, so viele Furcht ihr auch sein Blick einflößte, nicht immerfort anzusehen unterlassen konnte; sein bloßes Auge beherrschte ihr ganzes Wesen wie mit unsichtbaren Banden. Sie schritten über den ersten Hof und gelangten zum zweiten, wo an der weit offnen Thüre des Klosters Nonne bei Nonne stand. Die Aebtissin, umgeben von den Aeltestcn, befand sich dicht am Eingänge; hinter ihr, auf den Zehen, eine Nonne über die andere weg sehend, im Hintergründe die Laienschwestern auf Schemmcln. Hie und da leuchtete wohl auch ein weltliches, zwischen den Klosterkleidern 229 - hindurch, und der Kopf irgend einer schlauen, muthi-, gen Kostgänger!», der cs gelungen war, sich heimlich und unbemerkt herbeizuschleichen, um auch ihrerseits etwas zu sehen, ward zwischen den Verhülltender Nonnen.'erkenntlich. Ausrufungen enttönten dieser Menge, und viele Arme sah man, zum Zeichen freundlicher Aufnahme und Bewillkommung, erhoben. Sie gelangten zur Thüre. Gerkud stand Angesichts der Aebtissin. Nach den ersten Begrüßungen fragte diese: mit feierlichem, heiterem Ausdrucke: was ihr Begehren an diesem Orte sey, wo Niemand ihr etwas verweigern könne? „Ich bin hier.-.." begann Gertrud;! aber indem sie die Worte aussprechen wollte, die ihr Schicksal fast unwiderruflich bestimmten, zauderte sie einen Augenblick und ihre Augen ruhten auf der. umstehenden Menge. Da erblickte sie eine ihrer frü-' Heren Vertrauten, welche ihr sowohl Mitleiden, als Schadenfreude auszudrücken und zu sagen schien: „ Die Tapfere! nun ist sie ja überwunden." ^ Sonstige Gefühle traten mit erneuerter Kraft vor ihre Seele, sie fühlte wieder einen Theil ihres Muthes und suchte schon nach einer, ganz von der anbefohlncn verschiedenen, Antwort. Ihre Kraft zu prüfen, sah sie zum Vater auf; seine Züge verriethen so wilde Unruhe, drohende Ungeduld, daß Furcht den Ausschlag gab, und sie sprach die Worte: „Ich bin hier, mit dem Wunsche, das Ordenskleid dieses Klosters, wo ich so liebreicherzogen ward, anzulegen," so rasch und eilig aus, wie man einer furchtbaren Gefahr sich zu entziehen sucht. Sogleich cntgcgnete die Aebtissin: es schmerze sie sehr, daß die Regel eine unmittelbare Antwort auf dies Gesuch nicht zulasse, sie verlange Zustimmung der Schwestern und vorgängige Erlaubniß der Oberen; Gertrud werde indeß die Gesinnungen, welche man hier für sie hege, hinlänglich kennen, um voraus zu wissen, welche Art Antwort erfolgen müsse; auch verbiete ihr und den Schwestern keine Regel, im Woraus idie Genuglhuung an den Tag zu legen, welche eilt solches Verlangen ihnen allen einflöße. Es erhob sich hieraus ein verwirrtes Geräusch glückwünschender, bewillkommender Stimmen; man brachte große, mit Konfitüren angefüllte Becken herbei, welche zuerst der Braut, dann den Eltern dargcboten wurden; «ine Nonne bemächtigte sich nach der andern der Braut; einige begrüßten die Mutter, andere den Erbprinzen, und die Aebtissin ersuchte den Vater, an das Gitter des Sprachzimmers zu kommen, wohin auch sie sich begab. Zwei der Aeltesten begleiteten sie. Als der Fürst eintrat, sagte sie: Herr Fürst! eine Regel.... unerläßliche Pflicht _selbst in diesem Falle .... ich muß Euch sagen — jedesmal, wenn ein junges Mädchen den Schleier verlangt, .... muß die Oberin, . s.. die ich Unwürdige,_den Eltern kund thun, .... daß, wenn sie etwa_der Tochter Willen ge- zwangen hätten, —Excommum'cation ihre Strafe ' sey. Ihr werdet entschuldigen_" „Wohl, wohl, ehrwürdige Mutter. Ich lobe Euren Pflichteifer; cs ist recht und billig .... aber. Ihr könnt überzeugt seyn— " „ Ach! sicherlich, Herr Fürst .... ich habe blos meiner Pflicht gemäß geredet.... übrigens ...." „Gewiß, gewiß, Mutter Aebtifst'n!" Nach diesem kurzen Gespräche verneigten sich beide Thcile gegen einander und gingen ab, als ob es einem wie dem andern lästig falle, es fortzusühren. Jedes ging zu den Seinigen, das eine außerhalb, das andere innerhalb der Klosterschwcllc. „Nun kommt," sagte der Fürst, „ Gertrud wird ja bald häufige Ge- legenheit haben, der Gesellschaft dieser Mütter sich zu erfreuen. Jetzt sind wir ihnen schon zu lange zur Last gewesen." Er verneigte sich, gab das Zeichen zum Abschiede, die Familie setzte sich in Bewegung, Grüße und Gegengrüße, und man verließ sich. Gertrud war auf dem Rückwege nicht gestimmt zu reden. Entsetzt über den gethanen Schritt, beschämt über ihre Muthlosigkcit, aufgebracht gegen die Anderen und sich selbst, überlief sie, betrübten Herzens, im Stillen noch alle die Gelegenheiten, wo sie Nein sagen konnte und versprach sich, schwach und unsicher, bei dieser oder jener oder einer dritten sich gewandter und starker zu zeigen. Bei allen diesen Gedanken konnte sie aber immer noch nicht jenen gräßlichen Blick des Vaters vergessen. Manchmal wagte sie, furchtsam die Augen einen Moment zu ihm zu erheben, niemals aber traf sie nur eine Spur von Zorn in seinem Antlitz, er schien sogar im höchsten Grade mit ihr zufrieden. Darüber freute sie sich und konnte sich wohl auf kurze Weile beruhigen. — Kaum zu Hause angekommcn, lange Toilette, Mittagsmahl, Besuche, Spazierfahrt, Conversarion, Abendessen. Am Ende des Tages brachte der Fürst eine neue Angelegenheit zur Sprache, nämlich die Wahl der von den Eltern einer jungen Nonne einzuladenden Dame, welche während der Zeit, vom ausgesprochenen Wunsche der Aufnahme bis zur Aufnahme selbst, als Hüterin oder Begleiterin um dieselbe seyn muß. Diese Zeit wird gemeiniglich damit zugebracht, Kirchen, öffentliche Palläste, Conversakio- nen, Landhäuser und Hciligthümer aller Art, kurz das Bcmerkenswertheste von Stadt und Umgegend kennen zu lernen, damit die jungen Mädchen, bevor sie das unwiderrufliche Gelübde aussprechen, wohl wissen, ans was sie verzichten. „Man muß auf eine Begleiterin denken," sagte der Fürst, „denn morgen kommt der Nonnenvikar zur Prüfung und bald darauf wird Gertrud km Kapitel zur Aufnahme vorgeschlagen." Er hatte sich, indem ec dies sagte, zur Fürstin gewendet; sie glaubte, er fordere damit zu Vorschlägen auf, und sagte: „ Nun, da ist_" 233 Aber der Fürst unterbrach sie: „Nein, nein, Frau Fürstin, die Braut hat zu wählen, und wenn auch selbst der allgemeine Gebrauch cs den Eltern überließe, so hat Gertrud doch ein so verständiges, richtiges Urtheil, daß sie wohl eine Ausnahme verdienen würde!" Mit dem Ausdrucke außerordentlicher Gnade blickte er Gertruden an und sprach weiter: „Jede der Damen, welche heut Abend bei derConver- sation waren, besitzt alle erforderlichen Eigenschaften, die Begleiterin einer Tochter unsers Hauses zu seyn. Sage mir nun, welcher du die Ehre des Vorzugs giebst und wähle selbst." Gertrud fühlte sehr gut, daß diese Wahl eine abermalige Zustimmung sey, aber sie ward dazu so umständlich aufgerufen, daß, sie von der Hand weisen, ihr für Verachtung, Entschuldigungen für Unlust oder Undankbarkeit hätten ausgelegt werden können. Also that sie auch diesen Schritt und nannte die Dame, welche ihr diesen Abend am meisten gefallen hatte; es war die, welche sie am meisten liebkoste und lobte und ihr mit der zuvorkommenden, herzlichen Vertraulichkeit begegnete, die in den ersten Momenten einer Bekanntschaft den Schein langjähriger Freundschaft annimmt. „ Sehr gut gewählt!" rief der Fürst, der gerade diese Wahl wünschte und erwartete. War es nun List oder Zufall, die genannte Dame hatte sich den ganzen Abend über so sehr um Gertruden bemüht und sie so sehr mit sich beschäftigt, daß Gertrud beinahe auf keine andere fallen konnte. Zn jedem Falle waren diese Artigkeiten nicht ohne Ursache. Seit langer Zeit schon hatte sich die Dame den Erbprinzen zum Schwiegersohn gewünscht, betrachtete also die Angelegenheiten wie ihre eigenen, und nichts war natürlicher, als daß sie sich für Gertruden, wie für eine ihrer nächsten Verwandten, intcressirte. Gertrud erwachte am Morgen mit dem Gedanken an die bevorstehende Prüfung, und wahrend sie noch bedachte, ob und wie sie diese entscheidende Gelegenheit benutzen könne, zurückzutreten, ließ sie der Fürst zu sich kommen. „Höre, Tochter," sagte er, „ bis jetzt hast du deine Sachen musterhaft gemacht, nun aber kommt's drauf an, das Werk zu krönen. Alles, was bis jetzt geschah, geschah mit deinem freien Willen. Waren unterdessen Zweifel oder Neue, Jugendgrillcn in dir entstanden, so hättest du dich erklären können. So weit die Sachen jetzt gediehen sind, ist es nicht mehr Zeit zu Kinderpossen. Der ehrwürdige Mann, welcher diesen Morgen kommt, wird wegen deines Berufs auf hunderterlei Art fragen : ob du den Schleier gern nimmst, weshalb, warum, und was weiß ich alles? Zauderst du zu antworten, so forscht er dich durch und durch aus. Es würde dir unangenehm und lästig seyn, könnte aber auch noch schlimmere Folgen haben. Die Sache ist öffentlich erklärt, das geringste Zaudern würde demnach meine Ehre blosstellen, die Vermuthung erregen, 235 ich habe einen leichtsinnigen Gedanken deinerseits für festen Entschluß gehalten, die Sache zu eilig bce trieben, oder wer weiß was sonst verbrochen. In diesem Falle würde ich in die Nothwendigkeit versetzt werden, einen von zwei gleich betrübenden Wegen ein- zuschlagen: entweder den auf mir haftenden Flecken zu dulden, was sich aber durchaus nicht mit meiner Pflicht gegen mich selbst vertragt, oder den wahren Beweggrund zu deinem Entschlüsse rund heraus zu sagen und...." Da er aber hier bemerkte, daß Eertrudens Gesicht ganz Feuer und Flamme war, ihre Augen schwollen und ihr Gesicht sich zusammenzog, wie die Blatter einer Blume vor der erdrückenden Schwüle eines Gewitters, so hielt er inne und sagte mit heiterer Stirn: „ Doch! — cs hangt ja alles nur von dir und deinem Einsehen ab. Ich weiß, es ist nicht gering und du wirst nicht noch am Ende, was du so gut anfingst, durch Thorhcit zerstören; ich mußte aber aller möglichen Falle gedenken. Sprechen wir nicht mehr davon! Wir sind einverstanden, daß du so freimüthi'g und sest antwortest, um keinen einzigen Zweifel in dem Kopfe des Vikars aufkommcn zu lassen. Auf diese Art wirst du es auch bald Überstunden haben." Er brachte ihr noch einige Antworten auf die wahrscheinlichsten Fragen bei und nahm dann sein gewöhnliches Gespräch über das Wohlleben und alle die Annehmlichkeiten auf, welche sie im Kloster finden werde. Ec setzte es fort, bis ein 236 Bedienter den Vikar meldete, und ließ sie, nach nochmaligen Ermahnungen rücksichtlich der Hauptpunkte, mit ihm, wie es Regel war, allein. Der ehrliche Mann kam schon mit der Ueberzeugung von Gertru- dens wirklichem i'nnern Berufe zum Kloster an; denn der Fürst hatte es ihm, als er ihn einlud, so gesagt. Er wußte allerdings» daß Mißtrauen das Erste, Hauptsächlichste sey, was sein Amt verlange, befolgte deshalb den Grundsatz, solchen Versicherungen schwer Glauben beizumessen und sich vor jedem Borurtheile zu hüten; aber es ist und bleibt doch ein sehr seltner Fall, daß die ernst und bestimmt für etwas sprechenden Worte glaubwürdiger Leute, jeden Standes, nicht das Gemüth dessen, der sie vernimmt, für sich einnahmen. Nach dem, was die Sitte vorschrieb, sprach er also: „Ich komme, Fraulein, die Nolle des Teufels zu spielen, nämlich das, was Ihr in Eurer ejngesandten Schrift für gewiß ausgabt, in Zweifel zu ziehen, ich komme, Euch alle Schwierigkeiten eines solchen Schrittes vor Augen zu stellen und mich zu überzeugen, ob Ihr sie auch wohl erwogen habt. Erlaubt mir einige Fragen." „ Sprecht," erwiederte Gertrud. Nun sing der gute Priester an, sie nach alter Form und Sitte zu befragen: „Fühlt Ihr im Herzen den freien, freudigen Entschluß, Nonne zu werden? Hat man keine Drohungen oder Schmeichcl- worte gegen Euch angewcndet? Hat Euch nicht ic- Ml Ni HhW litk M ni» m/ l---- frniHi Arlri> Aima, bi s>m Erich M Milk»!' schuWi < «Ä stitsiii Wul! nH dzt! sik, WtltjU^ -,'Cch, Eck», s, °»i'i»k gend eine Gewalt dazu vermocht? Sprecht aufrichtig und ohne Rückhalt zu einem Manne, dessen Pflicht cs ist, Euern wahren Zustand zu erforschen, damit Euch auf keine Weife Gewalt geschehe!" Die wahre Antwort auf solche Fragen stand mit furchtbarer Klarheit im Nu vor Gertrudens Seele. Um sie zu er- theilen, mußte eine Erklärung, die Mittheilung einer Geschichte vorausgehen.... — Die Unglückliche schauderte vor diesem Gedanken zurück und suchte eine andere Antwort auf, die ihr besser und schneller aus der Verwirrung half. „Ich werde Nonne," sagte sie, ihre Verlegenheit bergend, „aus freiem Antriebe und Willen." „Seit wann hegt Ihr diesen Gedanken?" fragte der Priester weiter. „Ich habe ihn immer gehegt, " war Gertrudens Antwort, die nach diesem ersten Schritte mit größerer Geläufigkeit gegen sich selbst zu lügen vermochte. „Was ist aber Euer Hauptbeweggrund, Nonne zu werden?" Der gute Priester wußte nicht, welche schreckliche Seite er da berührte, und Gertrud mußte viel kämpfen, in ihrem Antlitze den Eindruck dieser Worte nicht.zu verrathen. „ Mein Beweggrund," sagte sie, „ist: Gott zu dienen, die Gefahren der Welt zu meiden." „Sollte nicht etwa Ueberdruß, verzeiht mir, Grillen, daran Theil haben? Manchmal verursacht uns eine flüchtige Sache scheinbar bleibende Wirkung i S38 ist aber die Ursache vorbei/ die Seele ruhig, dann . LL „Nein, nein," erwiederte Gertrud heftig, die Ursache ist die genannte! " Der Vikar setzte seine Fragen fort, mehr um seiner eigenen Beruhigung willen, als weil er es nö- Ihig glaubte; Gertrud war aber entschieden, ihn zu hintergehen. Außer dem Abscheu, den ihr der Gedanke erregte, diesem rechtschaffenen, würdigen, so weit vom Ecrathen ihres Zustandes entfernten Manne ihre Schwäche zu gestehen, bedachte sie wohl, daß er sie vor dem Schleier retten könne; das war aber auch die Grenze seiner Autorität und seines Schutzes. — War er fort, so befand sie sich wieder in der Gewalt des Fürsten, und was sie auch dann in diesem Hause leiden mußte, der Geistliche erfuhr es entweder nicht, oder konnte, wenn es auch der Fall war, mit dem bestgn Willen ihr nicht Helsen, sondern sie nur beklagen. Der Prüfer ermüdete eher im Fragen, als Gertrud im Lügen. Er konnte an allen ihren Antworten nichts aussetzen, er hatte keinen Grund, deren Richtigkeit zu bezweifeln, hörte endlich auf und sagte ihr nun alles, was er geschickt glaubte, sie in ihrem guten Vorsätze zu bestärken, wünschte ihr Glück und empfahl sich. Als er über den Saal weg, dem Eingänge zuschritt, begegnete er dem wie zufällig vorübergehenden Fürsten und drückte ihm seine Zufrie- M - l»B, >*" j!N> l„ii>mr!m Mi M» ^ MkMnk mdMz- die sM mit M » äm im Em l Ms MM EchmiKa Baziiy,!,! Tn i'" Eiim i,z ^ Md so MWrd - s'°n Nliis!, ^ß',da ^niniii»!: 239 denheit mit dem frommen Gemüthe der Tochter ans. Der Fürst hatte in der peinlichsten Erwartung geschwebt, lebte bei dieser Nachricht wie von Neuem auf und, seiner gewohnten Würde uneingedenk, lief er beinah auf Gertruden zu, und überhäufte sie, voll der herzlichsten Freude und wirklich aufrichtiger Zärtlichkeit, mit Lobsprüchen, Liebkosungen und Versprechungen. Wir lassen Gertruden allein mit ihrer Begleiterin von einem Orte zum andern, einer Vergnügung zur andern schwärmen und folgen eben so wenig dem monotonen Gange ihrer Gefühle und Schmerzen während dieser ganzen Zeit. Die Schönheit der Gegend, die stets wechselnden Gegenstände, das stete, heitere Leben in freier Luft, machten ihr den Gedanken an den endlichen Ort ihrer Bestimmung, in den sie sich auf immer begraben sollte, immer unausstehlicher. Schmerzlicher noch berührten sie die Festlichkeiten und Vergnügungen der Stadt. Der Anblick einer Braut, im gebräuchlicherem Sinne des Worts, erregte ihr fast unerträglichen Neid und Kummer, und sah sic hie und da gewisse Andere, so empfand sie wohl, daß cs das höchste Erdenglück seyn müsse, so genannt zu werden. Die Pracht der Palläste, der Schimmer von Edelgestein, das festliche Gewimmel und Geräusch der Eonversationen flößten ihr manchmal solche Trunkenheit der Sehnsucht nach einem zwanglosen Leben ein, daß sie sich fest versprach, zurückzutreten und lieber alles zu erdulden, als sich in die kalte, tobte Klosternacht zu begeben. Alle solche Entschlüsse verrauchten aber an der mächtigerem Betrachtung der Hindernisse, beim bloßen Anblicke ihres Vaters. Manchmal vergällte ihr auch der Ge- . danke, bald für immer auf alle diese Annehmlichkeiten verzichten zu müßen, die kurze Zeit ihrer Dauer; so wie der verschmachtende Kranke wohl den Löffel voll Wasser, welchen ihm der Arzt kaum zugesteht, mis- muthig annimmt, oder gar verachtend abweist. Wahrend dem hatte der Nonnenvikar das nölhige Zeugniß ausgefertigt und die Erlaubniß, das Kapitel zu halten, langte im Kloster an. Es geschah; wie im Voraus gewiß war, sprachen die erforderlichen zwei Drittel Stimmen für Gertrud, und sie ward angenommen. Sie selbst, müde des Ortes, wo man sie so lange gemißhandelt Hütte, verlangte so bald als möglich nach dem Kloster; natürlich widersprach kein Mensch diesem Wunsche, man erfüllte ihn, brachte sie mit großer Feierlichkeit hin und sie nahm das Kleid. Nach zwölf- monatlichem Noviziate, das ihr unter Reue und Leid verfloß, nahte der entscheidende Augenblick, wo sic entweder ein unerwarteteres, seltsameres, anstößigeres Nein, als je, aussprcchen, oder ein schon oft gesagtes Ja wiederholen mußte; -sie wiederholte es und war — Nonne. — Es liegt tief in dem ewigen Wesen der Christus- rcligion begründet, Trost und Ruhe jedem zu gewah- 241 ren, der sich in Noth und Drangsal vertrallungsvoll zu ihr wendet. Ist Geschehenes zu ändern, so leiht sie Licht und Kraft, daß es geändert werde, wo nicht, ist sie das einzige Mittel, um, wie das Sprichwort besagt, aus der Noth eine Tugend zu machen. Sie lehrt, was Leichtsinn begann, mit Weisheit enden, vermag die Seele, der Vorsehung Willen zu folgen, und giebt unbedachten, doch unwiderruflichen Entschlüssen alle Heiligkeit, alle Freudigkeit und allen Werth wahren Berufes. Sie ist der sicher, durch jedes Labyrinth, vor jedem Abgrunde vorüber leitende Weg; wer ihr folgt, sich ihr ganz überlaßt, wird froh zum frohen Ziele gelangen. Ware Gertrud ihm gefolgt, so würde sie sicherlich eine heilige, in Gott zufriedene Nonne geworden seyn. Aber die Unglückliche kämpfte mit ihrem Joche und so fühlte sie dessen Last nur immer schwerer und drückender. Immer und immer gedachte sie der verlornen Freiheit, verabscheute ihren Zustand und verlor sich in eitlem Haschen nach Wünschen, die in Ewigkeit nicht erfüllt werden konnten. Sie erwog ohn' Unterlaß die trübe Vergangenheit, führte sich alle Umstände, die sie nach und nach dahin führten, wo sie jetzt war, ins Eedächtniß zurück, vernichtcle in Gedanken alles, was sie in der Wirklichkeit ge- than hatte, klagte sich selbst der Feigheit, Andere der Tirannei und Untreue an und that alles, sich selbst zu zerstören. Ihre Schönheit beweinte und bewunderte sie, bejammerte ihre Jugend und deren Schicksal, in I. Q langem Martyrerthume zu vergehe», und beneidete in manchen ^Augenblicken die Höchste, gleichwie die Niedrigste und Schlechteste, welche den Freuden dieser Welt sich hingeben durfte. Der Anblick der Nonnen, welche mit beigetragen hatten, sie dem Kloster zuzuführcn, war ihr im Innersten zuwider; sie erinnerte sich aller Kunstgriffe und Listen und ließ sie ihnen nunmehr, durch alle nur erdenkliche Launen, Eigensinn, ja selbst durch un- verhehlte Vorwürfe, entgelten. Sie konnten nichts dagegen thun, als erdulden und schweigen ^ denn der Fürst hatte zwar seine Tochter so lange tirannisirt, bis sie unabänderlich des Klosters war; jetzt aber, da dies bewirkt, hatte er nicht leicht gelitten, daß irgend jemand so kühn gewesen wäre, gegen sein Blut Recht zu behaupten. Das Kloster setzte sich bei dem geringsten, geleisteten Widerstande der unvermeidlichen Gefahr aus, seinen mächtigen Schutz zu verlieren, oder ihn gar, statt zum Freunde, zum Feinde zu haben. Man sollte glauben, daß Gertrud doch die andern Schwestern besser behandelt hätte, die antheillos waren an den, gegen sie ins Werk gesetzten Jntriguen, die sie sich nicht zur Gefährtin wünschten, sie wohl aber alS solche liebten und, fromm, fleißig und heiter wie sie waren, ihr ein Beispiel gaben, wie man auch im Kloster sich zufrieden fühlen könne. Aber auch diese haßte sie, nur aus anderem Grunde. Ihr frommes, dc- muthvolles Betragen umkleidete sich für sie fast mit 243 dem Anscheine des Vorwurfes, wegen ihres Unfriedens und eigensinnigen Betragens, und sie verabsäumte keine Gelegenheit, dieselben hinter ihrem Rücken als Betschwestern lächerlich zu machen, oder als Heuchlerinnen zu tadeln. Vielleicht wäre sie ihnen weniger gehäßig gewesen , hätte sie gewußt oder geahnct, daß die wenigen, schwarzen Kugeln, die sich nach dem, ihretwegen gehaltenen Kapitel, im Stimmkasten vorfanden, gerade von ihnen hetrührten- Zuweilen war es ihr ein Trost, im Kloster die Herrschaft zu führen und sich gehuldigt zu sehen; von allen Selten die unterwürfigsten Besuche zu empfangen; in jeder Verlegenheit um ihren Schutz angerufcn und überall die Signora genannt zu werde». Aber was für ein Trost! Ost hätte sich ihre verödete Seele den Schwestern gern im Gebete zugesellt und in dieArme der Religion geflüchtet; aber konnte sie es, wenn sie nicht jene Tröstungen aufgab? Will der Schiffbrüchige das Bret ergreifen, was ihn sicher zum Ufer bringen soll, so muß er wohl die Hand öffnen und das Meergras Und Schilf fahren lassen, was er instinktmäßig in der Verzweiflung ergriff. Bald nach gethanem Gelübde ward Gertrud Oberin der Kostgängerinnen. Man denke sich, wie sich die atmen Mädchen unter folcher Zucht befinden mussten. Gertrudens alte Gespielinnett waren sämmtlich fort; aber sie war noch eben so leidenschaftlich wie damals, und die Zöglinge mußten cs schwer fühlen. Be! dem Gedanken, die meisten Q 2 244 derselben sahen einer Zukunft entgegen, wie sie ihr auf immer verloren sey, empfand sie gegen die armen Schuldlosen wahren Grimm und Sehnsucht nach Rache, unterdrückte sie und behandelte sie so hart, wie nur irgend möglich und ließ sie im Woraus für ihre künftigen Freuden büßen. Wer sie zuweilen erblickt hatte, wenn sie über das allerunbedeutcndste Vergehen in den höchsten Zorn gerieth, würde sie für eine besessene Wilde haben halten müssen- Zuweilen brachte aber auch derselbe Abscheu vor dem Kloster, vor Regel und Gehorsam ganz entgegengesetzte Wirkung in ihr hervor. Nicht allein ertrug sie dann die schreiendsten Unachtsamkeiten der Mädchen, sondern veranlaßte sie selbst, mischte sich in ihre Spiele, trug dazu bei, daß sie ganz ausartetcn, sie ließ sich wohl sogar in ihre unerlaubten Vorhaben ein nnd führte sie weiter aus, als sie selbst beabsichtigten. Hatte die eine einen spöttischen Einfall über das Geschwätz der Mutter Acb- tissin, die Oberin ergriff ihn unverzüglich und führte auf der Stelle eine ganze Szene damit aus. Hier verhöhnte sie das Gesicht einer Nonne, dorr den Gang einer anderen und lachte selbst plump und sinnlos darüber. Auf diese Art hatte sie einige Jahre verlebt, ohne Muse und Gelegenheit, mehr anzustiften, als sich zu ihrem Unglücke die Veranlassung dazu zeigte. Unter den anderen, ihr zur Entschädigung, daß sie noch nicht Acbtisfin seyn konnte, zugestandenen Freiheiten und Auszeichnungen, war auch die, eine beson- h» «lil hi» K Wi »»' M« Ktt! M liksii! tzatiÄ li l Emir hii! ta RiiPcüj dmji v MM'. -- si;«nr fsii g»W. H ditEik, fiblmdi ü!-' liMazch d>i «ffiiinä chUkn dllldlinz t,l Wksknsisik» Wxzuijiis' ""'S ttd ^ Wsbchil de« Wohnung zu besitzen. Der Theil des Klosters grenzte an ein Haus, welches ein junger Mann inne hatte. Sein Gewerbe waren Verbrechen, und er gehörte zu den damals nicht seltenen Menschen, welche, mit ihren Helfershelfern und in Verbindungen mit andern Lasterhaften, bis zu einem gewissen Grade alle Gesetze und öffentliche Gewalten verhöhnen konnten. Wir wollen ihn blos Egydius nennen. Er hatte mehrmals aus einem kleinen Fenster, was ein Gehöf dieses Klosterflügels beherschte, bemerkt, daß Gertrud da herum ab - und zuzuwandeln pflegte. Gereizt sowohl, als erschreckt von den Gefahren und der Ruchlosigkeit eines solchen Wagestücks, war er dereinst so kühn, sie anzureden. Die Unglückliche antwortete. — In diesen ersten Momenten empfand sie zwar sicher kein achtes, aber ein lebhaftes Vergnügen. Dem verdrossenen Gelübde ihrer Seele hatte sich die Gewohnheit an anhaltende Strenge und befehlende Lebensweise beigcmischt. Aber ihr nunmehriges Vergnügen glich dem Stärkungstranke, welchen die rafsinirteste Grausamkeit der Alten dem Verur- theilten eingab, um ihm desto längere Kräfte zu Er- duldung der Martern zu geben. In Gertrudcns Wesen schien zugleich eine gänzliche Umwandlung vorgegangen zu seyn: sie ward auf einmal ordentlich, ruhiger, gab Spott und Hohn auf und erwies sich gegen alle artig und liebreicher. Die Schwestern, weit entfernt, die Wahrheit zu ahnen und daß diese neue Tugend nichts weiter sey als andere Untugenden ergänzende Heuchelei, wünschten sich ihretwegen wechselseitig Glück, Diese Probe, und so zu sagen, dieses Weißbrennen hatte nicht lange Bestand, zum Wenigsten nicht so anhaltenden und gleichen; bald kamen die gewohnten Grillen und Aergerniffe wieder zum Vorschein, man hörte wieder die alten Verwünschungen, das alte Gespötte über dies klösterliche Gefängnis, und zuweilen selbst Ausdrücke, die ihrem Munde und an diesem Orte noch niemals entschlüpften. Nach jedem Fehler indeß zeigte sich Neue und lebhaftes Verlangen, ihn durch Güte zu tilgen. Die Schwestern ertrugen alle diese Vergehen, so gut es sich thun ließ und schrieben sie dem eigen - und leichtsinnigen Gemüthe der Signora zu- Es schien einige Zeit, als denke gar Niemand mehr daran; eines Tages aber war die Signora mit einer Laienschwester über etwas sehr Geringfügiges in Wortwechsel gerathen und vergaß sich so weit, sie ganz über alles Maas auszuschimpfen. Die Laienschwester bezwang sich zwar eine Weile und ließ sich alles gefallen, endlich aber verlor sie die Geduld und äußerte, daß sie Manches wisse und zu seiner Zeit reden werde. Von dem Augenblicke an hatte die Signora keine Ruhe mehr. Bald nach dem Vorfälle erschien die Laienschwester eines Morgens nicht wie gewöhnlich, ihre Pflichten zu erfüllen; man suchte sie in ihrer Zelle, — sie war nicht zu finden; rüste laut an allen Orten und Enden, — keine Antwort. Alles 247 wird zehnfach durchforscht und durchstört, vom Keller an, bis hinauf ins Dach, — sie ist nirgends. Wer weiß, auf welche Nermuthungen man nunmehr gefallen wäre, halte man nicht wahrend des Suchens ein großes Loch in der Gartenmauer entdeckt, was Jedermann von ihrerFlucht überzeugte. Es wurden sogleich auf verschiedenen Wegen Boten entsandt, sie einzu- holen und zurückzubringcn, die ganze Umgegend ward durchspäht, — auch nicht die allerklcinstc Spur! — Man hatte vielleicht mehr von ihr erfahren, hätte man nickt in der Ferne, sondern in der Nahe gesucht. Nach vielem Staunen und Vermuthen, da Niemand die Schwester einer solchen That fähig gehalten hätte, schloß man, sie müsse sehr, sehr weit gegangen seyn. Und da eine Schwester einmal sagte, sie sey gewiß nach Holland geflohen, so hieß es im Kloster allgemein und war ausgemacht, sie verweile in Holland. Die Signora schien allein anderer Meinung. Sie äußerte es zwar niemals und bestritt es mit keinen besonder» Gründen, hatte sie aber-welche, so konnten sie gewiß nicht besser verborgen gehalten werden. Sie sprach nur höchst ungern von der Sache, was Niemand beachtete, da alles viel zu sehr mit ihr selbst beschäftigt war. Wenn sie aber nicht davon sprach, dachte sie desto mehr daran. Wie viele Male des Tages trat nicht bas Bild dieser Laienschwcster plötzlich vor ihre Seele, ohne zu wanken und zu weichen! — Wie oft wünschte sie nicht, sie lebend und wirklich vor sich zu sehen, um nur nicht immer ein sie denken zu müssen und Tag und Nacht in Gesellschaft des nichtigen, furchtbaren Schattens zu leben!-—Wie oft wünschte sie nicht ihre Stimme zu vernehmen, wenn sie auch noch so sehr gedroht hatte, um nur nicht immer das gräßliche Geflüster in sich zu haben und Worte zu hören, die unverständlich und mit hartnäckiger, unermüdeter Beständigkeit, wie kein lebendes Wesen sie haben konnte, ausgesprochen wurden ! Seit diesem Vorfälle mochte etwa ein Jahr vorüber scyn, als Luzia der Signora vorgestellt wurde und mit ihr das Gespräch hatte, bei dem wir sie verließen. Die Signora fragte immer mehr nach Don Rodrigo's Nachstellungen und ging dabei selbst so kühn in gewisse nähere Umstände ein, daß Luzia höchst erstaunt darüber war, da sie sich niemals hatte träumen lassen, daß die Neugier der Nonnen so weit gehen könne. Die Aeußcrungen aber, welche sie zwischen die Fragen einstreute, waren nicht weniger seltsam. Es schien beinahe, als spotte sie über die große Furcht, die Luzia immer gegen den Kavalier an den Tag legte, und sie fragte mehrmals, ob er denn so entstellt sey, um Furcht cinzuflößen. Man möchte fast sagen, daß sie Luziens Widerwillen, ohne die Liebe zu Renzo, für einfältig, unvernünftig gehalten haben würde. Was Renzo betraf, so erließ sie nicht mindere Fragen, die Luzien einmal über das andere das Blut ins Gesicht jagten. Sie nahm aber endlich §49 wahr, daß ihrer Zunge Geschwätz sie weiter geführt habe, als der Kopf billigen konnte; sie suchte es wieder gut zu machen und auf das Beste zu deuten, konnte aber nicht verhindern, daß Luzien nicht ein unangenehmes Erstaunen und ungewisser Schrecken verblieben wäre. Kaum mit ihrer Mutter unter vier Augen, eröffnete sie sich ihr. Agnes, als erfahrener, loste aber mit wenigen Worten alle ihre Zweifel und klarte das Rathsel auf: „Laß Dich es nicht Wunder nehmen," meinte sie; „kennst Du erst die Welt besser und wie ich, so wirst Du wissen, daß das gar keine so erstaunlichen Dinge sind. Die Vornehmen sind, eins mehr als das Andere, eines auf diese, das andere auf jene Weife, alle ein wenig toll. Man muß sie reden lassen, besonders wenn man ihrer bedarf, und ihnen so ernsthaft zuhören, als wenn sie was Rechtes sprachen. Hast Du nicht gehört, was sie mir aufs Maul gab, als wenn ich Wunder was verbrochen hatte ? Mich hat's gar nicht gewundert. So sind sie alle. Und bei alle dem sey's dem Himmel gedankt, daß er doch, wie cs scheint, Mitleid mit Dir hat und Dich wirklich in Schutz nehmen will! Hast Du aber einmal mit Vornehmen zu schaffen, Kind, oder mußt gar mit ihnen leben, so bedenke, bedenke, was ich Dir jetzund sagte!" Der Wunsch, den Pater Guardian zu verbinden, das Vergnügen der Schutznahme, der Gedanke, daß man ihr eine so fromme Handlung überall gut auslegen werde, eine gewisse Vorliebe für Luzien und endlich auch ein gewisser Trost, einem schuldlosen Wesen Gutes zu erzeigen, Unterdrückte zu trösten und aufzurichten, hatten die Signora in der That bewogen, sich das Schicksal der beiden Flüchtlinge zu Herzen zu nehmen. Aus Ehrerbietung für ihre ertheilten Befehle und bewiesenen Antheil, wurden sie in der Wohnung der Schaffnerin, im Nebengebäude des Klosters, untergcbracht und, als wenn sie sich in Diensten des Klosters befänden, behandelt. Mutter und Tochter empfanden nicht geringe Eenugthuung, sich so bald und sicher geborgen zu sehen. Gern würden sie auch gesehen haben, wenn man sie weiter gar nicht beachtet hätte; aber das war in einem Kloster nicht zu erwarten, um so mehr nicht, da ein Mann lebte, dem es gar sehr um Nachrichten von Luzien zu thun war und in dessen Seele sich nun der schon gehegten Leidenschaft und Groll der Zorn gesellte, sich überlistet und betrogen zu sehen. Wir lassen die Frauen in ihrem Zufluchtsorte und gehen nach seinem Pallaste in der Stunde zurück, wo er auf den Ausgang seines schändlichen Anschlages harrt. 251 Elftes Kapitel- Wie eine Kuppel Spürhunde, die vergebens der Spur eines Hansen folgten, demüthig zum Jäger zurückkriecken, so kehrten in jener unglücklichen Nacht die Bravi beschämt und gehemüthigt in Don Rodri- go's Schloß heim. Er schritt im Dunkeln in einem Nach der Ebene herausgehenden, unbewohnten Zimmer des obersten Gesteckes auf und nieder, lieh von Zeit zu Zeit das Ohr und spähte durch die Fenster ins Freie,, Er war voller Ungeduld und Unruhe, nicht blos wegen des ungewissen Ausganges der Sache, sondern auch wegen der möglichen Folgen, denn sie wardst gewagteste und gefahrvollste, welche der Ehrenmann jemals unternommen hatte. Der Gedanke an alle die getroffenen Vorsi'chtsmaaßregeln ermuthigtc ihn jedoch wieder, denn es konnte gar keine Spur gegen ihn zeugen, „Was den Verdacht anlangt, — der schiert mich viel; ich möchte doch sehen, wer sich unterstehen dürfte, herauf zu kommen und herum zu stänkern, ob ein Mädchen hier sey oder nicht? Er mag nur kommen, der Tollkopf, soll wohl empfangen werden! Komm, Bruder Ehristoforus, komm! — Die Alte? die Alte geht nach Bergamo. — Die Obrigkeit? Ach, was Obrigkeit! — Der Amtmann ist weder kindisch, noch verrückt. Und in Mailand? — 252 Wer kümmert sich kn Mailand um sie? Wer hört sie dort an? Wer kennt sie? Sie sind auf der Erde verlorne Leute, Niemand schützt sie, Niemand nimmt sich ihrer an. Fort, fort, nichtige Furcht! Was wird morgen früh Attilio staunen. Ec wird wohl merken, daß ich kein Prahlhans und Schwätzer bin. Und .... wenn einmal irgend eine Uneinigkeit einträte.... was weiß ich welche, und ein Feind wollte es benutzen .... ? Attilio wird mir schon auch rathen können, es gilt ja die Ehre der ganzen Familie!" — Der Gedanke aber, der ihm am meisten galt, weil er in ihm sowohl Beschwichtigung aller Zweifel, als auch Nahrung seiner stärksten Leidenschaft fand, war der an die Schmeicheleien und Versprechungen, mit welchen er Luzien zu kirren im Sinn hatte. — Sie wird sich so fürchten, hier allein zu seyn, mitten unter denselben Gesichtern, die sie-ich habe doch noch wahrhaftig das allermcnschlichste Antlitz_! und was ist mit ihr anzufangcn?_Bitten anwenden, bitten, und wenn bitt...." Als er eben so überlegte, vernahm er Lärm, ging ans Fenster, machte es ein wenig auf, lauschte: „Sie sind es! — Und die Sänfte? Teufel! wo ist die Sanfte? Drei, fünf, acht, sie sind's Alle, auch Griso; die Sänfte fehlt — Teufel! Teufel! er soll Rechenschaft ablegen!" — Als sie herein waren, warf Griso in einen Winkel der Stube im Erdgeschosse seinen Stab, Hut und Kutte in den an- sisiw,? TnW bk LMi" Fm, rnid «iil M in kl filheslizinr >» ihm hi« Frd, sühn,' ß, >hM INI! 'Ekilnk shu ^Mch z„. -Auch 253 deren und eilte, weshalb ihn wohl Niemand beneiden mochte, Don Rodrigo Bericht zu erstatten. Dieser erwartete ihn an der ZimmerHürc und als er ihn mit der einfältigen, dummen Miene eines betrogenen Spitzbuben nahen sah, rief er Hm zu: „Nun, Herr Aufschneider, Herr Hauptmann, Herr Laßt mich nur.maHen!" o „Es ist hart," erwiederte Griso und blieb mit einem Fuße auf der obersten Treppenstufe stehen," es ist hart, Vorwürfe cinzuerndten, wenn man das Seinige Hat, sich getreulich plagte und sein Fellaufs Spiel setzte!" „Nun, wie ist's abgelaufen? Laß hören, laß hören! " sagte Don Rodrigo und ging ins Zimmer zurück , wohin Griso folgte. Er begann sofort die Erzählung alles dessen, was er anordnete, Hat, sah und nicht sah, hörte, fürchtete, gut machte, und zwar in der Ordnung und Verwirrung, mit der Zweifelhaftigkeit und Betäubung, welche nothwendig noch in ihm herrschen mußten. „Du hast keine Schuld, hast dich brav aufgeführt," sagte Don Rodrigo, „hast gethan, was zu Hun war; aber ....aber, daß unter diesem Dache ein Spion seyn sollte....! Ist's, entdecke ich ihn, und wir müssen ihn entdecken, wenn es ist, so will ich ihn schon bearbeiten, ich sage Dir, Griso, ich will ihn stattlich herausputzen!" „Auch ich, Herr," sagte der, „habe schon so etwas vermuthet; wenn es wahr wäre, ich endeckte den Hund, den müßte der gnädige Herr mir überlassen. So ein Schuft, der sich den Spaß macht, mich eine Nacht, wie diese, ausstehcn zu lassen, mir käm's zu, ihn zu bezahleM Indeß scheint mir aus Allem hervorzugehen, .daß noch irgend eine andere, noch verborgene Verwirrung im Spiele seyN Mußte. Morgen, Herr, morgen sollt Ihr reinen Wein haben!" „Man hat Euch doch zum wenigsten nicht erkannt?" Griso entgegnete, er hoffe nicht, und das Ende des Gesprächs war, daß Don Rodrigo ihm Dreierlei anbcsahl, woran dieser eigentlich schon selbst hätte denken können: mit dem Frühesten des andern Morgens zwei Mann zum Richter abzusenden, mit der Weisung, die wir kennen: zwei andere zu dem verfallenen Hause, um da herum zu streichen, jeden Unberufenen davon entfernt und die Sänfte so viel möglich bis zur nächsten Nacht verborgen zu halten, wo sie, obgleich man sich jetzt, um keinen weiteren Verdacht zu erregen, ganz still halten mußte, abgeholt werden sollte: und endlich sowohl selbst auf Entdeckungen auszugehen, als auch noch einige andere der Verschlagensten lind Schlauesten zu versenden, über Ursache als auch Ausgang der Nachtereignisse Erkundigungen einzuziehen. Nachdem dies geschehen war, ging Don Rodrigo zur Rübe und ließ sie auch Griso aufsuchen, dem er noch viele Lobsprüche, augenscheinlich um ihn wieder zu crmuthigen und ihm ge- 2SL wissermaßen damit die übereilten Vorwürfe beim Empfange abzubitten, ertheilte. „Geh, leg Dich nieder, armer Griso, Du wirst der Ruhe nöthig haben. Armer Teufel! Nach so viel Arbeit bei Tag und bei Nacht und noch obendrein der Gefahr, den Bauern in die Klauen zu ge- rathen, oder wegen Mädchettraubes eine Tracht Prügel auf den Rücken zu bekommen, zu denen, welche Dir schon hast, solchen Empfang! Aber, Undank ist gar oft der Welt Lohn! Du. hast bei dieser Gelegenheit lernen können, daß man in der Welt oft .nicht nach dem Willen sondern der That richtet. Geh Mm ^ Bette. Vielleicht kannst Du bald ein Neueres, besser gelingendes Wagstück ablegen." Am folgenden Morgen, als sich Don Rodrigo erhob, war Grifo schon in Arbeit- Don Rodrigo suchte alsbald den Grafen Attilio auf. Als .ihn. derselbe sah ,, rief er mit spottender Miene Und Geberde: „ Sankt Martinstag!" „Ich kann nichts entgegnen," antwortete Don Rodrigo und setzte sich zu ihm, „ich muß die Wette bezahlen; aber es geht mir etwas anderes im Kopfe herum. Ich hatte Euch nichts davon gesagt, weil es mir, ich gestehe es, darum zu thun war, Euch diesen Morgen in Erstaunen zu setzen. Doch genug, ich will Euch jetzt Alles erzählen." — „ Da hat der Mönch eine Hand drinn!" rief der Vetter, als er der Erzählung mit Aufmerksamkeit, 256 Staunen und mehr Ernst/ als man von einem so wunderlichen Kopfe erwarten konnte, zugehärt hatte: „Ich halte," fuhr er fort, „diesen Mönch mit seinem schleichenden Wesen und einfältigen Gerede für einen Erzschelm. Ihr habt mir nicht vertraut, was für Heimlichkeiten er Euch neulich einprcdigte...." Don Rodrigo berichtete ihm die Unterredung. „Und Ihr habt das alles erduldet?" rief Graf Attilio aus, „habt ihn gehen lassen, wie er kam?" „ Was wollt Ihr? sollte ich mir denn alle Kapuziner Italiens auf den Hals Hetzen?" „Ich weiß nicht," meinte Graf Attilio, „ob ich im Augenblicke bedacht hakte, daß es außer dem Tollkopfe noch mehr Kapuziner gäbe, aber es verträgt sich wohl selbst mit allen Regeln der Klugheit, sich von einem Kapuziner Genugthuung zu verschaffen. Man muß verstehen, gelegentlich dem ganzen Orden doppelt und dreifach zu schmeicheln, dann kann man wohl einmal den Einzelnen ungestraft den Prügel kosten lassen. Für diesmal ist er ihm unverdienter Weise entwischt, aber ick nehme es auf mich, ihm einzublauen, wie wir gewohnt sind, mit uns reden zu lassen!" „ Macht mir keinen schlimmen Handel ...." „Verlaßt Euch auf mich, ich will Euch als Vetter und Freund dienen!" „Was soll denn geschehen?" „Noch weiß ich"s nicht, aber der Mönch erhält Hai . M Ala h,INktztt> aufättdO" Nwdct! iritliz! Wie stick-- Wn Mi uck! Inf, irß wich üt k dMin, min in L tindin WGL Min n" »Ti re M Gizick l ückttnu'z,! sni mich Hi,- B-! "chdiniiiij ""kch, I. 257 seinen Lobn. Ich will's schon überlegen .... ja, mein Herr Onkel im geheimen Rothe soll mir den Dienst leisten. Liebster, gnädigster Herr Gros und Oheim! was freue ich mich jedesmal, wenn ich einen solchen Politiker erster Größe für mich kann wirken lassen! Ue- bermorgen bin ich in Mailand, und der Mönch wird auf eine oder die andere Art bestraft." Man brachte das Frühstück, während dessen dies wichtige Gespräch keine Unterbrechung erlitt. Graf Attilio sprach von der Leber weg, und obgleich besonders davon die Rede war, was seine Freundschaft für den Vetter und die Ehre des beiderseitigen Rahmens betraf, das heißt, nach seinen besonderen Begriffen von Ehre und Freundschaft, so konnte er zuletzt doch nicht umhin, das Unglück des Verwandten ein wenig zu belachen. Aber Don Nodrigo, den es näher anging, einen in aller Heimlichkeit beabsichtigten, entscheidenden Streich, mit so tollem Lerm abgelaufen und fehlgeschlagen zu sehen, ward von ernsteren Leidenschaften und lästigeren Gedanken bestürmt. „ Sie werden einen schönen Spektakel in der ganzen Gegend erregen, die Galgenstricke!" sagte er, „aberwasgeht'smich an? DieLbrigkeitverhähn'ich; für mich giebt's keine, war' gar keine da, wär's dasselbe l Dem Richter habe ich Liesen Morgen bereits nachdrücklich eintrichtern lassen, daß er sich nicht unterstehe, von dem Vorfälle Bericht zu machen. Es würde also nichts aus sich haben, aber das lange und I. N breite Geschwätz ist mir ärgerlich.—Aber, Wetter, ich bin doch nun auch hinlänglich auf so grausame Art ausgelacht." „ Ihr habt sehr recht gehandeltentgegncte Graf Attilio, „dieser Euer Amtmann, der lästige Trotz - und Dummkopf von einem Amtmanne, ist denn doch ein Ehrenmann, ein Mann, der seine Pflicht kennt, und gerade, wenn man mit solchen Leuten zu thun hat, muß man sich hüten, sie in Verlegenheit zu setzen. Wenn so ein Tagedieb von Richter seine Meldung thut, kann doch der Amtmann, mit dem besten Willen, nicht umhin — " „Ihr aber," unterbrach ihn Don Nodrigo ein wenig empfindlich, „Ihr verderbt alle meine Anschläge dadurch, daß Ihr ihm ohne Unterlaß widersprecht, aufs Marss schlagt, ja, wenn's die Gelegenheit giebt, wohl gar zum Narren habt. Warum, ins Teufels Namen! soll denn ein Amtmann kein hartmäuliges Vieh fern dürfen, wenn er nur sonst ein Ehrenmann ist?" „Wißt Ihr wohl, Vetter," sagte Graf Attilio und sah ihn mit großen, etwas spöttischen Augen an; „ wißt Ihr wohl, daß ich auf die Vermuthung gebracht werde, Ihr möchtet ein wenig Furcht haben? Macht Ihr mir mm doch selbst den Amtmann zu einer ernsthaften Person! " — „Ach, was! habt Ihr nicht selbst gesagt, daß man bedenken müsse — ? " 259 „Hab's gesagt; und wennsich's um etwas Ernsthaftes handelt, will ich Euch wohl zeigen, daß ich kein Kind bin. Wißt Ihr, was ich das Herz habe für Euch zu thun ? Ich bin im Stande, dem Herrn Amcmanne einen Besuch abzustatten. Wird ihm die Ehre wohl munde»? Ich bin im Stande, ihn eine , richtige halbe Stunde von dem Grafen-Herzoge schwatzen zu lassen und von unserem spanischen Herrn Kastellan , und ihm in allem, was er von diesen unendlichen Dingen sagt, Recht zu geben. Ich lasse dann wohl ein Wörtchen vom Herrn Onkel im geheimen Rathe fallen: Ihr wißt, welche Wirkung so etwas auf den Herrn Amtmann hat. Und endlich, endlich hat der Herr unseren Schutz mehr von Nöthen, als wir seine Gefälligkeiten. Nach diesem Pfiffe gehe ich und verlasse ihn geschmeidiger als jemals." Graf Attilio begab sich nach diesen und ähnlichen Reden auf die Jagd, Don Nodrigo erwartete voller Ungeduld Griso's Rückkehr- Endlich, gegen Mittag , kam er und kramte seine Nachrichten aus. Die Verwirrung der vergangenen Nacht machte außerordentliches Aufsehen. Das Verschwinden dreier Menschen aus einem kleinen Dorfe war etwas so wichtiges, daß man, theils aus Theilnahme, thcils aus Neugier natürlicherweise häufige, eifrige und anhaltendeNachfor- schungen anstellte. Anderseits waren auch zu viele Menschen mehr oder minder mit der Wahrheit bekannt, als daß alle hatten schweigen können. Perpetua brauchte R 2 nur den Kopf zur Thüre hinaus zu stecken, so war sie gleich von dem und jener belagert und bestürmt, zu sagen, wer ihrem Herrn eigentlich so große Furcht eingejagt habe. Wenn Perpetua alle Umstande der Sache durchging und überdachte und bedachte, wie Agnes sie an der Nase herumführle, so erboste sie sich dergestalt über diese Vcrrathcrei, daß sie das höchste Bedürfnis fühlte, sich Lust zu machen, das heißt: sie jammerte nicht etwa gegen diesen und jenen über die Art, wie sie hinters Licht geführt wurde, nein, darüber ließ sie kein Wort verlauten. Aber ein solcher, ihrem armen Herrn gespielter Streich konnte durchaus nicht stillschweigend übergangen werden, um so viel weniger, da er von dem stillen, schüchternen Mädchen der alten guten Witwe herrührte. Don Abbondio konnte befehlen so streng, bitten so inständig er wollte, sie schwieg nicht; zwar entgegnete sie stets, es sey gar nicht nöthig, ihr eine so klare Sache, die sich von selbst verstehe, erst cinzuscharfen. Aber ein solches Geheimnis befand sich im Herzen der guten Frau wie ein zu jung aufgefüllter, brausender und siedender Wein in altem, schlecht bereiftem Fasse; wirst er den Spund nicht heraus, so tobt er so lange daran herum, bis er als Schaum heraussprüht oder durch Daube und Daube sickert, und so reichlich heraustropst, daß man ihn trinken und sagen kann, was für Sorte es ist. Gervasius, dem es kaum glaublich schien, doch einmal mehr zu wissen als Andere, der es sich 261 nicht zu geringem Ruhme anrechnete, sich einmal recht sehr gefürchtet zu haben, weil er bei etwas Strafbarem betheiligt war, schien ein Mensch wie Andere geworden, und brannte vor Verlangen, sich dessen zu rühmen. Tonio, der ernstlich an die möglichen Untersuchungen und Verhöre und seine Verantwortung dachte, mockte ihm drohen so arg er wollte, alle seine Vorstellungen vermochten doch nicht, ihm jedes Wort im Munde zu unterdrücken ? Uebrigens batte er selbst, als er die Nacht bis zu ungewöhnlicher Stunde aus geblieben war und dann mit unruhigem Schritte und Aussehen und in großer Bewegung, die ihn zur Aufrichtigkeit stimmte, heimkam, seiner Frau, die auch nicht stumm war, das Ereigniß nicht verheimlichen können. Wer am wenigsten sagte, war Menico, denn kaum hatte er den Eltern den Gegenstand und die Geschichte seiner Sendung erzählt, als es diesen so entsetzlich vorkam, daß ihr Sohn das Werkzeug gewesen sey, einen Anschlag Don Rodrlgo's zu zerstören, daß sie ihn kaum endigen ließen. Sie untersagten ihm mit den allerstärksten Drohungen, den geringsten Laut oder Wink darüber zu äußern; und da ihnen am folgenden Morgen die Sache noch nicht genug gesichert vorkam, so beschlossen sie, ihn diesen und die folgenden Tage zu Hause einzusperren. Aber? — als sie selbst nun mit den Dorfleuten schwatzten und sich den Anschein gaben, von nichts mehr zu wissen als Andere; kam man aus den dunkeln Punkt der 262 , Flucht der drei armen Menschen, auf das wie und warum und wohin? — so fügten sie als bekannte Sache hinzu, daß sie sich ja nach Pcscarenico gewandt hatten. Sonach kam auch dieser Punkt zur öffentlichen Kcnntniß. Aus allen diesen zerstreuten Nachrichten, die, wie cs zu geschehen pflegt, zusammengehalten und gestellt wurden, und den Anhängseln, die bei der Zusammenreihung natürlich nicht fehlen konnten, hatte man mit der allergrößten Sicherheit und Klarheit die ungewöhnlichste Geschichte gebildet, daß der krittlichste Zweifler damit zufrieden scyn musste. Aber der Ueberfall der Bravi, der als ein zu bedeutender und tumultvoller Umstand nicht übergangen werden konnte und von dem Niemand auch nur etwas Bestimmteres wusste, machte die ganze Sache wieder verworren und unerklärbar. Man murmelte den Namen Don Rodrigo, das war gewiß, weiter wusste man aber auch gar nichts. Zwar sprach man viel über die beiden Bravi, die sich bei anbrechendem Abend auf der Straße sehen ließen, und von dem einen an der Thüre des Wirthshauses; was konnte aber daraus für Licht gezogen werden? Man fragte und fragte wohl den Wirth, wer Alles am Abend bei ihm gewesen sey, aber der Wirth erinnerte sich dessen nicht mehr und erklärte immer, daß die Wirthshäuser Meerhäfen sepen, wo einer ein - der Andere auslaufe. Am meisten verwirrte und verdrehte die Sache jener Pilgrim, den Stephan und Carl-Andres gesehen hatten, iin^ stlrn, ustiin All t-l jennj chl, MN, ml KM INL'i > W B H>lzi M jnii! I LcheisWA iilirlim 2-' ziM, Ln - likiM', >i kikuE«! ii trchi,»! Wthisiil ^ «w iinL« sich dnlsiir chne Viich iimrjlW INizuj Lmfi tz» ^ in ik t Eich 263 den die Landstreicher umbringen wollten und der dann mit ihnen fortging oder den sie fortschlepptcn. Was hatte er gewollt? War es ein den armen Frauen zu Hülfe geeilter guter Geist? War es der Geist eines bösen, verbrecherischen Pilgers, der immer des Nachts erschien und denen hals, die das Gewerbe trieben, was das seinige war im Leben? War es ein wirklicher, lebender Pilger, den die Anderen umbringen wollten, weil er die Hütte bewachte? War cs (da hatte man's ja! — ) blos einer der Spitzbuben und nur als Pilger verkleidet? War er dieses oder jenes oder soviel Anderes, woran Griso's Weisheit und Scharfsinn gescheitert seyn würde, hatte er sich diesen Theil der Geschichte nach den Gesprächen der Bauern erläutern müssen? — Der Leser weiß aber, daß er gerade ihm am klarsten war und keiner Erforschung bedurfte: er ergänzte und berichtigte sich die andern Erkundigungen, eine aus der anderen mit dem, was er wusste, und berichtete dann die Sache, ziemlich der Wahrheit ahnlick), seinem Herrn. Er erwähnte des von den Verlobten beabsichtigten Streiches, woraus sich das Leerfinden des Hauses und das Sturmgeläute, ohne Verrätherei, wie sie erst vcrmutheten, erklärte; er erwähnte der Flucht, und für die war mehr als eine Ursache zu finden: die Furcht des Paares, wegen der Strafe ihres Anschlages, oder eine von dem Einbrüche in ihr Haus empfangene Nachricht, nachdem er entdeckt und das Dorf in Alarm war; endlich erwähnte er noch das letzte, was er wusste, den Weg der Flucht nach Pescarenico. Don Rodrigo war über die erlangte Gewißheit, daß ihn Niemand verrathen habe, sehr erfreut, ebenso über die, daß keine Spur der That auf ihn weise; aber es dauerte damit nicht lange: „Alle zusammen entflohen!" rief er, „Alle! Und der verdammte Mönch! der Mönch ! " Heiser und undeutlich nur konnte er das Wort zwischen den Zahnen , mit denen er sich den Daum zernagte, hervorsprechen; sein Anblick war eben so gehässig, als seine Leidenschaften. „Der Mönch soll cs mir entgelten! Eriso! sie mögen ftyn, wo sie wollen, ich will es wissen, ich will sie aufsinden — diesen Abend noch will ich Alles wissen! Ich habe keine Ruhe! Nasch nach Pescarenico, frage, sieh', finde- Vier Scudi dafür sogleich und mein Schutz für immer! Diesen Abend will ich's wissen! Und der Schurke—! der Mönch....!" Griso machte sich abermals auf, und noch selbigen Abend hinterbrachte er seinem würdigen Herrn die gewünschte Nachricht. Er kam auf folgende Art dazu: Freundschaft ist ein starker Trost in diesem Leben, Mittheilung aber wieder ein Trost der Freundschaft. Nun ist cs mit der Freundschaft nicht, wie mit der Ehe, daß man sich paart; Jedermann hat gewöhnlich mehre Freunde, und so schließt sich Einer, wie die Ringe einer Kette, an den Andern. Benutzt ein Freund den Trost, sein Geheimniß einem Anderen 265 mitzuthellen, so theilt er natürlich demselben auch das Verlangen mit, ebenfalls diesen Trost zu genießen. Zwar bittet er ihn, cs Niemand wieder zu sagen, und eine solche Bedingung würde, wenn sie einer im strengen Sinn der Worte nähme, augenblicklich die Trostkette der Mittheilungen trennen. Aber es ist stillschweigende Uebereinkunft und Gebrauch, daß man damit verspricht, das Gehcimni'ß nur einem nicht minder vertrauten Freunde mitzuthellen und zwar unter gleicher Bedingung. So lauft es denn von Vertrauten zu Vertrauten, längs der unermeßlichen Kette, bis cs zu den Ohren des - oder derjenigen kommt, wovor der erste Schwätzer cs immerdar bewahren wollte. Hätte jeder nur zwei Freunde, den, der ihm, und den, dem er vertraut, so würde dasGehcim- niß oft weit länger laufen müssen. Aber cs «siebt Menschen, privüegirte Freunde, die deren zu Hunderten besitzen. Ist das Gcheimniß einem von diesen anheim gefallen, so läuft es so pfeilschnell um, daß man nicht mehr im Stande ist, ihm zu folgen. Wir wissen nicht genau, durch wie viel Mäuler das Geheimniß, nach dem Griso forschte, gelaufen war: so viel ist aber gewiß, daß der ehrliche Mann, welcher die Frauen nach Monza brachte, als er gegen Abend mit seinem Baroccio heim nach Pescarenico kam, und ehe er noch sein Haus erreichte, einem vertrauten Freunde begegnete und ihm das vollbrachte fromme Werk und dessen Ausgang vertraute, und daß nach zwei Stunden schon Griso zurück nach dem Schlosse seines Herrn laufen und ibm hintcrbringen konnte: Luzia und ihre Mutter seyen in einem Kloster zu Monza, Renzo habe seine Straße bis nach Mailand verfolgt. Don Rodrigo hatte eine teuflische Freude über diese Trennung, und die schändliche Hoffnung zu endlicher Erreichung seiner Absichten lebte wieder von Neuem in ihm auf. Die ganze Nacht durch sann er nach, und früh des Morgens stand ec mit zwei Planen, einem festgestellten und einem entworfenen, auf. Dem ersten gemäß mußte Griso ungesäumt auf den Weg nach Monza, um Näheres über Luzicn zu erfahren und wie man ihr bcikommen möge. Er ließ also den Biclgetreuen rufen, händigte ihm die vier Scudi ein, lobte nochmals das Geschick, mit dem er sie erwarb, und gab ihm den neuen Befehl. „Herr—" sagte Griso zögernd. „Nun? Hab'ich nicht deutlich gesprochen?" „Könnt Ihr Niemand anders schicken — ?" „Gnäd'ger Herr, ich bin bereit, mein Lebe» für Euch aufzuopfern, es ist meine Pflicht; aber ich weiß auch, daß Ihr Eure Leute nicht muthwillig preisgeben wollt." „Nun?" „Euer Gnaden weiß, daß ich ehedem manchmal bin durchgepcilscht worden, und — hier stehen wir unter Eurem Schutze, wir sind eine ganze Schaar, der 267 Herr Amtmann ist Freund des Hauses, die Hascher haben Respekt vor mir und auch ich — cs bringt zwar wenig Ehre, ist aber nur des ruhigen Lebens willen — stehe auf freundschaftlichem Fuß mit ihnen. In Mailand ist Euer Gnaden Livree bekannt, aber in Monza bin — ich's! und Euer Gnaden weiß, ich sage cs nicht, um zu prahlen, daß es ihnen ein guter Braten wäre, wenn sie mich oder meinen Kopf den Gerichten überliefern könnten. Hundert Scudi für eines wie's andere, und das Vorrecht, zwei Banditen zu befreien." „Zum Henker!" sagte Don Nodrigo, „Du kommst mir jetzt wie ein Schooßhund vor, der kaum das Herz hat, der Eintretenden Beine anzuklaffen, und sich immer dabe! umsteht, ob die Leute im Hause ihm auch helfen, der sich immer vier Schritte von wo's brennt zurückhalt!" „Gnad'ger Herr! Ich glaube Euch bewiesen zu haben-.-." „Nun also ...?" „Also...!" brach Griso, zum Aeußerstcn getrieben , unbefangen aus: „ also thuc Euer Gnaden, als ob ich nichts gesagt hatte; löwenherzig, hascnfü- ßig, so bin ich bereit!" „Ich habe auch nicht gesagt, daß Du allein gehen sollst. Suche Dir ein Paar der Besten aus, den Treffer, die Schmarre_sey gutes Muthes und vergiß nicht, daß Du Griso bist! Teufel! wenn drei Kerle wie ihr sich ruhig verhalten, wer wird wohl etwas dawider haben? Die Hascher von Monza müßten denn ihres Lebens ziemlich satt seyn, es wegen hundert Scudi auf ein so gewagtes Spiel zu setzen, und dann glaube ich doch auch nicht so unbekannt dort zu seyn, daß man meine Bedienten nicht in Ehren halten sollte." Nachdem er Griso'n auf diese Weise ein wenig beschämt hatte, gab er ihm nähere, bestimmtere Befehle. Griso nahm sich zwei Gefährten und brach mit ihnen, anscheinend munter und muthig, auf, heimlich aber Monza und die Prügel und die Liebschaften und Grillen vornehmer Herren verfluchend. Er glich dem Wolfe, der, vom Hunger getrieben, mit leeren Magen und aus dem aschgrauen Pelze hervorstehenden Ribben, von seinen schneebedeckten Bergen herabkommt, vorsichtig über die Ebne hinstreicht, und plötzlich mit vorgestreckter Tatze, wedelndem, enthärtem Schwänze und erhobener Schnauze stehen bleibt, wenn ihm ein Windzug Menschen-oder Eisengeruch zuführt; er leiht sein scharfes Gehör dahin, und die blutdürstigen Augen, aus denen sowohl Gier nach Beute, als Furcht vor der Jagd blickt, rollen im Kopfe umher. Don Rodrigo's zweiter entworfener Plan beabsichtigte, Renzo'n, einmal von Luzien getrennt, in jedem Falle abzuhalten, sich ihr wieder zu nähern und überhaupt je wieder die Gegend zu betreten. Er wollte ihn durch Drohungen und andere ausgesprengte Listen , die ihm durch einen oder den andern Freund bekannt werden mußten, von der Heimkthr zurückschrecken; bedachte aber zugleich, das Sicherste sey doch, ihn ganz aus den Lande zu jagen, wobei ihm die Gerichte mehr helfen konnten als Gewalt. So durfte man ja nur seinem Anschläge auf den Pfarrer eine schlimmere Deutung unterlegen, ihn als einen verbrecherischen Ansall und Einbruch schildern und mittelst des Doktors dem Amtmanne zu verstehen geben, daß cs darauf ankäme, einen Berhastbefehl gegen ihn ergehen zu lassen. Er selbst durfte allerdings die Hände nicht in den Handel mischen, und ohne sich weiter lange den Kopf darüber zu zerbrechen, beschloß er, sich dem Dokter Nothstall zu vertrauen, in so weit cs nöthig sey, ihm, was er von ihm wolle, klar zu machen. —- „Das Geschrei ist arg genug," dachte Don Rodrigo, „ und der Doktor kein Esel. Er wird schon aus der Sache, was heraussinden und dem schuftigen Buben eines anhangen!" — Aber, wahrend er in Gedanken mit dem Doktor beschäftigt war, als dem Manne, welcher am meistengeschickt sey, ihm in dieser Angelegenheit zu dienen, war jemand Anderes, auf den Niemand denken würde, Renzo selbst, eifrig beschäftigt, auf weit sichrere, schnellere Weise, als Alles, vom Doktor erfundene, vermocht hatte, seine Absicht ins Werk zu setzen. Renzo hatte, wie wir erzählten, traurigen Herzens in Monza von den Frauen Abschied genommen und trat, in we'cher Stimmung, kann man sich leicht vorstellen, siinen Weg nach Mailand an. Sich von Haus und Wohnort, und was ja weit schlimmer, von Luzien entfernen, sich auf einer Straße befinden, unbekannt mit Weg und Steg, und zwar alles wegen des Schurkens! — Wuth und Rache bemächtigten sich Nenzo's bei dem Gedanken. Aber da gedachte er auch^des Gebetes in der Kirche von Pescarenico; er ging in sich; von Neuem wollten ihn jene Gefühle erfassen, aber er sah "in Heiligenbild auf der Mauer, zog den Hut ab und hielt an, um einen Augenblick von Neuem zu beten. So hatte er unterwegs seinen Feind wohl zwanzig Mal ermordet und wieder errettet. Der Weg lief damals, gleichsam vergraben, zwischen zwei hohen Hügelketten hin. Er war kothig, steinig, die tiefen Furchen des Geleises wurden nach Regengüssen fast zu Bache!!, und konnten sie zuweilen die Fluth nicht fassen, so ward er fast zu einem ganz un- durchganglichen Dümpel. Renzo bestieg eine ver Anhöhen und schaute vor sich in die Ferne. Nur der ungeheure Dom war auf derweilen Ebene sichtbar; er schien nicht der Mittelpunkt einer Stadt, er schien aus einer Wüste aufzuragen; und der Jüngling, seines Wehes vergessend, versank in Betrachtung dieses Wunderwerkes, von dem er seit der frühesten Jugend immerdar hatte sprechen hören. Dann drehte er sich um nach der zackigen Bergkette am fernen Horizonte, 27l wo weih und uiüerscheidlich chcr, heimische Resegone über die anderen Hohen emporragte!' Ec fühlte sein Blut in Wallung, starrte traurig eine Weile nach der Gegend, wandte sich dann trauriger wieder uin und ging weiter. Run traten nach und nach immer mehr Thürme und Kuppeln und Dächer hervor- er kam der Stadt immer näher, und als erste dicht, .vor sich hatte, redete er einen Vorübergehenden milche äußersten Höflichkeit«,deren er fähig war, und den Worten an: , g >, , : „Mit'Etlaubniß, Herr- ,u „Was. willst Du, BurschE-.ü „Könnt Ihr,mir nicht den nächsten Weg nach dem K'apuMerklostcr zeigen, wo Pater Bonaventu« ra ist?" ' n, , Der Mann, anwelchen Retizo sich gewendet hatte, war ein wohlhabender Bewohner der Umgegend, die- fenMorgen in Geschäften nach.Mailand,gegangen und jetzt, ohneetwas verrichtet zu haben,,zurückkehrend. Er hatte große Eile wieder nach Haufe zu kommen, und jeder Aufenthalt mußte ihm daher unlieb seyn. Dcmohngc- achtet, ohne Ungeduld zu verlachen, antwortete er gefällig: „Mein Sühn! es giebt hier mehr als ein Kloster, Du mußt mir deutlicher sagen, nach welchem Du willst." Renzo suchte den Brief des Pater Christo- forus hervor, wies ihn dem Herrn, und als derselbe gelesen hatte: an der Porta orientale, gab er ihn zurück und sagten,„Du bist glücklich, braver ^Bur- l, S sche, dies Kloster ist ganz in der Nahe. Du mußt den Fußweg links einschlagen, es ist der kürzeste; Du gelangst dann bald zu einem langen, niedrigen Gebäude, dem Lazarett), und wenn Du immer längs dem Graben um dasselbe hingehst, zu der Porta orientale. Bist Du hindurch, so wirst Du nach drei bis vierhundert Schritten einen freien, mit schonen Ulmen bepflanzten Platz finden; da steht das Kloster, das Du gar nicht fehlen kannst. Geh mit Gott, mein Sohn!" Er sprach das letztere mit freundlicher Handbewegung und ging. Renzo aber war durch die Artigkeit der Mailänder gegen Fremde erstaunt und erbaut. Er wußte nicht, daß dies gerade ein ungewöhnlicher Tag war, an dem sich die Mantel vor den Jacken dcmüthigtcn. Er schlug den bezeichnten Weg ein und erreichte die Porta orientale. Der Leser denke sich dieselbe aber damals ja nicht so wie sie jetzt ist. Von der breiten, geraden, äußern Pappelallee, dem großen Zwischenräume zwischen den beiden angefangenen Bauden, den beiden Seitentreppen beim Vorsprunge der regelmäßig abgedachten, geebneten und mit Bäumen umsaumren Basteien, von dem Garten auf der einen Seite, weiter hin zur Rechten denPal- laste, zur Linken der breiten Straße zur Vorstadt, war damals nichts zu sehen- Dir Straße zog sich von außen an der ganzen Lange des Lazarcthes hin, ward dann schmäler und schlängelte sich durch zwei -Abckcn. Das Thor bestand aus zwei Säulen, die zur Ver- 273 Wahrung der Thorflügel mit einem Dache versehen waren. Auf der einen Seite stand ein kleines Häuschen für die Zolleinnehmer. Die Basteien gingen in ungleiche Abhänge aus, der Fußboden war rauh und uneben und mit Schutt und Scherben bedeckt. Den, vom Thore krumm ausgehenden Weg nach der Vorstadt, trennte ein breiter, mitten hindurch laufender Graben, der nur wenige Schritte vom Thore endigte. Der Weg war, je nach der Jahreszeit, immerfort Staub oder Schlamm bedeckt. In der Gegend des noch jetzt so genannten Korghetto floß der Graben in eine Kloake und vermittelst ihrer in den Stadtgraben. Im Borghetto stand eine Säule mit einem Kreuze; man nannte sie die Säule des heiligen Dionys; rechts und links von ihr umzaunte Küchengärten und einzelne von Bleichern bewohnte Hütten. Nenzo ging durch das Thor, keiner der Einnehmer hielt ihn an, und er verwunderte sich darüber um so mehr, als die wenigen seiner Bekannten, welche so glücklich gewesen waren, Mailand zu sehen, ihm viel über die strengen Durchsuchungen und Fragen vorredeten, die jeder Ankommende sich gefallen lassen müsse. Der Weg war ganz öde, und hätte er nicht ein fernes, große Bewegung kündendes Geräusch vernommen, so würde er die Stadt verlassen geglaubt haben. Ohne zu wissen, was er davon denke!» solle, schritt Renzo weiter und gewahrte auf dem Platze gewisse weiße, schneeahnliche Streifen. S r Scbnee konnte es nicht sepn, denn der fällt nicht in so gleichen Streifen und nicht in dieser'Jahreszeit. Er nahte dem einen , 'betrachtete, berührte ihn und fand, daß es Mehl-fey.-— „In Mailand," sagte er bei sich, „Muß großer Ueberfluß herrschen, daß man das liebe Gut so vergeudet. Wir ließen ihnen doch wissen, daß überall Hungersnoth sei) uttd sie sorgen auf solche Weise für die Armuth!'" —- Er ging- noch einige Schritte weiter und stand vor der Säule, zu deren Fuße etwas noch weit Seltsameres lag; ausi den Stufen des Piedestals nämlich lagen zerstreute Stük- ken, die durchaus >kein« Steine seyn konnten und die er, hatte er sie in einem Bäckerladen gesehen, für Brode gehalten haben würde. ^ Er konnte aber seinen Augen noch nicht so leicht glauben, denn das war doch in aller Welt kein Lrt, Brod aufzuheben? „Ich will's doch naher ansehen!" dachteer, ging dicht heran, bückte sich, hob ein Stück auf: — es war wirklich ein rundes Brod vom weißesten Mehle, wie Nenzo nur an hohen Festen zu essen gewohnt war. - „Es ist wirklich Brod!" rief er mit lautem Staunen aus: „So geht man hier damit um? in diesem Jahre? und man giebt sich, wenn es hinfallt, nicht die Mühe, es aufzuhebcn? bin ich denn im Schla- raffenlandc? — " Er war in der frischen Morgenluft zehn Miglien gegangen, hatte sich also kaum vom höchsten Staunen erholt, als das Brod auch seinen Appetit weckte. „Nehme ich's?" überlegte er: „ach 275 - was! sie haben's hier-den Hunden preiszegeben und diu darf ein. Christ wohl auch-davon essen: -iNun, und kommt der Eigenthümerdazu, sffbczahl'ich's.". Er steckte bei diesem Erdanken das eine, welches ersehen hielt, in die eine Lasche, ein anderes in die andere , ein drittes sing er an zu verzehren und ging ungewiß und neugiepig.,, was die Spachs.wohl bedeute, sveitgt.,, Er hatte erst wenige Schritte stechan, als aus dem Innern der Stadt Leute nahetcn.Lsie, nächsten betrachtete er mit großer Aufmerksamkeit- Es war Mann, Frau und hinter ihnen ein"Knabe, jedes trug eine ihm augenscheinlich zu schwere 'Last. Sie waren auffallend gekleidet' und Äber"-U'nd' über mit Mehl'bestreut, ihte Gesichter erhitzt-uitd verstört, der GanH nicht bloß unter der Last erliegend--'föndern als ob alle Glieder zerstampft und zerstoßen waren. Der ManN trug- mit Mühe einen schweren Mehlsack, der, hie und da durchlöchert, bei jedem Anstöße und starkem Tritte von seinem Inhalte verlor.- -Noch wunderlicher nahm sich die Frau mit einem Ungeheuer» Bauche aus, den die beiden ausgestreckteti Arme kaum tragen zu können schienen. Unter dem Bauche wurden zwei, bis an die Kniee nackte Beine, sichtbar, die schwankend vorschritten. Renzo sah scharfer hi» und überzeugte sich, daß dieser unförmliche Bai^ch nichts weiter sei), als der mit Mehl überfüllte Unterroch der Frau, welchen sie deshalb .so hoch cmpor- hielt. Auch sie verlor bei jedem Schritte .von ihrer übergroßen Bürde. Der Knabe trug mit beiden Händen aus dem Kopfe einen mit Broden vollgestopften Korb. Da er nicht so schnell gehen konnte wie seine Eltern, so mußte er oft laufen, die Erschütterung des Körpers warf aber dabei von Zeit zu Zeit ein Brod heraus. „Daß Du k^inemebr wegwirfst, Dummkopf....!" rief die Muttermund knirschte den Knaben mit den Zähnen an?' „ Ich werfe sie nicht weg, sie fallen von selber, was kann ich dafür?" erwiedecte er. „Sey froh, daß ich die Hände nicht frei habe!" sagte die Frau wieder, wandte die eine Faust, als wolle sie.dem armen Jungen einen Schlag geben, und verschüttete dabei einen Hausen Mehl, der in einer dichten Wolke aufstob und mehr als zwei Brvde gegeben haben würde: „Rasch, rasch!" sagte der Mann, wir können ja wieder umkehren und sie auflesen, oder ein Anderer thut's. Nach so langer Noch wollen wir das, was wir haben, in heiligem Frieden verzehren!" Indem kamen Leute von außen herzu; eines derselben redete die Frau an: „Wo holt man den» Wrod?" — „Dort, dort," crwiederte sie und murmelte, etwa zehn Schritte entfernter, hinzu: .„Die fremden Hunde werden wohl vollends alle Magazine und Backöfen leeren und uns nichts übrig lasten!" 277 „Possen! Possen!" rief der Mann, „Ueberfluß! Ueberfluß!" Aus Diesem und Anderem, was er hörte und sah, folgerte Renzo, daß die Stadt in Aufruhr und dem Volke der Sieg geworden sey; daß jeder nähme, soviel er fassen könne und statt der Zahlung Prügel austheile. Sein erstes Gefühl dabei war Mitleid. Der Zustand des ganzen Landes war so entsetzlich, daß er Ursache hatte, alles, was ihn änderte, zu billigen, und er glaubte mit den anderen Allen steif und fest: nur die Wucherer und Bäcker seyen Schuld an dem Brodmangel, weil sie aus Eigennutz ihre Vorräthe zurückhielten und ein ganzes Volk darben ließen. Lieb war es ihm aber doch, sich außer der Verwirrung zu befinden und an einen Kapuziner empfohlen zu.senn, der ihn schützen und leiten konnte. Er war wahrend dieser Gedanken noch vor mehren mit Beute Beladenen vorüber gekommen und sah das Kloster unweit vor sich. Eben wo jetzt einer der herrlichsten Palläste ersteht, war sonst, und noch vor wenigen Zähren, ein freier Platz, in dessen Hintergründe aber Kapuziner-Kirche und Kloster, vier große Ulmenvor ihm. Renzo ging gerade auf das Thor zu, steckte das halbe, übriggebliebene Brod indieBrusttascbe, nahm den Brief heraus, hielt ihn in der Hand bereit und zog die Glocke. Es öffnete sich ein kleines, vergittertes Thürfenster und zeigte sich an ihm das Antlitz des Bruder - Pförtners, der fragte, wer da sep? L78 „Ein Sandmann, der dem Paket Bsnaventura einen wichtigen Brief vom Pater Christostrus öringk.'^ „Gebt!" sagte det Pförtner'und steckte die-Hand durchs Gitter. ^ .io ' ' - . „ Rein, nein!" sagte Renzo, „ ich muß ihn in des Paters eigne Hände geben/*! ^ - „Er ist nicht im Kloster." ,6 I- . -ni n-76) „ So laßt mich ein, daß ich ihn erwarte >" er- wiederte Nenzo^ - n ' „Folgt meinem Ralhe," sagtederBruder, „und wartet in der Kirche, da könnt Ihr ein gutes Merk verrichten. Ins Kloster kommt jetzt Niemand.^-" Ec schloß das Fenster wieder/-'Renzo blieb Mit>'semeM Briefe in der Hand verdutzt stehen und ging nach- der Kirche. Auf halbem Wege besann er sich aber, doch vorerst dem Tumulte naher zuzuschcn. Ec ging wieder über den Platz, stellte sich an die Straßenecke und sah, mit kreuzweis über der Brust verschränkten Armen, traurig nach der innern Stadt, wo der Aufruhr am stärksten und lautesten tobte. Der Strudel zog ihn an. „Will doch zusehen!" sagte er, langte sein Brod wieder hervor und wanderte, immer davon essend, naher. Wir wollen, während er unterwegs ist, Ursachen und Anfang der Umwälzung berichten. Ende deS ersien Th eilt-