A. F. E. Langbein's prosaische Schristen Neue Auflage in zwölf Bänden. Zweiter Band enthält: Thomas von Pampel. — Unterhaltungen für müßige Stunden. Mit sechs Stahlstichen. Stuttgart: Verlag von Kchciblc, Aieger L Sattler. 1847. Thomas von Pampel, genannt Kellerunrrin. Geschrieben 1 8 0 6 . Erstes Kapitel ttmris; des Helden. ,,^)alt, Kutscher! — Potz Wetter! so holt doch, du tauber Esel!" — rief Junker Thoms, als er tu der Vorstadt nah am Thorc eines Bäckerladens ansichtig wurde, wor- uach er schon lauge seine Augen vergebens ans Kundschaft ansgesandt hatte. Der Pfcrdelenkcr, den die dicken Backen seiner Pudelmütze etwas harthörig machten, vernahm endlich das Zetergeschrei seines hungrigen Herrn, und zügelte das Rappen- und Schimmclgcspann. Thoms walzte sich ans der Kalesche und kaufte für drei Groschen Senuucln, nach langer Auswahl der größten und vollwichtigsten Zeilen. Dan» fuhr er, lustig speisend, hinein in die Stadt und antwortete kauend auf die gewöhnlichen Thorfragcn: er heiße Thomas von Pampcl, und komme vom Landgntc seines Vaters, um bei der Garnison als Kadett eingestellt zu werden. Der wachhabende Officier (ein gewisser Herr von Springwall, den wir in der Folge näher werden kennen lernen) sah den wohlbeleibte» Jüngling mit Verwunderung an, wünschte lächelnd ihm Glück und entließ ihn ohne weitere Umstände, weil er ihn, wie er sagte, nicht länger abhaltcu wolle, sein ansehnliches Frühstück in Ruhe zu genießen. -<>-§> 6 Der Wagen rumpelte fort. Die versammelte Thorwache dünkte sich durch den Scherz des Osficicrs berechtigt, ein lautes Gelächter aufznschlagcn und über die drollige Figur dcS neuen Waffenbruders tapfer zu witzeln. Nun, cs war nict't zu längnen, daß ihn ein stattlich runder Bauch, strotzende Pausbacken, eine Untcrkchlc von einigen Stufen, und knrw, dicke Elephantenbeinc vor tausend andern jungen Burschen anszcichnctcn, und ihn, da er übrigens von kleiner Statur war, zu einer purzlichcn Tonncngestalt machten, die man nickt ohne Gemüthsergötzuug anseheu konnte. Ihn focht das nicht an, und er zähmte deßhalb seinen raschen Appetit nicht im geringsten. Der Bauch war sein Gott und sein Staat, den er eben so thätig zu arrondiren suchte, wie die Fürsten den Körper ihrer Reiche. Sckw» als Säugling schien er mit diesem Vorhaben beschäftigt, Es mußten ihn zwei Ammen verpflegen, den» Eine that ihm nicht genug; und nebenher genoß er noch von derben Speisen so viel, als ein erwachsener Mensch. Seine unmäßige Eßlust vermehrte sich mit den Jahren, und ward von seiner Mutter, die etwas schwachen Verstandes war und selbst gern den ganzen Tag schlampamtc, eben so geflissentlich befördert, wie andere vernünftige Ael- tern dieser widrigen und verderblichen Unart entgegeuar- bcitc». Sie unterhielt Jahr aus Jahr ein für sich und ihr Goldsöhnchen ein großes Magazin von Leckereien aller Art, und so oft er sich vor ihr sehen ließ, fragte sie recht ängstlich: „Bist du nicht hungrig? Willst du nicht essen?" Es versteht sich, daß er immer Ja sagte. Nun bot sie ihm alle ihre Nahrungsschäßc, und drang ihm noch mehr davon auf, als er selbst wählte. So erlangte sein Magen eine unglaubliche Fertigkeit, viel zu beherbergen. Mutter GanS hatte ihre einzige Freude daran; und da sie des Glaubens -c>-R 7 So- lebte, daß Kopfanstrengung dc» Körper und besonders die Verdaunngswcrkzeuge schwäche, so stritt sie heftig dagegen, wenn Thomschen zum Lernen angehalten werden sollte. Sie selbst hätte die schönste Gelegenheit gehabt, ihn wenigstens in der Geographie nach der neuen Methode zu unterrichten, die im Pariser Nlmnuuoll ,I<>« 6»urm->nci« empfohlen wird und darin besteht: daß man bei jedem Lande und bei jeder Start, die man den Kindern nennt, ihnen die vorzüglichsten Speisen, die dort erzeugt oder bereitet werden, zu genießen gibt. Zum Beispiel: bei Westphalcn — ein Stückchen Schinken: bei Göttingen — eine Wurst; bei Nürnberg — einen Pfefferkuchen und so weiter. Wäre diese Lehrart bei dem kleinen Thomasius angewandt worden: er hätte gewiß in der Erdkunde die herrlichsten Fortschritte gethan. Aber Mama ließ ihn die halbe Welt durch- schmauscu, ohne ihm nur zu sagen, daß er in Deutschland zu Hause scp. Es hatte ganz das Ansehen, als wollte sie ihn aus blinder Affenliebe zu Tode füttern; doch kaum war er sechs Jahre alt, da starb sic selbst plötzlich an einer unheilbaren Ucberladung des Magens. Nun übernahm der Baker (der sich bisher, aus Liebe zum edlen Hausfrieden, um die Erziehung wenig bekümmert hatte) das Vcrpflegungsamt und griff die Sache ganz anders an. Er besorgte, das junge Hcrrlcin würde zuletzt ein wahrer Nimmersatt werden, und beschränkte deßhalb seine Mundportionen mit spartanischer Strenge. Allein der Versuch, den kleinen Vielfraß zur Mäßigkeit zu gewöhnen, kam zu spät. Er schnurrte, über Hunger klagend, im Dorfe herum, erwarb sich Gastfreunde durch lustige Possen, und schnellte manchen einfältige» Baucrknabcn durch Ränke und Schwänke um sein Butterbrod. Auch im väterlichen Hause war nichts Ge- -SZ> 8 meßbares vor ihm sicher. Er schüttelte das Obst noch unreif von den Baumen, plünderte die Hühner» ester und ließ sich heimlich Eierkuchen backen. Als er älter ward, mußte der Vater die Kcllcrschlüsscl immer in der Tasche führen und bei Nacht unter sein Kopfkissen legen: sonst stand der Herr Sohn wie ein Blitz vor den Wein- und Bierfässern und zapfte so lange, bis er sich ein Räuschchen getrunken hatte. Dabei liebte er Ruhe und Bequemlichkeit über alle Maßen, »nd trieb dicß sogar bis zur leidenschaftlichen Verehrung oder vielmehr Anbetung der Faulheit; denn sie ward ja in »nscrn Tagen für göttlich erklärt. Den Himmel dieser Göttin und seinen — das Bett — verließ er keinen Morgen eher, als bis ihn ein väterliches Donnerwetter hcrausjagtc; und ans dem nächste» Stuhle schlief er wieder ein, sobald er irgend eine Arbeit vor die Hand nehmen mußte. Nur dann war er geschäftig wie eine Biene und verschmitzt wie ei» Fuchs, wen» cs darauf ankam, seinem Gaumen einen behaglichen Genuß zu bereiten. Mit Einem Worte: Müßiges Wohlleben war sein Dichten und Trachten von Jugend auf. Bei allen diesen Untugenden konnte man ihm nicht gram sepn. Er war ohne Falsch, hatte Mutterwitz und eine reiche Ader von lustiger Laune, die auch bei den empfindlichsten Widerwärtigkeiten, die ihn betraft», nicht versiegte. Seine schwächste Seite war ein hoher Grad von Feigheit. Er verstand sich jedoch meisterlich darauf, diese Aehn- lichkeit mit dem Hascngcschlechte unter der Larve der Prahlerei zu verstecken, und sich vor Leuten, die ihn nicht genau kannten, das Ansehen eines Löwen zu geben. Sein eigener Vater wußte nicht, wie schlimm es mit seiner Herzhaftigkeit aussah, und bestimmte ihn ohne Bedenken zum Sol- 9 datcnstandc. Der Chef des nächsten Regiments, der sein alter Frcnnd war, gewahrte die erbetene Kadcttcnstellc anfs erste Dort. Thomas war damals schon ein Knäblcin von zwanzig Jahren. Als ihn der Vater an den Neisewagcn begleitete, kam der Schcnkwirth des Dorfs außer Athcm gelaufen und überreichte die Rechnung einer starken Bicrschuld, die unsere angehende Krieg sgurgel — eine veraltete, aber hier sehr passende Benennung eines unmäßigen Soldaten — heimlich gemacht hatte. Dieser Austritt verfeinerte die Zärtlichkeit des Abschieds ein wenig; doch nach kurzem Sträuben übernahm der Vater die Lösung des angebundenen Bären. ' -o-D 10 E<>- Zweites Kapitel. Die Kinder und der Papa. — Rekrntcn-Leiden. „Alle Wetter!" — rief der General bei der Vorstellung des neue» Kadctts — „Das Heist doch ein stammhaster Rekrut! — Oder hat er vielleicht ein halb Schock Röcke und Wämser über einander gezogen?" Thomas war nicht beherzt genug, diesen falschen Vcr-, dacht zu widerlegen; aber der Feldwebel, der ihn hcrgeführt hatte, versicherte für ihn: er habe nur ein einziges Fähnchen ans dem Leibe. „Nun, da kann er sich, bei meiner Seele! für Geld sehn lassen!" sagte der spaßhafte Feldherr. „Aber so ein Präla- tc »bauch und die knappe Löhnung! — Wie werden sich die zusammen vertrage»? — Gibt's brav Zuschuß von Hause?" Der Junker antwortete: sein Vater habe ihn beim Doktor Kirchhof in Kost und Wohnung verdungen. „Bei nnscrm Kirchhof?" — sprach der General und lachte gewaltig. „Das hat er gut gemacht, der Herr Vater! Des Doktors Küche ist ein wahrer Gesundheitstcmpel für solche Flcischmasscu. — Nun geh, mein Sohn, laß dich in der Montirungskammer kleide» und lerne fleißig den Dienst! Ein großer Heid wirst du wahrscheinlich nicht! aber einen tüchtige» Lückenbüßer in der Arme kannst du wohl abgebcn." — -»§> 11 <§->- Thomas probte vergebens die Montirungskammcr durch: cs fand sich kein Rock, der ihm weit genug war. Der Re- gimentsscbncider lieferte ihm eine neue Uniform, worin er Platz hatte, »nd nun sah er aus, wie der Großvater der übrigen Kadetten und Fahnjnnker. Die muthwilligen Kinder neckten Anfangs de» dicken Papa; allein er war doch nicht so feig, sich das gefallen zu lassen. „Ihr Spulwürmer! ihr Häringslcibcr!" fuhr er sic an: „Höhnt ihr mich deßwegen, weil ich keiner Schneidercllc gleiche, wie ihr? - Kommt nur in den Krieg, da stößt euch jeder Troßbnbc über den Haufen: aber ich — ich stehe fest, wie ein Berg!" — So schalt er um sich herum mit geballter Faust, und schaffte sich Ruhe. Die ersten Wafftnübungen wurden ihm blutsauer, ob er sich gleich lange nicht so albern dazu anstclltc, wie jener Rekrut, der nicht wußte, was rechts und links tvar und seinen Ercrciticnmcistcr in die Nothwcndigkcit setzte, ihm auf den rechten Arm ein Büschel He» und auf den linken ein Büschel Stroh zu binden, und He»-um! Stroh-um! zu kommandircn. Unser Thomas begriff alles leicht; sein nnbehülflicher Körper konnte nur das Begriffene nicht rasch gcnng ausführen. Da cs vollends znm Abfcuern des Gewehrs kam, machte seine Furchtsamkeit das Uebcl noch schlimmer. Er zitterte bei jedem Schuß, weil er sich immer die Möglichkeit dachte, der Flintenlauf könne zerspringen und ihn auf der Stelle seines jungen Lebens berauben. Auch sein armer, ans dem Gliede hervorstrcbender Bauch hatte mancherlei Verfolgungen auszustchen. Die Osficicre nahmen an ihm eben so viel Acrgerniß, als ehemals ein französischer RcvolntionSschwärmcr an dem berühmten Mün- sterthnrm in Straßburg, der ihm ein solcher Dorn im Auge war, daß cr im Jaeobinerklnbb ernstlich und dringend vor- schlng, ihn abzutragen, weil cs den Grundsätzen der Gleichheit entgegen sey, daß ein Gebäude so unverschämt stolz über alle andere hcrvvrragc. Drittes Kapitel. Der Kadett btokirr eine Festung. Thomasens Vater diente weiland als Hauptmann in der ArmeennL Kirchhof war Fcldschccrcr bei seiner Kompagnie. Daher schreib sich ihre Bekanntschaft. Der Wundarzt pfuschte nebenher ins Fach der inner» Heilkunde, und erhielt von einer gefälligen i nivcrsität, die nickt ihn, sondern nur sein Geld craminirtc, das Doktordiplom. Er hatte das Pulver nicht erfunden, das auf dem Schlacht- fclde Tausende hinstreckt; aber die lateinischen Namensvettern dieses Möuckskiudcs, die er auf seinen Rezepten verschrieb, thatcn wahrscheinlich dieselbe Wirkung: denn niemand in der ganzen Stadt grüßte ihn so höflich und so ehrerbietig, als der Todtcngräbcr. Nach diesem verdächtigen Zeichen zu nrtheilcn, war Kirchhof gewiß, dann' und wann an der Verminderung des Menschengeschlechts nickt »»schuldig. Er hätte daher auch billig für dessen Vcrmchrnng sorgen und möglichsten Scha- ncncrsatz leisten sollen; allein er ließ den Segen: Sepd fruchtbar und mehret euch! nie über sich sprechen, sondern wirthschaftctc als Hagestolz mit einer Haushälterin, deren ehrwürdiges graues Alter und beispiellose Häßlichkeit ihn übrigens vor dem Stich böser Zungen sickcr stellten. Diese Matrone, Namens Jutta, suchte in der Sparsam- -°-D 14 «Kokett ihres Gleichen. Tausend lächerliche Anekdoten von ihrem Geize waren im Umlauf. Daher lachte denn auch der General, als er hörte, daß Thomas ihr Kostgänger ward. Sie hielt jedem zehn Mal nmgewandtcn Pfennig, von dem sic sich trennen mußte, eine bewegliche Abschieds- rcde, wobei ihr bisweilen Thräne» in den Augen standen. Unter ihrer Leitung war der Tisch immer so mäßig bestellt, daß der Doktor gewiß nie eine Magcn-Ueberladung, die man sich in seinem Hanse zngczogen hatte, in die Kur bekam. Er und sie schienen an dem dürftigen Gehalt der aufgetischten Zcisigsnäpschcn volle Genüge zu haben; Thomas hingegen machte große Auge», als ihm kleine Bissen vorgelcgt wurden, die kaum ei» Duodczmännchen aus Liliput gcsättigct hätten. So lange sein von Hanse mitgebrachtes Taschengeld aushiclt, kümmerten ihn diese spaßhaften Schatten-Mahlzeiten wenig. Er eilte, sobald sie vorbei waren, in die nächste Garküche und aß mit Herzenslust auf Ein Mal so viel oder wohl gar noch mehr, als er in acht Tage» aus der Tafel seines Vcrpflcgers zu sehen bekam. Unter diesen Umständen ging es aber mit seinen Noth- pscnnigen bald auf die Neige; denn sei» Vater hatte ihn mehr mit Lehren und Ermahnungen, als mit Silber und Golde versehen. Nu» war guter Rath thcuer, der Garkoch und der Bäcker versagten ihm Kredit, und seine Kameraden ein Darlchn. Der Hunger setzte ihm täglich mehr zu; er wurde matt wie eine Hcrbsifliege, und gerietst oft in Versuchung, seine Patrontasche anzubcißcn. I» diesen Aengsten spielte er eine kleine Komödie, durch die er wenigstens auf es» paar Tage eine bessere Lcibes- pflcge zu gewinnen hoffte. Er fing nämlich an, über tausend Uebelkcitc» zu klagen, wankte mit schleichenden Schritten herum, legte sich ins Bett und that so schachmatt, als 15 <§-<> ob sein letztes Stundlein vorhanden sep. Nach seinen Gedanken sollte nun der Doktor die schleunigste» Anstalten treffen, ihn durch Kraftspcisen und alte, köstliche Weine wieder ans die Beine zu bringen. Herr Kirchhof war jedoch nicht gewohnt, mit der Nheinweinflaschc gegen den Tod ins Feld zu rucken, wie heutigen Tages viele muthigc Aerzte thnn. Er kämpfte, wie deren Gegenfüßler, mit Purgiermittcln und Hafersuppen wider ihn, und griff auch jetzt eilig zu diesen Waffen, als er hörte, daß der Feind des Lebens gegen den Herrn von Panipcl im Anzüge scp. Der verstellte Kranke sah sich also mit Verdruß in seiner Erwartung getäuscht, genoß aber dennoch, um sei» Trugspiel nichr zu verrathcn, eine Hand voll Pillen und schwemmte sie mit einer Tisane hinunter. Als das ubcrstandcn war, verließ er unverzüglich das Bett, um mit dem zweiten Gange dieses medicinischcn Gastniahls verschont zu bleiben. Es war ihm lange unbegreiflich, wie der Doktor und die ehrsame Schaffnerin das tägliche Fasten und Kasteien ihres Leibes aushaltcn, und dabei so munter und kugelrund scpn konnten. Besonders war Frau Jutta so wohlbeleibt, daß sic in dem Lande der Mauren, wo die schwerfälligsten und dicksten Weiber für die schönsten geachtet werden eine Venns vorgestellt hätte. Thomas kam endlich der Quelle ihres Wohlscpns auf die Spur. Er entdeckte, daß sic immer nach aufgehobener öffentlichen Tafel einen Privatschmaus mit einander hielten, und hierzu allerhand Leckerbissen aus der Speisekammer herbeischafftcn. Dieses Magazin blokirten nun seine Augen so scharf, als bald nach Anfang des laufenden Jahrhunderts Englands Flotten die französischen Häfen. Wie aber Napo- * Mungo Ptirk's Reise in Afrika. -O-§> 1 6 lcons Schiffe oft anslicfcn, ohne baß cs den Britten gelang, sie aufznfangcn: so sah anch er von einem Tage znm andern verdeckte Schüsseln hin nnd her tragen, die er nicht wcgkapern konnte. Einer so fruchtlosen Blokade müde, beschäftigte er sich mit Entwürfen, die Bratenfcstnng zn überrumpeln. Doch das war nicht leicht. Die Kom- mandantin trug den Schlüssel nebst mehreren andern an ihrem Schürzenhake», »nd rasselte damit wie ein Gespenst im Hanse herum, ohne sich einen Augenblick von diesem Ehrenzeichen ihrer Würde zn trennen. -o-§> 17 ^-c>- Viertes Kapitel. Die Festung wird erobert. Eines Abends, als der Doktor ansgegangen war, lud Frau Jutta den Kadett in ihr Stübchen ein, damit in dem scinigcn Licht »nd Heizung erspart werden konnte. Er nahm die Ehre ihrer Gesellschaft mit Vergnügen an und bot allen seinen Witz ans, sic angenehm zu unterhalten, weil er durch eine gute Bcwirthuug dafür belohnt zu werden hoffte. Aber diese Rechnung schlug fehl. Er sprach sich den Mund vergebens trocken, und verschwendete sogar ohne glücklichen Erfolg eine Menge Handküsse, die zwar äußerst gnädig ausgenommen wurde», doch die undankbare Alte nicht bewogen, ihm ein Glas Wasser anznbieten. Sic hingegen watschelte mehrmals in ein Nebcngcmach und letzte sich in, Stillen an einer Hcrzstärknng, die nach »nd nach wie ein Opiat auf sie wirkte. Sic schlief unter den geistvollen Reden ihres Gescllschaftskavalicrs ein »nd gab so rauhe Tone von sich, als ob in der Nähe eine Brct- mühlc im Gang wäre. Schweigend und mit verschränkten Armen betrachtete Thomas die reizende Schläfen», sah das Schlüsselbund an ihrer Hüfte, und ein böser Dämon, der in seinem leeren Magen wohnte, gab ihn: den gefährlichen Rath, diese Gelegenheit zu einem Strcifzuge in die Speisekammer zu Laugbein'S sümmti. S,1>r. VI. Bb. 2 18 nutzen. Sei» besserer Genius betete ihm zwar das siebente Gebot vor: allein er achtete das nicht, weil ihn schon in der frühesten Jugend seine Wärterin und andere Dienstboten belehrt hatten, daß Eßwaarcn nicht darunter begriffen wären. Es kam also nur darauf an, ob Jutta fest genug schlafe. Er pruste sic durch Huste» und anderes Geräusch: sic rührte sich nicht. Er rüttelte und schüttelte sic, zupfte sic sogar au der Nase: sic lag wie ei» gefühlloser Stein. So gesichert, schritt er behutsam zum Werke uud häkelte mit katzcnartiger Geschicklichkeit de» Schlüsselring aus dem Schürzenbaudc. Er kannte den rechten Burschen, und fand ihn bald aus der übrigen Gesellschaft heraus; doch Plötzlich verlor er den Muth, die Sache weiter zu treiben. Es war ihm nicht bange, auf der That ertappt zu werden; er fürchtete blos, daß irgend ein Unhold die Schätze der Speisekammer bewachen und ihm das Gcnik breche» möchte. Man verdenke ihm das nicht! Viel klügere Leute, als er, glaubten vormals Gespenster. So sott sich, zum Beispiel, im Stadtarchive zu Hcchingcn in Schwaben ein landesherrlicher Befehl vom Jahre 1725 befinden, worin Jedem, der einen Kobold, Nir oder anderes Ungcthüm, lebendig oder todt, dem Obcrjägcrmcister eiuliefcrt, eine Belohnung von fünf Gülten versprochen wird. Aber wären auch fünf Millionen zu gewinnen gewesen, eine so halsbrccheude Jagd hätte Thomas gewiß nicht unternommen; denn er zitterte vor solchem grimmigen Wilde, wie vor dem lebendigen Teufel, und das machte ihn jetzt eine lange Weile sehr unentschlossen. Der Sporn der Lüsternheit stachelte ihn vorwärts; der Zügel der Angst zog ihn wieder zurück. Doch am Ende ward er hartmäulig und achtete des Zaumes nicht mehr. Er nahm das Licht -o§> 19 <§o- vom Tische, schlich auf den Zehen aus der Stube, schloß die Thür — »in vor einem Ucbcrfall sicher zu sepn — leise hinter sich zu, öffnete mit gleicher Vorsicht die Speisekammer, senkte geschwind ein paar geräucherte Würste in die Tasche, und als er zurück kam, schlief die Matrone noch wie ein Hamster. Wohlgemuth brachte er die Schlüssel wieder an ihren gewöhnlichen Ort, und lechzte vor Sehnsucht, die gemachte Beute in seinem Kämmerlein ruhig zu verzehren. Es schien ihm aber nicht räthlich, wie die Katze vom Taubcnschlage davon zu gehen und sich dadurch verdächtig zu machen. Er setzte sich daher auf den Fußboden, und warf neben sich mit großem Gepolter einen Stuhl um. „Herr Jemine! was gibt's?" rief Frau Jutla, ans dein Schlaf empor fahrend. Der Schalk sprang auf, rieb sich die Augen, und bat um Verzeihung, daß er sic erschreckt habe. Er scp eingeschlummcrt, gab er vor, und nnt dem Stuhl uin- gefallcn. Sic glaubte das, lachte sich aus dem Athcm, und ricth ihm, zu Bette zu gehen. Er empfahl sich mit Freuden, und schlief so satt und fröhlich ein, als er seit langer Zeit nicht gewesen war. Fünftes Kapitel. Der Krug geht sr lange zum Wasser, bis er bricht. Die Speisekammer war so reichhaltig, daß zwei oder drei Plünderungen, die der Kadett kurz »ach einander ans ähnliche Art unternahm, nicht bemerkt wurden. Durch sein Gluck kühner gemacht, that er aber nun einen gar zu unverschämten Griff in die Wurste, und hieß sogar einen ganzen Schinken mitgehn. Sv war es natürlich, daß die Hansvcrwalterin bei der nächsten Uebcrstcht ihrer Vvrräthe die beträchtlichen Mängel wahrnehmcn mußte. Sic lief mit Jammergeschrei zum Doltor und gab ihm Kunde davon. Beide zerbrachen sich eine Weile mit schwankenden Mnthmaßnngcn über den Thäter den Kopf. Am Ende ruhte der Verdacht ans dem cßgierigen Miethmann, und sie erricthcn so ziemlich, wie er seine Partirerei an- gestcilt hatte. ^ Ans Achtung gegen seinen ehemaligen Vorgesetzten, den alte» Kapitän Pampel, wollte Kirchhof nicht all die große Glocke schlagen, daß der fange Herr lange Finger gemacht hatte; doch fand er nöthlg, diesen ein Bißchen darauf zu klopfen, damit er künftig das Speisegewölbc in Nahe lasse. Nach kurzem Besinnen gab ihm die Feigheit seines Hausgenosse,i, die feiner Beobachtung nicht entgangen war, eine Nnthc in die Hand, womit er ihn zu züchtige» beschloß. -oD 2t Er vertraute sein Vorhaben der Haushälterin nicht, sondern befahl blcs, den >ungen Raubritter auf den Abend wieder in ihre Stube zu uöthigcu, scheinbar cinzuschlafen und sich nicht zu regen, er möge »nt ihr vornehmen, was er wolle. „Pfui, Herr Doktor!" rief Jutta entrüstet: „Mit mir vornehmen lassen, was er will? — Das war' mir gelegen ! Ich bui eine tugendhafte Person, daß Sie's wissen! Eine Person, die ans Ehre halt; und der junge Lecker, der mir immer schon freundlich nachgeschlichcn ist, konnte wahrlich ans Dinge verfallen, die mich zeitlebens in Schande brächten." „Hat nicht Noth!" sagte Kirchhof. „Er wird nach Ihrem Schlüsselbunde greifen, und weiter nicht. „Nun, das wollt' ich mir auch ausbitte» !" versetzte sie. „Ich schreie sonst, daß man's über zehn Häuser weg hört." — Es ward Abend. Der Doktor machte geheime Anstalten ln der Speisekammer und versteckte sich darin. Thomas wußte von den, allem nichts; und da er seit einigen Tagen keine Gelegenheit gefunden hatte, seine Naschbcgierdc zu befriedigen, so schlich er, wie der Fuchs um ein HiihncrhanS, Vor der Stnbenthnrc der Alten heruni und beehrte sic mit einem zierlichen Scbarrfnß, als sic unter dem Schein, etwas in der Küche zu besorgen, heranskam. „Guten Abend, Jnnkercl cn!" sagte sic freundlich. „Wie geht's? wie steht's? Friert S c o cn in Ihrem Pallaste?" „Ganz verdammt, lici cs Mamachen!" antwortete er und hauchte in die Hände. „Na, so kommen Sic doch in meine warme Stube!" sagte sie. „Ich bin freilich eine traurige Gesellschafterin; ich nicke bald ein." 22 S» „Thut nichts!" versetzte Thomas. „Sie sind mir auch schlafend die scharmanteste Frau von der Welt." So gegen einander hösclnd, traten sie in die Stnbc. Jutta pflanzte sich in ihren Lehnstuhl am Ofen und spielte bald die Schlafende. Thomas untersuchte die Festigkeit ihres Schlummers, erließ ihr sogar die Nascnprobe nicht, stahl ihr dann sauber die Schlüssel und schwebte so leicht, als ein solcher Bleimensch auf den Zehen schweben kann, mit einem Lichte in der Hand, aus dem Zimmer. Er kam vor der Speisekammer glücklich an, öffnete sie sacht, druckte die Thür mit Vorsicht wieder zu und wandte sich rasch nach der Gegend, wo er fouragircn wvll e. Aber o Himmel! welche gräßliche Schildwache fiel ihm dort in die Augen! Der Tod, der leibhafte Tod stand da, mit seiner Sense bewaffnet, klapperte mit allen seinen Gebeinen und bewegte sich ihm entgegen. Er entsetzte sich, daß ihm Hören und Sehen verging, that ritte» Nticksprnng, trat aus Erbsen, die am Fußboden verstreut lagen, glitt aus und fiel mit dem Gefäß in einen große», bis oben an den Rand angefülltc» Buttcrtops, der unter ihm krachend zerplatzte. Da klebte nun der arme Schelm, wie ein Vogel an der Lcimruthc; und als er sich mit Gewalt in die Höhe riß, blieb wenigstens ein Pfund Butter am Hintertheilc seiner Beinkleider hangen. Unbewußt dieser Eroberung, floh er über Hals und Kopf. Seine Fnfistapfen trieften, mit David zu reden, von Fett. Er stürzte wie ein gehetzter Hirsch in seine Kammer, warf sich unentklcidet in's Bett, wühlte sich tief in die Federn, und schlief unter Heulen und Zähnklappc» ein. Sechstes Kapitel. Das seltsame Fieber. '— Fatale Krankeabcsuche. Ein Kind kann cs erreichen, daß der Knochenmann in der Speisekammer nichts anders als ein Skelett war, das Kirchhof heimlich dahin stellte, und, hinter einem Schranke Verborgen, durch Zugfadc» bewegte. Thomas hatte sein Leben lang ein solches Bcingerüst weder gesehen, noch in seinem Dorfe davon gehört l es war also kein Wunder, daß ihn ein panisches Schrecken ergriff. Das eben wünschte der Doktor, und schaffte noch in der Nacht das Geripp auf den Boden zurück, wo sein gewöhnlicher Standort war. Am folgenden Tage sollte Thomas zum ersten Mal auf die Wache ziehe». Aber wie war das möglich, da die unglücklich abgelaufcne Unternehmung des vorigen Abends seiner einzigen Montur eine Menge Butter- und Schandflecken angchangcn hatte! Er mußte schlechterdings fehlen , als sich seine Kompagnie vor der Wohnung des Hauptmanns zur Wachparade stellte. Der Feldwebel kam, ihn zu holen, und wetterte barbarisch, als er ihn noch ü» Bette fand. „Ach, bester Herr," seufzte Thomas, „eifern Sic nicht so sehr! Ich stand mit Anbruch des Tages auf, und bin, wie Sie sehn, schon im Zeuge; aber plötzlich überfiel mich ei» Schwindel — eine Art von Schlagfluß — ich mußte wieder ins Bett kriechen, und bin noch so matt, daß ich nicht auf den Beinen stehen kann." — „Mordpestilcnz!" fluchte der Feldwebel, „warum ließen Sic sich nicht bei Zeiten krank melden? ES ist Ihr Glück, daß wir nicht Krieg haben; sonst glaubte man, hosts der Henker! Sie hatten das Kanoncnficbcr." — Hiermit ging er eilig davon, um einen Nothnagel auf de» Paradcplaß zu schaffen. Ans der Treppe begegnete er dem Doktor, und empfahl ihm den Patienten. Kirchhof versprach mit schlauem Lächeln, ihn sogleich zu besuchen, und kaum freute sich Thomas, des donnernden Feldwebels los zu scpn, als schon der doppelt gefürchtete Hauswirth vor sein Bett trat. „Ich höre mit Bedauern," sprach er, „daß Sic plötzlich krank geworden sind. Lasten Sie mich dock Ihren Puls untersuchen!" Zitternd reichte ihm Thomas den Arm. Kirchhof befühlte ihn und schien zu stutzen. „Sic sind wirklich sehr krank!" sprach er: „Sic haben das Butterficber! — Ilms Himmels willen! wie kamen Sie dazu?" — „Ich wüßte doch nicht" — stammelte Thomas, und ward kirschbrau» im Gesichte. „Sie habeu's, auf mein Wort! Die Natur half sich aber schon, wie mich dünkt, durch einen starken Schweiß. Erlauben Sie doch!" — Nasch und unbarmherzig entzog er dem armen Junker, den ein vollständiges Angsifieber schüttelte, das Deckbett, und verbiß mit Mühe das Lachen, als er ihn in zerschmolzener Butter schwimmen sah. „Stehn Sic in Gottes Namen auf!" sprach cr i „Sie haben sich wieder gesund geschwitzt! — Aber ein unbegreifliches Näthscl ist mir der sympathetische Zusammenhang Ihrer Krankheit mit der Butter in mcinem Speiscgewölbc. Die ist in der vorigen -->§> 23 D 27 29 Sound befand sich gegen Abend in der That nicht wohl. Aber der wachhabende Lieutenant war gegen seine Klage» taub und bcthcnerte mit einem Strom von Fluche»: er müsse Schildwachc stehn, lebendig oder tobt. Die Glocke schlug Elf. Der Kadett schauderte zusammen, stürzte voll Verzweiflung ein grobes Glas Branntwein ans, schob ein Fläschlein dieses Mnthtranks in die Tasche und schritt mit wankenden Kniecn und leisen Stoßseufzer» dem Gefreiten nach, der ihn zum Kloster führte. Gleichwie — nach den Worten eines alten Kirchenliedes — gleichwie sich fein ein Vögelei» im hohlen Baum verstecket . wenn's trüb hcrgeht: — so faßte auch er unter Weges den tröstlichen Entschluß, tief ins Schilderhaus z» kriechen, das Gesicht an die Hintcrwand zu drücken und die ganze Welt mit dem Nucken anzusehcn. Als er aber auf seinem Posten ankani, vermißte er mit Schrecke» das wohlthätigc Schntzgehänse, worauf er gerechnet hatte, und der Gefreite wicö ihn an, bei üblem Wetter in eine Halle zu flüchten, die sich vor der Pforte der Klosterkirche befand. Diese hölzerne und schon ziemlich verfallene Laube, die gleichsam die Vorrede des Gotteshauses war, hatte für ihn eben so wenig Werth, als meistens die Vorreden der Bücher für den großen Hansen der Leser, Sie schien ihm ein unzulängliches Asyl; denn sie war so weit und so offen, daß ihn die Heersckaaren des Fürsten der Finsterniß von allen Seiten umzingcdi konnten. Da jedoch keine vortheilhaslere Festung vorhanden war, so wählte er darin den sichersten Platz und stärkte fleißig sein zagendes Herz ans der Muthflaschc, Diese ward leer, ohne daß sich irgend ei» furchtbarer Popanz wittern ließ. Ein paar Fledermäuse, die ihm um den Kopf schwirrten, schienen ihm zwar verdächtige Wese»; doch ward er bald mit ihnen vertraut, weil ihn der Geist der Flasche gegen andere Geister beherzt machte. Dafür hielt er sich wenigstens, und glaubte schon über den Berg seiner Noth hinweg zu scyn; aber der hinkende Bote kam nach. In der Ferne zeigte sich plötzlich eine weiße, vermummte Gestalt, dehnte sich zu einem Niesen ans, schrumpfte wieder zu einem Zwerge zusammen, und kam, so mit sich selbst spielend, immer näher. Unser Held gcricth in Todesangst und lief wie eine verzagte Maus, die ein Schlupfloch sucht, in der Halle herum. Indessen rückte die Erscheinung heran und war kaum noch zwanzig Schritte von ihm entfernt. Er riß den Mund weit auf, um Wer da? zu rufen, brachte aber ebensowenig als ein Schlafender, den der Alp drückt, einen Laut hervor. Dagegen brummte das Gespenst wie ein alter Zeiselbär. Vor Entsetzen vergaß der Kadett seines Fahneneides, warf das Gewehr von sich, suchte sein Heil in der Flucht und lief durch acht oder zehn Gassen, um sich in einem Hause zu verbergen. Keine Thür war mehr offen. Endlich sah er vor einem Gasthofc einen Frachtwagcn stehen, der oben und auf allen Seite» mit einem ausgcspanntcn Tuche bedeckt war. Nasch entschlossen kroch er unter dicß Zelt, streckte sich auf eine Schütte Stroh, die er im Wagen fand, und — schlief ein. Achtes Kapitel. Nächtliche Spazierfahrt. — Der LiebeStcmpcl auf Rädern. „Donner und Hagel! Wo ist die Schildwache?" lärmte der Gefreite, als er um Ein Uhr mit der ablösenden Mannschaft an's Kloster kam. „Krcnzsappcrnient! die ist durch die Lappen gegangen!" rief ein anderer Soldat. „Blitz! da liegt das Gewehr und ich dabei!" ächzte ein Dritter, der über die weggeworfene Muskete fiel. Sie riefen Pampels Namen nach alle» vier Himmelsgegenden aus, hielte» dann Kricgsrath und beschlossen nach reifer Ucbcrlcgung. ohne den abhanden gekommenen Kadett nach der Hauptwachc zurückzugchen und den Vorfall anzu- zeigcn. Der Osficier meldete die Sache weiter, und drei Kanonen verkündigten vom Walle, daß ein Ausreißer auf der Flucht scp. Aber sie sagten eine Unwahrheit. Thomas war nicht auf der Flucht; wenigstens nicht mit freiem Willen. Benebelt und von Angst ermattet, schlief er hart und fest im Frachtwagen, und erwachte auch nicht, als der Fuhrmann in der zweiten Stunde nach Mitternacht mit wildem Hal- loh seine vier Hengste anspannte und aus der Stadt fuhr, ohne zu wissen, was er geladen hatte. Am Thorc, durch das er auspasfirte, war die Entweichung der Magazinwache 32 noch unbekannt, denn die Lärmkanonc» hatten noch nicht gedonnert. ES fiel also Niemanden ein, den Wagen zu untersuchen. Die Reise ging ans der Landstraße fort. In einem Dorfe, daö ungefähr eine Meile von der Stadt lag, hielt der Fuhrmann vor der Schenke, um zu frühstücke» und mit seiner Amante, der Stallmagd, ein Wörtchen im Vertrauen zu kose». Dieß letztere Geschäft mußte mit Vorsicht behandelt werden. Der Wirth, ein strenger Sittenrichter, litt durchaus keine Liebeleien in seinen vier Pfählen. Er lauerte den durchreisenden Verehrern der Jungfer Micke in allen Winkeln auf, und wen er auf bösen Wegen ertappte, dem wusch er unbarmherzig den Kopf und ließ ihn seine Zeche dreifach bezahlen. Der gegenwärtige Lcibkntschcr unscrs schlafenden Helden wav schon mehrmals in dergleichen Bußen verfallen und hatte jetzt, »in solche» kostspieligen Händeln anSznwcichcn, den genialischen Einfall, das Sprachzimmcr seiner Zärtlichkeit in den Frachtwagcn zu verlegen, wohin sich, wie er meinte, die Gerichtsbarkeit des mißgünstigen Gastwirths nict't erstreckte. Er gab Jungfer Micken einen Wink; sic verstand ihn und eilte, sobald sic sich aus den Augen ihres Herrn wcgstchlen konnte, zum beweglichen Licbcstempcl, wo sic ihren fahrenden Ritter (der jedoch nm Vieles jünger und mannhafter, als der welke Ritter von der traurigen Gestalt war) schon zu finden hoffte. Allein er war »och nicht cingetroffc», und so hatte Thomas an seiner Stelle das Glück, von Mickchcn inbrünstig umarmt zu werden. Sic küßte, ihrer derbe» Natur gemäß, recht tapfer. Er, darüber erwachend, raffte sich auf und stieß mit heftiger Stimme das Wer da! aus, das er zwei Stunden zuvor dem Gespcnste schuldig geblieben war. Das zärtliche Mägd- -->§> 33 <§--> lein erstarrte vor Bestürzung. In diesem Augenblicke kam der rechte Mann. Er hielt den militärischen Anruf für eine» Scherz seines Liebchens, antwortete: „Gut Freund!" und schwang sich lustig ans der Seite, wo Thomas lag, in den dunkeln Wage» hinauf. Hier fiel ihm sogleich, da er mit verliebter Hast um sich griff, die Patrontasche des Kadetts in die Fäuste. O Himmel! was fluchte der eifersüchtige Kerl, und wie grimmig drasch er mit seiner Peitsche drauf los! Thomas fand nicht für gut, sich mit dem unbekannten Grobian zu katzbalgen, kollerte sich vom Wagen herunter und ergriff das Hasenpanier. Er lief, so lange sein Athem aushiclt, auf der Landstraße zurück, und glaubte immer, die Peitsche hinter sich sausen zu hören. Doch der zürnende Liebhaber, der sich mit seiner Schöne» verständigen mußte, hatte nicht Zeit, ihn, das Geleit zu geben. Dagegen machte» zwei Bauern, die jetzt, da der Tag zu grauen begann, auf's Feld gingen , Jagd ans ihn. Schon matt, und überhaupt ein erbärmlicher Läufer, ward er bald eingcholt und ergab sich. Sic führten ihn, scharf bewacht, in die Stadt und überlieferten ihn dem Rcgimcnte. Lengbciii'S sämmtl. Sehr. VI. Bd. 3 -o§> 3-4- Neuntes Kapitel. Nachrichten von einer großen Nänberbande. In der Hauptwache ward er mit schadenfrohem Jubel empfangen, und seine adelige Geburt schützte ihn nicht vor der Schmach, wie ein gemeiner Gefangener behandelt und in den gewöhnlichen hölzernen Käfich, der in die Wacht- fiuben eingebaut ist, gesteckt zu werden. Die ungehobelten Soldaten neckte» und narrten ihn von außen wie einen Affen, und ließen ihm wenig Muße, über seinen Zustand nachzudcnken und sich auf das Verhör vorzubereite». Dennoch kam er noch zeitig genug mit der Erfindung eines Mährchens zu Stande, das er dem Kriegsgerichte muthig erzählte. „Es war ungefähr gegen zwölf Uhr," — sprach er, — „als ich drei große, baumlange Männer, die mit Säbeln und Pistolen bewaffnet waren, und überhaupt wie Stra- ßcnräuber aussahen, in der Nähe meines Postens gewahr wurde. Sie standen beisammen und bcrathschlagtcn über die Ausführung eines Diebstahls. Ich hörte, wie sie die Rollen austheilten. Zwei von ihnen wollten die Leute, denen ihr Besuch zugcdacht war, binden und knebeln; der Dritte sollte die Geldkasten erbrechen. Sic bemerkten mich nicht, weil ich unter der Halle stand, und sprachen sehr vernehmlich. Plötzlich trat ich hervor und rief: Wer da? -»D 35 Sie stutzten und flohen. — Steht, Kanaillen, oder ich schieße! rief ich stärker. Sic liefen aus Leibeskräften; ich verlor sic aus dem Gesicht und hörte nur in der Ferne den schneidenden To» eines Pfeifchens. Nun war einige Minuten lang alles ruhig. Doch, indem ich noch meine Augen starr nach der Gegend richtete, wohin die Bärenhäuter ihren Weg nahmen, ward ich plötzlich von hinten ergriffen und zu Boden geworfen. Ich sprang wieder auf, riß mein Seitengewehr aus der Scheide und hieb auf die Räuber — denn sie waren's, die sich leise hcrangeschlichen und mich niedcrgcrifscn hatten — mörderlich ein. Zwei stürzten, der Dritte lief davon, kam aber plötzlich mit einer Verstärkung von zwölf bis fünfzehn Mann zurück. Dieß Gesindel fiel vereint über mich her, rang mir den Pallasch aus der Hand, verband mir die Augen, drehte mir ein Schnupftuch in den Mund, schleppte mich eine Stunde lang unaufhaltsam fort, ließ mich dann los und entsprang. Ich riß die Binde von den Augen; es war noch Nacht, und ich überzeugte mich blos durch Anlaufen gegen Bäume, daß ich mich i» einem Walde befand. Sobald es tagte, suchte ich den Heimweg, und ward von den Bauern, als vermeintlicher Deserteur, ungehalten." — Diese Aussage ging ihm, wie ein Vaterunser, vom Munde. Der Auditeur schrieb sie mit Kopfschütteln nieder, und fand sie so unwahrscheinlich, als sie es wirklich war. Thomas blieb aber bei mehrern Verhören, die in der Folge »och mit ihm «»gestellt wurden, unerschüttert dabei, und von Zeit zu Zeit wuchs die Zahl der Räuber in seinem Munde. Hpiintes Kapitel. Oer Klvsterspuck zei.it üch b"i dcllem Taqe und verliilfr dem .^aderr zu einer qurcn Muinzeir. Am Morgen des Tages, ra das Urthcil gesprochen werden sollte, überraschte Herr von Springwall seinen Onkel mit dem Geständnis!: daß er, in rer Gestalt eines Gespenstes, den Kadett oo» seinem Posten verschreckt habe. Hinterher hat er dringend für den Gefangenen, Der General starrte seinen Neffen an nnd beengte nicht wenig k!nst, ihm seihst den Degen abznfordcrn. Doch ließ er sich besänftigen nnd überlegte, wie man den Dc- serticnsprozeß in der Stille Niederschlage» könnte, denn er harte Mitlcidcn mit dem feigen Wicht, ungeachtet er Strafe verdient hatte, Indeni diese Sache dem alten Biedermann im Kopfe hernmging, kam der Auditeur, um mit ihm über andere Geschäfte zu sprechen. Ehe er aber noch davon anfing, erzählte er die Neuigkeit, daß in der vergangenen Nacht ans einem nahe» Nittcrgntc ein gewaltsamer Einbruch geschehen sep, re» eine Rotte von zehn bis zwölf bewaffneten Räubern verübt habe, „Nun, sehen Sic!" fiel ihm der General lebhaft ins Wort, „Da kommt die Unschuld des Kadctts auf ein Mal an den Tag! Das ist die Bande, die ihn von seinem Posten schleppte!" ,— -oL 37 Dcr Auditeur zuckte ungläubig die Acksel»; der General hingegen war kur; entschlossen, den Gesungenen sogleich losznlasscn, der sich auch jetzt schon in einer anständiger» Verwahrung als anfangs befand, da er einige Stunden in dein Kerker der Gemeinen znbringcn mußte. Diese Schmach wäre ihm — beiläufig gesagt — bei einer andern Ar,nee wahrscheinlich nicht widerfahren, und er hätte ra wohl überhaupt, als adeliger Kadett, mehr Auszeichnung im Ganze», und besonders mehr Schonung i», Dicusle genossen: allein hier war es »nn einmal nick t anders, und man verzärtelte ihn um so weniger, da er kein Kind mehr, sonder» ei» erwachsener Mensel, von zwanzig Fabre» war, und sein Vater sich ausdrücklich erbeten hatte, den Weichling brav anzustrcngen und seine», angebornen Hange zur Gemächlichkeit nickt durch die Finger z» sehen. — Doch wieder zur Sacke! Der General wollte also den Knoten zerhaue» und den Arrestanten sofort der Hast entlassen. „In zweifelhaften Fällen" — sprach er — „iss's meine Art, lieber einem Schuldigen die Strafe zu schenken, als eine» Unschuldigen zu verdammen. Ucberdicß haben ja auch die Bauern, die de» Kadett einbrachten, ausgesagt, daß er nach der Stadt hi» gelaufen sep. Er hätte dock, wahrlich! den Gegenweg genommen, wenn es seine Absicht gewesen wäre, zu dcscrtircn." — Der Auditeur gab zu, daß dieser Umstand (den er selbst noch nicht gehörig erwogen hatte) dem Gefangenen sehr zu Statten komme; doch dürfe man dennoch nicht wagen, ihn eher in Freiheit zu setzen, als bis das General-Kriegsgericht, nach vorläufiger Bcrichtscrstattung, darüber entschieden habe. „O, der langweiligen Umschweife!" rief der General. -->§> 38 - „Was kann denn am Ende daraus entstehen, wenn wir eigenmächtig verfahren ?" „Ein scharfer Verweis" — antwortete der Auditeur — „vielleicht gar meine Entsetzung vom Dienst." „Fürchten Sic nichts!" sagte der Chef: „Ich übernehme alle Verantwortung." Es war Mittagszeit. Der General ging zur Tafel. Gegen das Ende derselben ließ er den Kadett durch eine Ordonanz von der Hauptwachc holen, in ein Nebenzimmer führen, ihm einen Tisch decken und eine große Hammelskcule auftragcn, die auf der Tafel fast gar nicht berührt worden war. Thomas, der seit acht Tagen wenig zu beißen und zu brocke» gehabt hatte, fiel mit Heißhunger darüber her, und nach einer kleinen halben Stunde waren nur noch die kahlen Knochen davon übrig. Jetzt sah er erst mit Schrecken, daß er zu unbescheiden zngclangt hatte. Er war in der peinlichsten Verlegenheit und wußte sich nicht besser zu helfen, als daß er die ungenießbaren Ucbcr- blcibsel in die Tasche steckte, um sic den Augen der Livree und ihren spöttischen Glossen zu entziehen. Doch che man noch seinen Tisch abranmte, trat der General ins Zimmer und ward unglücklicherweise durch den Anblick der leeren Bratenschüsscl auf den Verdacht geleitet, daß hier ein Nntcrschlcif von Seiten der Bedienten vorge- gangcn sep. Er fragte den zitternden Gast, was man ihm vorgesetzt habe. „Einen Hammelbraten," stammelte Thomas. „Vielleicht nur ein Schnittchen davon?" sagte der General. „Nein, er war so ziemlich ganz;" antwortete die ehrliche Haut, „lind du allein hast reine Arbeit damit gemacht?" — Thomas ward fenerroth und schlug die Augen nieder. Gott segne deinen Appetit!" sprach der General. „Aber hatte denn der Braten keine Knochen?" — -o§> 39 Der Kadett zog sic langsam aus der Tasche, legte sie in die Schüssel, und als er über seine Absicht bei Einsammlung dieser Schätze befragt wurde, gab er stotternd zur Antwort: er habe den Pudel seines Hauswirths damit traktiren wollen. „Ei, so hättest du ihm auch mehr Fleisch gönnen sollen!" versetzte der General. „Doch das sep darum! Laß uns von wichtigem Dingen sprechen. — Du bist frei und straflos! — Aber, trotz der Tapferkeit, die du gegen zwölf bis zwanzig Räuber bewiesen hast, Hab' ich gute Gründe, dich für eine feige Memme zu halten. Solche Bursche, wie du, taugen nicht zu Soldaten. Ich werde daher an deinen Vater schreiben und ihm de» Rath geben, dich wieder zu sich zu nehmen und ruhig hinter dem Ofen sitzen zu lassen. Geh vor der Hand in dein Quartier und spiele mit dem Pudel; sich aber wohl zu, ob die Bestie nicht etwa ein maskirtcs Gespenst ist. Man hat solcher Beispiele." — Eilftes Kapitel. Milcht der Schmeichelei. — Der AbschiedSschlii.illS. Diese Stichelreden fiele» Thomasen etwas auf. Er schaffte sich jedoch die Sorgen darüber bald vom Halse, und ertränkte sic bei dem nächsten Weinschenkcn in einer Flasche Rebensaft, woran es zn seinem großen Mißfallen bei der genossenen Bcwirthung gefehlt hatte. Daß er die Bahn der Helden schon wieder verlassen sollte, war ihm übrigens eine sehr erfreuliche Nachricht. Anders dachte sein Vater. Er las des Generals Schreiben, das er in den nächsten Tagen empfing, mit dem höchsten Unmnth, und betrachtete die Ausstellungen, die darin gegen seinen Sohn gemacht wurden, als blose militärisch-pedantische Grillen: den» der Brief erwähnte mit keinem Worte des Spuks am Kloster, sondern enthielt) statt aller andern Gründe, nur die Bemerkung: daß Thomas, wegen seiner nnbehülflichen Korpulenz, nicht geschickt sep, die Strapatzcn des Kriegsdienstes zn ertragen. Der Kapitän antwortete: er müsse sich gefallen lassen, daß man seinen Sohn znm Militärdienst unbrauchbar finde; doch wünsche er, ihn auf eine anständige Art verabschiedet zu sehen. Der Herr General möchte daher die Gnade haben, ihn zum Fahnjunker zu avancircn, und dann beim Landesherr» auszuwirkcn, daß er mit dem Charakter als Fähnrich entlassen werde. -o§> 41 Wic gebeten, so geschchn ! Thomas trug cmige Mal bei der Wachparadc die Fahne, und erhielt dann das Officicrs- patcnt und den Abschied zugleich. Niemand beklagte cs mehr, als Frau Jutta, daß er in seine Heimath zurück ging. Sic war ihn, jetzt außerordentlich gewogen, weil er ihr oft ins Angesicht voll Nnnzcln gesagt hatte: sic müsse in ihrer Blüthcuzcit ein Ausbund von Schönheit gewesen seyn: den» ihre Reize hätten sogar der zerstörenden Macht der Zeit widerstanden, nnd wären noch kräftig genug, einem verliebten Menschen schlaflose Nächte zu machen. - Solche tolle Schmeicheleien brachten sic freilich inimcr in einen losen Zorn, der ihr ganz wunderlich stand, und es setzte bisweilen auch, derbe Schläge; aber Thomas konnte sicher darauf rechnen, kurz nachher ein leckeres .iiüchcu- oder Kcllcrgcschcuk zu erhalten, wovon der Doktor nichts wußte. Der alte Mcistersänger Heinrich Fraucnlob, der sich sein Leben lang ein Geschäft daraus machte, das weibliche Geschlecht in süßen Liedern zu preisen, hatte dafür vor beinahe fünfhundert Jabrcn die trockne Ehre, von den schönsten Frauen in Mai»; ;wo er als Doktor der Theologie starb) zur Gruft getragen zu werde»; unser Thomas Juttcnlob hingegen — der noch lange nicht zu Grabe getragen sehn wollte — hatte das genußreiche Vergnügen, am letzten Tage, den er im Äirchhof'schc» Hause zubrachtc, eine der herrlichsten Mahlzeiten seines Lebens auf den Tisch tragen zu scheu. Die Dankbarkeit der geschmeichelten Haushälterin war dabei so verschwenderisch zu Werke gegangen, daß der Doktor darüber murrte. Und was that der hämische Ncidhardtl Er holte, um seinem scheidenden Gast den Appetit ei» wenig zu verderben, das Mcnschcngcripp vom Boden herunter und stellte es im Speisezimmer auf. Der -o-D 42 - Fähnrich trat herein, erblickte den alten, furchtbaren Bekannte», und entfärbte sich schaudernd. Doch, da es Heller Tag und er nicht allein war, hielt er Stand. Kirchhof faßte ih» am Arm und führte ihn hin ans Skelett. „Hier Hab' ich die Ehre," sprach er mit grinsendem Lächeln, „Ihnen den frommen Knochenmann vorzustcllcu, der Sic einst — Sic wissen schon wo — so gewaltig ins Bockshorn jagte. Ich hiclt'ü für nöthig, Sic näher mit ihm bekannt zu machen, damit Sic nicht etwa meinem Hanse nachsagen : cS rumorten Gespenster darin." — „Besorgen Sic das nicht, Herr Doktor!" antwortete Thomas entschlossen: „An eigentliche Gespenster Hab' ich nie gedacht. Es schien mir bloü möglich, daß Ihnen der Tod eine» frcnndschastlichcn Besuch abstatten könnte, da Sic so starke Geschäfte mit ihm machen." — „Und Sic, Herr Fähnrich," versetzte Kirchhof, „wollen wahrscheinlich gar nichts mit ihm zu thun haben, da Sie die Kriegsdienste schon wieder qnittircn." — „Wenigstens will ich nicht an Ihren Pillen sterben, Herr Doktor!" erwicdcrte Thomas. Dergleichen bittere Schiagrcdcn fielen noch mehr, bis endlich Frau Jutta zwischen die Kampfhähne trat und ihnen ansagte: die Suppe sep aufgctragc». Nun rächte sich der Fähnrich am Doktor, und aß mit der ausharrendsten Tapferkeit. Da Kirchhof sah, daß von seinen köstlichen Gerichten nichts zu retten war, als was er mit dem Munde davon brachte, so griff auch er feindlich zu, und verschlang Fisch und Braten so gierig, wie Saturn seine eigenen Kinder. Während dieses Wettkampfs der Zähne hatten die Zungen einen Waffenstillstand geschlossen. Keiner wollte durch Zanken nm einen Bissen zu kurz kommen. Nur der Fähnrich verwunderte sich bisweilen in abgebrochene Spl- -»D 43 Oo- bcn, daß der Doktor jetzt wie ein hungriger Wolf essen konnte, da er sonst immer so mäßig wie ein Vögelchen gespeist hatte. Nach Tische trennten sich die Herren ziemlich kalt. Aber Fran Jutta war sehr gerührt, bot dem scheidenden Freunde einen holdseligen Kuß, und ihre röthliche» Nebhuhnsaugcn thräntcn sogar etwas mehr als gewöhnlich. Zwölftes Kapitel. Leben und Wandel auf der Universität. Der Herr Fähnrich traf nun in seiner Hcimath wieder ein, und bewies hier, daß ihn das v»rlo-,-,>oo nicht stolz gemacht hatte. Er nahm, wie vormals, bei den Bauern fürlicb, stöberte die Hühnerncstcr aus, verzehrte den heimlich zubcreitetcn Raub in einem Winkel der Küche »nd zog sein Hcldcnschwcrt gegen Birnen und Achsel, die er damit von den Bäumen hieb. Seinem Vater war cs nicht gcmüthlich, ihn auf der Bärenhaut liegen zu lassen. „Herr Sohn," sprach er, „ich bin nicht so reich, daß du dein Leben lang faulenzen könntest, und das würde dir auch verdammt wenig Ehre bringen. Ein müßiger Schwelger, sagt das Sprüchwort, sollte vor jedem sacktragenden Esel den Hut zieh». Also rühr' dich und setz' dich in den Stand, künftig dein Brod zu erwerben! Dein Fähnrichstitcl macht dich nicht satt, und du brauchst mehr als andere Leute." — „So scheint's mir fast selbst," sagte Thomas. „Nun also!" fiel der Vater ein. „Was soll werden L was willst du anfangcn? Zum Soldaten bist du zu dick, zum Jäger zu bequem! Was bleibt dir übrig, als daß du studierst?" — -o-Z> 45 <§-2- „Ja, Schwcrcnoth! das will ich!" ricf Thomas, der unter den Soldaten recht artig fluchen gelernt hatte. Der Vater verwies ihm diese Wachstubensprachc, lohte ihn aber wegen seiner raschen Entschließung. Diese befremdet vielleicht; doch man muß mir wissen, daß ihm ein verdorbener Mnscnsohn, der jetzt die Muskete trug, von dem flotten Burschcnleben auf der Akademie viel erzählt und dadurch seine Begierde gereizt hatte, an solchen lustigen Schmausen Antheil zu nehmen. Bald darauf bezog er eine Universität, wo er drei Jahre lang die Vorlesungen der berühmtesten Lehrer ordentlich und pünktlich — bezahlte, ohne ihre Hörsälc durch seine Gegenwart zu verengen. Es war ihm von ungefähr zu Ohren gekommen, daß Friedrich der Große geschrieben oder gesagt habe: „die Menschen schienen, ihrem physischen Zustande nach, von der Natur mehr zu Postillons, als zu sitzenden Gelehrte» geschaffen zu scyn." — Dieser Gedanke (dem einer der größten Acrzte unserer Zeit viel Wahrheit zugcsteht) gefiel dem Herrn Fähnrich-Studenten so wohl, daß er fast täglich, indem die berühmtesten Professoren ihre Collegia lasen, die berühmtesten Micthpferde bestieg und die Stationen der umhcrliegenden Dorfschenkcn beritt. Da er aber ein eben so schwerer als ungeschickter Reiter war und alle Klepper wund drückte, so machte» die Pferdevcr- lcihcr bald einen Bund, ihm ihre Rosse zu verweigern. Eben so unhöflich waren mehrere Gastwirthc, die ihn aus ihren Speisezimmern hinauskomplimcntirten, weil er an der gemeinschaftlichen Tafel für sechs Personen aß und nur für eine bezahlte. Einem dieser Geizhälse zum Trotz, spann er mit der hübsche» Tochter desselben einen Licbcshandcl an, wobei es mehr auf Befriedigung des Magens, als auf etwas anders abgesehen war. Trudchen Schnick (so hieß das Mädchen- war eine rasche, flinke Dirne von achtzehn Jahren, sah ans wie Milch und Blut, hatte besonders ei» Paar schwarze, geistvolle Augen, und war, mit einem Worte, von der braungclockte» Scheitel bis zu den niedliche» Füßchen eine nette Gestalt, deren Liebenswürdigkeit von de» Herren Studenten einhellig anerkannt wurde. Sie hielten auch mit dieser Ueberzeugung nicht hinter dem Berge, sondern kamen in Schaarcn, dem schonen Trudchc» zu huldigen und Minncsold zu empfangen. Aber flc theiltc keinen aus; denn die jungen Flattergeister standen bei ihr in dem Verdacht, sic hätten meistens den Wahlsprnch: „Ein and'rcs Städtchen, ei» and'rcs Mädchen!" Drum ließ sic sich gar nicht mit ihnen ein, sonder» befolgte Bürgers Warnung: »Trant, Manchen, leichten Nrttern nicht; Manch Nirtcr ist ein Bö,'ewrcht. Sie löffeln wvl)l und wandern Bon einer zu der andern, lind freien keine nicht." Mit dem einzigen Herrn von Pampcl machte das vorsichtige Trndchen eine Ausnahme. Er schien ihr zu schwer und zu gediegen, als daß er flatterhaft sepn konnte. Sie zeichnete ihn dcßhalb vor allen ihre» Verehrern aus und belohnte seine bescheidene Zärtlichkeit mit den delikatesten Psaffenbißchcn, die sic sehr geschickt auf seinen Teller zu bringen wußte. Nur Schade, daß diese Versorgnngsanstalt bald ins Stocken gericih. Vater Schnick befürchtete gleich bei der ersten Mahlzeit, die Thomas an der tt>l>w ,1'liütt-cinnahin, daß er einen schlimmen Kundmann bekommen habe, bei dem wohl dreimal mehr zu verlieren, als zu gewinnen sep» möchte. Es gab daher finstre Gesichter und kalte Be- Handlung, als cr sich an den nächsten Tagen wieder ein- stcllte, weil ihm die Beschaffenheit und Fülle der Speisen Lehagtc. Er sah, daß ihm der schcrlsüchtigc Gastgeber nicht hold war, und strebte nun desto mehr, sich Trudchcn gewogen z» machen, um an ihr eine Schutzpatronin zu erhalten. Ihr Vater, der sich nicht gern für einen Knauser und Grobian wollte ausschreicn lassen, duldete ihn einige Monate mit unterdrücktem Verdruß, bis sich endlich ein Paar hämische und eifersüchtige Tischgcnvfsen auf die kleinlichste Weise bei ihm beklagten, daß Trudchcn den schädlichen Gast allen nützlicher» Gästen vorziche und ihm immer zum Nachthcil derselben das Nierenstück der Kalbsbraten und andere gute Bissen zuschauzc. Auf diese jämmerliche Beschwerde erfolgte Pampcls Verweisung, und nicht mit der höflichsten Art. Aber Trudchcn ließ ihren verstoßenen Freund nicht im Stiche. Sic sandte ihm täglich durch eine vertraute Magd Speise und Trauk in solchem Ilebcrfluß, daß cr oft nicht alles verarbeiten konnte. Man denke, was das sagen will, da sein Magen ei» so trefflicher Arbeiter war! — Freilich war Eigennutz, der in alles die Nase steckt, auch bei dieser Wohlthätigkeit mit im Spiele. Trudchcn glaubte nämlich, Freund Thomas habe einst eine beträchtliche Erbschaft zu hebe», und werde für das genossene Gute so dankbar scpn, sic mit ihr, als seiner Gemahlin, zu theilcn. Das versprach er denn auch immer in den zärtlichsten Briefchen, wenn sic bisweilen schmollend unterließ, die mittägige Küchcnpost an ihn abzufcrtigcn. Solche Vögel, wie cr, singen am besten, wenn sic sparsam gefüttert werden. Noch am Tage der Trennung sang er das liebliche Hoch- zcitlicd, und Trudchcn gelobte ihm dagegen ewige Liebe und Treue. In dieser Hcrzeusvcrsaffung verließ er den Ort, wo cr alle Spcischäuscr und Weinkeller durchgckostct, -o§> 48 «Soden trocknen Weisheitsmarkt in den Lchrzimmcrn ober wenig besucht, und doch hier und da einen wissenschaftlichen Brocke» aufgeschnappt hatte. Das halt auf Universitäten nicht schwer. Da fliegt die Gelehrsamkeit, wie der geflügelte Same des Nadelholzes, weit und breit herum, und verliert sich sogar in die hohlen Köpfe der Kuper und Pser- dcvcrleihcr. Findet nun auch allenfalls ein lustiger Studiosus keine Zeit zum Studieren, so lernt er dennoch von Jedem, mit dem er Verkehr hat. Auf diese Weise ging auch unser Thomas nicht leer aus. Zum Ucberfluß nahm er noch im letzten Monat seines akademischen Lebens einen graubartigcn Studenten, ein eisernes Juvcntaricnstück der Universität, zum Lehrer an, und meldete sich (als dieser alte Tröster in acht oder vierzehn Tagen die Pandekten mit ihm durchgcpcitscht hatte) sehr muthig zum sogenannten K a v a l i cr-Eram c». Dieß ging — weil sich in derselben Stunde noch ein anderer Kandidat auf den juristischen Weishcitszahu fühlen ließ — nicht in Gegenwart der versammelten Fakultät, sondern in einem Ncbcnzimmcrchcn vor sich, wo die beiden liebreichen Männer, denen cs aufgetragcn war, von keinem lästigen Zeugen gehindert wurden, dem jungen Herrn (der sich ihnen Tages vorher bestens empfohlen hatte) die Sache sehr leicht zu machen. Der Bericht, den sic nachher ihren Kollegen über diese Spiegelfechterei erstatteten, gereichte ihm zum größten Ruhm, und nun erschien ein gedrucktes Programm, worin die gcsammtc Fakultät feierlich bezeugte, daß Herr Thomas von Pampcl in der mit ihm angestcll- tcn Prüfung ungemein wohl bestanden habe. Mit diesem Triumph schied er von der Universität, und erhielt sogleich die Stelle eines Referendars bei der Landesregierung. -oA 4i> Dreizchntes Kapitel. Der Weinprozeß und der Streit über einen Bettler. Die erste Proceßsache, die der neue Geschäftsmann zum Vortrag erhielt, wählte sei» günstiges Schicksal offenbar für ihn aus, damit er das Licht seiner Gelehrsamkeit so-, gleich auf den höchsten Leuchter stellen konnte. Sic betraf die Klage eines Domherrn gegen einen Wcinhändlcr, der seinem vornehmen Kundmaun verschiedene Weine geliefert hatte, die der feine Züngler für sauer und verdorben erklärte. Proben davon befanden sich bei den Akten. Der Referent kostete sie so lange, bis alle Flaschen leer waren, und entwarf dann über die Beschaffenheit derselben ein eben so wcitlänftigcs als gründliches Gutachten, das der erfahrenste Weinvisicrcr nicht besser hätte ansarbcitcn können. Als er dieses Meisterwerk im Collcgio vorlas, erstaunten alle Negicrnngsräthe über die Weisheit ihres jungen Mitglieds, und versprachen sich große Dinge von ihm. Die Sache wurde ganz nach seinem unmaßgeblichen Ausspruch entscheiden. Der Domherr gewann den Proceß, und war so dankbar, dem gelehrten Referenten ein Fäß- chcu Burgunder zu senden, das die schärfste Kritik aus- hiclt. Weniger Ehre legte der Herr Referendar Thomas bei einem andern Rcchtöhandcl ein, den er bald darauf unter Lnngbcin'ö säiniml. Schr. VI. Bd. 4 -oZ> 80 <§o- die Hände bekam. Zwei Dorfgcmcincn stritten, welche von ihnen einen armen, hülflose», siebzigjährigen Greis, den Alter und Schwachheit an den Bettelstab gebracht hatten, bei sich anfnchmc» und ernähren müsse. Sie warfen den Unglücklichen wie einen Ball einander zu. Keine wollte ihn dulden, keine ihm einen Bissen Brod geben. Das eine Dorf sagte: „Bei euch ward er geboren!" Das andere cntgegnete: „Euch hat er in den letzter» fünf Jahre» als Gemcinhirt gedient!" — Bon beiden Seiten führten berüchtigte Rabulisten den Federkrieg, und verwüsteten so viel Papier, daß man die Gerichtsakten ans einen Schieb- karrcn laden und so dem Referenten ins Haus schaffen mußte. Er schauderte Anfangs vor dem herkulischen Geschäfte, das er vor sich sah, arbeitete sich aber dennoch mit der größten Anstrengung durch das Papicrgcbirge, und entwarf darüber eine so dickleibige Nciscbeschrcibnng, daß sie auch beinahe auf die Ehre, gefahren zu werden, Anspruch machen konnte. Mit dieser Ungeheuern Nuß, worein er, seiner Meinung nach, de» Kern der Akten sehr zierlich gepackt hatte, erschien er nicht ohne Selbstzufriedenheit in der Negierung und legte seinen Kram ans. Eine halbe Stunde hörten die Rathc seine langweilige Salbaderei geduldig an, und jeder übe legte für sich in ernster Stille, welche der streitenden Gemeinen zur Annahme und Verpflegung des Bettlers von Rechts wegen zu vcrnrtheilen sep. Dem Präsidenten ward endlich das Ding zu lauge, und er unterbrach den Vortrag mit der Bitte, sich kürzer zu fassen. Allein Thomas fuhr fort, die unbedeutendsten Schcmgründe, mit welchen die Sachwalter gegen einander zu Felde gezogen waren, maschinenmäßig -->D 8 t hcrznlciern. Dicß trieb cr eine volle Stunde; die Zuhörer Hütten auswachscn mögen. Nun riß dem Präsidenten die Geduld aus. „Wo ist des Amtmanns Bericht, mit den, er die Akten cingcschickt hat?" fuhr er auf. Der Referendar überreichte mit einer etwas empfindlichen Miene die verlangte Schrift, die nur aus wenigen Zeilen bestand. Der Präsident durchflog sie und schlug vor Erstaunen die Hände zusammen. >,O, Herr von Pampcl! Herr von Pampel!" rief cr aus: „Wie in aller Welt können Sic uns noch mit Ihrem endlosen Vorträge quälen, da der Tod schon den Streit geschlichtet hat? - Hier berichtet ;a der Amtmann, daß der Bettler vor acht Tagen gestorben ist!" — Alle Näthe brachen in ein unaufhaltsames Gelächter ans. „Ich war eben im Begriff, diesen Umstand vorzutragcnsagte der bestürzte Referendar. „Ei, hätten Sie das vor einer Stunde gc- than," crwicdcrte der Präsident, „so wären wir des unnützen Zeitverlustes überhoben gewesen! — Der Amtmann fragt ja nur noch wegen der Proccökostcn an, und darüber entscheiden wir kurz: daß beide Gemeinen, da sie gegen einen hülflosc» Menschen gleiche Hartherzigkeit bewiesen, auch zu gleichen Thcilen die Unkosten bezahlen sollen." — Beschämt preßte der Referendar den dicken Wälzer seines AktcmAuszugs (den cr noch nicht bis zur Hälfte vor- gclcscn hatte) in die Tasche, und sah mit gluthrothcni Gesichte vor steh nieder, uni den Spottblicken auszuweichcn, die von allen Seiten wie Pfeile auf ihn znflogcn. Scheinbar tröstend, aber in der That eiwas hämisch, lobte der Präsident seine treffliche Behandlung der Weinsachc, und setzte lächelnd hinzu: „da er ans diesem Felde vorzüglich zu Hause zu scy» scheine, so solle der nächste Proccß dieser 82 s u ch t * behaftete Menschen, die von dergleichen Kcilerwnrmcrn wenig halte» und ihnen öffentlich nachsagen: sic untergruben ihre Gesundheit und tödtctcn auf eine unnutze Art ihre Zeit. Solche milzsnchtigc Urthcile wurden aber durch unfern Thomas Kellerwnrm — so nannte man ihn allgemein — völlig zu Schanden gemacht. Er blühte wie eine Rose, verhinderte durch geselliges Vierteln mit lustigen Kompancn, daß kein Galldnnst (wie der belobte Sprachkünstler die Melancholie nennt) in ihm anssteigcn sonnte, und gewann auch sogar durch seine treuen Dacchus- dicnste ein Aemtclic», wobei er nicht erst, wie mancher andere Beförderte, hoffen und harren durste, daß ihm Gott, nach dem bekannten Sprichwortc, den dazu erforderlichen Verstand geben werde, denn er besaß ihn schon. Er wurde nämlich zum Oberhaupt und Direktor derjenigen Polizei- Personen ernannt, welche von der Regierung den Auftrag erhielten, die Wcinlägcr der öffentlichen Gast- und Trink- häuscr in Rücksicht ihrer Aechthcit und Unschädlichkeit für den menschlichen Körper zu untersuchen, weil einige gewissenlose Weinschenkcn ihren elenden Krätzer durch giftige Mittel für den Geschmack verbessert, und auf diese men- * St) dolmetschte der deutsche Sprachoerbesserer, Doktor Saif- fert in Paris, das undeutfche Wort Hypochondrie. chelmörderische Weise verschiedene Kcllerwürmcr, die bei ihnen fleißig aus- und eingckrvchen waren, in die andere Welt befördert hatten. Die Kommiffaricn waren so einfältig, oder so schlau, in der Stadt bekannt werden zu lassen, daß ihnen dieses Visitationsgeschäft aufgctragen sey und längstens in acht Tagen vor die Hand genommen werden wurde: die Giftmischer hatten also Zeit, ihre arsenikalischcn Getränke bei Seite zu schaffen, und dem Chef der Kommission ein Fla- schenfnttcr ihres besten und aufrichtigsten Rebensafts zu übersenden, »m dadurch ihre Unschuld und Redlichkeit im Handel und Wandel schon vorläufig zu beweise». Diese Spenden nahm Freund Kellcrmann zwar an und sie mundeten ihm vortrefflich: er ließ sich aber so wenig dadurch bestechen, daß er vielmehr gerade bei diesen freigebigen Leuten seine Augen, die er nach ihrer Meinung zudrückcn sollte und mußte, am weitesten aufthat. Er war auch in der That so glücklich, einen dieser Verfälscher, der sich dnrch sein Geschenk gegen eine strenge Untersuchung fest gemacht zu haben glaubte, auf dem fahlen Pferde zu ertappen ; und er besann sich keinen Augenblick, dem überwiesenen Sünder, der ihm in der Angst ein Päckchen Gold zusteckcn wollte, dieß vor die Fuße zu werfen und ihn der strafenden Gerechtigkeit zu überliefern. Der Schuft war bei der Inquisition boshaft genug, dem Referendar die empsangene und genossene Schenkung vorzurucken ; allein er bewirkte dadurch nichts, als daß er seine böse Sache noch schlimmer machte. Er mußte den Betrag des Flaschenfuttcrs, womit er sich, wie durch die Passaucr Kunst, gegen die Angriffe der Polizei zu Harnischen dachte, dreifach zur Armenkasse bezahlen, und die ihm zucrkannte Zuchthausstrafe ward wegen jener hinterlistigen 36 <§-o- Absicht noch um ein Jährchen erhöht. Thomas hatte freilich durch die Annahme des Bcstcchnngswcines gefehlt; er kam aber mit dem blauen Auge eines kleinen Verweises davon , und der Präsident legte sogleich auf diese Wunde den Balsam des Lobes, daß er iu die ihm gestellte Falle nicht geg angen war und seine Weingelchrsamkcit so nutzbar und ersprießlich für das gemeine Beste angewandt hatte. 87 Fünfzehntcs Kapitel. Ein Liebesbrief ii u s leerem Magen. Dieses rühmlich vollführtc Geschäft trug dem Referendar einige Sporteln ein, die ans dem Vermögen des Verbrechers, das bei der Inquisition in die Brüche ging, erhoben wurden. Außer dieser zufälligen und unbedeutenden Ernte hatte Thomas keine» Heller Besoldung, sondern lebte blos von der Gnade seines Vaters, der in diesem Punkte nicht sehr gnädig war. Die geringe Apanage, die er seinem hoffnungsvollen Sohne monatlich ausgeseht hatte, reichte in der Ncsivenz (wo alles, was gut schmeckte, unchristlich thcuer war) weder her noch hin; und ward er um Zulage gebeten, so erhielt der Supplikant, statt des erwarteten schweren Briefes, ein leichtes Blatt, das jedes Lüftchen verwehen konnte, und gemeiniglich nichts als die dürre Ermahnung enthielt, sich durch Fleiß und Anstrengung die Stelle cities Justizraths zu erwerben, da es denn an einem bequemen Auskommen nicht weiter fehlen werde. Diese Verbesserung stand aus mchrcrn triftigen Ursachen noch im weiten Felde. Indessen wollte er doch seinem Munde nichts abgchcn lassen. Das spornte ihn zur ernst- lichsten Ucbcrlcgniig, wie er ohne Mühe und Arbeit gute Tage genießen könnte. Er erinnerte sich nnt Sehnsucht und Rührung der köstlichen Schüsseln, womit ihn vormals 58 S-«- Trndchcn erquickte; und bei dieser Gelegenheit dachte er auch ei» wenig an sie selbst. Das war seit langer Zeit nicht geschehen und machte ihm auch jetzt nur ein ziemlich kaltes Vergnügen. Doch hieß cs bei ihm eben nicht: „AuS den Augen, aus dem Sinn!" Das paßt nur auf Leute, denen die Liebe durch die Augen ins Herz drang. Bei ihm hingegen hielt sie in Braten- und Pastctcngcstalt ihren Einzug durch den Mund, und cs schien ihm daher, seitdem der Abschicdsschmaus verdaut war, eine unnütze Ziererei, noch immer und ewig, wie der närrische Don Quirotte, nach seiner Dulcinca zu schmachten. Aus dem Magen, aus dem Sinn! war in sechs Worten der Lebenslauf seiner Liebe. Aber eben durch den Magen ward er jetzt sehr lebhaft au Trudchen gemahnt. „Wie war' cs," sprach er zu sich selbst, „wenn du ihr deinen gegenwärtigen Nothstand beweglich vorstelltest! — Gutherzig, wie sie ist, packt sic gewiß alle ihre Sparpfennige zusammen und schickt sic dir mit umgehender Post." Voll dieser Hoffnung setzte er sich hin und schrieb: Herzlichste Gertrud! Du glaubst wohl, ich habe Dich vergessen? Ei, da war' ich ja ein schlimmer Zeisig, der nie verdient hätte, von Deinen schonen Händen gefüttert zu werden! Nein, mein Goldpüppche», ich denke sehr fleißig an Dich, und am höchsten steigt meine Sehnsucht nach den süßen vergangenen Zeiten, wenn ich in der Residenz (wo ich jetzt als Ncgie- rungsrcfcrendar mit Ruhm und Beifall arbeite) die schale Sudelei der Garküchen mit schwerem Gcldc bezahlen muß. Man wird weder satt noch froh: den» nichts ist so kräftig, nichts so mit Hochgcschmack bereitet, wie ich's von -o§> 39 <§-->- Dcincr Meisterhand erhielt. Jst's nicht schändlich, daß sich solche Stümper nicht mehr Verdienst nm die Menschheit erwerben? Essen ist nnd bleibt das solideste Vergnügen. Wenn de» Menschen im hohe» Alter Trieb und Kraft zn allen andern Frcudengenüsscu verläßt, so schmeckt ihm doch noch ein guter Bissen. Aber das nehmen diese Heiden nicht zn Herzen. Ihre Kochkunst ist ein Wiegcnkind; ihre Habsucht ein ausgewachsener Niese. — Ich bin, leider! da ich noch von einem allzu ökonomischen Vater abhangc, nur ei» schwacher Zwerg, i» Ansehung meiner Moneten, nnd soll und muß doch gegen diesen Niesen ankämpfcn! Wie kann ich bestehen? — Ich erliege, wenn Du, treffliches Mädchen, mir nicht zu Hülfe kommst. Sende mir Pulver und Blei aus dem Zeughause Deiner Sparsamkeit! Es ist nicht leer, das weiß ich; und ich werde die Zahl der Patronen, die Du mir zuschickst, als de» Maßstab Deiner Liebe betrachten. Ewig Dein treuer Thomas v. P. N. S. Verzeih, liebes Trudchcn, daß ich Dir das Postgcld aufbürde. Es geschieht blos der Sicherheit wegen. Man hat mir gesagt, daß nnfrankirte Briefe seltener verloren grhen, als die frankirtcn. — Leb' wohl und laß auch mich wohl leben! v. P. 60 <§-«- Sechzehntes Kapitel. TrudchcnS Antwort. — Dir Handelsreise durchs Zimmer. — Jnocntarium oo» LhomnS KellerwnrmS fahrender Habe. Als er den Brief geschrieben und ins Postfcnstcrchcn hincingcschobeu hatte, fühlte er seine beklemmte Brust um einen ganzen Mühlstein leichter. Er berechnete genau, wenn die erbetenen Kriegsbedürfnissc ankommeu könnten: den» er war fest überzeugt, daß ihm seine Hcrzcnsalliirte damit bcispringcn werde. In dieser Zuversicht ging er mit der wenigen Munition, die er noch im Vorrath hatte, nicht räthlich um. Er verschoß am Morgen des Posttags, der ihn nach seiner Rechnung mit frischein Kraut und Loth versorgen mußte, die letzte Patrone in einem Wcinpausc. Nachmittags wich er nicht vom Fenster, und spähte mit unverwandten Augen nach der Gegend, woher der Briefträger gewöhnlich kam. Zu rechter Zeit und Stunde trabte auch der erwartete Schildcouricr die Gasse daher, blickte zum Lauerer hinauf, zog mit besonderer Ehrerbietung den Hut und schritt ins Haus. „O du braves Trndchcu!" ricfThomas und rannte dem Boten entgegen. Mitten auf der Treppe stieße» sie auf einander. „Bringt Er mir etwas?" fragte hitzig der Referendar. „Einen Brief, gnädiger Herr, wofür ich mir fünf Groschen erbitte." — Mit dieser untröstlichen Antwort -o§> 6 1 Z> 63 ein wenig am Hungertuche nagst und sich das Faß Deines Leibes »in eine Elle im Durchschnitt vermindert. Man will bemerkt haben, daß magere Leute in der Welt weiter kommen, als faule Bäuche. Was Du vom sichern Postlanf der nnfrankirtcn Briefe sagst, war mir neu: aber ich widerspreche Dir nicht, und mache sogleich Gebrauch von Deiner Belehrung. Adieu! Ich muß in die Küche. Wir braten heute einen delikaten Nchziemer. Nicht wahr, Dir wässert der Mund? — Nun, mach' Dich geschwind auf, nimm Doktor Fansts Mantel zwischen die Beine und sep mein Gast! Ich möchte Dich so als Lustconricr reiten sehen. Aber nein! Du erstickst mir, Du Fcttmännchcn. Bleib' also lieber ans Deinem Sopha und denke fleißig an Deine Gertrud Schnick. „Ei, ja doch!" brummte Thomas und quetschte zornig den Brief zusammen: „Du wärst wcrth, daß ich an Dich dächte, du eisernes Herz, du Erbsenzählerin, du geiziger Hamster! — Und nicht genug, daß sie mich in meiner Noth stecken läßt: sic höhnt mich noch obendrein, die wilde Hummel, schimpft mich ein Fcttmännchen u. s. w. Hätte sic mir lieber einen Sack voll Fcttmännchcn" geschickt, so war' ich doch vor der Gefahr, mager zu werden, ein paar Tage gesichert. Aber ihretwegen will ich mich gewiß nicht abhärmcn und abfastcn — durchaus nicht! Wenn ich ihr zu rund bin, so ist sic mir zu eckig, und wir sind geschiedene Leute. Wahrscheinlich hat sic auch schon meine Stelle wieder besetzt und irgend ein Blasrohr von Studenten * Eine Scheidemünze, die dnnnils in den Nheingegenden gangbar war. 6 4 S-o- anf der Seite: denn die Spitzbolzcn, die sic in ihrem schnöden Briefe ans mich abschießt, scheinen aus einem solchen windigen Instrumente zu kommen. — Hol' sie der Henker, die Treulose!" — Als er seinem Acrgcr so Luft gemacht hatte, warf er die Augen ans seinen Geldbeutel, der welk und platt, wie ein Handschuh, vor ihm lag. „Armes, schwindsüchtiges Ding!" redete er ihn an: „du hast die Auszehrung im höchsten Grade, und ich weist nicht, wie ich dich heilen soll!" - So seufzend, begab er sich ans eine Reise durch's Zimmer, um unter seiner fahrenden Habe etwas anszumittcln. das sich in klingende Münze verwandeln lasse. Die Wahl fiel schwer; denn er war fast ein Crösns, wie Jener, der einem einstcigendcn Diebe lachend znricf: „Thor! du suchst hier etwas bei Nackt, wo ich bei Tage nichts finden kann!" — Die Uhr des Reisenden war abwesend, »m in einem jüdische» Hanse hebräisch zu lernen: verschiedene von seinen Kleidern befanden sich in eben dieser Schule: — nur ein einziges »»entbehrliches Feigenblatt hing noch einsam an der Wand; — das fressende Kapital der gemicthctcn Möbeln (denn er zahlte in ungefähr drei Monaten so viel Leihgeld, als die Wnrmncstcr käuflich wcrth waren) durste er nicht angrcifcn; »nd sonst besäst er nichts von beweglichen Gütern, als ein mächtiges Kelchglas, einen Korkzieher, eine Magenbürstc und mehr solch kleines Hand- wcrkzcng, worauf ihm der »ntcrnchmcndstc Sonncnkrä- mer des Plnndcrmarkts keinen Batzen geboten hätte. Was sollte er also versilbern? — Beim ersten Ucber- blick schien alle Hoffnung verloren; doch, als er anfing, recht ernstlich darüber zu meditircn, sprangen ihm auf -«-§> 6 8 E-v- ein Mal Lcpsers Meditationen^ und noch ein paar ältere Helden aus dem Fache der Ncchtsgelahrbeit ins Auge, die in schweinsledernen QuartLäuden aus ei- ncnl Biichcrbrete standen und beinahe Furchen darin eingedruckt hatten, weil sie seit undenklicher Zeit nicht von ihren Plätzen gekommen waren. „O, ihr ehrlichen alten Schwarten!" rief er scclcnfroh: „euch wird's wohl thun, wenn ihr aus dem Staube, unter dem ihr hier begraben scpd, an die freie Luft kommt! Das Corpus Juris soll euch Gesellschaft leisten." — So höhnend ergriff er die ehrwürdigen Alten und striegelte sic mit einer Schuhbürste, damit sie bei dem Handel, den er mit ihnen treibe» wollte, ein lockendes Ansehen hätten. Hierauf schnürte er sie mit einem Strick zusammen, und trug sie huckepack in der Dämmerung auf seinem eigenen Rücken fort; denn er war nicht im Stande, einen fremden zu miethcn. Keuchend kam er bei der Bücherbude, wo er dergleichen Geschäfte zu machen Pflegte, kurz vor dem Thorschluß derselben an. Der Antiquar stand eben auf dem Sprung, ins Bicrbans zu gehen, und schnitt ein verdrießliches Gesicht, als er aufgchalten und ihm die Koppel Juristen zum Kauf angctragc» wurde. „Brächten Sie mir lieber einen Strick Jagdhunde!" sprach er: „Damit wär' in herrschaftlichen Häusern mehr zu gewinnen." — lind nun fuhr er dem guten Lcpscr und de» übrigen mit ihm zusammcn- gefcisclten Ncchtsgelehrten wie Bcttclbubcn aus den Hals, und verkleinerte sie so jämmerlich, daß kein edler Jagdhund ein Stück Brod von ihnen angenommen hätte. Dem Corpus Juris ging cs nicht besser. Es sep ganz aus der Mode, sagte der freche Trödler, und bot endlich, (5-il, bekanntes juristisches Werk. Langbein'-) sammrl. Schr. VI. Dd. 5 nach mehrcrn solchen Lästerungen, aus die große, schwere Bücherlast ein leichtes Lumpcngeld, das Thomas zwar cin- strich, aber nicht des Heimtragens wcrth hielt. Er verzettelte sogleich die paar Thälerchcn im Spcischause, im Weinkeller und im Punschladcn. Liebenzehntes Kapitel. Oer schwarze Bußprcdlger. — Das KammermäSchcn. Als cr nach dieser lustigen Nacht am andern Morgen erwachte, fand cr in seinen Taschen nichts als den Strick, womit cr die verschacherten Bücher fortgcbuckclt hatte. „Sieh doch!" sprach cr: „da könnte man sich ohne weitere Kosten aufhängcn! Der Teufel spielt mir ordentlich den Strick dazu in die Hände. Aber ich war ein Narr, wenn ich Zugriffe! Die Höll'. ist heiß und kein frischer Trunk dort zu haben." — Er warf sich in den Sopha, um über die Erfindung neuer Trinkquellen uachzudenkcn. Allein cr saß kaum, als ihn die unwillkommene Erinnerung a» seinen Post- gläubiger schon wieder aufjagte. Er hatte gestern mit großen Ncichthümcr» geprahlt: was sollte cr nun heute sagen, wenn der Mann im Vorbeigehen herauf kam, um seine fünf Groschen cinzukassircn? — Der Vorwand: cs lcp kein Schlosser zur Ocffnnng des Schatzkästlcins zu erlangen, hätte gar zu kindisch geklungen, und jede andere Ausrede fand noch weniger Statt. So war der beste Nath, sich schnell in die Kleider zu werfen und nüchtern ric Flucht zu ergreifen. Erst Nachmittags wagte er sich wieder in seine Wohnung, und die Armuth, die mit ihm ausgegaugeu war, s> 8 ^->- kehrte mit ihm zurück. All- Versuche, sich dieser lästigen Gesellschafterin zu entledigen, waren verunglückt. Sie setzte sich neben ihn auf den Sopha und bot ihm Trotz, sic zu vertreiben. Indem er nnn auf ein wirksames Bannmittcl sann, überraschte ihn der Besuch eines Naben, der durchs offene Fenster hcrcinflog, sich zu seinen Füßen niedcrlicß und ihm starr ins Gesicht sah. „Was willst du, schwarzer Spitz-, bube?" fragte der mürrische Referendar: „Hier kommst du falsch an; bei mir gibt's nichts zu mausen!" — Der Nabe that den Schnabel auf und verantwortete sich mit vieler Geschwätzigkeit; aber er schnarrte sein Kaudcrwälsch so undeutlich , daß man kein Wort davon verstand. Thomas lachte ihn aus. Der Redner griff sich nun stärker an. „Du Sünder!" — rief er sehr vernehmlich: „Du Sünder! — ihn Bnße! — bekehre dich!" — Der Referendar stannte über diese Bnßprcdigt; und indem sic der geflügelte Schwarzrock wiederholte, klopfte jemand an die Tbür. Der Vogel that wie zu Hause und rief: „Herein!" Da erschien ein junges, artiges Mädchen, neigte sich zierlich und sagte: „Verzeihen Sie, Herr von Pampel, daß ich diesen Ausreißer bis in Ihr Zimmer verfolge. Fräulein Wimmcrling, meine Herrschaft, die Ihnen gegenüber wobnt, ist seinetwegen in Angst und Sorgen, und wird Ihnen sehr verbunden sepn, wenn Sic ihn auslicfcrn." — „Mit Vergnügen!" sagte Thomas Kcllerwnrm. „Abcr sctzcn Sic sich doch einen Augenblick, mein schönes Kind! Sic rauben mir sonst die Ruhe." — Das Mädchen lächelte, setzte sich und hob den Flüchtling, der sich sogleich fangen ließ, anfihrcn Schooß. Herr Thomas schmunzelte um sie herum, und erlaubte sich, sie sanft auf die Backen zu klopfen. „Du Sünder!" rief der Rabe, -<-D 60 und hackte »ach der dicken Hand, die daS Ungcbührniß beging. „Ei, dn unartiger Grobian!" schalt der Referendar: „Wer hat dich so zum Mnrrkopf erzogen?" „Mein Fräulein selbst," antwortete das Mädchen. Nun gab ei» Wort das andere, und Thomas erfuhr, daß Fräulein Beate von Wiinmcrling sehr reich, sehr fromm und ziemlich betagt sep. Schnell fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, mit der alte» Dame Bekanntschaft zu machen, ihre Gunst zu erschmeicheln, und sich als Gemahl oder Universalerbe in den Besitz ihres Vermögens zu setzen. Mit diesem löblichen Vorsatz cröffnctc er der Kam- mcrjungfcr: er werde sich die Ehre geben, dem Fräulein ihren entwichenen Bufiprcdiger in Person zu überliefern. „Thun Sie das!" sagte das Kammerkätzchen. „Sic werden willkommen seh». Fräulein Beate ist keine Mcn- schenfcindin, wie man ihr nachsagt: sie mag nur von der heutigen Modewclt nichts sehen und hören. Diesen Hast treibt sic aber freilich ins Weite. Wer sich mit Geschmack kleidet, oder Tanz und Schauspiel liebt, begeht in ihren Angen eine Todsünde. Ein armer Neffe, dem sic einige Monate Gnadcnbrod gab, that nichts Nebels, als daß er sich ein wenig stutzerhaft trug und gern in die Komödie ging: das war aber schon genug, in die tiefste Ungnade bei ihr zu fallen. Sie nörgelte unaufhörlich über sein Sündenlcbcn, lehrte diesen Raben schimpfen und predigen, damit er sic, wenn sic des Schcltcns müde war, ablöscn konnte, und als sich der junge Mensch dennoch nicht bekehrte, ward er ans dem Hanse gestoßen und ans dem Testamente gestrichen." — „E>, was Sic sagen!" rief Thomas mit heimlicher Freude. „Sogar aus dem Testamente gestrichen?" — . -o-V V 0 - „Warum zweifeln Sic daran?" versetzte Beate. „Weil Jhro Gnaden" — antwortete er lächelnd — „meine Wohnung für die Schulstnbe des Satans erklär- ten." — „Gott sep bei uns!" rief das Fräulein, und bekreuzte sich. „Wie können Sie mir diesen Borwnrf beweisen?" — „Sehr leicht. Sie beliebten zum Raben zu sagen: Warum entflohst du in die Welt, wo der Satan selber Schule halt ? — Der ehrliche Vogel ist aber, so viel ich weiß, nicht weiter als in mein Zimmer gekommen." — „O, wenn das ist," sagte sie, „so hätt' ich meinen Lie- dervcrs sehr übel gewählt, und bitt' um Verzeihung." — „Sie nehmen meinen Scherz zu ernsthaft, gnädiges Fräulein! Doch etwas ist an der Sache: cs ward in der That bei mir Schule gehalten. Der Rabe war Präccptor, schalt mich einen Sünder, und ermahnte mich zur Buße und Bekehrung." — „Deuten Sie das nicht übel, Herr Referendar!" fiel die Betschwester ein. „Das gute Thier spricht so mit allen Menschen, und die meisten würden das ewige Heil ihrer Seele befördern, wenn sie den erbaulichen Zuruf des unvernünftigen Geschöpfs achteten und befolgten. Aber bei Ihnen, Herr Nachbar, war er freilich ganz überflüssig." — „O nein, meine Gnädige!" — seufzte Thomas Kcller- wurm — „Wenigstens heute nicht! — Ein weltlich gesinnter Freund hatte mich überredet, diese» Abend mit ihm ins Schauspiel zu gehn; ich kleidete mich schon dazu an —" „Ei, ei, Herr von Pampcl!" — „Aber die warnende Stimme des trefflichen Naben brachte mich schnell auf bessere Gedanken." — Beate lobte seine Neue, zog dann alle Register ihres Eifers gegen das Komödienwesen, und sang nach diesem Vorspiele: -o§> 73 Du, Welt, sollst nun und nimmermehr Was richten bei mir ans, Lock' du und kirre noch lv sehr Mich i» dein FrahculiauS i Ich folg' in Ewigkeit dir nicht, Du falsche Teufelsbraut! Gar wenig mich, Gott Lob, anficht Dein' glänzend Schlangenhaut. Thomas faltete die Hände und schlug, initstugend, bei schicklichen Stellen einen kräftigen Baßtrillcr. Das gefiel ihr ungemein. „Sie sind ein Mann nach meinem Herzen!" sagte sic. „Lassen Sic uns diesen Abend in frommer Stille mit einander znbringcn, und nehmen Sic mit einer mäßigen Mahlzeit fürlicb!" — „Nur nicht gar zu mäßig!" sprach der Hungernde für sich; doch stand er keinen Augenblick an, der Einladung Folge zu leisten, da das Wenigste, was man ihm auftischcn konnte, immer mehr war als das Nichts, worauf ihn die Armuth zu Gaste bat. -oO 76 ex-7- Neimzelilltes Kapitel. Abciwlafcl und Tischgespräche. — Der Nabcii, Dukercu. Beatens gastfreundliche Anstalten ließe» sich indessen nicht übel cm. Sic waltete viel in der nahen Küche, das Feuer prasselte mächtig auf dem Heerde, und der Kredcnztisch wnrdc mit einigen Flaschen Wein geschmückt. Die geschäftige Martha entschuldigte sich bei dem Referendar, daß sie ihn bisweilen allein lasse, und empfahl ihm, mittler Weile znm Zeitvertreib in Arnds ParadieSgärtlcin spazieren zu gehen und ein Glas von Epen ers lauterer Milch zu kosten. Er mußte denn freilich thnn, als ob ihm die vorgcschlagcncn Ergößlichkciten trefflich bchagtcn; aber er zog den aus der Küche walleikdc» Duft eines Hasenbratens dem Geruch der Paradicöblumen vvr, und trank im Geiste den Wein ans dem Schcnktische mit starken Züge», indem er nur zum Schein aus der papicrncn Milchflasche nippte. So »erschlich die Zeit bis zum Aufträgen der Suppe. „Komm, Herr Jesu, sep unser Gast, und segne, was du beschcerct hast!" betete Thomas mit rascher Stimme, machte dem Fräulein eine Verbeugung, und griff nach dem Stuhle; doch er irrte sich in seiner Rechnung, die Sache so zu beschleunige». Beate, mit dem flüchtige» Stoßreim nicht zufrieden, schüttelte etwas unwillig de» Kopf, verwies den -c-§- 77 voreiligen Gast durch einen Wink zur Ruhe, und dekla- mirte dann langsam und pathetisch ein sehr feierliches Tischgebet, dessen Verfasser zu der Zeit, da er's entwarf, gewiß nicht so hungrig als unser Refcrcndarius war; denn cs dauerte fast eine Viertelstunde, und die Suppe ward kalt, che das Amen erfolgte. Der Schmaus au sich selbst war ohne Tadel! nur Schade, daß der arme Thomas nicht mit Ruhe und Seelengeuuß esse» konnte, weil ihn seine Wirthin mit neugierigen Fragen über sein Gcschlcchtsrcgister bestürmte. Er antwortete Anfangs sehr kurz, und sic ließ sich das gefallen, so lange von Ahnherren die Rede war, die im Heere gedient oder als Landjunkcr gelebt hatten. Als er aber, um ihr recht »ach dem Munde zu reden, einen Aeltcrvatcr ans dem Stegreif erschuf, der ein wohlverdienter Seelsorger und erbaulicher Liederdichter gewesen scpn sollte: da verlangte sie genauere Nachrichten von diesem ehrwürdigen Manne, und ängstete den mnthwilligen Lügner mit einem Bienenschwarm der dringendsten Fragen nach dem Leben und Wandel dieses geistlichen Urahnen, nach seine» Hühnern und Gänsen, und sogar nach seiner Perücke. Thomas hatte alle seine Verschlagenheit nöthig, um sich mit geschickten und unverdächtigen Antworten ans dieser Klemme zu ziehen; aber cs gelang ihm vollkommen, und seine Zähne versäumten dabei ihr Geschäft so wenig, daß einige nicht zeitig genug gelüstete Westenknöpfc dem Andrang des schwellenden Bauches weichen mußten und absprangcn. Fräulein Beate, die eben nicht geizig war, bemerkte mit Bergungen, daß cs ihrem Gast so wohl schmeckt«; doch weniger schien ihr zu gefallen, daß er weder ein volles noch ein leeres Glas vor sich leiden konnte, sondern icncs immer schnell ausstürztc, und dicß eben so geschwind -o-D 7 8 wicdcr füllte. „Wie finden Sic meinen Wein?" sagte sic, und spöttelte wahrscheinlich durch diese Frage, die ansserdcm höchst übcrflüssiig gewesen wäre, weil Thomas schon vorläufig durch Ausleerung einer ganzen Flasche darauf geantwortet hatte. „Ein köstlicher Burgunder!" rief er begeistert aus, und hielt das Glas gegen das Licht. „Er ist nicht Übels" sagte siez „aber —" und singend führ sic fort: El» Trlchßein ven den Rebe» Ocr süstcn Ewigkeit Kann mehr Ergnickung geben, Als dieser eitlen Zeit Gestimmte Wollnstffüsse, Und wer nach jenen strebt, Tritt unter seine Füße, Was hier die Welt erhebt. „Mit billiger Ausnahme des Weins!" fiel Kcllcrwurm ein. „Es wäre doch Sünde, die edle GotteSgabc mit Füßen zu treten." Diesen Einwurf mußte das fromme Fräulein gelten lassen. Thomas zechte nun triumphirend noch stärker, und liebäugelte mitunter (wenn Beate, die Augen gen Himmel — oder vielmehr nur an die Stnbendeckc — richtend, nicht auf ihn Acht gab) mit der aumnthigcn Kammcrjungfcr, die leichtfüßig die Tafel umschwebte und die Geschäfte eines Truchseß und Mundschenken versah. So befand sich der Schmauser vortrefflich; nur durste er nicht daran denken, daß er von allen Münzen der Welt verlassen war. Das mischte Galle unter seinen Wein, und er dünkte sich der ärmste Lazarus ans Erden, weil er einer Dame gegenüber saß, die er für wohlhabender hielt als den berühmten reichen Mann im Evangclio, der aber wahr- -o§> 79 §->- schcinlich jetzt eine sehr unbedeutende Nolle spielen »nd ein schlechtes Haus machen würde. Glücklicher, und wohl auch pfiffiger, als der alte Lazarus, ergriff der neue folgende zufällige Gelegenheit, seine traurigen Umstände vor der Hand ei» wenig zu verbessern. Beate rühmte gegen das Ende der Tafel mancherlei Tugenden ihres Raben, und fragte bei dieser Veranlassung: »Ist Ihnen, mein Herr Referendar, die Anekdote bekannt, daß vor mehrcrn Jahrhunderten ein König von Ungarn eine» Naben, der ihm eine» Ring entwandt hatte, im Fluge schoß, und, zum Andenken dieses Vorfalls, Dukaten präge» ließ, die man Nabcu-Dukaten nennt?" — Thomas hatte nie ein Wort von dieser Geschichte gehört, und antwortcte dennoch rasch: er kenne sic aus dem Grunde, sep aber noch nicht so glücklich gewesen, einen solche» Dukaten zu Gesicht zu bekommen, ob er sich gleich, da er das Steckenpferd der Münzlicbhabcrci mit Leidenschaft reite, die äußerte Mühe darum gegeben habe. „Vielleicht kann ich Ihren Wunsch befriedigen," sagte Beate, und das war gerade der Punkt, nach dem er gezielt hatte. Sie stand auf und holte aus ihrem Kleinodenschrankc ein schwarzes Kästchen, das an Größe und Gestalt einem Gcsangbuchc glich. Dafür hielt es auch der lauernde Spekulant, und cs war ihm schon bange, der besprochene Dukaten möchte vergessen und wieder ein Lied angestimmt werden. Als aber Beate das schwarze Buch öffnete, zeigte sich ein erfreulicher Inhalt, der tausend andern Büchern zu wünschen wäre, »nd sicher den Beifall aller Leser »nd Rezensenten erobern würde — kur; es war mit den schönsten Dukaten gefüllt. „Potz tausend!" rief der Referendar: „Wer solche Gesangbücher hat, der kann mit Lust singen!" -oK 8t> <§^0- Diescr Einfall kam ihr entweder etwas unheiltg oder allzu vertraut vor: den» sic drohte mit dem Finger, und cs schien gar, als wollte sic das köstliche Buch ungelesen wieder verschließen. Doch, anders sich besinnend, suchte sic unter den vielen Goldmünzen, die cs enthielt, einen Nabcn- Dnkatcn heraus und zeigte ihn vor. Der Referendar betrachtete ihn mit lüsternen Auge» und warf die Angel der Schmeichelei durch die Bemerkung aus: daß der mit dem gestohlenen Ring tm Schnabel darauf abgcbildctc Dieb bei weitem kein so ehrliches Gesicht habe, wie der Bußprcdigcr im Äeifich, sondern eine wahre Galgcnphysiognomie. „llcbrigcns möcht' ich wohl einen solchen Dukaten besitzen;" fuhr er fort. „Ich wollt' ihn auf der Stelle gegen zwei vollwichtige Holländer cin- tanschcn." — Mit dieser Prahlerei griff er in die Tasche, als läge da ein ganzes Regiment Holländer im Quartier. Das Fräulein bat höflich, seine Börse ruhen zu lassen und den Nabcn-Dukatc» als ein Ehrengeschenk »nd srcundschaft- llichcs Dcnkzeichcn von ihr anzunchmen. Er wehrte sich heftig dagegen, und gab endlich blos unter der Bedingung nach, daß ihm erlaubt scpn müsse, das Goldstück zu ersetze», sobald er eine Dublette aufgctricben habe. Ilm ihn zu beruhigen, willigte Beate in diesen Vorbehalt, bat jedoch dringend, sich nicht ängstlich darum zu bemühen, som dein die Sache dem Zufall zu überlassen. „Mit Nichten, mein gnädiges Fräulein!" sprach er: „Ich werde von Stund' an weit und breit darnach anfstcllcn." — Hiermit steckte er, nach unterthänigstcr Danksagung, den goldncn Naben ein, ließ ihn aber kurz darauf, als er von Beaten weg ging und in eine Gesellschaft lustiger Nachtschwärmer gerietst, schon wieder fliegen. Zwanzigstes Kapitel. Die Andacht am Fenster. — Der Vikar in der Kirche. — ErbschaftSanSstchtcn. Das Abenteuer dieses Tages kitzelte ihn mit der Hoffnung, einen rechten Hanptschlag zu machen. Da ihn aber das gottselige Fräulein nicht ausdrücklich cmgcladcn hatte, sie wieder zu besuchen, so mußte er auf Mittel sinnen, sich bei ihr aufs neue zu empfehlen und in geneigtem Andenken zu erhalten. 2„ dieser Absicht entlehnte er von seinem Hanswirthe ein ansehnliches Gebetbuch, dessen schwarzer Band und gold- ucr Schnitt die Heiligkeit des Inhalts verbürgten, und auch bei dem flüchtigsten Beschauer den Verdacht nicht anfkom- mcn ließen, daß unter diesem Schaföklcidc ein Nomanwolf verborgen scp. Mit diesem ehrbaren Buche in der Hand, trat er Stunden lang ans offne Fenster und gab sich die Miene des andächtigsten Beters. Er wollte so von Beaten gesehen sehn. Sie that aber selten einen Blick ins Welt- gcti'mnncl, und die Kammcrjungfer war boshaft genug, sie nicht auf den frommen Nachbar aufmerksam zu machen, weil er aus leidigem Geldmangel unterlassen hatte, sich ihre Gönnerschaft durch ein Geschenk zu erwerben, als sie ihm nach dem Abcndschmausc die Treppe hinab leuchtete. Seine öffentliche Gleißncrci schaffte ihm daher nicht de» Laustbcin'S sömmtl. Sehr. VI. Bd. 6 -oD 82 gcringstcn Vortheil. Ein andres Mittel mußte gewählt werden. Nun war eben damals ein neuer Prediger vom ersten Range in die Stadt berufen worden, dessen magnetische Beredsamkeit einen Sonntag wie den andern die Häuser entvölkerte und ihre Bewohner an sich zog. Wer seit zehn Jahren keinen Fuß in die Kirche gesetzt hatte, sprang mit beiden hinein, um ihn zu hören. Wehe dem, der einen Katarrh mitbrachtc und ihn unter der Predigt laut werde» ließ! Tausend Köpfe drehten sich, bistcnd und zischend, nach ihm hi» und durchbohrten ihn fast mit den Augen. Hielt er nicht augenblicklich Ruhe, so stand er in Gefahr, aus dem Tempel geworfen zu werden. Ein großer Thcil der enthusiastischen Versammlung stellte nicht nur, wie Vater Plautns sagt, den Vogelhcrd mit den Ohren, sondern auch mit der Lcimrnthe des Bleistifts und dem Mcisenka- stcn der Schrcibtafel. Sogar Officierc und Staatsmänner mit OrdcnSstcrncn sah man so beschäftigt. — Wie haben sich die Zeiten geändert! Heutiges Tages wird nicht einmal mehr die liebe Jugend mit dem Nachschrciben der Predigten behelligt, sondern lieber dafür von kluge» Acltcrn angehaltcn, den Inhalt der Schauspiele anfznzcichncn. — Damals war man aber noch so einfältig, gute Kanzclre- dcn zu schätzen, und die, von welche» hier die Rede ist, wurden bald ein beträchtlicher Handelsartikel für arme Kandidaten, die sie durch eine Menge Abschriften vervielfältigten und das Eremplar um ctuige Groschen verkauften. Dieser Umstand leitete unfern Kcllcrwurm auf den Gedanken, einen solchen Hausircr tu Nahrung zu setzen, die erhandelte Predigt mit eigner Hand wieder abzuschreibc», und sic Fräulein Beaten, als einen Beweis seines Kirchcn- fleißcs, zu überreichen. -v^> 83 <§-«- Dicß that er den nächsten Sonntag, verdiente sich aber schlechten Dank damit. Sic schalt den geistlichen Cicero einen irrgläubige» Neuerer, der die Pest der Ketzerei durch seine Lehren verbreite. Ihr Held war ein hcrrcnhuthischer Kopfhänger, der noch stillere Zuhörer als sein viclbcwun- derter Amtsbrndcr hatte: denn er predigte meistens nur dem schlafenden Küster und den öden Mauern der Kirche. Fräulein Wimmcrling erhob aber die Salbung seiner Vorträge bis in den Himmel, und empfahl dem Referendar, sich so oft als möglich dadurch zu erbauen. „Ich selbst," fuhr sic fort, „werde durch Alter und Schwachheit gehindert, die weit entlegene LämmlcinSkirche zu besuchen, wie ich in jünger» Jahren niemals versäumte; allein eben dcßhalb werden Sie mich ungemein erfreuen und Ihnen verbinden, wenn Sie an meiner Stelle dahin geh», die Predigten genau nachschrcibcn, und mir von Zeit zu Zeit mittheilen." — Eine starke Zumuthung! Doch er versprach, ihr Genüge zu thnn, und ward für diese Bereitwilligkeit herrlich be- wirthct. Dennoch war cs ihm, wie man denken kann, kein Ernst, sein Wort in Person zu erfüllen. Er bestellte einen alten Magister zu seinem Vikar, brauchte aber die Vorsicht, Sonntags früh auszugehcn, seinen Weg nach der Gegend der LänmilcinSkirche zu nehmen und in einem dort in der Nähe befindlichen Wcinhause so lange zu frühstücken, bis der Gottesdienst beendigt war. Abgcrcdctcr Maßen kam nun der graue Meister der sieben freien Künste in die Weinstube, übergab de» nachgeschriebcnen Sermon, und empfing seine Gebühr. Thomas ging ehrbar nach Hanse, schrieb die Predigt ins Reine, lieferte sie gegen Abend ab, erquickte sich an Beatens gut besetztem Tische, und erhielt bisweilen sogar ein halbes oder ganzes Dutzend Dukaten zu Papier und andern Schrcibcmatcrialicn. -oD 84 ^ So ging's alle Sonntage. Doch war er auch in der Woche nicht unthättg. Er fing seine öffentlichen Fenster- Andachten wieder an, und Beate sah jetzt, da er ihr interessanter geworden war, oft mit Wohlgefallen zn ihm hinüber. Da cs ihm aber unerträglich langweilte, ein Gebetbuch, worin er nicht lesen mochte, vor die Augen zu halten, so ließ er sich eine Bnchschalc von schwarzem Kor- duan mit goldnen Zierrathen fertigen, bekleidete mit diesem geistlichen Kapnttrock oder Schanzlänfer weltliche Schriften, und las ans solche Art manchen mnthwilligcn Noinan, indem seine lauernde Patronin glanbtc, er wärme sich an Müllers göttlicher Licbesflammc. Durch dergleichen Liste» und Ränke kam er seinem Ziel immer näher und gewann Beatens Gunst mit jedem Tage mehr. Sic betrachtete ihn als einen ans dem Feuer gerissenen Brand, und rechnete seine Bekehrung dem Himmel für einen großen Gewinn an. Irdische Absichten hatte sie nicht ans ihn. Sic erklärte sich, wenn er bisweilen ihre Gedanken über den Ehestand von weitem erforschte, im Allgemeine» so entscheidend abgeneigt dagegen, daß ihm alle Lust verging, ihr seine Person anzntragcn. Weit erfreulicher waren seine Aussichten, sie zn beerben. Sic versprach mehrmals bestimmt und feierlich: daß sic ihn, wenn er seinen christlichen Lebenswandel sortsctzc, in ihrem Testamente bedenken wolle. -oD 83 Oo- Einundzwanzigstes Kapitel. Jungfer Blaustrumpf. — Bauchdieust und Gottesdienst. — Das Verhör auf der Gasse. Ein Meister auf der Orgel — erzählte man — gcrieth mit seinem Bälgetreter in Unfrieden und ließ ihn sein Ucbcrgewicht fühlen. Schon gut! — dachte der beleidigte Windmacher — ich werde mich rächen! — Den nächsten Sonntag, als gerade der Meister vor einer zahlreichen Kirchcnversanimlnug seine ganze Kunst anfbot, lief der hämische Kalkant plötzlich von seinem Posten, und die Orgel — verstummte. Dicß an und für sich unbedeutende Gcschichtchcn lehrt, wie gefährlich cs ist, die Herren Bälgetreter gering zn schätzen und böse zn machen. Es gibt ihrer in allen Fächern. Thomas Kcllcrwnrm zum Lrcmpcl spielte die Orgel der Schcinheiligkcit als Meister; aber bei einem Haare wäre ihm der Wind ansgcgangcn, weil die Kammcrjnngfcr die Bälge nicht trat. Sic versuchte sogar, ihn ganz von der Hütschc zu stoßen. Es war aber auch unartig, daß er sic von einem Tage zum andern vergebens ans ein Geschenk warten ließ. Die verstohlenen Licbcsblicke, womit er ihre Dienstleistungen zn vergelten dachte, hatten für sie keinen Werth. Eine Weile ließ sic sich geduldig damit bezahlen, denn sie betrachtete sic als Anweisungen ans klingende -oO 86 S-o Münze. Als er aber so wenig, wie vormals die französische Republik, Anstalt machte, seine Assignate mit baarcm Gelbe cinznlöscn: da ward Liscttc — so hieß die eigennützige Dirne — bitterböse nnd lauerte ihm auf den Dienst. Seine fleißigen Kirchengängc wurden ihr bald verdächtig. Sie thciltc dem Fräulein ihre Zweifel mit, fand aber kein Gehör, nnd ward eine Vcrläumderin gescholten. Am Morgen des folgenden Sonntags schlich sic ihm auf dem Fuße nach, und sah mit boshafter Freude, daß er, hinter der Kirche herum, in die Taverne ging. Windschncll flog sic nach Hanse nnd meldete dem Fräulein, was sic gcschn hatte. „Schlange, du lügst!" sprach Beate. Die Spionin bestand darauf, sie solle sich mit eigenen Augen von der Wahrheit der Sache überzeugen. Das Fräulein entschloß sich dazu, schickte nach einem Micthwagen, und fuhr mit der Dcnnncianti» geraden Weges vor's Weinbaus. Das Ankleiden nnd Anspanncn hatte so lange anfgchal- tcn, daß die Predigt schon vorbei war. Thomas saß aber noch in der Trinkstube nnd traktirte seinen Kirchcn-Statt- haltcr mit einem Gläschen Wein. Diese seltne Freigebigkeit — denn er war gewöhnlich gegen Andere sparsam, um im Sclbstgennß verschwenden zu können — wandte, wie wir gleich sehen werden, den Schlag von ihm ab, den ihm sein Geiz gegen die Zofe beinahe zngezogcn hätte. Sic sprang ans dem Wagen, trippelte ins Weinhans, fragte den Küpcr, der ihr gerade in den Weg kam, ob Herr von Panipel hier scp, nnd ließ ihn, als cs bejaht wurde, hcransrnfcn. Er kam nnd entsetzte sich ein wenig. Sie sagte spottlächclnd: Fräulein Wimmcrling halte vor der Thür nnd wolle ihn sprechen. Doppelt bestürzt lief er z» ihr an den Wagen. Sie war schon mit einem Lic- dcrverse zu seinem Empfange gerüstet und seufzte ihm entgegen: -o§> 87 „Was pflegst du deines Leibes hier Und läfl'st den Geist verschmachten? O Sund' und Schande! Ziemt es dir, Den Knecht als Herrn zu achten? Dem Geist gebührt das Regiment; Vei dir ist solches umgewendt, Der Leib den Geist regieret!" — „Gnädiges Fräulein," — sagte Thomas mit schneller Fassung — „ich leide ganz unschuldig! Der Schein ist gegen mich, denn ich komme wirklich aus der Weinstube; aber ich ging nicht hinein, um meines Leibes zu pflegen, und noch weniger hat mein Geist heute geschmachtet. Ich war in der Kirche, schrieb die Predigt nach, hier ist sic!" — Er hatte znm Gluck die Schreiberei seines Stellvertreters schon in der Tasche und übergab sie dem Fräulein. Es war ihm nicht bange, mit den beiden Frauenzimmern fertig zu werden, wenn sie ihm die Ausstellung machen sollte»: er habe das nicht geschrieben. Allein cs hatte keine Gefahr. Beate maß ihm vollen Glauben bei, und warf, vhne das Blatt weiter zu untersuchen, auf die Angeberin, die verdutzt dastand, einen strafenden Blick. „Nun will ich aber auch" — fuhr er beherzt fort — „Jhro Gnaden das Räthsel lösen, warum ich ins Wein- Haus gegangen bin. Verziehen Sic eine Sekunde!" Er sprang in die Taverne zurück und zog den alten Kandidaten hinter dem Tische hervor. „Magister!" — raunte er ihm ins Ohr — „kommen Sie geschwind mit heraus — ich will Sie zum Spaß einer alten Dame verstellen — sprechen Sie aber kein Wort als Ja und immer Ja zu allem, was ich sage. — Hören Sie, Magistcrchen? Es soll Ihr Schade nicht scpn." — ' Der menschenscheue Kandidat rückte sich ängstlich die -<-§> 88 Perücke zurecht. Er wäre der gchcimnißvollcn Audienz gern übcrhvbcn gewesen und stammelte einige Entschuldigungen z doch zur Dcmuth und zum Gehorsam gewöhnt, ließ er sich sortschlcppcn. „Dieser gute, ehrliche Mann" — hob Thonms un der Wagcnthür un — „wur mein Kirchen-Nuchbur und hörte der schönen Predigt mit eremplarischcr Ansmerksumkcit zu. Doch Plötzlich ward er ohnmächtig nnd sank um. Ich richtete ihn, mit Bcihnlfe einiger andern Leute, wieder ans. Er erholte sich bald, blieb aber ausserordentlich matt. Ein gegenwärtiger Arzt ricth ihm, sich durch Wein zu stärken. Er bekannte seufzend, daß er zu arm sep, sich diese Erquickung zu verschaffen. Der Herr Doktor zuckte die Achseln nnd schlich fort. Auch die andern Lcntc verkrümelten sich. Nun ich — ohne Ruhm zu melden — hiclt's für Christenpflicht, den wacker» Man» in dieß Haus zu führen und ihm ein Glas Wein reichen zu lassen." Dem Magister war dieß Lügengewebe so dunkel, wie die Offenbarung Johannis. Er bückte sich verlegen, bald gegen de» Sprecher, bald gegen die Dame: nnd ob ihm gleich seine Ehrlichkeit kein deutliches Ja erlaubte, so machte doch sein erdfahles Gesicht, sein abgezehrter Körper, nnd der Stempel der Armnth, der auf sein ganzes Wesen ge- gedrnckt war, das Mahrchcn sehr wahrscheinlich, und Beate nahm cs ohne Bedenken für baare Münze. Sic lobte das gute Werk, dessen Thomas sich rühmte, nnd entließ den Magister mit einem ansehnlichen Geldgeschenke, das er zu stärkenden Weinen nnd Arzencicn anwcndcn sollte. Dessen ungeachtet war Kcllcrwnrm noch nicht von aller Verantwortung frei. Die feindselige Kammcrjungfer hatte seine Abwesenheit, als er den Magister herbciholtc, benutzt und gesagt: sic wolle darauf leben nnd sterben, daß er -»D 89 vor ihren Augen, bei der Kirche vorbei, ins Wcinhaus gegangen ftp; doch wisse sie freilich nicht, ob er da sitzen geblieben, oder, »ach abgewartctcm Bauchdicnst, den Gottesdienst besucht habe, lieber diesen Punkt nahm ihn das Fräulein, als sich der Magister sehr dcmüthig empfohlen hatte, noch scharf in die Presse. Aber er läugucte standhaft, vor der Kirche die Schwelle des Trinkhaufts betreten zu habe». Wcuu jemand, sprach er, seine Gestalt da ge- fthn hätte, so müsse diese Erscheinung durchaus ein Blendwerk des Satans gewesen scpn. Beate traute dem höllischen Philadelphia dergleichen Gan- kelkünste wohl zu, und widersprach daher so wenig als Liscltc, die dem Referendar den Krieg nicht öffentlich cr- crklären und sich überhaupt nicht als Urheberin der vb- schwcbcndcn Untersuchung vcrrathcn wollte: sonst hätte sie den Äüpcr als Zeugen aufrufen können, daß kein satanisches Taschcnspicl ihre Augen getäuscht habe. So endigte sich das gehaltene Straßcugcricht, das viel müßige Gaffer hcrbcigelockt hatte. Die lange Peitsche des Micthkutschcrs hielt sic in Schranken, daß sie nicht aus bloßen Zuschauern auch Zuhörer wurden, ungeachtet die Richten» und der Beklagte sehr leise mit einander sprachen. Sie erkannte ihn vollkommen für nicht schuldig, und stellte gleichsam seine Ehre dadurch wieder her, daß sic ihm einen Platz im Wagen anbot. Da dieser nur zweisitzig war und Thomas die erwünschte Bequemlichkeit nicht ausschlug, so hatte Jungfer Blaustrumpfs den wohlverdienten Verdruß, daß sic zu Fuß »ach Hause wandern und mit seidenen Schuhe» die Tieft des Gasscnkoths messen mußte. » Der bekannte Spottname eines Angebers. -o-D 90 Zwciuttdzwattzigftes Kapitel. Dcr Pvstilleurciter. — Der gefaugenc Fuchs. Nach diesem Siege galt Thomas bei seiner Gönnen» mehr als zuvor, nnd ward überdieß dcr Mühe nberhobcn, sich noch in seinen alten Tagen mit dcr hebräischen Grammatik den Kopf zn zerbrechen. Denn als er einst, nm Trinkgeld zu sparen, mit dem Kammerkätzchen liebäugelte, ward es Beate gewahr, nnd gab ihm nicht nur unter vier Augen einen scharfen Verweis, sondern machte cs ihm auch zur Pflicht, hebräisch zu lernen, weil — sagte sie — dcr heilige Hieronymus diese Beschäftigung, als ein an sich selbst erprobtes Schutzmittel gegen die Anfechtungen dcr Wollust, empfehle. — Doch da nun hell am Tage lag, daß Thomas nnd die Jungfer mit einander über den Fuß gespannt waren, so nahm ihm Beate das aufgelegte Sprach- kreuz wieder ab, und war, wie gesagt, mehr als jemals mit ihm zufrieden. Das gab seinem Spckulationsgciste neues Leben, und befeuerte ihn zur Anwendung aller möglichen Erbschleicher- Pfiffe, um ein ersprießliches Testament zn Stande zn bringen. Er ließ sich nun nicht wieder in jenem Weinhause betreffen, sonder» ging immer stracks in die Kirche, und hatte, so lange dcr Pfarrer auf dcr Kanzel verweilte, Bleistift und Schrcibtafel zum Schein in dcr Hand, weil er sich nicht 91 S-o- sür sicher hielt, von Kundschaftern beobachtet zu werden. Die Predigt wörtlich nachzuschreiben, war ihm zu lästig. Er kündigte auch dem alten Magister diesen Dienst auf, und schaffte sich dafür eine noch ältere Postille an, die, wie er genau wußte, in der Wimmerling'schcn Bibliothek fehlte. Daraus schrieb er alle Wochen nach und nach die Predigt für den folgenden Sonntag gemächlich ab, und behauptete bei der -Ucbcrgabe keck, sic scy brühwarm in der Lämmlcinskirche gehalten worden. Um sich noch unentbehrlicher zu machen, warf er sich, als einst Beate über zunehmende Augenschwächc klagte, zu ihrem Vorleser auf, und verwaltete dieses Amt treulicher als Swift, der in ein Erbanungsbnch, das er einer Dame vorlas, seine bekannte moralische Betrachtung über einen Besenstiel cinschob. Thomas beging jedoch den viel unhciligcrn Trug, daß er bisweilen in Beatens Zimmer irgend ein loses Buch geheim aus der Tasche zog und cs las, indem sic, mit ihm an Einem Tische sitzend, in fromme Phantasien so versunken war, daß sie kein Wort sprach, und auch ihm das Sprechen untersagte. Diese Grabesstille dauerte oft mehrere Stunden und machte ihm sehr lange Weile. Da half er sich denn auf erwähnte Art, und baute einen hohen Wall von Gebetbüchern um sich her, über den Beate nicht hinwegsehcn konnte. Sogar Helwigs geistliche Angensalbc * mußte dienen, sie blind zu machen. Außerdem brauchte er die Vorsicht, alle Bücher, mit welchen er sich so verstohlen belustigen wollte, schon in seiner Wohnung dazu vorzubereitcn und in den oben beschriebenen schwarzen Mantel zu hüllen. Auf diese Weise trieb er seinen Frevel lange Zeit, ohne dabei ertappt zu werden. Weniger glücklich war er bei der Jagd auf eine Flasche ^ Ein Gebetbuch vom Jnhr I6»o. -oD 92 Malaga, dic das Fräulein einst in seiner Gegenwart zum Geschenk erhielt und in einen Schrank stellte, nachdem sic vorher die ihr schon bekannte Güte dieses Weines höchlich gepriesen hatte. Das gefiel dem Herrn Thomas; denn er machte sich Rechnung, bei der Abcndtascl damit gelabt zu werden. Allein cs geschah nicht. Beate nahm sich jetzt, da sie mit ihm bekannter geworden war, oft dic Freiheit, ihn blos mit gemeinem Gerstensaft zu bewirthcn, und that cs eben auch dicß Mal. Nach Tische ließ sic ihn zufällig, wegen eines häuslichen Geschäfts, im Zimmer allein. Er hörte lauschend, daß sic mit der Kammerjungfcr die Treppe zum ober» Stock hinaus stieg. Husch! war er bei dem unverschlossenen Schranke, und öffnete ihn, um aus der süßen Flasche einen tüchtigen Zug zu thun, oder sie, nach Zeit und Umständen, ganz auSzustcchcn. Unglücklicher Weise hatte Beate, dic einen Kopf länger war als er, die Boutcillc in ein so hohes Fach gestellt, daß er sie nicht bequem erreichen konnte. Der Fuchs in der Fabel erklärte die Trauben, dic ihm zu hoch hingen, für sauer: unser Fuchs aber wußte zu gut, wie süß der Malaga war, und gab sein lüsternes Vorhaben nicht so leicht auf. Er trat auf die Zehen, dehnte sich gewaltsam, und klammerte sich mit der linken Hand an ein Fachbrctt, um so noch' höher zu klimmen. Doch, indem er dadurch Haltung gewann, verlor sic der unbefestigte, frank und frei auf einem Tische stehende Schrank, und stürzte, mit allen seinen gläsernen und porzellanenen Eingeweide», so plötzlich über ihn her, daß er von der unaufhaltsamen Last zu Boden geworfen und darunter begraben ward. Es gab ein Getöse, als schlüge der Donner ins Haus. Beate und Jungfer Blaustrumpf kamen gerade in diesem Augenblicke die Treppe wieder herab. Erschreckend über 93 das fürchterliche Gerassel, stießen sie einen Schrei ans, eilten ins Zimmer, und erstarrten über den lebendigen, tollgcwordcncn Schrank, der sich vor ihren Angcn bewegte, ohne daß sic den darunter gefangenen und ganz bedeckten Kcllcrwnrm sahen, der durch sein Bestreben, sich hervorzu- arbcitcn, die Zuckungen des Kastens verursachte. Beate blieb, schaudernd und die Hände faltend, an der Thür stehen; aber das naseweise Kammermädchen wagte sich bald naher an den besessenen Schrein, griff ihn muthig an, richtete ihn in die Höhe, und brach in ein schmetterndes Gclächcr ans, als Herr Thomas, in einer Wcinbrühe liegend, zum Vorschein kam. „Denken Sic sich mein Unglück, gnädiges Fräulein!" sprach er im Aufspringen. „Ich wollte vorhin, um mir in Ihrer Abwesenheit die Zeit zu verkürzen, ein geistliches Buch vom Schranke herunter langen; aber kaum rührte ich ihn an, so warf mir ihn der Teufel ans den Hals, und hätte mich nicht mein Schutzengel gerettet, ich wäre des Todes." — Dieses Vorgehen ließ sich Horen, da wirklich einige in Ruhestand versetzte Andachtsbücher ans der Decke des Schranks rcsidirt hatten. Das Fräulein fand auch die Sache, ganz glaubwürdig, und bcscufztc nur leise die Trümmer einiger kostbaren Mundtassen, auf welchen die Könige David und Salomo und andere erlauchte Personen des alten Testaments konterfeit waren, die jetzt insgcsammt ein tragisches Ende genommen hatten. Aber ungläubig schüttelte die Kammcrjnngfcr ihr Köpfchen und fragte spöttisch: wie cS denn komme, daß die Schrankthür offen und znrückgeschla- gcn scp. — „Darauf mag der Schrank antworten; was weiß ich'ö!" sagte Thomas trotzig, und die Geschichte hatte vor der Hand keine weitern Folgen. Dreiuttd;wan;i§stes Kapitel. Der Horcher an dcr Wand hört seine cianc Schand. — Die Mauö in der Falle. „Dcr gestrige Vorfall, mein gnädiges Fräulein," — sprach dcr Unglstcksvogel am folgenden Tage — „bewies doch wohl sonncnklar, daß ich mit ihrer Kammcrjungfcr in keinem Licbcsbunde stehe, wie Sic mir einst Schuld gaben. Erinnern Sic sich noch dcr hämischen Frage, die sie mir wegen der beim Sturz des Schranks aufgesprungenen Thür oorlcgtc? — Welchen häßlichen Verdacht suchte sie gegen mich zu erwecken! — Und diese Basiliskcnsccle sollt' ich lieben? — Nein, ich hasse sic ans Herzensgrund; und übcrdicß ist ja auch das stnmpfnäsige Affcngcsicht nichts weniger als liebreizend!" — Herr Thomas schmeichelte sich, recht klug und zu seinem Vortheil gesprochen zu haben; allein er hatte bald Ursache, die ansgcstoßencn Schmähungen zu bereuen. Den» wie ein junger Vcrscmann (der etwa ein träges Mode-Sonnct mit lauter weiblichen Reime», wie ans breiten Gänsefüßen, in die Welt watscheln ließ, und dcßhalb von allen Knnst- richtern des heiligen römischen Reichs Lvrbecrkroiicn erwartete) gräßlich wüthet und tobt, wenn er sein schlastrunkncs Mißgcschöpf in einer gelehrten Zeitung höhnen und geißeln sicht: eben so wild gcbcrdctc sich die vor der Thllre hör- chende Kannnerjnngfcr, als sic ihr Lärvchen — auf daS sie nicht minder, als jener Versler auf sein Klinggcdicht stolz war — mit ihren eigenen Ohren so lästern hörte. Außer sich vor Zorn, wollte sie die Thür anfreißen, in's Zimmer stürzen und dem ungeschlachten Mäkler seinen Nezensentenlohn auf die Backe» zahlen; aber die anfstei- gendc Furcht, daß diese heroische That den Verlust ihrer vortheilhafte» Stelle nach sich ziehen möchte, warf ihr schnell eine» Zaum über den Fnrienkopf, und sie begnügte sich an dem Gcdankcnschwnr, mit bedächtiger» Schritten Rache zu nehmen und den verhaßten Günstling zu stürzen. Dieses Vorhabens entwandte sic eines Tages die erste beste von ihm angeblich nachgeschricbcne Predigt und legte sic einem inngcn Theologe» (der ihr versprochen hatte, sic zur Frau Pastorin zu machen, sobald er Pastor scpn würde) mit der Frage vor: ob er wohl glaube, daß diese Predigt in der Lammleinskirchc gehalten worden scy. „Sic hat einen alten, ranzigen Postillcngcschniack— sprach der nette Kandidat, als er sie flüchtig gekostet hatte — „ich halte sic für keine frische Waarc. Doch kann ich mich irren. Die geistliche Bcredtsamkeit in der Lämmlcins- kirchc ist auch gewöhnlich chwas altbacken." — Das war so viel als nichts gesagt. Liscttc wollte die Sache genau wissen und bat ihren Tranten, sich des nächsten Sonntags in gedachte Kirche zu verfügen, die Predigt nachznschreiben und ihr davon eine leserliche Kopie cinzn- händigcn. Der zärtliche Freund versprach und that, was sic wünschte. Indessen war auch Thomas nicht müßig. Er ritt, wie gewöhnlich, seine alte Postille. Jungfer Blaustrumpf verglich die treu ausgezeichnete Predigt mit der gerittenen, fand einen himmelweiten .Unterschied und verklagte den 96 <§^- Postillcnrciter bei dem Fräulein als einen Verfälscher des göttlichen Worts. Beate staunte, und war zweifelhaft, welche Predigt sie für ächt halten sollte. Sie konnte und wollte nicht darüber entscheiden, ohne vorher einer andern fromme» Dame, deren Postillcusammlung die stärkste im Lande war, den kritische» Fall vorzulegcn und sic um Rath zu fragen. Eilig suchte sic alle Kcllcrwurnrschc Mauuscripte zusammen und begab sich damit zu ihrer Freundin. Diese las nur einige Zeile» der jüngsten Predigt und wußte dann schon, wo Barthel Most geholt hatte. Sic langte aus ihrer Bibliothek ein dickleibiges Eremplar von Kellcr- wurms Postille hervor, und bewies daraus, daß die Predigt, die er für ein nagelneues Werk ansgcgcbcn hatte, schon seit einem halben Jahrhundert gedruckt war. Das Fräulein entsetzte sich über diesen Betrug. Zum Ucbcrfluß wurden nun noch mehrere handschriftliche Kanzclrcden mit den gedruckten kollationirt, und alle stimmten Wort für Wort mit einander überein. Indem dicß geschah, ging Thomas gutes Muths in Beatens Wohnung, um ihr seine Aufwartung zu machen und Abends bei ihr zu speisen. Lisettc wies ihn nicht ab, weil sie ahnte, was ihm bei der Rückkunft des Fräuleins bcvorstand, und sic ihn lieber heute als morgen bestraft sehen wollte. Sie sagte mit Schlaugcufrcundlichkeit: ihre Dame scp zwar nicht zu Hause, werde aber bald zurück- kommcn; er möge sich indessen die Zeit mit Lectürc vertreiben. Thomas, der nicht gern einen Weg doppelt machte, ließ sich diesen Vorschlag gefallen. Die Zofe schloß ihm ein Zimmer auf und entfernte sich. Da cs nicht Beatens tägliches Wohngcmach war, so sah er sich natürlich in dieser fremden Gegend um und erlaubte seiner Neugier, einen Alkoven zu öffnen, der ihm ein Gemisch von lieblichen Duften cntgcgcnhanchtc. Es waren Ausströmungen des Nachtisches, den Fräulein Beate, die des folgende» Tages eine Gasterei geben wollte, dazu angeschafft und hier ausgestellt hatte. Ans dem Fußboden standen Körbe voll Obst; ans einem Tische Teller mit Confcct; und in ihrer Mitte prangte, wie der Mond unter Sternen, eine große Man- dcltortc, über deren Oberfläche sich ein Lavastrom von Zucker ergossen hatte, aus welchem buntfarbige Hügel von eingemachten Fruchten cmporsticgcn. Dieses Prachtstück umgaben Flaschen, mit den edelsten Weinen gefüllt. Sie glichen in ihrer kreisförmigen Stellung einer Leibwache, und trugen zum Thcil, als Ehrenzeichen ihrer Vortreff- lichkcit, geflochtene Panzer. Kcllcrwurm war schon im Begriff, diese Trabanten an- zugreifcn, als eine Fleischpastctc, die er auf einem etwas entfernter» Tische wahruahm, eine Diversion machte und seine ganze Aufmerksamkeit an sich zog. „Bondics!" sprach er schmunzelnd: „Du stehst hier so einsam und verlassen im Hintergründe, als hättest du lange Weile! — Wart, wart, ich will dir Gesellschaft leisten!" — Hiermit zog er ein Besteck Messer, das ihn überall begleitete, aus der Tasche, und bat sich eigenmächtig zu Gaste. „Frisch drauf los!" sprach er in Gedanken: „Was ist's denn weiter, als ein kleiner Vorgriff in die künftige Erbschaft, de» ich mir wohl erlauben darf." — Indem er jetzt schmauste und dazwischen einem der geharnischten Trabanten sein süßes Blut abzapfte, klinkte die Kammcrjungfer so sacht als möglich die Stnbcnthür ans und guckte durch eine zollbreite Ocffuung hinein. Es war ihr sehr angenehm, den ungebetenen Gast zu vermissen: denn nun wußte sic schon, daß er sich an dem Orte chinmtl. Schr. Vl. Bd. 7 -->D 98 So- bcfand, wo sie ihn habe» wollte. Sic hatte ihn vorsätzlich in dieß Zimmer geführt, nm ihn, wie eine Maus, in die Falle des Alkovens zn locken. Da sie ihn aber mich fcsthalten wollte bis znr Stunde des Gerichts, so schlich sie auf den Fußspitzen an die Al- kovcnthür und drehte das Schloß so leise zn, daß er nichts davon merkte. Einige Minuten später sah er sich zwar gefangen; allein cs kümmerte ihn nicht. Er glaubte, das Schloß scp von ungefähr zugcschnappt, und verließ sich auf das Fenster des Alkovens, das von innen geöffnet werden konnte. So beruhigt, fuhr er fort, sich tapfer zn nähren. Kurz darauf kam Beate zurück. „Gut, daß Jhro Gnaden wieder da sind!" sprach Lisctte an der Hausthür: „Ich Hab' in Ihrer Abwesenheit einen mächtige» Raubvogel gefangen." — Das Fräulein sah finster aus, wie die Nacht und sagte mürrisch: sic sep zum Scherzen nicht aufgelegt. Die Kannnersuiigfer versicherte: die Sache scp Ernst, und führte sie an die Hiutcrthür des Alkovens, durch die er mit der Küche in Verbindung stand. Diesen Uebcrfall im Rücken veranstaltete das boshafte Mädchen in der Absicht, den Herrn von Pampel durch den Angriff von einer Seite, wo er keinen erwartete, desto mehr zu erschrecken, ihm aber den Fluchtweg durch das Alkovenfcnstcr offen z» lassen , weil in dem Falle, daß er dieses Rcttungsmittcl ergriffe, ein possirlichcs Schauspiel zu erwarten war. Man kann sich vorstellcn, wie er die Ohren spitzte, als er vor der Thürc, die er kaum bemerkt hatte, ein bedenkliches Geflüster vernahm, und endlich gar des Fräuleins Hauptschlüssel im Schlosse klirren hörte. Er riß wetter- schnell eine Weinflasche vom Tische, sackte sic in seine geräumige Rocktasche, stieß das Fenster aus, kletterte auf einen Stuhl und stürzte sich in den engen Paß, durch den 99 S«- cr entwischen wollte. Kopf, Schultern und Arme kamen glücklich hindurch; als aber der Bauch Nachfolgen sollte, da standen die Ochsen am Berge; da half kein Drücken und Drangen, kein Acchzen und Stöhnen. Der unglückliche Kcllcrwnrm wollte sich mit Gewalt durchhaspel», und arbeitete so heftig, daß er wie eingekeilt zwischen dem Fensterrahmen stecken blieb, weder vorwärts noch zurück konnte und sich nnthätig seinem Schicksal überlassen mußte. Er lag wagcrccht, wie ein Querbalken, und wies den cin- tretcndcn Frauenzimmern den unanständigen Theil seines Leibes. „O der Lotterbube!" seufzte Beate halblaut und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. Die Kammcrjung- fcr lachte zügellos und beleuchtete mit einem brennenden Lichte die Kehrseite des Herrn von Pampcl, der sich anfangs ruhig dabei verhielt. Aber er strampelte wie toll mit den Beinen, als sic ans seiner linken Rocktasche, die sich durch starkes Bauschen als eine Diebshehlcri» vcrrieth, die Weinflasche zog, und sic, als des Fräuleins rechtmäßiges Eigcnthum, in Beschlag nahm. Sic setzte nun, ungeachtet die strampelnden Beine immer heftiger dagegen protcstirten, die Haussuchung fort, und fand in der zweiten Rocktasche ein Buch von so heiligem Anschn, daß Beate mit beiden Händen darnach griff, weil sie glaubte, cS gehöre in ihre Bibliothek. Aber wer kam ihr, in der schwarzen Amtstracht eines geistlichen Schriftstellers, auf dem Titelblatt entgegen? —Der im Irrgarten der Liebe herum taumelnde Cavalicr!" — „Puh! puh!" rief sic mit Grausen und schleuderte ihn von sich, als hätte sie eine giftige Kröte zwischen die Finger bekommen. Nun * Ein bekannter alter Nvmnii. 100 -Z--- brach ein schreckliches Uiigcwittcr los. Sic warf dem eingeklemmten armen Tcnsel alle seine Schelmstrcichc vor, eiferte besonders über die mit den Predigten nnd Andachts- büchcrn getriebene Kippcrci nnd Wipperci, nnd schloß ihre Abdankung mit diesem Verse: „Acht erfahr' ich, schnöder Feind, Wie du eS mit mir gemeint! Dn Imst mich mit List und Macht In dein Netz zu zieh» gedacht! Sa ich dir zn viel getränt, Härt'st du, eh' ich jngcfchaur, Eine Falle mir gebaut!" Hierauf gebot sie ihm in nngcbnndcncr Rede, sich schnell von dannen zn heben und ihr nie wieder unter die Augen zn kommen. Nach dieser Entladung ihres Zorns verließ sic den Alkoven nnd befahl der Kamnicr/nngfer, den heillosen Menschen ohne Verzug fortzuschaffc». „Marsch, Herr von Pampcl!'' sagte Lisctte, nnd prickelte, da er nicht sogleich dazu Anstalt machte, seine Waden mit einer Stecknadel. Darüber grimmig, schlug er mit beiden Beinen einen rasenden Triller, verlor dadurch das Gleichgewicht, schoß vorwärts, zersprengte seinen engen Kerker und stürzte mit den Bruchstücken des Rahmens und der Glasscheiben ins Zimmer hinab. Lisctte sah durch die Bresche, die er gemacht hatte nnd lachte ihn ans. Wüthcnd sprang er ans und wollte ihr eine Dusel reichen; sic brachte jedoch ihren Kopf in Sicherheit und schmiß ihm den taumelnden Cavalier an den scinigen. Er warf die Handgranate -zurück, schoß ihr damit die Haube vom Kopfe, griff behende nach seinem Hute und entsprang. Doch sie ruhte nicht, sic mußte den letzten Wnrfhabcn. Der schwarze -<>V 101 Cavalicr flog ihm, als er über die Gaffe schritt, aus einem Fenster nach und traf ihn derb auf den Rücken. Das Straßenpublikum jauchzte; er aber that, als ob ihn die Sache nichts angehe, und wandcrtc stracklich, ohne sich umzuschen, nach Hause. Vitrundzwanzi^ftes Kapitel. Kellerwurm wird aus der Negierung gestoßen, und wird selbst regierender Herr. Die Betrachtungen, die er zwischen seinen leeren Wänden anstcllte, waren nicht tröstlich. Er schalt sich einen dummen Teufel über den andern, und hatte sich selbst prügeln mögen, daß er, wie ei» Schaf vor seinem Echterer, verstummt war, als ihm wegen seiner Frcvclthatcn der Kopf mit Sand und Lange gewaschen wurde. Wie konnte er aber auch in einer so vermaledeiten Quetsche, worin Geist und Körper zugleich steckte», ans Finten denken und eine VcrthcidignngSrcde halten? Das war unmöglich, aber freilich auch sehr schlimm; denn er befand sich nun in der Lage eines geständigen und nbcrfnhrtcn Mis- scthatcrs. Was half's, daß ihm hinterher tausend glückliche Einfälle znströmtcn, wie er sich hätte dnrchlügen könne» ? Sic galten keine taube Nuß, weil er ihnen im voraus die Nativität stellte, daß sie nicht angehört und »och weniger berücksichtigt werden würden. Kurz, das Lustschloß der Erbschaft war eingcstürzt und keine Möglichkeit vorhanden, cs wieder zu bauen. Diese traurige Uebcrzcngung machte ihm den Kopf so schwer, daß er -ihn eine Weile sehr tief gegen die Erde sinken ließ. Aber ans Ei» Mal kehrte seine alte Freundin, 103 <§-<>- die gute Laune, zurück, stellte ihm sein Abenteuer von der lustigsten Seite vor, und er lachte nun weidlich darüber, daß die beiden Frauenzimmer eine so unangenehme Aussicht auf sein beträchtliches Hintergebäude gehabt hatten. Was ihn noch mehr aufrichtete, war die Hoffnung, daß ihm die wcttcrläunische Fee, die man Glück nennt, über kurz oder lang wieder einen Naben oder einen andern Wegweiser zuschickcn werde, um ihn in ei» eben solches Paradies, als er jetzt mit dem Rücken ansehen mußte, cin- führcn zu lasse». Indessen wollte er, da gerade nichts anders für ihn zn thnn war, seine Ncfcrcndarienpflicht wieder ein wenig von dem Nagel herunter langen, an den er sie bisher gehängt hatte. Er war nämlich, seit der hoffnungsvollen Bekanntschaft mit Fräulein Wimmerling, bei den Sitzungen der Landesregierung wenig oder gar nicht erschienen, ungeachtet er von dem Präsidenten mehrmals schriftlich bedeutet worden war, seinen Stuhl nicht so ganz kalt werden zn lassen, weil man sich sonst gemüßigt sehen würde, ihn einem Andern zu übergeben, der Lust und Willen hätte, ihn wärmer zu halten. Um dieser Entthronung znvorznkommcn, faßte Herr Thomas den löblichen Entschluß, des folgenden Tages das Negierungs- Kollegium mit einem Besuch zn beehren und seine Mnnd- spcrrc wieder anzufangen, wo er sie gelassen hatte/ Schon dazu angeklcidct, legte er sich am nächsten Morgen, von ambrosischen Tabakswolkcn umwirbelt, mit dem halben Leibe zum Fenster hinaus und richtete seine Angen keck und trotzbietcnd ans Beatens Wohnung, als er einen Negiernngsbotcn mit Eilschritten in sein Hans kommen sah. „Hm!" — sprach er für sich — „gewiß eine neue Gesandtschaft vom Präsidenten! Der Mann hat doch ein recht sehnliches Verlangen nach mir!" — Indessen trat der -o-D ior Bote ins Zimmer. „Bon jonr, mein Freund!" sagte der Referendar. „Was gibt's Neues? Zch war eben im Begriff, ins Kollegium zu gehen." — „So?" versetzte der Bote mit einem kalten, gedehnten Tone: „Ich weiß nicht, ob das noch nöthig seyn durste, wenn Sie diesen Brief von Zhro Gnaden, dem Herrn Präsidenten, werden gelesen haben." — Mit etwas bebender Hand erbrach Thomas die Zuschrift und las: „Da Ew. Hochwohlgcborcn, meiner wiederholten Aufforderungen ungeachtet, Ihre Dicnstgcschästc bisher gänzlich verabsäumten und meine Pflicht mich endlich zwang, dem Fürsten davon Anzeige zu thnn, so habe» Zhro Durchlaucht mir hierauf in Gnaden befohlen, Ihnen Ihre Entlassung anzukündigcn. Indem ich mich dieses höchsten Auftrags hiermit entledige, beharre ich für die Person n. s. w." Erröthcnd legte Thomas das Blatt bei Seite, stellte sich aber gegen den Boten sehr heiter und vergnügt, und gab ihm einen so höflichen Empschl an den Präsidenten mit auf de» Rückweg, als ob er die erfreulichste Nachricht erhalten hätte. Doch war ihm bei der Sache nicht wohl zu Muthc. Er fürchtete sich vor seinem Vater, der jeden Posttag die Meldung erwartete, daß sein Sohn wirklicher Rcgicrungsrath mit Sitz und Stiinmc geworden scy. Es ließ sich also denken, daß er die -Hiobspost seiner plötzlichen Verabschiedung nicht gleichgültig aufnchmcu würde. Thomas quälte sich fast eine Woche lang mit Grübeleien, wie er diesen Unglücksfall bemänteln und sich dabei von aller Sclbstschuld loswickcln wollte: che er aber damit aufs Reine kam, erhielt er aus Pampclhansen — so hieß sein väterliches Gut — einen Brief, der diesen Sorgen ein 108 O--> Ziel setzte. Er ersah nämlich daraus, daß beinahe zu derselben Zeit, als die Streichung seines Namens aus der Liste der Refercndaricn erfolgte, auch der Tod seine» Vater mit der groben Trappcnfeder eines Schlagflufscs aus der Nolle der Lebendigen gestrichen hatte. Diese Trauerbotschaft erschreckte uud betrübte den Er - Referendar, der zu gutmüthig war, ein lachender Erbe zu scp»; da er sedoch den Todten nicht wieder erwecken konnte, so ergab er sich mit dem ihm eigcuthümlichcn leichten Sinn in die Fügung des Himmels und machte sich reisefertig, um die Regierung über zwanzig bis dreißig Bauern und Koth- saffen auzutrcten. 10k Fünfttlidzwanzigstes Kapitel. Die Schmarotzer. — Der Hansnarr. — Fasanen und Baum- dlätter. Als Herr Thomas — wir wollen ihm nun, da er aus der Residenz weg ist, den dort aufgclcsenen Spitznamen nicht weiter Nachträgen — in seinem Gebiet anlangtc, war Vater Pampel schon begraben, und sein Nachlaß befand sich unter gerichtlichen Siegeln, die bei der Ankunft des einzigen Erben (der seit zehn Jahren einen Bart hatte und also übcrmündig war) sogleich wieder abgerissen wurden. Er nahm vor allen Dingen den Weinkeller in Augenschein und klopfte an alle Fässer, um sie zu prüfen, ob sie voll oder leer waren. Die meisten gaben ihm eine erwünschte Antwort. Den hohle» Bäuchen versprach er, sie zu füllen, und er konnte Wort halten, da ihm sein Vater eine recht artige, mit baarcm Gclde gefüllte Schatulle hintcrlicß, die für einen Dorfmonarchen, der weder eine Armee halten, noch Krieg führen durfte, ansehnlich genug war. Was brauchte er weiter, um nach seiner Art glücklich zu scyn? Da er Wein und Geld gefunden hatte, untersuchte er die übrigen Bcstandthcilc der Erbschaft nicht genau und bekümmerte sich wenig darum, daß eine große Last hypothekarischer Schulden das Gut drückte. Seine erste Sorge war, sich einen grundgelehrten französischen Koch zu ver- 107 S» schreiben. Die alte Köchin, die ihm in seinen jüngeren Jahren manchen delikaten Eicrknchcn gebacken hatte, erhielt ohne Barmherzigkeit ihren Abschied, weil sie nnr gemeine Hauskost zu bereiten verstand. Der neue Koch hingegen schlug trefflich ein. Er lief sogar Trudchcn den Rang ab, die sein Herr bis jetzt für nnübertreffbar gehalten hatte. Die benachbarte Ritterschaft bekam bald Witterung von der guten Küche in Pampclhauscn, und Flicgcnschwärme von ungeladenen Gästen zogen dahin, die sich mit altdeutscher Freimüthigkeit selbst zu Tisch baten. Herr von Pampcl gab anfangs mit vieler Bereitwilligkeit offne Tafel, ward aber des Dings bald überdrüssig. Die Herren Nachbarn, meistens wilde Jäger, tranken den Wein, der ihnen nichts kostete, wie Wasser, verführten im trunkenen Muthc die tollste Wirthschaft - kehrten das oberste zu unterst und tummelten ihren freigebigen Wirth, daß er hätte schwarz werden mögen. Das taugte nicht in seinen Kram. Er war gewohnt, ein Stündchen nach Tische zu schlummern , oder wenigstens seinen Körper aller zwängenden und drückenden Fesseln zu entledigen, sich so auf den So- pha zu lagern und in einem Mittclznstaude zwischen Schlaf und Wachen der Verdauung obzuliegcn. Dazu ließen cS aber die lärmenden Schmansbrüder nicht kommen. Sie hetzten ihn wie einen Hasen im Zimmer herum, spielten mit ihm Fangcball und lachten ihn vollstimmig aus, wenn er keuchend um Ruhe bat. So ging cs einen Tag wie den andern. Der gute Pampel ward bei diesen Strapatzcn endlich ganz krank. Die Schmarotzer trieben dennoch ihr Unwesen nach wie vor, und erhoben sich noch dadurch zu Idealen unartiger und unbescheidener Gäste, daß sie an andern Orten von seiner Küche und seinem Keller verächtlich sprachen, und über die Beschaffenheit seiner Tafel, -<-§> 108 die ihnen immer ncch nicht gut genug war, ciu loses Maul hatte». Das kam ihm zu Ohre», uud er machte nun, um sich au den Vcrläumdcrn zu rächen und sie überhaupt tos zu werden, ihre Afterreden wahr. Er setzte ihnen unter den erbärmlichste» Klagen über schlechte Zeiten ciu einziges kahles Gerücht vor, und damit schabab! Sic sahen sich rechts und links nach mehrere» Schüsseln um, verzogen den Mund über den jungen, essigsaurcu Kopfrcißcr, den sie zu trinken bekamen, und blieben zuletzt, als sich diese neue Tafclordnuug durchaus nicht änderte, von Pampcl- hauscn glücklich weg. Thomas lachte ins Fäustchen, aß und schlief nun wieder so ungestört als zuvor, uud empfahl den gclungcucn Schmarotzcrban» allenthalben als ein treffliches Hausmittel, Pch von solche» zudringlichen Gästen zu befreie». Da er aber nicht immer essen »ud trinken und schlafen konnte, und ein abgesagter Feind von ander» Beschäftigungen war, so wurden ihm mitunter in seinem einsamen Schlosse die Tage schrecklich lang. Er versah sich deßhalb mit einem Hansnarren und wählte dazu den Dorfbarbicr, der in der ganzen Gegend als Lustigmachcr berühmt war. Wenn Doktor Blaffcrt in der Schenke nur den Mund auf- that, wollte sich die gesummte Trinkgescllschaft vor Lachen ausschütten. Er war in Pampclhausen das, was vor Zeiten bei der königlich - französischen Schwcizcrgarde ein bekannter Possenreißer — der von ihr sogenannte — war, der cs in seiner Gewalt hatte, durch eine einzige Fratze, die er schnitt, das ganze anfmarschirtc Regiment in einen tobenden und, so zu sagen, ansteckenden Jubel ausbrechcn zu lassen; den» die gläubigen Lacher wußten oft auf dem rechten Flügel kein Wort davon, was für eine Schnurre der Herr I-oustio auf dem linken gemacht hatte. Blaffcrt übte vor Zeiten sein Pickclhärings - Talent auf der Storchcrbiihne eines gravitätischen Zahnbrechcrs und Wurmdoktors, dessen Famulus und Lockvogel er war. Seine bunte Harlckinsjacke und spitze Kappe, sein schwarzer, gemalter Schnurrbart und seine fröhlichen Schwänke belustigten die Jahrmarktsgäste ungemein. Mancher Kranke lachte sich über ihn gesund, und schrieb nachher seine Genesung den gekauften Pillen des Charlatans zu. Blaffcrts Spässc konnten auch noch jetzt, nach einer langen Reihe von Jahren, das Marktschreiergcrüst, wo sie vormals geglänzt hatten, nicht verlängncn, und er fand in den Zeitungen, die er dem Herrn von Pampcl gewöhnlich vorlas, nichts anziehender, als die Ankündigungen der Nniversal- arzneicn und Wundcrcsscnzcn, sammt den damit verwandten Selbstrczensioncn eitler Schriftsteller, und den Trompctcr- stnckchcn derjenigen Buchhändler, die ihren Kram mit schmetternden Tönen ausblasen. Herr von Pampcl hingegen gab den einladenden Anzeigen der Pastctenbäckcr und Garküche den Vorzug, und ließ sich die Berichte der italienischen Kanflcute, daß sic Austern, Kaviar und mehrere solche Leckereien erhalten hätten, zwei und drei Mal verlesen, ob er gleich bisweilen wegen der Entlegenheit des QrtS, wo dergleichen Schleckcrwcrk zu verkaufen war, nicht die geringste Hoffnung hatte, etwas davon zu genießen. Er freute sich auch alle Jahre ans des Hamburger unparteiischen Corrcspondcnten treuliche Mitthcilung des Küchenzettels vom Lord-Major-Schmause in London, der besonders im Jahr 1805 sehr merkwürdig war, indem er hundert Terrinen Schildkrötensuppe, neunzig Schüsseln mit gebratenen Spanferkeln, Fasane», Schnepfen und Trnt- »D 110 Hühnern, »cl'st zwanzig andern Gerichten enthielt, und einen bedenklichen Kontrast mit dein Stroh und de» Baum- blättcrn machte, welche zu gleicher Zeit die unglücklichen, mit Krieg überzogenen Deutsche» in Schwaben und Baiern aßen, und zwar — wie sich viele starrköpfige politische Kanncngicßcr schlechterdings nicht ansrcdc» lassen — darum essen mußten, damit indessen die Herren Engländer ihre Fasanen in Ruhe und Frieden verzehren konnten. Blaffcrts ZcitungSvorträgc wurden oft wider seinen Willen, durch die falsche Aussprache fremder Wörter, sehr lustig. Doch bekamen ihm dergleichen Stolprianc nicht so übel, als einem gewissen Hofnarren, der seines Handwerks ein Müller war, und, neben dem Amte eines Possenmachers, die martervolle Obliegenheit hatte, seinem Monarchen (der nun längst entschlafen und dessen Reich aus der Reihe der selbstständigen Staaten verschwunden ist) die Zeitungen vorznlcscn. Da konnte es denn nicht fehlen , daß der unwissende Tropf alle Augenblicke ein französisches oder englisches Wort jämmerlich radbrcchte. Sobald dicß geschah, befahl der König innc zu halten, und zeigte mit der Hand auf eine dünne hölzerne Scheibe, die im Lesezimmer bereit lag. Zitternd ergriff sic der lustige Rath, und bedeckte damit, wie mit einem Schilde, sein erbleichtes Gesicht; doch mußte die Nase frei und »»beschirmt aus einer Oeffnung in der Mitte des Brettes hervor ragen. So stellte er sich an die Thür; der König setzte ein Blasrohr an den Mund, und traf mit einer porzellanenen Kugel sein Ziel stets so gewiß, daß der unglückliche Lektor eine geschwollene Nase davon trug. Nicht so grausam verfuhr der Monarch von Pampclhau- sen. Er lachte seinen Vorleser blos ans, oder schalt ihn höchstens einen dummen Hanswurst. -»§> 111 S-v- Sechsmidzwauzigstes Kapitel. Der untreue Seckeluieister und der französische Beutelfcgcr. Blasiert steckte dergleichen Injurien gelassen ein, und machte sich dabei in Gedanken das Kompliment, daß er doch nicht auf den Kopf gefallen scy. Er war auch in der That verschlagen genug, im Rohre Pfeifen zu schneiden und den Herrn von Pampel darnach tanzen zu lassen. Zn solche» Bällen gab cs oft Gelegenheit, da nach und nach der Pfeifer dem Tänzer unentbehrlich ward. Alle Geschäfte desselben gingen durch seine Hände. Diese hatten aber den unglücklichen Natursehlcr, daß immer ein Thcil des Geldes, das sie auf herrschaftliche Rechnung auszahlen sollten, an ihnen kleben blieb. Ein Mensch mit solchen häßlichen Händen schickt sich freilich nicht zu einem Haus- Halter und Schatzmeister; doch unser Herr von Pampel, der mit sehenden Augen blind war, ließ ihn ohne den geringsten Argwohn diese Aemtcr verwalten, glaubte alles, was er sagte, unterschrieb alles, was er ihm vorlegte. Blasiert war seine rechte Hand, sein Vertrauter, sein geheimer Rath, sein General-Gewalthaber; und er prieß sich, da er immer dicker und bequemer ward, überaus glücklich, einen solchen gewandten Diener zu besitzen, der ihm alles — besonders den Beutel — so leicht machte. Das Leben eines trägen, unthätigen Landrittcrs ist ein 112 ewigcs Einerlei. Seine Tage kommen und gehen ohne Freude, ohne Leid; er ißt und trinkt, verträumt die übrige Zeit in einem dumpfen Hinbrütcn, und alles, was außerhalb seiner Dorfgränze geschieht, ist ihm so gleichgültig, daß ihm, wenn er das erste Wort von einem landcrver- wüstcndcn Erdbeben oder von der Schlacht bei Austerlitz hört, die glimmende Tabackspfeife dabei nicht ansgcht. Ein solches pflanzcnartigcs Wesen war Herr von Pampcl geworden, seitdem er seinen Landsitz bewohnte. Wir können daher über eine ziemliche Reihe von Jahren, die er so einförmig verlebte, mit dem Flederwisch fahren und uns dadurch für den laugen Aufenthalt schadlos halten, den uns seine frühem Thatcn, als Referendar und Erbschleicher, verursachten. Einige kleine Merkwürdigkeiten, die sich in jenem öden Zeitpunkte ereigneten, dürfen jedoch nicht ganz mit Stillschweigen übergangen werden. Thomas war ungefähr seit drei Monaten unumschränkter Herr von Panipelhauscn, als er einen Brief von seiner Uuivcrsitätsfreundin erhielt, die seinen Regierungsantritt erfahren hatte. Sie erinnerte ihn mit de» schmeichelhaftesten Ausdrücken an sein Herzensversprechen, erbot sich dagegen zu treuen Liebesdiensten in der Küche, und rühmte sich, um ihn recht lüstern zn machen, sic habe in neuern Zeiten ihre Kenntnisse sehr erweitert und werde ihn mit Götterspeise überraschen. Allein dieser Magnet zog nicht. Der französische Koch hatte ihn unwirksam gemacht. Thomas schrieb zurück: er scp über den Tod seines Vaters noch ausser sich, habe sür Lebensfreuden keinen Sinn, und würde vor der Hand einen grämlichen Ehemann abgebcn. Es sep daher rathsam, eine bessere Gcmüthsstimmuug ab- zuwarten. Sobald diese sich cinstcllc, werde er ohne weitere Anregung davon Notitz geben. Trudchen verstand, -»A 113 was das sagen wollte, und kümmerte sich um ihren ungetreuen Korpdon nicht weiter. Der französische Koch, der sie ausgcstochen hatte, war ein windiger, aufgeblasener Gauner, der sich das Ansehen gab, als ob er einem deutschen Edelmann eine große Ehre erzeigte, daß-er für ihn kochte und — ihn prellte. Er steckte mit dem allvcrmögcudcn Hanshofmcistcr unter einer Decke, und ihr gnädiger Herr empfand bald, daß er sich nicht nach der scinigcn gestreckt hatte. Es fror ihn an die Beine; er konnte sich aber nicht entschließen, sic an sich zu ziehen. Blasiert deckte ihn von Zeit zu Zeit mit dem Mantel einer Anleihe, die er verschiedenen wohlhabenden Leuten — unter andern einem gewissen Jeremias Rcchenknccht, der-im nächsten Städtchen ein angesehener Kauf- und Handelsmann war — abznschwatzcn wußte, und so ging die lustige Wirthschast noch eine Weile ihren Gang. Herr Rcchenknccht schmauste selbst wacker mit, um auch durch den Mund von seinen vorgeschosicncn Kapitalien Nutzen zu ziehen. Er kam an jedem Sonn- und Festtage mit seiner alten Hauschrc und seinen sieben ungerathcncn Ehepflänzchen angefahren, und cs entstand zwischen ihm und dem Herrn von Pampcl eine vertraute Freundschaft, die: sic durch wechselseitige Einzcichnung ihrer Namen in ihre Stammbücher besiegelten. Der Kaufmann that dieß auf eine besonders witzige Art, die ihn nachher, wie wir bald sehen werden, in einen sonderbaren Ncchtshandel verwickelte. Dieser Becher- und Stammbuchs-Freundschaft ungeachtet, wollte er mit seinen Füchsen nicht mehr Vorspannen, als er nach einiger Zeit mit Schrecken gewahr wurde, daß der Karren seines Schuldners tief im Kothe steckte. Andere Kapitalisten, die dieß ebenfalls bemerkten, folgten seinem Beispiel, und behielten hartnäckig ihre goldnen Liuiobcin'S gimintl. Schr. VI. B!>, 8 -»D 114 S-o- Rosic im Stalle, so viel Mühe sich Blasiert auch gab, sie heransznholcn. So »öthigtcn die undienstfcrtigen Mensche» den Herrn von Pampcl, sich zu mancherlei unangenehme» Einschränkungen zu bequemen, und beraubten ihn endlich sogar seines Augapfels, des trefflichen Kochs, den er in Gnaden entlassen mußte, weil er ihn nicht länger besolden und beschäftigen konnte. Der Franzmann machte sich wenig daraus: denn er hatte während seines Aufenthalts unter den deutschen Bären — wie er zu sagen beliebte — seine Taschen so gefüllt, daß er für sein ganzes Leben genug hatte. Er ging in sein hochgclobtcs Vaterland zurück, um sich dort zur Ruhe zu setzen und für sich allein zu sieden und zu braten. Der Schuft nahm lachend Abschied, und sein Herr weinte sich die Angen roth. Nun ward die alte, verstoßene Köchin wieder an den Herd berufen, und versah ihren Dienst zwar nicht mit französischer Feinheit, aber mit deutscher Ehrlichkeit. Siebenundzwcttiznzstes Kapitel. Die Buchmacher. — Klagelieder Ieremia, aber nicht des Propheten. Was halsts, daß die gute Mutter beim Einkauf Heller und Pfennige sparte, da ihr Vorfahr Gold über Gold verschwendet und in seinen Sack gesteckt hatte? Es fehlte bisweilen an dein kleinsten Sümmchen, das sie zu Ausgabe» brauchte, und Herr von Pampcl, der sonst immer, gleich dem bekannten Schwelger Lncnllns, getäfelt hatte, mußte sich jetzt oft mehrere Tage hinter einander, wie Don Ranudo de Colibrados, mit trocknen Kartoffeln begnügen. In diesen Fastenzeiten war er sehr grillig, und der Hansnarr hatte seine liebe Noth. Er sollte durchaus Geld schaffen, und weder Jude noch Christ wollte leihen. An einem solchen Angsttage las er von ungefähr in den Zeitungen, daß ein Gelehrter, der eine von ihm verfaßte Schrift einem Fürsten zngesandt hatte, mit einer goldncu Dose voll Dukaten dafür belohnt worden scy. Dergleichen Bcschcnkungcn waren damals noch so selten, wie sie cs jetzt wieder werden, da die gewaltige Lüsternheit nach gold- uen Dosen, die in den letzter» Jahre» eine Menge Schriftsteller und Schriftstellerlinge befiel, einen Fürsten nach dem andern bewogen hat, alle darauf abzwcckcnde Bücherscn- -O-D 116 Südlingen öffentlich zu verbitten. * Der Bartpntzcr hatte von der Ansthcilnng eines solchen Gnadcnlohns noch nie ein Wort gehört oder gelesen. Er machte daher bei jener Nachricht große Augen; sie schien ihm ein gefundener Schatz, und er rannte spornstreichs mit dem Zcitnngsblatt aufs Schloß, wo eben wieder ein Gericht Kartoffeln für die herrschaftliche Tafel gekocht wurde. „Heisa, lustig, gnädiger Herr!" rief er und sprang wie ein Döcklei» ins Zimmer. „Hier sind goldnc Dosen mit goldncm Schnnpf- taback zu verdienen! — — Schnapp! hat man sie weg, wenn man ein Buch schreibt; und das muß doch keine Hc.rerci sepn, da so viele geschrieben werden." — „Was soll das Narrcngeschwätz?" sprach Herr von Pampcl, den die nahe Aussicht ans seinen Kartoffclschmaus ärgerlich machte. „Schaff' Er Geld, und bleib' Er mir übrigens mit Seinem armseligen Spaß vom Leibe!" „Ich spaße bei meiner Seele nicht! Hier steht's schwarz ans weiß!" fiel Blaffert ein, und las den Zeitungsartikel vor. „Frisch zur Feder gegriffen, gnädiger Herr! Sie sind ein Gelehrter, schreiben Sic ein Buch, schicken Sic'S an den Fürstcnhöfcn herum, und Sie werden ein steinreicher Mann!" „Das wäre nicht übel!" versetzte Pampcl. „Aber was soll ich schreiben? Etwa ein Kochbuch? — Von andern Dingen versteh' ich, unter nnS gesagt, so viel wie nichts." „Nun gut, ein Kochbuch!" rief der Bartschccrcr. „Und ich schreib' ein Wcrkchcn über Barbicrmcfscr, so wird uns Beiden geholfen." — Die Buchmacher arbeiteten mm rasch und sudelten in In dem ReichSnnzcigcr und den Hamburger Zeitungen vom Jnbre isos. -OZ, 117 vierzch» Tagen eine gute Anzahl Bogen zusammen. Die Drnckkostcn schoß Jeremias vor, weil man ihm versprach, daß einige der goldenen Dosen, die man erwartete, zur Tilgung seiner altern Forderungen angewandt werden sollte». Zwanzig Prachtexemplare gingen, von dcmüthigcn Bettelbriefen begleitet, an Kaiser, Könige und Kurfürsten ab. Aber diese Bemühungen waren so fruchtlos, als streute man Saamcn ins Meer. Die meisten beschenkten Höfe übergingen die Sache mit Stillschweigen, und die wenigen cinianfendcn Antworte» waren schlimmer als keine; denn die Prachtcrcmplare kamen mit ungnädigen Zuschriften zurück, und die Absender mußten die Postsracbt bezahlen. Große Bestürzung! Der Nathgcbcr hatte den einzigen Gewinn dabei, daß er von seinen, gnädigen Herrn ein Paar Ohrfeigen bekam. Jeremias war sehr begierig, die goldenen Dosen zu sehen, ans die man ihn angewiesen hatte. Er fragie fleißig darnach und brachte immer eine Waage mit, um sic ans der Stelle zu wiegen. Man verschwieg ihm anfangs, daß die Spekulation völlig verunglückt war, und hielt ihn von einem Posttage zum ander» mit Vertröstungen hi». Endlich aber ward er verteufelt grob und sagte den beiden Bnchsabrikanten inS Gesicht, sie verheimlichten die erhaltene» Fürstcngcschenke, um ihn zu hintcrgchen und ihn immer mit leeren Hände» abzichcn zu lassen. Nu» war kein Rath, sie mußten mit der nackten Wahrheit hcraus- rücken. Jeremias gcberdctc sich entsetzlich, als er das letzte Ankerte», gerissen und den Schiffbruch seiner Kapitale vor Augen sah. Klage» und Thränen wechselte» mit Flüchen und Verwünschungen ab. Vergebens suchte man ihn zu beruhigen. Er warf trotzig den Hut auf den Kopf, lief ohne Abschied davon, schimpfte die ganze Treppe hinab, 118 So und drohte »och unten im Hose mit dem Arni der Gerechtigkeit. Herr von Pumpet kannte die Gewalt dieses Arnis und gerieth in Angst. „Fürchte» Die sich nicht!" sagte Blasiert: „Ich stehe dafür, daß Ihnen Nechcnknecht kein Haar krümmen soll. Das Blättchen wird sich wenden; wir werden ihn vor Gericht ziehen, ihm Quartier im Schuldthurm verschaffen." —' „Er redet wie betrunken!" fiel der Edelmann ein. „Was können wir dem Kaufmann thun? Er ist uns nichts schuldig." — „Mir nicht, aber Ihnen!" versetzte der Barbier. „Sie haben, ohne daß Sic'ö wissen, einen förmlichen Wechsel von ihm in den Händen. Zeige» Sie mir einmal Ihr Stammbuch!" Er bekam's, schlug Ncchenknechtö Namen auf und las laut: P a m p e l h a u se n, am Tage Johannis des TanferS, 1792 . Gegen diesen meinen Sola-Wcchselbricf zahle ick Endcs- untcrschriebcncr an den Hochwohlgcborncn Besitzer dieses Stammbuchs, «»Wo litu!», Herrn Thomas von Pampcl, von dato an bis zum Schluß meiner Lcbcnsbude, treue Freundschaft und Liebe. Valuta habe von Hochdcm- selben in vollwichtiger Gegcufrcundschast erhalten, entsage dcßhalb allen Ausflüchten, unterwerfe mich dem Wechsel- recht und nehme Gott zu Hülfe. An mich aller Orten, wo ich anzutrcffen. Jeremias Nechcnknecht, Kaufmann in Kayloch. „Nun, was will Er denn da hcrausklauben?" sagte Pampel. „Wie kann ci» Nechtsgelehrter so ftagen!" versetzte der Barbier. „Ist cs nicht ein Wechsel, der Hand und Fuß hat? — Ncchenkuccht macht sich darin anheischig, Ihnen Freundschaft und Liebe zu zahlen bis an seinen Tod. Diese Zahlung stellt er jetzt ein, indem er Sie feindlich verklagen will. Sic könne» ihn also nach Wechsclrccht belangen, können ihn beim Kopf nehmen lasten; und, denken Sie an mich, wen» er in den Thnrm kriechen soll, kriecht er lieber zum Kreuz und gibt Ihnen Nachsicht." — „O, du pfiffiger Satan!" rief Herr von Pampel. „DaS ist bei meiner Seele ein glücklicher Einfall!" „Muß aber schnell ausgefiihrt werden," fiel Blaffert ein. „Lasten Sic anspanncu, wir wollen dem alten Jeremias die Hölle heiß machen." Drei oder vier Stunden nachher trafen sic in Katzloch ein und hielten vor seiner Thure. Er war selbst noch nicht lange von Pampclhansen zuruck, und klagte eben seiner Gemahlin, wie schlimm cs dort aussah. Da kamen die Fuchse in der Fabel und verlangten höflich, mit ihm unter sechs Augen zu sprechen. Ein Hoffnungsflämmchen stieg i» ihm auf. Er führte sic geschwind in seine Schreibstube und glaubte unter Weges, sie wären in sich gegangen und brächten noch einige vcrläuguctc goldene Dosen. In dieser Meinung ward er bestärkt, als Herr von Pampel, sobald sic allein waren, in die Rocktasche griff. Aber er zog nichts als das Stammbuch heraus, hielt dem Kaufmann seinen Namen vor die Augen und fragte, ob er sich zn dieser Unterschrift bekenne. Rcchcnknccht platzte, nichts Arges befahrend, mit einem raschen Ja heraus und traute -»D 120 saum seinen Ohrc», als man ihn verständigte, daß seine nach Wcchselrccht verschriebene Freundschaft nickt gestatte, den Herrn von Pampcl als Schuldner in gerichtlichen Anspruch zu nehme». „Das will ich euch lehren, ihr Schwindler!" rief Jeremias nnd lachte so grimmig, daß die Leute auf der Gaffe stehen blieben. „Ich übergebe, daß ihr's wißt! — noch heute übcrgeb' ich die Sache meinem Advokaten." — „Und wir" — fiel Blaffcrt ein — „wir gehen augenblicklich auf's Rathhaus, um Wechsclarrcst gegen Sie zu verhängen." — „Geh er zum Teufel und seiner Grosmuticr!" schrie Jeremias und gab dem Barbier einen Schupp. Dieser riß ihm die Perücke vom Kopfe und schlug sic ihm rechts und links um die Ohren. Der Kaufmann schrie mörderlich nach Hülfe. Zwei Ladcnburschc stürzten herein: drei Möpse fielen dem Barbier in die Beine; Jeremias ergriff ein spanisches Rohr, Blaffcrt zog ein Barbicrmcffcr blank. Aber Herr von Pampcl warf sich mit seiner ganzen Dicke und Breite zwischen die Kämpfer, und deckte so den Rückzug seines Knappen, dem Mensche» und Hunde zu Leibe wollten. Blaffcrt und sein Herr erreichten ohne weiteres Haud- gcmcngc die Gaffe. Gräuliche Schimpfrcden wetterten ihnen jedoch aus dem Lade» bis au die Pforte des Nath- hauscs nach. Der wohlwcisc Senat war gerade wegen wichtiger Angelegenheiten der Stadt vollzählig versammelt. Herr von Pampcl ließ sich anmcldcu, erhielt Audienz, pro- duzirte seinen Stammbuchswcchsel, entdeckte freimüthig, in welchen Verhältnissen er mit dem Kaufmann Ncchcuknccht stand, und trug am Ende darauf an, diesen treulosen Freund als Wechselschuldner zu verhaften. l 21 <§--- Kcinc Feder beschreibt bie Verlegenheit des Magistrats, der aus lauter gute», ehrlichen Handwerkern bestand. Ein solcher kritischer Fall war auf den, Rathhause in Katzlvch noch nicht vorgckoinincn. Auch der Stadtschrcibcr wußte sich nicht zu helfen, ungeachtet er die Rechte bis an den Hals stndirt hatte. Als Pampcl sah, daß die guten Herren zwischen Thür und Angel steckten, drang er immer heftiger auf schleunige Justiz. Sic beschlossen endlich, zwischen den Parteien die Gute zu pflegen. Der Nathödiencr war beordert, den Beklagten oorznladc». Nechcnknccht erschien mit trotzigen Mienen und Gebenden; denn er machte sich wenig ans den Herren des Raths, weil sie sämmtlich nicht so reich waren als er. Pampcl bot die Hand zmn Vergleich und verlangte nichts weiter, als daß der Kaufmann gerichtlich angclobcn sollte, ihn in den nächsten zwanzig Jahren weder zu verklagen »och zu mahnen. „Nicht so viel Stunden gcb' ich Ihnen Nachsiebt!" antwortete Jeremias. „Thun Sic, was Sic wollen!" sprach Pam- pcl. „Ich wende mich nun an Sic, mein Herr regierender Bürgermeister, »nd biti' um gehöriges Verfahren nach der Strenge des Wcchsclrcchtö." — Der Konsul und die übrigen Raths männcr sahen einander beklommen an und zuckte» die Achseln. „Sollten Sic mir" — fuhr Pampel mit Nachdruck fort — „Gerechtigkeit verweigern, so sch' ich mich gezwungen, bei der hohen Landesregierung darüber Beschwerde zu führen." — Das wirkte mächtig. Alle Senatoren erhoben ihre Stimmen gegen den Kaufmann, beschuldigte» ihn unbilliger Härte, ermahnten ihn zur Nachgiebigkeit; und da er sich - dennoch zu keinem Vergleich bequemen wollte, kündigten sie ihm Arrest an. Er brach in ein beleidigendes Hohn- gelächtcr aus. Darüber ergrimmte der Bürgermeister, klin- ^ 122 gelte dem Nathsdicner, und befahl »nt donnernder Stimme, drei Mann Bürgcrwache mit Ober- und Untergcwchr zn bestellen. Jeremias knirschte mit den Zahnen. Er, der Fürst der Kauflcutc in Katzloch, konnte sich unmöglich so beschimpfe» lassen; er wollte lieber Hans und Hof verliere». Darum bat er, den gegebenen Befehl znr Mobilmachung der Burgermiliz zn widerrufen. „Ich sehe doch," sprach er mit einem verächtlichen Blick auf den Herrn von Pampcl, „daß mir dieser feine Edelmann die schuldige Summe von tausend Rcichsthalern nimmer bezahlen kann; es kommt mir also nicht darauf an, ihm zwanzig und dreißig Jahre, und allenfalls bis an den jüngsten Tag, Nachsicht zu geben." — „Ich acccptirc diese Erklärung," sprach Herr von Pampcl, „und ersuche den Herrn Stadtschreibcr, darüber ein Protokoll abzusasscn." „Meinethalben!" sagte Jeremias. „Doch behalt ich mir vor, bei Ihrem Concurs, der wahrscheinlich vor der Thür ist, meine Forderung zu liquidircn, und Ihren hier gegenwärtigen Unterhändler, der mich eigentlich um mein Geld gcschnäntzt hat, mit Fußtritten aus meinem Hause zu weisen, wenn er sich wieder darin betreten läßt." „Herr! fuhr Blasiert auf: Befänden wir uns nicht au heiliger GcrichtSstelle, ich wollt Ihne» wohl zeigen, daß ich die tolpischc Kunst, die Sie an mir ansübcn wollen, eben auch verstehe!" — „Still, meine Herren!" unterbrach ihn der Stadtschrci- Ler: „Keine Injurien und überhaupt Ruhe, damit ich meine Gedanke» zusammen nehme» und protokollircn kann!" — Die Zänker schwiegen, aber ihre stummen Mienen setzten den Streit lebhaft fort. Mancher Schauspieler hätte x-D 123 <§<>- Lei dieser Scene viel lernen können. Als die Registratur nach mancher zerkauten Feder fertig und vorgelesen war, ermahnte der regierende Bürgermeister, kraft seines Amts, die Parteien, sich friedlich nach Hause zu verfügen, und sie zogen, nachdem sie noch einige Dolchblicke gewechselt hatten, auf verschiedenen Wegen ab. AchtuttdzwMizigstes Kapitel. Die GlückSreise. — Die Wette. — Der Guterbeschauer. Jeremias machte sciiicm Propheten-Namen Ehre: der Concurs, den er auf dem Nachhause gcwcissagt hatte, brach nach wenigen Monaten ans; Pampclhauscn ward öffentlich versteigert und Herr Thomas gerichtlich bedeutet, das Schloß seiner Väter zu räumen. Er wußte nicht, wohin er sein Haupt lege» sollte, und quartirtc sich vor der Hand bei dem Bartpflcger- ein. Dem war au dieser Ehre wenig gelegen. Sein vornehmer Gast wollte täglich gut lebe» und zahlte kein Kostgeld; denn er hatte nicht eine» Groschen im Vermögen. Blasiert, der lieber nahm, als gab, wünschte daher sehnlich, er möchte bald wieder abzichn, und mnntcrtc ihn täglich auf, sein Glück an ausländischen Höfen zu suchen. „Ei, das wäre mei» Casus!" rief Pampcl. „Da würde mir's gehn, wie meinem Kochbuchc! — Ich kann nicht schmeicheln, und versteh' überhaupt nichts von Höflichsten." - „Was thut das?" versetzte der Barbier. „Sic sind ein alter Edelmann, das ist genug! Alles übrige gibt sich wie's Griechische." — " So überseht ein sonst achtungSwerthcr Sprachkenner die Barbierer ine Deutsche. 12 r» So ward mehrmals über dieses Kapitel gesprochen. Am Ende sagte Thomas: er würde sich allenfalls entschließen, auf Glücksabentcncr ansznzichcn, wenn ihn Blaffert als Kammerdiener begleiten wollte; sonst geh' er nicht von der Stelle. Was wollte der Bartpflcger machen? Er war in der Lage jenes Mannes, der sein Hans in Brand steckte, um sich von einem übcrlästigen Kobold zu befreien; doch, indem die Flamme anfsticg und er mit verhängtem Zügel davon ritt, sprang der Geist hinten aufs Pferd. — Eben so unmöglich war cs dem Barbier, sich seines Gastfreundes zu entledigen. In der Gefahr, ganz von ihm aufgezehrt zu werden, mußte er aus der Noth eine Tugend machen, und sich, unter dem Schein treuer Anhänglichkeit, zu der angctragcncn Kammcrdicuerstellc willig finden lassen. Er brachte durch den Klingelbeutel eines bittlichen Umlaufs, den er, in Pampcls Namen, doch ohne dessen Vermissen, Lei dem Landadel in einem Kreise von zwanzig Meilen herum trug, über hundert Thaler Reisegeld zusammen. Die Abenteurer bestiegen hierauf den Postwagen und fuhren schnurstracks nach Berlin. Das ist nun gerade nicht der Ort, wo träge Dickbäuche ihr Glück machen. Dessen bcschicd sich Herr von Pampcl sogleich selbst, als er den lebhaften, regsamen Geist der Einwohner und ihre Thätigkcit bemerkte, die ihm gar nicht gefiel. „Ist das nicht ein Rennen und Laufen!" sprach er: „Alles so unruhig wie der Perpcndickcl einer Uhr! Ich danke schön, mich unter diese Leute zu mischen; sie würden mich bald zu Tode Hetzen." — So sank ihm auf Ein Mal der Muth, seine willigen Dienste in Berlin an- zutragcn. Er nahm sich vor, nur einige Tage dort zu rasten, dann weiter zu reisen, und Menschen aufzusuchen, die sich zu seinem Phlegma besser schickten. Aber auch Ruhe gönnte man ihm nicht in Berlin. -»Z> l 26 Zn dem Hotel, wo er abgetreten war, ging täglich ein junger Fant ein und ans, der sich schämte, ein Deutscher zu scyu, und i» allen Dingen ei» Affe der Engländer war. Unter ander» bot er bei jeder Gelegenheit Wetten an, weil seine Vorbilder dieses Wagcspiel lieben. Einst saß er, die Zähne stochernd, an der Spcisctascl »nd heftete mit ungesitteter Frechheit seine Augen lange ans den Herrn von Pampcl, mit dem er noch kein Wort gesprochen hatte und dessen Name» er nicht einmal wußte. „Ich wette," hob er, ohne weitere Vorrede, mit einem ungeschmeidigen Ton an, „ich wette sechs Fricdrichsd'or, daß Sic, mein Herr, nicht im Stande sind, die Fricdrichsstraßc hier in Berlin von einem Ende bis zum andern in einer Stunde zu gehn." — „Das war' ein Streich!" rief Herr von Pampcl, ungeachtet er noch nicht die Ehre hatte, die Fricdrichsstraßc zu kennen und ihm »»bewußt war, daß diese Niesenstraße einem raschen Fußgänger genug zu schaffen macht, wenn er sie, ohne zu traben, in einer halben Stunde durchwandern will. Alle Straßen, die Pampcl bisher in andern Städten unter die Fuße bekam, ließen sich, ungeachtet er sehr langsam und gemächlich zu schreiten pflegte, höchstens in einer Viertelstunde bezwingen: er glaubte also, auch mit dieser fertig zu werden und einen schönen Thalcr Geld zur Fortsetzung seiner Ncisc dabei zu erobern. In dieser Hoffnung trat er, von dem deutschen Engländer und einigen andern Tischgcnosscn begleitet, den Wctt- gang mnthig an. Sein Kammerdiener ging ihm zur Seite, und spornte ihn von Zeit zu Zeit durch leises Zu- flustern, sich tapfer zu halten. Er that auch wirklich Wunder in seiner Art, und legte den Weg vom Oranienburger Thorc bis unter die Linden in drei Viertelstunden zu- 127 -Zurück. Hier bat cr keuchend, ihn nur einen Augenblick auf einer Bank ruhen zu lassen. „Es kann doch wohl" — sprach er athemlos — „bis ans Ende der Straße nur noch ein Katzensprung seyn? — Len will ich schon ab- thuu, che meine Stunde schlägt." — „Mein Guter," sagte der Engländer lachend, Ihre Wette geht total verloren! Sic haben bis jetzt ungefähr erst den dritten Theil der Rennbahn durchlaufen." — Das bezeugten alle Anwesende. Pampcl und sein Kammerdiener erblaßten. „Da schlag der Donner drein!" rief Jener. „Sechs Fricdrichsdor mit trockuem Munde verloren und säst das Leben dabei eingebüßt! — Zahl' Er aus, Blaffert! Aber künftig wollen wir das Wettlaufen unter Wegs lassen." — Am folgenden Tage entschloß cr sich zu einer Lustfahrt nach Charlottcnburg. Er horte, daß vor dem Branden- burgerthore immer Wagen dazu bereit ständen, und begab sich mit seinem Kämmerling dahin. Dieser ging zu Fuß voraus, um das Fuhrlohn zu spare». Pampcl erkletterte einen offnen, zehnsitzigcn Rollwagen, der nur mit einem einzigen alten, schindcldiirrcu und hcrzschlächtigen Rößlcin bespannt war. „Wird mich das arme Thier wohl fortbringen?" sprach er zu dem Jungen, der schmutzig und zerlumpt, wie eine Vogelscheuche, auf dem Bocke saß. „Oho!" war die Antwort: „das Brest muß noch acht oder neun Menschen mehr trecken!" — „Rasest du?" rief Pampel. „Du bist ja ein wahrer Quältcufcl gegen dein Pferd! Da sollte die Polizei mit dem Schwert oder mit dem Stock drein schlagen!" — Der gefühllose Lump nahm diesen Ernst, der unserm Helden zur Ehre gereicht, für Scherz, und lud alle Welt auf seinem Wagen ein. Die Menschen-Kollekte kam nach und nach zusammen. Neun -o^> 128 Passagiere stiegen noch auf, »nd darunter waren ein Paar Bürger nnd Meister, die dem Herrn von Pampcl an Gewicht wenig »achgabcn. Sie nnd die übrigen Wagcngc- nossen warfen aber keinen mitleidigen Blick auf das unglückliche Thier. „Junge," rief sogar Einer, „brauche deine Peitsche brav! Wir sind durstig." — „Das bin ich immer," fiel Thomas ein, „aber cs dünkt mich doch menschlich und billig, daß wir das elende Kno- chcngcrippe, das uns zu einer labenden Quelle führen soll, schonend behandeln." — Die derbe Gesellschaft ans dem Wagen sah ihn mit Verwunderung an, und schic» zu glauben, er habe heute schon zu viel ans einer solchen Quelle geschöpft. Niemand antwortete ihm; doch einige Frauenzimmer bewiesen die Weichheit ihres Gefühls, indem sic — ihn auslachtcn, und der Haderlump ans dem Bocke peitschte drauf los. Das Pferd schleppte mit dem letzten Rest seiner Kraft den Lastwagen mühselig fort; bevor cs aber noch die Hälfte des Weges erreichte, ward cs bis zum Hinsinkcn matt, konnte nicht mehr von der Stelle, nnd der Tod machte Anstalt, cs anSzuspanncii. Der Bursch cröffncte jetzt der unwilligen und immer auf stärkere Peitschenhiebe dringenden Gesellschaft: der Wagen müsse um eine oder mehrere Personen erleichtert werden. „Das sag' ich auch!" sprach Pampcl. „Nun, so steige der Herr selbst herunter!" fuhr ihn ein Schlächtermeister an. „Er wiegt so schwer wie ein polnischer Mastochs, nnd spielte vorhin den Advokaten der alten Mahre!" — „Das that ich," cntgcgnete Thomas, „nnd ich schäme mich nicht des Mitleidcns mit der seufzenden Kreatur. Ich war aber der Erste auf dein Wagen, und habe daher das Vorzugsrecht, darauf zu bleiben; denn nicht durch mich, sondern durch die später kommenden Passagiere, ward er überfrachtet." „Wischiwaschi!" rief die ganze vorhandene und unter sich einige Bürgerschaft, und drängte den guten Thomas vom Wagen herunter. Der junge Lumpcnwicht war so frech, Fuhrlohn von ihm zu fordern. Er fand sich mit einigen wohlverdienten Stockprügeln ab, und machte der triumphircndcn Gesellschaft das Kompliment: er wolle ihr die Ehre überlassen, mit dem verscheidenden Gaul zur Leiche zu gehen. Es erfolgten grobe Repliken; aber er stiefelte wie taub von dannen und nach der Stadt zurück. Bei keinem der Unfälle, die ihm bisher begegneten, war er so unschuldig, als bei dem jetzigen, da er wie unnützer Ballast ausgeladcn wurde; und cs ging ihm, als er nach einer langen und beschwerliche» Pilgerschaft ans Thor zurückkam, beinahe noch schlimmer. Der hier angcstclltc Visitator (der ein Uebcrmaß von Doppelbier oder Doppel- liqncur zu sich genommen hatte, und daher doppelt sah) trat ihm taumelnd in den Weg, betrachtete ihn von oben bis unten und betastete seinen Bauch. „Was haben Sie da drin?" sprach er mit schwerer Zunge. „So ein unförmlicher Wanst ist nicht Natur, ist vcrmuthlich ein Magazin kontrebandcr Maaren, die Sic cinpaschen wollen!" — Pampel hielt diese wunderbare Anfechtung für eine Sonn- tagslaunc des Herrn Gütcrbeschancrs und schritt lächelnd fürbaß; aber zornig gebot ihm der Visitator, sich nicht vom Flecke zu rühren, und holte geschwind den eisernen Spieß, womit die zum Thorc hcrcinkommcnden Sandfuh- rcn durchstochen und geprüft werden, ob sie unter der Hülle des Sandes Schleichwaarcn enthalten. „Bei meiner Seele, Herr!" - stammelte der Trunkenbold und setzte ihm die Lanze auf den Leib — „wenn Sic nicht augenblicklich auf- knopfeu, so ihm ich, was meines Amts ist!" — Lm>it>em'S gnnmtl. Schr. Vl. Bd. 9 -o§> 130 <§<» „Nu, nu, nur gemach!" sagte Pampcl und riß die Weste auf. Der Visitator sah jetzt, daß hier nichts zu fischen war und ging mürrisch fort, ohne um Verzeihung zu bitten. Vlaffert hatte seinen Herrn, wie eine Stecknadel, in Charlottcnbnrg gesucht und kam erst mit Einbruch der Nacht zurück. Thomas erzählte ihm seine Begegnissc mit lustiger Laune. „Damit mir aber" — setzte er hinzu — „nichts Aergers hier widerfahre, so wollen wir morgen aufbrechcn und tiefer in die Welt hinein reisen." — Ei» heilsamer Entschluß für ihre Kasse! Denn die Wirths- rechnung war so beschaffen, daß sie an die Ehre, in einem großen Hotel logirt zu haben, eine Weile denken konnten. -o-D 131 « d^ciinundzwanzigstes Kapitel. Der Oiikel. — Die Hefbedienuuq. — Das einschläfernde Trauerspiel. In der kleinen Residenz eines kleinen Fürsten hatte Herr von Pampcl einen reichen Verwandten, von dem er sich Unterstützung versprach. Er richtete deßhalb seine Fahrt dahin, nahm ans der letzten Station Ertrapost, um einen anständigen Einzug zu halten, und sei» Reisegeld reichte gerade bis vor die Thür des alten Oheims. Herr von Scharreisen — dieß war sein Name — hatte seit einiger Zeit eine heftige Antipathie gegen Posthörner. Er lief immer mit Herzklopfen ans Fenster, wenn er in der Nähe seines Hanfes eins schmettern hörte, und war jederzeit froh, wenn diese Musik ihn nichts anging. Dieß Mal kam er nicht mit dem bloßen Schrecken davon. Die Courierchaisc hielt vor der Thür, und mit Entsetzen erblickte er seinen brod- und heimathlosen Neffen, vor dessen Besuch ihm graute, seitdem er die öffentliche Versteigerung des Ritterguts Pampelhanscn erfahren hatte. Er empfing ihn sehr frostig, und sein erstes Wort war die Frage: wie lang er bei ihm zu Hausen gedenke. Thomas gab eine zweideutige Antwort, die seines Oheims Angst wenig verminderte. 132 <§»- Wenn man die beiden Herrn Spillmagcn* — denn ihre Verwandtschaft schrieb sich von der Spille oder Spindel, das heißt i von der mütterlichen Seite, her — neben einander sah: so konnte man sich nicht enthalten, all die sieben scttcn und sieben magern Kühe zn denken, von welchen dem König Pharao träumte. Herr von Scharreisen war ein kleines Männlein, das im höchsten Grade die Darre hatte; doch war das nicht Krankheit, sondern er machte nnr an seinem Körper die Probe, wie weit man durch Gcizhnngcr die Abzehrung treiben könne. Seine gran- zcnlosc Gcldlicbe zu schildern, ist folgender einzige Zug hinreichend. Er verstopfte siä', wenn er in öffentlichen Gärten spazieren ging, die Ohren mit Baumwolle, um zn de» aufspiclcndcn Musikanten, wenn sie das Notenblatt herumtrngcn, sagen zn können : „Ich gebe nichts, denn ich habe von eurer Bicrfidclci nichts gehört." — Hatte Thomas nur irgend ein anderes Dach und Fach gewußt, er wäre gleich nach dem ersten MittagSmahlc, das ihm sein gastfeindlichcr Ohm anftischtc, weiter gezogen. Es fiel so knauserig ans, daß es sogar hinter den dürftigen Traktamenten, die er vormals unter Frau Jut- tcns Sccptcr genoß, weit zurückstand. Der alte, schlaue Herr nahm sich fein in Acht, seine» bequemen und lcckcr- haften Neffen gut zn bcwirthcn. Er glaubte, Hunger und Durst würden die besten Druckwerke sch», ihn bald wieder sortzuschaffcn, und sic waren cs wirklich. „Herr Onkel" — sprach er schon am zweiten Tage — „Sic haben wahrscheinlich Einfluß bei Hofe. Könnten Sie ^ Mage oder Magen, ein altdeutsches Wort, das einen Blntsfreund bedeutet. Daher gibt'ö Schwcrtmagen und Spillmagen. i Mos. §1, 17 —21. -o§> 133 ^->- mir wohl dort ins Drod helfen, damit ich Ihnen nicht zur Last fallen darf?" — Herr von Scharreisen zuckte die Achseln. „Der Fürst," antwortete er, „liebt und hält einen zahlreichen Hofstaat, hat aber wenig Einkünfte; es ist kein Glück hier zu machen. Du solltest dich lieber heute als morgen an andern Orten darnach umschcn." „Recht gern!" sagte Thomas. „Das Reisegeld ist mir nur, leider! ausgcgangcn. Wollten der Herr Onkel die Güte haben —" „Um Gottes willen!" fiel ihm dieser hastig ins Wort. „Ich kann dir mit keinem Pfennig unter die Arme greifen. Doch will ich augenblicklich einen Versuch machen, ob ich Dir hier ein Dienstchcn verschaffe» kann." — So trieb ein Keil den andern. Der Oheim ging schnell nach Hofe und kam nach Verlauf einer Stunde mit dem heitersten Gesichte zurück. ,,blu» sprach er, „ich freue mich, dich als Kammcrjnnkcr zu begrüßen. Der Fürst war so gnädig, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Er brachte mir, als ich deinetwegen kaum den Mund geöffnet hatte, die Stelle gleichsam entgegen, nahm mein Erbieten, dich ihm erst vorznstcllcn, nicht an, verließ sich ganz auf meine Empfehlung und bewilligte dir mehr, als ich erwartete, nämlich i dreihundert Thaler Iahrgchalt und täglich freie Tafel bei Hofe." — „Freie Tafel?" rief Thomas. „O, bester Onkel, das ist allerliebst, das war gerade mein Wunsch! Ich danke tausend Mal „Schon gut, schon gut!" unterbrach ihn der Alte. „Kleide dich nur geschwind an, damit du Sr. Durchlaucht sogleich answartcn und schon heute Platz an der Tafel nehmen kannst. Ich bin ohncdicß mit meiner Küche nicht auf dich eingerichtet." — -->L> sZ4 ^o- Dic zuvorkommende Gnade des Fürsten wäre ein kleines Wunder gewesen, wenn sie nicht ihren guten Grund gehabt hatte. 'Seine Finanzen bedurften eben einer starken Anleihe, die er bei dem Herr» van Scharreisen zu machen gesonnen war. Um diesem Anträge einen Weg zu bahnen, ergriff er mit beiden Händen die Gelegenheit, sich den reichen Mann zu verpflichten. Ob übrigens das Negoz zu Stande gekommen ist, das kümmert uns nicht und gehört nicht hieher. Der neue Kammcrjunkcr that an der Hvstafcl seinem starke» Nahrungstriebc so wenig Einhalt, daß dem Obcr- küchcnmcister oft dabei die Haare z» Berge standen. Wie karg die Hofhaltung geführt wurde, läßt sich ans folgendem Vorfall ermessen. Der Fürst besuchte täglich die Schauspiele, die eine wandernde Truppe gab. Hinter seinem Stuhle stand während der Vorstellung ein Kannncrjuntcr, der nichts zu thun hatte, als ihm im dritten oder vierten Akt eine Tasse Cho- koladc zu reichen, die ein Hofkonditor im Schanspiclhausc kochte »nd durch eine» Bediente» in die fürstliche Loge schickte. Aus dessen Händen empfing sic der Kannncrjunkcr und präsentirtc sie Sr. Durchlaucht. Einst, als Herr von Pampel den Dienst hatte, blieb sie ungewöhnlich lange aus. Der Fürst sah sich mehrmals darnach um, und fragte endlich: „Ist die Chokoladc noch nicht da?" Pampel nahm dicß für einen Wink, ihre Ankunft zu beschleunigen. Er eilte zum Konditor. Dieser war mit seiner Arbeit fertig; es fehlte nur an einem Bote». Der Hoflakai, der dazu angewiesen war, ließ sich nicht sehn. In diesem Nothfallc war der dienstfertige Kam- mcrjunkcr sogleich unbedenklich entschlossen, sich ein wenig zu erniedrigen und den Chokoladenbccher selbst in die Loge -o-N 135 ^<>- zu tragen. Unter Weges kitzelte der Dust des Getränks seine Nase so lieblich, daß er sich nicht enthalten konnte, davon zn kosten, und che er sich's selbst versah, war die Tasse rein ausgcschlürft. Er crschrack, blieb sinnend ein Weilchen vor der Logenthüre steh», ging dann znm Konditor zurück und sagte keck: die Chokolade habe dem Fürsten so trefflich genlnndct, daß er sich noch eine Tasse auS- bitlcn lasse. „Das übcrrascbt mich!" sprach der Konditor. „Ich bin nicht darauf eingerichtet; denn seit Mcnschengc- denken haben Jhro Durchlaucht immer nur Eine Tasse getrunken, und cs passirt auch nur Eine in Rechnung. — Eh' ich nun wieder aus meinem Hanse Chokolade hole und das Wasser znm Sieden bringe, vergeht eine Stunde, das Schauspiel ist vorbei, und ich riskire überdicß, die Choko- ladc ans meinem Beutel bezahlen zu müssen." — „Sic haben Recht!" crwicdcrte der Kammerjunker, seine Verlegenheit verbergend. „Sepn Sie nur ruhig; ich werde den Fürsten beschwichtigen." — Er ging rasch zu ihm. „Ew. Durchlaucht," sprach er, „halten mir einen Fehler zu Gnaden, den ich aus Diensteifer beging. Ich wollte, da gerade kein Bedienter bei der Hand war, die Chokolade selbst vom Konditor hieher tragen, aber ich strauchelt' in der Eil und verschüttete sie. Doch der Konditor macht schon wieder Anstalt —" „Es mag nun bleiben!" sagte der Fürst lächelnd, und gedachte der Sache nicht weiter. Ein andres Mal ging's unscrm Kammerjunkcr im Schau- spiclhanse viel unglücklicher. Es ward ein Trauerspiel in Jamben gegeben; von wem? —das ist dem Erzähler unbekannt; nur so viel weiß er gewiß, daß cs nicht von Schiller war: sonst hätte das halbe Publikum nicht cin- schlafcn können, wie schon im zweiten Anfzuge geschah. 136 Selbst der Fürst schloß die Augen und hinter ihm nickte Knmmerjunkcr Pampcl. Eine Weile gelang ihm die Kunst, stehend zu schlafen- aber plötzlich verlor er das Gleichgewicht, fing an zu taumeln, wachte halb darüber auf, ergriff in der Angst des Stürzcns die fürstliche Stuhllehne und erschütterte seinen gnädigsten Herrn so heftig, daß er ihn beinahe sammt dem Stuhle Hingerissen hätte. Der Fürst hielt sich noch schnell an der Brüstung der Loge fest; er wäre sonst, im Angesicht seiner treuen Untcrthaucn, auf die lächerlichste Weise zu Boden gefallen. Darüber aufgebracht, sah er den bebenden Kammcrjunkcr mit zornigen Augen an, und gebot ihm, sich zu entfernen. „Das verdammte Trauerspiel in Jamben!" murmelte Thomas für sich, und trat ab. Möchte doch die warnende Geschichte dieser durch Jamben bewirkten Schlafsucht dem Kandidaten der Theologie zu Ohren kommen, der neulich in Jamben gepredigt hat!" Wenn das — nämlich das Einschlafen — am grünen Holz eines Schauspiels geschah, was soll am dürren einer Predigt werden! — * Zeitung für die elegante Welt vom >. März isoe. -O-V 137 Dreifzigftes Kapitel. D.w- Reichskeniingcnt. — Dcr Proviantwageu. Der Fürst war cm mcnschcnfrcnndlichcr Mann. Es that ihm bald leid, wenn er dem Geringsten seiner Diener ein hartes Wort gesagt hatte. Auch jetzt war sei» Zorn schon vorüber, als er ans dem Schanspiclhausc znrückkam. Er ließ den Kannncrjnnkcr zu sich rufen und empfing ihn mit einer heitern Miene. „Lieber Pampel," sprach er, „ich will Ihnen wohl; allein Sic sehen selbst, daß Sie zu einem lcichtgewandten Höfling nicht geboren sind. Schon Ihre Gestalt widerspricht dcr Idee, die man sich von einem Kammcrjunkcr macht. Sic können sich daher, wie mich dünkt, in Ihrer Stelle nicht glücklich fühlen." —' „Nur jetzt" — stammelte Thomas — „mir jetzt erst fühl' ich mich unglücklich, seitdem Ew. Durchlaucht Ungnade —" „Beruhigen Sic sich darüber!" versetzte dcr Fürst. „Ich zürne nicht mehr ans Sie. Es war ein verzeihlicher Fehler, bei dem heutigen Theaterstück cinznschlafen. Ich konnte mich dessen selbst kaum cntwchren. Aber auf dcr großen Weltbühne wird jetzt eine Tragödie aufgeführt, bei dcr man nicht cinschlnmmcrn kann ; man wird durch den Donner dcr Kanonen munter erhalten. — Wären Sie wohl geneigt, bei diesem Trauerspiele eine Nolle zu übernehmen ?" — Thomas verstand nicht, was sein Herr meinte, und bat um Erklärung. „Ich muß, wie Sic wisse»," antwortete der Fürst, „bei dem gegenwärtigen französischen Nevolntionskriege ein Kontingent von hnndcrtundfünszig Mann auf die Beine bringen und unverzüglich zur Werbung Anstalt machen. Die lsieuteuantsstcllcn Hab' ich einigen jungen Edclleutcn zugc- dacht; aber noch fehlt nur ein tüchtiger Kapitän. Da mir nun Ihr Oheim gesagt hat, daß Sic vormals in Kriegsdiensten gewesen sind, so bin ich darauf gefallen, Sic zum Hauptmanu und Anführer des kleinen Trupps mit dem Charakter als Major zu ernennen." — Der Kammcrjunker erblaßte, bückte sich, »nd rieb ängstlich eine Hand mit der andern. „An Mnth fchlt's Ihnen gewiß nicht," fuhr der Fürst ohne Unterbrechung fort, „und sonst wüßt' ich nicht, was Sic hindern könnte, den Posten auzunchmcn. Er ist ehrenvoll und kann Ihnen — des ansehnlichen Soldes, de» ich Ihnen bestimmen werde, nicht zu gedenken — mancherlei Vorthcilc gewähren. Zeichnen Sic sich durch Tapferkeit ans! Dann hängt's nur von Ihnen ab, bei irgend einer großen deutschen Armee in Dienste zu treten und sich zu den höchsten militärischen Ehrenstnfen aufzuschwingcn." Der Kamincrjnnkcr hatte der Anwartschaft ans einen Feldmarschallsstab von Herzen gern entbehrt; aber er schämte sich, seine Mnthlvsigkcit zu bekennen, und so blieb ihm nichts übrig, als den Antrag des Fürsten mit uutcr- thänigstcm Dank auzunchmcn. Er dachte i „Zeit gewonnen, viel gewonnen! Eh' cS zum Ausmarsch kommt, wird Friede I" — Da man ihm nicht ins Herz sehen konnte, galt er, als er seine nenc, reich mit Gold gestickte Uniform ans dem Leibe hatte, für einen rüstigen Helden. Er trug sich so martialisch, und setzte besonders seinen großen Trcfscnhut, den ein ungeheurer Fcdcrbnsch krönte, so schief anfS rechte Ohr, daß man hätte schworen sollen, er müsse das Organ der Ranfbcgicrdc in einem seltenen Grade besitzen. Ans der Wachparadc war er ei» ganzer Mann. Er ließ sich die Mühe nicht verdrießen, alle Soldatcnzöpfe nach der Reihe mit einem eigens dazu verfertigten Mu- sterstabc ansznmessen, »nd er war im Stande, über einen nicht blank genug geputzten Kamaschcnknopf eine halbe Stunde zu fluchen. Aber was half ihm dieser Ordnnngseifer ? Seine Kompagnie behielt dennoch ein jämmerliches Ansehen; denn er konnte mit seinem Richtstock kein Säbclein gerade machen und durch Flüche nicht die Berge versetzen, die sich mitunter ans dem Rücken seiner Mannschaft befanden. Das ganze Corps, so klein cs war, bildete gleichsam eine Prv- bcsammlnng aller Mißlaunen der Natur, die sie hier und da am menschlichen Körper ausläßt; und konnte man auch einen und den andern dieser armen Wichte nicht geradezu einen Krüppel nennen, so war er wenigstens, als Soldat betrachtet, ein Zwerg. Eine solche bewaffnete Gesellschaft von Buckligen und Lahmen würde freilich gegen die preußische Garde wunderlich abstcchcn; allein der Fürst wollte die gesunde Blüthc seines Volks schonen, stellte daher an de» Granzcn Werber an und ließ jeden Vagabunden entnehmen , der nur irgend das Gewehr tragen konnte und für ein gutes Handgeld freiwillig Lust hatte, sich mit den Franzosen hcrnmzuschlagc» oder — vor ihnen zu laufen. „Meine hnndcrtundfünfzig Mann," sagte der Fürst, „retten -"-D 140 doch Deutschland nicht, wenn sic auch insgcsammt Niesen wären." — Der Herr Major verschob cs so lange als möglich, sein Häuflein in marschfertigen Stand zu setzen. Er hatte immer, wenn der Fürst Aufbruch befahl, eine Menge Ausflüchte und Entschuldigungen in Bereitschaft; denn er hoffte von einem Tage zum ander», daß ein Friedenskonricr ankommen sollte. Dagegen aber traft» wiederholte kaiserliche Anmahnnngöschrcibcn ein, das Kontingent ohne längeres Säumen ins Feld zu stellen. Der Fürst, durch die ewigen Winkelzuge seines Heerführers ermüdet, befahl ihm nun mit Strenge, sich schleunig zum Marsch zu rüste» und ihn innerhalb drei Tagen, bei Vermeidung der Kassation und Fcstnngöarrcstcs, anzntrcten. Da war nun nichts weiter zu machen; man mußte fort. Der Proviantwagen des Majors war ein schenswür- Liges Stück. Unter allen beweglichen Magazinen dieser Art glich ihm kcins an Größe und Vollständigkeit. Daß er ans beiden Seiten mit Kästchen versehen war, in welchen eine große Volksmenge gackernder Hühner und schnatternder Enten und Gänse die Reise mitmachtc, das versteht sich, als etwas Gewöhnliches, von selbst; aber die darin blöckcndcn Kälber und Hammel waren keine so gemeinen Passagiere. Der Wagen enthielt mit Einem Worte alle eßbaren Thierc so gut, als die Arche Noä; nur das Geschlecht der Schweine war nicht lebendig vorhanden. Seine Stelle vertraten aber zahlreiche Schinken und Würste, die an de» Außenwänden des Wagens nebst verschiedenen Flaschcnfnttern und Speisckörbc» hcrnmhingcn, weil sic im inner» Raume nicht Platz hatten. Oben ans der Decke waren Betten, ein Kanapee und ein Großvatcrstuhl auf- gcpackt. -o§> 141 Da dieser zum Thcil offene Markt von Lebensmitteln leicht hätte bestohlen werden können, so ließ ihn der Major auf dem Marsche nicht aus den Augen. Die Kompagnie ging immer eine Stunde Weges voran; ihr Kommandeur ritt »eben seinem Proviantwagcn, um ihn zu bewachen und Hunger und Durst zu stillen, sobald sie ihn anwandeltcn. (^inunddreißigstes Kapitel. Die Schlacht. — Der Trvmmelschlägcr. — Die Marketenderin. A»f dem Marsche fiel nichts Merkwürdiges vor. Die Kompagnie hatte sich aber kaum an die Armee angcschlos- sen , da kam cs gleich zu einer Schlacht,' als hatte man mir auf unfern Helden gewartet. Glücklicher Weise stand das Corps, zu dem sein Fähnlein gehörte, tief im Hintertreffen, und cs war, nach der Lage der Umstände und der Meinung aller Kricgscrfahrncn, nicht wahrscheinlich, daß sich das Gefecht bis dahin erstrecken würde. Dennoch ward ihm beim Aufmarsch grün und gelb vor den Augen, und er konnte sich vor Zittern und Zagen fast nicht im Sattel erhalten. Bei dem allem spielte er den Eisenfresser, hieb mit seinem blanken Schwerte gräßlich in die Lust, und schwor, die Franzosen in Krautbiffcn zu hacken. Einigen Trost gewährte ihm sein geheimer Panzer, den er unter der Uniform trug. Er bestand aus zollhohen Lagen von angefcuchtctcm Löschpapicr, die um den Leib herum befestigt und besonders auf dem Rücken doppelt dick angcschnallt waren. Kammerdiener Blaffcrt (der seinem Herrn auch in den Krieg folgte und nebenbei als eingestellter Kom- pagniechirurgus die ungesunden Leute noch kränker machte) hatte diesen Harnisch, wo nicht erfunden, doch wenigstens anempfohlen, und rühmte von ihm, er scy hieb- und kugelfester, als Stahl und Eisen. Unvcrmuthct schncll begann die Schlacht mit einem Kanonenschuß. Major Pampel fuhr ans seinem Rosse hoch ans, stieß ihm beide Sporen in die Flanke und jagte, was das Zeug hielt, nach einer Gegend, wo er das Sprichwort: „weit davon ist gut vor dem Schuß," bewährt zu finde» hoffte. „Was Teufel! wo wollen Sie hin?" rief ein General, der in der Nähe hielt. Pampel hatte nicht Zeit, zu antworten; er sprengte fort, seine treue Kompagnie lief ihm nach, und so ging's im Fluge einen Hügel hinauf, hinter dem er sicher zu scpn glaubte. Indem er aber ans der andern Seite wieder hinabgaloppirtc, kamen ihm, o Schrecke»! zehn oder zwölf Franzosen entgegen, deren Väter wahrscheinlich bei Roßbach ansgerissen waren und ihren Geist ans ihre Söhne vererbt hatten. Sie entsetzten sich über den gewaltige» deutsche» Heide», wie er über sic, wandte» sich plötzlich und flöhe» schneller vor ihn:, als er vor ihnen fliehen konnte, weil sich sein plumpes, hartmäuliges Streitroß nicht ans der Stelle halten und lenken ließ. Er hetzte daher wider seinen Willen einige Schritte hinter den Flüchtlingen her; sic blickten ängstlich zurück, sahen die ganze Kompagnie vom Hügel hcrabstürzcn, warfen die Gewehre weg und riesen: „Pardon!" Nun wußte der tapfere Major, was er zn ihn» hatte. Er brüllte schrecklich in französischer Sprache: „Steht und ergebt euch!" Sie gehorchten; er nahm sic mit Hülfe seiner Kompagnie gefangen, führte sie weit vom Schlachtfclke hinweg und verweilte an einem sichern Orte, bis sich der Sieg für die Deutschen entschiede» harte. -OZ» 144 <§-"- Jetzt zog er mit seinen Gefangenen im Triumph auf und rühmte sich großer Thatcn. Der kommandircnde General schüttelte bedenklich de» Kopf. Man wolle für dicß Mal, sprach er, die Sache nicht scharf untersuchen; aber künftig möge der Herr Major seinen nnzcitigcn Mnth und sein Pferd im Zaum halte» und seine Schuldigkeit auf dem Schlachtfelde thun, damit das ganze Heer von seiner Tapferkeit Zeuge scpn könne. — Er brach hier ab; doch ein drohender Finger sprach seine verschwiegenen Gedanken deutlich genug aus, und der Major entfernte sich mit stummer Bestürzung. Die Franzosen wichen; die Deutschen rückten vorwärts. Herr von Pampcl hielt sich nun wieder, nach seiner Gewohnheit, bei der Bagage auf und hütete seinen Äüchcn- wagcn. Dieser war eines Tages mit so entkräftete» Thiercn bespannt, daß er weit hinter dem übrigen Gepäck zurückblieb. Der Major und ein zwölfjähriger Banernknabe, der das Gespann lenkte, befanden sich allein auf der Heerstraße , die, so weit das Auge trug, menschenleer war. Aber ans Ein Mal sprang aus einem Gebüsche, das sich am Wege hinzog, ein verlaufener französischer Tambour hervor und schlug aus Leibeskräften die Trommel. Herr von Pampcl ließ vor Schrecken eine volle Rhcinweinflaschc, die er eben an den Mund setzte, aus der Hand fallen, und nahm, wie vom Satan geholt, NcißauS. Der kleine Fuhrmann besann sich einen Augenblick, ob er dem Trommelschläger, der nicht viel älter war, als er selbst, Stand halten wollte. Da ihm aber Jener mit gezogenem Säbel zu Leibe ging, floh er auch, und der junge Franzmann sah sich ohne Schwertstreich im Besitz einer ansehnlichen Beute, die er ohne Verzug in Beschlag nahm. Er warf -»D sich aufs Sattclpferd, führte den Wagen ins Gebüsch und verschwand. Was weiter damit geworden ist, weiß man nicht. Der Major hörte und sah von seinen Mund - und Magcnschätzcn nichts wieder. Diese gewaltsame Entführung des Gegenstandes seiner zärtlichste» Liebe kostete ihn bittere Thronen. Er war unersetzlich, dieser Verlust! Solche köstliche Leckerbissen waren auf dem ausgczchrten Kriegsschauplätze nicht wieder zu bekommen, wenn man sie auch mit Gold hätte aufwiegen wollen. Der Geplünderte schickte sofort an seinen Fürsten einen kläglichen Bericht, worin er für gut befand, den kleinen Trommelschläger in eine Strcispartei von zweihundert Man» zu verwandeln. Diese kühne Schöpfung erwarb ihm eine namhafte Entschädigungssumme. Er hatte sich bisher um die Marketender und öffentlichen Feldküche, die den Schweif der Armee ansmachten, wenig bekümmert; denn er, der bekannte Verfasser eines Kochbuchs, übte seine Kunst praktisch und kochte sich selbst. Da ihm aber der verteufelte Tombour das Handwerk gelegt und nichts übrig gelassen hatte, was er in de» Topf oder an de» Spieß stecken konnte, so mußte er sich nun auch, wie seine Kameraden, mit den fliegenden Garküchen bekannt machen. Er ging von einer zur andern; doch, da er ein scharfer und — was nicht immer der Fall ist — gelehrter Kritikus war, so fand er nirgends Befriedigung. Ein einziges Speisczelt war noch nicht rceenstrt, und er versprach sich, indem er hincintrat, von ihm so wenig als von den andern. Aber schon die Sappe flößte ihm eine bessere Meinung ein, und die folgende» Gerichte waren seines hohen Beifalls noch würdiger. Diese angenehme Ucberraschnng konnte er nicht in seinem Busen verschließen. „Ich muß aufrichtig bekennen," rief er laut, „daß ich fast Leinadcin'S sännittl. Sehr. VI. Bd. 10 -»D 146 Go- in meinem Leben an einem öffentlichen Tische nicht so gut speiste, wie hier. Ei» einziges Gasthaus nchm' ich ans, das ich als Student in * " srcqucntirtc. Da aß man vortrefflich! Nur Schade, daß der Wirth, Namens Schnick, — ich weiß nicht, ob ihn vielleicht jemand von Ihnen, meine Herren, gekannt hat — ein grober Gesell war, der seine Gäste nicht artig behandelte. Aber was er verdarb, das machte seine Tochter Trndchc» wieder gut. Das war ein Kcrnmädchen! Gott gcb' ihr heut einen guten Tag!" - Er stürzte jetzt, zn Ehren seiner verjährte» Liebschaft, einen Römer Wein aus; und indem er zugleich mit den Augen aus dem bauchigen Glase trank, kam die Fcldwir- thin, die im nahen Kochzeltc seine Worte gehört hatte, eilig gelaufen. „Wer sprach von Trndchcn Schnick?" fragte sic und überflog die Tischgesellschaft mit neugierigen Blicken. Der Major schrack zusammen. „Ich war's," sprach er mit furchtsamer Stimme; seine Gesichtsfarbe verwandelte sich, und er starrte, wie versteinert, die Fragende an. Sie stieß einen Schrei des Erstaunens ans. „Jst's möglich?" rief sie begeistert: „Wenn ich nicht träume, so sch' ich meinen alten Freund, den Herrn von Panipcl, vor mir!" — „Ja — nicht anders — so heiß' ich" — antwortete der beklommene Major. „Und ich bin Trudchen Schnick!" fiel die Marketenderin ein. „O meine unvergeßliche Freundin!" rief Pampel, und taumelte vom Stuhl auf und umarmte sie in der Angst seines Herzens. Die sämmtlichcn benebelten Gäste cnthci- -o§> 147 ligten diese rührende Scene durch ein unauslöschliches Gelächter. Trndchcn riß sich los und flog aus dem Zelte. Pampel war Willens, sich in der Stille fortzumachcn, um wenigstens vor der Hand ei» Gespräch unter vier Augen zn vermeiden und den Vorwürfen auszuwcichen, die er besorgte. Aber Trndchcn verstand cs, ihn auf seinem Platze zu fesseln. Sie sazidtc ihm.eine Flasche vortrefflichen Stcinwcin, mit der Bitte, sie auf ihre Gesundheit zn trinken. Er konnte dieser Höflichkeit nicht widerstehen, und sie war ihm eine glückliche Vorbedeutung, daß die milde Geben» säuberlich mit ihm verfahren würde. Zweittnddrcisiigstes Kapitel. Die Punschgesellschaft. — Die liebcrsälle. Die Gäste verließe» »eich und »ach das Zelt; nur der Major saß noch, schwankend zwischen Furcht und Hoffnung, bei seiner Flasche. Da erschien Trndchen. Er wollte sich so geschwind als möglich dic Last vom Herzen wälzen und begann sogleich mit mühsam ausge- dachtcn Entschuldigungen seines WortbrnchS; aber Trndchen fiel ihm schnell in die Rede, erthcilte ihm lachend de» vollkommensten Ablaß, und bat ihn, der alten, abgethancn Sache nicht weiter zu erwähnen. Mit leichtem Sinn fragte er nun nach den bisherigen Begebenheiten ihres Lebens. Davon gab's wenig zu berichten. Das Merkwürdigste war der Tod ihres Vaters, der sic bewogen hatte, die nach und nach gesunkene Wirthschaft in der Universitätsstadt anfzugebcn und ein besseres Glück im Äriegsgctüm- mel zu suchen. Dann erzählte Herr von Pampel des Schicksals Ballspiel mit ihm, und seine Freundin ward nicht fertig, sich über seine neueste Verwandlung in einen Helden zu wundern. Bald nach diesem Tage rückte die Armee in Winterquartiere. Der Major brachte nun alle seine Zeit in Trudchcns Speisehause zu und empfing auch von ihr in -oZ> 149 seiner Wohnung Gegenbesuche. Sic ließ ihn nncntgcldlich über Küche und Keller gebieten, und er fing nun allmählich an, sich über de» Verlust seines Proviantwagens zu trösten. Wer die beiden Leute, ohne sic zu kennen, beisammen sah, mußte sic für Geschwister halten: so vertraut, und doch dabei so nnleidcnschaftlich, gingen sie mit einander um, und so ähnlich waren sich ihre Gestalten geworden. Trudchen, nun einige dreißig Jahre alt, war eine der rundesten Marketenderinnen bei der deutschen Armee. In einer stürmischen Hcrbstnacht saßen sic mit einander im Quartier des Majors bei einer Schale Punsch und waren fröhlich und guter Dinge. Auch Blasiert war zur Gesellschaft gezogen worden und belebte sie durch Harleki- nadcn. Aber plötzlich ward ihre Freude gestört. Es geschah in der Ferne ein Flintenschuß; ein Trompeter jagte, Lärm blasend, dnrch's Dorf; mehrere Stimme» riefen: „Die Feinde kommen!" — „Allmächtiger Gott! was fang' ich an?" schrie der Major, und rang die Hände über der Nachtmütze. „Welche Frage!" sprach Trudchen. „Da ist in der Welt nichts zu thnn, lieber Freund, als daß Sic sich geschwind anklcidcn, zu Pferde steigen, Ihre Leute sammeln, und sich dem Feinde muthig cntgegcnwcrfen." — „Wenn's nur nicht Nacht wäre!" seufzte Herr von Pampcl. „Die Nacht ist keines Menschen Freund! — Am Tage sollten sic nur kommen, die Teufelskerl! — da wollt' ich kurzes Federlesen mit ihnen machen! — Aber bei Nacht — das ist dumm! Man sicht keine Hand vor den Augen; nichts als den Tod!" — „Ach, das sind Posten!" sprach Gcrtrndc und vereinigte sich mit dem Kammerdiener, den Major ans seinen Nachtkleidern hcranszuschälcn und in die Uniform zu bringen. ISO E» Abcr er widersctztc sich ihren Bemühungen mit Gewalt, entriß sich ihren Händen, rannte die Bodentreppe hinauf und kroch ins Hcn. Geltende verfolgte ihn mit Bitten und Beschwörungen, sich nicht zn entehren und der Verachtung und Schande Preis zn geben. Alles vergebens! Er arbeitete sich immer tiefer in den Heuhaufen hinein und antwortete nicht. Da die wackere Marketenderin sah, daß sich durchaus kein Fünkchen Muth in ihm anfachcn ließ, eilte sie wieder vom Boden herunter »nd entschloß sich, die Ehre der feigen Memme mit eigener Lebensgefahr zn retten." „Blaffers," rief sic, „laufen Sic geschwind in den Stall und lassen Sie des Majors Dienstpferd satteln! Ich will's für ihn besteigen, — ich kann reiten wie ein Husar — und alle Welt soll mich, mit Hülfe der Nacht und seiner Kleider, für ihn ansehn. Das ist der einzige Weg, den schwachen Mann bei Ehren zn erhalten. Schwören Sic aber, daß Sic ihn nicht vcrrathen wollen!" — Blasiert schwor, betrieb das Satteln, und nach fünf Minuten stand das Pferd vor der Thür. Indessen hatte sich Gcrtrndc schon gestiefelt und gespornt, des Majors Uniform über ihre Kleider gezogen und den Säbel umgc- schnallt. Sic verhüllte sich vom Kopf bis zn den Füßen mit einem großen Reilcrmantcl, drückte den Officiershut tief ins Gesicht, und stieg, mit so glücklicher Nachahmung der Unbchülflichkcit des Majors, zn Pferde- daß selbst der Reitknecht seinen Herrn nicht vermißte. Mittler Weile hatte sich, durch Trompeten und Trommel» geweckt, die Kompagnie gestellt und wartete nur auf ihren Anführer. Da kam Gcrtrndc gesprengt, setzte sich an die Spitze und kommandirte mit einer fetten Baßstimme : „Marsch!" Der Zug ging vorwärts; der Aster- -»D 13t 8^>- Major brüllte wie ei» Löwe; mehrere Truppen strömten aus den nächsten Gegenden herzu und schlossen sich an den Vortrab an. Das feindliche Corps sah seine Absicht, die Deutschen in ihren Quartieren zu überfallen, verfehlt und zog sich eilend zurück. Einige französische Soldaten, die sich in der Dunkelheit verirrt hatten, gcricthcn unter die Mannschaft, die das Hcldenwcib tapfer anführte und gaben sich, ohne einen Schuß zu thun, gefangen. Siegreich, und von jedermann für de» Major Pampcl gehalten, kehrte Gertrnde zurück. Es war aber ein Glück für sie und ihren Freund, daß der Vorfall nicht länger gedauert hatte; denn der Morgen dämmerte schon. Sie eilte vom Pferde auf de» Heuboden. „Wer kommt denn?" ricfs ängstlich aus einem Schober. „Die ganze französische Armee!" donnerte sie, und marschirtc mit so kräftigen Sol- datcnschrittcn auf de» belebte» Heuhaufen loö, daß die Hütte unter ihr bebte. Pampcl, der von ihrer Verkleidung und Hcldcnthat noch kein Wort wußte, war bei diesem Getöse fast des Todes und verkroch sich ins tiefste Heu. Sic mußte ihn mit ihrer natürlichen Stimme hcrvorlockcn. Da wagte er sich denn aus seinem Versteck, und lächelte scclcnvergnügt, als sic mit launiger Prahlerei, an den Degen schlagend, den Sieg berichtete, de» sie unter seinem Namen erfocht. Sic gab ihm mm seine Montirnngsstückc zurück, und bat ihn dringend, sich auf der Stelle dienstmäßig zu kleiden, damit nicht etwa die Nachtmütze noch an ihm zur Vcrräthcrin wurde. Er folgte, und that sehr klug; denn als er gestiefelt und gespornt die Bodentreppe herunter stieg, kamen ihm schon einige Osficierc entgegen, die thcils Rapporte brachten, thcils ihn über seine Tapferkeit bckomplimcntir- ten. — „Keine Lobsprüche, meine Herren!" war seine Ant- -oZ> 152 Oo- ' '' wort. „Ich that nichts als meine Pflicht, und wünschte ' nur, cs beliebte den Franzmännern, jetzt am Hellen Tage mit uns anzubinden: da wollten wir ihnen die Nase noch besser wischen! Ich war eben auf dem Boden und sah mich nach ihnen um; aber sie hüten sich, zum Vorschein zu kommen." — Nicht lange hüteten sic sich! — Nur ungefähr acht Tage hielte» sie Nnhc, um die Deutschen sicher zu mache», und unternahmen dann einen neuen nächtlichen Ucbcrfall. Herr von Pampcl und seine Traute punschtcn eben wieder mit einander, als Lärm wurde. Ihr Schrecken war minder heftig, als eine Woche zuvor. Sic wußten schon, was sic zu thun hatten. Die Nöllen waren nun einmal aus- gcthcilt, und man spielte sic, ohne viel darüber zu sprechen. Der Major schlich auf den Heuboden; Gertrude schwang sich aufs Noß. Die Franzosen griffen diesmal ernstlicher an, drangen zahlreich und muthig vor, machten ein lebhaftes Gcwchr- fcuer, und eine der ersten Kugeln, die sie den Deutschen zuschicktc», stürzte Gertruden vom Pferde. Sic war tödt- lich verwundet und verschied auf der Stelle. — Gegen Morgen ward der Feind zurückgcschlagcn und ihr Leichnam unter mehreren Tobten auf dem Wahlplatzc gefunden. Jedermann sah sic, da der Tag nur erst graute, für den Major an, und einige Soldaten trugen den erstarrten Körper in sein Quartier. Hier drängten sich viele Menschen herbei; die verhüllte Leiche ward entkleidet, und unbeschreiblich war das Erstaunen, als man statt des Majors ein Weib — die wohlbekannte Marketenderin — fand. „Wo ist Sei» Herr?" rief mit Heftigkeit ein anwesender Qfficicr, als Blasiert jetzt athcmlos ins Haus stürzte. Der Kammerdiener konnte sich bei dem unerwarteten Anblick des Leichnams vor Bestürzung kaum fassen und antwortete zitternd i der Herr von Pampcl müsse gefangen, oder noch in der Verfolgung des Feindes begriffen scyn. „Ja, das sah' ihm ähnlich!" versetzte der Officier mit bit- term Hohnlachen, und durchsuchte hastig alle Winkel deS Hauses. Er ging auch zuletzt auf den Boden. Der Held im Heu, der ganz sicher glaubte, Gcrtrude komme, um ihm wieder eine» Sicgesbcricht abzustattcn, raschelte sogleich, als er Fußtritte horte, aus seinem Schlnpflochc hervor und ward dadurch augenblicklich entdeckt. Er hatte, weil cs auf dem Boden kalt war, den Pelzmantel der Marketenderin um sich geschlagen. Der Officier warf ihm ein paar verächtliche Worte zu, und eilte dann fort, um dem Oberbefehlshaber die Geschichte zu melde». Herr von Pampcl ging mit schwerem Herzen vom Boden herunter, und weinte noch bei der Leiche seiner treuen Freundin, als ihm der Degen abgcfordcrt und Arrest an- gekündigt wurde. Gcrtrude erhielt ein ehrenvolles Be- grabniß, und der Major nach kurzer Untersuchung einen nicht sonderlich chrenhastcn Abschied. DreiunddreiHlftstes Kapitel. Wie gewonnen, so zerronnen! Diese unglücklichen Begebenheiten erschütterten unsern Helden und seine sorglose Gemüthsruhe. „Blasiert! Blasiert!" rief er seufzend: „nun reut mich's ernstlich, daß ich Hab und Gut durch die Gurgel jagte! — Wovon soll ich künftig leben? — Graben mag ich nicht, auch schäm' ich mich zu betteln; und am Ende-muß doch eins von beiden geschehen. — Ach, setzte mich das Gluck nur noch ein einziges Mal in meinem Lebe» auf einen grünen Zweig, ich wollte mich gewiß durch kluge Sparsamkeit darauf erhalten!» - Das Glück stellte ihn auf die Probe. Er bekam — indem er eben von- der Armee abreiscn und ans Gcrathcwohl in der Welt hcrnmstrcifen wollte — die Nachricht, daß sein Qheim ohne Testament gestorben scp. Nun hing der Himmel wieder für ihn voll Geigen. Er war der nächste Verwandte, und die Erbschaft sein, wenn sich auch alle Pro- zeßschmicdc und Flausenmacher auf Erden gegen ihn verschworen hätten! Ein verdrießlicher Ncbcuumstand war der: daß die Erbschaft an dem Orte gehoben werden mußte, wo seine Flucht auf den Heuboden aktenkundig und jedem Kinde bekannt war. Aber trotzend auf die Zanbcrmacht des NcichthumS 133 und auf die Gewohnheit der meisten Menschen, sich vor Gclbsäckcn zu bücke», reiste er in Person dahin, fand überall freundliche Gesichter und krumme Nucken, doch keinen so beträchtlichen Nachlaß, als er sich eingebildet hatte: denn seine Rechnung ging ans Tonnen Goldes, und der ganze Braß bestand höchstens aus zwanzigtanscnd Thalcrn. Alle Menschen, die den Herrn von Scharreisen gekannt hatten, behaupteten: er scp wenigstens fünfmal reicher gewesen und müsse seinen Schatz irgendwo in Verwahrung gegeben habe». Es geschah daher durch die Zeitungen ein gerichtlicher Aufruf, daß sich Jeder, der Geld oder Geldes Werth als anvcrtrautcs Gut von ihm in den Händen hätte, damit melde» und cs ausliefcrn solle. Es erschien aber niemand; denn sic, die er wahrscheinlich zu seiner Schatzbcwahrcrin erkoren halte, die alte Mutter Erde, laS die Zeitungen nicht und gab also das empfangene Depositum auch nicht zurück. Herr von Pampel, der sich bei alle» Fatalitäten leicht beruhigte, riß sich auch jetzt die wenigen Haare, die dem alternden Zechbruder »och übrig geblieben waren, nicht aus dem Kopfe. Er nahm, was sich fand, und schlug seinen Wohnsitz in einer größer» Hauptstadt auf, weil dort alle nur ersinnlichc Delikatessen zu bekommen waren, und ihm nicht jeder Narr ins Gesicht sah, wenn von Heuschobern gesprochen wurde. Blasiert, der seine Stelle als Kompagnie - Chirurgus nicdergclcgt hatte, war sein Begleiter. Er wollte sich zwar nach der Verabschiedung des Majors von ihm trennen, konnte dieß aber nicht über sein weiches Herz bringen, als seinem guten Herrn die Erbschaft zufiel. Uebrigcns bestand Herr von Pampel in der Probe, auf die ihn das Glück gestellt hatte, gerade so, wie cs von ihm zu erwarten war. Er lebte flott in den Tag hinein, -->§> 136 <§-«- als ob cr den großen Mogul beerbt hätte. Nichts in der Welt war ihm zu thcucr, wenn cs nur gut schmeckte. Blasiert trug mich das Seinigc redlich dazu bei, dem Geldc des Herrn von Scharreisen, das in langer Gefangenschaft gewesen war, Freiheit und Flügel zu schaffen. Ein feiner Thcil gcrictb freilich auch bei ihm wieder unter Schloß und Riegel; aber den Nest ließ cr nicht im Kasten verschimmeln, sondern brachte ihn sehr thätig unter die Leute. Sein rastloser Eifer, gute Weine für den Major auszuspürcn, war gleichsam eine neue Auflage des alten Geschichtchens von dem reisende» Zecher, der seinen Diener immer voran reiten, den besten Wein auskosten, und da, wo cr ihn fand, das Wort Udl't über die Thur schreiben ließ, bis sich endlich der Herr in Italien zu Tode becherte, und ihm der Diener einen Denkstein mit der b>kannten Grabschrift setzte: est. e?;t! Unser Bacchussobn hielt sich zwar tapfer genug, daß. cr keiner Grabschrift bedurfte, aber auf sein Vermögen konnte man bald eine dichten. Es verschied in der Blnthc seines Lebens, das höchstens vier oder fünf Jahre gedauert hatte. „Mein Herr Major," sprach Blasiert eines Tages, „ich muß Ihne» die unangenehme Meldung thun, daß wir in Summa Sumarum nur noch fünfhundert Thalcr in Kasse haben." — „Wie? was?" fuhr Pampcl auf: „Fünftausend will Er etwa sagen, und auch das wäre noch verdammt wenig!" — „Fünfhundert, sagt' ich Herr Major, und cs ist nicht anders/' — „Da schlag der Donner drein! Zwanzigtausend Thalcr vertrnnkcn, und in diesem Augenblicke noch durstig! — Nun, was hilft's? Ich jage mir dcßhalb keine Kugel durch den Kopf. Fortuna und ich sind gute Freunde; sic wird schon weiter für mich sorgen." — „Ganz gewiß, Herr Major! Aber wenn Sie erlauben, so geh' ich in meine Hcimath, um mich Ihnen aus dem Brode zu schaffen." — „Ei, sich doch!" rief Herr von Pampel: „Was du für ein gutherziges Männlein bist! — Nein, nein, so haben wir nicht gewettet. Hast du mit mir geschwelgt, so kannst du auch mit mir hungern! Doch dahin soll's nicht kommen. Ich will mich zusammen nehmen, will meine Talente geltend machen. Bin ich denn nicht etwa in hundert Fächern zu brauchen? Ich bin Rechtsgclehrtcr, Soldat, Hofmann — kurz, was man nur will. Es müßte doch beim Teufel! mit Zauberei zugchcn, wenn ich nicht wieder an einem Hofe mein Unterkommen finden sollte. Drum cingepackt und fort! Jetzt haben wir noch ein Bißchen Geld, daß wir Wind machen können, und das ist die Hauptsache! Auf des Windes Flügeln hat sich schon Mancher gehoben." — Es war ein ärgerlicher Umstand, daß sich Herr Blasiert mit seinen geheimen Prisengclkcrn nicht auf die Seite machen und sein eigner Herr scpn konnte. Doch da sich dicß, ohne Verdacht z» erwecken, nicht hartnäckig durchsetzen ließ, so nahm er sich vor, cs noch eine Weile mit anzusehcn. Wer weiß denn auch, waren seine Gedanken, ob cs nicht vorthcilhaft für mich ist, wen» ich ansharre. Der Major hat tolles Glück und kommt vielleicht, wie man -OZ» 138 eine Hand umkchrt, wieder so in die Wolle, daß man ihn noch besser rupfen kann als bisher. llntcr diesen Trosigedankcn packte er die Koffer, und sie fuhren ohne festen Plan von dannen. -->§> 13S VierunddrcLßigstes Kapitel. Golgatha, da- ist verdeutschet Schädclstätte. Das Glück, mit dcm unser Held IN dem srenndschaft- lichstcn Vernehmen zu stehen behauptete, schic» Anfangs doch nicht geneigt, ihm auf seiner Wallfahrt von Land zu Land Gesellschaft zu leisten. Er zeigte sich an verschiedene» Höfen; allein man hatte nirgends Lust, ihn so zn versorgen, wie er cs wünschte. Durch seine possirliche Gestalt in gute Laune versetzt, geruhten an einigen Orten die hohen Herrschaften, gnädigen Scherz mit ihm zn treiben und ihm Acmtcr anzntragen, die zn seiner Wohlbe- lcibthcit nicht paßten, wenn sic auch an sich selbst für einen Edelmann und gewesenen Stabsofficicr nicht unschicklich gewesen waren. So erbot ihm, zum Beispiel, ein junger lustiger Fürst die Stelle eines Obcrhoflänfcrs und Direktors einer Pflanzschnlc für junge Läufer, mit der Bedingung, daß er in Person die ihm untergebenen Zöglinge in der Laufknnst unterrichten sollte. Sein Wunsch und Wille war, als Obcrschcnk und Ober- küchcnmcister angcstellt zn werden; doch nicht als bloßer Figurant bei außerordentlichen Hof-Feste», sondern mit wirklicher Bestallung zur Oberaufsicht und Vollgcwalt über Keller und Küche. Um seine Tüchtigkeit zu einem solchen Amte zu beweisen, überreichte er fleißig die vor mehrern 160 163 Fünfunddrcisrigstes Kapitel. Dos Schädcl-trramen. — Die Beichte. „Von Springwall?" — fragte der Major, indem er aus dem fürstliche» Zimmer ging, leise sich selbst, und betrachtete nachdcnkend die Aufschrift des Billcts. — „Ist mir doch, als hält' ich schon irgendwo von einem Springwall gehört. — Aha! jetzt fällt mir's ein! Es stand ja Lei dem Regimcutc, in welchem ich diente, ein Lieutenant dieses Namens, der ein wilder, wüster Mensch war. — Gott gebe, daß der Minister sanfter und frömmer ist, sonst wird mir im Ernst um meinen Kopf bange!" — Mit diesem Selbstgespräche trat er ins Haus des Ministers, und ward sogleich, als er sich, mit Vvrausscuduug des fürstliche» Handschreibens, bei ihm hatte anmcldcn lasse», in sein Kabiuct gerufen. Es kam ihn ein neues Grausen an, als ihm auch hierauf zwei Tischen hohle Hiruschädel entgcgcngrinztc». Der ernste, steife Minister, dessen Gesicht versteinert schien, war ebenfalls keine heitere, beruhigende Gestalt. Er winkte stumm dem Major, sich auf einen Stuhl in der Mitte der beiden Schädelstättcn nicdcrzulassen. Ein schauerlicher Platz, den Pampcl mit heimlichem Widerwillen eiuuahm. Der Minister nahte sich ihm, erhob mit einer gewissen Feierlichkeit die Hände und legte sic ihm aufs Haupt, das der 104 Weingott schon beinahe ganz enthaart und zu einer bequemen Prüfung der Organe vorbereitet hatte. Lange fingerte der Minister ans der Platte herum, und der Major faltete indessen, wie ein Betender, die Hände über dem Bauche. „Herrlich! Trefflich!" — lispelte der Organist", und zog seine Finger zurück. „Wen Hab' ich die Ehre, vor mir zu sehen? — Der Fürst hat mir Ihr Gesuch, doch nicht ihren Namen bekannt gemacht." „Der ist von Pampel," antwortete der Major. „Bon Pampel?" — rief der Minister mit dem Tone des Erstaunens. „Es gab vor fünsundzwanzig bis dreißig Jahren einen Kadett Ihres Namens, und wenn ich nicht Ihre Organe ganz mißverstehe, so sind Sie cs selbst!" — „Ich war um diese Zeit Kadett," sagte Pampel. „Dem jungen Mann, den ich meine," fuhr der Minister fort, „begegnete einst, als er des Nachts Schildwache stand, ein unangenehmer Vorfall." — „Ganz recht, Ew. Lrcellenz! Fünfzehn oder zwanzig bewaffnete Räuber fielen mich an, und — — Der Minister unterbrach ihn durch ei» unmäßiges Gelächter. Pampel schwieg und sah ganz verstört aus. „Wir sind unter uns," — sprach der Staatsmann, als er sich satt gelacht hatte — „wir können über diese Begebenheit ein vertrauliches Wort sprechen. Erinnern Sic sich nicht noch eines gewissen Lieutenants Springwall?" — Der Major bejahte diese Frage, und die Reihe des Erstaunens war nun an ihm, da sich der Minister nicht nur * So könnte man zum Scherz einen und den andern, das Instrument der Organe spielenden Phantasten nennen, weil er besonder-, »vie der eigentliche Organist, crwaS Wind dazu braucht. — Doch ist hier nur von Stümpern, nicht von dein ehrwerthen Meister die Nede. 163 <§<> als den ehemaligen Lieutenant, sondern auch als Kloster- gespcnst zn erkennen gab. „Ich Hab' Ihnen viel abzubitten, viel gut zu machen!" setzte er hinzu. „Denn ich war's sogar, der cs veranstaltete, daß Sie auf diesen übel berüchtigten Posten gestellt wurden. Ich weiß nicht, wie's kam, man machte mit Ihnen wenig Umstände beim Negi- mente; man unterschied Sic, ohne Rücksicht auf Ihre Herkunft, fast gar nicht von den gemeinen Soldaten: sonst hätte man Sie an einem so verhaßten Platze nicht schildern lassen, und es wäre mir nicht gelungen, den Adjutanten zur Begünstigung meines Frevels zu überreden. Jch bcrcnte diesen Streich, der so übel für Sie ansscblug, nachher tausend Mal, und bracht' cs auch durch meinen Onkel dahin, daß Sic mit keiner Strafe belegt wurden; doch mußten Sic unvermeidlich vom Ncgimentc. Da ich Sie nun damals aus ihrer kaum angetrctcne» Laufbahn hinaus neckte, so ist's meine Schuldigkeit, Ihnen eine neue zn öffnen, die Ihre» Organen angemessener, als jene, sepn wird." — Herr von Pampcl, der dieser langen Beichte stumm und mit niedergeschlagenen Augen zugchört hatte, verbeugte sich jetzt dankbar, und sein frohes Gesicht sprach volle Verzeihung ans. „Ich setze mein Wort zum Pfände," fuhr Springwall fort, „das Oberküchemncisteramt soll Ihnen nicht entgehen. Mein Bericht an den Fürsten wird äußerst vorthcilhaft für Sic ausfallen, ohne daß ich Pflicht und Wahrheit verletze; denn Sie sind, nach dem Zeugniß ihrer Organe, zn einem Küchendircktor so geschickt, wie vielleicht kein anderer Mensch auf Erden. — Aber wundern Sie sich denn nicht, mich in einer so pedantischen Form, und mit Todtcnköpfen beschäftigt, wieder zn finden?" — -oL> 166 O» Pampcl gestand lächelnd, daß er sich de» gegenwärtigen ernsthaften Staatsmann und den weiland so lustigen Lieutenant gar nicht als eine und eben dieselbe Person denken könne. „Das glaub' ich!" crwiedcrte Springwall. „Die Ainal- gamation meines jugendlichen Quecksilbers mit meinem jetzigen Blei muß Ihnen sonderbar Vorkommen; doch meine LcbenSgeschichtc, die ich Ihnen jetzt bei einem Glase Wein in einem kurzen Auszüge zum Besten geben will, wird Ihnen dicß Räthsel erklären. Thcilcn Sic mir aber zuvor, wenn ich bitten darf, Ihre Fata mit!" Der Major that cs mit Auswahl, und bei weitem nicht so treu, wie seine Biographie hier dem Leser vor Augen liegt. Indessen ward Wein gebracht. Der Minister befahl dem Bediente», niemand vorznlasscn, entfernte sich einige Minuten und kam ganz nmgcstaltct zurück. Er hatte Perücke und Hofklcid abgelegt, und erschien mit einem Schwedcn- kopf und in einem modischen Frack. Auch seine steinerne Miene war freundlichen Gcsichtszügcn gewichen. „Nun bin ich wieder der alte Springwall!" rief er lachend, und erzählte seine Abenteuer folgender Maßen. Sechsunddreißigftes Kapitel. Springwalls Geschichte. „Kurz »ach Ihren, Abgang vom Rcgimcntc, Herr von Pampel, starb mein guter Oheim, der General. Ich verlor an ihm einen väterlichen Freund, der mich in jeder Art unterstützt und mir bei allen meinen Ausschweifungen die Stange gehalten hatte. Sein Nachfolger war ein strenger Mann und faßte besonders mich scharf ins Auge. Er ließ mir nicht den unschuldigsten Possenstreich, der Ihm zu Ohren kam, ohne bittere Verweise und Ahndungen durchschlüpfcn, und machte immer ans Mücken Elephanten. So gab's ein paar Jahre manchen verdrießlichen Tanz. Am Ende ward mir das ewige Hofmeistern zu lästig; ich nahm den Abschied. — Fortuna, die beständig alle Hände voll zu thun hat, um ihre Mündel, die Dummköpfe, reich zu machen, hatte darüber ganz vergessen, an mich zu denken. Ich fing nun an, mich ihrer Fürsorge zu empfehlen, und schickt' ihr Visitenkarten vom Morgen bis in die Nacht, das heißt: ich ward ein Spieler und besuchte die berühmtesten Messen, Bäder und Hauptstädte. Dieses freie, ungebundene Leben, das mit mancherlei Abenteuern und Liebschaften durchflochtcn war, führt' ich zwanzig Jahre; doch will ich mich jetzt keine Minute dabei aufhalten, sondern Ihnen 168 lieber etwas ausführlicher erzählen, wie ich mit der Hirn- und Schädcllchre bekannt wurde, die mir zu meinem gegenwärtigen Posten vcrhalf. Ich lernte vor zwei Zähren, als ich mich einige Zeit in Wien anfhiclt, eine» gewissen Baron kennen, den ich, um den wahren Namen des gutherzige» Qncrkopfs zu verschweigen, G allaff nennen will. Wir ginge» täglich mit einander um, weil er viel Znncignng zu mir gefaßt hatte und mich seine Eulcnspicgclstrciche belustigten. Er war tn die neue Lehre, die Doktor Galt damals erst auf die Bahn brachte, kindisch verliebt, Pfuschte selbst hinein und betastete jeden Kopf, der ihm dazu still halten wollte. Wer sich dessen weigerte, mit dem trat er durchaus in keinen Verkehr. Er ließ sich kein Kleid und keinen Schuh machen, ohne vorher die Köpfe der Schneider und Schuster in Untersuchung zu nehmen, ob sie die nöthigcn Organe besäßen, um Meisterwerke zu Stande zu bringen. Bisweilen gcrieth er mit Creti und Pleti darüber in heftigen Streit. Unter andern bekam er einst sehr nnangcnchmc Händel mit einem Lohnkntschcr, der »ns über Land fahren sollte, den er aber deswegen verwarf, weil dem Burschen die Organe der Circnmspcktion und des Augenmaßes fehlten, und also Gefahr vorhanden war, von ihm nmgcwor- fen zu werden. Dergleichen lustige Austritte sah ich in Gallaffs Gesellschaft alle Tage. Am wenigsten gefiel mir, daß er seinen alten, ehrliche» Bediente» abdankte, weil dem armen Menschen das Organ des Ortsinnes mangelte, und er sich daher einige Mal in dem weitläufigen Wien, wo er fremd war, verirrt hatte. Auch war sein Kopf nicht wie ein Hundckopf gestaltet, und so gebrach ihm der Treust»», ob ihm gleich der Baron selbst das Zeugniß geben mußte, daß er während seiner zehnjährigen 169 O-o Dienstzcit keine Stecknadel veruntreut habe. Das half ihm aber nichts; er wurde Knall und Fall verabschiedet, und Gallaff nahm, durch die herrlichsten Bedienten-Organe verleitet, einen liederlichen Schuft an, der ihm täglich Verdruß machte, und endlich sogar mit seinen Reitpferden heimlich davon ritt. Dennoch hielt ihn der Baron für ehrlich und sagte: nicht er, der gute Kerl, scp mit den Pferden dnrchgegangen, sondern die Pferde mit ihm. — Nach einiger Zeit ward Gallaff des Aufenthalts in Wien überdrüssig und trug mir an, ihn auf sein Landgut zu begleiten. Wir reisten dahin ab. Eine große Schädcl- sammlnng, die er mitnahm, verdrängt' uns fast aus dem Wagen. Wir saßen wie in einem Bcinhausc. — ÄlS wir auf dem Gute ankamcn, fing er sogleich an, die Köpfe seiner Leute zu mustern und allen durch die Bank den Laufpaß zu geben, die mit den zu ihren Dienst- gcschästen erforderlichen Organen nicht ausgerüstet waren. Sogar das ehrwürdige, graue Haupt einer scchzigjährigcn Tante, die seine Wirtschaft vortrefflich führte, mußte sich der allgemeinen Prüfung unterwerfen. Hier fand er mit Erstaunen das Organ — des Geschlcchtstricbcs, und sagt' cs ihr unvcrholcn ins Angesicht. Die alte, keusche Jungfrau nahm das sehr übel und verließ im Zorn sein Haus. Mit ihr wich der Schutzengel seines Wohlstandes von ihm. Doch das kümmerte ihn nicht. Er vertraute Hab' und Gut den herrlichen Organen seiner neuen Dienerschaft an, ließ die Menschen schalten und walten, wie sic wollten, sah keine Rechnung nach und hielt lieber den Bauer» öffentliche Vorlesungen über die Schädcllehrc. Hans und Kunz wurden darüber ganz damisch, tappten einander auf die struppige» Köpfe und erklärten sich wcchsclsweise für Diebe und Mörder. -D-K 1°70 ^o- Das ganze Dorf kam in Aufruhr, kein Nachbar traute dem andern mehr über de» Weg, und blutige Schlägereien waren an der Tagesordnung. Die Landesregierung mußte sich darein legen und dem Baron die Fortlcsung seiner Kollegien untersagen. Sein unnützes Beginnen ward ihm ernstlich verwiesen, und er bedeutet, sich dessen für immer zu enthalten, weil ungeschicktes Schädclprüfcn, von einfältigen Menschen unternommen, nichts als Unheil anrichte. — Er machte davon bald in seinem eigenen Hanse die traurigsten Erfahrungen. Die Ausgebern, und der Verwalter, die ihn, mit einander im Bunde, ans eine ungeheure Weise betrogen hatten, gingen bei Nacht und Nebel sammt ihren schönen Organen der Treue und Anhänglichkeit zum Teufel. Gallaff ward darüber ganz tiefsinnig, und es war nun nicht mehr erfreulich, bei ihm zu wohnen. Ich zog daher weiter und buhlte wieder am Pharotisch um Fortunens Gunst. Dieses Geschäft führte mich im vergangenen Jahre in diese Stadt. Da hört' ich überall von der berühmten Gehirn- und Schädellchre spreche» und sprach überall mit. Ich wußte mehr dvvon, als jeder andere Schwätzer, weil sich Gallaff, wider meinen Willen und Dank, die eifrigste Mühe gegeben hatte, mich zu einem Organcnkcnncr zu bilden. Meine Weisheit machte gewaltiges Aufsehen, und ward sogar, da ich sie einst in Gegenwart einiger Hofleutc ausgeschüttet hatte, dem Fürsten bekannt. Er ließ mich rufen, erklärte sich für einen enthusiastischen Verehrer des Doktors Galt, klagte jedoch dabei, daß er bisher noch wenig Gelegenheit gehabt habe, sich von der Lehre dieses Mannes gründlich zu unterrichten. Ich erbot mich sogleich, ihm alles mitzutheilcn, was ich selbst davon wisse. Er griff mit beiden Händen zu. Die Vorlesungen nahmen - 0 §> 1 7 1 auf der Stelle ihren Anfang, und ich erwarb mir in kurzer Zeit den Beifall und das Vertrauen meines Schülers in einem solchen Grade, daß er mich zum Minister erhob und mir das Schädclprüfcn aller Dicnstsuchcr als meinen Wirkungskreis anwics. Ich wandelte mich nun in meinem äußern Ansehen und Betragen, dem etwas pedantischen und modcscheuen Fürsten zu Gefallen, in den steifen, altfränkischen Minister um, den Sie vorhin an mir fanden. Uebrigens bin ich weit davon entfernt, die Schädellehre für einen ganz untrügliche» Probierstein des menschlichen Geistes und Charakters zu halten. Sic hat auch wirklich schon hier Verwirrung gestiftet, doch in meine Finanzen — Ordnung gebracht." — -O-§> 172 Sieben,inddreiHlgstes Kapitel. Verschwörung und Kabnlcn. Springwall endigtc hier seine Geschichte und gab dem Major, der sich ihm jetzt cinpsahi, die Zusicherung ans den Weg, daß ihm der Bcstallungsbricf als Oberküchenmeistcr in den nächsten Tagen ansgeferiigt werden solle. Es geschah, wie er gesagt hatte. Herr von Pampcl ward in die Hofkuchc feierlich cingcwicscn, allen dazu gehörigen Personen, vom erste» Mnndkoch an bis zur letzten Tellerwäscher!» herab, als ihr Oberhaupt vorgestcllt, und sammt und sonders mußten sic ihm durch eine» Handschlag Gehorsam angelobcn. Die Herren Köche, die sich sehr wichtige Männer dünkte», hatten bis jetzt in einer demokratischen Verfassung gelebt »nd nahmen cs als eine schwere Beleidigung ans, daß sie sich einem Regenten unterwerfen sollten. Sic zogen ihm schon bei der Huldigung schiefe Gesichter, und verschworen sich nachher förmlich gegen ihn bei verschlossenen Thüren. Der Oberkoch hielt eine feuerspeiende Rede, ergriff dann eine große Schöpfkelle und trat mit theatralischen Heldcnschrittcn in den Kreis seiner Freunde und Gevattern. „Schwört!" — rief er, »nd streckte die Kelle wie ein Schwert vor sich hin — „schwört mit Mund und Herzen dem dickwampigcn Prahlhans, den man uns — -oZ> 173 <§-»- wie den Fröschen in der Fabel einen Klotz — zum König setzen will, keinen Gehorsam zn leisten, sondern seine Befehle unter dem Schein der Befolgung verworren auszurichten, damit alles in der Küche mißrathc und er bei dem Fürsten in Ungnade falle!" — Und alle Köche legten die »ordern Finger der rechten Hand auf die Kelle und sprachen den Eid nach. Der gute Obcrküchcnmeistcr wußte nichts von dieser Verschwörung und trat sein Amt mit Freudigkeit an. Er erbat sich vor alle» Dingen von dem Fürsten ein Verzeichnis! seiner Licblingsspcisen, und entwarf dann über jedes dieser Gerichte eine weitläufige Instruktion für die Köche, worin alle dazu gehörige Bcstandtheilc und Würzen sammt der Behandlungsart weitläufig vorgcschricben waren. Die Köche nahmen sie mit tiefen heuchlerischen Reverenzen an, und als er den Rücken wandte, lachten sie darüber. Sie mochten denn wohl — wie sich das auch in höhern Regionen oft ereignet — ihr Fach besser verstehen, als ihr Vorgesetzter, dessen Rezepte mitunter etwas aus der Mode gekommen waren, weil sic großen Theils noch von seinen Univcrsitätsjahrcn und aus Trudchens Brieftasche hcrstammten. Er selbst hatte zwar auch neue Länder in der Küchcnwelt entdeckt, und sie schienen ihm vortrefflich; aber die gegen ihn vcrschworncn Rebellen verwüsteten sie mit Gewalt und säcten Unkraut unter den Wcitzcn. Der Fürst, ein erklärter Gourmand, konnte an dem Tage, da zum ersten Mal unter der Negierung des Obcr- küchcnmeisters gekocht wurde, die Tafclzeit kaum erwarten. Endlich schlug sic, die ersehnte Stunde, und er langte begierig zu, weil er seine Eßlust noch überdieß durch Enthaltsamkeit beim Frühstück verdoppelt hatte. Aber gleich 174 das erste Gericht entsprach nicht seiner Erwartung. Es war so kraftlos und nnschmackhaft, daß er nur zwei Bissen davon über die Zunge bringen konnte. Die folgenden Schüsseln waren nicht besser; denn die boshaften Köche hatten sic entweder versalzt und verpfeffert, oder auf andere Weise ungenießbar gemacht. Der Fürst erhob sich ungesättigt von der Tafel, ließ ini höchsten Unmnth den Obcrküchcnmcistcr rufen und überschüttete ihn mit harte» Verweisen. Herr von Pampel, der sich Rechnung auf Lobspruchc gemacht hatte, fiel wie ans den Wolken. Er eilte hinab in die Hofküche, kostete die ans der Tafel gewesenen Speisen, fand sic selbst unter aller Kritik und fluchte darüber, daß sich die Erde hätte mögen anfthun, um die Köche zu verschlingen. Aber sic blieben so ruhig, als ob eine Gans zischte, und fuhren am nächsten Tage fort, die Speise» zu verfälschen und zu verpfuschen. Der Fürst genoß noch weniger, und schalt desto mehr. Wie ein Rasender stürzte sich der Oberküchcnmcistcr abcrmal unter die Köche, und hätte sie beinahe nicht blos mit der Zunge gezüchtigt; doch sic hohnlächeltcn nur über seinen Eifer und sagten ihm mit frecher Stirne unter die Augen: es lasse sich nach den Formeln, die Sc. Erccllcnz vorgeschriebe» habe, kein vernünftiges Gericht kochen. „Das lügt ihr Sudler!" schrie er sie an. „Ich will morgen das Gegcntheil darthnn, will morgen mit eigener Hand die Speisen bereiten, um meine Ehre zu retten und eure Schande zu offenbaren!" — Bei Anbruch des Tages erschien er in der Hofküchc, band eine Schürze vor und füllte selbst mit allem Zubehör die Töpfe und Tiegel, che sic ans Feuer gesetzt wurden. Die Köche waren nur seine Handlanger und durften nichts unternehmen, als was er ihnen befahl. Zn ei- -oD 173 ncr gebieterischen Stellung am Herde stehend, warf er die Angen überall herum und hatte die große Schöpfkelle, auf die seine Feinde geschworen hatten, als Kommandostab in der Hand. Es wäre vielleicht alles glücklich gegangen, wenn er sich nur hätte überwinden können, einige Stunden ohne Genuß und Bequemlichkeit auszudauern; allein das war dem alte» Weichling nicht möglich. Als die Vorbereitungs- geschästc abgcthan waren und er glaubte, er könne nun eine Weile rnhn und dürfe nur das Feuer arbeiten lassen, fuhr er husch! »ach Hause, warf sich aufs Kanapee und fing an, die ermatteten Lebensgeister durch Wein zu erfrischen. Beim dritten Glase fiel er in einen tiefen Schlaf und erwachte erst nach zwei Stunden. Er jagte mit Schrecken, was die Pferde nur laufen konnten, nach der Hofküchc zurück; doch hätten ihn auch Sturmwinde gezogen, er wäre dennoch zu spät gekommen. Das Feuer hatte indessen zu viel gearbeitet, und alles, was ihm anvertraut war, in den Grund verdorben. „O ihr unseligen Köche!" rief er ausser sich: „warum habt ihr nicht Acht gegeben und den unersetzliche» Schaden verhütet?" — Sie antworteten trotzig: cs sep ihnen nichts befohlen worden und sie hätten geglaubt, es müsse nach seinem Kochspstcm so sehn. Er fluchte gräßlich, zerschlug vor Wnth die Töpfe und warf die Scherben den Köchen an den Kopf. Es war Tafclzcit und nichts vorhanden, was man auf- tragcn konnte. Er mußte sich zu dem sauer» Gang entschließen, dem Fürsten diese Trancrpost zu bringen. Es versteht sich, daß er seine Schuld in ein Mäntelchen hüllte. Er gab vor: der Anfall einer Krankheit habe ihn gcnö- -o-D 1°76 thigt, sich »ach Hause zu begeben, und indessen hätten die Köche unterlassen, ihre Schuldigkeit zu thu». „Daü ist beispiellos!" sagte der Fürst. „Seit Ihrer Bestallung ward ich nicht satt, und heute muß ich ganz fasten! — Nu», ich sehe wohl, daß mein Minister Springwall auf ihrem Kopfe Mißgriffe gctha» hat. Wir müssen nns trennen. Lassen Sic sich i» der Hofstaatskasse Ihren Gehalt auf sechs Monate zahlen und gehen Sie dann, wohin es ihnen gefällt!" — -»D 177 Achtunddreißigfies Kapitel. Dvktvr Luthers Gednnkcn über das ihm zugedachte Denkmal. — Abtritt deS Helden von der Bühne. Wo baarcs Geld lachte, war Herr von Pampel nie tranrig. Er nahm also auch jetzt die ihm angewiesene Summe von beinahe tanscnd Thalcrn wohlgemnth in Empfang, und war gegen den Fürsten so dankbar, das Geld nicht ans dem Lande zu schleppen, sondern es sogleich in der Hauptstadt zu verzehren. Er brauchte dazu mit Bei- hülfc seines Kammerdieners ungefähr fünf Monate Zeit. Das waren die letzten Noscntage seines Lebens. Er mußte sich nun entschließen, ein landfahrender, irrender Ritter zu werden und da und dort auf Unkosten des reichen und mitleidigen Landadels zu leben. Eine neue Versorgung als Geschäftsmann zu suchen, fiel ihm nicht ein. Er sah, daß er sogar durch die Kochkunst nicht fortkam, und sie war doch der Inbegriff aller Kenntnisse, die er sich auf Erden erworben hatte. Da die wenigsten Landgüter an der Heerstraße liegen, so konnte er sich auf seiner Reise der öffentlichen Post nicht bedienen; er mußte sich mit einer eigenen Gelegenheit versehen. Das fiel ihm, leider! nicht eher ein, als bis er Langbein'S sännntl. Schr. VI. B!>. 12 -o§> 1 mit seinen tausend Thalcrn so weit auf die Hcfcu gekommen war, daß er sich kein Fuhrwerk mehr auschaffcn konnte. Er mußte sich zum Reiten bequemen, und ein glücklicher Umstand kam seiner schwachen Kasse zu Hülfe. Es wurden gerade damals Artillerie - und Packpfcrdc, die einen Feldzug mitgcmacht hatten, an den Meistbietenden verkauft und waren um ein Billiges zu habe». Er erstand für sich und seine» Kammerdiener ein Paar tüchtige Rappen, das Stück zu fünf Thalcrn. Sie hatten freilich Leide zusammen mir ein Auge, doch um so weniger wurden sic scheu. Herr von Pampcl bestieg als Vorrciter den Gaul, der das gemeinschaftliche Auge besaß. Der Blinde, der den Kammerdiener trng, sah mit den Ohren nnd folgte treulich dem schallenden Hnfschlagc seines Vorgängers. Ungefähr ein Fahr lang zog Herr von Pampcl von einem Rittersilze zum andern, und fand an den meisten Orten eine höfliche und gastfreundliche Aufnahme, die er hauptsächlich seiner noch gut gehaltenen Offieicrsuniform nnd seinen Aufschneidereien verdankte. Er rühmte sich großer Kricgsthatcn nnd klagte aller Welt, daß er blos durch den geschlossenen Frieden außer Dienst und um die Hoffnung gekommen sep, General zu werden. Da er in dem Lande, wo er seine Kreuz- und Querzüge austcllte, ein Fremdling war, so mußte man die Mährchcn von mitge- fochtcnc» Schlachten gelten lassen nnd konnte ihn nicht durch eine Handvoll Heu stumm machen. Man bedauerte ihn als eine» unglücklichen Kavalier und war überall bereit, ihn einige Tage gut zu bcwirthcn. Hier und da gab man ihm auch eine stattliche Nittcrzchrung mit auf den Weg. Aber er drehte sich in einem zu engen Kreise herum, 1 "70 ^o- »nd zog in die Häuser und Schlösser, wo es ihm wohl ging, mit seinen zwei Rossen und seinem reisigen Knechte zu oft ein. Das wurden die gutmüthigsten Leute zuletzt überdrüssig und behandelten ihn kalt. Andere ließen sich vor ihm vcrläugnc», oder wohl gar, wenn sie ihn kommen sahen, den Thorweg verschließen. Kurz, er ward, als ein lästiger Krippcnrcitcr, überall bekannt und verächtlich, und mußte an vielen Orten, wo er auf dem herrschaftlichen Schlosse hoch zu schmausen gedachte, mit schwarzem Brod und saurem Bier in der Schenke fürlicb nehmen, weil er keine bessere Kost bezahlen konnte. In dieser schweren, betrübten Zeit that ihm ein gewisser Edelmann, der die meisten Dinge m der Welt ans einem schiefen Gesichtspunkte ansah, einen seltsamen Vorschlag. „Sie wissen," sprach er, „daß Deutschland jetzt mit dem Gedanken schwanger geht, dem Doktor Luther ein Denkmal zu errichten. Die Idee ist groß, aber die Beiträge, die bis jetzt dazu einliefcn, waren klein, »nd kamen so einzeln, wie im Frühjahr die Schwalben. Wenn das so fortgcht, bricht der jüngste Tag herein, che die Sache zu Stande kommt. Ich intcrcssire mich lebhaft dafür, und hätt' ich nicht Weib und Kinder und eine wcitläuftige Wirthschast, die meiner Aufsicht bedarf, so setzt' ich mich noch heute zu Pferde und durchzöge das deutsche Reich von einem Ende bis zum andern, um Enthusiasmus zu erwecken und Beisteuern zu sammeln. — Das war' ein Werk für Sie, Herr von Pampcl! Sie können sich dadurch einen unsterblichen Name» erwerben und ein reicher Mann werden. Ich garantirc Ihnen von der Summe, die Sic zusammcnbringen, zehn Proccnt, und freie Zehrung auf der Reise." — -»O 18 » <§«- Der irrende Ritter hielt diesen Antrag, nach kurzer Ucbcr- lcgung, für annehmlich. Verschafft auch — waren seine Gedanken — meine Werbetrommel dem guten Doktor Luther keinen Obelisken von Marmor oder von Töpfcrlchm, so gewinne ich doch dadurch einen anständigen Vorwand, Tag für Tag bei reichen Leuten cinzusprcchcn, und es müßten ja Heiden sepn, die den Apostel einer so gute» Sache nicht wenigstens zu Tische bitten sollten! — Er setzte sich also mit seinem Reisigen in Bewegung und durchzog vierzehn Tage lang Städte und Dörfer, ohne einen Groschen eiuzunchmcn oder einen freien Trunk zu bekommen. Man war überall an Ausflüchte» unerschöpflich. Einige sagten: Luther bedürfe keines Denkmals; Andere lamcntirten: die Zeiten wären jetzt so schlecht, daß man lieber Steine in Brod, als Brod in Steine verwandeln möchte; und die Meisten fragten: ob er von der vaterländisch-literarischen Gesellschaft in Mansfeld, als der Mutter und Pflegerin der Denkmals-Idee, eine Vollmacht aufzuzcigcn habe. — So klang's allenthalben. Anderer Arten von Abweisungen, die mitunter noch härter aus- ficlcn, nicht zu gedenken. . Zn der dritten Woche nach seinem Auszüge löste er endlich das erste Handgeld von einem frommen Landcdclmann, der ihm auf Treu und Glauben, gegen Quittung, zehn Thalcr reichte. Vergnügt über den gesegneten Anfang, begab sich der Sammler (da ihm übrigens weder eine Mahlzeit, noch ein Nachtlager angcboten wurde) ins Wirthshans, und verzehrte da mehr, als den Thaler, der ihm von der erhaltenen Denkmalssteucr als Rabatt gebührte. Er genoß besonders ein überaus reichliches Abendessen, und ging dann -OZ» 181 O-o- zur Ruhe in ein Kämmerlein neben der öffentlichen Schenk- stubc, in welcher sich Blasiert mit einem Strohlager begnügte. Dieser war kurz nach Mitternacht noch nicht cingcschla- scn, als er auf Ein Mal den Herrn von Pampel jämmerlich ächzen und stöhnen hörte. Er sprang auf, sprengte die verriegelte Kammcrthllr, und fand seinen Herrn bleich, wie einen Tobten, und zitternd an allen Gliedern. Auf die Frage, was ihm widerfahren sep, antwortete er nur mit tiefen Seufzern und bat kläglich, den Pfarrer des Orts schleunig zu rufen, weil er ihm etwas Wichtiges anzuver- trancn habe. Blasiert eilte fort; der Geistliche kam. „Herr Pastor," begann Pampel, „ich fühle, daß ich von diesem Lager schwerlich wieder aufstchn werde; doch will ich die Welt nicht verlasse», ohne Ihnen zu offenbaren, was mir in dieser Nacht begegnete. Es gereicht mir freilich nicht zum Ruhm; doch immerhin! Ich betracht' cs als eine Beichte auf meinem Todtcubctte. — Ich hatte ungefähr zwei Stunden geschlafen, als mich ein heftiger Schlag auf die Schulter weckte. Erschreckend blickt' ich auf; da stand vor meinem Bett ein Mann von edlem Ansehen in Priestcrklcidung. Seine Gesichtszüge drückten Muth und Entschlossenheit aus; seine Augen funkelten wie Sterne. Ich Lin Doktor Martin Luther, sprach er, dem du, alter Bauchdicner, um Mästung deines Leibes willen ein Denkmal erbetteln willst! Pfui der Schande für mich und dich! Gleichst du nicht dem mir verhaßten Volke der faulen Mönche, die mit dem Tcrmineisack vor den Thürcn der Reichen und Armen herumschlumpen? Bist du nicht ähnlich dem Ablaßkrämer Tetzel, den ich öffentlich einen Bcutcldrcscher nannte? — Und das, was ich verabscheute, 182 was mein Fcucrcifcr strafte, das geschieht nun gar meinetwegen! O, der Narrheit! — Geh, — fuhr der zürnende Geist mit etwas gemäßigter Stimme fort — geh stracks wieder heim und sage denen, die sich becifcrn, mir ein Dcnkmalchcn zu stiften, daß ich ihnen ihre Muhe nicht danke. Ich bedarf nicht solcher kleinlichen Schmeichelei. Was ich that, trotzt der Vergänglichkeit mehr, als Stein und Erz. — Aber schier möcht' ich glauben, das undankbare Menschengeschlecht, dessen Sklavcnfcsseln ich zerbrach, habe mich schon halb und halb wieder vergessen. Würden wohl sonst — nachdem schon eure Scribcuten, der unnützen Sache wegen, Stückfässcr voll Dintc verklcckt haben — die armseligen Beisteuern immer noch langsam, wie träge Schnecken, daher zichn? — Wolltet ihr zeigen, daß ich euch wcrth bi», so mußten sich eure Beutel mit der Schnelle des Blitzes austhun, und dann ließ ichs gelten! Aber euer Gezauder und der Lärm, den ihr über die elenden paar tausend Thaler macht, ist ein Spott und Gräuel vor ganz Europa, und das, was mir und den Deutschen Ehre bringen sollte, macht mir und de» Deutschen Schande! Drum laßt den Kram, und wer etwas übrig hat, der geb's den Armen"! — Zieh also heim! — schrie er mich heftiger an — Zieh heim und beschließ nicht, wie ein Bcttelmönch, dein ohne- So that kürzlich der edle von Boden Hausen auf Brandts, bei Leipzig, der den unglücklichen, ovu Hun- gerSnorh bedrängten Einwohnern des ErzgebirgS vierhundert Scheffel Getreide schenkte, und sie auf seine Kosten ihnen zuführen liest. — Wahrlich eine schönere That, als wenn er zu Luthers Denkmal eine Tonne Goldes gespendet hatte! 183 «fristest verlornes und in Müßiggang und Völlerei vergeudetes Leben! — Ich spreche derb mit dir; denn auf einen harten Knorren gehört ein harter Keil. Solltest du aber wagen, meinetwegen fördcr im Lande herumzuprachern, so siehst du mich noch schrecklicher wieder! Bei diesen Worten drohte mir der Geist mit geballten Fanst und verschwand." — — Ganz entkräftet schloß Herr von Pampcl hier seinen Bericht, und forderte zur Stärkung einen Trunk Wein, der ihm gereicht wurde. Der Pfarrer gab sich Mühe, ihn zu beruhigen, und stellte ihm vor, daß die Erscheinung nur ein lebhafter Traum gewesen sep. „Man fällte vielleicht" — setzte er hinzu — „da und dort in Ihrer Gegenwart über Luthers Denkmal dergleichen Urtheile, und das fiel Ihnen denn im Traume wieder ein." — Pampel gestand, es hätten mehrere Personen beinahe so, wie Luther, mit ihm gesprochen; doch ließ er sich nicht ausrcdcn, daß ihm dessen Geist wirklich erschienen sep. Er ward mit jeder Minute schwächer. Ein Schlagfluß (der eben so, wie der ängstliche Traum, eine Folge der unmäßigen Abendmahlzeit war) lähmte ihm die Zunge, und er fing an, irre zu reden. „Laßt mich mein Testament machen!" sprach er lallend. „Ich bestimme — mein ganzes Vermögen — zu einem marmornen Denkmal — für meine Freundin — Gertrude Schnick. — Es soll errichtet werden — auf dem Platze, wo sie für mich — als Heldin starb; — und bleibt etwas übrig, so reiche man — den Armen des Orts, wo sie — begraben liegt, jedem — eine Flasche — Wein!" — 184 S» Er sprach die letzten Worte kaum hörbar, suchte sich aber noch durch ein Zeichen mit der Hand, als führte er eine Flasche zum Munde, verständlich zu machen, und verschied. Unterhaltungen I. Die Nebenbuhler. Erstes Kapitel. Hvfratli SpIHkvpf. ^^in regierender Graf ließ sich und sein Reich von einem eigennützigen und ränkevolleu Manne regieren. Dieser Machthaber war der Hofrath Spitz ko Pf. Er trieb aber eine so heillose Staatswirthschaft, daß sich des Grafen fürstlicher Lchcnsherr nach vielen cingclaufenen Erpressungsklagen bewogen fand, ein gerechtes Einsehen zu haben und die Verabschiedung des schlimmen Haushalters zu verfügen. Er wehrte sich dagegen wie der Dachs im Loche; doch er mnßte von dannen. Sein Trost am Ende war die schwere Goldkistc, womit er das ausgesogcne Ländchcn verließ. Er begab sich in einen andern Staat, kaufte ein schönes Rittergut und richtete sich dort ein. Die Wohngebäude waren zierlich und bequem, die Umgebungen reizend; ihm fehlte nichts, als die verlorene Gelegenheit, seine Habgier wie vormals zu stillen. Damit fehlte ihm aber auch alles. -->D 188 Kein Paradies konnte ihn für diesen Verlust entschädigen und zufrieden stellen. Sehr lieb war es ihm jetzt, daß er vor einiger Zeit die Ehre gehabt hatte, den Tod seiner Gemahlin durch die Zeitung bekannt zu machen. Er war der Erste, der diese ungereimte Redensart, die man nachher oft in öffentlichen Blättern fand und noch findet, auf die Bahn brachte. Schriebe mancher Wittwer: „ich habe das Vcrgn ü g e n," so müßte man seine Aufrichtigkeit loben. Wenigstens unser Hofrath freute sich höchlich, daß er sein Augenmerk nun wieder auf eine reiche Hcirath richten konnte. In dieser Abficht ritt und fuhr er in der Nachbarschaft umher und machte bald ausfindig, daß der Pachtinhaber eines großen Kammergutes, der Amtsvcrwalter Gerhard in Wcidcnbach, ein überaus reicher Mann und Vater einer einzigen Tochter scy, deren bestimmtes Hcirathsgut auf baare dreißigtauscnd Thalcr geschätzt werde. Des Witt- wers Herz hüpfte bei dieser Kunde vor Freuden. Er hörte zugleich, daß Lottchcn Gerhard ein schönes und wohlerzogenes Mädchen sep; doch das streifte als Nebensache fast unbeachtet bei seinen Ohren vorbei. Es bewirkte nur den Vorsatz, sich dem hübschen Kinde so hübsch als möglich darzustellcn. Der Herr Hofrath war keine liebenswürdige Person. Ihn entstellten verschiedene Unförmlichkeiten, besonders aber seine ungebührlich langen Arme, womit er in der Grafschaft weit um sich gegriffen hatte. Die Hände reichten, wenn er auch kerzengerade stand, bis an die Knie. Das gab ihm um so mehr eine häßliche Spinnengestalt, da er nicht, wie andere Blutigcl, bei seiner ehedem getriebenen Blutsaugerei dick geworden war, sondern an Magerkeit seines Gleichen suchte. Auch sein Gesicht war so wenig cmpfeh- lend, daß man ihn leicht für einen Affen angesehen hätte, wenn die in unfern Tagen von nordischen Kriegern zu uns gebrachte, aber auch von manchem sehr friedfertigen Bürgcr-Lämmlein nachgeahmte Mode, das ganze Gesicht mit Haaren bewachsen zu lassen, dieser Täuschung zu Hülfe gekommen wäre. Ihr arbeitete jedoch sein Kammerdiener täglich mit dem Schcermcsser entgegen, und starke Puderlagen bedeckten das ziemlich kahle fünfzigjährige Haupt, das nicht mit Ehren ergrauet war. Seine Garderobe hingegen verdiente Lob. Sie war fürstlich, wenigstens gräflich, und das im strengsten Wort- verstandc. Der Graf hatte sie größten Theils für seinen eigenen Leib fertigen lassen. Aber jedes neue Kleid, das er zum ersten Mal anlcgtc, unterwarf er der Kritik feines Günstlings, und zog cs, wenn der Hof- und Gewandrath den geringsten Makel daran fand, nicht nur auf der Stelle wieder aus, sondern machte auch dem Necensenten ein Geschenk damit. Scharf bekrittelte daher Spitzkopf alle gräfliche Kleider, die ihm gefielen, und lobte mit vollen Backen nur die, welche nicht nach seinem Geschmack waren. Dieser Pfiff verschaffte ihm eine Menge prächtiger Kleidungen, ohne daß er einen Stich daran ändern lassen durfte; denn er und sein erlauchter Herr — in dessen Hirnkammcrn cs ;edoch gar finster ausschcn mochte — glichen sich vollkommen an Größe und Dürre. Der Graf hatte nur keine Ricscnarmc; deßhalb waren seine Kleider in dieser Gegend dem Hofrath zu kurz. Doch breite Manschetten füllten ziemlich anständig die Lücke. Auch suchte sich der schlaue gräfliche Leibschncider bei dem mächtigen Großvezicr dadurch einzuschmeicheln, daß er an der Stelle, wo die beiden ähnlichen Gestalten von einander abwichen, das Maß überschritt. Darum schlotterte der arme Graf immer, zu -o§> 190 Spalter Menschen Verwunderung, mit ungeheuer langen Acrmcln herum, die auch nothwcndig groß scpn mußten, weil ihm sein Staatsminister immer viel darauf zu binden und-zu heften hatte. Auf andern Schleichwege» gelangte Herr Spitzkopf zum Besitz goldener Dosen, kostbarer Ringe und mehrerer solche» Kleinode, die er leidenschaftlich liebte, wenn er sic, ohne baares Geld, für Schmeicheleien oder Schcliustücke cinhaudcl» konnte. Als er nun im Hause des Amtsvcrwaltcrs seinen ersten Besuch machte, zog er wie ein fürstlicher Bräutigam ein; doch die Ausnahme entsprach nicht seiner Erwartung. Ein unsichtbarer Läufer, der Nus, war ihm vorangegaugcn, und hatte schon ihn und seine Verdienste der Gegend umher gemeldet: daher war Gerhard bereits unterrichtet, was für einen Vogel er vor sich sah, und betrug sich gegen ihn mit der höfliche» Zurückhaltung, die ein rechtschaffener Mann gegen zweideutige Menschen beobachtet. Auch bei Lottchcn machte die gezierte Sprache eines altmodischen Hofschranzcn, womit der angehende Freier das natürliche Landmädchcn umschmeichelte, durchaus kein Glück, und ward nur mit den nothdürftigstcu Worten erwicdcrt. Am freundlichste» benahm sich die Frau Amtsvcrwaltcrin. Sic hatte eine unverwüstliche Ehrfurcht gegen Titel und schöne Kleider, ungeachtet sic von ihrem Gatten seit langen Jahren darüber geschraubt wurde. Es war ihr, wie sic mit zahllosen Verneigungen bcthcuerte, eine unaussprechliche Freude und Ehre, den Herrn Hofrath unter ihrem Dache zu scheu. Dabei trug sie die köstlichsten Erfrischungen, die sie im Hause hatte, mit gutmnthigcr Behcndigung auf. Herr Spitzkopf machte sich aber aus der Gunst der Ge- schästigcn Martha nicht viel. Er bemerkte bald, daß sie nicht, wie andere klage Frauen, den Haussccptcr in den Händen hatte, und daraus schloß er, daß auch bei der Bräutigamswahl ihre Stimme wenig gelten werde. 192 <^<>- Zweites Kapitel. Ei» Kleeblatt anderer Freier. Der wcltcrfahrcnc Mann wußte bei dem allen, daß kein Daum auf den ersten Hieb fällt. Darum beschloß er mu- thig, die Art nicht sogleich sinken zu lassen. Er spürte der Quelle von Lottchcns Kaltsinn nach, und vernahm mit Verdruß, daß sie noch drei andere Freier habe. Einer derselben war Herr von Fink cnb lisch, im Scherz der Finkenritter genannt. Er hatte bei der leichten Cavallerie gedient, war noch jung, war wohlge- bildct, und machte sich, wenn man ihm einigen Vorwitz und Ahnenstolz übersah, in Gesellschaften beliebt. Er wäre vielleicht recht unartig »nd übcrmüthig gewesen, wenn ihn nicht die Armuth im Zügel gehalten hätte. Nur einige hundert Thaler bekam er jährlich aus dem väterlichen Stammgute, das seinem älter» Bruder, nach Familienvcr- trägen, zugcfallen war. Der apanagirte Prinz hatte zwar auch freie Wohnung in der Ahncnburg: er befand sich aber dabei in mancher unbequemen Abhängigkeit von dem regierenden Herrn, mit welchem er beständig in Zwiespalt lebte. In noch unangcnchmcrn Verhältnissen stand er mit verschiedenen Hebräern, denen er papierene Schwerter in die Hände gegeben hatte, womit sie ihn rastlos verfolgten. Aus diesem Gedränge sollte ihn Lottchcn retten. Er war ihrer nicht ganz unwerth, weil er nicht, wie Spitzkopf, blos ihre Habe, sondern auch ihr edleres Selbst schätzte. Allein sic liebte ihn nicht, und die Eltern tadelten an ihm, daß er kein guter Wirth sep. Nur sein alter Adel stach der Mutter in die Augen. Sie hätte gern, Lei vortheil- hastcrn Umständen, ihre Tochter zu einer Edelfrau erhoben. Ein anderer Verehrer des lieben Mädchens war Doktor Schnurrpfcifer, der seine ärztliche Laufbahn als Pickelhäring eines Marktschreiers begonnen hatte. Er war fünfzehn Jahr alt und vater- und mutterlos, als er einst mit seinen Gesellen auf einem öffentlichen Platze spielte und einen kurz vorher gesehenen Harlekin nachäffte. Da rief ihn ein fremder Mann, der mit einer großen Perücke aus einem Gasthofc heraus sah, zu sich herauf und sagte: „Knäblein, du hast Anlage zum Posscnspiel! Willst du mir, dem weltberühmten Doktor Kalterscllo, als lustige Person dienen?" — Die Sache ward richtig. Der junge Hanswurst zog mit seinem Herrn einige Jahre lang von Markt zu Markt, lockte mit seinen Schnurren viel Volk an die Bühne und lernte selbst ein wenig quacksalbern. „Söhnlein!" sprach eines Tages Kalterscllo, „mein Eifer, der leidenden Menschheit zu dienen, spornt mich nach Amerika. Dort wüthct das gelbe Fieber, das Niemand als ich bändigen kann. Ich habe einen Blasebalg erfunden, womit ich über das atlantische Meer blasen und alle die kleinen giftigen Thicrlcin in der Luft tödten will, die jene Pestilenz erzeugen. Ich verspreche mir eine königliche Belohnung, und es soll auch dir an Glück und Ehre nicht mangeln, so du mich über's Meer begleitest." — Schnurr- pfcifcr hatte dazu keine Lust; er blieb in Deutschland. Aber Kalterscllo schiffte wirklich nach der neuen Welt, und die Zeitungen meldeten vor ungefähr zwanzig Jahren aus Philadelphia, daß er sich dort durch einen öffentlichen An- sämniil. Schr. VI. Bo. 13 -OZ» 194 schlag zur heilbringende» Handhabung seines Blasebalges crbotcn habe. Der dienstlose Possenreißer fand indessen Gönner nnd Wohlthätcr, die sich seiner annahmen. Sie ließen ihn Medicin studircn, und er ward ein halb nnd halb geschickter Arzt. Als solcher ging er im Hanse des Amtsverwaltcrs aus nnd ein nnd verliebte sich in Lottchcn. Er hatte gelesen, cs scp irgendwo ein uraltes Denkmal aufgefunden worden, dessen Inschrift melde: daß ein gewisser Herrnippus, ein Römer, durch den Auhauch jringer Mädchen sein Leben ans Einhundert und fünfzehn Jahre gebracht habe. Dieses anmuthrgc Hausmittel gefiel dem Herrn Doktor besser als alle andere, die H u- felands Werk über die Kunst, das menschliche Lebe» zu verlängern, empfiehlt. Er lechzte deshalb nach Lottchcns Küssen. Aber das harte Mädchen versagte ihm die süße Arznei, so oft er sic cinnehmcn wollte. Das Kleeblatt der Freier schloß der Rittergutsbesitzer Rammel, ei» stammhafter Mann, der in der Dicke seines Körpers eben so ausschweiste, als Spitzkopf in der Magerkeit. Ein gewöhnlicher Stuhl war ihm zu schmal; er schob, wo es sich thnn ließ, drei zusammen, setzte sich aus den mittelsten, nnd deckte und belastete zugleich die halbe Breite der Nebengehülfen. Er war er» tüchtiger Landwirth, lebte ganz seiner» Fache nnd hatte sonst für nichts Sinn und Gefühl. Einsmals freute sich Lottchen über den Gesang einer Nachtigall, und fragte ihn, ob er nicht auch Vergnügen dabei empfinde. „Nee, Mamsell!" sprach er lachend: „ich höre lieber meine Ochse» brüllen." — Seine schwächste Seite war der Aberglaube. Ein alles Buch, die gestriegelte Rocke »Philosophie, wäre für ihn, wenn er außer dem Wirthschastskalender etwas hätte lesen wollen, ein erbauliches Werk gewesen. Tausend natürliche Zufälle, die jedem Menschen begegnen, hielt er für böse Vorzeichen und ängstigte sich wie ein Kind. Ilcbrigens war er eine ehrliche Haut, und deßwe- gcn in Gerhards Hanse wohlgelttten. Die Eltern hätten ihn gern zum Eidam gewählt; sic nöthtgten ihn aber der Tochter nicht ans, und Lottchcn war eben so kalt gegen ihn, als gegen die Andern, die sich um ihre Gunst bewarben. 196 Drittes Kapitel. Der Hauptfeind. Seinen Nebenbuhlern den Rang abzulaufcn, war Spitzkopfs Dichten und Trachten. Er fing damit an, daß er, wie ein kluger Feldherr, der Feinde Schwächen ausspähte. Des Finkenrittcrs Furcht vor den Juden und Rammcls Aberglaube waren weit und breit bekannt; cs kostete folglich keine Mühe, davon Wind zu bekommen. Nicht so leicht ließ sich ein Splitter >m Auge des Doktors entdecken: denn seinen ehemaligen Harlckinsstaud, worin er sich dem fernen Auslande gezeigt hatte, hielt er in seiner jetzigen Wohngegend sorgfältig geheim. Aber zufälliger Weise war Spitzkopf so glücklich, daß ihm ein klatschhafter Reisender das Geheimniß vcrrieth. Er sann nun auf Ränke; doch das Kleeblatt der Nebenbuhler war vicrspaltig, und das erfuhr er erst jetzt. Sein gefährlichster Gegner war ein braver und in der Nähe von Weidcnbach begüterter junger Mann, Namens Ewald, der aber hundert Meilen weit als Freiwilliger in den Krieg gezogen war und seit langer Zeit keine Nachricht von sich gegeben hatte. Lottchcn und seine Freunde waren sehr bekümmert um ihn. Sie befürchteten, daß sich der muthvolle Jüngling zu tief ins Feuer gewagt habe und nicht mehr am Leben sep. Ist er nicht todt, dachte Spitzkopf, so muß er todt geschlagen werden, soll's auch nur mit der Zunge geschehen! — -»D 197 O-o- Dicse Tödtnng unternahm sein sogenannter Kammerdiener Fuchsbalg, ein listiger Gauner, der in der weiland beherrschten Grafschaft, als Kundschafter und Angeber, gute Dienste geleistet hatte. Er verschaffte sich einen alten Soldatcnrock, schnitzte sich Krücken, umhüllte die Beine mit dicken Binden, und humpelte so eines Abends, indem die Enlcn und Fledermäuse ansflogcn, in Gerhards Hans. Aechzcnd bat er, als ein zum Krüppel geschossener Vatcrlandsvcrthcidigcr, um eine Gabe. Die Familie'versammelte sich um ihn, und er log, als wenn es gedruckt wäre. Er war bei allen Gefechten nnd Schlachten, die er aus den Zeitungen richtig anzugebcn wußte, mit im Kampfe gewesen; endlich aber hatte eine Kartätsche seinen Hcldcnthatcn ein Ziel gesetzt. „Ach! meine wcrthestm Herrschaften!" fuhr er fort, „das war eine fürchterliche Schlacht! Tausende wurden vor meinen Augen niedcrge- schmcttcrt! — Mir zur Seite fiel unter andern ein junger, liebenswürdiger, tu hiesiger Gegend wohnhaft gewesener Manu, den Sic wohl kennen werden : er hieß Ewald." — Und als er diesen Namen aussprach, sank Lottchcn ohnmächtig zu Boden. Bestürzt Hobe» die Eltern sie auf und brachten sic in ihr Zimmer. Der Vater eilte zurück, verhörte den Uuglücksbotcn genau, erhielt einen umständlichen Bericht, der alle Zweifel entfernte, und entließ den Gaudieb mit einem Geschenke. Als Lottchcn wieder zu Sinnen kam, entdeckte sie den Eltern, daß sic den wackcrn Ewald geliebt und sich am Tage der Scheidung mit ihm verlobt habe. Die guten Alten tadelten mit sanften Worten die Heimlichkeit dieser Verbindung, der sie kein Hindcrniß in den Weg gelegt hätten, weil Ewald ganz ein Mann nach ihrem Herzen war. 198 S---- Viertes A a p i t e i. Die WegcNigerimg. Aber was half dem Hosrath der Tobtschlag des Bräutigams ? Er gewann damit keine gegründete Hoffnung, die hinterlasscnc Braut zu erben. Jene drei Mitwcrbcr machten nun desto mehr Ansprüche, und zeigten sich fleißiger als jemals in Wcidcnbach. Aber sic thciltcn insgesammt mit dem Hofrath den Verdruß, daß sich die traurendc Halbwittwc so oft als möglich ihrer Gesellschaft entzog. Sie wurden gewöhnlich ins Tabaksstübchen des Amtsvcr- waltcrs geführt, und die Frauenzimmer ließen sich entweder gar nicht oder nur ans Augenblicke dort sehen. Es war daher den sämmtlichcn Herren, die, wie der Fabclkönig Jrion, statt der geliebten Inno nur dic Wolken des Schmanchzimmcrs umarmten, äußerst angenehm, daß während dieser betrübten Zeit in einer nahen Mittelstadt ein Jahrmarkt cinficl, der von der ganzen umliegenden Landschaft wie ein heiliger Wallfahrtsort besucht ward, und auch dicßmal von Lottchcn und ihren Acltcrn nicht versäumt werden sollte. Kaum hörten das dic Freier, so entschlossen sic sich ebenfalls zur Hinreise, und sandten Eilboten in dic Marktstadt, »m sich im Gast- Hofe zum goldenen Löwen, wo Gerhard gewöhnlich absticg, eines bequemen Unterkommens zu versichern. Aber drei derselben ahnten nicht, daß der vierte damit umging, sie dort vor Lottchcns Augen zu beschämen und lächerlich zn machen. »K 199 Diescn hämischen Vorsatz begünstigte einiger Maßen der Zufall, welcher den Doctor Eula lins, einen frechen Marktschreier, der ursprünglich Eule hieß, auf der Reise zum Jahrmärkte durch das Dorf führte, wo Spitzkopf seine Residenz als Lehn - und Gerichtshcrr aufgcschlagen hatte. Er ließ ihn aus dem Wirthshause zu sich einladcn und fragte ihn, ob er de» Doctor Schnurrpfcifer, den ehemaligen Harlekin des berühmten Kaltcrfcllo, kenne. Eulalius sagte Nein. Das war dem Hofrath nicht erwünscht; dennoch verabredete er mit dem Quacksalber einen Schelmstreich, dessen Ausführung das nächste Kapitel enthalten wird. Wegen des Finkenritters traf er Abrede mit einem verschmitzten Juden, der sich in einem nahen Städtchen auf- hiclt, und immer auf den Beinen war, um mit den nachbarlichen Landbewohnern Handels - und Wuchergeschäfte zu machen. Aber die stärksten Bolzen wurden gegen den dicken Mann gedreht, weil er, von Lottchens Aeltern begünstiget, unstreitig die beste Aussicht hatte, den Sieg über seine Nebenbuhler davon zu tragen. Er sollte deshalb ganz abge- schrcckt werden, zum Jahrmärkte zu reisen; und gelänge das nicht, so wußte man schon Mittel und Wege, ihn dort in lustige Verlegenheiten zu bringen. Der abergläubige Schacher hielt es für das Anzeichen eines unglücklichen Tages, wenn ihm des Morgens beim Ausreiten ein altes Weib mit einem Spinnrocken begegnete oder über den Weg schritt. Er kehrte dann sogleich um, und blieb voll Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, in seinen vier Pfählen. Das wissend, beschloß der Hofrath, die Gestalt einer solchen Unglücksspinncrin anzu- nchmcn und die feige Memme in's Bockshorn zu jagen. Er verließ sich darauf, daß Rammel, der ihn nur einige 1 200 Mal in Wcidcnbach gesehen hatte, nicht pfiffig genug scp, ihn unter der Vermummung zu kennen. Mit Anbruch des Markttages kleidete er sich in die Lumpentracht eines armen Htrtcnwcibcs, entstellte sein Gesicht durch ein Augcupflastcr, gürtete sich einen Spinnrocken an den Leib, verhüllte diesen Putz mit einem Mantel, setzte sich mit seinem Kammerdiener zu Wagen, und lenkte die Pferde selbst, um nicht durch den Kutscher verrathcn zu werden. Sie fuhren stracks in einen dichten, von Ram- mels Gute bis zur Stadt hinlaufcndcn Wald. Da warf der Hofrath den Mantel ab, stieg ans und lauerte, wie ein Strauchdieb, am Wege. Es wahrte nicht lange, so kam Herr Rannncl, in einem grünen Kleide mit goldenen Treffen, auf einem mächtigen Schimmel geritten. Hinter ihm trabte Thomas, sein Reitknecht, der zu dieser wichtigen Reise eine neue gelbe Jacke und einen blauen Fedcrbusch auf den Hut bekommen hatte. Herr und Diener schwatzten traulich mit einander. Plötzlich hinkte Spitzkopf, als wäre das linke Bein um' eine halbe Elle zu kurz, aus dem Gebüsch hervor, wiegte sich spinnend quer über die Straße, sah schmunzelnd am grünen Reiter hinauf und sagte: „Guten Morgen, mein schöner Herr! Glück auf den Weg!" „Daß dich die Pest!" brummte Nammel zwischen den Zähnen, und lenkte den Schimmel um. „Wo wollen Sie hin?" fragte Thomas. „Nach Hause!" sprach sein Herr. „Sahst du nicht die alte Drude über den Weg gehen? und sogar spinnend gehen? Sie spinnt mir einen unglücklichen Tag." — „Ei, glauben Sie solch Zeug nicht!" ricfThomas. „Der Teufel weiß aber auch, was die fremde Here hier zu schaffen hatte!" „Sieh, dort steht sic noch und glupt uns an!" sagte Rammet. „Warte, du Unhold!" schrie der Knappe, gab seinem Gaul die Sporen, und verfolgte mit knallender Peitsche die fliehende Hercngcstalt, die sich geschwind in ein Dickicht warf, wo er ihr zu Pferde nicht beikommen konnte. Er wollte absißcn, um sic zu Fuß anzugrerfen z doch er sah seinen Gebieter heimwärts reiten, und das konnte er nicht geschehen lassen, weil er seinem Mädchen ein seidenes Band und einen Pfefferkuchen in der Stadt zu kaufen versprochen hatte. Fluchend jagte er zurück, fiel dem Schimmel, in den Zügel, und zwang so, mit Beihülfe kräftiger Worte, seinen muthlosen Herr», die Marktreisc fortznsctzcn. Als die Reiter vorüber waren, kroch Spitzkopf aus dem Versteck hervor, eilte zu seinem Wagen, und fuhr im schärfsten Trabe nach der Stadt, um dort die vorhabcnden Ränke zu spielen, und besonders den Herrn Nammcl dafür zu strafen, daß er seinem Stallknecht mehr als der warnenden Spinnerin gehorcht hatte. ii » t t c s Kapitel. Der Marktschreier. Gegen Mittag waren alle Freier im goldenen Löwen versammelt; und wie sich »in einen Planeten seine Trabanten bewegen, so umgaben Jene ihre Sonne, die zwar bisweilen aus Traucrwolkcn hervorlächcltc, aber keinen ihrer Anbeter mit Liebes- und Hoffnungsstrahlen erfreute. Der Hofrath verbarg sorgfältig den Schalk im Busen. Er war gegen seine Nebenbuhler ganz Freundschaft, ganz Ergebenheit, büßte und umarmte einen »ach dem andern, sagte jedem etwas Angenehmes, und unterhielt sich sogar mit dem ihm besonders verhaßte» Dicken eine halbe Stunde lang von der Kälbcrzucht. Vater Gerhard, dem gleich bei seiner Ankunft ein vor- thcilhastcs Geschäft glückte, ward dadurch heiterer und geselliger, als er es tu der Regel zu sehn Pflegte. Er aß in Gasthöfcn gewöhnlich auf seinem Zimmer; doch diesmal ließ er sich überreden, an der öffentlichen Wirthstafcl zu speisen. Die Freier bemächtigte» sich der Plätze in Lott- chens Nachbarschaft. Einige andere Gäste, die sich da schon niedergelassen hatten, mußten den Bitte» der Zudringlichen weichen. Doch nur der rasch unternehmende Finkenrittcr eroberte einen Stuhl neben Lottchcn. An der andern Seite saß der Vater, und natürlicher Weise hatte niemand das Herz, ihn um Abtretung seiner Stelle zu ersuchen. Die Gesellschaft war fröhlich und guter Dinge. Der 203 <§--- Doctor belustigte sie »nt Harlckinadcn, die ihm noch immer von seiner Jugend her anhinge». Sie waren mitunter etwas lahm; doch jedes Witzwort, es mochte klappen oder nicht, belohnte der Hvsrath mit Gelächter und Hän- dcklatschcn. Diese heuchlerische Geneigtheit war gleichsam die Fallthür, womit er die für den Doctor gegrabene Wolfsgrube bedeckte. Nach Tische schlug er vor, den Markt zu durchwandet«. Arm in Arm mit Freund Schnurrpfcifcr, führte er den Zug zur Bühne des Marktschreiers Enlalins, der ihnen vom hohen Gerüste weit cntgegcnstrahltc. Er trug ein ansgestciftcs Kleid von schwarzem Sannnt, mit handbreiter goldener Verbrämung, rothscidcnc, hoch über die Knie anfgcwickeltc Strümpfe, weiße Schuhe mit grünen Absätzen, eine bis zu den Hüften herab wallende Perücke, und sieben oder acht große Schilder und Gnadcinnünzcn ans der Brust. So ging er mit Pfaucnstolz die Bretter ans und nieder, spielte mit der Bandschleifc seines Degens, oder ließ eine, ungeheure, mit falschen Edelsteinen besetzte Tabaksdose wie ein Nad durch die Finger laufe», während Harlekin, in gewöhnlicher Amtstracht, das gaffende Volk mit Späßen unterhielt. Als aber Enlalins die vornehme Gesellschaft aus dem goldenen Löwen anrücken sah, fing er, ihr zu Ehren, das Schauspiel wieder von vorn an. Er winkte dem Harlekin, dieser schlug ein paar Wirbel ans der Trommel, nahm dann sein spitzes Käpplcin ab, und rief: Heran, ihr Leute, grost und klein! ES zog ein Wunderarzt hier ein. Wenn Er nach einem Pulse greift, Der Tvd gleich, wie ein Hase, läuft. Wer ewig leben will, komm her! Mein Herr braucht Geld, sein Sack ist leer. -o§> 204 ^ Bei den letzten Worten stellte sich Enlalius höchst entrüstet, hob drohend die Hand, nnd sprach mit langsam donnernder Stimme: Schweig, »ngewaschncS Maul! Wie magst du dich erfrechen, Sv keck und achtungslos von deinem Herrn zu sprechen? Wär' auch mein Beutel schlaff, du buntgcscheckter Tropf, Nu», desto strotzender von Weisheit ist mein Kopf. Ich habe Zeugnisse von Königen und Kaisern, Von afrikanischen und deutschen Fürstenhäusern, Was für ein Mann ich bin! — ein hochgelahrter Mann, Der mit HippokrateS stch kühn vergleichen kann. — Ins Fäustchen must ich oft berühmter Acrztc lachen, Die stolz sich blähu, und doch den Kirchhof bucklig machen. Sie schlagen nach dem Tod, und treffen die Natur, Daun gebt des Kranke» Weg hinaus zur Todtcnffur. Doch Kraft und Leben strömt aus ineinen Wuuderpillcn, Die manchen Herzenswunsch noch überdicß erfüllen: Nimmt heut sie mit Vertrau» ein greises Mütterlein, So wird eS morgen fung und schön, wie Venus, seyn. Insonderheit bin ich ein mächtiger Beschirmer Vor den Empörungen der innerlichen Würmer, Und wenn ein böser Zahn der Menschen Nutze stört, Husch! brech' ich ihn heraus, wie man die Hand umkehrt. Mir dankten Tausende dafür mit Freudenthräucn, Und Fässer Hab' ich voll von auSgehobuen Zähnen. Halloh! ist jemand hier, den solch ein Hebel drückt? Er traue meiner Hand, sie hilft ihn, sehr geschickt. Er schwieg setzt, und seine Augen hefteten sich starr auf den Doctor. So war cs verabredet. Spitzkopf hatte gesagt : „Den ich am Arme führe, der ist's!" Aber Enlalius gebcrdctc sich, als erblicke er von ungefähr einen alten Bekannten. „Ist's möglich!" rief er, und trat mit auSge- breitcten Armen einen Schritt zurück. „Hab' ich nicht die Ehre, den Herrn Doctor Schnurrpfcifcr vor mir zu sehen?" Bestürzt und erröthend schielte der Doctor nach Lottchen, 203 ob sie die unangenehme Ueberraschuug bemerke. Leider war dieß der Fall! Da nahm er sich zusammen und sagte beherzt: „Ich wüßte nicht, daß wir uns kennten, mein Herr! Lassen Sie sich in Ihren Geschäften nicht stören!" Hiermit kehrte er dem Zahnbrechcr den Rücken und zog den Hofrath am Arme fort. Sechstes Kapitel. Dcr Kehraus. Eulalius hatte dem Doctor eine Hummel in de» Kopf gesetzt, die unablässig darin rumorte. Er mochte denke» und thun, was er wollte, er konnte sic nicht wieder los werden. Es ärgerte ihn über alle Maße», daß ihm eben jetzt ein solcher Streich begegnete, da er sich einen frohen Abend versprochen und kostspielige Znriistungen dazu gemacht hatte. Er wollte dcr Gesellschaft ei» prächtiges Nachtessen geben; sic war schon dazu eingeladcn und für ihn ein Platz neben Lottchcn mit einem Zettel belegt. Aber wie konnte er das vorbereitete Glück mit Ruhe genießen? Er sah voraus, daß man ihn über seinen Berkehr mit dem Marktschreier von allen Seiten befragen, und so sein böses Gewissen, daß er selbst auf einer Storgcrbühne gegaukelt hatte, in rastloser ängstlicher Bewegung erhalten würde. Indessen ging alles besser, als er dachte. Die Frauenzimmer waren auf dem Markte glücklich im Einkauf gewesen, kamen vergnügt zurück, legten die erhandelten Maaren zur Schau aus, ließen die Herren den Preis rathen, und lachten herzlich, wenn eine unverständige Schätzung erfolgte. Bei diesem Näthsclspielc bestand niemand schlechter als Herr Rammel, dcr von den Putzsachen, deren Wcrthbestimmung man ihm abnöthigte, wie der Blinde von dcr Farbe »r- thcilte, und folglich am meisten ausgelacht wurde. Gleichen Lohn erwarb er sich durch eine Spiclsachc, die 2Ü7 er Lottchcn als Zahrmarktsgcschenk verehrte- Sic bestand in einer kleinen Schäferei. Schneeweiße Lämmlcin weidete» auf einer grünen Aue, in deren Mitte ein schönes HauS stand, aus welchem so eben der glückliche Besitzer, ein sehr dicker Mann, heraus trat. Er führte seine junge Gemahlin am Arme, zeigte mit der Hand auf die Schäflein, und aus seinem Munde flatterte ein Zettel, mit den Worten: „Sieh, Weibchen, das alles ist unser!" — Die Nutzanwendung, die Herr Rammel dabei im Sinne hatte, war leicht zu crrathcn, und er mußte von seinen Nebenbuhlern viel verblümte» Spott darüber dulden. Unter solchen Scherzen verfloß die Zeit bis zum Essen, ohne daß jemand des Marktschreiers erwähnte. Mit jeder Minute stieg Schnurrpfcifcrs Hoffnung, daß über das Ding schon Gras gewachsen sep. Ziemlich wohlgcmuth führte er daher seine Gaste in das Zimmer, wo er hatte decken lassen, um nicht tu der allgemeinen Wirthsstube vor Krethi und Plcthi zu tafeln. Er strengte sich während der Mahlzeit möglichst an, das Gespräch in beständiger Fluth zu erhalten, damit nicht bei ciutrctcndcr Ebbe der Zahnbrcchcr Eulalius aus dem seichten Grunde hcrausgcklaubt werden möchte. Das zu verhindern, gelang ihm eine Weile vollkommen. Doch den Finkenritter verdroß cs von ihm, daß er, unbescheiden als Wirth, einen der beiden schönsten Tafelplätze, nämlich au Lottchens Seite, selbst in Besitz genommen, und den zweiten aus Dankbarkeit für das mittägige Beifallsgelächtcr, dem Hofrath zugcthcilt hatte. Das heischte Rache, und der Eifersüchtige nahm sie. „Aber Herr Doktor!" rief er plötzlich überlaut: „was für einen Wortwechsel hatten Sie denn auf dem Markte mit Ihrem College«?" — „Mit meinem College»?" — versetzte Schnurrpfeifer. 268 „Ich verzeih' Ihnen diesen Ausdruck. Den Pfuscher aber kenn' ich nicht, und es ist mir unbegreiflich, wie er meinen Name» erfahren hat." „Das will ich Ihnen erklären, lieber Doktor!" fiel der Hofrath freundschaftlich ci». „Dergleichen Windmacher und Abenteurer spüren allenthalben, wo sic de» Fuß Hinsehen, die Namen der dort lebenden berühmten Männer aus, und machen dann allerlei Mißbrauch davon. Das gehört mit zu den Leiden der Berühmtheit! Die Strahlenkrone de» Ruhmes glänzt, sic brennt aber auch." — Diese behagliche Schmeichelei wollte Schnnrrpfcifcr eben beantworten, als heftig an die Thür geklopft wurde. Er sprang auf, öffnete sie, und erblickte mit höchster Unlust den Doktor Eulalius, der ihm einen tiefe» Reverenz machte, und sich dann nebst seinem Harlekin unaufhaltsam ins Zimmer drängte. „Mein wcrthcster Herr Doktor," sprach er mit brausender Stimme, „ich gebe mir die Ehre diese» Besuchs blos in der Absicht, mich bei Ihnen wegen meiner heutigen Anrede zu rechtfertigen. Sie beliebten zu sagen, wir kennten uns nicht, und auf Ihrer Seite mögen Sic Recht haben; ich aber kenne Sie seit länger als zwanzig Jahren; ich sah Sie am Rhein und am Main, am Neckar und an der Mosel, und war überall ein lebhafter Bewunderer Ihres komischen Talents, das unter dem Panier des großen Kaltcrfcllo rnhmwürdig glänzte." „Sic irren sich ganz in meiner Person!" stammelte Schnurrpfcifcr. „O, das sagen Sic nur aus Bescheidenheit, nm mein gerechtes Lob von sich abzulchncn!" rief Eulalins, und warf sich eigenmächtig auf einen Stuhl, den ihm Niemand angebotcn hatte. „Der unsterbliche Kaltcrfcllo," fuhr er fort, „war mein Lehrer, mein Vorbild, mein Abgott. Unge- -oS> 209 Gekannt und unbemerkt von dem hochgefeiertcn Manne, folgt' ich ihm von Ort zu Ort, wo er sich auf öffentlichen Schaugerüstcn sehen und hören ließ; ich studirte seine Mienen, seine Gebenden, seine ganze Ncdncrkunst, verwandelte meine Beobachtungen in Saft und Blut, und bracht' cs endlich dahin, daß ich, wie Sie heute werden bemerkt haben, mein erhabenes Muster fast erreiche." „Ich kann durchaus davon nicht urtheilcn," sagte Schnurr- pfeifcr hitzig und schnöde. Doch wie taub, sprach Enlalius fort: „Ich bcdaurc nur, daß mir cs niemals glückte, einen gewandten und witzigen Schalksnarren aufzugabeln. Dergleichen geschickte Lockvögel sind zum Gimpelfang unentbehrlich. Aber mein Ricpcl, de» ich Ihnen hier vorzustellcn weder Vergnügen noch Ehre habe, ist ein dummer, hölzerner Peter." — Mit diesen Worten schleuderte er seinen Bajazzo, der dcmüthig an der Thüre stand, vor den Doktor hin und sagte: „O Kaspar! Kaspar! wie glücklich wären wir beide, wenn ich dir nur einen Funken von dem Geiste dieses Mannes cinhauchen könnte! Folge seinen Fnßstapfcn! Werde dereinst ein berühmter Arzt wie Er, der vor Zeiten war, was du bist!" - Wüthcnd packte jetzt Schnurrpfcifcr den Charlatan bei der Brust, schwang und drehte ihn gewaltsam zur Thür hin, und warf ihn hinaus. Enlalius sträubte sich gegen diesen Ningeltanz und Kehraus nicht sonderlich ernsthaft; denn sein Geschäft war vollendet. Der Niepel ergriff sogleich, als der Tanz los ging, die Flucht, und ließ die Thür hinter sich offen, damit sein Herr mit Bequemlichkeit hindurchwalzcn konnte. Mit kochendem Blute kehrte Schnurrpfeifer an seinen Platz zurück und erklärte den Marktschreier für wahnsinnig. Langbeln'S sämmtl. Schr. VI. B». 14 -oD 210 E-o- „Dafür hall' ich ih» selbst!" sagte Gerhard mit einem ernsten Strafblick auf das schadenfrohe Lächeln des Finkcnrit- ters. „Und was wär's denn, wenn auch des Kerls giftiges Geschwätz einigen Grund hätte?" setzte der wackre Mann huizu. „Es ist albern und schurkisch, verdienstvollen Leuten ihre Herkunft vorznrücken. Ehre dem, der sich auf °einc redliche Art aus dem Staub erhob! Ein edler Wein, der sogenannte Strohwein, gewinnt seine Lieblichkeit dadurch, daß die Trauben, ehe sic gepreßt werden, einige Wochen auf Stroh liegen: — eben so reist auf dem Stroh der Armuth mancher treffliche Mensch, und ein solcher verdient wahrlich mehr Lob und Bewunderung als ei» Anderer, den das Glück auf Schwancnbettcn wiegte, und dem cs von Jugend an alles in die Hände gab, was er zum bequemen Anbau seines Geistes bedurfte." — So sprach der Biedermann, und ehrerbietig hörte man ihm zu. Der Doktor hielt cs für rathsam, sich nicht weiter über die Sache zu äußern. Spitzkopf nannte den Marktschreier, als er hinausgcworfcn war, einen nichtswürdigen Schuft, und freute sich im Stillen des durch ihn erhaltenen Sieges. Denn es schien ihm unfehlbar, daß Lottchcn sich von nun an den Doktor beständig im bunten Jäckchen und in der Narrenkappe vorstellen und einen solchen Galan nimmermehr heirathen werde. Siebentes Kapitel. Das Gespenst. Nach Tische lud Herr Rammet, um dem Doktor nicht uachzustchcn, die Gesellschaft aus den folgenden Morgen feierlich zum Frühstück ein. Hierauf wurden die Nachtquartiere bezogen. Es mußten, da cs an Raum gebrach, zwei und drei Personen, jedoch in gesonderten Betten, beisammen schlafen. Die dazu bestimmten Gemächer stießen an einander. Ins erste vorn au lagerte sich Herr Ramme! mit dem Pfarrer seines Dorfes, der noch spät ange- kommcn war, um den Markt, der zwei Tage dauerte, zu besuchen. Im nächsten Zimmer mußten sich der Doktor und der Ftnkcnritter, ungeachtet sie über Tische uneins geworden waren, mit einander vertragen. Das dritte Gemach nahm Gerhard mit den Seinigen ein. Der Hoftath erbat sich vom Wirth ein abgelegenes Hinterstubchen, unter dem Vorwände, daß er einen sehr leisen Schlaf habe und durch das Straßengctümmel in seiner Ruhe gestört werde. Aber der eigentliche Zweck dieser Absonderung war ein Spuk, den er dem abergläubischen Nammcl spielen wollte. Er hatte dazu ein großes, blendend weißes Tuch mitgcbracht, und sich schon zu Hause geübt, es zu einer schrcckbaren Mummerei zu gebrauchen. Wenn er sich darein hüllt? und cs mit seinen langen ausgestreckten Armen über den Kopf hob, erschien er als ein gewaltiger Riese; ließ er -»O 212 S» aber die Anne sinken, duckte sich nieder und wandelte mit gebogenen Knien, so ward er ein dicker Zwerg, der einen Schweif von sechs Ellen hinter sich her schleppte. Nach Mitternacht, da sich kein Laut im Gasthofc mehr regte, schlich er als Gespenst aus seiner Klause hervor, ging auf den Zehen zu Rannncls Schlafstube, legte das Ohr an die Thür, und hörte mit Vergnügen, daß zwei Nasen um die Wette musicirtcn. Behutsam öffnete er nun die Thür mit einem Nachschlüssel, und trat in die mondhelle Stube. Seine Falkcnaugen suchten sogleich Rammels hirschlcdcrnc Beinkleider. Sic lagen groß und breit auf Zwei Stühlen. Schnapp! hatte er sic weg, und verbarg sie unter den Spukmantcl. Dann trat er ans Bett ihres Herrn, rüttelte ihn aus dem Schlafe, machte sich bald zum Riesen, bald zum Zwerge, und heulte wie eine Rohrdommel: „Ich bin die abgeschiedene Seele deiner getreuen Anne Liese." Herr Rammcl fuhr wie ein wilder Eber, den bellende Rüden in seinem Lager überfallen, aus den Federn empor, sah den Mummet zu seinen Häupten, sprang mit dem Stoßseufzer: „Alle gute Geister loben Gott, den Herrn!" aus dem Bette, und riß und stieß, von dem Gespcnste verfolgt, die Thür der Ncbcnstubc auf, um zu seinen Nachbarn zu flüchten. Sie erwachten und glaubten, es brächen Räuber ein. Entschlossen feuerte der Fiukcnritter eine blind geladene Pistole ab. Das Gespenst machte sich aus dem Staube, während Rammel, durch den Schuß von neuem erschreckt, Gerhards verschlossenes Gemach wie ein Mauerbrecher erstürmte. Schloß und Riegel wichen seinem gewaltsamen Anprall; er fiel mit der Thür ins Zimmer, warf eine hohe, die Ruhestelle des Ehepaares umgebende spanische Wand um, raffte sich schnell wieder auf, stürzte -oZ> 213 O-s- fich in blinder Angst ans Lottchcns Bett, nnd wollte sich unter die Decke verkriechen. Schreiend kämpfte das keusche Mädchen dagegen. Der Vater kam ihr eilig zu Hülfe. Er kannte bis jetzt den eingcbrochcncn Gast noch nicht; als er ihn aber ergriff, um ihn von der unschicklichen Freistätte wcgzurcißcn, da verricth ihm die seltene Wohlbclcib- heit, die er in die Hände bekam, daß er niemand anders als den Nachbar Nammel gefaßt habe. Er schob ihn vor allen Dingen ein wenig unsanft ans dem Zimmer, warf sich in seinen Schlafrock, und eilte znr Untersuchung der wunderbaren Geschichte. Indessen hatte der Schuß das ganze menschcnvollc Haus in Bewegung gebracht. Männer, Weiber und Kinder, meistens im blanken Hemde, drängten sich herbei. Hofrath Spitzkopf war nicht der letzte. Er kam, mit der Miene der ängstlichsten Neugier, in einem seidenen Kaftan gelaufen und überschrie Alle mit der Frage, was für ein Unglück geschehen scp. Der Pfarrer, der seinen braunen Regenmantel geschwind umgeworfen nnd die Perücke etwas schief aufgesetzt hatte, vertrat der andringcndcn Menschcnherdc die Thür und sagte: „Gehen Sic unbesorgt, meine wcrthestcn Anwesenden zu Ihren Ruheplätzen zurück! Es ist durch einen Zufall, den wir uns selbst noch nicht erklären können, ein bloß mit Pulver geladenes Gewehr losgegangen, hat aber, dem Himmel sey Dank! niemanden ein Haar gesengt. Wir alle, die hier frcundnachbarlich schlafen, sind frisch und gesund." Das Volk entfernte sich schweigend. Selbst der Gast- wirth, so verdrießlich ihm auch der nächtliche Tumult war, unterstand sich keiner weitern Nachforschung, um seine vornehmen Gäste nicht zu beleidigen. Aber diese versammel- -«O 214 ten sich jetzt, bei verschlossenen Thürcn, vor Nammcls Bette und verhörten ihn scharsi Er wußte nichts anders zu sagen, als daß ihm ein Geist erschienen scy und sich für die abgeschiedene Seele eines vor kurzer Zeit auf seinem Gute verstorbene» Dienstmädchen ausgegcbcn habe. „War die Selige jung und hübsch?" fragte der Finken- rittcr. „Sie war beides!" sagte der ehrliche Nammel, und zog sich damit die Neckerei zu, daß ihn der Ritter und der Doctor eines Licbcöhandcls mit der verblichenen Dirne beschuldigte». Doch der Hofrath mengte sich nicht in das muthwillige Geschwätz, sondern sagte mit Eifer: man müsse trachten, den frechen Mümmelmann auszuspürcn, damit er der gerechten Bestrafung nicht entgehe. Jetzt kam ein nicderschlagcndcs Pulver an, das der Doe- tor aus der Apotheke verschriebe» hatte. Herr Rummel nahm cs ein, »nd seine Freunde verließen ihn mit der Ermahnung, das Frühstück nicht zu verschlafen. Achtes Kapitel. Die Braut von Carinth. Der Ilcbcrrcst der Nacht verging ruhig Doch Herr Rammet konnte nicht schlafen. Er fuhr, wenn nur ein Manschen knappcrtc, vor Schrecken hoch ans, und fürchtete zitternd, sei» getreues Mägdlein werde nochmals ans dem Grabe wicdcrkchrcn. Der Gcistcrbanncr, der Morgen, war ihm daher höchst willkommen. Er stand, seiner gast- freundschaftlichen Obliegenheit sich erinnernd, hurtig auf und suchte seine Beinkleider. Da er sic nirgends fand, ge- rieth er auf den seltsamen Gedanken, daß sic wohl sein Schlafgcscll, der Pfarrer, versteckt haben möchte. Er weckte ihn, und bat mit lustigen Worten um Auslieferung seines unentbehrliche» Eigcnthums. Aber der ernsthafte Geistliche nahm cs fast übel, daß ihm sein Kirchcnpatro» einen solchen weltlichen Scherz zutraute. Er fragte, da Jener nicht von der Stelle gehen konnte, in den Nebenzimmern und bei dem Hofrathc nach der verschwundenen Nothwendigkcit; doch natürlicher Weise kam er mit leeren Händen zurück. Rammel wollte aus der Haut fahren. Er hatte, was der Dieb recht gut wußte, keinen Nothnagel bei sich; und längstens in drei Stunden mußte das Frühstück ans dem Tische stehen, und er, als Wirth, dabei flink auf dem Platze sepn. Das war doch in der That eine verzweifelte Lage! „O du ungläubiger Thomas! du unseliger Freigeist!" schrie er seinem herbei gerufenen Reitknecht entgegen. „Sich, -o§> 216 <§-2- mein Glaube hat sich bewahrt! Die alte Spinnerin hat mir Jammer gesponnen!" Er erzählte hierauf das Unglück der Nacht und des Morgens. Thomas, ein Feind von unnützen Worten, stieß einen kurzen Fluch ans, schoß wie ein Pfeil die Treppe hinab und setzte mit möglichster Geschwindigkeit de» Gasthof in Bclagerungsstand. Er verschloß eigenmächtig Pforten und Thürcn, stellte einige derbe Kutscher, mit welchen er Abends zuvor Brüderschaft getrunken hatte, als Schildwachcn dabei an, ging dann zum Löwcnwirth und sagte ihm: cs scy ein wichtiger Diebstahl geschehen, der eine gerichtliche Haussuchung schleunig erfordere. Der Wirth hätte sich lieber gleich mit dem Bratspieße durchbohrt, als daß er im Laufe weniger Stunden die Ehre seines Hauses doppelt verletzt sehen mußte. Um die ärgerliche Geschichte nicht öffentlich kund werde» zu lassen, erbot er sich, das gestohlene Gut zu bezahlen. Aber Thomas entgcgnctc: das helfe nichts, weil sein Herr in kurzer Frist bekleidet erscheinen müsse, uno seine Blöße weder mit harten Thalcrn noch Staatspapicrcn bedecken könne. Hierauf lief er selbst zum regierenden Bürgermeister und machte die Sache anhängig. Die Krämer, die sich im Nachen des goldenen Löwen befanden, wollten rasend werden, daß sic nicht hinaus konnten, um ihre Buden zu öffnen. Sic rotteten sich zusammen und griffen die Schildwachcn thätlich an- Diese wehrten sich mit Stallbcscn und Peitschen und behaupteten ihre Posten. Ein vorwitziger Leinweber bekam die kräftigsten Hiebe. Erbost sprang er durch ein Fenster auf die Gasse, wiegelte eine Schaar gemeines Volk auf und unternahm einen Sturm auf das Hanptthor. Aber ein Dutz- brndcr des Reitknechts goß de» Stürmern von oben herab 217 Poemen Eimer voll Wasser auf die Köpfe »nd schlug sic damit in die Flucht. Schimpfend fielen jetzt des Leinwebers Bundesgenossen mit Fäusten und Stöcken über ihn selbst her, weil er sic in ein so schlimmes Bad geführt hatte. Andere Leute kamen dem überwältigten Manne zu Hülse. Jeder Augenblick vermehrte die Zahl der Kämpfer. Einer schlug ans den andern, ohne daß er wußte, warum. Das Getümmel wälzte sich die Straße hinab und hinauf; alle Marktbude», die im Wege standen, wurden nmgcstürzt; ein allgemeiner Stadtkrieg war im Ausbruch. Doch zum Glück erschienen die Gcrichtspcrsonc», die Thomas zur Haussuchung herbcigerufcn hatte, mit rühmlicher Eilfertigkeit ans dem Kampfplätze und geboten Frieden. Die Streiter gingen, thcils lachend, theils fluchend auseinander. Nun schritt man zur Haussuchung. Aber die heilige Justiz kehrte, nach ihrer alten Gewohnheit, nur gegen die Armen das Rauche heraus, und war glatt und geschmeidig gegen die Neichen. Jene mußten alle ihre Bündclchcn und Kobcrchcn bis auf den Grund durchwühlcn lasse»; doch des Hosraths großer Koffer, wo der Hund begraben lag, blieb unberührt. Folglich ward Herr Nannnel ans seinem Nothstandc nicht gerettet, und mußte noch die mit Sünden verdienten Gcrichtskostcn bezahlen. Der christliche Löwcnwirth, der gern den Nackten kleiden wollte, ging zu den drei dicksten Männer» der Stadt und ersuchte sic um Darleihung dessen, was Jenem gebrach. Willfährig reichten sie ihm die Zierden ihres Klciderschranks, mit welchen sic znm Theil am Traualtar geprunkt hatten; allein Herr Rammcl konnte von diesen Prachthüllc» keinen Gebrauch machen; er zersprengte sic sämmtlich bei der Anprobe. Nun rief man einen Schneider herbei, der von der ganzen Stadt, wegen seiner Geschwindigkeit im Arbei- -»d 218 <§» ten, der Hexenmeister genannt ward. Er sollte das entwendete Kleidungsstück durch ein neues ersetzen und innerhalb einer Stunde damit fertig sepn. Als sich ihm aber der nothhaftc Mann zur Ausmessung vorstclltc, gestand der Zauberer offenherzig, daß er bis zum späten Abend Zeit brauche, um ein Werk von solchem Umfange zu liefern. Doch erbot er sich scherzhaft, eine halbe Webe Leinwand, in gehöriger Form, aber mit fliegender Nadel, zu- sammcnzunähen und in einer Stunde damit aufznwar- tcn. Dieser Vorschlag ward, in Ermangelung eines bessern, angenommen, und bald kam noch andere Hülfe. Der regierende Bürgermeister, dem die Natur ein mitleidiges Herz und die standesmäßigc Dicke und Breite gegeben hatte, übersandte seinen kostbaren seidenen Bräutigams- Schlafrock, der von so wohlthätiger Weite war, daß sich sogar Herr Rammcl doppelt darein wickeln und seine Blöße recht anständig bedecken konnte. So häuslich bekleidet und ritterlich dazu gestiefelt und gespornt, gab er seinen Freunden ein herrliches Frühstück. Wer aber nur jemals de» ängstlichen Traum hatte, daß er sich im Schlafrock, oder mit der Nachtmütze in einer großen, festlich geschmückten Gesellschaft befinde, der wird ungefähr beurthcilen können, wie dem Ehrenmann zu Muthe war. Er wußte sich vor Verlegenheit nicht zu fassen, und das Gespött seiner Nebenbuhler trieb ihn noch mehr in die Enge. Lottchcn war in dieser peinlichen Stunde für ihn verloren. Er wagte nicht, sich ihr zu nähern oder ein Wörtchen a» sie zu richten. Auch ihm wichen ihre Augen, die ein innerliches Lachen nicht ganz vcrlängncn konnten, sorgfältig aus, ungeachtet der entlehnte Schlafrock, der einen großen, bunten Blumengarten darstrlltc, schon an und für sich verdient hätte, mit Wohlgefallen betrachtet zu werden. -»O 219 <§» Spitzkopf sang in seinem Herzen ein Trinmphlicd, daß er den feindlichen Goliath mit der Schleuder der Lächerlichkeit zu Boden geschlagen hatte. Nun gab er ihm noch den Genickfang, indem er ihn mit der verstorbenen Anne Liese hämisch aufzog, und ihm auf dem Kopf znsagtc, daß er dieses Mädchen zärtlich geliebt habe. „Die gute Anne Lift," sprach er, „ist eine zweite Braut von Corinth. Sie entstieg dem Grabe, um mit ihrem Geliebten die Brautnacht zu feiern." - Lottchcn, die das Gedicht von Göthc, worauf er anspicltc, auswendig wußte, wandte das Gesicht mit einem verächtlichen Blicke, der dem schuldlosen Nammel alle Hoffnung ans ihre Hand entscheidend absprach. "Neuntes Kapitel. Die AuSferderung. Gerhard crwicdcrte die genossenen Bcwirthungen durch ein auf seine Kosten veranstaltetes Mittagsmahl. Die ganze Gesellschaft, die wir schon mit einander speisen und frühstücken sahen, war dabei zugegen. Auch des Bürgermeisters Schlafrock mußte mit zur Tafel gezogen werden, weil der reitende Bote, den Herr Nammcl auf sein Gut abgefertigt hatte, um einen Stellvertreter des erlittenen Verlustes zu holen, erst gegen Abend wieder cintrcffen konnte. Jetzt, da Spißkopf nicht Tafclgnartiermcistcr war, hatte der Finkcnritter das unbestrittene Glück, an Lottchcns grüner Seite zu sitzen. Jener sah ihn sogar ans gewissen Ursachen recht gern auf diesem Platze. Er setzte sich gegenüber, und freundschaftlicher als jemals unterhielt er sich mit dem Ritter, der in der Nähe des geliebten Mädchens aller Sorgen und Manichäer vergaß. Aber diese goldene Zeit dauerte nur bis zur Ankunft des Bratens. Hinter dem Truchseß desselben schlüpfte ein garstiger und besonders dem Finkcnritter höchst widriger Mann ins Zimmer. Arglistig lächelte sein Judasgcsicht aus einer brandgelbcn, verworrenen Stutzperücke heraus, und ein fingerlanger Ziegcnbart spitzte den Keil seines spitzen Kinnes noch schärfer zu. Diese Figur war der Jude Ezechiel, von welchem schon im vierten Kapitel vorläu- figc Meldung geschah. Er kam mit einem dcmüthige» Katzenbuckel auf den Zehen getrippelt, drehte sich mit behende» Verbeugungen rechts und links, wand sich so, wie eine Schlange, bis zum Stuhle des Herrn von Finken- bnsch, blieb da stehen, zog ein Papier ans dem Busen und hielt cs entfaltet in der Hand. Der Edelmann ward roth, sobald er den Israeliten über die Thürschwclle schreiten sah) er stellte sich aber, als wenn er ihn nicht bemerke, und setzte mit anscheinender Gcmüthsruhc sein Gespräch mit Lottchcn fort. Ezechiel stand fünf Minuten, ohne einen Laut von sich zu geben. Er machte nur Bückling auf Bückling, und rückte zugleich mit dem Papiere immer weiter vor, bis er dem Finkenritter so nahe vor den Augen war, daß er schlechterdings davon Kenntniß nehmen mußte. Er wandte sich rasch und fragte: „Was gibt's?" „Ein Wcchselchen, ein verfallenes, gnädiger Herr!" sagte der Jude. „Verdammter Mansche!!" rief der Ritter. „Ist hier der Ort zu solchen Geschäften? Das Geld liegt längst auf meinem Gute bereit. Warum kamst du nicht?" „Halten Sic mir's zu Gnaden !" versetzte der Jude. „Ich Hab' Sie gesucht wie eine Stecknadel — —" „Das ist eine unverschämte Lüge!" fiel Herr von Finkenbusch ein, und schalt und prahlte in einem Athem fort, daß Ezechiel nicht wieder zum Wort kommen konnte. Lottchcn sah während dieses Auftritts vor sich nieder und kritzelte mit der Gabel auf den Rand des zinnernen Tellers den Namen Ewald, wie noch heutiges Tages im Gasthofc zum goldenen Löwen zu sehen ist. Je mehr der Ritter auf den Juden loswctterte, je mehr nickte der Hofrath ihm Beifall zu. Her: von Finkcnbusch zog nach und nach gelindere Sai- -c>Z> 222 tcn auf und sagte: „Höre Zechcl, du bist sonst ein Mensch, der Lebensart versteht; darum kann ich mir nicht vorstellen, daß du mir aus eigener Bewegung den Streich spieltest, mich hier in der Mitte schätzbarer Freunde mit einer Mahnung zu überfallen. Gesteh, wer reizte dich dazu an? Ich schenke dir einen Louisd'or, wenn du mir stehende» Fußes den Nichtswürdigen nennst!" — Er warf den ausgcsetztcn Preis auf den Tisch. Und wie ein Vogel, dem man Futter vorstrcuct, mit den Fittichen flattert, so bewegte der Jude freudig die Arme. Seine Augen wurde» größer nnd feuriger, die Lippen zitterten, als wollten sic sprechen, nnd mit lüsterner Verlegenheit sah er bald das Goldstück, bald den Hofrath an. „Ich weiß, was ich wissen wollte!" sprach Herr von Finkcnbusch mit einem wilden Blick über den Tisch hinüber. Spitzkopf entfärbte sich. Ezechiel griff nach dem Golde. „Halt!" sagte der Ritter: „das Geld ist nicht verdient. Du hast mir den Aufhctzer nicht genannt; nur deine Augen vcrricthen ihn. Geh' zum Teufel!" Der Jude wollte sich mausig machen; aber der Finkcn- rittcr sprang auf, ergriff einen Stock und prügelte ihn zur Thür hinaus. Von diesem Geschäfte zurückgekommcn, sprach er mit kaltem Ernst: „Herr Hofrath, ich erwarte Sie morgen früh um sechs Uhr auf der Gränze unserer Güter mit Pistolen!" — „Bewahre mich der Himmel! wie kam' ich zu dieser Fehde?" rief Spitzkopf, starr nnd bleich. „Ihr Gewissen antworte!" versetzte Herr von Finkcnbusch. „Ich will nicht Worte, sondern Kugeln mit Ihnen wechseln!" — Aengstlich sah der Hofrath an der Reihe der Tischgenos- sen auf und nieder. Er hoffte, cs würde sich einer zum Schiedsmann und Friedensstifter aufwerfen. Doch alle schwiegen, wie verschworen. „Nun, so muß ich mir selbst helfen!" sprach er für sich. „Besitz' ich doch das Mittel, womit man Alles ausrichtcn kann. Der Junker ist arm, er läßt sich mit zehn oder zwanzig Dukaten beschwichtigen, und Lottchens Mitgift ersetzt mir den Verlust tausendfältig." — Zehntes Kapitel. Die Flucht. Des Tischgesprächs zerrissener Faden war kaum wieder angeknüpft, als die Thür Plötzlich aufging und ein junger Offizier, mit dem Ehrenzeichen der Tapferkeit auf der Brust, hercintrat. „Ewald!" — schrie Lottchcn mit freudigem Entsetzen auf; die Freier starrten ihn mit versteinerten Gesichtern a»; Gerhard rief: „Willkommen!" seine Gattin schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, und die Liebenden stürzten einander in die Arme. Dieß Alles war das Werk eines Augenblicks, aber für die Freier ein erschütterndes Schauspiel, das sie mit langen Nachwehen bedrohte. Ewald kam als Kourier ans dem Feldlager. Er sollte der Hauptstadt die Botschaft bringen, daß ein Waffenstillstand geschlossen und der Friede gewiß sep. Sein Weg ging am goldenen Löwen vorüber. Hier ans frische Pferde wartend, erfuhr er Gerhards und der Seinigen Anwesenheit. Was war natürlicher, als daß er zu ihnen eilte? Gerhard entdeckte ihm das ansgcsprcngte Gerücht von seinem Tode. Er versicherte, daß er nicht die unbedeutendste Wunde aufznwcisen habe. „Aber das Osfizicrspa- tent und den Verdienstorden erhielten Sic doch gewiß nach einem heißen Tage," versetzte Gerhard. „Das Glück that mehr als ich," sagte der bescheidene Jüngling, und rühmte sich seiner Thatcn mit keinem Worte. -oZ> 223 Spitzkopf wollte bersten, da er sich, nachdem er drei Gegner glücklich zu Boden gestreckt batte, nun selbst aus dem Sattel gehoben sah. Mit stiller Wuth schlich er aus dem Zimmer, ließ eiligst anspannen, und fuhr, ohne daß ihn jemand vermißte, mit seinem Kammerdiener davon. Kaum waren sie ans dem Thore, so bat Fnchsbalg, ihm des folgenden Tages die Summe von hundert Thalcrn auszuzahlcn, die ihm der Hofrath für seine Mitwirkung bei den Frcicrsränkcn versprochen hatte. „Wie kannst du daran noch denken?" sagte Spitzkopf. „Mein Versprechen geschah unter der Bedingung, wenn ich Lottchcns Gemahl würde, und mit dieser Hoffnung ist auch dein Lohn in den Brunnen gefallen." „Herr, das sind faule Fische!" fuhr der Kammerdiener hitzig ans. Spitzkopf, der eben in einer wahren Bärcnlanne war, bestrafte diese Grobheit mit einer Ohrfeige. Ergrimmt gab ihm der Empörer zwei dafür, sprang ans dem Wagen, und lief, von Rachgier gespornt, in den goldenen Löwe» zurück. Die Gesellschaft war noch beisammen. Keuchend trat er in ihre Mitte »nd beichtete haarklein alle sic betreffende Pfiffe und Kniffe seines Herr». Man erstaunte und fragte ihn, ob er diese Aussage vor Gericht eidlich bestätigen wolle. Er erklärte sich dazu bereit, und ward vor der Hand entlassen. Indessen hatte das Posthorn den glücklichen Ewald mehrmals zur Abreise gemahnt. Er riß sich endlich los. Sobald er fort war, machte ihn Gerhard den dreien, nun in Ruhestand versetzten Liebhabern als seinen künftigen Eidam bekannt. Sic stutzte» und erblaßten; der schuldige Glückwunsch erstarb ihnen ans der Zunge, und einer nach dem andern empfahl sich mit gezwungener Höflichkeit. Linmbcin'S säinmtl. Schr. Vl. Bd. 13 -o-§> 226 O-c>- Doppelt wurmte sic jetzt der Hohn und die Schmach, die sie wegen ihrer verunglückten Freierschaft ausgcstanden hatten. Sic beschlossen, de» Quälgeist vor Gericht zu fordern. Zuvor aber dachte ihm der Finkcnrittcr noch eine andere Züchtigung zu. Er schickte, da er ihn der Ehre des Zweikampfes nicht mehr würdig achtete, ein Paar handfeste Pferdeknechte mit Hetzpeitschen auf den bestimmten Platz, und befahl ihnen, die Sache ansznmachen. Wer sich aber nicht cinstclltc, war der Hofrath. Er fand für gut, sich dem Duell und allen schlimmen Folgen, die er von der ihm ahnende» Vcrrätherci seines cn lanfcnen Kämmerlings besorgte, durch schleunige Flucht über die Landesgränzc zu entziehen, und kam nicht wieder. Sei» Gut, das er durch einen Bevollmächtigten ausbictcn ließ, kaufte Gerhard für das junge Paar, und in denselben Gemächern, wo eine Zeit lang Schclsncht und Arglist einheimisch waren, wohnen jetzt Liebe und Redlichkeit. Der Fliegcnprozeß. Aus einer ulten Chronik. An einem schönen Sommcrtage des Jahres 1625 schmauchte der Gcwürzkrämcr und regierende Burgcincister des Städt- lcins Ziegenbcrg, Herr Tobias Nußknacker, ein Pfcif- lcin Tabak zum Fenster hinaus und ergötzte sich an den ehrfurchtsvollen Bücklingen seiner vorübergehenden Uuter- thancn. „Es ist doch wahrlich recht angenehm, ein vornehmer Mann zu seynsprach er für sich. „Ich bin in jeder Betrachtung, sowohl an Ncichthum als Macht, der König von Ziegenbcrg, und Trotz sey dem geboten, der mir Achtnng und Gehorsam verweigert Dieser Trumpf galt einem jungen Maler, der gegenüber wohnte und bei dem Pscfferkönig Tobias im schwarzen Register stand, weil er oft und auf mancherlei Art an den Tag gelegt hatte, daß er sich aus ihm so viel als nichts macke. Das bewies er auch eben jetzt. Er stieß mit heftigen! Geräusch seine Fenster auf, zog vor dem erhabenen Nachbar, der ihn ernsthaft anstarrte, sein Käpplcin nicht ab, sonder» begann mit einem hochgcschwungcncn Tuche ein Trcibcjagcn der unzähligen Fliegen, die sich bei ihm cingcsunden hatten, um ihm in ihrer bekannte» punktirtcn Manier malen zu helfen. -->L> 228 Sie nahmen ihre Flucht in gerader Richtung über das schmale Gäßlciu hinüber, flogen dem Burgcmeister ins Angesicht, und, als er darob znrückfnhr, in die Stube hinein. Er, ein abgesagter Feind ihres Geschlechts, fluchte, stampfte mit den Fußen und ballte dem Maler eine Faust; aber mit über einander geschlagenen Armen stand der Unbcils- stiftcr ruhig am Fenster und lachte des ungcbcrdigen Mannes. Das war denn ein Majcstätsvcrbrechen, das der stolze Häuptling von Zicgcnberg nicht ungeahndet lassen konnte. Er schickte »ach dem Nathsfrohn, der mit einem armsdickcn Stocke, dem Zeichen seiner Würde, sogleich erschien. „Hört!" sprach Herr Tobias, „geht stracks zu dem Farbenklcckcr Dietrich hinüber und sagt ihm in meinem Namen: er könne Gurken male» so viel er wolle, nur mög' er sich bei seiner Obrigkeit keine Gurke zu viel hcransnehmcn. Er solle sich insonderheit, bei Vermeidung harter Pön, der Fliegenjagden enthalten, immaßcn das Geschmeiß zu mir herüber komme und meine Gemacher anfülle. Ich, der regierende Burgcmeister, leide das nicht; das sagt dem Burschen mit Nachdruck! Und sollt' er sich mit schnöden Worte» oder gar thätlich an Euch vergehen, so nehmt ihn beim Fittich nnd führt ihn in die Frohnfestc!" Der Nathsdicner entledigte sich des Auftrags mit möglichster Grobheit. Es wäre ihm lieb gewesen, wenn sich Dietrich an ihn, vergriffen und sich dadurch in die Bütteln befördert Hütte. Allein er antwortete kaltblütig: „Wie kann mir der Herr Bnrgemcistcr verbieten, ein lästiges Ungeziefer ans meinem Zimmer zu jagen? Ich werde das thnn, so oft mir's gefällt, und es kümmert mich nicht, ob die Fliegen, die ich austrcibe, in der Kabuse eines Bettlers oder im Palaste des Kaisers eine Freistätte suchen." 229 E» „Warte, Bube!" rief Herr Tobias, als der Frohn mit dieser Meldung zurück kam. „Das freche Wort von kaiserlicher Majestät soll dir gelegentlich theuer zu stehen kommen!" Er setzte sofort ein Protokoll darüber auf. Der Büttel, der seinen Namen nicht schreiben konnte, zeichnete mit tölpischcr Hand drei Krcnze darunter. Es war im Städtchen kein Gchcimniß, woher des Bur- gcmcisters Haß gegen den Künstler entsprang. Jener erzog in seinem Hanse ein armes, aber sehr reizendes Mühmchcn, das dem Maler ins Auge stach, als er, mit einer ledernen Mappe auf dem Rücken, das Land dnrchstrich, um schöne Gegenden anfznsnchcn. Da er nun an Kunigunden eine vorzügliche bctrachtcnswcrthc Naturschönhcit fand, so ließ er sich auf unbestimmte Zeit in Zicgenbcrg nieder und micthctc eine Wohnung, wo er die liebliche Aussicht auf Gnndchcns Nähtisch und Schlafkämmcrlcin hatte. Anfangs ging alles recht glücklich. Er machte dcmBnr- gemcistcr seine Aufwartung, strich geschickt de» Fuchsschwanz, und schmeichelte sogar mit seinem Pinsel, indem er den Herrn Tobias, stimmt seiner ungeheuren Knotcnpcrückc, so stattlich malte, daß der einfältige Gcwürzkrämcr wie ein kluger Staateminister aussah. Das Bildniß war unter Brüdern fünfzig Thalcr wcrth; doch Dietrich nahm keinen Pfennig dafür. Dieses Opfer ließ sich der geizige Vater der Stadt in Gnade» gefallen; allein er merkte bald, daß Kunigunde mit Küssen bezahlte. Darüber ward er bärbeißig, und verbot ans der Stelle seinem Cabincts-Maler das Hans. „Und auch Dir," sprach er zu Kunigunden, „setz' ich nächstens den Stuhl vor die Thürc, wenn Du Dich ferner so wcgwirfst! Wie kann sich ein solcher Mensch unterfange», die Muhme eines regierenden Burgcmcistcrs zu liebkosen? Maler, Poeten und Musikanten sind ein nn- 23tt nutzes Gesindel. Ich wollte Dich lieber mit dem Gcmcin- dchirte», als mit einem Lassen von jenem Gelichter verheiratet sehen." Kunigunde dachte nicht so philistcrmäßig von den schönen Künsten, und liebte de» Maler so innig, das» der Oheim mit allen seinen Abmahnnngcn nichts dagegen vermochte. Es wurden Blicke und Briefchen gewechselt, heimliche Zusammenkünfte verabredet und gehalten; kurz, die Sache ging ihren natürlichen Gang. Der Oheim lauerte, polterte, sperrte das Märchen ein, und wollte den Liebhaber, als einen gefährlichen Fremdling, aus der Stadt verweisen; aber Dietrich verschaffte sich von höherer Hand eine» Schutz- bricf, und schlug, darauf gestützt, bei jeder Gelegenheit dem aufgcblaseneu Burgcmcister ein Schnippchen. Diese Feindseligkeiten und Neckereien waren das Vorspiel des Fliegcnstrcites. Herr Tobias rief, als er den Schergen wieder entlassen hatte, seine Hausleutc zusammen, bewaffnete sie mit Flic- gcnklappc», und lieferte den bei ihm eingedrungcncn Feinden ein Treffen. Sic litten eine völlige Niederlage; man sah und hörte keine Fliege mehr. Des Burgemcistcrs aufgeregte Galle beruhigte sich. Er wirbelte mit eigener Hand alle Fenster zu, und verbot die Oeffnung derselben, um vor neuen feindlichen Einfällen sicher zu seyn. Es war aber dennoch, ungeachtet man seine Anordnung nicht übertreten hatte, am nächsten Morgen ein zehnfach stärkeres Heer cingerückt und durchschwärmte summend und brummend das Hans. Tobias wollte aus der Haut fahren; seine Dienerschaft fand das Ding unbegreiflich; besonders Kunigunde drückte sehr wortreich ihre Verwunderung ans. Nach langem Geschwätz und vergeblicher Mühe, den unerklärlichen Vorfall zu enträthseln, zog man mit -c-D 231 S» vereinter Macht gegen das geflügelte Volk zu Felde, und nach einer thätigcn Viertelstunde war es gänzlich vernichtet. Jetzt ließ Herr Tobias ein paar hundert Ellen Bindfaden bringen, schnürte und fesselltc damit alle Fensterflügel zusammen, und drückte überall sein Siegel darauf. Der Ladcndicner und die Köchin bewunderte» diese Gränzenbe- sestignng als ein Meisterwerk. Gundchcn aber lachte hinter dem Nücke» des geschäftigen Ingenieurs. „Das soll mir wohl helfen!" sprach er, als er das letzte Fenster pet- schirtc. Er ward auch wirklich den ganzen Tag von keiner Fliege an der Wand weiter geärgert. Mit Gcmuthsruhe legte er sich Abends zu Bette und schlief bis an den Hellen Morgen. Da weckte ihn ein Knebeln in der Nase. Er griff hastig dahin, erhaschte eine hinein spazierte Fliege, und entsetzte sich über einen zahllosen und crzfrechcn Schwarm, der seine Kammer dnrchschwirrte. „Ist denn der Teufel hier los?" schrie er auf, sprang vom Lager, fuhr in seinen Schlafrock und stürmte seine Leute aus den Betten. Sic sahen ihr blaues Wunder an der Jnsectcnschaar, die während der Nacht, wo doch die Fliegen gewöhnlich keine Reisen unternehmen, angckommen war, und durch Mauern und versiegelte Fenster ihren Einzug gehalten hatte. Mit offenem Munde standen die Gaffer da; die Haut grieselte ihnen, und einstimmig bethcucrtcn sie: das gehe nicht mit rechten Dingen zu. Der Burgcmeistcr comman- dirte zum Angriff: aber seine feigen Haustruppen, die sich mit Zaubergeschöpfcn in keinen Kampf cinlassen wollten, nahmen Reißaus. Nur Gundchcn hielt treulich Stand und half dem Oheim die fliegende Rotte vertilgen. Doch gewann sie dadurch keinen Dank. Er beobachtete vielmehr, -o§> 232 als er mit ihr allein war, ein hartnäckiges Stillschweigen, mid beschielte sic blos von der Seite mit finstern, mißtrauischen Blicken, die den nahen Ansbrnch eines Sturmes verkündigten. Bald nachher ließ er seine College» zu einer ausserordentlichen Berathschlagung auf's Nathhaus berufen. Sic eilten vom Backofen, von der Branpfanne und vom Wurstkessel hinweg, um den Vortrag ihres hochverehrten Oberhauptes zu vernehmen. Herr Tobias eröffnetc ihnen seine Mcgennoth mit den kleinsten Umständen, erwähnte der häuslichen Vorsichtsmaßregeln, die er fruchtlos dagegen getroffen hatte, und zog aus dem allen den Schluß, daß Zauberei im Spiele scy. „Das läßt sich gar nicht anders denken!" riefen die ehrliche» Jahcrrcn. „Aber wer sollte wohl in unserer guten Stadt einen Bund mit dem Teufel geschlossen haben?" „Welche Frage!" versetzte Tobias. „Ich dächte, das konntet Ihr nach dem allen, was ich Euch von dem fremden Maler erzählt habe, mit Händen greifen." „Ja, daß ist wahr!" sagten sie, und bestraften sich einander selbst durch Kopfschütteln und flämische Gesichter, daß sie das nicht früher cingcschcn hatten. „Man sollte und könnte den Schwarzkünstler sogleich in Verhaft nehmenfuhr Tobias fort: „um jedoch recht sicher zu gehen, wolle» wir noch erst einen neuen Hcrenstrcich abwarten. Aber dann, meine Herren, fahren wir zu und treiben die Sache bis zum Scheiterhaufen." „Ja, bis zum Scheiterhaufen!" wiederholten die Naths- hcrrcn, und schlugen mit ihren harten Fäusten grimmig aus den Tisch. Damit schloß sich die Sitzung. Gundchen crricth cs, daß die ungewöhnliche Nathsver- sammlnng ihren Geliebten betreffe. Daher schlich sic, als 233 O-o der Ohcim wieder nach Hause kam, lauernd und lauschend nm ihn herum. Sic wollte aus seiucn Micucu uud Gebilde» den Nathschluß hcrausbuchstabicreu; aber der schlaue Manu bewachte sei» Amtsgehcimuiß mit unüberwindlicher Vorsicht. Der Tag — cs war ciu Sonnabend — verstrich übrigens so ruhig, als wäre dem Unwesen der Fliegen gänzlich gesteuert. Auch den Souutagsmorgcn entheiligte kein Acrgeruiß. Herr Tobias verließ wohlgcmuth die Federn, um sich zum Kirchgänge zu schmücken. Er wickelte zierlich seine Strümpfe von blauer Seide über das Knie hinauf, befestigte sic unter demselben mit goldenen Gürteln, knöpfte sich in eine grüne, mit silbernen Blumen bestreute Weste, und zog darüber ein scharlachrothcs Kleid von unmäßiger Weite und Breite. Zuletzt vertauschte er die Nachtmütze mit der großen, den halben Rücken bedeckenden Allongenpcrllcke, die der Haarkünstler des Orts frisch aufgckräusclt hatte, uud eben, als das Kirchengeläut anfing, mit Eilschritten übcrbrachtc. Guud- chcn reichte dem Oheim nach alter Gewohnheit einen tüchtigen Blumenstrauß. Den nahm er in die linke Hand; in die rechte den Prachthut mit goldener Tresse: uud so begab er sich, stolz und mit würdevoller Haltung des Körpers, auf den Weg zum Tempel. Aber er hatte kann:, wie ein Bräutigam aus seiner Kammer hcrvorgcht, die Gasse betreten, als ihn ein Zindel Fliegen, das zur Störung seiner Kirchcnparadc verschworen schien, von allen Seite» umkreiste und sich auf seine Per- rückc nicdcrlicß. Ihr Zuflng war nicht abzuwehren: denn der Wohlstand machte cs dem regierenden Burgcmeistcr von Zicgcnbcrg zur Pflicht, sich kerzengerade, wie Don Zuan's steinerner Gast, zum Gottcshausc zu bewegen. Herr Tobias war auch gar nicht der Mann, der solche 234 S->- löblichc Sitten verletzte. Er that zwar jetzt das Aeußerste, indem er einige Mal den Blumenstrauß, den er steif vor sich her trug, etwas höher, als schicklich war, cmporhob, um Schrecken auf seiner Scheitel zu verbreiten; allein das fruchtete so wenig, als wenn man ungezogenen Kindern die Nuthc zeigt, die sie nimmer zu fühlen bekommen. Die Perücke ward also immer stärker bevölkert, und er trug die zahlreiche Colonic iu die Kirche hinein. Die Fliegen des Gotteshauses sahen den Einzug ihrer Schwestern, stellten sich vor, cs müsse dort Zucker zu lecken scpn, und blitzschnell versammelten sic sich aus allen Winkeln auf der Haarhaube des Consuls. Sic, die sonst mit dem frisch gefallenen Schnee wetteiferte, schien jetzt, als er das Schiff der Kirche langsam durchschritte» hatte und im Nathöstuhl ankam, mit Nuß gepudert; so dicht saßen darauf die schwarzgraue» Gäste beisammen. Der geräuschvolle ehrerbietige Aufstand der schon gegenwärtigen Magistrats- Personen verscheuchte sie einen Augcnbilck; aber mit zornigem Brummen nahmen sic sogleich ihren Platz wieder ein. Die Vornehmen des Raths, besonders ihre alten Gemahlinnen, kreuzten und segneten sich. Einige der letzter» bedeckten ihr faltiges Gesicht mit dem Fächer, um dahinter zu lachen. Als aber das Nebel immer ärger wurde, nahm ein entschlossener Rathshcrr seiner Eva das Feigenblatt der Schadenfreude aus der Hand, stellte sich damit hinter den Regenten und wedelte ans allen Kräften, um die schwarze Legion zum Weichen zu bringen. Sie wich, dnrchschwciste einige Sccunden lang die nächsten Kirchstühlc, kam hastig zurück, und ward auf's neue in die Flucht geschlagen. So dauerte die Ebbe und Fluth des Flicgcnmecrcs unablässig fort, bis der Pfarrer die Kanzel bestieg. Mit Verwunderung sah er Mer Augen, die sonst nach -»N 233 ^ ihm gerichtet waren, auf des hochweiscn Raths Betstübchcn geheftet. Er wandte die seinigen auch dahin, erblickte das wunderbare Gewimmel auf dem Haupte des Burgcmeistcrs, und geriet!) darüber i» eine solche Zerstreuung, daß er fünf Minute» hustete, stammelte, und dann den Vorhof der Predigt eilig schloß, um sich während des Kanzclliedcs zu fassen. Da Ziegcnberg meistens von Ackerbürgern bewohnt wurde und die Erndte nahe war, so hatte der Herr Pastor ein paar Verse gewählt, die sich auf den Feldbau bezogen. Es kamen darin die Worte vor: »Heuschrecken unv andres Geziefer Sind Nnlhen deines Zorns." Diese Stelle war Wasser ans die Mühle der Frau Accisc- Jnspectoriu Krallfingcr, die in der Kirche dem hoch- edlen Nathe gegenüber thronte, und den Bnrgemcister tödtlich haßte, weil er gegen ihren Ehchcrrn einen Rangstreit erhoben hatte. Sie krähte jene Worte so laut als möglich, um dem Feinde zu verstehen zu geben, daß seine Pcrückenplagc eine göttliche Strafruthc sey. Indem sie aber in dieser christlichen Absicht das weite Thor ihres zahnlosen Mundes von Ohr zu Ohr aufriß, stürzten sich fünf oder sechs Fliegen hinein, die zu der großen, von dem Fächerschwingcr eben hart gedrängten und versprengten Bande gehörten. Frau Krallfingcr sprudelte, kotzte und stöhnte, als wollte sie ersticken. Zwei Gevatterinnen wackelten mitten durch die Kirche hindurch ihr zu Hülfe, klopften ihr den Rücken, schnürten sic auf, führten sie fort, und belferten scheltend in den Rathsstuhl hinein. Die ganze Gemeinde fuhr mit langen Hälsen von ihren Sitzen empor, Gesang und Orgel verstummten; ungehobeltes Volk lachte laut; ma» glaubte, nicht in der Kirche, sondern in einer Gaukclbudc zu scyn. „O Dietrich! Dietrich!" ächzte Tobias, und Scham und Verzweiflung jagten ihn durch die gaffenden Reihen aus dem Tempel. Er lief in den Hof seines Hauses, warf die Allongen- perückc die noch immer mit Fliegen bedeckt war, in eine Wafscrkufe, und rannte mit kahlem Kopfe und einem grimmigen Löwcngcsichte i» seine Wohnstube. „Himmel! was ist Ihnen begegnet?" schrie Gundchcn und schlug die Hände hoch zusammen. Er antwortete nicht, streckte sich in den Sorgcstuhl und versank in tiefes Nachdenken. Eine Stunde darauf erschien, aus der Kirche kommend, der gesammtc Magistrat, nebst seinem gelehrten Anhänge, dem Stadtschrcibcr Fidibus. Es ward eine lange Cou- fercuz bei verschlossenen Thiircn gehalten. Nach Endigung derselben begab sich der Senat hinweg; aber de» Schreiber zupfte Herr Tobias traulich am Acrmcl, führte ihn in den Kramladen, schob ihm in die rechte Tasche ein Pfund Tabak, und in die linke eine Flasche Branntwein; denn beide Genüsse waren des Herrn Fidibus Himmel auf Erden. Er trieb auch seine Dankbarkeit so weit, daß er seinem Wohlthater die Hand küßte. „O, nicht doch, Männchen!" sagte Tobias, als cs mit dieser Weigerung zu spät war. „Aber ich bitte Dich," — setzte er mit Wangcustrcichcln hinzu — „thu in der bewußten Sache Dein Bestes!" — Herr Fidibus schlug bcthcucrnd an seine Brust und schwänzte mit der angenehmen Bürde fröhlich nach Hause. Nachmittags wollte Kunigunde, um dem mürrischen Oheim aus den Augen zu kommen, in die Kirche gehen und nachher eine Freundin besuchen; allein er belegte sic mit Hausarrest, unter dem scheinbaren Vorwände: cs scp ihm nicht 237 sowohl; cr werde vielleicht ihrer Hülfe bedurft». So erfuhr sie den» nicht, was ihrem Freunde bcvorstaud. Herr Fidibus brachte nämlich eine Macht von dreißig bewaffnete» Spießbürgern auf die Beine, rückte damit gegen Abend vor Dietrichs Wohnung, und nahm ihn nach einer lebhaften Gegenwehr, die dem vorwitzigen Heerführer selbst einen Zahn kostete, gefangen. Gundchen war außer sich, als sic den Geliebten unter dem jauchzenden Zulauf der ganzen Stadt ins Gefängniß schleppen sah. Aber sic bot alle Geisteskraft auf, um ruhig zu scheinen: denn nur unter dieser Maske hielt sic es für möglich, die Hände zu seiner Unterstützung frei zu behalten. Kaum war sic so mit sich einig, als der Oheim in ihr Kämmerchen trat und höhnisch fragte: ob sie ihres Scla- dons Verhaftung gesehen habe. „Den Maler Dietrich sah ich arretire»;" antwortete sie mit einem gleichgültigen Tone. „Was hat cr denn verbrochen?" „Er ist ein Zauberer!" sagte der Oheim: „Er steht mit dem Flicgenfürstcn Satan im Bunde; er hat mein HauS und meine Perücke behert; er hat den Kaiser gelästert. Du kannst ihm immer ein Todtcnhcmd nähen! Sein einziger und letzter Weg, den cr noch auf Erden wandeln wird, geht zum Scheiterhaufen." „Gott ftp seiner Seele gnädig!" seufzte Kunigunde. „Hat er sich wirklich in die schwarze Kunst eingelassen, so Hab' ich kein Mitleiden mit ihm." „Das ist vernünftig gesprochen!" rief Herr Tobias, der nichts weniger als ein Seelcnkenncr war, und von der Liebe — die zum Gelbe ausgenommen — keinen Begriff hatte. -oZ> 238 - vcrlange de» hochedeln Herrn Burgemeister unverzüglich zn sprechen. „Mir ahnt schon, was er bringt!" sagte Tobias zn sich selbst, indem er den Schlafrvck anzog. „Der Arrestant will gutwillig beichten, um gesunde Glieder zn behalten. — Recht gut! So bin ich der verdammten Rede überhoben. — Doch bei dem allem ist's Jammer und Schade, daß die heutige Solennität rückgängig wird; sic hätte im ganzen Lande ei» für uns rühmliches Aufsehen gemacht. - Nun, desto gewisser bleibt uns der Scheiterhaufen !" — Er öffnete jetzt; der Scherge stürzte todtcnblcich ihm zn Füßen und schrie wie ein Wahnsinniger: „Ich bin ein unglücklicher Mann! der ganze hochwcisc Rath ist unglücklich!" - „Ei, warum nicht gar!" sagte Tobias. „Die Sache ist nicht so schlimm; ich bin schon darauf vorbereitet." „Gott scp Dank!" sprach der Frohn, und stand getrost wieder auf. „Ich hatte eine schreckliche Nacht. Non elf bis zwölf Uhr wirthschaftcte der Teufel in der Frohnfestc. Es heulte wie Eulen, es brüllte wie Löwen, cs lief wie auf Hufeisen die Treppe ans und nieder. Wer da? schrie ich herzhaft in den Tumult hinaus. Da erhielt ich von einer unsichtbaren Hand eine Ohrfeige, die sich gewaschen hatte. Ich wühlte mich zitternd und zagend in meine Betten. Das Getöse dauerte fort, und endigte sich erst, da es zwölf schlug, mit einem Gckrach, als stürzte das Haus ein." „Hu! mich schaudert!" sagte Tobias. „Lauft zum Stadtschreiber und laßt den Spuk registrircn, damit der Jngnisit bei der peinlichen Frage darüber vernommen werden kann." „Der Jnquisit? — vernommen?" — fragte der Scherge kleinlaut. „Ich denke, der Herr Burgemeister wissen es schon, daß er verschwunden ist." - „Kerl, Ihr ftpd toll!" brüllte Tobias, und packte ihn an der Brust. „Ja, er ist fort!" sagte der Frohn. „Das wird nun einmal nicht anders, wenn mich auch Ew. Hochedeln zerreißen und verschlingen. Ich ging diesen Morgen in sein dreifach verschlossenes Gefängniß, um ihn zur Tortur zu wecken; aber das Nest war leer, und auf der Bank lag dieser Zettel." Hastig griff der Burgemeister nach dem beschriebenen Blättchen und las: „Lebt wobt, .Herr Cvnsul! Ich reise von hier. Verzeiht, das; ich deß mich erkühne. 2ch bin ein BiSchen klüger «U6 Ihr; Das ist der Teufet, dem ich diene!" „Impertinent!" brummte Tobias. Das Blut kochte in seinen Avcrn. „Margarethe!" rief er zur Thür hinaus: „Sagt Kunigunden, sie soll mir die Schachtel mit nieder- schlagendem Pulver schicken." — De» Häscher fuhr er an: „Schert Euch zum Stadtschrcibcr!" — Dann warf er sich auf einen Stuhl, las die Abschicdskarte nochmals durch und zerriß sic. „Ach, daß sich Gott erbarme!" heulte setzt Margarethe herein. „Um Gottcswillen, Herr Burgemeister, erschrecken Sie nicht! Jungfer Kunigunde ist über alle Berge! Das Bett steht da, wie ich es gestern gemacht habe, und der Klcidcrschrank ist offen und leer." — Tobias starrte sie an: die Lippen wurden ihm blau; er fiel in Ohnmacht. Margarethe kreischte zum Fenster hinaus um Hülfe. Es fehlte nicht an Beistand; denn das ganze Städtchen war schon in Bewegung, um den Jnqui- sitcn zur Martcrkammcr führen zu sehen. Man schrie dem LnngbKtt's sämnill. Schr. VI. Dd. Ist I' 242 Ohnmächtigcn in die Ohren, besprengte ihn mit Wasser, kitzelte seine Nase mit Federn, »nd er schlug zur höchsten Freude aller Anwesende» die Augen wieder aus Er winkte seinen Acrztcn, sich zu entfernen. Sic gehorchten mit Seufzen ; doch er behielt keine» Augenblick Ruhe. Herr Fidibus stürmte herein und gcbcrdctc sich wie ein Besessener über die Entweichung seiner Auscrwähltcn. „Auch meine treffliche Rede," fuhr er kläglich fort, „geht in die Pilze! Ich wollte sie in der Land trompete, dem beliebten Wochcn- blattc, abdrucken lassen, und wir hätten Ehre damit eingelegt : aber nun wird die Trompete unsre Schande verkündigen." — „Wer kan» helfen?" seufzte der Burgcmcister. „Was können wir thun?" „Den Flüchtlinge» reitende Boten nachscndcn;" versetzte der Stadtschreibcr. „Das müßten solche scpn, die in der Walpurgisnacht ans Ofcngabcl» reiten;" spöttelte Jener. „Denn wer sonst könnte Gesindel cinholcn, das wahrscheinlich der Geier durch die Lüfte fvrtgcführt hat?" — Herr Fidibus behauptete rcchtsgclchrt: es müßten wenigstens Haftbricfc erlasse» werden. Diese bewilligte Tobias gegen den Maler, verbot aber klug genug, Kunigundens darin zu erwähnen, damit die Familie Nußknacker nicht öffentlich um Ehre und Reputation komme. Die Haftbricse fruchteten nichts. Man hörte sechs Monate laug von beiden Entflohene» kein Wort. Endlich brachte die Post einen Brief an Herrn Tobias Nußknacker, regierenden Burgcmeistcr zu Zicgenbcrg. Der Umschlag war mit den Ortsnamen: Basel, Mainz und mchrcrn andern bezeichnet, die dem Postmeister insgcsammt böhmische Dörfer waren. Neugierig ließ er sich von dem -°-D 243 So- Pfarrcr ein Post- und Zcitungs-Lericon ansbittcn, und versteinerte ganz, als sich beim Nachschlageu fand, daß Basel eine Stadt in der Schweiz und von Zicgenbcrg über hundert Meilen entlegen ftp. Ein Brief aus einer solchen ungeheuren Ferne war ihm während seiner zwanzigjährigen Amtsführung nicht unter die Hände gekommen. Er vertrante ihn daher seinem Dienstmädchen, der gewöhnlichen Briefträgerin, nicht an, sondern bestellte ihn persönlich an die Behörde. Herr Tobias machte große Augen und entfärbte sich, als er nach Erbrechung des Siegels Dietrichs Namen erblickte. „Ich habe die Ehre," — schrieb Dietrich — „Ew. Wohledlen zu melden, daß ich mich mit Kunigunden, meiner mir angetranten Gattin, in der Schweiz befinde. Wir leben überaus glücklich im Schooße der Freiheit und Natur. Einem Künstler steht dre ganze Welt offen; aber ein Krämer Ihres Schlages kann sich, ohne zu verhungern, von seiner Häringstonnc nicht trennen. Es ist das lustigste Abenteuer meines Lebens, daß ich von Ihnen für einen Hcrcnmcistcr gehalten und mit Folter und Scheiterhaufen bedroht ward. Sie würden sich Ihrer Einfalt schämen, wenn ich Ihnen meine natürlichen, fast kindischen Zaubereien erklärte; ich enthalte mich aber dessen, um einige Personen, die ich als Gehülfcn brauchte, Ihrer Rache nicht bloßznstellen." (Da diese Gefahr vorbei ist, so wollen wir die unbedeutenden Geheimnisse dem Leser entdecken. Des Bnrge- meisters Perücke hatte der bestochene Haarkräusler mit Jung- fcrnhonig bestrichen und mit Zuckcrstanb gepudert. Die Fliegen, die im verschlossenen und versiegelten Hanse schwärmten, wurden von Gassenbuben eingcfangcn, und Kunigunde ließ sich durch die Ucberrednngsknnst der Liebe bewegen, - Ä E- >> -->D 244 S» dic damit gefüllten Flaschen heimlich in Empfang zu nehmen und im Hause zu öffnen. Der Gespenstcrlärm in der Frohnfcste war endlich weiter nichts als eine Erdichtung des Kerkermeisters, der den Gefangenen gegen ein Lösegeld von zehn Ducatcn in Freiheit gesetzt hatte.) „Ich bitte Sie übrigens" — fuhr Dietrich in seinem Briefe fort — „wegen jener Pofscnstreiche nicht um Verzeihung. Sie reizten mich selbst dazu, indem Sic sich anmaßten, mir eine freie, unverbietlichc Handlung verbieten zu wollen. Nehmen Sie eine Lehre von mir an! Es ist zwischen Himmel und Erde nichts abgeschmackter als Hoffart und Uebermuth, und das lächerlichste Wesen unter der Sonne ist ein kleiner, machtloser und dennoch aufgeblasener Hcrrschcrling." — Mit diesen goldenen Worten, die sich jeder übcrmüthige Mensch hinter's Ohr schreiben mag, endigte sich der Brief und unsere Geschichte. III. Der Pfeil. Legende. Nittcr Ols, der eine Burg mit trefflichen Ländereien nn dem Strande der Weser besaß, war von Jugend auf und immerdar ein finsterer, schclsüchtigcr Mensch. Es ärgerte ihn, daß er der Sonne nicht verbieten konnte, auf fremde Fluren zu scheinen. Er gönnte sich selbst weder einem Freunde noch einem Weibe. Ungesellig und »nver- mähU lebte er bis in sein fünfzigstes Jahr. Das einzige, was er gern verschenkt hätte, waren die Gebrechen des Alters, die sich allmählig bei ihm einstell- kcn. Jetzt wünschte er sich eine Hausfrau, die sein pflege und warte, und ihm zugleich eine schöne Mitgift zubringc. Er suchte nach einer reichen Braut weit umher; doch eben so weit, als er warb, war der Ruf seiner rauhen Gcmüthsart erschollen, und in allen Ritterburgen, wo begüterte Jungfrauen wohnten, lehnte man seinen Antrag glimpflich ab. Er richtete nun sein Augenmerk ans ein armes, ältcruloses Fräulein, das bei Verwandten das Gnadenbrot» aß. Adelgunde war erst siebzehn Jahre alt 246 <§-»- und an Schönheit und Herzensgute ein Stern ihres Geschlechts. Ihr ahnte, daß sic als Olfs Gattin nicht glücklich seyn würde; doch, von ihrer Sippschaft überredet und gezwungen, ergab sic sich dem lieblosen Manne, und fügte sich mit solcher Geduld und Geschicklichkeit in seine Launen, daß er mit ihr vollkommen zufrieden war. Desto unzufriedener war ein nahes Kloster, dessen Abt und Mönche bis zur Vermählung des Ritters der Hoffnung lebten, ihn zu beerben. In dieser Absicht hatten sic sich bei ihm cingcnistet, und ängsteten ihn mit furchtbaren, sinnlichen Schilderungen der Hölle. Sie stellten ihm die Gestalten der Teufel und die Qualen der Verdammten so genau und lebendig dar, als wäre» sie selbst durch diese Schule gegangen. Olf, der alles glaubte, was ihm die geistlichen Schreckcnsmanncr sagten, ersuchte sic dringend, fleißig für ihn zu beten, damit er dereinst i» den Hinnncl gelange. Sie erklärten aber frcimüthig: das werde schwer halten, denn er habe sich noch keine Verdienste um die Kirche erworben, und das scp einzig und allein der rechte Schlüssel des Paradieses. Doch lasse sich — setzten sic tröstlich hinzu — das Versäumte noch nachholcn. Er dürfe nur sein zeitliches Vermögen, das er doch nicht mit ins Grab nehmen könne, ihrem armen Kloster vermachen, und der heilige Petrus werde ihn daun mit der größten Bereitwilligkeit in die Wohnung der Selige» cinführcu. Das klang dem Ritter gar lieblich, und er schien nicht abgeneigt, mit seiner irdischen Habe den himmlischen Freibrief zu lösen. Wenn aber die Erbschleicher darüber Schwarz auf Weiß verlangten, so erhielten sie immer die kahle Antwort i kommt Zeit, kommt Rath! Nach seiner Vermählung war vollends nichts mit ihm anznfangcn. Er fürchtete sich jetzt, da er immer einen gu- 247 ten Engel um sich sah, weniger vor dem Teufel, und die Mönche verloren allen Einfluß bei ihm. Sie waren aber nicht gemeint, sich den Stuhl vor die Thur setzen zu lasse»: sic wollten vielmehr das Widcrspiel thun und Adelgunden verdrängen. Das unternahmen sic auf eine ganz besondere Weise. Der Abt besaß eine geheime Sammlung schlüpfriger Gemälde , woran er sich bisweilen bei verschlossener Thür in Ruhestunde» ergötzte. Einsmals bemerkte er, daß ein schönes, üppig gekleidetes Mädchen, welches sich auf dem einen Bilde in einem höchst unanständigen Selbander mit einem Liebhaber befand, mit Adelgunden die sprechendste Achnlichkcit hatte. Diesen zufälligen Umstand benutzte der heilige Mann. Er ging des nächsten Morgens zu dem abtrünnigen Olf und sagte: „Herr Ritter, ich habe Euch eine sehr unangenehme Sache zu melden. Ich ward in der vorigen Nacht durch den Ruf meines Namens aus dem Schlafe geweckt, und als ich darüber aufschrack, siche, da stand vor meinem Lager ein glänzender Bote des Himmels. Frommer Dionpsius, sprach er, begib dich morgen in der Frühe zum Ritter Olf, und th» ihm kund, daß ihn sein treuloses Weib hintcrgcht und mit einem jungen Gesellen vcrbotncr Liebe pflegt. Das Auge des Himmels, das die sorgfältigsten Hüllen der Geheimnisse durchdringt, sah ihre Frevclthat, und ein Wink der Allmacht schuf dieses Blatt, das du dem Ritter als Urkunde der Wahrheit vorzcigcn sollst. — So sprach der Engel und verschwand. Ich glaubte geträumt zu haben; aber mit Entsetzen fand ich am Morgen diese unzüchtige Schilderei auf meiner Decke, und überlasse nun Euch, wie Ihr die himmlische Botschaft, die ich mit betrübtem Herzen überbringe, zu Eurem Besten gebrauchen wollt." — -o-D 248 E» Olf starrte bald den Vcrläumdcr, bald das Bild an, und fand selbst, daß die gemalte Buhlerin der schuldlosen Adelgunde sehr ähnlich sah. Er gcricth in Wuth, mißhandelte sic grausam, hielt sic acht Tage lang bei Wasser und Brod i» einem Thurmc gefangen, und stieß sie endlich, weil Dionysius täglich Ocl ins Feuer goß, aus dem Hanse. Sic floh, gesegneten Leibes, zu ihren Verwandten; aber diese nahmen sic nicht auf, sondern versagten den Bc- theucrungcn ihrer Unschuld Gehör uud Glauben, um ihrer weitern Ernährung übcrhobcn zu seyn. Verlassen irrte sie umher, bis ihr ein mitleidiger Bauer, ein Unterthan ihres tyrannischen Gemahls, ein Obdach in seiner Hütte gab, wo sie bald darauf eines Knäbleins gcnaß. Lustig zogen nun die Mönche wieder beim Ritter ein und setzten die abgebrochenen Erbschaftsuntcrhandlungen fort. Er war und blieb aber der alte Starrkopf, der seine Worte auf Schrauben stellte, und sich auf keine Weise zu schriftlicher Errichtung eines letzten Willens bewegen ließ. Nach einiger Zeit ward er gefährlich krank. Er fühlte, daß der Tod im Anzuge war. Die Klostcrherrn spannten alle Segel auf, um in den Hafen der Erbschaft cinzulau- scn; aber sic scheiterten auch jetzt an der Klippe des neidischen Sinnes, der ihnen so wenig als andern Menschen etwas gönnte. „Ich bin entschlossen, die Verfügung über mein zeitliches Vermögen dem Himmel anheim zu stellen;" sagte der Kranke, als ihn seine zunehmende Schwachheit aller Le- benshoffnung beraubte. „Ich will einen SchcnkungSbricf, an einen Pfeil gebunden, in die Lust schießen, und zu wem ihn die unsichtbaren Hände der Vorsehung leiten, der scy mein Erbe!" — Dieser abenteuerliche Einfall erweckte großen Verdruß 249 O-o- im Kloster. Doch des Ritters Erklärung war entscheidend; er verbot mit Heftigkeit allen Widerspruch, und so mußte man sich lediglich ans den lieben Gott verkästen, daß er den köstlichen Pfeil zu seinen Dienern lenken werde. Darum flehten sic mit brünstigen Gebeten; doch stützten sie sich darauf nicht allein, sondern eingedenk des alte» Sprichworts: „Hilf dir selbst, so wird dir Gott helfen!" sandten sie an dem Tage, da der Pfeilschnß geschehen sollte, zwei listige und bei dem Ritter wohlgclittcnc Ordensbrüder zu ihm, mit dem Anstrage, ihn während der wichtigen Handlung zu umgebe» und de» schwachen, zitternden Mann unbemerkt in eine solche Stellung zu bringen, daß der Pfeil seinen Weg nach der Gegend des Klosters nehmen müsse. Der Ritter ließ seinen Bogen spannen und sich auf den Söller des Schlosses tragen, um von dort aus den Erbschuß zu thu». Die als Stimmhämmcr abgeordnctcn Mönche drängten sich schmeichelnd an ihn, und cs gelang ihrer Schlauheit, ihn so zu wenden und zu richten, daß der ab- geschosscnc, mit dem Schenkuugsbrief umwundene Pfeil schnurstracks dem Kloster zuflog. Der Abt und seine Jünger standen, in die Lust blickend, vor der Pforte. Sic sahen den Pfeil kommen, jubelten kaut und tanzten ihm entgegen. Er senkte sich gemach zu ihnen herab; Dionpsins streckte die Hand aus, um ihn auf- zufangcn; aber plötzlich, wie von einem Sturm ergriffen, hob er sich wieder, flog sausend bei dem Kloster vorbei, und sank Adelgunden, die mit ihrem Söhnlein vor der Bauerhüttc saß, leicht und sanft, wie ein Roscnblatt in den Schooß. Und in diesem Augenblicke verschied der Ritter auf derselben Stelle, wo er den Schuß gethan hatte. Adelgunde und ihr Kind beerbten ih n, und wer die Ge- 280 schichte vernahm, der freute sich, daß Gott so gerichtet und die heimtückischen Anschläge der Klosterbrüder zu Schanden gemacht hatte. In dem nun ganz verfallenen Schlosse, das Olf bewohnte, ward noch zu Anfänge des vorigen Jahrhunderts ein Wandgemälde gezeigt, das jene Begebenheit darstclltc. Man sah den Ritter, in Betten gehüllt und mit dem Bogen in der Hand, ans dem Söller; der Pfeil ruhte gleichsam in der Luft über den Häuptern der Mönche; aber ein vom Himmel nicdcrschwcbendcr Engel ergriff ihn, um seinen Flug, wie es Gottes Gerechtigkeit erheischte, zu der Verstoßenen zu lenken, die man, mit ihrem Kindlcin i» den Armen, in einiger Entfernung erblickte. -«r-§> 231 O-o- IV. Liebe und Frauenhap. Eduard, ein junger Mau» in Berlin, betrachtete die Flnth der Unfälle, die sich im Herbst des Jahres 1806 über Stadt und Land ergoß, als ganz unbedeutend gegen sein eigenes schreckliches Unglück, daß eben damals seine Geliebte von ihrem grämlichen Vormunde unter Schloß und Riegel gehalten wurde. Er ging täglich einige Stunden lang vor dem Staatsgefängnifsc der schönen Julie vorüber, und hoffte von Augenblick zu Augenblick, sic wenigstens an einem Fenster zu sehen; aber die fcstzugczoge- ncn Vorhänge bewegten sich so wenig, als Mauern. Das ärgerte ihn unaussprechlich; doch war niemand daran Schuld, als er selbst. Herr Elias Wipper, der Vormund, hatte seine Mündel blos darum mit Beistand des gerichtlichen Armes der nachsichtigen Obhut einer Base entnommen und im tiefsten Hintcrzimmcr seines Hauses cingekcrkcrt, damit aller Verkehr zwischen Eduard und dem Mädchen auf immer abgebrochen und zerstört werde. Bei diesem strengen Verfahren hätte man glauben sollen, es müßte gegen den Liebhaber viel einzuwcnden scpn: doch das war nicht der Fall. Der alte Neidhart wußte dem -<^D 232 wackcrn Jungen nichts Böses nachzusagcn und kannte ihn nicht einmal von Person. Er wollte durch seine harten Maßregeln nichts anders bewirken, als daß sich die junge, blühende Gefangene entschließen sollte, mit ihm, einem gichtbrüchigcn Greise, vor den Altar zu treten und ihn dadurch der Ansantworinug ihres beträchtlichen Vermögens, in welches er brünstig verliebt war, zu überhcbcn. Von dieser selbstischen Absicht stand freilich im Protokolle des VormundschaftSamtcs kein Wort. Da war nic- dcrgcschriebcn: Herr Elias Wipper finde seine Mündel den größten Gefahren für ihre Tugend ausgefttzt, so lange sic sich in dem Hause einer hochbctagtcn Matrone aufhaltc, die, mit Schwachheiten und Gebrechen beladen, zur Ehrcn- hütcrin eines siebzehnjährigen lebhaften Mädchens wenig geschickt ftp. Er trage dcßhalb, von seinem Gewissen gedrungen, darauf an: daß Julie gerichtlich bedeutet werde, künftig im Hanse ihres Vormunds still und ehrbar zn wohnen und allem Umgänge mit der Außenwelt zn entsagen. Auf dieses Gesuch, das sehr billig und lobcnswcrth schien, erfolgte der erwünschte Bescheid, und der schlaue Meißner, der seinen Eigennutz so künstlich mit dem glänzenden Mantel des Pflicht- und Tngendcifcrs verdeckte, ward noch Lbcrdicß, als ein braver, gewissenhafter Mann, von tausend Zungen gepriesen. Nur die getrennten Liebenden, die sich im Hause der Base täglich ungehindert gesehen und gesprochen hatte», durchschaute» und verwünschten ihn. Aber Julie mußte der gerichtlichen Anordnung gehorchen, und Eduard konnte nicht als ihr Verlobter öffentlich auf- trcten und sic in Schutz nehmen: denn, ohne Amt und Einkünfte, lebte er von den Wohlthaten eines begüterten Oheims, den er einst, wenn er sich klug aufführte, beerben sollte. 253 Es war aber, »ach Oheim Rohrdommels Meinung, ein höchst unkluges Beginnen, wenn man sich verliebte. Er, ei» erklärter Weiberfeind, behauptete: ein Mann, der glücklich leben wolle, müsse nicht hcirathcn, wenigstens nicht vor dem sechzigsten Jahre, damit ihn der Tod bald wieder ans den Foltcrbanden der Ehe befreie. Diesen Grundsatz predigte er seinem Neffen fast täglich, und der junge Mensch mußte, wenn er einen gnädigen und freigebigen Oheim behalten wollte, die Miene annchmcn, als scp er mit ihm über diesen Punkt völlig einverstanden. Herr Rohrdommel war ein kleines, eingedorrtes, aber überaus hitziges Männlein, das von Leuten, die einigen Genuß von ihm hatten, durchaus keinen Widerspruch litt. Wagten solche Vasallen seines Reichthnms gegen ihn den bescheidensten Einwand, so strampelte er, wie besessen, mit Händen und Füßen, kollerte wie ein Truthahn, und sprang wohl gar, gleich einer wilden Katze, dem Gegner nach dem Gesichte. Ucbrigcns war er bieder und gut, liebte seinen Neffen ungemein, und wäre für ihn durch ein Feuer gelaufen. Nur in der gegenwärtigen Licbcssache ließ sich von ihm weder Rath noch Beistand erwarten. Sic mußte im Gegcntheil sorgfältig vor ihm verheimlichet werden, weil er sonst wahrscheinlich mit dem Vormunde, den er seit langer Zeit kannte, ein gefährliches Schutz- und Truß- bündniß errichtet hätte. So stand Eduard ganz verlasse», und cs war ihm sogar alle Gelegenheit zu einem Briefwechsel mit Julien abgcschnittcn. Des Vormunds Haus, das er allein bewohnte, glich einer unüberwindlichen Festung. Es vergingen oft mehrere Tage, ohne daß die dreifach verschlossene und verriegelte Thür ein einziges Mal um ihre Angeln bewegt wurde. Klingelte jemand, so steckte ein alter, Lei 4 verdrießlicher Aschenbrödel, der einem Drachen ähnlicher sah, als einem Menschen, seine Nase durch eine zollbreite Ocffnnng, und begann mit dem, der cinwandcrn wollte, ein haarscharfes Verhör. Bestand der Fremdling nicht, wie er sollte, so ward er mit Schimpf abgcwicscn. In der Regel waren nur vorthcilhaftc Geldgeschäfte ein gültiger Paß, der Einlaß verschaffte. Einsmals machte Eduard einen Versuch, ob ei» Brief an Julien Eingang finden würde. Er schrieb, unter dem Namen einer ihrer Freundinnen, ein paar gleichgültige Zeilen und übergab sic einem Knaben zur Bestellung. Der Junge kam unverrichteter Sache zurück »nd klagte mit weinende» Augen : das Briefchen scy nicht angenommen worden, man habe ihm aber dennoch zum Botenlohn eine gewichtige Ohrfeige verabreicht. Bei allen diesen ungünstigen Umständen mußte sich Eduard den Zügel der Geduld anlegen und sich auf die fruchtlosen Wanderungen in der Gegend der vormundschaftlichen Bastillc beschränken. Eines Tages war er eben dort auf den Beinen, als ein französisches Infanterie - Regiment in die Stadt cinrücktc. Die rauschende Fcldmnsik, die tausend Andern, denen sic unwillkommenen Besuch in ihren Wohnungen ankündigtc, höchst widrig klang, machte auf ihn, der keinen eigenen Herd hatte, »nd daher vor nncrfrenlichcn Tischgcnossen gesichert war, einen angenehmen Eindruck. Er folgte der Hccrschaar zum Wilhclmsplapc, wo die dort anfgestelltcn fünf Standbilder altprcnßischer Helden mit Unmnth anzn- schen schienen, daß ei» fremdes, bewaffnetes Kriegsvolk in der Hauptstadt des von ihnen ruhmvoll verthcidigtcn Landes erschien und mit Qnarticrzctteln versorgt wurde. Jauchzende Gassenbuben erboten sich zu Wegweisern, trabten lustig, mit den ausgcthciltcn Panisbricflein i„ der Hand, dahin und dorthin vor cinzclnc» Soldaten her, und glaubten damit ei» so verdienstliches Werk zn thun, daß sic dafür von den Hausvätern, denen sic die Gäste zuführtcu, ein Geschenk verlangten und sich laut über Undank beklagten , wenn sic mit schnöden Worten oder gar noch schlimmer belohnt wurden. Schon hatte sich beinahe das ganze Regiment zerstreut und eilte nach seinen Quartieren. Nur wenige der Waf- fcnmänner entbehrten noch eines Führers »nd sahen sich darnach um. Einer derselben ging auf Eduarden zu, überreichte ihm sein Qnarticrbillet und bat um Auskunft, wohin er seinen Weg zn richte» habe. Eduard nahm das Blättchen in die Hand und las mit sonderbarer Uebcrra- schung: „Herr Elias Wipper, Fri cd r ichs str aß c Nro.Einen Mann." Zufällig war also der Soldat vor die rechte Schmiede gekommen. Ihm konnte das in Frage stehende Haus Niemand zuverlässiger anzci- gen, als der, an den er sich dcßhalb gewandt hatte. Gedankenvoll, und noch immer das anziehende Blättchen beschauend und lesend, schritt Eduard quer über den Hcl- dcnplatz nach der Mohrcnstraßc zu, um dc» Franzosen auf dem nächste» Wege nach Wippers Hause zu leiten. Aber kaum war er bei dem steinernen General Ziethen vorbei, als er, von einem abenteuerlichen Einfall ergriffen, rasch umkehrte. „Wir kommen ans jener Seite näher," sprach er zu seinem Begleiter und entfernte ihn im Gcgentheil von seinem Quartiere, indem er ihn die Wilhelmsstraße hinauf, unter den Linden entlang, am Lustgarten vorbei, über den Schloßplatz hinweg, bis in die Mitte der Königs- straßc führte. Der Franzose, der von einem langen Marsch ermüdet und hungrig und durstig war, fragte jetzt mit ei- -oD 2ü6 nigcr Ungeduld, ob sein Quartier noch weit entlegen sep. „Wir haben noch kaum den halben Weg zurückgclegt, mein Freund!" antwortete sei» Irrwisch. „Aber lassen Sic uns hier eine Station machen und ei» Glas Wein zusammen trinken." Ein solches Anerbieten schlägt kein Franzmann ans. Sie gingen also mit einander in die nächste Weinstube. Hier ließ Eduard seinem Gast eine Flasche gute» Franz- Wein austragen, und als diese getrunken war, eine zweite folgen. Der Soldat dachte bei diesem Zeitvertreibe nicht weiter an sein Quartier; aber Ednard desto mehr. Er stand auf, bezahlte in der Nebenstube die Zeche, schlich mit dem Qnartierbillct, das er an sich behalten hatte, aus dem Hanse und überließ den Soldaten, der indessen bei seinem flüssigen Landsmanne ruhig sitzen blieb, dem verdrießlichen Schicksale, am Ende nicht zu wissen, wohin er sein Haupt legen sollte. Ednard kaufte im nächsten Bandladen eine dreifarbige Cocardc und flog dann zu seinem vertrautesten Freunde. „William, bester William!" rief er, „schasst mir sogleich einen alten dreieckigen Hut, einen graue» Mantel, einen Tornister, einen Säbel und eine Muskete!" William, ein ernster, bedachter Nechtsgclchrter, sah ihn mit großen Augen an, und es ward ihm bei diesen seltsamen Forderungen etwas unheimlich zu Muthc. „Du hältst mich für wahnsinnigsagte Ednard: „ich bin aber eben heute recht klug. Sich einmal dicß Quar- ticrbillet! Ich Hab' cs einem französischen Soldaten abge- listct, und mit Hülfe dieses mächtigen Talismans will ich in Wippers feste Burg cindringe» und, ihm zum Trotz, Julien sehn." William bestritt dieses Wagestück als gefährlich; aber -»D 287 S-o- sein Freund war gegen alle Einwendungen taub und drang auf kriegerische Ausrüstung. Es mußte Rath geschafft werden. Ein alter Sarraß und eine Flinte waren im Hause vorhanden. Den Hut, den Mantel und den Ranzen kaufte Williams verschwiegener Bedienter in einer Trödelbude, deren Inhaber ihn nicht kannte. Alle drei Stücke hatten zu ihrem Zweck ein treffliches Ansehen. Besonders war der Hut ein so plattes und brandgelbes Wesen, und griff, wenn man ihn auf den Kopf setzte, so keck nach den Schultern hinab, daß man darauf geschworen hatte, er müsse viele Jahre lang in einem französischen Linienrcgimente gedient haben. Als sich Eduard damit bedeckt, den kurzen Mantel mit Acrmeln augczogcn und sich überhaupt in marschfertigen Stand gesetzt hatte, erhob William, so still und ernsthaft er sonst war, ein ausgelassenes Gelächter und Händeklatschen, und sagte: „Wahrlich, du siehst aus, als hättest du schon in dreißig Schlachten gesuchten!" So kam die Abenddämmerung heran: der Zeitpunkt, den Eduard erwartet hatte. Er machte sich nun auf den Weg in sein romantisches Quartier, nachdem er zuvor seinen Freund beschworen hatte, ihn nicht zu vcrratheu. Schon sah er Wippers Haus von Weitem, als er noch einen Knabe», der ihm begegnete, zum Wegweiser aufrief, um sich durch diese Gclcitschast vollends ganz das Ansehen eines wildfremden Menschen zu geben. „Aber Monsieur schenken mir doch etwas?" sagte der Knabe. „Das ist des Wirths Schuldigkeit!" antwortete Eduard, der sich gleich an der Thür einen lustigen Auftritt zuberei- tcn wollte. „Ach, lieber Monsieur, die Wirthe geben nichts?" versetzte der Kleine. LMigbcm'S sämmtl. Sehr. VI. Bd. 17 288 S-o- „Mordio! sie geben nichts?" fuhr Eduard auf. „Jst's etwa den deutschen Philistern keine Ehre, eine» französischen Soldaten zu beherbergen? — Fordre du herzhaft ein Trinkgeld! Es muß dir werden." Es versteht sich, daß er diese Worte nicht, wie ein gc- borner Deutscher, leicht und glatt hinsprach, sondern schwerfällig und gebrochen, wie sich Ausländer gewöhnlich vernehmen lassen. So kamen sie ans Haus. Der Knabe zog die Klingel. Es währte eine geraume Zeit, che sie ein paar Pantoffeln die Treppe herab Marsen hörten. Eduard erschütterte jetzt, wie ein ungeduldiger Bramarbas, mit seinem Mus- kedonuer die Hausthür- „Ho! ho!" rief inwendig die alte Köchin Rcbccka. „Ist das wüthende Heer draußen?" Murrend schob sie drei Riegel zurück, schloß auf, öffnete jedoch die Thür nur so weit, daß sie ihr Lämpchen auf Kundschaft hinaus schicken konnte. „Einquartierung!" sagte der Knabe, und Eduard stieß die ungastliche Thür angelweit auf. „Herr meines Lebens!" seufzte Ncbecka. „Hat denn das Elend nimmer ein Ende?" „Ein Trinkgcldchcn, wcrthe Madame!" flüsterte bittlich der Wegweiser. „Da hast du eins!" schnob sic und schlug grimmig nach ihm. Aber der behende Bursch, der sich schon auf solche Münze gefaßt hielt, zog seinen Kopf unberührt zurück. „Sehen Sie, Monsieur!" sprach er kläglich. Eduard reichte ihm ein Stück Geld. Er sprang vergnügt damit fort. Mit finsterem Gesicht und zornigem Gerassel brachte Rcbccka die Schlösser und Niegel wieder in Ordnung und ---D 259 ^ schlappte murrend die Treppe hinauf. Eduard folgte ihr »nt unruhigem Herzklopfen. Sie ging nach der herrschaftlichen Wohnstube, trat hinein, ohne mit ihm über den Vortritt zu complimentircn und sagte: „Schöne Wirthschast! Da fuhrt »ns der Teufel noch in stockfinsterer Nacht Ein- guarticrung auf de» Hals!" -- Herr Wipper, der im Schlafrock und mit einem Lichtschirm über den Augen an seinem Schreibtische saß, erhob sich wild und griff mit unhöflicher Hastigkeit nach dem Quarticrbillct, das ihm Eduard darrcichtc. Und indem fich dieser zugleich in französischer Sprache entschuldigte, daß er noch so spät die Nahe des Hauses störe, trat Julie, mit einem Lichte in der Hand, durch eine Ncbcnthiir herein und erschrack über die bekannte Stimme, die unter dem fremden, häßlichen Hute hcrvortöntc, so heftig, daß sie einen Schrei ausstieß und zurückfuhr. „Liebchen, entsetze dich nicht!" sagte Herr Wipper. „Wir müssen diese Landplage mit christlicher Geduld ertragen." Eduard zog den entstellenden Filz ab und verbeugte sich gegen Julien. Sic kannte ihn. Ihr Gesicht erglühte. Er aber, um des Vormunds Aufmerksamkeit von ihr ab- zulenkeu, wandte sich schnell wieder zu Jenem und ängstigte ihn mit einem Schwall sranzösischer Worte. „Schon gut!" rief Elias mit abwehrcnder Hand. „Ich verstehe Seinen Wischwasch nicht." „Ich aber verstehe Ihre Sprache!" versetzte Eduard deutsch. „So?" sagte der Vormund, etwas unangenehm überrascht. „Das ist auch kein Wunder;" fuhr Jener fort. „Wir gehen ja lange genug in Deutschland ein und aus." „Ihr bezahlt aber Eure Sprachmcister übel!" sagte Wip- -<>D 260 per. „Doch wozu das hohle Geschwätz? — Rcbecka, bringe Sic den Menschen in sein Behältniß!" Julie hatte Muhe, sich in gleichgültiger Fassung zu erhalten. Eduards Vcrwandclung in einen gemeinen französischen Soldaten war ihr ein banges Räthsel. Uni sie so viel als möglich zu beruhigen, ließ er, indem sich der Vormund jetzt wieder an seinen Schreibtisch setzte, einen heitern Trostblick zu ihr hinglciten und folgte dann der vor ihm her wandelnde» tzanipc, die ihn i» ein wüstes und unsauberes Kämmerlein führte. Doch er nahm das Nest ohne Widerspruch in Besitz. „Begehrt man heute noch etwas?" brummte die Alte verächtlich. „Nichts, als Wasser und Tinte!" sagte Eduard. Herr Wipper, der indessen befürchtet hatte, daß Küche und Keller stark in Anspruch genommen werden würden, war scelcnfroh, als ihm die Köchin diese Antwort llbcr- brachte. „Das muß ein Gelehrter sepn!" rief er ans. „Nun, wenn er morgen ohne Frühstück wieder fortgeht, so kommen wir dießmal mit einem blauen Auge davon." Eduard hatte seinen Tornister mit Speisen und Wein gefüllt und konnte daher auf hauswirthliche Beköstigung leicht Verzicht thun. Rcbecka versah ihn hurtig mit Wasser und Tinte, damit er sich nicht etwa bei längerem Verzug anders besinnen sollte. Er hingegen erfreute sie jetzt noch sogar durch die Erklärung, daß er keines Frühstücks bedürfe. Diese Höflichkeit erwiedertc sic mit dem freundlichsten Auwunsch einer guten Nacht. Er setzte nun für Julien die Geschickte seines Svldatcu- spiels auf und schloß mit der Betheuerung: er werde diese Maske nicht eher ablegcn und aus dem Hause weichen, bis er die Genehmigung ihrer Heirath von dem Oheim -°-D 261 262 und hätte ihn bei einem Haare, ohne ihn zn kennen, über den Haufen geritten. Neben ihm jagte ein Polizeidiener, den er aufgcfordcrt hatte, ihm seinen verlorenen Neffen suchen zu helfen. Sie waren im Begriff, den Thicrgar- zu durchstreifen und in Charlottcnbnrg Haussuchung zn halten, weil sich Eduard bisweilen an diesen Orten vergnügte. In einer andern Straße stand der Soldat, de» er Tages vorher auf Irrwegen geführt hatte, im Kreise einiger Kameraden und sprach sehr lebhaft mit ihnen. Eduard verhüllte sich das halbe Gesicht mit dem Taschcntuchc, als hätte er Zahnschmerzen, und trat dann keck zu der kleinen Gesellschaft, die ihn für einen achten KricgSmann hielt und sich seine» vertrauten Zutritt unbedenklich gefallen ließ. Sein Weingeist hatte eben erzählt, wie er ums Quarticrbillct gekommen war, und schilderte nun das ihm daraus entstandene Ungemach. „Ich saß bis Abends um zehn Uhr im Wcinhause," sprach er, „und wartete wie ein Narr auf den Narren, der mich dort im Stiche gelassen hatte. Wo sollt' ich nun mein Quartier suchen? Ich hatte den verdammten Zettel nicht angcsch», wußte weder Straße, noch Haus, noch Wirth, und irrte so die halbe Nacht in der Stadt umher. Niemand nahm miesem; niemand gab mir einen Bissen Brod. Endlich ward ich von der Runde anfgcgriffen. Ich mußte bis an den Morgen in der Hauptwachc bleiben und komme jetzt aus dem Einqnartierungs-Bureau, wo ich nach vielen Weitschweifigkeiten und Verweisen ein neues Billet erhielt. Man warnte mich derb, es besser in Acht zn nehmen: und wahrlich! nicht der Kaiser soll mir's eher anrühren, bis ich Dach und Fach habe!" Der horchende Unglücksvogcl griff in seine Tasche, gab 263 Kodein armen Schlucker cincu hurten Thaler, und murmelte aus dem Tuche hervor: „Kamerad, ich fand dieß Geld vorhin auf der Gasse; nimm es hin und ertränke deinen Verdruß in Wein!" Das gesagt, entfernte er sich schnell. Die Franzosen sahen ihm, wie einer Wundcrerschcinung, mit sprachlosem Erstaune» nach. Er eilte zu William. „Du hast mir eine sehr unruhige Nacht zugezogc»;" sagte Dieser. „Gegen zwölf Uhr, als ich eben zu Bett gehen wollte, stürmte die Hausglocke. Es ward zugleich mit Hand und Fuß an die Thür gedonnert. Kurz darauf stürzte dein Oheim zu mir herein und fragte keuchend, ob du hier scpst, oder ob ich deinen Aufenthalt wisse. Ich sagte nein. Er schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, brach in ein Jammergeschrei aus, riß mich unwiderstehlich mit sich fort, setzte zehn oder zwölf Kaffee- und Weiuhäuser, wo er dich zu finden glaubte, in Marin und rief zuletzt die Polizei zu Hülfe: denn er ließ sich nun nicht ausrcden, daß du unter Räuber und Mörder gefallen scpst. Ich machte mich jetzt von ihm los; aber der gute, von Augst und Kummer gefolterte Mann dauerte mich in einem solchen Grade, daß ich ihm beinahe den ganzen Handel entdeckt hätte." „Das wär' ein schönes Frcundschaftsstück gewesen!" rief Eduard. „Nun, ich habe geschwiegen;" sagte William. „Aber ich bitte dich, wie weit willst du die Geschichte treiben? Soll sich dein Oheim über dich zu Tode grämen?" „Nein, er soll nur so geschmeidig werden, daß er in meine Verbindung mit Julien willigt." „Und dahin denkst du den Ehefeind auf diesem Wege zn bringen?" -o-§> <§-o - 7 !» „Unfehlbar, wenn du nur noch vier und zwanzig Stunden reinen Mund hältst." „Wohl! das soll gcschchn. Bestürmt er mich aber dann noch einmal in solcher Verzweiflung, wie in der vorigen Nacht, so kann ich durchaus nicht länger schweigen." — Eduard pflegte nun seines Leibes durch Speise, Trank und Schlaf, und rüstete sich so zu der langweiligen Nachtwache, die ihm auf einem harte» Stuhle bcvorstand. Als er aber in sein Quartier zurückkam, führte ihn Ncbecka in rin nettes Stübchen, wo ein gutes Bett für ihn aufgc- schlagcn war. Er fragte nach der Ursache dieser Veränderung. „Der Herr hat's selbst so angcordnct," antwortete Rcbecka. „Unser Soldat, sagt' er, ist ein Mensch von feinen und bescheidenen Manieren, und oermuthlich hübscher Leute Kind: wir wollen auch ein Ucbrigcs thun, sagt' er, und ihn besser quartieren und bette», als seine Vorgänger, die manchmal gern unser Hab' und Gut auf Eine Mahlzeit verschlungen hätten. Und wie nun der Herr das gesagt hatte, da war's eine Lust zu sehen, wie gefällig Mamsell Julie Kiste» und Kasten aufschloß, Bett - und Lcincn- zeug hcrausgab, und hier im Stübchen alles selbst mit schichte» und richten half. Ja, Herr, darauf können Sie stolz scpu! DaS liebe Kind hat bis jetzt noch keinem Ein- quarticrtcn zu Gefallen einen Finger geregt." „Biel Ehre für mich!" sprach Eduard. „Mamsell Julie ist wahrscheinlich die Tochter des alten Herrn?" „Ei bewahre!" versetzte Rcbecka mit einer wichtigen Miene. Darauf sah sic sich um, ob jemand horche, trat näher und flüsterte ihm traulich ins Ohr: „Nicht seine Tochter — seine Braut! Sic zimpert zwar noch ein wenig, Wie die jungen Mädchen thun; doch die Sache wird richtig, und wenn Sie noch eine Weile in Berlin bleiben, so können Sic mit bei der Hochzeit scpn." „Das hoff' ich," crwicderte Eduard. Sie bot ihm jetzt Ehren halber ein Abendessen an. Er dankte dafür. Sie trat vergnügt ab, kam aber bald wieder und sagte: Herr Wipper trage großes Verlangen, mit ihm ein wenig zn plaudern, und bitte um seinen Besuch. Er folgte fröhlich der Einladung, und hatte das so lange entbehrte Glück, zwei Stunde» lang i» Juliens Augen wie in einen Himmel zn blicken. Es ward viel Liebes und Gutes mit den Augen gesprochen: die mündliche Unterhaltung aber führte Herr Wipper mit nichts als Klagen über die Unersättlichkeit der bisher gehabten Eingnartirung, Dagegen überhäufte er seinen gegenwärtigen Gast mit Lobsprüchcn, und ließ sich nicht träumen, daß ihm sein gepriesener Held mehr Verdruß machen würde, als alle die ander», über die er sich bitter beschwerte. Als Eduard am folgende» Morgen ansging, flammten an allen Straßenecken fcnerfarbene Bogen Papier vom größten Formate, auf welchen gedruckt stand: fünfhundert Thal er zu gewinnen! Es wird seit vorgestern ein junger Mensch vermißt — (Hier folgte eine ausführliche Beschreibung von Eduards Gestalt und gewöhnlicher Kleidung.) Wer von ihm sichere Nachricht geben kann, empfängt cb- gcdachtc Belohnung bei Daniel Rohrdommel. Denselben Aufruf fand Eduard bei William in der Zeitung, mit dem erfreuliche» Zusatz: „Wenn sich der junge Mann, den sein Oheim mit dem größten Leidwesen vermißt, noch am Leben befindet, so wird ihm die unbe- 266 dingte Bewilligung aller seiner Wunsche, ohne Ausnahme, hiermit öffentlich zngesichert." „Triumph! mein Spiel ist gewonnen!" rief Eduard. „Nun, Freund, geh hin zu meinem lieben Oheim und sag' ihm: ich ftp ans Verzweiflung über seinen Wcibcrhaß, der meiner Verbindung mit Julien bisher im Wege gestanden, Soldat geworden, und habe mich in Wippers Hans cin- gnartiercn lassen." „Nichts als Finten und Ranke!" murrte William. „Du kennst meine Abneigung dagegen, und wozu sind sic noch nöthig? Dein Oheim hat ja in der Zeitung erklärt, daß er deine Wunsche erfüllen wolle." „Das ist mir nicht genug!" versetzte Eduard. „Er muß mich in dieser traurigen Verfassung sehen, muß sich im Geiste vorstcllcn, wie ich heut oder morgen in die Schlacht ziehe und vom Donner der Geschütze nicdcrgcschmcttcrt werde. Dann bewilligt er alles, und hcirathetc wohl selbst auf der Stelle, wenn ich durch kein anderes Mittel zu retten wäre. Weiß er mich aber außer Gefahr, so tritt er, wie man zu sage» Pflegt, auf die Hinterbeine, und cs bleibt alles beim Alten." „Das furcht' ich vhncdieß;" sagte William. „Der Oheim wird sich durch dein Blendwerk nicht täuschen lassen." „Er wird cs!" sprach Eduard fest. „Er ist kein sonderlich verschlagener Kopf, und versieht sich von mir keiner Ränke, weil ich bisher, ohne Ruhm zu melden, immer ehrlich und aufrichtig mit ihm umging." William ließ sich hierauf bewegen, den Gang zum Oheim zu thun, und Eduard begab sich stracks wieder in sein Quartier, um dort die Losung des Knotens zu erwarten. Nach Verlauf einer Stunde hörte er im Hause die Stimme des Oheims. Er fragte hastig nach dem ein- -o-N 26 " ^o- gnarticrtcn Soldaten und wollte vor Ungeduld zu allen Thürcn hinein, ungeachtet ihm Ncbecka zehnmal die rechte zeigte. Eduard warf sich schnell ans einen Stuhl, und legte, wie tiefsinnig, den Kopf ans die Sorgcnsänle des Armes. „Unglückskind!" schrie Herr Rohrdommel, indem er mit offene» Armen hcreinsiürztc. Eduard fuhr auf, wie ein Träumender, und seufzte tief. Der Oheim drückte ihn an seine Brust und vergoß Ströme von Thräncn. „Lieber, böser Junge, ich danke Gott, daß ich dich wieder sehe!" sprach er schluchzend. „Aber in welcher elenden Knechts- grstalt find' ich dich hier! Hast du denn wirklich, als gemeiner Soldat, zur Fahne des Feindes geschworen?" „Ja, Herr Onkel, schon vorgestern." „O weh! o weh! warum hast du mir das gcthan?" „Ich suche den Tod; ich kann ohne Julien nicht leben." „Weibernarr! Jungfcrnknccht!" brauste Rohrdommel ans und stieß ihn von sich. „Geh znm Teufel, laß dich todt schießen, du bist keines bester» Schicksals wcrth!" Er lief bei dieser Verwünschung wie unsinnig auf und ab, schlug Schnippchen mit den Fingern, warf den Hut auf den Kopf und riß die Thür auf, als ob er im Zorne sortrenncn wollte. Doch plötzlich fiel er seinem Neffen wieder um de» Hals und rief; „Nein, nein, ich laste dich nicht! Ich muß dich wieder haben, und soll mich's HauS und Hof kosten !" „Das rettet mich nicht, lieber Onkel! Aber einige Feder- zügc geben mich Ihnen zurück." „Goldjunge, Papier her! Ich will zehn Rieß voll schreiben. Sage nur was?" „Eine feierliche Bewilligung für mich, das Mädchen zu heirathen." -»§> 268 O-o „Pah! was werden die französische» Generale darnach fragen!" „Allerdings! Denn ich nahm Dienste nntcr der Bcdin- gnng, daß ich in diesem Falle sogleich meinen Abschied wieder erhielte." — Mit rollenden Auge» »nd wilden Schritte» dnrchkrcnztc Herr Rohrdommel von neuem die Stube, und schnalzte dazu mit den Fingern. Indessen nahm Eduard, wie ans langer Weile, sein Gewehr in die Hand, zog den Hahn ans, setzte ihn wieder in Ruhe, und ließ de» Ladcstock in den Laus hinabklirrcn. Dieses stumme Spiel dauerte einige Minuten. Dann rief der Oheim mit trotziger Stimme: „Papier her!" „Sic wollen mich also glücklich machen ?" sprach Eduard freudig. „Ja, auf vier Wochen! — Dann wird der geplagte Ehemann zum zweiten Mal unter die Soldaten laufen, um nur von der Frau wieder losznkonnnen." Eduard lachte; doch des Oheims ernstes Gesicht schien versteinert, und heftig rief er nochmals: „Papier her!" „Gleich, bester Onkel! Lassen Sic »ns aber zuvor mit Juliens Vormund unterhandeln; denn auch dessen schriftliche Genehmigung muß ich bei dem Regiment«: vorzcigcn." „Und wenn er sie verweigert? Was wird dann?" „So bleibe ich Soldat und ziehe morgen gegen die Russen." — Der gute, leichtgläubige Mann, der schon einen Schwarm Kosaken auf seinen Liebling ansprengen sah, eilte fort nach dem Zimmer des Vormunds und brach ohne Anklopfen hinein. Herr Wipper und Julie, die eben bei Tisch saßen, erhoben sich bestürzt. „Gesegnete Mahlzeit, alter Freund!" rief Rohrdommel. „Ich kann Euch nicht helfen, ich mnß Euch stören; mein Anbringen leidet keinen Verzug." „Und worin besteht cs denn?" fragte Wipper. „In der kurzen und rnndcn Bitte, Eure Mündel dem Burschen da znr Frau zn geben." — Der Vormund erstarrte zu einer Säule und sah dem Frciwcrbcr steif in die Augen. „Macht geschwind! Euer Essen wird kalt." „Wohl wahr!" sagte Wipper mit einem sehnsüchtigen Blick nach der Schüssel. „Drum scheint mir Euer Scherz sehr zur Unzeit angebracht." „Ei, znm Teufel! wer scherzt denn?" „Wer kein Narr ist!" versetzte der Vormund ganz barsch. „Denn nur ein Narr könnte im Ernst von mir fordern, ein Mädchen mit zwanzig tausend Thalern einem fremden, gemeinen Soldaten an den Hals zu werfen." „Nun, ich bi» der Narr!" schrie Rohrdommel. „Jch sordre das im Ernst, und ich rath' Euch, Alter, sprecht mir nicht verächtlich von meinem Neffen!" — Ein schrecklicher Blitzstrahl erhellte jetzt dem Vormunde das Dunkel der Geschichte. Er sah mit Entsetzen, daß der Wolf in de» Schaafstall geschlichen war, und sträubte sich mit den heftigsten Worten und Gcberdcn, ihm das geliebte Lämmchen zu überlassen. „Und wollt' ich auch cinwilli- gen," sprach er am Ende, „so bin ich doch fest überzeugt, daß die verständige Julie die Hand des jungen Abenteurers ausschlagen und sich lieber mit einem gesetzten Manne von reifcrm Alter verbinden wird. Nicht wahr? mein Liebchen!" Er blickte sie bei diesen Worten zärtlich an und streichelte ihr die Wangen; aber sic schlug die Angen nieder und schwieg. -C-Z> 270 „Keine Antwort ist auch eine Antwort!" sagte Rohrdommel. „Ja, ich sehe wohl, ich bi» verrathcn und verkauft!" rief Elias. „Aber ich will mich als Vormund in meiner ganze» Macht zeigen. Ich gebe zu der abgekarteten Heirat!) durchaus nicht mein Jawort." „Das wollen wir wohl sehn!" schrie Rohrdommel, und faßte ihn an der Brust und schüttelte ihn. „Ihr müßt Ja sagen! Ihr habt nichts Erhebliches cinznwendcn! Und wenn Ihr Euch nicht ans der Stelle zum Ziele legt, so gehen wir mit einander vor Gericht, und Eure Hartnäckigkeit soll Euch thcncr zu stehen kommen!" Elias stutzte, doch kam das streitige Ja noch nicht bei ihm zum Durchbruch. Rohrdommel, glühend wie eine Feueresse, packte ihn aufs neue, zog ihn gewaltsam in einen Winkel und rannte ihm ein paar Wörtchen ins Ohr, die plötzlich sein Gesicht mit der Farbe des Schreckens überzogen und eine völlige Sinnesänderung bei ihm bewirkten. Man weiß nicht eigentlich, was ihm der Hitzkopf ins Ohr blies; aber cs läßt sich vcrmuthcn, daß cs Drohungen waren, die ans geheime Gannerkniffc, wovon der habsüchtige Gcldkautz in früher» Jahren nicht ganz rein gewesen scyn soll, Bezug hatten. Kurz, das Nothmittcl (das man übrigens nicht loben kann) schlug an, und die beiden Alten entwarfen und unterschrieben sofort eine Urkunde, worin sie in de» bündigste» Ausdrücken ihre Einwilligung zum Ehcvcrcin der Liebende» erthciltcn. Mit diesem Blatte lief der Schcinsoldat fort, um cs dem Vergeben nach seinem General vorzulcgcn und sich den Abschied ausfertigcn zu lassen. Die Regimentskanzlci war bei William. Da ward ein förmlicher Abschied in französischer Sprache geschmiedet, mit erdichteten Namen un- 271 S-o icrzcichnct, und Williams großes Notariatssicgcl, auf welchem sich zufällig ein Adler befand, darauf gedrückt. Die alten Herren, die kein Wort Französisch verstanden, und die lateinische Umschrift des Siegels nicht lesen konnten, waren leicht zu umnebeln, und nickten leichtgläubig mit den Köpfen, als ihnen Eduard den vorgeblichen Entlassnngs- bricf zeigte. Dem raschen Oheim war cs schon genug, daß er de» thcurcn Neffen, der seine Maskcntracht bei William abgelegt hatte, in bürgerlicher Kleidung zurück kommen sah. Er sprang wie ein fröhliches Kind ihm entgegen und erdrückte ihn beinahe vor Freuden in seinen Armen. So wurden Eduard und Julie ein Paar, und die junge schöne Frau that bald nach ihrer Vcrhcirathnng Zeichen und Wunder, indem sic den rauhen Weiberfeind so von Grund ans bekehrte, daß er ihr bis auf den heutigen Tag ordentlich den Hof macht. Er, den man sonst nie in Gesellschaft eines Frauenzimmers sah, lustwandelt oft mit ihr Arm in Arm unter den Linden; und neckt ihn darüber ein Bekannter, so sagt er: „Ich war ein ungerechter Thor, daß ich ohne Einschränkung ein Geschlecht haßte, das freilich zum Thcil ans böse» Sieben besteht, aber dagegen auch wahre Engel ausweisen kann. Denn bei Gott! wer ein so treues, gutes häusliches Weib hat, wie mein Neffe, der könnte mitten unter den Geistern des Himmels nicht glücklicher sehn." V. Sieg des Edelmuths. Marti» Zander, Obermeister und Oberaltcr der Fi- schcrinnnng im Dorfe Hagenau, war in seiner Art ein sehr angesehener Mann. Sein steinernes Haus erhob sich mit einem brennenden Zicgeldachc über strohbcdccktc Hütten , und wenn in der Mittagsstunde rings umher kein Schornstein rauchte, so stiege» doch ans dem seinigcn die Dampfwolken des wohlbestelltcn Küchenherdes empor. Auch bezeugte des Ehrenmannes körperlicher Umfang nnwider- sprcchlich, daß er sich nicht mit trockenen und schmalen Bissen begnügte. Bei diesen Umständen spielte er in seinem Dörfchen, wo er zugleich das Schnlzcnamt verwaltete, eine große Nolle. Hinter seinem breiten Rücken afterredcte zwar der Neid: er habe sein Vermögen nicht durch redlichen Fleiß erworben, sondern in seinen jünger» Jahren, da er noch behender war und die Tancherkuust übte, einige Gcldfäfser, die zur Ladung eines verunglückte» Schiffes gehört Härten, ans der Tiefe des Stromes hcraufgcholt und heimlich an sich behalten; doch diese Sage und mehrere von ihm umlaufende böse Gerüchte verstummten, sobald er den Vollmond -o^> 273 <§o- seines Angesichts zeigte. In allen Hutten lauschte man neugierig hinter den trüben Ochsenaugen der Fenster, wenn er Sonntags, von seiner Ehehälfte begleitet, mit feierlichen Schritten zur Kirche ging. Er trug dann gewöhnlich ein feines, braunes Kleid, das bis an die Kniegürtel herab mit gediegenen silbernen Knöpfen besetzt war. Seine Gattin prunkte nicht minder, und in beider Händen strahlten prachtvolle Gesangbücher. Wer dem stattlichen Paare begegnete, wich ehrerbietig auf die Seite und verbeugte sich; aber Herr Zander schritt kcrzcnsteif fürbaß und berührte höchstens das Zobelgcbräme seiner Sammtmütze mit den Fingerspitzen. Ließ er sich bisweilen herab, die sonntägliche Gesellschaft im Wirthshausc zu besuchen, so führte er das große Wort, und niemand durfte ihm widersprechen. Er war, mit Ausnahme des Pfarrers und des Schulmeisters, der einzige Zeitnngslescr in Hagenau, und entschied daher an der Trinktafcl, wo jene Herren nie Platz nahmen, über Krieg und Frieden. Die Engländer hatten an ihm einen schwärmerischen Verehrer und treuen Bundesgenossen. Er betrachtete sie gewissermaßen wegen ihres Reichthums und ihrer neptunischcn Geschäfte als seine Verwandten, und sie galten ihm mehr, als seine leibliche Tochter, die doch cm schönes und gutes Kind war und sich durch eine edle Gestalt und ein noch edleres Gemüth über tausend andere Landmädchen erhob. Margarethe verdankte den Vorzug feinerer, doch un- verkllnstcltcr Sitten ihrer städtischen Erziehung, die sie vom zwölften bis zum fünfzehnten Jahre bei einer Base genossen hatte. Als sie in die Heimath znrückkam, fand die väterliche Eitelkeit an der Ausbildung ihres Körpers und Geistes großen Gefallen. Gegen jedermann ergoß sich Lnnjidein'S sämmtl. Schr. VI. Bd, 18 274 Oo- Herr Zanders Mund in prahlende Lobeserhebungen seiner Tochter. Er drang in die Mutter, für eine glänzende Ausstattung schleunig zu sorgen; denn er sah schon im Geiste von allen Seiten wichtige Freier aukonuncu, und nahm sich vor, rechts und links Körbe auszuthcilcn, wenn sich unbedeutende Sponsircr heranwagtcn. Sei» Ehrgeiz rechnete wenigstens aufPfarrhcrrcu, Rittergutsbesitzer oder angesehene Kauflcute. Einen gcringcrn Eidam wollte er sich durchaus verbitten. Margarethens Gedanken flogen nicht so hoch. Sic liebte den ärmsten Jüngling des Dorfs; aber Wilhelm R ö- ding war auch der bravste, und Margarethens Liebe machte sein ganzes Erdenglück aus. Diese gegenseitige Zuneigung war nicht neu. Schon in der frühesten Jugend waren die Leutchen unzertrennliche Gespielen. Grctcheus Vater hatte damals gegen die herzliche Eintracht der Kinder nichts zu erinnern und nannte sie oft Bräutigam und Braut. Aber eine Fcucrsbruust, die in später» Jahren Wilhelms wohlhabende Acltcru ihres gesummte» Vermögens beraubte, vernichtete auch Zanders srcundschaftlichc Gesinnungen gegen sic. Er wollte seitdem mit den verarmten Leuten nichts weiter zu thun habe», und des Brautstandes ward vollends gar nicht mehr gedacht. Im Gcgenthcil litt er nicht einmal, daß Margarethe bei ihrer Abreise nach der Stadt ihrem jungen Freunde ein Lebewohl sagte. Während ihrer dreijährigen Abwesenheit starben Wilhelms Eltern. Ein Oheim, der alte ehrliche Fischer Leut- hold, nahm den verwaisten Knabe» zu sich und gewann durch ihn einen treuen Stab seines Alters: den» Philipp, sein eigener Sohn, befand sich in der Hauptstadt, hatte dort eine reiche Wittwc gchcirathct und den Titel eines Hoffischers erhalten, war aber über diese StandcS- crhöhung völlig zum Narren geworden. Der gefällige Tod versetzte ihn, nach einer kurzen unlu- fiigen Ehe, in de» fröhlichsten Wittwcrstand und in den Besitz einer nicht unbedeutenden Erbschaft. Kurz nachher machte er eine Ncise in sein Vatcrdorf, um sich dort im Glanze eines städtischen Modchcrrn dem staunenden Volke zu zeigen. Er trug goldene Ohrringe, blinzelte durch eine Brille, und eine große englische Dogge ging ihm überall auf der Ferse nach. Gegen seinen Vater und alle andere Bewohner seines Geburtsortes betrug er sich frech, naseweis und hoffärtig; dagegen rühmte er sich eines vertrauten Umgangs mit Standcspersonen der Hauptstadt, und sprach von ihnen nicht anders, als wären cs seine Dutzbrüdcr. Der alte Lcuthold, dem das windige Wesen seines Sohnes im höchsten Grade mißfiel, zuckte bei dessen Aufschneidereien die Achsel und seufzte den biblischen Spruch: „So jemand sich läffet dünken, er sep etwas, so er doch nichts ist, der betrüget sich selbst." — Philipp sah Margarethen, sie gefiel seinen bebrillten Augen, und in der nächsten Stunde warb er bei ihrem Vater um sic. Herr Zander besann sich keinen Augenblick, dem wichtigen Manne, der Vermögen und einen Hoftitcl besaß, sein Jawort zu geben. Vergebens warf sich Margarethe vor ihm auf die Knie und bat weinend, ihrem widerstrebenden Herzen keine Gewalt anzuthun. Er stieß sic mit rauhen Worten von sich, und bestimmte im Ein- vcrständniß mit dem unzarten Bräutigam den Vcrlo- bungstag. Welcher Schrecken für den armen Wilhelm, als Philipp nach Hause kam und sich deß über ihn erhaltenen Sieges mit schnöden Worten rühmte! Dem Unglücklichen war sein 276 Leben nun nicht mehr lieb. Er ging am einsamen Strome weinend auf und nieder, und stand oft auf dem Sprunge, sich hineinzustürzen. Doch immer war cs ihm, als hielte ihn ein guter Engel zurück. Um Mitternacht schlich er mit seiner Zither, worauf er oft an Margarethens Seite fröhliche Gesänge und Tänze gespielt hatte, vor ihr Fenster und sang ein trauriges Lied voll Verzweiflung und Lebensüberdruß. Er hoffte, Meister Zander schlafe so fest, daß er dieses Schwanenlied nicht höre; aber indem Wilhelm am Schluß desselben die Worte sang: »Ins Flutliengrab Hinab, hinab!« stürmte der Alte aus der Thür heraus und schrie: „Immer ertränke dich, du Lump! An dir ist nichts verloren!" — Wilhelm floh, von einem Steinhagel und nachgehetzten Hunden verfolgt. Den Tag hernach hatte Meister Zander seinem künftigen Eidam zu Ehren eine große Fischerei angestcllt. Wilhelm mußte als Gchülfe seines Pflegevaters dabei sepn und ertrug alle Kränkungen, die ihm von Margarethens Vater und ihrem aufgedrungcneu Bräutigam widerfuhren, mit stiller Gelassenheit. Es war ein schwüler, mit Gewittern drohender Tag. Bei der Heimfahrt, die sich bis gegen Abend verzog, brach das Unwetter aus. Wilhelm, Philipp und dessen Vater saßen in Einem Nachen beisammen. Vor ihnen her ruderte der Obermeister allein. Die sturmbewegten Wellen schäumten und tobten und trieben mit den leichten Fahrzeugen ihr gefährliches Spiel. Die Schiffer arbeiteten sich muthig hindurch und hatten beinahe schon ihr Dorf erreicht, als --»Z> 277 der Sturm zu einem fürchterlichen Orkan wnrdc. Zander, in seinem fliegenden Kahne stehend, verlor das Gleichgewicht nnd fiel in den Strom. „Gott erbarme sich!" schrie Leuthold nnd beschwor seinen Sohn, den Verunglückten zu retten. „Ei was!" brummte Philipp : „Soll ich mir meine Kleider verderben? — Der alte Wallfisch kann schwimmen nnd wird sich selbst auf's Trockne helfen." — Doch eh' er noch diese Worte völlig ausgesprochen hatte, stürzte sich Wilhelm in die brausende Fluth und brachte mit Anstrengung aller seiner Kräfte den ohnmächtigen Alten glücklich aus Ufer. Angstvoll war Margarethe ihrem Vater dahin entgegen gegangen. Sic sah ihn aus einer Lebensgefahr gerettet, von ihrem Geliebten gerettet! Stumm vor Wchmuth dankte sie Diesem mit einem Druck der Hand. In ihren Armen erhielt der Greis sein Bcwnßtscpn wieder. Er sah den Jüngling ganz durchnäßt vor sich stehen und fragte sanft: „Entrissest Du mich dem Tode?" — „Gott, durch mich;" antwortete Wilhelm. „Ja, dieser brave Junge war Euer Retter!" rief Lcuthold, der jetzt ans Land stieg. „Ich muß dagegen meinen eigenen Sohn bei Euch anklagen. Er versagte Euch seinen Beistand, um seine Kleider nicht naß werden zu lassen." — „Ich hielt die Sache nicht für so gefährlich;" sagte Philipp mit vornehmer Nachlässigkeit und rauchte seine Pfeife Tabak ruhig fort. Zander sah ihn finster an, reichte Wilhelmen die Hand und sprach: „Ich danke dir indessen. Morgen reden wir weiter darüber." Tages darauf ließ er, zur Feier seiner Lebenserhaltung, ein Frcudcnmahl bereiten und Wilhelmen, Lcntholdcu und andere Nachbarn dazu cinladcu. Philipp erschien als un- 278 gcbetencr Gast. Zander stellte sich, als bemerke er ihn nicht. Als die Eingeladcncn versammelt waren, trat er in ihre Mitte und sprach: „Ich will heute zwei Würfe mit Einem Steine thun und neben dem Feste meiner Lcbcnsrettung zugleich die Verlobung meiner Tochter feiern." — Philipp horchte hoch auf, bückte sich freundlich und kam mit zierlichen. Tanzsprüngc» näher. Doch Zander warf ihm die flache Hand entgegen und sagte: „Wir habe» nichts mehr mit einander zu schaffen, Herr Hofstschcr! Wer einen Lappen auf seinem Leibe höher schätzt, als mich, der ist nicht würdig, mein Schwiegersohn zu werden. — Aber dort steht ein edler Mensch! Ich verachtete ihn — ich höhnte und mißhandelte ihn — ich wollte das Band der Liebe zwischen ihm und meiner Tochter zerreißen — und cs wäre daher wahrlich kein Wunder gewesen, wenn er gestern, als ich in den Strom fiel, gedacht hätte: der alte Murrkopf mag immer da enden, daß er nicht weiter hadern und dich von deinem Mädchen verdrängen kann. — Aber so menschenfeindlich dachte Wilhelm nicht. Er rettete mit eigener Lebensgefahr seinen Feind und erwarb sich dadurch einen Freund, einen Vater, ein liebes Weib und Haus und.Hof." — Das gesagt, führte er das frohbestürzte Mädchen dem hochherzigen Jüngling zu und vereinigte segnend ihre Hände. Jedermann glaubte, Philipp würde einen lebhaften Einspruch thnn, oder sich mit empfindlichen Aeußcrnngcn entfernen. Doch er blieb, warf sich in die Brust und sagte mit einer frechen Miene: „Ich danke Euch, Herr Zander, daß Ihr mich von einer Fessel, die ich mir ans Ucbcrcilnng anlegte, wieder befreit. In großen Städten lebt ein un- vcrhcirathetcr Mann viel glücklicher, als ein Anderer, der nach jedem lustigen Tage, den er sich ausser dem Hanse ge- 279 Gemacht hat, eine Gardinenpredigt erwarten muß. Ein Großstädter, wie unser einer, verträgt sich allenfalls nur mit einer in Residenzen erzogenen Gattin, die mit den dort herrschenden Sitten bekannt ist und an den liebenswürdigen Ausgelassenheiten eines Weltmanns kein Acrgcrniß nimmt." — „Hort doch," rief Zander, „hört doch, wie der Fuchs die Traube, die er nicht erreiche» kann, für sauer erklärt!" — Es erscholl ein weibliches Gelächter; doch war es nicht mächtig genug, den Unverschämten von dannen zu treiben. Er setzte sich ohne Umstände mit zu Tische »ud plauderte vom Hof- und Stadtlcben wie ei» geschwätziger Staar. Es erging ihm aber auch wie diesem unnützen Vogel: man achtete nicht seines Geplärrs, sondern ergötzte sich nur an den beiden Liebenden, die glücklicher und zufriedener waren, als besaßen sic alle Throne und Hauptstädte der Welt. VI. Bestrafte Ruhmredigkeit. Herr Arnold, cm unvcrhcircithctcr Mann von einigen dreißig Jahren, besaß in einer volkreichen Stadt ein schönes Hans, das wir mit einer Symphonie von Mozart oder einem andern berühmten Tonkünstlcr vergleichen wollen, weil wir die neuerlich verkündigte ästhetische Lehre, daß die Bankunst gcfrornc Musik scy, in gläubiger Dc- muth annchmcn. — Arnolds steinerne Symphonie war ein Werk von solchen: Umfange, daß zehn Familien darin Platz gehabt hätten; er aber breitete sich in dem weiten Raume ganz allein aus, und zeigte sich meistens den ganzen Tag mit einem Buche in der Hand am Fenster. Mit dem Schlage der Mittagsstunde ging er sehr sauber gekleidet in ein öffentliches Gasthaus, nahm dort, getrennt von den übrigen Gästen, in einem einsamen Zimmer seine Mahlzeit ein, und eilte dann, ohne mit Jemand ein Wort gewechselt zu haben, in sein Kloster zurück. Aus dem allen ergibt sich, daß er ein ungeselliger Sonderling war. Er hatte keinen Umgang als mit seinen Verwandten; und auch mit diesen kam er einzig und allein an den hohen Festen, zu Ostern, Pfingsten und Wcihnach- -»D 281 tcn an einer kleinen/ nur aus drei Personen bestehenden Familicntafel zusammen. Jeden ersten Feiertag machte sein Mühmchc,,/ Ulrike Rebhuhn, die Wirthin; den folgenden Tag gab Vetter Kiesling ein Gastmahl von drei Gedecken, und am dritten Feiertage erwicdcrte Arnold Gleiches mit Gleichem. Bei diesem letzter» Schmause ward aber mehr gegähnt, als gesprochen, weil Wirth und Gäste den seichten Born ihrer Unterhaltung schon in den vorigen Tagen erschöpft hatten. Ulrike war eine vierzigjährige Jungfrau, die jedoch das Gelübde des ehrlosen Lebens noch keineswegs gcthan hatte. Es warben auch fort und fort, von ihrem nicht unbeträchtlichen Vermögen angclockt, mancherlei Glücksjäger um ihre Hand; aber sic hütete sich, ihr gutes Gold gegen die falsche Münze der Licbcshcuchclci umznsetzen. Im Gegcnthcil wollte sic selbst durch Hcirath ein ansehnliches Aufgeld gewinnen. Zu dieser Absicht hatte sic den reiche» Arnold scharf auf dem Korne, und legte cs seit viele» Jahren zu Ostern und Pfingsten darauf an, daß er ihr sich und seine Habe zum Weihnachtsgeschenk darbringcn sollte. Doch der kalte Mann blieb immer abgeneigt, sic durch diese Bescherung zu erfreuen. Er bemühte sich vielmehr, den Vetter Kiesling zum Blitzableiter ihrer Zärtlichkeit zu brauchen. Aber dieser geizige Cynikcr, der sogar das Waschwasser schonte, war der zierlichen Ulrike ein Dorn im Auge. Er schlotterte beständig, seinen Verwandten zur Schande, in geschmacklosen Kleidern herum, kaufte bei öffentlichen Versteigerungen, die er täglich besuchte, alles alte Gerümpel, das er wohlfeil erhalten konnte, und schämte sich nicht, einen eroberten Borstbcscn oder eine Ofengabcl selbst nach Hause zu tragen. Einst gegen Ostern, als Ulrike schon zu dem gewöhnlichen Gastmahlc die nöthigen Zurüstungcn machte, verschwand 282 Herr Arnold. Man sah ihn weder am Fenster noch auf der Straße, und seine Hausthür war fest verschlossen. Die Nachbarn, denen er, da er täglich Punkt zwölf Uhr ausging, als Sonncnzcigcr und Mittagsglockc gedient hatte, vermißten ihn mit Verwunderung. Es ward viel darüber gesprochen. Ulrike und Kiesling erfuhren cs und machten sich eilig auf die Beine, um sich von der Wahrheit des Gerüchts zu überzeugen. Sie klopften zu verschiedenen Tageszeiten an die Pforte der Einsiedelei, aber Niemand that ihnen ans. Was sollten sic denken? Bei jedem Andern konnte man sich vor- stcllcn, daß er eine Reise unternommen habe; aber Arnolds, des menschenscheuen und bequemen Arnolds eiserne Lcbensgewohnheit ließ diesen Gedanke» nicht anfkommcn. Eher mußte man glauben, daß er plötzlich in seiner Wohnung gestorben scp. Diese Vcrmnthnng ward immer wahrscheinlicher und bewog die Verwandte», das Haus gerichtlich öffnen zu lassen. Man fand die Zimmer in der zierlichsten Ordnung, aber keinen entseelten Leichnam, wie mau erwartet hatte. Kurz darauf, am ersten Ostertage, saßen Kiesling und Ulrike beisammen und genossen, unter langweiligen Gesprächen über den so räthsclhast verschwundenen Drittmann, das übliche Festmahl. Da kam ein eilender Unglücksbote mit der Nachricht: cs scy am Ufer des Stroms ein todtcr Körper angcschwommcn, der allgemein für Arnolds Leiche gehalten werde. — Ulrike hatte sofort eine schickliche Ohnmacht bei der Hand. Herr Kiesling hinderte sic nicht im geringsten, diese Förmlichkeit zu beobachten. Er zog gelassen seine Sckireibtafcl aus der Tasche und berechnete mit der größten Gcmüths- ruhe den auf ihn fallenden Anthcil der Erbschaft. Indes- o-D 283 <§->- sen lebte die Dame aus ihrer theatralischen Erstarrung wieder auf, und ihr Gesellschafter, der gern des erfreulichen Todes völlig gewiß seyu wollte, lud sie ein, sich mit ihm an den Strom zu begeben. Da lag den» wirklich am Ufer ein aus dem Wasser gezogener Leichnam, den Beide für ihren Vetter erkannten. Die Verwesung hatte zwar schon das Gesicht angegriffen und etwas zerstört; doch die ganze Gestalt, und besonders die Kleidung, bewiesen unwidcrsprcchlich, daß Arnold der Verunglückte sep. Ihn umhüllte derselbe braune Frack, den er gewöhnlich trug, und den, nebst den übrigen Kleidungsstücken, sein Lcibschncidcr, der sich unter dem versammelten Volke befand, für Schöpfungen seiner Hand erklärte. Aber den Hauptbcwcis, daß man sich in der Person des Ertrunkenen nicht irre, gab das Hemd, das mit Arnolds Namen bezeichnet war. Bei diese» Umständen hielt cs Ulrike für eine heilige Pflicht, ein ehrenvolles Begräbnis» zu besorgen. Aber Kiesling, mit dem sic nach der Rückkehr in ihre Wohnung darüber sprach, behauptete: ein muthmaßlicher Selbstmörder scp cs nicht wcrth, daß man sich seiner annchmc; man müsse ihn ganz vcrläugnc», und cs der Obrigkeit anheim stellen, ihn unter die Erde zu bringen. „Himmel!" rief Ulrike, „wie könnt' ich ein solches Kieselhcrz haben? Wie könnt' ich den Mann ohne Sang und Klang an der Kirchhofsmauer verscharren sehen, der wahrscheinlich ans Verzweiflung in die Fluthen sprang, um das Feuer einer geheimen Leidenschaft zu löschen?" — Kiesling klotzte sie an und fragte, was sie mit diesen dunkeln Worten sagen wolle. „Das begreift so ein Eisbär, wie Ihr, freilich nicht!" antwortete sic. „Aber ich weiß cS leider nur zu gewiß, daß ich, obgleich schuldlos, Arnolds Mörderin bin. -<>D 284 <§-<> Er liebte mich: doch meine jungfräuliche Strenge-" Kiesling fiel ihr mit einem schmetternden Gelächter ins Wort und benahm ihr damit die Lust, ihr Hirngespinst weiter zu entwickeln. Arnolds stiller und sittlicher Lebenswandel begünstigte den milden Glauben, dag er zufällig im Wasser verunglückt sep. Die Obrigkeit und die Geistlichen fanden daher kein Bedenken, eine feierliche Beerdigung zu gestatten. Ulrike veranstaltete sie mit verschwenderischem Pomp und bestellte bei dem berühmtesten Bildhauer des Orts einen prächtigen Lcichcnstcin. Der geizige Miterbe regte sich nicht weiter dagegen, weil sic großmüthig erklärt hatte, die Kosten der Bestattung und des Grabmahls allein zu bestreiten. Das konnte sie denn auch leicht. Arnolds hintcrlasscncs Vermögen betrug wenigstens fünfzig tausend Thalcr. Es ward anfangs mit gerichtlichem Siegel belegt; da aber Kiesling und Ulrike ihr gemeinschaftliches Erbrecht erwiesen und ihnen kein anderer Anspruch in den Weg trat, so ließ man ihnen bald freie Hand, sich in de» Nachlaß zu thcilcn. Hierzu rüsteten sic sich wie zu einer Gerichtsfchdc. Kiesling erkor den streitbarsten Advokaten der Stadt zu seinem Kampfgchülfcn, und Ulrike, die gegen eine» solchen Helden nicht allein bestehen zu können glaubte, wählte sich einen andern, der ebenfalls ein berühmtes Mnndschwcrt besaß. Mit diesen Bundesgenossen begaben sie sich ans den Kampfplatz im Hanse des Erblassers und führten über jedes einzelne Stück des Hansgcräths und Klcidcrvorraths einen hitzigen Zungcnkricg. Sie stritten vom Morgen bis in die Nacht, und hatten sich noch kaum über den dritten Thcil der Gegenstände auscinandcrgcsctzt. Der Nachtwächter verkündigte eben die zehnte Stunde, ^ 288 So- als sie über einen alten Schlafrock im heftigsten Zanke begriffen waren. Kiesling und sein Secundant behaupteten : der Schlafrock scp ein Stück des Hcergeräthes und gebühre daher dem männlichen Erben. „Was ist Heer- geräth?" versetzte Ulrikens Partisan. „Es ist die Kriegsrllstung des Mannes, samint allem andern Gc- räthe, das im Kriege und zu dessen Führung erfordert wird. Also paßt der Schlafrock nicht in dieses Fach; denn der Soldat braucht keinen. Es mag zwar wohl in vorigen Zeiten mancher alte General dantit versehen gewesen sepn und sich auch besser, als in den Harnisch, darein geschickt haben; doch solche Ausnahmen von der Regel können hier nicht entscheiden." Trotz dieser vernünftigen Vorstellung bestand die Gegenpartei auf ihrem Kopfe, uud Kiesling wollte sich in den Besitz des streitigen Kleinods mit Gewalt setzen. Er warf es auf den Platz, wo er seine schon abgetheiltcn Erbstücke aufgehäust hatte. Ulrike zog es wieder nach ihrem Gebiete hin. Jener ließ die Beute nicht fahren; und so standen sie mit grimmigen Gesichtern und funkelnden Augen einander gegenüber, und zerrten und zogen an dem mürben Schlafrock so lange, bis er in der Mitte von einander riß und Beide, mit einer Hälfte in der Hand, rücklings zu Boden fielen. Die Rechtsgclehrten brachen unaufhaltsam in ein Gelächter aus und jeder von ihnen half seiner Partei wieder auf die Füße. „Lassen Sie mich einen Vorschlag zur Güte thnn!" sagte der Eine. „Friede nährt, Unfriede verzehrt! Davon sehen wir an diesem unglücklichen Schlafrock ein trauriges Beispiel. Wie wär' es daher, wenn Sie durch eine zärtliche Vereinigung aller Fehde ein Ende machten? Sie sind beide noch »»vermählt, sind beide weder zu jung, ->-§> 286 To „och zu alt, in den Stand der Ehe zu treten: was hält Sic ab, sich mit einander zu verbinden und auf diese Art der schönen Erbschaft »»zertrennt zu genießen?" — „Ein herrlicher Einfall, bei meiner Seele!" rief Kiesling. „Das glaub' ich!" sprach Ulrike mit einem schnöden, gezierten Tone. „Der Herr Vetter könnte sich diesen Vorschlag ohne Bedenken gefalle» lassen." „Ho! ho!" fuhr Jener ans. „Es ist noch die Frage, wer dabei gewinnen kdcr verlieren würde. Aber ich wag's!" Mit diesen schmeichelhaften Worten bot er ihr seine lange dürre Hand. Sie wandte sich und schüttelte sich, als griffe der Tod nach ihr. Doch der Anwalt, der sich zum Ehc- stiftcr aufgeworfen hatte, stellte ihr den Vorthcil, die ganze ungcthciltc Erbschaft zu crhcirathen, mit so eindringcnder Bcredtsamkeit vor, daß dadurch der unempfindliche Stein ihres Herzens bewegt wurde. Sic verbesserte nach und nach die unartige Stellung, in welcher sic dem verhaßten Freier den Rücken znkchrtc; und als sic so ihre Vorderseite langsam hcrnmgcschraubt hatte, sagte sie mit einem feierlichen Tone: „Ich weiß, Herr Vetter, daß ich die feine, zartfühlende Seele, die mich bis zum Sterben liebte, in Ihnen nicht wieder finde. Sic sind ein ungeschliffener — Diamant, denn Ihr Gcmüth ist im Grunde nicht böse; und blos in dieser Rücksicht will ich mich zu dem heiligen Bunde, der allen weitern Streit zwischen uns anfhcbt, entschließen. Ich bedinge mir jedoch, daß Sie die rauhe Rinde, die Sie umgibt, abwcrfcn und sich besonders des Ans- und Eingangs in de» schmutzigen Höhlen der öffentlichen Versteigerungen gänzlich enthalte». Wagen Sie cs ja nicht, wenn wir verbunden sind, Ihr bisheriges Tröd- -OZ» 28 " lcrlebc» fortzusctzcu, und Ofeugabclu oder andern solchen Plunder in eigener hoher Person über die Straße zu tragen! Thun Sie das nur ein einziges Mal, so lasse ich niich schnell wieder scheiden!" — Kiesling horte diese Vorhaltung ruhig an, versprach mit Hand und Mund, sich zu verfeinern, und so kam auf der Stelle die Verlobung des edlen Paares zu Stande. Es wurden Ringe gewechselt und alle schon abgctheilten Erbstücke , zum Zeichen des nun gemeinschaftlichen Besitzes, dnrch einander geworfen. Wahrend dieses lustigen Tumults bemerkte man nicht, daß ein Wagen am Hause vorfuhr. Es kamen Leute die Treppe herauf; die Stubenthür ward ohne Anklopfcn geöffnet, und herein trat — Herr Arnold, von einem junge» Franenzimmcr begleitet. — Ulrike sank mit einem Schrei auf dcn Sopha; ihr Bräutigam kroch unter den Tisch; die beiden Advokaten faßten wie furchtsame Kinder einander au und zogen sich rückwärts in einen Winkel. Der vermeinte Geist blickte die unerwartete Gesellschaft eine Minute lang stumm und bewegungslos an und verließ dann erst die Thürschwcllc, um seine Verwandten zu begrüße». Aber Ulrike lag, wie entseelt, mit geschlossenen Augen da, und Kiesling, zn dem er sich unter den Tisch bückte, strampelte mit den Beinen wie ein Besessener und verbat sich hiermit alles Gespräch. So überall abgcwicscn, ging er den Sachwaltern zn Leibe und fragte: wie er zn der Ehre komme, sic in seiner Wohnung zn finden. Der Muthigste von ihnen crwicderte: die ganze Stadt glaube, er sch auf nassem Wege in die Ewigkeit gegangen, und seine Verwandten hätte» sich deshalb hierher verfügt, um seine fahrende Habe zu theilcn. 288 „Das ist lustig!" ricf Arnold. „Man hielt mich für todt, und ich will nun erst anfangcn zu leben." Indem er so wie ein frischer und gesunder Mensch sprach, richtete sich Ulrike hinter seinem Rücken langsam auf. Auch ihr Bräutigam schlüpfte leise unter dem Tische hervor und setzte sich neben sie. Arnold führte nun seine Begleiterin zu ihnen hin und sagte: Meine Wcrthcsten, ich habe das Vergnügen, Ihnen hier meine Frau vorzustellcn." Ulrike sprang wie eine Furie auf. „Was sind das für höllische Blendwerke, die meinen Geist ganz verwirren! Sic ertrinken, mein Herr! werden in Ihrem alltäglichen braunen Frack aus dem Wasser gezogen, werden mit möglichster Pracht und einer Lcichcnprcdigt begraben, und machen dann Hochzeit!" — „Wie?" ricf Arnold: „Ertrunken? In meinem braunen Frack? — O, der arme, unglückliche Mann!" — Es war nämlich, wie er nun erzählte, vor einiger Zeit ein dürftiger, von allen Nothwcndigkcitcn des Lebens entblößter, für einen reisenden Künstler sich ausgcbendcr Fremdling zu ihm gekommen, hatte ihn um Unterstützung gebeten, und unter ander» Gaben eine vollständige Kleidung von ihm erhalten. Aber bald nachher mußte er, wie sich jetzt zeigte, aus Lebensüberdruß in den Strom gesprungen oder durch einen widrigen Zufall hinein gcrathcn scpn; und so war während der Zeit, daß Arnold, nach vieljährigen Einladungen, einen entfernten Freund besuchte, sich in dessen Nichte verliebte und Hochzeit machte, die wunderbare Irrung entstanden. Ulrike gericth bei dieser Entwicklung ganz ausser sich, und ihre Lage war in der That nicht bcncidcnswcrth. Sie hatte einen stockfrcmdcn Menschen mit großem Anfwande begraben lassen, hatte sich wegen einer Erbschaft, die min wie 289 ein Traum verschwand, mit einem unleidlichen Gesellen verlobt, und der Mann, der sich aus Liebe zu ihr gctodtet haben sollte, trat ihr mit einem jungen, schönen Weibchen unter die Angen. Wäre diese unselige Erscheinung ihr allein sichtbar geworden, so hätte sie sich allenfalls darüber beruhiget: aber sie ward dadurch vor der ganzen Stadt zu Schanden, da sie überall herum geprahlt hatte, daß Arnold zum Sterben in sie verliebt gewesen sc- und ihre Sprödigkeit ihn in die Wellen gejagt habe. Die Vorstellung dieser öffentlichen und unauslöschlichen Schmach ergriff sie so heftig, daß sie in eine neue Ohnmacht fiel. Wir verlassen sie darin ohne Bedauern, weil eitle Ruhmredigkeit, sie zeige sich in welchem Felde sie will, Strafe verdient. Langbein'« sämmtt. Schr. VI. B>. 19 290 VH. Der Dechant von Badajoz. Das Hochslist zu Badajoz i» Spanien erfreute sich vor uralter Zeit eines sehr gelehrten Dechanten, der durch seine Weisheit und Bcredtsamkcit de» Beinamen Gold in und gewann. Aber die leidigen Blasebälge des Ruhms und der Schmeichelei, die dem geistlichen Herrn immer in die Ohren hauchten, blähten ihn so auf, daß ihm seine Dechanei zu enge ward. Er dünkte sich eines Erzbisthums oder gar der dreifachen Krone würdig; doch sah er keine Möglichkeit, dahin zu gelangen, und das quälte ihn Tag und Nacht. Während dieser Gährung seines unzufriedenen Gcmüths erscholl das Gerücht: cs Hause in der Gegend von Toledo ein Schwarzkünstler, Namens Mcudoza, der unerhörte Wunderthatcn verrichte. „Ei, so kann er auch vielleicht einem Dechanten zum Bischofsstäbe verhelfen!" sagte Goldmund zu sich selbst. „Es ziemt zwar einem Geistlichen nicht, mit solchen anrüchtigcn Leuten zu verkehren: aber, vom Teufel der Ehrsucht besessen, bin ich gezwungen, bei einem Teufelsbanncr Hülfe zu suchen." Er sprach'S, ließ sein Maulthier satteln, und ritt gen -SO 291 S-o- Toledo. Unfern davon lebte Mcndoza auf einem Dorfe. Sein Wohnhaus war leicht zu finden, denn Krüppel aller Art, die von ihm geheilt seyn wollten, hatten sich vor seiner Thür gelagert. Der Dechant sprengte sie auseinander, band seinen Maulesel an den Pfortcnring, und ging mit dem Pfaucnschritt des Stolzes ins Haus hinein. Mcndoza, ein silberhaariger Greis, empfing ihn mit ernster Feierlichkeit. Er trug ein schwarzes Gewand und einen wilden, struppigen Bart, der damals das Aushängeschild der Weisheit war, und setzt an vielen Köpfen (die kriegerischen ausgenommen) das Handwcrkszeichcn der Thor- heit ist. — „Scnuor!" sagte Goldmund: „es ist kaum nöthig, daß ich mich Eurer Allwissenheit nenne. Ich bin der Dechant von Badajoz, und gelte für einen Meister in Künsten und Wissenschaften, doch bi» ich gekommen, um Euer Schüler zu werden. Lehrt mich Eure Weisheit, die das Gcistcrreich beherrscht, und sich sogar das widerspenstige Glück unterwirft! Zch brenne vor Begierde, mich auf den Flügeln der Magie zu hohen geistlichen Würden zu erheben; und gelingt mir das, Sennor, so werde ich mich dafür gegen Euch sehr dankbar bezeigen." — „Dankbar?" — sagte Mcndoza mit ungläubigem Lächeln. „Die Menschen, Herr Dechant, sind ei» undankbares Geschlecht. Das ist ein Erfahrungssatz, den wohl am wenigsten ein Priester widerlegen würde." — „Was hör' ich!" rief Goldmnnd. „Ihr beschuldigt die Glieder meines Standes vor allen andern Menschen der Undankbarkeit? — Wohlan, versuchtS mit mir! Ich werde die Ehre meiner Amtsbrüder auf eine glänzende Weise retten." „Ein Wort, ein Mann!" sagte Mcndoza. „Ans dieses Versprechen will ich meinen Unterricht wagen." -- -O-D 292 Er öffnete jetzt eine Thür, die nach der Küche hinaus ging, und rief mit lauter Stimme: „Anna, stecke zwei Rebhühner an den Spieß! Der Herr Dechant speiset hier." Darauf führte er seinen Gast in ein schwarzberauchtcs, mit Zauberbüchcrn und Gerüchen der Goldmacherkunst angefülltes Gewölbe, das er seine Werkstatt nannte. Die größte Merkwürdigkeit dieses Gemachs waren einige kleine schwarze Teufelchcn, die, in gläserne Flaschen cingcschloffcn, den ankommcndcn Fremdling mit drolligen Verbeugungen und Freudensprüngen begrüßten. „Setzt Euch, Herr Dechant!" sagte Mendoza. „Meine Weisheit ist trocken; wir wollen sie mit gutem Wein befeuchten." Er hob am Fußboden eine Fallthür auf, stieg mehrere Stufe» hinab, kehrte mit einem steinernen Kruge zurück, schenkte daraus zwei Becher voll, nahm vom Sims eine krpstallene Phiole, und goß aus derselben, unter dumpfem Gemurmel unverständlicher Zaubcrsprüche, ein paar purpurfarbene Tropfen in den Pokal, den er dem Dechanten, mit freundlicher Nöthigung zum Trinken, hinrcichte. Goldmund trank. Wie lange sic aber gebechert haben, darüber sind keine sichere Nachrichten vorhanden, und wir haben auch wichtigere Dinge zu melden. Es starb nämlich bald darauf der Bischof von Badajoz, und der erledigte Krummstab ward uuserm Dechanten er- thcilt. Von allen Seiten strömten ihm Glückwünsche zu. Auch Mendoza erschien in Person und empfahl sich seiner Gunst und — Erkenntlichkeit: denn die Erschaffung des neue» Bischofs war sein Werk. Der Hochwürdige dankte seinem Beförderer unter vier Augen mit den lieblichsten Worten, bat aber um Verzeihung, daß sich seine Dank- -»D 293 bcflissenhcit nicht sofort thätig erweisen könne. „Ich muß mich jetzt," sprach er, „auf einen hohem Fuß cinrichtcn, und diese dringenden Ausgaben erschöpfen meinen Seckcl. Zieht aber dcßhalb Eure Hand nicht von mir ab, lieber Freund! Arbeitet mich vielmehr noch höher empor, und der verschobene Abtrag meiner Schuld soll Euch treffliche Zinsen tragen." Mcndoza verbeugte sich und nahm die Anweisung aus die Zukunst ohne Widerspruch an. Er trieb seine Artigkeit noch weiter; er ließ sich in Badajoz nieder und ging Sr. Hochwnrden in allen Geschäften mit Nath und That au die Hand. So saß denn gewissermaßen der Teufel auf dem bischöflichen Stuhle. Doch er spielte seine Nolle untadclhast, und mischte die Karten so geschickt, daß der Ruhm des Bischofs von Badajoz durch ganz Spanien erscholl und er nach kurzer Zeit zum Erzbischof von Sevilla ernannt wurde. Ans der Reise dahin hörte er von tausend Lippen das alte spanische Sprichwort: „Wem Gott wohl will, dem gibt er in Sevilla zu essen." Auch dahin folgte ihm Mcndoza, und nahm sich bald nach ihrem Einzüge die Freiheit, seinen hochwiirdigstcn Schuldner um die versprochene Belohnung höflich zu ersuchen. „Ich begehre kein baarcs Geld;" setzte er mildernd hinzu: „Ich erbitte mir blos ein Pfründchcn für meinen Sohn, der eben jetzt seine gelehrte Laufbahn auf der hohen Schule zu Toledo vollendet hat." „Ich werde seiner bestens gedenken," sagte der Erzbischof; „laßt uns nur einen guustigern Zeitpunkt erwarten. Ich muß erst noch verschiedene andere Schützlinge, die mir von hoher Hand empfohlen wurden, unter Dach bringen. Sobald ich mir aber diese lästigen Menschen vom Halse geschafft habe, werde ich mich der Sorge für Euren lic- 294 T^- bcn Sohn mit ganzer Seele widmen, und er soll bei diesem Verzüge gewinnen: denn ich steige wahrscheinlich indessen noch ein Stüfchcn weiter znm Vatikan hinauf, und je höher ich stehe, je mehr kann ich für meine Freunde wirken." — Der Magus ließ sich abermals beschwichtigen, und fuhr uuermüdet fort, alle Zaubcrmaschincn, die ihm zu Gebote standen, für seinen Gönner in Bewegung zu setzen. Sein Diensteifer hatte auch bald die ersprießliche Folge, daß Seine päpstliche Heiligkeit dem Erzbischof den rvthen Hut übersandte und ihn nach Nom berief, um dort gleich den übrigen Fürsten der Kirche im Cardinals-Collegium Sitz und Stimme zu haben. Alle Welt staunte über des Emporkömmlings reißende Fortschritte, doch, er selbst fand sie lediglich seinen hohe» Verdienste» angemessen, und betrachtete das Glück, das ihn so wundersam auf den Händen trug, als einen unnützen Knecht, der nichts weiter als seine Schuldigkeit thuc. Mcndoza begleitete den Cardinal nach Nom. Seine Eminenz bezeigte sich dort wie überall sehr gnädig gegen ihn, aber von Pfründen oder andern Belohnungen war nicht die Rede. Er sah sich endlich gezwungen, ein leises Mahnwörtchen fallen zu lassen. „Geduld, Alter!" sagte der Cardinal: „wir wollen nächstens unsere Rechnung ab- schlicßcn. Ich gleiche jetzt einem Manne, der sich unter Weges befindet und nur noch eine kleine Strecke von dem Orte seiner Bestimmung entfernt ist. Er hat nickt Zeit, sich aufzuhalte»; er verschiebt alle Geschäfte bis zum ruhige» Ziele der Reise. — So auch ich. Mein Ziel ist der päpstliche Stuhl. Du und das Glück werden mich bald hinauf heben. Der heilige Vater wanket, alt und schwach, seiner Grube zu; er kann nicht lange mehr herrschen; und -»§> 293 Sonach allem, was bisher mit mir vorging, ist es außer Zweifel, daß ich zu seinem Nachfolger gewählt werde. Dann, Freund, dann sollst Du den Vorwurf des Undanks, de» Du einst den Priester» machtest, durch das Oberhaupt der Kirche stattlich widerlegt scheu." — Was geschah! der Papst starb; die Cardinäle bezogen die gewöhnlichen Wahlzimmcr im vatikanischen Palaste, und Meudoza ließ sich in Goldmunds Zelle als dessen Famulus mit ciuschlicße». Aber der vorgebliche Diener beherrschte durch seine geheimen Künste die erlauchte Wahlversammlung, und zauberte glücklich uuserm spanischen Cardinal die päpstliche Krone auf's Haupt. Der neue Statthalter Gottes hatte nun nicht nur die Schlüssel des Himmels, sondern auch die Schlüssel zu einer ergiebigen Schatzkammer in den Händen, und durfte nur einen tapfer» Griff hinein thun, um den Schöpfer seiner Größe und Herrlichkeit zufrieden zu stellen: aber dessen ungeachtet bekam der Zauberer nicht so viel, als man vom Nagel blasen kann. Der heilige Vater bereicherte blvs, nach dem Beispiele seiner Vorfahren, eine Schaar von Verwandten, die gleich einem Schwarme hungriger Fliegen ans Spanien anlangte. Mendoza blieb lange Zeit ein geduldiger Zuschauer. Da man aber seiner ganz vergaß, und ihn, dessen Hülfe nicht weiter nöthig war, als eine Null im Vatikan behandelte: so faßte er sich endlich ein Herz, den undankbaren Papst an die hohen Versprechungen des Dechanten, des Bischofs, des Erzbischofs und des Cardinals zu erinnern. Er that cs mit der bescheidensten Demuth; aber stolz sah der heilige Vater ans ihn herab und sagte mit furchtbarer Stimme: „Wie kannst Du Dich erfrechen, die Acmtcr und Würden, die mir durch Gottes Gnade» zu Thcil wur- -o§> 296 O--> t>m, auf Deine Rechnung zu schreiben? — Dein Bekcnnt- niß, daß Du Werke der Finstcrniß treibst, überliefert Dich dem peinlichen Gericht und dem Tode: doch aus besonderer Huld will ich die verdiente Lcbcnsstrafc in Verbannung verwandeln. Hebe Dich aus meinen Augen, verlaß sofort die Stadt Rom, und innerhalb dreier Tage den Kirchenstaat ! — Findet man Dich nachher noch irgcnwo auf meinem Gebiete, so ist der Scheiterhaufen dein Loos!" — Unerschrocken, ohne Vcrthcidignng, ohne Vorwurf ließ Mcndoza diesen Bannspruch auf sich hcrabdonnern, wandte sich kaltblütig und rief: Anna, ziehe die Rebhühner vom Spieße! Der Herr Dechant speiset nicht hier!" Der heilige Vater schauderte bei diesen Worten zusammen, rieb sich die Augen, und mit Schrecken sah er sich aus dem prächtigen vatikanischen Palaste in die rußige Wcrkstätte des Schwarzkünstlers versetzt, wo er in einem alten Lehnstuhle den schönsten Traum seines Lebens geträumt hatte. — Wie man in manchem Schauspiele von Shak- speare die Begebenheiten einer Reihe von Jahren in drei Stunden auf der Bühne darstcllcn sicht: so war Herr Goldmnnd, von einem Zaubcrtrank berauscht, in »och kürzerer Zeit Bischof, Erzbischof, Cardinal und Papst gewesen, und taumelte jetzt wieder als Dechant von Badajoz aus den hölzernen Armen eines gebrechlichen Schlafscssels empor. Mcndoza, der Baumeister jener Luftschlösser, sah ihm scharf ins Gesicht; die Tcufclchen in den gläsernen Kerkern sprangen mit Gelächter auf und nieder und klatschten in die Hände. Der entthronte Priester konnte vor Scham, daß er in der mit ihm angestcllten Herzcnsprü- fung so schlecht bestand, die Augen nicht aufschlagcn. Er stürzte, ohne Abschied zu nehmen, zur Thür hinaus, fand 297 S-o- seincn Maulesel an der Hauspforte noch angebunden, schwang sich auf, und trabte durch Nacht und Nebel wieder nach seiner Dechanei zu. Kaum war er einen Büchsenschuß weit geritten, als hinter ihm eine Person so rasch und unhöflich anfsprang, daß sie ihn beinahe vom Esel geworfen hätte. Wild sah er sich um. Himmel! da erblickte er einen langen, schwarzen gehörnten Unhold, dessen feurige Augen wie Laterne» durch die Finstcruiß leuchteten. Mit Entsetzen fuhr der Dechant im Sattel empor, um dem schrecklichen Reisegefährten den Esel allein zu überlasse»; aber der Schwarze legte ihm seine Drachenklauen freundschaftlich auf die Achseln und sagte: „Bleib, Pfäfflcin, bleib! Ich wollte Dir nur die Lehre mit auf den Weg geben, daß Undank sogar in den Augen des Teufels ein abscheuliches Laster ist." — Der natürliche Sohn Am Abend eines heißen Tages ging Hainichen mit leichten Schritten zwischen den Gartenbeete» ans und nieder und tränkte Pflanzen und Blumen. Plötzlich zog ihr Jemand, der hinter ihrem Rücken hcrangeschlichcn war, die Gießkanne ans der Hand. Erschrocken wandte sie sich. Da stand Robert, ihr erklärter Liebhaber, und trium- phirte über den gelungenen Spaß. „Ei, du Faulenzer!" sagte sic. „Hast du schon so zeitig Feierabend gemacht?" „Schilt nicht, liebes Hannchen!" sprach er mit einem kindlich bittenden Tone. „Das Wetter ist gar zu schön!" „Und der Schelm wußte, daß meine Mutter nicht zu Hause ist!" setzte sie mit einem sanften Backcnstrcichc hinzu. Erröthcnd lief Robert mit der Gießkanne fort und schöpfte Wasser. Der Garten ward unter Scherz und Lachen vollends erfrischt. Nachher sangen sie fröhliche Lieder, spielten blinde Kuh, und befragten das bekannte Blumenorakel, welches für Beide den erfreulichen Ausspruch that, daß sie einander von Herzen liebten. Indem sie sich in der Nähe des Gartcnzauncs, der an 299 ^ der Landstraße hinlief, auf solche Art unterhielten, hörten sie draußen den keuchenden Galopp eines Pferdes. „Da kommt wohl ein Courier!" sagte Hannchcn. Sie guckten über den Zaun und hatten Mühe, ein lautes Gelächter zu unterdrücken, als sic den Arzt des Städtchens, den Herrn Doktor Wurzel, daher sprengen sahn. Er war wie Don Qnirotc ein Ritter von der traurigen Gestalt. Die Schenkel seines alten Flicgcnschimmels standen am Rückgrathc so spitz hervor, daß man sie zum Anhängen eines Korbes gebrauchen konnte. Aber wie ein standhafter, dem Unglück trotzender Mann trug der vierbeinige Greis seinen langen Hals sehr aufrecht; und ob er gleich fast ganz mit Blindheit geschlagen war, so sah er doch immer mit rückwärts geworfenem Kopfe nach den Wolken. Diese schlimme, auch vielen Menschen eigene Gewohnheit, hoch in die Lüfte zu schauen und unter sich die Steine des Anstoßes unbeachtet zu lassen, verursachte manchen Sturz, der unfern Ritter in Gefahr setzte, Hals »nd Beine zu brechen. Er verwahrte die letzter» durch steife Stiefeln, die beinahe den ganzen Schenkel bedeckten, und dennoch in Ansehung ihrer Länge nur Knabenstiefeln glichen: denn ihr gelehrter Inhaber war ein kleines, winziges Männchen. Er »nd sein langhalsigcs Roß bildeten zusammen die Gestalt eines Ka- mccls, wobei Er die Nolle des Hökers spielte. Bei dem allen gab er sich durch seine Tracht das Ausehn eines tüchtigen Raufbolds. Er trug einen großen, soldatisch ausgesuchten Hut, und ein Schwert an der Hüfte, das so groß war als er selbst. Hannchcn, die sich mit dem possirlichen Manne gern neckte, warf ihm, als er, ohne sic zu bemerken, vorbei jagte, eine Erdscholle auf den Hut. Fluchend sah er unter dem gewaltigen Dreieck hervor, und warnte mit scheinbarem ^ 300 Ernst, sein junges Pferd nicht scheu zu machen. Er ward aber sogleich wieder freundlich, als er Roberten erblickte. „Ha, Freund! bist du hier?" rief er ihm zu. „Ich wollte dich eben besuchen, um dir eine Sache von höchster Wichtigkeit zu entdecken." Er stieg vor der Gartenthür ab, ließ seinen Gaul, der aus Schwäche treu war, frank und frei stehen und ging hinein. Robert und Hannchcu kamen ihm entgegen. Er sprang, wie von einer unerwarteten Erscheinung überrascht, einige Schritte zurück, stellte sich mit ausgcsprcitzten Beinen und cingestemmtcn Armen dem Jüngling gegenüber, starrte ihn ein Weilchen an und rief ans: „Hol' mich der Tod! wie aus den Augen geschnitten!" — Hierauf zog er seine» Hut ab und sagte mit einer feierlichen Verbeugung: „Ich empfehle mich Hochdcncnsclbcn zu Gnaden." Die jungen Leute wußte» nicht, ob er ein Glas über den Durst getrunken habe oder im Kopse nicht richtig sey. Robert lächelte schweigend; aber das lebhafte, mit bessern: Mundwerk versehene Mädchen sagte: „Der Herr Doktor scherzen heute sehr räthselhaft." „Jüngfcrchen," war seine Antwort, „geh Sie unmaßgeblich an Ihre Arbeit, oder begebe Sic sich sonst ein wenig bei Seite! Ich habe diesen: jungen Mann etwas Geheimes zu vertrauen." „Wcnn's mich betrifft, Herr Doktor," fiel Robert ein, „so kann Hannchen in Gottes Namen hier bleiben. Sie wissen ja, wie wir mit einander stehen." „Gestanden haben, wird's bald heißen!" versetzte Wurzel mit starker Betonung der zwei ersten Worte. „Wie mcynen Sic das?" fragte Hannchen mit großen Augen. „Wollen Sie zwischen uns als Störcfried treten?" „Das wär' eine vergebliche Mühe!" sagte Robert. „Aber oD 30t ^ das werden Sie auch nicht im Sinn haben, Herr Doktor. Rücken Sic also frei mit der Sprache heraus! Ich wollte lieber taub sepn, als etwas anhören, was mein Hannchen nicht wissen dürste." Herr Wurzel schüttelte verdrießlich den Kopf und riß seinen Sarraß ans der Scheide. Erschrocken prallte das junge Paar zurück. „Fürchtet euch nicht!" sprach er. „Ich aber fürchte mich, ein weibliches Ohr zum Zeugen meines Geheimnisses zu machen. — Drum will ich wenigstens die weibliche Zunge mit einem Eide binden, und ihn nebenbei auch dir, Freund Robert, abnchmcn. Tretet demnach näher, legt beide die drei vorder» Finger der rechten Hand auf meine Klinge und sprecht deutlich die Worte nach, die ich euch vorsagc» werde." Er nahm eine stolze, Ehrfurcht gebietende Stellung an und streckte sein Schwert vor sich hin. Das Liebespaar legte, nach einigem Sträuben, die Finger darauf und sprach ihm nach: „Wir schwören, daß wir das Geheimniß, welches uns der Doktor der Arzneigelahrtheit, Herr Wurzel, jetzt mitthcilcn wird, in unserm Herzen treu bewahren und solches bei Verlust unserer Ehre und unserer rechten Hand, um keinen Preis ausschwatzen wollen." — Als diese Worte gesprochen waren, schwang er sein Schwert hoch in die Lust und sagte mit furchtbarer Stimme: „Wer von euch meineidig wird, dessen Hand ist verfallen! Ich haue sie ihm ohne Barmherzigkeit ab, wenn ich auch zehn Jahre lang deßhalb auf der Festung sitzen muß. vixi!" — Nach dieser Ccrcmonic ließ er sich zwischen ihnen auf eine Nascnbank nieder, legte beide Hände auf Roberts Schulter und begann mit einem höchst feierlichen Tone: „Glücklicher Jüngling, schenke dein Bügeleisen, deine Scheerc und de» ganzen Vorrath deiner Nähnadeln einem armen 302 Zuiistgcnosscn! Du bedarfst dieser Brodwcrkzcugc nicht mehr, denn du bist unscrs regierenden Herzogs leiblicher Sohn!" Robert und Hannchen sprangen bestürzt auf. Sic glaubten nun wirklich einen Tollhäuslcr vor sich zu haben. „Herr, das heißt foppen!" schmähltc das Mädchen von fern. „Erst legen Sic uns eidliches Stillschweigen auf, und dann erzählen Sic ein Mährchen aus Tausend und einer Nacht, das nur ein Wahnsinniger glauben könnte." Er lächelte bei diesem Vorwurf, wie ein Manu, der ein gutes Gewissen hat und ersuchte die Verscheuchten, wieder Platz zu nehmen, ihn ruhig anzuhörcn und cs nicht wie mancher faselnde Knustrichter zu machen, der nach Ansicht des Titelblattes sogleich sein Urthcil über das ganze Buch aussprechc. — Diese Vorstellung fand Eingang; die Flüchtlinge nahten sich wieder, setzten sich aber so weit als möglich von ihm auf die äußerste Kante der Bank, verbanden sich Arm in Arm zu Schutz und Trutz, und erwarteten so die Fortsetzung seiner Wundcrgcschichtc. „Ich unternahm vor vierzehn Tagen," hob er an, „eine Reise in die Hauptstadt, um meine leer gewordenen Arz- ncikastcn in der Hofapvthcke wieder füllen zu lassen. Dieses Geschäft war in wenigen Stunde» abgethan, und ich sehnte mich zu meinen verlassenen Kranken zurück. Da ich aber nach dem scharfen Ritte, den ich gemacht hatte, meinem getreuen Buccphalus einen Rasttag gönnen mußte, so gewann ich Zeit, die große Babel uuscrs Landes, die ich vorher nur immer im Fluge sah, etwas genauer kennen zu lernen und Abends in die Comödic zu gehen. Es ward ein Siugcspiel: „Der Doktor und der Apotheker," gegeben; aber auf dem öffentlich angeschlagenen Zettel war ein Bock wider die Rangordnung geschossen, indem mit großen Buchstaben gedruckt stand; Der Apo- 303 S-o thekcr und der Doktor." — Ich entrüstete mich dermaßen darüber, daß ich sogleich den Zettel mit meinem Stocke zerfetzte. Auch wäre wahrscheinlich meine Galle im Schauspiclhause noch reger geworden, wenn nicht während der Vorstellung der schimpflichen Posse ein anderer Gegenstand meine ganze Aufmerksamkeit gefesselt hätte. Das war die höchste Person Seiner Durchlaucht unscrs gnädigsten Landesherr», dessen Angesicht ich jetzt zum ersten Mal sah. Als er aber in seine Loge trat, dünkt' cs mich, als hätte ich ihn schon tausendmal gesehen: denn die wunderbare Gleichheit seiner Gcsichtszüge mit den deinigcn, mein junger Freund, sprang mir wie ein Blitz in die Auge», und je länger ich sic auf ihn heftete, desto mehr überzeugte» sie mich, daß er dein Vater sepn müsse." — Hier unterbrach ihn Hannchcn durch ein Gelächter; Robert hingegen sah ihn finster an und verbat cs sich ernsthaft, ihm seine ehrliche Geburt streitig zu machen. „Damit läßt sich's gar nicht spaffcn, Herr Doktor!" fuhr er scheltend fort. „Ich bin meines seligen Vaters, des weiland ehrsame» Bürgers und Schneidermeisters, Niklas Robert, ehclciblicher Sohn und der will ich sepn und bleiben. Bringen Sie also kein Schandmährchcn von mir unter die Leute! Ich müßte ja sonst befürchten, als. ein Bankart ans der Zunft gestoßen zu werden." — „Das wär' ein großes Unglück für den Sohn eines Herzogs!" versetzte der Doktor. „Aber bleib du meinetwegen ein armseliger Schneider! Ich will die Entdeckung, die ich machte, in meinem Busen verschließen und weiter kein Wort darüber verlieren." — Hiermit stand er auf und sagte trotzig: „Gute Nacht!" Aber Hannchcn, das eitle Mädchen, das sich lieber einen halben Prinzen als einen ganzen Schneider zum Bräuti- ^ 304 gam wünschte, vertrat dem sorteilendcn Bramarbas fteund- lich den Weg und bat ihn, seine Erzählung zu vollenden. Robert, der schon jetzt unter ihrem Pantoffel stand, wendete nichts dagegen ein, und Herr Wurzel, dessen rasches Anfstchc» ein bloßer Schreckschuß gewesen war, liest sich besänftige» und fuhr folgender Maßen in seiner Geschichte fort: „Ich ging, als sich der Herzog am Ende des Posscn- spicls entfernt hatte, in meine Herberge und legte mich zu Bett; aber die wunderbare Sache, die ich nicht aus dem Kopse bringen konnte, ließ mich nicht schlafen. Am Morgen war ich matt und krank: mir graute vor dem harten Trabe meines Schimmels; ich beschloß, noch einen Tag in der Residenz auszuruhen und indessen, wo möglich, den Grund oder Ungrund meiner im Theater gemachten Bemerkung zu erforschen. In dieser Absicht lud ich meinen alten Schulfreund, de» Provisor Lcisegang, zum Mittagscfscn in die rothe Eule, wo ich herbergtc. Er kam; wir unterhielten uns Anfangs von gleichgültigen Dingen; als aber der edle Würzburger, den ich ihm fleißig cin- schcnktc, seine fahlen Wangen zu röthen anfing, lenkte ich das Gespräch auf den Hof und dessen geheime Geschichte, die meinem Freunde nicht fremd sepn kan», weil er bei der herzoglichen Apotheke, die sich im Schlosse befindet, seit dreißig Jahren in Diensten steht. Ich spielte mich besonders mit geschickten Worten in die Jugcndjahrc des Herzogs hinein und behauptete kühn: es habe damals hin und her verlautet, daß er kein Feind des schonen Geschlechts scy. — Mein vorsichtiger Gast sagte dazu weder Ja noch Nein: aber er lächelte, hustete, fuhr ein paar Mal mit der flachen Hand über die Stirn, sah sich aus Furcht vor Horchern rechts und links um, und zirpte mir dann wie 308 il »i»i I>r»e! das ist verdolmetschet: Von Todtcn soll man nichts als Gutes reden. — Deine Mutter war in ihrer jungfräulichen Müthc ei» bildschönes Mädchen, das vielen Männern den Kopf verrückte. Im siebzehnten Jahre ihres Lebens verwechselte sic unser Altcuhain, ihren Geburtsort, mit der Residenz, wo sic achtzehn: Monate lang einer gräflichen Familie als Hausjungfcr mit Ruhm diente. Dann aber kam sic Plötzlich, mit Kleidern und Geld wohl versehen, nach Altenhain zurück; vier Wochen später war Meister Niklas Robert — ein schon ziemlich bejahrter hektischer Schwächling, den sic zuvor mit keinem Auge gesehen hatte — ihr angetranter Ehekrüppel, und siebcnthalb Monate nach der Hochzeit warst du geboren. — Das alles machte zu seiner Zeit großes Aufsehen, doch nun ist freilich Gras darüber gewachsen." — „Und das wollen wir nicht muthwillig wegreißen;" sagte Robert mit niedergeschlagenen Augen. „Es mag den Fehltritt meiner Mutter, wenn sie wirklich einen begangen hat, ewig bedecken." Langbeln's flimuitl. Sehr. VI. Bd. 20 -»§> 306 „Jn Gottes Namen," sprach Herr Wurzel und nahm eine Priese Tabak. „Damit ich jedoch, in Ansehung der bemerkten Aehnlichkcit, die Ehre meiner Augen rette, so will ich dir auf der Stelle ein Bildniß des Herzogs zeigen, das ich zu diesem Behuf in der Residenz gekauft habe." Er ging hinaus zu seinem Schimmel, öffnete den Mantelsack, kam mit zwei zusammen gebundenen Pappendeckel zurück, und zog aus denselben einen mit bunten Farben ausgcmaltcn Kupferstich. „Herr Jemine! welche Achnlich- keit!" schrie Hannchcn auf. „Ja, nun glaub' ich alles, was der Herr Doctor sagte. — Sich nur, Robert, ganz deine Nase, dein Kinn, deine Stirn! Wärst du zwanzig Jahr' älter und mit Uniform und Orden ausstaffirt, man könnte dich von Sr. Durchlaucht nicht unterscheiden." Schweigend genoß Herr Wurzel dieses Triumphs. Auch Robert, in Anschauung des Bildes vertieft, gab keinen Laut von sich. Hannchcn forderte ihn auf, seine Gedanken zu eröffnen; er weigerte sich aber mit der Entschuldigung, daß er in seiner eigenen Sache nicht Richter sehn könne. „Nun, so verlaß dich auf unser Urthcil!" sagte sic: „und triffAnstaltcn, dein Gcburtörecht geltend zu machen." — „Wie soll ich das anstelle» ?" sprach er verdrießlich. „Mir schaudert die Haut, wenn ich nur daran denke. Ich liebe Ruh' und Stille, das weißt du!" „Was Ruhe, was Stille!" donnerte Wurzel. „Man muß sich regen, muß Lärm machen, sonst glauben die Leute, man schlafe." — „Das mögen sie von mir denken!" cntgcgncte Robert. „Es ist besser, man schläft, als daß man wachend aufs Maul geschlagen wird." — „Larifari!" fuhr der Doktor auf, und sagte dann mit einem langsamen pathetischen Lehrtone: „Empfange von -»-§> 307 hoher Hand eine Ohrfeige mit Freude und Dank, damit du einem Gcringcrn ei» Dutzend dafür geben kannst! — Das ist mein Grundsatz, bei dem ich mich wohl befinde und den ich dir daher aufrichtig empfehle. Stellt sich der Herzog auch Anfangs etwas barsch gegen dich, so laß ihn nur anstobcn. Du trägst auf deinem Gesichte eine Urkunde, die er endlich anerkennen und wenigstens mit dem Gra- scntitcl und einem ansehnlichen Rittcrgutc bezahlen muß." — Jubelnd durchschwarmtc Hannchcn den Garten und trat im Freudentaumel manche sorgsam gepflegte Blume nieder. Man sah es ihren lustigen Sprüngen deutlich an, daß sie schon in einer mit vier oder sechs Pferden bespannten Karosse zu sitzen glaubte. Der Doktor hatte zwar fest beschlossen, die bcabsichligtc Mißhcirath des Halbprinzcn mit dem Gärtncrmädchcn zu zerstören; doch ließ er sich das jetzt nicht weiter merken: denn Hannchcn und ihre kleine Eitelkeit waren ihm unentbehrliche Hebel, den bequemen und furchtsamen Burschen vom Platze zu bringen. Das gelang auch vollkommen. Robert ward von seinem Liebchen so lange gestreichelt, bis er sich ergab und versprach, unter des Doktors Leitung und Aufsicht in die Hauptstadt zu reisen. Herr Wurzel brachte sich selbst zu dem Posten eines Führers in Vorschlag, weil er seinen Schnitt dabei zu machen hoffte. Er bestimmte den zweiten Morgen darauf zur Abreise, damit er des nächsten Tages noch Zeit habe, sich zu rüste» und seine Kranken zu besorgen. Diese guten Leute hätten ihn ..bcr nicht gehindert, sich augenblicklich auf den Weg zu machen. Er fand sie alle frisch und gesund, und sic versicherten einstimmig, daß von dem Tage an, da er sic nicht mehr besucht habe, ihre Genesung cin- gctretcn scp. ---D 308 Robert nahm in ganz Menhain von niemand Abschied, als von Hannchcn; das war aber anch eine Scene, die vor lantcr Zärtlichkeit ins Komische fiel. Er gelobte seiner Auscrwähltcn auf den Knien, ihr ewig treu zn bleiben, und sogar, wenn er durch ein Wunder des Himmels regierender Fürst würde, seine» Thron mit ihr zu theilen. Sie wünschte dagegen herzlich, daß er in diesen Prüfungs- stand der Liebe gesetzt werden möge. So trennten sic sich am Vorabend der Abreise, und gaben sich die Hand darauf, recht fleißig an einander zn schreiben. Am folgenden Morgen erschien Herr Wurzel vor Roberts Wohnung mit einem kleinen Korbwagen, an den er seinen vielseitig brauchbaren Schimmel gespannt hatte. Das zwcrg- hastc Doktorchen und der zarte Schneider wogen leicht, waren auch mit wenig Gepäck und noch weniger mit schwerem Gcldc belastet; die Fahrt ging daher flüchtig über Stock und Stein. Unter Weges ermangelte, der Doktor in keinem Gasthofe, wo sie einkchrtcn, die Wirthe zu fragen , ob sie nicht etwas Besonderes an seinem Gefährten bemerkten. Sie starrten den schamrothcn Klcidermachcr an und erklärten ihn dann insgcsammt für einen gewöhnlichen Menschen, dergleichen sie schon Tausende gesehen hätten. Da lächelte Herr Wurzel gar spöttisch und sagte: „lieber ein Kleines werdet Ihr aus der Residenz ein wunderbares Gerücht vernehmen, das Euch eines Bessern belehren wird." — Die schlauen Gastwirthc zogen aus diesen dunkeln Worten den Schluß: cs müsse doch wohl eine hohe Person unter der ärmlichen Hülle verborgen scpn, und ließen sich nun Dach und Fach und Speise und Trank so thcucr bezahlen, daß die Reisenden mit ganz erschöpften Beutel» in der Hauptstadt anlangtcn. Robert war darüber in Angst und Sorgen, doch sein Mentor versicherte tröstlich: er habe in 309 ^ der rothcn Eule unbeschränkten Kredit, könne auch allenfalls von seinem Freunde Leisegang ein Darlehen erhalten, und Lberdicß würden die Apanagegeldcr vom Hofe bald ausge- sctzt und bezahlt werde» und allen Bekümmernisse» ein fröhliches Ende mache». ES war Abends sechs Uhr, als sic vor der rothcn Eule absticgen. Der Doktor schickte sogleich den Hausknecht zu dem vorsichtigen Provisor, ließ ihm seine glückliche Ankunft melden und ihn ersuchen, sich möglichst bald im Gasthofe cinznfindcn, wo er Gelegenheit haben werde, eine neue, höchst anziehende Bekanntschaft zu machen. Nach Verlauf einer halben Stunde war Herr Lciscgang schon da, bcthcnertc aber auch, er habe sein gewöhnliches, festgesetztes Schrittmaß beträchtlich erweitert, um der Umarmung seines wcr- thcn Freundes ohne langen Verzug thcilhastig zu werden. Er hatte, ungeachtet der Himmel ganz wolkenfrei war, einen seidenen, mit einem Futterale von Leinwand überzogenen Regenschirm unter dem Arme, und ließ sich, der damals herrschenden Hnndstaghitzc zum Trotz, einen Ungeheuern Glockenmantel von Doppcltnch Nachträgen, um sich beim Nachhauscgchc» nicht zu erkälten. Es schien, als hätte er sich auf ein nächtliches Bacchnsfcst eingerichtet, und cs ward auch wirklich eine Flasche des guten Würzburgers, der ihm acht Tage vorher so trefflich geschmeckt und ihn so überaus offenherzig gemacht hatte, sogleich aufgctragen. Der Doetor, auf dessen Befehl und Rechnung dicß geschah, nöthigtc unablässig, wie ein gastfreier Krähwinkler, zum Trinken und beobachtete immer zugleich des Provisors aschcnfarbcne Wangen, auf welchen er je eher je lieber das heitere Morgcnroth der Zecher aufgchc» zu sehen wünschte, weil er den junge» Schnciderprinzcn, den er indessen in eine Ncbcnkammcr verwiesen hatte, nicht früher verstellen 310 8 lZueKübait, Nailleu, n»ur l>o,»me, und gegenüber: ,1e»n kierro leelclkümmick, lailleur ^our loiunie. — Dort an der Ecke wohnt, wie cs scheint, ein ganz vernünftiger Mann, der nennt sich K l c id c r m a ch c r, hier aber stoßen wir wieder auf einen rechten Hauptsantasten, mit dem ange- maßten Titel: Klciderkünstler. — O, über die elen- -o-D 314 <§-> den Wichte! — Aber solche Stelzengängcr gibt's leider in allen Ständen." — So schwatzend, kamen sic an ein Thor. Der Arzt stellte sich, »ach seiner Gewohnheit, mit ansgcsprcizten Beinen hin nnd betrachtete die Bauart desselben. Der wachhabende Osficicr nnd ein anderer junger Fähnrich, der bei ihm zum Besuch war, machten ans Wnrzcls possierliche Figur sogleich Jagd, witzelten halblaut über ihn, nnd eine große englische Dogge, die ihnen zngchortc, schnüffelte um ihn hcrnm. Er achtete das alles nicht. Doch der Himmel weiß, ob der Hnnd von seinem mnth- willigcn Herrn einen Wink erhielt, oder ob er nach dem Sprichwortc, wie der Herr, so der Knecht, von selbst Lust bekam, einen Schwank auszuführen: kurz, er fuhr von hinten dem Doktor zwischen die Beine und ging mit ihm durch. — Der Reiter fluchte, verlor den Hut, und fiel, nach einer kleinen durchgcflogencn Strecke, vom Hunde herab. Die Officierc lachten sich aus dem Athcm. Er stürmte ans sic los und setzte sic tapfer zur Rede. „Was können wir dafür?" antwortete der Eine. „Es war des Hundes eigener Einfall. Er ist vormals bei einem Bärenführer zum Rcitklepper eines Affen gebraucht worden, nnd wollte sich vielleicht jetzt einmal in die alten Zeiten zurück versetzen." — lieber diese spöttische Ausrede (bei welcher jedoch die Lebcnsgeschichte des Hundes nicht erdichtet war) ergrimmte das Männlein entsetzlich, schimpfte wie ein Rohrsperling, nnd sagte unter andern: cs scp sehr schlecht, daß die öffentliche Ruhe und Sicherheit von Leuten gestört werde, welche sie handhaben sollten. — Die Officicre geboten ihm Stillschweigen; er aber schmähte noch toller, fuchtelte ihnen mit dem Stocke vor dem Gesichte herum nnd zwang sic durch seine unbezähmlichc Wuth, 318 <§^-- ihn zum Arrest bringen z» lassen. Robert jammerte laut; doch der verhaftete Stoiker versicherte lachend, cs werde ihm kein Haar gekrümmt werden. Eine halbe Stande darauf ward er, auf Befehl des Commandantcn, einstweilen dem bürgerlichen Gericht überliefert. Doch erhielt er, in Betrachtung seiner gelehrten Würde, eine anständige Wohnung bei dem Stadtwachmei- stcr. Er forderte sogleich Papier, Feder und Dintc, und schrieb höchst srcimüthig an den Herzog: er sey in die Hauptstadt gekommen, um Sr. Durchlaucht einen verlorenen Sohn zu übcrbringen, habe jedoch, durch zwei junge. Offenere zum Zorn gereizt, den Unfall gehabt, in gefängliche Haft zu gerathcn, und bitte daher untcrthänigst um Freiheit und Gehör. — „Sieh," sprach er zu Robert, der sich freiwillig mit ihm cinkerkcrn ließ, „sich, da hat gleich der Zufall, dem ich heute früh eine Lobrede hielt, ein Mcistcrstückchcn gemacht. Ich hätte mich vielleicht, ohne seine Einmischung, noch acht Tage lang besonnen, an deinen durchlauchtigsten Herr» Vater zu schreiben, und nun ist der Brief schon fertig." — Der Herzog hatte die löbliche Sitte, alle an ihn unmittelbar gerichteten Zuschriften, sie mochten kommen von wem sie wollten, selbst zu erbrechen und zu lesen, und cs^ durfte Niemand auf keine Weise gehindert werden, sich brieflich an ihn zu wenden. So gelangte denn auch des Doktors Schreiben durch den ehrlichen Stadtwachmeistcr, der es in der Hofkanzlei abgab, schnell und richtig in die fürstlichen Hände. Nach Verlauf einer Stunde war der Gefangene in Freiheit gesetzt und durch einen Kanzlcibotcn beschicken, sich sofort, nebst seinem Gefährten, zu dem Minister von Secwald zu begeben. Der Bote begleitete sie zu ihm, und sie wurden sogleich vorgelassen. -OZ» 316 Roberts Anblick setzte den Minister, wegen der wirklich unläugbarc» Achnlichkcit mit dem Herzog, in Erstcmnen: er wäre ober wohl ei» ungeschickter Staatsmann gewesen, wenn er diese Empfindung durch die flüchtigste Miene vcr- rathcn hatte. Mit unverändertem Gesichte, wie ein Marmorbild , und mit kalten, gleichgültigen Worten fragte er nach alle» Umständen, die zur Erläuterung des an den Herzog erlassenen Briefes dienen konnten, und schloß dieses Verhör mit dem Bescheide, daß er ihre Aussagen Sr. Durchlaucht Vorträgen werde. Der Doktor hupfte lustig die Treppe hinab. In seinen Augen war die Sache nun schon gewonnen. Als er jedoch unten auf der Straße an die rothc Eule dachte, verwandelte sich seine Freude in Traurigkeit. Die Zahlstunde war da, er hatte kein Geld, aber viel Hunger. Auch Robert klagte darüber. Das war Jenem lieb, denn cs bahnte ihm einen Weg zu dem Vorschläge, das silberne Uhrchcn, das schon am Morgen verstoßen werden sollte, zu verschachern. Robert hatte jetzt weniger Lust dazu, da ihn dieses Opfer nicht zu Hannchcn zurück führte; doch er willigte ei», und sic erhielten für das unbedeutende Wcrkchcn von einem Hebräer gerade so viel, daß sic das drückende Conto bezahlen und auf ein neues loszehrcn konnten. Am folgenden Tage wurden sie wieder zum Minister gerufen. Er empfing sie mit einer finstern Miene und sagte i der Herzog habe ihre, ans eine zufällige Achnlichkcit gegründete Anmaßung, der sein Bcwußtsepn widerspreche, mißfällig empfunden. Da der gütige Fürst jedoch glaube, daß ihr gewagter Anspruch nicht ans Frevel, sondern aus Einfalt entsprungen sep, so wolle er ihnen verzeihen und sie aus verwaltender Milde sogar für die vergeblich auf- gewandten Reisekosten mit fünfzig Thalcrn entschädige». 317 d- Sie sollten sich aber stracks nach Attenham zurück begeben und ohne weitere Schwtndclgedankcn ihren Geschäften obliegen. — Schamroth, doch unbctrübt, senkte Robert schweigend den Kopf. Sein beherzter Sachwalter hingegen äußerte Verwunderung, daß der Herzog nicht die Gnade habe, sie persönlich vor sich zn lassen. Er trage hiermit darauf an, setzte er hinzu, und hoffe fcstiglich, daß die höchste Entscheidung alsdann ganz anders ausfallen werde. Die Sache scp abgcthan, erwicdcrte der Minister, und die begehrte Audienz könne um so weniger stattfinden, da der Herzog eben jetzt im Begriff stehe, eine Reise anzu- trctcn, die ihn sechs Wochen lang von seinen Staaten entfernen werde. Bei diesen Umständen nahm Herr Wurzel das fürstliche Geschenk ohne weitern Eiuwand an und empfahl sich. Wer war froher als Robert! Es fiel ihm ein Stein vom Herzen, als er hörte, daß ihn der Herzog nicht als Sohn anerkenne. Er wollte nun ohne Verzug zu seinem lieben Hannchen zurückcilcn und ihr zum Andenken der merkwürdigen Reise ein schönes seidenes Band mitbringen. Als er aber beim Austritt aus dem Hause des Ministers diese Gedanken laut werden ließ, schalt ihn der Doktor einen Gimpel und that den Machtspruch: „Die Reise nach Altenhain unterbleibt vor der Hand! Wir erwarten die Rückkunft des Herzogs, drangen uns zu ihm, und sehen und Horen, ob das Batcrgcfühl bei ihm erwacht, oder ob er Stirn gegen Stirn de» Muih hat, dich zu vcrläugnen. Geschieht das letztere, wie ich jedoch nicht glaube, so mußt du freilich zu Schecrc und Nadel wieder greifen. Aber nicht eher! durchaus nicht eher! Wer etwas unternommen -o-V 313 hat, muß cs ausfUhrcn, muß das Höchste wagen, sonst ist er ein Schuft!" — Robert, der sich nun einmal in des Kobolds Stricke» befand, und nicht Mannes genug war, sic zu zerreißen, schlich traurig in die rothc Eule und schrieb an Hannchcn. „Recht so!" sagte der alte Fuchs. „Ich will das Briefchen selbst auf die Post tragen." — Der Schwachkopf vertrante cs ihm an; aber das liebevolle, herzliche Briefchen ward in der nächsten Straße von dem untrem» Bote» erbrochen, gelesen und zerrissen. Dann ging er auf die Post, und ordnete an, daß alle Briefe, die an Meister Robert ans Altcnhain ankämcn, liegen bleiben sollten, bis sic abgcholt wurden. „Ist Er der Meister Robert'k" fragte der Post- schreibcr. „Ja, der bin ich," antwortete Wurzel. Auf diese Art bemächtigte er sich des Briefwechsels der Liebenden, die schlechterdings gegen einander erkalten und sich entzweien sollten, damit Robert, im Fall seiner Standcs- crhöhnng, eine vorthcilhaftcre Heirath schließen könne. Auf dem Rückwege von der Post micthctc der Ränkeschmied eine nette Wohnung von einigen Zimmern in einem Privathause. Die Herberge in der rothcn Eule war ihm nun, da er fünfzig Thalcr in der Tasche hatte, zu schlecht. Er wollte sich auch an dem Grobian, der seinen Gästen nur vier und zwanzig Stunden Ercdit gab, durch plötzliche Vcrlassnng des Gasthofcs rächen. Mit Verachtung warf er ihm hin, was er noch zu bezahlen hatte, und zog aus. Indessen war cs in der Ncsircnz ruchbar geworden, daß ein Schneider angckommcn scp, der sich für einen Sohn des Herzogs ansgcbe. Jedermann war begierig, den jungen Prätendenten zu sehen. Der Doktor befriedigte dieses Verlangen, indem er ihn oft in Kaffccgärtcn und an andere öffentliche Orte führte. Da drängte sich überall ein -o§> 319 S-o- Krcis von Gaffern um sie her, und der redselige Charla- tan gab jedem neugierigen Forscher Rede und Antwort. Roberts feine Gestalt und bescheidenes Wesen gefielen allgemein. Die halbe Stadt ergriff Partei für ihn gegen den Herzog. Auch zeigte man thätigc Theilnahme. Die Abenteurer wurden fast täglich zu Tische geladen und ansehnlich beschenkt. Älo,isio»e Imui» Locksbart übersandte jedem von ihnen, aus eigener Bewegung, ein vollständiges !m- billomoiit a Io wolle, und der Doktor erklärte freudig: der ll'olllew- poue bomme sei) ein deutscher Ehrenmann. Es lief auch unter andern ein anonymes Schächtelchcn mit Magenmorscllcu ein. Herr Wurzel crricth sogleich, daß sic eine geheime Spende des Provisors waren. Er verzehrte stc mit Appetit, und sagte zur schuldigen Danksagung: „Sic schmecken gut und stärken den Magen, aber Lcisegangs zähen Geiz kann ich doch nicht verdauen." Bei allen diesen Almosen und mitleidigen Speisungen, die Roberts natürlichem Schamgefühl widerstanden, befand sich der Doctor in seinem Elemente. Er wirthschastete toll in de» Tag hinein, ließ gute Weine nicht von seinem Tische kommen, verkaufte seinen alten Schimmel an einen Micth- kutschcr, schaffte sich dafür ein Paradcpferd, spielte in Kaffeehäusern hohe Spiele, und mußte, weil er sic nicht verstand, immer Lehrgeld bezahlen. Dieser Aufwand ließ sich freilich mit den vom Hofe erhaltenen fünfzig Thalcrn und andern Geschenken, die man ihm hier und da in baarcm Gelde machte, nicht bestreiten; allein er fand Credit, indem er jedermann zu überreden wußte, daß sich der Herzog, nach persönlicher Bekanntschaft mit seinem natürlichen Sohne, unfehlbar anders bezeigen werde. Robert ward indessen mit jedem Tage trauriger, weil er ans ein volles Dutzend zärtlicher Briefe keine Antwort aus 320 323 Oo- Unter solchen Gesprächen gingen sic die ganze Nacht in einem Zuge fort. Der anbrechendc Morgen erinnerte sic, die Maskenkleider abzulcgcn. Hannchen schob ihre Fledermaus-Hülle in einen hohlen Baum, weil sie sich kein Bedenken machte, den Ersatz derselben dem alten Sünder zu überlassen. Robert aber bewahrte seinen Domino auf, um ihn der Eigenthümerin wieder auszuliefcrn. Nach zwei starken Tagereisen kamen die Wanderer glücklich nach Altenhain. Robert ging am nächsten Morgen zum Pfarrer, um das Aufgebot zu bestellen. „Sie bleiben also bei uns, lieber Meister?" sagte der Geistliche. „Haben in der Residenz nichts auSgerichtet?" Der Bräutigam schwieg verlegen. Er wollte den geleisteten Schwcrtcid nicht brechen. „Ihre Reise und die Absicht, die Sie dabei hatten, ist mir kein Geheimnis!!" fuhr der Pfarrer fort. „Wir können aufrichtig darüber sprechen, und cs ist gewisser Masten meine Pflicht, Ihnen zu entdecken, daß nicht unser regierender Herzog, sondern ein längst verstorbener Halbbruder desselben, ein natürlicher Sohn des vorigen Regenten, ihr Vater war. — Das gestand mir Ihre selige Mutter auf dem Todbette und bat mich, cs Ihnen zu gelegener Zeit bekannt zu machen. — Ich hielt cs bis jetzt nicht für nöthig; doch cs wäre geschehen, wenn ich von dem Endzweck Ihrer Reise unterrichtet gewesen wäre, und ihn nicht erst gestern durch einen Brief aus der Residenz erfahren hätte." — So lösete der Pfarrer auf Einmal das Räthscl von Roberts Familienähnlichkeit mit dem Herzog. Hier endiget sich eigentlich die Geschichte; doch des Doktors fernere Fata gehören auch noch zur Sache, und mögen als ein kleines Nachspiel hier Platz finden. -oV- 326 Er durchschwärmte die Ballnacht und sprach den Schcnk- tischeu fleißig zu. Als er am Morgen nach Hause kam, wunderte er sich, daß Robert nicht da war. Allein er hatte nicht Zeit, darüber nachzudeukcn; er mußte schlafen, und schlief, bis ihn ein Jude weckte, au den er einen Wechsel, worin die Rückkunft des Herzogs zum Zahlungstermine bestimmt war, ausgestellt hatte. Er konnte nicht Wort halten; der aufgebrachte Gläubiger ließ ihn verhaften. Auch in Altcuhaiu stieg ein Ungewittcr gegen ihn auf. Robert erzählte von ungefähr einem seiner Kunden, dem Advokaten Schlendrian, daß alle zwischen ihm und seiner Braut gewechselten Briefe entweder verloren gegangen oder unterschlagen worden wären. „O, das that der alte Schelm!" sagte der Advokat, ein geschworener Widersacher des Doktors. Die Ursache dieser Feindschaft war sonderbar. Schlendrian hatte eine alte böse Frau, die er gern dem Himmel abgetreten hätte. EinSmals ward sic krank. Er war froh und glaubte sie am sichersten los zu werden, wenn er sic dem Doktor Wurzel in die Kur gäbe; aber wider alles Erwarten genas sic unter seinen Händen, und seit dieser Stunde warf ans ihn der getäuschte Ehemann einen unversöhnlichen Haß. — Zum Unglück für den Doktor hatte Schlendrian eben jetzt, als ihm Robert den Verlust der Liebesbriefe geklagt hatte, ein Geschäft in der Hauptstadt, und ergriff mit beiden Händen diese Gelegenheit, sich an dem ungefälligen Arzte zu rächen. Robert mußte ihm eine Vollmacht aus- fertigen, daß er wegen der fehlenden Briefe bei dem Hof- postamtc Nachfragen solle. Das that er, die Briefe von Altcuhaiu an Meister Robert waren richtig angckommcn, und der Postschrciber erinnerte sich genau, sie von Zeit zu Zeit einem alten, kleinen Männlein ausgeliefert zu haben. -»D 327 Aber nach Attenham an Jungfer Heinrichen war kein einziger Brief eingezeichnct. Freudig veranstaltete nun Herr Schlendrian eine Untersuchung gegen den Doktor, der sich noch in Wechselhaft befand. Er ward des angcschuldigten Verbrechens überwiesen und auf vier Monate zu Festungs- gefängniß verurtheilt. Dann ward er wieder völlig frei; denn auch der Jude ließ ihn laufen, weil er das Wechsel- chcn auf keine Weise bezahlen konnte. Es hätte ihn nun nichts gehindert, sich wieder nach Attenham zu begeben; aber er schämte sich, dort zu erscheinen, ließ sich an einem andern Orte nieder, und das beklagte in Altenhain Niemand als der Todtengräber. Robert und Hannchen hingegen leben dort in großer Achtung und sind das glücklichste Paar. Die junge Frau gesteht offenherzig, daß sie nach dem Titel einer Gräfin und nach einem Nit'tergute ein wenig lüstern gewesen sey; doch versicherte sie auch, daß sie in dem Augenblicke, da sie ihren Geliebten mit unveränderten Gesinnungen wieder gefunden, jene verschwundenen Seifenblasen nicht im geringsten vermißt und bedauert habe. „Liebe, treue Liebe," sagte, sie, „ist das höchste Gut, und da ich das noch besaß, war ich reich und zufrieden." -oO I28 IX. Das Geheiiiiiliifi. i „Ich möchte mir wissen," sagte der Koch, als er eines Abends am Bcdicntcntischc wie gewöhnlich das große Wort führte — „ich möchte nnr in aller Welt wissen, was drüben im andern Flügel des Schlosses vorgcht, und was für Leute dort wohnen." „Nahen und Mäuse!" fiel der alte Kammerdiener ein. „Diese haben seit dem Tode des vorigen Herrn — und das find nun zwanzig Jahre her — jene Zimmer allein im Besitz." „Jetzt nicht mehr!" versetzte der Koch. „Es leben und weben seit acht Tagen andere Wesen dort." „Ach, Himmel! wohl gar Gespenster?" kreischte der Zieraffe, die Kammcrjnngfcr. „Nein, Menschen, natürliche Menschen! Sic essen und trinken, wie wir; das weiß ich am besten. Man hat mir zwar verboten, davon zu sprechen; aber ich hoffe, ihr werdet mich nicht vcrrathcn, und so will ich denn sagen, was mir von der Sache bekannt ist. — Es war gerade heut -o-§> 320 vor acht Tagen, als mir das Fräulein befahl: ich solle, außer dem gewöhnlichen Bcdürfniß an Speisen, noch für sechs Personen zurichten und täglich so fortfahrcn; aber das dürfe niemand wissen, sogar der Herr nicht. — Nun, ich that, was meines Amtes war, und schwieg. Das geheime Essen war fertig; das Fräulein hieß mir, alles in einen Korb zusammcnzupackcn und mich nicht weiter darum zu bekümmern. Bald darauf setzten wir uns, wie wir hier versammelt sind, zu Tische, und als ich in die Küche zurückkam, waren die Speisen verschwunden. — Des felgende» Tages paßte ich auf. Seht, da kam unser Fräulein und lief mit dem Korbe davon, als hätte sie ihn, mit Ehren zu melden, gestohlen. Sie trippelte durch den langen dunkeln Gang in jenen Flügel hinüber. Das war mir ein Näthsel. Ich ging ein paar Stunden nachher auf Kundschaft ans. Da fand ich zwar die Thür am Ende des Ganges verschlossen; als ich aber das Ohr anlcgtc, da hörte ich Leben und Bewegung in de» öden Gemächern. Es sprachen männliche und weibliche Stimmen; doch so leise, so leise, daß ich kein Wort verstand." — „Das sind Hirngespinste!" rief der ehrwürdige Nestor, der Kammerdiener, der dem Koch während der Erzählung mit merklichem Unwillen den Rücken zugckchrt hatte. „Aber das ist wahr," fuhr er fort und schlug mit der Hand auf den Tisch, „das bleibt ewig wahr: daß Horchen und Klatschen ein Paar häßliche Untugenden sind, die besonders einen Mann sehr übel kleiden." — Hiermit stand er auf und ging mit hastigen Schritten fort. „Hätt' ich doch geschwiegen !" sagte der Koch etwas kleinlaut. „Der Alte ist, wie es scheint, von dem Gcheimniß 330 «A-v- nnterrichtct, »nd wird nicht ermangeln, hohen Orts anzuzeigen, daß ick geplaudert habe." „Das glaub' ich nicht!" tröstete die Kainmcrjungfer. „Ueberhaupt kommt das Gehcimniß wohl bald ans Licht. Der morgende Geburtstag des gnädigen Herrn wird cs ohne Zweifel enthüllen." 2 . Fräulein Claudine hatte den Wecker in der Uhr auf die vierte Stunde gestellt, und von ihm ermuntert, zog sie die Klingel. Aber die Zofe nahm sich Zeit, che sic finster und gähnend erschien. „Neibe dir nicht so grämlich den Schlaf aus den Angcn, Lisette!" sagte das Fräulein. „Heute haben wir einen frohen Tag! Heute vor fünf und fünfzig Jahren ward mein Bruder geboren. Wahrlich, cs trat da ein trefflicher Mann in die Welt! Ein braver, hochherziger Mann von altdeutschem Schrot und Korn. Die Geburtstage solcher Männer muß man mit dem heitersten Gesichte feiern; denn dieser edle Schlag von Menschen wird immer seltner auf Erden." — So fuhr sic während des Ankleidens fort, das Lob ihres Bruders, des Herrn von Tann Hof, zu preisen, und betrieb dann mit freudiger Thätigkeit die Anstalten des bisher vor ihm geheim gehaltenen Festes. Sic durcheilte das Haus, ließ fegcu und räuchern, die Staatslivree an- ziehen und den Hunden die sammtenen, mit dem Geschlechts- Wappen verzierten Halsbänder anlegcn. Um sechs Uhr, da Herr von Tannhof gewöhnlich aufstand, lauschte sie an der Thür seines Schlafzimmers, und er regte sich kaum, so begrüßten ihn auf ein von ihr gegebenes Zeichen im Schloßhofe zwei Böller, die wirklich nur bellten, nicht 33k donnerten, als sie der Verwalter, ein vormaliger Artillerist, abbramite. Zugleich ward ein Kirchenlied vom nahen Thnrmc geblasen, n»d das Fräulein erschien mit Glückwunsch und Angebinde. Herr von Tannhof dankte ihr mit einer herzlichen Umarmung. Indessen danerte das Gebell im Hofe noch fort. Lachend entschuldigte Claudinc die schwache Stimme der von einem benachbarten Edelhofc entliehenen Zwergkanoncn. „Laß gut scpn!" sagte der Bruder. „Wollte Gott, es gäbe keine größer» Geschütze, oder wir hätten wenigstens in unserm Vatcrlande ihren Donner nie gehört!" — Er sprach dann mit Rührung von vergangenen Zeiten, gedachte seiner verstorbene» Gattin und seines in auswärtigen Kriegsdiensten stehenden Sohnes, den er seit zehn Jahren nicht gesehen hatte, weil sein Bruder, der bei derselben Armee General war, seinen Neffen als einen fünfzehnjährigen Knaben zur Fahne seines Monarchen warb, und seitdem eine Kette von Kriegen dem jungen Tannhof keine Muße ließ, das Vaterhaus zu besuchen. Claudinc cröffncte ihrem Bruder, daß sic zur Feier seines Festes eine kleine Gesellschaft cingcladcn habe. „Nun wir wollen vergnügt scpn!" sprach er. „Laß aber auch unser Dorf eines frohe» Tages genießen! Sorge dafür, daß die Leutchen, alt und jung, auf den Abend bcwirthet werden." — Claudinc, die zu allen wohlthätigc» Handlungen immer bereitwillig war, verließ ihn vergnügt, um die nöthigcn Vorkehrungen zu treffen. Bald darauf machte der Gerichtshaltcr seine Aufwartung. Er hatte sich dcßhalb einige Meilen weit hcrbegeben und hielt eine hochtrabende Rede, die eben so breit und steif war, als sein Bräutigamsklcid, das er seit dreißig Jahren bei solchen Feierlichkeiten anlegte. Herr von Tannhof dankte -OZ» 332 S-o ihm siir scinc stattlichen Wunsche und empfahl ihm bei dieser Gelegenheit Milde und Gelindigkeit gegen die Unter- thancu: denn der Gratulant war ein eiserner Nechtsgclehr- ter und mit der leidigen Sportelsucht ein wenig behaftet. Er stutzte über die Ermahnung und versicherte hoch und thcucr, daß er immer nur dem Rechte seinen stracken Lauf lasse. „Das größte Recht ist oft das größte Unrecht;" crwicdcrte sein Principal. „Ich will aber durchaus nicht, daß die heilige Justitia meine Untcrthauen zu Bettlern macke." „Gott segne und erhalte Sic für diese Gesinnung!" sagte der cintrctcnde Pfarrer, der ebenfalls kam, um die gewöhnliche Steuer eines Glückwunsches zu entrichten, und cs mit kurzen, herzliche» Worte» that. Der Gcrichtshaltcr hatte noch gern für scinc strenge Göttin eine ritterliche Lanze gebrochen; er unterließ cs aber, weil er zwei Laien gegen sich hatte und er sich das festliche Mahl, wozu er geladen war, durch Aufwallung des Blutes nicht verbittern wollte. So trat er denn mit heuchlerischer Ergebung ab, verfügte sich in die Gcrichts- stubc und begegnete den vorgeladeucn Parteien mit ungewöhnlicher Katzcnfrcundlichkcit, damit Fräulein Claudine, die sich um die Rechtspflege des Dorfes fleißig bekümmerte, solches erfahre und dafür scinc» Rcisewagcn, wie sie bisweilen that, mit Gastgeschenken belade. 3. Gegen Mittag fand sich der Adel aus der Nachbarschaft ein, und man ging zur Tafel, wo trefflich gegessen und getrunken, aber wenig Erhebliches gesprochen ward. Ein alter, seit zwanzig Jahren auf dem Lande vcgcti- 333 S^- rendcr Kammerherr, dem aber noch der geringste Vorgang in seinem ehemaligen Geschäftskreise höchst wichtig war, unterhielt die Gesellschaft mit den neuesten Hofbegebenhei- tcn. Sic betrafen zwar nur Jagden, Assemblern und so weiter; doch sie waren acht, indem er darüber mit einem Hof-Fourier in posttäglichcm Briefwechsel stand und dafür seinem Annalisten einen ansehnlichen Jahrgchalt gab. Ein anderer, von seiner Hufe nie wcggckommener Land- junkcr sprach von den Ereignissen des letzter» Vichmarkts und von den guten und böse» Launen seines Rcitklcppcrs. Ein Oberforstmcister — der in seinem Acußcrn der Farbe des Waldes so treu war, daß sogar die zahlreichen Ringe an seinen Finger» durchaus nur aus grünen Edelsteinen bestanden — klagte über die augenscheinliche Abnahme der hohen Jagd und bemerkte dabei mißfällig, daß die unruhigen Köpfe, die Bauern, dessen ungeachtet nicht aufhörtcn, ihre alten, grundlosen Beschwerden über Wildschaden zu führen. Etwas unterhaltender, als die Gespräche dieser Herren, waren die lustigen Schnurren, die ein Oberstwachtmcistcr erzählte. Er war, ohne selbst zu wissen warum, den Geistlichen nicht gewogen und gedachte daher ihrer oft, und nicht ans die löblichste Weise, in seinen Geschichten. Die Gegenwart des Pfarrers, eines ehrwürdigen Greises, hätte ihn billig bewegen sollen, sich dieser Unart wenigstens jetzt zu enthalten; doch er that sich keinen Zwang an. „Herr Pastor," sprach er unter andern, „Sie haben meinen verstorbenen Seelcnhirtc», den Magister Gabel, gekannt; wissen Sic aber auch die Anekdote von der besonder» Höflichkeit, die er einsmals dem nun auch Heimgegangenen Superintendenten, dem Doktor Siegmar, erzeigte?" -O-D 334 Dcr Pfarrer verneinte die Frage nnd erinnerte sanft an den Spruch: Lasset die Tobten ruh»! „Allen Respekt vor den Tobten!" versetzte der Major. „Doch der unschuldige Schwank, den ich jetzt erzählen will, wird ihre Ruhe nicht stören. Magister Gabel bcwirthete einsmals, bei Gelegenheit der Kirchen- nnd Schnlvisitation, den Superintendenten nnd mich. Nun weiß ich nicht, welcher Spaßvogel dem guten Magister gesagt hatte, daß der Doktor für sein Leben gern Lichter putze. Kurz, er pflanzte vor seinem Herrn Ephorus ein halbes Dutzend Kerzen auf, damit er bas Bergungen habe, sic zu schnäuzen. Das that der Doktor denn auch und mußte es wohl thun, weil ihm, auf heimliche Veranstaltung des Pfarrers, bei diesem Geschäfte niemand zu Hülse kam. Nach der Abendmahlzeit ging ich mit dem Doktor, der bei mir übernachtete, die Treppe hinab. Magister Gabel stieg vor uns her: in der linken Hand zwei Lichter und in der rechten einen porccllancncn Teller, auf welchem eine blanke Lichtputze lag. Als wir nun an der Hausthür von ihm Abschied genommen nnd er sich mit vielen Kratzfüßen zu hohem Wohlwollen empfohlen hatte, präscntirte er dem Superintendenten die Lichtputzc und sagte mit unbeschreiblicher Freundlichkeit: „Jst's Jhro Hochwürdcn noch einmal gefällig?" — „O heilige Einfalt!" rief der Obcrforstmcistcr ins allgemeine Gelächter, von welchem sich selbst der greise Pfarrer nicht ansschloß. Einige fragten, was der Superintendent entgegnet habe. „Er sah den Magister starr an," — antwortete der Major — „er bat um Erklärung des seltsamen Anerbietens; nnd als er nun erfuhr, daß er im Rufe eines leidenschaftlichen Lichtputzcrs stehe, sagte er sanft: Das hat Ihnen ein Schalk weiß gemacht! nnd wir gingen lachend von dannen." — Mehr dergleichen Possen erzählte das lebendige Vateme- cum, und die Tafelzeit verstrich um so geschwinder dabei, da Fräulein Claudinc mit einer sonderbaren Unruhe, die ihr Bruder und alle Gäste bemerkten, die Folge der Speise» rasch nnd eilig betrieb, und kaum den Herren Zeit genug ließ, ihre Weinflaschen zu leeren. 4 Nach der Tafel ward der Schulmeister gemeldet nnd vorgelassen. Er wand nnd krümmte sich mit der Anrede herein: Hochwohlgeborner Herr und Gönner, ich erscheine Bei deinem Wiegenfest als Sprachrohr der Gemeine. So ging der Salm, der billig ungedruckt bleibt, fünf Minuten lang fort, und schloß mit den Worten: Auch wünscht das ganze Darf, erhabener Patron, Das; bald dein edler Sprost, der tapfre MartiSsohu, Mit Elir' und Nuhm gekrönt, aus weit entfernter Zone Heimkehr' ins Vaterhaus, und uns zur Lust hier wohne. „Ein guter Wunsch, dem ich aus vollem Herzen bci- stimme!" sprach Herr von Tannhof und füllte die Gläser. Des Abwesenden Gesundheit ward getrunken. Die Böller im Hofe ließen sich dabei hören. Der poetische Redner sträubte sich entsetzlich gegen das erste Glas Wein, das man ihm reichte; als aber die Bahn einmal gebrochen war, trank er so weidlich, daß einem ungenügsamen Schmarotzer, der nur noch eine einzige Flasche ans dem Tische sah, ganz bange dabei ward. Er warnte den Herrn von ---V 336 Tannhof, dem Schulmannc nicht so viel einzuschenken, weil es ihm vielleicht nicht bekommen möchte. „O seht den Menschenfreund!" rief der Major. „Er trinkt das Gift lieber selbst, damit es andern nicht schade." Indem dieser Einfall belacht wurde, stahl sich der Schulmeister hinweg, und ein Diener vom Hause überreichte seinem Herrn ein großes Blatt, auf welchem gedruckt stand: Mit gnädiger Bewilligung wird von einer ambulanten Schau sziiolergesellschast sogleich nufgeführt: Die heimliche Heiratb, ein rührendes Drama in 5 Akten. Personen: Baron Grottan. Ferdinand, sein Sohn. Seraphine, dessen Gattin. Zange, ein Advokat. Krebs, ein Wucherer. Eleazar, ein Jude. Greif, ein Kerkermeister. Bedienten, Wache u. s. w. -o-D 337 Oo- „Wclche sonderbare Erscheinung!" rief Herr von Tannhof. „Wo ist denn das Theater?" „Hier, im blauen Saale des Schlosses," antwortete der Bediente. Der Major las den Zettel laut ab. Männiglich staunte, daß sich eine Bande Coinödiantcn — wie sich der unfeine Laudjuiikcr ausdrücktc in diese Gegend verirrt hatte. Herr von Tannhof sah sich nach seiner Schwester um; er wollte sic über diesen unerwarteten Vorfall befragen; sic war aber nicht zugegen. Mau erklärte sich nun ihre Unruhe bei der Tafel und ihr Drängen und Treiben, um einen zeitigen Aufstand von derselben zu bewirken. Auch der Dienerschaft entwickelte sich jetzt das Gchcimniß, worüber sic sich Tages vorher die Köpft zerbrach. „Also für Comödia » ten Hab' ich gesotten und gebraten," sagte der Koch. „Schade, daß ich das nicht früher wußte! Die Vagabunden hätten mit schlechter!! Speisen, als ich ihnen zubereitcte, fürlicb nehmen müssen." Herr von Tannhof forderte die Gesellschaft auf, sich mit ihm in den blauen Saal zu begeben. Alle waren mit Vergnügen dazu bereit. Nur der Pfarrer nahm seinen Hut, um nach Hause zu gehen. Man fragte ihn, warum er sich entfernen wolle. Er antwortete: Es vertrage sich nicht mit seinem Stande, daß er einem Schauspiele beiwohne. Herr von Tannhof stellte ihm vor, daß er sich das in einem Privathauft wohl erlauben dürfe. Er zuckte lächelnd die Achseln und ging mit in den blauen Saal. 5 Eine jämmerliche Musik, die der Schulmeister mit einigen aus der umliegenden Gegend zu Hülfe gerufenen Amts- brüdcrn aufführtc, empfing die cintretenden Zuschauer. Die Langbein'« sämnttl. Sehr. VI. Bd. 22 I -oD 338 <§-»- Hälfte des Saals durchschnitt quer über ein Vorhang, der aus seidenen Fenstergardincn zusammengesetzt war. Das Orchester mußte seine schreienden Fiedeln lange bearbeiten, weil die Schauspieler noch nicht zum Auftreten fertig scpn mochten. Nach endlicher Aufrollung des Vorhangs stellte die Bühne ein Zimmer vor, in welchem sich der Baron Grottau allein befand. Herr von Tannhof crschrack über diesen Mann: denn cs war ihm, als sah' er sich doppelt. Auch die übrigen Zuschauer verwunderten sich des Anblicks. Der Theater- Baron, der Anfangs stumm und wie in Gedanken vertieft in einem Armsessel saß, trug nicht nur Taunhofs gewöhnliche HauSklcivung, sondern drehte auch eine von dessen Tabaksdosen durch die Finger und schnupfte daraus mit derselben Manier, die Jenem eigen war. Seine Sprache steigerte die Verwunderung aufs höchste; sie glich der Stimme des Herrn von Tannhof vollkommen. Er begann mit einem Selbstgespräche, worin er äußerte, daß er sein Gcmüth von einer bcsondcrn Ahnung bewegt fühle. Während dieses Monologs übcrbrachtc ein Bedienter einen Brief mit der Meldung: es habe ihn ein reitender Bote abgegeben. „Aha! von meinem Bruder, dem General!" sagte der Baron, nachdem er die Aufschrift und das Siegel betrachtet hatte. Er erbrach den Brief und las: „Mein theurer Bruder, ich habe das Vergnügen, Dir die angenehme Nachricht mitzutheilcn, daß sich Dein wackerer Sohn zum Rittmeister aufgeschwungen und den Verdienstorden erhalten hat. Seine Tapferkeit, wodurch er sich im letzten Feldzüge ganz besonders auszeichnetc, erwarb ihm diese Belohnung. Freue Dich, glücklicher Vater, über den braven Jungen, der un- -o§> 339 S-o serer Familie so viel Ehre macht und vergib ihm in dieser Rücksicht eine Ucbereilung, die uns, beim rechten Lichte besehen, keine Schande bringt." — Der Baron stutzte, las heimlich weiter, fuhr bestürzt zusammen und rief aus: „Wie? was? Alle Teufel! Der Bube hat sich heimlich vcrheirathct? — Hat ciu Mißbünd- niß geschlossen!" Er warf den Brief zornig aus den Tisch, sprang empor, ging mit heftigen Schritten auf und nieder und eiferte gewaltig. Nach und nach faßte er sich, griff wieder nach dem Briefe und las laut: „Dein Sohn machte vor einiger Zeit die Bekanntschaft eines cdcln Mädchens, das den Name» Sera pH ine mit Recht führt: denn cs ist ein wahrer Engel, aber — eine bürgerliche Waise, deren Vater, ein ehrlicher Landprcdigcr, in der bitterste» Armuth starb. Ferdinand entdeckte mir, daß er sie unaussprechlich liebe und ihr ewige Treue geschworen habe. Ich zürnte darüber. Dein Vater, sprach ich, ist ein vcrnünstigcr Man», wie cs wenige gibt; aber den Stammbaum unscrs alten Geschlechts hält er in so hohen Ehren, daß er keinen bürgerlichen Zweig daran duldet. — Ferdinand crwiedcrte: Scraphinens Schönheit und Tugend würden einen Thron zieren. — Das kann sep»; versetzte ich: und cs wäre dennoch eine Mißvcrbindung, die dein Vater nimmer genehmigen würde. — Dadurch erschreckt, aber dessen ungeachtet beharrlich entschlossen, Seraphinen nicht aufzugebcn, wählte Ferdinand den Ausweg einer heimliche» Hcirath, die hier bei uns keinen bedeutenden Schwierigkeiten unterworfen ist. Mit einer Hand voll Gold überwand er alle Hindernisse, und ich erfuhr die stille Trauung nicht eher, bis sic mir der junge Ehemann selbst bekannt machte. Da vertraten denn freilich Anfangs un- ^ 34 «) >§<>- sreundliche Worte die Stelle der Glückwünsche; doch was war bei der nun einmal geschehenen Sache zu thnn? >Jch ließ mir, als sich mein Zorn etwas gelegt hatte, die Neuvermählte vorstellcn. Sie gewann meine volle Achtung, und ich mußte mir selbst bekennen, daß sic Werth scy, mit Verehrung und Liebe in unsere Familie anfgciiommen zu werden. — So steht die Sache, lieber Bruder, und sic wird nicht anders, wenn du auch darüber ans der Haut fahren wolltest. Doch du bist ja kein Don Ranudo de Colibrados, dem sein Stammbaum das höchste Gut ist, und der ihn, bei leerem Magen und in Lumpen gehüllt, mit Entzücken betrachtet. Du wirst, als ein verständiger Mann, deinem Sohne verzeihen. Er bittet fußfällig darum — er kommt — er ist schon da!" — Und indem der Baron diese Worte las, stürzte Ferdinand, ein schöner, mit ciner prächtigen Husaren - Uniform bekleideter Jüngling ins Zimmer, fiel ihm zu Fuß, und sagte mit einer sehr angenehmen Stimme einige rührende Worte, die seiner Lage gemäß waren. Der Baron donnerte Verwünschungen ans ihn nieder und erklärte mit den härtesten Ausdrücken, daß die heimlich geschlossene Ehe wieder getrennt werden müsse. „Lieber trenn' ich mich vom Leben!" sagte der Sohn; und nachdem er den Werth seiner Gattin mit feuriger Beredsamkeit geschildert hatte, bat er seinen Vater um die einzige Hnld, sie ihm vorstellen zu dürfen, weil er dann gewiß hoffe, daß Scraphinens himmlische Amnnth den Sieg über ungünstige Vorurtheile gewinnen werde. „Ich mag die Sirene nicht sehn!" schnaubte der Vater. Doch Ferdinand eilte fort und kam nach einigen Augenblicken mit einer jungen Dame zurück, deren seltene Schönheit die gcsammtcn Zuschauer mit Bewunderung erfüllte. Aber auf den ahncnstolzen Baron machte sie keinen so Zil glücklichen^Eindruck. Cr zürnte im Gegentheil, da er sich die unwillkommene Schwiegertochter nicht so nahe gedacht hatte, noch mehr als zuvor, und setzte gegen sie alle schuldige Höflichkeit aus den Augen. „Hinweg mit ihr!" schrie er wie rasend. Seraphiue rang die Hände, brach in Thräncn aus und wollte sich entfernen. Doch Ferdinand ließ sic nicht aus seine» Armen und machte mit beweglichen Worten einen neuen Versuch, das steinerne Vatcrherz zu erweichen. Der Alte würdigte ihn keiner Antwort, sondern läutete heftig mit seiner Tischglvcke und befahl dem herbei eilende» Bedienten, das ganze Hausgesinde zusammenzurufen. „Wozu dieser Befehl?" fragte Ferdinand. Der Vater blieb stumm, bis sich das Zimmer mit Domestiken anfüllte. „Ergreift dieses Weib und führt sie vor's Thor hinaus!" rief er jetzt mit schäumender Wuth. Ein naseweiser Lakai wollte Hand anlegcu; aber Ferdinand riß seinen Säbel aus der Scheide, und mit Schrecken entfloh die säunutlichc Dienerschaft. Hierauf wandte er sich zu seinem Vater und sagte: „Wer mein Weib verstößt, verstößt auch mich! Leben Sie wohl!" — Mit diesen Worten verließ er, vom Fluch des Vaters verfolgt, mit Seraphinen das Zimmer. So schloß sich der erste Akt, und der Vorhang fiel. 6 . Herr von Tannhof hatte diesen Augenblick mit Sehnsucht erwartet, um mit seiner Schwester über den ihm so wun- derähulichen Schauspieler zu sprechen; allein er blickte vergebens nach ihr umher. Indessen trat der Baron Grot- tau hinter den Gardine» hervor und nahte sich ihm mit einer tiefe» Verbeugung. Er machte ihm ein höfliches Gegcncomplimcnt, und da kam es ihm sehr befrcmdlich vor, daß der Baron darüber laut auflachtc. Er besah sich 4 -«D 342 den dreisten Mann naher und es war — Claudiae. „O du Gauklcrin!" rief er aus. „Was hast du mich und uns alle geäfft! — Wie kamst du auf den Einsall, unter die Comödiantcn zu gehen?" „Es war ein Nothschritt;" antwortete sic. „Der Di- rcctor der Gesellschaft wollte den Baron Grottau spielen; er ward aber diesen Morgen krank, und cs war kein anderer Schauspieler vorhanden, der an seine Stelle treten konnte. Geschwind übernahm ich daher die verlassene Rolle; sonst wäre die ganze Vorstellung rückgängig geworden." Ausdrücke des Erstaunens und Schmeicheleien über ihr vortreffliches Spiel erschallten von allen Seiten. „Nein!" sagte Herr von Tannhof: „ich hätte in meinem Leben nicht geglaubt, daß du eine Tprannenrolle spielen könntest! — Was wird denn am Ende ans den jungen Leuten?" „Ich sage mich von meinem Sohne ganz los;" erwie- derte sic. „Er und seine schöne Gemahlin versinken in Armuth und Elend. Sich nur den Comödicnzcitcl an! Da findest du verschiedene widrige Personen, die nichts Gutes weissagen. Wehe dem, der in ihre Hände fällt!" „Und alle diese hcrzangreifcndcn Sccnen sollen wir mit ansehn?" sagte der Bruder. „Ich gestehe frei, daß mir ein solches Schauspiel kein Vergnügen macht. Ferdinand und Scraphinc sind ein recht liebenswürdiges Paar. Es ist Jammer und Schade, daß so feine Leute das Handwerk hcrnmzichendcr Comödiantcn treiben. Ich weiß, daß ihr trauriges Schicksal, das uns hier ans der Bühne vorgestcllt wird, nur Dichtung ist, und dennoch dringt mir's durch Mark und Bein." — „Herr Bruder! Herr Bruder!" sprach Claudinc. „Ich wette, wen» dein Sohn eine ähnliche Ucbercilung beginge, du würdest nicht gelinder mit ihm verfahren." — „O! wie kannst du das glauben?" rief er aus. -c>-D 343 7. , Plötzlich trat Ferdinand, als hätte er auf dieses Wort gewartet, hinter der Buhne hervor, ging auf den Herrn von Tannhof zu und seufzte mit einem rührenden, von Wchmuth fast erstickten Tone: „Mein Vater!" — „Soll denn das Schauspiel hier fortgesetzt werden?" fragte Herr von Tannhof seine Schwester. Sic bejahte mit Kopfnicken. „Nun, so irren Sie sich in der Person;" sprach er zu Ferdinand. „Dort steht Ihr Vater!" „Nein, er ist bei dem rechten Manne!" — rief Clau- dinc. „Kennst du deinen Ferdinand nicht mehr?" — Erschüttert blickte Herr von Tannhof den Jüngling an, und erkannte jetzt den geliebten Sohn, den ihm ein Zeitraum von zehn Jahren und ein kriegerischer Bart fremd gemacht hatten. Er schloß ihn, mit einem lebhaften Ausruf der Freude, in seine Arme. Die umstehende Gesellschaft nahm an dieser Scene fröhlichen Antheil und begrüßte den jungen Helden. Herr von Tannhof fragte: warum er nicht gerades Weges zu ihm gekommen sey, sondern sich ihm erst auf der Bühne gezeigt habe. Statt der Antwort überreichte Ferdinand einen Brief, den der Vater sogleich erbrach. „Bemühe dich nicht, ihn zu lesen!" sagte Claudinc. „Er ist von unscrm Bruder, und mit dem Briefe, den ich auf dem Theater vorlas, von Wort zu Wort gleichlautend." „Jst's möglich?" — sprach Herr von Tannhof bestürzt, und steckte den Brief in die Tasche. Der unbescheidene Theil der Gesellschaft machte große Augen und drängte sich näher hinzu; aber der feinere Kammerherr trat zurück, winkte den Neugierigen mit Kopf -o§> 3 i 4- G-o niid Händen, und ruhte nicht eher, bis sic ihm aus dem Saale hinweg i» ein anderes Zimmer folgten. 8 . „Euer Schauspiel sollte die Falle heißen!" sprach'Herr von Tanuhof, als die Familie allein war. „Ihr habt mich schlau gefangen!" „Verzeih!" sagte Claudiuc. „Unser Bruder, der General , gab mir diese Kriegslist unter den Fuß. Er schickte mir das junge Paar bei Nacht und Nebel zu, sandte mir zugleich eine Abschrift seines Briefes und den Plan zum ersten Akte des heutigen Schauspiels, dessen weitere Ausführung dir überlassen bleibt." — „Du hast gut reden!" versetzte er, und rieb sich die Furchen der gekrankten Ahncnlicbc von der Stirn. — „Du kennst mich und weißt die Entwickelung voraus! — Aber du, mein Sohn, du hättest mir mehr Vertrauen beweisen sollen! Doch cs sep dir vergeben, und nun geh'und rufe deine Frau!" — Ferdinand flog hinter den Vorhang und führte Seraphinen hervor. „Willkommen, liebe Tochter!" rief ihr Herr von Tanuhof entgegen und überhob sic aller Verlegenheit durch eine freundliche Umarmung. Das war Claudincns Triumph! Den» nicht der General , sondern sie hatte für ihren Bruder, dessen Abneigung gegen Mßhcirathen ihr bekannt war, das dramatische Netz gestrickt und darüber seit mchrcrn Monaten einen geheimen Briefwechsel geführt. Ferdinands Dankbarkeit brachte daher bei der Abendtafcl die Gesundheit aus: „Die guten und klugen Tanten sollen leben!" ^