2) i c TT tvlobttn. ©efcf)tc^tIidE)er 91 o man von 2ncffant>ro Sttanjoni* 2) e u t f d) Von ©buarb von 25 ü t o tu. ©rittet SE f) e t (. Sc i ^ g t g, 6 c i 6. 4?. g. J flttmomt, 1 8 2 8. ® i e SS c r l o H ctt » o n Äteffanbro 501 a n $ o n i. dritter 5E ^ eil. ® i c SJ e r K o H e n. ^ÄttfitnbjmangiöfteS ^apitet 2 Cm folgenben Sage fprad) man in Südens iDorfe, in bem ganjen ©ebiete non Secco, non nid)t§ al$ non ii)t, nom UnbeEannten, nom Gfrjbifdjoffe unb non einem 2 Enbetn, ber, fo feijc e 8 if)m aud) fonfl fdjmeicfyelte, lief fein 9fame non SD?unb 31 t COJunb, bieämal gern auf bic (Sl;re nerjicfjtet fjaben mürbe: mir meinen Son Dfobrigo. Sftan fprad) $roar fdjon fröber non feinen Uebet* traten; eSmaren unb blieben aber laute ©efyeimniffe, unb eb mufiten jroei sperfonen einar.ber febr genau Een* nen,uber fo!d)e©rgenftdnbe jufammen ju teben. Sogar bann fpradjen ft'e il)re ©efül)le nid)t rein unb unum* rcunbenauS; benn bie SJlenfdjen pflegen im30lgemei* nen, mann Unmille unb Erbitterung ftd) nidjt of>ne grojje ©efaljr Eunb geben (offen, nidjtnur iljre ßm= pftnbung fdjmadjet ju jeigen, mit i£>r juräcfjubalten, fonbern aud) mirflief) fd;mdd)er jit empftnben, ' : 3ßer Ijdtfe ftd& aber je^t enthalten fdnnen, eine fo fcfjreienbc Sache auSjufotfchen unb burchjuhechelm in bet bie $«nb bed ^limmetö fo ficfjtbac, in bet jioei foteije SOTenfchen ftguritten, beten einet bie eifrigjbe Siebe jur ©eredjtigfeit mit bet hochften ©ercatt «et» einte, mdhrenb in bem anberen fid) bet Uebermuth in ^erfon gebemütfjigt, bie ©ewaltthdtigfeit felbfi bie SBaffen geftreift itnb fief) ergeben ju tjaben fdjien. Söie ftein matb nid)t ®on Siobrigo , ftetlte man ifjit itjncn gegenüber! 9Set ernannte je^t nicht, tt>a8 e8 fe» , bie Unfd)ulb ju peinigen, um fie ju entehren, ft'e mit fo fdjamlofer ^artnadigfeit, fo gtaufamet ©eroait, fo fd)dnblid)eit Saiiffricfen ju verfolgen! 3f(te anbere SSerbtedjen biefeb $etrn mürben nun jut (Sprache gebracht, Sebermann fprad) »on ihnen rnie erbachte, gegenfeitige Uebereinfiimmung madjte (5i= nen immer fühltet rnie ben 2fnbern. 20lgemeineö ©e» munfel unb ©emurmcl! — wenn aud) nur, roegett berS3ra«i, auf Schufimeite. ©inen guten SEheil biefer allgemeinen ©ntrufiung trug man auf 35on Siobtigo’ö gxeunbe «nb Höflinge über; fagte, rcab man von bem #errn2fmtmanne ju fagen mußte: baßer immer taub unb bltnb unb flumm fep bei ben Untaten be8 Siranneit: aber aud) baS nur in gehöriger ©ntfernung, benn ber 2fmtmann hatte ^dfcher. SJiit bem iDoftor fftotbfratf, ber, außer Älatfchereien unb Äabalen, feine SSaffen hatte, unb mit einigen anberen Anhängern «erfuhr man 7 in>> ^ii, ltLik >!'» !Ä. !e Mi!, t!k «eis !»Ilüchll, ! Mt« l rchlm! itnuir!!» XüÜIilÄ izwtük- lzmi«^ >M, >«> , ßrersi» - HtN«' ^ ohne solche Rücksichten, wies mit Fingern auf sie, sähe sie scheel an, und sie fanden gerathen , sich für einige Zeit nicht öffentlich blicken zu lassen. Don Nodrigo selbst, vom Blitzstrahle dieser Nachricht getroffen, die der von Tag zu Tag, von Minute zu Minute erwarteten, so wenig glich, blieb. Gift und Galle einsaugend, mit seinen Brav! zwei Tage lang in seinem Pallaste verborgen; am dritten reiste er nach Mailand. Hätte es sich um sonst nichts gehandelt, als um das Gemurmel der Menge, so würde er vielleicht, da die Sachen einmal so weit gediehen waren, geblieben seyn, getrotzt haben, würde bei Gelegenheit Allen, an dem Einen oder Andern der Verwegensten, ein Exempel statuirt haben; was ihn vertrieb,. war aber das allgemeine Gerücht, daß der Cardinal auch in diese Gegend komme. Der gräfliche Oheim , der von der ganzen Sache nichts wußte, als was Attilio ihm etwa gesagt haben mochte, würde wahrscheinlich verlangt haben, daß Don Rodrigo dem Cardinale bei dieser Gelegenheit den ersten Besuch mache, um, was doch ganz anders würde geworden seyn, bedeutende, öffentliche Auszeichnungen zu empfangen. Er würde es verlangt,würde die ausführlichste Rechenschaft davon verlangt haben; denn es war eine wichtige Gelegenheit, das Ansehen zu zeigen, dessen das ganze Geschlecht bei einer der höchsten Würden genoß. Um sich aus dieser Verlegenheit zu ziehen, stand Don Rodrigo eines Mor- 8 gens vor Sonnenaufgang auf, setzte sich kn einen Wagen, Griso und einige andere Bravi mußten sich vorn und hinten von außen aufsetzen; er gab Befehl, daß sammtliche Dienerschaft folge, und floh, floh (man gestatte diesen Vergleich aus dem hehren Alterthume) wie Eatilina aus Rom, zornentbrannt, gelobend, bald, auf andere Weise, zurückzukehren, sich zu rächen. Der Cardinal besuchte jeden Tag ein anderes Kirchspiel kn der Nähe von Lecco. An dem Tage, wo man ihn in Luziens Dorfe erwartete, hatte sich eine große Anzahl der Einwohner auf den Weg, ihm entgegen gemacht. Am Eingänge des Dorfes, gerade neben dem Häuschen unserer beiden Frauen, war eine Ehrenpforte, aus eingerammelten Baumstämmen, errichtet, mit Aesten durchflochlen < mit Stroh und Bisam überkleidet und mit grünen Zweigen, von Dornsträuchen und Stechpalmen mit röthlichen Beeren, geziert. Die Vorderseite der Kirche war mit Teppichen umhan- gcn, von jeder Fensicrbrüstung flatterten Betttücher hernieder, Kinderwindcln, als Fahnen aufgesteckc, wehrten in den Lüften ; alles das wenige Nöthige, waS geschehen konnte, war, wohl oder übel, hinlänglich geschehen. Zur Vcsperzcit, zu welcher Stunde Friedrich in den zu besuchenden Kirchspielen anzukommen liebte, zogen auch die noch zu Hause Gebliebenen, meistens Greise, Weiber und Kinder, theils in Leihen, theils haufenweise, ihm entgegen. Vor ihnen her ging Don Abbondio, mißvergnügt bei allen Festlichkeiten, über den Lärm, der ihn betäubte, über das Drängen und Treiben der Leute, über dem, wie er zu sich selbst sagte, ihm Hören und Sehen vergehe, und über die geheime Befürchtung, daß die Weiber vielleicht geschwatzt haben möchten und er nun wegen der Hcirath werde zur Rede gesetzt werden. Der Cardinal, oder vielmehr die Menge, in deren Mitle er in seiner, vom Gefolge rings umgebenen Sanfte saß, erschien, denn von ihm und seinem Gefolge selbst sah man nichts, als ein Zeichen in der Luft, die Spitze des vom Kaplane, auf einem Maulesel vorgetragenen Kruzifixes- Als die mit Don Abbondio wandernde Menge die mit dem Cardinal« nahende von fern erblickte, lief sie ihr eilig und ungeordnet entgegen. Don Abbondio rief drei, viermal: „Halt, halt, bleibt in Reihe und Glied! was thutJhr?'? kehrte dann ärgerlich wieder um, murmelte vor sich hin: „O Babilon! Vabilon!" ging in die leere Kirche und erwartete da die Ankommenden. Der Cardinal nahete» mit der Hand Segen spendend, aus aller Munde Segen empfangend, und sein Gefolge hatte vollauf zu thun, den Andrang nur ein wenig abzuhalten. Die guten Leute glaubten sich, als aus einem Dorfe mit Luzicn, verbunden, den Erzbischofs außerordentlich zu ehren; was aber, da nach alter Gewohnheit, jedes Dorf, wohin er kam, schon sein Möglichstes that, eine sehr schwere Sache war. Schon im ersten Anfänge seines Pontifikats, 10 bei der ersten feierlichen Prozession in den Dom, war der Volkszudrang um seine Person so bedeutend, daß man für sein Leben fürchtete und einige der ihm zunächst gehenden Edclleute sich genölhigt sahen, die Masse mit bloßen Degen in Furcht zu setzen und zu- rückzutreibcn. Man sieht, wie schrankenlos und toll die Sitten damals seyn mußten, daß selbst, wenn man einem Bischoffe, in der Kirche, wahrend des Gottesdienstes, seine Ehrfurcht beweisen wollte, Mord und Todschlag unfern waren. Selbst die Vertheis digung der EdeUcute würde fruchtlos geblieben seyn, hätten nicht zwei rüstige, muthvolle Priester den Cardinal auf die Arme genommen und vom Eingänge des Tempels bis zu den Stufen des Hochaltares getragen. Man kann in vollem Ernste diesen ersten Kirchgang, so wie jeden folgenden, jeden Besuch der Kirchsprengel, als von Friedrich bestandene, mehr oder minder bedeutende Gefahren ansehen. Auch diesmal kostete es ihm Mühe, zur Kirche zu gelangen; er ging zum Altäre, predigte eine Weile, sagte, nach seiner Gewohnheit, zwei Worte zu den Umstehenden, von seiner Liebe zu ihnen, von seinen innigen Wünschen für ihre Seligkeit, wie sie sich auf den morge nden Gottesdienst bereiten sollten, und nachdem er sich in die Wohnung des Pfarrers begeben Halle, fragte er denselben, unter vielen, mit ihm zu besprechenden Dingen, über Ncnzo's Aufführung und Charakter. Don Abbondio meinte, er sey ein wenig wild, starr- köpfig, jähzornig; mußte aber auf umständlichere, bestimmtere Fragen doch erwiedern, er sey ein rechtschaffener Mensch, und er selbst begreift nicht, wie derselbe in Mailand alle die Teufeleien, die man ihm nachsage, haben begehen können. „Was das Mädchen anlangt," fuhr der Cardinal fort: „glaubt Ihr denn wohl, daß sie jetzt sicher in ihrem Haufe sey?" „Jetzt," entgegnete Don Abbondio, „jetzt kann sie in guter Ruhe hier seyn; aber," fügte er mit einem Seufzer hinzu, „Eure Eminenz müßten immer hier oder wenigstens in der Nähe bleiben,-" „Der Herr ist immer nah," sagte der Cardinal, „doch will ich sie in Sicherheit bringen." Er gab Befehl, morgen bei Zeiten eine Sänfte mit Bedeckung, die beiden Frauen zu holen, abzusenden; und DonAbbondio ging sehr zufrieden, daß er der Verlobten erwähnt hatte, ohne ihn wegen seiner Weigerung, sie zu trauen, zur Rede zu stellen. „Also weiß er doch nichts," sagte er bei sich: „Agnes hat geschwiegen: Wunder! Sie haben sich noch nicht gesehen; will ihr schon nochmals Alles einprägen, will sie schon abrichten." Der arme Mann wußte nicht, daß Friedrich nur deshalb nicht von der Sache angefangen hatte, um sie bei mehr Muse, längere Zeit mit ihm abzuhandeln, und, ehe er ihm, was ihm gebührte, werden lasse, seine Gründe anzuhöre». Die Gedanken des guten Prälaten über Luzicns 12 Versorgung waren unnütz geworden. Hören wir, was sich mit ihr, seitdem wir sie verließen, ereignete. Jede der beiden Frauen begann, wahrend des mehrtägigen Aufenthaltes in dem Hause des Schneiders, frühere, gewohnte Lebensweise: Luzia hatte Arbeit verlangt und nähete, wie im Kloster, fern von aller Welt Augen, in einer entlegenen Kammer; Agnes trieb sich ein wenig außen umher, nähete und stickte ein wenig auch ihrerseits. Beider Unterredungen eben so traurig als zärtlich. Eine wie die Andere war auf Trennung vorbereitet; denn das Lamm konnte doch der Höhle des Wolfes nicht so nahe weiden: und was ward am Ende aus dieser Trennung? Die Zukunft schien besonders Luzien dunkel und unerforschiich; Agnes schob bald hier bald da heitere Gedanken ein. WarRcnzo'n kein Unglück -«gestoßen, so mußte man bald Nachrichten empfangen; hatte er Arbeit und Obdach gefunden (was gar nicht zu bezweifeln), wollte er Luzien seine Treue halten, so konnte man ja ohne Weiteres zu ihm ziehen! Sie plauderte viel von diesen Hoffnungen, und ich weiß nicht, mußte Luzia größeren Schmerz empfinden, sie anzuhären, oder größere Pein, darauf zu antworten? Sie hatte ihr schweres Geheimniß treu bewahrt, unwillig zwar, vor einer so guten Mutter Heimlichkeit zu haben; unüberwindliche Schaamhafligkeit und die schon oben erwähnten Besorgnisse hielten sie aber von Tag zu Tag im Schweigen bestärkt. Ihre Pläne waren himmelweit von denen der Mutter verschieden, eigentlicher hatte sie gar keine, hatte sich ganz der Vorsehung ergeben; suchte deshalb auch immerdar das Gespräch sollen zu lassen, zu Hintertreiben; sagte wohl im Allgemeinen: sic habe keine Hoffnung mehr, wünsche nichts mehr auf dieser Welt, als bald wieder mit ihrer Mutter vereint zu leben, und mehr als einmal drängten sich Thräncn in ihre Rede. „Weißt Du, weshalb es Dir so erscheint?" sagte Agnes, „weil Du zu viel gelitten hass und nicht glauben kannst, daß noch alles gut werde. Aber laß nur den Herrn walten, laß nur erst eine Hoffnung wieder kommen; und dann magst Du mir sagen, ob ich nicht manchmal Recht habe?" Luzia küßte der Mutter Hand und weinte. Ucbrigens war zwischen ihnen und ihren Wirths- leuten. große Freundschaft; zwischen wem konnte Freundschaft auch eher entstehen, als zwischen guten Menschen, die Wohlthaten säen, und guten Menschen, die sie ernten? 'Agnes batte gar viel mit der Hausfrau zu schwatzen. Der Schneider unterhielt alle Drei mit moralischen Geschichten und Vorträgen, besonders über Tische hatte er immer eine schone Geschichte von den Vätern in der Wüste zu erzählen. Wenige Miglien unfern dieses Dorfes lebte auf einem Landsitze ein sehr vornehmes Paar: Don Fer- rante und Donna Praxcdia, deren Geschlechtsname uns unbekannt. Donna Pcaxedia war eine alte, sehr 14 zum Wohlthun geneigte Edelfrau. Wohlthun ist nun zwar das Edelste, was der Mensch thun kann, er kann es aber auch, wie alles Andere, verpfuschen. Um Anderen wohlzuthun, muß man Anderer Wohl kennen; alles, was wir kennen, demnach auch Anderer Wohl, sehen wir nur in dem Lichte unserer Leidenschaften, unserer Neigungen, unserer Gedanken , und um diese sieht cs manchmal narrisch genug aus. Mit den Gedanken hielt es Donna Praxedia, so wie man, wie es heißt, cs mit Freunden halten soll: sie hatte wenige, war diesen wenigen eifrig ergeben. Unter den wenigen waren unglücklicherweise einige verdrehte, und zufälligerweise war sie diesen gerade nicht am Wenigsten ergeben. Es geschah also, entweder, daß sie Etwas für Wohlkhun hielt, was es nicht war, oder daß sie Mittel anwendete, die eher den entgegengesetzten Zweck beförderten, oder daß sie unerlaubte Mittel, zufolge des irrigen Gedankens, daß der Zweck alle Mittel heilige, für erlaubt hielt. Es geschah, daß sie bei dem, was sie that, Manches übersah, Anderes zu sehen wähnte; es geschahen manche andere, ähnliche Dinge, die geschehen, und zwar einem Jeden, dem Besten, geschehen können, der Donna Praxedia aber leider allzuoft und oft sogar alle zugleich geschahen. Als sic Luziens wunderbares Geschick und alles, was man sich bei dieser Gelegenheit von dem Mädchen erzählte, vernahm, bekam sie Neugierde, sie zu sehen und sandte eine Kutsche mit einer Kammerfrau ab, Mutter und Tochter zu holen. Luzia erschrak, als der Schneider ihr die Botschaft hinterbrachte, und bat ihn, sie, so gut er vermöge, zu entschuldigen. So lange es nur darauf ankam, geringe Leute abzuwei- sen, die das Wundermadchcn wollten kennen lernen, hatte der Schneider ihr diesen Dienst willig erzeigt; in diesem Falle wollte ihm Widerspenstigkeit Empörung bedünkcn. Ec schnitt ihr so lange Gesichter, brummte ihr so lange die Ohren voll, machte ihr so lange Vorstellungen über Vorstellungen: daß so etwas keine Art und kein Geschick habe, daß cs eine vornehme Frau sey, daß man vornehmen Leuten nie etwas abschlagen, daß cs ihr Glück machen könne, daß Donna Praxedia auch eine Heilige sey; kurz, er redete ihr so viel vor, daß Luzia am Ende nachgeben, um so mehr nachgeben mußte, als Agnes alle diese Gründe mit deistimmenden: „Za, ja, Gewiß, gewiß!" unterstützte. Die Dame empfing sie, bei der Ankunft, mit vielen Artigkeiten und Glückwünschen, fragte, rieth: Alles mit einer gewissen, wie angeborenen Ueberlegenheit, der aber doch so viele dcmulhsvolle Ausdrücke, die so dringendes Interesse milderten, die auf solchem Eeistrei'chlhume beruhete, verflossen, daß Agnes augenblicklich, Luzia nach und nach, anfingen, sich, von der drückenden Ehrfurcht, welche die vornehme Gegenwart zuerst einflößte, befreit, selbst zu ihr hingezogen zu fühlen. Und als Donna 16 Praxedia vernahm, daß der Cardinal sich verbindlich gemacht babe, Luzien einen Zufluchtsort zu bereiten, erbot sie sich, von dem Verlangen angetrieben, diese gute Absicht sowohl zu befördern, als zu vereiteln, das Mädchen zu sich zu nehmen, wo sie keine weiteren Dienste verrichten solle, als stricken, nähen und spinnen. Sie fügte hinzu, sie werde den Cardinal davon in Kenntniß setzen. Außer dem unmittelbaren, hauptsächlichen Wohle, das ein solches Werk stiftete, sah Donna Praxedia in ihm, setzte sich bei ihm, noch ein anderes, nach ihrem Dafürhalten Bedeutenderes vor: cinGemüth» das sehr irre, zu leiten, ihm den rechten Weg zu offenbaren. Gleich nach den ersten Worten, die sie über Luzien vernahm, hatte sie die Meinung gefaßt: ein Mädchen, das sich einem Taugenichtse, einem Vöscwichte, einem Galgenstricke verloben könne, müsse doch ein wenig verschroben seyn, es müße mit ihrer Seele irgend einen vvrborgenen Haken haben. Gleiches gesellt sich Gleichem! Luziens Besuch hatte diesen Argwohn bestätigt. Nicht etwa, daß sie ihr nicht im Grunde für ein geartetes Mädchen erschienen wäre; aber es mochte doch nicht Alles seyn, wie cs seyn sollte. Das gesenkte Köpfchen, das der Halsgrube zugesenkte Kinn, das Antwort - schuldig-bleiben, das säumige, gleichsam erzwungene, Antworten, mochten immer Schaamhaftigkeit andeuten; verriethen aber sicherlich vielen Eigenwillen: es bedurfte gar keines besonderen Nachdenkens, um zu wissen, daß das Köpfchen auch seinen Kopf habe. Und das Er- röthen bei, das Geseufze nach jedem Worte.... Und dann die beiden gewaltigen Augen, die der Donna Praxedia gar nicht gefallen wollten! Sie hielt sich so überzeugt, als wenn man sie überzeugt habe, daß alles Mißgeschick Luziens nur Strafe des Himmels, für ihre Befreundung mit jenem Schurken, nur Mahnung sey, von ihm zu lassen. Diesen festgestellten Punkten gemäß wollte sie wohlthun. Sie pflegte zwar immer zu sich und Anderen zu sagen: all ihr Sinnen und Trachten ziele nur dahin, die Absichten des Himmels zu befördern; wobei sie sich dann manchmal gar arg trog und die Grillen ihres Sinnes für den Willen des Himmels nahm — aber sic bütete sich dennoch, die eben erwähnte, geheimeAbsicht zu ver- rathen. Nach einer ihrer Maximen durfte man, in den meisten Fällen, wo man irgend einen Zweck glücklich erreichen wollte,sich durchaus nichts von ihm merken lassen. Mutter und Tochter sahen sich an- Die Noth- wendigkeit der Trennung an und für sich war da, der Antrag erschien Einer wie der Anderen sehr annehmbar, schon aus dem alleinigen Grunde der Nähe des Ortes bei ihrem Dorfe, dem zu Folge sie im äußersten Nothsalle ungesäumt zu einander ihre Zuflucht nehmen konnten. Eine las in der Anderen Augen Zustimmung und Beide wandten sich an Donna Praxedia mit dem Danke für genehmigte Gabe. HI. B Sie erneute ihre Freundlichkeiten und Verheißungen und sagte, sie sollten bald einen Brief für seine Eminenz empfangen. Als die Frauen sich wieder entfernt hatten, mußte Don Ferrante, der, wie wir naher berichten werden, Gelehrter war, und dessen sie sich in wichtigen Angelegenheiten als Sekretäres bediente, den Brief aufsetzcn. Don Ferrante bot, bei einem Aufträge dieser Art, allen seinen Witz auf und empfahl der Ehegenossi'n, als er ihr sein Koncept zum Abschreiben überbrachte, die genaueste, ängstlichste Rechtschreibung; denn diese war eine der vielen schönen Sachen, die er studirte, und eine der wenigen, über die er das Regiment im Hause führte. Donna Praxedia schrieb den Brief mit außerordentlichem Fleiße ab und sandte ihn nach dem Hause des Schneiders , was zwei bis drei Tage früher geschah, als die vom Cardinal abgeordnete Sänfte kam, die Frauen nach Hause zu tragen. Da sie, bevor er sich zur Kirche begeben hatte, anlangten, stiegen sie vor dem Pfarrhause ab. Es war Befehl gegeben, sie unverzüglich einzusühren; der Kaplan, der sie zuerst wahrnahm, that es, und hielt sie nur so lange auf, sie in aller Geschwindigkeit ein wenig wegen des mit dem Cardinale zu beobachtenden Zere- moniels und der ihm zu crtheilenden Titel, in die Schule zu nehmen; was er, konnte er cs heimlich für sich thun, bei keiner Gelegenheit unterließ. Es war dem armen Manne ein immerwährendes Kreuz und Leid, sehen zu.muffen, wie geringe Ordnung in diesem Punkte um die Person des Cardinals beobachtet wurde. „An Allem," pflegte er zu der anderen Dienerschaft zu sagen, „ist nur die allzugroße Güte dieses Gebenedeitcn» nurseine allzugroße Herablassung Schuld;" hatte er doch schon mehrmals mit seinen leiblichen Ohren gehört, daß man demselben ein bloßes: „Ja" oder „Nein" zur Antwort gab! Da der Cardinal eben beschäftigt war, mit Don Abbon-- dio über Kirchensachen zu reden, so blieb diesem keine Zeit, den Frauen, wie er sich vorgenommen hatte, gute Lehren zu geben, und er konnte nichts für sich thun, als ihnen, indem er das Zimmer verließ und sie naher traten, mit den Augen zu verstehen zu geben, daß er mit ihnen zufrieden sey und sie fortfahren sollten, redlich zu schweigen. Nach den ersten freundlichen Be- tvillkommungen aufder einen, den ersten tiefen Verbeugungen auf der andern Seite, zog Agnes den Brief aus ihrem Brusttuche und reichte ihn dem Eardinale mit den Worten dar: „Er ist von Donna Praxedia, die uns sagte; daß sie Euer Gnaden Eminenz sehr gut kenne; wie natürlich ein Großer und Vornehmer den anderen kennt. Ihr werdet schon sehen, wenn Ihr gelesen habt." „Gut," sagte Friedrich, als er gelesen und den eigentlichen Sinn der Redeblumen Don Ferrante's erforscht hatte. Er kannte das Haus so weit, um versichert zu seyn, daß die Einladung in guter Absicht geschehe und Luzia daselbst vor jeder List und Gewalt B 2 20 ihres Verfolgers geschützt sey. Wie er eigentlich von Donna Praxedia dachte, wissen wir nicht; wahrscheinlich war sie nicht die Person, welche er zu solchem Zwecke gewählt haben würde; wir haben aber schon gesagt, zum Mindesten zu verstehen gegeben, daß es nicht seine Sache war, was Andere in ihren eigenen Angelegenheiten thatcn, zu ändern, um es zu bessern. „ Ertragt in Geduld auch diese Trennung und die Ungewißheit, in der sie Euch ferner erhält, " fügte er hinzu: „haltet den Glauben fest, daß es zu baldiger Beendung Eurer Leiden geschieht, daß Gott Alles zu dem Ende führen wird, das er ihm bestimmte, daß Alles, was er über Euch verhängt, Euer Bestes ist. " Er gab Luzien noch insbesondere eine liebreiche Ermahnung, richtete an Beide zugleich einige Trostsprüche, segnete und entließ sie. An der Hausthüre fanden sie einen Haufen Freunde und Freundinnen, man kann sagen die ganze Gemeinde, die ihrer harrete und sie, wie im Triumphe, nach Hause begleitete- Alle Weiber wetteiferten mit einander im Glückwünschen, Bedauern, Fragen; alle jammerten und klagten laut, als sie hörten, daß Luzia morgen wieder fortgehe. Die Männer überboten einander mit Dienst- anerbicten, Jeder wollte das Haus diese Nacht über bewachen. Wer keiner Hülse bedarf, findet immer die meiste! So viele Bezeigungen von Wohlwollen und Freundschaft betäubten Luzien, thaten ihr im Grün- 21 ^llich ^ ''»l'GkM Listen '<», düs,z -^iiDn i >»dißüL AzMiii ^M,r >11 pchtt Süi M dchMi, ^nLchi I! l>IÜ!ii>! WjiL'.ch ! -Äldil'-i IÜWIM istapiilr :ß dtMilr , Wm»- >ai rrd!l^ gMpl' ^ 5il Li» , N-tl ^ stckl Ml!" ^ de aber wohl, indem sie ihre Gedanken ein wenig von den Erinnerungen ablenkten, welche Ihr dieser Weg, die Häuser, kurz der Anblick jedes Gegenstandes, bei allem Lärm, verursachten. Als die Glocken den nahen Anfang des Gottesdienstes verkündeten, zog alles nach der Kirche und die Rückkehr glich abermals einem Triumphzuge. — Nach vollendetem Gottesdienste ward Don Abbondio, der eben zusehen wollte, ob Perpetua alles zum Mittagsessen bereitet habe, benachrichtigt, der Cardinal verlange ihn zu sprechen. Er beeilte sich nach dem Zimmer seines hohen Gastes; derselbe ließ ihn näher treten und sing an: „Herr Pfarrer!" welche Worte durch ihre Betonung deutlich besagten , Laß sie der Anfang eines langen, ernsten Gespräches seyen: „Herr Pfarrer! warum habt Ihr nicht das Ehebündniß zwischen Luzien und ihrem Verlobten geschlossen?" — „Haben sich also heute früh Luft gemacht," — dachte Don Abbondio und erwiederte: „Ihr werdet wohl von allen den Verwirrungen gehört haben, gnädiger Herr, die sich in dieser Sache bildeten: die allgemeine Verwirrung war so groß, daß man, selbst heute noch nicht klar durchzusehen vermag: Euer Eminenz werden es selbst daraus abnehmen können, daß das Mädchen nach so vielen Unfällen nur wie durch ein Wunder hierher gelangt ist; der Bursche aber, nach so viel anderen Unfällen, wer weiß wo, in der Well herumschwarmt." 22 „Ich frage," entgegnete der Cardinal, „ob es wahr ist, daß Ihr Euch, vor allen diesen Ereignissen, weigertet, die Trauung an dem festgestellten Tage zu vollziehen, und warum?" „In der Thal_wenn Euer Eminenz wüßten .... wie man mir zu wissen gethan,-wie enlsetz- licherweise man mir geboten hat, nicht zu reden...." Und ohne auszurcden verhielt er sich in einer gewissen Stellung, die in aller Ehrfurcht andcuten wollte, cs werde unbescheiden seyn, mehr wissen zu wollen. „Aber," sagte der Cardinal mit außergewöhnlich ernster Stimme und ernstem Antlitz: „ cS ist Euer Bischofs, der pflichtschuldigst und zu Eurer Rechtfertigung von Euch zu wissen verlangt, warum Ihr nicht thatet, was Ihr, gemäß Eurem Amte, zu lhun verbunden wart?" „Gnädiger Herr!" sagte Don Abbondio, und ward immer kleiner und kleiner, „ ich wollte damit nur sagen.... Aber ich meinte, da es so verwickelte, so alte und unabänderliche Sachen, so sey cs unnütz, sie wieder aufzustören.... Aber, aber, Seine Enunenz wird Seinen armen Pfarrer nicht verralhen; denn der gnädige Herr sehen wohl, daß Seine Eminenz nicht an allen Orten zugleich seyn kann-und ich bin hier preis gegeben-...^ „ Sprecht! ich wünsche Euch nur schuldlos zu erfinden." Don Abbondio erzählte nunmehr seine klägliche 23 »cb ij «-«Lj, X»! »ÜKk,, lril,»,s,tz- Mj'-N irckn, znizw ecki«, «») »Irr twll > kririlkr!!!, ^ ck rum?, in nj t«>° >« W»r»i isiihdi"^ jt-r^ >" ,Ä- kW' Geschickte; unterdrückte aber den Namen und sagte dafür blos: ein großer Herr, um doch die Klugheit so wenig aus den Augen zu setzen,. als er in dieser argen Klemme vermochte. „Und Ihr hattet sonst keinen Beweggrund?" fragte der Cardinal, nachdem er wohl zugehört hatte. „Habe ich mich vielleicht nicht deutlich genug aus- gedrückt?" erwiederle Don Abbondio. „ Man verbot mir bei Todesstrafe, diese Heirath zu schließen." „Und Euch scheint diese Ursache vollgültig, Eure Pflicht zu verletzen?" „Ich habe mich immer bestrebt, meiner Pflicht nachzukommen, selbst der größten Unbequemlichkeiten nicht geachtet; wenn es aber an das Leben geht — " „Und als Ihr Euch der Kirche widmetet, " sagte Friedrich mit noch ernsterer Stimme, „und diese- Amt empfingt, bürgte die Kirche für Euer Leben? Sagte sie Euch, daß die Pflicht Eures Amtes aller Schwierigkeiten, aller Gefahren los und ledig wäre ? oder sagte sie Euch, daß, wo die Gefahr begänne, Eure Pflicht aufhöre? — Sagte sie Euch nicht ausdrücklich das Eegentheil? Verkündete sie Euch nicht eben, daß sic Euch, ein Lamm unter die Wölfe, sende? Wußtet Ihr nicht, daß cs schändliche Menschen giebt, denen das, > was Euch befohlen wurde, mißfallen konnte ? Bedingte sich Der, dessen Lehre und Beispiel wir befolgen, nach besten Beispiel wir uns Hirten nennen und nennen lassen, als er auf die 24 Erde kam, sein Hirtenamt zu vollziehen, Sicherheit des Lebens? Soll die heilige Weihe, soll das Auflegen der Hände, soll die Gnade der Pricsterwürde etwa berechtigen, sich das Leben auf Kosten der Pflicht und der christlichen Liebe zu erretten, oder nur für einen einzigen Tag der Erde zu erhalten? Mag die Welt diese Tugend ausüben, dieser Lehre anhangen! Was sag ich? O Schande! Selbst die Welt verwirft sie; selbst die Welt hat ihre Gesetze, die sowohl Gutes wie Böses verschreiben; hat ihr Evangelium, ein Evangelium des Hochmuthes und Hasses; und gestattet nicht, daß man ihre Verordnungen der Liebe zum Leben nachsetze. Sie gestaltet cs nicht und man gehorcht- Und wir? wir Söhne und Verkünder des Heils! Was würde aus der Kirche werden» wenn Liese Eure Sprache die aller Eurer Amtsbrüder wäre? Was wäre aus ihr geworden, hätte sie der Welt solche Lehren zugeführt?" Don Abbondio stand gesenkten Hauptes: seinem Geiste war zu Muthe wie einemHuhne in den Klauen des Falken, der es in unbekannte Regionen, in eine Lust, die es noch niemals einathmets, emporführt. Da er fühlte, daß irgend etwas gesagt werden müsse, so sagte er mit gewisser, ungläubiger Demuth: „Gnädiger Herr, ich muß Unrecht haben. Wenn man das Leben nicht in Anschlag bringen darf, weiß ich nichts zu sagen. Hat man aber mit gewissen Leuten zu thun, mit Leuten, die die Macht in Händen haben, keine Vernunft annehmen wellen, so weiß ich doch nicht, zu was cs führen könnte, wollte man ihnen ebenfalls Gewalt entgegensetzen. Jenen Herrn kann man weder überwinden, noch ihm die Spitze bieten. „Und wißt Ihr nicht, daß wir eben nicht anders siegen, als wenn wir Märtyrer der Gerechtigkeit werden? Wißt Ihr das nicht, was predigt Ihr denn? Welches Amt übt Ihr aus? welches Heil verkündet Jbr den Armen? Wer verlangt von Euch, daß Ihr der Gewalt mit Gewalt begegnen sollt? Gewiß werdet Ihr nicht eines Tages gefragt werden, ob Ihr Euch mit den Mächtigen zu messen verstanden habt; denn dazu hat man Euch weder Auftrag noch Mittel gegeben. Wohl aber wird man Euch fragen, oh Ihr die Mittel, die Euch zu Gebote standen, wuchern ließet, ob ihr Euren Pflichten nachkamt, selbst wenn man die Kühnheit hatte, Euch daran hindern zu wollen!" „Auch die Heiligen sind wunderlich," dachte Don Abbondio, „im Grunde, wenn man ihnen auf den Zahn fühlt, liegt ihnen die Liebschaft zweier jungen Leute mehr am Herzen, als das Leben eines Priesters." — Was ihn anlangte, so würde er gar nichts dawider gehabt haben, hätte das Gespräch hier sein Ende erreicht; aber er gewahrte, daß der Cardinal bei jeder Pause inne hielt und eine Antwort, eine 26 Deichte, eine Verthcidigmrg, kurz irgend etwas erwartete. ,>-A „Ich gestehe nochmals, gnädiger Herr," antwortete er also, „daß ich Unrecht habe.... denMuth kann man sich aber nicht geben." „Warum also, könnte ich Euch sagen, habt Ihr ein Amt übernommen, das von Euch stete Bekämpfung der Schwächen des Jahrhunderts verlangt? Wie könnt Ihr aber zweifeln, antworte ich Euch lieber, daß wenn Euch ln diesen Amte, das Ihr denn einmal verwaltet, der Muth fehlt, Euren Obliegenheiten zu entsprechen, der Herr ihn Euch nicht geben werde, wenn Ihr ihn darum bittet? Glaubt Ihr, daß alle die Millionen Märtyrer von Natur Muth hatten? daS Leben von Natur schon für Nichts achteten ? So viel Menschen in ihrer ersten Jugend, die zu dem Leben eben erst Neigung faßten, so viele Greise» die sein nahes Ende schon beklagten, so viele Mütter und Töchter: alle hatten sie Muth; denn Muth war nörhig und sie vertrauten. Und habt Ihr, imBe- wußtseyn Eurer Schwache und Pflichten, jemals daran gedacht, Euch auf die schweren Lagen, in die Ihr kommen könntet, in die Ihr denn auch wirklich gekommen seyd, vorzubereiten? Ach, wenn Ihr wahrend so vieler Jahre Eures Hirlenamtes Eure Heerde geliebt habt, (und wie solltet Ihr nicht?) wenn Ihr sie von Herzen geliebt, Freud und Leid mit ihnen gctheilt habt, kann Euch der Muth, wenn Ihr seiner bedürft, nickt fehlen: die Liebe ist unerschrocken! Nun, und wenn Ihr sie liebtet, die Eurer Seelsorge anvertraut sind, die Ihr Kinder nennt, und Ihr sähet zwei von ihnen, zugleich mit Euch in Gefahr, o gewiß! so wie Ihr aus Schwäcke des Fleisches für Euch selbst zittertet, so mußtet Ihr aus Barmherzigkeit für sie zittern; werdet Euch Eurer übereilten Furcht geschämt haben, als einer Folge Eurer Gebrechlichkeit; werdet um Stärke, diese Versuchung zu überwinden, sie von Euch zu entfernen, gefleht ha- den: aber die heilige, edle Furcht für Eure Nächsten, für Eure Kinder werdet Ihr haben walten lassen, sie wird ^ Euch keine Ruhe gelassen, Euch angeregt, gezwungen haben, nachzudenken, alles Mögliche zu Abwendung der über ihnen schwebenden Gefahr, anzuwenden .... Was hat Euch diese Furcht und Liebe eingegeben? Was habt Ihr für sie gcthan? gedacht?" Er schwieg erwartungsvoll. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Bei einer solchen Frage blieb Don Abbondio, der wohl auf minder bestimmtere Antwort gesunden hatte, lautlos. Und in der That, empfinden selbst wir, vor unserem Manuskripte, die Feder in der Hand, die wir nichts anderes als widerspenstige Nedejatze zu 28 bestreiten, nichts anderes zu fürchten haben, als die Kritik unserer Leser, empfinden selbst wir, sageich, eine gewisse Unlust fortzufahren, finden es selbst ganz seltsam, daß wir so ohne besondere Mühe, so viele gute Regeln der Starke und Milde, der unermüdlichen Sorge für Andere, der unbegrenzten Aufopferung unserer selbst auspacken. Denken wir aber hinwieder, daß sie Jemandes Mund entflossen, der sie auch ins Werk setzte, so fahren wir eifrig fort. „Ihr antwortet nicht," nahm der Cardinal das Wort. „ Hattet Ihr Eurerseits gethan, was Pflicht und Gewissen von Euch verlangten, Ihr würdet, wie dann auch immer die Sachen abgelaufe» waren, jetzt zu antworten vermögen. Sagt also selbst, was Ihr gethan habt? Ihr habt der Ruchlosigkeit Folge geleistet, unbekümmert um die Stimme Eurer Pflicht; Ihr habt ihr die pünktlichste Folge geleistet: sie war Euch genahet, hatte Euch erklärt, was sie von Euch verlange; aber sie wollte verborgen bleiben, daß man sich nicht gegen sie zu schützen und zu wehren vermöge; wollte nicht Verdacht erregen, wollte das Geheimnis,um ihreAbsichten durch List oder Gewalt ungestört zu vollziehen, verlangte von Euch Pflichtverletzung und Gehcim- niß: Ihr verletztet Eure Pflicht und schwiegt. Jetzt frage ich Euch, ob Ihr sonst nichts gethan habt; Ihr werdet mir Antwort geben, ob cs wahr Ist, daß Ihr noch überdies einen Vorwand erlogt, damit man dem wahren Grunde Eurer Weigerung nicht auf die Spur »ls ^ "^chchi, cla h», k st IM. Illml i.!j NiWtz üstlil,«!! liM, ich -.mH i «:!;!?«>'>- urn ^..r st MI «im kch n, !:? « 1,-üMzi; chie M- »üElsti«' uk-i;Ir >ssi, dijA' LS komme." Er hielt abermal, einer Antwort gewärtig, inne. — „Haben sie ihm auch das gesagt, die Plappermäuler!" — dachte Don Abbondio; verzog aber den Mund nicht, als ob er auch nur eine Sylbe zu sagen habe; deshalb fuhr der Cardinal fort: „Es ist also wahr, daß Ihr die armen, schuldlosen Menschen belogt, um sie in der Unwissenheit, in der Verwirrung zu erhalten, in der die Ruchlosigkeit sie erhalten wollte_Ich muß es also nun glauben, muß also mit Euch darüber erröthcn und nur hoffen, daß Ihr mit mir darüber weinen werdet. Seht also, wohin Euch diese Liebe zum zeitlichen Leben, die Ihr, großer Gott! so eben noch als Rechtfertigung anführen wolltet, verführt bat. Sie hat Euch .... bestreitet mir freimüthig diese Worte , wenn sie Euch ungerecht scheinen, laßt sie Euch aber zur heilsamen Warnung gereichen, wofern nicht .... sie hat Euch verleitet, die Schwachen zu betrügen, Eure Kinder zu belügen." — „So geht's nun in der Welt," —dachte Don Abbondio abermals — „dem Teufel" — er gedachte des Unbekannten — „die Arme um den Hals, mir, wegen einer Nothlüge, um mein eigenes Fell zu schützen, ein solcher Teufelslarm. Aber es sind die Oberen, die müssen immer Recht haben. Es ist nun einmal mein Unglücksstern, der mir Jedermann, nun auch die Heiligen, aufden Hals hetzt." Er sagte mit lauter Stimme: „Ich habe gefehlt, ich sehe ein. 30 daß ich gefehlt habe ; was konnte ich denn aber in solcher Verlegenheit ansangen?" „ Das fragt Ihr noch? Habe ich es Euch noch nicht gesagt ? Muß ich es Euch erst sagen? Lieben, mein Sohn, lieben und beten. Dann würdet Jbr empfunden haben, daß die Gottlosigkeit wohl drohen und strafen, aber nicht befehlen kann; Ihr würdet mit Gottes Hülfe vereint haben, was ein Mensch trennen wollte; würdet den armen Unglücklichen den Dienst geleistet haben, den sie mit Rechr von Euch verlangen konnten: für die Folgen würde Gott Euch gestanden haben: denn Ihr befolgtet sein Gebot: da Ihr aber ein andres befolgtet, so standet Ihr selbst für die Folgen! Und für welche Folgen! Und würden Euch denn alle menschlichen Hülfsmittel benommen gewesen seyn, würdet Zhr denn gar keinen Ausweg gefunden haben, wenn ihr ernstlich daran gedacht, darnach geforscht hattet? Und Ihr konntet wissen, daß Eure armen Kinder, waren sie verbunden gewesen, hatten sie an ihre Rettung denken können, vordem mächtigen Unterdrücker geflohen seyn würden, bereits einen Zufluchtsort kannten. Aber auch davon abgesehen, erinnertet Ihr Euch denn nicht, einen Oberen zu haben, der doch eben deshalb, weil es ihm zusteht, Euch für Pflichtverletzung zu tadeln und zu strafen, Euch zu Pflichterfüllung bchülflich seyn muß? Warum gedachtet Ihr nicht, Euren Bischofs in Kenntniß zu setzen, daß schändliche Gewaltthati'gkeit Euch an der Ausübung Eures Amtes hindern wolle?" — „ Was rielh mir Perpetua?" — dachte Don Abbondio ärgerlich; mitten unter den Reden des EardinalS stand ihm aber doch nichts lebhafter vor Augen als das Bild der Bravi, und nichts lebhafter vor dem Geiste als der Gedanke, daß Don Rodrigo frisch und gesund sey und, über kurz oder lang, ruhmreich und siegend und zornentbrannt zurückkehren werde. Und obwohl die vor ihm stehende hohe Würde, ihr Anblick und ihre Rede ihn verwirrten und ein- schüchterten; so brachte sie ihn doch nicht um die Besinnung und binderte ihn nicht, sich in Gedanken gegen sie aufzulehnen, zu bedenken, daß der Cardinal am Ende doch weder Flinte, noch Degen, noch Bravi gegen ihn anwenden könne- „Konntet Ihr nicht denken," fuhr dieser fort, „daß, wenn den Unglücklichen auch sonst kein Asyl blieb, ich doch noch da war, sie zu schützen und in Sicherheit zu bringen, wenn Ihr sie mir zusandlet; wenn Ihr die Hülfloscn ihrem Bischoffe zusandtet, als ein köstliches Theil seines Reichthumes, nicht seiner Bürden? Und was Euch betrifft, so würde ick für Euch gesorgt haben, würde keine ruhige Nacht gehabt haben, bevor ich nicht versichert gewesen wäre, es vermöge Niemand Euch ein Haar zu krümmen; bevor ich nicht auf irgend eine Weise Euer Leben aller Gefahr entzogen hatte. Und glaubt ihr denn, 32 daß dieser Mensch, der so kühn war, es nicht bei weitem minder geworden scyn würde, hätte er gewußt, daß seine Schliche anderwärts, daß, sie mir bekannt waren, daß ich wache und entschlossen sey, zu Eurer Werthcidigung alle Mittel auszubieten, die in meinen Kräften standen? Wißt Ihr nicht, daß, wenn der Mensch nur allzuoft mehr ver'pricbt, als er zu halten vermag, er auch ni t selten mehr als er vollbringen kann, androht? Wißt Ihr nicht, daß die Lasterhaftigkeit nicht blos auf ihren eigenen Kräften beruht, sondern auch eben so'sehr auf dem Schwachmulhe, dem Schrecken Anderer?" — „Gerade was Perpetua sagte," —dachte Don Abbondio abermals, ohne zu bedenken, daß gerade dieses besondere Zusammentreffen der Meinungen Friedrich Borromco's und seiner Magd, bei Betrachtung dessen, was er hätte lhun sollen und können, sehr wider ihn zeuge. „Ihr aber," fuhr der Cardinal fort und schloß, „habt nichts weiter gesehen, nichts weiter sehen wollen, als zeitliche Gefahren, kein Wunder also, wenn sie Euch so groß erschienen, daß Euch nichts außer ihnen beachtenswerth blieb!" „ Habe ich sie doch auch gesehen, die Gesichter, " brach Don Abbondio unwillkührlich aus, „habe ihre Worte gehört. Euer Eminenz baben gut reden; aber man muß sich nur in die Haut eines armen Geistlichen denken, man muß so etwas selbst erlebt haben." Kaum waren die Worte von seinen Lippen» so biß er sich in die Zunge, bemerkte, daß ihn der Aer- ger zu weit geführt habe und sagte bei sich: „Nun wird's erst los gehen!" — Als er aber den Blick zweifelhaft aufschlug, erstaunte er nicht wenig über den Anblick des Mannes, den es ihm nie gelingen wollte, weder zu ecrathcn, noch zu verstehen: der strenge, strafende Ernst seiner Züge ging in bereuendes Nachdenken über. „Zuviel!" sagte Friedrich, „so armselig und entsetzlich ist unser Zustand! Wir machen die strengsten Forderungen an Andere und der Himmel weiß, ob wir sic selbst würden erfüllen können; wir verdammen, strafen, tadeln, und der Himmel weiß, was wir im nämlichen Falle thun würden, was wir in ähnlichen gethan haben. Wehe mir! sollte ich meine eigene Schwache Anderen zum Maaßstabe ihrer Pflichten, zum Spiegel meiner Lehren aufstellen. Und doch ist es gewiß, daß wir mit unseren Lehren zugleich Anderen ein Beispiel geben sollen und nicht, wie die Pharisäer, ihnen unerträgliche Lasten ausbürden und sie selbst mit keinem Finger anrühren. Also, mein Sohn und Bruder! da die Jrrthümer der Herrschenden Anderen oft bester als ihnen stlbst bekannt sind; wißt Ihr, daß ich aus Kleinmuth, oder irgend sonst einer Ursache, eine meiner Pflichten verletzte, so sagt cs mir ohne Rückhalt, bringt mich zur Erkenntniß, damit ein sündiges Beispiel zum Wenigsten ein reuiges Belli. E 34 kenntniß erwecke. Werst mir freimüthig meine Gebrechen vor und donn werden auch die Worte meines Mundes größeren Werth erhalten, denn Ihr werdet lebhafterfühlen, daß sie nicht von mir, sondern von Dem kommen, der Euch wie mir die Kraft geben kann, zu thun, was sie verschreiben!" — „O welcher heilige Mann! Aber, welcher Plagegeist," dachte Don Abbondio, „sogar seiner selbst! immer muß er etwas zu stören, grübeln, andern, tadeln haben, sogar mit sich selbst." — Laut sagte er: Gnädiger Herr! scherzt Ihr denn ? Wer kennt nicht das große Gemüth, den unermüdlichen Eifer Euer Eminenz?" Im Herzen fügte er hinzu: „Nur zu sehr!" „Ich wollte kein Lob von Euch hören, das mich schaudern macht," sagte Friedrich: „denn Gott kennt meine Schwachen und, so viele ich selbst kenne, reichen hin, mich zu demüthigen. Aber ich hatte gewünscht, ich wünschte, daß wir uns zusammen vor Ihm demü- thigten, um uns beide!m Vertrauen zu stärken. Ich wünschte um Euretwillen, daß Ihr fühltet, wie strafbar Euer Benehmen war, wie sehr Eure Sprache dem Gebote entgegen ist, das Ihr doch prediget und nach dem man Euch richten wird." „Es hat sich Alles gegen mich verschworen," sagte Don Abbondio, „aber die Angeberinnen haben nicht gesagt, daß sie mit Verrath in mein Haus bra- chen, mich überfielen, um auf unerlaubte Weife eine Herrath zu vollziehen." „Sie haben es gesagt, mein Sohn; aber cs krankt mich, es vernichtet mich, daß Ihr Euch noch zu entschuldigen denkt, daß Ihr Euch durch Anklagen zu entschuldigen denkt, daß Ihr mit dem, was einen Theil Eurer Beichte ausmachen sollte, Andere noch anklagen wollt. Wer hat sie denn, ich will nicht sagen, in die Nothwendigkcit, aber in die Versuchung gebracht, zu thun, was sie thaten? Würden sie diesen unerlaubten Weg betreten haben, wäre ihnen der erlaubte nicht verschlossen gewesen? Würden sie auf den ^ Gedanken gekommen seyn, ihren Pfarrer zu hintergchen, wenn er sie in seine Arme ausgenommen, ihnen beigestanden hatte mit Rath und That? Würden sie Euch überfallen haben, wenn Ihr Euch nicht vor ihnen verborgen hättet? Und ihr wollt ihnen ein Verbrechen daraus machen ? Ihr seyd unwillig, daß sie nach so vielem Unglücke, was sage ich ? mitten im-Un- glücke ein herzerlcichterndes Wort ihrem, Eurem'geistlichen Führer sagten? Die Welt vernimmt allerdings nicht gern den Jammer der Betrübten, die Beschwerden der Unterdrückten; aber wir! Was würde eS geholfen haben, wenn sie geschwiegen hatten? Hättet Ihr Euch dann besser überzeugen können, daß ihr Geschick ganz in Gottes Händen ruhe? Muß es Euch nicht neue Ursache-seyn, zu allen die Ihr schon habt,- diese Menschen zu lieben, daß sie Euch Veranlassung' C 2 36 wurden, die aufrichtige Mahnung Eures Hirten zu vernehmen? Daß sie Euch Veranlassung wurden, die große Schuld, die Ihr gegen sie habt, besser zu erkennen und einen Theil davon abtragen zu können ? Und wenn sie Euch erzürnt, beleidigt, gequält hatten, würde ich Euch (und muß ich Euch das erst sagen ?) ermahnen, sie zu lieben, eben deshalb zu lieben. Liebt sie, weil sie gelitten haben, weil sie leiden, weil sie Euch angehören, weil sie schwach sind, liebt sie um der Vergebung willen, die Ihr bedürft; bedenkt, was sicherlich ihre Fürbitte vermag!" DonAbbondio schwieg, doch schwieg er nicht mehr so ärgerlich und verstockt wie früher, sondern wie Jemand, der mehr zu bedenken als zu sagen hat. Die Worte, welche er vernahm, waren unerwartete Folgen^ neue Auslegungen einer, auch in seinem Gemükhe, alten, unbestreitbaren Lehre. Anderer Kummer, dessen Mitgefühl ihn immerdar der Furcht für sich selbst enthoben hatte, übte jetzt einen ganz neuen Eindruck auf ihn aus. Wenn er auch nicht alle die Reue empfand, die die Reden des Car- dinals ihm erregen wollten, (denn eben jene Furcht war allzeit wach, und bereit, seinen Sachwalter abzugeben) so empfand er doch einige Reue, empfand ein Mißbehagen mit sich-,-Mitleiden mit Anderen, empfand ein Gewirr von Zärtlichkeit und Betäubung, glich , wenn der Vergleich statthaft, einem feuchten Lampcndochte , dev, wenn man ihn an esne,Flamme hält, anfänglich dampft und sprüht Ulch knistert und i kB '' l-st > B i . jllB jÄ, KAI , KM ^ !ik". «A; Ml! mi ! . ! ichr ! k!Ä> lii Ei ^ ki! it ^ Lis : sbe l kft ^ «di! i nichts von ihr wissen will, am Ende sich aber dennoch entzündet und, wohl oder übel, glimmt. Ohne den Gedanken an Don Rodrigo würde er sich haben laut anklagen, weinen können; bei alle dem gab er aber dennoch Zeichen von Rührung von sich, und der Cardinal gewahrte, daß nicht alle seine Worte auf unfruchtbaren Acker gefallen waren. „Jetzt," fuhr er fort, „ist der eine seines Hauses flüchtig, die Andere im Begriff, das ihre zu verlassen: Beide haben dazu nur allzuviele Ursache, haben keine Hoffnung, sich jemals wieder hier zu vereinen, wenn eS auch Gottes Wille wirklich wäre, sie wieder zusammen zu führen. Jetzt haben sie leider! Eurer nicht mehr nö- thig, Ihr habt leider! keine Gelegenheit, ihnen wohlzuthun, und unsere Kurzsichtigkeit vermag aus dem Dunkel der Zukunft keine zu erspähen. Vermag deshalb der allbarmherzige Gott nicht, uns dennoch eine oder die andere darzubieten? O, laßt keine vorübereilen! Sucht sie auf, seyd unermüdlich, bittet Gott, sie Euch an die Hand zu geben!" „ Das will ich thun, gnädiger Herr, gewiß das will ich thun," entgegnete Don Abbondio, mit einer Stimme. die von Herzen kommen mußte. „ Wohl, mein Sohn, wohl!" rief Friedrich und schloß mit der liebreichsten Würde: „der Himmel weiß, ob ich gewünscht hätte, mit Euch auf ganz andere Weife reden zu können. Wir stehen beide schon in hohem Alter: der Himmel weiß, ob es mir hart ankam, 38 bittere Vorwürfe auf Euer graues Haupt laden zu müssen, ob ich mich nicht um so viel lieber mit Euch, nach unfern gemeinschaftlichen Sorgen und Leiden, im Gespräche von der seligen Hoffnung, der wir Beide schon so nahe sind, getröstet hatte. Der Himmel gebe, daß die Worte, deren ich mich mit Euch bedienen mußte, für uns Beide Früchte tragen! Ihr werdet nicht verlangen, daß er mich dereinst an jenem Tage zur Rede stelle, Euch ein Amt gelassen zu haben, das Ihr auf so unselige Weise vernachlässigtet. Theilcn wir unsere Zeit ein! Mitternacht ist nicht fern; der Bräutigam naht; sorge ein Jeder, daß sein Licht leuchte! Bringen wir Gott unsere bülssbedürftigen, sündigen Herzen dar, daß seine Milde sie mit der Menschenliebe erfülle» die die Vergangenheit sühnt, die Zukunft erhellt, die Furcht und Vertrauen, Freude und Trauer in uns mit Weisheiteint; die immerdar dieTugenden in uns erweckt, deren wir bedürfen!" Nack diesen Worten entfernte er sich, und Don Abbondio folgte. Obgleich diese Unterredung nickt die einzige war, welche zwischen den beiden Männern Statt fand; Luzia nicht der einzige Gegenstand ihrer Unterredungen : so müssen wir doch die anderen hier vcr- läugnen, um nicht zu sehr von dem Hauptgegenstande unserer Erzählung abzuweichcn. Aus eben diesem Grunde lassen wir auch alles, noch so Bemcrkens- werthe, unberührt, was Friedrich im Verlaufe dieser Kirchcnvisitalion sagte und that: seine Freigebigkeit 3S "- Lilil jl- ^tllmiii ^Aiils >» b,r- ?!k il)l!W!I> !«m! !mn I KA,V.ÄH j, rÄ WZ rill de ünal?!!>! difnilim- ki-'" x-'ZNiil!^' j,tlü dl'" sowohl, als alle seine beendeten Gesö)äfte: geschlichtete, (oder was leider! nur häufiger) bcigelegte Handel zwischen Einzelnen sowohl, als Familien und ganzen Dörfern: gänzliche, oder doch wenigstens augenblickliche Bekehrung gottloser Gewalthaber; was Alles, mehr oder weniger, in jeder Ortschaft der Diöcese, welche dieser treffliche Mann besuchte, zur Sprache kam. Wir haben zu berichten, daß am folgenden Morgen Donna Praxedia in der Absicht anlangte, Lu- zien abzuholen, und den Cardinal, der sie ihr mit vielem Lobe warm anempfahl, zu bekomplimenticen. Lu;ia trennte sich gewiß unter zahllosen Thranen von ihrer Mutter, verließ ihr heimisches Häuschen, sagte ihrem Dorfe zum zweitenmale mit der geschärfteren Wehmuth Lebewohl, die wir beim Scheiden von einem Orte empfinden, der uns über alles thcuer war und es nicht mehr seyn kann. Der Abschied von der Mutter ward indeß erst vorläufig genommen, denn Donna Praxedia hatte erklärt, sie werde noch einige Tage auf ihrem, dem Dorfe unfernen Landsitze weilen, und Agnes versprach der Tochter, dahin zu kommen, um ihr dort das letzte, schmerzlichere Lebewohl zu sagen. Als auch der Cardinal sich eben in Bewegung nach einem andern Kirchspiele zu setzen !m Begriffe war, kam der Pfarrer Lessen, in welchem das Kastell des Unbekannten lag, an, und verlangte, ihn zu sprechen. Vsrgelassen, überreichte er einen Brief und eine Rolle Geld von Seilen des Unbekannten, 40 der den Cardinal im ersteren ersuchte, die Mutter Lu- ziens zur Annahme in der Geldrolle befindlicher hundert Gold-Scudi zum Hochzeitgeschenk für das Mädchen oder zu sonstigem, in Beider Belieben stehenden Zwecke, zu bewegen. Er bat, ihnen ferner zu sagen: glaubten sie jemals, er vermöge ihnen einen Dienst zu erzeigen, so wisse das arme Mädchen nur zu gut, wo er wohne, und ihm würde cs ein sehr ersehntes Glück seyn. Der Cardinal schickte nach Ag- nesen, theilte ihr den Auftrag mit, den sie mit gleichem Erstaunen wie Entzücken vernahm, und übergab ihr das Geld, das sie sich ohne lange Weigerungen in die Hand legen ließ. „ Gort vergelte es dem Herrn," sagte sie, „danken Euer Gnaden ihm tausend, tausendmal, und sagen ja Niemand etwas davon, denn in dem Dorfe.... Ach, verzeihen mir Euer Eminenz, was rede ich auch da! Ich weiß wohl, daß ein so vornehmer Herr nicht von solchen Dingen plaudern wird; aber - der gnädige Herr wird mich schon verstehen." Sie ging still und leise nach Hause, schloß sich in ihre Kammer ein, schüttete die Rolle ans und sah nun, wie sehr sie auch auf den Anblick vorbereitet war, voller Verwunderung den großen, ihr gehörigen Haufen Goldstücke an, von denen sie niemals mehr als eines und auch das nur sehr selten, gesehen hatte. Sie zahlte sie, quälte sich lange, sic wieder einzupacken und alle hundert Stück in eine Reihe ne- ^-Kch.. s- h. ^ >B, e;a, -'-ÄIU ^'osüui- lüi.'jlti- ut «ülph !My»d llnLn»," N«- lm«, dm« :«>iLm!»j, lejtiipm- Ä« «Ätz ; in« k!i- i, stdj »ch :t- e«S Ad „:r:Äiii- :jn, ikp ,, p iriliil 41 "ben einander zu halten, denn in jedem Augenblicke sprangen einige wieder heraus, oder entglitten ihren ungeübten Fingern, und als sie endlich, so gut es angegangen, wieder gerollt waren, wurden sie in ein Stück Leinwand gewickelt, mit Bindfaden umschnürt und in das Bette, in eine Ecke des Srrohsackes, verborgen. Wahrend der übrigen Tageszeit wurde nach- gegrübclt, wurden Plane ersonnen, wurde der morgende Tag ersehnet, und als sich die arme Frau zu Bette gelegt hatte, blieb sie noch lauge wach, gedachte immer der hundertfältigen Genossenschaft unter ihr: cingeschlafen, stellte sie sich ihr im Traume dar. Sobald der Tag graute, stand sie aus und wunderte bald der Villa, wo Luzia war, zu. Ob Luzia gleich noch dieselbe Abneigung empfand, von ihrem Gelübde zu sprechen, war sie jetzt doch entschlossen, sich Gewalt zu thun und ihrer Mutter in der Unterredung, welche für lange Zeit die letzte seyn sollte, sich zu eröffnen. Man hatte Beide kaum allein gelassen, als Agnes mir ganz belebtem Gesicht, aber mit so leiser Stimme, als wäre noch Jemand zugegen, der sie nicht hören solle, anfing: „ Ich habe Dir etwas Großes zu hinterbringen;" und den unerwarteten Glücksfall erzählte. „ Gott segne den Herrn," sagte Luzia: „so könnt Ihr Euch doch hegen und pflegen und auch wohl Anderen eine Wohlthat erzeigen." 42 „Wie?" erwiderte Agnes! „merkst Du denn nicht, was wir alles mit so vielem Gelbe anfangen können? Höre! ich habe Niemand alsDich, als Euch Beide, kann ich wohl sagen, denn ich habe Renzo'n, von dem ich mit Dir reden will, immer als meinen Sohn angesehen. Es kommt nur darauf an, daß ihm nicht etwa ein Unglück zugesioßen ist, weil er so gar nichts von sich hören laßt! Aber es, wird doch nicht alles schief ablaufen ! Wir wollen das Beste hoffen, wollen's hoffen. Was mich betrifft, ich würde zwar gern in dem Dorfe, wo ich lebte, gestorben seyn; aber da Du jetzt, der Nachstellungen des Schurken und schon seiner bloßen Nahe halber, nicht mehr bleiben kannst, bin ich meinem Dorfe gram geworden, und will leben, wo Ihr lebt. Ich war bis jetzt immerdar entschlossen, mit Euch, und wäre es bis an das Ende der Welt, zu ziehen, ich war auch immerdar dazu bereit; aber es geht doch nicht ohne Geld! Versiehst Du mich nun? Die vier Scudi, die der arme Mensch mit so vielem Fleiß und Anstrengung sammelte, haben die Gerichte mitgehn heißen; dafür entschädigte uns der Herr aber mit diesem Schatze. Ist cs Renzo'n erst gelungen, uns zu wissen zu thun, ob er lebt, und wo, und was er thun will, so hole ich Dich selbst in Mailand ab, nehme Dich mit mir. Sonst würde ich an so etwas nicht gedacht haben; aber Unglück giebt Muth und Erfahrung. Ich bin ja doch schon bis Monza gekommen, und weiß also, was rei- sen ist. Ich nehme einen sichern Mann, einen Verwandten mit mir, etwa den Alexis aus Maggiam'co: denn im Dorfe selbst giebt es eigentlich gar keinen sichern Mann: komme mit ihm, die Zehrung ist unsre Sache und ...., verstehst Du wohl?_" Als sie aber empor sah und gewahrte, daß Luzia, statt froh nur immer bekümmerter zu werden schien, nur die trostloseste Zärtlichkeit ein den Tag legte, hielt sie mitten in ihrer Rede inne und sagte: „ Was hast Du denn aber? Meinst Du nicht so?" „Arme Mutter!" riefLuzia, einen Arm um sie schlingend und das weinende Gesicht auf ihre Brust neigend. „Was ist's denn?" fragte die Mutter ängstlich. „Ich hatte es Euch Vorhersagen sollen," sagte Luzia, ihr Antlitz erhebend und sich fassend, aber ich habe immer nicht den Muth dazu gehabt: habt Mitleid mit mir." „Nur weiter, weiter, also_?" „Ich kann nicht mehr die Frau des armen Menschen werden!" „Wie? was?" Mit gesenktem Kopfe, hochklopfender Brust, thranenlosem Kummer, wie man wohl etwas Unseliges, was nicht zu ändern ist, erzählt, entdeckte Luzia ihr Gelübde; bat mit gefallenen Händen wiederholt um Vergebung, so lange geschwiegen zu haben; bat die Mutter, mit keiner Mcnschenscele davon zu 44 sprechen; ihr bcizustehen, und Mittel und Wege, zu Vollziehung des Gelobten, erleichtern zu helfen. Agnes war ganz erstaunt und bestürzt: wollte über die lange Zurückhaltung zürnen; aber das Hochwichtige der Sache an und für sich selbst erstickte persönlichen Aerger: wollte noch Auswege finden; bedachte aber, daß so etwas ein Eingriff in des Himmels Rechte sey: um so wehr, als Luzia von neuem, lebhafter als vorher, jene Nacht, jene finstere Verzweiflung und die so unerwartete Rettung, zwischen denen sie das Gelübde so ausdrücklich, so feierlich that« ausmalte. Wahrend dessen rufle sich die Zuhörerin auch dieses und jenes Beispiel, von dem sie oftmal hatte reden hören, das sie der Tochter selbst erzählte, nach welchem der Uebertreter eines Gelübdes par sonderbar, gar entsetzlich gestraft worden war, ins Eedächt- m'ß zurück. Und als sic eine Weile in solcher Bestürzung geschwebt hatte, sagte sie: „Undwas willst Du jetzt beginnen?" »Jetzt," sagte Luzia, „hat der Herr daran zu denken, der Herr und Madonna. Ich habe mich in ihre Hand begeben, sie haben mich bis jetzt nicht verlassen und werden mich auch jetzt nicht verlassen, wo_Die Gnade, die ich vom Herrn für mich erbitte, die einzige Gnade nach dem Heil meiner Seele, ist, daß er mich zu Euch zurückgeleite. Damals — jene Kutsche- heilige Jungfrau! .... jene Männer .... wer hatte mir damals sagen sollen, daß sie mich dächi -^'ÜÜich Nü,, -ü b«Ä ' lkl, lx-: rkarr ich i'^:l kktr --„a, °-ch »«:: ßrür chiE-stt:- ,. litt K- L.'spM j,a i:::»;u Ä kt, w» ^j,z!Äl _..„.;Ä, ^«ii» ,»L«ll, >"- 45 zu dem führten, der mich nächsten Tages zu. Euch zurückführen mußte?" „Daß D.u aber nicht gleich gegen Deine Mutter offen warst!" sagte Agnes mit von Mutterliebe und Mitleid unterdrücktem Unwillen- „Beklagt mich; ich hatte nicht den Muth .... und warum sollte ich Euch vor der Zeit betrüben?" -,sUnd Renzo?" sagte Agnes, den Kopf bewegend. , -..„Ach!" rief Luzia, plötzlich erbebend, „ich darf nicht mehr an den Armen denken. Gott hat ja nicht gewollt .... Ihr seht ja, daß er uns. nach dem, wie cs jetzt gekommen äst, selbst getrennt hat. Und wer weiß?_aber nein, nein: der Herr wird ihn vor Gefahren behütet haben, wird ihn, ohne mich,, nur um so glücklicher werden lassen." „Aber hattest Du Dich nur nicht für immer von Allem losgesagt,' Dich nicht gebunden," nahm Agnes das Wort, „ist unterdes auch Renzo'n kein Unglück zugestoßcn, so könnten wir nun mit diesem Gelbe-,:.." .. „Aber würden wir dieses Geld denn bekommen haben," entgegnete Luzia, „wenn ich jene Nacht nicht, verlebt hätte? — der Herr hat alles so haben wollen : cs geschehe sein Wille! ff Thcänen erstickten ihre Stimme. Agnes ward über diesen unerwarteten Grundnach- denkend. Luzia unterdrückte ihr Schluchzen Md fuhr 46 nach einigen Augenblicken fort: „Jetzt, da es nun einmal geschehen ist, muß man sich auch willig drein ergeben; mnd Ihr, meine gute Mutter, Ihr vermögt mir beizustehen, einmal, indem Ihr zudem Herrn für Eure arme Lochtet betet, und dann .... muß es ja auch der Arme erfahren, i Denkt Ihr daran, erzeigt mir die Barmherzigkeit, daß Ihr daran denkt! Wenn Ihr Nachricht habt, wo er sich aufhalt, so laßt ihm schreiben, verschafft Euch Jemand .vielleicht eben Euren Vetter Alexis, der ein kluger, theünehmender Mann ist, uns immer wohl wollte und nicht davon schwatzen wird: laßt ihm die Sache schreiben, wie sie ist, wie es mir ergangen, wie ich gelitten habe; daß es Gottes Wille sey, daß er sich zufrieden gebe, daß ich niemals, niemals Jemand angehören kann. Und daß er ihm die Sache nur auch recht auseinander setze, ihm begreiflich mache, daß ich es versprochen, daß ich-es gelobt habe....weiß er, daß ich es der Mutter Gottes gelobte-.... er war ja immer ein guter Mensich , . und Wenn Ihr Nachricht von ihm habt, so laßt mir schreiben, - laßt mich wissen, daß er gesund und-Wohl ist-; und dann .-rv,> dann gar nichts weiter." "> Agnes versicherte ihrer Tochter voller Zärtlichkeit, es solle alles geschehen, was sie wünsche. „Noch eins muß ich Euch sagen," begann'Luzia wieder» „ohne die Liebe des armen Menschen zu mw> würde ihn nicht das Unglück, was-ihn befallen- hat, befallen haben. Er ist in die Welt hinausge- stoßen, sie haben ihm sein Glück zerstört, haben ihm Hab und Gut, seine Ersparnisse geraubt, und warum, warum?.... Und wir haben so viel Geld! Ach,Vetter! da der Herr uns so reichlich bedacht hat, da Ihr den Armen ja immerdar mit Recht als Euren Sohn liebtet, so lheilt mit ihm; Gott wird cs uns deshalb an nichts fehlen lassen. Thut Euch nach einem ehrlichen Boten um und schickt es ihm; der Himryel weiß, wie sehr er es nölhig haben mag!" „Nun ja doch! Was glaubst Du denn?" ent- gegnete Agnes: „ich thue es gern. Armes Kind! Glaubst Du, ich sey auf Las Geld so besessen? Aber .... war ich doch so fröhlich und zufrieden hierher gekommen! .... Weg da; ich werde cs ihm schicken; Du armes Mädchen! Aber auch er. ...ich weiß wohl, was ich sage ; wer cs nöthig hat, dem macht Geld gewiß Freude^; aber er wird sich überdies Geld doch nicht von Herzen freuen können." Luzia dankte ihrer Mutter für die bereitwillige, mildthatige Zustimmung, mir.einer Erkenntlichkeit, mit einer Liebe, die Jemand, der sie mit angesehen, gewiß 'glauben gemacht hätte, daß ihr.Herz noch immer, vielleicht mehr als sie selbst glaube, Renzo'n angehöre. „Und was werde ich arme Frau ohne Dich anfangen?" sagte Agnes, nun ihrerseits in Lhranen ausbrechend. 48 > „'Und ich dhne Euch , meine arme Mutter? unter fremden Leuten? und da unken in dem Mailand vl'.l! Aber der Hetr wird mit uns Beiden seyn, wird uns wieder zusammen führen. Nach acht, neun Monaten , ich hoffe wohl noch eher, sehen wir uns hier wieder, und bis dahin wird Er zu unserm Trost über Allem gewaltet haben. Verlassen wir uns auf Ihn! Ich werde die heilige Jungfrau immer, immer um ihre Huld bitten. Konnte ich ihr sonst noch etwas anbietti,, ich würde es thun; aber sie hat ja solches Erbarmen, daß sie mir ihre Huld und Gnade auch so schenken wird." Mit diesen und anderen ähnlichen, oft wiederholten Worten des Jammers, des Trostes und der Ergebung, mit Bitten und Zusicherungen des Schweigens, mit vielen Thränen und langen, oft erneuten Umarmungen, trennten sich die Frauen, so spat cs nur anging, nachdem sie sich, wie es in solchen Fällen immer zu geschehen pflegt, und als wenn es nur von ihrem Willen abhinge, sich gegenseitig versprochen hatten, sich im kommenden Herbste wieder zu sehen. ' Es verstrich immer längere Zeit, und Agnes vermochte auch nicht das Geringste über Renzo in Erfahrung zu bringen. Keine Briefe, keine Nachrichten; Niemand aus dem Dorfe oder aus der Umgegend, sie mochte fragen, wen sie wollte, Niemand hatte das Geringste von ihm vernommen. Sie war auch nicht die Einzige, die vergebliche Nachforschun- 49 * ««III -^Lß ^»««iris M«,ilM!l "k ix'k jn M)E»ch Md Mdllül ! Amnikch IN NÄ Ä< Äi»««d Ni» ßt Ächs sich IlMNlill ^^«,i- i«,!- Ü,N» ^ t« HO' ,, A Li--»' gen anstellte: Cardinal Friedrich hatte den beiden Frauen nicht blos zum Scherz versprochen, über den armen Menschen Erkundigungen einzuziehen, erhalte ungesäumt seinetwegen geschrieben, und als er wieder nach Mailand zurückgckehrt war, die Antwort vor- gcfunden: man könne über den ungefragten Menschen nichts Befriedigendes mittheilen: er habe sich allerdings eine Zeitlang in dem besagten Dorfe, wo man ihm gar nichts nachsagen könne, ausgehalten; sep, aber eines Morgens plötzlich verschwunden, und sein Verwandter, bei dem er sich aufgehalten habe, wisse nicht, was aus ihm geworden und könne seinetwegen nur einige sich widersprechende, auf nichts beruhende Gerüchte, wiederholen, nach denen er sich habe nach der Levante anwerben lassen, nach Deutschland geflohen und auch beim Durchwaten eines Flusses ertrunken scy; man werde nicht ermangeln, ferner wach- - sam zu bleiben, um jede etwaige, besser begründete, Nachricht Seiner Eminenz alsobald mitzutheilen. Späterhin verbreiteten sich diese und andere-Ge-, rüchte auch in der.Gegend um Lecco und kamen auch Agnesen zu Ohren., Die gute Frau that ihr Möglichstes, das eigentlich Wahre zu erforschen, diesem oder jenem nachzuspürcn; es gelang ihr aber durchaus nicht mehr als: „es heißt," was noch heut zu Tage zur Glaubhaftigkeit so vieler Sachen hinreicht, zzr erfahren. Man hatte ihr zuweilen kaum das Eine oder Andere hinter bracht, als schon Jemand anders lll. D 50 kam und ihr versicherte, cs sey ganz und gar nichts daran; aber etwas Anderes, nicht minder Seltsames und Entsetzendes, sey für gewiß anzunehmen. Eswar alles bloßes Gerede, denn die Sache verhielt sich folgendermaßen: Der Gouverneur von Mailand und Gencralkapitain von Italien, Don Gonzalo Fernande; de Eordova, hatte sich bei dem venetiamschen Residenten in Mailand höchlich beschwert, daß man einem Schurken und ausgemachren Bösewichte, einem Beförderer von Mord und Plünderung, dem berüchtigten Lorenzo Tramaglino, der, um sich zu befreien, selbst in der Gewalt seiner Richter noch Aufruhr erregt habe, im Gebiete von Bergamo Aufenthalt und Schutz gewähre. Der Resident hatte entgegnet, er wisse nichts davon, werde aber nach Venedig schreiben, um Seiner Excellenz mitzutheilen, wie sich die Sache verhalte. Venedig fand es seinem Interesse gemäß, die Neigung der Mailänder Seidenarbciter, nach Bergamo auszuwandern, aufalle Weise zu befördern und zu erhalten, und gewahrte ihnen deshalb alle nur mögliche Vortheile, vornehmlich, ohne welchen kein anderer in Betracht kommt, den persönlicher Sicherheit. Wie es nun aber zwischen zwei streitenden mächtigen Partheien immer, mehr oder weniger über einen Drillen hergeht; so wurde Bortolo, unter der Hand, wir wissen njcht von wem, benachrichtigt, Renzo habe seinen Aufenthalt in diesem Dorfe nicht gut gewählt und würde besser thun, sich in eine an- 51 ^'chs°l- ^„>zi„ - ^i»:i>ch Mn» ' km kwch, E>«tchm. ümir n- -'niiiÄmd mziziÄ, n «lizitM iÄ tii Lch nach M MuB'l- -!><:-I-Iid j« ck »III mz- ltn lall illl- pLW«'l. «KvitIP» , ihr >>E D, ^>' s>kch l>A dere' Fabrik zu begeben und auch seinen Namen eine Zeitlang zu verheimlichen. Bortolo verstand den Wink, säumte nicht, ihn zu benutzen, steckte ihn seinem Vetter, setzte sich mit demselben in eine Kalesche und fuhr nach einer anderen, ncuerrichtcten Seidenspinnerei, die etwa fünfzehn Miglien entfernt lag, und deren ebenfallsaus Mailand gebürtigem Eigenthümer, der sein alter Bekannter war, er ihn unter dem Namen Antonio Nivolta verstellte. Wie karg und ungünstig die Zeiten auch waren, ließ sich der Fabrikherr nicht lange bitten, einen ihm von einem verständigen Manne als geschickt und ehrlich empfohlnen Arbeiter aufzunehmen,und bei angestelltcm Versuche hatte er nur Ursache, sich deshalb Glück zu wünschen; obgleich es ihm im Anfänge vorkam, als müsse der junge Mensch, der, wenn man: Antonio! rüste, fast niemals antwortete, von der Natur ein wenig vernachlässigt senil. Bald nachher empfing der Eapitano von Bergamo von Venedig den gemessenen Befehl, Erkundigungen einzuziehcn und Auskunft zu geben: ob in seiner Gerichtsbarkeit, namentlich in jenem Dorfe, der fragliche Mensch sich aushalte. Der Eapitano stellte seine Nachforschungen auf eine Weise an, die ec Ursache hatte, für die gewünschte zu halten; seine Antwort lautete also verneinend und wurde dem Mailänder Residenten für Don Gonzalo Fernande; de Eordova zugestellt. Es fehlte nunmehr nicht an Neugierigen, die von Bortolo zu wissen verlangten, D 2 warum jener Bursche nicht mehr da, und wohin er gekommen scy? Die ersten Fragen beantwortete er mit einem: „Nun, er ist verschwunden!" Und um die Hartnäckigsten zufrieden zu stellen, ohne sie der Wahrheit auf die Spur zu bringen, hatte er die verschiedenen, eben angeführten Nachrichten erfunden und bald dem Einen, bald dem Andern, jedoch nur als ungewisse Gerüchte, die auch er, ohne Angabe der Quelle vernommenchabe, vertraut. Als man ihm auf Veranlassung des Cardinals, ohne denselben zu nennen, mit einer gewissen Wichtigkeit, geheimnisvoll, fragte, und nur so viel errathen ließ, daß es auf Anstiftcn einer hohen Person geschehe, war Bortolo um so mehr auf seiner Huth, hielt nur um so mehr für räthlich, am Verschweigen der Wahrheit festzuhalten, und gab, da es sich um eine hohe Person handelte, alle sonst nur einzeln ausgethelltcn Lügen zugleich zum Vesten. Man glaube nicht, daß es einem Manne, wieDon Gonzalo Fernande; de Eordova, ernstlich um einen armen Seidespinner zu thun war, weil derselbe etwa die Ehrfurcht gegen ihn ein wenig außer Acht gelassen oder seinem Mohrenkönige, mit der Schlinge um den Hals,, eins angeyangen hatte, oder, weil er denselben für «inen, in so hohem-Grade gefährlichen Menschen hielt, ihm auch flüchtig nachzustellen und ihm, wie der römische Senat demHannibal, auch in der Ferne keine Ruhe zu gönnen., Don Gonzalo Hatto , zu viele, .große, .Dinge im Kopfe, um sich mn Renzo's Thun und Treiben bekümmern zu können; schien er sich darum zu bekümmern, so war die Ursache ein sonderbarer Zusammenfluß von Umständen, demzufolge der arme Mensch, ohne es zu wollen, ja ohne es zu wissen, ohne es jemals zu erfahren, mit einem feinen, unsichtbaren Faden an jene großen Dinge festgesponnen war. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Wir haben schon des Krieges gedacht, der damals wegen der Erbfolge in den Staaten des Herzogs Mn- cens Gonzaga, des zweiten seines Namens, herrschte; es geschah aber flüchtig und wir konnten die, jetzt zum Verstandniß unserer Geschichte nöthigen, näheren Notizen noch nicht geben. Es sind Dinge, die der Geschichtskundige kennt; da wir aber im Gefühle unserer selbst voraussetzen müssen, daß dieses Werk nur Unkundigen 'zu Gesichte kommt, so sagen wir hier davon, so viel znm Ueberblick genügt. Wiewirbereits crwahnten,hatte,nachdemTode jenes Herzogs,der ihm nachstverwandte Karl Gonzaga, Oberhaupt einer nach Frankreich verpflanzten Nebenlinie und Herr der Hcrzogthümer Nevcrs und Rhetel, von Mantua und, wie wir jetzt hinzufügen, auch von Mont- ferrat Besitz genommen. Das spanische Kabinel wollte, wie wir ebenfalls sagten, den neuen Fürsten, cs koste was es wolle, dieser beiden Lehen berauben, bedurfte zu diesem Ende eines Grundes, weil doch grundlose Kriege ungerechte genannt zu werden pflegen, und trat demnach auf die Seiten: Fcrrantc's, Fürsten von Guastalla, eines andern'Gonzaga's, der auf Mantua, und Karl Emanuel's I. Herzogs von Savoyen, so wie Magarelen Gonzaga's, verwittwcten Herzogin von Lorcna, die auf Montferrat Ansprüche machten. Do» Gonzalo , der aus dem Hause desgroßen Feldherrn, dessen Namen er führte, war, und schon den Krieg in Flandern mit bewirkt hatte, brannte vor Verlangen, das Kriegsfcuer auch in Italien anzuzünden, und hatte vielleicht die meiste Schuld, daß es wirklich geschah; denn er schloß, die Absichten seines Kabinets sich auslegend und dessen Befehlen zuvorkommend mit dem Herzoge von Savoyen einen Vertrag zur gemeinschaftlichen Besitznahme und Theilung Montferrats ab, und erlangte leicht Genehmigung des Grafen-Herzogs, indem er ihm die Einnahme von Casale, des von der feindlichen Par- thei am meisten vertheidigten Punktes, als etwas sehr Leichtes vorstellte. Zm Namen seines Königs erklärte er, er werde keinen Finger breit Landes anders als interimistisch, bis zum Ausspruche des Kai- 55 >- »r-rli!! >^k Ad «ich, K «is ^ !v» Ls L ^lchiij! kitzlest» !,«!!> lÄ ÄchdtW itirWi AlÄ Aü/ Lifibl» A-ü'» l>- Md -«MEt- g,nl°ck eil ^ k!i sers besetzen, der, theils aus Rückj"chtcn für Andere, theils aus eigenem Interesse, dcm neuen Herzoge vorläufig die Belehnung verweigert und die Weisung erthcilt hatte: unterdessen die Verwaltung der bestrittenen Staaten ihm zu überlassen, bis er, nach Anhören beider Partheien, dem Rechte Recht zuspreche. Revers wollte sich hierauf nicht einlassen. Auch er hatte mächtige Freunde: de! Cardinal Richelieu, die Republik Venedig und den Pabb. Den crsteren beschäftigte nur damals zu sehr die Belagerung von La Rochelle, und ein Krieg mit England, und da noch überdies die Königin Mutter, Maria von Medizis, dem Hause Revers aus gewissen Ursachen feind war, so vermochte er keine Hoffnung zu gcbem Die Venezianer wollten nicht eher etwas tbuo, ja sich sogar nicht ehecerklären, bis ein französisches Heer in Italien stehe, halsen dem Herzoge einstweilen im Geheim und standen mit dem Hofe von Madrid und dem Gouverneur von Mailand bald auf freundlichem bald auf feindlicherem Fuße. Urban VIII empfahl den Herzog seinen Freunden, verwendete sich für ihn bei den Gegnern, suchte Vergleiche zu Stande zu bringen, wollte aber nichts von Truppenausrüstungen hören. Unter diesen Umständen konnten die beiden al- lürtcn Gegner ihr gemeinschaftliches Unternehmen um so sicherer beginnen. Karl Emanuel war seinerseits in Montferrat eingcdrungen; Don Gonzalo hatte mit großem Eifer, nicht aber mit erwünschtem 56 Erfolge, die Belagerung von Easale begonnen, denn auch die Rosen des Krieges sind nicht ohne Dornen. Sein Hof unterstützte ihn bei weitem nicht mit den verlangten, erforderlichen Hülfsmitteln; sein Allürtec war zu hülfreich: d. h. nahm, nachdem er seinen An- theil schon weg hatte«, auch noch den dem Könige von Spanien bestimmten in Besitz. Don Gonzalo entrüstete sich zwar nicht wenig darüber, fürchtete aber, es möge Jener, der Verhandlungen eben so leicht begann, als er Vertrage leicht brach und der sehr kriegserfahren war, sobald er laut deshalb werde, sich auf Frankreichs Seite wenden. Er drückte also ein Auge zu, biß in die Stange und machte zu bösem Spiele gute Miene- Mit der Belagerung ging es schlecht, zog es sich in die Länge, ging es zuweilen selbst rückwärts: theils vermöge des standhaften, umsichtigen, entschlossenen Widerstandes der Belagerten: theils wegen Mangel an Truppen; theils auch, will man einigen Historikern Glauben beimesscn, vieler begangenen Fehler halber. In diesen Nöthen kam die Nachricht von der Empörung in Mailand an, und Don Gonzalo begab sich augenblicklich in Person dahin. Unter den Berichten, die ihm daselbst erstattet wurden, befand sich auch den von Renzo's gewaltsamer, Aufsehen erregender Flucht, der wahren und unwahren Ursachen seiner Verhaftung, und seinem Aufenthalte in Bergamo. Dieser Umstand er- regte> Don Gonzalo's Aufmerksamkeit. Ec hakte schon von ganz anderer Seite die Nachricht empfangen, daß man in Venedig sehr erfreut über den Aufstand gewesen sey, anfänglich vermeint habe, er werde ihn zu Aushebung der Belagerung Easale^s nö-> thigen, und sich überall daselbst erzähle, er gehe mit gesenktem Haupte, in tiefen Gedanken umher, besonders weil auch die von ihnen so lang ersehnte, von ihm gefürchtete Nachricht, von der Uebergabe von La Nochelle, cingetroffen. Da er nun sowohl -persönliches, wie politisches Mißfallen empfand, daß man so von ihm und seinen Thatcn denke, so haschte er stets nach Gelegenheiten, den Venetianern den vorigen Glauben an seine Kühnheit wieder beizubringen und einzureden, obschon cs eigentlich nichts sagen will, wenn Jemand sagt: ich habe keine Furcht. Ein passendes Mittel dazu schien ihm: den Beleidigten zu spielen, zu zanken und zu klagen: und als daher der Venetianische Resident ihm einen Besuch abstattete, um aus seinen Mienen und Benehmen zu erforschen, wie tief er in der Verlegenheit sitze; thac Don Gon- zalo, nachdem er des Tumultes überhin und als bereits beseitigter Sache gedacht hatte, jenen Schritt in Betreff Renzo's. Nachher kam ihm die für ihn unwichtige Sache nicht wieder ins Gedächtnis, und als er nach geraumer Zeit im Lager vor Easale, wohin er zurückgekchrt war, die Antwort empfing und ganz andere Dinge im Kopfe halte, hob er den Kopf cm- por und bewegte ihn, wie ein nach dem Blatte suchender Scidenwurm, sann einen Augenblick nach, um sich den Vorfall, von dem ihm kaum noch ein Schatten geblieben war, wieder ins Gedachtniß zu bringen, erhaschte ihn auch, hatte eine flüchtige, unklare Idee von dem in Frage stehenden Menschen, dachte an anderes und dachte nicht wieder daran. Nenzo aber, der nach dem Wenigen, was ihm davon zu Ohren gekommen war» ganz etwas anderes a-ls eine solche nachsichtige Geringschätzung erwarten mußte, dachte eine Zeitlang an nichts anderes, oder baffer, bedachte eine Zeitlang nichts anderes, als wie ec unerkannt bleibe. Er fühlte allerdings gewaltiges Verlangen, den beiden Frauen Nachrichten von sich zu ertheilen und von ihnen Nachrichten zu empfangen, aber das hatte zwei große Schwierigkeiten: Erstens, mußte auch er sich einem Sekcetaire anvertraucn, da verarme Mensch ebenfalls nicht schreiben konnte, und in gewissem Sinne des Wortes auch nicht lesen; er hatte wohl die Frage des Doktor Nothstall, ob er lesen könne, bejaht, und cs war keine bloße Prahlerei oder Floskel, denn Gedrucktes vermochte er mit einiger Mühe zu entziffern, mit Geschriebenen war es aber ganz etwas Anderes. Er mußte also einen Dritten in sein Interesse ziehen, ihm sein so wichtiges Geheimniß anvertrauen; und ein Mann, der die Feder zu führen verstand, dem man sich auch anvcr- traucn konnte, war zu damaliger Zeit, besonders in einem Dorfe, wo man noch Niemand genau kannte, nicht so leicht zu haben. Die zweite Schwierigkeit verursachte das Aufsindcn eines Boten, eines Mannes, der gerade nach jener Gegend wandere, den Brief mitnchmen und sich wirklich die Mühe geben wolle, ihn richtig zu bestellen; welches alles sich schwer in einem einzigen Menschen vereinen ließ. Endlich, nach langen Suchen und Prüfen, fand er. Jemand, der den Brief schrieb. Da er nicht wußte, ob die Frauen noch in Monza, wo sie waren, fand eh für dienlich, den an Agnesen gerichteten Brief mit einem Umschläge an den Pater Christoforus zu versehen und diesem ebenfalls einige Zeilen zu schreiben. Der Schreiber der Briefe übernahm auch die Besorgung und übergab sie Jemand, der nicht weit vor Pesca- renico vorbei mußte, und sie unterweges in einem Wirthshapse, an dem dem Kloster nächsten Punkte ließ und die Bestellung sehr angelegentlich empfahl. Da sie an ein Kloster gerichtet waren, gelangten sie auch wirklich dahin; was aber weiter aus ihnen ward, hat man nicht erfahren. Ais Renzo keine Antwort empfing, ließ er einen, dem erstem, ähnlichen Brief schreiben und ihn einem anderen, an einem seiner Bekannten oder Verwandten in Lecco, beischließen. Es wurde ein anderer Bore gesucht und gefunden, und diesmal erreichte die Botschaft wirklich ihre Bestimmung. Agnes lief nach Maggianico, ließ sich den Brief von ihrem Vetter Alexis lesen und erklären, 60 besprach mit ihm eine Antwort)' die er zu Papier brachre, und fand Mittel und Wege, sie an Anto-< nio Rivolta, nach dem Orte seines Aufenthaltes, gelangen zu lassen; was aber keineswegs in der kurzen Zeit abgethan war, wie wir es erzählen. Nenzo empfing die Antwort, beantwortete sie mit der Zeit und es entstand zwischen beiden Theilen ein zwar nicht eben schficlltt oder regelmäßiger, aber doch, mit einigen Unterbrechungen und Sprüngen, fortdauernder Briefwechsel- ^ Um'eine Idee von einem solchen Briefwechsel zu haben'/ fiiuß man ein wenig wissen, wie es damit damals- zuging und auch jetzt noch zugeht, denn es dürfte sich wohl nur wenig verändert haben. — Der Landmann, welcher nicht zu schreiben versteht, und doch zu schreiben hat, wendet sich an Jemand, der diese Kunst versteht, und sucht ihn- wo möglich unter Leuten seines Standes, zu finden, weil er Anderen entweder nicht traut oder Scheu vor ihnen trägt, unterrichtet ihn von der Sache mit mehrcr oder minderer Ordnung und Deutlichkeit und giebt- ihm zu gleicher Zeit die zu crtheilende Antwort an. Halb versteht ihn der Studirte, halb mißversteht er ihn, giebt seinen Rath dazu, schlägt hie und da eine Acnderung vor, sagt: laßt mich machen, ergreift die Feder, bringt das mündlich Erfahrene, so gut er kann, zu Papier, verdreht cs auf seine Weise, verbessert, übertreibt, mildert, läßt aus, je nachdem es ihm 61 's * ^Zsich ^ ^>l Ü»M NKAry « «t l«t -k tM k§ ännÄs !. «»A r?.mkiql, :atta eiiü- -Ä: k>:" - Ä-M ^y»,Äi -i k» ^ st«, !° ,. AA ti gutdünkt; denn wer mehr als Andere weiß, will kein todtcS Werkzeug in Anderer Hand abgeben, Witt auch, laßt er such einmal auf Anderer Angelegenheiten ein, daß sie nach seinem Sinne gehen. Bei alle dem ist cs auch nicht immer der Fall, daß der Schreiber gerade das schreibt, was er schreiben will, cs tragt sich oft zu, daß er etwas ganz anderes schreibt. Gelangt nun der auf diese Weise geschlossene Brief in die Hand dessen, an den er lautet, und versteht auch dieser nichts vom Abc, so trägt er ihn zu einem andern Gelehrten gleichen Schlages, der ihm denselben vorliest und verdollmetscht. Entsteht mit untereine Frage über das Verständnis, indem der Empfänger, auf vorgängige Ereignisse sich stützend, behauptet, gewisse Worte wollen das und das besagen, so stützt sich der Leser hier wieder auf seine Kenntniß des Geschriebenen und legt sie ganz anders aus- Und am Ende muß sich der Unkundige den Händen des Kundigen vertrauen, ihn mit der Antwort beauftragen, die denn wieder, auf dessen Weise abgefaßt, ähnlicher Auslegung unterworfen ist. Zst nun überdies noch der Gegenstand des Briefwechsels ein wenig bedenklich, handelt es sich um Geheimnisse, die man, im Fall der Brief in Unrechte Hände käme, keinem Fremden preisgeben möchte, schreibt man aus diesem Grunde schon absichtlich nicht ganz deutlich; so Hort es zuletzt, wie kurze Zeit auch der Briefwechsel dauert, j,e. . / damit auf, daß keiner von beiden Theilen Mehr weiß, was der andere von ihm will. Mit unfern beiden Briefwechselnden trat eben dieser Fall ein. Der erste, in Nenzo's Namen geschriebene Brief handelte über viele Dinge: erstens gab er ausführliche, aber auch eben sv verworrene Nachrichten von der Flucht, und von seinen gegenwärtigen Umstanden, aus denen Agnes so wenig als ihr Dollmct- scher auch nur im Entferntesten klug wurden: geheime Warnung, Namensveranderung, sicherer, aber verborgener Aufenthalt; alle diese Dinge waren ihnen schon an und für sich fremdartig, der Brief sprach von ihnen nun gar noch oftmals in Rathseln. Außer diesem enthielt er noch bekümmerte, leidenschaftliche Fragen über Luziens Befinden, dunkle, traurige Andeutungen über die Gerüchte, die sich bis zu Renzo'n verbreitet hatten; endlich noch ungewisse, ferne Hoffnungen, wcitaussehende Plane für die Zukunft und einstweilen Versprechungen und Bitten, die gelobte Treue zu halten, Geduld und Much nicht zu verlieren, Alles von der Zeit zu erwarten. Einige Zeit darauf fand Agnes einen zuverlässigen Mann, dem sie ihre Antwort mit den fünfzig Scudi, die sie in Luziens Auftrag sandte, für Renzo'n anvertraute. Beim Erblicken so vielen Geldes wußte er nicht, was er denken sollte, seine Seele war so voller Verwunderung und Erwartung , daß er keine Freude empfinden konnte, er lief in der größten Geschwin- digkeit zu seinem Sekretair, sich den Brief von ihm verdollmetschen und den Schlüssel zu einem so seltsamen Geheimnisse geben zu lassen. In dem Briefe beschrieb Agnesens Sekretair, nach einigen Klagen über die Unverständlichkeit dessen, dem er antwortete, zum Wenigsten auf gleich jämmerliche Weise, das furchtbare Geschick jener Person (so sagte er), gab Rechenschaft von den fünfzig Scudi und ging endlich, mit vielen Umschweifen, auf den Punkt des Gelübdes über, indem er mit bestimmteren, deutlicheren Ausdrücken den Rath hinzufügte, sich darein zu ergebe» und nicht weiter an die Sache zu denken. Es fehlte wenig, so hätte sich Renzo an dem ver- doUmctschenden Leser vergriffen: er erbebte, entsetzte sich, wüthetc über das, was er verstanden, nicht minder über das was er nicht verstanden hatte; ließ sich die unselige Schrift wohl drei, viermal vorlesen, verstand jetzt besser, was er das vorigem«! nicht verstanden hatte, jetzt erschien ihm wieder dunkel, was ihm vorher klar gewesen war. Und in diesem Sturme der Leidenschaften wollte er, daß der Sekretair sogleich wieder die Feder ergriff, und antwortete. Nach den allerstärksten Ausdrücken von Mitleid und Entsetzen, die ihm Luziens Geschick erregte, sagte er zu dem Schreiber: „Schreibt Ihr, daß ich mich nimmermehr drein ergeben will und werde, daß das kein Rath ist, den man einem Burschen, wie mir, geben kann, daß ich das Geld nimmermehr anrühren werde, daß 64 ich es zurücklege und zur Aussteuer ihrer Tochter aufhebe, daß das Mädchen mein werden muß, daß ich von keinem Gelübde etwas weiß, daß ich wohl oft gehört habe, die Mutter Gottes helfe den Notleidenden, und bringe Heil und Segen, keineswegs aber, ,daß sie Kummer ^verursache und wortbrüchig mache, daß daraus nichts werden kann, daß.wir uns. mit diesem Gelde hier ankaufen können, daß ich jetzt wohl ein wenig im Unglücke sitze, dies aber auch vorüber gehe." Und Aehnliches. Agnes empfing diesen Brief, ließ antworten, und der Briefwechsel ging denn seinen besagten Gang fort- Als Luzia von ihrer Mutter, ich weiß nicht wie die Nachricht empfing, der.Gewisse fey gesund, in Sicherheit, in Kenntniß gesetzt, fühlte sie sich sehr erleichtert und hatte nun weiter keinen Wunsch, als daß er sie vergesse , oder vielmehr zu vergessen sich bestrebe. Was sie selbst betraf, so nahm sie sich wohl hundertmal des Tages vor, ihn zu vergessen, that ihr Möglichstes, diesen Vorsatz ins Werk zu setzen, blieb unermüdlich bei ihrer Arbeit, versuchte Alles, auch ihre Gedanken immer bei derselben zu erhalten, und betete still für sich, wollte Renzo's Bild sich ihrer Seele aufdringcn. Aber dieses Bilh kam, als wenn cs seinen Bvrthcil gekannt hatte, zum öfter« gar nicht etwa so offenbar zu ihr; es schlich sich unbemerkt hinter anderen in ihre Seele, sie bemerkte immer erst, nachdem es lange schonen ihr weilte, seine Ankunft. ^ Waren Luziens Gedanken oft bei ihrer Mutter, und wie hatte das nicht seyn sollen? so kam bald auch der unsichtbare Renzo leise leise als der Dritte hinzu, wie der wirkliche Ren- zo so oft zu thun pflegte, und aus gleiche Weise führten ihn alle Personen, alle Orte, alle Erinnerungen der Vergangenheit ihr zu. Ließ sich das arme Kind zuweilen verleiten, einen Blick in das Dunkel ihrer Zukunlt zu thun,so stand er auch da vor ihr und sagte: ich werde nicht bei dir seyn ! Wie es aber auch Luzien unmöglich war, gar nicht an ihn zu denken, so gelang es ihr doch in der That, es seltener und bis zu einem gewissen Grade minder heftig zu thun; cs würde ihr selbst noch besser damit gelungen seyn, wenn sie es für sich allein gewollt hatte. Donna Prayedia hatte aber mit dem ernsten Verlangen, sein Bild aus ihrem Herzen zu vertilgen, kein besseres Mittel dazu aussinden können, als oft mit ihr von ihm zu reden. „Nun?" sagte sie ihr, „denken wir noch immer an ihn?" „Ich denke an Niemand," entgegnete Luzia. Donna Praxedia ließ sich an einer solchen Antwort nicht genügen, antwortete, man müsse handeln, nicht bloß reden, erzürnte sich über der Mädchen Weise, „die," sagte sie: „haben sie sich einmal an einen liederlichen Menschen weggeworfen, den sie gerade immer am liebsten haben, nicht wieder von ihm lassen wollen. Auf eine anständige, vernünftige Hcirath mit einem ordentlichen, rechtschaffenen Manne, verzichten sie, kann aus ihr Hl. E 66 vermöge irgend eines Unfalles nichts werden , den Augenblick ; einen Galgenstrick aber sind sie im Stande ihr ganzes Leben hindurch zu beweinen. " Und nun begann die Lobrede auf den armen Entfernten, auf den Schurken, der nach Mailand gekommen sei), es um und um zu kehren, zu rauben und zu morden; Luzia möge nur alle die Verbrechen eingcsiehen, die er auch in seinem Dorfe begangen habe. Luzia entgegnete und betheucrte, mit vorSchaam und Schmerz erbebender Stimme, mit dem Unwillen, dessen ihr sanftes Herz fähig war: daß man dem armen Menschen in seiner Heimalh nicht das Geringste nachsagen könne, außer alles Gute; daß sie nur den Wunsch hege, es möge Jemand von da anwesend seyn, die Wahrheit dieses Zeugnisses zu bekräftigen. Auch in seinen Abenlheuern in Mailand , von denen sie keine nähere Kcnntniß erlangen konnte , verthci- digte sie ihn eben nur deshalb, weil sic ihn und seine Aufführung von Jugend an als untadelhaft kannte. Sie vcrlheidigtc ihn oder wollte ihn wenigstens ver- thcidigen, aus bloßem Mitleid , aus bloßer Liebe zur Wahrheit und, um den eigentlichen Namen, den sie ihrem Gefühle beilegte, zu nennen, aus bloßer Menschenliebe. In allen diesen Schuhreden fand Donna Praxedia nur neue Gründe, Luzien cinzureden, daß ihr Herz dem Menschen noch immerdar gänzlich an- hänge und in eben solchen Augenblicken mochte die Sache wohl auch in der Thal so so stehen. Das häßliche 67 ?Ä-> ii! -"-st» üiULÄ», «atarel- r 8 üi»;s>! ß'Msi, i WIÄ ,'.:: lmi «i, «lltt s»t»!ßÄ iebstollt. .ikÄilll en>, d°i>' ^iiiÜüiii- b!«u II,Ml ^ ^,K-«- Bild, was die alte Frau von dem armen Flüchtlinge entwarf, rüste in dcm Herzen des Mädchens lebhafter und bestimmter als jemals die Idee, welche sic sich durch lange Gewohnheit von ihm bildere, zum Widerstande wach; die gewaltsam unterdrückten Erinnerungen erstanden in Menge, Mißwollcn und Verachtung rüsten so viele alte Ursachen zu Achtung und Gleichgefühl wieder hervor; der blinde, unbändige Haß gab dem Mitleidcn nur neue Kräfte, und wer vermag zu bestimmen, wie viel unter diesen Gefühlen von jenem verborgen seyn mochte, das mit ihnen so leicht in den Herzen Zugang findet, und sich, wo es schon weilt und wo man cs gewaltsam entfernen will, wohl sicherlich nicht geringe fühlbar machen wird. Wie dem aber auch sep, Luz'a konnte das Gespräch niemals lange führen, ohne daß ihre Worte sich in Thränen auflösten. Hätte ihr Donna Praxedia diese Behandlung etwa aus Haß oder Groll widerfahren lassen, so hätten ihn Thränen vielleicht überwunden und sie zu schweigen vermocht; sie sprach aber für die gute Sache, sprach also ungerührt weiter: wir flehen, seufzen, schreien, wohl die Waffe eines Feindes, nicht aber das Messer des Wundarztes abzuwenden im Stande- Als sie auch diesmal ihre Pflicht wohl erfüllt hatte, ging sie von Vorwürfen und Verweisen zu Ermahnungen, Nathschlägen über und versetzte sie selbst mit einigen Ledsprüchen, das Bittere durch E 2 68 Süßes zu mildern und ihren Endzweck besser zu bewerkstelligen, indem sie auf jede Weife auf das Ge- müth wirke. So viel war gewiß, daß die gute Luzia aus allen diesen Wortstreiten (die immer, ohne Ausnahme, einen Gang, einen Anfang und ein Ende hatten) im Grunde keinen Groll gegen die bittere Pcedigerin nahm» die sic im Uebrigcn sehr menschlich behandelte, und doch auch in diesem Punkte eine gute Absicht hatte. Es blieb ihr aber wohl eine Wallung, ein Aufruhr der Gedanken und Gefühle, daß es ihr nicht wenig Zeit, vieles Bemühen kostete, ihre frühere Ruhe wieder zu erlangen. Zu ihrem großen Glücke war sie nicht die Einzige, der Donna Praxedia wohlzuthun hatte,, denn dies verhinderte allzuhausigen Wortwechsel. Außer der ganzen übrigen Familie, alles Köpfe, die mehr oder weniger nöthig hatten, geleitet oder zurecht gewiesen zu werden; außer allen anderen, sich darbie- tcnden oder ausgesuchten Gelegenheiten, dieselben Dienste aus gutem Herzen, so vielen Menschen, denen sie gar keine Verbindlichkeit schuldig war, zu leisten, hatte sie auch noch fünf Mädchen, von denen zwar keine im Hause war, die ihr aber bei weitem mehr zu schaffen machten, als waren sie im Hause gewesen. Drei waren Nonnen, zwei verheirathet; wonach Donna Praxedia also drei Klöster und zwei Haushaltungen in Zucht zu halten hatte: ein großes, schwieriges Unternehme», ein um so bedenkliches Un- 69 M! Nl ^-tz, m <§ Sk«i^ "I ßitzm jl K K»- tm !t ÜW Kt Uh , rt lu:i> i, ktitltt» iHtül k- z r:i> i" a,m ^ „k«" a W .^,zA ternehmen, als zwei Ehemänner, unterstützt von Vätern, Müttern, Brüdern, zwei Aeblifsinnen, mit dem Beistände anderer Würden und vieler Nonnnen, von ihrer Oberaufsicht nichts wissen wollten. Es war ein Krieg, waren fünf Kriege, die zwar immer nicht hell aufbrachen, bis zu einem gewissen Grade höflich blieben, aber immer anhieltcn, immer wach erhielten: man war in jenen Orlen fortwährend bedacht, ihre Einmischung zu vermeiden, ihren Rathschlagen den Zugang zu versperren, ihrem Verlangen geschickt auszuwcichen, sie, soviel als möglich, über alles, was man that, im Dunkeln zu erhalten. Ich erwähne gar nicht aller der Zänkereien und Unannehmlichkeiten, die sie in der Betreibung anderer, ihr noch weit fernerer Angelegenheiten zu bestehen hatte: man weiß schon, daß die Menschen sich Wohlthaten gar oft mit Gewalt widersetzen. Der einzige Ort, wo ihr Eifer ganz freien Spielraum batte, war ihr Haus: Jedermann stand daselbst in allem unter ihrer Herrschaft, und nur Don Fcrrante machte eine Ausnahme, mit dem man auf einem ganz eigenthüm- lichen Fuße lebte. ' n Als Gelehrter wollte er weder befehlen noch gehorchen. Es war ihm recht, daß seine Frau in allem und jedem den Herrn im Hause spiele; aber er wollte nicht Diener fern, und wenn er ihr bei Gelegenheit auf Verlangen seine Feder widmete, so geschah es/ weil es ihm so anstand, denn, war er «von dem, was cr schreiben sollte, nicht selbst überzeugt/ so wußte auch er zu Zeiten sein: nein! anzubringen. „ Bemüht Euch selbst," pflegte ec dann zu sagen, „scheint Euch die Sache so ausgemacht, so vollbringt sie selbst." Donna Praxedia hatte eine Zeitlang vergebens versucht, ihn zu stimmen und ihrem Willen zu unterwerfen; mußte sich dann aber genügen lassen, ihn oft auszuschelten, ihn einen verdrossenen, eigensinnigen Menschen, einen Gelehrten zu nennen; welcher Titel, wenn cr auch spottwcise ertheilt ward, ihm doch ein wenig Wohlgefallen erregte. Don Fcrrante verlebte viele Stunden des Tages in seinem Studirzimmer, wo er eine beträchtliche Bücher- sammlung, nicht viel weniger als dreihundert Bande ausgestellt hatte: lauter ausgesuchte Sachen, lauter hochberühmte Werke verschiedenen Wissens, in denen allen er, ohne Ausnahme, mehr oder weniger bewandert war. In der Astrologie hielt man ihn aus guten Gründen für mehr als bloßen Dilettanten, er hatte nicht blos die allgemeinsten Begriffe, den bekannteren Wortschwall' von Influenzen, Aspekten, Konjunktionen, lnne, sondern verstand, wie vom Katheder, über die geheimsten, abstraktesten Lehrsätze dieser Wissenschaft zu räsonnircn. Schon seit zwanzig Jahren führte er einen hartnäckigen Streit mit einem gelehrten Widersacher, der sich im Grunde um weiter nichts drehte, als um den, in einem gewissen Falle von ihm bestrittenen Punkt: daß die Neueren, auch wenn sie wirklich Recht halten, gegen die Alten Unrecht haben müßten. Auch die Geschichte seiner Lieblingswissenschaft kannte ersehrgenau, wußte, wenn es daraufankam, die berühmtesten, eingetroffencn Weissagungen, verstand sich auf die gelehrtesten und kritischsten Abhandlungen über andere, berühmte, fehlgeschlage- nc Weissagungen und that allemal dar, daß nicht die Wissenschaft, sondern das Ungeschick des Wissenschafters Schuld daran habe. Von der Philosophie der Alten hatte er so viel begriffen, als er bedurfte und schritt in ihrem Verständnis! durch das Studium des Diog-ncs Laertius immer weiter vor. Da man nun aber nicht, wie trefflich alle diese Systeme auch seyn mögen, an allen halten kann, wenn manPhilosoxh seyn will, sondern einem Autor anhangen muß, so hatte sich Don Ferrantc den Aristoteles crkohrcn, der, wie er sich ausdrückte,weder antik noch modern scy und vorzugsweise der Philosoph zu heißen verdiene. Er besaß auch verschiedene der besten, scharfsinnigsten Werke seiner Anhänger unter den Neueren; wollte aber niemals die irgend eines seiner Gegner lesen, um, wie er zu sagen pflegte, seine Zeit nicht zu vergeuden, noch sie kaufen, um sein Geld nicht wegzuwerfen. Als alleinige Ausnahme räumte er in seiner Bibliothek den berühmten zwei und zwanzig Büchern äo 8uiatU1tate, und einigen an- ti-peripatellschen Wecken Eardano'S, um seiner Verdienste in der Astrologie willen, einen Platz ein; denn er meinte, wer die Abhandlung Da r-oMutiono tem- ^loi'Ulu etmvluum aoelestium und das Buch: Iluo- eleaim goniluearum habe schreiben können, verdiene auch gehört zu werden, wenn er ungereimtes Zeug rede; der große Fehler dieses Mannes sey nur gewesen, daß er zuviel Geist gehabt habe; es sey gar nicht zu bestimmen, wie weit er, wäre er nicht von der rechten Balm gewichen, es auch in der Philosophie gebracht haben würde. In wie großem Rufe Don Ferrante aber auch als vollkommener Pcripatelikec bei allen Gelehrten stand, so glaubte er selbst doch immer noch nicht genug zu wissen, und er kam mehr als einmal in den Fall, mit großer Bescheidenheit zu erklären: daß das Wesen der Welt, die Weltseele und die Natur der Dinge gar nicht so klare und ausgemachte Sachen wären', als man sich wohl vorstelle. Die Naturphilosophie halte ihm mehr zum Zeitvertreibe als zum Studium gedient, und selbst Aristoteles desfallsige Schriften hatte er nicht sowohl studirt als gelesen: nichts desto weniger verstand er mit diesem sowohl als mit denen aus mehren Abhandlungen übet die allgemeine Philosophie zufällig zusammen gelesenen Notizen, mit Einigem, was er aus der Nagiu Iwtnuls des Porta, aus den drei Geschichten Illjiilluiri, amwolium, ^lantoruin des Gardano, aus den Abhandlungen von Kräutern, Pflanzen- und Thieren des Albertus Magnus und einigen anderen Werken geringeren Werthes aufgeschnappt hatte, eine Gesellschaft gebildeter Männer zu unterhalten: in- dem er ihnen von den bewuttdernswerthen Eigenschaften, seltenen Kräften vieler Gegenstände erzählte: auf das genaueste Bildung und Wesen der Syrenen und des Phönixes beschrieb: erklärte, wie der Salamander unverbrennlich im Feuer weile: wie: einem einzigen kleinen Fischchen die Kraft und Geschicklichkeit eigen sev, auf dem hohen Meere ein noch so großes Schiff so fest wie angenagelt zu halten: roie aus Thautropfen in Muscheln Perlen werden: wie das Chamäleon von der Luft lebe: wie aus langsam verhärtetem Eise, im Verlaufe von Jahrhunderten, Krystall werde — und indem er andere der erstauncns- werthesten Geheimnisse der Natur eröffnete. In die Geheimnisse der Magic und Hexerei hatte er sich am meisten vertieft, denn sie galten damals als weit beliebtere und nothwendigcre Künste, deren Resultate, von ungleich größerer Wichtigkeit, weit schneller herbeizuführen waren. Es braucht nicht erst erwähnt zu werden, daß er bei einem solchen Studium keinen andern Zweck verfolgte, als den, sich zu unterrichten, die schlimmsten Kunstgriffe der Zauberer und Hexen kennen zu lernen, um sich gegen sie zu verthei- digen und vorzusehen. Namentlich aber fähigte ihn die Führung des großen Martina Delvio, ox pro- lesso über alle Arten Liebes - Schlaf- und Haßzauber und ihre kläglichen Folgen abzuhandeln. Seine geschichtlichen Kenntnisse waren nicht minder umfassend und gründlich, seine Autoren: Tarcag- 74 nota, Dolce, Buggakti, Eampana, Euazzo, kurz die vorzüglichsten. „Aber was ist Geschichte," pstcgte Don Fc rrankc oft zu sagen, „ohne Politik ? Ein Führer, der immer wandert und wandert und doch Niemand führt, eben so wie Politik allein ein Wanderer ohne Führer ist." Es war demnach der Statistik in seinem Bücherschränke ein besonderes Fach überlassen, wo unter Ander.:», minder geachteten und bedeutenderen: Bo- dino, Eavalcanti, Sansovino, Paruta und Bocca» lini p ranzten, Zwei Bücher dieser Gattung zog Don Ferrante allen andern vor, schätzte sie außerordentlich, man hat sie bis zu einem gewissen Zeitpunkte stets als die vorzüglichsten genannt, ohne dem einen oder dem andern den Vorrang zu geben, das eine: il Urlneizm und i l)iscc>i'»i des berühmten florentinischen Staals- sekretnirs: „ein Spitzbube sicherlich," sagte Don Fer- rante, „aber ein durchtriebener:" dasandece: luüagioir kli 8lnto des nicht minder gefeierten Giovani Botero: „ein Ehrenmann," sagte Don Ferrante, „aber ein scharfer." Es war aber kurz vor der Zeit unserer Geschichte ein Werk an das Licht getreten, das die Frage des Borranges entschied und, wie Don Ferrante sagte, auch jene beiden Matadore überbot; das Buch, aus dem man alle nur erdenkliche Bosheit, von der cs gleichsam durchdrungen ist, kann kennen, aber auch alle Tugenden kann ausüben lernen; das an Umfang geringe, an Inhalt aber goldene Werk, mit einem Worte, der: LtaUsta UognaiUa des Valeriano Ea- 75 k-i-, -^Zz- EL'iu, l!ü ftii ch n kta dtl» ilkmch« !k^ I-Ib:« sniA'-'m: „ÄIM i: m: Ei> -jü-^k Nil! ftjtd M, »!I dktti r^iM siiglione, dieses hochberühmten Mannes, den die größten Gelehrten fest im steten Wetteifer lobten und priesen, den ein Großer dem andern abzugewinnen strebte, den Pabst Urban Vlll, wie man weiß, mit den glänzendsten Auszeichnungen überhäufte, den der Cardinal Borghese sowohl als der Vizekönig von Neapel, Don Pedro de Toledo, vergebens ersuchten, elfterer, das Leben des Pabsies Paul V, letzterer, die Kriege der katholischen Majestät in Italien zu beschreiben; dieses Mannes, den Ludwig XIll von Frankreich, auf Anrathcn des Cardinals Richelieu, seinen Historiographen nannte, den Herzog Karl Emanucl von Savoyen mit der nämlichen Würde bekleidet und dem endlich vieler anderer glorreicher Zeugnisse zu geschwcigcn, die Herzogin Christiane, Tochter des allcrchrisilichcn Königs, Heinrich IV, in einer Urkunde, unter vielen anderen ehrenden Titeln, auch den des ersten Schriftstellers der Zeit zuwandte. Konnte man unfern Don Ferrante in allen vorerwähnten Wissenschaften bewandert nennen, so gab cs noch eine andere, in der ibm der Titel eines Professors mit vollem Rechte gebührte; cs war die Wissenschaft vom Ritterthume. Er pflegte nicht nur von ihr mit wahrhafter Gönnerschaft zu reden, sondern gab in ihr, zur Vermittelung mancher Ehrensache berufen, auch den Schiedsrichter ab. In seiner Bibliothek, ja man kann sagen, in seinem Kopfe, befanden sich die Werke der anerkanntesten Schriftsteller für dieses Fach: Paris del Pozzo, Fausto da Lcngiano, Urrea, Mu- z!o, Römer, Albergato, Torquato Tasso, von dem er auch alle Stellen des befreiten, so wie des eroberten Jerusalems, die irgend Bezug auf Rittersachen haben konnten, auswendig wußte und augenblicklich recilirte. Der Autor aber aller Autoren, nach seinem Sinne, war unser berühmter Francesco Bi- rago, mit dem er selbst mehrmals, Ehrensachen halber, persönliche Verathungen pflog, und der seinerseits von Don Ferrante nur mit Ausdrücken der größten Achtung zu reden pflegte. Und als die Discorsi llllvalloresclii dieses trefflichen Autors ans Licht traten, prophezeite er vom ersten Augenblicke an, ohne zu zaudern: dieses Werk werde die Autorität desOle- vano vernichten und mit seinen anderen hochehrbaren Brüdern der Nachwelt ein unangreifbares Gesetzbuch bleiben. Es wird wahrscheinlich jedem unserer Leser nunmehr Genügendes zur Charakteristik Don Ferran- te's gesagt seyn; wir haben noch einen weiten Weg mit unserer Erzählung zurückzulegen und lassen ihr demnach ihren Lauf. Bis zum Herbste dcS folgenden Jahres 1629 blieben alle Personen unserer Geschichte, thcils gutwillig, lhcils nothgedrungen, fast ganz in dem Zustande, wie wir sie verließen, ohne daß sich mit irgend einer Etwas Vemeckcnswcrthcs zugetragcn hätte. Dieser Herbst, in dem Luzia und Agnes gehofft hatten, sich wicder- zusehen, war da; aber ein großes, öffentliches Er- cigniß vernichtete diese Hoffnung und hotte noch ganz andere Folgen. Es bewirkte andere große Ereignisse, die zwar anfänglich auf das Schicksal aller unserer Helden keinen weiteren Einfluß übten, endlich aber, wie denn der Welt Lauf, durch allgemeinere, stärkere, äußerste Folgen auch bis zu ihnen, bis zu dem Geringsten von ihnen sich erstreckten. So erfaßt auch endlich der gewaltige, wilde, umherstürmende Wirbelwind, Baume entwurzelnd, Dächer enthebend und Thürme zerstörend, wenn er die Trümmer ungestüm mit sich auf- und niedcrwirft, auch die unterm Grase verborgenen Steine und Splitter, erfaßt die in Winkel und Ecken von leichteren Winden gewehten welken Blätter und führt sie tobend mit sich auf und davon. Damit wir nun die persönlichen Begebenheiten klar und deutlich ferner mittheilen können, ist cs durchaus nöthig, daß wir vorher bei den öffentlichen verweilen, weit ausholen. ' Achtundzwanzigstes Kapitel. ° Seit jenem Tumulte am Sankt Martinstage und. dem darauffolgenden, schien, wie durch einen Zau- bcrschlag, in Mailand der Ueberfluß heimisch geworden. Die Bäckerläden waren überreichlich mit Brod ver- 78 sehen, dicBrod- und Mehlpreise wie in den fruchtbarsten Jahren. Wer an jenen beiden Tagen geschrieen, oder noch mehr vorgenommcn hatte, konnte sich, mit Ausnahme der Wenigen die man fcstnahm, deshalb Glück wünschen, und man glaube nicht, daß sie es, vom ersten Schreck wegen der Verhaftungen zurückgekommen, unterließen. Auf allen freien Platzen, an den Straßenecken, in den Wiclhshäusern, war ein fortwährendes, geheimes Drangen und Treiben, halblautes Glückwünschen und Jubeln, daß man die Art und Weife verstanden habe, wie Wrod wohlfeil zu erlangen sei). Mitten aber unter dem allgemeinen Uebcrmuthe gab sich, und wohl sehr begreiflicherweise, Unruhe,' Vorgefühl kund, daß die Sache keinen Westrand haben könne. Die Läden der Bäcker und Mehlhändler waren stets wie belagert, wie schon früher bei jenem künstlichen, vorübergehenden Ueberflufse, den' die erste von Antonio Ferrer gegebene Taxe erzeugte. Wer nur ein paar Heller in der Tasche hatte, verwandelte sie auch in Mehl und Wrod; Pfannen, Kasten, Fässer mußten zur Aufbewahrung dienen, und indem sie nun so wetteiferten, des gegenwärtigen Wortheilcs zu genießen, machten sie, ich will nicht sagen, die längere Dauer desselben unmöglich, denn die war cs schon an und für sich, aber erschwerten selbst die augenblickliche, Und am 15 November erschien denn auch, vieler cke 8u Lxeelencnl, ein Befehl Antonio Ferrer's , der 79 A,Hq, tu» ti, ri irillsii Änrch, !it« imi» HZaril >'ie» siik ^ MiA »,A'ur- iiftli-llt i rx li>»a» I su ^ still» i sii t«. >l°^ ,01^« ^ 7lllen, welche Brod oder Mehl im Hause hätten, untersagte , von dem einen wie dem mwern ferner daS Geringste cinzukaufen; jedem 'Andern ward da- Geheiß ertheilt, bei körperlicher Züchtigung oder Geldstrafe, je nachdem cs Seiner Excellenz beliebe, überhaupt auf nicht mehren Brodvorrath zu halten, als auf das Bedürfniß für zwei Tage. Es ward allen Nolksallcstc» (eine Art Diener der Gerichte), es ward Jedermann cingeschärst, die Uebertreter dieses Befehles anzugeben, ward allen Behörden zur Pflicht gemacht, an den ihnen etwa angegebnen Orten Haussuchung zu khun; zugleich aber auch den Bäckern von Neuem cingescharst, im Uebertretungsfalle, bcifünf-und mehrjähriger Galccrcnstrafc, je nach Gutdünken Seiner Excellenz, .ihre Läden immer wohlversorgt zu halten. Man kann sich denken, wie weit die Ausführbarkeit einer solchen Verordnung reichte, und gewiß ist, daß, wenn damals für jeden Uebettrctungssall ein Schuldiger auf die Galeeren hätte gebracht werden sollen, das Herzogthum Mailand halb auf das Meer würde versetzt worden seyn. Jedenfalls war es nölhig, daß, wenn man den Bäckern anbefehlen wollte, so viel Brod zu backen, man andrerseits auch Sorge tragen mußte, daß es ihnen nicht an dem fehle, woraus sic Brod backen könnten. Wie man gewöhnlich bei Brodman- gel und Thcuerung auf die Hülfe verfällt, das Mehl mit Nahrungsmitteln, die man sonst nur in anderer Gestalt verzehrt, zu vermischen, so hatte man auch diesmal die Halste Reis darunter gebacken. Am 23. November abermalige Verordnung, (die vernünftigste von allen) nach der alle Neisvorrätbe der Verwaltung des Obcrproviantmeisters und des Tribunals anheim gestellt werden; wer ohne Erlaubniß dieser Herren Vorcath anschafft, verliert die Hälfte der. Maaren und zahlt eine Geldbuße von drei Scudi für den Malter. Die Preise des Reises waren gegen die des Bro- des in keinem Verhältnisse. Die Last des ungeheuren Unterschiedes sollte die Stadt tragen; der Rath der Zehne aber, der für sie darein gewilligt hatte, beschloß noch am nämlichen 23. November, dem Gouverneur chie Unmöglichkeit vorzustellen > es auf die Dauer zu ertragen. Dem zu Folge bestimmte, der Gouverneur am 7 December den Preis des Reises auf zwölf Lire den Malter .und ertheilte dem,, der einen höheren Preis verlange., oder zu diesem nicht verkaufe, gänzlichen Verlust der Maare und, überdies.noch, ihrem Werthe gleiche oder größere Geldstrafe, oder körperliche .Züchtigung, ja, wenn Seine Excellcnz gut erachte, nach Ansehen der Umstände und Personen, sogar Galeere zu. ' Da nun Brod und Mehl somit in Mailand wohlfeil erhalten waren, so kam natürlicherweise eine. Menge Leute zur Stadt gelaufen, sich damit zu versehen- Um, wie er es nennt, diesem Uebelstandc abzuhelfen, verbot Don Gonzalo in einer anderen Verordnung 81 vom 15. December die Ausführung von Brod, über den Werkh von zwanzig Soldi; und zwar bei Verlust des Brodes selbst und einer Geldstrafe von fünfundzwanzig Scudi; oder, im Falle der Zahlungsunfähigkeit, öffentlicher Auspeitschung, oder auch (wie gewöhnlich) nach Ermessen S. E- schärferer Strafe. Am 22. desselben Monats kam ein ähnliches Verbot in Betreff des Mehls und Korns nach. Die Volksmenge hatte den Ueberfluß durch Plünderung und Feuersbrunst erzeugen wollen, die Obrigkeit wollte ihm durch Geleere und Peitschenhiebe Dauer verschaffen. Diese Mittel waren einander entsprechend; was sie mit dem Zwecke zu thun hatten, mag der Leser selbst beurtheilen; in wie fern sie ihm aber in der That nachkamen, soll er gleich hären. Es ist leicht zu fassen und eine nützliche Betrachtung, wie diese seltsamen Vorkehrungen sich doch eng aneinander schließen, sich selbst bedingen und erklären; jede war unvermeidliche Folge der vorgängigen, alle jener ersten, die dem Wrode einen so außer Verhaltniß mit dem Preise stehenden Preis bestimmte, welcher aus dem natürlichen Stande der Dinge hervorgegangen seyn würde. Der Menge erschien von jeher und mußte auch eine solche Vorsorge der Billigkeit eben so angemessen erscheinen, wie leicht und bequem in Ausübung zu bringen: deshalb ist es sehr natürlich, daß sie dieselbe, in der Angst und Noth der Theuerung, wünscht, verlangt und wenn sie kann, anbesiehlt. Jemehr nun die desfallsigen HI. F 82 Folgen hervortreten, destomehr müssen die, welchen es obliegt, sie zu verhüten, besorgt seyn; sie geben deshalb ein Gesetz, welches den Leuten das zu thun verbietet, zu was jene sie verleitet. Die Hauptfrüchte der Empörung waren also zwei« erlei: Verwüstung und wirklicher Verlust von Lebensmitteln in dem Tumulte selbst; ungeheurer, unbeschränkter Verbrauch, ja Vergeudung derselben, so lange die Taxe wahrte und zwar auf Unkosten der geringen Vorrathe, die doch bis zur nächsten Erndte aus- reichett sollten. Man kann die Hinrichtung von vier Menschen dazu rechnen , von denen, als Rädelsführer des Aufruhrs, zwei an dem Krückenofen, zwei an der Straßenecke, unfern dem Hause des Oberproviantverwalters, aufgeknüpst wurden. Die geschichtlichen Notizen aus jener Zeit sind übrigens so unzusammenhängend, daß man nichtigen kann, wie und wann jener gewaltsame Tarif zurückgenommen wurde. Vermuthen möchten wir, daß cs wahrscheinlich entweder kurze Zeit vor oder nach dem 24. De- cember, als an dem Tage-jenes Gerichtes geschah. Und was dielVerordNungcn wegen des Proviantes anlangt, so finden wir nach jener letzteren vom 22- desselben Monats, keine weiteren; mögen sie uns nun entgangen seyn, oder sich verloren, oder die ent- muthigten, wenn nicht von der Unwirksamkeit ihrer "Hülssmittel anders belehrten, von den Umständen übermannten Behörden, allen Dingen freien Lauf ge- lassen haben» Dem ungeachtet finden wir in den Berichten mehr als eines Geschichtschreibers, die immer geneigter waren, große Ereignisse zu beschreiben, als von ibrcn Ursachen und Fortschritten zu sprechen, das Gemälde von Land und vornehmlich Stadt, im Spätwinter und Frühlinge; wo die Ursache des Ue- bels, das Mißverhältnis zwischen Vorrathen und Verbrauch von den angewendetcn Mitteln nicht, gehoben war, sondern nur nach augenblicklicher Abstellung um so mehr um sich gegriffen hatte; nicht gehoben war, von unzureichender Zufuhr vom Auslande, der. die öffentlichen sowohl als Privathülfsmittel, die Thcue- rung auch in den Nachbarstaaten, Handelsverträge, Langsamkeit und schlechter Zustand des Handels, ja die Gesetze selbst, die immerdar Wohlfeilheit Hervorrufen und erhalten wollten, entgegen standen; wo, sageich, die eigentliche Ursache der Theuerung, oder besser, die Theuerung selbst vollkräftig und unbeschränkt wüthcte. Hier ist das traurige Gemälde. Ueberall geschloffene Läden, die meisten Werkstätten verödet; auf allen Straßen ein unbeschreibliches Schauspiel, nichts als Elend und Nothleidende... Die eigentlichen Bettler, jetzt der kleinste Theil Bettelnder, verloren sich in der neuen, sie verdrängenden Menge, mußten oft mit Leuten um ihre Almosen kämpfen, von denen sie ehedem selbst welche empfingen: Diener und Gesellen der Kauf- und Handelsleute, die wegen des geschmälerten oder gänzlich geschwundenen, täg- F 2 84 liehen Verkehres waren entlassen worden;" Kauf- und Handelsleute selbst, nach dem Aufhören desHandels und Wandels, und nach zugesetztem Eigenthume, dem Verderben und Hunger anheimgefallcn; Handwerksleute jeder Profession und Kunst, von der gemeinsten bis zu der am meisten verfeinerten, von der allernothwen- digsten bis zu der dem Luxus am zugehörigsten, wunderten von Thüre zu Thüre, von Straße zu Straße, lehnten an denStraßenccken, lagen aufdem Pflaster, vor Häusern und Kirchen, sprachen kläglicherweise um Almosen an, oder zauderten zwischen der Nothwen- digkeit und noch nicht ganz überwältigter Schaam; elend, entkräftet, vor Hunger und vor Frost in abgenutzten, wenigen Kleidungsstücken, die noch die Spuren ehemaliger Wohlhabenheit an sich trugen, erzitternd: während doch mitten durch Erniedrigung und Müßiggang ein gewisses thätiges, muthiges Wesen blickte. Keinen geringen Theil der unglücklichen Menge bildeten verabschiedete Bediente, deren Herren aus Wohlstand in Dürftigkeit versetzt waren oder, wenn vornehm und reich, doch in diesem Jahre unmöglich ihren gewohnten Aufwand fort zu betreiben vermochten. Und durch jeden dieser verschiedenen Nothleidenden war eine Anzahl Anderer dazu geworden, für deren Unterhalt er ganz oder theilweise gesorgt hatte: Kinder, Weiber, alte, schwache" Aeltern, theils um ihre sonstigen Erhalter versammelt, theils hie und da bettelnd verstreut. , Auch nicht Wenige erblickte man, die sich durch ihr eigenthümlich zugeschni'ttenes Stirnhaar, ihre zerrissene, vordem prächtige Kleidung, oder auch durch eine gewisse, bezeichnende Haltung, durch den Stempel,, den seine Lebensweise jedem Menschen auf die Stirn drückt, um so bestimmter und kenntlicher, je ungewöhnlicher sie ist, als Bravi ergaben, die imder allgemeinen Noch auch ihren schändlichen Erwerb eingebüßt hatten und nun Andere um Erbarmen flehten, denen sie es «immerdar gewahrten. Vom Hunger gedemülhigt, mit Niemand anders als bittweise sprechend, schleppten sie sich durch die Stadt, durch die sie vordem so oft hochmüchig, mit, verdächtigen, wilden Blicken, in seltsamer, herrlicher Livree und Federschmuck, geschnürt, duftend und gebügelt, gezogen waren; und streckten demuthvoll die Hand aus, die sich so oft frech, drohend oder meuchelmordend erhoben hatte. Die zahlreichsten, jammervollsten, entstelltesten Bettlerhaufen bestanden aber aus Bauern, einzelnen, paarweisen, oder ganzen Familien; Väter, Mütter, Säuglinge in den Armen oder auf dem Rücken tragend, andere Kinder an der Hand führend, von Grellen gefolgt. Einigen hatten einquartirte oder durchmarschirende Soldaten die Hauser verwüstet und geplündert, und sie flohen nun verzweiflungsvoll, und wiesen, zu wirksamerer Erregung des Mitleides, wie als Zeichen ihres weit stärkeren Elendes, 86 die braunen und blauen Flecke und Schmarren der Hiebe, welche sie bei der Vertheidigung ihrer letzten, wenigen Habe, oder nur bei der Flucht vor blinder, zügelloser Gewaltthatigkeit empfangen hatten. Andere, wohl-frei geblieben von dieser besonderen Bürde und Geisel, aber von jenen Beiden verfolgt, denen kein Winkel verborgen bleibt: dem Mangel und un- erfchwingbaren Abgaben, die, wie man sagte, zu Bestreitung der Kricgsbedürfnisse so übertrieben Hatten angeordnet werden muffen, kamen nun zur Stadt, waren zur Stadt gekommen, wie zu dem alten Aufenthalte, dem letzten Asyle des Ueberflusscs und frommer Mildthätigkeit. Man konnte die Neuangekommenen, mehr noch als an dem zweifelhaften Gange, unbekannten Wesen, an einer gewissen, zornigen Verwunderung erkennen, solche Fülle und Uebec- stüß mitbewerbenden Elendes da zu finden, wo sie geglaubt hakten, ganz besondere Gegenstände des Mit- 'leidests zu seyn und aller Augen und Beistand-aufsich -zu lenken und für sich zu gewinnen. Die Anderen, welche seit längerer oder kürzerer Zeit sich auf den Straßen der Stadt herumtricbcn, oder sie bewohnten, und ihr Leben mir dem fristeten, was ihnen der Zufall vorwarf, oder sie ihm abgewannen, zeigten bei einer solchen immer mehr anwachsenden Unzulänglichkeit der Hülfe für solche Noth, in ihren Gesichtern Und Bewegungen immer ängstlichere, düstrere Bestürzung.^ Verschieden an Kleidern , Lumpen, Aus- 87 «tlichr, :- M W - M' j, > «A M ^^t io dm ÜM«P » aSMni "' 7 » illlW ',.'.' tt Nr- -?Fch ch dm K!d>Il!I, >t!l Zlk »>ii!j^ r<Ä»r» sehen überhaupt, erblickte man in der allgemeinen Verwirrung die fahlen Gesichter aus den niederen Landen,, die sonnenverbrannten, aus den ebene» oder hügeligen, die vollblütigen der Gebirgsbewohner, alle, abgezehrt sind mager, hohläugig, wie sinnberaubt,, gräßlich innherbUckend, mit zerzausten Haaren,, langgewachsenen,''häßlichen Barten, Körpern, ehedem stämmig undt,abgehärtet, .petzt dem Kummer und den Besclrwerdenunterliegend, mit zusammengeschrumps- ter Haut auf den braunen Armen und Schienbeinen und btr knochigen Brust, die unter den zerlumpten Hüllen -hervorsahen. Verschieden von diesem Anblicke der gebeugten Männlichkeit, aber nicht weniger als er betrübend, der Anblick einer leichter unterliegenden Natur, einer Mattigkeit und hülfloseren Ohnmacht des anderen Geschlechtes und Greisenalters. Hie und da, in Straßen und > Kreuzgangen, an den Mauern, unter den Schutzdächern, eine Schütte Stroh, zertretene, zerstoßene Halme, mit unsauberem Plunder vermischt. Und ein solches unfläthigech Neger war doch noch ,Gabe und. Werk-der BaMher-, zigkcit , irgend einem der Unglückseligen bereitet, daß in der Nachtsein Hunpt daraus ruhe. Von Seit zu Zeit sah man auch bei,Lage Einen darauf liegen oder hinstürzem, dem Müdigkeit und Hunger die Kraft bezwangen, der sich nicht mehr aufrecht zu erhalten im Stande war; zuw.eilen trug das schauderhafte Lager einen Leichnam; zuweilen sank der tödtlich Ec- 88 mattete auf das Straßenpflaster nieder, sich nicht wieder zu erheben. Hie und da sah man auch bei einem der Sterbenden, Gesunkenen, einen Fremden odet Angehörigen, vom Mitleiden ersaßt, knieen; erschien auch eine, mit größerer Umsicht,herbeigeschaffte Hülfe, von einer an Mitteln reichen, an Wohlthun gewohnten Hand, von der Hand des guten Friedrichs geleitet. Er hatte sechs Priester erwählt,^ deren eifrige , ausdauernde Menschenliebe eine robuste Leibesbeschaffenheit unterstützte,- ihnen je zweien Und zweien ein Drittheil der -Stadt zu, versorgen gegeben; jedem Paare folgten Lastträger mit verschiedenen Arten Lebensmitteln, anderen Stärkungen und Kleidungsstücken, Allmorgentlich setzten sich die drei Paare nach verschiedenen Seiten in Bewegung, näherten sich Allen, die sie verlaßen auf der Erde liegen fanden, ertheilten Jedem die Hülfe, deren er bedurfte. Der lag schon in den letzten Zügen, war nicht mehr im Stande, Nahrung zu sich zu nehmen, empfing den letzten Beistand, die Tröstungen der Religion. Wem Speise noch helfen konnte, dem theilten sie Suppe, Eier, Brod und Wein mit; Andere, Hinfälligere empfingen , hatte man sie mit Stärkungsmitteln und mit Essig wieder zu sich gebracht, Kraftbrühen und bessere Weine; die Kleidungsstücke wurden den Nackendsten und Zerlumptesten überlassen. Ihr Beistand hakte damit noch nicht sein Ende erreicht: der gute Hirt wollte, daß, zum Wenigsten so weit sein Einfluß, lange, durchdringende, dauernde Hülfe gereicht werden Die Unglücklichen, denen diese erste Labung hinreichende Kräfte wiedergegeben halte, aufzusiehen und zu gehen, empfingen von eben diesen Priestern auch Geld n damit erneuter Mangel und Hülflosigkeit sie Nicht alsbald wieder in den vorigen Zustand versetze; den.Anderen suchten sie Obdach und Unterhalt in irgend! einem der nächsten Hauser auszumitteln, Es fanden sich oft wohlthätige Menschen, hie die Bitte aus Menschenliebe und auf Empfehlung des Eardl- nals gewahrten. Fanden sich zuweilen manche, denen bei guten Willen die Mittel fehlten, so verlangten die Priester, daß man die Unglücklichen,fn die Kost nehme, verstanden sich wegen des Preises, bezahlten ihn sogleich theilweise voraus; ertheilten sodann den DißriktspfarrernAustrag, sie zu besuchen und kehrten auch selbst wieder zu ihnen zurück. Es braucht wohl auch nicht erst erwähnt zu werden , daß Friedrich seinen Beistand nicht nur dem äußersten Elend ertheilte, nicht nur von ihm gerührt ward. Seine heiße, übcrströmende Menschenliebe empfand Alles mit, mühete sich für alles, half, wa sie nicht mehr verhüten honnte, nahm, im eigentlichen Sinne, alle Formen an, in denen Unglück und Leiden nur erschienen. Er hatte wirklich, durch Vereinigung aller seiner Mittel, durch noch schärfere Spar- samkeit, indem er alle Summen zusammennahm, die zu anderen, großmütbigen, jetzt als von minderer Wichtigkeit nachstehenden Zwecken bestimmt gewesen waren, auf alle Weise getrachtet, Geld herbeizuschaffen, um alles zur Erleichterung der Hungersnot!) zu verwenden. Er hatte große Ankäufe von Getraide gemacht, einen guten Theil derselben in die am meisten bedrängten Ortschaften seiner Diözcs versendet; da diese Hülfe bei weitem nicht dem Bedürfnisse gleichkam, schickte er auch noch große Quantitäten Salz nach; „mittelst dessen," sagt Ripamonti, die >Sache-,erzählend, „das Gras der Wiese und das Bast der Baume sich in menschliche Nahrung verwandeln läßt." Auch an die Kirchsprengel der Stadt vertheilte er Korn und Geld; begab sich selbst aus dem einen in das andere und spendete Almosen; unterhielt im Geheim viele dürftige Familien; indem erzbischöflichen Pallaste wurde täglich eine große Menge Reis zubereitet; und nach einem gleichzeitigen Schriftsteller (dem Arzte Ales- sandro Tadino, den wir noch mehrmals anführen werden), wurden daselbst allmorgentlich zweitausend Napfe vertheilt. Dennoch» wie großartig auch diese Thaten der Barmherzigkeit, betrachtet man, daß ein einziger Mensch aus eigenen Mitteln sie bestritt, (denn Friedrich gab sich nur selten zum Werkzeuge Anderer Großmuth her), genannt werden müssen; wie zahlreich auch, wenn auch nicht so überreich, die Beisteuern anderer Privatpersonen waren; wie sehr auch selbst der Rath der Zehne, mittelst des Provianttri- bunals dem Uebel zu steuern suchte, blieb doch alle Hülfe nur gering und unverhältnißmäßig zu dem vorhandenen Bedürfnisse. Während durch den Beistand des Eardinals Einem und dem Andern das Leben gefristet ward , gelangten Andere zum letzten Grade des Elendes; Jene folgten ihnen dahin, wenn die gemessene Hülfe verbraucht war; an anderen, zwar nicht vergessenen, als minder bedrängt aber, von einer zur Wahl genöthigten Wohlthätigkeit, nachgefetzten Orten, gelangte die Bedrängniß unterdes zu ihrer furchtbarsten Höhe; an allen Orten und Enden kam man Hungers um: von allen Orten und Enden strömte man der Stadt zu. Hier, wollen wir annehmen, hatten zweitausend Verhungerte, die am geschicktesten und stärksten gewesen waren, im Durchdringen der Menge und Platz ^machen, eine Suppe erworben, um nicht an diesem Tage umzukommen; aber viele andere Tausende blieben zurück, beneideten jene Glücklicheren und cs waren vielleicht ihre Weiber, Söhne, Väter! Und während ln drei Gegenden der Stadt einige der Elendesten und Hülflosesten wieder aufgerichtet, ermuthigt, errettet und auf einige Zeit versorgt wurden, sanken an hundert anderen Orten Andere nieder, verschmachteten, gaben den Geist auf, ohne Hülfe, ohne Rettung. Den ganzen Tag über erscholl auf den Straßen ein verwirrter Lärm, klägliche Bitten, wahrend der Nacht Seufzen und Stöhnen, dann und wann von plötzlich ausbrechendem Geheul, lautem, langanhaltendem Aechzen, dringenden Anrufungen, die zuletzt in heftigem Geschrei endeten, unterbrochen. Es ist sehr bemerkenswert!), daß in so außerordentlicher Nokh, in so endlosem Jammer, auch nicht ein einziger Versuch gemacht wurde, auch nicht eine Stimme erscholl, Empörung zu bewirken; ich finde zum.Wenigsten nirgends die geringste desfallsige Andeutung. Und dennoch waren unter den so lebenden und sterbenden Menschen so viel? an nichts weniger, als an Duldung.gewöhnt, es waren der Hunderte deren dabei, die. am Sankt Martinstage einen solchen Lärm machten. Es ist nicht glaubhaft, daß das Beispiel jener viex Hingerichteten, die für alle Andere hatten büßen müssen,, bewirkt habe, alle Andere so gänzlich im Zaume zu halten; welche Macht könnte denn auch, nicht die Gegenwart von, aber die Erinnerung an Leibes- oder Lehensstrafen, auf die Gemüther einer unsVat und verzweifelt umirrcnden Menge haben, die sich gleichsam zu einer, schon angebrochenen, immerwahrenden Strafe verdammt sieht? So sind aber im Allgemeinen die Menschen; unwillig, ja empört werfen sie sich gegen erträgliche Leiden auf und unterwerfen sich schweigend den äußersien; ertragen, nicht mit Ergebung, sondern mit Gefühllosigkeit, den Gipfel dessen, was sic im Anfänge unerträglich nannten. Das Opfer, welches aus dieser beweinenswer- then Volksmasse tagtäglich der Sterblichkeit gebracht wurde, ward immer reichlicher: unaufhörlicher Zusammenfluß, anfänglich aus den benachbarten Ortschaften , dann aus der ganzen Umgegend, dann aus den Städten des Hcrzogthums und zuletzt auch aus fremden; wahrend dagegen wieder ohne Unterlaß ältere Bewohner dieser Stadt auswanderten, einige, sich dem Anblicke so vieler Plagen zu entziehen; andere, weil sie gewissermaßen von so vielen Neuangekommenen Bettlern aus dem Felde geschlagen waren und einen letzten, verzweifelten Versuch machen wollten, auswärts Unterhalt zu finden, gleichviel an welchem Orte, nur an einem, wo zum Wenigsten die almosenflehende Menge nicht so groß, der Andrang nicht so rasend. Die einen wie die anderen Wanderer begegneten sich auf ihrem Wege, die einen zu der anderen Schauder und Entsetzen. Jammervoller Beweis, finsteres Anzeichen, welches Ende den einen Wieden anderen bevorstehe! Dennoch verfolgte Jeder seinen Weg, wenn auch nicht mit der Hoffnung, sein Schicksal zu andern, doch um wenigstens nicht wieder unter einen Himmel zurückzukehren, der ihm entsetzlich geworden war, um Orte nicht wieder zu sehen, die ihn in Verzweiflung sahen; dennoch verfolgte jeder seinen Weg, wenn nicht einer oder der andere, hatte der Hunger seine letzten Lebenskräfte aufgezchrt, auf dem Wege umsank und sein 94 Leben aushauchte, seinen Leidensgefährten ein noch furchtbareres Wahrzeichen, den anderen Wanderern ein Gegenstand des Schreckens, vielleicht des Vorwurfs. „Ich sah," schreibt Ripamonti, „auf der um die Stadtmauer führenden Straße den Leichnam einer Frau liegen — aus dem Munde hing ihr halb gekautes Gras und die schmutzigen Lippen schienen sich noch mit krampfhafter Anstrengung bewegen zu wollen, .... auf dem Rücken trug sie ein Bündel, an der Brust hing, mit Windeln befestigt, ein Säugling, der um Nahrung winselte_hinzugekommene, mitleidige Menschen hoben das arme Geschöpf vom Boden auf und trugen cs, Mutterstelle an ihm vertretend, davon." Der Gegensatz von Staatskleidern und Lumpen, von Ueberfluß und Elend, in gewöhnlichen Zeiten etwas sehr Gewöhnliches, hatte jetzt aufgehört. Lumpen und Elend herrschten fast überall, zeichnete sich noch etwas von ihnen aus, so war es nur der Anschein beschränkten Wohlstandes. Man sah die Nobili in sittsamer, bescheidener, ja selbst abgenutzter, unschicklicher Kleidung einhergehcn, einige, weil die Ursachen des allgemeinen Elendes auch ihre Umstände so weit zerrüttet, oder schon zerrütteten den letzten Stoß gegeben hatten; andere, weil sie entweder fürchten mochten, die öffentliche Verzweiflung durch Prunk zu reizen, oder sich schämen, das öffentliche Elend zu beleidigen. Die hochgeehrten,. gehaßten Gewalthaber, gewohnt mit einer herausfordernden Schaar Brav! umherzuwandeln, gingen jetzt fast ganz allein, mit gesenktem Haupte, schienen in ihren Ge- sichtszügcn Frieden zu verlangen und zu bieten. Andere, die im Glücke menschlicher, freundlicher gesinnt waren, sich betragen hatten, zeigten sich bestürzt, verwirrt, gleichsam überwältigt vom unaufhörlichen Anblick solcher Noth, die nicht nur die Möglichkeit aller. Hülfe überstieg, sondern selbst die Kräfte des Mitleidcns überbot. Wer etwas zu geben hatte, mußte doch einen traurigen Unterschied machen zwischen Hunger und Hunger, Noth und Noth. Kaum ward bemerkbar, daß eine milde Hand sich für die eines Nothleidcnden austhat, so versammelte sich rings umher ein Haufen anderer Unglücklicher; die, welche noch die meisten Kräfte besaßen, drängten sich vor und baten dringender; die Entkräfteten, Greise, Kinder erhoben ihre dürren Hände, Mütter erhoben in der Ferne ihre weinenden Säuglinge und streckten sie, nur halb in die,zerrissenen Windeln gewickelt, zusam- mengekrümmtvor,Mattigkeit, wie sie waren, entgegen. So verging Winter und Frühling: das Sani- tattribunal hatte schon seit einiger Zeit dem Provianttribunale die dringende Gefahr ansteckender Seuche, die der Stadt von solchem, in ihr zusammengedrängten, grenzenlosen Elende drohe, vorgestellt; vorgeschlagen, daß man die hcrumziehenden Bettler in verschiedene Hauser ausnehme. Während 96 mnn diese Frage 'untersucht, den Vorschlag billigt, beschäftigt ist, über Mittel, Wege und Orte der Ausführung zu berathschlagen, werden der Leichname allerwarts in den Straßen immer mehre, mit ihnen mehrt sich der Ueberstuß an Ekel, Nokhdurst und Gefahr. Man schlagt dem Proviantttibunale ein anderes Hülfsmittel, als das am schnellsten / leichtesten zu bewirkende vor: alle Bettler, gesunde sowohl als hinfällige, in einem-einzigen Orte, dem La- zarete zu versammeln, sie daselbst auf öffentliche Kosten zu nähren und zu heilen: es geschieht, trotz der Einwendungen des Sanitätkollegiums, welches erklärt: die Gefahr,- 'der man Vorbeugen wolle, wachse dadurch nur an» Das Lazareth von Mailand ist ein vierseitiger, fast quadratförmiger Bezirk, außerhalb der Stadt, links von der Porta orientale, von der Bastei durch Len Graben, einen verschanzten Weg und kleineren, um den Bezirk selbst gezogenen Graben geschieden. Die zwei Hauptseiten des Bezirkes sind etwa fünfhundert Schritte lang, die beiden anderen etwa fünfzehn weniger, das Gebäude ist auf allen Seiten ein Stock hoch und in nach außen zugehende, kleine Zimmer getheilt; !m inner» Raume läuft drei Seiten entlang eine von kleinen, dünnen Säulen getragene, gewölbte Halle. Der Zimmer waren damals etwa zweihundert acht und achtzig, jetzt ist durch -einen, in der Mitte angebrachten, großen Eingang, unddurch einen kleineren, in der längs der Hauptstraße sich hinziehenden Seite diese Anzahl, ich weiß nicht um wie viel, verringert- Zur Zeit unserer Geschichte gab es nur zwei Zugänge, einen mitten in der, mit der Stadtmauer gleichlaufenden Seite, der andere in der gegenüberstehenden- Mitten in dem inner», ganz freien Raume stand, und steht noch jetzt, eine im Achteck gebaute Kirche. Die anfängliche Bestimmung des ganzen, im Jahre 1489 mit einem Privatvermächtnifse begonnenen und mit öffentlichen Geldern und anderen Stiftungen und Schenkungen fortgesetzten Gebäudes, war. wie schon der Name giebt. Pestkranke darin im Falle der Noch aufzunehmen und zu heilen; denn dieses Uebel wü- thete schon lange vor und nach dieser Periode mehre- male, ja zum öfteren, in einem Jahrhunderte, bald in diesem, bald in jenem Lande von Europa, oft von einem Ende des Welttheiles zum andern zu gleicher Zeit. Indem Augenblicke, wo wir davon sprechen, diente das Lazareth nur zum Magazine für der Quarantäne unterworfene Maaren. Jetzt, um cs seiner neuen Bestimmung gerecht zu machen, folgten die nölhigen Befehle blitzschnell aufeinander; die Maaren wurden, nach den vorder eiligst und schleunigst damit vorgenommencn Reinigungen und an- gestelllen Versuchen, insgesammt herauLgeschafft. In allen Zimmern wurden Strohlager hereitet, von aller- weges Lebensmittel allerArt hinzu gefahren und durch 'öffentliche Bekanntmachungen alle Bettler aufgefor- III. G 98 dctt, sich dahin zu begeben. Viele kamen freiwillig; alle auf den Straßen und Platzen krank und hülflos Liegende wurden hingeschaffc; in wenigenTagen waren daselbst, auf beide Weisen, mehr als dreitausend versammelt, obgleich wie viele noch zurückblicbcn. Einestheilü mochten sic wohl erwarten, durch der Anderen Entfernung, bei geringerer Anzahl, mit besserem Glücke betteln zu können; andcrnkheilö die natürliche Abneigung gegen jede Einschließung, oder das den Armen eigene Mißtrauen gegen diejenigen, welche im Besitz von Reichlhum und Macht sindchcin Mißtrauen, dessen Große sich immer nach der Unwissenheit derer, die es empfinden, und derer., diecs einflößen, nach der Menge der Armen und der Vcr- kebrthcit der Befehle ricbrei) oder die Erkenntniß, was im Grunde an der inwgeboteneli Wohlthat sey, oder alles dies zusammen oder sonst etwas anderes, sie bestimmen; kurz, der größte Theil der Herum- zügler ließ die Einladung unbeachtet und fuhr fort, sich bettelnd auf den Straßen zu verhalten. Hierauf fand man für gut, der Einladung mit Gewalt zu Hülfe zu kommen- Ueberall wurden Hascher auögesandt, die Bettler nach dem Lazarcthe zu treiben, Widerspenstige gebunden hinzuführen, und für Jeden der letzteren zahlte man (so werden selbst in der äußersten Noch die öffentlichen Gelder gcmiß- braucht!) eine Prämie von zehn Saldi! Ob nun wohl zufolge dieser Maaßregel, wie man vermuthet » und sogar beabsichtigt batte, eine Menge der Unglücklichen aus der Stadt flüchtete, um anderswo doch wenigstens in Freiheit zu leben und zu sterben, so stieg die Zahl der im Lazarethe theils als Gefangene, theils als Gaste Beherbergte, bald auf zehn- tausend. Weiber und Kinder mochten wohl, wenn auch die schriftlichen Denkmale jener Zeit davon schweigen, von den Männern getrennt seyn. An Regeln und Befehlen zu Erhaltung der Ordnung wird cs auch nicht gefehlt haben; man bedenke aber selbst, welche Ordnung, besonders in den damaligen Zeiten und unter den damaligen Verhältnissen, an einem Orte festgestellt und aufrecht erhalten werden konnte, wo sich eine so zahlreiche und verschiedenartige Versammlung befand: freiwillig Gekommene und gefangen Hergeführte, Leute, die den Bettelstab, nur von der äußersten Noth gezwungen, schmerz-und schaamerfüllt ergriffen, und solche, die ihn schon seit Jahren als Broderwerb führten, Leute, in redlicher Thäligkeit, auf Feldern und in Werkstätten und Lä^ den ausgewachsen, und so viele andere in Gemeinheit versunkene, an ein Schenkenleben und Gesellschaft von Schurken ihres Gleichen, an Müßiggang, Verbrechen , Frechheit und Gcwaltthätigkeiten gewohnte- Von der Art, wie sie zusammen wohnten und lebten, würde man sich, auch wenn man keine gewissen Nachrichten deshalb besäße» eine traurige Vorstellung machen können; wir wissen aber Näheres: Sir G 2 100 schliefen, zu Zwanzigen und dreißigen, in jene Zellen geschichtet und geworfen, oder unter denHallen zusammen- gekrochen, auf moderndem- stinkendem Strohlager oder auf den nackten Quadern; cs war zwar wohl angeordnet, immer auf frisches und zureichendes Stroh zu halten, es häufig zu wechseln; ward aber nur weniges, schlechtbeschaffenes, sehr selten frisch aufgeschüttet. Es war gleichfalls angeordnet, für gutes Drod zu sorgen; denn welche Verwaltung hatte wohl jemals zugegeben, daß sie schlechte Waare anschaffe und austheile? Wie sollte man aber, was selbst in gewöhnlichen Verhältnissen, in weit geringeren Quantitäten nicht würde zn erlangen gewesen seyn, wie sollte man cs in diesem Falle, in solcher Verwirrung erlangen? Man sprach damals davon, das Brod sey mit schweren, unverdaulichen Substanzen verfälscht gewesen, und cs ist nur gar zu glaubwürdig, daß dies kein bloßes, aus der Luft gegriffenes Gerede gewesen sey. Sogar an Wasser, nämlich an frischem, gesundem Wasser war Mangel. Der allgemeine Tränkort, der an der Bezirksmauer hinlaufende Mühlgraben, seicht, fast stehend, schlammig, wie er schon war, wie mußte er nicht erst durch die Nähe einer solchen, unsauberen Menge durch den Gebrauch, den sie von ihm machten, werden! Zu allen diesen Ursachen der Sterblichkeit, die um so mehr wirkten, da cs auf sieche, ungesunde Körper geschah, kam eine sehr ungünstige Witterung: anhaltende Regengüsse, darauf anhaltendere Trockenheit, vor ihr drückende Hitze. Zu den Uebeln füge man das Gefühl der Nebel» Ueberdcuß, Wuth über die Gefangenfchaft, Verlangen nach ehemaligen Beschäftigungen, Schmerz über verlorene Geliebte, Unruhe über geliebte Abwesende, gegenseitig erregte Beschwerden und gegenseitiger Abscheu, so viele andere niederdrückende oder empörende, mitgebrachte oder da drinnen entstandene Leidenschaften; Furcht endlich vor dem Tode, unaufhörlicher Anblick des durch so viele Ursachen häufigen Todes, der eben dadurch sich selbst die kräftigste Ursache war. Und man wird nicht staunen, daß die Sterblichkeit in diesem Orte so sehr herrschte und überhand nahm, daß sie pestahnlich und bei vielen die eigentliche Pest selbst heißen konnte: sey es nun, das der Zusammenfluß, das Anwachsen aller dieser Ursachen nur die Wirksamkeit einer blos epidemischen Influenz steigerte: sey es (was schon, bei weniger bedeutender und dauernder Hungersnoth als diese, Statt gefunden zu haben scheint), daß wirkliche Seuche da war, die in den, von Ungemach, Verderbtheit der Lebensmittel, ungleicher Witterung, Schmutz, Erniedrigungen und Strapazen angegriffenen und vorbereiteten Körpern gerade die Eigenschaften, den Zustand, kurz alle nothwcndigen Bedingungen findet, zu entstehen, sich zu erhalten und anzuwachsen (wenn es nämlich einem Laien gestattet ist, diese von vielen Physikern ausgestellte, neuerdings von ei- 102 mm eben so fleißigen als verständigen Manne *) wieder vorgetragene und mit vielen Gründen unterstützte Hypothese, nachzusagen): sey es, daß die Ansteckung schon vorher im Lazarethe vorhanden war, welcher Meinung, dunkeln, unbestimmten Berichten zufolge, die Aerzte des Sanitatkollegiums gewesen zu seyn scheinen: sey cs, daß sie überall schon früher bestand und nur versteckt blieb (was dadurch wahrscheinlicher wird, daß das Uebel schon alt und allgemein, die Sterblichkeit so groß war); als aber in das Lazareth verpflanzt, sich mit neuer, furchtbarer, durch das Zusammendrangen der, von der zunehmenden Wirksamkeit der anderen Ursachen, ihrer Aufnahme geneigteren Körper, erzeugter Schnelligkeit, verbreitete. Es mag von diesen Vermuthungen Grund haben, welche will: der täglich im Lazarethe Gestorbenen waren bald mehr als hundert. Während nun daselbst nichts herrschte als Entkräftung, Angst, Schrecken, Jammer und Entsetzen; war das Proviantkollegium voller Beschämung, Bestürzung und Unentschlossenheit. Es fragte das Sa- nitarkollcgium um Rath und Hülfe: cs war nichts anders zu rhun, als, was mit fo vielen Vorbereitungen, so vielem Aufwande und solcher Gcwaltthätig- keit geschehen war, ungeschehen zu machen. Man *) Du. D. IHrirleo ^.cerdi, dap III. § r und 2 seines Werkes: Del rnorbo xeteccliirrie.... und über andere ansteckende Krankheiten überhaupt, öffnete das Lazareth, gab zwar allen gesunden Armen die ErlaUbniß zu bleiben; sie stürzten aber alle mit lobender Freude von dannen. Die Stadt hallte abermals von den sonstigen Wehklagen, nur schwächer und unterbrochener, wieder; denn die Menge war verringert und elender. Die Kranken brachte man nach Santa Maria della Stella, dem damaligen Armen- hospitalo, wo sie meistentheils starben. Unterdes begannen aber die gesegneten Gefilde bleich zu werden. Die Bettler vom Lande verließen die Sradt und gingen, jeder nach seiner Heimath, der so ersehncten Erndte entgegen, und der gute Friedrich erzeigte ihnen auch noch beim Abschiede mit seinen letzten Kräften eine Wohlihat: jeder Landmann, der sich nach dem erzbischöflichen Pallaste begab, erhielt einen Giulio und eine Sense zum Erndten. Mit der Erndte Härte endlich die Theuerung auf; die epidemische Sterblichkeit nahm vön Tage zu Tage ab; zog sich aber dennoch bis zum Spatherbste hin. Sie war ihrem Ende nahe, als eine neue Geißel erschien. Diese Zwischenzeit war an vielen, wichtigen geschichtlichen Begebenheiten reich gewesen. Nachdem der Cardinal Richelieu, wie wir bereits meldeten, La Rochelle genommen und auch mit England obenhin und, so gut es anging, Frieden geschloffen hatte, war er mit seinem Vorschläge und mächtigem Willen, dem Herzoge von Nevers nachdrücklich zu Helsen, im Staats- 104 rathe durchgedrungen und hatte sogar ' den König überredet, sich der Unternehmung persönlich an die Spitze zu stellen. Während man mit den Zurüstungen beschäftigt war, hinterbrachte der Graf von Nassau, als kaiserlicher Commissar, dem neuen Herzoge in Mantua den Bescheid: seine Staaten, wofern er nicht wolle, daß man ein Heer absende, sie zu besetzen, in des Kaisers Ferdinand Hände zu geben. Der Herzog, der schon in verzweifelteren Umständen eine so harte, verdächtige Bedingung abgewiescn hatte» verweigerte sie jetzt im Vertrauen auf die nahe Hülfe Frankreichs um so mehr, wenn auch auf eine Weise, in der das Nein so viel als möglich verdeckt und bemäntelt war und mit zwar scheinbaren, aber minder geltenden Unterwerfungsvorschlägen. Der Commissar ging und versicherte, die Gewalt werde nicht zaudern. Im März war endlich der Cardinal mir dem an der Spitze ' des Heeres stehenden Könige herabgekommen, hatte vom Herzoge von Savoyen den Durchzug verlangt, unterhandelt, aber kein Resultat zu Stande gebracht. Nach einem zum Bortheile der Franzosen ausgefallenen Treffen hatte man die Unterhandlungen von Neuem begonnen und einen Vertrag geschlossen, dem zufolge der Herzog sich unter anderm auch anheischig machte, die Aufhebung der Belagerung Casale's zu bewirken, oder, im Fall Cordova sich nicht dazu verstehe, vereint mit den Franzosen das Herzogthum Mailand zu besetzen. Don Gonzalo wünschte sich Glück/ so wohlfeilen Kaufes davon zu kommen und hob sein Lager vor Casale, wo französische Truppen zu Verstärkung der Garnison alsbald einzogen, auf. Nachdem dies geschehen war, beschloß der Cardinal Richelieu wegen Dingen, die ihm bei weitem wichtiger erschienen, nach Frankreich zurückzukehren, und obwohl Girolamo Soranzo von den Venetianern abgeschickt wurde, diesen Entschluß durch stärkere Gründe und Vorstellungen zu hintcrtreiben, nahmen der Cardinal und König darauf keine Rücksicht, kehrten mit der Hauptmacht wieder um und ließen uur sechstausend Mann in Susa zurück, die Communication zu unterhalten und auf Beobachtung des Vertrags zu wachen. Während sich dieses Heer auf der einen Seite entfernte, näherte sich das Ferdinands, unter Anführung des Grafen Collalto, von veränderen; hatte Graubünden und das Veltlin überströmt und schickte sich an, nach Mailand zu entsteigen. Zu dem Schrecken, den dieser Heereszug schon an und für sich verbreitete, gesellte'sich auch noch das traurige Gerücht, ja die bestimmte Nachricht, daß die Pest unter den Truppen wülhe, von der, wie Varchi bei Gelegenheit der ein Jahrhundert früher durch sie nach Florenz gebrachten, spricht, den deutschen Truppen immer etwas anhing. Allefsandro Tadino, einer der Mitglieder des Sanitat- kollegiums (außer dem Präsidenten, bestand cs aus vier Magistratspersonen und zwei Aerzten) bekam von 106 demselben den Auftrag, wie er selbst ,'n seinem schon erwähnten, Ragguaglio*) erzählt, dem Gouverneur die furchtbare Gefahr vorzustellen, die dem Lande drohe, wenn man diesen Truppen den Durchmarsch nach Mantua, wie cs verlaute, zugestehe. Es geht aus Allem, was Don Gonzalo vollbrachte, hervor, daß er großes Verlangen trug, sich in der Geschichte einen Platz zu erwerben, die allerdings nicht umhin konnte, sich um sein Thun und Lassen zu bekümmern; wie es denn aber zu geschehen pflegt, kannte er die That nicht, trug keine Sorge, sie ins Werk zu setzen, welche des Andenkens und der Aufmerksamkeit am Würdigsten gewesen seyn würde und in der Antwort beruhete, welche er bei dieser Gelegenheit dem Doktor Tadino zu ertheilen batte. Ec entgegnete, er wisse nicht, was zu thun sey; die Vortheile und das Ansehen, welches dieser Heereszug Spanien brächte, wögen schwerer, als die geschilderten Gefahren; man müsse alle mögliche Vorkehrungen treffen und von der Vorsehung das Beste hoffen. Um dis möglichen Vorkehrungen zu treffen, schlugen die beiden Acrzte des Sanitättribunales (Ta- Lino und der Senator Settala, Sohn des berühmten Ludovico) vor, man solle unter den schärfsten Strafen verbieten, Gegenstände, sie mögten seyn, *) kagxusAlio clelt' vrixino et giornsli sueeessi clella Sran pvsts contaZiosa, vo-neiiLri, r-rrialc-iic.-k SLguil.2 welcher Art sie wollen, von durchmarschirenden Soldaten zu kaufen. Es war aber unmöglich, von der Nothwendigkeit eines solchen Befehles den Präsidenten zu überzeugen, „der," so sagt Ladino, „ein gutmüthiger Mann war, und nicht glauben wollte, daß der Handel mit jenen Soldaten und der Ankaufih- rer etwaigen Waare», den Tod so vieler Lausende von Menschen herbeiführen könne." Wir führen diesen Zug als einen der jene Zeit charaktcrisirendcn an: denn sicherlich kam es, so lange es Sanitattribunale giebt, keinem andern Präsidenten bei, so zu rathschlagen. Was Don Gonzalo betrifft, so war diese Antwort ziemlich das Letzte, was er hier vollzog. Der schlimme Ausgang des von ihm beförderten und geführten Krieges verursachte, daß man ihm den in diesem Staate bekleideten Posten nahm. Als er Mailand verließ, stieß ihm Etwas zu, das ein gleichzeitiger Schriftsteller als das erste der Art nennt, was jemals in Mailand einem Manne seines Gleichen zugestoßcn scy. Als er nämlich, in Begleitung vieler Nobili, das Stadthaus verließ, fand er einen großen Volkshaufen versammelt, der sich ihm thcilweise in den Weg warf, theilweise ihm nachlief, und unter großem Geschrei und Verwünschungen vor- wars, er trage die Schuld an der vom Volke ausge- siandenen Hungersnoth, indem ec die Erlaubniß er- thcilt habe, Eetraide und Reis außer Lands zu führen. Seine hintcrhcrsahrende Kutsche bewarf man 108 mit Schlimmerem, als Schimpfreden - mit Steinen, Zügeln, Kraulstrünken und Unrarh aller Art, der zu solcher Gelegenheit schon österemale diente. Die Wache trieb das Volk zurück; es rannte aber, immer anwachsend, durch die Straßen und besetzte die Porta ticinese, wo der Gouverneur bald durchfahren mußte. Der Wagen kam mit vielen anderen an, und alle empfingen, aus Händen und Schleudern, einen Steinhagel; weiter geschah nichts. An Don Gonzalo's Statt kam der Marchese Ambrogio Spinola, der sich schon in den Kriegen in Flandern militärischen Ruhm erworben hatte. Das deutsche Heer hatte unterdes zu dem Zuge nach Mantua bestimmten Befehl bekommen und betrat im Monat September das Mailänder Gebiet. Das Militär der damaligen Zeit bestand noch größtcntheils aus Freibeutern, von Condottieri oder Rottenführern von Profession, in Auftrag dieses oder jenes Fürsten, manchmal auch für eigene Rechnung, um sich mit ihnen zugleich zu verdingen, angeworben. Wer sich auf solche Art anwerben ließ, fühlte sich gewöhnlich nicht so sehr durch den Sold, als durch die Aussicht auf Plünderungen und sonstige Gewinne der zügellosesten Freiheit ungezogen. Allgemeine, feste Disciplin gab es in keinem Heere, hatte auch nicht mit der unabhängigen Autorität der verschiedenen Condottieri bestehen können, die entweder selbst nicht eben sehr streng daraus hielten, oder nicht im Stande waren, sie fesizusicllen und zu erhalten. Soldaten solches Schlages würden sich entweder gegen einen zu Neuerungen geneigten Condottiero, der etwa die Plünderungen hatte abschaffcn wollen, empört, oder ihn zum Wenigsten allein gelassen haben, die Fahnen zu bewachen. Und da auch die Fürsten, welche solche Banden in Sold nahmen, gewöhnlich, um ihre Unternehmen desto sicherer zu stellen, mcht genug Truppen erlangen konnten und nicht darauf sahen, ob ihre meistens sehr geringen Hülfsmittel zu deren Unterhalt aus- reichtcn; so wur^e der Sold sehr,oft zu spat, ab- schlaglich, langsam ausgeznhlt, und die in den feindlichen oder den Landen, durch die man zog, gemachte Beute, alsein stillschweigend bewilligter Zuschuß betrachtet. Wallenstein's Ausspruch: es sey leichter, ein Heer von hunderttausend Mann, als eines von zwölftausend zu unterhalten, ist fast eben so berühmt wie sein Name. Der größte Tkeil des Heeres, von dem wir zu reden haben, bestand aus Leuten, die unter seinen Befehlen Deutschland in jenem, durch sich und seine Folgen so weltberühmten Kriege, der späterhin nach seiner Dauer der dreißigjährige genannt wurde, rind dazumal erst in das elfte Jahr ging, verwüstet hatten. Es befand sich in ihm Wallenstcins, von einem seiner Offiziere befehligtes, eigenes Regiment; von den anderen Eondotlieri hatten die meisten unter ihm gedient, und Mancher war mit dabei, der nach vier Jahren seinem 1!0 Fdldherrn ein so schlimmes Ende bereiten half. Dos Heer bestand aus achtundzwanzigtaufend Mann Fußvolk und siebentausend Reitern, kam aus dem Veltlin hernieder, hatte den ganzen Weg der Adda entlang, wo sie als zwei Seearme erscheint, dann, wo sie wieder Fluß ist, bis zu ihrem Erguß in den Po, näher oder entfernter zurückzulegen und mußte eine Strecke mit dem Po selbst wandern: im Ganzen hatte es acht Tagemarsche im Herzogthume Mailand. Ein großer Thcil der Einwohner flüchtete sich auf die Berge, nahm sein bestes Eigenthum mit, und trieb auch das Vieh hinaus; ein anderer blieb, entweder zur Pflege Kranker, oder zum Schutze der Häuser gegen Feuersgefahr, oder um verborgene, vergrabene Kostbarkeiten immer im Auge zu behalten; Ändere blieben, weil sie nichts zu verlieren hatten; Andere wohl auch, uni etwas zu gewinnen. Als die erste Rotte in dem Dorfe, wo sie die erste Nacht rasten sollte, angclangt war, verstreute sie sich ungesäumt durch dasselbe und die nächstgelegenen und begann sie rein auszuplündern: was man genießen oder fortbringen konnte, ward genommen; das klebrige zertrümmert und zerstört, die Felder verwüstet, Häuser niedergebrannt, Menschen geschlagen, geschändet, verwundet. Suchte man seine Habe zu retten und zu schützen, half es gewöhnlich nichts, machte die Sache oftmals nur schlimmer. Die Soldaten, in den Kriegslisten, auch in den Listen dieses Krieges sehr wohl erfahren, durchforschten alle Winkel der Häuser, rissen Mauern um, hieben alles in Stücke, entdeckten in den Garten leicht die frisch aufgegrabnen Stellen, stiegen bis in die Berge hinauf, durchkrochen unter Leitung irgend eines ruchlosen, verrälherischen Menschen die Höhlen, suchten die wohlhabenderen, daselbst versteckten Leute auf, zogen sie aus, schleppten sie zu ihren Häusern und zwangen sie mit Drohungen und Schlagen, die Orte der verborgenen Schätze anzugcben. Und gingen sie endlich, waren sie gegangen, verhallte ln der Ferne der Klang ihrer Trommeln oder Trompeten, so erfolgten einige Stunden scheuer Ruhe, und neues, heilloses Trommelgewicbel, neues, heilloses Trompetengetön verkündeten schon einen neuen anrückenden Haufen. Fand dieser nichts mehr zu rauben, so verwüstete und zertrümmerte er nur umso ärger das Gebliebene, verbrannteHausgeräth, Thüren, Balken, Fässer, Kufen, selbst Häuser; legte mit noch größerer Wuth Hand an die Menschen, mißhandelte sie noch arger und trieb cs so immer schlimmer und schlimmer, zwanzig Tage lang; denn in so vielen Abteilungen marschirtc LaS Heer. Colico war das erste Dorf des Herzogthumes, dem sie auf so teuflische Weise mitspiclten; dann ging es über Bellano her; von da tobten sie durch Val- saffina und erreichten nach ihm das Gebiet von Lecco. 112 Neunundzwanzigstes Kapitel. Hier finden wir unter den armen Furchtvollen alte Bekannte. Wer Don Abbondio nicht an dem Tage erblickte, wo die Nachrichten vom nahenden Heere und seiner Aufführung mit eincmmale eintra- fen, hat von Furcht und Entsetzen keinen Begriff. „Sie kommen; cs sind dreißig, vierzig, funfzig- tausend; es sind Teufel, Arianer, Antichristen; haben Eortenuova rein ausgeplündert; haben Primaluna in Schutt und Asche gelegt, verwüsten Introbbio, Pasturo, Barsio; man hat sie in Ba- labbio gesehen; morgen sind sie hier." Das waren die Gerüchte, welche von Mund zu Mund^ gingen; alles lauft zusammen, eines halt das andere an, lärmendes Berathschlagen, Zaudern zwischen Fliehen und Bleiben, Weibergeklatsch, Haarzerraufen. Don Abbondio ist vor allen andern, mehr als alle andere entschlossen zu fliehen, auf jeden Fall zu fliehen, und sieht doch'an jedem Zufluchtsorte unüber- steigliche Hindernisse, entsetzende Gefahren. „Was soll ich thun?" rief er: „ wo soll ich hin?" Das Gebirge, abgesehen von den Schwierigkeiten des Weges, war unsicher: man hatte schon gehört, daß die Landsknechte wie Katzen cmporkletterten, wo cs nur den geringsten Anschein oder Hoffnung von ober auf Beute 113 «ii», ltkim chlni; i Pa- liitHiii «im ri z» ! ÄM «5><- ^ Ä sii!' lilldn- ,M ,jö<- ZP', !Äj- LB für sie habe. Der See war angeschwollen, stürmisch: überdies hatten sich auch die meisten Barkenführer, aus Furcht, zum Transporte der Soldaten oder Bagage gezwungen zu werden, mit ihren Barken zum anderen Ufer geflüchtet; die wenigen gebliebenen waren schon, mit Menschen überladen, abgestoßen und, wie verlautete, vermöge der unmäßigen Last und des Sturmes bereits untergegangen. Weit fort, aus dem Bereiche des Weges zu fliehen, den das Heer nahm, war es unmöglich, weder eine Kalesche, noch ein Pferd, noch sonst ein Mittel zum Fortkommen aufzutreiben: zu Fuß hatte Don Abbondio nicht weit kommen können, und fürchtete auch, eingeholt zu werden. Die Grenze von Bergamo war wohl schon nahe genug, daß ihn seine Beine in einem Marsche hatten hintragen können; aber, wie man vernahm, war bereits von Bergamo eine Schwadron Eappelletki *), flauter eingefleischte Teufel, nicht schlimmer und nicht besser, als die Landsknechte, zur Bewachung der Grenzen beordert. Der arme Mann lief mit verdrehten Augen, halb sinnlos, im Hause hin und her; lief hinter Perpe- tucn drein, um mit ihrer Hülfe zu einem Entschlüsse zu gelangen; aber Perpetua, den besten Hausrath geschäftig zusammensuchend und auf dem Oberboden in alle möglichen Schlupfwinkel versteckend, lief eilig, *) Capclletto, Art Sturmhaube; woher der Name sie tragender Soldaten» A. l>. Ueb. m. H 114 ängstlich, an anderes denkend, mit vollen Händen und Armen an ihm vorüber n»d entgegnen: „Laßt mich nur erst dies noch in Sicherheit bringen, dann laufen wir beide mit den Anderen davon!" Don Abbondio wollte sie aufhalten, mit ihr die verschiedenen Auswege besprechen; aber Geschäftigkeit, Eile, Furcht, die auch ihr in allen Gliedern lag, Zorn über die Furcht ihres Herrn , machten sie in diesem Augenblicke noch weit unbiegsamer und eigenwilliger als sie sonst war. „Die Anderen reiten, was sie retten können, wir thun es auch. Verzeiht, Ihr haltet mich ja nur auf. Glaubt Ihr denn, daß andere nicht auch ihr Hab' und Gut in Sicherheit bringen? Wollen denn die Soldaten mit Euch Krieg anfangen. Ihr könntet in einem solchen Falle auch ein wenig helfen, statt mir in den Weg zu laufen, zu jammern und zu klagen!" Mit diesen und ähnlichen Antworten machte sie sich von ihm los und hatte sich, noch vor Beendigung ihres eiligen Treibens, vor- gesctzt, ihn, am Ende, wie ein Kind beim Arme zu nehmen und auf einen Berg zu ziehen. Verlassen trat er an ein Fenster, guckte, horchte und schrie, ging Jemand vorüber, mit halb weinerlicher, halb ärgerlicher Stimme: „seyd barmherzig gegen Euren armen Pfarrer, verschafft ihm ein Pferd, ein Maulthicr, einen Esel. Ist es denn möglich, daß kein Mensch mir beistehen mag! O, was für Menschen! Wartet zum Wenigsten einen Augenblick, daß ich mit Euch gehen kann, wartet, bis ihr zehn oder zwanzig seyd, und mich zusammen fortbringen könnt, daß ich nicht ganz verlassen bleibe. Wollt Ihr mich ili der Gewalt der Teufel lassen? Wißt Ihr nicht, daß alle Lutheraner sind, die ein gutes Werk zu stiften glauben, wenn sie einen Priester ermorden? Wollt Ihr mich hiervon ihnen martern lassen? Ach, weiche Menschen! welche Menschen!" Zu wem sagte er denn aber das alles? Zu Leuten, die, niedergedrückt von der Last ihrer geringen Habe, mit dem Gedanken an alles, was sie der Plünderung Preis gaben, vorbei liefen. Der trieb seine Kuh vor sich hin, der schleppte sich hinter seine ebenfalls übermäßig beladenen Kinder drein, uttd die Frau trug die kleinsten, die noch nicht laufen konnten, auf den Armen. Einige rannten vorbei, ohne zu antworten, ohne empor zu sehen; ein Anderer sagte: „Ei, Herr! macht Euch, so gut Ihr könnt, aus dem Staube; Ihr seyd glücklich, Ihr habt für keine Familie zu sorgen; helft Euch, bemüht Euch." „O weh mir!" rief Don Abbondio: „Welche Leute! Welche Herzen! Kein Erbarmen: Zeder denkt nur an sich, an mich will kein einziger denken. " Er suchte abermals Perpetuen. „ Gleich, gleich," sagte sie - „ und bas Geld ?" »Ja, wohin damit?" „Gebt es mir; gebt, behaltet ein paar Saldi für den Nothfall; laßt mich für das andere sorgen." H 2 Don Abbondio gehorchte, ging zu seinem Schranke, zog seinen Schatz hervor, übergab ihn Perpetuen. Sie sagte: „Ich vergrabe ihn in den Garten, unter den Feigenbaum;" und ging. Bald nachher kam sie mit einem Handkorbe, mit Mund- vorrath und einem kleinen, leeren Tragkorbe wieder, füllte ihn eiligst mit der nöthigsten Wasche für sich und ihren Herrn und sagte: „Das Brevier müßt Ihr aber selbst tragen." „Wo wollen wir denn hin?" „ Wo die Andern hinlaufen! Vor allen Dingen erst auf. die Straße; da werden wir ja hören und sehen, was zu thun ist." Agnes, auch einen Tragkorb auf dem Rücken, mit einer Miene, die eine wichtige Mittheilung .anzukündigen schien, trat ein. Sic wollte, allein wie sie war, mit einem kleinen Reste vom Golde des Unbekannten, auch ihrerseits die schlimmen Gäste nicht erwarten und war eine Zeit lang zweifelhaft, wohin sie sich wenden könne. Eben der Nest ihrer Scudi, die ihr in den Hungermonaten so nützlich gewesen waren, trug das Meiste zu ihrer Angst und Unschlüssigkeit bei, weil man ihr sagte, in den verwüsteten Dörfern sey gerade, wer ein wenig Geld gehabt habe, weit schlimmer daran gewesen als Andere, und habe, von irgend einem schlechten Menschen verrathen, von den Fremden die ärgsten Mißhandlungen erleiden müssen. Sie hatte 117 Kiiy it« ! iü dk, Ntzd- > kiiia, >EiH k«tz üliild KÄ. üüichr ! RÜt V lM Mw it lmz Am MA- Ki- u» iir t:rs» ,dm :p« zwar von dem ihr gleichsam in den Schooß gefallenen Segen Niemand als Don Abbondio ein Wort vertraut, bei dem sie sich immer einen Scudo nach dem andern wechseln ließ, und dem sie dann jedesmal' eine Kleinigkeit für irgend einen Nothleidenden zustellte. Wer aber einen verborgenen Schatz besitzt und nicht gewohnt ist, mit vielem Gelde umzugehen, trägt immer Scheu vor Anderer Argwohn. Indem sie nun jetzt ebenfalls beschäftigt war, was sie nicht' mit sich nehmen konnte, hier und dahin zu verbergen, und der Scudi gedachte, die sie sich in die Schnür- brust genaht hatte, siel ihr ein, daß der Unbekannte ihr doch seinen Beistand bei allen Gelegenheiten an- getragen habe; es siel ihr ein, was sie so oft schon hatte sagen hören, daß sein Kastellan einem der sichersten Orte stehe, wohin, wenn der Herr nicht wolle, nur allenfalls die Vögel gelangen könnten/! und sie beschloß, in ihm Zuflucht zu suchen. Sie bedachte, wie sie sich diesem Herrn kenntlich zu machen im Stande sey, und da siel ihr Don Abbondio ein, der ihr, nach jenem Gespräche mit dem Erzbischoffe, immerdar ganz besondere Zeichen von Wohlwollen gegeben hatte, die um so mehr von Herzen. kamen, als er sie geben konnte, ohne sich deshalb mit Jemand zu veruneinigen und ohne, bei der Abwesenheit der jungen Leute, in die Gefahr eines Antrags zu kommen, der dieses Wohlwollen auf eine schwere Prüfung gestellt haben würde. Sic vermuthele, der 118 arme Mann müsse sich in einem solchen Gewühle in noch weit ärgerer Bedrängniß und Hcrzensnoth als sie selbst befinden, Hülfe der Art müsse ihm gewiß sehr erwünscht seyn; deshalb kam sie mit ihrem Vorschläge an ihn und Perpetuen angerückt. „Was sagst Du dazu, Perpetua ? „fragte Don Abborrdio. „Ich sage, daß es eine Eingebung des Himmels ist, daß man keine Zeit verlieren darf, laufen muß, was man laufen kann!" ,Aber, aber..,." „Nun, nun, wenn wir dort sind, werden wir uns schon wohl befinden. Der Herr thut jetzt allen Leuten Gutes; wird sich gewiß freuen, uns schützen zu können. So weit ab, so hoch in die Lust versteigert sich keine Soldaten. Und wir haben auch zu essen, denn sind wir in den Bergen, und das liebe Gottesgut (sie wies in den Korb, auf ein ausgebreikekes, weißes Tuch) ist alle, so möchte es uns übel ergehen." „Bekehrt! ob er denn auch wirklich bekehrt seyn mag? Wie?...." „Wie? ist denn daran noch zu zweifeln, nach alle dem, was man weiß, nachdem, was Ihr selbst gesehen habt? " „ Und wenn wir nun selbst in den Käfig flögen?" „Was Käfig? Nehmt nicht übel, wenn man es aber bei allen Dingen machen wollte, wie Ihr, so würde man im Leben zu keinem Entschluß gelangen. Brav; Agnes! Ihr HM einen gescheuten Gedanken gehabt." — Sie setzte ihren Tragkorb auf ein Tischchen» fuhr mit den Armen in die Gurte und hob sich ihn auf den Nucken. „Könnte man denn nicht," sagte Don Abbondio, „ ein paar Männer aufsinden, die mit uns kamen, ihrem Pfarrer das Geleite gäben ? Wenn wir nun unterwegs einem oder dem andern Buschklepper, deren es leider! genug in der Welt giebt, begegneten; was könnt Ihr mir helfen?" „Sollen wir noch mehr Zeit verlieren?" rief Perpetua: „Jetzt, wo Jeder für sich allein zu sorgen hat, sollen wir umher laufen und Leute für Euch auftreiben. Geht, geht, holt Euer Brevier und Euren Hut, daß wir fottkommen!" Don Abbondio ging, kam alsbald mit seinem Brevier unterm Arme, Hut auf dem Kopfe, Stock in der Hand wieder, und alle drei verließen durch eine auf den Gottesacker führende Hinterthüre das Haus. Perpetua verschloß es, nicht sowohl, weil sie großes Vertrauen in das Vorlegeschloß und die Thüre setzte, als bloßer Förmlichkeit willen, und steckte den Schlüssel in die Tasche. Don Abbondio warf im Vorübergchcn einen Seitenblick auf die Kirche und murmelte zwischen den Zähnen: „ das Volk mag sie bewahren, sie dient ihm. Halten sie auf ihre Kirche, so werden sie an sie denken, halten sie nichts darauf, so ist's ihre Schuld." 120 Sie nähme» den Weg kn die Felder, still und schweigend; 'Jedes dachte an seine Hühner und Gänse und sah sich, besonders Don Abbondio, von Zeit zu Zeit um, ob nicht etwa irgend wo eine verdächtige, nicht geheure Gestalt zum Vorschein komme. Es begegnete ihnen Niemand: Jedermann war entweder zu Hause, das Seinige zu hüten, oder sein Bündel zu schnüren oder zu verstecken, oder auf dem Wege nach dem Hochlande. Nach mannichfaltigen Stoßseufzern und Ausrufungen sing Don Abbondio an, mehr im Zusammenhänge zu brummen. Zuerst ging cs über den Herzog von Nevers her: der in Frankreich hätte bleiben und zufrieden seyn können, dort Fürst zu heißen, ohne, aller Welt zum Trotz, Herzog in Mantua werden zu wollen. 'Dann kam die Reihe an den Kaiser, der vernünftiger hätte seyn können als die Anderen und ungerade hätte sollen gerade seyn lassen; er würde im- mcr Kaiser geblieben seyn, wäre auch Hinz oder Kunz Herzog von Mantua geworden. Am Schlimmsten kam aber der Gouverneur weg, der, statt alles auszubieten, eine solche Geißel dem Lande fern zu halten, sie gerade, blos um seine leidige Lust zum Kriege zu büßen, herbeiziehe. „ Sie sollten nur hier seyn, die Herren," meinte er) „sollten nur zusehen, fühlen, wie es thut. Sie haben schwere Dinge dereinst zu verantworten! Unterdessen geht es aber über der Unschuldigen Fell her." „Bekümmert Euch nicht um die Leute," sagte -Perpetua: „ die können und werden uns doch nichts helfen. Ihr habt, nehmt mir's nicht übel, immer mit solchem Geschwätz zu schaffen, bei dem gar nichts herauskommt. Mir macht cs nur den Kopf warm, daß... „Was denn?" u Perpetua hatte auf dem Wege bis hierher alles, was sie im Hause in Hastvornähm, noch einmal überdacht und sing nun an zu jammern: das und das vergessen, das an den Unrechten Ort verborgen, hier den Schurken eine Spur gelassen zu haben, dort...'." „Daß Dich....!" sagte Don Abbondio, der nach und nach wieder in so weit zur Besinnung gekommen war, sich wegen seines Eigenrhumes zu beunruhigen: „Daß Dich_! Was hast Du gemacht? Wo hast Du den Kopf gehabt? " „Wie?" rief Perpetua und blieb, die Hände unter dem Korbe in die Seiten stemmend, mitten auf dem Wege stehen: „Wie? Ihr kommt nun und wollt mir noch Vorwürfe machen, da Ihr es doch nur wäret, der mir den Kopf verdrehte, statt daß Ihr mir hattet Helsen und Muth einsprechen sollen! Ich habe wohl mehr noch für Euer Eigenthum als für meine sieben Sachen gesorgt, und Niemand hat mir beigestanden. Ich hatte alle Hände voll zu thun: läuft etwas schlimm ab, ich sage mich los; ich habe mehr als meine Schuldigkeit gethan." Agnes unterbrach sie, indem auch sie anfing, ih- - 2 ? re Nvth zu klagen; sie, betrübte sich nicht so sehr über ausgestandene Sorgen und Plagen, erlittenen und noch gefürchteten Schaden, als über die vereitelte Hoffnung, ihre Luzia bald wieder zu umarmen. Es war eben jetzt der Herbst, in dem sie sich wieder sehen wollten, ließ sich aber doch unter solchen Umständen erwarten, daß Donna Praxedia nicht ihren Landsitz beziehen, vielmehr, wäre sie schon da gewesen, ungesäumt, wie alle anderen Städter, verlassen würde. Der Anblick der Gegend machte Agnesens Gedanken um so herber, ihr Verlangen um so heftiger. Von den Feldwegen waren sie auf die Landstraße, auf dieselbe gelangt, auf der die arme Frau ihre Tochter für so kurze Zeit nachHause führte, als sie die Wohnung des Schneiders verließen. Das Dorf lag vor ihnen. „Wirmüssen die braven Leute besuchen," sagte Agnech „Und ein wenig ausruhen, denn der Korb wird mir blutsauer, wir müssen auch einen Bissen essen," sagte Perpetua. „Daß wir nur nicht zu viel Zeit verlieren," meinte Don Abdondio: „wir reisen nicht zum Vergnügen. " Sie wurden mit offenen Armen empfangen und fanden freundliche Gesichter, denn sie führten das Andenken einer guten Handlung zurück. Wann man keine Gelegenheit verstreichen läßt, Gutes zu lhu», so wird man allerwarts Menschen ansichtig werden, die unser Herz erfreuen. Als Agnes die gute Frau umarmte, brach sie in lautes Weinen aus, das ihr Herz sehr erleichterte; sie beantwortete unter Schluchzen die Fragen, die Mann und Frau Luziens halber an sie ergehen liefen. „ Ihr ist wohler als uns," sagte Don Abbondio, „ sie ist in Mailand außer Gefahr, fern von dem Teu- selsfpuk." „Der Herr Pfarrer und die Gesellschaft ist flüchtig , nicht wahr? sagte der Schneider. „Ja wohl," sagten Herr und Magd einstimmig. „Ihr dauert mich." „Wir sind unterweges nach dem Schlosse ***, „sagte Don Abbondio. „Da thut Jhr wohl daran, Ihr werdet wie im Paradiese seyn." Und hier fürchtet man nichts?" sagte Don Abbondio. „ Ich will Euch sagen > Herr Pfarrer, als eigentliche Cinquartirung bekommen wir sie wohl nicht, unser Dorf liegt, Gott sey Dank! außer ihrem Wege. Höchstens so eine Streifrotte, was der Himmel verhüten wolle: in jedem Falle hat es noch Zeit und wir hören mehr darüber von den armen Leuten, in deren Dörfern sie Wirthschaft treiben." Man kam überein, hier ein wenig der Ruhe zu pflegen, und da es eben Mittagszeit war, so sagte der 124 Schneider: „Wollen meine werlhen Gäste meinem geringen Mahle die Ehre anthun, so wird es mich freuen; wir theilen cs herzlich gern mit Euch." Perpetua meinte, sie habe auch ein wenig Mund- vorrathe bei sich, und nach einigen gegenseitigen Komplimenten kam man überein, alles zusammen zu thun und zusammen zu genießen. Die Kinder hatten sich mit großem Jubel um Agnesen, ihre alte Freundin, versammelt. Der Schneider rüste hurtig das eine Mädchen, das er neulich zu der armen Wittwe, Marie, geschickt hatte, zu sich, hieß sie einige, in einer Ecke liegende frühzeitige Kastanien aushülsen und auf den Rost legen; „und Du," sagte er zu dem einen Knaben, „ geh in den Obstgarten, schüttele den Pfirschenbaum, bring, was abfällt, her, geh, lauf! — Und Du," zum andern: „klettre auf den Feigenbaum, pflücke die reifen Feigen ab, du wirst das Handwerk wohl zu gut verstehen." Er selbstmachte den Stöpsel einer Flasche los, seine Frau holte weißes Tischzeug, Perpetua kramte ihren Korb aus, man deckle den Tisch, legte eine Serviette und einen steingulhnen Teller, mit einem Besteck, das Perpetua im Korbe mitgebracht hatte, an den Ehrenplatz für Don Ab- bondio, richtete an, setzte sich, aß, wenn auch nicht mit großer, doch mit mehr Lustigkeit, als jedes der Tischmitglieder an diesem Tage sich vorausgesagt haben würde. „Was sagt Ihr, Herr Pfarrer, zu einer solchen tollen Wirthschaft im Lande?" fragte der Schneider: „mir ist es, als läse ich die Geschichten von den Mauren in Frankreich." „Was ich dazu sage ? das fehlte nur noch!" „Ihr habt Euch aber einen guten Zufluchtsort gewählt," antwortete Jener: „jetzt geht Niemand mehr gezwungen da hinauf! Ihr werdet Gesellschaft finden: man weiß schon, daß sich gar viele Leute hingeflüchtet haben und immer mehr hinflüchten. „Ich will hoffen," sagte Don Abbondio, „daß uns ein guter Empfang wird. Ich kenne den wackern Herrn, und als ich schon einmal die Ehre hatte, mit ihm in Gesellschaft zu seyn, war er so höflich." „Und mir," sagte Agnes, „hat er durch seine Gnaden Eminenz sagen lassen, wenn ich wegen irgend etwas in Noth wäre, sollte ich mich nur an ihn wenden." „Eine herrliche, ruhmwürdige Bekehrung!" sagte Don Abbondio wieder: „ und er hält aus, nicht wahr, er hält aus?" Der Schneider erließ sich in ein Langes und Breites über das heilige Leben des Unbekannten und wie er, ehedem die Geißel der Umgegend, jetzt aller Vorbild und Wohlthätcr sey. „ Und die Leute alle, die er hielt.... das .... das Gesinde.... ? " fragte Don Abbondio, der wohl schon 126 hie und da etwas, aber nie Genügendes hatte reden hören. „Die Meisten sind fortgejagt," erwiederte der Schneider," wer geblieben, ist anders, und wie anders ! geworden. Kurz es ist mit diesem Schlosse gekommen, wie in der Thebaide: Ihr wißt schon." Er erinnerte sich nun mit Agnesen des Eardinals. „Ein großer Mann!" sagteer: „Ein großer Mann! Jammerschade, daß er so eilig hierdurchkommen mußte , daß man gar nicht im Stande war, ihm ein wenig Ehre zu erweisen. Wie gern möchte ich doch wieder einmal so recht gemüthlich mit ihm sprechen!" Als man von Tische aufgestanden war, zeigte er ein in Kupfer gestochenes Brustbild des Eardinals vor, das er an einer Stubenthüce, sowohl ihn zu ehren, auf- gchangen hatte, als Jedem, der in sein Haus kam, sagen zu können, es sey nicht ähnlich, er habe den Eardinal in eben diesem Zimmer also ganz in der Nahe, mit aller Gemächlichkeit betrachten können. „Das soll der Eardinal seyn?" sagte Agnes: „die Kleidung ist's, ja; aber...." „Nicht wahr, cs ist nicht ähnlich?" sagte der Schneider: „ich habe es auch immer gesagt; aber, thut nichts; fein Name steht doch darunter: cs ist ein Andenken." Don Abbondio trieb an; der Schneider nahm es auf sich, einen Baroccio, der sie bis zum Fuße des Hügels bringe, auszulrejben ;, ging sogleich darnach 127 aus und kam bald mit der Kunde zurück: er komme. Er wendete sich zu Don Abbondio und sagte: „Herr Pfarrer, wenn Ihr vielleicht wünschtet, dort oben Bücher zu haben, zum Zeitvertreibe; ich kann Euch mit meinem Bischen Armuth aushelsen, versiehe zur Noth zu lesen; nicht solche Sachen wie ihr; uu,gelahrte Bücher; aber_" „Vielen Dank, vielen Dank;" erwiederte Don Abbondio: „unter den jetzigen Umständen ist man aber froh, wenn man nur denken kann, was man denken muß. Wahrend sie sich Artigkeiten sagen und abschla- gen, sich beklagen und auf bessere Zeiten vertrösten, Einladungen und Versprechungen zu abermaligem Zuspruche bei der Rückkehr geben, ist der Baroccio vor der Hausthür angelangt. Die Körbe werden aufgepackt, man steigt ein und beginnt mit ein wenig mehr Bequemlichkeit und Gemüthsruhe die zweite Hälfte der Reise. Der Schneider hatte zu Don Abbondio die Wahrheit, in Betreff des Unbekannten, gesagt. Von dem Tage an, wo wir ihn verließen, war er immer, seinem damaligen Vorsatze treu, bemüht gewesen: Unrecht gut zu machen, Frieden zu stiften, den Armen bek- zustehen, kurz, alles ihm mögliche Gute zu befördern. Eben den Muth, den er sonst angewendet-hatta, Andere zu beleidigen, sich zu vertheidigen, bewies er jetzt, indem er weder das eine noch das andere that- 128 Er hatte alle Waffen abgelegt, ging immer allein, immer bereit, die möglichen Folgen so vieler begangener Unthaten zu bestehen, überzeugt, daß es nur eine neue zu nennen seyn würde, wollte er ein Haupt, das sich so vielfältig, an so Vielen versündigte, verteidigen; überzeugt, daß alles Böse, was man ihm zufüge, wohl Gott beleidige, ihm aber gerechte Vergeltung, daß er weniger als jeder Andere berechtigt sev, das Strafamt gegen Beleidiger auszuüben. Be! alle dem blieb er so unverletzt als sonst, wo er seine und so vieler Anderer Arme, zu seiner Verteidigung, bewaffnet hielt. Das Andenken an seine ehemalige Gottlosigkeit, der Anblick seiner jezigen Menschlichkeit, welche erstere so vieles Verlangen der Rache erregen mußte und welche letztere die Befriedigung so leicht machte, bewirkten, erhielten ihm nur die beste Schutzwehr: Verehrung. Der Mann, den Niemand zu demüthigen vermochte, hatte sich selbst gedemüthigt. Der von seinem früheren Uebermuthe und Anderer Furcht gespornte Groll verschwand vor seiner gegenwärtigen Demuth; die Beleidigten hatten, über alle Erwartung, ohne alle Gefahr eine Genugtuung empfangen, die ihnen die glänzendste Rache nicht verschafft haben würde, die Genugtuung: einen solchen Mann sein Unrecht bereuen, gewissermaßen ihren eigenen Unwillen theilen zu sehen. Mehr als Einer, lange Jahre von bitterem Aerger zernagt, nicht die mindeste Aussicht zu haben, ihm irgend ein schweres Un- 129 ' G«, »er,i- ^ »Io »>i»> ü Lll- Äiil »Ä j,ki° Eiki- t!iil, NiM iliitl rttz Ä i« !»!jt ,z»i- I» me; lti» ist liii recht entgelten zu lassen,'seiner Herr zu werden, begegnete er ihm setzt, sah er ihn allein, waffenlos, mit einer Miene, die von Vertheidigung nichts zu wissen schien, konnte zu nichts Anderem umhin, als ihm Ehre zu erweisen.^ Durch diese freiwillige Erniedrigung hatte sein Wesen etwas Erhabenes, Edles, ohne daß er es wußte, erlangt, gab seine Gegenwart diesen Eindruck, bezeug? te mehr als früher gänzliche Furchtlosigkeit. Selbst der roheste,. wildeste Hast ward von der allgemeinen Ehrfurcht für den reuigen, wohlthuendcn Menschen gebändigt und gebunden. Es ging so weit, daß er oft verlegen war, wie sich der ihm überall dargebrachten Ehre^ zu entziehen, besorgt, das innere Gefühl der Zerknirschung nicht W .sehr, in Gesicht und Benehmen hezvoxtreten zu lassen, sich nicht zu sehr zu cr- niedrigcn,-um nicht zu sehr erhöht zu werden. Er hatte sich in der Kirche den untersten Platz auserlesen, und Jedermann sah sich vor, ihm denselben nicht wegzunehmen, denn man würde cs für Anmaßung eines Ehrenplatzes ausgelegt haben. Einen solchen Mann etwa gar beleidigen, ihm unehrerbietig begegnen, würde man nicht sowohl bloßes Verbrechen oder Niederträchtigkeit, als Schändung des Heiligen genannt haben; und eben die, gegen welche dieses Gefühl der Anderen hätte Anwendung finden können, fühlten sich gezwungen, es mehr oder minder zu lhei- len- Diese und andere Ursachen schützten ihn gleichfalls vor der entfernteren Ahndung der Obrigkeit, be- 130 wirkten ihm auch von dieser Seite die Sicherheit, um die er sich ganz und gar uicht zu kümmetn schien. Sein Rang und seine'VerwandtschafteN, die ihm von jeher einigermaßen zu statten kamen, lagen jetzt um so schwerer in seiner'Wagschale, äls sich dem schon berühmten Und berüchtigten Namen uun äüch persönlicher Werth, der Ruhm der Bekehrung, zugesellten. Alle hohe, obrigkeitliche, sowie vornehme Personen hatten sich über die Bekehrung, mit dem Volke, öffentlich gefreut, und es würde seltsam Mvesen seyn, den Gegenstand so vieler Glückwünsche zur Verantwortung zu ziehen. Ueberdies konnte ffch auch eine in immerwahrende, oft unglückliche Kriege gegen bedenklichen, hartnäckigen Aufruhr verwickelteDbrig- keit zufrieden geben, des unbändigsten, empfindlichsten ledig zu seyn, um nichts Weiterem-nachstceben, sie konnte es um so mehr, als dieso Bekehrung, was die Obrigkeit gar nicht gewohnt war zu etlangen, nicht einmal zu verlangen, wieder gut machte. Einen Heiligen zu quälen, war kein gutes Mittel, sich von der Schaam zu befreien, einen Widerspenstigen nicht zu bändigen verstanden zu haben, und das dadurch gegebene Beispiel hatte keine andere Wirkung Hervorbringen können, als Andere abzuhalten, dem Beispiele zu folgen. Wahrscheinlich diente dem Unbekannten auch der Antheil des Eardinals Friedrich an der Bekehrung und daß dessen Name stets mit dem seinen zugleich genannt ward, zum heilbringenden 131 stie». P im, 'L-lh, »i»», !«- i M! -P!I kiiiz- iiW- Ünii«, l,ikÄ M, Si- -,ii§ lch» diind M- lliii- t!»> «d'» Schirme. Und aus diesem Zustande der Dinge und Ideen, aus diesen seltsamen Rückwirkungen der geistlichen und weltlichen Gewalten, die oft mit einander stritten, ohne je zu beabsichtigen, sich gegenseitig zu untergraben, die auch in ihren Feindseligkeiten sich gegenseitig anerkannten und sich ihrer Ergebenheit versicherten, die so häufig gemeinschaftliche Ziele verfolgten, ohne je einig zu werden, geht gewissermaßen hervor, daß die Versöhnung mit der ersten das Vergessen wenn nicht Vergeben der anderen zur Folge hakte, als in sofern jene allein bewirkte, was beide bewirken wollten. Ware dieser Mensch gefallen, so würde Groß und Klein, Vornehm und Gering ihn um die Wette mit Füßen getreten haben; er legte sich freiwillig nieder, und alle verschonten, viele verehrten ihn. Zwar gab es auch Viele, denen diese geräuschvolle Umwandlung nichts weniger als erwünscht kam: viele besoldete Helfershelfer, viele andere Lastergenossen, die nunmehr eine so starke Hülfsmacht, auf die sie gewohnt waren in allen Stücken Rechnung zu machen, verloren , die mit einemmale die Fäden lang ausgesponne- ner Gewebe, vielleicht in dem Augenblicke zerrissen sahen, wo sie die Kunde ihrer Vollendung zu empfangen hofften. Wir haben aber gesehen, wie verschiedene Gefühle jene Bekehrung den Schurken erregte, die sich um ihren Herrn befanden, als er sie verkündete: Staunen, Schmerz, Niedergeschlagenheit, Aer- I 2 132 ger! ein wenig von Allen, nur weder Haß noch Verachtung. Dasselbe ereignete sich milden anderen, die er an verschiedenen Orten hie und da verstreut hatte; dasselbe mit den vornehmeren Spießgesellen, als sie die schreckbare Nachricht empfingen; und zwar fanden bei Allen die einen und dieselben Ursachen Statt. Haß ward, wie Ripamonti angicbt, dem Eardinale Friedrich ausschließlich zu.Theil. Sie betrachteten ihn wie Einen, der sich ihnen als Feind entgegengcstellt hatte; der Unbekannte wollte seine Seele retten: darüber hatte Niemand das Recht, sich zu beklagen. Nach und nach waren die Meisten der Hausdicnerschaft, weil sie sich weder an die neue Disciplin gewöhnen konnten, noch die Wahrscheinlichkeit einer Aenderung voraussahen, gegangen. Der mag sich vielleicht unter den alten Freunden seines alten Herrn einen neuen gesucht haben; der sich von irgend einem Rottenmeister für Spanien oder Mantua oder eine andere kriegführende Macht haben werben lassen; der sich auf der Straße ansaßig gemacht und im Kleinen, auf seine eigene Faust, Krieg geführt haben; der sich haben genügen lassen, als Gauner von Profession, frei umherzuwandern. Und ein ähnliches mögen wohl auch alle die Andern vorgenommcn haben, die vordem an verschiedenen Orten unter seiner Obergewalt standen. Wer sich mit der Zeit an die neue Lebensweise hatte gewöhnen können, oder sich derselben aus freiem Antriebe widmete, kehrte, war er in dem Thals 133 HD»- dj, lkie; ali ß, i-ll- - Äk. "jislÄ c«: is- !kL!M Hiß, rikrii imz HlW r «im «Ll- «>H Ms ilh st- I, ftti «bi :iw I» Ä>H fni- W geboren, zum Feldbaue zurück oder zu dem Gewerbe, das er anfänglich erlernte und mit dem Schurkengewerbe vertauschte; Auswärtige blieben als Hausbediente im Kastell: die einen wie die andern schienen mit ihrem Herrn gesegnet, thaten es ihm in ihrem ferneren Benehmen gleich, stifteten und empfingen kein Unrecht, wandelten unbewaffnet und geehrt einher.- Als nun bei dem Einbrechcn der deutschen Rotten mehre Flüchtlinge aus zerstörten oder bedroheten Dörfern im Schlosse ankamcn und Schutz suchten, nahm der Herr, froh, daß die Schwachen seine Mauern, die sie seit langer Zeit nur wie ein ungeheures Schreckbild von ferne anzusehen gewagt hatten, jetzt als Asyl betrachteten, die Vertriebenen eher mit Zeichen der Erkenntlichkeit als bloßer Höflichkeit aus. ließ überall verkünden, daß fein Haus jedem offen stehe, der in ihm Schutz suche, und dachte alsbald darauf, nicht b-los das Schloß selbst, als das ganze Thal in Vertheidigungszustand zu setzen, im Falle jemals Landsknechte oder Eappel- letti es sich einfallcn ließen, zu'kommen, um daselbst zu Hausen. Er versammelte die gebliebenen wenigen, aber tapferen Diener, stellte ihücn die schöne Gelegenheit vor, die Gott ihm und ihnen gäbe,-einmal--zu>m Dienst ihrer Nächsten, die sie'so sehr unterdrückt und be- angstet hakten, etwas zu vollbringen, deutete-ihnen im Allgemeinen, mit Befehlstone, der die Gewi-ßheitidrs Gehorsams voraussetzte,- an, was sie nach feinennWll- 134 len zu thun hätten, und schrieb ihnen vor, wiesle sich benehmen sollten, damit alle Leute, die sich hierher flüchteten, nur Freunde und Vertheidiger in ihnen gewahrten. Er ließ aus einer Bodenkammer die Feuergewehre, Lanzen, Schwerter und Dolche, die daselbst auf einen Haufen waren geworfen worden, herabholen, vertheilte sie unter die Leute; ließ seinen Bauern und Pachtern im Thale sagen, cs möge ein Jeder, der den guten Willen habe, mit Waffen auf das Schlyß kommen; wer keine mitbrachte« empfing sie; wählte einige zu Offlcieren und Befehlshabern der anderen aus, ließ an den Ausgang und an ver- schicdene Punkte des Thales, an den Abhang und die Thore des Kastellcs Wachen stellen und bestimmte Art und Stunden der Ablösung, wie nach Kriegsgebrauch , und wie es schon früherhin vor der Bekehrung Statt fand. In einem Winkel jener Bodenkammer, fern von den anderen Waffen, lagen, die er ehemals zu tragen pflegte: sein wohlbekannter und gefürchteter Karabiner, Musketen, Degen, Schwerter, Pistolen, Hirschfänger, Dolche, auf der Erde oderandieWän- de gelehnt. Keiner der Diener legte Hand daran; sie fragten den Herrn, welcher er sich bedienen wolle. „Keiner, ^ enrgegnete er, und, geschah es aus Gelübde- oder Entschluß, er blieb an der Spitze seiner kleinen Heerlchaar immer unbewaffnet. 'Er halte andere männliche und weibliche Bedie- 135 ^ »i'K «»hi«, t"iiiid. A>!k di, ^di, -tz Ä-I> ^tnl, « «tl> Lj Md :flM- Imji- l„L tzrA M ?LÄ- 1 ÄU, 21 °- diii»! jß<- sM W nungen in-Trab gesetzt, im Kastelle, für so viele Menschen es nur möglich sey,u Wohnstätten zu bereite», Betten aufzuschlagen, Streuen, Matrazen, Strohsacke in Stuben und Sälen, zu Schlafstätten, zu bereiten; hatte Veranstaltung getroffen, daß zu Beköstigung der ihm von Gott gesandten, sich immer mehrenden Gäste hinreichende Lebensmittel herzugcschafft wurden. Er selbst war niemalsauf einem Orte fest; in und außer dem Schlosse, de» Berg hinab und hinauf, rings um das Thal;,.anzuordnen, zu befestigen,. Posten zu visitiren, zu sehen, sich sehen zu. lassen, alles mit Worten, Blicken und seiner Gegenwart, in Ordnung zu bringen und zu erhalten, Zm Hause, unterwegs, WH er ste erblickte, bewillkommtx er die Neuankommenden; alle, sic mochten ihn gesehen haben, oder zum erstenmale sehen, waren entzückt über diesen Mann, vergaßen einen Augenblick Weh und; Schrccken, die sie zu ihm trieben, konnten nicht ablas-, sen, ihm nachzustaunen, wenn er sich längst von ihnen, lps gemacht hatte und stechen Weg verfolgte, , n ' <- I. ' - na Dreißigstes Kapitel,^' ^ «s.r- I ' '. Wenn gleich der Haupttrubel nicht auf der Seite« von welcher-,unsere «drei Flüchtigen, dem Khale näheren, 136 sondern an dem entgegengesetzten Ausgange war, so fanden sie doch bald Reise- und Unglücksgesährten, die überall von Seitenwegen und Stegen herbeiströmtcn. In solchen Lagen ist Jedermann, dem man begegnet, ein Bekannter. Jedesmal, daß der Baroccio einen Fußgänger erreichte, wurden Fragen und Antworten gewechselt. Einev'war, wie unsere Flüchtlinge., vor Ankunft der Soldaten geflohen, einer hatte die Trommeln und Pfeifen schon gehört, die Soldaten schon gesehen, die er, wie Furchtcrfüllte zu beschreiben ^ pflegen, beschrieb. - „ Wir sind noch glücklich," sagten die beiden Weiber,'ss, der Himmel sey gepriesen. Hab und Gut geht zwar drauf; wir kommen aber doch mit heiler Haut davon,"- - Don Abbondio fand die Sache gar nicht so erfreulich';' auch dieser Zudrang und der, wie man ihm sag-, te, noch größere auf der andern Seite fing an, ihm unbehaglich vorzukommen. „Eine schöne Geschichte!" murmelte er den Weibern in einem Augenblicke zu, wo Niemand in der Nähe war; schöne Geschichte! Begreift Ihr denn nicht, daß man die Soldaten gleichsam mit den Haaren herbeizieht, wenn man so viele Menschen an einem Orte versammelt? Alle verstecken, alle schleppen fort ; in den Häusern bleibt nicbts zurück; müssen sie nicht glauben, daß hier oben Schätze gehäuft werden ? Sie kommen sicherlich und geidiß. Ach,'1ch-Armer! wohin bin ich gereichen! "-2 137 «er, s, , , ! „ Wie können sie denn hierher kommen? " sagte ' ^ Perpetua: „sie müssen ja ihrer Straße ziehen. Und dann Hab ich ja auch immer sagen hören, daß es in ' ^Gefahren besser ist, zu Viele als zu Wenige zu scyn." „Zu Viele? zu Viele?" erwiederte Don Ab- bondio: „arme Frau! Weißt Du denn nicht, daß ein Landsknecht hundert von dem Schlage auf sich ' nimmt? Nun, und wenn sie nun Dummheiten anfan- " gen wollten? Eine schöne Freude, in einer Bataille zu stecken! Wehe mir Armen! War es nicht besser, in die Berge 'zu klettern? Was wollen sie denn Alle an ^ dem einen Orte!_Tolles Volk!" murmelte er leiserAlles hierher; und immerzu, zu, zu; Ei- lllila ner hinter dem Andern, wie unvernünftiges Vieh." „Auf diese Weise," meinte Agnes, „könnten r« sie ja aber eben so von uns reden." „Schweigt, schweigt!" sagte Don Abbondio: !, ^ Das Geschwätz hilft nichts. Geschehenes ist nicht zu andern. Wir sind da und müssen da bleiben. Wir stehen in Gottes Hand, er sey uns gnädig! " Aber wie schlimm ward es ihm erst am Eingänge des Thales, beim Anblicke einer Schaar Bewaffneter, die theilweise vor einem Hause stand, theilweife in ! den Stuben des Erdgeschosses zu erblicken war. Er ^ schielte hin: es waren wohl nicht die Gesichter, die er bei seinem ersten unseligen Einzuge hatte sehen müs- ^ sen, oder wenn dennoch, waren sie sehr verändert; demungeachtet ist es aber unbeschreiblich, wie fatal sie ihm verkamen. „Ach,, ich Armer! " dachte er: „wenn sie nun ihre Dummheiten ansingen! Es konnte aber schon nicht anders seyn, ließ sich von einem Menschen seines Schlages nicht anders erwarten. Was will er denn machen? Will er Krieg führen? Will er den König spielen ? Er? Ach, ich Armer! Unter solchen Umstanden, wo ein Jeder sich in die Erde verkriechen möchte, thut der, was er kann, sich bemerkbar zu machen, in die Augen zu stechen; cs fehlt nur noch, daß erste bittet, herzukommen!" — „ Seht Ihr wohl, Herr Pfarrer," sagte Perpetua , „ ob es hier wackere Leute giebt, die uns zu vec- theidigen wissen? Sie mögen immerhin korpmen, die Soldaten: das.sind hier andere Leute als ussece-Bau- ern, die zu nichts nütze sind, als die Beine unter die Arme zu nehmen." „Schweig!" sagte DonAbbondio heimlich, aber mit verhaltenem Zorne: „Schweig/ Du weißt nickt, was Du sagst. Bitte Deinen Gott, daß die Soldaten Eile haben und kein Gelüsten verspüren, zu wissen, was hier vorgehch daß man den Ort wie eine Festung.zurichtet. Weißt Du nicht, daß es gerade ihr Handwerk ist, Festungen zu nehmen? Sie würden gar nichts weiter verlangen; ein Sturm istHnen eine Hochzeit, alles, was sie finden, gehört ihnen und sie dürfen alle Welt der Reihe nach aufspießen. Ach, ich Armer! Schon gut, ich will schon ,zusehn, ob es kein Mittel giebt, auf einem oder dem andern Felsen aufs Trockene zu kommen. In eine Schlacht bringen sie mich nicht: hu! in eine Schlacht bringen sie mich nicht!" „Ja, wenn Ihr Euch auch fürchten wollt, wenn man Euch hilft und schützt....?" begann Perpetua wieder; Don Abbondio harschte sie aber, wenn gleich mit leiser Stimme, an: „Schweig! hüte Dich, von diesen Gesprächen etwas verlauten zu lassen: versiehst Du? Hier muß man immer gute Miene machen, muß alles gut heißen, was man sieht." An dem Sonnenwirthshause fanden sie einen anderen Posten Bewaffneter, vor denen Don Abbondio ehrfurchtsvoll den Hut abzog, im Herzen aber sagte: „O weh, o weh! ich bin mitten in den Krieg gera- then!" — der Baroccio hielt an; Don Abbondio bezahlte und verabschiedete in aller Eile den Führer und stieg mit seinen beiden Begleiterinnen, ohne einen Laut von sich zu geben, bergauf. Der Anblick dieser Orte weckte seiner Einbildung das Andenken vormals hier ausgestandener Angst wieder auf und verschmolz sie mit der jetzt ausstehendcn. ^ Agnes, die sie noch nie gesehen, sich innerlich ein fantastisches Gemälde davon entworfen hatte, das sie jedesmal, wenn sie cs sich vorsührte, an alle Dinge erinnerte, die hier vor- gefallcn waren, empfand, als sie jetzt alles in der Wirklichkeit sah, die sie so nahe angehenden, schmerzlichen Erinnerungen lebhafter, und scharfer. „Ach, 140 Herr Pfarrer!" rief sie aus: „ wenn ich bedenke, wie meine arme Luzie dieser Straße zog_!" „Wollt Ihr wohl schwelgen, Ihr unverständige Frau!" schrie ihr Don Abbondio ins Ohr; „sind das Dinge, von denen man hier reden mag? Wißt Ihr nickt, daß wir uns in seinem Hause befinden ? Ein Glück, daß Euch jetzt Niemand gehört hat; wollt Ihr aber auf diese Weise...." „Ach!" sagte Agnes: „Jetzt, wo er ein Heiliger ist-!" „ Schweigt, " rief Don Abbondio ihr abermals in das Ohr: „glaubt Ihr, daß man mit den Heiligen so mir nichts dir nichts reden könne, wie es einem um das Herz ist? Denkt lieber nach, wie Ihr ihm für das Gute danken wollt, das er Euch erzeigte." > „Ach, was das anlangt, daran habe ich schon gedacht; meint Ihr denn, daß ich nicht auch ein wenig zu leben wisse?" „Man weiß zu leben, wenn man nichts sagt, was mißfallen kann, besonders solchen Leuten, die nicht gewohnt sind, etwas der Art zu hören. Und merkt Euch wohl, alle Beide, daß dies hier nicht der Ort ist, alles zu beschwatzen und alles heraus zu sagen, was Euch etwa durch den Kopf fährt. Es ist das Haus eines großen Herrn, das wißt Ihr schon; seht nur, was überall für Dienerschaft läuft, Leute jeder Art und jeden Schlages: seyd also vernünftig, wenn Ihr könnt: wagt Eure Worte ab, sagt m'ch.L zu viele und nur, so viele die höchste Noth verlangt: Schweigen thut immer gut." „Ihr treibt es schlimmer, mit allen Euren...." sing Perpetua an; aber: „still!" raunte ihr Don Abbondio ins Ohr, riß den Hut vom Kopfe und verneigte sich bis zur Erde, denn als er zufällig empor sah, kam der Unbekannte abwärts auf sie zu, hakte ihn schon gesehen, erkannt und eilte ihnen entgegen. Als er nahe war, sagte er: „Herr Pfarrer, ich hätte Euch gern bei freudigerer Gelegenheit bei mir gesehen, freue mich aber darum nicht weniger, Euch dienen zu können." „Im Vertrauen auf die höhe Güte Euer Gnaden," erwiederte Don Abbondio: „habe ich mich in diesen bcjammernswerthen Umständen erkühnt, mich zu Euch zu flüchten, Euch zur Last zu fallen; und wie EuerGnaden bemerken, hat mich die Starke dieses Vertrauens verleitet, auch Gesellschaft mitzubringen. Diese ist meine Haushälterin — " „ Seyd willkommen," sagte der Unbekannte. „Und diese," fuhr Don Abbondio fort, „eine Frau, der Eurer Gnaden schon wohlgethan haben: die Mutter jener.... jener.... " „ Luzia, " sagte Agnes. „ Luzia!" rief der Unbekannte und wandte sich mit gesenkter Stirn zu Agnesen. „Wohlgethan! ich? großer Gott! Ihr, Ihr thut mir wohl, daß Ihr hierher kommt .... zu mir .... in dieses Haus. Styd willkommen. Ihr bringt des Himmels Segen!« „Ach, gewig," sagte Agnes: „mache ich Euch Beschwer. Ich habe Euch auch," fuhr sie fort und näherte sich seinem Ohr, „ zu danken, für....« Der Unbekannte unterbrach ihre Worte, indem er dringend nach Luzien fragte. Als er unterrichtet war, ging er, seine neuen Gaste begleitend, wieder mit zum Schlosse zurück, obwohl sie es mit vielen Komplimenten verhüten wollten. Agnes warf dem Pfarrer einen Blick zu, der besagte: „Seht Ihr wohl, ob es nöthig ist, daß Ihr Euch mit Eurem Rachgeben zwischen uns mischt?« li ^ „Sind sie schon in Eurem Kirchspiele?« fragte der Unbekannte. „ Nein, gnädiger Herr, ich mochte die Teufel vj.ch.t.ecst erwarten, « entgegnete der Pfarrer. „Der Himmel wsiß, ob ich ihren Klauen lebend entkommen wäre und dann zu Euer Gnaden hatte kommen können-" ..„Nun, faßt nur Muth," erwiederte der Unbekannte : „Jetzt seyd Ihr in Sicherheit. Hier herauf kommen sie nicht, und wollten sie cs ja versuchen, so sind wir zum Empfange bereit." Wir-wollen hoffen, daß sie nicht kommen," sagte Don Abbondio. „ Wie ich höre,« fuhr er fort und deutele mit dem Finger nach der gegenüberliegen- 14S den Bergwand: „Wie ich höre, treibt sich auch auf jener Seite ein Schwarm herum, und, und-" „'ES ist wahr," antwortete der Unbekannte: „aber ich versichere Euch, daß wir auch sie zu empfangen nicht faul sind." ^ „Zwischen zwei Feuern! " dachte Don Abbondio: „ also zwischen zwei Feuern! Wo habe ich mich hin schleppen lassen! und von zwei Klatschmäulern!. Und der scheint aufgelegt, uns erst.recht hinein drücken zu wollen ! Ach,was fürMenschen giebt es aufdetWelt!" Im' Schlösse arrgelangk, ließ der Herr Agnesen und: Perpttwe« in ein Zimmer, in den zur Frauenwohnung bestimmten Thril führen, der drei der vier Seiden des zweltenHvfes einnahm und den uns einen entlegenen Kelsenvdrsprung gebauten, über einem Ab-' gründe schwebenden Rücken des ganzen Gebäudes blldmr. Dib" Männer brwohuten beide Flügel des zwkAen. Schwßhofes,l. mit,'der Aussicht nach dem freien Platze. Das beideHöfe trennende unddieKom- munikatiön durch einen langen, geräumigen, dem Schtoßthore gigenübergelegenen, offenen Gang befördernde Mittelgebäude diente zur Aufbewahrung der Lebensmittel und Vorrathe und theilweise auch der Waaren und Gegenstände,- welche die Geflüchteten mitbrachten. In der Mannerwohnung war ein kleines Zimmer für etwa ankommende Geistliche bestimmt, wohin der Unbekannte Don Abbondio, den ersten Besitznehmer, in Person führte. Unsere Flüchtlinge blieben etwa dreinndzwanzig oder vierundzwanzig Tage, in fortdauernder Bewegung, in großer in der ersten Zeit von Tag zu Tag zunehmender Gesellschaft, ohne daß sich etwas Wichtiges ereignet hakte, im Schlosse. Es.verging, säst kein Tag, wo man nicht zu den Waffen rkef. -.Hier, waren Landsknechte herbeigckommen- dort hatten sich Cap- zMettl, sehen lassen. Der Unbekannte sandle jedesmal Kundschafter aus, nachm, wo es nöthig'war, Leute mit sich, die zu dem Zwecke immer bereit waren, und begab sich mit ihnen vor das Thal', der'Ge- gend zu, wo die Gefahr drohte. Es nahm sich sonderbar aus, eine solche Schaar von Kopf bis zu Füßen Bewaffneter, in kriegerischer Ordnung , von einem Manne ohne Waffen angeführt, ausziehen zu sehen. j dinn. Zum öfteren waren es Furaschirer und zusammengerottete Räuber, die, eheffie überfallen werden konnten , sich aus dem Staube machen. Einstmals aber, als er auf der Jagd einer solchen Bande begriffen war, benachrichtete man den Unbekannten, daß so eben ein nahes Dorfverwüstet und geplündert werde. Es waren von verschiedenen Trupps zurückgebliebene, maro- dirende Landsknechte, die sich geschaart hatten, .aufs Eerathcwohl die nächsten Dörfer an den Nastorten des Heeres überfielen, plünderten und brandschatzten. Der Unbekannte haranguirte seine Leute und marschir- te mit ihnen dem Dorfe zu. Sie kamen uncrwar- 145 '-'»Wj, i« r:,^ »iiiitii- Älz rn, k K,- ist I«»- i« W >«»ii- -x!N» -i»- 1ad>L- !Ä?K üiLHis ilt«i» Ü«- >, Müll, Kjil ik» W teiltet : die Spitzbuben waren auf nichts gefaßt als zu beuten, und liefen, als sie kampffertige, geordnete Männer anrücken sahen, ihren Raui> im Stiche lassend, einzeln eiligst davon, ohne daß sich der Eine erst besonnen hatte, welchen Weg der Andere nahm. Der Unbekannte verfolgte sie eine Weile, ließ dann Halt machen, wartete ab, ob sich noch etwas Neues zeige, und kehrte wieder um. Man kann denken, mit welchem Beifalls- und Segensgeschrei die Schaar der Befreier und ihr Anführer begleitet wurden, als sie wieder durch das Dorf zogen. Im Kastelle entstand niemals, wie groß auch die zusammengedrangte Menge war, verschieden an Stand, Sitten, Geschlecht und Alter, eine Unordnung von Bedeutung. Der Unbekannte hatte an verschiedene Orte Wachen gestellt, die jede Ungebührlichkeit mit dem Eifer entfernten, mit dem ein Jeder dem oblag, wovon er Rechenschaft geben mußte. Er hatte ferner die unter den Geflüchteten befindlichen Geistlichen und angesehensten Leute gebeten, überall umher zu gehen und zu wachen; und so oft es ihm möglich war, ging er selbst umher, war überall zugegen; aber selbst wenn er nicht zugegen war, hielt schon der Gedanke, daß er im Hause sey, Jeden, der es etwa bedurfte, im Zaum. Es waren überdies lauter geflüchtete, demnach im Allgemeinen friedfertige Leute, und die Gedanken anHei- math und Eigenthum, zurückgebliebene Freunde oder Verwandte und deren Gefahren, die von Außen an- Hl. K langenden Nachrichten, drückten die Gemüther zu Boden und erhielten oder bestärkten jene Stimmung immer mehr. Es gab aber auch der leichteren Sinne, Männer von beständigerer Gemüthsstimmung und frischerem Muthe, bemüht, ihre Tage lustig zu verbringen- Sie hatten ihre Häuser verlassen, weil sie sich zu schwach fühlten, sie zu vcrtheidigen; deshalb aber waren sie keineswegs geneigt, über etwas Unabänderliches zu jammern und zu wehklagen, noch sich schon in der Einbildung mit der Verwüstung abzugeben, die sie bald genug mit eigenen Augen erblicken würden. Bekannte Familien waren mit einander gegangen , hatten sich oben getroffen; neue Freundschaften waren geschlossen worden; die Menge hatte sich, nach Launen und Sitten, in Gesellschaften getrennt. Wer Geld hatte und bescheiden wack? ging, die Bedürfnisse seines Magens zu stillen, hinab ins Thal, wo in aller Geschwindigkeit Schenken und Gasthäuser entstanden waren: in einigen nahm man abwechselnd Bissen zu sich und gab Wehklagen von 'sich und es war nicht gestattet, von anderem als Unheil zu sprechen; in anderen geschah des Unheils nur Erwähnung , um zu sagen, daß man es sich aus dem Sinn schlagen müsse. Wer auf seine eigenen Kosten nicht leben konnte oder wollte, empfing im Kastelle Brod, Suppe und Wein: außerdem gab es einige täglich ungerichtete Tafeln für die von dem Herrn besonders dazu Geladenen, worunter unsre Bekannten. Um ihr Brod nicht umsonst zu essen, hatten Agnes und Perpetua verlangt, in den zu einer so großen Witthschafc nöthigen Diensten angestellt zu werden; damit verbrachten sie einen guten Theil des Tages , der andere verging im Geplauder mit einigen frisch geschlossenen Freundschaften und dem arme» Don Abbondio. Dieser hatte gar nichts zu thun, langweilte sich aber dennoch nicht, denn die Fmcht war seine stete Gesellschafterin. Die eigentlich« Furcht vor einem Ueberfalle mochte ihm wohl vergangen seyn, oder bereitete ihm, war sie wirklich noch da, das mindeste Leid, weil er jedesmal, dachte er nur ein klein wenig nach, finden mußte, wie unbegründet sie sey. Aber das Bild des von beiden Seiten von räuberischen Soldaten überschwemmten Landes, die Waffen und Bewaffneten, die er beständig vor Augen sah, ein Kastell, dies Kastell, der Gedanke an tausend Dinge, die sich in solcher Lage aller Augenblicke ereignen konnten, alles bewahrte ihm eine unbestimmte, allgemeine, fortwährende Beklemmung, der Sorge um sein eigenes Haus zu geschweigen. Wahrend der ganzen Zeit seines Aufenthaltes im Schlosse entfernte er sich keinen Fuß breit von demselben, fetzte keinen Fuß auf den Abhang des Berges: sein einziger Spatziergang war über den freien Schloßplatz, i'M Schlosse ab und zw, austund nieder, durch alle Ab- gründe und Felsenhänge, wo er sich im Fall der Noch verbergen möge. Allen seinen Unglücksgefährten machte er tiefe Bücklinge und Verneigungen, gab sich aber nur mit äußerst wenigen ab. Am häufigsten sprach er, wie wir schon sagten, mit den beiden Frauen und schüttete gegen sie sein Herz auf die Gefahr aus, von Perpetuen zuweilen auf den Mund geschlagen, von Agnesen beschämt zu werden. Bei Tische, wo er nur kurze Zeit verweilte und wenig sprach, vernahm er die Berichte über den furchtbaren Durchmarsch, die sich entweder von Dorf zu Dorf, von Mund zu Mund fortpflanzten, oder von irgend einem Neuangekommenen Flüchtlinge mitgebracht wurden, der anfänglich zu Hause bleiben wollte, zuletzt aber, ohne etwas zu retten, oft sogar übel zugerichtet, davon laufen mußte: tagtäglich neue Unglücksmahren! Einige Neuigkeitskrämer von Profession sammelten sorgsam alle Gerüchte, würdigten alle Nachrichten, und theilten die Quintessenz den Anderen mit. Man stritt mit einander über die Frage, welche Regimenter die verteufeltsten wären, ob Fußvolk schlimmer als Reiterei: man führte, so gut man konnte, die Namen gewisser Eondottieri an, erzählte sich ihre frühem Thaten, nannte die Rastorte und Marsche: an diesem Tage durchzog das und das Regiment die und die Orte, morgen gelangte cs zu denen und denen, wo schon das und das andere das Unterste zu Oberst gekehrt hatte. Besonders suchte .man zu erfahren, genaue Kenntniß zu erlangen, was für Regimenter von Tag zu Tag die Brücke von Lecco passirten, weil man sie sodann als wirklich außer Landes betrachten konnte. Es passir- ten nach und nach die Fuß- und Reiterregimenter: Wollenstem, Anhalt, Marradas, Brandenburg, Mon- tccuccoli, Ferrari, Altringer, Fürstenberg, Collore- do, Torquati Conti, die Kroaten und viele viele andere , bis es denn endlich dem Himmel gefiel, auch das letzte und zwar Galosso hinüberzuschicken. Airch das fliegende Corps Venetianer entfernte sich und rechts und links ward alles Land wieder frei. Die, deren Dörfer am ersten geplündert und verwüstet wurden, hatten schon angefangcn, das.Kastell zu raumen; tagtäglich folgten ihnen. Andere: gleichwie nach einem Herbitsturme aus dem dichten Laubdache eines Baumes nach allen Seiten hin Vögel entfliegen, die er schützte. Ich vecmuthe, daß unsere Drei zuletzt gingen, und zwar nach Don Abbondio's Witten, der befürchtete, bei schnellerer Heimkehr, verstreute, nach- züglernde Landsknechte anzutreffen. Perpetua mochte reden und reden wie sie wollte, daß, je länger man zaudere, man den einheimischen Spitzbuben desto mehr Zeit lasse, vollends reine Wirthschaft zu machen; handelte es sich irgendwo um Sicherung der eignen Haut, so behielt Don Abbondi'o immerdar die Oberhand, außer wenn ihm die Höhe der Gefahr alle Fassung benommen hatte. An dem zur Abreise bestimmten Tage ließ der Un- 1Z0 bekannte vor dem Sonnenwkrthshause eine Kutsche bereithalten und ein Bündel Wäsche für Agnes hineinlegen, die er bei Seite zog und, zu Vergütung der zu Hause gewiß antreffenden Verherüng, eine Nolle Scudi anzunehmen zwang; sie mochte, Hand aufis Herz legend, sagen und betheuern wie sie wollte, daß sie noch von den alten habe. ' - „Und wenn Ihr Eure arme, gute Luzia wiederseht, — " sagte er: „ich weiß gewiß, daß sie für mich betet, ob ich ihr gleich so weh gethan habe; so sagt ihr, daß ich ihr -danke, daß ich auf Gott vertraue, ihr Gebet für mich werde seinen Segen auch auf sie herableiten." Er wollte seine drei Gäste bis zur Kutsche geleiten. Man kann sich die demüthigen, unterthäni- g«n Danksagungen, Perpetuens Komplimente vorstellen. Sie reisten ab; versprochnermaßen ward ein wenig vor dem Schneiderhause angehaltensliausge- stiegen, vernahm man hunderterlei über den Durchzug: die alten Geschichten von Raub, Prügel, Verwüstung. Sauerei; es hatten sich zum guten Glück keine Landsknechte blicken lassen. „ Ach, Herr Pfarrer!" sagte der Schneider, in- -em er ihm den Arm zum Wiedereinsteigsn reichte-: ,', man könnte Bücher schreiben über einen solchen Spektakel." - -'ua - Nachdem unsere Reisenden ein wenig weiter' gefahren waren, fingen'sis wjt eigenen Augen an, die Wahrzeichen dessen zu sehen, was man ihnen beschrieben hatte: verwüstete Weinberge, nicht verwüstet, wie es die Weinlese mit sich bringt, sondern wie Sturm und Hagelwetter verwüsten: am Boden verstreute, zertretene Rebschösse; Pfahle ausgerissen, Erdreich zerstampft, bestreut mit Steinen, Blattern, Schößlingen; Baume zerhauen, entkrönt, Hecken durchlöchert, Stakete fortgeschleppt. In den Gütern zerbrochene Thüren, abgerissene Fensterladen, Heu, Stroh, Lumpen, Fetzen allerwärts, haufenweife oder auf die Wege gesät; schwere Luft, stinkende Dampf- wolken, dichter als aus den Hausern dringende; ein Bauer kehrt Schmutz fort, ein anderer bessert bestmöglichst Thüren aus, ein Anderer jammert und weint mit. Anderen; als die Kutsche vorbeifahrt, hüben und drüben an den Schlagen ausgestreckte, bettelnde Hände. Solche Bilder, .jezt vor Augen, jezt .im Sinn, erwartungsvoll, zu HauseAchnliches zu finden, langen sie an, finden, was sie erwarten, Agnes laßt ihre Bündel in einen Winkel des Hofes legen, der der reinlichste Ort des Hauses geblieben war. fängt an zu kehren , das Wenige, was man ihr gelassen hatte, aufzulescn und zu ordnen; läßt Tischler und Scklgsser kommen, hie Thüren zu festigen , packt die erhaltene Masche aus, zahlt ihre neuen Goldstücke heimlich durch, und sagt sich einmal über das andere: „ich bin wunderbar gerettet, Dank sey es dem Himmel, der heiligen Jungfrau, dem gu- 152 ten Herrn: ja ich kann sagen, ich bin wunderbar gerettet!" Don Abbondio und Perpetua bedürfen keiner Schlüssel, in ihr Haus zu gelangen; mit jedem Schritte, den sie durch die Hausflur gehen, wachst unerträglicher Pest - und Modergeruch, sie halten die Hand vor die Nase, dringen bis zum Eingang der Küche, treten ein, wissen nicht, wohin den Fuß zu setzen, die schmutzigste, stinkendste Streu am Boden zu meiden, lassenden Blick umhcrschweifen. Es war nichts mehr ganz, nur Trümmer, Ueberreste des Ganzgewesenen, hier und dort, in jedem Winkel: Gefieder und Federn von Perpetuens Hennen, Fetzen von Wasche, Blatter aus Don Abbondio's Kalendern und Kuchenbüchern, Scherben, eins über, eins neben dem andern. Allein auf dem Herde sah man alle Anzeichen der vollkommensten Plünderung, vereint. Sie glichen vielen hergebrachten Redensarten in dem gedehnten Wortschwalle eines höflichen Mannes. Ueberbleibsel von Feuerbranden, Holzsplitter, das war Stuhllehne gewesen, das Tischbein, das Schrankpfoste, das Bettwand, das Daube des Fasses, dessen Wein Don Abbondio's Magen stärkte. Alles klebrige war Asche und Kohlen und mit den Kohlen hatten die Verwüster sich noch ergötzt, an die Wände gräßliche oder lächerliche Fratzcngesichter, mit viereckigen Mützen oder kahlköpfig, mit Halskrausen, Priester verstellend, zu kritzeln. „Ach, die Sauen!" schrie Perpetua. „Ach, die 1Z8 Galgenvögel!" schrie Don Abbondio , und Beide eilten wie gejagt durch eine Hinterthüre, in den Obstgarten. Sie schöpften Athcm, gingen stracks auf den Feigenbaum los: noch nicht angelangt, sahen sie schock die aufgewühlte Erde, schrieen einstimmig ausf angelangt, fanden sie in der Thal, statt das Schatzes, die leere Grube. Hier gab es Skandal: Don Abbon- dio zankte auf Perpetua, schlecht vergraben zu haben: Perpetua ließ natürlich nichts auf sich sitzen; und nachdem eines wie das andere wacker geschrieen chund mit ausgesirecktcm Arme und Zeigefinger auf die Grube gewiesen hatte, gingen Beide zankend zurück. Man wird leicht glauben, daß sie überall dieselben Entdeckungen machten. Es kam ihnen, da in diesen Tagen fast gar keine Hülfe aufzulreiben war, sauer an, das Haus zu säubern und zu reinigen, und dauerte lange, che sie sich wieder, so gut es sich thun ließ, eingerichtet, Thüren, Haus- und Wirthschaftsgeräthe mit von Agnesen geborgtem Gelde ausgebessert halten, und zur Ruhe kamen. In Folge dieses Unheils kamen auf eine Zeit lang viele andere peinliche Dinge zur Sprache; Perpetuens Fragen, Spähen, Lauschen verschaffte ihr die Gewißheit, daß gar Manches vom Wirthschaftswesen ihres Herrn, das man in die Hand der Soldaten gefallen oder von ihr zerstört glaubte, in guter Ruhe bei dem und dem Bauer des Dorfes sich befinde; sie lag ihrem Herrn fortwährend an, Lärm zu machen, das Seinige zurück zu verlangen. ES war Don Abbon- dio'n nichts verhaßter, als wenn man diese Saite an- schlug, ihm sagte- sein E'genthum befinde sich im Besitze.solcher Spitzbuben, mit denen er leben müsse. Wenn ich nun aberrnichts von solchen Dingen wissen will, " sagte er.:..-»Wie oft soll ich Dir wiederholen-, daß hin hin, verloren verloren ist? Soll ich.-l.weil sie mir das Haus ausgeräumt haben, mir auch, noch solche Noth nrachen?" ,- Nm ;,Jchnsage es-ja," entgegnen Perpetua: „Ihr laßt Euch die Augen aus dem Kopfe stehlen, r Andere Leute, .halten .für Sünde, wenn 'man sie bestiehlt, Ihr haltet für Sünde, wenn man Euch nicht bestiehlt. " S'. ' „Was das nun wieder für einfältige Reden sind!" meinte Don Abbondio: „ Wirst du wobl schweigen?" Perpetua schwieg wohl, aber nicht sobald; überall fand sie. Vorwand, von Neuem anzubinden. Es gingsolweif, daß verarme Mann gar nichtmehr wagte» sich einen Klagelaut über dies und das fehlende Ge- räth,' wenn er es vermißte, entschlüpfen zu lassen, that er es, so mußte er mehr als einmal hören: „Geht,- sucht es nur da und da, der hat es., würde es nicht bis zu dieser Stunde haben, hatte er.nicht mit einem so frgmmen Manire zu thuri." Andere, noch lebhaftere Unruhe erregte ihm die Nachricht- daß, wie er schon befürchtete, tagtäglich Nachzügler des Heeres durchkamen. Er befürchtete alle Augenblicke, einen oder eine ganze Schaar vor sei-- ner, in größter Eile wiedsrhergestellten, mit großer Sorgfalt verschlossen gehaltenen Thüre stehen bleiben zu sehen; doch der Himmel war ihm gnädig , es geschah nicht. Er hatte sich von diesem Schrecken noch nicht befreit, als schon ein neuer auf ihn'ein-- drang. - Wir müssen den armen Mann bei Seite schieben: es giebt andere Dinge als seinen Katzenjammer , als Noch und auszustehendcs Mißgeschick eines einzelnen; Hauses zu beschreiben. U "!, '' .au ' (' .. ... t . . ..„.u- .....n ,, : ' r: . 'nn '.'N ! - ? !! ' . . r ' , .'s".'!) - : .EinunddreisiiAstrs- Kspi.t-e^nr-'-.h ' .. xi.. . .u 'iu.-! Das Smritattribunat'-Hatte''-befürchtet'- die Pest möge mit den deutschen Krieg-schaaren in das Mailänder Gebiet dringen; es geschah, 'sie' verbreitete sich nicht blos über das Mailaiidische, sondern über einen großen Theil von ganz Italien-. Von dem Gange unserer Geschichte geleitet, haben wiv jetzt die Hauptdata dieser allgemeinets-Mvth.zu erzählen-; Wir müssen unS deshalb auf das Mailändische, und, weil 'dieAnnalen jener Zeit nlchrvoN dem Lande„sprrchen, auf die Stadt Mailand beschränken. Wir gestehen, daß unsere Absicht nicht dahin geht, nur so viel zu erzählen als die Geschichte unserer Helden mit sich bringt; wir wollen, so gut wir in der Eile und mit unseren Kräften vermögen, den Abriß eines zwar hochberühmten, aber doch nicht sehr gekannten Thei- les vaterländischer Geschichte geben. Kein einziger der mannichfachen Berichte der Zeitgenossen reicht für sich hin, einen nur Halbwege deutlichen, anschaulichen Begriff davon zu geben; will man sich.ihn gbcr bilden, kann man keinen einzigen der vielen missen. Zn einem jedenselbst Ripamonti, *) der doch sowohl wegen Wahl und Fülle der Fakta, als wegen Art der Auffassung allen anderen versteht, nicht ausgenommen, finden sich bedeutende Jrrthümer, die man aus anderen, oder aus den wenigen, verbliebenen, gedruckten oder ungedruckten, öffentlichen Denkmalen und Akten erkennen und nach ihnen berichtigen kann; oft gedenkt der eine der Ursachen dessen, wovon der andere nur die Wirkungen gesehen hatte. In allen aber herrscht eine seltsame Verwirrung mit Zeit und Dingen; es ist ein beständiges Erzählen und Abschweifcn, vom Zufall bestimmt, ohne Hauptabsicht, ohne Absichtlichkeit der Details: ein Eharakrcr, der sich am häufigsten nnd bestimmtesten aus den Büchern jener kixainonti, canonici scalcnsis» ckronis« tae nrdis öleäiolani, ov xest.« yuas knit anno 1630, V. ÜleälolLni, apnä LlLlarestas. 157 Zeit, namentlich aus denen in der Volkssprache geschriebenen, zum Mindesten in Italien, ergiebt; ob es auch im übrigen Europa so ist, werden die Gelehrten wissen; wir möchten cs vermuthcn. Es hat sich kein späterer Schriftsteller aufgegeben, jene Nachrichten zu würdigen und gegeneinander zu halten, um eine fortlaufende Schilderung der Begebenheiten, eine Beschreibung der Pest daraus hervorzuheben. Die Idee, welche man im Allgemeinen davon hat, muß nothwendigerweise sehr unklar und unbestimmt seyn: eine unvollkommene Idee von großen Leiden und großen Jrrthümern (was beides in alle Begriffe übersteigender Menge vorhanden war); eine mehr nach Ur- theilcn, als Thatsachen gebildete Idee, die der letzteren nur wenige ausweisen konnte, oft der bezeichnendsten Nebenumstande beraubt, oft ohne Unterscheidung der Zeit: Ursachen und Wirkungen, Laufund Fortschritte. Wir beleuchteten und verglichen mit redlichem Fleiße alle gedruckten Quellen, mehr als ein Manuskript, viele (im Betracht der wenigen» aufbewahrten,) gerichtliche Dokumente, und haben damit, zwar nicht so viel wir leisten wollten, doch etwas noch nicht Geleistetes geleistet. Wir sind kei- neswcges der Meinung, daß, wer eine noch voll- kommnere Idee von der Sache gewinnen möchte, sie nicht durch eigenes Studium der Quellen sollte erlangen können; wir wissen sehr wohl, welche lebhafte, eigcnthümliche, ganz unmittheilbare Kraft in 158 Werken der Art, sie Mögen abgefaßt und geschrieben sei)», wie sie wollen, liegt. Wir haben nur versucht, die allgemeinsten, in die Augen fallendsten Züge festzustellen, so weit ihre Ursachen und Natur es gestatteten, sie in der richtigen Zeitfolge vorzusühren, ihre Gegenwirksamkeit auseinanderzu legen und somit, bis es jemand anders besser macht, eine zwar ober- flackliche, aber unentstellte, unzertrennte Skize jenes Unsterns zu geben. Dem ganzen, vom Heere durchzogenen, Landstriche entlang, fanden sich in Hausern, aus Straßen Leichname. Es wahrte nicht lange, so begannen in diesem und jenem Dorfe Personen, Familien , an seltsamen, bösartigen, an ihren Symptomen den meisten Lebenden unbekannten Uebeln, zu erkranken, zu sterben. Es gab nur Wenige, die sich der nämlichen Symptome aus den Zeiten der Pest entsannen, die vor dreiundfunszigJahren schon einen guten Theil Italiens entvölkert hatte und wegen Karl Bo- romeo's Mildthätigkeit nicht anders als die Pest des bciligen Karl genannt ward und wird. Der Arzt Lodovico Settala, welcker jene Pest nicht allein gesehen hatte, sondern zu den unerschrockensten, eifrigsten, und wie jung er damals auch seyn mochte, berühmtesten Bekampfern derselben gehörte, jetzt große Besorgnisse hegte, immer wachte und Erkundigungen einzog, berichtete dem Gesundhcittribunale unterm 20 Oktober: in der Ortschaft Chiuso. (die letzte des Bezirks von Lecco, an der Grenze von Bergamo) Härten sich unverkennrliche Anzeichen der Ansteckung ergeben. Aus dem Ragguaglio Tadino's geht hervor, daß man auf diesen Bericht zu keinem Entschlüsse kam. Und als auch aus Lecco und Bellamo ähnliche" erfolgten, beschloß das Tribunal und begnügte sich, einen Bevollmächtigten abzujenden, der in Eomo einen Arzt mit sich nähme und mit ihm an den bezeichnten Orten Untersuchungen anstelle. Beide ließen sich, es sey aus Unwissenheit oder anderem Grunde, von einem alten, einfältigen Barbier in Bellamo einreden, diese Art Uebel sey nickt die Pest, sondern, an einigen Orten i gewöhnliche Wirkung der herbstlichen Ausdünstungen der Sümpfe, meistentheils aber Wirkung des Ungemachs und der erlittenen Beschwerden bei der Flucht vor den Soldaten. Aehnli- che Versicherungen wurden hierauf dem Tribunale, dem sie genügt zu haben scheinen, erstattet. Als aber von mehren Seiten unablässige Nachrichten überhandnehmender Sterblichkeit einliefen, entsandte man zwei andere Bevollmächtigte» um zuzusehen und vorzubeugen: den oft erwähnten Tadino und einen Auditor des Tribunals. Als diese ankamen, war das Uebel bereits so verbreitet, daß sie, um Beweise^ dafür zu haben, nicht nöthig hatten zu suchen. Sie durcheilten den Bezirk von Lecco, Valsassina, die Gestade des Eomersees, die sobenannten Distrikte: Monte d! Brianza^und Gerü d'Adda, und überall 160 fanden sie verlassene, oder ganz verödete Wohnungen, die Besitzer geflohen, auf den Feldern gelagert, oder hie und da vereinzelt; „sie schienen," schreibt Tadino, „in der Wildniß ausgewachsene Geschöpfe, Eines trug Kraufemünze in der Hand, das andere Raute, Rosmarin, ein Fläschchen mit Essig. " Sie fragten nach der Anzahl der Gestorbenen, die entsetzlich war; besuchten Kranke, besichtigten Leichname und fanden überall die gräßlichen, ekelhaften Spuren der Pest. Sie erstatteten alsbald schriftliche Berichte von diesem betrübenden Zustande der Dinge an das Sanitatlribunal, und dasselbe kam ungesäumt nach deren Empfange, am 30- October, wie Tadi> no sagt, überein: Verordnungen zu erlassen, nach denen Niemand, der aus einem mit der Seuche behafteten Dorfe käme, in die Stadt Zutritt erhalten solle. Bis dieser Befehl in aller Form gegeben Wernen konnte, empfingen die Zolleinnehmer vorläufige Instruktionen. Die beiden Abgeordneten trafen unterdes in aller Eile und Hast die Anstalten, welche ihnen gleich erreichbar und die schleunigste Hülfe zu geben geeignet waren, und kehrten mit dem traurigen Gefühle ihrer Unzulänglichkeit zurück, ein so weit vorgeschrittenes, so weit hinein böse gewordenes Uebel aufzuhalten oder zu lindern. Sie langten am 14 November an, erstatteten mündlich und abermals schriftlich Bericht beim Tribunale und empfingen von diesem den Auftrag, sich dem Gouverneur vorzustellen und ihm den Zustand der Sachen zu schildern. Sie gingen und brachten den Bescheid: er empfinde über diese Nachrichten große Betrübniß, nehme außerordentlichen Anthcil; die Sorge für den Krieg sey aber wichtiger. Zwei oder drei Tage darauf, am 18 - November, erließ der Gouverneur einen Befehl, worin er öffentliche Freudenbezeigungen wegen der Geburt des Prinzen Carlos, «rstgebornen Sohnes des Königs Philipp IV., anbefahl, ohne alle Rücksicht» und ohne sich um die Gefahren des Volkszuflusses bei solcher Gelegenheit zu kümmern: er verfuhr ganz wie in gewöhnlichen Zeiten, als ob man ihm nicht das geringste Ungewöhnliche hintcrbracht habe. ' ' Wir haben schon gesagt/ daß dieser Mensch der berühmte Ambrogio Spinola war, den man hauptsächlich auf diesen Posten sandte, die FehlerDon Gonza» lo's wieder gut zu machen, dem Kriege wieder auf die Beine zu helfen und beiläufig auch zu statthalternz und wir können hier beiläufig erwähnen, daß er, wenige Monate später, in eben dem Kriege starb, der ibm so sehr am Herzen lag, daß er nicht an Wunden auf dem Schlachtfelde starb, sondern im Bette , aus Kummer und Zerknirschung über Vorwürfe, Zurechtweisungen und Zurücksetzungen jeder Art, von Seiten dessen, dem er diente. Die Geschichte hat sein Schicksal beweint, die ihm widerfahrene Ungerechtigkeit erkannt, seinen kriegerischen und politischen Lebenslauf III. L 162 sorgsam beschrieben und seinen Scharfblick, seine Thä- tigkeit und Ausdauer gelobt: sie muß aber auch Nachfragen, was er mit alle dem that, als die Pest ein ihm anvertrautes oder vielmehr seiner Herrschaft unterworfenes Volk bedrohte und in ihm wüthele. Was aber, abgesehen von allem Tadel, das Erstaunen über sein Benehmen mildert, was ein anderes, weit stärkeres Staunen erregt, ist das Benehmen des Volkes selbst, des, mit der Ansteckung noch unbehafteten Volkes, das doch alle Ursache hatte, sie zu fürchten. Als die Nachrichten aus den Dörfern ankamen, denen sie so sehr mitspielte, die um die Stadt im Halbzirkel lagen, an einigen Punkten ihr nicht ferner waren, als achtzehn, zwanzig Miglien; wer sollte nicht glauben, daß diese Nachrichten allgemeine Bewegung erregt hatten, allgemeine Geschäf- keit zu guten oder nichtsnützigen Vorsichtsmaßregeln, mindestens allgemeine Unruhe? Und doch, stimmen die uns aus jener Zeit verbliebenen Nachrichten in irgend einem Punkte überein, so ist es in dem Zeugnisse, daß bei dieser Gelegenheit alles ruhig blieb. Die Hungersnoth des vergangnen Jahres, die Mißbrauche der Soldaten, Kummer und Herzensnoth, schienen die Sterblichkeit mehr als zureichend zu begründen: wer, wo auf der Straße Volk versammelt stand, in Läden, Häusern, der Pest gedachte, ein Wort von Gefahr fallen ließ, den empfisig man mit ungläubigem Hohn, zorniger Verachtung- , Derselbe 165 Unglaube, besser dieselbe Blindheit, Halsstarrigkeit waltete im Senate, in dem Nathe der Zehne, bei jeder Behörde. Bald nachdem die ersten Zufalle der ansteckeyden Seuche verlauteten, erließ Cardinal Friedrich einen, Hirtenbrief an alle Pfarrer und legte ihnen unter andern auch die Verpflichtungen auf, dem Volke vax- zustellen, wie verhängnißreich und höchst erforderlich es scy, keinen ähnlichen Zufall zu verheimlichen und alle angesteckte Gegenstände, oder solche, wo man die Ansteckung auch nur argwöhne, auszuliefern *)^ Das Sanitätlribunal bat um Vorkehrungen, zinz Mitwirkung: alles fast ohne Wirkung. Im Tribunale selbst kam der Eifer bei weitem nicht dem Bedürfnisse gleich. Einzig und allein, wieTadino medr- mals versichert, und auch überhaupt aus sejner Erzählung hervorgeht, die beiden Aerzte setzten in der Ueberzeugung und im Drange der nahedrohenden. Ge? fahr, diesen Körper, der wieder andere anreitzte, ifl Bewegung. Wir haben schon gesehen, wie lästig, bei der? ersten Indizien der Pest Vorkehren und Erkundiget? betrieben ward: cs mag hier ein neuer Beweis nicht minder wunderbarer Trägheit stehen, vorausgesetzt^ daß sie nicht von Hindernissen erzwungen ward, zu denen die höchsten Behörden Anlaß gaben: der am *) Vita äi Veäerißo Lorroraeo, eomxLI-ts üa krau« cesco LLvols. 1666. . L 2 164 30. Oktober gefaßte Beschluß wegen der Bekanntmachungen, Niemanden aus angestcckten Ortschaften Zutritt in die Stadt zu vergönnen, wurde erst am 23. des folgenden Monats rektificirt, am 29. erst erlassen, wo die Pest schon in der Stadt war. Tadino und Ripamonti nennen den, der das Nebel zuerst mitbrachte, und man empfindet allerdings eigenthümliches Interesse an den Namen des ersten oder der wenigen ersten Menschen, die eine Zer- ' störung herbeiführten, deren Opfer man nicht namhaft machen, sondern ihre Zahl nur nach Tausenden Mit einiger Bestimmtheit angebcn kann. Es scheint ihnen etwas Verhangnißvolles, Denkwürdiges eigen. Der eine wie der andere Autor nennen einen italienischen Soldaten, in spanischem Solde; stimmen aber im Uebrigen auch nicht im Namen überein. Nach Tadino hieß er Pietro Antonio Lovato, in dem Bezirke von Lecco, nach Ripamonti, Pier Paolo Locati, in Ehiarenna garnisonirt. Auch den Tag seiner Ankunft geben sie verschieden an, der erste den 22- Oktober, der zweite etwa eben die Zeit im November, und es laßt sich nicht bestimmen, welcher Recht hat. Beide Angaben stehen im Widerspruche mit anderen, die mehr für sich haben; obwohl Ripamonti, als auf Anordnung des Rathes der Zehne schreibend, über eine Menge Hülfsmittel zu seinem Zwecke zu gebieten haben mußte, und Tadino, seinem Amte gemäß, besser als jeder Andere von That- fachen der Art unterrichtet seyn konnte. AuS übrigen, begründeteren Angaben geht hervor, baßes, bevor jene Bekanntmachungen erlassen wurden, verlohnte es der Mühe, könnte man auch wohl beweisen, oder wahrscheinlich machen, daß cs in den ersten Tagen des Novembers geschah. Wie dem auch sey, der unglückliche Unglücksbringer kam mit einem großen Bündel deutschen Soldaten gestohlner oder abgehandelter Kleidungsstücke zur Stadt, quartirte sich im Hause eines seiner Verwandten in der Vorstadt, der Porta orientale nahe, bei den Kapuzinern ein, erkrankte unmittelbar nach seiner Ankunft, ward in das Hospi- pal geschafft, wo eine unter der Achselgrube sich zeigende Pestbeule den ihn behandelnden Arzt die Wahrheit ahnen ließ, und starb am vierten Tage. Das Sanitätstribunal laßt seine Familie auf das sorgfältigste im Hause verschlossen und bewacht halten; seine Kleiderund das Bett, worin er im Hospitale schlief, verbrennen. Zwei Krankenwärter, die bei ihm ab- undzugegangen waren, und ein mildthäti- ger Klosterbruder, der ihm beigestanden hatte, erkrankten nach wenigen Tagen ebenfalls an der Pest. Der Verdacht, den man gleich anfänglich auf die Natur des Uebels warf, die deshalb angewendete Vorsicht, bewirkten, daß die Ansteckung im Hospitale erstickte. Die von dem Soldaten außen ausgestreute Saat säumte aber nicht zy,Hvchern. Der erste, bei dem sie aufging, war der Besitzer des Hauses it^dem aber ernst und streng ,'m Innern und Acußern. Man nahm sie mit vieler Erkenntlichkeit an, und sie bezogen am 30 Marz das Lazareth. Der Präsident des Tribunals führte sie, wie um sie Besitz von altem nehmen zu lassen, herum,j rüste sammtliche Diener und Offizianten zusammen und erklärte den Pater Felix vor der ganzen Versammlung zum Präsidenten des Ortes, mit voller, unumschränkter Gewalt. .Je mehr die unglückselige Gemeinde in der Folge an- wuchs, desto mehre Kapuziner kamen als Aufseher, Beichtiger, Verwalter, Krankenwärter, Koche, Garde- robemeister, Wäscher, kurz zu jedem Amte hinzu. Pater Felix war immer bemüht und besorgt, Tag und Nacht auf dem Platze, bald in den Zimmern, bald in den Hallen, bald bewaffnet, bald unbewaffnet; nur in seine härne Kutte gehüllt, trieb und ord- nete er überall an, stillte Unordnungen, schlichtete Händel, drohte, strafte, ermahnte, tröstete, trocknete und vergoß Thränen. Er zog sich im Anfänge die Pest zu, ward hcrgcstellt und übernahm mit neuen Kräften die ihm obliegenden Sorgen. Seine Mitbrüdec ließen größlentheils, freudigen Muthes» ihr Leben. Eine solche Befehlshaberherrschaft war gewiß ein ungewöhnliches Hülssmhttel, ungewöhnlich wie das Elend und die Zeiten selbst: und wenn wir weiter nichts von ihnen wüßten, würde doch dieser eine Zug als Beweis und Beispiel eines rohen, zerrütteten Gesellschaftszustandesgenügen. Dec Muth aber, das Werk, die Aufopferung dieser Mönche, verdienendeshalb mit nicht weniger Ehrerbietung, Liebe und der Dankbarkeit in Erwähnung gezogen zu werden, die wir empfinden, wenn Menschen den Menschen außerordentlichen Beistand leisten. Sein Leben zu lassen, um wohlzu- thun, ist zu jeder Zeit, unter allen Verhältnissen» etwas Schönes, Herrliches! Tadino sagt: „Ueber- nahmen diese Väter nicht das Lazareth, so wäre sicherlich bald die ganze Stadt zu Grunde gegangen, denn cs ist wunderbar, was sie alles in einem äußerst kurzen Zeiträume zum öffentlichen Wohle vollbrachten. Die Stadt gewährte ihnen wenige oder gar keine Hülfe, und einzig und allein Mit ihrer Klugheit Und Betriebsamkeit vermochten sie, im Lazarcthe die Leben vieler Tausende Ämer Leute zu erhalten." Auch das Publikum verlor nach und nach, jcmehr Natürlicherwelse die Pest um sich griff, sich durch bloße Berührung und Umgang sichtlich mittheilte und nicht mehr, wie es eine Zelllang geschah, sich blos unter den Armen foctpflanzre, sondern auch namhafte Leute ergriff, jene Halsstarrigkeit im Läugnen und Bestreiten derselben. Unter den bekannteren Personen, welchen sich die Ansteckung mitlheilte, verdient Ludovico Settala und seine Familie besondere Erwähnung. Man wird vielleicht von ihm gesagt haben: der arme, alte Mann Harle doch Recht! Wer weiß es? — Er, seine Frau, zwei Söhne und sieben Dienstleute befiel das Uebel. Ec und einer der Söhne kamen mit dem Leben davon, die Anderen büßten cs ein. Solche, in der Stadt, in vornebmen Hausern eingetretene Falle," sagt Tadino, „bestimmten die Vornehmen und das Volk, in sich zu gehen, und die ungläubigen Aerz- te und der unwissende, verwegene Pöbel, singen an, grimmige, zerknirschte Gesichter zu machen." Die Umwandlung, Enttäuschung, das Rache-Gefühl, so zu sagen, überwundener Starrsinn sind gewöhnlich der Art, daß man wünschen möchte, sie hätten sich bis zum Aeußersten gegen Vernunft und Thatsachen aufgelehnt und gehalten: auch diesmal war es der Fall. Diejenigen, welche so lange Zeit entschlossen widersprochen hatten, daß hei ihnen, unter ihnen der Keim eines Uebels bestehe, der nachdem Laufe der Natur so weit gedeihen könne, die gräßlichste Niederlage unter ihnen anzurichten, konnten zwar jetzt Las Anwachsen dieses Keimes nicht mehr läugnen ; wollten es aber auch nicht den so natürlichen Ursachen zuschreiben (wobei sie auf einmal einen großen Jrrthum und eine große Schuld hatten eingestehen müssen), sondern waren sehr geneigt, eine andere, die erste, beste, die man ihnen ii; den Kopf setze, anzuerkennen. Unglücklicherweise halte man damals nicht allein hier, sondern in ganz Europa eine gewisse Ursache in Kopf und Mund bereit: Zaubermittel, Teufelskünste, Verschwörungen zu Verbreitung der Pest durch ansteckende Gifte und Hexereien. Man hatte solche und ähnliche Dinge bei den meisten Pesten vermulhet und geglaubt, vornehmlich bei der in der Mitte des vorgehenden Jahrhunderts. Dazu kommt, daß gegen Ende des vergangenen Jahres Botschaft vom König Philipp IV. an den Gouverneur gelangte: es seyen vier Franzosen aus Madrid entkommen, denen man als verdächtig, giftige, ansteckende Salben zu verbreiten, nachgeforscht habe: er solle auf seiner Hut seyn, wenn sie jemals nach Mailand kamen. Der Gouverneur hatte diese Botschaft dem Senate und Sanitättribunale vorgelegt; es scheint jedoch nicht, als habe damals Jemand viel daraufgehalten. Nachdem die Pest ausgebrochen und erkannt war, konnte dieser Umstand, erinnerte man sich seiner, als Bestätigung und Stützpunkt des unbestimmten Verdachtes einer schändlichen Betrügerei, erkennte selbst als erste Ursache desselben dienen. Zwei Ereignisse, das eine durch blinde, ungo- bändigte Furcht, das andere, durch seltsame Bosheit, trugen bei, diesen unbestimmten Argwohn möglicher Frevelkhar in entschiedenen Verdacht, bei Vielen in Gewißheit wirklicher Frevelthat und bösen Anschlages zu gestalten. Am Abend des 17. Mai gewahrten zufällig einige Leute, daß andere im Dome hin- und hergingen und einen Lattenvekschlag näßten, welcher die Männer und Weibersitze trennte, und ließen während der Nacht diesen Verschlag und eine Menge der in der Nähe stehenden Banke herausschaffen. Der Präsident des Tribunals kam mit vier Amtspersonen hinzu, untersuchte den Verschlag, die Bänke und das Weihbecken, und da er nichts fand, was den einfältigen Argwohn eines Vergiftungsanschlages hätte bestätigen können, ließ er, aus Nachsicht mit den Einbildungen Anderer, nicht, weil er es nöthig finde, sondern aus übergroßer Vorsicht, den Verschlag reinigen und abwaschen. Dieses umständliche Vornehmen fiößte dem Volke, dem jeder Gegenstand alsbald zum rechtfertigenden Beweise wird, abermaligen, gewaltigen Schreck ein. Man sagte sich, glaubte steif und fest, es seyen im Dome alle Bänke, Wände, selbst die Glockenseile angesteckt; man sagte es nicht blos in der damaligen Krise; alle Denkwürdigkeiten gleichzei» 177 >'»C °°z» >Hn «i» dtl ! in !ä»> l« r Ä il!» stLt it l» ftd«, ich!» ,ti»i» ch« is«d s-B ^zi» lich-'' tkger Autoren, die der Sache erwähnen und oft nach vielen Jahren erst zu Papiere gebracht wurden, erwähnen ihrer mit nicht minderer Zuversicht. Man würde also genöthigt seyn, den wahren Hergang zu errathen, ginge er nicht aus einem Briefe des Sani- tättribunales an den Gouverneur hervor, den wir in dem sogenannten Archive des heiligen Fidelius auffanden. Am folgenden Morgen fesselte ein neues, seltsameres, bedeutungsvolleres Schauspiel Augen und Sinne der Bürger. In allen Theilen der Stadt sah man Thüren und Mauern der Hauser auf lange lange Strecken mit einer gewissen, blaßgelben, weißlichen, schmutzigen Materie wie mittelst eines Schwammes beschmiert. Halte man es nun aus strafbarem Leichtsinn gethan, eine ärgerlichere, allgemeinere Furcht entstehen zu sehen, oder aus der schändlichen Absicht, die allgemeine Verwirrung zu erhöhen, oder aus sonstiger Ursache; die Thatsache ist so bekräftigt und erwiesen, daß es weniger verständig seyn würde, sie für Trugbild der Phantasie als vielmehr für Werk der Bosheit zu erklären, welche in den Gemüthern der Menschen keine neue Erscheinung ist und in jedem Zeitalter, in jedem Lande schon häufige, ähnliche Wirkungen hervorbrachte. Nipamonki, welcher bei diesen Gelegenheiten die Leichtgläubigkeit des Volkes bespottet, öfterer bejammert, versichert, jene Materie, die ec beschreibt, selbst gesehen zu haben. In dem m. M 278 oben erwähnten Briese 8es"Tri'bunales geschieht derselben aus gleiche Art'-Erwähnung, und die Herren sprechen von Untersuchungen und mit Hunden ohne den geringsten, schlimmen Erfolg Angestellten Versuchen. Sie vcrmulhcn, daß einer solchen Verwegenheit nur Uebermuth, keineswegs Ruchlosigkeit zum Grunde liege: Beweis , daß sie wenigstens bis zu dieser Zeit so viel Geistesruhe besaßen, in einer Sache nicht zu erblicken, was nicht darin war. Ohne ihr Zeugniß als Stimme der Wahrheit anzunehmcn, sprechen alle anderen gleichzeitigenNachrichtcn aus, daß Viele überzeugt waren, die Sache sey nichrS als bloßer, toller Scherz; keiner gedenkt irgend eines namhaften Mannes als dieser Meinung entgegen, und sie würde seiner, hätte es ein Beispiel gegeben, sicherlich gedenken, wenn auch nur, ihn der Narrheit zu züchtigen. Die schon aufgeregte Stadt gerieth nunmehr in Aufruhr: die Hausbesitzer brannten mit angezündeten Strohwischen die genäßten Stellen aus; die Vorübergehenden blieben stehen, sahen zu, erschrocken, entsetzten sich. Die Fremden, auf die man allen Verdacht warf, die man an der Kleidung leicht erkannte, wurden vom Volke auf den Straßen angehalten und in die Gefängnisse geführt. Man verhärte Angeklagte, Ankläger, Zeugen; eS fand sich keine Schuld: dennoch nährte man Zweifel, erwog, ersann. Das Sanitattribunal erließ eine Bekanntmachung, worin sie den;cn,'gcn, welcher den oder die Urheber des Vorfalles entdecke, Belohnung, und bei selbsteigener Angabe, Vergebung zusicherte. In dem gedachten, vom 21 Mai datirten Briete der Herren an den Gouverneur sagen sie: „Da es uns aufkeii- ne Weise räthlich scheint, dieses Verbrechen, besonders in so bedenklicher, gefährlicher Zeit, nicht zu rügen, so haben wir, zur Beruhigung und zum Tröste des Volkes, eine Bekanntmachung erlassen, um uns Licht zu verschaffen " u. s. w, In der Bekanntmachung selbst ist aber nicht die geringste, mindestens nicht verständliche Andeutung jener dem Gouverneur «öffneten, vernünftigen, beruhigenden Muthmaßun- gen: welche Verläugnung zu gleicherZeit heftiges Vor- urtheil beim Volke, bei ihnen aber um so strafbareres Willfahren bewahrt, als cs erfolgreich seyn konnte. Während das Tribunal noch suchte, hatte, wie ss Wohl zugeht, das Publikum schon gefunden. Wer dafür hielt, es stecke Verschwörung Und Giftmischerei dahinter, erklärte es einestheils für, von Don Gonzalo Fernande; de Cordova wegen der bei der Abreise empfangenen Unbill, genommene Rache; andern- theils für vom Cardinal Richelieu ausgehcckte Kriegs- Hülse, Mailand zu entvölkern und ohne große Mühe zu erobern; endlich gab man aber auch hie und da, wir wissen nicht aus welchem Grunde, den Grafen Collalto, Wallenstcin oder irgend, einen Mailänder Edelmann an. Es fehlte auch nicht, wie wir schon erwähnten, an Anderen, die das ganze M 2 180 Ereigniß für nichts weiter nahmen, als böswilligen Spott und die ihn etwa Schülern» Edelleuten oder Offizieren, die sich vor Casale langweilten, zuschrieben. Und da nichr, wie man gefürchtet hatte, allgemeinere Ansteckung und Zerstörung erfolgte, so verlor sich der erste Schrecken nach und nach und die ganze Sache kam in Vergessenheit. Eine gewisse Anzahl Personen war auch noch überzeugt, daß keine Pest vorhanden sey. Im La- zarethe, so wie in der Stadt, wurde noch mancher Kranke wieder hergestcllt, und daraufgründete denn ein Theil des Volkes und selbst Aerzte diese hartnäckige Meinung, weil, wie sie meinten, wenn es Pest wäre, Niemand wieder hcrgestellt werden könnte. Alle Zweifel zu benehmen, erfand das Tribunal ein dem Bedürfnisse entsprechendes Hülfsmittel, eine Art zu überzeugen, wie die Zeit es zu verlangen und an die Hand zu geben schien. An einem Psingstfeiertage pflegten die Einwohner auf den St. Gregorius Gottesacker, vor der Porta orientale, zu wallfahrten und für die Seelen der an der letzteren Seuche Verstorbenen, deren Körper hier begraben waren, zu beten. Jedermann betrachtete diese Andachtübung als eine festliche Gelegenheit, sich lustig zu machen, und erschien daher in dem höchst möglichsten Staate. Es befand sich unter den an diesem Tage Gestorbenen eine ganze Familie, deren Leichname, zur Stunde des größten Zulaufes, mitten durch die Wagen, Reiter und Fußgänger, auf Befehl des Sanitättri- dunales nackend auf einen Karren geworfen, nach diesem Gottesacker gefahren wurden, damit die Volksmenge an ihnen die offenbaren Wahrzeichen, die gräßlich auf ihnen ruhende Hand der Pest erblicke. Ein Schrei des Abscheus und Entsetzens erscholl überall, wo der Karren vorbeikam; anhaltendes Gemurmel lief ihm überall voran und nach. Man glaubte mehr an die Pest; sie machte sich aber auch von Tage zu Tage selbst immer glaubhafter und eben diese Volksversammlung trug nicht wenig bei, sie weiter um sich greifen zu lassen. Zuerst also durste es durchaus keine Pest seyn; ja es war verpönt, nur das Wort Pest über die Lippen zu bringen. Dann waren es pestartige Fieber: der Gedanke der Pest schlich sich mit einem Beiworts ein. Hierauf war es zwar keine Pest, das heißt» keine eigentliche Pest,, nur Pest in gewissem Sinne, etwas, das zwar nicht Pest ist, für das man aber doch keinen andern Namen als Pest hat. Endlich Pest ohne Zweifel und Widerspruch; aber nun hangt ihr eine andere Idee an: die der^ Hexerei und Giftmischerei, die den eigentlichen Sinn des Wortes, dessen man sich nicht mehr zu entledigen vermag, verfälscht und in sich aufnimmt. Man braucht, denke ich, nicht sehr in der Geschichte nachzuforfchen, um zu finden, daß man mit Gedanken und Worten schon zum öfteren solchen Missbrauch trieb; dem Himmel sey Dank! es giebt aber 182 doch wenige dieser Art und Bedeutung, und wenige behaupteten und erlangten zu diesem Preise, mit solchen Ihm anhängenden Folgen ihr Recht. Man könnte so leicht im Großen wie im Gedingen, diese langen, schlimmen Umwege meiden, wollte man nur die alte Regel befolgen: zu prüfen, zu hören, zu vergleichen, zu überdenken, und dann erst zu reden. Aber reden, diese einzige Sache, ist auch um so viel leichter wie' alle andern zusammen genommen; als wir, nämlich wir Menschenkinder !m Allgemeinen, ein wenig-zu beklagen sink > -: ln.'-'- Zwerunddv'eißigstes Kapital. ' ' ^ '' 1 : i. Da es immer schwieriger ward, die traurigen Bedürfnisse der Umstände zu befriedigen, sobesthlvß'man am 4 Mai im Rathe der Zehne, den Gouverneur um'Hülfe und Erbarmen zu stehen; und man sandte am 22 zwei Abgeordnete zu ihm ins Lager, 'ihm die Noth und Bedrangniß der Stadt vorzustellen: ungeheure Unkosten, erschöpfte- verschuldete-Kafsen, im Voraus verpfändete Einnahmen, nicht' 'eingegangene Steuern wegen der von sv vielen Ursachen, am meisten aber von der Geißel des Kriegs, veranlaßten, all- gemeinen Verarmung. Sie baten ihn, zu beachten, daß' nach altem Gesetz und ununterbrochenem Herkommen, ja selbst nach besonderem Dekrete Karls V. die Unkosten der Pest jedesmal Sache des Fiskus scyen; daß in jener des Jahres 1676 der Gouverneur Marchese diAyamonte nicht allein alleKammerstcuern erlassen, sondern die Stadt auch mit vierzigtausend Scudi aus der Kammer unterstützt Hai e; und verlangten endlich viererlei: daß man die Steuern wie damals erlasse; daß die Kammer Gelder vorschieße; daß der Gouverneur vom Elende der Stadt und Ptvvinzan den König Bericht erstatte; und das scho-n von den Durchmärschen- erschöpfte Herzogthum mit neuen Einquartirungen verschone. Spinola ertheilte zur Antwort: Beileidsbezeigungen und neue Ermahnungen, bedauerte, nicht selbst nach der Stadt kommen zu können, um nach Kräften für sie zu sorgen und ihre Lasten zu erleichtern, hoffe aber, der Eifer der Herren des Senates werde ihn in Allem ersetzen, indem dies eine Zeit sey, wo man an Sparsamkeit nicht denken und keine Kräfte ungenutzt lassen dürfe; was die ausdrücklichen Verlangen angehe, so habe er bereits alle Sorge getragen, die Zeit und Umstände vergönnte. Sonst nichts: man kam und ging, verlangte und antwortete; kam aber zu keinen näheren Resultaten. Späterhin, als die Pest am stärksten wüthete, fand der Gouverneur für gut, mit besonderen Vollmachten seine Autoritär gänzlich dem Kanzler Ferrer zu 184 übertragen/ well er selbst, wie er sich ausdrückt, zu sehr mit dem Kriege beschäftigt sey. Zugleich mit diesem Beschlüsse hatte auch der Rath der Zehne einen gefaßt: den Cardinal Erzbischoff zu ersuchen, eine feierliche Prozession zu veranstalten und den Körper des heiligen Karl durch die Stadt tragen zu lassen. Der gute Prälat schlug es aus vielen Ursachen ab. Es mißfiel ihm dieses Vertrauen in ein Mittel der Art; und er fürchtete, entspreche der Erfolg nicht, so möge sich Vertrauen in Aergerniß wandeln. *) Er fürchtete ferner: sollten dennoch geheime Giftmischer und Verbreiter der Ansteckung in der Stadt seyn, so müsse eine solche Prozession ihnen gar zu bequeme Gelegenheiten zu Verbrechen an die Hand geben; aber auch außerdem entstehe noch weit wirklichere Gefahr der Ansteckung schon durch die zahlreiche Versammlung des Volkes selbst. Der fast ganz eingeschlafeneVerdacht der böswilligen Ansteckung war aber auch allgemeiner und heftiger als vorher erwacht. Man hatte von Neuem gesehen, oder glaubte von Neuem, angefeuchlete Mauern, Thore öffentlicher Gebäude, Hauslbüren und Klinken gesehen zu haben. Die Kunde solcher Entdeckungen flog von Mund * Memoria äells oose notadili Onoeesse in Milano in- lorno al mal conta§§ioso l'anno 1030 ete. raveolti äa O. I>io 1a Oror?« Milano. 1730. Augenscheinlich dem Manuscripte eines Autors aus den Seiten der Pest nachgedruckt. 185 zu Mund, und wie eS oftmittlefgewurzelten Dorurthei- len der Fall ist, das Hörensagen that dieselbe Wirkung wirklichenAnblicks; die durch das Daseyn des Uebels immer unwilliger gewordenen, von der Beharrlichkeit der Gefahr höher erbitterten Gemüther, nahmen diesen Glauben um so williger an, als der Zorn sich stets sehnt, zu bestrafen, und, wie bei der nämlichen Frage ein würdiger Mann *) sehr treffend bemerkt, vorzieht, unglückliche Ereignisse menschlicher Bosheit zuzuschreiben, gegen die man der Wuth und befeindenden Thätigkeit freien Lauf lassen; als eine Ursache anzuerkennen, gegen die man sich nicht anders als leidend und ergebend verhalten könne. Ein scharfes, augenblicklich wirkendes, durchdringendes Gift, waren mehr als hinreichende Worte, die Heftigkeit und alle gräßlichen, ungewöhnlichen Zufälle der Krankheit zu erklären. Man behauptete, das Gift sey, von Kröten und Schlangen, vom Eiter undGciferVer- pesteter, von noch Schlimmerem, von Allem, erzeugt,, was verwilderte, verderbte Phantasieen nurUnfläthigcs und Entsetzendes aufsinden können. Durch eben die Hexenkünste wurden alle erdenklichen Wirkungen möglich, alle Einsprüche verloren ihre Kraft, alle Schwierigkeiten wurden gehoben. Folgte jener ersten Vergiftung nicht unmittelbare Wir- - kung, so war es etwas sehr Erklärbares; es war der *) k. Verrr, Os5ervLrron1 suIIa tortura: 8crittori ila- iLAiü äi ecorr-oyrlL xollLica. xirrts WoüeriLg. lyru r7. > 186 erste, fehlgeschlagene Versuch ungeübter Giftmischer: jetzt war.ihre Kunst gewest ungleich vollkommener, ihr Wille ungleich ergrimmter auf das höllische Vorhaben. . .Wer jetzt noch gewagt hatte, bei der Meinung zuibcharren: das Ganzere,) als Scherz gemeint gewesen». wer jetzt noch das wirkliche Bestehen eines Anschlags geläugnet hatte, würde für blind, halsstarrig gegolten, .vielleicht gar dtn Verdacht auf sich geladen haben, Interesse daran zu finden, den öffeNtli- lichen. Hellbli'ck zu trüben, Mitschuldiger, ja selbst Verpester zu sepn: welches Wort bald gang und gä<-> be war, nur feierlich, zitternd und zagend ausgesprochen wurde. Mit einer solchen Ueberzeuguüg, daß Verpester. wirklich da waren, mußte man auch' unbedingt welche auffinden: aller Augen waren wach; jede Bewegung konnte Verdacht erregen, aus Ver-. dacht ward leicht Gewißheit, aus Gewißheit Wuth. Ripamonti führt zwei Beispiele an, die er, wie cp.sagt, unter den anderen nicht als die gräßlichsten wählte, die sich.' tagtäglich ereigneten , sondern weil er beide leider selbst habe mitansehen müssen. In der Kirche des.heiligen Antonius wollte sich an einem gewissen Festtage ein mehr als achtzigjähriger Greis, nachdem er auf den Km'een gebetet hatte, setzen und wischte zuvörderst die Bank mit seinem Rocke ab. „ Der Alte verpestet die Bank!" schrieen einige Weiber, welche auf seine Bewegung gemerkt hatten. 187 Alles, was in derKlrche (In der Kirche!) war, drang auf den Alten ein: man reißt ihm die Weißen Haars aus, haut und tritt auf ihn los, schleppt ihn-halb-: todt auf die Straße, um ihn ins Gefängnis, vor die Richter» auf die Folter zu schleppen. „ Ich sät) ihn in diesem Zustande, " sagt Ripamonti: weiß aber nicht, was weiter aus ihm geworden ist: wahrscheln-l lieh hat er nur wenige Augenblicke länger-leben- können.** --- 'Der andere Fall fand am nächstfolgenden -Lage Statt, und war nicht weniger staunenswcrth, obwohl nicht so -gräßlich. Drei junge Franzosen, ein Ge-' lehrter, ein Maler und ein Mechaniker, die zusammen nach Italien gereist waren, zum Studium der Alter- thütster und-um das Land kennen zu lernen und sich Broderwerb zu suchen, standen nah an einer Seite des Domes und betrachteten aufmerksam. Ein Worübergehender, zweie, mehre- bleiben stehen» bald' ist ein ganzer Haufen versariünelt'-und alle-beschatte«: und'prüfen' mit wachsamen-Augen diejenigen, deren Anzug, Wanderstäbe und Quersäcke sie als Fremde und, was noch schlimmer, als Franzosen erweisen. Die Fremden streckten ,' wie um sich zu überzeugen, daß es-Marmor sey, die Hände nach der Mauer aus. Das war genug. Man umringt sie, nimmt sie fest, mishandelt sie, schleppt sie untet wüthenden Schlägen ins Gefängniß. Zum guten Glück war das Po- lizeibü-r'eau nicht fern vom Dome und zu der FrcM- dm noch weit größerem Glück werden sie unschuldig erfunden und frei gegeben. Und solche Dinge sielen nicht blos in der Stadt vor: der Wabnsinn hatte sich so weit verbreitet wie die Ansteckung selbst. Fanden etwa Landleute einen Wanderer an einem von der Landstraße abgelegnen Orte, oder auf ihr selbst müßig stille stehend, oder ausruhend auf dem Boden liegend, und hatte er, wenn man ihn nicht kannte, irgend etwas Auffallendes, Verdächtiges in Gesicht oder Kleidung, so war es gleich einVerpester: beim ersten Worte, das der Eine oder Andere fallen, ließ, beim Schrei eines Kindes wurde sogleich die Glocke angeschlagen, lief man hinzu; der Unglückliche wurde, gesteinigt, oder aufgefangen und mit toller Wuth zum Gefängnisse geschleppt, das ihm eine Zeitlang Asyl war. Die Zehne ließen sich von der abschläglichen Ant» wort des weifen Prälaten nicht abschreckcn; ließen Nicht ab mit Bitten, die die Stimme des Volkes lärmend unterstützte. Er widerstand eine Zeitlang, suchte abzuredcn, so lange der Ernst des Mannes gegen Zcitverhältnisse und anhaltende Bitten etwas vermochte. In jener Verwirrung der Meinungen, mit jener unklaren, bestrittenen damaligen Idee der Gefahr, die bei weitem nicht so bestimmt war, wie sie uns ist, wird es leicht begreiflich, wie die richtigen Ansichten und Gedanken seines Geistes von den falschen Anderer übermannt werden konnten. Es mag an seinem Nachgeben Willensschwäche Antheil gehabt haben oder nicht, eS gehört immer zu den Geheimnissen des menschlichen Herzens. Wenn man bei irgend einem Fehltritte alle Schuld auf das Urthcil schieben, das Gewissen ganz frei sprechen kann; so muß es bei einem Manne geschehen, aus dessen innerem Leben, wie aus dem Friedrichs der strengste Gehorsam gegen das Gewissen, ohne alle zeitlichen Rücksichten hcrvorgeht. Auf wiederholtes Ansuchen gab er endlich nach, willigte in die Prozession, bewilligte ferner auf allgemeines, dringendes Verlangen, daß der Kasten, in dem die Reliquien des heiligen Karl acht Tage lang auf dem Hochaltäre des Domes öffentlich ausgestellt werde. Ich finde nicht, daß das Sanitättribunal oder Jemand anderes sich dawider aufgelehnt und Ausstellungen gemacht hätte. Das Tribunal begnügte sich, Vorsichtsmaßregeln anzubefehlen, die zwar den guten Willen bezeugten, der Gefahr aber eigentlich keinen Einhalt thaten; gab strengere Regeln über die Zulassung von Fremden in die Stadt, ließ, deren Ausübung zu sichern, die Thore schließen, und um, was möglich sey zu thun: Angesteckte oder der Ansteckung Verdächtige von dem allgemeinen Versammlungsorte fern zu halten, alle Thüren der in Verwahrung genommenen Hauser vernageln, deren Anzahl sich, — so weit man der einzelnen Stimme eines ISO Autors damaliger Zeit Glauben bcimefsen darf*), auf fünfhundert belief. Die Vorbereitungen wahrten drei Tage, und am elften Juni, dem dazu bestimmten Tage, setzte sich die Prozession mit Tagesanbruch nach dem Dome in Bewegung. Ein großer Volkshaufen, meistens Weiber, zog voraus, die Gesichter mit großen Zendeln bedeckt, viele barfuß und in Sackleinwand gehüllt. Dann kamen die Gewerke, dann die Brüderschaften, in Kleidung verschiedenen Schnittes und verschiedener Farbe; dann die Mönchskloster, dann die weltliche Geistlichkeit , ein Jedes mit den Abzeichen seines Standes, in der Hand eine brennende Kerze. In der Mitte, unter dem Schimmer häufigerer Fackeln, unter lauterem Gesänge, unter reichem Baldachine, trugen abwechselnd vier Domherren, im größten, glänzendsten Staate, den Kasten. Der verehrte Leichnam ward durch die kristallenen Seiten sichtbar, er war in reiche, bischöfliche Gewände gehüllt/ die Insul deckte sein Haupt und man konnte in der entstellten, verstümmelten Gesichtsbildung wohl noch schwache Merkmale seines ehemaligen Aussehens finden, wie ihn Abbildungen zeigten, wie Einzelne sich Noch erinnerten, ihn bei Lebzeiten gesehen und verehrt zu haben. Nach den Ueberresten des verschiedenen *) tlellv §t3to 61 E'ano otc. 61 L. o. Lavatio äella LorusZIla- Llüano, 1653. 1S1 Hirten, sagt Nipamonti, dem diese Beschreibungen vornehmlich zugchören, dicht hinter ihnen, seiner Verdienste, seines Blutes, seiner Würde und Person gemäß, kam der Erzbischofs Friedrich. Ihm folgte eine zweite Abtheilung des Klerus, dann der Magistrat , in farbigerem Aufzuge, dann die Nobili, einige, wie zu größerer Ehrenbezeigung prunkvoll gekleidet, andere, in Büßeranzug, barfuß, in Sack und Asche, die Kappen über das Gesicht gezogen; alle mit großen Fackeln. Den Beschluß machte ein zweiter Volkshaufen. Alle Straßen waren festlich geschmückt; die Reichen hatten ihr prächtiges Hausgeralhe zur Schau gestellt. Die Fronten der, Armen zugehörigen Hauser waren von benachbartenWohlhabenden odervonObrigkeits- . wegen geziert; an dem eincn-hingen, statt des Tapetenschmuckes, an dem andern über ihm; grüne Zweige; überall Gemälde, Inschriften, Wahlsprüche; auf den Fen- stcrbrüstungcn zur Zier Vasen, Antiken, anderes kostbares Gerathe, überall Fackeln. Aus vielen Fenstern schauten bewachte, verschlossene Kranke auf den.Pomp hernieder und mischten ihre Gebete mit denen der Vorübergehenden. Die andern Straßen, durch die der Zug nicht kam, waren still und ausgestorben; nur hie und da standen Einige an den Fenstern und lauschten auf das ferne Getöse; Andere, und darunter gehörten selbst Nonnen, waren auf die Dächer gestiegen, wenn sic von da aus den Kasten, den Zug, irgend etwas ven ihm in der Ferne erspähen konnten. Der Zug kam durch alle Viertel der Stadt. Bei jedem Kreuzwege oder freien Platze an den Hauptstraßen der Vorstädte, deren jetzt nur noch ein einziger ist und die damals den alten Namen Carrobi! führten, hielt man still, stellte den Kasten dicht zu dem Kreuze, das auf jedem Platze in der vorigen Pest dem heiligen Karl errichtet worden war, und noch jetzt da steht, und gelangte auf diese Weise erst gegen Mittag zum Dome. Und am nächstfolgenden Tage, als der vermessenste Glaube, bei Vielen selbst fanatische Zuversicht herrschte: die Prozession müsse die Pest ausgerottet haben, nahmen die Sterbefalle in jeder Volksklasse , in jedem Thcile der Stadt so außer allem Verhältnisse, mit so entsetzlicher Ueberzahl zu, daß man eigentlich gar nicht umhin gekonnt hätte, die Ursache und Veranlassung in der Prozession selbst zu finden. Aber, wunderbare, bejammernswerlhe Kräfte eines allgemeinen Vorurtheiles! Nicht einem solchen, langen Zusammendrange des Volkes, nicht den unzähligen, erzwungenen Berührungen maß man die Wirkung bei, sondern der Leichtigkeit, mit welcher die Verpester ihre schändlichen Absichten hätten im Großen ausführen können; sagte, sie hätten mitten im Gedränge mit Salben und Materien Alle angesteckt, die ihnen nur zu Gesicht gekommen wären; und da dies bei so ungeheurer, aller Bande lediger, allverbrci- teter Sterblichkeit keineswegs genügte, noch ihr angemessen war, und da es, wie es schien, also selbst 1S3 dem scharfen, durchschauenden Auge des Argwohns unmöglich gefallen war, auf dem Wege Unflath und Schmutzflecken wahrzunehmen: so wandte man sich, zur Erklärung des Räthsels, zu jener anderen, schon alten und in dieser Wissenschaft damals durch ganz Europa wohlbekannten Erfindung: der Hexen- und Giftpulver; sagte, solche, längs der Straßen und besonders an die Ruheplätze verstreute Pulver waren den Schleppen der Kleider angeflogen und hätten sich vornehmlich den Füßen der Vielen, welche barfuß mit- wanderten, angeklebt. „Es stritt," sagt ein Schriftsteller jener Zeit *), „ an dem Tage der Prozession, Gottesfurcht mit Gottlosigkeit, Verrath mit Treue, Verderben mit Gewinn." Und es war doch nur der arme menschliche Verstand, der mit sich selbst geschaffnen Schreckbildern stritt! Von diesem Tage an machte die Seuche reißende Fortschritte; bald gab es kaum noch ein Haus, wo sie nicht wüthete; in kurzem stieg die Bevölkerung des Lazarethes, wie der oben citirte Somiglia angiebt, von zwei-aufzwölstausend; in der Folge, beinahe nach Aller Angabe, auf sechzehntausend. Am 4.Juli, wieich in einem andern Briefe des Tribunals an den Gouverneur finde, überstiegen die täglichen Sterbefälle die Zahl von fünfhundert. Weiterhin, am höchsten Punkte, erreichten sie, beharrten bei ihr, nach der *) ^xostino , Is xe8tilenrL segnitL in MlLno, 1'LUno 1V34. LllliUio 1634. Hl. N allgemeinsten Annahme, die Zahl von zwölf-, fünfzehnhundert, und, wollen wir Tadino Glauben schenken, oft die von dreitausendfünfhundert! Stelle man sich vor, in welchen Bedrängnissen der Rath der Zehne seyn mußte, insofern es ihm oblag, für die öffentliche Nothdurft zu sorgen, zu retten und zu thun, was in einem solchen Zustande der Dinge zu retten und zu thun war. Tagtäglich mußten, öffentliche Diener aller Art ersetzt und vermehrt werden: Monatti, mit welchem schon damals alten Namen, ungewissen Ursprunges, man diejenigen bezeichnete, die die schwierigsten, gefahrvollsten Dienste bei der Pest über sich hatten: Leichname in den Häusern, auf den Straßen, im Lazarethe aufzuladen, zu den Gruben zu schaffen und zu beerdigen; Kranke in das Lazareth zu tragen oder zu führen, zu warten und zu pflegen; angesteckte, oder der Ansteckung verdächtige Gegenstände zu verbrennen oder zu reinigen: Schergen, deren Hauptgeschäft, den Pestkarren voran zu gehen und Jedermann in der Nähe durch den Klang eines Glöckchens zum Ausweichen zu ermahnen: Commissarien, welche über die Einen wie die Andern unter dem unmittelbaren Befehle des Sanitättribunales Aufsicht führten. Man mußte das Lazareth mit Aerzten, Wundärzten, Arzneien und Lebensmitteln und so vielem andern, erforderlichen Geräthe eines Krankenhauses versehen halten; mußte den neuankommenden Hülfsbedürstigen 1S5 Wohnung ausfindig machen und bereiten. Zu dem Ende wurden in aller Geschwindigkeit Hütten von Holz und Stroh in dem innern Räume des Lazareths erbaut, wurde ein ganz neues, aus vielen Hütten bestehendes, mit einem Brelerverschlage umzäuntes Lazareth erbaut, das viertausend Personen faßte. Man beschloß, selbst noch zwei andere zu erbauen, legte auch Hand daran; aber aus Mangel an Hülfsmittcln jeder Art blieben ste unbeendet. Je höher die Noth stieg, desto weniger fand man Mittel, Hände und Muth. Und nicht nur blieb die Ausführung immer hinter dem Vorsatze und den Befehlen zurück; nicht nur sorgte man, oft selbst mit Worten, nur sehr kümmerlich für die anerkannteste Nothwendigkeit; es gesellte sich auch noch Ohnmacht und Verzweiflung dazu, so daß man die dringendste, kläglichste Notdurft sich selbst überließ. So starben zum Beispiel eine große Anzahl Säuglinge, deren Mütter die Pest hingerafft hatte, Hungertodes : das Sanitättribunal trug zwar sowohl für sie, als für hülfsbedürftige Wöchnerinnen auf Hülfe an; allein es konnte Nichts erlangen. „Demunge- achtet, " sagt Tadino, „mußte man den Stadtrath der Zehne beklagen, dem die zuchtlosen, nichts berücksichtigenden Soldaten eben so schrecklich mit- spielten und, gleich wie das ganze, unglückliche Herzogthum aufs äußerste brachten: der Gouverneur konnte keine Hülfe, keine Lebensmittel ge- N 2 1S6 ben, es war Krieg und die Soldaten mußten gut verpflegt werden." So viel lag also an Easale! So viel galt der Ruhm des Sieges, unabhängig von Ursache und Zweck des Krieges! Eine einzige, weite Gruft, die man bei dem Lazarethe gegraben hatte» war mit Tobten überfüllt; es mußten hier und überall alle neuen, täglich sich mehrenden Leichname unbccrdigt bleiben: vergebens suchten die Behörden Arme zu diesem Dehufe aufzutreiben, es blieb ihnen nichts übrig, als zu erklären: sie wüßten keinen Ausweg mehr. Es läßt sich nicht bestimmen, was daraus entstanden wäre, hätte sich nicht eine ganz außerordentliche Hülfe gefunden. Der Präsident des Tribunals sprach in Verzweiflung, Thränen in den Augen, die beiden, im Lazarethe waltenden, ehrwürdigen Mönche um Rath und Beistand an, und der Pater Michael verpflichtete sich, in Zeit von vier Tagen die Stadt von Leichnamen gereinigt, in Zeit von acht Tagen so viele Hülfe herbeigeschafft zu haben, als dieses Bedürfniß sowohl für den Augenblick, als in Zukunft, sic sey auch noch so trostlos, erfordere. Erging mit einem anderen Klosterbruder und vom Präsidenten zu diesem Behufe mitgegebnen Offizianten vor die Stadt und suchte Landleute auf; und theils durch die Autorität des Tribunalcs, theils durch die seines Kleides und seiner Worte, brachte er nahe an zweihundert zusammen, die er an drei verschiedenen 197 Orten zum Graben anstellte. Er sandte die Monatti deS Lazareths aus die Tobten zusammen zu holen, und am vierten Tage war sein Versprechen erfüllt. Dem einmal eingetretenen Mangel an Aerzten halfen Versprechungen hohen Gehaltes und hoher Ehren, wenn auch nicht so schleunig, doch mit Zeit und Mühe ebenfalls ab und es fanden sich mehre als man bedurfte. Auch an Proviant fehlte es sehr oft und oft so sehr, daß man befürchten mußte, es werde auch der Hunger einreißen und tödten; doch mehr als einmal, wahrend man alles ausbot und versuchte, Kassen und Magazine zu füllen, während man fast verzweifelte, für den Augenblick etwas zu finden, geschweige denn für die Folge, langten unerwartete, reichliche Hülfsgelder, das Geschenk geheimen Erbarmens an: denn mitten in der allgemeinen Trübsal, und von beständiger eigener Bedrängniß erzeugten Gefühllosigkeit für Andere, gab es doch immer der Menschenliebe offene Herzen/ gab es Einige, denen eben beim Schwinden jeglicher Erdenfreuden erbarmende Menschenliebe erwuchs; so wie es bei dem Tode und der Flucht Vieler, denen es oblag zu sorgen und zu wachen, immer noch einige gab, die gesund an Körper und unerschütterlichen Muthes auf ihren Posten beharrten: es gab Andere, die vom Mitleiden angc- trieben, Sorgen übernahmen und redlich bestanden, zu denen sie keineswegs die Stimme engerer Pflicht aufrief. 198 Wo allgemeinere, bereitwilligere Treue und Ausdauer bei den, von den Umständen erregten schwereren Pflichten hervorstrahlte, war bei der Geistlichkeit. In den Lazarethen, in der Stadt blieb ihre Hülfe niemals aus; wo Leidende waren, waren auch Geistliche , immer sah man sie, oft selbst krank und sterbend , mitten unter Kranken, Sterbenden: unermü- det geistige Tröstungen spendend, und leibliche, soviel sie spenden konnten; alle und jegliche Dienste verrichtend. Mehr als sechszig Pfarrer, nur allein aus der Stadt, starben an Ansteckung: von neunen gewöhnlich achte. Friedrich gab allen, wie es sich von ihm erwarten ließ, Ermunterung und Beispiel. Es starb nach und nach seine ganze Dienerschaft; Verwandte, hohe Magistralspersonen, benachbarte Fürsten gingen ihn dringend an, sich der Gefahr zu entziehen, nach irgend einem abgelegenen Landsitze zu flüchten; er verwarf alle Rathschlage und Bitten dieser Art, verwarf sie mit dem Muthe, mit dem er an seine Pfarrer schrieb: „ Seyd lieber bereit, dieses sterbliche Leben zu verlassen, als diese unsere Gemeinde, unsere Familie; geht, wo es gilt, dem Herrn eine Seele zu retten, der Pest freudig entgegen, geht ihr entgegen, wie einem neuen Leben, einer Belohnung." Er vernachlässigte keine Vorsicht, die ihn nicht von Erfüllung seiner Pflicht abhielt, gab ähnliche Regeln und Vorschriften auch der ganzen Geistlichkeit; achtete aber 199 bei alle dem weder der Gefahr, noch schien er sie selbst zu gewahren, wo man sie, um Gutes zu thun, bestehen mußte. Ohne von den Geistlichen zu sprechen, bei denen er immerdar war: Eifer zu loben und zu regeln, aufzumuntern, wer lau geworden, Posten Gestorbener neu zu besetzen, wollte er, daß jedem, der nörhig habe, mit ihm zu reden, der Zugang frei siehe. Er besuchte die Lazarethe, die Kranken zu trösten, die Wärter zu ermuthigen; durchlief die Stadt und brachte den in den Hausern verschlossenen Armen Hülfe und Unterstützungen, indem er vor Len Thü- ren, unter den Fenstern stehen blieb, ihre Klagen anzuhören und ihnen dafür Trost und Muth zuzusprechen. Kurz, er warf sich mitten in die Pest, lebte mitten in ihr, und war am Ende selbst erstaunt, unversehrt davon zu kommen. So sieht man denn, bei öffentlichem Unglück und in langen Störungen dessen, was man die gewöhnliche Ordnung der Dinge nennt, immerdar höhere, herrlichere Tugend, wenn auch leider nur zu oft größere, häufigere Verderbtheit an den Tag tritt. Die ruchlosen Menschen, welche die Pest verschonte und nicht cinschüchterte, fanden in der allgemeinen Verwirrung und Erschlaffung jeder öffentlichen Gewalt, neue Gelegenheit zur Thätigkeit und zugleich größere Sicherheit vor Rüge. Es war selbst die Ausübung der öffentlichen Gewalt größtentheils in den Händen der schlimmsten dieser Menschen. Dem Amte eines 200 Monatto oder Schergen eigneten sich gewöhnlich nur Menschen, auf die der Reiz der Beute und der Zü' gellosigkeit mehr Gewalt übte, als Furcht vor der Ansteckung und natürlicher Abscheu. Es waren Ihnen die schärfsten Dcrhaltungsregeln ertheilt, die strengsten Strafen angedroht, Wohnungen angewiesen, wie wir schon sagten, Eommissarien vorgesetzt. Ueber die Einen, wie die Anderen, waren hier wieder für jedes Stadtviertel Magistratspersonen und Nobili depu- tirt, mit der Gewalt, in allen Fallen den pünktlichsten Gehorsam zu fordern und sich zu verschaffen. Diese Einrichtung ging sehr gut und ersolgsam von statten, aber nur bis zu gewisser Zeit: als Sterblichkeit und Zerrüttung freier um sich griffen, Bestürzung der Ucberlcbenden gleichen Schritt hielt, erlangten jene Menschen beinahe unbeschrankte Freiheit, und vornehmlich der Willkühr der Monatl! stand alles zu Gebote. Sie kamen als Herren, als Feinde in die Häuser; gar nicht der Plünderung zu gedenken, nicht der Art, wie sie mit den Unglücklichen verfuhren, die die Pest in solche Hände lieferte, legten sie diese verpesteten, schändlichen Hände an die Gesunden, an Kinder, Eltern, Gatten, Gattinnen, drohten, wofern sie sich nicht loskausten oder loskaufen ließen, sie ins Laza- reth zu werfen. Anderemale verweigerten sie ihre Dienste, weigerten sich, die schon faulenden Körper 201 anders, als gegen Erstattung von so und so viel Scudi hinweg zu schaffen. Man behauptete (und bei der Leichtgläubigkeit der Beschuldiger, Ruchlosigkeit der Beschuldigten möchte man es eben sowohl glauben als nicht glauben), man behauptete, und Ladino bestätigt es: Monatti und Schergen ließen absichtlich angestcckte Kleidungsstücke von den Karren herabfallen, die Pest fortzupflan- zcn und, da sie ihnen Herrschaft und Einnahme brachte, gewissermaßen ein Fest war, zu nähren. Andere Böse- wichter gaben sich für Monatti aus, trugen, wie es diesen zur Auszeichnung, zu Verkündung ihrer Nahe vorgeschrieben war, Schellen an den Füßen und verschafften sich auf diese Art Zugang in dieHäuser, um nach Willkühr zu wirthschaflen. In dieses und jenes, das offen stand, unbewohnt, vielleicht nur von wenigen Kranken, Sterbenden bewohnt war, drangen sie unverhohlen als Räuber und Diebe, andere überfiel und durchsuchte man als Hascher, beging alle mögliche Räubereien und Ausschweifungen. Der Wahnwitz gab cs der Ruchlosigkeit in nichts nach. Alle schon mehr oder minder herrschenden Jrr- thümer empfingen in der Bestürzung und Erregtheit aller Eemüther außerordentliche Gewalt, und fanden weit bedeutendere, jählingere Anwendung. Alle dienten nur dazu, jene Haupttollheit von den Verpestungen und Vergiftungen, wie wir gesehen haben, in ihren Wirkungen und Ausbrüchen zum öfteren nichts LOL als Verderbtheit anderer Art, zu verstärken und zu bestärken. Das Bild jener erträumten Gefahr peinigte und beunruhigte die Gemüther mehr als die wirklich zu bestehende. „Und während die Leichname," sagt Nipamonti, „ einzeln und haufenweise immer vor den Augen, vor den Füßen der Lebenden lagen, und die ganze Stadt einem Kirchhofe glich; war cs doch etwas viel Entsetzenderes, weit häßlichere, öffentliche Erscheinung, jenes wechselseitige Ergrimmen, die Mißgestaltungen und Abwege, in und auf denen sich der Argwohn kund gab .... Man mißtraute nicht nur dem Nächsten, dem Freunde, dem Gaste, sondern selbst die Namen, festesten Bande menschlicher Liebe: Mann und Frau, Vater und Sohn, Bruder und Bruder, waren Schrecknisse, und (was man sich scheuen möchte und sollte, auszusprechen!) man fürchtete selbst den traulichen Familientisch, das Ehebett, als Verstecke und Hinterhalte der Hexerei!" Die ungeheure Größe, die Seltsamkeit des Anschlages verwirrten Aller Beurtheilungökrast, überwältigten alle Gründe zu gegenseitigem Vertrauen. Außer dem Ehrgeize und der Habsucht, die man beide gleich im ersten Anfänge als Beweggründe der Vec- pestcr vorausgesetzt hatte, wähnte man, glaubte, im Verlaufe der Zeit, es liege in dem Verpesten selbst eine gewisse teuflische Wollust, unwiderstehliche Anziehungskraft des Willens. Die wahnwitzigen Reden derKran- ken,welche sich selbst dessen anklagtcn, wessen sieAndere in 203 Verdacht zogen, erschienen Aufdeckungen der Wahrheit und machten Alles Allen erst recht glaubhaft. Schlagender als Worte mußten aber erst die Zeichen beweisen, die die verpesteten Jrreredner dazu machten und die sie sich in gesundem Zustande als von den Ver- pestern angewandte erdacht hatten: welcher Umstand eben so wahrscheinlich als wohlgeeignet ist, den gültigsten Grund zu der festen Ueberzeugung und den Zusicherungen vieler Schriftsteller abzugeben. Eben so sehr trugen die, auf dem langen, traurigen Wege gerichtlicher Verhöre, in Hexenprozessen empfangenen, oft erfolterten Geständnisse der Beschuldigten bei, die in Betreff der Hexerei herrschenden Meinungen zu befördern und zu erhalten: denn, wenn eine Meinung erst zu einer langen, weilen Herrschaft gelangte, giebt sie sich auf alle Weife kund, versucht alle Ausgänge, durchläuft alle nur möglichen Grade der Ueberzeugung, und schwerlich glauben Alle oder Viele auf die Lange, daß irgend etwas Seltsames geschehe, ohne daß sich Jemand fände, der glauben sollte, er thue es, es geschähe durch ihn. Unter den Geschichten, die der tolle Wahn der Verpestung erzeugte, verdient namentlich eine Erwähnung, in Ansehung des Glaubens, den sie überall erlangte, und ihrer weiten Verbreitung. Man erzählte sich nämlich, nicht einmal so wie das andere, (das würde bei einer Fabel zu sonderbar klingen) sondern nur ungefähr so: es habe Jemand an ei- 204 nem gewissen Tage auf dem Domplatze einen sechsspännigen Wagen halten sehen, worin ein vornehmer Mann mit glanzender Umgebung gesessen, er sev sehr düster, schwärzlicher Gesichtsfarbe, herrischen Ansehens, die Augen sepcn ihm entzündet gewesen, die Lippen wie zu einer Drohung geöffnet, die Haare haben ihm zu Berge gestanden. Der Zuschauer selber Einladung in die Kutsche zu steigen gefolgt: man sey darauf eine Strecke gefahren, der Wagen habe vor der Thüre eines Pallastes stillgehalten, man sey ausgestiegen, er sey mit den Anderen eingekrcten und habe Anmuth und Entsetzen, Wüsten und Garten, Höhlen und Sale und darin zu Nathe sitzende Spukgestalten gesehen. Am Ende habe man ihm große Kasten mit Geld gezeigt und ihn aufgefordert, er möge davon nehmen, soviel er wolle, müsse aber dafür auch ein Gefäß mit Pcstsalbe annehmen und damit in der Stadt umhergehen und verpesten; und als er sich, dies zu thun, weigerte, befand er sich plötzlich wieder an dem Orte, wo man mit ihm abfuhr. Diese Geschichte glaubte man nicht allein hier beim Volke allgemein, sondern sie wurde, wie Ripamonli meint, auch von gelehrten, verständigen Leuten bei weitem nicht hinlänglich verspottet; sie verbreitete sich durch ganz Italien und ins Ausland, wurde in Deutschland gedruckt, und der Churfürst-Erzbischofs von Mainz schrieb an den Cardinal Friedrich und fragte ihn, was man von den Gerüchten über Mai- 205 land zu denken hübe, worauf zur Antwort erfolgte: es sey dummes Zeug. Von gleichem Werthe, wenn auch nicht in Allem gleicher Art, waren die Erdichtungen der Gelehrten; ob wohl ihre Folgen eben so unglückselig. Die meisten sahen das Anzeichen und die Ursachen alles Wehs in einem, im Jahre 1628 erschienenen Kometen und in einer Eonjunktion desSalurns und Jupiters, „indem," schreibt Tadino, ' „dieselbe so klar und deutlich auf das Jahr 1630 deutet, daß Jedermann es verstehen kann. Nortales parat mor- kos, mirauäa vickeutur." Diese Weißagung, man weiß nicht wann und von wem gegeben, lief, wie Ripamonti erwähnt, über alle nur irgend fähige Lippen, sie auszusprechen. Ein zweiter, im Juni, eben des Pestjahrcs erscheinender Komet galt als offenbarer Beweis der Verpestungen. Man fischte in allen Büchern nach Beispielen, wie man sagte, angestellter Pest, und fand leider nur zu viele: man cilirte Li- vius, Tacitus, Dion, was sage ich? selbst Homer und Ovid, und viele andere Alte, die ähnliche Fälle erzählen oder berühren; bei den Neuern noch größerer Uebcrfluß. Man citirte hundert andere Autoren, die über Gifte, Zaubereien, Verpestungen und Hexenpulver gelehrt abhandelten oder ihrer beiläufig gedachten: Cesalpino, Cardano, Grevino, Salio, Pareo, Schenchio, Zachia und endlich auch den entsetzlichen Delrio, der, richtete sich der Ruhm der Schriftsteller nach dem Guten oder 206 Bösen, das ihre Werke stifteten, einer der berühmtesten seyn müßte, der Delrio, dessen Vsglio mehr Menschen um das Leben brachten, als die Unternehmungen manches Eroberers, der Delrio, dessen Dis- yuisiöioni Usgiolio, die Quintessenz alles dessen, was die Menschen bis zur damaligen Zeit über solche Dinge faselten, die unumstößlichste, anerkannteste Autorität und deshalb langer als ein Jahrhundert die Richtschnur und mächtige Triebfeder gesetzlicher, schrecklicher, ununterbrochener Martern. Von den Erfindungen des ungebildeten Volks- Haufens eigneten die Gebildeten sich an, was ihren Ideen zusagte; von den Erfindungen der Gebildeten eignete sich das Volk an, soviel es davon verstand und wie es fähig war, es zu verstehen; aus Allem zusammen bildete sich ein rohes, unförmliches Gemisch öffentlicher Tollheit. Was am meisten in Erstaunen setzt, ist das Verhalten der Aerzte, die vom ersten Augenblick an die Pest erkannthatten, sie, wie namentlich Tadino, voraussagten, kommen sahen, ihren Gang, so zu sagen, immer im Auge behielten, sagten und predigten es sey Pest, ohne alle Milderung des Wortsinnes, sie theile sich durch bloße Berührung mit, arbeite man ihr nicht entgegen, so werde allgemeine Ansteckung erfolgen; die Aerzte, die so gesprochen hatten, und nunmehr eben die natürlichen Wirkungen der Pest als Beweis für Hexerei und Giftmischerei ansahen. Derjenige, welcher des zweiten 207 an der Pest ,'n Mailand Gestorbnen, Carlo Colonna, Irrsinn für einen Zufall des Nebels erklärte, ließ sich nunmehr so weit irre leiten, als Beweis für Verpestung und teuflische Verschwörung eine Thatsache der Art anzusühren: daß zwei Zeugen aussagken, ein kranker Freund habe ihnen erzählt, wie eines Nachts Leute zu ihm in die Kammer kamen, ihm Gesundheit und Geld anboten, wenn ec die umliegenden Häuser verpesten wolle; wie dann auf seine abschlag« liehe Anrwort ein Wolf unter seinem Bette geblieben sey und drei häßliche Katzen auf ihm, die alle bis zum Hellen Tage ihre Wirthschast trieben. Ließe sich ein einzelner Mann solche Jdeengänge zu Schulden kommen, so möchte man es ihm leicht als Dummheit oder besonderen Leichtsinn auslegen und es verdiente weiter keine Erwähnung; da es aber Vielen eigen war, so gehört es zur Geschichte des menschlichen Geistes, und man kann in ihr wahrnehmen, wie sehr eine wichtige, vernünftige Gedankenfolge und ein Gedankenschluß von einer oder einem andern gekreuzt und überwältigt wird. Tadino war im übrigen einer der geachtetstcn Männer seiner Zeit. Zwei werthvolle und würdige Schriftsteller*) versichern: Cardinal Friedrich habe die Wahrheit der Verpestungen in Zweifel gezogen- Wir möchten gern diesem berühmten, liebenswürdigen Andenken *) AIurLtorl, Del Zoverno äella xvste. Dloäena 1714 k. Ver-ri, in dem schon citirten Werkchen. ein noch volleres Lob spenden und den guten Greis in diesem Falle so wie in jedem andern mit dem großen Haufen Millcbender in keine Berührung bringen; wir sind aber genöthigt, abermals ein Beispiel unheil- samen Einflusses vorgefaßter, allgemeiner Meinung, selbst auf die edelsten Gemüther, zu hinterbringen. Man hat, zum wenigsten aus der Art, mit welcher Ripamonti seine Gedanken vortragt, gesehen, wieer gleich anfänglich zweifelte. Nachdem hielt er immer für wahr, daß an jener Ansicht der Dinge Leichtgläubigkeit, Unwissenheit, Furcht, Verlangen das lange Läugnen der Pest zu entschuldigen, Theil habe, daß Vieles übertrieben, etwas aber doch wirklich daran sey. In der ambrosianischen Bibliothek bewahrt man ein von seiner Hand geschriebenes Werkchen über die Pest: worin er unter vielen anderen Stellen seine Meinung auch in dieser ausdrückt: „Ueber die Art , solcherlei Gifte zu bereiten und zu verbreiten, erzählt man sich Mancherlei: Einiges kann man nicht umhin einzugestehen, muß aber Anderes als völlig grundlos und erdichtet betrachten." Dennoch ließen Einige nicht ab, von Anfang bis zum Ende unerschütterlich des Glaubens zu seyn, daß Alles nur in der Einbildung beruhe: wir wissen cs nicht von ihnen selbst, denn Niemand durfte wohl den Muth haben, im Publikum mit einer der seinen so entgegengesetzten Ueberzeugung öffentlich aufzutreten; wir wissen es von den Autoren, die sie verspot- 20S ten, ober schelten, oder ihre Meinung als nicht zur allgemeinen Sprache kommende, doch aber bestehende Vorurtheile undJrrthümerWenigerwiderlegen. „Ich habe gelehrte Leute in Mailand gekannt," sagt der gute Muratori am eben angeführten Orte, „ die von Eltern und Vorfahren gut von der Sache unterrichtet und nicht geneigt waren, die Wirkungen giftiger Salben anzuerkennen." Man steht daraus, daß die Wahrheit nur im Geheim, im Vertrauen, in Familienkreisen mitgetheilt und ausgesprochen wurde: Die Stimme der gesunden Vernunft war wohl da, durste aber aus Furcht vor der herrschenden Stimme nicht ertönen. Die täglich verminderten, in Allem verwirrten, aus der Fassung gebrachten Magistratspersonen verwandten die wenige Obhut und Entschlossenheit, deren sie fähig waren, auf Forschungen nach Verpestern und Vergiftern. Und leider! nur zu viele wähnten sie gefunden zu haben. Die Urtheile, welche demnach gefällt wurden, waren sicherlich nicht die ersten ihrer Art, und man kann sie in der Geschichte der Rechtswissenschaft nicht als seltene Fälle nennen. Des Altcrkhums gar zu ge- schweigen, finden sich in dem alleinigen, sechszehnten Jahrhunderte in Italien eine große Menge der Falle, wo hier ein, dort mehre Unglückliche beschuldigt wurden, die Pest durch Pulver oder Salben oder Hexereien oder durch alles zusammen, verbreitet zu haben, wo man ihnen den Prozeß machte, und sie M. O 210 zu den grausamsten Strafen verurtheilte. Die gleichen , hierher gehörigen Ereignisse in Mailand wurden aber bei weitem lauter, länger und allgemeiner besprochen, als andere, mögen deshalb die bemerkens- wcrkhesten zu nennen seim, oder eignen sich vielmehr besser als andere, Bemerkungen anzustellen, weil uns genauere, ausführlichere Belege und Dokumente über sie verblieben. Und obwohl ein eben bemeldcter Schriftsteller (P. Verri) sich mit ihnen beschäftigte; möchte, da er sich nicht sowohl vorfetzte, eine Geschichte dieser Ereignisse zu schreiben, als aus den Dokumenten Gründe und Mittel zu einem noch triftigeren, bedeutenderen Belege und Dokumente zu sammeln, die Geschichte wohl als Anlaß zu einer neuen Arbeit dienen können. Es läßt sich über diese Sache nicht Mit wenigen Worten abhandeln; zu längeren Auseinandersetzungen ist hier nicht Ort und Zeit, und wir können cs jetzt ohnedem nicht übers Herz bringen, unsere Leser über das endliche Schicksal der Personen dieser Geschichte in Zweifel zu lassen. Dreiunddreißigstes Kapitel. Eines Nachts, gegen Ende des Monats August, während die Pest mit ungeschwächter Kraft wüthete 211 ging Don Rodrigo mit seinem getreuen Griso, einem der drei oder vier Diener, welche ihm der Tod bis jetzt noch nicht genommen hatte, über die Straßen von Mailand, seinem Hause zu. Er kam aus einer Gesellschaft von Freunden, die sich oft zu versammeln pflegten, des, von den unglücklichen Zeiten erregten Mißmuthes, durch Schmausen und Schwelgen ledig zu werden: jedesmal gab es neue Mitglieder, fehlten alte. Heute war er einer der Lustigsten gewesen und hatte unter anderen Dingen die Gesellschaft besonders launig mit einer Art Leichenrede auf den Grafen At- tilio, der vor zwei Tagen von der Pest hingerafft worden war, unterhalten. Beim Gehen empfand er aber jetzt ein gewisses Mißbehagen, eine Hinfälligkeit, Ermattung in den Beinen, Beschwerde beim Athmen, innere Trockenheit, die er gern gänzlich dem Weine, der Nachtwache, Jahreszeit zugeschrieben hatte. Er sagte auf dem ganzen Wege kein Wort, und das erste, was er, zu Hause angelangt, sagte, war der Befehl an Griso, Licht anzuzünden. Geschehen, sah Griso den Herrn von der Seite an: das Gesicht glühte, die Augen standen aus dem Kopfe, leuchteten und feuerten; er hielt sich fern, denn unter solchen Umständen mußte ein Jeder seinen eignen Arzt abgeben. „Ich bin wohl," sagte Don Rodrigo, der Gri- so's Gedanken errieth: „Ich bin gesund und wohl; aber ich habe getrunken, ich habe wohl ein wenig zu O 2 viel' getrunken. Der verdammte Vernaccia! *) .... Ein guter Schlaf macht schon alles wieder gut. Ich bin in der That recht schläfrig.... Nimm das Licht da weg .... cs blendet mich .... es ist mir ärgerlich....!" „ Das macht der Vernaccia, " sagte Griso, immer in gehöriger Ferne bleibend: „legt Euch nur nieder; Schlaf wird Euch gut thun." „Du hast Recht: wenn ich schlafen kann.... Sonst bin ich ganz wohl. Setze die Klingel nah zu mir her, im Fall ich zu Nacht irgend etwas bedürfte: sey bei der Hand, verstehst Du, wenn Du etwa klingeln hörst. Ich werde aber wohl nichts nöthig haben.... Schaffe das vermaledeite Licht da weg," nahm er wieder das Wort, wahrend jener dem er- steren Befehl Folge leistete und so wenig wie möglich in die Nahe kam: „Teufel! was es mir zuwider ist!" Griso nahm das Licht weg, wünschte seinem Herrn eine gute Nacht und machte, während derselbe unter die Decke kroch, daß er davon kam. Die Decke schien dem Herrn ein Berg. Er warf sie von sich, krümmte sich zusammen, um einzufchla- fen, war bis zum Tode schlaftrunken. Kaum hatte' er das Auge geschlossen, so wachte er so plötzlich wieder auf, als habe man ihn wach gerüttelt, empfand drückendere Hitze und Wuth. Er gedachte immer des Augusts, des Vernaccia, der Ausschweifungen; hat- *) Veriraacia, Art blanker Wein. A. d. Ueb. 218 ke gern darauf alle Schuld gewalzt; diesen Ideen gesellte sich aber immer die andere, welche damals gewissermaßen alle Sinne fesselte, bei allen Schwelgereien und Gelagen sich einzuführen vetstand, von der man eher noch scherzweise sprechen, als gar nicht an sie denken konnte: die Pest! -> Nach langem Kampfe gelang'es ihm einzuschlafen und die düstersten, verwitrtesten Traume von der Welt bemächtigten sich seiner. Aus dem einen in den andern, war es ihm als befinde er sich in einer großen Kirche, mitten in großem Volksgedränge; er wußte nicht, wie er dahin gelangt sey, wie es ihm habe, besonders in solcher Zeit, einfallen können, dahin zu gehen; zerbrach sich den Kopf; betrachtete die Umstehenden: lauter abgezehrte, todten- blclche Gesichter, stiere, leblose Augen, Hangende Lippen» alles Leute mit zerlumpten, zerfetzten Kleidern, zwischen denen das mit Blutflecken und Pestbeulen bedeckte Fleisch hervorsah. „Weicht aus, ihr Kanaillen!" glaubte er ihnen zuzurufen, indem er zu der fernen fernen Thüre sah, seine Worte mit grimmen Mienen begleitete, doch ohne sich zu regen, sich zusammenkrümmend, um die schmutzigen Körper, die ihn so schon häufig genug berührten, so vieler vermochte, zu meiden. Keiner der unheimlichen Gesellschaft schien Platz machen zu wollen, keiner schien zu hören; sie schienen im Gegentheile ihm nur um so mehr auf den Hals zu rücken» besonders war es ihm 214 als stoße ihn »Liner mit dem Ellbogen oder sonst etwas, in die linke Seite, zwischen das Herz und die Armhöhle, wo er einen schmerzenden, drückenden Stich fühlte. Und wandte er sich, dem Ueberlastigen zu entgehen, so war alsbald ein Anderer, er wußte nicht woher gekommen, der ihn auf den nämlicken Fleck stach. Voller Wuth, wollte er Hand an den Degen legen, und es siel ihm bei, er könne ihn wohl im Gedränge höher geschoben und eben sein Knopf das seyn, was ihm in die Seite drücke; als er aber die Hand dahin führte, fand er keinen Degen, empfang an jenem Flecke nur weit stechenderen Schmerz. Er entsetzte sich, keuchte und wollte lauter aufschreien, als alle die Gesichter um ihn sich nach einer Seite wandten. Auch er sah dahin, sah ein Pult, von dessen Brustwehren ganz besonderer Schimmer und Glanz herabtraf, sah einen geschorncn Kopfwirbel zum Vorschein kommen, deutlich zwei Augen, ein Gesicht, einen langen, Weißen Bart, einen aufrecht stehenden Mönch, bis zum Gürtel über die Brustwehr ragend — Bruder Ehri- stoforus! Er blickte streng über die Versammlung, ließ den Blick, so schien es Don Rodrigo'n, auf ihm ruhen, hob, gerade wie damals in dem Spcisesaale des Schlosses, die eine Hand warnend empor. Auch Don Rodrigo riß seine Hand wülhend in die Höhe, strengte sich an, zu ihm zu gelangen, den erhobenen Arm gewaltsam zu erfassen, aber eine dumpf in seinem Innern ertönende Stimme brach in lautes Ge- heul aus und er erwachte. Er ließ den Arm, den er wirklich erhoben hatte, sinken; gelangte nur mübsam wieder zu vollem Bewußtseyn, öffnete schwerfällig die Augen, obschon das Licht des langst angebrochenen Tages ihm eben so lästig war wie das Kerzenlicht in der Nacht; erkannte sein Bett, sein Zimmer, sah ein, daß alles nur Traum war: Kirche, Volk, Mönch, alles war verschwunden,, gll.Hs, bis auf eines, bis auf den Schmerz in der linken Seite. Zugleich mit ikm empfand er ängstliches, schnelleres Herzklopfen, Brausen und Gesumm vor den Ohren, inneres Brennen, alle Glieder waren schwer wie Blei, schwerer als da er sich niederlegte. Er tpartete eine Weile, phe er nach dem schmerzenden Thsile sah, deckte ihn endlich auf, warf einen Blick hin, schauderte zurück^ denn er sah eine ekelhafte,,violette, braunblaue.Pestbeule- Er sah sich verloren: Schrecken des Todes bestürmten ihn, bestürmten ihn um so empfindlicher mst dem Entsetzen des Gedankens, ein Raub der Monat- ti, in das Lazareth getragen, geworfen zu werden. Und indem er über die Art nachdachte, wie er dieses furchtbare Schicksal meide, fühlte er seine Gedanken sich verwirren und verfinstern, fühlte den Augenblick nahen, der ihm nur so viel Bewußtseyn lassen werde, als hinreiche, zu verzweifeln. Er ergriff die Klingel und schüttelte sie heftig. Griso war ayf dem Sprunge, erschien sogleich, blieb in gewisser L16 Entfernung vom Bette stehen, sah den Herrn aufmerksam an und war dessen, was er am Abend ver- muthete, gewiß. „ Griso!" sagte Don Rodrlgo, und richtete sich ln dem Bette mit Anstrengung zum Sitzen empor: „Du warst immerdar mein Getreuster." „ Ja, Herr, " „Ich habe Dir immerdar Gutes gethan." „Aus übergroßer Gnade." „ Dir darf ich mich vertrauen....!" „Das wollt' ich meinen!" " „Ich bin krank, Griso." „Ich merkte es." „Werde ich wieder gesund, so erzeige ich Dir Mehr Gutes, als ich Dir jemals erzeigte." Griso antwortete nichts, und war erwartungsvoll, wohinaus das alles wolle. „Ich will mich Niemandem, als Dir vertrauen," erwiederte Don Rodrigo: „thue mir einen Gefallen, Griso." „Befehlt!" sagte dieser und antwortete mit diesem gewohnten Spruche auf den ungewohnten Anspruch. „Weißt Du den Wundarzt Chiodo wohnen?" „ Sehr wohl." „ Er ist ein wackerer Mann. Bezahlt man ihn gut, so verheimlicht er dieKranken. Laufund hole ihn: sage ihm, ich wolle vier, sechs Srudi, mehr 217 noch, wenn er es verlange, geben; er solle nur schnell kommen; und sey behutsam, daß Niemand etwas merkt." „Sehr wohl," sagte Griso, „ich bin gleich wieder da." „Höre, Griso, gieb mir vorerst ein wenig Wasser. Ich verschmachte." „ Nein, Herr, " entgegnete Griso: „ nichts, was der Doktor nicht erlaubt. Das sind bedenkliche Ue- bel: es ist keine Zeit zu verlieren. Seyd ruhig, ich bin, wie man die Hand wendet, mit dem Chio- do da." Dies gesagt, ging er und verschloß die Thüre. Zusammengekrümmt, folgte Don Rodrigo ihm in Gedanken in das Haus des Arztes, zahlte die Schritte, berechnete die Zeit. Von Zeit zu Zeit wandte er sich herum, seine linke Seite zu beschauen; aber er mußte den Blick sogleich wieder mit Abscheu abwenden. Nach einer Weile sing er an aufzuhorchen, ob der Doktor käme; diese gespannte Erwartung beherrschte die Empfindung des Schmerzes, und hielt die Denkkraft in Ordnung. Plötzlich vernahm er fernes Geräusch; es schien aber aus den Zimmern, nicht von der Straße zu nahen. Er lieh das Ohr; vernahm es stärker, wiederholter, zugleich mit ihm Fußgescharre: rin entsetzlicher Verdacht blitzt ihm durch den Sinn. Er richtet sich halb empor, ist noch aufmerksamer; in dem anstoßenden Zimmer wird dumpfer Lärm ver- 218 nehmbar, als ob man eine schwere Last vorsichtig nie-, versetzte; er wirst die Beine aus dem Bette, um aufzustehen, heftet den Blick auf die Thüre, sieht sie aufgehen, sieht zwei schmutzige, abgenutzte Rothröcke, zwei abscheuliche Fratzengestchter, mit einem Worte zwei Monatti eintreien, auf sich zukommen, sieht halb und halb Griso's Gesicht, der hinter der halb angelehnten Thüre verborgen bleibt und lauscht. „Schändlicher Verrätherj .... Fort, Ihr Ver-- worfnen! Biondino! Carlotto! Hülfe! man ermordet mich!" schreit Don Rodrigo, greift mit einer- Hand unter das Kopfkissen, wo er seine Pistolen ver-> borgen hat; ergreift eines, zieht es hervor; aber bei seinem ersten Schrei waren die Monatti eilig auf das Bett zugesprungen, der vorderste packt ihn, ehe er weiter etwas thun kann, reißt ihm das Pistol aus der Hand und schleudert es fort, wirft ihn nieder und halt ihn fest, indem er voller Wuth und Hohn die Zahne knirscht und ausruft: „Schurke! gegen Monatti! gegen Diener des Tribunals! die lauter Werke der Barmherzigkeit ausüben!" „Halte ihn nur fest, bis wir ihn forttragen." sagte der Gefährte, und ging einem Schranke zu, Auch Griso kam herein und half das Schloß ausbrechen. - „Bösewicht!" heulte Don Rodrigo, sah unter dem Andern, der ihn hielt, empor, und wand sich unter deü nervigen Armen- i 219 „Laßt mich nur diesen Hund ermorden," schrie er zu den Mouatti; „Ihr mögt mit mir beginnen, was Zhr wollt." Mit lautem Geschrei rüste er seinen anderen Dienern; vergebens! der abscheuliche Griso hatte sie mit erdichteten Befehlen des Herrn weit fort gesandt, ehe er noch ging und den Mouatti den Vorschlag that, das Unternehmen gemeinschast, lich zu bestehen und die Beute zu theilen. „Ruhig» ruhig!" sagte der Barbar, der ihnim Bette festhielt, zu Don Modrig»; drehte sich nach den beiden Erbeutenden um und rief ihnen zu: Theilf ehrlich!" „Du! Du!" brüllte Don Rodrigo nach Griso hin, den er geschäftig aufbrechen, Geld und Sachey herauslangen und theilen sah. „Du! Nach....! O Du höllischer Teufel! Werde ich wieder gesund! Werde ich gesund! Griso muchste nicht, sah sich, so viel es ihm möglich war, sogar nicht nach dem Lrte um, von wo diese Worte erschollen. „Halte ihn nur fest,," sggte der andere Mvnat- to:.„rr ist toll." Der Unglückliche ward es wirklich. Nach einem letzten, heftigeren Vrrsuck zu schreien, sich loszuwinden; sank er plötzlich.kraft-und sinnlos him: sah mit starrem Blick um sich, fuhr einigemalc zusammen und winselte. Die Monatti packten ihn an, der eine bei den Züßen, de? andere bpi .den Schultern und trugen ihn zu einer im nächsten Zimmer abgesehen Bahre, einer kam zurück, die Beute einzustecken, sie hoben die jammervolle Last auf und trugen sie davon. Griso raffte in aller Geschwindigkeit zusammen, was er noch passend für seinen Kram hielt, schnürte sein Bündel und machte sich auf die Beine. Er hatte sich sehr wohl vorgesehen, die Monätti niemals zu berühren, nicht von ihnen berührt zu werden; in dem letzter» Anfall von Beutewuth hatte er sich aber dennoch dem Bette seines Herrn genähert und, ohne etwas dabei zu denken, dessen Kleider durchsucht und umgekehrt, sich das in ihnen steckende Geld zu-' zueignen. Am nächsten Tage dachte er sich wohl etwas dabei, denn als er schwelgend in einer Schenke saß, überkam ihn ein jählingerSchauder, umwölkten sich seine Augen, verließen ihn seine Kräfte, er stürzte zu Boden. Verlassen von den Genossen, ge- rieth er den Monatt! in die Hände, die ihm abnah- mcn, was er Werthvolles bei sich trug und ihn auf einen Karren warfen, auf dem er, bevor er das La- zareth, wohin sein Herr war gebracht worden, erreichte , seinen Geist aufgab. Wir lassen den Herrn einstweilen an dem Orte des Wehs und suchen einen Andern auf, dessen Geschichte niemals in Bezug mit der seinen gekommen seyn würde, hätte er es nicht mit Gewalt durchgesetzt: wir können sogar versichern, daß ohne diesen Umstand der Eine wie der Andere gar keine Geschichte 22t gehabt haben würde: ich meine Renzo'n, den wir in der neuen Spinnerei unter dem Namen Antonio Minolta verließen. Es mochten ihm etwa fünf oder sechs Monate daselbst verstrichen seyn, als die Feindseligkeiten zwischen der Republik und dem Könige von Spanien ausbrachcn, und da sonach alle Gefahr etwaiger Auslieferung , alle Befürchtungen von dieser Seite wegsielen, so beeilte sich Bortolo zu seinem Vetter, nahm ihn wieder mit sich, thcils weil er ihn sehr liebte, theils weil der von Natur einsichtige, in seinem Handwerke geschickte Renzo in einer Fabrik dem Faktotum, zu dessen Würde er, weil er nicht mit der Feder umzugehen verstand, niemals selbst gelangen, vielen Nutzen bringen konnte. Da diese Ursache mitwirkte, so können wir sie nicht außer Betracht lassen; ist sie Manchem nicht recht, dem ein ideellerer Bortolo lieber wäre, so können wir ihm nur den Math ertheilen, sich einen nach seinem Sinne zu fabriziren; dieser ist nun einmal so. Renzo hatte von nun an fortwährend bei ihm gearbeitet. Mehr als einmal, mehr als zweimal und besonders nach Empfang jener herrlichen Briese Agnesens, war es ihm in den Kopf gefahren, Soldat zu werden, mit einemmale ein Ende zu machen: eS fehlte auch nicht an Gelegenheiten es zu thun, denn die Republik war unterdes manchmal in den Fall gekommen, Truppen auszuheben. Die Versuchung / 222 ward oft um so starker für Renzo'n, als auch von einem Uebcrfalle des Mailandischen die Rede gewesen war, und es ihm natürlich gar erwünscht Vorkommen mußte, als Sieger in seine Heimath zurückzukehren, Luzien wiederzusehen und endlich eine Erklärung mit ihr herbeizuführcn. Bortolo hatte ihn aber stets mit guter Art von einem solchen Entschlüsse abzulenken versucht. „Haben sie dort etwas zu suchen," meinte er, „so werden sie es ohne Dich finden; Du kannst ihnen nach Deiner Bequemlichkeit folgen; kommen sie mit blutigen Köpfen zurück, so ist cs doch wohl besser, Du bist nicht dabei gewesen! Sie mögen so toll drauf los stürmen, wie sie wollen, es wird nicht daran fehlen; und ehe sie noch festen Fuß fassen können ....! Was mich betrifft, ich bekümmere mich nicht gern um ungelegte Eier! Mailand ist kein so kleiner Bissen, den man nur so zu verschlucken braucht. Spanien ist mit im Spiele, lieber Sohn: weißt Du wohl, was Spanien sagen will? Sankt Markus ist wohl stack in seinen vier Pfählen, das reicht hier aber nicht hin. Habe Geduld: geht cs Dir hier nicht wohl? .... Ich weiß wohl, was Du mir sagen willst; aber soll noch etwas aus der Sache werden, so glaube nur, es wird eher etwas daraus, wenn Du keine dummen Streiche machst. Die Heiligen werden Dir schon beistehen. Glaube mir, so etwas ist nichts für Dich. Scheint es Dir denn gar so erwünschter, künftighin anstatt Seide aufzuspulen, zu morden? Was hast Du damit zu schaffen? Da gehören ganz andere Kerle dazu! " Manchmal wollte Renzo heimlich, verkleidet, um- ter fremdem Namen zurückwandern; aber auch davon gelang es Bortvlo'n, ihn mit leicht zu errathenden Gründen abzuhalten. Und als hernach die Pest im Mailandischen überhand nahm und gerade, wie wir auch erwähnten, an der Grenze von Bergamo losbrach, so wahrte es nicht lange, daß sie näher kam, und-man erschrecke nur nicht, es erfolgt keine neue Beschreibung, es giebt schon eine, auf obrigkeitliches Verlangen von einem gewissen Lorenzo Ghirardelli geschrieben - zwar ein unbekanntes, seltenes Buch, was aber vielleicht mehr Thatsachen enthalt, mehr Werth hat, als die berühmtesten Beschreibungen der Pest zusammengenommen. Was ich sagen wollte, ist, daß auch Renzo angesteckt wurde, die Krankheit ohne alle ärztliche Hülfe überstand. Sie führte ihn zwar dicht an den Rand des Grabes; seine gesunde Natur bezwang aber ihre Kraft und in wenig Tagen war er außer Gefahr. Mit der Wiederkehr des Lebens kehrten seinem Herzen auch brennender, heftiger als jemals alle Sorgen des Lebens, alle Hoffnungen, Wünsche, Erinnerungen, Äbsichten wieder; es genügt zu sagen, mehr als jemals lag ihm Luzia im Sinn. Was war aus ihr in solcher Zeit geworden, wo man nur ausnahnis- weise leben blieb? Ihr so nahe zu seyn, doch nichts von ihr erfahren zu können? Der Himmel weiß, in welcher Ungewißheit, ausdauern zu müssen! Und wenn nun auch dies vorüber war, wenn alle Gefahr aufgehört hatte, wenn er wußte, daß Luzia noch lebe; so blieb doch immer noch der Hauptknoten, das abscheuliche Gelübde. „Ich will hin, will alles auf einmal erfahren und ausmachen," sagte er zu sich, sagte es, bevor er noch im Stande war, sich auf den Beinen zu erhalten. „Wenn sie nur lebt! Ach, wenn sie nur noch lebt! Wenn ich sie nur finde! — Ich will sie schon finden! Werde doch nun einmal aus ihrem eignen Munde hören, was cs eigentlich für eine Geschichte mildem Gelübde ist, werde ihr begreiflich machen, daß es nichts damit ist, werde sie mit mir führen, sie und die arme Agnes, wenn sie noch lebt, die mir doch immer so gut war und es sicherlich noch ist. Der Verhaftbefehl? was da! jetzt hat, wer noch lebt, an andere Dinge zu denken. Es läuft ja hier genug Volk umher, das vogelfrei und flüchtig ist, .... Sollten sie denn nur wirkliche Galgenstricke ungestraft laufen lassen? Und in Mailand, heißt es, soll es ja noch weit bunter über Ecke gehen. Laße ich eine so gute Gelegenheit ungenutzt vorüber — (die Pest — eine gute Gelegenheit! So weit kann uns zuweilen die Sucht, alles aufunser werthes Jch zu beziehen , ihm alles unterzuordnen, in unserer Art zu reden irre führen!) .... so kommt sie nicht wieder!" 225 Man muß nur immer das Beste hoffen, mein lieber Renzo!" Er war kaum im Stande, sich mühsam fortzuschleppen, als er Bortolo'n aufsuchte, dem es dis jetzt gelungen war, der Pest zu entkommen und sich gesund zu erhalten. Er ging nicht zu ihm in das Haus, sondern ries ihm von der Straße zu, ans Fenster zu kommen. „Ach, ach!" sagte Bortolo, „ bist Du ihr entwischt. Wohl Dir!" „Die Beine wollen, wie Du sichst, noch nicht recht fort; die Gefahr ist aber überstanden." „Ach, könnte ich doch auf deinen Beinen stehen. Sonst war es wohl genug gesagt, wenn ich sagen konnte: ich befinde mich wohl, jetzt will cs aber wenig sagen. Nur wer sagen kann: ich befinde mich besser, hat etwas gesagt." Renzo wünschte dem Vetter alles Glück und Heil und theilte ihm seinen Entschluß mit. „ Geh diesmal immer hin, der Himmel stehe Dir bei," sagte Jener: „hüte Dich vor den Gerichten, wie ich mich vor der Ansteckung, und wenn Gott will, daß es mit uns allen Beiden gut ablauft, so sehen wir uns wieder." „O, ich komme gewiß wieder; wenn ich nur nicht allein kommen muß! Nun man muß hvffeni" „Komme nur in Gesellschaft; wir arbeiten, soGott will, wieder zusammen und leben zusammen in Frie- III. P 226 den und Einigkeit. Wenn Du mich nur wiederfindest, nur erst die verwünschte Ansteckung vorbei wäre!" „Wir sehen uns wieder; wir sehen uns wieder; wir müssen uns Wiedersehen!" „Noch einmal: gebe es der Himmel!" Renzo verbrachte einige Tage, seine Kräfte zu üben, zu prüfen, zu sammeln, und als er sich kaum stark genug glaubte, schickte er sich zur Reise an. Er band sich unter den Kleidern einen Gürtel um, mit den fünfzig Scudi, die er niemals angegriffen, und von denen er Niemand, selbst nicht Bortolo'n et» was vertraute, steckte das Wenige, was er, von Tag zu Tag durch schmale Bissen ersparte, zu sich; nahm ein Bündel Kleider und Wäsche unter den Arm, steckte auch seinen, unter dem Namen Antonio Nivolta ausgestellten schriftlichen Abschied seines zweiten Brod- herrn wohlweislich zu sich, steckte in die eine Hosentasche ein Stilet, dessen der bravste Mensch zu damaliger Zeit nicht entbehren konnte, und wandelte in den letzten Tagen des Augusts, drei Tage, nachdem Don Rodrigo war in das Lazareth geschafft worden, aus. Er schlug den Weg nach Lecco ein» weil er, ehe er sich nach Mailand wagte, sein Dorf besuchen wollte, um daselbst, wenn Agnes, wie er hoffte, noch am Leben sey, einige von den vielen Dingen, nach deren Keuntuiß er solches Verlangen trug, von ihr zu erfahren. . Die wenige», von der Pest Gesundeten, schienen, tili A W N- kt zK, ft! ziln jV I!»il sche HÄ iw, «kl iil,-' !lL Ar, gegen die übrige Volksmenge betrachtet, kn der Thal eine auserkohrne Schaar. Ein großer Theil der Uebri- gen erkrankte und starb, wer bisher noch nicht von demUebel befallen war, lebte in steter Angst, ging zurückhaltend, behutsam, ungewissen Schrittes, mürrischen Ansehens,zugleich eilig und zaudernd einher: denn Alles konnte zur tödtlichen Waffe gegen ihn Werdern Die Wenigen hingegen waren zuversichtlich und ihrer Sache gewiß (denn daß Jemand die Pest zweimal gehabt hatte, war nicht sowohl ein seltner als ein unerhörter Fall), gingen frank und entschlossen durch dib Pest; wie etwa vordem irrende Ritter, von Kopf dis zu den Füßen in Eisen gehüllt, mit Waffen behau» gen, auf ebenfalls geharnischten und bepanzerten Streitrossen, in der Welt einherschwarmten, unter avmt seligem Bürger - und Bauerngeschmeiß, das de- müth'ig zu Fuße schlich und nichts auf deM Leibe hatte, ihre Streiche zu stumpfen oder abzuwehteN, alS Lumpen. Mit ähnlichen, nur etwas von den bekannten Besorgnissen, von dem immerwahrenden Anblicke, dem unaufhörlichen GedaNkeü des allgemeinen Jammers gemilderter Zuversicht, ging Renzo seiner Heimat!) unter einem schönen Himmel, In einem schönen Lande zu; begegnete aber nach langem, einsamem, traurigem WanderN nichts als zuweilen einem unstäten Schatten ähnlicheren WeseN als lebendem MrNscheN, oder Leichnamen, die Man ohne alles feierliche Gepränge, 'ohne andächtige Ge- P 2 sänge in die Grube warf. Gegen Mittag verweilte er in einem Gebüsch, ein wenig Brod und Zukost, das er mitgenommen hatte, zu verzehren. Früchte, mehr als er bedurfte, konnte er sich dem ganzen Weg entlang nach Belieben zueignen: Feigen, Psir- schen, Pflaumen, Birnen so viel er wollte; er brauchte nur in einen Weinberg zu gehen, die Hand auszustrecken, vondenAesten abzupflückcn, oder die reiferen von der Erde, die damit ganz besät war, aufzule- scn- Das Jahr gab überreiche Obsternte, beinahe kein Mensch trug dafür Sorge, und die Jedermann preisgegebenen Weintrauben bargen fast das Weinlaub. Gegen Abend sah er sein Dörfchen vor sich; wie vorbereitet er auch auf diesen Anblick war, fühlte er bei ihm doch sein Herz erbeben, fühlte mit einemmale einen Haufen trauriger Erinnerungen, trauriger Ahnungen auf sich eindringen: er glaubte die widrigen Glockenschläge zu vernehmen, die ihn gleichsam begleiteten , ihn bei seiner Flucht aus dem Dorfe verfolgten, vernahm gewissermaßen mit ihnen die jetzt ringsum herrschende Todtenstille. Stärkere Unruhe empfand er, als er den Todtenackcr betrat, und noch ärger glaubte er, müsse es am Ziele seines Weges werden; denn wo er beschlossen hatte, hinzugehen, war das Haus, was er sonst gewohnt war, Luziens Wohnung zu nennen. Jetzt konnte höchstens Agnes es bewohnen, und die; xinziggMnade, die er vom Him- mel erbat, war, sie lebend und gesund anzutreffen. Er wollte in diesem Hause um Herberge bitten, da er sich wohl vorstellte, das seim'ge möge ietzt nur Ratten und Mäuse aufzunehmen geeignet seyn. Um jenes Haus zu erreichen, ohne das Dorf zu passiren, schlug er einen hinter demselben hinführen- den Fußweg ein, denselben, den er in jener Nacht, wo sie den Pfarrer überrumpeln wollten, in so guter Gesellschaft wandelte. Halben Wegs war auf der e.i.nen Seite das Häuschen, auf der andern der Weingarten Renzo's, so daß er im Vorübergehen einen Augenblick in Eines wie das Andere treten und schauen konnte, wie es darin aussehe. ^ Er sah auf dem Wege immer, verlangend wie fürchtend, Jemand zu erblicken, vor sich hin; nach einigen Schritten erblickte er wirklich Jemand, der im bloßen Hemde auf der Erde saß, mit dem Rücken gegen eine Jasminhecke, in der Stellung eines Wahnsinnigen, lehnend: an Haltung, dann auch an dem Gcsichtszügen glaubte er jenen armen Pinsel, Gervasius, zu erkennen, der als zweiter Zeuge an der verunglückten Unternehmung Theil genommen hatte. Als er näher kam, überzeugte er sich, daß cs statt seiner der vordem so aufgeräumte, muntere Tonio scy , der ihn zum Pfarrer führte. Die, seine Körper- so wie Geisteskräfte vernichtende Krankheit hatte in seinem Antlitz und seinen Bewegungen den Keim einer geringen, verborgnen Ähnlichkeit, mit seinem dummen Bruder entwickelt. ,^O Tonio!" sagte Renzo, blich vor ihm stehen: „bist Du cs?" Tonio richtete die Augen auf, ohne den Kopf zu bewegen. „Tonio, kennst Du mich nicht?" „Heutemir, morgen Dir," erwiederte Tonio, den Mund offen lassend. „Hat es Dich betroffen, armer Tonio, aber kennst du mich nicht mehr?" - „Heute mir, morgen Dir," erwiederte jener, den Mund zu einem einfältigen Lächeln verziehend; Nenzo sah, daß sonst nichts aus ihm zu bringen sey und ging bctrühteren Herzens weiter, Indem er um eine Ecke bog, gewahrte er eine auf ihn zukommen- de, schwarze Gestalt, erkannte bald Don Abbondio. Er ging Schritt vor Schritt, trug den Stock wie Jemand, der sich gegenseitig, von ihm. tragen laßt, und je näherer kam,desto mehr ließ sich aus seinem bleichen, abgezehrten. Gesichte, aus seinem ganzen Westn abneh- »yc.n, daß auch er sein Kreuz getragen habe und trage- Auch er guckte, guckte, es war ihm so, war ihm auch nicht so: cs war etwas Fremdartiges im Anzuge des- Menschen, es yerrieth einen Fremden aus Bergamo. „Er ist es und kein Anderer!" sagte er bei sich, hob die Hände mit einer Bewegung ärgerlichen Stauyens gxi» Himmel, hielt den Stock in der rechten 2S1 Hand schwebend kn der Luft, und man sah die armen Arme in den Aermeln, die sie ehedem kaum fassen konnten, hin und her zittern. Renzo eilte entgegen, machte einen Kratzfuß, denn ob sie sich gleich auf jene bekannte Weise zuletzt sahen, war und blieb eS doch immer der Herr Pfarrer. „Bist Du da?" rief der. „Ja, ich bin da, wie Ihr seht. Weiß man. nichts Von LUzien? „ Was soll man von ihr wissen? Nichts weiß man von ihr. Sie ist in Mailand, wenn sie sonst noch aus dieser Welt ist. Aber Du...." „Und Agnes, lebt sie? „ Kann seyn; wer soll das wissen? sie ist nicht hier. Aber...." „Wo ist sie?" „Sie ist nach Valsassina gegangen, ist bei ihren Verwandten in Pasturo, Du weißt ja; die Pest soll dort nicht so toll wirthschaften, wie hier. Aber Du, sageich...." „Das ist mir gar nicht licb^ Und Patrv Ehri- stosorus....?" „Ist schon seit langer Zelt' nicht mehr da. Aber...." -- „Da« wußte ich; sie-haben es mir schreiben lassen ; ich fragt« nur. ob er gar nicht wieder in diese Gegend gekommen scy." 232 ,j Bewahre! man hat kein Sterbenswort wieder von ihm gehört. Aber Du.... „ Das ist mir auch gar nicht lieb." Aber Du, sage ich Dir, was um des Himmels Willen, willst Du denn hier in der Gegend? Weißt Du denn nichts von dem Vcrhaftsbesehle?" „Was thut's? Jetzt haben sie an anderes zu denken. Ich habe auch einmal zusehen wollen, wie es mit meinen Angelegenheiten steht. Weiß man denn nicht genau...." „Was willst Du zusehen? jetzt, da Niemand und nichts mehr da ist. Und trotz dem Vcrhastbefehle hierherzukommen, geradcswegs in das Dorf, dem Wolfe in den Nachen zu laufen, ist das vernünftig? Folge dem Rathe eines alten Mannes, der verständiger als Du seyn muß, der Dir nur aus Liebe zu Dir rath: mache Dich auf die Socken, ehe Dich Jemand hier spitz kriegt, lauf hin, woher Du kamst, und hat Dich Jemand gesehen, so laufe nur um so schneller. Ist es hier wohl geheuer für Dich? Weißt Du nicht, daß sie Dich gesucht haben, daß sie gestänkert und gestöbert, das Unterste zu Oberst gekehrt.«.." „Weiß es nur zu gut; die Schelme!" „ Nun, also...." „ Wenn ich Euch aber sage, daß mir das alles gleich viel ist! Und Er, lebt er noch? ist er hier?" „Ich sagte Dir, es ist Niemand hier, ich sage 233 Dir, denke nicht an alle die Dinge hier, sage Dir...." ' ' »Ich frage, ob er hier ist, Er?" „Heiliger Gott! Sey nicht so. Ist es möglich,' daß Du nach alle dem, was geschehen ist,, noch so obenaus seyn kannst!" - 7 - „Ist er hier, oder ist er nicht hier?" „Er ist nicht hier, nur ruhig. Aber, dke Pest, Sohn, die Pest! Wer wird in solchen Zeiten im Lande umherschwärmen?" „Wenn es weiter nichts'auf dieser Welt wäre, als die Pest-'./:, nämlich für mich; ich habe sr'e'ge-' habt, ich-bin frei." „ Nun also! Nun also! Was habe ich gerathen? Und wenn man einer solchen Gefahr entronnen ist,- denke ich, sollte man doch -"dem Himmel danken und...." „Ich danke ihm auch gewiß und wahrhaftig." „Und nicht umherlaufen»>Und neue aufsuchen, sage ich. Thue, was ich Dir sage...." „Ihr habt sie auch gehabt, Herr Pfarrer, wenn ich nicht irre..:. „Ob ich sie gehabt habe! Abscheulich, entsetzlick» ist sie gewesen: es ist ein Wunder, daß ich hier stehe-' Du siehst selbst, wie sie mir mitgespielt hat, wie ich entstellt bin. Jetzt bedarf' ich gewiß der Ruhe, um mir.wieder ein wenig heraus zu helfen: es geht zwar schon ein wenig besser....^ >m ui: „ Um- des Himmels Wille», was willst Du aber hier? Laufe heim ! " „Was wollt Ihr aber nur immer mit Eurem Heimlaufen! Um heim, zu laufen, brauche ich mich gar nicht von der Stelle zu, rühren. Ihr fragt: was ich hier wolle ? Ich will wieder nach meinem Hause." „Dein Haus...." - „Sagt, sind hier viele Leute gestorben?" ,, Ach, ach!" rief. Don Abbondio;. sing bei Perpetua an, und zahlte eine bange Reihe Einzelner, so wjs ggnzer Familien h«r^: .8ienzchn kam es, gar nicht unerwartet; als er abac alle die Namen.von Bekannten. Freunden, Verwandten, (Eltern hatte er schon seit vielen, Jahren nicht mehr) hörte, stund er, tief bettübt, gesenkten Hauptes da, rief einmal über das andere: „Ach, der Arme) Ach, die Arme! Ach, die Armen!" »Ja!" fuhr Don Abbondio fort,; und: es ist.noch nicht aus.. Wenn hie -Ue.briggebliebneni jetzt, nicht in sich gehen und alle ihre alten Sünden: von sich werfen, so ist der jüngste Tag bald da. " „Gewiß; drum will ich auch nicht hier bleiben. " „Ach! dem Himmel sey Dank, daß er Dir das esiigab! Nun, und. versteht, sich, Du gehst wieder heim:.,...." „Seyd. deshalb nur außer Sorgen." „.Wie? Du willst doch, nicht etwa einen noch, dümmeren Streich machen ? " S35 „Ich sage Euch, sevd unbekümmert: das ist meine Sache: ich habe die Kinderschuhe außgezogen- Ich verlasse mich übrigens darauf, daß Ihr Niemand sagen werdet, Ihr habet mich gesehen. Ihr sepd Priester. Ich bin Euer Pfarrkind: Ihr werdet mich nicht verrathen wollen." „Ich verstehe wohl," sagte Don Abbond-'o, bitter seufzend: ich verstehe wohl- Du willst Dich ins Verderben stürzen und mich auch. Es ist Dir vv,ch nicht genug, was Du ausgestandcn hast; cs ist Dir auch noch nicht genug, was ich ausgestanden habe., Ich verstehe, verstehe." Und die letzten Worte.zwi-, schen den Zahnen hervormurmelnd, schlicss er des Weges weiter. Renzo blieb traurig und mißmuthig stehen und ersann sich -ein anderes Unterkommen. Unter dem ihm von Don Abbondio herge^ihlten Gestorbnen befand süb auch eine, der Pest zum Raube gewordne Dauernfamilie, von der nur ein junger Bursche von. Renzo's Aller, Renzo^s ehemaliger Spielkamerad, übriggeblieben war: das Haus lag außerhalb des, Dorfes nicht weit von dem Orte, wo er stand. Er beschloß, dahin zu gehen und um Herberge zu bitten. Er war nahe zu seinem Weingarten gelangt und konnte schon von außen sehen, wie es damit stand. Auch nicht ein Daumblatt, nicht ein Weinblatt, nicht ein Pflänzchen auf der Mauer grünte ihm, wie er es verließ, entgegen; grünte,, keimte noch etwas, 236 so war es entstanden, als er fern war. Er trat an den Eingang (von einer Thüre war keine Rede mehr);' warfeinen Blick ringsum: armer Weingarten! Zwei Wintec'waren die Leute des Dorfes nach Haus und Garten des „armen Teufels, " wie sie ihn nannten, gegangen und hatten geholzt. Weinstöcke, Maulbeerbaume, Früchte aller Art, alles war wild zerrissen und zerbrochen oder die Stamme kahl abgehauen. Dessenungeachtet zeigten sich noch die Spuren ehemaliges Kultur: einzeln stehende Rebschvsse, neben denen noch die zerstörten Reihen sichtbar. Hie und da an den verschicdnen Obstbäumen einzelne Schößlinge und Keime- aber auch diese nur kümmerlich und mitten in ihrem neuen, mannigfaltigen, üppigen Wachsthume erstickt, entstanden und gewachsen ohne die bildende, heilbringende Hand des Menschen. Es war ein Gewirr von Nesseln, Farcenkraut, Hundsgras, wilden Hafer, grünen Amaranthen, Wegkraut, Sauerampfer, Fuchsschwanz und ähnlichen Pflanzen und Krautern, aus denen allen zusammen der Landmann eine große Sippschaft bildete und ihr den Namen Unkraüt zulegts; ein Mischmasch von Stielen, von denen der eine immer in der Luft den andern überragte oder sich um und nebechdem andern auf dem Erdboden hinwand, kurz von denen immer der eine trachtete, den andern zu verdrängen und ihm den Raum zu benehmen; ein Gemisch von Blattern, Blumen, Früchten, von hundert Farben , hundert r- W ilial »iisn» lern dis; likc aiai KM M'. M, Wh M» Mt» wSh ichch Äib»! 237 Formen, huntert Gestaltungen: Aehren, Büschel, Sträußer, Kronen; weiße, rolhe, gelbe, azurne Blüthen und Spitzen. Aus dem dicken Haufen schossen einige ansehnlichere, wenn auch nicht bessere Pflanzen hervor; der blaue Weinstock überragte aber alle anderen mit seinen breiten, röchlichen Ranken, mit seinen großen, prächtigen, dunkelgrünen Blättern, deren einige an den Gipfeln schon purpurne Ränder bekamen, mit seinen gekrümmten unten mit tiefblauen Beeren, höher mit purpurnen, dann mit grünen und an den Gabelchen mit weißen Blüthen besetzten Trauben; der Taxus mit seinengroßen auf der Erde liegenden, wolligen Blättern, mit emporgerichteten Stengeln und den langen, einzelnen, gleichsam mit gelben, munteren Blumen gestirnten Aehren; Kardendisteln mit siachlichien Zweigen, Blättern und Kelchen, aus denen weiße und purpurne Blüthenbü- schel hervorschauten, oder vom Windhauche entführt, leichte, silberne Federchen sich ablösten. Hier hatte eine Windenranke die jungen Sprossen eines Maulbeerbaumes umflochten und umklammert, sie mit ihren zur Erde Hangenden spitzen Blättern ganz überdeckt, und von den Gipfeln der Zweige hingen die weißen, weichen Glöckchen hernieder: dort sich um die röthlichen Beeren und die Neben eines Wcinstockcs geschlungen, der, vergebens einen festeren Stützpunkt suchend, endlich seine jungen Schößlinge gegenseitig um sie schlang; und indem sie ihre schwachen Stengel dm Windenblättern einten, zog eins daö andere, wie cs oft das Schicksal sich unterstützender Schwächlinge, wechselweise zu Boden. Brombeergesträuch wucherte überall, stieg die Lehne auf und hinab, bog seine Zweige zusammen oder zog sie weit hin, erstreckte sich über den Zaun hinaus und schien so selbst dem Eigcnthümer den Zugang verwehren zu wollen. Aber er dachte nicht daran einzutreten, blieb vielleicht nicht so lange vor dem Garten stehen, als wir auf diese Skitze verwandten. Sein Haus stand unfern; er ging durch den Küchengarten und zertrat zu Hunderten die wilden Pflanzen, die den BodeN gleichwie den des Weingartens überdeckten. Er betrat die Schwelle eines der beiden kleinen Zimmer im Erdgeschoß. Beim Schall seiner Fußtritte, bei seinem Nahen: eine Verwirrung , eine Flucht ganzer Sckaa- ren Ratten und Mause, alles verkriecht sich in dem ungeheuren Kehrichthaufen, das Bett der Landsknechte, das von dem Fußboden keine Spur läßt. Er sah auf, an die Wände umher: entkalkt, säuisch, verräuchert. Er sah an die Decke: ein Schirm von Spinnweben. Sonst nichts zu erblicken. Er entfernte sich auch von hier, kratzte sich in den Haaren, ging durch den Küchengarten zurück und betrat wieder den Fußsteg, auf dem er vor wenigen Minuten ankam; als er einige Schritte gegangen war, schlug er einen Seitenweg in die Felder ein und ohne 239 von einem einzigen Menschen etwas zu hören oder zv sehen, erreichte er das Häuschen, wo er ein Nachtlager zu finden hoffte. Der Freund saß auf einer hölzernen Bank vor der Thüce, die Arme auf der Brust verschränkt, die Augen starr gen Himmel gerichtet, wie ein von Unglück überwältigter, von der Einsamkeit verwilderter Mensch. Er hörte Fußtritte, wandte sich, sah, wer käme, und nach dem, was er in der Dämmerung, zwischenLaub und Zweigen, zu erkennen vermeinte, sagte er, indem er aufstand, mit lauter Stimme, beide Hände erhebend „ Ist denn kein Anderer außer mir da? Habe ich gestern nicht genug gearbeitet? Laßt mir ein wenig Ruhe; auch das ist ein Werk der Barmherzigkeit." „Nenzo verstand nicht, was das sagenwollte und rüste ihn zur Antwort beim Namen. „ Renzorief Zeuer verwunderungsvoi! fragend. „Derselbe," sagte Renzo; Einer eilte dem Andern zu. „Bist Du es denn!" sagte der Freund, als sie sich nahe waren: „wie freue ich mich, Dich wieder zu sehen! wer hatte das gedacht? Ich hielt Dich für Paolino , den Todtengraber, der mich immer quält, ihm zu helfen. Weißt Du, daß ich allein übrig bin? allein! allein wie ein Einsiedler. „ Leider weiß ich es!" sagte Renzo, und sie gelangten unter unzähligen BewillkonmruüM, Fragen 240 und Antworten nach dem Hause. Der Freund, ohne das eifrige Gespräch zu unterbrechen, mühete sich hier, Renzo'n, soviel cs der unvorhergesehene Besuch und die schlimmen Zeiten zuließen, ein wenig Ehre zu erzeigen, setzte Wasser ans Feuer, schickte sich an, die Polenta zu bereiten, überließ Renzo'n aber, der sie umrührte, den Quirl und ging mit den Worten: „Ich bin allein; ja! ich bin allein!" Er kam bald mit einer kleinen Gelte voll Milch, einem Stück geräucherten Fleisches, einem paar Ziegenkäse, Feigen und Pfirschen zurück und als alles aufgetischt war, schüttete er die Polenta auseinenTeller und sie setzten sich Beide an den Tisch und dankten sick gegenseitig, Einer für den Besuch, der Andere für den Empfang. Nach einer Abwesenheit von beinahe zwei Jahren fanden sie sich bei . weitem befreundeter wieder, als sie sich jemals, wiesiesich noch täglich sahen, geglaubt hatten; Beide hatte Dinge erfahren, die der Seele fühlbar machen, welcher Trost es ist, Anderen Wohlwollen zu bezeugen, es bei Andern anzutreffcn. Es konnte aber doch nichts Renzo'n Agnesens Stelle ersetzen, noch ihn trösten, daß sie nicht da war, nicht allein aus alter, inniger Zuneigung, sondern auch weil unter den Dingen, die er sogern zu erfahren wünschte, besonders eines sich befand, zu der sie allein die Schlüssel hatte. Er war einige Augenblicke ungewiß, ob er nicht, da er ihr so nahe war, vorerst sie aufsuchen solle; da er aber wieder bedachte, daß auch sie gar nichts über Luziens Wohl s-F Kim Zllük! -M- mH Hw L-a W Ki> ktN, kti» ch; *»i> 24 t und Wehe wisse, so blieb er bei seinem erstercn Entschlüsse, sich so schnell als möglich darüber zu unterrichten, diegroße Gefahr zu bestehen und der Mutter sodann die Nachrichten, welche er erlange, zu hintcrbringen. Aber auch von dem Freunde erfuhr er schon viele Dinge, die er noch nicht wußte, kam er über Vieles, was er falsch wußte, ins Klare: über Luziens Angelegenheiten, über die gegen ihn vorgenommenen Verfolgungen, wie Don Rodrigo sich in aller Stille davon gemacht habe und nicht wieder in der Gegend erblickt worden sey: kurz, über das ganze dunkle Gewirr von Begebenheiten. Er vernahm auch, und das wollte nicht wenig für ihn sagen, den wahren, richtigen Ec- schlechtsnamen Don Ferrantes, den Agnes ihm wohl von ihrem Sekrctaire hatte schreiben lassen, aber der Himmel mag wissen wie? und der Bergamesische Dolmetscher halte ihn auf eine Art gelesen, hatte ein Wort zusammcngestoppelt, daß, hatte er mit demselben die Wohnung der Familie in Mailand aufsuchen wollen, kein Mensch errathen haben würde, wen er meine. Und doch war dies der einzige, Faden, der ihn zu Lu- zien führen konnte. Was die Gerechtigkeit betraf, so konnte er sich immer mehr überzeugen, daß von dieser Seite eben keine Gefahr drohe und er sich deshalb nicht zu beunruhigen nöthig habe: der Herr Amtmann war an der Pest verschieden : cs wahrte vielleicht noch lange Zeit, ehe man seine Stelle durch einen andern ersetzte; auch der größte Theil der Häscher war fort/ lll. Q 242 und die übriggebliebenen hatten an ganz andere, als an diese alten Geschichten zu denken. Er erzählte dem Freunde seine Begebenheiten und erfuhr dagegen von ihm hundert Geschichten über den Heeresdurchzug, über die Pest, Verpester, Wunder. „Es sind fürchterliche Dinge," sagte der Freund, Nenzo'n in ein Zimmer führend, das durch die Pest seiner Bewohner beraubt war: „Dinge, man hatte glauben mögen, sie nimmer zu erleben, Dinge, die einem die ganze übrige Lebenszeit verbittern können, und doch tröstet es, mit Freunden darüber zu reden." Am andern Morgen fanden sie sich beide unten wieder; Renzo reisefertig, den Gürtel unter der Jacke, den Dolch in der Tasche, im klebrigen flüchtig und leicht: das Bündel gab er seinem Wirthe aufzuheben. „Wenn es gut steht," sagte er: „wenn ich sie noch am Leben finde, wenn .... schon gut.... ich komme über hier zurück, laufe nach Pasturo, der armen Agnes Nachricht zu bringen, und dann, dann _Wenn aber das Unglück, das Gott verhüten wolle, dennoch wäre..., dann, dann weiß ich nicht, was ich thue, weiß ich nicht, wo ich mich hinwende: so viel ist gewiß, daß mich hier Niemand wieder sicht." Indem er dies sagte und auf der Schwelle der nach dem Felde führenden Thüre stand, hob er den Kopf empor und sah mit einem Gemisch von Zärtlichkeit und Kummer in die Morgenröthe seiner Hcimath, die er seit so langer Zeit nicht gesehen hatte. Der pi I!Iit D, iÄ !::: siÄ Sck. i iltim kr:- ir:- «rd: Pi! 243 Freund tröstete ihn mit frohen Hoffnungen, steckte ihm ein wenig Mundvorrath für diesen Tag zu, begleitete ihn eine Strecke Weges und verließ ihn endlich unter abermaligen Heil - und Segenswünschen. Renzo schlug die Heerstraße ein, um an diesem Tage Mailand so nahe wie möglich zu kommen, morgen bei guter Zeit anzulangcn und seine Nachforschungen baldigst zu beginnen. Die Reise war ohne Unfälle und er sah nichts, was etwaseine Aufmerksamkeit hatte fesseln können, außer das alte Elend, die alte Drangsal. Wie am vorigen Tage verweilte er auch an diesem, als es Zeit war, in einem Gehölze, Stärkung zu sich zu nehmen und ein wenig Arhem zu schöpfen. Als er durch Monza und vor einem offenen Laden vorüberkam, in dem Brode aufgestellt waren, blieb er stehen utid forderte einige, um auf jeden Fall nicht ganz entblößt zu seyn. Der Bäcker bedeutete ihm, nicht einzutreten, langte ihm auf einer kleinen Schaufel ein flaches Näpfchen voll Wasser' und Essig hinaus, mit der Weisung, das Geld für die Brode hineinfallen zü"lassen, waS geschah und worauf er ihm mit einer eisernen Zange ein Brod nach dem andern reichte, die Renzo in die Tasche steckte. Mit Anbruch des Abends erreichte er Ereco, ohne jedoch dessen Namen zu kennen; da er aber nach den ihm von der ersten Reise verbliebenen Erinnerungen und der Berechnung des damaligen Weges'folgerte, daß die Stadt nicht fern sepn könne, verließ -er-die Q 2 244 Hauptstraße, auf Feldwegen irgend eine Hütte aufzusuchen, in der er die Nacht verbrachte; mit Wirths- Hausern wollte er nichts zu schaffen haben. Er fand mehr als er suchte: er sah die Gatlerthüre eines Zaunes offen, der das Gehöft einer Meierei umschloß, und ging auf gut Glück hinein. Niemand zu sehen; auf der einen Seite befand sich eine weite Halle, mit darunter aufgebanztem Heu, an dem eine Leiter lehnte; er sah noch einmal rings umher, stieg sodann aufs Gerathcwohl hinauf, richtete sich, so bequem es anging, für die Nacht ein und entschlief sehr bald, um mit der Morgcnröthe erst wieder zu erwachen. Er erwachte, kroch auf allen Vieren nach dem Rande seines hohen Bettes, steckte den Kopf hinaus, und da er auch jetzt Niemand sah , stieg er wieder hinab, wie er herauf gestiegen war, ging wieder hinaus, wo er her- eingekommcn war, wanderte auf Feld- und Nebenwegen weiter, nahm den Dom zu seinem Polstcrne und es wahrte nicht lange, so stand er unter den Mauern von Mailand, zwischen der Porta orientale und der Porta nuova, nicht weit von dieser. W i e r u n d d r ei ß i g st e s Kapitel. Renzo hatte reden gehört, es sey der strengste Befehl da,, .Niemand ohne Karte des Sanitättribunales 245 zum Thore hereinzulassen; zugleich aber, Jedermann, der nicht ganz auf den Kopf gefallen sey und den rechten Augenblick zu benutzen verstehe, könne hineingelangen. Es war wirklich so; abgesehen von den allgemeinen Ursachen, aus denen damals keinem Befehle rechte Folge geleistet wurde; abgesehen von denen, welche die pünktliche Vollstreckung dieses Befehl's höchst mühsam machten: befand sich Mailand damals in einem Zustande, aus dem man eigentlich nicht recht abnehmen konnte, ob die Folgeleistung des Befehles irgend Jemand etwas helfe; wer zur Stadt kam, dem konnte man eher Nichtachtung seiner eigenen Gesundheit vorwerfen, als Blosstellung derber Einwohner. Auf diese Nachrichten nahm sich Renzo vor, bei dem ersten Thore, zu dem er komme, den Versuch, in die Stadt zu gelangen, anzustellen, stehe etwas entgegen, weiter zu gehen, bis zu einem andern, wo das Glück ihm günstiger sey. Der Himmel mag wissen, wie viel Thore Mailand nach seinem Dafürhalten hatte. Vor denMaucrn angelangt, blieb er stehen und sah ringsum, wie Jemand, der nicht weiß, wohin? und zu erwarten oder zu verlangen scheint, daß ihn irgend was bestimme. Rechts und links sah er nichts als die krumm hinlaufende Straße, sich gegenüber die Stadtmauer, nirgends das geringste Anzeichen menschlicher Wesen: wenn nicht an einer Stelle des Erddammes eine dicke Säule schwarzen, undurchdringlichen Rauches, die, auswirbelnd, sich in gewaltigen Wolken verbreitete und umhertrieb, und sich endlich in dem aschgrauen, stillen Himmel verflüchtigte. Man verbrannte Kleidungsstücke, Betten und anderes, angestecktes Gerüche, und ähnliche düstere Scheiterhaufen sah man allerwärts unfern der Mauern, nicht blos an diesem einzigen Orte. Das Wetter war trübe, die Luft dick, der Himmel durchaus umwölkt, oder mit schwerer, eintöniger Ncbcllast behängen, die der Sonne den Durchbruch weigerte, ohne Regen zu gestatten; die umliegenden Landstrccken zum Theil unbebaut und ganz unfruchtbar; alles Grün vertrocknet und nicht ein Thautropfen auf den welken, Hangenden Blattern. Diese Einsamkeit, dieses Schweigen, so nahe bei einer großen Menschenmasse, gaben Renzo's Unruhe ueuen Zuwachs von Bestürzung und machten seine Gedanken immer schwermuthvoller. Nach einer Weile ging er auf gut Glück weiter, ohne es zu wissen, der Porta nuova zu, der er zwar sehr nahe war, die er aber wegen eines vorstehenden, bergenden Bollwerks nicht sehen konnte. Er war wenige Schritte gegangen, als ein Geklingel von Glöckchen und Schellen in sein Ohr traf, das, zuweilen auch von menschlichen Stimmen begleitet, in Zwischenräumen ertönte und verscholl. Er schritt weiter, bog um die Ecke der Bastei, und das erste, was er auf dem freien Platze vor dem Thore erblickte, war ein großes, hölzernes Gebäude; am Thore stand eine Wache und lehnte kraftlos und nachlässig auf ihrer Muskete; hinter ihr ein Gatter von Latten und dicht daran das Thor selbst, nämlich zwei hohe abstehende Mauern, worüber zum Schutze der Thorflügel ein starkes Wetterdach; die Thorflügel und auch die Thüre des Lattenverschlags standen weit auf. Gerade vor der Oeffnung war aber ein trauriges Hinderniß: eine zur Erde niedergesetzte Bahre, worauf zwei Monatti einen Unglücklichen luden, um ihn fortzuschleppcn. Es war der oberste Zolleinnehmer, an dem sich nicht lange vorher die Pest kund gegeben hatte. Renzo blieb, des Ausgangs gewärtig, wo er war, und als die traurige Gruppe von dannen und Niemand kam, das Thor zu schließen, schien es ihm Zeit und er machte sich schnell auf den Weg; die Wache rief ihm barsch zu: „Halt!" Er gehorchte, winkte dem Soldaten , zog einen halben Dukaten aus der Tasche und zeigte ihn hin. Hatte der Soldat nun schon die Pest gehabt,. oder fürchtete er sie weniger als er den Dukaten liebte; kurz, er winkte Renzo'n, ihm das Geld zuzuwersen, und als es ihm vor den Füßen funkelte , murmelte er: „ Lauf zu! " Renzo ließ sich so etwas nicht zweimal sagen, schritt durch Verschlag und Thor immer der Stadt zu, ohne daß Jemand ihn zu bemerken, oder sich um ihn zu kümmern schien, und erst als er wohl vierzig Schritt weit war, vernahm er ein anderes: „Halt!" das ihm ein Zöllner nachrief. Dieses stellte er sich nicht zu hären, und an- statt umzukehren, verdoppelte er den Schritt. „ Halt!" schrie der Zöllner abermals, wiewohl mit einem Tone, der vielmehr Zorn verkündete, als den Entschluß, sich Gehorsam zu verschaffen; und da kein Gehorsam erfolgte, zuckte er die Achseln und ging in sein Haus zurück, wie Jemand, dem mehr daran gelegen, sich die Vorübergehenden nicht gar zu nahe kommen zu lassen, als nach ihrem Thun und Treiben zu inqul- riren. Die Straße innerhalb dieses Thores lief damals wie jetzt bis zu dem Kanäle, il Naviglio genannt, gerade aus: zur Seite befanden sich Hecken oder Mauern von Küchengarten, Kirchen und Kloster und nur wenige Häuser. Am Ende dieser Straße und in der Mitte der dem Kanals zur Seite laufenden, erhob sich ein Kreuz, das Kreuz des heiligen Eusebius genannt. Und wie Renzo auch umhecspahte, mehr als dies Kreuz erspähte er nicht. Als er den Kreuzweg erreich hatte und nach rechts und links sah, bemerkte er rechts, auf dem sogenannten Sankt Theresiengange, einen gerade auf ihn zukommenden Bürger. „Endlich eine Ehristenseele!" sagte er bei sich und ging dem Fremden, in der Absicht, ihn anzureden, entgegen. Der Fremde hatte auch ihn bemerkt und kam, ihn immer mit den Augen sixirend, seines Weges näher; er sah mürrisch aus, ward es um so mehr, da er gewahrte, daß der Andere, anstatt auch seines Weges zu gehen, auf ihn zu kam. Ziemlich nahe, nahm Renzo, aus der ihm eigenen Höflichkeit, den Hut ab, hielt ihn in der linken Hand, legte die rechte in den leeren Hutkopf und wollte dem Bürger den Weg vertreten. Der Bürger schnitt aber ein fürchterliches Gesicht, khat einen Schritt zurück, erhob einen Knotenstock, den er in der Hand hatte, und der nach Art der Stoßdegen am Ende mit einem spitzen Eisen versehen war und rief, indem er die Spitze gegen Renzo's Leib kehrte: „Fort! fort! fort!" „Ho, ho!" schrie Renzo, bedeckte sich, und da er damals, wie er dann sagte, ganz andere Dinge im Kopfe hatte, als Händel anzufangen, so wandte er dem Fremden den Rücken, und ging seines Weges oder vielmehr des Weges, auf dem er sich befand. Der Bürger wanderte zornentbrannt weiter, sah sich von Zeit zu Zeit verdächtig um und erzählte, zu Hause angelangt: es sey ihm ein Verpester in den Lauf gekommen, mit demuthvoller, einschmeichelnder, abscheulich heuchlerischer Miene, die Büchse mit der Salbe, oder, (er wußte nicht genau, welches von beiden) die Schachtel mit dem Pulver in der Hand, im Hutkopfe haltend, um ihn, hakte er nicht sich zu helfen gewußt, damit zu beflecken- Kam er mir," fügte er hinzu; „nur noch einen Schritt näher, so spießte ich den Schurken an, ehe er Zeit hatte, mich anzustccken. Zum Unglück waren wir nur in einem so entlegenen Orte; wäre cs mitten in der Stadt gewesen, so hätte ich Leute gerufen, wir wären ihm zu Leibe gegangen und hätten sicherlich das unflälhige Zeug in seinem Hure gesunden. So einzeln und allein, mußte ich Gott danken, mit heiler Haut davon zu kommen, mir kein Unglück zuzuziehn ; ein bischen Pulver ist bald geworfen, solche Kerle sind gewandt und durchtrieben und haben immer den Teufel auf ihrer Seite. Jetzt wird er wohl schon mitten in der Stadt seyn und wer weiß, welch Unheil angerichtet haben!" Und so lange er lebte, er lebte lange, lange Jahre, wiederholte er, jedesmal, daß man vonVer- pestern sprach, seinen erlebten Fall und fügte hinzu: „wer noch behaupten will, daß an solchen Dingen nichts sey, der muß es mir nicht sagen wollen, man muß es selbst mit angesehen haben." Renzo war meit entfernt, zu ahnen, welcher Gefahr er entronnen sey, empfand vielmehr Aerger als Furcht, als er unterwegs über diesen Empfang nachdachte und errieth allerdings ziemlich die Meinung, welche der Bürger von ihm und seinen Ansichten mochte gefaßt haben- , Die Sache schien ihm so unvernünftig, daß er überzeugt war, der Mensch müsse halbtoll geivesen seyn. Ein schlimmer Anfang," dachteer: „es ist doch als wenn der Teufel sein Spiel mit mir in dem Mailand habe. Bis ich herein hin, gebt alles zur; hernach aber ist es, als wenn alles Unheil nur auf mich gewartet hatte. Nun.... wenn 251 ich nur erst mit Gottes Hülfe.... und ist sie gefunden, so ist doch alles vergessen und verschmerzt." Bei der Brücke angekommen, wandte er sich ohne Zaudern links, in die Sankt Markusstraße, weil sie, wie er glaubte, nach der innern Stadt führen müsse, und blickte ohne Aufhören um sich, ob er nicht irgend ein menschliches Wesen entdecke; er sah nichts als einen entstellten Leichnam indem Graben, welcher eine Strecke zwischen den wenigen Hausern, derer damals noch weniger als jetzt waren, und der Straße hinlauft. Dem Graben vorüber, hörte er einigemal laut rufen und glaubte, es gelte ihm, und als er nach der Seite sah, von wo das Geschrei erscholl, bemerkte er aus dem Dalkone eines unfernen, einsamen Häuschens eine arme Frau mit mehren sie umstehenden Kindern, immerfort rufend und ihn mit der Hand herbei winkend. Er trat naher, stand unter den Fenstern; sie sagte: „ Guter Mensch! um der Seligkeit Eurer Tobten willen, habt die Barmherzigkeit, geht zum Eommiffar, sagt ihm, man habe uns vergessen. Man hat das Haus verschlossen, weil man die Pest drin glaubt, ander mein armer Mann starb, die Thür ist vernagelt, wie Ihr seht und seit gestern Abend hat uns Niemand etwas zu essen gebracht: ich stehe schon seit vielen Stunden hier, habe noch keinen Menschen gefunden, der sich meiner erbarme: die armen Würmer verhungern." „Verhungern!" rief Renzo und griff hastig in die Tuschen. „Da, da," sagte er, zwei Brodc hervor-- ziehend: „Laßt etwas herunter, woran ich sie befestige. " „ Gott vergelte es! Wartet einen Augenblick, sagte die Frau und suchte einen Korb und eine Schnüre, an der sie ihn hinunter ließ. Renzo gedachte unterdessen der anderen Brode, die er bei dem Kreuze, als er zuerst hierher kam, gefunden hatte- „Das ist Wiedervergeltung," dachte er: „vielleicht besser als hatte ich den Eigenkhümer gefunden, denn es ist wirklich ein Werk der Barmherzigkeit." i „Was denCommissar anlangt, von dem Ihr redet, gute Frau," sagte er sodann: „kannich Euch nicht dienen, ich bin Fremder, und kenne hier keine Menschenseele. Wenn ich aber Jemand finde, der ein wenig menschlich und gut aussieht, daß ich ihn anzureden das Herz habe, will ich es ihm sagen." Die Frau bat, cs zu thun, gab den Namen der Straße an, wo ihr Haus stand. „Ihr könnt mir," sagte Renzo: „ auch einen Dienst erweisen, eine wahre Wohlthat, die Euch keine Beschwer macht. Ich suche adlige, vornehme Leute, sie heißen ** *; wißt Ihr, wo sie wohnen?" „Ich weiß, daß sie hier in Mailand wohnen," entgegnete die Frau: „aber wo? ist mir unbekannt. Wenn Ihr dort hinaufgeht, werdet Ihr wohl Jemand finden, der Euch zurecht weist. Und vergeßt nicht, unserer zu gedenken." 2Z3 „ Gewiß nicht, " sagte Renzo und ging weiter. Bei jedem Schritte hörte er einen Lärm anwachsen und naher kommen, der ihm schon, wahrend er Hierstand und sprach, vernehmbar ward: Hustritte, Rädergeraffel, Geklingel, dann und wann Peitschengeknall und Geschrei. Er sah rings um, sah nichts, bis er die Mündung der krummen Straße und den Sankt Markusplatz erreichte. Das erste, was ihm da in die Augen siel, waren zwei aufgerichtete Balken mit einem Seile und Kloben, woran er alsbald die damals sehr gewöhnliche, abscheuliche Foltcrmaschine erkannte. Man hatte sie hier und nicht blos hier, sondern an allen öffentlichen Platzen und geräumigen Straßen angebracht, damit die Behörden jedes Viertels, die zu solchem Behufs unumschränkteste Gewalt besaßen, ohne Weiteres einen Jeden konnten daran aufhangen lassen, der ihnen der Strafe verfallen schien: es mochte Jemand sepn, der sein der Pest wegen verschlossenes Haus verlassen hatte, ein seinen Pflichten ungetreuer Diener, irgend ein Anderer: es war eine der übertriebenen, unwirksamen Maßregeln, mit denen man in jenen Zeiten und besonders in jenen Augenblicken so verschwenderisch umging. Während Renzo diese Maschine ansah, nachsann, welchem Zwecke sie wohl an diesem Orte diene, hörte er den Lärm immer näher, gewahrte einen Menschen, der von einer Seite der Kirche herankam und ein Glöckchen ertönen ließ: cs war ein Scherge, hinter ihm zogen zwei Pferde, mit vorgestkcckten Halse», straff gestammten Beinen, mit äußerster Anstrengung, einen Todtenkarren, nach ihm kam ein anderer, dann noch ein anderer, aber ein anderer, und hier und da Monatti neben den Pferden, antreibend, peitschend, fluchend. Es waren zum größten Theile nackende Körper, schlecht in zerlumpte Kleider gehüllt, übereinander geworfen, zusammen geflochten, wie ein Bündel Schlangen, das sich bei der laueren Frühlingslust langsam entwickelt. Jeder Ruck, jeder Anstoß erschütterte den gräßlichen Haufen, warf sie wild durch einander: Köpfe hingen herab, jungfräuliche Lockenflechten streiften längs dem>BodeN hin, Arme verwickelten sich in den Rädern', hingen über sie weg, zeigten dem schon entsetzten Auge, auf welche Weisen ein solches Schauspiel noch grausiger und ekelhafter werden könne. Der junge Mensch war an einer Ecke des Platzes dicht beim Kanals stehen geblieben» betete für die un- gekannten Tobten- Ein furchtbarer Gedanke fuhr ihm durch den Sinn: „vielleicht da, dabei, darunter — O Gott! gicb, daß es nicht sey! Entferne diesen Gedanken!" Der traurige Zug war vorüber, er ging weiter, quer über den Platz, hielt sich linker Hand längs dem Kanäle, ohne anderen Grund, als weil der Zug den entgegengesetzten Weg nahm. Er ging die wenigen Schritte zwischen der Kirche und dem Kanals 25Z weg, sah rechts den Ponte Marcellino, ging hinüber und kam durch den schrägen Engpaß in die Gegend des Borgo nuovo- Und als er immerdar ringsum sich sah , Jemand zu erforschen, der ihn zurecht weise/ sah er am andern Ende der Straße einen in eine Jacke gekleideten Priester, in der Hand einen Stock haltend, vor einer verschlossenen Hausthüre, gesenkten Hauptes, das Ohr an ein Zugloch gelehnt, stehen, der bald hernach die Hand segnend aufhob. Er erkannte hieraus, was wirklich der Fall war, daß dem Priester so eben Jemand gebeichtet habe und sagte zu sich: „ das ist mein Mann. Hat ein Priester, indem er die Pflichten seines Amtes, vollzieht, nicht ein wenig Erbarmen, Menschenliebe und Milde, so kann sie gar nicht mehr aus der Welt zu finden seyn. Unter- deß hatte sich der Priester von dem Hause entfernt und kam, mitten in der Straße wandelnd, Renzo'n näher. Als dieser noch etwa vier oder fünf Schritte von ihm war, nahm er den Hut ab, machte ein Zeichen, daß er mit ihm sprechen möchte und blieb stehen, um nicht zu unbescheiden nahe zu treten. Der Priester blieb ebenfalls, bereit zu hören, stehen; stammte aber seinen Stock vor sich in die Erde, wie sich damit zu verschanzen. Renzo brachte sein Gesuch vor, der Priester genügte ihm und sagte nicht blos den Namen der Straße, wo jenes HauS liege, sondern wies ihn auch, da er sah, daß der arme Mensch es nöthig habe, ein wenig zurecht, indem er nämlich kraft einer Menge Rechts und Links, kraft Kreuzen und Kirchen, die anderen sieben oder acht Straßen, die er noch zu passiren hatte, angab. „ Gott erhalte Euch immer gesund in dieser bösen Zeit," sagte Rcnzo, fügte, als Jener fortgehen wollte, hinzu: „Noch eine Bitte;" und nannte die Noch der armen, vergessenen Frau. Der Priester dankte, daß er ihm Gelegenheit gab, eine so nöthige Hülfe zu leisten, sagte, er werde sogleich, wen es angehe, davon benachrichtigen, und schied. Renzo machte einen Bückling, ging auch und fing an, sich die empfangenen Wegangaben ins Gedächtnis zurückzurufen, um so wenig wie möglich zu wiederholten Fragen genölhigt zu seyn. Dieses Unternehmen hatte aber ganz gehörige Schwierigkeiten; nicht sowohl, der Verwirrung willen, in der die Notizen in seinem Kopfe lagen, als wegen einer neuen Unruhe, die ihm in der Seele erstand: der Name der Straße, die Angabe des Weges hatte ihn so außer sich gebracht. Er hatte diese Auskunft so sehr ersehnt, hatte sie verlangt, denn sie war ihm unentbehrlich; erhalte auch mit ihr nicht das Geringste vernommen, was Argwohn oder Ahnung etwaigen Unheils geben konnte. Was war es also ? Der bestimmtere Gedanke, dem Ziele nahe zu seyn, das ihm einen großen Zweifel benehmen, ihm sagen würde: sie lebe, oder sey todt; dieser Gedanke wurde so stark in ihm, daß er in diesem Augenblicke gern wieder 257 über alles im Dunkeln, gern beim Anfänge der Neise hätte seyn mögen, deren Ende er nahe stand. Ec raffte seinen Muth i'ndeß zusammen. „Was!" sagteer: „Fangeich jetzt an kindisch zu seyn, was soll hernach daraus werden?" Und so wanderte er denn, bestens gefaßt, dem Mittelpunkte der Stadt zu. Welche Stadt! Was ihr betrübter Zustand des vorigen Jahres, was die Theuerung gegen diesen Zustand ! Renzo war eben im Begriffe, einen ihrer am meisten verstörten und verwüsteten Theilo, den il Carro- bio di Porta Nuova benannten Kreuzweg zu passtren (cs stand damals daselbst, am Eingänge der Straße, ein Kreuz, ihm gegenüber, dicht bei dem Orte, wo jetzt San Francesco di Paolo, eine alte nach der heiligen Anastasia benannte Kirche). Die Seuche hatte in diesem Bezirke so gewüthet, die Ansteckung der frei umherliegenden Körper war so außerordentlich , daß die wenigen Ucberlcbenden gezwungen gewesen waren, zu fliehen; und nicht blos der Blick des Wanderers wurde von der Verödung und Einsamkeit geschreckt, auch seine Empfindungen wurden schmerzlich und unangenehm von den Anzeichen und Ueber- restcn des kürzlich noch hier heimischen Lebens erregt. Renzo beflügelte seinen Schritt, tröstete sich mit dem Gedanken, daß sein Ziel ferner scy, und bevor er es erreiche, der Schauplatz sich gewiß ändern werde. Und in der That war er nicht weit gegangen, so änderte HI. R er sich wirklich, bekam mehr Ähnlichkeit mit einer bewohnten Stadt: welche Stadt aber, welche Bewohner ! die Zugänge aller Hauser, aus Furcht und Argwohn verschlossen , nur die etwa ausgenommen, welche offen standen, weil die Hauser unbewohnt oder verödet waren; andere vernagelt und versiegelt, weil in ihnen Pesttodte oder Pestkranke; andere mit einem mit Kohle gezeichneten Kreuze, zum Merkmal für die Monatti versehen, daß abzuholende Tobte darin seyen: alles nur zufällig geschehen, jenachdem sich hier oder da ein Lommiffar oder sonstiger Offiziant des Sanitättribunals gefunden hatte, der seinen Pflichten nachkam, oder vorzog, sich bestechen zu lassen und Geld zu erpressen. Ueberall Lumpen, Verbände voll Geschwür, verpestete Läger, Kleider, Wasche, zu den Fenstern herausgeworfen; manchmal auch, entweder schnell auf dem Wege besichtigte und bis sie ein vorbeifahrender Karren aufnehme, liegen gelassene Leichname; oder von den Karren herabgefallene; oder selbst zu den Fenstern herausgeworfene: denn so weit waren die Gemüther durch das lange Bestehen und immer ärgere Fortschreiten des Uebels verwildert und aller Sorgen der Menschenliebe und geselliger Rücksichten entwöhnt! Aller Handelsverkehr, Alles Kutschengerassel, Geschrei der Verkäufer, Sprechen zwischen Fußwanderern hatte aufgehört; selten nur ward die herrschende Todtenstille von etwas Anderem als dem Geräusche der Leichenkarrcn, den Klagen der Bettler, dem Gewin- sel Kranker, dem Ecbrülle Wahnsinniger und den Flüchen der Monatt! unterbrochen. Frühmorgens, Mittags und Abends gab eine Glocke des Domes das Zeichen zu gewissen, von dem Erzbischoffe vorgeschriebenen Gebeten: die Glocken der anderen Kirchen wiederholten das Zeichen und nun trat alles an die Fenster und betete in Gemeinschaft, vernahm man ein leises Stimmen-und Seufzergerausch, das doch nicht ganz trostlose Traurigkeit athmete. Es waren etwa zwei Drittel der Einwohner gestorben, ein guter Theil des übrigen ausgewandert oder krank, der Zufluß von Außen fast auf nichts zurückgeführt und unter den wenigen, zufällig Herumwandernden begegnete man wohl in weitem Umkreise keinem einzigen, an dem nicht irgend etwas Seltsames oder Auffallendes, eine furchtbare Umwandlung der Dinge bezeugt halte. Die ausgezeichnetesten Männer gingen ohne Mantel und Kapuze, damals höchst nö- thige Bestandtheile der Civilkleidung einher; die Priester ohne Chvrrock, die Mönche ohne Kutten; kurz man vermied ängstlich, irgend etwas an sich zu tragen, was, vom Winde geführt, einen äußeren Gegenstand berühren, oder, was noch weit ärger gefürchtet wurde, den Verpesiern Gelegenheit geben konnte, Unheil zu stiften. So sehr Jedermann Sorge trug, so geschnürt und gegürtet wie möglich zu gehen, so sorglos und nachlässig war sein Anzug überhaupt behandelt; wer einen Bart trug, dem war er überlang; R 2 wer keinen trug, dem war er gewachsen; das Haupthaar hing allen wirr und lang herab: nicht nur aus der von langer, eingewohnter Muthlosigkeit erzeugten Nachlässigkeit, sondern weil man den Barbieren nicht mehr traute, deren einer Giangacomo Mora als berüchtigter Verpester war eingezogen und verurtheilt worden, auf dessen Namen selbst noch lange Zeit nachher ein gewisser schaudervoller Ruf ruhcte, und der doch weit beständigeres, reichlicheres Mitleid verdiente. Die Meisten trugen in der einen Hand einen Stock, oder auch ein Pistol, zur Warnung und Drohung für Jeden, der sich ihnen in schlimmer Absicht hatte nähern wollen; in der andern wohlriechende Räucherkerzchen, oder gehöhlte Metall- oder Holzkugeln, mit in heilkräftige Essige getauchtem Schwamm ausgestopst, die sie von Zeit zu Zeit zur Rase führten oder immerdar daran hielten. Einige trugen auch ein Fläschchen mit Quecksilber am Halse, dem man die Kraft zuschrieb, jeden Pesthauch in sich zu ziehen und zurückzuhalten, und trugen Sorge, es von Zeit zu Zeit frisch zu füllen. Die Edelleute liefen nicht allein ohne ihr gewohntes Gefolge umher, sondern man sah sie auch oft, mit einem Korbe am Arme, ihren täglichen Hausbedarf selbst herzuholen. Begegneten sich einmal zwei lebende Freunde auf den Straßen, so grüßten sie sich eilfertig und stumm aus der Ferne. Ein Jeder hatte auf seinem Wege hinlänglich zu thun, jede un- flächige, tödtcnde Berührung von Gegenständen zu meiden, die überall auf der Straße umherlagen, den Weg oft sogar versperrten: Jeder hielt sich so viel als möglich mitten auf der Straße, aus Furcht vor etwaiger ekelhafter oder noch entsetzlicherer Last, die aus den Fenstern auf ihn herabfliegen könne; aus Furcht vor den Pestpulvern, die, wie man sich sagte, oft auf die Vorübergehenden niedersielen; aus Furcht vor den Wänden, die eingesalbt seyn konnten. So fügte denn der immer zur Unzeit zuversichtliche und behutsame Unverstand jetzt Angst über Angst, gab für die im Anfänge genommene begründete, heilsame Furcht eine falsche, unbegründete. So war es mit dem minder Entsetzenden, minder Mitleidcrregcnden, mit den Gesunden, Wohlhabenden, die sich den Blicken öffentlich zeigten, beschaffen: und wenn wir, nach allen diesen Jammerbildern, der schwereren gedenken, derer wir noch zu gedenken haben, so verweilen wir jetzt nicht, den Anblick der Kranken zu beschreiben, die sich durch die Straßen schleppten oder in ihnen lagen, der Bettler, Kinder, Weiber. Er war dergestalt, daß, wer ihn sah, wie ein Verzweifelter in dem Trost finden konnte, was den Entfernten oder Nachkommen zuerst als der Gipfel alles Unglücks erscheint, indem er bedachte und sah» auf wie Wenige diese Lebenden zurückgeführt waren. Nenzo war mitten durch diese Verstöcung bereits ein gut Stück Weges gewandert, als er, nur noch we- nige Schritte von einer Straße entfernt, in die er sich wenden mußte, aus ihr nahendes, mannichfa- ches Geräusch vernahm, in dem auch jenes gewohnte, fürchterliche Geklingel laut ward. Als er die Straße, eine der geräumigsten, betreten hatte, sah er mitten in ihr vier haltende Karren, sah, wie auf einem Kornmarkte, ein Kommen und Gehen von Leuten, Aufladen und Ausschütten von Säcken, außerordentliches Gedränge: Monatti stürzten in die Hauser, trieben fick heraus, mit belasteten Schultern, entbürdeten sich auf den und jenen Karren : einige in die rothe Livree gekleidet, andere ohne diele Abzeichnung, viele mit weit abscheulicheren, mit Federbüschcn und Mänteln, welche die Buben wie zum festlichen Schmucke in der allgemeinen Drangsal trugen. Aus manchem Fenster rief eine klägliche Stimme: „Hierher, Monatti!" und mit noch gräßlicherem Klange antwortete aus dem finsteren Gewühle eine rauhe Stimme: „Gleich, gleich!" Oder man hörte Klagen der Nachbarn, Bitten, sich zu beeilen, was die Monatti mit Flüchen erwiederten. Je mehr, je behutsamer schritt Rcnzo vor, bemühte fick, die Hindernisse des Weges nur soviel an- zufthen, wie nöthig, sie zu meiden; sein irrer Blick traf aber dabei auf einen Gegenstand sonderbaren Jammers , der der Seele das Verlangen gab, ihn zu betrachten. Er blieb unwillkührlich stehen. Es trat aus einem der Hauser und nähere dem Gedränge eine Frau, die anscheinend wohl über die erste Jugend hinaus, doch immer noch jung zu nennen war; ihr Anblick zeigte eine von langen Leiden und tätlichem Schmerze zwar getrübte, verhüllte, aber nicht zerstörte Schönheit, jene zugleich weiche und majestätische Schönheit, die nur im lombardischen Blute wohnt. Ihr Gang war matt, aber nicht hinfällig, die Augen bargen keine Thränen, hatten aber augenscheinlich viele vergossen, es war diesem Schmerz eine Ruhe und Tiefe eigen, die eine seiner immerdar bewußte, ihn immerdar empfindende Seele verrierh. Aber nicht ihr alleiniger Anblick bezeichnet« sie unter so großem Elend als des Mitleidens besonders werth, belebte in allen Herzen dies in ihnen jetzt so ohnmächtige, fast erstorbene Gefühl. Sie hielt ein todtes Kind von etwa neun Jahren in den Armen, hatte es gekleidet, geschmückt, mit auf der Stirne gescheitelten Locken, in weiße Gewände, blendendweiße, als wie zu freundlichem, lang ihm verheißenem Feste. Sie hielt es nicht, wie es nieder zu legen, hielt es sitzend, fest gedrückt, seine Brust an der ihren, als ob es lebe, im Arme; nur eine der kleinen, weißen Hände hing an der einen Seite so leblos und steif herab, das Köpfchen lag matter als blos schlafend an der Schulter der Mutter: der Mutter, denn hätte auch die Aehnlichkeit beider Gesichter nicht das eine noch belebt? für das Mntterantlltz erwiesen, würden es doch die EcsülMWHan haben, die es aussprach. Ein häßlicher Mönatto nahte der Frau, machte Miene, die Bürde ihren Armen zu entreißen» schien aber aus ihm ungewohntem Gefühle unwillkührllcher Achtung zu zaudern. Ohne Unwillen oder Verachtung zu zeigen, trat die Frau einige Schritte zurück und sagte: „Nein! berührt es jetzt nicht; ich muß es selbst auf den Karren legen; nehmt!" Bei diesen Worten öffnete sie die Hand, ließ eine Börse sehen und in die vorgestreckte Hand des Monatto fallen. Dann fuhr sie fort: „Versprecht mir, ihm nicht das Geringste seiner Kleider zu nehmen, nicht znzu- lassen, daß Andere es thun und es so in die Erde zu legen." Der Monatto legte die Rechte auf die Brust; schickte sich dienstbeflissen, fast ehrerbietig, mehr in Folge des neuen Gefühles, als der unverhofften Großmutb, an, auf dem Karren für den kleinen Leichnam ein wenig Platz zu machen, die Frau küßte denselben, trug ihn hin, legte ihn, wie auf ein Bett nieder, breitete ein weißes Tuch über ihn hin und sagte die letzten Worte: „Lebe wohl» Eecilie! ruhe in Frieden ! Heut Abend kommen auch wir, immer beisammen zu ruhen. Bitte indes für uns, ich bete für Dich und die andern." Dann sagte sie zu dem Monatto: „ Wenn Ihr zur Vesper wieder kommt, so kommt herauf, holt mich und mich nicht allein;" 265 s«, 'tiill -!>»>- -erd wZii Ai, r rtm ÄL rÄk :r;r- di >e i.'M« k tni- Lkll re») . rek I ivvk: E jw / Av!' M!" ging kn ihr Hans, erschien im nächsten Augenblicke am Fenster, im Arme ein anderes, noch zarteres, lebendes Kind haltend, das die Spuren des Todes im Antlitz trug. Sie sah dem so unwürdigen Leichenbegängnisse des Lieblings zu, bis der Karren fortfuhr, so lange er sichtbar blieb, und verschwand. Und was hatte sie sonst noch zu thun, als das einzige, ihr gebliebene Liebe zu Bett zu legen, sich neben ihm, mit ihm zu sterben? So sinkt die schon voll und stolz entfaltete Blume zugleich mit dem noch im Kelche schlummernden Knöspchen, unter der die Wiese ebnenden Sichel. „ O Herr!" rief Renzo aus: „ erhöre sie! Nimm sie zu Dir, sie und ihr armes, kleines Wesen: sie haben genug gelitten, sie haben ausgelitten!" Zurückgekommen von diesem sonderbaren Mitgefühl, beschäftigt, sich die empfangene Wegangabe in dem Gedächtnisse zu erneuen, um zu wissen, ob er sich bei der nächsten Straße rechts oder links zu wenden habe, vernimmt er vor derselben einen andern verschiedenen, nahenden Lärm» wirre Klänge drohenden Geschrei's, heisere Klagen, Heulen, Kindergewin- sel, Weibergestöhne. Im Herzen die gewohnte, traurige, ängstliche Erwartung, ging er darauf los. Beim Kreuzwege angelangt, sah er auf der einen Seite einen gemischten, auf ihn zustürzenden Volkshaufen; erblieb stehen, sic vorbeizulassen. Es war eine Anzahl Kranker, die man nach dem Lazarethe trieb; einige gewaltsam Aufgefangene widerstanden vergebens, schrien vergebens: sie wollten auf ihrem eigenen Bette sterben, und beantworteten die Flüche und Befehle der sie geleitenden Monatti mit ohnmächtigen Verwünschungen; andere gingen stumm einher, scheinbar ohne Schmerz, ohne Hoffnung, wie Wahnsinnige; Weiber, ihre kleinsten Kinder am Halse tragend, altere Kinder nebenher laufend, mehr über das Geschrei, über die Führer, die Gefährten erschrocken als über dst ungewisse Idee des Todes, mit lautem Gejammer nach ihrer Mutter, nach den treuen Mutterarmen und dem heimischen Wohnorte verlangend. Ach! und vielleicht war die Mutter, die sie meinten schlafend auf ihrem Bette verlassen zu haben, sinnberaubt, von der Krankheit plötzlich ergriffen, niedergesuiiken, auf einem Karren zum Lazarcthe, oder, kam er zu spat, zur Grube geführt zu werden. Vielleicht, o, noch beweinenswertheres, bittreres Unglück ! hatte die Mutter über ihren Leiden alles, auch ihre Kinder vergessen, hatte nur einen Gedanken, den an ein ruhiges Ende. Und doch sah man in aller der Verwirrung manches Beispiel von Treue und Liebe: Eltern, Brüder, Gatten unterstützten ihre Geliebten, begleiteten sie mit Worten des Trostes; und nicht blos Erwachsene, auch Knaben, Mädchen geleiteten ihre Geschwister zarteren Alters, trösteten sie mit männlichem Ernste und Barmherzigkeit, ermahnten sie zu gehorchen, versicherten ihnen, man bringe sie an einen Ort, wo andere die Sorge um sie, um rhre Heilung übernehmen würden. Mitten unter der Betrübniß und Zärtlichkeit dieser Scene bedrückte unfern Wanderer sehr bestimmte Besorgniß, lag ihm weit naher, beunruhigender am Herzen. Das Haus mußte hier in der Nahe seyn, wer weiß, ob nicht unter diesen Leuten.... Als aber die ganze Menge vorüber, dieser Zweifel gelöst, wandte er sich an einen nachgehenden Monatto. befragte ihn um Straße und Haus Don Ferranke's. „Schier Dich fort, verwünschter Kerl!" war die Antwort. Er hatte keine Lust, etwas darauf zu er- wiedern; begegnetenach einigen Schritten einem, über den Zug Aussicht führenden Commissar, und da derselbe etwas christlicher aussah, wiederholte er ihm die Frage. Der Eommissar wies mit dem Stocke nach der Gegend, wo er herkam, sagte: „Die erste Gasse rechts, der letzte Pallast links-" Der Jüngling ging mit neuer, stärkerer Herzens- beklemmung dahin, betrat die Straße und unterscheidet bald das Haus von den anderen niedrigeren, demüthigeren. Er nahet der verschlossenen Thüre, legt die Hand an den Klopfer und laßt sie an ihm wie in einer Urne ruhen, aus dem er im Begriffe ist, das sein Leben oder seinen Tod entscheidende Loos zu ziehen. Endlich erhebt er den Klopfer, stößt entschlossen mit ihm wider die Thüre. Nach einigen Augenblicken öffnet sich ein Fenster ein wenig, eine Frau gukt behutsam heraus und blickt mit mürrischer Miene, die zu sagen scheint: „Monatti? Straßenräuber ? Com- missar? Verpester? Teufel?" nach der Lhüre. „ Hört!" rief Renzo mit schwankender Stimme hinauf:„Dient hier nicht ein Mädchen vom Lande, Namens Luzia?" „Nicht mehr; fort!" entgegnete die Frau und wollte das Fenster zumachen. „ Seyd barmherzig, einen Augenblick I Sie ist also nicht mehr da? wo ist sie denn?" „Im Lazarethe;" und sie wollte von Neuem zn- machen. „Aber einen Augenblick, um des Himmelswillen! Der Pest wegen?" „Ja; versteht sich das nicht von selbst? Fort." „Wartet doch, war sic denn sehr krank? Wie lange ist es her_?" Unterdessen war das Fenster wirklich zugcmacht worden. „Hört! Hort! ein Wort, aus Barmherzigkeit! Um Eurer Tobten willen! Ich will ja nichts weiter von Euch: Hört!" Aber es war in den Wind geredet. Betrübt über die Nachricht, ärgerlich über die Behandlung, ergriff Renzo den Klopfer abermals, wand und drehte ihn, so an der Thüre lehnend, in der Hand, erhob ihn, von Neuem wüthend zu klopfen und hielt ihn schwebend. In dieser Unruhe drehte er sich herum, irgend einen der Nachbarn zu 269 erspähen, der ihm vielleicht gefälliger sey, Auskunft, Nachweisung, Licht zu geben. Das einzige, menschliche Wesen, was ihm in die Augen siel, war eine andere Frau, etwa zwanzig Schritte fern, in ihrem Antlitz Schrecken, Haß, Ungeduld, Bosheit, die Augen verdreht, zu gleicher Zeit auf ihn und in die Ferne sehend, dcn Mund geöffnet, zu schreien, was er schreien könne und doch wieder den Athem fest an sich haltend. Sie erhob zwei knöcherne Arme, streckte zwei runzelige, krumme Hände aus, zog sie wieder, als wolle sie damit etwas an sich krallen, zurück, und gab die deutlichsten Zeichen, Leute herbeirufen zu wollen , ohne daß ein Jemand es gewahr werde. Als sich ihre und feine Blicke begegneten, schien sie noch häßlicher zu werden, sprang wie Jemand, der sich überrascht sieht, auf. „Was der Teufel —!" sing Nenzo an und erhob auch seine Hände gegen die Frau; da sie aber nunmehr die Hoffnung vereitelt sah, ihn unversehens zu ertappen, ließ sie dem bis jetzt unterdrückten Geschrei freien Lauf: „Verpester! Haltet aus! haltet auf! ergreift den Verpester!" „Wer? ich! verwünschte Hexe! Schweig!" schrie Renzo und sprang einige Schritte nach ihr hin, sie cinzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Er bedachte aber, daß es gerathcn seyn dürfte, vorerst auf seine Sicherstellung zu denken. Auf das Geschrei der Frau liefen von beiden Seiten Leute herzu, zwar nicht so viele als in ähnlichem Falle noch vor drei 270 Monaten zusammen gelaufen seyn würden; aber doch ^ ^ lauge genug, einen einzelnen Menschen umzubringen. In demselben Augenblicke ward das Fenster auch wie- ^ der geöffnet, die unhöfliche Frau erschien abermals an ihm und zwar jetzc unversteckt und rief auch ihrer- ^ seits: „Ergreift ihn, ergreift ihn! es ist einer der Schurken, die herumgehen und ehrlicher Leute Thü- ren versalben." Renzo war alsbald mit sich einig, daß es vernünf- liger sey, ihnen zu entlaufen als Rede zu stehen; sah hier und dahin, auf welcher Seite wohl die wenigsten > Menschen seyen und nach welcher er seinen Lauf richte. li.!?a! Mit tüchtigemStoße warf er denEinen,der ihm denWeg Äi« vertrat, zurück; gab einem Andern, der aufihn zukam, iüir! einen Faustschlag auf die Brust, daß er acht bis zehn iw Schritt forttaumelte, und rannte im Galopp, die «rti geballte Faust für Jeden, dem es etwa einsiele, ihm j» K in den Laus zu kommen, hoch erhoben, auf und da- von. Der Weg vor ihm war frei; binter sich ver- nahm er das immer tollere und tollere Geschrei: „Hal- tet auf! haltet auf! Verpester! " und die Schritte ^ der tollsten, geschwindesten Verfolger kamen ihm nä- ^ her. Sein Zorn wandelte sich in Wuth, seine Angst in Verzweiflung, es ward ihm wie Nebel vor den ^ Augen; er legte Hand an seinen Dolch, er enlschei- ^ dete ihn, blieb stehen, wendete sich um, blickte wil- ^ der, fürchterlicher, als er jemals sein Gesicht verzog, » ? zurück und rief, mit ausgestrecktem Arme die leuchten- 271 deKlinge empor schwingend: „ wer Herz Hot, komme heran, ihr Canaillen! Er soll nun wirklich hiermit verpestet werden." Aber zu seinem Erstaunen und mir einem zweifel- basten Gefühle des Trostes bemerkte er, daß seine Verfolger bereits in gewisser Entfernung zaudernd stehen geblieben waren und mit erhobenen Händen, immerfort brüllend, wie besessen gewisse Zeichen machten, die Leuten binter ihm gelten zu sollen schienen. Er wandte sich wieder nach der andern Seite und bemerkte in geringer Entfernung vor sich (was ihm die heftige Bewegung verhindert hatte, im vorigen Augenblicke wahrzunehmen), eine ganze Reihe nahender Lcichenkarrcn, mit ihrer gewöhnlichen Begleitung; hinter ihnen einen andern Volksschwarm, der sich auch sehr gern über den Verpesier hergemacht und ihn in die Mitte genommen hätte; aber auch ihn hielt, was jenen Hindcrniß war, zurück. Da er sich nun also zwischen zwei Feuern sah, kam ihm der Gedanke in den Kopf, was jenen zum Schrecken gereiche, möge ihm wobl zum Heile gereichen; er bedachte, daß hier keine Zeit sey , den Ekeln zu spielen, steckte seinen Dolch wieder!» die Scheide und bei Seite, liefauf die Karren zu, vor dem ersten vorbei und sah auf dem zweiten einen guten Raum frei. Er nimmt sein Ziel wahr, wagt cinenSprung, ist üben, auf dem rechten Fuße stehend, den linken schwebend, die Arme empor gehoben. 272 liB „Bravo! bravo!" riefen die Monatti cinstim- mig , deren einige dem Zuge zu Fuße folgten, andere r aufden Karren, andere, das Entsetzliche nur gerade her- aus zu sagen, wie es war, auf den Leichnamen sitzend ^ und der Reihe nach aus einer großen Flasche trinkend. „ Bravo! gut gesprungen!" ^ „Begiebst Du Dich unter den Schutz der Mo- ^ natti: kannst Du ruhig seyn, als warst Du in der Kirche," sagte ihm einer der beiden, die auf dem Karren, worauf er sich warf, standen. "" Die Feinde hatten sich beim Nahen des Zuges meistenthcils aus dem Staube gemacht und schrien, nur noch aus der Ferne ihr: ergreift ihn, haltet den Weitester!" Nur einige zogen sich langsamer zurück, blieben von Zeit zu Zeit stehen und wandten sich, die ^ Zahne fletschend und mit drohenden Geberden nach Nenzo um, der ihnen gegenseitig vom Wagen herab ""!!>' mit den Fausten drohete. „Laß mich machen," sagte ihm ein Monatto, riß einem der Leichname einen schmutzigen Lumpen stnn ab, den er eilig zusammenknaulte, an einem Zipfel ergriff, wie eine Schleuder gegen die Halsstarrigen Erschwang, sich anschickte, ihn unter sie zu werfen, und KU ihnen zuschrie: „ Wartet, Bestien!" Bei dieser Be- siMr wegung rannten alle voll Entsetzen davon und Nenzo sah nichts als feindliche Rücken und rasch durch die Luft tanzende Fersen. ^ Unter den Monatti entstand Siegesgeheul, über- is 278 lautes, stürmisches Gelachter, lang anhaltendes» die Flucht begleitendes „Uh!" „Ha, ha! siehst Du wohl, ob wir brave Leute in Schutz nehmen können?" sagte jener Monatto zu Renzo: „einer,von uns gilt mehr als hundert der Lumpenkerle." „Ja, gewiß verdanke ich Euch mein Leben," erwiederte er: „ich danke Euch von ganzem Herzen/- „ Nicht doch, nicht doch," entgegnete der Monatto: „Du verdienst es; man sieht wohl, daß du ein braver Bursche bist. Du thust recht, die Canaillen zu verpesten: verpeste sic, rotte sie aus, sie sind nicht eher etwas werth bis sic todt sind; wir schlagen unser Leben für sie in die Schanze, und zum Lohne verwünschen sie uns, schwören uns! wäre nur erst die Seuche vorüber, sollten wir bald alle baumeln. Sie sollen schon alle sterben, ehe die Pest stirbt, die Mo- nakti allein übrig bleiben, triumphiren und in Mailand stott leben. " „Es lebe die Pest, cs sterbe das Geschmeiß!" schrie ein Anderer; setzte bei diesem schönen Toaste die Flasche an den Mund, hielt sic mit beiden Händen und that, während der Stöße des Karrens, einen herzhaften Z.ug; dann reichte er sie Renzo'n hin und sagte: „ trink auf unsere Gesundheit." „Ich wünsche sie Euch allen von Herzen," sagte Renzo: „ ich bin aber nicht durstig und kann in diesem Augenblicke unmöglich trinken." „ Du magst wohl einen schönen Schreck gehabt III. S haben," sagte der Monatto: „ du scheinst mir ein armer Kauz; wer den Verpcster macht, muß ganz anders aussehen." „ Jeder frißt sich so gut er kann fort," sagte der Andere. „Gieb einmal her," sagte einer der neben dem Karren Hergehenden: „ich will noch einen Schluck auf die Gesundheit seines Herrn trinken, der hier oben in so guter Gesellschaft liegt, eine so herrliche Spatzierfahrt macht." Mit einem grausamen, verruchten Lächeln wies er dabei nach dem Karren, der vordem fuhr, auf welchem der arme Renzo stand; verzog das Gesicht zu einem noch grausigeren, schurkischeren Ernste, verneigte sich nach jener Seite und sagte: „vergebt, mein gnädiger Herr, daß ein armer , schlechter Monatto den Wein aus Eurem Keller kostet. Seht Ihr wohl, so geht cs in der Welt: wir haben Euch in die Kutsche gesetzt und bringen Euch aus das Land, daß Ihr Euch da lustig machet. Euch Herren nützt ja jetzt der Wein auch ohnedem nichts, wir armen Monatti haben gute Magen " Unter dem Gelächter der Gefährten nahm er die Flasche, schwang sie empor, wendete sich aber, bevor er trank, zu Renzo, sixirte ihn mit den Augen und sagte mit einem gewissen, verächtlichen Mitleiden: „der Teufel, mit dem du deinen Pakt gemacht hast, kann nicht viel älter als von Gestern sevn; wären wir nicht zu deiner Rettung herbeigekommcn, er 275 half dir nicht." Unter abermaligem Gelachter der andern setzte er die Flasche an die Lippen. „Und wir? du, du! und wir?" riefen mehre Stimmen von dem ersten Wagen; der Schurke trank so viel er konnte, reichte die große Flasche mit beiden Händen seinen anderen Genoffen, die sie einander der Reihe nach überließen, bis sie der eine endlich leerte, beim Halse packte, ein oder zweimal in der Lust umherschwenkte, von sich schleuderte, daß sie auf dem Pflaster zerbrach und rief: „Es lebe die Pest!" Nach diesen Worten stimmte er eines ihrer abscheulichen Lieder an und seine Stimme ward bald von allen Anderen der Rotte im Chore begleitet. Der höllische Gesang, dazu das Glockengeköne, Geklirr und Gestampf tönte durch die öden, stillen Straßen , tönte in den Haufern wieder und beängstete die Herzen der Wenigen, die noch in ihnen lebten. Was kann aber nicht einmal zu etwas gut seyn? Was kann nicht in irgend einem Falle gut erscheinen. Die Noth des vorigen Augenblicks hatte Renzo'n die Gemeinschaft mit diesen Tobten und diesen Lebenden mehr als erträglich gemacht und jetzt klang seinen Ohren wie Musik, nämlich, wie liebliche, was ihn dem schlimmen Handel solcher Gespräche entzog. Noch halb außer sich und angst und bange dankte er doch im Herzen der Vorsehung, einer solchen Gefahr entronnen zu seyn , ohne Unheil zu erleiden oder zu stiften, bat sie, ihm nun auch beizüstehen, sich von S 2 276 seinen Befreiern zu befreien und war immer auf dem Sprunge, indem er bald auf die Monatti, bald auf den Weg sah, zu rechter Zeit in aller Stille herabzurutschen, ohne ihnen Gelegenheit zu geben, Lärm oder Streit anzufangen, der ihm die Vorübergehenden etwa aufsässig mache. Bei einer Wendung des Weges glaubte er sich des Ortes zu erinnern, durch den der Zug kam: er betrachtete ihn aufmerksamer und erkannte ihn an gewissen Merkmalen wieder. Wißt Ihr, wo er war? auf der langen Straße zur Porta orientale, auf derselben, über die er vor etwa zwanzig Monaten langsam ankam und eilig davon lief. Er besann sich bald, daß es von hier aus gerade nach dem Lazareth gehe; daß er sich sonach auf dem rechten Wege befinde, ohne sein Zuthun, ohne andere Nachweisung, nahm er für eine besondere Gunst der Vorsehung» für gutes Anzeichen in Betreff des klebrigen. Indem trat ein Commissar zu den Karren und rief den Monatti außer etwas anderem auch zu, zu halten: man hielt, und der Gesang wandelte sich in heftigen Wortwechsel. Einer der Monatti, die auf Renzo's Karren standen, war herabgesprungen; Renzo sagte zum andern: „ ich danke Euch für Euer Erbarmen, Gott vergelte es Euch," und ließ sich an der andern Seite hinab. „Lauf, lauf, armes Verpesterchen," erwie- 277 derte Jener: Du wirst Mailand nicht zu Grunde richten." Zum guten Glück war Niemand in der Nähe, der es hatte vernehmen können- Der Zug hatte auf der linken Seite der Straße angehalten, Renzo rennt schnell auf die andere, lauft dicht an der Mauer hin, lauft weiter bis zur Brücke, lauft über sie hin, folgt der bekannten Straße in der Vorstadt, erkennt das Kapuzinerklostec, ist dicht bei dem Eingänge, erblickt die hervorstehende Ecke des Lazarethes, passirt das Gitterthor und sieht den äußeren Schauplatz dieses Bezirkes vor sich ausgebreitet: sieht nicht ein Anzeichen oder Merkmal, sondern eine weite, mannichfaltige, unbeschreibliche Szene. Längs den beiden Seiten, die sich entgegenstellen) wenn man von diesem Punkte eintritt, war ein ungeheures Gewirr, Zuströmen, Ueberströmen, Stocken: Knaben kamen schaarweise in das Lazareth; einige saßen oder lagen an den Ufern des einen oder andern Graben, die dem Wege entlang laufen; entweder fehlte es ihnen an Kräften, sich bis in den Zufluchtsort selbst zu schleppen, oder sie hatten ihn verzweifelnd verlassen, waren zu kraftlos, weiter zu kommen; andere lagen erstarrt hie und da herum, viele hatten wirklich die Vernunft verloren; einer erzählte eifrig einem Unglückseligen, von der Krankheit ganz Danicdergeworfencn, seine tollen Phantasieen; eine anderer raste; aber ein anderer stand mit la- chelnder Miene da, als ob er dem freudigsten Schauspiele beiwohne. Aber die seltsamste, geräuschvollste Art solcher fürchterlichen Fröhlichkeit war ein lautes, anhaltendes Singen, das aus dieser elenden Menge zu dringen schien und alle einzelnen Stimmen über- täubte: ein Volksgesang von heilerer, scherzender Liebe. Folgte der Vlick dem Klange, den zu entdecken, der zu solcher Zeit, an solchem Orte so lustig seyn könne, so sah man ein armseliges Geschöpf, das am hintersten Tbeile des an der Lazarethmauer sich hinwindendcn Grabens in guter Ruhe saß und mit hoch aufgerichtetem Antlitz sang, was es singen konnte. Ncnzo hatte nur erst wenige Schritte längs der Mittagsseite des Gebäudes gethan, als in dem Haufen ein außerordentliches Geräusch entstand und ein fernes Geschrei: „Vorgesehn! Haltet auf!" Er erhebt sich auf die Fußspitzen, sieht vor sich hin, erblickt eine von einem schmutzigen Reiter angespornte, im Karriere durchgehende Schindmähre: es war ein Wahnsinniger, der das Thier unbewacht und abgeschirrt neben einem Karren hatte stehen sehen, schnell aufgestiegen war, es in wüthenden Lauf setzte, indem er mit beiden Fäusten auf den Hals losschlug und cs mit den Fersen hieb und drückte; Monalti rannten brüllend hinterdrein, alles ward in eine aufgeregte Staubwolke gehüllt. So gelangte denn der junge Mann, schon müde des Weh's, von ihm betäubt, au das Thor des Ortes, in dem viel- 279 leicht mehr Menschen zusammengehäuft waren, als in dem ganzen Stadtbezirke, den er bisher durchlief. Er gelangt an das Thor, tritt in die Wölbung, bleibt einen Augenblick unbeweglich mitten in der Halle stehen. Fünfunddreißigftes Kapitel. Denke sich der Leser den Bezirk des mit sechszehn tausend Pestkranken bevölkerten Lazarethes; den ganzen Ring des Hofes, hier von Hütten und Zelten, dort von Karren, dort von Menschen versperrt; rechts und links die beiden endlosen Säulenreihen, bedeckt, angefüllt mit Leidenden oder auf Matrazen oder Stroh geworfenen Leichnamen; das ganze fast unermeßliche Lager überhaupt, das Gewühl und Gewimmel. gleichsam wie Ebbe und Fluth des Meeres; auf ihm ein Gehen und Kommen, Rusen, Laufen, Bücken, Aufstehen der Genesenden, Wahnsinnigen, Wärter. Dieses Schauspiel bot sich Ncnzo's Blicke» mit einem Male in aller Fülle dar, hielt ihn festgebannt, überwältigt und befangen. Wir unternehmen nicht, es in allen seinen Einzelheiten zu beschreiben, cs möchte wohl keiner unserer Leser uns dafür Dank wissen; wir begnügen uns, unserm jungen 280 Freunde aus seinem'peinlichen Gange zu folgen, verweilen, wo er verweilt, und von dem, was er sah/ werden wir so viel sagen, als nöthig zu Erläuterung dessen, was er that und was ihm geschah. Von dem Thore, wo er stand, bis zu der kleinen Kirche in der Mitte, von da bis zu dem entgegenstc- henden Thore traf sein Blick auf keinen festen Gegenstand , der Raum war ohne Hütten und glich einem geräumigen Spatziergange; beim zweiten Blicke entdeckte er daselbst große Geschäftigkeit,. Karren, fortzuschaffen, Platz zu machen; Offizianten und Kapuziner leiteten das Geschäft, entfernten alle, die nichts dabei zu thun hatten. In der Besorgnis, man werde auch ihn fortschicken, ging er geradeaus, unter die Hütten, auf der rechten Seite, auf welcher er eben stand. Er schritt immer weiter vor, je nachdem er Raum fand, den Fuß niederzusetzen, von Hütte zu Hütte, steckte den Kopf in eine jede, sah genau auf jedes Lager im Freien, betrachtete alle von Leiden ausgesogenen , von Krampf entstellten, im Tode regungslosen Mienen, ob er einmal das Antlitz gewahre, das hier zu gewahren ihm doch so entsetzlich. Er hatte aber ein großesStückWeges zurückgclegt, seine schmerzliche Untersuchung so oft wiederholt und noch immer keine Frau angetroffen; deshalb vermuthete er sie in einem abgesonderten Raume. Er hatte es getroffen ; wo sie aber wären, davon hatte er weder An- M c,id Dl» jllii! -ck ml" mL t.« M IVl- !I Ä mz W Ä loi W ich- 281 Zeichen noch konnte er es brrathen. Von Zeit zu Zeit begegnete er Dienern und Gehülfen, eben so verschieden von Ansehen , Betrogen und Kleidung, Äs verschieden und widersprechend der Beweggründ, wcl- .cher den einen wie den andern kräftigt?, in einem solchen Dienste-zmbeharren: bei dem, Vertilgung jedes menschlichen Gefühls, bei dem-, grSnzenloseste, verklärteste Menschenliebe. Er war nicht geneigt, weder von dem einen noch dem andern Auskunft zu verlangen, sich nicht selbst Hindernisse zu schaffen und beschloß, immer drauf los zu gehen, wohin ihn der Zufall führe, bis er Weiber erblicket Er-unterließ im Weitergehen nicht , überall hin zu seheN; manchmal war er gezwungen, den bezwungnen, von so vielen Jammer umvüsterten Blick zurückMzlehen r wo sollte er ihn aber hinwenden, wo ihn ruhen lassen, wenn nicht auf anderem Elende? Selbst Luft und Himmel steigerten, war Steigerung ^möglich, die Schrecken dieses Anblicks. Der Nebel hatte sich nach und nach in dichte, große Wolken zusammengezogen, die immer schwarzer und schwarzer wurden, gleichwie vor nahender Sturmnacht; und nur gegen die Mitte des düsteren, tief Hangenden Himmels, schien wie durch dichte Schleier, die bleiche Sonnenscheibe, matten, schwachen, vergänglichen Schimmer um sich verbreitend, tobte, drückende Schwüle herabsendend. Von Zeit zu Zeit ertönte durch das weite, verwirrte Geräusch dumpfes, abge- / brochenes, ungewisses Gesumm von Klängen; lieh man das Ohr, konnte man doch nicht unterscheiden, von welcher Seite es kam, hatte es wohl für fernes Gerassel plötzlich still haltender Karren gehalten. Aus den umliegenden Feldern bewegte sich nicht ein Zweig eines Baumes, nicht ein Vogel flog auf ihn nieder oder von ihm weg: nur eine Schwalbe zeigte sich wohl hie und da plötzlich auf dem Dache des Gebäudes, glitt mit ausgefpannten Flügeln hinab, über den Erdboden hinzustreifen; stieg aber rasch wieder in die Lüste, wie erschreckt von dem Gewirre, vor ihm fliehend. Es war eine Zeit, in der unter einer Schaar Wanderer kein einziger das tiefe Schweigen zu brechen wagte; der Jäger gedankenvoll, gesenkten Blickes einherging; die aus dem Felde geschäftige Bäuerin,ohne es zu wissen, zu singen aufhörte; eine Zeit, wie sie dem Sturme vorhergeht, in der die Natur, äußerlich gleichsam erstorben, im Innern von heftiger Gährung ergriffen, alles Leben zu ersticken scheint, allen Lebenden eine gewisse Schwerfälligkeit in allem, was sie lhun, selbst !m Müssiggange, ja selbst im bloßen Daseyn einzuhauchen scheint. In diesem, vorzugsweise zum Leiden und Sterben bestimmten Orte, sah man Menschen, schon erfaßt von Krankheit, unter der neuen Last erliegen; sah man Hunderte von Menschen mit reißender Schnelle immer hinfälliger werden, ersterben, ihre letzten Augenblicke um so peinvoller, mit den gereizteren Schmerzen ihre Wehklagen ersticken: viel- 283 leicht hatte dieser Ort noch keine bittrere Stunde erlebt als diese. Der junge Mensch war lange fruchtlos unter den Jrrgängen der Brekbudcn umhergewandert, als er unter dem mannichfachen Jammer, wirren Gesumm nach und nach ein deutlicheres, seltsames Gemisch von Winseln und Weinen zu erkennen glaubte; bald darauf gelangte er zu einem entlegenen, gesonderten Raume, aus dem die außerordentlichen Klänge drangen- Er lehnte das Auge an ein weites Zugloch zwischen zwei Bretern und erblickte einen abgetheilten Bezirk mit einzelnen Brethüiten, nicht wie die anderen gewöhnlichen Krankenhäuser, sondern worin auf kleinen Matrazen oder Kopfkissen oder Wäsche und Tüchern kleine Kinder lagen, um die Ammen und andere Weiber beschäftigt; was aber mehr als alles den Blick anzog und fesselte, waren unter die Weiber hie und da als Stellvcrtrcteri'nnen der Ammen vcr- thellte Ziegen. Es gab ein eignes Schauspiel, in diesem Hospitale unschuldiger Geschöpfe, einige der Thiere fest und ruhig über kleinen Kindern stehen und ihnen die Brust reichen zu sehen, zu sehen, wie andere, gleichsam aus Muttergefühl, hinliefen, wo sie weinen Härten, bei dem kleinen Schreier stehen blieben, bereit, seinen Durst zu stillen, und meckerten und sich drehten und wandten, bis ihnen beiden Jemand zu Hülfe kam. Hie und da saßen Ammen mit Säuglingen an der Brust; einige mir so liebevollem Wesen, daß der 284 Zuschauer zweifelhaft werden konnte, ob sie nicht vielmehr aus der Barmherzigkeit hierhergekommen waren, die freiwillig Nothleidende und Hülfsbedürstige aufsucht , als von der Aussicht auf reichlichen Lohn hergezogen. Eine nahm ganz bekümmert von ihrer erschöpften Brust eines der armen, weinenden Geschöpfe und suchte voller Traurigkeit nach einem Thiere, das ihre Stelle vertrete. Eine andere betrachtete mit wohlgefälligem Blick ein an ihrer Brust entschlafenes, küßte cs sanft und trug cs nach der Hütte, wo sie es auf sein Lager nicdcrlegte. Eine dritte überließ ihre Brust einem saugenden Fremdlinge, wenn auch nicht mit Fahrlässigkeit, doch achtlos, sah starr gen Himmel; woran konnte sie in dieser Beschäftigung, mit diesem Blicke,'ssonst denken, als an eine Frucht ihres Leibes, die noch vor Kurzem diese Brust nährte, die jetzt dort hinauf gerufen war? Andere, bejahrtere Frauen verrichteten andere Dienste. Die lief auf das Geschrei eines hungernden Kleinen herbei, nahm ihn auf, trug ihn zu einer Ziege, die vdn einem Schober frischen Grases fraß, und legte ihn an deren Brust, indem sie aus das un- gewöhnte Thier zugleich zankte und cs liebkosete, es zu vermögen, sich gutwillig dem Dienste zu leihen: die sprang auf, eine Ziege zu entfernen, die, indem sie ein Kind säugte, das andere mit Füßen trat: die trug ihr Kind umher, wiegte cs in den Armen, suchte es jetzt einzulullen, jetzt mit sanften Worten zu beru- 285 higen und nannte es, bei einem ihm selbst gegebenen Namen. Indem trat ein Kapuziner mit schlorweißem Barte herzu und brachte in jedem Arme ein heftig schreiendes Wickelkind, wie er sie eben erst den abgeschiedenen Müttern entnommen hatte; eine Frau lief ihm entgegen, ergriff sie und trug sie zu den Ammen und der Heerde, sogleich eines oder das andere aufzusinden, das Mutterstelle an ihnen vertrete. Des jungen Menschen Sorge hatte ihn schon mehrmals von der Bretwand abgezogen, er war schon mehrmals drauf und dran gewesen, zu gehen; hatte das Auge aber immer wieder hingehalten, noch einen Augenblick zu sckaucn. Endlich wandte er sich ab, ging längs des Ver- schlages, bis eine Anzahl neben demselben gebauter Brethükten ihn nöthigte, davon zu lassen, und hielt sich dann diesen Hütten in der Absicht zur Seite, sich dem Verschlage alsbald wieder zu nähern, ihn zu umgehen und neue Entdeckungen anzustellen. Wahrend er vorwärts sah, seinen Weg ins Auge zu nehmen, traf eine plötzliche, vorübergehende, augenblickliche Erscheinung seinen Blick, regte seine Seele im Innersten auf. Etwa hundert Schritte entfernt, sah er unter den Zelten einen Kapuziner, einen Kapuziner, der auch von fern, so flüchtig wie er ihn sah, ganz den Gang, das Wesen, die Gestalt des Paters Christoforus hatte. Mit der Eile, die man sich vorstellen kann, lief er jenem Orte zu, angekommen, späht er, sucht er, vorwärts, rückwärts, außen und innen, hier und dort im Gedränge, bis er mit derselben Freude jene Gestalt, jenen Mönch selbst wieder erblickt; er war ihm unfern, ging eben von einem großen Topfe hinweg, einen Teller'in der Hand, einer Hütte zu. Im Eingänge setzte er sich nieder, machte ein Kreuz über den Teller, den er vor sich hielt, sah sich wie Jemand um, der immerdar wach ist, sing an zu essen. Es war Pater Ehristoforus selbst. Seine Geschichte von dem Augenblicke, wo er unfern Gesichtskreis verließ, bis zu dieser Begegnung, läßt sich mit zwei Worten erzählen. Er hatte Rimini niemals verlassen, hatte nicht daran gedacht, es zu verlassen, wäre nicht die Pest in Mailand aus- gebrochen und hätte ihm die Gelegenheit gewährt, die er so lange schon ersehnte, sein Leben für Andere hinzugeben. Mit großem Eifer bat er, dahin gesandt zu werden, den Pestkranken Hülfe zu leisten und zu dienen. Der gräfliche Oheim war tobt, überdies bedurfte die Zeit auch der Krankenwärter mehr als der Politiker, und des Paters Verlangen ward also ohne alle Schwierigkeiten gewillsahret. Er kam bald nach Mailand, kam in das Lazareth Und war daselbst seit etwa drei Monaten. Der Trost, den Renzo über das Wiederfinden seines guten Paters empfand, wat nicht lange ungetrübt: zugleich mit der Gewißheit, daß er es wirklich sey, empfing er den schmerzlichsten Eindruck der 287 mit ihm vorgegangenen Veränderung: gebückte, traurige Körperhaltung; abgezehrtes, geschwundenes Antlitz; alles zeugte von einer erschöpften Natur, gebrochener, erstorbener Lebenskraft, die sich in jedem Augenblicke an der Kraft der Seele schien stützen und aufrichten zu müssen. Auch sein Blick ruhte aufmerksam auf dem auf ihn zukommenden jungen Menschen, der durch Zeichen, er wagte nicht, durch Worte, sich ihm bemerkbar und erkenntlich zu machen versuchte. „Ach, Pater Ehristosorus!" sagte er, als er nahe genug war, gehört zu werden, ohne nvthig zu haben, zu schreien. „Du hier!" sagte der Pater, seine« Teller niedersetzend und ausstehend. ? Ä,^. „ Wie geht es Euch, Pater? Wie gebt es Euch ?" „ Besser als den vielen armen Unglücklichen, die Du siehst," cntgegnete der Mönch: auch seine Stimme war heiser, hohl, wie alles andere an ihm verwandelt. Nur das Auge noch wie sonst, auf seltsame Weise noch belebter und glanzender; die durch Thaten zur äußersten Höhe gelangte Menschenliebe füllte es, in der entzückenden Ahnung, ihrem Ursprünge nah zu seyn, mit einem wärmeren, reineren Feuer, als die Körperhinfalligkeit von Stunde zu Stunde dämpfte. „Wie bist Du aber," fuhr er fort, „an diesem Orte? weshalb stellst Du Dich der Pest so blos?" „Ich Hab« sie, dem Himmel sey Dank! überstanden. Ich. komme .... ich suche — Luzien." „ Lüsten! Luzia ist hier?" . . „ Ist hierzum wenigsten vertraue ich auf Gott, daß sie noch hier, ist-" . - r . „Ist sie dein Weib?" ' e, „ Ach ^ lieber. Pater! wohl ist sie es noch nicht. Wißt Jhy denn nichts von allem, was vorgefallen? V- „ Neinli mein Sohn: seitdem der Himmel mich von Euch, entfernte, habe ich nichts mehr von Euch, erfahren , ^jetzt aber, da er mich Dir sendet, gestehe.ich Dir, möchte ich es gern erfahren. Aber _Du bist ja flüchtig? „AlsL wißt Ihr, wie sie mir mitgespielt haben?" „ Was hast Du denn gethan? " „ Hört; wollte ich sagen, ich sey an jenem Tage in Mailand vernünftig gewesen, so würde ich lügen; schlechte Streiche habe ich aber deshalb nicht begangen." „Ich glaube,es Dir, glaubte es vom Anfänge herein." „ Jetzt kann ich Euch also alles erzählen?" „ Warte, sagte der Mönch, that einige Schritte der Hütte abwärts und rief: „PaterViktor!" und als darauf ein junger Kapuziner erschien , sagte er ihm: „erzeigt mir die Freundschaft, Pater Wiktor, auch meine armen Kranken mit zu pflegen, derweil ich abwesend bin; verlangt unterdeß irgend, einer nach 289 mir, so bitte ich, ruft mich sogleich. Besonders Jener, gicbt er nur das geringste Zeichen zurückgekehrter Empfindung, so laßt cs mich, aus Barmherzigkeit, ohne die geringste Saumniß, wissen." Der junge Mönch versprach alles zu thun, und der alte kam zu Renzo zurück. „ Aber," sagte er sogleich und blieb-stehen: „Du scheinst mir sehr mitgenommen. Du wirst der Stärkung bedürfen-" „Es ist wahr," sagte Renzo- „Da Ihr mich jetzt auf den Gedanken bringt, erinnere ich mich, daß ich noch nüchtern bin-" „Warte," sagte der Mönch, nahm einen andern Teller, ging zum Topfe, füllte ihn, brachte ihn zurück, reichte ihn nebst einem Löffel Renzo'n dar, ließ ihn auf einen großen Sack, der ihm als Bett diente, sich niedersetzen; schritt dann zu einem in einem Winkel liegenden Fasse, brachte ein Glas Wein zurück, setzte cs auf ein in der Nahe stehendes Tischchen, nahm auch seinen Teller wieder zur Hand und setzte sich neben seinen Gast. „O, Pater Christoforus!" sagte Renzo: „kommt es Euch denn zu, alles das zu thun? Aber Ihr seyd immer noch derselbe. Ich danke Euch recht herzlich." „Dankt mir nicht," sagte der Mönch: „es ist Armengut; aber auch Du gehörst in diesem Augenblicke zu den Armen. Jetzt erzähle mir, was ich noch nicht weiß, erzähle mir von unserer armen Luzia; III. T wie du siehst, giebt cs viel zu thun." Renzo erzählte, wahrend er einen Löffel nach dem andern zum Munde führte, zuerst Luziens Geschichte; wie sie in dem Kloster in Monza Schutz gefunden habe, geraubt worden sey — Bei der Vorstellung aller dieser Leiden und Gefahren, bei dem Gedanken, daß die arme Unschuldige eigemlich durch ihn an diesen Ort gelangt sey, verging dem guten Mönche der Athem; er empfing ihn aber bald wieder, da er hörte, wie wunderbar sie gerettet worden, ihrer Mutter wieder gegeben und von derselben zu Donna Pra- xedia gebracht worden sey. „Nun will ich von mir erzählen, " fuhr der Erzähler fort und erzählte kürzlich die Geschichte jenes Tages in Mailand, seine Flucht; wie er stets von Hause zugebracht und jetzt, da alles bunt über Ecke gegangen, sich entschlossen habe heimzukehren; wie er daselbst Agnesen nicht angetroffen; wie er in Mailand erfahren, daß Luzia sich im Lazareche befinde; „und ich bin hier," schloß er; „ bin hier. sie zu suchen, zu erfahren, ob sie noch lebt, und ob- sie mich noch will .... denn_bisweilen — " „ Was hast Du aber hier für Nachmessungen?" fragte der Mönch: „ weißt Du gar nicht, wohin sie gebracht worden, seit wie lange sie hier ist?" „Nichts, lieber Pater; weiß nichts, als daß sie 291 hier ist, wenn sie nämlich, was Gott gebe! noch hier ist." „Ach, Du armer Mensch! wo und wie hast Du aber bis jetzt schon nachgefor'cht?" „Ich habe hier und dahin gegukt; habe aber fast nichts als Männer unter den Kranken gesehen. Ich kann mir wohl verstellen, daß die Weiber an besonderem Orte verwahrt werden; habe aber noch nicht dahin gelangen können: ist es so, so seyd so gut, mich hinzuweisen." „Weißt Du nicht, mein Sohn, daß kein Mann dahin darf, der nicht etwas da zu rhun hat?" „Nun gut, ich will mir schon -Platz machen," Die Anordnung ist gerecht und heilig, lieber Sohn: und wenn die Menge und Größe des Unglücks nicht gestattet, daß man ihr mit aller Strenge Folge verschaffe: ist das eine Ursache, derentwillen ein vernünftiger Mensch sie übertreten darf?" „Aber, Pater Christoforus!" sagte Renzo: „Luzia sollte mein Weib seyn; Ihr wißt, wie wir getrennt worden sind; seit zwanzig Monaten schon dulde ich und gedulde mich; ich bin trotz so vieler Gefahren, deren eine immer schlimmer als die andere, bis hierher gelangt; und nun...." „Was soll ich dazu sagen?" erwiederte der Mönch, vielmehr seinen Gedanken als den Worten des jungen Menschen antwortend : „ Du hast eine gute Absicht; und wollte nur der Himmel, daß alle die jenen Ort betreten dürfen, sich so da aufführ- T 2 ten, wie ich überzeugt bin, daß Du Dich aufführen wirst. Gott, der gewiß Deine treue Liebe, Deine Beständigkeit im Verlangen und Suchen nach der, welche er Dir gab, segnet, Gott, der strenger ist, als die Menschen, aber auch nachsichtiger, wird Dir Nachsehen, was in DeinerArt, sie zu suchen, Unrecht ist. Bedenke nur, daß wir Beide Deine Aufführung an jenem Orte zu verantworten haben, wohl nicht sa leichtlich denMenschen, sicherlich aber Gott. Geh hin." Indem er dies sagte, stand er, Rcnzo, der nicht unterließ von den Worten Notiz zu nehmen, mit ihm auf. Der letztere hatte sich unterdessen, gegen seinen früheren Entschluß, vorgcnommen, vonLuziens Gelübde nichts zu erwähnen- »Hört er auch das noch," hatte er bedacht; „so macht er gewiß und wahrhaftig neue Schwierigkeiten. Finde ich sie, dann ist noch immer Zeit, davon zu reden; finde ich sie nicht .... nun, was Hilst es dann? — " Der Mönch führte ihn vor die, nach Mitternacht gewendete Hütte und sagte abermals: „merke auf; unser Pater Felix, der Präsident des Lazareths, führt heute, die Quarantäne anderswo zu bestehen, die Wenigen , welche genesen sind, von hier ab. Du siehst dort in der Mitte die Kirche...." und er erhob seine dürre, zitternde Rechte, bezeichnete links in der getrübten Lust die Kuppel der über die armseligen Zelte aufragendcn Kirche und fuhr fort: „Da herum versammeln sie sich alleweile, insgcsammt zu dem Thore 293 hinauszuziehen, zu dem Du wahrscheinlich herein gekommen bist." „ Ach! deshalb suchten sie also den Weg frei zu machen?" „ Deshalb; Du wirst auch haben die Glocke anschlagen hören." „Einmal habe ich cs gehört." „ Es war zum zweitenmale: zum drittenmale sind sie alle versammelt; Pater Felix sagt ihnen dann ein paar Worte und macht sich mit ihnen auf den Weg. Bei diesem Zeichen gehe Du auch dahin, verstecke Dich hinter der Versammlung, an den Rand des Weges, wo Du nicht im Wege stehest und sehen kannst, ohne gesehen zu werden; und sieh.... sieh .... sieh, ob sie dabei ist. Will der Herr nicht, daß sie dabei sey, so ist jener Theil," und er erbob abermals die Hand und bezeichnte die Seite des Gebäudes, welche ihnen gegenüber lag: „jener Threil des Gebäudes und ein Theil des Lagers vor ihm, den Frauen angewiesen. Du wirst eine Planke wahrnehmen, die beide Quartiere tbeilt, sie ist an manchen Stellen durchbrochen, hat an anderen Thüren, so daß Du ohne Schwierigkeit hineingelangst. Bist Du drinnen, so begehe nichts, was irgend Jemand beleidigen könnte; wahrscheinlich wird Niemand nach Dir fragen; wollte man Dir aber Hindernisse in den Weg legen, so sage nur, Pater Christoforus von * * * kenne Dich, werde für Dich Rede stehe». Suche 294 sie dort, suche sie mit Vertrauen und — Ergebung. Denn erinnere Dich wobl, welche große Sacke Du verlangst: Du verlangst, im Lazarethe einen Menschen am Leben anzukreffen ! Weißt Du wohl, wie oft ich dieses mein armes Volk habe erneut gesehen! wie viele ich habe forttragen sehen! wie wenige fortgehen! .... Sey gefaßt auf ein Opfer ...." „Ja! ich sehe es wohl ein." unterbrach ihn Ren- zo, mit entstelltem Blick und verändertem Antlitz „ich sehe es ein! Ich gehe, will spähen und suchen, an einem Orte so wie am andern, und hernach noch einmal von oben zu unterst alles durchstören, alles >m ganzen Lazarethe .... finde ich sie aber nicht....!" „ Findest Du sie nicht?" sagte der Mönch in ernster Erwartung und mir warnendem Blick. Renzo, dem der im Herzen angeschwollene Zorn das Auge dunkelte, Ehrfurcht benahm, sprach weiter: „ finde ich sie nicht, so werde ich Jemand anders zu finden suchen. Ob in Mailand, ob in seinem verfluchten Pallaste, ob am Ende der Welt, ob beim Teufel selbst, ich werde den Schurken, der uns getrennt har, doch finden, den Schurken, ohne den Luzia schon seit zwanzig Monaten mein wäre, ohne den, hätte das Schicksal unser» Tod gewollt, wir wenigstens zusammen gestorben seyn würden. Ist der Schurke noch auf der Welt, so finde ich ihn ...." „ Renzo!" sagte der Mönch, faßte ihn bei einem Arme und sah ihn noch ernster an. „ Und wenn ich hF Dt I Mt ^ ot>. ,!wi I UI W ^ l,!>ti i «iN: ! M mik mti ß« Iw N pjr t«, ! «A» 2S5 ihn finde," fuhr jener, vom Zorne ganz geblendet fort: „ wenn die Pest ihn noch , nicht richtete.... die Zeit ist vorüber, daß ein feiger Schurke, in der Mitte seiner Bravi, die Leute zur Verzweiflung bringen und sie verhöhnen konnte: es ist eine Zeit gekommen, in der die Menschen sich Angesichts gegenüber stehen: und .... so will ich ihn richten!" „Unglückseliger!" rief Pater Ehristoforus mit einer Stimme, der alle ehemalige Fülle, aller Wohllaut wiedergegeben war: „Unglückseliger!" Sein, auf die Brust gedrücktes Haupt hatte sich aufgericb- tet, die Wangen rökheten sich mit dem alten Leben und das Feuer der Augen hatte einen fürchterlichen Ausdruck gewonnen. „Sieb, Unglückseliger!" wahrend er mit der einen Hand Renzo's Arm fest drückte und rüttelte, zog er die andere an sich und deutete, so weit er konnte, auf das betrübende Schauspiel im Umkreise. „ Siek, wer der ist , der hier straft! der hier richtet und nicht gerichtet wird! der geißelt und verzeiht! Du Erdenwurm, Du willst richten! Weißt Du denn, was Gericht ist! Fort, Unglückseliger, fort! Ich hoffte, .... ja, ich hatte gehofft, der Himmel würde mir vor meinem Ende den Trost gewahren, zu hören: meine arme Luzia lebe, sie vielleicht wieder zu sehen, mir versprechen zu hören, ein Gebet nach der Grube zu senden, die mich cinnimmt. Geh! Du hast mir die Hoffnung benommen. Gott hat sie nicht für Dich auf der Welt ge- 2S6 lassen; und sicherlich bist Du nicht verwegen genug, Dich würdig zu wahnen, daß Gott denke, Dich zu trösten. An sie wird er gedacht haben, denn ihre Seele gehört zu denen, denen ewige Seligkeit beschicken ist. Geh! ich habe keine Zeit mehr, Dir Gehör zu geben." Dies sagend, schleuderte er Renzo's Arm von sich und ging einer Krankenhütte zu. „Ach, Pater!" sagte Renzo, ihm mitflehend- lichen Geberden folgend: „wollt Ihr mich auf diese Weise von Euch lassen?" „ Wie!" sprach der Kapuziner mit nicht minder strenger Stimme weiter: „Darfst Du wohl glauben und verlangen: ich werde meine Zeit jenen Leidenden rauben, die der Erwartung sind, daß ich mit ihnen von der Allbarmherzigkeit Gottes rede, Deine Wuthausbrüche und Rachegelöbnisse anzuhören? Ich horte Dich an, als Du Trost und Rath verlangtest, ich habe aus Barmherzigkeit mich der Barmherzigkeit entzogen; jetzt hast Du Deine Rache im Herzen : was willst Du von mir? Geh! Zch habe hier Beleidigte sterben sehen, die verziehen; Beleidiger, denen es schwer auf dem Herzen lag, sich nicht vor den Beleidigten erniedern zu können; ich habe mit diesen und mit jenen geweint; was habe ich mit Dir zu thun?" „Ach, ich verzeihe ihm! ich verzeihe ihm aufrichtig, ich verzeihe ihm für immer!" rief der Jüngling. „Renzo!" sagte der Pater mit gemessenerer Strenge: bedenke, sage, wie oft Du ihm schon verziehen hast." Und als kr nach einer Weile keine Antwort empfangen hatte, neigte er plötzlich das Haupt und sprach mit demükhiger Stimme weiter: „Du weißt, warum ich dieses Kleid trage!" Renzo zauderte. „Du weißt es!" sagte der Alte wieder. „ Ich weiß es," antwortete Renzo. „Auch ich habe gehaßt: ich, der ich Dich eines Wortes, eines Gedankens halber gescholten habe; den Mann, den ich haßte, den ich von Herzen haßte, den ich lange Zeit haßte, habe ich gelobtet." „Ja, aber so ein Uebermüthiger, einer der...." „Schweig," unterbrach ihn der Mönch: „Glaubst Du, daß» wenn cs einen Entschuldigungsgrund gäbe, ich ihn nicht in dreißig Jahren gefunden haben würde? Ach, könnte ich Dir doch jetzt das Gefühl in das Herz senken, das ich von da an immer für den Mann, den ich haßte, hatte und habe! Ob ich es könnte! ich? Aber Gott kann es: Er thue es!_ Höre, Renzo: Er will Dir wohler, als Du Dir selbst willst: Du vermochtest, an Rache zu denken; Er aber ist stark und barmherzig genug, sie zu verhindern; Er erzeigt Dir eine Gnade, die ein anderer nicht verdiente. Du weißt, hast so oft gesagt, daß er die Hand eines Unterdrückers zu hemmen vermag; wisse aber, daß er auch die eines Rachsüchtigen hemmt. Und weil Du arm, weil Du beleidigt bist, glaubst Du, daß er deshalb nicht einen Menschen gegen Dich vertheidigen kann, den er nach seinem Bilde schuf? Glaubtest Du, er werde Dich alles vollbringen lassen, was Du willst? Nein! weißt Du aber, was Du thun kannst? Du kannst hassen und Dich in Verderben stürzen; kannst mit einem Gefühl alle Seligkeit Dir entfernen. Denn, wie es Dir auch immer ergehe, wie glücklich Du auch werdest, sey gewiß, daß alles Dir nur zur Strafe gereicht, bis Du verziehen hast, so verzieken, daß Du nimmermehr sagen kannst: ich verzeihe ihm." „Ja, ja," sagte Renzo gerührt und beschämt: ick sehe ein, daß ich ihm noch niemals aufrichtig ver- geben habe; ich sehe ein, daß ich wie ein unvernünftiges Thier, nicht wie ein Christ sprach: jetzt aber) mit der Gnade des Herrn, ja, jetzt verzeihe ich ihm von ganzem Herzen!" „Und wenn Du ihn nun sähest?" „Würde ich den Herrn bitten, mir Geduld zu verleihen, ihm das Herz zu rühren." „Würdest Du Dick erinnern, daß der Herr uns nicht gesagt hat, unseren Feinden zu verzeihen, daß er uns gesagt hat, sie zu lieben? Würdest Du Dich erinnern, daß er ihn so sehr geliebt hat, für ihn zu sterben?" „Ja, mit Seiner Hülfe." „Nun wohl; so komm und sieh ihn. Du sagtest: ich werde ihn finden; Du wirst ihn finden. Komm und sieh, gegen wen Du noch Haß nähren konntest, wem Du Böses wünschen konntest, gegen wen Du es ausüben, über wessen Leben Du Dich zum Herrn aufwerfen wolltest." Und er nahm Renzo's Hand, drückte sie fest und jugendlich und ging. Renzo folgte ihm, ohne den Muth zu haben, noch etwas zu fragen. Nach kurzem Wege blieb der Mönch am Eingänge einer Hütte stehen; sah Nenzo'n mit einer Mischung von Ernst und Zärtlichkeit fest an und zog ihn mit sich hinein. Der erste Gegenstand, der beim Eintritt in die Augen siel, war ein im Hintergründe auf dem Strohe sitzender Kranker, der nicht gefährlich krank scbien, sondern eher der Genesung nahe, und als er den Pater erblickte, den Kopf wie verneinend hin und her bewegte: der Pater senkte den seinen mit einer Bewegung der Trauer und Ergebung. Renzo ließ unter- deß mit unruhiger Neugier den Blick über die anderen Gegenstände hinschweifen, sah drei oder vier Kranke, sah auf der einen Seite, einen auf einem Federbette in ein Bettuch gehüllt liegen, einen Cavaliermamel über sich als Decke gebreitet: sah ihn scharf an erkannte Don Rodrigo und prallte zurück: der Mönch drückte aber seine Hand abermals fest mit der seinen, zog ihn zum Fuße des Lagers streckte die andere Hand darnach aus und wies mit dem Finger auf den auf ihn hingestreckten Menschen. Der Unglückliche lag regungslos; die Augen weit aufgerissen, blicklos; das Ge- sicht erstorben, mit schwarzen Flecken überdeckt; die Lippen schwarz und geschwollen: man hatte es das Antlitz eines Leichnams geglaubt, hätte nicht gewaltsame Zusammenziehung zähe Lebenskraft in ihm verrathen. Die Brust hob sich bisweilen mit schweren Athemzügen; die rechte Hand hielt er, über dem Mantel, mit krumm gebogenen, blutunterlaufenen Fingern, deren Spitzen ebenfalls schwarz waren, dicht an das Herz gepreßt. „Du sichst!" sagte der Mönch heimlich mit feierlicher Stimme. Es gicbt Strafe, es giebt Erbarmen! Dasselbe Gefühl, welches Du jetzt für diesen Menschen hast, der Dich allerdings beleidigte, wird Gott dereinst für Dich haben, den Du beleidigtest. Segne ihn und sey gesegnet. Seit vier Tagen liegt er hier, wie Du ihn siehst, ohne ein Zeichen des Lebens. Vielleicht ist der Herr geneigt, ihm eine Stunde der Erkenntm'ß zu gewahren; aber er will, daß Du ihn darum bittest; vielleicht will er, daß Du ihn mit jener Schuldlosen darum bittest; vielleicht behalt er sich diese Gnade für Dein alleiniges Gebet, für das Gebet eines trauervollen, ergebenen Herzens vor. Vielleicht hangt das Heil dieses Menschen', so wie. das Deinige, jetzt von Dir ab, von einem vergebenden erbarmenden, liebreichen Gefühl Deines Herzens!" Er schwieg, faltete die Hände, neigte das Antlitz darüber wie betend hin, und Renzo that desgleichen. Sie hatten einige Augenblicke in dieser Stellung 301 beharrt, als der dritte Glockenschlag ertönte. Wie vecabredetcrmaßen setzten sich beide in Bewegung und gingen hinaus. Es begehrte weder der eine noch betheuerte der andere: ihre Mienen sprachen. „Geh nun," sagte der Mönch wieder, „geh, sey gefaßt auf ein Opfer, sey bereit, Gott zu preisen, welcher Erfolg auch immer Deinem Suchen werde. Und wie er auch immer sey, komm und gieb mir Nachricht, wir wollen ihn vereint preisen." Ohne weitere Worte trennten sie sich; der Eine ging zurück, wo er herkam , der Andere wanderte der Kirche zu, die kaum einen Fuß breit fern stand. Sechsunddreißigstes Kapitel. Wer hatte wohl noch vor wenigen Stunden Ren- zo'n sagen mögen, daß in einer so fürchterlichen Nachforschung, in den zweifelhaftesten, entscheidendsten Augenblicken, sein Herz zwischen Luzien und Don Nodrigo getheilt seyn könne? Und doch war es so; jene Gestalt drängte sich in alle.lieben oder gräßlichen Bilder, die Hoffnung oder Furcht ihm abwechselnd auf seinem Wege vorführten; die am Fuße jenes Bettes vernommenen Worte mischten sich unter die Ja's und Nein's, die sein Gemüth bestürmten und 302 er war nicht im Stande, ein Gebet für den glück- liehen Ausgang seines Vorhabens zu beenden, ohne ^ es mit jenem zu verbinden, das er dort begann und das der Klang der Glocke unterbrach. Die achteckige Kirche, welche sich mitten im Lazarethe, einige Stu- ^ fen über den Boden erhebt, war, nach ihrer anfäng- lichen Bauart, nach allen Seiten offen, ohne andere Stützpunkte als Pfeiler und Säulen, ein gewifferma- >"> ^ fen durchbrochenes Gebäude, an jeder Fronte ein Schwibbogen zwischen zwei Säulenweiten. Im In- nern lief eine Säulenhalle um das, was man im ei- «sta gentlicheren Sinne die Kirche nennen mochte und «ta nur aus acht von Pfeilern getragenen Schwibbögen Wj bestand, über die sich eine Kuppel wölbte und die den Schwibbögen der Fronten entsprachen. Der in der Mitte errichtete Altar konnte sonach aus jedem Fen- „ § ster der Zimmer des Gebäudes und beinahe selbst von jedem Punkte des Lagers erblickt werden- Jetzt, da das Gebäude z» ganz anderem Zwecke ^ dient, sind die Zwischenräume der Fronten zugemau- ert; da aber das alte Gerippe unverletzt geblieben ist, ^ so erkennt man noch deutlich den ehemaligen Zustand und die ehemalige Bestimmung des Ganzen. ^ Renzo war kaum einige Schritte gegangen, als ^ er den Pater Felix an der Säulenhalle des Tempels ^ erscheinen und dem mittleren Scbwibbogen, der der ^ Stadt zugewenderen Seite zuwandeln sah. Vor dieser Seite stand unten, auf dem freien Wege, die ^ ' 303 Versammlung, und Renzo nabm bald an des Paters Bewegungen ab, daß derselbe die Predsqt begonnen hatte. Er wand sich durch die engen Raume und näherte sich, wie ihm geheißen war, dem Ende der Gemeine. Angelangt, blieb er still und schweigsam stehen, überflog alles mit seinem Blick; sah aber nichts, als eine dicht gedrängte Menge Köpfe, in deren Mitte eine gewisse Anzahl mit Tüchern und Schleiern bedeckter. Dahin sah er scharfer und aufmerksamer; da er aber auch hier nicht das Geringste weiter zu erspähen vermochte, erhob er seinen Blick, wohin die Blicke der Anderen gerichtet waren. Er blieb fest und unverwandt an der ehrwürdigen Gestalt des Redners hangen; und mit der Aufmerksamkeit, die Renzo in solcher Spannung, bei solchem Anblicke zu fesseln vermochte, vernahm er diesen Theil des feierlichen Zuspruchs: „ Wenden wir unsere Gedanken einen Augenblick auf die Tausende und aber Tausende, welche dort hinausgingen;" und er deutete mit über der Achsel gehobenen Finger hinter sich auf das, nach dem Sankt Gregoriuskirchbof führende Tbor, der damals fast eine einzige weite Gruft war: „Werfen wir noch einen Blick zurück auf die Tausende und aber Tausende, welche hier zurück bleiben, ungewiß, wo hinaus sie dereinst gelangen werden; werfen wir einen Blick auf unser kleines Häuflein selbst, die wir errettet in das Leben zurückkehren. Der Herr sey gelobt! Gelobt als Richter, gelobt als Erbarmer! Gelobt im Tode, gelobt im Leben! Gelobt in der strengen Sonderung, die es ihm gefallen hat, mit uns anzustcllen! O! warum sonst hat sie ihm gefallen, als sich eine kleine Schaar vom Elende geklarter, von Dankbarkeit durchdrungener Menschen zu bewahren? als uns zu vermögen, nunmehr, im lebhafteren Gefühle, daß das Leben ein Geschenk von Ihm, es als solches nach Würden zu schätzen und zu erkennen, uns guten Werken, in Seinem Dienste zu widmen und zu weihen? als, uns, durch die Erinnerung an unsere Leiden, mitleidsvoller, dienstbe- fliffener gegen unsere Ncbenmenschen zu machen? diejenigen, in deren Gemeinschaft wir gelitten, gehofft und gefürchtet haben; unter denen wir Freunde und Angehörige zurücklassen; und die doch alle insgcsammt unsere Brüder sind: diejenigen unter ihnen, die uns durch ihre Mitte wandeln sehen und vielleicht Trost in dem Gedenken finden: daß doch noch einige diesen Ort gerettet verlassen, soll unser Betragen erbauen. Und es wolle der Himmel nicht, daß sie bei Einem lärmende, weltliche Freude gewahren, diesem Tode, mit dem sie noch im Kampfe begriffen, entgangen zu stylt. Sie sehen dann, daß wir für uns dankend, für sic bittend scheiden, und sagen: auch fern von hier erinnern sie sich noch unserer und fahren fort, für uns Arme zu bitten. — Fangen wir mit dieser Wanderung, mit den ersten Schritten dieser Wanderung ein ganz der Menschenliebe eigenes Leben an! Wer 305 zu der allen Lebenskraft wieder gelangt ist, leihe den Entkräfteten den Bruderarm! Ihr Jünglinge, helfet den Greisen; Ihr, die Ihr kinderlos seyd, sehet um Euch, wie viele Kinder vaterlos sind! Seyd ihnen Väter! Und diese Eure Barmherzigkeit wird, indem sie Eure Sünden deckt und tilgt, auch Eure Schmerzen lindern!" Hier ward ein in der Versammlung umlaufendes, anwachscndes Gemurmel von Seufzern und Schluchzen plötzlich unterbrochen, indem der Prediger sich einen Strick um den Hals schlang und niederknieete; in tiefem Schweigen erwartete alles, was er sagen werde. „ Für mich," sagte er, „ und für alle meine Brüder, die wir sonder Verdienst die hohe Auszeichnung und Gnade genossen, Christus in Euch zu dienen, bitte ich Euch dcmüthig um Vergebung, wenn wir dieses große Amt nicht seiner würdig verwalteten. Wenn die Trägheit, Widerspenstigkeit des Fleisches uns weniger sorgsam auf Eure Bedürfnisse, weniger bereitfertig auf Euren Ruf gemacht hat; wenn eine ungerechte Ungeduld, strafbarer Verdruß uns dann und wann verleitete, Euch ein mürrisches, strenges Gesicht zu zeigen; wennzuweilen der erbarmenswer- the Gedanke, daß Ihr unserer bedürftet, uns vermocht hat, Euch nicht mit aller der geziemenden De- muth zu begegnen; wenn unsere Gebrechlichkeit zu manchem Thun Anlaß war, das Euch zur Aergerniß lil. U 306 gereichte; vergebt uns! Und so vergebe Euch Gott alle Eure Schuld und segne Euch! " Er machte über die Versammlung ein großes Zeichen des Kreuzes und stand auf> Wir haben, wenn auch nicht Wort für Wort, doch zum wenigsten Sinn und Meinung der Rede des Bruders wiedergegeben; die Art aber, mit der er sprach, ist unaussprechlich. Es war die Act und Weise eines Menschen, der eine Gnade nannte, Pestkranken dienen zu können, weil er es wirklich dafür hielt; der bekannte, ihr nicht würdig entsprochen, weil er fühlte, cs nicht nach Würden gethan zu haben; der um Vergebung bat, weil er überzeugt war, ihrer zu bedürfen. . , Die Menge aber, welche jene Kapuziner um sich gesehen hatte,mit nichts weiter beschäftigt, als ihr zu dienen, die so viele hatte sterben sehen, und den, der für alle sprach, immerdar, so wie imNange, so auch in derDienst- barkeit der Erste, ebenfalls dem Tode nahe; man denke sich, mit welchem Geschluchz, mit welchen Thränen sie auf solche Worte antwortete. Der bewundernswerthe Mönch ergriff sodann ein großes, an einem Pfeiler lehnendes Kreuz, hielt es vor sich hin, ließ am Rande der äußeren Säulenhalle seine Sandalen, stieg die Stufen des Gotteshauses hernieder und schritt durch die ihm ehrfurchtsvoll Platz machende Menge, sich an ihre Spitze zu stellen. Nenzo, nicht mehr und nicht weniger in Thrä- A«« «Pr M, «s! zu!" «ÜÄ w> W Bi jlM ÜÄ! lii:i I-Li M aiw tiÄ Kit! Ä, hsL neu gebadet, als wäre er einer derer gewesen, an die jene seltsame Bitte um Vergebung gerichtet war, wich ebenfalls zurück, trat dicht neben eine Hütte und blieb daselbst, halb versteckt, den Körper zurückgezogen, den Kopf vorgebogen, die Augen weit offen, unter großem Herzklopfen, aber auch mit einer ganz neuen, eigenthümlichen Zuversicht, die, nach meinem Dafürhalten, wohl aus der Weichheit entsprungen seyn mochte, in die ihn die Predigt und das Schauspiel der allgemeinenRührung versetzt hatte,erwartungsvoll stehen. Barfuß, den Strick um den Hals, jenes lange, gewichtige Kreuz emporgehoben, nahete Pater Felix; mit bleichem, abgezehrtem Antlitz, das sowohl Zerknirschung als Muth darthat; langsamen, aber entschlossenen Schrittes, als wolle er der Anderen Schwache schonen; in allem wie ein Mann, der aus jenen nothwendigen, von seinen Pflichten unzertrennlichen Beschwerden und Ungemach eine Ueberfülle von Kräften zu schöpfen schien, sie zu ertragen. Unmittelbar nach ihm folgten die größeren Kinder, größ- tentheils barfuß, wenige nur völlig bekleidet, einige in bloßen Hemden. Dann kamen die Frauen, deren fast jede ein kleines Kind an der Hand führte und die abwechselnd das Miserere sangen; und der heisere Ton dieser Stimmen, die Blasse und Mattigkeit aller Gesichter waren wohl geeignet, schon das Gemüth eines Jeden , der sich nur als bloßer Zuschauer in der Nähe befand, mit Mirlcidcn zu erfüllen. Renzo aber sah, U 2 prüfte, von Reihe zu Reihe, Antlitz nach Antlitz, ohne ein einziges zu übersehen; der langsame Gang des Zuges gewährte ihm dazu alle Bequemlichkeit. Der Zug kommt ihm immer mehr vorüber; er sieht und sieht; immer vergebens; wirft halbe Blicke auf den noch zurückseyenden Haufen, der immer geringer und geringer ward; es sind nur noch wenige Reihen , es kommt die letzte, sie sind alle vorüber, sind lauter ungekannte Gesichter. Mit herabhangenden Armen, das Haupt auf die eine Schulter niedergesenkt, laßt er das Auge derfort- ziehcnden Schaar nachschweifen, wahrend die der Männer an ihm vorbeikommt. Neue Aufmerksamkeit, neue Hoffnung erstand ihm, als er ihnen einige Karren mit den Genesenen nachfahrcn sah, welche noch unfähig waren, den Weg zu Fuße zurückzulegen. Hier kamen die Weiber zuletzt und die Karren fuhren langsam genug, daß Renzo auch diese Kranken, ohne Ausnahme eines einzigen, mustern konnte. Aber wie? ec sieht sich im ersten um, im zweiten, im dritten, in allen, immer mit dem nämlichen Erfolge, in allen bis mit einem, hinter dem weiter nichts kam, als ein anderer Kapuziner, ernsten Ansehens, einen Stock in der Hand haltend, wie als Mitaufseher des Zuges: jener Pater Michael, von dem wir schon sagten, daß er dem Pater Felix als Gehülfe in der Leitung des Ganzen beigegeben sey. So schwand denn ganz und gar jene süße Hoff- nung, entnahm, indem sie schwand, nicht nur die Hoffnung, welche sie hatte entstehen lassen, sondern, wie es gewöhnlich der Fall ist, ließ die Seele in noch schlimmerem Zustande als in dem sie vorher war. Jetzt war der glücklichste Fall nur, Luzicn krank anzutreffen. Und doch hing sich der Arme, da sich der Heftigkeit bestehender Hoffnung vcrmehrtere Furcht unterschob, mit allen Kräften der Seele an diesen traurigen, so schwachen Faden; verließ den breitge- bahnten Weg und ging dem Orte zu, von wo die Prozession gekommen war. Als er am Fuße des Tempels stand, warf er sich auf der untersten Stufe auf die Kniee nieder, richtete daselbst ein Gebet, oder vielmehr einen Schwall unzusammenhängender Worte» abgebrochener Redesätze, Ausrufungen, Bitten, Klagen, Versprechungen an Gott: eine der Anreden, die man nicht an die Menschen richtet, weil diese zu wenig Scharfsinn besitzen, sie zu verstehen, noch hinreichende Geduld, sie anzuhören; weil sie nicht erhaben genug sind, Nachsicht, und nicht Unwillen dabei zu empfinden. Er erhob sich ein wenig ermuthigter; ging um die Kirche herum, befand sich auf dem anderen Hauptwege, den er noch nicht gesehen hatte, und der zum andern Thore führte, und er war nicht viel weiter Mangen, als er zu seiner Rechten und Linken den Verschlag bemerkte, von dem der Pater ihm sagte; überall aber Durchgänge und Durchbrüche» wie er auch erwähnte. Er ging durch einen derselben und befand sich im Weiberquartiere. Fast schon beim ersten Schritte in demselben sah er auf der Erde eines der Glöckchen liegen, welche die Monatti an den Füßen tragen; es war ganz, und mit den gehörigen Niemen wohl versehen. Es siel ihm ein, ein solches Instrument könne ihm wohl als Paß hier dienen; er hob es auf, sah umher, ob ihn auch Niemand beobachte, und schnallte cs sich an. Und nun begann er seine Forschungen, Forschungen, die schon durch die Menge der Gegenstände höchst beschwerlich geworden seyn würden, waren auch die Gegenstände ^ selbst ganz anderer Art gewesen; er begann mit den Blicken umhcrzuschweifen, begann neue Iammecsce- nen zu betrachten, die theilweise den schon gesehenen so ähnlich, theilweise ihnen so unähnlich waren; daß, unternamlichem Elende, hier doch anderes Leiden, so zu sagen anderes Ermatten» andere Schmerzen, anderes Dulden, anderes gegenseitiges Beklagen und Beistehen war, und auch der Zuschauer hier gewissermaßen anderes Mitleid und anderen Schauder empfinden mußte. Er war schon, ich weiß nicht wie weit, ohne Zufall und Erfolg gegangen; als hinter ihm ein „Ol" ein Nuf, der ihm zu gelten schien, erscholl. Er wandte sich um und sah in gewisser Entfernung einen Eommissar stehen, der die.Hand aufhob, ihm zuwinkte und zurief: „Dort in den Zimmern ist Hülfe nölhig: hier ist nur erst gereinigt." > - - Renzo sah alsbald ein, für was man ihn halte, daß das Glöckchen an dem Jrrthume Schuld fey; schalt sich , nur daran gedacht zu haben, welcher Um. annehmlichkeitcn ihn dieses Zeichen entheben, nicht, welche es ihm zuziehen könne; gedachte aber zugleich auch, sich den Commissar vom Halse zu schaffen. Er winkte ihm eiligst, antwortend mit dem Kopfe, ihn zu bedeuten, er habe gehört und gehorche, und entzog sich seinen Blicken, indem er sich nach einer Seile unter die Hütten verlor. Als er sich fern genug glaubte, wollte er sich von der Ursache dieses Aergernisses befreien, und begab sich, es, ohne gesehen zu werden, zu vollbringen, in eine Enge zwischen zwei kleinen Hütten, die mit den Rücken gegeneinander standen. Er bückt sich, die Riemen zu lösen, und indem er so mit dem Kopfe ander Strohwand der einen Hütte lebnt, dringt aus derselben eineStimmeinscin Ohr.... O Himmel! ist es möglich? Seine ganze Seele ist in diesem Ohr! sein Athem stockt.... Ja! Ja! es ist jene Stimme! .... „ Weshalb fürchten?" sagte die sanfte Stimme: „wir haben ja schon schlimmere Leiden überstanden. Wer uns bis jetzt behütete, wird uns auch weiter behüten." Schrie Renzo nicht laut auf, so hielt ihn nicht die Furcht ab, entdeckt zu werden, sondern er war keines Lautes fähig. Seine Knice wankten, sein Auge umschleierte sich: das war aber Sache des ersten Augenblicks, im zweiten stand er fest, war bei sich, kräftiger als vorher; war in drei Sätzen um die Hütte, am Eingänge, sah , die gesprochen hatte, vor einem armseligen Lager, zu ihm hinabgebeugt stehen. Sie wendet sich bei dem Geräusche; sieht, glaubt sich geblendet, glaubt zu träumen» sieht schärfer hin, schreit: „O, heiliger Gott!" „Luzia! habe ich Dich gefunden! finde ich Dich! bist Du es wirklich! lebst Du!" rief Renzo, trat zitternd näher. „O, heiliger Gott!" entgegnete Luzia, weit mehr zitternd: ,;rDu ? was ist das? wie? warum? die Pest!" „ Ich habe sie gehabt. Und Du....!" „ Ach! ich auch. Und meine Mutter_? " „ Ich habe sie nicht gesehen, weil sie in Pasturo ist, ich glaube aber, sie befindet sich wohl. Aber Du .... wie elend siehst Du noch aus! wie ermattet scheinst Du noch! doch geheilt, Du bist doch geheilt ?" „Der Herr hat mich noch hier unten lassen wollen. Ach, Renzo, warum bist Du hier?" „Warum?" sagte Renzo, näher tretend: „Du fragst mich, warum? warum könnte ich denn hierher kommen? Muß ich Dir das erst sagen ? an wen könnte ich denn noch denken? Heiße ich denn nicht mehr Renzo? Bist Du nicht mehr Luzia?" „Ach, was sagst Du ! was sagst Du! Hat Dir meine Mutter denn nicht schreiben lassen .. .. ? " „Za: sie-hat mir nur allzuviel schreiben lassen. Schone Dinge, einem armen, unglücklichen, geplagten Flüchtlinge schreiben zu lassen; einem Menschen, der doch Niemanden je etwas Arges zugefügt hat." „Aber Renzo! Renzo! da Du weißt.... warum kommst Du? warum?" „Warum ich komme? O Luzia! Warum ich komme, sagst Du? Nach so vielen Schwüren! Sind wir denn nicht mehr, die wir waren? Erinnerst Du Dich nicht mehr daran? Was fehlte uns denn noch?" „OHerr!" rief Luzia schmerzlich aus, faltete die Hände eng in einander und hob die Augen zum Himmel: „Warum erzeigtest Du mir nicht die Huld, mich zu Dir zu nehmen! O Renzo, was hast Du gethan? Sieh; ich sing schon an zu hoffen-mit der Zeit_könntest Du mich vergessen — " „Schöne Hoffnung! Schöne Dinge, mir so ins Gesicht zu sagen!" „Ach, was hast Du gethan! Und an diesem Orte! Durch dieses Elend! Durch diese Jammerscenen! hier, wo man an nichts denkt als an den Tod, konntest Du....'.« „Wenn welche sterben, muß man zu Gott für ihre Seelen beten und ihre Seligkeit erhoffen; aber es wäre nicht recht, eben darum nicht recht, wollten die Lebenden als Verzweifelnde leben.,.." „Aber, Renzo! Renzo! Du bedenkst nicht, was Du sagst. Ein Versprechen, der heiligen Jungfrau gegeben!_Ein Gelübde!" „Und ich sage Dir, daß solche Versprechen ganz und gar nichts gelten." „O Herr! Was sagst Du? Wo warst Du denn wahrend besten? Mit wem gingst Du um? Wie redest Du?" „Ick rede wie ein guter Christ; und ich denke besser von der heiligen Jungfrau als Du, denn ich glaube, daß sie keine Versprechen annimmt, die anderen Menschen Unglück bringen. Hatte sie es von Dir verlangt; das wäre etwas anderes! Was i'st's aber? Eine bloße Grille von Dir. Weißt Du wohl, was Du der heiligen Jungfrau versprechen solltest? Du solltest ihr versprechen, unser erstes Mädchen wie sie, Maria, zu nennen: und ich verspreche ihr das hiermit. So etwas bringt der Madonna weit mehr Ehre: solche Gelübde bringen mehr Nutzen, und schaden keinem Menschen." , „Nein, nein, sprich nicht so; Du weißt nickt, was Du jprichst: Du weißt nicht, was cs heißt, ein Gelübde darbringcn: Du warst niemals in einem solchen Falle: Du kennst ihn nicht. Laß mich, laß mich, um des Himmelswillen!" Und sie entfernte sich ungestüm von ihm und ging zu dem Bette. „Luzia! " sagte er, ohne sich zu bewegen: „sage mir wenigstens, sage mir: wenn dieses Hinderniß nicht wäre .... würdest Du noch mein seynwollen?" „Herzloser Mensch!" erwiederte - Luzia, sich von ihm wendend , ihre Thranen mühsam zurückhaltend: „würdest Du wohl zufrieden seyn, sagte ich die unnützen Worte, die mir weh thun würden, die vielleicht Sünde wären? Geh, o geh! schlage mich Dir aus dem Sinn: wir waren einander nicht, bestimmt! Dort oben sehen wir uns wieder: wir leben ja ohnehin nicht lange auf dieser Welt. Geh, suche meiner Mutter wissen zu lassen , daß ich. geheilt bin, daß Gott mir auch hier immer bcistand, daß ich eine, gute Seele gefunden habe, die brave Frau hier, die mir Mutter ist; sage ihr, ick hoffe, das Uebel werde sie verschonen und wir werden uns, wann. und wie Gott will, Wiedersehen. Geh, um des Himmclswillen, denke nicht mehr an mich.... als den Herrn für mich zu bitten." - Und wie Jemand, der weiter nichts zu sagen hat, und nichts weiter hören, wie Jemand, der sich einer Gefahr entziehen will, zog sie sich noch dichter an das Bett zurück, in dem die Frau lag, von der sie gesprochen hatte. „Höre, Luzia, höre!" sagte Nenzo, ohne jedoch naher zu treten. „Nein, nein, geh, sey barmherzig! „Höre: Pater Christoforus—" „Was?" „Ist hier." , - „ Hier? Wo? Woher weißt Du es?" „Ich habe so eben mir ihm gesprochen:-, ich,bin eine Weile bei ihm gewesen, und ein Geistlicher wie er, dächte ich" „ Ist hier? gewiß den armen Kranken bcizustehen? Aber, hat er denn die Pest gehabt?" „Ach, Luzia! ich fürchte, ich fürchte nur zu sehr...." und wahrend Renzo zauderte, das ihm so schmerzliche Wort auszusprechcn, das auch Luzien so schmerzhaft scyn mußte, hatte sie sich von Neuem vom Bette entfernt und war naher gekommen: „ich fürchte, er hat sie jetzt!" „Ach, der arme heilige Mann! Aber, was sage ich: armer Mann? Ich Arme, ich! Wie geht's ihm denn? Liegt er im Bette? Steht ihm Jemand bei?" „ Er ist auf, geht umher, steht Anderen bei: aber Du solltest ihn sehen, wie er aussieht, wie er dastehl! Ich habe schon so viele, viele gesehen,.... ich weiß es zu gewiß .... ich irre mich nicht!" „ O! Und er ist in der Nahei" „Ja, ganz nahe: so nahe, wie es von Eurem Hause zu meinem ist-wenn Du Dich noch erinnerst—!" „ O Du heilige Jungfrau! " „Nun ja, nicht viel weiter. Du kannst wobl denken, ob wir von Dir gesprochen haben! Er hat mir Dinge erzählt.... Und wenn Du wüßtest, was er mich hat sehen lassen! Du wirst es schon Horen; aber ich will Dir vorerst nur sagen, was.cr mir mit seinem eigenen Munde sagte: er sagte mir, es scy recht, daß ich gekommen sev, Dich zu suchen, der Herr habe es gern, wenn ein Mann so handele, und werde mir beistehen, Dich zu finden; wie es denn auch geschehen ist: aber er ist ja auch ein Heiliger. Siehst Du also wohl!" „Hat er aber so gesprochen, so geschah es gewiß, weil er nicht weiß ...." „ Was willst Du, daß er von dem Zeuge wisse, das Du Dir in Deinem Kopfe ohne Einsehen und ebne Jemand um Rath zu fragen zusammen denkst ? Ein wackerer und vernünftiger Mann wie er, denkt nicht an solche Dinge. Was er mich aber hat sehen lassen —!" Er beschrieb den in der Hütte gehabten Anblick. Obwohl Luziens Sinne und Gemüth in diesem Aufenthalte sich an die stärksten Eindrücke hatten gewöhnen können, war sie doch von Entsetzen und Mitleid ganz übermannt. „ Und auch hier, " fuhr Rcnzo fort, „ hat er wie ein Heiliger gesprochen: hat er gesagt, daß der Herr dem Armen vielleicht noch Gnade angedeihcn lasse — (jetzt kann ich ihm keinen andern Namen geben).... daß er ihm gern wieder aufhelfen würde; oberer will, daß wir zusammen für ihn beten.... Zusammen! hast Du verstanden?" ^ „Ja, ja; wir wollen für ihn beten, Jedes, wo der Herr es hinführt: Er wird unsere Gebete zusammenfügen." „ Aber, wenn ich Dir seine Worte nenne!" „Aber Renzo, er weiß nicht ...." „Siehst Du denn aber nicht ein, daß, wenn ein Heiliger spricht, der Herr ihn sprechen läßt? und daß r nicht so gesprochen haben würde, wenn es nicht wirklich so wäre.... Und die Seele des Armen ? Ich habe wohl recht für ihn gebetet und werde für ihn beten: ich habe von Herzen gebetet, gerade als wenn er mein leiblicher Bruder wäre. Aber-was willst Du, soll aus dem Armen in jener Welt werden, wenn sich diese Sache auf dieser Welt nicht fügt, wenn das Nebel, das er gestiftet hat, nicht ungeschehen gemacht wird? Willst Du vernünftig seyn, so ist alles wieder wie vorher: was geschehen ist, ist geschehen: er hat seine Strafe hier weg —" , „Nein, Renzo, nein! Gott will nicht, daß wir Böses thun^ um für ihn barmherzig zu sepn: stelle es nur ihm anheim; unsere Pflicht ist, zu ihm zu beten.:. Wenn ich nun diese Nacht gestorben wäre, hatte ihm Gott , da also nicht verzeihen können? und wenn ich nicht gestorben bin, wenn ich errettet wurde...." „ Und Deine Mutter, die arme Agnes, die mir immer so gut war, die uns so gern Mann und Frau gesehen hatte, hat sie Dir nicht auch gesagt, daß es eine verkehrte Idee ist. Sie, die Dir auch schon an- deremale den Kopf zurecht gesetzt hat, weil sie in manchen Stücken richtiger denkt als Du — " „Meche Mgrtter! Willst Du, daß meine Mut- 319 jer mir den Nach gebe, ein Gelübde-zu brechen! Aber Rcnzo! Du bist nicht bei Dir." „ : „O, soll ich es Dir sagen: Jbr Weiber versieht solche Sachen gar nickt. Pater Ehristoforus hat mir geheißen, wieder zu ihm zu kommen und ihm zu sagen, ob ich Dich gefunden habe. Ich gehe: wir wollen ihn hören, was er dazu sagt.,.." „Ja, ja, geh zu dem heiligen Manne, sage ihm, daß ich für ihn bete und daß er fürnüch beten möge, die ich es so sehr bedarf. Aber, um des H-mmels willen, um Deiner und meiner Seligkeit willen, komme nicht wieder hierher, mir wehe zu lhun, mich zu.... versuchen. Pater Christoforus wird Dir schon alles verstellen und erklären und machen, daß Du in Dich gehest; er wird Deinem Herzen Frieden geben." „ Frieden! O, das schlage Dir aus dein Sinn. Ihr habt mir schon das abscheuliche Wort schreiben lassen; ich weiß, was ich dabei gelitten habe; und jetzt hast Du auch noch das Herz, es mir zu sagen! Ich sage Dir aber rund heraus, daß ich mich nie zufrieden geben werde. Du willst mich vergessen, aber ich will Dich nicht vergessen. Und sieh, ich sage Dir, wenn Du mich von Verstände bringst, komme ich niemals wieder dazu. Zum Teufel mit Arbeit und Ordnung! Du willst mich verdammt wissen, mein ganzes Leben über toll zu seyn; und ich will es werden _Der Arme! Der Herr weiß, ich habe ihm von Herzen verziehen; aber Du .... Also soll ich, so lange ich lebe 320 denken, wenn er nicht wäre.... ? Luzia! Du hast wirk-, A lich gesagt, ich solle Dich vergessen ! ich Dich vergessen! ^ Wie soll ich das anfangen? An wen glaubst Du wohl, daß ich die Zeit über dachte ? — Und nach allem, was geschehenist! nachallem, was Du mir versprochen hast! Was habe'ich Dir denn gcthan, seitdem wir uns trennten? Behandelst Du mich so, weil ich gelitten jM habe ? weil ich so unglücklich war ? weil mich die ganze Welt verfolgt? weil ich so lange Zeit in der Fremde M> traurig, fern von Dir lebte? weil ich im ersten Augen- . Wk blick, wo es mir möglich war, kam und Dich suchte? " stj Als Luziens Thronen ihr wieder zu reden gestat- ^ teten, faltete sie die Hände abermals, richtete die in Thränen schwimmenden Augen gen Himmel und rieft „O, heilige Jungfrau, stehe mir bei! Du weißt, daß ich nach jener Nacht keinen Augenblick wie diesen erlebte. Du standest mir damals bei, thue es auch jetzt!" 8m „ Ja, Luzia; es ist recht, daß Du Madonna an- ^ rufst; wie magst Du denn aber glauben, daß sie, die ^ so gut ist, sie, die Mutter der Barmherzigkeit, Freude ^ daran finde, uns, mich zum wenigsten, leiden zu las- ^ sen, eines einzigen Wortes willen, das Dir in einem Augenblicke entfuhr, wo Du nicht wußtest, was Du sprachst? Kannst Du glauben, sie habe Dir damals ^ geholfen, Dich hernach in der Noth zu lassen? — ^ Wenn das alles aber nur ein Vorwand wäre; wenn stll- Iß 321 Du mich wirklich nicht mehr liebtest.... so sag' es nur.... rede frei ...." „Sey barmherzig, Nenzo, sey barmherzig! Bei allem, was Dir heilig ist, höre auf, höre auf, tödte mich nicht_Es würde Dir nicht wphl ergehen. Geh zum Pater Christoforus, empfiehl mich In sein Gebet, komme nicht wieder, komme nicht zurück." „Ich gehe: glaube aber nicht, daß ich nicht wiederkomme. Ich komme wieder, wäre es von der Welt Ende, ich komme zurück." Und er verschwand. Luzia ging zu dem Bette, setzte sich, oder sank vielmehr neben ihm zur Erde; sie stützte das Haupt an die Bettwand und fuhr unaufhaltsam zu weinen fort. , Die Frau, die bisher große Augen und weite Ohren gemacht, kaum geathmet hatte, fragte, was diese Erscheinung, dieser Streit, dies Weinen zu bedeuten habe- Vielleicht fragt aber auch der Leser, wer denn diese Frau sey: wir können ihn mit wenigen Worten zufrieden stellen. Sie war Witwe eines Kaufmanns, etwa dreißig Jahre alt, hatte in Zeit von wenigen Tagen ihren Mann und alle ihre Kinder sterben sehen; war bald darauf von der allgemeinen Ansteckung selbst ergriffen, zum Lazareth und in diese Hütte gebracht worden, gerade, als Luzia, nachdem sie, ohne ihrer bewußt zu scyn, den größten Sturm der Krankheit überstanden und zum öfteren die Leidensgefährtinnen gewechselt hatte, ansing, wieder zu sich und zur Besinnung III. X 32r zu kommen, die ihr beim ersten Anfalle der Krankheit, noch in Don Ferrante's Hause, geschwunden war- Die Hütte konnte nicht mehr als zwei Bewohner fassen; und zwischen diesen beiden Betrübten, Hülf- losen, Angstvollen, Einsamen in so großer Menge, entstand bald eine Vertraulichkeit, Zuneigung, wie sie kaum langjährige Bekanntschaft und Umgang zu schaffen vermögen. Luzia'war bald wieder so weic hergestellt, der Anderen, weit kränkeren dienstleUend zu seyn- Jetzt, da auch sie die Gesaht überstanden hatte, leisteten sie sich Gesellschaft', sprachen sich gegenseitig Muth zu, bewachten sich gegenseitig, hatten sich versprochen, nicht die Eine ohne die Andere das Lazareth zu verlassen, ja, auch schon andere Verabredung getroffen, sich auch nachdem nicht zu trennen. Die Kaufmannswitwe, die unter der Obhut ihres Bruders, eines Eommissars des Tribunales, Haus-, Laden und Kasse, alles wohlbestellt und vollgefüllt gelassen hatte, und nun einsame, betrübte Herrin alles dessen war. wessen sie bei weitem nicht zu bequemem Leben bedurfte, wollte Luzien wie eine Tochter oder Schwester bei sich behalten, und das Mädchen willigte, man denke mit welcher Dankbarkeit gegen sie und die Vorsehung, bis dabin ein, wo sie Nachrichten von ihrer Mutter habe und, wie sie hoffte, deren Meinung hören werde. Im klebrigen hatte sie, da sie sehrzurückhaltend war, weder von ihrem Gelübde noch von der Verlobung, noch von ihren außeroc- 323 deutlichen Schicksalen ein Wort erwähnt. Jetzt, in solchem Aufruhr aller Gefühle, verlangte es sie eben fo sehr nach Mittheilung, wie die Andere begierig zu hören war- Sie drückte mit beiden Händen deren Rechte und sing an, ihrem Wunsche ohne anderen Rückhalt, als den ihr eigenes Schluchzen den schmerzlichen Worten auflegte, nachzukommen. Renzo lief unterdes in großer Eile dem Aufenthaltsorte des guten Mönchs zu. Mit ein wenig Ueber- legung und nach einigen vergeblichen Schritten fand er ihn wieder auf. Er gelangte zu der Hütte; der Pater war nicht darin; in der Nähe umher spähend und schwärmend, sah er ihn in einem Zelle, zur Erde gebückt, einen Sterbenden tröstend. Stillschweigend erwartend blieb er stehen. Nach einigen Augenblicken sah er ihn diesem Armen die Augen zudrücken, sich auf die Kniee erheben, einen Moment beten und dann aufstehen. Nunmehr ging er auf ihn zu. „O!" sagte der Pater, ihn erblickend: „Nun?" „ Sie ist da: ich habe sie gefunden!" „In welchem Zustande?" „Genesen, zum wenigsten nicht mehr bettlägerig." „ Dtr Herr sey gelobt!" „Aber...." sagte Reiizo, als er ihm so nahe war, heimlich sprechen zu können: „ es hat noch einen andern Haken." „ Was willst Du sagen?" „Ich will sagen, daß.... Ihr wißt wohl, wie X 2 gut dos Mädchen ist; manchmal ist sie aber ein wenig eigensinnig mit ihren Ideen. Nach so vielen Versprechungen, nach allem, was Ihr wißt, sagt sie mir jetzt, sie könne mich nicht heiralhen, weil, sagt sie, was weiß ich? weil ihr in jener schlimmen Nacht der Kopf ein wenig warm geworden ist und sie sich, wie man so sagt, der heiligen Jungfrau geweiht hat. Ist das nicht unbesonnen? Es mag wohl recht vernünftig bei Jemand seyn, der einen Grund dazu hat und weiß, wie und warum er es anfängt, aber für uns gemeinen Leute, die wir es nicht wissen .... nicht wahr, geht so etwas nicht an?" „ Ist sie sehr fern von hier?" „Ach nein: ein paar Schritte jenseit der Kirche." „ Warte hier einen Augenblick," sagte der Pater: „wir gehen zusammen hin." „Ihr werdet ihr schon verständlich machen...." „Ich weiß noch nicht, mein Sohn; ich muß erst hören, was sie mir sagen wird." „Ich verstehe," sagte Renzo, senkte die Augen starr zu Boden, verschränkte die Arme über der Brust und strebte seine peinliche Ungewißheit zu bezwingen. Der Pater suchte abermals jenen Pater Viktor auf, bat ihn, seine Stelle nochmals zu vertreten, ging in die Hütte, kam mit dem Korbe wieder heraus, trat zu dem Harrenden, sagte ihm: „Laß uns gehen;" ging voraus, jener Hütte zu, in die sie vor Kurzem zusammen gingen, ließ diesmal 325 Renzo'n außen harren, ging hinein, kam alsbald wieder, sagte: „Nichts! Bitten wir, bitten wir;" sagte endlich: „Nun führe Du mich," und beide machten sich aus den Weg. Der Himmel war bisher immer trüber und trüber geworden und verkündete jetzt mit sicheren Anzeichen das ferne Ungewitter. Zahlreiche Blitze durchbrachen die anwachsende Dunkelheit und beleuchteten mit raschem Schimmer die langen Dächer und die Schwibbögen der Hallen, die Kuppel der Kirche, die niedern Giebel der Bretbuden; die mit plötzlichem Ge- krach losbrechenden Donner rollten bald über die, bald über jene Gegend des Horizontes. Der Jüngling ging, aufmerksam auf den Weg . die Seele voll unruhiger Erwartung, voraus, den Schritt gewaltsam hemmend, ihn den Kräften des nachfolgenden Paters anzumessen, der, von Beschwerden müde, von der Krankheit niedergedrückt, von der erstickenden Hitze beklemmt, nur mit Anstrengung weiter kam und von Zeit zu Zeit, wie um freier aufzuathmen, das abgezehrte Antlitz gen Himmel richtete. Vor der Hütte angekommen, blieb Nenzo stehen, wandte sich um und sagte mit bebender Stimme: „hier ist es!" Sie treten ein .... „Sieh dort!" rief die Frau im Bette. Luzia wandte sich, stand eiligst auf, ging dem Alten entgegen und rief: „O, wen sehe ich! O Pater Christoforus!" 326 iti „Nun, Luzia! der Herr hat Dich aus vielen Nö- W then erlöst. Du kannst wohl zufrieden seyn, immer auf ihn gehofft zu haben." ^ „ Ach ja ! Aber Ihr, Pater? Ick Arme, wie scyd ^ Ihr verändert! Wie ist Euch? sagt: wie ist Euch ?" „Wie Gott will und wie. Dank sey es seiner ^ Gnade! auch ich will;" entgegnete der Pater mit ^ heiterem Antlitz; zog das Mädchen in eine Ecke und ^ fügte hinzu: „höre: ich kann nur wenige Augenblicke hier weilen. Willst Du mir noch eben so vertrauen, wie ehedem?" - ^ , „Ach! Seyd Ihr denn nicht immerdar mein Vater?" - ^ „Also, meine Tochter; wie ist es mit Deinem ^ ^ Gelübde, von dem Renzo mir erzählt hat?" ^ „ Es ist ein Gelübde, das ich der heiligen Jung- frau darbrachte, nimmer zu heirathen." > ^ „Bedachtest Du aber damals, daß ein Verspre- ^ chen Dich binde?" „ Ich dachte an den Herrn und Madonna! .... ^ sonst an nichts." „ Der Herr, meine Tochter, nimmt Opfer und Gaben an, die wir ihm für uns selbst darbieten. Es !o ist das Herz, was er will, den Willen: aber Du lij kannst ihm nickt den Willen eines Andern darbringen, dem Du Dich schon versprochen hattest." „Habe ich gesündigt?" „Nein, armes Mädchen, denke nicht daran: r-, 327 ich glaube auch, die heilige Jungfrau wird den guten Willen Deines betrübten Herzens angenommen und ihn Gott für Dich dargcbracht haben. Sage mir aber, hast Du Dich niemals mit irgend Jemand hierüber berathen?" „Ich glaubte nicht, daß cs Unrecht sey, deshalb beichtete ich nicht: und das wenige Gute, was man thun kann, weiß ich ivohl, darf man sich nicht anrechnen. " „Halt Dich sonst kein Grund ab, Renzo'nDein gegebnes Versprechen zu halten?" „ Was das anlangt.... meinerseits-welcher Grund _? Ich kann cs nicht sagen — sonst nichts," erwiederte Luzia, auf eine,Weise zaudernd, die deutlich kund gab, daß sie im Grunde des Herzens nichts weniger als ungewiß war, und ihr noch von der Krankheit entfärbtes Gesicht färbte sich plötzlich mit der blühendsten Röthe. „Glaubst Du," sprach der Alte, den Blick niederschlagend , weiter, „daß Gott seiner Kirche das Recht ertheilt habe, die Schulden und Obliegenheiten, die die Menschen gegen sie cingegangcn seyn können, je nachdem es größeres Heil bringe, zu erlassen und zu tilgen?" „Ja, das glaube ich." „So wisse, daß wir, denen es zusteht, an diesem Orte allen Seelen obzusorgen, von der Kirche die unbeschrankteste Vollmacht für alle, die sich an uns 328 wenden, haben; und daß ich demnach auf Dein Verlangen, Dich einer jeden Pflicht, sie sey welcher Art sie wolle, die Du mit diesem Gelübde eingegan- gen seyn könntest, zu entbinden gefähigt bin." „ Ist es aber nicht Sünde, ein der heiligen Jungfrau gegebenes Versprechen zurückzunehmen und zu bereuen? Ich habe es damals gewiß von Herzen gebracht...." sagte Luzia, heftig von dem Andrange so unerwarteter, wir müssen wohl sagen, Hoffnung erschüttert, und auf der anderen Seite doch auch von den verstärkten Schrecken aller Gedanken, seit so langer Zeit ihrer Seele Hauptbeschäftigung. „ Sünde, Tochter?" sagte der Pater: „Sünde, wenn man die Kirche anspricht, von ihrem Diener verlangt, die Macht auszuüben, welche er von ihr, sie von Gott empfing. Ich habe gesehen, wie Ihr Beide, Euch zu vereinen, geleitet wurdet, und gewiß, wenn ich jemals zwei Menschen gesehen habe, die Gott selbst vereint hat, so seyd Ihr es, und ich sehe nicht ein, weshalb Gott Euch trennen sollte. Ich preise ihn, daß er mir Unwürdigen die Macht gab, in seinem Namen zu reden und dein Wort Dir zurückzugeben, und verlangst Du von mir, Dich von diesem Gelübde loszusprechen, so werde ich nicht anstehen, cs zu thun, ja, ich wünsche selbst, Du mögest es verlangen." „Dann —! Dann ....! verlange ich cs," 32s) sagte Luzia, mit nur von Schaam noch bewegtem Antlitz. Der Mönch winkte den Jüngling herbei, der im entferntesten Winkel stand und (da er sonst nichts thun konnte) starr und fest dem Gespräche zusah, bei dem er so sehr betheiligt 'war; und als ec nahe stand, sagte jener zu Luzien: „Kraft der Gewalt, die ich von der Kirche empfangen habe, sprecheich Dich frei von dem Gelübde der Keuschheit, vernichte, was darin Unbedachtes liegen, und entledige Dich jeder Verbindlichkeit, die daraus entspringen könnte." Man denke sich, wie diese Worte Renzo's Ohr erklangen. Er dankte mit den Blicken lebhaft dem, der sie sprach, und suchte alsbald, doch vergebens, Luziens Blicken zu begegnen. „Folge wieder mit Sicherheit und Frieden deinen früheren Gedanken," fuhr der Kapuziner zu sprechen fort: „Bitte den-Herrn von Neuem, um was Dir Ihn sonst batest: ein frommesWeib zu werden, und sey gewiß, daß er seine Gnade nach so langem Weh reichlicher über Dich ausströmen wird. — Und Du,'" sagte er zu Renzo: „bedenke, mein Sohn, daß, wenn die Kirche Dir diese Gefährtin zurückgiebt, es nicht geschieht, Dir zeitlichen, weltlichen Trost zu ertheilen, der, er möchte auch noch so rein und vollkommen und ungetrübt seyn, doch, wenn er dereinst endete, einem großen Schmerz Raum geben müßte; bedenke, daß cs nur geschieht, Euch Beide auf den 830 Weg zu dem Tröste zu leiten, der endlos ist. Liebt E Euch, wie zwei Reisegefährten, mit dem Gedanken. fk! Euch dereinst trennen zu mästen, aber mil der 'Hoff- § nung, Euch auf ewig wiederzusinden. jlst Dankt dem Himmel, der Euch bis zu diesem Au- iS genblicke bewahrte, Euch nicht durch stürmische, ver- 5:, gänzliche Freuden > sondern durch Noth und Unglück A! führte, Euch zu einer stillen, ruhigen Heiterkeit zu xnl bereiten. Wenn Euch der Herr Kruder schenkt, so tn trachtet stets, sie für Ihn zu erstehen, ihnen Liebe D zu Ihm und zu allen Menschen einzuflößen und sie zu allem Guten anzuhalten. Luzia! hat er Dir gesagt, ^ „er deutete aus.Renzo'n, „wen er hier gesehen ^ hat!." .... : „O, Pater, er hat es mir gesagt!" „Du wirst für ihn beten! Bete unermüdet. Und bete auch für mich!- Meine Kinder! Ich will, daß Ihr ein Andenken an den armen Bruder ^ habet. " Und er nahm aus seinem Korbe eine, aus gemeinem Holze, aber mit gewisser, den Kapuzinern ^ eigenen Vollendung gedrechselte und geglättete Dost und sprach weiter„ hierin ist der Ueberrest jenes Bro- des-des ersten, welches ich der Barmherzigkeit ^ verdankte; jenes Brodes, von dem Ihr reden hörtet! Ich lasse es Euch ; bewahrt es ; zeigt es Euern Kin- ^ dem! Sie werden in eine traurige Welt kommen, in ein betrübendes Zeitalter, mitten unter Hochmü- "" thige und Beleidiger: sagt ihnen, sie sollen immer ^ «ii 331 verzeihen, immer! alles , alles ! sagt ihnen,, sie selten für den armen Bruder beten!" Und er gab Luzicn die Dose, dis sie mit Ehrfurcht, wie eine Reliquie aus seiner Hand nahm; dann fuhr er mit ruhiger Stimme fort: „ jetzt sage mir, welchen Schutz Du hier in Mailand hast? Wohin Du Dich, wenn Du diesen Ort verlaßt, zu wenden gedenkst, Wer Dich zu Deiner Mutter, die der Himmeljgesund erhalten haben wolle, zurück- fühct?" . „Die gute Frau hier'ist mir indessen Mutter: wir werden zusammen hier fortgehen,- sie wird an alles denken." „Gott segne Euch," sagte der Mönch und trat zum Bette. „ Ich danke Euch auch," sagte dchWittwe i „für den Trost, den Ihr den armen Menschen gegeben habt; ich hatte mir vorgenommen, sie immer bei mir zu behalten, die liebe Luzia. Ich werde sie einstweilen bei mir behalten, sie dann nach «ihrem Dorfe zurückführen und ihrer Mutter wiederbringen; und," fügte sie mit leiser Stimme hinzu : >, die Aushärtung besorge ich- Ich habe des Zeitlichen genug, und Nie,- maud mehr, der sich seiner Mit mir erfreue!" - „Ihr bringst, damit," ekwiederte der'iMöncb, „dem Herrn ein großes Opfer und erzeigt euren Nächsten eine Wohllhast , Zeh lege Euch das Mädchen nicht an dasi Herz, denn ich sehe, daß sie Euch schon angehört, ich kann nur den Herrn loben, der sich, auch wenn erzürnt, als Vater zeigt, verschon, indem er Eines das Andere finden ließ, Einem wie dem Andern einen so herrlichen Beweis seiner Liebe gegeben hat.— Doch," fuhr er, zu Nenzo gewandt, fort und ergriff seine Hand: „wir Beide haben nun nichts mehr hier zu thun und sind schon allzulange geblieben. Komm." „O Pater!" sagte Luzia: „sehe ich Euch denn wieder? Ich, die ich so gar nichts Gutes auf der Welt thuc, bin genesen, und Ihr_!" - „Seit lange schon," sagte der Greis sanft und ernst: „bitte ich den Herrn um eine große Gnade, um die: mein Leben für Andere hinzugeben. Gefällt cs ihm, sie mir jetzt zu gewahren, so bedarf ich Aller, die sich meiner erbarmen, Ihm mit mir dafür zu danken. Fort; sage Renzo'n, was er an Deine Mutter ausrichten soll." „Erzähle ihr, was Du gesehen hast," sagte Luzia ihrem Verlobten r „ daß ich hier eine zweite Mutter gefunden habe, die, sobald sie kann, mit mir zu ihr kommen wird, daß ich hoffe, sie gesund zu finden." „Wenn du Geld brauchst, " sagte Nenzo: „ich habe hier bei mir alles, was Du mir schicktest, und_" „Nein, nein," unterbrach die Witwe: „ich habe Geld genug." 333 „ Komm, " sagte der Bruder. HAuf Wiedersehen, Luzia ....! Und auch Euch, gute Frau, sehe ich also wieder, " sagte Renzo, keine Worte findend, sein Gefühl auszudrücken. " Wer weiß, ob uns der Herr nicht die Gnade wiederfahren laßt, uns alle wieder zusammen zu führen!" rief Luzia. „ Er sey immer mit Euch und segne Euch!" sagte Bruder Christoforus zu Beiden und verließ mit Renzo'n die Hütte. Der Abend war nicht fern und die Krise des Sturmes noch nicht gehoben. Der Kapuziner bot dem heimathlosen Jünglinge abermals an, ihn diese Nacht in seiner ärmlichen Wohnung zu beherbergen: „Gesellschaft kann ich Dir nicht leisten," fügte er hinzu: „Du wirst aber doch unter Dach und Fach seyn." Nenzo fühlte heftiges Verlangen, zu gehen, wollte nicht langer an dem Orte weilen, wo es ihm weder gestattet war, Luzien wiederzusehen noch mit dem guten Bruder ein wenig zu plaudern. Was Stunde und Wetter anlangt, kann man wohl sagen, daß Tag und Nacht, Sonnenschein und Regen, Zephyr und Nordstucm ihm in diesem Augenblicke gleich viel galten. Er dankte also und sagte: er wolle so schnell wie möglich Agnesen aufsuchen. Als sie auf dem breiten Wege waren, drückte ihm der Bruder die Hand und sagte: „wenn Du, was Gott gebe, die gute Agnes findest, so grüße sie auch 43Z von mir grüße sie und alle, die. noch leben und sich des i»^ Bruders Christoforus entsinnen, fuge ihnen/ daß sie kil für ihn beten. Gott sey mit Dir und segne Dich im- Kil merdar." » r lieber Voter....! sehen wir uns. wieder? sehen wir uns wieder?" „Dort oben, hoffe ich." Mit diesen Worten mochte. er sich von Renzo'n los, der ihm, so weit hK, er ihn sich, nachsoh, dann schnell deiji Thore zueilte und nach Links und Rechts die letzten Blicke des Mit- g, leidens über das traurige Lager entsandtet Es herrsch- te außerordentliche Bewegung, Karren fuhren hin und her, Monatti rannten hier- und dorthin, Zelte wurden in Ordnung gebracht, Kranke eilten in ihre . ^ , mul HutkeN, unter die Saulengange, sich vor dem be- vorstehenden Regenguß zu schützen. ^ Niilir ' t fti« iflli a Siebenunddreißigstes Kapitel. küp )<> Kaum hatte Renzo das Lazareth wirklich hinter sich ^ und, den Fußsteg, der ihn am Morgen unter die ^ Mauern führte, wieder zu finden, den Weg rechts ^ eingeschlagen; als, Hagel gleich, große, einzelne Tro- ^ pfen herniederfielen und, indem sie auf den weißen, ^ trockenen Wtg schlugen und Von ihm zurückprallten, einen dünnen Staub erregten; 'sie mehrten sich bald , ^ ,, 335 zu einem Platzregen und ehe er Noch einen Fuß auf ven Fußsteg gesetzt hatte, goß es wie mit Eimern. Weit entfernt, dies beschwerlich zu finden, frohlockte ec, erfreute! sich dieser Kühle, dieses Gemurmels und Gewimmels der erregten, triefenden, erfrischten, glanzenden Blatter und Pflanzen, schöpfte in vollen, weiten Zügen frischen Athem, und empfand in dieser Auflösung der Natur lebhafter und freier die seinem eigenen Geschick gewordene. Um wie viel reiner und vollkommener würde diese Empfindung aber nicht gewesen sevn, hatte er erra- tben können, was sich einige Tage darauf kund gab: daß dieser Regen die Ansteckung fortnahm, gleichsam hinwegwusch; daß von da an das Lazareth, wenn es auch nicht alle in ihm Lebenden dem Leben zurückgab, doch keinen neuen Raub mehr verschlang; daß nach Verlauf einer Woche Hausthüren und Laden wieder offen standen, man fast nur noch von Quarantäne sprack ;und mit wenigen Ausnahmen kein Zeichen von der Pest zurückblieb, als die Spuren, welche für gewisse Zeit ihre nothwendige Folge seyN mußten. Unser Wanderer schritt also mit großer Herzensfreudigkeit weiter, ohne zu wissen, wo- noch wie, noch wann, noch ob er Schutz für die Nacht finden werde; nur begierig weiter zu kommen, bald im Dorfe anzulangen, mit Jemand reden, Jemand erzählen, besonders aber bald nach Pasturo gehen, Agnesen aufsuchen zu können. Sein Gemüth war von allen den 336 Ereignissen dieses Tages hochaufgeregt; aber über allem Elend, allen Schrecken, Gefahren schwamm immerdar ein Gedanke: ich habe sie gefunden, sie ist gesund, ist mein! und dann macht? er einen Satz, mit dem er wie ein aus dem Wasser kommender Pudel alles ringsum besprühte; zuweilen begnügte er sich, die Hände zu reiben und mit noch größerer Eile vorzuschreiten. Indem er auf den Weg sah, fand er gewissermaßen die Gedanken wieder auf, die er am Morgen und am vorigen Tage, als er kam, da gelassen hatte; suchte mit größerem Vergnügen gerade das wieder auf, was er damals am meisten gestrebt hatte, seiner Phantasie zu nehmen: die Zweifel, Schwierigkeiten, sie zu finden, sie unter so vielen Tobten und Sterbenden lebend zu finden! — „Und sch habe sie lebend gefunden! " — schloß er. Er versetzte sich wieder in die schlimmsten Augenblicke, schrecklichsten Lagen dieses Tages, sähe sich mit jenem Klopfer in der Hand: ob sie da sey, ob nicht ? und die so unerwünschte Antwort; und, ohne Zeit gehabt zu haben, sie zu überdenken, schon die wüthenden, rollen Schurken sich auf dem Halse; und das Laza- reth, das Meer! „da, da wollte ich sie finden! Und habe sie gefunden!" Er gedachte des'Augenblickes, wo der Zug der Genesenen vorüber war: welcher Augenblick! welches Herzeleid, sie nicht gefunden zu haben! Und jetzt machte^r sich dock gar nichts mehr daraus. Und das Weiberquarticr! Und hernach, hinter jener ßB-s hidmiH U°M' lN iN «« ? üjjr üt schdrb imll! W, r« inhre j'tchii, kill» ru T' 337 Hütte, als er es doch am wenigsten erwartete, ihre Stimme, ihre eigene Stimme! Und sie zu sehen, sie wohlauf zu sehen! Aber was denn? Hernach noch jene Szene wegen des Gelübdes, jene noch weit ärgere Bedrängniß. Auch sie gelöst. Und die Wuth gegen Don Rodrigo, die verwünschte Erbitterung, die alles Weh verbitterte, all^n Trost vergiftete, und auch sie gelöst. Es würde sich wohl schwerlich ein Zustand höherer Zufriedenheit erdenken lassen, wäre nicht die Ungewißheit, Agnesens halber, das Leid um Pater Ehristoforus und der Gedanke, sich mitten in einer Pest zu befinden, dabei gewesen. Er gelangte nach Sesto, als es dunkelte, und der Regen schien noch nicht geneigt, zu ruhen; da er sich aber bess.r als jemals auf dem Zeuge fühlte, keine Aussicht hatte, irgend wo Unterkommen zu finden, und einmal so durchweicht war, dachte er nicht daran, Ruhe zu suchen. Das einzige, dringende Bedürf- niß, was sich ihm fühlbar machte, war ein sehr starker Appetit, den der glückliche Fortgang seiner Begebenheiten bei weitem mehr als die Suppe des Kapuziners beschwichtigt halte. Er forschte auch hier nach einem Bäckerladen umher, fand einen, und empfing mittelst der Zange und mit jenen andern Umständen zwei Brode. Das eine in der Tasche, das andere in den Zahnen, schritt er weiter. Als er durch Monza kam, war es stockfinstre Nacht: demungeachtet glückte es ihm, durch das auf III. Y 338 die rechte Straße führende Thor zu gelangen. Man kann sich vorstellen, wie diese Straße beschaffen seyn mußte, auf Welche Art ec sein Weiterkommen be- werkstellte. Sie zog sich zwischen zwei hohen Ufern, gleichsam wie das Bette eines Flusses, hin und konnte in diesem Augenblicke , in der Thal, wenn auch nicht Fluß, doch Wassergraben genannt werden; bei jedem Schritte gab es Löcher und Dümpel, und es war gutes Glück zu nennen, ließ sich das Fußwerk, ließen sich die Füße selbst zuweilen herauszichen. Renzo zog sich so gut er konnte heraus, ohne Ungeduld, ohne ärgerliche Worte, ohne Reue, denn er bedachte, jeder Schritt, so viel es auch koste, bringe ihn weiter, der Regen werde ja endlich mit Gottes Hülfe aufhören, wen» es Zeit sey , werde es ja auch Tag werben, und dann sey doch dec Weg zurückgelegt. Und selbst diese Dinge bedachte er alle nur in Augenblicken der größten Noth. Sie dienten ihm zu Zerstreuungen; seine Seele war durchaus beschäftigt, die Geschichte der vergangenen traurigen Jahre durchzugehen: alle die Verlegenheiten, alle die Widerwärtigkeiten, alle die Augenblicke, in denen ec sich sogar gezwungen fühlte, auf die Hoffnung zu verzichten, alles, alles verloren zu geben; und dagegen die Bilder einer so verschiedenartigen Zukunft: Luziens Zurückkunft, die Hochzeit, die Haushaltung, das gegenseitige Erzählen vergangenen Unheils, der ganzen vergangenen Lebenszeit. Wie er mit den Scheide- Ml!" WD Ski Ni k- M, l- M- M i ki ü: ÜW, tkiu W W «w ^ 1 339 wegen zurecht kam, deren es doch sicherlich gab, ob die schwachen Erinnerungen und der schwache Lichtschimmer ihn jedesmal auf den rechten Weg brachten oder ob er sich jedesmal dem Zufälle überließ, kann ich nicht sagen; er selbst, der, so viel uns bekannt ist, seine Geschichte sehr ausführlich zu erzählen pflegte, sagte jedesmal, daß er es that: er selbst entsinne sich jener Nacht nicht besser, als habe er, im Bette liegend, sie erträumt. Mit Tagesanbruch war er der Adda nahe. Es hatte noch nicht aufgehört zu regnen; der Platzregen sich aber nach und nach in feinen, leisen, gleichmäßigen Sprühregen verwandelt: die hohen, leichten Wolken bildeten einen undurchbrochenen aber lichten, durchsichtigen Schleier, und Renzo war im Stande, bei dem Schimmer der Morgendämmerung die Umgegend zu erkennen. Er war in seiner heimischen Gegend, und cs läßt sich nicht beschreiben, was er bei dieser Gewißheit empfand. Wir können nichts weiter deshalb sagen , als daß diese Berge, der nahe Resegone, das ganze Leccoer Gebiet, ihm sein Eigenthum geworden schienen. Als er auch einen Blick auf sich selbst warf, kam er sich, was mit dem, was er selbst fühlte, übereinstimmte, ein wenig wunderlich vor: alles, was er auf dem Leibe hatte, war verschoben und verwirrt: vom Wirbel bis zum Gürtel schwamm und troff alles an ihm, vom Gürtel bis zur Sohle war alles in Schlamm und Koth getaucht, und nur die Stellen, wo Beides nicht zu sehen war, Y 2 340 hätte man angesprützte Schmutzflecke nennen können, Hatte er sich so im Spiegel gesehen, mit schlaffher- abhangenden Hutkrempen, die Haare über das Gesicht gezerrt und klebend; er würde sich noch weit wunderlicher vorgekommen seyn. Was Müdigkeit anlangt, mochte sie ihm vielleicht in den Gliedmaßen liegen , allein er wußte nichts davon, und die zu der Frische der Nacht und des Bades sich gesellende Morgenfrische, erfüllte ihn nur mit stärkerer Willenskraft, immer eiliger weiter zu kommen. Er ist in Pescato, geht noch eine Strecke längs der Adda, wirst einen schwcrmuthvollen Blick auf Pescarenico, passtrt die Brücke, und gelangt auf Fußstegcn und querfeldein, sehr bald zum Hause des gastfreundlichen Freundes, bereden aus den Federn kam, nach dem Wetter sehend, an der Thüre stand, und die nasse, triefende, kothige und dennoch so belebte, so frei und leicht herbeischwebende Figur gewahrte: sein Lebtage hatte er keinen schlimmer zuge- richteten und doch zufriedeneren Menschen gesehen- „ He, he!" sagte er, „ schon wieder da? Bei solchem Wetter? Wie ging's?" „ Sie ist da," sagte Renzo: „ sie ist da, sie ist da." „ Gesund?" „ Geheilt, was besser ist. Ich kann dem Herrn und der heiligen Jungfrau, so lange ich lebe, nicht gc- „Abi ziM W' mit !üü Pst - k-l! !niÄ! üiüH t l«i, «i füll U Mn. Lijüe lLl!» I»!« 'laust lsiul «»mk stichj I 841 nug dafür danken. Aber große, große, gefährliche Dinge: ich will Dir hernach alles erzählen." „ Wie bist Du denn aber zugerichtet! " „Sehe ich hübsch aus?" „ Es kann ja keine Faser an Dir trocken seyn; nun warte nur, warte, ich will Dir gleich ein hübsches Feuer anfachen." „Ich bin cs gern zufrieden. Weißt Du, wo es mich erwischte, gerade am Lazareththore. Aber, was thut's! Das Wetter hat seine Zeit, ich die meine." Der Freund ging und kam mit zwei Bündeln NeiSholz zurück, legte eines auf die Erde, das andere auf den Heerd, wo noch vom Abend her einige Kohlen glühten und entrief beiden bald Helle Flamme. Renzo halte unterdes den Hut abgenommen, ihn drei, viermal ausgeschwcnkt und auf die Erde geworfen: vermochte aber nicht so leicht die Jacke auszuziehen. Er langte den Dolch aus der Tasche, dessen Scheide ganz durchweicht war, der aus einem Blutbade zu kommen schien, legte ihn auf ein Tischchen, sagte: „auch der ist gehörig genäßt; aber es ist Wasser! es ist Wasser! Der Herr sey gelobt.... Ich war drauf und dran ....! Ich sage Dir^s nachher." rieb dann die Hände und fügte hinzu: ,. Jetzt thue mir einen Gefallen; hole das Bündel, was ich oben bei Dir gelassen habe, herunter, denn ehe die Kleider, die ich anhabe, trocknen ....!" Der Freund brachte es und sagte: „Ich denke, Du mußt wohl auch Appetit haben: zu trinken wirst Du unterwegeö genug gefunden haben, aber zu essen...." „ Ich habe gestern Abend noch spat zwei Brode gekauft; aber, offenherzig gestanden, haben sie mir kaum einen Zahn berührt." „ Laß gut seyn," sagte der Freund: goß Wasser in einen Kochtopf, den er zum Feuer setzte, und fügte hinzu: „Ich gehe und melke; wenn ich mit der Milch zurückkomme, wird das Wasser kochen und dann sollst Du bald eine gute Polenta haben. Mache es Dir nur einstweilen so bequem Du kannst." Als Nenzo allein war, entledigte er sich auch der übrigen Kleidungsstücke, die ihm gleichem fest auf dem Leibe klebten; trocknete sich ab und kleidete sich vom Kopf bis zu den Füßen um; der Freund kam wieder, sing an, die Polenta zu bereiten und Nenzo ruhete unterdes aus. „Jetzt fühle ich, wie müde ich bin," sagte er: „aber es war auch ein derber Weg. Was ist das aber alles! Ich habe Dir den ganzen Tag über zu erzählen. Wie ist Mailand zugcrichtet! Was muß man nicht alles sehen! Was berührt einen nicht alles! Man möchte sich vor sich selbst ekeln. Es war wahrhaftig nölhig, daß ich vom Regen so durchgewaschen wurde. Wenn Du aber erst hören wirst, was sie dort mit mir anfangcn wollten! Du solltest nur das Lazarcth sehen! Uebcr dem Jammer vergeht einem Hö- 843 ren und Sehen. Nun, Du sollst schon hören .... Und sie ist da, sie wird hierherkommen, wird meine Frau werden; Du bist Zeuge, und Pest hin, Pest her, wir wollen wenigstens ein paar Stunden recht lustig und vergnügt seyn." Er hielt das dem Freunde gegebene Wort, den ganzen Tag zu erzählen; umso mehr, als derselbe, da es immerfort regnete, zu Hause blieb und theils dem Freunde zur Seite saß, theils mit einem kleinen Zuber und Weinfasse uich mit anderen, zur Weinlese und zum Mostpressen nöthigen Vorarbeiten beschäftigt war; wobei Renzo nicht unterließ, ihmhülf- reiche Hand zu leisten, Weiler, wie er sagte, zu denen gehörte, die vom Müßigstchen müder würden, als vom Arbeiten. Er konnte sich dessen ungeachtet nicht enthalten, einen kleinen Abstecher nach Agnesens Hause zu machen, ein gewisses Fenster da wieder zu sehen und sich die Hände zu reiben. Er ging, kam ungesehen zurück und legte sich zeitig nieder. Am kommenden Morgen stand er zeitig wieder auf und da es, wenn es sich auch noch nicht aufgehellt hatte, doch nicht mehr regnete, so machte er sich alsbald auf den Weg nach Pasturo. Er kam bei guter Zeit an, denn das Verlangen, die uns schon bekannte Unruhe zu enden, hatte ihn zur äußersten Eile angespornt, suchte Ag- nesen, hörte, sie sey munter und wohl, und wurde nach einem einsam stehenden Häuschen, wo sie wohnte, 344 gewiesen. Er ging dahin, rüste sie von der Straße beim Namen; bei dem Tone solcher Stimme kam sie in größter Hast ans Fenster und wahrend sie mit offenem Munde dastand, irgend etwas zu sagen, zu rufen, kam ihr Ncnzo zuvor, sagte: „Luzia ist geheilt: ich habe sie vorgestern gesehen: sie grüßt Euch, wird bald kommen. Und ich habe Euch Dinge, Dinge zu erzählen ! " Erstaunt über die Erscheinung, entzückt über die Nachricht, begierig mehr zu wissen, entfuhr Agncsen jetzt ein Aufschrei, jetzt eine Frage, ohne daß sie enden konnte: zuletzt rief sie, alle, seit langer Zeit beobachtete Vorsicht vergessend: „Ich mache gleich auf! „Halt, halt: die Pest?" sagte Renzo: „ich glaube, Ihr habt sie nicht gehabt." „Ich nicht: und Du?" „Ich/ ja; müßt also vorsichtig seyn: ich komme von Mailand und hört wohl, habe bis an die Ohren in der Ansteckung gestöcken. Ich habe mich zwar von Kopf bis zu den Füßen umgekleidet, aber die Sauerei hängt sich manchmal wie Zauber an. Und da Euch der Herr bis jetzt behütete» so müßt Ihr Euch , bis das Uebel vorüber, recht in Acht nehmen, denn Ihr seyd unser Mütterchen, und ich möchte, daß wir noch lange, lange Jahre, nach allem was wir, was ich zum wenigsten gelitten habe, fröhlich zusammen verlebten." „Aber sing Agnes an- F' lim" wH« ißillNi siuÜ:: Dt.« et:» n jilW. Zck't s«! ki- «tili» «iit, lckn Snt, 845 „Ei!" unterbrach sie Renzo: „jetzt gicbt's kein Aber mehr- Ich weiß wohl, was Ihr sagen wollt; aber hört, hört, die Aber sind alle vorbei. Kommt nur herab, wir gehen ins Freie, wo wir ungestört und ohne Gefahr, reden können ; Ihr sollt schon hören." Agnes wies ihn nach einem Küchengarten hinter dem Hause, wo er sich auf eine zweier sich gegen- überbesindlichen Banke setzen solle; sie werde gleich herabkommcn und sich auf die andere setzen. Es geschah, und ich bin gewiß, wäre der Leser, so unterrichtet er von allen Ereignissen ist, als Dritter dabei gewesen, hätte mir eignen Augen die lebhafte Unterhaltung mit angesehen, mit eigenen Ohren das Erzählen, Fragen, Erklären, Ausrufen, Beklagen, Jubeln, und von Don Rodri'go, von Pater Christo- forus und allen klebrigen, das Ausmalen der Zukunft, die so klar und bestimmt wie die ganze Vergangenheit da lag, mit angehört, ich bin gewiß, sage ich, es würde ihm wohl gefallen haben, er würde gewiß nicht zuerst davon gegangen seyn. Diese Unterhaltung aber zu Papier gebracht, mit Feder und Tinte, mit stummen Worten, ohne etwas Neues zu hören, würde Niemand sonderlich interessiren, wir überlassen daher einem Jeden, sie sich besser zu denken. Das Ende war, daß man beschloß, insgesammt in jenes Bergameser Dorf zu ziehen, wo Renzo schon heimisch war: die Zeit; bestimmte man nicht, die hing von Pest und übrige» Umständen ab; man bestimmte, sobald die Gefahr vorüber sey, solle Agnes nach Hause gehen, Luzien erwarten, oder Luzia sie erwarten: Ncnzo unterdes öfteremale nach Pasturo kommen, das Mütterchen zu besuchen, von allem, was sich ereignen könne, zu unterrichten. Bevor er ging, bot er auch ihr Geld an und sagte: „ich habe noch alles, seht Ihr, sie sind noch alle beisammen: auch ich Hatto ein Gelübde gethan, sie nicht eher anzurühren, bis alles !m Reinen sey. Jetzt aber, braucht Ihr sie, bringt mir einen Teller mit Essig, ich schütte alle fünfzig Scudi, schmuck und glanzend hinein." „Nein, nein," sagte Agnes: ich habe, soviel ich bedarf: hebe dein Geld hübsch auf; wir werden es schon zur neuen Einrichtung gebrauchen." Nenzo ging mit dem neuen Tröste, diese sp geliebte Person frisch und gesund zu wissen. Den übrigen Thcil des Tages und die Nacht brachte er ln dem Hause des Freundes zu; am folgenden Morgen mar- schirte er wieder ab, einer anderen Seite, der neuer- kohrnen Heimath zu. Auch Bortolo'n traf er wohlauf und in minderer Besorgniß, weil auch in jener Gegend die Dinge in den letzteren wenigen Tagen eine weit bessere Wendung genommen hatten. Es erkrankten nur noch Wenige, die Krankheiten waren weit minder bösartig; nicht mehr die todtbrin- genden Blutflcche, nicht mehr die heftigen Sym- 347 ptome; größtentheils nur Wechselfieber und nur bisweilen farblose Pestbeulen, die sich wie gewöhnliche Hitzblattern heilen liehen. Auch ini Dorfe sah es schon anders aus: die am Leben Gebliebenen singen an, zum Vorschein zu kommen, sich untereinander zu zahlen, sich gegenseitig zu betrauern und zu beglückwünschen. Man sprach schon davon, die Arbeiten wieder anzufangen : die noch lebenden Fabrikherren dachten wieder daran, Arbeiter zu suchen und zu wählen, besonders in den Handwerken, wo cs, wie in den Seidenspinnereien, schon vor der Seuche an Arbeitern fehlte, und Rcnzo versprach dem Vetter, ohne sich lange bitten zu lassen, nur mit Vorbehalt der nöthigcn Verstimmungen, wieder bei ihm zu arbeiten, wenn er sich mit seinen beiden Gefährtinnen hier niedergelassen habe. Vorläufig traf er die nöthigsten Vorkehrungen: versah sich mit bequemer Wohnung, die man jetzt zu Spottpreisen leider überall haben konnte, versah sie mit Haus-und Wirthschaftsgeräthe, und legte jetzt allerdings Hand an den Schatz, ohne aber« da alles im Ueberflusse, höchst wohlfeil zu haben war, ein großes Loch darein zu machen. Nach, ich weiß nicht, wie vielen Tagen, ging er nach seinem Geburtsdorfe zurück, das auch schon bessere Gestalt bekommen hatte, lief alsbald nach Pa- sturo, fand Agnescn wohl beruhigt, bereit, zu jeder Zeit nach Hause zu wandern. Er führte sie also hin, und wir sagen nicht, was sie empfanden und sagten, als sie in Gemeinschaft diese Orte wkedcrsahen. Agnes fand alles bestellt, wie sie es verlassen hatte und zwar, wie sie sagte, weil diesmal, da es das Eigenthum einer armen Witwe und eines armen Mädchens betreffe, die heiligen Engel darüber gewacht hatten. „Das anderemal," fügte sie hinzu: „wo man hatte glauben mögen, der Herr sehe wo anders hin und denke nicht an uns, weil er unsere geringe Habe fortschleppen ließ, hat er das Gegentheil bewiesen, sandte uns von anderer Seite die schönen Soldi, mit denen ich alles wieder ersetzen konnte. Alles kann ich zwar nicht sage», denn LuzienS Ausstattung, die sie, noch ganz neu und vollständig, mit dem Uebrigen geraubt haben, fehlt noch; und doch kommt auch sie uns jetzt von anderer Seite zu. Wer hatte mir sagen sollen, als ich mir solche Mühe gab, alles zurecht zu machen: „glaubstDu denn es fürLu- zicn hinzulegen? Nein, nein, arme Frau! Du arbeitest, Du weißt nicht für wen: der Himmel weiß, was für Geschöpfe diese Leinwand, diese Tücher abtragen: für Luziens wahre ^Ausstattung denkt und sorgt eine gute Seele, von der Du noch gar nichts weißt!" Agnesens erste Sorge in ihrem niedere» Häuschen war, die anständigste Wohnung für diese gute Seele einzurichten.: bann ging sie, suchte Seide zum Ab- wcifen hervor und vertrieb sich die Zeit mit ihrer HaSpcl. 349 Renzo seinerseits verbrachte die ihm so schon zu langsamen Tage nicht müßig: er verstand zum guten Glück zwei Handwerke und übte das des Landmanns aus. Theils half er seinem Wirthe, dem es sehr erwünscht war, in dieser Zeit einen geschickten Arbeiter zum Gehülfen zu haben, theils bestellte er und brachte Agnesens in ihrer Abwesenheit ganz verwildertes Gärtchen in Ordnung. An sein eignes Grundstück dachte er gar nicht, denn das, meinte er, sey eine zu zerzauste Perrücke, die mehr als zwei Arme verlange, wieder in Stand gesetzt zu werden. Er setzte weder in Garten noch Haus einen Fuß, denn es würde ihm leid gethan haben, die Verwüstung mit anzusehen, und er war doch auch schon entschlossen, alles, zu jedem Preise zu verkaufen und, was er dafür bekomme, in seinem neuen Vaterlande anzu- legen. Kamen diejenigen, welche die Pest in dem Dörfchen verschont hatte, nach und nach, wie neuerstanden wieder zum Vorschein, so schien Renzo gewissermaßen doppeltem Tode erstanden: ein Jeder bewill- kommte und beglückwünschte ihn, ein jeder wollte seine Geschichte von ihm hören. Man wird vielleicht fragen: wie er mit dem Verhaftsbefehle zurecht kam? Es ging vortrefflich. Er dachte kaum mehr daran, setzte voraus, seine dereinsiigen Verfolger würden ebenfalls nicht mehr daran denken, und tauschte fich nicht. Nicht allein die Pest, welche so vieles Andere umge- 850 stoßen hatte, war die Ursache, sondern man hat schon an mehr als einem Ort dieser Geschichte sehen können, daß alle Befehle, allgemeine so wie besondere, gegen einzelne Menschen, wurden sie nicht von mächtigem Privathasse begleitet, der hinter ihnen her war, sie mit besonderer Lebhaftigkeit ins Werk zu setzen strebte, nachdruckslos und ohne andere Wirkung als diejenige blieben, welche der erste Augenblick hervorbrachte; gleichwie Flintenkugeln, die, wenn sie nicht treffen, in die Erde fahren und Niemand schaden. Nothwcndige Folge der allzugrvßen Leichtfertigkeit, mit der man, gerade und der quer, Befehle austheilte. Die menschliche Thätigkeit hat ihre Grenzen, und was zu viel befohlen wird, wird zu wenig vollzogen. Fragt man, wie Renzo sich in dieser Zwischenzeit mit Don Abbondio verhielt? Einer wich dem andern aus: dieser, aus Furcht, das alte Lied wegen der Trauung wieder zu hören, bei welchem Gedanken sich seine Phantasie auf der einen Seite DonNo- drigo mit den Bravi, auf der anderen der Cardinal mit Gründen darstellten: jener, weil er sich vorgenommen hatte, nur im letzten Augenblicke mit ihm zu reden, um ihm nicht dadurch, daß es lange vorher zu harten Worten käme, Zeit zu lassen, wer weiß was für Schwierigkeiten zu machen, die Zeit mit unnützem Geschwätz zu vergeuden. Mit Agnesen plauderte er also: „ Ob sie wohl bald kommt, " fragte M- DU'- jjl!l ;«ii Li: KM! das »L hr. liif r k«,!, M s« k'ch.' k Ä go ich ich I »Nj j tüiilich 351 das Eine. „ Ich hoffe doch," antwortete das Andere; und oft fragte gleich darauf wer eben antwortete und antwortete wer eben fragte. Auf diese und ähnliche Weife suchten sie sich die Zeit zu kürzen, die ihnen je langer ward, je mehr sie verfloß. Den Leser wollen wir in einem Augenblicke darüber hinsühren. Wir haben ihm zu sagen, daß wenige Tage nach Renzo's Besuch Luzia und die gute Witwe das Lazareth verließen, die angeordnete, allgemeine Quarantäne in dem letzteren Hause bestanden ; welche Zeit sie theilweife anwandten, Lu- ziens Ausstattung, an der diese nach einigen Umständen selbst mitarbeitete, zu besorgen; und als die Quarantäne aufgehoben war, die Wittwe Laden und Haus wieder unter der Fürsorge ihres Bruders ließ, und Beide sich zur Reise bereiteten. Wir konnten zugleich hinzufügen: sie reisten ab, kamen an und so weiter; aber bei allem guten Willen, uns dieser Eile zu fügen, giebt es doch noch drei jener Zeit zugehörige Dinge, über die wir nicht schweigen können, und bei zweien wenigstens ist der Leser sicherlich derselben Meinung. Das erste ist: daß, als Luzia der Witwe ihre Begebenheiten ausführlicher und mehr in der Ordnung erzählte, als sie in jener aufgeregten Stimmung im Lazarethe cs hatte thun können, und ausdrücklich der Signora gedachte, die ihr im Kloster von Monza Schutz verlieh, sic von ihr dagcgenDinge 352 si,« erfuhr, die ihr den Schlüssel zu manchem Geheim- Nisse gaben und ihre Seele mit schmerzlichem, furcht- ^ vollem Staunen füllten. Sie erfuhr von der Witwe, ^ daß die Unglückliche den Verdacht entsetzlicher Hand- lungen auf sich geladen habe, deshalb vom Eardinale .. in ein Kloster in Mailand geschafft worden, daselbst nach langem Toben und langer Widerspenstigkeit in sich gegangen sey und bekannt habe; und daß ihr gegenwärtiges Leben freiwillige Büßung der Art sey, ^ ^ daß Niemand, wolle er sie nicht gar tödten, strengere ^ erfinden könne. Wer nähere Auskunft über diese traurige Geschichte zu haben verlangt, findet sie bei Mr Ripamonti. *) ist ii i Das andere: daß Luzia, die alle Kapuziner, die NÄti! sie !m Lazarcthe ansichtig werden konnte, nach dem «in >> Pater Christoforus fragte» von ihnen, mit mehr mia, Schmerz als Staunen vernahm, er sey an der Pest si,jw verschieden. ^ Endlich wünschte sie aber auch, bevor sie abreise, ^ etwas über ihre alte Herrschaft zu erfahren, und wäre ^ ^ das Eine oder Andere leben geblieben, ihrer Pflicht nachzukommen. Die Witwe begleitete sie nach dem Hause, wohin, wie ihnen bekannt war, Beide sich begeben hatten. Hinsichtlich Donna Praxediens ge- . ^ nügt zu sagen, daß sie todt war; Don Ferrante'n ^ können wir aber als Gelehrten nicht so rasch abfertigen. ^ ^ illi *) Nixsnr. Hi-t. kst. vsc. V, I.ib. VI. Lar>. III. , !!>. 353 Don Fcrrante war vom ersten Augenblicke an, da man von der Pest sprach, einer der entschiedensten, immerdar einer der beständigsten Läugncr derselben; nicht etwa, indem er wie das Volk tobte und schrie, sondern Gründe anführend, denen man zum mindesten Consequenz zugestehen muß. „In reruin n-itui'g," pflegte er Zusagen: „giebt es nur zweierlei Arten Dinge: Wesen und Zufalle; beweise ich also, daß die Ansteckung weder diesen noch jenen zugehören kann; so habe ich bewiesen, daß sie nicht besteht und bloße Chimäre ist. Also: die Wesen sind entweder geistig oder körperlich. Den Unsinn, daß die Ansteckung ein geistiges Wesen, wird Niemand behaupten wollen, und es ist also unnöthig darüber zu reden. Die körperlichen Wesen sind entweder einfache oder zusammengesetzte. Daß die Ansteckung kein einfaches sey, laßt sich mit vier Worten darthun. Sie besteht nicht aus Luft, denn, wäre es, so würde sie, anstatt von einem Körper zu dem andern überzugehen, ohne Säumniß sich ihrer Sphäre vereinen. Sie besteht nicht aus Wasser, weil sie sonst nässen und von den Winden ausgetrocknet werden würde. Sie besteht nicht aus Feuer, sonst würde sie verbrennen. Sie besteht endlich nicht aus Erde, sonst würde sie sichtbar seyn. Ein zusammengesetzter Körper kann sie auch nichtseyn, sonst müßte sie sich durchaus, entweder dem Gesicht oder Gefühl offenbaren; und wer hat wohl die Ansteckung gesehen m. 3 354 oder gefühlt? Es bleibt nichts übrig, als zuzusehe», ob sic etwa zufällig sey. Das ist schlimmer als schlimmer. Die Herren Doktoren sagen uns, sie theile sich von Körper zu Körper mit; crtheilen unter diesem Vorwand eine Menge unvernünftige Befehle. Nehmen wir an, sie sey zufällig, so müßte sie doch fortgepstanztcr Zufall seyn; welche beiden Worte einander widersprechen: denn es gicbt in der ganzen Philosophie keine klarere, deutlichere Sache, als daß sich kein Zufall von einem Gegenstände zu andern übertragen kann. Beschränken wir uns, um diese Scylla zu meiden, es erzeugten Zufall zu nennen, so geralhen wir gar aus der Scylla in die Eharybdis, denn ist er erzeugt, so theilt er sich doch nicht mit, vervielfältigt sich nicht. Hat man diese Grundsätze festgestellt, was soll man da noch länger über Pest und Pestbeulen fabeln ? „ Narrerei!" rief ihm Jemand zu. „Nein, nein," erwiederte Don Ferrante: „das sage man mir nicht. Wissenschaft ist Wissenschaft; man muß sie nur zu handhaben verstehen. Die Pestbeulen und alle anderen Zufälle dieser Krankheiten sind gar wichtige Dinge ihrer Art; aber ich will nur sagen , daß sie zu Entscheidung dieser Frage nichts besagen. Wer mag läugnen, daß es solche Dinge geben könne, daß sie da seyen? Es kommt aber darauf an, woraus sie entstehen." Hier singen auch Don Ferrante's Leiden atu So ^ 1 , ' lü!l! siti chmim Mt« «Zcii H» ul Mit »I tMÄ tt s« ! ..e ti: .r»! li'Mii m tili i «chßkij sitE di'LiSs i»ik,», Kl S5Z lange er nur das Daseyn der Seuche bestritt, fand er überall ehrerbietige, willige, geneigte Zuhörer: denn will ein Gelehrter von Profession nichts anders beweisen, als wovon Jedermann überzeugt ist, so hat seine Autorität keine Grenzen. Als er aber um terschied und beweisen wollte, daß der Jrrthum der Aerzte nicht darin beruhe, daß sie das Daseyn einer allgemeinen, furchtbaren Krankheit predigten, sondern nur in den Ursachen, in der Att und Weise, welche sie ihr zuschrieben; da (ich spreche von jener ersten Zeit, wo man von Pest ganz und gar nichts wissen und hören wollte) fand er kein Gehör, da fand er nur widerbellende, unbiegsame Zungen; da hatte sein Predigtamt sein Ende erreicht, er konnte seine Lehre nur stückweise und in Brocken an den Mann bringen. „Es ist nur zu sehr die wahre Ursache," sagte er: „und auch die sind gezwungen, sie anzuerkennen, die jene lustige, unbegründete behaupten. Sie läug- nen ein wenig, so viel sie können, die verhängniß- volle Conjunklion Saturns und Jupiters. Und wer hat wohl je gehört, daß Influenzen sich vermehrten....! Und, Ihr Herren, wollt mir doch nicht die Influenzen bestreiken? Wollt mir doch nicht bestreiten, daß es Gestirne giebt? Oder wollt mir weiß machen, daß sie da oben so für und wider nichts ständen, wie Stecknadelköpfe um ein Nadelkissen...! Was mir aber ein Räthsel ist und bleibt, S2 das sind die Herren Aerzte: sie geben zu, daß wir uns unter einer so bösartigen Constellation befinden und sind doch immerdar bei der Hand, zu schreien: greift nicht dorthin, greift nicht dahin, nehmt Euch in Acht! Als ob man, materielle Berührung irdischer Körper meidend, die Wirkungskraft himmlischer Körper hindern könnte! Und was haben sie nicht ihr Wesen, solche Lumpen zu verbrennen! Ihr armen Leute ! Könnt ihr denn wohl den Jupiter und Saturn verbrennen?" Aufdiese Gründe, aufdiesen Glauben bauend, wandte er nicht die geringste Vorsicht gegen die Pest an, wurde angesteckt, wurde bettlägerig, starb» wie ein Held Metastasio's, mit den Sternen hadernd. Und seine berühmte Bibliothek? die mag wohl an manche Orte verstreut seyn! Achtunddreißigstes Kapitel. Eines Abends hörte Agnes, daß an ihrer Thüre ein Fuhrwerk still halte.— „Sie ist es sicherlich!" — Und sie und die gute Witwe waren es auch: der Le» ser stelle sich vor, wie Eines das Andere bewillkommte. Ohne vom Vorgefallenen etwas zu ahnen, kam Rcnzo am folgenden Morgen nur in der Absicht, sein Herz gegen Agnesen über Luziens langes Ausbleiben auszuschüttcn. Die Geberden, die er machte, die Wer- 357 te, die er heraußgab, sich ihr gegenüber zu sehen, überlassen wir der Einbildungskraft des Lesers. Ueber Luziens Art, ihn zu bcwillkommen, lassen sich nicht viele Worte machen. „ Gott grüße Dich: wie gehl's Dir?" sagte sie, mit niedergeschlagenen Augen, ohne sich zu verwirren. Man glaube nicht, daß Renzo diese Art und Weise etwa zu trocken fand und übel nahm. Er wußte recht gut, daraus zu machen, was daraus zu machen war; wie man unter Leuten von Erziehung weiß, was ihre Komplimente sagen wollen , so verstand er recht wohl, was diese Worte eigentlich sagen wollten. Uebrigens siel es In die Augen , daß Luzia zweierlei Umgangsweiscn hatte, eine für Nenzo, die andere für Andere. ,, Es geht mir wohl, wenn ich Dich sehe," er- wiederte der Jüngling, zwar mit zierlicher Phrase; er hatte sie aber in diesem Augenblicke erfunden. „ Unser armer Pater Christoforus....!" sagte Luzia: „bitte für seine Seele: wenn wir auch wohl gewiß seyn können, daß er in diesem Augenblicke für uns hier unten bittet." ,, Ich sah cs leider zu sehr kommen," sagte Renzo; und dies war nicht die einzige Saite traurigen Klanges, die ihr Gespräch berührte. Auf welche Gegenstände es sich aber auch lenkte, es war ihm immerdar freudvoll. Gleichwie die stäti- gen Pferde, die auf einem Flecke stecken bleiben und bocken, einen Fuß ausheben und dann den ander» 853 und sie wieder eben danieder pflanzen, tausend Kapriolen machen, ehe sie einen Schritt weiter thun, und dann mit einem Male sich in Karriere setzen und gleichsam vom Winde evktragen werden, so hatte sich die Zeit für ihn gewandelt: anfänglich schienen ihm Minuten Stunden, jetzt Stunden Minuten. Die Witwe störte die Traulichkeit .keineswegs, sondern paßte sich herrlich zur Gesellschaft, und Ren- zo, der sie in jenem abscheulichen Bette gesehen hatte, hätte ihr nun und nimmermehr so gesellige, heitere Laune zugetraut; Lazareth und Landleben, Tod und Hochzeit sind aber auch ganz verschiedene Dinge! Mit Agnesen hatte sie bereits Freundschaft geschlossen; sie mir Luzien zu sehen, war eine wahrhafte Freude, so zärtlich, so munter, und wie zwanglos hielt sie Nicht das Mädchen an, und vermochte es, ihrem Betragen und ihren Worten mehr Seele cinzufloßen. Renzo sagte endlich, er gehe zu Don Abbondio, die nöthigen Verabredungen wegen der Hochzeit zu treffen. Er ging hin und sagte ihm mit einer gewiss sen, ehrfurchtsvollen, scherzenden Miene: „Herr Pfarrer, ist der Kopfschmerz endlich vorüber, dessentwegen Ihr uns, wie Ihr sagtet, nicht trauen konntet? Jetzt sind wir bereit; die Braut ist da; und ich bin gekommen, Euch zu fragen, welche Zeit Euch am gelegensten ist: diesmal muß ich Euch aber bitten, Euch dazu zu halten." Don Abbondio antwortete zwar nicht, daß er nicht wolle; sing aber doch -""" iii>M'^ « lit st:- l eil«. üM» „L.i UM: im sie, btaikizn lin ck..., Hü.». niilM R-t u»Lii 359 an, zu zaudern, gewisse Entschuldigungen, gewisse Rathschlage hervorzustottern: wie er sich denn öffentlich zeigen könne, wie man seinen Namen, dem doch »och der Verhaftsbefehl anhängc, öffentlich aufbieten könne? die Sache könne ja eben so gut an jedem andern Orte, an diesem wie an jenem, geschehen. „Ich verstehe," sagte Ncnzo: „Ihr habt noch ein wenig Kopfschmerz. Aber hört, hört!" Und er sing an, den Zustand zu beschreiben, in dem er jenen armen Don Rodrigo, der in dieser Stunde sicherlich schon hcimgegangen sey, gesehen habe. „Wir wollen hoffen," schloß er: „daß der Herr ihm Gnade wird haben widerfah'.en lassen." „Von ihm ist hier nicht die Rede," sagte Don Abbondio: „ habe ich denn Nein zu Dir gesagt ? Ich sage ja nicht Nein; ich habe.... ich habe meine guten Gründe. Siehst Du, solange ein Mensch Athem im Leibe hat.... Sieh mich einmal an: ich bin ein lebendiges Gerippe; auch ich war fast schon mit beiden Beinen im Grabe, und doch stehe ich nock hier; und.... kommt mir kein Unglück wieder auf den Hals.... so-.., so gedenke ich noch ei» wenig hier unten zu leben. Bedenke nur gewisse Temperamente .... Aber, wie ich Dir sage, der kommt hier gar nicht in Betracht." Nach einigen ander», weder mehr noch weniger zum Ende führenden Hin? und Widerreden machte Rcnzo seinen Kratzfuß, ging heim zu den Seinigen, stattete seinen Bericht ab und schloß mit den Worten: „Ich bin fortgegangen, denn es stand mir bis oben an und ich wollte die Geduld nicht verlieren, nicht zuharten Worten kommen. In gewissen Augenblicken war er doch eigends der Alte wieder, gerade dieselben Mucken, dieselben Entschuldigungen: ich weiß gewiß, wäre ich noch ein wenig länger geblieben, er hätte lateinische Brocken ausgepackt. Ich sehe schon, er will cs wieder in die Länge ziehen: das Beste ist, wir thun gleich jetzt, was er sagt, lassen uns trauen, wo wir leben wollen." „Wißt Ihr, was wir thun wollen?" sagte die Witwe; „wir Weiber wollen einmal einen Versuch machen, ob wir das Ende des ganzen Fitzes vielleicht eher auffindcn. Ich möchte den guten Mann auch gern kennen lernen, ob er wirklich so ist, wie Ihr ihn beschreibt. Nachmittags besuchen wir ihn, damit wir ihm nicht gar zu schnell auf den Hals kommen. Jetzt, Herr Bräutigam, führt uns Beide ein wenig spatzicren, Agnes hat einstweilen zu thun: ich bemuttere Luzien: ich möchte gern die Berge und den See, von dem ich so viel habe reden chören, ein wenig in der Nähe ansehen; was ich bis jetzt davon gesehen habe, hat mir gar wohl gefallen." Renzo führte sie zuerst zum Hause seines Wirths, wo es ein neues Fest gab: und der Wirth mußte versprechen , nicht blos an diesem Tage, sondern, wenn er könne, an jedem, mit ihnen zu essen- 361 Nach dem Spatziergange und nach dem Essen ging Nenzo schnell fort, ohne zu sagen, wohin. Die Weiber plauderten eine Weile zusammen, verabredeten, wie sie mit Don Abbondio umspringen wollten, und gingen endlich, den Angriff zu beginnen. „Da haben sie mich wieder;" sagte er bei sich, machte aber ein freundliches Gesicht, bewill- kommte Luzien freudig, grüßte Agnesen, machte mit der Fremden Komplimente. Sie mußten sich setzen, er fing an, auf den großen Artikel der Pest zu kommen; wollte von Luzien hören, wie sie ihr entgangen sey; das Lazareth gab Gelegenheit, auch ihre Begleiterin zum Sprechen zu bringen; dann sprach er auch, wie recht und billig, von seinen Leiden; freute sich mit Agnesen, daß sie nicht angesteckt wordm sey. Die Sache verzog sich: die beiden Weiber hatten vom ersten Augenblicke an auf der Lauer gestanden, zur rechten Zeit die Hauptsache aufs Tapet zu bringen; endlich brach, ich weiß nicht welche von Beiden, Bahn. Was half's aber? Don Abbondio hörte auf dem Ohre nicht. Er sah aus, als habe er keine Sylbe vernommen. Beim zweiten Maleist er aber auch wieder auf seinen alten Sprüngen, Ausflüchten, Quetreden. „Wenn Ihr vorher nur den abscheulichen Verhaflsbefehlkönntetaufheben lassen. Ihr» liebe Frau, seyd aus Mailand und wißt vielleicht am Besten, wie solche Sachen anzufangen sind, vielleicht habt Ihr Protektionen, irgend einen vornehmen Ka- valier: solche Arzneien heilen olle Wunden. Wolltet Ihr ober den kürzesten Weg einschlogen, ohne olle die Umstände zu mochen, denn die jungen Leute und unsere Agnes hier hoben jo schon die Absicht, ouszu- wondern (und ich koun dozu nur so viel sogen: doß wir überoll, wo es uns wohl ergeht, zu House sind); so dächte ich,, Ihr mochtet die Sochen ob, wo Euch gor nichts im Wege steht. Ich sehe donn zwor die Stunde nicht selbst, wo diese Heirolh vollzogen wird; aber ich wünsthte sie recht sicher und ruhig vollzogen. Ich rede wohr: hier, den Befehl im Sinne, könnte ich den Nomen Lorenzo Tromoglino nicht mit ruhigem Herzen vom Altore herobrusen: ich bin ihm viel zu gut» -ich müßte jo befürchten, ihm einen schlimmen Dienst zu erweisen. Seht Ihr wohl, Ihr seht doch?" ' Sowohl Agnes, ols die Witwe singen on, ob- wechselnd ihre Gründe zu wiederholen; Don Abbou- dio brochte die sinnigen unter onderer Gesiolt doge- gen: sie konnten nicht mit ein.onder fertig werden. Do trot Neuzo mit entschlossenem Schritt, eine Neuigkeit in den Mienen, ins Zimmer und sogre: „Der Herr Morchese * * * ist ongekommen." - „ Wos soll dos heißen? Angekommcn, wo?^ frogte Don Abbondio und stond ousi „ Er ist in seinem Po"oste ongekommen, der sonst Don Rvdrigo'n zugehörte; denn der Herr Morchese ist, wie es. heißt, Erbe, und olsv ist kein Zweifel 263 mehr. Was mich betrifft, mir würde es doch heb seyn, wüßte ich "daß der arme Mann selig gestorben wäre. Pis jetzt habe ich Vaterunser für ihn gebetet, von jetzt an , sage ich Do ^i-oluustis für ihn. Der Herr Marchese ist ein-wackerer Mann." »Ja, ja," sagte Don Abbondio: „man hat mir ihn mehr als einmal als einen wackeren Herrn genannt, als einen Herrn von altem Schrot und Korn. Aber ob cs denn auch wirklich wahr seyn mag .... k „ Glaubt Ihr dem Sakcistan? „ Warum?" „ Weil er ihn mit seinen eignen Augen gesehen hat. Ich war in der Gegend, eigentlich nur, weil ich dachte, es würde sich dort etwas Näheres erfahren lassen. Und mehr als einer und zweie haben es mix versichert. Ich begegnete hernach dem Ambrosius, der eben vom Schlosse kam und ihn, -wie. ich Euch sage, als, Herrn oben gesehen hat. Wollt Ihr ihn selbst Horen? Ich habe ihn hier außen vor der Thüre warten lassen." „Ruse ihn," sagte Don Abbondio- Renzo holte den Sakcistan herbei; derselbe bestätigte die Sache Punkt für Punkt, fügte noch genauere Umstände hinzu, löste, alle Zweifel und ging. „Ach; also ist er todt! ist wirklich abgefahren!" rief Don Abbondio, Seht Ihr wohl, Kinder, ob die Vorsehung am Ende gewisse Menschen doch zu treffen weiß! Wißt Ihr wohl, , daß das etwas sehr Großes ist? großes Heil für die arme Gegend, der er immer eine Geißel war? Auch die Pest war eine harte Geißel; aber sie war auch ein Besen und hat einige Menschen hinweggekehrt,die wir nimmer würden losgeworden seyn, die uns immer im Nacken gesessen haben würden, von denen man sagen konnte, daß die, welche sie dereinst zur Erde würden zu bestatten haben, erst geboren werden sollten. Und sie sind, Hunderte auf einmal, im Nu verschwunden. Wir sehen sie nicht mehr, die Gurgelabschneider hinter sich, mit solcher Hoffarth, solchem Prunke, solchen Mordgewehren einherschreiten, die Leute anstieren, als ob sie über die ganze Welt zu gebieten hatten. Indes, er ist nicht mehr, wir sind noch. Nun wird er nicht mehr ehrlichen Leuten solche Dinge sagen lassen. Ja, er hat uns Allen schweren Kummer zugefügt, seht, jetzt können wir es wohl sagen." „Ich habe ihm von Herzen vergeben," sagte Renzo. „Das ist recht, das ist Deine Pflicht," antwortete Don Abbondio: „aber wir können auch dem Himmel Dank bringen, daß er uns von ihm befreit hat. Jetzt, was uns anlangt, sage ich Euch,thut, was Ihr wollt. Wollt Ihr, daß ich Euch traue, so bin ich bereit; ist es Euch lieber, anderswo getraut zu werden, so steht es bei Euch. Was den Verhaftsbefehl anlangt, sehe auch ich wohl ei», daß, da jetzt Niemand mehr aus der Lauer steht , der Euch übel will,- 365 es keine Gefahr damit hat: besonders da unterdes das Begnadigungsdecret wegen der Geburt des Jnfanten erschienen ist. Und dann die Pest! die Pest! die Pest hat übergroßeDinge Graswachsen lassenlAlso^ wollt Ihr ... .heut ist Donnerstag .... Sonntag biete ich Euch in der Kirche auf ; denn was früher geschehen ist, gilt jetzt nach so langer Zeit nicht mehr; und ich habe die Freude, Euch zu trauen." „Ihr wißt ja, daß wir eben deshalb zu Euch kamen," sagle Renzo. „ Gut, gut; und ich diene Euch gern, und will Seine Eminenz alsbald davon in Kenntniß setzen. Nächsten Sonntag biete icst Euch in der Kirche auf und einstweilen, wißt Ihr wohl, was ich da für Euch thun will? Einstweilen verlange ich Dispensation für die beiden anderen Male. Sie werden da unten in der Eurie scl ön zu thun haben mit Dispensationen, wenn es überall zugeht, wie hier. Zu nächsten Sonntag habe ich außer Euch schon ein .... zwei_ drei Paar; und wer weiß, ob nicht noch ein fünftes dazu kommt. Und das geht so fort. Ja, seht Ihr, es ist Feuer dahinter gekommen, kein Mensch will mehr allein bleiben. Perpetua hat einen dummen Streich gemacht, jetzt abzufahren, diesmal hatte auch sie ihren Käufer gefunden. Und in Mailand, liebe Frau, nicht wahr, da geht es eben so zu?" „ Ei, gewiß: denkt Euch nur, allein in meinem Kirchsprengkl gab es am vorigen Sonntage fünfzig Trauungen." „Wie ich ja sage, die Welt will noch nicht untergehen. Und Ihr, liebe Frau, summt's Euch nicht manchmal vor dem Kopfe? " > „Nein , nein, ich denke nicht daran, und will nicht daran denken." „I ja doch ! Ihr werdet eben allein bleiben wollen. Auch Agnes , seht, auch Agnes „Ach! Ihr seyd aufgelegt zu scherzen," sagte diese. „Gewiß bin ich es : und ich denke, es ist jeht endlich an der Zeit. Ist es uns nickt schlimm ergangen?' Wie ? Ihr jungen Leute! Es ist uns sehr schlimm ergangen: die vier Tage, die wir noch zusammen verbringen, dürfen wir doch ein wenig lustiger seyn. Aber! Ihr sevd glücklich zu preisen, Ihr seyd dem Unglück entgangen, habt nun eine Weile, von dem was vorbei ist, zu schwatzen. Ich armer, alter Mann .... Die Schurken können sterben ; von der Pest kann man genesen; gegen das Alter giebt's aber kein Mittel, und, wie man sagt: öenootus ip>sa 68t moi'hus." „Jetzt," sagte Renzo, „sprecht so viel Latein Ihr wollt, jetzt ist's mir einerlei." „Hast es doch immer mit dem Latein! schon gut, schon gut, wir wollen schon sehen: wenn ich erst mit dem Mädchen hier vor Dir stehe, Dir so ein paar gewisse Wörtchen auf Latein zu sagen, werde ich zu 367 Dir sagen: Latein willst Du nicht; stehe in Frieden. He?" „Ach! ich weiß viel, was ich sage," sprach Renzo wieder: „es ist ja nicht dies Latein, vordem ich mich fürchte: dies ist achtes, heiliges Latein, so wie das beider Messe: sie müssen es ablesen, wie es im Buche steht. Ich spreche von dem fatalen Latein, außer der Kirche, daß Einem in einem verständlichen Gespräche unverständlich in die Quere kommt. Zum Beispiel , jetzt da wir fertig sind, da alles Vorbei ist: das Latein, was Ihr eben hier, in dieser Ecke vorbrachtet, mir einzureden, Ihr könntet nicht, es gehörten ganz andere Dinge noch dazu, und was weiß ich: übersetzt es mir doch jetzt ein wenig. " „Schweig, Schwätzer, schweig: laß die alten Sachen ruhen; es käme drauf an, wer dabei gewönne, wollten wir jetzt die Rechnung abschließen. Ich habe alles verziehen: sprechen wir nicht mehr davon: Ihr habt mir aber schöne Streiche gespielt. Ueber Dich wundere ich mich gar nicht, Du bist so ein Taugenichts; aber das stille Wasser da, die Gottselige, wer hätte sich sollen träumen lassen, daß sic so sündigen könne? Aber ich weiß schon, wer sie dazu verleitet hat, ich weiß cs, ich weiß es." Bei diesen Worten richtete er den Zeigefinger, mit dem er vorher nach Lüsten wies, von ihr ab und ließ ihn gegen Agnesen zittern: man kann sich nicht vorstellen, mit welcher Gutherzigkeit, wie freundlich er diese Vorwürfe aussprach. Jene Nachricht hatte ihn so gesprächig, so ungezwungen gemacht, wie er seit langer Zeit nicht war; wir würden noch viel zu sagen haben, wollten wir alles hinterbringen, was sich diese Leute einander sagten; Don Abbondio spann die Unterhaltung immer fort, hielt die Gaste, wenn sie gehen wollten, mehr als einmal zurück, ja begleitete sie bis an die Haus- thüre und konnte auch da nicht «blassen, noch ein wenig zu plaudern. Am folgenden Tage empfing er eben so unerwarteten als angenehmen Besuch, den schon besagten Herrn Marchese: ein Mann zwischen dem Mannesund Greisxnalter, dessen Anblick ihn kund gab, als was der Ruf ihn nannte: offenherzig, wohlwollend, sanft, bescheiden, würdevoll; aber auch gewisse, resignirte Betrübniß. „Ich bringe Euch," sagte er, „Grüße vom Cardinal Erzbischoffe." „O, welche Herablassung! welche Gnade!" „Als ich von dem unvergleichlichen Manne, der mich seiner Freundschaft würdigt, schied, erwähnte er gegen mich zweier jungen mit einander versprochenen Leute dieses Kirchspiels, die von dem armen Don Rodrigo viel hatten ausstehen müssen. Seine Eminenz wünscht Nachricht über sie zu Hab en. Leben sie ? Sind ihre Sachen in Ordnung?" 389 „Alles in Ordnung. Ich hatte mir schon vorgenommen, an seine Eminenz zu schreiben; da ich aber jetzt die Ehre habe — " „ Befinden sie sich hier? " „Ja, und werden sobald als möglich Mann und Frau seyn." „Ich bitte, sagt mir, ob ich ihnen mit irgend etwas dienen kann, auf welche Weise? Ich habe in der allgemeinen Noth meine beiden einzigen Söhne und auch ihre Mutter verloren, und jetzt drei bedeutende Erbschaften gethan. Ich hatte schon früher Ueberfluß und Ihr seht also,, daß Ihr mir wirklich einen Dienst leistet, gebt Ihr mir Art und Weise an, wie ich von ihm guten, so guten Gebrauch mache." „Der Himmel segne Euer Gnaden! Warum giebt es nicht lauter solche Kav....! Nun; auch ich danke Euch von Herzen für meine armen Kinder. Und da Euer Gnaden mich dazu aufmuncern, so kann ich Euch wohl eine Art und Weise angeben, die Euch vielleicht nicht mißfallt. Wißt also, daß diese guten Leute sich anderswo niederlassen und ihr geringes, hiesiges Besitzthum verkaufen wollen. Der Bursche hat einen Weinberg, der etwa neun oder zehn Ruthen messen mag, aber wüst und ganz verwildert ist: man kann nur den Boden, sonst gar nichts in Anschlag bringen; dann hat er ein Häuschen, und ein anderes das Mädchen; zwei Rattennester, Ihr könnt sie selbst sehen. Aber ein Herr wie Euer Gnaden weiß gar III. Aa 390 nicht, wie es'^n'ctrmen Leuten ergeht, wenn sie das Ihrige v^rkaUstss MÄsstn! Es fällt gewöhnlich irgend einem Schurken in die Hände, der vielleicht eine Weile um das Vertchen handelt, und, wenn er sieht haß der Andere l^sschlagen muß',' 'zurücktritt, den Gleichgültigen spielt) und sie müssen ihm nachlaufen, müssen es ihm für ein Nichts an den Hals werfen: besonders in Verhältnissen wie diese. ' Der Herr Marchese werden schon Wissen, wo ich mit meiner Rede hinaus will. Die beste Gnade, die der gnädige Herr den Leuten wiederfahren lassen kann, ist,' sie aus dieser Verlegenheit 'zu ziehen, ihnen ihre Bcsitzthümer abzukaufen. Ich, die Wahrheit zu sagen, habe auch mein Interesse däb'ei und Meinen Gewinn, ich gewinne für meine Pfarrei einen Mitherrn wie den Herrn Marchese: Euer Gnaden werden aber verfügen, wie es Euch gut dünkt; ich habe nur unmaßgeblich gemeint." Der Marchese lobte den Einfall außerordentlich, dankte dafür, ersuchte Don Abbondio'n, die Grundstücke so hoch w!e möglich zu taxiren, und vollendete dessen Erstaunen, indem er ihn aufforderte, ihn alsbald nach dem Hause der Braut, wo wahrscheinlich auch der Bräutigam sey, zu geleiten- Unterwegs erdachte der vor Freude außer sich versetzte Don Abbondio und sagte ein Arideres: „ Da Euer Gnaden einmal so sehr aufgelegt sind, den Leuten Gutes zu erzeigen, so könnte ihnen'noch etwas 391 .geschehe». Der junge Mensch hat vor einigen Jahren in Mailand einige Böcke geschossen, gerade an dem Tage des großen Spektakels, in den er in seiner Unschuld und Einfalt, gerade wie die Maus in die Falle, verwickelt worden ist, sie haben deshalb einen Werhastsbefehl, so eine Art Steckbrief Wider ihn abgeschossen. Er hat im Grunde gar nichts Ernstli-i ches begangen, seht, nur so einige Jugendstreiche, Tollheiten;, er ist gar nicht fähig, absichtlich etwas Böses zu thun- Ich kann es sagen, denn ich habe, ihn getauft, habe ihn aufwachsen gesehen: und wol< len der gnädige Herr sich ein Vergnügen machen- wie vornehme Herren manchmal Geschmack daran finden, arme Leute ins Zeug hinein reden zu hören, so laffetz Euch nur von ihm selbst die ganze Geschichte erzählen. Jetzt kräht kein Hahn darum, es sind alte Geschichten, und wie ich schon sagte , er gedenkt auszuwandern; aber wenn er einmal mit der Zeit zurück- kame, man kann nicht wissen, cs ist doch immer besser, mit allem im Reinen zu seyn. Der Herr Marchese gelten in Mailand, wie natürlich, für einen so großen Cavalier und für einen so großen Mann als Ihr seyd_ Nein, nein! laßt mich; was wahr ist, muß wahr bleiben. Eine Empfehlung, ein Wort von Eures Gleichen, ist mehr als hinreichend, vollkommene Absolution zu erhalten." „ Sind keine schweren Beschuldigungen gegen den Burschen vorhanden?" Aa 2 „ Bewahre, bewahre, das kann nicht scyn! Sie haben zwar gleich im ersten Augenblicke Lärm gemacht, aber ich bin jetzt gewiß, daß es ihnen gar kein Ernst ist." „Wenn es sich so verhalt, so hat die Sache keine Schwierigkeiten, und ich will sie gern auf mich nehmen." „Und Ihr wollt nicht, daß man sage, Ihr seyet ein großer Mann? Ich sage es, und will cs sagen, will es Trotz Euch sagen. Und wenn ich auch schwiege, würde cs doch zu nichts helfen, denn alle würden es sagen, und: vox^oxuli, voxDei." Sie fanden die drei Frauen und Renzo'n anwesend. Man kann sich vorstellen, wie die Leute die Augen aufsperrten; ich glaube, auch die nackten, rauhen Wände, die Fenster, Tische, das ärmliche Geräthe staunten über so außerordentlichen Gast. Er belebte die Unterhaltung, sprach vom Eardinale und von den anderen Dingen mit herzlicher Offenheit und doch mit den zartesten Rücksichten, kam bald auf seinen Vorschlag zu sprechen, bat Don Abbondio, den Preis zu bestimmen und nachdem derselbe alles angesehen und vielfältige Umstände und Entschuldigungen vorgebracht hatte: daß er gar nichts davon verstehe, daß er wie der Blinde von der Farbe spreche, sich nur dem Willen des gnädigen Herrn füge, gab er, wie er sagte, seine dumme Meinung heraus. Der Käufer sagte, er sey vollkommen damit zufrie- 893 den, nannte, als ob er falsch gehört habe, die doppelte Summe, wollte von keiner Berichtigung wissen, beschloß und brach alle weiteren Reden ab, indem er die ganze Gesellschaft einlud, den Tag nach der Hochzeit, in seinem Pallast zu Mittag zu essen, wo man das Instrument in gehöriger Ordnung aufsetzen werde. „ Ach!" sagte Don Abbondio, als er wieder zu Hause war, bei sich: „brachte die Pest immerdar und überall die Dinge auf solche Weise zu Ende, so würde man sündigen, spräche man schlimm von ihr; man müßte wünschen, jede Generation erlebte eine, man müßte die Krankheiten absichtlich Hervorrufen." Die Dispensation kam an, die Absolution kam auch an und der ersehnte Tag denn endlich ebenfalls; die beiden Verlobten gingen mit triumphirender Sicherheit in die Kirche und wurden in ihr von Don Abbondio getraut. Ein anderer, seltsamerer Triumph war ihnen am folgenden Tage der Gang nach dem Pallaste; man kann sich denken, was sie empfinden mußten, als sie den Berg erstiegen, zu der Thüre eintraten, und welche Gespräche da ein Jedes nach seiner Art und Weise führte. Wir sagen nur so viel, daß in der höchsten Fröhlichkeit entweder das Eine oder Andere mehr als einmal erwähnte, cs fehle dem Feste Niemand als der arme Pater Ehri- stoforus. „Aber," sagten sie dann, „ihm ist ja wohler als uns Allen!" Der Marchese gab ihnen ein großes Fest, führte sie in ein schönes Borzimmer, wo die Gatten, Agnes und die Siädrcrin bewirthet wurden, und ehe er sich mit DonAbbondio entfernte, in einem andern Saale zu speisen, wollte auch er diesem Mahle ein wenig beiwohnen, half sogar mit bedienen. Es wird Niemand auf den Gedanken kommen, denke ich, daß es weit'einfacher gewesen seyn würde, an einer Tafel zu speisen; nch habe den Marchese einen wackern Mann genannt, keineswegs aber einen musterhaftem, was er alSdann gewesen seyn würde; ich habe ihn bescheiden genannt, keineswegs aber Ausbund von Bescheidenheit. Er war bescheiden genug, sich unter diese gsitcw Leute'; nicht aber so bescheiden, sich ihnen gleichzuMlen. Nachdem beide Theile'getäfelt hatten, wurde der Eontrakt durch einen Doktor, nicht durch Doktor Nothstall aufgesetzt:! -Dieser, nämlich seine irdische Hülle, war und ist noch immer in Eanterell!, weshalb? sind wir allerdings genöthigt zu erklären. " Etwa eine halbe Mtglie hinter Lecto, ziemlich Einern andern, Castesto genannten Dürfe'gegenüber, liegt'siin Oertchen, - das man Eanterelli-nennt, und wo st'ch zwei Wege kreuzen. Auf der einen Seite 'dieses Kreuzweges ist eine Erhöhung, der man ansieht, daß sie aufgeworfen, auf ihrer Spitze steht ein Kreuz, und sie ist nichts anders, als ein großer Hauken an der Pest Gestorbener. Die Sage nennt sie sthlechtwcg so; es muß aber darunter, ohne-Zwei- 395 ftl, die letztere Pest, welche mörderischer als alle früheren war, verstanden seyn, denn wenn man den Sagen nicht nachhilft, sagen sie an und für sich visl zu wenig. Die Rückkehr geschah ohne Unfall, nur fühlte sich Renzo ein wenig von den vielen Saldi, die er mit heim nahm, belästigt; der gute Mensch hatte aber schon, wie wir wissen, schlimmere Wege überstanden. Wie er sich in Gedanken abmühete, die beste, Art zu ersinnen, das viele Geld anzuwenden, wollen wjr gar nicht erwähnen. Musterte man alle die Projekte, die Phantasieen, Kreuz - und Quergedanken dieses Kopfes, die Für und Wider Landwirthschaft und Industrie durch, so hatte man glauben mögen, zwei Akademien des vergangenen Jahrhunderts vor sich zu haben. Er befand sich in gewaltiger Verlegenheit, denn er mußte sich allein rathen und konnte sich nicht auf den eigentlichen Gedanken bringen: daß doch gar keine Wahl uöthig, daß Eines wie das Andere zu seiner Zeit anwendbar, daß die Mittel zu dem Einen so wie zu dem Andern hinreichend und es damit wie mit zwei Beinen sey, auf denen es sich immer besser gehe als auf einem. Es dachte jetzt die Familie Tramaglino nur daran, ihre Bündel zu schnüren und nach dem neuen Vater- landc, die Witwe, wieder nach Mailand sich zu begeben. Die Thränen, Danksagungen, Versprechungen sich zu besuchen, waren zahllos. Nicht minder zärtlich und thtänenreich war der Abschied Nenzo's und der Familie, von dem gastfreundlichen Wirthe, und man denke nicht, daß es bei Don Abbondio ganz kalt ablief. Die drei armen Leute trugen im Herzen immer noch eine gewisse ehrfurchtsvolle Anhänglichkeit an ihren Pfarrherrn; und im Grunde hatte er ihnen immerdar wohlgewollt. Nur das verwünschte Unglück trübt zuweilen Zuneigung. Auch die Trennung von der Heimath und den geliebten Bergen war nicht ohne Schmerz; allerweges gab es ein paar Thronen, obwohl, wie wir uns vorstellen, nicht viele; weil sie sich die Trennung außerdem, jetzt wo die beiden großen Scheuchen, Don Rodrigo und der Steckbrief, beseitigt waren, hätten ersparen können. Sie waren aber schon seit einiger Zeit alle dreie gewöhnt, das Land nach dem sie zogen, als das ihrige zu betrachten. Renzo hatte cs den Frauen annehmlich gemacht, indem er ihnen von allen den Vortheilen, welche den Arbeitern daselbst zu Theil würden und von hundert anderen schönen Dingen über das dasige Leben vorschwatzte. Uebrigens hatten sie insgcsammt bitteres Herzeleid an dem Orte erfahren, dem sie jetzt Valet sagten; und bittere Erinnerungen verbittern auch gemeiniglich die Erinnerung an die Orte, welche sie Hervorrufen; um so ärger vielleicht, um so stechender, herber, sind es die Geburtsorte- So ruht der Säugling geruhig am Busen der Amme, sucht verlangend und vertrauend in ihm die Nahrung, die er 397 ihm bisher gewahrte; wenn aber die Amme, das Kind zu entwöhnen, ihn mit Wermuth netzte, zieht es die Lippen zurück, versucht noch einmal, flieht aber endlich, weint zwar, doch flieht. Was meint aber der Leser, wenn wir ihm sagen, daß Renzo, kaum in der neuen Heimath mit den Seinigen angelangt und eingebürgert, schon gehörige Aergernisse bereit fand? Zwar nicht gar zu arge; aber cs genügt dock so wenig , die Seelenruhe und Zufriedenheit zu stören! Die Sache ist kürzlich die. Das eine geraume Zeit vor der Ankunft, im Dorfe entstandene Gerede in Betreff Luziens; daß man wußte, Renzo habe ihretwegen so viel gelitten, sie immer treu und beharrlich geliebt; vielleicht auch die vielfach ausgekramten Lobreden eines ihm Wohlwollenden, hatten eine gewisse Neugier veranlaßt, das Mädchen von Angesicht zu Angesicht zu sehen, von ihrer Schönheit manche Erwartungen erregt. Wie es mit den Erwartungen zugeht, weiß man, man ist leichtgläubig, erfindet und erfindet, verläßt sich daraus; kommt es dazu, wird man kostverachtend, schwierig, ist nimmer nimmer zufrieden; man wußte im Grunde gar nicht, was man wollte, läßt der Wirklichkeit rücksichtlos alles entgelten, was man sich grundlos von ihr erträumte. Als die wirkliche Luzia erschien, begannen Viele, die geglaubt haben mochten, sie müsse wahrhaft goldene Locken, wahrhafte Rosenwangen, zwei Augen, deren eins schöner als 39L das andere, was weiß ich alles haben, die Achseln zu zucken, die Nase zu rümpfen, zu sagen: „Die ist es? Nach so vielen Erwartungen und Reden ließ sich etwas anderes erwarten! Was ist denn weiter an ihr? Sie ist ein Landmädchen, wie es viele giebt; solcher und noch besserer Art, kann man allerwarts sehen." Und als man hernach zu den Einzelheiten kam, so gab es hier, gab cs da etwas auszusetzen, Manche wollten sie sogar häßlich finden. Da nun aber Niemand Renzo'n alle diese Dinge ins Gesicht sagte, so wurden sie ihm an und für sich nicht empfindlich, wer es empfindlich machte, wer den Aerger eigentlich erst schuf, waren gewisse Leute, die ihm das Gerede steckten und zutrugen, und Renzo hatte damit seine wahre Noth. Es fing an, ihm im Kopfe herumzugehen, er schüttete seinen Aerger nicht bloß gegen die aus, welche ihm zutrugen, sondern konnte ihn selbst nicht verdauen. — „ Was geht cs Euch denn an? Wer hat Euch denn geheißen, Erwartungen von ihr zu hegen? Habe ich Euch mit einem Worte dazu veranlaßt? Habe ich Euch etwa gesagt, daß sie schön sev ? Und wenn Ihr mich fragtet, habe ich Euch jemals etwas anderes gesagt, als daß sie ein gutes Mädchen sey? Sie ist ein Bauermädchen ! Habe ich Euch jemals gesagt, daß ich Euch eine Prinzessin hcrbrachte? Mißfallt sie Euch, so seht sic nicht an! Habt Ihr schöne Weiber, so seht die an!" — ilil «-le i chm»« T'.aE! kubiLK ÄÄKti! zu nM WlM bl s«, Ä lÄ zrt > «ki Wöt IlilÄk büllii, >Mk l 399 t Man sehe, wie oft eine Kleinigkeit über das ganze Leben eines Menschen entscheidet. Hatte Renzo, wie er es anfänglich wollte, jetzt sein Leben in diesem Dorfe zubringen müssen, er würde wenig frohe Stunden in ihm genossen haben. Mannichfacher Verdruß hatte ihn endlich verdrießlich gemacht. Er war gegen Alle mürrisch, denn jeder konnte einer von Luziens Splitterrichtern scyn: wir wollen nicht sagen, daß er geradezu beleidigte; aber man weiß, wie so viele, nicht geradezu gegen alle Sitte verstoßenden Dinge geschehen können, ehe man handgemein wird. Er hatte in seinen Gesichtszügen stets ein bitteres Lächeln bereit, fand überall zu tadeln und zu kritteln, und es brauchte nur zwei Tage hintereinander zu regnen, so rief er gleich aus: „Was kann man in einem solchen Dorfe Besseres verlangen! " Er hatte sich schon mit einer gewissen Anzahl Personen, auch mit solchen Überwerfen, die ihm anfänglich gut waren, würde mit der Zeit, wie eines i'm- msr das andere giebt, gewissermaßen zu förmlichen Feindseligkeiten mit aller Welt gekommen seyn, ohne vielleicht selbst die Grundursache, die Wurzel alles Nebels sich nennen zu können- Aber die Pest schien es auf sich genommen zu haben, 'Renzo's Verlegenheiten alle zu enden. Sie hatte den Besitzer einer anderen, gleichsam an den Thoren von Bergamo gelegenen Seidenspinnerei weg- gerafft; sein Erbe, ein junger Bruder Liederlich, der 400 an dem ganzen Gebäude und Geschäften kein Behagen fand, war entschlossen, ja begierig es zu verkaufen, wäre es selbst um den halben Preis; er bestand nur auf baare, blanke Zahlung, das Geld ohne Zögerung zum Fenster hinaus werfen zu können. Die Sache kam Bortolo zu Ohren; er nahm sie in Augenschein, handelte, erhandelte die allererwünschtesten Bedingungen ; aber die verwünschte Bedingung baa- rer Zahlung drohte alles wieder rückgängig zu machen, denn sein erspartes Vermögen erreichte bei weitem nicht die ganze Kaufsumme. Er ließ sich vom Verkäufer das Wort einstweilen halten, lief rasch nach Hause, theilte die ganze Sache dem Vetter mit und schlug ihm vor, mit ihm in Compagnie zu treten. Ein so guter Vorschlag endete Renzo's ökonomische Zweifel, bestimmte ihn zur Industrie und er sagte zu. Sie gingen zusammen hin, schlossen ab, und als die neuen Herren ihr Besitzthum antraten, ward Luzia in der Gegend nicht nur nicht bekrittelt, sondern man mag wohl sagen, mißfiel auch nicht, und man hintecbrachte Renzo'n, aus mehr als Eines Munde, die Frage: „Habt Ihr die hübsche Frau des neuen Fuchses gesehen?" Selbst der Aerger, den er in jenem Dorfe empfunden hatte, brachte ihm den Vortheil, daß er jetzt mehr seiner Herr war; er war bisher in seinen Reden ein wenig voreilig gewesen, und hatte sich gern erlaubt, über Anderer Weiber, und im Allgemeinen abzusprcchen. Jetzt sah er ein, daß viele Worte an- B ^ A E« Iü! li.H' Mliist" Wzt rv mm >r i-M', k LM wi mi ist. r sijsn.ii st Ist», Lik liisir stm » kiü «rill str.'« st, A, tz htm iinölH, 40t dcrs verstanden werden, als sic verstanden sind und verwendete ein wenig mehr Sorgfalt, was er sagen wollte, selbst zu hören, che er cs hören ließ. Man bilde sich aber deshalb nicht ein, daß es nicht auch hier mitunter ein wenig Skandal gesetzt hätte. So lange der Mensch athmet, ist er ein Kranker, der auf mehr oder minder unbequemem Bette liegt und um sich her andere Betten stehen sieht, die von außen wohl geschmückt, weich und eben sind und in denen es sich, wie er meint, besser ruhen müsse. Gelingt ihm der Wechsel, so ist er kaum indem neuen zu liegen gekommen, als cs ihn hier drückt, dort sticht, kurz als er wieder auf dem alten Flecke ist. Deshalb muß mehr daran liegen, wohl zu thun, als uns wohl zu befinden, denn nur so gelingt es, uns besser zu befinden. In solche Verlegenheiten und Nöthen, wie wir schon vorbrachten, geciethen unsere lieben Leute indeß nicht wieder; sie führten von nun an ein friedliches, glückseliges, beneidenswerthes Leben; so daß, wollten wir es erzählen, alle Welt sich zu Tobte gähnen würde. Die Geschäfte gingen vortrefflich; anfänglich stockten sie zwar ein wenig, weil cs an Arbeitern fehlte und die wenigen die da waren, große Rosinen im Kopfe, den Teufel im Leibe hatten; es erschienen Verordnungen, die den Arbeitslohn cinschränkten; doch ungeachtet dieser Hülfe kam alles wie allemal wieder in's alte Gleis. Es kam von Venedig noch eine, ein wenig vernünftigere Verordnung: Abga- benfteiheit auf zehn Jahre, allen Fremden, die sich in diesem Staate niederlassen wollten: für unsere Eompagnons ein neues Fressen. Noch vor Ablauf des ersten Ehcjahres erblickte ein niedliches Wesen die Welt, und, als wäre es ausdrücklich gekommen, Renzo'n Gelegenheit zu rascher Erfüllung seines Gelübdes zu geben, es war ein Mädchen ; wie sich von selbst versteht, ward sie Maria getauft. Mit der Zeit kamen auch noch , ich weiß nicht wie viele, andere zum Vorschein, Mädchen sowohl als Knaben ; und Agnes hatte ihre wahre Noth, sie immerdar, eines nach dem andern, herumzutragen, sie böse Rangen zu nennen und derb und tüchtig abzuschmatzen. Sie waren alle zum Wohlthun geneigt, und Renzo ließ dem einen wie dem andern lesen und schreiben lehren; indem er sagte, da die Schelmerei einmal da-fey, sollten auch sie Nutzen davon ziehen^ Ergetzlich war es, ihn selbst seine Fahrten erzählen zu Horen: einmal wie das andere erwähnte er der großen Dinge, durch die er gelernt habe', sich in Zukunft besser zu beherrschen. „ Ich habe gelernt," sagte er: „mich nicht in fremde Händel zu mischen: ich habe gelernt, nicht den Prediger spielen zu wollen: ich habe gelernt, nicht mehr zu trinken, als ich vertragen kann: ich habe gelernt, daß man Thürklopfer nicht in der Hand halten darf, wenn Leute in der Nahe sind, denen der Kopf warm ist: ich habe ge- 403 lernt, dass man sich keine Schelle an den Fuß binden soll, ohne vorher zu bedenken, was daraus werden könne." Und hundert andere Dinge. Luzia fand das alles zwar nicht unwahr, cs schien ihr aber doch nicht ganz zu genügen und sie glaubte, cs müsse noch etwas fehlen. Kraft beständigen Anhörens desselben Liedes, kraft jedesmaligen Ueberle- gens, sagte sie dereinst zu ihrem Sittenlehrer: „Und was habe ich denn gelernt? Ich habe das Unglück nicht selbst ausgesucht. Du müßtest denn sagen," fügte sie sanft lächelnd hinzu: „mein Fehler sey gewesen, Dich lieb zu haben, mich mit Dir zu versprechen." Renzo war anfänglich verdutzt. Nachdem sie aber lange zusammen überlegt und gegrübelt hatten, kamen sie überein, daß man sich das Unglück zwar oft selbst zuziehe; oft aber auch das allervorsichtigste, schuldloseste Betragen nicht vör ihm sichere, und wenn es einmal- es sey verschuldet oder unverschuldet, da sey, Gottvertrauen es versüße und fruchtbringend mache für ein befferes 'Leben. Diese Folgerung gehört zwar armen Leuten an, scheint uns aber so wahr, daß wir nicht anstehen können, sie hier als Kern der ganzen Geschichte niedcrzuschrciben. Hat die Geschichte dem' Leser gefallen, so sey er deshalb dem Erzähler freundlich; hat sie ihm mißfallen, so glaube er nur, daß sie nicht zu dem Ende geschrieben ward. Ende. Nachwort des Uebersetzers. Der Verfasser sagt in der dem Originalwerke vorstehenden kurzen Einleitung: dessen Fabel in altem, zufällig in seine Hand gekommenem Manuskripte ge« funden, vermöge der veralteten Schreibart lange ge- zweifelt: ob die Herausgabe zuläßig, endlich aber die Umbildung beschlossen zu haben. „ Ich würde mir haben zürnen müssen," sagt er, „hatte ich eine so schöne Geschichte ganz unbekannt gelassen; der Leser mag davon halten was er will, ich konnte nicht umhin sie sehr schön zu finden." Wir lassen aus guten Gründen unerörtert, was an Auffindung des alten Manuskriptes sey, halten uns an die Geschichte selbst, und können sonach ebenfalls nicht umhin, diesen Worten, des von Göthe mit so vollem Rechte edel genannten Dichters freudig beizustimmen. Die Form des historischen Romans, wie er durch den schottischen Romanschreiber und geistverwandten 405 Nachfüßler; die Form des Romans und der Novelle, wie sie aus halben Ansichten von Göthe's und anderer Dichter Werke der Art, mehr oder minder gefällig, vielfach entstanden; die epische Form überhaupt, wie sie jetzt im Allgemeinen gehandhabt wird, ist kln- sorm. Tritt der Roman oder die Novelle in Reihe und Glied der Legion anspruchlos unterhalten wollender, sittenschildernd nützlicher, so entzieht er sich kunstgerechter Kritik; macht aber sein innerer Werth höhere aschetische Ansprüche, so wird er, düs in ihm kundgewordene Talent sey noch so erfreuend und bedeutsam, unbeschadet des Nutzens, den er in gewisser Beschränkung stiftet, als formlos, Ein Schicksal haben mit inhaltloser Form, wird im Strome der Zeit versinken. Betrachten wir die unter so verschiedenen Zeiiver- haltnissen entstandenen epischen Dichterwerke früherer Jahrhunderte, so finden wir in allen, seit Dante, die musterhafteste epische Form, finden in allen den Menschen außer sich wirkend dargestellt, das Leben in Massen aufgegriffen und diese Massen, den Anforderungen der höheren Kunst gemäß, symbolisch durch die den Dichter begeisternd anregende Grundidee verbunden. Halten wir die in unserem Zeitalter der überall vorherrschenden Philosophie entstandenen epischen Dichtungen gegen jene Muster der Vorzeit, deren Grundmotivcn als solche uns fremdartig: so III. B b 406 müssen wir sie als schwache, wirkungslose Nachlaute derselben, oder in sofern als verfehlt erkennen, als sie, was Vorwurf des dramatischen Dichters, den Menschen nach innen führen. Abgesehen von dem Roman aller Romane, Wilhelm Meister, mit seiner universellen Bedeutung, in dem Alles sich zum Spiegelbilde höheren Lebens symbolisch gestaltet; abgesehen von Göthe's anderen Romanen, die sich in ihrer hohen Eigenthümlichkeit durchaus nicht mit anderen ähnlich geformten Werken in Beziehung bringen lassen; abgesehen endlich auch von dem kolossalen Torso: Heinrich von Ofterdingen, des Friedrich von Hardenberg, dessen Vorwurf nichts Anderes als die ganze Welt, als alles Leben und Wissen: finden wir nirgends als in Tiecks Novellen die epische Form schicklich und meisterhaft angewendet. Diese drei hochbedeutsamen Männer stehen in ihren Werken ä la Iiautoui- des Lebens, beherrschen ihr Zeitalter, und es wird wohl manchem Einsichtigen aus denselben die Idee einer allgemeinen höheren Erkenntniß des Lebens, eines neuen, dauernden goldenen Zeitalters der Poesie, Einigem Stre? bens in ihrem Reiche. Folgerung des Besprochenen stehe hier als Hypothese , die wir an anderem Orte Gelegenheit nehmen werden nachdrucksvoller durchzuführen: daß das mehr oder minder unbeholfene poetische Streben, der Mit» Ii ki 2 !L>K»E ist?^ Lais»»" stich)" Ml Ä ch » chüdas strich: ei» Err. lni, NI! tichÄ rich't, nLkiai h: Pk'N! i°,i» «ch. 407 welk sich entschieden zu dramatischer Epoche neigt» sie vorbereitet und verkündet. Ist es Zweck der Poesie: die Natur des Menschen, das Leben, in ihrer innersten Eigenthümlich- keit, ihren Grundtiefen aufgefaßt» in den bedeutsamsten Momenten, in der Krise darzustellen, in welchen sie im Sturme der Leidenschaften oder im Drange, in den Launen des Schicksals hervortreten; die Nathsel des Lebens in dem Hauche der Ironie, dem ewigen Zwiespalte zu losen, in dem alles irdische Thun und Treiben, Lust und Leid, mit der Weltansicht des seiner Heimath bewußten, von der Nichtigkeit des Lebens durchdrungenen Dichtergeistes steht und verschmilzt; soll der Dichter sodann stumm und unsichtbar, ein Gott, über seiner Schöpfung, der Dichtung schweben, nur sie sprechen lassen, und ist die Poesie also die eigentliche Seele des Lebens : so erweist sich die dramatische Form als die allein ihr gemäße, der dramatische Stoff als der allein darstellbare, und die höchste Zweckmäßigkeit, der in allen ihren Lheilen harmonisch vollendeten Kunstschöpfung, wie sie das innere Weltall des Dichters gebiert, wird zum Grunddedingnis der Dichtkunst im Allgemeinen. Hat der in das Allerheilige des Tempels der Poesie gedrungene Dichter, den Stoff, die Idee zu einem, diesen Forderungen entsprechenden Kunstwerke empfangen; muß dann, in Folge der höchsten Bb 2 Zweckmäßigkeit, das Kunstwerk unwillkührlich von selbst sich dramatisch gestalten: so kann der Roman, indem er seiner Natur gemäß nur das rohe, unge- lauterte Leben der Wirklichkeit selbst giebt, keinen Anspruch auf den Rang eines Kunstwerkes, das in den Schmelzflammen des Dichtergeistes geglüht seyn muß, geltend machen, ist der Frucht gleichbar, die sich, cntlösten wir sie ihrer bitteren oder süßen Schalen, als taub ergiebt, seine Form ist chaotisch» ist Unform. Unsere vorstehende Geschichte gleicht allerdings, indem der Stoff nach obigen Regeln undarstellbar ist, dem Romane, indem geschichtliche Begebenheiten und Personen in sie verwebt sind, dem geschichtlichen Romane; sie kann nothwendig, unbedingt nicht anders als geschichtlicher Roman genannt werden. Wir können ihr zwar, nach unserem eben ausgesprochenen Glaubensbekenntnisse, den Maßstab eigentlicher Kritik nicht anlegen, kein eigentliches Unheil über sie fällen; wir können aber wohl sagen: der Stoff ist schön und rührend, die Behandlung zeugt durchge- hends von dem gelauterten Geschmack, der Fülle von Beredsamkeit und Menschenkenntnis der tiefen, zarten Empfindung, dem hohen lyrischen Schwünge, und endlich der besonnenen, klaren Anschauung des Darzustellenden: wie wir das Alles schon an dem herrlichen Dichter kennen- 409 Wären wir nun sonach mit Ausstellung unseres Dafürhaltens von den drei, dem Leser übergebenen Bänden fertig, so kommen wir zum zweiten Satz unserer Rede; indem uns aus der Art wie der Dichter seinen Stoff auffaffte: aus der oft ganz dramatischen, aus der auf die kleinsten Nüanzen sich cin- lassenden. oft rein (niederländisch-) malerischen Darstellung, aus der Gedrängtheit und Energie des Styles, unwillkührlich der Gedanke wird: der Verfasser habe das Ganze zu seinem eigenen Studium hingeworfen, nicht eigentlich zur öffentlichen Mittheilung geschrieben, habe sich, ohne Befolgung kunstgerechter Rücksichten, ganz dem in die kleinsten Verborgenheiten des Lebens eindringenden Beob- achtungs- und Forschungstriebe überlassen und hingegeben. Halten wir diese Vermuthung fest, so scheint uns der Verfasser durch jene anfänglich mitgetheilte, kleine Mystifikation seines Publikums, scheinen uns- eben seine mitgetheilten eigenen Worte, sie bestätigend andeuten zu wollen. Barbarisch könnte es nur zu nennen seyn, wollte man, in Betreff dieses Romans, den Verfasser in eine, wenn auch nur in die entfernteste Beziehung mit dem schottischen Nomanschreiber oder ähnlichen bringen, er mag nun oder mag nicht in dessen Romanen Veranlassung zu dem seinen gefunden haben. Es findet sich bei keinem der jetzt lebenden Dich- 4l0 ter (den selbständigen Tieck wird Niemand hier nennen), es findet sich vielleicht mit wenigen Ausnahmen bei keinem der neueren überhaupt, so erfreuende (wohl durch unmittelbaren Einfluß von Gö- the's Schriften erzeugte) Verwandtschaft mitGöthe's Geist, als bei Manzoni. Göthe's allumfassender Geist giebt seinen Schriften den Inbegriff seines ganzen Jahrhunderts; sie gingen aus und mit demselben hervor, und durch sie bildete sich der Dichter zum geistigen Reformator seiner Zeit; gelangte in ihnen zu eben der höchsten Zweckmäßigkeit, ward durch sie, die als ewige Denkmale dieser geistigen Reformation dastehen, zum unentbehrlichen Führer jedes nach der allgemeinen höheren Weltbildung strebenden Geistes. Auf dieser Höhe der Weltbildung sieht Manzoni, sein Geist ist frei von Vorurtheilen, Grund-Jrrthü- mern im Gebiete der Kunst. Seine beiden tadellos und trefflich skitzirten Dramen athmen den freien Actherder Poesie, und sicherlich wird das nächste Werk, mit dem Manzoni fein Publikum beschenkt, nach den Vorstudien dieses Romans, in Wahl des Stoffes gleichwie in der Ausführung ungleich vollendeter. Vermißt man bei Manzoni noch jene philosophische Tiefe und Unerschöpslickkeit, die höchste Weihe, die in der unendlichen Harmonie aller einzelnen Theile des Kunstwerkes eben deshalb beruht, weil ein jeder 411 derselben, aus dem innersten Herzen der Natur geschnitten, in seinen kleinsten Zügen und Falten durch den andern bedingt ist, in dem reinsten Ebenmaße zu ihm steht, vermißt man bei ihm die Weihe, wie des Dichters Schöpfung sie im Lichtblicke des Geistes empfing, wie sie uns aus dem unwandelbaren Polsterne der Poesie, aus Shakespeare, in bis jetzt erreichbarster Vollendung anleuchtet; so sind wir doch überzeugt, daß es nur von Manzoni's Willen abhangt, ' diesem Heros und seinen Zeitgenossen, dem goldenen Zeitalter der englischen und spanischen dramatischen Poesie, mächtige, für uns nicht zu übersehende Wirkung auf seine dichterische Laufbahn einzuraumen, und daß sodann der schroffe Ausspruch jenes Britten: Lmmmgnolll hinge ihm ja noch ein Schein von Begründung an, zum mindesten auf spatere Werke des Dichters nicht die allergeringste Anwendung erleiden dürfte. von Bülow. Druckfehler. Der Leser möge Nachsicht mit einigen durch das ganze Werk sich erstreckenden Jnconsequenzen in der Orthographie haben. Sie sind daher entstanden, daß der Corrcktor. wo der Sprachgebrauch zwei Schreibweisen gestattet, nicht immer der des Uebersetzers folgte, sonder» theilweise die seinige einpaschte. So entgingen seiner Aufmerksamkeit auch eine Anzahl Druckfehler, von denen die ärgerlichsten nachstehend angegeben werden. Im ersten LH eile. Seite 113 Zeile 7 von oben, statt stünde lies stände. >— S. 12g I. 4 v. unten, st. Aerme l. Arme. — S. 16» Z. 12 v. u. st. Trapp l. Trab. — S. 174 3. 12 . ». u. st. erhüben l. erhoben. — S. 186 3. 7 v. o. st. Heller l. Silberstücke. — S. 227 A. 13 v. u. st. verständest I. verständest. — S. 268 Z. 14. v. u. st. leeren l. leerem. Im zweiten Lheile. Seite 35 Zeüe 5 von unten, statt Sekten lies Seelen. — S. 41. A. 8. v. u. st. Knalle l. Knall- S. 12» Z. 11. v. u. st. Versteht es sich l. Versteht sich. — S. 13g Z. 8 v. oben st. von l. vor — S. 165. I. 1 . v. u. st. an I. weh. — S. 181 Z. 1» und 11 v. o. st. h a t t e e r si e alle durchgangen l. war er durch alle gegangen. —' S. lg» A. 12 v. o. st. Secte l. Seele. — S. 18 ». Z. 15 v. o. st. Schwager l. Schwätzer. — S. 181 . Z. i4 v. o. st. hat l. ist. — S. 185 Z. 2. v. u. st. verhehlte l. verfehlte. — S. 247 Z. 14 v. o. st. nach I. nah. — S. 312 Z. z v. o. st. wisse» l. wissen zu wollen. Im dritten Thejle. Seite. 67 Zeile 7 von unten statt wir lies wie — S. i»t Z. 13 v. u. st. das l. daß. — S. 119 Z. I v. oben st. gescheuten s. gescheiten. — S. 122 Z. 2 v. u. st. w a n n l. wenn. — S. 124 Z. 12 . v. o. st. sie I. ihr.