Jean Paul's ausgewählte Werke. Zehnter Band. Berlin, Druck und Verlag vxn G. Reimer. 1 8 4 8 . Inhalt des zehnten Bandes. Titan. Erster Band. Erste Jobelperiode. 1-9. Zykel. Seite Fahrt nach Isoln bella — der erste Frendcntag im Titan — der Pasquinos - Götzendiener — Lob der Rcichsintcgri- tät — das Moussircn der Jugend — süßes Blutvergießen — die Erkennung eines Vaters — groteskes Testament — deutsche Vorliebe für Gedichte und Künste — der Vater des Todes — Geister-Akt — der blutige Traum — die Schaukel der Phantasie. 7 Zweite Jobelperiode. 10—16. Zykel. Die beiden biographischen Höfe — die Senncnhütte — das Fliegen — der Haar-Verschleiß — die gefährliche Vo- geistangc — das in eine Kutsche gesperrte Gewitter — leise Bcrgmusik — das Kind voll Liebe — H. von Fal- terlc aus Wien — Tortursoups — das zersplitterte Herz — Weither ohne Bart mit einem Schüsse — die -Versöhnung .79 Dritte Jobelperiode. 17—20. Zykel. Methoden der beiden Kunstgärtncr in ihrer pädagogischen Pelzschule — Schutzschrisl für die Eitelkeit — Morgenrots) der Freundschaft — Morgenstern der Liebe.119 Vierte Jobelperiode. 21-27. Zpkcl. Hoher Styl der Liebe — der gothaische Taschenkalender — Träume auf dem Thurmc — das Abendmahl und das IV Donnerwetter — die Nachtreise ins Elysium — neue Akteurs und Bühnen und das Ultimatum der Schuljahre. 137 Fünfte Jobelperiode. 28 — 33. Zykel. Prunkcinzug — O. Sphcr — der trommelnde Kadaver — der Brief des Ritters — Netrogradazion des Sterbetags — Julienne — der stille Charfrcitag des Alters — der gesunde und verschämte Erbprinz — Roquairol — das Erblinden — Sphercns Liebhaberei für Thräncn — das fatale Gastgcbot — das Ooloroso der Liebe . . . 161 Sechste Jobelperiode. 34 — 33. Zykel. Die IO Verfolgungen des Lesers — Liancns Morgcnzimmcr — Disputazion über die Geduld — die malerische Kur. 206 Siebente Jobelperiode. 36 — 40. Zykel. Albano's Eigenheit — das Ncslelknüpfen der Politik — der Herostrat der Spieltische -— väterliches manäatniir 8ii>s olnlisnln — gute Gesellschaft — H. von Uonverot — Liancns Gegenwart des Geistes und Körpers . . . . 224 Achte Jobelperiode. 41-45. Zykel. lb>s xetit lever des I). Spher — Steig nach Lilar — Wald- brückc — der Morgen in Arkadien — Chariten — Liancns Brief und Dankpsalm — empfindsame Reisen durch einen Garten — das Flötcnthal — über die Realität des Ideals. 247 Neunte Jobelperiode. 46 — 52. Zykel. Lust der Hoftrauer — das Bcgräbniß — Roquairol — Brief an ihn — die sieben letzten Worte im Wasser — die Huldigung— Ncdoute — Puppcnrcdonte — der Kopf in der Luft, der Tartarus, die Geisterstimme, der Freund, die Katakombe und die vereinigten Menschen.278 Titan Jean Paul. Erster Band. Jean Paul's ausgew. Werke. X. Den vier schönen nnd edeln S ch w e st e r n auf dem Thron. 1 * Der Traum der Wahrheit. „Aphrodite, Aglaja, Euphrosync und Thalia sahen einst in das irdische Helldunkel hernieder und, müde des ewig heitern, aber kalten Olympos, sehnten sie sich herein unter die Wolken unserer Erde, wo die Seele mehr liebt, weil sie mehr leidet, und wo sie trüber, aber wärmer ist. Sie hörten die heiligen Töne heraufsteigcn, mit welchen Polyhymnia unsichtbar die tieft bange Erde durchwandclt, um uns zu erquicken und zu erheben; und sic trauerten, daß ihr Thron so weit abstche von den Seufzern der Hülfloftn. Da beschlossen sic, den Erdenschleier zu nehmen und sich ciuzuklciden in unsere Gestalt. Sie gingen von dem Olympos herab; Amor und Amorinen und kleine Genien flogen ihnen spielend nach, und unsere Nachtigallen flatterten ihnen aus dem Mai entgegen. — Aber als sie die ersten Blumen der Erde berührten und nur Stralcn und keine Schatten warfen: so hob die ernste Königin der Götter und Menschen, das Schicksal, den ewigen Zepter auf und sagte: der Unsterbliche wird sterblich auf der Erde, und jeder Geist wird ein Mensch! — 6 Da wurden sie Menschen und Schwestern und nannten sich Luise, Charlotte, Therese, Friederike; die Genien und Amorinen verwandelten sich in ihre Kinder und flogen ihnen in die Muttcrarmc, und die mütterlichen und schwesterlichen Herzen schlugen voll neuer Liebe in einer großen Umarmung. Und als die weiße Fahne des blühenden Frühlings flatterte — und menschlichere Thronen vor ihnen standen — und als sic, von der Liebe, der Harmonika des Lebens, selig- erwcicht, sich und die glücklichen Kinder anblickten und verstummten vor Lieb' und Seligkeit: so schwebte unsichtbar Po- lyhymnia vorüber und erkannte sic und gab ihnen die Töne, womit das Herz Lieb' und Freude sagt und gibt. . . . ." — Und der Traum war geendigt und erfüllt; er hatte, wie immer, nach der Wirklichkeit und dem Wachen sich gebildet. Darum sei er den vier schönen und edcln Schwestern geweiht, und alles, was ihm im Titan ähnlich ist, sei cs auch! Jean Paul Fr. Richter. Erste Jobelperiode. Fahrt nach Isoka llekln — der erste Freudentag im Titan — der Pasquinos - Götzendiener — Lob der Reichsintegrität — das Moussircn der Jngcnd — süßes Blutvergießen — die Erken- nung eines Vaters — groteskes Testament — deutsche Vorliebe für Gedichte und Künste — der Vater des Todes — Geister-Akt — der blutige Traum — die Schaukel der Phantasie. 1. Z Y k e l. ^n einem schönen Frühlingsabend kam der junge spanische Gras von Ccsara mit seinen Begleitern Schoppe und Dian nach Sesto, um den andern Morgen nach der Borromäischen Insel Isola liella im ImZo inaAZiors übcrzufahrcn. Der stolz- aufblühende Jüngling glühte von der Reise und von dem Gedanken an den künftigen Morgen, wo er die Insel, diesen geschmückten Thron des Frühlings, und auf ihr einen Menschen sehen sollte, der ihm zwanzig Jahre lang versprochen worden. Diese zweifache Glut hob den malerischen Heros zur Gestalt eines zürnenden Muscngottes empor. In die welschen Augen zog seine Schönheit mit einem größer» Triumphe ein als in die engen nördlichen, wovon er hcrkam; in Mailand hatten 8 viele gewünscht, er wäre von Marmor und stände mit altern versteinerten Göttern entweder im Farnesischcn Pallast oder im Klemcntinischen Museum oder in der Villa Albani; ja hatte nicht der Bischof von Novnru mit seinem Degen an der Seite vor wenigen Stunden bei Schoppen, der zuletzt ritt, nachge- sragt, wer cs sei? Und hatte nicht dieser mit einer närrischen Quadratur seines Runzeln-Zirkels um die Lippen weitläuftig versetzt (um dem geistlichen Herrn Licht zu geben): „mein Te- „lcmach ist's, und ich mache den Mentor dabei — ich bin die „Rändelmaschinc und der Prägstock, der ihn münzt — der „Glättzahn und die Plattmühlc, die ihn bohnt — der Mann, „der ihn regelt?" — Die jugendlich warme Gestalt Ccsara's wurde durch den Ernst eines nur in die Zukunft vertieften Auges und eines männlich-festgeschlosscncn Mundes und durch die trotzige Entschlossenheit junger frischer Kräfte noch mehr veredelt; erschien noch ein Brennspiegcl im Mondlicht, oder ein dunkler Edelstein von zu vieler Farbe zu sehn, den die Welt, wie andere Juwelen, erst durch Hohlschleifcn lichtet und bessert. — In dieser Nähe zog ihn die Insel, wie eine Welt die andere, immer heftiger an. Seine innere Unruhe stieg durch die äußere Ruhe. Noch dazu stellte Dian, ein Grieche von Geburt und ein Künstler, welcher lkolu llelln und Isoln mnäre öfters umschifft und nachgezcichnct hatte, ihm diese Prachtkcgel der Natur in feurigen Gemälden näher vor die Seele; und Schoppe gedachte des wichtigen Menschen öfters, den der Jüngling morgen zum erstcnmalc sehen sollte. Als man unten auf der Gasse einen sestschlasenden Greis vorübcrtrug, dem die untcrgehcnde Sonne Feuer und Leben in das markige stark- gegliederte Angesicht warf, und der eine nach italiänischer Sitte 9 aufgedcckt getragne — Leiche war: so fragt' er erschrocken und schnell die Freunde: „sieht mein Vater so aus?" Was ihn nämlich mit so heftigen Bewegungen der Insel zntrcibt, ist Folgendes: Aus Isoln belln hatt' er die drei ersten irdischen Jahre mit seiner Schwester, die nach Spanien, und neben seiner Mutter, die unter die Erde ging, mitten in den hohen Blumen der Natur liegend, süß vertändelt und verträumt^— die Insel war für den Morgcnschlummcr des Lebens, für seine Kindheit, Raphaels übermaltes Schlafgemach gewesen. Aber er hatte nichts davon im Kopfe und Herzen behalten als in diesem ein schmerzlich-süßes tiefes Aufwallen bei dem Namen, und in jenem das — Eichhorn, das als Familienwap- pcn der Borromäer' ans der obersten Terrasse der Insel steht. Nach dem Tode der Mutter versetzte ihn sein Vater ans der welschen Blumenerde >— einige blieb an den Pfahlwurzeln hängen — in den deutschen Reichssorst, nämlich nach Blumenbühl — im Fürstenthum Hohenflicß, das den Deutschen so gut wie unbekannt ist —; hier ließ er ihn im Hanse eines biedern Edclmannes so lange erziehen, oder deutlicher und allegorischer, er ließ hier die pädagogischen Kunstgärtner so lange mit Gießkannen, Jnokulirmcffcrn und Gartcnschccren um ihn laufen, bis sic an den hohen schlanken Palmbaum voll ' Sagomark und Schirmstachcln mit ihren Kannen und Scheelen nicht mehr langen konnten. Jetzt soll er nach der Rückreise von der Insel aus dem Feldbecte des Landes in den Loh- und Trcibkübcl der Stadt und auf das Gestelle des Hofgartcns kommen, mit einem Worte nach Pestitz, der Universität und Residenzstadt von Hohcn- flicß, deren Anblick sogar bisher sein Later ihm hart verboten hatte. 10 Und morgen sicht er diesen Vater zum — erstenmal! — Er mußte brennen vor Verlangen, da sein ganzes Leben eine Anstalt zu dieser gemeinschaftlichen Landung war, und seine Pflcgceltern und Lehrer eine chalkographischc Gesellschaft waren, die den Antor seines Lcbcnsbuches so herrlich vor das Titelblatt in Kupfer stach. Sein Vater, Gaspard de Cesara, Ritter deS goldnen Vließes (ob spanischer oder österreichischer, wünscht' ich selber genauer zu wissen), ein vom Schicksal drei- schneidig und glänzend geschliffner Geist, hatte in der Jugend wilde Kräfte, zu deren Spiel nur ein Schlachtfeld oder Königreich geräumig gewesen wäre, und die sich im vornehmen Leben so wenig bewegen konnten als ein Scekrakcn im Hafen — er stillte sie durch Gastrollen in allen Ständen und Lust- nnd Trauerspielen, durch das Treiben aller Wissenschaften und durch eine ewige Reise — er wurde mit großen und kleinen Menschen und Höfen vertraut und oft verflochten, zog aber immer als ein Strom mit eignen Wellen durchs Weltmeer. — Und jetzt, nachdem er die Land- und Seereise um das Leben, um dessen Freuden und Kräfte und Systeme gemacht, fährt er (besonders da ihm der Affe der Vergangenheit, die Gegenwart, immer nachläust) in seinem Studircn und im geographischen Reisen fort, aber stets für wissenschaftliche Zwecke, wie er denn eben die europäischen Schlachtfelder bereiset. Ucbrigcns ist er gar nicht betrübt, noch weniger froh, sondern gesetzt, auch hasset und liebt, oder tadelt und lobt er die Menschen so wenig wie sich, sondern schätzet jeden in seiner Art, die Taube in ihrer und den Tiger in seiner. Was oft Rache scheint, ist blos das harte kriegerische Durchschreiten, womit ein Manu Lerchcneicr und Achren crtritt, der nie fliehen und fürchten kann, sondern nur anrückcn und stehen.- 11 Ich denke, die Ecke ist breit genug, die ich hier uns der Whistonschcn Komctcnkarte von diesem Schwanzsterne für die Menschen abgeschnitten. Ansbedingen will ich, eh' ich weiter rede, mir dieses, daß ich Don Gaspard auch zuweilen den Ritter heißen dürfe, ohne das goldnc Vließ anzuhängcn — und daß ich, zweitens, nicht von meiner Höflichkeit gegen die kurze Lcser-Mcmoric genöthigt werde, seinem Sohne Cesara (unter diesem Namen soll der Alte nie austrctcn) den Taufnamen ab- zuzwickcn, der doch Albano heißet. — Da jetzt Don Gaspard aus Italien nach Spanien ging: so hatt' er durch Schoppe uuscru Albano oder Cesara aus Blumenbühl hierher führen lassen, ohne daß man weiß, warum so spat. Wollt' er in den vollen Frühling der jungen Zweige schauen? — Wollt' er dem Jüngling einige Bauernregeln im hundertjährigen Kalender des Hoslcbcns ausschlagcn? — Wollt' cr's den alten Galliern oder den jetzigen Kapbe- wohncrn nachmachcn, die ihre Söhne nur waffenfähig und erwachsen vor sich ließen? — Wollt' er nichts weniger als das? — Nur so vicst begreif' ich, daß ich ein gutwilliger Narr wäre, wenn ich mir im Vorhofe des Werks die Last aufbürden ließe, von einem so sonderbaren Manne mit einer um so viele Grade deklinircudcn Magnetnadel schon aus so wenigen Datis eine Wilkcschc magnetische Neigungskarte zu zeichnen und zu stechen; — er, aber nicht ich bin ja der Vater seines Sohns, und er soll wissen, warum er ihn erst bärtig vorbcschieden. Als cs 23 Uhr (die Stunde vor Sonnenuntergang) schlug, und Albauo die langweiligen Schläge addircu wollte: war er so aufgeregt, daß er nicht im Stande war, die lange Tonleiter zu ersteigen; er mußte hinaus ans User des ImZo, in welchem die ansgcthürmten Inseln wie Mcergötter anfstchcn und Herr- 12 scheu. Hier stand der edle Jüngling, das beseelte Angesicht voll Abcndroth, mit cdeln Bewegungen des Herzens, und scus- zetc nach dem verhüllten Vater, der ihm bisher mit Sonnen- kraft, wie hinter einer Ncbclbank, den Tag des Lebens warm und licht gemacht. Dieses Sehnen war nicht kindliche Liebe — diese gehörte seinen Pflcgecltern an, weil kindliche nur gegen ein Herz entsteht, woran wir lange lagen, und das uns gleichsam mit den ersten Herzblättern gegen kalte Nächte und heiße Tage beschirmte — seine Liebe war höher oder seltener. Ucbcr seine Seele war der Ricscnschatten des väterlichen Bildes geworfen, der durch Gaspards Kälte nichts verlor; Dian verglich sic mit der Ruhe aus dem erhabenen Angesichte der Juno Ludovici; und der warme Sohn verglich sie mit einer andern schnellen Kälte, die im Herzen oft neben zu großer fremder Wärme cinsällt, wie Brcnnspiegcl gerade in den Heistern Tagen matter brennen. Ja er hoffte sogar, er vermöge vielleicht dieses so quälend ans Eisfeld des Lebens angefrorne Vatcrhcrz durch seine Liebe abzulöscn; der Jüngling begriff nicht, wie einem treuen warmen Herzen zu widerstehen sei, wenigstens seinem. Dieser Heros, in der ländlichen Karthause und mehr unter der Vorwelt als Mitwelt ausgewachsen, legte an alles antedi- luvianischc Niescncllcn; die Unsichtbarkeit des Ritters machte einen Thcil von besten Größe aus, und die Mosisdecke verdoppelte den Glanz, indem sie ihn vcrhing. — Überhaupt zog unfern Jüngling ein sonderbarer Hang zu übermäßigen Menschen hin, wovor sich andere entsetzen. Er las die Lobreden ans jeden großen Menschen mit Wollust, als wären sie auf ihn; und wenn das Volk ungewöhnliche Geister eben darum für 13 schlimme hält — wie cs alle seltene Pctrcsakta für Tcnfels- glieder nimmt — so wohnte umgekehrt in ihm immer neben der Bewunderung die Liebe an, und seine Brust wurde immer zugleich weit und warm. Freilich hält jeder Jüngling und jeder große Mensch, der einen andern für groß an- fieht, ihn eben darum für zu groß. — Aber in jedem edcln Herzen brennt ein ewiger Durst nach einem edlern, im schönen nach einem schönem; es will sein Ideal außer sich in körperlicher Gegenwart, mit verklärtem oder angenommenem Leibe erblicken, um cs leichter zu erstreben, weil der hohe Mensch nur an einem hohen risist, wie man Diamanten nur an Diamanten glänzend macht. — Will hingegen ein Literator, ein Kleinstädter, ein Zeitungsträgcr oder Zeitungsschreiber einen großen Kopf zu Gesicht bekommen, und ist er ans einen großen Kopf eben so ersessen wie auf eine Mißgeburt mit drei Köpfen — oder aus einen Pabst mit eben so viel Mützen — oder auf einen ausgcstopstcn Haifisch — ober auf eine Sprach- nnd Buttermaschine: so thut er's nicht, weil ein warmes, seinen inneren Menschen beseelendes Ideal von einem großen Manne, Pabste, Haifische, Dreikopse und Buttermodelle ihn drangt und treibt, sondern weil er früh Morgens denkt: „es soll mich doch wundern, wie der Kauz anssicht," und weil cr's Abends bei einem Glase Bier berichten will. — Albano blickte am User mit steigender Unruhe über das glänzende Wasser nach dem heiligen Wohnplatze der vergange-' neu Kindheit, der vergangenen Mutter, der weggezvgenen Schwester hin — die Frcudcnlicdcr schwammen aus den fernen Barken her und berauschten ihn — jede laufende Welle, die schäumende Brandung trieb eine höhere in seinem Busen auf 14 » — die Riescnstatue des h. Borromans, ^) die über die Städte wcgsah, verkörperte den Erhabnen (seinen Vater), der sich in seinem Herzen aufrichtctc, und die blühende Pyramide, die Insel, wurde der väterliche Thron — die funkelnde Berg- und Glctscherkettc wand sich fest um seinen Geist und zog ihn empor zu hohen Wesen und hohen Gedanken.- Die erste Reise, zumal wenn die Natur nichts als weißen Glanz und Orangcnblütcn und Kastanicnschattcn ans die lange Straße wirft, beschert dem Jüngling das, was oft die letzte dem Mann' entführt — ein träumendes Herz, Flügel über die Eisspalten des Lebens und weit offne Arme für jede Mcn- schenbrnst. Er ging zurück und bat seine Freunde mit seinem siegenden Auge, noch diesen Abend abzuschiffcn, wicwol Don Gas- pard erst morgen auf die Insel kam. Was er oft nach einer Woche thnn wollte, nahm er sich aus den nächsten Tag vor, und endlich that er's — sogleich. Dian klopfte dem eiligen Boreas voll Liebe auf den Kopf und sagte: „ungeduldiges „Wesen! Du hast hier die Flügel vom Gvttcrboten, und da „unten auch (auf die Füße zeigend)! Aber glühe dich nur ab! „In der schönen Nachmittcrnacht steigen wir ein, und wenn „die Morgcnröthc am Himmel leuchtet, landen wir an." — Dian hatte nicht blos eine artistische Aufmerksamkeit für *) Diese 35 Ellen hohe Statue aus einem Gestelle von 25 Ellen, in deren Kopse 12 Menschen Raum antreffen, steht bei Arena und hält gerade mit der gcgenübcrslchcnden Isola IisIIa, die mit 10 auf einander gcbaueten Gärten oder Terrassen anfsteigt, einerlei Höhe. KcySlers Reisen re. B. 1. 15 den wohlgestalteten Liebling, sondern auch eine zärtliche, weil er in Blumenbühl, wo er als Landbanmcister zu thnn hatte, oft sein bildender Kinder- und Jugendfreund gewesen war, und weil er jetzt auf der Insel für einige Zeit aus seinen Armen nach Rom entwich. Da der Landbanmcister dasselbe Ucbcrströmcn im Jüngling für keines hielt, das er im Greise schalt, eine Ueberschwcmmung für keine in Aegypten, obwol für eine in Holland, und da er für jedes Individuum, Alter und Volk eine andere glcichschwebcndc Temperatur an- nahm, und in der heiligen Menschcnnatur keine Saite zu zerschneide», sondern nur zu stimmen fand: so mußte wol Ccsara am hcitcru duldenden Lehrer, auf dessen beiden Gesctz- Eascln nur stand: Freude und Maß! recht innig hängen, noch inniger als an den — Tafeln selber. Die Bilder der Gegenwart und der nahen Zukunft und des Vaters hatten die Brust des Grafen so sehr mit Größe und Unsterblichkeit gefüllt, daß er gar nicht begriff, wie jemand sich könne begraben lassen, ohne beide errungen zu haben, und daß er den Wirth, so oft er etwas brachte — zumal da er immer sang und wie Neapolitaner und Russen in Molltönen — bedauerte, weil der Mann nie etwas wurde, geschweige unsterblich. Das letztere ist Jrrthum; denn hier bekommt er seine Fortdauer, und ich nenne und belebe gern seinen Namen Illppo (der abbrevirtc blllffzpo). Als sie endlich gingen und bezahlten, und Illppo einen Krcmnitzcr Dukaten küßte mit den Worten: gelobt sei die h. Jungfrau mit dem Kinde auf dem rechten Arm: so erfreuetc sich Albano, daß der Vater dem frommen Töchtcrlein nachschlagc, das den ganzen Abend ein Jesuskind wiegte und fütterte. Freilich merkte Schoppe an: 16 aus dem linken Arme trage sic das Kindlcin leichter»); aber der Jrrthum des guten Jünglings ist ein Verdienst wie die Wahrheit. Unter dem Glanze des Vollmondes bestiegen sie die Barke und glitten über die leuchtenden Wellen dahin. Schoppe schiffte einige Weine mit ein, „weniger, sagt' er, weil aus der Insel „nichts zu haben sei, als weil er, wenn das Fahrzeug leck „würde, dann nichts auszupumpcn brauchte als die Flaschen *) **); „dann hob' cs sich wieder." Ccsara sank schweigend immer tiefer in die dämmernden Schönheiten des Users und der Nacht. Die Nachtigallen schlugen begeistert auf dem Triumphthore des Frühlings. Sein Herz wuchs in der Brust wie eine Melone unter der Glocke, und er hob sic immer höher über der schwellenden Frucht. Auf einmal bedacht' er, daß er so den Tulpenbaum des prangenden Morgens und die Kränze der Insel nur wie eine italiänischc Scidenblnmc Staubfaden für Staubfaden, Blatt für Blatt Zusammenlegen sehe: — da befiel ihn sein alter Dürft nach einem einzigen erschütternden Guß aus dem Füllhorn der Natur; er verschloß die Augen, um sie nicht eher zu öffnen als oben auf der höchsten Terrasse der Insel vor der Morgcnsonnc. Schoppe dachte, er schlafe; aber der Grieche crricth lächelnd die Schwelgerei dieser künstlichen Blindheit und band selber vor die großen unersättlichen Augen das breite schwarze Taftband, das als eine weibliche Binde und Spitzcnmaske sondcr- *) Die alten Kremnitzer haben das Christuskind ans dem rechten Arm, die neuen und leichtern auf dem linken. *') Franklin rieth das Anfbewahrcn und Bouchiren ausgetrunkener Gefäße an, um das Schiff dadurch oben zu erhalten. bar und lieblich gegen das blühende, aber männliche Gesicht abstach. Nun neckten ihn beide freundlich mit mündlichen Nachtstücken von den herrlichen User - Ornamenten, zwischen denen sie zogen. „Wie stolz (sagte Dian zu Schoppen) richtet sich „dort das Schloß Lizanza und sein Berg, gleich einem Hercules, mit zwölffachen Gürteln ans Wcinlanb in die Höhe!" — „Den Grasen (sagte Schoppe leiser zn Dian) bringt der „Angen-Schmachtriemen um viel. Seht Ihr nicht, Baumeister, „poetisch zu reden, den Glimmer von Aroncns Stadt? Wie „schön legt sic Lnncns I>Innc cl'Lspngne auf und scheint sich „im nmgcworfncn Pndermantel des Mondscheins für morgen „aufzusetzcn und zn putzen! — Doch ist das wenig, sicht man „dort den heiligen Borromäns, der den Mond als eine frisch- „gewaschcnc Nachtmütze anfhat, besser an: steht der Gigant „nicht wie der Mikromcgas des deutschen Staatskörpcrs dort, „eben so hoch, eben so starr und so steif?" — Der Glückliche schwieg und gab statt der Antwort einen Handdruck der Liebe — er träumte nur die Gegenwart und zeigte, er könne warten und entbehren. Wie ein Kindcrherz, dem die Vorhänge und die Nachmitternacht das nahe Weihnachtsgeschenk verdecken, zog er aus dem Luftschiffe mit fester Binde dem nahen Himmelreiche entgegen. Dian trug, so weit cs das Doppcllicht des Mondscheins und der nachhclfcnden Aurora znließ, eine Zeichnung von dem verhüllten Träumerin sein Studienbuch.-Ich wollt', ich hätte sic da und säh' es, wie mein Liebling mit dem unterbundenen Sehnerven auf ihr zugleich das gegen die innere Welt gerichtete Auge des Traumes und das gegen die äußere Welt gespitzte Ohr der Jea» Kauvs ausgkw. Wrr!e. X. 2 18 Aufmerksamkeit anstrcngt. Wie schön ist so etwas, gemalt — wie viel schöner, erlebt! — Der Mantel der Nacht wurde dünner und kühler — die Morgenlust wehte lebendig an die Brust —- die Lerchen mengten sich unter die Nachtigallen und unter die singenden Ruderlcute — und er hörte hinter seiner lichtcrn Binde die frohen Entdeckungen der Freunde, die in den offnen Städten der Ufer das Menschengewühl auflcben und an den Wasserfällen der Berge bald Himmclroth, bald Nebel wechseln sahen. — Endlich hing die zerlegte Morgcnröthc als eine Frnchtschnur von Hcspcridcnäpfeln um die fernen Kastanicngipfcl; und jetzt stiegen sic ans Isoln beiin ans. Der verhangne Träumer hörte, als sie mit ihm die zehen Terrassen des Gartens hinanfgingcn, neben sich den einath- mcnden Seufzer des Frcndcnschauders und alle schnelle Gebete des Staunens; aber er behielt standhaft die Binde und stieg blind von Terrasse zu Terrasse, von Orangendüftcn durchzogen, von höhern freicrn Winden erfrischt, von Lorbccrzweigcn umflattert — und als sie endlich die höchste Terrasse erstiegen hatten, unter der der Sec 60 Ellen tief seine grünen Wellen schlägt, so sagte Schoppe: jetzt! jetzt! — Aber Cesara sagte: „Nein! Erst die Sonne!" Und der Morgenwind warf die Sonne leuchtend durchs duuklc Gezweig empor, und sie flammte frei auf den Gipfeln — und Dian zerriß kräftig die Binde und sagte: „schau umher!" „O Gott!" ries er selig erschrocken, als alle Thüren des neuen Himmels aufsprangcn und der Olymp der Natur mit seinen tausend ruhenden Göttern um ihn stand. Welch eine Welt! Die Alpen standen, , wie verbrüderte Riesen der Vorwclt fern in der Vergangenheit verbunden beisammen und hielten hoch der Sonne die glänzenden Schilde der Eis- 19 berge entgegen — die Niesen trugen blaue Gürtel aus Wäldern — und zu ihren Füßen lagen Hügel und Weinberge — und zwischen den Gewölben ans Reben spielten die Morgenwinde mit Kaskaden wie mit wafsertaftncn Bändern — und an den Bändern hing der überfüllte Wasserspiegel des Sees von den Bergen nieder, und sie flatterten in den Spiegel, und ein Laubwerk aus Kastanicnwäldern faßte ihn ein. .... Albano drehte sich langsam im Kreise um und blickte in die Höhe, in die Tiefe, in die Sonne, in die Blüten; und auf allen Höhen brannten Lärmfcncr der gewaltigen Natur und in allen Tiefen ihr Wicderschein >— ein schöpferisches Erdbeben schlug wie ein Herz unter der Erde und trieb Gebirge und Meere hervor.-O als er dann neben der unendlichen Mutter die kleinen wimmelnden Kinder sah, die unter der Welle und unter der Wolke flogen — und als der Morgenwind ferne Schiffe zwischen die Alpen hinein jagte — und als lsoln inncli-s gegenüber sieben Gärten ansthürmte und ihn von seinem Gipfel zu ihrem im wagrechtcn wiegenden Fluge hinüber lockte — und als sich Fasanen von der Madre-Insel in die Wellen warfen: so stand er wie ein Sturmvogel mit anfgcblättcrtcm Gefieder auf dem blühenden Horst, seine Arme hob der Morgenwind wie Flügel auf, und er sehnte sich, über die Terrasse sich den Fasanen nachzustürzcn und im Strome der Natur das Herz zu kühlen. .Er nahm, ohne sich umzusehen, verschämt die Hände der Freunde und drückte sic ihnen, damit er nicht sprechen müsse. Das stolze Weltall hatte seine große Brust schmerzlich ausgedehnt und dann selig überfüllt; und da er jetzt die Augen wie ein Adler weit und fest in die Sonne öffnete; und da die Erblindung und der Glanz die Erde verdeckte, und er 2 * 20 einsam wurde; und die Erde zum Rauch und die Sonne zu einer weißen sanften Welt, die nur am Rande blitzte: so that sich sein ganzer voller Geist wie eine Gewitterwolke auseinander und brannte und weinte, und aus der reinen blassen Sonne sah ihn seine Mutter an, und im Feuer und Rauch der Erde stand sein Vater und sein Leben eingchüllt. — Still ging er die Terrassen herunter und fuhr oft über die nassen Augen, um den feurigen Schatten wcgzuwischen, der ans alle Gipfel und alle Stufen hüpfte. — Hohe Natur! wenn wir dich sehen und lieben, so lieben wir unsere Menschen wärmer, und wenn wir sic betrauern oder vergessen müssen, so bleibst du bei uns und ruhest vor dem nassen Auge wie ein grünendes abcndrothes Gebirge. Ach vor der Seele, vor welcher der Mergenthau der Ideale sich zum grauen kalten Landregen entfärbet hat — und vor dem Herzen, dem auf den unterirdischen Gängen dieses Lebens die Menschen nur noch wie dürre gekrümmte Mumien auf Stäben in Katakomben begegnen — und vor dem Auge, das verarmt und verlassen ist und das kein Mensch mehr erfreuen will — und vor dem stolzen Göttersohnc, den sein Unglaube und seine einsame, menschenleere Brust an einen ewigen unverrückten Schmerz anschmicden-vor allen diesen bleibst du, erquickende Natur, mit deinen Blumen und Gebirgen und Katarakten treu und tröstend stehen, und der blutende Göttersohn wirft stumm und kalt den Tropfen der Pein ans den Augen, damit sic hell und weit ans deinen Vulkanen und ans deinen Frühlingcn und auf deinen Sonnen liegen!- 21 2. Z Y k c l. * Ich wüßte einem Menschen, den ich lieb habe, nichts' schöneres zn wünschen als eine Mutter — eine Schwester — drei Jahre Bcisammenleben aus Isoln llelln — und dann im zwanzigsten eine Morgenstunde, wo er auf dem Eden-Eiland aussteigt und alles dieses mit dem Auge und der Erinnerung auf einmal genießend umfängt und in die offne Seele drückt. — — O du allzuglücklicher Albano auf dem Rosenpartcrre der Kindheit — unter Italiens tiefblauem Himmel — in den schwelgerischen Zitronenlanbcn voll Blüten — auf dem Schooße der schönen Natur, die dich wie eine Mutter liebkoset und hält, und vor dem Angesichte der erhabnen, die wie ein Vater in der Ferne steht— und mit einem Herzen, das heute den seinigen erwartet!- Die drei Menschen durchirrten jetzt langsam und wankend das schwimmende Paradies. Obgleich die beiden andern es öfters betreten hatten: so wurde doch ans ihrem silbernen Zeitalter durch die Sympathie mit Albano's Taumel wieder ein goldenes; der Anblick einer fremden Entzückung weckt den alten Eindruck der unsrigen auf. Wie Leute, die an Brandungen und Wasserfällen wohnen, lauter sprechen: so gab das Herrliche Brausen des aufgeregten Lebens-Meeres ihnen allen, sogar Schoppen, eine stärkere Sprache; nur konnte dieser nie so feierliche Worte, wenigstens Gcbcrden, treffen wie ein anderer Mensch. Schoppe, der dem guten Italien den Abschiedskuß zu- wersen mußte, wollte gern noch die letzten nur zerstreuet um den Freudenbecher hängenden Tropfen konscrviren, die so süß wie italiänische Weine waren, voll deutschem Feuerstoff ohne 22 deutschen Sauerstoff. Unter Sauerstoff meint' er Abschied- nchmeu und Rührung: „Thut das Schicksal, sagt' er, irgend „einen Retraitcschuß, beim Himmel! so wend' ich gelassen „den Gaul um und reite pfeifend zurück. Der Henker müßte „darin (oder daraus) fitzen, wenn ein geschickter Bereiter nicht „sein Traucrroß so zureitcn wollte, daß cs sich recht gut „zu einem Handgaul des Frcudenpferdes anstellte; ich schule „sowol mein Sonncnroß als mein Bagagcroß viel anders." Vor allen Dingen nahmen sie jetzt die Otahciti-Insel durch Märsche ein, und jede Provinz derselben mußte ihnen, wie eine persische dem Kaiser, ein anderes Vergnügen entrichten. — „Die untern Terrassen (sagte Schoppe) müssen uns Majorats- Herren den Obst- und Sackzchcnd in Zitronen- und Orangcn- „düsten abliefcrn— die oberste trägt die Rcichsstener in Aussichten ab — die Grotte drunten zahlet, hoff' ich, Judcu- „schutz in Wellen-Gcmurmel, und der Zypressenwald drüben „seine Prinzessinsteuer in Kühle >— die Schiffer werden ihren „Rhein- und Neckarzoll nicht defraudiren, sondern ihn dadurch „erlegen, daß sic sich von weitem zeigen." — — Es wird mir nicht schwer, zu merken, daß Schoppe durch diese scherzhaften Vexirzüge die heftigen Bewegungen in Cc- sarens Kopf und Herzen brechen wollte; denn noch immer ging der Glanz der Morgencntzückung, wiewol der Jüngling über kleinere Dinge unbefangen sprach, nicht von dessen Gesicht. In ihm zitterte jede Erschütterung lange — und eine am Morgen den ganzen Tag —- und zwar darum nach, weswegen eine Sturmglocke länger nachsnmmt als eine Schafglockc; gleichwol konnte ein solcher Nachklang weder seine Aufmerksamkeit, noch seine Werke und Gespräche stören. Mittags wollte der Ritter kommen. Bis dahin schwärm- 23 ten und sumsctcn sie stillcr-genießcnd mit Bienenflügcln und Bicncurüsselu durch die honigrciche Flora der Insel; und sie hatten jene heitere Unbefangenheit der Kinder, der Künstler und der südlichen Völker, die nur den Honigbchälter der Minute ausnascht; und daher fanden sie an jeder anfallenden Welle, an jedem Zitronenspalier, an jeder Statue unter Blüten, an jedem rückenden Widerschein, an jedem fliehenden Schiffe mehr als eine Blume, die den gefüllten Kelch weiter unter dem warmen Himmel aufmachte, anstatt daß es uns unter unserm kalten wie den Bienen geht, vor denen Maifröste die Blumen verschließen. — O die Insulaner thuu Recht. Unser größter und längster Jrrthum ist, daß wir das Leben, d. h. seinen Genuß, wie die Materialisten das Ich, in seiner Zusammensetzung suchen, als könnte das Ganze oder das Verhältniß der Bestandtheile uns etwas geben, das nicht jeder einzelne Theil schon hätte. Besteht denn der Himmel unsers Dascyns, wie der blaue über uns, aus öder matter Luft, die in der Nähe und im Kleinen nur ein durchsichtiges Nichts ist und die erst in der Ferne und im Großen blauer Aether wird? Das Jahrhundert wirft den Blumensamcn deiner Freude nur aus der porösen Säcmaschiue von Minuten; oder vielmehr an der seligen Ewigkeit selber ist keine andere Handhabe als der Augenblick. Das Leben besteht nicht aus 70 Jahren, sondern die 70 Jahre bestehen aus einem fortwchcndcn Leben, und man hat allemal gelebt und genug gelebt, man sterbe, wenn man will. 3. Z Y k e l. Endlich als die drei Frohen sich in die Tafelstube eines Lorbeerwaldes vor ihre Speis- und Trankopfer, die Schoppe zu Sesto ins Proviantschiff eingepackt hatte, niedersetzen woll- 24 len: ging durch die Zweige ein feiner, elegant und einfarbig gekleideter Fremder mit langsamen festen Schritten auf die liegende Tischgesellschaft zu und wandte sich, ohne zu fragen, sofort an Ccsara mit der deutschen, langsam, leise und bestimmt prononcirten Anrede: „ich habe dem H. Grasen Ccsara „eine Entschuldigung zu bringen." —> „Von meinem Vater?" fragt' er schnell. — „Um Verzeihung, von meinem Prinzen „(versetzte der Fremde); er verhinderte Ihren H. Vater, der „kränklich aufstand, in der Morgcnkühlc zu reisen, aber gegen „Abend wird er eiutreffcu. — Jndcß bring' ich (setzte er mit „einem wohlwollenden Lächeln und mit einer leichten Verbeugung hinzu) dem H. Ritter ein Opfer, daß ich den Anfang „des Glücks, künftig länger bei Ihnen zu seyn, H. Graf, „mit einer Nachricht Ihres Verlustes mache." — — Schoppe, der fein erricth, ohne sein zu sprechen, fuhr sofort heraus — weil er sich von keinem Menschen imponircn ließ —: „sonach sind wir pädagogische Maskopisten und Uniotcn. Willkommen, lieber Grau-Bündner!"— „Es freuet mich," sagte kalte der Fremde, der grau angezogen war. Aber errathen hatt' cs Schoppe; der Fremde sollte künftig das Obcrhosmeisterthum bei Cesara bekleiden, und Schoppe war Kollaborator. Mir kommt cs vernünftig vor; der elektrische funkelnde Schoppe konnte das Katzenfell, der Fuchsschwanz, die Glasscheibe seyn, die unscrn aus Leiter und Nichtleiter gcbaucten Jüngling volllud, der Oberhofmcistcr konnte als Leiter der Funkenzieher seyn, der ihn mit seinen Franklin'schen Spitzen auslud. Der Maun hieß von Augusti, war Lektor bei dem Prinzen und hatte viel in der großen Welt gelebt; er schien. 25 wie dieser ganze Hof-Schlag zehen Jahre älter zu scyn, denn er war wirklich erst 37 Jahre. Man hätt' cs auszübadcn nnter dem umgekehrten Din- tentopf rezenstrcnder Alantippcn, wenn man die Rezensenten oder Lantippcn in der Unwissenheit ließe, wer der Prinz eigentlich war, dessen wir alle oben erwähnten. Es war der Erbprinz von Hohcnslicß, in dessen Dorfe Blumcnbühl der Graf erzogen war und in dessen Hauptstadt er nun ziehen sollte. Der Hohcnflicßische Jnsant jagte aus Italien, worin er viele Nothmünzcn und Tcrritorialmandate nachgelassen hatte, stäubend und keuchend nach Deutschland zurück, um da auf sich Huldigungsmünzen anSzuprägen, weil sein regierender Vater die Treppe in das Erbbegräbnis; hinabging und nur noch einige Stufen zum Sarge hatte. Unter dem Essen sprach der Lektor Augusti mit wahrem Geschmack über die liebliche Gegend, aber mit wenig Sturm und Drang, und zog sie einigen Tempesta's*) im Borromäi- fchcn Pallastc bei weitem vor. Dann ging er —> um des Ritters öfter zu gedenken — zu den Personalien des Hofes über und gestand, daß der deutsche Herr Ll>. cle lkouverot in besonderer Gnade stehe — denn bei Hofleutcn und Heiligen thut die Gnade alles — und daß der Prinz ungemein an Nerven leide u. s. w. Die Hoflcute, die sonst ihr Ich nach dem fremden zuschueiden, fassen doch für einen, der nicht am Hofe lebt, ihre ministeriellen Blätter darüber so ausführlich und ernsthaft ab, daß ihr Zeitnugslcser dabei entweder lacht oder einschläft; ein Hofmann und das Buch lleo errenro et *) Gemälde von Peter Moll)», den man wegen seiner guten Gewitter nur Tempesta nannte. 26 6s In veritL nennen den Jcsnitergcncral Gott — die Jcsui- ten Menschen — nnd die Nichtjesuitcn Thicrc. — Schoppe horchte mit einem fatalen Kräuscl- nnd Schnörkelwerke ans dem Gesichte zn; er hassetc Höfe bitter. Der Jüngling Albano dachte nicht viel besser; ja da er gern wagte, lieber mit dem Arm des innern Menschen als mit den Fingern desselben arbeitete und anpackte, und vor den Schneepflug nnd die Egge- nnd Säcmaschinc des Lebens gern Streit- nnd Donnerrosse vorspannte, anstatt eines Zugs tüchtiger Filial- nnd Ackerpferde: so könnt' er Leute, die vorsichtig nnd bedächtig zn Werke gingen nnd die lieber lackirte Arbeit nnd leichte Franen- zimmerarbcit machten als Herknlesarbeiten, nicht sonderlich leiden. Glcichwol mußt' er für die auf einer schönen Selbstständigkeit ruhende Bescheidenheit Augusti's, der kein Wort von sich selber sprach, so wie für seine Rcisckcnntnisse, Achtung tragen. — Ccsara — beiläufig, in diesem Zykel will ich ihn noch mit C, der spanischen Orthographie zu Gefallen, schreiben; aber vom vierten an wird er, weil ich in meiner keines gewohnt bin und mich im langen Buche nicht ewig verschreiben kann, mit einem Z geschrieben — Ccsara konnte den Lektor nicht genug über seinen Vater abhören. Er erzählte ihm die letzte Handlung des Ritters in Rom, aber mit einer irreligiösen Kälte, die im Jüngling eine andere wurde. Don Gas- pard wettete nämlich mit einem deutschen Nunzius Gemälde gegen Gemälde, daß er einen gewissen Deutschen ^Angusti wollt' ihn nicht nennen), dessen Leben nur ein längerer moralischer Kothmonat in Epiknrs Marstallc war, in zwei Tagen, ohne ihn zu sehen, ans so lange bekehren wollte, als der Nunzins verlangen würde. Dieser wettete, ließ aber den 27 Deutschen heimlich umstellen. Nach zwei Tagen sperrte sich der Deutsche ein, wurde andächtig, bleich, still, bettlägerig und kam im Handeln einem wahren Christen nahe. Der Nunzius sah dem Ucbcl eine Woche lang zu, dann verlangt' er schleunige Verwandlung oder den Zirze's-Stab, der die thicrische Gestalt wieder hcrstelltc. Der Ritter berührte den Deutschen mit dem Stabe und das epikureische Schwein stand genesen da. Ich weiß nicht, was unerklärlicher ist, das Wunderwerk oder die Härte. Aber der Lektor konnte nicht sagen, mit welchen Menstrnis Gaspard diese schnellen Auslösungen und Wolken und Präzipitazionen erzwang. — -— Nun kam der Lektor, den schon lange die Vokazion und das Kollaborat des sonderbaren Schoppe frappirt hatte, ans verbindlichen Umwegen endlich auf die Frage, wie ihn der Ritter kennen lernen. „Durch den Pasqnino! (versetzt' er.) „Er trat eben um die Ecke des Unlarro cloZI! Ilrsini, als er „einige Römer und unfern Erbprinzen um einen Menschen „stehen sah, der zu den Statuen des Pasqnino und Marforio „folgendes Gebet ans den Knien — cs waren meine — that: „lieber Kastor und Pollux, warum säkularisirct ihr euch nickt „aus dem Kirchenstaat und bereiset mein Deutschland als Bischöfe in pnrtilino inüllelium, oder als zwei arbeitsame Vivarien? — Könntet ihr denn nicht als Gcsandtschastsprediger „und Rcferendarien in den Reichsstädten hcrnmgehen, oder euch „als Llievnliers ä'lwiinenr und Wappcnhaltcr auf beide Seiten „eines Throns postiren? — Wollte Gott, man könnte wenig- „stens dich, Pasqnino, als Oberhofprcdigcr und Konduitcnmcistcr „in Hofkapellen voziren oder doch darein als Tanfcngcl zum „Namcngeben an einem Strick herunter lassen! — Sprecht, „könnt ihr Zwillinge denn nicht einmal als Landrequetcnmeistcr „in Laudtagssälcn austreten und sprechen, oder als maZistri „sentsntinrain in Universitätsgcbändcn einander unter dem „Promovircn opponiren? — Pasquino, bist du durch keinen „Della Portas nur so weit hcrzustellen, daß du bei Kongressen und Verträgen des diplomatischen corxs wenigstens „als Ofcnaufsatz den Silhoncttenr niachcn könntest, sondern „taugt ihr höchstens nur in Universitätsbibliotheken zu Brustbildern kritischer Redakteurs?-> Ach, munteres Paar, „möchte nur Chigi, der da neben mir steht, dich modcllircn „zu einer tragbaren Taschenausgabe für Damen: ich steckte „dich bei und zöge dich erst in Deutschland aus der Tasche. „—- — Ich kanu's aber auch hier auf der Insel thun." — Und hier bracht' er das spöttische Kunstwerk heraus; denn der berühmte Architekt und Modcllircr Chigi, der ihm zuhörte, hatt' es wirklich nachgcbacken. — Schoppe erzählte weiter, daß Don Gaspard alsdann ernsthaft an ihn trat und ihn spanisch fragte, wer er sei. „Ich bin, versetzt' er auch spagisch, wirklicher Titularbibliothekar des Großmeisters „zu Malta — und ein Abkömmling des sogenannten grammatikalischen Hundes, des gezähnten Humanisten — Scioppüm „(deutsch Schoppe) -— mein Taufname ist Uero, Uro, Uiötro „(Peter). Aber hier nennen mich viele aus Versehen 8ciupio „oder 8cic>i>in (Vergeudung)." Gaspard hatte ein parteiloses tiesrcichendcs Auge für jede, sogar die fremdeste Brust und suchte am wenigsten sein Ebenbild. Er zog daher den Bibliothekar in sein Haus. Da nun dieser nur vom Portraitmalcn zu leben schien und jetzt ohnc- *) Der PaSquino ist bekanntlich verstümmelt. — Della Porta war ein großer Ergänzer alter Statuen. 29 hin nach Deutschland zurückwolltc: so trug er, hoffend, diesem reichen, vieläugigen, strengen Geiste Albano's Gesellschaft an, die dlos der gegenwärtige Mitarbeiter Augnsti mit ihm thcilcn sollte. — Aber der Bibliothekar verlangte vorher vier Dinge voraus, die Schilderung des Grafen, die Silhouette desselben und — als beides gegeben war — noch das dritte und vierte so: „soll ich von den drei Ständen kalandert*) „werden und mich glatt und polirt drücken lassen von Glanz- „pressen?— Ich will nicht; überall hin, in den Himmel und „in die Hölle, will ich Ihren Sohn begleiten, aber nicht in „die Poch-, Wasch-, Röst-, Schmelz- und Treibwerke vor- „nehmer Häuser." Das wnrd' am leichtesten zugestandcn; dazu war ohnehin der zweite Rcichsvikarius des väterlichen Oberhaupts, Angusti, bestimmt. Aber über den vierten Punkt zerfielen sic fast. Schoppe, der lieber vogclsrci als nicht-frei oder sreigclasscn sehn wollte, und dessen eben so reichsun- niittclbarcr als fruchtbarer Boden keine Zaune litt, konnte sich nur zu zufälligen unbestimmten Diensten bequemen und mußte das Fixum eines Lohns ablchncn: „ich will Ihm, sagt' „er, Kasnalpredigtcn halten, aber keine Wochenpredigtcn; ja „eS kann sehn, daß ich oft ein halbes Jahr gar nicht aus „die Kanzel steige." Der Ritter fand cs unter sich, Verbindlichkeiten schuldig zu sehn und zog zurück, bis Schoppe den Diagonalweg ansmittelte, er gebe seine Gesellschaft als clon Aratnit, und erwarte datier auch vom Ritter von Zeit zu Zeit ein clon Ai-ntnit von Belang, lkcbrigens war dem Ritter jetzt Schoppe gerade so lieb wie der erste beste Hoftürkc, der ihm *) d. h. zwischen zwei hölzernen Walze» und Einer metallenen gepressct werden. 30 auf den Wagcnfußtritt geholfen; seine Prüfung eines Menschen war eine kalte Todtcnbeschau, und nach dem Prüfen liebt' er nicht starker und haßt' er nicht stärker; für ihn waren im Spcktakclstück des polternden Lebens der Regisseur und die ersten und zweiten Liebhaberinnen und die Lcars und Iphigenien und Helden weder Freunde, noch die Kasperls und die Tyrannen und Figuranten Feinde, sondern cs waren verschiedene Akteurs in verschiedenen 'Rollen.-O Gaspard, stehest denn du in der Frontlogc und nicht auch auf dem Theater? Und sichest du nicht, wie Hamlet, im großen Schauspiele einem kleinern zu? Ja setzet nicht jede Bühne am Ende ein doppeltes Leben voraus, ein kopirendcs und ein ko- pirtcs? - Entweder die wenigen Paar Gläser Wein oder auch sein verdrießlicher Abstand vom zierlichen gehaltenen Lektor setzten Schoppe's Fcgcmühlc mit allen Rädern in Gang — so wenig dieser Humor auf der glänzenden Insel eine vortheilhaste Stelle fand — und als Augusti wünschte. Schoppe möchte froher als andere Maler nach Deutschland gehen: so zog dieser ein Päckchen vergoldeter Heiligenbilder deutscher Schutzpatrone heraus und sagte Kartcn-mischend: „mancher würde hier ein päbstliches „Miserere aufs Pult legen und absingcn, zumal wenn er mitten im Frühling das Winterquartier, die deutsche Eis- und „Nebclbank, beziehen muß wie ich; — und ungern, das sag' „ich frei, lass' ich den Arlecchino und den Pulzinclla und den „Skapin und die ganze Oomeckin ckilll' .ärte dahinten. — „Aber die heiligen Herren, die ich hier taillire, haben ihre „Patronatsländer anfs Trockne gebracht; und man passirt sie „gern. Baumeister, Ihr lacht, aber Ihr wisset im Ganzen „zu wenig von dem, was diese gemalten himmlischen Schirm- 31 „vögtc für deutsche Kreise stündlich unternehmen. Baumeister, „sucht mir überhaupt ein Land, worin so viele Prügel, Programmen, Professoren, Allongcpcrückcn, gelehrte Anzeigen, „Rcichsanzeigcn, Klein- und Vorstädter, Zeremonien, Krönungen und Heidelberger Fässer, aber ohne inwohnende Dio- „gcnesse, aufzutreibcn sind als im gedachten? Oder suchen „Sic es, mein Hr. v. Angusti! — Weiset mir doch nur überhaupt ein Territorium aus, dem ein eben so langes Par- „liamcnt, nämlich ein längster Reichstag, bescheret ist, „gleichsam eine außerordentlich heilsame xillnlu perpetua*), „die der Pazient unaufhörlich einnimmt und die ihn unaus- „lich ausreinigt; und wem fällt dabei nicht eben so gut wie „mir die eahtulutio perlet»» und überhaupt das Reichs- „eorj)U8 als perlst» »IN iininoliils aus Gründen ein? — „(Hier trank Schoppe.) Dabei ist der Rcichskörpcr wie das „erste Prinzip der Moral oder wie Jungscrncrde sehr unanf- „löslich; ja gesetzt, einer von uns nähme ein Churschwcrt und „schnitte ihn damit wie einen Ohrwurm entzwei, so würde „sich die gezähnte Hälfte eben wie der gespaltene Ohrwurm „umkehrcn und den Hintcrrcst rein aufspcisen — und dann „wäre ja der gcsammtc verknüpfte Ohrwurm wieder da und „satt dazu. Es ist keine schädliche Folge dieses festen Reichsnexus, „daß das cor^»8 seine eignen Glieder wie der Bachkrebs feigen Magen verzehren und verdauen ohne wahren Schaden, „so daß einer das corpus wie einen homerischen Gott nur „verwunden, aber nicht crtödtcn kann: reibe; sag' ich oft. ') Diese Pille besteht aas Spießglaskönig und wird ihrer Festigkeit wegen stets von neuem mit altem Erfolge gebraucht: man schüttet blos vorher einen Aufguß von Wein darüber. 32 „diesen Fcdcrbuschpolypcnstamm mit Rösel zu Brei — stülp' „ihn um wie einen Handschuh — schneide den Polypen wie „Lichtcnbcrg geschickt mit einem Haare entzwei —- stecke wie „Tremblcy mehrere abgcschnittcnc Glieder ineinander und vcr- „leibe, wie andere Naturforscher, Reichsstädte, Abteien, kleine „Länder größcrn ein oder umgekehrt-und schaue nach „einigen Tagen darnach: wahrhaftig, herrlich und ganz und „genesen sitzt dein Polype wieder dort, oder ich will nicht „Schoppe heißen." — Der Graf hörte ihn schon länger und konnte also leichter und besser lächeln; der Lektor mußt' es erst lernen, da sogar der komische Akteur für seinen neuen Zuhörer noch keiner ist. Aber unter allen diesen Zerstreuungen dauerte in Albano's Seele ein verwirrter Tumult, gleichsam das Rauschen vom Wasserfalle der kommenden Zeiten fort. Er blickte sehnend durch die wankenden Fugen der Lorbecrzwcigc nach den glänzenden Hügeln draußen, da Dian in seiner Malcrsprache sagte: „ist es nicht, als wenn alle Götter mit tausend Fruchthörncrn „auf den Bergen um den ImZo inaZAiore ständen und Wein „und Kaskaden nicdergössen, damit nur der See wie ein „Frcudenpokal üppig Überläufe und hcruntcrschäume?" — Schoppe versetzte: „Freuden von ausnehmendem Geschmack wie „Ananas haben das Schlimme, daß sie wie Ananas das „Zahnfleisch bluten machen." — „Ich glaube, sagte Augusti, „man muß über die Freuden des Lebens nicht viel rcflektiren, „so wie über die Schönheiten eines guten Gedichts, man genießet beide besser, ohne sic zu zählen oder zu zergliedern." — „Und ich, sagte Ccsara, würde zählen und zergliedern schon aus Stolz; was hcrauskämc, ertrüg' ich, uud ich „würde mich schämen, unglücklich zu seyn. Ist das Leben 33 „wie eine Olive eine bittere Frucht, so greife nur beide scharf „mit der Presse an, sic liefern das süßeste Oel." — Hier stand er aus, um bis Abends in der Insel, allein zu bleiben; er bat um Nachsicht, machte aber keinen Vorwand. Seine hohe ehrgeizige Seele war unfähig, sich zur kleinsten Lüge niederznbücken; nicht einmal gegen -— Vieh. Er lockte in Blumenbühl Flugtaubcn täglich durch Futter näher, und seine Pflegeschwestcr bat ihn oft, eine zu ergreifen; aber er sagte immer Nein, weil er sogar ein thierisches Vertrauen nicht belügen wollte. — Als sie ihm nachsahcn, da er langsam mit nachspringenden Schatten und mit den an ihm herabschlüpfendcn Sonnenblitzen durch die Lorbeerbäume ging und wie in einem Traume die Zweige mit vorausgehaltcncn Händen sanft auseinanderbog: so brach Dian aus: „welche Jupiters Statue!" — „Und die „Alten, fiel Schoppe ein, glaubten noch dazu, daß jeder Gott „in seiner Statue Hause." — „Eine herrliche dreifache Breite „der Stirn, der Nasenwurzel und der Brust! (fuhr Dian fort.) „Ein Herkules, der aufdem Olympus Oclbäume pflanzt!" — „Es frappirte mich sehr (sagte der Lektor), daß ich durch „langes Anschauen auf seinem Gesichte lesen konnte, was ich „wollte und was sich widersprach, Kälte —- Wärme — Unschuld und Sanstmuth >— am leichtesten Trotz und Kraft." — Schoppe setzte dazu: „ihm selber mag cs noch schwerer >,werden, einen solchen Kongreß kriegführender Mächte in sich „zu einem Friedenskongreß zusammen zu zwingen." — „Wie schön (sagte der menschlich - fühlende Dian) muß einer so kräftigen Gestalt die Liebe anstehen und wie erhaben der Zorn!" — „Das sind zwei malerische Schönheiten (versetzte „Schoppe), woraus sich zwei Pädagogiarchen und Kenophone Iran Paul's auSgew. Werke. X. Z 34 „wie wir wenig bei ihrem Zyrus machen in ihrer Zyro- „Pädie." 4. Z y k e l. Zesara hatte blos drei Gläser Wein gekostet; aber der Most seines heißen dichten Blutes gohr davon stärker. Der Tag erwuchs immer mehr zu einem daphnischcn und delphischen Hain, in dessen flüsterndes und dampfendes Dickicht er sich tiefer verlor — die Sonne hing wie eine weiße blitzende Schneekugel im Blau — die Eisberge warfen ihren Silberblick in das Grün herein — ans fernen Wolken donnerte es zuweilen*), als rolle der Frühling in seinem Triumphwagen daher und weiter zu uus — die Lcbcnswärme des Klima's und der Tageszeit, das h. Feuer zweier Entzückungen (der erinnerten und der gehofften), brüteten alle seine Kräfte an. Jetzt ergriff ihn jenes Fieber der jungen Gesundheit, worin ihm allemal war, als schlage in jedem Gliedc ein besonderes Herz — die Lunge und das Herz find von Blute schwer und voll — der Athem ist heiß wie ein Harmattanwind — und das Auge trübe in seiner eignen Lohe — und die Glieder sind müde vor Kraft. In dieser Uebcrfüllung der elektrischen Wolke hatt' er einen besonder» Trieb nach Zertrümmern. Er hals sich jünger oft, daß er Fclscnstücke an den Gipfel wälzte und nicderrollcn ließ; oder daß er im Galopp so lauge lies, bis der Athem — länger wurde, oder am gewissesten dadurch, daß er sich (wie er von Kardan gehört hatte) mit einem Federmesser Schmerzen und sogar kleine Verblutungen erregte. — ») Tirols — nur noch die zackige Mauerkrone aus den Goldstusen der Glctscherspitzen glühte über ausgelöschtcn Wolken — und die Zauberlaterne der Natur warf ihre Bilder nur noch gezogner und matter: da ging eine lange Gestalt in einem offnen rothen Mantel langsam um die Zedratobäumc aus ihn zu, rieb mit der Rechten an der Stelle des Herzens, woran kleine Funken verglommen, und zerdrückte mit der halb crhobnen Linken eine Wachslarve zum Klumpen und blickte in die eigne Brust. Plötzlich erstarrete sie an der Wand des Pallastcs in versteinerter Stellung. Albano drückte die Hand auf die kleine Wunde und ging nahe zu dem Versteinerten. — Welche Gestalt! — Aus einem vertrockneten hagern Angesicht erhob sich zwischen Augen, die halb unter den Augenknochcn sortbrannten, eine verachtende Nase mit stolzem Wurf — ein Cherub mit dem Keime des Abfalls, ein verschmähender gebietender Geist stand da, der nichts lieben konnte, nicht sein eignes Herz, kaum ein höheres, einer von jenen Fürchterlichen, die sich über die Menschen, über das Unglück, über die Erde und über das — Gewissen erheben, und denen es gleich gilt, welches Menschcnblut sie hingießen, ob fremdes oder ihres. — Es war Don Gaspard. Die Funken-werfende Ordenskette aus Stahl und Edelsteinen verrietst ihn. Die Starrsucht, seine alte Krankheit, statt' ihn ergriffen. „O Vater!" sagte Albano erschrocken und umfaßte die unbewegliche 'Gestalt, aber er drückte gleichsam den kalten Tod ans Herz. Er schmeckte die Bitterkeit einer Hölle — er küßte die starre Lippe und ries lauter >— endlich 39 trat er vor ihm mit fallenden Armen zurück, und die aufge- deckte Wunde blutete nngefühlt nieder — und er blickte, zähneknirschend vor wilder junger Liebe und vor Schmerz, und mit großen Eistropfen in den Augen, den Stummen an und riß ihm die Hand vom Herzen. --Hier schlug erwachend Gaspard die Augen auf und sagte: „willkommen, mein lieber „Sohn!" — Da sank ihm mit unübcrschwenglicher Seligkeit und Liebe das Kind ans Vaterherz und weinte und schwieg. „Du blutest, Albano," sagte Gaspard, ihn sanft zurückstem- mcnd, „verbinde dich!" — „Laß mich bluten, ich will mit dir „sterben, wenn du stirbst — o wie Hab' ich so lange nach dir „geschmachtet, mein guter Vater!" sagte Albano, noch tiefer erschüttert von dem kranken väterlichen Herzen, das er jetzt an seinem heftiger schlagen fühlte. „Recht gut, verbinde dich aber!" sagt' er; und als der Sohn cs that und während des schnellsten Umwickclns mit unersättlicher Liebe in das väterliche Auge schauete, und als das Auge nur kalte Blitze warf wie sein Ring-Juwel — so schlug aus den Kastaniengipfcln, dem heutigen Throne der Morgensonne, der leise Mond sein frommes Auge stillend aus, uud dem entflammten Albano war es an diesem kindlichen und mütterlichen Wohnplatzc, als schaue der Geist seiner Mutter vom Himmel und rufe: „ich werde weinen, wenn ihr euch „nicht liebt." Sein wallendes Herz zerfloß, und er sagte sanft zu dem im Mondlicht blcichcrn Vater: „liebst du mich denn „nicht? — „Lieber Alban, versetzte der Vater, man kann dir „nicht genug antworten —> du bist recht gut — es ist recht „gut." Aber mit dem Stolze der Liebe, die sich kühn mit der väterlichen maß, ergriff er fest die Hand mit der Larve und sah den Ritter mit feurigen Thränen an; „mein Sohn, „versetzte der Müde, ich habe dir heute »och viel zu sage» „und wcnig-Zcit, weil ich morgen reise - und ich weiß nicht, „wie lange mein Herzklopfen mich sprechen lasset." — Ach, also war das vorige Zeichen einer gerührten Seele nur ein Zeichen eines nervenkranken Pulses gewesen. ... Du armer Sohn, wie mußte vor dieser scharfen Lust dein bewegtes Meer erstarren — ach, wie an einem eiskalten Metall mußte deine warme Hand anklcbcn und davon sich wundgcschält abziehcn! —- Aber guter Jüngling! Wer von uns könnte dich tadeln, daß Wunden dich gleichsam mit Blut an deinen wahren oder falschen Halbgott binden — wicwol ein Halbgott sich öfter mit einem Halbthicr als mit einem Halbmcnschen schließet — und daß du so schmerzlich liebst? — Ach, welche warme Seele sprach nicht einmal die Bitte der Liebe vergeblich aus und konnte dann, gelahmt vom erkaltenden Gifte, gleich andern Vergifteten, die schwere Zunge und das schwere Herz nicht mehr bewegen? — Aber liebe fort, du warme Seele; gleich Frühlingsblumen, gleich Nachtschmctterlingcn durchbricht die zarte Liebe zuletzt doch den hart-gcfrorncn Boden, und jedes Herz, das nichts anderes verlangt als ein Herz, findet endlich seine Brust! — >— S. Z y k e l. Der Ritter nahm ihn auf eine über steinerne Säulen geführte Gallerte hinauf, die überall Limonienbäumc mit Düften und kleinen regen vom Monde silbern geränderten Schatten vollstrencten. Er zog zwei Medaillons aus seiner Brieftasche, das eine bildete ein sonderbar-jugendlich aussehcndes weibliches Gesichtchcn vor, mit der Umschrift: „l>lou8 ns nou8 ver- ,1 41 ron8 jr»imi8, mon 61s." ^) „Hier ist deine Mutter (sagte „Gaspard und gab es ihm) — und hier deine Schwester," und reichte ihm das zweite, dessen Züge zn einer unkenntlichen veralteten Gestalt einliefcn mit der Umschrift: „i>toii8 nou8 Vtzrroil8 UN jour, mon tröre." * **) ^) Er fing nun seine Rede an, die er in so vielen zwanglosen Heften (das eine Komma oft am einen Ende der Gallcric, das andere am andern) und so leise und in einem solchen Wechsel von schnellem und trägem Gehen lieferte, daß in das Ohr eines unter der Gallerte mitlauscnden Visitators fremder Gespräche, wenn einer drunten stand, nicht drei zusammcngchörcnde Laute tropfen konnten. „Deine Aufmerksamkeit, lieber Alban, fuhr er fort, nicht deine „Phantasie sollte jetzt gespannt sehn; du bist leider heute zu „romantisch bei dem Romantischen, was du hören sollst. Die „Gräfin von Zesara liebte das Feierliche von jeher; du wirst „cs aus dem Aufträge sehen, den sie mir wenige Tage vor „ihrem Tode gab, und den ich gerade an diesem Charsrcitage „auszurichten versprechen mußte." — Er sagte noch, bevor er anfing, daß er, da seine Katalepsie und sein Herzklopfen bedenklich stiegen, nach Spanien eilen müsse, seine Sachen und noch mehr die seiner Mündel — der Gräfin von Romeiro — zu ordnen. Alban that noch eine Bruderfragc über seine liebe, so lang' entrückte Schwester; der Vater ließ ihn hoffen, daß er sie bald sehen werde, da sie mit der Gräfin die Schweiz besuchen wolle. — Da ich nicht absche, was die Menschen davon haben, wenn ich die mir beschwerlichen Gänsefüße sammt dem ewigen „er *) Wir sehen uns nie, mein Sohn. **) Wir sehen uns einst, mein Bruder. 42 sagte" hcrsetze: so will ich den Auftrag in Person erzählen. Es werden einmal — (sagte der Ritter) — drei Unbekannte, einer am Morgen, einer Mittags und einer Abends zu ihm kommen, und jeder wird ihm ein cingesicgeltcs Kartenblatt zustellcn, worauf blos der Name der Stadt und des Hauses steht, worin das Bildcrkabinct, das Albano noch dieselbe Nacht besuchen muß, zu finden ist. Im Kabinet soll er alle Nägel der Bilder dnrchtastcn und drücken, bis er auf einen kommt, hinter welchem der Druck eine in die Wand eingebauetc Rc- pctirnhr zwölf zu schlagen nöthigt. Hier findet er unter dem Bilde eine geheime Tapetenthür, hinter welcher eine weibliche Gestalt mit einem offnen Souvenir und mit drei Ringen an der Linken, und mit einem Crayon in der Rechten fitzt. Drückt er den Ring des Mittelfingers, so richtet sich die Gestalt unter dem Rollen des innern Getriebes ans, tritt in das Zimmer, und das anslaufcnde Gehwcrk stockt mit ihr an einer Wand, woran sie mit dem Crayon ein verstecktes Fach bezeichnet, in welchem ein Taschenpcrspektiv und der wächserne Abdruck eines Sargschlüssels liegen. Das Okularglas des Perspektivs ordnet durch eine optische Anamorphosc den Wirrwarr alternder Linien auf dem heute empfangenen Medaillon der Schwester zu einer holden jungen Gestalt, und das Objcktivglas gibt dem unreifen Bilde der Mutter die Merkmale des längern reiscrn Lebens zurück. — Dann drücket er den Ringfinger, und sogleich sängt die stumme kalte Figur mit dem Crayon in das Souvenir zu schreiben an und bezeichnet ihm mit einigen Worten den Ort des Sarges, von dessen Schlüssel er den wächsernen Abdruck hat. Im Sarge liegt eine schwarze Marmorstufe, in Gestalt einer schwarzen Bibel; und wenn er sie zerschlagen hat, trifft er einen Kern darin, aus dem der Christbaum seines ganzen 43 Lebens wachsen soll. -— Ist die Stufe nicht im Sarge, so gibt er dem letzten Ringe des Ohrfingers einen Druck — was aber dann dieses hölzerne Guerikc's Wettcrmännchcn seines Schicksals beginne, wußte der Ritter selber nicht vorauszusagen. — Ich bin völlig der Meinung, daß man dem bizarren Testamente leicht das Repctir- und das halbe Räderwerk — so wie man jetzt in London Uhren blos aus zwei Rädern bauet — ausbrechen könnte, ohne das Vorlege- oder Zeigerwerk zu beschädigen. Aus Alban wirkte das testamentarische Getriebe und Gebläse wider meine Erwartung — säst nichts; ausgenommen eine weichere Liebe gegen die gute Mutter, welche so sorgend, da sic unten im Strome des Lebens das fliegende Bild vom niedersallendcn Habicht des Todes erblickte, nur den Sohn bedachte. Seinem Vater schanete er unter dem Berichte mit zärtlichem Danke für diese Mühe des Gedächtnisses und der Erzählung, fast ans Kosten seiner Aufmerksamkeit, in das befestigte eiserne Angesicht; und im Mondschein und vor seiner Phantasie wuchs der Ritter zu einem rhodischen die halbe Gegenwart verdeckenden Kolossus auf, für welchen ihm dieses testamentarische Mcmoricnwerk fast zu kleinlich schien. — Bisher hatte Don Gaspard blos als achter Weltmann gesprochen, der von seinem Gespräche (ohne besondere nähere Verhältnisse) stets jede Erwähnung oder Schmeichelei eines Jchs, des fremden so gut wie des eignen, ausschlicßct, und sogar historischer Personen nur als Bedingungen von Sachen gedenkt — so daß zwei solche Nicht-Jchs mit ihrer grimmigen Kälte nur zwei sprechende Logiken oder Wissenschaften zu scyn scheinen, aber keine Wesen mit schlagenden Herzen: o! wie sanft floß cs, wie eine weiche Tonart, in Albano's licbewun- des Herz — das der hellere nnd lauere Mond und der insu- larischc dämmernde Kindergarten seiner ersten Vorzeit, und die in seiner Seele laut fort- und nachklingcndc Stimme seiner Mutter gewaltsam auflösctcn — als nun der Vater sagte: „Das Hab' ich von der Gräfin zu sagen. Von mir Hab' ich „dir nichts zu sagen als meine bisherige Zufriedenheit mit dci- „ncm bisherigen Leben." — „O geben Sie, thcuerstcr Vater, „meinem künftigen Gebote, Lehre nnd Rath," sagte der begeisterte Mensch, und Gaspards rechter Hand, die nach dem schneller» Herzen zuckte, folgt' er mit seiner Linken an die sieche Stelle und drückte heftig das hysterische Herz, als könn' er diesem bergab umkreisenden Lcbensrade in die Speiche greifen. — Der Ritter versetzte: „ich habe dir weiter nichts zu „sagen. Die Lindenstadt (Pestitz) ist dir nun geöffnet; deine „Mutter hatte sie dir verschlossen. Der Erbprinz, der bald „Fürst scyn wird, und der Minister von Froulay, der mein „Freund ist, werden die deinigcn seyn; ich glaub', cs wird dir „nützen, ihre Bekanntschaft zu kultiviren." — Der scharfblickende Gaspard sah hier Plötzlich über des Jünglings reine offne Gestalt wunderbare Bewegungen und heiße Rosen fliegen, die aus der Gegenwart mit nichts zu erklären waren und die sogleich wie getödtet vergingen, als er so sortfuhr: „für einen Mann von Stande find gelehrte und „schöne Wissenschaften, die für Andere Endzwecke sind, nur „Mittel nnd Erholung; nnd so groß deine Neigung dafür scyn „mag: so wirst du doch am Ende Handlungen den Vorzug vor „Genüssen geben; du wirst dich nicht geboren fühlen, die Menschen blos zu belehren oder zu belustigen, sondern zu behandeln und zu beherrschen. 45 „Es wäre gut, wenn du dm Münster gewännest und dadurch die Kenntnisse des Rcgierungs- und Kammerwcsens, „die er dir geben kann; denn in dem Abrisse Eines Landes, so „wie Eines Hofes, besitzest du die Grundzüge eines jeden grö- „ßern, wozu du auch gelangen und dich bilden sollst. Es ist „mein Wunsch, daß du sogar dem Fürsten und dem Hose lieb „wirst, weniger weil dn Konnexionen, als weil du Erfahrungen „brauchst. Nur durch Menschen besiegt und übersteigt man „Menschen, nicht durch Bücher und Vorzüge. Man muß nicht „seinen Werth anslcgcn, um die Menschen zu gewinnen, sondern man muß sie gewinnen, und dann erst jenen zeigen. „Unglück ist nichts wie Unverstand, und nicht sowol durch „Tugend als durch Verstand wird man furchtbar und glücklich. — Du hast höchstens die Menschen zu fliehen, die dir „zu ähnlich sind, besonders die adeln."— Das ätzende Sublimat seines Spottes bestand hier nicht darin, daß er „ädel" mit einem akzentuirten ironischen Tone sagte, sondern daß cr's wider Erwarten kalt ohne einen sagte. Albano's Hand war in seiner schon längst vom Herzen an der stählernen eckigen Ordcnskette hcrabgcglittcn aus das goldnc mctalüsch- kalte Lamm daran. Der Jüngling hatte, wie alle Jünglinge und Einsiedler, zu harte Begriffe von Hof- und Wcltleutcn, er hielt sie für ausgemachte Basilisken und Drachen — wic- wol ich das noch entschuldigen will, wenn er nur mit den Na- tnrforschcn unter den Basilisken nichts versteht als nngeflü- gclte Eidcxcn, und unter den Drachen nichts als geflügelte, so daß er sic für nichts als für kalte fast so fatale Amphibien, wic Linnce solche definirt, ansicht; — ferner hegt' er (so leicht wird Plutarch der Verführer von Jünglingen, deren Biograph er hätte sehn können wie ich) mehr Grimm als Achtung gegen 46 die Artolatrie (dm Broddimst) unscrs Zeitalters, das aber umgekehrt immer den Gott ins Brod verwandeln will, gegen die besten Brodstndim oder Brodwagcn, gegen das Machen einer Lnri-iöre, gegen jeden, der kein Waghals war und der statt der Sturmbalkcn und Kriegsmaschinen etwa unsichtbare Magnetstäbe, Saugwerke und Schröpsköpfc ansetzte und damit etwas zog. Jeder Jüngling hat ein schönes Zeitalter, wo er kein Amt, und jede Jungsran eines, wo sic keinen Mann an- nchmen will; dann ändern sich beide und nehmen oft sich einander noch dazu. Als der Ritter die obigen gewiß keinem Wcltmannc anstößigen Sätze vorbrachte: so stieg in seinem Sohne ein heiliger menschenfreundlicher Stolz empor — es war diesem, als werde von einem steigenden Genius sein Herz und sogar sein Körper, wie der eines betenden Heiligen, gehoben über die Laufbahnen einer gierigen kriechenden Zeit — die großen Menschen einer größcrn traten unter ihre Triumphbogen und winkten ihm, näher zu ihnen zu kommen — in Osten lag Nom und der Mond, und vor ihm der Alpen-Zirkus, eine große Vergangenheit neben einer großen Gegenwart — er ergriff mit dem liebend-stolzen Gefühl, daß es noch etwas Göttlicheres in uns gebe als Klugheit und Verstand, den Vater und sagte: „der ganze heutige Tag, lieber Vater, war eine „zunehmende Erschütterung meines Herzens — ich kann vor „Bewegung nicht sprechen und nichts recht bedenken — Vater, „ich besuche alle — ich werde mich über die Menschen hin- „ausrcißcn — aber ich verschmähe den schmutzigen Weg des „Ziels — ich will im Weltmeer wie ein Lebendiger durch „Schwimmen ausstcigcn, aber nicht wie ein Ertrunkncr durch „Verwesen. — Ja, Vater, das Schicksal werfe einen Grab- 47 „stein auf diese Brust und zermalme sie, wenn sie die Tugend „und die Gottheit und ihr Herz verloren hat." Albano sprach darum so warm, weil er einer unaussprechlichen Verehrung für die kraftvolle Seele des Ritters nicht entsagen konnte; er stellte sich immer die Qualen und das lange Sterben eines so starken Lebens, den scharfen Rauch eines so großen, kalt ansgegossenen Feuers vor, und schloß aus den Regungen seiner eignen lebendigen Seele aus die der väterlichen, die nach seiner Meinung nur langsam auf einer breiten Unterlage schwarzer kalter Menschen so zerfallen war, wie man Diamanten nicht anders verflüchtigt als aus einer Unterlage von ausgebrannten todtcn Schmicdckohlcn.- Don Gaspard, der die Menschen selten und nur gelinde tadelte — nicht aus Liebe, sondern ans Gleichgültigkeit — antwortete dem Jüngling geduldig: „Deine Wärme ist zn „loben. Mit der Zeit wird sich alles geben. — Jetzt lass' „uns essen." — 6. Z y k c l. Der Speisesaal unserer Eiländer war im reichen Pallaste der abwesenden Borromäischcn Familie. Man gab der schönen Insel den Parisapfcl und Lorbcerkranz. Augusti und Gaspard schrieben ihr das Bclobungsschrcibcn in einem leichten klaren Styl, nur Gaspard mit mehr Antithesen. Albano's Brust war mit einer neuen Welt gefüllt, sein Auge mit einem Schimmer, seine Wangen mit freudigem Blut. Der Baumeister erhob sowol den Geschmack als den Kammcrbcutcl des Erbprinzen, der durch beide zwar nicht artistische Meister, aber doch Meisterstücke in sein Land mitbrachtc und aus dessen Veranlassung eben dieser Dian nach Italien ging, um für ihn 48 Abgüsse von den Antiken da zu nehmen. Schoppe versetzte: „uh hoffe, der Deutsche ist so gut mit Malcrakadcmicn und „mit Malcrkoliken versehen als irgend ein Volk; unsere Bal- „lenbilder — unsere Thcscsbildcr in Augspurg — unsere Leisten „über Zcitungsblättcrn und unsere Buchdruckerstöcke in jedem „dramatischen Werke, durch die wir eine srühere Slialcsxeare „6k>IIsr^ besaßen als London — unsere Mllgis - Gehangnen „am Galgen sind jedem bekannt, und zeigen am ersten, wie „weit wir's treiben. Aber ich will auch znlassen, daß Griechen „und Welsche so malen wie wir: so ragen wir doch dadurch „über sie hinweg, daß wir, gleich der Natur und den adeligen „Sponsircrn, nie die Schönheit isolirt ohne angcbognen Vor- „thcil suchen. Eine Schönheit, die wir nicht nebenher braten, „vcraukzionircn, anzichen oder hcirathcn können, gilt bei uns „nur das, was sie werth ist; Schönheit ist bei uns (hoff' ich) „nie etwas anders als Anschrot und Beiwerk des Vortheils, „so wie auch auf dem Reichstage nicht die angestoßenen Kon- „fckttischchcn, sondern die Sessionstafcln die eigentlichen Arbeitstische des Reichs - corpu8 sind. Aechte Schönheit und „Kunst wird daher bei uns nur auf Sachen gesetzt, gemalt, „geprägt, welche dabei nützen und abwerfen: z. B. gute Madonnen nur ins Modejournal —- radirte Blätter nur aus „Briese voll Tabacksblättcr — Kameen auf Tabacksköpse — „Gemmen auf Pitschaste und Holzschnitte auf Kerbhölzer — „Blumcnstücke werden gesucht, aber aus Schachteln — treue >,Wouwermanne, aber zwischen Pferdeständcn neben Beschälern*) *) Ein guter Wouwcrmann heißet in der Malcrsprache ein gut gemaltes Pferd, dessen Beschauen auf die Schönheit des künftigen Füllen cinfließet. 49 „— erhobenes Bildwerk von Prinzcnköpscn entweder ans Tha- „lern oder auf baicrschen Bicrkrng-Deckeln, beide nicht ohne „reines Zinn — Rosen- und Lilienstückc aber an tättauwirtcn „Weibern. — Ans ähnliche Weise war in Basedows Erziehungsanstalt stets das schöne Gemälde und das lateinische „Vokabnlum verknüpft: weil das Philanthropin dieses leichter „unter jenem behielt. — So malte Van der Kabel nie einen „Hasen auf Bestellung, ohne ein frisch geschossenes Modell nach „dem andern sich zum Essen nnd Kopircn auüzubitten. — So „malte der Maler Calkar schöne Strümpfe, aber unmittelbar „an seine eignen Beine."- Der Ritter hörte so etwas mit Vergnügen an, ob er's gleich weder belächelte noch nachahmte; ihm waren alle Farben im genialischen Prisma erfreulich. Nur für den Baumeister war's nicht genug im griechischen Geschmack, und für den Lektor nicht genug im höflichen. Letzterer kehrte sich, während Schoppe neuen Athem zu unserer Verkleinerung holte, wie schmeichelnd zum abrcisenden Dian und sagte: „früher nahm „Rom andern Ländern nur die Kunstwerke hinweg, aber „jetzt die >— Künstler." Schoppe verfolgte: „Eben so sind unsere Statuen keine „müßigen Staatsbürger auf der Bärenhaut, sondern sie trei- „ben alle ein Handwerk; was Karyatiden sind, tragen Hän- „ser, was Engel sind, halten Tanfschüsscln, und heidnische „Wassergötter arbeiten in Springbrunnen und gießen den „Mägden das Wasser in die Scheffel zu."- Der Graf sprach warm für uns, der Lektor hell; der Ritter bemerkte, daß der deutsche Geschmack und das deutsche Talent für dichterische Schönheiten den Mangel an beiden für andere Schönheiten vergüte und erkläre (aus Klima, Regic- Jcan Paul'« ausgev. Werke. X. H 50 rungssorm, Armuth re.). Der Ritter glich den Himmelssch- röhren, hinter denen die Erden größer erscheinen und die Sonnen kleiner, er nahm wie jene den Sonnen den geborgten Schimmer ab, ohne ihnen den wahren größer» zurückzu- geben; er schnitt zwar einem Judas den Strick entzwei, aber einem Christuskopfe goß er den Heiligenschein aus, und suchte überhaupt eine Parität und Gleichheit der Schwärze und des Lichts zu erkünsteln. Schoppe verstummte nie; ich sorge, in seinem Toleranzmandat für Europa waren die deutschen Kreise ausgelassen, er hob wieder an: „Das Wenige, was ich eben zum Lobe der „nützenden Deutschen vorbrachte, hat mir, wie es scheint, Widerspruch zugezogen. Aber die kleine Lorbcerkrone, die ich „dem h. Rcichskörper aufsetze, soll mich nie abhalten, die Stellen gewahr zu werden, wo er kahl ist. Ich lobt' es oft an „Sokrates und Christus, daß sie nicht in Hamburg, in Wien, „oder gar in einer brandenburgischen Stadt dozirten und „mit ihren Philanthropisten gaffatim gingen; von Magistrats „wegen würde man sie haben befragen lassen, ob sie nicht arbeiten könnten; und wären beide mit Familie in Wetzlar ge- „wesen, so hätte man dieser die Neglektcngeldcr *) abgewogen. — Anlangend die Dichtkunst, Herr Ritter, so kannt' „ich manchen Reichsbürger, der aus einem Karmen — wcnn's „nicht auf ihn selber war — wenig machte; er glaubte die „Eingriffe der poetischen Freiheit in die Reichsfrcihcit zu ken- „nen; ihn, der gewiß überall ordentlich, gesetzt, bedächtig, in *) So heißet das Quantum, das man den Beisitzern des Kammergerichts, wenn sie nicht genug gearbeitet haben, vorenthält. 51 „sächsischen Fristen zn Werke schritt, quälten und störten poetische Schwingen sehr. — Und ist's denn so unerklärlich und „so schlimm? —> Der gute Reichsstädter bindet eine Serviette „vor, wenn er weinen will, damit er die Atlasweste nicht be- „tropst, und die Thräne, die ihm auss Kondolenzschreiben entfallen, stippet er wie jede dunklere Jntcrpnnkzion: was Munter, wenn er gleich dem Wildmeister keine schönere Blume „kennt als die hinten am Hirsche, und wenn ihn die poeti- „schen Veilchen gleich den botanischen *) mit gelinden Brech- „kräftcn angrcifcn. . . . Das wäre meines Bedünkens wcnig- „stens Eine Art, den Tadel abzulehncn, womit man uns „Deutsche anschmitzt." 7. Z Y k c l. Welche sonderbare Nacht folgte auf diesen sonderbaren Tag! — Alle gingen, vom Reisen schläfrig, der Ruhe zn; blos Albano, in welchem der heiße volle Tag nachbrannte, sagte dem Ritter, daß er heute mit seiner Brust voll Feuer nirgends Kühlung und Ruhe finde als unter den kalten Sternen und unter den Blüten des welschen Frühlings. Er lehnte sich auf der obersten Terrasse an eine Statue neben einem blühenden Dockengeländer aus Zitronen an, um die Augen unter dem Sternenhimmel schön zu schließen und noch schöner zu öffnen. Schon in seiner frühem Jugend halt' er sich, so gut wie ich, aus die welschen Dächer warmer Länder gewünscht, nicht um als Nachtwandler, sondern um als ein Schläfer darauf zu erwachen. ') Die Jpccacuanha gehört zum Veilchengeschlcchte. 4 * 52 Wie herrlich fällt das ausgehende Auge in den erleuchteten hängenden Garten voll ewiger Blüten über dir, anstatt daß du in deinem deutschen schwülen Fedcrpsuhl nichts vor dir hast, wenn du ausblickst, als den Bcttzopf! Als Zesara so Wellen und Berge und Sterne mit stillerer Seele durchkreuzte, und als Garten und Himmel und See endlich zu Einem dunkeln Kolosse zusammenschwammen, und er wehmüthig an seine bleiche Mutter und an seine Schwester und an die verkündigten Wunder seiner Zukunft dachte: so stieg hinter ihm eine ganz schwarz gekleidete Gestalt mit abgc- bildetem Todtenkopfe aus der Brust mühsam und mit zitterndem Athem die Terrassen hinaus: „Gedenke des Todes! (sagte „sie) du bist Albano de Zesara?" .„Ja! (sagte Zesara) wer „bist du?" — „Ich bin (sagte sie) ein Vater des Todes.*) „Ich zittere nicht aus Furcht, sondern aus Gewohnheit so." Die Glieder des Mannes blieben auf eine grausendc Art in einem allgemeinen Erbeben, das man zu hören glaubte. Zesara hatte oft seiner müßigen Kühnheit ein Abenteuer gewünscht; jetzt hatt' cr's vor sich; indeß wachte er doch behutsam mit dem Auge, und da der Mönch sagte: „schaue zum „Abendstern hinaus und sage mir, wenn er untergeht, denn „mein Gesicht ist schwach," so warf er nur einen eilenden Blick dahin: „noch drei Sterne (sagt' er) sind zwischen ihm und der „Alpe." — „Wenn er untergeht (fuhr der Vater fort), so gibt „deine Schwester in Spanien den Geist auf, und darauf redet „sie dich hier aus dem Himmel an." — Zesara wurde kaum ') Aus dem Orden des h. Pauls oder meiironto inori, der in Frankreich im 17tcn Jahrhundert erlosch. Die obige Anrede ist ihr gewöhnlicher Gruß. von einem Finger der kalten Hand des Schauders berührt, blos weil er in keinem Zimmer war, sondern in der jungen Natur, die um den zagenden Geist ihre Berge und Sterne als Hüter stellt, oder auch weil die weite dichte Körpcrwclt so nahe vor uns die Geisterwclt verdrängt und verbauet; er fragte mit Entrüstung: „wer bist du? was weißt du? was willst du?" und griff nach den zusammcngcfalteten Händen des Mönchs und hielt beide mit Einer gefangen. „Du kennst mich nicht, „mein Sohn! (sagte ruhig der Vater des Todes) Ich bin ein „Zahuri, *) und komme aus Spanien von deiner Schwester: „ich sehe die Todten unten in der Erde und weiß cs voraus, „wenn sie erscheinen und reden. Ich aber sehe ihr Erscheinen „über der Erde nicht und hör' ihr Reden nicht." Hier blickte er den Jüngling scharf an, dessen Züge plötzlich starrer und länger wurden; denn eine Stimme, wie eine weibliche bekannte, fing über seinem Haupte langsam an: „nimm „die Krone, nimm die Krone —- ich helfe dir!" Der Mönch fragte: „ist der Abcndstcrn schon hinunter? Spricht es mit „dir?" — Zesara blickte in die Höhe und konnte nicht antworten; die Stimme aus dem Himmel sprach wieder und dasselbe. Der Mönch crrieth es und sagte: „So hat dein „Vater deine Mutter aus der Höhe gehöret, als er in „Deutschland war; aber er ließ mich lange in Fesseln legen, „weil er dachte, ich täusche ihn." — Beim Worte „Vater," dessen Geisterunglauben Zesara kannte, riß er den Mönch an den beiden Händen mit der scsthaltenden starken die Terrassen Den Zahuri's in Spanien wird bekanntlich die Kraft zugetraut, Leichname, Metalladcrn ic. in der tiefen Erde zu erblicken. 54 hinunter, um zu hören, wo jetzt die Stimme stehe. Der Alte lächelte sanft, die Stimme sprach wieder über ihm, aber so: „liebe die Schöne, liebe die Schöne, ich helfe dir." — Am Ufer hing ein Fahrzeug, das er am Tage schon gesehen. Der Mönch, der ihm vermuthlich den Argwohn einer irgendwo verborgnen Stimme nehmen wollte, stieg in die Gondel und winkte ihm nachznsolgen. Der Jüngling, im Vertrauen auf seine körperliche und geistige Macht und auf seine Schwimmkunst, entfernte sich mit dem Mönche kühn von der Insel; aber wie griff der Schauder in seine innersten Fibern, da nicht nur die Stimme über ihm wieder rief: „liebe die Schöne, die ich dir „zeige, ich Helfe dir", sondern da er auch gegen die Terrasse hin eine weibliche Gestalt sich bis an das Herz aus den tiefsten Wellen mit langen kastanienbraunen Haaren und schwarzen Augen und mit einem glänzenden Schwanenhals und mit der Farbe und Kraft des reichsten Klimas wie eine höhere Aphrodite heben sah. Aber in wenig Sekunden sank die Göttin wieder in die Wogen zurück, und die Geisterstimme lispelte oben fort: „liebe die Schöne, die ich dir zeigte." --Der Mönch betete kalt und schweigend unter der Szene und sah und hörte nichts, endlich sagte er: „am künftigen Himmel- „sahrtstage in deiner Geburtsstunde wirst du neben einem „Herzen stehen, das in keiner Brust ist, und deine Schwester „wird dir vom Himmel den Namen deiner Braut verkündigen." — Wenn vor uns flüssigen schwachen Gestalten, die gleich Polypen und Blumen das Licht eines höhern Elementes nur fühlen und suchen, aber nicht sehen, in der Totalfinster- niß unscrs Lebens ein Blitz durch den erdigten Klumpen schlägt. 55 der vor unsere höhere Sonne gehangen ist *): so zerschneidet der Stral den Sehnerven, der nur Gestalten, nicht Licht verträgt; — kein heißes Erschrecken beflügelt das Herz und das Blut, sondern ein kaltes Erstarren vor unsern Gedanken und vor einer neuen unsaßlichcn Welt sperrt den warmen Strom, und das Leben wird Eis.- Albano, aus dessen voller Phantasie eben so leicht ein Chaos als ein Universum sprang, wurde bleich, aber ihm war, als verlier' er nicht sowol den Mnth als den Verstand; er ruderte ungestüm, beinahe bewußtlos ans Ufer — er konnte dem Vater des Todes nicht ins Gesicht , schauen, weil seine unbändige alles auscinandcrrcißende Phantasie alle Gestalten gleich Wolken zu gräßlichen nmwälzte und ausdehntc — er hört' cs kaum, als der Mönch zum Abschiede sagte: „vielleicht komm' „ich am nächsten Charfrcitage wieder." — Der Mönch bestieg einen Kahn, der von selber dahinfuhr (wahrscheinlich durch ein unter dem Wasser nmtreibendes Rad), und verschwand bald hinter oder in der kleinen Fischcrinsel (Inoln pesellierö). Eine Minute lang taumelte Alban, und ihm kam es vor, als sei der Garten und der Himmel und alles eine weichende aufgelösete Nebelbank, als gcb' es nichts, als Hab' er nicht gelebt. Diesen arsenikalischen Qualm blies ans einmal von der erstickenden Brust dcr Athcm des Bibliothekar Schoppe, der lustig zum Schlaffenstcr hcrauspfiff; jetzt wurde sein Leben wieder warm, die Erde kam zurück, und das Daseyn war. *) Anspielung auf die Erzählung einiger Astronomen, daß die verfinsterte Sonne zuweilen durch eine Oeffnung des Mondes gcblitzet habe, wie es z. B. Ulloa einmal gesehen zu haben versichert. 56 Schoppe, der vor Wärme nicht schlafen konnte, stieg herunter, nm sich auch aus die zehnte Terrasse zu betten. Er sah an Zesara ein heftiges inneres Wogen, aber er war schon daran gewöhnt und forschte nicht. 8. Z Y k e l. Nicht von Vernünftclcien, sondern von Scherzen schmilzt leicht das Eis in unserem stockenden Räderwerke. Nach einer gesprächigen Stunde war dem Jünglinge nicht viel mehr davon übrig als eine ärgerliche Empfindung und eine frohe; jene darüber, daß er den Mönch nicht bei der Kutte genommen und dem Ritter vorgcsührt; und die frohe über die hohe weibliche Gestalt und selber über die Aussicht in ein Leben voll Abenteuer. Glcichwol fuhren, wenn er die Angen schloß, Ungeheuer voll Flügel, Welten voll Flammen und ein tiefes wogendes Chaos um seine Seele. Endlich gingen in der Kühle der Nachmitternacht seine müden Sinnen näher fortgezogen und auscinanderfallend dem Magnetberg des Schlummers zu; — aber welcher Traum kam ihm aus diesem stillen Berge nach! „Er lag (so träumte „ihm) auf dem Krater des Hekla. Eine aufdringende Wassersäule hob ihn mit sich empor und hielt ihn auf heißen Wel- „len mitten im Himmel fest. Hoch in der Acthernacht über „ihm streckte sich ein finsteres Gewitter, wie ein langer Drache, „von verschlungnen Sternbildern aufgeschwollen, aus; nahe „darunter hing ein Helles Wölkchen, vom Gewitter gezogen — „durch den lichten Nebel des Wölkchens quoll ein dunkles Roth „entweder von zwei Roscnknospen oder von zwei Lippen und „ein grüner Streif von einem Schleier oder von einem Oel- 57 „zweige und ein Ring von milchblauen Perlen, oder von Vergißmeinnicht — endlich zerfloß ein wenig Dust über dem „Roth, und blos ein offnes blaues Auge blickte unendlich mild „und flehend auf Albano nieder; und er streckte die Hände aus „nach der umwölktcn Gestalt, aber die Wassersäule war zu „niedrig. Da warf das schwarze Gewitter Hagelkörner, aber „sie wurden im Fallen Schnee und dann Thautropsen nnd endlich im Wölkchen silbernes Licht, und der grüne Schleier „wallte erleuchtet im Dunst. Da rief Albano: ich will alle „meine Thräncn vergießen und die Säule aufschwellen, damit >;,ich dich erreiche, schönes Auge! — Und das blaue Auge „wurde feucht von Sehnen und sank vor Liebe zu. Die Säule „wuchs brausend, das Gewitter senkte sich und drückte das „Wölkchen voraus, aber er könnt' cs nicht berühren. Da riß „er seine Adern auf und rief: ich habe keine Thränen mehr, „Geliebte, aber all' mein Blut will ich für dich vergießen, „damit ich dein Herz erreiche. Unter dem Bluten drang die „Säule höher und schneller auf — der weite blaue Aether „wehte, und das Gewitter verstäubte, und alle verschlungnen „Sterne traten mit lebendigen Blicken heraus — das flatternde freie Wölkchen schwebte blitzend zur Säule nieder —- „das blaue Auge that sich in der Nähe langsam auf und „schneller zu und hüllte sich tiefer in sein Licht; aber ein lei- „ser Seufzer sagte in der Wolke: zieh mich in dein Herz! -— „O da schlang er die Arme durch die Blitze und schlug den „Nebel weg, und riß eine weiße Gestalt wie aus Mondlicht „gebildet an die Brust voll Glut — Aber ach, der zerrinnende „Lichtschnee entwich den heißen Armen — die Geliebte verging und wurde eine Thränc, und die warme Thräne drang „durch seine Brust und sank in sein Herz und brannte darin, 58 „und es rann auseinander und wollte vergehen" .... Da schlug er die Augen auf. Aber — welches überirdische Erwachen! — das weiße ausgcleerte Wölkchen, mit Gcwittertropfcn befleckt, hing, auf ihn hcreingebückt, noch am Himmel --— cs war der Helle licbcnd-nahe über ihn hereingcsunkne Mond. Er hatte sich im Schlafe verblutet, weil sich darin die Binde von der Wunde des Armes durch das heftige Bewegen desselben verschoben hatte. Die Entzückungen hatten den Nachtfrost des Gcisterschreckens zerschmolzen. In einem verklärenden Ersterben flatterte auf- gebunden sein so festes Dascyn umher wie ein beweglicher Traum — in den gestirnten Himmel war er wiegend ausge- fchwebt wie an eine Mutterbrust, und alle Sterne waren in den Mond geflossen und dehnten seinen Schimmer ans — sein Herz, in eine warme Thräne geworfen, ging sanft darin auseinander — außer ihm schattete es nur, in ihm stralte es blendend — der Flug der Erde wehte vor der aufgerichtctcn Flamme seines Jchs vorbei und bog sie nicht um. — Ach seine Psyche glitt mit scharfen ungercgtcn ungestörten Falkenschwingen entzückt und still durch das dünne Leben. . . . Ihm kam es vor, als sterbe er, denn spät war er die steigende Erwärmung des linken verblutenden Armes innen geworden, der ihn ins lange Elysium, das aus dem Traume ins Wachen reichte, 'gehoben hatte. Er legte ihm die Binde fester nm. >— Auf einmal hört' er unter dem Verbinden ein lauteres Plätschern unter sich, als bloße Wellen machen konnten. Er schauete über das Geländer — und sah seinen Vater mit Dian ohne Abschied — der für Gaspard nur die giftige Herbstblume in der Herbstminute einer Abreise war — wie ausgesallne 59 Blütcnblätter ans der Blumcnkrone seines Lebens über die Wellen fliehen nnter dem Schwancnlicde der Nachtigallen!... Guter Mensch, wie oft hat dich diese Nacht bethöret und beraubt! —- Er breitete die Arme ihnen nach — der Schmerz des Traums suhr fort und begeisterte ihn — der fliehende Vater schien ihm wieder liebender — schmerzlich rief er hinab: „Vater, sich dich um nach mir! — Ach wie kannst du mich so „stumm verlassen? — Und du auch, Dian! — O tröstet mich, „wenn ihr mich hört!" — Dian warf ihm Küsse zu, und Gas- pard legte die Hand auf das sieche Herz. Albano dachte an die Kopistin des Todes, an die Starrsucht, und hätte gern den verletzten Arm über die Wellen gehalten und das warme Leben als eine Libazion für den Vater vergossen; und ries nach: lebt wohl, lebt wohl! — Schmachtend drückt' er die kalten steinernen Glieder einer kolossalischen Statue an seine brennenden Adern an, und Thräncn der vergeblichen Sehnsucht überquollcn sein schönes Angesicht, während die warmen Töne der welschen Nachtigallen, die von dem Ufer und der Insel gegen einander schlugen, mit linden Vampyrcnznngcn das Herz wund sogen. —> —> Ach wenn du einmal geliebt wirst, glühender Jüngling, wie wirst du lieben! — Er weckte, im Durste nach einer warmen sprechenden Seele, seinen Schoppe ans und zeigte ihm die Flucht. Aber indem dieser irgend etwas Tröstendes sagte, schaucte Albano unverwandt dem grauen Punkte des Fahrzeugs nach und hörte nichts. —- 9. Z Y k e l. Beide blieben auf und erfrischten sich durch die Streiferei in der bethaueten Insel; und sie wurden durch den Anblick, 60 wie das erhobene Bildwerk des Tages farbig-gleißend aus Len erlöschenden Kreidezeichnungen des Mondlichts heraustrat, lebendig und wach. Augusti kam auch und schlug ihnen die halbstündige Fahrt nach Isola inackrs vor. Albano flehte beide herzlich an, allein hinzusahren, ihn aber hier in seinen einsamen Spaziergängen zu lassen. Der Lektor faßte jetzt die Spuren der nächtlichen Angriffe schärfer ins Auge — wie schön hatte der Traum, der Mönch, die Schlaflosigkeit, die Verblutung die tapfere kecke Gestalt gemildert und jeden Laut erweicht, und die Kraft war jetzt nur ein zauberischer Wasserfall im Mondcnlicht. Augusti nahm es für Eigensinn und fuhr allein mit Schoppe; aber die wenigsten Menschen begreifen, daß man nur mit den wenigsten Menschen (mit keiner Vi- siten-Armce), eigentlich nur mit zweien, mit dem innigsten und ähnlichsten Freunde und mit der Geliebten, spazieren gehen könne. Wahrlich, ich will eben so gern im Angesichte des Hofes am Geburtstage der Fürstin zu einer Liebeserklärung öffentlich nicderknicen als — denn man zeige mir doch den Unterschied — zwischen einem langen Vor- und Nachtrabe das trunkne Auge auf dich, Natur, meine Geliebte heften. — Wie glücklich wurde durch die Einsamkeit Albano, dessen Herz und Augen voll Thräuen standen, die er schamhaft verbarg, und die ihn doch vor seinem eignen Urthcile so rechtfertigten und erhoben! — Er trug sich nämlich mit dem sonderbaren Jrrthnme feuriger und starker Jünglinge, er habe kein weiches Herz, zu wenig Gefühl und sei schwer zu rühren. Aber jetzt gab ihm die Entkräftung einen dichterischen weichen Vormittag, wie er noch keinen gehabt, wo er alles weinend umarmen wollte, was er je geliebt — feine guten fernen Pflcgc- eltern in Blnmcnbühl — seinen kranken Vater, der's gerade 61 im Frühling war, wo immer der Tod sein blumiggeschmücktes Opferthor aufbanct — und seine in die Vergangenheit gehüllte Schwester, deren Bild er bekommen, deren Aster-Stimme er diese Nacht gehört, und deren letzte Stunde ihm der nächtliche Lügner näher gemalt. — Sogar das nächtliche noch in seinem Herzen verschlossene Schattenspiel machte ihn durch die Uner- klärlichkcit — da cr's keinem bekannten Menschen znzuschreibcn wußte — und durch die Weissagung beklommen, daß er an seiner Gcburtsstnndc — und diese stand so nahe, am Himmcl- fahrtstage — den Namen seiner Braut vernehmen würde. Verlachende Tag nahm zwar den Geisterszencn die Todtcnsarbe, gab aber der Krone und der Wassergöttin frischen Glanz. Er durchschwankte alle heiligen Stätten in diesem gelobten Lande — Er ging in die dunkle Arkade, wo er die Reliquien seiner Kindheit und seinen Vater gesunden hatte, und nahm mit einem bangen Gefühle die aus den Boden cntsallne zerquetschte Larve zu sich. Er bestieg die von Limonien mit Sonnenschein besprengte Gallerte und sah nach den hohen Zypressen und den Kastaniengipfeln im weiten Blau, wo ihm der Mond wie das aufgegangne Mutter-Auge erschienen war. — Er trat nahe vor eine Kaskade hinter dem Lorbcerwaldc, die sich in 20 Absätze, wie er in 20 Jahre, zcrtheilte, und erfühlte ans den heißen Wangen ihren dünnen Regen nicht. Er stieg nun aus die hohe Terrasse zurück, um seinen Freunden entgegen zu sehen. Wie gebrochen und magisch stahl sich der Sonnenschein der äußern Welt in den heiligen dunkeln Jrrhain der inncrn! — Die Natur, die gestern ein flammender Sonncnball gewesen, war heute ein Abendstcrn voll Dämmerlicht — die Welt und die Zukunft lagen so groß um ihn und doch so nahe und berührend, wie vor dem Regen 62 Eisberge näher scheinen im tiefern Blan — er stellte sich auf das Geländer und hielt sich an die kolossalische Statue, und sein Auge schweifte hinab zu dem See und hinauf zu den Alpen und zu dem Himmel und wieder herab, und unter der freundlichen Luft Hcspcriens flatterten leicht bedeckt alle Wellen und alle Blätter auf — weiße Thürmc blinkten aus dem User- Grün, und Glocken und Vögel klangen im Winde durcheinander. — Ein schmerzliches Sehnen faßte ihn, da er nach der Bahn seines Vaters sah; ach nach dem wärmcrn Spanien voll schwelgerischer Frühlinge, voll lauer Orange-Nächte, voll umhcrgeworfcner Glieder zcrstückter Riesengebirge, da wäre er gern durch den schönen Himmel hingeflogen! — Endlich löste sich das Freuen und das Träumen und das Scheiden in jene unnennbare Wehmuth auf, worein das Ucbermaß der Wonne den Schmerz der Gränzen kleidet, weil ja unsere Brust leichter zu überfüllen als zu füllen ist.-- Auf einmal wurde Albano gerührt und ergriffen, als wenn die Gottheit der Liebe ein Erdbeben in seinen innern Tempel schickte, um ihn für ihre künftige Erscheinung cinzuweihcu, da er an einem indischen Bäumchen neben sich den Zettel mit dessen Namen Liane las. Er sah es zärtlich an und sagte immer: liebe Liane! Er wollte sich einen Zweig abbrechen; da er aber daran dachte, daß dann Wasser aus ihm rinne, so sagte er: „nein, Liane, durch mich sollst du nicht weinen," und unterließ es, weil in seiner Erinnerung das Gewächs auf irgend eine Art mit einem unbekannten thcuern Wesen in Verwandtschaft stand. Sich unaussprechlich hinübersehncnd blickte ersetzt nach den Tcmpclthorcn Deutschlands, nach den Alpen >— in einem Frühlingswölkchcn schien sich der schneeweiße Engel seines Traums tief einzuhüllcu und nur stumm darin dahinzu- schweben — und es war ihm, als hör' er von .Fernen Harmonikatöne. — Er zog, um nur etwas Deutsches zu haben, eine Brieftasche heraus, woraus seine Pslegcschwester Rabette die Worte gestickt: gedenke unserer -— er fühlte sich allein und war nun erfreuet über die Freunde, welche heiter von Isoln inaclrs znrückrudcrtcn. Ach Albano, welch' ein Morgen wäre dieser für einen Geist, wie deinen, zehn Jahre später gewesen, wo sich die feste Knospe der jungen Kraft schon weiter und weicher und loser auseinander geblättert hätte! Vor einer Seele wie deiner wären dann, da die Gegenwart in ihr blaß wurde, zwei Welten zugleich — die zwei Ringe um den Saturn der Zeit — die der Vergangenheit und die der Zukunft, miteinander aufgegangen; du hättest nicht blos über die kurze rückständige Laufbahn an das Helle weiße Ziel geblickt, sondern dich umgcwandt und die krumme lauge durchlaufene überschauet. Du hättest die tausend Fehlgriffe des Willens, die Fehltritte des Geistes zusam- mengerechnet und die unersetzliche Verschwendung des Herzens und des Gehirns. Würdest du auf den Boden haben sehen können, ohne dich zu fragen: ach, haben die 1004 Erschütterungen*), die durch mich wie durch das Land hinter mir gegangen sind, mich eben so befruchtet wie dieses?— O da alle Erfahrungen so theucr sind, da sie uns entweder unsere Tage kosten oder unsere Kräfte oder unsere — Jrrthümcr: o warum muß der Mensch an jedem Morgen vor der Natur, die mit jedem Thautropfen in der Blume wuchert, so verarmet über *) In Kalabrien waren im Zeiträume von '/) Jahren (1785) tausend und vier Erschütterungen. Müntcrs Reise >c. 64 die tausend vergeblich vertrockneten Thronen erröthen, die er schon vergossen und gekostet hat? — Ans Frühlingen zieht diese Allmächtige Sommer auf, aus Wintern Frühlinge, aus Vulkanen Wälder und Berge, aus der Hölle einen Himmel, ans diesem einen großem-nnd wir thörichte Kinder wissen uns aus keiner Vergangenheit eine Znknnst zn bereiten, die uns stillt — wir hacken wie die Stcindohle nach jedem Glanze und tragen die Glntkohlc als Goldstück bei Seite nnd zünden damit Häuser an — ach mehr als eine große schöne Welt geht unter in der Brust und läßt nichts zurück, und gerade der Strom der höhcrn Menschen vcrspringt und befruchtet nichts, wie sich hohe Wasserfälle zersplittern nnd schon weit über der Erde verstecktem.- Albano empfing die Freunde mit vergütender Zärtlichkeit; aber dem Jünglinge wurde mit der Zunahme des Tages so öde und bange wie einem, der seine Stube im Gasthofe aus- geleeret, der die Rechnung entrichtet und der nur noch einige Minuten in dem rauhen leeren Stoppelfeld«: auf- und abzu- gehcn hat, bis die Pferde kommen. Wie fallende Körper bewegten sich in seiner heftigen Seele Entschlüsse in jeder neuen Sekunde schneller und stärker; er bat mit äußerer Milde, aber innerer Heftigkeit seine Freunde, noch heute mit ihm abzurei- scn. — Und so ging er Nachmittags mit ihnen von der stillen Kindheits-Insel ab, um durch die Kastanienallcen Mailands eilig auf die neue Bühne seines Lebens und an die Fallthüre zu kommen, die sich in den unterirdischen Gang so vieler Räth- sel öffnet. — 65 Antrittsprogramm des Titans. Eh' ich den Titan dem Flachsenfingischen geheimen Le- gazionsrath und Lehnprobst, H. von Hafenreffer, dcdizirte: so fragt' ich bei ihm erst so nm die Erlaubniß an: „Da Sie weit mehr an dieser Geschichte mit arbeiteten „als der rusfische Hos an Voltaircns Schöpfungsgeschichte des „großen Petrus: so können Sic meinem dankbegierigen Herren nichts Schöneres geben als die Erlaubniß, Ihnen wie „einem Judengottc das zu opfern und zu dcdiziren, was Sie „geschaffen haben." Aber er schrieb mir aus der Stelle zurück: „Aus derselben Raison könnten Sic, wie es Sonncnsels „gethan, das Werk noch besser sich selber dcdiziren und in einem „richtigere Sinne, als andere, den Verfasser und Gönner des- „selbcn zugleich vereinen. — Lassen Sie mich (auch schon des „Herrn von ** und der Frau von ** wegen) aus dem Spiele; „und schränken Sie sich blos auf die nothwendigsten 'Notizen „ein, die Sie dem Publikum von dem sehr maschinenmäßigen „Anthcil, den ich an Ihrem schönen Werke habe, etwa gönnen „wollen, aber um der Götter willen Ine llnec lloc Iiusus lulle „Irene Iinne Iroe Iroe Iinc Iroe." v. Unbenrsbbsr. Die römische Zeile ist eine Chiffre und soll dem Publikum dunkel bleiben. — Was dasselbe vom Antrittsprogrammc zu fordern hat, sind vier Namenerklärungcn und Eine Sacherklärung. Die erste Namcncrklärung, welche die Jobelperiode angeht, treff' ich schon bei dem Stifter der Periode, dem Iran Paul'S aurgeiv. Werle. X, 5 ^ Fi !-> i-'- 66 Superintendent Franke an, der sie für eine von ihm er- sundne Aera oder Zeitsumme von 152 Zykeln erklärt, deren jeder seine guten 49 tropischen Mondsonncnjahre in sich hält. Das Wort Jodel setzt der Superintendent voran, weil in jedem siebenten Jahre ein kleines, und in jedem siebenmal 7tcn oder 49stcn ein großes Zobel-, Schalt-, Erlaß-, Sabbaths- oder Hall-Jahr anbrach, wo man ohne Schulden, ohne Säen und Arbeiten und ohne Knechtschaft lebte. Glücklich genug wcud' ich, wie cs scheint, diesen Jobclnamen auf meine historischen Kapitel an, welche den Geschäftsmann und die Geschäftsfrau in einem sanften Zykel voll Frei-, Sabbaths-, Erlaß-, Hall- und Jobclstnndcn herumsühren, worin beide nicht zu säen und zu bezahlen, sondern nur zu ernten und zu ruhen brauchen; denn ich bin der einzige, der als krumm- geschlossener pflügender Fröhner an dem Schreibtische steht und welcher Säemaschincn und Ehrenschulden und Handschellen vor und an sich sieht. — Die siebentausend vier hundert und acht und vierzig tropischen Mondsonncnjahre, die eine Frankesche Jobclpcriodc enthält, sind auch in meiner vorhanden, aber nur dramatisch, weil ich dem Leser in jedem Kapitel immer so viel Ideen — und diese sind ja das Längen- und Kubik- maß der Zeit — vertreiben werde, bis ihm die kurze Zeit so lang geworden, als das Kapitel verlangte. Ein Zykel —- welches der Gegenstand meiner zweiten Namenerklärung ist — braucht nun gar keine. Die dritte Nominaldefinizion hat die obligaten Blätter zu beschreiben, die ich in zwanglosen Heften in jeder Jobelperiode herausgebc. Die obligaten Blätter nehmen durchaus nur reine gleichzeitige mit meinem Helden weniger zusammenhängende Fakta von solchen Leuten auf, die mit ihm 67 desto mehr Zusammenhängen; auch in den obligaten Blättern ist nicht das kleinste, nur einer Brandblase große satirische Extravasat von Ausschweifung ersichtlich, sondern der selige Leser und Lektor wandelt mit den Seinigen frei und aufgeweckt und gerade durch das weite Hoflager und die Reitbahn und Landschaft eines ganzen langen Bandes zwischen lauter- historischen Figuren —- auf allen Seiten von fliegenden Korps, von thätigcn Knapp- und Judcnschasten, anrückenden Marschsäulen, reitenden Horden und spielenden Thcatcrtruppen umzingelt — und er kann sich gar nicht satt sehen. Ist aber der Tomus aus: so sängt — das ist die letzte Nominaldefinizion — sich ein kleiner an, worin ich mache, was ich will (nur keine Erzählung), und worin ich mit solcher Seligkeit mit meinem langen Bicnenstachcl auf- uud abfliege von einer Blütcn-Ncktaric und Honigzelle zur andern, daß ich das blos zum Privatvortheile meines Ausschweifcns gebaute Filialbändchcn recht schicklich meine Honigmonate benenne, weil ich darin Honig weniger mache als esse, geschäftig nicht als eintragcnde Arbeitsbiene, sondern als zcidelnder Bicnenvatcr. — Bisher hatt' ich freilich geglaubt, das Durchfahren meiner satirischen Schwanzkometcn würde jeder Lcser von dem ungestörten Gange meines historischen Planetensystems auf der Stelle absondern, und ich hatte mich gefragt: „wird „denn in einer Monatsschrift die Einheit einer Geschichte durch „das Abbrcchcn der lctztcrn und durch die Erbfolge eines andern Aufsatzes beschädigt; und haben sich denn die Leser „darüber beschweret, wenn z. B. in den Hören-Jahrgängen „zuweilen Ccllmi's Geschichte abgebrochen und ein ganz anderer Aussatz eingehoben wurde?" — Aber was geschah? — Wie im Jahre 1795 eine medizinische Gesellschaft in 5 * 69 Ich komme nun ans den geheimen Legazionsrath von Hafenrcffer, welcher der Gegenstand meiner versprochnen Sacherklärung ist. Aus dem lösten Hundsposttage sollt' cs einmal bekannt sehn, wer Flachsenfingen beherrscht — nämlich mein H. Vater. Im Grunde war meine so frappante Standescrhöhung mehr ein Schritt als ein Sprung; denn ich war vorher schon Jurist, mithin schon die Knospe oder das Blütcnkätzchen eines noch eingcwickeltcn Doktors »triusguo, und folglich ein Edelmann, da im Doktor der ganze Rogen und Dotter zum Ritter steckt; daher er auch so gut wie dieser, wenn gerade etwas vorbeigcht, vom Sattel oder Stegreif lebt, wicwol weniger in einem Ranbschlosse als Raubzimmer. Ich habe also seit dem Avancement weniger mich geändert als mein Nefidenzschloß — das väterliche in Flachscnfingcn ist gegenwärtig mein eignes. Ich mag nun nicht gern am Hofe mein Zuckcrbrod mit Sünden essen — wicwol man gemächlicher Zucker- und Him- mclsbrod erwirbt als Schiffsbrod — sondern ich stelle, um zu wuchern mit meinem Schiffspfunde, das ganze Flachsen- fingischc Departement der auswärtigen Angelegenheiten zu Hause im Schlosse vor, sammt der erforderlichen Entziffernngs- kanzlei. Das will aber gcthan sehn: wir haben einen Pro- knrator in Wien — zwei Residenten in fünf Reichsstädten — einen Komizialsckrctarius in Regcnspurg unter der Qnerbank — drei Kreis-Kanzlisten und einen bevollmächtigten Lnvo^e an einem bekannten ansehnlichen Hose unweit Hohcnflicß, welches eben der obgedachtc Herr Lehnprobst von Hascnreffer ist. Letzcrem hat sogar mein H. Vater ein vollständiges Silberservice vorgestrcckt, das wir ihm lassen, bis er den 68 Brüssel dm contmet oocinl unter sich machte, daß jeder eine Krone Strafgeld erlegen sollte, der in der Session einen andern Laut von sich gäbe als einen medizinischen: so ist bekanntlich ein ähnliches Edikt vom lltcn Juli an alle Biographen erlassen, daß wir stets bei der Sache — welches die Historie ist.—- bleiben sollten, weil man sonst mit uns reden würde. Der Sinn des Mandats ist der, daß, wenn ein Biograph in allgemeinen Wclthistoricn von 20 Banden, ja in noch längern — wie z- B. in dieser — ein oder zweimal denkt oder lacht, d. h. abschwcift, Jnkulpat auf der kritischen Pillory als sein eigner Pasqnino und Marforio ausstchen soll — welches man an mir schon mehr als einmal vollstreckte. Jetzt aber gcb' ich den Sachen eine andere Gestalt, indem ich erstlich Geschichte und Digrcssion in diesem Werke strenge auseinander halte — wenige Dispensazionsfälle ausgenommen — zweitens, indem ich die Freiheiten, die ich mir in meinen vorigen Werken nahm, im jetzigen zu einem Rechte, zu einer Servitut verjähre und verstärke; der Leser ergibt sich, wenn er weiß, nach einem Bande voll Jobclpcrioden erscheinet durchaus nie etwas anders als einer voll Honigmonate. Ich schäme mich, wenn ich mich erinnere, wie ich sonst in frühem Werken mit dem Bettelstäbe vor dem Leser stand und nm Ausschweifungen bat, indcß ich doch — wie ich hier thue — mir das Anleihen hätte erzwingen können, wie man von Weibern mit Erfolg nicht nur Tribut als Almosen, sondern auch das clon Amtuit als Qu atemb ersten er zu begehren hat. So macht cs nicht blos der kulti- virte Regent auf dem Landtage, sondern schon der rohe Araber, der dem Passagier außer der Baarschaft noch einen Schenkungsbrief derselben abnöthigt. Rappel erhält, weil es 'unser eigner Bortheil ist, wenn ein Flachscnfingischer Botschafter dem Flachsenfingischcn Fürstenhute oder Krönlein auswärts durch Aufwand mehr Ehre macht als gewöhnliche. Auf einem solchen Posten wie meinem steht man nun nicht zum Spaße da, die ganze Lcgazions-, Schreibe- und Lesegesellschaft kouvertirt und schreibt an mich, die elütkrs Kanal und die cliitkis äeekiilrant ist in meinen Händen, und wie es scheint, versteh' ich den Rummel. Unsäglich ist's, was ich erfahre — es wäre nicht zu lesen von Menschen, noch zu ziehen von Pferden, wollt' ich allen den Scidenwurmsamen von Novellen biographisch ausbrüten, groß füttern und abhaspeln, den mir das Gesandten-6orj)o posttäglich in festen Düten schickt. Ja (in einer andern Metapher) das biographische Bauholz, das meine Flößinspckzion für mich bald in die Elbe, bald in die Saale, bald in die Donau oben herab wirst, steht schon so hoch vor mir auf dem Zimmerplatze, daß ich's nicht verbauen könnte, gesetzt daß ich die ästhetischen Bauten meiner biographischen Narrcnschiffe, Redoutensäle und Zauberschlösser forttricbe Tag und Nacht, Jahr aus Jahr ein, und weder mehr tanzte, noch ritte, noch spräche, noch niesetc. . . . Wahrlich, wenn ich oft so meinen schriftstellerischen Eierstock gegen manchen fremden Rogen abwäge: so frag' ich ordentlich mit einem gewissen Unmnth, warum ein Mann einen so großen zu tragen bekommen, der ihn aus Mangel an Zeit und Platz nicht von sich geben kann, indeß ein andrer kaum ein Windei legt und herausbringt. — Wenn ich ein Piquet ans meiner Legazions-Division den Ritterbüchermachern mit dessen offiziellen Berichten znschicken könnte: würden sie nicht gern Ruinen gegen Schlösser und unterirdische Klostergänge 71 gegen Korridore und Geister gegen Körper vertauschen, anstatt daß ihnen jetzt aus Mangel an offiziellen Berichten des Pi- quets die Dirnen die Weltdamen, die Veimer die Justizminister vertreten müssen, so wie die Schalken die Pagen, die Burg- psaffen die Hofprediger und der Raubadcl die Pointeurs? — Ich kehre zu meinem Gesandten von Hafenrcffer zurück. Am obgedachtcn ansehnlichen Hose fitzt dieser treffliche Herr und fertigt mir — seinen Nebenarbeiten unbeschadet — von Monat zu Monat so viele Personalien von meinem Hohcnfließi- schcn Helden zu, als er durch sieben Legazions-Zeichcndcuter oder Clairvoyants erwischen kann — die kleinsten Lappalien find ihm erheblich genug für eine Depesche. Wahrhaftig, eine ganz andere Denkweise als die andrer Gesandten, die nur für Ereignisse, die nachher in die Univcrsalhistorie cinrückcn, Platz in ihren Berichten machen! Hafenrcffer hat in jeder Sackgasse, Bedientcnstube und Mansarde, in jedem Schornstein und Wirthschaftsgebäude seinen Operngucker von Spion, der oft, um Eine Tugend meines Helden auszumitteln, sich zehn Sünden unterziehet. Freilich bei solchen Hand- und Spanndiensten des Glücks muß es keinen von uns Wunder nehmen, ich meine nämlich bei einem solchen Schöpfradc, das mir Fortuna selber nmdreht — bei solchen Diebsdaumcn, die man meinem eignen Schreibdaumen anschienet — bei solchen Sil- houettcurs eines Helden, die alles machen außer der Farbe — kurz, bei einer so außerordentlichen Vereinigung von Umständen oder Montgolfieren kann es freilich nichts, als was man erwartet, sehn, wenn der Mann, den sie heben, droben auf seiner Berghohe ein Werk zusammcnbringt und nachher hcrunterschickt, das man (denn es verdicnt's) nach dem jüngsten Tage aus der Sonne, auf dem Uranus und Sirius frei übersetzt, und auf 72 welches sogar der glückliche Poscnschrapcr, der die Kiele dazu abzog, und der Setzer, der die Errata druckt, sich mehr ein- bildcn wollen, als der Autor selber, und in welches weder die schnelle Sense, noch der träge Zahn der Zeit — besonders da man dieses Gebiß nach Erfordern mit der Zahnsäge der kritischen Feile entzwcibringcn kann — einzuschneidcn vermögend sind. — Fügt der Verfasser solchen Vorzügen noch gar den der Demnth bei: so ist ihm niemand weiter zu vergleichen; aber leider hält jede Natur sich, wie D. Krusius die Welt, zwar nicht für die beste, aber doch für sehr gut. Der gegenwärtige Titan benutzt noch den andern Vortheil, daß ich gerade den väterlichen Hof bewohne und schmücke und mithin als Zeichner gewisse Sünden recht glücklicher Weise näher und Heller vor dem Auge zum Beschauen habe, wovon mir wenigstens der Egoismus, die Libertinagc und das Müßig- gchen gewiß bleiben und sitzen; denn diese Schwämme und Moose säete das Schicksal so weit, als cs konnte, in die höhcrn Stände hinauf, weil sie in den nicdcrn und brcitcrn zu sehr ausgcgriffcn und sic ausgesogcn hätten — welches das Muster derselben Vorsicht gewesen zu sehn scheint, aus der die Schiffe den Tcufelsdrcck, den sie aus Persien holen, stets oben an den Mastbaum hängen, damit sein Gestank nicht die Fracht des Schiffraums besudle.-Ferner Hab' ich hier oben am Hofe jede neue Mode zur Beobachtung und Verachtung schon um mich, eh' sie drunten nur gelästert, geschweige gepriesen worden. Z. B. die schöne Pariser Mode, Laß die Weiber durch einen* kleinen Faltenwurf ihre Waden vorzeigen — welches sie in Paris thun, um sehen zu lassen, daß sie nicht unter die Herren gehören, die bekanntlich auf Steckcnbeinen gehen — diese wird (denn aus eine einzige 73 Dome kommt cs an) morgen oder übermorgen gewißlich ein- gcsührt. Doch ahmen die Flachscnfingcrinncn diese Mode aus dem ganz andern Grunde nach — denn uns Herren fehlet nichts — weil sie zu beweisen wünschen, daß sie Menschen und keine Affen (geschweige weniger) sind, da nach Camper und andern nur der Mensch allein Waden anhat. — Derselbe Beweis wurde vor einem Jahrzchend, nur mit höhern Gründen, geführt. Denn da nach Haller sich der Mensch in nichts von einem Affen trennt, als durch den Besitz eines Steißes: so suchten damals die weiblichen Kronbeamten, die Putzjnngscrn, an ihren Gebieterinnen diesen Geschlcchtscharakter, der sie unterscheidet, durch Kunst — durch den sogenannten eul lls Uni-M — so sehr als möglich zu vergrößern, und bei einer solchen Penultima der Ultima war cs damals schon aus 200 Schritte weit ein Spaß und ein Spiel, eine Weltdame von ihrer Acffin abzutrcnncn, welches jetzt viele, die ihren Büffon auswendig können, in keiner großem Nahe sich getrauen wollen als in einer zu großen. — Aehnliche biographische Denunzianten und Familiären unterhalt' ich in mehrern deutschen Städten — mein H. Vater bczahlt's — in den meisten einen, aber in Leipzig zwei, in Dresden drei, in Berlin sechse, in Wien eben soviel in jedem Stadtviertel. Maschinen solcher Art, die den Perspektiven so sehr gleichen, womit man aus seinem Bette alles beschauen kann, was unten auf der Gasse verfällt, machen es freilich einem Autor leicht, hinter seinem Dintensasse in dunkle verbauctc Haushaltungen — in einer 20 Meilen entfernten Winkclgasse geführt — hell hinunter zu sehen. Daher kann mir jede Woche der närrische Fall begegnen, daß ein gesetzter stiller Mann, den niemand kennt als sein Barbier, und dessen 74 Lebensweg eine dunkle Sackgasse ist — dem aber heimlich einer meiner Gesandten und Spione mit einem biographischen Hohlspiegel nachgcht, welcher des Mannes Unterkleider und Schritte in meine, an dreißig Meilen abliegcnde Studirstube hinein- spicgelt — es kann mir der Fall aufstoßen, sag' ich, daß ein solcher entlegner Mann zufällig vor den Ladentisch des Buchhändlers tritt und in meinem Werke, das rauchend ans dem Backofen dort liegt, sich mit seinen Haaren, Knöpfen, Schnallen und Warzen so deutlich ans der 371. Seite abgebildet findet, als man aus den Steinen in Frankreich die Abdrücke indischer Pflanzen antrifft. Es thnt aber nichts. Leute hingegen, die mit mir an Einem Orte wohnen, welches sonst die Höfcr thatcn, kommen gut davon; denn neben mir halt' ich keine Gesandten. Aber eben dieser Vorzug, daß ich meine Geschichten nicht aus der Luft greife, sondern aus Depeschen, nöthigt mich, mehr Mühe anzuwendcn, sic zu vcrziffern, als andere hätten, sie aufzuschmücken oder auszusinnen. Kein kleineres Wunder als das, welches das Mauersche Geheimniß und die unsichtbare Kirche und die unsichtbare Loge vergittert und verdeckt, schien bisher die Entdeckung der wahren Namen meiner Historien abzuwenden, und zwar mit einem solchen Glücke, daß von allen bisher an die Verlagshandlungen cingeschickten mit Muthmaßungcn gefüllten Brieffclleiscn keines Mäuse merkte. (Und recht zum Vortheil der Welt; denn sobald z. B. einer die in der besten Verzifferungskanzlci verzogenen Namen der ersten Bände des Titans auscinanderringelt, so stoß' ich das Dintcnsaß um und gebe nichts mehr heraus.) — Aus den Namen ist bei mir nichts zu schließen, weil ich die Pathen zu meinen Helden auf den sonderbarsten Wegen presse. 75 Bin ich z. B. nicht oft Abends, während dem Rochiren und Brikoliren der deutschen Heere, die ihre Kreuzzügc nach dem heiligen Grabe der Freiheit thatcn, in den Zeltgassen mit der Schreibtasel in der Hand auf- und abgegangen und habe die Namen der Gemeinen, die vor dem Bcttegehen wie Heiligennamen laut ^angernfen wurden, so wie sie fielen, ausge- sangen und eingetragen, um sie wieder unter meine biographischen Leute anszntheilen? Und avancirtc dabei nicht das Verdienst und mancher Gemeine stieg zum tafcl- und turnierfähigen Edelmann auf, Prososc zu Justizministern und Roth- mäntel zu pntribus purpurntis? — Und krähte je ein Hahn im ganzen Heere nach diesem herumschleichcnden ans zwei Fitsten mobilgemachten Observazionskorps? — Für Autoren, die wahre Geschichten zugleich erzählen und vermummen wollen, bin ich vielleicht im Ganzen ein Modell und Flügelmann. Ich habe länger als andre Geschichtsforscher jene kleinen unschuldigen Verrenkungen, die eine Geschichte dem Helden derselben selber unkenntlich machen können, stndirt und imitirt, und glaube zu wissen, wie man gute Regcnten- gcschichtcn, Protokolle von Majestätsverbrcchcrn, Heiligen- lcgendcn und Sclbstbiographien machen müsse; keine stärkere Züge entscheiden als die kleinen, womit Peter von Cortona (oder Bcretino) vor dem Herzoge Ferdinand von Toskana ein weinendes Kind in ein lachendes umzeichncte, und dieses in jenes zurück. — Voltaire verlangte mehr als einmal — wie bei allen Sachen; denn er gab der Menschheit wie einer Armee jeden Befehl des Marsches dreimal, und wiederholte sich und alles unverdrossen — dast der Historiker seine Geschichte nach den Gesctztafeln des Schauspiels stellen solle, nach einem dramatischen Fokalpunkt. 76 Es ist aber eine der ersten dramatischen Regeln, die uns Lessing, Aristoteles und griechische Muster geben, daß der Schauspiel- dichter jeder historischen Begebenheit, die er behandelt, alles leihen müsse, was der poetischen Täuschung zuschlägt, so wie das Entgegengesetzte entziehen, und daß er Schönheit nie der Wahrheit opfere, sondern umgekehrt. Voltaire gab, wie bekannt, nicht nur die leichte Regel, sondern auch das schwere Muster, und dieser große Theaterdichter des Wcltthcatcrs blieb in seinen historischen Benefiz-Schauspielen von Peter und Karl nirgends bei der Wahrheit stehen, wo er gewiß sehn konnte, er gelange eher zur Täuschung. Und das ist eigentlich die ächte, dem historischen Romane entsprechende romantische Historie. Nicht ich, sondern Andere — nämlich der Lchnprobst und die LcgazionSsckrctairc — können entscheiden, in wiefern ich eine wahre Geschichte illusorisch behandelt habe. Ein Unglück ist's, daß schwerlich je die ächte Geschichte meines Helden zum Vorscheine kommt; sonst dürfte mir vielleicht die Gerechtigkeit widerfahren, daß Kenner meine dichterischen Abweichungen von der Wahrheit mit der Wahrheit konfrontirtcn und darnach leichter jedem von uns das Seinigc gäben, sowol der Wahrheit als mir. Allein auf diesen Lohn thun alle königliche Historiographen, skandalöse Chroniker nolens rolens Verzicht, weil nie die wahre Historie zugleich mit ihrer erscheint. — Aber unter dem Komponircn der Geschichte muß ein Autor auch darauf auslauscn, daß sie nicht nur keine wahre Personen treffe und vcrrathe, sondern auch keine falsche und gar niemand. Eh' ich z. B. für einen schlimmen Fürsten einen Namen wähle, sch' ich das genealogische Verzeichniß aller regierenden und regierten Häupter durch, um keinen Namen 77 zu brauchen, den schon einer führt; so werden in Otaheiti sogar die Wörter, die dem Namen des Königs ähnlich klingen, nach seiner Krönung ansgerottct und durch andere vergütet. Da ich sonst gar keine jetzt lebende Höse kannte: so war ich nicht im Stande, in den Schlacht- und Nachtstücken, die ich von den Kabalen, dem Egoismus und der Libertinage biographischer Höfe malte, es so zu treffen, daß Aehnlichkciten mit wirklichen geschickt vermieden wurden; ja für einen solchen Idioten wie mich war cs sogar ein schlechter Behelf, oft den Machiavell vor sich hinznlegcn, um mit Zuziehung der französischen Geschichte durch das Malen nach beiden den Anwendungen wenigstens auf Länder zu wehren, in denen nie ein Franzos oder ein Welscher den Einfluß gehabt, den man sonst beiden aus andere deutsche bcimissct; so wie Herder gegen die Naturforscher, welche gewisse mißgestaltete Völker aus Paarungen mit Affen ablciten, die sehr gute Bemerkung macht, daß die meisten Aehnlichkciten mit Affen, der znrückgehende Schädel der Kalmücken, die abstehenden Ohren der Pcvas, die schmalen Hände in Karolina gerade in Ländern erscheinen, wo es gar keine Affen gibt. Wie gesagt, auffallende Unähnlichkeiten wollten mir nicht gelingen, jetzt hingegen ist jeder Hof, um welchen meine Lcgazions-Flotillc schifft, mir bekannt und also vor Aehnlichkciten gedeckt, besonders jeder, den ich schildere, der Flachscnfingischc, der Hohcnfließische re. Die Thcatcrmaske, die ich in meinen Werken vorhabe, ist nicht die Maske des griechischen Komödianten, die nach dem Gesichte des verspotteten Individuums geboßclt war,*) sondern die *) ktätivxions vriti^nes snr In poöslo sto. äs vntioio. p. I. 8eet. 42. 78 Maske des Nero, die, wenn er eine Göttin auf dem Theater machte, seiner Geliebten ähnlich sah,*) oder wenn er einen Gott spielte, ihm selber. Genug! Dieses abschwcifendc Antrittsprogramm war etwas lang, aber die Jobclpcriodc war's auch; je länger der Johannistag eines Landes, desto länger seine Thomasnacht.— Und nun lasset uns sammtlich ins Buch hincintanzcn, in diesen Freiball der Welt — ich als Vortänzcr voraus und dann die Leser als Nachhopstänzcr — so daß wir unter den läutenden Tauf- und Todtenglöckchcn am sinesischcn Hause des Weltge- bäudcs — angcsungcn von der Singschnlc der Musen — eingespielt von der Guitarre des Phöbus oben — munter tanzen von Tomns zu Tomus — von Zykel zu Zykel — von einer Digresston zur andern — von einem Gedankenstrich zum andern -— bis entweder das Werk ein Ende hat oder der Werkmeister oder jeder! — 8>ieton. l^lsro. 79 Zweite Jobelperiode. Die beiden biographischen Höfe — die Scnnenhüttc — das Fliegen — der Haar-Verschleiß — die gefährliche Vogelstangc — das in eine Kutsche gesperrte Gewitter — leise Bcrgmusik — das Kind voll Liebe — H. von Falterle ans Wien — Tortursoupo — das zersplitterte Herz — Werthcr ohne Bart mit einem Schüsse — die Versöhnung. 10. Z y k c l. jugendlichen Kräften und Aussichten flog der Graf zwischen seinen Begleitern durch das Helle volle Mailand zurück, wo die Achrc und die Traube und die Olive oft aus Einer Erdscholle zusammen grünen. Schon der Name Mailand schloß ihm einen Frühling auf, weil er, wie ich, an allen Mai-Wesen, an Maiblumen, Maikäfern, sogar an der Maibnttcr in der Kindheit so vielen Zauber fand, wie an der Kindheit selber. Dazu kam, daß er ritt; der Sattel war für ihn ein Rittersitz der Seligen, wie eine Sattelkammcr eine Regcuspurger Grafenbank, und jeder Gaul sein Pegasus. Auf der Insel war ihm in jener geistigen und körperlichen Ermattung, worin die Seele sich lieber in hclldunkle Schäferwcltcn als in heiße staubige Kriegs- und Fechtschnlen begeben will, die Aussicht in die nahen Räthscl und Kämpfe seines Lebens zuwider gewesen; aber jetzt mit dem Herzen voll Reise- und Frühlingsblut streckte er die jungen Arme eben so sehr nach einem Gegner als nach einer Freundin aus, gleichsam nach einem Doppelsiege. 80 Je weiter die Insel zurücktrat, desto mehr fiel der Zauberrauch um die nächtliche Erscheinung zu Boden und hinter- licß ihm blos einen unerklärlichen Gaukler ausgedeckt. Jetzt erst vcrtraucte er die Spukgeschichte seinen Gefährten. Schoppe und Augusti schüttelten Köpfe voll Gedanken, aber jeder über etwas anders; der Bibliothekar suchte eine physikalische Auflösung des akustischen und optischen Betrugs; der Lektor suchte eine politische, er konnte gar nicht fassen, was der Schauspicldirck- tor dieser Todtcngräbcrszene eigentlich mit allem haben wollen. Den einzigen Trost behielt der Bibliothekar, daß Alban an seinem Geburtstage dem Herzen ohne Brust eine Visite abzustattcn habe, die er nur — bleiben lassen dürft, um aus dem Seher einen Myopen und Lügner zu fertigen: „wollte „Gott (sagt' er), mir verkündigte einmal ein Ezechiel, daß „ich ihn an den Galgen bringen würde— ich thät' es um kei- „ncn Preis, sondern brächte ihn ohne Gnade statt um den Hals um „Kredit und Kopf." -— Auch seinem ungläubigen Vater schrieb Albano noch unterwegs mit einigem Erröthcn die unglaubliche Historie; denn er hatte zu wenig Jahre und zu viel Kraft und Trotz, um Zurückhaltung an sich oder andern zu lieben. Nur weiche Blattwickler- und Igel-Seelen ringeln und krempcn sich vor jedem Finger in sich zusammen; unter dem offnen Kopfe hängt gern ein offnes Herz. Endlich kamen sie, da Helle Berge und schattige Wälder genug, wie durchlebte Tage und Nächte, hinter sie zurückgegangen waren, nahe vor das Ziel ihrer mit Ländern gefüllten Reitbahn, und das Fürstenthum Hohenflicß lag nur noch ein Fürstcnthum weit von ihnen. Dieses zweite, das ein Thür- und Wandnachbar des erstern war und mit diesem leicht zu Einem Staatsgebäude ausgebrochcn werden konnte, hieß, wie 81 geographische Leser wissen, Haarhaar. Der Lektor erzählte dem Bibliothekar neben den Gränzwappen nnd Gränzstcinen, daß beide Höfe sich säst als Blntfeinde ansähen, nicht sowol weil sic diplomatische Verwandte wären — da unter Fürsten Vetter, Oheim, Bruder nicht mehr bedeuten, wie bei Postillonen Schwager und bei alten Brandenburgern Vater oder Mutter — als weil sie wirkliche wären und einander beerbten. Es würde mir zu viel Platz wegnchmen, wenn ich die Sippschastsbäume beider Höfe — die ihre Gift- und Drachenbäume wurden — mit allen ihren heraldischen Blättern, Wasscrschößlingen und Flcchtmooscn für den Leser hercin- sctzen wollte; das Resultat kann ihn beruhigen, daß dem Haar- haar'schen Fürstenthume Hohcnfließisches Land nnd Leute zustürben, falls der Erbprinz Luigi, der letzte hohlröhrigc Schuß nnd Fechser des Hohenfließer Mannsstammes, verdorrte. Welche Hcerden von venezianischen Löwenköpsen Haarhaar ins künftige Erbland treibt, die da nichts verschlingen sollen als gelehrte Anzeigen und Wundzettel — und welche Spitz- bubenbandc von politischen Mechanikern es da wie in eine Botany-Bai aussctzt, ist gar nicht zu sagen aus Mangel an Zeit. Doch ist Haarhaar aus der andern Seite wieder so brav, daß es nichts so herzlich wünscht als den höchsten Flor des Hohenfließer Finanz-Etats, Handels, Acker- und Seidenbaues und Gestütes, und daß es im höchsten Grade jede öffentliche Verschwendung, diese Entncrvung des großen Jn- terkostal-Nervens (des Geldes) — als das stärkste kanonische Impediment aller Bevölkerung hasset und verflucht: „der Rc- „gent (sagt der ächt menschenfreundliche Fürst von Haarhaar) „ist der Ober-Hirt, nicht der Schächter des Staats, sogar „die Wollcnscheere nehm' er nicht so oft als die Hirtenflöte Jean Paul'« ausgew. Werke. X. g 82 „in die Hand; nicht über fremde Kräfte und Ehen ist unser „Vetter (Luigi) Herr, sondern über seine, diese soll er rui- „niren!" — — Als sie ins Hohenflicßische einritten, hätten sie einen Abstecher nach Blumcnbühl, *) das seitwärts von Pestitz liegt, gleichsam in die Kinderstube Albano's (Isolu llellu ist die Wiege) machen können, wenn dieser nicht fortgcritten wäre aus Heißhunger nach der Stadt und aus Wasserscheu vor einem zweiten Abschiede, der ohnehin nur den reinen Nachklang des ersten verwirrt. Die Reise, die Reden des Vaters, die Bilder des Gauklers, die Nähe der Akademie hatten an unscrm Vogel Rok die Flügclfcdcrn — die in seinem Alter zu lang sind wie die steuernden Schwanzfedern zu kurz — so aufgesprcizct, daß sie im cnggchäusigen Blumenbühl sich nur verstauchen konnten; beim Himmel, er wollte ja etwas werden im Staate oder aus der Erde, weil ihn so tödtlich jene narkotische Wüste des vornehmen Lebens anckeltc, durch dessen Lilicnopium der Lust man schläfrig und betrunken wankt, bis man an doppelseitigen Lähmungen umfällt. Man wird es aus der ersten Jobclpcriode nicht behalten haben -— wcil's in einer Note stand — daß Alban niemals nach Pestitz durfte und zwar aus sehr guten Gründen, die dem Ritter allein bekannt sind, aber nicht mir. Dieser lange Thorschluß der Stadt schärfte nur seine Sehnsucht darnach noch mehr. — Sie standen jetzt mit ihren Pferden auf einer weiten Anhöhe, wo sie die Pcstitzer Kirchthürme in Westen vor sich sahen und — wenn sie sich umkehrtcn — unten den *) Ich habe schon gesagt, daß er da erzogen wurde bei dem Landschastsdirektor von Wchrfritz. 83 Blumcubühler Thurm in Morgen; aus jenen und aus diesem kam zu ihnen ein verwehtes Mittagsgeläutc her; Albano hörte seine Zukunst und seine Vergangenheit zusammen tönen. Er sah nieder ins Dorf und hinauf an ein nettes rothes Häuschen auf einem nahen Berge, das ihm wie eine hell bemalte Urne längst ausgewischtcr Tage nachglänztc; er seuszete; er blickte über die weite Baustelle seines künftigen Lebens und sprengte nun mit verhängtem Zügel den Lindcnstädtcr Thürmen wie den Palmen seiner Laufbahn zu. — — Aber das nette Häuschen gaukelte ihm wie ein rother Schatten voraus. Ach hatt' er denn nicht in dieser Sennen- hüttc einmal einen träumenden Tag voll Zufälle verlebt, und noch dazu in jener kindlichen Zeit, wo die Seele auf der Re- gcnbogenbrücke der Phantasie trocknes Fußes über die Lachen und Mauern der untern Erde- wegschreitet? — Wir wollen in diesen lieben Tag, in dieses kindliche Vorfest des Lebens, jetzt mit ihm zurückgehen und die frühen: Stunden kennen lernen, die ihm so schön mit diesem Kuhreigen der Jugend aus der Senneuhüttc nachklingen. 11. Z y k e l. Es war nämlich an einem herrlichen Jakobustage — und zugleich am Geburtstage des Landschastsdircktors Wehrfritz, der aber damals noch keiner war -— als dieser am Morgen den Wagen hcrausschieben ließ, um darin nach Pestitz zum Minister zu fahren und die Dreschmaschine des Staates als Unterhändler der Landschaft versuchsweise in eine Säemaschine umzustcllcn. Er war ein rüstiger Mann, dem ein Fericntag länger wurde als andern ein Exerzizicntag, und 6 * 84 dem nichts Langweile machte als Kurzweile: „aber Abends „(dacht' er) mach' ich mir einen guten Tag, denn es ist ein- „mal mein Geburtstag." — Sein Angebinde sollte darin bestehen, daß er eines — machte; er wollte nämlich aus Pestitz dem kleinen Albano einen Ocstcrleinschen Flügel aus seinem eignen Beutel — so wenig darin war — und obendrein einen Musikmeister aus Don Gaspards Verlangen mitbringen. — Aber warum will man das dem Leser nicht vorher aus das deutlichste auseinandersetzen? — Don Gaspard hatte nämlich in der Revision des Er- ziehungswescns für Albano gewollt, daß aus dessen körperliche Gesundheit mehr als auf die geistige Superfötazion gesehen würde; der Erkenntnißbanm sollte mit dem Lebensbaume ab- laktirct werden. Ach, wer der Weisheit die Gesundheit opfert, hat meistens die Weisheit auch mit geopfert; und nur an- geborne, nicht erworbene Kränklichkeit ist Kopf und Herzen dienlich.' Daher hatte Albano in seinem Büchcrriemen nicht die vielbändige Enzyklopädie aller Wissenschaften gebückt zu schleppen, sondern blos Sprachlehren. Nach den Schulstunden der Dorfjugend suchte nämlich der Rektor des Orts — Namens Wehmeier, bekannter unter dem Titel: Schachtelmagister — seine schönsten Struve'schen Nebenstunden, seine Otin und nocteo ItlaZinnne darin, daß er ihn unterwies, und in die von innern Strömen angesaßtc Mühlwclle des ewig regen Knaben alphabetische Stifte zu einer Sprachwalze einschlug. Freilich aber wollte Zesara bald etwas schwerers bewegen als die Sprach-Tastatur; so wurde z.B. die Sprachwalze im eigentlichen Sinne zur Spiclwalzc; denn stundenlang versucht' er auf der Orgel des Orts ohne sonderliche Kenntniß des Kontrapunkts (er kannte keine Note und Taste, und stand unter dem Orgelstücke aus 85 dem fortlaufenden Pedale fest) fich in den entsetzlichsten Miß- töncn, wogegen die Enharmonika aller Pizzinisten verstummen muß, senkte fich aber desto länger und tiefer in den zufälligen Treffer eines Wohllauts ein. — Eben so arbeitete fich die saftvollc Seele gleichsam in Laubknöpfen, Holztrieben und Ranken aus, und machte Gemälde, Thongebilde, Sonnenuhren und Plane aller Art, sogar in den juristischen Felsen des Pflegevaters, z. B. in Fabri's Staatskanzlei, trieb sie, wie oft Kräuter in Herbarien, ihre durstigen Wurzeln herum und über die dürren Blätter hinaus. O wie schmachtete er (so wie in der Kindheit von Oktav- zu Quart-Büchern, von Quart zu Folio, von Folio bis zu einem Buche so groß wie die Welt — welches eben die Welt ist) jetzt nach geahneten Lehren und Lehrern! — Aber desto bester! Nur der Hunger verdauet, nur die Liebe befruchtet, nur der Seufzer der Sehnsucht ist die belebende aurn seininalio für das Orphens-Ei der Wissenschaften. Das bedenket ihr nicht, ihr Fluglehrer, die ihr Kindern den Trank früher gebt als den Durst, die ihr wie einige Blumisten in den gespaltenen Stängel der Blumen fertige Lackfarben, und in ihren Kelch fremden Bisam legt, anstatt ihnen blos Morgcnsonne und Blumenerde zu geben — und die ihr jungen Seelen keine stille Stunden gönnt, sondern um sie unter dem Stäuben ihres blühenden Weins gegen alle Winzer-Regeln mit Behacken, Bcdüngcn, Beschneiden hand- thirt. — O könnt ihr ihnen jemals, wenn ihr sie vorzeitig und mit unreifen Organen in das große Reich der Wahrheiten und Schönheiten hineintrcibt, gerade so wie wir alle leider mit dunkeln Sinnen in die schöne Natur cinkriechen und uns gegen sie abstumpfcn, könnt' ihr ihnen mit irgend etwas das große Jahr vergüten, das sie erlebet hätten, wenn sie, aus- 86 gewachsen wie der erschaffne Adam, mit durstigen offnen Sinnen in dem herrlichen geistigen Universum sich hätten nmhcr- drchcn können? — Daher gleichen auch euere Eleven den Fußpfaden so sehr, die im Frühling vor allem grünen, später aber sich gelb und cingetrctcn durch die blühenden Wiesen ziehen. — Wehrfritz erneuerte, da er schon aus der Wagentrcppe das Gesicht in diesen kehrte, wieder den Befehl der Aufsicht über den jungen Grafen und machte die Signatur, womit Kansleute kostbare Waarenkistcn der Post empfehlen, recht dick aus diesem: er liebte das feurige Kind wie seines (er hatte nur eins, aber keinen Sohn); — der Ritter hatte Vertrauen ans ihn, und um dieses zu rechtfertigen, würd' er, da der Ehrcnpunkt der Schwerpunkt und die Himmclsaxe aller seiner Bewegungen war, sich ohne Bedenken, wenn der Knabe z. B. den Hals gebrochen hätte, seinen abgeschnittcn haben; — auch sollte Albano Abends vor dem neuen Lehrer aus der Stadt ausfallend gut bestehen. Albine von Wchrfritz, die Gemahlin, versprach alles hoch und thcucr; sie konnte sich dem Evangelisten Markus und Johannes gleich setzen, weil ihr heftiger Mann die Gesellschasts- Thiere beider, die Thierkönige Löwe und Adler, öfters reprä- sentirte, so wie sich manche andere Gattin in Hinsicht ihrer Begleitung mit dem Lukas vergleichen mag und meine mit dem Matthäus. *) Sie hatte ohnehin auf Abends ein kleines Familienfest voll spielender buntgcfärbtcr Ephemeren der Freude ausgeschrieben; und zum größten Glück war schon vor einigen Tagen das Diplom cingelausen, das unfern Wehrfritz zum *) Bekanntlich wird diesem Evangelisten ein Engel beigesellct. 87 Landschaftsdirektor installirte, und das man als ein Pathen- geschcnk des Geburtstages auf heute aufhob. Aber kaum fuhr Wehrsritz hinter dem Schloßgarten, so trat Alban mit seinem Projekte hervor und berichtete, er wolle den ganzen Feiertag droben im einsamen Schießhäuslcin versitzen; denn erspielte gern allein, und ein elterlicher Gast war ihm lieber als ein Spielknabe. Die Weiber gleichen dem Pater Lodoli, der (nach Lamberts Tagebuche) nichts so mied als das Wörtchen Ja; wenigstens sagen sie cs erst nach dem Nein. Die Pflegemutter (ich will aber künftig bei ihr und der Pflcgcschwester Rabctte das verdrießliche Pflege wegstreichen) sagte ohne Bedenken Nein, ob sie gleich wußte, daß sic noch keines gegen den Trotzkopf dnrchgesctzt. —> Dann entlehnte sie sehr gute Dehortatoricn vom Willen des Landschaftsdirektors, und hieß ihn bedenken — dann schlug sich die rothbackige gutmeinende Rabctte zum Bruder und bat mit, ohne zu wissen warum -— dann bctheuerte Albine, wenigstens das Essen soll' er nur nicht auf den Berg nachgelicsert erwarten —- dann marschirte er znm Hofe hinaus. .... So stand ich schon öfters dabei und sah zu, wie die weiblichen Ellenbogen und Knochen unter dem Wcgstcmmen allmälig vor meinen Augen Knorpel wurden und sich umbogen. Nur in Wehrfritzcns Bei- seyn hatte Albine Kraft zum langen Nein. 12. Z h k c l. Unser Held war aus den kindischen Jahren, wo Herkules die Schlangen erdrückte, in die Gottes tisch sah igen getreten, wo er sie erwärmte unter der Weste, um sie in spätem wieder zu köpfen. Jubelnd schlugen draußen — sie flogen 88 mebm einander — sein neuer und sein alter Adam die Flügel auf unter einem blauen Himmel, der gar keinen Ankergrund hatte. Was kümmerte ihn die Mahlzeit? Alle Kinder tragen vor und unter einer Abreise keinen Magen unter ihren Flügeln, wie auch den Schmetterlingen jener einschrumpst, wenn ihnen diese aufgchcn. Die oftgedachte Scnnenhütte oder das Schicßhäuslein war nichts geringers als ein Schießhaus mit einer Wachtstube für eine abgedankte Soldatenfrau, mit einem Schicßstand im untern Stock und mit einem Sommerstübchcn im obern, worin der alte Wehrfritz in jedem Sommer eine Landpartie und ein Vogelschießen haben wollte, es aber nie hatte, weil der arme Mann sich in der Arbeitsstube, wie andere im Taselzimmer, entmastetc und abtakclte. Denn obgleich der Staat seine Diener wie Hunde zum zchntenmal wieder herlockt, um sie blos zum cilften wieder abzuprügeln; und ob Wchrsritz gleich an jedem Landtage alle Staatsgeschäfte und Verdienste verschwur — weil ein redlicher Mann, wie er, am Staatskörper überall so viel wie an den antiken Statuen zu ergänzen findet, wovon nur noch die steinerne Draperie geblieben — so kannt' er doch kein weicheres Faul- und Lotterbette zum Ausruhen als eine noch höhere Ruderbank, und er strebte jetzt vor allen Dingen, Landschastsdircktor zu werden. Die deutschen Höfe werden das Ihrige dabei denken, daß ich ihnen die folgende Knaben-Jdylle anbiete. Mein schwarzäugiger Schäfer lief gegen die Bergfestung der Senne Sturm und erhielt von der Soldatenfrau die Thorschlüssel zum weißgrünen Sommerkabinet. Beim Himmel! als alle östliche und westliche Fensterladen und Fenster aufgestoßen waren, und der Wind von Osten blätternd durch die Akten und kühlend durch den Stuben-Schwaden strich — und' als außen Himmel und 89 Erde um die Fenster herumstanden und nickend hereinsahen — als Albano unter dem Fenster nach Osten das tiefe breite Thal mit dem steinigen springenden Bache beschauetc, auf welchem alle Glimmerscheibcn, die die Sonne wie Stcinchen schief anwarf, auf der Bcrgseite hinausfuhren — als er vor dem westlichen Fenster hinter Hügeln und Wäldchen den Schwibbogen des Himmels, den Berg von der Lindcnstadt sah, der wie ein krummgeworfncr Riese aus der Erde schlief — als er sich von einem Fenster zum andern setzte und sagte: „das ist sehr prächtig!" so wurden seine Lustbarkeiten im Stübchen am Ende so glänzend, daß er hinausging, um sie draußen noch höher zu treiben. Die Göttin des Friedens schien hier ihre Kirche und ihre Kirchstühle zu haben. — Die rüstige Soldatenfrau legte in einem hochstaudigen Gärtlein Früherbsen und warf zuweilen einen Erdenkloß in den Kirschbaum unter die geflügelten Obst- dicbc, und begoß wieder unverdrossen die neue Leinwand und den verpflanzten Sallat, und lief doch willig zum kleinen zehnjährigen Mädchen, das, von Blattern erblindet, auf der Thürschwelle strickte und nur bei gefallnen Maschen sie als Maschinengöttin berief. Albano stellte sich an den äußersten Balkon des sich lieblich ausschließcnden Thals, und jeder Windstoß blies in seinem Herzen die alte kindische Sehnsucht an, daß er möchte fliegen können. Ach, welche Wonne, so sich aufzureißen von dem zurückzichcndcn Erdenfußblock, und sich frei und getragen in den weiten Acther zu werfen — und so im kühlen durchwehenden Lnftbade auf und nieder plätschernd, mitten am Tage in die dämmernde Wolke zu fliegen und ungesehen neben der Lerche, die unter ihr schmettert, zu schweben — oder dem Adler nachzurauschcn, und im Fliegen Städte nur wie figurirte Stu- 90 scnsammlungen, und lange Ströme nur wie graue zwischen ein paar Länder gezogne schlaffe Seile, und Wiesen und Hügel nur in kleine Farbenkörncr und gefärbte Schatten eingc- krochen zu sehen — und endlich auf eine Thurmspitze herab- znfallcn und sich der brennenden Abendsonne gegenüberzustcllcn, und dann anfznfliegcn, wenn sie versunken ist, und noch einmal zu ihrem in der Gruft der Nacht hell und offen sortblik- kcnden Auge nicderznschauen, und endlich, wenn sich der Erdball darüber wirft, trunken in den Waldbrand aller rothen Wolken hineinzuflattern! . . . Woher kommt es, daß diese körperlichen Flügel uns wie geistige heben? Woher hatte unser Albano diese unbczwingliche Sehnsucht nach Höhen, nach dem Weberschiffc des Schieferdeckers, nach Bergspitzen, nach dem Luftschiffe, gleichsam als wären diese die Bettaufhelscr vom tiefen Erdcnlagcr? Ach, du lieber Betrogener! Deine noch von der Puppcnhaut bedeckte Seele vermengt noch den Umkreis des Auges mit dem Umkreise des Herzens und die äußere Erhebung mit der innern, und steigt im physischen Himmel dem idcalischcn nach ! — Denn dieselbe Kraft, die vor großen Gedanken unser Haupt und unfern Körper erhebt und die Brusthöhle erweitert, richtet auch schon mit der dunkeln Sehnsucht nach Größe den Körper auf, und die Puppe schwillt von den Schwingen der Psyche, ja an demselben Bande, woran die Seele den Leib aufzieht, muß ja auch dieser jene heben können. — Wenigstens flog Albano zu Fuß den Berg hinab, um mit dem Bache sortzuwaten, der in die wcißgrüne Birken-Holzung, sich abzukühlen, floß. Schon öfters hatt' ihn seine Nobinso- naden-Sucht nach allen Strichen und Blättern der Windrose fortgewcht; und er ging gern mit einer unbekannten Straße 91 ein hübsches Stück Weg, um zu scheu, welchen sie selber einschlage. Er lief am silbernen Ariadnens Faden des Baches tief ins grüne Labyrinth und wollte durchaus unter die Hinterthür des langen Dickichts vor eine weite Perspektive gelangen — er gelangte nicht darunter — die Birken wurden bald lichter, bald düsterer, der Bach breiter — die Lerchen schienen draußen in hoher Ferne über ihm zu singen — aber er bestand auf seinem Kops. Die Extreme hatten für ihn von jeher magnetische Polarität — wie die Mitte nur Jndifferenzpunkte; — so war ihm z. B. außer dem höchsten Stande des Barometers keiner so lieb als der tiefste, und der kürzeste Tag so willkommen als der längste, aber die Tage nach beiden fatal. Endlich nach dem Fortschritte einiger Stunden in Zeit und Raum hört' er hinter den lichtem Birken und hinter einem stärkern Rauschen als des Baches, seinen Namen von zwei weiblichen Stimmen öfters leise und lobend nennen. Jetzt galoppirtc er, gleichgültig gegen das Wagen der Lunge und des Lebens, keuchend wieder zurück — sein Name wurde lange darnach wieder um ihn genannt, aber schreiend — seine heimliche Schutzheilige, die Kastellanin der Senne, that seinetwegen diese Nothschüsse unten am Berge. Er kam hinauf, und die runde Tafel der Erde lag hell und sonderbar-crweichend um sein durstiges Auge. Wahrhaftig, die weite Ferne sammt der Müdigkeit mußte den Zugvogel hinter dem Sanggittcr der Brust an seine fernen Länder und Zeiten erinnern und ihn damit wchmüthig machen, als so die mit rothen Dächern buntgcfleckte Landschaft vor ihm ihre weißen leuchtenden Steine und Teiche wie Licht-Magnete und Sonncnsplittcr auslegte — als der lange graue Straßendamm nach Lindenstadt, deren Prospekte im Sommerstübchen hingen nnd wovon zwei Thurmspitzen oben aus dem Gebirge keimten, vor ihm die fernen Wanderer hinaustrug in die für ihn geschlossene Stadt — und als ja alles nach Westen flog, die vorbeizischenden Tauben, die über die Saaten wogten, und die Wolkenschatteu, die leicht über hohe Gärten wegliesen.... Ach, das jüngste Herz hat die Wogen des ältesten, nur ohne das Senkblei, das ihre Tiefe misset!-- Das gelehrte Deutschland macht fich, merk' ich, seit mehrern Zykeln aus große Fata uud Fatalitäten gefaßt, die diesem Sennentage meines Helden die nöthige Würde geben; ich, der sie am ersten wissen müßte, weiß gegenwärtig noch von keinen. Aus der Kindheit — ach aus jedem Alter — bleiben nnserm Herzen oft Tage unvergänglich, die jedes andere vergessen hätte; so ging dieser nie aus Albano's seinem. Zuweilen wird ein kindlicher Tag auf einmal durch ein helleres Aufblicken des Be- wußtscyns verewigt; in Kindern, zumal solchen wie Zesara ist, dreht sich das geistige Auge weit früher und schärfer nach der Welt innerhalb der Brust, als sie zeigen und wir denken. Jetzt schlug's Ein Uhr im Schloßthurme. Der geliebte nahe Ton, der ihn an seine nahe Pflegemutter — und an das versagte Essen erinnerte — und der Anblick der kleinen Blinden, die schon ihren Holzzwcig vom Brodbaum oder ihr dürres Rennthiermoos in Händen hatte — und der Gedanke, daß doch heute der Geburtstag des Pflegevaters sei — und die unsägliche Liebe für seine gekränkte Mutter, der er oft plötzlich einsam an den Hals fiel — und sein von der Natur be- thauetes Herz machten, daß er zu weinen anfing. Aber der Trotzkopf ging darum nicht nach Hause; nur die Aelplerin war ungeheißen sortgelaufcn, um der suchenden Mutter den Flüchtling zu verrathen. 93 Er wollte in dieser Mittagsstille der kleinen blinden Lea, aus deren Gesicht ein sanftes weiches Zugwerk durch die Punk- tazion der Blattern leserlich durchlief, einige Worte oder doch den langen Stecken, womit sie die Tauben von den Erbsen und die Spatzen von den Kirschen treiben mußte, mitarbcitend abgewinncn; aber sie drückte schweigend den Arm fest aus die Augen, blöde vor dem vornehmen jungen Herrn. Endlich brachte die Frau das Gericht für den verlornen Sohn und von Rabetten noch dazu ein Riechfläschchen voll Dessert-Wein. Albine von Wehrsritz gehörte unter die Weiber, die, ungleich den Staaten, nur ihr Versprechen halten, aber keine Drohung — die den Nürnbcrgischen Forstämtern gleichen, welche auf den kleinsten Waldfrevel eine Strafe von 100 Fl. setzen und in derselben Stunde sie auf 100 Kreuzer moderiren *) — die aber ihre Gesetze, wie Solon seine auf 100 Jahre, nach Verhältniß ihres kleinern Staats doch auf 100 Sekunden hinaus geben. 13. Z y k e l. Ich würde mehr aus Albano's Gedächtnißmahl machen, das er wie ein Erwachsener im Stübchen tranchircn und mit seiner Hausgenosscnschaft theilen und wozu er sich selber einschenken konnte, ging' ich nicht wichtigen: Begebnissen entgegen, die während dem Zurücktragen des Tafelgeschirres vorfielen. Albano ging hinaus, indem das ganze Meer seines Innern vom Wein und vom Vormittage phosphoreszirend leuchtete, und der blaue Himmel flatterte heftiger wehend um ihn — er hatte das Gefühl, als sei der Morgen schon seit langem vor- *) An einen deutsch. Kammerpräsidenten. 1. B. S. 296. über, und er erinnerte sich desselben mit weicher Regung, wie wir uns alle in der Jugend der Kindheit, im Alter der Jugend, sogar Abends des Morgens — und die Bilder der Natur rückten näher heran und bewegten ihre Augen wie katholische. So bringt uns die Gegenwart nur Bilder zu optischen Anamorphosen, und erst unser Geist ist der erhabne Spiegel, der sie in schöne Menschen - Formen umstellet. Mit welchem süßen Untertauchen in Träume that er, wenn er dem östlichen Wehen cntgcgenging, die Augen zu, und zog das Getöse der Landschaft, das Schreien der Hähne und Vögel und eine Hirtenflöte gleichsam tiefer in die vcrschattete Seele hinein! Und wenn er dann am Gestade des Berges die Augen wieder öffnete, so lagen friedlich drunten im Thale die geweideten weißen Lämmer neben dem Flötcnistcn und oben am Himmel lagerten sich die glänzenden Lämmerwolkeu über sie hin! — Inzwischen mocht' cr's einmal versehen und blind zu weit in das Gärtchen — die Blinde sah ohnehin nicht — tappen, die Arme offen voraushalteud, um sich nichts auszustoßcu — als an seiner Brust eine zweite anlag, und er aufsehend das bebende Mädchen so nahe an sich fand, das seitwärts abgebogen stammelte: ach nein, ach nein! — „Ich bin's nur (sagte „der Unschuldige, sie fassend), ich thue dir ja nichts!" — Und er hielt sie, als sie dcmüthig-surchtsam vertrauete, noch ein wenig fest und schauetc auf den gebückten Kopf mit süßer Regung nieder. Herzlich gern hätt' er der Erschreckten Schmerzcngclder und Bcnefiziate in dieser Komödie für die Armen gegeben; er halt' aber nichts bei sich, bis ihm zum Glück seine Schwester Rabette >— von welcher Bandagistin er irrig schloß, daß mehrere Mädchen des Teufels aus Bänder sind, und sie wie Ta- 95 schcnspieler verschlingen, aber nicht wiedergeben — und sein neues Zopsband cinfiel. Er spulte freudig das lange scidne Wickclband von seinem Kopf an ihren. Aber die liebliche Nachbarschaft, das Flcchtwerk eines feinem innern Bandes und die Süßigkeit zu geben und das Bivace seines angebornen Ucber- maßes machten, daß er ihr gern das Dresdner grüne Gewölbe in die Schürze gegossen hätte, als ein Schnurjnde mit seinem kleinern seidncn ans dem Magen und mit einem Sack voll eingckaufter Haare auf dem Rücken die Pestitzer Straße hinzog. Der Jude ließ sich wol herrnfen, aber nichts ablci- hen trotz allen ausgestellten Wechseln auf Eltern und Taschengelder. Ach ein herrliches rothcs Haubenband hätte Lea's blinden Augen so gut wie eine rothe Adcrlaßbindc der Wunde ge- than! Denn eine blinde Frau putzet sich so gern als eine sehende, sie müßte denn eitel scyn und mehr sich im Spiegel gefallen wollen, als andern außer demselben. Der Handelsmann ließ gern das Band von ihr befühlen und sagte, er handle auf den Dörfern Haare ein, und gestern hätten ihm die Wirths- kinder durch einen brennenden Schwamm seinen ganzen Sack voll Chignons in kurze Wolle verkrümmelt, und wenn ihm die junge Herrschaft ihr braunes Haar bis an das Genicke ablasscn wolle, so solle sie das Band und einen noch sehr brauchbaren ledernen Zopf aus der Würzburgischcn Fabrik auf der Stelle dazu habcu. — Was war zu thuu? Das Baud war sehr roth — Lea war's vor Hoffnungen — der Jude sagte, er packe ein — der Haarzopf lies ohnehin bisher wie ein zweites Rückgrat über das ganze erste hinab und wurde für Alban durch das langweilige Einwindcln an jedem Morgen ein Sperrstrick und eine Trense seines Feuers-Kurz, der arme 96 Rupfhaft trat dem Juden die königlich-fränkische Jnsignie ab und schnallte die Würzburgische Scheide an. -— Und nun schüttelte er ihre Hand recht derb auf und ab und sagte mit einem ganzen Paradies voll liebender Freudigkeit auf dem Gesicht: „das Band ist dir wol recht lieb, du „armes blindes Ding!" Jetzt bestieg der unaufhörliche Mäzen gar den Kirschbaum, um droben für Lea als ein lebendiger Popanz den Spatzen die Kirschen zu verleiden und ihr als ein Fruchtgott mehrere Paternoster und Fruchtschnüre von letztem: heruntcrzuwerftn. Beim Himmel! droben unter den Herzkirschen schienen ordentliche Wolfskirschen aus den Kopf des Knaben zu wirken; wie die Erde ihre finstern Mittelalter hatte, so haben oft Kinder finstere Mitteltage voll lauter Kapuzinaden und Gikft. Aus den hohen Aesten schimmerten ihn die wachsende Landschaft und die auf die Berge nicderfallendc Sonne und besonders die Pestitzer Thurmspitzen so himmlisch an, daß er sich jetzt nichts höheres denken konnte als die — Vogelstangc neben ihm, und keinen glücklicher - thronenden Krön - Adler als einen auf der Stange. . . . Aber nun bitt' ich sämmtlichc Leserinnen, entweder in das Schießhaus einzutreten, oder sich mit der Soldatenfrau daraus — die sortläust und den Frevel der gnädigen Frau anzeigt — mit wegzumachcn, weil wenige von ihnen es neben mir aushaltcn, daß unser Held, der Stammhalter des Titans, von einigen Pachters-Knechten — denen noch dazu Albinc das Rcmarsch - Reglement seines eiligem: Kommens mitgegebcn — aus ein Querholz, das unterhalb des Hakens der Vogelstange eingefuget ist, ftstgesetzet und, mit dem Untcrleibe an diese angebunden und so in der Lust wagrecht liegend, allmälig durch 97 den weiten Bogen aufgehoben nnd mitten im lustigen Himmel ausgcstellct wird. — Es ist arg; aber die Knechte konnten den Bitten seiner mächtigen Augen, seinem malerischen Willen und Muthe und den angebotnen Nccompcnscn und Krönungsmünzcn unmöglich widerstehen, und dabei wog er ja nur halb so viel wie der letzte Vogel. Ich bin dir doch gut, Kleiner, trotz deinem starren zwischen Kopf und Herz gebauten Wagehals! Deine monströsen Barock- Perlen von Kräften wird die Zeit, wie im grünen Gewölbe Künstler physische Perlen, schon noch zum Bau einer schönen Figur verbrauchen! — Die Rcichsgeschichte unsers Reichsadlers auf seinem Stativ, die sich zugleich über die Ereignisse ausbrcitct, welche auf dem Berge vorfielen, als der Schachtclmagister und der Land- schastsdirektor zufällig zur besetzten Vogclstange kamen, soll ungesäumt gegeben werden, wenn wir den 14ten Zykel haben. — 14. Zykel. Der Magister Wehmcier, der sich von weitem die Gestalt und das Bewegen des Vogels nicht erklären konnte, hatte sich herausgemacht und sah nun zur Kreuzeserhöhung des Zöglings hinaus. Er stürzte anfangs ins Plongirbad des Eis-Schauders über die Kühnheit, aber er stieg bald aus ihm heraus unter das Tropfbad des Angstschweißes, den an ihm der Gedanke ansctzte, in jeder Minute falle der Eleve herab und zerschelle in 20 Trümmer wie Osiris, oder in 30 wie die mcdi- zcische Venus: „und das jetzt (dacht' er hinzu), da ich den „jungen Satan in Sprachen soweit gebracht und einige Ehre „an ihm erlebte." Daher filzte er nur die Hebemaschinisten, Jean Paul's ausgew. Werke. X. 7 98 aber nicht den Hochwächtcr aus, weil zu besorgen war, unter dem Verantworten rutsch' er droben aus. Den optischen Wagen, mit welchen der Teufel den imAngstkreisc befestigten Magister zu überrennen drohte, kam endlich ein wahrer nachge- sahren, worin der künftige — Landschaftsdirektor saß. Ach lieber Gott! — Der Direktor schöpfte ohnehin allezeit beim Minister die ganze Gallenblase voll bitterer Extrakte ein, blos weil er dort artigere und stillere Kinder vorfand, ohne doch zu bedenken — wie hundert Väter, die hier mit angcfahrcn werden müssen — daß Kinder wie ihre Eltern sich Fremden besser präsentircn, als sie sind, und daß ihnen überhaupt das Stadtlcbcn statt der höckerigen dicken Borke des Dorflebcns die glatte weiße Birken-Folie überlege, indeß sie am Ende, wie ihre Eltern und Hoftcute, nur gleich Kastanien an der Außenschale abgeschliffen, innen aber verdammt borstig anzufühlen sind. So gewiß werden den feinsten Mann vom Lande immer wenigstens Prinzen und Minister überlisten, die zehn Jahr alt sind, — gesetzt auch, er nchm' es leichter mit ihren Vätern ans. Als Wehrfritz seinen Pflcgcsohn auf dem Schreckhornc horsten sah und den Schachtelmagister unten, der hinaufschauete: so bildete er sich ein, der Instruktor Hab' cs veranstaltet, und fing laut an, ihm aus dem zugesperrten Wagen einen kleinen Himmel voll Donnerwetter und Donnerschläge auf den Hals zu fluchen. Der verfolgte Wehmeier sing auf dem Berge auch an, laut zum Schreckhornc hinaufzuzanken, um dem Direktor darzuthun, daß er seines Amtes warte und mit dem Hammer des Gesetzes als mit einem bildenden Tiefhammer so gut wie einer am Zögling schmiede. Die Soldatenfrau rang die Hände — die Knechte stellten sich zur Kreuzesabnehmung an — der 99 arme glühende Kleine zog sein Messer und rief herab: „er „schneide sich gleich sos und werfe sich hinab, sobald einer jetzt „die Stange niederlassc." Er halt' es auch gcthan — und sein Leben und meinen Titan frühzeitig ausgemacht — blos weil er die Schande der väterlichen Real- und Verbal-Injurien vor so vielen Leuten — ja im Wagen saß gar ein fremder Herr — arger noch als Selbstmord und Hölle floh. Allein der Direktor, selber voll Tollkühnheit und doch voll Haß derselben am Kinde, ließ es darauf ankommcn und rief entsetzlich nach dem Bedienten, der den Schlüssel zur Wagenthüre hatte; er wollte heraus und hinaus. Er war unbeschreiblich erboßet, erstlich, weil er hinten dem Wagen einen Ocsterleinschen Flügel als Angebinde des heutigen Freudentages anfgebnnden — ach, Albano, warum hören deine Freuden wie die Schleifer eines Bicrfiedlcrs mit einem Mißtone auf? — und zweitens, weil er drinnen einen Sing-, Tanz-, Musik- und Fecht-Mcister aus dem polirtcn glänzenden Ministers Hause für Albano neben sich auf dem Polster als Zuschauer der Debütrolle sitzen hatte. Gottlieb sprang vom Bocke vor die Wagenthüre, fuhr fluchend durch alle Taschen, der Wagenschlüssel war in keiner. Der inkarzerirtc Direktor arbeitete im Thicrkastcn wie ein wedelnder Leopard, und sein Grimm sprang, wie ein Löwe, den ein Jäger nach dem andern anschießet, gegen den dritten an. Alban sägte auf allen Fall im Stricke hin und her. Der Schachtclmagister war am besten dran; denn er war halbtodt und vernahm hinter seinem in saurem Angstschweiße geronnenen kalten Körper wenig mehr von der Außenwelt, sein Ich war fest und gut wie Schnupftaback in kühles Blei verpackt. — Ach mit dem gcängstigtcn Knaben leid' ich stärker, als 7 * 100 säß' ich mit auf der Stange; seinem rührend-edlen Angesichte mit der fcingebogenen Nase wirft die westliche Aurora und die Scham den Purpur über, und die tiefe Sonne hangt sich küssend an seine Wangen, gleichsam an die letzten und höchsten Rosen der dunkeln Erde, und er muß die trotzig-blickcndcn Augen von der geliebten Sonne und von dem Tage, der noch auf ihr wohnt, und von den beiden Lindcnstädter Thurmknö- pfcn, die zu ihren Seiten glimmen, wegziehen und die kräftig- gezeichneten und scharf-winklichtcn Augenlicder, welche Dian mit den zu heroischen und durchgreifenden am Christus-Kinde der aussteigcnden Madonna von Raphael verglich, bange auf den schwülen Zank des tiefen Bodens Niederschlagen. Gottlicb trieb mit aller Mühe den Wagenschlüssel nicht auf, denn er halt' ihn in der Tasche und in der Hand und wollt' ihn aus Schonung für den jungen Herrn, den die ganze Dienerschaft so „srcßlieb" hatte wie den Kegelplatz, nicht gern heränsgcben. Er votirte aus das Herholen des Schlossers, aber der Kutscher überstimmte ihn mit dem Rathc, lieber gleich vor die Werkstatt hinzusahren — und schnauzte die Pferde an — und fuhr den inhaftirtcn Kontroversprediger in seiner Kanzel mit dem ausgepackten Ocsterleinschen Flügel im Trabe davon. Das wenige, was der Bombardeur unter Gottliebs .Aufsitzen noch ans dem Wagen werfen konnte, bestand darin, daß er ein Fenster cinstieß und aus der Schieß-Scharte noch einige der nöthigstcu nachbrcnnendcu Schüsse zum Unglücks-Vogel auf der Stange hinausthat. Jetzt bekam der Magister seinen Muth und Aergcr wieder und er gebot kühn das Heruntcrnchmen des Absaloms. Indem das Kind mit der Sitzstange vor ihm vorübcrsank, legte er die fünf Schncidezähne der Finger wie ein Rostral in die 101 Kopfhaut und rastrirtc damit am Hinterkopfe herab, iu der Absicht, die krumme Linie des Haars spielend dadurch zu rcktifi- zircu, daß er's mit seiner Hand wie mit dem Frosch eines Fiedclbogcns mäßig anzog — als er zu seinem Erstarren meinem Helden den würzburgischcn Zopf wie eine Schwanzfeder ansriß. Wchmcicr besah staunend die cnnckn pi-encksnsilio (den Wickelschwanz), und durch seine auf den kleinern Fehler gelenkte Aufmerksamkeit gewann Albano dabei so viel wie Alzibiades bei dem abgehackten Schweife seines — Robcspierrc. Der Magister dankte Gott, daß er heute nicht mit dem alten Wchrsritz soupircn durfte, und schickte verblüfft ihn mit dem Vcxirzopse nach Haus. IS. Z y k e l. Die gutherzige Albine hatte den ganzen Tag vor dem Ehcgemahl allen brennenden Stoff (da die Vitriolnaphta seines Nervengeistcs schon von weitem Zornfeuer fing) weggeräumt, damit nichts ihre Lustschlösser in Brandstätten der Freude nm- kehrte — ja als Vorstadt des abendlichen himmlischen Jerusalems hatte Nabettc ein vorbcizichcndcs Orchester aus Bergknappen ins Kabinct der Taselstnbc versteckt — und für Albano hatte Albine schon eine heraldische Tracht ausgesonncn, worin er ihm die Vokazion der Landschaft überreichen sollte — ach, was hatte aber die Frau davon als Flammen, die der cintrctendc Wchrsritz answarf, indeß er wie ein Kamcel in seinem Magen noch einen kalten langen Wasserstral für das Anspritze» des Magisters anfhob? — Albine, die wie die meisten Weiber das männliche Stei- 102 rügen mit Gallensteinen für die 50 Pfd. Pasfirsteine nahm, die einem Passagier auf der Ehepost frei pasfiren, gab ihm anfangs, wie immer, heiter Recht und verbarg jede Zähre des Unmuths, weil kaltes Besprengen Männer und Sallat verhärtet — dann nahm sie das Recht stufenweise zurück — macht' aber den Tadel erst auf ihrer Zunge mild, wie die Wärterinnen das Waschwasser der Kinder im Munde lau machen — und sagte zuletzt, er solle das Kind nur ihr überlassen. Aber so schwillet uns unter der Hand der alte Wehrsritz zu einem apokalyptischen Drachen, zu einem Thiere von Ge- vaudan und Wüthriche ans — und er ist doch nur ein Lamm mit zwei Hörnchen. — Hatt' er nicht an seinem Geburtsseste im Karrenjahrc seines fröhnendcn Lebens einen Anspruch auf einen erleichterten Abend, wenigstens bei einem Kinde, das er stärker liebt als seines, und für das er einen Flügel und Lehrer aufgcladcn? Und halt' er ihm — ob er gleich selber zuviel wagte und ausdauerte — cs nicht hundertmal verboten, ihm nachzuahmen und sich auf Pferde oder in Sturmwinde, in Platzregen und Schneegestöber zu setzen? -— Und kam er nicht vom pädagogischen Knutenmcister, dem Minister, her, dessen Erziehungsanstalt nur eine längere Realterrizion und kürzere Verdammnis war? Und macht nicht der Anblick strenger Eltern strenger, der Anblick milder hingegen nicht milder? — Albano begegnete zuerst Rabetten, mit seiner ledernen Hintcraxc in der Hand, auf seinem trotzigen Wege znm Stu- dirzimmer des Vaters und also zur Regimentsstrafc vom rechten Revoluzionstribunale. Aber sie fing ihn von hinten mit dem englischen Gruße: bist du da Absalom? und setzte ihn gewaltsam nieder — und band ihm, nach dem nöthigen Erstau- 103 NM und Erfragen, die Hohl-Ader der Haare knapp und unsanft an — und zeigte ihm den Stoßwind des väterlichen Zorns im furchtbaren Lichte —, und die Windstille des musikalischen Bcrgdcpartcments wieder im lächerlichen, das neben der Tafelstnbe, dieser Renn- und Wildbahn des hin- und herlaufenden Direktors, paufirend Fricdcnszciten abwarte — und entließ ihn mit einem Kusse, sagend: du dauerst mich, Schelm! — Er marschirte mit einem Trotze, den das spannende Haar verstärkte, ins Tafelzimmer. „Aus den Augen!" sagte der funkelnde Sturmläufer. Alban trat sofort aus der Thüre zurück, zornig über den ungerechten Zorn und eben darum weniger betrübt über den ungesunden, da sein Wohlthätcr heftig an dem für den Geburtstag gedeckten Tische auf- und ablief und nach der alten Unart die fertig gebrannte Kalkgrube seines Zorns mit Wein ablöschte. Wenige Minuten nach ihm kam auch die musikalische Akademie und Knappschaft, mißmuthig und in brummende Kontrabassisten verwandelt, gegangen. Es war ihnen im trocknen Kabinct die Zeit lang geworden, daher hatten der Bassonist und der Violinist sich durch ein leises Stimmen unterhalten wollen. Der Direktor, der nicht begreifen konnte, was ihn immer für ein verlornes Gctönc umfliege, nahm's lange für melodisches Ohrcnbransen, als Plötzlich der Hammcrmcister des Hackbretts seinen musikalischen Fäustel aus die besaitete Tenne fallen ließ. Wchrfritz riß den Augenblick die Thüre ans und sah das ganze musikalische Nest und Komplot bewaffnet vor sich im Zirkel sitzen und aufpassen; — er fragte sie hastig: „was sic im Kabinct zu suchen hätten," und befahl sogleich nach einer flüchtigen Gabe der ganzen Besatzung ohne klingendes Spiel mit ihren ledernen Tändelschürzen und ouls cke lllniis abzuziehen. 104 Albine winkte mit einem sanften Gesicht den geächteten Liebling ins Nähzimmer, wo sie ihn recht gelassen um die Wahrheit befragte, weil sie wußte, er lüge nie. Nach der Berichterstattung stellte sie ihm wenig seinen Fehler (wicwol sie dem gegenwärtigen Kinde eben so gegen den abwesenden Mann Anrecht gab, wie vorhin dem gegenwärtigen Manne gegen das abwesende Kind) und mehr die Folgen vor — sie zeigte (dabei machte sic ihm das Halstuch auf und um und einige Wcstcn- knöpse zu), wie sich ihr Mann vor dem mitgebrachtcn zweiten Schulkonsul mit 24 Faszibus, dem Musik- und Tanz-Meister H. v. Falterle, der sich droben umkleide, in Albano's Seele schäme — wie der Tanzmeistcr es wol gar an Don Gaspard schreiben werde — und wie ihrem guten Manne der ganze süße bemalte Gelee-Apfel der heutigen Freude zu Wasser gemacht worden, und er sich gerade an einem solchen feierlichen Tage einsam härme und vielleicht den Tod hole vom Trünke auf den Zorn. Die Weiber stimmen gewöhnlich wie Harfenisten mit geringen Fußtritten die ganzen Töne der Wahrheit unter dem Spielen zu halben um. —- Nachdem sie ihm noch die väterlichen Abcndgewittcr vorgercchnct, die er immer durch sein Reiten und durch seine Robinsonsschcn Entdeckungsreisen über sich hergezogcn, und deren Schläge nur immer den Wet- tcrableiter (sic selber) zerschmolzen hätten: so setzte sie mit jener rührenden, nicht aus der knöchernen Kehle, sondern aus dem wallenden Herzen fließenden Stimme dazu: „ach, Alban, „du wirst einst an deine Pflegemutter denken, aber zu spät," und weinte recht sanft. Bisher waren in ihm die strcngflüssigen Schlacken und der geschmolzene Theil seines Herzens nebeneinander ausge- wallct, und der warme Guß war höher und heißer im Busen 105 emporgedrungcn, nur das Gesicht war kalt und hart geblieben — denn gewisse Menschen haben gerade im Punkte der Zer- sliesinng den Anschein und die Anlage der Verhärtung am meisten, wie der Schnee kurz vor dem Zerschmelzen gefriert — aber jetzt riß er sich durch das Ziehen am zu dicht angegürteten Zopfe, welches das verlegne Zeichen des nahen Durchbruchs war, das würzburgische Anhängsel im Krampfe der Ergrimmung über sich heraus. Eh' Albine es sah, hatte sie ihm die Direktorats-Bestallung mit den Worten gereicht: „Kaum sollt' ich; aber bring's ihm nur und sage, es wäre „mein Angebinde, und du wolltest künftig ganz anders sehn." — Allein da sic seine Hand bewaffnet sah, fragte sie erschrocken mit dem tiefen Nachklange einer verschmerzten Vergangenheit: „Alban?" und kehrte sich sofort vom armen Kinde, dessen Schmerz sie mißverstand, mit zu bitteru Thränen weg und sagte: „was ist denn das wieder? — O wie „quält ihr heute alle mein Herz! —- Geh fort!" — „O „komm her (rief sie ihm nach) und erzähl' die Umstände!" Und als er's unschuldig und wahr gethan hatte, so konnte ihre von Thränen überwältigte Stimme nicht mehr tadeln, sondern nur milde sagen: „trage denn das Angebinde hin!" Dennoch hatte sie vor, beim Manne die Abbreviatur des Haars für einen Gehorsam gegen ihren Willen und gegen die Mode der vornehmen Stadtkinder auszngeben. — Alban ging, aber auf dem harten Wege zersprangen die gefüllten Thränendrüsen und das angehaltene Herz, und er trat mit fortweinenden Augen vor den einsamen Pflegevater, der den müden und sinnenden Kopf aufstützte, und reichte ihm weit voraus das großgcsicgelte Schreiben hin und konnte nur sagen: „das Angebinde" und weiter nichts, und Funken spran- 106 gen mit den Gewittertropfen aus den heißen Augen. Lege dich. Unschuldiger, leise an des Vaters aufgeknöpfte Brust und lasse dich von seiner Linken, indem er den Zaubcrkelch der Ehre mit der Rechten Hält und sich aus ihm betrinkt, durchaus nicht wegstemmen! Die abtreibende Hand wird endlich nur schlaff und ohne Schwere auf deinen nassen Feucrwangen und warmen Augen voll Buße zu pulflrcn kommen — dann wird der Alte das Dekret noch langsamer wieder übcrlesen, fast um den ersten Laut zu verschieben — dann wird er, wenn du unbeschreiblich-ungestüm seine Hand in dein küssendes Angesicht eindrückcst, sich stellen, als wach' er eben auf, und wird salpeter-kalt sagen mit Schimmern der Augen: rufe die Mutter — und dann wird er, wenn du dein glühendes von Liebe zuckendes Gesicht unter den herüb erg cfallnen Haaren gegen ihn aushcbst und wenn diese sanft von deinen Kirschenwan- gcn zurückschlagen, seinem weglaufenden Lieblinge ziemlich lange nachschaucn und aus seinen Augen etwas wegstreifcn, damit er die Adresse des Diploms so überlaufen könne, wie er will. .... Sag', Mbano, Hab' ich recht gerathen? >— 16. Z Y k c l. Jede Ehrensäulc erhebt das Herz eines Mannes, den man daraufstcllt, über den Brodem des Lebens, über die Hagelwolken der Drangsale, über den Frostnebel der Verdrießlichkeit und über die brennbare Luft des — Zorns. Ich will das Zaubcrblatt einer günstigen Rezension einem knirschenden Währ- wolse Vorhalten: — sofort steht er als ein leckendes Lamm mit quirlendem Schwänzchen vor mir; und könnte eine Frau 107 ihrem hitzigen Schriftsteller jedesmal ein kritisches Trompeterstückchen auf Famas Trompete vorblasen, er würde einem Engel und sie jenem Bicrficdler gleich, der im Bärenfange den Saul von Petz durch Tanzstücke besänftigte. Wehrfritz kam als ein ncugeborner Seraph Albincn entgegen und erzählte die Ehre. Ja um die Explosionen seines Aetna ihr abzubitten, sagte er nicht, wie sonst, nolo opi- scopai-i, er sagte nicht, eine unersteigliche Bergkette von Arbeiten setze sich um ihn fest -— sondern statt dieses verlegnen Zurückziehens der Hand vor dem ausschüttcnden Fruchthorne des Glücks, statt dieser jungfräulichen Blödigkeit des Entzückens, die Gattinnen gemeiner ist, legt' er die Herzhaftigkeit einer Wittwe an den Tag und sagte Albinen, ihre Wünsche des heutigen Morgens wären schon zu Gaben geworden — und fragte, wo denn der versprochene Abendschmaus und die Leute und der Magister und der Tanzmeister, den jener gar noch nicht gesehen hätte, und Rabctte und alles steckte? —> Aber Albinc hatte dem Magister schon längst durch Albano die Einladung und das Verziehen aller Gewitter und des neuen Kommis Ankunft sagen lassen. Wehmeier aß eigentlich mit dem größten Widerwillen bei einem Edclmanne, blos weil er wie ein speisender Akteur des Tisches mit Reden, 8n- voir >'ivrs, Aufpassen, Halten aller Gliedmaßen und Spcdi- ren aller Eßwaaren so viel zu thun hatte, daß er aus Mangel an Muße kleine Dinge — z. B. Essiggurken, Kastanien, Krebs- schwänzc — blos im Ganzen und ohne Geschmack verschluckte, so daß er nachher das Hartsuttcr wie einen verschlungnen Jonas oft drei Tage in der Waidtaschc seines Magens hcrnmtragen mußte. Allein diescsmal zog er sich gern zum Essen an, weil er auf seinen pädagogischen Nebenmann neugierig und nnge- 108 halten war, und das ans Angst, der neue Mitpächtcr gebe vielleicht die herrliche Wintersaat in Albans besäetem Lande für seine eigne Sommersaat aus. Er schrieb seiner abbre- virtcn Lehrmethode alle Wunderkräfte seines Lehrlings, d. h. dem Boden aus Wasser den aromatischen Geist der Pflanze zu, die darin wuchs.*) Mit größerer nachsichtiger Liebe kam er, den halbirten Liebling eigenhändig führend, vor Rabcttcns Kabinct in einem saftgrünen Flaus mit dreiblättrigem Kragen an.-„Herr „von Faltcrle hier — (sagte bei seinem Eintritt Rabctte, nicht „aus Neckerei, sondern ans Unbesonnenheit —) meinten vor- „hin, Sic wärcn's, als der Hund hcreinwollte." — „Mein „Herr, (versetzte kalt und, ernst der Paradcnr von Faltcrle „neben unscrm Ackergaule) der Hund kratzte an der Thüre — „aber sowol bei dem Minister als in allen großen Häusern in „Paris kratzet jedermann mit dem Fingernagel, wenn er blos „in ein Kabinct und in kein großes Zimmer will." — — Welcher herrliche malerische Abstand beider Amtsbrüder! Der Exerzizicnmcistcr mit der bunten Flughaut odcr.Rückcn- schürzc eines gelben Sommcrklcidchcns, gleichsam mit den gelben Oberflügcln eines Buttervogcls, dessen dunkle Untcrflügel das Gilet (wenn er's ausknopst) vorstcllen; — Wchmeicr aber im geräumigen saftgrünen Flaust hängend, den ein Zcltschneider um ihn gespannt zu haben scheint, und mit Unterleib und Schenkeln in der schwarzsammtncn Halbtrauer der Kandidaten pulsirend, die sic anlegen, ehe sie sich zur ganzen verkohlen *) Denn Boylc fand in seinen Versuchen, daß Ranunkeln, Münze rc„ die er im Wasser großwachscn lassen, die gewöhnlichen aromatischen Kräfte entwickelten. 109 _ Falterle hat sein Glatteis von Beinkleidern plattirt um die Beine gegossen, und jede Falte in diesen bricht sich in seinem Gesichte zn einer, als wäre dieses das Unterfuttcr von jenen; indeß an den Schenkeln des Schachtelmagisters die Wendeltreppe seiner Wickel-Modesten*) aufläuft — jener in Brautschuhen, dieser in Pumpcnsticfeln — jener schnalzt als eine weiche schleimige Goldschlcie empor mit den Bauchfloß- sedern des Jabots, mit den Scitenfloßfcdern der Manschetten und mit den Schwanzfloßfcdcrn des an drei Hermelin-Schwänzchen hängenden trinomischcn Wnrzclchens oder Zöpflcins; der Magister sicht in seinem grünen Flaust blos wie der grüne Schnäpel (Weißfisch) oder die Kaulquappe aus — herrlicher Abstich, wiederhol' ich! — Der Schnäpel hätte die Schleie gern gefressen, als der Goldfisch mit dem rechten Arme Rabetten und mit dem linken Albano zum Esseu voraussührte. Aber jetzt wurd' es viel ärger. Alban hatte mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit die Serviette zuerst offen, die nun gleichsam das Antrittsprogramm und Dokimastikum von Faltcrle's Lchrart wurde; „posemeut, „Aon me»!', (sagt' er zum Novizen) il est me-ssüniit cts cleplier „In 861 -vi 6 tt 6 NVNIlt gus >68 nutl'68 n^6llt cleplie Ie8 l 61 I 1 - 8 **)" Nach einigen Minuten gedachte Alban seine Suppe — cs war eine ü In Orittnunlörs mit Locken — kalt zu blasen: „il 68t „in6886nnt, Noimioui-, (sagte der Exerzizienmeistcr) cls 8vukl6r „8N 8VUP6 ***)." Der Schachtelmagistcr, der schon mit dem Modesten wollen einige statt der Beinkleider hören. **) Gemach, es ist unschicklich, wenn man seine Serviette früher aufmacht als andre Leute. ***) Eg jst unschicklich, wenn man auf seine Suppe blaset. 110 Gebläse seiner Brust zu einem Zugwinde für einen Löffel voll Locken angesctzt hotte, schnappte erschrocken mit einer Windstille ab. Als nachher eine farschirtc Weißkohlbombc wie eine Zen- tralsonnc ans das Tischtuch niederste!: schlang der Magister den brennenden Kalbfleisch-Farsch kühn hinein, wie ein Taschenspieler oder Vogel Strauß glimmende Kohlen, und athmetc mehr ein- als auswärts. Nach der Bombe kam ein Hecht au tour herein, dem bekanntlich der Wcgschnitt des Kopfes und Schwanzes und die Verschlossenheit des Bauchs die Gestalt eines Rehziemers schenken. Als Alban seinen alten Lehrer fragte, was cs wäre, versetzte solcher: ein delikater Nchzicmer.— „?ardooue8, Llon- „sieur, (sagte der Gcgcnzüngler) — o'68t (tu brodlet au tour, „mon dier cointe — inaio il est mssseaut de demandsr „le noin ds husl^us mets ^u'il ooit — on leint de le „8nvoir Es ist leicht zu zeigen, daß dieser Kcrnschuß aus einer Doppelbüchse dem Magister durch Mark und Bein durchfuhr; die Pasflons-Jnstrumcnte, die im weggcschnittcnen Kopse des Hechts au tour wie in einer Gcwchrkammcr lagen, arbeiteten in seinem weiter. Wie die meisten Schullehrer, glaubt' er so lange die feinste Lebensart zu haben, als er sic dozirte rind die gröbste bekriegte — eben so lange schätzt' er sie ungemein, so wie den Putz—: wnrd' er aber in beiden besiegt, so mußt' er sie von Herzen verachten. Es bracht' ihn wieder *) Um Verzeihung, es ist Hecht nu kour, lieber Graf; aber es ist unschicklich, nach dem Namen einer Schüssel zu fragen — man thut, als wisse man ihn schon. 111 aus die Beine, daß er den Excrziziemncister im Stillen bei sich gegen beide Kato's und die homerischen Heroen hielt, die nicht viel besser aßen wie Schweine, und daß er so den Wiener an einen Schandpsahl anband nnd ihn daran mit der einen Hand wacker drasch, indeß er mit der andern über ihm die Schandglocke läutete. Ja er stellte sich, um den Amtsbruder klein zu machen, aus einen fernen Irrstem nnd sah herunter aus die Bombe nnd ans den Hecht an tour nnd mußte droben auf seinem Planeten sehr herablachcn, als er den gclbseidnen Ladenhüter der Natur mit dem Wrack von Gehirn nicht größer befand als einen Kleisteraal. Dann dauerte ihn der vcrlaßne Zögling nnd er fiel wieder herunter und schwur nnterweges, ans ihm jeden Tag so viel ausznjätcn, als jener einharke. Wir werden es noch bald genug erfahren, wie Albans Nerven auf dieser Drechselbank unter den Schlichthobeln zuckten. Den Direktor labte dieses pädagogische Schneiden nnd Bril- lantircn eines so großen Demants unbeschreiblich, wiewol der Schnitt (nach Jeffcries) allen Demanten die halbe Schwere nimmt, und wiewol er selber noch die ganze hatte nnd mehrere Karats als Facetten. Wehrfritz konnte nie eher rein vergeben — worauf er jetzt hinarbeitete, weil er dem Kleinen den Oesterlcinschen Flügel mitgebracht — als bis er wenigstens mit Einem Worte eine kurze Marter angcthan; er theilte also — blind gegen Albano's verhülltes blutiges Büßen — den Gästen mit, wie strenge der Minister seine Kinder erziehe, wie sic z. B. für unwillkürliches Husten und Lachen an der Tafel, gleich preußischen Kavalleristen, welche stürzen oder im Winde den Hut verlieren, Strafen bekommen, und wie sie freilich so alt wären wie Albano, aber völlig so gesittet wie Erwachsene. Beim Minister hatt' er heute umgekehrt mit den 112 Kenntnissen des Pflcgesohns geprunkt; aber manche Eltern erbauen in jedem fremden Zimmer Ranchopfcraltärc für dasselbe Kind, das sie im eignen wie Wein und Bienen schwefeln. Der Henker hol' cs überhaupt, daß sie, wie Landesväter, gerade dann verdoppelte Forderungen machen, wenn die Kinder unmäßige befriedigt haben, so daß diese durch opera 8uper- eroAntioms von majorennen Lcrnstnndcn die Spielstundcn mehr verwirken als erringen. Hält man cs nicht großen Philosophen, z. B. Malebranche, und großen Feldherren, z. B. Szipio, zu Gute, daß sie nach den größten Eroberungen, die sie im Reiche der Wahrheiten oder in einem geographischen gemacht, sich in die Kinderstube setzten und da wahre Kindereien trieben, um den Bogen, womit sie so viele Lügen und Menschen zu Boden gelegt, sanft zurückzuspannen? Und warum soll dieses Glcichniß, womit der H. Johannes sich vcr- theidigtc, wenn er sich eine Spielstunde mit seinem zahmen Rcbhuhne erlaubte, nicht Kinder entschuldigen, daß sie auch Kinder werden, wenn sie vorher den noch dünnen Bogen zu krumm angezogen haben? — Aber nun weiter! Der alte Wehrfritz referirte Rabettcn ganz freundlich, „wie er heute die Pupille des Don Zesara, „die herrliche Gräfin äs Uomairo, gesehen, wahrhaftig 12 Jahre „alt, aber von einer Lonckuite, wie nur eine Hofdame habe; „und der H. Ritter erlebe an seiner Mündel mehr Freude als „sonst." Diese harten klirrenden Worte ritzten, wie an einem Wasserscheuen, die offnen Nerven des ehrgeizigen Knaben, da für ihn der Ritter bisher das Lebensziel, der ewige Wunsch und der lröre teriibla war, womit man ihn bezwang; — aber er saß still ohne Zeichen da und erstickte das schreiende 113 Herz. Wehrfritz kannte dieses stumme Verbeißen; glcichwol handelte er so, als Hab' ihn Albano nicht verstanden. Nun fing auch der Wiener an, in alle Ecken und Nischen des ministerialischcn Vatikans Leuchtkugeln zu werfen, blos um seine Tanz- und Musikschüler darin und sich selber günstig zu beleuchten. Kann nicht die Tochter des Ministers, kaum zehn Jahre alt, alle neue Sprachen und die Harmonika, die Albano noch nicht einmal gehöret, und schon vierhändige Sonaten von Kotzeluch und fingt wie die Nachtigall schon in un- belaubten Acstcn und zwar Opcrnauszüge, die ihre zarte Nachtigallenbrust aushöhlcn, daher er sortgcmnßt? — Ja, kann der Bruder nicht noch weit mehr und hat alle Lcsebibliothcken ausgelesen, besonders die Theaterstücke, die er noch dazu auf Liebhabcrbühnen auch spielt? Und wird er nicht gerade in dieser Stunde im heutigen I,nl innsgue seine Sache recht gut machen, wenn er anders da den Gegenstand antrifft, der ihn begeistert? — Wehmeicr that Unrecht, daß er unscrm Juwelcnkolibri Falterle gegenübersaß als eine Ohrenle oder Vogelspinne, die bereit ist, den Kolibri jede Minute zu rupfen und zu fressen. Wahrlich, Falterle sagte nichts aus Bosheit, er konnte niemand verachten und hassen, weil seine geistigen Augen in seinem aufgcschwollcnen Ich so tief saßen, daß er damit gar nicht über das geschwollene Ich hcrausschauen konnte, er verletzte keine Seele und umflog die Leute nur wie ein stiller Schmetterling, nicht wie eine stechende sumsende Bremse, und sog kein Blut, sondern Honig (d. h. ein kleines Lob). — „Sollte sich wol, H. v. Falterle, (sagte Wehrfritz, der „alsdann, sobald er nur diesen kalten Wctterstral auf Albano „heruntcrgcthan hätte, diesen nicht mehr fliehend und kalt an- „schielcn wollte) der junge Minister zuweilen aus eine Vogel- Jean Paul's ausgew. Werke. X. s 114 „stangc setzen, wie unser Albano da?" — Das war zu viel für dich gequältes Kind! „Nein!" sagte Albauo ehern und mit der Freundlichkeit eines Leichnams, welche Nachstcrbcn bedeutet, und verließ mit einer optischen Wolke schweifender Farben den unter seinen stummen Zuckungen knackenden Sessel und ging langsam mit eingeklemmten Fingern hinaus. Der arme junge Mensch hatte heute nach der anscheinenden Vergebung seines adamitischcn Falles und nach dem Anblicke des geschmückten neuen Lehrers, auf den er sich schon so lange gesrcuet, und dessen gravirtcs glänzendes Gehäuse gerade auf ein Kind imponirend wirkte, die letzte Puppcnhaut seines Innern abgcworfcn und sich viel vorgcsctzt. Irgend eine Hand riß vor einer Stunde seinen inner» Menschen aus der engen schläfrigen Wiege der Kindheit auf — er sprang aus einmal aus dem Wärmkorbe er warf Fallhut und Flügelkleid weit weg — er sah die weite tozn viril!« dort hängen und fuhr in sie hinein und sagte: kann ich denn nicht auch ein Jüngling sehn? — Ach du Lieber, der Mensch, besonders der roscnwangige, hält betrogen so leicht Bereuen für Bessern, Entschlüsse für Thaten, Blüten für Früchte, wie am nackten Zweige des Feigenbaums scheinbare Früchte sprießen, die nur die fleischigen Hüllen der Blüten sind! — Und nun, indeß alle Nerven und Wurzeln seiner Seele nackt au der harten Lust bloßlagen —> und bei so schönen frischen Trieben, wnrd' er jetzt so oft beschämend zertreten. In seiner Seele glühte die Ehre — durch die künftigen Jahre wollte sic wie durch eine weiße Kolonnade von Ehrcnsäulen gehen — schon ein bloßer Alumnus aus der Stadt war seiner rühm- und wissens-durstigcn Seele ein klassischer Autor — und 115 sollt' cr's erdulden, daß ihn bei dem Ritter der Direktor verklagte und der Wiener verzeichnete?' — Harte Thränen wurden wie Funken ans der stolzen verletzten Seele geschlagen, und den Komctenkern seiner innern Welt zertricb die Glut in einen schwülen Nebel. Kurz, er beschloß, in der Nacht nach Pcstitz zu rennen — vor seinen Vater zu stürzen, ihm alles zu melden — und dann wieder nach Hanse zu gehen, ohne ein Wort davon zu sagen. Am Ende des Dorfs sand er einen eiligen Nachtbotcn, den er nach dem Pcstitzcr Wege befragte, und der fich wunderte über den kleinen Pilger ohne Hut.- Man sehe mit mir vorher nach dem Neste der Tischgc- nossenschaft. Eben dieser Bote übcrbrachte dem Wiener eine böse Neuigkeit, die den so lange gelobten Ministers Sohn betraf, der Roquairol hieß. Die obengedachte Pupille des Ritters, die kleine Gräfin von Romeiro, war sehr schön; Kalte hießen sie einen Engel und Warme eine Göttin. Roquairol hatte keine belgische Venen, worin wie im Saturn alle Feuchtigkeiten als feste gc- srorne Körper liegen, sondern afrikanische Arterien, worin wie im Merkur geschmolzene Metalle umlaufen. Als die Gräfin bei seiner Schwester war, versucht' er, mit der Keckheit vornehmer Knaben, sein mit einem Geäder von Zündstricken gefülltes Herz als einen guten Brander ans ihres zuzutreibcn; aber sie stellte die Schwester als Fcucrmauer vor sich. Zum Unglück ging sic zufällig als Wcrthers Lotte gekleidet in die heutige Rcdoute, und die Pracht ihrer despotischen Reize wurde von lauter dunkel-glühenden Augen hinter Larven verschlungen, und nmblitzt; er nahm seine innere und äußere ab, drang am sie und forderte mit einiger Eile — weil sic abzureiscn drohte, — und mit einiger Zuversicht — ans dem Liebhabertheatcr 8 * 116 errungen, — und mit pantomimischer Heftigkeit — womit er auf diesem immer die schönsten Nachtmusiken der klatschenden Hände gewonnen, nichts vor der Hand als Gegenliebe. Werthers Lotte kehrte ihm stolz den prangenden Rücken voll Locken, er lief außer sich nach Hause, nahm Werthers Anzug und Pistole und kam wieder. Dann trat er mit einem physiogno- mischcn Orkan des Gesichts vor sie hin und sagte — das Gewehr vorzcigcnd — er mache sich hier auf dem Saale todt, falls sie ihn verstoße. Sie sah ihn ein wenig zu vornehm an und fragte: was er wolle. Aber Wcrther — halb trnnkcn von Lottens Reizen, von Werthers Leiden und von Punsch — drückte nach dem fünften oder sechsten Nein (an öffentliches Agircn schon gewöhnt) vor der ganzen Maskerade das Schießgewehr auf sich ab, lädirte aber glücklicher Weise nur das linke Ohrläppchen — so daß nichts mehr hineinzuhängen ist — und streifte den Seitenkopf. Sie entfloh Plötzlich und reifete sogleich ab, und er fiel blutend darnieder und wurde hcimgc- tragen. - Diese Geschichte blies viele Lampen an Faltcrle's Ehrenpforte aus — und an Wehmciers seiner an —; aber sic setzte aus einmal Albincn in Angst über den eben so wilden Tollkopf Albano. Sie fragte nach ihm in der Domestikcnstubc; und der Bote hals ihr auf die Spur durch den Knaben ohne Hut. Sie eilte selber in ihrem gewöhnlichen Ucbcrmaße der Angst durch das Dorf hinaus. Ein guter Genius — der Hofhund Melak — war da der Muskulus Antagonista und Schlagbaum des Flüchtlings geworden. Melak wollte nämlich mit; und Alban wollte einen dem Schloßhofe so bedienten und öfter als der Nachtwächter darin abrufenden Schirmvoigt und Küstenbcwahrcr wieder heim haben. Melak war in seinen Sachen 117 fest; er verlangte Gründe, nämlich nachgeworftnc Prügel und Steine — allein der weinende Knabe, dessen glühende Hände die kalte Schnauze des gutwilligen Viehes erfrischte, konnte ihm kein böses Wort geben, sondern er drehte bloS den wedelnden Hund um und sagte leise: fort! — Aber Melakcn waren blos laute Dekrete etwas; er kehrte immer wieder, um; und in diesen Inversionen —- während welchen in Albano's ohnehin immer auf dem Brockengcbirge stehenden Geist, der im Nebel Riesenformen ziehend wachsen sah, seine Thränen und jedes unverdiente Wort tiefer cinbranntcn — fand ihn die unschuldige Mutter. „Albano, sagte sic frenndlich-vcrstellt, in der kalten Nacht- „lnft bist du?" — Von diesem Nachgchen und Anreden der allein beleidigten Seele wurde seine volle, der eine Ergießung, es sei durch Thränen oder Galle, nöthig war, so sehr ergriffen, daß er mit einem gichtcrischcn Reißen des überspannten Herzens an ihren Hals anfsprang und sich daran aufgelöst und weinend hing. Er konnte ihren Fragen seinen harten Entschluß nicht gestehen, sondern drückte sich blos stärker an ihr Herz. — Jetzt kam besorgt auch der bereuende Direktor nach, ' den die kindliche Stellung umschmolz, und sagte: „närrischer „Teufel, Hab' ich cs denn so böse gemeint?" und nahm zurück- führend die kleine Hand. Wahrscheinlich war Albano's Zürnen durch die crgoßnc Liebe erschöpft und durch den versöhnten Ehrgeiz befriedigt; folgsam und sogar — was sonderbar scheint — mit größerer Liebe gegen Wchrfritz als gegen Al- binc ging er mit ihnen zurück und weinte unterwegs blos ans zarter Bewegung. Als er ins Zimmer trat, war sein Angesicht wie verklärt, obwol ein wenig geschwollen, die Thränen hatten den Trotz 118 vcrschwemmt und alle sanfte Schönheitslinicn seines Herzens auf sein Gesicht gezogen, wie etwa der Regen die Himmels- blnmc, die in der Sonne nicht erscheint, in durchsichtigen zitternden Fäden zeigt. Er stellte sich ausmerkend an den Vater und behielt den ganzen Abend dessen Hand; und Albine genoß yr der doppelten Liebe ein doppeltes Glück; und sogar auf den Gesichtern der Bedienten lagen zerstreute Stücke von dem dritten Ncbenrcgenbogcn des häuslichen Friedens, dem Bnndeszeichcn der verlaufenen Wasscrsnoth. — Wahrlich, ich Hab' oft den Wunsch gcthan — und nachher ein Gemälde daraus gemacht — ich möchte dabei stehen können bei allen Aussöhnungen in der Welt, weil uns keine Liebe so tief bewegt als die Wiederkehr ende. Es müßte Unsterbliche rühren, wenn sie die bcladncn, vom Schicksal und von der Schuld oft so weit auseinander gehaltncn Menschen sähen, wie sic, gleich der Valisncrie *), sich vom sumpfigen Boden abrcißcn und aufstcigcn in ein schöneres Element, und wie sie nun in der freier» Höhe den Zwischenraum ihrer Herzen überwinden und zusammcnkommcn. — Aber es muß auch Unsterbliche schmerzen, wenn sic uns unter dem schweren Gewitter des Lebens gegeneinander auf dem Sch lackst sc ld e der Feindschaft ausgernckt erblicken, unter doppelten Schlägen, und so tödtlich getroffen vom fernen Schicksal und von der nahen Hand, die uns verbinden sollte! — ') Die weibliche Valisnerie liegt zusammengcrollt unten im Wasser, aus welchem sie mit der BlumenkuvSpe aufsteht, um im Freien zu blühen; die männliche macht sich dann vom zu kurzen Stengel los und schwimmt mit ihrem trocknen Blutenstäube der erstem zu. Dritte Jobelperiode. Methoden der beiden Kunstgärtner in ihrer pädagogischen Pclzschule — Schutzschrift für die Eitelkeit — Morgenroth der Freundschaft — Morgenstern der Liebe. 17. Z y k e l. 26cnn wir beide Schulstuben ausmachen, so sehen wir den Schachtclmagister Vormittags über den zweidottrigen Eiern des Eleven sitzen und brüten, und den Exerzizienmeister Nachmittags, so wie der Tauber das Nest in jener Tagszcit, die Taube in dieser hütet. — Wchmcier wollte nun so gut wie sein Nebcnrcnner sich mit ganz neuen Lehren des Zöglings bcmeisteru; aber neue sür diesen waren neue für ihn selber. Wie die meisten altern Schullehrer wußt' er von der Sternkunde außer dem Wenigen, was im Buch Josua stand, und von der Naturkunde außer den wenigen Jrrthümcrn, die in seinen eher vergessenen als zerrissenen Heften standen, und von der Weltweisheit außer der Gottschcdianischeu, sür die aber ein reiferer Eleve gehörte, und von andern Realien genau gesprochen — nichts, ausgenommen etwas Historie. Kamen ihm zuweilen: in seiner literarischen Sarawüstc, in welche ihn die quälende Schulstunden- Schraubc ohne Ende und die Bettel- oder Kröpclsuhre eines mehr verschlackten als vcrcrztcn Lebens ohne Geld verwiesen 120 hatten, neue Lehrmethoden oder neue Entdeckungen zu Ohren (zu Augen nie): so merkt' er den Augenblick, daß cs seine eignen wären, nur schwach abgcändert; und er verhielt niemand das Plagium. Ich bitte aber alle seidene und gepuderte und lockige Prinzen-Instruktoren von Herzen, verdenket meinem armen von den schweren dicken Erdlagcn des Schicksals tief überbaueten Wchmeicr seine unterirdische Optik und sein Krummstehen nicht zu sehr, sondern zählt seine acht Kinder und seine acht Schulstunden und seine nahen Fünfziger in seiner Lebens- Höhle von Antiparos und entscheidet dann, ob der Mann damit wieder herauskann ans Licht? -— Aber von der Historie wußt' er, wie gesagt, doch etwas; und diese ergriff er als pädagogischen Dicbsdaumcn rmd For- tunatus Wünschhnt. Hatt' er nicht schon mit jener epischen ausmalenden Paraphrase, womit er die kleinste Marktflecken- Historie so interessant und lügenhaft erzählte (denn woher will ein guter Erzähler die 1000 kleinern, aber nöthigcn Züge nehmen als aus der Luft?), seinem Albano Hübners biblische äußerst rührend vorgetragen? Und wer weinte dabei mehr, der Lehrer oder der Schüler? — Nun hatt' er drei historische Wege vor fich offen. Er konnte den geographischen Anschlägen, der mit der elendesten Geschichte von der Welt ansängt, mit der Landcsgcschichte. Aber blos höchstens Britten und Gallier können die Geschichte wie eine epische und eine Erdbeschreibung von hinten anfangen; hingegen eine Haarhaarsche, eine Bairenthische, eineMek- lenburger Landcsvätcr-Patristik gibt hohlen Zähnen hohle Nüsse auszubeißen, ohne Kern für Kopf und Herz. Und schwellet man nicht dadurch einen Holzzwcig der Historie, auf welchen^ der Zufall der Geburt den jungen Borkenkäfer abgesetzt, nn- 121 verhältnißmäßig zu einem Stammbaume derselben an? Und was fragt man z. B. in Berlin nach einer Markgrafen-, oder in Hof nach der Hohcnzollerischen Regentenlinic? Die zweite Methode ist die chronologische oder die vornen anspannende; diese hebt vom Geburtstage der Welt an, die nach Pctav und den Rabbincn den 22stcn Oktober*) Vormittags ans die Welt kam, schreitet zum 28stcn Oktober, dem ersten Flegel- nnd Tölpeltagc des jungen Adams, dann über den 2!)stcn, den ersten Sonn-, Buß- nnd Karcnztag hinweg nnd so fort bis znm Karenz- nnd Bußtage des neuesten Adams- söhnchens, das eben der Sache zuhorchcn muß. Diese Milchstraße war nnserm Magister zu lang, zu öde, zu fremd. Er schiffte die mittlere Straße zwischen den vorigen, die nach den reichen beiden Indien der Geschichte führt, nach Griechenland nnd Rom. Die Alten wirken mehr durch ihre Thaten als durch ihre Schriften auf uns, mehr ans das Herz wie ans den Geschmack; ein gefallenes Jahrhundert um das andere empfängt von ihnen die doppelte Geschichte als die zwei Sakramente und Gnadcnmittcl der moralischen Stärkung; nnd ihre Schriften, an welche ihre steinernen Kunstwerke jede Nachwelt heften, sind die ewige Bibelanstalt gegen jeden Verfall der Kanstcinischen. Aber nun lasset uns an einem schönen *) Die vorhergehenden schönen Oktobertage so wie die Kanikular- sericn und der April und kurz der Vorrest des Jahres wurden am gedachten 22sten Oktober und dieser selber nach geschaffen. So lehn' ich leicht die Frage nach der Vorzeit ab. Denn datirt einer die Welt anders, z. B. vom 20sten März, wie Lip- sius und die patres thaten: so muß er immer zu meinem Nachschaffen des Vorjahrs greifen, wenn ich ihm mit seiner eignen obigen Frage zu Leibe gehe. 122 ! Sommcrmorgen ctlichcmale^ vor der Rcktoratswohnnng Vorbeigehen und cs außen mit anhörcn, mit welcher Stimme der Magister drinnen, obwol in altvaterischen Wendungen, aus dem Plutarch — dem biographischen Shakspeare der Weltgeschichte — nicht die Schattenwelt der Staaten, sondern die darin glänzenden Engel der Gemeine zitirt, die h. Familie großer Menschen, und werfet im Vorbeigehen einen Blick auf das funkelnde Auge, womit der begeisterte Knabe an den moralischen Antiken hangt, die der Lehrer wie in einem Abgußsaale um ihn versammlet. O wenn so die großen Wetterwolken der heroischen Vergangenheit sich an Zesarcns Seele wie an ein Gebirge hingen und daran mit stillem Blitzen und Tropfen nicdcrgingcn: wurde da nicht das ganze Gebirge mit himmlischem Feuer geladen und alles, was daraus grünte und keimte, befruchtet, erquickt und hcrausgctriebcn? — Und könnt' er dann, so schön bewölkt, wol in die tiefe Wirklichkeit schauen? Ja blieb cs nicht dem Lehrer wie dem Schüler unter dem Marktgctösc des römischen und des athenischen Forums, wo sic im Gefolge Kato's und Sokrates mit hcrumgingen, völlig unbekannt, daß die rüstige Magisterin neben ihnen koche, bette, keife imd scheuere? Von den acht lärmenden Kindern vernahmen sie schon der Menge wegen nichts, denn nur Eine sausende Mücke hält man nicht ohne entsetzliche Anstrengung im Zimmer aus, leicht aber einen ganzen Schwarm. Eben so wurde dic Schulstubc, aus deren Boden nichts fehlte, was man in Kanaricn - Hcckkastcn znm Nestmachcn wirst, Heu, Moos, Nehhaar, ansgezansetcr Flanell und fingerlanges Garn, beiden durch den Fußboden der alten (geographischen und historischen) Welt zugcdcckt, welcher, der römischen Paulskirchc ihrem / 123 gleich, aus Marmortrümmcrn voll abgebrochener Inschriften besteht. 18 . Z y k e l. Der Leser ist nun auf den Nachmittag, wo man den Eleven in die Polirmühle des Wieners schickt, begierig, wie er sich da schleifen lasse. Es muß ihn noch begieriger machen, wenn ich nachholc, daß Wehmeier, der wie andere Gelehrte dem Elcphantcn an Verstand und Plumpheit glich, nichts in der alten Geschichte lieber fand -— und also abmalte — als einen großen Mann, der wenig anhattc, wie z. B. Diogenes, oder der barfuß ging, wie Kato, oder unbalbirt, wie die Philosophen; ja er fiel in die Mittelmark ein und holte sich Friedrichs II. Kleider heraus, womit er soviel gewann als Lim Page in Paris, und trug dessen Hemden wie des edlen Saladins seines und unter einerlei Ausrufungen aus Stangen zur Schau und entwarf als ein zweiter Sch ein er die beste Karte, die wir von den Sonncnflcckcn des Tabacks aus Friedrich haben. Dann nahm er diese nackten rauhen Kolossen und schlichtete sic sämmtlich in die eine Wagschale auf, und in die andere warf er getäfelte leichte Figuren wie Falterle und die Nürnberger geleckten Kindcrgärtchen von neuern Höfen und ersuchte den Scholaren, Acht zu geben, wohin das wägende Zünglein schlage.- Ich bin hier nicht ganz aus deiner Seite, Magister, da kraftvolle Jünglinge ohnehin die Folie des Zeremonialgesetzes zu leicht zerreißen, und oft die Folienschlägcr, die Oberzeremonienmeister, dazu; für Schwache ist die Methode gut. Kam nun Albano zum Excrzizicnmeistcr: so könnt'er vor dem lauten Nachklange der vorigen Stunde — weil Kinder 124 von einer gewissen Tiefe, wie Gebäude von einiger Größe, ein Echo geben -— dos nur schwach vernehmen, was Faltcrle befahl, und nur wenn er einige Tage ohne die historische Rührung blieb, wurd' er für die kleinern Lehrstunden weiter offen, wie vergoldete Sachen erst, wenn das Gold herunter ist, sich versilbern lassen. Das Unglück war noch, daß er seine Frohn- tänzc gerade neben der Schreibstube des Direktors, der da in eignen begriffen war, zu machen hatte. Es traf sich oft, daß Wchrfritz, wenn Alban so zerstreut wie eine verliebte Moitistin in der Anglaise ausmcrktc, drinnen unter dem Dik- tiren schrie: ins drei Teufels Namen, chassir'! — Eben so viele Fälle würde man aufzählcn können, wo der Mann, wenn der Musikmeister wie ein Trommclbaß mit ewigem Ermahnen zum Piano unter dem Adagio wcglief, drinnen mit dem erdenklichsten Fortissimo rufen mußte: Pianissimo, Satan, Pia- nissimo! — Einigcmalc mußt' er von seinen Arbeiten ausstehen, wenn in der Fcchtstundc alles Zureden zur Quarte nichts half, und die Thür' ausmachcn und ergrimmt zum Wiener sagen: „Um Gottes Willen, Herr, scyn Sie doch kein Hase und „stoßen Sie ihm derb aufs Leder, wenn er nicht aufpaßt" — worauf der höfliche Fechtmeister nur leise zu Quartstößen anfrischte. — Gleichwol lernt' er viel; in so frühen Jahren setzet man sich weder über den Putz, noch über die schönen Künste eines Falterlc hinweg, der noch dazu mit dem zauberischen Vorzüge mächtig war, in der verbotncn Hauptstadt geglänzt und gelehrt zu haben. Blos der laute Aufschritt und die Stiefel waren dem Zöglinge nicht zu nehmen; aber die Achseln waren im Kurzen wagrecht und der Kops steilrccht gedrückt und die oszillirenden Finger sammt dem regen Körper mit einem Stahl- 125 schm Augcnhalter festgcmacht. Ueberhaupt haben Menschen mit einer liberalen Seele in einem schöngebautcn Körper schon ohne Falterle's Spalierwand und Scheere einen gefälligen Stand und Wuchs. Dabei hatte er den niedlichen freundlichen Faltcrle mit jener heiligen ersten Menschenliebe, womit ein Kinderherz sich an alle Leute des Hauses und des Dorfes anklammert, schon darum lieb, weil den Wiener eine Dame um den Goldfinger, ja innen um den Goldring selber aufwickcln konnte, und weil er vom Ritter des goldnen Vließes wie von einem Könige sprach, und log, und weil er die gefälligste Haut war, die je über die Erde lief. Da ich in meinen Biographien Duldung und eine vielseitige Gerechtigkeit gegen alle Charaktere lehren will: so muß ich hier mit meinem Muster der Toleranz vorangehen, indem ich von Faltcrle bemerke, daß seine arme dünne Seele sich selber nicht unter den steinernen Gcsetztafeln der Etiqnette und unter dem hölzernen Joche eines imponircndcn Standes aus- znbringen vermochte. Wem that der arme Teufel etwas an? Nicht einmal Damen, für welche er zwar, gleich einem Kupferstecher, immer vor dem Spiegel arbeitete an seinem Ich, allein nur um mit diesem Kunstwerke, gleich andern Fignristen, reine Schönheiten darzustellen, nicht aber solche zu verfuhren. Das Secwasser seines Lebens — denn er ist weder ein Millionär, noch eben der größte Gelehrte des Säknls, ob er wol bei vielen Büchcrverleihern hernmgelcscn — süßet er sich durch das Schönhcitswasscr ab, worin er sich stündlich badet. Er säuft und fristet fast nichts; flucht und schwört er, so thut er's in fremden Sprachen, wie der Päbstlcr darin betet, und schmeichelt wenigen außer sich. Der Eitle und noch mehr die Eitle hassen Eitle viel zu stark, dic doch mehr am Kopfe als am Willen siechen. Ich kann mich hier freudig auf jeden denkenden Leser berufen, ob er sich je, wenn er eben ungewöhnlich eitel cinhertrat, tiefe Gewissensbisse oder Mißtöne im Ich verspürt zu haben entsinnt, welche doch niemals fehlten, wenn er sehr log oder zu hart war; er nahm vielmehr ein ungemein liebliches Schaukeln seines innern Menschen in der Paradewicge wahr. Daher wird ein Eitler so schwer wie ein Spieler kurirt. Aber auch noch darum: dic meisten Sünden sind Kasualpredigtcn und Gelegenheitsgedichte und müssen häufig aus- gcsctzct werden, vom 3tcn bis lOtcn Gebote inelns. — Die Ehe, den Sabbath, das Wort kann man nicht zu jeder gegebenen Stunde brechen.— Vcrläumdcn kann einer so wenig als kegeln oder duel- liren mit sich selber — viele beträchtliche Laster sind nur an der Ostermessc — oder am Ncnjahrstagc — oder im Calais ro^al, — oder im Vatikan zu verüben — manche königliche, markgräs- lichc, fürstliche im ganzen Leben nur einmal — manche gar nicht, z. B. dic Sünde gegen den h. Geist. —> — Hingegen sich innerlich preisen und bekränzen kann einer Tag und Nacht, Sommer und Winter, an jedem Orte, auf dem Katheder, im Prater, im Gencralszcltc, hinten auf der Schlittenpritschc, aus dem Fürstcnstuhlc, m ganz Deutschland, z. B. in Weimar. Wie? und diese percnnircndc Balsamstaudc, die den innen: Menschen immerwährend anräuchert, sollte man sich ausziehen oder beschneiden lassen?- 19. Z y k c l. Alle diese Geschäfte und Dornen waren für Albano recht gute spitze Erdbebcn-Ableitcr, da in seiner Brust schon mehr unterirdische Gewittcrmatcrie umherzog, als zum Zersprengen 127 der dünnen Brusthöhle eines Menschen nöthig ist. Nun kam er immer tiefer in die wilden Donncrmonatc des Lebens. Die Sehnsucht, Don Zesara zn sehen, entflammte sich an der römischen Geschichte mehr, welche Zäsars kolossalisches Bild vor ihm in die Höhe stellte und darunter schrieb: Zesara. Die verhüllte Lindcnstadt wurde von seiner Phantasie auf sieben Hügeln getragen und zum Rom erhoben. Ein Posthorn schallte in sein Innerstes wie ein Schweizer Kuhreigen, der alle Höhen unserer Wünsche, in langen Bergketten glänzend, in den Acther hinausbauct, und es blies ihm das Zeichen zum Aufbruch, und alle Städte der Erde lagen mit offnen Thoren und mit breiten Fnhrstraßen um ihn herum. Und wenn er in jener Zeit an einem kalten Hellen Sommcrmorgen neben einem nach Pestitz gehenden Ncgimcntc so lange metrisch mitzog, als die Trommeln und die Pfeifen lärmten: so feierte seine Seele ein Händclschcs Alcxandcrfest — sic hörte die Vergangenheit — das Fahren der Triumphwagen — das Gehen der spartischen Heere und ihre Flöten — und die Helle Trompete der Fama — und wie unter den letzten Posaunen erstand seine Seele unter lauter glänzenden Todtcn aus der aufge- riegcltcn Erde und zog mit ihnen weiter.- Wenn die Geschichte einen edlen Jüngling in die Ebene von Marathon und auf das Kapitolium führt: so will er an seiner Seite einen Freund, einen Waffenbruder haben — aber auch weiter nichts, keine Waffcnschwestcr; denn einem Heros schadet eine Heroine sehr. In den starken Jüngling zieht die Freundschaft eher als die Liebe ein; jene erscheint wie die Lerche im Vorfrühlinge des Lebens und geht erst im späten Herbste fort; diese kommt und fliehet wie die Wachtel mit der warmen Zeit. Albano hörte schon diese Lerche unsichtbar in 128 den Lüsten über ihm schmettern; er fand einen Freund, nicht in Blumcnbühl, nicht in der Lindcnstadt, an keinem Orte, sondern in seiner Brust; aber diesen hieß er —- Roquairol. Die Sache war diese: sür Leute, wie ich, ist das Landleben der Honig, worin sie die Pille des Stadtlcbens cinneh- men; Faltcrle hingegen brachte das bittere Landleben nicht ohne die Versilberung des Stadtlcbens hinunter; wöchentlich lief er dreimal nach Pestitz, entweder in die Logen der Lieb- habcrthcatcr als Dramaturg oder auf diese selber als Akteur. Nun nahm er jedesmal sein Rollenbüchlcin aufs Dorf hinaus und stndirte da — im Vertrauen auf die Komödicuprobc — seine Rolle insularisch ohne die kollcgialischcn ein; so wie noch jeder Staatsdicncr seine ohne einen Blick in die mitspielcnden memorirt; daher jeder von uns nur aus Einer Seclcnkraft besteht und, wie in der russischen Jagdmusik, nur Einen Ton zu pfeifen weiß und seine Stärke ins Pansircn setzen muß. — In diesen von Faltcrle geliehenen Bruchstücken der Bühne ging nun Albano mit einem Entzücken herum, das jener bald höher zu treiben suchte durch den Tausch der ganzen dramatischen Wcltglobcn gegen diese Kugelsektorcn. Der Wiener hatt' ihm längst den selbstmörderischen Wildfang Roquairol als ein Genie im Lernen — besonders sich als eines im Lehren — vorgclobt; jetzt führt' er den Beweis aus den großen Rollen, die der Wildfang immer gut spiele. Ucbrigens war es nicht seine Schuld, daß er den Ministers Sohn nicht ungemein hernntersetzte, dem er nicht nur die theatralischen Siege beneidete, sondern auch die erotischen. Denn der phantasicreicheRoquairol hatte mit demSelbstschusic des 13ten Jahres das ganze weibliche Geschlecht salutirt und gewonnen und sich znm Opferpriester aus einem Opferthiere gemacht und znm 129 Regisseur des aus Liebhabertheater gestoßenen Licbhaberinnen- theaters, indcß der scheue blöde Faltcrle mit seiner todtgebor- ncu Phantasie keine Schöne zu einem andern Schritte brachte als zum Nückpas im Menuct, und statt der Setzung seines IchS zu nichts als zur Fingersetzung. Aber der Eitle kann andern kein Lob versagen, das sein eignes wird. Wie mußte das alles unscrn Freund für einen Jüngling gewinnen, den er bald als Karl Moor — bald als Hamlet — als Klavigo — als Egmont durch seine Seele gehen sah! — Was den bekannten Redoutcuschuß in frühem Jobel- pcrioden anlangt, so mußte unser so unerfahrner Herkules, den der blanke Dolch des Kato blendete, einem so verwandten Hcraklidcn den Schuß als eine seiner tragischen 12 Arbeiten aurechncn. — Der Lchnprobst Hafcnrcffer erzählt sogar, Albano habe einmal mit dem Wiener, der längst aus einem Schullehrer zu einem Schulkameraden herunter war, über die schönsten Todcsartcn gestritten und sei gegen den sanften Fal- tcrlc, der sich für den Schlaftrunk erklärte, aus Noquairols Seite getreten, sogar mit dem stärkern Zusatze: „am liebsten „stieg' er aus einen Thurm und zöge den Wetterstral aus seinen „Kopf!" — Im letztem zeigt er das hohe Gefühl der Alten, die den Donncrtod für keine Verdammniß, sondern für eine Vergötterung hielten; sollt' aber nicht der Körper etwas dabei thun, da seine Ellenbogen und seine Haare oft im Finstern elektrisches Feuer aussprühcn und sein Kopf in der Wiege mehrmals einen heiligen Zirkel ausstralte? Der Lehnprobst ist sehr dafür.- Albano konnte sein feuriges Herz am Ende nicht anders kühlen, als daß er Papier nahm und an den Unsichtbaren schrieb und cs dem Wiener zu bestellen gab. Faltcrle, der Jean Paul's auSgew, Werke. X. g 130 die Gefälligkeit selber war — und dabei auch die Unwahrheit selber — nahm trotz seiner Abneigung gegen Noquairol die Briefe herzlich gern mit — „ich bin beim Minister ja wie zu Hanse" sagt' er — bestellte aber, da er sowol im stolzen Fronlayschcn Pallastc als bei dem Sohne wenig galt, keinen einzigen und brachte blos jedesmal eine neue gültige Ursache mit, warum Roquairol nicht daraus antworten können; er war entweder zu sehr in der Arbeit oder auf dem Krankcnstuhle — oder in Gesellschaft— jedesmal aber entzückt darüber gewesen; — und unser argloser Jüngling glaubte alles fest und schrieb und hoffte fort. Vom Lcgazionsrathe war' es brav gewesen, wenn er mich, falls er anders konnte, sich verbindlich gemacht und mir Albano's Palm-Blätter eines liebenden Herzens eingeliefert hätte; nicht für das Archiv dieses Buchs, sondern blos für meine Manualakten, für den Blumenblättcrkatalog, den ich mir zu eignem Gebrauche von Albano's Nelkenflor beste und leime. — 20. Z y k e l. Plötzlich wurde unser Zesara, der in die Jahre trat, wo der Gesang der Dichter und der Nachtigallen tiefer in die aufgeweichte Seele quillt, ein anderer Mensch. Er wurde stiller und wilder zugleich, sanfter und aufbrausender, wie er denn einmal einem unter Prügeln schreienden Hunde im wildesten Harnische zu Hülse lief — Himmel und Erde, die bisher in ihm, wie nach dem ägyptischen Systeme, in einander gelegen, nämlich das Ideal und die Wirklichkeit, arbeiteten sich von einander los und der Himmel stieg rein und hoch und glänzend zurück — über die innere Welt ging eine Sonne ans und über die äußere ein Mond, aber beide Welten und Halbkugeln zogen sich zu einer ganzen an — sein Aufschritt wurde langsamer, sein Helles Auge träumerisch, seine Athlcten-Gym- nastik seltener — er mußte jetzt alle Menschen wärmer lieben und sic naher fühlen, und er fiel oft seiner Pflegemutter mit geschlossenen Augen zitternd um den Hals, oder nahm draußen im Freien von dem verreisenden Pflegevater einen einsamem und heißem Abschied. — Und nun wurde vor solchen reinen und scharfen Augen der Isis-Schleier der Natur durchsichtig, und eine lebendige Göttin blickte mit scclcnvollcn Zügen darunter in sein Herz. Ach, als wenn er seine Mutter fände, so fand er jetzt die Natur — jetzt erst wußt' er, was der Frühling sei und der Mond und das Morgenrots) und die Stcrnennacht. . . . . Ach, wir haben es alle einmal gewußt, wir wurden alle einmal von der Morgcnröthc des Lebens gefärbt! .... O warum achten wir nicht alle ersten Regungen der menschlichen Natur für heilig, als Erstlinge für den göttlichen Altar? Es gibt ja nichts Reineres und Wärmeres als unsere erste Freundschaft, unsere erste Liebe, unser erstes Streben nach Wahrheiten, unser erstes Gefühl für die Natur; wie Adam, werden wir erst aus Unsterblichen Sterbliche; wie Aegyptcr werden wir früher von Göttern als Menschen regiert; — und das Ideal eilet der Wirklichkeit, wie bei einigen Bäumen die weichen Blüten den breiten rohen Blättern, vor, damit nicht diese sich vor das Stäuben und Befruchten jener stellen. — Wenn oft Albano von seinen innern und äußern Jrr- gängen nach Hause kam, zugleich trunken und durstig — zugleich mit geschlossenen Sinnen und mit geschärften, 9 * 132 träumend aber wie Schläfer, die das Auslöschen des Lichts herber empfinden — so braucht' es freilich wcuigc kalte Tropfen von kalten Worten, damit die heiße in Fluß gebrachte Seele von den fremden kalten Körpern in Zickzack und Klumpen zerschoß, tndeß eine warme Form den Guß zur lieblichsten Gestalt gerundet hätte. — Bei so bcwandten Umständen wird sich freilich keiner wundern über das, was ich bald berichten werde. Der Tanz-, Musik- und Fccht-Meistcr, der wenig auf seine Pas, Griffe und Stöße großthat, aber desto mehr auf seine (Reichstags-) Literatur — denn die neuen Monatsnamen, die Klopstocksche Rechtschreibung und die lateinischen Lettern in deutschen Briefen hatt' er früher in seinen als einer von uns — wollte dem Wchrsritzschcn Hause gern zeigen, daß er ein wenig mehr von Literatur verstehe und da wisse, wo der Hase liegt, als andere Wiener (um so mehr, da er gar nichts las, nicht ein-> mal politische Zeitungen und Romane, weil ihm lebendige wahre Menschen lieber waren): — er trat daher nie ins Haus, ohne zwei Taschen voll Romane und Verse für Rabcttc und Albano. Dazu half seine unendliche Dienstbcflieffcnhcit — und sein kollegialisches Wettrennen mit Wchmcicr im Bilden — und sein Antheilnehmcn am verstummenden Jünglinge, dem er aus den süßen Träumen, die der Rubin*) des glänzenden jugendlichen Lebens schenkt, mit den exegetischen Traumbüchern, den Dichtcrwcrken, helfen wollte. Die Umwälzung des Jünglings, der nun ganze romantische Evcrdingens Wiesen abmähcte und ganze poetische Huysums Blumenrabatten abpflückte, auch nur leidlich zu schildern, Hab' ich jetzt wegen Man glaubte sonst, daß ein Rubin angenehme Träume gebe. 133 der oben vcrsprochnen Wundcrsachc weder Zeit noch Lust; genug, daß Albano-, so dasitzend — der Himmel der Dichtkunst vor ihm aufgcthan, das gelobte Land des Romans vor ihm ausgebrcitet — einem Erdbälle glich, an welchen mehrere Schwanzsternc sich brausend anwcrfen, und der mit ihnen gemeinschaftlich ausbrennt. Allein wie weiter? Der Wiener, das muß ich noch vorher sagen, war ein eitler Narr (wenigstens in Punkten der Dcmnth, z. B. seiner Zwcrgfüße, seiner Literatur, seines Glücks bei Weibern) und ließ besonders durch vertraute Gemälde von Großen und Damen gern ans sein Födcrativsystcm mit den Originalen schließen. Der arme Teufel war freilich arm und glaubte mit mchrern Autoren, er und diese hätten — ungleich dem Salomo, der Weisheit erbat und Gold erhielt — umgekehrt das Unglück gehabt, nur crstere zu empfangen, indeß sic um letzteres geworben. Kurz, aus solchen Gründen wollt' er — im Vorbeigehen gesagt — gern den Glauben im Wchrfritzischcn Hause ansgebreitet wissen, daß er sehr gut stehe bei seiner vorigen Schülerin, der Ministers Tochter — Liane glaub' ich, wenn ich anders Hasenrcffers Hand richtig lese — und daß er sie oft genug sehe und spreche bei ihrer Mutter. Dazu kam noch, daß kein wahres Wort daran war; durch den Tempel, worin Liane war, ging kein Durchgang für ihn. Allein um so weniger könnt' er den Direktor vorauslassen, der sie öfters sah und zu Hause immer eifriger lobte, blos nun die roh-unschuldige von niemand se erzogene Rabctte auszuschcltcn. Der Wiener wollte freilich auch noch den Grafen — dem er nur die Küste der Freundschaftsinsel Roquairols von weitem zeigte, aber keine Anfuhrt zur Landung — durch die Schwester listig von dem Bruder 134 ablenkcn (cr war unvermögend, ihn länger zu belügen und hinzuhalten): denn warum malt' er's ihm so lange aus, wie giftig vor einigen Jahren der Nacht- und Todesfrost über den Retraiteschust des Bruders, den sie zu innig liebe, auf diese so zarten weifen Herzblätter gefallen sei? Oesters hing cr unter dem Essen breite von Wehrfritz kontrasignirte Mcritentafeln von Liancns musikalischen und malerischen Fortschritten auf, um scheinbar seinen Klavicr- und Zcichenschüler zn größer» anzutreibcn. Denn wär' cs nicht scheinbar: warum klebt' cr eben so lange Altarsblättcr von Liancns Reizen bei Rabetten auf, bei dieser Unparteiischen, die, nur mit Pfarrers-, nicht mit Ministers-Töchtern wcttrenncnd, fast so freudig städtische Schönheiten, wie wir Homerische, preisen hörte, und vor der nur ein windiger Tropf, der sich vor Weibern aufrecht und im Sattel durch Lobgesänge ans fremde erhalten will, seine auf Lianen anstim- mcn konnte. Wahrlich, vor einer so rcsignirten und neidlosen Seele, als Rabette war — zumal da ihre Gcsichtshaut und Hände und Haare nicht am weichsten waren, wenigstens härter als die Faltcrlcschcn — wär' ich um keine Medaille in der Welt im Stande gewesen — wie er's doch war — den glücklichen Erfolg näher zu kolorircn, womit der Minister, um Liancns ungewöhnliche Schönheit der jüngcrn Jahre durch Erziehung in die jetzigen herübcrzubringen, das Seinigc gc- than durch zarte und fast magere Kost — durch Einschnürcn — durch Zusperren seines Orangeriehauses, dessen Fenster cr selten von dieser Blume eines mildern Klimas abhob — noch weniger hätt' ich wie cr malen können, daß sie dadurch ein zartes nur aus Pastellstaub zusammengelegtes Gebilde geworden, das die Windstöße des Schicksals und die Passatwinde 135 des Klimas fast zerblasen könne» — und daß fie sich wirklich nur mit Scifenspiritus waschen könne und nur mit den weichsten Linnen ohne Schmerzen trocknen und nicht drei Stachelbeeren ohne blutende Finger abnehmen. — Der flache Wiener, der vor keinem auf einer Bcrg- kuppe stehenden Manne von Stande unten im Sumpfe den Hut abziehen konnte, ohne leise dabei zu sagen: Ihr ganz Untcrthänigstcr! und der von vornehmen Leuten höchstens nur im vertrauten oder satirischen Tone (seine Konnexion zu zeigen), aber nie im ernsthaft-kritischen sprach, war freilich — was doch seine Pflicht war — nicht im Stande, den alten Froulay einen festen scharfen Lcichenstcin zu heiße», unter welchem zwei so weiche Blumen wie seine Frau mit dem ihr an- gcschlungenen Ephcu, mit Lianen, sich gebogen und gedrückt ans Licht aufwinden. H. v. Hafcnreffcr macht hier zu seiner Ehre — in Betracht, daß er ein Lcgazionsrath und Lehnprobst ist — die ganz andere, gefühlvollere Bemerkung, daß die harten Erdschichten solcher Verhältnisse, wodurch Lianens Lebensquelle dringen und sickern müsse, diese reiner und Heller machen, so wie alle harte Schichten Filtrirstcine des Wassers sind — und alle ihre Reize werden zwar durch ihren Vater Qualen, aber auch alle ihre Qualen durch ihr Dulden Reize. — — Aber, guter Zcsara! wenn du nun das alles täglich hören mußt — und wenn der Excrzizicnmcistcr ohnehin nicht zu schildern vcrgissct, wie sie ihn nie mit einer ungehorsamen Miene, oder einer Zögerung gekränkt, wie froh sie ihm die papierncn Stundcnmarken und am Ende das Schulgeld oder eine Einladung gebracht — und wie besorgt und mild und höflich sie gegen ihre Dienerschaft gewesen, und wie man hätte denken sollen, ihr Herz könne nicht wärmer werden, als schon 136 die Menschenliebe cs mache, hätte man nicht ihre noch heißere Tochterliebe gegen die Mntter gesehn-guter Zesara, sag' ich, wenn du das alles neben deinen Romanen vernimmst und noch dazu von der Schwester deines Noquairols — weil jeder, wenn cs nur halb praktikabel ist, sich gern mit der Schwester seines Freundes cinspinnt in Eine Chrysalidc — und noch übcrdicß von einem Mädchen in der geheiligten Lindcnstadt, um welche Don Gaspard, wie die alten Preußen*) um ihre Göttcr-Haine, noch mystische Vorhänge hcrumzicht — und was ärger als alles ist, gerade nach deinem 16'/, Jahre, Zcsara, wo schon die MoussonS und Frühlingswindc der Leidenschaften über die Blutwellcn fahren! Denn früher freilich war's allerdings von dir mitten im gelehrten Kränzchen von so vielen Linguisten — d. h. von Büchern der Linguisten — von Eklektikern — Ober-Rabbinern — von 10 Weisen aus Morgcn- nnd aus Griechenland — und wegen der ungemein blendenden Epiktets lampen, die das gedachte Wciscn-Dezcmvirat am Tags-Sterne der Weisen angczündet hatte, da war's wenig zu vermuthcn, daß dir Amors Turiner Lichtchen, das er noch unansgebrochcn in der Tasche hatte, sehr ins Auge fallen möchte! — Aber jetzt, mein Lieber, jetzt, sag' ich! — Wahrlich, nirgends war cs uns allen weniger übel zu nehmen, w.cnn wir ungemein attcnt darauf sind, was er im Listen Zy- kcl macht, als im zwanzigsten. *) Arnolvs Kirchcngeschichte von Preußen. 1. B. 137 Vierte Jobelpcriodc. Hoher Styl der Liebe — der gothaische Taschcnkalender — Träume auf dem Thurme — das Abendmahl und das Donnerwetter — die Nachtreise ins Elysium — neue Akteurs und Bühnen und das Ultimatum der Schuljahre. 21. Z y k e l. 28ie viele selige Adams von 16'/, Jahren werden gerade jetzt in ihrer Sicstc im Grase des Paradieses liegen nnd aus Tl,eilen ihres eignen Herzens dessen künftige Schoosijüngcrin erschaffen sehen! — Aber sie suchen sie nicht, wie der erste Adam, neben sich auf der Baustelle, sondern recht weit vom eignen Lager, weil die Ferne des Raums so glänzend verherrlicht wie die Ferne der Zeit. Daher setzet sich jeder Jüngling mit dem Glauben ans die Post, daß in den Städten, wohin er eingeschrieben ist, ganz andere und göttlichere Madonnen unter der Hansthüre stehen als in seiner verdammten; — nnd die Jünglinge jener Städte sitzen wieder ihrerseits auf dem ankommcnden Postwagen nnd fahren hoffend in seine hinein. — Ach das klingt für alles, was ich vorhabe, viel zu rauh und roh, nnd mir ist, als bring' ich dem Leser statt des lebendigen fliegenden Rosendnfts nur die starre schwere dicke Porzellanrose! — Albano, ich will dein stilles, dicht verhangenes Herz anfdeckcn nnd anfschlicßen, damit wir alle darin Lianens 138 Heiligenbild, die aufschwebende Raphaels Marie, aber, wieHei- ligcngcstalten in der Leidenswochc, hinter dem Schleier hängen sehen, den du bebend wegzichest, um cs anzubetcn, wenn du die Andachtsbücher — die Romane — aufschlägst und wenn du darin die Gebete antriffst, die deiner Heiligen gehören. Sogar mir wird es schwer, nicht, wie dn und die Alten, den Namen deiner Schutzgöttin zu verheimlichen -— über innere Gci- stererschcinungcn (denn äußere sind Körpcrerscheinungeu) schweiget der Scher gern neun Tage lang -— und bei deinem blöden Glauben an einen tausendmal höher» Tugcndgehalt Lianens, als deiner ist, und bei deiner heiligen Ehrliebe, die über die fremde wacht, ist dir's freilich ein Räthscl, wie andere, z. B. der Wiener oder Wehrsritz, ohne das geringste Erröthen so laut und lieb von ihr sprechen konnten, da du selber kaum wagst, vor andern viel von ihr zu -— träumen. Wahrlich, Albano ist ein guter Mensch! — Ferner, wie vollends eine solche in gediegnen Acther vcrcrzte lichte Psyche wie Liane, etwa gleich dem auserstandncn Christus, Karpfen essen und aus- grätcn könne — oder mit den langen hölzernen Heugabeln im Kleinen, den Sallatschober im blauen Napfe umstechcn — oder in der Sänfte ein halb Pfund mehr wiegen als ein blauer Schmetterling — oder wie sic laut lachen könne (das that sie aber auch nie, mein Freund!): alles das und überhaupt der ganze kleine Dienst des beleibten Erdenlebens war dem geflügelten Jünglinge ein Räthscl und eine wahre Unmöglichkeit, oder die Wirklichkeit davon eine Fixsternbcdeckung; was soll ich's verhalten, daß er über ein Paar in welsche Felsen cingestampfte Fußtritte von Engeln schwächer erstaunet wäre als über ein Paar von Lianen in der Erde, und daß er für irgend eine irdische Spur und Reliquie von ihr — ich nenne 139 nur einen Zwirnwicklcr oder eine Tambourblume — nichts geringeres hingegcbcn hätte als ganze Klaftern vom h. Kreuze sammt den Fässern der h. Nägel und mehrere apostolische Klci- derschränke sammt den h. Dou^lctten-Leibern dazu. — So Hab' ich oft sehnlich gewünscht, nur ein Pfund Erde vom Monde, oder nur eine Düte voll Sonnenstäubchen aus der Sonne, vor mir auf dem Tische zu haben und anzugreifen. — So schweben wir meisten Autoren von Gewicht einem Leser außer Landes als ähnliche seine ätherische Gebilde vor, von denen schwer zu fassen ist, wie sie nur einen Schnitt Schinken oder ein Glas Märzbier oder ein Paar Stiefel gebrauchen können; cs ist, als wenn die Leute zusammenführcn, wenn sic etwas lesen oder sehen müssen von Lessings Rasir- messcr — Shakspcare's englischem Sattel — Nousseau's Bärenmütze — des Psalmodistcn Davids Nabel — Homers Aer- mcl — Gellerts Zopfband — Ramlers Schlasmützc — und der Glatze unter der mcinigcn, wicwol sic wenig mehr bedeutet. — Der alte Landcsdirektor that zur Heiligsprechung Liancns — da eine Jungfrau durch nichts so viel bei einem Jünglinge gewinnt als durch Lobreden, die ihr seine Eltern geben —- dadurch ansehnliche Zuschüsse, daß er die ländlich- und wie er selber lachende Rabctte häufig mit jener wog, und seine nachgiebige Frau heimlich mit der strengen Ministerin; er nahm dann Gelegenheit, auseinander zu setzen, nach welchen strengen Regeln des reinen Satzes diese Kontrapunktistiu die melodischen Töne Lianens harmonisch ordne, und wie sic besonders Rohheit und Gelächter ausmärze. Die weiblichen Seelen sind Pfauen, deren Juwclen-Geficder man in reinen und geweißten Wohnungen nnterbringen muß, indcß unsere in Entenställen 140 sauber bleiben. -— Albano zeichnete sich Mutter und Tochter blos in den doppelten Gestalten vor, worin uns Maler die Engel geben, nämlich die verständige strenge Mutter als einen, der in einer langen Wolke stcckk, nur mit dcmKopfe sichtbar, und Liane als ein verklärtes Kind, das mit den zarten Flügeln eine meiste Wolke umflattert. — Nur etwas, und wär's eine verblichene zerfallne Rose aus — Seide, wünscht' er sich herzlich aus Pcstitz — und konnte doch verschämt den Wiener um nichts ersuchen als ganz zuletzt nach langem Sinnen, obwol vcrräthcrisch-crglühcnd, um eine >— Stunden-Marke; „denn er habe noch keine gesehen" sagt' er. — Faltcrlc hatte noch eine in der Tasche — die Zahl 15, LiancnS voriges Alter, stand darauf —- sie konnte die Zahl recht gut geschrieben haben — etwas war's immer. Ach, könnt' er denn den Direktor nicht lieber um Romane ans der Handbibliothek der Ministerin angchen, in welchen die Tochter gewiß gelesen, ja sogar einige Lesezeichen vergessen haben wird? — Er that's auch; aber Wchrfritz verwünschte und vcrnr- theiltc zuerst alle Romane als vergiftete Briefe; auch vergaß cr's über fünfmal, einige zu fordern; — und endlich bracht' er ihm einen von Madame Gcnlis mit, sammt einem gothai- fchcn Taschenkalender. Diese Bücher der Seligen — wogegen meine eignen Werke und die Alexandriner Bibliothek und die blaue nur elende remittencln sind — hatten alle Stempel weiblicher Bücher; denn sie trugen alle Zicrrathcn weiblicher Köpfe, nämlich einen Fingcrhut voll Puder wie diese — scidne Band- Endchen wie diese, als Demarkazionslinicn und Gedenkzcttel der Lektüre — und einen Wohlgcrnch wie diese (den Scmler auch an alchymischcn rühmt), welchen sic aus den Blüten des Paradieses angezogcn zu haben schienen. Ach, seliger Leser des schönsten Buchs, (ich ' meine den Grafen) willst du mehr? — Allerdings; und er fand auch mehr, nämlich hinten im gothaischcn Taschcnkalcndcr aus den beiden Final - Pergament- blättcrn die Worte: „Armenkonzcrt d. 21. Februar" und „Schauspiel für die Armen d. 1. Nov." — Ich habe ans meiner Jagd nach Mysterien oft aus diesen Blättern die wichtigsten aus dem Busche geklopft. — „Das ist ja meiner Schülerin Hand (sagte Faltcrlc) — sic versäumt mit ihrer Mutter „so was selten, wcil's der Minister nicht leidet, daß sie sonst „den Armen viel geben."-Haltet mich hier nicht mit der Schönheit ihrer Handschrift auf — da man ohnehin auf Pergament und Schiefer schöner schreibt als aus Papier, und da gerade eine Gelehrte, ungleich den Gelehrten, mehr Kalligraphie hat als Ungelehrte — sondern lasset mich zur Wirkung dieser Inkunabeln Liancns eilen, deren Sonntags-Buchstaben einen liebenden Menschen mit lauter inncrn Hellen Sonntagen bedecken, und deren Blätter an Heiligkeit den Briefen gleichen, die im Mittelalter vom Himmel ans die Erde fielen. Erst jetzt war ihm, als wenn der fliegende Engel, dessen Schatten nur vorher über die Erde wcglief, die Schwingen falte und aus der Laufbahn des Schattens nicht weit vom Stande Albano's die Niedcrfahrt halte. Er lernte den gothai- scheu Taschenkalcndcr auswendig. Da er glaubte, Liane sei viel sanfter und besser als er, und da sic ihm wie der Hcspcrus vorkam, der unter allen Planeten mit der kleinsten Exzentrizität um die Sonne geht, und er sich als der ferne Uranus, der'S mit der größten thut; — und da er nicht ohne schamhafte Waugcu-Lohc daran denken konnte, einmal vor der moralischen Politur der Tochter und 142 Mutter mit einer kleinern zurückzustehcn: so wurd' er auf einmal (kein Mensch wußte warum) leiser, milder, williger, über seine Außenseite wachsamer, dem Wiener folgsamer — denn Liane war's ja auch gewesen — und sein ganzer Vesuv *) wurde vom Schleier einer Heiligen gebändigt. Der Nord- Amerikaner betet die Gestalt, die ihm in dem Traume erscheint, als seinen Schutzgcist an: o, wird nicht oft eben so für den Jüngling ein schöner Traum sein Genius? — 22. Z y k c l. Ein Pfingsten, wie ich's jetzt beschreiben will, Albano, trifft man außer in der Apostelgeschichte wol in keiner an, als in deiner! — Er hatte bisher oft Liancns Krankengeschichte mit der Taubheit eines markigen feuerfesten Jünglings angehört, als einmal der Direktor es nach Hause brachte, daß die fromme Ministerin die Tochter am ersten Pfingsttage das Abendmahl empfangen lasse, weil sic besorge, der Tod halte solche für eine Erdbeere, die man pflücken müsse, ehe sic die Sonne beschienen. — Ach Albano sah nun schon den Tod unter dem Suchen mit der steinernen Ferse auf die bleichrothc Beere tappen und sie crtreten. Und dann hatte diese Philomcle ohne Zunge, weil sic bisher verstummen mußte, ihm wie einer Prognc nur die gemalte Geschichte ihres schweren Daseyns gesandt und nur die Pcrgamcntblättcr! — Alle liebenden Empfindungen gehen, wie Gewächse, bei gewittcrhaftcr Luft des Lebens schneller in *) I» Catana ist der Schlcicr der h. Agatha das einzige Gegengift des Aetna. 143 die Höhe; Albano fühlte zugleich ein weites tiefes Weh und eine quälende Fieber-Wärme in seinen vom Tode ausgchöhlten Herzen. — Auf eine sonderbare Art mengten sich bei seinem musikalischen und poetischen Phantasiren auf dem Oesterlcin- schen Flügel die geträumten Töne von Lianens Stimme und das tönende Weinen, die Harmonika, die sic spielen konnte und die er nie gehört, gleichsam als ihr Schwanengcsang mit seinen Harmonien zusammen. Aber nicht genug: er schrieb sogar heimlich ein — Trauerspiel (du gute Seele!), worin er alle seine zartesten und bittersten Gefühle mit nassen Augen auf fremde Lippen legte — aber sic fürchterlich unsachte, indem er sie ausdrückte. — Jeder kann merken, daß er damit dem Schwätzer und Spione, dem Zufälle, entgehen wollte; aber nicht jeder merkt — etwas ganz Eigenes; in fremdem Namen dürs' er, glaubt' er, dem tiefen Schmerze eine heftigere Sprache geben, zu welcher er in seinem vor so vielen stoischen klassischen Helden verschämt den Muth nicht hatte. So aber konnten die Klassiker nichts anfangen. Das stille warme Schwärmen wuchs unter dieser bedeckenden heißen Glasglocke noch viel größer; nämlich dergestalt, daß er die Pflcgecltcrn rührend bat, ihn am ersten Pfingsttage zum — h. Abcndmahle zu lassen. Die Baufälligkeit der Dorskirche, worin man es schwerlich ein Jahr später nehmen konnte, mußte für ihn so gut, wie die körperliche für Liane sprechen. — Ewig wird den armen durch Leiber und Wüsten zertheiltcn Mcnschcn- scelen die Sehnsucht bleiben, miteinander wenigstens zu gleicher Zeit dasselbe zu thun, zu Einer Stunde Blicke an den Mond, oder Gebete über ihn hinauf (wie Addison erzählt); und so ist dein Wunsch, Albano, ein menschlicher, zarter, mit deiner unsichtbaren Liane zu Einer Stunde an der Altarstuse zu 144 kniecn und dann feurig und regierend aufzustehen nach der Krönung des inncrn Menschen! — Er hatte aus dem stillen Lande den Altar der Religion in seiner Seele hoch und fest gcbanct, wie alle Menschen von hoher Phantasie; aus Bergen stehen immer Tempel und Kapellen. Aber ich werde ihn nie früher in die Pfingstkirchc begleiten als auf den Kirchthurm. Gibt cs etwas Trunkncrcs, als wenn er damals an schönen Sonntagen, sobald durch den weiten Himmel nichts als die schwere Sonne schwamm, zumGlok- kcnstuhle des Thurms anfftieg und überdeckt von den brausenden Wellen des Geläutes einsam über die tiefe Erde blickte und an die westlichen Gränzhügcl der geliebten Stadt? — Wenn alsdann der Sturm des Klanges alles in einander und zusammen wehte; und wenn die Juwclcnblitze der Teiche und das blumige Lustlagcr dcS hüpfenden Frühlings, und die ro- thcn Schlösser an den weißen Straßen und die langsam vcr- streneten Kirchlente zwischen dunkelgrünen Saaten, und der um reiche Auen gegürtete Strom und die blauen Berge, diese rauchenden Altäre der Morgenopfcr, und der ganze ausgedehnte Glanz der Sichtbarkeit ihn dämmernd überfüllte, und ihm alles wie eine dunkle Traum-Landschaft erschien: o dann ging sein inneres Kolosseum voll stiller Götterformcn der geistigen Antike auf, und der Fackelschein der Phantasie *) glitt auf ihnen als ein spielendes wandelndes magisches Leben umher --und da sah er unter den Göttern einen Freund und eine Geliebte ruhen, und er glühte und zitterte.... Dann *) Anspielung auf die Fackeln, vor denen man das Kolosseum und die Antiken — und die Gletscher, die beides sind — magischer glänzen sicht. 145 schwankten die Glocken bang verstummend aus — er trat vom Hellen Frühling in den dunkeln Thurm zurück — er heftete das Auge nur an die leere blaue Nacht vor ihm, in welche die ferne Erde nichts heraufwarf als zuweilen einen verwehrten Schmetterling, eine vorbcikrcuzcnde Schwalbe und eine vorüberwogcnde Taube — der blaue Schleier des Aethers *) flatterte tausendfach gefaltet über verhüllten Göttern in der Weite — o dann, dann mustte das berückte Herz verlassen ausru- fen: ach, wo find' ich, wo find' ich in den weiten Räumen, in dem kurzen Leben die Seelen, die ich ewig liebe und so innig? — Ach, du Lieber, was wird denn schmerzlicher und länger gesucht als ein Herz? Wenn der Mensch vor dem Meere und auf Gebirgen und vor Pyramiden und Ruinen und vor dem Unglücke steht und sich erhebt, so strecket er die Arme nach der großen Freundschaft aus. — Und wenn ihn die Tonkunst und der Mond und der Frühling und die Frcudcnthränen sanft bewegen, so zergeht sein Herz, und er will die Liebe. — Und wer beide nie suchte, ist tausendmal ärmer, als wer beide verlor. — Lasset uns jetzt in die Pfingstkirche treten, wo der tiefe Strom seiner Phantasie zum erstcnmale in seinem Leben übertrat und sein Herz weit fortriß und damit in einem neuen Bette brausete; ein physisches Gewitter hatte sich in diesen Strom ergossen. Schon am Morgen stand der schwarze Pul- vcrthurm einer Gewitterwolke stumm neben der heißen Sonne und wurde an ihr glühend, und nur zuweilen entfiel einer fernen fremden Wolke unter dem Gottesdienste ein Schlag auf *) Wie die Himmelskönigin, Juno, von den Alten immer blau verschleiert wird. Hagedorn über die Malerei. Jean Paul'S ausgev. Werke. X. 10 146 die Fcuertrommcl; aber als Albano vor den Altar mit erhabnen verklärten Gefühlen trat und als er seine Liebe für Liane nur in ein inniges Beten für sic verkleidete und in ein Gemälde ihrer heutigen Andacht und ihrer blassen Gestalt im frommen dunkeln Braut-Putze und als er sanft fühlte, jetzt sei seine gereinigte geheiligte Seele dieser schönen wcrther: so rückte das Gewitter mit allen seinen spielenden Kriegsmaschinen und Todtcnorgcln von der Lindcnstadt herüber und trat bewaffnet und heiß über die Kirche. — Aber Albano im Bc- wußtseyn einer heiligen Begeisterung erschrak nicht, sondern er dachte, schon als er das ferne Rollen der fallenden Lauwine hörte, blos an Lianen und an das Einschlagen in die Kirche zu Lindcnstadt >— und nun als die Sonne den Pulverthurm der Wetterwolke über ihm mit ihren heißen Blicken entzündete und in tausend Blitze und Schläge zersprengte: dann jagte ihm seine von den Alten genährte Achtung für den Donnertod die schreckliche Bermuthung ins Herz, Liane sei ihm nun gestorben in der Glorie der verklärten Frömmigkeit.—O dann mußt' er ja auch glauben, daß ihn jetzt die Schwinge des Blitzes über die Wolken schlage. Und als lange Blitze um die Heiligen und die Engel des Altars loderten, und als das zitternde stärkere Singen und das Wetterlänten der vertrauten Glocken und. die vollströmende Orgel sich mit dem zusammen- brechendcn Donner vermischte, und er im betäubenden Getöse einen hohen seinen Orgclton vernahm, den er für den ungestörten der Harmonika hielt: da stieg er vergöttert auf dem Triumph- und Donnerwagen neben seiner Liane ein — der Theatervorhang des Lebens und die Bühne brannten unter ') Eine alte Maschine, die viele Schüsse auf einmal thut. 147 ihnen ab — und sic flogen verbunden und leuchtend in den kühlen reinen Aether weiter hinaus. . . . Aber die zwölfte Stunde vertrieb diese Gcistcrcrschcinungen und das Gewitter —- Albano trat heraus in einen blauern kühlcrn lustigen Himmel — und die glänzende Sonne lachte freundlich die erschrockene Erde an, der noch die Hellen Thrä- ncn in allen ihren Blumcnangcn zitterten. — Da nun Albano Nachmittags noch den friedlichen Durchzug des Donners durch Liancns Stadt vernahm: so wurde durch den Glauben an ihr ncuvcrsichcrtcs Leben — und durch das sanfte Mattgold der ansruhcndcn Phantasie — und durch die heilige Stille der bekehrten Brust — und durch die innigere Liebe, aus allen Gegenden seiner Seele ein abcndrothcs magisches Arkadien — — und nie betrat ein Mensch ein holderes.-- 23. Z y k e l. Es kommt nicht blos aus meiner Gefälligkeit gegen die Lese-Nachwelt her, mein lieber Zcsara, sondern auch aus einer wirklichen gegen dich, daß ich alle Akte in diesem Schäscrspicle deines Lebens so treu nachschrcibe — in deinen alten Tagen sollen dir diese melodischen labend ans meinem Buche nach- klingcn und du sollst Abends nach deinen Arbeiten nichts lieber lesen als meine hier. Die folgende Nacht verdient ihren Zhkcl. Bald nach Pfingsten wurd' er mit wöchentlichen medizinischen Bedenken über ein neues Krankseyn der armen Liane gequält, das am Abcndmahlstage, gleich als hält' er recht geahnct, begonnene hatte. Er hörte, daß sie in Li ar, dem Lust- und Wohn- gartcn des alten Fürsten, nebst ihrem Bruder lebe oder leide» 10 * 148 von dessen Schweigen jetzt der Wiener an 1001 Ursachen aufgebracht hatte. Um Lilar, obwot nahe an Pestitz, hatte sein Vater keine Sperrketten gezogen — Lianens Nachtlicht könnt' ihm vielleicht cntgegenschimmern, oder gar ihre Harmonika cntgegcntöncn — ja ihr Bruder konnte wol noch im Garten hcrumgchcn — die Jnnius-Nacht war ohnehin hell und herrlich -ach kurz, er ging. Es war spät und still, weit außer dem schlafenden Dorfe ohne Lichter könnt' er die Flötenstücke der Stubcnuhr im Schlosse noch aus dem Pestitzer Berge vernehmen. Es erquickte ihn, daß sein Weg eine Strecke lang auf der Lindcn- städtcr Chaussee fortlief. Er drückte das Auge an die westlichen Berge fest, wo die Sterne Ihr wie weiße Blüten zuzufallen schienen. Oben auf der weiten Höhe, dem Herkules Scheidewege, lief der rechte Arm hinunter und wand sich dem blühenden Lilar durch Haine und Auen zu. Schreite nur sreudentrnnkcn voll junger lichter Bilder durch die italiänische Nacht, die um dich schimmert und duftet, und die wie über Hesperien nicht weit vom warmen Monde einen vergoldeten Abendstcrn *) im blauen Westen aushängt, gleichsam über der Wohnung der geliebten Seele. Dir und deinen jungen Augen werfen die Sterne nur Hoffnungen, noch keine Erinnerungen herunter, du hast einen abgebrochenen starren Apselzweig voll rothcr Blütenknospen in der Hand, die wie Unglückliche zu blassen werden, wenn sic aufblühcu, aber du machst noch nicht solche Anwendungen davon wie wir. Jetzt stand er in einer Thalrinne vor Lilar glühend und bange, das aber ein sonderbarer runder Wald aus Lauben- *) In Italien sehen die Sterne nicht silbern, sonder» golden aus. 149 gangen noch versteckte. Der Wald wuchs in der Mitte zu einem blühenden Berge auf, den breite Sonnenblumen, Frucht- schnürc von Kirschen und blinkende Silberpappeln und Roscn- bäume in so künstlicher Verschränkung cinhüllten und umliefen, daß er vor den malerischen Irrlichtern des Mondes ein einziger ungeheurer Kcffclbaum voll Früchte und Blüten zu sehn schien. Albano wollte seinen Wipfel besteigen, gleichsam die Sternwarte des unten ausgcbreitetcn Himmels oder Lilars; er fand endlich am Walde einen offnen Laubengang. Die Lauben drehten ihn in Schraubengängen in eine immer tiefere Nacht hinein, durch welche nicht der Mond, sondern nur die stummen Blitze brechen konnten, von denen der warme Himmel ohne Wolken übcrschwoll. Der Berg hob die Zaubcrkreise immer kleiner aus den Blättern in die Blüten hinaus — zwei nackte Kinder hatten unter Myrten die Arme liebkosend einander um die zugeneigtcn Köpfe gelegt, es waren die Statuen von Amor und Psyche — Roscnnachtfalter leckten mit kurzen Zungen den Honigthau von den Blättern ab, und die Johanniswürmchen, gleichsam abgesprungcnc Funken der Abcndglut, wehten wie Goldfaden um die Roscnbüsche — er stieg zwischen Gipfeln und Wurzeln hinter dem aromatischen Treppengeländer gen Himmel, aber die kleine mit ihm hcrum- laufendc Spiralallec vcrhing die Sterne mit purpurnen Nachtviolen und die tiefen Gärten mit Orangegipfeln '— endlich sprang er von der obersten Sprosse seiner Jakobsleiter mit allen Sinnen in einen unbedeckten lebendigen Himmel hinaus; ein lichter Berggipfel, nur von Blumenkelchen bnntgcsäumt, empfing ihn und wiegte ihn unter den Sternen, und ein weißer Altar leuchtete hell neben ihm im Mondcnlichtc.- Aber schaue hinunter, feuriger Mensch mit deinem frischen 150 Herzen voll Jugend, auf das herrliche unermeßliche Zauber- Lilar! Eine dämmernde zweite Welt, wie leise Töne sie uns malen, ein offner Morgentranm dehnt sich vor dir mit hohen Triumphthoren, mit lispelnden Jrrgängcn, mit glückseligen Inseln ans — der Helle Schnee des gcsnnknen Mondes liegt nur noch auf den Hainen und Triumphbogen und ans dem Silberstaubc der Springwafscr, und die ans allen Wassern und Thälern quellende Nacht schwimmt über die elysischen Felder des himmlischen Schattenreichs, in welchem dem irdischen Gedächtnisse die unbekannten Gestalten wie hiesige Otahciti-User, Hirtcnländcr, daphnische Haine und Pappclinscln erscheinen — seltsame Lichter schwcisen durch das dunkle Laub, und alles ist zauberisch-verworren — was bedeuten jene hohen offnen Thore oder Bogen und die dnrchbrochnen Haine und der röthliche Glanz hinter ihnen und ein weißes Kind, unter Orangclilicn und Goldblumen schlafend, aus deren Kelchen weiche Flammen perlen*), gleichsam als wären Engel zu nahe über sie hingc- flogen — die Blitze erleuchten Schwanen, die unter lichttrun- kencn Nebeln auf den Wellen schlafen, und ihre Flammen lodern golden nach in den tiefen Bäumen**), wie Goldfische den brennenden Rücken aus dem Wasser drehen -— und selber um deine Bergspitzc, Albano, schauen dich die großen Augen der Sonnenblumen feurig an, gleichsam von den Funken der Johanniswürmchen entzündet.- „Und in diesem Reiche des Lichts (dachte zitternd Albano) „verbirgt sich der stille Engel meiner Zukunft und verklärt es. *) Bei gcwitterhaftcr Lust steigen aus Orangelilien, Goldblumen, Sonnenblumen, indischen Nelken re. kleine Flammen. **) Wahrscheinlich auf flatternden Goldblechen gegen die Vögel. 151 „wenn er erscheint. — O wo wohnest du, gute Liane? In „jenem weißen Tempel? — Oder in der Lande zwischen den „Nosenseldcrn? — Oder drüben im grünen arkadischen Häus- „chcn?" — Wenn die Liebe schon Schmerzen zu Freuden macht und den Schattenkegcl der Erde znm Stcrncnkegel aufrichtct, o wie wird sie erst die Entzückung bezaubern! — Albano war in diesem äußern und inncrn Glanze unvermögend, sich Lianen krank zu denken; er dachte sich jetzt blos die selige Zukunft und knicetc sehnsüchtig und umfassend, an dem Altäre nieder — er blickte nach dem glänzenden Garten und malte es sich, wie cs wäre, wenn er einmal mit Ihr jede Insel dieses Edens beträte — wenn die heilige Natur seine und ihre Hände auf diesen Altarstufen ineinander legte — wenn er Ihr unterwegs das Hespericn des Lebens, das Hirtenland der ersten Liebe zeichnete und ihr frommes Jauchzen und ihr süßes Weinen, und wenn er sich dann nicht umsehcn könnte nach den Augen des weichsten Herzens, weil er schon wüßte, daß sie überfließcn vor Seligkeit. — Jetzt sah er im Mondscheine über die Triumphbogen zwei beleuchtete Gestalten wie Geister gehen; aber seine brennende Seele fuhr im Malen fort, und er dachte cs sich, wie er vor ihr, wenn die Nachtigallen in diesem Eden schlagen, wahnsinnig-liebcnd sagen würde: „O Liane, ich trug „dich früh in meinem Herzen — einstmals droben aus jenem „Berge, als du krank warst." Hier kam er erschrocken zu sich — er war ja auf dem Berge — aber er hatte die Krankheit vergessen. — Nun legt' er kniccnd die Arme um den kalten Stein und betete für die, die er so liebte, und die gewiß auch hier gebetet; und ihm sank weinend und verdunkelt das Haupt auf den Altar. Er hörte nähere Menschenschritte unten am Schncckcnberge, und 152 furchtsam-freudig dachte er daran, cs könne sein Vater seyn; aber er blieb kühn auf den Knieen. — Endlich trat über den Blumenrand ein großer gebückter Greis herein, ähnlich dem edlen Bischose von Spangenberg, das ruhige Angesicht lächelte voll ewiger Liebe, und keine Schmerzen standen darauf und keine schien es zu fürchten. Der Alte drückte dem Jünglinge stumm und erfreut die Hände zum Fortbctcn zusammen, kniete neben ihn hin, und jene Entzückung, zu welcher öfteres Beten verklärt, breitete den Heiligenschein über die Gestalt voll Jahre. — Sonderbar war diese Vereinigung und dieses Schweigen. Die nur noch aus der Erde ragende Trümmer des Mondes brannte düsterer, endlich sank sie ein; da stand der Alte auf und that mit der aus Gewohnheit der Andacht kommenden Leichtigkeit des Uebcrgangs Fragen über Albano's Namen und Ort; — nach der Antwort sagt' er blos: „bete unterwegs zu Gott dem Allgütigcn, lieber Sohn, — und gehe „schlafen, eh' das Gewitter kommt." —- Nie kann diese Stimme und Gestalt aus Albano's Herzen Weggehen; die Seele des alten Mannes ragte, wie die Sonne bei der ringförmigen Finsterniß, über den dunkeln Körper, der sic mit seiner Moder-Erde überdecken wollte, mit dem ganzen Rande leuchtend hinaus. — Tief bis an die Ncr- venanfänge getroffen, stand Albano auf, und die breitcrn Blitze zeigten ihm jetzt drunten neben dem Zaubcrgarten einen zweiten, düstern, verwickelten, schrecklichen, gleichsam den Tartarus des Elysiums. — Er schied mit seltsamen gegeneinander- gehendcn Gefühlen — die Zukunft und die Menschen darin schienen ihm unterwegs ganz nahe zu stehen und hinter dem durchsichtigen Vorhänge schon als Thcatcrlichter hin- und her- zulanfcn — und er sehnte sich nach einer schweren That, als 153 nach der Erquickung dieses entzündeten Herzens; aber er mußte das innere Steppcnfeucr auf das Kopfkissen betten; und in sein Einträumcn mischte sich der hohe Donner wie ein Gott der Nacht mit den ersten Schlägen. 24. Z y k e l. Der alte unbekannte Mann blieb viele Tage lang in Al- bano's Seele stehen und wollte nicht weichen. Uebcrhaupt war jetzt dem Bette seines Lebens eine Krümmung nöthig, die den Zug des Stromes brach. Menschen wie ihn kann das Schicksal nur durch den Wechsel der Lagen bilden, so wie Schwache nur durch den Bestand derselben. Denn ging es länger so fort, und kam der Kronleuchter in seinem Tempel durch innere Erdstöße in immer größere Schwankungen: so könnt' am Ende keine Kerze mehr daraus fortbrennen. Welche Reichstags-Beschwerden führen nicht schon Wehrfritz und Hafenrcffer verbunden darüber, daß der Schiffspatron Blanchard in Blumenbühl mit seinen aerostatischcn Seifenblasen aufsticg, und daß Zcsara beinahe durch den ganzen Despotismus des Direktors kaum von dem Einschiffcn abzuhaltcn war? Und wie göttlich stellt' er sich es nicht vor, nicht nur der Erde ihre Eisenringe und Haftbefehle heruntcrzuwerfen und über alle ihre Markthauscn und Gränzbäumc nnd Hcrkulessäulcn steilrecht wegzuflicgcn und als ein Sternbild um sic zu ziehen, sondern auch über dem magischen Lilar und der plombirten Lindenstadt mit verschlingenden Augen zu schweben und eine ganze schwere volle Welt an der Handhabe Eines Blicks zum durstigen Herzen zu heben? — Aber das Schicksal brach den Fall dieses schnellen Stroms. 154 Es wollte nämlich zum Glück schon lange die Blumenbühlcr Kirche täglich cinfallcn — und ich wollte, der Pfingstdonncr wäre darein gefahren und hätte der Baudirekzion Ohren und Beine gemacht — als zu noch größerem Glück der alte Fürst unpaß wurde. In der Kirche war nun das Erbbegräbniß des Fürsten, das nicht schicklich wieder das Erbbegräbniß der Kirche werden konnte. Es mußte sich treffen, daß die alte Fürstin mit dem Minister Froulay durch das Dorf passtrtc. Beide hatten sich längst zu Rcichsvikarien und Geschäfts- und Zeptcrträgcrn des Staates bevogtct, weil der alte matte Herr gern die Spiele und die Bürden, den Glimmer und das Gewicht der Krone wcggcgebcn und jene beiden Lchnsvormündcr ins Erbamt des Zepters eingelassen hatte. — Kurz, das Alter der Kirche entschied neben dem Alter des Fürstenpaars die Baute einer neuen Dachung und Kapsel für die Gruft. Der Landschaftsdirektor besichtigte mit; und invitirte die vornehme Gesellschaft in sein Haus, in welcher aus dem Gefolge besonders der Landbaumeister Dian und der Kunstrath Fraischdörscr als Kunstverständige, und die kleine Prinzessin als Naturverständige auszuheben sind. Der arme Tanzmcistcr bekam durch ein Sehrohr Wind von dem Zuge, als er die Füße voll Pas eben in ein warmes Fußbad streckte. Es wird niemand vergnügen, daß der Wiener das einzige mit dem Magister gemein hatte, was der Teufel mit dem Pferde, nämlich den Fuß, der seine guten anderthalb Pariser Fuß maß; und daß daher sein doppelter Wurzelast in den engen Treibscherbcn von Schuhen zu einem fruchttragenden Knotcnstock voll Okulir-, d. h. Hühneraugen auSschlug. Heute hätt' er diese gordischen Knoten im Fußbade zerschnitten; aber so mußt' er bei einer solchen Visite—wiewol er sie nie ausgezogen — seine engsten Kinderschuhe anlegen, um Effekt zu thun. So sangen sich die Menschen oft mit zu leichten, wie die Affen mit zu schweren Schuhen. Albano hingegen stand aus Kothurnen. Jeder überhaupt, der nur aus Pestitz kam, hatte sür ihn geweihte h. Erde au den Sohlen; und hier sah er mit der liebenden Achtung eines Dorfjünglings der bejahrten, aber rothwaugigcn und hochstämmigen Fürstin auf das von der Zeit aufgcbogcue Kinn und ins freundliche Gesicht, das sich in ein ganzes tiefes Haubengebüsch — vielleicht zur Decke der vielen Lebcnslinicu — vergrub. Sie wiegte diesen Kopf lächelnd-vergleichend, im Wahne der Verschwistcrung, zwischen ihm und Nabcttcu hin und her, weil Mütter immer an Müttern zuerst nach den Kindern sehen. Er hatt' cs noch wissen sollen, daß er eine Freundin Lianens an der kleinen krausköpfigen Prinzessin vor sich hatte, die, wiewol schon in seinem Alter, noch mit einer freundlichen Lebhaftigkeit, die nie vom Hosmarschallamte unterschrieben werden kann, an alle hinansah und sogar Rabcttcn bei der Hand nahm und ihr ein unbeschreiblich-gutmüthiges und steifes Anlachen abzwang. Furchtbar kam ihm der Minister vor, ein Mann voll starker Partien an Leib und Seele, voll reißender, würgender, nur an Blumcnkettcn liegender Leidenschaften, und von welchem, obwol fein hartes Gesicht erst höflich mit freundlichen 12 himmlischen Zeichen von Liebe übcrschrieben war, doch nicht sonderlich einleuchten wollte, wie von der ncrven-wcichen Liane ein Manu der Vater und Führer scyu könne, bei welchem die Eiscntheile, deren der Mensch mehrere im Blute trägt als irgend ein Thier, sich nicht wie 156 bei Götze auf die Hand geworfen hatten, sondern aus die Stirn und das Herz. Ich gehe über das einzige Glied in der Gesellschaft, das Albanen unausstehlich war, nur flüchtig weg, über den Kunstrath Fraischdörfer, der sein Gesicht, wie die Draperie der Alten, in einfache edle große Falten geworfen hatte. Vor vielen Jahren wollt' er nämlich unfern verschämten kleinen Helden bis auf die Herzgrube zum Sitzen haben, um dessen Gesicht und breite hohe aus der Hcmdkransc glänzende Platos- brust, ich weiß nicht, ob nachzupinseln oder nachzubossiren. Allein das verschämte Kind schlug mit Händen und , Füßen um sich, und cs war ihm nichts nachzumünzcn als das nackte Gesicht ohne das Postcmcnt, den ll'Iiornx. — Hingegen vor mir, liebe Akademie, mußt du nun Jahre lang wie ein Stylit auf dem Modell-Stative aushaltcn und meiner Reißfeder deinen Kopf und deine Brust stimmt ihrem Kubikinhalt bloß stellen, der Grnppirungcn gar nicht zu gedenken! — Seiner edlen Gestalt halt' er es vielleicht zu danken, daß der schöngcbildetc geradnasige und herrlich-schlanke Grieche Dian mit seinem Rabcnhaare und schwarzen Adlerauge, der in jeder gelenken Bewegung eine höhere Freiheit des Anstandes zeigte, als in Tanz - und Cour-Zimmern gewonnen wird, feurig zu ihm trat und mit wenigen Blicken dem tiefen, aber reinen Meere des Jünglings auf den grünenden Boden und auf die Perlcnbänke sah. Albano stellte mit seiner zu lauten heftigen Stimme, mit seinen ehrerbietigen, aber scharf auf- fchlagcndcn Blicken, mit seiner eingewurzelten Stellung eine holde Mischung von innerer Kultur und Ucbermacht mit äußerer ländlicher Erröthuug und Milde dar, gleichsam einen noch zu keinem Tulpcubectc verschnittenen Tulpcnbaum, eine 157 ländliche Eremitage und Waldklafter mit goldner Ausmeubli- rung. — Er hatte die Fehler der einsiedlerischen Jugend; aber Menschen und Winterrettige muß man weit säen, damit sie groß werden; engstchendc Menschen und Bäume haben zwar einen schlankem Stangcnschuß, aber keine Wcttersestig- kcit, keine so reiche Krone und Acstung wie freistehende. — Mit der unbefangensten Herzlichkeit entdeckte der Baumeister dem glühenden Jünglinge: „sie würden sich von nun an jede „Woche sehen, da er täglich, um den Bau der Kirche zu besorgen, komme." — — — Das ganze Wehrsritzische Haus guckt jetzt dem hohen Zuge bis auf das letzte verschwindende Wagenrad hinterdrein und ist doch begierig, über das nachduftende Lavendelwafscr der Freude drei Worte zu sagen, das der Zug in alle Winkel und auf alle Möbeln verspritzet hatte. Vom Exerzizicnmcister an, der mit den Komprcssionsmaschinen an den Füßen blos bis an die Knorren im Fegefeuer stand und dann bis an den Wirbel im Himmel, weil die gesprächige Prinzessin sich seiner fünf Posizionen sehr gut entsonnen hatte — bis zur bescheidnen Rabette, der Lobrcdncrin ihrer Siegerin — und bis zu Albincn, der an einer Fürstin die warme Mutterliebe gegen die Prinzessin wohlthat — und bis zum Direktor, den die schönbestandne Klingen- und Ankerprobe des Pflegesohns und die allgemeine Redlichkeit dieses bekehrten Wcltthcils der großen Welt nachfrcnctc, weil der Mann es nie behielt, daß Fürsten und Minister, so wie sie in ihrer Garderobe Berghabite zum Einfahren haben, auch Dircktoratsanzüge, Justiz- Wildschure, Konflstorial-Schafspclzc und Weibcr-Opcrn-Klcidcr in der Anziehstube führen — von allen diesen Menschen bis zum Direktor wuchs der frohe Nachklaug, um in Zesara mit 158 einer — Lärmkanonc aufzuhören: sein Ehrgeiz trat unter Waffen — sein FrciheitSbaum fuhr in Blüten ans — die Standarten feiner Jugend-Wünsche wurden eingeweihct und flatterten aufgewickclt im Himmel — und ans den Myrtenkranz deckt' er einen schweren Helm mit einem glänzenden hoch - aufwallcndcn Fcd erbusche. Der folgende Zykel ist blos dazu gemacht, um anzugeben, wie man das zu nehmen habe. 25. Zykel. Auch meine Meinung ist's, daß das antiphonircndc Dop- pelchor^ der beiden Erziehungs-Kollegien, Wchmcicr und Fal- tcrle, unfern Normann bisher so gut erzog, als zwei ähnliche Gymnasiarchcn, die Gouvernante England und die Hausfranzösin Frankreich, die Kurrcntschülcrin Deutschland nach den besten Schulbüchern wirklich erzogen haben, so daß wir nun wieder unscrs Orts im Stande sind, Polacken zu schulen und solche mit dem Schulbakcl aus dem Katheder unserer Fürstcn- schulc herab so viel als nöthig zu kantschucn. — Aber jetzt war zu viel in Albano aufgcwacht. Er fühlte überschwcllendc Kräfte, die keinen Lehrer fanden — sein in Italien herumstrcifcndcr Vater schien ihn zu versäumen — den Muscnsitz Pestitz (der noch dazu eine Muse mehr hatte) schien er ihm ungerecht zu versperren — er wußte oft nicht zu bleiben — Phantasie, Herz, Blut und Ehrliebe gohren. In solchem Falle ist wie in jedem gährcnden Fasse nichts gefährlicher als ein leerer Raum (cs sei an Kcnntniß oder Arbeit). 159 Dian füllte das Faß auf. Er kam in jeder Woche aus der Stadt, als hätt' er das Einhämmern der Kirche so gut nach Rissen zu ordnen als ihr Aufinaner». Ein Jüngling, der den ersten Griechen steht, kann's anfangs gar nicht recht glauben, er hält ihn für klassisch- verklärt und für einen gedruckten Bogen aus dem Plntarch. Wenn ihm nun gar das Herz so brennt wie meinem, und wenn sein Grieche noch dazu ein spartischer Nachkömmling ist wie Dian, nämlich ein unbesiegter Mainottc, der im klassischen Doppelchorc der ästhetischen Singschule, in Atiniah (Athen) und Roma erzogen worden: so ist cs natürlich, daß der begeisterte Jüngling jeden Tag in den Staub- und Moder- Wolken des fallenden Kirchengcmäucrs steht und darauf wartet, ob sein Heerführer hinter der Wolkensäule vortrete. Dian begleitete den Geliebten auf seine Spaziergänge - las oft halbe Nächte mit ihm — und nahm ihn aus die architektonischen Landrciscn mit, die er immer zu machen hatte. Er führte ihn mit begeisterter Ehrfurcht in die heilige Welt des Homers und des Sophokles ein, und ging mit ihm unter die höher», ganz entwickelten, von einseitiger ständischer Kultur noch »»verrenkten schöngcglicdcrtcn Menschen dieses Zwillings- Prometheus, die wie Salomo für alles Menschliche, für Lachen, Weinen, Essen, Fürchten und Hoffen, eine Zeit hatten und die blos die rohe Gränzenlosigkeit flohen; die aus den Altären aller Götter opferten, aber auf dem der Nemesis zuerst. Und Dian — dessen innerer Mensch ein ganzer war, dem kein Glied ausgcrisscn ist, keines aufgeblasen und alle groß- gewachsen — ging selber als ein solcher Sophokles-Homerischer Grieche mit dem Lieblinge um. Er machte ihm — indcß 160 Wchmeicr und die Pflegcclteru ihm überall mit einer Kanzel und einem Kirchenstnhlc nachliefcn, bei jedem heftigen Unwillen oder Wunsche oder Jubel, den er zeigte — mit schöner liberaler Freiheit Raum, sich breit und hoch zu entwickeln. Er ehrte am Jünglinge das St. Elms- oder Helenen-Feuer, wie am Greise das Eis; das Herz kräftiger Menschen, glaubt' er, müsse wie ein Porzcllangcfäß anfangs zu groß und zu weit gcdrchct sehn, im Brennofen der Welt laufen beide schon gehörig ein. Eben so fordr' ich von einem Jünglinge erst Intoleranz, dann nach einigen Jahren Toleranz, jene als die steinige saure harte Frucht eines kräftigen jungen Herzens, diese als das weiche Lager-Obst eines ältcrn Kopfes. Aber indem der Baumeister mit ihm zeichnete, mit ihm Abgüsse der Antiken und Kunstwerke anschaucte: so machte er am schönsten vor diesen seine Liebe für das artistische Zeichen der Wage am Menschen, der sein eignes Kunstwerk sehn soll, und seine Abneigung vor jedem Paroxysmus offenbar, der die äußere Schönheit in Falten bricht wie die innere, und seinen Wunsch, seine Gestalt und sein Herz nach der hohen Stille auf den Antiken zu ordnen. Der Baumeister bewahrte, wie oft der Künstler und oster der Schweizer, europäische Kultur und ländliche Naivctät und Eiusackheit nebeneinander, seiner geliebten Baukunst gleich, worin mehr als in den andern Künsten Schönheit und messende Vernunft zusammengränzcn; er ließ daher zuerst Albano in den Hörsal der Philosophie, aber im Freien außen am Fenster stehend, hineinsehen und hincinhörcn. Er führte ihn nicht in den Steinbruch, vor die Kalkgrube und aus den Zimmerplatz der Metaphysik, sondern sogleich in das damit fertig gemachte schöne Bethaus, sonst die natürliche Theologie 161 genannt. Er ließ ihn keine eiserne Schlnßkette Ring nach Ring schmieden und löthen, sondern er zeigte sie ihm als hinunterreichende 'Brunuenkette, woran die auf dem Boden sitzende Wahrheit herauf oder als eine vom Himmel hängende Kette, woran von den Untergöttern (den Philosophen) Jupiter herunter gezogen werden soll. Kurz, das Skelet und Mus- keln-Präparat der Metaphysik versteckt' er in den Gott- mcnsch der Religion.-Und so soll es (anfangs) sehn; aus der Sprache lernt man die Grammatik leichter als jene ans dieser, aus den Kunstwerken leichter die Kritik, aus dem Leibe das Gerippe, als umgekehrt, wiewol mau es immer umkehrt. -— Unglücklich sind unsere jetzigen Jünglinge, die vom Baume des Erkenntnisses früher die Tropfen und die Kaser schütteln müssen als die Früchte. Und nun macht' er ihm kühn alle Stubenthüren der philosophischen Schulen auf, d. h. alle drei Himmel; denn in dieser Jugendzeit hält man noch den Docht jedes gelehrten Lichtes der Welt für Asbest, wie Braminen sich in Asbest kleiden — und die Eisstücke an den Polen unserer geistigen Welt stellen noch, wie die der hiesigen, Städte und Tempel auf himmelblauen Säulen vor. Wenn nun Albano über irgend eine große Idee, über die Unsterblichkeit, über die Gottheit, sich in Flammen gelesen: so mußt' er darüber schreiben, weil der Baumeister glaubte — und ich auch — daß in der erziehenden Welt nichts über das Schreiben gehe, nicht einmal Lesen und Sprechen, und daß ein Mensch 30 Jahre mit weniger Ertrag seiner Bildung lese, als ein halbes schreibe. Dadurch schwingen eben wir Autoren uns zu solchen Höhen; — daher werden sogar schlechte, wenn sie aushalten, am Ende etwas Jean Paul's ausgew. Werke. X. 162 und schreiben sich von Schilda nach Abdcra und von da nach Grubstrcct hinaus. — Allein welche glühende Stunde ging dann für unfern Liebling an! Was sind alle sinesische Laternenscste gegen das hohe Fest, wo ein entflammter Jüngling alle Gchirnkammcrn erleuchtet und in diesem Glanze seine ersten Aufsätze hinwirft? Vorn ans der Schwelle des Aufsatzes ging Albano vielleicht noch Schritt für Schritt und bediente sich blos des Kopfes; — aber wenn es weiter kam und das Herz mit den Flügeln zuckte und er wie ein Komet vor lauter schimmernden Sternbildern großer Wahrheiten vorübcrsahren mußte — könnt' er sich da enthalten, dem roscnrothen Flammantvogel nachzu- ahmcn, der im Zuge gegen die Sonne sich zu einem fliegenden Brande anzufärben und sich mit Doppelflammcn zu beschwingen scheint? — Kam er vollends aus die Nutzanwendung: wahrhaftig! so war jede wie die andere — in jeder formte und besäetc er ein Arkadien voll menschlicher Engel, die in drei Minuten in das so nahe schwimmende Elysium aus- stcigcn konnten ans einem dazu hineingeworfencn Charons Ponton — in jeder Nutzanwendung waren alle Menschen Heilige, alle Heilige Selige, alle Morgen Blüten und alle Abende Früchte, Liane gesund und er nicht weit davon ihr Liebhaber — alle Völker stiegen die Mittagshöhe leichter hinan, und er auf seiner eignen erblickte, wie Menschen auf Bergen, alles Gute näher -— ach, die ganze sumpfige Gegenwart voll Stur- zeln und Egeln hatt' er mit einem Fuße seitwärts weggestoßen und war nur von den grünenden Welten voll Auen umflogen, die die Sonncnkugcl seines Kopfes in den Aethcr geworfen hatte.- Selige, selige Zeit! du bist schon lange vorbei! O die 163 Jahre, worin der Mensch seine ersten Gedichte nnd Systeme liefet und macht, wo der Geist seine ersten Welten schafft und segnet, und wo er voll srischer Morgcngedankcn die ersten Gestirne der Wahrheit kommen sicht, tragen einen ewigen Glanz und stehen ewig vor dem sehnenden Herzen, das sie genoffen hat und dem die Zeit nachher nur astronomische Ephemeridcn nnd Ncfrakzionstabellcn über die Morgengestirne reicht, nur veraltete Wahrheiten und verjüngte Lügen! — O damals wurd' er von der Milch der Wahrheit wie ein frisches durstiges Kind getränkt und großgczogen, später wird er von ihr nur als ein welker skeptischer Hektikus kurirt! — Aber du kannst freilich nicht wiederkommen, herrliche Zeit der ersten Liebe gegen die Wahrheit, und diese Seufzer sollen mir eben nur deine Erinnerung wärmer geben; — und kehrst du wieder, so geschieht cs gewiß nicht hier im tiefen niedrigen Grubenbaue des Lebens, wo unsere Morgcnröthe in den Gold- slämmlcin aus dem Goldkiese besteht und unsere Sonne im Grubenlicht — nein, sondern dann kann es geschehen, wenn der Tod uns aufdeckt und den Sargdeckel des Schachtes von den tiefen blaßgelbcn Arbeitern wegreißet, und wir nun wieder wie erste Menschen in einer neuen vollen Erde stehen und unter einem frischen unermeßlichen Himmel! — In dieses goldne Zeitalter seines Herzens fiel auch seine Bekanntschaft mit Rousseau und Shakspeare; wovon ihn jener über das Jahrhundert erhob und dieser über das Leben. Ich will cs hier nicht sagen, wie Shakspeare in seinem Herzen gebietend regierte — nicht durch das Athmen der lebendigen Charaktere, sondern — durch die Erhebung aus dem irdischen lauten Reiche ins stumme unendliche. Wenn man Nachts den Kops unter das Wasser taucht: so ist eine fürchterliche Stille 11 * rim uns her; in eine ähnliche überirdische der Unterwelt bringt uns Shnkspearc. -— Was viele Schullehrer an Dian tadeln können, ist, daß er dem Jünglinge alle Bücher unter einander gab, ohne genaue Ordnung der Lektüre. Aber Alban fragte in spätern Jahren: „ist eine solche Ordnung etwas anders als Narrheit? —- Ist „sie möglich? Ordnet denn das Schicksal die Erscheinung der „neuen Bücher oder Systeme oder Lehrer oder die äußern Begebenheiten oder die Gespräche je so paragraphenmäßig, daß „man weiter nichts brauchte, als die Gegenwart abzuschreiben „ins Gedächtniß, um die Ordnung obendrein zu haben? — „Braucht und macht nicht jeder Kopf seine eigne? — Und „kommt cs mehr auf die Rangfolge der Speisen oder aus ihre „Verdauung an?" — 26. Z y k e l. Während Dian einen schönern Tempel in die Höhe steigen ließ als den steinichten im Dorfe: verstarb die Fürstin, deren castrum ckoloris dieser werden sollte; sie mußte man also vor der Hand in das Absteigequartier einer Pestitzer Kirche beisetzen. Das änderte ein Paar tausend Sachen. Der Hohcn- fließer Kronprinz I-uigi sollte und mußte nun aus Welschland zum Fürstenstuhlc zurück, worauf der alte von den Jahren zusammengewickelte Fürst winzig und sprachlos mehr lag, als saß — wiewol der hinter der Fürstcnstuhl-Lehne stehende Minister dessen Figur und Stimme munter genug nachspiclte; — Don Gaspard, der alle bisherige Briese Albano's nicht erhöret hatte, fertigte nun diesem die gleich feurigem Weine die Adern dnrchbrausende Ordre zu: „auf meinem Rückwege aus 165 „Italien sehen wir uns in deinem Geburtsorte Isola bello. „Man wird dich abholen." — Auch Leser, die noch keine Woche lang Briese eines Gesandten-Personale zugeschnitten und zugesiegelt haben, merken leicht, daß der Vließ-Ritter gedenkt, seinen Sohn mit dem jungen Fürsten und ihre ersten Pestitzcr Verhältnisse zu verknüpfen und zu mischen. Ich bitte aber die Welt, nun das Paradies eines Menschen auszumesscn, der nach so langer Seefahrt endlich die langen User der neuen Welt im Meere hinliegcn sieht. War ihm jetzt nicht das Leben an hundert Ecken aufgethan? — Lorbecrkränzc — Ephcnkränze — Blumenkränze — Myrtenkränze — Achrcnkränze-alle diese Guirlanden übcrhin- gcn das Pestitzcr Hauptthor und seine Hausthürc. Du Bruder, du Schwester (ich meine Roquairol und Liane), welcher volle schmachtende Mensch zog euch entgegen! — Und welcher träumende und unschuldige! Homer und Sophokles und die alte Geschichte und Dian und Rousseau — dieser Magus der Jünglinge — und Shakspcarc und die brittischen Wochenschriften (worin eine höhere humanere Poesie spricht als in ihren abstrakten Gedichten), alle diese hatten im glücklichen Jünglinge ein ewiges Licht, eine Reinheit ohne Gleichen, Flügel für jeden ThaborS-Bcrg und die schönsten, aber schwierigsten Wünsche zurückgclasscn. Er glich nicht den bürgerlichen Franzosen, die wie Teiche die Farbe des nächsten Ufers, sondern den höhern Menschen, die wie Meere die Farbe des unendlichen Himmels tragen. — Ucberhaupt war jetzt der reifste beste Zeitpunkt für seine Veränderung. Durch Dian und durch dessen Reisen war sogar sein äußerer Mensch schöner entwickelt in Gastzimmern. Die Menschen gehen wie Schicßkugcln weiter, wenn sic abgeglättet 166 sind; bei Zcsara blieben ohnehin genug Demant-Spitzen stehen, woran sich das Mittelgut stößet und sticht; und selber ungewöhnlicher Werth ist ungewöhnlicher Fehler — wie hohe Thürme eben darum üb er gebogen scheinen. Zesara lernte eben außerhalb des ländlichen Junkcrzirkels eine Behendigkeit der Ideen und Worte ein, die ihm sonst nur im Enthusiasmus zu Gebote stand; denn der Witz, sonst ein Feind des letztem, war bei ihm blos ein Diener und Kind davon. Er ko- kettirte nicht wie witzige Säuglinge mit allen Ideen, sondern er wurde von ihnen entweder angepackt, oder gar nicht ange- strcist; daher kam jenes stumme, langsame, unscheinbare Reisen seiner Kraft, er glich langsam-aufstcigenden Gebirgen, die stets mehr Ausbeute abwcrscn als schnell-aufstehendc. Bei großen Bäumen ist der Same kleiner und im Frühling die Blüte später als bei dem kleinen Gesträuche. — Die Zeit, eh'Gaspards abholender Bote kam, wurde dem aufgchaltcucn Jünglinge eine Ewigkeit, und das Dorf ein Kerker, cs schrumpfte zu den Wirtschaftsgebäuden eines Klosters ein. Der bedeckte, aber mit Enkaustik in sein Gehirn geschriebene Plan des Lebens war (wie bei allen solchen Jünglingen) der, nichts größeres zu werden und zu thun als — alles, nämlich zugleich sich und ein Land zu beglücken, zn verherrlichen, zu erleuchten — ein Friedrich II. auf dem Throne, nämlich eine Gewitterwolke, zu sehn, welche Bannstralen für den Sünder, elektrisches Licht für Taube und Blinde und Lahme, Güsse für die Insekten und warme Tropfen für durstige Blumen, Hagel für Feinde, eine Anziehung für alles, für Blätter und Staub, und einen Regenbogen für das Ende hat. — — Da er nun Friedrich II. nicht sukzedircn durfte, so wollt' er künftig wenigstens Minister werden — zumal da Wehrfritz soviel 167 aus der Länge dieses Nebcnzeptcrs, des Ablegers und Schnittlings vom Muttcrzepter, machte — und in den Freistunden nebenbei ein großer Dichter und Weltweiser. Es soll mir lieb seyn, Graf, wenn du der zweite Friedrich der zweite und einzige wirst; — mein Buch hier wird davon profitiren und ich selber poussire dadurch mein Glück als ein seltener aus Kenophon, Kurtius und Voltaire zusammengewachsener Historiograph! — 27. Z y k e l. Zcsara wird nie den Frühliugsabcnd vergessen, woran er einen Passagier im Uebcrrocke — ein wenig hinkend und mit brauner Reise-Schminke, wogegen die weißen Augäpfel glänzend abstachen — den seichten Bach neben dem hohen Stege durchwaten sah, und wie ferner der Passagier einen Wächterspieß, den der zeitige Bettler-Polizei-Lieutcnant als seinen vi- karirenden Mitarbeiter an seine Hausthüre angelehnt, mitnahm und solchen unterwegs einem Krüppel mit den Worten reichte: „Alter, ich habe nichts Kleineres bei mir als den Spieß! „Wenn Ihn jemand fragt, so sag' Er nur, Er wach' im Dorfe „gegen das verhenkerte Bettclvolk, aber Er habe nicht Augen „genug." — Dabei streckte der Pilger noch sein Schnupftuch einem Rektors-Söhnchen, dcm's nöthig war, auf 3 Minuten vor. — Natürlich war cs unser alter Titularbibliothckar Schoppe, den Don Gaspard mit der Einladungskarte für Isoln delln abgesaudt. Albano's Entzückung war so groß, daß er erst einige Tage spater sich im humoristischen Sonderlinge jugendlich irrte, iudcß dieser sehr bald den leichten, heißen, stillen 168 Wildling richtig auswog. — Ging es nicht dein alten Land- schaftsdircktor noch schlimmer, welcher, blos weil er den deutschen Ncichskörpcr so hoch anschlng, als war' er die darin cingcpsarrtc Reichssecle, über Schoppe's Aussälle gegen die Konstituzion in einen patriotischen Harnisch kam: „Herr (sagt' „er aufgebracht), wenn's auch wo haperte: so muß ein redlicher Deutscher still dazu schweigen, wenn er nicht Helsen kann, „zumal in so verfluchten Zeiten." Das Schönste war, daß ans Uvigl'n Begehr zugleich der Baumeister abzurciscn hatte, um aus Rom Abgüsse der Antiken zu holen. — — Und nun zieht fort, damit ihr wiedcrkommt und wir endlich einmal einlaufen in Pestitz! — Freilich wirst du, gutes Kind (Waldbienc sollt' ich sagen), deinen Abflug aus dem ländlichen Honigbaume in den städtischen gläsernen Bienenstand mit liefern Schmerzen halten, als du vorausgesetzt — reiset nicht sogar der alte Pflegevater ohne Abschied fort, um nur dem dcinigcn zu entfliehen — und deiner guten Mutter ist, als reiße eine zornige Parze ihr einen Sohn von der Brust, als lange sein zartes nur aus der kindlichen Gewohnheit gesponnenes Liebes-Band nicht hinein in die weite Zukunft — und deine Schwester sperret sich in die Mansardenstube ein mit ihrem ländlichen von Fcucrsoltern tobenden Herzen und kann dir nichts sagen und nichts geben als eine von ihr bisher heimlich gestickte Brieftasche mit der seidnen Umschrift: gedenke unserer! — und selber auf deinen lorbeer-süchtigen Kopf wird der Triumph- oder Regenbogen des Abschiedes, wenn du unter ihm durchschreitest, schwere schwere Tropfen werfen (ach an den nachblickcndcn Augen werden sie länger hängen bleiben) — dein alter redlicher Lehrer Wehmcier wird an dir den letzten 169 Strom seiner Worte und Thränen vergießen nnd sagen (und dein weiches Herz wird nicht lächeln): „er sei ein alter abgeschabter Kerl und habe nun nichts vor sich als das Loch „(das Grab) — du hingegen seiest ein frischer blutjunger Mann, voll Sprachen und Altcrthümer nnd herrlicher „Talente von Gott — freilich werd' cr's nicht erleben, daß „aus dir ein berühmter Mann werde, aber seine Kinder wol; „und dieser Würmer sollest du dich einmal anuehmcn, junger „Herr!" — Du reine Seele, an jedem bekannten Hause, an jedem thcurcn Garten und Thale wird ja der Schmerz sein Einlegemesser schleifen und damit in dein glühendes zartes Herz leise- qucllcnde Wunden ritzen — wie? sogar von deinen befreundeten Abend- nnd Morgen-Höhen (den Sprachgittcrn deiner heiligsten Hoffnungen) und von Lianen selber wirst du zu entweichen glauben.- Aber wirf deine weinenden Augen in das offne blaue Italien nnd trockne sic an Frühlingslüsten — das Leben hebt an — die Signale zu den Waffcnnbungen und Lusttreffen der rüstigen Jugend werden gegeben — und mitten in den olympischen Kampfspiclen wirst du herrlich von nahen Konzert- und Tanzsälen umschmcttcrt. Was phantasier' ich da her?— Wie, ist's nicht uns allen mehr als zu wohl bekannt, daß er längst fort ist schon seit der ersten Jobclpcriode, ja sogar wieder retour, und er hält schon seit der zweiten — jetzt zählen wir die vierte — mit dem Bibliothekar und dem Lektor zu Pferde vor Pcstitz und kann nicht hinein wegen der Thorspcrre der — Fünften Jobelperiode? Prunkeinzug — v. Spher — der trommelnde Kadaver — der Brief des Ritters — Rctrogradazion des Sterbetags — Julienne — der stille Charfreitag des Alters — der gesunde und verschämte Erbprinz — Roquairol — das Erblinden — Sphe- rens Liebhaberei für Thränen — das fatale Gastgebot — das «loloroso der Liebe. 28 . Z y k c l. Heber den Gabelweg, dessen rechte Zinke nach Lilar gebt, spornte Albano sein Pferd bange hinüber und flog den Berg hinaus, bis die Helle Stadt wie eine erleuchtete Pcterskuppel lang und breit in der Frühlingsnacht seiner Phantasien brannte. Sie legte wie ein Riese den Oberleib (die Bergstadt genannt) aus die Anhöhe und streckte die andre Hälfte (die Thalstadt) in das Thal. Es war Mittag und keine Wolke am Himmel; in der Mittagszeit steht eine Stadt mit voller blanker Scheibe da, indeß ein Dörfchen erst Abends aus dem ersten Viertel ins Volllicht tritt. Sie war gut fortifizirt, nicht von Rimpler oder Vanban, sondern von einem wachsenden Pfahlwerke ans Linden. Oben leuchtete unserm Alban die lange Wand der Pallästc der Bergstadt entgegen, und die Statuen auf ihren welschen Dächern richteten sich wie Wegweiser und Ausrufer der Freude gegen ihn — über alle Palläste zog sich das eiserne 171 Gebälke der. Ableiter als ein Throngerüst des Donners mit goldnen Zepterspitzcn — seitwärts hinab lagerte sich die Thalstadt neben den Fluß zwischen Alleenschatten, mit den bunten Faeaden gegen die Gassen und mit dem weißen Rücken gegen die Natur gewandt — die Zimmerleute klopften wie Hammerwerke auf dem Anger unter abgeschältcn Stämmen, und die Kinder klatschten mit den Rinden -— die Tuchmacher spannten grüne Tücher wie Vogelwände gegen die Sonne aus — aus der Ferne zogen weißbedcckte Fuhrmannswagen die Landstraße daher, und an den Seiten des Weges graseten geschorne Schafe unter dem warmen Schatten der fetten Hellen Lindcnknospen — und über alle diese Massen schwebte das Mittagsgelänte aus den lieben vertranten Thürmen (diesen Resten und Lcucht- thürmen aus seiner dunklern Zeit), gleichsam verknüpfend und beseelend, und rief die Menschen freundlich zusammen.- Betrachtet das erhitzte Gesicht meines Helden, der endlich in die offnen aus Sonnentcmpcln gcbaucten Gassen einreitet, wo ja vor jedem langen Fenster, auf jedem Balkon Liane stehen kann — wo sich die lügnerischen oder prophetischen Räthsel von Isoln Iielln entwickeln müssen — wo sich alle Hausgötter und Hausparzen seiner nächsten Zukunft verstecken — wo nun der Montblanc des Hofes und die Alpen des Parnasses, die er beide zu besteigen hat, dicht mit ihrem Fuße an ihm liegen. -Mich hätt' cs in etwas beklommen; aber im Jünglinge, zumal vor dem Kronleuchter der Sonue, loderte ein Leucht- rcgen nieder. O wenn der Morgenwind der Jugend weht: so steht die innere Mcrkuriussänle hoch, gesetzt auch, das äußere Wetter wäre nicht das beste. Wenige von uns werden, da sie die Akademie bezogen, mit ihren Pferden in ein so labendes Getümmel gerathen sehn 172 wie mein Held; Schlotfeger sangen oben aus ihren Kanzeln und schwarzen Höhlen herunter, und ein Baurcdncr auf dem Sattcldache eines neuen Hauses besprach droben sehr die künftige Fcnersbrnnst und dämpfte eine eigne und schleuderte den gläsernen Feucrcimcr weit über das Gerüste; ja sind wir mit ihm auch durch die lachende Kirchcngemcinde des Dach-Sprechers geritten und durch die Armrcihen blühender Musensöhne, worunter Alban das feurige Auge nach seinem Noquairol hernmdrcht: so stoßen wir doch vor seiner künftigen Wohnung auf ein neues Geschrei. Es macht's der Landphysikus Sphex, sein Miethsherr, der ihm den halben Pallast (denn der Doktor ist begütert durch Kuren) abstcht; weil das Hans gerade auf der Bergstadt oder dem Wcstmnnster des Hofes liegt; denn in der Thalstadt Hausen die Studenten und die cit^. Der kurze untersetzte 1). Sphex stand, als das Kleeblatt anritt, neben einem langen Menschen, der ans einer Stcinbank saß und zwei Klöppel über eine Kin- dertrommcl in Bereitschaft hielt. Auf ein Zeichen von Sphex schlug der Lange auf seiner Trommel einen schwachen Wirbel, und der Doktor sagte gelassen zu ihm: Strauchdieb! Ob sich gleich Sphex ein wenig gegen die lauten Reiter nmdrehtc, so ließ er doch bald im Wirbeln fortsähren und sagte: Range! — mußt' aber unter dem letzten Schlage nur eilig cinschalten: Racker! Die Reiter saßen ab, der Doktor führte sie ohne Zeremonie ins Haus, nachdem er dem Trommler einen Wink mit der Hand gegeben, sich nicht zu regen. Er machte ihnen ihre vier -oder zwölf Pfähle ans und sagte kalt: „treten Sie in „Ihre drei Kavitäten." Albano zog ans dem warmen Glanze des Tages in den kühlen purpurnen Erebus seines rothver- 173 hangnen Zimmers wie in einen Bildcrsaal malender Träume ein, gleichsam in die Silberhütte für das dunkle Bergwerk des Lebens. Er fand darin die geöffnete Hand seines reichen Vaters von den Bildern des Fußteppichs an bis zu den Ala- bastcrstatuen der Wand; und im Kabiuct traf er unter den Gaben seiner Pflegeeltern alle seine nachgcschicktcn dichterischen und philosophischen Studienbücher, holde Reflexe aus der stillen ihm durch die Reise weit entrückten Jugend, an, in deren Nelkcnscherbcn nur Konkordien slorirt hatten, indcß jetzt Feuerfaxe gesäet werden. Da warf, nicht die Göttin der Nacht den Mantel, sondern die Göttin der Dämmerung den Schleier über sein Auge und ließ im Helldunkel die Gestalten der Zukunft, manche bewaffnet, manche bekränzt, einen Trupp aus Parzen und Grazien an seinem Herzen, das bisher so ruhig war, Hände und Hebel ansetzen, und sein Herz wurde weich und locker-auf drei Minuten: wahrhaftig, ein Jüngling, zumal dieser, hat die Seestürmc, die den Maler, die arbeitenden Vulkane, die den Physiker, die Kometen, die den Astronomen erfreuen in der physischen Welt, eben so lieb in der moralischen. Albano, jetzt von Lianen nur durch Gaffen und Tage getrennt, fürchtete sich fast, daß seine träumerischen Entzückungen ihr Ziel vcrrietheu. „Sind Briefe da?" fragte der Lektor nach seiner für Bürgerliche abbrevirten kecken Manier. „Hol' „ihn herauf, van Swieten!" sagte Sphex zu einem Söhncheu, das mit zwei andern, Bocrhave und Galenus genannt, bisher eine korrespondireude Entzifferungskanzlci der neuen Micths- leute hinter einem Vorhänge gemacht hatte. „Unser alter „Herr (setzte Sphex auf einmal dazu, als häng' cs mit dem „Briefe zusammen) hat auch ausgehcrret; seit 5 Tagen ist er 174 „maustodt, wie ich längst vorausgesagt." „Der alte Fürst?" fragte erstaunt Augusti. „Aber warum wcrd' ich noch nichts von „Trancrgeläute, schwarz angelausnen Schnallen, Thränentöpfen „und Jammer in der Stadt gewahr?" fragte Schoppe. Das erklärte der Physikus. Er hatte nämlich als Leibarzt die Sterbcnsterzie des alten Fürsten kühn genug gewcissagt und glücklich getroffen. Allein da gerade einen Tag nach dem Traucrfallc der Erbfolger UniZi in Pcstitz cinziehcn wollte, und da die Publikazion des hohen Todes die ganze für den Sohn cingeölte Jlluminazion ausgcgoffcn hätte mit Thränentöpfen und die geblümten Ehrenpforten verhangen mit Trauerflor: so hatte man, bevor der Nachsahrcr empfangen war, obwol zum größten Schaden des prophetischen Sphex, die Sache nickt wollen laut werden lasten, so wie jener Grieche bei der Todespost seines Sohnes die Trauer erst aus die Vollendung seines frohen Opfcrns verschob. Sphex bcthcucrtc, schon vor vielen Jahren Hab' er dem Höchstscligcn aus den weißen Zähne»*) die Nativität der Schwindsucht gestellt und nie die Todesstunde bester getroffen als dasmal; er laste aber jeden selber bcurthcilen, ob ein Arzt, der seine Prophezcihnng überall kund gegeben, viel Seide spinne bei einer solchen politischen Unterschlagung. — „Aber (versetzte Schoppe) wenn „man verstorbene Herren, gleich ihren tobten Soldaten, noch „als lebendige in der Liste fortsührt: so kann man fast nicht „anders; denn da es bei Großen überhaupt so verdammt „schwer zu erweisen ist, daß sie leben, so ist's auch nicht leicht „auszumittcln, wenn sie todt sind; Kälte und Unbeweglichkeit „und Fäulniß beweisen zu wenig. Doch mag man vielleicht °) Nach Camper haben Hektiker sehr weiße und schöne Zähne. 175 „königliche Sterbebetten, wie die Perser königliche Gräber, „auch darum verstecken, nur den armen Landeskindern den „herben Zwischenraum zwischen dem Tode und der neuen Huldigung möglichst abzukürzen. Ja da nach der Fikzion ein „König gar nicht stirbt, so haben wir Gott zu danken, daß „wir's überhaupt erfahren, und daß cs nicht mit dem Tode „desselben wie mit dem Tode des eben so unsterblichen Voltaire geht, den die Pariser Journalisten gar nicht melden „dursten." Van Swicten und Bocrhavc und Galenus brachten nach langem Ausbleiben einen Brief an — Albano mit Gaspards Siegel; er riß ihn jugendlich-arglos aus ohne einen Blick auf den Umschlag; aber der Lektor nahm diesen in die Hand und drehte ihn wie ein Postsekretär, Heraldiker und Siegelbewahrer nach seiner Gewohnheit zur Visitazion sphragistischcr Wunden herum und schüttelt über die schlechte Erneuerung des Briesadels, d. h. des Wappens, leise den Kopf. „Haben die „Jungen etwas am Siegel verletzt?" sagte Sphex. „Mein „Vater" (sagte lesend Albano,- um eine bis nach außen reichende Erschütterung zu überdecken, worein ein Flug schwerer Gedanken plötzlich alle seine innern Zweige setzte) „weiß den „Tod des Fürsten auch schon." Da schüttelte Augusti noch mehr den Kopf, denn da sich vorhin Sphex vom Briefe auf einmal aus das fürstliche Sterben vcrsprang, so setzte dieser Sprung fast die Lesung des erstem voraus. Der Leser ziehe sich hiervon die Regel ab, daß er über die Entfernung zweier Töne, zwischen welchen die Leute vor ihm Hüpfen, stutzen und daraus aus den Leitton zwischen beiden rathen müsse, den sie verstecken wollen. Für den Grasen war es jetzt recht gut, daß der Doktor den 176 Hofmeistern ihre Zimmer anwics; ach seine vom heutigen Tage schon schwankende Seele wurde jetzt so heftig vom Inhalte des Briefes erschüttert! — 29. Z Y k e l. Als Sphex dem Bibliothekar die Stube anfthat, war solche schon besetzt von einer Kiste (auch aus Italien angelangter) Vipern, von s/» Zentner Flachs, einem bleichen Reifrocke und von 3 durchbohrten Seidenschuhcn der Doktorin sammt einer Waise und einem Vorrathe von Kamillcnkrant; das medizinische eheliche Paar hatte gedacht, das pädagogische niste beisammen. Aber Schoppe versetzte recht gut und fast mit einiger Ironie gegen den vornehmer-traktirten Angusti: „je kräftiger und geistreicher und größer zwei Menschen sind, „desto weniger vertragen sie sich unter Einem Dcckcnstück, „wie große Insekten, die von Früchten leben, ungesellig „sind (z. B. in jeder Haselnuß sitzt nur Ein Käfer), indeß „die kleinen, die nur von Blättern zehren, z. B. die Blattläuse, nesterweisc bcisammenklcben." — Zesara hätte allerdings an seinem unersättlichen Herzen den Geliebten, den ihm das Geschick daran gelegt hätte, unaufhörlich in jeder Lage und Stunde wie einen Waffenbruder behalten wollen; aber Schoppe hat Recht. Freunde, Liebende und Eheleute sollen alles gemein haben, nur nicht die -— Stube; die groben Forderungen und die kleinlichen Zufälle der körperlichen Gegenwart sammeln sich als Lampenranch um die reine weiße Flamme der Liebe. Wie das Echo immer vielsylbiger wird, je weiter unser Ruf absteht, so muß die Seele, aus der wir ein schö- 177 nercs begehren, nicht zu nahe an unsrer scyn; und daher nimmt mit der Ferne der Leiber die Nähe der Seelen zu. Der Doktor ließ seine lauten Kinder als einen ausrän- mcndcn Strom in die Angiasstubc laufen; er aber ging wieder zum Trommler hinunter, mit dem cs nach seiner Erzählung dicseBewandtniß hatte: Sphex hatte schon vor mchrernJahren besondere Vcrmuthungcn über die Fett-Absonderung und den Durchmesser der Fett-Zellen in einem Traktate gewagt, den er nicht eher herausgcbcn wollte, bis er die anatomischen Zeichnungen dazu konnte stechen lassen, mit denen er auf die Sekzion und Ausspritzung des dasitzendcn Trommlers wartete. Diesen kranken, einfältigen, schlaffen Menschen, Malz mit Namen, halt' er vor einem Jahre, als sich einige Fett-Augen auf ihm ansetzten, unter der Bedingung in die Kost genommen, daß er sich zerlegen ließe, wenn er verstorben wäre. Zum Unglück findet Sphex seit geraumer Zeit, daß der Kadaver täglich abfället und eindorret aus einem Aale zu einer Hornschlange; und es ist ihm unmöglich, heranszubringcn, was es macht, da er ihm nichts Aussaugendes zulässct, weder Denken, noch Mozion, noch Passionen, Empfindsamkeit, Essig, noch sonst etwas. Die Trommel muß der Kadaver — da er eben so harthörig als hartsinnig ist und schon darum keine Vernunft annimmt, weil er keine hört — immer umgchangen tragen, weil er unter ihrem Rühren besser vernimmt, was sein Brodherr und Proscktor an ihm anssctzt.*) — Der Doktor filzte ihn Derham (in seiner Phhsiko-Thcologie 1750) bemerkt, daß Taube unter dem Getöse am besten hören, z. B. ein Harthöriger unter dem Glockcngcläutc: eine taube Wirthin unter dem Trommeln des Hausknechts. Daher wird vor Fürsten und Ministern, die Jean Paul's ausgelv. Werke. X.. 42 178 mur drunten — Schoppe hörte zum Fenster hinab — so „aus: ich wollte, der Teufel hatte lieber Seinen verdammten „seligen Vater geholct, als daß er gestorben wäre. Er „schießet ja über Sein Lamcntircn ein wie Soldaten- „tuch und weckt ihn doch nicht aus, und wenn Er sich „die Nase wegweinte. Besser getrommelt, Kahlmäuscr! — „Weiß Er denn nicht, Schuft, daß Er mit einem andern „einen Kontrakt gemacht, ins Fett zu wachsen, so gut Er „kann, und daß man den Broddicb kostbar ernährt, bis er „brauchbar wird? — Andere würden gern fett) wenn sie's „hätten. — Und Ihr! — Redet, Strick!" — Malz ließ die Trommclstöckc unter die Schenkel niedcrklappcn und sagte: „Sie „haben recht Seine Roth mit mir — cs ist kein rechter Segen „bei unscrm Schmalz — und darüber mergelt sich unser einer „im Stillen ab. — Meinen Vater scl. schlag' ich mir wahrhaftig aus dem Kopse, er mag mir einsallcn, wenn er will." — 30. Z y k e l. Der väterliche Brief, der Albano's Seele in allen ihren Fugen erschütterte, lautet übersetzt so: „Lieber Albano, im Kampanerthal erhielt ich leider „einen Brief über die immer heftiger wicderkommcndcn „Asphyxien Deiner Schwester; er war am Charfreitage geschrieben und setzte ihren Tod schon als ausgemacht voraus. „Auch bin ich darauf gesassct. Desto mehr frappirtc mich meistens schlecht hören, Musik-, Pauken- und Kanvncn-Lärm, wenn sic durchpassiren, geschlagen, damit sie das Volk leichter hören. 179 „Deine Nachricht vom Gaukler der Insel, der den Propheten spielen wollen. Eine solche Weissagung setzt irgend „einen Antheil voraus, dem ich in Spanien näher nach- „spürcn muß. Ich glaube den Betrüger schon zu kennen. — „Sei an Deinem Geburtstage vorsichtig, bewaffnet, kalt „und kühn und halte wo möglich den äoiiAleue fest; gib Dir „aber kein rickicule durch Sprechen darüber. — Dian ist „in Rom und arbeitet recht brav. — Lege Hoftrauer flirten lieben alten Fürsten an aus Gefälligkeit, ^cUUo." — 6. cle C. „Ach thcncrc Schwester!" scufzcte er innig, und zog ihr Medaillon heraus und sah weinend die Züge eines ihr versagten Alters an, und las weinend die widerlegte Unterschrift: wir sehen uns wieder. Jetzt da sich ihm das Leben lachend und weit anfschlicßct, ging cs ihm viel näher, daß das Schicksal die Schwester so eng bedeckt; ja der harte Gedanke kam dazu, ob er nicht Schuld an ihrem Verschwinden habe, da seinetwegen der fürchterliche Zahuri der Insel vielleicht eine opfernde Gaukelei getrieben; sogar der Umstand, daß sie seine schwächliche Zwillingsschwcstcr war, wurde ein Schmerz. — Allein kämpfend standen jetzt die Gefühle in seinem Geiste wie auf einem Schlachtfelds gegeneinander. Welches Schicksal zieht mir entgegen! dacht' er. „Nimm die Krone!" hatte jene Stimme gesagt; — „welche?" fragte ansstehend sein ruhm- durstiger Geist und untersuchte kühn, ob sie aus Lorbeeren oder Dornen oder Metallen bestehe. — „Liebe die Schöne!" hatte sie gesagt; aber er fragte nicht: „welche?" — nur hatt'- er, seitdem der Vater des Todes seinen Namen und seine Glaubwürdigkeit fürchterlich zu bewähren schien, die Furcht, 12 * 180 daß die angekündigtc Stimme in der Himmclfahrts- und Geburtsnacht einen andern Namen nenne als den geliebtcstcn. ^— Abends, nachdem die drei Ankömmlinge ihre häuslichen Einrichtungen, die aus dem wcllenschlagenden Albano noch immer nicht den vervielfältigten Zauberglanz der Lindenstadt wcgbrachten, hinter sich hatten, führte der Lektor den Grafen zum Erbprinzen ImiZi. Dieser kopirte täglich eine halbe Stunde lang im Bilderkabinct, und bcschicd beide dahin zum Warten ans ihn. Sie gingen hinein. Ein andrer als ich würde hier der Welt einen räsonnircnden Küchenzettel aller Schaugerichte des Kabinets zustellcn; aber ich mag sie nicht einmal mit den 17 Gemälden beschenken, über deren Reizen jene seidnen Tändclschürzen oder Schleier hingen, die in Paris eine Dame gern von ihren eignen abheben würde, um nur damit verschämt das Kunstwerk zu bedecken. Man kann leicht denken, daß unscrm Alban im Bilderkabinct das mütterliche*) cinfiel, und daß er gern an jedem Nagel gerücket hätte, wäre niemand da gewesen. Aber die Prinzessin Julienne war da, die er (und wir alle) noch recht gut von Blumcnbühl her kannte, wie sie ihn. Sie war zwar voll junger Reize, aber man fand diese doch nicht eher, als bis man ein Paar Tage vorher sehr in sie verliebt gewesen war — das machte sic darauf jede Minute hübscher, wie denn überhaupt Amor mehr der Vater als der Sohn der Hnldgöttin ist, und sein Köcher das beste Schmuckkästchen und die reichste Toilettenschachtcl, und seine Binde das beste inouclroir äs Venrm und Schminkläppchen, das ich kenne. *) In besten Wand die Frau mit dem Souvenir ist. Sie zeichnete gerade den Gypsabguß eines schönen alten Kopfs, der dem Grasen gleichsam aus dem Antikenkabinct seiner Erinnerung geholt zu sehn schien, und dem sein wallendes Herz recht liebend cntgegcnfloß; aber er entsann sich des Urbilds nicht. — Endlich sagte Julienne, die Etiqnette verschmähend, recht gutmüthig und aufblickend: „ach, lieber Au- „gusti, mein Vater ist verschieden in Lilar." Das Wort Lilar kolorirte Plötzlich in Albano das bleiche Gcdächtnisibild — völlig wie diese blasse Büste sah im Mondscheine der alte Mann ans, der in jener dichterischen Sommernacht Zesarens Hände auf dem Berge zum Gebet zusammcnlegte und sagte: gehe schlafen, lieber Sohn, eh' das Gewitter kommt. Ein andrer hätte sich nun nach dem Namen der Büste erkundigt und erst dann die nächtliche Historie entdeckt; aber der Graf that im Feuer blos das letztere, nach 'einem kurzen Warten auf das Auslaufen des Gesprächs. Augusti wollte ihn, als er die ihm fremde Geschichte der Bekanntschaft mit dem Urbilde anhob, sorgend unterbrechen; aber Julienne gab ihm einen Wink, ihn zu lassen; und der Jüngling theilte treuherzig der thcilnchmenden Seele das schöne Zusammenkommen gerührt und brennend mit, und wurde beides noch mehr, als ihre Angen Überflüssen in ihr Lächeln. — „Es war mein Vater, das ist sein Abguß!" sagte Julienne weinend und freudig; Albano schlug, nach seiner Art, mit seufzender Brust die Hände vor der Büste zusammen und sagte: „du edle herzlich geliebte Gestalt!" und sein großes Auge schimmerte von Liebe und Trauer. Die gute weibliche Seele wurde von einer so unhöflschcn Theilnahme fortgcriffcn und sie überließ sich ganz ihrem an- gebornen Feuer. Das weibliche und das höfische Leben ist 182 zwar nur die längere Strafe des Gewehrtragcns— Ober- hofmcistcrinncn sind, wie es nach dem Modelle der Jaherren Neinhcrrcn gibt, wahre Ncinfrauen — die sicbenfarbige Lko- karde der heitern tanzenden Freiheit wird da abgerissen oder laust schwarz an non der Hoftrauer — jeder weibliche Lusthain ist ein unhciliger — fataleres kenn' ich nichts- aber die kraushaarige Julienne brach, mir nichts dir nichts, durch das ewige Gcfängnist bei süßem Brode und gebranntem Wasser des Tages wol ILmal hinaus und lachte den freien Himmel an und beleidigte (— sich und andere nie —) die Oberhofmcistcrin stets. Sie erzählte nun dem Grasen (indem sic ans Nervenschwäche und Lebhaftigkeit immer stärker lächelte und schneller sprach), wie ihr lieber schwacher, mehr kindlicher als kindischer Vater, dessen alten Lippen und entkräfteten Gedanken nur noch nachgclallte Gebete möglich waren, sich mit einem eisgrauen mystischen Hofpredigcr in Lilar ins Bctzim- mer cingcschlossen (ein graues Haupt verbirgt sich gern, eh' cs verschwindet, und sucht wie Vögel einen dunkeln Ort zum Entschlafen) — und wie sie und das Fräulein von Froulay (Liane) dem halbblinden Manne abwechselnd Gebete vorgelescn und gleichsam die Abendglockc der Andacht vor dem müden schlaftrunknen Leben ungezogen. Sie malte, wie er in diesem Vorhose der Gruft alles Geliebte überlebt oder vergessen habe, wie er immer nach ihrer Mutter gefragt, deren Sterben ihm stets von neuem entfallen, und wie das verdunkelte Auge jede Tageszeit für einen Abend und daher jeden Fort- gehcndcn für einen, der schlafen gehen wolle, genommen habe. Wir wollen nicht zu lange auf diese späte Zeit des Lebens blicken, wo sich die Menschen wieder als Kinder für die längere Wiege des Grabes verkürzen; und wo sie gleich den 183 Abends schlafenden Blnmen unkenntlich sind und einander" früher als im Tode gleich werden. Besonders dem Lektor war wie allen Hoflenten schlecht mit diesen Funeralicn gedient; auch wollt' er gern die Hiobs- krankhcit ihres Klagens durch Versetzung heilen und führte sie näher zu Lianen. Aber eben, indem sie den Anthcil und die Opfer dieser Freundin beschrieb und indem ihr wieder die lange weinende Umarmung erschien, worin Liane sie und den Schmerz gleichsam scsi an sich geschlossen hatte, so kehrte jeder dunkle schwere BlntStropfc, den die kräftigen Pulsadern sortgetrieben hatten, wieder in das Herz zurück, und sie hörte auf, zu malen, sowol diese Geschichte als den Kopf. Die beiden Freundinnen waren keine solche, die sich den Kuß durch zwei Flore hinanslangen, oder die einander abzn- herzen wissen, ohne die kleinste Quetschwunde der Frisur, oder deren Liebcsmahl sich jedes Jahr, wie das Abendmahlbrod jedes Jahrhundert, leichter und dünner bricht: sondern sie liebten sich innig mit den Augen, mit den Lippen, mit dem Herzen, wie zwei gute Engel. Und wenn vorher die Freude ihren Erntekranz nahm und ihn für sie zum Trauring der Freundschaft machte: so versuchte jetzt der Gram mit seinem Stachelgürtel dasselbe. — Ihr guten Seelen! mir ist cs ganz leicht denklich, wie ein so reiner glänzender Seclcnbnnd das Herz eueres Freundes Albano zugleich peinlich ansdchnt und selig erhebt, wie die acrostatische Kugel zugleich zerstörend schwillt und steigt. Für Lianens Einzug standen ohnehin schon geschmückte Ehrenpforten in seinem Innern in die Höhe! Inzwischen hätte ein Fremder ohne diese meine Feder, oder auch ich ohne den Lehnprobst Hafenreffer, nichts am sprechen- 184 den Grafen merken können als ein irres Glühen im Gesicht nnd schnelle Worte. 31. Z Y k e l. Ans einmal tritt in diese Schilderungen und Genüsse der Thronfolger, oder vielmehr der Nachwinter des kalten Greises ein, llluigi. Mit einem flachen Schnitzwerkc des schwammigen Gesichts, auf dem sich nichts ansdrückte als der ewige Mißmnth der Lebens - Verschwender, nnd mit einigem reisen Grauwerke auf dem Kopse (als Vorläufer der Weisheitszähne) nnd mit der unfruchtbaren Supcrfötazion eines voluminösen Unterleibes ging er mit der größten Höflichkeit auf Albano zu, in der ein flacher Frost gegen alle Menschen Vorstand. Er stäubte sogleich mit der Kleie von leeren schnellen unähnlichen Fragen um sich und eilte stets; denn er hatte fast noch mehr Langweile, als er machte, wie sich überhaupt für keinen das Leben so widrig verlängert, als für den, der es verkürzet. IniiZi war durch die Erde so schnell wie durch eiu Puderstüb- chcu gelaufen und war wie in diesem gehörig grau geworden; die Milchgesäßc seines äußern und innern Menschen hatten sich, weil sie Sahne- oder Rahmgesäßc sehn sollten, eben deswegen in Giftgefäße und Leidcnsbccher verkehrt. So oft ich vor einer- gemalten Fürsten-Suite in einem Korridor vorbcigehc, so verfall' ich stets aus mein altes Projekt und sage ganz überzeugt: „vermöchten wir nur wie die Spartcr und alle ältere Völker „cs durchzusetzen, daß wir einmal einen Regenten gesund auf „den Thron hinaufbrächtcn: so hätten wir einen guten obendrein, und alles ginge. Aber ich weiß, es sind die Zeiten „nicht dazu. SündlicherWeise assistircn nur bei der Tortur, 185 „nicht bei der Freude, Chirurgen und Aerzte, die auf den „Grad der Freude wie der Folter und aus die unschädlichen „Stellen genau Hinweisen." — Albano, fremd vor und in dieser Menschenrasse, sah anfänglich die Kluft zwischen sich und Iniigi flacher gegraben, als sic war; blos unbehaglich und drückend wurd' es ihm, wie gewissen Leuten, wenn ohne ihr Missen eine Katze im Zimmer ist. Die sortgehcndc moralische Entkräftung und Verfeinerung wird alle unsere Außenseiten noch so absäubern und ausgleichcn — und zwar nach demselben Gesetze, wornach physische Schwächung die Hantausschläge zurückjagt und in die edleren Thcile verweiset — daß wahrhaftig ein Engel und ein Satan zuletzt in nichts zu unterscheiden sind als im Herzen. — Alban brachte schon von Wehrsritz, den er immer die Rechte der Landschaft gegen den Fürsten verfechten hörte, Abneigung gegen den Nachfolger mit; desto leichter entbrannte in ihm ein moralischer Grimm, da Iniigi sich gegen die Bilder kehrte und die Vorhänge oder Berglcder von einigen der indezentesten wegzog, um ihren artistischen Gehalt nicht ohne Geschmack und Kenntniß auszuwägen. Eine kopirte Venus von Tizian auf einem weißen Tuche liegend war nur die Vorläuferin. Obgleich der unschuldige Erbprinz die vo^-aZs xitto- resc^is durch diese Gallerie mit der artistischen Kälte des Gal- leric-Jnspektors und Anatomikers machte und mehr seine Kenntnisse zu zeigen als zu bereichern suchte: so nahm doch der unerfahrne Jüngling alles mit einer tauben und blinden Entrüstung auf, die ich mit nichts, nicht einmal mit der Gegenwart der Prinzessin, zu verthcidigcn weiß, um so mehr, da erstlich diese ihre Seele nur zwischen der Gypsbüste und deren Kopie 186 .arbeitend theilte, und da zweitens in nnsern Tagen Damcn- nhrcn und Fächer (wenn sie geschmackvoll sind) Gemälde tragen, gegen die Albano wieder Fächer nehmen würde. Die zwei Flammen des Zorns und der Scham überdeckten sein Angesicht mit einem glühenden Wiedcrscheinc; aber sein unbehülf- licher Trotz kontrastirte gegen die Gewandtheit des Lektors, der mit seinem kalten eben so bestimmten als leichten Tone Selbstständigkeit bewahrte und Reinheit schützte. „Sic gefallen mir alle nicht (sagt' er barsch); ich gäbe sie für ein einziges Gewitter von Tcmpcsta weg." luiiZi lächelte über sein schülerhaftes Auge und Gefühl. Als sie in das zweite Bilder- Zimmer traten, hörte Albano die Prinzessin sortgehen. Da ihm dieses Gemach mit noch mchrcrn zerrissenen Vorhängen des Allcrunheiligsten drohte: so nahm er scincnAbschied ohne sonderliche Zeremonie und ging ohne den Lektor zurück, der heute vorzulesen hatte. Nie faßte Schoppe seine pulsierende Hand herzlicher an als dicscsmal; der Anblick eines verschämten Jünglings ist fast holder (seltener zumal) als der einer verschämten Jungfrau, jener erscheint weiblich-sanfter, wie diese männlich-stärker durch das zugemischte Zürnen der Tugend. Schoppe, der wie Pope, Swift, Boileau Heiligkeit des Geschlechts mit Zynismus der Kleidung und Sprache zusammcnzwang, leerte die größten Zorn- schalen über jede Libertinage aus und fiel als eine satirische Bellona die besten freien Leute an; dasmal aber nahm er sie mehr in Schutz und sagte: „die ganze Gattung liebt fremde „Schamröthe entschieden und bekämpfet sic lieber als Schamlosigkeit, so wie (und aus einerlei Gründen) Blinde die „Scharlachsarbe vorziehen. Man kann sie den Kröten ver- 187 „gleichen, die den kostbaren Krötenstein (ihr Herz) auf kein „anderes Tuch wie auf ein rothes setzen." — Der Lektor, der bei aller Reinheit und Zucht doch dem Scarron ohne Bedenken an der Ode auf das Gesäß einer Herzogin hätte schreiben Helsen, wußte — als er die Flucht des Grafen behandeln wollte — gar nicht, wie ihm geschah, als ihn dieser mit einigem Roscnessig ansprcngte und sagte: „der „Vater liegt dem schlechten Menschen auf dem Brette, und ihm „liegt eines vor der eisernen Stirn: o der Schlechte!" — Allerdings hatte die physische und moralische Nähe der zwei schönen weiblichen Herzen und die Liebe dafür den Grafen am meisten gegen ImiAi's artistischen Zynismus empört. Der Lektor versetzte blos: „Er werde bei dem Minister und überall „dasselbe hören; und seine falsche Delikatesse werde sich schon „noch geben." — „Die Heiligen (fragte Schoppe) wohnen „nur ans, nicht in den Pallästcn?" Froulay's seiner trug nämlich auf seiner Platcformc einen ganzen Kordon von steinernen Aposteln; und ans einer Ecke stand eine Marienstatue, die zwischen lauter Dächern aus Sphcxcns Hanse zu sehen war. Junger Zesara! wie jagt dir diese marmorne Modonna Blutwcllen durchs Gesicht, gleichsam die Schwester deiner schönem, oder die Schutz- und Hansgöttin derselben! — Aber er beschleunigte den Eintritt in dieses Lararinm seiner Seele, die Abgabe des väterlichen Empfehlungsschreibens mit keinem Laute aus Scheu des Argwohns: so viele Fehltritte thut der Gute schon im Heidenvorhofe der Liebe; wie soll er im Wci- bcrvorhose bestehen, oder im finstern Allerhciligsten süßen? 188 32. Z y k e l. Dcr Hof ließ jetzt (er konnte vor Schmerz nicht sprechen) ansschreibcn, daß dcr todtc Nestor mit Tode abgcgangcn. Ich setze hier den Jammer dcr Stadt sammt der Freude derselben über die neue Perspektive bei Seite. Der LandphysiknS Sphcx mußte den Regenten — anstatt daß man uns Unterthancn gleich Schnepfen und Grundeln mit dem ganzen Eingeweide und Gescheide auf die Tafel des Gewürms scrvirt — wie ein großes Thier ausweidcu. Abends ruhte dcr Erblaßte auf seinem Paradcbcttc aus — dcr Fürstenhut und der ganze elektrische Apparat des Throndonncrs lag eben so ruhig und kalt neben ihm aus einem Tabouret — er hatte die gehörigen Kerzen und Lcichcnwächtcr um fich. Diese Todtcn-Schweizer — der Klang srappirt mich und ich sehe jetzt die Freiheit auf dem Paradebctte dcr Alpen liegen und die Schweizer wachen — bestehen bekanntlich aus zwei Rcgicrnngsräthcn, zwei Kam- mcrräthen und so fort. Dcr eine Kammerrath war dcr Hauptmann Roquairol. Es kann hier nur cinschaltungswcise berührt werden, wie dieser Jüngling, dcr.vom Kameralc fast nicht mehr verstand als ein Kammerrath im **hischen, doch zu einem Rathe in Kriegssachen darin aufstieg — nämlich wider seinen Willen durch den alten Fronlay, der (an sich eben kein scntimcntalischer Herr) dem alten Fürsten immer die Jngend- erinncrnngcn anffrischte und anfsärbte, weil man in dieser weichen Laune von ihm erbetteln konnte, was man wollte. Wie häßlich und niedrig! So kann ein armer Fürst kein Lächeln, keine Thräne, kein freudiges Bild haben, woraus nicht irgend ein Hosprczist, dcr's sicht, einen Thürgriff arbeitet, sich etwas zu öffnen, oder einen Degengriff zum Verwunden; keinen Laut 189 kann cr von sich geben, den nicht ein Waidmann und Wildrufdreher zum Mundstück und Wildruf verbrauche. — Julieunc besuchte Abends um 9 Uhr das einzige Herz, das am Hose wie ihres und für ihres schlug, ihre gute Liane. Diese bot gern ihrer anfangcndcn Migraine die Stirn und suchte nur fremde Schmerzen zu fühlen und zu stillen. Die Freundinnen, die vor fremden Augen nur Scherze und voreinander nur einen weichen schwärmerischen Ernst entfalteten, versanken immer tiefer in diesen vor der religiösen strengen Ministerin, die nie an Julicnncn so viel Seele fand als in dieser sanft nachwcincndcn Stunde, wic Levkoien zu duften an- sangcn, wenn sie begossen werden. Nicht der kämpfende Schmerz, sondern der fliehende verschönert die Gestalt; daher verklärt der Todtc seine, weil die Qualen erkaltet sind. Die Mädchen standen schwärmerisch miteinander am Fenster, das zunehmende Mondcnlicht ihrer Phantasie wurde durch das äußere voll; sie machten den Nonnen-Plan, auf Lebenslang beisammen zu leben und zusammen zu ziehen. Es kam ihnen in dieser stillen Rührung ost mit Erschrecken vor, als wehe der klingende Flug abgeschiedener Seelen vorüber — sblos ein Paar Fliegen hatten auf der Harfe der Ministerin mit Füßen und Flügeln die Töne gegriffen) — und Julienne dachte recht schmerzlich an ihren tobten Vater in Lilar. Endlich bat sie die Scelenschwester, mit ihr heute nach Lilar zu fahren und das letzte und tiefste Weh einer Waise zu thcileu und zu mildern. Sic that es willig; aber der Ministerin war das Ja mühsam abzuringcn. Ich sehe die sanften Gestalten aus der langen Umarmung im Wagen in das Traucr- zimmer in Lilar treten, die kleinere Julienne mit zuckenden Augen und wechselnder Farbe, Liane von Migraine und Trauer blässer und milder und über jene durch ihre schon vom zwölften Jahre geschenkte Länge*) erhoben. Wie überirdische Wesen streckten beide die an allen Ecken brennende Seele Roquairols an. Ein einziger Thränentropsc konnte in diesen Kalzinirofcn Sieden und Verwüstung bringen. Schon diesen ganzen Abend blickte er den Greis mit furchtsamen Schaudern über das kindische Ende dieses gcwichncn Geistes an, der sonst so feurig gewesen als seiner jetzt; und je länger er hinsah, desto dickere Rauchwolken schwammen vom offnen Krater des Grabes in das grünende Leben herein, und er hörte darin donnern und er sah darin eine Eiscnfaust dunkel glühen, die nach nnscrm Herzen greift. Unter diesen grimmigen Träumen, die jeden innern Schmutzflecken beleuchteten und die hart ihm drohetcn, auch an seinem Vulkane werde nichts fruchtbar sehn als einst die — Asche, traten die traurigen Mädchen herein, die unterwegs nur über die erkaltete Gestalt, und jetzt noch heftiger über die verschönerte weinten; denn die Hand des Todes hatt' ans ihr das Linienblatt der letzten Jahre, das vertretende Kinn, die Feuermälcr der Leidenschaften und so viele mit Runzeln unterstrichene Qualen weggelöscht und gleichsam aus die Hülle den Wicdcrschcin des frischen stillen Morgenlichts gemalt, das jetzt den entkleideten Geist umgab. Aber auf Julienne machte ein schwarzes Taftpflaster ans dem Augcnknochcn, das noch von einem Stoße daraufgeblicbcn war, dieses Zeichen der Wunden, Diese frühzeitige Vollendung des Wuchses Hab' ich an mehreren ausgezeichneten Weibern bemerkt, gleich als sollten diese Psychen Schmetterlingen gleichen, die nicht wachsen nach der Entpuppung. 191 einen heftiger» Eindruck als alle Zeichen der Heilung; sie bemerkte nur die Thräncn, aber nicht die Worte Linnens: o wie ruht Er so schön!—„Aber warum ruht er?" (sagte ihr Bruder mit jener aus dem Innersten murmelnden Stimme, die sie von seiner Liebhaber-Bühne her kannte; und faßte ihre Hand erschüttert, weil er und sie einander innig liebten, und seine Lava brach nun durch die dünne Rinde) — „darum — „weil das Herz aus seiner Brust geschnitten ist, weil darin „das Fcuerrad der Entzückung, das Schöpfrad der Thränen „nicht mehr geht." — Diese tyrannische Erinnerung an die Leichenöffnung wirkte fürchterlich auf die kranke Liane, und sie mußte die Augen von der zngcdeckten Brust abwenden, weil der Schmerz mit einem Lnngcnkrampfc den Athem sperrte; und doch fuhr der wilde, andere wie sich verheerende Mensch, der vorher neben der steifen Leichcngardc geschwiegen hatte, im doppelten Zertrümmern fort: „fühlst du, wie sich dieser Fangeball des Schicksals, die- „scs Jxionsrad der Wünsche so schmerzlich in uns bewegt? — „nur die Brust ohne Herz wird ruhig." — Auf einmal schauetc Liane länger und starrer auf die Leiche —- eine eiskalte Schneide, wie von der Todessichel, drückte sich durch das warme Gehirn — die Trauerkerzen brannten (schien es ihr) trüber und trüber — dann sah sie im Winkel des Zimmers eine schwarze Wolke spielen und aufwachscn — dann sing die Wolke zu fliegen an und stürzte voll hcr- ausquellender Nacht über ihre Angen — dann schlug die dicke Nacht tiefe Wurzeln in den wunden Augen, und die erschrockne Seele konnte nur sagen: „ach, Bruder, ich bin blind." Nur der harte Mann, aber kein Weib wird es fasten, daß in Roquairols entsetzlichen Schmerz einige ästhetische Freude 192 über das mörderische Trauerspiel eiudrang. Julienne schied vom Todtcn und von dem alten Schmerze und wars sich mit dem neuen an ihren Hals und klagte: „o meine Liane, meine „Liane! sichst du noch nicht? >— Sieh mich doch an!"—-Der zerrissene und zerreißende Bruder führte die Schwester, der nur einzelne Tropfen als kaltes hartes Wasser ans die blassen Wangen schlugen, mit der scharfen Frage fort: „schwirret kein „Würgengel mit rothcn Fittigcn durch deine Nacht, wirst er „keine gelbe Nattern aus dein Herz und keine Schwertfische „in deine Nervengewebe, damit sie sich darin verstricken und „an den Wunden die Sägczähne wetzen? — Mir ist wohl in „meiner Pein, solche Disteln kratzen uns, nach guten Moralisten, auf*) und bereiten uns zu.-Du jammervolle „Blinde, was sagst du, Hab' ich dich wieder recht elend getüncht?" — Wahnsinniger, sagte Julienne, lassen Sie nach, Sie bringen sic um.— „O was kann Er dafür (sagte Liane); „die Migraine machte mir cs schon vorhin ncblicht." — Der Abschied der Freundinnen wurde in mehr als einer Finstcrniß genommen, und darin will ich ihn mit allen seinen Qualen lassen. — Dann bat Liane ihr Mädchen, es der Mutter so kurz vor dem Schlafe zu verschweigen, da cs sich vielleicht in der Nacht noch gebe. Aber umsonst; die Ministerin war es gewohnt, ihren Tag an der Brust und der Lippe ihrer Tochter zu schließen. Nun trat diese geleitet herein und suchte das Mnttcrherz irrig seitwärts, und dem sanstcrn Weinen konnte sie in dieser geliebten Nähe nicht mehr wehren: da wurde ja alles verrathcn und alles gestanden. — Die Mutter ließ *) Mit Disteln wird das Tuch gcrauhct, d. h. aufgekratzt, um cs besser zu schecrcn. 193 erst den Doktor rufen, eh' sie mit feuchten Augen und mit leisen Armen an der eingedrückten Tochter den Bericht anhörte. Sphex kam, prüfte die Angen und den Puls und machte nichts daraus als ein Nerven-Fallimcnt. Der Minister, der überall im Hause Leithunde mit feinen — Ohren hatte, kam unterrichtet herein und machte in Sphe- xens Beiseyn außer weiten Schritten nichts als die kleine Note: ülnänine, coinins Votrs Is Lnin* **) ) sous son role „n inerveilis." — Sobald Sphex hinaus war, ließ Froulay einige Billio- nenpfünder und Wachteln (dreipfündige Handgranaten) auf die Gattin los. „Das sind, notirte er, die Folgen Ihrer visio- „nairen Erziehung (freilich schlug seine eigne am Sohne auch „nicht sonderlich an) — Warum ließen Sie die kranke Närrin „gehen?" (Er hätt' cs selber aus höfischen Rücksichten noch lieber erlaubt; aber Männer tadeln gern die Fehltritte, die man ihnen — ersparte; überhaupt setzen sie wie Köchinnen das Messer lieber an Hühner mit weißem Gefieder als an die mit dunkelm.) — „Vous niine8, es ine sswiäs, n nn- „ticiper le 8vrt äe cstts Iteveiise nn psn nvnnt c^u'il soit „äeciäs än nütrs ^*) (Ihr Schweigen machte ihn immer bitterer) — Olr! es siscl si I,isn n votrs nrt cosineti^ue c^us „äs rsnärs nveuZIs et äs I'etre, le äien äs I'ninour *) „Sehen Sie, wie vortrefflich Ihr I,s Önin (ein berühmter „Schauspieler) seine (Mord-) Rolle spielt." **) „Sic wollen, wie cs scheint, das Schicksal dieser Seherin noch „eher entscheiden, als das unsrige entschieden ist." Er meint hier die Ehescheidung, die zwischen beiden nur durch den wechselseitigen Wunsch, Lianen zu behalten, verschoben wurde. Jean Paul's ausgetv. Werte. X. 194 „xröte äs moäsls *)." Von dieser schreienden Härte ergriffen — besonders da blos der Minister wider die mütterlichen Wünsche eben diese kosmetische ErziehungLiancns sür seine politischen gewählt und besohlen hatte — mußte die Mutter das nasse Auge an der Tochter verbergen und trocknen. Die Ehemänner — und die neuesten Literaturen — halten sich sür Feuersteine, deren Lichtgcbcn man nach ihren scharfen Ecken berechnet. Unsere Voreltern schrieben einem Diamant-Gehenke das Vermögen, Liebe unter Ehegatten anzufachen, zu — auch find' ich in der That noch an Juwelen diese Kraft — nur lässct dieser zum Kiesel gehörige Stein nach den Ehepakten so kalt und hart, als er selber ist. Wahrscheinlich warFroulay's Eheband ein solches cdclstcincrnes. Allein die Frau sagte nur: „lieber Minister, lassen wir „das; aber schonen Sie die Kranke." — „Voiln prscmsinsnt es gui lut votrs alkuirs **)" sagt' er hohnlachcud. Vergeblich redete Liane ihn rührend-irrig von der falschen Weltgegend an und sprach sür ihren Bruder — welches ewige zu viel beweisende Defensorat aller Leute ihr einziger Fehler war — vergeblich, denn sein Mitleidcn mit einer Gepeinigten bestand in nichts als im Grimme gegen die Peiniger, und seine Liebe gegen Liane zeigte sich nur im Hassen derselben: „schweig, „Närrin! Aber Älonsieur 1e Luiu soll mir nicht ins Haus, „Madame, bis aus weitre Ordre!" — Ich sage zum alten Ehe-Bramarbas aus Schonung weiter nichts als: geh' zum Teufel, wenigstens zu Bett! — *) „So gehört sich's für Ihre Vcrschönerungskunst, sowol blind „zu machen als zu seyn; der Liebesgott ist das Modell dazu." „Das wäre eben vorher Ihre Sache gewesen." 195 33. Z y k e l. Das deutsche Publikum wird sich uoch der vom Antrittsprogramm versprochenen obligaten Blätter erinnern und mich fragen, wo sic bleiben. Der vorige Zykcl war das erste, bestes Publikum; aber sich' daraus, wie obligate Blätter sind, und daß vielleicht so viel Geschichte darin stecke als in irgend einem Zykcl,'wie er auch heiße. Der Graf hatte noch nichts von Liancns Unglück erfahren, als er mit den andern hinunter zum Diner des Doktors ging, der heute sehr gastfrei war. Sie fanden ihn im heftigsten Lachen begriffen, die Hände in die Seiten gestützt und die Augen über zwei Salbcnnäpfchcn auf dem Tische gebückt. Er stand auf und war ganz ernsthaft. In Neils Archiv für die Physiologie hatt' er nämlich gesunden, daß nach Uourcro^ und Vuuki»elin die Thränen den Veilsaft grün färben und also Laugcnsalz enthalten. Um nun den Satz und die Thränen zu prüfen, hatt' er sich hingesctzt und ernsthaft stark gelacht, um zu weinen und einige Tropfen für die Sohlwage des Salzes zu gewinnen; er hätte sich gern anders erschüttert durch Rührung, aber er kannte seine Natur und wußte, daß nichts dabei herauskämc, nicht ein Tropfe. Er ließ die Gäste ein wenig allein —- die Frau war auch noch nicht zu sehen — Malz faß in einer Ottomanne — die Kinder hatten satirische Mienen — kurz die Unverschämtheit wohnte in diesem Hause wie in ihrem Tempel. — Auf den Alten wirkte kein Spott, und er ordnete nur ab, was ihm, nicht was andern mißfiel. Endlich schwenkte sich als Voreffcn oder Vorbcricht der Suppe die rosabackige Physikussin in die Stube herein mit 13* 196 3 oder 4 Lsprits oder Federstutzen — mit einer scheckigen Hals- Schürze— in einem rothen Ballkleide, dem die Walzer die Farbe ausgezogcn, die sie ihr aufgelegt — und mit einem durchbroch- ncn Putzfächer. Wenn ich wollte, könnt' ich mich ihrer an- nehmcn; denn anlangend die lLsprits (da oft der ILsprit, wie bei den Embryonen das Gehirn, sich auf die Gehirnschale her- aussctzt und da sonnet), so dachte sie, Weiber und Rebhühner würden am besten mit Federn auf dem Kopfe an der Tafel servirt — anlangcnd den Fächer, so gab sie vor, sie komme von einem Morgenbesnche (wobei sie recht deutlich voraussctzte, daß Damen so wenig ohne Fächerstäbe als Tischler ohne Maßstab durch die Gasse dürfen) — anlangend den Rest, so wußte sie, der Gast sei ein Graf. Sonach scheint es, daß sic unter die Honoraziorinnen gehöre, die (der größer» Anzahl nach) gleich den Klapperschlangen nie besser zu genießen sind, als wenn man vorher ihren Kopf beseitigt; aber das haben wir noch immer Zeit zu glauben, wenn wir besser hinter sic kommen. Der schöne Zesara war für sie blind, taub, stumm, geruch-, geschmack-, gefühllos; aber manchen Weibern kann man mit der größten Mühe und Langweile kaum—mißfallen; Schoppe vermocht' es leichter. Sphcx machte sich für seine Person ans einer Fett-Zelle Mälzens mehr als aus dem ganzen Zell- und Florgewcbe einer oder seiner Frau; gleich allen Geschäftsleuten hielt er die Weiber für wahre Engel, die Gott zum Dienste der Frommen (der Geschäftsmänner) anSgcsandt. — Der Zug des Essens hob an — Angusti, ein feiner Esser, sreuctc sich auf viel und hielt sich nicht nur ans feine Service, sondern auch an die zerrissenen Servietten, dergleichen er oft an Höfen aus dem Magen gehabt, weil man da in der 197 Moral und im Wcißzcugc Wunden lieber hat als Pflaster. — Es traten sogar schon wie gewöhnlich Vorposten und erste Treffen von elenden Speisen auf, die gewöhnlichen Propheten und Vorläufer des besten Kerns, wicwol ich an hundert Tafeln es verwünschte, daß sie nicht wie gute Monatsschriften die besten Stücke zuerst und die magersten zuletzt geben. — Der Physikns hatte schon zu den 3 Knaben gesagt: „Galcnns! Boerhave! Van Swieten! wie sitzet man artig?" — und die 3 Acrzte hatten schon drei rechte Hände zwischen die Westcn- knöpfc und drei linke in die Westentaschen geschoben und Pasteten stcilrccht — als guter Schabziger anlangte zum Nachtisch. Sphex gab thcils Lust zum Käse, thcils Abscheu davor, wie er'S gerade offizinell fand. Er merkte auf der einen Seite an, wie die Tischler in ihrem Lcimtopfc keinen bester» Leim hätten, als was da vor ihnen stehe — er binde eben so im Menschen — doch würd' er für seine Person ihn lieber mit v. Junker wie Arsenik äußerlich überschlagen; — aber er gestand auch auf der andern Seite, daß der Schabziger für den Lektor Gift sei. „Ich wollte mich dafür verpfänden (sagt' er), „daß Sie, wenn man Sie untersuchen könnte, hektisch wären; „die langen Finger und der lange Hals sprechen für mich, und „besonders sind die weißen schönen Zähne nach Camper ein „böses Zeichen. Personen hingegen, die ein Gebiß haben wie „meine Frau da, dürfen sicher sehn." Augusti lächelte und fragte blos die Doktorin, zu welcher Zeit man am besten zum Minister komme. Solche vergiftende Reflexionen, so wie den Mittags-Katzentisch, gab er nicht ans satirischer Bosheit, sondern aus bloßer Gleichgültigkeit gegen andre, auf die er, gleich^ einem Rechtschaffnen, nie unter seinem Handeln Rücksicht nahm. Mit der 198 Freihcitsmütze dcs Doktorhuts auf dem Kopfe erhielt er von seiner medizinischen Unentbehrlichkeit so viele akademische Freiheiten, daß er zwischen seinen 4 Pfählen nicht freier aß und agirte als zwischen dem bunten spitzen Pfahlwerke dcs Hofes. Bracht' er da jemals — das frag' ich — einen Tropfen süßen Wein über die Lippen, ohne vorher einen Ephraimiten, der selber die Probazionstage nicht überlebte, herauszuziehen und ins Glas zu hängen, blos um vor dem Hofe zu untersuchen, ob der Ephraimit darin nicht schwarz werde? Und wcnn's das Silber that, war da nicht das Ucberschwcfeln des Weins so gut als dcmonstrirt, und hätte der Physikus nicht den Hof, die Süßigkeit, das Schwärzen, Vergiften und Ucberschwcfeln recht artig appliziren können, wenn er der Mann dazu gewesen wäre? — Dem Zufälle, daß der Lektor über die Einlaßzcit bei dem Minister für heute nachsorschte, hatt' cs Albano zu danken, daß er den schmerzlichen Unfall nicht im Hause des Ministers oder neben der Blinden selber erfuhr. „Sie können (antwortete „Sara, die Doktorin) auch den Bedienten hinschickcn; der „unterschreibt sich für Sic alle; mich aber dauert niemand wie „die Tochter." — Nun brach ein Sturm von Fragen nach dem unbekannten Vorfälle los. „Es ist so," fing der Physikus mürrisch an, legte sich aber bald, weil er in einigen Augen Wasser für seine Mühle sah — und weil er alle medizinische Schuld von sich auf den Hauptmaun Roquairol zu wälzen suchte — so gut er konnte, auf pathetisches Detail und log fast sentimental. Er schob mit einem unbemerkten Winke der gerührten Frau einen leeren Teller zu als Lakrymatorium, damit nichts umkämc. Aus den verfinsterten Augen dcs vergeblich-kämpfenden Jünglings riß der erste Lcbensschmerz einige 199 große Tropfen. „Ist wol eine Herstellung möglich?" fragte Augusti sehr bekümmert, wegen feiner Verbindung mit der Familie. „Wahrlich, ein bloßer Nervenzufall ist's (versetzte Schoppe „keck) und weiter nichts; Whytt erzählt, daß eine Frau, die „zu viel Säuere im Magen hatte (im Herzen wär's noch „ärger), alles umnebelt erblickte, wie Mädchen vor naher „Migraine." — Sphex, der nur des Pathos und Laugensal- zcs wegen gelogen hatte, und den cs ärgerte, daß der Bibliothekar seiner heimlichen Meinung gewesen, antwortete so, als hätte dieser gar nicht geredet: „der höchste Grad der Schwindsucht, H. Lektor, schließet sich oft mit Erblinden; und zu „beiden wäre hier wol Nath. Inzwischen kenn' ich eine gc- „wisse nervöse periodische Blindheit — ich hatte den Fall an „einer Frau *), die ich blos durch Aderlässen, Dampf von gebrannten Kaffeebohnen und die Abenddünste des Wassers auf- „brachte — das wird nun an der Nervcnpazientin wieder verbucht. Ein pflichtmäßiger Arzt wird aber immer wünschen, „daß der Teufel Mutter und Bruder hole." Nämlich der Widerstrich von Liancns Zngkrankheit setzte ihn außer sich. Beleidigungen der Ehre, der Liebe, des Mit- leidcns machten den Physikus nie warm, und er behielt seinen Uebcrzug aus Glatteis an; aber Störungen seiner Kuren erhitzten ihn bis zum Zerspringen; und so sind wir alle Spring- gläscr, die den Hammer vertragen und nicht eher in tausend *) Eine nervenschwache (ich weiß nicht, ob's die nämliche ist), welche viel Religion, Phantasie und Leiden hatte, wurde, wie sie mir erzählt, auf dieselbe Weise blind und auf dieselbe geheilt. 200 Splitter zerfahren, als bis man die kleine Spitze abbricht; bei Achilles war's die Ferse, bei Sphexcu der Arznei- v. Ringfinger, bei mir der Schrcibfingcr. Der Doktor schüttete nun sein Herz aus, wie einige ihre Gallenblase nennen; er schwur bei allen Teufeln, er habe mehr für sie gcthan als jeder Arzt — er Hab' cs aber schon vorausgcwußt, daß eine so dumme Erziehung blos für das Schönaussehcn und Beten und Lesen und Singen eine verdammte Wirtschaft wäre — er hätte gern oft die Harmonikaglockcn und Tambournadeln *) zerbrochen — er habe oft die Mutter ohne Schonen auf Lianeus sogenannte Reize und aus die Empfindsamkeit, Helle Waugen- röthc und sammet-weiche Haut aufmerksam genug gemacht, Hab' aber damit fast mehr zu erfreuen als zu betrüben geschienen; — was ihn allein belustige, sei, daß das Mädchen vor einigen Jahren todtkrauk geworden vom ersten h. Abendmahle, wovon er sie abzuhalten versucht, weil er schon au der vierten Pazicntin die bctrübtcstcn Folgen dieses h. Aktus kennen lernen. — — Zum allgemeinen Erstaunen schlug sich mein Graf gegen alle auf Roquairols Partei. Ach deine ersten Frühlingsstürme zogen jetzt gefangen in deiner Brust umher ohne eine freundschaftliche Hand, die ihnen einen Ausweg gab, und du wolltest deinen blutigen Gram bedecken!—Und suchtest du nicht einen Geist voll Flammen, ein Auge voll Flammen für deine, und hättest du dich nicht lieber mit einem donnernden Höllcngotte *) Das ewige Prickeln der empfindlicher!! Finger-Nerven durch Strick-, Tambour- u. a. Nadeln macht vielleicht so gut wie das Berühren der Harmonikaglockcn durch Reizen nervenschwach. 201 verbrüdert als mit einem pietistischcn matten gleich einer Schabe unterhöhlcudcu Himmelsbürgcr? — Barsch fragt' er den Doktor: „wo haben Sie das Herz des Fürsten?" — „Ich Hab' „es nicht (sagte Sphex betroffen); im Tartarus*) licgt's — „wiewol's der Wissenschaft profitabler gewesen wäre, hätte „man es unter seine Präparate stellen dürfen; groß war's „und sehr siugulair." Er dachte daran, daß er oft — wo er konnte — wie ein Augur unter dem Sezircn ein oder das andere bedeutende Glied als ein Prinzen- und Jnnkern-Ränber n In inlnuttn heimlich bei Seite geschafft — für sein Studium, ein Honig, den er sich gern mit seinem Anatomir- undZcidel- messcr ausschnitt. „Hat sonach das Fräulein eine unglückliche Liebschaft oder „dergleichen?" fragte Schoppe. „Mehr als eine (sagte Sphex), „Krüppel -— Prcßhafte — Waisenjnngen — blinde Methusalems; alle diese Liebschaften hat sic. Späße und junge ,Herren, sag' ich oft zur Alten, bekämen ihr gesünder." Aber darin, in der Forderung der Heiterkeit geb' ich ihm nach — Freude ist die einzige Universaltinktur, die ich präpa- riren würde — sie wirkt (und stets) als nntispnmnoclicum, als Aliitinnim und nclntrlnAons —' das Frcudenöl dient zurBraud- und Frost-Salbe zugleich. — Der Frühling z. B. ist eine Frühlingskur, eine Landpartie eine Austern kur, eine Brun- nenbclustignng eine Maß Bitterwasser, ein Ball eine Mozion, ein Fasching ein medizinischer Kursus — und daher ist der Sitz der Seligen zugleich der Sitz der Unsterblichen. — — „Ja er habe, beschloß der Doktor, weil's Leute vom „Stande wären, zuletzt zum Hochmut!) gcrathen, der alle Der Tartarus ist die melancholische Partie tu Lilar. 202 „offizincllcn Heilkräfte der Freude zeige; sehr starker wirke „völlig wie diese, belebe den Puls, stähle die Fibern, sperre „die Poren auf und jage das Blut durchs lange Adcrngc- „wiude*). — Seiner schwächlichen Frau, wie man stc da „sehe, Hab' er früher durch Kleider und Doktors-Rang dieses „Medikament beigcbracht und ihr damit aus die Beine geholfen. — Aber er wolle lieber 60 gemeine Weiber als Eine „vornehme kuriren und er bedauere als Hausarzt blos seine „Rezepte und medizinischen Bedenken, falls einmal, wie er „gewiß glaube, die schöne Liane von hinnen fahre." — Die erste Frage, die der nie etwas überhörende Albano auf dem Rückwege vom Doktor an Augusti that, war, was die Doktorin mit dem unterschreibenden Bedienten haben wollen. Er erklärte es. Es ist nämlich in Pcstitz wie in Leipzig die Observanz, daß, wenn ein Mensch verstirbt oder sonst verunglückt, dessen Familie einen leeren Bogen Papier sammt Dintc und Feder in den Vorsaal legt, damit Personen, die nähern Anthcil nehmen und zeigen, einen Lakaien dahin schicken können, der ihren Namen ans den Bogen setzt, so gut er weiß; — dieses kaufmännische Indossement des nähern An- thcils, dieses niedcrsteigcndc repräsentative System durch Bediente, die überhaupt jetzt die Telegraphen nnscrs Herzens sind, macht beiden Städten großen Schmerz und Anthcil süß und leicht durch Dintc und Feder. „Ach das, o Gott?" — (sagte Alban und erzürnte sich ") Den Blutumlauf beschleunigt Hochmuth bis zum Wahnsinn. Uebrigens ist die ganze Bemerkung von dem pharmazeutischen Werthc des Hochmuths aus Tissots trnits sur Iss Kerls geholt. 203 ungewöhnlich, als dringe man ihm Bedienten zn Chryso- graphen und Geschäftsträgern seiner Gefühle auf) — „o ihr „egoistischen Gaukler! durch die Feder schreibender Lakaien „gießet ihr euch aus?— Lektor, dem Satan selber würd' ich „wärmer kondolircn als so!" — Warum ist dieser verhüllte Geist so rege und laut? — Ach alles hat ihn bewegt. Nicht blos der Jammer über die von allen nächtlichen Pfeilen des Verhängnisses verfolgte Liane trat eisern in sein offnes Herz, sondern auch das Erstaunen über das dunkle Einmischen des Schicksals in sein junges Leben; — Roquairols wiederkommendcr Ausdruck „Brust ohne Herz" klang ihm, als wenn er ihm bekannt seyn sollte; endlich fiel ihm die Umkehrung ein, das Wort der insularischen Sphinx: Herz ohne Brust — — Also sogar dieses Räthsel war gclösct, und der Ort bestimmt, wo er wider jede Erwartung die Weissagung der Geliebten hören sollte — aber wie unbegreiflich, unbegreiflich! — „O, Liane heißet sie, und kein Gott soll den Namen „ändern," sagte seine innerste Seele. — Denn in frühem Jahren hat eben der kräftigste Jüngling an Mädchen reizende Kränklichkeit und weiche Vollgefühle und nasseAugcn lieber — so wie man übcrhanpt in Albano's Jahren die Fluth (später die Ebbe) der Augen zu hoch anschlägt, ob sie gleich oft wie zn reiches Begießen die Samenkörner der besten Entschlüsse wegschwemmen -— indeß er später (weil er den Ehestand und die Wirtschaft antrctcn will) sich mehr nach Hellen und scharfen Augen als nach feuchten, und mehr nach kaltem und gesundem Blute erkundigt. — Da Alban das Feuer seiner innern Wolken meistens an den Ausladekettcn der Klaviersaiten niedcrgehcn ließ — selte- 204 ncr in die Hippokrene der Poesie —- so macht' er aus seinem inncrn Charivari unbewußt einen Klavicrauszug. Ich trans- ponire seine Unntaisie folgender Maßen in meine Phantasie. Auf den weichsten Molltöncn ging die Erblindung mit' ihren langen Schmerzen vorüber, und im Sprachgcwölbc der Tonkunst hört' er alle leisen Seufzer Liancns laut. — Dann führten ihn härtere Molltöue in den Tartarus an das Grab und Herz des alten freundlichen Mannes, der mit ihm einmal gebetet hatte, und da sank in der Geisterstunde leise wie ein Thau der Laut vom Himmel: Liane! —- Mit einem Donner- schlagc des Entzückens fiel er in den lVI-asore-Ton und er fragte sich: „diese fromme lichte Seele konnte das Schicksal „deinem nuvollkommncn Herzen versprechen?" Und da er sich antwortete, daß sie ihn vielleicht lieben werde, weil sic ihn nicht sehen könne — denn die erste Liebe ist nicht eitel — und da er sie von ihrem gigantischen Bruder führen sah und da er an die hohe Freundschaft dachte, die er ihm geben und abvcrlangcn wollte: so gingen seine Finger in einer erhebenden Kriegsmusik über die Tasten, und cs klangen die himmlischen Stunden vor ihm, die er genießen werde, wenn seine zwei ewigen Träume lebendig aus der Nacht in den Tag herübcrgingen, und wenn Ein vcrschwistertcs Paar seinem so jungen Herzen zugleich den Freund und die Freundin gäbe. — Hier verklang leise sein inneres und sein äußeres Stürmen — und die gleichschwcbendc Temperatur des Instruments wurde die des Spielers. . . . Aber eine Seele wie seine wird leichter vom Schmerze befriedigt als vom Glücke. Als wäre die Wirklichkeit da, so drang er weiter: unbeschreiblich-hold und überirdisch sah er Lianens Bild in ihrem Leidcnskelche zittern; denn die 205 Dornenkrone veredelt leicht zum Christuskopfe, und das Blut der unverdienten Wunde ist Wangcnroth am inncrn Menschen, und die Seele, die zu viel gelitten, wird leicht zu viel geliebt. — -— Die zarte Liane schien ihm schon sür die Flora der zweiten Welt in den Leichenschleier eingesponncn, wie die weichen Glieder der Bicnennymphe durchsichtig über der kleinen Brust gefaltet liegen — die weiße Gestalt aus Schnee, die einmal in seinem Traume auf seinem Herzen zerronnen war, öffnete das Helle Wölkchen wieder und sah blind und weinend ans die Erde und sagte: „Albano, ich werde sterben, ,,eh' ich dich gesehen habe." — „Und wenn du mich auch, „sagte das sterbende Herz in seiner Brust, niemals siehst: so „will ich dich doch lieben. — Und wenn du auch bald vergehst, Liane, so crwäbl' ich gern den Schmerz und gehe treu „mit dir, bis du im Himmel bist." .... Der Himmel und die Hölle hatten vor ihm zugleich ihre Vorhänge aufgezogen — nur wenige und dieselben Töne und höchste und unterbrochene könnt' er noch leise bestreifen — und endlich sanken die Hände unter — und er fing zu weinen an, aber ohne zu harte Schmerzen, wie das Gewitter, das seine Blitze und Donner ausgelöset hat, nur noch mit einem leisen weiten Regen über der Erde steht.- Sechste Jobelperiode. Die 10 Verfolgungen des Lesers — Linnens Morgcnzimmcr — Disputazion über die Geduld — die malerische Kur. 34. Z y k e l. ^cischesätzc — Apophthcgmen — Philosopheme — Eras- mischc Adagia — Bemerkungen von Rochefoucauld, von La Bruycrc, von Lavater ersinn' ich in Einer Woche unzählige und mehrere, als ich in sechs Monaten loszuwcrdcn und als Einschicbcessen in meinen biographischen p>etit8 souper8 wcg- zubringen im Stande bin. So läuft der Lotto-Schlagschatz meiner ungcdruckten Manuskripte täglich höher auf, je mehr ich dem Leser Auszüge und Gcwinnste gedruckter daraus gönne. Aus diese Weise schleich' ich aus der Welt und habe nichts darin gesagt. Lavater nimmt sich hierin vernünftiger, er lässct das ganze mit Schätzen gefüllte Lottorad unter dem Titel: Manuskripte (so wie wir umgekehrt Manuskripte den Verlegern auf der Post unter dem Titel gedruckter Sachen zu- sertigen) selber unter die Gelehrten laufen. Aber warum thu' ich's nicht und lasse wenigstens eine oder ein Paar Wasseradern meines Wasscrschatzes springen und auslaufcn? — Auf zehn Verfolgungen des Lesers — blos so nenn' ich meine zehn Aphorismen, weil ich mir die Leser als Märtyrer ihrer Meinungen und mich als den Regenten denke, der sie mit Gewalt bekehrt schränk' ich mich 207 ein. Der folgende Aphorismus ist — wenn man den vorhergehenden als die erste Verfolgung anschlägt — hoff' ich, die zweite. Nichts fegt und siebt unsere Vorzüge und Liebhabereien besser durch als eine fremde Nachahmung derselben. Für ein Genie sind keine schärfere Polirmaschincn und Schleifscheiben vorhanden als seine Affen. — Wenn ferner jeder von uns neben sich noch ein Doppel-Jch, einen vollständigen Archi- mimus*) und Repetenten im Kompltmentiren, Hutabnehmen, Tanzen, Sprechen, Zanken, Prahlen re. hcrlaufcn sähe: beim Himmel! ein solches genaues Rcpctirwcrk unsrer Mißtöne würde ganz andre Leute ans mir und andern Leuten machen, als wir gegenwärtig find. Der erste und kleinste Schritt, den wir zur Besonnenheit und Tugend thätcn, wäre schon der, daß wir unsre körperliche Methodologie, z. B. unfern Gang, Anzug, Dialekt, unsre Schwüre, Mienen, Leibgerichte re. nicht besser, sondern gerade so befanden als alle fremde. Fürsten haben das Glück, daß sich alle Hofleutc um sie zu treuen Supranumerarkopistcn und Pfcilerspicgcln ihres Jchs zusammen- stcllcn und sie durch diese Hcloten-Mimik bessern wollen. Aber sie erreichen selten die gute Absicht, weil der Fürst — und das wäre von mir und dem Leser auch zu befürchten — wie der Grundsatz des Nichtzuuntcrschcidcnden an keine wahre Menächmen glaubt, sondern sich einbildet, in der Moral Sv hieß bei den Römern ein Mann, der hinter der Leiche ging und die Geberdcn und das Wesen derselben im Leben nachäfftc. Iwrs. 8nt. 3. 208 wie in der Katoptrik zeige jeder Spiegel und Nebcnregenbogen alles verkehrt. Dritte. Es ist dem Menschen leichter und geläufiger, zu schmeicheln als zu loben. Vierte. In den Jahrhunderten vor uns scheint uns die Menschheit heranzuwachscn, in denen nach uns abzuwelkcn, in unscrm herrlich blühend aufzuplatzen: so scheinen uns nur die Wolken unscrs Scheitelpunktes gerade zu gehen, die einen vor uns steigen vom Horizonte hcrans, die andern hinter uns ziehen gekrümmt hinab. Fünfte. Das Alter ist nicht trübe, weil darin unsre Freuden, sondern weil unsre Hoffnungen aufhören. Sechste. Das Alter der Weiber ist trüber und einsamer als das der Männer: darum schont in jenen die Jahre, die Schmerzen und das Geschlecht! — Ucbcrhanpt gleicht das Leben oft dem Fang-Banme mit aufwärtsgcrichtetcn Stacheln, an welchem der Bär leicht hinauf zum Honig-Köder klettert, wovon er aber unter lauter Stichen wieder zurückrutschct. Siebente. Habt Mitlciden mit der Armuth, aber noch hundertmal 209 mehr mit der Verarmung! Nur jene, nicht diese macht Völker und Individuen besser. A ch t e. Die Liebe vermindert die weibliche Feinheit und verstärkt die männliche. Neunte. Wenn zwei Menschen im schnellen Umwcnden mit den Köpfen Zusammenstößen: so entschuldigt sich jeder voll Angst und denkt, nur der andre habe den Schmerz und nur er selber die Schuld. (Nur ich excusirc mich ganz unbefangen, eben weil ich aus meinen Verfolgungen weiß, wie der andre denkt.) Wollte Gott, wir kehrten's bei moralischen Stößen nicht um! Letzte Verfolgung des Lesers. Der Hintergangene bedeckte und vom Trauerschleier zum Leichenschlei er lebende Mensch glaubt, es gebe kein Nebel weiter als das, was er zu besiegen hat; und vergisset, daß nach dem Siege die neue Lage das neue mitbringe. Daher geht — wie vor schnellen Schiffen ein Hügel aus Wasser vorschwimmt und eine nachglcitende Wcllengrubc hinter ihm zuschlägt — immer vor uns her ein Berg, den wir zu übersteigen hoffen, und hinter uns eine Tiefe, aus der wir zu kommen glauben. So verhofft der Leser, jetzt nach überstandnen 10 Verfolgungen in den historischen Hasen einzusahren und da ein ruhiges Leben zu führen vom unruhigen meines Personale; Zcaii Paul's ausgew. Werke. X. aber kann ihn der geist- nnd weltliche Arm denn decken gegen einzelne Gleichnisse — gegen halbseitige Kopfschmerzen — Waldraupcn -— Rezensionen — Gardinenpredigten — Ncgcn- monatc — oder gar Honigmonate, die nach dem Ende jedes Bandes Anfällen? — — Nnn zur Historie! Abends fuhren Albano und Augusti mit dem väterlichen Kreditbriefe zum Minister. Den Frost und Stolz desselben suchte der Lektor unterwegs durch das Lob seiner Arbeitsamkeit und Einsicht zu übcrfirnissen. Mit Herzklopfen faßte der Gras den Thürklopfer am Himmelsoder Höllenthore seiner Zukunft an. In der Antichambre — diesem höhcrn Bedicntenzimmer und lüindus intanwin et patrnin — standen noch Leute genug, weil Froulay ein Vorzimmer für eine Bühne hielt, die nie leer sehn darf und auf der es, wie im jüdischen Tempel nach den Rabbinen, denen, die knicen und beten, nie zu enge wird. Die Ministerin war als eine Pazicntin abwesend, blos weil sie eine hüten wollte. Der Minister war auch nicht da — weil er wenig Zeremonien machte und nur ungemein viel forderte -— sondern in seinem Arbcitskabinet; er hatte bisher den Kopf unter dem warmen Thronhimmel gehabt und tief in den vcrbotncn Reichsapfel gebissen, daher opferte er willig auf (nicht andern, sondern andre) und ließ sich als eine Heiligenstatnc mit Votivgliedern behängen, ohne seine zu regen, und wie der h. Fransziskus zu Oporto mit Dank- und Bittschriften, die er niemals erbricht. Froulay kam und war — wie immer außer den Geschäften — so höflich wie ein Perser. Denn Augusti war sein Hausfreund — d. h. die Ministerin war dessen Hausfreundin — und Albano war nicht gut vor den Kops zu stoßen, weil 211 man dessen Pflegevater in Landschafts-Votis brauchte, und weil Don Gaspard viel bei dem Fürsten galt, und weil der Jüngling durch einen ihm eignen anständigen Stolz gebot. — Es gibt einen gewissen edlen, durch welchen mehr als durch Bescheidenheit Verdienste Heller glänzen. — Froulay hatte für die Zukunst nicht die bequemste Rolle; denn der^Haarhaarsche Hof war dem Vließ-Ritter so ungcwogcn wie dieser jenem*); Haarhaar wurd' aber ohne Zweifel (allen welschen chirurgischen Berichten zufolge) und in wenig Jahren (allen nosologischen gemäß) der Erbe von dessen Erbschaft oder Throne. — Nun war das Schlimme dabei, daß der Minister, der wie ein Christ mehr aus die Zukunft sah, sich zwischen dem deutschen Herren von Bouvcrot, der eine Haarhaarsche Kreatur heimlich war, und zwischen der kurzen Gegenwart zugleich durchzuschlcichcn hatte. Er nahm, sagt' ich, den Drafen ungemein verbindlich auf so wie den Lektor, und entdeckte beiden, er müsse ihnen seine Frau vorstcllen, die ihre Bekanntschaft wünsche. Er ließ es ihr sagen; führte beide aber, ohne Erwarten der Antwort, in ihr Zimmer. Dem Jünglinge war nun, als drehe sich die schwere Thür eines heiligen stillen Tempels aus. — Sogar ich bin jetzt, während ihres Ziehens durch die Zimmer, mit so närrisch, daß ich in eine eben so große Angst gcrathe, als ging' ich mit hintcnnach. Als wir ins Morgenzimmer, welches Papiertapetcn zu einer gegitterten Jelängerjelieber- Laube ausfärbtcn, cintratcn, saß blos die Ministerin da, die *) Dieser hatte früher dem spanischen Ritter die Prinzessin abgeschlagen; es sind mir aber über diesen wichtigen Artikel hinlängliche Dokuments versprochen. 14 * uns gefällig aufnahm, mit fester und kalter Haltung in Miene und Ton. Ihre streng-geschlossencir und wenig bczeich- neten Lippen thaten stumm einen Ernst, der die Gabe des frommen Herzens, und eine Stille kund, die der Schmuck der Schönheit ist — wie manche Flügel, nur wenn sic zngefaltet sind, Pfancnspiegel gießen — und das Auge glänzte im Wohlwollen der Vernunft; aber die Augcnlieder waren von harten Jahren tief nnd kränklich über die milden Blicke hcrcingezogen. Ach wie zwischen Neuvermählten oft ein Schwert trennend lag, so schliff Froulah täglich am dreischneidigen, das ihn und sie absondertc. Sonderbar stach mit dem Hellen Nachsommcrtage auf ihrem Angesichte das unreine Gewühl aus seinem ab, wie- wol er vor Zeugen, wie cs schien, seiner Höflichkeit gegen sie die Ironie benahm, und den Haß, wie andre die Liebe, nur für die Einsamkeit aushob. Zum Glück verpflanzte sich dieser Nußbaum, der einen ungesunden frostigen Nußschatten ans den ganzen Nclkenflor der Liebe und der Dichtkunst warf, bald unter ähnlichere Gäste zurück. Die Ministerin richtete sich nach den ersten Gaben der Gefälligkeit mehr an den Lektor, dessen korrekte bürgerliche Mensur zu ihrer religiösen ganz stimmte; besonders da nur er über Liane fragen und kondolircn konnte. Sic versetzte, dieses Zimmer Liancns sei gerade so gelassen, wie cs am Abend der Erblindung gewesen, damit es, wenn sie heile, eine schöne Erinnerung für sic bleibe, oder eine traurige für andre, wenn sie nicht genese. — O bewegter Albano, wenn jede Abwesenheit verklärt, wie muß es erst eine mit so vielen Spuren der Gegenwart thun! Ich bekenne, außer einer Geliebten kenn' ich nichts schöneres als ihr Wohnzimmer in ihrer Abwesenheit. Aus Linnens Arbeitstische lag ein umrissener Christnskops 213 neben der aufgcschlagcncn Messende — ein zusammcngelcgter Spazicrflor nebst dem grünen Spaziersächer mit eingeschriebenen Wünschen von Freundinnen — einige ausgeschnittene Couverts — der Gcvatterbricf eines Froulayschcn Pachters —- eine ganze lackirtc Schäferei mit Wagen, Stallung und Haus, mit deren liliputischen Arkadien sie Dians Kinder*) erfreuen wollen — ein aus dem verfliegenden Stammbüchlein einer Freundin ausgerupftes Blatt, das sic mit einer getuschten Blumenrabatte gerändert und dann mit holden Wünschen voll- gepflanzct hatte, die das Schicksal aus ihrem eignen Leben wcggenommen.-Ach, schönes Herz, wie gern wollt' ich über alle kleine Rudcra deiner lichten Vorzeit etwas Tabellarisches entwerfen und verthcilen, hätte sich der Lchnprobst näher darauf eingelassen! — Was aber mich und den Grafen am tiefsten bewegt, ist eine aufgespanntc Stickerei, auf welche ihre Nadel wie ein Jnokulirmesfer an jenem düstcrn Tage eine Rose mit zwei Knospen geimpfct hatte, und woran nichts mehr fehlte als die Dornen — — o diese zog an deinen Freudenlosen das Verhängnis nur zu weit hervor und preßte sic dann so tief durch deine Brust bis ans Herz! -— In keiner Stunde seines Lebens war Mbano's Liebe so heilig-zart als in dieser, oder sein Mitlciden so innig. Zum Glück blickte die Ministerin immer durch das Fenster in den Garten und nahm seine Rührung nicht wahr. Zuletzt zeigte sic noch auf Liaucns dastehende Harmonika; nun ward ihm das Herz zu voll und zu sichtbar, er sprang auf mit den hastigen Worten > er habe noch keine gehört, und trat davor. Ach er wollte etwas berühren, worauf so oft ihr Finger gewesen. ') Dlans Familie wohnt in Lllar. 214 Er legte die Hand wie an ein Heiligthum an diese Bctglocken, die so oft unter der ihrigen für fromme Gedanken gezittert hatten; aber sic gaben ihm keine Antwort, bis ihm der Lektor, ein Kenner des Abc's wie der Technologie aller Künste, das Nöthigstc in drei Worten gewiesen. Jetzt sog er in die Seele voll Seufzer und Kriege den ersten Drciklang ein, die ersten Klagest)lbcn dieser Muttersprache der lechzenden Brust — ach dieser Stummenglocken, die der innere Mensch in der Hand schüttelt, weil er keine Zunge hat — und seine Adern schlugen wild als Flügel, die ihn vom Boden auswchten und ihn vor eine höhere Aussicht trugen, als die in die letzte Freude oder Marter ist. Denn iu starken Menschen werden große Schmerzen und Freuden zu überschauenden Anhöhen des ganzen Lebensweges.- Ich weiß nicht, ob viele Leser den Fehler möglich finden werden, den er jetzt wirklich beging. Die Ministerin war im Gespräche sehr natürlich — durch Liaue und Roquairol — auf den Satz gcrathcn, daß Kindern keine Schule nöthiger sei als die der Geduld, weil entweder der Wille in der Kindheit gebrochen werde oder im Alter das Herz. Ach sic und ihre Tochter kniceten ja selber voll Geduld vor dem bcladcndeu Schicksale oder auch vor dem bewaffneten; wiewol die Mutter mit einer frommen, die mehr an den Himmel als auf die Wunde sah, Liane mit einer liebenden, die sich in neue Leiden wie in alte Krankheiten ergibt, wie eine Königin am Krö- nungstagc in die Schmerzen und Frikzionen des schweren Ju- wclenputzcs, und wie ein Kind, das die Wnndcnmale süß verschläft und süßer verträumt. — Aber Zcsara, der gleich dem Wolfe schon den Klang einer Kette floh und erbittert gegen jede, von den leichten Panstcr- und Rittcrkctteu an bis zu den 215 schweren Hafenkcttcn, die den Jünglingen die' Fahrt ins arbeitende Meer verhängen, erbittert ansprengtc, konnte sich nicht halten, zumal mit diesem Herzen voll Bewegungen, in zu großer zu sagen: „der Mensch soll sich wehren — lieber will ich auf „dem regen Schlachtfclde sreiarbcitend alle Adern ausgicßen „als einen Tropfen daraus über die Folterlciter angebunden." -— „Die Geduld (sagte die Ministerin voll davon) streitet und „siegt auch, aber im Herzen." — „Lieber Gras, (sagte Augusts „nicht blos aus die Arria anspielend) die Weiber müssen noch „immer zu den Männern sagen: cs schmerzet nicht!" Ich hatte nicht eher als jetzt Gelegenheit, den Fehler Albans bekannt zu machen, daß er seine Meinung niemals freier und stärker sagte als da, wo er mit ihr gerade einen oder ein Paar Himmel seines Lebens zu verspielen fürchten konnte: bei geringerer Gefahr könnt' er nachgiebiger seyn. Ob er also gleich merkte, daß die Ministerin dabei an die muskulöse, aber auch hartgreisende Hand ihres wilden Sohnes mit schmerzlichen Erfahrungen denke — oder vielmehr, eben weil er's merkte und weil er für diesen künftigen Freund gern der Waffcnschmidt und Waffenträger werden wollte — so blieb er dabei, warf alles Brcchzcug des jungen männlichen Willens aus den Schulstuben auf die Gaffe, und sagte in seiner abstcchcndcn Sprache: „die Gothen schickten ihre Knaben lieber in keine Schule, da- „mit sie Löwen blieben. Wenn man auch Mädchen einen Tag „vor dem Pflanzen in die bürgerliche Welt in Milch einwcichen „muß: so soll man doch Knaben wie Aprikosen mit der steinernen Schale in die Erde stecken, weil sie den Stein durch „ihr Wurzeln und Wachsen schon abwerfen und verlassen." — Der Lektor mit seiner feinen Offenheit — ein krystallcncs Gesäß mit goldncm Schnitt — bemerkte mit leiser Rüge von 216 Albans Heftigkeit: wenigstens habe selber die Art, womit beide ihre Beweise geführt, zu den Beweisen gehört; und die Weiber bedürften und bewiesen mehr Geduld bei Personen, und wir mehr bei Sachen. Die Ministerin, die mehr ihren Sohn als seinen Freund zu hören glaubte, schwieg und trat näher ans Fenster. Unter den Kricgstroublcn hatte der Abend seinen lichtvollen Mond ans die Morgcnbcrgc gewälzt, und die Güsse seines Lichts flössen jetzt von allen Seiten herein durch den ganzen vor dem Morgenzimmcr ausgcspanntcn Garten und blieben in seinen breiten Alleen und in seinen Blmncnzirkcln stehen: als ans einmal ein rundes Häuschen durch aufschießcnde vom Mondlicht zu Ehrenbogen entzündete Wasserstralcn bis an sein welsches umgittertes Dach umlodert wurde. Stillgcrührt sagte die Ministerin: „auf jenem Wasscrhäuschen steht meine Liane; „sie gebraucht die Ausdünstung der Fontainen; der Arzt verspricht sich viel davon. Und die Vorsicht gcb' cs!" — Allein der erschütterte Zesara konnte mit seinen so scharfen Augen doch mitten im Blendwerke des wagrechtcn Mon- denscheins und hinter dem zitternden Nonnengitter aus verschränkten Silber- oder Wasseradern jetzt nichts aus dem dämmernden Eden absondcrn als eine unkenntliche stille weiße Gestalt. Aber es war genug für ein Herz, das weint und glüht. „Du Engel meiner Jugendträume, dacht' er, wirst du „es sehn? Sei du mir gegrüßct mit tausend Schmerzen und „Freuden. — Ach können denn Leiden in dir seyn, du Him- „mclsseele?" — Und es ergriff ihn, daß sie mit ihrer gequälten und entzückenden Gestalt, wenn sic hier im Zimmer wäre, sein ganzes Wesen zerknirschen würde durch Mitleid* und er hätte jetzt die Umarmung des Bruders verworfen, mit dessen 217 Hand das Vcrhängniß die sanften Augen zum langen Traume zugedrückt. Die Stickluft des bangsten Mitleids zwang ihn wcgzu- sehen und sich umzuwenden und in den aufgcschlagcnen Messias die Augen zn heften, deren Tropfen er nicht zeigen wollte; aber sie wurden durch die Erinnerung, daß er ihre letzte Lese-Freude wiederhole, nur heißer und dichter. Plötzlich richtete etwas Verfinsterndes, das vor dem Fenster wie ein fallender Rabe nicderflattcrtc, seinen Blick wieder auf Lianen, über welcher ein vollgcstraltes Wölkchen stand, gleichsam ein aufgezogener oder niederkommcnder Heiligenschein — Unsterbliche schienen darauf wie aus Ossians Wolken zu wohnen und die Schwester zu erwarten — und da sie endlich sich bewegte und langsam in das Wasscrhäuschcn untersank, schien es da nicht, als gehe ihre Hülle in die Erde und ihr stiller Geist in die Wolke? — Hier gab ihm Augusti, da die Mutter der zurückkommcn- dcn Kranken ins Krankenzimmer folgen mußte, den Wink zum Abschiede, den er willig nahm; seine Liebe befriedigte sich jetzt mit Einsamkeit und mit der Hoffnung des Wiedersehens: Junge Liebe und junge Vögel haben anfangs nur Wärme durch Bedecken nöthig, erst später Nahrung. — Aber ein Paraklet oder Tröster sagte unter dem Weggehen dem Jünglinge leis' ins Hcrzohr: morgen sichst du sie wenige Schritte von dir im Garten! — Und das ist recht leicht zu machen; er darf nur morgen in der Abenddämmerung, wenn die Abcndwandlerin die Augcnkur gebraucht, sich in die Allee begeben und aus den Blättern frei hinauf in das zauberische Antlitz schauen und dann die ganze Glückseligkcitslchre in Einem Paragraphen, in Einem Zuge, Athem, Momente verschlingen -aber welche Aussicht! 218 Dcr Gras bat den Lektor, nicht lange bei dem beschäftigten Minister zu sitzen. Als sie ihn wiederfanden, wußt' er hinter einem Aktenstocke kaum nach einigem (vielleicht maskir- ten) Besinnen, daß sie da gewesen, und bedauert' cs innig, daß sie fortgingen. -— Ach der Tröster lispelt den ganzen Abend und die ganze Nacht: morgen, Albano! — 35. Z Y k e l. Da unfern Albano die gaukelnde Nacht von einer Seite und Träumerei auf die andere warf — denn nicht die nahe Vergangenheit, sondern die nahe Zukunft mattet uns mit Probckomödien unsrer wachen Akte, mit Träumen, ab — wie war er am Morgen so froh, daß die schönste Zukunft noch nicht vorüber war. Im Menschen Hausen oft zwei sehr Eulen- spicgclsche Wünsche; ich thuc oft den von ganzem Herzen, daß eine wahre Freude für mich, z. B. ein Meisterwerk, eine Luftfahrt re. doch mög' endlich ein Ende nehmen, und zweitens den obigen, daß eine und die andre Lust noch ein wenig außen- bleibc. Der Abend kam mit der größten, wo Zcsara — wie Le Gentil nach Ostindien — nach dem östlichen Park des Ministers abrcisete, um den Durchgang des Hespcrus und Vcnus- sterncs, aber nur durch den Mond, zu observiren. Vor den erleuchteten Pallastfenstcrn hielt er mitten unter den Leuten und sann nach, ob es sehr lasse, so in den Garten zu laufen; aber wahrhaftig, wär' er umgekehrt, das dürstende Herz hätte ihn zurück durch einen ganzen davor postirten Klerus und diplomatischen Kongreß hindurch getrieben. Kühn schritt er durch den lauten Pallast vor einer angespannten Wagenburg 219 vorbei, drehte das eiserne Gattcrthor auf und trat hastig iu den nächsten Laubcugang. Hier ging er, von einem Fackeltanze leuchtender Hoffnungen begleitet, hin und her, aber sein Auge war ein Seh- und sein Ohr ein Hör-Rohr. Die Lau- ben-Allce wuchs oben guer über den Garten iu eine andre dem Wasscrhäuscheu nahe hinein; in diese trat er, um der Blinden oder vielmehr ihrer Leiterin nicht zu begegnen. Es kam aber nichts. Freilich war er nicht wie der Mond — wie doch zu fordern war — um eine halbe Stunde später gekommen, sondern gar um eine früher. Der Mond, dieser Stern, welcher Weise voll Weihrauch zum Anbeten leitet, ließ endlich breite lange Silberblättcr als Fcsttapetcn an Liancns Morgenzimmer nicdcrfallcn — die Madonna ans dem Pallaste war in den Heiligenschein und Nonncnschlcier seiner Stralcn eingeklcidct — die Ministerin stand schon am Fenster — die Natur spielte das Larghetto eines magischen Abends in immer tiefcrn Tönen — als Albano weiter nichts vernahm als ein kleineres blos ans Klängen gemachtes, das aus dem Wasser- Häuschen, dem Lustsitze aller seiner Wünsche, kam und das sterbend mit dem Frühlingstage vertöncn wollte. Aber er konnte nicht crrathen, wer cs spiele; man hält' es herausbringcn können, daß cs Noquairol war, blos weil er nachher, wie ich erzählen werde, nach der April-Sitte seines musikalischen Gelichters, aus dem Pianisfimo in ein zu wildes Fortissimo hinaufsprang. Der vom Vater rclegirte Bruder konnte wenigstens im Wasserhänschcn die thcuere Schwester sehen und trösten und ihr seine Liebe und seine Reue zeigen; wiewol seine stürmische Rene eine zweite nöthig macht und am Ende nur eine frömmere Wiederholung seines Fehlers war. Obgleich die Phantasie Albano's eine Retina des Nni- versums war, worauf jede Wclt sich scharf abmaltc, und sein Herz der Sangboden jeder Sphärenmusik, worin eine umlieft so konnten doch weder der Abend, noch das Larghetto mit ihren Stralcn und Klängen durch die hohen Wellen hindurch, die in ihm sowol die Erwartung als die Sorge (beide verdunkeln die Natur und die Kunst) aufwarf. Das User der Fontaine» umflocht ein grüner Ring von Orangen, deren Blüte im Morgcnlande nach der Sclam - Chiffre Hoffnungen ansagt; aber wahrhaftig eine nach der andern wurde flüchtig, wenn er an die kalte Helle Mutter dachte oder an sein vielleicht leeres Warten. Die Fontaincn sprangen noch nicht — er rupfte wie ein Vorhcrbst immer mehr breite Fächerblättcr aus seiner grünenden spanischen Wand und sah doch durch alle weitere Fenster Lianen nicht über den Kiesweg Herkommen (welches schon darum unmöglich war, weil sie längst im Was- scrhäuschcn bei ihrem Bruder stand) — und er verzagte an ihrer Erscheinung: als dieser plötzlich ins gedachte Fortissimo stürmte, und als alle Fontaine» vor dem Monde rauschende Kränze und Flittersilbcr aufwarfcn. Albano blickte hinaus_ Liane stand droben im Mondenschimmcr hinter dem flatternden Wasser. Welche Erscheinung! — Er riß die Laubcn- zweigc an seinem Angesichte auseinander und schauctc unbedeckt und athcmlos an die heilig-schöne Gestalt! Wie griechische Götter überirdisch vor der Fackel stehen und blicken, so glänzte Liane vor dem Monde, von dem umhcrrinncndcn Wiedcrscheine der silbernen Regenbogen beschattet, und der selige Jüngling sah die junge offne stille Maricnstirn bcstralt, aus der noch kein Unmuth und keine Spannung eine Welle geworfen — und die dünne, zarte, kaum gebogene Augcnbrauncn-Linie — und das Angesicht gleich einer vollendeten Perle oval und weiß 221 — und die losgeringcltc Locke auf den Maicnl'lüinchcn an ihrem Herzen liegend — und den seinen Grazienwuchs, der wie die weiße Bekleidung die Gestalt zu erhöhen schien — und die idealische Stille ihres Wesens, mit der sie statt des Arms nur die Finger auf das Geländer legte, gleichsam als schwebe die Psyche nur über der Lilicnglockc des Körpers und erschüttere und beuge sie nie — und die großen blauen Augen, die sich, indcß das Haupt ein wenig sank, unaussprechlich-schön ausschlugen und sich in Träume und in ferne unter Abeudrö- thcn wicderglänzendc Ebenen zu verlieren schienen. — — Du überglücklicher Mensch! — Dir erscheint die einzige sichtbare Göttin, die Schönheit, so plötzlich mit ihrer Allmacht und von allen ihren Himmeln begleitet, und die Göttin gibt dir den Wahnsinn — die Gegenwart mit ihren Gestalten wird dir unbekannt — die Vergangenheit vergeht — die nahen Töne ziehen aus tiefer Ferne her — die überirdische Erscheinung überfüllt und überwältigt mit Glanz die sterbliche Brust! — Ach warum durfte durch diesen hohen reinen Himmel eine tiefe kalte Wolke ziehen? — Ach warum fandest du die Himmlische nicht früher oder später? —> Und warum mußte sie selber dich an ihren Schmerz erinnern? — Denn Liane -— in deren übcrflortcs Auge nur ein starkes Licht durchsikern konnte — suchte den Mond, den seine eigne Aurora ein wenig verhiug, mit dem wiegenden Kopfe irrend ans, weil sie dachte, ein Liudcngipscl verdecke ihn — und dieses Wanken malte ihm ihr Unglück so Plötzlich mit tausend Farben! Ein schneller Schmerz zertrat seine Augen, daß Thränen daraus spritzten und Funken, und das Mitleiden schrie in ihm: „O du unschuldiges Auge, warum wirst du 222 „verhüllt? Warum wird dieser dankbaren frommen Seele der „Mai genommen und die ganze Schöpfung? — Und sic wirst „vergeblich den Blick der Liebe auf die Mutter und auf die „Freundin und — o Gott! — sic weiß nicht, wo sie stehen." — Aber der Vorhang des Mondes flatterte bald seitwärts, und sic lächelte den Schimmer heiter an, wie der blinde Milton in seinem ewigen Gesänge die Sonne, oder wie ein Irdischer den ersten Glanz nach dem Leben. — Eine Nachtigall, die bisher zwischen weiten Blumen einem leuchtenden Würmchen nachhüpfend den Tönen im Zimmer nur mit einzelnen Wildruscn und Nachschlägen der Freude geantwortet hatte, flog Lianen näher, und die geflügelte Zwcrgorgcl riß auf einmal alle Flötenregister heraus, daß Liane im Vergessen ihrer Blindheit niedcrblicktc, und Albano erschrocken zurücktrat, als sehe sie auf ihn. Da wurde unter den Tönen des Bruders und der Nachtigall ihr blasses, gleich der weißen Federnclke aus den Wangen leicht geröthctes Angesicht zart vom matten Blütcnroth der Rührung überdeckt — die Augcn- licder zuckten öfter über die glänzenden Augen hin — und endlich wurde der Glanz eine ruhige Thränc — cs war keine des Schmerzes, noch der Freude, sondern jene sanfte, worein die Sehnsucht des Herzens überquillt, wie im Frühling überfüllte Zweige unverwundct weinen.- — Im Menschen wohnt ein rauher blinder Zyklope, der allemal in unfern Stürmen zu reden anfängt und uns Zertrümmerung anräth; furchtbar regte sich jetzt in Zcsara die ganze ausgemachte Kraft der Brust, der wilde Geist, der uns auf Kuntursfittigcn vor Abgründe schleppt, und der Zyklope rief laut in ihm: „stürze hinaus — knie vor sie — sag' ihr „dein ganzes Herz — was ist's, wenn du dann auf ewig ver- 223 „lorcn bist, hast du nur cincu Laut dieser Seele vernommen und daun kühle und opfere dich in den kalten Quellen zu „ihren Füßen." — Wahrlich, er dürstete nach dem frischen Bassin, worein die Foutaincn zurückspraugeu --Aber ach vor dieser Sausten, vor dieser Gequälten und Frommen! — „Nein, sagte der gute Geist in ihm, verwunde sie nicht wie- „dcr wie ihr Bruder — o schone, schweige, ehre; daun liebst „du sic." Hier trat er heraus in die erleuchtete Erde wie in einen Himmelssaal und nahm den offnen Sonucnweg, aber leise, Vörden Foutaincn vorüber. Als er vor ihr vorbciging, brnch auf einmal die Arkade aus Tropfen, die sie halb vergittert hatte, zusammen, und Liane stand wolkenlos wie eine reine Luna ohne Nebel-Hof im tiefen Himmelsblau; eine glänzende Lilie *) aus der zweiten Welt, die sich selber das Zeichen ist, daß sie bald in diese fliehe.-O sein Herz voll Tugend empfand erschüttert die Nähe der fremden; und mit allen Zeichen der tiefsten Verehrung ging er vor dem ruhigen Wesen vorüber, das sie nicht bemerken konnte. Erst als ihm mit jedem Schritte ein Himmel entfallen war, und er endlich keinen mehr hatte als den über sich: wurd' er ganz sanft und sreuete sich, daß er nicht kühner gewesen. — Wie glänzt ihm jetzt die Erde, wie nähert sich ihm der Sounenhimmcl, wie liebt sein Herz! — O noch nach vielen Jahren einst, wenn dieser glühende Rosengarten der Entzückung schon weit hinter deinem Rücken liegt, wie wird er *) Sonst glaubte man, daß eine im Ehorstuhle liegende Lilie den Tod dessen bedeute, dem er gehörte. 224 dir, wenn du dich umwendest und darnach blickst, so sanft und magisch als ein weißes Rosenpartcrre der Erinnerung nachschimmern! — Siebente Jobelperiode. Albano's Eigenheit — das Nestclknüpfen der Politik — der Herostrat der Spieltische — väterliches umu-katum sing clausula — gute Gesellschaft — H. von Louvcrot — LiancnS Gegenwart des Geistes und Körpers. 36. Z y k e l. — — 28äre der Lchnprobst von Hafenreffer nicht, sondern nur meine Phantasie: so würd' ich gewiß in meiner Historie fortfahrcn und der Welt als wahr berichten (und das ganze romantische Schreibgelag ließe sich darauf todtschlageu), Albano sei am andern Morgen blind und taub hinter der breit vor- gebundencn Binde des Bandagisten Amor dortgesefscn — er habe nicht mehr über fünf zählen können, außer Abends, an der Glocke, um nachher das Froulay'sche Wasserhäuschen magisch zu umkreisen wie einer, der das Feuer besprechen will, das sich ihm nachschlängelt -— aus den beiden Blaselöchern, womit sentimentale Walisische sich öffentlich auswcinen in Buchlädcn, Hab' er beträchtliche Ströme aufgcspritzt — übrigens Hab' er kein Buch mehr angesehen (ausgenommen einige Bogen im Buche der Natur) und keinen Menschen mehr 225 (einen blinden ausgenommen) --„und unter diesen meinen „Wundzcttcl erotischer Wundfieber (würd' ich am Schlüsse „meiner Lüge sagen) setzt wol offenbar die Natur ihr Sckrets- „Jnsicgcl." Das thut sic nicht, sagt Hafenreffer — nichts wie verdammte Lügen sind's; die Sache ist vielmehr so: Zesara schlich kein zwcitesmal mehr in Froulay's Garten; eine stolze Schamröthe überflog ihn schon bei dem Gedanken an die peinliche, mit der er das erstemal einem mißtrauischen oder fragenden Auge anfgestoßcn wäre. Aber auf diese Weise blieb ihm vor der Heilung die liebe Seele verhüllt wie ihr der Mai; und er quälte sich still mit Berechnungen ihrer Leiden und mit Zweifeln an ihrer Kur. Er schämte sich der Freude während ihrer Traucrzeit und verbot sich den Genuß des Frühlings und den Besuch von Lilar; ach er wußte ja auch, es würde durch den liebenden Frühling und durch das Lilar, wo sie so viele Freuden und die letzte Wunde empfangen, sein Herz zu unbändig werden und zu voll. Sein Durst nach Wissen und Werth, sein Stolz, der ihm bei dein Vater und seinen beiden Freunden in einem rühmlichen Lichte zu stehen gebot, trieben ihn in seine Laufbahn hinein. Mit allem ihm eignen Feuer warf er sich über die Jurisprudenz und machte keinen andern Weg mehr als den zwischen dem Hörsaale und dem Studirzimmer. Zu diesem Eifer zwang ihn ein cigenthümlichcr Trieb nach Kompletirung; alles Unvollendete war ihm beinahe ein physischer Gräuel; ihn schmerzten defekte Sammlungen — abgebrochene Monatsschriften — eingcschlafnc Prozesse — Bibliotheken, weil er sic nie auslescn konnte — Leute, die als Akzcssisten starben, oder in Bau-Planen, oder ohne ein abgcründetcs Dcnksystcm, oder Iea» Paul's ausgkw. WerN. X. 226 als Gesellen, Tuchknappcn und Schuhknechte — und sogar Augusti's Flötenl'lascn, der's nur so beiher mittricb. Es war dieselbe Stärke, womit crPsyche's Flügelpferde den Zügel straff hielt und womit er ihm das Spornrad einstieß; schon als Kind hatte er diese Starke an der Zurückhaltung des Athcms, oder am peinlichen Pressen einer wunden Stelle versucht — und beim Himmel! figürlich that er ja nun beides wieder. In ihm wohnte ein mächtiger Wille, der blos zur Dienerschaft der Triebe sagte: cs werde! Ein solcher ist nicht der Stoizismus, welcher blos über innere Missethäter oder Hämlinge oder Kriegsgefangene oder Kinder gebeut, sondern cs ist jener genialisch - energische Geist, der die gesunden Wilden unsers Busens dingt und bändigt, und der königlicher zu sich, als der spanische Regent zu andern, sagt: Ich, der König! — — Ach freilich — wie konnte seine warme Seele anders? — stand er oft in der Nachmitternacht am lustigen Fenster und schauest voll Thräncn aus die weiße Madonna des mini- sterialischen Pallastes, die der reine Mond versilberte. Ja am Tage zeichnete er oft in sein Souvenir (zufällig war's ein Springbrunnen und eine Gestalt dahinter, weiter nichts) — oder er las im Messias (natürlich fuhr er in dem Gesänge fort, den er schon bei der Ministerin angefangen) — oder er belehrte sich über Nervenkrankheiten (war er bei seinem Stu- diren dagegen gedeckt?) — oder er ließ das Feuer seiner Finger über die Saiten laufen — ja er hätte nichts als Rosen gepflückt, obwol mit Dornen, wäre ihre Blütezeit gewesen. Und diese seufzende schwüle Seele mußte sich verschließen! O er war schon in Sorge, jede Taste werde eine Schriftpunze, das Klavier ein Letternkasten und alle Handlungen verräterisch- 227 leserliche Worte. Denn er mußte schweigen. Die erste junge Liebe hat wie die der Geschäftsleute (die chursächfischen ausgenommen) keine Sprachwerkzcuge, höchstens eine tragbare Schrcibscder mit Dinte. Nur die Weltlcutc, die ihre Liebeserklärungen eben so wiederholen wie Schauspieler, sind im Stande — und ans gleichen Gründen — sie eben so zu pu- blizircn wie diese. Aber in der heiligem Zeit des Lebens wird das Bild der geliebtcsten Seele nicht im Sprach- und Vorzimmer, sondern im dunkeln stillen Oratorium aufgehangen; nur mit Geliebten spricht man von Geliebten. Ach er hörte über seine Himmclsbürgerin ungern sogar andre reden; und er entwich oft (mit dem inncrn Rauchopfcrältar in sich) ans dem Zimmer, worin man für sie eine Rauchpfanne mehr voll Kohlcndampf als Wohlgcruch herumtrug. — 37. Z y k e l. Man erwartete in Pestitz jeden Tag die Zurückkunft des deutschen Herrn, .Nr. cke Lonverot, der in Haarhaar an die fest skizzirtc Vermählung zwischen IniiZi und einer Haarhaar- schen Prinzessin, Jsabella, die letzte retouchircnde Hand gelegt. Augusti war ihm nicht gut und sagte sogar, Lonverot habe keine Iionnütete; *) und erzählte Folgendes, aber mit der weichen Ironie eines Weltmannes. Vor einigen Jahren wurde Louverot in Kapitel-Strci- *) Honnötetä schließet in den hohem Ständen Morden, llsvbon- nststö Lügen re. völlig aus; ausgenommen in einem gewissen Grade. 15 * 228 tigkciten vom Haarhaarschcn Hofe*) nach Rom an den Pabst versandt; gerade zur. Zeit, wo auch IniiZt den gewöhnlichen Römerzug der Fürsten that mit seinen Römer - Zinszahlcn. Nun wollte Haarhaar — das eigentlich schon chapcaubas geht mit dem Hohcnfließer Fürstenhute und das alle mögliche offi- zinellc Aussicht hat, ihn aufzusetzcn — eben darum nicht gern den Anschein geben, als seh' es das Erlöschen des Hohenflic- ster Stammes mit kalten Augen an, um so mehr, da eben der Stammhalter IniiZi gleich in den ersten Jahren kein Held von nervöser Bedeutung war. Ja dem Haarhaarcr Hofe mußte daran liegen, daß der gute dünne Stamm-Hcrbstslor wo möglich anders wicderkäme, als er ausgezogcn war; und eben aus solchen Gründen war von jenem dem Deutsch-Herrn heimlich aufgetragen, dergestalt über alle seine Freuden und Leiden als inkutrs cts pluioiro, zumal bei mrutrL8868 (Is plumim — zu walten und zu wachen, daß man damit zufrieden wäre. War inzwischen Abiturient schon als Fötus eingesessen, so wurd' er leider gar zum punctum oulierm ansgeschliffen zurück- gesahrcn, besonders da er durch mehrere Bocks- und andre Sprünge durch den Reis der Lust verdorben war zu einem Rittersprnnge. Es kann möglich scyn, daß der Deutsch-Herr der Verjüngung des Fürsten zu sehr cntgegenging; ja erkannt der jungmachcnden Wunderessenz des Marquis ä'^/mnr **) nach- gcthan haben, welche eine alte unschuldige Dame, die vom Elixir mehr versalbtc, als gegen ihre Jahre nöthig war, durch das übermäßige Verjüngen zum kleinen Kinde einzog. — - *) Dieser Hof ist katholisch, aber das Land lutherisch, und zu dieser letztem Konfession bekennt sich auch der Hohcnfließer. **) S. des Grasen Lambcrg Tagebuch eines Weltmannes. 229 Kurz, durch diesen Krcuzzug hinter dem Kreuzhcrrn vouverot wird einmal — wie öfters durch Kreuzzüge — der Hohen- sließer Fürstcnsesscl offen zu rechter Zeit, und Haarhaar setzt sich darauf. — — Ich gestehe ungern, daß Albano anfangs— weil bei aller seiner Scharfsicht seine Reinheit eben so groß war — das Faktum nur verworren faßte; als er's aber begriff, war's für ihn Pharmazeutisches Manna, wie für Schoppe israelitisches. „Der Krcuzhcrr (sagte dieser) trägt sein Kreuz nicht „umsonst — cs thut ihm eben so viel Dienst wie den Häu- „scrn in Italien ein daran geschmiertes, es darf beide keine „Seele anpifscn, ob man's gleich in Rom vor jedem Vorzim- „mcr mag." — Nicht lange darnach gingen unsre drei Freunde in der Stunde, wo die Wagen lärmend zum Thee und Spiele rollen, aus der Gaffe, als man vor ihnen eine Sänfte mit dem Sitze rückwärts, worin glcichwol jemand saß, vorübertrug. „Du „heiliger Vater! (rief Schoppe) da drinnen sitzt der leibhafte „Zefisio aus Nom, der mich irgend einmal durchprügcln „muß." — „Leise, leise! (sagte Augusti) das ist der deutsche „Herr; Zefisio ist sein arkadischer Name *)." — „Nun so freu' „ich mich desto mehr, daß ich mit der Rothnasc einmal herzlich schlecht umsprang," sagt' er und kehrte um und begleitete mit untergcsteckten Armen die Sänfte fast zehn Schritte weit, um den Vogel des Bauers bester zu beschauen, bis dieser die Vorhänge vorriß. Albano ertappte darin im Vorüber- *) Wer in die Akademie der Arkadier tritt, nimmt einen arkadischen Namen an. 230 eilen nur einen scharfen gleich einem Dolche gezognen Blick und einen rothglinunenden Nasenknopf. — Schoppe kam wieder und erzählte die Händel in Rom. Nämlich gegen alle Todsünder, Blutschnldner und Sündcnbälgc trug er keinen so bittern Ingrimm als gegen Professions- Bankhalter, Croupiers und Kreon; er sagte, hätt' er cinRan- pcnciscn, womit er dieses Gewürm von der Erde wegschaben, oder eine Kochenille-Mühle, worin er cs zerknicken könnte, er thät' cs ganz lustig; „o Himmel (ries er dann ans), hielt' ich „vollends über den ringelnden verwickelten Wurmstock gerade „meinen ansgestrccktcn Fuß (und wäre auch das Podagra dar- ,,an), freudig stieß ich ihn darein und träte den Bettel ans." — Was er aber konnte, that er. Da er sein eigner Rcisc- dicner und eine in ganz Europa hin- und herfahrcnde Laufcr- spinnc war: so hatt' er recht oft die Freude, diese Pharao- Blattwicklcr und Blattminirer unter die Finger zu bekommen — ihr Schcingenosse zu werden — ihre Kriegslisten einzn- lcrnen — und dann irgend ein Fcuerrad in ihre zischende Schlangcnhöhle zu rollen. Ich bin nicht näher unterrichtet, ob man cs in Leipzig weiß, wer der Rädelsführer war, der vor kurzem in der Messe eine Vexir-Polizei mit Schein-Stadt- knechten spielte und eine Bank aufhob; -— wenigstens waren die Banqnicrs darüber irrig, weil sie den andern Tag der wahren Polizei aufwartetcn und um einige Jndnlgenzen und Un-Rechtswohlthatcn anbettelten; aber ich bin hier im Stande, den Dicbsfänger zu nennen: Schoppe war's gewesen.- Die Beute legt' er meistens zu neuen Fladderminen unter Pharao-Tischen an. Mit Zcfisio hatt' er's anders gekartet. Er trat vor dessen Bank und sah einige Minuten zu und belegte endlich ein 231 Blatt mit einem Schildlouisd'or. Es gewann, und er zeigte hinter der Karte eine lange Roll von Louis. Louverot wollte diese Rolle nicht bezahlen; „er habe (sagt' er) nichts gesehen." Wozu sitzt Ihr Croupier denn dort? sagte Schoppe und erklärte sie für Betrüger, wenn sie nicht zahlten. Man zahlte ihm, um großen: Schaden zu vermeiden, den Gewinnst. Er nahm ihn kalt und schied mit den Worten an die Pointeurs: „meine Herren, Sie spielen hier doch mit ausgemachten Betrügern; aber bloS weil ich sic kenne, haben sic mich bezahlt." Unter dem Steif- und Blaßwerdcn der Interessenten ging er langsam mit seiner breitschultrigen gedrungnen Figur und mit seinem Knotcnprügel unversehrt davon.- Augusti wünschte von Herzen — der Verfolgung wegen — daß Uouverot den Bibliothekar nicht mehr kenne. Zn Hanse fanden sie eine Einladung vom Minister aus Thec und Souper: „die arme Tochter! (sagte Augnsti) dieses Louverot „wegen muß die Halbblinde morgen an die Tafel." — — Jndcß sieht sie doch unser Jüngling endlich wieder, und nur ein Frühlingstag sondert ihn vom theuersten Wesen ab! — Hat Augnsti Stecht: so trifft meine Bemerkung hier ein, daß ein guter Filou immer der motivirende Hecht wird, der den frommen Karpfcnsatz der Stillen im — Teiche zum Schwimmen bringt; die versteckte Blattcrmaterie, die kalte Kinder aus einmal lebendig macht. 38. Z y k e l. Liancns Augen heilten, aber nur langsam, die Natur wollte sie nicht auf einmal aus ihrem düstern Kerker in die Sonne führen; jetzt konnte sic erst, wie die Philosophen, mehr 232 Licht als Gestalten erkennen. Gleichwol gal' der Minister den Kabinctsbefehl, sie müsse übermorgen die Harmonika spielen, bei dem Sonper erscheinen nnd sogar den Sallat machen und dabei ihre Blindheit maskiren. Er befahl zuweilen unmögliche Dinge, um so viel Ungehorsam zu finden, als sein Zorn znm Bestrafen brauchte; gewisse Leute sind den ganzen Tag schon im Voraus voll Acrgcr für irgend eine Zukunft, gleich dem Urinphosphor, der immer unter dem Mikroskope kocht, oder den Eisenhütten, worin jeden Tag Feuer auskommt. Die Ministerin sagte dazu ein sanftes festes Nein. Ucbcr die Harmonika, sagte sic, habe sie in seinem Namen den Doktor gefragt, der cs streng verboten, nnd das Ucbrigc sei eine Unmöglichkeit. Hier könnt' er schon, so gut wurd' cs ihm, über mehrere Dinge ungehalten werden, besonders über das Fragen des Doktors, das aber gar noch — nicht geschehen war; er wurde toll genug und schwur, er handle nach seinen Prinzipien und frage den Teufel nach fremden. Dieses Prinzip war dasmal der deutsche Herr. Die obige Anekdote nämlich — Uouverots Fürsorge für den reisenden Erbprinzen — oder die Absicht dabei war, an beiden Höfen affemblec- nnd tafclsähig, und nur dem Fürsten Uuizi verdeckt; denn an Thronen gibt cs fast für niemand Geheimnisse (kaum für seine Frau) als für den, der daraus sitzt, wie in Schallgcwölben die Leute in fernen Winkeln alles laut vernehmen, nur der nicht, der in der Mitte steht. Der deutsche Herr war also im Hohcnflicßer Systeme die wichtige Pfortader nnd Lungenpulsadcr, womit auch Fronlay sich wässern wollte. Dieser mußte durchaus der Gegenwart und den Zn- 233 kunst oder zweien Herren dienen, von denen der Haarhaarer sehr bald seiner werden konnte. Lonverot war nicht blos an Froulay den Minister, sondern anch den Vater geknüpft; ein Mann wie er, der sich aus Italien, ein ganzes Knnstkabinct nachfahren lasset, und dessen Kunst-Kenntnisse eben ihn und den Fürsten so lange verknüpfen, mußte eine Madonna von solcher Karnazion wie Liane und aus der römischen Schule und die noch dazu von der Leinwand abgclöset sich als eine volle athmendc Nose bewegte, ein solcher mußte dergleichen zu schätzen wissen. Heirathcn könnt' er die Rose nicht wollen, da er deutscher Herr war. Er hatte sie seit seiner welschen Reise nicht gesehen — der Graf auch nicht — beiden wollte sie der Minister zeigen als eine Zahlpcrlc von besonderer Weiße und Figur. Froulay hatte — was überhaupt öfter ist, als man denkt — gleich viel Eitelkeit und Stolz; diesen gegen Tadel, jene für das Lob. Aber ich müßte nun ein Tnrnicrbuch schreiben, um sein Toben, Rennen, Lanzenstoßen in einem Gefechte, wo er unter den Fahnen der Feindschaft, der Eitelkeit und Habsucht diente, nur zum Theil auf die Nachwelt zu bringen. Er war so wenig todt zu jagen als ein Wols. Alle Waffen waren ihm gleich, und er nahm immer schärfere und giftigere. In den alten gerichtlichen Zweikämpfen zwischen Mann und Frau stand gewöhnlich der Mann bis an den Magen in einem Loche, um seine Stärke zur weiblichen hcrabzubringen, und sie schlug gegen ihn mit einem in einen Schleier gewickelten Stein; in den ehelichen aber scheint der Mann im Freien zu stehen und die Frau in der Erde und hat oft nur den Schleier ohne den Stein. — — In diesem Gefechte stellte sich ein glänzender Friedens- 234 engel zwischen beide und fing die Wunden auf, nämlich Liane, Die Tochter, die eine schwärmerische Liebe für die Mutter und die weibliche Achtung des stärkern Geschlechts für den Vater hatte, und die so unendlich unter dem Zwiespalte litt, fiel der Mutter um den Hals und bat fie, ihr das zu erlauben, was der Vater fordere — fie wolle alles gewiß so machen, daß man nichts merke, sie wolle sich recht anstrengen und vorher besonders üben —. ach er werde sonst ihrem armen Bruder nur noch ungewogcner — diese Uneinigkeit blos ihretwegen sei ihr so schmerzlich und vielleicht schädlicher als das Harmonika-Spiel. „Mein Kind, du weißt (sagte die Mutter, denn jetzt „hatte fie gefragt), was gestern der Arzt gegen die Harmonika „gesagt hat; das andere kannst du wagen!" Liane küßte sie freudig. Man mußte sic zum Vater führen, damit sie vor ihm die Freude ihres Gehorsams lautmachte. „Ich dank' euch's „mit dem Henker (sagt' er sanft), es ist eure verfluchte Schuldigkeit." — Sie ging mit zerstobener Freude, aber ohne große Schmerzen, sie war es schon gewohnt. 39. Z Y k e l. Der Lektor bat Albano noch auf dem Wege zum Minister, das Feuer seiner Behauptungen und seiner Pantomime zu mäßigen. Er machte ihm vom Hauskriege nur so viel bekannt, als nöthig war, damit er nicht Lianen durch den Wahn der Heilung in Verlegenheit setze. Als sie ins Spielzimmer traten, war schon alles im Feuer. Da ihm jetzt niemand präscntirt wird: so muß ich es thun; cs sind Jünger (wenigstens Zwölfte) des Ministers. 235 Zuerst stelle ich dir den H. Justizpräsidenten von Land- rock vor, eine gute Apothckerwage der Themis, die Skrupel auswägt, und worin keine falsche Gewichte liegen, ater, was eben so schlimm ist, viel Schmutz, Reste und Rost. Die am L'Hombretisch daneben sind die Herren und Frauen von Vay, Flöl und Kob, glatte seine Seelen, die wie Mineralien in Kabinetten auf der Schaufelte abpolirt sind, nur aber auf der verborgnen Basis noch eckig und kratzend. Geh mit mir an den Eingang des andern Zimmers; hier Hab' ich dir zu präscntiren den jungen, aber fetten Domherrn von Meiler, der, um seinen inncrn Menschen mit einem dicken warmen äußern zu bekleiden und auszuschlagcn, jährlich nicht mehr Bauern abzurinden braucht, als der Russe Lindcnstämme für seine Bastschuhe abschindet, nämlich 150. Das Zimmer, worein du sichst, präsentir' ich dir als ein Fliegcnglas voll Hosbcdicnte, die, um ins Himmelreich zu kommen, nicht blos Kinder, sondern gar Embryonen von vier Wochen wurden, die bekanntlich aussehcn wie Fliegen; sie wollen, wenn Swift von seinen Bedienten nichts begehrt als das Zumachen der Thürcn, nichts von ihrem Brodhcrrn als das Offen lassen derselben. Ich habe die Ehre, dir dort -— es ist der, der nicht spielt >— den H. Kirchcnrath Schäpe, der Obcrhofprcdiger werden will, vorzustcllen, einen weichen Hallunken, der die Samenkörner des göttlichen und menschlichen Worts wie Melonenkerne (sic sollen dadurch früher in den Herzen aufgchcn) so lange in gezuckertem Weine einweicht, bis sic in jenen verfaulen; ein geistlicher Herr, der in seinem Leben nie andre Bitten that als die beiden, die er stets ab sch lägt, die vierte und die fünfte. — 236 — Aber der Lektor wird dir im Fenster ja alle Herren und Damen kalt, leise und ohne Pantomime nennen. Jetzt führt dich der Minister selber einem spielenden Herrn mit einem Kreuze zn, der Wasser mit Salpeter trinkt und immer den dürren Mund beleckt; es ist Lonvsrot— jetzt steht er vor dir auf; betrachte das kalte, aber kecke und schneidend-geschliffne Auge, dessen Winkel eine offne Blechschcere oder ausgestellte Falle scheinen — die rothc Nase und den harten lippcnlosen Mund, dessen röthlichc Krcbsschcere sich abgewetzt zusammcnzwickt -— das aufgestülpte Kinn und die ganze stämmige feste Figur. Albano überraschet ihn nicht, er hat alle Menschen schon gesehen und er fragt nach keinem. Der Minister erquickte den in sich verworrenen Jüngling mit der Verheißung, bei dem Souper wcrd' er ihm seine Tochter vorstellen. Er bot ihm ein Spiel an; aber Alban versetzte mit einem zu jugendlichen Akzent: er spiele nie. — Er konnte nun die Spicltischgasscn durchstrcichen und alles besehen, was er wollte. In einem solchem Falle postirt man sich, wenn man niemand in der Gesellschaft ansstehcn kann, gerade vor oder neben das Gesicht, das man am meisten anfeindet, um sich über jedes Wort und jeden Zug des Gesichts heimlich zn crargcrn. Albano hätte viele Gesichter gehabt, die wenigstens in einem kleinen Grade nicht zu leiden waren und zu denen er sich hätte stellen können — ja cs wären keine hinlängliche Gründe anzugcbcn, warum er nicht einen gewissen ansgcspclztcn eingetrocknetcn Klcistcraal, einen Schwächling voll Impertinenz in Einem fort angesehen hätte, da dieser mit einer Flügclbrille die ausgehenden Kartengcstirne ob- servirtc, indes Albano die Fühlhörner seiner Sehnerven bis zu den Kartcnfarbcn des zweiten Zimmers ausstrccken konnte 237 — es wären keine Gründe dagewcscn, wäre nicht der deutsche Herr dagcwescn; vor diesen mußt' er sich stellen; von diesem wußt' er das Meiste und Schlimmste; dieser stand ja mit Schoppe in weiter Verbindung, sogar mit Lianen-Verdammt! neben gewissen Gesichtern krümmen und mausern sich die Seelcnschwingen, wie neben Adlerkielcn Schwanen- und Taubcnfedern zerfallen; allen schuldlosen Gefühlen in der so geräumigen Brust Albano's wnrd' es so unruhig und eng wie einem Tanbcnflngc, in dessen Schlag man einen Jltis- schwanz geworfen. Ich darf cs nicht verhehlen, er murrte und grollte innerlich über alles, was der Mann that und hatte — dieser mochte nun Finger tragen, deren Spitzen feingcschabet waren für das Pharaospicl, und deren Nägel von einem ganz noch schlimmem Hazard spiele sich etwas abgcblättcrt hatten — oder er mochte zuweilen durch die Haare der Augen- brauncn blicken — oder (nur Einmal) eine Mücke durch ein schnelles Schnappen der Lippen crquctschcn wie die Fliegenfalle — oder bald eine deutsche, bald eine gallische Zeile sagen, was ich doch von guten Zirkeln erwarte, indcß nur schlechte kein deutsches Wort Vorbringen, wenige solche wie Imlmgiienet, Lunik (Kneif), dimmlnot (Bier am Brod) ausgenommen -genug, er dachte immer an Schoppe's schönen Ausspruch: „es gibt Menschen und Zeiten, wo einen „rechtschaffenen Mann nichts mehr erquicken könnte als — „Prügel, die er gäbe." Duclliren ist eben so gut, meinte der Graf. Jndeß muß er hier entschuldigt werden durch eine Autorität. Nämlich selber Schreiber dieses — sonst ein so weiches warmes Schwanenfell — wurde immer zu einem völligen Kampfhahne hinter Spiel-Sesseln und spreizte den kratzenden struppigen Flügel weiter auf, je langer er müßig zusah; der Grund ist der, weil man überhaupt nur die Menschen immer leidlicher und besser findet, mit denen man einerlei treibt und will. Albano wünschte sich herzlich seinen Waffenbruder Schoppe her; er ging zwar oft zu Augusti, sich ausznschütten; aber dieser linderte stets; ja er schnitt ihm durch die Verflechtung mit dem Kirchcnrathc die Gelegenheit ab, seine jugendliche nnerfahrne Seele Horchern zu vcrrathcn. Auch wählte der Lektor nachher auf eine halbe Stunde — was Hausfreunde oft thun in Abwesenheit der Haussreundinncn — letztere (die Abwesenheit). Der Graf stand einige Zeit hinter vonverots Sessel und sah in einen innen mit grotesken Bildern lackirten flncsischcn Spiegel, und veränderte seine Stellung solange, bis er darin Zcfisio's Gesicht hart neben einem gemalten Drachen stehen hatte zur bloßen Vergleichung — das alles fiel vor, aber mit immer stärkern Herzschlägen für Lianen unterbrochen — — als die Bedienten die Thürcn öffneten zu dem Spcisesaale, und ihm nun das Herz bis zum Schmerzen pochte, und seine ohnehin so jugendlich-blühende Gestalt ganz voll Rosen der frohen und verschämten Röthe hing. 40. Z y k c l. Schnellathmcnd und glühend machte er sich in die bunte Wandel-Reihe mit irgend einer alten Dame hinein, die ihn eitel mißverstand und auf einmal als eine Armschnallc mit Ressort an seinem Arme hing und die nichts von ihm erhielt als — Antworten. Mit durchfliegenden Blicken trat er in den Hellen wie aus Licht krystallisirten Saal voll Köpfe. Er antwortete eben, als er im Tumulte hinter sich das leise Wort vernahm: „ich höre ja den Bruder" -— und sogleich die leisere Wiederlegung: „es ist mein Gras."— Er drehte sich um— zwischen dem Lektor und der Mutter stand die liebe Liane, der verschämte erschrockne blaßrothc Engel im schwarzen Scidcnklcide, das nur der blinkende Frühlingsrcif einer silbernen Kette über- licf, und mit einem leichten Bande im blonden Haar. Die Mutter stellte sic ihm blos vor, und die zarte Wange blühte röther ans — denn sie hatte ja die gleichen Stimmen des Gastes und des Bruders vermengt — und sie schlug die schönen Augen nieder, die nichts sehen konnten. Ach Albano, wie zittert dein Herz so sehr, da die Vergangenheit zur Gegenwart, die Mondnacht zum Frnhlingsmorgcn wird, und da diese stille Gestalt in der Nähe noch allmächtiger wirkt als in jedem Traume! — Sie war ihm zu heilig, als daß er vor ihr über die scheinbare Heilung hätte lügen können; er schwieg lieber — und so kam der wärmste Freund ihres Lebens zum erstenmalc nur verhüllt und stumm zu ihr. Der Lektor führte sie bald weg an ihren Sitz unter dem zweiten Lüstre — ihr gegenüber saß die Mutter (wahrscheinlich darum, damit die gute unwissende Tochter, die doch nicht immer die Augcnlieder senken konnte, diese freundlich und mit Anstand gegen ein geliebtes Wesen heben durste) — der deutsche Herr, als Bekannter, setzte sich ohne Weiteres zu ihrer blechten, Angnsti zur Linken — Zcsara als Gras kam oben weit hinauf neben die höchste Dame.- Der Henker hol's! — das ist leider so oft mein eigner Fall! Ich behaupte oben den Ehrenplatz — und bemerke 240 unten eine Meile von mir die Tochter, aber als Myops nur halb, und kann den ganzen Abend nichts machen.— Rangirt mich doch nngcschcnct hinunter zu ihr — ihr habt mit nichts weniger als einem aufgeblasenen Manne zu thnn — warum sollen denn auch ans der Erde, wie im Himmel, gerade die größten Wandelsterne am weitesten von ihrer Sonne ab- sitzcn? — Ich ziehe jetzt die Leser an des Ministers Tafel, nicht um ihnen die ministerialische auf Habsucht eingeimpfte Pracht oder seinen zwischen das Parallellineal der Etiqncttc cingc- spcrrten Ehrcntanz oder auch dessen Familienwappcn zu zeigen, das aus jedem Wärmteller und Salzfaß und mit dem Eise und Senfe herumgcgcbcn wurde — uns sei die Allgegcnwart des Wappenwcrks auf seinen Blumentöpfen, Hemden, Bctt- schirmen, Hnnds-Kravattcn und Gedanken genug — sondern der Leser soll jetzt nur aus meinen Helden sehn. Sehr sticht er hervor. Ucbcr einen solchen Ankömmling hat man in einer Residenzstadt noch früher, als er dem Schwager das Trinkgeld gegeben, schon alles mögliche Licht der Natur und der Offenbarung; 1!) Anwesende waren als seine moralischen Schrittzähler an ihm fest gemacht. Die Kühnheit seines Wesens und sein Rang ersetzten bei ihm die Welt; und diese vermißte man nirgends als darin, daß er keinen andern Antheil nahm als den stärksten, und daß er sich immer in allgemeine und wcltbürgerliche Betrachtungen verlief. Aber seht doch — o ich wollte, Liane könnt' es sehen — wie die Nosenglut und das frische Grün seiner Gesundheit unter den gelben Maroden des Jahrhunderts glänzt, denen wie Schiffen an der afrikanischen Küste der Jugend alles zusammcnhaltcnde Pech abgefloffcn war — und wie ihn das Wangcnroth der 241 geistigen Gesundheit, ein zartes immer wiederkommendes Er- röthen (ans Sorge um Lianen), schmückt, indeß mehrere Weltleute am Tische gleich der Baumwolle alle Farben leichter anzunehmen scheinen als die rothe! Er schauetc und horchte, wider die Ordnung des Visitcn- Heils, zu sehr Lianen zu. Sie aß, unter dem höhcrn Rothe der Furcht, fehlzugreisen, nur wenig, aber unbefangen; der Lektor sperrte ihr mit leichter Hand den kleinsten Irrweg zu. Was ihn wunderte, war, daß sie ein so empfindliches und so leicht weinendes Herz mit einer so unbefangnen Heiterkeit des Angesichts und des Gesprächs bedeckte —- — junger Mann, das ist bei den weichsten Mädchen, ohne Schmerzen der Liebe, kein Bedecken und Verstellen, sondern Genuß des Augenblicks und gewohnte Gefälligkeit! — Sie behielt so besonnen die (wahrscheinlich vorher gelernte) Rangordnung der bekannten Stimmen, daß sie ihre Antwort nie gegen eine falsche Stelle richtete. Sie blickte aber oft zu ihrer Mutter mit vollen Augen auf und lächelte dann noch heiterer, aber nicht um zu täuschen, sondern aus rechter herzlicher Liebe. — Anlangend ihren Sallat, so würde die beste und tafelfähigste Leserin, die ihn mischen sehen, mehrere Gabeln davon nehmen. Ungemein gut ließ cs, da sie ernster und röther vor der blauen Himmels-Halbkugel aus Glas die Handschuhe abzog — mit weißen Händen und mit geschmeidigen Armen, ohne eine seidne Falte, zwischen dem gläsernen Blau und seidenem Schwarz im Grünen arbeitete — bedächtlich nach dem Essig- nnd Oelgestelle fastete und so viel zugoß, als ihre Uebung (und der verzifferte Rath des Lektors; wenigstens scheint mir's so) gebot.-Beim Himmel! das Machen ist hier der Sallat; und der eitle Minister, der sich nicht auf Gemälde Jean Pauvs ausgcw. Werke. X. lg 242 Verstand, hatte viel Einsichten in Dingen, die zu Gemälden taugten. Die Mutter schien kaum aus die Blätter-Mengerei hinzu- schen. --Dem Grasen schien heute die Ministerin nur Welt und keine fromme Strenge zu haben; aber er kannte noch nicht genug jene Hellen Weiber, die Feinheit ohne Witz, Empfindung ohne Feuer, Klarheit ohne Kälte haben; die von den Schnecken die Fühlhörner, die Weichheit, die Kälte und den stummen Gang entlehnen und die mehr Vertrauen verdienen und fordern als erhalten. Nun trat Zefisio als ein Engel unter drei Menschen im feurigen Ofen ein, aber als ein schwarzer. Dem Grafen war dessen Nahesitzcn und jedes Wort zu ihr ohnehin eine Kreuzigung — nur von ihr zu ihm mit dem Blicke zu gehen war schon ein Jammer, wenig verschieden von dem, den ich haben würde, wenn ich in Dresden einen Tag im Antiken - Olymp der alten Götter znbrächte und dann bei dem Hcrausgehen in ein Refektorium voll geschwollncr Mönche oder in ein Na- turalicnkabinct voll ausgcstopstcr Malcfikantcn-Bälge und ein- marinirtcr Fötus-Kanker gcriethe. — Jndeß wurde er doch dadurch beruhigt — nach meiner Meinung nur getäuscht — daß der deutsche Herr nicht neben ihr lyrisch loderte, noch im Himmel oder außer sich war, sondern bei sich und ganz gesetzt und sehr artig. Aus keine Tauben, Gras, — frage die Land- — schießen die Habichte öfter nieder als auf glänzend- weiße! — Der deutsche Herr brachte jetzt eine Tabatiere hervor mit einem niedlichen Gemälde von Lilar und fragte Lianen, wie cs ihr gefalle; ihm gefalle daran das Scntimentalischc vorzüglich. 243 Der Lektor erschrak, bog sich dem Dosenstücke entgegen nnd jagte einige Urtheile voraus, die die Halbblinde in den ihrigen sichren sollten; aber nachdem sic damit ein paarmal schies gegen die Lichter und nahe vor ihren Angen vorbeigefahren war, konnte sie selber das eigne fällen, daß das von der Halbuntcrgcsunkcncn Sonne angcstralte Kind, das unter dem Triumphbogen eine Blumcnkcttc in die Höhe zieht, nach ihrem Gefühle „so gar lieblich" sei. Hier kam — und ich habe denselben Fall an einer halbblindcn Frau*von mächtiger Phantasie nnd offnem Kunstsinne bemerkt — die Anstrengung und der Kunstsinn oder das geistige Auge dem leiblichen aus halbem Wege entgegen. — Die Dose wurde wie ihr Taback weiter präscntirt und stieg hinab zum Kunstrath Fraischdörfer — dem jetzt die Kunstlicbe des neuen Fürsten und die Kunstgelehrsamkeit des Günstlings neue Kronen aufsetzten; — er rügte nichts als das Blütcnwciß: „der Frühling (sagt' er) ist „wegen seines verdrießlichen Weißes ein leeres Monochroma; „ich habe Lilar nur im Herbste besucht." — „Wir können ja „den Nachtigallengesang auch nicht malen, und hören ihn doch" sagte Liane heiter: er war ihr Lehrer und jetzt in der malerischen Technologie sogar ihres Vater seiner. Ucber allen ihren Kenntnissen und innern Früchten nnd Blüten war die Rose des Schweigens gemalt; daran hatte sic der gebieterische Vater überhaupt gewöhnt, und vor Männern besonders; in. welchen sic immer kopirtc Väter furchtsam ehrte. — Als die Landschaft zu Albano kam und er jene Frühlings-- nacht verkleinert vor sich hielt, wo ihm Lilar und der edle Greis so zaubernd erschienen — und da er berührte, was die liebe Seele angerührt — und da in der scinigcn alle Wohl- 16 * 244 laute zitterten: so griff wieder der Teufel einen dissonirenden Septimcnakkord: „Der Fürst, gnädiger Herr, (sagte der Minister zum deutschen Herrn) wurde gestern heimlich beigesetzt; schon in acht „Tagen haben wir das öffentliche Begräbniß. Wir müssen „eilen, weil die Suspension der Hoftrauer so lange dauert, bis „dieHnldignng am Himmelfahrtstagc vorüber ist." Ich bin zu feurig, mich über den ewigen Zeremonienmeister Frou- lay auszulasscn, der auf der Sonne Laternensteuer eingetrieben hätte und Brückenzoll vor Parks- und Eselsbrücken; aber Albano, von so vielen inner» Seiten- und Streiflichtern geblendet — erinnert an Linnens Trauer über den alten Mann, an seinen Geburtstag, an das Herz ohne Brust und an den Wahnsinn der Welt — war nicht im Stande, so sehr er sich vorgesetzt, in Sanstmuth und Lammskleidern vor Fronlay zu erscheinen, letztere anzubehaltcn: sondern er mußte (und lauter als er meinte) gegen seinen Gegennachbar, den Kirchenrath Schäpe, mit zu großer Jugcnd-Ergrimmung — (die durch das nach der Brudcrstimme sehnsüchtige Znhören Lianens nicht kleiner wurde) sich erklären gegen viel — gegen das ewige todte Vexirlcben der Menschen — gegen den zeremoniellen Hohn einer entseelten Gestalt — gegen dieses Darben an Liebe blos aus Vorspiegeln derselben-ach, sein ganzes Herz brannt' auf seiner Lippe. . . . Der redliche Schäpe, den ich oben einen Hallnnken genannt, trat ihm mit mehreren Mienen bei. — Aber ich gar nicht; Freund Albano! du mußt erst noch lernen, daß die Menschen, in Rücksicht der Zeremonien, Moden und Gesetze, gleich einem Zug Schafe, iusgesammt, wofern man nur den Leithammel über einen Stecken setzen lassen, an der Stelle des Sta- 245 bes, den man nicht mehr hinhalt, noch aus Vorsicht aufsprin- gcn; — und die meisten und höchsten Sprünge im Staate thnn wir ohne den Stecken. Aber ein Jüngling wäre mittelmäßig, der das bürgerliche Leben sehr zeitig lieb hätte; so gewiß auch er und wir alle über die Fehler eines jeden Amtes zu bitter richten, das wir nicht selber bekleiden. Die Gesellschaft hörte schweigend zu und wunderte sich aus Artigkeit nur innerlich; auf LiancnS Gestalt trat weicher Ernst. Man stand auf — die Enge verschwand — sein Eifer auch; aber ich weiß nicht, kam cs von der Trunkenheit des Sprechens oder des liebenden Auschaucns, oder von einem jugendlichen Ucbcrspringen der Visitcn-Zäunc — (von Mangel an Lebensart kam's aber nicht her) genug das Faktum ist nicht zu läugnen (und ich thu' auch am besten, es geradezu zu geben), daß der Graf die arme alte von ihm hcrgesührtc Dame —- Hafenrcffer weiß selber nicht, wie sie heißet — stehen ließ und, ich glaube unbewußt, zum Führen Lianen nahm. — Ach diese! Was soll ich sagen von der magischen Nähe der geträumten Seele — vom leichten Anstiegen ihrer Hand, das nur der Arm des iuncrn Menschen, nicht des äußern spürte — von der Kürze des Himmclsweges, der wenigstens so lang hätte scyn sollen als die Fricdrichsstraßc? >— Wahrhaftig, er selber sagte nichts — er dachte blos ans abscheuliche Jnhibi- torial-Zimmcr, wo ihre Scheidung vorfallen mußte — er zitterte unter dem Suchen eines Lauts. „Sie haben wol (sagte Liane leicht und offen, die gern die befreundete Stimme, zumal nach der warmen Rede, hörte) unser Lilar schon besucht?" — „Wahrhaftig nicht, aber Sic?" sagt' er zu verwirrt. 246 „Ich und meine Mutter wohnten gern in jedem Frühlingc „da." — Nun waren sic im Scheide-Zimmer. Leider stand er so mit ihr, die nichts sah, einige Sekunden fest und sah geradeaus, willens, etwas zu sagen, bis die Mutter ihn aufwcckte, die für ihre von dem ganzen Abend so genährte Liebe eifrig eine abgetrennte Stunde am Tochterhcrzen suchte. — Und so war alles vorbei; denn beide schwanden wie Erscheinungen weg. Aber Alban war wie ein Mensch, den ein herrlicher Traum verlasset und der den ganzen Morgen so innig-selig ist, aber ihn nicht mehr weiß. — Und wie, steht ihm nicht Lilar offen und sieht er's nicht gewiß, sobald nur Liane cs auch sehen kann? — Nie war er sanfter. Der aufmerksame Lektor legte in dieser warmen fruchtbaren Säczeit einigen guten Samen ein. Er sagte, als sic miteinander noch in die Mondnacht hcraus- sahen, Albano habe heute fast blos stachlichte und sperrige Wahrheiten vorgebracht, die nur erbittern, nicht erleuchten.— Zu einer andern Zeit hätt' ihn der Gras befragt, ob er's wie Froulay und Uouvorot hätte machen sollen, die einander ganz tolerant Thescs und Antitheses vortrugen wie ein akademischer Respondcnt und Opponent, die vorher bei einander logische Wunden und Pflaster von gleicher Länge bestellen, — aber heute war er ihm sehr gut. Augusti hatte so delikat und liebreich für Mutter und Tochter gesorgt — er hatte ohne Schwärzen und Schminken viel Gutes, aber nicht hastig, gesagt und man hatte seinem Auseinandcrsctzcn ruhig zugchört — er hatte weder geschmeichelt, noch beleidigt. Albano versetzte also sanft: „aber erbittern ist doch besser, lieber Augusti, als cinwiegcn. — 247 „Und wem soll ich denn die Wahrheit sagen als denen, die „fie nicht haben und nicht glauben? —> Doch nicht den an- „dern?" — Man kann jede sagen, sagt' er, aber man kann nicht jede Art und Stimmung, womit man sie sagt, zur Wahrheit rechnen. „Ach!" sagte Albano und blickte hinauf; unter dem Sternenhimmel stand wie eine Schutzheilige die Marmor-Madonna des Pallastes sanft beglänzt — und er dachte an ihre Schwester — und an Lilar — und an den Frühling — und an viele Träume — und daß sein Herz so voll ewiger Liebe sei, und daß er doch noch keinen Freund und keine Freundin habe. — Achte Jobelp eriode. 1,8 xotit lover des v. Spher — Steig nach Lilar — Waldbrücke — der Morgen in Arkadien — Chariten — Lianens Brief und Dankpsalm —^ empfindsame Reisen durch einen Garten — das Flötenthal — über die Realität des Ideals. 41. Z y k e l. j^Hch bin in voriger Nacht bis gegen Morgen anfgesesscn — denn ich kann keinen fremden Dcchiffreur darüber lassen—um die Jobelpcriode bis zum letzten Worte zu entziffern, so fest hielt mich ihr Reiz; ich hoffe aber, da schon das dünne Blät- 248 terskelet aus HafenrcffcrS Hand so viel that, so soll jetzt das Blatt, wenn ich seine Adern mit Saftfarben und gleißendem Grüne durchziehe, vollends Wunder thun. Mit dem Grafen stand es seit dem letzten Abend betrübt. Denn die duldende bescheidne Gestalt, die er gesehen, glänzte, wie der Vorsatz einer großen That, allen Bildern seiner Seele vor, und in seinen Träumen und vor dem Einschlafen ward ihre holde Stimme die Philomele einer Frühlingsnacht. — Dabei hört' er noch immer von ihr sprechen, besonders den Phyfikus, der jeden Tag weitere Fortschritte der Angenkur verkündigte und zuletzt Lianens Abreise nach Lilar immer näher stellte -— (Von einer Geliebten aber hören, ist, sei es immer etwas Gleichgültiges, weit mächtiger als an sic denken) — Er hörte ferner, daß ihr Bruder sich seit der Ermordung ihrer Augen der ganzen Stadt entzogen, in welcher er nicht wieder erscheinen will als auf einem sogenannten Frcndenpferde bei der Fürstcnleichc — — Und um dieses Eden, oder vielmehr um die Schöpferin derselben, war eine so hohe Gartenmauer gezogen, und er ging um die Mauer und fand kein Thor.- Verhaßteres kenn' ich nichts als das; aber in welcher Residenzstadt ist's anders? Schrieb' ich jemals einen Roman (wozu es keinen Anschein hat), das bcthcur' ich öffentlich, vor nichts würd' ich mich so hüten als vor einer Residenzstadt und vor einer stiftssähigen Heldin darin. Denn die Konjunkzion der obcrn Planeten trägt sich leichter zu als die hoher Amanten. Will Er ein Wort mit Ihr allein reden am Hose oder beim Thce oder bei ihrer Familie, so steht der Hof, die Thee- gesellschaft, die Familie dabei; — will Er Ihr im Park aus- stoßcn, so reiset Sie, wie die sincfischcn Kuriere, doppelt, weil 249 man dm Mädchm gern das Gewissen, wie die Natur alle wichtige Glieder, doppelt gibt, wie gutem Weine doppelten Boden; — will Er Ihr zufällig wenigstens auf der Gasse begegnen, so schreitet (wenn diese in Dresden liegt) ein saurer Bedienter hinterdrein als ihr Pcstessig, Scclensorger, curntor oexus, clie- xnlier ll'Ilvnnaur, Sokrates-Genius, Kontradiktor und Pesti- lenziarius — — Hingegen aus dem Lande läuft (das ist alles) die Psarrtochter, weil der Abend so himmlisch ist, um die Psarrfeldcr spazieren, und der Kandidat braucht nun weiter nichts zu thnn als Stiefel anzuziehen. — Wahrlich unter Leuten von Stande scheint der Mantel der (erotischen) Liebe anfangs ein v. Fausts Mantel zu sehn, der alles zu überfliegen schwört, indeß er blos alles überdeckt; allein am Ende steht einem das Schrcckhorn, der Pilatusberg und die Jungfrau vor der Nase. Seliger Held! Am Freitage kam der Lektor und rcferirte, am Montage werde der Höchstselige — nämlich dessen leere Särge — beigesetzt, und Roquairol reite das Frendcnpferd — und Liane sei fast genesen, denn sie gehe mit der Ministerin morgen nach Lilar, höchstvermuthlich um einigen trüben mit einem Trauerrandc umfaßten Gcdenkzctteln und Leichen-Erinnerungen zu entrinnen — und am Himmelfahrtstage darauf sei Huldigung und Redoute. . . . Seliger Held! wiederhol' ich. Denn bisher, was besaßest du vom blühenden Tempe-Thal als die dürre Anhöhe, worauf du standest und in den Zauber hinuntersahest? — 250 4L. Z y k c l. Am Mai-Sonnabend schwand um 7 Uhr jeder Dunst aus dem Himmel, und die hcll-entwcichcnde Sonne zog einem herrlichen Sonntage entgegen. Albano, der dann endlich das ungesehene Lilar besuchen wollte, war Abends vorher so heiligfroh, als feiere er den Bcichtabcnd vor dem ersten Abendmahle; — sein Schlaf war ein stetes Entzücken und Erwachen, und in jedem Traume ging ein bethörendcr Sonntagsmorgen auf, und die Zukunst wurde das dunkle Vorspiel der Gegenwart. — Sonntags früh wollt' er fort, als er vor der halben Glasthüre des Phhfikus vorübcrmußte: „H. Graf, ans einen Augenblick!" rief dieser. Da er cintrat, sagte der Doktor: „gleich, lieber H. Graf!" und fuhr fort. — — Den Zeichnern, die in künftigen Jahrhunderten so aus mir schöpfen wollen wie bisher aus dem Homer, gcb' ich folgende Gruppe des Doktors als einen Schatz: er lag aus der linken Seite; Ga- lenus bügelte mit einer kleinen Kratzbürste den Rücken des Vaters, indeß neben ihm Boerhave mit einem weiten Kamme stand und solchen unaufhörlich steilrccht (nicht schief) durch die Haare führte. Er sagte stets, er wüßte nichts, was ihn so aufhciterte und öffnete als Bürste und Kamm. Vor dem Bette stand van Swieten in einem dicken Pelze, den der Züchtling bei warmen Wetter und schlimmer Aufführung tragen mußte, um darin sowol ausgelacht, als halb gekocht zu werden. Zwei Mädchen warteten in voller Sonntagsgalla da und gedachten aufs Land zu einer Pfarrtochter und in die Dorf- kirchc; diese klopfte er erst von Glied zu Glied mit dem Hammer des Gesetzes ab. Er stellte seine Kinder, als Gegenfüßler römischer Beklagter in Lumpen, gern in Manschetten und Quasten und galonnirt aus die Pillory, besonders vor Fremden. Der Graf hatte sich schon längst der rothen Kinder wegen gegen das offne Fenster gekehrt; konnte sich aber doch nicht enthalten lateinisch zu sagen: „war' er sein Kind, er hätte „sich längst umgcbracht; er kenne nichts mehr beschämendes, als „im Putze gescholten zu werden." -— „Desto tiefer (sagte „Sphcx deutsch) greift cs eben ein" und holte bei den Mädchen nur noch dieses nach: „ihr seid ein Paar Gänse und „werdet in der Kirche nur von eurem Lumpenkrame schnattern — warum gebt ihr nicht auf den Pfarrer Acht? Er ist ein „Esel, aber für euch Eselinnen predigt er gut genug; Abends „sagt ihr mir die Predigt ganz her." — „Hier ist ein Laxirtrank, Herr Graf, den ich Sic, da „Sie nach Lilar gehen, der Landbaumeisterin zu geben bitte „für ihre kleinen Kröten; aber nehmen Sie cs nicht übel!" — Beim Henker! das sagen gerade die'Leute am häufigsten, die sich nichts übel nehmen. Der Graf — der ihm zu anderer Zeit verachtend den Rücken zugekchrt hätte — steckt' es crrö- thend und schweigend vor dem Retter seiner Liane zu sich, auch weil es für die Kinder seines geliebten Dians war, an dessen Gattin er Grüße und Nachrichten bringen wollte. 43. Z y k e l. Lilar ist nicht, wie so viele Fürstengärten, ein hcraus- gcrifsenes Matt ans Hirschseld — ein todter Landschafts-Figurant und Vcxir- und Miniaturpark — ein schon an jedem Hofe aufgesetztes und abgegriffenes Schaugcricht von Ruine», Wildnissen und Waldhäuscrn: sondern Lilar ist das Naturspicl und bukolische Gedicht der romantischen und zuweilen gaukcl- 252 hasten Phantasie des alten Fürsten. Wir kommen bald insgc- sammt hinter dem Helden hinein, aber nur ins Elysium; der Tartarus ist ganz etwas anders und Lilars zweiter Thcil. Diese Absonderung der Kontraste lob' ich noch mehr wie alles; ich wollte schon längst in einen bessern Garten gehen, als die gewöhnlichen chamäleontischen sind, wo man Sina und Italien, Lust- und Gebcinhaus, Einsiedelei und Pallast, Armuth und Rcichthum, (wie in den Städten und Herzen der Inhaber) auf Einem Teller reicht, und wo man den Tag und die Nacht ohne Aurora, ohne Mitteltinte neben einander aufstcllt. Lilar bingegen, wo das Elysium seinen frohen Namen durch verknüpfte Lustlager und Lusthainc rechtfertigt, wie der Tartarus seinen düstern durch einsame übcr- hülltc Schrecken, das ist mir recht ans der Brust gehoben.— Aber wo geht jetzt unser Jüngling mit seinen Träumen? — Noch auf der romantischen einleitenden Straße nach Lilar, eigentlich dem ersten Gartenwege desselben. Er wunderte auf einer belaubten Straße, die sanft auf Hügel mit offnen Baum- gärtcn und in gclbblühcnde Gründe stieg und die wie der Rhein sich bald durch grünende Felsen voll Epheu drängte, bald fliehende lachende Ufer hinter den Zweigen aufthat. Jetzt wurden die weißen Bänke unter Jasminstauden und die weißen Landhäuser vielfältiger, er kam näher und die Nachtigallen und Kanarienvögel*) Lilars streiften schon hieher, wie Land ansagcnde Vögel. Der Morgen wehte frisch durch den Frühling und das zackige Laub hielt noch seine leichten ätherischen Tropfen fest. Ein Fuhrmann lag schlafend auf seinem Leitcr- 2) Sie haben eine ganze Stube zum Wlnterlcbcn, der man im Sommer blcs die Fenster aushcbt. wagen, den die rechts und links abrupfenden Thiere sicher auf dem glatten Wege zogen. Albano hörte am stillen Sonntage nicht das Feldgeschrei der drängenden Arbeit, sondern die Ruhe-Glocken der Thürme; im Morgengeläute spricht die zukünftige, wie im Abendgeläute die vergangne Zeit; und an diesem goldnen Alter des Tages stand auch eines in seiner frischen Brust. — Jetzt zuckten gabclschwänzige Rauchschwalben mit der Pnrpnrbrnst über das Himmelblau des wilden Gamanders und kündigten mit ihren Wohnungen unsre an: als seine Straße durch eiu zerstörtes, altes, offnes, von fetten dicken Blättern wie Schuppen behangnes Schloß durchwollte, an dessen Ein- oder Ausgange ein wegweisender rother Arm sich mit der weißen Aufschrift: „Weg ans dem Tartarus ins Elysium" gegen eine nahe Waldung ausstrcckte. Sein Herz fuhr auf bei dieser doppelten Nähe so verschiedener Tage. Mit weiten Schritten drang er gegen den Elysiums Wald, den ein breiter Graben abzuschneiden schien. Aber er kam bald aus dem Buschwerke vor eine grüne Brücke, die sich in den Bogen der Riesenschlange über den Graben, aber nicht auf die Erde, sonderu in die Gipfel schwang. Sie trug ihn durch die hereinblühende Hildniß von Eichen-, Tannen-, Silberpappeln-, Frucht- und Linden-Wipfcln. Dann hob sie ihn hinaus in die freie Gegend, und Lilar warf ihm schon von Osten über die weite spitzige Gipfel-Saat den Glanz einer hohen Goldkugel entgegen.- Die Brücke senkte sich mit ihm wieder ins duftende dämmernde Genistc, und unter und neben ihm riefen und flatterten die Kanarienvögel, Singdrosseln, Finken und Nachtigallen, und die geätzte Brut schlief gedeckt unter der Brücke. Endlich stieg diese nach einem Bogengänge 254 wieder ans Licht — .er sah schon die grünende Bcrgkuppe mit dem weißen Altar, woran er in einer jugendlichen Nacht gcknieet hatte; und mehr südlich hinter sich die Decke und Scheidewand des Tartarus, ciuen hochausgcbäumtcn Wald — und wie er weiter trat, deckte sich ihm das Elysium weiter auf — eine Gasse kleiner Häuser mit welschen Dächern voll Bäumchen lachte den Blick freudig und einheimisch aus der grünen Weltkarte von Tiefen, Hainen, Bahnen, Seen an -— und in Morgen schlossen fünf Triumphthorc dem Auge die Wege in eine wcitausgcspannte wie ein grünendes Meer fortwogendc Ebene auf, und in Abend standen ihnen fünf andere mit geöffneten Ländern und Bergen entgegen.- So wie Albano die langsam-nicdcrschwcbcnde Brücke herabging, so kamen bald brennende Springbrunnen, bald rothe Beete, bald neue Gärten im großen entwickelt hervor, und jeder Tritt schuf das Edcu um. Voll Ehrfurcht trat er wie auf einen geheiligten Boden heraus auf die geweihte Erde des alten Fürsten und des frommen Vaters*) und Dians und Linnens; sein wilder Gang wurde wie von einem Erdbeben umwickelnd gehalten; das reine Paradies schien blos für Liancns reine Seele gemacht; und jetzt erst machte ihm die scheue Frage über die Schic^ichkeit seiner hastigen Nachrcise und die liebende Furcht, zum crstenmalc ihrem genesenen Auge zu begegnen, den frohen Busen enge. Aber wie festlich, wie lebendig ist alles um ihn her! s) So hieß überall der einsiedlerische Emeritus, der da wohnende Hofpredigcr Spener, der mit dem edlen alten frommen Spc- ncr nicht nur von väterlicher Seite verwandt war, sondern auch von geistiger. 255 Auf den Wassern, die durch die Haine glänzen, ziehen Schwanen, in die Büsche schreitet der Fasan, Rehe blicken hinter ihm neugierig aus dem Walde, über den er gegangen war, und weiße und schwarze Tauben laufen ämsig unter den Thoren, und an den Abcndhügeln hängen rufende Schafe neben liegenden Lämmern; sogar der Turteltaube zittert in irgend einem verhüllten Thale die Brust vom ImuA»iclo der Liebe. Er schritt durch ein langes hochstaudiges Roscnscld, das die Niederlassung und Pflanzstadt von Grasmücken und Nachtigallen schien, die aus den Büschen aus die wachsenden Grasbänke hüpften und vergeblich ausliefcn nach Würmchen; und die Lerche zog oben über diese zweite Welt für die frömmer» Thiere und fiel hinter den Thoren in die Saaten nieder. Berausche dich immer, guter Jüngling, und kette deine Blumen so ineinander wie der Knabe, dem du zucilst! — Nämlich oben auf dem welschen Dache, vor dessen Brustge- ländcr Silberpappeln von breiten Nebenblättern umgürtct spielen, und das er in der Frühlingsnacht für eine Laube in Rosen angesehen, stand ein kerniger herübergebücktcr Knabe, der eine Dotterblumenkcttc nicderließ und dem zu kurzen grünen Ankerscile immer neue Ringe einstccktc. „Pollux heiß' ich „(versetzt' er frisch auf Albans sauste Frage), aber meine „Schwester heißet Helena *), aber das Brüderchen heißt „Echion." — „Und dein Vater?" — „Er ist gar nicht da, „er ist weit draußen in Rom; gehe nur hinein zur Mutter „Chariton, ich komme gleich." — An welchem schönem Tage und Orte, mit welchem schönem Herzen könnt' er in des ge- ') Sie hatten als Zwillinge diese Namen. 256 liebten Dians h. Familie kommen als an diesem Morgen und mit dieser Brust? Er ging ins Helle lachende Hans, das voll Fenster und grüner Jalonfieladen war. Als er in die Frühlingsstnbe eintrat: so sand er Chariten, ein junges, schmächtiges, säst noch jnngfräulich-aussehendes Weib von 17 Jahren mit dem kleinen Echion an der säugenden Brust, sich wehrend gegen die kränklich-lebhafte Helena, die ans einem Stuhle stehend immer aus dem Fenster eine viclblättrige Rebcnschlinge hereinzog und die Hülle um die Augen der Mutter gürten wollte. Mit zauberischer Verwirrung, da sie zugleich aufstehen, mit der Linken die belaubte Fessel ohne Zerreißen abnehmen und den Säugling tiefer verhüllen wollte, trat sic dem schönen Jünglinge gebückt entgegen, kindlich-freundlich und feurig, aber unendlich schüchtern, nicht seiner standesmäßigen Kleidung wegen, sondern weil er ein Mann war und so edel anssah, sogar ihrem Griechen ähnlich. Er sagte ihr mit einer zauberischen Liebe auf dem kräftigen Angesichte, die sie vielleicht nie so herrlich gesehen, seinen Namen und den Dank, den sein Herz ihrem Gatten anfbewahre, und Nachrichten und Grüße von diesem. Wie loderte an der furchtsamen Gestalt das unschuldige Feuer aus den schwarzen Augen! „War denn mein Herr „(so nannte sic ihren Mann) sehr gesund und froh?" Und so fing sie jetzt, unbefangen wie ein Kind ein langes Verhör blos über ihren Gatten an. Pollux sprang mit seiner langen Kette herein — Alban nahm den Trank vom Doktor scherzend aus der Tasche und sagte: „das sollst du einnehmen." — „Soll ich's gleich aus- „saufcn, Mutter?" sagte der Heros. Hier erkundigte sic sich eben so unbefangen nach dem ausführlichen Rezepte des Doktors 257 und so lange, bis der kleine Säugling am Busen rebcllirte und sie in ein Nebenzimmer über die Wiege trieb. Sie entschuldigte sich und sagte, der Kleine müsse schlafen, weil sie mit Lianen spazieren gehe, ans die sie jede Minute aufsehe. Kinder lieben kräftige Gesichter; Alban wurde zugleich von Kindern und von Hunden geschätzt, nur konnte er auf dem kindlichen Spielplätze nie mit der kleinen springenden Truppe agircn, wenn erwachsene Logen dabei waren. „Ich kann sehr viel," sagte Pollux; — „ich kann auch „lesen, Herr!" versetzte dem Bruder Helena. „Aber doch nur „deutsch; ich aber kann lateinische Briefe Prächtig herlesen, „du!" erwiderte ihr das junge Männlein und lief in der Stube nach Lektüre und Leseproben umher, aber umsonst. „Mann! warte ein wenig!" sagte er und lief die Treppe hinauf in — Lianens Zimmer und holte einen Brief von Lianen. — 43. Z y k e l. Albano wußte nicht, daß Liane ordentlich das obere, so blühend beschattete Zimmer für sich innen habe, worin sie häufig — zumal wenn die Mutter in der Stadt zurückblicb — zeichnete, schrieb und las. Die kindliche Chariton, vom Liebestranke der Freundschaft begeistert, wußte gar nicht, wie sie nur der schönen liebreichen Freundin ihr Feuer so recht zeigen konnte; ach, was war ein Zimmer? — In dieses immer offne kamen nun die Kinder, die Liane zuweilen lesen ließ; und so konnte jetzt Pollux aus dem einsamen den Bogen holen, den sie an diesem Morgen geschrieben. Als Albano während des Holens so allein im Wohnzimmer des fernen Jugendfreundes neben dessen stiller, blasser Jean Paul's ausgew. Werlc. X. v-.'i.- Tochter saß, die bald auf ihn, bald aus eine ihm noch aus Lianens Morgcuzimmcr bekannte Spiel-Schäferei hinsah — als das Morgcnwehcn durchs kühle Fenster das herrliche Getümmel Hereintrieb — besonders als im lichten Ausschnitte des Fußbodens die sincsischen Schatten des Wein- und Pappel- lanbcs sich ineinander kräuselten — und als endlich Chariton den Säugling mit einem ciligern lautern Wiegcnliede einsang, das ihm tönte wie ihr nachhallcnder Seufzer nach dem schönen Jugendlandc: so wurd' ihm das volle vom ganzen Morgen angeregte Herz so wunderbar und — besonders durch das wankende Schattcngcfccht — säst bis znm Weinen bewegt; und das Kind blickte ihm immer bedeutender ins Gesicht. Da kam Pollux mit seinen beiden Quartblättern zurück und setzte sich nun selber auf seine Leseprobe. Schon die erste Seite komponirte zu Albans inncrn Liedern die Melodie; aber er crricth weder die Verfasserin, noch das Datum des Briefes, außer später durch ein hin- und herspringcndcs Lesen. Die Blätter gehörten zu vorigen — nicht einmal Streusand bezeugte ihre junge Geburt (denn Liane war zu höflich, einen zu brauchen) — ferner waren alle Namen anders; nämlich Julienne, an die sie gerichtet waren, hatte leider, in d'Argen- sons bursau cleeklcllstuZe, d. h. am Hofe wohnhaft, verzifferte verlangt, und sie hieß mithin Elisa, Roquairol Karl und Liane ihre kleine Linda. Linda ist bekanntlich der Taufname der jungen Gräfin von Romciro, mit welcher die Prinzessin am Tage jener für Roquairol so blutigen Redoute ein ewiges Herzens- und Korrespondenz-Bündniß aufgerichtct hatte; — Liane, vor deren reinen dichterischen Augen sich jedes edle weibliche Wesen zur Gcbcnedeictcn und Heroine, der undurchsichtige Edelstein zum durchsichtigen aushellte und reinigte. liebte die hohe Gräfin gleichsam mit dem Herzen ihres Bruders und ihrer Freundin zugleich, und die sanfte Seele nannte fich, ihres Werthes unbewußt, nur die kleine Linda ihrer Elisa. Auch die zarte ansgezogcnc Handschrift kannte Mbano nicht; Julienne liebte die gallische Sprache bis zu den Lettern, aber Lianens ihre glichen nicht den gallischen Sudel-Proto- kollcn, sondern der reinlichen gerundeten Handschrift der Britten. Hier ist endlich ihr Blatt — — O du holdes Wesen! wie lange Hab' ich nach den ersten Lauten deiner erquickenden Seele gedürstet! — Sonntags-Morgen. — Aber heute, Elisa, bin ich so innig-sroh, und der Abendnebel liegt als eine Aurora am Himmel. Ich sollte Dir wol das Gestrige gar nicht geben. Ich war zu bekümmert. Könnt' aber nicht meine liebe Mutter, die doch blos meinetwegen hierher gegangen war, dadurch noch kränker werden, so leidlich sie auch eben deswegen fich gegen mich anstellte? — Und dann kam ja Deine Gestalt, Geliebte, und all Dein Schmerz und die harte Nachbarschaft *) und unser letzter Abend hier, o alles das zog ja so klagend vor mein banges Herz! — Sich, als wir vor dem Hause der lieben Chariton hielten und sic meiner Mutter die Hand mit freudigen Thränen küßte: so war ich so schwach, daß ich auch abgcwandte vergoß, aber andre und über die Frohlockende selber, die ja nicht wissen Der Tartarus mit dem Vatcrhcrzen Jüliennens. 17 * 260 konnte, ob nicht in dieser Stunde ihr thcurer Freund in Rom erkranke oder untergehe.- Nun aber ist der dunkelgrauc Nebel auf dem Blumengarten Deiner kleinen Linda ganz verweht, und alle Blüten des Lebens glänzen in ihren reinen hohen Farben vor ihr. — — Nack) Mitternacht wich die Migraine meiner Mutter fast ganz, und sie schlummerte so süß noch an diesem Morgen. O wie war mir da! — Nach 5 Uhr schon ging ich in den Garten hinunter und fuhr über den Glanz zusammen, der im Thauc und zwischen den Blättern brannte — die Sonne sah erst unter den Trinmphthorcn herein — alle Seen sprühten in einem breiten Feuer — ein glänzender Dampf umfloß wie ein Heiligenschein den Erdenrand, den der Himmel berührte — und ein hohes Wehen und Singen strömte durch die Morgenpracht —-- Und in diese aufgeschlossene Welt kam ich genesen zurück und so froh; ich wollte immer rufen: ich habe dich wieder, du Helle Sonne, und euch, ihr lieblichen Blumen, und ihr stolzen Berge, ihr habt euch nicht verändert, und ihr grünet wieder wie ich, ihr duftenden Bäume!-In einer unendlichen Seligkeit schwebt' ich wie verklärt, Elisa, schwach, aber lcickt und frei, ich hatte die drückende Hülle — so war es mir — unter die Erde gelegt und nur das pochende Herz behalten und im entzückten Busen flössen warme Thränenquellen gleichsam über Blumen über und bedeckten sie hell.- „Ach Gott, sagt' ich in der großen Freude schreckhaft, „war es denn ein bloßer Schlaf, das unbewegliche Ruhen der „Mutter?" und ich mußte — lächle immer — eh' ich weiter ging, wieder zu ihr hinaus. Ich schlich athemlos vor das Bette, bog mich horchend über sie, und die gute Mutter schloß 261 die immer leise schlummernden Augen langsam auf, sah mich müde, aber liebreich au und that sie, ohne sich zu regen, wieder zu und gab mir nur die liebe Hand. Nun dürft' ich recht selig wieder in meinen Garten gehen; ich brachte aber der immer heitern Chariton den Morgcngruß und sagt' ihr, daß ich auf dem breiten Wege zum Altäre*) bliebe, sollt' ich etwan gesucht werden.—Ach, Elisa, wie war mir dann! Und warum hatt' ich Dich nicht an meiner Hand^ und warum sah mein bekümmerter Karl nicht, daß seine Schwester so glücklich war? — Wie nach einem warmen Regen das Abendroth und das flüssige Sonnenlicht von allen gold- grünen Hügeln rinnt: so stand ein zitternder Glanz über meinem ganzen Innern und über meiner Vergangenheit, und überall lagen Helle Frcudenzähren. Ein süßes Nagen nahm mein Herz auseinander wie zum Sterben, und alles war mir so nahe und so lieb! Ich hätte der lispelnden Zitterpappel antworten und den Frühlingslüsten danken mögen, die so kühlend das heiße Auge umwehten! Die Sonne hatte sich mütterlich-warm auf mein Herz gelegt und pflegte uns alle, die kalte Blume, den jungen nackten Vogel, den starren Schmetterling und jedes Wesen; ach so soll der Mensch auch sehn, dacht' ich. Und ich ging den Sandweg und schonte das Leben des armen Gräschcns und der liebäugelnden Blume, die ja hauchen und erwachen wie wir — ich vertrieb die weißen durstigen Schmetterlinge und Tauben nicht, die sich nebeneinander von der nassen Erdscholle zum Tranke bückten — o ich hätte die Wellen streicheln mögen-diese Schöpfung ist ja so kostbar und So heißet jener Berg, den Albano in der bekannten Frühlingsnacht gefunden. 262 aus Gottes Hand, und das noch so klein gestaltete Herz hat ja doch sein Blut und eine Sehnsucht, und in das Augcn- Pünktchen unter dem Blatte kehrt ja doch die ganze Sonne und ein kleiner Frühling ein. — Ich lehnte mich, ein wenig ermattet, unter den ersten Triumphbogen, eh' ich zum Altäre aussticg, und sah hinaus in die glimmende Landschaft voll Dörfer und Baumgärten und Hügel; und der flimmernde Thau und das Läuten der Dörfer und das Glockenspiel der Heerden und das Schweben der Vögel über allem füllte mich mit Nnh' und Licht. Ja, so ruhig und unbekannt und heiter will ich mein eilendes Leben führen, dacht' ich: redet mir nicht der Trauermantel zu, der vor mir mit seinen vom Herbste zerrissenen Schwingen doch wieder um seine Blumen flattert; und mahnet mich nicht der Nachtschmetterling ab, der erkältet an der harten Statue klebt und sich nicht zu den Blüten des Tages aufschwingcn kann? — Darum will ich nie von meiner Mutter weichen — bleibe nur die theure Elisa auch so lange bei uns, als ihre kleine Linda lebt, und rnfe sie ihre hohe Freundin bald, *) damit ich sie sehe und herzlich liebe! — Ich stieg den grün-schattigen Berg hinan, aber mit Mühe; die Freude entkräftet mich so sehr; — denk' an mich, Elisa, ich werde einmal an einer großen sterben, oder an einem großen allzugroßen Weh. Der Schncckenweg zum Altäre war von den Farben des Blütenstaubes gemalt, und droben wanden sich nicht gefärbte feste, sondern rege brennende Regenbogen durch die Zweige des Berges. Warum stand ich heute in einem *) Linda de Nomeiro. 263 Glanze wie niemals sonst?*) Und als die Morgenluft mich wie ein Flügel anflattertc und hob, und als ich mich tiefer in den blauen Himmel tauchte, so sagt' ich: nuu bist du im Elysium. — Da war mir, als sage eine Stimme: das ist das irdische, und du bist noch nicht geheiligt für das andre. O feurig faßt' ich wieder den Entschluß, mich von so manchen Mängeln losznwickcln und besonders dem zu schnellen Wahne der Kränkung abzusagen, den ich andern zwar verhehle, womit ich sie aber doch verletze. Und da betete ich am Altäre und sagte der ewigen Güte Dank und weinte unbewußt vielleicht zu sehr, aber doch ohne Augenschmcrzen. Zuletzt schrieb ich das hier beigclcgte Dankgedicht, das ich in Verse bringe, wenn cs der fromme Vater gutheißet. Dankgedicht. So schau' ich wieder mit seligen Augen in deine blühende Welt, du Allliebendcr, und weine wieder, weil ich glücklich bin? Warum Hab' ich denn gezagt? Da ich unter der Erde ging in der Finstcrniß wie eine Todte und nur von fern die Geliebten und den Frühling über mir vernahm: warum war das schwache Herz in Furcht, cs gebe keine Oeffnung mehr zum Leben und zum Lichte? — Denn du warst in der Finstcrniß bei mir und führtest mich aus der Gruft in deinen Frühling herauf; und um mich standen deine frohen Kinder und der Helle Himmel und alle meine lächelnden Geliebten! — — O ich will nun fester hoffen; brich immer der stechen Pflanze *) Die Ursache ist, weil sie nach der Genesung noch kurzsichtig war, und ein Kurzsichtiger sicht den Thau glänzender. 264 üppige Blumen ab, damit die andern voller reisen! Du führest ja deine Menschen auf einem langen Berge in deinen Himmel und zu dir, und fie gehen durch die Gewitter des Lebens am Berge nur verschüttet, nicht getroffen hindurch, und nur unser Auge wird naß. --Aber, wenn ich zu dir komme, wenn der Tod wieder seine dunkle Wolke auf mich wirft und mich weg von allen Geliebten in die tiefere Höhle zieht, und du mich, Allgütigcr, noch einmal freimachst und in deinen Frühling trägst, in den noch schönem als diesen herrlichen: wird dann mein schwaches Herz neben deinem Nichterstuhle so freudig schlagen wie heute, und wird die Menschenbrust in deinem ätherischen Frühlinge athmen dürfen? O mache mich rein in diesem irdischen und lasse mich hier leben, als wenn ich schon in deinem Himmel ginge! — -— Hi Hi Wenn schon euch, ihr Freunde, die duldende reine Gestalt ungesehen lieb und rührend wird, die sich ergeben freuen kann, daß doch die Wetterwolke nur Platz-Tropfen und keine Schlossen auf fie warf: wie mußte sie erst das bewegte Herz ihres Freundes erschüttern! — Er fühlte eine Heiligung seines ganzen Wesens; gleichsam als komme die Tugend in diese Gestalt verkörpert vom Himmel nieder, um ihn heiligend anzulächcln, und fliege dann leuchtend zurück, und er folg' ihr begeistert und gehoben nach. Er drang eifrig dem Knaben das Zurücktragcn der Blätter ab, um ihr und sich, da sie jede Minute erscheinen konnte, die peinlichste Uebcrraschung zu ersparen; doch beschloß er fest <— was cs auch koste — wahr zu sehn und ihr noch heute sein Lesen zu beichten. 265 Der Kleine lief die Treppe hinauf, wieder herab, blieb lange vor der Thüre und kam herein mit — Lianen an der Hand, die weiß gekleidet und schwarz verschleiert war. Sie sah ein wenig betroffen umher, als sie mit beiden Händen den Schleier von ihrem freundlichen Gesichte zurückhob, hörte aber Charitons Wiegenlied. Sie kannt' ihn nicht, bis er sprach; und hier erröthctc ihr ganzes schönes Wesen wie eine beleuchtete Landschaft nach dem Abendregen; sic habe die Freude, sagte sie, seinen Vater zu kennen. Wahrscheinlich kannte sie den Sohn durch Juliennens und Augusti's Malereien noch besser und von verwandtem Seiten; auch bewegte sich gewiß ihr schwesterliches Herz von seiner Brudcrstimmc; denn der Reiz und sogar Vorzug der Aehnlichkeit und Kopie ist so groß, daß sogar einer, der einem gleichgültigen Wesen ähnlich sieht, uns lieber wird, wie das Echo eines leeren Nuss, blos weil hier wie in der nachahmendcn Kunst die Vergangenheit und Abwesenheit eine durch die Phantasie durchscheinende Gegenwart wird. Das immer leisere Einfliegen der Mutter sagte das tiefere Einschlummern des Säuglings an, und endlich verstummte das ckiiniiEliäo, und Chariton lief mit blitzenden Augen der Hand Lianens zu. Eine heitere offne Freundschaft blühte zwischen den unschuldigen Herzen und verstrickte sie wie der Wein die nahen Pappeln. Chariton erzählte ihr Albano'S Erzählung mit der Voraussetzung der innigsten Thcilnahme; Liane hörte gespannt - aufmerkcnd der Freundin zu; aber das war ja so viel, als blicke sie die nahe historische Quelle selber an. 266 44. Z y k e l. Endlich reifete man in den Garten aus; Pollux blieb ungern, und nur aus Liancns Verheißung, ihm heute wieder ein Pferdstück zu zeichnen, als Schutzheiliger der Wiege zurück. Alban sagte zur höchsten Freude der Baumcisterin, die nun alles dem schönen Manne zeigen konnte, er habe noch wenig von Lilar gesehen. Wie reizend gingen vor ihm die befreundeten Gestalten nebeneinander! Ehariton, wicwol eine Frau, doch griechisch-schlank, flatterte als die kleinere Schwester neben der Lilicntaille seiner ein wenig längcrn Liane fort, jene schien, nach der Eintheilung der Landschaftsmaler, die Natur in Bewegung zu sehn, Liane die Natur in Ruhe. Als er wieder neben Liane trat, an deren linken Hand Helena lief — zur rechten die Mutter — so fand er ihr weich-niedergehendes Profil unbeschreiblich-rührend und um den Mund Züge, die der Schmerz zeichnet, die Narben wiederkehrender Tage; indeß das schöne Mädchen in der Sonnenseite des Vollgesichts wie in ihrem leichten Gespräche eine unbefangene beglückende Heiterkeit entfaltete, die Albano, der noch an keiner Schulthüre eines weiblichen Philanthropins angeklopft, mühsam mit ihrer weinenden Dichtkunst ansglich. O wenn die weibliche Thräne leicht flieht, so entflattcrt ja noch leichter das weibliche Lächeln, und dieses ist ja noch öfter als jene nur Schein! Er suchte aus Sehnsucht des durstigen Herzens das Händchen der Kleinen zu fassen, allein sie hing sich mit beiden auf Linnens Linke; entlief aber gleich und holte drei JriSblumen — wie sic, den Schmetterlingen ähnlich — und theilte der Mutter eine zu und Lianen mit den Worten zwei: gieb dem auch eine; und Liane reichte sie ihm sreundlich-anschauend mit 267 jenem heiligen Mädchenblicke, der hell und aufmerksam, aber nicht forschend, kindlich-theilnehmend ohne Geben und Fordern ist. Gleichwol senkte sie diese heiligen Augen heute mehrmals nieder; aber — das zwang sie dazu — auf Zcsara's felsigem, obwol von der Liebe erweichtem Gesichte ruhte ein physiogno- nüschcs Recht des Stärkern, er schien eine scheue Seele mit hundert Augen anzusehen, und seine beiden wahren loderten so warm, obwol eben so rein, wie das Sonnenauge im Acthcr. Die Jrisblumen haben das Sonderbare, daß der eine sie riecht, der andere aber nicht; nur diesen drcieinigcn Menschen thaten sich die Kelche gleich weit auf, und sie erfreueten sich lange über die Gemeinschaft desselben Genusses. Helena lief voraus und verschwand hinter einem niedrigen Gebüsche; sie erwartete auf einer Kindcrbank neben einem Kindcrtische lächelnd die Erwachsenen. Der gute alte Fürst hatte überall für Kinder niedrige Moosbänkc, kleine Gartenstühle, Tischchen und Scherben-Orangerien und dergleichen um die Ruheplätze ihrer Eltern gestellt; denn er trug diese erquickenden offnen Blumen der Menschheit so nah' an seinem Herzen! — „Man „wünscht so oft (sagte Liane) in der patriarchalischen Zeit, „oder in Arkadien und auf Otaheiti zu leben; die Kinder sind „ja — glauben Sie es nicht? — überall dieselben, und man „hat eben an ihnen das, was die fernste Zeit und die fernste „Gegend nur gewähren mag." — Er glaubt' es wol und gern; aber er fragte sich immer, wie wird aus dem todteu Meere des Hofes eine so unbefleckte Aphrodite geboren, wie aus dem salzigen Scewasser reiner Thau und Regen steigt? — Unter dem Sprechen zog sie zuweilen ein ungemein holdes — wie soll ich's beziffern — Hm nach, das, wiewol ein Cour- Donatschnitzer, eine unsägliche Gutmüthigkeit verrieth; ich « 268 schreibe es aber nicht dazu her, damit den nächsten Sonntag alle Leserinnen diesen Jnterpunkzionsrciz hören taffen. „Das Nämliche (versetzte Albano, aber gutmcinend) gilt „von den Thiercn; der Schwan dort ist wie der im Paradiese." Sie nahm cs eben so auf, wie er's meinte; aber die Ursache war der fromme Vater, Spencr, ihr Lehrer; denn auf Albans Frage über Mars Fülle an schönen sanften Thieren antwortete sie: „der alte Herr liebte diese Wesen ordentlich zärtlich, „und sie konnten ihn oft bis zu Thränen bringen. Der fromme „Vater denkt auch so; er sagt, da sie alles auf Gottes Geheiß „thun durch den Instinkt, so sei ihm, wenn er die elterliche „Sorge für ihre Jungen sehe, so, als thuc der Allgütige alles „selber." Sie stiegen jetzt eine halbbelaubtc Brücke über einen langen von Pappeln umflatterten Wasserspiegel hinaus, worin Lianens Ebenbild, nämlich ein Schwan, auf den Wasserringen schlief, den gebognen Hals schön auf den Rücken geschlungen, den Kops auf dem Flügel, und leise mehr von den Lüften gedreht als von den Wellen. „So ruht die unschuldige Seele!" sagte Albano und dachte wol an Liane, aber ohne Muth zum Bekenntniß. „Und so erwacht sie!" setzte bewegt Liane dazu, als diese weiße vergrößerte Taube den Kopf langsam von dem Flügel aushob; denn sie dachte an das heutige Erwachen ihrer Mutter. — Chariton wandte sich, wie ganz aus hüpfenden Punkten zusammengesetzt, immer fragend an Liane: „wollen wir dahin? „oder dort hinein? oder hier hinaus? — Wäre nur mein Herr „da! der kennt alles!" — Sie hätte ihn gern um jede Quelle und Blume herumgcführt, und blickte dem Jünglinge so liebend wie der Freundin ins Gesicht. — Liane sagte ihr auf dem Kreuzwege an der Brücke: sie glaube, das Flötenthal « „dort mit der. leuchtenden Goldkugel sei vielleicht am schönsten, „besonders sür einen Freund der Musik; auch werde man sie „da suchen, wenn man ihrer Mutter die Harse bringe." Sie hatte ihr mit dieser zurückzukommen versprochen. Sie mied alle Steige nach Süden, wo der Tartarus hinter seinem hohen Vorhänge drohte. Liane sprach jetzt über den Wettstreit der Malerei und Musik und über Herders reizenden offiziellen Bericht von diesem Streite; sie, wicwol eine Zeichnerin, ergab sich, dem weiblichen und lyrischen Herzen gemäß, ganz den Tönen, und Albano, obwol ein guter Klavierist, mehr den Farben. „Diese „herrliche Landschaft (sagte Albano) ist ja ein Gemälde und „jede menschliche schöne Gestalt." „Wär' ich blind (sagte Cha- „riton naiv), so sah' ich ja meine schöne Liane nicht." — Sic versetzte: „mein Lehrer, der Kunstrath Fraischdörfcr, setzte auch „die Malerei über die Musik hinauf. Mir ist aber bei ihr, „als hörte ich eine laute Vergangenheit oder eine laute „Zukunst. Die Musik hat etwas Heiliges, sie kann nichts „als das Gute*) malen, verschieden von andern Künsten." — Wahrlich, sie war selber eine moralische Kirchenmusik, die Engelstimme in der Orgel; der reine Albano fühlte neben ihr die Nothwendigkeit und das Daseyn einer noch zärtcrn Reinheit, und ihm schien, als könne ein Mann diese Seele, deren Verstand fast nur ein feineres Fühlen war, verletzen, ohne es selber zu wissen, wie Fenstergläser von reiner Durchsichtigkeit oft zerstoßen werden, weil sic unsichtbar erscheinen. Er drehte ') Dieser Satz, daß die reine Musik ohne Tcrt nichts'Unmoralisches darzustcllen vermöge, verdient von mir mehr untersucht und ausgeführt zu werden. 270 sich, weil er immer um einen Schritt voraus war, mechanisch um, und nicht nur das blühende Lilar, sondern auch Liancns volle Gestalt leuchtete ihm auf einmal und neugestaltet in die Seele.-Nicht sic an sein Herz zu drücken, war jetzt sein Sehnen, sondern dieses Wesen, das so oft gelitten, aus jeder Flamme zu reißen, für sie mit dem Schwerte aus ihren Feind zu stürzen, sie durch die tiefen kalten Höllcnflüffc des Lebens mächtig zu tragen-das hätte sein Leben erleuchtet. 45. Z y k e l. Sic sahen schon einige nasse Lichter der hohen oben hcr- einspringcndcn Fontainen des Flötcntbals Hochschweben: als Liane wider Charitons Erwartung beide in einen unwegsamen Eichenhain mitzugchcn bat — sic sah ihn so vergnügt und offenherzig dabei an und ohne jenen weiblichen Argwohn, mißverstanden zu werden! Im düstcrn Haine stand ein wilder Fels auf, mit den Worten: Dem Freunde Zesara. Die vorige Fürstin hatte diese erinnernde Alpe Albano's Vater setzen lassen. — Ergriffen, erschüttert, mit Schmerzen in den Augen stand der Sohn davor und lehnte sich daran wie an Gaspards Brust und drückte den Arm an den scharfen Stein hinaus und ries innigst bewegt: o du guter Vater! — Seine ganze Jugend — und Isoln I,eIIn — und die Zukunft überfielen auf einmal das vom ganzen Morgen bestürmte Herz, und es konnte sich der zudringenden Thränen nicht länger erwehren. Chariten wurde ernsthaft, Liane lächelte weich fort, aber wie ein Engel im Gebet. — Wie oft, ihr schönen Seelen, Hab' ich in diesem Kapitel mein ergriffenes Herz bezwingen müssen, das 271 euch anrcden und stören wollte, aber ich will cs wieder bezwingen! Sic traten schweigend in den Tag zurück. Aber Albano's Wogen fielen nie schnell, sie dehnten sich in weite Ringe aus. Sein Auge war noch nicht trocken, als er in das himmlische Thal kam, in diesen Ruheplatz der Wünsche, wo Träume frei, ohne Schlaf, hernmgchen konnten. Chariton — durch den Ernst viel geschäftiger — war nach einer Augensrage an Liane, . ob sic es solle — nämlich das Spiclcnlassen gewisser Maschinen — voraus hincingceilt. Sie gingen durch den weichenden blühenden Schleier — und Aibano erblickte nun vor sich den jugendlichen Traum von einem bezauberten mit Düsten und Schatten umstrickenden Zauberthale in Spanien lebendig auf die Erde herausgcstellt. An den Bergen blühten Orangengänge, den Untersatz in die höhere Terrasse versteckt — alles was große Blüten auf seinen Zweigen trägt, von der Linde bis zur Rebe und zum Apfelbaume, sog unten am Bache oder bestieg oder bekränzte die zwei langen Berge, die sich mit ihren Blüten um die Blumen der Tiefe wanden und sich miteinander bogen, um ein unendliches Thal zu versprechen — schief- gestellte Fontainen an den Bergen warfen hintereinander silberne Regenbogen über die Bäume in den Bach — in Osten brannte der Goldglobns neben der Sonne, der letzte Spiegel ihres sterbenden Abcndblicks. — „Habe Dank, du edler Greis!" wiederholte Albano immer. Liane ging mit ihm am westlichen Berge bis zu einer übcrblühten Bank unter dem hcrüberflattcrndcn Bogen, wo man die erste und zweite Krümmung des Thals und oben in Norden hohe Fichten und hinter ihnen eine Kirchthurmspitze und unten eine Aurikeln-Wiese überschauen kann, indeß Cha- 272 riton auf dem östlichen, gegenüber hinter einer Musen-Statnc — denn die neun Musen glänzten aus dem grünen Tempe — an Gewichten zu winden und auf Sprungfedern zu drücken schien. „Mein Bruder (brach Liane leise das Schweigen und „strickte die Arbeit fort, die fie der Freundin abgcnommen) „wünscht recht sehr, Sie zu sehen." Die nun mit allen heiligen Kräften aufgewachte Seele Albano'S fühlte sich ihr ganz gleich und ohne Verlegenheit, und er sagte: „schon in meiner „Kindheit Hab' ich Ihren Karl wie einen Bruder geliebt; ich „habe noch keinen Freund." Die bewegten Seelen merkten nicht, daß der Name Karl aus dem Briefe sei. Ans einmal flogen einzelne Flötentöne oben aus den Bergen und aus den Lauben auf -— immer mehrere flogen dazu — sie flatterten schön-verworren durcheinander — endlich stiegen mächtig auf allen Seiten Flötenchöre wie Engel auf und zogen gen Himmel — sie riefen es aus, wie süß der Frühling ist und wie die Freude weint und wie unser Herz sich sehnt, und schwanden oben im blauen Frühlinge — und die Nachtigallen flogen aus den kühlen Blumen auf die Hellen Gipfel und schrien freudig in die Triumphlicder des Maies — und das Morgcnwehcn wiegte die hohen schimmernden Regenbogen hin und her und warf sic weit in die Blumen hinein.- Lianen entsank die Arbeit in den Schooß und sic schlug nach einer ihr eignen Weise, indeß sic den Kopf wie eine Muse vorsenktc, den Blick empor, ihn in eine träumerische Weite heftend; ihr blaues Auge schimmerte, wie der blaue wolkenlose Aether in der lauen Sommernacht blitzend übcrquillt; — aber des Jünglings Geist brannte in der Bewegung auf wie das Meer im Sturme. Sie zog den schwarzen Schleier — gewiß nicht allein gegen Sonne und Luft — herab; und Albano, mit 273 einer innern Welt auf seiner bewegten Gestalt, spielte — erhaben mit sich selber kontrastirend — an den Löckchen der her- gezogenen Helena und sah ihr mit großen Thronen in das blöde kleine Gesicht, das ihn nicht verstand. Jetzt eilte die Mutter ins Schweigen herüber und fragte recht freundlich, wie cs ihm gefiele. Seine andern Entzückungen löseten sich in ein Lob der Töne auf; und die liebe Griechin erhob das, was sie so oft gehört, selber immer starker, als war' es ihr neu, und horchte sehr mit zu. — Ein Mädchen mit der Harfe blickte durch das Ein- gangsgcsträuch des Thalcs herein, und Liane sah den Wink und stand auf. Indem sie den Schleier heben und scheiden wollte: so fiel dem großherzigen Jünglinge sein Bekenntniß ein: „ich habe Ihren heutigen Brief gelesen, bei Gott das muß „ich jetzo sagen" sagt' er. Sic rückte den Schleier nicht höher und sagte mit zitternder Stimme: „Sie haben ihn gewiß nicht „gelesen. Sie waren wol nicht in meinem Zimmer" und sah Chariton an. Er versetzte, ganz Hab' er ihn auch nicht, aber doch viel; und erzählte mit drei Worten eine mildere Geschichte, als Liane ahnen konnte. „Der böse Pollux!" sagte immer Chariton. — „O Gott, vergeben Sie mir diese Sünde „der Unwissenheit!" sagte Albano; sie hob den dunkeln Schleier ans eine Tcrzie lang zurück und sagte hochroth, mit nieder- gescnktem Blicke — vielleicht durch die Freude über die Widerlegung der schlimmcrn Erwartung versöhnt — „er gehörte „blos an eine Freundin — und Sic werden wol, wenn ich „Sic bitte, nichts wieder lesen" — und unter dem Falle des Schleiers ging das Auge mildernd und vergebend auf, und sie schied langsam mit ihren Geliebten von ihm. O du heilige Seele, liebe meinen Jüngling! — Bist du Iran Pauvs ausgew. Wrrle. X. Itz nicht die erste Liebe dieses Feucrherzens, der Morgenstern in der dämmernden Frühe seines Lebens, du, diele Gute, Reine und Zarte! O die erste Liebe des Menschen, die Philomele unter den Frühlingslauten des Lebens, wird ohnehin immer, weil wir so irren, so hart vom Schicksale behandelt und immer getödtet und begraben; aber wenn nun einmal zwei gute Seelen im blütcnwcißcn Lebens-Mai — die süßen Frühlingsthrä- ncn im Busen tragend — mit den glänzenden Knospen und Hoffnungen einer ganzen Jugend und mit der ersten uncnt- wcihtcn Sehnsucht und mit dem Erstlinge des Lebens wie des Jahres, mit dem Vergißmeinnicht der Liebe im Herzen — wenn solche verwandte Wesen sich begegnen dürsten und sich vertrauen und im Wonnemonat den Bund ans alle Wintermonate der Erdcnzcit beschwören, und wenn jedes Herz zum andern sagen könnte: Heil mir, daß ich dich fand in der heiligsten Lebenszeit, eh'ich gcirrct hatte; und daß ich sterben kann und habe niemand so geliebt als dich! — O Liane, o Zesara, so glücklich müssen euere schönen Seelen werden! — Der Jüngling blieb noch einige Minuten in der um ihn sortarbcitcndcn Zaubcrwclt, deren Töne und Fontainen wie die Wasser und Maschinen in dem einsamen Bergwerke rauschten; aber am Ende war etwas Gewaltsames im einsamen Fort- töncn und Schimmern des Thals, worin er so allein zurück- gelassen war. Hastig schritt er ans dem nähern Wege, und mit Wasseradern beworfen, durch den Laubcnvorhang und trat wieder in die freie Morgen-Erde Lilars hinaus. Wie sonderbar! wie fern! wie verändert war alles! In seine weit offne innere Welt drang die äußere mit vollen Strömen ein. Er selber war verändert; er konnte nicht in die Eichennacht an das selsichte Ebenbild des Vaters treten. Als er über die in 275 Zweigen stehende Brücke war, sah er ans dem breiten silberweißen Gartenwege die sanfte Gesellschaft langsam gehen und er pries Lianen selig, die nun an ihr bewegtes Herz das mütterliche drücken konnte. — Die Kleine drehte sich oft tanzend um und sah ihn vielleicht, aber niemand wandte sich zurück. Durch die nachgctragne Harfe riß sich der Morgenwind und führte von den erregten Saiten Töne wie von Aeolsharsen mit sich weiter; und der Jüngling hörte wchmüthig dem zurückklingen- dcn Fliehen wie von Schwanen zu, die über die Lander eilen, indeß hinter ihm das leere Thal einsam in den flötenden Hir- tcnliedcrn der Liebe sortsprach und ihn wehende nachziehende Laute matt und dunkel erreichten. Aber er ging auf den Berg des Altars zurück; und da er über die Helle Gegend schauetc und noch die fernen weißen Gestalten gehen sah, ließ er seine ganze schöne Seele weinen — Und hier schließe sich der reichste Tag seines jungen Lebens! — Aber, ihr guten Menschen, die ihr ein Herz tragt und keines findet, oder die ihr die geliebten Wesen nur in und nicht an dem Herzen habt, bild' ich nicht alle diese Gemälde der Wonne, wie die Griechen, gleichsam an den Marmorsärgen euerer umgclegtcn schlafenden Vorzeit ab? Bin ich nicht der Archimimus, der vor euch die zerfallnen Gestalten nachspielt, die euere Seele begrub? Und du, jüngerer oder ärmerer Mensch, dem die Zeit statt der Vergangenheit erst eine Zukunft gab, wirst du mir nicht einmal sagen, ich hätte dir manche selige Gestalten wie heilige Leiber verbergen sollen aus Furcht, du würdest sie anbetcn, und wirst du nicht dazusetzcn, du hättest ohne diese Phönix-Bildnisse leichtere Wünsche genährt und manche erreicht? — Und wie wehe Hab' ich dann euch allem 18 * 276 gethan! — Aber mir auch; denn wie könnt' cs mir besser ergehen als euch allen? — Euer Schluß wäre demnach dieser: Da ihr schöne Tage nie so schön erleben könnt, als sie nachher in der Erinnerung glänzen oder vorher in der Hoffnung: so verlangtet ihr lieber den Tag ohne beide; und da man nur an den beiden Polen des elliptischen Gewölbes der Zeit die leisen Sphärenlaute der Musik vernimmt, und in der Mitte der Gegenwart nichts: so wollt ihr lieber in der Mitte verharren und anfhor- chen, Vergangenheit und Zukunft aber — die beide kein Mensch erleben kann, weil sie nur zwei verschiedene Dichtungsarten nnsers Herzens sind, eine Ilias und Odyssee, ein verlornes und wiedergesundnes Miltons-Paradics — wollt ihr gar nicht anhören und heranlassen, um nur taubblind in einer thieri- schcn Gegenwart zu nisten. — Bei Gott! Lieber gebt mir das feinste stärkste Gift der Ideale ein, damit ich meinen Augenblick doch nicht verschnarche, sondern verträume und dann daran versterbe! — Aber eben das Versterben wäre mein Fehler: denn wer die poetischen Träume ins Wachen^) tragen will, ist toller als der *) Es kann mir nicht vorgeworfen werden, daß ja die Szenen meines Buches wirklich erlebte wären, und daß man keine bessere zu erleben wünschte; denn in der Darstellung der Phantasie nimmt die Wirklichkeit neue Reize an, Reize, mit welchen auch jede andere zurückgcwichcne Gegenwart magisch die Erinnerung durchschimmert. Ich berufe mich hier auf die Empfindung des Personales selber, das im Titan handelt, ob es nicht in meinem Buche -— wenn cs anders darüber gerätst — an den abgemaltcn Szenen, die doch seine eignen sind, einen stöhern Zauber findet, der den wirklichen abging, und der's 277 Nordamerikaner, der die nächtlichen rcalisirt; er will wie eine Kleopatra den Glanz der Thaupcrlcu zum Labetrunk, den Regenbogen der Phantasie znm haltbaren über Regenwasser geführten Schwibbogen verbrauchen. — Ja, o Gott, du wirst und kannst uns einmal eine Wirklichkeit geben, die unsre hiesigen Ideale verkörpert und verdoppelt und befriedigt — wie du es uns ja schon in der hiesigen Liebe bewiesen hast, die uns mit Minuten berauscht, wo das Innere das Acußcre wird und das Ideal die Wirklichkeit — aber dann — nein, über das Dann des Jenseits hat dieses kleine Jetzt keine Stimme; aber wenn hienicdcn, sag' ich, das Dichten Leben würde und unsre Schäfcrwelt eine Schäferei und jeder Traum ein Tag: o so würde das unsere Wünsche nur erhöhen, nicht erfüllen, die höhere Wirklichkeit würde nur eine höhere Dichtkunst gebären und höhere Erinnerungen und Hoffnungen — in Arkadien würden wir nach Utopien schmachten, und auf jeder Sonne würden wir einen tiefen Sternenhimmel sich entfernen sehen und wir würden — seufzen wie hier! — freilich machen könnte — aber ganz mit Unrecht — daß das Personale wünscht, sein eignes Lebe» zu — erleben. Neunte Jobelperiode. Lust der Hoftrauer — das Begräbnis — Noquairol — Brief an ihn — die sieben letzten Warte im Wasser — die Huldigung — Redoute — Puppenredoute — der Kopf in der Luft, der Tartarus, die Geisterstimme, der Freund, die Katakombe und die vereinigten Menschen. 46. Z y k e l. ^>ic werdende Liebe ist die stillste; die schattigen Blumen in diesem Frühlinge meiden, wie die im andern, das Sonnenlicht. Albano spann sich tief in seine Sonntagsträume ein und zog, so gut er konnte, das grüne Mohn-Blatt der Wirklichkeit in sein Gcspinnste; nämlich den Montag, der ihm bei dem Paradebegräbnifse des Fürsten den Bruder seiner Freundin zeigen sollte. Dieses Trauerfcst., wo der dritte, aber größte fürstliche Sarg sollte zur Ruhe bestattet werden, brach endlich an und war schon durch das Vorfest wichtig gemacht, wo man die zwei ersten Särge sammt dem Greise beigesctzt, wie man etwa Tugenden schon im Anfänge eines Jahrhunderts beerdigt und erst am Ende desselben ihre leeren Namen, Gehäuse und Franzbände. Am Probe- und Vorbildsbcgräbnisse des Höchstseligen war noch dazu der alte fromme Vater, Spener, sein letzter Freund, mit in die Gruft hinabgegangen, um sich das hölzerne 279 und zinnerne Gehäuse des ausgelaufenen Gehwerks öffnen zu lassen und ans die stille Brust des lieben Schläfers noch dessen Jugend - Portrait und sein eignes mit der umgestürztcn Farbenseite zu decken, ohne zu reden und zu weinen; und der Hof machte viel aus dieser Morgen- und Abendgabe der Freundschaft. Alles schwillt für den Menschen ungeheuer an, wovon sie lange reden müssen — alle Pcstitzcr Gesellschaften waren Sterbebeitragsgcsellschastcn und voll Lcichcnmarschalle — jedes Gerüste der benachbarten Zukunft war ein Traucrgerüste und jedes Wort ein Leichensermon oder eine Grabschrift auf den blassen Mann — Sphex als Leibmedikus frcuetc sich auf seinen Antheil am Leidtragen und Mitzichen — der Lektor hatte statt der versetzten Winterkleider die Hoftrauer schon an- und approbirt — der Hofmarschall hatte keine Minute Rast und der jüngste Tag, der die Gräber auf-, aber nicht zumacht, wär' ihm heute schief gekommen — der Minister von Froulay, den der kalte I-uiZi willig alles machen ließ, war als Liebhaber alles altfürstlichen Pompes und als Kreisausschreibcnder Direktor des gegenwärtigen so gut im Himmel als der Höchstselige — die Weiber waren als Hochselige aus den Betten gestiegen, weil für diese fleißigen Gewändermalcrinnen eine lange Wesenkette von Röcken und von deren Trägern wol so schwer wiegt als für ihre Männer eine gekuppelte Sippschaft von Pferden. Albano harrte ungeduldig am Fenster ausLianens Bruder und liebte den Unsichtbaren immer heißer; wie zwei Flügel hoben und regten Freundschaft und Liebe in ihm einander verbunden auf. Die Traucrspnle — nämlich der leere Sarg — war im Tartarus angelegt und wurde allmälig abgespulet. 280 und man konnte das dunkle Traucrband nun bald bis in die Bcrgstadt spannen. Schon anderthalb Stunden vor Ankunft des Zuges war der Salpeter der weiblichen Volksmenge an den Mancrn und Fenstern eingeschossen. Sara, die Frau des Doktors, kam mit den Kindern und dem tauben Kadaver in Schoppc's Zimmer herauf, dessen zweite Thüre in Albano's seines offen stand, und sagte liebäugelnd zum Grafen hinein: „hier oben wäre alles besser zu übersehen und Seine Gnaden „würden verzeihen." — „Bleibt nur zusammen da und mo- „lcstirt mir den H. Grafen nicht" sagte sie zurückgcwandt zu den Kindern und wollte ins gräfliche Zimmer, aus dessen Schwelle sic der von Albano kommende Schoppe auffing und anhiclt. Sara war nämlich eine jener gemeinen Frauen, die von ihren Reizen mehr selber hingerissen werden, als damit andere Hinreisen — sie setzte blos ihr Gesicht auf den Sessel und ließ es zünden und sengen und brennen, indes; sie ihres Orts (im Vertrauen aus ihren faulen Heinz*) des Gesichts) ruhig und kalt andere Dinge machte, entweder einfältiges Zeug oder bösen Leumund; und dann wenn sie eine Kleidcr- geißel der Weiber gewesen war, wie Attila eine Göttergeißel der Völker, so schanctc sie auf und besah den Feuerschaden ihres Gesichts in den männlichen Tabacksschwämmen umher. Besonders auf den reichen schönen Grafen hatte sic ein Auge — unter der Amors Binde. Ihr Kopf lag voll guter physiognomischer Fragmente; und Lavatcrs Vorwurf, daß die meisten Phyfiognomistcn leider am ganzen Menschen ") Oder Athaner, ein chemischer Ofen, verlange Zelt ohne Nach- schürcn fortarbeitct. nichts studirtcn als das Gesicht, konnte ihren reinen physiog- nomischen Sinn niemals treffen. Schoppe, leicht crrathend, daß -ei der Seelen — käufcrin der Gang ein Preßgang, das Weißzeug Jagdzeug, der Shawl eine Schlagwand sei und der Hals ein Schwanenhals für einen nahen Fuchs, faßte sic auf der Schwelle beider Stuben an der Hand und fragte sie: „nehmen Sic auch fo viel An- „thcil an der allgemeinen Landesfrcudc und erwünschten Hoftrauer wie ich? Ihre Augen lassen dergleichen lesen, Frau „Landphysikussin." — Was für einen Anthcil, sagte die Physika, ganz dumm gemacht. — „An der Lust der Hofleutc, die sich „ohnehin wie die Urangutangs dadurch von den Affen unterscheiden, daß sie selten Freudensprünge thun; wenigstens trommeln „sie wie junge Klavicristcn ihre traurigsten und ihre lustigsten „Stückchen ungerührt hintereinander weg. Wenn nur dem „Hofstaate nichts Herbes die Trauer versalzt! —- Wünschen „Sie, daß die Lieben die schwarzen Freudeukleider, worin sie, „wie die Nepoten der in der lcuktrischen Schlacht Gebliebenen, „dem Jubel eines neuen Fürsten entgcgcngchen, umsonst ungezogen haben? Wie?" — Unglücklicherweise versetzte sie spöttisch: „Schwarz ist hier zu Lande Trauerfarbc, H. Schoppe." — „Schwarz, Frau Doktorin? (prallt' er staunend zurück) „Schwarz? —> Schwarz ist Rciscfarbe und Brautsarbe und „Gallafarbe und in Rom Fürstcnkinderfarbe, und in Spanien „ist's ein Rcichsgesetz, daß die Hofleutc, wie in Marokko die „Juden*), schwarz erscheinen." „Pestalozzi, Madame — aber Malz, versteht Er mich „denn?" fuhr Schoppe herum und munterte den Menschen, *) Nach Lempricre. 282 der seine Trommel anhatte und sie heimlich unter dem Zuge rühren wollte, um etwas vom gedämpften Leichentrommelu zu vernehmen, zum Schlägel auf, damit er vom Diskurse pro- sitirte. — „Malz, sagt' er lauter, Pestalozzi bemerkt ganz „gut, daß die Großen unserer Zeit sich in Gesicht, Kleidung, „Stellung, Bilderdienst, Aberglauben und Liebe zu Charla- „tanen den Asiaten täglich nähern; — cs spricht für Pestalozzi, daß sic den Sincsern, die sich für die Freude schwarz „und für die Trauer weiß anzichen, nicht blos Tempel und „Gärten und Fratzcnbilder, sondern auch eben dieses Freuden- „schwarz abborgen." Unter den Kindern — wovon die unerzognen allein noch nicht ungezogen waren — hoben sich Boerhave, Galenus und van Swieten am meisten durch eingelegte Arbeit und Hand- zeichnungeu, die sie von den Anwesenden mit den Fingern auf ihr Buttcrbrod gravirten, und Galenus wies seine satirische Projekzion von der Mama, sagend: schau't, was Mama'n für 'ne lange Nas' an'setzt Hab'. Der Bibliothekar, der etwas ähnliches drehte, hielt sic, als sie hincinwollte, indem er versicherte, er lasse sie nicht, bis sie sich ergebe; die Traucrmarschsäule könne kaum einen Acker lang aus dem Tartarus heraus sehn und geb' ihm Zeit genug. Er fuhr fort: „Acchte Trauer hingegen, Liebe, macht immer wie der Zorn „bunt oder wie der Schrecken weiß; z. B. die Kreaturen eines „todten Pabstes trauern violct, der französische König auch, „seine Frau kastanienbraun, der venezianische Senat um den „Doge roth. — Allein Trauer können Sic so gut wie ich „keinem Regenten vcrstatten; dem Hohenpriester und einem 283 „Judenkönige*) war sie ganz verboten; warum wollen wir „der Dienerschaft mehr verstatten als dem Herrn? — Und „müßte ein Landesherr, Beste, der die kostbare Landtrauer zu- „ließe, nicht offenbar die abgestellte Privattraucr ausweckcn? „Und könnt' er, indem er durch sein Exilium, wie Zizero „durch seines**), 20,000 Leute in Trauerhabit steckte, es verantworten, daß sein letzter Akt ein on- „8oir, als ein Lichttödtcr vor, den mir der Tod aufgesetzt — „wir sind artige mit Silber überzogne Figuren, in einem „elektrischen Tanze begriffen, und vom Funken springen wir „aus, ich bewege mich zum Glücke doch noch .... und dort 287 „schleicht unser guter Lektor auch daher und zieht seinen lan- „gen Flor"-wobei freilich Augusti's bürgerlich-ernste Stimmung sehr gegen die menschlich-ernste des Bibliothekars abstach. Auf einmal sagte Schoppe verdrießlich über die Rührung: „welche Maskerade wegen einer Maske! Lumperei wegen „Lumpenpapier! Werft einen Menschen still in sein Loch und „rufet niemand dazu. Ich lobe mir London und Paris, wo „man keine Sturmglocken läutet und die Nachbarschaft rege „macht, wenn der lünclertabsr einen Eingeschlasnen zu Bette „bringt." — „Nein, nein, (sagte Zesara, voll Kraft zum „Schmerz) ich lob' es nicht — wem die heiligen Todtcn „gleichgültig sind, dem werden es die Lebendigen auch >— nein, „ich lasse gern mein Herz in eine Thränc nach der andern zerbeißen, kann ich nur des lieben Wesens noch gedenken." — O wie traf die Nachbarschaft mit seinem Herzen zusammen! In einer Zisterne, wovor der Sarg des Sarges vorüberging, stand der abgebildete Greis auf einem Pferde in Bronze und sah unter sich vorübcrgehen die abgesattelten Traucrpserde und das berittene Freuden-Roß — ein Taubstummer machte mit seiner Glocke an den Thüren ein bettelndes Geläute, das er wie der Begrabne nicht vernahm — und war nicht der vergessene Fürst ungesehen und einsamer unter die Erde gelegt als irgend einer seiner Unterthanen? — O Zesara, dir fiel es aufs Herz, wie leicht der Mensch vergessen wird, er liege in der Urne oder in der Pyramide — und wie man unser unsterbliches Ich wie einen Schauspieler für abwesend anfieht, sobald es nur in der Kulisse steht und nicht aus der Bühne unter den Spielern poltert.- Aber legte nicht der graue Einsiedler Spener dem liefern 288 Einsiedler eine doppelte Jugend aus die gesunkne Brust? O zahlet nicht in dieser frostigen Stunde des Gepränges die treue Julienne alle Töne des Lcichengeläntcs an ihren Thrä- nen ab, diese arme durch Krankheit nur vom Zeremonie!, nicht vom Schmerze befreicte Tochter, die nun den vorletzten, vielleicht den letzten Verwandten verloren, da ihr Bruder kaum einer ist? — Und wird Liane in ihrem Elysium nicht das Nachspiel des Schmerzes crrathcn, das so nahe vor ihr hinter den hohen Bäumen im Tartarus gegeben wird? Und wenn sic etwas vermnthct, o wie wird sic nicht so innig trauern? — — Dieses alles hörte der edle Jüngling in seiner Seele an und er dürstete heiß nach der Freundschaft des Herzens; — ihm war, als wehe ihre Berg- und Lebenslust aus der Ewigkeit herab und treibe den Todtenstaub weg vom Lebens- stcigc, und er sehe droben den Genius die umgestürzte Fackel ans den kalten Busen stellen, nicht um das unsterbliche Leben anSzulöschen, sondern um die unsterbliche Liebe anzuzündcn. Er konnte nun nicht anders, sondern mußte ins Freie gehen und unter dem fliegenden Getöne des Frühlings und unter dem dumpf-zurückmurmelndcn Todtcnmarsche die folgenden Worte an Liancns Bruder schreiben, womit er ihm jugendlich sagte: sei mein Freund! An Karl. „Fremder! jetzt in der Stunde, wo uns im Todtenmcere „und in den Thräncn die Siegessäulen und Thronen der „Menschen und ihre Brückenpfeiler gebrochen erscheinen. 289 „fragt Dich frei ein wahres Herz — und Deines antwort' „ihm treu und gern! „Wurde Dir das längste Gebet des Menschen erhört, „Fremder, und hast Du Deinen Freund? Wachsen Deine „Wünsche und Nerven und Tage mit seinen zusammen wie „die vier Zedern ans Libanon, die nichts um sich dulden „als Adler? Hast Du zwei Herzen und vier Arme und lebst „Du zweimal wie unsterblich in der kämpfenden Welt? —- „Oder stehst Du einsam aus einer frostigen verstummten „schlnalcn Gletschcrspitze und hast keinen Menschen, dem Du „die Alpen der Schöpfung zeigen könntest, und der Himmel „wölbt sich weit von Dir und Klüfte unter Dir? — Wenn „Dein Geburtstag kommt, hast Du kein Wesen, das Deine „Hand schüttelt und Dir ins Auge sicht und sagt: wir blci- „bcn noch fester beisammen? — „Fremder, wenn Du keinen Freund hättest, hast Du „einen verdient? — Wenn der Frühling glühte und alle „seine Honigkelche öffnete und seinen reinen Himmel und „alle hundert Thore an seinem Paradiese: hast Du da schmerzlich aufgcblickt wie ich und Gott um ein Herz gebeten für „Deines? — O wenn Abends die Sonne einsauk wie ein „Berg und ihre Flammen aus der Erde fuhren und nur „noch ihr rothcr Rauch hinanzog an den silbernen Sternen: „sähest Du aus der Vorwclt die verbrüderten Schatten der „Freundschaft, die aus Schlachtfeldern wie Gestirne Eines „Sternbildes miteinander untcrgingcn, durch die blutigen „Wolken als Riesen ziehen, und dachtest Du daran, wie sie „sich unvergänglich liebten, und Du warst allein wie ich? „— Und, Einsamer, wenn die Nacht/ wo der Geist des „Menschen, wie in heißen Ländern, arbeitet und reiset, Jean Paul's auSgew. Werke. X. lg 290 „ihre kalten Sonnen verkettet und aufdeckt und wenn doch „unter allen weiten Bildern des Aethcrs kein geliebtes thcu- „rcs ist und die Unermeßlichkeit Dich schmerzlich anfzicht „und Du auf dem kalten Erdboden fühlest, daß Dein Herz „an keine Brust anschlägt als nur an Deine: o Geliebter, „weinest Du daun und recht innig? — „— Karl, oft zählt' ich am Geburtstage die wachsenden Jahre ab, die Federn im breiten Flügel der Zeit, und „bedachte das Verrauschen der Jugend: da streckt' ich weit „die Hand nach einem Freunde aus, der bei mir im'Cha- „rons Nachen, worin wir geboren werden, stehen bliebe, „wenn vor mir die Jahreszeiten des Lebens am Ufer vor- „überlauscn mit Blumen und Blättern und Früchten und „wenn aus dem langen Strome das Menschengeschlecht in „tausend Wiegen und Särgen hinuntcrschicßet. „Ach nicht das bunte User fliehet vorüber, sondern der „Mensch und sein Strom; ewig blühen die Jahreszeiten „in den Gärten des Gestades hinauf und hinab, aber nur „wir rauschen einmal vor den Gärten vorbei und kehren „nicht um. „Aber der Freund geht mit. O wenn Du in dieser „Stunde der Gaukeleien des Todes den bleichen Fürsten „mit den Jugend-Bildern auf der Brust ansichst und an den „grauen Freund denkst, der ihn verborgen im Tartarus betrauert: so wird Dein Herz zerfließen und in sanften war- „mcn Flammen in der Brust umhcrrinnen und leise sagen: „ich will lieben und dann sterben und dann lieben: o Allmächtiger, zeige mir die Seele, die sich sehnet wie ich! „Wenn Du das sagst, wenn Du so bist, so komm an „mein Herz, ich bin wie Du. Fasse meine Hand und be- 291 „halte sic, bis sie welkt. Ich habe heute Deine Gestalt gc- „sehen und auf ihr die Wunden des Lebens; tritt an mich, „ich will neben Dir bluten und streiten. Ich habe Dich „schon früh gesucht und geliebt. Wie zwei Ströme wollen „wir uns vereinigen und miteinander wachsen und tragen „und cintrocknen. Wie Silber im Schmelzofen rinnen wir „mit glühendem Lichte zusammen, und alle Schlacken liegen „ausgcstoßcn um den reinen Schimmer her. Lache dann „nicht mehr so grimmig, daß die Menschen Irrlichter sind; „gleich Irrlichtern brennen und fliegen wir fort im regnenden Sturme der Zeit. — Und dann, wenn die Zeit vor- „bei ist, finden wir uns wie heute und cs ist wieder im „Frühlingc." Albano de Ccsara. 48. Z y k e l. Wie herrlich — eh' dem inncrn Menschen, wie dem äußern im Alter, alle Pulsadern zu Knorpeln erstarren und alle Gesäße unbicgsam und erdig werden und das moralische Herz wie das andre kaum sechzig Schläge in einer Minute thut, und eh' der alte scheue Narr sich bei jeder Rührung ein Stück seines Wesens aufhcbt, das er kalt und trocken erhält und das aufpasscn soll, wie benetzte Himbecrblättcr stets auf der rauhen Seite trocken bleiben — wie herrlich, sag' ich, tritt dagegen vor dieser Spionen-Periode ein Jüngling, zumal ein Albano, seine Bahn daher, wie frei, keck und froh! Und sucht gleich dreist den Freund wie den Feind und tritt dicht an ihn, um zu kämpfen entweder für ihn oder wider ihn! — 19 * 292 Damit entschuldige man Mbano's feurigen Brief! Den andern Tag erhielt er von Roquairol diese Antwort: „Ich bin wie Du. Am Himmclfahrtsabcndc will ich „Dich suchen unter den Larven." Karl. Dem Grasen stieg die Röthe der Kränkung über dieses gesuchte Verschieben der Bekanntschaft ins Gesicht; er wäre — suhlt' er — nach einem solchen Laute des Herzens, ohne ein todtes Interim von fünf Tagen und ohne eine Huldignngs- rcd oute im doppelten Sinne, sofort zum Freunde gegangen und seiner geworden. Jetzt aber schwor er, ihm nicht weiter cntgegenzulanfcn, sondern ihn nur zu erwarten. — Gleichwol verflattertc bald das gerührte Zürnen und er bewilligte dem ersten Blättchen des so lange gesuchten Lieblings immer schönere Milderungen: — Karl konnte ja z. B. in dieses huldigende Getöse nicht gern die heilige Zeit des ersten Erkenncns mengen wollen — oder die erste selbst-mörderische Ncdoutc machte ihm jede zur begeisternden Aera eines neuen zweiten Lebens — oder er wußte wol gar um Mbano's Geburtstag — oder endlich dieser glühende Mensch ging oder flog seinen eignen Pfad.- Jndeß machte dessen Blatt, daß sich der Graf sein eignes vorrückte als eine Sünde gegen seinen — Schoppe; er hielt das Sehnen in der Freundschaft nach der Freundschaft für Sünde; aber du irrest, schöne Seele! Die Freundschaft hat Stufen, die am Throne Gottes durch alle Geister hinansstcigcn bis zum unendlichen; nur die Liebe ist ersättlich und immer dieselbe und wie die Wahrheit ohne drei Verglcichungsgrade und ein einziges Wesen füllet ihr Herz. Auch hatten sich 293 Albano und Schoppe bei einer so gegenseitigen Seclenwandc- rung ihrer Ideen und einer so nahen Verwandtschaft ihres Trotzes und Adels weit lieber, als sic sich zeigten. — Denn da Schoppe überhaupt nichts zeigte, so konnte man ihn wieder nur mit dem Finger auf der Lippe, aber vielleicht desto stärker lieben. Albano war ein hcißbrennender Hohlspiegel, der seinen Gegenstand nahe hat und ihn aufgerichtct hinter sich darstcllt, Schoppe einer, der ihn ferne hat und ihn verkehrt in die Luft wirft. Abends vor seinem Gcburts- und dem Huldignngstage stand 'Albano einsam am Fenster und wog seine Vergangenheit — denn ein letzter Tag ist feierlicher als ein erster; am 31sten Dezember überrechn' ich 365 Tage und deren Fata, am Istcn Jenner denk' ich an nichts, weil ja die ganze Zukunft durchsichtig ist oder in fünf Minuten ausseyn kann — er maß, während über sein zu Ende gehendes zwanzigstes Jahr die Vcsperglockc läutete und die Vespcrhora in ihm anging, die Absidcnlinic seines moralischen Wesens und sah an den anfgcthürmtcn morgenden Tag hinaus, der vollhing entweder von Frühlingsregcu oder von Hagelkörnern. Noch nie hatt' er so weich den Kreis geliebter Menschen überschauet oder durch die offnen Thore der Zukunft geblickt als dasmal. Aber die schöne Stunde störte Malz, der mit der Nachricht hereinbrach, der hinkende Herr sei ins Wasser gesprungen. Aus dem Dachfenster sah man einen zurückkehrcudcn Dors- Lcichcnzug um die Ufer-Stelle gehäuft, wo sich Schoppe hin- cingcstürzt. Mit fürchterlicher Wildheit — denn Zorn war in ') So heißet die Linie, die man von der Sonnenferne zur Sonnennähe zieht. 294 Albano der Nachbar des Schreckens und Schmerzes — riß er den trägen Landphysikus zur Hülse mit fort und sogar durch harte drohende Worte; denn Sphcx wollte auf einen Wagen passen, auch mögliche Fälle von zu späten Nettungsanstalteu auscinaudersetzcn und hatte überhaupt vielleicht die Hoffnung gern, den Bibliothekar auf den Anatomirtisch als Doktorschmaus der Wissenschaft aufzutragen. Der Jüngling rannte mit ihm hinaus — durch Kornfelder — unter Thronen — unter Flüchen — mit geballter, mit ausgcspreizter Faust, und immer mehr schwindelte sein Auge und brannte sein Herz, je näher sic dem dunkeln Zirkel zulicfcn. Endlich konnten sic den Bibliothekar nicht nur sehen, sondern auch — hören; wohlbehalten drehte er ihnen den kraushaarigen Kopf aus dem Schilfrohr entgegen und hob zuweilen, weil er das Traucrkondukt harangnirtc, feurig den behaarten Arm über die Wasserpflanzen. Freilich war's so: Sein Soritcs war, so lang' er lebte, dieser: „er sei keine „Steiß-, sondern eine Gcsichtsgebnrt und trage mithin Kopf , „und Nase hoch und empor *), weil er müsse — nun kenn' er „keine ächtcre Freiheit als Gesundheit — jede Krankheit schließe „die Seele krumm und die Erde sei blos darum ein allgemeines Stockhaus und eine In Kussretiöro, weil sic ein „Quetschhaus **) sei — wer eine Austern-, Schnecken-, Vipcru- „Kur gebrauche, sei selber eine schleimige geschlängelte klebende „Viper, Auster, Schnecke, und daher Mieten die semperfrcicu *) Ein mit dem Gesichte zuerst in die Welt tretendes Kind kann später den Kopf nicht vorwärts beugen. Hausmutter V. B. *') So heißet das Jnvalidenhospital in Kopenhagen. 295 „Wilden die Siechlinge, und die kräftigen Spartcr gaben kei- „nem Pazientcn ein Amt, geschweige die Krone — besonders „sei Stärke vonnöthen, um in unfern niedrigen Zeiten quali- „fizirtc Subjekte ausznprügcln, weil seines Wissens die Faust „mit einigem Inhalte die beste Jnjuricnklage und netio ex „leZe clilkninnri sei, die ein Bürger anstcllen könne." — Darum badete er Sommer und Winter eiskalt, so wie er eben darum in allem enthaltsam blieb. Nun war er bei dem häßlichen Wonncmonatswetter blos in seinem grauen Hnsarenmantcl — daheim sein Schlasrock — und mit nicdergetrctenen Schuhen ans Wasser gegangen; zu Hause hatt' er sich vorher ordentlich ausgezogcn, um am Gestade so gleich fertig zu sehn. Die Trauerkompagnie, die ihn mit seinem schnellen Schritte am Wasser gehen und endlich alles zurnckwerfen und hineinspringcn sah, mußte glauben, der Mensch wolle sich ertränken, und rannte vereinigt seinem Badeorte zu, um ihn nicht zu lassen. „Ersäuf' Er sich nicht!" schrie die Traucr-Ncgcrci von weitem. Er ließ sic erst heran, um mit ihr näher aus der Sache zu reden: „Ich nehme noch „Vernunft an, ob ich gleich schon im Wasser stehe; aber lasset „euch auch bedeuten, lieben Kerstenc insgemein, denn so hieß „man zu Karls Zeiten die Christen! Ich bin ein armer Sakramenter, und erinnere mich kaum, wovon ich bisher lebte, „so blutwenig war's. Was ich in der Welt nur anfing, da- „bci war kein Segen, sondern Krebsgang hinten und vorn. „Ich legte in Wien ein hübsches Magazin von Schnepfendreck „an, aber ich setzte nichts ab, aus Mangel an Schnepfen. — „Ich griff's am andern Ende an und hausirte in Karlsbad „für große Herren, die sonst ans jeden Bettel und Sessel ein „Gemälde setzen, mit hübschen Kupferstichen für den Abtritt, 296 „damit sie da statt des bloßen gedruckten Papiers etwas Geschmackvolles hätten zum Verbrauche; behielt aber die ganze „Suite aus dem Halse, weil die Manier zu hart war-und nicht „idealisch genug. — In London macht' ich Reden voraus (denn „ich bin ein Gelehrter) für Menschen, die gehangen werden „und doch noch etwas sagen wollen; ich trug sie den reichsten „Parliamcntsredncrn und selber Spitzbuben von Buchhändlern „an, hätte aber die Reden beinah selber gebraucht. — Ich „hätte mich gern vom Vomiren genährt*), aber dazu gehört „Fond. —> Ich suchte einmal bei einem gräslichcn Rcgimcntc „als Notenpult unterzukommcn, weil's bei der Wachtparadc „dumm aussicht, daß jeder einen musikalischen Lappen auf der „Schulter hängen hat, den der andre vom Blatte spielt, ich „wollte für ein weniges alle Musikalicn au mir tragen und „mit den Noten vor ihnen stehen, aber der Premier-Lieutenant „(er sitzt zugleich in der Regierung und Kammer) glaubte, die „Pfeifer würden lachen, wenn sie bliesen. — So ging mir's „von jeher, theucrc Kerstenc; aber trabt nicht auf meinem „thcuern Mantel herum! — Zum Unglück schritt ich gar in „die Ehe mit einer mit cingcschmolzenen Siegeln **) ausge- „statteten Wienerin, Namens Urnenunierantin UleinLntariu „kliilantllroxin ***) — ihr wisset nicht, was cs zu deutsch heißt ") In Darwins Zoonomie I. B. S. 529 wird einer angeführt, der vor Zuschauern cS machte. In Paris that ein andrer dasselbe durch Luft, die er in den Magen schluckte. *') In Wien machte ein Institut aus altem Lack neuen und steuerte mit dem Ertrage Arme aus. »") So geschmacklos wollte Basedow eine Tochter zum Andenken 297 „— einem wahren Höllcnbesen, der mich wie einen Parforce- „hirschen hier ins Schilfrohr hercingehctzt. Kcrstcne, ich bla- „mire mich im Wasser, wenn ich mit nnscrm Wehcstande ganz „herausgchc; kurz, meine ?l>ilnntln-o^>ia war vor der Ehe wie „die Stacheln eines ncugebornen Igels weich, aber in der Ehe, „als das Laub herunter war, sah ich wie auf Bäumen im „Winter ein Raben- und Tcnscls-Nest nach dem andern. Sie „zog sich stets so lange an, bis sic sich wieder auszichen mußte „—- wenn ein Fehler an mir oder den Kindern gehoben war, „zankte sie noch ein wenig fort, wie man sich noch fort erbricht, wenn das smstieum und alles schon heraus ist — sie „gönnte mir wenig, und hätt' ich ein Fontanell gehabt, sie „hätte mir die frische Erbse vorgerückt, die ich jeden Tag hätte „hincinlegcn müssen — kurz, wir wollten beide verschieden „hinaus, der Rnnknagel der Liebe war ausgczogen und ich „fuhr mit den Vorderrädern ins Wasser herein und meine „krnenumernntia hält mit den Hinterrädern zu Hanse. — „Seht, meine Weiber, darum thn' ich mir mein Leid an —> „der Atzmann * *) hätte mich ohnehin bei der Kehle gegriffen; „— spiegelt euch aber! Denn wenn ein Mann, der ein Gekehrter ist und darum, wie ihr von Fichten noch wisset, als „angestcllter Ansscher, Lehrhcrr und Mentor des Menschengeschlechts herumgcht, vor seiner Frau ins Wasser springt und „seine Ephorie und Hosmeistcrstellc fahren lässct: so könnt ihr „schließen, wozu Eure Männer, die sich mit mir gar nicht mes- „scn dürfen in der Gelehrsamkeit, kapabel find, falls ihr solche des ans Pränumerazion erscheinenden Elementarwcrks taufen lassen. S. Schlichtegrolls Nekrolog. *) So heißt an einigen Orten die Schwindsucht. 298 „Pränumcranticn, Elementarsten und Philanthropien seid, wie „ihr leider das Ansehen habt. — — Aber (beschloß er plötzlich, da er Albano und den Doktor sah) schccrt euch fort, ich „will ersaufen!"- „Ach, lieber Schoppe!" sagte Albano — Schoppe errö- thcte über die Lage — „Es will ein Hanswurst sehn" sagte das weichende Leichcn-Kondukt — „Was ist denn das für eine Kinderei?" fragte Sphcx nachzürucnd über Albano's vorige Heftigkeit und über den anatomischen Fehlschuß und nahm sich Gcnugthuuug durch die Erzählung von dessen Toben. Schoppe erkannte, wie herzlich ihn der edle Jüngling liebe, und er wollte nichts sagen, weil er sich schämte, aber er schwur sich, ihn nächstens (nach seinem auch im stummen Denken bizarren Ausdrucke) in seine Brusthöhle cinzulasscu und ihm darin ein ganzes wildes Herz voll Liebe hängend zu weisen. 49. Z y k c l. Der blaue Tag, wo eine Himmelfahrt, eine Huldigung und ein Geburtstag gefeiert wurde, stand schon über Pcstitz nach abgelegter Morgenröthc >— zwei Pferde waren schon die Vorläufer von vieren, der niedrige Kutschbock vom höchsten — der Landadel ging schon unbcqucm-frisirt in die Wirthsstnbcn herab und kränkte sich über das gcstohlnc schönste Wetter zur Birkhahn-Falz und der Stadtadcl sprach noch ungepudcrt über den Tag, aber ohne wahren Ernst — der Hof-Mikrometer*), der Hofmarschall, war von allen seinen Fouriers umgeben — ') Ein Mikrometer besteht aus feinen in das Sehrohr eingespaiin- tcn Fäden, die zum Messen der kleinsten Entfernung dienen. 299 die Hos-Passagcinstrnmcnte *), die Hofleute, hatten statt ihres halben Feiertages, wo sic nur Nachmittags frohncn, einen ganzen Werkcltag und standen schon am Waschtische —- der Hul- digungsprcdigcr Schäpe glaubte fast alles von seiner Rede, weil er sic zu oft gelesen, und die Nähe der Publikazion flößte ihm Rührung ein — kein Domino für den Abend war mehr zu haben, außer bei den Inden-als ein Mann vor der Hansthürc des Doktors abstieg, dcr's unter allen mit der Huldigung am redlichsten und wärmsten meinte, der Direktor Wehrfritz. Es war ein Sohn und ein Vater einander in den Armen, ein feuriger Jüngling und ein feuriger Mann. Albano schien ihm nicht mehr der Alte zu sehn, sondern noch — wärmer als sonst. Er brachte von „seinen Weibern," wie er sie nannte, glückwünschendc Briefe und Angebinde für den Geburtstag mit; er selber machte nicht viel ans dem Tage oder vergaß ihn, und Albano hatt' ihn nur nach dem Erwachen ein wenig gefeiert. Diese Feste gehören mehr weiblichen Wesen an, die gern mit Zeiten liebend und gebend tändeln. Der Titularbibliothekar marschirte aus ein Dorf, Namens Klostcrdorf, hinaus, wo der Schulz mit seiner Familie nach einer alten Sitte den Fürsten mit der scinigen nachmachcn und so als Kommissionär die Huldigung des benachbarten Umkreises eintrcibcn mußte; diese, sagte Schoppe, lass' er sich noch gefallen, aber die andre wirke zu fatal auf seine Eingeweide. Der vom heutigen Tage geblendete und mit einer Amtsrcde vorn an die Ritterschaft postirte Direktor biß sich mit Schoppe herum: „Die Kammer und der Hof, sagt' er. *) Das Paffagcinstrumcnt oder Kulminatorium beobachtet cs, wenn ein Stern den höchsten Stand in seinem Laufe hat. 300 „sind freilich von jeher, wie sie sind; aber die Fürsten, lieber „Herr, sind gnt, sie werden selber ausgcsogcn, nnd dann scheinen sic auszusaugcn." — „Wie etwan, versetzte Schoppe, die „Leichen-Vampyren nur Blut von sich geben, indcß sie cs zu „nehmen scheinen; aber das bring' ich dadurch wieder ein, daß „ich den Regenten außer den fremden Sünden auch fremde „Verdienste, Siege und Opfer ganz beimcssc; hier sind sic die „Pelikane, die ein Blut für ihre Kinder vergießen, das wirklich ihr eignes zu seyn scheint von weitem." — Alle gingen: Schoppe anfs Land; Wchrfritz in die Kirche mit der Prozession; Albano in eine Zuschauer-Loge am Hul- dignngssaalc; denn er wollte auf keine Weise in die Schleppe des Fürsten eingcstickt seyn, nicht einmal als Besatz. Das Prunk-Getümmel rauschte bald in den Saal zurück. — Die Ritterschaft, die Geistlichkeit und die Städte bestiegen die Schwurbühnc. — Im Schloßhofe stand ein Fuß auf dem andern, und eine Nadel konnte zwar zur Erde kommen, aber kein Mensch, um sic aufzuhcben, jeder sah auf den Balkon herauf und fluchte früher, als er schwur. — Der Fürst blieb auch nicht weg — der Thron, dieser graduirtc und paraphrasirte Fürstenstuhl, stand offen, und Fraischdörser halt' ihn mit schönen mythologischen nnd heraldischen Verkröpfungen und Außen- wcrkcn dckorirt. — Dem Grafen gegenüber blühten die Hofdamen und darunter eine Rose nnd eine Lilie, Julienne und Liane.- Wie man das Auge von der frostigen starren Wintergcgcnd zum blauen wehenden Himmel aufhcbt, der unsre Frühlings- abendc ansah und worin die leichten Sommcrwolkcn gingen und der Regenbogen stand: so blickte er über das glänzende Schneelicht des Hofes zur lieblichen Grazie des Lenzes hin. 301 um welche Erinnerungen wie Blumen hingen, und die nun so fern stand, so abgctrcnnt, so ciugekerkert in den schweren Putz des Hofes! Nur durch die nahe Freundin wurde sic leise mit der grellen Gegenwart verschmolzen und versöhnt. — Nun fingen schöne Amtsreden an, die längste hielt der alte Minister, die kürzeste Wchrfritz; der Fürst ließ an seinem Dezember-Gesicht, ohne aufzuthaucn, die warmen Lobreden vorübcrstrcichcn; eine fehlerhafte Gleichgültigkeit! Denn das Lob vom Minister wie von andern Hof-Bedienten kann ihm noch bei der Nachwelt helfen, da nach Bako keines gültiger ist als das, so Bediente geben, weil sie ja den Herrn am besten kennen. — Dann las der Obersckrctär Heidcrschcid Luigi's Stammtafel ab und beleuchtete den hohlen Stammbaum sammt seiner Baumtrockniß und dem letzten blaßgrünen Aestchcn; >—mit gc- snnkncn Augen hörte Julienne dieses unter dem Vivat des Volks an, und Albano, nie von Einem Gedanken allein bezwungen, sah ihre Augen und konnte, so hart auch der Regent zuhörtc, sich des Leichengcmäldcs nicht erwehren, wie einmal, d. h. sehr bald, dieser crloschne Mensch den Namen seines ganzen Stammes in die Gruft nachziehcn werde; er sah das Wappen verkehrt cinhancn und den Schild verkehrt auf- hängcn und hörte die Schaufeln, die den Helm zerstießen und dem Sarge nachwarscn. --Düstre Idee! die weiche Schwester hätte gewiß geweint, wäre sic nur allein gewesen! — Zuletzt kam die Reihe auch an die, an welche sie nie zuerst kommt, ob sie gleich die einzigen sind, die es mit solchen Zeremonien herzlich meinen; Heidcrschcid trat auf den Balkon und ließ die wimmelnde laute Menge die Vordcrfingcr und den Daum ausstreckcn und den Eid nachsagcn. Diese immer bc- G 302 zauberte jauchzctc Vivat — iu den geblendeten Augen funkelte die Zuversicht einer bessern Negierung und die Liebe für einen Ungekannten. — Der Graf, den ohnehin eine Menge feurig, so wie Schoppen trübe machte, glühte begeistert von Bruderliebe und Thatcndurst; er sah die Fürsten wie Allmächtige aus ihren Höhen walten und sah die blühenden Landschaften und die heitern Städte eines weise regierten Landes aufgedcckt — er stellte es sich vor, wie er, war' er ein Fürst, mit dem schlagenden Funken ans der Zeptcrspitzc in Millionen verknüpfter Herzen aus einmal belebend und erschütternd stralcn könnte, indeß er jetzt so mühsam einige nächste entzünde — er sah seinen Thron als einen Berg in Morgcnlicht, der schiffbare Ströme statt der Lava in die Länder hcrabgicßct und die Stürme bricht und um dessen Fuß Ernten und Feste rauschen — er dachte sich's, wie weit er von einer so hohen Stelle das Licht umhcrstrcucn könnte, gleichsam ein Mond, der nicht die Sonne am Tage verbauet, sondern ihr fernes Licht ans seiner Höhe der Nacht znwirst — und wie er die Freiheit, statt sie nur zu vertheidigen, erschaffen und erziehen und ein Regent seyn wollte, um Selbstrcgentcn *) zu bilden; „aber warum bin „ich keiner?" sagt' er traurig. Edler Jüngling! geben denn dir deine Rittergüter keine Unterthancn? — Aber eben so glaubt der kleinere Fürst, ein Hcrzogthum wollt' er ganz anders regieren, und der höhere glaubt cs von einem Königreiche und der höchste von der Universalmonarchie. Indeß zogen sich den ganzen sonderbaren unruhigen Tag 0 Antarchen; denn Monarchen oder Einhcrrscher sind von Selbstherrschern etpmologisch verschieden. wilde Jünglings-Perspektiven vor ihm hin nnd her, und die alte Geisterstimme, der er heute entgcgcnging, wiederholte in ihm den dunkeln Zuruf: nimm die Krone! — Wehrfritz kam Abends mit rothcm Gesichte vom feurigen Hnldigungsmahle zurück, und Albano nahm von ihm einen bewegten Abschieds gleichsam von der Ebbe nnd Windstille des Lebens, von Verbindlichen Jugend; denn heute tritt er tiefer in die Wellen desselben. Schoppe kam zurück und wollte ihn vor das Loch seines Guckkastens haben, worin er die Vikariats - Huldigung in Klosterdorf in komischen Bildern vorbeischob; aber diese stachen zu hart mit hohern ab nnd machten wenig Glück. Nachts legte Albano seine schöne ernste Charaktermaske an, die eines Tempelherrn — zu einer komischen war seine Gestalt nnd fast seine Gesinnung zu groß — die letztere wurde noch feierlicher durch dieses Todtenklcid eines ganzen ermordeten Ritterordens. Nachdem er sich noch einmal die schauerlichen Gänge des Tartarus nnd die Begräbnißstättc des Fürstcn- hcrzens wegen des nächtlichen Verirrens beschreiben lassen: so ging er um 10 Uhr fort mit einer hochschlagcndcn Brust, welche die Nachtlarven der Phantasie nnd die Freundschaft und die Liebe und die ganze Zukunft vereinigt aufrcgten. 50. Z Y k e l. Albano trat zum crstcnmale in die verkehrte Marionctten- wclt einer Rcdoute wie in ein tanzendes Todtcnreich. Die schwarzen Gestalten — die ausgeschlitztcn Larven — die dar- hintcr wie ans der Nacht blickenden fremden Augen, die wie an jenem zerstäubten Sultan im Sarge allein lebendig blieben — die Vermischung nnd Nachäffung aller Stände — das Fliehen und Ringrenucn des klingenden Tanzes und seine eigne Einsiedelei unter der Larve, das versetzte ihn mit seiner Shakspearschen Stimmung in eine Zauber- und Geister-Insel voll Gaukeleien, Schattenbilder und Verwandlung. Ach das ist das Blutgerüste, dacht' er zuerst, wo der Bruder deiner Liane sein junges Leben wie ein Trauergewand zerriß; und er sah bange umher, als furcht' er, Noquairol versuche wieder den Tod. Unter den Masken fand er keine, worunter er ihn vcr- muthcn konnte; — diese geistlose Vcttcrschast von stehenden Rollen, die Läufer, die Fleischer, die Mohren, die Altvordern rc., diese konnten keinen Geliebten Albano's verbergen. Einsam und umhcrblickcnd schritt er hinter den Reihen der Anglaise auf und ab; und mehr als zehn Augen, die gegenüber in der ringförmigen Finsteruiß der Spitzcnmaske blitzten — denn die Weiber lieben aus Offenherzigkeit die Masken nicht, sondern zeigen sich gern — folgten der kräftig und geschmeidig gc- bauetcn Gestalt, die mit dem kühnen Helme und Fcdcrbuschc, mit dem bekreuzten weißen Mantel und dem Panzcrglanzc auf der Brust einen Ritter aus der heroischen Zeit zu bringen schien. Endlich ging eine vcrlarvte Dame, die zwischen unver- larvtcn plauderte, mit großen Schritten und Füßen aus ihn zu und faßte keck wie zum Tanze seine Hand. Er war äußerst verlegen über die Kühnheit der Aufforderung und über die Wahl der Antwort; gerade die Tapferkeit ist gern mit Galanterie vermählt, wie die Damaszener Waffe außer der Härte noch einen ewigen parfümirtcn Geruch besitzt; — aber die Dame schrieb nur die Frage nach seinem Namen — v. L.? — in die Hand; und nach dem Ja sagte die reizende leise: „kennen 305 „Sie mich nicht mehr? — den Exerzizicnmeistcr von Falterlc?" Albano bezeugte, ungeachtet seines Widerwillens gegen die Rolle, eine wahre Freude über den Fund eines Jugend-Genossen. Er fragte, welche Maske der Oberst Roquairol sei; Falterlc versicherte, er sei noch nicht da. Nun gingen — da die Lauser, die Fleischer, Falterlc re. nur die Schneeglöckchen dieses Rcdontcnsrühlings waren — schon bessere Blumen, Veilchen, Vergißmeinnicht und Primeln auf oder herein. Für ein solches Vergißmeinnicht sch' ich einen hereinkommcndcn, hinten und vornen ausgewachsenen und wie ein Brennglas konvexen Kerl an, der bald das Hintergebäude öffnete und Konfekt ans dem Buckel ausschüttete, und dann das Vordergebäudc und Bratwürste gebar. Hafenreffer aber schreibt, die Jnvenzion sei schon einmal auf einer Wiener Re- dontc gewesen. Dann kam eine Gesellschaft deutscher — Spielkarten, die sich selber mischten und ausspicltcn und stachen; ein schönes Sinnbild des Atheismus, das ihn ganz ohne das Ungereimte darstcllt, womit man ihn so gern bcschmitzte! — H. von Augusti erschien auch, aber im einfachen Kleide und Domino; er wurde (dem Grasen unbegreiflich) sehr bald der Polarstern der Tänzer und der regierende Kartcsianische Wirbel der Tanzschule. Mit welchem elenden schwarzen Kommis- und Bcttelbrode von Freude — dachte Albano, dem den ganzen Tag seine Träume, diese Tauben Jupiters, Göttcrbrod zutrugcn — kommen diese Menschen aus! — Und wie kahl und fahl ist ihr Feuer, ihre Phantasie und Sprache (dacht' er dazu), ein wahres Leben unten in einer finstern Gletscherspalte! denn er glaubte, jeder müsse so angespannt und glühend sprechen und fühlen wie er. — Iran Pauvs ausgew. Werke. X, 20 306 Jetzt kam ein hinkender Mann mit einem großen Glaskasten auf dem Bauche — freilich war der Bibliothekar leicht zu kennen; er hatte — entweder weil er zu spät nach einem Domino schickte, oder keinen bezahlen wollte — vom Lcichen- mäntcl-Vcrleiher etwas Schwarzes an und war von der Achsel bis auf das Schienbein mit gräulichen Masken besetzt, die er mit vielen Fingerzeigen meistens den Leuten antrug, die hinter entgegengesetzten agirtcn, z. B. langnasigen kurznasige. , Er wartete auf den Anfang einer Hopsanglaise, deren Noten gerade ans der Spiclwalze seines Kastens standen; dann fing er auch an; er hatte darin eine treffliche von Bestelmaier gehobelte Puppcn-Redoute und ließ nun die kleinen Larven hopsen parallel mit den großen. Es war ihm um vergleichende Anatomie beider Maskeraden zu thun, und der Parallelismus war betrübt. Dabei hatt' er's noch mit Beiwerken aufgeputzt — kleine Stummen schwenkten im Kasten ihr Glöcklein — ein ziemlich erwachsenes Kind schüttelte die Wiege eines unbelebten Püppchens, womit das Närrchen noch spielte — ein Mechani- kus arbeitete an seiner Sprachmaschine, durch welche er der Welt zeigen wollte, wie weit bloßer Mechanismus dem Leben der Puppen Nachkommen könne — eine lebendige weiße Maus *) sprang an einem Kettchen und hätte viele vom Klub umgeworfen, falls sie es zerrissen hätte — ein lebendiger cingesarg- tcr Staar, eine wahre erste griechische Komödie und Lästcr- schule im Kleinen, verübte an der Tanzgescllschaft den Zungen- todtschlag ganz frei und distinguirte nicht — eine Spicgclwand *) Spielet er damit auf die fürchterliche weiße Gestalt in meiner Vision von der Vernichtung an? 307 ahmte die lebendigen Szenen des Kastens täuschend nach, so daß jeder die Bilder für wahre Puppen nahm. — >— Ans Albano traf die Schneide dieses komisch-tragischen Dolches senkrecht genug, da ihm ohnehin das hüpfende Wachs- figurcnkabinct der großen Nedonte die Einsamkeit des Menschen zu verdoppeln und zwei Jchs durch vier Gesichter zu trennen schien; aber Schoppe ging weiter. In seinem Glasschranke stand eine Pharaobank und daneben ein Männchen, das den verlarvten Banquier in schwarzes Papier ansschnitt, aber dem deutschen Herrn ähnlich; diese Schildern trug er ins Spielzimmer, wo eine bankhaltende Maske — ganz gewiß Zcfisio — ihn hören und sehen mußte. Der Banquier sah ihn einigemal fragend an. Dasselbe that eine ganz schwarz gekleidete Maske mit einer sterbenden Larve, die das hippokratische Gesicht vorstellte*). Albano sah feurig nach ihr, weil ihm vorkam, cs könne Roquairol seyn, denn sie hatte dessen Wuchs und Fackclaugc. Die bleiche Larve verlor viel und verdoppelte immer den Verlust; dabei trank sie aus einem Federkiele unmäßig Champagner Wein. Der Lektor kam dazu; Schoppe spielte vor den zulaufcnden Augen weiter; die bleiche Larve sah unverrückt und strenge den Grasen an. Schoppe nahm vor Bouverot seine eigne herab — aber eine Unterzieh- Maske saß darunter — er zog diese aus — eine Unterzieh- Maskc der Untcrzich-Maske erschien — er tricb's fort bis zur fünften Potenz — endlich fuhr sein eignes höckeriges Gesicht hervor, aber mit Goldschlägcrgold bronzirt und sich gegen Bou- vcrot fast snrchterlich-glcißcnd und lächelnd verziehend. Die bleiche Larve selber schien zu stutzen und eilte mit *) So heißet die Gestalt eines Sterbenden. 20 * 308 weiten Schritten weg in den Tanzsaal; sie warf sich wild in den wildesten Tanz. Auch das bewährte Albano's Vermnthung, so wie ihr großer trotzender Hut, der ihm eine Krone schien, weil er an dem männlichen Anzuge nichts höher schätzte als Pelz, Mantel und Hut. — Immer mehrere Finger zogen die Lettern v. 6. in seine Hand, und er nickte unbekümmert. Die Zeit umgab ihn mit vielfachen Dramas und überall stand er zwischen Theater-Vorhängen. Als er mit dem unruhigen Kopse und Herzen ins Bogenfenster trat, um zu sehen, ob er bald Mondschein für seinen Nachtgang habe: so sah er über den Markt einen schweren Leichenwagen zwischen Fackeln ziehen, der einen Rittergutsbesitzer seiner Familiengruft zufuhr; und der ungestörte Nachtwächter ries dem schleichenden Tobten den Anfang der Geister- und einer uns theuren Geburtsstnnde nach. Mußte nicht sein gctroffncS Herz cs ihm sagen, wie der harte, feste, unauflösbare Tod mit seiner Gletscherluft so scharf durch die warmen Szenen des Lebens rückt und alles, worüber er wegweht, hinter sich starr lässct und schneeweiß? — Mußt'er nicht an die erkaltete junge Schwester denken, deren Stimme jetzt seiner im Tartarus wartete? — Und als Schoppe mit seiner Puppcn-Travcstirung zu ihm kam, und er ihm die Gasse zeigte und dieser sagte: „I,on! der Freund Hain sitzt auf seinem „Pürschwagcn und guckt ruhig herauf, als wolle der Freund „sagen: llou! tanzt nur zu, ich fahre retour und bring' euch „auch an Ort und Stelle" — wie mußt' cs ihm so enge werden unter dem schwülen Visier! — In dieser Sekunde kam die bleiche Larve mit andern ins Fenster — er öffnete das glühende Gesicht der Kühlung — ein schneller Weintrunk und noch mehr seine Phantasie zeigte ihm die Welt in brennenden Ober- 309 flächen — die Larve beschämte ihn nahe mit einer ungewissen dunkeln Augen-Glut, die er am Ende nicht länger vertrug, weil sic eben so gut vom Hasse als von der Liebe angezündct sehn konnte, so wie Sonnenflcckcn bald Gruben, bald Gebirgen ähnlich schienen. — Eils Uhr war vorbei, er entwich plötzlich den heißen Blicken und dem kreischenden Gedränge und begab sich auf den Weg zum Herzen ohne Brust. 51. Z Y k e l. Jndcß er am Thore auf seinen Degen wartete: lief eine Gruppe neuer Masken (meistens Repräsentanten der Leblosigkeit, z. B. ein Stiesel, ein Perückenstock u. s. w.) — in die Stadt und sie guckten verwundert den fremden weißen langen Ritter an. Er nahm den Degen mit, aber nicht den Bedienten. Ucbrigens ließ ihm sein Charakter bei aller Gefahr, worein der Besuch eines abgelegnen dflstern Katakombenganges und das fremde Voranswisscn dieses Besuches ihn stürzen konnte, doch keine andre Wahl als die getroffene; nein, er hätte sich lieber morden lassen als vor seinem Vater geschämt. Wie stieg dein Geist empor, gleich einem Blitze, der aufwärts gegen den Himmel hineinschlägt, als die große Nacht mit ihrem Heiligenscheine aus Sternen aufgerichtet vor dir war! — Unter dem Himmel gibt es keine Angst, nur unter der Erde! Breite Schatten legten sich ihm in den Weg nach dem Elysium, den am Sonntage Thautropsen und Schmetterlinge färbten. In der Ferne wuchsen feurige Zacken aus der Erde und gingen; es war der Leichenwagen mit den Fackeln in der tiefen Straße. Als er an den Scheideweg kam, der 310 durch die Schloßruincn in den Tartarus führt: sah er sich nach dem Zaubcrhaine um, aus dcsscu gcwunducr Brücke ihm Leben und Frcudculicdcr begegnet waren; alles war stumm darin, und nur ein langer grauer Raubvogel (wahrscheinlich ein papierncr Drache) drehte sich darüber hin und her. Er kam durch das alte Schloß in einen abgesagten Baum- gartcn, gleichsam ein Baumkirchhos; dann in einen bleichen Wald voll abgeschältcr Maicnbäumc, die alle mit verblühten Bändern und erblaßten Fahnen gegen das Elysium sahen — ein verdorrter Lusthain so vieler Frcudcntage. Einige Windmühlen griffen mit langen Schattenarmcn dazwischen, um immer zu fassen und zu schwinden. Ungestüm lief Mbauo eine von Ucbcrhängcu verfinsterte Treppe hinab und kam auf ein altes Schlachtfeld — eine dunkle Wüste mit einer schwarzen Mauer, nur von weißen Gypsköpsen durchbrochen, die in der Erde standen, als wollten sie versinken oder aufcrstchcn -— ein Thurm voll blinder Thore und blinder Fenster stand in der Mitte, und die einsame Uhr darin sprach mit sich selber und wollte mit der hin- und hcr- geführtcn eisernen Ruthe die immer wieder zusammcurinnendc Welle der Zeit auseinander theilcn — sic schlug drei Viertel aus 12 Uhr, und tief im Walde murmelte der Wicdcrhall wie im Schlafe und sagte noch einmal leise den entfliegenden Menschen die fliegende Zeit. Der Weg umlief'im ewigen Kreise ohne Pforte die Gottcsackermauer; Alban mußte, nach der Nachricht, eine Stelle an ihr suchen, wo cs unter ihm brau- sctc und schwankte. Endlich trat er ans einen mit ihm sinkenden Stein, da siel ein Ausschnitt der Mauer um, und ein verstrickter Wald aus Baumklumpen, deren Stämme sich in Buschwerk ein- 311 wickelten, war vor jeden Stral des Mondes gewälzt. Als er unter der Pforte sich umsah, hing über der schattigen Treppe ein bleicher Kops, gleich einer Büste des Mordseldes, und ging ohne Körper herab, und die verbluteten Todtcn schienen aufzuwachcn und ihm nachzülaufcn — der kalte Höllenstein des Schauders zog sein Herz zusammen; er stand; — der Lei- chcnkopf schwebte unbeweglich über der letzten Staffel. Auf einmal sog das Herz wieder warmes Blut, er wandte sich gegen den nnförmlichcn Wald mit gezogenem Degen, weil er sein Leben neben dem bewaffneten Tode vorbcitrug. Er folgte in der Finsterniß der grünenden Thürmc dem Getöse des unterirdischen Flusses und dem Wiegen des Bodens. Zum Unglück sah er sich wieder um, und der Leichcnkopf stand noch hinter ihm, aber hoch in den Lüsten auf dem Rumpfe eines Niesen.-Der höchste Schauder trieb ihn allezeit mit zugcdrückten Augen auf ein Schreckbild los; er rief zweimal durch den hallenden Wald: wer ist da? Aber als jetzt auf einmal ein zweiter Kops neben dem ersten zu stehen schien: so klebte seine Hand an dem eiskalten Schlosse der Pforte der Todtcnwclt gefroren an und er riß sie blutig ab. — Er floh und stürzte durch immer dichtere Zweige endlich hinaus in einen freien Garten und in den Glanz des Mondes; — hier, ach hier, als er den heiligen unsterblichen Himmel und die reichen Sterne im Norden wieder schimmern sah, die nie ans- und nntergchen, den Pol-Stern und Friedrichs Ehre, die Bären und den Drachen und den Wagen und Kassiopeia, die ihn mild wie mit den Hellen winkenden Augen cwiger Geister anblickten: da fragte der Geist sich selber: „wer „kann mich ergreifen, ich bin ein Geist unter Geistern;" und 312 der Muth der Unsterblichkeit schlug wieder in der warmen Brnst.- Aber welcher sonderbare Garten! Große und kleine blumenlose Beete voll Rosmarin, Raute und Taxus zcrstücktcn ihn — ein Kreis von Trauerbirken umgab wie ein Lcichcn- gcfolge gesenkt den stummen Platz — unter dem Garten murmelte der begrabne Bach — und in der Mitte stand ein weißer Altar, neben welchem ein Mensch lag. Albano wurde gestärkt durch die gemeine Kleidung und durch den Handwcrksbnndcl, woraus der Schläfer ausruhte; er trat ganz dicht an ihn und las die goldne Inschrift des Altars: „nimm mein letztes Opfer, Allgütigcr!" — Das Herz des Fürsten sollte hier zur Asche werden im Altäre. Ach nach diesen starren Szenen linderte es seine Seele bis zu Thräncn, hier Mcnschcnwortc zu finden und einen Menschenschlaf und die Erinnerung an Gott; aber als er gerührt dem Schläfer znsah, sagte ihm plötzlich die Schwcster- stimme, die er auf l8oln I-ella gehört, leise ins Ohr: Linda de Romeiro geb' ich dir. —> — Ach guter Gott! rief er und fuhr herum — und nichts war um ihn — und er hielt sich an die Altarccke — „Linda de Romeiro geb' ich dir" sagte cs wieder — fürchterlich packte ihn der Gedanke, der schwebende Lcichcnkopf rede neben ihm — und er riß am festen Schläfer, der nicht erwachte — und riß und ries noch gewaltsamer, als die Stimme zum drittcnmale sprach. „Wie? — (sagte der Schlaftrunkene) Gleich! — Was „will Er? — Sie?" und richtete sich unwillig und gähnend auf, aber er fiel bei dem Anblicke des nackten Degens wieder ans die Kniee und sagte: „Barmherzigkeit! ich will ja alles „hcrgeben!" — 313 „Zesara! (rief cs im Walde) Zesara, wo bist du?" und er hörte seine eigne Stimme; aber kühn rief er nun zurück: am Altäre! — Eine schwarze Gestalt drang heraus mit einer weißen Maske in der Hand und stockte im Mondlichtc vor der bewaffneten; da erkannte endlich Albano den Bruder Lianens, nach dem er so lange gclechzet — er schleuderte den Degen zurück und lief ihm entgegen — Noquairol stand stumm, bleich und mit einer erhabnen Ruhe auf dem Gesichte vor ihm, — Albano blieb nahe stehen und sagte gerührt: hast du mich gesucht, Karl? — Noquairol nickte stumm und hatte Thränen in den Augen und öffnete die Arme. — Ach da konnte der selige Mensch mit allen Flammen und Thränen der Liebe an die langgclicbte Seele stürzen und er sagte unaufhörlich: nun haben wir uns, nun haben wir uns! Und immer heftiger umschlang er ihn wie den Pfeiler seiner Zukunft und strömte in Thränen hin, weil ja nun die verschlossene Liebe so langer Jahre, und so viele zugcdrücktc Quellen des armen Herzens aus einmal fließen durften. — Noquairol drückte ihn nur zitternd an sich und leise mit Einem Arme; und sagte, aber ohne Heftigkeit: „ich bin ein Sterbender und das ist mein „Gesicht (indem er die gelbe Todtcnmaske emporhiclt), aber „ich habe meinen Albano und ich sterbe an ihm." Sie verstrickten sich wild — das Mark des Lebens, die Liebe, durchdrang sie schöpferisch -— der Boden über dem rollenden Erdenflussc wankte heftiger — und der Sternenhimmel zog mit dem weißen Zauberrauche seiner zitternden Sterne um die magische Glut- Ach ihr Glücklichen! — 314 52. Z y k e l. Einige Menschen werden verbunden geboren, ihr erstes Finden ist nur ein zweites und sie bringen sich dann als zu lange Getrennte nicht nur eine Zukunft zu, sondern auch eine Vergangenheit; — die letztere forderten einander die Glücklichen ungeduldig ab. Roquairol antwortete auf Albans Frage, wie er hichcr komme, mit Feuer: „er sei ihm diesen ganzen „Abend gefolgt — er habe ihn am Fenster unter dem Lcichcn- „geprängc so peinlich-schmachtend angeschanct und beinahe um- „armcn müssen — er sei schon vorhin dicht an ihm gestanden „und habe ans seine Frage: „wer da," sogleich die Maske „abgcthan."-Jetzt griff wieder Albano's gefallncr Arm straff durch das dünne Schattenspiel der Gcistcrsurcht, da er nun crfuhr, der zweiköpfige Riese sei blos vom optisch-vergrößernden Wahne der Ferne einer so nahen Gestalt erwachsen, und der Lcichenkopf habe auf der Treppe seinen Rumpf nur eingcbüßt durch die finstern Ucbcrhängc und durch die schwarze Bekleidung; sogar die harte Gcistcrszene am Altäre scknen ihm jetzt bezwinglichcr durch den reichen Gewinnst der lebendigen Liebe. Roquairol fragte ihn, welche Qual oder Freude ihn in der Mitternacht hierher ans einen Herrn hu tischen Gottesacker getrieben, und wohin er den Menschen mit dem Degen abgcschickt. Albano war's unbekannt, daß hier Herrnhuter ruhen; und eben so hatt' er den wahrscheinlich aus Furcht des Gebrauchs verübten Diebstahl des Degens nicht bemerkt. Er antwortete: „meine todte Schwester wollte am Altäre mit mir reden; und sie hat geredet"; aber er fürchtete sich, mehr davon zu sprechen. Da änderte sich plötzlich Noquairols Ge- 315 sicht — er starrte ihn an und forderte Bctheuerung und Erklärung — unter dieser schauete er in die Lust, als wollt' er aus ihr durch Blicke Gesichter ziehen, und sagte, indem er doch Albano ansah, eintönig: „Todte, Todte, rede wieder!" — Aber nur dcr Todtcnfluß redete unter ihnen fort und nichts weiter. Aber er warf sich vor dem Altäre ausdieKnicc und sagte vermessen und doch mit bebenden Lippen: „spring' auf, Gcisterpsorte, und „zeige deine durchsichtige Welt — ich furchte euch Durchsichtige „nicht, ich werde einer von euch, wenn ihr erscheint, und gehe mit „und erscheine auch." — „O mein Guter, lasse nach," bat Albano nicht nur aus Gottesfurcht, auch aus Liebe; denn ein Zufall, ein vorüberschießendcr Nachtvogel konnte sie ja durch ein Entsetzen tödtcn; — auch stand dieses Entsetzen nicht weit von ihnen; denn auf der erleuchteten Seite der Trauerbirken trat eine majestätische weiße alte Gestalt heraus. Aber da Roquairol, durch Wein und Phantasie wahnsinnig, die sterbende Larve in die Lüste reichte und gegen das Grab des Herzens sagte: „nimm dieses Gesicht, wenn du keines hast, „alter Mann, und blicke mich an hinter ihr!" so riß ihn Albano auf — die weiße Gestalt trat mit gebücktem Kopfe und gefalteten Händen in die Zweige zurück — der runde Thurm auf dem Schlachtfelde schlug die Stunde aus und die träumende Gegend schlug sic murmelnd nach. „Komm an mein warmes Herz, du heftige Seele — o daß ich „dich gerade an meinem Geburtstage, in meiner Geburtsstnndc erhalten durfte!" — Dieser Laut schmolz ans einmal den immer wechselnden Menschen und er hing sich mit nassen Freudcnangcn an ihn und sagte: und bis in unsre Sterbestunden hinein! „O sieh mich nicht an, du Unveränderlicher, weil ich so schwankend „und gebrochen erscheine — in den Wogen des Lebens bricht 316 „sich und ringelt sich der Mensch, wie der Stab im Wasser „flattert, aber das Ich steht doch fest wie der Stab. — Ich „will dir folgen in andere Orte des Tartarus; aber erzähle „auch die Geschichte." Diese Geschichte geben, hieß ein Allerhciligstes des Innern oder auch einen Sarg dem Tageslichte öffnen; aber glaubt ihr, daß Albano sich eine Minute bedachte? Oder ihr selber? — Wir sind alle bessere, offnere, wärmere Freunde, als wir wissen und zeigen; es begegne euch nur der rechte Geist, wie ihn die dürstende Liebe ewig fordert, rein, groß, hell, und zart und warm, dann gebt ihr ihm alles und liebt ihn ohne Maß, weil er ohne Fehler ist. Albano fand in diesem Fremdlinge den ersten Menschen, der sein ganzes Herz mit gleichen Tönen crwicdcrte, das erste Auge, das seine schüchternen Gefühle nicht flohen, eine Seele, vor deren erster Thräne aus seinem ganzen künftigen Leben Blumen aufsuhrcn wie aus den trocknen Wüsten heißer Länder unter der Regenzeit; — daher gab die Liebe seinem starken Geiste nur die gleiche weite Bewegung eines Meeres, indcß der obwol ältere und länger gebildete Freund ein Strom mit Wasserfällen war. Karl führte ihn in die sogenannte Katakombe, indcß er der Gcistergeschichte von Isoln belln zuhörtc, aber, von der vorigen erschöpft, mit fallender Furcht. Ein ödes verkohltes Thal voll offner vcrsallner Schachte sonnte sich grau im Mondscheine; aus dem Walde kroch unter ihren Füßen der Todten- fluß hervor und sprang ans eine steinerne Treppe in die Katakomben hinein; beide folgten ihm auf einer darneben. Der Eingang trug als Stirnblatt ein altes Zifferblatt, wovon einmal der Donner gerade die Stunde Eins weggeschlagen: „Eins? „(sagte Alban) Sonderbar! Gerade unsere künftige Stunde?" Wie abenteuerlich zieht sich die Katakombe fort! Der lange Todtensluß murmelt verfinstert tief hinein und blitzt zuweilen unter dem silbernen Dampfe, den das Mondlicht durch die Schachtlöcher hcrcintreibt — feste Thiere, Pferde, Hunde, Vögel stehen saufend am finstern Ufer, nämlich ihre ausgepolsterten Häute — schmale von der Zeit geschleifte Leichen- stcine mit wenigen Namen und Gliedern sind das Pflaster — an einer Hellern Nische liefet man, daß hier eine Nonne'eingemauert gewesen — in einer andern steht das vererzte Skelet eines verschütteten Bergmanns mit vergoldeten Rippen und Schenkeln — an zerstrcneten Orten waren schwarze Papierherzen arquebusirter Menschen und Blumcnsträußcr armer Sünder gesammelt, die Ruthe, die einen Begnadigten durch Bestreifen getödtct, eine gläserne Büste mit einem Phosphorpunkte im Wasser, Westcrhemdchen und andre Kinder-Kleider und Spielwaaren und ein Zwergskelet —- Als ihm Roquairols erklärende Worte, dessen Lebensweg immer in Grüfte hinab- und ans Gräber hinauslief, das Leben immer durchsichtiger und flitterhafter schlugen: so fuhr Zesara nach seiner Art auf einmal kopfschüttelnd, die Brust vorhebend, in den Sand cinstampfcnd und fluchend (was er leicht im Erschrecken und in großer Rührung that) mit den Worten auf: „beim „Teufel! — Du zerdrückst mir und dir die Brust. Es ist ja „nicht so! Sind wir nicht beisammen? Hab' ich nicht deine „warme lebendige Hand? Brennt in uns nicht das Feuer „der Unsterblichkeit? Ausgebrannte Kohlen sind diese Gebeine „und weiter nichts; und das himmlische Feuer, das sie zerlegte, hat wieder andres Brennholz ergriffen und lodert „fort." -— „O" (setzt' er wie getröstet dazu und trat in den Bach und blickte durch die Schacht-Oeffnung zum reichen Monde Jean Nanvs ausgew. Werle. X. 21 318 empor, der vom Himmel herunterströmtc, und seine großen Augen standen voll Glanz) „o, es ist ein Himmel und eine „Unsterblichkeit — wir bleiben nicht in der dunkeln Höhle des „Lebens — wir ziehen auch durch den Aether wie du, du „glänzende Welt!" „Ach du Herrlicher, (sagte Karl, dessen Seele aus Seelen „bestand) ich will dich nun auch zu einer srohern Stelle bringen." — Sie waren kaum acht Schritte weg, als cs sich hinter ihnen verdunkelte und ein oben hercingeworscncr Degen ausrecht mit der Spitze in den Sand der Wellen suhr. „O du „höllischer Tensel droben!" rief der ergrimmte Noquairol; aber Alban wurde weich über die eiserne Jungfran der Sterbensstunde, die so nahe an ihm die scharfen Arme znsammengeschlagen hatte. Sie faßten sich wärmer und gingen still und bange einem leisen Getöne und einem Grabhügel entgegen. Sie setzten sich auf ihn, gegenüber einem mit der quälenden Katakombe einen rechten Winkel bildenden Gang, den grünes Moos anslaubte und dessen Länge die zerbröckelten Funken von faulem Holz bezeichnet»!. Er verlor sich in eine offne Pforte und Aussicht ins — Elysium, von welchem nur die weißen Gipfel einiger Silberpappeln zu erkennen waren, und in der Ferne sah man das Frühlingsroth der Mitternacht am Himmel blühen, und zwei Sterne blitzten darüber. Doch wurde die Pforte vergittert und bewacht durch ein Skelet mit einer Aeolsharfe in der Hand, das auf ihr die dünnen Molltöne zu greisen schien, mit denen jetzt der Zugwind in die Höhle floß. „Erzähle hier (sagte Karl an der schönen Stelle, und „neugieriger durch den Mörderwurs von Albans Degen) das „heutige aus!" Albano berichtete ihm redlich das Wort der Schwcsterstimme: „Linda de Romeiro geb' ich dir." Er dachte 319 im Geräusche seines Innern nicht an die Anekdote, daß ja Karl für eben diese als Knabe sterben wollen. „Dic Romciro? (fuhr „dieser auf) Sei still! — O diese? — Spielender Schars- Dichter, du Schicksal! Warum sie und heute? Ach, Albano, „für diese ging ich früh dem Tode entgegen (fuhr er weinend „fort und sank ihm an die Brust); und darauf ist mein Herz „so schlecht geworden, weil ich sic verloren habe — Nimm sie „nur hin, denn du bist ein reiner Geist — die herrliche Gestalt, „die dir auf dem Meere erschien, so sicht sie aus, oder jetzt noch „schöner.-Ach Albano!" — Dieser edle Mensch erschrak über die Verwickelung und über das Schicksal und sagte: „nein, „nein, du lieber Karl, du denkst über alles ganz falsch." Plötzlich war es, als tönten alle Gestirne und ein melodisches Geistcrchor dränge unsichtbar durch die Pforte herein; Albano war betroffen. „Nichts, lass' cs (sagte Karl). Es ist „das Skelet nicht; der fromme Vater geht im Flötcn- „thale und zieht jetzt seine Flöten, weil er betet-Aber „wie sagst du, ich dächte über alles falsch?"- „Wie?" wiederholte Albano und konnte im zauberischen Kreise dieser Nachklänge, die den Sonntagsmorgen allmächtig wiedcrbrach- ten, nicht denken und reden. Wehten denn nicht die Silberpappeln an den Sternen hin und her, und Roscnwolkcn lagerten sich um den Himmel, und das ganze Elysium zog offen vorüber mit den Lauten, die cs durchschwebct, mit den Thrä- nen, die es benetzet hatten, und mit den Träumen, die kein Herz vcrgiffct, und mit der heiligen Gestalt, die ewig in seinem bleibt? — Die Hand ihres Bruders hielt er jetzt so fest; der Liebe und der Freundschaft, diesen zwei Brennpunkten in der Ellipse der Lebensbahn, war er so nahe; — ungestüm nm- sassete er den Bruder mit den Worten: „bei Gott, sag' ich 320 „dir, die, so du genannt, geht mich nichts an — und sie wird „es nie." „Aber, Albano, dn kennst sic ja nicht?" sagte Karl viel zu hart sortsragend; denn der edle Jüngling neben ihm war zu blöde und zu fest, dem Verwandten der Geliebten — einem Fremden viel leichter — das Heiligthum seiner Wünsche auszuschließen. „O martere du mich nicht! (antwortete er empfindlich; aber er setzte sanfter hinzu) glaube mir doch das^erste- „mal, mein guter Bruder!" — Karl gab eben so selten nach wie er und sagte, obwol den Fragton verschluckend und recht liebend, doch dieses: „bei meiner Seligkeit, ich ihn' cs; und „mit Freude — ein Herz muß herrlich-gclicbt und göttlich- glücklich sehn, das ein solches entbehren kann." Ach weiß denn das Albano? — Nur schweigend lehnt' er sich mit der Fenerwange voll Rosen an Lianens Bruder, verschämt das Erforschen scheuend; blos als die schwindenden Rufe des Flötcn- thals sich wie Seufzer in seiner Brust versammelten und ihn zu oft erinnerten, wie der Sonntagsmorgen schloß, wie Liane wich, und wie er ihr mit nassen dunkeln Blicken vom Altäre nachsah: so brach sein Auge, obwol nicht sein Herz, und er weinte heftig, aber schweigend an seinem ersten Freunde. — Dann kehrten sic mit stummen Seelen nach Hause und schaneten sinnend den langen schwindenden Wegen der Zukunft nach; und als sic schieden, fühlten sic wohl, daß sie sich recht von Herzen liebten, nämlich recht schmerzlich. — — Am Morgen darauf lag der fromme Vgtcr an einer Erschütterung darnieder, die mehr selig als traurig war; denn er sagte, er habe in der Nacht seinen Freund, den verstorbenen Fürsten, weißgekleidet im Tartarus gehen sehen. — Ende des ersten Bandes.