Walter Scolt's sämmtliche Z neu übersetzt erke, von vr. Herrmann, Fr. Richter, Fr. Funck, Oelckers, I)r. C. Susemihl, vr. Carl Andrü, W. Sauerwein und Andern. Zweite vermehrte Auflage. Zwanzigster Band. Der schwarze Zwerg, und Eine Sage von Montrose. Mit 1 Stahlstich. — - > >>>!'">"!>>> >- Stuttgart. Hoff m a n n'sche Verlags - BIIchhaIIdluII g. 1852. M ' ^ ! ^8 ME Der schwarze Iwerg und Eine Sage von Monirose. Bvu Walter Scott -- 888 ^ Neu übersetzt vcn Or Franz Kottenkamp Mit Stahlst! ch. - » > > > -- Stuttgart. Hoff UI a u u'sche Verlags - B II ch l) a II dl u II g. 1853 . Eine Sage von Montrose >> Sage von Montrose. 1 Vorwort. Der Verfasser schrieb die Sage von Montrose hauptsächlich in der Absicht, dem Leser das traurige Schicksal des Lord John Kilpont, des ältesten Sohnes von William, Grafen von Airth und Menteith, so wie die eigenthümlichen Umstände der Geburt und der Geschichte von James Stewart Ardvoirlich darzustellen, durch dessen Hand dieser unglückliche Edelmann seinen Tod fand. Unser Gegenstand führt uns zur Behandlung tödtlicher Feindschaften, und wir müssen mit Ereignissen beginnen, welche noch weiter wie in diejenige Zeit hinaufreichen, in welcher unsere Geschichte stattfindet. Während der Regierung Jakobs IV. herrschte eine gewaltige Fehde zwischen den einflußreichen Familien Drummond und Murray in Perthshire; die erstere, welche die zahlreichsten und mächtigsten Mitglieder zählte, schloß 120 Murrays in der Kirche von Monnivaird ein und steckte dieselbe in Brand. Die Weiber und Kinder der unglücklichen Männer, welche ebenfalls in der Kirche Zuflucht gesucht hatten, kamen in den Flammen um. Nur Ein Mann, mit Namen David Murray entging dem Tode durch die Menschlichkeit eines Drummond, der ihn in seinen Armen auffing, als jener ans den Flammen heraussprang. 1 ° Als König Jakob IV. mit größerer Kraft, wie die meisten seiner Vorgänger, herrschte, ward diese grausame That bestraft, und mehrere Teilnehmer an dem Verbrechen wurden zn Stir- ling enthauptet. Wegen der Verfolgung des Stammes floh jener Drummond, durch dessen Beistand David Murray gerettet war, nach Irland, bis er durch Vermittlung der Person, deren Leben er gerettet hatte, die Erlaubnis; zur Rückkehr nach Schottland erhielt, wo er und seine Nachkommen durch den Namen Drummond Eirinich oder Ernoch, das heißt Drummond von Irland bezeichnet wurden. Derselbe Namen wurde auch ihrem Landgnte ertheilt. Ein Drummond Ernoch zu Jakob VI. Zeiten war königlicher Förster im Walde von Glcnartney, und war dort mit der Ausführung der Jagd 1588 oder im Anfang von 1589 beauftragt. Dieser Wald grenzte an die hauptsächlichsten Jagd- gründc der Mac Gregors, oder eines besonder» Stammes derselben, welche unter dem Namen Mac Eagh oder Söhne des Nebels bekannt sind. Sie betrachteten die Jagd des Försters in ihrer Nähe als einen Eingriff in ihre Rechte, oder vielleicht standen sie mit ihm in Fehde, weil er einen ihres Stammes gefangen genommen oder getödtet hatte, oder auch vielleicht aus einem andern Grunde. Dieser Stamm der Mac Gregors war geächtet und verfolgt, wie der Leser aus der Einleitung zu Robin dem Rothen ersehen mag; da die Hände Aller gegen ihn erhoben waren, war er natürlich auch der Feind aller Anderen. Kurzum, Mitglieder dieses Stammes überfielen und erschlugen jenen Drummond Ernoch, schnitten ihm das Haupt ab, und nahmen cs mit sich, indem Einer von ihnen es in dem Zipfel seines Mantels verbarg. - Im vollen Genuß ihrer Rache hielten sie am Hause von Ardvoirlich an und verlangten Erfrischungen, welche die Haus- fran, eine Schwester des Ermordeten, deren Gemahl gerade abwesend war, ihnen zn verweigern sich scheute oder gern dar- reichtc. Sie ließ ihnen Brod und Käse vorsetzcn, und befahl ein größeres Mahl zu bereiten. Während sie sich in dieser gastfreundlichen Absicht entfernt hatte, setzten die Barbaren den Kopf ihres Bruders ans den Tisch, füllten den Mund desselben mit Brod und Käse, und forderten ihn ans, sich gütlich zn thnn, denn er habe manch' fröhliches Mahl in diesem Hanse verzehrt. Als die arme Frau zurückkehrte, kreischte sie bei dem furchtbaren Anblick auf und floh in die Wälder, wo sie als wahnsinnig, wie ein Volkslied verkündet, umhcrschwcifte und sich einige Zeit lang von jeder menschlichen Gesellschaft ab- sondcrte. Zuletzt ward sie durch ein ihr noch gebliebenes, instinktartiges Gefühl dazu bewogen, von beträchtlicher Entfernung aus auf ihre Mägde zn blicken, als dieselben die Kühe melkten; als dieser Umstand bemerkt wurde, ließ ihr Gemahl Ardvoirlich sie zurück nach Hanse bringen und behielt sie dort, bis sie ein Kind gebar, mit welchem sie schwanger ging; hierauf beobachtete man, daß sie allmälig ihre Vernunft wieder erlangte. Mittlerweile trieben die Verbrecher die Verhöhnung der königlichen Gewalt bis znm Uebermaß; bei der Art, wie dieselbe geübt wurde, besaßen sie übrigens wenig Grund, sie zu achten. Sie brachten dasselbe blntige Siegeszeichen, welches sie der Dame von Ardvoirlich in so wilder Weise gezeigt hatten, zur alten Kirche von Balgnidder, beinahe nach der Mitte des Landes, wo der Häuptling der Mac Gregors, welcher sich mit seinem ganzen Stamm zn dem Zweck versammelt hatte, die Hand auf den Kopf des todtcn Mannes legte, und mit heidnisch-barbarischen Flüchen einen Eid leistete, die Urheber 6 der That zu vcrthcidigen — ein Verfahren, welches alle Stammgenossen nach einander nachahmten. Die Richtigkeit der Thatsache wird durch eine Proklamation des Geheimen Rathes bezeugt, welche eine Achtserklärung gegen die Mac Gregors enthält. Der furchtbare Befehl ward mit ungewöhnlicher Wnth ausgcführt- Der verstorbene John Bnchanan von Cambusmore zeigte dem Verfasser Briefe, welche zwischen seinem Ahn, dem Lord von Bnchanan und Lord Drummond über Maßregeln gewechselt wurden, nach welchen gewisse Thäler zu bestimmter Zeit und nach einer bestimmten Zusammenkunft verheert werden sollten, „um süße Rache für den Tod ihres Vetters Drummond Ernoch zu nehmen." Dessen ungeachtet behielt der dem Untergang geweihte Stamm Mac Gregor noch immer mehrere Mitglieder am Leben, um neue Grausamkeiten und Verheerungen anszuführen. Mittlerweile wuchs der junge James Stewart von Ard- voirlich bis zum Manne von ungewöhnlicher Größe, Körperkraft und Thätigkeit heran; besonders im Griffe seiner Hand besaß er solche Kraft, daß er den Personen, welche mit ihm rangen, das Blut unter den Nägeln heranspreffen konnte. Sein Charakter war finster, stolz und jähzornig; er muß jedoch einige auffallende gute Eigenschaften besessen haben, denn er war von Lord Kilpont, dem ältesten Sohne des Grafen von Airth und Menteith sehr geliebt. Dieser tapfere junge Edelmann schloß sich Montrose bei dessen Schilderhebung 1644 an, kurz bevor die entscheidende Schlacht bei Tippermnis am 1. September jenes Jahres geliefert wurde. Damals besaß Stewart von Ardvoirlich das Vertrauen des jungen Lords in solchem Grade, daß beide mit einander ihr Lager theilten, bis er ungefähr vier bis fünf 7 Tage nach der Schlacht entweder in plötzlichem Wuthanfall, oder ans tiefem Haß gegen seinen arglosen Freund, den Lord Kilpont mit dem Dolche erstach und aus dem Lager Montrose entfloh, nachdem er eine Schildwache, die ihn aufzuhal- ten suchte, getödtet hatte. Bischof Guthrie erwähnt als Ursache dieser niederträchtigen Handlung den Umstand, daß Lord Kilpont mit Abscheu einen Vorschlag von Ardvoirlich, Montrose zu ermorden, gegeben hatte. Es sckcint jedoch nicht, daß irgend eine Beglaubigung für diese Beschuldigung vorhanden ist. Der Mörder Ardvoirlich floh zu den Covenanters, und wurde von ihnen angcstcllt und befördert. Er erhielt einen Gnadenbefehl für die Ermordung des Lord Kilpont, den das Parlament 1644 bestätigte, und ward zum Major in Argyle's Regiment ernannt. Dies; sind die Thatsachen der Erzählung, die hier als eine Sage aus Montrose's Kriege mitgetheilt ist. Der Verfasser hat sich bemüht, die Tragödie der Erzählung durch die Einführung einer Person zu beleben, welche der Zeit und dem Lande eigenthümlich ist. Nach dem Urtheil ausgezeichneter Richter hat er hierin einigen Erfolg gehabt. Die Verachtung gegen Gelderwerb bei den damaligen jungen Leuten, welche auf höheren Stand einigen Anspruch machten, die Armuth Schottlands, die Neigung zum Wandern und zu Abenteuern als Zug des National-Charaktcrs. — alles dieß führte Schotten in's Ausland, um Militärdienste in Ländern, wo gerade Krieg geführt wurde, zu nehmen. Auf dem Festlande zeichneten sie sich durch ihre Tapferkeit aus; da sie aber das Gewerbe von Söldnern ergriffen, so setzten sie dadurch nothwcndig den National - Charakter herunter. Die geistige Bildung, welche die meisten derselben besaßen, artete in Pedanterie ans; ihre gute Erziehung wurde zu einem bloßen 8 ceremoniösen Wesen; ihre Furcht vor Schande hielt sie nicht länger von Thaten zurück, welche wirklich werthlos waren, sondern bewirkte allein, daß sie ans spitzfindig ausgestellte Gebräuche hielten, die von demjenigen weit entfernt sind, was wirklich ein Lob verdient. Ein Cavalier von Ehre, welcher sein Glück suchte, konnte znm Beispiel eben so oft die Fahne wie sein Hemd wechseln, nach der Weise des mannhaf- tigen Kapitäns Dalgetty bald für die eine, bald für die andere Sache fechten, ohne ans die Gerechtigkeit des Kampfes Rücksicht zu nehmen, und die Bauern mit der unerbittlichsten Habsucht plündern, wenn das Kriegsglück ihm dieselben unterworfen hatte; er mußte sich aber in Acht nehmen, daß er nicht den geringsten Vorwurf, sogar den eines Geistlichen, ungeahndet ließ, wenn sich derselbe auf den Militärdienst bezog. Folgender Vorfall wird dasjenige, was ich hier andente, erläutern. „Hier darf ich es nicht vergessen, daß ich einen unserer Geistlichen, Herrn William Forbcsse, Feldprediger und sogar im Nothfall Hauptmann, erwähne, welcher sehr wohl die Soldaten bei guter Gelegenheit führen konnte, denn er war ein Mann von Mnth, Verstand und gutem Benehmen, und übertraf viele von mir gekannte Hanptleute, die nicht so fähig waren, wie er. Damals hielt er nicht allein für uns Gebete, sondern ging auch mit uns in's Gefecht, um, wie ich glaube, das Benehmen der Leute zu beobachten; als er nun fand, daß ein Unteroffizier seine Pflicht und seine Ehre bei einer solchen Gelegenheit vernachlässigte (dessen Namen will ich jetzt hier nicht nennen), gab er ihm einen Verweis und sagte ihm, daß er es mir anzeigen wolle, was er denn auch nach dem Gefechte that. Als ich den Unteroffizier kommen ließ, und ihm seine Anklage vorhielt, läugnete derselbe die 9 Anklage und sagte, wenn sein Ankläger nicht ein Pastor wäre, so wurde er die Beleidigung nicht auf sich sitzen lassen. Der Prediger bot ihm dann, um die Wahrheit seiner Beschuldigung zu beweisen, ein Duell an; darauf kasstrte ich den Unteroffizier, und gab seinen Platz einem würdigeren Herrn mit großem Mnthc. Der kasstrte Unteroffizier zog den Prediger nie zur Rechenschaft, und kam dadurch in üblen Geruch, so daß er nach Hanse kehren und den Krieg verlassen mußte." Dieses Citat ist einem Werke entnommen, aus welchem der Verfasser bei der vorliegenden Erzählung wiederholt sich Raths erholte, und welches größtcntheils in der Gedan- kenrichtnng des Hauptmanns Dngald Dalgctty verfaßt ist; dasselbe ist von einem Offizier, Oberstlientenant Monro, geschrieben, und schildert die Feldzüge eines Regimentes mit Namen Mac-Keyes-Regiment; es wurde 1626 von Sir Donald Mac Keye Lord Rees als Oberst für den König von Dänemark ausgehobcn, und diente zuerst demselben, als derselbe im dreißigjährigen Kriege gegen den Kaiser und die Ligue in's Feld zog, nachher trat es in die Dienste von Gustav Adolf, focht in dessen Feldzüge, und nach der Schlacht von Lützen unter den schwedischen Generalen bis zur Schlacht von Nörd- lingen, nach welcher es aufgelöst wurde. Hinzngcfügt ist eine kurze Darstellung des Militärdienstes nebst verschiedenen praktischen Beobachtungen zum Gebrauch jüngerer Offiziere, und endlich schließt das Werk mit den Gedanken eines Soldaten, der in den Dienst tritt. Das Werk ist 1637 in London gedruckt. Ein anderer würdiger Mann derselben Schule und beinahe mit denselben Ansichten über Soldatenehre ist Sir James Turner, ein Glückssoldat, welcher unter Karls II. Regierung zn beträchtlichem Range verrückte, in Galloway und Dum- 10 frics-Shire ein Kommando zu Unterdrückung religiöser Zusammenkünfte führte und von den aufständischen Covenanters in derjenigen Schilderhebnng gefangen genommen wurde, worin die Schlacht von Pentland geliefert ward. Sir James besipt höhere Ansprüche wie Obcrstlieutenant Monro, denn er hat eine militärische Abhandlung über die Anwendung der Pike geschrieben, und ward auf der Universität Glasgow erzogen, wo er de» Doctorgrad erhielt. In höherem Alter verfaßte er mehrere Schriften über historische und literarische Gegenstände, ans denen ein Auszug in unseren Tagen unter dem Titel: Die Memoiren von Sir James Turner erschienen ist. Aus diesem merkwürdigen Buch theile ich folgende Stelle als ein Beispiel mit, wie Kapitän Dalgetty einen solchen Vorfall beschrieben haben müßte, wenn er ein Tagebuch gehalten hätte, oder um einen bestimmteren Ausdruck zu wählen, wie der geistreiche De Fve den Vorfall geschildert haben würde, um demselben in einem seiner Romane die genauen Einzelnheiten und die bezeichnenden Züge einer wahren Geschichte zu er- theilen. „Hier will ich noch einen Vorfall erzählen, denn obgleich nicht sehr merkwürdig, ist derselbe doch sehr sonderbar. Meine zwei Brigaden lagen in einem Dorfe eine halbe Meile von Applebie entfernt; mein eigenes Quartier lag im Hanse eines Landedelmanns, welcher Rittmeister war und sich damals bei Sir Marmadnke befand; seine Frau hielt für ihn sein Bett bereit. Da Lambert ziemlich weit entfernt war, so beschloß ich, jede Nacht zu Bett zu gehen, denn ich hatte vorher Strapazen genug mitgemackt. Die erste Nacht schlief ich ziemlich gut, als ich aber am nächsten Morgen anfstand, fehlte unrein leinener Strumpf, ein halber seidener und eine Kamaschc; auch ließen sich dieselben beim Suchen nicht auffinden. Da 11 ich mehreres der Art hatte, so zog ich mich an und ritt in's Hauptquartier. Bei meiner Wiederkehr hörte ich nichts Neues von meinen Strümpfen. Die Nacht ging ich zu Bett, und am nächsten Morgen war es mir wieder so ergangen; mir fehlten drei Strumpfe für ein Bein; die anderen drei waren so unversehrt wie am Tage zuvor. Jetzt wurde genauer nach- gesucht, aber wieder ohne Erfolg. Ich hatte noch ein Paar ganzer Strümpfe und ein Paar Kamaschen, größer wie die ersteren. Diese zog ich an. Am dritten Morgen fand ich dieselbe Behandlung, denn nur die Strümpfe von einem Bein waren mir gelassen. Jetzt dachte ich eben so, wie meine Diener, daß die Ratten mir die Strümpfe in so ungleicher Weise gestohlen hätten. Die Frau des Hauses wußte es wohl, wollte es mir aber nicht sagen. Als nun das Zimmer, ein niedriger Raum, mit Lichtern genau durchsucht wurde, sah man die Spitze meiner großen Kamasche aus einem Loch hcrvorra- gen, wo die Ratten das Uebrige hineingezogen hatten. Ich ging heraus, und befahl, die Bretter des Fußbodens in die Höhe zu heben, um zu sehen, was die Ratten mit meinen Strümpfen angefangen hätten. Die Hausfrau schickte einen ihrer Bedienten, um dabei gegenwärtig zu sein, denn sie wußte wohl, daß dieß sie anging. Als nun ein Brett etwas geöffnet war, steckte ein Sohn von mir die Hand hinein, und zog 24 Goldstücke und einen Thaler heraus. Der Bediente des Hauses behauptete, das Geld gehöre seiner Gebieterin. Als nun der Knabe mir das Gold gebracht hatte, ging ich sogleich zum Zimmer der Hausfrau und sagte ihr, daß das Gold wahrscheinlich mir gehöre, denn da Lambert in dem Hause einquartirt gewesen sei, so hätten einige seiner Bedienten wahrscheinlich das Gold versteckt; könnte sie mir darlegcn, daß es ihr gehöre, so würde ich es ihr sogleich geben. Die 12 arme Fra» sagte nur mit vielen Thränen, daß ihr Mann kein Haushälter sei (er war wirklich ein großer Verschwender), so habe sie das Gold ohne sein Wissen versteckt, und brauche es je nach Gelegenheit, hauptsächlich aber im Wochenbett; sse beschwor mich, so wahr ich den König liebe (für den ihr Mann ebenso wie sie viel gelitten hatte), so möge ich ihr Geld nicht behalten; sie sagte, wenn mehr oder weniger darin wäre, wie 24 Goldstücke und 2 Thaler, so mache sie keinen Anspruch darauf; sie habe das Geld in einer rothen Sammtbörse hinge- legt. Nachdem ich sie hinsichtlich ihres Geldes beruhigt hatte, ließ ich eine neue Nachsnchnng anstcllen, fand das übrige Geld und die Börse von Sammet zernagt, ebenso wie meine Strümpfe, und gab das Geld sogleich der Frau zurück. Ich habe oft gehört, daß das Fressen oder Zernagen von Kleidern durch Ratten Unglück bedeutet, welches denjenigen befallen soll, dem die Kleider gehören. Ich danke Gott, daß ich dergleichen Ahnungen nicht zugethan bin und mich nicht darum bekümmere. Allerdings traf mich kurz darauf mehr als ein Unglück, allein ich hätte das besser vorhersehen können, wie Ratten oder solche Ungeziefer, und dennoch dachte ich nicht daran. Ich habe wirklich manche schöne Geschichte von Ratten erzählen hören, wie sie Häuser und Schiffe verlassen, wenn die ersteren abbrenncn und die zweiten scheitern sollen. Naturforscher sagen, es seien sehr kluge Geschöpfe, und ich glaube das auch. Ich werde aber niemals glauben, daß sie zukünftige Ereignisse vorhersehen können, denn ich vermuthe, daß sogar der Teufel dieß nicht vermag; der Allmächtige hat diese Dinge in dem Busen seiner göttlichen Gegenwart verborgen gehalten. Ob nun der große Gott diese Dinge, die uns als unabwendbare Nothwendigkcit zufallen, vorher befohlen oder bestimmt hat, ist eine noch unentschiedene Frage." 13 Indem ich diese alten Gewährsmänner anführe, darf ich nicht eine neuere Schilderung des schottischen Soldaten nach alter Mode vergessen. Dieß ist der Charakter Lesmahagows, welchen Smollet mit Meisterhand entwarf. Das Dasein dieses mannhaften Hauptmanns muß den Verfasser alles Rechts auf die Ansprüche einer unbedingten Originalität berauben. Dalgetty jedoch als eine Schöpfung der Phantasie des Verfassers, ist so sehr ein Liebling desselben geworden, daß er in den Fehler verfiel, dem Kapitän eine zu sehr vorragende Rolle in der Geschichte anzuweisen. Dieß ist die Meinung eines Kritikers, welcher den höchsten Rang in der Literatur einnimmt; der Verfasser fühlt sich so glücklich über den ihr zu Theil gewordenen Tadel, daß seine Bescheidenheit eine bedeutende Entschuldigung in der Anführung des Lobes darin zu finden sucht, welches er in ungemischtem Zustande nicht wohl hätte Vorbringen können. Die Stelle kömmt vor im Edinburgh Review Nro. 55, welches eine Kritik über Jvanhoe enthält. „In dem Roman spielt Dalgetty eine zu große Rotte, oder vielmehr er nimmt im Verhältnis; zum ganzen Werke eine zu bedeutende Stellung ein. Was ihn selbst betrifft, so glauben wir, daß er stets unterhaltend ist. Der Verfasser hat nirgends mehr seine Verwandtschaft mit jenem fleckenlosen Dichter gezeigt, welcher seine Falstaffs und Pistols in einem Akt nach dem andern und in so manchem Schauspiele vorführte, und diese Personen jedesmal eine grenzenlose Geschwätzigkeit üben ließ, ohne daß ihre Laune erschöpft wurde, oder daß eine Note von der charakteristischen Tonleiter abwich. Dasselbe gilt von den ausgedehnten und wiederholten Proben der Be- rcdtsamkeit jenes furchtbaren Rittmeisters. Die allgemeine Vorstellung dieses Charakters ist bei unseren Lustspieldichtern 7 ^. ! nach der Restauration häufig zu finde»; man mag denselben bezeichnen als sei er ans Kapitän Fluellen und Bobadil zusammengesetzt; gänzlich originell aber ist die possenhafte Verbindung des Soldaten mit dem Studenten der Theologie von Mareschal College; eine Mischung von Talent, Eigennutz, Muth, Grobheit und Eigendünkel wurde niemals so glücklich erfunden. So zahlreich seine Reden sind, so gibt es dennoch keine, welche nicht charakteristisch und nach unserer Meinung höchst possenhaft wäre." Nachschrift. Als sich dieser Roman unter der Presse befand, erhielt der Verfasser von dem gegenwärtigen Robert Stewart von Ard- voirlich einen Bericht über die unglückliche Ermordung von Lord Kilpont, welcher wahrscheinlicher ist, wie der Bericht des Bischofs Wishart, nach welchem die That entweder durch den Wahnsinn oder die Verrätherei von James Stewart von Ard- voirlich, dem Ahn der gegenwärtigen Familie dieses Namens, veranlafit wurde. Ich gebe hier die ganze Mittheilnng, welche genauer ist, wie in den Geschichten jener Zeit. „Obgleich ich nicht die Ehre habe, Ihnen persönlich bekannt zu sein, so hoffe ich, Sie werden die Freiheit entschuldigen, daß ich Ihnen eine Mittheilung über ein von Ihnen oft ermähntes Ereignis; mache, woran ein Vorfahr von mir unglücklicher Weise Theil hatte. Ich meine die Ermordung des Lord Kilpont 1644 durch James Stewart von Ardvoir- lich. Da die Ursache dieses unglücklichen Ereignisses in keinem Geschichtswerk genau angegeben ist, und da sie in den Erzählungen über die Geschichte Schottlands die Angaben 15 Wisharts angenommen haben, wodurch der gewöhnliche Bericht einen unverdienten Grad der Glaubwürdigkeit in den Angen des Publikums erhalten kann, so übersende ich Ihnen hier, um meinem unglücklichen Ahn Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, den in der Familie überlieferten Bericht über diese Angelegenbeit. „James Stewart von Ardvoirlich, welcher in der ersten Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts lebte, und welcher den Lord Kilpont ermordete, erhielt den Oberbefehl über eine der Freischaaren, welche beim Beginn der Unruhen unter Karl I. gebildet wurden; eine andere dieser Freischaaren stand unter dem Oberbefehl des Lord Kilpont, und eine genaue Freundschaft, durch entfernte Verwandtschaft gekräftigt, herrschte zwischen Beiden- Als Montrose die königliche Fahne erhob, war Ardvoirlich einer der Ersten, die sich für ihn erklärten, und sott vorzugsweise erwirkt haben, daß Lord Kilpont sich derselben Sache anschlvß. Somit begaben sich Beide nebst Sir John Drummond in Montrose's Lager. Während ihres Kriegsdienstes wurde ihre Freundschaft so stark, daß sie in demselben Zelte lebten und schliefen. „Mittlerweile hatte sich ein irländisches Corps unter dem Befehle von Alexander Mac Donald Mvntrose angeschloffen. Diese Irländer hatten auf dem Marsche nach dessen Lager Ausschweifungen auf Ländereien begangen, die zu Ardvoirlich's Gütern gehörten, und auf ihrer Marschlinie an der Westküste lagen. Ardvoirlich beklagte sich bei Montrose; letzterer aber behandelte die Klage in ausweichender Weise, wahrscheinlich weil er so viel wie möglich seine neuen Verbündeten sich geneigt zu machen suchte. Als Ardvoirlich, ein Mann von heftigen Leidenschaften, nicht die verlangte Genngthunng erhielt, forderte er Mac Donald znm Zweikampfe. Bevor derselbe 16 aber stattfand, ließ Montrose die Beiden verhafte», angeblich ans die Vorstellung und den Rath Kilponts hin. Da Mont- rose die üblen Folgen einer solchen Fehde in einem so gefährlichen Zeitpunkte erkannte, so bewirkte er zwischen Beiden eine Art Aussöhnung, und zwang sie, sich in seiner Gegenwart die Hände zu geben; dabei soll Ardvoirlich, ein Mann von großer Körpcrstärke, die Hand Mac Donalds so gewaltig gedrückt haben, daß das Blut ans dessen Fingern spritzte. Ard- voirlicb war aber keineswegs versöhnt. „Wenige Tage nach der Schlacht von Tippermuir, als Montrose mit seinem Heere in Collace lagerte, ward ihm und seinen Offizieren ein Banqnet zu Ehren des Sieges gegeben, und Kilpont so wie Ardvoirlich nahmen daran Theil. Als sie in ihre Quartiere znrückkehrten, machte Ardvoirlich, welcher noch über seinen Zank mit Mac Donald brütete und durch Wein erhitzt war, dem Lord Kilpont Borwürfe über sein Verfahren, wodurch er ihm hinderlich gewesen sei, sich Recht zu verschaffen; er schmähte zugleich auf Montrose, daß derselbe ihm nicht gestattet habe, eine genügende Genngthunng zu erlangen. „Kilpont vertheidigte natürlich sein eigenes Verfahren und das seines Verwandten Montrose, bis der Streit heftig wurde; als nun derselbe durch den Zustand Beider in Gewaltthätig- keiten leicht überging, stieß Ardvoirlich mit seinem Dolche den Lord Kilpont nieder. Er floh sogleich, und entging unter dem Schutz eines dichten Nebels der Verfolgung, indem er seinen Sohn Henry, welcher eine tödtliche Wunde bei Tippermuir erhalten hatte, auf dem Sterbelager zurückliefi. „Seine Anhänger zogen sich sogleich ans Montrose's Heer zurück, und es blieb ihm nichts Anderes übrig, als daß er sich der entgegengesetzten Partei in die Arme warf, die ihn 17 auch sehr gut aufuahm. Sein Name wird in Leslie's Feldzügen oft erwähnt; bei mehr als einer Gelegenheit wird auch von ihm berichtet, daß er mehreren seiner früheren Frennde durch seinen Einfluß aufLeslie, Beistand leistete, als die Sache des Königs verzweifelt wurde. „Vorliegender Bericht ist zwar von demjenigen Wisharts verschieden, welcher ergibt, daß Stewart eine Verschwörung, um Montrose zu ermorden, bildete, und daß er den Lord Kil- pont in Folge der Weigerung desselben, daran Theil zu nehmen, umbrachte; dagegen wende ich ein, daß Wishart von jeher als ein sehr parteiischer Geschichtschreiber gegolten hat, und daß seine Angaben deßhalb sehr unzuverlässig sind, sobald sie die Beweggründe oder das Verfahren derjenigen betreffen, welche von seiner Partei-Ansicht abweichen. Hätte ferner Stewart jene Absicht gehegt, so wäre Kilpont wegen seines Namens und seiner Verbindungen sicherlich der letzte Mann gewesen, welchen derselbe znm Vertranten und Mitschuldigen sich ansgewählt hätte. Endlich ist der von mir gegebene Bericht, obgleich vorher nicht bekannt gemacht, eine Familien-Ueberliefernng gewesen; nach der verhältnißmäßig nicht sehr weiten Entfernung des Ereignisses von unserer Zeit, und nach den Quellen, woraus die Ueberliefernng stammt, habe ich keinen Grund, deren Wahrheit zu bezweifeln. Sie wurde mit der genauesten Angabe der Umstände meinem Vater, dem jetzigen Besitzer von Ardvoirlich, vor vielen Jahren von einem Manne mitgetheilt, welcher mit der Familie in naher Verbindung stand, und das hundertste Lebensjahr erreichte. Dieser Mann war der Großenkel von James Stewart, durch dessen natürlichen Sohn John — Letzterer hatte seinen Vater in das Lager von Montrose begleitet, und war somit ein Zeuge des ganzen Vorfalls; er lebte »och eine be- ' Sage von Montrose. 2 18 trächtliche Zeit nach der Revolution, und von ihm erhielt derjenige, welcher meinem Vater die Sache erzählte, den näheren Bericht. Dieser hatte aber bereits das männliche Alter erreicht, bevor sein Großvater, der erwähnte John, starb. „Ich muß mich darüber entschuldigen, daß ich Ihre Geduld so lange in Anspruch genommen habe; der Wunsch jedoch, eine unbegründete Beschnldignng meines Ahnes zu widerlegen, war natürlich. Ich will durchaus nicht läugnen, daß er ein Mann von heftigen Leidenschaften und sonderbarem Temperament war, wie dieß auch viele Ueberlieferungen bestätigen; er war jedoch unfähig zu einem Plane, Montrose zu ermorden; sein ganzes früheres Verfahren und seine Grundsätze widerlegen eine solche Angabe. Seiner Sicherheit wegen mußte er sich der entgegengesetzten Partei anschließen, denn Lord Kilpont hatte viele mächtige Freunde und Verbindungen, welche bereit waren, seinen Tod zu rächen, und welche auch die Gewalt dazu besaßen. »Ich füge nur noch hinzu, daß.Sie die vollkommene Er- laubniß erhalten, von dieser Mittheilung jeden beliebigen Gebrauch zu machen, und dieselbe entweder zu verwerfen oder sie nach Gutdünken als glaubhaft anzunehmen; ich werde stets bereit sein, weitere Aufschlüsse Ihnen hierüber auf Ihr Gesuch zu geben, wenn deren Mittheilung in meiner Gewalt steht. Ardvoirlich, IS. Januar 1830." Die Bekanntmachung eines so in die Einzelnheiten eingehenden und wahrscheinlichen Berichtes ist eine Schuld, die dem Andenken des James Stewart abgetragen werden muß; er war, wie es scheint, das Opfer seiner heftigen Leidenschaften, vielleicht aber unfähig, auf Verrath zu sinnen. Einleitung. Der Sergeant More Mac Alpin war während seines Aufenthaltes unter uns einer der geachtetsten Einwohner von Ganderclengh. Niemand dachte daran, ihm seinen Anspruch ans den großen ledernen Lehnstuhl am behaglichsten Platze beim Kamine im Wirthszimmer des Gasthofes zum Wallace an einem Sonnabend streitig zu machen. Nicht weniger wurde unser Küster John Duisward es für eine unerlaubte Keckheit gehalten haben, hätte sich Jemand in dem Winkel des Kir- chenstuhleö linker Hand und zunächst der Kanzel eindrängen wollen, wo der Sergeant sich am Sonntage regelmäßig niedersetzte. Dort saß er in seiner blauen Jnvaliden-Uniform, welche mit der gewissenhaftesten Pünktlichkeit ansgebürstet war. Zwei Verdienst-Medaillen im Knopfloche, sowie der leere Aer- mel, welchen der rechte Arm hätte ausfüllen sollen, bezeugten seinen harten und ehrenwerthen Kriegsdienst. Sein von Wetter gebräuntes Gesicht, sein graues, in einen dünnen Zopf nach der militärischen Mode früherer Jahre gebundenes Haar, und die Wendung seines Kopfes ein wenig nach oben, um die Stimme des Geistlichen desto besser zu vernehmen — Alles dies; waren Zeichen seines Standes und seiner Altersschwächen. Neben ihm saß seine Schwester Janet, eine kleine und nette alte Frau mit dem hochländischen um den Kopf gewundenen Tuche und dem gewürfelten Mantel ihres Stammes, welche 2 * 20 sogar die Blicke ihres Bruders, für sic des größten Mannes auf Erden, überwachte, und statt seiner in der Bibel mit silbernen Haften die Texte eifrig nachschlug, die vom Prediger citirt oder erklärt wurden. Die Achtung, welche dem würdigen Veteranen von Leuten jeden Ranges in Gandercleugh erwiesen wurde, bewog ihn, nach meiner Meinung, unser Dorf sich zum Wohnsitz auszuerwählen; eine Niederlassung bei uns war nämlich durchaus nicht seine ursprüngliche Absicht. Er war bis zum Range eines Oberfeldwebels in der Artillerie durch harten Dienst in verschiedenen Welttheileu aufgerückt und galt als einer der erprobtesten und zuverlässigsten Leute im schottischen Munitionsfuhrwcsen. Eine Kugel, die ihm in Spanien den Arm zerschmetterte, verschaffte ihm zuletzt einen ehrenwcrthen Abschied nebst einer Jnvalidenpension und einer beträchtlichen Geldsumme aus dem patriotischen Fond. Sergeant More Mac Alpin war außerdem ebenso klug wie tapfer gewesen; aus seinem Prisengelde und seinen Ersparnissen hatte er eine Summe in dreiprocentigen Staatspapieren angelegt. Er zog sich in der Absicht zurück, sein Einkommen in dem wilden Hochlandthale zu genießen, worin er als Knabe Rindvieh und Ziegen gehütet hatte, bevor der Trommelwirbel ihn veranlaßte, seine Mütze einen Zoll höher zu rücken und dieser Musik beinahe 40 Jahre lang zu folgen. Seinen Erinnerungen gemäß stand dieser abgelegene Platz an Schönheit in keinem Vergleich mit den fruchtbarsten Gegenden, die er auf seinen Wanderungen jemals gesehen hatte. Sogar das glückliche Thal des Rasselas würde bei dem Vergleich in ein Nichts zurückgesunken sein. Er kam — er besuchte wieder den geliebten Schauplatz; es war nur ein unfruchtbares mit wilden 2t Felsen umringtes und von einem Gebirgsstrome des Nordens durchflossenes Thal. Dies; war noch nicht das Schlimmste. Die Feuer waren auf drcisiig Herden erloschen; von der Hütte seiner Väter konnte er nur wenig rohe Steine erkennen; die galische Sprache war beinahe verschwunden; das alte Geschlecht, von dem er abzustammen sich rühmte, hatte eine Zuflucht jenseits des atlantischen Meeres gefunden. Ein Pächter aus dem Süden, drei Schäfer mit grauen Mänteln und sechs Hunde bewohnten ausschließlich das Thal, welches in seiner Jugend an 200 Einwohner in Zufriedenheit, wenn auch nicht in Ueber- fluß, ernährt hatte. Im Hanse des neuen Pächters fand jedoch Sergeant Mac Alpin eine unerwartete Quelle des Vergnügens und ein Mittel, seine verwandtschaftliche Zuneigung wieder neu zu beleben. Seine Schwester Janet hatte glücklicherweise eine so starke Ueberzeugung von der einstigen Rückkehr ihres Bruders gehegt, daß sie sich weigerte, ihre Verwandten bei der Auswanderung zu begleiten. Sie hatte sogar, obgleich nicht ohne ein Gefühl der Erniedrigung, ihre Einwilligung in den Dienst des sich eindrängenden Niederländers gegeben, welcher, wenn auch ein Sachse, wie sie sagte, ihr ein gütiger Herr gewesen war. Diese unerwartete Begegnung mit seiner Schwester schien alle die Täuschungen zu heilen, deren Erdnldung jetzt das Schicksal des Sergeanten war. Er hörte jedoch nicht ohne manche widerstrebende Thräne die Erzählung von der Auswanderung seiner Verwandten, wie sie nur ein Weib aus den Hochlanden ihm berichten konnte. Sie erzählte weitläufig die verschiedenen Anerbietungen eines höheren Pachtzinses, durch dessen Entrichtung sie sämmt- lich zum niedrigsten Grad der Armuth hätten gelangen müssen, die sie aber zufrieden erduldet hätten, wenn sie nur die Er- 22 laubniß dafür erlangten, auf dem Boden ihrer Geburt zu leben und zu sterben. Auch vergaß Janet nicht die Vorbedeutungen, welche die Auswanderung des celtischcn Stammes «nd die Ankunft der Fremden vorher verkündeten. Zwei Jahre vor diesem Zeitpunkte vernahm man, als der Nachtwind durch den Paß von Balachra heulte, wie sein Ton deutlich nach der Weise eines Liedes war, womit die Auswanderer die Ufer ihrer Heimath zu verlassen pflegen. Das rauhe Geschrei südländischer Hirten und das Gebell ihrer Hunde wurde im Nebel der Hügel lange Zeit vor ihrer wirklichen Ankunft gehört. Ein Barde, der letzte seines Stammes, hatte die Vertreibung der Eingebornen ans dem Thale in einem Liede berichtet, welches Thräncn in die alten Augen des Veteranen brachte, und welches sich ans folgende Weise übersehen läßt: „Weh Euch vom Niederlnnd, Weh über Euch! Weßhnlb verlaßt Ihr Euer schönes Reich? Weßhalb kommt Ihr in'S Hochland, uns zu stören, lind alte Sitt' in Unrecht zu verkehren?" Was aber den Kummer des Sergeanten Mac Alpin bei dieser Gelegenheit noch steigerte, war der Umstand, daß der Häuptling, durch welchen dieser Wechsel bewirkt war, der Ueberliefernng und Volksmeinnng als der Repräsentant veralten Führer und Väter der vertriebenen Flüchtlinge galt. Bis dahin aber hatte Sergeant More seinen hauptsächlichsten Stolz darein gesetzt, durch genealogische Darlegung den Grad der Verwandtschaft zu beweisen, worin er zu dieser Person stand. In Bezug auf dieselbe fand jetzt eine schmerzliche Veränderung seines Gefühles statt. „Ich kann ihn nicht verfluchen," sagte er, als er aufstand und durch das Zimmer schritt, nachdem Janet ihre Erzählung beendigt hatte — „ich will ihn nicht verfluchen; er ist der Abkömmling und der Repräsentant meiner Ahnen; aber niemals soll ein Sterblicher von mir vernehmen, daß ich wiederum seinen Namen nenne." Er hielt sein Wort; bis zu seinem Todestage hörte ihn Niemand seinen selbstsüchtigen und hartherzigen Häuptling erwähnen. Nachdem er einen Tag lang sich den traurigen Erinnerungen hingegeben hatte, stärkte der harte Muth, welcher den Sergeanten durch so viele Gefahren geführt hatte, seine Brust gegen diese grausame Täuschung. „Wir wollen," sagte er, „nach Canada zu nnsern Verwandten, wo diese ein amerikanisches Thal nach dem ihrer Väter benannt haben. Janet, du mußt deinen Rock verkürzen wie die Frau eines Soldaten; verdammt sei die Entfernung! sie ist nur wie der Sprung eines Floh's, vergleiche ich sie mit den Reisen und Märschen, die ich bei mancher unbedeutenderen Gelegenheit gemacht habe." Mit dieser Absicht verließ er die Hochlande und kam mit seiner Schwester bis Ganderclengh ans seinem Wege nach Glasgow, um sich dort nach Canada einzuschiffcn. Der Winter aber brach herein; da er es nun für räthlich hielt, eine Ueberfahrt im-Frühling abzuwarten, wenn der St. Lvrenzo- strom nicht mehr zugefrorcn sein würde, so ließ er sich unter uns für die wenigen Monate, die er noch in Großbritannien bleiben wollte, nieder. Wie wir schon sagten, wurde dem achtbaren alten Manne jede Rücksicht und Aufmerksamkeit von allen Ständen erwiesen. Als nun das Frühjahr wiederkehrte, war er mit seinem Quartiere so zufrieden, daß er die Absicht der Seereise nicht wieder erneute. Janet fürchtete sich vor dem Meere, und er selbst empfand die Schwächen des Alters und des harten Kriegsdienstes bei weitem mehr, als er zuerst erwartet hatte; wie er dem Geistlichen und meinem würdigen Freunde Cleishbotham gestand, war es besser, daß er unter 24 bekannten Freunden bliebe, als daß er weiter ginge und dabei schlechter weg käme. Er ließ sich deßhalb zn Gandercleugh zur großen Zufriedenheit aller Einwohner, wie wir schon sagten, nieder und wurde denselben in Bezug auf militärische Kunde, sowie auf geschickte Erklärung der Zeitungen und Bulletins wirklich zum Orakel, welches alle kriegerischen Begebenheiten, vergangene, gegenwärtige oder zukünftige, ihnen erklärte. Allerdings zeigte der Sergeant einige Widersprüche in seiner Denkungsweise. Er war ein standhafter Jakobit, denn sein Vater und seine vier Oheime waren im Jahre 1745 zn Felde gezogen; andererseits aber war er ein nicht weniger standhafter Anhänger des Königs Georg, in dessen Dienst er sein kleines Vermögen erworben und drei Brüder verloren hatte; so daß man gleicherweise in Gefahr gerieth, ihm zu mißfallen, wenn man den Prinzen Karl den Prätendenten nannte, oder wenn man durch irgend eine Aenßerung die Würde des Königs Georg hernntersehte. Fernerhin läßt sich nicht längnen, daß der Sergeant an den Tagen, wo er seine Einkünfte bezog, im Gasthanse zum Wallace des Abends länger sitzen blieb, wie es nicht allein der strengen Mäßigkeit, sondern auch seinem weltlichen Interesse widerstrebte. Bei solchen Gelegenheiten gelang es bisweilen seinen Zechgenosscn, ihm mit dem Absingen jakobitifcher Lieder, oder durch Becher, welche auf den Untergang Bonaparte's und die Gesundheit des Herzogs von Wellington geleert wurden, so lange zn schmeicheln, bis der Sergeant nicht allein die ganze Rechnung bezahlte, sondern auch gelegentlich verleitet wurde, kleine Summen seinen eigennützigen Gesellschaftern anszuleihen. Wenn aber solche Brandungen, wie er sie nannte, vorüber waren, und sein Temperament sich abgekühlt hatte. 25 so unterließ er es selten, Gott und dem Herzoge von Jork zu danken, daß Letzterer cs einem alten Soldaten schmieriger gemacht habe, sich durch seine Thorheit zu Grunde zu richten. Bei solchen Gelegenheiten nahm jedoch nicht der Verfasser an der Gesellschaft des Sergeanten More Mac Alpin Antheil. Wenn er aber Muße hatte, so suchte er ihn oft bei dessen Spaziergängen ans, die er seine Morgen- nnd Abendparade nannte, und bei denen er so regelmäßig erschien, als werde er dazu durch Trommelschlag entboten. Sein Morgenspaziergang geschah unter den Ulmen des Kirchhofs. „Der Tod," sagte er, „ist so viele Jahre mein nächster Nachbar gewesen, daß ich keine Entschuldigung haben wurde, wenn ich seine Bekanntschaft anfgeben wollte." Sein Abendspaziergang lag auf der Bleiche am Fluß, wo man ihn bisweilen auf der Bank, mit einer Brille auf der Nase, sitzen sah, wie er die Zeitungen einem Kreise von Dvrfpolitikcrn erklärte, militärische Kunstausdrücke erläuterte und dem Auffassungsvermögen seiner Zuhörer mit Linien zu Hülfe kam, die,er mit seinem Spazierstock auf dem Boden zog. Bei andern Gelegenheiten war er von einem Rudel Schulknaben umringt, die er bisweilen in den Handgriffen des Exercitinms übte, bisweilen aber auch mit weniger Beifall von Seiten der Eltern in den Geheimnissen künstlicher Feuerwerke unterrichtete; bei öffentlichen Frenden- bezengungen war nämlich der Sergeant Pyrotechniker (wie die Encyklvpädie dicß nennt) für das Dorf Ganderclcugh. Ich traf den Veteran hauptsächlich auf seinem Morgenspaziergang , nnd ich kann noch jetzt kaum auf den von einer Reihe hoher Ulmen überschatteten Fußpfad des Dorfes blicken, ohne seiner zu gedenken, wie er in aufrechter Haltung mit gemessenem Schritt nnd vorgestrecktem Spazierrohre mir entgegenkam, um mich militärisch zu begrüßen; er ist jedoch ' 26 todt und schlaft mit stiller getreuen Janet unter dem dritten dieser Bäume vom westlichen Winkel des Kirchhofs an gerechnet. Das Vergnügen, das ich in Sergeant Mac Alpin's Unterhaltung fand, bezog sich nicht allein auf seine eigenen Abenteuer, von denen er viele im Laufe seines wandernden Lebens erfahren hatte, sondern auch auf seine Kunde der zahlreichen Ueberlicferungen des Hochlandes, die ihm seine Eltern während seiner Jugend berichtet hatten, und hinsichtlich deren er in seinem späteren Leben es für eine Art Ketzerei gehalten haben würde, wenn man deren Aechtheit in Frage gestellt hätte. Viele dieser Ueberliefernngen gehörten zu den Kriegen Montrose's, an welchen einige der Ahnen des Sergeanten, wie cs scheint, einen vorragenden Antheil genommen hatten. Obgleich diese bürgerlichen Unruhen den Hochländern zur größten Ehre gereichen, weil dieselben die erste Gelegenheit darboten, wodurch die Gebirgsbewohner sich ihren Nachbarn des Niederlandes i» militärischen Kämpfen sogar als überlegen oder wenigstens als gleich erwiesen, so werden dieselben doch weniger in den Hochlanden als Sagen berichtet, wie man nach der Menge von Ueberliefernngen glauben sollte, die dort über weniger interessante Gegenstände anfbewahrt wurden. Ich vernahm deßhalb mit großem Vergnügen von meinem militärischen Freunde viele Angaben über einige merkwürdige Einzeln- heiten jener Zeit. Dieselben haben eine Beigabe des Wilden und Wunderbaren erhalten, welche der Zeit und dem Erzähler angehören. Ich habe auch nichts dagegen, wenn der Leser dieselben mit einigem Unglauben behandelt, vorausgesetzt, daß er die Güte hat, einen unbedingten Glauben den natürlichen Ereignissen der Geschichte zu schenken, welche wirklich auf einer wahren Grundlage wie alle andere ruht, die ich die Ehre hatte, dem Publikum vorznlegen. Erstes Kapitel. Ihr Glaube ruht auf Bataillonen Und heil'gen Texten der Kanonen i Als schier unfehlbar stets vertreten Sie ihn mit Piken und Musketen, Und lehren ihres Heils Begriffe Durch apostolische grobe Püffe, Butler, Unsere Geschichte nimmt ihren Anfang während der Zeit des großen und blutigen Bürgerkrieges, welcher Großbritannien im siebenzehnten Jahrhundert erschütterte. Schottland war von den Verheerungen des inneren Kampfes noch frei geblieben, obgleich seine Einwohner sich hinsichtlich ihrer politischen Meinung sehr feindlich gegcnüberstanden; viele derselben waren mit der Herrschaft der Stände unzufrieden, mißbilligten die kühne Maßregel, durch welche das schottische Parlament ein Heer nach England zu Hülfe des englischen geschickt hatte, und waren entschlossen, ihrerseits die erste Gelegenheit zu benutzen, um sich für den König zu erklären und wenigstens eine solche Diversion zu machen, daß die Armee des Generals Leslie ans England abberufen werden müßte, wenn nicht ein großer Theil von Schottland für den König dadurch behauptet werden könnte. Diesem Plane wurde hauptsächlich von dem Adel des Nordens, welcher mit großer Hartnäckigkeit sich der 28 Annahme des sogenannten feierlichen Bundes und Covenantes widersetzt hatte, und von manchen Häuptlingen der hochländischen Stämme beigctreten, welche ihre Interessen und ihr Ansehen für eng verknüpft mit dem Kvnigthnm hielten, außerdem eine entschiedene Abneigung gegen die calvinistische oder prcsbyterianischc Form der Religion hegten, und sich endlich in dem halbwilden Zustand der Gesellschaft befanden, worin der Krieg immer willkommener als der Frieden ist. Man erwartete allgemein, daß große Bewegungen ans diesen zusammenwirkenden Ursachen .entspringen würden; das Gewerbe feindlicher Einfälle zum Zweck der Plünderung, welches die schottischen Hochländer zu jeder Zeit gegen die Niederländer übten, begann eine bleibendere, offen ausgesprochene und mehr systematische Form als Theil eines allgemeinen Mi- litärsystcms anzunehmen. Diejenigen, welche an der Spitze des Staates standen, waren der Gefahr des Augenblicks sich wohl bewußt und trafen ängstlich Vorbereitungen, um derselben zu begegnen und sie abzumehren. Sie bedachten jedoch mit Selbstzufriedenheit, daß bisher kein Führer oder einflußreicher Mann zum Vorschein gekommen war, um ein Heer von Royalisten zu sammeln, oder auch nnr, um die Unternehmungen und vorübergehenden Angriffe der Banden zu leiten, welche vielleicht eben so sehr durch Liebe znm Raube, wie durch politische Grundsätze zu feindseligen Maßregeln aufgereizt wurden- Man hoffte allgemein, daß die Aufstellung einer hinreichenden Anzahl Truppen in den Grafschaften der Niederlande, welche die Linie des Hochlandes begrenzen, vollkommen genügen würde, um die Häuptlinge der Gebirge znrückzuhalten; zugleich werde die Macht der verschiedenen Barone des Nordens, welche den Covenant angenommen hatten, z. B. der Graf Mareschal, die 29 mächtigen Familien der Forbeß, Leslie, Ironie, Grants und andere presbyterianische Stämme, nicht allein den Ogilies und anderen Cavalieren aus Angns und Kincardine, sondern sogar der mächtigen Familie der Gordons das Gleichgewicht halten, letztere eine Familie, deren ausgedehntes Ansehen nur dem außerordentlichen Widerwillen gleichkam, welchen sie gegen die presbyterianischen Einrichtungen hegte. In den westlichen Hochlanden zählte die herrschende Partei viele Feinde; man glaubte jedoch, daß der vorherrschende Einfluß des Marquis von Argyle, ans welchen das Parlament sich mit vollkommener Sicherheit verlassen konnte, die Macht der unzufriedenen Clans gebrochen und den Muth ihrer Häuptlinge herabgestimmt habe; die Macht dieses Edelmanns in den Hochlanden, welche schon früher überwiegend gewesen war, hatte sich noch durch die Zugeständnisse bedeutend gesteigert, die dem Könige bei der letzten Fricdensstiftung abgedrnngen waren. Allerdings wußte man wohl, daß Argyle eher Gewandtheit zu politischen Unternehmungen, als persönlichen Muth besaß, und sich besser für die Leitung einer Staats- intrigue, wie für Maßregeln eignete, um die Stimme feindlicher Gebirgsbewohner im Zaum zu halten; man glaubte jedoch, daß die große Zahl seiner Stammgcnossen und der Muth der tapferen Herren, welche dieselben im Kriege befehligten, die persönlichen Mängel des Häuptlings ansgleichen würden; da nun die Campbells mehrere der benachbarten Stämme schon furchtbar gedemüthigt hatten, so hoffte man, dieselben würden nicht so leicht einen so gewaltigen Clan zu Feindseligkeiten herausfordern. Da nun das schottische Parlament oder die Convention der Stände den ganzen Westen und Süden Schottlands, unzweifelhaft den reichsten Theil des Königreichs, zur Verfügung 30 hatte — da sie Fifeshire durchaus besaß und ohnedem noch viele »nd mächtige Frennde sogar nördlich vom Forth und Tay zählte, so glaubte sie, daß keine Gefahr groß genug sein würde, nm sie zur Aufgebung ihrer angenommenen Politik oder zur Zurückrufnng der Hülfsarmee von 20,000 Mann zu bewegen — ein Heer, welches als Verstärkung der englischen Parlamentstruppen abgesandt, die königliche Partei alsbald in solche Lage brachte, daß dieselbe sich auf die Bertheidigung beschränken mußte, als sie gerade auf der vollen Laufbahn des Sieges und Erfolges sich befand. Die Ursachen, welche die Convention der Stände damals zur unmittelbaren und thätigen Theilnahme am englischen Bürgerkriege bewog, sind von unseren Geschichtschreibern dargelegt , mögen aber hier in der Kürze wiederholt werden. Allerdings hatten die Schotten sich über keine neuen Beleidigungen oder Eingriffe in ihre Rechte durch den König zu beklagen, und der Friede, welchen Karl I. mit seinen Unter- thanen in Schottland abgeschlossen hatte, war sorgfältig beobachtet worden. Diejenigen, welche Schottland leiteten, wußten aber sehr wohl, daß jener Friede sowohl durch den Einfluß der Parlamentspartei in England, wie durch den Schrecken ihrer eigenen Waffen dem Könige abgedrungcu worden war. Allerdings hatte König Karl seitdem die Hauptstadt seines alten Königreichs besucht, seine Einwilligung zur neuen Organisation der Kirche gegeben und Ehren sowie Belohnungen unter die Parteiführer vertheilt, welche sich seinem Interesse am feindlichsten erwiesen hatten; man vermuthete jedoch, daß die von ihm mit solchem Widerwillen übertragenen Auszeichnungen sogleich zurückgeuommen werden würden, sobald eine Gelegenheit sich darböte. Der schlechte Stand der englischen Parlamentspartei ward in Schottland mit tiefer Besorgniß vernommen) man schloß, daß der König, wenn er seine aufständischen englischen Nnterthanen durch Waffengewalt besiegt hätte, in kurzer Zeit auch an den Schotten Rache nehmen würde, weil sie das Beispiel gegeben hatten, die Waffen gegen ihn zu ergreifen. Dicß war die Politik, welcher gemäß eine Hülfsarmce nach England geschickt wurde; auch ward dieselbe in einem Manifest ausgesprochen, welches die Gründe darlegte, weßhalb Schottland diese wichtige Hülfe dem englischen Parlamente im entscheidenden Augenblicke gab. Das englische Parlament, hieß es dort, sei den Schotten schon freundschaftlich gewesen und könne wiederum in demselben Verhältnisse stehen; der König habe zwar kürzlich die Religion nach den Wünschen der Schotten eingerichtet, habe ihnen jedoch keinen Grund zum Vertrauen in seine königliche Erklärung gegeben, denn man finde, daß seine Versprechungen und Handlungen mit einander nicht im Einklänge ständen. Die Schlußworte lauteten: „Unser Gewissen und Gott, welcher größer ist als unser Gewissen, gibt uns Zeugniß, daß wir nur für den Ruhm des Höchsten, für den Frieden beider Nationen und die Ehre des Königs auf gesetzlichem Wege diejenigen zu unterdrücken und zu bestrafen beabsichtigen, welche Israel verwirrt haben, welche die Feuerbrände der Hölle, die Koras, die Bileams, die Hamans, die Tobias unserer Zeiten sind; ist dieß geschehen, so sind wir zufrieden. Wir haben auch einen militärischen Feldzug nach England zur Ausführung dieser frommen Zwecke nicht eher begonnen, als bis alle anderen Mittel ohne Erfolg geblieben waren, und nur dieses einzige, Ultimum et unicnm Uemeäium, das letzte und einzige Hülfsmittel, uns übrig geblieben ist." Indem wir den Casuistcn die Entscheidung überlassen, ob eine Partei, welche einen Contrakt abschlicßt, wenn sie einen 32 feierlichen Vertrag verletzt, in dem Verdacht ihre Rechtfertigung findet, daß derselbe bei gewissen zukünftigen Ereignissen von der andern gebrochen werden wird, erwähnen wir weiter-- hin zwei andere Umstände, welche bei den schottischen Regenten und bei der Nation wenigstens einen gleichen Einfluß übten, wie die Zweifel über die Rechtlichkeit des Königs. Die erste dieser Ursachen war die Beschaffenheit des Heeres. An der Spitze desselben stand ein armer und unzufriedener Adel, unter welchem die Offiziersstellen hauptsächlich von schottischen Glückssoldaten bekleidet wurden, die währenddes dreißigjährigen Krieges in Deutschland gedient hatten, bis sie dort allen Unterschied der politischen Grundsätze und sogar der Nationen durch die Annahme eines Söldnerglanbcns und einer Söldnertrene verloren, nach welcher die hauptsächlichste Pflicht des Soldaten nur in der Treue gegen den Staat oder Fürsten bestand, von welchem er seinen Sold erhielt, ohne daß Rücksicht sowohl auf die Gerechtigkeit des Krieges, oder auf ihre eigene Verbindung mit einer der kämpfenden Parteien genommen wurde. Auf Leute dieses Schlages wendet Grotius den strengen Ansspruch an: „biullum viiae genns est impro- liius, gusm eorum, gui sine causae respectn mercecie con- ckueti militant, d. h. keine Lebensweise ist schändlicher, als diejenige solcher Leute, welche, ohne Rücksicht auf die Sache, um Sold Kriegsdienste leisten." Für diese Söldner, ebenso wie für die armen Edellente, mit denen sie im Befehl vermischt wurden, und welche dieselben Meinungen leicht annah- men, bot der Erfolg des kurz dauernden Einfalls nach England 1641 einen genügenden Grund, um einen so einträglichen Versuch zu erneuen. Der hohe Sold und die freien Quartiere in England hatten einen starken Eindruck in der Erinnerung dieser militärischen Abenteurer hinterlaffen, und die Aussicht, 33 daß sie 85» Pfd. täglich erheben dursten, vertrat die Stelle aller politischen oder moralischen Beweggründe. Eine andere Ursache entflammte die Masse der Nation in nicht geringerem Grade, als die Versuchung einer Aussicht auf den Rcichthnm Englands die Soldaten anfregte. So viel war auf beiden Seiten über die'Form der Kirchenregierung gesagt und geschrieben worden, daß dieselbe in den Angen der Menge zu einer unendlich wichtigeren Angelegenheit wie die Lehren des Evangeliums wurde, welches beide Kirchen angenommen hatten. Die Prälatisten und Presbyterianer der heftigeren Art wurden ebenso illiberal, wie die Papisten, und hätten kaum die Möglichkeit der Erlösung und Seligkeit außerhalb ihrer besonderen Kirchen zugestanden. Vergeblich wurde diesen Eiferern vvrgestellt, daß der Gründer unserer heiligen Religion, wenn er eine besondere Form der Kirchenregierung als wesentlich für die Seligkeit betrachtet hätte, eine solche mit derselben Genauigkeit offenbart haben wurde, wie es in den Verfügungen des alten Testaments geschehen ist. Beide Parteien blieben gegen einander so gereizt, als verträten sie besondere Befehle des Himmels zur Rechtfertigung ihrer Unduldsamkeit. Land hatte in den Tagen seiner Herrschaft zuerst die Brandfackel geschwungen, als er dem schottischen Volke Kirchenceremonien aufzndrängen suchte. Der Erfolg, womit ihm Widerstand geleistet, und die presbyterianischc Form an die Stelle der von ihm eingeführten gesetzt war, hatte jene Einrichtung dem Volke als eine Sache thener gemacht, durch welche es einen Sieg errang. Der feierliche Bund und Co- venant, den der größere Theil des Königreichs mit solchem Eifer annahm, und welcher der Minderzahl mit der Schwer- tesspitze anfgedrungen wurde, hatte zum Hauptzweck die Aufrichtung der Lehre und Disciplin Calvin's in der presbyteria- Snge von Montrose. ' g 34 Nischen Kirche nnd die Niedcrhaltnng jedes Jrrthnms und jeder Ketzerei. Als nun die Schotten in ihrem eigenen Lunde ein Institut dieses goldenen Armleuchters erlangt hatten, hegten sie eine freisinnige und brüderliche Vorliebe, dasselbe Tabernakel auch in England anfzubanen. Sie glaubten, daß sich dieser Zweck leicht erreichen ließe, wenn sie dem Parlamente den wirksamen Beistand der schottischen Strcitkräfte liehen. Die Presbyterianer, eine zahlreiche nnd mächtige Partei im englischen Parlamente, hatten bis dahin die Opposition gegen de» König geleitet, während die Independenten nnd andere Sekten, welche später unter Cromwell die Gewalt des Schwertes an sich rissen und die presbyterianische Einrichtung sowohl in Schottland wie England nmstießen, sich damals noch damit begnügten, unter dem Schutze der reicheren und mächtigeren Partei zu lancrn. Die Aussicht, die Königreiche England nnd Schottland in Disciplin nnd Gottesdienst zur Gleichförmigkeit zu bringen, schien deßhalb ebenso erreichbar, wie sie gewünscht wurde. Der berühmte Sir Henry Baue, einer der Commissäre, welche das Bündniß zwischen England nnd Schottland unterhandelten, erkannte sehr wohl den Einfluß dieses Köders ans den Eifer derjenigen,, mit denen er zu thnn hatte; obgleich er selbst ein heftiger Independent war, gelang es ihm zugleich, die eifrigen Wünsche der Presbyterianer zu befriedigen, und ihnen ansznwcichen, indem er die Verpflichtung zur Reform der englischen Kirche als eine ansznführende Veränderung mit den Worten bezcichnete: „nach dem Worte Gottes und den besten reformirten Kirchen." Die Convention der Stände und die Versammlung der Nationalkirche von Schottland ließen sich durch ihren eigenen Eifer täuschen; indem sie keinen Zweifel über das göttliche Recht ihrer eigenen Kirchcneinrichtung 35 hegten und solche Zweifel bei Andern nicht für möglich hielten, dachten sie nicht anders, als daß solche Ausdrücke nothwendig auf die Einrichtung von Presbyterien himviesen; sie wurden nicht eher enttäuscht, als bis die Sektirer, nachdem die schottische Hülfe nutzlos geworden mar, ihnen zu verstehen gaben, daß die Phrase sich ebensowohl auf die Einrichtung der Independenten oder auf jede andere Kirchcncinrichtung anwenden ließe, welche die an der Spitze Stehenden als dem Worte Gottes und dem Verfahren der reformirten Kirche angemessen betrachten würden. Auch empfanden die betrogenen Schotten kein geringeres Erstaunen, als sie endlich merkten, daß die Absichten der englischen Sektirer auf Beseitigung der monarchischen Constitution von Großbritannien gerichtet waren, mährend die englischen und schottischen Presbyterianer zwar die Beschränkung der königlichen Gewalt, aber durchaus nicht deren Abschaffung beabsichtigten. Sie verfuhren in dieser Hinsicht wie rasche Aerzte, welche damit beginnen, daß sie einen Kranken mit Arzneien überladen, bis derselbe in einen Zustand der Schwäche gelangt ist, aus welchem die später gegebenen Mittel ihn nicht mehr zu retten vermögen. Diese Ereignisse waren aber noch von der Zukunft verhüllt; das schottische Parlament hielt noch seine Verpflichtungen gegen das englische, wie es der Gerechtigkeit, Frömmigkeit und Klugheit gemäß war, und ihre kriegerische Unternehmung schien im Erfolge ihren Wünschen zu entsprechen. Die Vereinigung der schottischen Armee mit den Streitkräften des Lord Fairfax und des Grafen Manchester machte es dem Parlaments- Heere möglich, Jork zu belagern und die verzweifelte Schlacht von Marston-Moore zu liefern, worin Prinz Ruprecht und der Marquis von Newcastle geschlagen wurden. Die schottischen Hülfstruppen hatten allerdings weniger Antheil am Siege, als 3 - 36 ihre Landsleute wünschen konnten. David Leslie focht tapfer mit der schottischen Reiterei, und die Ehre des Tages gebührte derselben ebensowohl, wie der Jndependentcn-Brigade Cromwells, allein der alte Graf von Lieven, der General des Covenants, wurde durch den ungestümen Angriff des Prinzen Ruprecht aus dem Felde geschlagen, und war schon dreißig englische Meilen in voller Flucht nach Schottland vom Schlachtfelde entfernt, als ihn die Nachricht erreichte, seine Partei habe einen vollständigen Sieg errungen. Die Abwesenheit dieser Hülfsarmee ans dem Kreuzzugc zur Einsetzung der presbyterianischen Kirche in England hatte die Gewalt der Convention der Stände sehr vermindert und unter den Königlichen die Bewegung veranlaßt, die wir im Beginn des Kapitels angegeben haben. Zweites Kapitel. ES wiegt ihn seine Mutter einst als klein In seines Vaters rost'gem Harnisch ein; Beim Schall des NassclnS schlief er ein gemach Und fühlte nicht des Lagers Ungemach; So träumt' er denn von mancher KriegeSthat Und dachte sich ein Kind noch als Soldat. Hall. Es war am Schluß eines Sommer-Abends in der erwähnten Zeit ängstlicher Spannung, als ein junger Herr von Stande wohl bewaffnet und beritten langsam einen jener steilen Pässe hinanritt, durch welche die Hochlande von den Niederlanden Perthshire's zugänglich sind. Er war von zwei Dienern begleitet, von denen der Eine ein Packpferd leitete. Ihr Weg war einige Zeit lang an den Ufern eines See's gelegen, dessen tiefe Wasser die Purpurstrahlen der Abendsonne znriickwarfen. Der unebene Pfad, den sie jetzt mit einiger Schwierigkeit verfolgten, war an einigen Orten von alten Birken und Eichen überschattet und an andern von gewaltigen Feldstücken überragt. Sonst erhob sich der Hügel, welcher diese schöne Wasserfläche begrenzte, in steiler, wenn auch weniger in schroffer Ansteignng, und mar mit dem dunkeln Purpur der Haideblumen bekleidet. In unseren Tagen würde man von einer so romantischen Gegend voraussetzen, daß sie einem 38 Reisenden den höchsten Reiz darbictc. Diejenigen aber, welche in den Tagen der Ungewißheit und der Furcht auf Reisen gehen, achten wenig auf malerische Umgebungen. Der Herr ritt, so oft es der Wald erlaubte, neben einem seiner Diener oder neben beiden, und schien sich ernstlich mit ihnen zu unterhalten, wahrscheinlich weil der Unterschied des Ranges bereitwillig von Denjenigen aufgegeben wird, welche eine gemeinsame Gefahr theilen muffen. Die Stimmung der angesehensten Leute, welche diese wilde Gegend bewohnten, und die Wahrscheinlichkeit, daß dieselben an den bald zu erwartenden politischen Erschütterungen Antheil nehmen würden, bildeten den Gegenstand ihres Gespräches. Sie waren noch nicht die Hälfte des Weges von der Fläche des See's an hinaufgekommcn, und der junge Herr zeigte seinen Begleitern den Platz, wo ihre beabsichtigte Straße sich nordwärts wandte, den Rand des Wassers verließ und eine Bergschlucht rechts Hinanstieg, als sie einen einzelnen Reiter nach dem User hinabkommeu sahen, so daß er ihnen begegnen mußte. Der Widerschein der Sonnenstrahlen auf seinem Helm und Brustharnisch erwies, daß er bewaffnet war, und der Zweck der andern Reisenden erheischte, daß er ungefragt nicht vorüber durfte. „Wir müssen wissen, wer er ist," sagte der junge Herr, „und wohin er gehen will." Er spornte sein Pferd und ritt so schnell wie es der rauhe Weg erlaubte, während seine zwei Begleiter ihm folgten, bis er de» Punkt erreichte, wo der Paß an der Seite des See's von demjenigen durchschnitten wurde, welcher an der Schlucht hinunter kam; so ward der Möglichkeit vorgebengt, daß der Fremde ihnen auswich, indem er auf letztere Straße, bevor er sic erreichte, nicht einbiegen konnte. Der einzelne Reiter hatte sein Pferd ebenfalls angespornt, .39 als er bemerkte, daß die Drei auf ihn zueilten; als er sah, daß sie auhielten und eine Front bildeten, welche den Weg vollkommen einnahm, verminderte er die Schnelligkeit seines Pferdes »nd ritt mit großer Vorsicht heran, so daß jede Partei Gelegenheit hatte, einander genau zu betrachten. Der einsame Fremde ritt ein schönes, für den Militärdienst abgerichtetes Pferd, welches kräftig genug war, um das große, ihm aufgebürdete Gewicht zu tragen, und sein Reiter saß auf dem Kriegssattel in solcher Weise, daß man wohl sah, er sei mit dem Sitz vertrant. Er trug eine glänzende, blank geputzte Sturmhaube mit einem Federbnsch, einen Brustharnisch, welcher dick genug war, um einer Flintenkugel Widerstand zn leisten, und ein Rückenstück von leichtem Material. Diese Bertheidignngswaffen trug er über einem Büffelwams; er war ferner mit einem Paar Fechthandschuhen oder Eisenhandschuhen angethan, deren Stulpe ihm bis zum Ellbogen reichten, und welche wie seine übrige Rüstung von blankem Stahle waren. Vor seinem Militärsattel hing ein Pistolenhalfter; die Pistolen überstiegen bei weitem die gewöhnliche Größe, waren beinahe zwei Fuß lang und von solchem Kaliber, daß zwanzig von denselben geschossene Kugeln auf ein Pfund gingen. Ein Riemen von Büffelleder mit einer breiten silbernen Schnalle hielt au der einen Seite einen langen Degen mit zwei Schneiden; derselbe hatte einen starken Korb mich eine Klinge, die sowohl zum Hiebe wie zum Stiche sich eignete. Auf der rechten Seite hing ein Dolch von ungefähr 18 Zoll; ein Bandelier hielt auf seinem Rücken eine Stutzbüchse und ward von einem zweiten gekreuzt, worin sich seine Patronen befanden. Stählerne Beinschienen reichten bis an die Spitzen seiner großen Steifstiefeln und vervollständigten die Ausrüstung eines gut bewaffneten Reiters jener Zeit. 40 . Das Aeußere des Reiters entsprach sehr wohl dieser militärischen Ausrüstung, woran er seit langer Zeit gewöhnt zn sein schien. Seine Gestalt überstieg die mittlere Größe nnd zeugte von genügender Kraft, nm die Schwere der Angriffs- wie Vertheidignngswaffe leicht zn tragen. Sein Alter mochte etwas mehr wie vierzig Jahre betragen, und seine Gesichts- züge waren die eines entschlossenen, vom Wetter gebrannten Veteranen, welcher manches Schlachtfeld gesehen und mehr wie Eine Narbe davon getragen hatte. Er hielt ungefähr in der Entfernung von dreißig Ellen, richtete sich in den Steigbügeln ans, als wolle er rekognosziren und über den Zweck der entgegengesetzten Partei Gewißheit erlangen; dabei brachte er seinen Stutzer unter den rechten Arm, daß er denselben bei erforderlicher Gelegenheit brauchen konnte. Er war Denjenigen, die seine Weiterreise zu unterbrechen geneigt schienen, in jeder Hinsicht mit Ausnahme der Zahl überlegen. Der Führer der Gesellschaft war allerdings wohl beritten, nnd trug ein Büffelwams mit der halb militärischen Kleidung jener Zeit; seine Leute aber trugen allein rauhe Jacken von dickem Filz, welche kaum die Schärfe eines Schwertes, wenn ein starker Mann es führen würde, hätten zurückhalten können; keiner von ihnen hatte andere Waffen wie Schwerter und Pistolen, ohne welche Leute von Stande nebst den Bedienten in jenen unruhigen Zeiten selten auf Reisen gingen. Als sie sich eine Minute lang angeblickt hatten, sprach der jüngere Herr die Frage ans, welche damals in dem Munde aller Fremden gewöhnlich war, die in solchen Umständen sich begegneten: „Für wen seid Ihr?" „Sagt mir zuerst," erwiderte der Soldat, „für wen seid Ihr? Die stärkste Partei muß zuerst reden." „Wir sind für Gott und König Karl," erwiderte der erste 41 Sprecher, „jetzt sagt mir Eure Partei, Ihr wißt die unsere." „Ich bin für Gott und meine Fahne," erwiderte der eiserne Reiter. „Und fnr welche Fahne," erwiderte der Anführer der andern Partei, „Cavalier oder Rundkopf, König oder Parlament?" „Wahrhaftig, Herr," erwiderte der Soldat, „ich will Euch nicht mit einer Unwahrheit antworten, weil sich dies; für einen Glücksritter und Soldaten nicht ziemt. Um aber Eure Frage mit geziemender Wahrhaftigkeit zu beantworten, hätte ich mich zuvor entschlossen haben müssen, zu welcher der gegenwärtigen Parteien des Königreichs ich mich halten werde, denn das ist bis jetzt eine in meiner Seele noch nicht entschiedene Angelegenheit." „Ich sollte glauben," erwiderte der Herr, „daß, wenn es sich um Loyalität und Religion handelt, kein Manu von Stande oder Ehre sich bei der Wahl seiner Partei lange bedenken könnte." „Wahrhaftig, Herr," erwiderte der Soldat, „wenn Ihr in dieser Art des Tadels redet, um meine Ehre oder meinen Anspruch auf Raug streitig zu machen, so würde ick es auf den Erfolg einer Waffenprobe ankommen lassen und es als ein einzelner Mann mit Euch Dreien aufnebmen. Sprecht Ihr aber im Wege logischer Schlußfolge, die ich während meiner Jugend im Mareschal-College zu Aberdeen studirte, so bin ich bereit, Euch logics zu beweisen, daß mein Verfahren, den Entschluß hinsichtlich der Ergreifung einer Partei auf einige Zeit zn verschieben, nicht allein mir als Manu von Stande und Ehre, sondern auch als einer Person von Verstand und Klugheit geziemt, welche in der Jugend in den Uumuniorilius unterrichtet wurde, und die von dort an unter dem Banner des nnbcsieglichen Gustavus, des nordischen Löwen, sowie unter vielen andern heldenmüthigen Generalen zn Feld zog, und zwar Lutheranern wie Calvinisten, Papisten wie Armi- nianern." Der jüngere Herr erwiderte, nachdem er einige Worte mit seinen Bedienten gewechselt hatte: „Ich möchte gern mit Euch einiges Gespräch über eine so interessante Frage halten und würde stolz sein, könnte ich Euch zu Gunsten der von mir selbst ergriffenen Partei stimmen. Ich reite diesen Abend zur Wohnung eines Freundes, die kaum drei Meilen entfernt liegt) wenn Ihr mich dorthin begleitet, so sollt Ihr gutes Quartier für die Nacht und freie Erlaubnis; erhalten, am Morgen Eure eigene Straße einznschlagen, wenn Ihr keine Neigung fühlt, Euch uns anznschließen." „Wessen Wort erhalte ich dafür?" fragte der vorsichtige Soldat, „ein Mann muß wissen, wer sein Bürge ist, oder er kann in einen Hinterhalt fallen." „Mein Name ist" — erwiderte der jüngere Fremde — „Graf von Menteith, und ich hoffe, Ihr werdet meine Ehre als eine genügende Bürgschaft annehmen." „Ein würdiger Edelmann," erwiderte der Soldat, „dessen Wort nicht in Zweifel gezogen werden kann." Mit einer Bewegung warf er seinen Stutzer auf den Rücken zurück und mit einer zweiten erstattete er seinen militärischen Gruß dem jungen Edelmann, indem er zu reden fortfnhr, als er heranritt, um sich ihm anznschließen: „auch hoffe ich, meine eigene Versicherung, daß ich lmeno vamernüo Eurer Lordschaft in Frieden oder Gefahr während der Zeit, worin wir bei einander verweilen werden, sein will, wird nicht gänzlich in diesen zweifelhaften Zeiten mißachtet werden, worin der Kopf eines Mannes, wie man zu sagen pflegt, in eisernem Helme sicherer ist, wie in einem Marmorpalaste." „Ich versichere Euch," sagte Lord Menteith, daß, nach Eurem Aenßeren zu schließen, ich den Vortheil Eurer Begleitung sehr hoch anschlage; aber ich hoffe, daß wir keine Gelegenheit zur Ausübung der Tapferkeit haben werden, denn ich erwarte, Euch in ein gutes freundschaftliches Quartier zu fuhren." „Gutes Quartier, Mylord," erwiderte der Soldat, „ist immer annehmbar, und nur der guten Beute und gutem Solde nachznschen — abgesehen von Cavalicrehre und befohlener Dienstpflicht. Wahrlich, Mylord, Euer edles Anerbieten ist mir nicht um so weniger willkommen, da ich nicht genau weiß, wo ich und mein armer Gefährte (er streichelte sein Pferd) heut' Nacht ein Unterkommen finden sollen." „Ist es mir erlaubt zu fragen," sagte Lord Menteith, welchem Herrn ich das Glück habe als Quarticrmeistcr zu dienen?" „Gewiß, Mylord," sagte der Soldat, „mein Name ist Dalgetti — Dugald Dalgetti von Drumthwacket zu Euren Diensten. Es ist ein Name, den Ihr vielleicht gesehen habt im UuIIo-Lelgicns, im schwedischen Intelljgencer, oder wenn Ihr hochdeutsch lesen könnt, im fliegenden Merkur von Leipzig. Da mein Vater, Mylord, durch schlechte Wirtschaft ein schönes Erbtheil auf ein Nichts vermindert hatte, so blieb mir keine bessere Anssicht, als ich 18 Jahre alt war, wie diejenige, meine im Mareschal - College zu Aberdeen erworbene Gelehrsamkeit, mein edles Blut und meine Bestimmung als Gutsherr von Drumthwacket zugleich mit einem Paar kräftiger Arme und entsprechender Beine in die deutschen Kriege zu verpflanzen, um dort als Glücksritter meinen Weg zu verfolgen. Mylord, meine Arme und Beine haben mir mehr geholfen, wie mein adeliges Geschlecht und meine Büchergelehrsamkeit, 44 und ich fand mich als Pikeiner unter dem alten Ludcwick Les- lie, wo ich die Regeln des Kriegsdienstes so scharf erlernt habe, daß ich sie nicht schnell vergessen werde. Herr, ich habe acht Stunden lang Wache von 12 Uhr Mittags bis 8 Uhr Abends am Palast stehen muffen, und zwar mit Brustharnisch und Hinterstück, Pickelhaube und Armschienen, in Eisen bis an die Zähne und zwar bei bitterem Frost, wo das Eis so hart war wie jemals ein Kieselstein, und alles das, weil ich einen-Augenblick anhielt, um mit meiner Wirthin zu sprechen, als ich hätte zum Verlesen gehen sollen." „Und ohne Zweifel, Herr," erwiderte Lord Menteith, „habt Ihr eben so heißen Kriegsdienst durchgemacht, wie Ihr da eine kalte Wache aushalten mußtet?" „Gewiß, Mylord, es geziemt mir nicht, davon zu reden; wer aber die Schlacht von Leipzig und Lützen gesehen hat, darf sagen, daß er bei großen Schlachten war, und wer bei Frankfurt an der Oder, Würzburg am Lech, in Nürnberg u. s. w. kämpfte, muß etwas von Belagerungen, Stürmen, Angriffen und Ausfällen wissen." „Aber Euer Verdienst, Herr, und Eure Erfahrung haben Euch ohne Zweifel Beförderung erwirkt?" „Sie kam langsam, Mylord, verdammt langsam," erwiderte Dalgetty; „aber da meine schottischen Landsleute, die Väter des Krieges, und die Offiziere, welche die tapferen schottischen Regimenter, den Schrecken Deutschlands, angeworben hatten, ziemlich dicht zu fallen begannen, einige durch die Pest, andere durch das Schwert, so rückten wir, ihre Kinder, in ihr Erbe vor. Herr, ich war sechs Jahre lang als Freiwilliger ein gemeiner Soldat der Compagnie und nachher drei Jahre lang Gefreiter, denn ich verschmähte die Annahme der Hellebarde eines Unteroffiziers, weil dieselbe für meine Geburt sich nicht geziemte; zuletzt uuu rückte ich vor zum Fähndrich, wie es im Hochdeutschen heißt, in des Königs Leibregiment von schwarzen Reitern, und dann ward ich Licntnant »nd Rittmeister unter dem unüberwindlichen Monarchen, dem Bollwerk des protestantischen Glaubens, dem Löwen des Nordens, dem Schrecken Oestrcichs, Gnstavus dem Siegreichen." „Und dennoch, wen» ich Euch recht verstehe, Kapitän Dal- getty — ich glaube dieser Rang entspricht Eurem fremden Rittmeister —" „Ganz genau derselbe Grad," erwiderte Dalgetty, „Rittmeister bezeichnet wörtlich den Führer einer Schwadron." „Ich wollte bemerken," fuhr Lord Menteith fort, „daß, wenn ich Euch recht verstand, Ihr den Dienst dieses großen Fürsten verlassen habt —" „Erst nach seinem Tode," sagte Dalgetty, „als ich in keiner Weise mehr verbunden war, meine Anhänglichkeit fortzusetzen. Es gibt Dinge, Mylord, in jenem Kriegsdienst, die der Magen eines Cavalicrs von Ehre nicht vertragen kann. Zwar war der Sold keiner der bedeutendsten, denn er betrug nur 60 Thaler für einen Rittmeister; der unbesiegliche Gusta- vus zahlte aber nie mehr als ein Drittel der Summe, welche monatlich als ein sogenannter Vorschuß bezahlt wurde, obgleich, richtig betrachtet, sie weiter nichts als ein Anlehen war, welches der große König von den weiteren zwei Dritteln, die er den Soldaten schuldig blieb, erborgte. Auch habe ich gesehen, wie ganze Regimenter von Holländern und Holsteinern sich wie niedrige Gassenkehrer ans dem Schlachtfeld empörten, wie sie „Geld, Geld!" schrieen, das heißt, wie sie ihren Wunsch nach Sold anssprachen, statt wie unsre schottischen Degen drauf los zu schlagen, denn diese haben es stets 46 verachtet, Mylord, den Gewinn der Ehre schmutzigem Gewinn nachzustellen." „Aber sollten diese Rückstände," fragte Lord Menteith, „dem Soldaten nickt zu einer bestimmten Zeit gezahlt werden?" „Mylord," antwortete Dalgetty, „ich nehme es.ans mein Gewissen für bestimmt an, daß kein einziger Kreuzer davon jemals erlangt werden konnte. So lange ich dem unbesiegbaren Gustavus diente, habe ich keine zwanzig Thaler, die mir angchörten, auf Einmal gesehen, wenn ich solche nicht nach einem Sturm oder Sieg bekam, oder sie mir in einer Stadt oder in einem Dorfe holte, wobei ein Glncks-Cavalier, welcher den Äriegsgebranch kennt, selten einen kleinen Profit zu machen unterläßt." „Jetzt wundere ich mich noch," sagte Lord Menteith, „mehr darüber,, daß Ihr so lange im schwedischen Dienst geblieben seid, als daß Ihr zuletzt ihn anfgegeben habt." „Auch wäre ich nicht darin geblieben," antwortete der Rittmeister, „wenn nicht jener große Feldherr und König, der Löwe des Nordens und das Bollwerk des protestantischen Glaubens, in ganz besonderer Weise Schlachten gewonnen, Städte genommen, Landschaften erobert und Kontributionen erhoben hätte, wodurch sein Dienst für alle guterzogenen Cavaliere, welche das edle Waffenhandwerk betrieben, einen unwiderstehlichen Reiz erhielt. So schlicht wie ich bin, Mylord, habe ich selbst das ganze Stift Dinkclsbühl in Franken regiert; ich wohnte im Palast des Abtes, trank seinen hesten Wein mit meinen Kameraden, zog Kontributionen, Requisitionen und kleine Geschenke ein, und unterließ es nicht, mir die Finger zu lecken, wie es einem guten Koch geziemt. Aber mit aller dieser Herrlichkeit ging es schnell abwärts, nachdem unser großer Herr und Meister auf dem Schlachtfelde von Lützen 47 von 3 Kugeln erschossen war. Als ich MIN fand, daß Fortuna gewechselt hatte, daß die Anlehen von unserem Solde wie früher ihren Gang nahmen, während kleine Geschenke und glückliche Zufälle uns abgeschnitten wurden, nahm ich Dienst bei Wallenstcin in Walter Butler's irischem Regiment." „Und darf ich Euch fragen," sagte Lord Mcnteith, welcher Thcilnahme an den Schicksalen des Glückssoloaten zeigte, „wie Euch dieser Wechsel der Herren gefiel?" „Ziemlich gut," sagte der Kapitän, „so ziemlich gut in hohem Grade. Ich kann nicht sagen, daß der Kaiser besser zahlte wie der große Gustavus, schwere Prügel bekamen wir oft; ich mußte oft meinen Kopf gegen meine alten Bekannten, die schwedischen Federn, anrenneu; Euer Gnaden muß wissen, das find doppeltgespiyte Pfosten mit Eisen an jedem Ende beschuht, und sic werden vor den Abtheilungen der Piken aufgepflanzt, um das Einbrechen der Reiterei zu verhindern. Besagte schwedische Federn sehen zwar sehr hübsch aus, denn sie gleichen dem Gebüsch oder kleineren Bäumen des Waldes, sowie die gewaltigen Piken, in Schlachtordnung dahinter aufgesteckt, den schlanken Fichten eines solchen entsprechen; sie sind aber nicht so sanft anzufaffen wie das Gefieder einer Gans. Jedoch ungeachtet der schweren Prügel und des leichten Soldes kann ein Cavalier der Fortuna im kaiserlichen Dienst ziemlich gut gedeihen, denn man fleht nicht so genau wie bei den Schweden auf seine Nebengcbühren; that ein Offizier nur seine Pflicht auf dem Felde, so pflegte weder Wallenstein, noch Pappenheim, noch der alte Lilly vor ihm ans das Schimpfen der Bauern und Bürger gegen einen Offizier oder Soldaten zu hören, welcher sie etwas zu sehr bis auf das Fell geschoren hatte. Somit konnte ein erfahrener Cavalier, der nach unserem schottischen Sprüchwort den Kopf 48 der Sau zum Schwanz des Ferkels zu legen versteht, aus dem Lande selbst sich seinen Sold holen, ans dessen Bezahlung durch den Kaiser er vergeblich warten mußte." „Ohne Zweifel mit einem Griff ans voller Hand und mit allen Zinsen," meinte Lord Menteith. „Sicherlich, Mylord," erwiderte Dalgetty mit ruhiger Fassung, „denn es wäre doppelt schmachvoll für irgend einen Soldaten von Rang, daß sein Name bei einem kleinen Vergehen genannt wurde." „Aber ich bitte Euch, Herr, sagt mir doch," fuhr Lord Menteith fort, „weßhalb habt Ihr einen so einträglichen Dienst verlassen?" „Nun wahrhaftig," erwiderte der Soldat, „ein irischer Cavalier, mit Namen O'Qnilligan, ein Major in nnserem Regiment, hatte mit mir einen Streit eines Abends über den Werth und den Vorrang unserer verschiedenen Nationen; am nächsten Tage darauf ließ er sich einfallen, mir seine Befehle zu erthcilen, indem er die Spike seines Kommandostabes vor sich empor hielt, anstatt denselben zu Boden zu senken, wie es der Brauch eines höflichen kommandirenden Offizieres ist, wenn er es mit Jemanden zu thnn hat, der ihm im Range gleichsteht, obgleich er vielleicht im militärischen Grade untergeordnet ist. Den Streit, Herr, haben wir in einem Duelle ausgefochten; da es nnn unserm Oberst Butler bei der nachfolgenden Untersuchung gefiel, die leichtere Strafe seinem Landsmann und die schwerere mir zu erthcilen, so ärgerte ich mich über solche Parteilichkeit und vertauschte meine Osfiziers- stelle mit einem Andern unter dem Spanier." „Ich hoffe, daß Ihr den Wechsel zuträglich fandet," bemerkte Lord Menteith. „Um die Wahrheit zu sagen," erwiderte der Rittmeister, „ich hatte wenig Ursache zur Klage. Der Sold wurde ziemlich regelmäßig bezahlt, denn die reichen Flamänder und Wallonen in den Niederlanden mußten das Geld hergeben. Die Quartiere waren ausgezeichnet; das gute Weizenbrod von Flandern war besser wie das Kommisbrod aus Roggen bei den Schweden, und an Rheinwein herrschte bei uns mehr Ueberssnß, wie jemals am schwarzen Rostockerbier in des Schwedenkönigs Lager. Kriegsdienst war keiner zu leisten; der Garnisonsdienst war gering, und diesen geringen Dienst konnten wir nach Belieben thun oder bleiben lassen; es war ein ausgezeichneter Platz der Zurückgezogenheit für einen Ca- valier, welcher der Feldschlachten und Belagerungen müde war, welcher mit seinem Blut so viel Ehre erkauft hatte, wie ihm dienlich sein mußte, und der den Wunsch hegte, ein wenig 'Behaglichkeit und gutes Leben zu genießen." „Und darf ich fragen," sagte Lord Menteith, „weßhalb Ihr Euch ans dem spanischen Dienste znrückzogt, Kapitän, da Ihr Euch doch, wie ich glaube, in der beschriebenen Lage gut befandet?" „Ihr müßt bedenken, Mylord," erwiderte Kapitän Dal- getty, daß ein Spanier ein Kerl sondergleichen im Eigendünkel ist, so daß er denjenigen fremden Cavaliere» von Muth, welchen cs gefällt, bei ihm Dienste zu nehmen, nicht die gehörige Rücksicht erzeigt; nun aber schmerzt cs jeden ehrenwerthen Soldaten, bei Seite geschoben und zurückgesetzt zu werden und jedem prahlenden Sennor nachstchen zu müssen, welcher sehr gern seinen Platz einem schottischen Cavalier abträte, wenn es sich um Ersteigung einer Bresche im Pikcnangriff handeln würde. Außerdem, Herr, empfand ich Gewissenszweifel i» Bezug ans meine religiöse Angelegenheit." „Ich würde nicht geglaubt haben, Kapitän Dalgetty," sagte Sage von Montrvsc. 4 50 der junge Edelmann, „das; ein alter Soldat, welcher den Dienst so oft gewechselt hat, in dieser Hinsicht so bedenklich sein wurde." „Das bin ich auch nicht, Mylord," sagte der Kapitän, „denn ich halte es für Pflicht des Regiments-Caplans, jene Angelegenheiten für mich und jede» andern braven Cavalier in Ordnung zu bringen, um so mehr, da er, so viel ich weis;, für seinen Sold und seine Vergünstigungen nichts Andres zu thun weiß. Dieß war aber ein besonderer Fall, ein casu8 impro- vi8U8, wenn ich so sagen darf, worin ich keinen Caplan meines Glaubens bei der Hand hatte, um mich Raths bei ihm zu erholen. Kurzum, ich fand, das; man wohl ein Auge zndrückte, weil ich ein Protestant war, denn ich war ein Mann der Handlung und besaß mehr Erfahrung wie alle Don's znsam- mengenommen in unserer Tercia oder Regiment; allein man verlangte dennoch von mir, wenn wir in Garnison lagen, daß ich in die Messe gehen sollte. Nun, Mylord, war ich als wahrer Schotte und als Zögling der Universität von Aberdeen dazu verpflichtet, die Behauptung zu vertreten, daß die Messe ein Akt des blinden Pabstthnms und äußersten Götzendienstes sei; deßhalb wollte ich durchaus nicht durch meine Gegenwart das Gegentheil bekräftigen. Allerdings hatte ich darüber einen würdigen Landsmann von mir um Rath gefragt, einen Pater Fatsides ans dem schottischen Kloster zn Würzbnrg —" „Und ich hoffe," bemerkte Lord Mentcith, „Ihr erhieltet von diesem geistliche» Vater ein klares Gutachten?" „So klar wie es möglich war," erwiderte Kapitän Dal- getty, „in Anbetracht, das; wir 6 Flaschen Rheinwein und 2 Schoppen Kirschenwasser getrunken hatten. Pater Fatsides that mir zn wissen, das; nicht viel daran gelegen sei, ob ich 51 zur Messe ginge oder nicht, denn soweit er über einen Ketzer wie ich urtheilen könne, erkenne er, daß meine ewige Ver- dammniß in Bezug auf meine unbußfertige und verhärtete Beharrung in meiner fluchwürdigen Ketzerei jedenfalls beschlossen und besiegelt sei. Durch diese Antwort entmnthigt, wandte ich mich an einen holländischen Pastor der reformirten Kirche, welcher mir sagte, er glaube, daß ich gesetzmäßig in die Messe gehen könne; der Prophet habe ja dem Nahman, einem gewaltigen Mann von Mnth und einem ehrenwcrthen Cavalier ans Syrien, die Erlaubniß ertheilt, seinem Herrn nach dem Hause Rimmon's, eines falschen Gottes oder Götzen, welchem derselbe diente, zu folgen, und sich zu beugen, wann sich der König auf seine Hand stütze. Jedoch stellte mich diese Antwort nicht zufrieden; ein gewaltiger Unterschied findet sich ja zwischen einem gesalbten König Syriens und unserem spanischen Oberst, den ich wie eine Zwiebelschale hätte wegblasen können; besonders aber bedachte ich, die Sache werde durch einen Kriegsartikel nicht von mir verlangt; auch hatte man mir keine Entschädigung in Nebeneinnahmen oder Sold für den Schaden angeboten, den mein Gewissen dadurch hätte erleiden können." „Ihr wechseltet also wieder den Dienst?" fragte Lord Menteith. „So geschah es, Mylord; nachdem ich es nun eine kurze Zeit mit zwei oder drei andern Mächten versucht hatte, begab ich mich in den Dienst Ihrer Hochmögenden der Generalstaaten der sieben vereinigten Provinzen." „Und wie war dieser Dienst Eurer Laune gemäß?" fragte sein Gefährte. „O Mylord," sagte der Soldat in einer Art Enthusiasmus, „ihr Betragen am Zahltage sollte ein Muster für ganz Europa sein — da gibt es weder Darleihen, noch Abzüge, 4» 52 noch Rückstände, sie bezahlen so gcnan wie Banquiers. Auch die Quartiere sind ausgezeichnet und die Verpflegung tadellos; aber, Herr, die Holländer sind ein sehr genaues, bedenkliches Volk und machen für kleine Sünden nie ein Zugeständnis;. Wenn nun ein Bauer über einen zerschlagenen Kopf, ein Bicr- wirth über eine zerbrochene Kanne sich beklagt, oder wenn ein lustiges Mensch zwar leise genug, aber doch so laut kreischt, daß man ihren Schrei etwas deutlicher wie ihren Athen; hören kann, so wird ein Mann von Ehre nicht vor sein Kriegsgericht gebracht, welches am besten sein Vergehen benrtheilcn und ihn bestrafen kann, sondern vor einen schäbigen Handwerker von Bürgermeister, der ihm mit dem Znchthanse, dem Strick oder noch sonst was droht, als gehörte er zu den gemeinen, froschartigen, pluderhosigen Holländern. So konnte ich denn unter jenem undankbaren Pöbel nicht bleiben, der sich durch eigene Kraft nicht vertheidigen kann und dennoch dem fremden Cava- lier, welcher in seine Dienste tritt, nichts weiter gestattet, wie seinen trockenen Sold, der für keinen ehrcnwcrthen Muth ebensoviel gilt, wie freie Ausgelassenheit und ehrenvoller Anstand; darum beschloß ich, den Dienst der Mynheers zu verlassen , und da ich nun zu meiner Zufriedenheit hörte, daß sich etwas während dieses Sommers nach meiner Weise in meinem theuren Vaterlande machen läßt, so bin ich hieher gekommen, wie man zu sagen pflegt, wie der Bettler auf die Hochzeit, um meinen lieben Landsleuten den Bortheil der Erfahrung zukommen zu lassen, welchen ich in fremden Landen mir erworben habe. So hat denn Eure Lordschaft einen Umriß meiner kurzen Geschichte mit Ausnahme meines Auftretens in Feldschlachten, Stürmen und anderen Angriffen, deren Erzählung hier ermüden würde und auch vielleicht einer anderen Zunge wie der weinigen besser geziemen würde." Drittes Kapitel. Ob viel Geschwätz voll Recht »nd Pflicht sich bot. Mir ist der Krieg Geschäft, sein Lohn bas Brod. Wie Schweizer Hab' ich stets nur Eins gewollt; Die beste Sach' ist mir der beste Sold. Donnc. Die Beschwerlichkeit und die Enge des Weges war jetzt von solcher Art geworden, daß die Reisenden ihr Gespräch unterbrechen mußten; Lord Menteith hielt sein Pferd zurück und unterredete sich einige Augenblicke mit seinen Bedienten. Der Kapitän, welcher jetzt der Gesellschaft voranritt, gelangte ungefähr nach einer Viertelmeile, während welcher eine rauhe Ansteignng zurückgelegt werden mußte, auf ein hochgelegenes Thal, welches durch einen Bergstrom trocken gelegt war und auf dem Rasen am Ufer desselben den Reisenden genügenden Raum darbot, um ans eine mehr gesellige Weise ihre Reise fortzusetzen. Lord Menteith nahm somit das Gespräch wieder auf, welches durch die Schwierigkeiten des Weges unterbrochen worden mar. „Ich hätte glauben sollen," sagte er zu Kapitän Dalgetty, „daß ein Cavalier von so ehrenwerthem Charakter, welcher dem tapfer» König von Schweden so lange gefolgt ist und eine so passende Verachtung gegen die gemeinen holländischen 54 Handwerker hegt, kein Bedenken getragen hätte, die Rache des Königs Karl derjenigen von niedriggelwrenen, rnndköpfi- gcn schwatzenden Schelmen vorzuzichcn, welche jetzt gegen die Krone im Aufstand begriffen sind." „Ihr sprecht vernünftig, Mylord," sagte Dalgetty, „und eeteris paridus könnte ich vielleicht bewogen werden, die Sache in demselben Lichte zu betrachten, aber, Mylord, man hat im Süden ein Sprüchwort: „Schöne Worte machen den Kohl nicht fett". Ich habe genug gehört, seitdem ich hieher gekommen bin, daß ein Cavalier von Ehre jede Partei in diesem bürgerlichen Kampfe ergreifen kann, die sich für seinen besonder« Zweck am besten eignet. Loyalität! ist euer Losungswort — Freiheit! schreit ein Bursch auf der andern Seite des Tha- les — Der König! ist ein Kriegsgeschrei — Das Parlament! brüllen die Andern — Montrose auf Immer! schreit Donald und schwenkt die Mütze — Argyle und Leven! schreit ein Gesell in Nicderland und paradirt dabei mit der Feder am Hut — Kämpft für die Bischöfe! sagt der Priester mit weitem Rock und Chorhemd — Steht fest für die schottische Kirche! ruft der Pfarrer mit dem Genfer Käppchen und Hemdkragen — Alles sehr schöne Parolen — ausgezeichnete Parolen! Welche Sache die beste ist, kann ich nicht sagen. Aber sicherlich, ich habe knietief im Blute manchen Tag für eine Losung gefvch- ten, die schlimmer war als die schlimmste von allen denen." „Da nun die Ansprüche beider Parteien Euch gleich scheinen," sagte Seine Lordschaft, „so habt doch die Güte, uns anzngeben, durch welche Umstände ihr Vorzug bestimmt werden wird?" „Einfach nach zwei Rücksichten, Mylord," erwiderte der Soldat, „erstlich, auf welcher Seite mein Dienst am meisten mit gehörigen mir erwiesenen Ehrenbezeugungen gesucht wer- 55 de» wird. Zweitens werde ich berücksichtigen, wie übrigens schon aus dem Ersteren geschlossen werden muß, welche Partei denselben am dankbarsten vergelten wird. Um offenherzig mit Euch zu reden, Mylord, neigt sich meine Meinung am meisten ans Seiten des Parlamentes." „Wollet Ihr mir gütigst Eure Gründe sagen?" sagte Lord Menteith; „vielleicht ist es mir möglich, sie mit andern zu widerlegen, welche bei Euch mehr Bedeutung haben werden." „Herr, ich werde der Vernunft zugänglich sein," sagte Kapitän Dalgetty, „vorausgesetzt, durch Eure Gründe werde meine Ehre und mein Interesse wahrgenvmmen. Wohlan denn, Mylord, man erwartet hier, daß eine Armee von Hochländern sich für den König versammelt, oder daß sie sich auf diesen Hügeln versammeln wird. Nun, Herr, kennt Ihr ja die Natur unserer Hochländer. Ich will nicht läugnen, daß sie ein Volk vv» kräftigem Körper und tapferem Herzen sind und auch Muth genug in ihrer tapfer» Kampfesweise habe») aber dieß ist von den Gebräuchen und der Disciplin des Krieges ebenso entfernt, wie einstens die der alten Scythen, oder jetzt die der amerikanischen Indier. Sie haben nicht einmal eine deutsche Pfeife oder eine Trommel, um einen Marsch, einen Allarm, einen Sturm, einen Rückzug, eine Reveille oder Zapfenstreich oder einen andern Kriegsgebrauch zu schlagen, und ihre verdammten kreischenden Dndelsäcke, welche sie blasen zu können vorgeben, sind für die Ohren eines Caballero unverständlich, welcher an civilisirte Kriegführung gewohnt ist. Wollte ich die Disciplinirung eines solchen Pöbels ohne Hosen unternehmen , so wäre es mir unmöglich, mich verständlich zu machen; würde ich aber auch verstanden, so bedenkt, Mylord, welche Aussicht auf Gehorsam ich unter einer Bande von halbwilden Menschen haben würde, welche gewohnt sind, ihrem Gutsherrn 56 und Häuptling allein die Achtung und den Gehorsam zu zollen, den sie ihren patentirten Offizieren zollen müssen. Wollte ich ihnen beibringen, eine Battalia nach der Ausziehnng der Quadratwurzel zu bilden, — d. h. ein Bataillon im Viereck mit gleicher Zahl der Soldaten ans jeder Seite, welche der Quadratwurzel aller vorräthigen Leute entspräche, — so hätte ich keine Gewalt, dies; goldene Geheimnis; der militärischen Taktik jenem Gesindel mitzutheilen; ich wurde sogar einen Dolch in meinem Leib fühlen, wenn ich einen Mac Alister More oder einen Mac Shemei oder Copperfä ans die Flanke oder hinten stellen wollte, wenn ein solcher Kerl voran stehen will. Wahrlich, sagt die heilige Schrift, wenn ihr Perlen den Säuen vorwerfet, so wenden sich dieselben gegen euch und zerreißen euch." „Ich glaube, Anderson," sagte Lord Menteith, „indem er auf einen seiner Bedienten zurückblickte, welche beide dicht hinter ihm ritten, „wir werden erfahrene Offiziere mehr brauchen und zur Benutzung derselben geneigter sein, als der Herr da zu glauben scheint." „Mit Euer Gnaden Erlaubnis;," sagte Anderson, indem er voll Achtung seine Mütze abnahm, „werden wir gute Soldaten brauchen, um unsere Rekruten zu discipliniren, wenn sich die irische Infanterie mit uns vereinigt, welche erwartet wird und in den westlichen Hochlanden schon jetzt gelandet sein muß," „Und ich möchte sehr gern in einem solchen Dienst Beschäftigung finden," sagte Dalgetty. „Die Irländer sind prächtige Kerle — sehr prächtige Kerle — ich wünsche keine besseren im Felde zu sehen. Bei der Einnahme von Frankfurt an der Oder sah ich einst eine irische Brigade mit Schwert und Pike Widerstand leisten, bis sie die blaugelbe schwedische Bri- 57 gade znrückschlngen, welche für so tapfer gehalten wurde, wie irgend eine andere, die unter dem unsterblichen Gustavus zu Felde zog; und obgleich der hartnäckige Hepburne, der tapfere Lnnsdale, der mnthige Monro mit mir selbst und andern Cavaliere» überall sonst mit der Pike durchdrungen, so hätten wir doch mit großem Verlust und wenig Nutzen wieder nm- kehren müssen, wenn wir überall solchen Widerstand angetroffen hätten. Jene tapferen Irländer mnßtcn zwar alle über die Klinge springen, wie es in solchen Fällen gewöhnlich ist, gewannen aber dennoch unsterblichen Preis und Ehre; um ihretwillen habe ich die Männer ihrer Nation unmittelbar nach der meines eigenen Vaterlandes Schottland stets geliebt und geehrt." „Einen Befehl über Irländer," sagte Menteith, „glaube ich Euch versprechen zu dürfen, wäret Ihr geneigt, die königliche Partei zu nehmen." „Und dennoch," sagte Kapitän Dalgetty, „ist meine zweite und größte Schwierigkeit noch nicht beseitigt. Ich halte es zwar für ein gemeines und schmutziges Verfahren eines Soldaten, wenn er wie die niedrigen Lumpen, deutsche Landsknechte genannt, die ich vorhin erwähnte, keine anderen Worte im Mnnde hat, wie Sold und Geld. Auch will ich mit meinem Schwerte vertreten, daß die Ehre dem Solde, den freien Quartieren und den Rückständen vorznziehen ist; da aber des Kriegers Sold die unvermeidliche Bedingung seines Dienstes bildet, so geziemt cs einem weisen und bedächtigen Cavalier, sich genau den Betrag seiner Belohnung für seinen Dienst und die Beschaffenheit der Geldmittel zu überlegen, aus welchen besagter Sold bezahlt werden soll; und wahrlich, Mylord, nach Allem, was ich sehen und vernehmen kann, ist das Parlament der Börsenmeister. Die Hochländer kann man allerdings 58 bei guter Laune erhalten, wenn mau ihnen gestattet, Vieh zu stehlen; was die Irländer betrifft, so kann Eure Lordschaft und Eure edlen Genossen dieselben nach dem in solchen Fällen üblichen Kriegsgebranche zahlen und ihnen so selten und so wenig wie möglich an Geld geben, je nachdem cs Eurem Belieben oder Eurer Bequemlichkeit gemäß ist. Dieselbe Ver- fahrnngsweise eignet sich aber nicht für einen Cavalier, wie ich es bin, welcher seine Pferde, Bedienten, Waffen und Ausrüstung erhalten muß und auf eigene Kosten weder Krieg führen kann noch will." Anderson, der Bediente, welcher vorher geredet hatte, wandte sich jetzt acbtnngsvvll an seinen Herrn mit den Worten: „Ich glaube, Mylord, daß ich, wenn Eure Lordschaft es gestattet, Einiges Vorbringen kann, um Kapitän Dalgetty's zweiten Einwnrf zu beseitigen. Er fragt uns, wo wir unfern Sold hernchmen wollen; nun sind nach meiner demüthigen Ansicht uns dieselben Hülfsmittcl wie den Covenantcrs eröffnet. Sie bestenren das Land nach Belieben und verschwenden die Güter der Königlichen; wären mir nur einmal in den Niederlanden mit den Hochländern und Irländern als Rückhalt und mit den Degen in unfern Händen, so könnten wir manchen fetten Verräther finden, dessen schleckt erworbener Reichthnm unsere Militärkasse füllen und unsere Soldaten befriedigen wird. Außerdem werden Konfiskationen uns in Menge znfallen. Wenn nun der König Schenkungen verwirkter Ländereien jedem kühnen Cavalier gibt, welcher sich seiner Fahne anschließt, so wird er zugleich seine Freunde belohnen und seine Feinde bestrafen. Kurzum, wer diesen rnndköpfigen Hunden sich anschließt, kann einigen elenden Sold bekommen; wer unserer Fahne sich anschlicßt, hat die Aussickt, Ritter, Lord oder Graf zu werden, wenn das Glück ihm günstig ist." 59 „Habt Ihr jemals im Kriege gedient, guter Freund?" sagte der Kapitän zu dem Sprecher. „Ein wenig, Herr, in diesen nnsern Bürgerkriegen," antwortete der Mann bescheiden. „Aber niemals in Deutschland oder in Holland und Flandern?" fragte Dalgetty. „Ich hatte niemals die Ehre," antwortete Anderson. „Ich gestehe," sagte Dalgetty, indem er sich an Lord Men- teith wandte, „Euer Lordschaft Diener hegt eine verständliche, natürliche und ziemlich gute Vorstellung von militärischen Angelegenheiten; dieselbe ist allerdings etwas unregelmäßig gebildet und riecht ein wenig zu sehr nach dem Verkauf der Haut, bevor er den Bären gejagt hat. Ich will mir jedoch die Sache überlegen." „Thut das, Kapitän," sagte Lord Menteith, „Ihr könnt die Nacht darüber Nachdenken, denn wir sind dem Hause jetzt nahe, wo ich hoffe, Euch eine freundliche Aufnahme versprechen zu können." „Das wird mir sehr willkommen sein," sagte der Kapitän, „denn ich habe seit Tagesanbruch nichts anderes gegessen, als ein Stück Haferkuchen, das ich mit meinem Pferde theilte. Drum habe ich meinen Degengurt drei Löcher enger schnallen müssen, weil mein Bauch dünner geworden ist, sonst wäre mir der Gurt wegen meines Hungers und wegen der Schwere des Eisens hinabgeglitten." Viertes Kapitel. ES kamen einst sich Herrn entgegen — Am Datnm ist hier Nichts gelegen — So flink und schmuck wie sc, bewehrt Mit Tartsche, Dolch nnd Hochland-Schwert, Mit bnntem Kleide, wie'S der Brauch Im Nicdcrland und Hochland auch, Die Mut/ auf Köpfen schief gewandt, Die man von je als hart erkannt. MeSton. Ei» Hügel leg seht vor den Reisenden; er wer mit einem alten Walde schottischer Föhren bedeckt, nnter denen die höchsten, ihre verwitterten Zweige nach dem westlichen Horizont erstreckend, im rothen Schein der Abendsonne glühten. In der Mitte des Waldes erhoben sich die Thürme oder vielmehr die Kamine des Hauses oder Schlosses, wie man es nannte, welches znm Ziel ihrer Tagreise bestimmt war. Wie es damals gewöhnlich war, bildeten zwei schmale und hohe Gebäude, welche sich einander durchschnitten und kreuzten, das Wohnhaus; eine oder zwei vorragende Zinnen mit kleinen Thürmchen an den Ecken, welche Pfefferbüchsen glichen, hatten den würdevollen Namen eines Schlosses dem Gebäude von Darnlinvarach verschafft. Es war von einer niedrigen Hof- maner umringt, innerhalb welcher die gewöhnlichen Wirth- schaftsgebände lagen. 61 Als die Reisenden näher kamen, entdeckten sie neuere Zn- thaten zn den Vertheidignngswerken des Platzes, welche ohne Zweifel durch die Unsicherheit jener Zeiten veranlaßt waren. In verschiedenen Theilen des Hauses und der Hofmaner waren Schießscharten für Gewehrfcner eingebrochen. Die Fenster waren durch eiserne Stangen sorgfältig gesichert, welche in der Länge und Quere sich wie die Gitter eines Gefängnisses kreuzten. Die Hofthür war verschlossen, und erst nach vorsichtigem Austausch von Losungsworten ward einer ihrer Flügel von zwei Bedienten geöffnet — zwei kräftigen Hochländern, die beide mit Waffen ausgerüstet wie Bitias und Pan- darus in der Aeneide zur Verthcidigung des Einganges bereit standen, wenn irgend ein Feind sich einzndrängcn suchen würde. Mehrere Bedienten, sowohl in der Kleidung des Hochlandes wie des Niederlandes, stürzten sogleich ans dem Innern des Hauses heraus; einige beeilten sich, den Fremden die Pferde abznnehmen, während andere sie in das Wohnhaus zn führen bereit waren. Kapitän Dalgetty wies jedoch den angcbotenen Beistand derjenigen zurück, welche ihm die Sorge seines Pferdes abnchmen wollten. „Meine Freunde, es ist meine Gewohnheit, daß ich selbst nachsehe, wie Gnstavus (so habe ich mein Pferd nach meinem unüberwindlichen Herrn genannt) sich nach aller Behaglichkeit eingerichtet findet; wir sind alte Freunde nnd Reisegefährten, und da ich mich oft in der Lage befinde, seine Beine zn gebrauchen, so erweise ich ihm immer meinerseits den Dienst meiner Zunge, um Alles zn verlangen, was er haben muß." Somit begab er sich in den Stall nach seinem Pferde, ohne sich weiter zn entschuldigen. Weder Lord Menteith noch sein Begleiter erwiesen dieselbe Sorgfalt ihren Pferden, sondern überließen sie den Bedienten des Hauses nnd betraten das letztere, wo eine Art dunkler und 62 gewölbter Flur unter anderen verschiedenen Artikeln ein großes Fas; Bier enthielt; dabei befanden sich zwei oder drei hölzerne Becher, wie es schien für den Dienst eines Jeden bereit, welcher sie zu brauchen Lust hatte. Lord Mcnteith begab sich an den Zapfen, trank ohne Umstände und überreichte dann Anderson den Becher, welcher das Beispiel seincs Herrn befolgte, jedoch nicht eher, als bis er den noch übrigen Tropfen Bier heransgegoffen und das hölzerne Trinkgeschirr leicht ausgeschwenkt hatte. „Was Teufel, Mann," sagte ein alter hochländischer Diener, welcher zur Familie gehörte, „könnt Ihr nicht nach Eurem eigenen Herrn trinken, ohne den Becher anszuspülcn und das Bier hcranszugicßen? Seid verdammt!" „Ich wurde in Frankreich erzogen," erwiderte Anderson, „wo Niemand nach einem Andern ans einem Becher trinkt, wenn nicht ans demjenigen einer Dame." „Der Teufel hole solche Eigenheit!" sagte Donald; „was schadet es, wenn das Bier gut ist, das; eines anderen Mannes Bart vorher in dem Becher war?" Anderson's Gefährte trank, ohne die Cercmonie zu beachten, welche Donald soviel Anstoß gegeben hatte; beide folgten ihrem Herrn in die niedrig gewölbte steinerne Halle, welche der gewöhnliche Sammelplatz einer hochländischen Familie war. Ein großes Torffener am oberen Ende verbreitete ein düsteres Licht im Raume und wurde nothwcndig durch die Feuchtigkeit, welche sogar im Sommer dasselbe unbehaglich machte. Zwanzig oder dreißig runde Schilde, eben so viele lange hochländische Degen mit Dolchen und Mänteln, Flinten sowohl mit Lunten wie mit Fenerschlöffern, Dogen und Armbrüste nebst Streitäxten, Stahlharnische, Helme, Pikelhanben und die älteren Panzerhemde mit Kapntzen und Aermeln — Alles dies; hing 63 verwirrt an de» Mauern, und hätte irgend ein Mitglied einer jetzigen antiquarischen Gesellschaft einen ganzen Monat lang Bergnüngen gewährt. Solche Dinge waren jedoch damals zu gewöhnlich, um viel Aufmerksamkeit der Beschauer ans sich z» lenken. In der Halle stand ein großer, plumper Tisch von eichenem Holz, welchen die hastige Gastfreundschaft des Bedienten, der vorher gesprochen hatte, sogleich mit Milch, Butter, Ziegenkäse, einer Flasche Bier und einer kleineren mit Branntwein zur Erfrischung des Lord Menteith belud, während ein untergeordneter Diener fiir dessen Bedienten ähnliche Vorrichtungen unten an der Tafel traf. Der Raum zwischen Beiden mar nach den damalige» Sitten ein genügender Unterschied zwischen Herrn und Diener, obgleich der Erstere in dem jetzigen Falle einen sehr hohen Rang einuahm. Mittlerweile standen die Gäste am Feuer — der junge Edelmann unter dem Kamine, seine Diener in einiger Entfernung. „Was haltet Ihr, Anderson," fragte der Erstere, „von unserem Reisegefährten?" „Ein derber Gesell," erwiderte Anderson, „wenn Alles seinem Aeußcrn entspricht; ich wollte, wir hätten zwanzig solcher Leute, um unsere Irländer etwas unter Disciplin zu bringen." „Ich bin anderer Meinung," sagte Lord Menteith, „ich glaube, dieser Kerl Dalgetty ist einer jener Blutegel, deren Hunger nach Blut nur durch dasjenige geschärft wird, was sie in fremden Landen gesogen haben, und die jetzt zurückkeh- ren, »m sich an demjenigen ihres Vaterlandes zu mästen. Schmach über dies; Gesindel von Menschen, welche für Geld ihre Haut zu Markte tragen! Sie haben den schottischen Namen in ganz Europa mit denjenigen elender Söldner gleich- 64 bedeutend gemacht, welche weder Ehre noch Grundsatz als ihr monatliches Einkommen kennen, welche je nach der Laune der Fortuna oder nach dem höchsten Gebote ihre Lehenstrene von einer Fahne zur andern übertragen. Ihrem unersättlichen Dnrst nach Raub und gutem Quartier ist zu großem Theil jene innere Parteiwuth zuznschrciben, womit wir jetzt unsere Degen gegen unsere eigenen Eingeweide kehren. Mir ging beinahe die Geduld bei diesem gemietheten Fechter aus, und dennoch konnte ich mich kaum des Lachens bei solch' einem Uebcrmaß von Unverschämtheit erwehren." „Eure Lordschaft wird mir verzeihen," sagte Anderson, „wenn ich Euch rathe, wenigstens einen Theil dieses großmü- thigen Unwillens unter den gegenwärtigen Umständen zu verbergen. Wir können unglücklicher Weise unser Werk ohne die Hülfe solcher Leute nicht vollbringen, die nach elenderen Beweggründen wie wir selbst handeln. Wir können den Beistand solcher Kerle, wie unseres Freundes, des Miethsoldaten, nicht entbehren. Um eine Phrase ans dem Geschwätz der Heiligen im englischen Parlament zu gebrauchen, sind die Söhne von Zeruiah noch zu Viele für uns." „Ich muß mich also so gut wie möglich verstellen," sagte Lord Mentcith, „wie ich dieß bisher ans Euren Wink gethan habe; ich wünsche jedoch den Kerl von ganzem Herzen zum Teufel." „Ja, Ihr dürft aber nicht vergessen, Mylord," bemerkte Anderson anss Nene, „daß Ihr, um den Biß eines Scorpions zu heilen, einen andern Scorpion auf der Wunde zerquetschen müßt, aber halt, Andere werden hören, was wir mit einander reden." Aus einer Seitenthür der Halle betrat ein Hochländer den Raum, dessen hoher Wuchs und vollkommene Ausrüstung, so 65 wie die Adlerfeder ans der Muhe und das Selbstvertrauen in seinem Benehmen eine Person von höherem Range ankündig- ten. Er ging langsam an den Tisch, und gab Lord Menteith keine Antwort, als dieser ihn mit dem Namen Allan anredete und nach seinem Befinden sich erkundigte. „Ihr müßt jeht nicht mit ihm reden," flüsterte der alte Diener. Der große Hochländer sank auf den leeren Sessel, welcher dem Feuer zunächst stand, heftete seine Blicke auf die glühenden Kohlen und den großen Torfhanfen, und schien vollkommen in Zerstreuung versunken. Seine dunklen Augen und wilden, leidenschaftlichen Züge boten den Ausdruck eines Mannes, welcher mit den Gegenständen seines eigenen Nachdenkens lebhaft beschäftigt ist, und äußeren Gegenständen wenig Aufmerksamkeit erweist. Ein Gesichtszug, welcher finstere Strenge verkündet — vielleicht das Ergebniß eines beschaulichen und einsamen Lebens — hätte bei einem Niederländer religiösen Fanatismus andeuten können; die Hochländer litten aber in jenen Zeiten nur sehr selten an dieser Geisteskrankheit, welche in den schottischen Niederlanden, so wie in England, damals so allgemein war. Die Hochländer hatten ohnedem ihren besondern Aberglauben, welcher den Geist mit manchfachcn und lebhaft eindringenden Phantasiegebilden eben so vollkommen verfinsterte, wie dicß durch den Puritanismus bei ihren Nachbarn geschah. „Eurer Lordschaft Gnaden," sagte der hochländische Diener, indem er sich dicht neben Lord Menteith stellte und sehr leise sprach, „Eure Lordschaft muß jetzt nicht mit Allan sprechen, denn die Wolke ruht auf seiner Seele." Lord Menteith nickte und bekümmerte sich nicht weiter um den finstern Gebirgsbewohner. Sage vo» Montrvse. 5 „Sagte ich nicht," fragte der Letztere, indem er plötzlich seine stattliche Gestalt aufrichtete und den Bedienten anblickte, — „sagte ich nicht, daß Vier kommen würden, und hier stehen mir Drei in der Halle?" „So habt Ihr wirklich gesagt, Allan," erwiderte der alte Hochländer, „und es kömmt gerade der Vierte ans dem Stalle klirrend herbei, denn er ist wie ein Krebs mit einer Schale von Eisen ans der Brust und dem Rücken, ans Hüften und Schenkeln angethan; soll ich nicht Euern Stuhl neben dem von Menteith oder zu dem der ehrlichen Herren unten an der Tafel stellen?« , Lord Menteith beantwortete selbst diese Frage, indem er auf einen Sitz neben dem seinigen wies. „Dort kömmt er," sagte Donald, als Kapitän Dalgetty in die Halle trat; „ich hoffe, die Herren werden Brod und Käse genießen, wie wir in den Thälcrn sagen, bis ein besseres Mahl bereit ist, und bis der Häuptling vom Hügel mit den südländischen Edclleuten zurückkömmt; dann wird Dugald als Koch mit einem Lamm und Wildprett aufwarten." Mittlerweile war Kapitän Dalgetty in den Raum getreten und ans den Stuhl neben Lord Menteith zugegangen, an dessen Rücken er sich mit den Armen lehnte. Anderson und sein Gefährte warteten unten an der Tafel in achtungsvoller Stellung, bis sie Erlaubniß zum Sitzen erhalten haben würden; drei oder vier Hochländer liefen unter der Leitung des alten Donald hin und her, um weitere Nahrungsmittel herbeizubringen, oder sie standen bereit, den Gästen aufzuwarten. Inmitten dieser Vorbereitungen fuhr Allan plötzlich auf, riß einem der Diener die Lampe aus der Hand und hielt sie 67 nahe an Dalgetty's Gesicht, während er dessen Züge mit sorgfältiger nnd ernster Aufmerksamkeit betrachtete. „Bei meiner Ehre," sagte Dalgetty halb verdrießlich, als Allan gehcimnißvoll den Kopf schüttelnd, seine Untersuchung anfgab, „ich bürge dafür, daß dieser Bursch nnd ich einander kennen werden, wenn wir uns wieder begegnen." Mittlerweile ging Allan an das untere Ende der Tafel, nnd nachdem er Anderson so wie dessen Gefährten derselben Nachforschung unterworfen hatte, stand er einen Augenblick wie in tiefem Nachsinnen; indem er sich alsdann die Stirn berührte, ergriff er plötzlich Anderson beim Arm, und führte denselben, bevor er wirksamen Widerstand leisten konnte, indem er ihn halb mit Gewalt fortzvg, zu dem leeren Sitz am obere» Ende; er gab ihm dann durch ein Zeichen zu verstehen, daß er dort sich niederlassen möge, nnd brachte den Soldaten mit derselben nnceremoniösen Eile nach dem unteren Ende der Tafel. Der Kapitän, über diese Freiheit heftig erzürnt, suchte Allan mit Gewalt von sich abznschüttcln; so stark er aber auch war, zeigte er sich im Ringen schwächer, als der riesenhafte Gebirgsbewohner, der ihn mit solcher Heftigkeit fortriß, daß er, nachdem er einige Schritte fortgeschwankt war, seiner Länge nach ans den Boden fiel, nnd die gewölbte Halle vom Klirren seiner Rüstung ertönte. Als er aufgestanden war, zog er sogleich sein Schwert und stürzte ans Allan ein, der, die Arme über einander, den Angriff mit der verächtlichsten Gleichgültigkeit zu erwarten schien. Lord Menteith nnd seine Diener schritten ein, um den Frieden zu erhalten, während die Hochländer Waffen von der Mauer rissen, und bereit schienen, den Streit zu steigern. „Er ist verrückt," flüsterte Lord Menteith, „er ist vollkom- S' men verrückt; es ist ohne Zweck, daß Ihr mit ihm Streit anfangt." „Wenn Enre Lordschaft gewiß weiß, daß er non compos m«nti8 ist," sagte Kapitän Dalgetty, „wie dies auch sein Mangel an Erziehung und Benehmen zu bezeugen scheint, so muß die Sache hier reden, in Betracht, daß ein Verrückter weder beleidigen noch ehrenvolle Genngthnung geben kann. Aber bei meiner Seele, hätte ich meine tägliche Ration und eine Flasche Rheinwein im Leibe, so wäre ich ihm in anderer Art - widerstanden. Jedoch ist es Schade, daß er so schwach im Verstände sein sollte, denn er ist ein Mann von starkem Körper, und geeignet, die Pike, den Morgenstern oder jede militärische Waffe zu führen." Der Friede ward somit wieder hcrgestellt, und die Gesellschaft fügte sich, der früheren Anordnung gemäß, hinsichtlich welcher Allan, der zn seinem Sitz am Feuer zurückgekehrt war, und von Neuem in Gedanken versunken zu sein schien, sich nicht wiederum einmischte. Lord Menteith wandte sich an den vornehmsten Diener, und suchte einen andern Gegenstand in's Gespräch zu bringen, durch welchen die Erinnerung an den Zank vergessen würde. „Also ist der Gutsherr auf dem Berge, Donald, und wie ich höre, haben ihn einige englische Fremde begleitet?" „Er ist auf den Bergen, und zwei sächsische Caballeros sind bei ihm, d. h. Sir Miles Musgrave und Christophen Hall, beide aus Cumraik wie ich glaube, daß man das Land nennt." „Hall und Musgrave?" bemerkte Lord Menteith, indem er seine Diener ansah, „dieselben Männer, die wir anzutreffen wünschten." 69 „Hätten meine Augen sie nur nie gesehen," sagte Donald, „denn sie sind gekommen, uns um Haus und Halle zu bringen." „Nun, Donald," sagte Lord Menteith, „Ihr pflegtet, ja srüher nicht knickerig mit Eurem Rindfleisch und Bier zu sein; wenn sie auch Engländer sind, so können sie Euch doch nicht alles Rindvieh verspeisen, das auf den Gütern des Schlosses weidet." „Beim Teufel, können sie das," sagte Donald, „auch wäre das noch nicht das Schlimmste, denn wir haben hier manche geschickte Gesellen, die uns keinen Mangel leiden lassen würden, wenn nur Ein Hornvieh zwischen hier und Perth zu finden wäre, aber die Sache ist bei Weitem schlimmer — es handelt sich um nichts weniger wie um eine Wette." „Eine Wette!" erwiderte Lord Menteith mit einiger Ueber- raschung. „Wahrhaftig," fuhr Donald fort, dessen Eifer, seine Neuigkeiten zu erzählen, eben so groß war, wie der von Lord Menteith, sie zn hören, „da Eure Lordschaft ein Freund und Verwandter des Hauses ist, und da Ihr in weniger als einer Stunde genug davon hören werdet, so kann ich selbst es Euch eben so gut erzählen. Ihr müßt nun gütigst erfahren, daß unser Gutsherr, als er wieder in England war, wohin er sich öfter begibt, als seine Freunde wünschen können, in dem Hanse dieses Sir Miles Mnsgrave cinkehrte; da nun wurden sechs Leuchter auf den Tisch gesetzt, und wie man mir sagt, waren sie zweimal so groß wie die Leuchter in der Dunblane- Kirche, und sie waren weder von Eisen, Kupfer oder Zinn, sondern ganz von Silber, wahrhaftig — bei ihrem englischen Stolz haben die Leute doch zu viel und können es so wenig gut anwenden! So nun begannen sie den Gutsherrn zu necken, daß er nichts so Prächtiges in seinem eigenen armen Lande habe, und der Gutsherr wollte nicht, daß sein Vaterland, ohne ein Wort zu dessen Ehre, hcruntergesetzt wurde; drum schwor er wie ein guter Schotte, daß er mehr Leuchter und bessere Leuchter in seinem eigenen Hause habe, wie jemals in einer Halle zu Cumberland Lichtkerzen hielten; Cumber- land glaube ich, ist der Name des Landes." „Das war patriotisch gesprochen," bemerkte Lord Menteith. „Aber Seiner Gnaden," fuhr Donald fort, „hätte besser das Maul gehalten, denn sagt Ihr etwas unter den Sachsen, das ein wenig ungewöhnlich ist, so sind sie so schnell mit einer Wette bei der Hand, wie ein Grobschmied aus den Niederlanden einen Hochlandklepper beschlagen wurde. Da hätte der Gutsherr entweder sein Wort znrücknehmcn oder M» Mark wetten müssen; drnm nahm er lieber die Wette an, als daß er bei solchen Leuten beschämt worden wäre, und jetzt wird er die Wette bezahlen müssen, und, wie ich glaube, deß- halb hat er geschworen, heute Abend nach Haus zu kommen." „Allerdings," sagte Lord Menteith, „Euer Herr, Donald, wird nach meinen Vorstellungen über das Silbergeschirr Eurer Familie seine Wette sicherlich verlieren." „Euer Gnaden darf darauf schwören, ich weiß nicht, woher er das Silber nehmen soll, wenn er auch aus zwanzig Börsen borgen würde; ich rieth ihm, die zwei sächsischen Herren und ihre Bedienten klugerweise in den Thurm zu sperren, bis sic freiwillig die Wette aufgäben; der Gutsherr aber will von keiner Vernunft hören." Allan fuhr bei diesen Worten auf, schritt voran, und unterbrach das Gespräch, indem er zu dem Diener mit donnernder Stimme sagte, „und wie wagtet Ihr, meinem Bruder so unehrenwerthen Rath zu geben, oder wie dürft Ihr sagen, 71 daß er diese oder eine andere Wette verlieren wird, die er nach seinem Belieben cingehen will?" „Wahrhaftig, Allan Mac Aulay," erwiderte der alte Mann, „es ziemt nicht dem Sohne meines Vaters, dem z» widersprechen, was Eures Vaters Sohn zu sagen für gut hält, und so mag der Gntsherr ohne Zweifel seine Wette gewinnen. So viel ich weiß, ist nur dagegen zu sagen, daß kein Leuchter oder etwas Aehnliches im Hause ist, mit Ausnahme der alten eisernen Armleuchter, die seit Laird Kenneths Zeiten hier gewesen sind, und der alten, zinnernen Wandleuchter, die Euer Vater durch den alten Willie Winkte den Klempner hat machen lassen; es ist keine Unze Silbergeschirr im ganzen Hause, mit Ausnahme der alten Milchkanne der alten gnädigen Frau, und der fehlt der Deckel und der Henkel." „Schweig, alter Mann," sagte Allan trotzig, „und verlaßt ihr Herren die Halle, wenn Ihr Euch erquickt habt. Ich muß sie zur Aufnahme der südlichen Gäste Herrichten." „Geht fort," sagte der Bediente, indem er Lord Menteith am Aermel zog, „es ist seine böse Stunde (er blickte Allan an), es ist nichts mit ihm anzufangen." Sie verließen somit die Halle; Lord Menteith und der Kapitän wurde in ein Gemach von dem alten Donald, und die zwei Begleiter durch einen andern Hochländer sonst wohin geführt. Die Ersteren hatten kaum eine Art Vorzimmer erreicht, als sie dem Herrn des Gutes, mit Namen Angus Mac Aulay, und seinen englischen Gästen begegneten. Alle Theile der Gesellschaft sprachen große Freude aus, denn Lord Menteith und die englischen Herren waren einander wohl bekannt, auch Kapitän Dalgetty erhielt, von Lord Menteith eingeführt, einen freundschaftlichen Empfang vom Gutsherrn. Nachdem aber die erste gastfreundliche Beglückwünschung vor- 72 über war, konnte Lord Menteith beachten, daß ein sorgenvoller Ausdruck auf der Stirne seines hochländischen Freundes ruhte. „Ihr müßt gehört haben," sagte Sir Christopher Hall, „daß unser schönes Unternehmen in Cumberland zu nichts geworden ist. Die Miliz wollte nicht nach Schottland marschiren und eure spitzohrigen Covenanters waren zu stark für unsere Freunde in den südlichen Grafschaften. Da ich nun vernahm, daß es hier einige mnntere Arbeit gibt, so bin ich und Musgrave hergekommen, um einen Feldzug mit euren Schurzfelle» und bunten Mänteln zu versuchen, damit wir nicht unthätig nnd faul zu Hause sitzen." „Ich hoffe, ihr habt Waffen, Leute und Geld mit euch gebracht," sagte Lord Menteith lächelnd. „Nur einige Dutzend Bewaffneter, die wir im letzten Dorf der Niederlande zurückgelassen haben," erwiderte Musgrave, „und es kostete uns Mühe genug, sie so weit zu bringen." „Was das Geld betrifft," sagte sein Gefährte, „so erwarten wir eine kleine Summe von unserem Gast und Wirth zu erhalten." Der Gutsherr erröthete, nahm Menteith ein wenig bei Seite und sprach ihm sein Bedauern ans, daß er einen so albernen Mißgriff begangen habe. „Ich habe denselben schon von Donald vernommen," sagte Lord Menteith, indem er kaum vermochte, ein Lächeln zn unterdrücken. „Der Teufel hole den alten Mann," sagte Mac Aulay, „er würde Alles ausschwatzen, sollte cs auch das Leben kosten; allein, Mylord, die Sache ist auch für Euch kein Scherz, denn ich verlasse mich auf Euer freundschaftliches und brüderliches Wohlwollen, da Ihr ein naher Verwandter unseres Hanfes - - 4 » 73 seid, daß Ihr mir mit dem Gelde aushclft, welches ich diesen Pudding-Essern schuldig bin; sonst, um offen gegen Euch zu sein, soll kein Mac Aulay bei der Musterung eintreffen. Bei Gott, ich will lieber Covenanter werden, als diesen Kerlen, ohne sie zu zahlen, in's Gesicht sehen; im besten Fall werde ich schlecht genug wegkommen, denn ich habe den Schaden und den Spott." „Ihr könnt Euch denken, Vetter," sagte Lord Menteith, „daß ich mich ebenfalls jetzt nicht in den besten Umständen befinde; seid aber versichert, daß ich mich bemühen werde, Euch zu helfen, so gnt ich kann, um unserer alten Verwandtschaft, Nachbarschaft und Verbindung willen." „Ich danke Euch — ich danke Euch," wiederholte Mac Aulay, „und da man das Geld in des Königs Dienst ansgeben wird, so ist es im Grunde nichts daran gelegen, wer von uns es bezahlt — ich hoffe, wir sind gewissermaßen Eine Familie. Ihr müßt mir aber mit einer vernünftigen Entschuldigung aushelfen, oder ich muß mich an die Klinge halten, denn ich will mich nicht an meinem eignen Tische als Lügner oder Aufschneider behandeln lassen, da ich doch, Gott weiß es, nur meine Ehre und die meiner Familie, sowie meines Vaterlandes ausrecht halten wollte." Donald, als sie sprachen, trat herein, wobei sein Gesicht in größerer Heiterkeit, wie man erwarten konnte, leuchtete, nahm man das Schicksal in Acht, welches die Börse und den Kredit seines Herrn bedrohte. „Ihr Herren, Euer Mittagessen ist fertig und die Kerzen anck sind angezündet," sagte er mit einem starken, durch Kehllaute bestärkten Nachdruck des letzten Satzes. „Was zum Teufel kann er im Sinn haben?" fragte Musgrave, indem er seinen Landsmann anblickte. Lord Menteith richtete dieselbe Frage an den Gutsherrn mit seinen Blicken; Mac Aulay antwortete mit einem Kopfschütteln. Ein knrzer Streit über den Vortritt verzögerte etwas ihren Abgang ans dem Nebenzimmer. Lord Menteith bestand darauf, das; er den Vortritt, welcher seinem Rang gebührte, in Betracht seiner nahen Verbindung mit der Familie und des Umstandes aufgab, das; man sich in seinem Vaterlande befinde. Die zwei englischen Fremden wurden daher zuerst in die Halle cingeführt, wo ein unerwartetes Schauspiel sic erwartete. Der große eichene Tisch war mit gewaltigen Fleischstücken überladen, und die Sessel waren in der Reihe für die Gäste hingestellt. Hinter jedem Sessel stand ein riesenhafter Hochländer in der vollen Kleidung und Bewaffnung seines Landes; ein Jeder derselben hielt in der rechten Hand sein gezogenes Schwert mit niederwärts gewandter Spitze und in der linken eine brennende Fackel aus dem Holz der Sumpffichte. Dieß in den Morästen wachsende Holz ist so voll von Terpentin, daß man es gespalten und getrocknet in den Hochlanden häufig statt der Lichter braucht. Eine so unerwartete und überraschende Erscheinung zeigte sich bei dem rothen Schein der Fackeln, welcher die wilden Züge, die ungewöhnliche Kleidung und die schimmernden Waffen enthüllte, während der Rauch, nach dem Dache des Gewölbes emporwirbclnd, die Gestalten mit einer Masse Dunst umhüllte. Ehe die Fremden sich von ihrem Erstaunen erholt hatten, trat Allan vor, wies mit seinem Schwert in der Scheide auf die Fackelträger und sprach mit einer tiefen und ernsten Stimme: «Seht, ihr Herrn Cavaliere, die Leuchter in meines Bruders Hans, den alten Brauch unsres alten Hauses; nicht Einer dieser Männer kennt ein anderes Gesetz, als den Befehl seines Häuptlings — wagt ihr es, sie im Werthe mit dem kostbarsten Erze zu vergleichen, welches jemals aus einer Mine gegraben wurde? was sagt ihr jetzt, Cavaliere? — ist eure Wette verloren oder gewonnen?" „Verloren," sagte Musgrave in munterem Tone, „meine eigenen silbernen Leuchter sind eingeschmolzen und sitzen jetzt zu Pferde; ich wünsche nur, daß die Kerle nur halb so zuverlässig wären wie diese. — Hier, Herr, ist Euer Geld," fügte er hinzu, sich an den Häuptling wendend; „es vermindert etwas die Finanzen von Hall und mir, allein Ehrenschulden müssen bezahlt werden." „Meines Vaters Fluch treffe meines Vaters Sohn," sagte Allan ihn unterbrechend, „wenn er einen Pfennig von euch annimmt; es genügt, daß ihr auf kein Recht Anspruch macht, um ihm von seinem Eigenthum abzufordern." Lord Menteith unterstützte eifrig Allan's Meinung und der ältere Mac Aulay schloß sich ihnen bereitwillig an; er erklärte, das Ganze sei eine alberne Angelegenheit, welche nicht verdiene, daß man weiter davon rede. Die Engländer ließen sich nach einem höflichen Widerstande überreden, die Sache als einen Scherz zu betrachten. „Und nun, Allan," sagte der Gutsherr, „schafft eure Leuchter fort, denn da die sächsischen Herren sie gesehen haben, werden sie ihr Mahl eben so behaglich bei dem Lichte der alten zinnernen Wandleuchter verzehren, ohne daß sie durch so viel Rauch belästigt werden." Somit richteten die lebendigen Leuchter auf ein Zeichen von Allan ihre Degen empor, gingen aus der Halle, indem sie die Spitzen aufrecht hielten, und ließen die Gäste ihre Speisen verzehren. Fünftes Kapitel. So furchtlos ward er in der Blutbegier, Daß selbst sein Ahn, der ihn znr Jogd erzogen, Bei seines Lebens GrguS erbebte schier. Er hat ihm Vorsicht häufig anerwvgen, Wann er verwegen manchen Wald durchzogen, Den Grimm der Thiere keck nicht zu verachten; Kraft sei besiegt und List sei leicht betrogen, Wann lauernd Löwen zu zerreißen trachten, Und Streiche, kühn geführt, des Tigers Rache fachten. Spencer. Ungeachtet der sprüchwörtlichen Liebhaberei der Engländer an guten Speisen — d. h. einer Liebhaberei, welche damals in Schottland sprüchwörtlich war, spielten die englischen Gäste bei dem Gastmahle nur eine sehr klägliche Rolle im Vergleich mit der wunderbaren Gefräßigkeit des Kapitän Dalgetty, obgleich dieser tapfere Soldat schon viel Standhaftigkeit und hartnäckige Ausdauer bei seinem Angriff auf die leichteren Erfrischungen erwiesen hatte, die ihnen gleichsam als eine verlorene Hoffnung beim Eintritt vorgesetzt waren. Er sprach mit Niemanden während des Essens; erst als die Speisen von dem Tische beinahe weggenommen waren, beehrte er die übrige Gesellschaft, welche ihn mit einiger Ucberraschung betrachtet hatte, mit einer Darlegung der Gründe, weßhalb er so schnell und so lang esse. „Die erstere Eigenschaft," sagte er, „habe ich nur erworben, als ich einen Freitisch im Mareschal-College zu Aberdeen hatte; wenn man nicht die Kinnbacken so schnell wie ein paar Castagnettm bewegte, so bekam man nichts von dem, was auf den Kosttisch gesetzt wurde. Was die Masse meiner Nahrung betrifft," fuhr der Kapitän fort, „so muß diese ehrenwerthe Gesellschaft erfahren, daß ein jeder Commandant einer Festung die Pflicht hat, bei allen sich darbietenden Gelegenheiten so viel Kriegs- und Mundvorräthc in Sicherheit zu bringen, als die Magazine möglicherweise fassen können, weil er nicht weiß, ob er eine Blokade oder eine Belagerung aushalten muß. Nach diesem Grundsatz, ihr Herren, übt ein Cavalier ein weises Verfahren, wenn er sich wenigstens auf drei Tage mit Lebensmitteln versieht, sobald er guten Proviant in Ueber- fluß vorfindet, denn er kann nicht wissen, wann er eine andere Mahlzeit zur Verfügung hat." Der Gutsherr sprach seine Zufriedenheit über diesen Grundsatz aus und empfahl dem Veteranen eine Tasse Branntwein und eine Flasche Rothwein zu den nahrhaften Mundvorräthen hinzuzufügen, die er schon in Sicherheit gebracht hatte; auch ging der Kapitän auf den Vorschlag bereitwillig ein. Als die Speisen entfernt waren, und die Diener sich zurückgezogen hatten, mit Ausnahme eines Pagen oder Knappe» des Gutsherrn, welcher in der Halle blieb, um Alles, was man brauchte, hereinzubringen, oder zu bestellen, oder mit andern Worten, um den Zwecken einer Klingel unserer Zeiten zu entsprechen, kam das Gespräch auf Politik und den Zustand des Landes. Lord Menteith erkundigte sich besonders ängstlich und eifrig nach der Zahl der Clans, von welchen man erwartete, daß sie sich der beabsichtigten Musterung der Royalisten anschließen würden. 78 „In dieser Hinsicht hängt sehr viel von der Person ab, welche das Banner erhebt," sagte der Gutsherr. „Ihr wißt ja, wir Hochländer lassen uns nicht leicht von einem unserer Häuptlinge, oder um die Wahrheit zu sagen, von irgend einem Andern befehlen, wenn einige Clans versammelt sind. Wir hörten ein Gerücht, daß Colkitto, d. h. der junge Colkitto oder Alaster Mac Donald, von Irland mit einem Corps von den Leuten des Grafen von Antrim gekommen ist und daß dasselbe Ardnamnrchan erreicht Hatz diese Truppen hätten schon längst hier anlangcn können; wie ich glaube, haben sie sich aber anfgchalten, um das Land auf ihrem Marsche zu plündern." „Ist also Colkitto euch als Anführer nicht genehm ?" fragte Menteith. „Colkitto!" sagte Mac Aulay verächtlich. „Wer spricht von Colkitto?'es lebt nur Ein Mann, dem wir folgen werden, und das ist Montrose." „Aber von Montrose, Herr," bemerkte Sir Christopher Hall, „hat man seit unserem erfolglosen Versuche, den Norden Englands in Aufstand zu bringen, nichts mehr vernommen. Man glaubt, er sei zum König nach Oxford znrückgekehrt, um weitere Instruktionen einznholcn." „Zurückgekehrt!" sagte Allan mit verächtlichem Lachen, „ich könnte Euch etwas Anders sagen, allein cs ist nicht der Mühe werth; Ihr werdet es bald genug erfahren." „Bei meiner Ehre, Allan," sagte Lord Menteiht, „Ihr werdet die Geduld meiner Freunde mit dieser unerträglichen, eigensinnigen und mürrischen Laune ermüden. Ich weiß jedoch den Grund," fügte er lachend hinzu, „Ihr habt Annot Lyle heut nicht gesehen." 79 „Wen sagtet Ihr, hatte ich nicht gesehen?" fragte Allan mit finsterem Ausdruck. „Annot Lyle, die Feenkönigin des Gesanges und der Dichtkunst," sagte Lord Mentcith. „Wollte Gott, daß ich sie niemals wieder sehen wurde," sagte Allan seufzend, „unter der Bedingung, daß dasselbe auch Euch auferlegt wurde." „Und weßhalb mir?" fragte Lord Mentcith in sorgloser Weise. „Weil," sagte Allan, „es auf Eurer Stirn geschrieben steht, daß ihr einander zu Grunde richten werdet;" mit den Worten stand er auf und verließ die Halle. „Ist er schon lange Zeit in solchem Zustande?" fragte Lord Menteith, indem er seinen Bruder anredete. „Ungefähr drei Tage," erwiderte Angns. „Der Anfall ist beinahe vorüber; morgen wird er sich besser befinden, aber ihr Herren, der zinnerne Krug muß geleert werden. Des Königs Gesundheit! König Karls Gesundheit! mag jeder Hund von Covenanter, der sich weigert, auf dem Wege zum Galgen in den Himmel gelangen!" Der Gesundheit wurde sogleich Bescheid gethan, dann folgte eine zweite, eine dritte und eine vierte, sämmtlich im Sinne der königlichen Partei, wobei der Bescheid in ernstlicher Weise verlangt wurde. Kapitän Dalgetty jedoch hielt cs für nvthwendig, Verwahrung einzulegen. „Ihr Herren Cavaliers," sagte er, „ich trinke diese Gesundheiten primo ans Achtung vor diesem gastlichen Dache, und seeuuüo, weil ich es nicht für gut halte, in solchen Angelegenheiten inter poculs zu genau zu sein, allein ich verwahre mich der Erlaubniß gemäß, welche mir dieser ehren- werthe Lord ertheilte, daß es mir, ungeachtet meiner gegen- 80 wärtigen Gefälligkeit, freistchen soll, morgen bei den Cove- nantern Kriegsdienste zn nehmen, vorausgesetzt, das; ich wirklich diese Absicht hegen sollte." Mac Aulay und seine englischen Gäste stutzten bei dieser Erklärung, welche sicherlich neue Storung verursacht haben wurde, wenn nicht Lord Menteith als Vermittler aufgetreten wäre und die Umstände nebst den Bedingungen dargciegt hätte; „ich hoffe," schloß er seine Erzählung, „das; wir den Beistand des Kapitän Dalgetty unserer Partei sichern werden." „Wo nicht," sagte der Gutsherr, „so lege ich Verwahrung ein, wie der Kapitän sagt, das; beim Vorgang von heute Abend auch nicht der Umstand, das; er mein Brod und Salz aß, und mir in Cognac, Bordeaux oder Branntwein Bescheid that, mich daran verhindern soll, ihm den Kopf bis zum Genick zn spalten." „Ihr werdet herzlich willkommen sein," sagte der Kapitän, „vorausgesetzt, mein Schwert kann mir den Kopf nicht schützen, was es in schlimmeren Gefahren gcthan hat, wie denen, in welche Eure Fehde mich wahrscheinlich bringen wird." Hier trat Lord Menteith wieder als Vermittler auf, und als nun die Einigkeit der Gesellschaft mit keiner geringen Schwierigkeit wiedcrhergestellt war, wurde sie durch gewaltiges Zechen fester begründet. Es gelang jedoch dem Lord Menteith einen früheren Aufbruch der Gesellschaft, als ein solcher sonst im Schlosse Sitte war, dadurch zn veranlassen, daß er seine Ermüdung und einiges Uebelbefinden von der Reise vvrschützte. Dieser Aufbruch geschah nicht ganz im Sinne des tapfern Kapitäns, welcher unter anderen im Kriege erworbenen Gewohnheiten eine große Neigung zum Trinken und eine Fähigkeit heimgebracht hatte, eine ungeheure Masse berauschender Getränke zu ertragen. Ihr Wirth führte sie selbst in eine Art Schlaffaal, worin «in Himmelbett mit Vorhängen ans gewürfeltem Zeuge und «ine Anzahl von Krippen oder langen Packkörben an der Wand sich befand, von denen drei, mit blühendem Haidekraut gefüllt, zur Aufnahme der Gäste bereitet waren. „Ich brauche Euer Lvrdschaft unsere hochländische Quar- tierungsweise nicht auseinander zu sehen," sagte Mac Aulay zu Lord Menteith, indem er ihn ein wenig bei Seite nahm, „ich will Euch nur bemerken, daß ich die Betten Eurer Diener hier in dem Saale habe aufschlagcn lassen, denn ich wünsche es zu vermeiden, daß Ihr mit diesem deutschen Landläufer allein schlaft. Bei Gott, Mylord, wir leben jetzt in Zeiten, wo Männer mit einer so gesunden Kehle, wie eine solche jemals Branntwein verschluckte, zu Bette gehen können, und am nächsten Morgen vielleicht einen Hals haben, der wie eine Ansternschale klafft." Lord Menteith dankte ihm aufrichtig, fügte jedoch hinzu: „ich hätte Euch gerade um dieselbe Anordnung ersuchen mögen. Ich besorge zwar nicht die geringste Gewaltthätigkeit von Kapitän Dalgetty, indeß ist Anderson ein Mann besserer Art, so etwas wie ein Herr von guter Erziehung, den ich in Nähe meiner Person stets zu haben wünsche." „Ich habe diesen Anderson nicht gesehen," sagte Mac Anlay; „habt Ihr ihn in England gemiethet?" „So ist es," erwiderte Lord Menteith; „morgen werdet Ihr den Mann sehen, mittlerweile wünsche ich Euch eine gute Nacht.« Sein Wirth verließ das Zimmer nach der Abendbegrüßung und war im Begriff, dasselbe Compliment dem Kapitän Dalgetty zu erstatten, als er aber bemerkte, daß derselbe sich in 4 die genaue Untersuchung eines großen mit Branntwein und Sage von Mvntrost. 8 82 saurer Milch gefüllten Kruges tief versenkt hatte, war er der Meinung^ es sei Schade, ihn in einer so lobenswerthe» Beschäftigung zu stören, und wollte sich ohne weitere Ceremo- nien zu Bette legen. Gleich darauf traten die zwei Diener des Lord Menteith in den Saal. Der gute Kapitän, welcher jetzt mit Speisen und Getränken etwas beladen war, begann das Abschnallen seiner Rüstung etwas schwierig zu finden, und redete Anderson mit folgenden Worten an, die durch einiges leichte Ausstößen unterbrochen wurden. „Anderson, mein guter Freund, Ihr könnt in der Schrift lesen, daß derjenige, welcher seine Rüstung ablegt, sich nicht rühmen darf, wie derjenige, welcher sie anlegt — ich glaube, das ist nicht die rechte Losung, die einfache Wahrheit aber ist, daß ich wahrscheinlich in meinem Harnisch schlafen werde, wie mancher ehrliche Kerl, der niemals erwachte, wenn Ihr mir nicht diese Schnalle aufmacht.« „Nehmt ihm die Rüstung ab, Sibbald," sagte Anderson zum andern Diener. „Bei St. Andreas!" rief der Kapitän ans, indem er sich mit großem Erstaunen umwandte; „ein gemeiner Kerl, mit 4 Pfd. jährlich und einem Livreerock besoldet, hält sich für zu gut, um dem Rittmeister Dngald Dalgetty von Drumthwacket zu dienen, welcher Ikumaniora in Mareschal-College zu Aberdeen ftndirt und der Hälfte aller europäischen Fürsten gedient hat!« „Kapitän Dalgetty,« sagte Lord Menteith, dem das Loos eines Vermittlers während des ganzen Abends anheimfiel, „habt die Güte, zu beachten, daß Anderson mir allein aufwartet, ich werde jedoch mit vielem Vergnügen Sibbald helfen, ^ um Euren Harnisch abznschnallen." „Zu viel Mühe für Euch, Mylord," sagte Dalgetty; „den- 83 noch wird es Euch keinen Schaden bringen, wenn Ihr das Verfahren erlernt, wie ein schöner Harnisch angezogen und abgelegt wird; in den weinigen kann ich wie in einen Handschuh hinein- und wieder herausfahren. Nur heut Nacht bin ich, nach dem klassischen Ausdruck, vino ciboque gravntus, obgleich nicht ebrius." Mittlerweile war seine Rüstung abgelegt und er stand vor dem Feuer mit dem Ausdruck trunkener Weisheit, indem er über die Ereignisse des Abends grübelte- Hauptsächlich schien ihn der Charakter von Allan Mac Aulay zu interessiren. „Die Engländer mit den hochländischen Fackelträgern so pfiffig hin- ter's Licht zu führen — acht Bursche ohne Hosen statt sechs silberner Leuchter! — das war ein Meisterstück — ein Icnir cle passe — ein vollkommener Taschenspielerstreich — und dennoch ist der Kerl verrückt. Ich hege starken Glauben, Mylord (der Kapitän schüttelte den Kopf), daß ich ihm, ungeachtet seiner Verwandtschaft mit Eurer Lordschaft, die Privilegien einer vernünftigen Person zuerkennen muß. Ich werde ihn entweder zur Genüge prügeln müssen, um so die meiner Person gebotene Gcwaltthätigkeit zu sühnen, oder ich muß es auf einen Zweikampf auf Leben und Tod ankommen lassen, wie es einem beschimpften Cavalier geziemt." „Wenn Ihr noch eine lange Geschichte so spät in der Nacht Horen mögt, so kann ich Euch die Umstände von Allan's Geburt erzählen, welche seinen eigenthümlichen Charakter so gut erklären, daß von einer Genngthnung durchaus nicht die Rede sein kann." „Eine lange Geschichte, Mylord," sagte Kapitän Dalgetty, „ist nächst einem guten Abendtrunk und einer warmen Nachtmütze das beste Mittel, um einen tiefen Schlaf herbeizuführen. Da nun Eure Lvrdschaft sich die Mühe geben will, sie zu 6 " erzählen, so werde ich Euer geduldiger und dankbarer Zuhörer sein." „Anderson und Ihr, Sibbald," sagte Lord Menteith," Ihr wollt sicherlich von diesem merkwürdigen Manne ebenfalls vernehmen; ich glaube eure Neugier befriedigen z» muffen, damit ihr wißt, wie ihr euch im Nothfall gegen ihn zn benehmen habt, kommt also an das Kaminfeuer." Nachdem Lord Menteith seine Zuhörer so um sich versammelt hatte, setzte er sich auf den Rand des Himmelbettes, während Kapitän Dalgetty sich die Reste der sauren Milch mit Branntwein vom Barte wischte, und dann, den ersten Vers des lutherischen Psalmes: „Alle guten Geister loben Gott den Herrn," vor sich hin murmelnd, sich auf einem der Lagerplätze ausstrecktc. Dann erhob er seinen breiten Schädel aus den Betttüchern und horchte auf die Erzählung des Lord Menteith, in dem genußvollen Zustande zwischen Schlafen und Wachen. „Der Vater der zwei Bruder, Angus und Allan Mac Au- lay," erzählte Lord Menteith, „war ein Edelmann von Ansehen und guter Familie, denn er war der Häuptling eines zwar nicht zahlreichen, aber berühmten hochländischen Stammes; seine Gemahlin, die Mutter dieser jungen Leute, war eine Edeldame aus altem Geschlecht, wenn ich, ein naher Verwandter, dasselbe in dieser Weise rühmen darf. Ihr Bruder, ein ehrenwerther und muthiger junger Mann, erhielt von Jakob VI. das Amt eines Försters und andere Privilegien über eine königliche Jagd in der Umgebung dieses Schlosses; bei der Uebung und Vertheidigung dieser Rechte hatte er das Unglück, in einen Zank mit einigen unserer hochländischen Freibeuter zu gerathen, von welchen Ihr, Kapitän Dalgetty, gehört habe» müßt." 85 „Allerdings," sagte der Kapitän, indem er eine Anstrengung machte, der Aufforderung zu genügen. „Bevor ich Ma- reschal-College in Aberdeen verließ, spielte Dugald Garr den Teufel in Garioch und die Farquharsons am Dee, und der Clan Chattan auf den Ländereien der Gordons, und die Grants und Camerons in Morayland. Und seit der Zeit habe ich die Croaten und Panduren in Ungarn und Siebenbürgen, die Kosacken der polnischen Grenze, und Räuber, Banditen und Barbaren aller Länder gesehen, so daß ich eine bestimmte Vorstellung von Euren gesetzlosen Hochländern habe." „Den Clan," sägte Lord Menteith, „mit welchem der Oheim der Mac Anlays von mütterlicher Seite in Fehde stand, bildete eine kleine Schaar von Banditen, welche man nach ihrem heimathlosen Zustande und ihren fortwährenden Wanderungen in Thälern und Bergen die Kinder des Nebels nennt — trotziges und kühnes Volk mit der Reizbarkeit und den wilden rachsüchtigen Leidenschaften, welche Leuten eigenthümlich sind, die niemals die Einschränkungen civilisirter Gesellschaft kannten. Eine Abtheilnng derselben legte dem unglücklichen Förster einen Hinterhalt, überfiel ihn, als er ohne Begleitung auf der Jagd war, und tödtete ihn unter allen Umständen er- findsamer Grausamkeit. Sie schnitten ihm den Kopf ab und beschlossen in übermüthiger Prahlerei, denselben im Schlosse seines Schwagers zu zeigen. Der Gutsherr war abwesend, und die Dame des Hauses nahm jene Männer, vor denen die Thür zn schließen sie vielleicht sich scheute, widerstrebend als Gäste auf. Erfrischungen wurden den Kindern des Nebels vorgesetzt, welche eine Gelegenheit, wo man sie nicht beobachtete, benutzten, um den Kopf ihres Schlachtopfers aus dem Mantel zu nehmen, worin er gewickelt war; sie stellten den- 86 selben auf den Tisch und legten ein Stück Brod zwischen die Kiefern ohne Leben, wobei sie sagten, sie möchten jetzt ihren Dienst thun, da sie schon so manche gute Speise an diesem Tische gekaut hätten. Die Dame, welche wegen häuslicher Zwecke abwesend gewesen war, betrat in diesem Augenblicke das Gemach; als sie nun den Kopf ihres Bruders sah, floh sie wie ein Pfeil aus dem Hause unter Schreien und Wehklagen in die Wälder. Die wilden und grausamen Bursche, mit diesem rohen Triumph befriedigt, gingen fort. Die erschreckten Diener, nachdem sie ihre erste Bestürzung überwunden hatten, suchten ihre unglückliche Gebieterin nach jeder Richtung hin, konnten sie aber nirgends finden. Der unglückliche Gatte kehrte am nächsten Tage zurück und unternahm eine sorgfältige Nachforschung auf eine weite Entfernung hin, jedoch mit ebenso wenig Erfolg. Man glaubte allgemein, das; sie im Uebermaß ihres Schreckens sich entweder über einen der Abgründe gestürzt habe, welche den Fluß überragten, oder in einem tiefen See, der ungefähr eine Meile vom Hause entfernt lag, ertrunken sei. Ihr Verlust wurde um so mehr beklagt, da sie sich im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft befand; ihr ältester Sohn, Angus Mac Aulay, war ungefähr achtzehn Monate vorher geboren. Ich ermüde Euch jedoch, Kapitän Dalgetty, und Ihr seid zum Schlaf geneigt?" „Durchaus nicht," erwiderte der Soldat, „ich bin nicht im Geringsten schläfrig. Ich höre immer am besten mit geschlossenen Augen, ich habe mir diese Weise, wenn ich Schildwacht stand, angewöhnt." „Und ich glaube behaupten zu dürfen," sagte Lord Men- teith bei Seite zu Anderson, „daß der schwere Stiel der Hellebarde eines Sergeanten der Runde sie ihn oft hat öffnen lassen." - -q» 87 Da jedoch der junge Edelmann in passender Stimmung zum Erzählen war, so wandte er sich hauptsächlich an seine Diener, ohne sich um den schlummernden Veteran weiter zn bekümmern. „Alle Barone des Landes," fuhr er fort, „schwuren jetzt Rache dem furchtbaren Verbrechen. Sie griffen mit den Verwandten und dem Schwager des Ermordeten zu den Waffen, und die Kinder des Nebels wurden, wie ich glaube, mit ebenso wenig Gnade verfolgt, als sie selbst gezeigt hatten. Siebenzehn Köpfe, die blutigen Trophäen der Rache, wurden unter den Verbündeten vertheilt und dienten den Raben über den Thoren ihrer Schlösser zur Speise. Die Ueberlebenden suchten eine entlegenere Einöde, wohin sie ihren Rückzug an- traten." „Rechtsum kehrt euch, Cvntremarsch und Rückzug auf die frühere Stellung," fiel Kapitän Dalgetty ein; der militärische Ausdruck, Rückzug, hatte bei ihm die entsprechenden Com- mandoworte hervorgerufen; dann aber fuhr er ans und behauptete, er habe die tiefste Aufmerksamkeit jedem Worte geschenkt. Lord Menteith setzte seine Erzählung fort, ohne ans die Entschuldigung zn achten. „Im Sommer ist es der Brauch, die Rindviehheerden auf die Weiden der Gebirge zn schicken, um das dortige Gras für die Landwirthschaft zu benutzen; die Mädchen des Dorfes und der Familie gehen dorthin des Morgens und Abends, um die Kühe zu melken. Während die Weiber der Familie so beschäftigt waren, bemerkten sie zu ihrem großen Schrecken, daß ihre Bewegungen von einem etwas entfernten Punkte aus durch eine blasse und abgemagerte Figur überwacht wurden, welche eine starke Aehnlichkeit mit ihrer verstorbenen Gebieterin zeigte und natürlich für ihre Erscheinung galt. Als einige 88 der Kühnsten dieser verwelkten Gestalt sich z» nähern entschlossen, floh sie vor ihnen unter wildem Gekreisch in die Wälder. Der Gemahl, von dem Umstande benachrichtigt, begab sich in das Thal mit einigen Dienern und traf geeignete Maßregeln, um den Rückzug der unglücklichen flüchtigen Dame abznschneiden und sich ihrer Person zu versichern, wenn.anch ihr Verstand gänzlich verstört war. Man konnte nicht erfahren, wovon sie bei ihren Wanderungen durch die Wälder hatte leben können; einige glaubten, sie habe von Wurzeln und wilden Beeren sich genährt, an denen die Wälder zu jener Jahreszeit damals Ueberflnß hatten; der größere Theil des Volkes meinte jedoch, daß sie mit der Milch der Hirschkühe ihr Dasein gefristet habe, oder von den Feen mit Nahrung versehen, oder in einer andern gleich wunderbaren Weise am Leben erhalten sei. Ihre Wiedererscheinung lies; sich leichter erklären. Sie hatte aus dem Dickicht das Melken der Kühe erblickt; die Beaufsichtigung desselben war ihre Lieblingsbeschäftigung früher gewesen, und die Gewohnheit hatte sogar in ihrem zerstörten Geisteszustände ihren Einfluß geltend gemacht. „Die unglückliche Dame wurde zur gehörigen Zeit von einem Sohne entbunden, dessen Körper keinen Beweis gab, daß er durch das Unglück seiner Mutter gelitten habe; er war sogar ein Knabe von ungewöhnlicher Gesundheit und Kraft. Die unglückliche Mutter erlangte wieder nach ihrem Wochenbette den Gebrauch ihrer Vernunft — wenigstens in einem hohen Grade, niemals aber ihre Gesundheit und Heiterkeit. Allan war ihre einzige Freude, Sie erwies ihm eine unablässige Aufmerksamkeit; sie hat ohne Zweifel seiner jugendlichen Seele viele jener abergläubischen Vorstellungen cinge- prägt, zu deren Aufnahme seine finstere und enthusiastische Stimmung so geeignet ist. Sie starb, als er ungefähr zehn 89 Jahr alt war. Ihre letzten Worte sprach sie zu ihm im Geheimen; es herrscht jedoch wenig Zweifel, daß sic ihm Rache an den Kindern des Nebels zn nehmen empfahl — ein Auftrag, den er seitdem in großem Umfang ansgeführt hat. „Von diesem Augenblicke an waren die Gewohnheiten Allan Mac Aulay's gänzlich verändert. Bis dahin war er seiner Mutter steter Begleiter gewesen; er hatte auf ihre Träume gehorcht, ihr seine eigenen erzählt, und seine Einbildungskraft, welche wahrscheinlich wegen der Umstände vor seiner Geburt organisch verstört war, mit allem jenen schreckhaften Aberglauben genährt, welcher dem Bergbewohner so gewöhnlich ist, und welchem seine Mutter nach dem Tode ihres Bruders sich gänzlich hingcgeben hatte. Der Knabe erhielt durch solche Lebensart einen scheuen, wilden und schreckhaften Blick, suchte sich gern einsame Plätze in den Wäldern aus und ward niemals so sehr bestürzt, als wenn Kinder gleichen Alters ihm nahe kamen. Ich erinnere mich noch, obgleich um mehrere Jahre jünger, wie ich von meinem Vater znm Besuch hieher gebracht wurde; ich kann mein damaliges Erstaunen nicht vergessen, womit dieser einsiedlerische Knabe jeden Versuch znrückwies, durch welchen ich ihn zur Theilnahme an solchen Spielen zu bewegen suchte, die unserem Alter natürlich waren. Ich erinnere mich noch, wie sein Vater sich bei dem meinigcn über seinen Charakter beklagte, und zn gleicher Zeit anssprach, es sei ihm unmöglich, seine Frau der Gesellschaft dieses Knaben zu berauben, denn es scheine, daß derselbe für sie der einzige noch übrige Trost in der Welt sei; das Vergnügen, das sie durch Allans Gesellschaft erhalte, scheine den Rückfall der furchtbaren Krankheit, von welcher sie hcimgesncht gewesen war, wenigstens in voller Kraft zn verhindern. Nach dem Tode seiner Mutter aber schienen sich die Gewohnheiten und 90 Sitten des Knaben plötzlich zu verändern. Er blieb zwar so gedankenvoll und ernst wie früher; langdauernde Anfälle vvn Geistesabwesenheit und Schweigen zeigten deutlich, daß sein Charakter sich in dieser Hinsicht keineswegs geändert hatte. Bisweilen aber suchte er den Verkehr mit den Jünglingen des Stammes, die er vorher ängstlich zu vermeiden schien. Er nahm Antheil an allen ihren Körperübungen; wegen seiner außerordentlichen persönlichen Kraft übertraf er bald seinen Bruder und andere Jünglinge, deren Alter sein eigenes beträchtlich überstieg. Diejenigen, welche ihn früher verachtet hatten, fürchteten ihn jetzt, wenn sie ihn auch nicht liebte»; anstatt Allan für einen träumerischen, weibischen und schwachsinnigen Knabe» zu halten, beklagten sich jetzt diejenigen, die ihm in Spielen körperlicher Gewandtheit oder militärischer Uebung gegenüberstanden, daß er nur zu oft, durch den Streit erhitzt, den Scherz in Ernst verwandle, und es vergesse, daß er sich nur in eine freundschaftlichen Erprobung der Körperkraft eingelassen habe — ich rede aber vor nicht hörenden Ohren," sagte Lord Mcnteith, indem er seine Erzählung unterbrach, denn des Kapitäns Nase gab jetzt unzweifelhafte Zeichen, daß er in die Arme der Vergessenheit tief versunken sei. „Meint Ihr, Mylord, die Ohren dieses schnarchenden Schweines," sagte Anderson, „so sind sie allerdings für Alles, was Ihr sagen könnt, verschlossen; da jedoch dieser Ort für ein geheimes Gespräch sich nicht eignet, so hoffe ich, daß Ihr die Güte haben werdet, zu Sibbalds und meiner eigenen Belehrung, fortznfahren. Die Geschichte dieses armen, jungen Burschen erregt eine tiefe und ungewöhnliche Theilnahme." „Ihr müßt wissen," fuhr Lord Menteith in seiner Erzählung fort, „daß Allans Kraft und Thätigkeit bis zum fünf- 9t zehnten Jahre in stetem Zunchmen begriffen war; damals nahm er eine gänzliche Unabhängigkeit des Charakters und einen Widerwillen gegen die Vorschriften Anderer an, welche seinen damals noch lebenden Vater sehr bennrnhigten. Ost war er ganze Tage und Nächte unter dem Vorwände der Jagd in den Wäldern abwesend, obgleich er nicht immer Wild nach Hause brachte. Sein Vater wurde um so mehr beunruhigt, weil mehrere Kinder des Nebels, durch die gesteigerten Staatsunruhen ermuthigt, es gewagt hatten, ihre alten Schlupfwinkel wieder auszusuchen; er hielt es nicht für sicher, einen Angriff ans sie zu erneuen. Der Umstand, daß Allan bei seinen Wanderungen von diesen rachsüchtigen Freibeutern überfallen werden könne, ward für ihn eine fortwährende Ursache zu Besorgnissen. „Ich selbst befand mich bei einem Besuche ans dem Schlöffe, als die Sache zur Entscheidung kam. Altan war seit Tagesanbruch in den Wäldern gewesen, wo ich ihn vergeblich gesucht hatte; die Nacht war stürmisch und finster, und er kam nicht nach Hanse. Sein Vater sprach die äußerste Angst aus und erklärte, daß er in der Morgendämmerung eine Abtheilung seiner Leute zur Aufsuchung seines Sohnes aussenden werde; als wir nun beim Abendessen saßen, öffnete sich plötzlich die Thür und Allan trat in den Raum mit stolzen, festen und Selbstvertrauen verkündenden Zügen. Die Reizbarkeit seiner Stimmung, sowie sein regelloser Geisteszustand, übte ans seinen Vater solchen Einfluß, daß derselbe alle anderen Aeußerungen des Mißvergnügens unterdrückte, mit Ausnahme der alleinigen Bemerkung, daß ich mit einem fetten Rehbock vor Sonnenuntergang heimgekehrt sei, während Allan nach dem Herumstreifen ans den Bergen bis Mitternacht mit leeren Händen heimkvmme. „„Wißt Ihr das gewiß?"" sagt 92 Allan mit trotzigen Worten, „„hier ist Etwas, was Ench das Gegcntheil beweisen kann."" „Wir bemerkten jetzt, daß seine Hände blutig waren, daß Blutflecken sich auf seinem Gesichte vorfanden und erwarteten in gespannter Stimmung, was er thun wolle, als er plötzlich den Zipfel seines Mantels entfaltete, und einen blutigen, kürzlich abgehanenen Menschcnkopf mit den Worten über die Tafel rollte: „„Liege du, wo das Haupt eines besseren Mannes vor dir lag."" „Aus den hageren Zügen, an dem geflochtenen rothen Haar und Bart, die zum Theil durch Alter ergraut waren, erkannte sein Vater und die klebrigen den Kopf Hectors vom Nebel, eines wohlbekannten Führers jener Räuber, welcher, durch Kraft und Wildheit gefürchtet, an der Ermordung des unglücklichen Försters Theil genommen hatte; derselbe war durch verzweifelte Vertheidigung und außerordentliche Behendigkeit der Verfolgung entgangen, welcher so viele seiner Gefährten erlagen. Wie man sich denke» kann, wurden wir Alle überrascht; Allan aber weigerte sich, unsere Neugier zu befriedigen, und wir vermutheten allein, daß er den Räuber nach einem verzweifelten Kampfe überwältigt hatte, denn wir entdeckten, daß er mehrere Wunden heimgebracht hatte. Alle Maßregeln wurden nun getroffen, ihn gegen die Rache der Freibeuter zu schützen, allein weder seine Wunden, noch der bestimmte Befehl seines Vaters, noch sogar die Verschließung der Schloßthore und der Thüre seines Zimmers waren genügende Vorsichtsmaßregeln, um zu verhindern, daß Allan gerade diejenigen Personen sich aufsuchte, von denen er am meisten zu befürchten hatte. Er entwich des Nachts aus dem Fenster seines Zimmers, verlachte die eitle Sorgfalt seines Vaters, brachte wieder bei einer Gelegenheit einen Kopf, und 93 bei einer andern zwei Köpfe der Söhne des Nebels nach Hanse. Zuletzt erschraken diese Männer, so wild sie auch sein mochten, über den eingewurzelten Haß und die Kühnheit, womit Allan ihre Schlupfwinkel aufsuchte. Da er niemals Bedenken trug, einer Gefahr zu trotzen, so glaubten sie, daß er ein bezaubertes Leben habe, oder unter dem Schutze eines übernatürlichen Einflusses kämpfe; wie sie sagten, vermöge Nichts gegen ihn die Flinte, der Dolch oder der Pfeil. Sie schrieben dieß den merkwürdigen Umständen zu, unter denen er geboren war; zuletzt wären fünf oder sechs der kräftigsten Räuber in den Hochlanden vor Allans Schlachtruf, oder vor dem Schalle seines Hornes geflohen. „Mittlermeile setzten die Kinder des Nebels ihr altes Gewerbe fort und thaten den Mac Aulays, sowie ihren Verwandten und Verbündeten so viel Schaden, als ihnen möglich war. Dieß veraulaßte einen Feldzug gegen den Stamm, an welchem auch ich meinen Antheil hatte. Wir überfielen dieselben mit großem Erfolg, nachdem wir zugleich die oberen und unteren Pässe des Landes besetzt hatten, und übten daun die bei solchen Gelegenheiten gewöhnliche Vernichtung, indem wir Alles, was uns vorkam, verbrannten und ermordeten. Bei dieser furchtbaren Kriegsweise entkamen nicht einmal immer die Weiber und Kinder. Ein kleines Mädchen allein, welches dem gezogenen Dolche Allans entgegenlächelte, entging seiner Rache auf meine ernstliche Bitten. Sie ward in's Schloß gebracht und hier unter dem Namen Annot Lyle erzogen; sie ist die schönste kleine Fee, die jemals auf einer Heide im Mondlicht tanzte. Es dauerte lange Zeit, bevor Allan die Gegenwart dieses Kindes ertragen konnte, bis es zuletzt seiner Einbildungskraft einfiel, vielleicht nur wegen ihrer Gesichtszüge, daß sie nicht zum verhaßten Blute seiner Feinde gehöre, 94 sondern eine ihrer Gefangenen ans irgend einem räuberischen Einfalle geworden sei; ein Umstand, welcher zwar an sich nicht unmöglich ist, woran er aber so fest wie an die heilige Schrift glaubt. Besonders aber findet er Vergnügen an ihrer Geschicklichkeit znr Musik, welche so ausgezeichnet ist, daß sie die besten Musikanten dieses Landes auf der Harfe übertrifft. Man hat entdeckt, daß dieß ans Allans verstörtes Gemüth in seiner düstersten Stimmung eine wohlthätige Wirkung, derjenigen ähnlich, äußert, welche einst der jüdische König empfand. Das Gemüth der Annot Lyle ist so einnehmend, und die Unschuld, sowie Heiterkeit ihres Charakters, so bezaubernd, daß sie im Schlosse eher für die Schwester des Eigenthümers, als für ein von dessen Mitleid abhängiges Mädchen angesehen wird. Auch ist es wirklich Niemanden möglich, sie anzublicken, ohne eine tiefe Theilnahme an der Treuherzigkeit, Lebhaftigkeit und Sanftmnth ihres Charakters zu empfinden." „Nehmt Euch in Acht, Mylord," sagte Anderson lächelnd; „eine so lebhafte Empfehlung ist gefährlich. Allan Mac Au- lay, wie Eure Lordschaft ihn beschreibt, wäre ein Nebenbuhler, vor dem man sich in Acht nehmen müßte." „Bah," sagte Lord Menteith lachend, aber zugleich erröthend, „Allan ist für Liebe nicht zugänglich, und was mich selbst betrifft," fügte er ernster hinzu, „ist Annots unbekannte Geburt ein genügender Grund gegen ernstliche Absichten; ihr schutzloser Zustand aber schließt jeden andern aus." „So sprecht Ihr Eurem Charakter gemäß, Mylord," sagte Anderson; „ich hoffe jedoch, Ihr werdet in Eurer interessanten Geschickte fortfahreu." „Sie ist jetzt beinahe geendet," sagte Lord Menteith, „ich habe nur noch hinzuzufügen, daß die große Körperkraft und der Muth Allan Mac Anlay's, sein thatkräftiges und von 95 Andern nicht zu leitendes Wesen, die Meinung ferner, die er selbst hegt und ermnthigt, er stehe mit übernatürlichen Wesen in Verbindung und könne zukünftige Ereignisse Vorhersagen — daß Alles dieß ihm einen größeren Grad von Hochachtung erworben hat, als sie selbst sein Bruder besitzt; dieser ist ein kühner auffahrender Hochländer, besitzt aber gar keine Eigenschaften, welche mit dem außerordentlichen Charakter seines jüngeren Bruders im geringsten wetteifern könnten." „Ein solcher Charakter," sagte Anderson, „muß die tiefste Wirkung auf ein hochländisches Heer üben. Mylord, wir müssen uns Allans jedenfalls versichern. Zwischen seiner Tapferkeit und seinem zweiten Gesicht" — „Still," sagte Lord Menteith, „die Eule dort erwacht." „Sprecht Ihr vom zweiten Gesicht, oder Denteroscopia?" sagte der Soldat; „ich erinnere mich, wie Major Munro mir erzählte, daß Mnrdock Mackenzie, in Asstnt geboren, ein Gefreiter in unserer Compagnie, den Tod von Donald Tough aus Lochaber und einigen andern Personen, wie auch eine Verwundung des Majors selbst, bei einem plötzlichen Ausfall während der Belagerung von Stralsund vorhersagte." „Ich habe oft von dieser Fähigkeit reden hören," sagte Anderson, „ich habe jedoch immer geglaubt, daß diejenigen, welche darauf Anspruch machten, entweder Schwärmer oder Betrüger seien." „Ich bin abgeneigt," bemerkte Lord Menteith, einen dieser beiden Charaktere meinem Vetter Allan Mac Aulay znzuschrei- ben. Er hat bei vielen Gelegenheiten zu viel Scharfsinn und Verstand gezeigt, wovon Ihr heute Abend ein Beispiel gesehen habt, als daß ihm der Charaktereines Schwärmers zugeschrieben werden könnte; sein hohes Ehrgefühl und sein männlicher Charakter schützen ihn aber vor dem Borwurf des Betrugs." 96 Eure Lordschaft glaubt also an seine übernatürlichen Eigenschaften?" fragte Anderson. „Durchaus nicht," antwortete der junge Edelmann, „ich glaube, daß er sich cinredet, die Vorhersagnngen, welche in Wirklichkeit das Ergebnis' des Urtheils und des Nachdenkens sind, seien übernatürliche Eindrücke ans seinen Geist ebenso wie Fanatiker aus den Gedanken kommen, die Wirkungen ihrer eigenen Einbildungskraft seien göttliche Offenbarungen ; wenigstens kann ich Euch keine bessere Erklärung geben, wenn Ihr mit dieser nicht zufrieden seid. Jetzt aber ist es Zeit, daß wir uns nach einer so mühsamen Tagrcise sämmt- lich schlafen legen." Fünftes Kapitel. Die Zukunft wirft den Schutte» vor sich her. Campbell. Die Gäste des Schlosses erhoben sich von ihrem Lager in einer frühen Stunde des Morgens. Nachdem er ein paar Worte insgeheim mit seinen Dienern gesprochen, wandte sich Lord Menteith an den Soldaten, welcher in einer Ecke saß und seinen Harnisch mit Schmergel und Gemsleder putzte, während er ein altes Lied zu Ehren des siegreichen Adolf vor sich hinbrummte: Wenn Kanonen krachen und Kugeln dräuen, Verbietet die Ehre de» Tod zu scheuen. „Kapitän Dalgetty," sagte Lvrd Menteith, „die Zeit ist gekommen, da wir uns trennen, oder Kameraden im Kriegsdienst werden müssen." „Ich hoffe, nicht vor dem Frühstück?" sagte Kapitän Dalgetty. „Ich sollte glauben," erwiderte der Lord, „daß Eure Garnison sich wenigstens auf drei Tage mit Lebensmitteln versehen hätte." „Ich habe noch einigen Platz zum Verpacken von Rindfleisch und Haferkuchen übrig gelassen," bemerkte der Kapitän, „und ich lasse niemals eine günstige Gelegenheit unbenutzt, um mich mit frischen Borräthen zu versehen." Sage von Montrosc. 7 „Aber," sagte Lord Menteith, „kein verständiger Befehlshaber gestattet Unterhändlern oder Neutralen länger im Lager zn bleiben, als klug ist; deßhalb müssen mir Eure Absichten genau kennen, in Folge deren Ihr entweder ein sicheres Geleit, um im Frieden zu scheiden, erhalten sollt, oder willkommen seid, um bei uns zn bleiben." „Wahrlich," sagte der Kapitän, „wenn das der Fall ist, so will ich nicht versuchen, die Kapitulation durch verstelltes Par- lamentiren zu verlängern (ein Verfahren, welches Sir James Ramsey bei der Belagerung von Hanau im Jahre des Herrn 1636 vortrefflich verstand), sondern ich will Euch offen gestehen, daß mir nichts daran gelegen ist, so bald wie möglich Euch den Fahneneid zu leisten, wenn mir Euer Sold eben so sehr gefällt, wie Euer Proviant und Eure Gesellschaft." „Unser Sold," sagte Lord Menteith, „kann gegenwärtig nur gering sein, denn er wird aus den allgemeinen Fonds bezahlt, die von den Wenigen unter uns znsammengebracht wurden, welchen einige Geldmittel zn Gebote stehen. Ich kann dem Kapitän Dalgetty als Major und Adjutant nicht mehr wie einen halben Thaler täglich versprechen." „Der Teufel hole alle Halben und Viertel!" sagte der Kapitän; „ginge es nach meinem Wunsche, so würde ich zur Halbirung jenes Thalers ebensowenig einwilligen, als das Weib im Urtheile Salomo's zur Zerschneidung ihres leiblichen Kindes." „Das Gleichniß paßt nicht ganz, Kapitän Dalgetty, „denn ich glaube, Ihr würdet eher zur Theilnng des Thalers einwilligen, als denselben gänzlich Euren Mitbewerbern überlassen. Als Rückstand kann ich Euch jedoch die andre Hälfte des Thalers am Ende des Feldzugs versprechen." „Ja ja, diese Rückstände," sagte Kapitän Dalgetty, „die 99 immer versprochen und niemals bezahlt werden! Spanien, Oestreich und Schweden, Alle singen dasselbe Lied; die Hoch- mögcnden sollen leben! Waren sie auch keine Offiziere oder Soldaten, so waren sie wenigstens gute Zahlmeister! Jedoch, Mylord, könnte ich mich überzeugen, daß mein natürliches Erbe Drnmthwacket in den Besitz eines rundköpfigen Cove- nanters gelangt ist, den man, im Fall wir Glück hätten, auf anständige Weise zum Hochverräther erklären könnte, so setze ich so viel Werth ans diesen fruchtbaren und lieblichen Platz, daß ich sogar dafür mit Euch zu Felde ziehen würde." „Ich kann Kapitän Dalgetty's Frage beantworten," sagte Sibbald, Lord Menteiths zweiter Diener. „Wenn nämlich sein Gut Drnmthwacket, wie ich glaube, das große wüste Moor dieses Namens ist, welches fünf Meilen südlich von Aberdeen liegt, so kann ich ihm sagen, daß es kürzlich von Elias Strachau gekauft wurde, einem so anrüchigen Rebellen, wie jemals einer den Covenant beschwor." „Der spitznasige Hund!" ries Kapitän Dalgetty wüthend aus; „was zum Teufel gab ihm die Frechheit, das Erbe einer Familie zu kaufen, die vierhundert Jahr alt ist? — cJntkius surem vollst, wie wir im Mareschal-College zu sagen pflegten, d. h. bei den Ohren will ich ihn aus dem Hause meines Vaters ziehen! Jetzt, Mylord Menteith, bin ich der Eurige, mit Hand und Schwert, Leib und Seele, bis der Tod uns trennt, oder bis zu Ende des nächsten Feldzugs, welches Ereignis; auch vorher eintreten mag." „Und ich," sagte der junge Edelmann, „will den Handel dadurch um so fester schließen, daß ich die Löhnung eines Monats zum Voraus zahle." „Das ist mehr wie nothwendig," sagte Dalgetty, wobei er jedoch das Geld cinsteckte. „Aber jetzt muß ich in den Stall 100 gehen, nach meinem Kriegssattel und Reitzeug sehen, so wie auch Sorge tragen, daß Gustavus gut verpflegt wird, und ihm berichten, daß wir in einen neuen Dienst getreten sind." „Da geht Euer kostbarer Rekrut," sagte Lord Menteith zu Anderson, als der Kapitän das Zimmer verließ; „ich besorge, er wird uns wenig Ehre machen." „Er ist jedoch ein Mann der Zeiten," sagte Anderson, „und ohne solche Leute wären wir kaum im Stande, unser Unternehmen anszuführen." „Laßt »ns heruntergehen," erwiderte Lord Menteith, „um nachzusehen, welchen Erfolg unsere Musterung haben wird, denn ich höre schon genug Lärmen im Schlosse." Als sie in die Halle traten, geschahen die Morgenbegrüßun- gen zwischen Lord Menteith, Angus Mac Aulay und seinen englischen Gästen, während die Diener sich bescheiden im Hintergrund hielten; Allan nahm denselben Sitz wie am vergangenen Abend ein und bekümmerte sich um Niemand. Der alte Donald stürzte hastig herein: „eine Botschaft vom Bich Allster More; er kömmt heute Abend." „Mit wie viel Begleitern?" fragte Mac Aulay. „Mit fünfundzwanzig oder dreißig," erwiderte Donald, „seinem gewöhnlichen Gefolge." „Streue genug Stroh in die Scheunen," befahl der Gutsherr. Ein anderer Diener stürzte jetzt in die Halle und verkündete die Annäherung von Sir Hektor Mac Lean mit einem großen Gefolge. „Lagert sic in der Malzdarre," sagte Mac Aulay, „und laßt einen leeren Raum von der Breite eines Misthaufens zwischen ihnen und den Mac Donalds; beide sind einander abhold." Donald trat wieder ein mit beträchtlich verlängertem Gesicht. „Der Tenfel ist in den Leuten; mich däucht, das ganze Hochland ist auf den Beinen. Evan Dhu von Lochiel wird in einer Stunde hier sein mit Gott weiß wie vielen Burschen." „Bringt sie in die große Scheune zn den Mac Donalds," sagte der Gutsherr. „Immer mehr Häuptlinge wurden angekiindigt, von denen der Geringste sich für entwürdigt gehalten hätte, ohne ein Gefolge von sechs oder sieben Personen zu erscheinen. Bei jeder nenen Ankündigung nannte Angus Mac Anlay einen neuen Platz, um die Gäste nnterzubringen — die Pferdeställe, die Hausflur, der Kuhstall, der Schuppen, jedes Wirtschaftsgebäude ward zu irgend einem gastfreundlichen Zweck für die Nacht bestimmt. Zuletzt aber setzte ihn die Ankunft von Mac Dougal von Lorn, nachdem alle seine Mittel, seine Gäste nnterzubringen, erschöpft waren, in einige Verlegenheit. „Was zum Tenfel, Donald, ist zu thun?" fragte er. „Die große Scheune könnte noch einige fünfzig mehr fassen, wenn dieselben dicht neben einander und durcheinander liegen wollten, aber alsdann würden Dolche wegen der Plätze gezogen werden und wir hätten vor Morgen Blut genug zu Würsten." „Was soll das Alles!" sagte Allan, indem er auffuhr und mit der finsteren Raschheit seines gewöhnlichen Wesens vortrat. „Sind die Galen heutzutage von weicherem Fleisch und weißerem Blut wie ihre Ahnen? Schlagt einem Faß Branntwein den Boden aus, mag das die Zurichtung für die Nacht sein — ihre Mäntel seien ihre Betttücher, das Firmament ihr Himmelbett und das Haidekrant ihr Kissen — kämen noch Tausend mehr, sie würden auf der breiten Haide nicht aus Mangel an Raum in Streit kommen!" „Allan hat Recht," sagte sein Bruder; „es ist doch sonderbar," fügte er zu Musgrave hinzu, „das; Allan, bei dem es, unter uns gesagt, nicht ganz richtig im Kopfe ist, bei Zeiten mehr Verstand hat, wie wir Alle; beobachtet ihn jetzt." »Ja," fuhr Allan fort, indem er seine Augen mit gräßlich starrem Blick zur entgegengesetzten Seite der Halle wandte, „sie können so beginnen, wie sie enden werden; mancher Mann schläft heute Nacht auf der Haide, welcher dort steif genug liegen wird, wenn der Novemberwind bläst; dann wird er sich «m Kälte und um den Mangel einer Decke wenig beklagen." „Verkünde uns nicht die Zukunft, Bruder," sagte Angus. „Was für ein Glück erwartet ihr denn?" sagte Allan; seine Augen wurden starr, bis sie beinahe ans ihren Hohlen drangen; dann fiel er mit einem krampfhaften Zittern in die Arme Donalds und seines Brnders, welche, mit der Natur seiner Anfälle bekannt, näher traten, nm seinen Fall zu verhindern. Sie setzten ihn auf eine Bank und stützten ihn, bis er wieder zu sich kam und im Begriff war zu reden. „Um Gottes willen, Allan," sagte sein Bruder, welcher Len Eindruck kannte, den seine mystischen Wvrte auf Viele seiner Gäste Hervorbringen könnten, „sage Nichts, um uns zu entmuthigen." „Bin ich es, der euch entmuthigt?" sagte Allan; möge Jedermann sein Schicksal erwarten, wie ich das meinige. Was kommen muß, wird kvmmen; wir werden tapfer über manches Siegesfeld schreiten, bevor mir jenes verhängnißvollc Schlachtfeld erreichen oder jene verhängnißvollen Schaffote betreten." „Welches Schlachtfeld? welche Schaffote?" riefen mehrere Stimmen, denn Allan's Ruf als Prophet herrschte überall in den Hochlanden. „Ihr werdet es nur zu bald erfahren," erwiderte Allan; „redet mit mir nicht mehr, ich bin eurer Fragen müde. Als- 103 dann drückte er die Hand gegen die Stirne, stützte die Ellbogen ans seine Kniee nnd versank in tiefes Sinnen. „Rnft Annot Lyle, daß sie mit der Harfe kommt," befahl Angus leise seinem Diener; „die Herren, welche kein hochländisches Frühstück schenen, mögen mir folgen." Alle begleiteten den gastfreien Gntsherrn, Lord Menteith ausgenommen, welcher in einer der großen Fenstervertiefungen der Halle znrückblieb. Annot Lyle schlüpfte bald darauf herein — ein Mädchen, welches Lord Menteith nicht übel beschrieben hatte, als er sie die leichteste Feengestalt nannte, die jemals den Rasen beim Mondlicht betrat. Ihr Wuchs, beträchtlich kleiner wie die gewöhnliche Franengröße, gab ihr den Anschein der äußersten Jugend so sehr, daß man sie, obgleich sie achtzehn Jahre alt war, für vier Jahre jünger halten konnte; Gestalt, Hände und Füße waren in so ausgezeichnetem Ebenmaß mit der Größe und Leichtigkeit ihrer Erscheinung gebildet, daß Titania selbst keine bessere Vertreterin hätte finden können; ihr Haar war dunkelblond und dessen dichte Locken paßten in wunderbarer Weise zu ihrer schönen Gesichtsfarbe und zu dem munteren aber einfachen Ansdruck ihrer Züge. Wenn wir noch zu diesen Reizen hinzufügen, daß Annot in ihrem verwaisten Zustande das heiterste und glücklichste Mädchen zu sein schien, so wird uns der Leser gestatten, für sie das Gefühl beinahe Aller in Anspruch zu nehmen, welche sie jemals erblickten. Auch war es wirklich unmöglich, einen ähnlichen Liebling Aller anfznfinden; sie übte oft auf die rohen Bewohner des Schlosses, wie Allan selbst in dichterischer Stimmung sich ausdrücktc, den Einfluß eines Sonnenstrahls auf ein finsteres Meer, indem sie Allen die Heiterkeit ertheilte, welche ihre eigene Seele erfüllte. Annot, wie wir sie beschrieben haben, lächelte und crröthete, als Lord Menteith ans seinem Versteck hervortrat und ihr freundlich einen guten Morgen wünschte. »Guten Morgen^ Mylord," erwiderte ste, indem sie ihrem Freunde die Hand reichte, „wir haben Euch in der letzten Zeit nur selten im Schlosse gesehen, und ich besorge, Euer jetziger Bestich hat keinen friedlichen Zweck." „Wenigstens laßt mich Eure Stimmung nicht stören, Annot," sagte Lord Menteith, „obgleich meine Ankunft Zwistigkeit sonst erregen kann. Mein Vetter Allan braucht die Hülfe Eurer Stimme und Musik." „Mein Retter," sagte Annot Lyle, „besitzt ein Recht auf meine armen Leistungen) auch Ihr, Mylord, seid mein Retter und habt das Meiste gethan, um ein Leben zu erhalten, welches wcrthlos genug ist, wenn es meinen Beschützern keine Wohlthaten erweisen kann." Mit diesen Worten setzte sie sich in einiger Entfernung von Allan auf dieselbe Bank, worauf er saß, stimmte ihr Instrument, eine kleine Harfe von ungefähr dreißig Zoll Hohe, und begleitete ihr Spiel mit ihrer Stimme. Das Lied war ein alter galischer Gesang, und die Worte, welche für sehr alt gehalten wurden, waren in derselben Sprache; wir fügen jedoch hier eine Uebersetzung bei, welche zwar den Fesseln eines fremden Reimes unterworfen, jedoch, wie wir hoffen, beinahe eben so genau ist, wie die berühmte Uebersetzung Ossians durch Macpherson. Vögel, die im Dunkel weilen, Nächt'ge Krähen, Naben, Eulen, Laßt den Kranken ungestört. Der die Nacht hindurch euch hört; Eilt nach Höhlen, dort zu lauern. Nach verfall'ner Thürnie Mauern, Zum Gebüsch, zur Felscnkluft — Hört die Lerch' in hoher Lust! Eilt zum Moor und zu den Bergen, Fuchs und Wolf, euch dort zu bergen, Scheut den Blick zurück zu kehren, Läßt sich Lämmcrblöcken hören. Flicht, verwischet eure Spur, Nur die Nacht gab euch der Flur; In des fernen Echo'S Hall Klingt des JägerhvrneS Schall. Kaum glänzt des Mondes Horn noch bleich, ES schwindet bald und geisterbleich; Scheut euch, ihr Feen, umher z» kreisen Und Pilgern Unheil zu erweisen, Löscht aus das Licht an Sumpf und Mooren, Das ihr zur Lockung euch erkoren, Denn euer Reich ist schnell entschwunden, , Wann Morgenschein den Berg umwunden. Gedanken, sündhaft, finster, wild, Die ihr im Schlaf die Seel' umhüllt, Entweichet aus der Menschen Traum Wie Nebel von des Waldes Saum: Ihr Hexen, deren Fluch berückt, Das Glied entnervt, den Puls erstickt, Spvrnt euer Roß, verlaßt die Auen, Ihr wagt die Sonne nicht zu schauen. Während des Liedes gab Allan Mac Alllay allmälig Zeichen, daß er seine Geistesgegenwart wieder erlange nnd die ihn umgebenden Gegenstände beachte. Die tiefen Furchen seiner Stirne ließen nach und glätteten sich; seine übrigen Züge, welche durch innere Krämpfe verdreht zu sein schienen, nahmen wieder einen natürlichen Zustand an. Als er den Kopf erhob und aufrecht saß, war sein Antlitz von wildem und 106 trotzigem Ausdruck frei, obgleich es eine tiefe Schmermuth bezeugte; seine Züge im Zustande einer ruhigen Fassung waren zwar nicht schön, aber ausdrucksvoll, männlich und sogar edel. Seine dichten braunen Augenbrauen, welche bis dahin zusammeugezogen gewesen waren, waren jetzt etwas getrennt, wie im natürlichen Zustande; seine grauen Augen, welche unter denselben mit unnatürlicher und unheimlicher Gluth vorher rollten und blitzten, erlangten jetzt einen festen und bestimmten Ausdruck. „Gott sei Dank," sagte er, nachdem er etwa eine Minute geschwiegen hatte, bis die letzten Schwingungen der Harfentöne aufhörten, „meine Seele ist nicht länger verfinstert; die Wolke ist von meinem Geiste gewichen." „Ihr müßt, Vetter Allan," sagte Lord Menteith herbeitretend, „sowohl der Annot Lyle, als auch dem Himmel für diese glückliche Veränderung Eurer schwermüthigen Stimmung danken." „Mein edler Vetter Menteith," sagte Allan, indem er auf- stand und ihn mit Achtung ebenso wie mit Freundlichkeit begrüßte, „ist so lange Zeit mit meinen unglücklichen Umständen bekannt gewesen, daß seine Güte keiner Entschuldigung bedarf, weil ich ihn erst jetzt im Schlosse willkommen heiße." „Wir sind zu alte Bekannte," sagte Lord Menteith, „und zu gute Freunde, um auf die Ceremonien äußerer Begrüßung viel zu halten; allein das halbe Hochland stellt sich heute hier ein, und Ihr wißt ja, daß Ceremonien bei unfern Häuptlingen aus den Gebirgen nicht vernachlässigt werden dürfen. Was wollt Ihr der kleinen Annot geben, daß sie Euch in paffende Stimmung versetzt hat, um Evan Dhu und Gott weiß wie viele Mühen und Federn zu begrüßen?" „Was wollt Ihr mir geben?" fragte Annot lächelnd; „ich 107 hoffe nichts weniger als das schönste Band ans dem Jahrmarkt von Donne.« „Der Jahrmarkt von Donne, Annot?" sagte Allan betrübt; „vor jenem Tage wird blutige Arbeit vollbracht sein, nnd vielleicht werde ich ihn nie erleben; Ihr habt mich eben an etwas erinnert, was ich zu thun beabsichtige." Mit diesen Worten ging er fort. „Sollte er noch lange in dieser Art reden," sagte Lord Mentcith, „so müßt Ihr, thenre Annot, Eure Harfe gestimmt halten.« »Ich hoffe nicht," erwiderte Annot ängstlich, „dieser Anfall hat sehr lange gedauert nnd wird wahrscheinlich nicht so bald wiederkehren. Es ist furchtbar, sieht man eine Seele, von Natur so großmüthig und liebevoll, durch diese angeborne Krankheit leiden." Da sic in leisem und vertraulichem Tone sprach, so trat Lord Menteith natürlich näher zu ihr hin, damit er ihre Worte besser verstehen könne; als Allan plötzlich in die Halle zurückkehrte, zogen sich Beide eben so natürlich von einander auf eine Weise zurück, welche ihr Bewußtsein ausdrückte, daß sie in einem Gespräche überrascht wurden, dessen Inhalt sie vor ihm geheim zu halten wünschten. Dieses wurde aber von Allan bemerkt; er hielt in der Thür an — es runzelte sich seine Stirn — es rollten seine Augen, der Anfall der Leidenschaftlichkeit währte jedoch nur einen Augenblick. Er fuhr mit seiner breiten sehnigen Hand über die Stirn, als wollte er diese Zeichen seiner Aufregung verwischen, und trat auf Annot zu, indem er ein kleines Kästchen von Eichenholz mit merkwürdigem Schnitzwerk in der Hand hielt. „Ich nehme Euch zum Zeugen, Vetter Menteith," sagte er, „daß ich dieses Kästchen und ihren Inhalt der Annot Lyle 108 - schenke. Es enthält einigen Schmnck, welcher meiner armen Mutter gehörte, wie Ihr Euch denken könnt, von geringem Werth, denn das Weib eines hochländischen Häuptlings hat selten ein reiches Juwelenkästchen." „Allein dieser Schmuck," sagte Annot Lyle, indem sie sanft und furchtsam das Kästchen zuriickwies, „gehört der Familie, ich kann ihn nicht annehmen." „Er gehört mir allein, Annot," sagte Allan, sle unterbrechend, „es ist das Vermächtnis; meiner Mutter; es ist Alles was ich Mein nennen darf, ausgenommen meinen Mantel und meinen Degen. Nehmt es deßhalb, es enthält ein für mich werthloses Spielzeug — behaltet es um meinetwillen, im Fall ich niemals aus diesem Kriege zurückkehren sollte." Mit den Worten eröffnete er das Kästchen und reichte es der Annot; „wenn der Schmnck einigen Werth hat, so verwendet ihn zu Eurem Lebensunterhalt, sobald dieß Haus von feindlichen Flammen zerstört ist und Euch nicht länger Schuh gewähren kann. Behaltet aber Einen Ring znm Andenken an Allan, welcher, um Eure Güte zu erwidern, Alles gethan hat, was er konnte, wenn er auch nicht Alles vermochte, was er wünschte." Annot Lyle bemühte sich vergeblich, ihre Thränen zurück- znhalten, als sie sagte: „Einen Ring, Allan, will ich von Euch annehmcn, als Andenken an Eure Güte gegen eine arme Waise; drängt mich aber nicht, mehr zn nehmen, denn ich darf und kann nicht eine Gabe von so unverhältnißmästigcm Werth mir aneignen." „So trefft Eure Wahl," sagte Allan, „Euer Zartgefühl ist vielleicht gut begründet; den andern Schmuck werde ich in eine Form verwandeln, worin er Euch nützlicher sein kann." „Denkt nicht daran," sagte Annot, indem sle aus dem 109 Inhalt des Kästchens einen Ring wählte, welcher offenbar den geringsten Werth besaß; „bewahrt den andern Schmuck für Eure Braut oder die Eures Bruders. Aber, gütiger Himmel," rief sie ans, indem sie sich selbst unterbrach und auf den Ring blickte, „was habe ich mir gewählt!" Allan beeilte sich, den Ring mit Blicken finsterer Besorgniß anzuschauen; auf demselben war i» Emaille ein Todtenkopf über zwei gekreuzten Dolchen dargestellt. Als Allan dieß Sinnbild erkannte, seufzte er so tief, daß Aunvt den Ring aus ihrer Hand fallen ließ, welcher über den Boden rollte. Lord Menteith nahm ihn auf und gab ihn der erschreckten Annot zurück. „Ich nehme Gott zum Zeugen," sagte Allan mit feierlicher Stimme, „daß Eure Hand, junger Lord, und nicht die mei- nige ihr diese Gabe von übler Vorbedeutung zurückgegeben hat. Es war der Trauring meiner Mutter, zum Andenken an ihren ermordeten Bruder." „Ich fürchte keine Vorbedeutungen," sagte Annot, durch ihre Thränen lächelnd; „nichts, was aus den Händen meiner zwei Beschützer kommt (so war sle gewohnt, Lord Menteith und Allan zu nennen), kann der armen Waise Unglück bringen." Sie steckte den Ring auf ihren Finger und sang' nach'einer lebhaften Melodie die folgenden Verse aus einem damals sehr bekannten Liede, welches durch den sonderbaren Geschmack in Anwendung von Bildern, welcher zu König Karls Zeiten gewöhnlich war, charakteristisch ist und aus einem bei Hofe ausgeführten Schauspiel in die Wildnisse von Perthshire gelangt war: Laß ab, in Sternen nachzusehcn, Nicht ihnen ist zu trauen, 110 Du mußt, das Schicksal zu erspähen, HelcnenS Augen schauen. Verwegener Astrulog, halt' ein, Zu theuer hat erlangt Die Kenntniß einer fremden Pein, Wer selbst daran erkrankt. „Sie hat Recht, Allan," sagte Lord Menteith, „und dieser Schluß des Liedes ist so viel werth wie Alles, was wir gewinnen können, wenn mir in die Zukunft zu schauen versuchen." „Sie hat Unrecht, Mylord," sagte Allan finster, „obgleich Ihr, die Ihr mit Leichtsinn die Euch gegebenen Warnungen betrachtet, vielleicht nicht lange genug leben werdet, um Zeuge vom Ausgange der Vorbedeutung zn sein — lacht nicht so höhnisch," fugte er sich selbst unterbrechend hinzu, „oder lacht vielmehr so lang und laut wie Ihr wollt; es wird nicht lange dauern, daß die für Euer Lachen gestattete Zeit ihr Ende findet." „Ich bekümmere mich nicht um Eure Visionen, Allan," sagte Lord Menteith; „wie kurz auch die Spanne meines Lebens sein mag, so kann doch kein hochländischer Seher ihre Beendigung erblicken." „Um des Himmels willen," sagte Annot Lyle, ihn unterbrechend, „Ihr kennt seine Natur und wißt, wie wenig erleiden kann —" „Fürchtet mich nicht," unterbrach sie Allan, „meine Seele ist jetzt fest und ruhig. Was Euch aber betrifft, junger Lord," sagte er zu Lord Menteith gewandt, „mein Auge hat Euch auf den Schlachtfeldern gesucht, wo Hochländer und Niederländer so dicht gestreut lagen, wie die Krähen jemals auf diesen alten Bäumen saßen" (er wies ans ein Krähennest, welches 111 man vom Fenster aus erblickte); „mein Auge suchte Euch, aber Euer Leichnam war nicht dort; — mein Auge suchte Euch unter einem Zuge widerstandsloser und entwaffneter Gefangener innerhalb der Ringmauern einer alten und rauhen Festung; Blitz auf Blitz, Zugfeuer auf Zugfeuer — die Kugeln fielen unter die Gefangenen und sie sanken wie trockene Blätter im Herbste, aber Ihr war't nicht unter deren Reihe»; — Schaffote wurden bereitet — Blöcke wurden hergerichtet und Sagemehl gestreut — der Priester stand bereit mit dem Buch, der Scharfrichter mit der Axt — aber auch dort fand Euch nicht mein Auge." „Also der Galgen ist mir bestimmt," sagte Lord Menteith; „ich wünschte freilich, sic hätten mir den Strick erspart, wäre es nur wegen der Würde der Paine." Er sprach dieß verächtlich, jedoch nicht ohne eine Art Neugier und den Wunsch, eine Antwort zu erhalten, denn das Verlangen, in die Zukunft zn schauen, übt häufig einigen Einfluß sogar auf die Seelen derer, welche allen Glauben an die Möglichkeit solcher Vorhersagnngen ableugnen. „Euer Rang, Mylord, wird keine Unehre in Eurer Person oder durch Eure Todesart erleiden. Dreimal habe ich gesehen, wie ein Hochländer seinen Dolch in Euren Busen stieß — dieß wird Euer Schicksal sein." „Ich wünsche, daß Ihr mir ihn beschreibt," sagte Lord Menteith, „dann werde ich ihm die Mühe ersparen, Eure Prophezeiung zu erfüllen, wenn sein Mantel für Degen oder Pistolenkugeln durchdringlich ist." „Euer Erwarten wird Euch wenig helfen, auch kann ich Euch nicht die Kunde geben, die Ihr wünschet, denn das Antlitz der Erscheinung war jedesmal von mir abgewandt." „So sei es," sagte Lord Menteith, „und mag die Sache 112 in der Ungewißheit bleiben, worin sie Eure Vorhersagung gesetzt hat; ich werde hente darum nicht weniger munter unter hochländischen Mänteln, Dolchen, Schurzfellen mein Mittagessen halten." „So mag es sein," sagte Allan, „und vielleicht auch genießt Ihr mit Freuden jene Augenblicke, welche für mich durch die Kunde des zukünftigen Bösen vergiftet werden; aber ich," fuhr er fort, „wiederhole Euch, daß diese Waffe — d. h. eine Waffe wie diese (er berührte den Griff seines Dolches), Euer Schicksal Euch bringen wird." „Mittlerweile," bemerkte Lord Menteith, „habt Ihr das Blut aus den Wangen der Annot Lyle verscheucht, — laßt uns, Freund, diese Unterredung abbrechen und nach demjenigen sehn, was wir Beide verstehen — dem Fortschritt unserer militärischen Vorbereitungen." Sie schlossen sich dem Angns Mac Aula» und den englischen Gästen desselben an; Allan aber zeigte bei den jetzt eintretenden militärischen Verhandlungen eine Klarheit der Seele, eine Stärke des Urtheils und eine Schärfe der Gedanken, welche einen vollkommenen Gegensatz zu dem mystischen Halbdunkel darboten, in welchem sein Charakter sich bis dahin gezeigt hat. Siebentes Kapitel. Wann Albi» das Schwert im Zorne gezückt. Wann die Häuptling' all' ihr die Arme weih'», Wan» die Nanald'S sie kühn und die Murrays umreih'n, Mit Mantel und Müh' in des Tartan Schmuck — Lochiel'S Warnung. Wer an jenem Morgen das Schloß Darnlinvarach sah/ genoß den Anblick kriegerischer Geschäftigkeit. Die verschiedenen Häuptlinge, als sie mit ihrem besonder» Gefolge anlangten, das ungeachtet der großen Anzahl von Begleitern nur ihre gewöhnliche Leibwache bei feierlichen Gelegenheiten bildete, begrüßten den Herrn des Schlosses und einander selbst mit reichlichen Höflichkeitsbczengungen oder mit stolzer und zurückhaltender Artigkeit, je nach den Umständen der Freundschaft oder Feindseligkeit, worin die Stämme seit Kurzem mit einander gestanden waren. Jeder Häuptling, so gering auch seine Bedeutung im Verhältniß zu andern sein mochte, war höchst eifersüchtig, von den Uebrigen die Achtung zu verlangen, die ihm als einem besondcrn und unabhängigen Fürsten gebührte, während die stärkeren und mächtigeren durch neuere Streitigkeiten oder ältere Fehden gegen einander feindlich durch Politik gezwungen wurden, den Gefühlen ihrer weniger mächtigen Brüder alle Rücksicht zu erweisen, um im Fall der Noth so viele Anhänger an sich zu knüpfen, wie cs Sage von Mvntrosc. 8 ihrem Interesse für Krieg und Frieden gemäß war. Somit glich die Versammlung der Häuptlinge jenen alten deutschen Reichstagen, wo der kleinste Freiherr, welcher ein Schloß auf einem öden Felsen und einige hundert Aker umliegenden Feldes besaß, auf den Stand und die Ehre eines souveränen Fürsten und auf einen Sitz seinem Range gemäß unter den Würdeträgern des Reiches Anspruch machte. Das Gefolge der verschiedenen Führer war abgesondert gelagert und mit Bequemlichkeiten versehen, so gut es der Raum und die Umstände erlaubten; jeder Häuptling hatte jedoch seinen Leibdiener, welcher seiner Person wie sein Schatten folgte, um Alles anszuführen, was sein Gebieter befehlen würde. Das Aeußerc des Schlosses bot ein merkwürdiges Schauspiel. Die Hochländer aus verschiedenen Inseln, kleineren und größeren Thälern, betrachteten einander aus der Entfernung mit Neugier oder feindlichem Uebclwollen. Der auffallendste Theil der Versammlung war aber, wenigstens für Ohren des Niederlandes, der Wetteifer der Dudelsackpfeifer in ihrem Spiel. Diese kriegerischen Musiker, wovon ein jeder die höchste Meinung von der Ueberlegenheit seines eigenen Stammes neben der dünkelhaftesten Vorstellung von der Wichtigkeit seines Gewerbes hegte, spielten zuerst ihre Schlachtlieder vor der Front des eigenen Clans. Zuletzt jedoch, wie die Birkhühner gegen das Ende der Jagdzeit, wenn sie durch den Schall ihres trium- phirenden Krähens einander anlocken und nach der Jägersprache Ketten bilden, ebenso näherten sich einander allmälig die Dudelsackpfeifer, um ihren Znnftgenoffen einen Beweis ihrer Geschicklichkeit zu geben, wobei sie ihre gewürfelten Mäntel und Röcke in derselben trinmphirenden Weise anfblähten, wie die Vögel ihre Federn in die Höhe sträuben. Indem sie auf einander zugingen und sich mit Blicken beschauten, worin Dünkel 115 auf ihre Wichtigkeit und Herausforderung zu erkennen waren, schwelleten, blähcten und druckten sie ihre kreischenden Instrumente, wobei Jeder seine Lieblingsmelodie mit solchem Getöse spielte, daß ein italienischer Musiker, wenn ein solcher innerhalb der Entfernung von zehn Meilen begraben lag, von den Tobten hätte anferstehen müssen, um dieser grauenhaften Musik zu entfliehen. Die Häuptlinge waren mittlerweile in der großen Halle des Schlosses zur Berathung versammelt. Unter diesen befanden sich Personen vvn größter Bedeutung im Hochlande; einige waren durch Eifer für die königliche Sache, und viele durch die Abneigung gegen die harte und allgemeine Herrschaft herbeigeführt, welche der Marquis von Argylc, seitdem er sich zu solchem Einfluß im Staate erhoben hatte, über seine hochländischen Nachbarn übte. Dieser Staatsmann besaß zwar viele Fähigkeiten und große Macht, dagegen aber auch mehrere Charakterfehler, welche ihn bei den hochländischen Häuptlingen unbeliebt machten. Seine Andacht war von finsterer und fanatischer Art; sein Ehrgeiz schien unersättlich, und untergeordnete Häuptlinge beklagten sich über seinen Mangel an Freigebigkeit. Dazu kam, daß man ihn, oder Gillespie Grnmack, d. h. den schielenden Mißgestalteten (wie man ihn nach dem Schielen seiner Augen mit einem persönlichen Namen in den Hochlanden bezeichnete, wo Titel des Ranges unbekannt sind), für einen bessern Mann im Kabinet als im Felde hielt, obgleich er ein Hochländer und aus einer Familie entsprossen war, welche früher und später den Ruhm der Tapferkeit stets besessen hat. Er und sein Stamm waren hauptsächlich den Mac Donald's und Mac Lcan's verhaßt, zwei zahlreichen Geschlechtern, welche zwar durch alte Fehden einander feindlich waren, aber in einem einge- 8 * 116 » wurzelten Haß gegen die Campbell's oder die Söhne von Di- armid, wie man sie nannte, übereinstimmten. Einige Zeit lang schwiegen die versammelten Häuptlinge in der Erwartung, daß Einer von ihnen das Geschäft der Versammlung eröffnen würde. Zuletzt begann der Mächtigste von ihnen den Reichstag mit den Worten: „Wir sind hieher entboten worden, Mac Aulay, nm über wichtige Angelegenheiten in Bezug auf den König und den Staat zu berathen. Wir wünschen zu wissen, wer dieselben uns darlegen will?" Mac Anlay, dessen Stärke nicht in der Rednergabe bestand, sprach seinen Wunsch ans, daß Lord Menteith das Geschäft der Berathung eröffnen möge. Der junge Lord sprach mit großer Bescheidenheit, zugleich aber auch mit kräftigem Ausdruck, er wünsche, daß ein besser bekannter Mann, dessen Ruf schon begründet sei, dasjenige vorznschlagen habe, was er jetzt selbst in Antrag bringen werde. Da er jedoch zu reden anf- gefordert sei, müsse er den versammelten Häuptlingen sagen, daß diejenigen keinen Augenblick zögern dürften, welche das niedrige Joch abznwerfen wünschten, womit der Fanatismus ihre Nacken zu umwinden sich bemühe; „die Covenanters," fuhr er fort, „haben zweimal gegen ihren Fürsten Krieg geführt und ihn zur Einwilligung in alle Forderungen, vernünftige und unvernünftige, gezwungen, die sie an ihn zu stellen für gut fanden, — ihre Häuptlinge wurden mit Würden und Gnnst- bezeugungen überladen, — als Se. Majestät nach einem gnädigen Besuch in sein Geburtsland nach England znrückkehrte, erklärten sie öffentlich, er verlasse jetzt als ein zufriedener König ein zufriedenes Volk, — ungeachtet dessen und sogar ohne den Vorwand einer Nationalbeschwerde haben dieselben Leute auf den Grund von Beargwöhnungen, welche für den König eben so schimpflich, wie an sich grundlos sind, ein starkes 1l7 Heer zum Beistand der Rebellen in England und in einen Krieg gesandt, womit Schottland nichts mehr zn thun hat, als mit den Kriegen in Deutschland. Es ist gut, das- der Eifer, womit dieser verrätherische Zweck verfolgt wurde, die jetzt regierende Versammlung, welche die Regierung Schottlands an sich gerissen hat, bis zu dem Grade verblendete, daß sie die Gefahr nicht erkannte, in welche sie sich begab. Das Heer, welches nach England unter dem alten Lievcn gesandt wurde, enthält die Veteranen, die Kraft derjenigen Heere, welche während der zwei letzten Kriege in Schottland ausgehoben wurden —" hier bemühte sich Kapitän Dalgetty, zum Worte zu kommen, um darzulegen, wie viel alte und in den deutschen Kriegen erzogene Offiziere nach seiner genauen Kunde sich bei der Armee des Grafen von Licven befänden. Allan Mac Anlay hielt ihn aber auf seinem Sitz mit einer Hand fest und druckte den Zeigefinger der anderen auf seine Lippen; dadurch gelang es ihm mit einiger Schwierigkeit, die Unterbrechung des Redners durch den Kapitän zu verhindern. Kapitän Dalgetty sah fhn an mit einem sehr verächtlichen und unwilligen Gesicht, indes; der Ernst des Andern wurde dadurch nicht gestört, und Lord Menteith fuhr ohne weitere Unterbrechung fort: »Der Augenblick ist günstig für alle treuen und loyalen Schotten, nm darzuthun, der ihrem Vaterlande kürzlich aufgebürdete Vorwurf sei nur auf den selbstsüchtigen Ehrgeiz weniger unruhigen und aufrührerischen Menschen begründet, wozu noch der abgeschmackte Fanatismus kam, welcher von fünfhundert Kanzeln gesäet sich wie eine Fluth über die Niederlande von Schottland verbreitete. Ich habe Briefe des Marquis von Huntlye im Norden, die ich den einzelnen Häuptlingen zeigen werde. Dieser gleich loyale wie mächtige Edelmann ist entschlossen, sich mit äußerster Kraft der allgemeinen Sache anzunehmen, 118 und der mächtige Graf Seaforth hat Vorbereitungen getroffen, sich derselben Sache anznschließen. Vom Grafen Airly und von den Olgivie's in Angnsshire habe ich eben so bestimmte Miktheilnngen; es ist kein Zweifel, daß diese, welche mit den Hay's, den Leith's, den Bnrnct's und andern loyalen Herren bald zu Pferde sitzen werden, ein genügendes Corps bilden können, um die nördlichen Covenanters im Schach zu halten; letztere haben ja schon deren Tapferkeit bei der wohlbekannten Niederlage erprobt, welche man gewöhnlich den Trott von Turiff nennt. Auch im Süden des Forth »nd Tay hat der König viele Freunde, welche durch erzwungene Eide, gewalt- thätigc Aushebungen, schwere Steuern, welche die Tyrannei des Parlaments-Ausschusses ungerecht erhob und ungleich vertheilte, und endlich durch die inquisitorische Unverschämtheit der presbyterianischen Prediger unterdrückt, nur den Augenblick erwarten, worin die Fahne des Königs entfaltet wird, um sogleich die Waffen zu ergreifen. Donglas, Traquair, Roxbnrgh, Hume, sämmtlich der königlichen Sache geneigt, werden den Covenanters im Süden das Gleichgewicht halten- zwei Herren von Namen und Rang', welche hier ans dem Norden von England anwesend sind, stehe» ein für den Eifer von Cumberland, Westmoreland und Northumberland. Gegen so viele tapfere Herren können die südlichen Covenanters nur rohe Rekruten, die Hirten der westlichen Grafschaften, die Bauern und Handwerker der Niederlande ansheben. In den westlichen Hochlanden zählen die Covenanters keinen Anhänger mit Ausnahme Eines Mannes, der ebenso bekannt wie verhaßt ist; ist aber hier ein Einziger, welcher, die Halle überblickend und die Macht, Tapferkeit und Würde der versammelten Häuptlinge erkennend, nur einen Augenblick den Erfolg derselben gegen alle Strcitkräfte bezweifeln kann, welcheGillespieGrumach 119 gegen sie zu sammeln vermag? Ich habe nur noch hinzu- zufügen, das; beträchtliche Vorräthe an Geld und Munition für das Heer gesammelt sind," (hier spitzte Dalgetty die Ohren) „daß Offiziere von Fähigkeit und Erfahrung in fremden Kriegen, von denen Einer gegenwärtig ist," (der Kapitän erhob sich und sah sich um) „bei uns Dienste genommen haben, um die Aushebungen cinzuüben; daß endlich ein zahlreiches Corps Hiilfstruppen ans Irland, welches der Graf Antrim ans Ulster uns gesandt hat, ans dem Festlande glücklich gelandet ist und sich in vollem Marsch auf diesen Versammlungsort befindet, indem die Leute von Clanranald das Corps unterstützten und durch Einnahme und Befestigung des Schlosses Mingarry die Versuche Argyle's, sie aufzufangen, vereitelten. Es ist nun noch hinznzufügen, daß die edlen hier versammelten Häuptlinge jede untergeordnete Betrachtung beseitigen und sich mit Herz und Hand für die allgemeine Sache vereinigen müssen. Sie müssen das feurige Kreuz durch ihre Clans senden, um so viel Anhänger wie möglich zu sammeln. Alle Streitkräfte müssen sich mit solcher Schnelligkeit vereinigen, daß dem Feind keine Zeit gelassen wird, um Vorbereitungen zu treffen oder sich von dem panischen Schrecken zu erholen, der beim ersten Schalle der Kriegslieder sich verbreitet. Ich selbst bin zwar nicht einer der reichsten oder mächtigsten schottischen Edellcute, ich empfinde jedoch, daß ich die Würde eines alten und ehrenwer- then Hauses, die Unabhängigkeit einer alten und ehrenwerthe» Nation vertreten muß, und bin entschlossen, Gut und Blut dieser Sache zu weihen. Sind die Mächtigeren dazu eben so bereit, so werden sie den Dank ihres Königs und der Nachwelt verdienen." Lauter Beifall folgte auf diese Rede des Lord Mcnteith und bezeugte die allgemeine Uebereinstimmung aller Gegen- 120 wärtigen hinsichtlich der von ihm ausgesprochenen Gedanken; als der Zuruf aber verhallt war, blickten die versammelten Häuptlinge sich einander an, als müsse über eine Angelegenheit noch bestimmt werden. Nach einigem Geflüster gab ein alter Mann, dessen graues Haar ihm Achtung erweckte, obgleich er nicht zum höchsten Range der Häuptlinge gehörte, die Erwiderung ans die gehaltene Rede. „Thane von Mcnteith," sagte er, „es ist Keiner unter uns, in dessen Busen nicht dieselben Gefühle so heiß wie Feuer brennen, jedoch nicht die Kraft allein gewinnt die Schlacht; der Kopf des Befehlshabers erringt ebenso den Sieg wie der Arm des Soldaten; ich frage Euch, wer ist es, welcher das Banner erheben und tragen soll, unter welchem wir uns erheben und sammeln sollen? Kann man erwarten, daß wir unsere Kinder und die Blüthe unserer Verwandten bei einer Sache wagen, bevor wir wissen, wem die Leitung vertrant werden soll? Dürfen wir Jene zur Schlachtbank führen, deren Schutz uns durch die Gesetze Gottes und der Menschen übertragen ist? Wo ist das königliche Patent, nach welchem die Stämme unter die Waffen gerufen werden? So einfach wir auch scheinen, so wissen wir etwas von den bestehenden Kriegsgebräuchen und den Gesehen unsers Vaterlandes; wir wollen uns nicht gegen den allgemeine» Frieden von Schottland bewaffnen, ohne den bestimmten Befehl des Königs erhalten zu haben und ohne einen Führer zu besitzen, welcher sich zum Befehle solcher Leute wie der hier versammelten eignet." „Wo könntet ihr einen solchen Führer finden," sagte ein anderer Häuptling, sich erhebend, „mit Ausnahme des Repräsentanten des Herrn der Inseln, welcher durch Geburt und Abstammung das Recht besitzt, die Schlachtordnung jedes 121 Clans der Hochlande zn sichren? wo ist eine solche Würde ' vorhanden, wenn nicht in der Familie von Vich Alister More?" „Ich bin bereit," sagte ein anderer Häuptling, „die Wahrheit des zuerst Gesagten, aber nicht den Schluß anzuerkennen. Wenn Vich Alister More der Repräsentant des Herrn der Insel» zn sein wünscht, so mag er zuerst erweisen, daß sein Blut röthcr ist als das meine." „Das läßt sich bald versuchen," sagte Vich Alister More, indem er seine Hand auf den Kopf seines Degens legte. Lord Menteith warf sich zwischen Beide, indem er bat und flehte, ein Jeder möge sich erinnern, daß die Interessen Schottlands, die Freiheiten ihres Vaterlandes nnd die Sache ihres Königs in ihren Augen jeden persönlichen Streit über Abkunft, Rang oder Vortritt überlegen sein müßten. Mehrere Häuptlinge, welche die Ansprüche von Keinem jener Beiden anerkennen wollten, schritten ebenfalls zn demselben Zwecke ein, und Niemand mit mehr Nachdruck, wie der berühmte Ivan Dhu. „Ich bin von meinen See'n gekommen," sagte er, „wie ein Strom, der den Hügel hinabfließt, nicht um wieder heimzukehren, sondern um meinen Laus zu vollenden. Wir können Schottland oder dem König Karl nicht dienen, wenn wir unsere eigenen Ansprüche geltend machen wollen. Meine Stimme soll für den General sein, welchen der König ernennen wird nnd welcher ohne Zweifel die Eigenschaften besitzt, die zum Oberbefehl über Leute wie wir erforderlich sind. Er muß hochgeboren sein, sonst verlieren wir den Rang, wenn wir ihm gehorchen — er sei weise und geschickt, sonst bringen wir die Sicherheit unseres Volkes in Gefahr — er sei der Tapferste unter den Tapfer», sonst können wir unsere Ehre verlieren — er sei gemäßigt, fest nnd männlich, um uns vereint zu halten. Nur ein solcher Mann kann uns befehligen. Seid Ihr 122 lj vorbereitet, Thane von Menteith, uns zn sagen, wo ein solcher sich findet?" „Es gibt nur Einen, und hier steht er," sagte Allan Mac Aulay, indem er die Hand auf Andcrson's Schulter legte, welcher hinter Lord Menteith stand. Die allgemeine Ucberraschnng der Gesellschaft gab sich durch ein zorniges Gemurmel knnd, Anderson aber warf den Mantel zurück, worin er sein Gesicht verhüllt hatte, und trat mit folgenden Worten vor: „Es war nicht meine Absicht, ein schweigender Zuschauer dieses aufregenden Auftritts zn bleiben, obgleich mein hastiger Freund mich genöthigt hat, mich etwas früher, wie ich beabsichtigte,--zu entdecken. Ob ich die Ehre verdiene, welche mir dieses Pergament ertheilt, wird am besten ans demjenigen erhellen, was ich für des Königs Dienst zn thun vermag. Es ist ein Patent unter dem Staats- stcgel, an James Graham Grasen von Montrose als Befehlshaber der Streitkräfte ausgestellt, welche sich für den Dienst Sr. Majestät in diesem Königreich versammeln." Die Versammlung brach in lauten Beifall aus, auch gab cs wirklich keinen andern Mann, welchem sich in Bezug auf Rang die stolzen Bergbewohner untergeordnet haben würden. Seine tödtliche und durch Erbschaft überlieferte Feindlichkeit gegen den Marquis von Argyle bot eine Bürgschaft, daß er sich mit genügender Kraft am Kriege betheiligen werde, während seine wohlbekannten militärischen Talente und seine erprobte Tapferkeit jede Hoffnung gewährten, daß er einen günstigen Schluß desselben herbeiführen werde. Achtes Kapitel. Unsere Verschwörung ist eine so gute Verschwörung, wie jemals eine angelegt worden. Unsere Freunde sind treu und beständig — eine gute Verschwörung und gute Freunde und voll von Erwartung — eine ausgezeichnete Verschwörung, sehr gute Freunde. Heinrich IV. Theil I. Sobald der allgemeine Zuruf der Freude sich gelegt hatte, wurde Stillschweigen heftig verlangt, damit man die Vorlesung des königlichen Patentes vernehmen könne; die Muhen, welche die Häuptlinge bisher aui den Köpfen trugen, wahrscheinlich weil Keiner der Erste sein wollte, um sein Haupt zu entblößen, wurden jetzt auf einmal abgenommen, um das königliche Handschreiben zu ehren. Es war mit den bestimmtesten Ausdrucken und mit Uebertragung der weitesten Vollmacht ausgestellt, und ertheilte dem Grafen von Montrose das Recht, die bewaffneten Untcrthanen zu versammeln, um die gegenwärtige Rebellion niederzuschlagen, welche verschiedene Verräther und aufrührerische Personen gegen den König erhoben hätten, um sich ihrer Unterthanenpflicht, wie es dort hieß, zu entledigen und den Frieden zwischen beiden Königreichen zu brechen. Es befahl allen untergeordneten Personen, Montrose in seiner Unternehmung zu gehorchen und beizusteheu; es ertheilte ihm Gewalt, Ordonanzen und Proklamationen zu er- 124 lassen, Vergehen zu bestrafen, Verbrechen zn verzeihen, Gouverneure und Befehlshaber ein- und abznsetzen. Kurzum, cs war eine so ausgedehnte und weite Vollmacht, wie nur irgend ein Fürst einem Unterthan ertheilcn konnte. Sobald sie verlesen war, brachen die versammelten Häuptlinge in einen lauten Zuruf ans, um ihre bereitwillige Unterwerfung unter den Willen ihres Fürsten zn bezeugen. Montrose begnügte sich nicht allein, ihnen im Allgemeinen für einen so günstigen Empfang zn danken, sondern beeilte sich auch, sich an die Einzelnen zu wenden. Die wichtigsten Häuptlinge waren ihm schon lange persönlich bekannt, er führte sich aber auch bei denen von geringerer Bedeutung jetzt ein und erwies durch seine Bekanntschaft mit ihren bcsondern Benennungen sowie mit den Verhältnissen und der Geschichte ihrer Clans, daß erlange Zeit den Charakter der Bergbewohner studirt und .sich für seine jetzige Stellung vorbereitet hatte. Während er mit diesen Handlungen der Höflichkeit beschäftigt war, bot sein anmuthiges Wesen, sein ausdrnckvolles Antlitz und die Würde seiner Haltung einen auffallenden Gegensatz mit seiner groben und niedrigen Kleidung. Montrose besaß jene Art der Gestalt und der Gesichtszüge, in welcher der Beschauer beim ersten Blick nichts Außerordentliches sieht, die aber einen um so größeren Eindruck hervorruft, je länger man dieselben anblickt. Sein Wuchs reichte etwas weniges über die mittlere Größe,- sein Körper war aber ungewöhnlich gut gebaut und sowohl zur Aenßernng großer Kraft wie zu Ertragung vieler Strapazen geeignet; er besaß wirklich eine eiserne Leibesbeschaffenheit, ohne welche er die Prüfungen seiner außerordentlichen Feldzüge nicht hätte ertragen können, in denen erden Entbehrungen des gemeinsten Soldaten sich unterwarf; er war vollkommen in allen Körper-Übungen, sowohl friedlichen wie kriegerischen, und besaß deßhalb jene anmuthige Leichtigkeit der Haltung, welche denjenigen eigenthümlich ist, bei denen die Gewohnheit eine Gewandtheit in allen Stellungen hervorgerufen hat. Sein langes braunes Haar war nach der Gewohnheit der Leute von Stande unter den Royalisten gescheitelt und hing in langen Locken hinab, von denen eine, die um 3 oder 3 Zoll länger war wie die andern, derjenigen auch von Montrose angenommenen Mode entsprach, gegen welche der Puritaner Prynne eine Schrift unter dem Titel: „Die Unliebenswürdig- keit der Liebes locken" verfaßt hat. Die von diesen Locken umschlossenen Züge waren derjenigen Art, welche mehr Eindruck durch den Charakter des Mannes wie durch die Regelmäßigkeit der Gestalt erwecken, allein eine Adlernase, ein volles entschlossenes, offenes und schnelles graues Auge, sowie eine lebhafte Gesichtsfarbe glichen einige Rauheit und Unregelmäßigkeit in den untergeordneten Theilen des Gesichtes Wiederaus, so daß sich Montrose eher als ein Mann mit hübschen wie mit rauhen Gesichtszügen bezeichnen ließ. Diejenigen jedoch, welche ihn sahen, wenn seine Seele durch jene Augen mit aller Kraft und mit dem Feuer des höheren Geistes blickte — diejenigen, welche ihn mit der Ueberlegenheit der Talente und der Beredsamkeit der Natur reden hörten, erlangten sogar über seine äußere Gestalt eine weit günstigere Meinung, als wir nach den vorhandenen Porträts uns bilden dürfen. Solcher Art war wenigstens der Eindruck, den er bei den versammelten Häuptern der Bergbewohner hervorrief, ans welche die persönliche Erscheinung sowie auf alle Menschen in ähnlichem Zustande der Gesellschaft keinen geringen Einfluß übte. In den Verhandlungen, welche jetzt folgten, nachdem Montrvse sich entdeckt hatte, berichtete derselbe von den ver- schiedenen Gefahren, denen er bei seiner jetzigen Unternehmung ansgesetzt gewesen war. Zuerst hatte er versucht, im nördlichen England ein Corps Royalisten zu sammeln, von denen er erwartete, das; sie den Befehlen des Marquis von Newcastle gemäß nach Schottland marschiren wurden; jedoch die Abneigung der Engländer gegen die Überschreitung der Grenze und die Verzögerung des Grafen Antrim, welcher im Solway Frith mit einem irischen Heere hätte landen sollen, verhinderten die Ausführung dieser Absicht. Nachdem andere Pläne in gleicher Weise mißlungen waren, sah er sich zu einer Verkleidung gezwungen, um die Niederlande in Sicherheit durchreisen zu können, und erhielt dabei den gütigen Beistand seines Verwandten Menteith. Auf welche Weise Mac Aulay ihn hatte kennen lernen, konnte er nicht erklären. Diejenigen, welche AllanS Ansprüche ans prophetische Gaben kannten, lächelten geheimuißvvll; er selbst aber erwiderte nur, der Graf Montrose dürfe nicht erstaunen, wenn er Tausenden bekannt sei, an die er sich selbst nicht erinnern könne. „Bei der Ehre eines Cavaliers," sagte Kapitän Dalgetty, als er endlich eine Gelegenheit fand, auch seine Worte einzuschieben, „ich fühle mich stolz und glücklich, daß ich eine Gelegenheit erlangt habe, ein Schwert unter Eurer Lordschaft Befehl zu ziehen. Ich vergesse alle» Groll, Unzufriedenheit und Aerger gegen Herrn Mac Aulay, weil er mich gestern auf den niedrigsten Sitz an dem Tische führte. Gewiß hat er heute wie ein Mann gesprochen, der vollkommen über alle seine Sinne verfügt, so daß ich mich im Geheimen schon entschlossen hatte, er habe keinen Anspruch auf das Privilegium des Wahnsinns; da ich aber nur einem edlen Grafen, meinem zukünftigen Oberbefehlshaber, nachgestellt wurde, so erkenne ich die Gerechtigkeit des Vorzugs an', und begrüße von ganzem 127 Herzen Allan als Jemand, der ihm ein llueno vsmersSo sein wird." Nach dieser Rede, die wenig verstanden oder beachtet wurde, ergriff er Allans Hand, ohne seine Fechthandschuhe ansznzie- hen, und begann dieselbe mit Heftigkeit zu schütteln; Allan aber erwiderte den Druck mit einem Griff, welcher dem einer Schncidezange glich, und zwar mit solcher Kraft, dasi er die eisernen Schuppen des Handschuhs in die Hand von dessen Träger Hineintrieb. Kapitän Dalgctty hätte dieß vielleicht als eine neue Beleidigung ausgenommen, wäre nicht seine Aufmerksamkeit, als er schnaubend und das beschädigte Glied schüttelnd dastand, plötzlich von Montrose selbst in Anspruch genommen worden. „Hort die Nachricht," sagte derselbe, „Kapitän Dalgctty, die Irländer, welche von Euren militärischen Erfahrungen Nutzen haben sollen, sind nur noch wenige Stunden von uns entfernt." „Unsere Jägerbnrschen," sagte Angns Mac Aula», „welche ansgeschickt waren, um Wild für diese ehrenwcrthe Gesellschaft aufznbringcn» haben von einer Schaar Fremder gehört, welche weder Sächsisch noch reines Gälisch sprechen und sich den Landleuten nur mit Schwierigkeit verständlich machen konnten. Sie marschiren hieher in Waffen, wie es heißt, unter der Leitung von Allster Mac Donald, welcher gewöhnlich mit dem Namen des jungen Kolkitto bezeichnet wird." „Das müssen unsere Leute sein," sagte Montrose; „man muß ihnen eilig Boten entgegen senden, sowohl um ihnen als Führer zu dienen, wie auch um ihre Bedürfnisse zu befriedigen." „Das Letztere wird nicht leicht sein," sagte Angns Mac Aulay, „denn ich höre, daß sic mit Ausnahme einiger Musketen und sehr weniger Munition aller Dinge entbehren, welche 128 Soldaten haben sollten. Es fehlt ihnen hauptsächlich Geld, Schuh und Kleidung." „Es Hilst zu nichts, dies; so laut zu sagen. Die puritanischen Weber von Glasgow werden sie mit Tuch im Uebcrflus; versehen, wenn wir von den Hochlanden hinabgekommen sind; wenn die Pfarrer früher die alten Weiber der schottischen Städte mit so tiefer Rührung erfüllen konnten, das; sie sogar ihre Leinwand für Zelte der Bursche auf Dnnse-Law °) hergaben, so will ich versuchen, ob ich nicht auch ein wenig Ein- flus; habe, so das; ihre gottseligen Damen ihre patriotischen Gaben erneuen, und daß die spitzohrigen Schurken, ihre Ehemänner, den Beutel ziehen." „Und was die Waffen betrifft," sagte Kapitän Dalgetty, „wenn es Euer Lordschaft gefällig ist, einem alten Kavalier zu erlauben, daß er seine Ansicht ansspricht, so wäre meine Lieblingswaffe, wenn ein Drittel Musketen hat, für die klebrigen die Pike, sowohl um einen Reiterei-Angriff znrückznschla- gen, wie um die Infanterie zu durckbrechen. Ein gewöhnlicher Grobschmied kann täglich 100 Piken verfertigen; für die Schafte ist genug Holz hier vorhanden, und ich behaupte, daß ein starkes Bataillon von Pikcnieren, nach dem besten Kriegsgebrauch und in der Art des nordischen Löwe», des unsterblichen Gnstavus ausgestellt, die macedonische Phalanx schlagen würde, wovon ich im Marcschal-College zu lesen pflegte, als ich in der alten Stadt Aberdeen studirte. Und weiterhin möchte ich behaupten," — des Kapitäns Vorlesungen über Taktik wurden von Allan Mac Anlay unterbrochen, welcher hastig in die Rede fiel: „Platz für einen unerwarteten und unwillkommenen Gast!" ") Die Cvoenanter schlugen auf dem Dunfe-Law ISZg ihr Lager auf. 129 In demselben Augenblick öffnete sich die Thüre der Halle, nnd ein Mann mit grauen Haaren aber von stattlicher Gestalt erschien in der Versammlung. In seinem Wesen lag der Ausdruck von vieler Wurde uud sogar von höherer Macht. Sein Wuchs überstieg die gewöhnliche Größe, nnd seine Blicke bezeugten, daß er zu befehlen gewohnt war. Er warf einen strengen und beinahe finsteren Blick auf die Versammlung der Häuptlinge. Diejenigen von höherem Range gaben denselben mit verächtlicher Gleichgültigkeit zurück, jedoch einige Herren aus dem Westen von geringerer Macht sahen ans, als ob sie sich weit entfernt wünschten. „An welchen Herrn ans dieser Versammlung," fragte der Fremde, „habe ich mich als den Führer zu wenden? oder habt ihr noch nicht die Person bestimmt, welche ein wenigstens eben so gefährliches als ehrenvolles Amt einnehme» wird?" „Wendet Euch an mich, Sir Dnncan Campbell," sagte Montrose, indem er vortrat. „An Euch!" rief Sir Dnncan Campbell mit einiger Verachtung aus. „Ja, an mich," erwiderte Montrose, „an den Grafen Montrose, wenn Ihr ihn nicht vergessen habt." „Wenigstens jetzt," sagte Sir Dnncan Campbell, „würde ich ihn nur mit einiger Schwierigkeit in der Verkleidung eines Stallknechts erkannt haben, allein ich hätte errathen können, daß kein böser Einfluß, der geringer war wie der von Euer Lordschaft, — eines Mannes, der Israel verwirrt, — diese rasch gebildete Versammlung mißleiteter Personen hätte zusammenbringen können." „Ich will Euch," sagte Montrose, „nach dev Art von euch Puritanern die Erwiderung geben: Ich habe nicht Israel Sage von Mvntrose. g verwirrt, sondern du und deines Vaters Hans. Aber laßt einen Streit fallen, der für uns Beide allein von Wichtigkeit ist, und verkündet die Botschaft, die Ihr von Eurem Stamm- Haupt Argyle überbringt, denn ich muß schließen, daß Ihr m dessen Namen zu dieser Versammlung gekommen seid." „Es ist im Namen des Marquis von Argyle," sagte Sir Duncan Campbell, „im Namen der Convention der schottischen Stände, daß ich die Bedeutung dieser sonderbaren Versammlung zu wissen verlange. Bezweckt dieselbe den Frieden des Landes zu stören, so verfahrt ihr allein wie Nachbarn und Männer von Ehre, wenn ihr uns zn verstehen gebt, daß wir auf nuferer Hut sein müssen." „Es ist ein sonderbarer und neuer Zustand der Angelegenheiten in Schottland," sagte Montrose, indem er sich von Sir Duncan Campbell an die Versammlung wandte, „daß schottische Männer von Rang und Familie sich nicht in dem Hause eines gemeinschaftlichen Freundes versammeln können, ohne daß die Herren, die uns regieren, uns einen Besuch zur Untersuchung dessen, was wir treiben, und eine Botschaft übersenden, um den Zweck unserer Zusammenkunft zn erfahren. Mich däncht, unsere Vorfahren waren gewohnt, hochländische Jagden zu halten oder zn andern Zwecken znfammcnznkommen, ohne daß sie die Erlaubnis; des gewaltigen Mac Cullnm More selbst oder eines seiner Kundschafter oder Diener einholcn mußten." „So waren einst die Zeiten in Schottland," erwiderte einer der westlichen Häuptlinge, „und so werden sie wiederum sein, wenn diejenigen, welche sich in unsere Besitzungen eindrängten, wieder heruntergekommen sind zu dem Range der Gutsherren von Lochow, statt sich über uns wie ein Schwarm von gefräßigen Heuschrecken zu verbreiten." 131 „Gibt man mir also zu verstehen," fragte Sir Duncan, „das; diese Vorbereitungen nur gegen meinen Namen gerichtet sind, oder sott das Geschlecht der Diarmid mit der ganzen Masse der friedlichen und ruhigen Bewohner Schottlands zugleich leiden?" „Ich möchte," sagte ein Häuptling, der mit wildem Blicke plötzlich von seinem Sitze auffuhr, „eine Frage an den Ritter von Ardenvohr richten, ehe er in seinem verwegenen Katechismus fortfährt: — hat er mehr wie Ein Leben in dieß Schloß gebracht, daß er sich so unter uns eindrängt, um uns zu beleidigen?" „Ihr Herren," sagte Montrose, „ick bitte euch, haltet eure Hitze znriick; ein Bote, welcher zum Zweck der Gesandtschaft zu uns kommt, besitzt ein Recht auf Freiheit der Rede und auf ein sicheres Geleit. Und da Sir Duncan Campbell uns so drängt, so ist mir nichts daran gelegen, ihn hier zu benachrichtigen, damit,er sich darnach richten kann, daß er sich in einer Versammlung der loyalen Unterthanen des Königs befindet. Dieselbe ist von mir im Namen und mit der Vollmacht Seiner Majestät znsammenberufen worden, denn Seiner Majestät königliches Patent hat mir die Gewalt dazu erthcilt." „Wir haben also, wie ich vermuthe, einen Bürgerkrieg in aller Form," erwiderte Sir Duncan Campbell, „ich bin zu lange Soldat gewesen, um dessen Annäherung mit Angst zu erwarten; ich hätte jedoch im Interesse der Ehre von Lord Montrose gewunsckt, daß er bei dieser Angelegenkeit weniger seinem eigenen Ehrgeiz gefolgt wäre und den Frieden des Landes mehr in Betracht genommen hätte." 9 * 132 „Diejenigen zogen nur ihren Ehrgeiz und Eigennutz in Betracht, Sir Dnncan," antwortete Mvntrosc, „welche ihr Vaterland in den Zustand brachten, worin es sich jetzt befindet und worin die scharfen Mittel nothwendig geworden sind, die wir nur mit Widerstreben zu gebrauchen im Begriff stehen." „Und welchen Rang sollen wir unter diesen nach Selbst- Hülse greifenden Herren," fragte Sir Dnncan, „einem edlen Grafen zuweisen, welcher zum Coocnant eine so leidenschaftliche Anhänglichkeit hegte, daß er der Erste war, 1639 die Tyne zu überschreiten, indem er an der Spitze seines Regiments bis zur Mitte seines Körpers den Fluß durchwatete, um die königlichen Truppen anzugreifen; es war derselbe, wie ich glaube, welcher den Covenant den Bürgern und Collegien von Aberdeen mit der Spitze des Schwertes und der Pike aufdrang." „Ich verstehe Euren Hohn, Sir Dnncan," sagte Montrose mit Mäßigung; „ich kann nur hinzufügen, daß ich für die von Euch mir vorgcworfenen Verbrechen Verzeihung erlangen werde, wenn aufrichtige Reue einen jugendlichen Jrrthnm büßen kann, in welchen ich durch Nachgiebigkeit gegen die listigen Vorstellungen ehrgeiziger Heuchler verfiel. Ich werde mich wenigstens bemühen, die Verzeihung zu verdienen; denn ich bin hier mit dem Schwert in der Hand, und entschlossen, das beste Blut meines Leibes zu vergießen, um meinen Jrrthnm zu büßen; der sterbliche Mensch kann nicht mehr thun." „Wohlan, Mylord," sagte Sir Dnncan, „cs thut mir Leid, solche Worte dem Marquis von Argyle berichten zu müssen; ich habe mich eines weiteren Auftrages zu entledigen, daß der Marquis, um die blutigen Fehden zu vermeiden, welche einen hochländischen Krieg stets begleiten, zufrieden sein wird, wenn 133 sich die Verträge eines Waffenstillstandes für das Land nördlich von der Grenzlinie der Hochlande abschliesien läßt. Boden genug, um darauf zu kämpfen, ist in Schottland vorhanden, ohne daß die Nachbarn ihre Familien und ihr Erbe einander zerstören." „Ein friedlicher Vorschlag," sagte Montrose lächelnd, „wie er sich von Jemand erwarten läßt, dessen persönliche Handlungen stets friedlicher waren als seine Maßregeln. Wenn jedoch die Bedingungen eines solchen Waffenstillstandes sich auf billige Weise für beide Thcile festfetzen lassen, und wenn wir Sicherheit erhalten können, — denn diese, Sir Dnncan, ist durchaus nothwendig — daß Euer Marquis diese Bedingungen genau einhalten wird, so wäre ich für meinen Theil zufrieden, den Frieden in meinem Rücken znrückznlassen, da wir den Krieg vor uns hertragen müssen. Aber Sir Dnncan, Ihr seid für uns ein zu alter und erfahrener Soldat, als daß wir Euch erlauben sollten, lang in unserem Lager zu bleiben, und Zeuge unseres Verfahrens zu sein; wir werde» Euch deß- halb, sobald Ihr Euch erfrischt habt, eine eilige Rückkehr nach Jnverary anempfehlen und von unserer Seite einen Herrn mit Euch absenden, um über die Bedingungen eines Waffenstillstandes in den Hochlanden übereinznkommen, im Fall es dem Marquis Ernst sein sollte, auf solch eine Maßregel einzn- gehen." Sir Dnncan Campbell gab durch eine Verbengnng seine Einwilligung. „Mylord von Menteith," fuhr Montrose fort, „haben Sic die Güte, Sir Dnncan Campbell von Ardenvohr Gesellschaft zu leisten, während wir bestimmen werden, wer denselben auf seiner Rückkehr zu seinem Häuptling begleiten soll. Mac Aulay wird uns die Bitte erlauben, ihn mit passender Gastfreundschaft zu bewirthen." 134 „Ich werde demgemäß Befehl ertheilen," sagte Allan Mac Aulay, indem er aufstand und vortrat; „ich liebe Sir Dnncan Campbell; wir waren in früheren Tagen Leidensgefährten, nnd jetzt vergesse ich solches nicht." „Mylord von Mentcith," sagte Sir Dnncan Campbell, „es thut mir Leid, sehe ich Euch in so früher Jngcnd als Theil- nehmer an so verzweifelter Rebellion." „Ich bin jung," erwiderte Mentcith, „jedoch alt genug, um den Unterschied zwischen Recht und Unrecht, zwischen Legalität und Rebellion zu erkennen; je früher eine gute Laufbahn betreten wird, desto länger und besser ist die Aussicht, welche dieselbe darbietet." „Und auch Ihr, mein Freund, Allan Mac Anlay," sagte Sir Dnncan, seine Hand ergreifend, „müssen wir uns auch einander Feinde nennen, wir, die wir so oft gegen einen gemeinsamen Feind versammelt waren?" Dann wandte er sich zur Versammlung mit den Worten: „Lebt wohl, ihr Herren, cs sind so Viele unter euch, denen ich Gutes wünsche, daß die Zurückweisung jeder Vermittlung mich tief bekümmert. Möge der Himmel," schloß er seine Anrede, indem er aufwärts blickte, „zwischen unfern Beweggründen und denjenigen der Männer entscheiden, welche diesen Bürgerkrieg erregten!" „Amen," sagte Montrose, „diesem Gericht unterwerfen wir uns Alle." Sir Dnncan Campbell verließ die Halle von Allan Mac Anlay nnd Lord Mentcith begleitet. „Dort geht ein wahrer Campbell," sagte Montrose, als der Abgesandte sich entfernt hatte, „sie sind sämmtlich falsch." „Verzeiht mir, Mylord," sagte Evan Dhu, ich hege zwar eine ererbte Feindschaft gegen ihre» Namen, habe aber stets 135 erkannt, daß der Ritter von Ardenvohr tapfer im Kriege, ehrlich im Frieden »nd wahrhaftig im Rathe mar." „Das ist er ohne Zweifel nach seinem eigenen Charakter, er handelt aber jetzt als das Organ oder das Mundstück seines Häuptlings," sagte Montrose, „des Marquis und des falschesten Mannes, welcher jemals athmete. Mac Aulay," fuhr er leise fort, indem er sich an seinen Wirth wandte, „sendet doch eine Musik in ihr Zimmer, damit er nicht einigen Eindruck auf die Unerfahrenheit von Menteith oder den eigenthüm- lichen Charakter Eures Bruders macht; verhindert durch Musik/ daß er sich mit ihnen in eine genauere Unterhaltung cinläßt." „Ich habe keinen Musikanten," erwiderte Mac Aulay, „mit Ausnahme meines Dudelsackpfeifers, der sich beinahe die Lunge zersprengt hat, weil er sich in einen ehrgeizigen Wettstreit hinsichtlich der Ueberlegenheit mit Dreien seines Gewerbes eingelassen hat; ich kann aber Annvt Lylc mit der Harfe schicken." Mit den Worten verließ er die Hatte, um demgemäß Befehle zu ertheilen. Mittlerweile wurde eine lebhafte Verhandlung über die Person dessen gepflogen, welcher den gefährlichen Auftrag, sich mit Sir Duncan nach Jnverary zu begeben, ansführen sollte. Den höheren Würdeträgern, welche sich als auf gleichem Fuße mit Mac Cuttum More stehend betrachteten, konnte dieser Auftrag nicht erthcilt werden, und für Andere, welche nicht dieselbe Entschuldigung Vorbringen konnten, war er gänzlich unannehmbar. Man hätte glauben sollen, Jnverary sei das Reich der Todteuschatten; einen solchen Widerwillen zeigten die untergeordneten Häuptlinge gegen die Aussicht, sich demselben zu nähern. Nach langem Bedenken wurde endlich der klare Grund ausgesprochen, nämlich jeder Hochländer, welcher einen dem Marquis so widerwärtigen Auftrag übernehmen würde, 136 könne sich darauf verlassen, daß derselbe die Beleidigung im Gediichtniß behalten und früher oder später ihm Veranlassung zu bitterer Rene geben werde. In dieser Verlegenheit beschloß Montrose, welcher den vorgeschlagenen Waffenstillstand als eine bloße Kriegslist von Seiten Argyle's betrachtete, obgleich er es nicht wagte, denselben in Gegenwart derer geradezu abzuweisen, welche dabei so nahe bethciligt waren, die Gefahr und Würde dem Kapitän Dalgetty zu übertragen, welcher weder einen Stamm, noch ein Gut in den Hochlanden besaß, gegen welches der Grimm von Argyle sich hätte anslassen können. „Ich habe aber einen Hals," sagte Dalgetty, „und was Hab' ich davon, wenn er seine Rache an demselben ausläßt? ich kenne aber einen Fall ans eigener Erfahrung, worin ein ehrenwerther Gesandter als Spion gehenkt wurde. Auch behandelten die Römer die Gesandten nicht besser bei der Belagerung von Capna, obgleich ich gelesen habe, daß sie denselben nur die Hände und Nasen abschnitten, die Angen ausrissen und sie so in Frieden ziehen ließen." „Bei meiner Ehre, Kapitän Dalgetty," sagte Montrose, „sollte der Margnis dem Kriegsgebrauch entgegen eine Scheußlichkeit gegen Euch zu üben wagen, so verlaßt Euch darauf, daß ich eine furchtbare Rache nehmen werde, von welcher ganz Schottland erschallen soll." „Das wird jedoch Dalgetty wenig zu Gute kommen," erwiderte der Kapirän, „aber coraron! wie der Spanier sagt. Mit dem gelobten Lande in Aussicht, ich meine das Moor von Drumihwaket, mea paupers regns, wie wir in Mareschal- College zu sagen pflegten, will ich Ener Excellenz Auftrag nicht znrückweisen, denn ich bin mir bewußt, daß es einem Cavalier von Ehre geziemt, den Befehlen seines Commandan- ten, sowohl dem Galgen, wie dem Degen zum Trotz, zu gehorchen." „Ein tapferer Entschluß," sagte Montrose, „und wenn Ihr mit mir bei Seite gehen wollt, so will ich Euch die Mac Cullnm More zu machenden Bedingungen mittheilcn, unter welchen wir ihm einen Waffenstillstand für seine Besitzungen im Hochlande gewähren wollen." Wir wollen den Leser mit Angabe derselben nicht belästigen. Sie waren ausweichender Art und darauf berechnet, einen Vorschlag zu vereiteln, von welchem Montrose glaubte, daß er allein, um Zeit zu gewinnen, ihm gemacht werde. Als er dem Kapitän Dalgetty seine Instruktion vollständig erthcilt hatte, und als dieser würdige Mann, seinen militärischen Gruß abstattcnd, schon dicht an der Thür des Gemaches stand, machte ihm Montrose ein Zeichen wieder vorzutreten. „Ich brauche wohl nicht," sagte er, „einen Offizier, der unter dem großen Gustav Adolph gedient hat, daran zu erinnern, daß von einer als Unterhändler abgcschickteu Person etwas mehr wie eine bloße Ausführung der Instruktion verlang! wird, und daß der General bei seiner Wiederkehr einigen Bericht über den Zustand des Feindes erwarten kann, soweit derselbe sich von ihm beobachten ließ, kurz, Kapitän Dalgetty, seid un pou clsirvoxsnt." „Aha, Euer Excelleuz," sagte der Kapitän, indem er seinen groben Gesichtszügcu einen unnachahmlichen Ausdruck von Verständigkeit und List aufzwang, „wenn man mir nicht meinen Kopf in einen Sack steckt, wie ich schon weiß, daß man mit ehreuwerthen Soldaten verfuhr, bei welchen man solche Zwecke, wie die erwähnten, beargwöhnte, so kann sich Eure Excellenz auf eine genaue Erzählung Alles dessen verlassen, was Dngald Dalgetty gehört oder gesehen hat, wäre es auch 138 nur, wie viel Noten in Mac Cnllnm More's Schlachtlied, oder wie viel Schachbrettfelder sich in seinem Mantel und Rock befinden." „Genug," erwiderte Montrose, „lebt wohl, Kapital! Dal- getty; wie man sagt, daß ein Franenzimmerbrief die wicbtig- stcn Sachen in der Nachschrift enthält, so wünschte ich auch, daß Ihr dasjenige, was ich Euch zuletzt sagte, für den wichtigsten Thcil Eures Auftrags haltet." Dalgctty gab wiederum durch eine Fratze sein Verständnis; zu erkennen, und entfernte sich, um sein Pferd und sich selbst für die Strapazen seiner bevorstehenden Mission zu stärken. An der Thüre des Stalles (Gustavns nahm immer zuerst seine Sorgfalt in Anspruch) begegnete er Angns Mac Aulay und Sir Miles Musgrave, welche Beide sein Pferd sich angesehen hatten; Beide priesen dessen Glieder nnd Haltung, und riethen zugleich in starken Ausdrücken dein Kapitän, ein Thier von solchem Werth nicht auf seine mühevolle Reise mitzu- nebmen. Angns malte mit erschreckenden Farben die Straßen, oder vielmehr die wilden Fußwege, ans denen er nach Argyleshire reisen müßte, sowie die elenden Hütten und Schoppen, worin er die Nacht znznbringen habe, nnd wo er sich für sein Pferd kein Futter verschaffen könne, wenn dasselbe nicht die Stengel von altem Heidekraut fressen könne. Kurz, er erklärte es für durchaus unmöglich, daß jenes Thier nach einer solchen Pilgerfahrt für militärischen Dienst sich noch eignen würde. Der Engländer bestätigte in starken Ausdrücken Alles, was Angns sagte, und schwur, der Teufel möge ihn mit Leib und Seele holen, wenn er es nicht beinahe für unbedingten Mord hielte, daß man ein Pferd von Werth eines Hellers in solch eine wüste und ungastliche Einöde führe. Kapitän Dalgctty schaute. einen Augenblick mit festem Ange zuerst ans den einen, und dann ans den andern Herrn, und fragte sie dann, als sei er unentschlossen, was sie ihm unter solchen Umstanden mit Gn- stavus anznfangcn rathen würden. „Bei der Hand meines Vaters, mein theurer Freund,'' erwiderte Mac Anlay, „wenn Ihr das Thier meinem Gewahrsam übergebt, so könnt Ihr Euch darauf verlassen, daß ich es seinem Werth und seiner Trefflichkeit gemäß werde füttern und abgesondert warten lassen, und daß Ihr es bei Eurer Widerkehr so glatt finden werdet, wie eine in Butter gekochte Zwiebel." „Oder," sagte Sir Miles Mnsgrave, „wenn dieser würdige Cavalier sich lieber für eine vernünftige Summe von seinem Streitroß trennen will, so langt mir noch ein Thcil der silbernen Leuchter im Garne meiner Börse, ich werde denselben sehr gern in die seinige übertragen." „Kurzum, meine ehrcnwerthe Freunde," sagte Kapitän Dal- getty, indem er sie wiederum mit dem Ausdruck komischen Scharfsinns anblickte, „ich finde, daß es Jedem von euch nicht unangenehm sein würde, ein Andenken an den alten Soldaten zu besihen, im Fall Mac Cnllnm More ans den Einfall kommen sollte, ihn am Thore seines Schlosses aufzuhängen, und ohne Zweifel wäre es bei solchem Ereignis; für mich keine geringe Genugthunng, wenn ein edler nnd loyaler Cavalier, wie Sir Miles Mnsgrave, oder ein würdiger und gastfreundlicher Häuptling, wie unser ausgezeichneter Wirth, mein Testamentsvollstrecker sein würde." Beide beeilten sich, Protest cinzulegen, daß sie keinen solchen Zweck hätten, und beriefen sich wieder auf den unzugänglichen Zustand der hochländischen Wege. Angns Mac Au- lay murmelte eine Anzahl schwer auszusprechender galischer 140 Namen, welche die schmierigen Pässe, Abgründe, Hohlwege und Höhen bezeichnet«!, über welche die Straße nach Jnvcrary führte; der alte Donald, der jetzt eingetrcten war, bestätigte den Bericht seines Herrn über diese Schwierigkeiten durch Ausstrecken seiner Hände, durch das Emporhebcn der Augen und das Schütteln des Kopfes bei jedem Gaumlaut, welchen Mac Aula>) anssprach. Aber Alles dieß rührte nicht den unbeugsamen Kapitän. „Meine würdigen Freunde," sagte er, „Gustavus ist kein Neuling in den Gefahren des Reifens; und die böhmischen Berge (ich will damit nicht die Schluchten und Höhen herab- schen, welche Herr Angns gütigst erwähnte, und deren Schrecken Sir Miles, welcher sie niemals sah, bestätigt hat), diese Berge können mit den elendesten Straßen Europa's wetteifern. Mein Pferd hat wirklich einen ausgezeichneten und geselligen I Charakter; es kann mir zwar nicht in meinem Becher Bescheid thnn, aber wir theilen unter uns unser Brod, und es wird schwerlich Hunger leiden, wo man Haferknchen und Haferbrei vorfindet; um diese Angelegenheit kurz abzumachen, so ersuche ich Euch, guten Freunde, den Zustand von Sir Duncans Pferd zu beobachten, welches fett und schön im Stalle vor uns steht. Um Euch eure Aengstlichkeit um meinetwillen zu vergelten, so gebe ich Euch meine ehrliche Versicherung, daß sowohl dieses Pferd wie sein Reiter eher Mangel an Nahrung haben werden, wie Gustavus oder ich." Nachdem er dieses gesagt hatte, füllte er ein großes Ge- traidemaß mit Korn und ging damit zu seinem Pferd, welches » durch leises Wiehern, durch das Spitzen der Ohren und durch Scharren mit den Vorderfüßen ein Zeugniß über die enge Verbindung gab, welche zwischen ihm und seinem Reiter bestand. Auch fraß Gustavus nicht eher von dem Korne, als bis er die 141 Liebkosungen seines Herrn zurückgegebcn hatte, indem er dessen Hände und Gesicht beleckte. Nach diesem Austausch des Grußes begann das Pferd seinen Proviant mit einer eifrigen Eile zu fressen, welches seine alten militärischen Gewohnheiten erwies; der Herr aber blickte das Thier mit großer Zufriedenheit ungefähr fünf Minuten an und sagte dann: „es wird deinem ehrlichen Herzen, Gustavus, viel Gutes thun; jetzt muß ich aber gehen und für mich selbst Proviant zum Feldzuge einnehmen." Alsdann ging er fort, nachdem er zuvor den Engländer nnd Angns Mac Aulay begrüßt hatte, die einige Zeitlang schweigend einander ansahen und dann in ein lautes Gelächter ausbrachen. „Der Kerl," sagte Sir Miles Musgrave, „ist gemacht, um sich durch die ganze Welt zu helfen." „Das glaube ich auch," sagte Mac Aulay, „wenn er durch Mac Cullum More's Finger so leicht wie durch die unsrigen schlüpft." „Glaubt Ihr denn," fragte der Engländer, „daß der Marquis an Kapitän Dalgetty's Person die Gesetze des civilisirten Krieges nicht beachten wird?" „Nicht mehr, wie ich eine Proklamation des Niedcrlandes achten würde," sagte Angns Mac Aulay; „aber kommt, es ist Zeit, daß ich zu meinen Gästen znrückkehre." Neuntes Kapitel. In einem Aufstand, wo nicht milde Sitte, Wo nur Gewalt sich als Gesetz bewährt. Sind solche Leut' am Platz; in befsirer Stunde Wird Milde gern gesehn und Jener Macht Sogleich beseitigt. CoriolanuS. In einem kleinen von den übrigen Gästen des Schlosses entfernten Gemache wurde Sir Dnncan mit jeder Art Erfrischung bedient, wobei Lord Menteith und Allan Mac Aulay ihm achtungsvoll Gesellschaft leisteten. Sein Gespräch mit dem Letzteren betraf einen der Jagd ähnlichen Feldzng, an welchem sie zusammen gegen die Kinder des Nebels Theil genommen hatten, denn der Ritter von Ardenvohr, ebenso wie die Mac Anlays standen mit denselben in tödtlicsier und unversöhnlicher Fehde. Sir Duucan jedoch bemühte sich bald, das Gespräch auf den Gegenstand seiner gegenwärtigen Sendung nach dem Schlosse Darnlinvarach zu lenken. „Es thut mir innig leid," sagte er, „daß Freunde und Nachbarn, die Schulter an Schulter stehen sollten, sich Hand gegen Hand in eine Sache einlaffen, welche sie so wenig angeht. Was ist den hochländischen Häuptlingen daran gelegen, ob König oder Parlament die Oberhand bekömmt? Ist es nicht besser für sie, daß sie ihre eigenen Streitigkeiten ohne fremde Dazwi- 143 schenkunft ansmachen, und daß sie mittlerweile die Gelegenheit benutzen, um ihr eigenes Ansehen zu begründen, damit König und Parlament es nachher nicht mehr in Frage stellen können?" Er erinnerte Allan Mac Anlay an den Umstand, daß die zur Herstellung des Friedens in den Hochlanden angewandten Maßregeln in Wirklichkeit gegen die patriarchalische Gewalt der Häuptlinge gerichtet waren; er erwähnte die berühmte Niederlassung der sogenannten fünf Unternehmer unter den Lewis, als den Theil eines Planes, um Fremde unter die lettischen Stämme einzuschwärzen, um so allmälig deren alte Sitten und Regiernngsweise zu untergraben und sie des Erbes ihrer Väter zn berauben ch. „Und dennoch," fuhr er fort, indem er sich an Allan wandte, „stehen so viele hochländische Häuptlinge im Begriff, eine Fehde mit ihren Nachbarn, Verbündeten und alten Freunden zu beginnen und das Schwert gegen sie zu ziehen, um dem Fürsten, der solche Plane hegte, despotische Gewalt zu ertheilen." „Der Ritter von Ardenvohr," sagte Allan, „muß an meinen Bruder, den ältesten Sohn ans meines Vaters Hause diese Vorstellungen richten. Ich bin allerdings der Bruder von Angns, aber eben deßhalb bin ich nur der Erste seiner D Während der Regierung Jakob VI. wurde ein etwas sonderbarer Versuch gemacht, den äußersten Norden der hebridischen Inseln zu civiNsircn. Jener Fürst übertrug das Eigenthum der Insel LewiS, alS liege dieselbe in einem unbekannten und wilden Lande, einer Anzahl von Niederländern, die hauptsächlich ans der Grafschaft Fife stammte» und mit dem Namen Unternehmer bezeichnet wurden. Die Nebcrtra- gung geschah, damit sie dort kolonisirten und eine Niederlassung bildeten. Das Unternehmen hatte zuerst Erfolg, allein die Eingebornen der Insel, die Mac LeodS und Mac KenzieS machten einen Aufstand gegen die Niederländer, worin die meiste» derselben zu Grunde gingen. 144 Clansleute und verbunden, den Andern durch feurigen und bereitwilligen Gehorsam gegen seine Befehle ein Beispiel zu geben." „Auch ist die Streitsache," sagte Lord Mentcith in das Gespräch fallend, „weit allgemeiner, als es Sir Dnncan Campbell zu glauben scheint; sie ist nicht auf Sachsen oder Galen, ans Berge oder Thäler, auf Hochlande oder Niederlande beschränkt, es handelt sich darum, ob wir uns durch die unbeschränkte und angemaßte Gemalt einer Anzahl von Personen regieren lassen wollen, die in keiner Hinsicht höher stehen, wie wir, statt zur natürlichen Regierung des Fürsten zurückzukehren, gegen welchen dieselben sich empört haben. In Bezug ans das besondere Interesse der Hochlande," fügte er hinzu, „bitte ich Sir Dnncan Campbell um Verzeihung wegen meiner Offenheit; es scheint mir aber sehr klar zu sein, daß die einzige Wirkung der gegenwärtigen Usurpation in der Vergrößerung eines zu mächtigen Stammes auf Kosten jedes unabhängigen Häuptlings in den Hochlanden sein wird." „Ich will Euch nicht antworten, Mylord," sagte Sir Dnncan Campbell, „denn ich kenne Eure Vorurthcile, und ich weiß, von wem Ihr sie entlehnt habt; verzeiht mir aber, wenn ich Euch sage, da Ihr an der Spitze einer Linie des Hauses Graham steht, welche ^in Nebenbuhler der andern ist, daß ich von einem Grafen Menteith gelesen und einen solchen gekannt habe, der es verachtet haben würde, in der Politik sich von einem Grafen Montrose leiten oder im Kriege befehligen zu lassen." „Eure Bemühung, Sir Dnncan, ist vergeblich," sagte Lord Menteith mit Stolz, „meine Eitelkeit gegen meine Ueberzeugung anfzureizen. Der König gab meinen Ahnen Titel und Rang; dieselben werden mich niemals abhalten, in der königlichen 145 Sache unter der Führung eines Andern zu handeln, welcher sich besser wie ich znm Oberbefehlshaber eignet; am wenigsten aber soll eine elende Eifersucht ein Hindernis; bieten, um meine Hand und Kleinen Degen unter die Leitung des Tapfersten, des Loyalsten und Heldenmüthigsten in nuferem schottischen Adel zu stellen." „Wie Schade," sagte Sir Dnncan Campbell, „daß Ihr zu dieser Lobrede nicht die ferneren Bciworte des Standhaftesten und Conscgucntesten hinzufügen könnt. Allein cs ist nutzlos, diese Punkte mit Euch zu verhandeln, Mylord;" (er machte eine Handbcwcgung, als wolle er weitere Verhandlungen vermeiden;) „die Würfel sind von Euch geworfen. Erlaubt mir nur, daß ich meine Betrübnis; über das unheilvolle Schicksal ansspreche, zu welchem die entsetzliche Raschheit des Angus Mac Aulay und Eurer Lordschaft Einfluß meinen tapferen Freund Allan mit seines Vaters Stamm und außerdem noch mit manchem tapferen Manne fortreißt." „Die Würfel sind für uns sämmtlich geworfen," sagte Allan mit finsteren Blicken, indem er seinen düsteren Gefühlen gemäß redete; „die eiserne Hand des Schicksals brandmarkte unsere Stirn mit dem uns beschicdenen Loose, lange bevor wir einen Wunsch uns bilden, oder einen Finger unsertwegen erheben konnten. Durch welche Mittel vermöchte sonst ein Seher die Zukunft aus jenen schattenhaften Vorbedeutungen und Bildern zu erkennen, die sein wachendes und schlafendes Auge quälen? Nichts kann vorhergesehe» werden, als dasjenige, was sich gewiß ereignen wird." Sir Dnncan Campbell war im Begriff zu antworten, und der dunkelste, sowie der am meisten bestrittene Satz der Metaphysik konnte zur Verhandlung zwischen den zwei Hochländern kommen, als die Thür sich öffnete nnd Annot Lyle miß Sage von Montrvse. 10 146 der Harfe in der Hand in's Zimmer trat. Die Ungezwungen- heit eines hochländischen Mädchens lag in ihrem Schritt nnd in ihren Blicken; da sie im engsten Verkehre mit dem Gutsherrn von Mac Aulay und seinem Bruder, mit Loi^> Menteith und andern jungen Leuten aufcrzogen mar, welche Darnlinva- rach zu besuchen pflegten, so besaß sie nickt die Blödigkeit, die eine unter ihrem eigenen Geschlecht hauptsächlich auferzogene junge Dame bei ähnlicher Gelegenheit gefühlt haben würde, oder wenigstens für nothwendig gehalten hätte, äußerlich zu zeigen. Ihre Kleidung war etwas alterthümlich, denn neue Moden drangen selten in die Hochlande, und hätten auch nickt leicht Eingang in ein Schloß finden können, welches hauptsächlich von Männern bewohnt wurde, deren einzige Beschäftigung in Krieg und Jagd bestand. Annots Kleidung war jedoch nicht allein schicklich, sondern auch prachtvoll. Ihr offenes Mieder mit hohem Halskragen bestand ans blauem, reich gesticktem Tuch, nnd hatte zur Befestigung silberne Schnallen, wenn es der Dame gefiel, solche zu tragen. Die Aermel, welche weit waren, reichten nur bis an den Ellbogen und endeten mit einer goldenen Franse. Unter diesem Oberkleid, wenn man es so nennen will, trug sie ein unteres Mieder von blauem, ebenfalls reich gesticktem Atlas, dessen Farben jedoch etwas Heller waren, als die des Oberkleides; ihr Rock bestand aus gewürfelter Seide, in dessen Muster die blaue Farbe hauptsächlich vorherrschte, so daß der grelle Eindruck dadurch beseitigt wurde, welcher in dem gewürfelten Kleide der Schotten durch die Mischung und den starken Gegensatz der Farben zu häufig hervvrgebracht wird. Eine alte silberne Kette hing ihr um den Hals und hielt den Schlüssel, womit sie ihr Instrument stimmte; ein kleiner, gefältelter Streifen erhob sich über 147 ihren Halskragcn und wurde durch eine Brosche von einigem Werth festgehalten, einem alten Geschenk von Lord Mentcith. Ihre üppigen, Hellen Locken verbargen beinahe ihre lachenden Augen, als sie mit einem Lächeln und Erröthen bemerkte, Mac Aulay habe ihr aufgetragen, sie zu fragen, ob sie Musik zu hören wünschten. Sir Dnncan Campbell blickte mit beträchtlicher Ueberraschung und Theiluahme ans die liebenswürdige Erscheinung, welche so seine Verhandlung mit Allan Mac Anlay unterbrach. „Kann dies; Mädchen," fragte er mit leisem Tone, „ein so schönes und zierliches Geschöpf, als Harfenspielerin zur Dienerschaft Eures Bruders gehören?" „Durchaus nicht," erwiderte Allan hastig; dann bemerkte er mit einigem Stottern: „sie ist eine — eine — nahe Verwandte unserer Familie und wird," fügte er mit mehr Festigkeit hinzu, „als eine Adoptivtochter vom Hause unseres Vaters behandelt." Als er dies; sagte, erhob er sich von seinem Sitze und überließ denselben der Annot mit jenem höflichen Wesen, welches jeder Hochländer, wenn er will, annehmen kann; zugleich bot er ihr alle Erfrischungen, die der Tisch gewährte, mit einer Emsigkeit an, welche wahrscheinlich darauf berechnet war, Sir Dnncan einen Eindruck von ihrem Rang und ihrer Bedeutung mitzntheilen. War dies; jedoch der Fall, so war es unnöthig- Sir Duncan hielt seine Blicke auf Annot mit einem Ausdruck weit tieferer Theiluahme geheftet, als ein solcher ans dem Eindruck, sie sei eine Person von Wichtigkeit, hätte entstehen können ; Annot sogar fühlte Verlegenheit bei des alten Ritters unverwandtem Anschauen; erst nach beträchtlicher Unschlüssig- keit stimmte sie ihr Instrument und begann ans einen Blick 10 * 148 der Beistimlmilig von Lord Menteith und Allan eine Ballade, von welcher wir eine gereimte Uebersetzung hier mitthcilen. Des Herbstes .Hagelwolke schwand, Der Sonne letztes Glnh'n' Schien auf des Schlosses graue Wand, MS dort die Dam' erschien. Die Waise saß am Eichcnbanm; Nackt war der Fuße Paar, Der Hagel war geschmolzen kaum In ihrem Nabenhaar. „Oh, Dame," sprach sic, „bei dem Band, Das Kind und Mutter eint, Hilf mir, die nimmer es gekannt, Die hier als Waise weint." Die Dame sprach: „Wer mutterlos, Muß hartes Leid ertragen; Doch schlimmer ist der Wittwen Looö, Die Mann und Kind beklagen. „Zwvlfmal entrollte schon das Jahr, Seit mir bei Noth und Drang — Ich floh vor wilder Feinde Schaar — Mein Kind im Forth ertrank." „Zwölf Jahre sind entrollt," so sprach Die Waise, „seit gespannt Sin Netz war am Brigitta-Tag, Bei Campste'S Felsenwand. „Und Sanct Brigitta sandte dann, Statt Fische zu erseh'n, Ein Kind, das so dem Tod entrann, Um Brod von euch zu fleh'»." Die Dame küßte drauf die Maid, „Du bist des Gatten Bild, Die Hcil'gc sei gebenedci't! Dein ist des Elans Gefild." Man kleidet, als erkannt cs war, Das blasse Kind in Seide, Und statt des Hagels glänzt im .Haar Bon Perlen ei» Geschmeide'D. Während des Gesanges bemerkte Lord Menteith mit einiger Ueberraschimg, daß derselbe einen weit tieferen Eindruck ") Für die Bewunderer des rein celtischen Alterthums fügen wir hier eine wörtliche Nebcrsctznng des galischcn Originals hinzu. „Der Hagclsturm war hinweggctriebcn ans de» Schwingen dcö Hcrbst- windes, die Sonne blickte aus den Wolken blaß wie der verwundete Krieger, welcher seine» Kopf schwach von der -Heide cmpvrhebt, wenn das Getöse des Kampfes über ihn hinweggegangcn ist, Finele, die Dame des Schlosses, kam hervor, »I» ihre Mägde mit den Milcheimern zu den Kuhhccrden gehen zu sehen. Ein verwaistes Mädchen saß unter dem alten Eichbaum. Die verwelkten Blätter fielen um sic her und ihr Herz war verwelkter als sic. Der Batcr des EiseS (poetischer Ausdruck für den Frost) hielt noch die Hagelkörner in ihrem Haar gefroren; sie glichen den Flecken weißer Asche auf den gekrümmten und schwarzen Zweigen des halbverbranntcn Eichenholzes, welches auf dem Kami» der Halle glüht, lind das Mädchen sagte: „gebt mir Trost, Dame, ich bin ein Waisenkind," und die Dame erwiderte: „wie kan» ich das geben, was ich selbst nicht habe; ich bin die Wittwe eines erschlagenen Herrn, die Mutter eines umgekommenen Kindes. Als ich in meiner Furcht vor der Rache der Feinde meines Gemahls floh, wurde unser Kahn von der Flnt umgeworfen, und mein Kind kam um. Dieß geschah am St. Brigitten-Morgen bei den Strvmschnellen von Campfie, Unglück befalle immer diesen Tag." Und das Mädchen antwortete: „Es war am St. Brigitten-Morgen, und zwölf Ernten vor dieser Zeit, daß die Fischer von Campfie in ihren Netze» weder Barsch noch Salme», sondern ein halbtvdteS Kind fingen, welches seitdem im Elend lebte und sterben inuß, wenn man ihm jetzt nicht hilft." Und die Dame erwiderte: „Gesegnet sei St. Brigitte und ihr Morgen, denn dieß find die dunklen Augen und der Falkenblick meines erschlagenen Herrn, und dein soll sein das Erbe der Wittwe." Und sie rief ihrer Dienerschaft und befahl, das Mädchen in Seide und Sammt zu kleiden, und die Perlen, welche man unter die schwarzen Haarflechten wob, waren weißer als die erfrorene» Hagelkörner. 150 auf das Gemiith des Sir Duncan Campbell machte, als man cs nach seinem Charakter und Alter hätte voraussehen sollen. Er wußte wohl, daß die Hochländer jener Zeit weit größere Empfänglichkeit für Gesang und Erzählung besaßen, als man damals bei ihren niederländischen Nackbarn vvrfand; allein sogar dieser Umstand rechtfertigte kaum nach seiner Meinung die Verlegenheit, womit der alte Mann seine Angen von der Sängerin abwandte, als wolle er ihnen nicht gestatten, auf einem so anziehenden Gegenstände zu ruhen; noch weniger ließ sich erwarten, daß sein Antlitz, welches stolz den Ernst des Verstandes und die strenge Gewohnheit des Beschleus ans- driicktc, bei einem so unbedeutenden Umstand eine solche Aufregung erwies. Als die Stirn des Häuptlings sich verfinsterte, ließ er seine großen und rauhen Augenbrauen, bis sie beinahe seinen Blick verbargen, sinken, während ans den Augenlidern etwas wie eine Thräne erglänzte. Er blieb eine oder zwei Minuten schweigend in derselben Stellung, nachdem die letzte Note verklungen war. Alsdann erhob er sein Haupt, schaute auf Annot Lyle, als hege er die Absicht mit ihr zu reden, änderte aber plötzlich seine Absicht, und stand im Begriff, Allan anznreden, als die Thür eröffnet wurde, und der Herr des Schlosses eintrat. Zehntes Kapitel. Schwarz war der Himmel, als sie weiter ritten, Und wild der Pfad, von manchem Bach durchschnitten; Doch finsterer war und drohender das Schloß, Das sie empfing, als ihre Reise schloß. Die Reisenden, eine Romanze. Angus Mac Anlay mar mit einer Botschaft beauftragt, bei bereu Mittheilnug er etwas verlegen schien; erst nachdem er seine Rede ans verschiedene Weise einzukleiden gesucht und bei einer jeden Schnitzer gemacht hatte, gelang es ihm endlich, Sir Duncan Campbell zn eröffnen, daß der Cavalicr, der ihn begleiten solle, ihn zur Abreise bereit erwarte, und daß Alles zn seiner Rückkehr nach Jnverary fertig sei. Sir Duncan Campbell stand sehr zornig von seinem Sitze auf; die Beschimpfung, welche in dieser Botschaft lag, beseitigte sogleich bei ihm den Eindruck zarterer Gefühle, welche durch die Musik erregt worden waren. „Das habe ich nicht erwartet," sagte er, indem er einen unwilligen Blick auf Angns Mac Aulay warf. „Ich glaubte nicht, daß es in den westlichen Hochlanden einen Häuptling gebe, welcher nach dem Belieben eines Sachsen den Ritter von Ardenvohr ans dem Schlosse weisen würde, wenn die Sonne von der Mittagslinie sich abwärts neigte und bevor der zweite Becher gefüllt wäre. Lebt jedoch wohl, Herr, die 152 Speisen eines Grobians sättigen nicht den Hnnger; wenn ich Darnlinvarach wieder besuche, so werde ich ein nacktes Schwert in der einen Hand und einen Fenerbrand in der andern halten." „Und wenn Ihr so kommt," sagte Angus, „so gebe ich Euch mein Wort, Euch nach Gebühr zu empfangen, und wenn Ihr auch fünfhundert Campbetts hinter Euch her brächtet: ich werde Euch und ihnen solche Bewirthung geben, daß Ihr Euch nicht wieder über die Gastfreundschaft von Darnlinvarach beklagen könnt." „Leute, denen man droht," erwiderte Sir Dnncan, „haben ein langes Leben; Eure Neigung zu Aufschneidereien, Gutsherr von Mac Anlay, ist zu bekannt, als daß Männer von Ehre auf Euer Prahlen achten sollten. Euch Mylord und Allan, die ihr die Stelle meines groben Wirthes vertreten habt, danke ich, und Ihr, schönes Mädchen," er wandte sich an Annot Lyle, „nehmt dieß kleine Angedenken dafür, daß Ihr eine Quelle mir erschlossen habt, welche so manches Jahr vertrocknet war." Mit den Worten verließ er das Gemach und befahl seine Diener herbeizurufen. Angus Mac Aulay, sowohl verlegen wie zornig über den Vorwurf des Mangels an Gastfreundschaft, worin die größte Beschimpfung bestand, die man einem Hochländer anthun konnte, begleitete Sir Dun- can nicht in den Hof. Dort bestieg derselbe sein bereitgehaltenes Pferd, seine sechs Diener saßen auf und der Reitcrzug verließ das Schloß, auch von dem cdeln Kapitän Dalgetty begleitet, der auf ihn gewartet hatte, indem er Gustavus zum Kriegsdienst bereit hielt, obgleich er den Sattelgurt nicht eher schnallte und anfsaß, als bis Sir Dnncan zum Vorschein kam. Die Reise war lang und mühsam, jedoch ohne jene äußersten Entbehrungen, die der Gutsherr von Mac Aulay vorher- gesagt hatte. Allerdings vermied Sir Duncan sehr vorsichtig die näheren und geheimeren Pfade, auf welchen die Grafschaft Argyle vom Westen ans zugänglich war, denn sein Verwandter und Stammeshanpt, der Marquis, pflegte sich zu rühmen, er wolle nicht um 100,000 Kronen, daß irgend ein Sterblicher die Pässe kennen solle, auf welchen eine bewaffnete Macht in sein Land zu dringen vermöge. Sir Duncan Campbell vermied deßhalb etwas die Hochlande, wandte sich dem Niederlande zu und schlug die Richtung nach dem nächsten Seehafen ein, wo er mehrere Galeeren mit halbem Verdeck zur Verfügung hatte. In einer derselben schifften sie sich mit Gustavus ein, welcher an Abenteuer so gewöhnt war, daß der Aufenthalt zu Lande wie zur See ihm eben so gleichgültig war wie seinem Herrn. Bei günstigem Winde legten sie ihre Fahrt mit Rudern und Segeln schnell zurück. In der Frühe des nächsten Morgens wurde dem Kapitän Dalgetty, welcher sich in einer kleinen Kajüte unter dem halben Verdeck befand, die Kunde überbracht, daß die Galeere unter den Mauern des Schlosses von Sir Duncan Campbell gelandet sei. Als er somit das Verdeck der Galeere betrat, sah er Ar- denvohr vor seinen Blicken sich erheben; es war ein finsterer viereckiger Thurm von beträchtlicher Größe und großer Höhe auf einer in dem Salzwassersee oder dem Arm des Meeres gelegenen Landzunge, in welchen sie am vorhergehenden Abend cingelaufen waren. Dem Lande zu umgab das Schloß eine Mauer mit Thürmen an jeder Ecke; dem See zu war dasselbe an den Rand des Abgrundes so nahe erbaut, daß allein Raum für eine Batterie von 7 Kanonen übrig war, welche die Veste gegen einen Angriff von dieser Seite beschützen sollte, obgleich 154 die Lage zu hoch mar, als das; diese Geschütze nach dem neueren Kriegssystcm wirksam hatten gebraucht werden können. Die östliche Sonne erhob sich hinter dem alten Thnrme und warf dessen Schatten weit'ans den See hin, so daß das Verdeck der Galeere verdunkelt wurde, auf welchem Kapitän Dalgetty jetzt ans und ab ging, indem er mit einiger Ungeduld das Signal zum Landen erwartete. Sir Dnncan Campbell befand sich schon im Schlosse, wie dessen Diener ihm berichteten; Niemand aber ermnthigte der Vorschlag des Kapitäns, ihm nach dem Ufer zu folgen, bis die bestimmte Er- lanbniß oder der Befehl des Ritters von Ardenvohr, wie jene erklärten, angclangt sein würde. Bald darauf wurde der Befehl übcrbracht und cs kam ein Boot mit einem Pfeifer im Bug, welcher das silberne Wappen des Ritters von Ardenvohr auf dem linken Arme trug und so laut wie er konnte den Familienmarsch blies, welcher unter dem Titel „Es kommen die Campbells" bekannt ist; das Boot legte bei, um den Gesandten Montrose's nach dem Schlosse Ardenvohr zu bringen. Die Entfernung zwischen der Galeere und dem Strande war so kurz, daß kaum der Beistand von fünf kräftigen Ruderern in Mützen, kurzen Jacken und Ueber- röckcn erfordert wurde, um das Boot in eine kleine Bucht zu bringen, wo man zu landen pflegte, bevor man noch hätte glauben können, cs sei von der Seite der Galeere abgestvßen. Zwei der Bootsleute setzten den Kapitän, ungeachtet seines Widerstandes, rittlings ans den Rücken eines dritten Hoch- ländcrs, wateten mit ihm durch die Brandung und landeten ihn trocken auf dem Strande unter dem Felsen, worauf das Schloß lag. Vor dem Felsen zeigte sich etwas wie eine Höhle mit niedrigem Eingang, nach welchem die Hochländer unfern Freund fortzureißen suchten, als derselbe sich mit einiger Schwierigkeit von ihnen losmachte und darauf bestand, er müsse zuerst Gnstavns landen sehen, bevor er einen Schritt weiter thne. Die Hochländer konnten nicht begreifen, was er sagen wollte, bis Einer, welcher ein wenig engliscb oder vielmehr niederschottisch anfgegriffcn hatte, ausrief: „Zum Henker, er schwatzt von seinem Pferd, dem nutzlosen Thier." Weitere Vorstellungen des Kapitäns wurden durch das Erscheinen von Sir Dmican Campbell selbst unterbrochen, welcher aus der Mündung der von uns erwähnten Höhle hcrvorkam, um dem Kapitän seine Gastfreundschaft anznbicten, indem er zugleich seine Ehre verpfändete, Gnstavns werde behandelt werden, wie es dem Helden gezieme, nach welchem er benannt sei, auch abgesehen von der Wichtigkeit der Person, welcher er jetzt angehöre. Ungeachtet dieses befriedigenden Versprechens würde Kapitän Dalgetty dennoch Bedenken getragen haben, so groß war seine Aengstlichkeit, das Schicksal seines Gefährten Gu- stavus selbst zu sehen, hätten ihn nicht zwei Hochländer bei den Armen gepackt und zwei andere von hinten fortgeschoben, während ein fünfter ausrief: „schafft den tollen Sachsen fort; hört er denn nicht, wie der Gutsherr ihn in's Schloß mit seiner eigenen Stimme einladet, und ist das nicht schon zu viel Ehre für einen Kerl wie er!" .So angetriebcn konnte Kapitän Dalgetty nur eine kurze Zeit einen rückwärts gewandten Blick ans die Galeere richten, worin er den Gefährten seiner militärischen Musen znrückge- lassen hatte. Wenige Minuten später fand er sich in der gänzlichen Finsternis; einer Treppe, welche, von der erwähnten niedrigen Höhle ausgehend, in Windungen durch das Innere des Felsens aufwärts führte. „Die verfluchten hochländischen Wilden," murmelte der Kapitän halblaut vor sich hin, „was soll ans mir werden, 156 wenn Gnstavns, der Namensbruder des unbesiegbaren Löwen der protestantischen Verbindung, unter ihren plumpen Händen gelähmt wird!" „Befürchtet dieß nicht," sagte die Stimme des Sir Dnn- can, welcher ihm näher war wie er glaubte, „meine Leute sind an die Behandlung von Pferden sowohl für die Einschiffung wie Dressirung gewöhnt; Ihr werdet Gnstavns bald so sehr in Sicherheit sehen, wie das lehtemal, als Ihr von ihm abstiegt." 'Kapitän Dalgetty kannte die Welt zu gut, um weitere Vorstellungen zu machen, wie groß auch die Aengstlichkcit seines Herzens sein mochte. Einige weitere Stufen aufwärts zeigten Licht und eine Thür; ein Pförtchen aus Eisengitter führte ihn auf einen in den Felsen gehauenen Gang, welcher sich ungefähr sechs oder acht Ellen ausdehnte, bis eine zweite Thür erreicht wurde, wo der Weg wieder in den Felsen führte; auch dieser Eingang war durch ein eisernes Gitter geschützt. „Ein ausgezeichneter Qnergang," bemerkte der Kapitän; „von Einem Geschütz oder nur wenigen Musketen beherrscht, genügt derselbe, den Platz gegen eine stürmende Truppe zu sichern." Sir Duncan Campbell gab im Augenblick keine Antwort, gleich darauf aber, als sie die zweite Höhe betreten hatten, schlug er mit einem Stock, den er in der Hand hielt, zuerst an die eine, dann an die andere Seite des Thürchens, worauf der dumpfe klirrende Schall in Folge dieser Schläge dem Kapitän Dalgetty begreiflich machte, daß eine Kanone auf jeder Seite stand, um den von ihnen durchschrittenen Gang zu bestreichen, obgleich die Schießscharten, durch welche sie gelegentlich abgefeucrt werden konnten, an der Außenseite mit Rosen und losen Steinen maskirt waren. Nachdem sie die 157 zweite Treppe bestiegen hatten, befanden sic sich wiederum auf einer Plattform und einem Gange, auf welchem feindliche Besucher dem Fener von Musketen und Geschützen ansgeseht gewesen mären, wenn dieselben sich weiter hätten wagen wollen. Eine dritte Treppe, wie die beiden andern in den Felsen gehauen aber unbedeckt, führte sie endlich zur Batterie am Fuße des Thurms. Auch diese letzte Treppe mar eng und steil; abgesehen von dem Feuer, welches von oben darauf gerichtet werden konnte, hätten ein oder zwei entschlossene Leute mit Piken und Schlachtäxten den Paß gegen Hunderte halten können; die Treppe nämlich gestattete nur Zweien neben einander zu gehen, und war durch kein Gitter oder Geländer vor dem schroffen und tiefen Abgrund geschützt, an dessen Fuße sich jetzt die Flnth mit dem Schalle des Donners brach; somit hätte eine Person von schwachen Nerven und einem dem Schwindel ausgesetzten Gehirne bei den argwöhnischen Vorkehrungen zur Sicherung dieser alten celtische» Festung schwerlich den Eingang in das Schloß bewerkstelligen können, wäre auch sogar kein Widerstand dargebvten. Kapitän Dalgetty, ein zu alter Soldat, um solche Schrecken zu fühlen, war nicht so bald in dem Hof angelangt, als er Gott zum Zeugen nahm, daß die Vertheidignngswerke von Sir Dnncans Schloß ihn an die berühmte Festung Spandau in der Mark Brandenburg mehr als an irgend einen anderen Platz erinnerten, dessen Vertheidigung während seiner Reisen seinem Schicksal anheimgefallen wäre. Nichtsdestoweniger tadelte er beträchtlich die Aufstellung der Geschütze in der erwähnten Batterie, indem er bemerkte, er habe immer beobachtet, wo Kanonen wie Seemöven ans der Spitze eines Felsens aufgestellt seien, daß sie durch ihren Lärm mehr stutzen machten, als durch wirklichen Schaden erschreckten. 158 Sir Dnnean führte, ohne zu antworten, den Soldaten in den Thurm, welcher durch ein Gitter nnd eine eichene mit Eisen beschlagene Thur geschützt war, welche beide durch die Dicke der Mauer von einander getrennt wurden. Sobald der Kapitän eine mit Tapeten behangene Halle betreten hatte, setzte er seine militärische Kritik fort. Dieselbe ward allerdings durch den Anblick eines ausgezeichneten Frühstücks unterbrochen, woran er sich mit großer Gier betheiligte; sobald er aber seinen Magen in Sicherheit gebracht hatte, machte er einen Gang durch das Zimmer, indem er das Terrain sehr sorgfältig ans jedem Fenster des Raumes untersuchte. Er kehrte dann nach seinem Lehnstuhl zurück, lies; sich seiner Länge nach in demselben nieder, streckte sein eines mannhaftes Bein ans nnd klatschte mit einer Reitpeitsche, die er in der Hand hielt, an seinen großen Reitstiefeln, wie ein zur Hälfte gut erzogener Mann, welcher Leichtigkeit des Benehmens in der Gesellschaft von Vornehmeren zeigen will, und gab dann seine ungefragte Meinung mit folgenden Worten zum Besten. „Dies; Euer Hans, Sir Dnncan, ist eine ziemlich gut zu ver- theidigende Art von Veste nnd dennoch kaum solcher Art, daß ein ehrenwerther Cavalier erwarten könnte, seinen Namen zn bewahren, wenn er sie mehrere Tage halten wollte; denn, Sir Dnnean, bemerket gütigst, daß Euer Schloß von jenem runden Hügel landwärts beherrscht wird, wie wir militärische Leute die Sache nennen; auf demselben könnte ein Feind eine solche Batterie von Geschützen anfstellcn, daß Ihr froh sei» würdet, innerhalb 48 Stunden Chamade zu schlagen, wenn cs Gott dem Herrn nicht gefallen sollte, eine außerordentliche Gnade Euch zu gewähren." „Es ist keine Straße vorhanden," erwiderte Sir Dnnean etwas kurz abgebrochen, „auf welcher Kanonen gegen Arden- vohr gebracht werden könnten. Die Sümpfe rings an meinem Hanse würden kaum Euer Pferd und Euch tragen, mit Ausnahme solcher Wege, welche in wenigen Stunden sich unzugänglich machen lassen." »Sir Dnncan," erwiderte der Kapitän, „es ist Euer Belieben, also zu oermnthen, und dennoch sagen mir Kriegslente, daß sich immer eine nackte Seite an einer Seeküste vorfindet. Kann man nämlich Kanonen und Munition nicht zu Land transportire», so lassen sie sich leicht zur See in Nähe des Ortes bringen, auf welchen sie spielen sollen; auch kann man kein Schloß, wie sicher auch seine Lage sein mag, für unüberwindlich oder, wie man sagt, für nneinnehmbar halten; auch versichere ich Euch, Sir Dnncan, daß ich ans eigener Erfahrung erkannt habe, wie fünfundzwanzig Mann durch bloße Ueberraschung und Kühnheit des Angriffs mit der Spitze der Pike eine» ebenso festen Platz, als dieses Ardenvohr, gewonnen und die Verthcidigcr, zehnmal mehr als ihre eigene Zahl, niederhieben, oder gegen Auswechslung, oder Löscgeld gefangen nahmen." Ungeachtet Sir Dnncan Campbell die Welt kannte/und seine inneren Regungen sehr wohl zu verbergen verstand, schien er doch durch diese Betrachtungen verletzt, welche der Kapitän mit dem größten Ernst obne weitere Nebengedanken anstcllte, denn er hatte bloß den Gegenstand des Gespräches als einen solchen gewählt, worin er glänzen, oder, wie man zu sagen pflegt, das große Wort sichren konnte, ohne daran zu denken, daß der Gegenstand seinem Wirth nicht in gleicher Weise angenehm sein würde. „Um die Sache kurz abzubrcchen," sagte Sir Dnncan, mit dem Ausdruck einigen Aergers in Stimme und Gesichtözügen, „Ihr braucht mir nicht zu sagen, Kapitän Dalgetty, daß ein 160 Schloß sich erstürmen läßt, wenn es nicht tapfer vertheidigt wird, oder daß man es überraschen kann, wenn es nicht sorgfältig bewacht ist. Ich hoffe, dies; mein armes Hans wird niemals in eine solche Lage kommen, sollte sogar Kapitän Dalgetty in eigener Person cs belagern wollen." „Deimingeachtet, Sir Dnncan," erwiderte der hartnäckige Befehlshaber, „möchte ich als Frcnnd Euch die Warnung geben, eine Schanze ans jenem runden Hügel anzulegcn, Ihr könnt das ja leicht ansführen, wenn Ihr die Bauern aus der Gegend daran arbeiten laßt; cs war nämlich die Gewohnheit des tapfer» Gnstavus Adolphus, ebensowohl mit Spaten und Schaufeln, wie mit Schwert, Pike und Musketen zu kämpfen. Auch möchte ich Euch rathcn, besagte Scbanze nicht allein durch einen Graben, sondern auch durch ein Pfahlwerk oder Pallisaden zu schützen —" (hier verließ Sir Dnncan sehr ärgerlich das Zimmer, der Kapitän folgte ihm bis zur Thür und erhob seine Stimme, als jener sich zurückzog, bis er ihn nicht mehr hören konnte) „besagte Pallisaden sollten nach den Regeln der Kunst mit Winkeln einwärts und mit Schießscharten für die Musketen errichtet werden, damit der Feind —- das alte hochländische Vieh, sie sind sämmtlich so stolz wie Pfauen, und so eigensinnig wie Widder — jetzt hat er eine Gelegenheit vvrübergchen lassen, um sein Haus zu einer ebenso hübschen und regelmäßigen Befestigung zu machen, wie so manche andere, woran eine angreifende Armee sich die Zähne ausstieß — aber ich sehe," fnhr er fort, indem er aus dem Fenster nach dem Fuß des Abgrunds blickte, „man hat Gnstavus sicher an's Ufer gebracht. Ein prächtiger Kerl, ich würde ihn an der Art, wie er den Kopf emporreckt, unter einer ganzen Schwadron erkennen. Ich mnß Nachsehen, was man mit ihm anfangen will." 161 Sobald er aber den Hof nach der See hin erreicht hatte und sich vorbereitete, die Treppe hinabzusteigen, gaben ihm zwei hochländische Schildwachen, die mit ihren Streitäxten vortraten, zu verstehen, daß die Ausführung seiner Absicht mit Gefahr verbunden sei. „Diabolo," sagte der Soldat, „ich kenne nicht das Losungswort, auch könnte ich keine Sylbe von ihrem wilden Kander- wälsch aussprecken, sollte ich mich auch damit vor dem Gene- ralprofoß retten." „Ich will Euch als Geleit dienen, Kapitän Dalgetty," sagte Sir Duiican, der sich ihm wieder genähert hatte, ohne daß er beobachten konnte, woher er gekommen war; „wir wollen zusammen gehen und Nachsehen, ob Euer Lieblingspferd seine Bequemlichkeiten hat." Er führte ihn somit die Treppe hinab an den Strand und von dort mit einer kurzen Wendung hinter einen großen Felsen, welcher die Ställe und andere Wirthschaftsgebäude des Schlosses verbarg. Kapitän Dalgetty bemerkte sogleich, daß die Seite des Schlosses dem Lande zu durch eine theils natürliche, theils mit großer Sorgfalt und Mühe ausgehauene Schlucht gänzlich unzugänglich gemacht war, so daß man dort nur über eine Zugbrücke hinüber konnte. Der Kapitän jedoch bestand darauf, ungeachtet der triumphirendcn Miene, womit Sir Duncan auf die Vcrthcidigungsmcrke wies, daß eine Schanze auf Drumsnab, dem runden Hügel östlich vom Schloß, zu errichten sei, denn das Haus könne durch brennende Kugeln, voll von Feuer, belästigt werden, welche aus Geschützen nach der merkwürdigen Erfindung Stephan Bathory, Königs von Polen, geworfen würden, womit dieser Fürst die große Stadt der Moskowiter, Moskau genannt, gänzlich zu Grunde gerichtet habe. Kapitän Dalgetty gestand ein, daß er »och nicht Sage von Mvntrosc. 11 162 Augenzeuge von der Anwendung dieser Erfindung gewesen sei, bemerkte jedoch, es werde ihm besonderes Vergnügen gewähren, den Versuch damit gegen Ardenvohr oder ein anderes Schloß ähnlicher Stärke zu machen, in Betracht, daß ein so merkwürdiger Versuch das größte Entzücken allen Bewundererin der militärischen Kunst gewähren müsse. Sir Dnnean Campbell brach das Gespräch damit ab, daß er den Soldaten iir seine Ställe führte und ihm gestattete, sich mit Gustaons nach eigenem Willen und Belieben einznlassen. Nachdem diese Pflicht sorgfältig vollbracht war, machte Kapitän Dalgetty den Vorschlag, znm Schloß zurückznkehren, indem er bemerkte, es sei seine Absicht, die Zeit zwischen jetzt nnd dem Essen, welches, wie er glaube, um die Mittagsparade stattfinden werde, mit dem Pntzen seiner Rüstnng ausznfüllen, denn dcr diese einigen Schaden von der Seeluft erhalten habe, so besorge er, sie werde ihn in den Angen von Mac Cnllnm More hcrunterscyen. Während sie jedoch zum Schloß znrückkehrten, unterließ er es nicht, Sir Dnncan Campbell vor dem großen Schaden zn warnen, welchen er durch einen plötzlichen Ueber- fall eines Feindes leiden könne, denn dadurch möchten seine Pferde, sein Vieh nnd seine Scheuern zu seinem großen Nachtheil von seiner Vertheidigung abgeschnitten und verzehrt werden ; er beschwor ihn deßhalb wiederum in starken Ausdrücken, eine Schanze ans dem runden Hügel, Drumsnab genannt, an- zulcgen, nnd bot ihm seine freundschaftlichen Dienste zu Entwertung des Planes an. Auch diesen uneigennützigen Rath beantwortete Sir Dnncan nur damit, daß er seinen Gast in sein Zimmer führte und ihn benachrichtigte, das Läuten der Schloßglocke werde ihm anzeigen, wann das Mittagsmahl bereit sei. Elftes Kapitel. Ist, Balduin, dieß dein Schloß? Melancholie Entfaltet sa ihr Banner auf dem Thurm, Der Brandung Schaum dort unten zu verdunkeln. War' ich Bewohner hier und müßt' ich schauen, Wie Düsterkeit dort die Natur umwölkt. Müßt ich den Wogcnfchag, den Mövenschrei Tagtäglich hören, würd' ich eher mir DeS ärmsten Bauern Hütt' als Wohnung wählen. Brown. Der tapfere Rittmeister würde seine Muße gerne dazu verwandt haben, das Aeußere von Sir Duncans Schloß in Augenschein zu nehmen, und seine eigenen militärischen Ideen über die Natur der Vertheidignngswerke dabei zu beurkunden, allein eine derbe Schildwache, welche mit der Streitaxt an der Thür seines Gemaches die Wache bezog, gab ihm durch sehr begreifliche Zeichen zu verstehen, daß er sich in einer Art ehrenvoller Gefangenschaft befinde. „Es ist sonderbar," dachte der Rittmeister, „daß diese Wilden so genau die Regeln und Gebräuche des Krieges kennen. Wer hätte aber ihre Bekanntschaft mit dem Grundsatz des großen und göttlichen Gustavns erwarten sollen, daß ei» Unterhändler zur Hälfte ein Bote, zur Hälfte ein Spion ist?" — Als er nun mit dem Putzen seiner Waffe fertig war, setzte er sich geduldig nieder, um zu berechnen, wie hoch sich die Summe 11 * 164 für einen scchsmonatlichcn Feldzug bei einem halben Thaler täglichen Soldes belaufen würde; als er diese Aufgabe gelöst hatte, ging er zu der dunkleren Berechnung über, wie eine Brigade von 2000 Mann nach dem Grundsatz der Ansziehung der Quadratwurzel aufznstcllen sei. Aus seinem Grübeln ward er durch den erfreulichen Schall der Mittagsglocke erweckt, worauf der Hochländer, der ihn bis dahin bewacht hatte, sein Kammerdiener wurde und ihn in die Halle führte, wo eine Tafel mit vier Gedecken genügende Beweise hochländischer Gastfreundschaft gab. Sir Dun- can trat ein, indem er seine Gemahlin, eine große bleiche Dame, am Arm führte, deren Züge und Kleidung eine tiefe Trauer bezeugten. Ihnen folgte ein prcsbyterianischcr Geistlicher mit dem Genfer Rock und einem Käppchen von schwarzer Seide, welches sein Haar so dicht bedeckte, daß man dasselbe kaum sehen konnte, wobei die blosliegenden Ohren in dem allgemeinen Aussehen ein zu großes Uebcrgewicht hatten. Diese unzierliche Mode war damals allgemein und veranlaßte zum Theil die Spottnamen: Rundköpfe und spitzohrige Hnnde, womit der Uebermnth der Cavaliere damals gegen ihre politischen Gegner sehr freigebig waren. Sir Dnncan stellte seinen militärischen Gast seiner Gemahlin vor, welche dessen technische Begrüßung mit einer steifen Verbeugung und mit Schweigen erwiderte, bei welcher es sich schwer entscheiden ließ, ob Stolz oder Trauer dabei einen größeren Antheil habe. Der Geistliche, dem er alsdann vorgestellt wurde, betrachtete ihn mit einem Blick, worin sich Widerwillen und Neugier mischten. Der Kapitän an schlimmere Blicke gefährlicherer Personen gewöhnt, bekümmerte sich sehr wenig um die der Dame und Des Geistlichen, sondern richtete seine ganze Seele auf den 165 Angriff eines gewaltigen Stückes von Rindfleisch, welches am niederen Ende der Tafel ranchte; allein der Angriff wurde dis znm Schluß eines sehr langen Tischgebetes verzögert, während Dalgctty bei jedem Abschnitt desselben nach Messer und Gabel griff, ebenso wie er mit seiner Muskete oder Pike, wenn er in's Gefecht gegangen wäre, verfahren hätte, worauf er dann dieselben ebenso unwillig wieder niederlegcn mußte, wenn der wortreiche Kaplan einen andern Absatz seines Mittagsegens begann. Sir Dnnean hörte ihm mit erstem Anstande zu, obgleich man glaubte, er habe sich den Covenanters eher aus Anhänglichkeit an seinen Häuptling, als aus wirklicher Achtung vor der Sache der Freiheit und der calvinischen Religion angeschlossen. Seine Gemahlin erwies während des Tischgebetes nur eine Stimmung, welche sich in Alles demii- thig zn fugen gewohnt war. Das Mahl ging beinahe mit dem Schweigen der Karthäuser vorüber; es war nämlich nicht Kapitän Dalgetty's Gewohnheit, seinen Mund auf das Gespräch zu verwenden, so lange derselbe nützlicher beschäftigt werden konnte. Sir Dnnean bewahrte fortwährendes Schweigen ; die Dame und der Geistliche wechselten nur gelegentlich einige Worte in leisem und undeutlichem Tone. Als aber die Schüsseln entfernt waren, und deren Stelle durch Getränke verschiedener Art erseht wurden, hatte Dal- getty nicht dieselben wichtigen Gründe für sein Schweigen, und begann sich über dasjenige der übrigen Gesellschaft zu langweilen. Er begann somit einen neuen Angriff auf seinen Wirth auf seinem früheren Terrain. «In Betracht dieses runden, kleinen Berges, oder Hügels, oder dieser Bvdenanschwellung möchte ich gerne eine Unterredung mit Sir Dnnean über die Art der dort anzulegenden Schanze halten, ob die Winkel derselben spitz oder stumpf sein * 166 sollen, worüber ich einst hörte, wie der große Feldmorschall Banner eine gelehrte Erörterung mit General Tiefenbach während eines Waffenstillstandes hielt." „Kapitän Dalgetty," erwiderte Sir Dnncan sehr trocken, „es ist nicht der Brauch in den Hochlanden, militärische Angelegenheiten mit Fremden zu verhandeln; dies; Schloß kann sich gegen einen weit stärkeren Feind, als irgend eine Streitmacht vertheidigen, welche die unglücklichen Herren, die wir in Darnlinvarach verließen, zur Belagerung desselben aufbringen können." Ein tiefer Seufzer der Dame begleitete den Schluß der Worte ihres Gemahls, welcher sie an irgend einen schmerzlichen Umstand zu erinnern schien. „Wer es gegeben hat," sagte der Geistliche, indem er sich zu der Dame in feierlichem Tone wandte, „hat es genommen, möchtet Ihr, chrenwerthe Dame, noch lange Zeit sagen können , gesegnet sei sein Name!" Auf diese Ermahnung, welche für die Dame allein bestimmt zu sein schien, antwortete dieselbe mit einer Neigung ihres Hauptes unter dem Ausdruck größerer Demuth, als Kapitän Dalgetty bisher an ihr bemerkt hatte. Da er nun glaubte, sie befinde sich seht in besserer Laune zum Gespräch, setzte er bei ihr seine Bemühungen, eine Unterhaltung anznknüpfen, fort. „Es ist ohne Zweifel sehr natürlich, daß Eure Ladyschaft etwas niedergeschlagen wird, sobald man militärische Vorbereitungen erwähnt, welche, wie ich beobachtet habe, unter den Weibern aller Nationen und beinahe aller Stände große Bestürzung verbreiten; dennoch waren aber Panthesilea im Altcr- thume, und auch Jeanne d'Arc, und Andere von ganz verschiedenem Schlage. Auch habe ich gehört, als ich den Spaniern 167 diente, daß der Herzog von Alba in früheren Zeiten die Lager- menschcr in Tcreias, oder, wie mir sagen, in Regimenter ein- theilen ließ, so daß sie Offiziere nnd Commandeure ihres eigenen Weibergcschlcchtes hatten und von einem General-Comman- danten in Ordnung gehalten wurden, die man ans Hochdeutsch Hnrenweibler oder, um verständlicher zu reden, Kapitän der Beiteln nannte. Allerdings waren es Personen, die sich Eurer Ladyschaft nicht glcichstellen lassen, denn cs waren solche, guas gunestum eorparilnm taciedsnt, wie wir auf Mareschal-Col- lege von der Hanne Drochiels sagten. Die Franzosen nennen solche Weiber Conrtisanes, und wir Schotten —" „Die Dame wird Euch die Mühe Eurer weiteren Darlegung ersparen, Kapitän Dalgetty," sagte sein Wirth etwas finster; der Geistliche fügte hinzu, „daß solche Reden besser für die Wachtstnben liederlicher Soldaten, als für de» Tisch einer ehrenwerthen Person, in Gegenwart einer Dame von Stande, geeignet wären." „Ich bitte Euch um Verzeihung, Nomine oder voetor, sut guoeungue slio nomine gnuäe8, denn ich möchte Euch zeigen, daß ich die Humaniora studirt habe," sagte der Abgesandte, ohne den Verweis zu berücksichtigen, indem er sich einen großen Becher Wein einschenkte; „ich sehe keinen Grund für Euren Tadel, denn ick rede ja nicht von jenen turges per8vnae, als ob ihre Beschäftigung oder ihr Charakter ein geeigneter Gegenstand des Gespräches für diese Dame sei, sondern nur per accicleim, um die vorliegende Sache zu erläutern, nämlich um ihren natürlichen Muth und Kühnheit in's Licht zu stellen; die natürlich ohne Zweifel durch die verzweifelten Umstände ihrer Lage sehr erhöht wurden." „Kapitän Dalgetty," sagte Sir Dnnean Campbell, „um Liese Unterredung abzubrechen, muß ich Luch bekannt ma- 168 chen, daß ich heut Nacht einiges Geschäft abmachen muß, damit ich morgen in Stand gesetzt bin, mit Ench nach Jnve- rary zn reite», und deßhalb —" „Ihr wollt mit dieser Person morgen eine Reise machen," rief seine Gemahlin ans, „das kann nicht Eure Absicht sein, Sir Dnncan, wenn Ihr nicht vergessen habt, daß morgen ein trauriger Jahrestag eintritt, und einer ebenso tranrigen Feierlichkeit geweiht ist." „Ich hatte es nicht vergessen," erwiderte Sir Duncan, „wie wäre es möglich, daß ich es je vergäße? Der Drang der Zeiten jedoch verlangt, daß ich diesen Offizier ohne Verzögerung nach Jnvcrary schicke." „Aber Ihr werdet ihn doch nicht persönlich begleiten?^ fragte die Dame. „Es ist besser, daß ich mit ihm reite," sagte Sir Duncan, „ich kann jedoch einen Brief an den Marquis von Argyle schreiben, um Euren Charakter und Euren Auftrag darzulegen, Mit demselben könnt Ihr gefälligst morgen nach Jnvcrary abreisen." „Sir Duncan Campbell," sagte Kapitän Dalgetty, „ich bin in dieser Angelegenheit ohne Zweifel Eurer Willkür Preisgegeben; dennoch bitte ich Euch, des Fleckens zu gedenken, welcher auf Euer Wappenschild fallen muß, wenn Ihr leidet, daß ich als Unterhändler um einen Waffenstillstand in dieser Angelegenheit hintergangen werde, mag das clrnn, vi, vel precario geschehen. Ich will damit nicht sagen, daß mir ein Unrecht mit Eurer Einwilligung geschehen könnte, sondern ich habe nur die Abwesenheit einer schuldigen Sorgfalt von Eurer Seite, um dieß zu verhindern, im Auge." „Ihr steht unter dem sicheren Geleit meiner Ehre, Herr," erwiderte Sir Duncan Campbell, „und das ist mehr als eine 169 genügende Sicherheit, und jetzt," fuhr er fort, indem er auf- stand, „muß ich das Beispiel zum Aufbruch geben." Dalgetty sah sich genöthigt, dem Winke zu folgen, obgleich die Zeit noch nicht vorgerückt war; wie ein geschickter General benutzte er aber jeden Augenblick des Verzuges, welchen die Umstände ihm gestatteten. „Indem ich Eurem ehrenwerthen Worte vertraue," sagte er seinen Becher füllend, trinke ich, Sir Dnncan, auf Eure Gesundheit und auf die Fortdauer Eures edlen Hauses." Ein Seufzer von Sir Dnncan war die einzige Antwort — „auch trinke ich, Madame," sagte der Soldat, den Becher mit möglichster Eile wiederum füllend, „trinke ich auf Eure chren- werthe Gesundheit und ans die Erfüllung aller Eurer tugendhaften Wünsche — und ehrwürdiger Herr, ich fülle diesen Becher," (er vergaß es nicht, seine Handlung mit den Worten in Einklang zu bringen,) „um jede Unfreundlichkeit zwischen Euch und Kapitän Dalgetty zu ertränken — ich sollte sagen: Major Dalgetty — und in Betracht, daß die Flasche noch einen Becker mehr enthält, trinke ich auf die Gesundheit aller ehrenwerthen Cavaliere und braven Soldaten — und da die Flasche jetzt leer ist, Sir Dnncan, bin ich bereit, Eurer Schildwacht in mein Schlafgemach zu folgen." Er erhielt die förmliche Erlaubnis;, sich zurückzuziehen und die Versicherung, da der Wein sehr nach seinem Geschmack zu sein scheine, so werde ein zweiter Krug mit derselben Sorte ihm sogleich gebracht werden, um die Stunde seiner Einsamkeit zu versüßen. Sobald der Kapitän das Zimmer erreicht hatte, wurde dieß Versprechen erfüllt; kurze Zeit darauf machte das hinzugefügte Labsal einer Pastete von Rothwild ihn sehr tolerant in Bezug auf seine Einschließung und Mangel an Gesellschaft. 170 Derselbe Bediente, eine Art Kämmerling, welcher diese gnten Dinge in's Zimmer brachte, »bergab auch Dalgetty ein Paket; dasselbe wnr versiegelt, nach der Sitte der damaligen Zeit mit einem silbernen Faden umwunden, und hatte eine Adresse mit vielen Formeln der Achtung an den hohen und mächtigen Fürsten Archibald, Marquis von Argyle, Lord von Lorne u. s. w. Der Kammerdiener setzte zugleich den Rittmeister in Kenntnis;, das; er morgen in früher Stunde nach Jnverary anfbrechen müsse; das Paket des Sir Dnncan werde ihm dort als Einführnngsmittel und Pas; dienen. Der Rittmeister vergas; es nicht, es sei sein Zweck, sowohl Erkundigung cinznziehen, wie als Gesandter anfzutreten, und wünschte zugleich um seiner selbst willen, Sir Dnncans Gründe zu erfahren, wcßhalb ihn dieser ohne persönliche Begleitung fortschicken wollte; er erkundigte sich deßhalb mit aller durch seine Erfahrung eingegebencn Vorsicht, weßhalb Sir Dnncan am morgenden Tage in seiner Wohnung znrückgchalten werde. Der Bediente, welcher ein Niederländer war, erwiderte; „Sir Dnncan und seine Gemahlin pflegten den morgenden Tag durch ein feierliches Fasten und Gebet zu begehen, als dem Jahrestage der Ucberrnmpelnng ihres Schlosses, wobei ihre Kinder, vier an der Zahl, dnrch eine Bande hochländischer Freibeuter grausam getödtet wurden, während Sir Dnncan ans einem Feldzüge abwesend war, den der Marquis von Argyle gegen die Mac Leans auf der Insel Mull unternommen hatte." „Wahrhaftig," sagte der Soldat, „Euer Herr und Eure Dame haben guten Grund zum Fasten und zum Gebete. Dennoch wage ich zu behaupten, das; er eine Schanze ans dem kleinen Hügel links von der Zugbrücke hätte bauen müssen, wenn er den Rath eines erfahrnen Soldaten hätte an- 171 nehmen wollen, welcher Geschicklichkeit in allem Verfahren einer vortheilhaften Vertheidignng von Plätzen besitzt. Dies; kann ich Euch leicht beweisen, mein ehrlicher Frennd; nehmen wir an, die Pastete sei das Schloß — was ist Ener Name, Frennd?" „Lorimer, Herr," erwiderte der Mann. „Dies; ans Enre Gesundheit, ehrlicher Lorimer — ich sage, Lorimer, nehmen wir an, das; diese Pastete der zn vertheidi- gende Hauptplatz oder dessen Cidatclle sei, nnd nehmen wir an, daß der Markknochen die zn errichtende Schanze vorstelle „Es thut mir leid, Herr," sagte Lorimer, ihn unterbrechend , „daß ich nicht hier bleiben nnd Eure übrige Darlegung anhören kann, denn die Glocke wird sogleich geläutet werden. Da Seiner Ehrmürden, Herr Graneangowl, des Marquis eigener Kaplan, den Familiengottcsdienst verrichtet, und nur sieben der ganzen Dienerschaft von sechzig Personen das Schottische verstehen, so würde es Niemand derselben geziemen, dabei zu fehle», und mir in der guten Meinung von Mylady schaden. Hier sind Pfeifen und Tabak, wenn Ihr ein wenig rauchen wollt; wenn Ihr sonst noch etwas braucht, so werde ich nach zwei Stunden mich wieder einstellen, wenn das Gebet vorüber ist." Mit den Worten verließ er das Zimmer. Sobald er gegangen war, rief der schwere Klang der Schloßglocke die Bewohner des Schlosses zusammen; darauf antwortete das gellende Geschrei der Weiber mit den tieferen Tönen der Männer vermischt, als sie, die Gaumlaute der ga- lischen Sprache hervorstoßend, von verschiedenen Seiten herauf einen langen nnd engen Gang hineilten, welcher als Verbindungsweg vieler Zimmer, nnd unter anderen auch dessen diente, in welchem der Kapitän Dalgetty einquartirt war. 172 „Dort gehen sie, als würde Generalmarsch geschlagen; wenn sie sich alle znr Parade cinstellen, so will ich mich ein wenig Umsehen, die frische Luft genießen, und meine Betrachtungen über die Vcrtheidigungsfähigkeit des Plahes machen." Somit als Alles ruhig war, öffnete er die Thür des Zimmers »nd traf Anstalt, dasselbe zu verlassen, als er sah, daß sein Freund mit der Streitaxt vom entfernten Ende des Ganges aus, ein galischcs Lied halb pfeifend, halb summend, auf ihn zuging. Es wäre sowohl unklug, als seinem militärischen Charakter ungeziemend gewesen, hätte der Kapitän jetzt Mangel an Vertrauen gezeigt; somit schnitt er das für seine Lage möglichst beste Gesicht, pfiff noch etwas lauter wie seine Schildwache eine schwedische Rctraite, zog sich mit gleichgültiger Miene Schritt für Schritt zurück, als habe er nur ein wenig frische Luft athmen wollen, und schlug dann die Thür der Schildwache vor der Nase zu, als der Kerl ihm ans einige Schritte nahe gekommen war. „Schon gut," dachte der Rittmeister, „er entbindet mich meines Ehrenwortes dadurch, daß er mir eine Wache stellt, denn wie wir in Mareschal-Collcgc zu sagen pflegten, I'icles et 1'iäucis sunt relativ«"). Wenn er nicht meinem Worte traut, Die Militärs jener Zeiten waren über Verhältnisse der Ehre mit der Spitzfindigkeit von Juristen und Theologen übcreingckommen. Der englische Offizier, welcher Sir James Turner nach der Niederlage non Utoxeter zum Gefangenen gemacht hatte, verlangte von ihm sein Ehrenwort, daß er die Mauern von Hüll nicht verlassen wolle. Sir James Turner erzählt in feinen Memoiren: „Als er mir die Botschaft brachte, sagte ich ihm, ich fei dazu bereit, vorausgesetzt, er stelle mir keine Wachen, denn b^rles et tlllueia sunt relativ»; nehme er mein Wort, so müsse er demselben vertrauen, sonst brauche er es nicht mir abzunehmcn. Ich ersuchte ihn deßhalb, meinem Worte zu trauen, oder seine Wachen wegzunehmen. Auf diese Weise verfuhr ich mit ihm. 173 so sehe ich keinen Grund, weßhalb ich das meine zn hatten verbunden wäre, sobald ich ans irgend einem Beweggründe dasselbe brechen wollte. Sicherlich ist die moralische Verpflichtung des Ehrenwortes aufgehoben, sobald der Gebrauch der physischen Gewalt statt derselben eintritt." Indem er sich so an den spipfindigen Privilegien tröstete, die er aus der Wachsamkeit seiner Schildwache folgerte, zog er sich in sein Zimmer zurück, wo er den Abend mit theoretischen Berechnungen über Taktik und gelegentlich in praktischen Angriffen ans den Weinkrng und die Pastete verbrachte, bis cs Zeit zur Ruhe war. Er ward von Lorimcr bei Tagesanbruch geweckt, welcher ihm zn verstehen gab, das; Wegweiser und Pferde z» seiner Reise nach Jnverary in Bereitschaft ständen, sobald er sein Frühstück verzehrt haben würde, für welches er reichliches Material herbeibracktte. Der Soldat befolgte den gastfreundlichen Wink des Kammerdieners, und ging dann fort, um sich zn Pferde zu sehen. Als er durch die Zimmer schritt, beobachtete er, daß die Dienerschaft eifrig damit beschäftigt war, die große Halle mit schwarzem Tuche zn behängen, eine Cercmonie, die er, wie er sagte, im Schlosse von Wolgast ausgeführt gesehen hatte, als dort der Leichnam des unsterblichen Gustavns Adolphns auf dem Paradebette lag, und welches deßhalb nach seiner Meinung ein Zeugniß der strengsten und tiefsten Trauer war. Als Dalgetty sein Pferö bestieg, sah er sich von fünf oder sechs wohlbewaffneten Campbells begleitet, oder vielleicht bewacht; dieselben wurden von Einem befehligt, welcher, nach weil ich wußte, daß er ein Gelehrter war." Der englische Offizier gestand die Nichtigkeit der Schlnßsolgc zn, aber Cromwell beendete dar spitzfindige Raisvnnemcnt mit den Worten: „Sir JanieS Turner must sein Wort gebe», oder er wird in Ketten gelegt." der Tartsche auf seiner Schulter und der kurzen Hahnenfeder auf seiner Mütze, sowie auch nach der Würde seines Benehmens, auf den Rang eines höheren Stammgenossen Anspruch machte; auch konnte derselbe wirklich, seinem Stolze gemäß, in keinem entfernteren Verwandtschaftsgrade, als etwa dem eines Vetters vom zehnten oder zwölften Gliede, zu Sir Dun- can stehen. Es war jedoch unmöglich, hierüber wie über einen andern Gegenstand bestimmte Kunde einzuziehen, denn weder der Befehlshaber, noch irgend ein Anderer ans der Schaar sprach englisch. Der Kapitän ritt und seine militärischen Begleiter gingen z» Fuß; allein ihre Thätigkeit war so groß, und die Hindernisse, welche die Natur des Bodens einer Reise zu Pferde darbot, so zahlreich, daß der Kapitän, weit davon entfernt, durch die Langsamkeit ihres Schrittes anfge- halten zu werden, vielmehr seine Schwierigkeit hatte, mit seinen Führern gleichen Schritt zu halten. Er bemerkte, daß sie ihn gelegentlich mit scharfen Angen überwachten, als wollten sic irgend eine Bemühung zu entweichen verhindern; einmal, als er beim Uebersetzen über einen Bach zurückblieb, begann einer der Burschen die Lunte seiner Flinte anzublasen, und gab ihm so zu verstehen, daß er sich einiger Gefahr aus- sctzen würde, im Fall er sich von ihnen zn trennen suchte. Dalgetty ahnete nichts Gutes aus dieser genauen Bewachung seiner Person; er hatte aber jetzt kein Nettnngsmittel, denn der Versuch, seinen Begleitern in einem unzugänglichen und unbekannten Lande zu entfliehen, wäre nicht viel besser als Wahnsinn gewesen. Er ritt deßhalb geduldig durch eine wüste und wilde Einöde ans Pfaden, welche nur den Schafen und Rindviehhirten bekannt waren, und kam mit weit mehr Unbehaglichkeit als Befriedigung durch viele jener erhabenen Gebirgsgegenden, welche jetzt Besucher ans jedem Winkel Eng- 175 lands herbeiziehen, damit dieselben ihre Blicke an der Erhabenheit des Hochlandes weiden und ihre Gaumen mit hochländischer Kost kasteien. Zuletzt gelangten sie an den südlichen Rand des edlen Sees, woran Jnverary liegt. Ein Horn, in welches der Anführer der Hochländer stieß, so daß die Felsen und der Wald davon widerhallten, diente einer wohlbemannten Galeere znm Zeichen, welche ans einer kleinen Bucht, wo sie verborgen lag, hervorkam und die Gesellschaft, mit Einschluß des Gustavns, an Bord nahm. Dieser scharfsinnige Vierfüßler, ei» erfahrener Reisender, sowohl zu Wasser als zu Lande, ging in das Boot und wieder heraus mit der Verständigkeit eines Christen. Auf dem Loch Fine eingeschifft, hätte der Kapitän Dalgett» eine der großartigsten Natnrsccnen betrachten können. 'Er hätte die wetteifernden Ströme Aray und Shiray, welche dem See Tribut bezahlen, beschauen können, wie sie aus den dunklen Wäldern hervorkomme». Er konnte an dem sanften Abhang, welcher vom Ufer aufsteigt, das edle gothische Schloß mit seinen mannigfachen Umrissen, Mauerzinnen, Thürmen, äußern und iunern Höfen bewundern, welche in Bezug auf das Malerische einen gewaltigeren Eindruck gewährten, als das jetzige massive und gleichförmige Wohnhaus. Er konnte seine Blicke an Len dunklen Wäldern weiden, welche auf manche Meile hin die starke und fürstliche Wohnung umringten; sein Auge konnte auf dem malerischen Berggipfel von Dlmiquoich verweilen, welcher sich schroff aus dem See erhebt und seine kahle Stirn unter die Wolken emporstreckt, während ein einsam stehender Wartthurm, wie ein Adlernest auf seinem Gipfel, dem Anblick dadurch Würde ertheilte, daß er das Gefühl der möglichen Gefahr erweckte. Alles dieß und jede andere Beigabe der edlen Scene hätte Kapitän Dalgetty beobachten 176 können, wenn er dafür Sinn gehabt hätte. Um jedoch die Wahrheit zu gestehen, so wurde das Interesse des tapfer» Kapitäns, welcher seit Tagesanbruch nichts gegessen hatte, hauptsächlich durch den Ranch, welcher ans den Kaminen des Schlosses emporstieg, und die Erwartung in Anspruch genommen, welche diese Erscheinung zu verbergen schien, daß er einen genügenden Vorrath von Proviant antrcffen werde, wie er jede Vorräthe dieser Art nannte. Das Boot nahte bald dem rauhen Damme, welcher in den See von der kleinen Stadt Jnverary aus sich erstreckte — damals einer plumpen Ansammlung von Hutten mit einigen wenigen Steinhäusern am Ufer des Sees bis znm Hauptthor des Schlosses. Vor diesem zeigte sich ein Anblick, welcher ein weniger festes Herz hätte entmnthigen, und einen weniger zarten Magen hätte umkehren können, als beide der Rittmeister, Dugald Dalgetty nach Drumthwacket genannt, besaß. Zwölftes Kapitel. In Trug und in, Jntrigncnspicl gewandt, Scharfsichtig, keck, bei Aufruhr wohl bekannt. Stets sonder Nast und Grundsatz, unzufrieden, War Amt und Macht ihm, oder nicht befchiede». Dry den: Absalon und Achitophel. Das Dorf Jnverary, jetzt ein hübsches Landstädtchen, zeigte damals die Rohheit des siebenzehntcn Jahrhunderts durch das elende Aussehen seiner Häuser und die Unregelmässigkeit seiner ungepflasterten Strassen; allein ein stärkerer und furchtbarerer Charakterzng jener Zeit bot sich ans dem Markte, einem Raume von unregelmäßiger Weite mitten zwischen dem Hafen oder Hafendamm und dem finsteren Schloßthor, welches mit seinem dunklen gewölbten Gange, seinem Fallgitter und den Thürmen ans den Flanken das obere Ende der Aussicht bildete. Auf der Mitte dieses Platzes stand ein plumper Galgen, an welchem fünf Leichname hingen, von denen zwei nach ihrer Kleidung Niederländer gewesen zu sein schienen, und die anderen drei in hochländische Mäntel eingehüllt waren. Zwei oder drei Weiber saßen unter dem Galgen; sie schienen zu trauern und sangen das Todtenlicd der Verstorbenen in leiser Stimme. Dieß Schauspiel war aber offenbar zu gewöhnlich, um den Einwohnern im Allgemeinen viel Interesse zu gewähren. Diese drängten sich vielmehr herbei, um die militärische Gestalt, das Sage von Montrose. 13 178 ungewöhnlich große Pferd und die blanke Rüstung des Kapitän Dalgetty zu betrachten, und schienen das traurige Schauspiel ans ihrem eigenen Markte gar nicht in Acht zu nehmen. Der Gesandte Montrose's war aber nicht ganz so gleichgültig ; als er ein oder zwei englische Worte von einem ziemlich anständig aussehcnden Hochländer vernahm, hielt er Gu- stavus an und fragte jenen: „der Profoß ist hier geschäftig gewesen, Freund; darf ich Euch fragen, weßhalb diese armen Sünder hingerichtct wurden?" Er blickte nach dem Galgen und der Gale, welcher die Frage des Kapitäns eher durch dessen Handlung, als durch dessen Worte begriff, erwiderte sogleich: „drei Herren Räuber, Gott segne sie," (er bekreuzigte sich) ^,auch zwei sächsische Kerle, die nicht thun wollten, was Mac Cnllnm More ihnen anbefahl;" dann wandte er sich von Dalgetty mit gleichgültiger Miene weg und ging fort, ohne weitere Fragen abzn- warten. Dalgetty zuckte die Achseln und ritt ebenfalls weiter, dem: Sir Dnncans Vetter im zehnten oder zwölften Grade hatte schon Zeichen seiner Ungeduld gegeben. Am Thore des Schlosses bot sich ein zweites abschreckendes Schauspiel feudaler Gewalt; innerhalb eines Pallisadenwer- kes, welches zu den übrigen Befestigungen des Thvres kürzlich hinzugcfügt schien, und von zwei leichten Kanonen geschützt war, lag eine kleine Umzäunung, wo ein großer Block stand, auf welchem eine Axt sich befand. Beide zeigten frische Blut- spnren, und umhergcstrentes Sägemehl verdeckte zum Theil, offenbarte aber auch die Spuren einer kürzlichen Hinrichtung. Als Dalgetty auf diesen neuen Gegenstand des Schreckens blickte, zupfte ihn sein hauptsächlichster Führer plötzlich am Saume seines Wamses nnd zeigte, nachdem er so seine Auf- merksamkeit erregt hatte, mit dem Finger ans einen Pfahl des Pallisadenwcrkes, welcher einen Kopf, ohne Zweifel denjenigen des erst kürzlich Hingerichteten, trug; im Gesichte des Hoch- liinders lag ei» boshafter Ansdruck, als er auf dies; gräßliche Schauspiel hinmies, welches seinem Reisegefährten nichts Gutes zu bedeuten schien. Dalgetty stieg unter dem Thore vom Pferde, und Gusta- vns wurde ihm abgenommen, ohne daß er ihn in den Stall, seiner Gewohnheit gemäß, begleiten durfte. Dieß machte auf den Soldaten einen so schmerzlichen Eindruck, als die Vorrichtungen des Todes bei ihm nicht zu erwecken vermocht hatten. „Armer Gnstavus," sagte er bei sich selbst, „wenn mir etwas Böses passiren sollte, so hätte ich besser getha», dich in Darnlinvarach zurückzulaffen, als dich zu den hochländischen Wilden hieher zu bringen, welche kaum den Kopf eines Pferdes vom Schwänze unterscheiden können, aber die Pflicht muß einen Soldaten von Allem trennen, was ihm als das Nächste und Thenerste gilt. Wenn Kanonen krachen und Kugeln dräuen, Verbietet die Ehre den Tod ZN scheuen; Drum betreibet das Handwerk in ehrlichen Fehden, Und fechtet auch All' für den König von Schweden." Indem er so seine Besorgnisse mit dem Schluß einer militärischen Ballade beschwichtigte, folgte er seinem Führer in eine mit bewaffneten Hochländern gefüllte Wachtstnbe. Man gab ihm zu verstehen, daß er hier bleiben müsse, bis seine Ankunft dem Marquis gemeldet sei. Um diese Mittheilung verständlicher zu machen, gab der wackere Kapitän dem Vetter- Sir Duncans dessen Paket, wobei er ihm so gut wie möglich durch Zeichen zu verstehen gab, dasselbe sei den eigenen Hän- 12 - den des Marquis zu überreichen. Sein Führer nickte und entfernte sich. Der Kapitän wurde ungefähr eine halbe Stunde an diesem Orte gelassen, um während dieser Zeit die neugierigen und zugleich feindseligen Blicke der bewaffneten Galen mit Gleichgültigkeit zu ertragen, oder mit Stolz zurückzugcben; sein Aeußeres und seine Ausrüstung war nämlich den Hochländern ebensowohl ein Gegenstand der Neugier, als seine Person und sein Vaterland ihnen ein Gegenstand des Widerwillens zu sein schien. Alles dieß ertrug er mit einem militärisch unbekümmerten Wesen, bis eine in schwarzen Sammt gekleidete Person mit einer goldenen Kette, wie sie jetzt die Magistrats- Personen von Edinburgh tragen, nämlich der Haushofmeister des Marquis von Argyle, nach dem Verlauf der erwähnten Zeit in's Zimmer trat und den Kapitän mit feierlichem Ernst aufforderte, ihn zu seinem Herrn zu begleiten. Die Reihe der Zimmer, welche Beide durchschritten, war mit Dienern und Besuchern verschiedener Art gefüllt; dieselben waren vielleicht mit absichtlichem Prunke dort ausgestellt, um dem Gesandten Montrose's eine Vorstellung von der überlegenen Gewalt und Pracht zu geben, welche das jenem feindliche Hans Argyle besäst. Ein Vorzimmer war mit Laqnaien gefüllt, die in Braun nnd Gelb, die Familicnfarben, gekleidet und in einer doppelten Reihe aufgestellt, den Kapitän Dalgetty schweigend anblickten, als er zwischen ihnen hindnrchging. In einem andern Vorzimmer befanden sich hochländische Herren und Häuptlinge kleinerer Stammeszweige, die sich mit Schach, Triktrak nnd anderen Spielen die Zeit vertrieben, dieselben aber kaum unterbrachen, um ans Neugier auf den Fremden zu blicken. Ein drittes Vorzimmer war mit niederländischen 181 Herren und Offizieren gefüllt, die ebenfalls in Diensten des Marquis zu stehen schienen ; endlich war Letzterer in seinem Empfangzimmer von einem Hofe vornehmer Herren umgeben, welcher seine hohe Wichtigkeit bezeugte. Dies; Zimmer, dessen Flügelthüren sich zur Aufnahme des Kapitän Dalgetty öffneten, war ein länger, mit Tapeten und Familienporträts ansgeschmücktcr Raum, mit einer gewölbten hölzernen Decke; letztere war durch Schnitzwcrk verziert, indem die äußersten Vorragungen der Balken prächtige Bildwerke und reichliche Vergoldungen trugen. Der Raum wurde durch lange, lanzettförmige, gothische Fenster erleuchtet, welche, von steinernen Schäften getheilt, Scheiben von gemaltem Glase enthielten, auf welchem die gebrochenen Sonnenstrahlen durch Eberköpfe, Galeeren, Commandostäbe, Schwerter, Wappen des mächtigen Hauses Argyle, und Sinnbilder der hohen Erbämter des Justiziars von Schottland und des königlichen Haushofmeisters schimmerten — Erzämter, die lange Zeit im Besitz des Hanfes Argyle gewesen waren. Am oberen Ende dieses prächtigen Raumes stand der Marqnis selbst, der Mittelpunkt eines glänzenden Kreises von reichgekleidetcn Herren des Hoch- nnd Niederlandes, unter denen man zwei oder drei Geistliche bemerkte, die vielleicht nur eingeladcn waren, um Zeugen des Eifers seiner Lordschaft für den Covenant zu sein. Der Marqnis selbst war nach der Mode jener Zeit gekleidet, welche van Dyk so oft gemalt hat; sein Anzug war aber dunkel und gleichförmig, und eher kostbar als prächtig. Seine dunkle Gesichtsfarbe, seine gewölbte Stirn und sein gesenkter Blick gaben ihm das Aeußcrc eines Mannes, welcher sich oft mit der Erwägung wichtiger Angelegenheiten beschäftigt und durch Gewohnheit einen geheimnißvollen Ernst angenommen hat, den er auch bei Gelegenheiten nicht ablegen kann, in denen durchaus nichts zu verbergen ist. Das Schielen seiner Augen, welches ihm in den Hochlanden den Beinamen Kille- 5>,i6 llrumscli (der Schielende) erwarb, war weniger bemerkbar, wenn er den Blick senkte, und vielleicht auch die Ursache, weßhalb er sich an das Niederschlagen der Augen gewöhnt hatte. Von Gestalt war er groß und mager, jedoch nicht ohne die Würde des äußeren Benehmens, welche seinem hohen Range geziemte. Bisweilen lag Kälte in seiner Anrede und etwas Unheimliches in seinem Blicke, obgleich er mit der gewöhnlichen Anmnth eines Mannes von seinem Staude reden und sich benehmen konnte. Von seinem eigenen Clan war er angebctet, da dessen Beförderung er stets erstrebte; in demselben Verhältniß wurde er aber von den Hochländern anderer Stämme gehaßt, von denen Einige schon ihrer Besitzungen durch ihn beraubt waren, während Andere sich durch seine zukünftigen Entwürfe für bedroht hielten, und Alle die Höhe, worauf er sich emporgeschwungen hatte, mit Besorgnis; betrachteten. Wir haben schon erwähnt, daß der Marquis von Argyle wahrscheinlich einen Eindruck auf das Nervensystem des Kapitän Dugald Dalgetty dadurch machen wollte, daß er sich ihm vor seinen Näthcn, vor dem Gefolge seiner Vasallen, Verbündeten und abhängigen Leute zeigte. Allein dieser wackere Herr hatte in dem einen oder anderen Lager sich seinen Weg mit dem Schwerte während des dreißigjährigen Krieges in Deutschland gebahnt, einer Zeit, worin ein tapferer und glücklicher Soldat ein Gesellschafter der Fürsten war. Der König von Scbweden, und nach seinem Beispiel sogar die hoch- müthigen Fürsten des deutschen Reiches, hatten es oft für- zweckmäßig halten müssen, ihre Würde preißzugeben, um die Ansprüche ihrer Soldaten ans den Sold, wenn sie denselben 183 nicht zahlen konnten, dadurch zu beschwichtigen, daß sie denselben ungewöhnliche Vorrechte bei Hofe und im vertraulichen Verkehr gestatteten. Kapitän Dalgetty konnte sich rühmen, daß er mit Fürsten bei Banketten oft zu Tafel saß, welche Königen zu Ehren gegeben wurden, und war deßhalb nicht der Mann, um sich sogar durch die Würde verblüffen zu lassen, womit Mac Cnllnm More sich umgeben hatte. Er war wirklich seinem Charakter nach durchaus kein bescheidener Mann, sondern hatte vielmehr eine so gute Meinung von sich selbst, daß eine jede Gesellschaft, in welche ihn der Zufall führte, verhältnißmäßig seinen Dünkel steigerte; so daß er sich in der höchsten Gesellschaft ebenso behaglich fühlte, wie unter seinen gewöhnlichen Kameraden. Seine hohe Meinung von seinem Range wurde noch durch seine Vorstellungen vom militärischen Gewerbe gesteigert, welches, nach seinem Ausdruck, einen tapfern Cavalier zum Kameraden eines Kaisers machte. Als er deßhalb in das Audienzzimmer des Marquis eingeführt wurde, ging er ans das obere Ende eher mit der Haltung des Selbstvertrauens, als des Anstandes zu, und würde bis dicht an Argyle herangetreten sein, hätte der Letztere nicht durch eine Handbewegnng ihm zu verstehen gegeben, er möge stillstehcn. Kapitän Dalgetty blieb somit stehen, vollbrachte seinen militärischen Gruß mit Ungezwungenheit und redete den Marqnis mit den Worten an: „Ich wünsche Euch guten Morgen, Mylord, oder vielmehr, ich sollte sagen, guten Abend, deso s usteel los msnos, wie der Spanier sagt, d. h. ich küsse Euer Gnaden die Hände." „Wer seid Ihr, Herr, und was ist Euer Gewerbe?" fragte der Marqnis in einem Tone, welcher die anstößige Vertraulichkeit des Soldaten zu unterbrechen beabsichtigte. „Das ist eine klare Frage, Mylord," erwiderte Dalgetty, 184 „welche ich sogleich beantworten werde, wie einem Cavalier geziemt, nnd zwar per«i»torie, wie wir in Mareschal-College zu sagen pflegten." „Real, seht nach, wer nnd was er ist," sagte der Marquis finster einem neben ihm stehenden Herrn. „Ich will dem ehrcnwcrthen Herrn die Muhe der Nachforschung ersparen," fuhr der Kapitän fort; „ich bin Dngald Dalgetty von Drnmthwacket, d. h. ich sollte dies; Gut besitzen ; ferner bin ich seit Kurzem Rittmeister in verschiedenen Diensten gewesen und bin jetzt Major, ich weiß nicht, in welchem irischen Regiment, oder unter welchem Oberst; ich komme als Unterhändler für einen Waffenstillstand von einem hohen nnd gewaltigen Lord, James, Grafen Montrose, und andern edlen Personen, welche jetzt in Waffen für Se. Majestät stehen. Und somit erhalte Gott König Karl!" „Wißt Ihr, wo Ihr seid, nnd könnt Ihr die Gefahr, uns herauszufordern, Herr?" fragte wiederum der Marquis, „da Ihr mir eine Antwort gebt, als sei ich ein Kind oder Narr? Der Graf Montrose ist bei den englischen Böswilligen, und ich glaube, Ihr seid einer der irländischen Renegaten, welche in dieß Land gekommen sind, um zu brennen und zu morden, wie sie unter Sir Phelim O'Neale kamen." „Mylord," erwiderte Kapitän Dalgetty, „ich bin kein Renegat, obwohl Major in einem irländischen Regiment; ich kann mich hinsichtlich Eurer Beschuldigung auf den nnbcsieglichen Gnstavus Adolphns berufen, auf den Löwen des Nordens, auf Banner, Oxenstierna, den kriegerischen Herzog von Sachsen Weimar, auf Lilly, Wallenstein, Piccolomini nnd andere große Feldherren, lebendige wie todte; nnd was den edlen Grafen von Montrose betrifft, so bitte ich Eure Lordschaft, diese meine Vollmacht zur Unterhandlung mit Euch im Namen dieses sehr ehrenwerthen Befehlshabers durchzulcsen." Der Marquis warf einen verächtlichen Blick ans das Unterzeichnete und versiegelte Papier, welches Kapitän Dalgctty ihm überreichte, schleuderte cs mit Geringschäpnng ans einen Tisch und fragte seine Umgebung, „was die Person verdiene, welche nach eigenem Geständnis; als Gesandter und Agent eines bösartigen Verräthcrs, eines Empörten gegen den Staat sich ein stelle ?" " „Einen hohen Galgen und eine kurze Beichte," lautete die sogleich ertheilte Antwort eines Anwesenden. „Ich ersuche de» ehrenwerthen Cavalier, welcher soeben gesprochen hat," sagte Dalgctty, „weniger hastig seine Schlöffe zu bilden; auch ersuche ich Eure Lordschaft um Vorsicht bei Annahme derselben, in Betracht, daß solche Drohungen allein für niedriges Gesindel, nicht aber für Männer von Mnth und Handlung berechnet sind, welche Leib und Leben ebenso unbedenklich in Diensten dieser Art, als bei Belagerungen, Schlachte» und Angriffen anssetzen müssen. Und obgleich ich bei mir keinen Trompeter mit einer weißen Fahne habe, in Betracht, daß unser Heer noch nicht vollständig ausgerüstet ist, so müssen mir die ehrenwerthen Cavaliere und Eure Lordschaft zugestehe», daß die Heiligkeit eines Gesandten, welcher als Parlamentär sich in's feindliche Lager begibt, nicht in einem Trompetenstöße, welcher ein bloßer Schall ist, oder in einer weißen Flagge besteht, welche nur an sich ein alter Lumpen ist, sondern daß sie in dem Zutrauen beruht, welches die absendende und abgesendete Partei zu der Ehre derer hegt, welcher die Botschaft überbracht wird, und daß sie sich vollkommen darauf verlassen, das äu8 gentium oder Völkerrecht ebensowohl, als 186 das Gesetz der Waffen werde in der Person des Commiffärs geachtet werden-" „Ihr seid nicht hieher gekommen, „erwiderte der Marqnis, „um uns eine Vorlesung über das Gesetz der Waffen zu halten, welches bei Rebellen und Aufständischen keine Anwendung findet; Ihr seid vielmehr gekommen, um die Strafe Eurer Unverschämtheit und Thorheit zu erleiden, weil Ihr eine ver- rätherische Botschaft dem General-Justiziar von Schottland überbracht habt, dessen Pflicht es erheischt, eine solche Beleidigung mit dem Tode zu bestrafen." „Ihr Herren," sagte der Kapitän, welchem jetzt die Wendung zu mißfallen begann, die seine Gesandtschaft zu nehmen schien, „ich ersuche euch, zu bedenken, daß der Graf von Montrosc euch und eure Besitzungen für jeden Schaden verantwortlich machen wird, den meine Person oder mein Pferd durch dies; ungeziemende Verfahren erleiden wird, und daß er dadurch vollkommene Rechtfertigung für die Ausführung einer vergeltenden Rache an euren Personen und Besitzungen erhält." Diese Drohung wurde mit einem Hohngelächter aufgenommen, und einer der Campbells antwortete: „es ist weit bis nach Lochow" — ein sprüchwörtlicher Ausdruck des Stammes, welcher bedeutete, daß ihre alten Erbgüter vor dem Angriff eines Feindes gesichert seien. „Aber ihr Herren," begann der unglückliche Kapitän auf's Nene, welcher sich nicht vernrtheilen lassen wollte, ohne wenigstens den Vorthcil einer vollen Vertheidignng zu erlangen, „obgleich ich euch nicht sagen kann, wie weit es bis Lochow ist, denn ich bin ein Fremder in diesen Gegenden, so hoffe ich dennoch, daß ihr etwas, was mehr zur Sache gehört, beachten werdet. Ich erhielt das Wort eines ehrenwerthen Herrn eures Namens, Sie Duncan Campbell von Ardenvohr, für die Sicherheit meiner Gesandtschaft, und ich ersuche euch, zu bedenken, daß ihr, wenn ihr den Waffenstillstand gegen meine Person verletzt, ihr seine Ehre und guten Namen in hohem Grade beschimpfen werdet." Dies; schien Vielen der anwesenden Herren von Wichtigkeit zu sein, denn sie redeten mit einander bei Seite, und die Ge- sichtszüge des Marquis zeugten von Ungeduld und Acrger, wie sehr er auch sonst die äußeren Zeichen seiner Leidenschaft zu unterdrücken vermochte. „Verpfändet Sir Duncan von Ardenvohr seine Ehre für die Sicherheir dieser Person, Mylord?" fragte einer der Gesellschaft, indem er sich an den Marquis wandte. „Ich glaube nicht," erwiderte der Marquis, „ich hatte jedoch noch keine Zeit, den Brief zu lesen." „Wir mochten Eure Lordschaft darum ersuchen," sagte ein anderer der Campbells ; „unser Name darf keine Schande wegen solch eines Gesellen, wie dieser da, erleiden." „Eine tobte Fliege," sagte ein Geistlicher, „hat zur Folge, daß die Salbe eines Apothekers stinkt." „Ehrwürdiger Herr," sagte Kapitän Dalgetty, „in Betracht der Anwendung Eures Gleichnisses vergebe ich Euch dessen schmutzige Natur; auch vergebe ich dem Herrn in der rothcn Mühe den entwürdigenden Ansdruck Gesell, den er unhöflich ans mich angewandt hat, der ich durchaus nicht damit zu bezeichnen bin, wo nicht in so weit, als mich einst der große Gustavus Advlphus, der Lowe des Nordens, seinen Gesellen im Kriegshandwerk, d. h. seinen Kameraden nannte, ebenso wie mir andere ausgezeichnete Befehlshaber, sowohl in Deutschland, als in den Niederlanden, den Namen ertheilten. Was jedoch Sir Duncan Campbells Bürgschaft für meine Sicherheit be- trifft, so sehe ich mein Lebe» zum Pfunde, daß er meine Worte bestätigen wird, wenn er morgen hieherkommt. „Wenn Sir Dnncun so bald erwartet wird, Mylord," sagte einer der Fürsprecher des Kapitäns, „so wäre es Schade, vorher über diesen armen Mann zu beschließen." „Ohnedem muß Eure Lordschaft — ich spreche mit Achtung — sollte Eure Lordschaft wenigstens den Brief des Ritters von Ardenvohr lesen, um daraus die Bedingungen zu ersehen, unter welchen dieser Major Dalgctty, wie er sich nenut, von ihm hicher geschickt worden ist." Die Herren umringten den Marquis und unterredcten sich leise mit ihm sowohl in galischcr, als in englischer Sprache. Die patriarchalische Gewalt der Häuptlinge war sehr groß, und besonders die des Marquis von Argyle durch seine ererbten Privilegien als Justiziar des Königreichs besonders unumschränkt. Allein sogar in den am meisten despotischen Regierungen findet sich immer das eine oder andere Hemmniß. Dasjenige, welches die Gewalt der eeltischen Häuptlinge beschränkte, war ihr Bedürfnis;, ihre Verwandten sich geneigt zn erhalten, welche unter ihnen die niedere Volksklaffe in den Kampf führten, oder eine Art Rathsversammlung des Stammes in Friedenszeiten bildeten. Der Marquis hielt es bei dieser Gelegenheit für nothwendig, die Vorstellungen des Senates oder des galischen Couroultai mit dem Namen Campbell zu berücksichtige» ; er entschlüpfte dem Kreise und gab Befehle, den Gefangenen an einen sicheren Ort zn bringen. „Was, ich wäre Gefangener!" rief Dalgetty ans, und äußerte eine solche Kraftanstrengung, daß er beinahe zwei Hochländer abgcschüttelt hätte, welche einige Minuten lang ans das Zeichen, ihn zu ergreifen, gewartet, und sich deßhalb dicht an seinen Rücken gestellt hatten. Auch war der Soldat wirk- 189 lich seiner Befreiung so nahe, daß .der Marquis die Farbe wechselte und zwei Schritte zurückfnhr, wobei er jedoch seine Hand an's Schwert legte, während mehrere seiner Clansleute sich zwischen ihn und die Rache seines Gefangenen warfen. Allein die hochländische Wache war zu stark, um sich abschüt- teln zu lassen; dem unglücklichen Kapitän wurden die Angriffswaffen wcggenommen und er selbst fortgcschleppt. Man führte ihn durch mehrere dunkle Gänge zu einer kleinen Seitenthür von Eisengittern, hinter welcher sich eine zweite von Holz befand. Dieselben wurden von einem alten grimmigen Hochländer mit langem, weißen Bart eröffnet, und führten auf eine sehr steile und enge abwärtsgehende Treppe. Die Wache des Kapitäns stieß ihn zwei oder drei Stufen hinab, ließ seine Arme los und überließ es ihm selbst, seinen Weg nach dem Boden der Treppe hin, so gut er konnte, zu finden — eine schwierige und sogar gefährliche Aufgabe, nachdem die zwei Thürcn verschlossen waren und der Gefangene sich in gänzlicher Dunkelheit befand. Dreizehntes Kapitel. Wer hier bestimmt ist einziikehren, Wird Leid allein gewahren; Ihm bleibt allein noch zu verehren. Den Herrn der HinimelSschaaren. Bn rnS. Der Kapitän, in der beschriebenen Weise des Lichtes beraubt, und in einer sehr ungewissen Lage befindlich, stieg die enge und sogar beschädigte Treppe mit aller möglichen Vorsicht hinab, wobei er hoffte, das; er unten einen Ruheplatz finden könne. Ungeachtet aller Sorgfalt aber konnte er nicht einen falschen Schritt vermeiden, der ihn die vier oder fünf letzten Stufen zu hastig hinabbrachte, als das; er das Gleichgewicht hätte bewahren können. Auf dem Boden stolperte er über einen etwas weichen Bündel, der sich mit einem Gestöhn bewegte, so daß der Gang des Kapitäns noch mehr in Unordnung kam, wodurch er vorwärts stürzte, und zuletzt mit Händen und Knieen auf den Fußboden eines feuchten mit Steinen gepflasterten Gefängnisses fiel. Als Dalgetty sich erholt hatte, wurde seine erste Frage an den Klumpen gerichtet, über den er gestolpert war, um zu erfahren, wer dieß wäre. „Vor einem Monat war es ein Mann," erwiderte eine hohle und gebrochene Stimme. 191 „Und was ist er denn jetzt," fragte Dalgetty, „daß er es für paffend hält, ans der niedrigsten Stufe wie ein Igel zusammengerollt zn liegen, damit ehrsame Cavaliere, welche sich zufällig in Verlegenheit befinden, ihre Nasen über ihn brechen?" „Was er jetzt ist?" erwiderte dieselbe Stimme; „ein elender Baumstamm, dem die Zweige abgehauen wurden, und dem jetzt nichts mehr daran gelegen ist, wie bald man ihn aus dem Boden reißt, nm ihn zu Scheitern Brennholz für den Ofen zn zerhauen." „Freund," sagte Dalgetty, „es thut mir leid nm Euch, aber kiwienem, sagt der Spanier; wäret Ihr so ruhig gewesen, als ein Baumklotz, (wie Ihr Euch zn nennen beliebt,) so hättet Ihr mir erspart, daß ich an Händen und Knieen einige Quetschungen erhielt." „Ihr seid ein Soldat," erwiderte sein Mitgefangener, „und Ihr beschwert Euch über einen Fall, um den ein Knabe nicht einmal klagen würde?" „Wie könnt Ihr aber in dieser verdammten dunklen Hohle erkennen, daß ich ein Soldat bin?" fragte der Soldat. - „Ich hörte den Klang Eurer Rüstung, als Ihr fielet, und jetzt sehe ick sie schimmern; wenn Ihr so lang, als ich, in dieser Dunkelheit gewesen seid, so werden Eure Angen die kleinste Eidechse erkennen, welche über den Boden kriecht." „Ich wünschte eher, daß der Teufel sie mir ansriffe," sagte Dalgetty; „wenn das der Fall ist, so ziehe ich lieber die kurze Schleife eines Strickes, ein Soldatengebet und einen Sprung von der Leiter einem solchen Schicksale vor. Aber welchen Proviant habt Ihr hier, Bruder in Betrüblich — ich wollte sagen, was habt Ihr hier zu essen?" 192 „Brod und Wasser einmal des Tages," erwiderte die Stimme. „Bitte, Freund, laßt mich Euer Brod kosten," sagte Dal- getty, „ich hoffe, wir werden gute Kameraden sein, so lange wir in diesem verfluchten Loche zusammen wohnen." „Das Brod und der Wafferkrng," erwiderte der andere Gefangene, „steht zwei Schritte rechts von Euch in der Ecke, nehmt es und seid willkommen; mit irdischer Nahrung habe ich beinahe nichts mehr zu schaffen." Dalgetty wartete keine zweite Einladung ab, sonder» holte sich tappend seinen Proviant und begann das harte, schwarze Haferbrod mit eben der Herzlichkeit zu kauen, mit welcher wir ihn seine Rolle bei besseren Gerichten spielen sahen. „Dies; Brod," sagte er murmelnd mit vollem Mundes „ist nicht sehr schmackhaft; dennoch ist es nicht viel schlechter, als dasjenige, welches wir bei der berühmten Belagerung von Werben aßen, wo der tapfere Gnstavus alle Anstrengungen des berühmten Lilly vereitelte, jenes furchtbaren alten Feldherrn, welcker zwei Könige ans dem Felde geschlagen hatte — nämlich Friedrich von Böhmen und Christian von Dänemark. Und in Betreff dieses Wassers, welches gerade nicht zum besten gehört, trinke ich damit auf Eure schnelle Befreiung, Kamerad, vergesse aber dabei nicht meine eigene, und wünsche andächtig, es wäre Rheinwein oder brausendes Lübe- ker Bier, wenn auch zu keinem andern Zweck, als zu Ehren Eurer vorher ausgebrachten Gesundheit." Während Dalgetty's Laune ihn in dieser Weise tröstete, bewegten sich seine Zähne ebenso schnell, als seine Zunge, und er war bald mit dem Proviant fertig, den das Wohlwollen oder die Gleichgültigkeit seines Unglücksgefährten seiner Gefräßigkeit überlassen hatte. Als diese Arbeit vorüber war, 193 wickelte er sich in seinen Mantel, setzte sich in eine Ecke des Gefängnisses, wo er sich auf jeder Seite anlehnen konnte (denn er war immer ein Bewunderer von Lehnstühlen, wie er bemerkte, von seiner frühesten Jugend an gewesen), und begann dann seinen Mitgefangenen auszufragcn. „Mein ehrlicher Freund," sagte er, „da wir jetzt Kameraden für Tisch und Bett geworden sind, so müssen wir uns besser mit einander bekannt machen. Ich bin Dngald Dalgetty von Drumthwacket n. s. w., Major in einem Regiment loyaler Irländer und außerordentlicher Gesandter eines hohen und mächtigen Lords, James, Grafen von Montrose — bitte, sagt mir jetzt Euren Namen." „Es kann Euch wenig daran gelegen sein, denselben zu erfahren," erwiderte sein schweigsamerer Gefährte. „Darüber laßt mich urtheilen," erwiderte der Soldat. „Wohlan denn, Ranald Mac Eagh ist mein Name, d. h. Ranald, Sohn des Nebels." „Sohn des Nebels!" rief Dalgetty aus, „Sohn gänzlicher Finsterniß, sage ich; aber Ranald, da Ihr nun einmal so heißt, wie seid Ihr dem Profoß in die Hände gefallen? d. h. was znm, Teufel hat Euch hieher gebracht?" „Mein Unglück und mein Verbrechen," erwiderte Ranald; kennt Ihr den Ritter von Ardenvohr?" „Ich kenne diesen shrenwcrthen Herrn," erwiderte Dalgetty. „Wißt Ihr, wo er jetzt ist?" fragte Ranald auf's Neue. „Er hält heute in Ardenvohr ein Fasten," erwiderte der Gesandte, „damit er morgen sich in Jnverary um so gütlicher thun kann; wenn er letzteren Zweck zufällig nicht ausführen konnte, so wird die Dauer meines menschlichen Kriegsdienstes etwas unsicher." Sage von Montrvse. 13 194 „So laßt ihn wissen, daß Jemand seine Vermittlung in Anspruch nimmt, welcher sein schlimmster Feind und bester Freund ist," erwiderte Ranald. „Ich möchte eine weniger unverständlichere Botschaft ihm zu überbringen wünschen; Sir Dnncan ist nicht der Mann, der daran Vergnügen findet, Räthsel anfznlösen." „Feigherziger Sachse," sagte der Gefangene, „verkünde ihm, ich sei der Rabe, welcher vor fünfzehn Jahren auf seinen festen Thurm und die Pfänder seiner Liebe, die er dort znrück- ließ, hinabschoß — ich bin der Jäger, der des Wolfs Höhle auf dem Felsen anffand und seine Jungen mordete. Ich bin der Anführer der Bande, welcher gestern vor fünfzehn Jahren Ardenvohr überrumpelte und seine vier Kinder tödtete." „Wahrlich, ehrlicher Freund," sagte Dalgetty, „wenn das Eure beste Empfehlung bei Sir Dnncan ist, so werde ich den Umstand übergehen, im Fall ich eine Fürsprache einlege, in Betracht, daß ich sogar schon bei der Thierschöpfung bevbach- tet habe, wie sie gegen diejenigen erzürnt sind, welche ihren Jungen Gewalt anthnn; um so mehr muß dieß bei vernünftigen und christlichen Geschöpfen der Fall sein, wenn ihrer kleinen Familie übel mitgcspielt wird. Ich bitte Euch aber, sagt mir gütigst, ob Ihr das Schloß vom Hügel, genannt Drumsnab, angrifft, den ich für den wahren Angriffspunkt erkläre, wenn derselbe nicht durch «eine Schanze vertheidigt wird." „Wir bestiegen die Klippe mit Leitern, die aus Weiden geflochten waren," sagte der Gefangene; „dieselben wurden von einem Mitschuldigen und Stammgcnoffen hinanfgezogen, welcher sechs Monate im Schlosse gedient hatte, um eine Nacht unbegrenzter Rache zu genießen. Die Eule schrie, als wir zwischen Himmel und Erde hingen; die Brandung erbrauste 195 am Fuße des Felsens und zerschmetterte unser» Kahn; dennoch sank Keinem von uns der Muth. Am Morgen fand sich Blut und Asche, wo am Abend Ruhe und Freude geherrscht hatte." „Das war, ich zweifle nicht, Ranald Mac Eagh, ein hübscher Ueberfall, ein trefflicher Sturm, und derselbe wurde auf nicht unwürdige Weise ausgeführt, dennoch würde ich das Hans von dem kleinen Hügel, genannt Drumsnab, bedrängt haben, aber Eure Kriegführung ist nach einer beträchtlich unregelmäßigen scythischen Mode, Ranald, und gleicht sehr der von Türken, Tartaren und andern asiatischen Völkern — allein die Ursache, mein Freund, der Grund zu diesem Kriege — die causa teterrima, wenn ich so sagen darf; erzähle sie mir, Ranald." „Wir wurden von den Mac Anlays und andern westlichen Stämmen bedrängt, bis unsere Besitzungen für uns unsicher wurden." „Aha," sagte Dalgetty, „ich erinnere mich dunkel, von der Sache gehört zu haben; stecktet Ihr nicht Brod und Käse in eines Mannes Mund, als derselbe keinen Magen mehr hatte, um diese Speise dorthin zu spediren?" „Ihr habt also," fragte Ranald, „die Erzählung unserer Rache an dem stolzen Förster vernommen?" „Mir fällt ein, daß ich davon hörte," sagte Dalgetty, „und zwar noch vor Kurzem. Das war kein übler Scherz, daS Brod in des tobten Mannes Mund zu stopfen, nur etwas zu roh und mild für civilisirte Menschen, abgesehen von der nutzlosen Verschwendung guter Lebensmittel. Ich habe mit eigenen Angen, Ranald, bei einer Belagerung oder Blokade manchen lebendigen Soldaten gesehen, der sich bei jener Brodkruste 13 « 196 gut befunden haben würde, Ranald, die Ihr bei einem tobten Kopf also weggeworfen habt." „Wir waren von Sir Duncan angegriffen," fuhr Mac Eagh fort, „und mein Bruder ward erschlagen — sein Kopf verdorrte auf den Zinnen, die wir erstiegen — ich schwur Rache, nnd einen solchen Schwur habe ich niemals gebrochen." „Das mag sein," sagte Dalgetty, „nnd jeder Soldat, der eine gute Schule dnrchgemacht hat, wird gestehen, daß Rache ein süßer Bissen ist. Es übersteigt aber meine Begriffe, in welcher Weise diese Geschichte Sir Duncan für Eure Rechtfertigung interessiren wird, wo nicht derselbe sich dadurch veranlaßt sehen sollte, bei dem Marquis für Euch als Vermittler aufzutrctcn, daß Letzterer die Aufhängung an den Galgen in die Strafe des Räderns bei lebendigem Leibe, oder der Aufschneidnng Eures Bauches durch einen Pflug, oder sonst in eine Todesart durch Folterung verwandeln möge. Wäre ich an Eurer Stelle, Ranald, so würde ich vergeben, Sir Duncan nicht zu kennen, mein Geheimniß bewahren und ruhig durch den Strick vom Leben scheiden, wie Eure Vorfahren gewohnt waren." „Höre jedoch, Fremder, das Weitere," sagte der Hochländer; „Sir Duncan von Ardenvohr hatte vier Kinder, drei starben unter unseren Dolchen, das vierte lebt; er würde mehr dafür geben, auf seinen Knieen das vierte noch übrige Kind zu schaukeln, als diese alten Knochen zu foltern, welche sich vor der äußersten Qual nicht fürchten, die er ihnen, um seinen Grimm ausznlassen, noch anthun kann. Ein Wort, wenn ich es sprechen will, könnte diesen Tag der Demuth und des Fastens in den eines Dankfestes nnd Abendmahls verwandeln; ich fühle dieß nach meinem eigenen Herzen; mir ist theurer mein Sohn Kenneth, welcher den Schmetterling an den Ufern des Aren jagt, als die zehn Söhne, welche in der Erde modern, oder von den Vögeln in der Lust zerfleischt werden." „Ich glaube, Ranald," fuhr Dalgetty fort, „die drei hübschen Burschen, die ich auf dem Marktplatz wie geräucherte Häringe aufgehängt gesehen habe, hatten Anspruch auf einige Verwandtschaft mit Euch?" Es herrschte eine kurze Panse, bevor der Hochländer mit einer Stimme heftiger Gemnthsbcwegung erwiderte: „es waren meine Söhne, Fremder — sie waren meine Söhne!" — Blut von meinem Blut — Bein von meinem Bein! — flinken Fußes — niemals ihr Ziel verfehlend — von Feinden unbesiegt, bis die Söhne von Diarmid sie durch Ucbermacht bewältigten ! weßhalb wünsche ich sie zu überleben? Der alte Stamm wird weniger das Ansreißen seiner Wurzeln empfinden, als er das Abhauen seiner anmuthigen Zweige empfand. Aber Kennest) muß zur Rache erzogen werden — der junge Adler muß von dem alten erlernen, wie er auf seine Feinde herniederschießen wird. Um seinethalbcn will ich mein Leben und meine Freiheit dadurch erkaufen, daß ich mein Gehcimniß dem Ritter von Ardenvohr entdecke." „Ihr mögt Euere Zwecke leichter erreichen," fiel eine dritte sich in das Gespräch mischende Stimme ein, „wenn Ihr es mir vertraut." Alle Hochländer sind abergläubisch. „Der böse Feind ist in unserer Mitte!" sagte Ranald Mac Eagh aufspringend. Seine Ketten rasselten, als er sich erhob und sich, so weit es möglich war, von dem Platze entfernte, von wo die Stimme auszugehen schien. Seine Furcht theilte sich Dalgetty einigermaßen mit, welcher, in einer Art Kauderwelsch vieler Sprachen, alle Geisterbeschwörungen, die er jemals gehört hatte, verbrachte, ohne daß er sich mehr als zwei Worte von jeder erinnern konnte. „In nomine Nomini, wie wir in Marcschal-College sagten, — ssntissimn mstre äe vios, spricht der Spanier, — alle guten Geister loben de» Herrn, spricht der Psalmist in Doctor Luthers Uebersetzung." „Unterlaßt Eure Beschwörungsformel," sprach die vorher gehörte Stimme; „obgleich ich etwas sonderbar unter Euch erscheine, bin ich, wie ihr, ein sterblicher Mensch, und mein Beistand kann Euch in Eurer jetzigen Noth von Nutzen sein, wenn ihr nickt zu stolz seid, um Rath anznnehmen." Als der Fremde dieß sagte, schlug er die Klappen einer kleinen Blendlaterne zurück, an deren schwachem Lichte Dal- getty nur unterscheiden konnte, daß der Sprecher, welcher sich so geheimnißvoll ihrer Gesellschaft angeschlossen und in ihr Gespräch gemischt hatte, ein großer, in der Livree des Marquis gekleideter Mann mar. Seinen ersten Blick richtete er auf dessen Füße, er sah aber weder Bocksfuß, womit die schottische Sage den Teufel ansschmückt, noch den Pferdehuf, wodurch sich derselbe in Deutschland auszeichnet. Seine erste Frage ging dahin, wie der Fremde unter sie gekommen sei. „Denn," sagte er, „das Knarren der verrosteten Riegel hätte bei der Eröffnung der Thüre gehört werden müssen, upd wärt Ihr durch's Schlüsselloch gekommen, Herr, so seid Ihr nicht geeignet, in ein Regiment lebendiger Menschen Euch an- werben zu lassen, Ihr möchtet dabei ein Gesicht schneiden, wie Ihr wollt." „Ich bewahre mein Geheimniß," erwiderte der Fremde, „bis ihr die Enthüllung dadurch verdient habt, daß ihr mir einige der eurigen mittheilt. Vielleicht lasse ich mich bewegen, euch dort herauszulassen, wo ich hereingekommen bin." 199 Dann kann es nicht durch das Schlüsselloch geschehen sein," sagte Dalgctty, „denn mein Harnisch würde unterwegs stecken bleiben, könnte auch meine Sturmhaube hindnrchkommen. Was Geheimnisse betrifft, so habe ich selbst keine solche, und nur wenige, die Andern angehören. Aber sagt uns doch, welche Geheimnisse Ihr von uns zu wissen wünscht, oder wie Professor Snufflegreek in Mareschal-College in Aberdeen zu sagen pflegte, sprich, damit ich dich kenne." „Mit Euch habe ich nicht zuerst zu reden," erwiderte der fremde, indem er sein Licht ans die wilden und verwelkten Cesichtszüge, sowie ans die großen Glieder des Hochländers failen ließ, welcher, dicht an die Wände des Gefängnisses gelehnt, noch zu bezweifeln schien, ob sein Gast wirklich ein le- beüdiges Wesen sei. „Ich habe Euch Etwas gebracht, Freund," sagte der Fremde in einem milderen Tone, „um Eure Kost etwas zu verbessern; wenn Ihr morgen sterben müßt, so ist das kein Grund, weßhalb Ihr Euch heut Abend nicht gütlich thun solltet." „Durchaus nicht, dagegen gibt es keinen Grund in der Schöpfung," erwiderte der stets bereite Dalgetty, welcher alsbald den Inhalt eines kleinen Korbes auszuladen begann, den der Fremde unter seinem Mantel herbeigebracht hatte, während der Hochländer aus Verdacht oder aus Verachtung die guten Dinge nicht beachtete. „Auf deine Gesundheit, Freund," sagte der Kapitän, welcher, nachdem er schon ein großes Stück Lammsbraten befördert hatte, jetzt einen Zug ans der Weinflasche that; „was ist dein Name, guter Freund?" „Mnrdoch Campbell, Herr," erwiderte der Diener; „ich bin ein Lakai des Marquis von Argyle und gelegentlich auch dessen Untergefängnißwärter." 200 „Also noch einmal ans deine Gesundheit, Mnrdoch," sagte Dalgetty; „ich trinke Euch zn bei Eurem Namen, des bessern Glückes wegen. Diesen Wein halte ich für Calcavclla; gut, ehrlicher. Mnrdoch, ich glaube, sagen zn dürfen, daß du Ober- gcfangcnwärter zn sein verdienst, denn dn erwiesest dich mit der Manier, ehrliche Herren im Unglück zn verpflegen, zwan- zigmal besser bekannt, als dein Herr. Brod und Wasser? ihn hole der Teufel! das genügte, Mnrdoch, um das Loch des Marquis um allen Kredit zu bringen. Ich sehe aber, Jhi wollt Euch mit meinem Freunde Rauald Mac Eagh unterhab ten; bekümmert Euch nicht um meine Gegenwart, ich wkl mich mit dem Korbe dort in die Ecke setzen und gebe Erch mein Wort, daß meine Kinnbacken Lärm genug machen werden, um meine Ohren daran zn verhindern, daß sie Einem Gespräche zuhören." Ungeachtet dieses Versprechens jedoch horchte der Veteran mit aller ihm nur möglichen Aufmerksamkeit, oder wie e> sich selbst beschrieb, „er legte seine Ohren auf den Hals zurück, wie Gustavus, wenn er das Umkehrcn des Schlüssels ir der Haferküste hörte;" er konnte deßhalb wegen der Enge des Gefängnisses das folgende Gespräch leicht behorchen. „Wißt Ihr, Sohn des Nebels," sagte der Campbell, „daß Ihr niemals diesen Ort verlassen werdet, mit Ausnahme des Ganges znm Galgen?" „Diejenigen, die mir am theuersten waren," erwiderte Mac Eagh," haben vor mir denselben Weg betreten." „Ihr wollt also nichts thnn," fragte der Besucher, „um zu vermeiden, daß Ihr ihnen folget?" Der Gefangene wand sich in seinen Ketten, bevor er eine Erwiderung gab. „Ich würde viel thnn," sagte er, „nicht wegen meines 201 eigenen Lebens, sondern wegen des Pfandes meiner Liebe im Thale von Strath-Aven." „Und was würdet Ihr thnn, um die herbe Stunde von Euch abzuwcndcn?" fragte wieder Murdoch. „Mich kümmert nicht die Ursache, weßhalb Ihr sie meiden wollt." „Ich würde thnn, was ein Mensch thnn kann, wenn er sich dann noch einen Mann nennen darf." „Ihr nennt Euch einen Mann," sagte der Fragende, „und Ihr vollbrachtet die Thaten eines Wolfes." „So nenne ich mich," erwiderte der Verbrecher; „ich bin ein Mann wie meine Ahnen — in den Mantel des Friedens gehüllt waren wir Lämmer; er ward uns entrissen, und jetzt nennt ihr uns Wölfe. Gebt uns die Hütten, die ihr uns verbranntet — die Kinder, die ihr uns mordetet — die Wittwcn, die ihr verhungern ließet — sammelt von dem Galgen und dem Pfahl die zerfleischten Leichen und die gebleichten Schädel unserer Verwandten — rnft sie in's Leben zurück, damit sie uns segnen, dann werden wir eure Vasallen und Brüder sein — bis dahin möge Tod, Blut und gegenseitiges Unrecht einen dunklen Schleier zwischen uns Zweien ansbrciten." „Ihr wollt also nichts für Eure Freiheit thnn?" fragte der Campbell. „Alles, nur werde ich mich niemals der Freund Eures Stammes nennen." „Wir verschmähen die Freundschaft von Banditen und Räubern, erwiderte Murdoch, „und würden auch niemals uns herablassen, sie anzunehmen. Was ich von Euch zu wissen wünsche, um Euch Eure Freiheit zu verschaffen, ist der Ort, wo die Tochter und die Erbin des Ritters von Ardcnvohr jetzt zu finden ist?" „Damit ihr sie an einen bettelhaften Verwandten eures 202 mächtigen Herrn nach der Sitte der Kinder von Diarmid vermählen könnt! Ruft nickt das Thal von Glenorqnhy bis zur jetzigen Stunde euch Schande zu, wegen der Gewalt, die ihr gegen ein hülfloses Kind übtet, als dessen Verwandte dasselbe nach dem Hof des Fürsten brachte? Waren ihre Geleits- lente nicht gezwungen, sich unter einem Dickicht zu verbergen, bei welchem sie zuletzt so lange kämpften, bis keiner übrig blieb, nm die Kunde zu geben? Und ward nicht dies; Mädchen in dies; verhängnißvolle Schloß gebracht und nachher mit einem Bruder des Mac Cullnm More verheirathet, und Alles das allein wegen ihrer großen Landgüter")?" „Und ist die Geschichte wahr," sagte Mnrdoch, „so erlangte sie eine größere Beförderung, als ihr der König der Schotten jemals übertragen haben würde. Dieß aber gehört nicht hie- her. Die Tochter des Sir Duncan von Ardenvohr ist unser eigen Blut und keine Fremde, und wer besitzt ein so gutes Recht, ihr Schicksal zu erfahren, als Mac Callum More, der Häuptling ihres Stammes?" „Ihr befragt mich also in seinem Namen?" sagte der Verbrecher ; der Bediente des Marquis bejahte die Frage. „Und Ihr wollt dem Mädchen nichts Böses anthnn? ich habe ihr schon genug Unrecht erwiesen." „Nichts Böses, beim Worte eines Christen," erwiderte Mnrdoch. „Und mein Lohn ist Leben und Freiheit?" sagte der Sohn des Nebels. ") Diese Geschichte wird von der Erbin des Clans von Calder erzählt, welche in der beschriebenen Weise zur Gefangenen gemacht und nachher an Sir Duncan Campbell vermählt wurde, dem Stammvater der Cal- dcrS von Cawdor. 203 „Das ist unser Vertrag," erwiderte Campbell. „So wisse, daß das Kind, welches ich aus Erbarmen bei der Zerstörung der Feste ihres Vaters rettete, als Adoptivtochter unseres Stammes erzogen ward, bis wir am Paß von Ballenduthil von dem eingefleischten Teufel und unserem Todfeinde, Allan Mac Aulay mit der blutigen Hand, sowie von den Reitern aus Lennox unter dem Erben von Mentcith geschlagen wurden." „Fiel sie in die Gewalt Allans mit der blutigen Hand als angebliche Tochter Eures Stammes ?" fragte Murdoch. „Dann hat ihr Blut den Dolch gefärbt, und du hast nichts gesagt, um dein verwirktes Leben zu retten." „Beruht mein Leben ans dem ihrigen," erwiderte der Räuber, „so ist es sicher, denn sie ist noch am Leben; ersterem ist aber eine unsicherere Bürgschaft gegeben, das unsichere Versprechen eines Sohnes von Diarmid." „Das Versprechen wird dir gehalten werden," sagte der Campbell, „wenn du mir die Versicherung geben kannst, daß sie noch am Leben und wo sie zu finden ist." „Im Schlosse von Darnlinvarach," sagte Ranald Mac Eagh, „unter dem Namen Annot Lyle. Ich habe oft von ihr meine Verwandte erzählen hören, die ihren heimatlichen Wäldern sich wieder genähert haben, und vor nicht langer Zeit sahen sie meine eigenen alten Angen." „Ihr!" rief Murdoch erstaunt aus, „Ihr, ein Häuptling unter den Kindern des Nebels, habt Euch so in die Nähe Eures Todfeindes gewagt?" „Sohn von Diarmid, ich that noch mehr," erwiderte der Räuber; „ich war in der Halle des Schlosses, als ein Harfner von den wilden Ufern des Skianach verkleidet. Ich wollte meinen Dolch in den Leib des Mac Aulay mit der blutigen 204 Hand stoßen, vor welchem unser Geschlecht erzittert, und dann jedes Schicksal ertragen, welches Gott mir senden wurde. Ich sah jedoch Annot Lyle gerade als meine Hand ans dem Griffe meines Dolches ruhte. Sic schlug die Harfe zu einem Gesänge der Kinder des Nebels, den sie erlernt hatte, als sie sich unter uns befand. Die Wälder, worin wir einst voll Freuden wohnten, ließen ihre grünen Blätter bei dem Gesänge rauschen, und unsere Ströme stoßen dort mit dem Nieseln ihrer Wasser. Meine Hand ließ den Dolch fahren; die Quelle meiner Angen war aufgeschlossen, und die Stunde der Rache ging vorüber. Und nun, Sohn von Diarmid, habe ich das Lösegeld meines Kopfes bezahlt?" „Ja," erwiderte Murdoch, „wenn Eure Erzählung wahr ist; welchen Beweis aber könnt Ihr dafür geben?" „Himmel und Erde sei mein Zeuge!" rief der Räuber aus; „er sieht sich schon nach Ausflucht nm, um sein Wort z» brechen." „Nein," erwiderte Murdoch, „jedes Versprechen soll Euch gehalten werde», wenn ich mich überzeugt habe, daß Ihr die Wahrheit sagtet — ich muß jedoch einige Worte zum Gefährten Eurer Gefangenschaft reden." „Stets falsch bei schönen Worten," murmelte der Gefangene, als er sich wieder auf den Boden seines Gefängnisses hinwarf. Mittlerweile machte Kapitän Dalgetty, dem kein Wort des Gespräches entgangen war, seine besondere Bemerkungen, „Was znm Henker, mag der pfiffige Kerl mir zu sagen haben, ich habe kein Kind, weder ein eigenes, noch das einer andern Person, nm ihm eine Geschichte davon zu erzählen; aber laßt ihn nur kommen, er wird lange manövriren müssen, bis er die Flanke des alten Soldaten umgeht." Somit erwartete er, 205 als stände er mit der Pike in der Hand ans einer Bresche, um dieselbe zu verteidigen, zwar mit Vorsicht, jedoch ohne Furcht vor dem Anfang des Angriffs. „Ihr seid ein Weltbürger, Kapitän Dalgetty," sagte Mur- doch Campbell, „und könnt unser altes Sprichwort: „„wie dn mir, so ich dir,"" nicht vergessen haben, welches bei allen Nationen und bei allen Armeen sich vvrfindet." „Dann must ich allerdings etwas davon wissen," sagte Dalgetty, „denn mit Ausnahme der Türken gibt es wenige Mächte in Europa, denen ich nicht gedient habe, und einmal habe ich sogar daran gedacht, es entweder bei Bethlem Gabor, oder bei den Janitscharen zu versuchen." „Ein Mann Eurer Erfahrung und Eures vorurteilsfreien Geistes wird mich alsbald verstehen," sagte Mnrdoch, „wenn ich sage, oder vielmehr der Meinung bin, daß Eure Freiheit von Eurer wahren und aufrichtigen Antwort ans wenig unbedeutende Fragen hinsichtlich der Herren abhängig ist, die Ihr verlassen habt, nämlich hinsichtlich ihrer Vorbereitungen, der Zahl ihrer Leute, und der Natur ihrer Anordnungen; auch habt Ihr so viel, wie Ihr zufällig wissen solltet, von ihrem Operationsplan mir zu enthüllen." „Wohl mir, um Eure Neugier zu befriedigen, und zu keinem anderen Zweck," meinte Dalgetty. „Durchaus zu keinem andern," erwiderte Mnrdoch, „welches Interesse könnte ein armer Teufel, wie ich, an ihren Operationen nehmen?" „So bringt Eure Fragen vor," sagte der Kapitän, „ich will sie peremptorie beantworten." „Wie viel Irländer sind ans dem Marsche, um sich James Graham, dem Verbrecher, anzuschließen." „Wahrscheinlich 10,000," sagte Dalgetty. 206 „10,000!" erwiderte Murdoch ärgerlich; „wir wissen, daß kaum 2000 in Ardnamnrcha» gelandet sind." „Dann wißt Ihr mehr, als ich," antwortete Dalgetty mit großer Fassnng; „ich sah sie noch nicht anfgcstellt, auch noch nicht unter Waffen." „Wie viel Mann werden von den hochländischen Clans erwartet ?" fragte Murdoch. „So viel sic aufbringen können," erwiderte der Kapitän. „Ihr gebt keine Antwort, die sich für die Frage eignet. Herr," sagte Murdoch, „sprecht deutlich, werden 5000 Mann aufgebracht werden?" „Soviel und ungefähr soviel," erwiderte Dalgetty. „Ihr spielt mit Eurem Leben, Herr, wenn Ihr mich foppt," erwiderte der Katechist; „ein Pfiff von mir und in weniger denn zehn Minuten hängt Euer Kopf an der Zugbrücke." „Um aber Euch meine aufrichtige Meinung zu sagen, Herr Murdoch," antwortete der Kapitän, „haltet Ihr es für ein vernünftiges Verfahren, daß Ihr mich nach den Geheimnissen unserer Armee fragt, in die ich mich für den ganzen Feldzug habe anwerben lassen ? Wenn ich Euch lehren könnte, wie Ihr Montrose schlagen müßt, was würde dann aus meinem Solde, meinen Rückständen und meinem Beuteantheil werden?" »Ich sage Euch," bemerkte Campbell, „daß, wenn Ihr eigensinnig seid, Euer Feldzug mit einem Marsche nach dem Block an dem Schloßthore, welcher für solche Landläufer bereit steht, beginnen und enden wird; wenn Ihr aber meine Fragen aufrichtig beantwortet, werde ich Euch anfnehmen in meinen — in den Dienst von Mac Callum More." „Zahlt er guten Sold?" fragte der Kapitän. 207 „Er wird den Euren verdoppeln, wenn Ihr nach Montrose zurückkchren, aber unter der Leitung des Marquis handeln wollt." „Ich wünschte, ich hätte Euch gesehen, Herr, bevor ich mich mit Montrose cinließ," sagte Dalgetty, als sei er scheinbar in Nachdenken versunken. „Im Gcgentheil, ich kann Euch jetzt noch vortheilhastere Bedingungen verschaffen," sagte der Campbell, vorausgesetzt, daß Ihr treu seid." „Das heißt, treu gegen Euch, und Vcrräther gegen Montrose," erwiderte der Kapitän. „Treu für die Sache der Religion und guten Ordnung," antwortete Mnrdoch, „welche jeden Betrug heiligt, den man für ihre Sache anwendct." „Und der Marquis von Argyle — für den Fall, daß ich geneigt wäre, in seinen Dienst zu treten, ist er ein gütiger Herr?" fragte Dalgetty. „Kein Mann war jemals gütiger," sagte der Campbell. „Und ist er freigebig gegen seine Offiziere?" fuhr der Kapitän fort. „Er hat die offenste Hand in ganz Schottland," antwortete Mnrdoch. „Hält er seine Versprechungen?" fuhr Dalgetty fort. „So fest, wie jemals ein ehrenwerther Edelmann." „Ich habe nie so viel Gutes von ihm zuvor gehört," sagte Dalgetty; Ihr müßt den Marquis sehr genau kennen — oder vielmehr, Ihr müßt der Marquis selbst sein! — Lord von Argyle," fügte er hinzu, indem er sich plötzlich auf den verkleideten Edelmann stürzte, „ich verhafte Euch als Vcrräther, im Namen König Karls. Ruft Ihr um Beistand, so drehe ich Euch den Hals um." I Der Angriff, welchen Dalgetty ans die Person Argyle's machte, war so plötzlich nnd unerwartet, daß er ihn leicht ans den Boden des Gefängnisses niederwarf nnd ihn mit der einen Hand festhielt, während seine Rechte den Hals des Mar- gnis ergriff und bereit war, beim geringsten Hnlfernf denselben zu erdrosseln. „Lord von Argylc," sagte er, „die Reihe ist jetzt an mir, um die Kapitnlationsbedingungen anfznsetzen; wenn Ihr cin- willigt, mir den verborgenen Weg zu zeigen, ans welchem Ihr in dies; Gefängnis; kamt, so sollt Ihr unter der Bedingung davon kommen, daß Ihr mein locum tenens werdet, wie wir in Mareschal-College sagten, bis Euer Gcfängnißwärter seine Gefangenen besucht. Wo nicht, so will ich Euch zuerst erdrosseln — ich lernte die Kunst von einem polnischen Haidn- cken, der ein Sklave in dem ottomanischcn Serail gewesen war — nnd dann mir irgend einen Weg, um heranszukommen, aussnchen." „Elender, Ihr wollt mich ermorden, wegen meiner Gute," murmelte Argyle. „Nicht wegen Eurer Gute, Mylord," erwiderte Dalgetty, sondern erstlich, um Eurer Lordschaft Unterricht im äus Pentium hinsichtlich der Cavaliere zu geben, die unter sicherem Geleite gekommen sind, nnd zweitens Euch einen Begriff von der Gefahr beiznbringcn, worin man geräth, sobald man schimpfliche Bedingungen einem ehrenwerthen Soldaten vorschlägt, um ihn in Versuchung zu bringen, daß er seiner Fahne während seiner Dienstzeit untren wird." „Schont mein Leben," sagte Argyle, „und ich will thnn, was Ihr verlangt." Dalgetty ließ die Kehle des Marquis nicht los; er preßte dieselbe ein wenig zusammen, sobald er fragte, nnd ließ als- dann den Drnck in so weit nach, daß der Marquis antworten konnte. „Wo ist die geheime Thüre, die in's Gefängnis! führt?" fragte er. „Haltet die Laterne an die Ecke rechts von Euch, alsdann werdet Ihr das Eisen erkennen, welches die Springfeder bedeckt," erwiderte der Marquis. „Die Sache ist in Richtigkeit. Wohin aber führt der Gang?" „Nach meinem Kabinet bis zu dessen Tapete," erwiderte der niedergeworfene Edelmann. „Wie kann ich von dort den Thorweg erreichen?" „Durch die große Halle, das Vorzimmer, das Bedientenzimmer, das Wachtzimmer —" „Sämmtlich voll von Soldaten, Wachen und Bedienten? Das ist nicht nach meinem Geschmack, Mylord. Habt Ihr keinen geheimen Gang zum Thore, wie zum Gefängnisse? ich habe dergleichen in Deutschland gesehen." „Ein Gang führt von meinem Kabinet aus in die Kapelle." „Und was ist die Losung am Thore?" „Das Schwert von Levi," erwiderte der Marquis; „wenn Ihr aber mein Ehrenwort annehmen wollt, so will ich mit Euch gehen, Euch durch jede Wache zu geleiten und mit einem Paß in volle Freiheit sehen." „Ich würde Euch vertrauen, Mylord, wenn Euer Hals nicht bereits schwarz durch den Griff meiner Finger geworden wäre. Da dies; der Fall ist, des«, los wunos s Usteä, wie der Spanier sagt: einen Paß jedoch könnt Ihr mir geben; — in Eurem Kabinet sind doch Schreibmaterialien vorhanden ?" Sage von Mvntrvse. 14 210 „Sicherlich, und fertige Pässe, in denen allein der Name cinzntragen nnd dann die Unterzeichnung hinznznfiigen ist. Ich will Euch svgleich dahin begleiten," sagte der Marqnis. „Das märe zuviel Ehre fiir meinesgleichen," meinte Dal- gettyz „Eure Lordschaft soll unter der Bewachung meines ehrlichen Freundes Ranald Mac Eagh bleiben, erlaubt mir deß- halb, Euch so weit fortzuschleppen, daß er Euch in seinen Ketten erreichen kann — ehrlicher Ranald, Ihr seht jetzt, wie die Sachen mit uns stehen, ich bezweifle nicht, daß ich die Mittel finden werde, Euch in Freiheit zu setzen. Mittlerweile thut, was Ihr mich thnn seht, haltet Eure Hand so unter der Halskrause ans die Luftröhre dieses hohen und mächtigen Fürsten, nnd wenn er sich losreißen oder schreien will, so drücket nur recht stark; wenn es auch n<1 cloliguinm kommt, Ranald, d. h. wenn er in Ohnmacht fallen sollte, so ist nicht viel daran gelegen, in Betracht, daß er Eurer nnd meiner Kehle eine noch gröbere Behandlung zngedackte." „Wenn er reden oder sich losreißen will," sagte Ranald, „so stirbt er von meiner Hand." „Das ist recht, Ranald — sehr klug gesagt — ein zuverlässiger Freund, welcher einen Wink versteht, ist eine Million werth." Nachdem Dalgetty die Sorge um den Marqnis seinem neuen Verbündeten übertragen hatte, drückte er aus die Feder, wodurch die geheime Thüre sich öffnete, jedoch ohne das geringste Geräusch beim Drehen ans den Angeln, denn letztere waren sorgfältig geglättet nnd mit Oel eingeschmiert. An der entgegengesetzten Seite der Thür fanden sich starke Riegel und Eisenstangen, und daneben ein oder zwei Schlüssel, welche offenbar zur Ausschließung der Fesseln bestimmt waren. Eine enge durch die Dicke der Schloßmauer anfsteigende Treppe 211 führte, wie der Marquis richtig angegeben hatte, zur Tapete seines Kabinetes. Verbindungen dieser Art waren häufig in alten Fcudalschlöffcrn, da sie dem Herrn der Festung, wie einem zweiten Dionys, die Mittel gewährten, die Gespräche seiner Gefangenen zu behorchen, oder sie in Verkleidung zu besuchen — ein Verfahren, welches bei dieser Gelegenheit einen für Gillespie Grnmach so unangenehmen Ansgang genommen hatte. Der Kapitän untersuchte zuerst, ob noch sonst Jemand im Zimmer sei, und da er reine Bahn vorgefnnden hatte, trat er ein, sehte sich hastig in Besitz eines Paßformulars, oon welchen mehrere auf dem Tische lagen, und von Schreibmaterialien. Nachdem er ferner den Dolch des Marquis und eine seidene Schnur von den Fenstervorhängen mitgenommen hatte, stieg er wieder in die Höhle, wo er, einen Augenblick an der Thür horchend, die halberstickte Stimme des Marquis vernehmen konnte, welcher Mac Eagh große Anerbietungen machte, im Fall er ihm erlauben wolle, das Al- larmzcichen zu geben. „Nicht um einen Wald von Hirschen — nicht um tausend Stück Rindvieh," erwiderte der Freibeuter; „nicht um alle Ländereien, die jemals ein Sohn von Diarmid sein eigen nannte, will ich mein Wort brechen, welches ich dem Manne mit dem eisernen Kleide verpfändete." „Der Mann mit dem eisernen Kleide," sagte Dalgetty eintretend,. „ist Euch sehr verbunden, Mac Eagh, und dieser edle Lord wird ihm auch verbunden sein; zuerst aber muß er in diesen Paß die Namen von Major Dugald Dalgetty und seinem Führer einschreiben, oder er bekommt wahrscheinlich einen Paß in die andere Welt." Der Marquis Unterzeichnete beim Lichte der Blendlaterne 14 " ' r seinen Namen und schrieb das Weitere, was ihm der Soldat aufgetragcn hatte. „Und jetzt Ranald," sagte Dalgetty, „leg dein Oberkleid ab, — deinen hochländischen Mantel, meine ich, Ranald, womit ich Mac Callnm More vermummen und ans einige Zeit zu einem Sohn des Nebels machen will; — still Mylord, ich muß den Mantel so um Euren Kopf bringen, daß wir gegen Euer übelangebrachtes Geschrei gesichert sind — so jetzt seid Ihr genug geknebelt — laßt die Hände unten, oder beim Himmel, ich will Euch Euren eigenen Dolch in's Herz stoßen! — ja, ja, Ihr sollt mit nichts Geringerem, wie mit Seide, gebunden werden, wie dieß Euer Stand erheischt — so jetzt ist er in Sicherheit, bis Jemand kömmt, um ihn zu erlösen; wenn er uns ein spätes Abendessen bestellt hat, so gereicht das jetzt zu seinem eigenen Schaden — um welche Stunde, guter Ranald, kam gewöhnlich der Gefangenwärter?" Nicht eher, als bis die Sonne unter den Wellen im Westen verschwunden war " „Dann, mein Freund, haben wir drei volle Stunden," sagte der vorsichtige Kapitän, „mittlerweile wollen wir für Eure Befreiung sorgen." Die nächste Beschäftigung war die Untersuchung der Kette Ranalds. Dieselbe wurde durch einen der Schlüssel, welche hinter der geheimen Thür hingen, aufgeschlossen; die Schlüssel waren dort wahrscheinlich angebracht, damit der Marquis einen Gefangenen entlassen oder sonst fortschaffen konnte, ohne den Gefangcnwärtcr herbeizurufen. Der Räuber streckte seine erstarrten Arme aus und sprang von dem Boden des Gefängnisses in aller Entzückung der wiedererlangten Freiheit empor. „Nimm die Livree des edlen Gefangenen," sagte Dalgetty, „lege sic an und folge mir dicht auf den Fersen." 213 Der Räuber gehorchte; sie stiegen die geheime Treppe hinauf, nachdem sie zuvor die Thiire hinter sich verriegelt hatten, und erreichten in Sicherheit das Kabinet des Marquis "). Der unsichere Zustand des FcudaladclS veraulaßtc viel Spioniren in den Schlösser» desselben. Sir Robert Carcy erwähnt, daß er den Rock eines seiner Gcfangenwärtcr anlegte, »IN ein Bekenntniß eines seiner Gefangenen zu erlangen, den er alsdann sogleich für die offenherzige Mittheilung hängen ließ. Das schöne alte Schloß Naworth an der schottisch-englischen Grenze enthielt eine geheime Treppe vom Zimmer des Lord William Howard aus, wodurch derselbe das Gefängniß, wie wir soeben beschrieben, besuchen konnte. Vierzehntes Kapitel. Dieß ist der Gang, die Treppe — doch was folgt? — Wer aber seinen Tod vor Auge» hat, Mag Kart' und Kompaß dreist bei Seite werfen Und ohne Steu'rung sich dem Meer vertrauen. Die Tragödie Brcnnvvalt. „Sieh nach dem geheimen Gange zur Kapelle, Ranald," sagte der Kapitän, „während ich diese Sachen da in der Schnelle untersuchen will." Mit den Worten ergriff er mit der einen Hand ein Bündel von Argyle's geheimsten Papieren, und mit der andern eine Börse Gold, welche beide in der Schublade eines prächtigen Schrankes lagen, die in höchst einladender Weise offen stand. Auch unterließ er es nicht, sich in den Besitz eines Degens und von Pistolen mit einem Horn voll Pulver und Kugeln zu setzen, die in dem Zimmer aufgehängt waren. „Jeder ehrenwerthe Cavalier," sagte der Veteran, als er seine Beute einsteckte, „muß für Kundschaft und Beute sorgen; die eine ist für seinen General, die andere für ihn selbst. Dieser Degen ist ein Andrea Ferrara, und die Pistolen sind besser, als meine eigenen, aber ein schöner Tausch ist kein Raub, Soldaten darf man nicht ohne Grund in Gefahr bringen — Mylord Argyle — aber sachte, sachte, Ranald, weiser Mann des Nebels, was hast du vor?" 215 Es war allerdings hohe Zeit, den Absichten Ranalds Einhalt zu thun; als dieser den geheimen Gang nicht sogleich fand, war er, wie cs schien, ungeduldig über weiteren Verzug, hatte einen Degen und einen Schild von der Wand gerissen und stand im Begriff, die Halle zu betreten, ohne Zweifel in der Absicht, sich mit dem Schwerte einen Weg durch die Bewaffneten zu bahnen. „Halt, bei Eurem Leben!" flüsterte Dalgetty, indem er ihn anpackte; „wir müssen wo möglich auf der Lauer liegen. Verriegeln wir diese Thürc, damit man glaubt, Mac Cnllnm More wünsche allein zu bleiben; jetzt laßt mich eineRecognvs- cirnng nach dem geheimen Gange anstelle«." Der Kapitän entdeckte zuletzt, nachdem er hinter die Tapete an verschiedenen Plätzen geblickt hatte, eine geheime Thüre, und hinter derselben eine Wendeltreppe mit einer andern Thürc am Ende, welche ohne Zweifel in die Kapelle führte. Groß war aber seine unangenehme Ueberraschung, als er an der andern Thüre die laute Stimme eines predigenden Geistlichen vernahm. „Ha, der Schuft hat uns deßhalb diesen geheimen Gang empfohlen. Ich fühle eine starke Versuchung, wieder umzn- kehren und ihm den Hals abznschneidcn." Er öffnete sehr leise die Thür, welche in eine mit Gittern versehene Loge führte, die der Marquis selbst zu gebrauchen pflegte. Die Vorhänge waren vorgezogcn, vielleicht in der Absicht, daß man glauben sollte, er sei beim Gottesdienst gegenwärtig, während er sich mit sehr weltlichen Dingen abgab. In der Loge befand sich keine andere Person. Die Familie des Marquis saß nach der damaligen strengen Etiquette während des Gottesdienstes in einer andern etwas niedriger unter derjenigen des gewaltigen Mannes angebrachten Loge. Da 216 dicß der Fall war, wagte es der Kapitän, sich in der Loge zn verstecken, deren Thiire er sorgfältig verriegelte. Niemals wurde eine Predigt, wenigstens von einem Theile der Gemeide, mit mehr Ungeduld und weniger Erbauung angehört, obgleich wir gestehen müssen, das; diese Behauptung mit Kühnheit vorgebracht ist. Der Kapitän horte Sechs- zehntcs, Sicbcnzehntes, Achtzehntes und schließlich mit einer Art in die Länge gezogener Verzweiflung. Niemand aber kann eine cwigdancrnde Vorlesung halten (der Gottesdienst wurde eine Vorlesung genannt); die Predigt erreichte endlich ihren Schluß mit einer tiefen Verbeugung des Geistlichen gegen die vergitterte Gallerte, wobei derselbe wenig argwohnte, wen er mit diesem Bückling beehrte. Nach der Eile, womit die Dienerschaft des Marquis die Kapelle verließ, war auch diese weniger mit ihrer kürzlich«; Beschäftigung, wie Kapitän Dalgetty in seiner Angst, zufrieden; wirklich konnten sich Viele der Hochländer damit entschuldigen, daß sie kein einziges Wort des Geistlichen verständen, obgleich sie auf besonderen Befehl Mac Cullnm Mo.re's sich als Zuhörer eingestellt hatten, wie sie ihm ebenso gehorcht haben würden, wäre der Prediger ein türkischer Imam gewesen. Obgleich die Gemeinde sich so schnell zerstreute, blieb der Geistliche in der Kapelle zurück, ging auf und ab in dem go- thischen Raume und schien über seinen Predigttext noch weiter nachzudenken, oder eine neue Predigt vorznbereiten. So verwegen auch Dalgetty war, empfand er doch einiges Bedenken über sein weiteres Verfahren. Die Zeit jedoch drängte, und jeder Augenblick steigerte die Möglichkeit, daß der Ge- fängnißwärter vielleicht vor der gewohnten Zeit das von ihm verlassene Loch besuchen und den eingctretenen Tausch entdecken würde. Zuletzt flüsterte er Ranald zu, welcher alle seine Be- 217 wegungen bewachte, ihm mit ruhigem Gesicht zu folge», uud stieg daun mit einer sehr gefaßten Miene die Treppe hinab, welche in den unteren Raum der Kapelle führte. Ein weniger erfahrner Abenteurer würde es versucht haben, bei dem würdigen Geistlichen schnell vorüber zu gehen, um unbemerkt -zu entwischen. Der Kapitän aber, welcher die offenbare Gefahr erkannte, das; ihm ein solcher Versuch mißlingen könne, ging würdevoll dem Geistlichen auf dessen Spaziergang in der Mitte des Chors entgegen, zog seine Kopfbedeckung ab und stand im Begriff, nach dieser förmlichen Verbeugung an ihm vorüber zu gehen. Wie groß mar aber seine Ueberraschnng, als er in dem Prediger dieselbe Person erkannte, mit welcher er in dem Schlosse Ardenvohr zu Mittag gegessen hatte. Er erlangte jedoch schnell seine Besonnenheit wieder und redete ihn sogleich an, bevor derselbe nur sprechen konnte. „Ich konnte unmöglich," waren seine Worte, „diese Wohnung verlassen, ohne Euch, ehrwürdiger Herr, meinen demü- thigen Dank für die Predigt zu sagen, womit Ihr uns heute Abend beehrt habt." „Ich habe nicht bemerkt," sagte der Geistliche, „daß Ihr in der Kapelle wart." „Es gefiel dem ehrenwerthen Marquis," sagte Dalgetty bescheiden, „mich mit einem Sitze in seiner eigenen Loge zu beehren." Der Geistliche verbeugte sich tief bei dieser Bemerkung, denn er wußte, daß solch eine Ehre nur Personen von sehr- hohem Range Vorbehalten mar. „Es war mein Schicksal, Herr," sagte der Kapitän, „in meinem Wanderleben, verschiedene Prediger verschiedener Religionen, z. B. Lutheraner, Evangelische, Reformirte, Calvinisti- 218 schc u. s. w. zu hören, über nie habe ich eine Predigt wie die Enrigc vernommen." „Nennt es eine Vorlcsnng, würdiger Herr," sagte der Geistliche, „dies; ist der in unserer Kircke gewöhnliche Ausdruck." „Vorlesung oder Predigt," sagte Dalgctty, „sie war, wie die Hochdeutschen sagen, ganz vortrefflich; ich konnte diesen Ort nicht verlassen, ohne Euch meine inneren Regungen zu bezeugen, die ich wegen Eurer erbauenden Vorlesungen empfand, und wie tief ich den Uebelstand empfinde, daß ich gestern wahrend unserer Erquickung die Acbtnng zu verletzen schien, zu der ich gegen eine Person, wie Ihr, verpflichtet bin." „Ach, mein würdiger Herr," sagte der Geistliche, „wir begegnen einander in dieser Welt, wie in dem Schatten des Todes, und wissen nicht, wen wir vor uns haben. Wahrlich, es ist nicht wunderbar, wenn wir bei denjenigen Anstoß erregen, denen wir, wenn wir sie kennen sollten, alle Achtung er- theilen wurden. Sicherlich, Herr, ich hätte Euch eher für einen gottlosen Böswilligen, als für eine so gottesfürchtige Person gehalten, wie Ihr Euch jetzt mir erweiset — als ein Mann, welcher den Herrn sogar in den niedrigsten seiner Diener achtet." „Dies; war immer meine Gewohnheit, geehrter Herr," erwiderte Dalgetty, „so zu verfahren; denn im Dienste des unsterblichen Gustavns — ich störe Euch aber in Eurem Nachdenken" — sein Wunsch, vom Schwedenkönig zu erzählen, wurde endlich einmal durch die sich drängenden Umstände überwältigt. „Durchaus nicht, würdiger Herr," sagte der Geistliche, „was war, ich bitte Euch, die Tagesordnung dieses großen Fürsten, dessen Andenken jedem protestantischen Herzen so thener ist?" „Die Trommeln jeden Morgen und jeden Abend ebenso regelmäßig znm Gebet, als znr Parade zu schlagen; wenn ein Soldat ohne Grnß vor einem Kaplan vorübcrging, mußte er eine Stunde lang ans dem hölzernen Pferde reiten. Herr, ich wünsche Euch einen guten Abend, ich bin genvthigt, mit Mac Cullum More's Paß Euch zu verlassen." „Bleibt einen Augenblick, Herr," sagte der Prediger. „Kann ich durch keine Handlung dem Zöglinge des großen Gustav Adolph und einem so bewunderungswürdigen Richter über Predigten einen Dienst erweisen?" „Durch keine andere," sagte der Kapitän, „als daß Ihr mir den nächsten Weg zum Thore zeigt, und wenn Ihr die Güte haben wollt," fügte er mit großer Keckheit hinzu, „einen Diener nach meinem Pferde, dem großen braunen Wallach, zu schicken. Rust ihn nur Gustavus, und er wird sogleich die Ohren spitzen, denn ich weiß nicht, wo der Stall liegt, und mein Führer," fügte er ans Ranald blickend hinzu, „spricht nicht englisch." „Ich werde sogleich Ihren Auftrag ausführen," sagte der Geistliche, „Euer Weg führt durch jenen Manerdurchgang." „Der Himmel lohne ihm seine Eitelkeit," dachte der Kapitän; „ich besorgte schon, ohne Gustavus abmarschiren zu müssen." Der Geistliche hatte wirklich den Auftrag eines so scharfsinnigen Richters über Predigten mit solchem Eifer ansgeführt, daß ein Diener das Pferd Dalgetty's gesattelt herbeiführte, als derselbe mit der Schildwachc an der Zugbrücke unterhandelte, seinen Paß zeigte und die Losung gab. Auf einem andern Platze würde das plötzliche Erscheinen 220 des öffentlich verhafteten Kapitäns einigen Verdacht erregt und Untersnchnng veranlaßt haben, indes; die Offiziere und Bedienten des Marqnis waren an die gehcimnißvolle Politik ihres Herrn gewöhnt, und dachten sich nichts Anderes, als daß er einen geheimen Auftrag von ihrem Herrn erhalten habe. In diesem Glauben gaben sie ihm freien Durchgang, nachdem sie die Parole erhalten hatten. Dalgetty ritt langsam durch die Stadt Jnverary, indem der Räuber ihn als ein Diener zu Fuß dicht an seinem Pferde begleitete. Als sie an den Galgen voriibcrkamen, blickte der alte Mann auf die Leichname und rang die Hände. Der Blick und die Bewegung währten nur einen Augenblick, sprachen aber einen unbeschreiblichen Schmerz ans. Ranald faßte sich jedoch sogleich und finsterte im Vorübergehen einer der Frauen etwas zu, welche, wie Rispah, die Tochter Ojah's, damit beschäftigt schienen, die Opfer feudaler Ungerechtigkeit zn bemachen und zu beklagen. Das Weib fuhr bei seiner Stimme empor, faßte sich aber sogleich und antwortete mit einer leichten Neigung des Hauptes. Dalgetty setzte seinen Weg außerhalb der Stadt in Ungewißheit fort, ob er ein Boot in Beschlag nehmen oder miethen solle, um über den See zu setzen, oder ob es besser sei, in die Wälder zn dringen, und sich dort vor der Verfolgung zu verbergen. Im ersteren Fall war er augenblicklicher Verfolgung durch die Galeeren des Marquis ansgesetzt, welche zum Segeln bereit lagen, indem ihre langen Raaen nach dem Wind gerichtet waren; für den Fall war keine Hoffnung vorhanden, in einem gewöhnlichen hochländischen Fischerboote zn entfliehen. Bei letzterer Wahl'war die Aussicht, sich in den wüsten und unbekannten Wildnissen zu ernähren oder zu verbergen, im höchsten Grade ungewiß. Die Stadt lag jetzt hinter ihm, er 221 konnte jedoch nicht bestimmen, welche Richtung er einschlagen müsse, nnd begann zn bedenken, das; er durch seine Flucht aus dem Gefängniß in Jnverary, so verzweifelt die Sache auch erscheinen mochte, nur den leichtesten Theil einer schweren Aufgabe gelöst hatte. Ward er wieder gefangen, so war sein Schicksal jetzt gewiß; die persönliche Mißhandlung, die er einen so mächtigen nnd rachsüchtigen Mann hatte erleiden lassen, konnte nur durch augenblicklichen Tod gesühnt werden. Während er diesen unangenehmen Gedanken nachhing, nnd sich mit Gesichtszügen nmsah, welche klar genug Unentschlossenheit ansdrückten, fragte ihn plötzlich Ranald Mac Eagh, wohin er seine Reise zn richten gedenke. „Gerade diese Frage, ehrlicher Kamerad," antwortete Dal- getty, „kann ich Euch nicht beantworten. Wahrlich, Ranald, ich beginne zn glauben, daß wir besser bei dem schwarzen Brod und dem Wasserkrng bis zn Sir Dnncans Ankunft geblieben wären, welcher seiner Ehre wegen für mich hätte auftreten müssen." „Sachse," erwiderte Mac Eagh, „beklage es nickst, die stinkende Lust jenes Gefängnisses mit der Frische des Himmels vertauscht zu haben. Vor Allem bereue nicht, daß du einem Sohne des Nebels gedient hast. Folge meiner Leitung, nnd ich verbürge dir deine Sicherheit mit meinem Kopfe." „Könnt Ihr mich in Sicherheit durch diese Gebirge und zum Heer Montrose's zurückführen?" fragte Dalgetty. „Ich kann es," erwiderte Mac Eagh; „es gibt Niemand, dem die Gebirgspässe, die Höhlen, die Thäler, die Dickichte und die Schluchten besser bekannt sind, als den Söhnen des Nebels. Während Andere auf den Ebenen an den Seiten der Seen und Ströme einherkriechcn, sind die steilen Schluchten, die unzugänglichen Gebirge, wo die Quellen der Einöde ent- springen, unsere Wohnorte. Alle Bluthunde Argyle's könneir nie in die Gebirgsfesten dringen, durch welche ich Euch zu führen vermag." „Sagst du das, ehrlicher Nanald," erwiderte Dalgetty, „dann muß ich zu dir halten, denn wahrlich, ich werde niemals das Schiff durch mein eigenes Steuern retten." Der Räuber führte somit den Kapitän in den Wald, von welchem das Schloß ans mehrere Meilen weit umgeben ist; er ging dabei so schnell, daß Gnstavns sich in einen starken Trott setzen mußte, und schlug so viele Nebenwege und Wendungen ein, daß Kapitän Dalgetty alle Vorstellungen, wo er sein könnte, und alle Kenntniß von den Strichen des Com- passes verlor. Zuletzt endete der Pfad, der immer schwieriger geworden war, gänzlich unter Dickicbt nnd Unterholz. Das Rauschen eines Gebirgsstromes wurde in der Nähe vernommen, der Boden wurde an einigen Orten gespalten, an anderen sumpfig, und überall zum Reiten ungeeignet. „Was zum Teufel," sagte Dalgetty, „ist hier zu thun; ich besorge, daß ich mich hier von Gnstavns trennen muß." „Habt keine Furcht wegen Eures Pferdes," sagte der Räuber; „es wird Euch bald znrückgegeben werden." Bei den Worten pfiff er mit leisem Tone, und ein Knabe, halb in gewürfeltem Zeuge gekleidet, halb nackt, kam zum Vorschein. Sein struppiges Haar, mit einem ledernen Riemen gebunden, diente ihm allein als Bedeckung, um ihm Kopf und Gesicht vor Sonne und Wetter zu schützen; er war mager, und, wie es schien, halbverhungert; seine wilden Augen schienen den zehnfachen Raum des gewöhnlichen Verhältnisses einznnchmen, welches ihnen im Menschenantlitz gewöhnlich zngewiesen ist. Dieser Bursch kroch wie ein wildes Thier 223 aus seinem Dickicht von Brombeer- und Hagebnttengesträuch hervor. „Gebt Euer Pferd dem Burschen," sagte Ranald Mae Eagh, „Euer Leben ist davon abhängig." „O weh!" ries der verzweifelnde Veteran ans- „lLeu! wie wir in Mareschal-College zu sagen pflegten; muß ich Gu- stavus in solcher Wartung znrücklassen!" „Seid Ihr verrückt, um so die Zeit zu verlieren," sagte sein Führer. „Befinden wir uns auf so sicherem Boden, daß Ihr von Eurem Pferd Abschied nehmen könnt, als wäre es Euer Bruder? Ick, sage Euch, Ihr sollt es wieder haben, wenn Ihr es aber niemals wieder sehen solltet, so ist das Leben besser, als das beste Fohlen, welches jemals von einer Stute geworfen wurde." „Das ist wahr, mein ehrlicher Freund," seufzte Dalgetty; „wenn Ihr aber den Werth von Gustavns und die mancherlei Abenteuer kennen würdet, die wir beide vollbracht und gelitten haben — seht, er wendet sich um, um mich noch einmal zu sehen — behandle ihn gut, mein kleiner, hosenloser Freund, dann will ich Euch gut belohnen," und mit den Worten, wobei er noch ein wenig schnaubte, um seinen Gram hinunterzu- schlncken, wandte er sich ab von dem herzzerreißenden Schauspiel, um seinem Führer zu folgen. Letzteres war jedoch nicht leicht und erheischte größere Behendigkeit, als dem Kapitän zu Gebote stand. Der erste Sturz, nachdem er sich von seinem Pferd getrennt hatte, versenkte ihn bei einiger Hülfe von wenigen überhängenden Zweigen oder vorragenden Baumwnrzeln acht Fuß abwärts in das Bett eines Waldstromes, durch welchen der Sohn des Nebels stromaufwärts voranging. Große Steine, über welche sie kletterten, — Dornen- und Brombeerengebüsche, durch welche sie sich 22-4 schleppen mußten — Felsen, die auf der einen Seite mit viel Arbeit und Mühe erklommen wurden, um auf der anderen Seite eine ebenso gefährliche Absteignng darznbieten. Alle diese und viele andere Hindernisse wurden von dem leichtfüßigen und halbnackten Bergbewohner mit einer Leichtigkeit und Geschwindigkeit überwunden, welche das Erstaunen und den Neid des Kapitäns erregten, der mit seinem schweren Helm, Harnisch und anderer Rüstung, abgesehen von seinen gewichtigen Steifstiefeln, beladen, zuletzt durch die Mühen und Schwierigkeiten des Weges so ermüdet ward, daß er sich ans einen Stein, um Athem zu schöpfen, niedersctzte, während er seinem Führer Ranald Mae Eagh den Unterschied zwischen einem Marsche als Uxpeclitus und Impeclittm erklärte, wie diese militärischen Phrasen in Aberdeen verstanden wurden. Die einzige Antwort des Bergbewohners bestand darin, daß er seine Hand auf den Arm des Soldaten legte und in der Richtung des Windes znrückwies. Dalgetty konnte nichts merken, denn der Abend brach herein, und sie befanden sich auf dem Grunde einer dunklen Gebirgsschlucht. Zuletzt konnte er jedoch deutlich den dumpfen Ton einer entfernten Glocke vernehmen. „Das," sagte er, „muß ein Allarmzcichen sein — ein Sturmläuten, wie es die Deutschen nennen." „Die Glocke schlägt die Stunde Eures Todes," erwiderte Ranald, „wenn Ihr mich nicht ein wenig weiter begleiten könnt. Für jeden Schall dieser Glocke hat schon mancher brave Mann sein Leben gegeben." „Wahrlich, Ranald, mein treuer Freund," sagte Dalgetty; „ich will nicht leugnen, daß dieser Fall bald auch bei mir ein- tretcn kann, denn ich bin so müde, da ich, wie ich Euch erklärte, Impeäitns bin, denn wäre ich Uxpeäitus, so würde ich mir nichts daraus machen, nach der Pfeife einen Walzer zn 225 Ganzen — ich bin so müde, das; ich mich lieber in einem dieser Gebüsche verstecken und dort das Schicksal, welches Gott mir sendet, ruhig erwarten will. Ich bitte Euch, ehrlicher Freund Ranald, sorgt für Euch selbst und überlaßt mich meinem Schicksale, wie der Löwe des Nordens, der unsterbliche Gustavus Adolphus, mein unvergeßlicher Feldherr — von dem müßt Ihr doch gehört haben, Ranald, obgleich Ihr von Niemand sonst gehört habt — wie der unsterbliche Gustavus Adolphus dem Herzog von Sachsen Lanenbnrg sagte, als er in der Schlacht von Lühen tödtlich verwundet wurde. Verzweifle nur nicht an meiner Sicherheit, Ranald, denn oft habe ich mich in Deutschland in ebenso großer Klemme befunden, besonders, wie ich mich erinnere, in der verhängnißvolle» Schlacht von Nördlingen, nach welcher ich den Dienst wechselte „Verspart den Athem von Eures Vaters Sohn, um seinem Kind aus der Noth zu helfen, statt ihn bei Geschichten zu verschwenden," sagte Ranald, welcher jetzt über des Kapitäns Geschwätzigkeit ärgerlich wurde; „wenn aber Eure Füße so schnell laufen können, wie Eure Zunge, so werdet Ihr noch heute Nacht Euer Haupt auf ein unblutiges Kissen niederlegen." „Darin zeigt sich einige militärische Geschicklichkeit," erwiderte der Kapitän, „ob Ihr gleich ungebührlich und achtungslos mit einem Offizier von Range redet; ich halte es jedoch für zweckmäßig, solche Freiheiten auf einem Marsche zu verzeihen, und zwar in Betracht der saturnalischen Freiheit, welche in solchen Fällen den Truppen aller Nationen gestattet ist. Und nun, Freund Ranald, übernehme wieder dein Amt als Führer, denn ich habe mich etwas verschnauft, oder um deutlicher zu reden, I prse, soguar, wie wir in Mareschal-College zu sagen pflegten." Sage von Montrose. 15 Der Sohn des Nebels begriff, was er sagen wollte, mehr ans seinen Bewegungen, als aus seinen Worten, und ging voran mit einer niemals sehlenden Sicherheit, welche instinktartig zu sein schien, während der Boden in verschiedener Gestaltung die größten Schwierigkeiten und Zerklüftungen darbot, welche sich nur denken lassen. Der Kapitän mit seinen gewaltige» Steifstiefeln, seinen Beinschienen, Handschuhen, Brust- und Rückenharnisch beladen, und außerdem noch mit einem Büffelwams unter allen diesen Waffen angethan, mar- schirte eine beträchtliche Strecke hinter ihm her, indem er fortwährend von seinen früheren Thaten schwatzte, obgleich Ranald seinen Erzählungen nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Nachdem so ein ziemlicher Weg zurückgelegt war, wurde das tiefschallendc Gebell eines Hundes, durch den Wind hcrbeige- führt, vernommen, als habe derselbe die Spur seiner Beute aufgefunden. „Schwarzer Hund," sagte Ranald, „dessen Kehle den Söhnen des Nebels niemals ein Glück verkündete, Unheil befalle diejenige, welche dich warf! Hast du schon unsere Spur gefunden? Du kommst aber zu spät, finsterer Hund der Dunkelheit, der Hirsch hat die Heerde erreicht." Mit den Worten pfiff er sehr leise und erhielt in einem gleich leisen Tone die Antwort von dem Gipfel eines Passes, welchen sie einige Zeit lang hinanfgestiegen waren; den Schritt beschleunigend, erreichten sie den Gipfel, wo der jetzt hell und glänzend ausgehende Mond Dalgetty eine Schaar von zehn oder zwölf Hochländern und ebenso viel Weibern und Kindern zeigte, von welchen Ranald Mac Eagh mit solchem Entzücken empfangen wurde, daß sein Gefährte leicht begriff, seine Umgebung müsse aus den Kindern des Nebels bestehen. Der Play, den sie einnahmen, eignete sich gut für ihre Namen und 227 Gewohnheiten. Es war eine vorspriNgende Klippe, nm welche sich ein sehr enger und gebrochener Fußpfad wand, den die von ihnen eingenommene Stellung an verschiedenen Punkten beherrschte. Ranald sprach angstvoll und hastig mit den Genossen seines Stammes, und die Männer nahten sich, einer nach dem andern, um Dalgetty die Hand zu drucken, während die Weiber lärmend in ihrer Dankbarkeit sich um ihn drängten, um den Saum seines Kleides zn küsse». „Sie verpfänden Euch ihre Treue," sagte Ranald Mac Eagh, „zur Belohnung der guten That, die Ihr heute dem Stamm erwiesen habt." „Genug gesagt, Ranald," erwiderte der Soldat; „mache ihnen begreiflich, daß ich dieses Handschütteln nicht leiden kann, es verwirrt den Rang und die Grade militärischen Dienstes, und was das Küssen von Handschuhen, Stiefelsetzaften u. dgl. betrifft, erinnere ich mich, daß der unsterbliche Gustavus, als er durch die Straßen von Nürnberg ritt, und so von der Volksmasse verehrt wurde, — er war doch ohne Zweifel dessen würdiger, als ein armer, obgleich ehrenwerther Cavalier, wie ich — daß der unsterbliche Gustavus den Leuten ihr Verfahren mit den Worten verwies: „„wenn ihr mich so vergöttert, so könnt ihr überzeugt sein, daß die Rache des Himmels Euch nur zn bald zeigen wird, ich sei ein sterblicher Mensch"" — also hier, wie ich glaube, Ranald, wollt Ihr Euren Feinden die Stirne bieten — voto s Dios! wie der Spanier sagt — eine sehr schöne Stellung — eine sehr schöne Stellung für eine kleine Abtheilung Leute, wie ich das ans Erfahrung weiß — kein Feind kann auf dem Wege herankommen, ohne dem Geschütz- und Mnsketcnfcuer preisgegeben zu sein, aber Ranald, mein treuer Kamerad, ich glaube, bekräftigen zu können, 15 » 228 daß Ihr kein Geschütz habt, und ich sehe auch nicht, daß Einer dieser Kerle eine Muskete besitzt. Mit welcher Artillerie Ihr den Paß vcrthcidigen- wollt, bevor Ihr handgemein werdet, kann ich, Ranald, wahrhaftig nicht begreifen." „Mit den Waffen und dem Mnthe unserer Väter," sagte Mac Eagh; er machte dem Kapitän bcmcrklich, daß die Leute seiner Schaar mit Bogen und Pfeilen bewaffnet waren. „Bogen und Pfeile!" rief Dalgetty ans. Ha, ha, ha! ist Robin Hood und der kleine John wieder anferstandcn? Bogen und Pfeile! Wahrhaftig, seit 100 Jahren hat man so etwas in civilisirter Kriegsführnng nicht erlebt. Bogen und Pfeile! warum nicht gar Weberbäume, wie in Goliaths Tagen. Ha, ha, ha! daß Dugald Dalgetty von Drnmthwacket noch mit eigenen Augen Leute sehen muß, die mit Bogen und Pfeilen kämpfen! — der unsterbliche Gnstavus hätte das nicht geglaubt, Wallenstei» auch nicht — Oberst Butler eben so wenig — auch nicht der alte Lilly — Gut, Ranald, eine Katze hat weiter nichts, als ihre Klanen — da Bogen und Pfeil die Losung sind, so laßt uns sie brauchen, so gut es geht, da ich aber nicht die Anwendung und die Aufstellung einer so altmodischen Artillerie kenne, müßt Ihr nach Eurem eigenen Kopfe Eure Vorkehrungen treffen; von der Uebernahme des Com- mando's durch mich, zu der ich sehr gerne bereit gewesen wäre, würdet Ihr mit christlichen Waffen kämpfen, kann jetzt nicht die Rede sein, wenn Ihr wie köchertragende Numidier kämpfen wollt. Ich werde jedoch an dem bevorstehenden Handgemenge Thcil nehmen, da mein Karabiner unglücklicherweise im Sattel von Gnstavus steckt — ich danke euch gehorsamst," fuhr er fort, vier Hochländer anredend, welche ihm einen Bogen dar- botcn. „Dugald Dalgetty kann von sich selbst sagen, was er i» Mareschal-College erlernte: 229 d. h. übersetzt,"- Ronald Mac Eagh brachte den geschwätzigen Offizier wieder, wie früher, zum Schweigen, indem er ihn an dem Aermel zupfte und ans den Paß wies. Das Gebell des Bluthundes kam näher und näher; man vernahm die Stimmen mehrerer Personen, welche das Thier begleiteten nnd einander znricfen, wenn sie sich gelegentlich, entweder in der Eile des Vordringens, oder bei genauerer Untersuchung der Dickichte ans ihrem Wege zerstreuten. Die Verfolger näherten sich offenbar mit jedem Augenblicke. Mac Eagh machte mittlerweile dem Kapitän Dalgetty den Vorschlag, seine Rüstung abznlegen, und gab ihm zu verstehen, daß die Weiber ihn an einen sicheren Ort bringen würden. „Ich bitte Euch um Verzeihung, Herr," sagte Dalgetty; „dieß ist nicht der Brauch in fremdem Kriegsdienst; in Bezug hierauf erinnere ich mich, daß der unsterbliche Gustavus dem Regimente finnischer Kürassire einen Verweis ertheilte, und demselben die Kesselpauken abnehmen ließ, weil es sich herausgenommen hatte, ohne Harnisch zu marschircn und dieselben bei der Bagage znrückznlaffen. Auch durfte dies berühmte Regiment nicht eher die Kesselpauken wieder schlagen, als bis es sich so ausgezeichnet ans dem Schlachtfelde von Leipzig verhalten hatte. Diese Lection darf eben so wenig vergessen werden, als jener Ausruf des unsterblichen Gustavus: „„Jetzt werde ich erfahren, ob mich meine Offiziere lieben, wenn sie ihre Rüstung anlegen; denn wer soll meine Soldaten znm Siege führen, wenn meine Offiziere in der Schlacht fallen?"" Dennoch, Freund Ranald, nehme ich meine schwere Stiefeln aus, vorausgesetzt, daß ich etwas Anderes als Ersatz dafür bekommen kann, denn ich nehme cs mir nicht heraus, zu behaupten, daß meine nackten Sohlen gegen Kieselsteine und Dornen abgehärtet sind, wie cs bei Euren Begleitern der Fall zu sein scheint." Das Ausziehen der schweren Stcifstiefeln und die Umhüllung der Beine des Kapitäns mit einem Paar Schuhe ans Hirschleder, die ein Hochländer ablegte, um sie dem Fremden zu geben, war das Werk einer Minute, und Dalgctty fand sich durch den Tausch sehr erleichtert. Er stand im Begriff, Ranald Mac Eagh anznempfehlcn, daß er zwei oder drei seiner Leute etwas mehr nach unten zur Recognoscirung des Passes absendcn möge, zugleich auch seine Front durch Aufstellung zweier Schützen auf jede Flanke als Beobachtungsposten auszndchnen, als das nahe Hundegebell ihnen verkündete, ihre Verfolger seien am Fuße des Paffes angekommeu. Es herrschte ein tiefes Schweigen; so geschwätzig der Kapitän auch bei anderen Gelegenheiten sein mochte, so war er mit der Nothwendigkeit einer tiefen Stille bei einem Hinterhalte zu wohl bekannt. Der Mond strahlte auf den zerrissenen Pfad, und an den vorragenden Klippen, um welche er sich wand, ward sein Licht hie und da von den Zweigen der Gebüsche und Zwergbäume anfgefangen, die, in den Spalten der Felsen ihre Nahrung findend, an einigen Orten die Gipfel und die Ränder des Abgrundes überschatteten. Unten lag ein dichtes Unterholz in tiefem und finsterem Schatten; es zeigte einige Aehnlichkcit mit den Wellen eines unbestimmt erblickten Meeres; vom Innern dieser Finsterniß her erschallte dicht am Fuße des Abgrnndes von Zeit zu Zeit das laute und heftige Gebell des Hundes — Töne, welche das Echo der umgebenden Wälder und Felsen widerhallen ließ. Dann herrschte wieder 231 tiefes Schweigen, allein von dem Rauschen einer kleinen Quelle unterbrochen, die zum Thcil vom Felsen stürzte, znm Theil einen stilleren Durchgang in das Thal an der vorragenden Oberfläche desselben fand. Dann wieder vernahm man Men- schenstimmcn von einem unten halblaut geführten Gespräche; es schien, als ob die Verfolger den engen Gebirgspfad nicht entdeckt hätten, oder daß sie nach dessen Entdeckung wegen der Gefahr der Ersteigung, wegen des unvollkommenen Lichtes und der Ungewißheit, ob derselbe vertheidigt werde, ernstliche Bedenken empfänden, den Angriff zu versuchen. Zuletzt erblickte man eine schattenhafte Gestalt, die ans dem dunklen Abgrund der Finsterniß sich erhob und, in das blaffe Mondlicht anftanchend, vorsichtig und langsam dem Felsenpfad hinanzusteigen begann. Ihr Umriß ließ sich so bestimmt erkennen, daß Kapitän Dalgetty nicht allein die Person eines Hochlän- ders, sondern auch eine lange Flinte in seiner Hand und den Federbusch an seiner Mühe erblickte. „Tausend Teufel! wenn ich meinem Ende vielleicht so nahe noch fluchen darf," rief der Kapitän leise ans, „da die Leute dort Flinten gegen unsere Bogenschützen in's Gefecht führen." Gerade als der Verfolgende ein vorragendes Felsstück auf dem halben Wege der Ansteigung erreicht und, stillstehend, den Leuten im Thale ein Zeichen gegeben hatte, ihm zu folgen, pfiff ein Pfeil von dem Bogen eines Schützen unter den Söhnen des Nebels und durchdrang ihn mit so tödtlicher Verwundung, daß er ohne eine einzige Anstrengung, sich zu retten, das Gleichgewicht verlor und von der Klippe, worauf er stand, Kopf über in die Finsternis; des Thales stürzte. Auf das Krachen der Zweige, auf die er stürzte, und aus den schweren Schall seines Falles von dort auf den Boden, folgte ein Schrei des Schreckens und der Bestürzung, der unter seinen Begleitern 232 ausbrach. Die Sohne des Nebels in demselben Verhältniß ermuthigt, wie ihr erster Erfolg Bestürzung unter ihren Verfolgern hervorriest erwiderten den Ruf mit einem lauten und gellen Frendengeschrei, und zeigten sich am Rande des Abgrundes unter wildem Jauchzen und drohenden Bewegungen, um bei ihren Feinden durch ihren Mnth, ihre Zahl und dem Zustande ihrer Veste Eindruck zu erwecken. Sogar Kapitän Dalgetty's militärische Klugheit hielt ihn vom Anfstehen nicht zurück; er sagte zu Ranald mit lauterer Stimme, als die Klugheit gebot: „coraron, amigo, wie der Spanier sagt; Mnth, Kamerad! es lebe der Bogen! nach meiner demüthigen Meinung müßt Ihr jetzt eine Reihe bilden, um vorrücken zu lassen und eine Stellung zu nehmen." „Der Sachse," rief eine Stimme von unten, zielt auf den sächsischen Soldaten! ich sehe den Glanz seines Harnisches." Zugleich wurden drei Musketen abgefenert. Eine Kugel rasselte gegen den Harnisch, dessen Stärke schon mehr als einmal dem Kapitän das Leben gerettet hatte; eine andere dnrch- drang die Rüstung vorn an seinem linken Schenkel und streckte ihn zu Boden. Ranald ergriff khn sogleich mit den Armen und riß ihn von dem Rande des Abgrundes zurück, während er jammernd ausrief: „ich habe dem unsterblichen Gustavns, Wallenstein und andern Feldherren immer gesagt, daß die Beinschienen nach meiner demüthigen Meinung kugelfest sein müßten." Mit zwei oder drei ernstlichen Worten in galischcr Sprache übertrug Mac Eagh den Verwundeten der Sorgfalt der Frauen, welche sich im Rücken der kleinen Schaar befanden; alsdann schien er im Begriff, in den Kampf zurückzukchren, allein Dal- getty hielt ihn zurück, indem er ihn fest am Mantel packte — „ich weiß nicht, wie die Affaire enden wird, aber ich bitte Euch, Montrose zu benachrichtigen, daß ich wie ein Soldat 233 des unsterblichen Gustavus gestorben bin. Ich bitte Euch, seid ja behutsam, Eure gegenwärtige feste Stellung zu verlassen, sogar um den Feind zu verfolgen, wenn Ihr einen Vortheil erlangt und — und," hier begann Dalgetty's Athen: und Gesicht durch Blutverlust zu schwinden; Mac Eagh benutzte den Umstand, entriß seinen eigenen Mantel seiner Faust und legte denjenigen einer Fra» hinein. Der Kapitän hielt denselben fest, und sicherte sich so, wie er glaubte, die Aufmerksamkeit des Räubers auf seine militärischen Anwcisunge«, die er, so lange ihm noch Athem blieb, zu ertheilen fortfuhr, obgleich dieselben allmälig immer an Zusammenhang verloren. „Kamerad, stellt die Musketiere vor Euren Trupp mit Piken, Streitäxten und schweren Degen — steht fest Dragoner auf der linken Flanke — wo bin ich — Ranald, wenn Ihr Euch zurückziehen wollt, so laßt einige angezündcte Lunten unter den Zweigen der Bäume brennen, das steht aus, als wären dort Schutzen ausgestellt — aber ich vergesse ja — Ihr habt weder Lunten, Gewehre, noch Harnische — nur Bogen und Pfeile — nur Bogen und Pfeile — Bogen und Pfeile! ha, ha, ha, ha!" Hier sank der Kapitän in einen Zustand der Erschöpfung , als er dem Eindruck des Lächerlichen nicht widerstehen konnte, den er als ein Soldat der neueren Kriegskunst mit der Vorstellung dieser alten Waffe verknüpfte; es dauerte lange Zeit, bis er wieder zu Sinnen kam; mittlerweile überlassen wir ihn der Sorgfalt der Töchter des Nebels, die in Wirklichkeit ebenso aufmerksame und gütige Krankenwärterinnen, als wild und roh in ihrer äußeren Erscheinung waren. Fünfzehntes Kapitel. Wird nicht Bcrrath dein Wort erweisen, Das seht sich treu bewährt, Will ich dich mit der Feder preisen, Vertheid'gcn mit dem Schwert. Ich werde solchen Dienst dir zahlen. Wie nie geschah seither; Das Haupt umring' ich dir mit Strahlen, Dich liebend mehr und mehr. Verse von Montrose. Wie sehe cs auch uns leid thut, müssen wir jetzt de» tapfern Kapitän Dalgetty verlassen, damit er von seinen Wunden genese, oder wie sonst das Schicksal über ihn verfuge; wir müssen in Kurzem die militärischen Operationen Montrvse's darstellen, obgleich sie eines wichtigeren Buches und eines besseren Geschichtschreibers würdig sind. Durch Hülfe der früher von uns erwähnten Häuptlinge, und besonders durch die Vereinigung mit den Morays, Stewarts und anderen Clans von Athole, welche besonders eifrig für die königliche Sache waren, brachte er bald ein Heer von 2-3008 Hochländern zusammen, zu welchem er das irische Corps unter Colkitto mit Erfolg herbeizvg. Dieser letzte Anführer, welcher zu großer Verwirrung der Erklärer Miltons in einem der 235 Sonette dieses großen Diclsters erwähnt ist"), hieß eigentlich Mister, oder Alexander Mac Donnell, war von Geburt ein Schotte ans den Inseln, und mit dem Grafen von Antrim verwandt, dessen Einfluß er den Oberbefehl über die irischen Truppen verdankte: In mancher Hinsicht verdiente er diese Auszeichnung, er war tapfer bis zur Unerschrockenheit, und sogar bis zur Gefühllosigkeit gegen jede Gefahr, sehr stark von Körper und thätig, im Gebrauch der Waffen gewandt, und stets bereit, in äußerster Gefahr das Beispiel zu geben; es muß jedoch erwähnt werden, daß er Eigenschaften besaß, welche diesen Vorzügen das Gegengewicht hielten; er war unerfahren in militärischer Taktik und hatte einen eifersüchtigen, anmaßenden Charakter, welcher dem Grafen Montrose oft die Fruchte der Tapferkeit entzog. So groß aber ist der Vorzug der äußeren persönlichen Eigenschaften in den Angen eines wilden Volkes, daß die Beweise der Körperkraft und des Muthes, welche dieser Anführer gab, einen stärkeren Eindruck auf die Hochländer, als die militärische Geschicklichkeit und der ritterliche Geist von Montrose machte; noch jetzt leben in den Thälern des Hockstandes zahlreiche Ueberliefernngen der Tha- ten von Mister Mac Donnel, obgleich der Name Montrose's selten dort erwähnt wird. Der Platz, wo Montrose sein kleines Heer endlich versammelte, war Strathearn, am Rande der Hochlande von Perth- *) Milton spottet über die harte» schottischen Namen, womit die Engländer durch den Bürgerkrieg bekannt wurden. Die Verwirrung entsteht dadurch, dast der Dichter Schotten beider Parteien, sowohl Anhänger des EvvenantS, sowie dessen bittersten Feinde zusammcnstellt, indem er nur den Klang der Namen, nicht aber die Partei der genannten Personen im Auge hat. 236 shirc, von wo aus er die Hauptstadt jener Grafschaft bedrohen konnte. Seine Feinde waren zu seinem Empfang nicht unvorbereitet. Argyle folgte an der Spitze seiner Hochländer den Irländern auf dem Fuße während ihres Marsches von Westen nach Osten, und sammelte durch Gewalt, Furcht oder Einfluß ein Heer, welches beinahe genügte, um Montrose eine Schlacht zu liefern. Auch die Niederlande waren aus Gründen vorbereitet, die wir im Beginn dieser Erzählung angegeben haben. Ein Heer von VOOO Mann Infanterie und 6 oder 7000 Mann Reiterei, welche den Namen die Armee Gottes annahm, war aus Fife, Angus, Perth, Stirling und den angrenzenden Grafschaften zusammengezogen. In früheren Zeiten, oder sogar noch unter der vorhergehenden Regierung wäre eine weit geringere Streitmacht genügend gewesen, um die Niederlande gegen einen weit furchtbareren Angriff von Hochländern, als denjenigen der unter Montrose versammelten Schaar zu schützen; die Zeiten aber haben sich in dem letzten halben Jahrhundert sehr verändert. Vor dieser Zeit waren die Niederländer mit ebenso anhaltenden Kriegen, wie die Bergbewohner, beschäftigt, und unvergleichlich besser disciplinirt und bewaffnet. Die bei den Schotten vorzugsweise beliebte Schlachtordnung glich einigermaßen der macedouischen Phalanx; ihre Infanterie bildete einen festen, mit langen Sperren bewaffneten Körper, welcher sogar damals für geharnischte Reiter undurchdringlich war, mochten dieselben auch noch so gut beritten und mit vollständig festen Rüstungen angethau sein. Man kann somit leicht begreifen, daß ihre Reihen durch den ungeordneten Angriff des hochländischen Fußvolks nicht durchbrochen werden konnten, welches nur für den Kampf in der Nähe mit Schwertern bewaffnet, mit Wurfgeschossen schlecht ausgerüstet und ganz ohne Artillerie war. Diese Gewohnheit des Kampfes ward durch die Einführung der Mnskctcn im Heere der schottischen Niederlande sebr verändert; die Muskete, mit dem Bajonette noch nicht vereinigt, war eine furchtbare Waffe von der Ferne ans, gewährte aber keine Sicherheit gegen einen Feind, welcher sich schnell in's Handgemenge stürzte. Die Pike war allerdings noch nicht im schottischen Heere ungewöhnlich geworden, sic war aber nicht länger die Lieblingswaffe, und erweckte auch bei denen, welche sie führten, nicht mehr dasselbe Vertrauen; dieß war so sehr der Fall, das; Daniel Lnpton, ein Taktiker jener Zeit, ein besonderes Buch über den Vorzug der Muskete geschrieben hat. Dieser Wechsel begann mit den Kriegen Gustav Adolphs, dessen Märsche mit solcher Schnelligkeit geschahen, daß die Pike in seiner Armee sehr schnell weggeworsen und gegen Feuerwaffen vertauscht wurde. Mit diesem Wechsel, sowie mit der Einrichtung stehender Heere, wodurch der Krieg ein Gewerbe wurde, war nvthweudig die Einführung eines mühsamen und verwickelten Systems der Disciplin verbunden, welches eine Mannigfaltigkeit von Commandoworten mit entsprechenden Operationen und Mannvvern vereinigte; die Vernachlässigung irgend eines derselben mußte das Ganze in Verwirrung bringen. Der Krieg deßhalb, wie er unter den europäische» Nationen geübt wurde, hatte bei weitem mehr, als früher, den Charakter eines mit Geheimnissen verbundenen Gewerbes angenommen, wozu vorhergehende Hebung und Erfahrung noth- wendigc Erfordernisse waren. Dies; war die natürliche Folge der stehenden Heere, welche beinahe überall und besonders in den langen Kriegen Deutschlands dasjenige ersetzt hatten, was man mit dem Namen einer natürlichen Disciplin der Feudalmiliz bezeichnen kann. Die Miliz des schottischen Niederlandes litt deßhalb an 238 einem zwiefachen Nachthcil, sobald sie den Hochländern cnt- gegengestellt wnrde. Der Speer war ihnen genommen — eine Waffe, die in den Händen ihrer Ahnen die ungestümen Angriffe der wilden Bergbewohner so oft zurückgeschlage» hatte; sie waren ferner einer nenen und verwickelten Art von Disciplin unterworfen, welche vielleicht für regelmäßige Truppen, denen sie vollkommen eingeschärft werden konnte, sehr gut sich eignete, welche aber die Reihen von Bürgersoldaten verwirrte, von denen sie selten ausgcübt und nur unvollkommen verstanden wurde. In unserer Zeit ist so viel geschehen, um die Taktik auf ihre ersten Grundsätze zurückznführen, und die Pedanterie des Krieges zu beseitigen, daß wir sehr leicht die Nachtheile begreifen können, unter denen eine halbdisciplinirte Miliz litt, welcher man die Ansicht beibrachte, der Erfolg sei von der genauen Ausübung eines taktischen Systcmes anhängig, welches sie wahrscheinlich nur in so weit begriff, daß sie ihre Fehler ausfindig machen, aber nicht wieder ansgleichcn konnte. Auch läßt es sich nicht ablängnen, daß die Niederländer des siebenzehnten Jahrhunderts in den wesentlichen Erfordernissen militärischer Gewohnheit und kriegerischen Geistes ihren hochländischen Landsleuten bei weitem nachstanden. Das Königreich Schottland, sowohl die Niederlande, wie das Hochland, war von der frühesten Zeit an bis zur Union mit England, der fortwährende Schauplatz von Kriegen, sowohl fremder wie bürgerlicher, gewesen; auch gab es wahrscheinlich nicht einen Mann unter seinen kühnen Bewohnern, vom sechzehnten bis znm sechzigsten Jahre, welcher nicht zu Ergreifung der Waffen bei der ersten Aufforderung seines Lehnsherrn oder einer königlichen Proclamation stets bereit gewesen wäre, sowie auch der Buchstabe des Gesetzes ihn dazu verpflichtete. Das Gesetz von 1045 war noch dasselbe, welches 239 hundert Jahre früher Geltung hatte, allein das Geschlecht der demselben unterworfenen Unterthanen war unter sehr verschiedenen Gefühlen ausgewachsen. Die Niederländer hatten in Rnhe „im Schatten ihrer Weinstöcke und Feigenbäume" gelebt, und ein Ausruf znm Kampfe erheischte eine ebenso neue, als unangenehme Veränderung der Lebensweise. Diejenigen, welche in der Nähe der Hochlande wohnten, standen in fortwährender und nachthciliger Berührung mit den rastlosen Stämmen der Gebirge, welche ihre Viehheerden wegtriebcn, ihre Wohnungen plünderten und ihre Personen beschimpften, welche ferner diejenige Art der Ueberlegenheit sich erworben hatten, die aus einem fortwährenden System des Angriffs hervorgeht. Ans die in größerer Entfernung und außerhalb des Bereichs dieser Plünderungen wohnenden Niederländer wirkten die übertriebenen Berichte hinsichtlich der Hochländer ein, die sie als gänzlich in Sprache, Gesetz und Kleidung von ihnen verschieden, als eine Nation von Wilden zu betrachten sich gewöhnten, welche ebensowohl für die Empfindungen der Furcht, wie der Menschlichkeit unzugänglich seien. Diese vorgefaßten Meinungen, welche zu den weniger kriegerischen Gewohnheiten der Niederländer und zu ihrer unvollkommenen Kenntniß des neuen und verwickelten Disciplinsystems statt ihrer natürlichen Kampfweise hinzukamen, brachten sie in großen Nachtheil, sobald sie den Hochländern im Schlachtfelde entgegenstanden. Die Gebirgsbewohner im Gegentheil besaßen neben den Waffen und dem Muth ihrer Väter auch deren einfaches und natürliches System der Taktik, und griffen mit dem vollkommensten Vertrauen auf den Sieg den Feind an, bei welchem Alles, was er von Disciplin erlernt hatte, eher ein Hindernis;, als ein Hülfsmittel, gleich der Rüstung Sauls bei David, war, weil derselbe ihren Gebrauch noch nicht erprobt hatte. 240 Unter solchen Nachtheile» auf der einen und Vortheilen auf der andern Seite, wovon letztere die Nebcrlcgcnheit der Zahl und die Gegenwart von Artillerie und Reiterei wieder ausgleichen konnten, lieferte Mvntrose dem Heere des Lord Elcho eine Schlacht auf der Ebene von Tippermnir. Die presbyterianischc Geistlichkeit hatte cs an Anstrengungen nicht fehlen lassen, um den Mnth ihrer Anhänger zu erhöhen; Einer derselben, welcher die Truppen am Tage der Schlacht an- rcdete, trug kein Bedenken, denselben zu sagen, daß Gott ihnen in seinem Namen, wenn er jemals durch seinen Mund geredet habe, an jenem Tage einen großen und entscheidenden Sieg verheiße. Der Besitz der Reiterei nnd Artillerie wurde ebenfalls für eine sichere Bürgschaft des Erfolges gehalten, da die Neuheit eines damit ausgeführtcn Angriffs bei früheren Gelegenheiten große Entmuthignng unter den Hochländern verbreitet hatte. Das Schlachtfeld bestand in einer offenen Heide, und das Terrain gemährte keinem Heere große Vortheile, mit Ausnahme des Umstandes, daß die Reiterei der Co- venanters mit Wirkung gebraucht werden konnte. Eine Schlacht, von welcher soviel abhing, wurde niemals mit größerer Leichtigkeit entschieden. Die Reiterei des Niedcr- landes machte gewissermaßen nur einen Scheinangriff; entweder durch das Musketenfeuer in Unordnung gebracht, oder durch Abneigung gegen den Kriegsdienst der Sache abwendig gemacht, welche bei der höheren Klasse vorgeherrscht habe» soll, machte sie auf die Hochländer durchaus keinen Eindruck und prallte in Unordnung vor deren Reihen zurück, welche weder Bajonette, noch Piken zu ihrem Schutze besaßen. Montrose bemerkte diesen Vortheil und benutzte ihn sogleich; er ließ sein ganzes Heer zum Angriff vorrücken, den es auch mit der wilden nnd verzweifelten Tapferkeit ausführte, welche 241 Bergbewohnern rigenthümlich ist. Nnr ein Offizier der Co- venanters, welcher seine Schnle in den italienischen Kriegen gemacht hatte, leistete ans dem rechten Flügel einen verzweifelten Widerstand. Ans jedem andern Punkt wurde die Linie der Covcnanters beim ersten Angriff durchbrochen; als Montrosc diesen Vortheil einmal erlangt hatte, waren die Niederländer gänzlich unfähig, ihren behenderen und kräftigeren Feinden im Handgemenge zn widerstehen. Viele blieben auf dem Schlachtfelde, und die Zahl der auf der Flucht Getödtetcn war so groß, daß ein Dritttheil der Covenanters gefallen sein soll; darunter jedoch muß man eine große Menge fetter Bürger einrechnen, welche in Folge ihres angestrengten Laufes auf der Flucht nm's Leben kamen, und somit ohne Schwertstreich fielen "). Die Sieger besetzten Pcrth und erlangten beträchtliche Geldsummen, sowie auch große Vorräthe von Waffen und Munition, allein diese Vortheile wurden durch einen beinahe unübersteiglichen Uebelstand wieder ausgeglichen, welcher stets, bei einem hochländischen Heere cintrat. Die Clans konnten in keiner Weife bewogen werden, sich als regelmäßige Soldaten zu betrachten, oder als solche zu handeln, sogar noch 1745—46, als der Ritter Karl Edward einen Soldaten wegen Desertion, um ein Warnungsbeispiel zn geben, erschießen ließ, wurden die Hochländer, ans denen sein Heer bestand, ebensowohl durch Unwillen, als Furcht aufgereizt. Sic konnten ei- Diese sonderbare Thatsache habe» wir aus den Berichten eines Zeitgenossen, ans de» Briefen Baillie'S, entnommen. Derselbe sagt: „Eine große Menge Bürger wurde gctödtet — fünfundzwanzig HauS- cigenthümcr in St. Andrews — Biele verloren auf der Flucht ihr Leben durch die Folgen ihres angestrengten Laufes und starben ohne Schwertstreich." Sage von Mvntrofe. 1k nen Grundsatz der Gerechtigkeit nicht begreifen, nach welchem ein Mann ans keiner weitern Ursache den Tod verdient habeir sollte, als weil er nach Hanse znrückkehrte, wenn er bei dem Heere nicht länger bleiben wollte. Ein solches Verfahren war stets der Brauch ihrer Väter gewesen. Wenn eine Schlacht vorüber war, so war auch der Feldzug nach ihrer Meinung geendet; ging sie verloren, so suchten sie Sicherheit in ihren Bergen; wurde sie gewonnen, so kehrten sie dorthin zurück, um ihre Beute in Sicherheit zu bringen; ein andermal mußten sie nach Hanse, um nach ihren Heerde» zu sehen, ihre Felder zu bestellen, oder ihre Ernten hcimznbringen, ohne welche ihre Familien hätten verhungern müssen. In beiden Fällen war ihr Kriegsdienst beendet; sie -ließen sich zwar durch die Aussicht neuer Abenteuer und Beute wieder zur Rückkehr unter ihre Fahnen bewegen, mittlerweile aber war die Gelegenheit des Erfolges vorübergegangen und trat später nicht mehr ein. Dieser Umstand allein genügt, zu erweisen, daß die Hochländer niemals an eine Kriegsfnhrnng in der Absicht bleibender Eroberungen gewohnt waren, sondern daß sie allein einen Zug in der Hoffnung, augenblicklichen Vortheil zu erlangen, oder einen augenblicklichen Streit zu entscheiden, unternahmen — eine Thatsache, womit uns auch sonst genug die Geschichte bekannt macht- Dieser Umstand legt auch die Gründe dar, weßhalb Montrose, ungeachtet seiner glänzenden Erfolge, niemals festen Fuß in den Niederlanden fassen konnte, und weßhalb sogar die Edelleute und andere Herren des Niederlandes, welche der royalistischen Sache geneigt waren, ans Mißtrauen und Widerwillen sich einer Armee von so vorübergehender Stärke nnd unregelmäßigem Bestände nicht anschlossen; sie mußten stets befürchten, daß die Hochländer sich durch einen Rückzug nach ihren Bergen in Sicherheit bringen nnd die mit 243 ihnen »erblindete» Niederländer der Gnade eines gereizten »nd übermächtigen Feindes prcisgeben würden. Derselbe Umstand wird anch die plötzlichen Märsche, die Montrose znr Verstärkung seines Heeres unternehmen mußte, und den schnellen Glückswechsel erklären, durch den er sich oft znm Rückzug »or denselben Feinden genöthigt sah, über die er noch vor Kurzem einen Sieg errungen hatte. Wegen dieser Ursache, nämlich wegen der Lauheit der niederländischen Royalisten und der augenblicklichen Desertion seiner hochländischen Anhänger, war Montrose sogar nach dem entscheidenden Siege von Tippermnir außer Stande, einem zweiten Heere die Spitze zu bieten, womit Argyle ihm vom Westen aus eutgcgenrückte. In dieser Noth ersetzte er seinen Mangel an Kraft durch Schnelligkeit, rückte plötzlich von Perth nach Dundee, und wandte sich, als diese Stadt ihm die Thvre verschloß, nordwärts nach Aberdeen, wo er erwartete, daß die Gordons und andere Royalisten zu ihm stoßen würden. Allein der Eifer dieser Herren wurde damals durch ein großes Corps Covenantcr unter dem Befehle von Lord Bnrleigh, welches auf 3000 Mann angeschlagen wurde, auf wirksame Weise im Zaume gehalten. Montrose griff kühn dies; Corps an, obgleich er nur die Hälfte an Leuten hatte. Der Kamps ward unter den Mauern der Stadt geliefert, und die entschlossene Tapferkeit von Mout- rose's Anhängern hatte wiederum Erfolg, ungeachtet aller Nachtheile. Es war jedoch das Schicksal dieses Feldherr», daß er stets den Ruhm, aber selten die Früchte des Sieges erlangte. Er hatte kaum Zeit, sein kleines Heer in Aberdeen ansruhen zu lassen, als er auch erkannte, daß die Gordons wegen der angeführten Gründe, sowie wegen einiger andern, welche ihrem 10 » 244 Häuptling, dem Marquis von Huntly, eigenthümlich waren, sich ihm nicht anschließcn würden. Andererseits rückte Argyle, dessen Strcitkräfte durch diejenigen mehrerer niederländischer Herren sich vermehrt hatten, Montrose an der Spihe eines weit größeren Heeres entgegen, als letzterer bisher hatte bekämpfen müssen. Diese Truppen rückten allerdings nach dem vorsichtigen Charakter ihres Führers nur langsam vor, allein sogar diese Vorsicht machte Argylc's Annäherung um so furchtbarer, da gerade sein Vorrücken deutlich genug verkündete, er siehe an der Spitze eines unwiderstehlich überlegenen Heeres. Nur e i n Rückzug stand Montrose jetzt noch offen, und erschlug denselben ein. Er warf sich in die Hochlande, wo er der Verfolgung trotzen und in jedem Thalc die Rekruten wieder finden konnte, welche seine Fahne verlassen hatten, um ihre Beute nach ihren natürlichen Vesten in Sicherheit zu bringen. In solcher Weise setzte der eigcnthümlichc Charakter des Heeres von Mvntrose, welcher seine Siege gewissermaßen vereitelte, diesen Feldherrn andererseits in Stand, einen sicheren Rückzug unter den mißlichsten Umständen anzntreten, seine Strcitkräfte wieder in Stand zu setzen, und sich furchtbarer als jemals dem Feinde entgegenzuwerfen, dem er noch vor Kurzem keinen Widerstand hatte leiste» können. Bei dieser Gelegenheit warf er sich nach Badenoch, durchzog schnell den Distrikt, sowie die benachbarte Grafschaft Athole, setzte die Covenanter durch Angriffe ans mehreren unerwarteten Punkten in Schrecken, und verbreitete so allgemeine Bestürzung, daß das Parlament seinem General Argyle wiederholten Befehl sandte, Montrose's Heer um jeden Preis anzugreifen und zu zerstreuen. Dieser von der regierenden Gewalt crtheilte Befehl war weder dem stolzen Geiste, noch der zaudernden und vorsichtigen 245 Politik des Edelmanns gemäß, an welchen derselbe gerichtet war, er bekümmerte sich somit nicht nm denselben, sondern beschränkte seine Bemühungen ans Jntrignen unter den wenigen niederländischen Anhängern Montrose's, von denen Biele Widerwillen gegen die Aussicht eines hochländischen Feldzugs hegten, welcher ihre Personen unerträglichen Strapazen und ihre Güter der Rache der Covenanter aussehte. Mehrere derselben verließen deßhalb auch das Lager Montrose's. Dieser jedoch erhielt Verstärkung in einem Corps, welches den Geist seines Heeres theilte und für seine Lage weit besser geeignet war. Diese Verstärkung bestand ans einer großen Schaar Hochländer, welche Colkitto, zu dem Zweck abgesandt, in Ar- gyleshire ansgehobe» hatte. Unter den angesehensten Häuptlingen befand sich John von Moidart, genannt der Kapitän vom Clan Ranald, mit den Stewarts von Appin, der Clan Gregor, der Clan Mac Nab und andere Stämme von geringerer Bedeutung. Dadurch wuchs Montrose's Heer in so furchtbarer Weise an, daß Argyle nicht länger an der Spitze der gegen ihn ansgesandten Armee stehen wollte, sondern nach Edinburgh zurückkehrte und dort den Oberbefehl unter dem Vorwand niederlegte, daß sein Heer nicht mit Verstärkungen und Vorräthen in geziemender Weise versehen worden sei. Bon dort kehrte der Marquis nach Jnverary zurück, »in in voller Sicherheit seine Lehenslente und patriarchalisch regierten Stammgenossen zu beherrschen und nach dem schon erwähnten Sprüchwort: „cs ist weit bis nach Lochow," einer ungestörten Ruhe zn pflegen. Sechzehntes Kapitel. Die steile Felswand ragt empor Beim Heer an einer Seite; Die andre deckte Sumpf nnd Moor Auf mancher Stunden Breite. Der Graf nahm solchen Stand in Acht Und ließ den Nach entbieten, Worin ihm den Beginn der Schlacht Die Führer sänimtlich ricthen. Alte Ballade über die Schlacht von Flvddenfield. Montrosc sah jetzt eine glänzende Laufbahn vor sich erschlossen, im Fall er die Einwilligung seiner tapfern, aber unregelmäßig sich einstellenden Truppen und ihrer unabhängigen Häuptlinge erlangen konnte. Die Niederlande standen ihm offen, ohne daß ein genügendes Heer seinen Marsch anfzuhal- ten vermochte, denn Argyle's Leute hatten das Heer der Co- venanters verlassen, als ihr Herr den Oberbefehl niederlegte, und andere Truppen, des Krieges müde, dieselbe Gelegenheit sich zu zerstreuen benutzten. Wenn Montrose den Strath-Tay- Paß Hinabstieg, einen der bequemsten Zugänge nach den Hochlanden, so brauchte er sich nur in den Niederlanden zu zeigen, um den schlummernden Geist der Ritterlichkeit und Loyalität aufzuregen, welcher die Herren höheren. Standes im Norden des Forth beseelte. Der Besitz dieser Distrikte nach einem 247 Siege, oder auch ohne Kampf, konnte eine Stellung geben, von wo er den reichen und fruchtbaren Theil des Königreichs beherrschte und dadurch ihn in Stand sehen, sein Heer durch -regelmäßigen Sold mehr auf dem Fuße stehender Truppen zu erhalten; alsdann konnte er bis zur Hauptstadt, oder sogar von dort bis zur Grenze Vordringen, an welcher er es für möglich hielt, eine Verbindung mit den noch nicht unterworfenen Streitkräften des Königs herznstellen. Dieß war der Operationsplan, durch den ein glänzender Ruhm erworben und der wichtigste Erfolg der königlichen Sache gesichert werden sollte. Derselbe war nach dem ehrgeizigen und kühnen Geiste des Feldherrn entworfen, welchem die schon geleisteten Dienste den Titel des großen Marquis erworben hatten. Andere Beweggründe jedoch bestimmten viele seiner Anhänger und blieben vielleicht nicht ohne geheimen, obgleich nicht zngestandenen Einfluß auf seine eigenen Gefühle. Die westlichen Häuptlinge von Montrose's Heer betrachteten beinahe sämmtlich de» Marquis von Argyle als den unmittelbaren und geeigneten Gegenstand ihrer Feindseligkeiten. Sie hatten beinahe sämmtlich seine Gemalt empfunden; als sie ihre streitbare Mannschaft ans ihren Thälern zogen, hatten sie ihre Familien und ihr Eigenthnm seiner Rache ausgesetzt zurückgelaffen; sle wünschten sämmtlich ohne Ausnahme seine Herrschaft zu schwächen; die Güter der meisten lagen seinem Gebiet so--nahe, daß sie hoffen konnten, durch einen Antheil an der dort gemachten Beute belohnt zu werden. Für diese Häuptlinge war der Besitz von Jnvcrary ein beinahe wichtigeres und wünschenswertheres Ereigniß, als die Einnahme von Edinburgh. Das letztere Ereigniß konnte ihren Stammgenoffen nur einen vorübergehenden Sold oder Raub gewähren; das erstere verschaffte den Häuptlingen selbst Entschädigung 2-18 für die Vergangenheit nnd Sicherheit für die Zuknnft. Außer diesen persönlichen Gründen bestärkten die Anführer, welche diese Meinung begünstigten, dieselbe durch die richtige Behauptung, daß Montrose, wenn er auch bei seinem ersten Einfall in die Niederlande dem Feinde überlegen sei, dennoch mit jedem Tag sein Heer permindert sehen würde, und zuletzt der Uebermacht eines ans den Aushebungen nnd Garnisonen im Niederlande gebildeten Heeres ansgesetzt werden müßte. Würde er dagegen den Marquis von Argyle wirksam vernichten, so könnten nicht allein seine gegenwärtigen westlichen Freunde auch diejenigen Streitkräfte hcrbeiziehcn, die sie sonst znm Schutz ihrer Familien zu Haus lassen müßten, sondern er werde auch mehrere seiner Sache schon befreundete Stämme unter seiner Fahne vereinigen, welche aus Furcht vor Mac Cullum More bis dahin daran verhindert wären. Diese Gründe berührten, wie wir schon andenteten, eine entsprechende Saite im Herzen Montrose's, welche nicht gänzlich mit dem Heldenmnthe seines Charakters übereinstimmte. Die Häuser Argyle und Montrose waren früher sowohl in Krieg wie Politik einander feindlich gewesen, und die vom erfleren erlangte Ueberlegenheit der Vortheile hatte Mißgunst und Haß bei der andern Familie erregt, welche, eines gleichen Verdienstes sich bewußt, nicht so reich belohnt morden war. Dicß war aber noch nicht Alles. Die damaligen Häuser dieser eifersüchtigen Familien hatten gegen einander seit dem Beginn der Bürgerkriege den entschiedensten Widerstand gezeigt. Mvntrosc, der Ueberlegenheit seines Talentes und der großen Dienste sich bewußt, die er in dem Beginn des Krieges den Covenanters erwiesen hatte, erwartete von dieser Partei die erste Stellung im Rathe uud im Kriege; die Covenanter hielten es aber für zweckmässiger, dieselbe den mehr beschränkten Gaben, aber der grösseren Macht seines Nebenbuhlers Ar- gyle zn übertragen. Der Umstand, daß Letzterem dieser Vorrang zngesprochen wurde, war eine Beleidigung, welche Montrose den Covenan- ters nie vergaß; er war noch weniger geneigt, seine Verzeihung ans Argyle anszudehnen, dem er nachgesetzt wurde; er ward deßhalb von jedem Gefühl des Haffes, wodurch ein feuriges Gemüth in einer wilden Zeit beseelt sein konnte, zur Rache an dem Feinde seines Hauses- und seiner Person angereizt; wahrscheinlich übten diese seine eigenen Beweggründe einen nicht geringen Einfluss auf seine Seele, als er fand, daß die meisten seiner Anhänger eher zn einem Feldzüge gegen Argyle, als zu dem entscheidenderen Einfall in die Niederlande geneigt wären. Wie groß aber auch die Versuchung Montrose's sein mochte, seinen Angriff ans Argyleshire zu richten, so konnte er nicht so leicht für die Anfgebung eines glänzenden Feldzuges nach den Niederlanden entscheiden. Er hielt mehr als einen Kriegsrath mit den angesehensten Häuptlingen, wobei er vielleicht seine eigenen geheimen Neigungen ebenso wie die ihrigen bekämpfte; er stellte ihnen die äußerste Schwierigkeit eines Marsches vor, die sogar einer hochländischen Armee bei dem Vordringen von Osten her nach Argyleshire sich bieten müssen- Die Pässe seien kaum für Schäfer und Jäger gangbar; mit den Gebirgen seien nicht einmal diejenige» Stämme bekannt, welche zunächst denselben wohnten. Die Schmierigkeiten würden durch den Winter erhöht, da man schon dem Monat De- cember nahe sei; die an sich schon schwierigen Gebirgspässe würden durch Schneegestöber gänzlich unzugänglich werden. Diese Einwürfe befriedigten nicht die Häuptlinge, welche auf 250 ihrer alten Kriegsweise bestanden nnd dieselbe mit der althergebrachten gotischen Phrase bezeichncten, „man treibe das Vieh ans feindlichen Boden, damit es stell vom Grase des Feindes nähre." Der Kricgsrath ward erst spät in der Nacht entlassen, ohne das; ein Entschluß gefaßt war; die Häuptlinge jedoch, welche die Meinung vertraten, daß Argyle angegriffen werden muffe, versprachen unter ihren Leuten diejenigen auszusnchen, welche als Wegweiser während des Feldzuges am besten dienen können. Montrose hatte sich in die Hütte zurückgezogen, welche ihm znm Zelte diente, nnd sich ans einem Lager trockenen Heidekrautes, dem einzigen Ruheplatz, ansgestreckt, welches dieselbe ihm gewährte. Er suchte jedoch vergeblich den Schlaf, denn die Träume des Ehrgeizes verscheuchten die des Morpheus. Bald bildete er sich ein, daß er das königliche Banner auf dem eroberten Schlosse von Edinburgh entfalte, ein Hülfsheer dem Könige sende, dessen Krone von seinem Erfolge abhängig sei, und alle die Vorthnle nnd Beförderungen empfange, womit ein Mann überladen werden könne, welchem der König mit Freuden die höchsten Ehren erweise. Bald wich der Traum, so glänzend er auch war, vor der Vision befriedigter Rache nnd persönlicher Siege über einen persönlichen Feind. Die Gedanken, Argyle in seiner Veste Jnverary zu überraschen — in ihm zugleich die Nebenbuhler seines Hauses und die hauptsächlichste Stühe der Presbyterianer zn zerschmettern — den CovenanterS den Unterschied zwischen dem vorgezogenen Argyle nnd dem znrückgesetzten Montrose zu zeigen — alle diese Gedanken boten der Rache eines Feudalherrn ein zu schmeichelhaftes Bild, als das; derselbe sie leicht hätte anfgeben sollen. Während er sich so mit widersprechenden Gedanken und 251 Gefühlen beschäftigte, mackste der Soldat, welcher am Quartiere Schildmacht stand, dem Marquis die Meldung, daß zwei Personen mit Sr. Excellenz zu reden wünschten. „Ihre Namen," fragte Montrose, „und die Ursache, warum sie in so später Stunde Zutritt wollen?" Hierüber konnte die Schildwache, ein Irländer von Col- kitto's Leuten, dem General wenig Kunde geben, so daß Montrose, welcher zn dieser Zeit Niemand Zutritt verwehren durfte, damit er nicht irgend eine wichtige Nachricht vernachlässige, als Vorsichtsmaßregel den Befehl gab, die Wache solle unter Waffen treten, und sich dann zum Empfang seiner späten Besuche vorbereitete. Sein Kammerdiener hatte kaum ein paar Fackeln angezündet und Montrose sich selbst von dem Lager erhoben, als zwei Männer eintratcn, der eine in einem niederländischen Kleide von Gemsleder, welche beinahe in Fetzen zerrissen war, der andere ein großer, sich anfrechthaltender, alter Hochländer von einer durch Frost und Sturm verwitterten Gesichtsfarbe, welche sich als cisengrau bezeichnen ließ. „Worin kann ich euch dienen, meine Freunde," fragte der Marquis, indem er beinahe unbewußt den Griff einer seiner Pistolen suchte, denn die Zeit überhaupt ebensowohl, als die nächtliche Stunde rechtfertigten einen Verdacht, welchen ein harmloses Aussehen bei seinen Besuchern zn beseitigen durchaus nicht geeignet war. „Ich bitte Euch Glück wünschen zn dürfen," sagte der Niederländer, „mein höchst edler General und sehr ehrenwer- ther Lord wegen der großen Schlachten, die Ihr geliefert habt, seitdem ich das Glück hatte, von Euch detaschirt zn werden. Jene Rauferei bei Tippermnir war eine hübsche Affaire, nichtsdestoweniger mochte ich Euch rathen —" „Bevor Ihr mir Euren Rath ertheilt, „sagte der Marquis, „habt die Güte, mich wissen zu lassen, wer mich mit seiner Meinung beehren will." „Wahrlich, Mylord," erwiderte der Mann, „ich hätte gehofft, dies; sei unnöthig, in Betracht, daß ich vor noch nicht langer Zeit unter dem Versprechen einer Majorsstellc mit einem halben Thaler täglichen Sold und einem halben Thaler Rückstand in Euren Dienst trat; ich hoffe, Eure Lvrdschaft hat nicht ebenso meinen Sold, als meine Person vergessen." „Mein guter Freund Major Dalgetty, sagte Montrose, welcher sich jetzt an den Mann vollkommen erinnerte. „Ihr müßt bedenken, wie wichtige Begebenheiten eingetrcten sind, um mir die Gesichter von Freunden außer Erinnerung zu bringen, und ohnedem ist dieß Licht nur unvollkommen; allein alle Bedingungen sollen gehalten werden — was bringt Ihr Neues ans Argyleshire? Wir haben Euch längst als verloren aufgegeben, und ich traf gerade Vorbereitungen, um die entschiedenste Rache an dem alten Fuchs zu nehmen, welcher das Kriegsrecht in Enrer Person gebrochen hat." „Wahrlich, mein edler Lord," sagte Dalgetty, „ich hege durchaus keinen Wunsch, daß meine Rückkehr eine so paffende und geziemende Absicht aufhaltcn sollte. Wahrlich, ich verdanke es nicht der Gunst oder Gnade des Marquis von Ar- gylc, daß ich jetzt vor Euch stehe, und ich beabsichtige durchaus nicht, ein gutes Wort für ihn eiuzulegen. Meine Rettung verdanke ich nächst Gott und der ausgezeichneten Geschicklichkeit, die ich als alter und kriegserfahrener Cavalier, um dieselbe zu bewirken, entwickelte, ich sage, nächst diesen verdanke ich sie der Hülfe dieses alten Hvchländers, welchen ich Enrer Lordschaft besonderer Gunst als das Werkzeug zu empfehlen wage, wodurch Dugald Dalgetty von Drnmthwacket errettet wurde." 253 „Ein dankensmerther Dienst," sagte der Marquis mit Ernst, „welcher sicherlich, wie er cs verdient, belohnt werden wird.« „Kniee nieder," sagte Major Dalgetty, „Ranald, kniee nieder und küsse Sr. Excellenz die Hände." Da die vorgcschriebene Form der Huldigung nicht nach der Gewohnheit von Ranalds Vaterlande mar, begnügte er sich damit, seine Arme über die Brust znsammenznlegcn und sein Haupt tief zu verneigen. „Dieser arme Mann, Mylord," sagte Major Dalgetty, indem er seine Rede mit der würdevollen Miene eines Beschützers von Ranald Mac Eagh fortsetztc, „hat alle seine geringen Mittel zur Vertheidignng meiner Person vor meinen Feinde» angewandt, obgleich er keine besseren Schußwaffen, als Bogen und Pfeile hatte, was Eure Landschaft kaum glauben wird." „Ihr werdet viel solcher Waffen in meinem Lager sehen," sagte Monlrose, „und mir finden, daß sie brauchbar sind." „Brauchbar! Mylord," sagte Dalgetty, „ich hoffe, Eure Lordschaft wird mir erlauben, mein Erstaunen auszndrücken — Bogen und Pfeile! Ich hoffe, Ihr verzeiht mir, daß ich Euch anempfeble, dieselben bei der ersten paffenden Gelegenheit durch Musketen zu ersetzen. Indes; abgesehen davon, daß mich dieser ehrliche Hochländer vertheidigte, übernahm er auch die Sorge, mich zn heilen, in Betracht, daß ich auf meinem Rückzüge ein kleines Andenken bekommen habe; deßhalb verdient er von mir die Belohnung, daß ich ihn Eurer Lordschaft Kenntnis; und Beschütznng besonders empfehle." „Was ist Euer Name, Freund?" fragte Montrose, sich zum Hochländer wendend. „Er darf nicht ausgesprochen werden," erwiderte der Gebirgsbewohner. „Das heißt," erläuterte Major Dalgetty, „er wünscht, daß sein Name verschwiegen wird, in Betracht, daß er früher ein Schloß genommen, gewisse Kinder erschlagen und andere Dinge gethan hat, welche, wie Eure Lordschaft sehr wohl weiß, in Kriegszeiten geübt werden, allein kein Wohlwollen gegen den Vollbringer bei den Freunden derer erregen, welche de» Schaden erleiden. Es ist mir in meiner militärischen Erfahrung vorgekommen, daß manche brave Cavaliere von Bauern nur deßhalb todtgeschlagen wurden, daß sie sich militärische Freiheiten im Lande genommen hatten." „Ich verstehe," sagte Montrose, „dieser Mann liegt mit einigen unserer Anhänger in Fehde. Er mag sich zuerst in die Wache begeben, und wir wollen über die beste Weise, ihn zu beschützen, Nachdenken." „Ihr Hort, Ranald," sagte Major Dalgetty mit der Miene der Ueberlegenheit, „Se. Excellenz wünscht mit mir einen Kriegsrath zu halten, Ihr müßt Euch auf die Wache begeben — erweis; nicht, wo das ist, der arme Kerl! er ist noch ein junger Soldat für einen so alten Mann; ich will ihn unter Obhut einer Schildwache stellen, und alsbald zu Eurer Lordschaft znrückkehren." Er that dies; und kehrte sogleich wieder zurück. Montrose's erste Fragen betrasen die Gesandtschaft nach Jnvcrary; er hörte mit Aufmerksamkeit auf die Erwiderung Dalgetty's, wie weitläufig anch die Erzählung des Majors sein mocbte. Es wurde eine Anstrengung des Marquis, um dessen Aufmerksamkeit zu bewahren, erheischt; er wußte jedoch sehr wohl, daß man genauere Kunde aus einem Bericht solcher Agenten, wie Dalgetty, nur erlangen kann, wenn man 255 ihnen gestattet, ihre Geschichte nach ihrer Weise zn erzählen. Des Marquis Geduld erhielt zuletzt auch ihren Lohn. Unter der Beute, welche der Kapitän mitzunehmen sich die Freiheit genommen hatte, befand sich ein Paket von Argylc's geheimen Papieren. Dieß überreichte er seinem General; seine Laune, zu erzählen, ging jedoch nicht weiter, denn soviel wir wissen, erwähnte er nicht die goldene Börse, die er zu gleicher Zeit sich angeeignet hatte, als er die genannten Papiere mit Beschlag belegte. Montrose riß eine Fackel von der Wand und war einen Augenblick in die Lesung dieser Docnmente tief versunken, worin er wahrscheinlich etwas vorfand, welches seine persönliche Rache gegen seinen Nebenbuhler Argyle erregte. „Fürchtet er mich nickt!" rief er aus, „dann soll, er meine Macht fühlen. Will er mein Schloß Mnrdoch verbrennen! — der erste Rauch soll in Jnverary aufsteigen — oh, besäße ich nur einen Führer durch das Vorholz von Strathfillan!" Wie groß auch Dalgctty's persönlicher Dünkel sein mochte, so verstand er doch zu gut sein Gewerbe, um nicht sogleich den Sinn von Montrose's Worte» zu begreifen. Er unterbrach sogleich seine eigene weitläufige Erzählung über das stattgehabte Scharmützel und seine Verwundung auf dem Rückzuge, und begann von der Angelegenheit zn sprechen, woran, wie er sah, seinem General am meisten gelegen war. „Wenn Eure Excellenz," sagte er, „einen Einfall in Ar- gyleshire ausführen will, so kennt dieser arme Mann Ranald, von welchem ich Euch berichtete, nebst seinen Kindern und Gefährten jeden Paß und jeden Pfad, der von Osten und Norden in dieß Land führt." „Wirklich!" rief Montrose, „welchen Grnnd hobt Ihr, die Kenntnis; jener für so ausgedehnt zn halten?" „Während einiger Wochen," erwiderte Dalgetty, „als ich, nm meine Wunde zn heilen, bei ihnen blieb, wurden sie häufig genöthigt, ihre Quartiere zn wechseln, in Betracht, daß Argyle wiederholte Versuche machte, sich wieder in den Besitz eines Offiziers zu sehen, welcher mit Eurer Excellcnz Vertrauen beehrt war. Somit hatte ich Gelegenheit, die merkwürdige Gewandtheit und Kenntnis; des Terrains zn bewundern, womit sie abwechselnd ihren Rückzug und ihr Verrücken ansführten; als ich zuletzt zur Fahne Eurer Excellenz znrück- kehren konnte, hat dies; ehrliche und einfache Geschöpf Ranald Mac Eagh mich auf Pfaden hergeführt, welche mein Pferd Gustaons (Eure Lordschaft wird sich vielleicht dessen erinnern) mit vollkommener Sicherheit betreten konnte, so das; ich zn mir selbst sagte,, wenn man Wegweiser oder Spione auf einem hochländischen Feldzüge in jenem westlichen Lande brauche, so könne man unmöglich erfahrenere Personen wie ihn und seine Begleiter sich wünschen." „Und könnt Ihr für dieses Mannes Treue einstchcn," sagte Montrose, „was ist sein Name und Geschäft?" „Er ist Räuber und Dieb von Gewerbe, bisweilen auch etwas wie ein Todtscsiläger oder Mörder, erwiderte Dalgetty, „und heißt Ranald Mac Eagh, welches Ranald, Sohn deS Nebels bedeutet." „Es liegt mir etwas von diesem Namen im Gedächtnis;," sagte Mvntrose, und fügte dann nach einigem Besinnen die Frage hinzu: „haben nicht diese Kinder des Nebels eine Handlung der Grausamkeit gegen die Mac Anlays vollbracht?« Major Dalgetty erwähnte die Ermordung des Försters, 257 und Montrose's thätiges Gedächtniß erinnerte sich sogleich aller Umstände der Fehde. „Ein höchst unglücklicher Umstand," sagte Montrose, ist die unversöhnliche Feindschaft zwischen diesen Leuten und den Mac Anlays. Allan hat sich brav in diesen Kriegen benommen und besitzt durch die Wildheit und das Geheimnißvolle seines Benehmens und seiner Sprache soviel Einfluß über seine Landsleute, daß die Folgen irgend einer Handlung, wodurch er sich verletzt fühlen könnte, sehr ernstlich sein würden. Da jedoch diese Leute so fähig sind, nützlichen Dienst zu leisten, und da man sich, wie Ihr sagt, Major Dalgetty, vollkommen auf sie verlassen kann —" „Ich will Sold und Rückstand, Pferd und Waffen, Kopf und Hals für ihre Treue verbürgen," sagte der Major, „und Eure Excellenz weiß, daß ein Soldat nicht mehr für seinen eigenen Vater thun kann." „Gewiß," sagte Montrose, „da jedoch dieß eine Angelegenheit von besonderer Wichtigkeit ist, so möchte ich gern den Grund einer so bestimmten Versicherung kennen." „Wohlan denn, Mylord, in der Kürze," sagte der Major, „sie verschmähten es nicht allein, eine hübsche Geldsumme zu verdienen, welche Argyle mir die Ehre erwies, auf meinen armen Kopf zu setzen; sie enthielten sich nicht allein der Plünderung meines persönlichen Eigenthums, welches groß genug war, um Soldaten jeden regelmäßigen europäischen Heeres in Versuchung zu sehen; sie gaben mir nicht allein mein Pferd zurück, welches, wie Eure Excellenz weiß, von Werth ist, sondern ich konnte sie auch nicht durch Bitten bewegen, einen Stüber, Deut oder Maravedi für die Unruhe und die Kosten meines Krankenbettes anzunehmen. Sie wiesen wirklich mein gemünztes Geld zurück, als ich es ihnen freiwillig anbot — Sage von Mvntrvse. 17 258 eine Geschichte, welche man selten in einem Christenlande erzählen kann." „Ich gestehe," sagte Montrose, als er sich einen Angenblick bedacht hatte, „daß ihr Benehmen gegen Ench eine Bürgschaft für ihre Trene gibt; wie können wir nns aber gegen den Wiederausbrnch dieser Fehde sichern?" Er schwieg nnd fügte dann plötzlich hinzu: „ich hatte vergessen, daß ich schon mein Abendessen eingenommen habe, während Ihr, Major, einen Ritt im Mondlicht gemacht habt." Er befahl seinem Bedienten, einen Krug Wein und einige Erfrischungen herbeiznhvlen. Major Dalgetty, welcher den Appetit eines Wiedergenescnden besaß, der ans hochländischen Quartieren heimkehrte, bedurfte keiner dringenden Einladung, um sich zu bedienen, sondern räumte unter den Speisen mit solchem Eifer auf, daß, als der Marquis einen Becher Wein füllte, und auf seine Gesundheit trank, die Bemerkung nicht unterdrücken konnte, wie gering auch der Proviant seines Lagers sei, so besorge er doch, Major Dalgetty sei während seines Ausflugs nach Argyleshire hinsichtlich seiner Verpflegung noch weit schlechter weggckommen." „Darauf kann Eure Excellenz einen körperlichen Eid oblegen," sagte der würdige Major, mit vollem Mnnde sprechend; „Argyle's Brod nnd Wasser liegt mir noch als schwarz und schimmlich in Erinnerung, und die Speisen, welche die Kinder des Nebels mir verschafften, wobei sie all ihr Möglichstes tha- ten, die armen, hülflosen Geschöpfe — diese Speisen waren für meinen Leib so wenig erfrischend, daß ich, in der Rüstung eingeschlossen, die ich beinahe, um schneller fortzukommen, zn- rückgelaffen hätte, darin wie der verschrnmpfte Kern in einer Nnß raffelte, die man bis znm Aller Seelentag anfbewahrt hat." 259 „Ihr müßt gehörige Anstalten treffen, um diesen Verlust wieder auszngleichen, Major Dalgctty." „Wahrhaftig," antwortete der Soldat, „ich werde kaum cs vermögen, dieß zu Stande zu bringen, wenn mir nicht meine Rückstände baar ausbezahlt werden, denn ich behaupte vor Eurer Excellenz, daß ich das seht verlorne Gewicht von dreißig Pfund mir ganz allein aus den regelmäßigen Soldzahlungen der Staaten von Holland zngelegt habe." „In dem Fall," sagte der Marquis, „seid Ihr allein zur ordvnnanzmäßigen Beleibtheit znsammengeschrumpft, was aber den Sold betrifft, so laßt uns noch einmal einen Sieg gewinnen — einen Sieg, Major, und Eure Wünsche, alle Eure Wünsche sollen vollständig erfüllt werden; mittlerweile trinkt doch noch einen andern Becher Wein." „Auf Eurer Excellenz Gesundheit," sagte der Major, indem er seinen Becher bis an den Rand füllte, um den Eifer zu zeigen, womit er den Trinkspruch ansbrachte: „Sieg über alle Eure Feinde, und besonders über Argyle, ick hoffe, ihm noch eine Handvoll Haare aus dem Barte zu rupfen, eine habe ich ihm bereits ausgerupft." „Sehr wahr," erwiderte Montrose; „um jedoch auf diese Kinder des Nebels znrückznkommen, so begreift Ihr, Dal- getty, daß ihre Gegenwart hier, und der Zweck, für den wir sie gebrauchen wollen, ein Geheimniß zwischen Euch und mir ist." Der Major, über diesen Beweis des Zutrauens von Seiten seines Generals entzückt, wie Montrose dieß vorausgesetzt hatte, legte de» Finger an die Nase und gab sein Einverständ- niß durch ein Kopfnicken zu verstehen. „Wie viele an Zahl sind die Stammgenossen Ranalds?" fuhr der Marquis fort. 17 » „Der Stamm ist, soviel ich weiß," erwiderte Major Dal- getty, „auf acht oder zehn Männer und einige Weiber vermindert." „Wo sind dieselben jetzt?" fragte Montrose. „In einem Thale drei Meilen von hier," erwiderte der Soldat; „sie erwarten dort Eurer Excellenz Befehl; ich hielt es für unpassend, sie in Euer Lager ohne Eurer Excellenz Befehl zu bringen." „Daran habt Ihr sehr verständig gehandelt, sagte Montrose; „es ist zweckmäßig, daß sie bleiben, wo sie sind, oder einen entlegeneren Zufluchtsort suchen. Ich will ihnen Geld schicken, obgleich dieser Artikel bei mir gegenwärtig nur sehr gering vorhanden ist." „Das ist nnnvthig," sagte Major Dalgetty; „Euer Excellenz braucht ihnen nur einen Wink zu geben, daß die Mac Aulays nach irgend einer Richtung hin anfbrechen, alsdann werden meine Freunde, die Söhne des Nebels, sogleich rechts um kehrt und sich aus dem Staube machen." „Das märe sehr unhöflich," meinte der Marquis; „ich will ihnen lieber einige Thaler schicken, damit sie sich einiges Vieh für den Unterhalt ihrer Weiber und Kinder kaufen können." „Sie wissen schon, wie sie sich Vieh weit wohlfeiler verschaffen können, jedoch mag geschehen, was Euer Excellenz beliebt." „Ranald Mac Eagh," sagte Montrose, „mag einen oder zwei seines Stammes answählen, Leute, auf die er sich verlassen kann, und die fähig sind, ihr eigenes Geheimnis; und das unsrige zu bewahren; diese sollen nebst ihrem Häuptling, als Oberstwachtmeister, uns zu Führern dienen. Laßt sie morgen bei Tagesanbruch an mein Zelt bringen, und tragt 261 Sorge, daß sie so wenig wie möglich meinen Zweck errathen, noch mit einander sich nnterrcden können. Hat dieser alte Mann noch Kinder?" „Sie sind sämmtlich im Kampfe gefallen, oder gehenkt worden," erwiderte der Major; „sowie ich glaube, ein volles Dutzend — er hat jedoch noch einen Enkel, einen hübschen und hoffnungsvollen Burschen; ich habe ihn nie anders gesehen, als daß er einen Kieselstein im Zipfel seines Mantels trug, um ihn ans allerlei Gegenstände zu werfen, die ihm gerade Vorkommen — gewissermaßen ein Vorzeichen, daß er, wie David, welcher gewohnt war, Kieselsteine aus Bächen mit der Schleuder zu werfen, sich dereinst als kühner Krieger erproben wird." „Diesen Knaben, Dalgetty," sagte der Marquis, „will ich zu meinem Leibdiener machen, ich glaube, er wird Verstand genug besitzen, um seinen Namen geheim zu halten." „Euer Excellenz braucht deßhalb keine Besorgniß zu hegen," erwiderte Dalgetty, „diese hochländischen kleinen Teufel, sobald sic ans dem Ei schlüpfen —" „Schon gut," unterbrach Montrose, „der Knabe soll für die Treue seines Vaters cinstehen, und wird dieselbe erwiesen, so soll die Beförderung des Kindes sein Lohn sein — und nun, Major Dalgetty, muß ich Euch für heute Abend entlassen; morgen führt bei mir diesen Mac Eagh unter irgend einem Namen oder Stand ein, den er anzunehmen für gut halten wird. Ich vermnthe, daß ihn sein Gewerbe Gewandtheit in jeder Art Verkleidung erthcilt hat, oder wir können John von Moidart zum Vertranten unserer Entwürfe machen; dieser Mann besitzt Verstand, Gewandtheit und Scharfsinn, und wird wahrscheinlich diesem Manne gefallen, sich als einer seiner Begleiter zu verkleiden. Für Euch, Major, wird 262 i mein Kammerdiener für heute Abend den Qnartiermeister abgeben." Major Dalgetty empfahl sich mit vergnügtem Herzen; er zeigte sich über die Aufnahme sehr erfreut, die ihm zu Theil geworden war, und über das persönliche Benehmen seines neuen Generals höchst zufrieden, welcher ihn, wie er weitläufig dem Ranald Mac Eagh darlegte, in vieler Hinsicht an das Betragen des unsterblichen Gustavus Adolphns, des nordischen Löwen und des Bollwerkes der protestantischen Religion, erinnerte. / SieLenzehntes Kapitel. Der Marsch mit viel Soldgtenprnnk beginnt, Auf dessen Gang gespannt die Völker sind; Der Hunger schuht den schwach bewohnten Strand, Der Frost befestigt dort mit Eis das Land; Doch Kalt' und Mangel hemmen nicht das Heer. Das Lehrgedicht: Eitelkeit der menschlichen Wünsche. Bei Tagesanbruch empfing Montrose in seiner Hütte den alten Mac Eagh und befragte ihn lang und gcnan über die Mittel, in das Land Argyle's zu dringen. Er schrieb die Antworten sich auf und verglich sie mit denen der beiden Leute Mac Eaghs, welche derselbe als die Verständigsten und Erfahrensten bei ihm einführte. Er fand, daß die Anssagen in jeder Hinsicht übercinstimmten; da er jedock sich immer noch nicht in einer Angelegenheit zufrieden stellte, wo die Vorsicht so nöthig war, verglich er die empfangene Kunde mit derjenigen, die er sich von den Häuptlingen einholen konnte, derer Gebiete dem anzngreifenden Lande am nächsten lagen. Als er sich endlich in jeder Hinsicht von der Genauigkeit der Angaben überzeugt hatte, beschloß er, in vollem Vertrauen darauf zu verfahren. In einem Punkte änderte Montrose seine Absicht. Er hielt es für unpassend, den Knaben Kenneth als seinen eigenen Leibdiener anznnchmen; im Fall nämlich dessen Geburt entdeckt würde, so hätten die zahlreichen 264 Clans, welche eine tödtliche Feindschaft gegen die geächtete Familie hegten, sein Verfahren als eine Beleidigung ausgenommen. Er ersuchte deßhalb den Major, den Knaben in seinen Dienst zn nehmen, und da er dieß Gesuch mit einem beträchtlichen Geschenk, unter dem Vorwände der Kleidung und Ausrüstung des Burschen, begleitete, war diese Veränderung allen Bethciligtcn angenehm. Ungefähr zur Zeit des Frühstücks besuchte Major Dalgetty von Montrose entlassen, seine alten Bekannten, den Lord Men- teith und die Mac Aulays, denen er seine eigenen Abenteuer ebenso mitzntheilen wünschte, als er von ihnen die Einzeln- heiten des Feldzugs erfahren wollte. Wie man sich denken kann, ward er mit großer Freude von Leuten empfangen, für welche jeder Wechsel der Gesellschaft wegen der kürzlicben Gleichförmigkeit ihres militärischen Lebens eine interessante Neuigkeit geworden war. Allan Mac Aulay allein schien sich von seinem früheren Bekannten zurückzuhalten, obgleich er, von seinem Bruder zur Erklärung aufgesordcrt, keinen andern Grund angeben konnte, als ein Widerstreben, sich mit einem Manne in Vertraulichkeit cinznlassen, welcher kürzlich in der Gesellschaft von Argyle nnd anderer Feinde gewesen sei- Major Dalgetty wurde ein wenig durch diese Art instinktartigen Bewußtseins bestürzt, welches Allan über seine kürzlichc Genossenschaft zu hegen schien; er ward jedoch bald in der Hinsicht beruhigt, daß die Auffassungen des Sehers in dieser Hinsicht nicht untrüglich waren. Da Ranald Mac Eagh unter Major Dalgetty's Schutz und Aufsicht gestellt wurde, so war es nothwendig, ihn bei denjenigen Personen einznführen, mit denen er am wahrscheinlichsten in Berührung kommen würde. In der Kleidung des alten Mannes war mittlerweile der 265 gewürfelte Zeug seines Clans mit einem Anzüge vertauscht, welcher, den Bewohnern der entfernten Inseln eigcnthnmlich, aus einer Ermelweste mit Rockschössen, Alles aus einem Stücke verfertigt, bestand. Diese Kleidung war von oben bis unten mit Schnüren beseht und glich der sogenannten Polonaise, wie sie noch Kinder niederen Ranges in Schottland zu tragen pflegen. Eine Strumpfhose und eine Mühe aus gewürfeltem Zeuge vervollständigten die Kleidung, welche alte Leute im vergangenen Jahrhundert noch bei den Bewohnern der entfernten Inseln gesehen hatten, die sich der Fahne des Grafen von Mar 1715 auschlossen. Major Dalgetty heftete seinen Blick auf Allan nnd führte Ranald Mac Eagh unter dem erdichteten Namen Ranald Mac Gillihurvn von Benbecnla ein, welcher mit ihm ans Argyle's Gefängniß entflohen sei; er empfahl ihn als einen in den Künsten der Harfe und der Zither gewandten Mann, welcher auch durch den Besitz eines zweiten Gesichtes, oder als Seher Bedeutung habe. Während der Major Dalgetty dieß sagte, gerieth er in ein Stammeln und Stocken ans eine seiner gewöhnlich so geläufigen Gesprächigkeit durchaus unähnliche Weise, so daß er Allan Mac Anlay's Verdacht uothwendig erregt haben müßte, wäre nicht die ganze Aufmerksamkeit dieses Mannes dadurch vollkommen in Anspruch genommen worden, daß er in den Zügen der so ciugcführten Person mit festen Blicken zu lesen suchte. Dieser feste Blick brachte Ranald so sehr in Verlegenheit, daß er seine Hand ans den Dolch in Erwartung eines feindlichen Angriffs sinken ließ, als Allan plötzlich über den Fußboden der Hütte schritt, und ihm zum freundlichen Gruß die Hand reichte. Sic setzten sich Seite an Seite, und unterhielten sich mit leiser, gchcimnißvoller Stimme. Mentcith und Angus Mac Aulay wurden nicht da- 266 durch überrascht, denn unter den Hochländern, welche Anspruch auf das yveite Gesicht machten, herrschte eine Art Freimaurerei, welche sie gewöhnlich vcranlaßte, bei einer Zusammenkunft sich die Natur und die Ausdehnung ihrer Gesichte einander mitzutheilen. „Kommt das Gesicht finster über Euren Geist?" fragte Allan seinen neuen Bekannten. „So finster, wie der Schatten ans den Mond," erwiderte Rauald, „wenn er auf seinem Laufe mitten am Himmel verdunkelt wird und Propheten böse Zeiten Voraussagen." „Kommt hichcr," sagte Allan, „ich möchte mit Euch bei Seite reden, denn man sagt, daß das Gesicht mit mehr Klarheit-und Gewalt über Euch, wie über uns kommt, die wir in Nähe der Sachsen wohnen." Während sie sich in ihre mystische Unterredung vertieften, betraten die zwei englisebcn Cavaliere die Hütte in der heitersten Stimmung und berichteten dem Angus Mac Aulay, es sei Befehl ertheilt, daß Alle sich für einen baldigen Marsch nach Westen in Bereitschaft halten sollten. Nachdem sie diese Nachricht mit großer Freude verkündet hatten, begrüßten sie ihren alten Bekannten, Major Dalgetty, den sie sogleich wieder erkannten, und erkundigten sich nach der Gesundheit seines Pferdes Gustavus. „Ich danke euch unterthänigst," erwiderte der Soldat, „Gustavus befindet sich wohl, obgleich er, ebenso wie sein Herr, etwas magerer an den Rippen ist, wie damals, als ihr mich in Darnlinvarach von ihm erlösen wolltet; ich gebe euch aber die Versicherung, daß ihr, meine guten Herren, bevor ihr zwei oder drei Märsche zurückgelegt haben werdet, die ihr mit so großer Zufriedenheit in Aussicht stellt, etwas von eurem eng- 267 lischen Fett, und wahrscheinlich auch ein englisches Pferd, oder zwei, hinter euch lassen werdet." Beide riefen ans, daß sie sich nicht um dasjenige, was sie finden oder zurücklaffen würden, bekümmerten, wenn der Krieg sich nur etwas verändern und die ewigen Hin- und Hermärsche in Angns und Aberdeenshire anfhörten, um einen Feind anf- zusnchen, welcher weder fechten, noch weglaufen wolle." „Ist das der Fall," sagte Angns Mac Anlay, „so muß ich meinen Leuten Befehl ertheilen, und auch für den sicheren Transport der Annot Lyle sorgen, denn ein Vordringen in das Land von Mac Cullnm More ist ein weiterer und schlimmerer Marsch, als diese Stutzer der cumbrischen Ritterschaft sich einbilden." Mit den Worten verließ er die Hütte. „Annot Lyle," wiederholte Dalgetty, „folgt auch sie dem Heere?" „Allerdings," erwiderte Sir Miles Musgrave, indem sein Blick sich leicht von Lord Menteith ans Allan wandte; wir können weder marschiren noch fechten, weder vorrücken noch uns znrückziehen, ohne den Einfluß dieser Prinzessin der Harfe." „Die Prinzessin der breiten Degen und der Tartschen," verbesserte sein Gefährte, „denn die Gemahlin von Montrose selbst könnte nicht höflicher bedient werden; sie hat vier hochländische Mädchen und ebenso viele Burschen ohne Hosen, um ihr als Dienerschaft anfzuwarten." „Würdet ihr Herren anders verfahren?" sagte Allan, indem er sich plötzlich von dem Hochländer abwandte, mit dem er sich unterredete. „Würdet ihr ein unschuldiges Mädchen und die Gefährtin eurer Kindheit durch Gewalt oder Hunger umkommen lassen ? Gegenwärtig ist kein Dach ans der Wohnung meiner Väter — unsere Ernten wurden zerstört und 268 unser Vieh hinweggetrieben — ihr Herren »löget Gott danke», daß ihr aus einem milderen und mehr civilisirten Lande kommt, nur euer Leben in diesem unbarmherzigen Kriege aussetzt und nicht befürchten mußt, eure Feinde werden mit ihrer Rache die schutzlosen Pfänder Eurer Liebe heimsnchen, die ihr zurückgelassen habt." Die Engländer geständen zu, daß sie in dieser Hinsicht einen Vortheil voraus hätten; die Gesellschaft zerstreute sich, und jeder ging seinem besonderen Auftrag oder seinem Geschäfte nach. Allan blieb einen Augenblick zögernd zurück, indem er den widerstrebenden Ranald Mac Eagh über einen Punkt in seinen Visionen zu befragen wünschte, der ihm großen Kummer verursachte. „Zu wiederholtcnmalen," sagte er, „hatte ich das Gefickt eines Galen, welcher seine Waffe in den Leib von Menteith zu stoße» schien — jenes jungen Edelmannes in dem mit Tressen besetzten Scharlachmantel, der soeben die Hütte verlassen hat. Ich blickte hin, bis meine Augen beinahe in ihren Höhlungen erstarrten, konnte aber durch keine Anstrengung das Antlitz dieses Hochländers entdecken, oder auch nur vermuthcn, wer er sein mag, obgleich seine Haltung und seine Gestalt mir bekannt zu sein scheinen *)." Diese Art Erscheinung, derjenigen ähnlich, welche die Deutschen einen Doppelgänger nennen, wurde vvu den keltischen Stämmen als ein Vorzeichen von Unglück oder Tod betrachtet, und der Glaube herrscht noch jetzt. Herr Kirk sagt darüber: „Einige Leute, die mit diesem ungewöhnlichen Gesicht entweder durch Kunst oder von Natur begabt waren, haben mir erzählt, daß sic in diesen Versammlungen von Zauberern einen doppelten Mann, oder die Gestalt eines ManneL a» zwei Orten gesehen haben, d. h. einen Bewohner der Erde und einen zweiten über derselben, welche sich vollkommen gleichen, aber dennoch sich von einander 269 „Habt Ihr Euren Mantel umgekehrt," sagte Ranald, „nach der Regel erfahrener Seher für diesen Fall?" durch geheime Zeichen und VcrfahrungSweisen unterscheiden lassen. Eine solche Erscheinung wurde von de» Nachbarn und Vertrauten des Mannes angeredet, welche bei derselben vvrübergingcn. Man behauptet, daß jedes Element seine Thiere hat, die denen eines andern Elements entspreche» ; es gibt z. B. Fische zur See, welche de» Mönchen mit ihren Kapnhc» n. s. w. gleiche». Auch die guten und bösen Dämvnc und Schuhengel der Römer, die besonderen Personen zugcschrieben wurden, können von demselben Original abstammen. Man nennt dieses Bild des Mannes einen Doppelgänger (6o-,Volker); sic gleicht dem Manne, den sie wie einen Schatten begleitet, wie ei» Zwillingsbruder sowohl vor dem Tode des Originals, als nach demselben. Man hat Beispiele, daß eine solche Erscheinung in ein Haus kam, woraus die Bewohner erkannten, daß die Person, welcher sie glich, sie in wenigen Tagen besuchen würde. Diese Copie begleitete jene Person, sowohl um dieselbe vor geheimen Angriffen zn schuhen, wie auch alle seine Handlungen nachzuahmen." Die zwei folgenden Erscheinungen, welche der des Allan Mac Aulay gleichen, kommen in Ikeopkilux lnxulomi-i (k'rxt-r) Abhandlung über das zweite Gesicht vor. Barbara Mac Pherson, Wittwc des verstorbenen Alexander Mac Leod, Predigers in St- Kilda, benachrichtigte mich, daß die Einwohner der Insel eine besondere Art zweiten Gesichts hätten, welches stets ihr nahes Ende verkünde. Einige Tage, bevor sic krank werden, haben sie eine Erscheinung, welche ihnen in Gestalt, Gesichtszügen und Kleidung gleicht. Dieß scheinbar belebte Bild geht mit ihnen bei Hellem Tageslicht auf das Feld; wenn sie beim Graben, Hacken, Pflügen, oder an einer andern Arbeit beschäftigt sind, werden ihre Bewegungen von diesem Gespenst nachgeahmt. Die erwähnte Frau, welche mir die Mitteilung machte, fügte hinzu, daß sie einst einen Kranken besuchte und sich bei ihm aus Neugier erkundigte, ob letzterer ein ähnliches Bild seiner selbst schon gesehen habe ; der Kranke antwortete bejahend und sagte ihr, daß er, um einen weitere» Versuch zu machen, bei seinem Ausgang aus dem Haufe Strumpfbänder von geflochtenem Stroh statt derer, die er sonst trug, angelegt habe. Als er nun auf das Feld ging, erschien der 270 „Das that ich," erwiderte Allan mit leiser Sprache, während er durch inneren Scelcnschinerz zu schaudern schien. „Und in welcher Gestalt erschien alsdann das Phantom?" „Ebenfalls mit umgekehrtem Mantel," erwiderte Allan mit derselben leisen und krampfhaften Stimme. „Dann seid überzeugt," sagte Nanald, daß Eure eigene Hand und keine andere die That vollbringen wird, deren Schatten Ihr gesehen habt." „So hat meine besorgte Seele hundertmal schon vcrmnthet, erwiderte Allan. „Allein es ist unmöglich; könnte ich im ewigen Buche des Schicksals dasselbe lesen, so würde ich es dennoch für unmöglich erklären. Wir sind durch Blutsverwandtschaft, durch hundert Bande der engsten Freundschaft mit einander verbunden — wir sind Seite bei Seite in der Schlacht gestanden, und Misere Schwerter rauchten von dem Blute derselben Feinde — es ist unmöglich, daß ich gegen ihn meine Waffe ziehe." „Es ist gewiß, daß Ihr die That vollbringen werdet," erwiderte Ranald, „obgleich die Ursache vom Dunkel der Zukunft umhüllt ist. Ihr sagt," fuhr er fort, indem er seine Doppelgänger in solchen Strumpfbändern; der kranke Mann starb, und sic zog nicht länger die Wahrheit dieser Vorhersagnng in Frage. Margaret Mac Leod, eine ehrliche Frau in hohen Jahre», erzählte mir ferner, daß in ihrer Jugend ein Milchmädchen in der Familie, wo sie sich damals befand, welches die Kälber in einem Parke zu hüten pflegte, verschiedene Male eine ihr durchaus ähnliche Gestalt in einiger Entfernung von sich selbst erblickte; durch die Erscheinung erschreckt, zog sie, um eine» weiteren Versuch zu machen, den Hinteren Theil ihres ObcrkleideS über ihren Kopf, worauf das Gespenst sogleich dieselbe Anordnung des Kleides zeigte. Das Mädchen ward unruhig und glaubte, daß ihr ein Unglück bcvorstehc; kurz darauf befiel sie ei» Fieber, woran sie starb. Das zweite Gesicht hatte sie noch vor ihrer Krankheit erzählt. eigenen Regnngcn mit Schwierigkeit nnterdriickte, daß Ihr Seite an Seite mit Bluthunden Eure Beute verfolgt habt — habt Ihr niemals gesehen, wie die Bluthunde ihre Zähne gegen einander wandten und über den Leichnam eines erwürgten Hirsches kämpften?" „Es ist falsch," sagte Mac Aulay auffahrend, „es ist nicht die Vorbedeutung des Schicksals, sondern die Versuchung eines bösen Geistes der Hölle." Mit den Worten verließ er die Hütte. „Ha," rief der Sohn des Nebels aus, indem er ihm mit dem Ausdruck des Entzückens nachblickte; der Widerhaken des Pfeiles steckt in deiner Seite! freuet euch, ihr Geister der Erschlagenen ! die Schwerter eurer Mörder werden sich mit dem eigenen Blnte färben." Am nächsten Morgen mar Alles vorbereitet. Montrose drang in schnellen Märschen den Fluß Tay hinauf und ergoß seine Streitkräfte in das romantische Thal am Sec desselben Namens, welches an der Mündung dieses Flusses liegt. Die Einwohner waren Campbells, zwar nicht die Vasallen Argy- le's, sondern des ihm verwandten und verbündeten Hauses Glenorchy, welches seht den Namen Brcadalbane führt. Da sie überrumpelt wurden, waren sie für den Widerstand gänzlich unvorbereitet und gezwungen, die leidenden Zeugen der Verwüstung zu sein, welche unter ihren Heerden und Wohnungen stattfand. Indem Montrose auf diese Weise zum Thale des Sees Dochart vvrrückte, r^nd das Land ringsum verheerte, erreichte er den schwierigsten Punkt seiner Unternehmung. Für ein Heer unserer Zeiten würde der Marsch durch diese ausgedehnten Wildnisse, ungeachtet der guten Militärstraßen, welche über Teinedrnm nach der Spitze des Sees Awe führt, 27 2 eine Aufgabe von einiger Schwierigkeit sein. Zn jener Zeit, und noch lange nachher, mar aber keine Straße vorhanden, und die Schmierigkeiten wurden noch dadurch erhöht, daß die Berge schon mit Schnee bedeckt waren. Ihre über einander gehäuften Massen gewahrten einen erhabenen Anblick, als die vordere Reihe in glänzender Weiße erstrahlte, während die hinter denselben sich erhebenden Gipfel eine rosige Färbung durch das Abendroth einer Hellen Wintersonne erhielten. Der Ben Crnachan, der höchste Gipfel von allen, gleichsam die Veste der Berggeister dieser Gegend, erhob sich weit über die andern und zeigte seinen glänzenden und zerrissenen Gipfel auf die Entfernung vieler Meilen. Die Anhänger Montrose's waren keine Leute, welche sich durch den erhabenen aber furchtbaren Anblick hätten abschreckcn lassen. Viele von ihnen waren von jenem alten Geschlecht der Hochländer, welche nicht allein sich zum Schlafe auf den Schnee niedergelegt, sondern auch den Gebrauch eines Schneeballs zum Kissen als weibische Ueppigkeit betrachtet haben würden. Raub und Rache lag jenseits der Schneegebirge, und sie scheuten sich somit nicht, dieselben mit Schwierigkeit zu überschreiten. Montrose ließ ihnen keine Zeit, worin sich ihr Eifer hätte abkühlen können; er befahl den Dudelsackpfeifern, das alte Lied anznstimmen: „Wir kommen durch den Schneefall, um die Beute zu jagen," ein Schlachtgesang, dessen gellende Töne die Thäler des Lennox so oft mit Schrecken erfüllt hatten. Die Truppen rückten mit der behenden Geschwindigkeit von Bergbewohnern vor und befanden sich bald in dem gefährlichen Passe, in welchem Ranald als ihr Führer diente, indem er, um den Weg aufznfinden, mit einer auserlesenen Schaar voranging. Die Macht des Menschen erscheint niemals verächtlicher, 273 als wenn sie im Gegensatz zu Natursccnen von furchtbarer Erhabenheit steht. Montrosc's siegreiches Heer, dessen Thaten ganz Schottland mit Schrecken erfüllt hatte, schien bei der Ersteigung dieses furchtbaren Paffes eine elende Handvoll Nachzügler zu sein, welche die Schluchten des Gebirgs augenblicklich begraben würden, deren höchste Ränder sich über ihm zu schließen bereit schienen. Sogar Montrose bereute beinahe die Kühnheit seiner Unternehmung, als er von dem Gipfel der ersten erstiegenen Anhöhe auf den zerstreuten Zu- - stand seines kleinen Heeres blickte. Die Schwierigkeit weiter zu kommen, war so groß, daß beträchtliche Lücken in der Marschlinie eintraten; die Vorhut, das Centrnm und die Nachhut wurden durch solche Entfernungen von einander getrennt, daß sowohl Verwirrung wie Gefahr entstand. Mit großer Besorgniß blickte er auf jeden vortheilhaften Punkt, den die Höhen darboten; er fürchtete, der Feind habe jene Plätze beseht und zur Vertheidignng vorbereitet; später sprach er oft seine Ueberzeugung aus, daß 200 entschlossene Leute bei der Vertheidignng der Pässe von Strathfillan nicht allein sein Heer hätten aufhalten, sondern auch gänzlich abschneiden können. Die Sicherheit der natürlichen Lage, schon so oft das Verderben eines leicht zn vertheidigenden Landes, oder einer für uneinnehmbar gehaltenen Festung, überlieferte auch bei dieser Gelegenheit den Distrikt Argyle seinen Feinden. Das angreifende Heer hatte nur die natürliche Schwierigkeit des Passes und des Schnees zn überwinden. Sobald es aber Len Gipfel der Höhen erreicht hatte, welche Argyleshire vom Distrikt Breadalban trennen, stürzte es auf die der Verheerung geweihten unten liegenden Thäler mit einer Wnth, welche zur Genüge die Beweggründe zn einem so schwierigen nnd gewagten Unternehmen ansdrückte. Sage von Mvntrose. 18 274 Moiitrose theilte sein Heer in drei Corps, um einen weiteren »nd ausgedehnteren Schrecken zu verbreiten; das eine wurde vom Häuptling des Clans Ranalds geführt, das zweite der Leitung Colkitto's anvertrant, und das dritte stand unter Montrvse's eigenem Befehl. Er konnte somit an drei verschiedenen Pnnktcn in die Grafschaft Argyle eindringen. Die Flucht der Schäfer von den Bergen hatte zuerst diesen furchtbaren Einbruch den bevölkerten Distrikten verkündet; sobald die Clanslentc anfgeboten waren, wurden sic von einem Feinde, welcher ihren Bewegungen znvorkam, getödtet, entwaffnet »nd zerstreut. Major Dalgctty, welcher mit der wenigen diensttauglichen Reiterei des Heeres gegen Jnverary geschickt wurde, leitete die Unternehmung so gewandt, das, er den Marquis beinahe, wie er sich ausdrückte, inter pocnla gefangen hätten dieser Häuptling konnte sich nur vor Tod oder Gefangenschaft durch eine schnelle Flucht zu Wasser retten. Die Strafe jedoch, welcher Argyle selbst entging, fiel um so schwerer ans sein Land und seinen Clan, und die Verheerung dieser unglücklichen Fluren, obgleich den Sitten der damaligen Zeiten und der Hochlande gemäfi, ist oft mit Recht als ein Flecken bezeichnet worden, welcher ans den Handlungen und ans dem Charakter Montrvse's hafte. Argyle war mittlerweile nach Edinburgh geflohen, um seine Klage dem Parlamente vvrzulegcn. Ein beträchtliches Heer war in der Noth des Augenblicks unter General Baillie, einem geschickten und zuverlässigen presbytcrianischen Offizier, ausgehoben worden, welchem im Oberbefehl der berühmte Sir John Nrrie beigegeben wurde, ein Glückssoldat wie Dalgctty, welcher schon zweimal während des Bürgerkrieges die Partei gewechselt hatte, und dessen Geschick es war, vor der Beendigung desselben noch zum drittenmale ein Ueberläufer zu werden. 275 Auch Argyle, von Rache erregt, ließ seine zahlreichen Streitkräfte ausheben, um dem Feinde seiner Familie mit den Massen zu vergelten. Er schlug sei» Hauptquartier in Dunbarton auf, wo sich ihm bald eine beträchtliche Streitkraft, hauptsächlich aus seinen Clansleuten nnd Vasallen bestehend, anschloß. Nachdem er sich dort mit einem beträchtlichen Heere regelmäßiger Streitkräfte unter Baillie nnd Urne vereinigt hatte, bereitete er sich zum Marsche nach Argyleshire, um den Verheeren seines Familicn-Distriktcs zu züchtigen. Während diese furchtbaren Heere sich vereinigten, hatte Montrose das verwüstete Land wegen der Annäherung eines dritten verlassen müssen. Dasselbe war im Norden unter dem Grafen von Seasorth gesammelt, welcher nach einigem Bedenken die Partei der Covenanters ergriffen und mit Hülfe der aus Veteranen bestehenden Garnison von Jnverneß ein beträchtliches Heer gebildet hatte, womit er Montrosc von Jn- vcrncßshire ans bedrohte. Der Untergang von Montrose schien jetzt gewiß, denn er war in einem verwüsteten und feindlichen Lande eingeschlossen nnd von jeder Seite durch Feinde mit überlegenen Streitkräften bedroht. Allein gerade in solchen Umständen vermochte der thätige nnd unternehmende Geist des großen Marquis die Bewunderung seiner Freunde, sowie das Erstaunen und den Schrecken seiner Feinde zn erregen. Gleichsam durch einen Zauberschlag sammelte er seine zerstreuten Streitkräfte ans dem verwüsteten Lande, wo sie Krieg geführt hatten; kaum hatte er dieselben vereinigt, als auch Argyle und die ihn begleitenden Generale die Kunde vernahmen, daß die Royalisten aus Argyleshire verschwunden wären nnd sich nördlich in die dunklen unzugänglichen Gebirge von Lochaber zurückgezogen hätten. Der Scharfsinn der gegen Montrose abgcsandten Generale 18 ° 276 erkannte sogleich, daß ihr thätiger Gegner die Absicht hege, dem Grafen Seaforth eine Schlacht zn liefern nnd womöglich ihn zu vernichten, bevor sie ihm zn Hülfe kommen könnten. Dies; verursachte eine entsprechende Veränderung ihrer Operationen. Urne und Baillie trennten ihre Streitkräfte von denen Argylc's, und überließen diesem Häuptling seine eigene Vertheidigung; da sie hauptsächlich Reiterei und niederländisches Fußvolk unter ihrem Befehl hatten, zogen sie sich an der südlichen Seite der Grampischcn Gebirge hin, rückten nach Osten in die Grafschaft Angus, und wollten von dort nach Aberdeenshire Vordringen, um Montrose anfznfangen, wenn er in jener Richtung zn entkommen versuchen würde. Argyle unternahm es, mit seinen eigenen Aushebungen nnd anderen Truppen dem Marsche Montrose's zn folgen, so daß Letzterer, wenn er mit Seaforth oder Baillie nnd Urne in's Gefecht käme, durch dies; dritte Heer, welches in einiger Entfernung seiner Nachhut folgte, zwischen zwei Feuer geriethe. Zu dem Zweck marschirte Argyle wieder nach Jnverary, indem er bei jedem Schritte Gelegenheit hatte, die Verheerungen zu beklagen, welche die feindlichen Clans in seinem Lande und an seinen Stammgenossen verübt hatten. Wieviel edle Eigenschaften auch die Hochländer besaßen, nnd sie besaßen deren viele, so gehörte nicht dazu die Milde in der Behandlung eines feindlichen Landes; allein sogar die Verheerungen feindlicher Truppen mußte die Zahl von Argylc's Krieger vermehren. Noch jetzt ist es ein hochländisches Sprüchwort: „Derjenige, dessen Hans verbrannt sei, müsse Soldat werden." Hunderte von den Einwohnern dieser unglücklichen Thäler besaßen damals keine anderen Mittel znm Unterhalt, als daß sie gegen Andere dieselbe harte Behandlung übten, welche sie selbst erlitten hatten; es bot sich ihnen keine zukünftige 277 Aussicht aus Glück, mit Ausnahme der Befriedigung ihrer Rache. Seine Schaaren wurden dcsthalb durch dieselben Umstande vermehrt, welche sein Land verheert hatten, und Argyle stand bald an der Spitze von 3000 entschlossenen Leuten, welche durch Thätigkcit und Muth sich auszeichnetcn, und von Edel- leuten seines eigenen Stammes geführt wurden, die Niemanden in diesen Eigenschaften nachstanden. Unter seinem eigenen Obercommando übertrug er den hauptsächlichsten Befehl dem Sir Dnncan Campbell von Ardenvohr und dem Sir Dnncan Campbell von Auchenbreck; Letzterer war ein erfahrener und alter Soldat, den er aus den Kriegen in Irland zu dem Zweck znrückberufcn hatte. Die Kälte Argyle's jedoch verhinderte die Ausführung der militärischen Rathschlägc, welche seine unerschrockenen Gefährten im Commando ihm ertheilten; ungeachtet der vermehrten Streitkräfte wurde beschlossen, den Operationsplan beizubehalten und Montrose in jeder Richtung, die er ein sch lagen würde, zu folgen.; ein Gefecht sollte vermieden werden, bis eine Gelegenheit sich böte, über seine Nachhut herznfallen, während er selbst mit einem andern Feinde in der Front beschäftigt wäre. Achtzehntes Kapitel. DaS Banner stiegt, Sackpfcifen spiele», Damit Mac Donalds Lied erschalle. Da wo dcS SeeeS Fluthcn spülen Den Strand an Jnvcrlvchii'S Walle. Die Militärstraße, welche die sogenannte Fortskctte verknüpft, und mit der Linie des caledonischen Kanals parallel läuft, hat jeht das große Thal oder den Spalt der Gebirge gänzlich geöffnet, welcher sich qner dnrch die ganze Insel dehnt und, einstens ohne Zweifel vom Meer gefüllt, noch jeht die Becken für jene lange Lüne von Seen enthält, vermittelst derer die neuere Kunst die Nordsee mit dem atlantischen Ocean vereinigt hat. Die Pfade, womit die Eingebornen dieß ausgedehnte Thal durchzogen, waren 1645 und 1646 in derselben Lage wie damals, als sie die dichterische Begeisterung eines irischen Ingenieur-Offiziers erweckte, welcher bei der Anlegung der Militärstraße einen Posten bekleidete, nnd dessen Loblied mit folgenden Versen beginnt und, soviel ich weiß, endet: „Hättet je ihr zuvor diese Wege geschaut, noch che die Kunst sie zu Straßen gebaut, Ihr würdet die Händ' erheben gar, und segnen den General Wade, fürwahr!" So schlecht aber auch die gewöhnlichen Wege waren, so wählte Montrose noch schlechtere, jene vermeidend, und führte 279 sein Heer wie einen Trupp wilder Hirsche von Gebirg zu Ge- birg, und von Wald zu Wald, wo seine Feinde von seinen Bewegungen nichts erfahren konnten, während er die vollkommenste Kunde über die ihrigen von den freundschaftlichen Stämmen von Cameron und Mac Donnell erhielt, deren Ge- birgsdistrikt er jetzt durchzog. Strenger Befehl war gegeben, das; Argyle's Vorrücken überwacht und jede Kunde über seine Bewegungen dem General sogleich mitgctheilt werden sollte. Montrose hatte sich während einer Mondnacht, von den Strapazen des Tages ermüdet, in einem elenden Schuppen zum Schlafe niedergelegt. Er hatte sich kaum einige Stunden dem Schlummer überlassen, als ihn Jemand an der Schulter faßte. Er blickte auf und erkannte leicht den Häuptling der Camerons an der stattlichen Gestalt und der tiefen Stimme. „Ich habe Neuigkeiten für Ench," sagte der Häuptling, welche merth sind, das; Ihr anfsteht und sie vernehmt." „Mac Jldny ch kann mir keine andere bringen," sagte Montrose, indem er den Häuptling mit dem Titel anredctc, welcher seine Abstammung bezeichncte; „sind sie gut oder schlecht?« „Wie Ihr sie anfnehmen wollt," sagte der Häuptling. „Sind sie gewiß?" fragte Montrose. „Ja," erwiderte Mac Jlduy, „sonst würde sie Ench ein anderer Bote gebracht haben. Hört mir zu! Mich langweilte der mir ertheilte Befehl, jenen unglücklichen Dalgctty und seine Handvoll Reiter zu begleiten, welcher mich Stunden lang wie einen verkrüppelten Dachs trottiren ließ; ich ging vier Meilen mit sechs meiner Leute in der Richtung von Jnverlochy, wo ich Jan von Glenroy traf, welcher zum Recognoscircn D. h. der Abkömmling vom schwarzen Donald. 280 ansgeschickt war. Argyle ruckt auf Jnverlochy mit 3000 auserlesene» Leuten, welche von der Blüthe seines Stammes befehligt werden — dies; sind meine Neuigkeiten — sie sind gewiß — cs ist Eure Sache, ihre Bedeutung anfzufinden." „Ihre Bedeutung muß gut sein," antwortete Montrose sogleich bereit und heiter; „die Stimme Mac Jlduy's ist den Ohren Montrose's stets angenehm, und am angenehmsten, wenn sie eine tapfere Unternehmung, welche bevorsteht, uns verkündet. Wo sind unsere Musterrollen?" Er verlangte alsdann ein Licht und überzeugte sich leicht, daß er nicht mehr als 12 oder 1400 Mann zur Verfügung hatte, da der größere Theil seiner Anhänger, wie gewöhnlich, um die Beute in Sicherheit zu bringen, zerstreut war. „Nicht viel mehr als ein Drittel von Argyle's Streitkräften, und Hochländer gegen Hochländer. Mit Gottes Segen für die königliche Sache würde ich kein Bedenken trage», hätten wir nur zwei gegen einen." „So tragt kein Bedenken," sagte Cameron; „denn blasen Eure Trompeten den Angriff gegen Mac Cnllum More, so wird kein Mann dieser Thäler gegen die Aufforderung taub bleiben. Glengarry — Keppoch — ich selbst würde mit Feuer und Schwert den Elenden vernichten, welcher unter irgend einem Vorwand Zurückbleiben sollte. Morgen oder übermorgen mag der Tag der Schlacht für Alle sein, welche den Namen Mac Donnel oder Cameron führen, von welcher Art auch der Ansgang sein wird." „Das sind mnthige Worte, edler Freund," sagte Montrose, seine Hand ergreifend, „ich wäre schlimmer als eine Memme, erwiese ich nicht solchen Anhängern Gerechtigkeit, wenn ich nicht die unzweifelhafte Hoffnung des Erfolges hegte. Wir wollen uns auf diesen Mac Cnllum More zurückwerfen, 28 t welcher uns wie ein Rabe folgt, um die Ueberbleibsel unseres Heeres zu verschlingen, wenn wir mit braveren Männern kämpfen wurden, welche dessen Kraft zerbrechen können! Laßt die Häuptlinge und Führer so schnell als möglich sich versammeln; Ihr, die Ihr uns die erste Nachricht dieses freudigen Ereignisses gebracht habt — denn ein solches wird es sein — Ihr Mac Jlduy sollt es zum freudigen Ausgang bringen, indem Ihr uns auf dem nächsten und besten Wege dem Feinde entgegenführt." „Das will ich sehr gern," antwortete Mac Jlduy, „habe ich Euch Pfade gezeigt, auf welchen Ihr Euch durch diese finstere Wildnis; zurückziehen konntet, so werde ich mit weit größerer Bereitwilligkeit Euch lehren, wie dem Feinde cntge- genzurücken ist." Es herrschte bald darauf ein allgemeines Geräusch im Lager und die Führer erhoben sich, überall geweckt, von den rohen Lagerstätten, auf denen sie eine vorübergehende Ruhe gesucht hatten. „Ich dachte niemals," sagte Major Dalgctty, als er, aufgerüttelt, sich von einer Handvoll harter Wurzeln des Heidekrautes erhob, „daß ich mich jemals aus einem Bett so verdrießlich erhoben hätte, welches so hart ist, als ein Stallbesen; da jedoch Seine Excellenz, der Marquis, nur einen Mann von militärischer Erfahrung in seinem Heere besitzt, so ist er sicherlich gerechtfertigt, wenn er demselben einen schweren Dienst zumeist." Mit diesen Worten begab er sich in den Kriegsrath, wo Montrvse, ungeachtet der-Pedanterei des Majors, ihm mit großer Aufmerksamkeit zuznhören schien, theils weil Dalgctty militärische Kenntnisse und Erfahrung wirklich besaß, theils auch, weil der General dadurch der Nothwendigkeit entbunden 282 wurde, sich allein den Rathschlägen der hochländischen Häuptlinge zn überlassen, nnd weil er einen weiteren Grund, denselben sich zn widersehen, erhielt, wenn sie mit seinen eigenen Ansichten nicht übereinstimmte. Bei dieser Gelegenheit gab Dalgetty vergnügt seine Einwilligung in den Vorschlag, znrück- znmarschiren und Argyle die Spitze zn bieten, den er mit dem tapferen Vorschläge des großen Gustavns verglich, welcher gegen den Chnrfürsten von Baiern marschirte nnd seine Truppen mit der Plünderung dieses fruchtbaren Landes bereicherte, obgleich er von Norden her durch ein großes Heer bedroht wurde, welches Wallenstein in Böhmen versammelt hatte. Die Häuptlinge von Glengarry, Keppoch nnd Lochiel, deren Clans, dem Muthe nnd militärischen Rufe jedem andern in den Hochlanden gleichstehend, in der Näbe des Kriegsschauplatzes lagen, entsandten das feurige Kreuz ihren Vasallen, um einen jeden, welcher Waffen tragen konnte, zum Heere Montrose's und zn den Fahnen ihrer Häuptlinge zn entbieten, welche nach Jnverlochy Vordringen wollten. Da der Befehl nachdrücklich gegeben war, fand er schnellen nnd willigen Gehorsam. Die natürliche Kriegsliebe der Hochländer, ihr Eifer für die königliche Sache — denn sie betrachteten den König als einen Häuptling, welchen dessen Stammgenossen verlassen hätten — ebenso wie der unbedingte ihrem Häuptlinge erwiesene Gehorsam versammelte in Montrose's Heer nicht allein alle Waffenfähigen der Nachbarschaft, sondern auch Mehrere, deren Alter wenigstens die Zeiten des Kriegsdienstes überschritten zn haben schien. Während des nächsten Tagmarsches, welcher gerade durch die Berge von Lochaber gerichtet, vom Feinde nicht beargwöhnt wurde, vermehrten sich seine Streitkräfte durch kleinere Schaaren, die aus jedem Thalc hervorkamen und sich unter die Banner ihrer Häuptlnge reihten. 283 Dieser Umstand ermnthigte sehr das übrige Heer, dessen Streitkräfte beträchtlich mehr als nm ein Viertel gestiegen waren, wie dies; der tapfere Führer der Camerons vorhergesagt hatte. Während Mvntrose seinen Contrcmarsch ausführte, war Argyle an der Spitze seines tapferen Heeres an der Südseite des Loch-Eil vorgedrnngen und hatte den Fluß Loch-Eil erreicht, welcher diese» See mit dem Loch-Lochy verbindet. Das alte Schloß Jnvcrlochy, früher angeblich eine königliche Festung und damals, obgleich geschleift, noch ein ziemlich starker und beträchtlicher Platz, bot ein bequemes Hauptquartier, und weiter Raum für die Lagerung des Heeres von Argyle war in dem Thale geboten, worin der Lochy in den Loch-Eil mündet. Mehrere Fahrzeuge waren mit Mundvorräthen herbcige- schafft, so daß die Truppe so gut eingerichtet war, als ein Heer es nur immer wünschen oder erwarten konnte. Argyle sprach in dem Kriegsrathe gegen Anchenbreck nud Ardenvohr sein vollkommenes Vertrauen ans, daß sich Montrose jetzt am Rande der Vernichtung befinde, daß seine Truppen sich all- mälig vermindern müßten, sowie er nach Osten ans so rauhen Pfaden vordringe, daß er auf einem Marsch nach Westen den Heeren von Urne und Baillic begegnen müsse, daß er, sich nordwärts wendend, Seaforth nicht entgehen könne; würde er mit seinem Heere anhalten, so müsse er sich dem Angriffe von drei Armeen ans einmal anssetzcn. „Mich kann diese Aussicht nicht erfreuen, Mylord," sagte Auchenbreck, „daß James Grahame mit wenig Mitwirkung von unserer Seite erdrückt wird. Er hat in Argyleshire eine schwere Rechnung zurückgelaffen, und ich sehne mich, dieselbe, Blutstropfen gegen Blutstropfen, in's Reine zu bringen. Mir gefällt nicht die Bezahlung solcher Schulden durch einen Dritten." 28L „Ihr seid zu bedenklich," sagte Argyle; „was hat es auf sich, durch wessen Hand das Blut der Grahames vergossen wird? es ist Zeit, daß dasjenige der Söhne von Diarmid zu fließen anfhört. Was sagt Ihr dazu, Ardenvohr?" „Ich sage, Mylord, erwiderte Sir Dunean, „daß Anchcn- breck nach meiner Meinung seinen Willen erlangen und persönliche Gelegenheit haben wird, uni die Rechnung mit Montrose wegen der Verheerungen desselben in's Reine zu bringen. Unsere Vorposten haben Bericht erhalten, daß die Camerons ihre ganze Macht am Rande des Ben-Nevis versammeln. Dies; kann zu keinem andern Zweck geschehen, als daß sie dem verrückenden Heere von Montrose sich anschließcn, nicht aber, damit sie seinen Rückzug decken." „Sie müssen einen Plan, uns zu necken oder zu plündern, hegen," sagte Argyle, „den die eingewurzelte Bosheit von Mac Jldny angegeben hat, die er selbst Loyalität nennt. Montrose kann keine andere Absicht haben, als unsere Vorposten anzugreifen, oder uns ans dem Marsche morgen zu necken." „Ich habe Späher nach jeder Richtung ausgesandt," sagte Sir Duncan, „um Nachrichten zu erhalten; wir werden bald hören, ob der Feind eine Streitmacht wirklich znsammen- bringt, und ans welchem Punkte und zu welchem Zwecke dieß geschieht." Es war schon spät, als Nachrichten endlich anlangten; als aber der Mond sich erhoben hatte, verkündete ein beträchtlicher Lärm im Lager, und gleich darauf ein Lärm im Schlosse das Eintreffen einer wichtigen Nachricht. Von den durch Ardenvohr zuerst ausgesandten Spähern hatten einige nichts Weiteres, als nngemiffe Gerüchte über Bewegungen im Lande der Camerons zurückgebracht. Es schien, als ob die Schluchten des Ben-Nevis jene unerklär- lichen und wunderbaren Töne entsandt hätten, wodurch sie bisweilen die Annäherung eines Sturmes verkündigen. Andere, deren Eifer sie ans ihrer Absendung weiter geführt hatte, fielen in einen Hinterhalt und wurden erschlagen, oder von den Einwohnern der Gebirgsvesten, in welche sie einzudringen suchten, zu Gefangenen gemacht; zuletzt traf bei dem schnellen Vorrücken Montrose's dessen Vorhut auf die Vorposten Argy- le's, und beide zogen sich nach dem Austausch einiger Musketen- und Pfeilschüsse ans das Hanpttreffen der beiderseitigen Heere zurück, um die Kunde zu überbringcn und Befehle zu empfangen. Sir Dnncan Campbell und Anchcnbrcck stiegen sogleich zn Pferde, um den Zustand der Vorposten zn besichtigen; Argyle behauptete seinen Charakter als Oberbefehlshaber mit einigem Credit, indem er eine achtnngswerthe Ausstellung seiner Streitkräfte ans der Ebene ausführte, da dieselben jetzt einen nächtlichen Ueberfall, oder wenigstens einen Angriff am nächsten Morgen offenbar zu erwarten hatten. Montrose hatte seine Strcitkräftc so vorsichtig in den Gebirgsschluchten versteckt, das; keine Anstrengung, welche Auchenbreck oder Ardenvohr zn versuchen für klug hielten, einige Gewißheit über seine wahrscheinliche Macht gewähren konnte. Sie merkten jedoch, daß dieselbe im äußersten Anschlag geringer als die ihrige sein müßte, und kehrten zu Argyle zurück, »m ihn von ihren Beobachtungen in Kenntniß zn setzen. Dieser Edelmann wollte aber durchaus nicht glauben, daß Montrose selbst gegenwärtig wäre. Er sagte, „dieß würde eine Tollheit sein, deren sogar James Grahame ans dem Höhenpunkte seiner wahnsinnigen Anmaßung unempfänglich sein müßte; er zweifle nicht, ihr Marsch werde allein durch ihre alten Feinde Glcnco, Kcp- poch und Glengarry aufgehalten; vielleicht auch könne Mac Vourigh mit den Mac PhersonS eine Streitmacht zusammen- gcbracht haben, welche jedvch an Zahl weit geringer sein müsse, als seine eigene, und die er deßhalb ohne Zweifel durch Gewalt oder Kapitulation zerstreuen könne." Der Mnth von Argyle's Anhängern war hoch und Rache athmcnd wegen der Unfälle, die ihr Land so kürzlich betroffen hatten; die Nacht wurde von ihnen in gespannter Hoffnung verbracht, daß ihre Rache mit der Morgensonne befriedigt werde. Die Vorposten beider Heere hielten eine sorgfältige Wache, und die Krieger Argyle's schliefen in der Schlachtordnung, die sie am nächsten Tage einnehmen sollten. Kaum hatte der erste Schein der Dämmerung die Gipfel der ungeheuren Berge gefärbt, als die Führer beider Heere sich zum Kampfe des Tages bereiteten. Es war der zweite Februar; die Clansleute Argyle's waren in zwei Linien nicht weit von dem Winkel zwischen dem Fluß und dem See ausgestellt, und boten sowohl eine entschlossene, als furchtbare Schlachtordnung. Anchcnbreck würde gern die Schlacht mit einem Angriff auf die Vorposten des Feindes eröffnet haben, allein Argyle hielt es mit vorsichtiger Politik für angemessener, den Angriff zu empfangen. Signale wurden bald vernommen, das; man denselben nicht lange erwarten werde. Die Campbells konnten in den Gebirgsschluchten die Schlachtlieder der verschiedenen Clans vernehmen, als dieselben znm Angriff vorrücktcn. Das Schlachtlicd der Camerons mit den Unglück bedeutenden und an die Wölfe und Raben gerichteten Worten: „Kommt zu mir, und ich will euch Fleisch geben," widerhallte laut in den Thälern des Stammes. Nach dem Ansdruck der hochländischen Barden, „schwieg nicht die Kriegsstimme Glengarry's;" die Schlachtlieder anderer Stämme konnten deutlich vernommen werden, als sie nach einander 287 den Ausgängen der Pässe sich näherten, aus welchen sie in die Ebene hinabsteigen wollten. „Ihr könnt bemerken, daß meine Vermuthung die richtige war," sagte Argyle zu seinen Verwandten; „wir haben nur mit unseren Nachbarn zu schaffen. James Grahame hat es nicht gewagt, uns sein Banner zu zeigen." In diesem Augenblick erschallte von der Schlucht des Passes her ein lebhafter Trompetenstoß in derjenigen Note, womit das königliche Banner nach alter schottischer Sitte begrüßt wurde. „Ihr könnt, Mylord, aus diesem Signale vernehmen," sagte Sir Dnncan Campbell, „daß jener Mann, welcher als des Königs Stellvertreter aufzntreten sich anmaßt, in eigener Person unter jenen Leuten sein muß." „Und wahrscheinlich Reiterei bei sich hat," sagte Anchen- breck, „ein Umstand, den ich nicht erwartet habe; sollen wir aber, Mylord, erblassen, wenn wir Feinde zu bekämpfen und Unbill zu rächen haben?" Argyle schmieg und blickte auf seinen Arm, den er in der Binde hielt, denn er war aus dem Marsche des vorhergehenden Tages mit dem Pferde gestürzt. „Allerdings," fiel Ardenvohr eifrig ein, „seid Ihr, Mylord, außer Stande, den Degen oder Pistolen zu gebrauchen; Ihr müßt Euch an Bord der Galeeren znrückziehen, Euer Leben ist uns kostbar, als das eines Häuptlings, Eure Hand kann uns als Soldaten nicht nützlich sein." Nein," sagte Argyle, in dem Stolz mit Unentschlossenheit kämpfte; „man soll niemals sagen können, daß ich vor Montrose floh; kann ich nicht fechten, so will ich mitten unter meinen Kindern sterben." Mehrere andere Häuptlinge der Campbells beschworen ein- 288 stimmig ihr Stammoberhanpt, den Oberbefehl jenes Tages an Ardenvohr und Anchenbreck abzntreten und dem Kampfe von Weitem, sowie in Sicherheit znznschanen. — Wir wagen nicht, Argyle den Vorwurf der Feigheit zu machen, denn er benahm sich, obgleich sein Leben durch keine tapfere That ausgezeichnet war, mit so viel Fassung und Würde bei der Schlussscene desselben auf dem Schaffotte, daß sein Benehmen bei dieser und ähnlichen Gelegenheiten eher der Unentschlossenheit, als dem Mangel an Mnth znzuschreiben ist; wenn aber die leise Stimme in der Brust eines Mannes, welche ihm sagt, daß sein Leben von Wichtigkeit für ihn selbst ist, durch diejenigen vieler Anderen in seiner Umgebung unterstützt wird, welche ihm die Versicherung geben, daß es finden Staat eine gleiche Bedeutung hat, so zeigt die Geschichte viele Beispiele von Leuten mit größerer Kühnheit, als Argyle, welche für ihre Selbsterhaltnng sorgten, wenn die Versuchung zu derselben so sehr gesteigert war. „Geleitet ihn an Bord, Sir Dnncan," sagte Anchenbreck zu seinem Vetter; „es ist meine Pflicht, zu verhindern, daß dieser Geist sich weiter unter uns verbreitet." Nach diesen Worten begab er sich unter die Reihen und bat, befahl und beschwor die Soldaten, ihres alten Ruhmes und ihrer gegenwärtigen Ueberlegenheit, der Unbill, welche sie siegreich rächen könnten, und des Schicksals zu gedenken, welches sie besiegt zu befürchten hätten; so ertheilte er jedem Herzen einen Theil des Feuers, welches in seinem eigenen glühte. Mittlerweile ließ sich Argyle langsam und scheinbar mit Widerwillen von seinem diensteifrigen Verwandten an den Rand des Sees führen und ward ans eine Galeere gebracht, von deren Deck er mit mehr Sicherheit als Ruhm dem jetzt erfolgenden Schauspiel Zusehen konnte. 289 Sir Dmicaii Campbell von Ardenvohr heftete einige Zeit, ungeachtet der dringenden Umstände, seine Blicke auf das Boot, welches seinen Häuptling vom Scklachtfelde hinweg- führte ; seine Brnst empfand Gefühle, welche sich nicht aus- drncken lassen, denn der Charakter eines Häuptlings war der eines Vaters, und das Herz eines Stammgenossen durfte nicht mit derselben Strenge dessen Fehler wie die anderer Leute beurtheilen. Argyle auch, obgleich hart und streng gegen Andere, war großmüthig und freigebig gegen seine Verwandte, und das edle Herz von Ardenvohr empfand bittern Kummer, als er bedachte, welche Auslegung jenes Verfahren bei Andern finden könne. „Es ist besser, daß es so geschieht," dachte er bei sich selbst, indem er seine eigene Regung »ntcrdrückte, „allein keiner von seinen hundert Ahnen würde sich zurückgezogen haben, wenn das Banner von Diarmid seinen hartnäckigsten Feinden ent- gcgenwehte!" Ein lauter Schlachtruf nöthigte ihn jetzt zur Umkehr, um auf seinen Posten zu eilen, welcher sich ans der rechten Flanke von Argyle's kleinem Heere befand. Der Rückzug Argyle's war seinem wachsamen Feinde nicht entgangen, welcher von einem hochgelegenen Platze ans jeden unten vergehenden Umstand beobachten konnte. Die Bewegung von drei oder vier Reitern ans die Nachhut bewies, daß diejenigen, welche sich zurückgezogen hatten, Leute von Rang waren. „Dort gehen sie," sagte Dalgetty, „um ihre Pferde wie kluge Cavaliere außer Gefahr zu bringen. Dort reitet Sir Dnncan Campbell ans einem braunen Wallach, den ich mir als mein zweites Schlachtpferd ansgesucht habe." Sage von Montrosc. Ist 290 „Ihr irrt Euch, Major" sagte Montrvse mit bitterem Lächeln, „fle bringen ihr kostbares Oberhanpt in Sicherheit — gebt sogleich das Signal znm Angriff, macht das Losungswort in den Reihen bekannt — Ihr Herren und edlen Häuptlinge, Glengarry, Keppoch, Mac Vourigh laßt sogleich angreifen! — reitet zu Mac Jlduy, Major Dalgetty, und sagt ihm, er möge so heftig angrcifen, als er Lochaber liebt — kehrt zurück und bringt unsere Handvvll Reiterei nach meiner Fahne. Sie sollen mit den Irländern als Reserve aufgestellt werden." Neunzehntes Kapitel. Wie der Felsen tausend Wogen widersteht, So trotzte JniStail dein Lochlin. Ossian. Die Trompeten und Sackpfeifen, die lärmenden Vorboten des Blutes und Todes, verkündeten plötzlich vereint das Signal zum Angriff, welches mit dem Ruf von mehr als 2000 Kriegern und den Echos der Gebirgsschluchten erwidert wurden. In drei Corps oder Heersäulen getheilt, drangen die hochländischen Truppen von Montrose aus den Engpässen, welche sie bis dahin vor ihren Feinden verborgen hatten, und stürzten mit äußerster Entschlossenheit auf die Campbells, welche ihren Angriff mit der größten Festigkeit erwarteten. Hinter diesen Angriffs-Colonnen marschirten in Linie die Irländer unter Colkitto, zur Reserve bestimmt. Bei ihnen befand sich die königliche Fahne und Montrose selbst; an den Flanken standen ungefähr 50 Reiter unter Dalgetty, die durch außerordentliche Anstrengungen etwas disciplinirt waren. Die rechte Colonne der Royalisten wurden von Glengarry, die linke von Lochiel, und die mittlere von Menteith geführt, welcher es vorzog, zu Fuß im hochländischen Kleide zu kämpfen, statt bei der Reiterei zu bleiben. Die Hochländer griffen mit der sprüchwörtlich gewordenen Wnth ihrer Stämme an, feuerten mit ihren Flinten und schoßen 19 - 292 ihre Pfeile in geringer Entfernung vom Feinde, welcher den Angriff mit der entschlossensten Tapferkeit aushielt. Mit Musketen besser als ihre Feinde versehen, und außerdem wegen ihrer ruhigen Stellung mit größerer Sicherheit zielend, gaben die Truppen Argyle's ein weit wirksameres Feuer, als dasjenige, welches sie empfingen, zurück. Die realistischen Clans stürzten, als sie dicß merkten, in's Handgemenge, und es gelang ihnen, an zwei Punkten ihre Feinde in Unordnung zu bringen. Bei regelmäßigen Truppen wäre hicmit der Sieg erfochten i Hochländer aber waren Hochländern entgegengesetzt, und die Natur der Waffen, wie die Behendigkeit im Gebrauch derselben, war auf beiden Seiten gleich. Der Kampf war somit ein verzweifelter. Das Krachen der Schwerter und Streitäxte, wenn sie einander begegneten, oder auf die Schilde fielen, mischte sich mit dem kurzen, wilden, aufregenden Gejanchze, womit die Hochländer den Kampf, den Tanz oder überhaupt jede heftige Körperanstrengnng begleiten. Viele der einander gegenüberstchenden Feinde waren persönlich bekannt, und suchten sich mit Zurufen des Hasses oder des edclmüthigeren Wetteifers der Tapferkeit einander zu überbieten. Keine Partei wollte einen Zoll weichen, während der Platz der Fallenden (und auf beiden Seiten fielen zahlreiche Krieger) von Andern eifrig eingenommen ward, welche sich in die gefährliche Front drängten. Ein Dampf, demjenigen gleich, welcher sich aus einem kochenden Kessel erhebt, stieg in die dünne, kalte und frostige Luft empor und schwebte über den Kämpfenden. So stand das Treffen auf dem rechten Flügel und im Ceutrum, ohne daß eine andere Folge, als gegenseitige Verwundung und Tödtung sich ergab. Auf dem rechten Flügel der Campbclls erlangte der Ritter von Ardenvohr einige Bortheile durch militärische Geschicklichkeit und die Stärke seiner Truppen an Zahl. Er hatte den äußersten Flügel seiner Linie in schräger Richtung vorgeschoben, als die Royalisten zum Angriff vordrangen, so daß sie ein Feuer in der Fronte und in der Flanke zugleich anshalten mußten, wodurch sie, ungeachtet aller Anstrengungen ihres Anführers, in einige Verwirrung kamen. In dem Augenblick gab Sir Dnncan Campbell Befehl zum Vorrücken, und machte somit unermarteterweise einen Angriff gerade in dem Augenblick, worin er für den Empfang desselben bereit schien. Ein solcher Wechsel der Umstände ist stets entmnthigend und oft verhängnißvoll. Allein die Unordnung wurde durch das Vordringen der irischen Reserve ausgeglichen, deren nachdrückliches und gut unterhaltenes Feuer den Ritter von Ardenvohr nö- thigte, seinen Bortheil aufzngcben und sich mit der Zurückweisung des Feindes zn begnügen. Der Marquis von Montrose benützte mittlerweile einige zerstreute Birken und den Pnlverdampf des irischen Musketenfeuers, um die Operation zn verbergen, befahl Dalgetty, mit der Reiterei ihm zn folgen nnd eine Schwenkung zu machen, so daß sie die rechte Flanke und sogar den Rücken des Feindes erreichte, und ließ seine sechs Trompeter zum Angriff blasen. Der Klang der Reitereitrompeten nnd der Lärm der gallo- pircnden Pferde brachte ans Argyle's rechten Flügel eine Wirkung hervor, welche kein anderer Schall hätte erregen können. Die Bergbewohner jener Zeit hegten eine abergläubische Furcht vor Kriegspferden, derjenigen der Peruaner ähnlich, und machten sich mancherlei Vorstellungen über die Weise, womit dieß Thier zum Kampf abgerichtet wurde. Als sie deßhalb ihre Reihen unerwartet durchbrochen und die Gegenstände ihrer größten Furcht plötzlich in ihrer Mitte sahen, wurde der Schrecken, ungeachtet aller Bemühungen Sir Duncans, demselben entgegenznwirken, allgemein. Schon die Gestalt des Major Dalgetty allein, wie er, in undurchdringliche Rüstung gekleidet, sein Pferd sich wenden und springen ließ, um das Gewicht eines jeden Hiebes zu verstärken, würde schon an sich eine genügende Neuigkeit bei Krieger» gewesen sein, die niemals etwas Anderes, einem solchen Reiter Aehnliches, gesehen hatten, als einen watschelnden Klepper und einen Hochländer von größerem Körper, als demjenigen eines solchen Thierchens. Die znrückgeschlagenen Royalisten erneuten den Angriff, die Irländer unterhielten ans ihrer Schlachtlinie ein ebenso schnelles, als zerstörendes Mnskctenfeuer. Die Leute Argyle's konnten den Kampf nicht länger fortsehen; sie begannen ihre Reihen aufznlösen und zu fliehen, die meisten nach dem See zu, die Uebrigen nach verschiedenen Richtungen. Die Niederlage des rechten Flügels an sich entscheidend, wurde durch den Fall von Auchenbreck unaufhaltsam, welcher gctödtet wurde, als er die Ordnung wieder Herstellen wollte. Der Ritter von Ardcuvohr mit 2 oder 300 Mann, sämmt- lich Herren von höherem Stande, mud durch Tapferkeit ausgezeichnet (man sagt von den Campbells, daß sie in ihren Reihen mehr Herren von höherem Stande zählten, als irgend ein anderer Stamm der Hochlande), suchte mit vergeblichem Heldenmnthe den wilden Rückzug der gemeinen Krieger zu decken. Ihre Entschlossenheit wurde ihnen selbst noch verhäng- nißvoll, da sie immer wieder von neuen Gegnern angegriffen und sich von einander zu trennen gezwungen wurden, bis zuletzt ihr Zweck nur darin zu bestehen schien, sich einen ehrenvollen Tod zu suchen. „Ergebt Euch, Sir Dnncan," rief Major Dalgetty aus, 295 als er seinen kürzlichen Wirth bemerkte, welcher sich mit einem oder zweien gegen mehrere Hochländer vcrtheidigte; um sein Anerbieten zn erzwingen, ritt er mit emporgehobenem Schwerte auf ihn zn. Sir Duncans Antwort bestand in der Abfcuerung einer von ihm bis dahin zurnckgehaltenen Pistole, welche nicht an der Person des Reiters, sondern an seinem tapfer« Schlachtpferd Wirkung hatte; dasselbe ward im Herzen getroffen und stürzte todt zu Boden. Ranald Mac Eagh, welcher einer derjenigen war, welche Sir Dnncan hart bedrängt hatten, benutzte die Gelegenheit, um ihn mit seinem Schwerte nieder- znhanen, als er sich, die Pistole abfeuernd, von ihm wegwandte. Allan Mac Anlay kam in dem Augenblick heran. Mit Ausnahme von Ranald, waren die klebrigen Leute seines Bruders, dessen Stammgenossen auf diesem Theil des Schlachtfeldes beschäftigt waren. „Schurken!" rief er ans, „wer von euch hat dies; gewagt, da ich bestimmten Befehl gab, den Ritter von Ardenvohr lebendig gefangen zu nehmen." Ein halb Dutzend geschäftiger Hände, die mit einander wetteiferten, den gefallenen Ritter zn plündern, dessen Angriffs- und Schntzmaffen eine seinem Stande angemessene Pracht zeigten, gaben sogleich die Beschäftigung auf, und mehrere Stimmen suchten sich damit zu reinigen, daß sie die Schuld dem Wegweiser znschoben, wie sie Ranald Mac Eagh nannten. „Hund von einem Inselbewohner!" rief Allan aus, in seinem Geiste die prophetische Brüderschaft vergessend, „folgt der Jagd und thut dem Gefangenen keinen weiteren Schaden, wenn Ihr nicht von meiner Hand sterben wollt." Beide waren damals beinabe allein, denn Allans Drohungen hatten dessen Stammgenosscn von dem Ort verscheucht, und alle Andern drängten sich nach dem See zu, Lärm, Schrecken und Verwirrnng vor sich Hertragelid, und allein die Tobten und Sterbenden zurncklassend. Der Augenblick führte Mae Eaghs Rachsucht in Versuchung. „Eure Drohung, daß ich von Eurer Hand sterben soll, so roth sie aucl' vom Blute meiner Verwandten ist," beantwortete er die Drohung Allans in ebenso herausforderndem Tone, „ist nicht wahrscheinlicher, als daß Ihr durch die meinige fallt." Mit den Worten führte er auf Mac Aulay einen Streich mit so unerwarteter Fertigkeit, daß dieser kaum Zeit hatte, denselben mit der Tartsche aufznfangcn. „Schurke!" rief Allan erstaunt aus) „was bedeutet das!" „Ich bin Ranald, ein Sohn des Nebels," erwiderte der angebliche Inselbewohner, den Streich wiederholend. Mit den Worten begannen Beide ein wüthendes Handgemenge. Es schien beschlossen zu sein, daß in Allan Mac Aulay der Rächer seiner Mutter an diesem wilden Stamme erstanden war, wie der Ansgang des gegenwärtigen Kampfes, ebenso wie der früher», erwies; nach dem Austausch einiger Hiebe stürzte Ranald Mac Eagh an einer tiefen Wunde am Schädel nieder; Allan Mac Anlay sehte seinen Fuß auf seine Brust nnd stand im Begriff, sein Schwert durch den Leib zu stoßen, als die Spiye der Waffe von einem Dritten weggeschleudert wurde, welcher plötzlich einschritt. Dies; war kein anderer, als Major Dalgetty, der, zuerst durch den Fall betäubt nnd durch die Leiche seines Pferdes beschwert, jetzt den Gebrauch seiner Beine und seines Verstandes wieder erlangt hatte. „Haltet Euer Schwert empor," sagte er zu Mac Anlay, „und thut diesem Manne keinen weiteren Schaden, denn er steht hier unter meinem sicheren Geleit und im Dienste Sr. Excellenz; kein ehrcnwerther Cavalier 297 darf ohnedem nach dem Kriegsgesetz seine Privatbeleidigungen rächen llogrsnts bello, multa inoju5, Nagrante proello." „Narr," sagte Allan, „geh fort und wage dich nicht zwischen den Tiger und seine Beute!" Dalgetty jedoch, weit entfernt, den Streit anfzngeben, schritt über den gefallenen Leib von Mac Eagh und gab Allan zu verstehen, wenn er sich selbst einen Tiger nenne, so könne er gegenwärtig leicht einen Löwen auf seinem Pfade finden. Nichts weiter als die Bewegung und die Stimme mit dem Ausdruck der Herausforderung war erforderlich, um alle Wuth des prophetischen Sehers gegen die Person zu richten, welche seiner Rache sich entgegensetzte; ohne weitere Umstände wurden sogleich gegenseitige Schwertstreiche gewechselt. Der Kampf zwischen Mac Allan und Mac Eagh war nicht von den dort zerstreuten Leuten bemerkt worden, denn nur Wenige kannten die Person des Letzteren; der Kampf zwischen Dalgetty und Allan jedoch, die man Beide allgemein kannte, erregte augenblickliche Aufmerksamkeit; glücklicherweise wurde derselbe auch von Montrose selbst bemerkt, welcher herbeigekommen war, nm seine schwache Reiterei zu sammeln, damit dieselbe die Verfolgung am Loch-Eil fortsetze. Da ihm die vcrhängnifivollen Folgen der Uneinigkeit in seinem kleinen Heere sogleich aufficlen, lenkte er sein Pferd auf jenen Kampfplatz; als er nun Mac Eagh, auf dem Boden liegend, und Dalgetty in der Stellung seines Vertheidigers gegen Mac Aulay erblickte, erkannte er alsbald bei seiner schnellen Auffassungsgabe die Ursache des Streites, und traf sogleich Mittel, den Kampf zu unterbrechen. „Schämt euch, ihr Herren Cavaliere," rief er ans, „das; ihr mit einander auf einem so glorreichen Felde des Sieges Händel beginnt! Seid ihr wahn- > 298 sinnig? oder seid ihr von dem Rnhme, den ihr heute gewonnen habt, berauscht?" „Die Schuld liegt nicht an mir, wie Euer Excellenz gefälligst cinsehen wird," sagte Dalgetty; „ich bin als Imnus dioeius, als lmen lÄm-u'iulo in allen Heeren Europa's bekannt; aber derjenige, welcher einen Mann unter meinem sicheren Geleit berührt" — „Und derjenige," sagte Allan, zu derselben Zeit redend, „welcher den Lauf meiner gerechten Rache zu hindern wagt" — „Schämt euch, ihr Herren," wiederholte Montrose, „ich habe anderes Geschäft für euch Beide — Geschäft von tieferer Wichtigkeit, als Privathändel, die ihr bei besserer Gelegenheit ansmachen könnt. Was Euch, Major Dalgetty, betrifft, so knieet nieder." „Kniecn soll ich!" erwiderte Dalgetty, „ich habe nicht gelernt, diesem Commandoworte zn gehorchen, mit Ausnahme des Falles, worin man von der Kanzel aus den Befehl gibt. Im schwedischen Kriegsdienste knieet allerdings die Front, jedoch nur, wenn das Regiment sechs Mann tief ausgestellt ist." „Knieet nur nieder," wiederholte Montrose; „knieet nieder im Namen König Karls und seines Repräsentanten." Als Dalgetty mit Widerstreben gehorchte, berührte Montrose seine Schulter mit der Fläche des Degens und mit den Worten: „Zur Belohnung des tapferen Dienstes am heutigen Tage, und im Namen, sowie mit der Vollmacht unseres Fürsten, König Karls, schlage ich dich znm Ritter; sei tapfer, treu und glücklich. Und jetzt Sir Dngald Dalgetty an Euren Dienst. Sammelt so viele Reiter, als ihr könnt, und verfolgt den Feind am Seenfer. Zerstreut nicht Eure Streitkräfte, und 299 wagt Euch nicht zu weit; verhütet mit so wenig Anstrengung, als möglich, daß er sich wieder sammelt. Besteigt Ener Pferd, Sir Dugald, und thnt Euern Dienst." „Welch Pferd soll ich aber besteigen?" sagte der nun gemachte Ritter; „der arme Gnstavns schläft auf dem Bett der Ehre, wie sein unsterblicher Namensvetter, und ich bin zum Ritter oder Reiter gerade im Augenblick gemacht, wo ich kein Pferd habe, um darauf zu reiten." „Das soll man nicht sagen," erwiderte Montrose, indem er abstieg; „ich schenke Euch mein eigenes Pferd, welches man für ein gutes hielt; ich bitte Euch nur, führt die Aufträge aus, deren Ihr Euch so trefflich entledigt." Mit vielem Dank bestieg Sir Dugald das ihm so freigebig geschenkte Pferd; er ersuchte nur Se. Excellenz zu bedenken, daß Mac Eagh unter seinem sicheren Geleit stehe, und begann dann sogleich die Ausführung der ihm ertheilten Befehle mit großem Eifer. „Und Ihr, Allan Mac Aulay," sagte Montrose zu dem Hochländer, welcher, sein Schwert auf den Boden senkend, die Ceremonie des seinem Gegner ertheilten Ritterschlages mit dem Hohn finsterer Verachtung betrachtet hatte — „Ihr, der Ihr den gewöhnlichen Menschen überlegen seid, die sich durch die elenden Beweggründe der Beute, des Soldes und persönlicher Auszeichnung leiten lassen — Ihr, dessen tiefere Kennt- niß Euch zu einem so wcrthvollen Rathgeber macht, — Euch finde ich im Kampfe mit einem Mann, wie Dalgetty, damit Ihr das Recht erlangt, einen so verächtlichen Feind, wie jener dort liegt, mit Füßen zu treten? Kommt Freund, ich habe andere Arbeit für Euch. Dieser Sieg, geschickt benuyt, soll Seaforth für unsere Partei gewinnen. Nicht die Untreue, 300 sondern die Verzweiflung an der guten Sache, hat ihn bewogen, die Waffen gegen uns zu ergreifen. Er läßt sich vielleicht in diesem Augenblick besserer Aussichten bewegen, diese Waffen mit den unsrigen zu vereinigen. Ich werde meinen tapfer» Freund, Oberst Hay, von diesem Schlachtfelde aus zu ihm sende»; es muß jedoch ein hochländischer Herr von höherem Range, demjenigen Scaforths gemäß, mit jenem bei der Gesandtschaft vereinigt werden; jener Mann muß Talent und Einfluß in solchem Grade besitzen, daß er einen Eindruck auf ihn hcrvorznbringen vermag. Ihr seid nicht allein in jeder Hinsicht der Geeignetste für diese höchst wichtige Gesandtschaft, sondern Eure Gegenwart kann hier auch leichter entbehrt werden, als die eines Häuptlings, dessen Gefolge im Feldzuge sich befindet, weil Ihr kein unmittelbares Commando führt. Ihr kennt jeden Paß und jedes Thal in den Hochlanden ebensowohl, als die Sitten und Gewohnheiten jedes Stammes. Geht deßhalb zu Hay ans den rechten Flügel, er hat seine Instruktionen »nd erwartet Euch. Ihr werdet ihn bei Glen- morrison's Leuten finden; seid sein Führer, sein Dollmetscher und sein Gefährte." Allan Mac Aulay richtete ans den Marquis einen finstern und durchdringenden Blick, als wolle er die Gewißheit erlangen, ob ihm diese plötzliche Gesandtschaft wegen geheimer und nicht ausgesprochener Zwecke übertragen wurde. Montrose jedoch, in Erforschung der Beweggründe Anderer gewandt, war ebenso ein Meister in der Verhüllung seiner eigenen Absichten. Er hielt es in diesem Augenblick der Begeisterung und gesteigerten Leidenschaft für höchst wichtig, daß Allan ans einige Tage ans dem Lager entfernt werde, damit er nach dem Erforderniß seiner Ehre für die Sicherheit derjenigen sorgen könne, welche ihm als Führer gedient hatten; er hoffte, der 301 Streit Dalgetty's mit dem Seher werde sich nachher leicht ausgleichen lassen. Allan empfahl mir beim Scheiden dem Marquis die Sorgfalt nm Sir Duncan Campbell, welchen Montrose sogleich an einen sicheren Ort zu bringen befahl. Dieselbe Vorsichtsmaßregeln traf er in Bezug ans Mac Eagh, überwies jedoch den Letzteren einer Abtheilung Irländer mit dem Befehl, für ihn zu sorgen, und keinen Hochländer von irgend einem Stamme zu ihm zu lassen. Der Marquis bestieg alsdann ein Saumroß, welches einer seiner Gefährten hielt, und ritt fort, um das Schauspiel des Sieges zu genießen, welcher entscheidender war, als seine lebhaftesten Hoffnungen es geahnet hatten. Argyle's tapferes Heer von 3000 Manu hatte die Hälfte in der Schlacht oder auf der Flucht verloren. Die Flüchtlinge waren ans denjenigen Theil der Ebene getrieben, wo der Fluß einen Winkel mit dem See bildet, so daß für den Rückzug oder für die Rettung keine Oeffnung frei war. Mehrere Hundert wurden in den See gejagt und ertranken. Von den Ueberlebenden rettete sich eine Hälfte, indem sie den Fluß durchschwamm, oder indem sie beim Beginn der Niederlage das linke Ufer des Sees entlang geflohen war. Die Uebrigen warfen sich in das alte Schloß Jnverlochic; da sie aber ohne Vorräthe und ohne Hoffnung aus Entsatz waren, mußten sie sich auf die Bedingung hin ergeben, daß man sie friedlich nach Hanse kehren ließe. Waffen, Munition, Fahnen und Gepäck wurden dem Sieger zur Bente. Dies; mar das größte Unglück, welches jemals den Stamm von Diarmid befiel, wie die Campbells in den Hochlanden genannt wurden; im Allgemeinen nämlich wurde bemerkt, daß stc ebenso glücklich in Unternehmungen mären, als sie 302 dieselben scharfsinnig zu entwerfe» und muthig auszuführen pflegten. Unter den Erschlagenen fanden sich beinahe 500 Dmnii- wassels, oder Herren, welche von bekannten und geachteten Häusern abstammten. In der Meinung manches Stammgenossen wurde sogar dieser schwere Verlust durch die Schande übertroffen, welche sich ans dem unrühmlichen Benehmen ihres Häuptlings ergab; die Galeere desselben lichtete die Anker, als die Schlacht verloren war, und fuhr den See mit aller Schnelle hinab, welche Ruder und Segel ihr ertheilen konnten. Zwanzig st es Kapitel. Schwach nur tönt der Lärm der Schlacht, Fern vom Sturm herbeigetriedcn; Krieg und Schrecken sind entfloh'», Wunde» nur zurückgeblieben. P e n r o s e. Montrose's glanzender Sieg über seinen mächtigen Nebenbuhler war nicht ohne einigen Verlust errungen worden, obgleich derselbe nicbt das Zehntel dessen betrug, was derselbe über seinen Feind verhängt hatte. Die hartnäckige Tapferkeit der Campbells kostete manchen braven Mann im feindlichen Heere das Leben; noch mehr waren verwundet, unter denen der tapfere Gras Menteith, welcher das Centrnm befehligt hatte. Die Wunde desselben mar jedoch nicht bedeutend, nnd er zeigte eher ein anmuthiges, als leidendes Anssehen, als er seinem Feldherrn das Banner Argyle's überreichte, das er mit eigener Hand dem Fahnenträger entrissen hatte, welchen er im Einzelnkampfe erschlug. Montrose liebte seinen edlen Vetter, in dessen Charakter das Feuer eines edelmüthigen romantischen und uneigennützigen Ritterthnms der früheren Zeit als stark hervortretender Zug sich kund gab, eine von dem schmutzigen Benehmen und selbstsüchtigem Wesen gänzlich verschiedene Eigenschaft, welches durch die Unterhaltung von Sold- trnppen in den meisten Theilen Enropa's eingeführt war — 304 eine Entartung, wovon Schottland, welches Glückssoldaten beinahe jeder Nation lieferte, einen mehr als gewöhnlichen Antheil hatte. Montrose, dessen angeborner Charakter von verwandter Art war, obgleich er durch Erfahrung gelernt hatte, die Beweggründe Anderer zu benützen, gebrauchte gegen Menteith .die Sprache weder des Lobes, noch der Versprechungen, sondern schloß ihn an seine Brust mit dem Ausdruck: „mein tapferer Vetter!" Durch diesen Ausspruch eines innig gefühlten Lobes wurde Menteith mit einer wärmeren Glnth des Entzückens durchdrungen, als wenn die Anerkennung seiner Tapferkeit in einem an den Thron seines Fürsten unmittelbar gerichteten Schlachtbericht erwähnt wäre. „Nichts," sagte er, „Mylord, ist jetzt noch übrig, wobei ich Mitwirken kann. Erlaubt mir nur eine Pflicht der Menschlichkeit zu vollbringen — der Ritter von Ardenvohr ist, wie man mir sagt, unser Gefangener und schwer verwundet." „Und das verdient er vollkommen," sagte Dngald Dal- gctty, welcher in dem Augenblick mit einer wunderbaren Steigerung seines Selbstgefühls herbeitrat; „denn er hat mein gutes Pferd im Augenblick erschossen, wo ich ihm ehrenwerthe Gefangenschaft anbot; ich muß sagen, daß diese Handlung mehr diejenige eines unwissenden hochländischen Spitzbuben war, welcher nicht Verstand genug besitzt, um eine Schanze zum Schutz seiner alten Hütte von Schloß anzulegen, als die eines Soldaten von persönlichem Werth und hohem Stand." „Wir müssen Euch also," sagte Lord Menteith, „unser Beileid über den Verlust des berühmten Gnstavns bezeugen." „So ist es, Mylord," erwiderte der Soldat mit einem tiefen Seufzer, viem elsusit supromum,^wie wir in Mare- schal-College in Aberdeen zu sagen pflegten, besser jedoch, als wenn er wie der Klepper eines Krämers in einem Sumpfe 305 oder in einem Schneefall erstickt wäre, was sehr leicht sein Schicksal hätte sein können, men» unser Winterfeldzug noch länger dauern sollte. Seine Excellenz hatte aber die Güte" » niedren Thal De« Lebens, würd' ich glücklich sein, Mit dir zu flieh'», wohin die Wahl Dein Schiff gelenkt, ob Stürme dräu'». Doch herb hat un« das LooS geschieden, Da« dir verbeut sich mir zu einen; Dein sei Genuß, mir sei bcschiedcn Für dich zu leben und zu weinen. Der Kummer, de» mein Herz empfindet, Wird mir die Hoffnung selbst entgehn, Sei niemals durch ei» Wort verkündet, Noch wird ihn Selbstsucht eingestchn. Nicht werd' ich auf des Leben« Bahnen, Ob leidend auch, in Trauer schreiten, Kann ich bei meinen Thränen ahne», Daß jemals sie dir Leid bereiten. Allan's heftige Erklärung Hütte den von ihr entworfenen romantischen Plan vereitelt, nach welchem sie im Geheimen ihre Zärtlichkeit nähren wollte, ohne irgend eine Erwiderung zu suche». Sie hatte Allan schon lange gefürchtet, so weit es ihr die Dankbarkeit und das Bewußtsein gestattete, daß er ein so stolzes und heftiges Temperament in ihrer Gegenwart zügele ; jetzt aber betrachtete sie ihn allein mit einem Schrecken, wozu sie durch die Kenntnis! seines Charakters und seiner früheren Geschichte nur zu sehr berechtigt war. Wie edelmüthig auch sonst sei» Charakter sein mochte, so war es sehr wohl bekannt, daß er niemals den Antrieb seiner Leidenschaften hemmte; er wandelte im Hanse seiner Väter und Verwandten wie ein gezähmter Löwe umher, dem Niemand zu widersprechen wagte, damit man die natürliche Heftigkeit seiner Triebe nicht errege. So viele Jahre waren vergangen, seit er Widerspruch erfuhr, oder seit man sich in einen Wortwechsel mit ihm einließ, daß wahrscheinlich nichts, als sein gesunder Menschenverstand, welchen er bei jeder Gelegenheit, mit Ausnahme des Mysticismus,, zeigte, und welcher die Grundlage seines Charakters bildete, es bisher verhindert hatte, daß er der ganzen Umgegend zur Qual und znm Schrecken wurde. Annot hatte jedoch keine Zeit, sich ihren Besorgnissen zu überlassen, denn sie ward durch den Eintritt von Sir Dngald Dalgetty unterbrochen. Man wird leicht begreifen, daß der Schauplatz, worauf dieser Mann sein früheres Leben zngebracht hatte, ihm nicht die Fähigkeit ertheilt hatte, in weiblicher Gesellschaft zu glänzen. Er selbst empfand eine Art Bewußtsein, daß die Sprache der Kasernen, der Wachtstnbcn und Paraden für die Unter- baltnng von Damen nicht passend sei. Der einzige friedliche Theil seines Lebens war in Mareschal-College in Aberdeen verbracht worden; auch war dasjenige, was er dort gelernt hatte, schon lange von ihm vergessen, mit Ausnahme jedoch der Kunst, seine Hosen zu flicken, und seine Speisen mit ungemeiner Geschwindigkeit und Sicherheit zu verschlingen; in diesen beiden Fertigkeiten hatte er durch die Nothwendigkeit häufiger Uebung eine große Gewandtheit bewahrt. Aus der unvollkommenen Erinnerung an dasjenige, was er während dieser friedlichen Lebenszeit erlernt hatte, schöpfte er noch immer den Gegenstand seiner Unterhaltung in Gesellschaft mit Frauen; mit andern Worten, seine Sprache wurde pedantisch, wenn sie aufhörte, militärisch zn sein. „Frau Annot Lyle," sagte er bei dieser Gelegenheit, „ich bin jetzt wie der Spieß oder die Pike von Achilles, deren eines Ende verwundete, mährend das andere heilte — eine Eigenschaft, welche weder der spanischen Pike, noch der Hellebarde, noch der Partisane, noch der Streitaxt, noch überhaupt 319 einer anderen neueren mit einem Schaft versehenen Waffe ci- gcnthnmlich ist." Dieß Complimcnt wiederholte er zweimal; da aber Annot ihn das erste Mal nicht hörte, und das zweite Mal nicht verstand, so war er zur Erläuterung des Gesagten genöthigt. „Ich wollte sagen, Frau Annot Lyle, daß ich das Mittel war, einen ehrcnwerthen Ritter im heutigen Kampfe schwer zu verwunden — er hat übrigens gegen das Gesetz der Waffen mein Pferd erschossen, welches nach dem unsterblichen König von Schweden benannt war — und daß ich ihm jetzt solche Erleichterung zn verschaffen wünsche, wie Ihr, Madame, ihm geben könnt; denn Ihr seid ja wie der heidnische Gott Aescn- lapins" (er meinte wahrscheinlich Apollo), „nicht allein in Gesang und Musik, sondern auch in der edleren Kunst der Chirurgie geschickt — opilerguv per orbem äieor." „Ich möchte Euch um die Güte einer näheren Erklärung bitten," sagte Annot, zn sehr bekümmert, um an Sir Dugalds pedantischer Galanterie Vergnügen zn finden. „Dies; ist, Madame," erwiderte der Ritter, „vielleicht nicht so leicht, da ich nicht mehr die Gewohnheit zu cvnstruireu habe — wir wollen es aber versuchen; clicor ergänzt ego — d. h. ich werde genannt — opiler? opiler? — es fällt mir ein, oignil'er und t'ureit'er — ich glaube jedoch, opiler steht hier statt »mliciime Doctar, d. h. Doctvr der Arzneikunst." „Der Tag bringt uns Allen viel Geschäfte," sagte Annot, „sagt mir deßhalb ohne Weiteres, was Ihr von mir wollt?" „Nichts Weiteres," erwiderte Sir Dngald, „als daß Ihr meinen Bruder im Ritterthnm besucht, und einige Arzneimittel für seine Wunde von Eurer Magd herbeibringen laßt, denn die Wunde scheint zn sein, was die Gelehrten nennen, ein üsmimm totale." ! 1 32 » Annot Lyle zögerte niemals in der Sache der Menschlichkeit. Sie erkundigte sich hastig nach der Natnr der Wnnde, und da sie Theilnahme für den würdigen alten Häuptling fühlte, den sie in Darnlinvarach gesehen hatte, und durch dessen Gegenwart ein starker Eindruck bei ihr erregt worden war, bemühte sie sich, das Gefühl ihres eigenen Kummers auf einige Zeit in dem Versuch, Anderen nützlich zu sein, zn vergessen. Sir Dngald führte Annvt Lyle in das Gemach des Kranken, worin sie auch zu ihrer Ucberraschnng Lord Menteith vorfand. Sie konnte eine Röthc nicht unterdrücken — untersuchte aber sogleich, um ihre Verwirrnng zu verbergen, die Wunde des Ritters von Ardcnvohr, und überzeugte sich leicht, daß ihre Geschicklichkeit zur Heilung derselben nicht ausreichte. Was Sir Dngald betrifft, so begab sich derselbe in ein großes Nebengebäude, aus dessen Fußboden unter andern Verwundeten auch Nanald Mac Eagh gelegt war. „Mein alter Freund," sagte der Ritter, „wie ich Euch zuvor sagte, möchte ich gerne Alles thun, um Euch einen Gefallen zu erweisen, und für die Wnnde zu entschädigen, die Ihr unter meinem freien Geleit erhalten habt; ich habe dcßhalb, Euren ernstlichen Bitten gemäß, Frau Auuvt Lyle abgcschickt, damit sie die Wunde des Ritters von Ardcnvohr behandelt, obgleich ich nicht begreifen kann, welchen Vortheil Ihr davon haben könnt. Ich glaube, Ihr habt einmal von einer Blutsverwandtschaft zwischen Beiden geredet, aber ein Soldat mit einem Commando und einer Stellung, wie ich, hat andere Dinge im Kopfe, als daß er sich mit hochländischen Stammbäumen abgeben könnte." Und wirklich, um dem Major Gerechtigkeit zu erweisen, 321 erkundigte er sich niemals nach den Angelegenheiten anderer Leute, und behielt dieselben eben so wenig im Gedächtniß, wenn dieselben nicht mit der militärischen Kunst irgendwie in Beziehung, oder mit seinem eigenen Interesse in Verbindung standen; in beiden Fällen aber war sein Gedächtniß sehr zähe. „Und jetzt, mein guter Freund des Nebels," sagte er, „könnt Ihr mir nicht sagen, was aus Eurem hoffnungsvollen Enkel geworden ist, den ich nicht mehr gesehen habe, seitdem er mir an der Ablegung der Waffen nach dem Gefechte half, eine Nachlässigkeit, welche die Peitsche verdient?" „Er ist nicht weit von hier," sagte der verwundete Räuber — „erhebt nicht die Hand gegen ihn, denn er ist Mann genug, um eine Elle lederner Geißel mit einem Fuße gehärteten Stahls zurückzuzahlen." „Eine höchst unpassende Prahlerei," sagte Sir Dngald; „ich verdanke Euch jedoch einige Gefälligkeiten, Ranald, und will mich deßhalb nicht darum bekümmern." „Wenn Ihr glaubt, mir etwas zu verdanken," sagte der Räuber, „so vermögt Ihr es jetzt mit einem Gegendienst zu vergelten." „Freund Ranald," erwiderte Dalgetty, „ich habe von diesen Gegendiensten in albernen Historienbüchern gelesen, daß einfältige Ritter sich in Verpflichtungen zu ihrem großen Nachtheil einließe»; deßhalb geben, Ranald, die klügern Ritter unserer Tage niemals ein Versprechen, als bis sie wissen, daß sie ihr Wort ihren Verpflichtungen gegenüber einhatten können, ohne daß sie sich selbst in Widerwärtigkeiten oder Ungemach bringen. Vielleicht wollt Ihr den weiblichen Chirurg für Eure Wunden haben; Ihr solltet aber doch bedenken, Ranald, daß die Unreinlichkeit des Ortes, wo Ihr niedergelegt seid, Sage von Mvntrose. 21 das hübsche Aussehen ihrer Kleider verderben kann, hinsichtlich deren Erhaltung, wie Ihr vielleicht bemerkt habt, die Weiber ungemein sorgfältig sind- Ich z. B. verlor die Gunst der Gemahlin des Groß-Pcnsionarins von Amsterdam, weil ich mit der Sohle meines Stiesels auf die Schleppe ihres schwarzen Sammtkleides trat, die ich für einen Fnßteppich hielt, weil dieselbe das halbe Zimmer, von ihrer Person an, ausfüllte.« „Ich will nicht, daß Ihr Annot Lyle hieher bringt, sondern daß Ihr mich in das Zimmer tragen laßt, worin sie sich bei dem Ritter von Ardenvohr befindet. Ich habe ihnen Beiden etwas von der höchsten Wichtigkeit zn sagen-" „Es ist freilich gegen die Standesordnung," sagte Dal- getty, „einen verwundeten Räuber vor einen Ritter zn bringen, denn die Ritterschaft war früher, und ist noch in gewisser Hinsicht der höchste militärische Grad, jedoch unabhängig von demjenigen patentirter Offiziere, welche ihren Rang je nach ihrer Bestallung einnehmen; nichtsdestoweniger will ich, da Euer Gegendienst, wie Ihr ihn nennt, so gering ist, denselben erfüllen." Mit den Worten befahl er drei Reihen Soldaten, Mac Eagh auf den Schultern in Sir Dnncans Zimmer zn tragen, und eilte selbst voraus, um die Ursache anznkündigen. Die Thätigkeit der commandirten Soldaten war jedoch so groß, daß sie ihm dicht auf den Fersen folgten und, mit ihrer grauenhaften Last eintretend, Mac Eagh auf den Boden des Zimmers legten. Seine natürlich wilden Gesichtszüge waren dnrck Schmerz verzerrt, sein Hemd und seine wenigen Kleider mit seinem eigenen Blute und dem Anderer befleckt, welches keine gütige Hand hinmeggewischt hatte, obgleich die Wunde in seiner Seite verbunden war. 323 „Seid Ihr," fragte er, mühsam seinen Kopf nach dem Lager seines kürzlichen Gegners erhebend, „derjenige Häuptling, welchen die Menschen den Ritter von Ardenvohr nennen ?" „Derselbe," erwiderte Sir Duncan; „was habt Ihr mit einem Manne zu schaffen, dessen Stunden jeht gezählt sind?" „Meine Stunden sind zu Minuten vermindert," erwiderte der Räuber; „um so mehr Gnade erweise ich, wenn ich sie dem Dienste eines Mannes widme, dessen Hand stets gegen mich erhoben war, ebenso wie die meinige hoher gegen ihn erhoben wurde." „Die deine gegen mich! — zertretener Wurm!" rief der Ritter aus, indem er auf seinen elenden Gegner niedersah. „Ja," erwiderte der Räuber mit fester Stimme, „mein Arm ist am höchsten erhoben worden. In dem tödtlichcn Kampfe zwischen uns habe ick die tiefsten Wunden geschlagen, obgleich die deinigen weder leicht, noch unempfunden waren — ich bin Ranald Mac Eagh, ich bin Ranald, der Sohn des Nebels — die Nacht, worin ich dein Schloß den Winden durch eine große Flammensänle übergab, ist jeht dem Tage gleich zu stellen, worin du unter dem Schwert meiner Väter fielst. Gedenke des Unglücks, welches du unserem Stamme zugefügt hast — niemals ward ein solches uns erwiesen, mit Ausnahme eines Mannes, außer dir. Man sagt, er sei vom Schicksal gegen unsere Rache gesichert — dieß wird sich bald zeigen." „Mylord Meuteith," sagte Sir Duncan, indem er sich in seinem Bette aufrichtete, „dieser Mann ist ein offenkundiger Schurke, zugleich der Feind des Königs und Parlaments, Gottes und der Menschen — einer der geächteten Banditen des Nebels, zugleich der Feind Eures Hauses, der Mac Aulays und des meinigen, ich hoffe, Ihr werdet nicht leiden, daß die 2t" 324 Augenblicke, welche vielleicht meine letzten sind, durch diesen barbarischen Triumph verbittert werden." „Er soll behandelt werden, wie er es verdient," sagte Menteith, „bringt ihn sogleich hinweg." Sir Dugald vermittelte und sprach von Ranalds Diensten als Führer, wie von seinem freien Geleit, allein die rauhen Tone des Räubers überschricen seine Stimme. „Nein," sagte er, „mag Folter nnd Galgen mein Lohn sein! laßt mich zwischen Himmel und Erde verwesen nnd die Geier und Adler des Ben-Nevis füttern, dann soll dieser stolze Ritter nnd dieser siegende Thane niemals das Geheimnis; erfahren, welches ich ihnen allein mittheilen kann. Ein Geheim- niß, wegen dessen Ardenvohrs Herz vor Freude klopfen würde, läge er auch im Todeskampfe, und welches der Graf von Menteith um den Preis seiner weiten Grafschaft erkaufen würde — komm hieher, Annot Lyle," sagte er, indem er sich mit unerwarteter Kraft anfrichtetc; „fürchte nicht den Anblick von mir, an dessen Knieen du dich in der Kindheit klammertest. Sage diesen stolzen Leuten, welche dich als den Sproß von einem alten Stamm verachten, daß du nicht von unserem Blute bist — keine Tochter vom Geschlechte des Nebels, sondern daß du in Hallen eines Schlosses geboren, in einer Wiege auf einem so sanften Kiffen lagst, wie ein solches jemals die Kindheit im stolzesten Palaste verzärtelte." „Im Namen Gottes," sagte Menteith, vor Erregung zitternd ; „wenn Ihr Etwas von der Geburt dieser Dame wißt, so erweist Eurem Gewissen die Gerechtigkeit, dasselbe hinsichtlich des Geheimnisses zu entlasten, bevor Ihr aus dieser Welt scheidet." „Nicht wahr, ich soll meine Feinde mit meinem letzten Athemzuge segnen," sagte Mac Eagh, indem er ihn boshaft 325 «»blickte — „solches sind die Grundsätze, welche Eure Priester predigen, aber wann übt Ihr sie, oder gegen wen übt Ihr sie? Laßt mich zuerst den Werth meines Geheimnisses wissen, ehe ich es Ench sage — was würdet Ihr geben, Ritter von Ardenvohr, um zu erfahren, daß Eure abergläubischen Fasten vergeblich waren, und daß ein Sproß Eures Hauses noch vorhanden ist? — ich warte auf eine Antwort — ohne dieselbe spreche ich kein Wort mehr." „Ich könnte," sagte Sir Duncan, indem seine Stimme unter den Regungen des Zweifels, des Hasses und der Angst häufig stockte, „ich könnte — aber ich weiß, daß dein Geschlecht dem bösen Feinde gleicht — Lügner und Mörder vom Beginn Eures Lebens an — wäre es aber wahr, was du mir agst, so könnte ich dir beinahe das Unheil vergeben, welches du mir zngefügt hast." „Hört es," sagte Nanald, „er hat viel angeboten für einen Sohn von Diarmid — und Ihr, edler Thane — der Bericht des Lagers sagt, daß Ihr mit Eurem Leben und Gut die Nachricht erkaufen würdet, daß Annot Lyle nicht die Tochter der Aechtung, sondern von einem Stamme entsprossen ist, welcher nach Eurer Meinung als eben so edel, wie der Eure gilt — wohlan, ich sage es nicht ans Zuneigung zu Euch — die Zeit ist vorüber, worin ich dieß Geheimniß gegen die Freiheit ausgetanscht haben würde z ich verhandle es jetzt um dasjenige, welches mir theurer ist, als Freiheit und Leben — Annot Liste ist das jüngste, das einzige überlebende Kind des Ritters von Ardenvohr, welches allein gerettet wurde, als Alles sonst in seiner Halle im Blut und Feuer unterging." „Kann dieser Mann die Wahrheit reden," fragte Annvt 326 Lyle, indem sie kaum wußte, was sie sagte, „oder ist es eine sonderbare Täuschung?" „Mädchen, erwiderte Ranald, „hättest du länger bei uns verweilt, so wurdest du es besser erlernt haben, die Töne der Wahrheit zu erkennen. Diesem sächsischen Lord und dem Ritter von Ardcnvohr werde ich solche Beweise geben von dem, was ich gesagt habe, daß der Unglaube überzeugt wird. Mittlerweile gehe — ich liebte deine Kindheit, ich hasse nicht deine Jugend — kein Auge haßt die Rose in ihrer Blüthe, obgleich sie auf einem Dorne wächst; wegen deiner allein bedaure ich Etwas, ein bald kommendes Ereigniß. Wer sich aber an seinem Feinde rächen will, darf sich nicht darum bekümmern, daß auch der Schuldlose in den Untergang fortgerissen wird." „Er gibt Euch einen guten Rath, Annot," sagte Lord Menteith; „entfernt Euch in Gottes Namen! Wenn an der ganzen Sache etwas Wahres ist, so muß Eure Unterredung mit Sir Dnncan wegen eurer Beiden mehr vorbereitet werden." „Ich will mich nicht von meinem Vater trennen, wenn ich ihn gefunden habe," sagte Annot; ich will mich unter so furchtbaren Umständen nicht von ihm trennen." „Und einen Vater sollt Ihr stets an mir finden," murmelte Sir Dnncan." Wohlan denn," sagte Menteith, ich will Mac Eagh in das anstoßende Zimmer bringen lassen und sein Zeugnis; selbst aufnehmen, Sir Dngald Dalgetty wird mir seine Begleitung und seinen Beistand gewähren." Mit Vergnügen, Mylord," erwiderte Sir Dngald; „ich will Euer Beichtiger oder Beistand sein — das Eine oder das Andere. Niemand kann sich so gut dazu eignen, da ich 327 die ganze Geschichte vor einem Monat im Schloß von Jn- verary schon gehört habe. Jedoch Angriffe und Stürme, wie diejenige des Schlosses von Ardenvohr, verwirren sich einander in meinem Gedächtnis;, welches ohnedem mit weit wichtigeren Angelegenheiten beschäftigt ist." Als Lord Menteith dies; freimnthige Geständnis; vernahm, welches ihm gemacht wurde, als sie das Zimmer mit dem Verwundeten verließen, warf er Dalgetty einen Blick des äußersten Zornes und der Verachtung zu; der Eigendünkel des würdigen Offiziers ließ ihn aber dabei gänzlich unempfindlich bleiben. Zweiundzwanzrgstes Kapitel. Ich bin wie die Natur den Menschen frei Erschuf, daß er ein edler Wilder sei, Eh das Gesetz erzwang die Sklaverei. Die Eroberung von Granada. Der Graf Menteith erforschte genau die von Ranald erzählte Geschichte, welche durch die Befragung der zwei Begleiter desselben, welche als Führer im Lager waren, bestätigt wurde. Er verglich diese Erklärungen sorgfältig mit solchen Umständen, welche Sir Duncan Campbell über die Zerstörung seines Schlosses und die Ermordung seiner Familie angeben konnte; wie man leicht begreifen kann, hatte er nichts vergessen, was sich auf ein so furchtbares Ereignis; bezog. Es war ein Umstand von höchster Wichtigkeit, daß man den Beweis liefern konnte, der ganze Bericht sei nicht eine Erfindung des Räubers, um eine Betrügerin als das Kind und die Erbin von Ardenvohr gelten zu lassen. Vielleicht war Menteith nicht die geeignetste Person, um die Erforschung der Wahrheit zn leiten, da sein eigenes Interesse es erheischte, der Erzählung Glauben zn schenken; allein die Befragungen der Söhne des Nebels waren einfach, genau und in jeder Hinsicht übereinstimmend. Ein persönliches Zeichen ward angegeben, von welchem man wußte, daß es sich bei dem Kinde von Sir Duncan gefunden habe, und welches sich jetzt auf der linken Schulter von Annot Lyle zeigte. Auch erinnerte man sich, daß man von dem jüngsten Kinde nichts vorfand, als man die elenden Reste der andern sammelte. Andere Zeugnisse, die hier nicht angegeben zu werden brauchen, erweckten nicht allein bei Menteith, sondern auch bei dem unbefangenen Montrose die vollkommenste Ueberzeugung, daß Annot Lyle, früher ein armes Mädchen niederen Standes, welches sich allein durch Schönheit und Talent auszeichnete, als die Erbin Ardenvohrs von jetzt an höher zu achten sei. Während Menteith sich beeilte, die Ergebnisse dieser Untersuchungen den am meisten dabei betheiligten Personen mitzu- theilen, verlangte der Räuber mit seinem Enkel zu reden, den er gewöhnlich seinen Sohn nannte; „man werde denselben," sagte er, „in dem Nebengebäude finden, wohin er selbst zuerst gelegt worden war." Wirklich fand man auch den jungen Wilden nach einer sorgfältigen Aufsuchung, wie er in einem Winkel, von verfaultem Stroh eingehüllt, kauerte, und brachte ihn seinem Großvater. „Kenneth," sagte der alte Ränber, „höre die letzten Worte des Ahnes deines Vaters. Ein sächsischer Soldat und Allan mit der rothen Hand haben dieß Lager vor wenigen Stunden verlassen, um nach dem Lande Caberfä zu reisen. Verfolge sie wie der Bluthund dem verwundeten Hirsche folgt — durchschwimme den See — erklimme den Berg — dnrchwandlc den Wald — raste nicht eher, als bis du sie erreichst." — Das Antlitz des Knaben röthetc sich, als sein Großvater sprach, und er legte seine Hand auf ein Messer, welches in dem ledernen Riemen steckte, der seinen ärmlichen Mantel znsammen- hielt. „Nein," sagte der Alte, „nicht durch deine Hand muß er fallen. Man wird dich um Nachrichten aus dem Lager befragen — sage ihnen, daß Annot Lyle, das Harfenmädchen, als die Tochter Duncans von Ardenvohr erkannt, daß der Thane von Menteith durch den Priester sich mit ihr vermählen will, daß dn abgesandt bist, um Gäste für die Hochzeit zu entbieten. Erwarte nicht ihre Antwort, sondern verschwinde wie der Blitz, wenn die schwarze Wolke ihn verschlingt — jetzt gehe, geliebtes Kind meines gcliebtesten Sohnes! Niemals mehr werde ich dein Antlitz erblicken, noch den leichten Schall deines Schrittes vernehmen — warte jedoch noch einen Augenblick und vernimm meinen letzten Auftrag; gedenke des Schicksals unseres Stammes und bewahre stets die alten Bräuche der Söhne des Nebels; wir sind jetzt eine Handvoll Heimathloser, aus jedem Thale durch das Schwert jedes Stammes vertrieben, welcher in den Besitzungen herrscht, wo seine Ahnen für den unsrigen Holz hieben und Wasser trugen. Allein im Dickicht der Wildnis; und im Nebel des Berges bewahre Kenneth, Sohn Erachts, die Freiheit unbefleckt, die ich dir als Geburtsrecht hinterlasse. Verkaufe sie nie für ein reiches Kleid, nie für ein steinernes Dach, nie für einen gedeckten Tisch, nie für ein Daunenlager — auf dem Fels und im Thale, im Ueberfluß und im Hunger — im lanb- reichen Sommer und in den Tagen des eisernen Winters — Sohn des Nebels, sei frei, wie deine Ahnen. Nenne Niemand deinen Herrn — empfange kein Gesetz — nimm keinen Lohn, gebe keinen Sold — baue keine Hütte, umzäune keine Weide, säe kein Getraidc — die Hirsche des Berges seien deine Heerde — fehlen dir diese, so raube die Güter unserer Unterdrücker, der Sachsen und solcher Galen, welche Sachsen in ihrem Herzen sind, und Viehheerden höher schätzen, als Ehre und Freiheit. Gut für uns, daß sie so denken — sie gewähren unserer Rache einen weiteren Bereich. Gedenke derer, welche Güte unserem Stamm erwiesen, und 331 bezahle ihre Dienste mit deinem Blut, sollte die Stunde es erheischen. Sollte ein Mac Jan zu dir kommen, mit dem Haupte von des Königs Sohn in seiner Hand, so schütze ihn, wenn auch das rächende Heer des Vaters ihm folgen sollte, denn in Glencö und Ardnamurckan haben wir in Frieden während mancher vergangener Jahre gewohnt. Die Söhne von Diarmid — das Geschlecht von Darnlinvarach — die Reiter von Mcnteith — mein Fluch über dein Haupt, Kind des Nebels, wenn du irgend Einen mit diesem Namen verschonst, sobald die Zeit kommt, dieselben niederzuhauen ! Die Zeit aber wird kommen, denn sie werden sich mit ihren Schwertern einander zerfleischen, und die Zerstreuten werden zum Nebel fliehen und durch dessen Kinder umkommen. Noch einmal, gehe — schüttle de» Staub von deinen Füßen bei den Wohnungen der Menschen, mögen sie znm Kriege oder Frieden sich sammeln. Lebe wohl, Geliebter! Mögest du sterben, wie deine Ahnen, ohne daß Krankheit oder Alter deinen Mnth bricht — gehe von hinnen! — lebe frei — vergelte jede dir erwiesene Güte — räche das deinem Stamm erwiesene Unrecht!" Der junge Wilde verbeugte sich und küßte die Stirn seines sterbenden Großvaters; von Kindheit an daran gewöhnt, jedes äußere Zeichen der Regung zu unterdrücken, schied er ohne Thränen oder Gruß, und befand sich bald außerhalb der Grenzen von Montrose's Lager. Sir Dngald Dalgetty, welcher beim letzteren Theil des Austrittes gegenwärtig war, wurde durch das Benehmen Mac Eaghs bei dieser Gelegenheit wenig erbaut. „Ich kann nicht glauben, Freund Ranald," sagte er, „daß Ihr Euch auf dem besten Wege für einen sterbenden Mann befindet. Stürme, Angriffe, Gemetzel, Verbrennen von Vorstädten sind allerdings das Tagewerk eines Soldaten und werden durch die Nothmendigkeit des Falls gerechtfertigt, in Betracht, das; sie als eine Pflicht geschehen; hinsichtlich des Verbrennend der Vorstädte insbesondere kann man sagen, daß sie gleichsam Verräther und Halsabschneider für alle befestigten Städte sind. Somit ist es klar, daß das Gewerbe eines Soldaten vom Himmel besonders begünstigt wird, in Betracht, daß wir auf die ewige Seligkeit hoffen können, obgleich wir täglich Handlungen so großer Gewaltthätigkeit begehen. Aber Ranald, in allen europäischen Armeen ist es Sitte, daß der sterbende Soldat sich nicht solcher Handlungen rühmt, oder sie gar seinen Kameraden anempfiehlt, sondern im Gegentheil, daß er Zerknirschung wegen derselben ausspricht, und ein tröstliches Gebet hersagt oder sich hersagen läßt; wenn Ihr wollt, so will ich deßhalb bei Sr. Excellenz Kaplan ein gutes Wort für Euch eiulege». Es ist zwar sonst kein Punkt meines Mit litärdienstes, daß ich Euch an solche Dinge erinnere; es ist nur vielleicht zur Erleichterung Eures Gewissens, daß Ihr mehr wie ein Christ und weniger wie ein Türke aus der Welt scheidet; bis jetzt scheint Ihr auf dem besten Wege zu sein, wie ein Ungläubiger zu sterben." Die einzige Antwort des Sterbenden (denn als solcher ließ sich Ranald Mac Eagh jetzt betrachten) war eine Bitte, ihn in solche Stellung aufzurichten, daß er aus dem Fenster des Schlosses sehen könne. Der dichte Frostnebel, welcher auf den Spitzen der Berge sich gesammelt hatte, rollte jetzt die zerklüfteten Thäler und Schluchten hinab, wobei die felsigen Bergrücken ihre schwarzen und unregelmäßigen Umrisse gleich Inseln über einem Dunstmeere zeigten. „Geist des Nebels," sagte Ranald Mac Eagh, „von unserem Geschlecht Vater und Retter genannt, nimm mich, wenn dieser Todeskampf vorüber ist, in dein Zelt von Wolken auf, mich, dessen Leben du so oft beschützt hast!" Mit den Worten sank er in die Arme derer, die ihn hielten, zurück, und wandte sein Gesicht der Mauer zn. „Ich glaube," sagte Dalgetty, „mein Freund Ranald ist in seinem Herzen nicht viel besser, als ein Heide." Er erneute seinen Vorschlag, ihm den Beistand von I)r. Wisheart, Montrose's Militärkaplan, zu verschaffen. „Der Mann," sagte Dalgetty, ist sehr geschickt in seinem Dienst und wird mit Euren Sünden in weniger Zeit fertig, als ich eine Pfeife Tabak rauchen kann." „Sachse," sagte der Sterbende, „sprich mir nicht mehr vom Priester — ich sterbe zufrieden; hattest du nie einen Feind, gegen den deine Waffen nutzlos waren? — den die Kugel verfehlte, an dem der Pfeil zerbrach, und dessen Haut für Schwert und Dolch so undurchdringlich waren, wie dein eisernes Kleid? hast du niemals von solchem Feinde gehört?" „Sehr häufig, als ich in Deutschland diente," erwiderte Sir Dugald; „ein solcher Kerl war in Ingolstadt; er war undurchdringlich gegen Blei und Stahl, und die Soldaten schlugen ihn mit Gewehrkolben todt." „Diesem unbesiegbaren Feind," sagte Ranald, ohne auf die Unterbrechung des Majors zu achte», „an dessen Händen das Blut klebt, welches mir das Thenerste ist — diesem Manne habe ich jetzt Seelcnschmcrz, Eifersucht, Verzweiflung und plötzlichen Tod, oder ein Leben elender als der Tod hinterlassen. Dieß aber wird das Loos Allans mit der rothen Hand sein, wenn er erfährt, daß Annot sich mit Menteith vermählt, ich verlange nichts mehr als die Gewißheit, daß dieß so ist, um meinen blutigen Tod durch seine Hand zu versüßen." „Ist dieß der Fall," sagte der Major, „so ist nichts mehr zu sage», ich will nur Sorge tragen, daß so wenig Leute als möglich Euch sterben sehen, denn ich kann nicht glauben, daß die Art, wie Ihr aus der Welt scheidet, einem christlichen Heere Ehre einbringt, oder als Mnster dienen kann. Mit den Worten verließ er das Zimmer, und der Sohn des Nebels hauchte bald darauf seinen letzten Athemzug. Mittlerweile befand sich Menteith, nachdem er die neu gefundenen Verwandten ihren gegenseitigen Gefühlen gemischter Gemüthsbewegnngen überlassen hatte, in eifrigem Gespräch mit Montrose über die Folgen der Entdeckung. „Wenn ich cs nicht vorher schon bemerkt hätte," sagte der Marquis, „so würde ich jetzt erkennen, daß Euer Interesse an dieser Entdeckung, mein thenrer Menteith, keinen geringen Bezug ans Euer eigenes Glück hat. Ihr liebt diese neu auf- gefnndene vornehme Dame — Eure Neigung wird erwidert. In Bezug der Geburt läßt sich kein Einwand machen; in jeder andern Hinsicht stehen ihre Vortheile denjenigen gleich, welche Ihr selbst besitzt. Ueberlegt jedoch einen Augenblick; Sir Duncan ist ein Fanatiker — wenigstens ein Presbyterianer — er steht gegen den König in Waffen; er befindet sich bei uns nur als Gefangener, und wir find, wie ich befürchte, erst im Anfänge eines langen Bürgerkrieges. Haltet Ihr dieß, Menteith, für eine geeignete Zeit, dem Ritter Vorschläge in Bezug ans seine Erbin zu machen, oder habt Ihr Ansficht, daß er sie annehmen wird? Die Leidenschaft, sowohl ein scharfsinniger, wie ein beredter Anwalt, gab dem jungen Edelmann tausend Antworten auf diese Einwürfe ein. Er erinnerte Montrose, daß der Ritter von Ardenvohr weder ein Schwärmer in der Politik, noch in der Religion sei. Er berief sich ans seinen eigenen bekannten und erprobten Eifer für die königliche Sache, und gab zu verstehen, daß sein Einfluß durch die Heirath der Erbin von Ardenvohr erweitert und gestärkt werden könne. Er berief sich ferner auf den gefährlichen Zustand der Wunde von Sir Duncan, auf die Gefahr, daß seine Hoffnungen getäuscht wurden, wenn man die junge Dame in das Gebiet der Camp- bells bringen lasse, wo sie bei dem Tode oder der längeren Krankheit ihres Vaters nothwendig unter die Vormundschaft Argyle's gelangen würde, ein Ereigniß, wodurch ihm (Men- teith) jede Aussicht abgeschnitten werde, wenn er nicht die Gunst des Marquis durch Anfgebnng der königlichen Partei erkaufe. Montrose gestand das Gewicht aller dieser Gründe ein und gab auch zu, daß die Sache so schnell als möglich zu Ende gebracht werden müsse, obgleich sie mit Schwierigkeiten verbunden sei; die Beendigung derselben sei für des Königs Dienst erforderlich. „Ich wünsche," sagte er, „daß die Angelegenheit auf die eine oder andere Weise zn Ende gebracht und daß diese schöne Briseis ans unserem Lager vor der Rückkehr unseres hochländischen Achills, Allan Mac Anlay, entfernt wird. Ich fürchte eine verhängnißvolle Fehde in dieser Sache, und ich halte es für das Beste, daß man Sir Duncan auf sein Ehrenwort entläßt, wobei Ihr ihm und seiner Tochter das Geleit geben könnt. Die Reise kann hauptsächlich zu Wasser znrückgelegt werden, so daß Eure Wunde dadurch nicht leiden wird; Ihr selbst, mein Freund, erhaltet dadurch eine ehrenvolle Entschuldigung, um auf einige Zeit mein Lager zu verlassen.« „Niemals,« erwiderte Menteith, „niemals werde ich Euer Excellenz Lager verlassen, so lange die königliche Fahne entfaltet ist. Sollte ich auch dadurch die jetzt mir eröffnete Hoffnung verwirken, wäre ich fähig, den Fall als eine Ent- schuldigmig zu benutzen, um mich in dieser Entscheidung der Angelegenheiten des Königs zu entfernen, so verdiente ich, daß diese unbedeutende Schramme in Brand überginge und meinen Arm ans immer lähmte." „Ihr seid also hierüber entschlossen?" „So fest wie der Ben-Nevis steht," sagte der junge Edelmann. „Alsdann müßt Ihr," bemerkte Montrose, „mit dem Ritter von Ardenvohr sobald als möglich in's Reine kommen. Erhaltet Ihr von ihm eine günstige Antwort, so will ich selbst mit dem älteren Mac Anlay reden, nnd wir werden Mittel ausfindig machen, um seinen Bruder entfernt vom Heere zu beschäftigen, bis derselbe sich über die Täuschung seiner Hoffnung beruhigt hat. Wollte Gott, daß irgend ein Gesicht seine Einbildung in Anspruch nähme, und einflußreich genug wäre, um alle Spuren der Annot Lyle zu vernichten! Ihr haltet dieß vielleicht für unmöglich, Menteith? Wohlan, ein Jeder gehe an seinen Dienst, Ihr an den des Cupido, ich an den des Mars!" Sie schieden; nach dieser Verabredung ersuchte Menteith am nächsten Morgen den verwundeten Ritter um eine Unterredung und erklärte ihm seine Bewerbung um die Hand seiner Tochter. Sir Duncan hatte ihre gegenseitige Neigung bemerkt, aber war auf eine so frühe Erklärung von Seiten des Grafen Menteith nicht vorbereitet. Er erwiderte zuerst, daß er sich vielleicht schon zu viel Gefühlen persönlichen Glückes zu einer Zeit hingegeben habe, in welcher sein Stamm so großen Verlust und so tiefe Demüthiguug erlitt; er wolle deßhalb nicht die Beförderung seines ejgenen Hauses während einer so unglücklichen Zeit in Acht nehmen. Als der edle Liebhaber heftiger drängte, ersuchte er denselben um die 337 Frist einiger Stunden zur Ueberlegnng und zur Berathung mit seiner Tvchter bei einer so wichtigen Angelegenheit. Das Ergebniß dieser Unterredung und Berathung war Mentcith günstig. Sir Duncan Campbell erkannte, daß das Glück seiner neu gefundenen Tochter von einer Verbindung mit ihrem Geliebten abhänge; im Fall die letztere jetzt nicht stattfinde, erkannte er wohl, daß Argyle tausend Hindernisse erschaffen werde, um eine in jeder Hinsicht für ihn selbst so annehmbare Heirath unmöglich zu machen. Menteith's Privat-, charakter war so ausgezeichnet, und der Rang, sowie das Ansehen, welches er durch seine Familie und sein Vermögen besaß, so bedeutend, daß dies; nach Sir Duncans Meinung den Unterschied in ihrer politischen Meinung ausglich. Erhalte sich vielleicht, im Fall seine eigene Meinung über die Heirath weniger günstig gewesen, dennoch nicht entschließe» können, eine Gelegenheit von sich zu weisen, um dem neu gefundenen Kinde seiner Hoffnungen eine zärtliche Nachsicht zu schenken; außerdem übte ein Gefühl des Stolzes Einfluß auf seinen Entschluß. Der Umstand, die Erbin von Ardenvohr als ein Mädchen einzuführen, welche als arme Waise und Harfenspielerin in der Familie von Darnlinvarach erzogen war, hätte an sich etwas Demüthigendes. Wurde sie aber als die verlobte Braut oder die Gemahlin des Grafen von Menteith nach einem Liebesverhältniß eingeführt, welches während ihrer niederen Stellung entstanden war, so war dieß der Welt eine Bürgschaft, daß sie sich des Ranges, auf welchen sie jetzt erhoben wurde, zu jeder Zeit würdig erwiesen hatte. Unter dem Einfluß dieser Betrachtungen verkündete Sir Duncan Campell den Liebenden seine Einwilligung, daß sie durch Montrose's Kaplan so geheim als möglich in der Sage von Mvntrose. 32 338 Kapelle des Schlosses vermählt werden sollten. Wann Montrose von Jnverlvchy anfbrechen würde, wozu man den Befehl in wenigen Tagen erwartete, sollte die jnnge Gräfin sich mit ihrem Vater ans dessen Schloß begeben und dort zurückblei- ben, bis die Umstände der Nation es Menteith gestatten wurden, sich mit Ehren von seinem Kriegsdienst zurnckzuziehen. Als der Entschluß einmal gefaßt war, wollte Sir Duncan Campbell die mädchenhaften Bedenklichkeiten seiner Tochter, die Verzögerung der Vermählung, nicht gestatten. Es wurde deßhalb beschlossen, daß dieselbe am nächsten Abend, dem zweiten nach der Schlacht, stattfinden solle. Kapitel. l Dreiundzwanzig st es Mir entriß er das Mädchen, des Kriegs mir schuldige Beute. H vm er. Es war aus manchen Gründen erforderlich, daß Angus Mac Anlay, so lange Zeit der gütige Beschützer der Annot Lyle, mit dem Wechsel im Schicksale seines bisherigen Schützlings bekannt gemacht werde; Montrose machte ihm die Mittheilung dieser merkwürdigen Ereignisse, wozu er den Auftrag vorher übernommen hatte. Angns Mac Anlay sprach mit der sorglosen und heiteren Gleichgültigkeit seines Charakters weit mehr Freude als Erstaunen über das Glück der Annot ans; er zweifelte nicht, daß sie dasselbe verdienen und das ganze Vermögen ihres finsteren fanatischen Vaters einem ehrlichen Kerl übertragen werde, welcher den König liebe, denn sie sei stets in loyalen Grundsätzen erzogen worden. „Ich hätte nichts dagegen," fügte er hinzu, „wenn mein Bruder Allan sein Glück versuchen sollte, obgleich Sir Dnn- can Campbell der einzige Mann war, welcher mir jemals den Vorwurf der Ungastlichkeit gemacht hat. Annot Lyle konnte immer die finstere Stimmung Allan's hinwegzanbern; wer weiß, ob die Ehe ihn nicht zu einem Menschen dieser Welt machen würde." 22 - 340 Montrose unterbrach den Bau der Lustschlösser durch die Erklärung, die Dame sei schon gefreit und gewonnen, und werde sich beinahe sogleich mit seinem Vetter, dem Grafen Menteith, vermählen; man ersuche Mac Aulay, bei der Cere- monie gegenwärtig zu sein, um ihm die hohe Achtung zu erweisen, welche man dem langjährigen Beschützer der Dame schuldig sei. Mac Aulay nahm aber bei dieser Erklärung eine sehr ernste Miene an und richtete seine Gestalt mit der Person eines Mannes ans, welcher glaubte, daß man ihn vernachlässigt habe. „Ich begreife," sagte er, „daß die gleichförmige gütige Behandlung, welche die junge Dame so lange Zeit unter meinem Dache erfahren hat, etwas mehr bei einer solchen Gelegenheit erheischt, als ein bloßes ceremoniöses Compliment; ich glaube, daß ich ohne Anmaßung erwarten konnte, um Rath gefragt zu werden. Ich wünsche meinem Vetter Menteith viel Glück; Niemand kann ihm mehr Glück wünschen; ich muß jedoch sagen, daß man sehr hastig in dieser Sache verfuhr. Allan's Gefühle gegen die junge Dame sind bekannt genug, und ich, z. B., sehe keinen Grund, weßhalb man seine überlegenen Ansprüche auf deren Dankbarkeit beseitigte, ohne auch nur dieselben vorher zu besprechen." Montrose bemerkte zu wohl, worauf dieß Alles hinwies; er bat Mac Aulay vernünftig zu sein und zu bedenken, daß der Ritter von Ardenvohr wahrscheinlich nicht bewogen werden könne, die Hand seiner einzigen Erbin Allan zu übertragen, dessen unläugbare ausgezeichneten Eigenschaften mit andern gemischt seien, wodurch dieselben in solcher Weise verdunkelt würden, daß Alle zitterten, die ihm näher kämen.« „Mylord," sagte Angus Mac Aulay, „mein Bruder Allan hat, wie Gott uns Alle schuf, sowohl seine Fehler wie Vor- 341 züge; er ist jedoch der beste und bravste Mann Eures Heeres, von welcher Art auch der Andere sein mag, und er hat es deßhalb nicht verdient, daß sein Glück so wenig berücksichtigt wurde von Euer Excellenz — von seinem nächsten Verwandten — und von einem jungen Mädchen, welche ihm und seiner Familie Alles verdankt." Montrose bemühte sich vergeblich , eine andere Auffassung des Gegenstandes zu veranlassen. Angus war einmal entschlossen, die Sache in diesem Lichte zu betrachten, und er war nicht der Mann von solchem Verstände, daß er sich hätte überzeugen lassen, sobald er ein Vorurtheil angenommen hatte. Montrose nahm jetzt einen höhern Ton an und forderte Angns auf, sich in Acht zu nehmen, daß er keine Gefühle hege, welche dem Dienst Sr. Majestät nachtheilig sein könnten. Er hob hervor, wie er besonders wünsche, daß Allan's Anstrengungen im Laufe seiner gegenwärtigen Gesandtschaft nicht unterbrochen würden. »Diese Gesandtschaft," sagte er, „ist sowohl höchst ehrenvoll für ihn selbst, als sie wahrscheinlich vortheilhaft für die Sache des Königs sein wird. Ich erwarte, daß Ihr Eurem Bruder keine Mittheilungcn über andere Gegenstände macht, noch eine Ursache zur Uneinigkeit aufrcgt, welche seine Seele von so wichtigen Angelegenheiten ablenken könnte." Angus erwiderte etwas verdrießlich, er sei kein Zänker oder Aufhetzcr zu Zänkereien, er werde vielmehr Frieden zn stiften suchen. Sein Bruder wisse so gut wie die meisten Menschen, wie er sich bei seinen eigenen Zänkereien zn benehmen habe; was Allan's Verfahren betreffe, um Kundschaft zn erlangen, so glaube man allgemein, daß er andere Quellen habe, als die gewöhnlichen Eilboten; er werde sich nicht wundern, wenn man ihn eher sehe, als man ihn erwarte. 342 8 >> !-.H Ein Versprechen, daß er sich nicht eimnischen wolle, war das Höchste, wozn Montrose diesen Mann bringen konnte, so durchaus gntmüthig derselbe sonst auch war, wenn nicht sein Stolz, sein Interesse, oder seine Vornrtheile mit in's Spiel kamen. Der Marquis war zufrieden, daß er die Sache auf diesem Punkte lassen konnte. Ein mehr williger Gast bei der Vermählung und sicherlich bei dem Hochzeitmahle ließ sich in Sir Dngald Dalgetty erwarten, den Montrose einznladen beschloß, da er ein Vertrauter der vorhergehenden Umstände gewesen war. Jndcß sogar Sir Dngald trug Bedenken, besah die Ellbogen in seinem Wams und die Kniec seiner Lederhosen, und murmelte eine Art widerstrebender Einwilligung, im Fall seine Erscheinung nöthig sei nach der Berathung mit dem edlen Bräutigam. Montrose war etwas überrascht, er verschmähte es jedoch, sein Mißfallen zu bezeugen, und überließ Sir Dun- can seinem eigenen Belieben. Dieß führte ihn sogleich in das Zimmer des Bräutigams, welcher unter der geringen Garderobe seiner Feldausrüstung solche Kleidungsstücke sich aussuchte, in denen er bei dieser Gelegenheit am besten sich zeigen könne. Sir Dngald trat ein, stattete seinen Glückwunsch mit sehr ernstem Gesicht über sein bevorstehendes Glück ab, und fügte hinzu: „es thue ihm sehr leid, daß er ein Zeuge desselben nicht sein könne." „Ich würde wirklich der Ceremonie Schande machen, da ich keinen Hochzcitsanzug habe; Risse, offene Säume und Löcher an den Ellbogen in der Kleidung der Anwesenden könnten eine ähnliche Unterbrechung Eures Eheglücks zur Folge haben — um die Wahrheit zu sagen, Mylord, Ihr selbst habt einige Schuld an dieser Sache, da Ihr mich in den April schicktet nach einem Büffelwams unter der Beute der Camerons. Ihr hättet mich ebenso gut abschicken können, um ein Pfund frischer ich 343 Butter dem Rachen eines Bullenbeißers zu entreißen; ich erhielt, Mylord, keine andere Antwort, als gezogene Dolche und Degen, und eine Art Heulen und Schnattern in dem, was sie ihre Sprache nennen. Was mich betrifft, so glaube ich, diese Hochländer sind nicht"viel besser, als vollkommene Heiden; auch habe ich sehr viel Aergerniß an der Weise genommen, wie mein Bekannter, Ranald Mac Eagh, es für gut hielt, soeben seinen Todtenmarsch zu schlagen." In Menteitr's Stimmung, bei Allem vergnügt zu sein, wurde derselbe durch Sir Dugalds ernsthafte Klage sehr erheitert. Er bat chn, einen hübschen Büffelanzug anznnehmen, welcher auf dem Fußboden lag. „Ich hatte denselben für meinen eigenen Bmutanzug bestimmt, als die am wenigsten furchtbare meiner fliegerischen Ausrüstungen, und ich habe hier keine friedliche Klebung." Sir Dngald maate die erforderliche Entschuldigung, wollte ihn durchaus nicht berauben u. s. w., bis es ihm glücklicherweise einfiel, es entspreche weit mehr dem militärischen Brauche, daß der Graf sich in seinem Brust- und Rückenharnisch vermähle , denn er habe gesehen, wie der Bräutigam Prinz Leo von Wittelsbach eine jolche Rüstung bei seiner Vermählung mit der jüngsten Tochtzr des Georg Friedrich von Sachsen trug, welche unter der Begünstigung des tapferen Gustavus Adolphns, des nordische; Löwen u. s. w., stattfand. Der gntmüthige junge Graf sichte und fügte sich dem Rathe des Majors; nachdem er sich dadurch wenigstens e i n vergnügtes Gesicht bei seiner Hochzen verschafft hatte, legte er einen leichten und verzierten Harnsch an, welcher znm Theil durch einen Sammtrock, zum Thet durch eine blaue breite silberne Schärpe versteckt wurde, die >r seinem Range und der Mode jener Zeit gemäß trug. 344 Alle Anordnungen waren jetzt getroffen, die Braut und der Bräutigam sollten nach der Sitte des Landes nicht eher als vor dem Altäre Zusammenkommen. Die Stunde hatte schon geschlagen, und der Bräutigam wartete in einem kleinen Vorzimmer an der Kapelle nur ans den Marquis, welcher den Brautführer bei dieser Gelegenheit abgeben msllte. Da Geschäfte in Bezug auf das Heer die Aufmerksamkeit des Marquis in Anspruch genommen hatten, erwartet: ihn Menteith, wie man sich denken kann, mit einiger Ungeduld, und sagte lachend, als er die Thüre des Gemaches öffnen hörte, „Ihr kommt spät auf die Parade." „Ihr werdet finden, daß ich zu früh komm," sagte Allan Mac Aulay, welcher in das Gemach stürzte; „zieht, Menteith, und vertheidigt Euch wie ein Mann, o!er sterbt wie sein Hund!" „Ihr seid verrückt, Allan," erwidert: Menteith, sowohl über seine plötzliche Erscheinung, wie über die unaussprechliche Wuth seines Benehmens erstaunt. Seine Wangen waren todtenbleich, seine Augen drangen aus chren Höhlungen, seine Lippen waren mit Schaum bedeckt, seine Bewegungen waren die eines Besessenen. „Ihr lügt, Verräther," war seiw wahnsinnige Antwort; „Ihr lügt in diesem wie in Allem, vas Ihr mir sagt, Euer Leben ist eine Lüge!" „Spräche ich nicht meine Gedan'en ans, als ich Euch verrückt nannte," sagte Menteith nnnillig, „so wäre Euer eigenes Leben nur ein sehr kurzes. Worin macht Ihr mir den Vorwurf, Euch betrogen zu Habei?" »Ihr sagtet mir," erwiderte Man, „daß Ihr Annot Lyle nicht heirathen würdet — falsche: Verräther, sie erwartet Euch am Altäre." Menteith gab ihm die Beschuldigung zurück; „Ihr redet die Unwahrheit, ich sagte Euch, die Niedrigkeit ihrer Geburt sei das einzige Hindernis; unserer Vereinigung; dieses ist jetzt beseitigt. Für wen haltet Ihr Euch denn, daß ich meine Ansprüche zu Euren Gunsten aufgeben sollte?" »Zieht," sagte Mac Aulay, „wir verstehen einander." „Nicht jetzt," sagte Menteith, und nicht hier, Allan; Ihr kennt mich genug, wartet bis morgen, alsdann sollt Ihr genug am Fechten haben." „Diese Stunde — diesen Augenblick oder niemals," erwiderte Mac Aulay, „Euer Triumph über mich soll nicht weiter gehen, wie diese Stunde. Menteith, ich ersuche Euch bei unserer Verwandtschaft — bei unseren vereinten Kämpfen und Mühen, zieht Euer Schwert und vertheidigt Euer Leben!" Mit den Worten ergriff er die Hand des Grafen und drückte sie mit so wahnsinniger Heftigkeit, daß das Blut unter den Nägeln hervorkam. Menteith stieß ihn mit Gewalt hinweg, indem er ansrief: „Geh fort, Verrückter." „So werde mein Geschick erfüllt!" rief Allan; er zog seinen Dolch und stieß denselben mit seiner ganzen riesenhaften Kraft gegen die Brust des Grafen, die Waffe glitt an dem stählernen Harnisch aufwärts, allein eine tiefe Wunde wurde zwischen dem Hals und der Schulter dem Grafen beigebracht; die Kraft des Stoßes hatte den Bräutigam zu Boden gestreckt. Montrose trat auf der einen Seite des Vorzimmers ein. Die hochzeitliche Gesellschaft, über den Lärmen erschreckt, befand sich in Besorgniß und Ucberraschung; ehe jedoch Montrose flüchtig sehen konnte, was sich ereignet hatte, war auch Allan Mac Aulay bei ihm vorübergestürzt und wie der Blitz die Treppe hinabgefahren. „Wachen, verschließt das Thor," rief Montrose — „ergreift 3W ihn, tobtet ihn, wenn er Widerstand leistet — er soll sterben, wäre er mein Bruder!" Allein Allan warf mit einem zweiten Stoße seines Dolches eine Schildmache nieder, durchflog das Lager wie ein Hirsch, obgleich von Allen verfolgt, welche den Allarmruf vernommen hatten, warf sich in den Strom, schwamm zum entgegengesetzten Ufer und verlor sich bald in den Wäldern. Im Laufe desselben Abends verließ sein Bruder Angus mit seinen Leuten Montrose's Lager, schlug den Weg nach Hanse ein und vereinigte sich nie mehr mit ihm. Von Allan selbst wird erzählt, daß er in wunderbar kurzer Zeit nach Vollbringung der That in ein Gemach des Schlosses Jnverary drang, wo Argyle im Rathe saß, und seinen blutigen Dolch auf den Tisch warf. „Ist es das Blut von James Graham?" fragte Argyle, indem ein gräßlicher Ausdruck der Hoffnung sich mit dem Schrecken mischte, welchen die plötzliche Erscheinung natürlich erregte. „Es ist das Blut seines Lieblings, erwiderte Mac Aulay, „es ist das Blut, zu dessen Vergießung ich bestimmt war, obgleich ich mein eigenes lieber verspritzt hätte." Nach diesen Worten wandte er sich fort und verließ das Schloß, und von dem Augenblick an weiß man nichts Gewisses über sein Schicksal. Da der Knabe Kenneth mit drei Kindern des Nebels bald darauf bemerkt wurde, wie dieselben über den Lochfine setzten, so vermuthct man, daß diese seinen Spuren folgten, und daß er durch ihre Hand in irgend einer unbekannten Wildniß umkam. Nach einer andern Meinung wäre Allan Mac Aulay außer Landes gegangen und als Carthäusermönch gestorben. Für beide Meinungen hat sich jedoch niemals ein Beweis ergeben. Seine Rache war weniger vollständig, als er wahrscheinlich glaubte; Menteith mar zwar so schwer verwundet worden, daß er lange in gefährlichem Zustande blieb; indes; der -Harnisch, den er auf Major Dalgetty's glückliche Empfehlung als Brautschmuck trug, hatte ihn vor den schlimmsten Folgen des Stoßes geschuht, allein sein Dienst war für Montrvse verloren; man hielt es für das Zweckmäßigste, daß er mit seiner künftigen Gräfin, jetzt einer trauernden Braut, und mit seinem verwundeten Schwiegervater nach dem Schlosse Sir Duncans Ardenvohr gebracht würde. Dalgetty geleitete dieselben bis zum Rande des Sees und erinnerte Menteith an die Nothmendigkeit, eine Schanze ans dem Hügel Drnmsnab zu errichten, um seiner Gemahlin neu erworbenes Erbe zu decken. Die Reise wurde in Sicherheit vollbracht, und Menteith war nach wenigen Wochen so weit wieder hergestellt, daß er sich mit Annot im Schlosse ihres Vaters vermählen konnte. Die Hochländer kamen etwas in Verlegenheit, um die Wiederherstellung des Grafen Menteith mit dem zweiten Gesicht in Einklang zu bringen, und die erfahreneren Seher waren sehr unzufrieden, daß er nicht gestorben sei. Andere jedoch hielten das Gesicht durch die Wunde, welche von der bestimmten Hand und mit der bestimmten Waffe beigebracht sei, für genügend erfüllt, und waren der Meinung, daß der Vorfall des Ringes mit dem Todtenkopf sich ans den Tod des Vaters der Braut beziehe, welcher die Vermählung derselben nicht um viele Monate überlebte. Die Ungläubigen hielten Alles für eitle Träumerei; Allan's angebliches Gesicht sei nur eine Folge der Eingebungen seiner Leidenschaft; da 348 er schon lange Zeit in Menteith einen mehr geliebten Nebenbuhler, wie er selbst war, sah, habe seine Leidenschaft mit seiner besseren Natnr gekämpft, und gleichsam unwillkürlich die Vorstellung, seinen Mitbewerber zu tödten, bei ihm her- vorgernfen. Menteith genas nicht zur Genüge, um sich Montrose während dessen kurzer und ruhmreicher Laufbahn anzüschließen; als dieser heldenmüthigc General sein Heer entließ und sich aus Schottland entfernte, beschloß Menteith als Privatmann zu leben, was er auch bis zur Restauration ausführte. Nach diesem glücklichen Ereigniß nahm er eine Stellung im Lande seinem Range gemäß ein, lebte lange Zeit beglückt durch öffentliches Ansehen, sowie durch häusliche Liebe, nnd starb in einem hohen Alter. Die Personen unserer Erzählung sind so beschränkt, daß wir, mit Ausnahme Montrose's, dessen Thaten und Schicksale der Geschichte angehören, nur den Sir Dugald Dalgetty zn erwähnen haben. Dieser Herr fuhr fort, mit strengster Pünktlichkeit seinen Dienst zu verrichten und seinen Sold zu empfangen, bis er mit Andern auf dem Schlachtfelde von Philliphangh zum Gefangenen gemacht wurde. Er ward ver- urtheilt, das Loos seiner Mitgefangenen zn theilen, welche eher wegen der Anklagen von der Kanzel her, als wegen eines Urtheils von Civil- oder Militärgerichten zum Tode ver- nrtheilt wurden; ihr Blut galt nämlich als eine Art Bußopfer, um die Sündenschuld vom Lande hinwcgznnehmen, und das Schicksal der Kananiter wurde, als durch göttliche Fügung ihnen bestimmt, gottlos und grausam über sie verhängt. Mehrere niederländische Offiziere im Dienste der Cove- nanters legten bei dieser Gelegenheit für Dalgetty Fürsprache i 349 ein, indem sie ihn als einen Mann darstellten, dessen Geschicklichkeit in ihrem Heere von Nutzen sein würde, und den man leicht dazu bewegen könne, den Dienst zu wechseln. Bei dieser Gelegenheit fanden sie aber bei Sir Dugald Dalgetty eine unerwartete Hartnäckigkeit, er hatte sich auf eine bestimmte Zeit für den König anwerben lassen, und seine Grundsätze erlaubten ihm nicht, auch nur einen Schatten von Aen- derung, bis diese Zeit vorüber sei. Die Covenanters verstanden aber nicht einen so scharf gemachten Unterschied, und Sir Dugald befand sich deßhalb in Gefahr, als ein Märtyrer nicht für politische Grundsätze, sondern für seine strengen Vorstellungen militärischer Anwerbung zu fallen. Glücklicherweise entdeckten seine Freunde durch Berechnung, daß nur noch vierzehn Tage von der Zeit seiner Anwerbung verfließen müßten — eine Zeit, von deren Einhaltung ihn keine Gewalt der Erde abbringen konnte, wenn es auch noch so gewiß war, daß seine Anwerbung sich nie wieder erneuen ließ. Mit einiger Schwierigkeit erlangten sie einen Aufschub für diesen kurzen Zeitraum, worauf sie ihn vollkommen willig fanden, ans alle Bedingungen, die sie ihm vorschrieben, einzugehen. Er trat somit in den Dienst der Stände und brachte es zum Major in Gilbert Ker's Corps, welches gewöhnlich das Leibregiment der Kirche genannt wurde. Bon seiner weiteren Geschichte wissen wir nichts, als bis wir ihn im Besitz seines väterlichen Gutes Drumthwacket finden, welches er nicht durch das Schwert, sondern durch eine friedliche Heirath mit Hannah Strachan erwarb, einer ziemlich bejahrten Matrone und der Wittwe des Covenanters aus Aberdeenshire. 350 Sir Dugald hat vermnthlich sogar noch die Revolution überlebt, da Ueberliefcrnngen von nicht sehr hohem Alter ihn darstellen, wie er im Lande als sehr alt nnd sehr taub um- herkrenzte und endlose Geschichten vom unsterblichen Gustavus Adolphus, vom Löwen des Nordens, und vom Bollwerk des protestantischen Glaubens erzählte. —- Druck der C. H o fsm a n n'scheu Officin in Stuttgart. Der schwarze Iwerg. Einleitung. Die ideale Gestalt, welche hier als einsam lebend, als ihrer Häßlichkeit sich bewußt, nnd vom Verdachte gequält geschildert wird, daß der Hohn der Ncbenmenschen ihr im Allgemeinen zu Theil wird — diese Gestalt ist nicht durchaus eine Schöpfung der Einbildungskraft. Vor mehreren Jahren beobachtete der Verfasser einen Mann, welcher ihm jene Charakterzüge darbot. Der Name dieses unglücklichen Mannes war David Ritchic. Er war in Tweeddale geboren, der Sohn eines Arbeiters in den Schieferbrüchen von Stobo, und muß mit der Mißgestalt seines Körpers geboren sein, obgleich er dieselbe bisweilen einer schlechten Behandlung während seiner Kindheit znschrieb. Er wurde als Bürstenbinder in Edinburgh erzogen und hatte an verschiedenen Orten in seinem Gewerbe gearbeitet; dort wurde er überall durch den widerlichen Eindruck vertrieben, den die häßliche Eigenthümlichkeit seiner Gestalt und seiner Gcsichtszüge überall, wohin er kam, hervorrief. Der Verfasser hörte von ihm sogar, daß er in Dublin gewesen war. David Ritchie empfand zuletzt Uebcrdrnß, der Gegenstand des Spottes, des Gelächters und des Hohnes zu sein; wie ein Der schwarze Zwerg. 1 2 aus der Heerde gejagter Hirsch faßte er den Entschluß, in eine Einöde sich zurückznzichen, wo er eine möglichst geringe Verbindung mit der Welt haben konnte, welche ihn verhöhnte. In dieser Absicht ließ er sich ans einen Fleck wilden Moorlandes im einsam liegenden Thale des kleinen Manvrstromcs in Peeblesshirc, bei dem Pachtgnte Woodhonse, nieder. Die wenigen Personen, welche hier gelegentlich vorbeikamen, erstaunten nicht wenig, und einige abergläubische Leute wurden von Schrecken erfüllt, als sie die kleine Gestalt des krummen David bei der Errichtung eines Hanfes beschäftigt sahen, — einer Arbeit, wozu er gänzlich ungeeignet erschien. Die Hütte, die er errichtete, war sehr klein, die Mauern derselben, so wie diejenigen eines kleinen sie umgebenden Gartens, waren in einem auffallenden Grade von Festigkeit gebaut und bestanden aus Lagen großer Steine mit Rasenschichten; einige der Ecksteine waren so ungemein schwer, daß diejenigen, welche sie sahen, nicht begreifen konnten, daß solch eine Person, wie der Baumeister, dieselben hatte erheben können. David erhielt wirklich von Vorübergehenden, oder Leuten, welche aus Neugier hcrbeikamcn, sehr viel Beistand bei seiner Arbeit; da nun Niemand wußte, wieviel Hülfe Andere geleistet hatten, so blieb die Verwunderung jedes einzelnen Zuschauers unvermindert. Der Eigenthümer des Bodens, der verstorbene Sir James Näsmith, Barvnet, sah ans einem zufälligen Spaziergange die sonderbare Wohnung, welche dort ohne sein Wissen und ohne seine Erlaubnis; rechtswidrig gebaut war, und somit dem Gleichnis; von Fallstaff, demjenigen „eines schönen Hauses ans fremdem Grund und Boden" entsprach; der arme David hätte sein Gebäude verlieren können, wenn er es zufällig auf einem anderen Eigenthum errichtet hätte. Der Gutsherr jedoch hegte 3 keinen Gedanken, um svlch einen Bau mit Beschlag zu belegen, sondern gestattete bereitwillig den harmlosen Eingriff in seine Rechte. Man hat allgemein zngestandcn, daß die persönliche Beschreibung Elschcnder's von Mucklcstane Moor ein ziemlich genaues und nicht übertriebenes Portrait dieses David von Manor Water ist. Derselbe war nicht ganz Z'/a Fuß hoch, denn er konnte aufrecht in der Thür seines Hauses stehen, welche genau diese Höhe hatte. Folgende' Einzelnheiten überfeine Gestalt und seinen Charakter finden sich im Scot's Magazine 1817, und sind, wie man jetzt weiß, von dem geistreichen Robert Chambers von Edinburgh mitgetheilt, welcher mit vielem Eifer die Ueberlieferungcn der guten alten Stadt berichtet und in anderen Werken große und angenehme Beiträge zum Vorrath unserer Alterthümer hinzugefügt hat. Er ist der Landsmann von David Ritchie und hatte die beste Gelegenheit, Anekdoten über ihn zu sammeln. Dieser Gewährsmann sagt, „sein Schädel von länglicher und ungewöhnlicher Form soll so stark gewesen sein, daß erleucht eine Thür oder einen Faßboden damit einstoßen konnte. Sein Gelächter soll furchtbar gewesen sein und seine krächzende, gellende, seltsame und übelklingende Stimme seinen übrigen Eigenschaften entsprochen haben. In seiner Kleidung fand sich nichts Außerordentliches. Gewöhnlich trug er einen alten Klapphnt wenn er ausging, und zu Hanse eine Art Kapntze oder Nachtmütze. Er trug niemals Schnhc, denn er konnte dieselben seinen mißgestalteten flossenartigcn Füßen nicht anpaffen; beide Füße und Beine waren in umgcwickeltem Tuch versteckt. Er ging stets mit einer Art Pfahl oder langem mit eiserner Spitze versehenem Stabe, welcher ihn.an Größe beträchtlich überstieg. Seine 1 » Gewohnheiten waren in mancher Hinsicht eigenthsimlich und deutete» auf eine Seele, die sich ihres seltsamen Gehäuses bewußt war. Sein hervorragender Charakter war Eifersucht, Mcnschenfurcht und Reizbarkeit. Das Gefühl seiner Häßlichkeit verfolgte ihn wie ein Gespenst. Die Beleidigung und der Hohn, denen er dadurch ausgcseht war, hatte sein Herz mit trotzigen und bitteren Gefühlen vergiftet, welche nach anderen Zügen seines Charakters seiner ursprünglichen Gcmüthsbeschaffenheit nicht in stärkerem Grade wie seinen anderen Nebenmenschcn mitgetheilt zu sein schienen. Er verabscheute Kinder wegen der Neigung derselben ihn zu beleidigen und zu verfolgen ; gegen Fremde war er gewöhnlich zurückhaltend, rauh und mürrisch; obgleich er Beistand oder Unterstützung nicht znrückwies, zeigte er selten Aenßerun- gen der Dankbarkeit; er erwies sogar häufig Eigensinn und Eifersucht gegen Personen, welche seine größten Wohlthäter gewesen waren, und gegen welche er auch die meiste Zuneigung hegte. Eine Dame, die ihn von Kindheit an gekannt und uns einige Einzelnheiten hinsichtlich seiner gütigst mitgetheilt hat, erklärte, daß die ganze Familie ihres Vaters sehr vorsichtig in ihrem Verfahren gegen ihn sein mußte, obgleich er so viel Achtung und Anhänglichkeit an dieselbe hegte, wie er seiner Natur nach hegen konnte. Als sie ihn eines Tages mit einer andern Dame besuchte, führte er sie in seinen Garten und zeigte beiden mit vielem Stolze und guter Laune seine fruchtbaren und geschmackvoll angelegten Beete. Sie kamen an einen Platz mit Kohlpflanzen, welche durch Raupen etwas beschädigt waren. Als David eine dieser Damen lächeln sah, zeigte er sogleich sein mürrisches trotziges Wesen, stürzte unter die Kohlpflanzen und zerschlug sie mit seinem Stocke, indem 5 er ausrief: „ich hasse solches Ungeziefer, denn es spottet meiner!" Eine andere Dame, gleichfalls eine Freundin und alte Bekanntschaft von ihm, erwies ihm absichtslos eine tödtliche Beleidigung bei einer ähnlichen Gelegenheit. Als er sie in seinen Garten führte, nnd seinen eifersüchtigen Blick zurückwandte, glaubte er zu bemerken, das; sie ausspeie; alsbald rief er mit großer Wildheit: „bin ich eine Kröte, Weib, daß du auf mich speiest," und trieb sie mit Verwünschungen und Beleidigungen aus seinem Garten, ohne auf ihre Antwort oder Entschuldigung zu hören. Ward er von Personen, die er wenig achtete, gereizt, so äußerte sich sein Mcnschenhaß in Worte» nnd bisweilen in Handlungen von noch größerer Rohheit; alsdann stieß er die ungewöhnlichsten Verwünschungen und Drohungen von seltsamer Wildheit aus." Die Natur erhält ein gewisses Gleichgewicht des Guten und Bösen in allen ihren Werken; vielleicht findet sich kein so gänzlich trostloser Zustand, daß ein solcher nicht einige ihm selbst eigenthümliche Quellen des Vergnügens darbieten sollte. Dieser arme Mann, dessen Menschenhaß ans dem Gefühl seiner widernatürlichen Häßlichkeit beruhte, genoß dennoch einige ihm eigenthümliche Vergnügungen. In die Einsamkeit vertrieben, ward er ein Bewunderer der Naturschönheiten. Sein Garten, den er sorgfältig anbante, nnd den er aus mildem Moorlande in ein sehr fruchtbares Gut verwandelt hatte, war sein Stolz und sein Entzücken; er mar aber auch der Bewunderer der höheren Naturschönheitcn; oft blickte er stundenlang nnd, wie er sagte, mit unaussprechlichem Entzücken auf die sanfte Neigung des grünen Hügels, auf das Sprudeln einer nahen Quelle oder die Verschlingungen eines wilden Dickicfits. Vielleicht deßhalb war er ein Liebhaber von Shenstone's Idyllen, 6 oder einiger Stellen des verlornen Paradieses. Der Verfasser hörte ihn, wie er mit seiner ranhcn Stimme die berühmte Beschreibung des Paradieses hersagte, die er vollkommen zu würdigen schien. Seine andern Studien waren verschiedener Art und hauptsächlich polemisch. Er ging nie in die Pfarrkirche und wurde deshalb beargwöhnt, hetcrvdoxe Meinungen zu hegen, obgleich dies Verfahren wahrscheinlich nur in dem Widerwillen gegen die Menschenmenge seinen Grund hatte, vor welcher er seine häßliche Gestalt hätte zur Schau tragen müssen. Er sprach vom Zustande nach dem Tode mit starkem Gefühl und sogar mit Rührung. Er äußerte seinen Widerwillen bei dem Gedanken, daß sein Leichnam mit dem gemeinen Plunder des Kirchhofs, wie er sich ansdrückte, vermischt werden sollte, und wählte mit seinem gewöhnlichen Geschmack einen schönen und wilden Platz des Thales, worin seine Einsiedelei stand, zu seinem Begräbnis. Indes veränderte er später seine Ansicht, und ward endlich in dem gewöhnlichen Be- gräbnißplatz von Manor beerdigt. Der Verfasser hat Elshic einige Eigenschaften ertheilt, worin er in den Augen des Volkes als ein Mann von übernatürlicher Macht erschien. Das gewöhnliche Gerede machte David ein ähnliches Compliment, denn einige arme und unwissende Leute ebensowohl, wie die Kinder der Nachbarschaft, hielten ihn für einen sogenannten Gcisterbeschwörer. Er selbst schien eine solche Vorstellung nicht ungern zu sehen: sie erweiterte den sehr beschränkten Kreis seiner Macht und befriedigte insoweit seinen Stolz; sie schmeichelte seinem Menschenhaß, indem sie sein Vermögen, Schrecken oder Schmerz zu erregen, zu steigern vermochte. Jndeß war die Furcht vor Zauberei schon vor 30 Jahren sogar in einem rauhen schottischen Thale nicht mehr zeitgemäß. 7 David Ritchie gab vor, einsam liegende Plätze, besonders solche zn besuchen, wo Gespenster nach der Volkssage umgingen, und that sieb ans seinen Mnlh in dieser Hinsicht viel zn gute. Gewiß hätte er kein häßlicheres Wesen, wie er selbst war, antreffen können. Er war übrigens abergläubisch und pflanzte viele Eschen um seine Hütte als Schlitz gegen Zauberei; ebcndeßhalb wünschte er auch, daß Eschen auf sein Grab gepflanzt würden. Wie schon angegeben, liebte David Ritchie Gegenstände natürlicher Schönheit. Seine einzigen Günstlinge unter lebenden Wesen waren ein Hund und eine Katze, zu denen er besondere Anhänglichkeit hegte, und seine Bienen, die er mit großer Sorgfalt behandelte. Er nahm zuletzt eine Schwester zn sich, die in einer Hütte, dicht bei der seinigen, leben mußte; er erlaubte derselben aber nicht, die letztere zu betreten; sie war schwachen Geistes, aber nicht häßlich von Gestalt, einfach oder vielmehr einfältig, aber nicht, wie ihr Bruder, mürrisch oder sonderbar. David liebte sie niemals; dies; war seiner Natur nicht angemessen; er litt sic aber in seiner Nähe. Er ernährte sich und sie vom Verkauf der Produkte seines Gartens und seiner Bienenstöcke; zuletzt erhielten Beide eine Unterstützung vom Kirchspiel. Uebcrhaupt konnten Personen in der Lage Davids und seiner Schwester bei dem damaligen einfachen und patriarchalischen Zustande des Landes aus Unterstützung rechnen. Sie brauchte» sich nur an den nächsten Gutsherrn oder vermöglichen Pächter zu wenden, und konnten sich alsdann auf eine bereitwillige und gern crtheilte Befriedigung ihrer sehr mäßigen Bedürfnisse verlassen. David erhielt oft kleine Geschenke von Fremden, um die er niemals bat, die er aber auch nicht zurückwies; er schien niemals der Meinung zn sein, daß ihm dadurch eine Verpflichtung aufcrlcgt werde. 8 Auch besaß er allerdings ein Recht, sich selbst als einen Armen zn betrachten, dem die Natur einen Anspruch darauf crtheilte, daß seine Nebenmenschen ihn ernähren mußten; seine Mißgestalt verschloß ihm ja jeden gewöhnlichen Weg, sich selbst durch eigene Arbeit zn unterhalten. Außerdem hing in der Muhle ein Sack für Nitchie; Alle, welche ein Malter Mehl heim- brachten, unterließen es selten, eine Handvoll in den Almosensack des entstellten Krüppels zu werfen. Kurz, David brauchte weiter kein Geld, als zum Ankauf des Schnupftabaks, seines einzigen Luxusartikels, den er sehr reichlich brauchte. Als er im Beginn dieses Jahrhunderts starb, hatte er etwa 20 Pfund erspart. Diese Gewohnheit des Sparens war seinem Charakter sehr angemessen, denn Geld gibt Macht, und der Besitz der Macht war Davids Wunsch, als Entschädigung für seine Verbannung aus menschlicher Gesellschaft. Seine Schwester war noch am Leben, als die Erzählung herausgegcben wurde, deren Einleitung in diesen kurzen Angaben besteht. Der Verfasser hat mit Leidwesen erfahren, daß eine Art „lokaler Sympathie" und die Neugier, welche damals über den Verfasser des Waverley und den Stoff seiner Erzählungen allgemein war, die arme Frau öfteren Erkundigungen aussetzten, welche ihr peinlich waren. Wenn man sic über die Eigenthümlichkeiten ihres Bruders befragte, antwortete sie ihrerseits mit der Frage, meßhalb man die Todten nicht ruhen taffe? Anderen, welche mit Erkundigungen nach ihren Eltern sie bedrängten, gab sie Antwort in derselben Stimmung ihres Gefühles. Der Verfasser sah diesen armen und, man kann sagen, unglücklichen Mann im Herbst 1797. Er war damals durch die Bande genauer Freundschaft, die auch jetzt ihm verblieben ist, mit der Familie des ehrwürdigen Adam Ferguson, des Philosophen und Geschichtschreibers, verbunden, welcher damals im Manor-Thale ans dem Herrenhanse von Halyards, ungefähr eine Meile von Ritchic's Einsiedelei, wohnte. Als der Verfasser mehrere Tage lang in jenem Herrenhausc verweilte, wurde er mit diesem sonderbaren Einsiedler bekannt gemacht, den Ferguson als einen außergewöhnlichen Charakter betrachtete und in verschiedener Weise, besonders in gelegentlicher Darleihung von Büchern, unterstützte. Obgleich der Geschmack des Bauern und Philosophen, wie man sich denken kann, nicht immer übereinstimmte, betrachtete ihn Ferguson als einen Mann von gewaltigen Gcistesgaben und originellen Ideen, dessen Seele jedoch von ihrer wahren Richtung durch vorherrschende Selbstliebe und Eigendünkel abgewandt, durch das Bewußtsein der Lächerlichkeit und Verachtung verbittert war, und sich an der Gesellschaft, wenigstens in Gedanken, durch finsteren Menschenhaß, rächte. David Ritchic, so lange er lebte, in unbemerkter Stellung, war schon mehrere Jahre todt, als der Verfasser auf den Gedanken kam, ein solcher Charakter könne in einem Romane große Wirkung Hervorbringen; somit entwarf er denjenigen Elshie's von Mucklestane Moor. Er wollte die Geschichte mehr ausdehnen und die Katastrophe künstlicher hcrbeiführen; ein Freund jedoch, dem er das Werk während der Ausarbeitung vorlegte, war der Meinung, daß die Idee des Einsiedlers zu abstoßend sei und den Leser eher mit Widerwillen wie mit Interesse erfüllen werde. Da nun der Verfasser guten Grund hatte, seinen Rathgeber als ausgezeichneten Richter der öffentlichen Meinung zu betrachten, schaffte er sich den Gegenstand dadurch vom Halse, daß er mit der Geschichte so schnell wie möglich zu Ende eilte; indem er somit eine Erzählung, 10 welche in zwei Theile» ausgefnhrt werden svlltc, in einem Theile fluchtig hinwarf, hat er vielleicht einen Roman geschrieben, welcher ebenso unverhältnißmäßig und verdreht, wie der schwarze Zwerg, sein Gegenstand, ausgesiihrt worden ist. Erstes Kapitel. „Hast du etwas von Philosophie i» deinem Kopfe, Schäfer?" „Wie Ihr wollt." Es war ein schöner Aprilmvrgcn (ausgenommen, das; cs die Nacht zuvor stark geschneit hatte und der Boden mit einem blendenden Mantel von sechs Fnß Tiefe bedeckt war), als zwei Reiter auf das Wirthshaus zum Wallace zu ritten. Der Erstere war ein starker, schlanker, großer, kräftiger Mann, in einem grauen Reiterrock mit einem von Wachstuch bedeckten Hut, einer großen Pferdepeitsche mit silbernem Griff und dicken, wollene» Ueberziehhosen. Er saß auf einer großen, starken, braunen, rauhhaarigcn aber gut gehaltenen Stute mit einem Sattel vom Schnitt der Landmiliz und einem militärischen Zaum mit doppeltem Gebiß. Der Mann, der ihn begleitete, war offenbar sein Diener; er ritt einen schäbigen, kleinen, grauen Klepper, trug eine blaue Mühe auf dem Kopf, ein großes, gewürfeltes Tuch um den Hals gewunden, lange, blaue Strumpfhosen anstatt der Stiefeln, zeigte Hände ohne Handschuhe, die stark mit Theer befleckt waren, und beobach- tcte gegen seinen Gefährten eine achtungsvolle Haltung, ohne jedoch jene Anzeichen von genauer Unterordnung zu äußern, welche zwischen Le uten höheren Standes und Bedienten stattfinden. Im Gegentheil, die zwei Reisenden ritten zusammen in den Hof, und der Schlußsatz des Gespräches, das sie zwischen sich geführt hatten, war ein vereinigter Ausruf: „Gott schütze uns, was soll ans den Lämmern werden, wenn dies; Wetter anhält!" Der Wink war für den Wirth genügend, welcher vortrat, um das Pferd der Hauptperson zu halten; er ergriff dessen Zügel, als letztere abstieg, während der Stallknecht dem Begleiter jenes Reiters denselben Dienst erwies, hieß die Fremden „Willkommen in Gandercleugh," und fragte in demselben Athen;, „was gibt's Neues in den südlichen Hochlanden?" „Neuigkeiten?" fragte der Fremde, „genug Neuigkeiten, nach meiner Meinung; wenn wir die Mutterschafe durchdrungen, so ist das Alles, was wir thnn können, w;r müssen sogar die Lämmer der Sorgfalt des schwarzen Zwergs überlassen." „Ach, ach," fügte der alte Schäfer hinzu (denn dies; war er), indem er den Kopf schüttelte, „er wird diese Jahrszcit mit den Fellen gefallener Lämmer viel zu thnn haben." „Der schwarze Zwerg?" fragte des Verfassers gelehrter Freund und Beschützer, Herr Zedckias Cleishbothan. „Was für eine Art Person mag er sein." „Still, still," erwiderte der Pächter, „Ihr habt vom weisen Elshie, vom schwarzen Zwerg schon viel gehört, oder ich müßte mich sehr irren. Die ganze Welt erzählt von ihm, allein das ist dennoch nur toller Unsinn, ich glaube kein Wort davon, vom Anfang bis zum Ende." „Euer Vater aber glaubte doch daran steif und fest," sagte 13 der alte Mann, dem die Zmeifelsncht seines Herrn offenbar mißfiel. „Ja, sehr wahr, aber dies; war znr Zeit der Heidschnucken; in jenen Tagen glaubte man sehr viele sonderbare Dinge, um die sich Niemand mehr bekümmert, seit die langhaarigen Schafe eingcfnhrt wurden." „Desto schlimmer, desto schlimmer," sagte der alte Mann, „Euer Vater, wie ich Euch oft gesagt habe, Herr, würde sich sehr geärgert haben, hatte er gesehen, wie der alte Stall zum Schasschcercn abgebrochen wurde, um steinerne Mauern um den Park zu bauen, und den schönen, einst mit Ginster bewachsenen Hügel, wo er so gerne des Abends saß, mit seinem Mantel angethan, und ans die Kühe, wie sie den Abhang hinabkamen, blickte, den schönen Hügel mochte er jetzt nicht sehen, wie der sonnige Platz nach der heutigen Mode gänzlich mit dem Pfinge nmgewühlt ist." „Still, Bauldie," erwiderte sein Herr, „trink das Glas Branntwein, das dir der Wirth bringt, und bekümmere deinen Kopf nicht mit dem Wechsel in der Welt, so lang es dir gut geht und du dich pflegen kannst." „Auf Eure Gesundheit, ihr Herren," sagte der Schäfer, und nachdem er das Glas genommen und beobachtet hatte, daß der Branntwein achtes Gebräu war, fügte er hinzu, „wahrhaftig, Unsereins darf sich sicherlich kein Urthcil anmaßen, aber der mit Ginster bewachsene Hügel da war ein schöner Hügel, und gab den Lämmern einen guten Schutz an einem so kalten Morgen wie diesem." „3a," sagte sein Herr, „aber Ihr wißt, wir müssen jetzt Rüben pflanzen statt langhaarige Schafe zu halten, Bruder, und hart arbeiten, um sie zu bekommen, sowohl mit dem Pflug wie mit der Hane, und es wäre ein schlechter Haushalt, setz- 14 ten wir uns auf den mit Ginster bewachsenen Hügel, und schwatzten über schwarze Zwerge und trieben wir dergleichen Zeitvertreib, wie es vor Zeiten Sitte war, als die kurzen Schake in der Mode waren." „Ja wohl, Herr," sagte der Diener, „knrze Schafe brachten kurze Renten." Hier fiel der würdige und gelehrte Patron in das Gespräch ein mit der Bemerkung, er könne im Punkt der Länge keinen wesentlichen Unterschied zwischen einem Schafe und einem andern angeben." Dieses erregte ein lautes und rauhes Gelächter von Seiten des Pächters, und von Seiten des Schäfers einen starren Blick des Erstannens. „Es ist die Wolle, Mann, und nicht das Schaf selbst, wefihalb man es lang oder kurz nennt. Wenn Ihr den Rücken der Schafe messen wollt, so würden die kurzen den längsten Leib von den beiden haben, aber es ist die Wolle, welche die Pachtrente heutzutage anfbringt, und dabei hat man große Noth." „Wahrhaftig, Banldic, sagt die Wahrheit, kurze Schafe machen kurze Rente»; mein Vater zahlte als Pachtzins nur 60 Pfund und jetzt kömmt er mir auf 300 Pfund bei Heller nnd Pfennig." „Das ist sehr wahr, aber ich habe keine Zeit, hier zu schwatzen, bringt uns unser Frühstück nnd seht nach unfern Rappen. Ich will zu Christye Wilsons Pachtgnt reiten und versuchen, ob ich mit ihm über den Kanfschilling Übereinkommen kann, den ich ihm für seine einjährigen Scbafe geben will; wir hatten sechs Krüge Bier auf dem Jahrmarkt in St. Boswell um den Handel zu schließen, getrunken, und konn- 15 tcn nicht auf die eine oder andere Weise über die Einzcln- heitcn einstimmig werden, so viel Zeit wir uns auch dabei nahmen. Ich zweifle, ob wir Eins werden, aber hört, Nachbar, (die Worte waren an meinen würdigen und gelehrten Patron gerichtet,) wenn Ihr über lange oder kurze Schafe etwas hören wollt, so bin ich um Ein Uhr znm Essen wieder hier; oder wenn Ihr alte Geschichten vom schwarzen Zwerg und dergleichen vernehmen, und den Banlvie dort mit einem halben Kruge bcwirthen wollt, so wird er so munter wie eine Kindcrklappcr schwatzen, und ich will Euch selbst mit einem Kruge bewirthen, wenn ich meinen Handel mit Christye Wilson schließen kann." Der Pachter kehrte zur bestimmten Zeit zurück, und mit ihm kam Christye Wilson, denn beide waren glücklicherweise über die streitigen Punkte ohne Mitwirkung der gelehrten Herren des Rechtes eins gcwoi den. Mein gelehrter und würdiger Freund blieb nicht aus, wegen der Erquickungen, welche sowohl seiner Seele wie seinem Leibe verheißen waren, obgleich er an letzteren nur in sehr mäßigem Grade Theil nimmt; die Gesellschaft, der sich auch der Herr Wirth anschloß, blieb bis spät am Abend sitzen und würzte ihr Getränk mit manchen trefflichen Erzählungen und Gesängen. Der letzte Vorfall, dessen ich mich erinnere, war ein Fall, wodurch mein gelehrter und würdiger Patron von seinem Stuhle hinab sank, gerade als er eine lange Vorlesung über Mäßigkeit geschlossen hatte, indem er zwei Verse ans dem Gedicht: „Der sanfte Schäfer" zitirte, die er mit sehr vielem Glück von dem Laster des Geizes auf das der Trunkenheit übertrug. „Hast du genug, wird sanfter Schlummer walten, Du kannst znoicl mit Qual allein behalten." 16 Im Lauft des Abends wurde der schwarze Zwerg ") nicht vergessen, und der alte Schäfer Bauldie erzählte so manche Geschichten von ihm, das; dieselben viel Interesse erregten. Es Der jetzt beinahe vergessene schwarze Zwerg wurde einst vvn den Thalbewohncr» der Grenze für eine furchtbare Persvn gehalten; cs wurde demselben alles Unheil aufgebürdct, welches die Schafe oder das Rindvieh rraf. vr. Leyden, welcher in einem seiner Gedichte häufig vv» der Sage Gebrauch macht, bezeichnet ihn als einen Kobold vvn der boshaftesten Art. Die letzte und am meisten authentische Nachricht über dieses gefährliche und gehcimnißvvllc Wesen findet sich in einer Erzählung, die der ausgezeichnete Antiquar Richard SnrtceS, Verfasser der Geschichte des BiSthnmS Dnrham, dem Verfasser dieser Erzählung mit- thcilte. Nach der Sage gingen zwei junge Northumbrier auf die Jagd und drangen tief in die gebirgigen Moorländer, welche an Northnmbcrland grenzen. Sie fetzte» sich in ei» kleines Thal an einen Bach, um Erfrischungen einzunehmen. Nachdem sic dort die Speisen genossen hatten, die vv» ihnen mitgebracht waren, fiel der Eine vvn ihnen in Schlaf; der Andere wollte die Ruhe feines Freundes nicht stören, und verließ in der Stille das Thal mit der Absicht, sich umznfchcn, als er sich plötzlich zu seinem Erstaunen neben einem Wesen befand, welches nicht z» dieser Welt zu gehören schien. Es war der scheußlichste Zwerg, den jemals die Sonne beschienen hat. Sein Kopf war von vollkommener Menschcngröße, und bildete einen furchtbaren Gegensatz zu seiner Höhe, die viel weniger wie vier Fuß betrug. Der Kopf hatte keine andere Decke, wie langes, geflochtenes, rothcS Haar, welches dick wie der Filz von Dachshaarcn, eine röthlichbraunc Farbe, ähnlich derjenigen des blühenden Heidekrautes hatte. Seine Glieder schienen ungemein kräftig; auch zeigte er sonst keine andere Entstellung, wie das Mißverhältnis; in der Dicke derselben zu seiner geringen Höhe. Der erschreckte Jäger starrte die furchtbare Erscheinung an, bis jenes Wesen mit dem Ausdruck des Zornes im'Antlitz an ihn die Frage richtete, „nach welchem Recht er in diese Hügel dringe und deren harmlose Einwohner tödte?" Der erschreckte Jäger bemühte sich, den zornigen Zwerg zu besänftigen, indem er ihm anbot, sein Wild ihm zu überliefern, wie er einem irdischen Herrn der Gegend gegenüber verfahren sein würde. Der Bor- 17 zeigte sich auch, aber nicht eher, als bis die dritte Punsch- boole geleert mar, daß viel von der Zmeifelsncht des Pächters auf Vorstellung beruhte, wie denn auch freisinniges Denken und Freiheit von alten Vornrtheilen einem Manne wohl an- stand, welcher 300 Pfund jährlichen Pachtzins zahlte; in Wirklichkeit aber lauerte der Glaube an die Ucberlieferungcn seiner Ahnen im Hintergründe. Nach meiner gewöhnlichen Weise erkundigte ich mich bei andern Personen, welche mit dem wilden Hirtendistrikt in Verbindung standen, worauf der Schauplatz der folgenden Erzählung verlegt ist. Ich war so glsick- schlag erhöhte allein den Zern des Zwerges, welcher angab, er sei der Herr dieser Berge und der Beschützer der wilden Geschöpfe, die eine Zuflucht in deren einsamen Schluchten fänden; jedes Geschenk, welches vom Tode oder vom Elend derselben herstamme, sei ihm abscheulich. Der Jäger demüthigte sich vor dem zornigen Kobold, und beruhigte zuletzt denselben durch Versicherung seiner Unschuld und seines Entschlusses, sich später solchen Eindringens in diese Gegend zu enthalten. Der Kobold wurde jetzt gesprächiger, und sprach von sich, als gehöre er zu einer Art von Wesen, die zwischen dem Geschlecht der Engel und den Menschen in der Mitte ständen. Er fügte ferner hinzu, was man kaum hätte vermnthen sollen, daß er Hoffnung habe, die Erlösung von Adams Geschlecht zu thcilcn, er drängte den Jäger mit Bitten, daß er seine Wohnung besuche, welche nach seiner Versicherung dicht in seiner Nähe war, und verpfändete sein Wort, daß jener glücklich heimkehren werde. I» diesem Augenblick aber ließ des Jägers Freund seinen Nus ertönen, und der Zwerg, als wolle er nicht, daß mehr wie Eine Person seine Gegenwart schauen, verschwand, als der junge Mann aus dem Thale hervor kam, um seinem Genossen sich anzuschlicßcn. Diejenigen, welche in diesen Dingen am meisten erfahren sind, sind allgemein der Meinung, daß der Jäger, wenn er den Kobold begleitet hätte, ungeachtet der schönen Versprechungen des Zwerges, entweder zerrissen oder Jahre lang in den Schluchten eines FecnbergcS cingcmaucrt worden wäre. Dicß ist der letzte und am meisten authentische Bericht über die Erscheinung des schwarzen Zwergs. Der schwarze Zwerg. 2 18 lich, viele Glieder der Geschichte aufzufindcn, die man nicht allgemein kennt, und die wenigstens einigermaßen die übertriebenen wunderbaren Beigaben erklären, womit sie der Aberglaube in den gemeineren Ueberliefernngen ansgeschmückt hat. Zweites Kapitel. Könnt Ihr denn sonst kein andres Wese» jetzt Als das Gespenst von Hearne dem Jäger brauchen? Die lustigen Weiber von Windsor. In einem der entlegensten Distrikte des Südens von Schottland, wo eine gedachte und über die Gipfel hoher und kahler Berge gezogene Linie dies Land von seinem Schwesterkönigreich trennt, kehrte ein junger Mann mit Namen Halbert oder Hobbie Elliot von der Rehjagd zurück. Er rühmte sich von Martin Elliot, dem Herrn des Preakin Tower abzustammen, der in der Sage und im Gesänge der Grenzdistrikte berühmt ist. Das Rothwild, einst so zahlreich in diesen Einöden, war jetzt auf wenige Rudel vermindert, die in den entlegensten und unzugänglichsten Schluchten Zuflucht suchten, so daß ihre Verfolgung in gleicher Weise mühsam, wie ungewiß im Erfolg war; dennoch fanden sich noch viele junge Leute im Lande, welche diese Jagd ungeachtet aller Gefahren und Mühen eifrig betrieben. Das Schwert ruhte an der Grenze schon länger wie hundert Jahre durch die friedliche Vereinigung der Kronen unter Jacob I., König Großbritanniens, in der Scheide. Das Land aber zeigte noch Spuren von dem, was es früher war; 19 die Einwohner, deren friedliche Beschäftigungen durch die Bürgerkriege des vorhergehenden Jahrhunderts unterbrochen wurden, hatten sich kaum an eine regelmäßige Thätigkeit gewöhnt; die Schafzucht war noch nicht in beträchtlicher Ausdehnung eingeführt; die Hügel und Thäler wurden hauptsächlich nur zu Haltung von Rindviehheerden benutzt. Der Pächter säetc nur bei seinem Hanse so viel Hafer und Gerste wie er zum Mehl für seine Familie brauchte; die ganze ungeschickte und unvollkommene Bewirthschaftnngsweise stellte ihm und seinem Bedienten viel Zeit zur Verfügung. Die jungen Leute verbrachten dieselbe gewöhnlich im Jagen und Fischen; der aben- thenerliche Geist, welcher früher zu Raubzügen und feindlichen Einfällen in denselben Distrikten anfreizte, ließ sich noch in dem Eifer entdecken, womit jene jungen Leute der Jagd sich Hingaben. Zur Zeit, als unsere Erzählung beginnt, erwarteten die kühneren Jünglinge eher mit Hoffnung wie mit Furcht eine Gelegenheit, um mit den kriegerischen Thatcn ihrer Väter zu wetteifern, deren Erzählung ihr hauptsächlichstes Vergnügen zu Hanse.bildete. Die Annahme der sogenannten Sicherheitsakte von Seiten des schottischen Parlamentes hatte in England Beunruhigungen hervvrgerufen, da jene Akte auf eine Trennung der beiden brittifchen Königreiche nach dem Tode der damals regierenden Königin Anna hinzuweisen schien. Godolphin, welcher damals an der Spitze der englischen Regierung stand, sah voraus, daß die wahrscheinliche Gefahr eines Bürgerkrieges sich nur dadurch vermeiden ließ, daß eine Vereinigung beider Königreiche zu einem einzigen Staatskörper durchgeführt würde. Man mag aus der Geschichte dieser Periode sich mit den Umständen bekannt machen, unter denen die Verhandlungen stattfanden, während einige Zeit dieselben nicht die S" 20 günstigen Resultate verhießen, welche seitdem in so großer Ausdehnung cingetrete» sind. Hier bemerken wir nur, daß ganz Schottland über die Bedingungen erzürnt war, unter denen das Parlament in Edinburg die Nationalunabhäugigkeit preisgegeben hatte. Die allgemeine Erbitterung veranlaßte die sonderbarsten Verbindungen der Parteien und die Entwertung der wildesten Pläne. Die Cameranier standen im Begriff, die Waffen für die Wiedereinsetzung des Hauses Stuart zu ergreifen, welches sie mit Recht als eine Familie von Unterdrückern betrachteten; die Jntriguen jener Zeit boten das sonderbare Bild von Cabalen der Katholiken, der Anhänger der englischen Kirche und der Presbyterianer, welche vereint dieselben gegen die englische Regierung bei dem gemeinsamen Gefühle schmiedeten, daß ihr Vaterland mit Ungerechtigkeit behandelt worden sei. Eine heftige Gährung herrschte überall, und da die Bevölkerung Schottlands nach der Sichcrheitsakte in den Waffen allgemein geübt war, so war sie für den Krieg nicht wenig vorbereitet und erwartete nur die Erklärung Einiger aus dem so starken Adel, um offene Feindseligkeiten zu beginnen. Während dieser Periode öffentlicher Verwirrung eröffnet sich unsere Erzählung. Die Bcrgschlucht, in welcher Hobbie Elliot das Wild verfolgt hatte, lag schon in beträchtlicher Entfernung hinter ihm und er befand sich auf seiner Rückkehr nach Hause, als die Nacht einbrach. Dieser Umstand märe dem erfahrenen Jäger gleichgültig gewesen, da derselbe mit verbundenen Augen über jeden Zoll seiner heimathlichen Haide hätte wandern können, wäre nicht gerade ein Ort nahe gewesen, welcher nach den Ueberlieferungen der Gegend als der Schauplatz übernatürlicher Erscheinungen in außerordentlich schlechtem Rufe stand. Hobbie hatte seit seiner Kindheit den Erzählungen dieser Art ein auf- 21 merksames Ohr geliehen; und wie kein Theil des Landes eine solche Mannigfaltigkeit von Sagen darbot, so war auch Niemand in jenen Schrecken erregenden Erzählungen mehr bewandert, wie Hobbie vom Heugh-Foot; so hieß nämlich unser Held, um ihn von einem ganzen Dutzend Elliot's zu unterscheiden, welche denselben Tanfnahmen führten. Es waren deßhalb für ihn keine Anstrengungen des Gedächtnisses erforderlich, um ihn an die furchtbaren Vorfälle zu erinnern, welche mit der ausgedehnten Einöde, die er betreten wollte, in Verbindung standen. Auch drangen dieselben so lebhaft ans seine Erinnerung ein, daß er sich einigen Schreckens nicht erwehren konnte. Diese furchtbare Einöde hieß Mucklestane Moor nach einer großen Säule unbehauenen Granites, welche ihre massenhafte Spitze ans einer Anhöhe in der Mitte der Haide erhob, viel- lcicbt um von den gewaltigen Todten, die unter ihr schliefen, einige Kunde zu geben, oder um die Erinnerung an einen blutigen Kampf zu bewahren. Die Ursache ihrer Errichtung war jedoch vergessen; die mündliche Ucberlieferung, welche häufig ebensowohl Dichtung erfindet, wie die Wahrheit anfbewahrt, hatte die Lücke mit einer Sage ihrer Erfindung ansgefüllt, welche jetzt in das Gedächtnis; Hobbie's eindrang. Der Boden um den Pfeiler war mit vielen großen Blöcken derselben Steinart wie die Säule dicht bestreut; das Volk nannte dieselben nach dem Aussehen, welches ihre Zerstreuung auf der Haide darbot, die grauen Gänse von Mucklestanc-Moor. Die Sage erklärte den Namen und das Aussehen durch den Untergang einer berühmten und furchtbaren Hexe, welche diese Höhen in früheren Jahren oft besuchte, die Mutterschafe unzeitig lammen und die Kühe kalben ließ, und alle unheilvollen Tücken ausführte, welche Wesen dieser Art zugeschrieben wurden. Auf diesem Moor hielt sie ihre nächtlichen Feste mit ihren Schwester- 22 hexen; man zeigte noch Ringe ans dem Boden, wo weder Goas noch Haidekrant wuchs, denn der Rasen war durch die sengenden Hufe der Teufel beim Tanze gleichsam verkalkt. Einstmals soll diese alte Hexe über das Moor gegangen sein und eine Gänseheerde vor sich her getrieben haben, die sie mit Vortheil auf einem benachbarten Markte zu verkaufen gedachte. Der Teufel nämlich, wie man sehr wohl weiß, ist zwar freigebig in Mittheilnng seines Vermögens Unheil anzurichten, läßt aber sehr ungroßmüthig seine Verbündeten in solcher Lage leben, daß sie die niedrigsten ländlichen Arbeiten, um nnr leben zu können, vollbringen müssen. Der Tag war schon weit vorgerückt und die Möglichkeit einen guten Preis zu erlangen, hing von dem Umstande ab, daß die Hexe zuerst auf den Markt gelangte. Die Gänse waren zuerst in ziemlicher Ordnung einhergegangen. Als sie aber auf diesen weiten Gemeindeplatz kamen, der mit Sümpfen und Teichen nach jeder Richtung hin bestreut war, tauchten sie in das Element, worin sic so gerne verweilen. Die Hexe nun ärgerte sich über den Eigensinn, womit die Gänse alle ihre Bemühungen, sie zu sammeln, vereitelten; sie erinnerte sich gerade nicht der genauen Bedingungen des Contraktes, unter denen der Teufel sich zum Gehorsam gegen ihre Befehle ans eine gewisse Zeit verpflichtet hatte; in dieser Stimmung rief sie: „Satan, wenn sich doch die Gänse niemals mit mir von diesem Ort rührten!" Kaum waren diese Worte gesprochen, als eine Metamorphose so plötzlich wie irgend eine von Ovid, die Hexe und ihre widerspenstige Heerde in Stein verwandelte; der Engel, dem sie diente, hält bekanntlich streng auf Rechtsformen und benutzte daher eifrig eine Gelegenheit, nm Leib und Seele bei ihr zu Grunde zu richten, indem er ihrem Befehle wörtlich gehorchte. Als sie nun dies erkannte und die stattfindende Verwandlung empfand, 23 soll sie dem verrätherischen bösen Geiste zugernfen haben: „v du falscher Dieb, lange Zeit hast du mir einen grauen Rock versprochen und jetzt bekomme ich einen, der i» Ewigkeit dauern wird." Auf den Umfang der Säule und der Steine wurde oft als auf einen Beweis des höheren Wuchses und der Körpergröße von alten Weibern und Gänsen in den Tagen der Vorzeit durch die Lvbredner der Vergangenheit verwiesen, welche die sehr erquickliche Meinung hegen, daß eine stufenweise Entartung des Menschengeschlechtes eintritt. Hobbic erinnerte sich an alle Einzelnheitcn dieser Sage, als er über das Moor ging. Er erinnerte sich auch, daß der Ort seit dem Eintreten jener Katastrophe wenigstens nach dem Einbruch der Nacht von allen menschlichen Wesen als der Tummelplatz vermieden wurde, wo Ziegenböcke, Kobolde und andere Geister, einstmals die Genossen der Hexe, bei deren Tcnfels- gelagen noch immer ihre Zusammenkünfte hielten, als ständen sie noch im Dienste ihrer verwandelten Gebieterin. Hvbbie's natürlicher Muth bekämmpfte jedoch mit Mannhaftigkeit diese zudringlichen Empfindungen der Furcht. Er rief ein Paar großer Hühnerhunde an seine Seite, welche die Gefährten seiner Jagd waren und nach seinem eigenen Ausdruck, weder Hund noch Teufel fürchteten; er besah sich das Zündkorn auf seinem Gewehr und pfiff, wie der Narr von Hallowe'en das kriegerische Lied vom Jock, ebenso wie ein General die Trommeln wirbeln läßt, um den zweifelhaften Mnth seiner Soldaten zu erhöhen. In diesem Zustand seiner Seele vernahm er mit Vergnügen hinter sich die Stimme eines Freundes, welcher ihm vorschlug, sein Gefährte unterwegs zu sein. Er ging langsamer und wurde bald von einem jungen Manne eingeholt, den er wohl kannte, einem Herrn, der in jener entfernten Gegend als 24 »ermöglich galt, und welcher derselben Beschäftigung wie er selbst nachgegangen war. Der jnnge Herr Earnseliff, „ein Mann von demselben Schlage", war kürzlich großjährig geworden und hatte ein mäßiges Vermögen erhalten, welches znm großen Thcil durch den Antheil verschleudert war, welchen seine Familie an den bürgerlichen Unruhen jener Zeit genommen hatte. Die Familie genoß jedoch viele und allgemeine Achtung im Lande, und dieser junge Herr schien auch geeignet, den guten Ruf derselben zu erhalten, denn er war wohl erzogen und besaß ausgezeichnete Charakter-Eigenschaften. „Nun, Earnseliff," rief Hobbie, „es ist mir lieb, daß ich Euer Gnaden begegne; Gesellschaft ist ein Glück auf einem so öden Moor wie diesem, der Platz wird von Kobolden heim- gesucht; wo habt Ihr gejagt?" „Auf dem Carla-Clengh, Hobbie," erwiderte Earnseliff, indem er dessen Gruß znrückgab, „aber glaubt Ihr, daß Enre Hunde den Frieden halten?" >,Ja," sagte Hobbie; „sie können kaum auf Einem Beine stehen; wahrhaftig ich glaube, daß die Hirsche und Rehe ans dem Lande geflohen sind; ich bin sogar bis Znger-fell-fovd gekommen und habe kein Geweih gesehen, mit Ausnahme zweier toller Hirschkühe, die mich niemals znm Schuß kommen lassen, obgleich ich den Umweg einer Meile machte, um ihnen den Wind abznfangen. Ich mache mir nichts draus, indessen möchte ich gerne einiges Wildpret für unsere alte Großmutter haben. Die alte mürrische Frau sitzt dort im Winkel und schwatzt über die gewaltigen Jäger früherer Zeiten. Wahrhaftig, ich glaube, daß diese alles Wild im Lande getödtet haben." „Schon gut, Hobbie, ich habe einen fetten Rehbock geschossen und ihn heute Morgen nach Earnseliff gesandt; Ihr sollt die Hälfte davon für Enre Großmutter haben." 25 „Vielen Dank, Heer Patrik, das ganze Land kennt Euer gntes Herz, die alte Fra» wird sich freuen, nm so mehr, wenn sie hört, daß der Braten von Euch kam, aber noch mehr, wenn Ihr selbst Euch cinstellen wollt, um Euren Antheil daran zu verspeisen, denn gewiß lebt Ihr seht einsam im alten Thurm, während Eure Familie in dem widerlichen Edinburg ist. Ich wundere mich, wie Leute, die auf ihren eigenen schönen grünen Hügeln wohnen können, sich unter Reihen von steinernen Häusern mit Schieferdächern behaglich finden." „Meine Erziehung und die meiner Schwester hat meine Mutter genöthigt, mehrere Jahre lang in Edinburg zu wohnen, aber ich verspreche Euch, daß ich die verlorne Zeit wieder ein- bringen werde." „Sie müssen auch den alten Thurm ein wenig ansschmücken lassen," sagte Hobbie, „sowie herzlich und nachbarlich mit den alten Familienfrennden leben, wie es dem Gutsherrn von Earnscliff geziemt. Ich kann Euch sagen, meine Mutter (ich meine meine Großmutter, denn bisweilen nennen wir sie so, seit wir unsere eigene Mutter verloren) wohl, meine Großmutter bildet sich ein, daß sie mit Euch in keiner zu entfernten Verwandtschaft steht." „Sehr wahr, Hobbie, und ich werde morgen von ganzem Herzen zum Mittagessen nach Heugh-foot kommen." „Wohl, das ist eine höfliche Antwort, wir sind alte Nachbarn, wenn auch nicht verwandt; meine gute Großmutter sehnt sich darnach, Euch in unserem Hause zu haben, sie spricht über Euren Vater, der vor langer Zeit getödtet wurde." „Still, still, Hobbie, kein Wort darüber, die Geschichte wird besser in Vergessenheit begraben." „Ich weiß nicht, wäre unseren Leuten der Fall begegnet, so hätten wir ihn manchen Tag im Gedächtnis; behalten, bis 26 wir einige Ausgleichungen dafür erlangt haben würden; allein ihr Herren von Stande kennt am besten eure eigenen Wege, ich habe gehört, daß Ellieslaw's Freund Euren Vater erstach, nachdem der Gutsherr selbst ihm seinen Degen entwunden hatte." „Pfui, Hobbie, es war ein thörichter Zank, der durch Wein und Politik entstand; viele Degen waren gezogen, es ist unmöglich anzngcben, wer den Stoß ansführtc." „Jedenfalls hat der alte Ellieslaw dabei geholfen und aufgereizt; sicherlich, wenn Ihr Lust hättet, Rache zu nehmen, so könnte Euch Niemand das Unrecht znschreiben, denn Eures Vaters Blut klebt an seinen Nägeln; außerdem gibt es Niemand sonst, dem es daran gelegen wäre, Rache zu nehmen, und Jener ist außerdem noch ein Jacobit und Episkopale. Ich kann Euch sagen, die Landlente erwarten, daß zwischen euch etwas vergeht." „Schämt Euch, Hobbie!" erwiderte der junge Gutsbesitzer, „Ihr gebt vor, religiös zu sein, und reizt dennoch Euren Freund, das Gesetz zu verletzen und mit eigener Hand Rache zu nehmen, noch dazu an einem von Geistern heimgesuchten Orte, wo wir nicht wissen können, welche Wesen ans uns horchen!" „Stille, stille!" sagte Hobbie, indem er sich seinem Gesellschafter mehr näherte, „an so etwas dachte ich nicht, ich kann jedoch ein wenig errathen, was Eure Hand znrückhält, Herr Patrik. Wir wissen Alle, daß es kein Mangel an Muth ist, sondern es sind die zwei grauen Augen eines schönen Mädchens, der Miß Jsabella Vere, die Euch so ruhig halten." „Ich versichere Euch, Hobbie," sagte sein Reisegefährte etwas ärgerlich, daß Ihr Euch hierin irrt; Ihr habt sehr Unrecht, einen solchen Gedanken zu hegen oder nur auszusprechen, ich werde durchaus nicht gestatten, daß man sich herausnimmt, meinen Namen mit demjenigen irgend einer jungen Dame zu verknüpfen." „So, so," erwiderte Elliot, „sagte ich nicht, es sei kein Mangel an Feuer, wodurch Ihr so sanft geworden seid? Schon gut, ich wollte nicht beleidigen, allein cs gibt Etwas, das Ihr Euch wohl merken könnt, wenn ein Freund es sagt. Veralte Laird von Ellieslaw hat sein altes Abenteurer-Blut in seinem Herzen weit heißer wie Ihr. Wahrhaftig er begreift nichts von jenen neumodischen Ansichten über Frieden und Ruhe. Er ist für das alte Verfahren des Ueberfallens und Wegelagerns, und hat hinter sich einen Schwarm kräftiger Burschen, die er in guter Laune und voll Liebhaberei am Unheil wie junge Füllen hält. Wo er das Geld herbekvmmt, kann Niemand sagen; er lebt jedoch in Ueppigkeit und gibt weit mehr aus, wie ihm sein Gnt hier einbringt, indeß er bezahlt nach seiner Art. Bricht ein Aufstand im Lande aus, so ist er einer der Ersten; auch gedenkt er sehr wohl noch des alten Streits mit Euch. Ich vermnthe, daß er sich an dem alten Thurm von Earnscliff versuchen will." „Gut, Hobbie," antwortete der junge Herr, „wenn er so schlecht berathen ist, so will ich versuchen, den alten Thurm gegen ihn zu halten, ebenso wie vor Zeiten Leute die besser waren wie ich, ihn gegen Leute siegreich vertheidigten, die besser waren wie er." „Sehr gnt, sehr gut, jetzt redet Ihr wie ein Mann!" bemerkte der kräftige Reiter der Landmilitz, „wenn das so sein soll, so braucht nur Euer Diener die große Glocke im Thurme zu schwingen, dann werde ich mit meinen zwei Brüdern und David von Steuhouse mit aller Macht zu Euch kommen, die wir sv schnell wie ein Gewehrschloß zuschnappt, zusammen bringen können." „Ich danke Euch, Hobbie," sagte Earnscliff, „ich hoffe jedoch, daß wir keinen so unnatürlichen und unchristlichen Krieg zn unserer Zeit noch haben werden." „O Herr!" erwiderte Elliot, „es wäre nur ein kleiner Nachbarkrieg; Himmel und Erde wurden in dieser schlecht bebauten Gegend damit Nachsicht haben. Dergleichen liegt in der Natur des Landes und des Volkes, wir können nicht so ruhig wie die Londoner Bürger leben; wir haben nicht so viel zu thnn. Das ist unmöglich." „Wohl, Hobbie," sagte der Laird, „für Jemanden, der so fest wie Ihr an übernatürliche Erscheinungen glaubt, stellt Ihr wahrlich den Himmel etwas keck ans die Probe in Betracht des Moores, durch den wir seht gehen." „Was kümmert mich der Mucklestane-Moor mehr wie Euch, Earnscliff," sagte Hobbie etwas beleidigt. „Gewiß, man erzählt, daß eine Art Kobold und lang geschwänzte Dinge sich auf diesem Orte aufhalten, aber was kümmert's mich, ich habe ei» gutes Gewissen und wenig zn verantworten, wenn nicht etwa einen Zank unter Burschen oder eine Schlägerei auf einem Jahrmärkte, und das ist nicht der Rede werth. Obgleich ich es selbst sage, so bin ich ein so ruhiger Bnrsch und ein so friedlicher —" „Und Dick Tnrnbulls Kopf, den Ihr einschlngt, und Willie von Winton, ans den Ihr geschossen habt," fiel sein Reisegefährte ihm in die Rede. „Halt, Earnscliff, Ihr haltet ein Register über der Leute Unthaten . . . Dicks Kopf wurde geheilt und wir wollen den Zank in Jcddard am Krenzstege ansfechten, so daß die Sache auf friedlichem Wege beigelegt wird; mit Willie aber bin ich 29 wieder gut Freund; der arme Kerl, er bekam nur zwei oder drei Hagelkörner, ich ließe Jeden um eine Pinte Branntwein mir dasselbe anthun, aber Willie ist in den Niederlanden erzogen, der arme Kerl, und fürchtete zu schnell für sein Leben. Und was die Kobolde betrifft, wenn wir hier einen solchen treffen sollten —" „Das ist nicht unwahrscheinlich," sagte der junge Earns- cliff, „denn dort steht Eure alte Hexe, Hobbie." »Ich sage," fuhr Elliot fort, als ärgerte er sich über diesen Wink — „ich sage, wenn die alte Hexe gerade auf diesem Platze selbst ans dem Boden käme, so würde ich mich nicht mehr darum bekümmern, wie — aber Gott schütze uns, Earnscliff, was kann das sein?" Drittes Kapitel. Du Zwerg, der dort den Sumpf durcheilt, Sprich deines NnmenS Laute! »Des Moors Gespenst, das gern verweilt In duft'gem Haidekrautc. Joh. v. Leyden. Der Gegenstand, welcher den jungen Pächter in Mitte seiner Behauptungen erschreckte, beunruhigte sogar auf einen Augenblick seinen weniger in Vorurtheilen befangenen Gefährten. Der Mond, welcher während ihres Gespräches aufgegangen war, kämpfte gleichsam mit den Wolken und verbreitete nur gelegentlich ein zweifelhaftes Licht. Bei einem seiner Strahlen, welcher sich über die große Granitsäule, der sie jetzt nahe waren, ergoß, entdeckten sie eine scheinbar menschliche Gestalt, die aber eine geringere Größe wie die gewöhnliche zeigte; sie bewegte sich langsam unter den großen grauen Steinen, nicht wie eine Person, die einem bestimmten Ziele zugeht, sondern mit der langsamen, unregelmäßigen, wankenden Bewegnng eines Wesens, welches einen Ort von trauriger Erinnerung umschwebt; von Zeit zu Zeit ließ die Gestalt eine Art unbestimmten murmelnden Tones vernehmen. Dieß glich so sehr den Vorstellungen, welche Hobbie Elliot über die Bewegungen einer Erscheinung hegte, daß er still stand, während sein Haar auf seinem Schädel sich aufrichtete. Dann flüsterte 31 er seinem Gefährten zn, „es ist die alte Aillie selbst, soll ich ans sie schießen im Namen Gottes?" „Um des Himmes willen nein," sagte sein Gefährte, indem er das Gewehr niederhielt, welches jener znm Zielen schon anlegen wollte. „Um des Himmels willen, nein, es ist ein armes wahnsinniges Geschöpf." „Ihr seid selbst wahnsinnig, daß Ihr daran denkt, ihr so nahe zn kommen," sagte Elliot, indem er seinerseits seinen Gefährten zuriickhielt, als derselbe vorwärts gehen wollte, „wir werden gewiß noch Zeit haben, ein kleines Gebet zu sprechen, bevor sie die Strecke bis zu uns znrückgelegt hat. Wenn mir nur ein Gebet einfiele! Gott, sie hat keine Eile," fuhr er fort, indem er bei der Ruhe seines Gefährten und bei dem Verfahren der Erscheinung kühner wurde, welche sich wenig um sie zn kümmern schien. „Sie geht so lahm wie eine Henne auf einer heißen Hüh- nersteige; ich rathe Euch Earnscliff" (dieß fügte er in einem leisen Geflüster hinzu), „laßt uns einen Umweg machen, als wollten wir einem Hirsch den Wind abgewinnen. Der Sumpf hat nur eine Tiefe bis an's Knie, und besser ist ein weicher Weg, wie schlechte Gesellschaft." Earnscliff jedoch fuhr fort, ungeachtet des Widerstandes und der Vorstellungen seines Gefährten, auf dem ursprünglich eingeschlagenen Wege voranzuschreiten und stand bald dem Gegenstand seiner Nachforschung gegenüber. Die Höhe der Erscheinung, welche bei der Annäherung sich noch zu mindern schien, betrug weniger wie vier Fuß; ihre Gestalt, so weit sie sich bei dem unvollkommenen Lichte erkennen ließ, war beinahe ebenso breit wie lang, oder vielmehr eine Kugelform, welche nur durch merkwürdige persönliche Entstellung veranlaßt sein konnte. Der junge Jäger begrüßte zweimal diese außerordentliche Erscheinung, ohne eine Antwort zu erhalten, oder sich um das Kneipen seines Gefährten zu bekümmern, welcher sich bemühte, ihm eindringlich zu machen, das beste Verfahren bestehe darin, daß man weiter gehe, ohne ein Wesen oon so sonderbarem und übernatürlichem Aen- ßeren weiter zu stören. Auf die dritte wiederholte Frage: „Wer seid Ihr? was thut Ihr hier in dieser nächtlichen Stunde?" erwiderte eine Stimme, deren gelle, ranhe und übelklingenden Töne Ellivt um zwei Schritte zurückscheuchten und sogar seinen. Gefährten erschreckten: „Geht eurer Wege und fragt nicht Solche, die auch an euch keine Fragen richten." „Was thut Ihr hier so fern von einem Obdach? habt Ihr Euch auf Eurer Reise verspätet? wollt Ihr uns nach Hause folgen" („Gott behüte," rief Hobbic Elliot unwillkürlich ans), „so will ich Euch ei» Obdach geben?" „Lieber möcht' ich mich auf dem tiefsten Grunde des Tar- rasfluffes verbergen," flüsterte wieder Hvbbie. „Geht eurer Wege," begann wieder die Gestalt, indem der Zorn die Rauheit in den Tönen ihrer Stimme noch steigerte, „ich bedarf nicht eurer Wohnung; vor fünf Jahren ruhte mein Haupt in einer menschlichen Wohnung, und ich hoffe, es war das letzte Mal." „Er ist wahnsinnig," sagte Earnscliff. „Er sieht aus wie der alte Humphrey Ettercap der Klempner, welcher vor ungefähr fünf Jahren gerade in diesem Moraste nmkam," sagte sein abergläubischer Gefährte, „Humphrey hatte aber keinen so dicken Leib." „Geht eurer Wege," wiederholte der Gegenstand ihrer Neugier. „Der Athen, menschlicher Körper vergiftet die Lnft, 33 die mich umgibt, der Schall menschlicher Stimmen dringt durch meine Ohren wie scharfe Nadeln!" „Gott beschütze uns," flüsterte Hobbic, „daß die Todten eine so furchtbare Bosheit gegen die Lebenden hegen! Seine Seele muß sich, wie ich vermuthe, in elendem Zustand befinden." „Kommt Freund," sagte Earnscliff, „Ihr scheint einen starken Kummer zu erleiden; die Menschlichkeit gestattet nicht, daß wir Euch hier allein lassen." „Die Menschlichkeit!" rief das Wesen mit einem höhnischen Lachen, „wo habt ihr dies; Wort, um Andere zu locken, anfge- griffen — diese Schlinge für Scknepfcn — diese gewöhnliche Verkappung von Fallen für Menschen — dieser Köder, den der unglückliche Thor verschlingt nnd dann in ihm eine Angel mit zehnmal schärferen Widerhaken entdeckt, wie diejenigen, welche ihr bei solchen Thieren anmendet, die ihr wegen eurer Ueppig- keit mordet!" „Ich sage Euch, Freund," erwiderte Earnscliff, „Ihr seid unfähig, Eure Lage zu benrtheilen; Ihr werdet in der Wildnis; nmkommen, und wir müssen ans Mitleid Euch mit uns zu gehen zwingen." „Ich will nichts damit zu thnn haben," sagte Hobbie, „lasset das Gespenst seinen eigenen Weg gehen, um Gottes willen!" „Mein Blut komme über mein eigen Haupt, wenn ich hier umkomme," sagte die Gestalt; als sic bemerkte, daß Earnscliff darüber nachsann, ob er Hand au sie legen solle, fügte sic hinzu, „und euer Blut komme über euer Haupt, wenn ihr den Saum meiner Kleider berührt und mich mit den Flecken der Sterblichkeit beschmutzt!" Der schwarze Zwerg. 3 3 34 Der Mond schien glänzender, als jene Gestalt dies; sagte, und Earnscliff bemerkte, daß sie in der emporgestrecktcn rechten Hand eine Waffe hielt, welche in dem kalten Strahl wie die Klinge eines langen Messers oder wie der Lauf einer Pistole glänzte. Es wäre Wahnsinn gewesen, in dem Versuche gegen einen so bewaffneten Menschen zu beharren, welcher eine so verzweifelte Sprache führte. Ohnedem war es Earnscliff klar, daß er auf keine Hülfe von seinem Gefährten rechnen könne, denn dieser hatte ihn im Stich gelassen, um seine Angelegenheiten mit der Erscheinung, so gut er konnte, auszugleichen. Derselbe war einige Schritte auf seinem Heimwege weiter gegangen. Earnscliff wandte sich deßhalb um und folgte Hobbie, nachdem er ans den vcrmnthlichcn Wahnsinnigen noch einige Blicke hingewandt hatte. Dieser schweifte wild um den großen Stein umher, als habe die Unterredung seine Raserei gesteigert, und erschöpfte seine Stimme in Geschrei und Verwünschungen, welche wild über die öde Haide klangen. Die beiden Jäger gingen einige Zeit schweigend nebeneinander , bis sie jene rauhen Töne nicht mehr vernahmen; dieß geschah aber nicht eher, als bis sie eine beträchtliche Entfernung von der Säule znrückgelegt hatten, welche dem Moore den Namen ertheilte. Jeder machte im Geheimen seine besonderen Bemerkungen über den Auftritt, dessen Zeugen sie gewesen waren, bis Hobbie Elliot plötzlich ausricf: „Wohl, ich behaupte, daß jener Geist, wenn er ein Geist ist, im Fleische viel Böses gethan und gelitten hat, und daß dieß ihn jetzt in solcher Weise zu wüthen zwingt, nachdem er gestorben ist." „Mir scheint dieß der Wahnsinn des Menschenhasses zu 35 fein," sagte Earnscliff, indem er die Richtung seiner Gedanken anssprach. „Ihr glaubt also nicht, daß es ein Gespennst war," fragte Hobbie seinen Gefährten. „Nein, gewiß nicht." „Wohl, ich bin zum Theil selbst der Meinung, daß es ein lebendes Ding sein kann, aber so viel ich weiß, möchte ich nicht dafiirhalten, daß irgend Etwas einem Kobold ähnlicher sehe." „Jedenfalls," sagte Earnscliff, „will ich morgen hinreiten und Nachsehen, was ans dem unglücklichen Wesen geworden ist." „Bei Hellem Tageslicht?" fragte der Reiter der Miliz, „dann will ich mit Gottes Gnade Euch begleiten, hier aber befinden wir uns meinem Pachtgnte um zwei Meilen näher, als Eurem Hause; Ihr thut besser, mit mir heimzugehen; alsdann will ich meinen Burschen auf dem Klepper abschicken, um Euren Leuten sagen zu lassen, daß Ihr bei uns seid. Ich glaube, Euch erwartet Niemand, als die Bedienten und der Kater." „Gut, Freund Hobbie, ich will mit Euch gehen," sagte der junge Jäger, „und da ich nicht wissentlich die Ursache sein möchte, daß meine Bedienten während meiner Abwesenheit sich ängstigen oder der Kater kein Abendessen bekömmt, so werde ich Euch verbunden sein, wenn Ihr Euren Burschen, wie Ihr vorschlagt, absenden wollt." „Wahrlich, ich muß sagen, das ist gütig gehandelt; wir gehen also heim nach Heugh-fvot; meine Leute werden sich sehr freuen, Euch zu sehen." Nachdem Beide hierin überein gekommen waren, gingen sie mit schnellen Schritten etwas weiter. Als sie auf den Rücken eines ziemlich steilen Hügels gelangten, rief Hobbie Elliot aus : 3 * 36 „Nun, Earnsclisf, ich bin stets vergnügt, wenn ich auf diesen Platz komme; Ihr seht das Licht dort unten; dasselbe kömmt vom Fenster der Halle, wo die Großmutter, die alte geschwätzige Frau, ihr Spinnrad schnurren läßt. Seht Ihr dort das andere Licht, welches an den Fenstern sich rückwärts und vorwärts bewegt? Das ist meine Cousine, Grace Armstrong; sie ist in der Haushaltung zweimal so geschickt, wie meine Schwester; auch sagen diese cs selbst, denn sie sind so gut- müthige Mädchen, wie jemals ein junges Ding die Haide betrat; und die Großmutter sagt es auch, daß sie bei weitem thätiger ist und am besten in die Stadt zu Markt gehen kann, jetzt, wo die Großmutter das Hans nicht mehr verlassen darf. Von meinen Brüdern ist der eine fortgcgangen, um dem Lord Kammerherrn seine Aufwartung zu machen, und einer ist in Moß-phadraig, unserem Pacbthofe, den wir mit einem Anderen vermalten; er kann mit dem Rindvieh ebenso gut, wie ich selbst, umgehen." „Ihr seid glücklich, guter Freund, so viele treffliche Verwandte zu besitzen." „Wahrlich, das bin ich, — Grace macht mich dankbar, ich werde es nie vcrlängnen — Aber Earnscliff, Ihr seid ja ans gelehrten Schulen und ans der Universität in Edinburgh gewesen und habt dort gelernt, wo man am besten lernen kann — sagt mir doch — nicht daß die Sache mich im Besonder» beträfe — ich hörte aber den Prediger von St. John und unser» eigenen Pfarrer, die darüber ans dem Wintermarkte stritten, und wahrlich, sic sprachen Beide sehr wohl — nun, der Priester sagt, cs sei ungesetzlich, seine Cousine zu heirathen; ich kann jedoch nicht sagen, daß er nach meiner Meinung die Sprüche aus der Bibel halb so gut wie unser Pfarrer anführte — unser Pfarrer wird für den besten Gottesgelehrten ,»>d für den besten Irediger zwischen diesem Ort und Edinburgh gehalten — glaubt Ihr nicht, daß er Recht hatte?" „Gewiß, halten alle protestantischen Christen die Ehe für so frei, wie sie Gott nach dem mosaischen Gesetz ein- setzte; deßhalb, Hobbie, kann kein gesetzliches oder religiöses Hinderniß zwischen Euch und Miß Armstrong vorhanden sein." „Laßt den Scherz bei Seite, Earnscliff," erwiderte sein Gefährte, „Ihr werdet ja selbst zornig genug, wenn Euch Jemand aus einem zarten Fleck berührt. Ich fragte nicht in Bezug ans Grace, denn Ihr müßt wissen, sie ist nicht mein leibliches Geschwisterkind, sondern nur die Tochter von der Frau meines Oheims aus erster Ehe, somit ist sic mit mir nicht blutsverwandt, nur so etwas wie verschwägert. Jetzt aber sind wir am Shelling-hill. Ich will mein Gewehr abfeuern, um den Leuten im Hanse Kunde von meiner Ankunft zu geben; das ist immer meine Art: habe ich ein Stück Rothwild geschossen, so schieße ich zweimal, einmal für das Wildpret, und einmal für mich." Er schoß demgemäß sein Gewehr ab, worauf die Zahl der Lichter das Haus zu durchziehen und sogar vor demselben zu leuchten schien; Hobbie Ellivt zeigte seinem Gefährten eines derselben, welches aus dem Hause nach einem der Wirthschafts- gebäude zn gleiten schien. „Das ist Grace selbst," sagte Hobbie, „sie wird mir nicht an der Thür entgegen kommen, dafür bürge ich; sie wird aber dennoch fortgegangen sein, um nachzusehen, ob für meine Hunde, die armen Thiere, das Abendessen fertig ist." „Liebst du mich, so liebe meinen Hund," antwortete Earnscliff; Hobbie, Ihr seid ein glücklicher junger Mann." Diese Bemerkung wurde mit einem Etwas, wie mit einem Seufzer ausgesprochen, welcher dem Ohre -es Gefährten nicht entging. „Halt, andre Leute können ebenso glücklich sein, wie ich — wie habe ich gesehen, daß Miß Isabel Vere ihren Kopf nach Jemand hinwandte, als sic bei dem Wettrennen in Carlisle bei Jemand vorbeikam. Wer weiß, welche Dinge in dieser Welt Vorgehen können?" Earnscliff murmelte etwas wie eine Antwort; cs ließ sich jedoch nicht unterscheiden, ob er damit dem soeben ausgesprochenen Sähe seine Beistimmung gab, oder die Anwendung zu- rnckweiscn wollte; wahrscheinlich wünschte er selbst, daß seine Ansicht zweifelhaft und dunkel bleibe. Sie waren jetzt den breiten Pfad hinabgestiegcn, welcher, um den Fuß einer steilen Erhöhung gewunden, nach der Vorderseite des mit Stroh bedeckten aber behaglichen Pächtcrhanses führte, worin Hobbie mit seiner Familie wohnte. An der Thür drängten sich vergnügte Gesichter; die Erscheinung des Fremden stumpfte aber manchen Hohn ab, der für Hobbie's schlechten Erfolg bei der Jagd bereit gehalten war. Es herrschte einige Unruhe unter den drei schönen jungen Mädchen, von welchen eine jede einer anderen die Aufgabe, den Fremden in das Zimmer zu führen, znzuschieben suchte, während wahrscheinlich alle sehr eifrig an die Entweichung dachten, um einige kleine persönliche Anordnungen zu treffen, bevor sie sich einem jungen Herrn im Hansklcide zeigten, welches nur für ihren Bruder bestimmt war. Mittlerweite gab Hobbie Allen einen herzlichen und allgemeinen Verweis (Grace war nicht darunter); er riß das Licht aus der Hand einer jener ländlichen Koketten, als dieselbe in ihrer Hand ziemlich geschickt damit spielte, und führte seinen Gast in das Familienzimmer oder vielmehr in die Halle; da 39 nämlich der Ort früher ein zur Verteidigung bestimmtes Gebäude gewesen war, so war das Wohnzimmer gewölbt und gepflastert, feucht und unheimlich genug, im Vergleich mit den Wohnungen der Landlentc unserer Tage; da es aber durch ein großes hellbrennendes Feuer von Torf und Erlenholz gut erleuchtet war, schien es Earnsclifs ein bequemer Tausch mit der Dunkelheit und dem rauhen Winde des Hügels. Er ward höflich und mit wiederholten Bewillkommnungen von der ehrwürdigen alten Dame, der Gebieterin der Familie, empfangen, die mit Käppchen und Flügelhaube, enganschließendem und anständigem Rock aus Hausgespinnst, aber mit großer goldener Halskette und Ohrringen, sowohl eine Edeldame, als die Frau eines Pächters vorstellte, was sic auch Beides wirklich war, während sie, in dem Lehnstuhl mit Geflecht am Ende des großen Kamines sitzend, die Abendbeschäftigungen der jungen Mädchen und von zwei oder drei Hausmägden leitete, welche hinter ihren jungen Gebieterinnen saßen und fleißig die Spindeln trieben. Sobald Earnsclifs pflichtgemäß bemillkommt und der hastige Befehl zu einer Vermehrung des Abendessens gegeben war, eröffneten Hobbie's Großmutter und Schwestern gegen denselben ihre Batterie über sein schlechtes Glück auf der Jagd. „Jenny brauchte nicht ihr Küchenfeuer in Glut zu erhalten für dasjenige, was Hobbie nach Haus gebracht," sagte eine Schwester. „Wahrhaftig," sagte eine zweite, „die glimmende Tvrfasche, wenn sie gehörig angeblasen wird, könnte Hobbie's Wildpret «»richten." „Oder auch ein Lichterstumpf, wenn der Wind ihn anbliese," sagte eine dritte; „wäre ich an seiner Stelle, so würde 40 ich lieber eine schwarze Krähe heimbringcn, als dreimal ohne ein Hirschgeweih heimkehren, um damit zn prahlen." Hobbie wandte sich von der Einen zur Andern, indem erste abwechselnd mit Stirnrunzeln betrachtete, obgleich dieser Ausdruck durch ein Lächeln guter Laune im unteren Theil des Gesichts widerlegt wurde. Er bemühte sich sogar, die Frauen günstig zu stimmen, indem er das beabsichtigte Geschenk seines Gefährten erwähnte. „In meinen jungen Tagen," sagte die alte Dame, „hätte sich ein Mann geschämt, wäre er ohne einen Rehbock an jeder Seite seines Pferdes wie ein Krämer, der mit Kalbfellen handelt, heimgekehrt." „Ich wünsche nur, daß die alten Jäger uns einiges Wild zurückgelaffen hätten, erwiderte Hobbie," Eure Freunde haben, wie ich glaube, das Land von Wild gereinigt." „Ihr seht, andere Leute können Wild finden, wenn es auch Euch unmöglich ist, Hobbie," sagte die älteste Schwester, indem sie einen Blick auf den jungen Earnscliff warf. „Schon gut, Weib, hat nicht jeder Hund seinen Tag? — ich bitte Earnscliff um Verzeihung wegen dieses alten Sprüch- worts — Kann ich nicht ein andermal dasselbe Glück haben, und er das meinige? es ist keine Kleinigkeit für einen Mann, den ganzen Tag ans den Beinen zu sein, und ans der Heimkehr von Kobolden erschreckt zu werden — nun dieß will ich gerade nicht sagen, aber doch einigen Schauder zu fühlen und alsdann mit einer Anzahl Weiber keifen zu müssen, die den ganzen Tag nichts zu thnn hatten, als daß sie einen kreisenden Stock mit einem Faden drehten, oder an einem Lappen nähten." „Von Kobolden erschreckt!" riefen die Weiber alle zusammen, denn in jenen Gebirgsschluchten wurde damals große Rücksicht den Gespenstern erwiesen, und so ist es vielleicht noch seht. „Ich sage nicht, das; ich erschreckt wurde, ich wurde nur etwas über das Ding bestürzt, und ein Kobold war es auch nicht. Earnscliff, Ihr habt ihn ja auch ebensogut wie ich gesehen." Hierauf erzählte er ohne viele Uebertreibnng nach seiner Weise die Begegnung mit dem geheimnißvollen Wesen in Mucklestane-Moor, indem er schloß, er könne nicht vermuthen, was das auf Erden hätte gewesen sein können, wenn es nicht entweder der böse Feind selbst, oder einer der alten Picten war, welche das Land vor langer Zeit beherrschten." „Alte Picten!" rief die alte Dame ans, „nein, nein — Gott schütze dich vor Unheil, mein Kind, das war keine Picte; es war der braune Mann des Moors! Unglück befalle die bösen Tage! wie können böse Wesen kommen, um ein armes Land zu guälen, jetzt da es im Frieden sich befindet und Alles in Liebe und Gesetz lebt? Unglück komme über ihn! er hat niemals diesem Lande und seinen Einwohnern Gutes gebracht. Mein Vater erzählte mir oft, daß er im Jahre der blutigen Schlacht von Marston-Moor gesehen wurde, und dann wieder bei den Unruhen Montrose's, und wiederum vor der Niederlage von Dnnbar zum Vorschein kam, und in meinen eigenen Tagen ward er zur Zeit der Schlacht an der Bothwcllbrücke gesehen, und man sagt, daß der Laird von Benarbnck, mit der Sehergabe, einige Zeit mit ihm Unterredungen hielt, kurz bevor der Herzog von Argyle landete, allein das kann ich nicht genau sagen; es geschah im fernen Westen. O, Kinder, es ist ihm nie gestattet zu erscheinen, als in schlimmen Tagen, darum bete ein Jedes von euch zn Ihm, welcher zur Zeit der Verwirrung helfen kann." Earnscliff schritt jetzt ein und sprach seine feste Ueberzcn- gnng aus, daß die von ihm gesehene Person ein armer Wahnsinniger sei und keinen Auftrag von der unsichtbaren Welt habe, um Krieg oder Unheil anznkündigen; allein seine Meinung fand nur sehr kühle Zuhörer, und Alle vereinigten sich in ihren Bitten, daß er seine Absicht, am nächsten Tage zu dem Platz zurückznkehren, anfgeben möchte. „O, mein gutes Kind," sagte die alte Dame, (in der Güte ihres Herzens dehnte sie nämlich die elterliche Anrede auf Alle ansan denen sie Interesse nahm,) „Ihr solltet Euch mehr wie andere Leute schonen; Euer Hans hat einen schweren Verlust durch das vergossene Blut Eures Vaters, durch Prozesse und mancherlei Schaden erlitten; Ihr seid die Blume der Heerde, und der Jüngling, welcher wieder den alten Bau aufrichten wird, um eine Ehre zu sein in dem Vaterlande, und eine Feste für Alle, die darinnen wohnen. Ihr vor Allen seid berufen, Euch in keine raschen Abenteuer zu stürzen. Euer Stamm war immer verwegen und hat viel Unglück dadurch erlitten." „Aber sicherlich, gute Freundin, Ihr wollt doch nicht, daß ich mich fürchte, beim Hellen Tageslicht mich in ein offenes Moor zu begeben?" „Ich weiß nicht," sagte die gute alte Dame, „ich würde niemals einem Sohne oder Freunde von mir rathcn, die Hand in einer guten Sache zurück zu halten, mag cs die eigene oder die eines Freundes sein, dazu würde ich ebensowenig auffordcrn, wie irgend Jemand, der von edlem Geschlechte stammt. Ein grauer Kopf, wie der meine, kann sich aber des Gedankens nicht erwehren, daß es dem Gesetz und der heiligen Schrift widerspricht, wenn Ihr ausgeht, um Böses zu suchen, mit dem Ihr nichts zu schaffen habt." Earnscliff verzichtete auf die weitere Erörterung seiner 43 Ansicht, da er keine Hoffnung hatte, dieselbe mit guter Wirkung zu vertreten; das herbeigebrachte Abendessen schnitt ohnedem das Gespräch ab. Miß Grace mar mittlerweile hinzugekommen, und Hobbie setzte sich an ihre Seite, nicht ohne einen bezeichnenden Blick auf Earnscliff zu werfen. Munterkeit und lebhafte Unterhaltung, woran die alte Dame mit der guten Laune Antheil nahm, welche dem Greisenalter so schön ansteht, färbte die Wangen der jungen Mädchen wiederum mit den Rosen, welche die Erzählung ihres Bruders über die Erscheinung verscheucht hatte; sie tanzten und saugen noch eine Stunde nach dem Abendessen, als gäbe es keine Kobolde in der Welt. Viertes Kapitel. Ich bin ci» Menschenfeind nnd hass Ench All'; Bei dir nnr wünsch ich, daß ein Hund du wärst. Damit ich dich ein wenig lieben könnte, Timon von Athen. Am folgenden Morgen nahm Earnscliff nach dem Frühstück Abschied von seinen gastfreundlichen Bekannten, nnd versprach die Rückkehr zur gehörigen Zeit, um an dem Wildpret seinen Anthcil zu erhalten, welches mittlerweile aus seiner Wohnung angelangt war. Hobbie gab sich den Anschein, als ob er an der Thür seiner Wohnung Abschied von ihm nähme, schlüpfte jedoch wieder hinaus und schloß sich ihm ans dem Gipfel des Hügels an. „Ihr wollt dorthin gehen, Herr Patrik? Was auch meine Mutter sagen mag, so will ich Ench nicht im Stich lassen; ich hielt es für das Beste, ruhig sortzuschlüpfen, im Fall sie etwas von unserem Vorhaben argwöhnen sollte. Wir dürfen sie ans keine Weise quälen, es war beinahe das letzte Wort, das mir mein Vater ans seinem Todtcnbctte sagte." „Das dürfen wir ans keine Weise, Hobbie," sagte Earnscliff; „sic verdient alle Aufmerksamkeit." „Wahrhaftig, in dieser Angelegenheit würde sie ebensosehr nm Euch wie um mich bekümmert sein. Glaubt Ihr aber wirklich, daß kein Uebermuth darin liegt, wenn wir uns dort- hi» zurückwagcn? Wir haben ja, wie Ihr wißt, keine besondere Verpflichtung." „Wenn ich so dächte, wie Ihr, Hobbie," sagte der junge Herr, „so würde ich vielleicht diese Angelegenheit nicht weiter erforschen; da ich jedoch der Meinung bin, daß übernatürliche Erscheinungen entweder gänzlich anfgehört haben, oder in unfern Tagen sehr selten geworden sind, so will ich nicht eine Angelegenheit unerforscht lassen, welche das Leben eines armen wahnsinnigen Wesens betrifft. „Schon gut, wenn Ihr das wirklich glaubt," erwiderte Hobbie, mit dem Ansdruck des Zweifels — „und es ist gewiß, daß gerade die Feen — ich meine die guten Nachbarn selbst (man sagt ja, sie können den Namen Feen nicht leiden), welche einst des Abends sich auf jedem grünen Hügel zeigten, nicht halb so oft in nnsern Tagen sichtbar sind. Ich kann kein Zengniß ablcgen, daß ich selbst jemals Eine Fee gesehen habe, ich hörte aber einmal hinter mir im Moor ein Pfeifen, dem eines Strandpfeifers so ähnlich wie irgend etwas nur einem Andern ähnlich sein kann, aber mein Vater hat manche Fee gesehen, wenn er vom Jahrmarkt am Abend mit manchem Tropfen Branntwein in seinem Kopfe hcimkchrte, der ehrliche Mann." Earnscliff konnte sich eines Lächelns bei dieser letzten Bemerkung nicht erwehren, welche die allmälige Abnahme des Aberglaubens von einer Generation zur andern andeutete; sie fuhren fort, über solche Gegenstände zu reden, bis sie den aufrecht stehenden Stein erblickten, wovon das Moor den Namen erhalten hatte. „Ich stehe dafür," sagte Hobbie, „dort schleicht jenes Geschöpf noch einher, aber es ist Tageslicht, Ihr habt Euer Ge- wehr und ich habe meinen Hirschfänger mitgebracht; ich glaube, wir dürfen uns an dasselbe wagen." „Jedenfallserwiderte Earnscliff, „aber im Namen alles Wunderbaren, was treibt der Mensch doch?" „Er baut einen Steindamm mit den grauen Gänsen, wie man jene großen, zerstreuten Steine nennt; wahrhaftig, so etwas ist noch nie erhört worden!" Als sie näher kamen, konnte Earnscliff sich des Erstaunens nicht erwehren, und mußte seinem Gefährten beipflichtcn. Die Gestalt, die sie am Abend zuvor gesehen hatten, schien langsam und mit Muhe die großen Steine über einander zu legen, als wolle sie eine kleine Einfriedigung bilden. Material lag in großer Menge umher; die Arbeit in der Ausführung des Werkes war wegen der Große der meisten Steine eine ungeheure; es schien erstaunenswerth, daß jener Mensch mehrere derselben, womit schon die Grundlage seines Gebäudes von ihm gelegt war, hatte fortbewcgen können; er strengte sich heftig an, um einen großen Steinblock fortznbcwegen, als die beiden jungen Männer herbeikamen, und war mit der Ausführung seines Vorhabens so eifrig beschäftigt, daß er jene nicht eher sah, als bis sie dicht bei ihm standen. Bei seinen Bemühungen, den Stein zu heben, um ihn nach seiner Absicht hinzulcgen, äußerte er einen Grad der Körpcrstärke, welcher mit seiner Größe und offenbaren Entstellung gänzlich unvereinbar schien. Nach den schon überwundenen Schwierigkeiten mußte er die Stärke eines Herkules besitzen, denn einige Steine, deren Aufhebung ihm gelungen mar, erheischten offenbar die Kräfte von zwei Männern zn ihrer Bewegung. Hob- bie's Argwohn wurde wieder rege, als er die übernatürliche Kraft bemerkte. „Ich bin beinahe überzeugt, daß cs der Geist eines Mau- 47 rers ist; seht nur, welche Grundsteine er gelegt hat! Wäre er dennoch ein Mensch, so wundere ich mich, was er damit erreichen will, einen Damm im Moore zu bauen. Man braucht einen solchen zwischen Cringlehope nnd den Wäldern — „ehrlicher Mann," (er erhob die Stimme) „Ihr baut hier ein festes Werk." Das Wesen, an welches er diese Worte richtete, erhob seine Augen mit geisterhaftem Starren, richtete sich von seiner gebückten Stellung ans nnd stand vor ihnen mit all' seiner an- gebornen und scheußlichen Häßlichkeit. Der Kopf war von ungewöhnlicher Größe, mit dichtem, borstigem Haar bedeckt, welches durch Alter zum Theil ergraut war; seine Augcn- brannen, struppig und hervorragend, hingen über ein Paar- kleiner, dunkler, nnd durchdringender Augen,-die tief in der Höhlung liegend, mit wunderbarer Wildheit umherrollten und einen theilwcisen Wahnsinn andeuteten. Seine übrigen Gesichtszüge waren von rauhem, gleichsam grob ansgehanenem Gepräge, womit ein Maler etwa den Riesen eines Romanes ansstatten würde; hiezu kam der wilde, unregelmäßige nnd cigcnthümliche Ausdruck, den man so oft im Antlitz derjenigen erblickt, deren Körper mißgestaltet sind. Sein Rumpf, dick nnd viereckig, wie der eines Mannes von mittlerer Größe, ruhte auf zwei große» Füßen; die Natur aber schien die Beine und Schenkel vergessen zu haben, oder dieselben waren so knrz, daß die Kleidung sie verdeckte. Seine Arme, lang nnd fleischig, waren mit zwei großen und kräftigen Händen ausgerüstet, nnd zeigten, wo die eifrige Arbeit sic entblößt hatte, ein rauhes und zottiges, schwarzes Haar. Es schien, als ob die Natur die getrennten Theile seines Körpers ursprünglich zu den Gliedern eines Riesen bestimmt, jedoch launenhaft dieselben nachher der Gestalt eines Zwerges zugewiesen habe, so wenig entsprach die Länge der Arme nnd die eiserne Körper- starke der Kürze des Wuchses. Der Anzug des Zwerges bestand in einer Art von grobem nnd braunem Mönchskleide, welches mit einem Riemen von Seehnndsfell umgürtet war. Ans dem Kopf trug er eine Mütze von Dachsfell oder von einem andern rauhen Pelz, welche die seltsame Wirkung der ganzen Erscheinung beträchtlich steigerte nnd die Gesichtszüge überschattete, deren gewohnter Ansdruck derjenige eines mürrischen nnd boshaften Menschenhasses zu sein schien. Dieser merkwürdige Zwerg blickte ans die beiden schweigenden jungen Leute mit einem mürrischen, gereizten Blick, bis Earnscliff ihn zu besserer Laune durch die Bemerkung zu stimmen suchte: „Freund, Ihr habt eine harte Arbeit, erlaubt mir, Euch zu helfen."" Er legte somit nebst Ellivt durch vereinigte Anstrengung den Stein auf die sich erhebende Mauer. Der Zwerg überwachte sie mit dem Auge eines Aufsehers bei der Arbeit, und gab durch verdrießliche Bewegungen seine Ungeduld über die Zeit zu erkennen, welche sie zu der Zurechtlegung des Steines brauchten. Er wies auf einen zweite» Stein; sie hoben ihn ebenfalls ans den Steindamm — dann auf einen dritten und ans einen vierten — sic fuhren fort, seiner Laune nach- znkommen, obgleich mit einigem Acrger, denn er wies ihnen die schwersten Steinstücke, die in der Nähe lagen, offenbar mit Absicht zu. „Und nun, Freund," sagte Elliot, als der unvernünftige Zwerg auf einen andern großen Stein wies, der noch größer war, als irgend einer derjenigen, die sie vorher gehoben hatten. „Earnscliff mag thnn, wie ihm beliebt; mögt Ihr aber ein Mensch oder etwas Schlimmeres sein, so soll der Teufel 49 mir in den Fingern sitzen, wenn ich noch länger mir den Rücken mit dem Heben dieser Steine wie ein Lastträger zerbreche, ohne nicht einmal so viel wie „„Danke Ench"" für meine Mühe zn bekommen." „Dank!" rief der Zwerg mit einer Bewegung ans, welche die äußerste Verachtung ausdrückte. „Da habt Ihr ihn nnd werdet fett daran! Nehmt ihn, nnd mag er bei Ench und mir gedeihen, wie er bei jedem sterblichen Wurm gedieh, welcher jemals das Wort von seinem kriechenden Nebengeschöpf ausgesprochen vernahm! Geht fort) entweder arbeitet oder packt Euch!" „Da erhalten wir einen schönen Dank, Earnscliff, dafür, daß wir dem Teufel ei» Tabernackel bauten, nnd unsere eigenen Seelen noch dazu in Gefahr setzen, denn was missen wir?" „Unsere Gegenwart," erwiderte Earnseliff, „scheint nur seine Raserei zn steigern. Wir thun besser, ihn hier allein zu lassen nnd Jemand herzuschickcn, um ihn mit Nahrung und Bedürfnissen zu versehen." Sie thatcn dieß; der deßhalb abgcschickte Diener fand den Zwerg, wie er an der Mauer zu arbeiten fortfnhr, konnte aber kein Wort von ihm herausbringen. Der Bursch, welcher den Aberglauben des Landes theilte, beharrete nicht auf dem Versuche, Fragen oder Rath einer so sonderbaren Gestalt anf- zndringen, sondern legte die Speisen, die er mitgebracht hatte, auf einen Stein in einiger Entfernung nieder, und ließ sie dem Menschenfeinde zur Verfügung. Der Zwerg fuhr in seiner Arbeit jeden Tag mit einer so unglaublichen Emsigkeit fort, daß dieselbe beinahe übernatürlich zn sein schien. An einem Tage vollendete er oft die Arbeit von zwei Menschen; sein Bau nahm bald den Anschein von Mauern einer Hütte an, welche zwar sehr klein und nur Der schwarze Zwerg. 4 50 von Stein nnd Rasen ohne Mörtel erbaut, nach der ungewöhnlichen Größe der dazu gebrauchten Steine eine Festigkeit zeigte, welche für eine Hütte von einem so engen Umfange nnd rohem Bane sehr ungewöhnlich war. Earnscliff, welcher das Treiben des Zwerges genau beobachtete, hatte nicht sobald den Zweck des Baues erkannt, als er eine Anzahl Balken hinschickte, die zur Bildung eines Daches sich eigneten; er lies; dieselben in der Nähe des Ortes niederlegen, und war entschlossen, am nächsten Tage Arbeiter zu schicken, um das Dach aufznrichten. Indes; der Zwerg kam seiner Absicht zuvor; er hatte am Abend, bei Nacht und früh am Morgen mit solcher Anstrengung und sinnreicher Anwendung seiner Hülfsmittel gearbeitet, daß er beinahe die Aufrichtung der Sparren vollendet hatte- Seine nächste Arbeit ging dahin, Binsen zu schneiden nnd daraus das Dach seiner Wohnung zu verfertigen, eine Aufgabe, die er mit auffallender Gewandtheit vollbrachte. Da er Abneigung gegen die Annahme irgend einer Hülfe, mit Ausnahme gelegentlichen Beistandes von Vorübergehenden, zeigte, so wurden Materialien, die für seinen Zweck sich eigneten nnd Werkzeuge ihm geliefert, in deren Gebrauch er sich sehr geschickt zeigte. Er verfertigte die Thür nnd das Fenster seiner Hütte, bereitete sich eine rohe Bettstelle, und richtete sich einige Gesimse an den Wänden zu. Als seine Bequemlichkeiten sich vermehrten, schien sich seine bittere Stimmung etwas zu mindern. Seine nächste Arbeit bestand in der Bildung einer starken Umzäunung und im Anbau des von derselben eingeschlossenen Landes, soweit dieß in seinen Kräften stand, bis er sich einen kleinen Garten nach Herbeibringnng von Dammerde nnd der Umgrabung der dort befindlichen Pflanzendecke gebildet hatte. Man muß natürlich voraussehen, daß dieser Einsiedler, wie schon angcdeutet wurde, gelegentlich Hülfe von Vorübergehenden erhielt, die zufällig über das Moor gingen, oder auch von Mehreren, die aus Neugier herbeikamen, um seine Werke an- zuschen. Sah man eine menschliche Gestalt, die beim ersten Anblick für harte Arbeit so wenig geeignet schien, mit einer solchen unaufhörlichen Emsigkeit arbeiten, so war es auch wirklich unmöglich, daß man bei ihm vorüberging, ohne einige Minuten anznhalten, um ihn bei der Arbeit zu unterstützen. Da nun Niemand unter denjenigen, welche gelegentlich dem Zwerge halfen, mit dem Grade von Beistand bekannt war, welchen derselbe von Andern erhalten hatte, so verlor der schnelle Fortschritt jenes Werkes in den Augen Jener nichts an Wunderbarem. Das Dach und feste Aeußere der Hütte, die in der kurzen Zeit von solch' einem Wesen vollendet war, die überlegene Geschicklichkeit, welche Letzterer in der Mechanik und in anderen Künsten zeigte, erregte den Verdacht der umwohnenden Nachbarn. Sie behaupteten, wenn er kein Kobold sei, — eine Meinung, die anfgegcben wurde, seitdem er sich als ein Wesen von Fleisch und Bein, eben so, wie sie selbst, zeigte — so müsse er dennoch in genauer Verbindung mit der unsichtbaren Welt stehen, und diesen entlegenen Platz sich gewählt haben, um seinen Verbindungen mit Geistern ungestört zu pflegen. Sie behaupteten, obgleich in ganz anderem Sinn, als die Phrase ein Philosoph anwcndet, daß er niemals weniger allein sei, als wenn er allein sei; von den Höhen, welche das Moor in größerer Entfernung beherrschten, hätten die Vorübergehenden oft mit diesem Bewohner der Wüste eine Person arbeiten sehen, welche regelmäßig verschwinde, sobald sie sich der Hütte näherten. Eine solche Person wurde gelegentlich erblickt, wie sie mit ihm an der Thüre saß, auf dem Moore umher ging, oder ihm Beistand leistete, 52 um Wasser aus seiner Quelle zu holen. Earuscliff meinte, die Erscheinung sei nur des Zwerges Schatten. „Den Leusel hat er einen Schatten," erwiderte Hvbbie Elliot, welcher ein starker Verthcidiger der allgemeinen Meinung war, „er hat sich viel zu tief mit dem Gottseibeiuns eingelassen, um einen Schatten zn haben. Außerdem," schloß er richtiger, „hat man jemals von einem Schatten gehört, der zwischen einem Körper und der Sonne erscheint ? Das Ding, mag cs sein was es will, ist dünner und größer wie der Körper selbst, und ist noch dazu mehr wie ein- oder zweimal zwischen ihm und der Sonne gesehen worden." Dieser Verdacht, welcher in einem andern Theil des Landes damals Nachforschungen hätte veranlassen können, welche dem vermuthlichen Zauberer sehr lästig hätten werden müssen, erregte hier nur Achtung und Ehrfurcht. Der Einsiedler schien die Zeichen furchtsamer Verehrung, womit ein gelegentlich Vorüberkommender seiner Wohnung nahte, dem Blick des Schreckens und Erstaunens, womit derselbe seine Person und Wohnung betrachtete, und den eiligen Schritt nicht ungern zu scheu, welcher den Rückzug von dem Orte der Furcht beschleunigte. Nur die Kühnsten hielten an, um ihre Neugier durch einen hastigen Blick auf die Mauern der Hütte und des Gartens zu befriedige», und daun dieselbe durch eine höfliche Begrüßung zu entschuldigen, welche der Bewohner mitunter durch ein Wort oder ein Kopfnicken zu erwidern sich herabließ. Earuscliff schlug oft diesen Weg ein, und selten, ohne sich nach dem einsamen Bewohner zu erkundigen, der jept seine Wohnung für die Zeit seines Lebens eingerichtet zn habe» schien. Es war unmöglich, sich mit ihm in ein Gespräch über seine persönlichen Verhältnisse einzulaffen; auch war er un- zugänglich für Gespräche über irgend einen andern Gegenstand, obgleich die äußerste Wildheit seines Menschenhasses nachgelassen zu haben schien, oder obgleich er, wenigstens weniger häufig, an den Anfällen des Wahnsinns litt, deren Symptome jener Menschenhaß war. Keine Ueberrednng vermochte ihn dahin zu bringen, daß er etwas mehr wie die ein- fackstcn Bedürfnisse annahm, obgleich ihm von Earnscliff aus Mitleid, und von seinen mehr abergläubischen Nachbarn aus andern Beweggründen weit mehr angebvten wurde. Die Wohlthaten der Letzteren erwiderte er durch ärztlichen Rath, wenn diese sowohl bei eigenen Krankheiten wie bei denen ihres Viehes ihn um denselben ersuchten — ein Verfahren, welches allmälig bei den Nachbarn allgemein wurde. Er versah die Leute oft mit Medizin, und schien nicht allein solche zn besitzen, welche das Land erzeugte, sondern auch fremde Arzneimittel. Er gab diesen Personen zn verstehen, sein Name sei Elshender, der Klausner; gewöhnlich nannte ihn das Volk aber den klugen Elshie, oder den weisen Mann von Mucklestane-Movr. Einige auch gingen in ihren Fragen über den Bereich der körperlichen Beschwerden hinaus, und baten ihn um Rathschläge in andern Angelegenheiten, die er dann auch mit einem orackelähnlichen Scharfsinn ertheilte, wodurch die Meinung von seinen übernatürlichen Fähigkeiten sehr bestätigt ward. Die Fragenden ließen gewöhnlich eine Gabe ans einem Stein in einiger Entfernung von seiner Wohnung zurück; bestand dieselbe in Geld oder in einem Artikel, dessen Annahme er zurückwics, so warf er ihn entweder fort, oder ließ ihn liegen, ohne Gebrauch davon zn machen. Bei jeder Gelegenheit aber waren seine Sitten grob und ungesellig. Seine Worte genügten gerade in ihrer Anzahl, um seine Meinung so kurz wie möglich auszudrücken; er vermied jede 54 Mittheilung, in welcher nur Eine Sylbc für die vorliegende Sache zu viel war. Wenn der Winter vorüber war und sein Garten ihm Kräuter und Gemüse lieferte, so beschränkte er sich beinahe ans diese Nahrungsartikel. Er nahm jedoch von Earuscliff ein paar Ziegen an, die aus dem Moore weideten und ihn mit Milch versahen. Als Earuscliff fand, daß seine Gabe angenommen war, stattete er nachher dem Einsiedler einen Besuch ab. Der alte Mann saß ans einem breiten, flachen Stein an seiner Gartcn- thür, auf dem Sitze, den er gewöhnlich einnahm, wenn er Lust hatte, seine Kranken oder Schützlinge zu empfange». Das Innere seiner Hütte und das seines Gartens verschloß er andern Menschen eben so sorgfältig wie die Einwohner von Otahaite mit ihrem Morai verfahren; er wollte offenbar, daß diese Orte von dem Schritte eines menschlichen Wesens niemals befleckt würden. Wenn er sich in seiner Wohnung verschloß, so ließ er sich durch keine Bitten bewegen, sich zu zeigen oder irgend Jemanden Gehör zu geben. Earnscliff hatte in einem kleinen, etwas entfernten Bache gefischt. Er hielt in der Hand seine Angelrnthc und trug auf der Schulter einen mit Forellen gefüllten Korb; er setzte sich ans einen Stein dem Zwerge gegenüber, welcher mit seiner Gegenwart schon vertraut, sich um ihn nicht weiter bekümmerte, als daß er seinen großen, mißgestalteten Kopf erhob, um ihn anzustarren; dann ließ er denselben wieder ans die Brust sinken, als befände er sich in tiefem Nachdenken. Earnscliff sah, sich um, und bemerkte, daß der Eremit seine Hauseinrichtnngen durch den Ban eines Schuppens für die Aufnahme seiner Ziegen vermehrt hatte. „Elshie, Ihr arbeitet hart," sagte er zu dem sonderbaren Wesen, mit dem Wunsche, mit ihm ein Gespräch cinzuleiten. 55 „Die Arbeit," erwiderte der Zwerg, „ist das geringste Nebel in einem so elenden Loose wie dem des Menschen; es ist besser, zn arbeiten wie ich, als zn jagen wie Ihr." „Ich kann nicht die Menschlichkeit unseres gewöhnlichen ländlichen Zeitvertreibes vertheidigen, Elshie, und dennoch" — „Und dennoch," unterbrach ihn der Zwerg, „ist derselbe besser wie Euer gewöhnliches Treiben, es ist besser, das; Ihr eitle und übermüthige Grausamkeit an Fischen wie an Euren Nebenmenschen übt. Weßhalb sollte ich jedoch dieß sagen? Weßhalb sollte nicht das ganze Menschengeschlecht sich stoßen, zerfleischen und einander verschlingen, bis Alle ausgerottet sind, mit Ausnahme eines einzige», gewaltigen und gemästeten Behemoth? Ein solcher, wann er sich überfüllt und die Gebeine aller seiner Nebenmenschcn benagt hat — sollte dann, wenn die Beute ihm mangelt, Tage lang nach Nahrung brüllend zuletzt Zoll für Zoll ans Hunger sterben; dies; wäre ein des ganzen Geschlechtes würdiger Untergang!" „Eure Thaten sind besser, Elshie, wie Eure Worte," erwiderte Earnscliff; „Ihr bemüht Euch, das Geschlecht zu erhalten, welches Euer Menschenhaß also schmäht." „Allerdings, aber weßhalb, hört mir zn. Ihr seid Einer derjenigen, auf die ich mit dem geringsten Widerwillen blicke; cs kümmert mich nicht, wenn ich meiner Gewohnheit zuwider einige Worte bei Eurer thörichten Blindheit verschwende. Vermag ich nicht, wenn ich auch keine Krankheiten in Familien und die Pest unter Heerden finden kann, dennoch denselben Zweck eben so zu erreichen, wenn ich das Leben derjenigen verlängere, welche den Zwecken der Zerstörung eben so wirksam dienen? — Wenn Alice von Bower im Winter starb, hätte alsdann der junge Rnthven ans Liebe zu ihr vergangenes Frühjahr erschlagen werden können? Wer dachte haran, 56 seine Heerde unter dem Thnrme in die Hürden zn treiben, als der rothe Räuber Wcstbornflat auf seinem Todtenbctte liegen sollte? Meine Mittel und meine Geschicklichkeit heilten ihn. Wer wagt es jetzt, seine Heerde auf dem Felde ohne Wache zu lassen oder ohne Loslassung des Schweißhundes zn Bette zu gehen?" „Ich gestehe," erwiderte Earnscliff, „durch die letzte dieser Kuren erwiest Ihr der Gesellschaft keinen großen Dienst; um aber das Uebel anszugleichcn, so hat Euere Geschicklichkeit meinen Freund Hobbie, den ehrlichen Hobbie von Heugh-foot vergangenen Winter von einem Fieber gerettet, an welchem er sonst hätte sterben können." „So glauben die Kinder von Thon in ihrer Unwissenheit," erwiderte der Zwerg mit boshaftem Lächeln, „und so sprechen sie in ihrer Thorheit. Habt Ihr das Junge einer wilden Katze, welche gezähmt wurde, beobachtet, wie munter, zum Spielen geneigt und zierlich es ist? allein jagt es ans Euer Wild, Eure Lämmer, Euer Geflügel, so bricht seine angeborne Wildheit hervor; es ergreift, zerreißt, zerstört und verschlingt." „Das ist der Instinkt eines Thieres," erwiderte Earnscliff, „was hat aber dieß mit Hobbie zu thnn?" „Es ist sein Bild," erwiderte der Klausner, „jetzt ist er zahm, ruhig und an friedliche Sitte gewöhnt, weil ihm die Gelegenheit fehlt, seine angeborne Neigung auszuüben; laßt aber die Trompete des Krieges erklingen, laßt den jungen Bluthund Blut riechen, so wird er eben so blutgierig wie der wildeste unter seinen Vorfahren unter den Grenzbewohnern werden, welcher jemals die Wohnung eines hülfloscn Bauern anzündete. Könnt Ihr längnen, daß er gegenwärtig Euch oft drängt, blutige Rache wegen einer Beleidigung zu nehmen, die Ihr empfingt, als Ihr noch ein Kind wart?" — 57 Earnseliff stutzte, der Klausner schien nicht seine Ueberraschung zn bemerken, und fuhr fort, „die Trompete wird ertönen, der jnnge Bluthund wird Blut lecken, und ich werde lachen nnd sagen, deshalb habe ich dich gerettet." Er schwieg nnd fuhr fort: „solcher Art sind meine Heilungen, sie bezwecken die Fortpflanzung der Masse von Elend, nnd ich spiele sogar in dieser Wüste meine Rolle in der allgemeinen Tragödie. Läget Ihr anch auf Eurem Krankenbette, so könnte ich Euch ans Mitleid einen Becher Gift senden." „Ich bin Euch sehr verbunden, Elshie, nnd werde es gewiß nickt unterlassen, bei einer so angenehmen Hoffnung Eures Beistandes Euch um Rath zn fragen." „Schmeichelt Euch jedoch nicht zn sehr," erwiderte der Einsiedler, „mit der Hoffnung, daß ich jedenfalls der Schwäche des Mitleids weichen werde; warum sollte ick eine» thörich- ten Menschen wie Ihr, der zn Erdnldung der Erbärmlichkeiten des Lebens so sehr wie Ihr geeignet ist, von dem Elende erretten, welches seine eigene Träumerei nnd die Erbärmlichkeit der Welt ihm bereiten? Weshalb sollte ich die Rolle des mitleidigen Indiers übernehmen, und das Gehirn des Gefangenen mit dem Schlachtbeil einschlagen? Weshalb sollte ich die dreitägige Verzweigung meines verwandten Stammes im Augenblick verderben, wenn die Fackel entzündet, die Zangen glühend sind, wenn der Kessel kocht, wenn die Messer geschärft bereit liege» — wenn alle diese Vorkehrungen zum Zerreißen, znm Sengen, znm Sieden, zum Zerschneiden des Schlachtvpfers getroffen wurden?" „Ihr bietet mir ein furchtbares Bild vom Leben, Elshie, allein ich werde nicht dadurch erschreckt," erwiderte Earnscliff. „Wir sind zwar hieher gesandt, um zu tragen und zu leiden, aber anch um zn handeln und zn genießen. Jeder Tag hat seine Abendruhe; sogar ein geduldiges Leiden hat seine Milderung durch das tröstliche Bewusstsein einer verübten Pflicht." „Ich verachte diese sklavische und thierische Lehre," sagte der Zwerg, indem seine Angen mit der Wnth des Wahnsinns funkelten; ich verachte sie als allein der Thiere würdig, welche umkommen, aber ich will keine Worte mehr an Euch verschwenden." Er stand hastig ans; bevor er sich aber in seine Hütte entfernte, fügte er mit großer Heftigkeit Hinz», „damit Ihr jedoch niclit glaubt, daß meine scheinbaren, den Menschen erwiesenen Wohlthatcn aus der einfältigen und sklavischen Quelle entspringen, die man Liebe unserer Mitmenschen nennt, so wisset, wenn es einen Menschen gäbe, welcher meiner Seele thcnerste Hoffnung vernichtete, welcher mein Herz in Stücke zerriß, mein Gehirn versengte, bis es wie ein Vulkan glühte, — wäre dieses Menschen Vermögen und Leben in meiner Gewalt so vollkommen, wie diese zerbrechliche Tvpfscherbe gegeben" (er ergriff ein neben ihm stehendes, irdenes Trinkgeschirr), „so würde ich ihn nicht so in Atome zertrümmern" — (er schleuderte das Gefäß mit Wnth mi die Wand) — „Nein!" (er sprach gefaßter, aber mit der äußersten Bitterkeit), „ich würde ihn mit Rcichthum und Macht pflegen, um seine bösen Leidenschaften zn entzünden und sein böses Schicksal zu erfüllen; ihm sollte kein Mittel zu Befriedigung der Laster und der Schurkerei fehlen; er sollte der Mittelpunkt eines Wirbels sein, der weder Ruhe noch Frieden kennen, sondern mit unaufhörlicher Wnth kochen würde, während jedes Schiff durch ihn zertrümmert würde, welches seinen Grenzen sich nähern sollte! er sollte zum Erdbeben werden, welches sogar das Land, wo er wohnt, zu erschüttern vermag, und alle seine 59 Einwohner frcundlvs, verstoßen und elend macht, wie ich es bin." Der Unglückliche stürzte in seine Hütte bei diesen Worten, verschloß die Thür mit heftiger Wnth, und schob schnell zwei Riegel, einen nach dem andern vor, als wolle er das Eindringen von irgend Jemand des verhaßten Geschlechtes verhüten, welches so seine Seele bis znm Wahnsinn gepeinigt hatte. Earnscliff verließ das Moor mit dem gemischten Gefühl des Mitleids und des Schauders, als er crwiigte, welche sonderbare und traurige Ursache einen Mann, dessen Sprache Überlegenheit über das Volk an Rang und Erziehung bezeugte, in einen so unglücklichen Seelenznstand verseht haben konnte. Eben so erstaunte er über die genaue Kenntnis; des Charakters und der Privatangelegenheiten der Einwohner dieses Landes, welche ein Mann erlangt hatte, der so kurze Zeit sich dort aufhiclt und ein so abgeschlossenes Leben führte. „Es ist kein Wunder," sagte er zu sich selbst, „daß dieser Unglückliche bei einer solchen Ausdehnung seiner Kenntnisse, bei solcher Lebensweise, so häßlicher Gestalt und so giftigem Menschenhaß von dem Volke als ein Mann betrachtet wird, welcher mit dem Feinde des Menschengeschlechts in Verbindung steht." Der kahlste Fels auf weitstem Haidcgruud Fühlt, ob auch öde selbst, des Frühlings Milde. Im Thaue des Aprils, im Strahl des Mai's Ergrünt sein Moos, zum WachSthum frisch belebt. So schmilzt ein Herz, ob noch so sehr verdorrt, Bei Fraueuthräucn, oder wird erfreut Durch ciues Weibes Lächeln. Beall m o n t. Als der Frühling vorrückte und das Wetter wärmer wurde, fand man den Klausner häufiger auf dem breiten flachen Stein vor seinem Hause sitzen. Als er dort eines Tages sich niedergelassen hatte, sprengte gegen Mittag eine Gesellschaft von Herren und Damen wohlberittcn und mit zahlreicher Begleitung über die Haide, in einiger Entfernung bei seiner Wohnung vorbei. Hunde, Falken und Handpferde vermehrten das Gefolge, und zu Zeiten erklang die Lnft von dem Rufe der Jäger und dem Schalle der Jagdhörner, welche die Diener bliesen. Der Klausner war im Begriff, sich in seine Wohnung bei dem Anblick eines so munteren Zuges znrückznziehen, als drei junge Damen mit ihren Dienern, welche einen Umweg gemacht, und um ihre Neugier durch den Anblick des weisen Mannes von Mucklestane-Mvvr zu befriedigen, sich von der Gesellschaft getrennt hatten, plötzlich herbei kamen, ehe er seine Absicht ansführen konnte. 61 Die Erste kreischte »nd hielt die Hand vor die Augen, als sic einen so ungewöhnlichen Gegenstand erblickte; die Zweite richtete mit einem hysterischen Gekicher, welches ihren Schrecken verbergen sollte, an ihn die Frage, ob er ihr nicht ihr Schicksal Vorhersagen könne; die Dritte, welche am besten beritten, am besten gekleidet war und auch unzweifelhaft die Schönste von den Dreien war, kam näher, als wollte sie die Unhöflichkeit ihrer Gefährtinnen ausgleichen. * „Wir haben den rechten Weg verloren, der durch diese Moräste führt, und unsere Gesellschaft ist ohne uns weiter geritten," sagte die junge Dame- „Da wir Euch, Vater, an der Thürc Eures Hauses sitzen sahen, haben wir uns hieher gewandt, um —" „Still!" unterbrach sie der Zwerg, „noch so jung und schon so listig! Ihr kamt, und Ihr wißt, daß Ihr kamt um Euch über das Bewußtsein der Jugend, des Neichthnms und der Schönheit zu freuen, indem Ihr sie mit Alter, Armuth und Häßlichkeit vergleicht; es ist eine Beschäftigung, die sich für die Tochter Eures Vaters eignet, wie ungleich jedoch dem Kinde Eurer Mutter!" „Kanntet Ihr denn meine Eltern, und kennt Ihr mich?" „Ja, es ist das erstemal, daß Ihr meinen wachenden Angen begegnet, ich habe Euch aber i» meinen Träumen gesehen." „In Euren Träumen?" »In, Isabel Vere, was hast du oder die Deinigen mit meinen wachenden Gedanken zu schaffen?" „Eure wachenden Gedanken, Herr," sagte die zweite von Miß Verc's Gefährtinnen mit einer Art spöttischen Ernstes, „sind ohne Zweifel ans die Weisheit gerichtet; die Thorheit kann sich nur in den Augenblicken Eures Schlafes eindrängen." „Ueber die Deinigen," erwiderte der Zwerg, ärgerlicher als 62 es einem Einsiedler oder Philosophen geziemte, „iibt die Thor- hcit eine unbeschränkte Herrschaft, dn magst wachen oder schlafen." „Gott segne uns," sagte die Dame, „er ist sicherlich ein Prophet."' „Ja gewisi," antwortete der Klausner, „wie du ein Weib bist, — ein Weib! ich ^ätte sagen sollen eine Dame, eine feine Dame! Ihr fragtet mich, ob ich Euch Euer Gluck prophe- zeihcn wolle — Eure Laufbahn ist nur Eine, eine endlose Jagd im Leben nach Thorheiten, die der Jagd nickt werth sind, und die sobald sie eingefangen wurden, nach einander weggeworfen werden — eine Jagd, die von den Tagen des wankenden Kindesalters bis zum Greisenalter mit seinen Krücken fortgesetzt wird. — Spielzeug und Lustbarkeit während der Kindheit — Liebe mit ihren Abgeschmacktheiten in der Jugend — Kartenspiel im Alter — Alles das wird auf einander als Gegenstand der Jagd folgen, — Blumen und Schmetterlinge im Frühling — Schmetterlinge und Distelwolle im Sommer — verwelkte Blätter im Herbst und Winter — Alles das wird, auf der Jagd verfolgt und eingefangen, sämmtlich bei Seite geworfen. — Geht, Euer Schicksal ist Euch verkündet." „Alles das wird jedoch eingefangcn," erwiderte die lachende Schone, die eine Cousine der Mist Verc war; „das ist wenigstens Etwas, Nancy," fuhr sie fort, indem sie sich an die furchtsame Dame wandte, welche zuerst dem Zwerge nahe gekommen war; „wollt Ihr ihn ebenfalls um Euer Schicksal befragen?" „Um keinen Preis," sagte Jene, indem sie sich znrückwandte „ich habe genug von dem Enrigen gehört." „Wohlan dann," sagte Mist Jlderton, indem sie Geld dem ^ Zwerge aiibot, „ich will für meine Wahrsagung bezahlen, als wäre sie einer Prinzessin durch ein Orakel gegeben." „Die Wahrheit," sprach der Wahrsager, kann weder gekauft noch verkauft werden." Bei den Worten stieß er die angebotene Gabe mit mürrischer Verachtung zurück. „Wohlan denn," sagte die Dame, „ich will mein Geld behalten, Herr Elshender, um es auf der Jagd, die ich jetzt vorhabe, zu gebrauchen." „Ihr werdet es brauchen," erwiderte der grobe Zwerg, „ohne Geld jagen nur Wenige mit Glück, und noch Wenigere werden selbst gejagt — halt," sagte er zu Miß Vere, als ihre Gefährtinnen sich entfernten, chnit Euch habe ich mehr zu reden, Ihr besitzt Alles, nach dessen Besitz Eure Gefährtinnen sich sehnen, oder hinsichtlich dessen sie wenigstens wünschen, daß man den Besitz bei ihnen voranssetzt — Schönheit, Rcich- thnm, hohe» Stand und die Gaben guter Erziehung." „Verzeiht mir, wenn ich jetzt meinen Gefährtinnen folge, Vater; ich bin sowohl gegen Schmeichelei wie Wahrsagen unempfindlich." „Bleibt," fuhr der Zwerg fort, indem er seine Hand an den Zügel ihres Pferdes legte, „ich bin kein gewöhnlicher Wahrsager und ich bin kein Schmeichler. Von allen Vortheilen, die ich erwähnte, hat ein jeder sein entsprechendes Uebel — unglückliche Liebe, gehinderte Neigung, die Düsterkeit des Klosters oder eine verhaßte Verbindung. Ich, der ich allen Menschen Böses wünsche, kann Euch kein Böses mehr wünschen, so sehr ist Euer Lebenslauf davon durchkreuzt." „Und wenn es so ist, Vater, so laßt mich den Trost des Unglücks, der mir bereit liegt, genießen, so lange noch Wohlstand in meiner Gewalt ist. Ihr seid alt, Ihr seid arm; Eure Wohnung liegt von menschlicher Hülfe, wenn Ihr krank 64 seid, oder wenn Ihr Mangel leidet, weit entfernt; Eure Lage seht Erich in mancher Hinsicht dem Argwohn des Pöbels ans, welcher zn Handlungen der Rohheit nnr zn sehr geneigt ist. Laßt mich glauben, daß ich das Loos eines menschlichen Wesens verbessert habe! Nehmt solchen Beistand an, den ich Euch darbieten kann, thnt dies; um meinetwillen, wo nicht um Eurer selbst willen, damit ich, wenn diese Nebel entspringen, welche Eure Prophctengabe vielleicht zn richtig Voraussicht, mich des Gedankens erfreuen kann, daß die Stunden meiner glücklicheren Zeit nicht gänzlich umsonst vergangen sind." Der alte Mann erwiderte mit gebrochener Stimme und beinahe ohne sich zur jungen Dame hinznwcnden: „Ja, so solltest du denken, so solltest du reden, wenn jemals die Rede und die Gedanke» der Menschen Etwas mit einander gemein haben! Das ist nicht der Fall — ach! es ist unmöglich und dennoch — wart' einen Augenblick, — rege dich nicht, bis ich heimkehre." Er ging in seinen kleinen Garten und kam mit einer halb anfgeblühtcn Rose zurück; „du ließest mich eine Thräne vergießen, die erste, welche mein Augenlid seit vielen Jahren benetzte; wegen dieser guten That empfange dies Zeichen der Dankbarkeit. Es ist nnr eine gewöhnliche Rose, bewahre sie jedoch und trenne dich nicht von ihr. Komm zn mir in der Stunde des Unglücks. Zeige mir jene Rose oder nnr ein Blatt von ihr, wäre es auch verwelkt so wie mein Herz. Sollte ich mich in meinen heftigsten und wildesten Wnthanfällen gegen eine verhaßte Welt befinden, so wird diese Rose dennoch sanftere Gedanken in meinen Busen zurückrufen und dem deini- gen vielleicht glücklichere Aussichten gewähren. Aber keine Botschaft," rief er mit seiner gewöhnlichen menschenfeindlicken Stimmung, „keine Botschaft, keine Zwischenträger! Komme selbst; das Herz und die Thür, welche gegen jedes irdische Wesen verschlossen sind, werden sich dir und deinem Kummer öffnen. Jetzt geh weiter." Er lies; den Zaum los, und die junge Dame ritt weiter, nachdem sie ihren Dank dem sonderbaren Wesen ausgesprochen hatte, soweit es ihr Erstaunen über die außergewöhnliche Art seiner Anrede es ihr gestattete. Sie wandte sich oft zurück, um auf den Zwerg zu blicken, welcher an der Thüre seiner Wohnung blieb und ihre Heimkehr nach ihres Vaters Schloß Ellieslaw auf dem Moor überwachte, bis der Rücken des Hügels die Gesellschaft seinem Anblick entzog. Die Damen scherzten mittlerweile mit Miß Acre über die sonderbare Unterredung, die sie soeben mit dem weitbcrühmten Weisen des Moores gehabt hatten. „Isabelle hat alles Glück, zu Hanse und auswärts! Ihr Falke sängt das Birkhuhn; ihre Angen verwunden die jungen Herrn; ihren armen Gefährtinnen und Cousinen bleibt nichts übrig; sogar der Geisterbeschwörer kann der Kraft ihrer Reize nicht entgehen. Ihr solltet ans Mitleid anshören, Alles für Euch in Beschlag zu nehmen, meine theure Isabelle, oder wenigstens einen Laden etablircn und alle Maaren verkaufen, die Ihr doch für Euren eigenen Gebrauch nicht aufstapeln wollt." „Ihr sollt meine Maaren," erwiderte Miß Vere, „und den Geisterbeschmörcr in de» Kauf zn sehr wohlfeilem Preise haben." „Nein, Nancy soll den Hexenmeister haben," sagte Miß Jlderton, „um ihre Mängel auszugleichen; sie ist selbst noch nicht durchaus eine Hexe, wie Ihr wißt." „O Gott! Schwester," erwiderte die jüngere Miß Jlderton, „was könnte ich mit einem so furchtbaren Ungeheuer anfangen? ich hielt meine Augen geschlossen, nachdem ich Einmal auf ihn geblickt hatte, und wahrlich, ich glaubte ihn immer noch Der schwarze Zwerg. 5 66 zu sehen, obgleich ich die Augenlider so fest wie möglich zn- drückte." „Das ist Schade," sagte ihre Schwester, „so lange Ihr lebt, mahlt einen Bewunderer, dessen Fehler verborgen bleiben könne», indem Ihr ein Auge dabei zndrückt. Wohlan denn, wie ich glaube, must ich ihn selbst nehmen, um ihn in der Mama Cabinet unter chinesischem Porzellan anfznbewahrcn, und um zu zeigen, daß Schottland ein Exemplar menschliche» Thones erzeugen kann, welches zehntausendmal häßlicher ist, wie die unsterblichen Geschöpfe der Künstler in Cantvn und Peking; so fruchtbar Letztere auch in Erzeugung von Ungeheuern sein mögen." „Die Lage dieses armen Mannes," bemerkte Miß Acre, „bietet so viel Trauriges, daß ich, Lucy, in Eure Scherze nicht so bereitwillig wie sonst eingehen kann; wie ist es möglich, daß er in einem so wüsten Lande in solcher Entfernung von dem Menschen leben kann? Und wenn er die Mittel besitzt, um gelegentlichen Beistand sich zu sichern, wird dann nicht sogar der Verdacht, daß er dieselben besitzt, ihn der Beraubung und Ermordung von einigen unserer unruhigen Nachbarn ans- setzcn?" „Ihr vergesst ja aber, daß er ein Zauberer ist," sagte Nancy Jlderton. „Und wenn seine Teufelei und Zauberkunst ihm nicht aus- reiche» sollte," bemerkte ihre Schwester, „so kann er sich ja ans sein natürliches Zaubermittel verlassen; er braucht nur seinen ungeheueren Kopf und sein widernatürliches Gesicht aus der Thüre oder dem Fenster zu strecken, so daß die Angrcifcn- den es deutlich erblicken. Der verwegenste Räuber, der jemals ein Pferd bestieg, würde kaum ihn zum zweiten Mal 67 anznschaucn wagen. Gut, ich wünsche nur,,daß ich diesen Gorgoncnkopf auf eine halbe Stunde zur Verfügung hätte." „Zu welchem Zweck, Lucy?" fragte Miß Vere. „Ich würde aus dem Schloß jenen finsteren, steifen und stolzen Sir Frcderik Langley verscheuchen, der ein Günstling Eures Vaters ist, aber bei Euch so wenig in Gunst steht. Gewiß, ich werde dem Zauberer mein Leben lang nur für die halbe Stunde verpflichtet sein, worin mir ans der Gesellschaft dieses» Mannes erlöst wurden, als mir diese Zeit durch den Abstecher, um Elshie zu besuchen, gewannen." „Was würdet Ihr denn sagen," sprach Miß Vere in leisem Tone, so daß die jüngere Schwester sie nicht hören konnte, welche ihnen ans dem Wege etwas voraus war, da der enge Pfad allen Dreien nicht gestattete, neben einander zu reiten, „was würdet Ihr sagen, theuerstc Lucy, wenn Euch vorgeschlagen würde, seine Gesellschaft Euer Leben laug zu ertragen?" „Ich würde dreimal Nein, Nein, Nein sagen, jedesmal lauter wie vorher, bis man mich in Carlisle hören würde." „Sir Frederik würde alsdann sagen: Neun abschlägige Antworten sind einer halben Einwilligung gleich." „Dieß," erwiderte Miß Lucy, „ist gänzlich von der Weise abhängig, wie die abschlägige Antwort ertheilt wird. Die meinige sollte kein Gran von Beistimmnng enthalten." „Aber wenn Euer Vater sagen würde," bemerkte Miß Vere, „thue dies, oder —" „So würde ich den Folgen seines Oder trotzen, um die Lücke bei der gelassenen Wahl auszufüllen, wäre er auch der grausamste Vater, von welchem jemals in Romanen berichtet wurde." „Und wenn er Euch mit einer katholischen Tante, einer Aebtissin und einem Kloster drohte?" 8 * 68 „Alsdann," erwiderte Miß Jlderton, „würde ich ihm mit einem protestantischen Schwiegersohn drohen, und eine Gelegenheit znm Ungehorsam wegen einer Gcwissenssache gerne benutzen. Jetzt, da Nancy uns nicht hören kann, laßt mich Euch sagen, daß Ihr nach meiner Meinung vor Gott und Menschen zu entschuldigen seid, wenn Ihr dieser unheilvollen Heirath mit jedem verfügbaren Mittel widersteht; er ist ein stolzer, finsterer und ehrgeiziger Mann, ein Verschwörer gegen den Staat, ehrlos wegen seiner Habsucht und seiner Strenge, ein schlechter Bruder, bösartig und unedelmüthig gegen alle seine Verwandten, — Isabelle, ich würde lieber sterben, als mich mit ihm vermählen." „Laßt meinen Vater nicht merken, daß Ihr mir solchen Rath gabt," sagte Miß Vere, „sonst, meine thenrc Lucy, müßt Ihr Ellieslaw Castle Lebewohl sagen." „Und ich sage Ellieslaw Castle von ganzem Herzen Lebewohl," erwiderte ihre Freundin, „wenn ich Euch nicht ans demselben befreit und unter einem liebreicheren Beschützer sehen werde, wie demjenigen, welchen die Natur Euch gab. Ach, wenn nur mein armer Vater seine frühere Gesundheit noch besäße! wie gerne würde er Ench anfgenvmmcn und beschützt haben, bis diese lächerliche und grausame Verfolgung vorüber wäre." „Wollte Gott, dem wäre so, thenre Lucy," erwiderte Isabelle, „ich fürchte aber, daß Euer Vater bei seiner schwachen Gesundheit mich nicht gegen die Mittel zu schützen vermag, welche sogleich würden angewandt werden, um die arme Entflohene zurückznholen." „Ich fürchte das wirklich," erwiderte Miß Jlderton, „aber wir wollen überlegen und Etwas ersinnen, jetzt da Euer Vater und seine Gäste sich so tief in eine geheimnißvolle Verschwörung 69 eingelassen zn haben scheinen, wie man aus dem Hin- und Hergehen der Boten, aus den sonderbaren Gesichtern schließen kann, welche ohne Nennung ihrer Namen erscheinen und verschwinden, wie aus der Einsammlung und Vereinigung der Waffen und der ängstlichen Spannung und der Geschäftigkeit erhellt, wodurch jeder Mann im Schlosse aufgeregt zu sein scheint- unter solchen Umständen kann es für uns vielleicht nicht unmöglich sein, eine kleine Verschwörung unsererseits als Anhang der andern zu entwerfen — immer vorausgesetzt, daß die Angelegenheiten bis znm Aenßersten getrieben werden. Ich hoffe, die Herren haben alle Politik nicht für sich in Beschlag genommen. Einen Verbündeten möchte ich gerne in unser» Rath zulaffen." „Doch nicht Nancy?" „O nein," sagte Miß Jlderton, „Nancy, obgleich ein ausgezeichnet gutes Mädchen, welche viel Anhänglichkeit zu Euch hegt, würde nur eine einfältige Nolle in einer Verschwörung spielen — eine so einfältige wie Benault und alle die untergeordneten Verschwörer im Geretteten Venedig. Nein, dies ist ein Jaffier oder ein Pierre, wenn Euch der Charakter besser gefällt; jedoch, obgleich ich weiß, daß er Euch gefällt, so scheue ich mich dennoch, seinen Namen zn nennen, damit ich Euch nicht zugleich ärgere. Könnt Ihr nicht rathcn? Etwas wie ein Adler und ein Fels; der Name beginnt nicht mit dem englischen Wort für Adler, jedoch mit einem andern, das im Schottischen so etwas bezeichnet"*). „Ihr meint doch nicht den jungen Earnscliff, Lucy," sagte Miß Vere, tief erröthend. „Wen sollte ich sonst meinen?" sagte Lucy, „Jaffiers und Ear», schottisch für Eagle cAdler). Pierre's sind sehr selten hier zu Lande, wie ich annehmen kann, obgleich man genug Renanlts und Bedamars vorfindet." „Lucy, wie könnt Ihr so tolle Reden führen, Schauspiele und Romane haben Euch das Gehirn verdreht; Ihr wißt, daß, abgesehen von der Einwilligung meines Vaters, ohne die ich Niemand heirathcn will, und die in diesem Falle nie ertheilt werden würde; auch abgesehen davon, daß Ihr von der Neigung des jungen Earuscliff keine andere Kunde, als nach Euren tollen Vermnthnngen und Einfällen habt, daß außerdem der verhängnißvolle Streit ein Hinderniß ist." „Der Streit, worin sein Vater getödtct wurde?" fragte Lucy, „das hat vor sehr langer Zeit statt gehabt; ich hoffe, wir haben die Zeiten der Blutrache überlebt, worin ein Zank zwischen zwei Familien wie ein spanisches Schachspiel vom Vater auf den Sohn sich vererbte, und wo ein Mord oder zwei in jeder Generation vorkamen, um dergleichen Unheil nicht aussterben zu lassen. Heutzutage verfahren wir mit unfern Zänkereien wie mit unfern Kleidern; wir haben »nsern eigenen Schnitt und für uns unfern bcsondern Anzug; wir denken eben so wenig daran, die Zänkereien unserer Väter zu rächen, wie deren geschlitzte Wämser und Pluderhosen zu tragen." „Lucy, Ihr behandelt die Sache zu leichtfertig," erwiderte Miß Verc. „Durchaus nicht, meine thenre Isabelle," sagte Lucy, „bedenkt, Euer Vater war zwar bei dem unglücklichen Handgemenge gegenwärtig, Niemand aber hat vermuthet, daß er den tvdtlichen Stoß führte, außerdem waren in früheren Zeiten nach gegenseitigem blutigen Kampfe zwisckcn Clans die nachfolgenden Familienverbindungen so wenig ausgeschlossen, daß die Hand einer Schwester oder Tochter das häufigste Pfand der Wiederaussvhnung bildete. Ihr lacht über meine Belesen- heit in Romanen; allein ich versichere Euch, wiirde Eure Geschichte geschrieben, wie die so mancher weniger unglücklichen und verdienstvollen Heldin, so wurde der einsichtsvolle Leser Euch zu der Dame und zur Geliebten von Earnscliff gerade wegen des Hindernisses bestimme», welches Ihr für so unüber- stcigbar haltet." „Unsere Tage sind aber keine romantische Zeit, sondern traurige Wirklichkeit; denn dort steht das Schloß Ellieslaw." „Und dort steht Sir Frederik Langley im Thorc und erwartet die Damen, um ihnen seinen Beistand beim Absteigen vom Pferde anznbieten, — ich möchte eben so gern eine Kröte berühren; ich will seine Hoffnung tauschen und den alten Stallknecht Horstngton zu meinem Stallmeister annehmen." Bei diesen Worten peitschte die lebhafte junge Dame ihren Zelter vorwärts, sprengte bei Sir Frederik mit einem vertrauten Nicken vorüber, als er sich bereit hielt, den Zügel ihres Pferdes zu ergreifen, und sprang in die Arme des alten Stallknechtes. Isabelle hätte gerne dasselbe gethan, allein sie wagte es nicht, denn ihr Vater stand in der Nähe, und der Ausdruck des Mißfallens verdunkelte schon ein Antlitz, welches zum Ausdruck der rauhen Leidenschaften besonders geeignet war; sie sah sich zur Annahme der unwillkommenen Höflichkeiten ihres verabscheuten Bewerbers genöthigt. Sechstes Kapitel. Nennen wir uns nicht Diebe nach der Beute des Tages, denn wir sind Ritter der Nacht; laßt uns die Förster der Diana, die Edelleutc des Schattens, die Günstlinge des MondcL sein. Heinrich IV. Theil I. Der Einsiedler hatte die übrige Zeit des Tages, am welchem er mit den jungen Damen zusammengetroffen war, innerhalb seines Gartens zngebracht. Am Abende saß er wieder auf seinem Lieblingssteine. Die röthlich nntergehende Sonne unter rollenden Wolken warf ein düsteres Licht über das Moor und ertheilte eine tiefere Purpurfarbe den breiten Umrissen von kahlen Anhöhen, welche diesen einsamen Platz umringten. Der Zwerg blickte auf die Wolken; als sie sich über einander in Massen gesammelter Dünste häuften, und als ein Heller Strahl des sinkenden Lichtkörpers auf seine auffallende und seltsame Gestalt fiel, konnte er als der Dämon des drohenden Gewitters oder als ein Kobold erscheinen, der aus seinem Wohnort unter der Erde durch die unterirdischen Zeichen der Annäherung eines heftigen Sturmes auf die Oberfläche entboten war. Als er so dasaß und sein dunkles Auge ans den zürnenden und geschwärzten Himmel wandte, sprengte ein Reiter schnell auf ihn zu, hielt an, als wolle er sein Pferd auf einen Augenblick Athen, schöpfen lassen und machte dem Einsiedler eine Art Verbeugung mit einem Ausdruck, der zwischen Frechheit und Verlegenheit in der Mitte stand. Die Gestalt des Reiters war dünn, groß und schlank, zeigte jedoch merkwürdige Kraft, breite Knochen und starke Sehnen; sie glich derjenigen eines Mannes, der sein ganzes Leben lang die heftigsten Leibesübungen betrieb, welche die Zunahme des Mcnschcnleibes im Umfange verhindern, während sie durch Gewohnheit die Muskelkraft stärken und stählen. Sein Antlitz mit scharfen Zügen, sonnverbrannt und mit Sommersprossen, zeigte einen unheimliche» Ausdruck von Gewalt- thätigkeit, Unverschämtheit und List, von welchen Eigenschaften eine jede abwechselnd vorznhcrrschen schien; rothes Haar und röthliche Augenbrauen, unter denen scharfe graue Angen blitzten, vervollständigten den Unheil verkündenden Umriß der Gesichtsbildung jenes Reiters. Er trug Pistolen in den Satteltaschen, und ein zweites Paar ragte unter seinem Gütel hervor, obgleich er sich Mühe gegeben hatte, dasselbe unter seinem zugeknöpften Wamse zu verbergen. Sein Anzug war eine verrostete Sturmhaube, ein Büffelwams von etwas alterthüm- lichem Schnitt, Handscknhe, von denen derjenige der rechten Hand mit kleinen Eisenschnppen, wie ein alter Fechthandschuh, bedeckt war; ein großer Pallasch vervollständigte seine Ausrüstung. „So," sagte der Zwerg, „Raub und Mord sitzen wieder zu Pferde." „Ja," erwiderte der Bandit, „Elshie, Eure Heilkunde hat mich wieder flott gemacht." „Und alle Eure Versprechungen, Euch zu bessern, die Ihr während Eurer Krankheit machtet, sind vergessen?" fuhr Elshender fort. „Alle sind mit den Wasserbrocken und Brodsnppen ver- 74 schwanden," sagte der Bandit, ohne sich zn schämen, „Ihr wißt, Elshie, denn man sagt, Ihr seid mit dem Herrn sehr wohl bekannt: ,AlS einst der Teufel kränkelte, da wollt' er gern ein Mönch sei», Doch als der Teufel sich besserte, zog er nicht länger die Klauen ein."" „Dn sagst die Wahrheit," sprach der Einsiedler, „ein Wolf läßt sich eben so wenig von seinem Blntdnrst oder ein Rabe von seiner Gier nach Aas trennen, wie dn von deinen verruchten Neigungen." „Was Henker sollte ich thun, es ist mir angeboren, es liegt mir im Blut und Knochen; höre, Mann, die Burschen von Westbnrnssat sind zehn Geschlechter lang Straßenränder und Biehdiebe gewesen. Sie haben Alle viel getrunken, gut gelebt, blutige Rache für kleine Beleidigungen genommen, und haben niemals der Waffen, um Alles das zu gewinnen, entbehrt." „Recht, du bist ein Wolf von ächter Race," sagte der Zwerg, „wie jemals ein solcher des Nachts über eine Schafhürde sprang; in welchem Aufträge der Hölle bist dn jetzt ansgcrittcn?" „Kann Eure Weisheit es nicht errathen?" „So viel weiß ich," sagte der Zwerg, „daß deine Absicht eine böse ist, daß deine That noch schlimmer und der Ansgang der schlimmste von allen sein wird." „He, Vater Elshie, gerade deßhalb bin ich um so mehr Euer Liebling," meinte Westburnflat, „das habt Ihr ja immer gesagt." „Ich habe Ursache, alle Diejenigen zn lieben," erwiderte der Zwerg, „welche die Geiseln ihrer Ncbcnmenschen sind, und du bist eine blutige." „Nein, zu dem bekenne ich mich nicht schuldig; blutig bin ich nie, wenn nicht Widerstand stattsindct, Ihr wißt ja, das treibt einem Manne die Borsten in die Höhe, und daran ist auch nicht v.icl gelegen; ich beschneide nur den Kamm eines jungen Hahnes, der ein wenig zu mnthig gekräht hat." „Doch nicht dem jungen Earnscliff?" fragte der Einsiedler mit einiger Aufregung. „Nein, dem jungen Earsncliff noch nicht, aber seine Zeit, kommt vielleicht noch, wenn er keinen guten Rath annimmt. Er mag in die Kaninchenstadt zurückkehren, für die er sich eignet; er braucht sich hier nicht herumzntreiben, um das wenige Rothwild zu tödten, das hier noch übrig ist, oder um angeblich als Friedensrichter zu walten und den vornehmen Leuten im rauchigen Edinburg Briefe zu schreiben über den unruhigen Zustand des Landes; er mag sich in Acht nehmen." „Dann muß es Hobbie von Hengh-foot sein," sagte Elshie, „was hat der Euch zu Leide gethan?" „Nichts Besonderes, ich höre aber, daß er gesagt hat, ich sei am Fastabend vom Kngelspiel aus Furcht vor ihm weggeblieben; das geschah aber nur aus Furcht vor den Gerichtsdienern, denn ei» Berhaftsbefehl war gegen mich ausgcfertigt. Ich will Hobbie und seinem ganzen Clan Stand halten, indeß es ist weiter Nichts, als daß ich ihm eine Lection geben will, damit er seiner Zunge gegen Leute, die besser sind wie er, nicht zu freien Lauf läßt. Ich bin überzengt, daß er vor morgen früh die beste Schwungfeder aus seinem Flügel verloren hat. Lebt wohl, Elshie, einige geschickte Bursche warten ans mich dort unten im Walde, ich will bei Ench einsprechen, wenn ich znrückkehre, und eine hübsche Erzählung alsdann für Eure Heilkunde bringen." Ehe der Zwerg sich fassen konnte, um zu antworten, gab der Straßenräuber von Wcstbnrnflat seinem Pferde die Sporen. Das Thier stieß sich an einem der Steine, die zerstreut um- herlagen, und sprang vom Wege ab. Der Reiter gebrauchte seine Sporen ohne Mäßigung oder Gnade, das Pferd wurde wiithcnd, bäumte sich, schlug hinten und vorne ans und sprang wie ein Hirsch mit allen vier Füßen vom Boden ans. Es war vergeblich; der unbeugsame Reiter saß fest, als sei er ein Theil des Pferdes, das er beschritt; nach einem kurzen aber wüthen- den Kampf zwang er das unterworfene Thier zu einem Schritt, der ihn bald aus dem Bereiche brachte, worin ihn der Einsiedler erblicken konnte. „Dieser Schurke," rief der Zwerg, „dieser kaltblütige, verhärtete, grausame Raufbold — dieser Elende, bei welchem jeder Gedanke mit Verbrechen befleckt ist, besitzt Körpermaffe und Sehnen, Glieder, Stärke und Thätigkeit genug, um ein edleres Thier wie er selbst ist, zu zwingen, daß es ihn zu dem Orte trägt, wo er Ruchlosigkeiten vollbringen kann, während ich, besäße ich die Schwäche zu wünschen, daß dieses unglückliche Schlachtopfer ans seiner Hut wäre, und daß seine hülf- lose Familie gerettet würde, meine guten Absichten durch die Altersschwäche vereitelt sehen müßte, welche mich an diesen Platz heftet. Warum sollte ich wünschen, daß es anders wäre? Was hat meine krächzende eulenartige Stimme, meine scheußliche Gestalt, meine widerlichen Züge mit den schöneren Geschöpfen der Natur zu schaffen? Empfangen nicht die Menschen sogar meine Wohlthaten mit Znrückschaudern, Abscheu nnd schlecht unterdrücktem Widerwillen? Warum sollte ich mich um ein Geschlecht bekümmern, welches mich als Mißgeburt nnd als Verstoßenen betrachtet, welches mich als solchen behandelt? Nein, bei aller Undankbarkeit, die ich erfuhr, — bei dem Unrecht, welches ich ertrug, bei meinem Gefängniß, meinen Geißlungen und meinen Ketten, ich will das Gefühl der sich auflehnenden Menschlichkeit Niederkämpfen! ich will nicht mehr der Thor wie früher sein, um von meinen Grundsätzen abzuweichen, wenn man sich an mein Gefühl wandte, als wenn ich, dem Niemand Mitgefühl erweist, Mitgefühl mit irgend Jemand hegen sollte! Das Schicksal mag seinen Sichel-Wagen durch die erdrückte und zitternde Masse der Menschheit treiben. Soll ich der Thor sein, nm diese abgelebte Gestalt, diesen entstellten Klumpen von Sterblichkeit unter seine Räder zu werfen, damit der Zwerg, der Zauberer, der Krüppel eine schöne Gestalt oder einen thätigcn Leib von Zerstörung rettet und die Welt bei dem Wechsel in die Hände klatscht? Niemals! — und dennoch, dieser Elliot — so jung, so tapfer und freimüthig, so — ich will nicht länger daran denken, ich kann ihm nicht helfen, und ich bin entschlossen, fest entschlossen, ihm nicht zu helfen, wenn ich könnte, wenn ein bloßer Wunsch Bürgschaft für seine Sicherheit böte!" Nachdem er so sei» Selbstgespräch beendet hatte, zog er sich in seine Hütte zum Schutz vor dem Wetter zurück, welches jetzt mit großen und schweren Regentropfen ansznbrechen begann. Die letzten Sonnenstrahlen verschwanden gänzlich und zwei oder drei ferne Donnerschläge folgten auf einander in kurzen Zwischenräumen, indem sie unter der Reihe der kahlen Höhen wie der Widerhall eines entfernten Treffens erschallten. Siebentes Kapitel. Dir, o Falk des Gebirgs wird die Schwinge vcrzauöt! Kehr' einsam zurück, wo im Nest du gehaust! Die Asche »och glüht, wo gemach du gcruh't, lind die Mutter beklagt die verhungernde Brut. Campbell. Dit Nacht blieb stürmisch und finster; der Morgen erhob sich aber, als sei er durch den Regen erfrischt worden. Sogar der Mncklestane-Moor mit seinen breiten kahlen Anschwellungen unfruchtbaren Bodens zwischen sumpfigen Teichen schien unter dem heiteren Einfluß des Himmels zu lächeln, sowie die gute Laune einen gewissen unaussprechlichen Reiz über das häßlichste Menschcnantlitz ergießen kann. Die Haide stand in ihrer dichtesten und tiefsten Blüthe. Die Bienen, welche der Einsiedler zu seiner ländlichen Wohnung hinzugcfügt hatte, waren ausgcflogen und erfüllten die Luft mit dem Summen ihres Fleißes. Als der alte Mann ans seiner kleinen Hütte hervvrkroch, kamen ihm seine zwei Ziegen entgegen, und leckten ihm die Hand ans Dankbarkeit für die Pflanzen, die er ihnen ans seinem Garten reichte. „Ihr wenigstens," sagte er, „seht keinen Unterschied in der Gestalt, welcher euer Gefühl gegen euer» Wohlthäter verändern kann. Für euch würde die schönste Form, die jemals ein Bildner schuf, ein Gegenstand 79 der Gleichgültigkeit oder der Furcht sein, wenn sie sich euch anstatt des mißgestalteten Rumpfes zeigte, an dessen Dienst ihr gewohnt seid. Habe ich jemals eine solche Erwiderung der Dankbarkeit angetrvffen, so lange ich in der Welt lebte? Nein; der Diener, den ich von Jugend anfcrzvgen habe, schnitt Gesichter hinter meinem Stuhle; der Freund, den ich mit meinem Vermögen unterstützte, um deffentwillen ich sogar mich befleckte" — (er hielt an mit einem krampshaften Zaudern) — „sogar er war der Meinung, ich sei geeigneter für die Gesellschaft der Wahnsinnigen, für ihren schmachvollen Zwang, für ihre grausamen Entbehrungen, als für den Verkehr mit den übrigen Menschen. Hubert allein — auch Hubert wird mich eines Tages verlassen. Alle sind aus Einem Stück, einer Masse von Gottlosigkeit. Selbstsucht und Undankbarkeit — Elende, welche sogar in ihrer Andacht sündigen, von solcher Härte des HcrzenS, daß sie nicht einmal der Gottheit selbst für die warme Sonne und die reine Luft ohne Heuchelei danken." Als er in dies; finstere Selbstgespräch versenkt mar, vernahm er den Schall von Pferdehnfen von der andern Seite seiner Umzäunung, und eine starke Stimme, die mit der Lebhaftigkeit eines leichten Herzens sang: „Hvbbie Elliot, schmucker Mann, Sagt, ob ich Euch begleiten kann." Im selben Augenblicke sprang ein großer für die Rchjagd abgerichteter Windhund über den Zaun des Einsiedlers. Den Jägern in dieser Einöde ist cs wohl bekannt, daß das Aussehen und der Geruch der Ziegen denjenigen ihres gewöhnlichen gejagten WildcS so sehr gleicht, daß die besten abgerichteten Windhunde bisweilen sich ans ersterc stürzen. Der 80 Hund, von welchem die Rede ist, riß sogleich eine Ziege des Eremiten zu Boden und erwürgte dieselbe, während Hobbie Elliot, der heranritt und von seinem Pferde sprang, das harmlose Thier nicht eher von den Zähnen seines Hundes befreien konnte, als bis es in den letzten Zügen lag. Der Zwerg blickte einige Augenblicke auf die krampfartigen Zuckungen seines sterbenden Gnnstlings, bis die arme Ziege mit den Krämpfen und dem zitternden Schauern des letzte» Todeskampfes ihre Glieder ansstrcckte. Alsdann geriet!) er in einen Anfall von Wnth, zog ein langes scharfes Messer oder Dolch, das er unter seinem Kleide trug, und war im Begriff, sich auf den Hund zu stürzen, als Hobbie, seinen Zweck bemerkend, einschritt, und seine Hand mit dem Ausrufe ergriff, „laßt den Hund, Mann — laßt den Hund! Killbuk darf in dieser Weise nicht behandelt werden." Der Zwerg richtete seine Wnth gegen den jungen Pächter, befreite seine Faust ans dem Griffe Hobbie's durch eine plötzliche und weit kräftigere Anstrengung, wie Letzterer von einer solchen Person erwartete, und richtete den Dolch gegen dessen Herz. Alles dies; geschah in einem Augenblicke, und der zornige Einsiedler hätte seine Rache durch einen Stoß mit der Waffe in Elliot's Brust vervollständigen können, wäre er nicht durch einen inneren Antrieb znrückgehalten worden, welcher ihn bewog, sein Messer fortzuschlendern. „Nein!" rief er ans, als er sich so der Mittel, seine Wnth zu befriedigen, beraubte — „nicht wieder!" Hobbie trat einige Schritte in großer Neberraschnng, Mißmuts» und Selbst Verachtung zurück, daß er durch ein scheinbar so verächtliches Geschöpf in solche Gefahr gerathen war. „Er hat durch Kraft und Bosheit den Teufel im Leibe!" waren die ersten Worte, die ihm entfuhren, alsdann aber ließ er eine Entschuldigung sich den Vorfall folgen, welcher die Mißhclligkeit veranlaßt hatte. „Ich will Killbnk nicht recht- fertigen, nnd ich versichere Euch, der Vorfall ist mir ebenso unangenehm, wie Euch, ich will Euch aber zwei Ziegen und zwei fette Mutterschafe schicken, Elshie, um die Sache wieder auszugleichen. Ein weiser Mann, wie Ihr, sollte keine Bosheit gegen ein armes dummes Ding hegen; Ihr seht ja, eine Ziege ist wie ein Geschwisterkind mit dem Rehe, drum handelte das Thier nur nach seiner Natur. Wäre cs ein Lamm gewesen, 'so wurde sich mehr darüber sagen lassen. Ihr solltet Schafe halten, Elshie, nnd keine Ziegen, wo so viele Jagdhunde in der Nähe sind; ich will Euch aber Beides schicken." „Elender," sagte der Einsiedler, „Eure Grausamkeit hat eines der einzigen lebendigen Geschöpfe vernichtet, welche mit Freundlichkeit ans mich blicken würden!" „Gewiß, es geschah ohne Vorsatz," erwiderte Hobbie; ich hätte aber allerdings an Eure Ziegen denken und die Hunde an die Leine binden sollen. Wahrhaftig, ich hätte lieber gesehen, daß sie den schönsten Widder in meiner Heerde erwürgt hätten. Kommt, Mann, Ihr müßt vergessen und vergeben. Es ärgert mich ebenso, wie Euch, allein ich bin ein Bräutigam, nnd das läßt mich an mancherlei Dinge nicht denken. Ich dachte an das Hochzeitessen, oder an einen gnten Theil desselben; daß meine zwei Brüder auf einem Karren um den Rider's-Stack drei fette Rehböcke bringen, so schön, wie jemals auf Dallomlea liefen, wie es im Liede heißt; sie konnten des Morastes halber nicht auf geradem Wege kommen. Ich würde Euch ein Stück Wildpret schicken, aber Ihr würdet es vielleicht nicht annehmen wollen, denn Killbuck hat das Reh gefangen." Während dieser langen Rede, womit der gutmüthige Grenz- Dcr schwarze Zwerg. 6 bewohner den gereizten Zwerg dnrch jede Bemerkung, die ihm cinfiel, zn besänftigen suchte, richtete jener seinen Blick auf den Boden, als sei er in tiefes Nachdenken versenkt, und brach znlcht in folgende Worte ans: „die Natur? — ja! cs ist der gewöhnliche, viel betretene Weg der Natur. Der Starke ergreift und erwürgt den Schwachen, der Reiche erdrückt und plündert den Armen; der Glückliche, wenn er ein solcher Thor ist, sich für glücklich zn halten, beschimpft das Elend und vermindert den Trost des Elenden. Geh von hinnen, es ist dir gelungen, einen neuen Schmerz dem Unglücklichsten aller menschlichen Wesen zn erwecken — du hast mich Alles dessen beraubt, welches ich beinahe als eine Quelle des Trostes betrachtete. Geh von hinnen und genieße das Glück, welches dir an deinem Herde bereitet ist!" „Wahrhaftig," sagte Hobbie, pich würde Euch gerne mit mir nehmen, Mann, wenn Ihr nur sagen wolltet, daß Ihr am Montag ans meiner Hochzeit gegenwärtig sein mochtet. An hundert Elliot's werden über die Flur reiten — etwas Achnliches hat man nicht gesehen seit den Tagen des alten Martin von Preaking Tower, ich würde Euch den Karren mit einem schönen Klepper schicken." „Ihr macht mir den Vorschlag, mich noch einmal in die Gesellschaft der gemeinen Heerde zu mischen?" fragte der Einsiedler mit dem Ausdruck des tiefsten Widerwillens. „Gemeine, gemeine!" erwiderte Hobbie, „gemein sind sie nicht; die Elliot's sind längst bekannt als ein edles Geschlecht." Geh von hinnen," wiederholte der Zwerg, „mag dasselbe Unglück dich begleiten, das du mir hinterließest; geh ich auch nicht mit dir, so suche, daß dn demjenigen entgehen kannst, 83 was meine Begleiter, Zorn und Elend, über deine Schwelle vor deiner Ankunft brachten." „Ich wünsche nicht, daß Ihr so redet," sagte Hobbie. „Elshie, Ihr kennt Euch selbst; Niemand hält Euch für überklug ; nun will ich Euch ein für allemal sagen — Ihr habt soviel gesagt, was mir und den Meinen Böses bedeutet; wenn nun ein Unglück meine Cousine Grace, was Gott verhüte, oder mich selbst, oder die Meinigen, oder die armen stummen Hunde befällt, oder erleide ich Schaden an Leib und Gut, so will ich nicht vergessen, daß ich es Euch verdanke." „Pack dich, Bauer," rief der Zwerg, „geh nach deiner Wohnung und denk an mich, wenn du findest, was dort sich ereignet hat." „Schon gnt," sagte Hobbie, indem er sein Pferd bestieg, „wozu hilft cs, mit Krüppeln zu streiten, sie sind allesammt unhöflich, ich will Ench aber etwas sagen, Nackbar, wenn die Sachen mit Grace Armstrong anders wie gnt stehen, so will ich Euch rösten, wenn in den fünf Kirchspielen noch ein Theer- faß zu haben ist." Bei den Worten ritt er fort; Elshie blickte auf ihn mit höhnischem und zornigem Gelächter, ergriff alsdann Spaten und Haue und grub seinem tobten Lieblinge ein Grab. Ein leiser Pfiff und die Worte: „Elshie, still," störte ihn in seinem schwermüthigen Beginnen, er blickte auf, und der rothe Straßenränber stand vor ihm. Wie dem Mörder Ban- qno's klebte ihm Blut im Gesicht, ebenso wie an den Rädern seiner Sporen; auch die Seiten seines zu heftig gerittenen Pferdes trieften von Blut. „Was gibt's, Bandit," fragte der Zwerg, „ist der Streich ansgefnhrt?" »Ja, ja, daran zweifelt nicht, Elshie," erwiderte der Freier- 84 beutcr, „wenn ich reite, so mögen meine Feinde winseln. Heute morgen haben sie mehr Licht wie Behaglichkeit in Heugh- foot gehabt; dort ist jeht ein leerer Knhstall, Geheul und Klagen nach der schonen Brant." „Wie so?« „Carlchen Prellt-den-Galgen, wie wir ihn nennen, d. h. Carl Foster von Tinning Back hat versprochen, sie in Cumber- land zu bewachen, bis der Sturm vorüber ist; sie hat mich gesehen und während des Lärms erkannt, denn die Maske fiel mir einen Augenblick vom Gesicht, ich glaube, daß meine Sicherheit in Gefahr ist, wenn sie wieder znrückkvmmt. Denn der Elliot's sind viele, und sie halten in Gutem wie Bösem zusammen, jetzt bin ich gekommen, um Euren Rath zu hören, wie ich mich am besten sichern kann." „So, du willst sie also ermorden?" „Das gerade nicht, wenn es sich ändern läßt. Man sagt aber jetzt, daß man Leute auf listige Weise ans einem Seehafen nach den Pflanzungen bringen kann und daß Etwas für Denjenigen zu gewinnen ist, der ein hübsches Mensch dorthin fortschafft. Man braucht das weibliche Vieh jenseits des Meeres, und hier ist es nicht so selten, aber ich denke dieß Mädchen noch besser versorgen zu können. Eine vornehme Dame soll ins Ausland geschickt werden, wenn sie kein gehorsames Kind ist, sie mag wollen oder nicht; nun glaube ich, daß ich Grace als ihre Dienerin fortschicken kann — sie ist ein hübsches Mädchen. Hobbie wird einen vergnügten Morgen haben, wenn er nach Hanse kömmt und sowohl seine Brant wie sein Gut nicht mehr vorfindet." „Und Ihr bemitleidet ihn nicht?" fragte der Einsiedler. „Würde er mich bemitleiden, wenn ich unter dem Galgen stände? und dennoch fühle ich etwas Reue wegen des hübschen Mädchens; er wird aber eine Andere bekommen und der Schaden für ihn nicht groß sein. Die Eine ist so gut wie die Andere. Ihr hört aber so gern, daß Unheil angerichtet ist; habt Ihr jemals von einem besseren Streich gehört, wie ich ihn heute morgen ausführte?" „Luft, Ocean und Feuer," sagte der Zwerg, indem er mit sich selbst redete. „Das Erdbeben, der Sturm und der Vulkan sind mild und gemäßigt im Vergleich mit dem Grimme des Menschen, und was ist dieser Kerl anders, als ein Schurke, der größere Geschicklichkeit wie Andere besitzt, um den Zweck seines Daseins ansznführen? Höre mich Spitzbube, geh wiederum dorthin, wohin ich dich früher sandte." „Zu dem Verwalter?" „Ja, und sage ihm, Elshcnder, der Klausner befehle ihm, dir Gold zu geben. Aber höre mich, entlaß das Mädchen frei und unverletzt; bringe sie zu ihren Verwandten zurück und laß sie einen Eid schwören, deine Schurkereien nicht zu entdecken." „Wenn sie nun aber ihren Eid bricht?" fragte Westburn- Flat. „Die Weiber sind ja dafür berühmt, daß sie ihr Wort halten. Ein weiser Mann, wie Ihr, sollte das wissen — und sie soll unverletzt entlassen werden? wer weiß, was sich hier ereignet, wenn sie längere Zeit in Tenning Back verweilt. Carlchen Prell-den-Galgen ist ein rauher Gesell; kann aber das Gold auf 20 Stück baar Geld gebracht werden, so glaube ich, dafür bürgen zu könne», daß sie innerhalb 24 Stunden wieder bei ihren Verwandten ist." Der Zwerg zog seine Schreibtafcl aus der Tasche, schrieb etwas auf ein Papierblatt und riß dasselbe heraus. Dann gab er das Blatt dem Räuber mit den Worten: „Hier ist es, aber merkt: du weißt, daß mich deine Verrätherei nicht täuschen 86 kann. Bist dn ungehorsam gegen meine Befehle, so wird dein elendes Leben dafür einstehen, verlaß dich darauf." „Ich weiß," sagte der Kerl mit niedergeschlagenem Blick, „daß Ihr Gewalt auf Erden besitzt, in welcher Weise Ihr dieselbe auch erlangt haben möcht; Ihr könnt thnn, was kein anderer Mensch vermag, sowohl durch Arzneimittel wie Voraussicht. Das regnet auf Euren Befehl so schnell, wie ich die Eschbaumkäppchen an einem frostigen Oktvbermorgen abfallen sah; ich werde Eurem Befehl nicht ungehorsam sein." «So packe dich und befreie mich von deiner verhaßten Gegenwart." Der Räuber spornte sein Pferd und ritt ohne Antwort hinweg. Hobbie Elliot hatte mittlerweile seine Heimkehr beschleunigt, denn ihn quälte eine drückende unbestimmte Besorgnis; von Unheil, welche man gewöhnlich ein Vorgefühl nennt. Ehe er den Gipfel der Erhöhung erreichte, vom welcher er auf seine Wohnung blicken konnte, kam ihm seine ehemalige Kindsmagd entgegen, damals eine wichtige Person in allen schottischen Familien sowohl der höheren wie mittleren Volksklassen. Die Verbindung zwischen Ammen oder Kindsmägdcn und deren Pflegkinder ward nämlich für ein zu enges Baud gehalten, als daß dessen Lösung erlaubt gewesen wäre; im Lauf der Jahre wurde die Kindsmagd gewöhnlich in die Familie ausgenommen, half bei den häuslichen Pflichten und empfing alle Beweise der Aufmerksamkeit und Rücksicht von den Familienhäuptern. Sobald Hobbie die Gestalt der Annaple in ihrem rothen Rock und schwarzer Haube erkannt hatte, konnte er sich des folgenden Selbstgespräches nicht erwehren. „Welch Unglück kann meine alte Kindsmagd so weit von Haus geführt haben, da sie doch sonst niemals sich einen Flintenschuß weit von der Thür entfernt? — sie wird einige Preißelbeeren oder Heidelbeeren, oder etwas Aehnliches ans dem Moore sammeln, nm Pasteten und Torten zur Hochzeit am Montag zu machen; ich kann mir aber nicht die Worte des groben alten Krüppels, des boshaften Tollkopfes, ans dem Sinne bringen — die geringste Kleinigkeit läßt mich Böses fürchten, — O, Killbuck, verfluchter Hund! es sind doch genug Rehe und Ziegen im Lande, warum hast du gerade sein Geschöpf aus dem Vieh von Anderen dir ausgcwählt, um es anzupacken und zu erwürgen ?" Mittlerweile mar Annaplc mit einer Stirn voll tragischen Ausdruckes auf ihn zugehinkt und ergriff sein Pferd am Zügel. Die Verzweiflung in ihrem Blick war so augenscheinlich, daß auch er die Ursache nicht zu erfragen vermochte. „O mein Kind !" rief sie aus, „geh nicht weiter, geh nicht weiter; es ist ein Anblick um Jedermann, um so mehr dich, zu tödten." „In Gottesnamen, was gibt's?" fragte der erstaunte Jäger, indem er sich bemühte, seinen Zaum dem Griffe der alten Frau zu entreißen. „Um des Himmelswillen, laß mich gehen, ich will sehen, was es gibt." „Weh mir, daß ich leben mußte, um diesen Tag zu erblicken, der Stall steht in Lohe und der Heuschober liegt in rother Asche, und das Vieh ist sämmtlich fortgetrieben! Geh nicht weiter, mein Liebling, es wird Euer junges Herz brechen, was meine alten Augen diesen Morgen gesehen haben." „Wer hat dies; gewagt? laß meinen Zaum fahren, Annaple — wo ist meine Großmutter — meine Schwestern? — wo ist Grace Armstrong? Gott! die Worte des Zauberers klingen mir in den Ohren." Er sprang vom Pferde, machte sich los von Annaple's Unterbrechungen, bestieg eilig den Hügel und 88 erblickte bald das Schauspiel, womit sie ihn bedroht hatte. Es war allerdings ein hcrzzerbrechcnder Anblick, die Wohnung, die er am Gebirgsstrom in ländlicher Einsamkeit errichtet und mit jedem Zengniß ländlicher Wohlhabenheit verlassen hatte, mar jetzt eine verwüstete und von Rauch geschwärzte Ruine. Von den zertrümmerten und schmutzigen Mauern hob sich noch immer der Rauch empor, der Torfschnppcn, die Kornscheune, die mit Vieh gefüllten Stallungen, aller Reichthum eines Landmannes in den Gebirgen zu jener Zeit, wovon verarme Elliot einen nicht ungewöhnlichen Thcil besaß, war in einer einzigen Nacht verwüstet und beraubt worden. Einen Augenblick stand er regungslos, dann rief er aus: „Ich bin zu Grunde gerichtet, zu Grunde gerichtet, bis zum letzten Heller! Verflucht aber sei das weltliche Gut, wäre es nur nicht eine Woche vor der Hochzeit gewesen — ich bin «vernicht ein Knabe, um mich hinzusetzen und zu weinen. Wenn ich nur Grace, und meine Großmutter, und meine Schwestern wohlbehalten finde, so kann ich in den Krieg nach Flandern ziehen, wie mein guter Großvater- unter der Bellenden Banner mit dem alten Bucclench. Jedenfalls will ich festen Muth bewahren, denn sonst verlieren die Weiber sämmtlich den ihrigen." Hobbie schritt männlich den Hügel hinab; er mar entschlossen, seine eigene Verzweiflung zu unterdrücken und den Trost zu crtheilen, den er selbst nicht fühlte. Die benachbarten Einwohner des Thales hatten sich schon versammelt, vorzüglich die seines NamenS. Die Jüngeren waren in Waffen und schrieen nach Rache, obgleich sie nicht wußten, gegen wen sie dieselbe richten sollten; die Aelteren trafen Maßregeln, um der unglücklichen Familie Hülfe zu leisten. Annaple's Hütte, welche am Bache in einiger Entfernung von dem Schauplatze 89 des Unheils entfernt lag, war schnell für die augenblickliche Aufnahme der alten Dame und ihrer Töchter mit solchen Gegenständen hergerichtet, welche die Nachbarn herbcigetragen hatten, denn sehr wenig war ans dem Unglück gerettet worden. „Ihr Herren, sollen wir den ganzen Tag hier stehen, und auf die verbrannten Mauern vom Hanse unseres Verwandten blicken? Eine jede Rauchsäule ist für uns eine Qualm der Schande! steigen wir zu Pferde, um die Jagd zu beginnen! Wer hat die nächsten Bluthunde!" „Der junge Earnscliff," erwiderte ein Anderer; „er ist schon seit längerer Zeit mit sechs Pferden aufgebrochen, um zn versuchen, ob er sie anfspüren kann." „Laßt uns ihm folgen und dem Lande das Lärmzeichen geben! laßt uns Hülfe auf unserem Ritt zusammenbringen! diejenigen, die uns zunächst liegen, sollen den ersten Schlag erhalten!" „Still, haltet euer Maul, ihr verrückten Burschen," sagte ei» alter Mann! „ihr wißt nicht, was ihr sagt. Was! wir sollen Krieg zwischen zwei friedlichen Ländern erregen." „Was betäubt man uns denn mit den Geschichten von unseren Ahnen," erwiderte der junge Mann, „wenn wir hier sichen und sehen sollen, wie ihm das Haus über dem Kopf verbrannt wird, und wenn wir nicht Hand anlegen dürfen, um ihn zu rächen! Unsere Ahnen verfuhren nicht in dieser Weise, davon bin ich überzeugt." „Ich sage nichts, um davon abzurathen, daß man Rache nimmt an der Mißhandlung Hobbie's, des armen Burschen; heutzutage müssen wir aber das Gesetz auf unserer Seite haben, Simon," erwiderte der klügere Greis. „Und außerdem," sagte ein anderer alte Mann, „glaube 90 ich nicht, das; Jemand jetzt noch lebt, welcher das gesetzliche Verfahren kennt, nm einem Ranbzug über die Grenzen zn folgen. Tam von Whittram war damit bekannt, der ist aber im harten Winter gestorben." „Ja," sagte ein Dritter, „der war bei dem großen Schwarm, als man bis Thirlwall jagte; das geschah im Jahre der Schlacht von Philiphaugh." „O," rief ein Anderer unter diesen streitenden Rathgebern, „große Geschicklichkeit wird nicht dazu erfordert; man steckt nur einen brennenden Torf, oder ein brennendes Heubüschel, oder etwas Aehnliches auf die Spitze eines Speeres, man bläst ein Horn und ruft das Wort, welches als Merkzeichen des Aufgebotes dient, und alsdann darf man dem gestohlenen Gute nach England folgen und dasselbe mit starker Hand wieder zurücknehmen, oder man darf Gut von einem andern Engländer fortbriugen, vorausgesetzt, daß ihr nicht mehr raubt, als euch selbst geraubt war- Das ist das alte Grenzgesetz, gegeben zu Dundrennan in den Tagen des schwarzen Douglas; daran darf Niemand zweifeln, es ist so klar wie die Sonne." „Kommt also, ihr Burschen," rief Simon, „begebt euch zu euren Rappen, wir wollen den alten Caddy, den Taglöhner, mit uns nehmen; er kennt den Werth des Viehes und des Geräthcs, welches geraubt wurde- Hobbie's Ställe und Scheuern sollen heut Abend wieder gefüllt sein, und können wir das alte Hans nicht so bald wieder anfbauen, so wollen wir ein englisches ebenso zerstören, wie Heugh-foot. Das gilt als ehrliches Spiel in der Welt." Dieser aufregende Vorschlag wurde mit großem Beifall von dem jüngeren Theil der Versammlung angenommen, als ein Geflüster durch dieselbe ging, „dort kömmt Hobbie selbst, der arme Kerl, wir wollen uns von ihm leiten lassen." Der hauptsächlichste Dulder des Unglücks wÜr jetzt von der Höhe hinabgckommcu und stürzte sich durch das Gedränge; er vermochte bei dem aufgeregten Zustande seiner Gefühle nichts Weiteres zu thun, als daß er den Druck der freundschaftlichen Hände empfing und erwiderte, womit seine Nachbarn und Verwandte ihm stumme Beweise des Mitgefühls für sein Unglück gaben. Als er endlich die Hand Simons von Hackburn drückte, fand er Worte in seiner Gcmüthspein: „Ich danke Euch, Simon — ich danke euch, ihr Nachbarn — ich weiß, was ihr mir sagen wollt — aber wo sind sie? — wo sind —" er hielt an, als scheue er sich, die Namen derjenigen zu nennen, nach denen er sich erkundigen wollte; mit einem ähnlichen Gefühl wiesen seine Verwandten, ohne Erwiderung zu geben, ans die Hütte. Hobbie stürzte in dieselbe mit dem verzweifelten Ausdruck eines Mannes, welcher entschlossen ist, das Schlimmste auf einmal zu erfahren. Ihn begleitete ein allgemeiner und kräftiger Ausruf des Mitgefühls, „ach, armer Mann, armer Hobbie!" „Er wird jetzt das Schlimmste erfahren." „Ich hoffe jedoch, daß Earsncliff einige Spuren des armen Mädchens anffindcn wird." Dieß waren die Ausrufungen der Gruppe, welche ohne einen anerkannten Führer, um ihre Bewegungen zu leiten, die Rückkehr des Unglücklichen nnthätig erwartete, aber entschlossen war, seinen Anweisungen zu folgen. Die Zusammenkunft zwischen Hobbie und seiner Familie war im höchsten Grade ergreifend; seine Schwestern warfen sich ihm um den Hals und erstickten ihn beinahe mit ihren Liebkosungen, als wollten sie verhindern, daß er sich umsehe, und die Abwesenheit einer noch mehr Geliebten erkenne. „Gott helfe dir, mein Sohn, er kann helfen, wenn Ver- trauen auf die Welt ein zerbrochenes Rohr ist." Dies; war die Bewillkommnung, womit die Matrone ihren unglücklichen Enkel empfing. Er blickte mit Heftigkeit um sich, indem er zwei seiner Schwestern an der Hand hielt, während die dritte an seinem Halse hing — „ich sehe euch — ich zähle euch — meine Großmutter, Lilias, Jean und Annot, aber wo ist —" (er hielt an und fuhr dann fort, als muffe er sich zum Reden zwingen), „wo ist Grace, gewiß ist es jetzt nicht die Zeit, daß sie sich vor mir verbirgt, — es ist jetzt keine Zeit zum Scherzen." „O, Bruder!" und „unsere arme Grace!" waren die einzigen Antworten, die er auf seine Fragen erlangen konnte, bis seine Großmutter aufstand, ihn sanft von den weinenden Mädchen losmachte und mit jener rührenden Heiterkeit ihn anredete, mit welcher aufrichtige Frömmigkeit, wie Oel über die Wellen gesprengt, die heftigsten Gefühle zu mildern vermag. „Mein Kind, als dein Großvater im Kriege getödtet war, und mich mit sechs Waisen, aber kaum mit Brod zur Speise vder einem Dach zu unserer Bedeckung, hinterließ, besaß ich Kraft, nicht durch mich selbst, — aber mir war die Kraft ertheilt, zu sagen, „des Herrn Wille geschehe" — mein Sohn, unser friedliches Hans ward gestern Nacht durch Reiter, die bewaffnet und maskirt waren, erbrochen; sie haben uns Alles genommen und zerstört, und Eure theure Grace fortgeführt; bete, um Kraft zu erhalten, damit du sagen kannst, Sein Wille geschehe!" „Mutter! Mutter! dränge mich nicht — ich kann nicht — jetzt nicht, ich bin ein sündhafter Mann von hartem Geschlecht. Maskirt, — bewaffnet, — Grace fortgeführt! Gebt mir ein Schwert und meines Vaters Tornister, ich will Rache nehmen, und sollte ich in den Abgrund der Finsterniß dringen, um sie zu suchen!" „O, mein Kind, mein Kind! sei geduldig unter der Ruthe, wer weiß, wenn er uns seine Hand entziehen wird. Der junge Earnscliff, Gott segne ihn, ist zur Verfolgung der Räuber fortgeritten, mit Davie von Stenhouse und den Ersten, die kamen. Ich rief ihnen zu, sie sollten das Haus und das Haus- geräthe liegen lassen und den Räubern folgen, um Grace wieder einzuholen. Earnscliff und seine Leute sprengten drei Stunden nach der That über die Haide. Gott segne ihn! er ist ein wahrhafter Earnscliff, seines Vaters wahrhafter Sohn — ein treuer Freund." „Wirklich ein treuer Freund, Gott segne ihn!" rief Hobbie aus, „laß uns fort und ihm nachjagen." „O, mein Kind, bevor du dich in Gefahr begibst, laß mich nur einmal Horen, daß du sagst, sein Wille geschehe!" „Dränge mich nicht Mutter, jetzt nicht." Er stürzte hinaus; als er aber zurückblickcnd bemerkte, wie seine Großmutter eine stumme Haltung der Bctrübniß zeigte, kehrte er hastig zurück, warf sich in ihre Arme und sagte: „Ja, Mutter, ich kann sagen, sein Wille geschehe, weil Ihr Trost darin findet." „Mag Er dich geleiten, mein thenres Kind, und mag Er dir Ursache geben, daß du bei deiner Rückkehr sagst: Sein Name sei gepriesen!" „Lebt wohl, Mutter, lebt wohl, theccre Schwestern!" mit diesen Worten stürzte Elliot aus dem Hanse. Achtes Kapitel. Zu Nuß, zu Häuf! so rief der Laird, Schnell müßt' Ihr Euch zum Ritt beschicke»; Wer dir sich nicht nls Freund bewährt, Soll nie mir mehr in'L Antlitz blicken. Alte Ballade der Grenzbewohner. „Zu Pferde! zu den Waffen!" rief Hobbie seinen Verwandten zu. Mancher bereite Fuß stand im Steigbügel; während Elliot Waffen und Ausrüstung hastig sammelte, was in solcher Verwirrung nicht leicht war, erschallte das Thal von dem Beifall seiner jüngeren Freunde. „Ha ha," rief Simon von Hackbnrn aus, „das ist die rechte Weise, Hobbie! lasse die Weiber zu Hause sitzen und sich grämen, die Männer müssen also thun, wie ihnen gethau ist; so steht es in der heiligen Schrift." „Haltet Euer Maul Herr," sagte einer der Aclteren mit strengem Tone, „lästert nicht das Wort Gottes in solcher Weise, Ihr wißt nicht, was Ihr sagt." „Habt Ihr einige Nachricht erhalten, habt Ihr einige Spuren gefunden, Hobbie? Bursche, seid nicht zu hastig," sagte der alte Dick vom Dingte. „Was hilft uns jetzt Eure Predigt?" sagte Simon, „könnt Ihr Euch nicht selbst helfen, so haltet nicht Andere ab, die sich selbst helfen können." 95 „Still, Herr, wurdet Ihr Rache nehmen, ohne zn wissen, wer Euch verletzt hat?" „Glaubt Ihr denn, daß wir den Weg nach England nicht kennen eben so gut wie unsere Ahnen?" „Alles Uebel kömmt von dort, das ist ein altes und wahres Sprüchwort; wir wollen dorthin, als ob der Teufel uns nach Süden bliese." „Wir wollen den Spuren von Earnscliffs Pferden auf dem Moore folgen," rief Elliot. „Ich würde dieselben ausfindig maci'en auf jedem Moore, waren sie auch noch so schwer zu entdecken," sagte Heugh, der Grobschmied von Ringlebnrn, „denn ich beschlage immer seine Pferde mit eigener Hand." „Laßt die Schweißhunde los," rief ein Anderer, „wo sind sie?"M» „Halt, Mann, die Sonne ist schon lange anfgegangen, nnd der Thau ist vom Boden verschwunden; sie können die Spur nicht mehr finden." Hobbie pfiff sogleich seinen Hunden, welche um die Ruinen ihrer alten Wohnung umherstreiften und die Luft mit ihrem klagenden Geheul erfüllten. „Nun, Killbuck," sagte Hobbie, „zeige heute deine Geschicklichkeit," — dann fuhr er fort, als ob plötzlich ihm ein Licht aufginge, „der widrige Zwerg sagte etwas davon; er weiß vielleicht mehr, entweder von Schurken auf Erden oder von Teufeln in der Hölle. Ich will es aus ihm herausbringen, sollte ich es auch aus seinem mißgestalteten Buckel mit meinem Haudegen Herausschneiden müssen," alsdann gab er seinen Kameraden hastig Anweisungen. „Vier von Euch reiten nach der Grämes-Kluft. Wenn es Engländer sind, so kann man sie in dieser Richtung auffangen. Die klebrigen zer- 96 streuen sich zu Zweien über der Heide, und treffen mich am Trysting-Teiche. Sagt meinen Brüdern, wenn sie herbeikom- mc», den Andern zu folgen und uns dort anfznsuchen. Die armen Burschen werden eben so bekümmert sein, wie ich; sie wissen nicht, in welch' ein kummervolles Haus sie ihr Wild- pret bringen! ich selbst will über den Mucklestane - Moor reiten." „Wäre ich an Eurer Stelle," sagte Dick vom Dingle, „so würde ich mit dem blutigen Elshie reden; er kann Euch Alles im Lande sagen, wenn er will." „Er soll mir sagen," erwiderte Hobbie, welcher beschäftigt war, seine Waffen zuzurichtcn, „was er vom Ereigniß dieser Nacht weiß, oder ich will schon erfahren, weßhalb er es nicht thun will." „Aber sprich mit ihm höflich, mein guter Mann, Leute wie er können keinen Widerspruch leiden. Sie verkehren so oft mit jenen mürrischen Gespenstern und Teufeln, daß ihr Gemüth dadurch gänzlich verdorben wird." „Ueberlaßt es mir nur, ihn zu leiten, mir steckt heute Etwas in der Brust, welches alle Kobolde ans der Erde und alle Teufel in der Hölle überwältigen kann." Nachdem er sich jetzt vollkommen bewaffnet hatte, warf er sich ans sein Pferd, und spornte dasselbe den steilen Abhang hinauf; er gelangte schnell ans dessen Gipfel, ritt eben so die andere Seite hinab, durchkreuzte einen Wald, und legte dann ein langes Thal zurück, bevor er Mucklestane-Moor zuletzt wieder erreichte. Da er während dieses Rittes in seiner anfänglichen Eile Nachlassen mußte, um sein Pferd wegen der vielleicht bevorstehenden Anstrengung zu schonen, hatte er genügende Zeit zur Ueberlegnng, in welcher Weise er sich an den Zwerg wenden solle, um von ihm die Kunde hcrauszu- bringen, die er bei ihm hinsichtlich der Urheber seines Unglücks voranssetzte. Hobbie, obgleich derb nnd plump in seiner Rede nnd hihig in seinem Wesen, entbehrte eben so wenig wie die meisten seiner Landsleute jener Schlauheit, welche ebenfalls einen ihrer Charakterzüge bildet. Nach demjenigen, was er an dem merkwürdigen Abende, an welchem der Zwerg zum erstenmal gesehen wurde, bemerkt hatte, so wie auch nach allem Verfahren des geheimnißvollen Wesens seit dieser Zeit, begriff er sehr wohl, das; Drohungen und Heftigkeit den mürrischen Eigensinn desselben steigern müßten. „Ich will," dachte er, „ihn höflich anreden, wie der alte Dick mir rieth. Obgleich die Leute sagen, das; er mit dem Satan einen Bund geschlossen hat, so kann er doch kein so eingefleischter Teufel sein, um einen Fall wie den meinigen nicht etwas zu bemitleiden; auch behaupten ja die Leute, daß er bisweilen Gutes thnt und Barmherzigkeit übt. Ich will meinen Zorn so gut wie ich kann, Niederhalten nnd ihn mit Sammetpfötchen berühren; kömmt cs znm Schlimmsten, so brauche ich ihm zuletzt blos den Kopf umzndrehen." In dieser verträglichen Stimmung nahte er der Hütte des Einsiedlers. Der alte Mann saß nicht ans seinem Steine, wo er Gehör zu geben pflegte, noch konnte ihn Hobbie in seinem Garten oder in seinen Umzäunungen erblicken. „Er sitzt in seinem Schlupfwinkel," dachte Hobbie, „vielleicht will er mir auswcichen, ich will ihm aber seine Höhle über seinen Ohren einreißen, wenn ich nicht anders zu ihm kommen kann." Nachdem er dies Selbstgespräch gehalten hatte, erhob er seine Stimme und rief Elshie in einem so bittenden Tone an, wie seine aufgeregten nnd kämpfenden Gefühle einen solchen Der schwarze Zwerg. 7 98 ihm erlaubten, „Elshie, guter Freund!" keine Antwort, „El- shie, weiser Vater Elshie!" Der Zwerg blieb stumm; „die Pest fahre in deinen krummen Leib!" murmelte Hobbie zwischen den Zähnen, dann versuchte er wieder seinen besänftigenden Ton. „Guter Vater Elshie, ein höchst elendes Geschöpf bittet um Rath bei Eurer Weisheit. „Um so besser!" erwiderte die kreischende und übelklingende Stimme des Zwerges durch eine sehr schmale, einer engen Schießscharte gleichenden Fensteröffnung, die er an der Thür seiner Wohnung angebracht hatte, und durch welche er jeden sich Nahenden sehen konnte, ohne daß die Möglichkeit, ihn selbst zu erblicken, vorhanden war. „Um so besser?" rief Hobbie ungeduldig ans, „was soll das Um so besser, Elshie, hört Ihr nickt, wie ick Euch sage, daß ich der elendeste Unglückliche auf Erden bin?" „Und hörtet Ihr nicht, wie ich Euch sagte, daß dieß um so besser ist? sagte ich Euch nicht heute Morgen, als Ihr Euch glücklich hieltet, was für ein Abend Euch bevvrstand?" „Das habt Ihr mir gesagt," erwiderte Hobbie, „und eben das hat mich bewogen, Euch jetzt um Rath zu fragen. Wer ein Unglück voranssah, kann auch die Heilung kennen!" „Ich kenne keine Heilung für irdisches Unglück," erwiderte der Zwerg, „oder weßhalb sollte ich Andern helfen, wenn Jenes auch der Fall wäre, da Niemand mir geholfen hat? Habe ich nicht Reichthnm verloren, welcher alle deine unfruchtbaren Hügel hundertmal hätte kaufen können — einen Rang, mit welchem der deinige verglichen nur der eines Bauern ist — eine Gesellschaft, wo ein Austausch jeder Liebenswürdigkeit und aller Verstandeskräfte herrschte? habe ich nicht Alles dieß verloren? verweile ich nicht hier als ein Verstoßener der Na- tnr in der häßlichsten und einsamsten ihrer Einöden; ich selbst 99 als das Häßlichste von Allem, was mich umgibt? wcßhalb soll ich die Wehklagen von anderen Würmern hören, die man zertritt, da ich hier selbst unter den Rädern des Wagens erdrückt, und mich windend, liege?" „Ihr könnt das Alles verloren haben," erwiderte Hobbie in der Bitterkeit seines Schmerzes, „Land und Leute, Hab und Gut; Ihr könnt das Alles verloren haben, Euer Herz kann aber nie so traurig sein,, wie das meine: denn Ihr habt niemals Grace Armstrong verloren. Und nun ist meine letzte Hoffnung verschwunden; ich werde sie nie mehr sehen." Dieß sagte er im Ausdruck der tiefsten Bekümmerniß; es folgte eine lange Pause, denn die Erwähnung des Namens seiner Braut hatte das zornige und reizbare Gefühl des armen Hobbie überwältigt. Ehe er wieder den Einsiedler anredetc, wurde die knochige Hand und die langen Finger des Letzteren aus dem kleinen Fenster emporgestreckt; sie hielt einen großen ledernen Beutel; als sie die Bürde.sos ließ und dieselbe mit Hellem Klange auf den Boden fiel, richtete die rauhe Stimme wiederum an Elliot die Worte: „Dort liegt das Mittel gegen alles menschliche Unglück; so wenigstens glaubt jeder menschliche Elende. Packe dich, kehre zweimal so reich, wie du vorgestern warst, nach Hause und quäle mich nicht mehr mit Fragen, Klagen oder Dank; sic sind mir alle gleich verhaßt." „Beim Himmel, das ist Gold!" sagte Elliot, indem er den Inhalt sich ansah; dann wieder sagte er zum Einsiedler: „ich bin Euch sehr verbunden für Euren guten Willen, ich würde Euch gerne einen Schuldschein für Einiges von dem Silber, oder einen Pfandbrief für die Ländereien von Wide-open ausstellen, ich weiß aber nicht, Elshie, was ich thun soll; um Euch die Wahrheit zu sagen, mag ich kein Silber brauchen. 100 wenn ich nicht vorher weiß, daß es auf ehrbare Weise erlangt ist; das Euere verwandelt sich vielleicht in Kieselsteine und betrugt einen armen Mann." „Unwissender Thor," erwiderte der Zwerg, „der Plunder dort ist ebenso achtes Gist, wie anderes, welches jemals den Eingeweide» der Erde entrissen wurde. Nimm cs nnd brauche es, mag cs bei dir wie bei mir gedeihen!" „Aber ich sage Euch," begann Elliot aufs Nene, „ich habe Euch nicht um mein Gut um Rath gefragt — ich hatte sicherlich eine schöne Scheuer und dreißig Stuck Rindvieh, die nicht schöner an dieser Seite des Hat-rail sich vorfanden; mag aber mein Gut verloren sein — könntet Ihr mir nur einige Spuren der armen Grace angcbcn, so würde ich mein Lebcnlang gerne Euer Sclave in Allem sein, worin das Heil meiner Seele nicht gefährdet wird. O, Elshie, ich flehe, sagt mir einige Worte!« „Wohlan denn," erwiderte der Zwerg, als sei er wegen der Zudringlichkeit Hobbie's endlich ermüdet, „da du noch nicht an eigenem Elend genug hast, und dich mit demjenigen eines Weibes zu beladen suchen mußt, so suche Sie, die du verloren hast, im Westen." „Im Westen? das ist ein Wort von weiter Bedeutung." „Es ist das letzte, welches ich zu äußern beabsichtige." Der Zwerg schloß seinen Fensterladen und überließ es Hobbie, den ihm gegebenen Wink, so gut er konnte, zu benutzen. „Der Westen," dachte Elliot, „das Land ist in jener Richtung ziemlich ruhig, wenn es nicht Zock von Fuchsbau war, allein der ist jetzt zn alt für solchen Streich — der Westen! bei meinem Leben, es muß Westburnflat sein. Elshie, nur noch ein Wort, habe ich Recht? Ist es Westburnflat, habe 101 ich Unrecht, sage es mir, ich möchte nicht einen unschuldigen Nachbar durch Gemalt verletzen! keine Antwort — es muß der rothc Räuber sein — ich glaubte nicht, daß er sich an mich und so viele Verwandte, wie ich habe, gewagt hätte — ich glaube, er hat einen bessern Hinterhalt, wie seine Freunde ans Cnmberland — lebt wohl, Elshie, vielen Dank — Ich kann mich jetzt nicht mit dem Silber befassen, denn ich muß meine Verwandte am Sammelplatz auf- snchen — so, wenn Ihr das Fenster nicht öffnen wollt, könnt Ihr es wieder hereinnehmen, wenn ich weg bin — Noch immer keine Antwort? — Er ist taub, oder toll, oder beides, aber ich habe keine Zeit mehr mit ihm zu schwatzen." Hobbie Elliot ritt ans den Sammelplatz, den er seinen Verwandten genannt hatte. Vier oder fünf Reiter waren dort schon angelangt; sie standen zusammen in eifriger Berathung, während ihre Pferde unter den Pappeln weideten, deren Laub über einen breiten und stillen Teich hing; eine zahlreichere Schaar kam von Süden. Es war Earnscliff mit seinem Gefolge, welcher der Spur des geraubten Vieh's bis zur englischen Grenze gefolgt mar, aber dort auf die Kunde hin Halt gemacht hatte, daß beträchtliche Streitkräfte unter einigen jakobitischcn Edelleuten des Distriktes zusammen gezogen und Nachrichten von Aufständen in verschiedenen Theilen Schottlands angelangt waren. Dieß benahm dem ausgeführten Ueber- fall den Anschein der Privatfeindschaft, oder der Raubsucht; Earnscliff mar jetzt geneigt, denselben als Zeichen des Bürgerkrieges zu betrachten. Der junge Edelmann begrüßte Hvb- bie mit dem aufrichtigsten Gefühl und setzte ihn von diesen Nachrichten in Kenntniß. „Alsdann will ich mich nicht vom Platze rühren," sagte Elliot, „wenn der alte Ellicslaw nicht bei der ganzen Schurkerei 102 die Hauptperson ist! ihr wißt ja, daß er mit den Katholiken in Cnmberland in Verbindung steht; auch stimmt das sehr gut zu dem Winke Elshie's über Westburnssat, denn Ellieslaw hat ihn immer beschuht, und es wird in seinen Kram paffen, daß die Umgegend seiner Güter ausgeplündert und entwaffnet wird, bevor er losschlägt." Einige erinnerten sich jetzt, daß sie gehört hatten, wie Jemand in einer Gesellschaft von Raufbolden äußerte, sie würden für König Jakob VIII. anftreten, und hätten den Auftrag, alle Rebellen zn entwaffnen. Andere hatten gehört wie West- burnstat bei Trinkgelagen prahlte, das; Ellieslaw bald für die Sache der Jakobiten in Waffe stehe und daß er selbst eine Befehlshaberstelle unter ihm einnehmcn werde; dann würden sie schlechte Nachbarn dem jungen Earnscliff und Allen sein, die zur bestehenden Regierung hielten. In Folge dieser Mittheilungen glaubten Alle, daß Westburnflat einen Schwarm Räuber unter Ellieslaw's Leitung geführt hatte; sie beschlossen sogleich, zum Hanse des Ersteren aufznbrechen und sich seiner Person zu versichern. Mittlerweile schloffen sich so viele ihrer zerstreuten Freunde an, daß sich ihre Zahl bis auf zwanzig wohl berittener und ziemlich gut bewaffneter Reiter, obgleich mit verschiedener Ausrüstung, belief. Ein Bach, welcher ans einem engen Thal unter den Höhen hervorkam, fließt bei Westburnflat in eine große sumpfige Fläche und dehnt sich ungefähr ans eine halbe Meile hin in jeder Richtung aus. Der Charakter des Baches wird dort verändert, er verwandelt sich aus einem lebhaft und schnell fließenden Bergstrom in ein beinahe stehendes Wasser, welches sich wie eine blaue geschwollene Schlange mit schleichenden tiefen Windungen durch die sumpfige Ebene zieht. Am Ufer des Stromes und beinahe in der Mitte der Fläche erhob sich der Thurm von Wcstburnflat, eine der wenigen übrig gebliebenen Festen, welche an der englischen Grenze früher so zahlreich waren. Der Boden, worauf er stand, erhob sich ans ungefähr hundert Ellen über den Sumpf mit sanfter Neigung und bildete einen trockenen Rasenplatz, welcher sich um den Thurm hin ansdehnte; jenseits desselben zeigte sich die Oberfläche den Fremden als ein gefährlicher unzugänglicher Sumpf. Nur der Eigcnthümer des Thurmes und dessen andere Bewohner waren mit den gewundenen Pfaden bekannt, welche, über ziemlich festen Boden leitend, den Fremden die Annäherung gestatteten. Unter der Gesellschaft jedoch, die jetzt unter Earnscliffs Leitung versammelt war, fanden sich Mehrere, die sich zu Führern eigneten. Obgleich der Charakter nnd die Lebensweise des Eigenthümers ziemlich bekannt waren, so bewirkten doch die lockeren Begriffe in Bezug ans Eigenthnm, daß man ihn nicht mit' dem Abscheu betrachtete, welcher ihm sonst in einem mehr civilisirten Lande zu Theil geworden wäre. Er wurde unter seinen friedlichen Nachbarn ungefähr in einem solchen Lichte angesehen, wie man jetzt einen Spieler, einen Hahnenkämpfer oder einen Solchen betrachtet, der bei Pferderennen hohe Wetten eingeht; er wurde zwar im Allgemeinen vermieden, jedvch galt er nicht als gcbrandmarkt mit der unvertilgbaren Schande, die mit seinem Treiben in Ländern verknüpft wird, wo die Beobachtung der Gesetze schon lange zur Gewohnheit geworden ist. Die Erbitterung der Leute bei dieser Gelegenheit wurde nicht eben durch die allgemeine Natur seines Verfahrens, welches nicht anders war, als wie man eö bei einem Straßenräuber erwarten konnte, vielmehr durch die Gewaltthätigkeit hcrvorgernfen, die gegen einen Nachbar geübt war, hinsichtlich dessen er keinen Grund zum Streit hatte — die ferner einer ihrer Freunde, vor Allem ein Mann mit dem Namen der Ellivt erlitt, zu deren Clan er gehörte. Es war deßhalb nichr auffallend, daß Mehrere der Gesellschaft mit den Deutlichkeiten seiner Wohnung sehr gut bekannt waren und als Wegweiser solche Anleitung zu geben vermochten, durch welche die ganze Schaar bald ans den offenen Raum festen Bodens vor dem Thnrme von Westburnflat gelangte. Neuntes Kapitel. Der Nittcr spricht'S, dcr Riese sagt: Nimm mit dir fort die schmucke Magd, Ich will mit Euch nicht rechten. Um eine Stirn, mm Stolz umfangen, Um Nos und Linien auf den Wangen Will ich mit dir nicht fechten. No inan z e vom Falken. Der Thurm, vor welchem slch die Schaar jetzt anfstellte, war ein kleines viereckiges Gebäude von finsterem Aussehen. Die Mauern waren von großer Dicke und die Fenster oder Schießscharten, welche als Fenster dienten, schienen eher darauf berechnet, daß sie den Vertheidigern die Mittel zu Entsendung ihrer Wurfgeschosse gewährten, als daß sie Luft oder Licht in die inneren Gemächer zuließen. Eine kleine Zinne ragte an jeder Seite über die Mauern hervor, und gewährte durch ihre Brüstung mit einer Mauervertiefnng, von welcher ein steiles, mit grauen Steinen bedecktes Dach ausstieg, einen weiteren Vorthcil der Vertheidigung. An einem Winkel ragte noch ein einzelnes Thürmchen über die Zinnen; cs war dnrch ein mit großen eisernen Nägeln beschlagenes Thor vertheidigt; vom inneren Gebände aus führte zu dessen Dach eine Wendeltreppe innerhalb der Mauern. Es schien den Elliot's, daß ihre Bewegungen von Jemand überwacht wurden, welcher in diesem Thürmchen versteckt war. Sie wurden in diesem Glauben bestärkt, als sie eine weibliche Hand dnrch eine der engen Schießscharten hinaus gestreckt erblickten, welche mit einem Schnupftuch wehte, als ob sie ihnen ein Zeichen geben wolle. Hobbie gerieth beinahe aus Freude oder Eifer in Wahnsinn. „Es war Grace's Hand und Arm," sagte er, „ich möchte darauf schwören, nnd kenne sie unter Tausenden. Ihr gleicht nichts auf dieser Seite der Grenzgebirge. Wir wollen sie heransholen, Bursche, wenn wir auch den Thurm von West- bnrnstat einen Stein nach dem Andern abtragen sollten." „Earnscliff wollte nichts sagen, um die lebhafte Hoffnung seines Freundes niederzuschlagen, obgleich er eine schöne Mädchenhand in solcher Entfernung von dem Auge ihres Liebhabers ebenfalls erkannte. Es ward beschlossen, die Besatzung zur Uebergabe anfznfordern. Das Geschrei der Belagerer nnd der Schall eines ihrer zwei Hörner brachte endlich das hagere Gesicht einer alten Frau an eine Schießscharte, welche sich neben dem Eingänge befand. „Das ist des Straßenräubers Mutter," sagte einer der Elliots, „sie ist zehnmal schlimmer wie er selbst, nnd ihr fällt das meiste Uebel zur Last, das er im Lande anrichtet." „Wer seid ihr, was wollt ihr?" waren die Fragen der hochachtbaren alten Frau. „Wir suchen William Gräme von Westbnrnflat," sagte Earnscliff. „Er ist nicht zu Hause," sagte die alte Dame. 106 „Wann verließ er seine Wohnung?" fuhr Earnscliff fort. „Ich weiß nicht," erwiderte die Thvrhüterin. „Wann wird er zurückkehren?" fragte Hobbie. „Davon weiß ich nichts," erwiderte die unerbittliche Wachten» der Feste. «Ist Jemand mit Euch im Thurme?" „Niemand, als ich und mein Kater," sagte das alte Weib. „So öffnet das Thor und laßt uns ein," sagte Earnscliff; „ich bin Friedensrichter und suche die Spuren eines Raubes auf." „Der Teufel befalle die Finger, die einen Riegel für euch anfziehen," antwortete die Thürhüterin, „die meinigen sollen es nicht. Schämt euch, in solchem Schwarme mit Schwertern, Speeren und Stahlhanben zu kommen, um eine einsam lebende Wittwc zu schrecken." „Wir kommen nach bestimmten Anzeichen eines Verbrechens. Wir suchen Güter, die in großem Betrage mit Gemalt fortgeführt wurden." „Und ein junges Weib, welches grausam zur Gefangenen gemqcht war, und welche zweimal soviel werth ist, als alle die Habe," sagte Hobbie. „Ich warne Euch," fuhr Earnscliff fort, „Euer einziges Verfahren, wodurch Ihr die Unschuld Eures Sohnes erweisen könnt, besteht darin, daß Ihr uns ruhigen Zugang zur Durchsuchung des Hauses gestattet." „Und was wollt ihr thun, wenn ich nicht die Schlüssel herunter werfe, oder die Riegel nicht fortziehen, oder das eiserne Gitter einem solchen Gesindel nicht öffnen will?" fragte höhnisch die alte Dame. „Wir werden mit des Königs Schlüssel die Thür eröffnen und jeder lebenden Seele im Hause den Hals brechen, wenn Ihr es nicht sogleich übergebt," drohte der gereizte Hobbie. „Leute, denen man droht, leben lang," sagte die alte Hexe mit demselben spöttischen Tone, „da ist das eiserne Gitter, versucht daran eure Geschicklichkeit, ihr Burschen, es hat schon ebenso gute Leute, wie ihr seid, abgehalten." Nach diesen Worten entfernte sie sich lachend von der Ocffnung, durch welche sie die Unterhandlung gepflogen hatte. Die Belagerer eröffneten jetzt eine ernstliche Bcrathnng. Die ungemeine Dicke der Mauern und der kleine Umfang der Fensteröffnungen hätte sogar auf einige Zeit Kanonenschüssen Widerstand leisten können. Der Eingang war zuerst durch ein starkes Gitter von getriebenem Eisen und von so gewaltiger Stärke geschützt, daß es jeder dagegen angewandten Kraft, wie es schien, Widerstand zu leisten vermochte. „Zangen und Schmiedehämmer werden kein Loch hineinbringen," meinte Hngh, der Grvbschmicd von Ringlebnrn, ihr könntet ebensowohl mit irdenen Tabakspfeifen dagegen anrennen." Innerhalb des Thoreinganges und in der Entfernung von neun Fuß, der Dicke der Mauern, befand sich ein zweites Thor von Eichenholz, an welchem sowohl in der Länge wie Breite eiserne Stangen befestigt und eine Menge Nägel mit breiten Köpfen eingeschlagen waren. Abgesehen von allen diesen Vertheidigungsmitteln, hielten die Elliots jene Behauptung der alten Dame für unwahr, daß sic allein die Besatzung bilde. Die Scharfsichtigeren ihrer Schaar hatten die Spuren von Pferdehufcn auf dem Pfade bemerkt, auf welchem sie zum Thurm gekommen waren; diese schienen anzuzeigen, daß mehrere Personen dieselbe Richtung kürzlich cingeschlagen hatten. Zu allen diesen Schwierigkeiten kam der Umstand, daß sic der 4 08 Mittel zum Angriffe des Platzes entbehrten. Sie konnten keine Hoffnung hegen, sich Leitern zu verschaffen, um die Zinnen zu erreichen; die Fenster waren, abgesehen von ihrem engen Umfange, ohnedem mit eisernen Gittern versehen. Von der Erstcignng der Feste dnrch Leitern mar somit nicht die Rede; noch weniger konnten Minen angewandt werden, da die nöthigen Werkzeuge und Schießpulver fehlten; auch waren die Belagerer nicht mit Nahrung, Obdach oder anderen Erfordernissen versehen, wodurch sie in Stand gesetzt mären, die Belagerung in eine Blokade zu verwandeln. Ohnedem hätten sie sich der Gefahr eines Entsatzes dnrch einige der Gefährten des Räubers ansgesetzt. Hobbie knirschte mit den Zähnen, als er die Feste umging und kein Mittel, um mit Gemalt einzndringen, ausfindig machen konnte. Zuletzt rief er plötzlich ans: „warum thnn mir nicht, was unsere Ahnen vor Zeiten thaten? Laßt uns Gebüsch und Dorncngestränch abhanen, es vor der Thür aufhäufen und anzünden, und diese alte Tenfelsmntter cinräu- chern, als sollte sie wie ein Schinken geröstet werden." Alle traten sogleich dem Vorschläge bei, und Einige gingen mit Degen und Messern an die Arbeit, um die Erlen- und Hagedornbüsche abzuhancn, die an dem langsam strömenden Flusse wuchsen, und von denen viele für ihren Zweck genug gealtert und vertrocknet waren; Andere bildeten ans denselben einen großen zum Brennen gut angelegten Hansen so nahe beim eisernen Gitter, wie cs geschehen konnte. Feuer wurde dnrch eine Flinte bald erlangt und Hobbie schritt bereits mit einem Feuerbrande ans den Holzhanfen zn, als das mürrische Antlitz des Räubers und die Mündung einer Stuhbüchse an der Schießscharte neben dem Eingänge theilweise zum Vorschein kam. „Vielen Dank!" rief er spöttisch, „daß ihr so 109 viele Winterfenernng für uns sammelt, kommt Ihr aber einen Fuß naher mit jener Lunte, so mußt Ihr den Schritt mit solchem Preis bezahlen, wie noch keinen anderen in Eurem Leben." „Das wollen wir sehen," sagte Hobbie, indem er furchtlos mit der Fackel vorging. Der Räuber drückte ans ihn ab, der Schuß aber versagte zum Glück unseres ehrlichen Freundes; in demselben Augenblick feuerte Earnscliff ans die enge Fensteröffnung und das kleine von dem Räuber gebotene Ziel; die Kugel streifte dessen Kopf. Westbnrnffat hatte offenbar darauf gerechnet, daß ihm sein Posten eine größere Sicherheit gewähre, denn sobald er die übrigens sehr unbedeutende Wunde fühlte, verlangte er zu parlamentiren und fragte, weßhalb man auf so gesetzlose Weise einen friedlichen und ehrlichen Mann angrcife, um sein Blut zu vergießen. „Wir verlangen," sagte Earnscliff, „daß Eure Gefangene uns wohlbehalten überliefert wird." „Was habt ihr mit ihr zu schaffen?" erwiderte der Räuber. „Das habt Ihr kein Recht zu fragen," fiel Earnscliff ein, da Ihr sie mit Gewalt znrückhaltet." „Gut, ich glaube, wir können uns vergleichen," sagte der Räuber; „ihr Herren, ich mag nicht in Todtfeindschast mit euch gerathen, indem ich das Blut von Einem unter euch verspritze, obgleich Earnscliff sich nicht bedacht hat, das mei- nige zu vergießen — und er hatte doch nur e i n Ziel so groß wie einen Groschen. Wohlan, um mehr Unheil zu verhüten, will ich die Gefangene heransgeben, da ihr mit nichts Anderem zufrieden sein wollt." „Und Hobbie's Habe?" rief Simon von Hackburn, „glaubt 110 Ihr, daß Ihr die Hürden und Ställe eines edlen Elliot plündern dürft, als wären sie der Hühnerstall eines alten Weibes." „So wahr ich vom Brode lebe," erwiderte Willie von Westburnflat, „ich habe keinen einzigen Huf von seinem Vieh, sie sind schon lang über den Sumpf getrieben; im Thurme ist kein einziges Horn mehr davon vorhanden. Aber ich will sehen, was man wieder davon zurückbringen kann, und ich will nach zwei Tagen Hobbie in Castleton mit zwei Freunden von jeder Seite treffen und sehen, ob ein Uebereinkommen hinsichtlich dieses Schadens, den er mir vorwerfen kann, zu treffen ist." „Schon gut," sagte Elliot, das wird so ziemlich genügen" — dann sagte er bei Seite zu seinen Verwandten: „mein Vieh mag die Pest bekommen! Um Gotteswillen, Mann, sag nichts darüber, laßt uns nur die arme Grace ans den Klauen dieser Hölle retten." „Wollt Ihr mir Euer Wort geben, Earnseliff," fragte der Räuber, welcher noch an der Schießscharte stand; „wollt Ihr Eure Treue mit Hand und Handschuh verbürgen, daß es mir freisteht, zu gehen und z» kommen, um innerhalb fünf Minuten das Thor zu öffnen, und weitere fünf Minuten, um es zu schließen und die Riegel vorzufchieben? Weniger Zeit genügt nicht, denn Schloß und Riegel bedarf sehr des Einschmierens. Wollt Ihr cs thun?" „Ihr sollt Eure volle Zeit haben," sagte Earnseliff, „ich verpfände mein Wort und meine Treue, meine Hand und meinen Handschuh." „So wartet einen Augenblick," sagte Westburnflat, „oder ich wünschte, ihr entferntet euch von der Thür auf einen Pistolenschuß. Ich will das nicht, weil ich Eurem Worte mißtraue, Earnscliff, aber sicherlich, cs geziemt bei einem Vertrage." „Freund," dachte Hobbie bei sich, als er zurückging, „hätte ich Euch nur auf der Turnierwiese und wäre Niemand gegenwärtig, als zwei ehrliche Burschen, um auf ehrliches Spiel zu sehen, so würde ich Euch dahin bringen, daß Ihr wünschtet, eher Euer Bein zu brechen, als ein Vieh, das mir gehört, zu berühren!" „Der Spitzbube hat eine weiße Feder in seinem Flügel," sagte Simon von Hackburn etwas ärgerlich; „seinem Vater wird er niemals gleichkommen." Mittlerweile hatte sich die innere Thüre des Thurmes geöffnet, und die Mutter des Freubeuters kam in dem Raume zwischen derselben und dem eisernen Gitter zum Vorschein. Dann kam Willie, indem er ein Frauenzimmer geleitete. Die alte Frau verriegelte das Gitter hinter Beiden und blieb als eine Art Schildwacht ans dem Posten. „Einer oder Zwei von euch müssen vorwärts treten," sagte der Räuber, „und dieß Mädchen aus meiner Hand heil und gesund empfangen." Hobbie trat eilig vor, »m seiner Verlobten entgegen zu gehen. Earnscliff folgte langsamer, um gegen Verräthcrei auf seiner Hut zu sein. Plötzlich ging Hobbie langsamer mit der tiefsten Niedergeschlagenheit, während der Schritt Earnsclisss durch ungeduldige Ueberraschung beschleunigt ward. Es war nicht Grace Armstrong, sondern Miß Isabel Vere, deren Befreiung durch diese Erscheinung der Elliots vor dem Thurme bewirkt worden war. „Wo ist Grace Armstrong?" rief Hobbie im äußersten Zorn und Unwillen aus. 112 „Nicht in meinen Händen," erwiderte Westbnrnflat; „Ihr mögt den Thnrm durchsuchen, wenn Ihr an meinen Worten zweifelt." „Du falscher Schurke, du sollst Rechenschaft über sie geben, oder ans der Stelle sterben," sagte Ellivt, indem er sein Gewehr anlcgte. Allein seine Gefährten kamen seht herbei und entmaff- netcn ihn im Augenblicke, indem sie Alle zugleich riefen: „Hand und Handschuh, Wort und Treue! Hvbbie, nimm dich in Acht, wir wollen dem Westbnrnflat unser Wort halten, wäre er auch der größte Schurke, der jemals auf einem Pferde saß." So beschützt erlangte der Räuber seine Kühnheit wieder, welche durch die drohende Stellung Elliot's etwas erschüttert war. „Ihr Herren," sagte er, „ich habe euch mein Wort gehalten , und ihr habt mir kein Unrecht vorznwerfen. Ist dieß nicht die Gefangene, die Ihr sucht (er richtete diese Worte an Earnscliff), so gebt sie mir wieder zurück. Ich bin für sie denen verantwortlich, denen,sie angehört." „Um Gottesmillen, Herr Earnscliff, beschützen Sie mich," sagte Miß Vere, indem sie sich an ihren Befreier anklammerte, „verlassen Sie nicht ein Mädchen, welches die Welt verlassen zu haben scheint." „Fürchtet nichts," flüsterte Earnscliff, „ich werde Euch mit meinem Leben vcrtheidigen." Dann wandte er sich an West- burnflat mit den Worten: „Schurke, wie wagtest du, diese Dame zu beleidigen?" „Darüber, Earnscliff," erwiderte der Freibeuter, „kann ich denjenigen Rechenschaft ablegen, welche ein besseres Recht wie Ihr zu der Frage besitzen. Ihr aber, die ihr mit einer be- 113 waffneten Macht kommt und sie demjenigen wegnehmt, dem sie ihre Verwandten anoertrant haben, wie wollt ihr euch darüber verantworten? — aber das ist eure eigene Angelegenheit, kein einzelner Mann kann einen Thurm gegen zwanzig halten. Alle Männer thnn nicht mehr, als was sie können." „Er sagt eine falsche Lüge," fiel Isabelle ein, „er riß mich mit Gewalt von meinem Vater fort." „Mädchen, vielleicht war es ihm mir daran gelegen, daß du dieß glaubst," erwiderte der Räuberz „doch das geht mich nichts an, es mag sein wie es will — wollt ihr sic mir nicht wieder znrückgeben?" „Dir sollten wir sie znrückgeben, Kerl? um keinen Preis," antwortete Earnscliff; „ich will Miß Vere beschützen und sie an jeden Ort in Sicherheit geleiten, wohin sie gebracht werden will." „So so, Ihr habt vielleicht das mit ihr schon verabredet?" sagte Willie von Westburnflat. „Und Grace?" unterbrach ihn Hobbie, indem er sich von den Freunden losriß, welche ihm von der Heiligkeit des sicheren Geleites predigten, auf welches hin der Freibeuter sich aus seinem Thurme gewagt hatte — „wo ist Grace?" bei den Worten stürzte er ans den Räuber, das Schwert in der Hand. Westburnflat so gedrängt, wandte den Rücken und floh, indem er ausrief: „Um Gottesmillen, Hobbie, höre mich nur ein wenig an." Seine Mutter stand bereit, das Gitter zu öffnen und zu schließen, Hobbie aber führte ans den Freibeuter, als er eintrat, einen Streich mit solcher Kraft, daß sein Schwert einen beträchtlichen Spalt in die Oberschwelle des gewölbten Thores Der schwarze Zwerg. 8 einhieb, welcher noch jetzt als Gedenkzeichcn der größeren Kraft früherer Geschlechter gezeigt wird. Ehe Hobbie den Schlag wiederholen konnte, war die Thür verschlossen und verriegelt, und er war gezwungen, sich zu seinen Gefährten zurückzuziehen, welche sich jetzt vorbereiteten, die Belagerung des Thurmes aufzuhebeu. Diese beharrteu darauf, daß er sie bei ihrer Rückkehr begleiten sollte. „Ihr habt den Waffenstillstand schon gebrochen," sagte der alte Dick von Dinglc, „und wenn wir nicbt bessere Sorge um Euch tragen, so spielt Ihr uns noch mehr Narreustreichc und werdet der Spott des ganzen Landes, abgesehen von der Schuld des Blutvergießens im Waffenstillstände, die Ihr Euren Verwandten aufbürdet. Wartet bis zur Zusammenkunft in Castleton, die Ihr ihm zugestanden habt, und wenn er Euch daun nicht befriedigt, so wollen wir sein Herzblut haben. Laßt uns aber vernünftig an's Werk gehen und Wort halten, und ich stehe Euch dafür, wir bekommen Grace und die Kühe und Alles zurück." Diese kaltblütigen Vorstellungen wurde» von dem unglücklichen Liebhaber übel ausgenommen; da er jedoch den Beistand seiner Nachbarn und Verwandten nur unter den von ihnen selbst gemachten Bedingungen erlangen konnte, so sah er sich genöthigt, sich bei ihren Ansichten über das Halten der Verträge und der Beobachtung eines regelmäßigen Verfahrens zu beruhigen. Earuscliff ersuchte jetzt einige der Gesellschaft um ihren Beistand, um Miß Acre zum Schloß ihres Vaters zu geleiten. Sie sprach nämlich ihre bestimmte Absicht dahin aus, daß sie dorthin gebracht werden wollte. Ihr Verlangen ward bereitwillig zugestandeu, und fünf oder sechs junge Leute willigten ein, das Geleit zu übernehmen. Hobbie befand sich nicht 115 darunter. Mit beinahe gebrochenem Herzen wegen der Ereignisse des Tages und der endlichen Täuschung seiner Hoffnungen, kehrte er betrübt nach Hause zurück, um dort solche Maßregeln zu treffen, die ihm zum Schutz und zum Unterhalt seiner Familie möglich waren, und um die weiteren Schritte mit seinen Nachbarn zu überlegen, die zur Wiedererlangung der Grace Armstrong getroffen werden könnten. Die übrige Schaar zerstreute sich in verschiedenen Richtungen, sobald sie über den Morast gelangt war. Der Räuber und seine Mutter überwachten sie auf dem Thurme, bis sie gänzlich verschwunden waren. Zehntes Kapitel. Gern mied ich meiner Dame Laube, Sie war von Schnee umfange»! Gern kehr' ich, wird mit frischem Laube -Sic neu im Lenze prangen. Alte Ballade. Aergerlich über die von seinen Verwandten nach seiner Meinung gezeigte Kälte in einer ihm so nahe liegenden Angelegenheit, hatte sich Hvbbie von ihrer Gesellschaft getrennt und befand sich jetzt auf seiner einsamen Heimkehr. „Der Teufel mache dich zu Schanden," sagte er, als er heftig sein ermüdetes und stolperndes Ros; spornte, „du bist wie alle andern, ich habe dich aufgebracht und genährt und dich mit eigener Hand gewartet, und jetzt willst du stolpern und mir den Hals brechen, wo ich dich am meisten brauche; aber du bist wie die andern; jeder von ihnen ist mein Vetter, wenn auch mein entferntester Verwandter nur im zehnten Grade, aber Tag und Nacht würde ich ihnen mit meinem besten Blute gedient haben. Nun zeigen sie dem Diebe von Westbnrnffat mehr Rücksicht, wie ihrem eigenen Fleisch und Blut. Jetzt sollte ich die Lichter in Heugh-foot sehen, wehe mir," fuhr er fort, indem die Erinnerungen auf ihn eindrangen, „in Heugh-foot wird nicht mehr ein Kohlen- oder Kerzenlicht leuchten; wäre nicht meine arme Großmutter, meine Schwestern und die arme Grace, so könnte ich jetzt Lnst haben, das Thier anzuspornen und über den Abhang in's Wasser zu springen um Alles zu beenden." In dieser trostlosen Stimmung wandte er den Zügel seines Pferdes nach der Hütte, worin seine Familie Zuflucht gefunden hatte. Als er der Thür sich nahte, hörte er ein Flüstern und Kichern unter seinen Schwestern; „der Teufel ist unter den Weibern," sagte der arme Hobbie; „sie würden wiehern und lachen, wenn ihr bester Freund als Leiche da läge, und dennoch freut es mich, daß sie ihre Munterkeit so gut behalten, die armen einfältigen Dinger; aber sicherlich, das Böse befällt mich und nicht sie." Während er so grübelte, war er damit beschäftigt, sein Pferd in einem Schuppen festznbinden. „Du kannst dich jetzt ohne Decke und Uebergurt behelfen, Bursch," sagte er zum Thiere; „du und ich, wir sind gleicher Weise heruntergekommen; es wäre besser, wir wären in den tiefsten Teich von Tarras gefallen." Er wurde von der jüngsten seiner Schwestern unterbrochen, welche heraussprang und mit erzwungener Stimme, als wolle sie eine Aufregung unterdrücken, ihm znrief: „was tändelt Ihr hier, Hobbie, bei dem Pferde? Jemand aus Cnmberland wartet nun schon seit einer Stunde und länger; geh schnell in's Haus, Mann, ich will den Sattel abnehmcn." „Jemand ans Cnmberland!" rief Elliot ans, warf den Zaum seines Pferdes seiner Schwester in die Hand und stürzte in die Hütte, „wo ist er, wo ist er!" rief er ans, richtete schnelle Blicke nach allen Seiten und fügte hinzu, als er bloß Frauen sah: „brachte er Nachrichten von Grace?" „Er kann keinen Augenblick länger warten," sagte die ältere Schwester mit einem unterdrückten Lachen. „Still, Mädchen!" sagte die alte Dame in einem mit guter 118 Laune gegebenen Verweise; „ihr solltet euren Bruder Hobbie nicht so quälen; sieh dich um, mein Sohn, ob noch Jemand sonst hier ist außer uns, die du heute Morgen verlassen hast." Hobbie sah sich eifrig um: „Ihr seid hier und meine drei Schwestern." „Wir sind unserer vier, Hobbie," sagte die Jüngste, die in diesem Augenblick eintrat. In einem Augenblick hielt Hobbie Grace Armstrong in seinen Armen, welche mit einem Mantel seiner Schwester an- gethan, beim ersten Eintritt von ihm nicht beobachtet war. „Wie hast du das thnn können?" fragte Hobbie. „Es war nicht meine Schuld," sagte Grace, indem sie sich bemühte, mit den Händen ihr Gesicht zu verdecken, um ihr Erröthen zu verbergen und zugleich dem Sturme herzlicher Küsse zu entgehen, womit ihr Bräutigam ihre einfache List bestrafte, — „es war nicht meine Schuld, Hobbie, Ihr solltet Jeannie und die klebrigen küssen, denn diese haben die Sache eingerichtet." „Das will ich," sagte Hobbie und umarmte und küßte seine Schwestern und Großmutter hundert Male, während Alle in dem Uebermaß ihrer Freude abwechselnd lachten und weinten. „Ich bin der glücklichste Mann," sagte Hobbie, indem er beinahe erschöpft auf einen Stuhl sank — ich bin der glücklichste Mensch in der Welt!" „Dann, mein theures Kind," sagte die gute alte Dame, welche keine Gelegenheit vorbeiließ, um die Lehren der Religion in solchen Augenblicken cinzuschärfcn, in welchen das Herz zu deren Aufnahme am meisten geöffnet ist, „dann, o mein Sohn, lobpreise Ihn, welcher Lächeln aus Thräuen und Freude aus Gram erzeugt, wie er Licht aus Finsterniß und die Welt aus Nichts erschuf. Waren es nicht meine Worte, daß Ihr, wenn Ihr sagen wolltet, Sein Wille geschehe, auch Ursache haben würdet, zu sagen, Sein Name sei gepriesen?" „So war es — es waren Eure Worte, Großmutter; ich preise ihn für seine Gnade, und daß er mir eine gute Mutter ließ, als meine eigene todt war," sagte der chrlicke Hobbie, indem er ihre Hand ergriff, „es erinnert mich an meine Pflicht, Seiner im Glück und im Unglück zu gedenken." Es entstand eine feierliche Pause von einer oder zwei Minuten in der Uebung innerer Andacht, welche in Reinheit und Aufrichtigkeit die Dankbarkeit der liebevollen Familie gegen jene Vorsehung anssprach, welche so unerwartet das verlorene Mitglied ihren Umarmungen znrückgegeben hatte. Hobbie's erste Fragen betrafen die Abenteuer, welche Grace erlitten hatte; sie wurden weitläufig erzählt, waren aber in Kürze folgende. Sie wurde durch den Lärm, welchen die Räuber bei dem Einbruch in das Hans machten, und durch den Widerstand von einem oder zwei Dienern geweckt, die jedoch schnell überwältigt wurden. Sie kleidete sich hastig an, lief die Treppe hinab, sah im Getümmel die Maske Westburnflats von dessen Gesicht fallen, nannte ihn unvorsichtig bei Namen und bat ihn um Gnade; der Räuber knebelte sogleich ihren Mund, schleppte sie aus dem Hanse und warf sie ans ein Pferd hinter einem seiner Genossen. „Ich würde ihm den verfluchten Hals brechen," sagte Hobbie, „wenn es keinen andern Gräme im Lande wie er-selbst gäbe!" Sie fuhr in ihrer Erzählung fort, daß sic von den Räubern nach Süden gebracht wurde, welche das Vieh vor sich her trieben, bis sie die Grenze überschritten hatten. Plötzlich kam eine Person, die als ein Vetter von Westburnflat bekannt war, in sehr schnellem Ritt zu den Räubern und sagte ihrem Führer, sein Vetter habe ans sicherer Quelle erfahren, der Raub werde ihm kein Glück bringen, wenn das Mädchen ihren Verwandten nicht znrückgcgeben würde. Nach einiger Verhandlung schien der Anführer der Schaar sich zu beruhigen. Grace wurde hinter ihren neuen Wächter auf's Pferd gesetzt; derselbe ritt stillschweigend und mit großer Eile den am wenigsten besuchten Weg nach Hengh-foot, und ehe der Abend dämmerte, hieß Jener das ermüdete und erschreckte Mädchen in der Entfernung von ungefähr einer Viertelmeile von der Wohnung ihrer Verwandten abstcigen. Mannigfach und aufrichtig waren die Glückwünsche, die von allen Seiten ertheilt wurden. Als diese erste Aufregung sich gelegt hatte, begannen weniger angenehme Betrachtungen sich aufzndrängen. „Das ist eine elende Wohnung für euch Alle," sagte Hobbic, indem er sich umsah, „ich kann mich sehr wohl bei meinem Klepper niederlegen, wie cs manche Nacht auf den Bergen der Fall mar, aber ich kann nicht begreifen, wie ihr untcrzubrin- gcn seid. Was noch schlimmer ist, ich kann es nicht ändern; und was noch schlimmer als Alles ist, Morgen kann kommen und Uebermorgen, ohne daß ihr besser daran seid." „Es war eine feige grausame That," sagte eine der Schwstern, „eine arme Familie ans solche Weise bis auf die Wände aus- zuplündern." „Und uns weder Kalb noch Vieh," sagte der jüngere Bruder, der jetzt eintrat, „weder Schaf noch Lamm, noch irgend Etwas zu lassen, das Gras oder Körner frißt." „Wenn sie noch einen Zank mit uns hätten," sagte Harry, der zweite Bruder, „so waren wir doch bereit, ihn ansznfech- ten, und noch dazu, daß wir Alle von Hause und Alle ans den Bergen waren, — bei Gott, wären wir zn Hause gewesen, sa sollte Will-Gräme's Magen seinen Morgentrunk erhalten haben; er wird ihm aber doch geboten, Hobbie, nicht wahr?" „Unsere Nachbarn haben einen Tag in Castlcton bestimmt, um mit ihm im Angesicht der Menschen sich zn vergleichen," sagte Hobbie mit düsterem Ansdrnck, „sie verlangten in ihrer eigenen Weise zn verfahren, oder ich hätte mich ihrer Hülfe nicht versichern können." „Um sich mit ihm z» vergleichen!" riefen beide Brüder zugleich aus. „Nach solch einer Räuberei, wie sie im Lande seit den alten Kriegszeiten nicht mehr erhört worden ist!" „Sehr wahr, Brüder, und mein Blut kochte, aber — der Anblick von Grace Armstrong hat mich wieder beruhigt." „Aber die Biehheerden, Hobbie," sagte John Elliot; „wir sind gänzlich zu Grunde gerichtet. Harry und ich ritten aus, um einznsammeln, was hier in der Umgegend noch vorhanden war; kaum eine Klaue ist zurückgeblieben. Ich weiß nicht, was wir anfangcn sollen — ich glaube, wir müssen Alle in den Krieg. Westburnflat hat nicht die Mittel, sogar wenn er wollte, unser» Verlust ausznglcichen; von ihm können wir keine andere Entschädigung bekommen, als diejenige, die wir uns an seinen Knochen holen; er hat kein vierfüßiges Geschöpf als seinen Klepper von elendem Blut, worauf er reitet, und der ist ohnedem durch sein nächtliches Treiben noch schlechter geworden. Wir sind bis auf Stumpf und Stiel zn Grunde gerichtet." Hobbie richtete einen betrübten Blick anf Grace Armstrong, welche mit gesenkten Angen und einem leisen Seufzer antwortete. „Seid nicht niedergeschlagen, Kinder," sagte die Großmutter, „wir haben gute Freunde, die uns im Unglück nicht verlassen werden, z. B. Sir Thomas Kittleloof ist mein Vetter von mütterlicher Seite im dritten Grade und hat sehr viel Silber sich erwvrben, und ist noch dazu zum Ritter und Baronet er- nannt worden, weil er einer der Comniiffiire bei der Union war." „Er wird »ns keinen Heller geben, um uns vom Hungertode zu retten," sagte Hobbie, „und wenn er es thiite, so wurde das Brod, das ick damit kaufen sollte, mir in der Kehle stecken bleiben, wenn ieh bedenken mnsi, daß es ein Theil des Preises ist, um welchen die Krone und Unabhängigkeit des armen alten Schottlands verkauft wurde." „Dann haben wir den Gutsherrn von Dnnder ans einer der ältesten Familien in Tiviotdale." „Mutter, der sitzt im Gefängnis;, er sitzt im Kerker von Edinburg für tausend Mark, die er von Sannders Wyliecoat, dem Schreiber, borgte." „Der arme Mann," rief Frau Elliot ans, „können wir ihm nicht Etwas znschicken, Hobbie?" „Ihr vergesst, Großmutter, daß wir vorerst uns selbst helfen muffen," sagte Hobbie etwas verdrießlich. „Wahrhaftig, das vergeh ich," erwiderte die gute alte Frau, „gerade in diesem Augenblick; es ist so natürlich, eher an seine Blutsverwandten als an sich zu denken — aber wir haben ja noch den jungen Earnscliff." „Er hat sehr wenig von seinem Eigenthum übrig; wollten wir ihn mit unserem Elend belasten, so wäre es eine Schande, da er die Ehre eines solchen Mannes erhalten muß. Ich sage Euch, Großmutter, es ist nutzlos, daß Ihr da sitzt und über das Thema Eurer Bekannten, Verwandten und Vettern träumt, als läge in ihren Namen ein Zauber, um uns ans der Noth zu helfen; die Vornehmen haben uns vergessen, und die uns Gleichgestellten haben wenig genug, um sich durchzuschlagen; wir haben keinen Verwandten, der uns zu den Heerden unseres Pachtgntes wiederum verhelfen will oder kann." „Dann, Hobbie, müssen wir ans Ihn vertrauen, der bewirken kann, daß Freunde und Vermögen ans dem nackten Moor entspringen, wie man zu sagen pflegt." Hobbie sprang ans, „Ihr habt Recht, Großmutter!" rief er aus, „ich kenne Jemand ans dem nackten Moor, der uns helfen will und kaum Die Wechselfälle dieses Tages haben mir den Kopf schwindlig gemacht. Ich habe so viel Geld auf dem Mucklestane-Moor heute Morgen zurückgelaffen, daß Hans und Stall in Heugh-foot zweimal davon gefüllt werden könnten, und ich bin überzeugt, Elshie wird uns nicht zürnen, wenn wir Gebrauch davon machen." „Elshie!" fragte seine erstaunte Großmutter, „welchen Elshie meint Ihr?" „Wen anders, als den klugen Elshie, den Weisen von Mnck- lestane," erwiderte Hobbie. „Gott behüte, mein Kind, daß du Wasser holst aus zertrümmerten Cisteruen, oder Hülfe suchst von Denen, welche mit dem Bösen verkehren. Niemals war Glück in ihren Gaben oder Gnade auf ihren Pfaden; das gänze Land weiß, daß jener Elshie ein verkehrter Mensch ist. Herrschte das Gesetz und die süße ruhige Verwaltung der Gerechtigkeit, wodurch ein Königreich in Rechtschaffenheit erblüht, so würde man niemals leiden, daß Seinesgleichen leben darf. Der Zauberer und die Hexe sind der Abscheu und das Böse im Lande." „Wahrhaftig, Mutter," erwiderte Hobbie, „Ihr mögt sagen, was Ihr wollt, aber ich glaube, daß Hexen und Kobolde nicht mehr halb die Gewalt wie früher haben, wenigstens bi» ich überzeugt, daß Jemand, welcher böse Plane entwirft, wie der alte Ellieslaw, oder ein Anderer, welcher Böses thnt, wie der verdammte Schurke Westbnrnflat, weit mehr eine Plage und Abscheu einem Lande ist, als ein ganzer Schwarm der schlimm- 124 sten Hexen, die jemals auf einem Besenstiel ritten, oder die Bezanbernngen am Pfingst-Dienstage ausführten. Es hatte lange gedauert, bis Elshie mir Haus und Scheuer verbrannt hätte; jetzt aber bin ich entschlossen zu versuchen, ob er Etwas thnn will, um sie mir wieder anfznbauen." „Wart ein wenig, mein Kind; bedenke, seine Wohlthaten haben bei Niemand Gedeihen gehabt. Joch Howden starb an derselben Krankheit, von welcher Elshie ihn zu heilen vorgab, zur Zeit, als die Blätter abficlen; Lambside's Kühe hat er zwar gut geheilt, allein die Klauenseuche herrschte alsdann um so schlimmer dies Jahr unter seinen Schafen, und man hat mir gesagt, er brauche solche Worte, wenn er ans die menschliche Natur schmäht, daß dies eine Lästerung der Vorsehung ist. Erinnere dich noch, wie dn selbst sagtest, das erstemal als du ihn gesehen hast, er sei eher wie ein Kobold als wie ein lebendiges Ding." „Halt Mutter," sagte Hobbie, „er ist nicht so ein schlechter Kerl; er sieht allerdings grauenhaft genug für einen Krüppel aus, und er hat eint grobe Zunge, aber sein Bellen ist schlimmer wie sein Biß. Wenn ich nur Etwas zu essen hätte, denn kein Bissen ist heute in meine Kehle gekommen, so würde ich mich zwei oder drei Stunden neben meinem Thiere ausstrccken und mit dem ersten Morgenstrahl auf und davon nach Muckle- stane reiten." „Warum nicht noch heute Nacht, Hobbie?" fragte Harry, „ich würde mit Euch reiten." „Mein Klepper ist müde," sagte Hobbie. „Dann mögt Ihr meinen nehmen," sagte John. „Aber ich bin selbst sehr müde." „Ihr seid müde?" sagte Harry, „schämt Euch! Ick habe Euch gesehen, wie Ihr viernndzwanzig Stunden nach einander im Sattel wart, und wie dennoch nicht die geringste Müdigkeit in Eurem Leibe war." „Die Nacht ist sehr dunkel," erwiderte Hobbie, indem er durch die Fensteröffnung der Hütte blickte; „und um die Wahrheit zu sagen und den Teufel zu beschämen, so möchte ich lieber das Tageslicht mit mir nehmen, wenn ich Elshic besuche, obgleich er wirklich ein ehrlicher Kerl ist." Dieses freimüthige Geständnis; beendigte den Streit. Nachdem Hobbie zwischen der Raschheit seines Bruders und der furchtsamen Vorsicht seiner Großmutter eine Ausgleichung getroffen hatte, erfrischte er sich mit solcher Nahrung, wie sie die Hütte darbot, daun entfernte er sich nach herzlicher Begrüßung Aller in de» Schuppen, und legte sich bei seinem treuen Pferde zum Schlafen nieder. Seine Brüder theilten unter sich einige Bündel von reinem Stroh in dem Stalle, welcher gewöhnlich von der Kuh der alten Annaple bewohnt wurde; die Frauenzimmer legten sich zur Ruhe, so gut es die Bequemlichkeiten der Hütte gestatteten. Mit der ersten Morgendämmerung stand Hobbie ans; nachdem er sein Pferd geputzt und gesattelt hatte, ritt er nach dem Mucklestane-Moor. Er vermied es, einen seiner Brüder mitznnehmen, denn er dachte, der Zwerg sei für Diejenigen, welche ihn allein besuchten, am meisten versöhnlich gestimmt. „Das Geschöpf dort," dachte er bei sich, als er fvrtritt, „ist ungesellig, mehr als ein Mann ist zu viel für ihn, als daß er dies leiden könnte. Ob er wohl aus seinem Stall heraus geblickt hat, um den Sack voll Silber aufzunehmen? hat er es nicht gethan, so war das ein schöner Fund für irgend Jemand, und ich bin übel angekommen — komm Tarras," sagte er zu seinem Pferde, indem er demselben einen Stoß 126 mit den Sporen gab: „laufe schneller, wir wollen die Ersten auf dem Felde sein, wenn wir es können." Er befand sich jetzt auf der Haide, welche die Strahlen der aufgehenden Sonne zu beleuchten begannen; der sanfte Abhang, den er hinnnterritt, bot ihm eine deutliche Ansicht von der Wohnung des Zwerges, obgleich er sich noch in einiger Entfernung befand. Die Thür öffnete sich, und Hobbie erblickte mit seinen eigenen Angen jene Erscheinung, von welcher er oft reden gehört hatte. Zwei menschliche Gestalten, wenn die des Zwerges so genannt werden kann, traten aus der einsamen Wohnung des Klausners und blieben stehen, als wollten sie in der frischen Luft sich unterreden. Die schlankere Gestalt blieb alsdann stehen, als wollte sie Etwas aufnehmen, welches neben der Thür der Hütte lag; hierauf gingen Beide ein wenig vorwärts und hielten wiederum, als seien sie in eifrigem Gespräch begriffen. Alle abergläubischen Schrecken Hobbie's wurden wiederum wach," als er dies Schauspiel sah- Der Umstand, daß der Zwerg einem menschlichen Gaste seine Wohnung öffnen sollte, war ebenso unwahrscheinlich, wie derjenige, daß irgend Jemand freiwillig ihm einen nächtlichen Besuch abstatten würde. Mit der vollen Ueberzengung, er habe gesehen, wie der Zanbermeister mit seinem dienstbaren Geist eine Unterredung hielt, zog Hobbie sowohl seinen Zaum wie seinen Athen: an, entschlossen, den Unwillen von Keinem der Beiden durch hastiges Eindringen in ihre Unterredung zu erregen. Jene hatten wahrscheinlich seine Annäherung gemerkt; denn kaum hatte er einen Augenblick angehalten, so kehrte der Zwerg in seine Hütte zurück; die schlankere Gestalt, die ihn begleitet hatte, eilte um die Umzäunung des Gartens und schien vor den Blicken des staunenden Hobbie zu verschwinden. „Sah jemals ein Sterblicher etwas Aehnliches!" dachte Ellivt, „aber mein Fall ist verzweifelt, und wäre es Beelzebub selbst, so will ich mich die Anhöhe hinunter wagen. Ungeachtet seines angenommenen Mnthes nahte er sich langsam, als er beinahe auf demselben Platz, wo er die schlanke Figur zuletzt bemerkt hatte, einen kleinen rauh aussehenden Gegenstand, etwas wie einen Dachshund, unter dem langen Haidekrant lauern sah. „Er hat doch keinen Hund, von dem ich jemals gehört hätte," dachte Hobbie, „aber manchen Teufel bei der Hand — „Gott vergebe mir, daß ich so etwas denke! — das Ding hält seinen Platz, sei es was es will — ich glaube, cs ist ein Dachs; wer weiß aber, welche Gestalten die Kobolde annehmen, um Jemand zu erschrecken? Vielleicht fährt es in die Höhe wie ein Löwe oder ein Krokodil, wenn ich näher komme, ich will zuerst einen Stein darauf werfen, denn sollte es seine Gestalt verändern, wenn ich näher komme, so wird Tarras nicht Stand halten, und es wäre für mich zu viel, sollte ich mit ihm und dem Teufel zugleich zu schaffen haben." Er warf deßhalb vorsichtig einen Stein ans den Gegenstand, „es ist kein lebendiges Ding," dachte Hobbie, näher kommend, „sondern der große Geldsack, den er gestern aus dem Fenster warf, jenes andere sonderbare Geschöpf hatte ihn etwas weiter ans meinen Weg gelegt." Er trat vor und hob einen schweren Beutel von Pelzwerk in die Höhe, der gänzlich mit Gold gefüllt war. „Gott sei uns gnädig," sagte Hobbie, dessen Gefühle zwischen der Freude über die Wiederbelebung seiner Hoffnungen und Lebensansslchten, sowie zwischen dem Argwohn unruhig schwankten, daß ihm diese Hülfe zu Zwecken böser Art geleistet sei — „Gott sei uns gnädig, es ist keine Kleinigkeit, so Etwas zu berühren, was soeben in den Klauen von Jemand steckte, mit dem es nicht geheuer ist. Ich kann 128 mich von dem Glauben nicht losmachen, das; irgend ein Blendwerk Satans im Spiel ist, aber ich bin entschlossen, mich als ehrlicher Mann und guter Christ zu benehmen, es komme, was da will." Er trat somit an die Thür, klopfte mehrere Male an, ohne eine Antwort zu erhalten, und erhob zuletzt seine Stimme, nm den Bewohner der Hütte auznreden. „Elshie! Vater Elshie, ich weist, Ihr seid zu Hause und wach, denn ich sah Euch vorder Thur, als ich über die Anhöhe kam; wollt Ihr nicht heranskommen und nur ein wenig mit Jemanden sprechen, der Euch vielen Dank zu geben hat? Es ist Alles wahr, was Ihr mir über Westbnrnstat sagtet; er hat aber Grace sicher und wohlbehalten zurückgebracht, darum ist das Unglück jetzt nicht großer, als wie man erleiden und ertragen kann — wollt Ihr nicht ein wenig heranskommen, Mann, oder mir sagen, daß Ihr mir znhört? — Wohlan, da Ihr mir keine Antwort geben wollt, so will ich mit meiner Erzählung fortfahrcn. Seht Ihr, ich dachte, es sei doch schlimm für zwei junge Leute wie ich und Grace, viele Jahre lang unsere Ehe anfzu- schieben, wenn ich außer Landes wäre, bis ich mit einiger Habe zurückkchrte; man sagt ja, daß inan in den Kriegen nicht mehr so Beute machen darf wie vor Zeiten, und der Königin Sold ist nicht hoch; damit kann man keine Habe sammeln — und dann auch das Alter meiner Großmutter — und meine Schwestern würden winselnd am Kamin sitzen, wenn ich ihnen fehlte, um sie herumznstoßen — und Earnscliff und die Nachbarn oder auch Ihr selbst, Elshie, könnt irgend einen guten Streich brauchen, den Hob Elliot für Euch ausführcn könnte, auch wäre es schade, wenn das alte Haus von Heugh-foot gänzlich in Trümmern liegen sollte — drum dachte ich — aber der Teufel hole mich, wenn ich weiter rede," fuhr er fort, 129 indem er sich Einhalt that, „und wenn ich Jemanden um einen Gefallen bitte, der mir nicht einmal ein bloßes Wort erwidert, um mir zu sagen, daß er mich anhört." „Sage, was du willst — thuc was du willst," erwiderte der Zwerg vom Innern seiner Klause her, „aber pack dich und laß mich in Ruh." „Schon gut," begann Elliot aufs Nene, „da Ihr mich hören wollt, so will ich die Sache kurz abmachen. Da Ihr so gütig seid, mir zu sagen, Ihr wollet mir so viel Silber leihen, daß ich Heugh-foot mit Vorrathen und Heerden wieder an- süllen kann, so bin ich meinerseits zufrieden, Eure Artigkeit mit vielem Dank anznnehmen; und wahrhaftig, ich glaube, das Geld wird in keinen Händen so sicher sein, wie in meinen, wenn Ihr es in dieser Weise hinwerft, damit der erste beste Schelm es anfnimmt, abgesehen von der Gefahr, der Ihr durch böse Nachbarn ansgcsetzt sind, die durch verschlossene Thüren und in gut verwahrte Häuser dringen können, wie ich nach eigenem Schaden berichten kann. Nun sage ich, ha Ihr so viel Rücksicht für mich habt, so nehme ich gern Eure Güte an; und meine Mutter und ich (sie hat eine Leibrente und ich besitze die Ländereien von Wideopen), wir werden Euch gern einen Schuldschein oder einen erblichen Pfandbrief für das Geld ansstellcn und Euch den Zins halbjährlich zahlen; Sann- ders Wyliecoat soll den Schuldschein ausstellen und die ganze Schreiberei svll Euch keinen Heller kosten." „Laß dein Geschwätz und packe dich!" sagte der Zwerg. „Deine wortreiche ochsenköpfigc Ehrlichkeit macht dich zn einer unerträglichen Plage, wie der leichtfingerige Höfling eine solche ist, welcher eines Mannes Vermögen demselben nehmen würde, ohne weder zu danken, noch sein Verfahren zu beschönigen oder zu vertheidigen. Packe dich, sage ich! du bist einer jener Der schwarze Zwerg. 9 130 zahmen Sclave», deren Wort so gnt ist wie ihre Unterschrift. Behalte das Geld, Capital »nd Interesse, bis ich cs zurückfordere." „Aber," fuhr der hartnäckige Grenzbewohner fort, „es ist nur für Leben oder Sterben, Elshic; darum muß bei diesem Geschäft Schwarz auf Weiß gegeben werden. Sehet mir nur einen Schein in einer Form wie Ihr wollt auf; alsdann will ich ihn schon abschreiben, und vor Zeugen mit gutem Namen unterschreiben, nur, Elshie, mochte ich wünschen, daß Ihr nichts hineinsetzt, was mein Seelenheil gefährden kann; denn ich werde jenen Schein unserem Pfarrer zu lesen geben und Ihr würdet Euch zu keinem Zweck bloßstellen. Nun will ich gehen, denn Ihr seid mein Geschwätz müde, und ich bin cs müde zu schwätzen, ohne Antwort zu erhalten — und ich werde Euch ein Stück Hochzcitknchen dieser Tage bringen, und bringe vielleicht auch Grace, um Euch zu sehen. Ihr würdet Grace gern sehen, Mann, so hartherzig Ihr auch seid — bei Gott, ich wünsche, daß er sich wohl befindet, das war ein klägliches Stöhnen! vielleicht dachte er, ich spreche von himmlischer Gnade*) und nicht von Grace Armstrong, der arme Mann! sein Zustand ist mir sehr zweifelhaft; aber gewiß, gegen mich war er so gütig, als wäre ich sein Sohn, und einen seltsam aussehendcn Vater würde ich dann haben, wenn das der Fall wäre." Hobbie erlöste jetzt seinen Wohlthäter von seiner Gegenwart und ritt vergnügt nach Hanse, um dort seinen Schatz zu zeigen und über die Mittel zu bcrathen, wie der Schaden auszugleichen sei, den sein Vermögen durch den Ueberfall des rothen Räubers von Westbnrnflat erlitten hatte. Grace (Gnade). Elftes Kapitel. Drei Räuber schleppten rasch mich fort, Mich arme Jungfrau, souder Hort, lind banden, spottend meines Schrei's, Mich rauh auf einen Zelter weiß; So wahr der Herr mir gnädig sei, Ich kann nicht nennen jene drei. Words worth. Der Lauf unserer Geschichte muß etwas zurückgehen, um die Umstände darzulcgcn, welche Miß Bere in die unangenehme Lage brachten, aus welcher sie unerwartet und sogar absichtlos befreit wurde, als Earnscliff und Elliot mit ihren Freunden und Anhängern vor dem Thurme von Westburnflat erschienen. Am Morgen vor der Nacht, worin Hobbie's Haus geplündert und verbrannt war, wurde Miß Vere von ihrem Vater ersucht, rhn auf einem Spaziergänge durch einen entlegeneren Thcil der romantischen Gegend zu begleiten, welche das Schloß von Ellieslam umgab. Hören und gehorchen war Eins im wahren Style des orientalischen Despotismus; Isabelle jedoch zitterte schweigend, während sie ihren Vater auf rauhen Pfaden begleitete, die sich bald dicht am Flusse hinwanden, bald über die Klippen an seinem Rande führten. Ein Diener, vielleicht wegen seines Blödsinns ausgewählt, war ihr einziger Begleiter. Bei dem Schweigen ihres Vaters hegte Isabelle wenig Zweifel, 0 » 132 daß er diese entfernt und einsam gelegene Gegend gewählt habe, um den Streit mit ihr wieder aufzunehmcn, den beide schon so häufig über die Huldigungen Sir Frederiks geführt hatten; sie glaubte, er überlege, in welcher Weise er ihr die Nothwendigkeit, jene» Herrn als Bewerber um ihre Hand an- znnehmen, am eindringlichsten vorstellen könne. Allein ihre Furcht schien einige Zeit lang unbegründet. Die einzigen Sätze, die ihr Vater von Zeit zu Zeit an sie richtete, betrafen die Schönheiten der romantischen Landschaft, welche beide dnrch- wandeltcn, und welche bei jedem Schritte ihr Aussehen änderte. Obgleich diese Bemerkungen ans einem Herzen zu kommen schienen, welches von finsteren und wichtigeren Sorgen gefüllt schien, bemühte sich Isabelle, so frei und zwanglos darauf zu antworten, wie es ihr bei den unwillkürlichen Besorgnissen möglich war, die ans ihre Einbildungskraft eindrangen." Nachdem sie unter gegenseitigem Zwange ein flüchtiges Gespräch geführt hatten, gelangten sie endlich in die Mitte eines kleinen Waldes, der ans großen Eichen, hin und wieder aus Birken, Bergeschcn, Haselsträuchcn, Stechpalmen und aus einer Mannigfaltigkeit von Unterholz bestand. Die Zweige der größeren Bäume begegneten sich einander und bildeten gleichsam ein enges Dach, während das Unterholz jeden Zwischenraum zwischen den Stämmen auf dem Boden ansfüllte. Der Ort, worauf sie standen, war zwar etwas offener, jedoch von einem natürlichen Bogengänge großer Bäume überragt und an den Seiten durch einen dichten und lebendigen Wuchs von Unterholz und Gesträuch verdunkelt. „Hier, Isabelle," sagte Herr Vere, als er das oft so begonnene und abgebrochene Gespräch wieder anfnahm, „hier möchte ich einen Altar der Freundschaft errichten." „Der Freundschaft?" fragte Misi Vere, „weßhalb au diesem finsteren und entlegenen Orte eher als sonst wo?" „Die Zweckmäßigkeit des Ortes läßt sich leicht rechtfertigen," erwiderte ihr Vater mit einem höhnischen Lächeln. „Ihr wißt. Miß Vere (denn Ihr seid ja, wie mir sehr wohl bekannt ist, eine gelehrte junge Dame), daß die Römer, zum Zwecke ihrer Verehrung nicht damit zufrieden waren, jede nützliche Eigenschaft und moralische Tugend, welcher sie einen Namen erthei- len konnten, zu verkörpern; sie verehrten eine solche außerdem unter einer Menge von Titeln und Beinamen, welche eine bestimmte Schattirnng oder einen eigenthnmlichcn Charakter jener Tugend ertheilen konnten. Z. B. die Freundschaft, welcher ein Tempel hier geweiht werden könnte, ist nicht die männliche Freundschaft, welche Zweideutigkeit, List und Verstellung verabscheut und verachtet, sondern die weibliche Freundschaft, welche in Wenig sonst besteht, als von Seiten der Freundinnen, wie sie sich nennen, im finsteren Betrug und kleinlicher Jntrigne, womit sle sich einander aufreizen." „Herr, Ihr seid strenge," sagte Miß Vere. „Ich bin nur gerecht," sagte ihr Vater, „ein dcmüthiger Zeichner der Natur, nur mit dem Vortheil, daß ich zwei so ausgezeichnete Studien als Lucy Jlderton und Euch selbst bei meinem Bilde vor Augen habe." „War ich unglücklich genug, Euch zu beleidigen, Herr, so kann ich mit gutem Gewissen Miß Jlderton darin rechtfertigen, daß sie meine Rathgeberin oder Vertrante war." „Wirklich! wie kam es denn," sagte Herr Vere, „daß Ihr durch Eure Geläufigkeit der Zunge und Eure spitzigen Reden Sir Frederik so sehr mißfielt, und mir kürzlich so großen Anstoß gabt?" „Wenn ich das Unglück hatte, daß mein Benehmen Euch 134 mißfiel, so kann ich mich niemals mit einem zu tiefen und aufrichtigen Gefühl entschuldigen; ich kann jedoch nicht dieselbe Rene dafür eingcstehen, daß ich Sir Frederik eine spöttische Antwort gab, als er mich in roher Weise drängte. Da er vergaß, daß ich eine Dame bin, so war es Zeit, ihm wenigstens zu zeigen, daß ich ein Weib bin." „Verwahrt Eure spitzigen Reden für Diejenigen, welche Euch hierüber drängen, Isabelle," sagte ihr Vater mit Kälte; „was mich betrifft, so bin ich der Sache müde, und will nie mehr davon reden." „Gott lohne es Euch, thenrer Vater," sagte Isabelle, indem sie seine widerstrebende Hand ergriff; „mit Ausnahme des Befehls, auf die Verfolgung dieses Mannes zu hören, gibt es Nichts, was Ihr mir auferlegen könnt, das ich für eine Härte halten oder so nennen würde." „Ihr seid sehr gütig, Miß Vere, wenn es Euch einfällt, gehorsam zu sein," sagte der unbeugsame Vater, indem er sich zugleich von ihrem liebevollen Händedruck losriß; „von jetzt an, Kind, werde ich mir die Mühe ersparen, Euch unangenehmen Rath bei irgend einer Angelegenheit zu geben. Ihr müßt für Euch selbst sorgen." In diesem Augenblick stürzten vier Räuber auf sie ein. Herr Vere und sein Diener zogen ihre Hirschfänger, die sie der damaligen Mode gemäß trugen, und suchten sich zu vertheidigen und Isabelle zu beschützen. Während Jeder von ihnen sich mit einem Gegner zu thun machte, wurde sie von den zwei klebrigen in das Gebüsch gerissen. Letztere setzten sie auf ein Pferd, welches hinter dem Unterholz bereit stand, stiegen zugleich auf ihre eigenen Thiere, stellten sie zwischen sich und ritten im gestreckten Galopp hinweg, indem sie die Zügel ihres Pferdes an jeder Seite hielten. Auf vielen sonst unbekannten und gewundenen Pfaden wurde sie über Thai und Hügel/ durch Haiden und Moore zum Thurme von Westburnflat gebracht. Dort stand sie, streng überwacht aber sonst nicht mißhandelt, unter der Aufsicht der alten Frau, deren Sohn jenen einsamen Wohnsitz besaß. Keine Bitten beredeten die alte Hexe, daß sie der Miß Vere über den Zweck ihrer Fortführung und Einschließung in diesem einsamen Orte eine Kunde gab. Die Ankunft Earnscliffs mit seiner starken Schaar von Reitern vor dem Thnrme schreckte den Räuber. Da er schon Anstalt getroffen hatte, daß Grace Armstrong ihren Verwandten znrückgegcben wurde, so kam er nicht auf den Gedanken, daß dieser unwillkommene Besuch ihretwegen geschehe; da er ferner an der Spitze der Schaar den jungen Earnscliff sah, von dessen Neigung zu Miß Vere man in der Gegend sprach, so hegte er keinen Zweifel, daß ihre Befreiung der einzige Zweck des Angriffs auf seine Feste sei. Die Furcht vor persönlichen Folgen zwang ihn znr Auslieferung der Gefangenen in der von uns schon berichteten Weise. Sobald das Gestampf der Pferde vernommen wurde, welche die Tochter Ellieslaws hinweg führten, fiel ihr Vater zu Boden, und sein Diener, ein kräftiger jnnger Mann, welcher dem Raufbold, womit er kämpfte, in die Enge trieb, gab den Kampf auf, um seinem Herrn zu Hülse zu kommen, indem er nicht daran zweifelte, daß derselbe eine tödtliche Wunde erhalten habe. Beide Ränder gaben sogleich den weiteren Kampf auf, zogen sich in das Dickicht zurück und sprengten in voller Eile ihren Gefährten nach. Mittlerweile fand Dickson zu seiner Freude Herrn Vere nicht allein am Leben, sondern auch unverwundet. Er hatte sich zu wenig in Acht genommen und war, wie cs scheint, über der Wurzel eines Baumes gestolpert, als er einen zu heftigen Streich gegen seinen Gegner führte. Die Verzweiflung, die er über das Verschwinden seiner 136 Tochter fühlte, war nach Dickson's Phrase solcher Art, daß sie das Herz eines Steines hätte schmelzen können. Er war durch seine Gefühle und die vergeblichen Nachsuchungen um die Spur der Räuber zu entdecken, so sehr erschöpft, daß eine beträchtliche Zeit verging, ehe er seine Wohnung erreichte und dann seine Dienerschaft zur Verfolgung ausschicken konnte. Sein ganzes Betragen und alle seine Bewegungen waren die eines Verzweifelten. „Sagt mir nichts, Sir Frederik," waren seine Worte in zornigem Tone, „Ihr seid kein Vater — sie war mein Kind, ein undankbares, wie ich besorge, aber dennoch mein einziges Kind. — Wo ist Miß Jlderton? die muß etwas davon wissen; es entspricht demjenigen, was ich von ihren Entwürfen weiß. Geh, Dickson, rufe Ratcliffe — heiß ihn ohne die Verzögerung einer Minute kommen." Die von ihm genannte Person hatte in demselben Augenblick das Zimmer betreten. »Ich sage, Dickson," fuhr Herr Vere in verändertem Tone fort, „laß Herrn Ratcliffe wissen, daß ich um die Güte seiner Gesellschaft wegen eines besonderen Geschäftes bitte — ach, mein theurer Herr!" fuhr er fort, als bemerke er ihn erst jetzt; „Ihr seid gerade der Mann, dessen Rath mir in diesem grausamen Augenblick äußerst nothwendig ist." „Was ist geschehen, Herr Vere, um Sie so außer Fassung zu bringen," fragte Ratcliffe mit ernstem Ausdruck. Während der Gutsherr von Ellieslaw ihm mit lebhaften Geberden des Grames und Unwillens von dem Abenteuer des Morgens in Kenntniß setzt, wollen wir die Gelegenheit benützen, um unsere Leser von dem Verhältnis; in Kenntniß zu setzen, in welchen beide Herren zu einander standen. Herr Vere von Ellieslaw war in früher Jugend wegen eines verschwenderischen Lebens berüchtigt gewesen, welches er im vorgerückten Alter mit der nicht weniger verderblichen Laufbahn eines finstern und unruhigen Ehrgeizes vertauschte. In beiden Fällen hatte er seine vorherrschende Leidenschaft ohne Rücksicht auf die Verminderung seines Privatvermögens befriedigt, obgleich er für verschlossen, geizig und habgierig bei Gelegenheiten gehalten wurde, wo die genannten Anreizungen ihm fehlten. Als seine Angelegenheiten durch die Ausschweifungen seiner Jugend sehr verwirrt waren, ging er nach England, wo er eine sehr vortheilhafte Heirath geschlossen haben soll. Er war viele Jahre abwesend von seinem Familien- sihc. Plötzlich und unerwartet kehrt er als Wittwer zurück, indem er eine Tochter, damals ein Mädchen von ungefähr zehn Jahr, mit sich brachte. Von diesem Augenblick an schien seine Geldverschwendung den einfachen Bewohnern der Gebirge seines Geburtslandes grenzenlos zu sein. Man glaubte, daß er tief in Schulden stecken müsse. Dennoch setzte er sein Leben in derselben verschwenderischen Weise fort, bis die öffentliche Meinung über seine schlechte Vermögensnmstände wenige Monate vor dem Beginn unserer Geschichte durch die Erscheinung des Herrn Ratcliffe in Ellieslaw Castle bestätigt wurde. Dieser schlug dort seinen Wohnsitz ans; vom Augenblick seiner Ankunft schien er durch die schweigende Einwilligung, offenbar zum großen Mißfallen des Eigenthümcrs jenes Herrenhauses, einen vorherrschenden und unerklärlichen Einfluß in der Leitung von dessen Privatangelegenheiten zu üben. Herr Ratcliffe war ein ernster, gesetzter, zurückhaltender Mann in vorgerückten Jahren. Denjenigen, die gelegentlich sich über Geschäfte mit ihm unterhielten, schien er mit allen Formen derselben genau bekannt. Mit Andern hatte er wenig Verkehr; bei zufälliger Begegnung oder Unterredung äußerte 138 er aber stets alle Fähigkeiten eines thätigen und gebildeten Geistes. Einige Zeit, bevor er seinen .Sitz im Schlosse anf- schlng, hatte er dort gelegentliche Besuche abgestattct und wurde alsdann von Herrn Vere, dem allgemeinen Verfahren desselben gegen Alle, welche ihm im Range untergeordnet waren, durchaus entgegen, mit auffallender Aufmerksamkeit und sogar mit Hochachtung behandelt. Seine Ankunft schien aber immer seinem Wirthe eine Verlegenheit zu bereiten, und seine Abreise ihm eine Erleichterung zu sein; als er sich unter der Familie vollkommen niederließ, war es für Jeden unmöglich, die Anzeichen des Mißvergnügens nicht zu bemerken, womit Herr Vere seine Gegenwart betrachtete. Der Verkehr Beider zeigte auch wirklich eine merkwürdige Mischung von Vertrauen und Zwang. Herrn Vere's wichtigste Angelegenheiten wurden von Herrn Ratcliffe geleitet. Ersterer war durchaus nicht einer jener reichen Leute, welche nur ihren Neigungen nachhangen, und zu trag, ihr Geschäft zu leiten, dasselbe einem Andern mit Vergnügen aufbürden; dennoch wurde in manchen Fällen bemerkt, daß er sein eigenes Urthcil den entgegengesetzten Meinungen unterordnete, welche Herr Ratcliffe durchaus kein Bedenken trug, mit großer Bestimmtheit auszusprechen. Nichts schien Herrn Vere mehr zu ärgern, als wenn Fremde irgend eine Bemerkung über den Zustand der Vormundschaft fallen ließen, unter welcher er zu leiden schien. Wurde auf dieselbe von Sir Frederik oder von einem seiner Vertranten hingedeutet, so wies er bisweilen ihre Bemerkungen stolz und unwillig zurück, bisweilen bemühte er sich, denselben auszuweichen, indem er mit einem erzwungenen Lächeln sagte: „Ratcliffe kenne seine eigene Wichtigkeit, er sei jedoch der ehrlichste und geschickteste Kerl in der Welt, ihm selbst sei es 139 unmöglich, seine englischen Angelegenheiten ohne seinen Rath und Beistand zu leiten." Dieß war die Person, welche in dem Augenblick das Zimmer betrat, als Herr Vcre sie rufen lassen wollte, und der jetzt die hastige Erzählung des Unfalls der Jsabella mit einem Erstaune» vernahm, womit er offenbare Zeichen seines Unglaubens äußerte. Jsabellens Vater schloß seine Erzählung mit einer Anrede an Sir Frcderik und die anderen Herren, die erstaunt umher standen. „Und jetzt, meine Freunde, seht ihr den unglücklichsten Vater in Schottland; leiht mir euren Beistand, ihr Herren, gebt mir Euren Rath, Herr Ratcliffe. Bei der unerwarteten Heftigkeit eines solchen Schlages bin ich unfähig zum Handeln oder Denken." „Besteigen wir unsere Pferde, versammeln wir unsere Diener und durchstreifen wir das Land, um die Schurken zu verfolgen !" sagte Sir Frederik. „Gibt es Niemand, gegen den Ihr Verdacht hegt," fragte Ratcliffe mit ernstem Tone, daß derselbe einen Beweggrund zu dem Verbrechen habe? Die heutigen Tage sind nicht die der Romantik, in welchen Damen allein wegen ihrer Schönheit geraubt wurden." „Ich besorge," sagte Herr Vere, „daß ick diesen auffallenden Vorfall nur zu wohl erklären kann; leset diesen Pries, welchen Miß Lucy Jlderton aus meiner Wohnung dem jungen Earnscliff zu senden für zweckmäßig hielt, einem Manne, den ich meinen Feind zu nennen ein erbliches Recht besitze. Ihr seht, sie schreibt ihn als die Vertraute einer Leidenschaft, welche er keck genug ist zu meiner Tochter zu hegen, sie erklärt ihm, daß sie seiner Sache bei ihrer Freundin sich sehr eifrig annehme, daß er aber einen Freund in der Garnison besitze, der ihm noch wirksamer diene. Seht hauptsächlich auf 140 die mit Bleistift geschriebenen Stellen, Herr Ratcliffe, wo dieß intrignante Mädchen kühne Maßregeln mit einer Keckheit empfiehlt, welche an jedem andern Ort jenseits der Grenzen der Baronie Ellieslaw Erfolg haben würden." „Und Ihr schließt ans diesem romantischen Brief einer sehr romantischen jungen Dame, Herr Bere," fragte Ratcliffe, „daß der junge Earnscliff Eure Tochter entführt und eine verbrecherische Gcwaltthätigkeit ans keinen besseren Rath und keine andere Versicherung hin, wie die der Miß Lucy Jlderton, begangen hat?" „Was kann ich mir sonst denken?" erwiderte Ellieslaw. „Was könnt I h r sonst denken?" fragte Sir Frederik. „Wäre dieß die beste Weise, die Schuld Jemandem bestimmt znznweisen," sagte Herr Ratcliffe mit Ruhe, „so könnte man leicht auf Personen hindenten, deren Charakter solche Handlungen weit mehr angemessen sind, und welche auch genügende Beweggründe zu denselben haben. Nehmen wir an, man halte es für rathsam, Miß Vere an einen Ort zn entfernen, wo man ihren Neigungen bis auf einen Grad hin Zwang anthnn kann, welcher gegenwärtig unter dem Dache von Ellieslaw Castle sich nicht üben läßt — was meint Sir Frederik Langley hinsichtlich dieser Vermnthung?" „Was ich meine?" erwiderte Sir Frederik, „obgleich Herr Vere es für zweckmäßig hält, von Seiten des Herrn Ratcliffe Freiheiten zn dulden, welche mit seiner Stellung im Leben durchaus nicht im Einklang stehen, so werde ich durchaus nicht gestatten, daß eine solche Frechheit in Winken, Worten oder Blicken ungestraft ans mich ausgedehnt wird." „Und ich sage," fiel der junge Mareschal von Mareschal- Wells ein, welcher auch ein Gast im Schlosse war, „daß ihr 141 sämmtlich verrückt seid, weil ihr hier mit einander hadert, anstatt die Räuber zu verfolgen." „Ich habe schon Befehl gegeben, daß meine Diener diejenige Richtung cinschlagen, in welcher man sie am wahrscheinlichsten einholen kann," sagte Herr Vere; „wollt ihr uns gütigst begleiten, so werden wir folgen und bei der Aufsuchung helfen." Die Bemühungen der Gesellschaft waren gänzlich erfolglos, wahrscheinlich, weil Ellieslaw die Verfolgung nach der Richtung von Earnscliff-Tower in der Voraussetzung hinleitete, daß der Eigenthümer dieses Gutes der Urheber dieser Gewalttätigkeit sei; es wurde dadurch eine Richtung eingeschlagen, welche derjenigen der Räuber gänzlich entgegengesetzt war. Am Abend kehrte die Gesellschaft müde und mnthlos zurück. Mittlerweile aber waren andere Gäste im Schloß an- gelangt- Nachdem der kürzliche Verlust des Eigentümers erzählt, angestannt und beklagt war, wurde die Erinnerung daran für's Erste durch die Verhandlung tief angelegter politischer Jntrignen beseitigt, deren Entscheidung und Ausbruch stündlich erwartet wurde. Mehrere der Herren, die an diesem Rathe Thcil nahmen, waren Katholiken, alle aber waren starre Jakobiten, deren Hoffnungen gegenwärtig auf den höchsten Grad stiegen, da ein feindlicher Einfall aus Frankreich zu Gunsten des Prätendenten täglich erwartet wurde; Schottland war damals wegen des vertheidigungslosen Zustandes seiner Garnisonen und festen Plätze, so wie wegen der allgemeinen Unzufriedenheit der Einwohner eher zur Bewillkommnung desselben, wir zum Widerstand geneigt. Ratcliffe, welcher weder bei den Beratungen gegenwärtig zu sein suchte, noch eine Aufforderung hiezu erhielt, hatte sich mittlerweile auf sein Zimmer zurückgezogen. 142 Miß Jlderton wurde durch eine Art ehrenvollen Gefängnisses von der Gesellschaft ausgeschlossen, „bis sic," wie Herr Vere sagte, „mit Sicherheit zur Wohnung ihres Vaters znrückge- bracht werden könnte" — eine Gelegenheit, die am nächsten Tage eintrat. Die Diener konnten sich eines Erstaunens über den sonderbaren Umstand nicht erwehren, daß der Verlust der Miß Vere und die auffallende Weise, worin er geschah, von den anderen Gästen des Schlosses so bald vergessen zu sein schien. Sie wußten nicht, daß Diejenigen, welche an ihrem Schicksal das meiste Interesse hatten, die Ursache ihrer Entführung und den Ort ihres Gewahrsams sehr wohl kannten, und daß die Anderen in den angstvollen und zweifelhaften Augenblicken, welche dem Ausbruch einer Verschmorung vorhergehen, nur für diejenigen Gefühle zugänglich waren, welche durch ihre eigenen Entwürfe unmittelbar angeregt wurden. Zwölftes Kapitel. Sie ist auf irgend einem Weg' entstehn; Wißt ihr, wo ihr sie finden kennt? Die Nachforschungen nach Miß Vere wurden vielleicht des Scheines wegen am nächsten Tage mit ähnlichem schlechten Erfolge wieder ausgenommen, und die Gesellschaft kehrte nach Ellies law am Abend zurück. „Es ist auffallend," sagte Mareschal zu Ratcliffe, „daß vier Reiter und ihr weiblicher Gefangener durch das Land gekommen sein sollten, ohne die geringste Spur zu hinterlaffen. Man sollte glauben, sie wären durch die Luft geflogen oder hätten ihren Ritt unterhalb der Erde ausgeführt" „Man kann oft," erwiderte Ratcliffe, „zur Kenntnis; da- durch gelangen-, daß man dasjenige, welches nicht ist, entdeckt; wir haben jetzt jede Landstraße, jeden Reit- und Fußweg, die nach dem Schlosse fuhren, in allen Strichen des Compasses, mit Ausnahme des verwickelten und schwierigen Paffes, untersucht, welcher südwärts nach Westbnrnflat und durch die Moräste führt. „Und weßhalb haben wir diesen nicht untersucht?" „Darüber mögen Sie Herrn Vere fragen," erwiderte trocken der Andere. „Alsdann will ich ihn sogleich fragen," sagte Mareschal, und fügte, sich zu Herrn Vere wendend, hinzu: „Herr, man <44 hat mich benachrichtigt, das; ein Pfad, welcher nach Westburn- flat fährt, von uns noch nicht untersucht wurde." „O," sagte Sir Frederik lachend, „wir kennen sehr gut den Eigenthümer von Westburnflat — ein wilder Bursch, der zwischen den Gätern seiner Nachbarn nnd den eigenen wenig Unterschied macht. Sonst aber hält er sehr ehrlich an seinen Grundsätzen, er wird sich an nichts vergreifen, was Ellieslaw gehört." „Außerdem," sagte Herr Acre, geheimnißvoll lächelnd, „hatte er vergangene Nacht anderen Flachs an seinem Spinnrocken. Habt ihr nicht gehört, daß dem jungen Elliot sein Haus verbrannt und sein Vieh wcggetrieben wurde, weil ersieh weigerte, seine Waffen einigen ehrlichen Leuten auszuliefern, die fär den König sich zu erheben gedachten?" Die Herren lächelten einander zu, als hörten sie von ciner Unternehmung, welche ihre eigenen Absichten begünstigte. „Demnach," begann Mareschal aufs Nene, „glaube ich, daß wir auch in dieser Richtung reiten müssen, sonst wird man uns sicherlich wegen unserer Nachlässigkeit tadeln." Kein vernünftiger Einwurf konnte gegen diesen Vorschlag gemacht werden, und die Herren der Gesellschaft wandten ihre Rosse nach der Richtung von Westburnflat. Sie waren nicht weit geritten, als sie den Schall von Hufen vernahmen, und ein kleines Corps von Reitern ans sich znkommen sahen. „Dort kommt Earnscliffe," sagte Mareschal, „ich kenne sein braunes Reitpferd mit dem Sterne auf der Stirn." „Und dort kömmt meine Tochter mit ihm!" rief Vere wüthend aus. Wer wird jetzt meinen Verdacht für falsch oder beleidigend halten! Ihr Herren — meine Freunde, leiht mir den Beistand eurer Degen, damit ich mein Kind wieder erlange." Er zog seinen Degen; Sir Frederik und mehrere der Gesellschaft folgten seinem Beispiel und trafen Anstalt, die Anderen anzugreifen, welche ans sie znritten; der größere Theil trug jedoch Bedenken. „Sie kommen zu uns in Frieden und Vertrauen," sagte Mareschal Wells; „hören wir zuerst, welchen Bericht sie uns von dieser geheimnißvollen Angelegenheit geben. Wenn Miß Vere behauptet, daß sic die geringste Beleidigung oder Beschädigung von Earnscliff erhalten hat, so bin ich der Erste, sie zu rächen; hören wir aber, was sie sagen." „Ihr thut mir unrecht, mit Eurem Verdacht, Mareschal," fuhr Vere fort, „Ihr seid der Letzte, von dem ich erwartet hätte, daß Ihr denselben aussprächt." „Ihr schadet Euch selbst, Ellieslaw, durch Eure Heftigkeit, obgleich Ihr eine Entschuldigung in der Sache selbst finden möcht." Alsdann ritt er den klebrigen ein wenig voraus und rief mit lauter Stimme: „Steht, Earnscliff, oder kommt Ihr und Miß Vere allein zu uns heran. Man hat Euch beschuldigt, jene Dame von dem Hause ihres Vaters entführt zu haben; mir stehen hier in Waffen, um unser Blut zu vergießen, damit wir sie wieder erlangen, oder diejenigen, welche sie beleidigt haben, der Gerechtigkeit zu überliefern." „Und wer könnte dies; williger thun, wie ich, Herr Mareschal," sagte Earnscliff mit Stolz, „der ich das Vergnügen hatte, diesen Morgen sie aus dem Gefängnisse, worin ich sie eingeschlossen fand, zu befreien, und der ich sie jetzt zum Schloß Ellieslaw zurückgcleitc?" „Ist dieß der Fall, Miß Vere?" fragte Mareschal. „So ist es," antwortete Miß Vere mit lebhaftem Ausdruck ; „um des Himmelswillcn, stecken Sie Ihre Degen ein. Ich schwöre bei Allem, was heilig ist, daß ich von rohen Der schwarze Zwerg. 10 146 Gesellen fortgeführt wurde, deren Personen und Zweck mir gänzlich unbekannt sind; der Freiheit bin ich durch die tapfere Dazwischenkunft dieses Herrn zurückgegebcn worden." „Von wem und weßhalb konnte dieß geschehen sein?" setzte Mareschal die Unterredung fort; „hattet Ihr keine Kenntniß von dem Ort, wohin Ihr gebracht wurdet? Earnscliff, wo fandet Ihr diese Dame?" Ehe jedoch diese Frage beantwortet werden konnte, ritt Ellieslaw herbei und schnitt die Unterredung ab, indem er sein Schwert in die Scheide steckte. „Wenn ich genau weiß," sagte er, „wieviel ich Herrn Earnscliff verdanke, so kann er sich auf eine paffende Anerkennung seines Dienstes verlassen;" dann ergriff er den Griff des Zaumes von Miß Vere mit den Worten: „bis dahin hat er meinen Dank, daß er meine Tochter der Gemalt ihres natürlichen Beschützers wieder znrückgab." Ein finsteres Nicken seines Kopfes wurde von Earnscliff mit gleichem Stolze zurückgegeben. Als Ellieslaw aus dem Weg nach seinem Hause mit seiner Tochter wieder znrückritt, schien er mit ihr ein so ernstliches Gespräch zn führen, daß die klebrigen der Gesellschaft es für unschicklich hielten, durch zn große Annäherung sich ihnen aufzudringen. Mittlerweile sagte Earnscliff, als er von den andern Herrn aus der Gesellschaft Ellieslaws Abschied nahm, mit lauter Stimme: „Obgleich ich mir keines Umstandes in meinem Betragen bewußt bin, der einen solchen Verdacht rechtfertigen sollte, so muß ich bemerken, daß Herr Vere zn glauben scheint, ich hätte einigen Antheil an der scheußlichen Gewaltthätigkeit genommen, welche gegen seine Tochter geübt wurde. Ich bitte euch, ihr Herren, ans meine bestimmte Zurückweisung einer so unehrenvollen Beschuldigung zu achten; 147 den aufgeregten Gefühlen eines Vaters kann ich in einem solchen Augenblick verzeihen, wenn aber irgend ein anderer Herr" — (er blickte sehr scharf auf Sir Frederik Langley) „mein Wort und das der Miß Verc nebst dem Zeugnis; meiner mich begleitenden Freunde für ungenügend hinsichtlich meiner Rechtfertigung erachtet, so werde ich mich für sehr glücklich schätzen, die Beschuldigung so zurückznweisen, wie es einem Manne geziemt, der seine Ehre für theurer als sein Leben hält." „Und ich will ihm zur Seite stehen," sagte Simon von Hackborn, „und will es mit Zweien von Euch aufnehmen, Edelleuten oder Bauern, Gutsherren oder Pächtern — Simon ist das Alles Eins." „Wer ist der grobe Kerl?" fragte Sir Frederik Langley, „und was hat er mit den Streitigkeiten von Edelleuten zw schaffen?" „Ich bin ein Bursch vom oberen Tcviot," sagte Simon, „und ich will mit Jedermann nach meinem Belieben zanke», mit Ausnahme des Königs und meines Gutsherrn." „Still," sagte Mareschal, „laßt uns keinen Zank anfangen. Herr Earnseliff, obgleich wir nicht in allen Dingen die gleiche Ansicht haben, so hoffe ich doch, daß wir sogar als Feinde, wenn das Schicksal cs will, einander gegcnübcrstehen können, ohne daß wir unsere Achtung vor Geburt, redlichem Spiel und unseren Personen außer Augen setzen. Ich halte Euch in dieser Angelegenheit für ebenso unschuldig, als mich selbst; ich will mein Wort verbürgen, daß mein Vetter Ellieslaw, sobald die Verstörung dieser plötzlichen Ereignisse gewichen ist, und sein Urtheil sich frei zu äußern vermag, den wichtigen Dienst nach Gebühr anerkennen wird, welchen Ihr ihm heute erwiesen habt." - . 10 - 148 „Der Dienst, welchen ich Eurer Cousine erwies, gewährt an sich selbst eine genügende Belohnung — guten Abend, ihr Herren," fuhr Earnscliff fort, „ich sehe, die meisten Ihrer Gesellschaft sind schon nach Ellicslaw unterwegs." Nachdem er Mareschal mit Artigkeit und die klebrigen mit Gleichgültigkeit gegrüßt hatte, wandte Earnscliff sein Pferd und ritt »ach dem Heugh-foot, um mit Hobbie Elliot die weiteren Maßregeln zu Aufsuchung der demselben geraubten Braut zu bereden, da er noch nicht wissen konnte, letztere sei ihren Verwandten zurückgegcben. „Dort geht er," sagte Mareschal; „bei meiner Seele, er ist ein schöner, tapferer, junger Herr, und dennoch mochte ich gerne auf dem grünen Rasen mit blanker Waffe ihm gegenüberstehen. Auf der Schule galt ich ihm beinahe gleich im Fechtrappiere; ich möchte mich an ihm mit scharfer Klinge versuchen." „Nach meiner Meinung," bemerkte Sir Frederik Langlcy, „haben wir sehr unklug gehandelt, daß wir ihn und seine Leute ziehen ließen, ohne sie zu entwaffnen; die Whigs werden sich wahrscheinlich unter einem so muthigen jungen Kerl, wie er es ist, als ihrem Leiter sammeln." „Schämt Euch, Sir Frederik," rief Mareschal aus, „glaubt Ihr, Ellieslaw konnte mit Ehren seine Einwilligung zu einer Gewaltthat gegen Earnscliff geben, als derselbe sein Gebiet nur betrat, um ihm seine Tochter zurückzubringen? Wenn er aber auch Eurer Meinung wäre, glaubt Ihr denn, daß ich und die Uebrigen dieser Herren sich durch ihre Theilnahme an solchem Verfahren beschimpfen würden? Nein, nein, ehrliches Spiel und alt Schottland für immer. Ist das Schwert gezogen, so bin ich bereit, das meinigc wie nur irgend Jemand zu gebrauchen, so lang es aber in der Scheide steckt, haben wir uns wie Männer von Erziehung und gute Nachbarn zu benehmen." Bald nach diesem Gespräch erreichten sie das Schloß, worauf Ellieslaw, der einige Minuten vorher angelangt war, ihnen in dem Hofe begegnete. „Wie geht es der Miß Vere? habt Ihr die Ursache ihrer Entführung erfahren?" fragte Mareschal mit hastigen Worten. „Sie hat sich in ihr Gemach wegen großer Ermüdung zurückgezogen; ich kann nicht viel Licht hinsichtlich ihres Abenteuers von ihr erwarten, als bis sie sich etwas erholt hat," erwiderte ihr Vater. „Euch jedoch, Mareschal, und den andern Freunden sind wir Beide wegen der gütigen Nachforschungen verbunden. Nur muß ich jetzt das Gefühl eines Vaters auf einige Zeit unterdrücken, um mich dem eines Patrioten hinzugeben. Ihr wißt, dieser Tag ist für unsere endliche Entscheidung festgesetzt — die Zeit drängt — unsere Freunde kommen herbei, und ich habe mein Haus nicht allein für die Herren von Stande, sondern auch für das schlechtere Spornlcder eröffnet, das wir nothwendig brauchen müssen. Wir haben dcßhalb wenig Zeit zu Vorbereitungen für ihren Empfang — überblickt diese Listen, Marchic" (eine Abkürzung, unter welcher Mareschal Wells bei seinen Freunden bekannt war). „Sir Frederik, lesen Sie diesen Brief aus Lothian und dem Westen. Alles ist für die Sichel reif; wir brauchen nur die Schnitter anfznbieten." „Von ganzem Herzen," sagte Mareschal; „je mehr Unheil, desto besser der Krieg." Sir Frederik zeigte in seinen Zügen einen ernsten und verstörten Ausdruck. „Geht mit mir bei Seite, mein guter Freund," sprach Ellieslaw zu dem finsteren Baronct, „ich habe Euch etwas 150 im Geheimen zu sagen, womit Ihr sicherlich zufrieden sein werdet." Beide gingen in's Hans und ließen Ratcliffe mit Mareschal im Hofe stehen. „Somit," sagte Ratcliffe, „halten die Herren Eurer politischen Ansicht den Fall dieser Regierung für so gewiß, daß sie sogar es verschmähen, unter anständiger Verkleidung die Jn- triguen ihrer Partei zu verbergen?" „Wahrlich, Herr Ratcliffe," erwiderte Mareschal, „die Handlungen und Gedanken Eurer Freunde bedürfen vielleicht der Verhüllung; mir aber gefällt es besser, daß die unsrigen sich mit offenem Antlitz zeigen können." „Und ist es möglich," fuhr Ratcliffe fort, „daß Ihr, der Ihr ungeachtet Eurer Gedankenlosigkeit und Hitze (ich bitte um Verzeihung, Herr Mareschal, ich bin ein schlichter Mann) — daß Ihr, da Ihr doch, ungeachtet der Mängel Eures Charakters, natürlichen, gesunden Menschenverstand und eine erworbene Geistesbildung besitzt, Euch bethören lasset, einem so verzweifelten Unternehmen beizutreten? Was fühlt Euer Kopf, wenn Ihr an diesen gefährlichen Zusammenkünften Theil nehmt?" „Er fühlt sich nicht so sicher auf seinen Schultern?" erwiderte Mareschal, „als spräche ich von Jagd und Falken. Ich habe keinen so gleichgültigen Charakter, wie mein Vetter Ellieslaw, welcher vom Hochverrathe spricht, als sei derselbe ein Wiegenlied für Kinder, und welcher das süße Mädchen, seine Tochter, mit weniger Aufregung verliert und wieder erlangt, als ich empfunden haben würde, hätte ich einen jungen Windhund verloren und wieder bekommen. Mein Temperament ist nicht unbeugsam und mein Haß gegen die Regierung 151 nicht so eingewurzelt, daß ich über die Gefahr des Versuches verblendet wäre." „Weßhalb laßt Ihr Euch denn damit ein?" fragte Ratcliffc. „Nun, ich liebe den armen verbannten König von ganzem Herzen; mein Vater war ein alter Royalist, und ich wünsche, daß die Höflinge von Unionisten dafür etwas büßen, daß sic das alte Schottland verriethen und verkauften, dessen Krone so lange unabhängig gewesen ist." „Und wegen so eitler Schatten," fragte sein Ermahner, „wollt Ihr Euer Vaterland in Bürgerkrieg und Euch selbst in Verwirrung stürzen?" „O nein, aber Verwirrung für Verwirrung; ich hätte lieber, daß sie morgen als nach einem Monat käme; kommen wird sie, das weiß ich, und wie Euer Landvolk sagt, besser heut wie morgen — dann bin ich jünger um so viel Tage — und was das Hängen betrifft, so kann ich, wie Sir John Fallstaff sagt, dem Galgen ebenso wohl Ehre machen wie ein Anderer. Ihr kennet den Schluß der alten Ballade: So munter sprang er hinunter Von der Leiter, mit Anstand gar; Er tanzt' in der Lust über seiner Gruft, Wo der Galgen das Denkmal war. „Herr Mareschal, Ihr thnt mir leid," sagte sein bedächtiger Rathgeber. „Ich bin Euch verbunden, Herr Ratcliffc, „ich möchte jedoch nicht, daß Ihr Euer Urtheil über die Unternehmung nach der Weise bildet, wie ich dieselbe rechtfertigte; weisere Köpfe wie der meinige sind am Werke gewesen." „Weisere Köpfe wie der Eurigc können gebeugt werden," sprach Ratcliffc in warnendem Tone. „Vielleicht, aber nie ein leichteres Herz, und jetzt, damit es 152 durch Eure Vorstellung nicht schwerer wird, sage ich Euch Lebewohl bis zum Mittagessen; daun sollt Ihr sehen, daß Eure Besorgnisse meinem Appetit nicht geschadet haben." Dreizehntes Kapitel. So schmücket dich das Kleid der Rebellion Mit schbner Färbung, die dem Blick gefällt, Leichtfcrt'ger Ncu'rer.und »nzufried'ner, Die arm und gaffend sich die Arme reiben, Wenn toller Wirrwarr sich dem Auge beut. Heinrich IV. Theil II. In Ellieslaw Castle waren große Vorbereitungen zur Be- wirthung von Gästen an diesem wichtigen Tage getroffen worden, an welchem nicht allein die Herren von Stande, welche in dieser Gegend zur Jacvbitischen Partei gehörten, sonder» auch viele untergeordnete Unzufriedene erwartet wurden, welche wegen schlechter Umstände, aus Liebe zur Veränderung, ans Haß gegen England, oder aus einer der zahlreichen Ursachen, welche damals die Leidenschaften der Menschen entflammten, zur Theilnahme an der gefährlichen Unternehmung geneigt waren. Männer von Rang und Vermögen fanden sich nicht Viele unter jener Zahl. Die großen Grundeigenthümer hielten sich entfernt, und der größte Theil des niederen Adels sowie der Bauern, welche die Militz bildeten, gehörten zur rcfor- mirten, der sogenannten presbyterianischcn Kirche, und waren deßhalb zur Theilnahme an einer Jacvbitischen Verschwörung nicht geneigt, wie sehr sie auch über die Union unzufrieden sein mochten. Einige Landedelleute von Vermögen hatten sich aber wegen der von Jugend auf gebegten Parteigrundsähe, aus religiösen Beweggründen oder aus ähnlichem Ehrgeiz wie Ellieslaw, den Entwürfen desselben angeschlossen; auch fanden sich bei der Zusammenkunft einige feurige junge Leute wie Mareschal ein, welche sich in einer gefährlichen Unternehmung ausznzeichnen wünschten, wodurch sie die Unabhängigkeit ihres Vaterlandes zu behaupten hofften. Die anderen Mitglieder der Zusammenkunft waren Personen untergeordneten Ranges und verzweifelter Vcrmögensumstände, die jetzt in diesem Theile des Landes zum Aufstande bereit waren, den sie auch später, im Jahre 1715, unter Förster und Derventwater ausführten, als ein von einem Edelmann der Grenze Namens Douglas befehligter Trupp für das Hans Stuart in'Waffen trat — ein Trupp, welcher beinahe dort gänzlich aus Freibeutern bestand, unter denen ein damals berüchtigter Räuber eine höhere Offiziersstelle einnahm. Wir halten die Angabe dieser Einzelnheiten, welche sich ausschließlich auf die Provinz, den Schauplatz unserer Erzählung, beziehen, deßhalb für noth- wendig, weil die Jacobitische Partei ohne Zweifel in den andern Theilen des Königsreichs in höherem Grade sowohl furchtbare wie achtungswerthe Bcstandtheile enthielt. Eine lange Tafel dehnte sich durch die weite Halle von Ellieslaw Castle aus, welches noch in dem Zustande gelassen war, in welchem es sich hundert Jahre früher befand; d. h. jene Halle war ein langer, finsterer, die ganze Seite des Schlosses ansfüllender Raum mit gewölbten Bögen von Bruchstein, deren Bug über hervorragende Gestalten hcrvorsprang; letztere waren in so grotesken Formen ausgehauen, wie sie jemals die phantastische Einbildungskraft eines gothischen Baumeisters ersinnen konnte; sie grinsetcn und runzelten die Stirn und knirschten die Zähne nach der Gesellschaft hin, welche sich 154 jetzt unter ihnen znsammendrängtc. Das Licht fiel in den Banketranm durch lange, schmale Fenster ans beiden Seiten; dieselben waren mit gefärbtem Glas ansgefüllt, so daß die Sonne ein dusteres und entfärbtes Licht hincinmarf. Ein Banner, welches nach der Ueberlieferung den Engländern in der Schlacht von Sark abgenommen sein sollte, wehte über dem Stuhle, in welchem Ellieslaw den Vorsitz führte, als sollte cs den Muth seiner Gäste durch die Erinnerung an alte Siege über ihre Nachbarn entzünden. Er selbst, eine stattliche Gestalt, bei dieser Gelegenheit mit großer Sorgfalt gekleidet und mit Gcsichtszügen, die trotz ihres finsteren und unheilvollen Ausdrucks sich doch als schön bezeichnen ließen, spielte sehr gut die Rolle eines alten Feudal-Barons. Sir Frederik Langley saß zu seiner Rechten, und Herr Mareschal Wells zu seiner Linken. Einige Herren von Ansehen mit ihren Brüdern und Neffen saßen am oberen Ende der Tafel, und unter ihnen hatte Herr Ratcliffe seinen Platz. Unter dem Salzfaß, einem massiven silbernen Geräth in der Mitte der Tafel, saß sins nomine turbs, ein Schwarm ohne Namen, Männer, deren Eitelkeit dadurch befriedigt wurde, daß sie sogar diese untergeordnete Stelle in dem geselligen Mahle einnahmen, während der Unterschied ihrer Plätze einen Vorbehalt für den Stolz der Männer ans höheren Ständen bildete. Bei der Auswahl dieses Unterhauses hatte keine Sorgfalt stattgefnnden, denn Willie von Westburufiat war Einer der Gesellschaft. Die schaamlose Keckheit dieses Menschen, welcher sich so in dem Hanse eines Edelmanns zeigte, dem er noch soeben eine so auffallende Beleidigung zugefügt hatte, ließ sich allein durch die Vermuthung erklären, daß er sehr wohl wußte, sein An- theil an der Entführung der Miß Vere sei ein Geheimniß, welches bei ihr selbst und ihrem Vater sicher war. 155 Dieser zahlreichen und gemischten Gesellschaft war ein Essen aufgetragen, welches zwar nicht ans den Leckereien der Jahreszeit, wie die Zeitungen sich auszudrücken pflegen, sondern aus großen, soliden und prunkhasten Gerichten bestand, unter denen der Tisch sogar seufzte. Die Heiterkeit stand aber nicht im Verhältnis; zur guten Bewirthung. Die Gäste am unteren Theil der Tafel wurden durch den Zwerg und die Achtung zuruckgehaltcn, daß sie Mitglieder einer so erhabenen Gesellschaft waren. Diejenigen, welche dort um den Tisch saßen, hegten das Gefühl der Ehrfurcht, durch welches der Küster p- k. nach seinem Bekenntnis' erdrückt wurde, als er den Psalm in Gegenwart von Personen so hoher Verehrung wie der weise Herr Friedensrichter Freeman, die gute gnädige Frau Jones und der gewaltige Herr Sir Thomas Truby, an- stimmen mußte. Diese ccremonivse Kälte wich jedoch bald den Aufregungen zur Heiterkeit, welche ebenso freigebig gespendet, wie von den Gästen niederen Ranges reichlich verbraucht wurden. Sie wurden in ihrer Heiterkeit gesprächig, taut und sogar lärmend. Der Wein oder Branntwein vermochte jedoch nicht den Frohsinn derjenigen zu erwecken, welche an den höheren Plätzen der Tafel saßen. Diese empfanden die erkältende Aufregung, welche oft cintritt, wenn die Menschen zur Ergreifung eines verzweifelten Entschlusses geuöthigt werden, nachdem sie sich in Umstände versetzt haben, in denen es ebenso schwierig ist vorzuschreiten wie znrückzugehen. Der Abgrund zeigte sich tiefer und gefährlicher, als sie dem Rande desselben näher kamen, und Jeder erwartete mit einer inneren Bewegung der Scheu, welcher von seinen Verbündeten das Beispiel geben würde, um sich hinabzustürzen. Dieß innere Gefühl der Furcht und des Widerstrebens wirkte in verschiedener Weise, je nach 156 den verschiedenen Gewohnheiten und Charakteren der Gesellschaft. Der Eine sah ernst, der Andere einfältig aus; ein Dritter blickte mit Besorgniß auf die leeren Sitze am höheren Ende der Tafel, welche für Mitglieder der Verschwörung bestimmt waren, deren Klugheit über den politischen Eifer das Uebergewicht besaß, und welche sich jetzt in diesem Augenblick der Entscheidung entfernt hielten; einige schienen den Rang und die Aussichten derer, welche gegenwärtig und abwesend waren, sich vorzurechnen. Sir Frederik Langley war zurückhaltend, finster und unzufrieden, Ellieslaw selbst machte so erzwungene Anstrengungen, den Muth der Gesellschaft anzufeuern, daß dadurch die Erschlaffung seines eigenen Muthes um so mehr in die Augen fiel. Ratcliffe überwachte das Schauspiel mit der Fassung eines wachsamen aber thcilnahm- losen Zuschauers. Mareschal allein blieb der gedankenlosen Lebhaftigkeit seines Charakters treu; er aß und trank, lachte und scherzte, und schien sogar an der Verstvrung der Gesellschaft Vergnügen zu finden. „Was hat Euren edlen Muth heute Morgen niedergeschlagen?" rief er aus. „Wir scheinen hier bei einem Begräbniß zusammengekommen zu sein, wo die hauptsächlichsten Leidtragenden nicht lauter wie ihr Athen: sprechen dürfen, während die Stummen und die gemietheten Leute (er blickte auf die untere Seite der Tafel) wie in einem Gelage lärmen. Ellieslaw, wann wollt Ihr anfangen? Wo schläft Euer Muth, Mann? Und was hat die hohen Hoffnungen des Ritters von Langley-Dale herabgestimmt?" „Ihr sprecht wie ein Verrückter," sagte Ellieslaw; „seht Ihr nicht, wie Viele weggeblieben sind?" „Was hat das zu bedeuten," sagte Mareschal, „habt Ihr nicht vorher gewußt, daß die Hälfte der Menschen mehr mit 157 Geschwätz wie mit der That bei der Hand ist? Was mich betrifft, so bin ich sehr ermuthigt, da ich wenigstens Zweidrittel unserer Freunde hier in unserer Versammlung gegenwärtig sehe, obgleich ich beargwöhne, daß die eine Hälfte von diesen nur gekommen ist, um im schlimmsten Falle Euer Mittagsessen in Sicherheit zu bringen." „Wir haben keine Nachricht von der Küste, welche über die Ankunft des Königs uns Gewißheit gibt," sagte ein Anderer der Gesellschaft in jenem Tone gedrückten und zitternden Flüsterns, welches einen Mangel an Entschlossenheit anzcigt. „Keine Zeile vom Grafen D—, kein einziger Herr von der südlichen Seite der Grenze," sagte ein Dritter. „Wer wünscht noch mehr Leute von England," rief Mareschal im theatralischen Tone eines affektirten Heldenthums aus: „Mein Vetter EllicSlnw, mein holder Vetter, Ist uns der Tod beschieden. - . „Um Gotteswillen," unterbrach Ellieslaw, „verschont uns jetzt mit Euren Thorheiten, Maresctzal." „Wohlan denn," sagte sein Vetter, „ich will Euch statt derselben meine Weisheit, so gut sie ist, zum Besten geben. Sind wir wie Thoren vorgeschritten, so wollen wir nicht wie Memmen zurückgehen. Wir haben genug gethan, um den Verdacht der Regierung uns aufzubürden, wir dürfen uns nicht zurückziehen, bevor wir etwas gethan haben, um Beides zu verdienen — was, will Niemand reden? so will ich zuerst den Sprung über den Graben thun." Er sprang auf, füllte ein Bierglas mit rothem Wein, machte eine Bewegung mit der Hand und befahl Allen, seinem Beispiel zu folgen und sich von ihren Sitzen zu erheben. Alle gehorchten, die Gäste von höherem Stande gleichsam in leidendem Gehorsam, die Andern 158 mit Begeisterung. „Wohlan, meine Freunde, ich gebe euch das Losungswort des Tages — die Unabhängigkeit Schottlands und die Gesundheit unseres gesetzlichen Fürsten, König Jakobs VIII., welcher jetzt in Lothian gelandet ist und, wie ich vertraue und glaube, sich im vollen Besitz seiner alten Hauptstadt befindet!" Er trank den Wein und warf das Glas über seinen Kopf mit den Worten: „es soll niemals durch einen niedrigeren Toast entweiht werden." Alle folgten seinem Beispiel und verbürgten ihr Wort unter dem Krachen der Gläser und dem Zuruf der Gesellschaft mit den Grundsätzen der politischen Partei zu stehen und zu fallen, welche ihr Toast ausgesprochen hatte. „Ihr habt den Sprung über den Graben mit einem Zeugen gemacht," sagte Ellieslaw bei Seite zu Mareschal, „aber ich glaube, auch dieß wird zum Besten führen; jedenfalls können wir nicht mehr von unfern Unternehmungen znrücktreten. Ein Manu" (er blickte auf Ratcliffe) „hat den Toast verweigert, diefi jedoch nur beiläufig gesagt." Alsdann stand er auf uud redete zur Gesellschaft im Styl einer aufreizenden Schmähung gegen die Regierung und ihre Maßregeln, besonders aber gegen die Union — ein Vertrag, durch welchen nach seiner Behauptung Schottland zugleich um seine Unabhängigkeit, seinen Handel betrogen und als gefesselter Sklave zu den Füßen seines Nebenbuhlers gelegt war, gegen welche» es sich mit seiner Ehre soviele Jahrhunderte lang in so manchen Gefahren und mit so viel Blut ehrenvoll vertheidigt hatte. Hiermit war ein Ton angeschlagen, welcher eine wiederklingende Saite in der Brust jedes Gegenwärtigen vorfand. „Unser Handel ist zerstört!" brüllte der alte John Newcastle, ein Schleichhändler aus Jedburgh, am unteren Ende der Tafel. 159 „Unser Ackerbau ist zu Grunde gerichtet!" rief der Gutsherr von Broken-girth-flow, der Eigentümer von Ländereien, welche seit Adams Tagen nichts wie Haidekraut und Heidelbeeren getragen hatten. „Unsere Religion ist mit Stumpf und Stiel ansgerottet," seufzte der rothnasige Pfarrer der bischöflichen Gemeinde von Kirkwhistle. „Wir werden in Kurzem keine Rehe schießen oder ein Mensch küssen dürfen, ohne einen Erlanbnißschein von den Kirchenältesten und dem Kirchenschatzmeister erlangt zu haben," sagte Mareschal Wells. „Oder wir dürfen nicht mehr einen Krug Branntwein an einem frostigen Morgen brauen, ohne den Erlanbnißschein vom Aecis-Anfseher zu besitzen," sagte der Schleichhändler. „Oder mir dürfen nicht mehr in einer finstern Nacht über die Haide reiten," meinte Westbnrnflat, ohne Erlaubnis; vom jungen Earnscliff oder einem anglisirten Friedensrichter einzn- holen; das waren schöne Tage an der Grenze, als man weder von Friedensrichtern, noch Frieden etwas hörte." „Gedenken wir des uns zugefügtcn Unrechts von Darren und Glencoe," fuhr Ellieslaw fort, „und ergreifen wir Waffen zum Schutz unserer Rechte, unseres Eigcnthnms, unserer Leben nnd Familien." „Gedenkt der ächten bischöflichen Weihe, ohne welche es keine gesetzliche Priesterschaft geben kann," sagte der Pfarrer. „Gedenkt des Sceraubs, welcher gegen euren ostindischen Handel von Green nnd den englischen Dieben begangen wurde," sagte William Willieson, der Eigenthümer zur Hälfte und der alleinige Schiffer einer -Brigg, welche jährlich zwischen Cock- pool und Whitehaven vier Reisen machte. „Gedenkt eurer Freiheiten," begann Mareschal aufs Nene, 160 der ein boshaftes Vergnügen an der Beschleunigung der Aeuße- rungen jener von ihm aufgeregten Begeisterung, wie ein schelmischer Knabe zu empfinden schien, welcher die Schlcnßen eines Mühlendamms eröffnet hat und alsdann das Geklapper der von ihm in Bewegung gesetzten Räder mit Freuden vernimmt, ohne an das Unheil zu denken, das er möglicher Weise veranlaßt hat. „Gedenkt eurer Freiheiten," rief er aus, „der Teufel hole die Steuern, die Presser und die Kirchenältesten, und das Andenken an den alten Willie"), der uns das gebracht hat!" „Verdammt sei der Aichmeister!" schrie der alte John Newcastle, „ich will ihn mit meiner eigenen Hand auseinander Hanen." „Und verdammt seien der Friedensrichter und der Gerichtsdiener," schrie Westburnflat; „ich will ihnen ein paar Kugeln noch vor Morgen in den Leib jagen." „Wir Alle sind also einstimmig," sagte Ellicslaw, als der Zuruf etwas nachgelassen hatte, „diesen Zustand der Dingx nicht länger zu ertragen ?" „Wir stehen sämmtlich dafür ein," erwiderten seine Gäste. „Nicht ganz so," sagte Herr Ratcliffc; „obgleich ich nicht hoffen darf, die heftige Stimmung zn mindern, welche so plötzlich die ganze Gesellschaft ergriffen zu haben scheint, so bitte ich, doch zn bemerken, daß ich, soweit als die Meinung eines einzigen Mitgliedes Bedeutung hat, nicht gänzlich mit der Liste der Beschwerden übereinstimme, welche soeben ausgesprochen wurden, und daß ich gegen die wahnsinnige Maßregel protestire, zu deren Annahme ihr geneigt zu sein scheint, um jene Beschwerden zu' beseitigen. Ich kann leicht begreifen, daß Vieles von demjenigen, was hier gesagt wnrde, in der Hitze des Augenblicks seinen Grund hat, oder vielleicht nur im Scherz gemeint war. Es gibt jedoch Scherze von solcher -) Wilhelm m. Art, daß sie auch sonst sehr leicht laut werden könnten, und ihr miißt bedenken, ihr Herren, daß die steinernen Mauern Ohren haben." , „Steinerne Mauern mögen Ohren haben," erwiderte Ellies- law mit einem Blick trinmphirendcr Bosheit; „aber häusliche Spione, Herr Ratcliffe, werden sich bald ohne dieselben befinden, wenn irgend ein solcher seinen Aufenthalt in einer Familie fortsetzen will, wo seine Erscheinung eine Aufbringung ohne Erlaubnis; war, wo sein Betragen dasjenige eines anmaßenden Einmengcrs in alle Angelegenheiten gewesen ist, und dessen Abreise diejenige eines getäuschten Schurken sein wird, wenn er diesen Wink nicht benutzen will." „Herr Vere," erwiderte Ratcliffe mit ruhiger Verachtung, „ich bin mir sehr wohl bewußt, daß meine Gegenwart hier, sobald sie Ihnen nicht länger von Nutzen ist, was wegen Ihres raschen Schrittes jetzt eintretcn muß, sogleich für mich ebenso unsicher wird, wie sie Ihnen immer verhaßt war. Ich habe jedoch einen Schutz, und zwar einen sehr starken; denn Sie werden nicht gerne vernehmen, wie ich vvr diesen Herren und Männern von Ehre die eigenthümlichen Umstände darlege, in welchen unsere Verbindung ihren Ursprung nahm. Was das Uebrige betrifft, so freue ich mich über die Beendigung unseres Verhältnisses, und wenn, wie ich glaube, Herr Mareschal und einige andere Herren mir die Sicherheit meiner Ohren und meines Halses (für welchen letzteren ich noch mehr Grund zur Besorgnis' habe) wäbrend dieser Nacht verbürgen werden, so werde ich Ihr Schloß vor morgen früh nicht verlassen." „So sei es," erwiderte Herr Vere; „Ihr seid vor meiner Rache gesichert, weil Ihr Euch unterhalb derselben befindet, nicht aber, weil ich die Enthüllung unserer Familicngeheim- nisse besorge, obgleich ich Euch um Euretwillen den Rath Der schwarze Zwerg. 11 gebe, sich davor zu hüten. Eure Geschäftsführung und Vermittlung kann einem Manne vvn geringer Wichtigkeit sein, welcher Alles gewinnen oder verlieren muß, je nachdem das gesetzliche Recht oder der ungerechte Thronranb in dem jetzt bevorstehenden Kampfe Erfolg haben wird — lebt wohl, Herr." Ratcliffe stand auf und warf ihm einen Blick zu, welchen Vere mit Schwierigkeit anszuhalten schien; dann verbeugte er sich gegen die klebrigen und verließ die Halle. Dicß Gespräch rief bei Vielen der Gesellschaft einen peinlichen Eindruck hervor, den Ellieslaw dadurch zu beseitigen suchte, daß er die Verhandlung über das Geschäft des Tages begann. Die hastigen Berathschlagungen zielten auf die Or- ganisirnng eines augenblicklichen Aufstandes. Ellieslaw, Mare- schal und Sir Frederik Langlei) wurden zu Anführern mit der Vollmacht, die weiteren Maßregeln zu leiten, ernannt. Ein Sammelplatz wurde festgesetzt, ans welchem Alle am nächsten Morgen mit solchen Begleitern und Freunden ihrer Sache sich einzufinden versprachen, wie sie ein Jeder in seiner Gegend sammeln konnte. Einige der Gäste begaben sich nach Hanse, um die erforderlichen Vorbereitungen zu treffen; Ellieslaw sprach gegen die Andern, welche mit Westbnrnflat nnd dem alten Schleichhändler der Flasche tapfer znzusprechen fortfnhren, eine förmliche Entschuldigung ans, daß er den Vorsitz an der Tafel verlasse, da er mit den andern Befehlshabern, die man neben ihm ernannt habe, eine besondere und nüchterne Unterredung halten müsse. Diese Entschuldigung wurde um so bereitwilliger angenommen, da er zugleich seine Gäste bat, sich bei den Erfrischungen noch weiterhin gütlich zu thun, welche die Keller des Schlosses darbieten konnten. Lauter Zuruf des Beifalls folgte ihnen, als sie sich entfernten; die Namen Vere, 163 Langlcy und vor allen Mareschal wurden während des übrigen Abends wiederholt im Chore gebrüllt und mit vollen Bechern hinnntergewaschen. Als die hauptsächlichsten Verschwörer sich in ein besonderes Zimmer zurückgezogen hatten, sahen sie eine Minute lang mit einer Art Verlegenheit einander an, welche in Sir Frede- rik's finsteren Gesichtszügcn znm Ansdruck mürrischer Unzufriedenheit wurde. Mareschal brach zuerst das Schweigen, indem er mit lautem Gelächter sagte: „Wohlan, jetzt sind wir eingeschifft, meine Herren, vogue la gslere!" „Wir können Euch für. das plötzliche Untcrtauchen Dank sagen," sagte Ellieslaw. „Ja, aber ich weiß nicht, in wie weit ihr mir danken werdet," erwiderte Mareschal, „wenn ich euch diesen Brief zeige, den ich gerade, als wir uns zur Tafel setzten, erhielt. Mein Bediente sagte mir, er sei ihm von einem Manne cingehän- digt worden, den er nie vorher gesehen hatte, und der im Galopp fortritt, nachdem er den Auftrag hinterlasscn hatte, mir das Schreiben sogleich einznhändigen." Ellieslaw entfaltete ungeduldig den Brief und las laut: Edinburgh — Geehrter Herr! Da ich gegen Eure Familie Verpflichtungen habe, welche ich nicht nennen werde, und da ich erfahre, das; Ihr zu der Gesellschaft Spekulanten gehört, welche Geschäfte für das Haus Jakob L Comp., früher Kanfleute in London, jetzt in Dünkirchen, machen, so halte ich es für meine Pflicht, Euch diese noch wenig bekannte Privatmittheilnng zu geben, daß die von Ihnen erwarteten Schiffe von der Küste weggetrieben wurden, ohne daß sie im Stande waren, mit der Löschung ihrer Ladung anzufangen, oder einen Theil derselben zu landen; 11 » 164 daß ferner die Geschäftsfreunde im westlichen Theil des Landes sich entschlossen haben, ihre Namen der Firma zu entziehen, da das Geschäft jetzt nur noch mit Verlust verbunden sein kann. Indem ich große Hoffnung hege, daß Ihr diese frühzeitige Benachrichtigung für Euch benutzen und Maßregeln, um Euch vor Verlusten zu sichern, treffen werdet, verbleibe ich Ener nnterthänigster Diener ttiliil Namenlos. An Herrn Ralf Mareschal von Mareschall Wells, citissime. Sir Frederik's Kinnlade sank nieder und sein Gesicht wurde finster, als der Brief gelesen war und Ellieslaw ausrief: „Dieß betrifft ja die Hauptfpriugfeder unserer Unternehmung. Wenn die französische Flotte mit dem König an Bord von der englischen weggejagt ist, wie dieß verdammte Gekritzel anzn- zeigcn scheint, wo sind wir daun?" „Wo wir diesen Morgen waren, wie ich glaube," sagte Mareschal noch immer lachend. „Verzeiht mir, Mareschal, und laßt Eure schlecht angebrachte Munterkeit bei Seite. Diesen Morgen hatten wir uns noch nicht öffentlich blosgestellt, wie es jetzt durch Eure tolle Handlung geschehen ist, während Ihr doch den Brief in der Tasche hattet, der uns bcnachrichtete, daß unsere Unternehmung verzweifelt wäre." „Ja, ja, ich erwartete, daß Ihr das sagen würdet, erstens aber kann mein Freund btiliil Namenlos und sein Brief eine bloße Posse sein, und weiterhin wollte ich Euch wissen lassen, daß ich einer Partei müde bin, die nichts thut, als am Abend kühne Entschlüsse fassen, und dieselben noch vor dem Morgen mit dem Wein ansschlafen. Die Regierung ist jetzt mit Munition und Truppen nicht versehen; in wenig Wochen wird sie an Beidem Ueberflnß haben. Das Land ist jetzt gegen sie in Feuer und Flammen; in wenig Wochen wird diese erste Aufwallung bei den Wirkungen des Eigennutzes, der Furcht und der lauwarmen Gleichgültigkeit so kalt wie um Weihnachten geworden sei». Weil ich nun entschlossen war, Alles aus einen Trumpf zu sehen, so habe ich dafür gesorgt, daß ihr eben so hoch, wie ich, spielt; daß ich euch zur offenen Erklärung zwang, hat nichts zu sagen. Ihr befindet euch jetzt im Sumpfe und müßt hindurch." „Herr Mareschal, Ihr irrt Euch in Bezug auf Einen von uns," sagte Sir Fredcrik Langlei); er zog die Schelle und befahl der eintretenden Person, daß seine Diener und Pferde sogleich zur Abreise bereit sein sollten. „So dürft Ihr uns nicht verlassen, Sir Frederik," sagte Ellicslaw; „wir müssen unsere Musterrollen dnrchsehcn." „Ich will heute Nacht noch fort, Herr Vere," sagte Sir Frederik, „und Euch meine Absichten in dieser Angelegenheit, sobald ich zu Hanse bin, schreiben." „So," erwiderte Mareschal, „und Ihr wollt uns den Brief durch einen Trupp Reiterei aus Carlisle schicken, um uns zu Gefangenen zu machen? Seht Euch vor,,Sir Frederik, wenigstens ich will weder verlassen noch verrathen werden; verlaßt Ihr Ellieslaw heute Nacht, so wird es nur geschehen, wenn Ihr über meinen Leichnam hinwegschreitet." „Schämt Euch, Mareschal," sagte Herr Vere; „wie könnt Ihr so hastig den Absichten unseres Frenndes so schlechte Deutung geben! Ich bin überzeugt, daß Sir Frederik nur scherzte; wären wir nicht zu ehrenwerth, um jemals von der Aufgebung unserer Sache zu träumen, so müßte er jedenfalls bedenken, daß wir volle Beweise über seinen Beitritt zu derselben und über seine eifrige Thätigkeit in ihrer Beförderung besitzen. Er muß sich außerdem bewußt sein, daß die Regierung die erste 166 Nachricht bereitwillig empfangen wird und daß wir einige Stunden ihm leicht abgewinnen können, wenn es sich darum handelt, wer die Angelegenheit zuerst anzeigt." „Ihr solltet sagen, Ihr und nicht Wir, wenn Ihr von dem Vorsprung in solch einem Wettrennen der Verräthcrei redet; was mich betrifft, so will ich mein Pferd wegen einer solchen Schurkerei nicht besteigen," sagte Marcschal, und murmelte dann zwischen den Zähnen : „ein schönes Paar von Schurken, um in ihrer Gesellschaft den Hals zu wagen." „Ich brauche keinen Andern, um mir eine Handlung ein- zngeben, die ich für zweckmäßig halte," sagte Sir Fredcrik Langley; „mein erster Schritt soll sein, Ellieslaw zu verlassen: ich habe keinen Grund, mein Wort Jemandem zu halten" (er blickte ans Vcre), „welcher mir das scinige nicht gehalten hat." „Worin habe ich Sir Fredcrik getäuscht?" fragte Ellieslaw, indem er durch eine Handbcwegung seinen ungestümen Vetter zum Schweigen brachte. „Im empfindlichsten und zartesten Punkte — Ihr habt mich in Bezug ans eine vorgeschlagene Heirath gefoppt, welche, wie Ihr wohl wißt, das Pfand unserer politischen Unternehmung war.. Diese Entführung und Znrückbringnng von Miß Vere — die kalte Aufnahme, die mir von ihr zu Theil wurde, und die Entschuldigung, womit Ihr dieselbe beschönigt, halte ich für bloße Ausflüchte, damit Ihr die Güter, welche ihr von Rechtswegen gehören, im Besitz behalten und mich mittlerweile zum Werkzeuge in Eurem verzweifelten Unternehmen machen könnt, indem Ihr mir Hoffnungen und Erwartungen vorhaltet, die Ihr niemals zu verwirklichen gesonnen seid." „Sir Fredcrik, ich versichere bei Allem, was heilig ist" - 167 „Ich will auf keine Versicherungen mehr Horen; ich bin damit zu lange getäuscht worden," erwiderte Sir Frederik. „Verlaßt Ihr uns," sagte Ellieslaw, „so mußt Ihr wissen, daß Euer und unser Untergang gewiß ist. Alles hängt von unserem Zusammenhalten ab." „Laßt mich für mich selbst sorgen," erwiderte der Ritter; „sagtet Ihr aber die Wahrheit, so würde ich lieber umkom- men, als mich länger zum Narren haben lassen." „Kann Nichts, kann keine Bürgschaft Euch von meiner Aufrichtigkeit überzeugen?" sagte Ellieslaw beängstigt; „diesen Morgen hätte ich Euren ungerechten Verdacht als eine Beschimpfung zurückgewiescn, allein in unserer jetzigen Lage" — „Fühlt Ihr Euch gezwungen, aufrichtig zu sein," ergänzte Sir Frederik den Satz. „Wollt Ihr, daß auch ich dieß glaube, so könnt Ihr nur in einer einzigen Weise mich davon überzeugen; laßt Eure Tochter mir heute Abend noch ihre Hand geben." „So bald? unmöglich," antwortete Vere; „bedenkt ihren Schrecken, unser gegenwärtiges Unternehmen." „Ich will auf Nichts als auf ihre Einwilligung am Altar- Hören. Ihr habt eine Kapelle im Schlosse. Dr. Hobbles befindet sich unter der Gesellschaft, gebt mir heute Abend diesen Beweis Eurer Aufrichtigkeit und wir sind wieder in Herz und Hand vereint, verweigert Ihr mir aber mein Gesuch in einem Augenblick, wo die Gewährung Eurem Vortheil so angemessen ist, wie soll ich dann Euch Morgen vertrauen, wenn ich mich bei Eurem Unternehmen bloßgestellt habe, und nicht mehr zurück kann?" „Und kann ich mich darauf verlassen, daß unsere Freundschaft sich erneut, wenn Ihr heute Abend mein Schwiegersohn werden könnt?" fragte Ellieslaw. 168 „Unfehlbar und unverletzlich," erwiderte Sir Frederik. „Dann," sagte Vere, „obgleich Eure Forderung voreilig, unzart und ungerecht gegen meinen Charakter ist, gebt mir Eure Hand, Sir Frederik — meine Tochter soll Euer Weib sein." „Noch heute Nacht!" „Noch diese Nacht," versicherte Ellieslaw, „bevor die Glocke 12 schlägt." „Ich hoffe jedoch, mit ihrer Einwilligung," sagte Mare- schal, „denn ich versichere euch beide» Herren, daß ich nicht ruhig dastehen will, wenn irgend ein Zwang dem Willen meiner hübschen Cousine anfgedrnngen wird." „Die Pest hole den hitzigen Burschen," murmelte Ellieslaw zwischen den Zähnen und sagte dann mit lauter Stimme: „mit ihrer Einwilligung? wofür haltet Ihr mich, Mareschal, daß Ihr Eure Einmischung für nothwendig erachtet, um meine Tochter gegen ihren, Vater zu beschützen? Verlaßt Ench darauf, sie hegt keinen Widerwillen gegen Sir Frederik Langte,)." „Oder vielmehr gegen den Namen Lady Langley. Wahrhaftig, das ist ziemlich wahrscheinlich. Viele hübschen Weiber mochten vielleicht ihrer Meinung sein; ich bitte ench um Verzeihung , allein diese plötzlichen Forderungen und Zugeständnisse haben mich hinsichtlich ihrer nicht wenig beunruhigt." „Nur die Plötzlichkeit des Vorschlags beunruhigt mich," sagte Ellieslaw; läßt sic sich aber nicht bereden, so wird Sir Frederik bedenken" — „Ich will nichts bedenken, Herr Vere, — Eurer Tochter Hand heute Nacht, oder ich reise ab, wäre es auch um Mitternacht. Dieß ist mein Ultimatum." „Ich nehme es an," sagte Ellieslaw, „und werde euch verlassen, damit ihr unsere militärischen Vorbereitungen besprecht, während ich gehe, um meine Tochter auf eine so plötzliche Veränderung ihres Zustandes vvrzuberciten." — Mit diesen Worten »erließ er die Gesellschaft. Vierzehntes Kapitel. Er bringt de» Grafen OSmond als Verlobten, Ein Tausch voll Grauen l statt des edlen Tancrcd Den stolzen OSmond. Dr y de n. Herr Vere, welchem lange Hebung in der Verstellung sogar die Fähigkeit ertheilt hatte, seinen Gang und seine Fußtritte, je nach den Zwecken des Betruges, zu regeln, dnrch- wandelte die steinerne Flur und die erste Treppe zum Zimmer der Miß Vere mit den kräftigen Schritten und Tritten eines Mannes, der zwar ein wichtiges Geschäft abzumachcn hat, aber keinen Zweifel unterhält, daß seine Angelegenheit sich befriedigend enden werde. Als er aber entfernt genug war, so daß ihn die Herren, die er verlassen hatte, nicht mehr hören konnten, wurde sein Schritt so langsam und unentschlossen, daß derselbe seinem Zweifel und seiner Furcht entsprach. Zuletzt blieb er in einem Vorzimmer stehen, um seine Ideen zu sammeln und seinen Plan über die Unterredung mit seiner Tochter zu bilden, bevor er in das Gemach derselben eintrat. „Hatte sich je ein unglücklicher Mensch in einen hoffnungsloseren Zustand verwickelt!" solcher Art nngc- 170 fahr war der Sinn seiner Gedanken. „Fahren wir durch Uneinigkeit ans einander, so kann wenig Zweifel herrschen, daß die Regierung mir, als dem hauptsächlichsten Anstifter des Aufstandes, das Leben nehmen wird. Gesetzt, ich könnte mich durch hastige Unterwerfung retten, bin ich dann nicht sogar in solchem Fall gänzlich zu Grunde gerichtet? Ich habe mit Ratcliffe unversöhnlich gebrochen, und iel, kann von ihm nur Beleidigung und Verfolgung erwarten. Ich muß als verarmter und entehrter Mann in die weite Welt wandeln, ohne sogar die Mittel des Lebensunterhaltes und noch viel weniger genügenden Reichthnm zu besitzen, um die Schande ansznglei- chen, welche meine Landsleute, sowohl diejenigen, welche ick verlasse, wie diejenigen, welchen ich mich anschließe, mit dem Namen eines politischen Renegaten verknüpfen werden. Ich darf nicht daran denken. Und dennoch, welche Wahl bleibt mir zwischen diesem Loose und einem schmachvollen Schaffote? Nichts kann mich retten, als Aussöhnung mit diesen Leuten; nm dies; auszuführen, habe ich Langley versprochen, daß Isabelle ihn vor Mitternacht heirathen soll, und habe ich Mare- schal versprochen, daß dies; ohne Zwang gegen sie geschehen soll. Nur ein Mittel kann mich vor Untergang schützen — ihre Einwilligung, einen Bewerber anzunehmen, der ihr widerlich ist, und zwar ans so kurze Angabe hin, daß sie empört- werden müßte, wäre derselbe sogar ihr begünstigter Liebhaber — ich muß der romantischen Großmuth ihres Charakters vertrauen, schildere ich auch noch so grell die Nothwendigkeit ihres Gehorsams, so kann ich die Wirklichkeit nicht übcr- bieten." Als er so diese klägliche Verkettung seiner Gedanken über seine gefährliche Lage beendet hatte, trat er in das Zimmer seiner Tochter; jeder Nerv war ihm gespannt, um alle Kraft 171 auf die Ausführung der beabsichtigten Darlegung zu verwenden. Obgleich ein im Betrug gewandter und ehrgeiziger Manu, entbehrte er nicht so sehr der natürlichen Liebe, um nicht über die Rolle zu erschrecken, welche er jetzt zu spielen im Begriff stand, damit er die Gefühle eines gehorsamen und liebevollen Kindes für sich benutze; die Gedanken jedoch., daß seine Tochter im Fall seines Erfolges nur überlistet würde, um eine vortheilhafte Heirath zu schließen, und daß er selbst' im Fall des Mißlingens ein verlorner Mann sei, waren vollkommen genügend, um alle Einreden seines Gewissens zu beschwichtigen. Als er cintrat, saß Miß Vere am Fenster ihres Zimmers; sie stützte das Haupt ans die Hand und war in Schlummer versunken, oder mit ihrem Nachsinnen so tief beschäftigt, daß sie das Geräusch bei seinem Eintritte nicht vernahm. Er trat zn ihr mit einem tiefen Ansdrnck des Kummers und Mitgefühls in seinen Zügen, setzte sich an ihre Seite und nahm ihre Aufmerksamkeit durch einen ruhigen Händedruck in Anspruch, eine Bewegung, die er mit einem tiefen Seufzer zn begleiten nicht unterließ. „Mein Vater," sagte Isabelle, mit einer Art plötzlichen Auffahrens, welches wenigstens ebensoviel Besvrgniß, wie Freude oder Neigung verrieth. „Isabelle," sagte Vere, „Euer unglücklicher Vater kommt jetzt als ein Büßender, um die Vergebung seiner Tochter wegen einer Beleidigung nachznsnchen, die er ihr im Uebermaß seiner Liebe erwies, und alsdann ans immer von ihr Abschied zu nehmen." „Wie, Herr, eine mir erwiesene Beleidigung? Ihr wollt auf immer von mir Abschied nehmen, was soll das heißen?" fragte Miß Vere." 172 „Isabelle, ich bin ernst, vorerst aber frage ich Ench, habt Ihr keinen Verdacht, das; ich Antheil an dem sonderbaren Vorfall hatte, der sich gestern Morgen ereignete?" „Ihr, Herr!" antwortete Isabelle; sie stammelte im Bewußtsein, das; er ihre Gedanken richtig errathen habe, ebenso wie in Scham und Furcht, die ihr einen so entwürdigenden und unnatürlichen Verdacht untersagten. Ja," fuhr er fort, „Euer Stammeln gesteht, das; Ihr eine solche Meinung hegtet, und mir fallt jetzt die peinliche Aufgabe anheim, die Wahrheit anszusprechen, das; Euer Verdacht mir keine Ungerechtigkeit erwies. Aber hört ans meine Beweggründe. In böser Stunde ermnthigte ich die Bewerbung des Sir Frederik Langlcy, denn ich hielt es für unmöglich, das; Ihr einen bleibenden Einwurf gegen eine Heirath haben könntet, wo die Vortheile in den meisten Hinsichten auf Eurer Seite waren. In einer noch schlimmeren Stunde ließ ich mich mit ihm auf Maßregeln zur Wiedereinsetzung unseres verbannten Königs und zur Wiederherstellung der Unabhängigkeit meines Vaterlandes ein-'Er hat mein argloses Zutrauen benutzt, und jetzt liegt mein Leben in seiner Hand." „Euer Leben, Herr?" fragte Isabelle mit schwacher Stimme. »Ja, Isabelle," fuhr ihr Vater fort, „das Leben dessen, der Ench das Leben gab. Sobald ich das Unheil einsah, in welches ihn seine besinnungslose Leidenschaft Hinreißen würde (um ihm Gerechtigkeit zu erweisen, glaube ich, das; sein unvernünftiges Verfahren ans einem Uebermaß der gegen Ench gehegten Leidenschaft entspringt), suchte ich mich aus der Verlegenheit, worin ich mich befand, durch einen annehmbaren Vorwand hinsichtlich Eurer Abwesenheit ans einige Wochen zu retten. Zn dem Zweck wünschte ich, im Fall Euer Widerwillen gegen die Heirath nicht zu überwinden wäre, Euch im Geheimen ans 173 einige Monate nach dem Kloster Eurer Tante von mütterlicher Seite in Paris zu schicken. Durch eine Reihe von Irrungen seid Ihr aus dem Orte der Verborgenheit und Sicherheit gebracht worden, den ich zu Eurem Aufenthalt für einige Zeit bestimmt hatte. Das Schicksal hat mir die letzte Möglichkeit zur Rettung verschlossen; ich kann jetzt nur noch Euch meinen Segen geben, und Euch ans dem Schlosse mit Herrn Ratcliffe fortschicken, welcher es jetzt verläßt; mein eignes Schicksal wird bald entschieden sein." „Guter Himmel, Herr, ist es möglich!" rief Isabelle aus; „ach, weßhalb ward ich ans der Haft befreit, die Sie mir bestimmt hatten? oder weßhalb haben Sie mir nicht Ihren Willen mitgetheilt?" „Neberlegt einen Augenblick, Isabelle. Hättet Ihr gewünscht, daß ich in Eurer Meinung den Freund hcrnntersetzte, dem ich am meisten zu dienen wünschte, wenn' ich Euch die nachtheilige Heftigkeit darlegtc, womit er seinen Zweck verfolgte ? Konnte ich mit Ehren so verfahren, nachdem ich ihm versprochen hatte, ihm Beistand bei seiner Bewerbung zu leisten? — Allein jetzt ist das Alles vorüber. Ich und Mare- schal sind entschlossen, als Männer zu sterben; mir bleibt nichts anders übrig, als Euch unter sicherem Geleit von hier fort zu senden." „O Himmel, ist keine Rettung?" fragte die erschreckte junge Dame. „Keine, mein Kind," erwiderte Vere mit sanfter Stimme, „mit Ausnahme eines einzigen Mittels, dessen Annahme Euer Vater niemals rathen wird — er müßte der Erste sein, seine Freunde zu verrathen." „O nein," erwiderte sie mit Abscheu, aber hastig, als wolle sie die Versuchung zurückwcisen, welche die Wahl ihr 174 darbst. «Zeigt sich keine andere Hoffnung, Flucht, Vermittlung oder Bitten? ich werde vor Sir Fredcrik meine Kniee beugen!" „Dies; wäre eine fruchtlose Entwürdigung; er ist hinsichtlich seines Verfahrens entschoffen, und dieß bin auch ich, um mein Schicksal zu erwarten. Nur auf eine Bedingung hin will er seinen Zweck aufgeben, und diese Bedingung werden meine Lippen niemals gegen Euch aussprechen." „Nennt sie, thenrer Vater," rief Isabelle ans, „was könnt Ihr verlangen, das ich nicht gewähren sollte, um das schreckliche Geschick zu vermeiden, womit Ihr bedroht werdet?" „Ihr werdet sie niemals eher erfahren," sprach Vere mit feierlichem Tone, „als bis Eures Vaters Haupt auf dem blutigen Schaffote rollt, alsdann erst werdet Ihr hören, das; er durch ein Opfer gerettet werden konnte." „Warum wollt Ihr cs seht nicht nennen," fragte Isabelle, „besorgt Ihr, ich würde das Opfer meines Vermögens zu Eurer Rettung scheuen? oder würdet Ihr mir das bittere Vermächtnis; einer lebenslangen Gewiffensqnal hinterlassen können, so oft ich Eures Todes gedenke, während noch ein Mittel vorhanden ist, das furchtbare, Euch bedrohende Unglück zu verhindern?" „Wohl, mein Kind," sagte Vere, „da Ihr mich drängt, Dasjenige zu nennen, was ich tausendmal eher verschweigen würde, so mns; ich Euch benachrichtigen, daß er als Lösegeld nur Eure Hand annehmen will, und zwar nur dann, wenn sie ihm vor Mitternacht noch heute gegeben wird." „Noch diesen Abend," rief die junge Dame, bei dem Vorschläge von Schauder ergriffen — „ein solcher Mann — ein Ungeheuer, das es vermag, die Tochter zu erwerben, indem er das Leben des Vaters bedroht — es ist unmöglich!" 175 „Du redest die Wahrheit, mein Kind," erwiderte der Vater, „cs ist wirklich unmöglich; ich beslhe weder das Recht, noch den Wunsch, ein solches Opfer zu verlangen — cs ist der Wunsch der Natnr, das; die Alten sterben und vergessen werden, das; die Jungen leben und glücklich sind." „Mein Vater sollte sterben und sein Kind kann ihn retten? Nein, mein thenrer Vater, es ist unmöglich; Ihr wollt allein mich zu Demjenigen bewegen, was Ihr wünscht. Ich weiß, das; Euer Zweck nur dahin zielt, was Ihr für mein Glück haltet; dieser furchtbare Bericht ist mir deßhalb nur gegeben, um Einfluß ans mein Verfahren zu üben und meine Bedenklichkeiten zu beseitigen." „Meine Tochter," erwiderte Ellieslaw in einem Tone, worin beleidigter Stolz mit väterlicher Liebe zu kämpfen schien; „mein Kind hegt gegen mich Verdacht, das; ich einen falschen Bericht erfinde, um ans ihre Gefühle einzuwirken! sogar dieß muß ich hören und muß mich herablaffen, das; ich diesen unwürdigen Verdacht widerlege. Ihr kennet die fleckenlose Ehre unseres Vetters Mareschal — merkt, was ich ihm schreibe, und urtheilt nach seiner Antwort, ob die Gefahr, worin wir uns befinden, nicht wirklich ist, und ob ich nicht jedes Mittel zu ihrer Abwendung benutzt habe." Er setzte sich, schrieb hastig einige Zeilen und händigte sie Isabellen ein, welche nach wiederholten und mühevollen Anstrengungen eine genügende Klarheit ihrer Augen und ihres Kopfes zu Stande brachte, um den Inhalt des Schreibens zu begreifen. „Theurer Vetter," hieß es in dem Bisset, „wie ich erwartete, finde ich meine Tochter über das »«zeitige und voreilige Drängen des Sir Fredcrik Langley in Verzweiflung. Sie kann sogar die Gefahr nicht begreifen, worin wir uns befinden, 176 oder in wieweit wir uns in seiner Gewalt befinden. Um des Himmels willen, braucht bei ihm Euren Einfluß, damit er seine Vorschläge verändert, zu deren Annahme ich mein Kind sowohl wegen ihrer eigenen Gefühle, wie wegen derjenigen der Zartheit und des Anstandes weder drängen will noch kann. Verpflichtet Euren lieben Vetter. R. V." In der Aufregung des Augenblicks, als ihre schwimmenden Angen und ihr schwindelnder Kopf den Sinn dessen, was sie las, kaum anffassen konnten, ist es nicht auffallend, daß Miß Vere bei diesem Briefe übersah, daß derselbe ihre Bedenklichkeiten eher auf die Form und die Zeit der vvrgcschlagencn Verbindung, als auf ihren tiefgewnrzclten Widerwillen gegen den vorgeschlagenen Bewerber zurückznführcn schien. Herr Vere zog die Schelle, gab den Brief einem Bedienten, damit derselbe Herrn Mareschal ihn überliefere, erhob sich von seinem Stuhle und fuhr fort, das Zimmer schweigend und in großer Aufregung zu dnrchwandeln, bis die Antwort znrückgebracht war. Er überblickte dieselbe nnd drückte heftig die Hand seiner Tochter, als er ihr dieß Schreiben gab. „Mein thenrer Vetter, ich habe den Ritter in der von Euch erwähnten Angelegenheit schon bedrängt, finde ihn aber so starr, wie die Cheviot-Berge; cs thnt mir wahrlich sehr leid, daß meine schöne Cousine so gepeinigt wird, um ihre Rechte als Jungfrau aufzugebe». Sir Frederik willigt jedoch ein, das Schloß mit mir im Augenblick zn verlassen, sobald die Ceremonie vorbei ist; dann wollen wir unsere Anhänger zum Aufstand bringen und den Kampf beginnen. Somit ist große Hoffnung vorhanden, daß dem Bräutigam der Kopf eingeschlagen wird, bevor er nnd die Braut sich wieder sehen, nnd Isabelle hat gute Aussicht, L trös bon msreliö Lady Langley zu werden. Hinsichtlich des Uebrigen sage ich nur, daß meine 177 schöne Cousine, wenn sie überhaupt die Verbindung schließen will, sich zur Verheirathnng in aller Eile entschließen muß — Zeit zum bloßen jungfräulichen Sträuben ist nicht vorhanden — sonst werden wir Alle Muße zur Rene oder vielmehr nur sehr wenig Muße zur Rene haben; dieß sind alle Mittheilungen, welche gegenwärtig machen kann Euer liebender Vetter, R. M. Nachschrift. Sagt Isabellen, daß ich lieber dem Ritter den Hals abschneiden und so die Verlegenheit enden will, als daß sie sich gezwungen sehen sollte, ihn gegen ihren Willen zu heirathen." Als Isabelle diesen Brief gelesen hatte, fiel er ihr aus der Hand, und sie würde vom Stuhle gesunken sein, wenn ihr Vater sie nicht gestützt hätte. „O Gott, mein Kind wird sterben!" rief Vcre, indem die natürlichen Gefühle sogar in seiner Brust die Empfindungen selbstsüchtiger Politik überwältigten. „Blick ans, Isabelle—blick aus, mein Kind — cs komme, was da will, du sollst nicht das Opfer sein — ich will mit dem Bewußtsein fallen, daß ich dich glücklich hinterlaffe — mein Kind mag an meinem Grabe weinen, allein es soll nicht — nickt in diesem Fall — mit der Erinnerung Vorwürfe gegen mich verbinden" — er rief einen Diener — „ruft sogleich Herrn Ratcliffe hiehcr." Während dieses Zwischenraums wurde Miß Vere todten- bleich, drückte heftig ihre Hände, indem sie die Handflächen fest an einander preßte, schloß ihre Angen und zog ihre Lippen eng zusammen, als habe sich der starke Zwang, den sie ihrem inneren Gefühle auferlcgte, sich sogar auf die Organisation ihrer Muskeln ausgedehnt. Alsdann erhob sie ihr Haupt und sagte, den Athem anhaltend, mit Festigkeit: „Vater, ich gebe meine Einwilligung zu der Ehe." Der schwarze Zwerg. 12 „Du sollst nicht, mein theures Kind, du sollst nicht ein sicheres Elend wählen, um mich von ungewisser Gefahr zu befreien!" so rief Ellieslaw aus; „wir sind sonderbare und wan- kelmüthige Wesen;" er sprach die wirklichen, wenn auch nur augenblicklichen Gefühle seines Herzens aus. „Vater," wiederholte Isabelle, „ich werde zu dieser Ehe meine Einwilligung geben." „Nein, mein Kind, nein — wenigstens nicht jetzt — wir wollen uns erniedrigen, um Verzug von ihm zu erhalten; dennoch, Isabelle, könntet Ihr den Widerwillen überwinden, welcher keine wirkliche Begründung hat, so bedenkt in anderer Hinsicht den Glanz einer solchen Heirath! — Reichthnm, Rang, Bedeutung jeder Art." „Vater," wiederholte Isabelle, „ich habe meine Einwilligung gegeben." Es schien, als ob sie das Vermögen, etwas Anderes zu sagen, oder nur sogar die Worte des Satzes zu verändern, verloren hätte, nachdem sie sich gezwungen hatte, denselben auszusprechen. „Der Himmel segne dich, Kind — er wird dich mit Reichthum, Vergnügen und Macht überschütten." Miß Bere bat mit schwacher Stimme, den übrigen Abend allein zu bleiben." „Aber wollt Ihr nicht Sir Frederik empfangen?" fragte ängstlich ihr Vater. „Ich werde ihn sehen," erwiderte sic, „wenn ich muß und wo ich muß, aber jetzt verschont mich." „So sei es, Theuerstc, Ihr sollt von mir keinen Zwang erfahren, den ich Euch ersparen kann; urtheilt deßhalb nicht zu hart über Sir Frederik — es war ein Uebermaß der Leidenschaft." 179 Isabelle bewegte ungeduldig ihre Hand. „Vergib mir, Kind — ich gehe — der Himmel segne dich. Um 11 Uhr — wenn du mich nicht zuvor rufst — um 11 Uhrwerke ich kommen, dich abzuholen." Als er Isabelle verließ, fiel sie ans ihre Knie — „der Himmel helfe mir, damit ich den gefaßten Entschluß bewahre — nur der Himmel vermag es — armer Earnscliff, wer wird ihn trösten? mit welcher Verachtung wird er meinen Namen aussprechen, da ich heute auf ihn hörte nnd noch zur Nacht desselben Tages mich einem Andern übergab! Er mag mich verachten; wenn nur sein Gram sich dadurch mindert, so empfinde ich Trost in dem Verlust seiner Achtung." Sie weinte bitterlich, indem sie von Zeit zu Zeit versuchte, das Gebet zu beginnen, wegen dessen sie auf die Kniee gesunken war, allein sie vermochte nicht, ihr Gemnth zur Uebnng der Andacht genügend zu beruhigen. , Während sie in diesem Geisteskampfe verblieb, öffnete sich langsam die Thüre ihres Gemaches. Fünfzehntes Kapitel. Sie träte» in die Höhle dunkel ein. Dort saß der Mann des Weh'S in düstrer Pein, Dem finstern Drang des Grames hingegeben. Spencer. Es war Herr Ratcliffe, welcher sich dem Kummer der Miß Vere aufdrängte. Ellieslaw hatte in der Aufregung seiner Gefühle es vergessen, den Befehl, daß Herr Ratcliffe herbeigerufen würde, zurückznkehrcn, so daß jener die Thürc mit den Worten ervffnete: „Ihr habt mich rufen lassen, Herr Vere," dann aber fügte er, sich nmsehend, hinzu — „Miß Acre allein, auf dem Boden und in Thriinen!" „Verlaßt mich, Herr Ratcliffe," sagte die unglückliche junge Dame. „Ich darf Euch nicht verlassen," sagte Ratcliffe, „ich habe zu wiederholtcmnalen um Zutritt bei Euch nachgesncht, um Abschied von Euch zu nehmen, ich wurde jedoch zurückgewie- scn, bis Euer Vater selbst mich rufen ließ. Tadelt mich nicht, wenn ich dreist und zudringlich bin; ich bin dieß jcht allein, weil mir die Vollbringung einer Pflicht obliegt." „Ich kann Euch jetzt nicht anhvren — ich kann nicht mit Euch reden, Herr Ratcliffe, empfangt meine besten Wünsche, und verlaßt mich um Gottes willen." „Sagt mir nur," fragte Herr Ratcliffe, „ob es wahr ist, daß diese gräßliche Heirath wirklich stattfindet, und zwar noch heute Abend? Ich hörte, daß die Bedienten ans der Treppe dieß verkündigten; ich hörte Befehle, die Kapelle auf heute Abend herzurichten." „Schont meiner, Herr Ratcliffe," erwiderte die unglückliche Braut, „und nrtheilt nach dem Zustande, worin Ihr mich findet, über die Grausamkeit Eurer Fragen." „Sollt Ihr Euch verheirathen, und zwar mit Sir Frederik Langley? sogar noch hellte Abend? es darf nicht, es kann nicht und es soll nicht geschehen." „Es muß geschehen, Herr Ratcliffe, oder mein Vater ist zu Grunde gerichtet." „Ha, ich verstehe," erwiderte Ratcliffe; „Ihr also habt Euch geopfert, um ihn zu retten, der — möge jedoch die Tugend des Kindes die Fehler des Vaters sühnen — es ist keine Zeit, sie herzuzählen — was kann geschehen? Die Zeit drängt — ich weiß nur e i n Mittel — innerhalb viernndzmanzig Stunden würde ich viele finden — Miß Vere, Ihr müßt den Schutz des einzigen, menschlichen Wesens anflehen, welches die Gemalt besitzt, den Lauf der Ereignisse aufznhalten, die Ench fortzurcißen drohen." „Und welches menschliche Wesen," erwiderte Miß Vere, „besitzt solche Gemalt?" „Erschreckt nicht, wenn ich es nenne," erwiderte Ratcliffe, indem er näher trat und in leiser aber deutlicher Stimme sprach : „es ist derselbe Mann, den man Elshender, den Klausner von Mncklestane, nennt." „Ihr seid wahnsinnig, Herr Ratcliffe, oder Ihr wollt mein Elend durch übel angebrachte Scherze verspotten?" „Junge Dame, ich bin ebensowohl bei Sinnen, wie Ihr," sagte ihr Rathgeber. „Ich pflege nicht eitlen Scherz zu treiben, 182 noch viel weniger mit dem Elend, am wenigsten vermag ich, das Eure zu verhöhnen. Ich schwöre Euch, daß dieses Wesen, der ein ganz anderer Mann zu sein scheint, wie er ist, die Mittel wirklich besitzt, um Euch von dieser verhaßten Verbindung zu erlösen." „Und zugleich meines Vaters Sicherheit zu verbürgen?" „Ja, sogar dieß," sagte Ratcliffe, „wenn Ihr seine Sache bei ihm vertretet; wie könnt Ihr aber Zutritt zum Klausner erhalten?" „Deßhalb hegt keine Besorgnis;," sagte Miß Vere, indem sie sich plötzlich des Vorfalls mit der Rose erinnerte. Jetzt fällt mir ein, daß er nur den Wunsch aussprach, ich möchte ihn um seine Hülfe in meiner äußersten Noth ersuchen; er gab mir diese Blume als Zeichen, ehe dieselbe gänzlich verwelke, würde ich, wie er sagte, seiner Hülfe bedürfen; ist es möglich, daß seine Worte etwas Anderes waren, als die Raserei des Wahnsinns." „Zweifelt nicht, fürchtet nicht, vor Allem aber," sagte Ratcliffe, „verliert keine Zeit — seid Ihr in Freiheit und unbewacht ?" „Ich glaube das," erwiderte Isabelle; „was aber soll ich thun?" „Verlaßt sogleich das Schloß," sagte Ratcliffe, „und werft Euch diesem außerordentlichen Manne zu Füßen, welcher in Umständen, wie sie den äußersten Grad der verächtlichsten Ar- muth zu bezeugen scheinen, einen beinahe unumschränkten Einfluß über Euer Schicksal besitzt — Gäste und Diener sitzen beim Gelage, die Führer bereden sich im Geheimen über ihre verrätherischen Einwürfe — mein Pferd steht im Stalle bereit — ich werde eins für Euch satteln, und Euch am kleinen Gartenthor erwarten — laßt Euch durch keinen Zweifel an meiner Treue und Klugheit bewegen, daß Ihr den einzigen in Eurer Gewalt liegenden Schritt, um dem furchtbaren Schicksal zu entgehen, unterlaßt, welches Euch als die Gemahlin des Sir Frcderik Langley zu Theil werden muß." „Herr Ratcliffe," sagte Miß Vere, „Sie wurden immer als Mann von Ehre und Rechtlichkeit geschätzt, und ein Ertrinkender wird stets den schwächsten Zweig zu seiner Rettung ergreifen — ich will Euch vertrauen — ich will Eurem Rathc folgen — ich will mich Euch am Gartenthor anschließen." Sie verriegelte die äußere Thüre ihres Gemaches, sobald Herr Ratcliffe sie verließ, und stieg den Garten durch eine besondere Treppe hinab, welche in ihr Ankleidezimmer ansging. Unterwegs empfand sie einige Neigung, ihre so schnell gegebene Einwilligung zu einem so hoffnungslosen und ausschweifenden Plane znrückzunehmen, als sie aber beim Herabsteigen der Hintertreppe an einer Thür vorüberkam, welche in die Kapelle führte, vernahm sie die Stimmen der weiblichen Dienerinnen, welche mit Reinigung der letzteren beschäftigt waren. „Sie soll hcirathen, und einen so schlechten Mann? lieber alles Andere, wie das!" „Sie haben recht," dachte Miß Vere, „lieber alles Andere, wie das!" Sie eilte in den Garten. Herr Ratcliffe hatte sein Versprechen gehalten — die Pferde standen am Gartenthor gesattelt, und nach wenigen Augenblicken sprengten sie schnell zur Hütte des Einsiedlers. So lange der Boden günstig blieb, war ihr Ritt so schnell, daß sie nicht viel mit einander reden konnten; als aber ein steiler Abhang sie nöthigte, die Hastigkeit ihrer Pferde zu mindern, drängte sich eine neue Besorgniß der Miß Vere auf. „Herr Ratcliffe," sagte sie, indem sie den Zügel ihres 184 Pferdes anzog, „laßt uns nnsern Ritt nicht weiter fortsctzen, dessen Unternehmung von meiner Seite »Nr die äußerste Aufregung meiner Seele rechtfertigen kann. Ich weiß wohl, daß dieser Mann bei der Volksmasse als ein Wesen mit übernatürlichen Kräften gilt, welcher mit der andern Welt im Verkehr steht, ich möchte aber nicht, daß Ihr meintet, ich würde durch solche Thorheiten getäuscht, oder auch nur, daß ich, wenn ich wirklich an solche Dinge glaubte, wegen religiöser Gefühle mich an dieß Wesen in meinem Elend wenden könne." „Ich hätte glauben sollen, Miß Vere," erwiderte Ratcliffe, „daß mein Charakter und meine Denkweise zu gut bekannt wären, um mich vor Ihnen gegen den Vorwurf zu rechtfertigen, als hätte ich den Glauben an solche Abgeschmacktheiten jemals begünstigen wollen. „In welch' andrer Weise aber," sagte Isabelle, „kann ein offenbar so elendes Wesen Gewalt zu meinem Beistände besitzen ?" „Miß Vere," sagte Ratcliffe nach augenblicklicher Panse, „ich bin durch einen feierlichen Eid zn Geheimhaltung verpflichtet, Ihr müßt Euch ohne weitere Erklärung von meiner Seite mit meiner Versicherung und meinem Worte begnügen, daß er die Gemalt besitzt, wenn Ihr bei ihm den Willen erwecken werdet, und ich zweifle nicht daran, daß Ihr dieß vermögt." „Herr Ratcliffe," sagte Miß Vere, „Ihr irrt Euch vielleicht selbst, Ihr verlangt einen unbegrenzten Grad des Vertrauens von mir." „Gedenkt, Miß Vere," erwiderte er, „des Falles, worin Ihr ans Menschlichkeit mich batet, zu Gunsten Haswells und seiner zn Grund gerichteten Familie bei Eurem Vater einzuschreiten — als Ihr mich ersuchtet, ihn zu einer Handlung zu bewegen, welche seiner Natur am meisten widerstrebte — zur Vergebung einer Beleidigung oder Nachlas; einer Strafe — damals machte ich Euch zur Bedingung, daß Ihr keine Fragen hinsichtlich der Quelle meines Einflusses an mich richten solltet — Ihr fandet damals keinen Grund zum Mißtrauen — mißtraut mir auch jetzt nicht." „Allein das außerordentliche Leben dieses Mannes," sagte Miß Vere, „seine Absonderung — seine Gestalt — sein Men- schenhaß, den er als tiefgemnrzelt in seiner Sprache äußern soll — Herr Ratcliffc, was soll ich von ihm denken, wenn er wirklich die Gewalt besitzt, die Ihr ihm znschreibt?" „Dieser Mann, junge Dame, war als Katholik erzogen, eine Sekte, weiche tausend Beispiele von Lenten darbietet, die sich aus Macht und Uebcrfluß in freiwillige Entbehrungen zurückgezogen, die noch herber und strenger sind, als die scinigen." „Er gesteht ja aber keine religiösen Beweggründe ein," erwiderte Miß Vere. „Nein," erwiderte Natcliffe — „Widerwillen gegen die Welt hat ihn bewogen, sich ohne den Schleier des Aberglaubens ans derselben znrückznziehcn. So weit darf ich Ihnen Mittheilnngen über ihn machen. — Er war der Erbe eines großen Vermögens, dessen Vergrößerung seine Eltern außerdem durch eine Verbindung mit einer weiblichen Verwandten beabsichtigten, die zu dem Zweck in ihrem Hanse erzogen wurde. Ihr habt seine Gestalt gesehen, nrtheilt somit über die Gedanken, welche die junge Dame hinsichtlich dieses ihr bestimmten Schicksals gehegt haben muß. Sie war jedoch an seine Erscheinung gewöhnt und zeigte gegen ihn keinen Widerwillen. Die Verwandte» von — der Person, wovon ich rede, hegten keinen Zweifel, daß die Srärke seiner Anhänglichkeit, die mannigfache Ausbildung seines Geistes, seine vielen liebenswürdigen Eigenschaften den natürlichen Absehen überwunden hätten, welchen die für ihn bestimmte Brant über ein so furchtbar widerliches Aenßere unterhalten haben mußte." „War ihre Ansicht die richtige?" fragte Isabelle. „Ihr werdet es hören, wenigstens war er sich seines Mangels sehr wohl bewußt; das Gefühl desselben ängstete ihn wie ein Gespenst; „„ich bin,"" äußerte er gegen mich — ich meine gegen einen Mann, zu dem er Vertrauen hegte — „„ich bin ungeachtet alles dessen, was Ihr mir sagt, ein armer, elender Verstoßener, für den cs besser wäre, wenn man ihn in der Wiege erstickt hätte, als daß man ihn auferzog, um eine Vogelscheuche der Welt zu sein, in welcher ich umherkrieche."" Die Person, an welche er diese Worte richtete, bemühte sich vergeblich, ihm denjenigen Eindruck der Gleichgültigkeit gegen äußere Form zu ertheilen, welche das natürliche Ergebniß der Philosophie ist, oder ihn zu ersuchen, daß er der Ueberlegenhcit seiner geistigen Talente über die mehr anlockenden Eigenschaften gedenke, welche nur persönlicher Art sind. „„Ich höre Euch,"" pflegte er alsdann zu antworten. „„Allein Ihr führt die Sprache des kaltblütigen Stoikers, oder wenigstens die des parteiischen Freundes. Durchsucht aber jedes Buch, welches wir lasen, mit Ausnahme solcher über diejenige abstrakte Philosophie, für welche keine Stimme des Anklangs in unseren natürlichen Gefühlen sich vorfindet. Ist nicht die persönliche Form, wenigstens eine solche, wenn sie ohne Abscheu und Widerwillen ertragen werden kann, nicht stets als wesentliche Bedingung unserer Vorstellung von einem Freunde, um so mehr, von einem Liebhaber erwähnt? Wird nicht ein so mißgestaltetes Ungeheuer, wie ich, sogar durch den Befehl der Natur von den schönsten Genüssen derselben ausgeschlossen? Verhindert nicht allein mein Neichthum, daß alle Menschen — sogar vielleicht Lätitia oder vielleicht Ihr — als ein eurer Natur entfremdetes oder noch verhaßteres Geschöpf mich meidet, weil ich jene verdrehte Aehnlichkeit der Menschengestalt euch zeige, die wir in jener Thierfamilie beobachten, welche dem Menschen um so verhaßter ist, weil sie seine Karrikatur zu sein scheint."" „Ihr wiederholt die Gefühle eines Wahnsinnigen," sagte Miß Vere. „Nein," erwiderte ihr Führer; „wenn man nicht eine krankhafte und übermäßige Empfindlichkeit über einen solchen Gegenstand als Wahnsinn bezeichnen will. Ich will jedoch nicht längnen, daß seine vorherrschenden Gefühle und Besorgnisse die Person, welche dieselben hegte, zu einem Uebermaß trieb, welches eine verwirrte Einbildungskraft anzcigte. Er schien zu glauben, es sei nothwendig für ihn, durch übertriebene und nicht immer gut angebrachte Aeußcrnngen der Freigebigkeit und sogar der Verschwendung sich mit dem Menschengeschlecht zu vereinigen, von welchem er sich als natürlich los- gerissen dachte. Die Wohlthaten, die er aus einem natürlich menschenfreundlichen Charakter in einem ungewöhnlichen Grade spendete, wurden durch den Einfluß des stets ihn anstachclnden Gedankens übertrieben, von ihm werde mehr als von Andern erfordert; er verschwendete seine Schätze, als wolle er die Menschen bestechen, um ihn als Ihresgleichen anzuerkennen. Ich brauche kaum zu bemerken, daß die ans einer so launenhaften Quelle entspringende Mildthätigkeit oft mißbraucht und sein Vertrauen häufig verrathcn ward. Die Täuschungen, welche mehr oder weniger Alle, hauptsächlich aber Solche erleiden, welche Wohlthaten ohne gerechten Unterschied vcrthei- len, bestärkten seine kranke Phantasie in dem Menschcnhaß und in der Verachtung, welche seine persönliche Häßlichkeit hervorrief — allein ich ermüde Euch, Miß Vere." 188 „Durchaus nicht, ich konnte nur nicht verhindern, daß meine Aufmerksamkeit einen Augenblick abgclenkt wurde; ich bitte Euch fortznfahren." „Er wurde zuletzt," fuhr Ratcliffe fort, „der sinnreichste Selbstquäler, von welchem ich jemals gehört habe; der Hohn des Volkes und der Spott des noch roheren Pöbels über seinen Rang war für ihn die Folter auf dem Rade. Er betrachtete das Gelächter des gemeine» Volkes, dem er auf dcr-Straße begegnete, sowie das unterdrückte Kichern, und den noch anstößigeren Schauder junger Mädchen, denen er in Gesellschaft vorgestellt wurde, als Beweise der wirklichen Gefühle, welche die Welt über ihn hege; er hielt sich selbst für ein ungewöhnliches Geschöpf, welches unter den Menschen nicht mit den gewöhnlichen Bedingungen der Gesellschaft aufgenommen werden könne; er glaubte die Weisheit seiner Absicht, sich von den Menschen znrückznziehcn, werde dadurch gerechtfertigt. Er schien sich nur auf die Treue und Aufrichtigkeit zweier Personen unbedingt zu verlassen — auf diejenige seiner verlobten Brant und eines in äußeren Gaben ausgezeichneten Freundes, welcher aufrichtige Anhänglichkeit gegen ihn zu haben schien und wahrscheinlich auch hegte. Er hätte wenigstens dieselbe hegen sollen, denn er ward im buchstäblichen Sinne des Wortes mit Wohlthaten von demjenigen überschüttet, den Ihr jetzt zu besuchen im Begriffe steht. Die Eltern des Herrn, von welchem meine Geschichte handelt, starben in kurzer Zeit nach einander. Ihr Tod verzögerte die Verheirathung, für wölche der Tag schon festgesetzt war. Die Dame schien den Verzug nicht sehr zu bedauern — vielleicht war dieß nicht zu erwarten; sie gab jedoch keine Aenßerung, daß sie ihre Absicht geändert habe, als ein zweiter Tag nach einem passenden Zeiträume für die Verbindung festgesetzt wurde. Der Freund, von welchem ich rede, lebte fortwährend im Schlosse; zn böser Stunde schlossen sich Beide, der Herr, von welchem ich rede, auf das ernstliche Gesuch uud die Bitte» seines Freundes einer allgemeine» Gesellschaft au, worin Männer von verschiedenen politischen Parteien sich einfanden und wo viel getrunken wurde. Es folgte ein Streit; der Freund des Klausners zog nebst Andern den Degen, wurde von einem stärkeren Gegner zn Boden geworfen und entwaffnet. Beide fielen im Ringen zu den Fußen des Klausners nieder, welcher, so verstellt und krüppelhaft seine Gestalt erscheinen mag, dennoch ebenso große Körperkraft, wie heftige Leidenschaften besitzt. Er griff ein Schwert auf, durchstieß dem Gegner seines Freundes das Herz, und ward vor Gericht gestellt. Sein Leben wurde mit Schwierigkeit der Gerechtigkeit entzogen und er erlitt die Strafe des Todschlags in einem Jahre strengen Gefängnisses. Der Gegenstand ergriff ihn tief, um so mehr, da der Getödtete ein Mann von ausgezeichnetem Charakter war und grobe Beschimpfung erlitte» hatte, bevor er den Degen zog. Bon dem Augenblick glaubte ich zn bemerken, ich bitte uni Verzeihung — die Anfälle krankhafter Empfindlichkeit, welche diesen unglücklichen Herrn gequält hatten, wurden von jetzt an um so heftiger durch Gewissensvorwürfe, die er unter allen Menschen am wenigsten fähig war, sich aufznbnrdcn oder zn ertragen, wenn sie ihm durch sein unglückliches Loos anhcimfielen. Seine heftigen Anfälle der Zerknirschung konnten der Dame nicht verborgen bleiben, mit welcher er verlobt war; auch muß man gestehen, daß sie von erschreckender und furchtbarer Natur waren. Er tröstete sich mit dem Gedanken, daß er nach dem Verlauf seines Gefängnisses mit seiner Frau und seinem Freunde eine Gesellschaft bilden könne, in deren Umgebung sich die ausgedehntere Verbindung mit der Welt ent- behren lasse. Er ward getäuscht; bevor die Zeit verlief, war sein Freund und seine Verlobte Mann und Weib. Die Wirkung eines so furchtbaren Schlages auf ein so glühendes Temperament, auf einen durch heftige Gewissensbisse schon verbitterten Charakter, welcher ohnedem dadurch ans den Fugen gerathen war, daß jener Mann sich einer finsteren Einbildungskraft von anderen Menschen abgesondert überließ — diese Wirkung kann ich Euch nicht beschreiben; es schien, als ob das letzte Tan, woran das Schiff noch hing, plötzlich abgerissen sei, so daß letzteres aller wilden Wnth des Sturmes überlassen wurde. Er ward unter ärztliche Aufsicht gestellt. Diese Maßregel wäre, ans einige Zeit getroffen, zu rechtfertigen gewesen, allein sein hartherziger Freund, welcher in Folge seiner Ehe jetzt sein nächster Verwandter war, verlängerte seine Einsperrung, um die Einkünfte seiner ungeheuren Güter um so länger zu genießen. Nur ein Mann war noch übrig, welcher Alles dem Leidenden verdankte, ein demüthiger, aber dankbarer nnd treuer Freund. Diesem gelang es zuletzt, durch unaufhörliche Bemühung und wiederholte Berufung auf Gerechtigkeit die Freiheit nnd Wiedereinsetzung seines Beschützers in die Verwaltung seines Vermögens zu erlangen; zu letzterem kam noch bald dasjenige der für ihn früher bestimmten Braut; da diese ohne männliche Nachkommenschaft starb, so fielen ihm die Güter als Erben anl'eim. Das Gleichgewicht seiner Seele ließ sich jedoch nicht durch Freiheit und Reichthum wiederherstellen; gegen die erstere war er gleichgültig wegen seines Grams; der letztere diente ihm nur insoweit, als er ihm die Mittel gewährte, seinen sonderbaren und launischen Einfällen zu diene». Er hatte den katholischen Glauben abgeschworen; vielleicht aber übten einige seiner Lehren noch fortwährend Einfluß auf eine Seele, über welche Ge- 191 wissensvorwurf und Menschenhaß von jetzt an eine unbegrenzte Herrschaft einnahm. Sein Leben war jetzt abwechselnd das eines Einsiedlers und Pilgers; er erlitt die strengsten Entbehrungen, nicht in ascetischer Andacht, sondern im Abscheu der Menschen. Dennoch haben die Worte und Handlungen eines Menschen niemals einen so weiten Unterschied geboten, noch war ein elender Heuchler jemals sinnreicher, um gute Beweggründe schlechten Handlungen unterzuschieben, wie dieser unglückliche Mann, um ein Verfahren, welches aus natürlicher Großmuth und mildem Gefühle entspringt, mit den abstrakten Grundsätzen des Menschenhaffes in Einklang zu bringen." „Dennoch, Herr Ratcliffe, beschreiben Sie mir die Widersprüche, die Unbeständigkeiten eines Wahnsinnigen." „Durchaus nicht," erwiderte Ratcliffe, „ich beabsichtige nicht zu bestreiten, daß die Einbildungskraft dieses Herrn verstört ist; ich habe Euch schon gesagt, daß sie bisweilen in heftige Anfälle ansbricht, welche der wirklichen Geistesverwirrung nahe kommen. Ich rede jedoch nur von seinem gewöhnlichen Geisteszustand; derselbe zeigt Unordnung, aber keine Verstörnng; die Schattirnngen zwischen beiden sind all- mälige, wie solche, welche das Licht des Mittags von der Mitternacht trennen. Der Höfling, welcher sein Vermögen zu Grunde richtet, um einen Titel zn erlangen, der ihm keinen Nutzen oder keine Gewalt einbringt, wovon er keinen paffenden oder achtbaren Gebrauch machen kann — der Geizhals, welcher nutzlosen Reichthnm aufhäuft, und der Verschwender, der ihn wegwirft — sie haben Alle eine gewisse Schattirung des Wahnsinns. Dieselbe Bemerkung läßt sich aus Verbrecher anwenden, welche Scheußlichkeiten begangen haben, während die Versuchung zn denselben nach der Er- 192 kenntnis; einer klardenkenden Seele nicht im Verhältnis; zu dem Schauder der Handlung, oder der Wahrscheinlichkeit der Entdeckung und Bestrafung steht; jede heftige Leidenschaft läßt sich ebenso wie der Zorn als ein kurzer Wahnsinn bezeichnen." „Dies; mag sehr gute Philosophie sei», Herr Ratcliffe," „erwiderte Mis; Vere, „allein entschuldigt mich, es gibt mir noch keinen Grund zur Kühnheit, um in dieser späten Stunde eine Person zu besuchen, deren ausschweifende Einbildungskraft Ihr nur beschönigen könnt." „So empfangt vielmehr," sagte Ratcliffe, „meine feierlichen Versicherungen, das; Ihr Euch nicht in die geringste Gefahr begebt. Was ich aber bisher nicht erwähnen mochte, aus Furcht, Euch zu erschrecken, kann ich Euch jetzt, da wir seinen Zufluchtsort sehen können, nicht länger verbergen, denn ich kann denselben im Zwielichte entdecken. Ich darf Euch nicht weiter begleiten, Ihr müßt allein vorwärts gehen." „Allein? ich wage cs nicht." „Ihr müßt," fuhr Ratcliffe fort, „ich will hier bleiben und Euch erwarten." „Ihr wollt also nicht weiter," sagte Miß Vere, „die Entfernung ist aber so groß, Ihr würdet mich nicht hören können, wenn ich um Hülfe rufen sollte." „Fürchtet nichts, sagte ihr Führer, „aber habt wenigstens Acht, jeden Ausdruck der Furchtsamkeit zu unterdrücken. Bedenkt, seine vorherrschende und ihn vorzugsweise quälende Besorgnis' entspringt aus dem Bewußtsein seiner Häßlichkeit. Euer Pfad führt in gerader Linie jenseits jener halb gefallenen Weide, haltet Euch links von derselben, rechts liegt der Sumpf. Lebt wohl auf einige 193 Zeit, gedenkt des Unglücks, womit Ihr bedroht seid; es mnß zugleich Eure Furcht und Eure Bedenklichkeit überwinden." „Herr Ratcliffe," sagte Isabelle, „lebt wohl; wenn Ihr eine so unglückliche Dame, wie mich, getäuscht habt, so ist der schöne Charakter der Rechtlichkeit und Ehre, dem ich vertraute, auf immer verwirkt." „Bei meinem Leben, bei meiner Seele," rief Ihr Ratcliffe mit lauter Stimme zu, als die Entfernung zwischen Beiden sich mehrte, „Ihr seid in vollkommener Sicherheit." Sechzehntes Kapitel. — SS hat ihn Zeit und Gram zu de», gemacht, — Was seht er ist, die Zeit mit sanfter Hand — Vermag vielleicht, wann sie der einst'gcn Tage — Geschick ihm beut, zu dem was einst er war, — Ihn wieder umzuwandeln. — Bringt Uns hi» — Zu ihm, geschehe was da will. Altes Schauspiel. — Der Schall von Ratcliffe's Stimme erreichte nicht länger das Ohr von Isabelle; da sie aber häufig znrückblickte, gewährte es ihr einige Ermnthigung, seine Gestalt in der Dämmerung zu erblicken; ehe sie jedoch noch viel weiter kam, verlor sie den Gegenstand bei dem sich mehrenden Schatten des Abends außer Augen. Mit dem letzten Schein des Zwielichts stand sie vor der Hütte des Klansners. Zweimal streckte Der schwarze Zwerg. 1Z sie ihre Hand nach der Thüre ans, zweimal zog sie dieselbe zurück; als sie zuletzt die Anstrengung machte, kam ihr Klopfen an der Thüre der Heftigkeit der Schläge in ihrem eigenen Busen nicht gleich. Ihre nächste Bemühung war lauter; sie wiederholte den Schlag an die Thüre znm dritten Mal, denn die Furcht, den Beistand nicht zu erlangen, von welchem Ratcliffe so viel verheißen hatte, begann die Schrecken vor der Gegenwart dessen zu überwältigen, den sie um Hülfe bitten wollte. Als sie zuletzt keine Antwort erhielt, nannte sie wiederholt den Zwerg bei seinem angenommenen Namen, und bat ihn, ihr zu antworten und die Thüre zu offnen. „Welches elende Wesen," fragte die erschreckende Stimme des Einsiedlers, „ist in der Noth, um hier Zuflucht zu suchen? Geh von hinnen. Wenn das Auerhnhn auch der Zuflucht bedarf, sucht es sie nicht im Neste des Raben." „Ich komme zu Euch, Vater," sagte Isabelle, „in meiner Stunde des Unglücks, so Ihr mir selbst befohlen habt, als Ihr mir verspracht, Euer Herz und Eure Thüre solle meinem Elend offen stehen, allein ich fürchte —" „Ha," rief der Einsiedler, „dann bist du Isabelle Bere, gib mir ein Zeichen, daß du es bist." „Ich habe Euch die Rose zurückgebracht, die Ihr mir gabt: sie hatte nicht Zeit zum Verwelken, bevor das harte Schicksal über mich hcreinbrach, welches Ihr mir vorhcrsagtet." „Und wenn dn so dein Wort gelöst hast," sagte der Zwerg, „so will ich das meinige nicht verwirken. Das Herz und die Thüre, welche gegen jedes menschliche Wesen verschlossen waren, sollen sich dir und deinem Kummer offnen." Sie vernahm, wie er sich in seiner Hütte bewegte, und gleich darauf Feuer schlug; ein Riegel nach dem andern ward weggezogen; das Herz Jsabellens klopfte heftiger, als diese Hindernisse ihrer Zusammenkunft entfernt wurden. Es öffnete sich die Thüre und der Einsiedler stand vor ihr; seine seltsame Gestalt und seine Züge wurden durch die eiserne Lampe erleuchtet, die er iu der Hand hielt. „Trete eiu, Tochter der Trübsal," waren seine Worte, „betrete das Haus des Elends." Sie trat ein, und beobachtete mit einer Vorsicht, welche ihre Furcht steigerte, daß die erste Handlung des Klausners, nachdem er die Lampe auf den Tisch gestellt hatte, darin bestand, daß er die zahlreichen Riegel wieder vorschob, welche die Thür seiner Hütte sicherten. Sie schauderte, als sie das Geräusch dieses Unglück bedeutenden Verfahrens vernahm, gedachte jedoch der Warnungen Ratcliffe's, und bemühte sich, jeden Schein der Furcht zu unterdrücken. Das Licht der Lampe war schwach und ungewiß; der Einsiedler aber, ohne vorerst weiter auf Isabelle zu achten, als daß er sie einlud, sich auf einen kleinen Sitz am Kamin niederzulassen, entzündete schnell einigen trockenen Stechginster, welcher sogleich einen Flammenschein durch die Hütte verbreitete. Ein hölzernes Gesims mit einigen Büchern, einigen Bündeln getrockneter Kräuter und einem oder zwei Trinkgeschirren und Schüsseln, befanden sich an einer Seite des Feuers; an der andern standen einige Geräthe der Feldarbeit, mit anderen, welche Handwerker anwenden, untermischt. Wo man ein Bett hätte erwarten sollen, stand ein hölzerner, mit verwittertem Moos und Binsen bestreuter Rahmen, die Lagerstätte des Klausners. Der ganze Raum der Hütte betrug innerhalb der Mauern nur zehn Fuß Länge und sechs Fuß Breite; ihr einziges Geräth außer dem erwähnten bestand in einem Tisch und zwei Stühlen ans groben Dielen. Innerhalb dieses engen Raumes fand sich jetzt Isabelle 13 » 196 mir einem Wesen eingeschlossen, dessen Geschichte nichts darbot, sie zn beruhigen, und bei welchem die furchtbare Gestaltung eines scheußlichen Antlitzes einen beinahe abergläubischen Schrecken einflößte. Er nahm seinen Sitz ihr gegenüber ein, senkte seine großen und zottigen Brauen über seinen durchdringenden schwarzen Augen, und blickte sie schweigend an, als sei er durch eine Mannigfaltigkeit streitender Gefühle bewegt. Auf der andern Seite saß Isabelle, bleich wie der Tod; ihr langes Haar, durch den feuchten Nebel des Abends ent- kräuselt, fiel ihr über Schultern und Brust, so wie die nassen Wimpel vom Maste herabhängen, wenn der Sturm entschwand, nachdem das Schiff durch ihn auf dem Gestade gestrandet ist. Der Zwerg brach zuerst das Schweigen mit der plötzlichen, abgebrochenen und erschreckenden Frage: „Weib, welches böse Geschick hat dich hicher gebracht?" „Meines Vaters Gefahr und Euer Befehl," erwiderte sie mit schwacher aber fester Stimme. „Und Ihr hofft Hülfe von mir!?" „Wenn Ihr mir sie leisten könnt," erwiderte sie in demselben Tone milder Demuth. „Und wie sollte ich diese Gewalt besitzen?" fuhr der Zw^'fl mit bitterem Hohne fort, „ist meine Gestalt die eines Ritters, der dem Unrecht abhilft? Ist dieß ein Schloß, worin ein Mächtiger wahrscheinlich seinen Wohnsitz aufschlägt, welcher Gewalt genug besitzt, daß eine schöne Bittende, die ihn anfleht, Hülfe von ihm erlangt? Mädchen, ich spottete deiner, als ich sagte, ich werde dir helfen." „Dann muß ich fort, und meinem Geschicke trotzen, so weit es mir möglich ist!" „Nein," sagte der Zwerg, indem er aufstand, zwischen sie und die Thür trat, und durch eine Handbewegung bei finste- rem Ausdruck der Gesichtszüge sie einlud, ihren Sitz wieder einzunehmen — „Nein, so verlaßt Ihr mich nicht; wir müssen noch weiter mit einander reden. Warum sollte ein Wesen die Hülfe eines Andern verlangen? Warum sollte nicht Jeder sich selbst genügen? Blickt umher — ich, von Allen verachtet und abgelebt im Reich der Natur, habe Mitgefühl und Hülfe von Niemand verlangt. Diese Steine habe ich mit eigenen Händen auf einander gehäuft; dieses Geräth mit eigener Hand geformt, und mit diesem" — er legte seine Hand mit einem trotzigen Blick auf den langen Dolch, den er stets unter dem Kleide trug, und zog ihn so weit hervor, daß die Klinge in dem Flammenlichte glänzte — „mit diesem" fuhr er fort, als er die Waffe in die Scheide zurückstieß, „kann ich im Nothfall den Lebensfunken in so einem armen Rumpfe gegen den schönsten und kräftigsten Mann vertheidigen, der mich mit Gewaltthätigkeit bedroht!" Nur mit Schwierigkeit hielt Isabelle einen lauten Ruf des Schreckens zurück; sie überwältigte jedoch ihre Furcht. „So ist das Leben der Natur," fuhr der Klausner fort, „einsam sich selbst genügend und unabhängig. Der Wolf ruft nicht den Wolf zu Hülfe, wenn er seine Hohle baut, der Geier ersucht nicht einen Andern, wenn er auf seine Beute herniederfahren will." „Und wenn sie sich nicht Hülfe verschaffen können?" fragte Isabelle, indem sie scharfsinnig bedachte, daß er Gründen, welche sie, in seinen bilderreichen Styl eingehend, ihm ange- ben werde, am meisten zugänglich sein werde, „welcher Art dann ist ihr Schicksal?" „Laßt sie vor Hunger sterben und vergessen werden." „Es ist das Loos der wilden Naturgeschlechter," sagte Isabelle, „und vorzugsweise solcher, welche bestimmt sind, vom Raube zu leben, der keinen Theilnehmer erträgt, es ist nicht 198 das Gesetz der Natur im Allgemeinen. Sogar die niederen Thierc schließen Bündnisse zu gegenseitiger Verteidigung. Aber die Menschen — das Geschlecht würde den Untergang finden, wenn die Einzelnen einander die Unterstützung versagten. Vom Augenblick, wo die Mutter den Kopf ihres Kindes verbindet, bis zum Augenblick, wo ein gütiger Freund den Todesschweiß von der Stirn des Sterbenden abtrocknet, können wir ohne gegenseitige Hülfe nicht leben. Alle deßhalb, welche der Hülfe bedürfen, besitzen ein Recht, sie von ihrem Nebenmenschen zu erbitten; Niemand, welcher die Macht hat, sie zu gewahren, kann sie ohne Schuld verweigern." „Und mit dieser einfältigen Hoffnung, armes Mädchen," sagte der Einsiedler, „bist du in die Wüste gekommen, um mich aufzusnchen, der ich wünsche, daß die von mir erwähnte Verbindung auf immer abgebrochen würde, und daß das ganze Geschlecht im wahren Sinn des Worts umkommen möge? Hast du dich nicht gefürchtet?" „Das Elend," sprach Isabelle mit Festigkeit, „ist der Furcht überlegen." „Hast du nicht in deiner sterblichen Welt sagen hören, daß ich mit anderen Mächten im Bunde stehe, die für den Blick eben so entstellt und dem Menschengeschlecht eben so feindlich sind wie ich? Hast du dieß nicht gehört? Und du suchst meine Zelle um Mitternacht auf!" „Das Wesen, welches ich verehre, schützt mich vor so eitler Furcht," sagte Isabelle; die gesteigerte Aufregung ihres Busens widerlegte jedoch den erzwungenen Muth, welchen ihre Worte anssprachen. „Ha, ha," sagte der Zwerg, „du prahlst mit Philosophie, hast du jedoch nicht die Gefahr bedacht, daß du jung und schön dich der Gewalt eines Wesens anvcrtraust, welches so 199 tief die Menschheit haßt, daß es sein hauptsächlichstes Vergnügen in Entstellung und Entwürdigung ihrer schönsten Werke findet?" Isabelle, obgleich erschreckt, fuhr fort, mit Festigkeit zu antworten, „welch' Unrecht Ihr auch in der Welt ertragen habt, so vermögt Ihr nicht, es an mir zu rachen, die ich niemals weder Euch noch einem Andern absichtlich ein Unrecht erwies." „Mädchen," fuhr der Zwerg fort, und seine dunklen Augen glänzten mit dem Ausdruck der Bosheit, welche sich seinen wilden und verdrehten Geflchtszügen mittheilte, „Rache ist der hungrige Wolf, welcher nur erstrebt, Fleisch zu zerreißen und Blut zu lecken. Glaubst du, daß er darauf achtet, wenn das Lamm sich auf Unschuld beruft?" „Mann," sprach Isabelle, indem sie aufstand und mit vieler Würde redete, „ich fürchte nicht die schauderhaften Vorstellungen, wodurch Ihr Eindruck bei mir zu erregen sucht, ich weise sie mit Verachtung zurück. Seid Ihr sterblich oder ein böser Geist, so würdet Ihr niemals einer Unglücklichen schaden, welche in äußerster Noth als Bittende zu Euch kam. Ihr werdet cs nicht, Ihr wagt es nicht." „Du sprichst die Wahrheit," erwiderte der Klausner, „ich wage es nicht — ich werde es nicht, kehre heim. Fürchte nichts von dem, womit man dich bedroht. Du hast mich um Schuh ersucht — du sollst ihn wirksam finden." „Aber Vater, ich habe eingewilligt, noch heute Nacht de» Mann, den ich verabscheue, zu heirathen, oder ick muß meinen Vater zu Grunde richten." „Noch heute Nacht? um welche Stunde?" „Vor Mitternacht." 200 „Das Zwielicht," sagte der Zwerg, „ist schon vorüber, sei jedoch unbesorgt, die Zeit genügt zu deinem Schuhe." „Und mein Vater," fuhr Isabelle in bittendem Tone fort. „Dein Vater," erwiderte der Zwerg, „war und ist mein bitterster Feind, sei jedoch unbesorgt; deine Tugend soll ihn retten. Jetzt aber gehe, hielte ich dich länger bei mir zurück, so könnte ich wiederum in die albernen Träume hinsichtlich der Güte der Menschen verfallen, ans denen ich einst so furchtbar geweckt wurde. Fürchte jedoch nichts — sogar am Fuße des Altares will ich dich erretten. Lebt wohl, die Zeit drängt uns, und ich muß handeln." Er führte sie zur Thür seiner Hütte, die er öffnete, damit sie ihn verlassen konnte. Sie bestieg wieder ihr Pferd, welches innerhalb der Umzäunung gegrast hatte, und trieb es im Lichte des jetzt ausgehenden Mondes an den Platz, wo Ratcliffe zurückgeblieben war. „Habt Ihr Erfolg gehabt?" war seine erste, hastige Frage. „Ich habe Versprechungen von ihm erhalten, zu dem Ihr mich sandtet; wie ist es aber möglich, daß er sie erfüllt?" „Gott sei Dank," sagte Ratcliffe, „zweifelt nicht an seiner Gewalt, sein Versprechen zn erfüllen." In dem Augenblick ertönte ein scharfes Pfeifen über die Heide. „Horch," sagte Ratcliffe „er ruft mich — Miß Vere, kehrt nach Hanse zurück, und laßt die Hinterthüre des Gartens un- verriegelt; zu derjenigen Thür, welche auf die Hintertreppe führt, habe ich einen besonderen Schlüssel." Ein zweites Pfeifen wurde jetzt vernommen, noch greller als das erste. „Ich komme, ich komme," sagte Ratcliffe; er spornte sein Pferd und ritt über die Heide in der Richtung zur Hütte des Klausners. Miß Vere kehrte in's Schloß zurück. Das Feuer 201 ihres Pferdes nnd ihre eigene Angst wirkten zusammen, um ihren Ritt zu beschleunigen. Sie gehorchte den Vorschriften Ratclisfe's, ohne jedoch ihren Zweck zu ahnen, lies; ihr Pferd auf einem eingehegten Platze am Garten zurück nnd eilte auf ihr Zimmer, das sie, ohne bemerkt zu werden, erreichte. Sie entriegelte jetzt ihre Thür und zog die Schelle, um Kerzen herauf bringen zu lassen. Ihr Vater erschien mit dem Diener, der ihrem Befehl gehorchte. „Zweimal," sagte er, „wahrend der zwei Stunden, welche vergangen sind, seit ich Euch verließ, habe ich an Eurer Thür gehorcht; da ich nichts von Euch vernahm, besorgte ich, daß Ihr krank wäret." „Nnd jetzt, theurer Vater," sagte sie, „erlaubt mir, das Versprechen in Anspruch zu nehmen, welches Ihr mir gütigst gegeben habt; überlaßt mir die letzten Augenblicke der Freiheit, die ich noch genieße, ohne alle Unterbrechung; verlängert den mir gestatteten Verzug bis zum letzten Augenblick." „So will ich," erwiderte ihr Vater, „Ihr werdet nicht unterbrochen werden. Aber diese ungeordnete Kleidung, dies zerstreute Haar — wenn ich Euch wiederum rufe, dürft Ihr nicht in solchem Zustande sein. Das Opfer muß freiwillig gebracht werden, wenn es heilsam sein soll." „Muß es sein," antwortete sic, „wohlan denn, seid unbesorgt, Vater, das Opfer wird geschmückt sein. Siebenzehntes Kapitel. Hier sieht cS nicht wie bei der Hochzeit aus. Diel Lärmen um Nichts. Die Kapelle im Schloß Ellicslaw, welche der Schauplatz dieser unheilvollen Verbindung sein sollte, war ein Gebäude von noch höherem Alter als das Schloß selbst, obgleich auch das letztere auf bedeutendes Alterthnm Anspruch machte. Bevor die Kriege zwischen England und Schottland so gewöhnlich und langdauernd wurden, daß alle Gebäude an beiden Seiten der Grenze eine kriegerische Bestimmung erhielten, war in Ellieslaw eine kleine Niederlassung von Mönchen vorhanden gewesen, welche nach der Meinung von Antiquaren zur reichen Abtei von Jedborgh gehörten. Die Besitzungen der Mönche waren aber unter den Veränderungen verloren gegangen, welche der Krieg und die gegenseitigen Verwüstungen hervorriefen. Ein feudales Schloß war auf den Trümmern ihrer Zellen errichtet, und ihre Kapelle wurde von den Mauern desselben umschlossen. Der Bau zeigte in seinen runden Bögen und massiven Pfeilern so wie in deren Einfachheit seinen Ursprung in den Zeiten des sogenannten angelsächsischen Bau- styles, beurkundete zu jeder Zeit ein düsteres und finsteres Aeußere, und war häufig als Begräbnißplatz von der Familie der Feudalherren eben so wie früher von den Mönchen benutzt worden. Jetzt aber schien der düstere Ausdruck der Ka- 203 pelle durch die Wirkung weniger rauchender Fackeln erhöht zu sein, welche zur Erleuchtung des Raumes gebraucht wurden; während dieselben ein Helles, gelbes Licht in ihrer unmittelbaren Nahe verbreiteten, waren sie jenseits desselben von einem rothen nnd purpurnen Ring umgeben, dessen Farbe aus dem vom Rauche znrückgcworfencn Licht entsprang; jenseits dieses Lichts dehnte sich ein Umkreis der Finsterniß aus, welcher die Ausdehnung der Kapelle zu vergrößern schien, während cs dem Auge unmöglich wurde, seine Grenze zu erkennen. Einige unpassende Zierrathen, welche in der Eile angebracht waren, erhöhten noch den finstern Eindruck des Ortes. Alte Tapetenstucke, von den Wänden anderer Gemächer genommen, waren hastig an diejenigen der Kapelle gehängt, und bedeckten dieselben thcilweise; die Wappenschilder nnd die Sinnbilder der Tobten, welche an den Mauern sonst sich befanden, ragten zwischen jenen Tapeten in unpassender Weise hervor. An jeder Seite,des Steinaltars stand ein Denkmal; der Styl dieser Bildwerke bildete einen eben so sonderbaren Gegensatz. Auf dem einen war die Gestalt eines finsteren Eremiten oder Mönches, der einst im Gerüche der Heiligkeit starb, in Stein ansgchauen; sie mar als ans dem Rücken liegend mit Kaputze und Scapulir dargestellt; das Antlitz wandte sich aufwärts wie im Gebet, und die Hände waren gefaltet, von denen ein Rosenkranz herabhing. Auf der andern Seite stand ein Grabmal in italienischem Geschmack, ein schönes Werk der Plastik, welches als Muster der neueren Kunst galt. Es war zum Andenken der Mutter Jsabellens, der verstorbenen Frau Acre von Ellieslaw errichtet; sie mar dargcstellt als eine Sterbende, während ein weinender Cherub mit abgewandten Augen eine schwach brennende Lampe als Sinnbild ihres schnellen Todes ciuszulöschen schien. Das Denkmal war 204 wirklich ein Meisterstück der Kunst, jedoch in dem plumpen Gewölbe übel angebracht, wo man es ausgestellt hatte. Biele wurden überrascht und sogar empört, daß Ellieslam, dessen Zärtlichkeit gegen seine Gattin, so lange sie lebte, gerade nicht bemerkt wurde, nach ihrem Tode ein so kostbares Denkmal mit verstelltem Gram errichten ließ. Andere jedoch rechtfertigten ihn gegen den Vorwurf der Heuchelei, und behaupteten, daß dies Denkmal unter Leitung und auf Kosten des Herrn Ratcliffe errichtet war. Vor diesen Monumenten hatten sich die Hochzeitgäste versammelt; es waren wenige an Zahl, denn Viele hatten das Schloß verlassen, um Vorbereitungen zu dem bevorstehenden Aufstande zu treffen, und Ellieslaw war bei den vorhandenen Umständen weit davon entfernt, seine Einladungen über diejenigen nahen Verwandten auszndehnen, deren Gegenwart durch die Sitte des Landes unbedingt geboten war. Dem Altar zunächst stand Sir Frederik Langley finster, mürrisch und gedankenvoll, sogar noch mehr, wie er dieß sonst zu sein pflegte; neben ihm befand sich Mareschal, welcher die Rolle des .sogenannten Brautführers übernommen hatte. Die gedankenlose gute Laune dieses jungen Herrn, welcher derselbe niemals den geringsten Zwang anznthun für gut hielt, steigerte die Wolke, welche über der Stirne des Bräutigams schwebte. „Die Braut hat noch nicht ihr Zimmer verlassen," flüsterte er Sir Frederik zu, „ich hoffe, daß wir nicht zu den gewaltthätigen Mitteln der Römer unsere Zuflucht nehmen müssen, wovon ich auf der Schule gelesen habe. Es wäre eine harte Sache für meine hübsche Cousine, wenn man mit ihr zweimal in zwei Tagen durchgehen müßte, obgleich ich kein Mädchen kenne, welches würdiger eines so gewaltthätigen Compliments wäre." Sir Frederik bemühte sich, diesen Worten ein tanbes Ohr zn leihen, indem er ein Lied summte und nach einer andern Richtung blickte. Mareschal aber fuhr fort, in derselben ausgelassenen Weise zn scherzen. „Der Verzug wird dem vr. Hobbler schwer, welcher gerade abgerissen wurde, um die Vorbereitungen dieser freudigen Ereignisse zu beschleunigen, als er den Kork aus seiner dritten Flasche heransgezogen hatte. Ich hoffe, Ihr werdet ihn vor dem Verweise seiner Oberin schützen, denn nach meiner Meinung geht die Zeit über die kanonischen Stunden — hier aber kommt Ellieslaw und meine hübsche Cousine — wie ich glaube, schöner wie jemals, wenn sie nicht so schwach und todtenblas; — Hort, Herr Ritter, spricht sie nicht ihr Ja vollkommen gutwillig, so habt Ihr keine Hochzeit, ungeachtet alles dessen, was vorgegangen ist." „Keine Hochzeit, Herr?!" erwiderte Sir Frederik in einem lauten Geflüster, dessen Ton anzeigte, daß sein zorniges Gefühl nur mit Schwierigkeit unterdrückt wurde. „Nein — keine Ehe," erwiderte Mareschal, „darauf verpfände ich Euch meine Hand und Handschuh." Sir Frederik Langley ergriff seine Hand und sagte leiser, indem er sie heftig drückte, „Mareschall, das sollt Ihr verantworten." Dann schleuderte er seine Hand fort. „Dazu bin ich bereit," sagte Mareschal, „niemals entging meinen Lippen ein Wort, wofür meine Hand nicht einstand, drum redet, meine hübsche Cousine, und sagt mir, ob es Euer freier Wille und Euer unbefangener Entschluß ist, diesen tapferen Ritter als Herrn und Gemahl anzunehmen, denn hegt 206 Ihr hierüber mir das Zehntel einer Bedenklichkeit, so tretet bestimmt zurück, dann soll er Euch nicht erhalten." „Seid Ihr toll, Herr Mareschal," fragte Ellieslaw, welcher als früherer Vormund des jungen Mannes während seiner Minderjährigkeit noch oft die Sprache der Überlegenheit gegen ihn einnahm. „Glaubt Ihr, ich würde meine Tochter an den Fuß des Altars schleppen, wäre dies; nicht ihre eigene Wahl?" „Stille, Ellieslaw," erwiderte der junge Herr, „sagt mir nicht das Gegentheil; ihre Augen sind voll Thränen und ihre Wangen weißer wie ihr weißes Kleid. Ich muß darauf bestehen, im Namen der bloßen Menschlichkeit, daß die Cere- mvnic bis morgen verschoben wird." „Sie wird cs dir selbst sagen, du unverbesserlicher Naseweis, der sich in Dinge mischt, die ihn nichts angehen. — Sie wird dir selbst sagen, daß sie wünscht, die Ccremonie möge ihren Verlauf haben — ist es nicht so, Isabelle, meine Tochter?" „So ist cs," sagte Isabelle halb ohnmächtig — „da Hülfe weder von Gott noch Menschen sich erwarten läßt." Das erste Wort allein war deutlich zu hören. Mareschal zuckte die Achseln und schritt zurück; Ellieslaw stützte seine Tochter ans dem Gange zum Altar; Sir Frederik trat vor und stellte sich an ihre Seite, der Geistliche öffnete sein Gebetbuch und blickte ans Herr Vere, um das Signal zum Beginne der Ccremonie zu erwarten. „Beginnt," sagte der Letztere. Aber eine Stimme, die ans dem Grabe seiner verstorbenen Gemahlin hervorzukommen schien, rief in so lautem und scharfem Tone, daß jedes Echo der gewölbten Kapelle widerhallte: „Haltet ein!" — Alle waren stumm und bewegungslos, bis 207 ein entferntes Geräusch und das Geklirre von Degen oder etwas Achnliches, von den entfernteren Gemächern her vernommen wurde. Es hörte beinahe sogleich auf. „Was ist das für eine neue Kabale?" fragte Sir Frederik mit trotzigem Ton, indem er Ellieslaw und Mareschal mit Blicken boshaften Argwohns betrachtete. „Es kann nur der Scherz eines betrunkenen Gastes sein," sagteEllieslaw, obgleich er sehr betroffen war; „wir muffen große Nachsicht bei dem Uebermaß der Festlichkeit von heute Abend hegen. Vollbringt die Ceremonie." Bevor der Geistliche gehorchen konnte, wurde das vorher vernommene Verbot von demselben Ort aus wiederholt; die Begleiterinnen der Braut schrieen auf und flohen aus der Kapelle; die Herren legten die Hand an den Degen. Bevor der erste Augenblick der Ueberraschnng vorüber war, schritt der Zwerg hinter dem Grabdenkmal hervor, und stellte sich vor Herrn Vere mit der vollen Erscheinung seines Körpers hin. Die Wirkung einer so wunderbaren und scheußlichen Erscheinung an solchem Orte und unter solchen Umständen, bestürzte alle Anwesenden, aber schien den Gutsherrn von Ellieslaw zu vernichten; er ließ den Arm seiner Tochter fahren, wankte zum nächsten Pfeiler, umklammerte denselben mit seinen Händen, als wolle er sich stützen, und lehnte seine Stirn an die Säule. „Wer ist dieser Kerl?" fragte Sir Frederik, „was hat seine Zudringlichkeit zu bedeuten?" „Es ist Jemand, welcher kömmt, dir zu sagen," sprach der Zwerg mit der eigenthümlichen Bitterkeit seines Wesens, „daß du, wenn du diese junge Dame heirathest, weder mit der Erbin von Ellieslaw, noch von Mauleyhall, noch von Polverton, noch von einer Furche Landes dich vermählst, wenn sie nicht 208 meine Einwilligung erhält; diese wird dir nie gegeben werden. Nieder auf deine Kniee, danke dem Himmel, daß du verhindert wirst, dich mit Eigenschaften zu vermählen, mit denen du nichts zu schaffen hast — mit Wahrhaftigkeit ohne Brantschatz, mit Tugend und Unschuld — und du, elender Undankbarer," indem er seine Worte an Ellieslaw richtete — „worin besteht jetzt deine elende Ausflucht? der du deine Tochter verkaufen wolltest, um dir eine Gefahr vom Halse zu schaffen, wie du sie im Hunger ermordet und verschlungen haben würdest, um dein eigenes, elendes Leben zu bewahren! — Ha, verberge dein Gesicht mit den Händen; wohl darfst du errö- then, ihm in das Gesicht zu blicken, dessen Leib du einst in Ketten, dessen Hand du der Blutschuld, und dessen Seele du dem Elend überliefertest. Noch einmal bist du durch die Tugend von ihr gerettet, welche dich Vater nennt; packe dich, und mögen die Wohlthaten und die Verzeihung, die ich dir übertragen, zu feurigen Kohlen werden, bis dein Gehirn versengt und verbrannt ist, wie das meiuigc!" Ellieslaw verließ die Kapelle mit einer Bewegung stummer Verzweiflung. „Folget ihm, Hubert Ratcliffe," sagte der Zwerg, und verkündigt ihm sein Schicksal, er wird sich freuen; als Glück gilt es ihm, die Luft zu athmen und Gold in den Händen zu haben." „Ich verstehe nichts davon," sagte Sir Frederik Langley, „wir sind aber hier ein Corps von Edelleuten in Waffen für König Jakob und mit dessen Gewalt; seid Ihr wirklich oder nicht jener Sir Edward Maulcy, den man schon so lang für verstorben im Irrenhaus hielt, oder seid Ihr ein Betrüger, der seinen Namen und Titel annimmt, so sind wir so frei, Euch hier zu verhaften, bis Ihr über Eure Erscheinung in 209 diesem Augenblick bessere Rechenschaft gegeben habt. Wir wollen unter uns keine Spione. — Ergreift ihn, Freunde!" Die Diener aber fuhren zweifelnd und erschreckt zurück; Sir Frederik schritt selbst auf den Klausner zu, als wolle er Hand an ihn legen, wurde aber plötzlich durch die glänzende Spitze einer Partisane znm Anhalten gezwungen, welche die derbe Hand von Hobbie Elliot gegen seine Brust richtete. „Ich will machen, daß Euch das Tageslicht dnrchscheint, wenn Ihr es wagt, auf ihn zuzugchen," sagte der kräftige Grenzbewohner, „zurück, oder ich durchstoße Euch; Niemand soll einen Finger an Elshie legen; er ist ein kluger, nachbarlicher Mann, stets bereit, einem Freund zu helfen; und wenn Ihr ihn auch für einen Krüppel haltet, Freund, so wette ich doch einen Widder — Griff für Griff genommen — daß er Euch das Blut ans den Nägeln spritzen läßt. Elshie ist ein rauher Gesell, er quetscht so derb wie eine Schraube." „Was hat Euch hieher gebracht, Elliot?" fragte Mareschal, „wer hat Euch berufen, Euch hier einzumischen?" „Wahrhaftig, Mareschal Wells," erwiderte Hobbie, „ich bin gerade hieher gekommen mit Zwanzig bis Dreißig, mehr in meinem eigenen Namen und im Namen des Königs oder der Königin, wie man jetzt sagt, und noch dazu im Namen des klugen Elshie, uns den Frieden zu erhalten, und um eine Gewaltthätigkeit zurückzugeben, die mir Ellicslaw angethan hat. Ein gutes Frühstück haben mir die Schelme neulich gegeben, und er hatte die Hand im Spiele, und glaubt Ihr, ich märe nicht bereit, ihm ein Abendessen zu geben? — Ihr Herrn braucht nicht die Hand an den Degen zu legen, das Haus ist schon unser mit wenig Lärm, denn die Thür stand offen, und Euer Volk hatte viel Punsch gesoffen. Wir nahmen ihre Degen und Pistolen so leicht, als schälten wir Erbsenschoten aus." Der schwarze Zwerg. 14 210 Marcschal stürzte hinaus, und kam sogleich wieder in die Kapelle zurück. „Beim Himmel, es ist wahr, Sir Frcderik, das Haus ist mit Bewaffneten gefüllt, und unser besoffenes Gesindel ist entwaffnet; zieht den Degen, wir wollen uns durchschlagen." „Nicht zu rasch, nicht zu rasch," rief Hobbie aus, „hört mich nur ein wenig an, wir wollen Euch kein Leid thun; da Ihr aber für König Jakob, wie Ihr ihn nennt, und die Prälaten in Waffen seid, so hielten wir es für Recht, den alten Nachbarkrieg zu beginnen und für den andern König und unsere Kirche aufzustehen; mir wollen Euch aber kein Haar krümmen, wenn Ihr Euch ruhig nach Hause packt, und das ist für Euch das Beste, denn es ist sichere Nachricht von London angelangt, daß Bang oder Byng, wie Ihr ihn nennt, die französischen Schiffe und den neuen König von der Küste weggejagt habe; somit bleibt Ihr am besten zufrieden mit der alten Anna, weil Ihr keinen andern König oder Königin jetzt bekommen könnt." Ratcliffe trat in diesem Augenblick ein, und bestätigte die für die Jakobiten so ungünstige Nachricht. Sir Frcderik verließ beinahe sogleich das Schloß mit denjenigen seiner Begleiter, die ihm im Augenblick folgen konnten, ohne von Jemand Abschied zu nehmen. „Und was wollt Ihr thun, Mareschal?" fragte Ratcliffe. „Wahrhaftig," antwortete derselbe lächelnd, „mein Muth ist zu groß und mein Vermögen ist zu klein, um dem Beispiel dieses wackeren Bräutigams zu folgen. Es liegt nicht in meiner Natur und ist auch kaum der Mühe werth." „Wohlan denn, so zerstreut Eure Leute und bleibt ruhig; man wird den ganzen Streich übersehen, da kein öffentlicher Aufruhr stattgefundcn hat." „Halt, halt," sagte Elliot, „was vergangen ist, sei vergangen, und laßt uns Alle Freunde wieder sein; ich habe gegen Niemand Bosheit, als gegen Westbnrnffat, und dem habe ich das Fell heiß und kalt gemacht. Mein Pallasch hatte kaum drei Schläge mit dem seinen gewechselt, als er durch das Fenster in den Schloßgraben sprang und sich hindurch arbeitete wie eine wilde Ente. Er ist wahrhaftig ein geschickter Kerl, er ging durch mit einem hübschen Mädchen am Morgen und mit einem andern zur Nacht; mit weniger war er nicht zufrieden! Wenn er aber nicht selbst aus dem Lande durchgeht, so will ich ihn an einem Stricke tanzen lassen, denn mit der Zusammenkunft in Castlctvn ist es vorbei; seine Freunde wollen ihn nicht unterstützen." Während der allgemeinen Verwirrung hatte sich Isabelle ihrem Verwandten Sir Edward Mauley zu Füßen geworfen (denn so müssen wir jetzt den Klausner nennen), um zugleich ihre Dankbarkeit auszndrücken und um die Vergebung ihres Vaters zu erflehen. Die Angen Aller begannen sich auf sie zu richten, sobald ihre eigene Aufregung und der Lärm der Begleiter etwas nachgelassen hatte. Miß Vere kniete am Grabe ihrer Mutter, mit deren Statue ihre Züge eine auffallende Aehnlichkeit darboten. Sic hielt die Hand des Zwerges, welche sie zu wiederholten Malen küßte, und badete dieselbe mit Thrä- ncn. Er stand starr und regungslos, nur seine Augen blickten abwechselnd ans die marmorne Gestalt und die lebendige Bittende. Zuletzt zwangen ihn große Tropfen, welche sich auf seinen Augenwimpern sammelten, mit der Hand dieselben zu bedecken. „Ich dachte," sagte er, „daß Thräncn mit mir schon lange nichts mehr gemein hätten, allein wir vergießen sie bei unse- 14 " 212 reu Geburt, und ihre Quelle vertrocknet nicht eher, als bis wir im Grabe liege». Kein Schmerz des Herzens soll aber meinen Entschluß erschüttern, ich trenne mich hier zugleich und auf immer von Allen, dessen Erinnerung (er blickte auf das Grab) oder dessen Gegenwart (er druckte die Hand der Isabelle) mir theuer ist — redet nicht mit mir, versucht nicht, mir meinen Entschluß auszuredcn, es wird Euch nichts helfen; Ihr werdet von diesem Klumpen der Häßlichkeit nichts weiter hören und sehen. Für Euch werde ich todt sein, bevor ich mich im Grabe befinde, und Ihr werdet meiner als eines Freundes gedenken, welcher von dem Verbrechen und Leiden des Daseins befreit ist." Er küßte Isabelle ans die Stirn, drückte einen zweiten Kuß ans die Stirn der Statue, neben wclcber er kniete, und verließ die Kapelle unter der Begleitung Ratcliffc's. Isabelle, von den Regungen des Tages beinahe erschöpft, ward von ihren Dienerinnen in ihr Gemach geführt; die meisten andern Gäste zerstreute» sich, nachdem jeder Einzelne abgesondert sich bemüht hatte, vor allen Herren, die ihn hören wollten, eine entschiedene Mißbilligung der Verschwörung gegen die Regierung oder ein Bedauern an der Theilnahmc derselben ausznsprechen- Hobbie Elliot übernahm den Befehl des Schlosses für diese Nacht, und ließ eine regelmäßige Wache aufziehen. Er rühmte sich nicht wenig des Eifers, womit er und seine Freunde der hastigen Aufforderung Elshie's gehorcht hatten, die ihnen durch den treuen Ratcliffe zukam. Wie erjagte, war es ein glücklicher Zufall, daß sie an demselben Tage Kunde erhalten hatten, Westburnflat beabsichtige nicht, seinen Vertrag hinsichtlich der Zusammenkunft in Castleton zu halten, sondern biete Trotz den Elliots; somit hatte sich eine beträchtliche Schaar in Heugh-foot versammelt, um dem 213 Thurme des Räubers am nächsten Morgen einen Besuch abzustatten. Die Schaar wurde leicht bewogen, nach Ellieslaw aufzubrcchen. Achtzehntes Kapitel. Die letzte Scene folgt, um die Geschichte Voll sonderbaren Wechsels hier zu schließen. Wie eS Euch gefällt. Am nächsten Morgen überreichte Ratcliffe der Miß Vere einen Brief ihres Vaters folgenden Inhalts: „Theuerstes Kind! Die Bosheit einer mich verfolgenden Regierung wird mich nöthigen, meiner Sicherheit wegen mich in's Ausland zurückzuziehen, und einige Zeit in fremde» Ländern zu verweilen. Ich ersuche Euch nicht, mich zu begleiten oder mir zu folgen; Ihr werdet meinem und Eurem Interesse gemäß weit wirksamer verfahren, wenn Ihr zurückbleibt, wo Ihr seid. Es ist unnöthig, die Einzelnheitcn der Ursache jener sonderbaren Vorfälle darzulegen, welche sich gestern ereigneten. Ich glaube Ursache zu haben, mich über die Behandlung zu beklagen, die ich von Sir Edward Manley erlitt, welcher Euer nächster Verwandter von mütterlicher Seite ist; da er Euch aber zum Erben erklärt hat, und Euch in unmittelbaren Besitz eines großen Theils Eures Vermögens sehen wird, so halte ich dieß für eine vollkommene Ausgleichung seines Unrechtes. Ich erkenne, daß er mir niemals den Vorzug verziehen hat, den Eure Mutter meinen Bewerbungen gab, statt die Bedingungen 214 einer Art von Familienvertrag anznnehmen, welcher abgeschmackter und tyrannischer Weise sie zur Gemahlin ihres körperlich entstellten Verwandten bestimmte. Der Schlag war sogar genügend, seinen Verstand zn verwirren, der sich jedoch niemals in sehr guter Ordnung befand, und ich hatte als der Gemahl seiner nächsten Verwandten und Erbin die zarte Aufgabe einer sorgfältigen Behandlung seiner Person und der Verwaltung seines Eigenthums zu lösen, bis er in den Genuß des letzteren von denjenigen wieder eingesetzt wurde, welche ohne Zweifel der Meinung waren/daß sie ihm Gerechtigkeit erwiesen; untersucht man jedoch einige Theile seines späteren Verfahrens, so scheint es, daß man ihn um seiner selbst willen unter dem Einfluß eines milden und heilsamen Zwanges hätte lassen müssen. „In einer Hinsicht jedoch zeigte er das Bewußtsein seiner Pflicht hinsichtlich der Bande des Blutes, sowie dasjenige seiner eigenen Geisteskrankheit; während er sich von der Welt unter verschiedenen Namen und Verkleidungen gänzlich absonderte, und darauf bestand, daß man ein Gerücht über seinen Tod verbreitete (ein Verfahren, zu dem ich gerne meine Einwilligung gab, um ihm gefällig zn sein), ließ er mir die Einkünfte eines großen Theils seiner Güter und hauptsächlich aller derjenigen zur Verfügung, die als das Eigenthnm Eurer Mutter ihm als Mannslehcn wieder anheimficlcn. Er glaubte vielleicht mit außerordentlicher Großmuth zu handeln, während alle Unparteiischen der Meinung sein werden, daß er nur eine natürliche Verpflichtung erfüllte; denn der Gerechtigkeit, wenn auch nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes gemäß, müßt Ihr als die Erbin Eurer Mutter und muß ich als' der gesetzliche Verwalter Eures Vermögens betrachtet werden. Anstatt deßhalb mich als einen Mann zn betrachten, welcher von Sir 215 Edward in dieser Hinsicht mit Wohlthaten überladen wurde, glaube ich vielmehr Ursache zur Beschwerde zu haben, daß jede mir znkommende Geldsumme nur nach dem Belieben des Herrn Ratcliffe ausgetheilt wurde, welcher ohnedem Pfandbriefe auf mein väterliches Gut Ellieslaw für jedes Darlehen von mir erpreßte, welches ich als Vorschuß anderer Art brauchte; so hat sich dieser Mann gewissermaßen als der unbedingte Verwalter und Beaufflchtiger meines Eigenthums eingeschlichen. Wenn nun alle diese scheinbare Freundschaft von Sir Edward nur zu dem Zweck verwandt wurde, daß er eine vollkommene Leitung meiner Angelegenheiten und die Macht, mich nach Belieben zu Grunde zu richten, erlangen konnte, so fühle ick mich noch weniger zur Dankbarkeit wegen angeblicher Wohlthaten verpflichtet. „Im Herbste vergangenen Jahres führte ihn, wie ich höre, entweder seine zerrüttete Einbildungskraft, oder der von mir angedeutete Entwurf in dieß Land zurück. Sein vorgeblicher Beweggrund war, wie es scheint, der Wunsch, ein Denkmal zu sehen, welches er in der Kapelle auf dem Grabe Eurer Mutter hatte errichten lassen. Herr Ratcliffe; welcher mir damals die Ehre erwies, mein Hans zu dem seinigen zu machen, hatte die Gefälligkeit, ihn heimlich in die Kapelle einzn- führen. Wie er mir berichtet, war die Folge ein Wahnsinn von mehreren Stunden, in welchem er nach den Mooren in der Nähe floh; in einem der wildesten Orte derselben beschloß er, nachdem er sich etwas erholt hatte, seine Wohnung anfzu- schlagen, und als eine Art Quacksalber beim Landvolke anfzu- treten, was er schon in seinen besseren Tagen gern zu thun pflegte. Es ist auffallend, daß Herr Ratcliffe, anstatt mich von diesen Umständen zu benachrichtigen, damit ich dem Verwandten meiner verstorbenen Frau die Sorgfalt erweisen könne, 216 welche sein unglücklicher Zustand erheischte, eine strafbare Nachsicht bei dessen wahnsinnigen Planen hegte; er versprach nicht allein Geheimhaltung, sondern leistete darauf auch einen Eid. Er besuchte häufig den Sir Edward und half ihm in dem phantastischen Geschäft, das er sich auferlegt hatte, um eine Einsiedelei zu erbancn. Beide schienen nichts so sehr befurchtet zu haben, wie eine Entdeckung ihres Verkehres. „Der Boden bestand nach jeder Richtung hin in einer offenen Ebene; indes; eine kleine unterirdische Höhle, wahrscheinlich ein früheres Grab, welche sie in ihren Nachsuchnngen an dem großen Granitpfeiler entdeckt hatten, diente Ratcliffe als Versteck, wenn Jemand seinem Herrn nahte. Wie ich glaube, meine Thenre, werdet Ihr der Meinung sein, daß diese Heimlichkeit einen starken Beweggrund haben mußte. Auch ist es auffallend, daß mein unglücklicher Freund, von welchem ich glaubte, daß er unter den Mönchen des Ordens la Trappe sein Leben führe, mehrere Monate lang sich in dieser sonderbaren Verkleidung, fünf Meilen von meinem Hanse entfernt, befand und regelmäßige Kunde über mein geheimstes Verfahren durch Ratcliffe, oder Westburnflat, oder Andere erhielt, zu deren Bestechung er die Mittel besaß. Er macht cs mir zum Verbrechen, daß ich Eure Ehe mit Sir Frederik abzuschließen mich bemühte. Ich handelte in den besten Absichten; wenn aber Sir Edward Manley anderer Meinung war, so hätte er männlich vortrcten und seine Absicht anssprechen müssen, daß er an den Bestimmungen Theil nehmen und denjenigen Einfluß geltend machen wolle, zu welchem er hinsichtlich Eurer, als der Erbin seines großen Eigenthums, berechtigt ist. „Obgleich Euer leidenschaftlicher und überspannter Verwandter allerdings sehr spät seine Absicht erklärt hat, so bin ich dennoch sogar jetzt noch weit davon entfernt, gegen seine 217 Wünsche mein väterliches Ansehen geltend zu machen, mag auch die Person, die er zu Eurem zukünftigen Gemahl bestimmt, der junge Earnscliff sein) gerade bei diesem hätte ich am wenigsten geglaubt, das; dessen Person in Betracht eines gewissen unheilvollen Ereignisses ihm annehmlich sein würde. Ich gebe jedoch meine freie und herzliche Einwilligung, vorausgesetzt, daß die Bestimmungen des Ehecontraktes in einer so unwiderruflichen Form entworfen werden, daß mein Kind gegen den Zustand der Abhängigkeit und der plötzlichen, sowie grundlosen Widerrnfbarkeit der zugestandenen Einkünfte gesichert ist, worüber ich soviel Ursache zur Klage habe. Von Sir Frederik Langley werdet Ihr, wie ich vermuthe, nichts mehr vernehmen; cs ist nicht wahrscheinlich, daß er sich um die Hand eines Mädchens ohne Mitgift bewirbt. Indem ich nun, meine theure Isabelle, Euch einer weisen Vorsehung und Eurer eigenen Klugheit anvertraue, bitte ick Euch, daß Ihr ohne Zeitverlust diejenigen Vortheile Euch sichert, die mir die Launenhaftigkeit Eures Verwandten entzog, um Euch damit zu überschütten. „Herr Ratcliffe erwähnte Sir Edwards Absicht, mir eine beträchtliche Summe als jährliches Einkommen während meines Aufenthaltes im Auslande zu übertragen; allein mein Herz ist zu stolz, um dieses von ihm anzunehmen. Meine Erwiderung lautete, ich besäße eine theure Tochter, welche niemals dulden würde, daß ich mich in Armuth befinde, während sie selbst in Ueberfluß lebt. Ich hielt es für angemessen, ihm dieses in klaren Worten zu sagen, damit eine Erhöhung des Euch übertragenen Einkommens darauf berechnet sein kann, diese nothwendige und für Euch natürliche Ausgabe zu decken. Das Schloß und das Gut Ellieslaw werde ich Euch als Eigenthum verschreiben, um meine väterliche Liebe und 218 den uneigennützigen Eifer für die Beförderung Eures Wohles zu erweisen. Die jährlichen Zinsen der auf dem Gute haftenden Schulden übersteigen um Etwas dessen Einkommen, sogar wenn eine ziemlich hohe Pacht für das Hans und die Ländereien bezahlt wird. Da jedoch alle Schulden Herrn Natcliffe, als dem Verwalter Eures Verwandten, verschrieben sind, so wird dieser kein lästiger Gläubiger sein. Hier muß ich Euch noch darauf aufmerksam machen, das; ich Herrn Rat- cliffe, obgleich ich mich persönlich über ihn zu beklagen habe, dennoch für einen gerechten und aufrichtigen Mann halte, mit welchem Ihr über Eure Angelegenheiten mit Sicherheit verkehren könnt, abgesehen von dem Umstande, daß Ihr Euren Verwandten Euch am sichersten geneigt erhaltet, wenn Ihr mit Herrn Natcliffe auf gutem Fuße steht. Empfehlt mich dem Vetter Marchie, ich hoffe, er wird wegen der kürzlichen Angelegenheit keine Verdrießlichkeiten haben; ich werde ihm von dem Festlande ans einen Brief schreiben. Mittlerweile bleibe ich Euer liebender Vater Richard Vere." Der erwähnte Brief beleuchtet weiterhin den früheren Theil unserer Geschichte. Es war Hobbie's Meinung, und die meisten unserer Leser werden vielleicht dieselbe theilen, daß der Klausner von Mucklestane-Moor gleichsam nur einen dämmernden Verstand habe, daß er weder klare Ansichten habe über dasjenige, was er wolle, noch auch seine Zwecke mit den klarsten und einfachsten Mitteln erreichen könne; Hobbie meinte, wolle man den Leitfaden seines Verfahrens suchen, so sei das, als wenn man sich nach einem geraden Pfade auf einer Haide umsehe, auf welcher sich hundert krumme Fußwege, aber nicht eine Straße in bestimmter Linie befinde. Als Isabelle den Brief gelesen hatte, erkundigte sie sich sogleich nach ihrem Vater. Man sagte ihr, er habe das Schloß 219 früh am Morgen nach einer langen Unterredung mit Herrn Ratcliffe verlassen und sei schon ans dem Wege nach dem nächsten Hafen, wo er sich nach dem Festlande einschiffen wolle. „Wo ist Sir Edward Mauley?" Niemand hatte den Zwerg seit dem verhängnißvollen Auftritt am vergangenen Abend gesehen. „Bei Gott, wenn dem armen Elshie etwas zngestvßen ist, so möchte ich lieber wiederum ansgeplündert werden," sagte Hobbie. Er ritt sogleich zur Wohnung des Zwerges; die noch übrige Ziege kam ihm blökend entgegen, denn die Zeit, sic zu melken, war längst vorüber. Der Einsiedler war nirgends zu sehen; seiner Gewohnheit entgegen stand die Thür seiner Hütte offen, sein Feuer war erloschen, und die ganze Einsiedelei befand sich in dem Zustande, den sie bei Jsabellens Besuche zeigte. Es war offenbar, das; dieselben Transportmittel, welche den Zwerg nach Ellieslaw am vergangenen Abend brachten, ihn jetzt nach einer andern Wohnung entfernt hatten. „Ich glaube, wir haben den weisen Elshie auf immer verloren." „So ist es, " sagte Ratcliffe, indem er Hobbie ein Papier übergab; leset dieß! Ihr werdet sehen, daß Ihr durch Eure Bekanntschaft nichts verloren habt." Es war eine Schenkungsurkunde, durch welche Sir Edward Mauley, sonst genannt Elshender, der Klausner, Halbert oder Hobbie Elliot und Grace Armstrong in das Eigenthum einer- beträchtlichen Summe cinsetzte, die Elliot von ihm geborgt hatte. Hobbie's Freude mischte sich mit Gefühlen, welche Thränen über seine rauhen Wangen rollen ließen. „Es ist doch sonderbar," sagte er, „daß ich mich an dem Gute nicht freuen kann, wenn ich nicht weiß, daß der arme Mann glücklich ist, der es mir gab." „Das Bewußtsein, Andere glücklich gemacht zu haben," 220 erwiderte Ratcliffe, „kommt dem eigenen Glücke am nächsten. Wie verschieden wäre der Erfolg aller Wohlthaten meines Herrn gewesen, hätte er dieselben sämmtlich ebenso wie die gegenwärtigen übertragen; aber die Verschwendung derselben ohne richtiges Urtheil, eine solche, welche die Habsucht überhäuft, oder der Genußsucht die Mittel zu ihrer Befriedigung darbietct, hat niemals gute Folgen und wird niemals mit Dank belohnt. Durch sie säet man den Wind, um Sturm zu ernten." „Das wäre eine schlechte Ernte," meinte Hobbie, „abev mit meiner jungen Dame Erlaubniß möchte ich gerne Elshie's Bienenstöcke mit mir nehmen, und sie in Grace's Blumengarten aufstellen; sie sollen niemals durch einen von uns einge- ränchert werden. Und die arme Ziege würde vernachlässigt werden, wenn sie dabliebe; sie hat ans der Lilienflur an unserer Scheune ein gutes Futter, und die Hunde werden sie in einem Tage kennen und nicht mehr heben, und Grace wird sie jeden Morgen mit eigener Hand melken um Elshie's willen, denn obgleich er sauertöpfisch und mürrisch in seinem Gespräch mar, so sah er gerne stumme Geschöpfe." Hvbbie's Gesuche wurden bereitwillig und nicht ohne Erstaunen über die natürliche Zartheit des Gefühles gewährt, welches ihm dies; Verfahren zur Aenßernng der Dankbarkeit eiugab. Er freute sich, als Ratcliffe ihn benachrichtigte, daß sein Wohlthäter die Sorgfalt erfahren werde, die er auf dessen Günstlinge verwandte. „Und sagt ihm auch, daß meine Großmutter und Schwestern, und vor Allem Grace und ich, wohl auf sind, und daß wir gedeihen, und daß Alles dies; Gute von ihm stammt. Dieß wird ihm doch gefallen, sollte ick meinen." Auch lebte Elliot und seine Familie in Heugh-foot so 221 glücklich, wie seine Ehrlichkeit, seine Zärtlichkeit und sein Muth es verdienten. Alles Hindernis; zwischen Isabelle und Earnscliffe war jetzt entfernt, und die Einkünfte, welche Ratcliffe von Seiten Sir Edward Manley's ihm übertrug, hätte sogar die Habsucht von Ellieslaw befriedigen können. Miß Vere und Ratcliffe hiel- ren cs jedoch für unnöthig, gegen Earnscliffe zu erwähnen, daß ein Hauptbeweggrund des Sir Edward bei der Erthei- lung seiner Wohlthaten in der Absicht bestand, eine frühere That zu sühnen, weil er vor vielen Jahren das Blut seines Vaters in einem heftigen Streit vergossen hatte. Wenn es wahr ist, daß der äußerste Mcnschenhaß des Zwerges, wie Ratcliffe behauptete, bei dem Bewußtsein etwas nachließ, so viele Menschen glücklich gemacht zu haben, so mogte wahrscheinlich die Erinnerung an diesen Umstand einer seiner hauptsächlichsten Beweggründe sein, wcßhalb er sich hartnäckig weigerte, den Zustand der Zufriedenheit, welchen er geschaffen hatte, mit eigenen Angen zu schauen. Mareschal jagte, dnellirte sich und trank Rothwein; dann hatte er zu Hause lange Weile, ging in's Ausland, diente in drei Feldzügen, kam wieder nach Hause und heirathete Lucy Jlderton. Jahre flohen über den Häuptern Earnscliffe's und seiner Frau, und fanden sie zufrieden und glücklich. Der intrigui- rende Ehrgeiz von Sir Frederik Langley verwickelte ihn in den unglücklichen Aufstand von 1715; er fiel bei Preston mit dem Grafen von Derwentwater und Anderen in Gefangenschaft. Seine Verthcidigung vor Gericht und die Rede, die er bei seiner Hinrichtung ans dem Schaffote hielt, kann man in den Staatsprozeffen vorfinden. Herr Vere, welcher ein großes Einkommen von seiner Tochter erhielt, lebte im Aus- 222 lande; er ließ sich in den Schwindel von Laws Bank während der Regentschaft des Herzogs von Orleans ein, nnd wurde einige Zeit lang für unermeßlich reich gehalten. Als aber jene berüchtigte Seifenblase zersprang, wurde er so zornig darüber, daß er sich wieder mit einem mäßigen Einkommen begnügen mußte (obgleich er Tausende seiner Unglücksgefährten hungern sah), daß sein Grimm einen Schlagfluß hervorrief, an welchem er starb, nachdem er einige Wochen lang an den Wirkungen desselben gekränkelt hatte. Willie von Westburnflat floh vor dem Grimme Hvbbie Elliots, eben so wie vornehmere Leute vor der Verfolgung der Gerichte geflohen waren. Sein Patriotismus drängte ihn znm Entschlüsse, seinem Vaterlande im Kriege zn dienen, während sein Widerwille, den Boden des Vaterlandes zn verlassen, ihn anrcizte, auf der geliebten Insel zn bleiben, und Geldbörsen, Uhren und Ringe auf den Landstraßen einznsam- meln. Zn seinem Glück behielt der erste Antrieb die Oberhand, nnd er schloß sich dem Heere unter Malborongh an; er erhielt dort eine Lientcnantsstelle, zn welcher er durch seine Verdienste in Herbeischaffnng von Rindvieh zur Verprvvian- tirung der Armee sich empfahl; nach vielen Jahren kehrte er nach Haus mit einigem Gelde (wie er dazu kam, weiß der Himmel), ließ den alten Thurm von Westburnflast niederreißen, und an dessen Stelle ein hohes, enges Haus von drei Stockwerken mit einem Kamin an jedem Ende bauen, trank Branntwein mit den Nachbarn, die er in jüngeren Tagen geplündert hatte, starb endlich eines natürlichen Todes, und ist auf seinem noch vorhandenen Grabsteine in Kirkwhistle als ein Mann erwähnt worden, der alle Eigenschaften eines braven Soldaten, eines verständigen Nachbarn und aufrichtigen Christen in sich vereinigte. 223 Herr Ratcliffe lebte gewöhnlich bei der Familie von Ellies- law, entfernte sich aber regelmäßig in jedem Frühjahr und Sommer ungefähr auf die Zeit eines Monats. Ueber die Richtung und den Zweck dieser periodischen Reise behauptete er ein standhaftes Schweigen; man wußte aber wohl, daß er alsdann seinen unglücklichen Beschützer aufsuchte. Zuletzt verkündete sein ernster Ausdruck und seine Trauerkleidung bei der Heimkehr von einer dieser Reisen der Ellieslaw-Familie den Tod ihres Wohlthäters. Sir Edwards Tod vermehrte nicht ihr Vermögen, denn derselbe hatte schon während seines Lebens sich seines Eigenthnms zu ihren Gunsten entäußert. Ratcliffe, sein einziger Vertranter, starb in hohem Alter, ohne aber jemals den Ort, wohin sich sein Herr zuletzt zurückgezogen hatte, oder seine Todesart, oder auch nur seinen Bcgräb- nißort zu nennen. Man vermuthete, daß sein Beschützer ihm die strengste Heimlichkeit bei allen diesen Einzelnheiten vorgeschrieben hatte. Das plötzliche Verschwinden Elshie's aus seiner außerordentlichen Einsiedelei bestärkte die Gerüchte, welche unter der Volksmaffe über ihn verbreitet waren. Viele glaubten, sein Leib sei von dem Gottseibeiuns fortgeführt worden, als er nach seiner Einsiedelei zurückkehrte, weil er seinem Kontrakt entgegen, ein geheiligtes Gebäude betreten hatte; die Meisten aber waren der Meinung, er sei nur auf einige Zeit verschwunden, und man sehe ihn von Zeit zu Zeit in den Bergen. Da man nun, wie es gewöhnlich zu geschehen pflegt, eine lebhaftere Erinnerung an seine wilden und verzweifelten Reden wie an die wohlwollende Richtung seiner Handlungen bewahrte, so wird er gewöhnlich als ein Wesen mit dem boshaften Geiste betrachtet, welchen man den Mann der Moore nennt, und dessen böse Thatcn von der Frau Elliot ihren En- 22-L kelkindern erzählt wurden. Somit wird er gewöhnlich dargestellt, als behexe er die Heerden und verursache, daß dir Mutterschafe zu frühzeitig ihre Lämmer werfen, oder als ob er Schneemaffcn löse, um ihr Gewicht auf solche Schafe zu stürzen, welche während eines Sturmes am Rande eines Stromes oder in einem tiefen Thale Schuh suchen. Kurz, für- alle Nebel, welche die Einwohner dieses Viehzucht treibenden Landes am meisten scheuen, wird als Ursache angegeben der schwarze Zwerg. Druck der C. HoffmaNN'schen Officin in Stuttgart.