Walter Seott's fämmtliche Werke, neu übersetzt von vl. Herrmann, Fr. Richter, Fr. Funck, Gelckers, Di. E. SuscmihI, vr. Carl Äudrä, W. Saucrwein und Ändern. Zweite vermehrte Auflage. Achtzehnter Band. Anna von Geierstein. Mit 1 Stahlstich. Stuttgart. H o ffm a II n'sche V >: rlags - B n ch han - lung. 185t. INR MM "F^>L AnnaOtitrstcin, oder: Die Tochter des Nebels. Ein Roman von Walter Scott. -^S 88 u- Neu übersetzt von Ernst Elfenhans. Was! Soll Lancasters aufwärts strebend Blut Zu Grunde geh'n? Shakespeare. Mit Stahlstich. Stuttgart. Hoffman n'sch- Verlags - Buchhandlnng. 1851. Er st es Kapitel. Die Nebel wallen um die Gletscher auf die Wolken, Erhebe» schnell sich unter mir in Wetten, weiß Und schwefelig, wie Schaum aus dem erregten Meer. — — — Mir schwindelt. Manfred. Vier Jahrhunderte sind fast verflossen, seitdem die Ereignisse, welche in den folgenden Kapiteln erzählt werden, auf dem festen Lande statt gefunden habe». Die Urkunden, welche die Umrisse zu der Erzählung enthielten und auf welche man als auf Beweise für die Wahrheit derselben sich beziehen konnte, wurden lange in der prächtigen Bibliothek deS Klosters zu St. Gallen aufbewahrt, gingen aber mit vielen der literarischen Schätze dieser Anstalt zu Gvnnde, als Las Kloster von den französische» Revolutionsarmeen geplündert wurde. Die Begebenheiten werden durch geschichtliche Zeitangaben in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderls gesetzt, jene wichtige Periode in welcher das Ritterlhum noch seine untergehcnden Strahlen warf. Bald darnach gerietk es in völlige Dunkelheit, in einigen Gegenden durch die Einführung freier Gesetze, in andern Anna v. Geierstein i. 1 2 durch die Befestigung der willkührlichen Gewalt. Diese beiden machten gleich sehr die Vermittelung von Leuten unnütz, die nach einer von ihnen selbst ausgegangenen Bestallung das Unrecht ausglichcn und deren einziger Anspruch auf Berechtigung dazu in ihrem Schwerte lag. Durch das allgemeine Licht, welches neuerlich Europa beschienen. waren Frankreich, Burgund und Italien, besonders aber Oesterreich mit dem Charakter eines Volkes vertraut geworden, von dessen Dasein sie vorher kaum etwas gewußt hatten. Zwar war es den Bewohnern der Länder, welche in der Nabe der Alpen, dieses Ungeheuern Bollwerks, liegen, nicht unbekannt geblieben, Laß die abgeschlossenen Thäler, die sich durch die riesenmäßigen Gebirge hinwanden, trotz ihres rauhen und wüsten Aussebens ein Jäger- und Hirtengeschlecht näbrken, Männer, die in einem Zustand ursprünglicher Einfachheit lebten, dem Boden mit harter Arbeit ihren Unterhalt abzwangen, die Jagd über die wildesten Abgründe und durch die dichtesten Fichtenwälder verfolgten oder ihr Vieh an Stellen trieben, die ihm eine kärgliche Weide gewährten, selbst in die Nähe des ewigen Schnees. Aber das Vorhandensein eines solchen Volks oder vielmehr einer Anzahl kleiner Gemeinschaften, welche nakezu dieselbe armselige und harte Lebensweise führten, war den reichen und mächtigen Fürsten in der Nachbarschaft eben' so unwichtig erschienen, als es den stattlichen Heerden, welche auf fruchtbarem Wiesengrund weiden, gleichgültig ist, daß ein paar halb verhungerte Ziegen ihr spärliches Futter zwischen den Felsen finden, welche ihr eigenes reiches Gebiet überragen. Aber die Verwunderung und Aufmerksamkeit begann sich auf diese Bergbewohner zu lenken, als um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts sich die Nachricht von ernsthaften Streitigkeiten verbreitete, in welchen die deutsche Ritterschaft bei ihre», Bestreben, Aufstände unter ihren Lehensleuten in den Alpen zu unterdrücken, wiederholte und blutige Niederlagen erlitten batte, obgleich Ueberzahl und Mannszucht auf ihrer Seite war und die beste kriegerische Ausiüstung, die man damals kannte. Man wunderte sich sehr, daß die Reiterei, welche den einzig wirksamen Theil der Feudalheere in diesen Zeiten ausmachte, von Fußvolk geschlagen worden sein sollte, daß ganz in Stahl gehüllte Krieger von bloßen Bauern überwältigt wurden, die keine schützende Rüstung trugen und unordentlich mit Piken, Hellebarden und Knütteln für den Angriff versehe» waren; es e; schien vor Allem als eine Art von Wunder, daß Ritter und Edle von der höchsten Geburt durch Bergbewohner und Hirten besiegt wurden. Aber die wiederholten Siege der Schweizer bei Laupen, Sempach und bei anderen weniger merkwürdigen Gelegenheiten zeigten deutlich, daß neue Grundlagen der bürgerlichen Einrichtung sowohl als des kriegerischen Verfahrens in den Sturmregionen Helveticas entstanden waren. Obgleich jedoch durch die entscheidenden Siege, welche den Schweizer Kantonen ihre Freiheit verschafft und durch den entschlossenen und weisen Geist, mit dem sich die Mitglieder der kleinen Verbindung gegen die äußersten Anstrengungen Oesterreichs behauptet hatten, der Ruhm derselben sich rings durch alle benachbarten Länder verbreitete und obgleich sie selbst sich der Würde und wirklichen Macht bewußt waren, welche wiederholte Siege ihnen und ihrem Lande erworben, bewahrten die Schweizer doch bis zur Mitte des fünfzehnte» Jahrhunderts und noch länger großenthcils die Weisheit, Mäßigkeit und Einfalt ihrer alten Sitten. Die, welche mit dem Befehl über die Truppen der Republik in der Schlacht 1 * 4 betraut waren, ergriffen gewöhnlich wieder den Hirtenstab, wenn ste den des Heerführers niedergelegt hatten und kehrten gleich den römischen Diktatoren zu völliger Gleichbeit mit ihren Mitbürgern von der Höhe der militärische» Gewalt zurück, auf welche ste ihre Talente und der Ruf ihres Landes erhoben hatten. Unsere Erzählung eröffnet stch in den Wald, kanlonen der Schweiz, im Herbst 1477, und während diese Gegenden stch noch m dem rohen und einfachen Zustande befanden, de» wir beschrieben. Zwei Reifende, der eine weit über die Blüthe des Lebens hinaus, der andere etwa zwei oder drei und zwanzig Jahre alt, hatten in der kleinen Ltadt Luzern übernachtet, die der Hanptort des gleichnamigen Schweizerstaats ist und in schöner Gegend am Vierwaldstädter See liegt. Ihre Kleidung und ihr Stand schienen die von Kausteuten aus den höheren Klaffen i und während ste selber zu Fuß ginge», weil die Gegend diese Art zu reisen zur bei weitem leichtesten machte, fo.gte ionen ein junger Bauernburfche von der italienischen Seite der Alpen mit einem Maulthier, das augenscheinlich mit der Männer Waaren und Gepäck belastet war und auf das er stch bisweilen setzte, das er aber noch häufiger am Zügel führte. Die Reisenden waren ungewöhnlich fein aussehende Leute und schienen durch sehr nahe Verwandtschaft verbunden. Wahrscheinlich war es Vater und Sohnz denn an dem kleinen Wirthshaus, wo ste vergangenen Abend eingekehrt, war die große Ehrerbietung und Achtung, welche der Jüngere dem Netteren erwies, den Eingeborenen nicht entgangen. Diese waren wie andere abgesondert lebende Wesen um so neugie- 5 riger, je beschränktere Mittel sie besaßen, etwas zu erfahren. Sie bemerkten auch, daß die Kanfleuie unter dem Vorleben von Eile es ablehnten, ihre Ballen zu öffnen oder mit den Luzernern in einen Handel sich einzulaffen, und als Entschuldigung dafür anführten, sie hätten keine für den Markt passende Gegenstände. Die Frauenzimmer in der Stadt waren am meisten beleidigt durch die Zurückbalkung der reisenden Kausteute, weil solche zu verstehen gaben, die Maaren, mit denen sie handelten, seien zu kostbar, um bei den helvetischen Bergbewohnern Abnehmer zu finden. Es hatte durch ihren Diener verlautet, die Fremden haben Venedig besucht und dort viele Aufkäufe von reichen Gegenständen gemacht, welche aus Indien und Aegypten nach diesem berühmten Handelsplatz, dem gewöhnlichen Markt des Abendlandes gebracht und von da in alle Gegenden Europas verbreitet wurden Nun hatten die Schweizermädchen kürzlich die Entdeckung gemacht, Laß Putzsachen und Edelsteine lieblich anznscbauen seien und wenn sie anch keine Hoffnung hatten, solchen Schmuck selbst sich verschaffen zu können, so fühlten sie dock, das natürliche Verlangen, die reichen Vorräthe der Kausteute zu besehen und zu betasten und einiges Mißvergnügen darüber, daß sie daran verhindert waren. Man nahm auch wahr, daß die Reisenden, obgleich artig genug in ihrem Betragen, doch nickt die eifrige Bemühung zu gefallen zeigten, welche die reisenden Hausirer und die Kaufleute aus der Lombardei oder Savoyen an den Tag legten, von denen die Bewohner der Gebirge dann und wann besucht wurden und die in den letzten Jahren häufigere Rund- gänge machten, seitdem die Siegesbeute dem Schweizer einigen Reickkhum verschafft und manchen von ibnen neue Bedürfnisse kennen gelehrt hatte. Diese herumzichenden Händler 6 waren böslich und zuvorkommend, wie es ihr Gewerbe erforderte, aber die neuen Besucher schienen gleichgültig gegen den Handel oder wenigstens gegen so kärgliche» Gewinn, als im Schweizerlande gemacht werden konnte. Die Neugier wurde ferner durch den Umstand erregt, daß die Letzteren in einer Sprache mit einander redeten, die sicher weder deutsch, noch italienisch oder französisch war. In Bezug aut diese stellte jedoch ein alter Mann, der in der Herberge diente und einmal in Paris gewesen war, die Vermuthung ans, es möchten das Engländer sein, von denen man in diese» Bergen bloß wußte, sie seien ein wildes Jnselvvlk, das mit den Franzosen lange Zeit Krieg geführt habe. Vor langen Jahren sei eine bedeutende Anzahl derselben in die Waldkantone eingebrochen und habe im Nußwyler Thale eine Niederlage erlitten. Dessen erinnerten sich die grauhaarigen Männer von Luzern, denen die Erzählung davon durch ihre Väter überliefert worden war. Der Bursche, welcher die Fremden begleitete, war. wie man sich bald vergewisserte, ein Jüngling aus dem Bündtner- land und machte ihren Führer, so weit es seine Gebirgskennt- niß zuließ. Er sagte, sie haben im Sinne, nach Basel zu gehen, es scheine aber, sie wünschen auf abgelegenen und we- nig besuchten Straßen zu reisen. Die eben erwähnten Umstände verstärkten den allgemeinen Wunsch, mehr von den Reisenden und ihrer Waare zu erfahren. Indessen wurde nicht ein einziger Ballen ausgemacht, die Reisenden verließen Luzern am nächsten Morgen, nahmen ihre mühsame Reise wieder ans und zogen durch die friedlichen Kantone der Schweiz auf Umwegen und schlechten Straßen, um den E.Pressungen und Gewaltthätigkeiten der deutschen Raubritter zu entgehen, welche, wie manche Fürsten, nach eigenem Gelüste Krieg 7 führten und mit cillem Uebenmith kleiner Tyrannen Zölle und Abgaben von jedem erhoben, der auf eine Meile weit ihr Gebiet durchzog. Mehre Stunden nach ihrem Aufbruch aus Luzern wandelten unsere Reisenden sonder Unfall weiter. Die Straße, wenn gleich abschüssig und schwer zu begehen, ward anziehend durch die herrlicken Naturerscheinungen, welche kein Land in so staunenswürdiger Weise darbietet, als die Schweizer Gebirge. Da mischt sich die Felsschlucht, das grüne Thal, der breite See und der rauschende Gießbach, die anderen Hohen so gut, als diesen zukvmmen, mit den prächtigen und furchtbaren Schrecknissen der Gletscher, die der Schweiz eigenthüm- lich sind. Es war damals keine Zeit, in welcher die Schönheit oder Großartigkeit einer Landschaft viel Eindruck auf die Gemülher derjenigen machte, die das Land durchreisten oder bewohnten. Den letzteren waren diese Gegenstände, obgleich sie gewürdigt wurden, vertraut und mit den täglichen Gewohnheiten und Mühsalen vergesellschaftet, und die ersteren sahen vielleicht mehr Furchtbares als Schönes in der wilden Gegend, durch welche sie zogen; sie waren eher besorgt, wohlbehalten in ihre Nachtquartiere zu kommen, als Betrachtungen über die erhabenen Naturscenen anzustellen, die zwischen ihnen und ihrem Rastorte lagen. Dennoch konnten sich unsere Kaufleute bei Fortsetzung ihrer Reise nicht dem mächtigen Eindruck des eigenkhümlichen Naturgemäldes um sie her entziehen. Ihre Straße lag zur Seite des Sees hin; bald war sie eben und hart am Ufer des letzteren, bald stieg sie am Berg zu beträchtlicher Höhe und wand sich am Rande von Abgründen hin, die so sct'roff und steil ins Wasser sich hinabsenkten, als die Mauer eines Schlosses in den Graben hinabsteigt, der sie 8 vertheidigt. Ein andermal zog sie durch Strecken von milderem Charakter, über reizende, grüne Anhöhen und durch tiefe, heimliche Tbäler mit Weideplätzen und Ackerland. Die e wurden manchmal durch kleine Waldbäche bewässert, die sich an Dörfchen mit hölzernen Hulken, ihrem wunderlich aussehenden Kirchlein »nd Tkurme vvrüberwanden und sin uni Obstgärten und Rebenhügel schlängelten, bis sie unter sanftem Murmeln und in ruhigem DahinflieScn ihren Weg in den See fanden. „Arthur," sagte der ältere Reifende, als beide wie auf Verabredung still standen, um eine Landschaft, wie die eben beichriebene, zu betrachten, „dieser Bach gleicht dem Leben eines guten und glücklichen Menschen." „Und der Waldstrom, der sich jählings jenen fernen Berg herunterstürzt und seinen Lauf mit einem Streifen weiß n Schaumes bezeichnet," antwortete Arthur, „wem gleicht der?" „Dem Leben eines wackeru und unglücklichen Mannes," erwiederte sein Vater. „Den Strom für mich!" sagte Arthur, „meinen kühnen Lauf, den keine menschliche Gewalt anfzuhallen vermag — und dann laßt ihn so kurz als ruhmvoll sein!" „So denkt ein junger Mensch," versetzte der Vater, „aber ich weiß wohl, dieser Gedanke ist so in deinem Gemükh festgewurzelt, daß nichts als die harte Hand des Unglücks ihn heransreißen kann." „Die Wurzel windet aber doch sich nm des Herzens Fasern noch," sagte der junge Mann, „und ich meine, des Unglücks Hand hat einen hübschen Griff luneingethan." „Du sprichst, mein Sohn, von Sachen, die du nicht recht verstehst." sagte der Vater. „Wisse, die Menschen unterscheiden, ehe die Milte des Lebens vorüber ist, kaum das ächte Glück vom Unglück, oder vielmehr, sie streben nach dem, als 9 nach einer Gnnst des Schicksals, was sie mit mehr Recht als Zeichen seines Mißfallens betrachten würden. Sieh jenen Berg an, der auf seinem borstigen Scheitel ein Diadem von Wolken trägt, die sich bald heben, balv senken. D>e Sonne bescheint sie, ist aber nickt im Stande, sie zu zerstreuen; ein Kind würde sie für eine Strahlenkrone ballen; ein Mann weiß, daß dies das Zeichen eines Sturmes ist." Arthur folgte den Augen seines Vaters auf die dunkle und düstere Hohe des PilatuSberges. „Ist der Nebel auf jenem wilden Berge von so böser Vorbedeutung?" fragte der junge Mann. „Frage den Antonio!" war des Vaters Antwort, „er wird dir davon erzählen." Der junge Kaufmann wandte sich an den Schwcizerbuben, der ihren Diener vorstellte, und verlangte von ihm den Namen der finsteren Höhe zu wissen, welche in dieser Gegend der Leviathan der ungeheuren Gebirgsmassen zu sein schenit, die sich um Luzern zusammenziehen Der Bursche bekreuzte sich andächtig, als er die Vvlkssage erzählte, daß der gottlose Statthalter von Judäa, Pontius Pilatus, hier das Ende seines sündhaften Lebens gefunden; er habe sich nämlich, nachdem er Jahre lang in den Schluchten des Berges gelebt, der seinen Namen trägt, zuletzt mehr aus Reue und Verzweiflung, als aus Buße, in den schrecklichen See gestürzt, der den Gipfel des Gebirges einnimmt. Ob das Wasser sich weigerte, das Gesckäft des Henkers an einem solchen Verworfenen zu verrichten, oder ob, nachdem der Körper ertrunken, sein gequälter Geist fortfakre, an der Stelle, wo er den Selbstmord verübt, umzugchen, maßte sich Antonio nicht an zu entscheiden. Aber man erblickte, wie er sagte, oft eine Gestalt, die sich aus dem trüben Wasser er- 10 hob und Bewegungen machte, wie einer, der sich die Hände wäscht. Wenn die Gestalt solches thue, so sammeln sich düstere Nebelmaffe» zuerst um den Höllenteich (wie er von Alters her heißt), hüllen sodann den ganzen oberen Theil des Berges in Dunkelheit und verkündigen einen Sturm, der auch sicher kurze Zeit danach eintrete. Er sügte hinzu, der böse Geist sei besonders erbittert über die Verwegenheit solcher Fremden, welche den Berg besteigen, um den Ort seiner Bestrafung zu betrachten, und daher habe die Obrigkeit in Luzern Jedermann unter schweren Strafen verboten, sich dem Pilatusberge zu nähern. Als Antonio das Mährchen geendigt, bekreuzte er sich nochmals und seine Zuhörer ahmte ihn in dieser frommen Handlung nach. Sie waren zu gute Katholiken, um einem Zweifel an der Wahrheit der Erzählung Raum zu geben." „Was für ein finsteres Gesicht der verfluchte Heide auf uns macht!" rief der jüngere von den Kaufleuten, als die Wolke dunkler wurde und auf dem Gipfel des Pilatus fest zu sitzen schien. „Viläo retro! Hebe dich weg! Trotz sei dir geboten, Sünder!" Ein aufsteigender Wind, den man mehr hörte als fühlte, schien gleich einem sterbenden Löwen herunterzustöhnen, daß der leidende Geist die rasche Herausforderung des jungen Engländers angenommen habe. Man sah, wie der Berg an seinen rauhen Seilen dicke Bündel schweren Nebels herabsandte. Die rollten dann durch die verworrenen Schluchten, in welche sich der gräßlicke Berg spaltete, und glichen Strömen herabstürzender Lava, die aus einem Vulkan hervorquellen. Die scharfen Ueberhänge am Rande der Klüfte zeigten ihre zerrissenen und rauhen Ecken über dem Dunst, wie wenn sie die herabfallenden und zwischen ihnen hinwogenden Nebelströme von einander trennten. Als schneidendes Wider- spiel zu dieser finstern und bedrohlichen Scene erglänzte di« entferntere Bergreihe deS Rigi in aller Farbenpracht der herbstlichen Sonne. " Wakrend die Reisenden diese» auffallenden und wechselnden Gegensatz beobachteten, der einen herannahenden Kampf zwischen den Mächten des Lichts und der Finstcrniß zu verkünden schien, ermahnte sie ihr Führer in seinem aus Italienisch und Deutsch gemischten Kauderwelsch zur Eile im Weiterschreiten. Das Dorf, in welches er fie zu führen vvrhatte, war, wie er sagte, noch entfernt, der Weg schlecht und schwer zu finden, und wenn der Böse (hier blickte er auf den Pilatus und bekreuzte sich) seine Finsterniß auf das Thal herabsenden würde, so müßte der Pfad unsicher und gefährlich werden. Bei dieser Aufforderung zogen die Reisenden die Mäntel weiter herauf, drückte» die Mützen entschlossen in's Gesicht, festigten die Schnallen an den beiden Gürteln, die ibre Mäntel zusammenhielten, und setzten, jeder mit einem Bergstock in der Hand, der mit einer Eisenspitze beschlagen war, ihre Wanderung mit ungeschwächter Kraft und furchtlosem Gcmütbe fort. Mit jedem Schritt schienen die Scene» um sie her zu wechseln. Jeder Berg veränderte sein Aussehen, als ob seine feste und unwandelbare Gestalt beweglich und dem Wechsel unterworfen wäre; jeder glich einer schattenhaften Erscheinung, wenn die Stellung der Fremden zu ihm mit ihrem Weiterschreiten sich änderte und wenn der langsam, aber ohne Unterbrechung herabfallende Nebel seinen Einfluß auf den rauhen Anblick der Thäler und Hohen äußerte, die er in seinen Dunst- mantel hüllte. Dadurch, daß sie nie gerade, sondern nur nach den Windungen eines schmalen Pfades längs der Krümmungen des Thals vorwärts gehen konnten und manchen Umweg 12 um Abgründe und andere unüberwindliche Hindernisse machen mußten, vermebrte sich noch die wilde Mannichfaltigkeit des Wegs- So verloren die Reisenden zuletzt völlig jede, auch die unbestimmteste Vorstellung, die sie vorher in Bezug auf die Richtung der Straße unterhalten hatten, „Ich wollte," sagte der Aeltere, „wir hätten die geheim- nißvolle Nadel, von welcher die Seeleute spreche», welche immer uacb Norden zeigt und sie in de» Stand setzt, ihren Weg auf dem Wasser selbst dann zu finden, wenn weder Vorgebirge noch Landzunge, weder Sonne, Mond und Sterne noch ein Zeichen am Himmel oder auf Erden ihnen sagt, wie sie steuern müssen " „Dies würde uns in diesen Bergen kaum etwas nützen," antwortete der Jüngere, „denn obgleich diese Nadel ihre Spitze immer gegen den nördlichen Polarstern wenden mag, wenn sie sich auf einer platten Fläche, wie das Meer, befindet, so läßt sich doch nicht denken, sie werde das auch thuu, wenn sich solche gewaltige Gebirge, wie Mauern zwischen dem Stahl und dem Gegenstand erheben, nach welchem sie hinstrebt." „Ich fürchte," fnhr der Vater fort, „wir werden unfern Führer, der mit jeder Stunde dummer geworden ist, seit er sein eigenes Thal verließ, so nutzlos finden, als du vermu- thest, daß der Cvmpaß zwischen den Höhen dieses wilden Landes sein würde. Kannst du sagen, mein Junge," fügte er hinzu, indem er sich in schlechtem Italienisch an Antonio wendete, „ob wir auf dem rechten Wege sind?" „Wenn's dem heiligen Antonius gefällt," sagte der Führer, den offenbar eine bestimmte Antwort auf die Frage in Verlegenheit setzte. „Und das Wasser, das halb verdeckt vom Nebel durch 13 den Qualm schimmert, unten an dem großen, schwarzen Abgrund, ist es noch ein Theil des Luzerner Sees oder sind wir bei einem andern angekommen, seit wir die letzte Höhe erstiegen?" Antonio vermochte bloß zu antworten, sie müßten noch am Luzerner See sein, und er hoffe, das, was sie unter sich sähen, sei bloß ein seitwärts laufender Arm desselben. Aber er konnte nichts mit Bestimmtheit angeben. „Hund von einem Italiener!" rief der jüngere Reisende, „du verdienst, daß man dir die Beine abschlägt, weil du ein Geschäft übernommen hast, dessen du dich eben so wenig zu entledigen im Stande bist, als du uns in's Himmelreich einzuführen vermagst." „Ruhig, Arthur!" sagte der Vater, „wenn du den Jungen erschreckst, so läuft er davon und wir verlieren den kleinen Vortheil, den wir aus seiner Ortskenntniß etwa ziehen könnten Wenn du deinen Stock brauchst, so vergilt er dir mit einem Messerstich, denn das, ist die Art und Weise eines rachsüchtigen Lombarden. Jedenfalls bringt cs dir Schaden, statt Hülfe. Horch, mein Junge, komm daher," fuhr er sodann in seinem gebrochenen Italienisch fort, „erschrick nicht über diese» jungen Hitzkopf; ich werde nicht zugeben, daß er dir etwas zu Leide thut; aber nenne mir, wenn du kannst, die Namen der Dörfer, durch welche wir auf unserer heutigen Wanderung kommen." Die sanfte Art, in welcher der ältere Reisende sprach, beruhigte den Burschen, der über den rauhen Ton und den drohenden Ausdruck seines jüngeren Begleiters erschrocken war, und er sprudelte nun in seinem Patois eine Fluth von Namen heraus, in denen die deutschen Kehllaute sich stark mit den weichen Accenten des Italienischen mischten, welche aber 14 dem Zuhörer keine verständliche Belehrung über den Gegenstand seiner Frage verschaffte. Dieser war zuletzt zu dem entscheidenden Ausspruch genöthigt: „Fuhre uns weiter im Namen der heiligen Mutter oder des heilige» Antonius, wenn du das lieber willst; wir verlieren nur Zeit, wie ich sehe, bei dem Versuch uns verständlich zu machen." Sie gingen nun, wie zuvor, weiter, mit dem Unterschied, daß der Führer, der das Maulthier lenkte, jetzt vvranschritt, und daß ikm die zwei Andern folgten, deren Bewegungen er früher durch Zurufen von hinten geleitet hatte. Die Wolken wurden mittlerweile dichter und der Nebel, der Anfangs dünner Dunst gewesen, fing jetzt an in Gestalt eines feinen und dichten Regens herabzufallcn, der sich wie Thau aus den Mänteln der Rlisenden sammelte Aus der Ferne ließen sich von den entlegenen Gebirgen herüber rauschende und heulende Töne hören, gleich denen, mit welchen der böse Geist des Pilatus den Sturm z» verkünden geschienen hatte. Der Knabe trieb seine Begleiter auf's Neue zur Eile, legte aber durch die Langsamkeit und Unentschlossenheit, welche er bei ihrer Führung zeigte, zu gleicher Zeit ihrem schnellen Dorwärtskommen selbst Hindernisse in den Weg. Nachdem sie in dieser Weise drei oder vier Meilen fortgegangen waren, welche die Ungewißheit doppelt langweilig machte, waren die Reisenden zuletzt auf einen schmalen Fußsteig gerathen, der sich am Rande eines Abgrunds hinzog. Unten war Wasser. Der Wind, der sich in heftigen Stößen fühlbar zu machen begann, vertrieb manchmal den Nebel so weit, daß man die schimmernden Wellen sah, aber der Anblick, den sie gewährten, war zu undeutlich, um entscheiden zu lassen, ob es die desselben SeeS seien, bei welchem ihre Reise am Morgen begonnen hatte, oder ob sie eine andere und abge- 15 sonderte Wasserfläche von ähnlicher Beschaffenheit oder einem Fluß oder einem breiten Bach vor sich hätten. Sv viel war gewiß, daß sie sich an keiner Stelle der Ufer des Luzerner Sees befanden, wo seine Gewässer die gewöhnliche Ausdehnung haben; denn dieselben Orkanstöße, welche das Wasser in des Thales Tiefe erblicken ließen, verschafften ihnen den vorübergehenden Anblick des jenseitigen Ufers. Sie konnten zwar die Entfernung desselben nickt genau unterscheiden, aber es war Lock nahe genug, um große, abgerissene Sleinmassen und zottige Ficktenbäume zu zeigen, die hier in Gruppen vereinigt, dort einzeln an die über das Wasser herhängcnden Felsen geklammert waren. Diese Landsckaft war deutlicher als die, welche die andere Seite des S.es dargeboten haben würde, wenn sie auf dem reckten Wege gewesen wären. Bis daher war der Pfad, obgleich steil und holperig, deutlich genug angezeigt und trug Spuren davon, daß er sowohl von Reitern als Fußgängern besucht worden war. Aber plöklich, als Antonio mit dem Maulthicr, das er führte, eine vorspringende Anhöhe erreicht batte, um deren Spitze der Weg eine scharfe Wendung machte, stand er still und wandte sich mit dem ihm eigenen Ausruf an seinen Schutzheiligen. Es schien Arthur, das Maulthier theile den Schrecken des Führers, den» es fuhr zurück, setzte seine Vorderfüße. aus einander gespreizt, vorwärts und schien durch die Stellung, welche es annabm, den Entschluß anzudeuten, daß es sich jedem Ansinnen, vorwärts zu gehen, widersetzen werde. Zugleich drückte es Furcht und Entsetzen vor dem Anblick aus, der vor ibm lag. Arthur eilte vorwärts, nicht allein aus Neugier, sondern um wo möglich den ersten Stoß einer etwaigen Gefahr auszuhalten, ehe sein Vater herankäme und sie theilen könnte. In weniger Zeit, als wir gebraucht haben, um dies zu er- 16 zählen, stand der junge Mann neben Antonio und dem Maul- thier auf einer Fehenterraffe, an welcher der Weg völlig aufzuhören schien und an der sich vorn ein schroffer Abgrund niedersenkte. Der Nebel «erstattete zwar nicht, die Tiefe desselben zu unterscheiden, aber sie erstreckte sich gewiß ohne Unterbrechung auf mehr als dreibuudert Fuß. Ter Ausdruck, welchen das Gesicht des jüngeren Reisenden annahm, und von welchem sich auch Spuren in den Mienen des Saumthiers entdecken ließen, verkündigte Unruhe und Bestürzung über daS unerwartete und, wie es schien, unüberwindliche Hinderniß. Auch in den Blicken des Vaters, der jetzt an derselben Stelle anlangte, lag weder Hoffnung noch Trost. Er stand da, wie tue Anderen, starrte in den Nebelschlund unter ihnen und sah sich rings, aber vergeblich nach einer Fortsetzung des Wegs um, der ursprünglich gewiß nickt angelegt war, um in dieser plötzlichen Weise zu endigen. Während sie so da standen, ungewiß über das, was sie tbun sollten, während der Sohn umsonst versuchte, einen Weg zum Weiterkvmmen zu entdecken, und der Vater eben den Vorschlag aus der Zunge trug, auf demselben Wege, der sie hieber gebracht, zurückzukehren, zog ein lautes Geheul des Windes, wilder, als sie es bisher vernommen, das Thal hernieder. Alle sahen ein, daß sie in Gefahr standen, von der unsicheren Stellung, welche sie einnahmen, weggeschleudert zu werde», sie griffen daher nach Buschwerk und Felsen, um sich daran zu Hallen, und selbst das arme Maultkier schien sich fester stellen zu wollen, um dem nahenden Orkan Stand halten zu können. Der Windstoß kam mit so unerwarteter Wuth, daß es den Wanderern schien, er erschüttere selbst den Felsen, auf dem sie standen. Er würde sie auch gleich eben so vielen Blättern von der Abplattung desselben weggefegt 17 haben, hatten sie nicht jene augenblicklichen Vorkehrungen zu ibrer Rettung gemacht. Aber als der W nd das Thal her- »iederüihr, vertrieb er für drei oder vier Minuten vollständig den Nebelschleier, de» frühere Windstöße nur hatten bewegen oder lichten können und zeigte ihnen die Beschaffenheit und II; fache der Unterbrechung, welche sie so unerwarteterweife erfahren hatten. Das schnelle, aber sichere Auge Arthurs war jeyt im Stande sich zu überzeugen, daß der Weg, nachdem er die Felfenterrasse, auf der sie standen, verlassen, ursprünglich in dettelben Richtung aufwärts eine steile Erhöhung von Erde entlang gegangen war, welche die obere Bedeckung einer Schichte steiler Felsen gebildet hatte. Es war aber bei einer der Erschütterungen, welchen diese wilden Gegenden ausgesetzt sind, geschehen, und die Natur wirkt hier nach einem so furchtbaren Maßstab, daß die Erde abgerutscht oder vielmehr jählings von dem Felsen herabgestürzt und mit dem Pfad auf ihrem Rücken, mit dem Gebüsch und den Bäumen und Allem, was auf ihr wachsen mochte, in das Belt des Flusses hinab- gescbleudert worden war. Denn als einen solchen konnten sie jetzt das Wasser unter ihnen erkennen; es war kein See oder ein Arm eines solchen, wie sie bisher vermuthet. Die unmittelbare Ursache dieses Sturzes mochte wohl ein Erdbeben gewesen sein, wie sie in diesem Lande nicht selten sind. Die bei ihrem Fall umgekehrte Erderhöhung, nunmehr eine verwirrte Masse von Trümmern, zeigte einige Baume, die in wagrechter Richtung wuchsen; andere, die der Sturz auf ihre Gipfel geschleudert, waren in Stücke zerrissen worden und lagen jetzt da, ein Spiel der Wellen desselben Flusses, den sie früher mit ihren dunkeln Schalten bedeckt hatten. Der kahle Felsabhang, der hinter ihnen übrig war, wie das Anna v. Geierstem >. 2 fleischlose Gerippe eines riesigen Ungeheuers, bildete die Wund eines furchtbare» Abgrunds- Dieser Letztere bot de» Anblick eines neuerlich gebildeten Steinbruchs und sah deshalb noch schauerlicher und rauher aus, weil er sich erst frisch gebildet hakte und noch nicht von dem Pflanzenwuchs bedeckt wurde, mit welchem die Natur schnell die nackte Oberfläche selbst der furchtbarsten Felsenspitze» und Abgründe überkleidet. Außer diese» Wahrnehmungen, welche bewiesen, daß diese Unterbrechung des Wegs erst neuerlich eingetreten sei, konnte Arthur auf der anderen Seite des Flusses, mehr oben im Thal, ein viereckiges Gebäude von bedeutender Höhe bemerke», das über die durch Felsen unterbrochenen Fichtenwälder hervorragte und mit den Ruinen eines gothischen Thurms Aehulichkeit hatte. Er zeigte dieses merkwürdige Gebäude dem Antonio und fragte ihn, ob er es kenne. Er vermuthete nämlich mit Recht, daß eö zufolge seiner eigenthümlichen Lage ein Wahrzeichen sei, welches Keiner vergessen würde, der es einmal gesehen. Der Bursche erkannte es auch freudig und schnell und rief fröhlich, der Ort sei der Geierstein, oder, wie er erläuterte, der Geierfelse». Cr sagte, er kenne ihn an dem alte» Thurm sowohl, als an einer ungeheuer» Felsspitze, die sich in der Nähe davon fast in Gestalt eines Kirchthurms erhob, und ans deren Gipfel der Lämmergeier (einer der größten Raubvögel, die man kennt) in alten Tagen das Kind eines früheren Schloßherrn getragen habe. Er fuhr fort, von dem Gelübde zu erzählen, welches der Herr von Geierstein Unserer lieben Frau von Einsiedeln gethan und während er noch redete, verschwand Schloß, Felsen, Wald und Abgrund wieder im Nebel. Aber als er seine wundersame Erzählung mit dem Wunder beschloß, durch welches das Kind in die Arme seines Vaters zurückgeführt wurde, schrie er plötzlich: „Seht euch vor, — der Sturm, der Sturms Der kam auch wirklich, er jagte den Nebel vor sich her und verschaffte den Reisenden abermals den Anblick der Schrecknisse, von denen sie umgeben waren. „Ah," rief Antonio trinmphirend aus, als der Stoß nachließ, „der alte Pontius Hort nicht gerne von Unserer Frau zu Einsiedeln sprechen, aber sie wird schon mit ihm fertig werden, Ave Maria!" „Der Thurm," sagte der jüngere Reisende, „scheint unbewohnt. Ich kann keinen Rauch entdecken und die Mauerzinne scheint verfallen." „Es ist manchen Tag unbewohnt gewesen," antwortete der Führer. „Aber trotz dem wollte ich, ich wäre dort. Der rechtschaffene Arnold Biedermann, der Landammann (erste Beamte) des Cantons Unterwalden wohnt nicht weit davon und ich stehe euch dafür, Fremde in Noth leiden, so weil er die Herrschaft führt, keinen Mangel am Besten, was im Speiseschrank und Keller zu finden ist." „Ich habe von ihm gehört," sagte der ältere Reisende, den Antonio als Signore Philipso» anzureden gelernt hatte, „ein guter und gastfreier Mann, der das Ansehen verdient, dessen er sich bei seine» Landsleuten erfreut." „Da habt ihr ganz recht von ihm geredet, Signor," antwortete der Führer, „und ich wollte, wir könnten sein Haus erreichen. Ihr könntet darin einer gastfreundlichen Bewir- thung und einer guten Zurechtweisung für die morgende Ta- gesre se sicher sein. Aber wie wir ohne die Schwingen deS Geiers in des Geiers Schloß kommen sollen, ist eine schwer zu beantwortende Frage." Arthur erwiederte mit einem kühnen Vorschlag, den der Leser im nächsten Kapitel erfahren wird. 2 * Zweites Kapitel. Fort mit mir! Die Wolken werden dichter. Jetzt, hieher! ledn' dich an mich! Stell den Fuß Daher! nimm diesen Stock und einen Augenblick Umklammre diese Staude, gib mir deine Hand! Wir sind in einer halben Stunde bei der Hütte. Manfred. Micbdem der junge Reisende das wüste Gemälde besichtigt hatte, so weit dies der stürmische Zustand der Atmosphäre zuließ, bemerkte er: „In jeden: anderen Lande würde ich sagen, das Un netter lasse nach, aber es wäre voreilig, bestimmen zu wollen, was wir in diesem Lande der Trostlosigkeit zu er- wart.n haben. Wenn sich der abgefallene Geist des Pilatus wirklich in dem Sturm befindet so scheint das abnehmende und entferntere Heule» desselben anzndeulen, daß er an den Ort seiner Bestrafung zurückkehrt Der Fußweg ist mit dem Boden, über weichen er sich lnnzoq, versunken; ich kann einen Theil davon in dem Abgrund erblicken, wo er sich auf jenen Erd- und Steinmaffen wie ein Streifen Thon abzeichnet. «!> 21 Aber, mit Eurer Erlaubniß, mein Vater, halte ich für möglich, am Saum des Abgrunds vorwärts zu klettern, bis ich die Wohnung zu Gesicht bekomme, von welcher uns der Knabe spricht. Wenn wirklich eine solche da ist. so muß auch irgendwo ein Zugang zu ihr sein; und wenn ich auck den Weg selbst nicht ausfindig machen kann, so kann ich doch denen, welche in der Nähe des Gciernestes kort wohnen, ein Zeichen machen und eine freundliche Zurechtweisung von ihnen bekommen." „Ich kann nicht gestalten, daß du dich in solche Geiahr stürzest," sagte der Vater, , laß den Burschen hingchen, wenn er kann und will; er ist ein Bergkind und ich will ihn reichlich belohnen." Aber Antonio wies den Vorschlag durchaus und entschieden ab. „Ich bin ein Bergkind," sagte er, „aber kein Gemsenjäger und habe keine Flügel, um mich von Klippe zu Klippe zu schwingen, wie ein Nabe — das Leben ist mehr werth, als Gold." „Und Gott verhüte," sagte Signore Philipson, „daß ich dich versuchen sollte, eins gegen das andere abzuwägeu. Geh voran, mein Sohn, ich folge dir." „Mit Vergunst, theuerster Herr, nein!" entaegnete der Jüngling; „es ist genug, ein einzig Leben der Gefabr blos- zustellen und zwar sollte das meine, als das werthlosere, nach allen Regeln der Vernunft, wie der Natur zuerst auf's Spiel h gesetzt werden." / „Nein, Arthur," sagte der Vater in entscheidendem Tone, „nein, mein Sohn, ich habe viel überlebt, dich will ich nicht überleben." „Ich bin wegen des Ausgangs nicht in Furcht, mein Vater, wenn Ihr mir erlaubt, allein zu gehen, aber ich kann und darf ein so gefährliches Wagniß nicht unternehmen, wenn 22 Zhr darauf besteht, es ohne besseren Beistand, ats den weinigen, zu theileu. So oft ick einen neuen Schritt zu macken versuchte, müßte ich immer zurücksehen, ob Ihr die Stelle erreichen würdet, die ick eben verlassen wollte. Und bedenkt, theuerster Vater, wenn ich falle, so fällt ein unbeachteter Gegenstand, so ist das von so wenig Bedeutung, als der Stein oder Baum, der kopfüber vor mir da hinunter gestürzt ist. Aber Ihr, wenn Euer Fuß ausgleiten oder Eure Hand fehlgreifen würde, bedenkt, was und wie viel nothwendigerweise mit Euck unterache» müßte!" „Du hast Recht, Kind," sagte der Bater, „ich habe noch etwas, was mich au's Leben bindet, selbst wenn ich mit dir Alles verlieren sollte, was mir theuer ist. Die heilige Jungfrau segne und behüte dich, mein Kind. Dein Fuß ist jung, deine Hand ist stark, du hast nicht umsonst den Plynlimmon erstiegen. Sei kühn, aber vorsichtig, erinnere dich an einen Mann, welchen, wenn er dich verliert, nur noch eine Handlung der Pflicht an die Erde fesselt und der seinem Sohn bald folgen wird, wenn sie abgethan ist." Der junge Mann rüstete sich nun zu seiner Wanderung; er zog den schweren Mantel aus und zeigte dadurch seine wohlgeformten Glieder in einem graue» Wamms, welches ihm fest auf dem Leibe saß. DeS Vaters Entschluß schwankte, als sich der Sohn zu ihm wandte, um Abschied zu nehmen. Er widerrief seine Erlaubniß und untersagte ihm in bestimmtem Tone, sortzugehen. Aber Arthur hatte, ohne auf das Verbot zu hören, sein gefährliches Abentheuer bereits begonnen. Cr stieg von der Abplattung, auf welcher er stand, mittelst der Aeste eines alten Eschenbaums herunter, der sich durch eine Spalte im Felsen hervvrdräugte. Es gelang ihm, obgleich mit großer Gefahr, eine schmale Leiste, den äußersten 23 Rand des Abgrunds zu erreichen. Auf ihr hoffte er so weit fortkriechen zu können, bis er in die Hör- oder Sehweite 'der von dem Führer erwähnten Wohnung gelangt wäre. Seine Lage schien, als er Liesen kühnen Plan verfolgte, so unsicher, daß selbst der gemiethete Begleiter kaum Athem zu holen wagte, als er ihm nachblickte. Die Leiste, welche ihn trug, schien, während er auf ihr sich weiter schob, immer schmaler zu werden und ward zuletzt völlig unsichtbar. Arthur wandte sei» Gesicht bald gegen die Felsenivand, bald sah er gerade aus, und manchmal gegen den Himmel, aber nie wagte er einen Blick in die Tiefe, damit ihm nickt bei einem so schrecklichen Anblick das Hirn schwindeln möchte. So wand er sich auf seinem Pfade vorwärts. Seinem Vater und dem Diener, welche seinem Weiterschreiten zusahen, erschien er nicht wie ein Mensch, der sich in der gewöhnlichen Weise weiter bewegt, und dabei mit dem festen Boden in Berührung bleibt, sondern wie ein Insekt, das an einer senkrechte» Mauer hinkriecht und dessen Fortschreiten wir zwar wahrnehmen, von dem wir aber nicht erkennen, durch welche Mittel es sich hält. Bitter, sehr bstter bejammerte jetzt der unglückliche Vater, Laß er nicht auf seinem Vorsatz bestanden, daß er nicht die freilich seiner Absicht entgegenstrebende, ja gefährliche Maßregel ergriffen hatte und auf dem schon zurückgelegten Weg in die letzte Nachtherberge zurückgekehrt war. Dann hätte er Loch wenigstens das Schicksal des Sohnes seiner Liebe getheilt. Mittlerweile war der junge Mann bei Ausführung seines gefährlichen Unternehmens in heftiger, geistiger Spannung. Er that seiner Einbildungskraft, die gewöhnlich ziemlich lebhaft war, heftigen Zwang an und ließ sich auch nickt einen Augenblick darauf ein, den fürchterlichen Einflüsterungen zu horchen, mit welchen die Phantasie eine wirkliche Gefahr ver- größert. Er strebte mit männlichem Sinn, Alles um ihn herauf das Maß des richtigen Verstandes, als auf die beste Stütze wahren Muths, zurückznführen. „Diese Feisenleiste," bewies er sicb selbst, „ist nur schmal, aber doch breit genug, um mich z» tragen; diese Felsspitzen und Spalten an derselben sind klein und stehen weit ans einander, aber die eine gewährt nieinen Füßen einen so sicheren Rnbepnnkt, die andere meinen Händen einen eben so guten Halt, als wenn ich auf einer Terrasse von der Breite einer Elle stände und meine Arme auf ein Marmorgetänder stützte. Meine Sicherheit hängt also blos von mir ab. Wenn ich mich mit Entschlossenheit und festem Schritt bewege, und mim fest halte, was liegt daran, wie nahe ich an der Oeffuung eines Abarunds siehe?" Indem er so an seine Gefahr den Maßsiab des gesunden Verstandes und der Wirklichkeit legte uni durch einige Uebung in derartigen Bewegungen unterstützt wurde, setzte der wackere Jüngling seinen furchtbaren Weg Schritt für Schritt fort. Er that dieß mit einer Vorsicht, einem Muti, und einer Geistesgegenwart, welche ihn allein vor augenblicklicher Vernichtung retten konnte. Zuletzt erreichte er einen Punkt, wo ein vorragender Fels eine Ecke an dem Abhang bildete, und diesen Winkel hatte er schon von der Felsenterrasse aus sehen können. Dies also war der entscheidende Punkt seines Unternehmens, aber auch der gefährlichste Punkt desselben. Der Fels hing mehr als sechs Fuß über den Waldsirom hinaus und diesen hörte er in einer Tiefe von hundert Klaftern rasen und ein Geräusch machen, wie unterirdischer Donner. Er untersuchte die Stelle mit der größten Sorgfalt und wurde durch das Vorhandensein von Stauden, GraS und sogar verkrüppelten Bäumen auf die Vermuthung geführt, daß dieser Fels das äußerste Ende des abgerukschten Felöpfades sei und 25 daß er, wenn eS ihm gelänge, um den Winkel herumzukom- men, Hoffnung haben dürfe, die Fortsetzung des Pfades zu erreichen, welcher durch eine Naturerschülterung so seltsamerweise unterbrochen worden war. Aber der Fels sprang so weit vor, daß es nicht möglich war, unter ihm durchzukommen oder ihn zu umgehen; und da er sich mehrere Fuß über die Stelle erhob, auf welcher Arthur stand, so war es nicht leicht, ihn zu erklettern. Und doch wählte er Kies Letztere, als den einzigen 'Ausweg, um das zu überwinden, was, wie er hoffte, das letzte Hinderniß auf seiner Entdeckungsreise sein würde. Ei» vorragender Baum machte es ihm möglich, hinaufzusteigen und sich auf die Spitze des Felsen zu schwingen. Kaum hatte er sich aber aus denselbeu gestellt, kaum hatte er einen Augenblick Zeit gehabt, sich des Anblicks der finstern Ruinen von Geierstein zu erfreuen, die mitten in dem wilden Gemenge von Steinen und Holz sichtbar waren und in deren Nähe aufsteigeuder Rauch etwas einer menschlichen Wobnung Aehnliches anzeigte, als er zu seinem größten Schrecken den gewaltigen Felsblvck, auf dem er stand, wanken, sich langsam vorwärts bewegen und allmählig aus seinem Lager weichen fühlte. Da er stark überhing und sei» Gleichgewicht durch das neuerliche Erdbeben erschüttert worden war, so befand er sich jetzt in einer so unsicheren Lage, daß selbst das Gewicht des jungen Mannes ihre weitere Haltbarkeit völlig zu nichts machte. Aufgeschreckt durch die drohende Gefahr zog sich Arthur in einem instinktartigen Versuch der Selbsterhaltung vorsichtig von dem fallenden Felsen auf den Baum zurück, an dem er hinaufgestiegen war und wandte, wie von Zauber gebannt. Len Kopf weg, um den Sturz des verderbenschwangeren Felsen zu erwarten, den er so eben verlasse». Dieser wankte zwei bis drei Sekunden, wie wenn er ungewiß wäre, wohin er fallen solle; Kälte er die Ricbtnng seitwärts genommen, so hätte er den Abentheurer an seinem Zufluchtsort zerschmettert oder den Baum und ihn kopfüber in den Strom gestürzt. Nach einem Augenblick furchtbarer Ungewißheit entschied die Gewalt der Schwerkraft für den geraden Fall nach vorwärts. Nieder stürzte der ungeheure Block, der wenigstens zwanzig Schiffslasten wägen mußte, zerriß und zersplitterte auf seinem jähen Wege Bäume und Gebüsche, die er antraf, und blieb zuletzt in dem Flußbett mit einem Krachen sitzen, das dem Losschießen von hundert Stücken Geschütz gleichkam. Das Getöse widerkallte von Berg zu Berg, von Abhang zu Abhang mit gleichem Donnerlaut und der Lärm hörte nicht aus, bis er sich in die Gegend des ewigen Schnees erhob. Dieser, unempfindlich gegen irdische Töne und thierischem Leben feind, hörte in seiner majestätischen Einsamkeit das Brausen, ließ es aber ohne eine» antwortende» Laut Hinsterben. Welches waren unterdessen die Gedanken des bekümmerten Vaters, der die gewaltige Masse fallen sah, jedoch nicht bemerke» konnte, ob sein einziger Sohn den furchtbaren Sturz mitgemackt habe. Seine erste Regung war, längs des Abgrunds hinzulaufen, den er seinen Sohn so eben durchwandern gesehen, und als der Bursche Antonio ihn dadurch zurückhiell> daß er ihn mit den Armen umschlang, wandte er sich gegen den Führer mit der Wuth eines Bären, dem man die Jungen geraubt. „Die Hände weg, elender Bauer!" schrie er, „oder du stirbst auf der Stelle!" „Ach," sagte der arme Knabe und warf sich vor ihm auf die Knie, „ich habe auch einen Vater." Diese Berufung drang dem Reisenden an's Herz. Er ließ alsbald den Knaben los, hob seine Hände empor, richtete die Augen gen Himmel und fugte im Tone der tiefsten See- lenungst, docb mit frommer Ergebung: „lim voluutns lua! ') es war mein letzter und liebster und der meiner Liebe wür- diuste Svbn und jetzt erbebe» sich die Raubvögel über das Tkul. um in seinem jungen Blut zu schwelgen. Aber ich will ik» noch einmal sehen/' rief der unglückliche Vater, als der mächtige Aasgeier hinter ihm durch die dicke Luft schwebte; „ich will meine» Arthur noch einmal sehen, ehe ihn Wolf und Adler zerfleischen, ich will Alles sehen, was die Erde noch von ihm besitzt. Halte mich nicht zurück, sondern bleib hier und gib auf mich Acht! Falle ich, wie es wahrscheinlich ist, so trage ich dir auf, die versiegelten Papiere, die Lu in dem Felleisen finden wirst, zu nehmen und mit so wenig Verzug als möglich der Person zu bringen, an welche sie gerichtet sind. Es ist Geld genug im Beutel, um mich und meinen armen Knaben zu begraben und Messen für unsere Seelen lesen zu lassen. Auch dir wird eine reichliche Belohnung für deine Reise übrig bleiben." Oer ehrliche Schweizerbube, beschränkten Verstandes zwar, aber gutmüthiq und ehrlich von Gemüth, heulte, während sein Brodherr sprach und zu furchtsam, um fernere Vorstellungen oder Widerstand zu versuchen, sah er zu, wie sich sein dermaliger Gebieier zu dem Gang über den verhängnißvollen Abhang anschickte, an dessen Rande sein unglücklicher Sohn dem Schicksal entgegengegangen zu sein schien, welches sein Erzeuger mit aller Hastigkeit und Angst eines Vaters zu theilen sich beeilte. Auf einmal hörte man von dem verhängnißvollen Winkel her, aus welchem durch Arthur's rasches Aufsteigen die Stein- ') Dein Wille geschehe! Masse losgerissen worden war, den rauhen gellenden Ton eines der großen Horner, die man von dem Stier oder wilden Schweizerbullen gewinnt und welche in alten Zeiten nicht nur die Schrecknisse eines Angriffs der Bergbewohner ankündigten, sonder» ihnen auch statt aller musikalischen Instrumente diente». „Haltet, Herr, haltet!" schrie der Graubündtner, „das ist ein Zeichen von Gcierstein her. Es wird uns jetzt Jemand zu Hülfe kommen und uns einen sichern Weg zeigen, um Euer» Sohn zu suchen. — Und seht Ihr — bei jenem grüne» Busch, der durch den Nebel schimmert, — der heilige Anlonius behüte mich, — seh' ich ein weißes Tuch flattern, gerade unter der Stelle, wo der FelS herabfiel." Der Vater bemühte sich, seine Augen auf die Stelle zu richten, aber sie waren so voll Thränen, daß er den Gegenstand nicht unterscheiden konnte, auf welchen der Führer hin- wies. — „Es ist Alles umsonst," sagte er und wischte sich die Thranen von den Augen. „Ich werde nichts mehr von ihm sehen, als die leblosen Ueberreste!" „Jbr werdet, Ihr werdet ihn lebendig sehen," sagte der Graubündtner. „Der heilige Antonius will es so. — Seht, das weiße Tuch flattert schon wieder!" „Ein paar Ueberbleibsel von seinem Anzug," sagte der Vater in Verzweifelung, „irgend ein elendes Denkmal seines Todes. — Nein, meine Augen sehen es nicht — ich habe mit ihnen den Fall meines Hauses erblickt; ich wollte, die Geier dieser Felsen hatten sie mir früher auS den Höhlen gerissen!" „So seht doch nur," sagte der Schweizer, „das Tuch hangt nickt schlaff an einem Baumast, — ich kann sehen, daß es am Ende eines Stocks in die Hohe gehalten und absicht- 29 lich hin und her geschwenkt wird. Euer Sohn gibt ein Zeichen, daß er unverletzt ist." „Und wenn dem so ist," sagte der Reisende, indem er die Hände faltete, „so seien die Augen gesegnet, die es sehen, die Zunge, die es ausspricht. Wenn wir meinen Sohn finden, und am Leben finden, so soll dieser Tag für dich ein glücklicher sein!" „Ei," antwortete der Bursch, „ich verlange bloß, daß Ihr da bleibet und mit Klugheit zu Werke gehet, und dann will ich für meine Dienste nichts haben. Es steht einem ehrlichen Burschen nicht an, sich die Leute durch ihren eigenen Eigensinn zu Grunde richten zu lasten; denn der Tadel fällt doch zuletzt sicher auf den Führer, als wenn der verhindern könnte, daß der alte Pontius den Nebel von seiner Stirn schüttelt oder daß zu Zeiten Erdschichten ins Thal hinabrutschen; als wenn er Schuld wäre, wenn junge, unbesonnene Junker an Abgründen hinwandeln, die so schmal sind als eine Messerklinge, oder wenn tolle Leute, welche ihre grauen Haare verständiger machen sollten, den Dolch ziehen, wie ein Bandit in der Lombardei." So fuhr der Führer fort und hätte dieselbe Weise noch lange fortsetzen können, denn Signore Philipson hörte ihn nicht. Jeder Pulsschlag, jeder seiner Gedanken war auf den Gegenstand gerichtet, welchen der Bursche als ein Zeichen von der Rettung seines Sohnes bezeichnet?. Er überzeugte sich am Ende, daß das Signal wirklich von Menschenhand gemacht wurde, und ebenso erregt durch einen Strahl der wiederauflebenden Hoffnung, als er es vor Kurzem unter dem Einfluß verzweifelungsvollen Kummers gewesen, schickte er sich abermals zu einem Versuch an, seinem Sohne nachzueilen und ihn wo möglich bei Aufsuchung eines sicheren Zufluchts- 30 vrts zu unterstützen. Aber die Bitten und wiederholten Versicherungen seines Führers veranlaßten ihn, zu warten. „Seid Ihr im Stande," sagte er, „den Felsen zu betreten? Könnt Ihr Euer Credo und Ave sprechen, ohne ein Wort ansznlasscn oder zu versetzen? Denn ohne das wäre, wie unsere Greise sagen. Euer Hals in Gefahr und hättet Ihr ei» ganz Schock davon. — Ist Euer Auge klar, Euer Fuß fest? Ich denke, das eine fließt über wie eine Quelle, und der andere zittert wie die Esche, die über sie herhängt. Bleibt hier, bis Leute kvnimen, die weit geschickter sind, Enerm Sohn zu helfeil, als Ihr oder ich. Ich schließe ans der Art, wie es geblasen wird, daß dies das Horn Arnold Birderinann's ist, des Besitzers von Geierstein. Er hat die Gefahr Eures Sohnes bemerkt und ist in diesem Augenblick für seine und unsere Rettung thätig. Es gibt Fälle, in welchen die Hülfe eines Fremden, der mit der Gegend wohl bekannt ist, mehr Werth hat, als die von drei Brüdern, welche die Felsen nicht kennen." „Aber wenn jenes Horn wirklich ein Zeichen gab," sagte der Reisende, „wie kommt es, daß mein Sohn keine Antwort darauf gab?" „Und wenn er es that, wie es denn wahrscheinlich ist," versetzte der Graubündtner, „wie sollten wir ihn gehört haben? Oer Stier von Uri selbst würde unter diesem furchtbaren Getöse von Wasser und Unwetter, wie das Rohr eines Hirtenknaben tönen z meint Ihr, da würden wir das Hallo eines Mannes hören?" „Und doch dünkt mich," sagte Signore Philipson, „höre ich etwas in diesem Toben der Elemente, was einer Menschenstimme gleicht, aber es ist nicht die Arthur's." „Freilich nicht," antwortete der Graubündtner, „es ist eine 31 > Weiberstimme. Die Dirnen sprechen so mit einander von Fels zu Fels durch Sturm und Unwetter und läge eine Meile zwischen ihnen." „Nun, der Himmel sei für diese Sorge und Hülfe gepriesen!" sagte Signore Philipson, „ich glaube, wir werden diesen schreckliche» Tag wohlbehalten zu Ende gehen sehen. Ich will mit einem Hallo antworten." Er versuchte dies, aber da er keine Erfahrung hatte in der Kunst, sich in einem solchen Land hörbar zu macken, hielt er seine Stimme in gleichem Tone mit dem Rauschen von Wellen und Wind, so daß man schon zwanzig Klafter von der Stelle, auf der er stand, in dem Kampf der Elemente umher durchaus nichts weiter davon unterscheiden konnte. Der Bursche lächelte über die fruchtlosen Versuche seines Herrn und erhob dann seine eigene Stuunie zu einem durchdringenden, schrillen und lang anhaltenden Schrei, welcher, ob er gleich mit scheinbar weit weniger Anstrengung hervorgebracht wurde, als der des Engländers, Loch deutlich von anderen Tonen unterschieden werden konnte und wahrscheinlich in sehr beträchtlicher Entfernung gehört wurde Er wurde auch augenblicklich durch entferntes Rufen von der nämlichen Art beantwortet, welches allmählig der Terrasse näher kam und dem angstvollen Reisenden neue Hoffnung brockte. Wenn der Jammer des Vaters seine Lage zu einem Gegenstand innigen Mitleids machte, so war die des Sohnes im selben Augenblick gefährlich genug. Wir haben bereits angeführt, daß Arthur Philipson seinen unsicheren Weg längs des Abgrunds mit aller der Kaltblütigkeit, Entschlossenheit und unerschütterlichen Standhaftigkeit des Geistes begonnen hatte, welche eine Aufgabe, bei der Alles auf Festigkeit der Nerven ankam, wesentlich nothwendig machte. Aber das Ereigniß, 32 welches sein weiteres Fortschreiten hemmte, war so gräßlich, daß eS ihn alle Bitterkeit des Todes durchfühlen machte, der gegenwäitig, entsetzlich nnd unvermeidlich schien. Der feste Felsen hatte gezittert und sich unter seinen Füßen gespalten. Und ob er gleich durch eine mehr mechanische als willkührliche Anstrengung der drohenden Vernichtung entgangen war, welche den Fall begleitet hatte, so fühlte er doch, daß der bessere Theil von ihm, die Festigkeit des Geistes und die Stärke des Körpers davon gegangen waren, als der Felsblock mit donnerndem Tosen, unter Wolke» von Staub und Rauch in den Strudel und Wirbel des aufgeregten Schlundes unter ihm binabstürzte. In der That, der Seemann, der vom Deck eines zertrümmerten Fahrzeugs weggespült, von den Wellen durchnäßt lind gegen die Felsen des Ufers geschleudert wird, unterscheidet sich eben so wenig von demselben Seemann, wie er beim Beginn eines starken Windes auf dem Deck seines Lieblingeschiffes stand, stolz auf die Stärke desselben und auf die eigene Geschicklichkeit, als Arthur im Beginn seiner Wanderung von dem Arthur, der jetzt sich an den schwachen Stamm eines alten Baumes klammerte. Auf diesem hing er zwischen Himmel nnd Erde, sah dem Fall des Felsen zu und wäre ihm beinahe gefolgt. Die Wirkung des Schreckens ging sowohl auf den Körper, als auf die Seele; denn tausend Farben schwammen vor seinen Augen, er wurde von einem Fieberschwindel erfaßt, und keines seiner Glieder leistete ihm auf einmal mehr den Dienst, obgleich sie ibm bisher in so ausgezeichneter Weise gehorcht hatten; seine Arme und Hände umfaßten jetzt, als ständen sie nicht mehr unter seiner Will- kühr, die Aeste des Baumes mit krampfhafter Beharrlichkeit. Er schien keine Gewalt mehr über sie zu haben und zitterte i» einem Zustand so vollständiger Nervenerjchlaffung, daß er 33 fürchtete, er möchte sich nicht länger in seiner Lage erhalten können. Ein an sich unbedeutender Vorfall erhöhte »och die Beklemmung, welche ihm das Schwinden seiner Kräfte verursachte. Alle lebenden Wesen in der Nähe waren natürlicherweise durch den grausigen Fall erschreck! worden, zu welchen seine Wanderung Veranlassung gegeben. Schaaren von Eulen, Fledermäusen und anderen Nacktvögeln waren genöthigt gewesen, ihre Zuflucht in die Lüfte zu nehmen und hatten keine Zeit verloren, in ihre Epheunester oder in die Znflucktsörter znrückzukehren, welche ihnen die Ritzen und Löcher in den nahen Felsen darboten. Einer aus dieser Unheil weissagenden Sckaar war zufällig ein Lämmer- oder Alpengcier. Dieser Vogel ist größer und raubgieriger als der Adler selbst, und Arthur war nickt daran gewöhnt, ihn zu sehen oder doch nicht ihn in solcher Nähe zu erblicken. Wie es im Instinkt der meisten Raubvögel liegt, so ist es auch die Art dieses Thieres, daß es einen unzugänglichen und sichern Ort einnimmt, wenn es voll gefressen ist und da still und bewegungslos Tage lang sitzen bleibt, bis das Vcrdauungsgeschäst vollendet ist und mit dem Drang des Hungers seine Thätigkeit znruckkehrt. Von einem wichen Ruheplatz vertrieben hatte sich einer dieser schrecklichen Vögel aus der Kluft erhoben, die nach ihm benannt ist, war gegen seinen Willen mit schrecklichem Geschrei und schlaffen Flügeln im Kreise herumgeflogen und hatte sich auf die Spitze eines Felsen, kaum vier Klafter von dem Baum entfernt, niedergelassen, auf welchem Arthur seinen schwankenden Sitz hatte. Obgleich einigermaßen abgestumpft durch die lange Unthätigkeit, schien er doch den Jüngling wegen seiner bewegungslosen Haltung für todt oder dem Tode nahe zu halten. Cr setzte sich bei ihm nieder und blickte ihn an, Anna v. Gelcrsteln i. 3 34 okne die Furcht an den Tag zu lege», in welcher die Nähe des Mensche» gewöhnlich die wildesten Thiere erhält. Als Arthur die lähmende Wirkung dieses panischen Schreckens abznschütteln versuchte und die Augen erhob, um allmählig und mit Vorsicht sich nmznsehen, begegnete er den Blicken des gefräßigen und abscheulichen Thieres, das sich durch einen von Federn entblößten Kopf und Hals, durch schwarzgelb eingefaßte Augapfel und eine mehr borizontale als aufrechte Stellung eben so sehr von der edleren Haltung und den schönen Verhältnissen des Adlers unterscheidet, als der Löwe durch sein Aeußeres in der Reihe der Geschöpfe über dem hagern, gefräßigen, gräßlichen und doch feigen Wolf steht. Wie durch Zauber gebannt blieben die Augen des jungen Plulipson auf diesem häßlichen Unglücksvogel haften, ohne daß er sie abzuziehen vermochte Die Furcht vor Gefabren, wirklichen sowohl als eingebildeten, lastete auf seinem durch seine Lage beklommenen und entmuthigten Geist. Die Nähe eines Geschöpfes, das dem Mensche» eben so verhaßt ist, als es selbst die Berührung mit ihm scheut, erschien ihm von eben so ungünstiger Vorbedeutung als ungewöhnlich. Was blickte es ihn mit so starrem Ernst an, was reckte es seine widerliche Gestalt, als wenn es eben über ihn herfallen wollte? War dieser garstige Vogel der böse Geist des Orts, auf den sich sein Name bezog? Und war er jetzt gekommen, sich daran zu weiden, daß ein in seine Klüfte Eingedrungener sich in den Gefahren derselben verwickelt hatte und wenig Aussicht und Hoffnung auf Erlösung besaß? Oder war dieser Felsen seine Heimath und sah seine Klugheit voraus, daß der tollkühne Wanderer bestimmt war, bald sein Opfer zu werden? Konnte das Geschöpf, dessen Sinne, wie man sagt, so scharf 35 sind, aus gewissen Umständen auf den nahen Tod des Fremden schließen, oder wartete er, wie der Rabe oder die Aaskrähe bei einem sterbenden Schaaf auf die beste Gelegenheit, sein räuberisches Mahl zu beginnen? War er bestimmt, seinen Schnabel und seine Klauen zu fühlen, ehe sein Herzblut zu schlagen aufhörte? Hatte er schon die Menschenwürde verloren, erweckte er nicht mehr die Ehrfurcht, welche ein nach dem Bilde seines Schöpfers geschaffenes Wesen allen niedrigeren Creaturen einflöst? So peinliche Vorstellungen dienten mehr als alle Eingebungen des Verstandes dazu, die Spannkraft in des jungen Mannes Geist wieder einigermaßen zu beleben. Er schwang sein Sacktuch, ging aber bei seinen Bewegungen mit der größten Vorsicht zu Werke und so gelang es ihm, den Geier aus seiner Nähe zu verscheuchen. Er erhob sich unter rauhem und traurigem Geschrei von seinem Sitz und flog mit ausgespannten Flügeln davon, um einen Ruheplatz zu suchen, der weniger Störungen ausgesetzt wäre. Der kühne Reisende fühlte ein lebhaftes Vergnügen darüber, daß er von seiner widerlichen Gegenwart befreit war. Mit mehr Besonnenheit bemühte sich nun der junge Mann, der von seinem Standpunkt aus einen theilweisen Ueberblick über die Abplattung hatte, die er verlassen, seinem Vater von seinem Wohlbefinden Nachricht zu geben und ließ zu diesem Ende, so hoch er konnte, die Fahne wehen, mit welcher er den Geier verjagt batte. Auch er hörte, aber in geringer Entfernung, den Schall des großen Sckweizerhorns, welches nahe Hülfe ankündigte. Cr antwortete durch Rufen und Schwenken der Flagge, um den Beistand auf die Stelle hin- zulenken, an welcher er so sehr ersehnt wurde. Er sammelte seine Kräfte, welche ihn fast ganz verlassen hatten und suchte 3 * 36 neue Hoffnung und mit ihr die Mittel zu neuen Anstrengungen zu gewinnen. Als guter Katholik empfahl er sich in eifrigem Gebet Unserer lieben Frau von Einsiedel», khat Bußzelübde und flehte sie an, zu vermitteln, daß er aus seiner fürchterlichen Lage befreit werden möchte. „Oder gnädige Mutter," so schloß er sein Gebet, „wenn es mein Schicksal ist, gleich einem gejagten Fuchs in der rauhen Wildniß wankender Felsen mein Leben zu enden, so gib mir wenigstens die angeborene Geduld und Herzhaftigkeit zurück und laß einen, der wie ein Manu, wenn gleich wie ein sündiger Mann, gelebt hat, nicht den Tod eines furchtsamen Hasen sterben!" Als er sich so in Andacht der Schutzheiligen empfohlen, von welcher die Legenden der katholischen Kirche ein so liebliches Bild entwerfen, wandte Arthur seine Gedanken und seine Aufmerksamkeit auf Mittel zu seiner Rettung, obgleich ihm noch jeder Nerv von der letzten Aufregung erzitterte und sein Herz so gewaltig pochte, daß es ihn zu ersticken drohte. Aber als er sich rund umsah, wurde es ihm mehr und mehr fühlbar, wie geschwächt er durch die Anfälle auf seinen Körper und die innere Marter war, die er während seiner letzten Gefahr ausgestauden. Mit aller Anstrengung, deren er fähig war, vermochte er nicht, seine verminten und schwindelnden Auge» auf den G genständen um ihn her festzuhalten. Alles schien ihm durch einander zu rollen, bis die Landschaft um ihn her tanzte und ein buntes Gemenge von Gebüsch und hohen Klippen, welche zwischen ihm und dem baufälligen Schloß Geierstein lagen, in solchem Wirbel sich wälzte und mischte, daß nichts als das Bewußtsein, ein solcher Gedanke werde ihm von theilweisem Wahnsinn zugeflüstert, ihn davon abhielt, sich von dem Baum Herunterzulasien und sich in de» 37 wilden Reigen zu mischen, dem sein erhitzter Kopf die Entstehung gegeben hatte. „Der Himmel sei mein Schutz!" seufzte der unglückliche Jüngling und schloß in der Hoffnung die Augen, er werde seine allzu thäkige Einbildungskraft zur Ruhe bringen, wenn er sich von den Schrecknissen seiner Lage abwende, „die Sinne verlassen mich!" Er überzeugte sich noch mehr davon, daß dieö der Fall, als eine weibliche Stimme in sehr hohem, aber außerordentlich wohlklingendem Tone in geringer Entfernung sich hören ließ, wie wenn sie ihm zuriefe. Er öffnete abermals die Augen, erhob den Kopf und blickte vorwärts auf die Stelle, von wo tue Töne auszngehen schienen, wenn er gleich nicht gewiß wußte, ob sie etwas Wirkliches oder bloß von seiner zerrütteten Einbildungskraft erzeugt wären. Die Erscheinung, welche er nun sah, hätte beinahe die Meinung in ihm befestigt, daß sein Geist wirklich leide und seine Sinne nicht im Stande seien, ihm ordentliche Dienste zu leisten. Gerade ans dem Gipfel eines pyramidenförmigen Felsen, der sich aus des Thales Tiefe erhob, zeigte sich eine Franen- gestalk, doch so von Nebel umhüllt, daß man bloß die Umrisse verfolgen konnte. Die Gestalt trug eher die unbestimmten Züge eines Geistes denn einer sterblichen Jungfrau; denn ihre Person erschien so leicht und kaum weniger schattenhaft, als dis dünne Wolke, welche ihr Fußgestell umgab. Arthur glaubte zuerst, die heilige Jungfrau hätte sein Gelübde gehört und sei selbst zu seiner Rettung herniedergestiegen. Eben wollte er sein Ave Maria hersagen, als abermals der sonderbare schrille Bcrgrnf zu ihm drang, mittelst dessen die Alpenbewohner von einem Bergrücken zum andern und über Klüfte von großer Tiefe und Breite sich unterhalten können. 38 Während er überlegte, wie er die unerwartete Erscheinung anreden sollte, oerschwand sie von dem Punkt, Len sie zuerst eingenommen und wurde gleich darauf wieder über dem Felsen sichtbar, aus welchem der Baum hervorragte, der Arthur zum Zufluchtsort diente. Ihr persönliches Aussehen sowohl als ihre Kleidung machte jetzt deutlich, daß sie eine Dirne aus diesen Bergen unv mit ihren gefährliche» Pfaden vertraut war. Er sah, daß ein schönes junges Mädchen vor ihm stand, welches ihn mit einer Mischung von Mitleid und Verwunderung betrachtete. „Fremdling," sagte sie endlich, „wer seid Ihr und woher kommt Ihr?" „Ich bin ein Fremdling, Mädchen, „wie Ihr mich richtig bezeichnet," antwortete der Jüngling, indem er sich, so gut er konnte, aufrichtete. „Ich verließ Liesen Morgen Luzern mit meinem Vater und einem Führer und bin nicht drei Ackerlängen von da von ihnen weggegangen. Möchtet Ihr, freundliches Mädchen, ihm kund thun, daß ich wohl auf bin? denn ich weiß, mein Vater wird meinetwegen in Verzweiflung sein." „Gern," sagte das Mädchen, „aber ich Lenke, mein Oheim oder einer meiner Vettern wird sie schon gefunden haben und ihnen ein treuer Führer gewesen sein. Kann ich Euch etwas helfen? Seid Ihr verwundet, verletzt? Wir wurden durch den Fall eines Felsen anfgeschreckt. Da unten liegt er, eine Masse von ungewöhnlicher Große." Während das Schweizermädchen so sprach, trat sie dem Rand des Abhanges so nahe und blickte mit solcher Gleichgültigkeit in den Abgrund, daß die Mitleidenschaft, welche bei solchen Gelegenheiten den Spieler und Zuschauer verknüpft, die Schwäche und den Schwindel zurückbrachte, von der Arthur so eben zu sich gekommen war. Cr sank in seine frühere, 39 mehr liegende Stellung zurück und stieß einen leisen Seufzer aus. „Seid Ihr denn krank?" sagte das Mädchen, die sein Blaßwerden bemerkte. „Wo und was für Schaden habt Ihr genommen?" „Keinen, freundliches Mädchen, außer ein paar Beulen von wenig Belang, aber ich habe Schwindel und kriege Herzklopfen, wenn ich Euch so nahe an der Klippe sehe." „Ist das Alles?" entgegnete das Schweizermädchen. „Wisset, Fremdling, daß ich am Heerde meines Oheims nicht sicherer stehe, als ich an Abgründen gestanden habe, mit denen vergliche» dies hier ein Kindersprung ist. Und Ihr, Fremdling, seid, nach den Fußspuren zu urtheilen, am Rand des Abhanges hergekommen, welchen der Erdsturz bloß gelegt hat, und müßt über solche Schwäche hinaus sein, da Ihr Euch gewiß einen Felsenjäger nennen könnt." „Ich hätte mich selbst vor einer halben Stunde so genannt," antwortete Artkur, „aber ich denke, ich werde mir künftighin schwerlich diesen Namen anzumaßen wagen." „Seid nicht niedergeschlagen," sagte seine freundliche Trösterin, „wegen einer vorübergehenden Aengstlicbkeit, welche zu Zeiten den Geist umwölkt und das Auge des Wackersten und Erfahrensten blendet. Steigt auf den Stamm des Baumes und rückt näher zu dem Felsen, aus dem er herauswächst. Betrachtet die Stelle genau! Es ist leicht für Euch, wenn Ikr den untern Theil des vorspringenden Stammes erreicht habt, mit einem kecken Schritt den festen Felsen zu gewinnen, auf dem ich stehe; und dann ist die Gefahr oder Schwierigkeit nicht mehr der Rede werth für einen jungen Mann, der ganze Glieder und rüstigen Muth hat." „Meine Glieder sind freilich gesund," erwiederte der Jüngling, „aber ich schäme mich, wenn ich daran denke, wie sehr mein Mnth geschwächt ist. Doch will ich den Antheis, Len Ihr an einem unglücklichen Wanderer genommen, nicht verncherzen und langer auf die feigen Einflüsterungen eines Gefühls horchen, welches bis auf diesen Tag meiner Brust fremd geblieben ist." Das Mädchen blickte ängstlich und mit vielem Antheil auf ihn, als er sich vorsichtig erhob und an dem Baumstamm weiter rutschte, der beinahe in borizontaler Richtung mit dem Felsen lag und sich zu biegen schien, so wie der Jüngling seine Stellung änderte. Endlich stand er aufrecht und war nur so weit von der Klippe entfernt, auf welcher die Schweizerin stand, als auf ebenem Boden ei» starker Schritt zurück- geleat hakte. Aber statt eines Schrittes ans festem und ebenem Boden war es einer, bei dem man einen finstern Abgrund überschreiten mußte, in dessen Tiefe ein Waldstrom mit unglaublicher Wutb brauste und kocbte. Arthnr's Knie schlotterten, seine Füße wurden wie Blei und schienen ihn nickt mehr tragen zu wollen. Er erfuhr in stärkerem Grade als zuvor den entnervenden Einfluß., weicken einer, der von ihm in gleich gefährlicher Lage überwältigt worden ist, nie vergessen kann und welchen Andere, denen glücklicherweise seine Macht fremd gebli ben ist, nur zu begreifen Mühe haben dürften. Das Mädchen bemerkte Arthnr's Erregung und sah deren wahrscheinliche Folgen voraus. Um auf die einzige Art, welche in ihrer Gewalt stand, sein Selbstvertrauen wieder herznstellen, sprang sie leicht von dem Felsen auf den Baumstamm und ließ sich mit der Leichtigkeit und Ruhe eines Vogels darauf nieder; dann sprang sie im Augenblick wieder auf den Felsen, streckte ihre Hand gegen den Fremden ans und sagte: „Mein Arm ist mir eine schwache Lehne, aber tretet entschlossen vor- 41 wärts und Ihr sollt ihn so sicher finden, als die Mauerzinnen von Bern." Jetzt überwand die Sckaam so sehr die Furcht, daß Arthur ihren Beistand ablehnte, weil er ihn nicht hatte annehmen können, ohne sich in seinen eigenen Augen erniedrigt zu fühlen. Er faßte sich ein Herz und vollführts glücklich den furchtbaren Sprung, der ihn auf dieselbe Klippe mit seiner freundlichen Helferin brachte. Des Jünglings erste Handlung war natürlich, daß er ihre Hand ergriff und an seine Lippen führte. Auch wäre es dem Mädchen nickt möglich gewesen, ilm daran zu verhindern, wollte sie nicht eine ihrem Wesen fremde Sprödigkeit annehmen und einen Zwist der Höflichkeit über einen unbedeutenden Gegenstand auf einem Felsen veranlasse», der kaum fünf Fuß lang und drei breit war und von dem aus man auf einen hundert Fuß unter ihm hinbrausenden Waldstrom hinabsah. Drittes Kapitel. Fluch auf das Gold und Silber, die in alle Weiten Mühvollem Handel nach den schwachen Mann verleiten. Die Lilie überglänzt die Ruh', den Silberhaufen, Und mit dem Goldmetall läßt sich kein Leben kaufen, Doch zieht das Gold uns durch die dürre Wüste fort. Au jedem fernen Markt und reichen Handelsort. Hassan, oder der Kameeltreiber. Arthur Philipson und Anna von Geierstein geriethen auf diese Art in eine Lage, welche sie in die möglichst nahe Berührung mit einander brachte, und fühlten einige Verlegenheit darüber; der junge Mann, ohne Zweifel, weil er fürchtete, in de» Augen des Mädchens, das ihm Erlösung gebracht, als ein Feigling zu erscheinen, und das Mädchen vielleicht wegen der Mühe, die sie sich um des jungen Mannes willen gemacht, oder weil sie fühlte, sie sei plötzlich in eine vertraute Stellung zu dem getreten, dem sie wahrscheinlich das Leben gerettet hatte. „Und jetzt, Mädchen," sagte Arthur, „muß ich zu meinem Vater. Ich kann das Leben, welches ich Eurer Beihülfe ver- 43 danke, kaum willkommen heißen, wenn mir nicht »erstattet ist, zu seiner Rettung zu eilen." Hier wurde er Lurch einen andern Hornstoß unterbrochen, der aus der Gegend zu kommen schien, in welcher der ältere Philips»« und sein Führer von ihrem jungen und kühnen Begleiter zurückgelassen worden waren. Arthur blickte nach dieser Richtung hin, aber die Terrasse, die er von dem Baume aus nur unvollkommen gesehen hatte, war von dem Felsen aus, auf dem er jetzt stand, gar nickt sichtbar. „ES würde mir," sagte das Mädchen, „leicht sein, an jener Wurzel zurückzusteigen und von dort aus zu spähe», ob ich etwas von Eurem Vater sehen könnte. Aber ich bin überzeugt, daß sie unter besserer Leitung sind, als die Eure oder die meine ist; denn das Horn verkündigt, daß mein Oheim oder einer meiner jungen Vettern sie erreicht hat. Sie sind in diesem Augenblick auf dem Weg nach Geierstein und dahin will ich Euch mit Eurer Erlaubniß führen Denn Ihr könnt versichert sein, mein Oheim Arnold wird Euch nickt gestatten, heute weiter zu reisen, und wir würden bloß Zeit verlieren, wenn wir unsere Freunde aufzufinden suchten, da sie von der Stelle aus, wo Ihr sie gelassen, den Geierstesn früher als wir erreichen werden. Folgt mir also, oder ich muß glauben, meine Führung sei Euch zur Last." „Denket lieber, das Leben sei mir zur Last, welches Ihr mir gerettet habt," versetzte Artyur und schickte sich an, sie zu begleite». Zugleich betrachtete er sich ihre Gestalt und Kleidung und machte dadurch das Vergnügen vollständig, welches eS ihm machte, einer solchen Führerin zu folgen. Wir nehmen uns die Freiheit, darauf etwas genauer einzugehen, als er für den Augenblick thun konnte. Ein Oberkleild, weder so anliegend, daß es die Körper- formen zeigte (denn einen solchen Anzug verboten die Gesetze des Kantons über de» Aufwand), noch fv weit, daß cs am Geben oder Steigen hinderte, überdeckte einen fester anschließenden Rock von anderer Farbe und ging bis unter die Mitte der Beine herab, ließ aber den Knöchel in all seinen schönen Verhältnissen vollständig stchtbar- Am Fuß trug sie Schuhe mit aufwärts gekehrter Spitze. Die Bänder, welche sie vorn am Fuß befestigten, waren an Stellen, wo sie sich kreuzten oder Schleifen bildeten, mit Silberschnallen besetzt. Das Oberkleid wurde in der Mitte durch einen bunten seidene» Gürtel, mit Goldfäden durchwirkt, zusammengehalten; das untere Kleid war am Hals offen und ließ einen schön geformten und außerordentlich weißen Hals bis einen oder zwei Zoll unter die Halskette erblicken Der kleine Theil des Halses und Busens, den man sehen konnte, war viel schöner, als das Gesicht vermukhen ließ, welches Spuren dapon trug, daß es ohne Bedenken der Sonne und Lust ausgefetzt wurde. Dies that jedoch der Schönheit des Mädchens, keineswegs Eintrag, sondern erwies vloß, daß sie eine Gesundheit besaß, wie man sie durch die Gewohnheit ländlicher Beschäftigungen gewinnt. Ihr langes schönes Haar fiel in einer Fülle von Locken auf jeder Seite des Gesichts herunter. Die blauen Augen und lieblichen Züge desselben nebst der würdigen Einfachheit des Ausdrucks deuteten einen milden Charakter und die selbstvertrauenbe Entschlossenheit eines Gemükhs an, das zu tugendhaft ist, um Schlimmes zu argwöhnen, und zu erhaben, um es zu fürchten, lieber diesen Locken, der natürlichsten und passendsten Zierde der Schönheit, oder, wie ich eigentlich sagen sollte, in ihnen, saß ein Häubchen, welches vermöge seiner Größe kaum dem Zweck der Kopfbedeckung entsprach, aber die Geschicklichkeit der schönen Trägerin in 45 Uebung erhielt. Diese hatte nicht versäumt, dem vorherrschenden Gebrauch der Mädchen in diesen Bergen zu Folge ihr winziges Häubchen mit einer Reiherfeder und dem damals ungewöhnlich seltenen Schmuck einer seinen und dünnen Gvld- kette aufzuputzen, welche lang genug war, um das Mützchen vier oder fünfmal zu umschlingen und deren Ende unter einer großen Schaumünze von demselben kostbaren Metall befestigt waren. Ich habe nur noch beizufügen, daß der Wuchs der jungen Person etwas über die gewöhnliche Größe hinausging und Laß ste im ganzen Umriß ihrer Gestalt, ohne daß diese im Entferntesten männlich gewesen wäre, eher der Minerva glich, als der stolzen Schönheit der Juno ober der schmachtenden Anmuth der Venus. Die edle Stirne, die wohlgeformtcn und gelenken Glieder, der feste-und doch leichte Schritt, mit einem Wort, die gänzliche Abwesenheit alles besten, was aussteht wie ein Bewußtsein von der Sckönheit des eigenen Körpers, der offene und aufrichtige Blick, der nichts wissen zu wollen schien, was ihm verborgen war, und von dem Bewußtsein zeugte, daß das Mädchen nichts zu verbergen hatte, diese Züge waren nicht unwürdig der Göttin der Weisheit und Keuschheit. Der Weg, welchen der junge Engländer unter der Leitung des schönen Mädchens verfolgte, war beschwerlich und uneben, konnte aber im Vergleich mit den Abgründe», über welche Arthur jüngst geschritten, nicht gefährlich genannt werden. Er war in der That eine Fortsetzung des Pfades, welchen der oft erwähnte Crksturz unterbrochen; und obgleich er an mehren Stellen zur Zeit desselben Erdbebens Sckadcn genommen hatte, so waren doch Spuren vorhanden, daß dem bereits in einer rohen Weise und bloß so weit abgcholfen 46 worden war, um den Weg für den nöthigen Verkehr eines Volkes herzustellen, das so gleichgültig gegen glatte und ebene Wege ist, als der Schweizer. Das Mädchen theilte Arthur auch mit, daß ihre gegenwärtige Straße eine Krümmung mache, um sich mit derjenigen zu vereinigen, auf welcher er kürzlich gereis't war. Wenn er und seine Gefährten, fügte sie hinzu, diese letztere an der Stelle verlassen hätten, wo der neue Fußweg in den alten einmündete, so würden sie der Gefahr entgangen sein, in welche sie geriethen, als sie die Straße neben dem Rande des Abgrunds hin cinschlugcn. Der Fußsteig, dem sie jetzt nachgingen, führte ziemlich weit von dem Waldstrom ab, doch horte man noch immer sein dumpfes Donnern, und dieses schien sich zu verstärken, während sie in gleicher Richtung mit seinem Laufe aufwärts ginge», bis der Weg plötzlich eine Wendung machte, gerade auf das alte Schloß zulief und ihnen eine der prachtvollsten und hehrsten Scenen dieser Berggegcnd vor's Gesicht brachte. Der alte Thurm von Geierstcin, wenn auch weder groß »och ausgezeichnet durch Verzierungen der Baukunst, bekam einen Anschein von furchtbarer Würde durch seine Lage am jenseitigen Ufer des Waldstroms. Dieser bildete gerade an der Ecke des Felsen, auf welchem die Ruinen lagen, einen Wasserfall von beinahe hundert Fuß Höhe und rauschte dann eine Aushöhlung im Felsen hinab, an deren Bildung seine Wellen vielleicht gearbeitet hatten, seit er entstanden war. Gerade gegenüber stand der alte Thurm und schaute auf das ewige Tosen der Wasser herab. Er stand so nahe am Rande des Abgrunds, daß die Strebepfeiler, auf welche der Baumeister den Grund gestützt hatte, ein Theil des Felsen selbst und eine Fortsetzung seiner senkrechte» Ansteigung zu sein schienen. 47 Wie es in den Zeiten des Lehenwesens durch ganz Europa gebräuchlich war bildete ein massives, viereckiges Gebäude den Hauptbestandtheil des Ganzen. Der verfallene Obertheil desselben bekam ein malerisches Aussehen durch Seitenthürme von verschiedener Größe und Höhe. Einige waren rund, andere eckig, einige in Trümmern, andere noch ziemlich wohl erhalte». Die Mannichfaltigkeit der Umrisse des Gebäudes ward noch vermehrt, wenn man es bei stürmischem Himmel betrachtete. Eine vorspringende Ausfallpfvrte, zu der man auf einer Treppenflucht vom Thurm gelangte, hatte in früheren Zeiten zu einer Brücke geführt, welche Las Schloß mit derjenigen Seite des Stromes verband, auf welcher Arthur Philipson und seine Führerin eben stanken. Ein einziger Bogen oder vielmehr die Rippe eines solchen, die aus einzelnen Steinen bestand, war noch übrig und überspannte unmittelbar dem Wasserfall gegenüber den Fluß. In vergangenen Tagen hatte dieser Bogen einer hölzernen Zugbrücke von mehr angemessener Größe und von solcher Länge und Schwere zur Unterlage gedient, daß sie nur auf einen festen Grund heruntergelassen werden konnte. Freilich war mit dieser Einrichtung die Unannehmlichkeit verbunden, daß selbst, wenn die Zugbrücke aufgezogen war, die Möglichkeit übrig blieb, sich dem Schloßthor mittelst dieser schmalen Steinrippe zu nähern. Aber La diese nicht über achtzehn Zoll breit war und den kühnen Feind, der über sie wegstieg, bloß zu einem Thorweg führte, welcher durch Thor und Fallgatter regelmäßig geschützt war, auch Seitenthürme und Vorsprünge besaß, von denen aus Steine, Wurfspieße, flüssiges Blei und siedendes Wasser auf das Kriegsvolk geworfen werden konnte, das sich dem Geierstein auf diesem unsichern Zugang zu nähern wagte, so wurde die 48 Möglichkeit eines solchen Angriffs nicht so angesehen, als vermindere sie die Sicherheit der Besatzung. In der Zeit, von welcher wir reden, lag das Schloß völlig in Trümmern, es war geschleift, Thor, Zugbrücke und Schutzgatter waren weg, dcr Thorweg verfallen und der schwache Bogen, der beide Seiten des Stroms verband, diente bloß als Verbindungsmittel zwischen den Flußufer» für die Bewohner der Nachbarschaft, welche die Gewohnheit mit der gefährlichen Beschaffenheit des Uebergangs vertraut gemacht halte. 'Arthur Philipson hatte unterdessen wie ein frisch ungezogener Bogen die Spannkraft des Körpers und Geistes wieder gewonnen, welche ihm eigen war. Er folgte jedoch nicht mit völliger Gemüthsruhe seiner Führerin, wie sie leicht über den schmalen Bogen hüpfte; den» dieser bestand aus rauhen Steinen und war naß und schlüpfrig von dem beständigen Spritze» des von dem nahen Wasserfall ausgehenden Nebels. Er vollführte auch dies gefährliche Kunststück gerade in der Nachbarschaft des Wasserfalls nicht ohne Furcht. Er konnte das betäubende Tosen desselben nicht von seinen Ohren abhalten, obgleich er sich sorgfältig hütete, den Kopf seinen Schrecknissen zuzuwenden, damit ihm nicht das Gehirn abermals zu schwindeln beginne bei dem Brausen der Wasser, die über den Abhang herunterschossen und sich hinunter in den unergründlich scheinenden Abgrund stürzte». Aber trotz dieses Gefühls von Unrnhe schämte sich Arthur natürlich, da Feigheit zu zeigen, wo ein schönes junges Mädchen so viel Gleichgültigkeit bewies. Auch wünschte er sein Ansehn in den Augen seiner Führerin wieder zu gewinnen, und wurde dadurch ab- gehalte», jenen Anfallen von Furcht Gehör zu geben, von denen er sich kurz zuvor hatte überwältigen lassen. Er irat fest auf, stützte sich aber vorsichtig auf seinen spitzigen Stock 49 trat über die Schreckenbrücke hin in die leichten Fußstapfen seiner Führerin und folgte ihr dann durch die in Trünnnern liegende Ausfallpforte, zu welcher man auf ebenfalls verfallenen Stufen Hinanstieg. Der Thorweg führte sie in eine Trümmermasse, ehedem eine Art Hof beim Tburm. Dieser erhob sich in düsterer Erhabenheit über die zerstörten Werke, welche für die Verthei- digung gegen äußere Feinde bestimmt oder für die Bequemlichkeit im Innern aufgeführt worden waren. Sie eilten rasch durch diese Trümmer hin, über welche die Tkätigkeit des Pflanzenlebens einen wilden Mantel von Epbeu und anderen Schlingpflanzen gebreitet hatte. Aus ihm heraus traten sie durch das Hauptthor des Schlosses auf eine der Stellen, an deren Busen die Natur oft mitten in Bezirken, die sich hauptsächlich durch Verwüstung und Verödung auszeichnen, ihre süßesten Reize versteckt halte. Das Schloß erhob sich auch, von hier aus betrachtet, weit über die benachbarte Gegend. Aber was gegen den Strom hin ein schroffer Fels, war auf dieser Seite bloß eine steile Anhöhe, welche wie ein Glacis der neueren Zeit abgedacht worden war, um das Gebäude mehr zu sichern. Gegenwärtig war der Boden mit jungen Bäumen und Büschen bedeckt, aus denen sich der Thurm selbst in verfallener Würde zu erheben schien. Ueber dieses ruhige Dickicht hinaus hatte die Aussicht einen ganz anderen Charakter. Ein Grundstück von mehr als hundert Morgen schien aus den Felsen und Bergen herausgeschaufelt zu sein. Es war von Bergen umschlossen, welche denselben wilden Charakter trugen, wie die Strecke, in welcher sich die Reisenden diesen Morgen verirrt kalten. Sie ver- theidigten den begräuzten milden und fruchtbaren Raum. Die Oberfläche des kleinen Gebiets bot die größte Abwechslung, Anna v. Geierstein l. 4 50 aber im Allgemeinen war sie etwas abhängig gegen Südwesten. Als Hauptgegenstand stellte sich auf ihr ein großes, aus mächtigen Klötzen bestehendes Haus, ohne irgend einen Anspruch auf Schönheit oder Regelmäßigkeit dar, das aber durch den daraus hervorkommenden Rauch sowohl, als durch den Umfang der Nebengebäude und den sorgfältigen Anbau der Felder umher zeigte, daß es zwar kein Aufentbalt des Glanzes, aber der Bequemlichkeit und des Wohlstandes fei. Ein Obstgarten mit wohlgerathenen Fruchlbäumen dehnte sich südwärts von der Wohnung bin. Alleen von Wallnuß- und Kastauienbäumen und selbst ein Weinberg von drei oder vier Morgen bewies, daß man hier den Anbau der Neben verstand und trieb. Er ist jetzt in der Schweiz allgemein, war aber in diesen frühen Zeiten fast ausschließlich in den Händen von Gutsbesitzern, die das Glück vorzugsweise begünstigt hatte und die den seltenen Vortheil genossen, Verstand mit Vermögen oder doch günstige» Verhältnissen zu verbinden. Es gab hier hübsche Flächen Weideland, und dahin war die schöne Gattung Vieh, die den Stolz und Reichthum des Schweizer Bergbewohners auSmackt, von den Alpenmatten, auf denen es den Sommer über weidet, heruntergeschafft worden, um bei den herbstliche» Stürmen, die man jetzt zu erwarten hatte, einem schützenden Obdach näher zu sein. An einigen auserlesenen Stellen weideten die Lämmer des letzten Wurfs in Fülle und Sicherheit und an andern hatte man ungeheure Bäume, das natürliche Erzeugniß des Bodens, wahrscheinlich aus Gründen der Bequemlichkeit stehen lassen, um sie bei der Hand zu haben, wenn für den Hausgebrauch Holz nöthig wurde. Sie gaben aber auch dem Orte zugleich das Eigenthümliche des Waldlandes, während er sonst ein Ackerlandstrich war. In das Bergparadies muß man nun noch einen kleinen Bach zeichnen, der bald an die Sonne trat, welche zu dieser Zeit den Nebel vertrieb, bald seinen Lauf durch sanft geneigte, an einige» Stellen mit hohen Baumen besetzte Ufer andeutete, bald sich unter Hagedorn-Gebüsch und Haselsträuchen verbarg. Dieser Back fand auf Umwegen und langsam dahin fließend, als ob er diese ruhige Gegend nur mit Widerstreben verließe, den Weg aus dem abgesonderten Gebiet und vereinigte sich, wie ein Jüngling, der aus den muntern und ruhigen Spielen der Knabenzeit in die wildbewegte Bahn des khätigen Lebens hinübereilt, zuletzt mit dem ungestümen Waldstrom, der, nachdem er im Sturm durch die Berge hervorgebrochen, den alten Geiersteiner Thurm erschütterte, indem er sich über den nahen Felsen herabwälzte und dann heulend Lurch den Abgrund rauschte, in welchem der junge Reisende fast sein Leben verloren hätte. Wie begierig der junge Philipson auch war, sich wiedev mit seinem Vater zu vereinigen, er konnte sich nicht enthalten, einen Augenblick in Verwunderung darüber stille zu stehen, wie so viel Schönheit in solch furchtbarer Gegend gefunden werden könnte. Er mußte zurückschauen auf den Thurm von Geierstein und den gewaltigen Felsblvck, von welchem sein Name herrührt, um sich durch de» Anblick dieser ausgezeichneten Gegend zu versichern, Laß er sich wirklich in der Nachbarschaft der rauhen Wildnisse befinde, in welchen er so viel Gefahr und Schreck durchgemacht hatte. Die Gränzen des angebauten Meierhofs waren aber so eng, daß es kaum eines solchen Rückblicks bedurfte, um den Beschauer zu überzeugen, daß der menschlichen Anbaues fähige Fleck Erde, auf welchen viel Mühe verwendet worden zu sein schien, in sehr unbedeutendem Verhältniß zu der Wildniß stand, in welcher 4 * 32 er lag. Er war auf allen Seiten von hohen Bergen umgeben, die an einzelnen Stellen wie Felsmauern emporstiegen, an anderen mit dunkeln, wilden und uralten Fichten- und Lerchenforsten bekleidet waren. Ueber diesen konnte man von der Anbvhe, auf welcher der Thurm stand, den fast rosenfar- benen Schimmer sehen, mit welchem ein ungeheurer Gletscher die Sonne zuriickstrahlte. Noch höher und über der starren Fläche dieses Eismeeres erhoben sich in hehrem Schweigen die blaffen Spitzen der unzähligen Berge, auf denen ewiger Schnee ruht. Cs hat uns einige Zeit gekostet, dies zu beschreiben; den jungen Philipson beschäftigte es bloß eine oder zwei flüchtige Minuten. Dann erblickte er auf dem grasige» Abhang vor dem Pachterhaus, wie man die Wohnung füglich bezeichnen könnte, fünf bis sechs Personen, unter denen er den Vordersten an seiner Haltung, Kleidung und Mützenform leicht als Len Verwandte» erkannte, den er kaum wieder einmal zu sehen gehofft. Fröhlichen Schritts folgte er daher seiner Führerin, als sie die steile Höhe hinabging, auf welcher der verfallene Tliurm lag. Sie näherten sich der Gruppe, die Arthur bemerkt. Der Vorderste davon war wirklich sein Vater und er kam ihm hastig in Gesellschaft einer anderen Person von vorgerücktem Alter und fast gigantischem Wuchs entgegen. Der Letztere erschien mit seinem einfachen und doch majestätischen Wesen als der würdige Landsmann von Wilhelm Teil, Stauffacher, Winkelried und anderen ausgezeichneten Schweizern, deren stolze Herzen und starke Arme in früheren Zeiten ihre persönliche Freiheit und die Unabhängigkeit ihres Landes gegen zahllose Feinde vertheidigt hatten. Mil angeborener Höflichkeit und um Vater und Sohn bei einem Wiedersehen, welches mit Gemüthsbewegungen verknüpft sein mnßte, die vielen Zeugen zu ersparen, ging der Landammann selbst mit dem alten Philipson vorwärts und gab seinen Begleitern, junge» Leuten, ein Zeichen zurückzubleiben; sie thaten es demnach und befragten, wie es schien, den Führer Antonio nach den Abentheuer» der Fremden. Anna, die Fübrerin Arthur Philipsvn's, batte nur noch Zeit ihm z» sagen: „Zeuer alte Mann ist mein Oheim, Arnold Biedermann und diese jungen Leute sind meine Betlern, als der erstere nebst dem älteren Reisenden dicht vor ihnen stand. Der Landammann deutete seiner Nichte mit demselben Zartgefühl, das er zuvor gezeigt, an, etwas beiseite zu treten. Während er aber von ihr einen Bericht über ihren Morgen- ausfluq begehrte, beobachtete er die Zusammenkunft von Vater und Sohn mit so viel Neugier, als der ihm angeborene Sinn für Schicklichkeit an den Tag zu legen gestattete. Sie war ganz anders, als er vermuthet. Wir haben den älteren Thilipson bereits als einen Vater beschrieben, der mit inniger Liebe an seinem Sohn Hinz, der auf dem Punkt war, sich in den Tod zu stürzen, als er ihn verloren zu haben glaubte, und ohne Zweifel eine herzliche Freude hatte, ihn seiner Neigung zurückgegeben zu sehen. Man hätte nun erwarten sollen, daß Vater und Sohn sich einander in die Arme werfen würden, und von der Art war wohl der Auftritt, von dem Arnold Biedermann Zeuge zu seiu erwartete. Aber der englische Reisende verbarg, wie viele seiner Landsleute, heftige und lebhafte Gefühle mit vielem Anschein von Kälte und Zurückhaltung; er hielt es für eine Schwäche, dem Einfluß der liebenswürdigsten und natürlichsten Regungen eine unbegranzte Herrschaft einzuräumen. Er war in seiner Jugend ausgezeichnet schön gewesen, und sein Gesicht, das noch in späteren Jahren hübsch war, trug einen Ausdruck, der seine Abneigung andeutete, einer Leidenschaft nackzugeben oder zum Vertrauen zu erniuthigen. Sein Schritt hatte sich beim ersten Anblick seines Sohnes durch den natürlichen Wunsch besckleunigt, bald bei ihm zu sein; er minderte aber diese Eile, als sie einander näher kamen und als sie zusam- incnstießen, sagte er mehr im Tone des Tadels und der Ermahnung als der Liebe: „Arthur, mögen dir die Heiligen die Sorgen vergeben, welche du mir heute gemacht!" „Amen!" sagte der Jüngling. „Ich bedarf der Verzeihung, La ich Euch Sorge verursacht- Glaubet übrigens, daß ich in der besten Meinung gehandelt habe!" „Es ist gut, Arthur, daß dir nicht das Schlimmste begegnet ist, als du nach deinem voreiligen Willen in der besten Absickt handeltest." „Daß dies nickt geschah," antwortete der Sohn mit derselben frommen und geduldigen Unterwürfigkeit, „verdanke ich diesem Mädchen." Dabei wies er auf Anna, welche ein paar Schritte entfernt stand, und vielleicht sich zu entfernen wünschte, um nicht bei den Vorwürfen des Vaters zugegen sein zu müssen, die ihr unzeitig und unbillig erscheinen mochten. „Dem Mädchen werde ich meinen Dank abstatten," sagte sei» Vater, „wenn ich darüber nachgedacht habe, wie ich ihr auf angemessene Weise vergelten kann. Aber meinst du, es sei paffend nnd anständig, von einem Mädchen Beistand an- zunebmen, da du als Mann diese Pflicht gegen das schwächere Geschleckt ausüben solltest?" Artlmr ließ den Kopf sinken und erröthete heftig. Arnold Biedermann ging in des Jünglings Gefühle ein, trat vorwärts und mischte sich ins Gespräch. 55 „Schämt Euch nicht, mein junger Gast, daß Ihr einem Mädchen von Unterwalden für Rath oder Beistand verpflichtet worden seid. Wisset, die Freiheit dieses Landes verdankt der Festigkeit und Klugheit seiner Tochter nicht weniger, als der seiner Söhne. Und Ihr, mein älterer Gast, der, wie ich vermuthe, viele Jahre und verschiedene Länder gesehen hat, Ihr müßt oft Beispiele davon erlebt haben, daß oft der Starke mit Hülfe des Schwachen, der Stolze mit Hülfe des Demü- thigen gerettet wird." „Wenigstens habe ich gelernt," sagte der Engländer, „mit dem Wirth nicht unnöthig zu streiten, der mich freundlich ausgenommen hat." Nach einem Blick ans seinen Sohn, in welchem die zärtlichste Liebe leuchtete, nahm er, als die Gesellschaft ins Haus zurückkebrte, ein Gespräch wieder auf, das er mit seinem neue» Bekannten unterhalten hatte, ehe Arthur und das Mädchen sich zu ihnen gesellt. Arthur hatte unterdessen Gelegenheit, Gestalt und Züge ihres Schweizerwirths zu betrachten. Ich habe schon angedeutet, daß dieser die Einfachheit der alten Zeiten, vermischt mit einer gewissen, rauhen Würde an den Tag legte, die aus seinem männlichen und ungekünstelten Charakter entsprang. Sein Anzug wich in der Form nicht von der weiblichen Kleidung ab, die wir beschrieben. Er bestand aus einem Oberkleid, das wie jetzt die Hemden gemacht und bloß auf der Brust offen war. Unter diesem trug er einen Rock oder Un- terwamms. Aber die Gewänder der Männer waren i» den Schoßen bedeutend kürzer und gingen nicht weiter herunter als der „Kilt" der schottischen Hochländer. Eine Art Stiefel oder Halbstiefel ging bis an die Knie hinauf, und so war der Mann vollständig bekleidet. Eine Mütze von Marderpelz, mit einem silbernen Medaillon verziert, bildete das ein- 56 zige Kleidungsstück, welches etwas wie Schmuck zeigte; der breite Gürtel, welcher den Anzug zusammenhielt, war von Büffelleder und mit einer messingenen Schnalle befestigt. Diese einfache Tracht schien fast ganz auS Fellen von Bergschafen und aus Häuten von jagdbaren Tbiercn gemacht, aber das Aeußere dessen, der sie trug, würde überall Achtung eingeflößt habe», wo er sich hätte sehen lassen, und besonders in jenen kriegerischen Tagen, da der Mann nach der viel oder weniger versprechenden Beschaffenheit seiner Sehnen beurtheilt wurde. Für die, welche Arnold Biedermann auS diesem Gesichtspunkt betrachteten, zeigte er die Große und Gestalt, die breiten Schultern und hervvrtretenden Muskeln eines Herkules Die aber, welche mehr auf sein Gesicht blickten, fanden in den festen, klugen Zügen, der offenen Stirne, den großen, blauen Augen und der vorsichtigen Entschlossenheit, welche es anstrückte, mehr Aehnlickkeit mit dem fabelhaften König der Götter und Menschen. Mehrere Söhne und Verwandte begleiteten ihn, junge Leute, von welchen er, als er durch sie hinschritt, Zeichen der Achtung und des Gehorsams erhielt, wie sie eine Heerde Rothwild dem Königshirsch erweist. Während Arnold Biedermann mit dem älteren Reisenden auf und ad ging und sprach, schienen die jungen Männer Arthur schweigend zu prüfen und dann und wann leise Fragen an ihre Base Anna zu richten. Aber die kurzen, ungeduldigen Antworten, welche sie von dieser erhielten, schlugen die lustige Laune, welcher sich die Bergbewohner, wie es dem jungen Engländer vorkam, auf Kosten ihres Gastes fast zu sehr überließen, keineswegs nieder, sondern vermehrten sie noch. Der Spott, dem er sich ausgesetzt sah, ward nicht durch den Gedanken gemildet, daß solcher wohl in einer derartigen Gesellschaft Jedem zu Theil werde» würde, der nicht den Rand eines Abgrunds eben so festen lind unverzagten Schritts beträte, als wenn er in den Straßen einer Stadt spazieren ginge. Sv unvernünftig es auch »ein mag, Jemand lächerlich zu machen, so unangenehm ist es stets für den, welcher dem Spott ansgesetzt ist; aber es bringt einen jungen Mann besonders dann in Verlegenheit, wen» eine Schönheit dabei zuhört. Es lag einiger Trost für Arthur in dem Gedanke», Las Mädchen habe gewiß keine Freude an dem Spaß, und es kam ihm vor, als tadle sie mit Wort und Blick die Rohheit ihrer Gesellschafter, aber sie that dies, wie er fürchtete, bloß ans einem Gefühle von Mitleid. „Sie muß mich verachten," dachte er, „obgleich die Höflichkeit, welche diese schlecht erzogenen Bauern nicht kennen, sie in den Stand setzt, ihre Verachtung unter der Miene deS Mitleids zu verbergen. Sie kann mich nur nach dem beur- theilen, was sie gesehen hat. — Wenn sie mich besser kennte" (war fein stolzer Gedanke) „würde sie mich vielleicht viel höher stellen." Als die Reisenden in die Wohnung Arnold Biedermann's traten, fanden sie Vorbereitungen zu einem einfachen, aber reichlichen Mäkle in einem großen Gemach, welches als allgemeines Ge ellschaftSzimmer diente. Ein Blick auf die Wände zeigte Geräthscbaften des Ackerbaus und der J ,gd; aber die Augen des älteren Philipson hafteten auf einem ledernen Brustharnisch, einer langen schweren Hellebarde und einem zweihändigen Schwert, die wie eine Art Siegeszeichen angebracht waren. Neben ihnen, aber mit Staub bedeckt, ungeputzt und vernachlässigt hing ein Helm mit Visier, wie das bei Rittern und Waffenleuten gewöhnlich vorkam. Der goldene Reif oder der Kranz, der ihn umwand, deutete, ob er 58 gleich stark angelaufen war, auf edle Geburt und hohen Rang. Auch der Federbusch i» Gestalt eines Geiers von der Art, welche dem alten Schloß und dem dabei liegenden Hügel den Namen gab, brachte die englischen Gaste auf allerlei Vermu- thungen. Sie waren nämlich genau bekannt mit der Geschichte der Schweizer-Revolution, und so blieb ihnen wenig Zweifel übrig, daß sie in diese» Reliquien Siegeszeichen aus de» alten Kriegen vor sich sähen, welche die Bewohner dieser Berge mit ihren ehemalige» Lebnsherren geführt. Eine Einladung an den gastlichen Tisch unterbrach den Gedaukengang des englischen Kaufmanns. Eine große Gesellschaft, die alle Leute ohne Unterschied in sich faßte, welche unter Biedermann's Dach lebten, setzte sich zu einer reichlichen Mahlzeit nieder, die aus Ziegenfleisch, Fischen, Milchspeisen von verschiedener Art, Käse, und als oberstem Gericht, aus dem Wildpret von einer jungen Gemse bestand. Der Landammann selbst machte bei der Tafel mit großer Güte und Einfachheit den Wirth und drang in die Gäste, durch ihren Appetit zu beweisen, Laß sie sich selbst für so willkommen halten, als er es ihnen zu zeigen wünschte. Während des Essens unterhielt er sich mit seinem älteren Gast, während die jungen Leute am Tisch, sowohl als das Gesinde iu bescheidenem Schweigen aßen. Bevor das Mahl vorüber war, ging eine Gestalt außen an dem großen Fenster vorbei, welches Len Speisesaal erhellte, und der Anblick derselben schien einen lebhaften Eindruck auf die zu machen, welche sie bemerkten. „Wer ist La vvrbeigegangen?" sagte der alte Biedermann zu denen, die dem Fenster gegenüber saßen. „Unser Vetter, Rudolph von Dvnnerhügel," antwortete hastig einer von Arnolds Söhnen. Diese Ankündigung schien dem jüngeren Theil der Ge- sellschafl großes Vergnügen zu machen, besonders den Söhnen des Landammanns. Das Oberhaupt der Familie sagte bloß mit ernster und rußiger Stimme: „Euer Vetter ist willkommen. sagt ihm das und laßt ihn hereinkommen!" Zwei oder drei standen zu diesem Zwecke auf, als wenn rin Wettstreit unter ihnen gewesen wäre, wer dem neuen Gast die Ehre des Hauses erweisen sollte. Er trat alsbald herein; ein junger Mann von ungewöhnlicher Größe, gut gebaut und lebhaft. Eine Menge dunkelbrauner Locken wand sich um sein Gesicht und ein Schnurrbart von derselben oder vielleicht von noch dunklerer Farbe. Seine Mütze war klein in Betracht deS starken Haarwuchses, und man hätte eher sagen können, sie hänge auf einer Seite des Kopfs, als sie bedecke ihn. Er trug im Allgemeinen dieselbe Tracht und hatte Kleider von demselben Schnitt wie Arnold; nur waren sie von feinerem Tuch, auS einem deutschen Webstuhl hervorgegangen und reich und wunderlich verziert. Ein Aermel seines Gewands war dunkelgrün, mit Sinnbildern in Silber künstlich verbrämt und gestickt, der übrige Theil deS Anzugs scharlachroth. Sein mit Gold durch- slvchtenes und gesticktes Degengehenk versah zugleich den Dienst eines Gürtels, indem es das Obergewand um den Unterleib befestigte und einen Dolch mit silbernem Heft trug. Sein Putz wurde durch Stiefel vollendet, deren Spitzen sich in einer Spitze aufwärts bogen, wie es im Mittelalter vorherrschende Sitte war. Eine goldene Kette hing ihm um den Hals, und a» ihr war ein großes Medaillon von demselben Metall befestigt. Der junge Stutzer wurde augenblicklich von dem ganzen Stamm Biedermann umringt, und es schien, sie betrachteten ihn als das Muster, nach dem sich die Schweizer Zugend mo- 60 dcln und dessen Haltung, Aeußenmgcn, Anzug und Betnage,, Alle annehmen müßten, welche mit den Mode des Tages Schnitt halte» wollten. In diesen hernschte er als anerkann- tes Muster ohne Nebenbuhler Von zwei Personen in der Gesellschaft, schien es indessen Arthur Plnlipsvn, werde der iunae Manu mit weniger ausgezeichneten Beweisen von Achtung empfangen, als ihm von allen anwesenden jungen Männern zu Theil geworden waren. Arnold Biedermann selbst war keineswegs eifrig, den jungen Berner willkommen zu heißen; denn ein solcher war Rudolvh. Der junge Mann zog ein vernegelles Päckchen aus dem Buse» und händigte es dem Landammann mit Zeichen großer Achtung ein. Er schien zu erwarten, daß Arnold, wenn er das Siegel erbrochen und die Schreiben gelesen, ihm von ihrem Inhalt etwas sagen würde. Aber der Patriarch bat ihn bloß, stch zu setzen und an ihrem Mittagessen Theil zu nehmen, und Rudolph fand einen Platz neben Anna von Geierstein, den ihm einer von Arnolds Sohne» mit bereitwilliger Höflichkeit eingeränmt hatte. Es kam auch dem aufmerksamen jungen Engländer vor, der neue Ankömmling werde mit merklicher Kalte von dem Mädchen empfangen, ob er gleich eifrig darauf aus zu sein schien, ihr seine Huldigungen darzubringen. Er hatte es zu machen gewußt, daß er an der Tafel neben sie zu fitzen kam, und zeigte jetzt ein eifrigeres Streben, sich ihr angenehm zu mache», als an dem Mahle Theil zu nehmen, Artbur bemerkte, wie der Stutzer ihr zuflüsterte und auf ihn blickte. Anna gab eine ganz kurze Antwort, aber einer der Söhne des Hauses war ohne Zweifel mitkheilsamer, denn die beiden jungen Leute lachten, das Mädchen schien abermals verlegen zu werden und wurde roth vor Unmuth. 61 „Hätte ich einen dieser Gebirgssöhne," dachte der junge Philivion, „auf sechs Klaftern ebenen Rasenplatzes, wenn es so viel flacben Boten in diesem Lande gibt, so würde ich ihnen wabrscheinlich den Spaß eher verderben, als zu seiner Unterhaltung dienen. Es ist ebenso sonderbar, derartige eingebildete Lümmel unter demselben Dach mit einem so artigen und liebenswürdigen Frauenzimmer zu sehen, als wenn einer ihre, Zottelbären mit einem Mädchen, wie die Tochler des Wirths tanzte. Nun, ich brauche mich ja nicht mehr, als eben nötoig, um ihre Schönheit oder ihre Erziehung zu kümmern, denn der kommende Morgen wird mich für immer von ihnen trennen." Während dem Gast diese Gedanken durch den Kopf gingen. rief der Familienvater nach einem Trunk Wein, forderte die zwei Fremden auf, ihm in einem ziemlich großen Becher von Ahvrnhvlz Bescheid zu thun, und gab Rudolph Donnerhügel einen ähnlichen. „Aber Ihr, Vrtker," sagte er, „seid an stärkere Weine gewöhnt, als die halbreifen Trauben von Geierstein lief rn können. — Könnt Ihr es glauben, Herr Kaufmann," fuhr er gegen Philipson fort, „es gibt Bürger von Bern, welche »m Wein für ihren eigenen Bedarf nach Frankreich und Deutschland schicken?" „Mein Vetter takelt das," versetzte Rudolph, „und doch ist nicht jeder Ort mit Weinbergen gesegnet, wie Geierstein, welches Alles hervorbringt, was Herz und Auge erfreuen kann." Dies wurde mit eim m Blick auf seine schöne Gesellschafterin gesagt. Diese that aber, als ob sie das Zompliment nichts anginge, und der Gesandte von Bern fuhr fort: „Aber unsere reicheren Bürger kalten es, wenn sie einige überflüssige Kronen haben, für keine Verschwenkung, einen Becher besseren Weins für dieselben einzutauschen, als unsere eigenen 62 Berge liefern können. Wir werden jedoch sparsamer sein, wenn wir Fässer voll Burgunders zu unsrer Verfügung und keine Mühe dabei habe» werden als die, ihn herzuführen." „Was wollt Ihr damit sagen, Vetter Rudolph?" sagte Arnold Biedermann. „Ich denke, geehrter Vetter," antwortete der Berner, „Eure Briefe müßten Euch gesagt haben, daß unsere Taq- satzung wahrscheinlich an Burgund den Krieg erklären wird?" „So? Ihr kennt also den Inhalt meiner Briefe?" sagte Arnold; „ein neues Zeichen, wie die Zeiten in Bern und bei der Schweizer Tagsatznng ssch geändert haben. Sind alle ihre alten Staatsmänner gestorben, daß unsere Bundesgenossen bartlose Knaben in ihre Berathungen ziehen?" „Der Rath von Bern und die eidgenössische Tagsatzung," sagte der Jüngling, theils aus Schaam, lheils um zu recht- fertigen, was er zuvor gesprochen, „gestatten den jungen Männern die Kenntniß ihrer Plane, weil ste es sind, welche dieselben ausführen müssen. Der Kopf, der denkt, mag sich wohl der Hand vertrauen, die zuschlägt." „Nickt eher, als bis der Streich geführt wird, junger Mensch," sagte Arnold Biedermann mit Ernst. „Was ist das für ein Rathsherr, der leichtfertig Staatsgeheimnisse vor Weiber» und Fremden ausplaudert? Geht, Rudolph und Ihr andern und versuchet in männlichen Leibesübungen, wer am besten geeignet ist, unserem Lande zu dienen, ehe Ihr Euer llrtheil über Maßregeln loslegt, die man zu seinem Besten ergreift. — Haltet, junger Mensch," fuhr er gegen Arthur gewendet fort, der sich erhoben hatte, „damit seid Ihr nicht gemeint; Ihr seid nicht an Bergreisen gewöhnt und habt Ruhe nöthig!" 63 _ „Mit Eurer Erlaubniß, Herr, nicht also!" sagte der ältere Fremde, „wir halten in England dafür, daß es, wenn wir durch eine Art von Anstrengung erschöpft sind, die beste Erbolung >ei, wenn wir uns zu einer andern Anstrengung wenden; so gibt z. B- einem, der vom Gehe» ermüdet ist, das Reiten mehr Erholung, als ein Flaumenbett Und darum wird mein Sohn die Uebungen Eurer Sohne mitmachen, wenn es die jungen Leute erlauben wollen " „Er wird rohe Schulkameraden an ihnen finden," antwortete der Schweizer, „aber es steht in Eurem Belieben." Die jungen Leute gingen also auf den freien Grasplatz vor dem Hause. Anna von Geierstein und einige der weiblichen Angehörigen des Hauses setzten sich auf eine Bank, um zu entscheide» wer seine Sälen am besten machen würde. Die beiden Alten, die im Saale zurückgeblieben, hörten bald nacbher Geschrei, lautes Gelächter und allen Lärm jugendlicher Gemüther, die mit männlichen Spielen beschäftigt find; der Herr des Hauses griff wieder zur Weinflasche, füllte den Becher seines Gastes und goß den Rest in seinen eigenen. „In einem Alter, würdiger Fremdling," sagte er, „in welchem das Blut kälter stießt und das Denken schwerer wird, bringt ein mäßiger Trunk Weins lichte Gedanken zurück und macht die Glieder geschmeidig. Und doch mö.i te ich fast, daß Noah keine Trauben gepflanzt hätte, denn in den letzten Jahren habe ich mit eigenen 'Augen gesehen, daß meine Landsleute, wie ächte Deutsche, sich in Wein betranken, bis sie vollen Schweinen glichen, keiner Empfindung oder Bewegung, keines Gedankens mächtig." „Das ist ein Laster," sagte der Engländer, „welches, wie ich bemerkt, in Eurem Lande um sich greift, und vor einem Jahrhundert völlig unbekannt war, wie ich gehört habe." „So war'S," sagte der Schweizer, „man baute nur wenig Wein im Lande und führte keinen von außen ein; denn Niemand besaß die Mittel, solchen oder sonst etwas zu kaufen, was unsere Thäler nicht selbst Hervorbringen. Aber unsere Kriege und Siege haben uns Rcichthum und Ruhm erworben; und nach der Ansicht wenigstens eines Schweizers stände es ohne beide besser um »ns, wenn wir nicht bei derselben Anstrengung auch Freiheit errungen hätten. Es ist übrigens etwas werth, daß der Handel dann und wann in unsere abgelegenen Berge einen verständigen Mann, wie Ihr, würdiger Gast, hereinbringt, de» sein Gespräch als einen Mann von Einsicht und Urtheilskraft ausweist. Denn ob ich gleich die wachsende Neigung zu Schmucksachen und Spielereien keineswegs theile, die Ihr Kaufleute einführt, so er, kenne ich doch an, daß ein einfaches Bergvolk durch Männer, wie Ihr, mehr von der Welt um uns her leinen, als wir durch eigene Berührung uns aneignen könnten. Ihr Müßt, sagt Ihr, nach Basel und von da ins Lager des Herzogs von Burgund?" „So ist's, mein werther Gastfreund," saate der Kaufmann, „vorausgesetzt, Laß ich meine Reise mit Sicherheit machen kann." „An Eurer Sicherheit, guter Freund, ist nickt zu zweifeln, wenn Ihr Lust habt, zwei oder drei Tage zu warten; denn innerhalb dieser Zeit werde ick selbst die Reise machen, und zwar mit einem Geleite, das jede Gefahr verhindert. Jkr werdet in nur eine» zuverlässigen und redlichen Führer finden und ich werde von Euch Vieles über andere Länder erfahren, worüber mir eine bessere Kennkniß nöthig ist. Soll es gellen?" 65 „Der Vorschlag ist mir zu vortheilhaft, als daß ich ihn zurückiveisen sollte," sagte der Engländer, „darf ich aber nach dem Zweck Eurer Reise fragen?" „Ich habe vorhin jenen Knaben gescholten," antwortete Biedermann, „weil er unüberlegt und vor der ganzen Familie von Staatsangelegenheiten gesprochen; aber ich brauche unsere Nachrichten und meine Sendung nicht vor einem achtungs- werthen Man», wie Ihr, zu verbergen; denn Ihr müßtet Loch beide bald aus dem öffentlichen Gerede erfahren. Ihr kennt ohne Zweifel den wechselseitigen Haß, der zwischen Ludwig XI. von Frankreich und Karl von Burgund besteht, Len man den Kühnen nennt; und da Ihr diese Länder besucht habt, wie ich aus Eurem Gespräch entnommen, jo seid Ihr wahrscheinlich wohl bekannt mit den verschiedenen Ursachen des Haders, welcher die Fürsten auch ohne ihren persönlichen Haß gegen einander zu unversöhnl chen Feinden macht Nun bietet Ludwig, der in der Welt an List und Schlauheit seines Gleichen sucht, allen seinen Einfluß auf, um durch große Geldspenden an einige der Räthe unserer Nachbarn zu Bern, durch Geldlieferungen in die Schatzkammer dieses Staates selbst, durch Vorhaltung des Köders reicher Jakrgehalte an alte und durch - ufreizung heftiger junger Männer die Berner in einen Krieg mit dem Herzog zu verwickeln. Karl seinerseits handelt, wie auch sonst häufig, gerade so, wie eS Ludwig nur wünschen kann. Unsere Nachbarn und Bundesgenossen in Bern sind nicht, wie wir in den Waldkantonen, auf Viehzucht oder Ackerbau beschränkt, sondern treiben einen beträchtlichen Handel, welchen der burgundische Herzog zu wiederholten Malen durch die Erpressungen und Gewaltthä- tigkeiten seiner Beamten in den Gränzstädten unterbrochen hat, wie Ihr wohl wissen werdet." Anna v. Geierstein l. 5 66 „Allerdings," antwortete der Kaufmann, „das wird allgemein als muthwillige Quälerei angesehen." „Es wird Such also nicht überraschen, daß in Folge der Aufreizungen des einen und der Beeinträchtigungen des andern Fürsten Bern und die Stadtkantone unseres Bundes, die wegen ihres größeren Reichthnms und ihrer besseren Erziehung auf unserer Tagsatzung mehr zu sagen haben, als wir aus den Waldkantonen, im Stolz auf vergangene Siege und voll Begierde na» Vermehrung ihrer Macht,,zum Kriege geneigt sind, ans welchem für die Republik bis daher glücklicherweise immer Siege, Reichthümer und Gebietsvergrößerungen hervorgegangen sind." „Und Ruhm, werther Gastfreund," sagte Philipson, indem er ihn mit Begeisterung unterbrach; „ich wundre mich nicht, daß die Jugend Eurer Kantone sich eifrig zu neuen Kriegen drängt, da ihre früheren Siege so glänzend waren und so weit bekannt geworden sind." „Ihr seid kein kluger Kaufmann, mein guter Gast," antwortete der Wirth, „wenn Ihr den Erfolg in früheren verzweifelten Unternehmungen für eine Aufmunterung zu künftiger Unbesonnenheit anseht. Wir wollen besseren Vvrtheil aus unseren Kriegen ziehen. Da wir für unsere Freiheit fochten, segnete Gott unsere Waffen, aber wird er es auch thun, wenn wir für Vergrößerung oder um das französische Gold kämpfen?" „Eure Zweifel sind nicht ungegründet," versetzte der Kaust mann mit mehr Gelassenheit, „aber nehmet an, Ihr zöget das Schwert, um den drückenden Erpressungen Burgunds ein Ende zu machen!" „Hört mich an, guter Freund," antwortete der Schweizer, „es mag sein, daß wir in den Waldkantonen zu gering von 67 Handelssachen denken, denen die Berner Bürger so viel Aufmerksamkeit schenken, aber wir werden unsere Nachbarn und Verbündeten bei einer gerechten Veranlassung zum Streit nicht verlassen, und es ist fast schon ausgemacht, daß eine Gesandtschaft an de» Herzog von Burgund abgeschickt werden soll, um Abstellung der Beschw erde» zu verlangen An dieser Sendung soll ich nach dem Wunsch der gegenwärtig in Bern versammelten Tagsatzung Theil nehmen. Und daher die Reise, auf welcher Ihr mich begleiten sollt." „Es wird mir zu großem Vergnügen gereichen, in Eurer Gesellschaft zu reisen, würdiger Gastfreund," sagte der Engländer. „Aber, so wahr ich ei» aufrichtiger Mann bin, mich dünkt, Ihr gleicht an Haltung und Gestalt eher einem, der eine Ausforderung überbringt, denn einem Friedensboten." „Und ich möchte sagen," versetzte der Schweizer, „daß Eure Sprache und Gesinnung, mein ehrenwerther Gast, eher dem Schwert als dem Meßstock angehört." „Ich wurde zu den Waffe» erzogen, werther Herr, ehe ich das Ellenmaß in die Hand nahm," entgegnete Pbilipson und lächelte. „Es mag auch sein, daß ich noch immer mehr für mein altes Gewerbe eingenommen bin, als die Klugheit empfehlen dürfte." „Ich dachte es wohl," sagte Arnold, „aber dann fochtet Ihr wahrscheinlich unter dem Banner Eures Vaterlandes gegen einen auswärtigen Landesfeind. In diesem Fall will ich zugeben, daß der Krieg etwas an sich hat, was das Herz über die Rücksichten erhebt, die man nothwendigerweise auf das Unglück nehmen sollte, was Geschöpfe Gottes in einem solchen Kampf einander zusügen und von einander erleiden. Aber der Krieg, in welchem ich thätig war, hat keine so glänzende Außenseite. Er war der unglückliche Züricher Krieg, in welchem 5 * 68 Schweizer ihre Piken gegen die Herzen ihrer eigenen Landsleute kehrten, und die Gnade ward in derselben sanften Bergsprache erbeten und versagt. Von solche» Erinnerungen sind wahrscheinlich Eure kriegerischen Rückblicke frei." Der Kaufmann ließ den Kopf sinken und drückte die Hand an die Stirne, wie Einer, dem die qualvollsten Gedanken plötzlich ins Gedächtniß gerufen werden. „Ach," sagte er, „ich verdiene die Pein, die Eure Worte mir verursachen. Welch Volk kann die Leiden Englands fassen, wenn es sie nicht selbst gefühlt hat? Welche Augen können sie berechnen, wenn sie nicht gesehen haben, wie das Land im Streit zweier wüthenden Partheien zerrissen worden, wie viel Blut geflossen ist, wie viele Schlachten in jeder Provinz geschlagen worden sind, wie die Ebenen volle. Erschlagene» liegen und wie die Schaffelle von Blut trieften. Selbst in Euren ruhigen Thä- lern müßt Zhr von den Bürgerkriegen in England gehört haben?" „Ich entsinne mich wirklich," sagte der Schweizer, „daß England seine Besitzungen in Frankreich verlor, während viele Jahre lang blutige, innere Kriege wegen der Farbe einer Rose geführt wurden. — Nicht wahr? Aber das ist vorbei." „Für jetzt scheint es so," antwortete Philipson. Während er sprach, klopfte es an die Thüre. Der Hausherr rief „herein!" die Thüre ging auf und mit einer Verbeugung, wie man sie in diesen Hirtenländern von jungen Leuten gegen Aeltere erwartet, zeigte sich die schöne Gestalt Anna's von Gelerstein. Viertes Kapitel. Den Bogen wohlbekannt, erfaßt der Mann nunmehr. Kehrt ihn nach rechts und links, besieht ihn hin und her. Da spottet Einer: „seht ihn doch den Bogen drehen! Er hat wohl einen schon, der diesem gleicht, gesehen: Mit Bögen handelt er, sucht den da nachzumachen; Macht selber oder stiehlt vielleicht auch solche Sachen." Homer's Odyssee von Pope. Das schöne Mädchen näherte sich mit dem halb schüchternen, halb kecken Blick, der jungen Hausfrauen so wohl ansteht, wenn sie zugleich stolz und beschämt sind über die Pflichten der Wirthschaft, die ihnen obliegen und flüsterte ihrem Oheim etwas ins Ohr. „Konnten die einfältigen Buben nicht selbst ihre Botschaft anbringen? Was wollen sie, daß sie es nicht selbst fordern, sondern dich schicken müssen, darum zu bitten? Wäre es etwas Vernünftiges, so hätte es mir von vierzig Stimmen in die Ohren getönt, so bescheiden sind unsere Schweizer Jünglinge heutzutage." Sie beugte sich vorwärts und flüsterte ihm etwas zu, während er ihr mit seiner großen Hand die gelockten Haarflechten 1 70 ^ streichelte und erwiederte: „Den Bogen von Buttishvlz, meine Liebe? Die Jungen sind doch gewiß seit letztem Jahr nicht stärker geworden und damals konnte ihn keiner spannen. Aber dort hängt er mit seinen drei Pfeilen. Wer ist der erfahrene Kämpe, der zu einem Spiel hcrausfordert, in welchem er gewiß überwunden wird?" „Der Sohn des Herrn da," sagte das Mädchen. „Er kan» sich mit meinen Vettern im Laufen, Springen, Stangenwerfen und Steinschleudern nicht messen und hat sie nun herausgefordert, mit ihm zu reiten oder mit dem englischen Bogen zu schießen." „Das Reiten," sagte der ehrwürdige Schweizer, „wäre schwer, wo es keine Pferde gibt, und wenn auch solche da wären, keinen ebenen Boden zum Wettrennen. Aber einen englischen Bogen soll er haben, da wir glücklicherweise einen solchen besitzen. Bring ihn den jungen Leuten nebst den drei Pfeilen, meine Nichte und sag ihnen, daß, wer ihn spannt, mehr leistet, als Wilhelm Tell oder der berühmte Stauffacher hätten thun können." Als das Mädchen wegging, ihn von dem Platze zu holen, wo er unter dem Haufen von Waffen hing, die Philipson früher schon gesehen, bemerkte der englische Kaufmann, die Minstrels seines Landes würden ein so schönes Mädchen zu nichts als zum Bvgenträger des kleinen, blinden Liebesgottes machen, wenn sie ihr ein Amt anzuweisen hätte». „Ich mag nichts von dem blinde» Gott Cupido wissen," sagte Arnold hastig und doch zugleich mit halbem Lachen. „Wir sind ganz betäubt worden von den Narrheiten der Minstrels und herumziehenden Minnesänger, seitdem diese wandernden Spitzbuben herausgefunden haben, daß Geld bei uns zu gewinnen ist. Ein Schweizer Mädchen sollte nichts 71 singen als Albert Tschudi's Balladen oder Las lustige Lied vom Auszug der Kühe auf die Alpenweiden und ihrer Heimkehr." Während er redete, hatte die Dirne aus Len Waffen einen mehr als sechs Fuß lange» Bogen von außerordentlicher Stärke und drei ellenlange Pfeile herausgesucht. Philipson bat, sie ansehen zu dürfen und prüfte sie genau. „Das ist ein zähes Stück Eibenholz," sagte er. „Ich muß das kenne», denn ich habe zu meiner Zeit mit solchen Maaren gehandelt und in Arthur'S Alter hätte ich ihn so leicht spannen können, als ein Knabe eine Weide biegt." „Wir sind zu alt, um zu prahlen, wie Kinder," sagte Arnold Biedermann mit einem Blicke leichten Vorwurfs auf seinen Gesellschafter. „Bring Len Bogen deinen Vettern, Anna, und wer ihn spannt, soll sagen dürfen, er habe Arnold Biedermann überwunden." Während er dies sagte, wandte er die Augen auf die magere, aber kräftige Figur des Engländers und überflog dann mit dem Blick seine eigene stattliche Gestalt. „Ihr müßt Euch erinnern, mein gütiger Wirth," sagte Philipson, „daß die Waffen nicht durch Stärke gehandbabt werden, sondern Lurch die Geschicklichkeit und Gewandtheit der Hände. Ich muß mich aber sehr wundern, hier einen Bogen von Mathias von Doncaster zu sehen, einem Bvgen- macher, der vor wenigstens hundert Jahren gelebt hat und dessen Arbeiten durch ihre große Zähigkeit und Stärke merkwürdig sind. Selbst ein englischer Krieger kann sie jetzt kaum mehr führen." „Wie kennt Ihr so genau den Namen dessen, der den Bogen gemacht, werther Gast?" fragte der Schweizer. „An dem Zeichen des alten Mathias," versetzte der Eng- 72 länder, „und den Anfangsbuchstaben seines Namens, die in den Bogen eingeschnitten sind. Nickt wenig wnndert's mich, eine solche Waffe hier und in so gutem Zustande zu finden." „Sie ist," sagte der Landammaun, „wie sich's gehört, mit Wachs und Oel eingeschmiert und in gutem Stand erhalten worden als Andenken an einen denkwürdigen Tag. Es könnte Euch kränken, wenn ich die frühere Geschichte derselben erzählte, denn sie ward an einem für Euer Land unglücklichen Tage gewonnen." „Mein Vaterland," versetzte der Engländer ruhig, „hat so viele Siege erfochten, daß seine Kinder wohl von einer einzigen Niederlage erzähle» hören können. Aber ich weiß nichts davon, daß die Engländer einmal in der Schweiz Krieg führten." „Nicht gerade als Nation," antwortete Biedermann, „aber es war in den Tagen meines Großvaters, daß ein großer Haufen herumstreifender Söldner aus fast allen Ländern, besonders aber aus England, der Normandie und Gascogne das Aargau und die angränzenden Gegenden überschwemmte. An ihrer Spitze stand ein großer Kriegsmann, Jngelram von Couci, der einige Ansprüche an de» Herzog von Oesterreich erhob. Sie zu befriedigen, verwüstete er das Gebiet von Oesterreich und unserer Eidgenossenschaft ohne Unterschied. Seine Krieger, für Geld gedungene Söldner, nannten sich Freischaaren, schienen keinem Lande anzugehören und waren eben so tapfer im Gefecht, als grausam bei ihren Verwüstungen. Ein Stillstand in de» beständigen Kriegen zwischen Frankreich und England hatte viele von dieser Bande ihrer ordentlichen Beschäftigung beraubt und da sie ohne Krieg nicht leben konnten, so suchten sie ihn in unseren Thälern. Die Lust schien im Feuer zu stehen beim Glanz ihrer Rüstungen 73 und die Sonne selbst ward von dem Flug ihrer Pfeile verdunkelt. Sie thaten uns viel Schade» und wir verloren mehr als eine Schlacht. Aber wir trafen sie bei Buttisholz und mischten das Blut manches Reiters (man nannte und achtete sie als Edle) mit dem ihrer Pferde. Die gewaltige Anhohe, welche die Gebeine der Männer und Rosse bedeckt, heißt noch jetzt der englische Grabhügel." Philipson schwieg eine oder zwei Minuten und erwiederte dann: „Laßt sie im Frieden ruhen! Wenn sie Unrecht thaten, so bezahlten sie es mit ihrem Leben und das ist alles Lösegeld, was ein Sterblicher für seine Uebertretnngen geben kann. Der Himmel sei ihrer Seele gnädig!" „Amen," versetzte der Landammaun, „und der Seele aller tapferen Männer! Mein Großvater war in der Schlacht, man glaubte, er habe sich wie ein guter Krieger gehalten und dieser Bogen ist seither in unserer Familie sorgfältig aufbewahrt worden. Es gibt eine Prophezeihung, die sich auf ihn bezieht, aber ich halte es nicht der Mühe werth, sie anzuführen." Philipson wollte eben weiter fragen, wurde aber durch einen lauten Schrei der Ueberraschung und des Erstaunens von außen unterbrochen. „Ich muß hinaus," sagte Biedermann, „und sehen, was die wilden Jungen machen. Cs ist nicht mehr wie früher in diesem Laude, da die jungen Leute es nicht wagten, ein Ur- theil zu fällen, bis sie die Greise angehvrt hatten." Er trat zum Haus hinaus und sein Gast folgte. Die ganze Gesellschaft, welche den Spielen zugesehen, sprach zusammen, jauchzte und stritt in einem Athen,. Arthur Philipson stand etwas entfernt von den andern und stützte sich mit anscheinender Gleichgültigkeit auf den abgespannten Bogen. Beim Anblick des Landammanns schwieg Alles. 74 „Was bedeutet dieser ungewöhnliche Lärm?" sagte er und erhob die Stimme, aus welche Jedermann mit Ehrfurcht zu horchen gewöhnt war. — „Rüdiger," redete er seinen ältesten Sohn an, „hat der junge Fremde den Bogen gespannt?" „Ja, Vater," sagte Rüdiger, „und er hat das Ziel getroffen. Solche drei Schliffe hat Wilhelm Teil nicht gethan." „Znfall, bloßer Zufall!" sagte der Schweizer von Bern. „Keines Mensche» Geschicklichkeit hätte das vollbringen können, viel weniger ein schwächlicher Mensch, der in Allem, was er sonst mit uns versuchte, den Kürzere» gezogen hat." „Aber was hat er denn gethan?" fragte der Landammann — „Nein, sprecht nicht alle auf einmal! — Anna von Geierstein, du hast mehr Verstand und Lebensart, als diese Bursche, sag' mir, wie es bei dem Spiel hergegangen ist!" Das Mädchen schien etwas betreten über diese Aufforderung und schlug die Augen nieder, gab aber ruhig zur Antwort: „Das Ziel war, wie gewöhnlich, eine Taube an einer Stange. Alle die jungen Leute, den Fremden ausgenommen, hatten sich mit Armbrust und Bogen daran versucht, ohne zu treffen. Als ich den Bogen von Buttisholz herausbrachte, bot ich ihn zuerst meinen Vettern an. Keiner wollte ihn nehmen und Jeder, geehrter Oheim, sage, eine Aufgabe, die Euch zu schwer sei, müsse es noch weit mehr für sie sein." „Da haben sie Recht gehabt," antwortete Arnold Biedermann; „und der Fremde spannte den Bogen?" „Ja, mein Oheim, aber er schrieb zuerst etwas auf ein Stück Papier und legte es mir in die Hand." „Und er schoß und traf das Ziel?" fuhr der überraschte Schweizer fort. 75 „Er rückte zuerst die Stange hundert Ellen weiter hinaus, als sie zuvor gestanden," sagte das Mädchen. „Sonderbar," sagte der Landaimuaun, „das ist das Doppelte der gewöhnlichen Entfernung." „Dann spannte er den Bogen," fuhr Las Mädchen fort, „und schoß mit unglaublicher Schnelligkeit die drei Pfeile, welche er in seinen Gürtel gesteckt hatte, einen nach dem andern ab. Der erste spaltete die Stange, der zweite Durchschnitt den Strick und der dritte tödtete den armen Vogel, wie er sich in die Luft erhob." „Bei der heiligen Maria von Einsiedeln," sagte der alte Mann, indem er sich erstaunt umsah, „wenn Eure Augen daS wirklich gesehen haben, so habt Ihr ein Bogenschießen erblickt, das in den Waldstädten ohne Beispiel ist." „Ich sage nein! mein verehrter Vetter," verfehle Rudolph Dvnnerhügel, dessen Verdruß augenfällig war, „es war mehr Zufall, wenn nicht Täuschung oder Zauberei." „Was sagst du dazu, Arthur?" sagte Philipson mit halbem Lächeln, „kam dein Glück durch Zufall oder Kunst?" „Mein Vater," versetzte der junge Mann, „ich brauche Euch nicht zu sagen, daß ich ein bei einem englischen Bogenschützen nicht ungewöhnliches Kunststück gemacht habe; auch rede ich nicht diesem bauernstolzen und unwissenden jungen Mann zu lieb, aber unserem werthen Wirth und seiner Familie will ich Antwort geben. Dieser Jüngling beschuldigt mich, ich habe den Leuten die Augen geblendet oder das Ziel zufälligerweise getroffen. Was das Blendwerk betrifft, so ist dort die gespaltene Stange, das zerschnittene Band und der todte Vogel; man kann sie sehen und in die Hände nehmen, überdies wird dieses schöne Mädchen, wenn sie das Blättchen öffnen will, das ich ihr in die Hand gelegt, den sicheren Be- 76 weis darin finden, daß ick, bevor ich den Bogen spannte, die drei Punkte darauf bestimmt hatte, auf welche ich zielen wollte." „Zeig' mir den Zettel her, gute Nichte!" sagte ihr Oheim, „und ende den Streit!" „Nein, mit Eurer Erlaubniß, mein werther Wirth," sagte Arthur, „es find bloß ein paar scherzhafte Reime, die nur dem Mädchen selbst vor Augen kommen sollen." „Und mit Eurer Erlaubniß, Herr," sagte der Landammann, „was für die Augen meiner Nichte paßt, darf auch meine Ohren erreichen." Er nahm das zusammengerollte Papier von dem Mädchen, welche, als sie es weggab, tief erröthete. Die Handschrift darauf war so schon, daß der Landammann überrascht ausrief: „Kein Schreiber in St. Gallen hätte es hübscher machen können. Sonderbar," fing er dann wieder an, daß eine Hand, die einen Bogen so gut zu spannen im Stande ist, so kunstreiche Züge zu machen versteht." Und auf's Neue rief er: „Ha Verse, bei der heiligen Jungfrau! Was, haben wir Minstrels als Handelsleute verkleidet bei uns?" Dann machte er das Röllchen auf und las die folgenden Zeilen: Treff' ich Pfahl, Schnur und Vogel dort, — Ein Schütz aus England hält sein Wort, — So gab' ich, zieltest du nach mir. Die drei für einen Blick von dir. „Das sind feine Reime, werther Gast," sagte der Landammann und schüttelte den Kopf; „schöne Worte, um tolle Wünsche in einem Mädchen zu erregen. Aber Ihr braucht Euck nicht zu entschuldigen, das ist Brauch in Eurem Lande und wir wissen uns danach zu richten." Und ohne weitere Anspielung auf die Schlußzeilcn, deren Vorlesung ihren Verfasser sowohl als Len Gegenstand derselben in einige Ver- legenheit brachte, fügte er ernsthaft hinzu: „Du wirst jetzt einräumen, Rudolph, daß der Fremde auf rechtmäßige Art die drei Ziele getroffen hat, die er sich selbst gesetzt" „Daß er sie getroffen Kat, ist offenbar," antwortete der, an welchen die Aufforderung gerichtet war, „aber daß er es auf rechtmäßige Art gethan, dürfte zu bezweifeln sein, so lange es in der Welt Dinge gibt wie Hexerei und Zauberei." „Schäme dich, schäme dich, Rudolph," sagte der Landammann, „kann Zorn und Neid auf einen so wacker» Mann, als du, Einfluß haben, von dem meine Sohne Mäßigung, Nachsicht und Biederkeit sowohl lernen sollten, als männlichen Muth und Geschicklichkeit?" Der Berner ward blutroth bei dem Verweis, auf den er keine Erwiederung zu versuche» wagte. „Zu Eurem Spiel bis Sonnenuntergang, meine Kinder," fuhr Arnold fort; „ich und mein würdiger Freund wollen unsere Zeit auf einen Spaziergang verwenden, zu welchem der Abend jetzt günstig ist," „Mich dünkt," sagte der englische Kaufmann, „ich würde gerne die Ruinen jenes Schlosses besuchen, welches an dem Wasserfall liegt. Es liegt etwas schwermüthig Erhabenes in einem solchen Anblick, der uns mit dem Unglück der eigenen Zeit versöhnt; denn er zeigt, daß unsere Vorfahren, die vielleicht verständiger oder mächtiger waren, dessen ungeachtet in ihren Tagen ähnliche Sorgen und Kümmernisse durchgemacht haben, wie die, unter welchen wir seufzen." „Ich halte eS mit. Euch, mein weither Herr," versetzte sein Wirth. „Auf dem Wege wird sich auch Zeit finden, von Dingen zu sprechen, die Ihr wissen müßt " Der langsame Schritt der zwei ältlichen Männer ent- 78 führte sie allmählig aus dem Bereich des Grasplatzes, auf welchem. Geschrei und Gelächter wieder begonnen hatten. Der junge Philipsou, dessen Glück als Bogenschütze jede Erinnerung an frühere Fehler verwischt hatte, machte andere Versuche, sich in den Zeitvertreib der Landesangehvrigen zu mischen und errang nicht wenig Beifall. Die jungen Leute, welche erst kürzlich so bereit gewesen waren, zusammenzuhal- teu, wen» es galt, ihn zu verspotten, fingen ihn jetzt mehr zu beachten an. Rudolph Oonnerbügel aber sah mit Verdruß, daß er nicht länger ohne Nebenbuhler in der Meinung seiner Vettern sei, vielleicht auch nicht in der seiner Base. Der stolze Schweizer sah mit bitterem Verdruß, daß er das Mißfallen des Landammanns erregt habe und im Ansehen bei seinen Gesellschaftern gesunken sei. Ja, er hatte sich einer noch kränkenderen Demüthigung ausgesetzt; und das Alles war, wie sein schwellendes Herz ihm sagte, durch ein fremdes Bürschchen gekommen, obne Geburt oder Ruf, und der ohne die Ermuthigung eines Mädchens nicht von einem Felsen zum andern steigen konnte. In dieser aufgeregten Gemüthsstimmung trat er dem jungen Engländer näher und während er sich die Miene gab, als ob er mit ihm von den Wechselfällen bei den Spielen redete, die noch immer fortgeführt wurden, zielte er bei dem, was er ihm zuflüsterse, auf ganz andere Dinge. Indem er Arthur mit der ungezwungenen Derbheit eines Bergbewohners auf die Schulter klopfte, sagte er laut: „Ernst's Bolze pfeift durch die Lust, wie ein Falk, wenn er unter dem Winde hinfliegt." Dann fuhr er mit leiser, unterdrückter Stimme fort: „Ihr Kaufleute verkauft Handschuhe, handelt Ihr auch mit einzelnen oder gebt Ihr sie nur paarweise?" „Ich verkaufe keinen einzelnen Handschuh," sagte Arthur, 79 der ihn sogleich verstand und sehr geneigt war, sich für die höhnischen Blicke des Berner Kumpans während des Essens und dafür zn rächen, dass er erst kürzlich sein glückliches Schießen dem Zufall oder der Hexerei zngeschrieben hatte, — „Ich verkaufe keinen einzelnen Handschuh, aber nie weigere ich mich, einen solchen einzutauschen." „Ihr seid schlau, seh' ich," sagte Rudolph; „blickt auf die Spieler, während ich spreche, sonst errathen sie unser Vorhaben. Ihr habt eine schnellere Fassungskraft, als ich erwartete. Wenn wir unsere Handschuhe austauschen, wie soll Jeder den seinen wieder einlösen's" „Mit unseren guten Schwertern," sagte Arthur Philipson. „In der Rüstung, oder wie wir La sind?" „Wie wir da sind," sagte Arthur. „Ich habe kein besseres Gewand, als dies Wamms/ keine andere Waffe, als mein Schwert, und das meine ich, ist für unsern Zweck hinreichend. Nennt Zeit und Ort!" „Der alte Schloßhof von Geierstein," entgegnete Rudolph, „die Zeit Sonnenaufgang; — aber wir werden beobachtet. — Ich habe meine Wette verloren, Fremdling," fügte er laut und in gleichgültigem Tone hinzu, „denn Ulrich hat weiter hinaus getroffen, als Ernst. — Hier ist mein Handschuh zum Zeichen, daß ich die Flasche Wein nicht vergessen werde." „Und hier der meine," sagte Arthur, „zum Zeichen, daß ich sie in Lustigkeit mit Euch trinken will." So trafen zwei hitzköpfige Jünglinge unter den friedlichen, wenn auch rohen Spielen ihrer Kameraden Anstalten, ihre feindseligen Gesinnungen gegen einander zu befriedigen. Fünftes Kapitel. Ich liebte einst Den baumbckränzten Bach und brüllend Vieh, Und grobe Tracht, des armen Bauern Loos, Das gab mir mehr Vergnügen, als die Hallen, Wo Schwelger schmausen, bis sie fiebern. Glaube. Nie ward noch Gift gemischt in Ahornschaalen. Ein Ungenannter. Der Landammann von Unterwalden und der ältere Phi- lipson überließen die jungen Leute ihrem Spiel, gingen mit einander davon und unterhielten sich hauptsächlich von Len politischen Beziehungen zwischen Frankreich, England und Burgund, bis das Gespräch bei ihrem Eintritt in das Thor des alten Schloßhofs von Geierstein eine andere Wendung nahm. Hier erhob sich der einsame und geschleifte Gefäng- nißthurm, umgeben von Len Trümmern anderer Gebäude. „Das war ein stolzer und starker Sitz zu seiner Zeit," sagte Philipsvn. „Es war ein stolzes und mächtiges Geschlecht, dem er gehörte," versetzte der Landammann. Oie Geschichte der Grafen von Geierstein geht bis in die Zeiten der alten Helvetier 81 zurück und es wird berichtet, ihre Thaten seien dem Alter ihres Geschlechts gleichgekommen. Aber alle irdische Größe hat ihr Ende, freie Männer betreten jetzt die Ruinen ihres Lehnsherrenschlosses, und ehedem mußten die Leibeigenen bei dem entferntesten 'Anblick seiner Thürnie ihre Mützen abnehmen, wenn sie der Züchtigung widerspenstiger Aufrührer entgehen wollten." „Was ich," sagte der Kaufmann, „auf einem Stein an jenem Thurm eingegraben sehe, ist wohl das Wappen der letzten Familie, ein Geier, der auf einem Felsen sttzt, ohne Zweifel die sinnbildliche Bezeichnung des Worts Geiersteiu." „Das ist das alte Wahrzeichen der Familie," erwiederte Arnold Biedermann, „und bedeutet, wie Ihr sagt, den Namen des Schlosses, und den rrugen auch die Ritter, welche es so lange inne hatten." „Ich bemerkte auch in Eurem Saale," fuhr der Kaufmann fort, „einen Helm, der dasselbe Wappen oder Wahrzeichen trug. Das ist, denk' ich, ein Zeichen ron dem Sieg der Schweizer Bauern über die Edel» von Geierstem,, wie der englische Bogen zum Andenken an die Schlacht von But- tisholz aufbewahrt wird?" „Ihr betrachtet," entgegnete der Landammann, „wie ich merke, werther Herr, in Folge der Vorurtheile Eurer Erziehung, de» einen Sieg mit so unangenehmen Gefühlen als de» ander». Sonderbar, daß die Ehrfurcht vor dem Rang selbst in denen festgewurzelt ist, welche keine Ansprüche darauf haben. Aber glättet Eure zusammengezogene» Brauen, mein würdiger Gast, und leid versichert, wen» gleich manch stolzes Baronenfchloß Lurch die gerechte Rache eines entrüste, ten Volks geplündert und zerstört worden ist, als die Schweiz die Bande der Lehnssklaverei abschüttelte, so ist das doch Anna v. Geierstein l. 6 82 nicht das Schicksal von Geierstein gewesen. Das Blut der alten Herren dieser Thürnie fließt noch in den Adern des Besitzers dieser Ländereien." „Wie muß ich das verstehen, Herr Landammann?" fragte Philipson. „Seid Ihr nicht selbst der Besitzer dieses Platzes?" „Ihr denkt wahrscheinlich," antwortete Arnold, „ich könne nickt aus altadeligem Geschlecht entsprossen sein, weil ich lebe wie die andern Hirten, weil ich hausgemachte, graue Kleider trage und de» Pflug mit eigener Hand führe? Dieses Land enthält viele solche adelige Bauern, Herr Kaufmann, und es gibt keinen älteren Adel als den, dessen Ueberreste in meinem Geburtsland «»getroffen werden. Aber sie haben freiwillig dem druckenden Theil ihrer lehnsherrlichen Gewalt entsagt und werden nicht länger als Wölfe unter der Heerde betrachtet, sondern als kluge Hunde, die in Friedenszeiten die Schaafe begleiten und zu ihrer Vertheidigung bereit stehen, wenn Kriege unseren Staat bedrohen." „Aber," fing der Kaufmann wieder an, der sich noch immer nicht mit der Vorstellung befreunden konnte, daß sein schlichter und bäuerisch aussehender Wirth ei» Mann von ausgezeichneter Geburt sei, „Ihr traget nicht den Namen Eurer Väter, würdiger Herr. Sie waren, sagt Ihr, die Grafen von Geierstein und Ihr seid" — — „Arnold Biedermann, Euch zu dienen," antwortete der Beamte. Aber wißt, — wenn die Kenutniß davon dazu beiträgt, daß Ihr mit einem stärkeren Gefühl von Würde oder Behaglichkeit zu Nacht esset, ich brauche nur jenen alten Helm aufzusetzen oder, wenn mir das zu umständlich wäre, nur eine Falkenfeder in meine Mütze zu stecken und mich Arnold, Graf von Geierstein zu nennen. Kein Mensch könnte mir dabei widersprechen, obgleich zuvor etwas Bestimmtes über 83 die Frage festgesetzt werden sollte, ob es sich für den Herrn Grafen gezieme, seine O-Ksen auf die Weide zu treiben, oder ob Leine Ercellenz, der Hoch- und Wohlgeborene, ohne Herabwürdigung ein Feld besäen oder schneiden kann. Ich sehe, Ihr seid erstaunt, mein verehrter Gast, über meine Entartung, aber meine Familienverhältnisse sind bald auscinauder- gesetzt." „Meine erlauchten Ahnen beherrschten dieses nämliche Gebiet von Geierstein; und das geschah zu ihrer Zeit in sehr ausgedehnter Weise, fast nach Art der Lehusbarone, d. h. sie waren manchmal die Schützer und Schirmherren, noch häufiger aber die Unterdrücker ihrer Unterthanen. Als aber mein Großvater, Heinrich von Geierstein blühets, vereinigte er sich nicht nur mit den Eidgenossen, um Jngelram von Couci und seine Räuberbanden zurückzutreiben, wie ich Euch bereits gesagt, sondern er schlug sich, als die Kriege mit Oesterreich wieder aufiugen und Mancher seines Standes sich mit den Heeren des Kaisers Leopold vereinigte, auf die entgegengesetzte Seite, focht in den Reihen der Eidgenossen und trug durch seine Geschicklichkeit und Tapferkeit zu dem entscheidenden Sieg bei Sempach bei, in welchem Leopold sein Leben verlor und die Blüthe der österreichischen Ritterschaft um ihn fiel. Mein Vater, Graf Willibald, ging denselben Weg sowohl aus Neigung, als aus Klugheit. Er schloß sich eng an den Stand Unterwalden an, wurde eidgenössischer Bürger und zeichnete sich so sehr aus, Laß er zum Staatslandammann gewählt wurde. Er hatte zwei Söhne, mich und einen jüngeren Bruder Albert und besaß, wie er selbst fühlte, eine Art von doppeltem Charakter. Er wünschte, vielleicht unweise genug, (wenn es mir erlaubt ist, die Absichten meines verstorbenen Vaters zu tadeln) daß einer seiner Sökne ihm in sei- 6 * ner Herrschaft Geierstein Nachfolge, nnd der andere, den weniger prunkenden, aber nach meinen Ansichten nicht minder ehrenhaften Stand eines freien Burgers von Unterwalden beibehalten und im Besitz des Einflusses unter feinen Cantons- mitbürgern bleibe, den sich die Verdienste des Vaters und Sohnes verschaffen wurden Als Albert zwölf Jahre alt war, »ahm uns unser Vater auf einer kurzen Fahrt nach Deutschland mit. Die Pracht und Herrlichkeit, die wir da erblickten, machie auf das Gemüth meines Bruders und mein eigenes einen ganz verschiedenen Eindruck. Was Albert als die Vollendung irdischen Glanzes erschien, dunkle mir eine lästige Schaustellung von langweiligem und nutzlosem Gepränge. Unser Vater erklärte seine Absicht näher und bot mir, als seinem ällesten Sohn, die großen zu Geierstei» gehörigen Güter. Meinem Bruder behielt er eiu Stück des fruchtbarsten Bodens vor, bas diesen in einer Gegend, wo der Wohlstand für Reichthum galt, zu einem der reichsten Bürger gemacht haben würde. Thränen stürzten aus Alberts Augen. „Soll mein Bruder," sagte er, „ein edler Gras werden, geehrt und begleitet von Vasallen und Dienern, und ich ein bloßer Bauer unter den graubärtigen Hirten von Unterwalden? Nein, Vater, ich achte Euer» Willen, aber meine eigenen Rechte will ich nicht opfern. Geierstein ist ein Reicks- lehen, und die Gesetze berechtigen mich zu gleichen Ansprüchen auf die Hälfte der Güter Soll mein Bruder der Graf von Geierstein werden, so bin ich eben so gut der Graf Albert von Geierstein. Ich werde die Entscheidung des Kaisers an- rufen, ehe mir die Willkühr eines meiner Vorfahren, und wäre es mein eigener Vater, den Rang und die Neckte vernichten soll, die mir von hundert Ahnen zugefalle» sind." Mein Vater war sehr entrüstet. „Geh," sagte er, „stolzer Knabe, gib den Feinde» deines Vaterlandes einen Vorwand, sich in seine Angelegenheiten zu mischen, lege von dem Gutdünken deines Vak rS Berufung ein an den Willen eines fremden Fürsten Geh, aber komm mir nie wieder vor's Gesicht und fürchte meinen ewigen Fluch!" Albert wollte eben eine heftige Antwort geben, als ich ihn bat zu schweigen und mich anzuhvren. „Ich habe," sagte ich, „mein Leben lang die Berge mehr gel ebt als die Ebenen, und mehr Gefallen am Gehen als am Reiten gefunden. Ich war stolzer darauf, mit Schäfern bei ihren Spielen, als mit Edeln in den Schranken zn kämpfen i ich war glücklicher bei den ländlichen Tänzen alS bei den Festen des deutschen Adels. Laßt mich daher," sprach ich, „ein Bürger von Unterwalden fein, Ihr befreit mich dadurch von lausend Sorgen, laßt meinen Bruder Albert die Grafenkrone tragen und die mit Geierstein verbundenen Würden in Besitz nehmen. Nach einigen weiteren Auseinandersetzungen gab sich mein Vater zuletzt mit meinem Vorschlag zufrieden, um den Zweck zu erreichen, der ihm so sehr am Herzen lag. Albert wurde zum Erben deS Schlosses und Ranges eingesetzt und trug den Titel eines Grafen Albert von Gcierstein; ich aber trat in den Besitz dieser Felder und fruchtbaren Wiesen, in deren Milte mein Haus liegt, und meine Nackbarn nannten mich Arnold Biedermann." „Und wenn Biedermann," sagte der Kaufmann, „so wie ick daS Wort verstehe, einen Mann von Verdienst, Rechtschaffenheit und Edelmuth bedeutet, so wüßte ich Niemand, auf welchen die Bezeichnung mit so viel Reckt angewendet werden könnte. Gestattet mir aber die Bemerkung, daß ich zwar Eurem Betragen meinen Beifall gebe, Laß ich mich aver zn einem solchen in Cnern Verhältnissen nicht bequemt haben würde. Ich bitte Euch, fahret fort in der Geschichte 86 Eures Hauses, wen» Euch die Erzählung nicht unangenehm ist." „Ich habe wenig mehr zu sagen," versetzte der Landam- mann. „Mein Vater starb bald, nachdem er über sein Vermöge» die Bestimmungen getroffen, von welchen ich Euch gesprochen. Mein Bruder batte noch andere Besitzungen in Schwaben und Westphalen und besuchte nur selten sein väterliches Schloß. Es wurde meistens von einem Vogt bewohnt, der sich gegen die Dienstmannen der Familie so anstößig betrug, daß er ohne den Schutz, den ihm die Nähe meines Aufenthaltsortes gewährte und ohne seine Verwandtschaft mit seinem Herrn, aus des Geiers Nest herausgeriffen und mit so wenig Umstände» behandelt worden wäre, als der Geier selbst. Auch die gelegentlichen Besuche meines Bruders auf Geierstein brachten, — die Wahrheit zu sagen — seinen Le- hensträgern wenig Erleichterung und machten ihn selbst keineswegs beliebt. Er hörte mit Len Ohren und sah mit den Augen seines grausamen und eigennützigen Verwalters Eitel Schreckenwald, und wollte nicht einmal meine vermittelnden Ermahnungen anhören. Ich glaube in der That, und obgleich er selbst sich stets mit Güte gegen mich betrug, daß er mich für eine» einfältigen und feigherzigen Bauern ansah, der sein edles Blut durch seine niedrigen Neigungen veruuehrt habe. Bei jeder Gelegenheit legte er Verachtung gegen die Vorur- thcile seiner Landsleute an den Tag, besonders dadurch, daß er öffentlich eine Pfauenfeder trug und seine Begleiter ver- anlaßte, das Gleiche zu thuu, obgleich es das Wahrzeichen des Hauses Oesterreich und in diesem Lande so wenig beliebt war, daß Leute bloß deswegen todt geschlagen wurden, weil sie es an ihren Mützen trugen. Ich hatte mich unterdessen mit meiner Bertha verehelicht, die jetzt eine Heilige im Him- 87 mel ist und mir sechs stattliche Sohne gegeben hat. Ihr habt fünf davon an meinem Tische gesehen. Auch Albert heira- thete. Seine Frau war ein vornehmes Fraulein auS West- phalen, aber sein Hochzeitsbett war weniger fruchtbar; er bekam bloß eine Tochter, Anna von Geierstein. Hierauf kamen die Kriege zwischen der Stadt Zürich und unsere» Waldkantonen, in denen so viel Blut vergossen wurde und in welchen unsere Brüder in Zürich so unklug waren, ein Bündniß mit Oesterreich einzugehen. Ihr Kaiser bot Alles auf, um aus der günstigen Gelegenheit, welche die Uneinigkeit der Schweizer darbot, Nutzen zu ziehen. Alle, auf die er Einfluß hatte, forderte er auf, seine Bemühungen zu unterstützen. Mit meinem Bruder gelang es ihm nur zu gut; denn Albert ergriff nicht allein die Waffen für des Kaisers Sache, sondern nahm in das starke, feste Geierstein einen Haufen österreichischer Söldner auf. Mit diesen verwüstete der gottlose Eitel Schreckenwald die ganze Gegend, mein kleines Erbtheil ausgenommen." „Es war eine peinliche Lage für Euch, mein werther Wirth," sagte der Kaufmann, „Euch gegen die Sache Eures Vaterlandes oder Bruders entscheiden zu müssen." „Ich schwankte nicht," fuhr Arnold Biedermann fort. „Mein Bruder befand sich beim Heere des Kaisers und ich war also nicht genöthigt, gegen ihn in Person thätig zu sein, aber ich kündigte den Räubern und Dieben den Krieg an, mit welchen Eitel Schreckenwald meines Vaters Haus angefüllt hatte. Er ward mit wechselndem Glücke geführt. Der Vogt brannte während meiner Abwesenheit mein Haus nieder und erschlug, ach! meinen jüngsten Sohn, der bei der Ver- theidignng seines väterlichen Heerdes fiel. Ich brauche kaum hinzuzufügen, daß meine Güter verwüstet und meine Heerden getödtet wurden. Auf der andere» Seite gelang es mir mit den, Beistand einer Abteilung Unterwaldener Bauern, das Schloß Geierstein zu erstürmen. Es wurde mir rvn den Eidgenossen angeboten, aber ich wollte die scböne Sache, für welche ich die Waffen ergriffen, nicht dadurch besudeln, daß ich mich auf Kosten meines Bruders bereicherte. Uebcrdies wäre der Aufenthalt in diesem feste» Platze für mich drückend gewesen, nachdem mein einziger Hausbeschützer in den letzten Jahren eine Klinke und ein Schäferhund gewesen. Tie Festungswerke des Schlosses wurden also auf Befehl der Aelte- sten des Kantons geschleift, und ich sehe in Betracht der Anwendung, die nur zu häufig davon gemacht wurde, mit mehr Vergnügen auf die verwirrten Ueberreste von Geierstein, als ich je daran gesunken, so lauge es unverletzt und scheinbar unüberwindlich war." „Ich kann Eure Gefühle begreifen," sagte der Engländer, „obgleich ich wiederholen muß, mein Pflichtgefühl wäre nicht stark genug gewesen, um mich über meine Familienneigungen wegzusetzen. Was sagte Euer Bruder zu Euren patriotischen Thalen?" „Er war, wie ich erfuhr," antwortete der Laudammaun, „furchtbar aufgebracht, weil man ihm wahrscheinlich beigebracht Kalle, ich habe sein Schloß in der Absicht eigener Vergrößerung genommen. Er schwur sogar, er wolle sich der Verwandtschaft mit mir entichlagen, mich in der Schlacht aufsuchen und eigenhändig umbringen. Wir waren auch wirklich mit einander m der Schlacht bei Freienbach, aber mein Bruder wurde an Ausführung seines Racheplans Lurch eine Pfeilwunde verhindert und in Folge davon aus dem Getümmel gebracht. Ich war hernach in der blutigen und traurigen Schlacht beim Berge Hirzel und bei dem Angriff auf die 89 Kapelle von St. Jakob, welche unsere Bruder von Zürich zu Unterhandlungen vermochten und Oesterreich abermals in die Nothwendigkeit versetzten, Frieden mit unS zu schließen. Nach diesem dreizehnjährigen Kampf that die Tagsatzung den Spruch, welcher meinen Bruder auf Lebenslang verbannte und ihm seine Besitzungen gekostet hatte, wenn sie nicht durch das Andenken an das, was man für meine guten Dienste hielt, davon abgehalten worden wäre. Als das Urtheil dem Grafen von Geierstei» angekündigt wurde, antwortete er mit Trotz; aber ein sonderbarer Umstand bewies uns nicht lang hernach, daß er noch immer die Anhänglichkeit an sein Heimathland bewahrte und in seinen, Unwillen gegen mich, seinen Bruder, meiner unveränderlichen Liebe zu ihm Gerechtigkeit widerfahren ließ." „Ich wollte meinen Credit verwetten," fagte der Kaufmann, „daß das Folgende auf Eure schöne Nichte Bezug hat." „Ihr habt recht gerathen," sagte der Landammann. „Eine Zeitlang hörten wir, aber bloß unbestimmt (denn, wie Ihr wißt, haben wir nur wenig Berkehr mit fremden Ländern), daß mein Bruder in hoher Gunst am Hofe des Kaisers stehe, darnach aber erfuhren wir, daß er verdächtig geworden und in Folge einer der Umwälzungen, wie sie an fürstlichen Höfen gewöhnlich sind, in die Verbannung getrieben worden sei. Kurz nach Liesen Nachrichten und ich denke, vor mehr als sieben Jahren, kam ich von der Jagd auf der andere» Seite des Flusses heim; ich hatte, wie gewöhnlich, die schmale Brücke überschritten und ging durch den Hof, den wir eben verlassen" (denn ihr Spaziergang ging jetzt heimwärts) „als eine Stimme in deutscher Sprache sagte: „Oheim, habt Mitleid mit mir." Als ich mich umsah, erblickte ich ein zehnjähriges Mädchen, das sich mir furchtsam aus den Ruinen her näherte und vor mir niederkniete. „Oheim, schonet meines Lebens!" sagte sie nnd hielt ihre Händchen bittend in die Höhe, während Tvdes- sckrecken sich ans ihrem Gesicht mahlte. „Bin ich dein Oheim, kleines Mädchen," sagte ich, „und wenn ich es bin, warum solltest du mich siirchten?" „Weil Ihr das Haupt der bösen und sä,leckten Bauern seid, die eine Freude daran haben' edles Blut zu vergießen," versetzte die Dirne mit einem Mutl,. der mich überrasckte. „Wie heißest du, mein kleines Mädchen," sagte ich, „wer hat dir diese schlimme Meinung von deinen, Vetler beigebracht und dich hieher geführt, um zu sehen, ob ich den. Bilde gleiche, das man dir von mir entworfen?" „Eitel Schreckenwald hat mich hieher gebracht," sagte das Mädchen, die den Sin» meiner Frage nur halb verstand. „Eitel Schreckenwald," fragte ich wieder, unangenehm berührt durch de» Namen eines Elenden, den ich so viel Ursache hatte zu hassen. Eine Stimme aus den Ruinen, wie das traurige Echo aus einem Grab, antwortete, Eitel Schrcckenwald. Der Schurke trat aus seinem Versteck heraus und stand vor mir mit der auffallenden Gleichgültigkeit gegen Gefahr, welche er mit seinem abscheulichen Charakter verbindet. Ich hatte meinen eisenbeschlagenen Bergstock in der Hand. Was sollte ich thun, oder was würdet Ihr unter gleichen Umständen gethan haben?" „Ich hätte ihn zu Boden geworfen und seinen Schädel, wie einen Eiszapfen in Stücke zerschlagen," sagte der Engländer heftig. „Ich hätte es fast auch so gemacht," erwicderte der Schweizer, aber er war unbewaffnet, ein Bote meines Bruders, und also kein Gegenstand für meine Rache. Sein eigenes keckes und unverzagtes Benehmen trug zu seiner Rettung bei. „Laßt de» Lehnsmann des edel» und hochgebornen Gva- 91 fen von Geierstein die Worte seines Herrn vernehmen nnd zeigt ihm, daß sie befolgt werde»/' sagte der unverschämte Mensch. „Zieh deine Mütze ab und horch! Denn obgleich die Stimme die meinige ist, so rede ich doch Worte des edlen Grafen." — „Gott und Welt weiß, erwiederte ich, ob ich meinem Bruder Achtung und Ehrerbietung schuldig bin; es ist viel, wenn ich es aus Rücksicht ans ihn verschiebe, seinem Boten den Lohn zu geben, Len ich ihm so reichlich schulde. Mach' weiter in deinem Vortrag und befreie mich von deiner verhaßten Gegenwart!" „Albert, Graf von Geiersrein, dein und mein Herr," fuhr Schreckenwald fort, „übergibt, da er eben Fehden nnd andere wichtige Geschäfte auf dem Halse hat, seine Tochter, die Gräfin Anna, deiner Sorge, und thut dir so viel Ehre an, dir ihre Obhut und Erziehung anzuvertrauen, bis es seinen Absichten gemäß ist, sie zurückzufvrdern- Er wünscht, daß du zu ihrem Unterhalt die Einkünfte der Güter verwendest, deren du dich mit Gewalt bemächtigt." „Eitel Schreckenwald, erwiederte ich, ich will mich nicht bei der Frage aufhalten, ob diese Art mich anzureden den Vorschriften meines Bruders oder deinem eigenen, unverschämten Gutdünken gemäß ist. Wenn, wie du sagst, die Umstände meine Nick'te ihres natürlichen Beschützers beraubt haben, so will ich ihr Vater sein und sie soll an nichts Mangel leiden, was ich ihr geben kann. Die Güter von Geierstein sind dem Staat verfallen, das Schloß liegt in Trümmern, wie du siehst, und meines Vaters Haus ist hauptsächlich um deiner Verbrechen willen verödet. Aber wo ich wohne, soll Anna von Geierstein wohnen, sie soll leben wie meine eigenen Kinder, und von mir wie eine Tochter gehalten werden. Und nun hast du deine Botschaft. Geh von dannen, wenn dir dein Leben lieb ist. Denn es ist gefährlich für dich, mit dem Ba- 92 ter zu spreche», da deine Hunde mit dem Blute des SohneS befleckt sind." Der Elende entfernte sich, wahrend ich sprach, nahm aber i» der ihm gewöhnlichen entschlossenen und frechen Weise Abschied. „Lebe wohl," sagte er, „Graf pvn Pflug und Harke, leb' wohl, edler Genosse schlechten Bürgerpacks " Er verschwand und befreite mich von der heftigen Versuchung, die in mir arbeitete und mich drängte, mit seinem Blute den Platz zu beflecken, welcher Zeuge seiner Grausamkeiten und Verbrechen gewesen. Ich führte meine Nichte in mein Hans und überzeugte sie bald, daß ich ihr aufrichtiger Freund sei; ich gewöhnte sie, als wäre sie meine Tochter gewesen, an alle in unseren Bergen heimischen ttebungen. Während sie darin die Dirnen der Gegend übertrifft, entsprühen ihr solche Funken von Verstand, Mnth und zartem Gefühl, wie sie — die Wahrheit zu gestehen — den einfachen Mädchen dieser wilde» Berge keineswegs eigen sind, sondern die einen edleren Stamm und eine höhere Erziehung verrathen. Sie sind aber so glücklich mit Einfachheit und Artigkeit gemischt, daß Anna von Geierstein mit Recht als der Stolz der Gegend betrachtet wird; und ich zweifle nicht, daß der Staat ihr eine bedeutende Mitgift aus ihres Vaters Besitzungen anweisen wird, wenn sic einen würdigen Gatten wählen sollte. Denn es ist nicht unser Grundsatz, am Kinde die Fehler des Vaters zu strafen." „Es muß Euch natürlich sehr am Herzen liegen, mein werther Gastsreund," versetzte der Engländer, „Eurer Nichte, in deren Lob ich dankbar einzustimmen alle Ursache habe, eine so angemessene Parthie zu verschaffen, als sie durch ihre Geburt, besonders aber durch ihre Vorzüge zu erwarten berechtigt ist." „Das hat, mein guter Gast, meine Gedanken schon oft beschäftigt," sagte der Landammann. „Ich kann mir wegen 93 der allzunahen Verwandtschaft keine Hoffnung auf eine Verbindung zwischen ihr und einem meiner Söhne machen, obgleich eine solche mein eifrigster Wunsch gewesen wäre. Der junge Rudolph Donnerhügel ist tapfer und hoch geachtet bei seinen Mitbürgern, aber zu ehrgeizig und zu begierig nach Auszeichnung, als daß ich ihn meiner Nichte zum Begleiter durch ras Leben wünschen möchte. Er ist von heftiger Ge- müthsart, wenn auch sein Herz, wie ich glaube, gut ist. Ich stehe aber im Begriff unangenehmerweise von allen Sorgen in dieser Beziehung befreit zu werden, denn mein Bruder, der Anna sieben Jahre lang vergesse» zu haben schien, verlangt in einem mir kürzlich zugekommenen Brief, Laß ich sie ihm zurückgcbe. Ihr könnt lesen, mein werther Herr, denn Euer Gewerbe macht das nöthig. Seht, hier ist der Brief; die Ausdrücke sind zwar kühl, aber weit weniger unfreundlich, als die unbrüderliche Botschaft Lurch Eitel Schreckenwald. — Leset laut, wenn ich bitten darf! Der Kaufmann las also: „Bruder — ich danke Dir für die Sorgfalt, die Du meiner Tochter erwiesen; denn sie war bei Dir in Sicherheit, während sie sonst in Gefahr gewesen wäre; sie wurde gütig behandelt, während sie sonst Bedrückungen ausgesetzt gewesen wäre. Jetzt bitte ich Dick, sie mir zurückzusenden, und hege das Vertrauen, sie werde mit all den Tugenden kommen, welche sich für ein Weib in j dem Stande geziemen, und sie werde geneigt sein, die Gewohnheiten einer Schweizer Bäuerin gegen den Anstand eines Mädchens von hoher Geburt fahre» zu lassen. Leb' wohl! Ich danke Dir nochmals für Deine Sorgfalt, und wollte sie gern vergelten, wenn es mir möglich wäre. Aber Du brauchst nichts, was ich Dir gebe» kan», La Du auf den Rang verzichtet, in 94 welchem Du geboren bist unb Dein Nest auf einen Boden gemacht hast, wo der Sturm darüber hin geht- Ich verbleibe Dein Bruder Geicrstein." „Das Schreiben ist an den Grafen Arnold von Geierstein, genannt Arnold Biedermann, überfchrieben, und eine Nachfcbrift fordert Euch auf, das Mädchen an den Hof des Herzogs von Burgund zu schicke», — Das scheint mir, guter Herr, die Sprache eines hochmüthigen Mannes zu sein, der zwischen der Erinnerung an alte Beleidigung und neue Verpflichtungen gelheilt ist. Sein Bote sprach wie ein Lehnsmann, der seinem eignen Groll unter dem Vorwand Luft macht, er richte einen Auftrag seines Herrn aus." „So nehme ich auch beite," erwiederle Arnold Biedermann. „Und habt Ihr," fuhr der Kaufmann fort, „im Sinn, das schöne und reizende Geschöpf der Leitung ihres eigensinnigen Vaters zu übergeben, ohne daß Ihr wißt, in welchen Umständen er sich befindet und ob cS ihm möglich ist, sie zu beschützen?" Der Landammann gab hastig zur Antwort: „Das Band, welches den Vater mit seinem Kinde vereinigt, ist das früheste und heiligste, welches das menschliche Geschlecht verknüpft. Die Schwierigkeit, eine sichere Reiscgclegenhcit zu finden, hat bisher alle Versuche verhindert, meuies Bruders Anweisungen in Vollzug zu bringen. Aber da ich jetzt im Begriff bin, selbst an den Hof Karls zu gehen, so habe ich mich entschlossen, Anna mitzunehmen, und da ich dann selbst mit meinem Bruder reden kann, den ich in vielen Jahren nicht gesehen, so werde ich auch erfahren, was er für Absichten mit 95 seiner Tochter hat. Vielleicht kann ich Albert bereden, daß er sie hier unter meiner Obhut läßt — Ich habe, mein Herr, jetzt etwas weitläufiger über meine Familienangelegenheiten mit Euch gesprochen, als nötl ig gewesen wäre, und muß mir von Euch, als einem verständigen Mann, noch Aufmerksamkeit für das erbitten, was ich Euch ferner zu sage» habe. Ihr kennt den Hang der Jünglinge und Mädchen, mit einander zu plaudern, zu scherzen und zu spielen. Aus dieser Gewohnheit entstehen oft ernsthafte Neigungen, die man Liebschaften nennt. Ich hege die Zuversicht, Ihr werdet bei unserer gemeinschafllichen Reise Eurem Sohn zu verstehen geben, daß Anna von Gciersteiu pasienderweise nicht der Gegenstand seiner Gedanken oder Aufmerksamkeiten werden kann." Der Kaufmann wurde roth vor Unmukh, oder etwas derartigem. „Ich habe Euch nicht um Eure Gesellschaft gebeten, Herr Landammann, sondern Ihr habt die meinige gesucht," sagte er, „und wenn mein Sohn und ich Euch in irgend einer Hinsicht verdächtig geworden sind, so werden wir am besten gesondert reisen." „Weidet nicht böse, werther Gast," sagte der Landam- mann, „wir Schweizer unterhalten nicht leicht einen Argwohn, und um keinen solchen hegen zu dürfen, sprechen wir von den Umständen, ans welchen ein solcher erwachsen konnte, mit mehr Offenheit, als in mehr verfeinerten Ländern der Brauch ist. Als ich Euch verschlug, mein Reisegenoffe zu werden, betrachtete ich, um die Wahrheit zu sagen, und wäre sie auch mißfällig für eines Vaters Ohr — Eurem Sohn, als einem zarten Jüngling, der zu furchtsam und m lchblutig sei, um die Gunst oder Beachtung der Mädchen ans sich zu ziehen. Aber wenig Stunden haben uns gezeigt, daß er gerade einen Charakter besitzt, der ihre Theilnahme errege» muß. Cr hat das lange Zeit für unansfülirl'ar gehaltene Unternehmen mit dem Bogen vollbracht, mit welchem die Volkssage eine eitle Prophezeihung verknüpft. Er versteht Verse zu machen und weiß sich ohne Zweifel noch durch andere Talente zu empfehlen, welche junge Leute an einander knüpfen; wenn diese Talente auch von Männern nicht hoch angeschlagen werden, deren Barte mit Grau gemischt sind, wie der Eure, Freund Kaufmann, und mein eigener. Nun müßt Ihr wissen, daß mein Bruder, da er mit mir gebrochen hat, bloß weil ich die Freiheit eines Schweizerbürgers der mit Flitter» geputzten Knechtschaft eines deutschen Höflings vorziehe, daß mein Bruder es keineswegs beifällig aufnehmen würde, wenn Einer die Blicke auf seine Tochter wirft, der nicht den Vorzug eines edle» Blutes besitzt, oder der sich, wie er es heißen würde, durch den Handel, durch die Bebauung des Landes, mit einem Worte, durch irgend ein nützliches Geschäft entehrt hat. Aus einer Liebe zu Anna von Geierstein würden für Euer» Sohn nur Gefahren und Zurückweisungen erwachsen — Jetzt wißt Ihr Alles, — und ich frage Euch, reisen wir zusammen oder einzeln?" „Wie Ihr wollt, mein wcrther Wirth," sagte Philipson in gleichgültigem Tone. „Ich kann Euch bloß sagen, daß eine Neigung, wie die, von welcher Ihr sprecht, meinen Wünschen eben so zuwider wäre, als denen, die Euer Bruder oder die Ihr selbst hegen »löget. Arthur Pvilipson hat Pflichten zu erfüllen, die völlig unvereinbar damit sind, daß er gegen irgend ein Mädchen in der Schweiz oder in Deutschland den Zärtlichen spielt, wäre sie nnn von hohem oder niedrigem Stande. Cr ist überdies ein gehorsamer Sohn, hat einem ernstlichen Befehl von mir immer gehorcht und ich werde ein Auge auf seine Schritte haben." 97 „Genug, mein Freund," sagte der Landammann, „wir reisen also zusammen und ich bleibe gerne bei meinem ersten Vorsatz, da mir Eure Unterhaltung eben sowohl Vergnügen als Belehrung verschafft." Indem er nun den Gegenstand des Gesprächs wechselte, sragte er, ob sein Bekannter glaube, die Einigung zwischen dem König von England und dem Herzog von Burgund werde von Dauer sein? „Wir Horen viel," fuhr der Schweizer fort, von einem Ungeheuern Heere, mit welchem König Eduard die englischen Besttzungcn in Frankreich wieder zu erobern vorhabe." „Ich weiß wohl," sagte Philipsvn, „Laß nichts in meinem Vaterlande so beliebt sein kann, als der Plan eines Einfalls in Frankreich und derVersnch, die Normandie, Maine undGascogne, die alten Besitzungen der englischen Krone wieder zu gewinnen. Aber ich zweifle sehr, ob der wollüstige Thronräuber, der sich gegenwärtig König nennt, vom Himmel bei einem solchen Unternehmen begünstigt werden würde. Der vierte Eduard st zwar tapfer und hat jede Schlacht gewonnen, in der er das Schwert zog, und deren ist eine große Anzahl. Aber seit er auf blutigem Wege zum Gipset seines Ehrgeizes gelangt ist, hat er sich eher als einen Genußmenschen, als Schwelger gezeigt, den» als einen wackere» Ritter. Ich glaube fast, daß er keine Versuchung in sich fühlen wird, die weichen Betten von London mit ihren seidenen Tüchern und Flaumkiffen und die Musik einer schmachtenden, zur Ruhe einlullenden Laute gegen den Rasen von« Frankreich und die Reveille einer Lärmtrompete ru vertauschen, auch wenn dadurch die schönen Besitzungen wieder gewonnen werden könnten, die in den, von seinem ehrgeizigen Hause erregten bürgerlichen Kriegen verloren gegangen sind." Anna v. Gcierstein l. 7 „Wenn's so ginge, wäre es für uns am besten " sagte der Landammann; „denn hätten England und Burgund Frank reich zerstückelt, woran in unserer Väter Tagen nicht mebr viel fehlle, so würde der Herzog Karl Muße genug haben, seinen langgenährten Haß gegen unsere Eidgenossenschaft zu befriedigen." Während sse so redeten, erreichte» ste abermals den Grasplatz vor Arnold Biedermanns Wohnuna. Die Kämpfe der Zünglinge batten einem Tanze Platz gemacht. der von den jungen Leuten beiderlei Geschlechts ausgeführt wurde. An der Spitze desselben standen Anna von Geierstun und der junge Fremde. Ungeachtet diese Anordnung als die natürlichste erscheinen mußte, da letzterer ein Gast war und jene die Stelle der Herrin des Hauses vertrat, so gab sie doch dem Landammann Veranlassung, einen Blick mit dem älteren Philipson zu wechseln, als ob ste in Zusammenbang mit den Vermutkungen stände, die er vor Kurzem ausgesproi'en. Aber sobald ihr Obeün und sein älterer Gast erschienen, benutzte Anna von Geierstein den ersten Stillstand im Tan.en, um dasselbe ganz abzubrechen und e n Gespräch mit ihrem Vetter über die ihrer Sorge anvertrauten häuslichen Angelegenheiten zu beginnen. Philipson bemerkte, daß sei» Wirlh aufmerk am auf die Mittheilungen seiner Nichte horchte, in seiner ungezwungenen Weise nickte und dadurch zu verstehen gab, ihre Bitten werden in geneigte Berücksichtigung genommen werden. Die Familie ward gleich darnach zum Abendessen zusammengerufen. Dieses bestand hauptsächlich aus vorzüglichen Fischen, wie sie die nahen Flüsse und Seen lieferten. Dann ging ein großer Becher mit dem, was man den Schlaftrunk nannte, im Kreise herum. Er wurde zuerst von dem Herrn des Hauses angetrunken, und dann kostete das Mädchen 99 bescheidentlich davon, hierauf thaten die zwei Fremden Bescheid, und die übrige Gesellschaft leerte den Rest, Dieß waren die mäßigen Sitten der Schweizer in jenen Zeiten. Alsdann wurden die Gasse in ihr Schlafgemach geführt, wo Philipson und der junge Arthur dasselbe Lager einnahmen. Bald hernach waren alle Hausbewohner in tiefen Schlaf versunken. 7» Sechstes Kapitel. , Wie sich ein Strom entgegenstürzt dem andern. Wie Winde, die sich wuthentbrannt bekriegen. Wie Flammen aus verjchied'nen Punkten stürzen Und immer eins mehr Wuth zeigt als das and're. So werfen sich zwei Menschen auf einander; — Kein Streit der aufgeregten Elemente, Wenn auch die Teufel selbst sie dabei führten. Mag sich mit eines Menschen Zorn vergleichen. Frenaud. Der ältere von unseren beiden Reisenden, wenn gleich ein starker und mit Anstrengungen vertrauter Mann, schlief fester und länger als gewöhnlich an dem Morgen, der jetzt zu dämmern begann; aber seinem Sohn Arthur lag etwas im Sin», was seine Ruhe frühzeitig unterbrach. Der Zweikampf mit dem unverschämten Schweizer, einem ausgezeichneten Sprossen aus einem berühmten Geschlecht von Kriegern, war eine Verpflichtung, die nach der Meinung der Zeit, in welcher er lebte, nicht aufgeschoben oder gebrochen werden durfte. Er verließ die Seite seines Vaters und vermied so gut als möglich ihn zu stören, obgleich diesem selbst das nicht -rj» 101 aufgefallen wäre. Denn Arthur war gewöhnt früh anfzustehen, um Vorbereitungen für die Tagereise zu machen, zu sehen, ob der Führer zur Stelle sei, ob das Maulthier sein Futter bekam und ähnliche Geschäfte zu besorgen, welche sonst seinen Vater belästigt haben würden. Der alte Mann schlief jedoch, ermüdet von den Anstrengungen des vorigen Tages, wie wir bereits gesagt, ungewöhnlich fest. Arthur waffnete sich mit seinem guten Schwert und eilte auf den Grasplatz vor des Landammanns Wohnung beim Grauen eines schönen Herbstmorgens in den Schweizergebirgen. Die Sonne war eben im Begriff die Spitze des riesigsten aus diesem Tikanengeschlecht zu küssen, aber lange Schatten lagen noch auf dem Grase, das sich unter des jungen Mannes Füfen mit einer starken Andeutung von Frost krümmte. Arthur blickte nicht auf die Landschaft, die so lieblich da lag, in der Erwartung einer Welle aus dem Tagesgestirn, um dann plötzlich in ei» glänzendes Dasein zu treten. Er zog das Gehen? seines Schwertes an; — als er das Haus verließ, war er schon daran gewesen, es zu festigen, und ehe er die Schnalle zurecht gebracht, war er schon viele Schritte auf dem Wege nach dem Platze hin, wo er sich einstellen sollte. Es war in diesen kriegerischen Zeiten Sitte, eine Aufforderung zum Kampf als eine heilige Verbindlichkeit anzusehen, die allen andern vorging, welche man etwa eingehen konnte. Man unterdrückte alle inneren Gefühle, welche die widerstrebende Natur den Forderungen des Herkommens entgegensetzen mochte; der Schritt des Geforderten auf den Kampfplatz mußte frei und leicht sein, als ginge er zu einer Hochzeit. Ich weiß nickt, ob diese Munterkeit bei Arthur wirklich vorhanden war, aber wenn ste es nicht war, so verriethen weder Blick noch Schritt das Geheimniß. 102 Nachdem er in Eile die Felder und Wäldchen durchschritten, welche des Landammanns Wohnung von dem alten Schloß Geierstei» trennten, trat er in den Hof von der Seite des Schlosses ein, von welcher man die Gegend überschauen konnte, und fast in selbem Augenblick stieg sein fast gigantischer Gegner von der »»sichern Flußbrücke herauf. Er hatte Geierstein auf einem anderen Wege erreicht, als der Engländer, und sah jetzt bei dem blaffen Morgcnlicht noch großer und dicker aus, als er verwichenen Abend erschienen war. Dem Berner Kämpen hing eines der ungeheuer» zweihändigen Schwerter auf dem Rücken, deren Klinge fünf Fuß maß und welche mit beiden Händen geschwungen wurden. Sie standen in fast allgemeinem Gebrauch bei Len Schweizern; denn neben dem Eindruck, den solche Waffen voraussichtlich auf die Schlachtreihen deutscher Kriegsleute machen mußten, deren Rüstung für leichtere Waffen undurchdringlich blieb, waren sie auch noch auf die Vertheidigung von Berg Pässen berechnet, wo die größte Körperstärke und Beweglichkeit die, welche sie trugen, in Stand setzte, dieselben trotz ibrer Schwere und Länge mit viel Gewandtheit und Wirksamkeit in Anwendung zu bringen. Eines dieser Riesenschwerter hing Rudolph Donnerhügel um den Hals; die Spitze klapperte gegen seine Fersen und der Gnff erhob sich über seine linke Schulter weit über den Kopf hinaus. Ein anderes trug er in der Hand. „Du bist pünktlich," schrie er Arthur Philipson so laut zu, daß man es deutlich über dem Brausen des Wasserfalls hörte, der damit in hartnäckiger Anstrengung zu wetteifern schien. „Aber ich dachte, du würdest ohne ein zweihändiges Schwert kommen. Hier ist LaS meines Vetters Ernst," sagte 103 er und warf die Waffe, die er trug, auf den Boden, da- Heft gegen den jungen Engländer gekehrt. „Sieh zu, Fremder, daß du es nicht verunehrst, denn mein Vetter würde mir nimmer verzeihen, wenn du das thätest, oder du kannst das meine haben, wenn du fo lieber willst." Der Engländer blickte etwas überrascht auf eine Waffe, an deren Führung er gar nicht gewvbnt war. „Der AuSforderer," sagte er, „läßt sich in allen Ländern, wo man etwas von Ehre weiß, die Waffen des Geforderten gefallen." „Wer an einem Schweizerberge ficht, der ficht mit einem Schweizerschwert," antwortete Rudolph. „Glaubt Ihr, unsere Hände seien gemacht, um Federmesser zu halten?" „Die unfern sind auch nicht gemacht Sensen zu schwingen," sagte Arthur und murmelte mit einem Blick auf das Schwert, das ihm der Schweizer noch immer hinhielt: usum non Inibeo. Zch bi» es nicht gewohnt *). „Bereut Ihr den Handel, den Ihr eingegangen?" rief der Schweizer. „Wenn das ist, so gebt Euch überwunden und gebt ungekränkt davon. Sprecht frei heraus, statt lateinisch zu plappern, wie ein Schreiber oder ein geschorener Mönch." „Nein, stolzer Mann," versetzte der Engländer, „ich bitte dich nicht um Schonung; ich dachte bloß an einen Kampf zwischen einem Hirten und einem Riesen, in welchem Gott demjenigen den Sieg verlieh, der noch schlechtere und ungleichere Waffen batte, als mir heute zugefallen. Ich will fechten, wie ich dastehe, und mein eigenes gutes Schwert soll mir heute in meiner Noth helfen, wie zuvor!" '! i. Sam. 17, Zs. „Sei's! — Aber mcich' mir keinen Vorwurf, du ich dir Gleichheit der Waffen anbvt," sagte der Bergbewohner, „und jetzt höre mich! Es ist das ein Streit auf Leben und Tod, jener Wasserfall bläst dabei zu den Waffen. — Ja, alter Schreihals," fuhr er mit einem Blick rückwärts fort, „es ist lauge her, seitdem du den Schlachtlärm gehört. Seht ihn an. Fremder, ehe wir beginnen, denn wenn Ihr fallet, übergebe ich Euern Leib seinen Gewässern." „Und wenn du fällst, übermüthiger Schweizer," antwortete Arthur, „denn ich glaube wohl, daß dich deine Vermessenheit in den Tod führt, will ich dich in der Kirche zu Einstedelu begraben lassen und die Priester sollen Messen für deine Seele singen. Dein zweihändig Schwert soll auf dein Grab gelegt werden und eine Inschrift soll den Vorübergehenden sagen: Hier liegt das Junge eines Bären von Bern, getödtet von Arthur, dem Engländer." „Der Stein ist nicht im Schweizerland, so viel Felsen es auch hat," sagte Rudolph höhnisch, „der diese Aufschrift tragen soll. Rüste dich zum Kampf!" Der Engländer warf einen ruhigen und vorsichtigen Blick auf den Schauplatz der Handlung, einen Hof, zum Theil frei, zum Theil mit Trümmern bedeckt, in größeren und kleineren Haufen. „Ich meine," sagte er bei sich selbst, „einer, der seiner Waffe Meister ist und dem die Unterweisungen des Botta- ferma zu Florenz im Gedächtniß sind, kann mit einem freien Herzen, einer guten Klinge, einer festen Hand und einer gerechten Sache eine größere Ungleichheit gut machen, als zwei Zoll Stahl." Während er so dachte und sich, so gut es die Zeit erlaubte, jede Beschaffenheit des Orts versprach, nahm er seinen 105 Standpunkt in der Mitte des Burghofes, wo der Boden völlig frei war, warf den Mantel ab und zog das Schwert- Rudolph hatte zuerst geglaubt, sein Gegner sei ein weibischer Junge, den der erste Schwung seiner furchtbaren Waffe vor ihm wegfegen wurde. Aber die feste und behutsame Stellung, die der junge Mann annahm, erinnerte de» Schweizer an die Mängel seines eigenen unbehülflichen Kampfwerkzeugs und brachte ihn zu dem Entschluß, jede Uebcreilung zu vermeiden, dis einem kühne» und wachsamen Feinde Vortheil verschaffen könnte. Er zog seine gewaltige Wehre über die linke Schulter berauf aus der Scheide und da dies Geschäft einige Zeit erforderte, so würde sich einem Gegner dabei ein furchtbarer Vorthcil geboten haben, wenn Arthur's Siim fiir Ebre ihm gestattet hätte, den Angriff zu beginnen, ehe Alles fertig war. Der Engländer blieb ruhig, bis der Schweizer seinen breiten Flamberg der Morgensonue darbot und drei oder vier Schwingungen machte, wie um das Gewicht desselben und die Leichtigkeit zu zeigen, mit welcher er ihn handhabte, — dann sich innerhalb Schwerteslänze seinem Gegner fest gegenüberstellte, seine Waffe mit beiden Händen faßte und etwas vor sich hinhielt, die Spitze gerade aufwärts gerichtet. Der Engländer dagegen führte sein Schwert mit einer Hand und hielt es quer vor dem Gesicht in horizontaler Lage, so daß er zum Schlagen, Stoßen und Abwehren zugleich bereit war. „Schlag zu, Engländer!" sagte der Schweizer, nachdem sie einander etwa eine Minute so gegenüber gestanden. „Das längste Schwert sollte den ersten Streich thun," sagte Arthur; und die Worte waren ihm noch nicht aus dem Munde gegangen, als des Schweizers Schwert sich hob und mit einer Schnelligkeit niederfiel, welche in Betracht der 106 Schwere und Größe der Waffe wunderbar schien. Kein noch so geschicktes Pariren hätte das verdcrbeuschwaugere Niederfahren der furchtbaren Waffe verhindern können, mit welchem der Berner Kämpe das Treffen zugleich zu beginnen und zu endigen gehofft hatte. Aber der junge Philipson hatte die Scharfe seiner Augen und die Beweglichkeit seiner Glieder nicht überschätzt. Ehe die Klinge herabkam, brachte ihn ein schneller Sprung außer den Bereich des gewaltigen Streichs und ehe der Schweizer sein Schwert wieder in die Höhe bringen konnte, halte er eine, wenn auch leichte Wunde am linken Arm. Zornig über den Fehlhieb und die Wunde erhob der Schweizer abermals seine Waffe und entlud, indem er sich ans die der Größe entsprechende Stärke derselben verließ, ans seinen Gegner eine Reihe von Hieben in gerader, querer und wagerechter Richtung, von links nach rechts und mit so überraschender Stärke und Geschwindigkeit, daß alle Geschicklichkeit des jungen Engländers nöthig war, um abznwebren, ausznweichen, zurückzugehen und sich dem Hagel von Streichen zu entziehen, die schon einzeln zu Spaltung eines Felsen hin- zureicheu schienen. Der Engländer war genöthigt, zu weichen, und bald rückwärts, bald auf die eine oder die andere Seite zu treten, bald die Trümmersiücke zu benützen, bald eine Zeit lang mit der größten Kaltblütigkeit den Augenblick abzupasien, in welchem die Stärke seines rasenden Feindes in etwas erschöpft wäre und er sich durch einen unvorsichtigen oder wü- thenden Hieb einem wirksamen Angriff bloßsiellen würde. Der letztere dieser Vortheile hatte sich eben gezeigt; denn der Schweizer stolperte mitten in seinem hitzigen Angriff über einen großen, unter dem lange» Grase versteckten Stein und ehe er sich wieder aufraffen konnte, traf ihn ein heftiger Streich seines Gegners über den Kopf. Er ging auf seine 107 Mütze, in deren Futter eine dünne Stahlhaube eingenäht war, so daß es ohne Verletzung abging. Rudolph sprang auf und erneuerte den Kampf mit unverminderter Wnth, obgleich, wie es dem junge» Engländer schien, mit etwas kürzerem Athem und vorsichtigeren Streichen. Sie stritten noch immer mit gleichem Glück, als eine furchtbare Stimme das Rasseln der Schwerter übertvnte, wie das Gebrüll des Wassers, und in befehlendem Tone rief: „Bei Eurem Lebe», haltet inne!" Die beiden Kämpfer ließen ihre Sclnverter sinken und vielleicht war es ihnen nicht leid, daß ein Streit unterbrochen wurde, der ohne eine solche einen tvdtlichen Ausgang hätte nehmen müssen. Sie sahen sich um und der Landammann stand vor ihnen, die breite und ausdrucksvolle Stirne zornig gerunzelt. „Was nun, ihr Knaben?" sagte er, „seid ihr Gäste Arnold Biedermann's und entehrt sein HauS durch Gewalttha- ten, wie sie sich eher für die Wölfe im Gebirge als für Wesen schicken, denen der große Schöpfer eine Gestalt nach seinem Bilde und eine unsterbliche Seele gegeben hat, um durch Buße und Reue selig zu werden?" „Arthur," sagte der ältere Philipson, der zugleich mit ihrem Wirth herbeigekommen war, „was ist das für ein Wahnsinn? Sind deine Pflichten so leicht und gleichgültig, daß sie dir Zeit und Raum zu Streitigkeiten und Kämpfen mit jedem müßigen Bauern lasse», der zufällig eben so großsprecherisch als starrköpfig ist?" Die jungen Männer, deren Streit beim Eintritt dieser unerwarteten Zuschauer aufgehört hatte, standen und sahen einander an und stützten sich auf ihre Schwerter. „Rudolph Donnerhügel," sagte der Landammann, „gib 108 mir dei» Schwert, mir, dem Besitzer dieses Grundes und Bodens, dem Herrn dieser Familie und dem Beamten des Kantons." „Und was noch mehr ist," antwortete Rudolph demüthig, „Euch, Arnold Biedermann, auf dessen Besebl jeder Eingeborene in diesen Bergen sein Schwert zieht oder einsteckt." Er reichte sein zweihändig Schwert dem Landammann. „Nun, bei'meinem Ehrenwort, es ist dasselbe," sagte Biedermann, „mit welchem dein Vater Stephan so ruhmvoll bei Sempach focht, neben dem berühmten Winkelried! Es ist eine Schande, daß es gegen einen hülflosen Fremden gezogen werden soll. — Und Ihr, junger Herr," fuhr der Schweizer gegen Arthur gewendet fort, wäbrend sein Vater zu gleicher Zeit sagte: „Junger Mann, gebt Euer Schwert dem Landammann !" „Das wird's nicht brauchen, Herr," versetzte der junge Engländer, „denn ich meines Tbeils halte unfern Streit für beendigt. Dieser tapfere Edelmann berief mich hieher, um, wie ich denke, eine Probe meines Muthes zu sehen: ich kann seiner Tapferkeit und Waffenkunde mein unmaßgebliches Zeug- niß nicht versagen und da ich glaube, er werde nichts an meiner Herzhaftigkeit auszusetzen haben, so denke ich, hat un- er Streit für unfern Zweck lang genug gedauert." ,,Zn lange für mich," sagte Rudolph offen, „der grüne Aermel an meinem Wamms, mit dessen Farbe ich meine Liebe zu den Waldkantonen andeuten will, hat sich jetzt so hocbroth gefärbt, als ihn ein Färber von Dper» oder Gent hätte machen können. Aber ich vergebe von Herzen dem wackern Fremdling, der mein Wamms verdorben und seinem Meister eine Lektion gegeben hat, die er nicht so bald vergessen wird. Wären alle Engländer gewesen, wie unser Gast, würdiger 109 Vetter, ick, glaube, der Hügel von Buttishvlz wäre schwerlich so groß geworden," „Vetter Rudolph," sagte der Landammann, dessen Stirne sich geglättet hatte bei den Reden seines Vetters, „ich habe dich stets für eben so edel gehalten, als du unbesonnen und händelsüchtig bist. Und Ihr, meui junger Gast, könnt Euch darauf verlassen, daß der Streit sich unmöglich erneuern kann, wenn ein Schweizer sagt: er ist vorbei. Wir sind nicht wie die Männer in den östlichen Tkälern, welche die Rache nähren, als wäre sie ihr Lieblingskind. Gebt Euch jetzt die Hände, meine Kinder und laßt uns die tolle Fehde vergessen." „Hier ist meine Hand, wackerer Fremdling," sagte Donnerhügel, „du hast mich einen Fechterkunstgriff gelehrt und wenn wir unser Frübstück eingenommen haben, so wollen wir mit Eurer Erlaubniß in den Wald, wo ich Euch ein Waidmannsstückchen dagegen zeigen will- Wenn Euer Fuß halb so viel Erfahrung hat, als Eure Hand und wie Euer Auge einen Theil von der Festigkeit Eures Herzens gewonnen hat, so werdet Ihr nickt viel Jäger finden, die's Euch gleich thun." Arthur nahm mit all dem schnellen Vertrauen der Jugend bereitwillig einen so offenherzigen Vorschlag an, und ehe sie das Haus erreichten, waren verschiedene Gegenstände der Jagd eifrig und mit so viel Herzlichkeit besprochen, als ob keine Störung ihrer Eintracht statt gesunden hätte. „So ist's Recht," sagte der Landammann. „Ich bin stets bereit, der tollköpfigen Heftigkeit unserer Jünglinge zu vergeben, wenn sie nur männlich und offen sind bei der Versöhnung und das Herz auf der Zunge tragen, wie ein rechter Schweizer thun sollte." „Die beiden Jünglinge hätten aber schlimme Arbeit machen können," sagte Philipson, „wenn Ihr nickt etwas von ihrem Zweikampf erfahren und mich aufgerufen hättet, ihr Vorhaben zu hemmen. Darf ich fragen, wie das zu so gelegener Zeit zu Eurer Kennlniß kam?" „Das geschah durch meine Hausfee," antwortete Arnold Biedermann, „die für das Glück meines Hauses geboren zu sein scheint. Ich rede von meiner Nickte Anna; sie hat gesehen, daß zwischen den beiden Prahlhänse» ein Handschuh gewechselt wurde. Sie hat auch gehört, wie sie Tagesanbruch und Geierstein erwähnten. O Herr, man macht sich kaum eine» Begriff von dem Scharfsinn eines Weibes. Cs würde lang gedauert haben, bis meine dickköpfigen Söhne etwas davon gemerkt hätten." „Ich glaube, ich sehe unsere gnädige Beschützerin, wie sie von jener Anhöhe nach uns ausschaut," sagte Philipson, „aber es scheint, sie möchte uns gar sehen, ohne von uns bemerkt zu werden." „Aha," versetzte der Laudammanu, „sie hat zu erfahren gesucht, ob Niemano Schaden genommen hat, und jetzt wollte ich dafür stehen, das närrische Mädchen schämt sich, so viel lobenswerthe Theilnahme für eine Sache von der Art gezeigt zu haben." „Ich möchte gerne," sagte der Engländer, „dem schönen Mädchen, dem ich so hoch verpflichtet bin, meinen Dank in Eurer Gegenwart abstatten." „Dazu kann es keine bessere Zeit geben, als jetzt," sagte der Landammann und ließ des Mädchens Namen in einem der schrillen Töne erschallen, die schon berührt worden sind. Anna von Geierstein hatte sich wirklich auf einem kleinen, etwas entfernten Hügel aufgestellt und hielt sich vor dem Geschenwerden durch einen Schirm von Reisholz gesichert. Sie fuhr deßhalb bei der Aufforderung ihres Oheims in die 111 Höhe, gehorchte ihr aber alsbald, wich den jungen Lenken, die vorausgingen, aus und kam zu dem Landammann und Phi- lipson auf einem Umweg durch das Gehölz. „Mein würdiger Freund und Gast will mit dir reden, Anna," sagte der Landammann, sobald die Morgengrüße auS- getauf^t waren. Das Schweizerkind ward rokh an Stirn und Hals, als Philipson mit einen, Anstand, der über seinen Stand zu gehen schien, sie folgendermaßen anredete: „Es geschieht uns Kaufleuten manchmal, meine schöne, junge Freundin, daß wir unglücklich genug find und für den Augenblick nicht hinreichende Mittel besitzen, um unsere Scbnl- Len zu bezahlen; aber der wird unter uns für den niederträchtigsten Menschen gehalten, der sie nicht anerkennt. Nehmet daher den Dank eines Vaters an, dem Euer Muth erst gestern den Sohn von Vernichtung gerettet und den Eure Klugheit denselben diesen Morgen aus einer großen Gefahr befreit hat. Kränket mich nicht dadurch, daß Ihr Euch weigert, diese Ohrringe zu tragen," fuhr er fort, indem er ein kleines Juwelenkästchen hervvrlangte und es unter'». Sprechen aufmachte, sie sind freilich nur von Perlen, aber man hat sie nicht zu schlecht gefunden für die Ohren einer Gräfin." „Sie würden also," sagte der alte Landammann, „an einem Schweizermädchen von Unterwalden nicht an ihre», Platze sein, denn das und nichts Anderes ist meine Nichte, so lange sie in meiner Abgeschiedenheit wohnt. Mich dünkt, guter Meister Pbilipson, Ihr zeigt weniger Klugheit als gewöhnlich, wenn Ihr den Werth Eurer Geschenke gegen den Rang derer abmesset, denen Ihr sie gebet; auch solltet Ihr Euch als Kaufmann erinnern, daß große Belohnungen Euren Gewinn vermindern." „Laßt mich Euch um Verzeihung bitten, mein guter Wirth," 112 antwortete der Engländer, „nnd mich erwiedern, Laß ich wenigstens mein eigenes Bewußtsein von der Verpflichtung, die mich drückt, zu Rathe gezogen und unter den Sachen, die zu meiner freien Verfügung stehen, das ausgesucht habe, was meiner Meinung nach am besten meine Erkenntlichkeit aus- Lrücken würde. Ich hege das Vertrauen zu dem Gastfreund, den ich bisher so gütig gefunden, er werde dies junge Mädchen nicht verhindern anzunehmen, was am Ende nicht so unpassend ist für den Rang, in welchem sie geboren wurde. Ihr beurtheilt mich unrecht, wen» Ihr mich für fähig haltet, mir oder Euch dadurch ein Unrecht zu thun, daß ich Jemand ein Andenken von mehr Werth anbiete, als ich mit Leichtigkeit entbehren kann." Der Landammann nahm das Iuwelenkästchen in die Hand. „Ich habe," sagte er, „immer eine Abneigung gegen Putzsachen und Edelsteine gehabt, die uns täglich mehr von der Einfachheit unserer Aeltern abbringen. Und doch," fügte er mit gutmüthigem Lächeln hinzu und hielt einen der Ohrringe fest an das Gesicht seiner Verwandten, „der Schmuck steht den Dirnen außerordentlich gut und man sagt, sie haben mehr Freude daran, solchen Tand zu tragen, als grauhaarige Männer begreifen können. Du hast, liebe Anna, ein größeres Vertrauen in wichtigeren Angelegenheiten verdient und so überlasse ich deinem eigenen Verstand zu entscheiden, ob du das köstliche Geschenk unseres guten Freundes annehmen und trage» willst oder nickt." „Da dies Euer Wille ist, mein bester Freund und Vetter," sagte das junge Mädchen und wurde dabei wieder roth, „so will ich unser» geschätzten Gast nicht betrüben und das zurückweisen, was er so ernstlich von mir angenommen zu sehen wünscht; aber mit seiner Erlaubniß, guter Oheim und 113 mit der §urigen will ich diese glänzenden Ohrringe in den Schrein Unserer lieben Frau zu Einfiedeln »iederlegen, um unser Aller Dankbarkeit für ihre schützende Gnade auszudrücken, die mit uns gewesen ist in den Schrecknissen des gestrigen SturmS und bei dem Zwiste von diesem Morgen." „Bei Unserer heiligen Jungfrau, die Dirne spricht verständig," sagte der Landammann, „und ihre Klugheit hat deine großmütbige Gabe gut angelegt, mein guter Gast, wenn sie dafür Gebete für deine und meine Familie sprechen läßt und für die allgemeine Ruhe der Unterwaldner. — Geh, Anna, du sollst ein Halsband von schwarzem Bernstein bei der nächsten Schur bekommen, wenn unsere Wolle auf dem Markt einen ordentlichen Preis hat." Anna v Geierstein i. 8 Siebentes Kapitel. Wer keinen Frieden will, den man ihm bot. Den treff' in vollem Maß des Krieges Noth. Und deutlich zeigt sich der dem Frieden abgeneigt. Dem ein erprobter Freund umsonst die Hand gereicht. Hoole's.Tasso. Das Vertrauen zwischen dem Landammann und dem enalischen Kaufmann schien während der wenigen geschäftsvollen Tage zu wachien, die vergingen, ehe der für den Beginn ihrer Reise an den Hof Karls von Burgund festgesetzte Tag herankam. Der Zustand Europas und der helvetischen Eidgenossenschaft ist bereits angedeutet worden, aber zum klaren Verständniß unserer Geschichte mag er hier kürzlich nochmals des Näheren auseistandergesetzt werden. Innerhalb der Woche, welche die englischen Reisenden auf Geierstein zubrachten, wurden Versammlungen oder Landtage sowohl von den Stadt- als den Waldkantvnen der Verbindung gehalten. Die ersteren, gekränkt durch die Abgaben, welche der burgundische Herzog ihrem Handel auferlegte, und welche durch die Gewaltthätigkeiten der Beamten, die er zu 115 solchen Bedrückungen verwendete, noch unerträglicher wurden, verlangten eifriger den Krieg, weil sie in einem solchen bis daher beständig Siege und Reickthümer gewonnen hatten. Viele von ihnen wurden noch insgeheim durch die Geschenke Ludwigs Xl zum Kriege aufgereizt > denn dieser sparte weder Umtriebe noch Gold, um einen Bruch zwischen den unerschrockenen Eidgenossen und seinem furchtbaren Feinde, Karl dem Kühnen, herbeizuführen. Auf der anderen Seite gab eS viele Gründe, die eS für die Schweizer als eine Unklugheit erscheinen ließen, einen Krieg mit dem reichsten/ «»biegsamsten und mächtigsten Fürsten Europas zu beginnen. Denn daS war Karl von Burgund ohne Frage. Dabei waren gewichtigere Gründe, die mit ihrer eigenen Ehre und Unabhängigkeit im Zusammenhang standen, noch gar nicht in Betracht gezogen. Jeder Tag brachte neue Nachrichten, daß Eduard der Vierte von England ein enges Schutz- und Trutz-Bündniß mit dem Herzog von Burgund eingegangen, und daß der englische König, der durch zahlreiche Siege über seine Nebenbuhler auS dem Haus Lancaster nach mancherlei Schicksalswechseln den unbestrittenen Besitz des Thrones erlangt hatte, die Absicht hege, seine Ansprüche auf diejenigen Provinzen Frankreichs wiederaufzunehmen, welche seine Vorfahren so lange besessen. Es schien, als wäre dies allein noch nöthig zu seinem Ruhm, und er werde jetzt nach Unterjochung seiner inneren Feinde die Augen auf Wie- dereroberunq der reichen und kostbaren auswärtigen Besitzungen, welche unter der Regierung des schwachen Heinrichs Vl. und in den bürgerlichen Zwistigkeiten verloren gegangen waren, die man auf so schreckliche Art in den Kriegen zwischen der rothen und weißen Rose verfolgt hatte. Man wußte allgemein, daß der Verlust der französischen Provinzen in ganz 8 » England als eine Herabwürdigung der Nation empfunden werde und daß nicht bloß der Adel, der natürlich seine großen Lehe» in der Normandie, der Gaecogne, in Maine und Anjou verloren, sondern auch der kriegerische Mittelstand, der gewohnt war, auf Kosten Frankreichs Ruhm und Reichthümer zu erwerben und die feurigen Kriegsleute, deren Bogen so manche Schlacht entschiede» halten, eben so eifrig die Erneuerung des Streits wünschten, als ibre Vorfahren bei Cressy, Poitiers und Agincourt ihrem Fürsten auf die Siegesf.lder gefolgt waren, auf welche ihre Thaten unsterblichen Ruhm gehäuft hatten. Die letzte und bewährteste Nachricht besagte, daß der König von England auf dem Punkt stehe, in Person nach Frankreich zu gehen Dieser Einfall wurde dadurch erleichtert, daß er Calais inne hatte; es hieß, er würde dies an der Spitze einer Armee thun, die an Zahl und Krigskenntniß jeder überlegen sei, mit der je zuvor ein englischer Monarch dieses Königreich betreten; alle Anstalten dazu seien beendigt und man dürfe der Ankunft Eduards ohne Verzug entgegensetzen. Daneben bedrohte die mächtige Mitwirkung deS Herzogs von Burgund und der Beistand vieler mißvergnügten französischen Edelleute in den Provinzen, die so lange unter englischer Herrschaft gestanden, Ludwig XI. mit einem verderblichen Ausgang des Kriegs, so scharfsichtig und klug und mächtig auch dieser Fürst unstreitig war. Es wäre für Karl von Burgund zweifelsohne das Klügste gewesen, wenn er ein Bündniß gegen seinen furchtbarsten Nachbar, gegen seinen erblichen sowohl, als persönlichen Feind eingegangen und Alles vermieden hätte, was der helvetischen Eidgenossenschaft Ursache zum Kriege geben konnte. Es war das ein armes aber sehr kriegerisches Volk, und es hatte be- 117 rcits durch wiederholte Siege erfahre», daß sein kühnes Fußvolk der Blüthe der Ritterschaft nicht nur gewachsen, sondern überlegen wäre, während man bisher in Europa die letztere für den Kern aller Heere gehalten hatte. Aber die Maßregeln Karls, welchem das Schicksal den verschlagensten und staatSklugsten Monarchen seiner Zeit entgegengestellt, wurden immer durch Leidenschaft und Laune, nicht von verständiger Berücksichtigung der Umstände eingegeben. Hochmüthig, stolz und rücksichlelos, doch nicht ohne Ehrgefühl und Etelmuth, verachtete und haßte er das, was er den elenden Bund der Hirten und Schäfer und einiger Städte nannte, die hauptsächlich vom Handel lebten. Anstatt den Schweizer-Kantonen gleich seinem listigen Feinde zu schmeicheln oder ihnen Loch keinen Scheinvvrwand zum Hader zu geben, ließ er keine Gelegenheit vorbei, die Geringschätzung und Verachtung an den Tag zu legen, mit der er ihren emporkommenden Einstuß betrachtete. Er verbarg keineswegs, daß ihn insgeheim gelüste, an ihnen Narbe zu nehmen für die Menge edel» Blutes, welches sie vergossen. Er wollte die wiederbolten Erfolge wett machen, welche sie gegen ihre Lehensherren davongetragen und glaubte sich dazu bestimmt, diese zu rächen. Die Besitzungen des Herzogs von Burgund im Elsaß gaben ihm manche Gelegenheit, seinem Verdruß über den Bund der Schweizer den Lauf zu lassen. Das Schlößchen und Städtchen Ferelte, das zwei bis drei Meilen von Basel liegt, diente als Zwischenplatz des Handels von Bern und Svlotburn, den zwei Hauptstädten der schweizerischen Eidgenossenschaft. Dahin legte der Herzog einen Statthalter oder Vogt, der auch die Einkünfte verwaltete und bloß zur Plage seiner republikanischen Nachbarn da zu sein schien. Archibald von Hagenbach war ein deutscher Ritter, dessen 118 Besitzungen in Schwaben lagen. Cr galt allgemein für den heftigsten und gesetzlosesten unter dem Granzadel, der unter dem Namen von Raubrittern und Raubgrafen bekannt ist. Diese hohen Herren erhoben, weil sie ihre Lehen von dem heiligen römischen Reich trugen, innerhalb ihres eine halbe Ouadrat-Stunde großen Gebiets, Anspruch auf eben so vollständige Unumfchränktheit, als ein regierender deutscher Fürst auf ausgedehnteren Besitzungen. Sie erhoben Zolle und Abgaben von Fremden; sie kerkerten ein, verhörte» und verur- theillen Jeden, der auf ihrem winzigen Grund und Boden Verbreche» verübt haben sollte. Aber besonders und in weiterer Ausübung ihrer landesherrlichen Reckte, bekriegten sie sich untereinander und die freien Reichsstädte. Sie überfielen und plünderten ohne Gnade die Carawanen oder große» Wagenzüge, auf welchen der Binnenhandel von Deutschland geführt wurde. Eine Reihe von Beleidigungen, die Archibald von Ha- genbach, einer der eifrigsten Verfechter des Faustrechts, verübt, hatte damit geendet, daß er sich, obgleich schon ziemlich bejahrt, gcnöthigt sah, ei» Land zu verlassen, in welchem er seines Lebens nicht mehr sicher war. Er hatte sich hierauf in den Dienst des Herzogs von Burgund begeben, und war von diesem willig aufgenommen worden, weil er ein Mann von hoher Abkunft und erprobter Tapferkeit war, vielleicht auch eben sowohl darum, weil Karl gewiß sein konnte, in Einem von Hagenbachs wilder, räuberischer und hochmüthiger Gesinnung den gewissenhaften Vollstrecker aller harten Maßregeln zu finden, die er zu erlasst» für gut fand. Die Kaufleute von Bern und Solothurn erhoben darum laute und heftige Klagen über Hagenbachs Handlungsweise. Die Auflagen auf Gegenstände, welche durch seinen Bezirk 119 La Ferette kamen, mochten sie nun bestimmt sein, wohin sie wollten, wurden willkührlich vermehrt; die Kausieute und Krämer, die einen Augenblick zauderten, das Geforderte zu bezahlen, setzte» sich der Einsperrung und persönlichen Bestrafung aus. Die deutsche» Handelsstädte wandten sich an den Herzog wegen des schändlichen Betragens seines Stellvertreters in La Ferette und verlangten von Seiner Gnaden Güte, daß er den von Hagenbach aus ihrer Nachbarschaft entfernen möchte. Aber der Herzog behandelte ihre Klage mit Verachtung- Die Schweizer Einigung ging in ihren Vorstellungen weiter und verlangte, daß dem Cvmmandanten von La Ferette sein Recht angethan werde, weil er das Völkerrecht verletzt habe. Aber sie reichten eben so wenig hin, um Beachtung oder Abhülse zu erlangen. Zuletzt beschloß die Tagsatzung der Eidgenossen, eine förmliche Gesandtschaft hinzuschicken, von der wiederholt die Rede gewesen ist. Einer oder zwei dieser Gesandten vereinten sich mit dem besonnenen und klugen Arnold Biedermann in der Hoffnung, daß ein so feierlicher Schritt dem Herzog die Augen über die Bosheit und Ungerechtigkeit seines Statthalters öffnen würde. Andere unter den Deputaten, die keine so friedliche Absichten hegten, gedachten durch diese entschlossene Vorstellung den Weg für die Feindseligkeiten zu ebnen. Arnold Biedermann war entschieden für den Frieden, so lange die Erhaltung desselben mit der Unabhängigkeit seines Landes und der Ebre der Eidgenossenschaft verträglich blieb; aber der junge Philips»» entdeckte bald, daß der Landammann allein aus seiner ganzen Familie diese gemäßigte Ansicht unterhielt. Die Meinung seiner Söhne wurde beherrscht durch die hinreißende Beredtsamkeit und den unwiderstehlichen Einfluß Rudolphs von Donnerhügel, der durch einige besonders tapfere Thaten und das Ansehen, in welchem die Verdienste seiner Ahnen standen, im Rakhe seines Gebnrtskantons nnd bei der eidgenössischen Jugend im Allgemeinen einen größeren Einfluß erlangt hatte, als von diesen weisen Republikanern gewöhnlich Leuten von seiner Jugend »erstattet ward. Arthur, der jetzt ein willkommener Begleiter bei allen ihren Jagtparthien und anderen Spielen geworden war, horte die jungen Leute von nichts als von der Aussicht auf Len Krieg und von den Hoffnungen auf Beute und Auszeichnung sprechen, die sich die Schweizer machten. Die Thaten, welche ihre Vorfahre» gegen die Deutschen verrichtet, waren so wunderbar gewesen, daß sie die fabelhaften Siege verwirklichten, die man in Romanzen besingt, und da das jetzige Geschlecht dieselben Harken Glieder, denselben unbeugsamen Muth besaß, versprach es sich auch im Voraus denselben ausgezeichneten Erfolg. Wenn im Gespräch des Gouverneurs von La Ferette Erwähnung geschah, wurde von ihm gewöhnlich als von dem Burgundischen Fluchhund oder dem Elsässer Bullenbeißer gesprochen, und man deutete offen an, daß Archibald von Ha- genbach in seiner Feste keinen Schutz vor dem erwachten Zorn der beeinträchtigten Solothurner und Berner finden würde, wenn seinem Verfahren nicht alsbald durch seinen Herrn Einhalt gethan und er selbst von den Gränzen der Schweiz entfernt würde. Von dieser allgemeinen, kriegerischen Stimmung der Schweizer Jugend wurde dem älteren Philipson von seinem Sobne gesprochen, und er war einen Augenblick unschlüssig, ob er nicht lieber alle Unbequemlichkeiten und Gefahren einer Reise mit Arthur allein wiederaufnehmen, oder ob er sich der Gefahr aussetzen sollte durch die ungestüme Jugend der Berge in Streitigkeiten verwickelt zu werden, wenn sie ihre eigenen 121 Berge hinter sich hätten. Ein solches Ereigniß wäre dem eigentlichen Zweck seiner Reise völlig zuwider gewesen. Der englische Kaufmann schloß jedoch aus der Achtung, in welcher Arnold Biedermann bei seiner Familie und seinen Landsleuten stand, der Einfluß desselben werde im Stande sein, seine Begleiter zu zügeln, bis die große Frage über Krieg oder Frieden entschieden wäre, namentlich bis sie sich ihres Auftrags entledigt und sich bei dem Herzog von Burgund Gehör verschafft hätte». War dies geschehen, so wollte er sich von ihrer Gesellschaft trennen und sich nicht in einer Verantwortlichkeit für ihre ferneren Maßregeln verflechten. Nach etwa zehn Tagen war die Gesandtschaft, die dem Herzog wegen der Uebergriffe und Erpressungen Archibalds von Hagenbach Vorstellungen zu machen beauftragt war, endlich auf Geierstein versammelt. Von da aus traten die Abgeordneten ihre Reise an. Es waren ihrer drei, außer dem junge» Berner und dem Landammann von Unterwalden. Einer davon, ein Gutsbesitzer aus den Waldkantonen, wie Arnold, trug eine Kleidung, kaum besser als die eines gewöhnlichen Hirten; er zeichnete sich aber durch die Schönheit und Größe seines langen Silberbartes aus und hieß Nikolaus Bonstetten. Melchior Sturmthal, der Bannerträger von Bern, ein Mann mittleren Alters und ein Krieger von vorzüglichem Muth machten nebst Adam Zimmermann, einem schon bejahrten Solothurner Bürger, die Zahl der Gesandten voll. Jeder hatte seine beste Kleidung an; aber obgleich das strenge Auge Arnold Biedermanns an einer oder zwei silbernen Gürtelschnallen und einer Kette vom nämlichen Metall etwas auszusetzen fand, die den stattlichen Solothurner schmückte, wurde gewiß ein mächtiges und siegreiches Volk — und das » 122 waren die damaligen Schweizer — nie durck Botschafter von mehr patriarchalischer Einfachheit vertreten. Die Abgeordneten reiste» zu Fuß mit ihren spitzigen Stocken in der Hand wie Pilger, die nach einem Wallfahrtsort wandern. Zwei Maul- thiere trugen ihren kleinen Vorrath von Gepäck und wurden von jungen Burschen geführt, Söhnen oder Verwandten der Gesandtschaftsmitglieder, denen man erlaubt hatte, einen Blick auf die Welt jenseits der Berge zu werfen, wie solches die Reise möglich machte. So klein aber ihr Gefolge war, wenn man ihren Stand oder daü Geleite des Einzelnen und die Bequemlichkeit in Betracht zog, so erlaubten doch die gefährlichen Zeitläufte und der ungeordnete Zustand deS Landes jenseits ihres eigenen GeviekS nicht, Laß die Leute in so wichtigen Angelegenheiten ohne Schutzwache reisten. Schon die Gefahr vor Wölfen, die bei der Annäherung des Winters der Hunger aus ihren schützenden Bergen in die offenen Ortschaften Heruntertrieb, in welchen die Reisenden ihre Herberge nehmen mußten, machte eine Bedeckung nvthwendig. Auch die Haufen von Ausreißern aus mancherlei Diensten, die sich als Abteilungen von Banditen an den Gränzen von Deutschland und Elsaß Herumtrieben, empfahlen eine solche Vorsicht. Darum begleiteten etwa zwanzig auserlesene Jünglinge aus den verschiedenen Schweizerkantonen die Gesandtschaft, unter ihnen Rüdiger, Ernst und Siegmund, die drei ältesten Sohne Arnold's. Sie zogen übrigens nickt in militärischer Ordnung, marschirten auch nickt dicht oder nahe bei dem Zuge der Patriarchen; sie machten im Gegcntheil Jagdstreifereien, zu fünf oder sechs und durchsuchten die Felsen, Wälder und Bergpässe, durch welche die Gesandten kamen. Der langsamere Schritt der Letzteren ließ den jungen Leuten, die von 123 ihren großen, zottigen Hunden begleitet wurde», Zeit genug, um Wölfe und Büren zu erlegen oder dann und wann eine Gemse unter den Klippen zu überraschen. Dabei untersuchten sie bei der Verfolgung ihrer Jagd sorgfältig solche Stellen, die sich zu einem Versteck eigneten und verschafften so den Männern, die sie geleiteten, mehr Sicherheit, als wenn sie in ihrer nächsten Nähe geblieben wären. Ein besonderer Ruf aus dem großen Schweizerhorn, das, wie schon gesagt, von dem Bergstier gewonnen wurde, war das Zeichen, auf welches man sich im Fall einer Gefahr zu sammeln übereingckommen war. Rudolph Donnerhügel, der viel jünger war, als seine Genoffen bei dem nämlicken wichtigen Auftrag, übernahm den Befehl über diese Bergleibwache und begleitete sie gewöhnlich auf ihren Jagdausflügen. Mit Waffen waren sie wohl versehen; sie trugen zweihändige Schwerter, lange Partisanen und Spieße, Armbrüste und Bögen, kurze Hirschfänger und Jagdmesser. Die schwereren Waffen wurden, als ihre» Bewegungen hinderlich, mit dem Gepäck fvrtgeschafft, konnten aber bei der geringsten Beunruhigung zu, Hand genommen werde. Arthur Philipson zog natürlich ww sein neulickcr Gegner die Gesellschaft und die waidmännische Unterhaltung der jüngeren Leute dem ernsten Gespräch und langsamen Sckrilt der Väter des Gebirgsfreistaats vor. ES gab indessen eine Versuchung, beim Gepäck zu bleiben, welche, wenn es die Umstände gestattet hätten, den jungen Engländer dazu gebracht haben würde, auf die Jagd Verzicht zu Ihun, der die Schweizer Jünglinge so eifrig nachgingen und sich den langsamen Schritt und das ernste Gespräch der älteren Männer gefallen zu lassen. Mit einem Wort, 'Anna von Geierstein reiste mit einem Schweizermädchen, ihrer Dienerin, im Nachtrab der Gesandtschaft. Die zwei Frauenzimmer rillen auf Eseln, die mit ihrem langsamen Gang kaum de» Maulthiel en nachkamen, welche das Gepäck truaen, und man darf wohl vermuthen. daß Arthur Philipson zu Vergeltung der wichtigen Dienste, die er von dem reizenden Mädchen empfangen, es für keine zu große Mühe gehalten haden würde, ihr gelegentlich auf der Reise semen Beistand zu leisten oder durch seine Unterhaltung die Langeweile der Reise zu verkürzen. Aber er wagte nicht, ihr Aufmerksamkeiten anznbieten, welche die Landessikte nicht zu gestatten sästen, da solche weder von einem der Vettern des Mädchens, noch selbst von Rudolph Donncrhügel versucht wurken. Und doch hatte der Letztere bisher keine Gelegenheit versäumt, um sich seiner schönen Base zu empfehle». Ueber- dieS hatte Arthur Ueberleguug genug, um zu wissen, daß er sich durch Nachgiebigkeit gegen die Gefühle, die ihn zur ferneren Unterhaltung der Bekanntschaft mit dem liebenswürdigen Mädchen vertrieben, gewiß dem ernsten Mißfallen seines Vaters und wahrscheinlich auch ihres Oheims aussetzen würde. Und dock halte er bei dmem Gastfreundschaft genossen und erfreute sich jetzt seines sicheren Geleites. Der junge Engländer überließ sich also denselben Belustigungen, wie die andern jungen Leute der Gesellschaft, und wagte bloß, so oft es ein Halt gestaltete, den Mädchen solche Zeichen von Höflichkeit zu geben, die weder zu Bemerkunaen »och zum Tadel Veranlassung gebe» konnten. Und da sein Ruf als Jäger nunmehr allgemein anerkannt war, so erlaubte er sich, wen» auch die Jagd im Gange war, in der Nähe des Weges zu bleiben, auf welchem er wenigstens die Umrisse ihrer Gestalt und das Flattern ihres grauen Schleiers sehen konnte. Diese anscheinende Unempfindlichkeit wurde ihm von seinen Genossen nicht ungünstig gedeutet, und bloß für Gleich- 125 gültigkeit gegen das weniger edle oder weniger gefährliche Wild gehalten. Denn wenn es sich von einem Bären, einem Wolf oder anderen Raubtlner handelte, so war kein Spieß, kein Hirschfänger oder Bogen in der Gesellschaft, nicht einmal der Rndvlph Donnerhügel's so schnell bei der Hand, wie der des jungen Engländers. Der ältere Philipson hatte mittlerweile andere und ernsthaftere Gegenstände zu überlegen. Wie der Leser schon gesehen haben muß, war er ein Mann von großer Weltkenntniß und hatte schon Rollen gespielt, ganz versa jeden von der, die er gegenwärtig durchfiihrte. Beim Anblick der Jagd wurden Gefühle in ihm rege, die er in früheren Jahre» wohl gekannt. Das Lärmen der Hetzhunde, wie es in den wilden Bergen und richten Forsten wiederhallie, durch welche die Reise ging, der Anblick der rüstigen Jäger, wenn sie den Gegenstand ihrer Verfolgung mitten in luftigen Klippen und tiefen Abgründen zum Schuß brachten, welche dem Fuß des Menschen unzugänglich schienen; der Hallo- und Hornruf, den Berg nach Berg zurückwarf, hatten ihn mehr als einmal in die Versuchung gebracht, an der gefährlichen, aber erfrischenden Unterhaltung Theil zu nehmen, welche damals im größten Tkeil von Europa nach dem Kriege die wichtigste Beschäftigung ausmachke. Aber das Gefühl war vorübergehend und es zog ihn noch mehr an, die Sitten und Ansichten der Personen kennen zu lernen, mit welchen er reiste. Sie schienen alle etwas von der aufrichtigen und derben Einfachheit zu besitzen, welche Arnold Biedermann auszeichnete, aber m keinem von ihnen erhob sie sich zu demselben Ernst der Gedanken oder zu seinem tiefen Scharfblick. Im Gespräch über den politischen Zustand ihres Vaterlandes hatten sie keine Geheimnisse und obgleich mit Ausnahme Rudolphs ihre jungen Leute nicht zu ihren Berathungen zugelassen wurden, schien doch die Ausschließung bloß statt zu finden, damit die Jünglinge in der nvthigen Achtung gegen das Alter erhalten würden, nicht aber in der Abficht, ihnen etwas zu verbergen. In Gegenwart deS älteren Pbilipson sprachen sie ohne Scheu von den Anmaßungen des Herzogs von Burgund, von den Mitteln, die das Land zu Aufrechthaltung seiner Unabhängigkeit biete und von dem sesten Entschluß der helvetischen Eidgenossenschaft der äußersten Gewalt, welche die Welt gegen sie aufzubringen vermochte, Trotz zu bieten, ehe sie sich die geringste Beleidigung gefallen ließe. In anderen Beziehungen schienen ihre Anfichten verständig und gemäßigt. Nur der Bannsrherr von Bern und der eingebildete Bürger von Solothurn nahmen die Folgen eines Krieges leichter auf, als der umsichtige Landammann von Unterwalden und sein ehrwürdiger Gefährte Nikolaus Bonstetten, der allen Ansichten Biedermann's bei, pflichtete. Es geschah häufig, daß diese Gegenstände verlassen wurden und das Gespräch auf Dinge sich wandte, die ihre Reise- genossen weniger anzvgen. Die Anzeichen des Wetters, die Fruchtbarkeit der verschiedenen Jahreszeiten, die vortheilhafteste Art, ihre Baumgärten anzulegen und ihre Ernten einzuheimsen, zog wohl die Bergbewohner an, gab aber Philipson weniger Unterhaltung und obschon der treffliche Herr Zimmermann von Solothurn sich herzlich gerne mit ihm in ein Gespräch über Handel und Handelsgegenstände eingelassen hätte, so konnte doch der Engländer, der bloß mit Sachen von geringer Große und großem Werth handelte, und dabei Land und See durcbzog, nur wenig Stoff zur Besprechung mit dem Schweizer finden, dessen Vorkehr bloß auf die nächsten Gegenden von Burgund und Deutschland sich beschränkte und 127 dessen Güter in groben Wollentüchern, Barchent, Fellen, Pclz- werk und solchen gewöhnlichen Dingen bestanden. Manchmal aber und während die Schweizer von unbedeutenden Handelsvortheilen sprachen oder ein Verfahren im Ackerbau beschrieben, oder vom Brand im Korn und von Viehseuchen mit all der schwerfälligen Genauigkeit kleiner Pächter und Krämer redeten, die sich ans einem Jahrmarkt treffen, rief ein wohl bekannter Platz Namen unk Geschichte einer Schlackt ins Gedächtniß, in welcher einer oder der andere gefochten. Keiner war in der Gesellschaft, der nicht mehrmals die Waffen getragen. Die militärischen Erörterungen, welche in anderen Ländern bloß von Rittern und Knappen, die an einem Treffen Theil genommen, oder von gelehrten Schreibern besprochen wurden, die stch damit beschäftigten, solche aufzuzeichnen, waren in diesem seltsamen Lande wohl bekannte und vertraute Gesprächsgegenstände unter Männern, deren friedliche Beschäftigungen sie in eine unermeßliche Entfernung von dem Beruf eines Soldaten zu bringen schienen. Dies erinnerte den Engländer an die alten Römer, die den Pflug so leicht mit dem Schwert und dem kunstlosen Anbau des Landes mit der Leitung der öffentlichen Angelegenbeiten vertauschten. Er wies auf diese Aehnlichkeit den Landammann hin, der natürlich Vergnüge» an dem Lobe seines Vaterlandes fand, aber gleich erwiederte: der Himmel erhalte uns die häuslichen Tugenden der Römer und bewahre uns vor ihrem Hang zu Eroberungen und vor ihrer Liebe zu der Ueppigkeit des Auslandes. Der langsame Schritt der Reisenden und verschiedene Ursachen, bei d«nen wir uns nicht aufzuhalten brauchen, ver- anlaßte die Gesandtschaft, zweimal zu übernachten, ehe sie Basel erreichten. In den kleinen Städten oder Dörfern, in 128 welchen sie sich einlagerten, wurden sie mit allen Beweisen achtungsvoller Gastfreundlichkeit ausgenommen, deren Darlegung die Mittel «erstatteten, und ihre Ankunft war überall das Zeichen zu einem kleinen Gastmahl, mit dem sie von den Häuptern der Gemeinde bewirthet wurden. Bei solchen Gelegenheiten und während die Nettesten des Orts die Stellvertreter der Eidgenossenschaft unterhielten, nahmen sich der jungen Leute von der Bedeckung Andere von demselben Alter an. Einige waren von ihrer Ankunft unterrichtet, begleiteten sie gewöhnlich einen Tag auf der Jagd und mackten die Jäger mit den Stellen bekannt, wo das Wlld am häufigsten war. Diese Schmausereien wurden nie bis zum Uebermaß fortgesetzt und als vorzüglichste Leckerbissen kamen dabei Ziegen-, Lamm- und Wildfleisch, Erzeugnisse der Gebirge, vor. Doch schien es Arthur Philips»» und seinem Vater, daß die guten Bissen von dem Berner Bannerherrn und dem Solothurner Bürger mehr gelobt wurden, als von ihrem Wirthe, dem Landammann und dem Gesandten von Schwytz. Es wurde dabei keine Ausschweifung begangen, wie wir schon gesagt haben; aber die zuerst genannten Abgeordneten verstanden die Kunst, die vorzüglichsten Bissen auszuwählen und waren Kenner guter Weine, besonders von ausländischem Gewächs, mit denen man jene hinunterspülen konnte. Arnold war zu verständig, um zu tadeln, was er nicht verbessern konnte. Er begnügte sich, für seine eigene Person eine strenge Mäßigkeit zu beobachten und lebte meist bloß von Pflanzenspeisen und lauterem Wasser. Darin ward er von dem alten, graubärtigen Nikolaus Bonstetten genau nachgeahmt, der es sich zu seiner besonderen Aufgabe gemacht zu haben schien, des Landammanns Beispiel in allen Dingen zu folgen. Es war, wie wir bereits gejagt, der dritte Tag der Reise, a» welchem die Schweizer Gesandtschaft in der Nähe von Basel kam. In dieser Stadt, damals einer der größten im südwestlichen Tcheile von Deutschland, gedachten sie zu übernachten, da sie an einer freundlichen Aufnahme nicht zweifelten. Die Stadt war freilich damals noch nicht Mitglied der schweizerischen Eidgenossenschaft, sondern trat erst I5üt, also etwa vierzig Jahre nachher, in dieselbe; aber sie war eine freie Reichsstadt und stand mit Bern, Solothurn, Luzern und anderen Schweizerstädten durch wechselseitigen Handelsvortheil in beständigem Verkehr. Es war der Zweck der Gesandtschaft, wo möglich einen Frieden zu unterhandeln. In Anbetracht der Unterbrechungen des Handels, welche die Folge eines Bruchs zwischen dem Herzog von Burgund und den Kantonen sein mußten, und des großen Vortheils, den die Erhaltung der Neutralität der Statt Basel verschaffte, mußte ihr ein solcher Friede bei ihrer Lage zwischen den feindlichen Mächten eben so viel Vortheil bringen, als den Schweizern. Diese erwarteten also einen eben so herzlichen Empfang von Seiten der Basler, als ihnen innerhalb der Gränzen der Eidgenossenschaft zu Theil geworden waren, da der Vortheil der Stadt in so enger Verbindung mit dem Gegenstand ihrer Sendung stand. Das nächste Kapitel wird zeigen, in wie weit diese Hoffnungen verwirklicht wurden. Anna v. Gcierstein >. 9 Sie sah'n die Stadt, die da den Rhein begrüßt. Wo er hervorstürzt aus den heim'schcn Bergen, Wie cs einst stolz Orgctroix gewollt. Der seine öden Berge nicderstieg. Zu herrschen über Galliens reiche Auen. Helvetia. Die Augen der englischen Reisenden blickten jetzt ermüdet von einer Reihenfolge wilder Berggegenden mit Vergnügen auf ein Land, das zwar immer noch unregelmäßig und bergig, aber höheren Anbaues fähig und mit Kornfeldern und Weinbergen geschmückt war. Der Rhein, ein breiter und großer Fluß, ergoß seine grauen Wellen mit außerordentlicher Schnelle durch die Landschaft und sonderte die Stadt Basel, die an seinen Ufern liegt, in zwei Theile. Der südliche derselben, in welchen ihr Weg die Schweizer Abgesandten führte, zeigte das berühmte Münster und den hohen Söller, der sich vor ihm hinzieht. Es schien die Reisenden zu erinnern, daß sie sich jetzt einer Gegend näherten, in welcher die Werke des Menschen sich selbst unter denen der Natur auszeichneten. 131 anstatt stch unter Liesen furchtbaren Gebirgen zu verlieren, die sie eben durchwandert, wie solches mit den glänzendsten Bemühungen menschlicher Anstrengung hätte der Fall sein müssen. Sie waren noch eine halbe Stunde von der Stadt, als der Zug mir einem Beamten zusammentraf. Dieser wurde von zwei oder drei Bürgern begleitet, die auf Maulthieren ritten und deren Sammtschabracken Neichthum und Stand verkündigten. Sie begrüßten den Lantammann von Unterwalden und seine Begleiter sehr acvtungsvvll und diese machten stch deshalb auf eine gastfreundliche Einladung und eine paffende Erwiederung gefaßt. Die Botschaft der Basler stand aber in geradem Gegensatz zu ihre» Voraussetzungen. Der Beamte, den sie getroffen, entledigte stch derselben mit viel Schüchternheit und Zaudern, und es schien, während er seinen Auftrag verrichtete, als ob er ihn nicht für den ehrenvollsten hielte, den er hätte erhalten können. Es fanden stch darin viele Versicherungen der tiefsten brüderlichen Achtung für die Staaten des helvetischen Bundes, und der Sprecher von Basel erklärte, er sei selbst durch Freundschaft und Vortheil mit ihnen verknüpft. Aber er schloß mit der Andeutung, daß wegen gewisser gewichtiger Gründe, die bei besserer Muße genügend aus einander gesetzt werden sollten, die freie Statt Basel den hochgeachteten Abgeordneten, die auf Befehl der Schweizer Tagsatzung an den Hof des Herzogs von Burgund ziehen, diesen Abend nickt in ihre Mauern aufnehmen könnten. Philips«» bemerkte mit vielem Antheil die Wirkungen, welche diese unerwartete Eröffnung auf die Mitglieder der Gesandtschaft ausübten. Rudolph Donnerhügel, der stch mit ihnen vereinigt hatte, als sie stch Basel näherten, schien 9 * »reuiger überrascht als seine Genossen. Er blieb völlig still und schien begieriger ihre Gedanke» zu errathen, als geneigt, den seinigen Worte zu geben. Der kluge Kausmann bemerkte nicht zum erstcnmale, daß der kühne und ungestüme junge Mann erforderlichen Falls die natürliche Heftigkeit seiner Ge- mükhsart recht wohl ini Zügel zu halten vermochte. Des Bannerhcrrn Stirn runzelte fick; das Gesicht des Soloihur- »er Bürgers wurde glutroth, ivie der Mond, wenn er in Nordwest aufgeht; der graubärtige Oeputirte von Schwyz blickte ängstlich auf Arnold Biedermann und der Landammann selbst schien erregter, als er bei seiner Glejchmütbigkeit gewöhnlich war. Zuletzt erwiederte er den» Basler Beamten mit einer durch seine Empfindungen erregten Stimme: „Das ist eine seltsame Botschaft an die Gesandten der Schweizer Eidgenossenschaft. Wir find auf einer freundschaftliche» Sendung begriffen und von ihr hängt der Vortheil der guten Bürger von Basel ab, die wir stets als unsere guten Freunde behandelt haben und die uns noch dieselben Gestn- uungen zu erkennen geben. Den Schutz ihrer Dächer, den Schirm ihrer Mauern, den gewohnte» gastfreundlichen Verkehr hat kein befreundeter Staat das Recht den Bewohnern eines andern zu verweigern." „Die Gemeinde Bafel versagt solches auch nicht mit ihrem Willen, würdiger Landammann," erwiederte der Beamte. „Nicht Ihr allein und Eure würdigen Gefährten, sondern Euer Geleite und Eure Lastthiere selbst sollten mit aller Gefälligkeit bewirthet werden, welche den Bürgern von Basel Möglich ist — aber die Hände find uns gebunden." „Und von wem?" sagte der Bannerherr, dessen Zorn jetzt losbrach. „Hat der Kaiser Siegmund so wenig Nutzen aus den Beispielen seiner Vorfahren gezogen?" 133 „Der Kaiser," versetzte der Bevollmächtigte der Basler, indem er den Bannerherrn unterbrach, „ist ein wohlgesinnter und friedliebender Mo iarch, wie er es immer gewesen; aber — da sind burgundische Kriegsvölker nnlängst in den Sundgau gezogen und es sind von dem Grasen t rchibald von Ha- genbach Gesandte an uns geschickt worden." „Genug!" erwi derte der Landamman». „Zieht den Schleier nickt weiter von einer Schwache, ob welcher Ihr erröthct. Ich verstehe Euch völlig. Basel liegt zu nahe bei der Feste La Ferelte, als daß seinen Bürgern erlaubt sein konnte, ihre eigenen Neigungen zu Rathe zu ziehen. Bruder, wir sehen, wo die Schwierigkeit für Euch liegt, wir bemitleiden Euch und wir vergeben Euch Eure Ungastlichkeit." „Ei, so kort mich doch zu Ende, würdiger Landammann," antwortete der Beamte. „Es ist hier in der Nähe ein alter Jagdsitz der Grafen von Falkenstein, Grafslust genannt. Dieser konnte Euch, ob er wohl verfallen, ein besseres Nachtlager gewähren, als der freie Himmel, und ist auch einiger Ver- theidigung fähig, obgleich, Gott verhüte, daß es Jemand wagte, Eure Ruhe zu stören. Und horchet, meine würdigen Freunde; wenn Ihr in dem alten Platz einige Erfriscknngen, als Wein, Bier und dergleicken findet, so genießt sie ohne Bedenken, denn sie sind für Euch bestimmt." „Ick weigere mich nicht, einen sicheren Ort einzunebmen," sagte der Landammann; „denn, wenn auch der, welcher unseren Ausschluß aus Basel veranlaßt hat, bloß aus kleinlichem Uebermuth und aus Bosheit gehandelt haben mag, so können wir doch nicht sagen, ob damit nickt einige gewaltthätige Absicht verbunden ist Für Eure Lebensmittel danken wir Euch; aber -oir werten, so weit es auf mich ankommt, nicht auf 134 Kosten von Fremden leben, die sich schämen uns anders als verstohlcnerweise anzuerkennen." „Noch etwas, mein werther Herr," sagte der Stellver. treter der Baseler — „Ihr habt ein Mädchen im Gefolge, Eure Tochter, wie ich vermuthe. Wo Ihr hingeht, findet sich selbst für Männer nur schlechte Bequemlichkeit; sie ist für Frauen wenig besser, aber was wir thun konnten, um die Sache so gut als möglich herzurichten, ist geschehen. Lieber jedoch laßt Eure Tochter mit uns nach Basel zurückgehen; meine Fra» wird ihr bis morgen früh Mutter sei» und ich will sie dann sicher in Euer Lager bringen. Wir habe» versprochen, de» Männer» der Eidgenossenschaft unsere Thore zu verschließen, von den Frauen ist nichts erwähnt worden." „Fhr seid schlaue und spitzfindige Leute, Ihr Männer von Basel," antwortete der Landammann, „aber wißt, seitdem die Helvetier dem Cäsar entgegen zogen, bis auf die heutige Stunde, haben die Frauen im Schweizerlande beim Drang der Gefahr ihren Aufenthalt im Lager ihrer Väter, Brüder und Männer gehabt und keinen andern Schutz gesucht, als den sie im Muthe ihrer Verwandten finden konnten. Wir haben Männer genug, unsere Weiber zu schützen; meine Nickte wird bei uns bleiben und sich das Loos gefallen lassen, das der Himmel über uns verhängt " „So lebet wohl, würdiger Freund!" sagte der Beamte von Basel, „es ist mir leid, daß ich mich so von Euch trennen muß, aber Las schlimme Schicksal will es so. Jener Wiesenweg wird Euch zu dem alten Jagdsitz führen und der Himmel möge Euch dort eine ruhige Nacht verbringen lassen; denn abgesehen von anderen Gefahren, sagen die Leute, die Ruinen haben keinen guten Namen. Wollt Ihr Eurer Nichte vielleicht doch erlauben, mit mir für diese Nacht nach Basel zu gehen?" „Wenn wir von Wesen wie wir gestört werden," sagte Arnold Biedermann, „so haben wir starke Arme und schwere Partisanen; sollte» wir, wie Eure Worte andeuten, durch solche von anderer Beschaffenheit gestört werden, so haben wir gute Gewissen oder sollten sie doch haben, und Vertrauen auf den Himmel. — Gute Freunde, meine Brüder bei dieser Gesandtschaft, habe ich Eure Gedanken sowohl als die mei- nigen ausgesprochen?" Die anderen Abgeordneten gaben ihre Zustimmung zu dem, was ihr Genosse gesagt, zu erkennen, und die Bürger von Basel nahmen höflichen Abschied von ihren Gästen. Sie suchten dabei durch übertriebene Höflichkeit zu ersetzen, was sie an wirklicher Gastlichkeit fehlen ließen. Rudolph war nach ihrem Weggang der Erste, der seine Meinung über ihr klein- müthiges Betragen aussprach, über das er in ihrer Gegenwart geschwiegen. „Feige Hunde!" sagte er, „möge ihnen der Schlächter von Burgund bei seinen Erpressungen das Fell abziehe», da sie lieber alte Freundschaft vcrläugnen, als den leichtesten Hauch des GrimmS eines Tyrannen ertragen wollen!" „Und nicht einmal ihres eigenen Tyrannen," sagte ein anderer aus dem Haufen, denn mehrere von den jungen Leuten hatten sich um die Aelteren gesammelt, um den Willkomm anzuhören, den sie von den Basler Beamten erwarteten. „Nein," versetzte Ernst, einer von Arnold Biedermanns Söhnen, „sie behaupten nicht, daß ihr eigener Fürst, der Kaiser, es ihnen befohlen habe; sondern ein Wort von dem Herzog von Burgund, der ihnen nicht mehr gelten sollte, als der Hauch des Westwinds, ist hinreichend, sie zu solch' roher Ungastlichkeit aufzureizen. Wir thäten gut, auf die Stadt loS zu gehen und sie im't gewaffneter Hand zu zwingen, uns ein Obdach zu geben." Ein beifälliges Gemurmel erhob sich rings unter den Jünglingen, erweckte aber das Miß allen Arnold Biedermanns. „Habe ich die Summe eines meiner Sohne gehört oder war es die eines groben Lanzknechts, der nur an Schlachten und Gewallthaten Freude findet? Wo ist die Bescheidenheit der Schweizer Jugend, die gewohnt war, das Zeichen zum Treffen zu erwarten, bis es den Aeltesten des Kantons gefiel, es zu geben; die so sanft war als Mädchen, bis die Stimme ihrer Patriarchen sie aufforderte, kühn zu sein wie Löwen?" „Ich meinte es nicht böse, Vater," sagte Ernst, beschämt über den Verweis, „und dachte noch weniger an eine Geringschätzung gegen Euch; aber ich muß sagen" — — „Sag kein Wort, mein Sohn," versetzte Arnold, „sondern verlaß unser Lager morgen bei Tagesanbruch, und wenn du nach Geierstein zurückkehrst, wohin ich dir unverzüglich zu gehen befehle, so erinnere dich, daß der keineswegs zu Besuchen in fremden Ländern geeignet ist, der seine Zunge nicht vor seinen Landsleuten und vor seinem eigenen Vater bemeistern kann." Oer Bannerherr von Bern, der Solothurner Bürger und selbst der lanqbärtige Abgeordnete von Schwyz suchten sich für den Schuldigen zu verwenden und die Erlassung seiner Verweisung zu erlangen, aber umsonst. „Nein, meine guten Freunde und Brüder, nein!" erwie- derte Arnold. „Diese jungen Leute brauchen ein Beispiel, und wenn es mir einerseits leid ist, daß das Aergerniß in meiner Familie vorgekommen, so freut es mich in anderem Betracht, daß das Vergehen von einem begangen worden ist, über den ich meine volle Gewalt ohne den Verdacht der Par- 137 theilichkeit ausüben kann. Ernst, mein Sohn, du hast meine Befehle gehört: Geh nach Geierstein zurück, sobald der Morgen graut, und laß mich in dir einen veränderten Menschen finden, wenn ich selbst dahin zurückkehre." Der junge Schweizer war offenbar durch diese öffentliche Demüthigung sehr ergriffen und erschüttert, er beugte ein Knie und küßte seinem Vater die rechte Hand, während Arnold ohne das geringste Zeichen von Unwillen ilmi seinen Segen ertheilte; und Ernst zog sich ohne ein Wort des Widerspruchs zum Nachtrab des Zugs zurück. Dann schritt die Gesandtschaft den Wiesenweg hinunter, der ihnen gezeigt worden war und an dessen Ende die gewaltigen Ruinen von Grafslust emporstiegen. Es war aber nicht mehr genug Tageslicht vorhanden, um ihr Acußeres genau unterscheiden zu können. Als ste näher kamen und die Nacht dunkler'wurde, bemerkten ste, daß drei oder vier Fenster erhellt waren, der Rest der Vorderseite blieb in Dunkel gehüllt. Bei ihrer Ankunft auf dem Platze nahmen ste wahr, daß ihn ein breiter und tiefer Graben umgab, dessen trübe Oberfläche den Schimmer des Lichts im Innern, wiewohl matt, zurückwarf. Neuntes Kapitel. Francisco. Ich wünsch' dir gute Nacht! Marcellus. O lebe wohl, du wackerer Soldat! Wer hat dich abgelöst? Francisco. Gute Nacht! Bernardn hat meinen Posten. Hamlet. Das erste Geschäft unserer Reisenden war die Aufsuchung von Mitteln, um über den Graben zu kommen, und es dauerte nicht lange, bis sie den Brückenkopf fanden, auf welchem die Zugbrücke früher geruht hatte, wenn sie niedergelassen war. Die Brücke selbst war schon lange zerfallen, aber man hatte, augenscheinlich erst vor Kurzem, einen einstweiligen Uebergang aus Tannenbäumen und Brettern gebaut, der ihnen den Zutritt zu dem Haupteingang des Schlosses »erstattete. Beim Eintritt in diesen stießen sie auf eine Thüre, die in den Bogengang führte. Hier schimmerte Licht und geleitete sie in eine Halle, die, wie man sehen konnte, so gut es die Umstände zugelassen, für ihre Bequemlichkeit hergerichtet war. Ein großes Feuer von wohlgetrocknetem Holz brannte 139 lustig ini Kamin und war so unterhalten worden, daß die Luft in der Halle trotz ihres großen Umfangs und einigermaßen verfallenen Aussehens ein mildes und wohlthuendes Gefühl erregte. Am Ende des Gemachs war ein Haufen Holz, groß genug um das Feuer zu unterhalten, wenn sie auch eine Woche da geblieben wären. Zwei oder drei lange Tische standen gedeckt und zu ihrer Aufnahme bereit, und bei genauerem Nachsuchen fanden sich in einer Ecke verschiedene große Korbe vor, die kalte, sehr sorgfältig zubereitete Speisen jeglicker Art für ihren unmittelbaren Bedarf enthielten. Der gute Solothurner Bürger blinzelte mit den Augen, als er die jungen Leute das Nachtessen aus den Korben nehmen und auf die Tafel stellen sah. „Gut," sagte er, „die guten Basler sind ihrem Charakter treu geblieben; denn wenn sie es an der Bewillkommung haben fehlen lassen, so ist hier Ueberfluß an guten Speisen." „Ach, Freund," sagte Arnold Biedermann, „die Abwesenheit des WirthS ist ein bedeutender Abzug an der Unterhaltung. Besser ein halber Apfel aus der Hand des Wirths, denn ein Hochzeitsmahl ohne seine Gesellschaft." „Wir sind ihnen doch Dank schuldig für ihren Schmaus," sagte der Bannerherr. „Aber ich sollte meinen, nach der bedenklichen Sprache, die sie führten, wäre es zweckmäßig, die Nacht strenge Wache zu Hallen und einige von unseren jungen Leuten von Zeit zu Zeit die Runde um die alten Ruinen machen zu lasse». Oer Platz ist stark und haltbar und in so fern müssen wir uns bei denen bedanken, die uns hier Quartier gemacht haben. Wir wollen indess.n, mit Eurer Erlaub- niß, meine verehrten Brüder, daS Innere des Hauses untersuchen und dann regelmäßige Posten und Streifwache» an- vrdnen. — Au Euer Geschäft, Ihr jungen Leute und durchsucht 140 diese Trümmer sorgfältig; — sie könnten vielleicht mehr als uns enthalten. Denn wir sind jetzt in der Nähe van Einem, der wie ein diebischer Fuchs sich lieber bei Nacht, als bei Tag rührt nnd seine Bente eher in Rainen und Wildnissen sucht, als im offenen Feld." Diesen Vorschlag hielten alle genehm; die jungen Leute nabme» Fackeln, von denen ein tüchtiger Vvrrath zu ihrem Gebrauch znrückgelassen worden war, nnd stellten pünktliche Nachforschungen in den Rainen an. Der größere Tbeil des Schlosses war noch wüster nnd verfallener als der, welcher von den Baslern für die Bequemlichkeit der Gesandtschaft bestimmt worden zu sein schien. Einige Stücke desselben hatten kein Dach mehr, nnd das Ganze bot einen trostlosen Anblick. Das Funkeln der Lichter, der Glanz der Waffen, die Klänge menschlicher Stimmen nnd der Widerhall der männlichen Tritte schreckten Fledermäuse, Eulen und andere nnglückweiffagende Vögel, die gewöhnlichen Bewohn r solcher alten Gebäude, ans ihren finsteren Schlupfwinkeln auf. Ihr Flug durch die öden Zimmer veranlaßte Unruhe unter denen, welche das Geräusch hörten ohne die Ursache davon z» sehen, nnd Gelächter, wenn sie dieselbe erkannten. Sie fanden Heralts, daß der tiefe Graben ihren Zufluchtsort von allen Seiten umgab nnd daß sie also gegen einen Angriff von außen sicher waren, wenn solcher nickt durch den Hanpteingang unternommen wurde, den man leicht verrammeln und mit Wachen besetzen konnte. Sie überzeugten sich auch durch scharfes Suchen, daß sich zwar wohl eine einzelne Person in dieser Trümmerwüste verbergen konnte, daß es aber einer Anzahl von Menschen, die einer so großen Gesellschaft als die ihrige hätte gefährlich werden können, völlig nnmöglich war hier zurückznbleiben ohne entdeckt zu werden. Ueber diese Einzelnheiten wurde dem Bannerherrn Bericht erstattet und er befahl Dvnnerhügel, unter den jungen Leuten sechs auszulesen und solche bis zum erste» Hahnenschrei au der Außensette des Gebäudes herumstreifen zu lassen. Dann sollten ste ins Schloß zuruckkehren und eure gleiche Abtbei- lung sollte dasselbe Geschäft bis zum Morgengrauen über- nehmen, wo sse dann ihrerseits wieder abgelöe-t werden sollten, Rudolph erklärte, daß es seine Absicht sei, die ganze Narbt auf der Wache zu bleiben, und da er sich ebenso sehr durch seine Wachsamkeit, als durch Stärke und Muth auszeichnete, so hielt man für die Sicherheit des Außcnpostens hinreichend gesorgt, nachdem noch festgesetzt worden war, daß im Fall eines plötzlichen Angriffs der tie,e und rauhe Ton des Schweizer-Horns bas Zeichen sein solle, der Streifparthei Hülse zu senden. Innerhalb des Schlosses wurden für gleiche Wachsamkeit Vorkehrungen getroffen. Sine Schildwache, die alle zwei Stunden abgelöst werden sollte, wurde angewiesen, ihren Posten an dem Hauptthor einzunehmen, und zwei andere bezogen die Wache auf der anderen Seite des Schlosses, obschon der Graben in dieser Gegend Sicherheit genug zu gewähren schien. Als diese Vorkehrungen getroffen waren, setzte sich der Rest der Gesell,chaft nieder, um sich zu erfrischen. Die Gesandten nahmen den oberen Theil der Halle ein, die von der Bedeckung ließen sich bescheiden am unteren Ende desselben großen Gemachs nieder. Eine Menge Heu und Stroh, die in dem weiten Schlosse aufgehäufl lag, wurde zu dem Zwecke verwendet, zu dem es von den Baslern offenbar bestimmt worden war, und auf ihm fanden sich abgehärtete Männer ausgezeichnet gut gebettet, die oft im Kriege oder auf der 142 Jagd mit einem weit schlechteren Nachtlager hatten vorlieb nehmen müssen. Die Aufmerksamkeit der Basler war sogar so weit gegangen, daß sie Anna von Geierstein besondere und ihren Bedürfnissen mehr angemessene Bequemlichkeiten verschafft hatten, als die für den männlichen Theil der Gesellschaft bestimmten. Man trat in ihr Gemach, welches wahrscheinlich die Speisekammer des Schlosses gewesen war, aus der Halle und es hatte auch noch eine Thüre, die in einen mit den Ruinen in Verbinoung stehenden Gang führte. Die letztere war in Eile, aber sorgfältig mit großen den Ruinen entnommenen Mauersteinen verbaut worden. Man hatte zwar keinen Mörtel oder einen anderen Kitt dazu verwendet, aber das eigene Gewicht der Quader festigte sie schon so weit, daß ein Versuch, sie zu verrücken, nickt nur von den in dem Gemach selbst, sondern auch von den in der anstoßenden Halle oder in einem anderen Theile des Schlosses befindlichen Personen nvthwendig gehört werden mußte. In dem kleinen, sorgsam hergerickteten und von außen gesicherten Gemach standen zwei Feldbetten und ein großes Feuer auf dem Heerd verlieh ihm Wärme und Behaglichkeit. Selbst ein kleines Crucifir von Bronze war nicht vergessen; es hing über einem Tisch, auf welchem ein Brevier lag. Die, welche Len kleinen Rnheort zuerst entdeckten, kamen aus demselben mit lauten Lobeserhebungen auf die Artigkeit der Basler zurück, die nicht nur an Bequemlichkeit der Fremden im Allgemeinen, sondern auch noch besonders an diejenige ihrer weiblichen Begleiter gedacht hatten. Arnold Biedermann empfand recht gut das Freundliche eines solchen Betragens. „Wir sollten unsere Freunde zu Basel bemitleiden und keiner Empfindlichkeit gegen sie Raum 143 geben." sagte er. „Sie haben ihre Güte gegen uns so weit getrieben, als ihre Besorgnisse »erstatteten, und das ist nicht wenig von ihnen, meine Herren, denn keine Leidenschaft ist so wechsellos selbstsüchtig als die Furcht. — Anna, meine Liebe, Lu bist müde. Geh in das Zimmer, das man dir bereitet hat und Lisette wird dir von diesem reichen Norrath bringen, was für dein Abendessen am besten paßt." Damit führte er seine Nickte in das kleine Schlafzimmer, sah sich darin mit vergnügter Miene um und wünsckte ihr gute Nacht; aber es lag etwas auf des Mädchens Stirne, welches zu verkündigen schien, daß ihres Oheims Wünsche nicht in Erfüllung gehen würden. Seitdem sie die Schweiz verlassen hatte, waren ihre Blicke umwölkt gewesen und ihr Gespräch mit denen, die ihr nahe kamen, war kürzer und seltener geworden; ihr ganzes Aussehen trug ein Gepräge von heimlicher Angst oder verborgenem Kummer. Solches entging ihrem Oheim nicht und er schrieb es natürlich dem Schmerz über die nahe bevorstehende Trennung von ihm, und ihrer Betrübniß über die Entfernung von dem ruhigen Aufenthalt zu, an welchem sie so viele Jahre ihrer Jugend verbracht hatte. Aber Anna von Geierstein war kaum in das Gemach getreten, als ihr ganzer Körper heftig zu zittern anfing, die Farbe völlig von ihren Wangen wich und sie auf eines der Betten sank. Hier stützte sie die Ellbogen auf die Knie, drückte ihre Hände an die Stirne und glich so eher einer Person, die von innerem Kummer niedergedrückt oder von schwerer Krankheit gepeinigt wird, denn einer von langer Reise ermüdeten, die sich eilig der nöthigen Ruhe überlassen will. Arnold war nicht scharfsichtig genug, um den Quellen weiblicher Gemüthsbewegungen nachzugehen. Er sah, daß seine Nickte litt; da er dies aber bloß den bereits erwähnten Ursachen zuschrieb, »nd meinte, diese würden noch durch Krämpfe vermehrt, wie sie oft Lurch Anstrengungen hervor- gerusen werden, so machte er ihr sanfte Borwürfe darüber, daß sie schon kein Schweizer Mädchen mehr sei, während sie sich doch noch innerhalb des Bereichs der Schweizer Luft befinde. „Du mußt die Frauenzimmer in Deutschland oder Flandern nicht auf den Gedanken bringe», daß unsere Töchter aus der Art geschlagen seien; sonst müssen wir die Schlachten von Sempach und Laupen noch einmal schlagen, wenn wir den Kaiser und diesen hochmüthigen Herzog von Burgund überzeugen wollen, daß unsere Männer noch dasselbe Feuer besitzen wie ihre Vorväter. Was unsere Trennung betrifft, so fürckte ich dieselbe nickt. Mein Bruder ist zwar ein Reichsgraf und muß sich also »othwendig die Genugthuung verschaffen, daß Alles, worauf er einen Anspruch zu machen hat, zu seine» Diensten stehe; er schickt daher nach dir, um zu beweisen, daß er ei» Recht hat dies zu thun. Aber ich kenne ihn wohl; kaum wird er sich überzeugt haben, daß er dir nach Belieben befehlen darf, vor ihm zu erscheinen, so wird er sich auch nicht mehr um dich bekümmern. Du? Ach, du armes Ding, mit was könntest du seine Umtriebe am Hof und seine ehrgeizigen Pläne unterstützen? Nein, nein, — du taugst nicht für die Absichten des edel» Grafen und mußt dich begnügen, nach Geierstein zurückzukehren, die Milcherei zu verwalten und der Liebling deines dauerhaften Oheims zu sein" „Wollte Gott, wir wären eben jetzt dort!" sagte das Mädchen in einem kläglichen Tone, den sie umsonst zu verbergen oder zu unterdrücken strebte. 145 „Das wird schwerlich geschehe» könne», ehe wir den Zweck erreicht, wegen dessen wir hieber gekommen sind," sagte der Landammann, der ihre Aenßerung buchstäblich nahm, „Ader leg' dich in dein Bett, Anna, — nimm etwas zu Essen und ein paar Tropfen Wein zn dir und du wirst morgen so munter erwache», wie an einem Schweizerfeiertag, wenn die Schalmei znm Anfstehen bläst." Anna war jetzt im Stande, ein heftiges Kopsweh vorzuschützen, sie lehnte alle Erfrischung ab, erklärte, sie sei unfähig, Etwas anzuriihren und wünschte ibrem Oheim gute Nacht. Dann bat sie Lisette, etwas zu Essen für sich selbst zu holen, bei ihrer Rückkehr so wenig als möglich Geräusch zu machen und ihren Schlaf nickt zu unterbrechen, wenn sie so glücklich wäre einscklasen zu können. Arnold Biedermann küßte hierauf seine Nichte und ging in die Halle zurück, wo seine Amtsgenoffen mit Ungeduld auf ihn harrten, um einen Angriff auf die bereitstehenden Speisen beginnen zu können. Das Geleite der jungen Leute, mit Ausnahme derer, welche Streifereien machten und auf dem Posten standen, hatte nicht weniger Lust dazu als ihre Vorgesetzten. Das Zeichen zum Angriff wurde von dem Schwyzer Deputieren gegeben, dem ältesten aus der Gesellschaft, der nach patriarchalischer Sitte den Segen sprack über das Mahl. Hierauf begannen die Reisenden ihre Arbeit mit der größten Lebhaftigkeit, denn die Ungewißheit über die Auffindung von Nahrungsmitteln und der Aufschub, den es gemacht, sie in ihren Quartieren unterzubringen, hatte ihren Hunger bedeutend vermehrt. Selbst der Landammann, dessen Mäßigkeit sich zuweilen der Enthaltsamkeit näherte, schien diese Nacht in einer froheren Laune als gewöhnlich. Sein Freund von Schwyz aß, trank und sprach, wie sein Vorbild, mehr als Anna v. Gcierstem l. 10 gewöhnlich; die übrigen Botschafter trieben Ihr Gastmahl beinahe bis zum Gelage. Der ältere Philipson sah dem Auftritt mit aufmerksamen, und ängstlichem Auge zu uud trank nur dann Wein, wann ihm zugetrunken wurde und die Höflichkeit eine Erwiederung nöthig machte. Sein Sohn hatte die Halle gleich beim Beginn des Schmauses auf die Art verlassen, die wir jetzt angeben wollen. Artbur hatte im Sinne, sich mit den Jünglingen zu vereinigen, denen es oblag, innerhalb ihres Aufenthalts Schild wache zu stehen oder außerhalb desselben herumzustreifen. Für' diese» Zweck hatte er mit Siegmund, dem dritten Sohne des Lankammanns, Verabredungen getroffen. Da er aber erst einen Avschiedsblick von Anna von Geierstein erhaschen wollte, ehe er seinen Vorsatz ausführte und sich zu diesem Dienste anbvt, nahm ihr Gesicht einen so nachdenklichen und ernsthaften Ausdruck an. daß er an gar nichts Anderes mehr kachle, als an das, was möglicherweise diesem Wechsel hätte seine Entstehung geben können. Die sanfte Offenheit der Stirne, das Auge, welches selbstbewußte und furchtlose Unschuld verkündete, die Lippen, welche, unterstützt von einem gleich freien Blick, wie ihre Worte, immer bereit schienen, mit Güte und Vertrauen auszusprecben, was das Herz diktirte, hatten für den Augenblick ihre Eigenrhümlichkeit und ihren Ausdruck völlig verloren und waren in einem Grade und einer Weise verändert, daß keine gewöhnliche Ursache genügende Rechenschaft davon zu geben vermochte. Die Müdigkeit hätte die Rothe aus des Mädchens Gesicht verdrängen könne» und Krankheit oder Schmerz würde ihr Auge getrübt und ihre Stirne umwölkt haben. Aber die tiefe Niedergeschlagenheit, mit welcher sie manchmal ihre Augen auf den Boden heftete, der furchtsame und erschrockene Blick, den sie zu anderen Zer- 147 ten um sich warf, mußten ihren Ursprung in einer anderen Quelle haben. Auch konnte Krankheit oder Ermüdung nicht die Art und Weise rechtfertigen, wie sie ihre Lippen znsam- menzvg oder zusammenpreßte, als ob sie sich anstrengte, etwas Schreckliches zu thun oder anzusehen, sie konnten auch das Zittern nicht erklären, das sie von Zeit zu Zeit anzuwandeln schien, obgleich sie es dann wieder durch eine heftige Anstrengung für Augenblicke zu verdrängen vermochte. Für diesen Wechsel des Ausdrucks mußte im Herzen eine tiefe, traurige und quälende Ursache vorhanden sein. Was war das aber? Es ist für die Jugend gefährlich, die Schönheit in allem Glanz ihrer Reize zu erblicken und wenn jeder Blick auf Eroberungen ausgeist — gefährlicher ist es, sie in einer Stunde ungekünstelter und sorgloser Ruhe und Einfachheit zu sehen, wenn sie sich der angenehmen Laune des Augenblicks überläßt und eben so geneigt ist, Gefallen zu finden, als zu erregen. ES gibt Gemüther, die es mehr ergreift, die trauernde Schönheit zu schauen, jenes Mitleid zu fühlen, jenen Wunsch, die Liebliche in ihrem Kummer zu trösten, welches der Dichter, als mit der Liebe so nahe verwandt, beschreibt. Aber auf ein Gemüth von der romantischen und abenthenerlichen Gattung, wie ste das Mittelalter häufig hervorbrachte, machte der Anblick einer jungen und liebenswürdigen Person, die sich augenscheinlich, doch ohne sichtbare Ursache, in einem Zustand von Schreck und Leiden befand, vielleicht noch mehr Eindruck, als die Schönheit in ihrer Pracht, in ihrer Zärtlichkeit oder in ihrem Kummer. Dergleichen Empfindungen, müssen wir bemerken, waren nicht bloß auf die höheren Stände beschränkt, sondern fanden sich in allen Klassen der Gesellschaft vor, die sich über den bloßen Bauern oder Handwerker erhoben. Der junge Philipson blickte auf Anna von Geierstein mit solcher 10 * gespannter Neuzier, mit so viel Mitleid und Zärtlichkeit, daß ihm die lärmende Scene uni ihn her vor den Augen zu verschwinden und in der geräuschvollen Halle Niemand zurückzubleiben ichien, als er selbst und der Gegenstand seiner Theil- iiahme. Was mochte es sein, was einen so gleichmüthigen Geist, einen so gesetzten Mnth so auffallend nieterdrückle und quälte, wäbrend die furchtsamste ihres Geschlechts unter dem Schutz der Schwerter der tapfersten Männer vielleicht, die man in Europa finden konnte und an einem befestigten Orte Vertrauen gefaßt hätte? Gewiß konnte ein etwaiger Angriff auf sie und der Lärm eines Kampfes unter solche» Umständen kaum furchtbarer sein, als das Getöse der Wasserfälle, die sie Arthur mit Gleichgültigkeit hatte betrachte» sehen. Zuletzt dachte er, sie mochte darüber in Sorge» sein, daß Einer da wäre, den Freundschaft und Dankbarkeit verpflichten, sie bis zum Tode zu vertkeidigen. Wollte der Himmel, fuhr er in derselben Träumerei fort, es wäre möglich, ihr ohne Zeichen oder Laut die Versicherung zu geben, daß ich unabänderlich entschlossen bin, sie in der größten Gefahr zu schützen! — Während solche Gedanken ihm durch die Seele zogen, erhob Anna in einem der Anfälle tiefer GesühlSerregung, die sie zu überwältigen schienen, die Auge»; und wie sie dieselben furchtsam durch die Halle schweifen ließ, als ob sie unter ihren wvblbekannten Reisegefährten eine ungewöhnliche und unwillkommene Erscheinung zu sehen erwartete, begegnete sie dem starren und ängstlichen Blick des jungen Philipson. Augenblicklich wandte sie dieselben dem Boden zu und eine tiefe Rothe bewies, wie sehr sie sich bewußt war, ihr vorausgegangenes Benehmen habe seine Aufmerksamkeit erregen müssen- Arthur seinerseits erröthete in demselben Bewußtsein so tief, als daS Mädchen und entzog sich ihrer Beobachtung. Als sich aber Anna erhob und von ihrem Oheim in ihr Schlafzimmer begleitet wurde, wie wir bereits erwähnt, schien es Philipion, als batte sie aus der Halle die Lichter mitgenommen lind dieselbe in dem düsteren Halbdunkel einer Gruft zurückgelassen. Diesen Gegenstand verfol.ite er in tiefem und ängstlichem Sinnen, als ihm die männliche Stimme Donner- hügel's aus nächster Nähe ins Ohr tönte, „WaS, Kamerad, hat Euch unsere heutige Reise so ermüdet, daß Ihr stehend einschlafet?" „Der Himmel verhüte, Hauptmann," sagte der Engländer aus seinen Träumereien aufstehend und redete Rudolph mit dem Namen au, den ihm die jungen Leute bei dem Zuge einstimmig zuerkannt hatten, — „der Himmel verhüte, daß ich schlafen sollte, wenn etwas wie ein Treffen im Anzug ist." „Wo gedenkst du, beim Hahnenschrei zu sein?" sagte der Schweizer. „Da, wo mich die Pflicht hinruft oder Eure Erfahrung, edler Hauptmann, hinstellt," versetzte Arthur. „Aber, mit Eurer Erlaubniß, ich hatte die Absicht, Siegmund's Posten an der Brücke bis Mitternacht oder Tagesanbruch einzunehmen. Er fühlt noch die Verrenkung, die er sich zuzog, als er der Gemse nachlief und ich habe ihn dazu vermocht, einige ununterbrochene Ruhe, als das beste Mittel zu Wiederherstellung seiner Kraft, zu genießen." „Er thut Recht daran, wenn er sein Vorhaben zurückhält," flüsterte Dvnnerhügel zurück; „der alte Landammann ist nicht der Mann, der Nachsicht mit kleinen Unfällen hat, wenn die Pflickt dabei ins Spiel kommt. Wer unter seinem Befehl steht, muß so wenig Hirn Naben als ein Stier, so starke Glieder wie ein Bär und so unempfindlich gegen die Zufälle des 15 » Lebens und die Schwächen der Menschheit sein, als Blei oder Eisen!" Arthur erwiederte im selben Tone: „Ich war einige Zeit der Gast des Lankamnianns und habe keine Proben von solch strenger Mannszucht gesehen." „Jbr seid ei» Fremder," sagte der Schweizer, „und der alte Man» besitzt zu viel Gastfreundlichkeit, uni Euch dem geringsten Zwang zu unterwerfen; überdies seid Ihr ein Freiwilliger, welchen Antheil Ihr auch an unseren Jagdzügen oder kriegerischen Obliegenheiten zu nehmen Lust habt und wenn ich Euch also bitte, mit mir draußen um den ersten Hahnenschrei spazieren zu gehen, so thue ich das bloß für den Fall, daß dies Euer eigener Wunsch ist." „Ich betrachte mich für jetzt als unter Eurem Befehl stehend," sagte Philipson; „aber, um keine weitere Complimente zu machen, will ich mich beim Habnenschrei von meinem Posten bei der Zugbrücke ablösen lassen und dann wird es mir angenehm sein, denselben mit einem größeren Ganz zu vertauschen." „Macht Ihr Euch damit nicht mehr Mühe und wahrscheinlich unnöthiges Geschäft, als Euren Kräften angemessen ist?" fragte Rudolph. „Nicht mehr, als Ihr," sagte Arthur, „der Ihr Euch bis Morgens keine Ruhe gönnen wollt." „Recht," antwortete Donnerhügel, „aber ich bin ein Schweizer." „Und ich," erwiederte Arthur schnell, „bin ein Engländer." „Ich habe das, was ich sagte, nicht so gemeint, wie Ihr eS aufnehmet," sagte Rudolph lachend; „ich meinte bloß, ich sei bei diesem Geschäft mehr betheiligt, als Ihr sein könnt, da Ihr der Sache fremd seid, die uns persönlich angeht." 151 „Ich bin allerdings ein Fremder," versetzte Arthur, „aber ein Fremder, der Eure Gastfreundschaft genossen hat und also, so lange er bei Euch ist, einen Antheil an Euren Mühen und Gefahren als ein Recht anspricht." „Sei's also," sagte Rudolph Donnerhügel. „Ich werde meine» ersten Rundgang zu der Stunde beendigt haben, wenn die Schildwachen am Schloß abgelöst werden und bereit stehen, ihn in Eurer guten Gesellschaft wieder zu beginnen." „Einverstanden," sagte der Engländer. „Und jetzt will ich ans meinen Posten, denn ich vermuthe, Siegmund schilt schon auf mich, als hätte ich mein Versprechen vergessen." Sie eilten mit einander an das Thor, wo Siegmund gerne seine Waffe und Wache dem junge» Pkilipsvn übergab. Er bestätigte dadurch die Ansicht, die man von ihm hegte, daß er nämlich der Trägste und Feigste in der Familie Geierstein sei. Rudolph konnte sein Mißvergnügen nicht unterdrücken. „Was würde der Landammann sagen," fragte er, „wenn er sähe, wie Lu so ruhig Posten und Partisane einem Fremden abtrittst?" „Cr würde sagen, ich habe Recht gehabt," antwortete der junge Mann, keineswegs erschrocken; „denn er ermahnt uns immer, den Fremden in Allem seinen eigenen Weg gehen zu lassen; und der Engländer Arthur steht auf der Brücke nach seinem eigenen Wunsch und ohne mein Begehren. — Daher, guter Arthur, da du warmes Stroh und einen gesunden Schlaf gegen kalte Luft und Hellen Mondschein wegwerfen willst, heiße ich dich von ganzem Herzen willkommen. Hört, was Euch obliegt. Ihr müßt Alle aufhalten, die hereinkommen oder hereinzukommen versuchen, bis sie das Losungswort geben. Sind es Fremde, so müßt Ihr Lärm machen Solche von unseren Freunden, die Ihr kennt, dürft Ihr hinausgehen 152 lasse», ohne sie anzuhalten oder Lärm z» machen, weil die Gesandtschaft veranlaßt sein könnte, Bote» hinauszuschicken." „Du sollst die Viehseuche bekommen, du fauler Schlingel!" sagte Rudolph. „Du bist der einzige Faulenzer in deiner Verwandtschaft." „So bin ich der einzige gescheite Kerl unter ihnen Allen," sagte der Jüngling. — „Horch, wackerer Hauptmann, du hast zu Nacht gegessen, — nicht wahr?" „Es ist ein Latz der Klugheit, du Eule," antwortete der Berner, „nicht nüchtern in den Wald zu gehen." „Es ist klug zu essen, wenn man Hunger hat," versetzte Siegmund, „und es kann keine Dummheit sein, zu schlafen, wen» man müde ist." Indem er dies sagte und zwei oder dreimal schrecklich gähnte, hinkte die abgelöste Schildwache davon und ließ die Verrenkung, über die er klagte, so deutlich als möglich sehen. „Und doch ist Kraft in diesen lahmen Gliedern und Muth in diesem trägen und verdrossenen Geist," sagte Rudolph zu dem Engländer. „Aber es ist Zeit, daß ich, der ich Andere tadle, an meine eigene Aufgabe gehe. Hieher, Ihr Kameraden von der Wache, hieher!" Der Berner begleitete diese Worte mit einem Pfiff, der sechs junge Leute zu ihm brachte. §r hatte sie vorher zu seinem Geschäft ausgesucht und sie erwarteten jetzt nach einem eiligen Nachtessen seine Befehle. Einer oder zwei von ihnen hatten große Spürhunde bei sich, die man zwar gewöhnlich zu Verfolgung von Thieren auf der Jagd verwandte, die aber auch sich vorzüglich zu Entdeckung von Hinterhalten eigneten. Zu diesem sollten sie jetzt gebraucht werden. Eins der Thiere wurde an der Koppel durch einen der Leute geführt, der den Vortrab bildete und den andern etwa zwanzig 153 Sibritte vorausging. Ein zweiter war das Eigenthum Don- nerhügel's und er hatte das Thier besonders in seiner Gewalt. Drei seiner Begleiter folgten ihm auf de» Fersen nnd die zwei andern folgten. Einer derselben trug das Horn deS wilden Berner Stiers, als Jägerhorn. Diese kleine Truppe überschritt den Graben auf der Nothbrücke und näherte sich dem Saume des Waldes, der an das Schloß gränzte, und der wahrscheinlich einen Hinterhalt verbarg, wenn man einen solche» überhaupt zu fürchten hatte. Oer Mond war aufgegangen und fast voll, so daß Arthur von der Anhöhe aus, auf der das Schloß stand, ihren langsamen, vorsichtigen Marsch bei dem Hellen Silberlicht verfolgen konnte, bis sie sich in der Tiefe des GeholzeS verloren. Als dieser Gegenstand seinen Augen keine Beschäftigung mehr gab, kehrten seine Gedanken von der einsamen Wache zu Anna von Geierstein und zu dem sonderbaren Ausdruck von Kummer und Besvrgniß zurück, der diesen Abend ihre schone» Züge umwölkt hatte. Und das Erröthen, welches einen Augenblick die Blässe und den Schreck aus ihrem Gesichte vertrieben hatte, als seine Augen den ihrigen begegneten, war das Unwillen, war es Bescheidenheit oder ein Gefühl, sanfter als das erste und zärtlicher als das zweite? Der junge Philipson, der, wie Chaucer's Gutsherr, so bescheiden war wie ein Mädchen, zitterte fast, diesem Blicke eine so günstige Deutung zu geben, die ein selbstgefälligerer Liebhaber ohne Bedenken für sich in Anspruch genommen haben würde. Keine Farbe der auf- oder untergehcnden Sonne kam dem jungen Man» so lieblich vor, als dieses Erröthen, wie es jetzt in seinem Gedächtniß auftauchte; nie fand ein begeisterter Schwärmer, ein poetischer Träumer, so wunderlicbe Gestalten in den Wolken, als Arthur aus den Zeichen von Theilnahme, die über der Schweizerin schönes Gesicht geflogen, verschiedene Auslegungen herausdcutete. Unterdessen wurde seine Träumerei plötzlich Lurch den Gedanken unterbrochen, daß es ihn wenig kümmern konnte, was die Ursache ihrer Verwirrung gewesen war. Sie hatten sich noch nicht lange zum erstenmal getroffen, — bald mußte» sie einander für immer verlassen. Sie konnte ihm nichts mehr sein als das Andenken a» eine schöne Erscheinung und er konnte in ihrem Gedächtniß bloß den Platz eines Fremden einnehmen, der aus fernem Lande gekommen war und einige Zeit im Hause ihres OheimS verweilt hatte, den sie aber nie wieder zu sehen boffen durste. Als dieser Gedanke sich in den Zug romantischer Bilder drängte, die ihm die Seele bewegten, war es wie der heftige Stoß der Harpune, der den Walisisch aus schlummernder Starrheit zu heftiger Thätigkeit erweckt. Der Thorweg, auf dem der junge Soldat die Wache hatte, erschien ihm plötzlich zu eng. Er lief über die Nothbrücke hin und überschritt hastig einen kleinen Raum vor dem Brückenkopf, auf welchem Las äußere Ende der Brücke ruhte. Hier maß er eine Zeit lang den engen Raum, auf welchen ihn seine Pflicht als Schildwache beschränkte, mit großen und eiligen Schritten, als ob er durch ein Gelübde verpflichtet wäre, sich auf demselben so viel als möglich Bewegung zu machen. Dies bewirkte indessen, daß sich sein Geist einigermaßen beruhigte, es brachte ihn zu sich selbst und erinnerte ihn an die vielen Gründe, welche ihn abhielten, seine Aufmerksamkeit und noch viel mebr seine Neigung auf die junge Person zu wenden, so bezaubernd sie auch war. Ich habe, dachte er, als er seinen Schritt mäßigte und seine schwere Partisane schulterte, gewiß Verstand genug übrig, 155 um mir meine Verhältnisse und Obliegenheiten zurückzurufen, — um nn meine» Vater zu denken, für den ich Alles in Allem bin und an die Schande, die mir erwachsen müßte, wenn ich im Stande wäre, die Neigung eines offenherzigen und vertrauensvollen Mädchens zu erwerben, ohne daß ich ihr dagegen mein Leben weihen konnte. „Nein," sagte er zu sich selbst, „sie wird mich bald vergessen und ich will an sie nur wie an einen lieblichen Traum zu denken suchen, der einen Augenblick die Nackt von Gefahren durchkreuzte, zu der mein Leben bestimmt scheint." Hier stand er auf seinem Gange still, lehnte sich auf seine Waffe und eine »nwillkührliche Thräne stieg ihm ins Auge und stahl sich ihm die Wange herunter, ohne daß er sie abwischte. Aber er bekämpfte Liese sanftere Art von Leidenschaft, wie er früher gegen die wildere und verzweifeltere gestritten. Er schüttelte die Niedergeschlagenheit und die Muth- losigkeit, die ihn beschlich, ab, nahm wieder die Miene und Stellung einer aufmerksame» Schildwache an und rief sich die Pflichten der Wache zurück, welche er im Aufruhr seiner Gefühle beinahe vergessen hatte. Wie groß war aber sein Erstaunen, als er bei einem Blicke auf die beleuchtete Landschaft eine Gestalt von der Brücke gegen den Wald bei Hellem Mondschein an ihm vorüber gehen sah, die auf und nieder Anna von Geierstein glich! Zehntes Kapitel. Wer weiß es, wenn er schläft und wenn er wacht? Wir seh'n Erscheinungen bestimmt und deutlich. Die dem, der schlummert, Wirklichkeiten dünken; Und wachend halten Leute schon Gesichte, Die dem Beweis der Sinne widersprechen. Und fest sie überzeugten daß sie träumten. Ein Ungenannter. Die Erscheinung Anna's von Geierstein ging an ihrem Liebhaber, an ihrem Bewunderer, muffe» wir wenigstens sagen — schneller vorüber, als wir es erzählen können. Aber sie war deutlich, bestimmt und nnzweifelbaft In dem Augenblick, da der junge Engländer seine Kleinmiithigkeit abschüttelte und den Kopf erhob, um den Schauplatz seiner Wache zu übersehen, kam ste von dem näheren Ende der Brücke, schritt an der Schildwache vorbei, ohne einen Blick auf ste zu werfen, und ging mit eiligem, aber feste» Schritt dem Saume des Waldes zu. Obgleich Arthur keinen Befehl hatte, die Personen an- zubalten, die ans dem Schloß heransaingen, sondern bloß die, welche sich demselben nähern würde», so wäre es doch Natürlich gewesen, wenn er dessenungeachtet wenigstens der Höflichkeit wegen mit dem Mädchen ein kleines Gespräch angeknüpft hätte, als sie an seinem Posten vorüberkam. Aber das Plötzliche ihrer Erscheinung naluu ihm für den Augenblick Sprache und Bewegung. Es. schien ihm, seine Einbildungskraft habe ein Lichtgebilde erzeugt, und dieses habe seinen äußere» Sinnen Gestalt und Züge dargeboten, die sein Geist dann vergrößert hätte; er schwieg zum Theil wenigstens, weil er sich vorstellte, was er gesehen, sei unkörperlich und nicht von dieser Welt. Nickt weniger natürlich wäre es gewesen, wen» Anna von Geierstein sich auf irgend eine Art der Person zu erkennen gegeben hätte, welche einige Zeit mit ihr unter demselben Dach gelebt hatte, welche oft ihr Tänzer und ihr Begleiter auf dem Felde gewesen war; aber sie gab nicht das mindeste Zeichen der Anerkennung von sich und blickte nicht einmal nach ihm, als sie vorüberging; ihr Auge hing an dem Wald, gegen welchen sie schnell und fest hinschritt, und die Aeste desselben hatten sie verborgen, ehe Arthur sich hinreichend gesammelt hatte, um zu entscheiden', was er thun solle. Seine erste Empfindung war Aerger über sich selbst, daß er sie unbefragt hatte Vorbeigehen lassen, da es ja leicht der Fall sein konnte, daß er sie auf einer Sendung, die sie zu so ungewöhnlicher Zeit aus einem so ungewöhnlichen Ort fortrief, hätte mit Beistand oder wenigstens mit Rath unterstützen können. Dieser Gedanke war kurze Zeit so vorherrschend, daß er gegen den Platz hinlief, wo er den Saum f58 ihres Kleides hatte verschwinden sehen. Er rief ihren Namen so laut, als es die Furcht, das Schloß in Aufruhr zu bringen, zuließ, er beschwor sie zurückzukchren und ihn nur ein paar kurze Augenblicke anzuhören. Aber es kam keine Antwort zurück; und als die Zweige der Baume über seinem Kopfe zu dunkeln und das Mvndlicht zu verdecken anfingen, erinnerte er sich, daß er seinen Posten verlassen und seine Reisegefährte», die seiner Wachsamkeit vertrauten, der Gefahr eines Ueberfalls ausgeseht habe. Er eilte also zu dem Schlosse zurück. Jetzt hatte er Stoff zu verworreneren Zweifeln, zu tieferer Besorgniß, als beim Anfang seiner Wache. Er fragte sich umsonst, in welcher Absicht das bescheidene Mädchen, deren Sitten frei, deren Betragen aber stets so zart und zurückhaltend gewesen waren, um Mitternacht in einem fremden Laude und in verdächtiger Nachbarschaft ausqehen könnte. Doch verwarf er, wie er vor einer Gotteslästerung zurückgebebt wäre, jede Auslegung davon, die einen Tadel auf Anna von Geierstein werfen konnte. Nein, sie war nicht im Stande etwas zu thun, worüber ein Freund hätte erröthen müssen. Aber wenn er ihre frühere Erregung mit dem außerordentlichen Umstand zusammcnhielt, daß sie allein und ohne Schutz zu solcher Stunde das Schloß verließ, so mußte Arthur nvthwendig auf den Schluß kommen, sie müsse dringende und höchst wahrscheinlich unangenehme Ursachen dazu haben. — Ich will ihre Rückkehr abwarten," murmelte er in sich hinein, „nnd wenn sie mir Gelegenheit dazu gibt, will ich ihr die Versicherung geben, daß eine rrene Brust in der Nähe ist, welche Ehre nnd Dankbarkeit verpflichten, jeden Blutstropfen für sie zu verspritzen, wenn sie dadurch vor der geringsten Unannehmlichkeit geschützt werden kann. — „Das ist kein romantischer 159 Einfall, denn wegen eines solchen könnte mich der gesunde Menschenverstand tadeln; es ist bloß das, was ich zu thun schuldig bin, was ich thun muß, wenn ich nicht jedem Anspruch eines Mannes auf Ehre und Rechtschaffenheit entsagen will." Kaum glaubte aber der junge Mann sich in einem Entschluß befestigt zu haben, gegen den keine Einwendung möglich schien, als er seine Gedanken abermals Wind und Wellen preisgegeben sehen mußte. Er bedachte, daß Anna vielleicht die benachbarte Stadt Basel zu besuchen gewünscht haben könnte, in welche man sie Tags zuvor eingeladen hatte und wo ihr Oheim Freunde besaß. Es war freilich eine ungewohnte Stunde für diesen Zweck; aber Arthur wußte, daß die Schweizer Mädchen weder einsame Gänge noch späte Stunden fürchteten und daß Anna in ihren eigenen Bergen bei Mondschein viel weiter gegangen sein würde, als die Entfernung von ihrem Lagerplatz bis Basel betrug, um eine kranke Freundin zu besuchen oder ein ähnliches Geschäft zu besorgen. Sich in ihr Vertrauen zu drängen, wäre unverschämt, unartig gewesen; und da sie an ihm vorbeigegangen war, ohne im Mindesten auf seine Gegenwart zu achten, so konnte man deutlich sehen, daß sie nicht Lust hatte, ihn in ihr Vertrauen zu ziehen. Wahrscheinlich war sie in keine Schwierigkeiten verwickelt, bei denen sein Beistand ihr von Nuken sein konnte. In diesem Fall war es die Pflicht eines Mannes von Ehre, sie unbeachtet und unangchalten, wie sie weggegangen war, zurückkehren zu lassen und ihr freizustellen, ob sie ihn anreden wolle oder nicht. Auch ein anderer Gedanke, der dem Zeitalter angehörte, ging ihm durch den Kopf, doch ohne viel Eindruck auf ihn zu machen. Diese, Anna von Geierstein so vollkommen ahn- 160 liche Gestalt konnte eine Täuschung der Singen oder eine v den seltsamen Erscheinungen sein, von welchen es in allen Ländern so viel Erzählungen gab und von denen die Schweiz und Deutschland, wie Arthur wohl wußte, ihren vollen Antheil hatten. Die unerklärbaren Gefühle, welche ihn abhiclten, das Mädchen anzuredcn, werden leicht durch die Vermuthung erklärt, daß sein sterblicher Körper vor einem Zusammentreffen mit einem Wesen von anderer Art zurückbebte. Der Beamte von Basel hatte auch einige Aeußerungen fallen lassen, die dahin deuteten, daß das Schloß Besuchen von Wesen aus einer andern Welt ausgesetzt sei. Obgleich aber der Engländer von dem allgemeinen Glauben an Geistererscheinungeil nicht völlig frei geblieben war, so hatten ihn doch die Unterweisungen seines Vaters, eines Mannes von großer Unerschrockenheit und vorzüglichem Verstände, gelehrt, nur im äußersten Nothfall etwas auf übernatürliche Einmischung zurückzuführen, was auf gewöhnlichem Wege erklärt werden konnte. Er entschlug sich also ohne Mühe einiger Anwandlungen abergläubischer Furcht, die sich einen Augenblick mit seinem nächtlichen Abentheuer verbanden. Zuletzt beschloß er jede beunruhigende Muthmaßnng über diesen Gegenstand zu unterdrücken und entschlossen, wenn nicht geduldig, die Rückkehr der schonen Erscheinung abzuwarten, weil dadurch allein möglicherweise Licht auf das ganze Geheimniß geworfen werden konnte, wenn es auch nicht vollständig erklärt wurde. Seine Absicht stand also fest; er ging auf seinem Posten auf und ab, die Augen auf den Theil des Waldes gerichtet, wo er die geliebte Gestalt hatte verschwinden sehen, und vergaß für jetzt, daß seine Wache einen anderen Zweck habe, als ihre Rückkehr zu beobachten. Ein entfernter Laut aus dem Walde, wie Las Rasseln von Rüstungen, erweckte ihn 161 aus dieser Abgezogenheit und brachte ihm seine Pflicht und ihre Wicktigkeit für seinen Vater und die Reisegefährten desselben ins Gedächtniß zurück. Arthur stellte sich auf die Nothbrücke, wo am besten Widerstand geleistet werden konnte, und wandte Auge und Ohr auf die nahende Gefahr. DaS Geränfch von Waffen und Fußlrikken kam näher, Speere und Helme rückten heran und blitzten im Mondschein. Aber die stattliche Gestalt Rudolph Donnerhügels, der vorausging, war leicht zu erkennen und kündigte unserer Schildwache die Rückkehr der Streifwache an Als sie der Brücke näher kamen, fand das Anrufen, das Auswechseln von Zeichen und Gegenzeichen, welches bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich ist, in bergebrachter Weise stakt; und als Rudolphs Abtheilung einer hinter den andern ins Schloß zogen, befahl er ihnen, ihre Kameraden zu wecken. Mit ihnen wollte er die Runde erneuern und durch einen derselben Arthur Philipson ablöseu lassen, dessen Wache auf der Brücke jetzt beendigt war. Solches bekräftigte der tiefe Glockenklang auf dem fernen Münster in Basel, der mit seinem düstern Ton über Felder und Wälder hin verkündete, daß Mitternacht vorüber sei. „Und nun, Kamerad," fuhr Rudolph gegen den Engländer fort, hat dich die kalte Luft und die lange Wache bestimmt, zu Tisch und Belt zurückzugehen, oder hegst du noch die Absicht unsere Runde mitzumachen?" Eigentlich wäre Arthur am liebsten da geblieben, wo er war, um die Rückkehr Annas von Geierstein von ihrem ge- heimuißvollen Ausflug abzuwarten. Cs ließ sich indessen hie- für nicht leicht eine Ausrede finden und er hatte keine Lust, dem übermüthigeu Donnerhügel den geringsten Verdacht ein- zuflvßen, als sei er weniger kräftig und abgehärtet gegen Anna v. Gelerstein i. 11 162 Anstrengungen, als einer von den Bergbewohnern, deren Genosse er für jetzt war. Er zauderte daher auch nicht einen Augenblick; wahrend er aber die geborgte Partisane dem tragen Sigmund zurückgab, der gähnend und sich dehnend daher kam, wie Einer, der gerade im tiefsten und süßesten Scblum- mer unwilltvmmenerweife unterbrochen worden ist, erklärte er Rudolph, daß er noch immer entschlossen sei, sein Streifgeschäft mitzumachen. Sogleich vereinigten sich auch die klebrigen von der Runde mit ihnen, und unter diesen Rüdiger, der älteste Sohn des Landammanns von Unterwalden. Als sie unter der Führung des Berner Kämpen den Saum des Waldes erreicht hatten, befahl Rudolph drei von ihnen Rüdiger Biedermann zu begleiten. „Du wirst deine Runde auf der linken Seite machen," sagte der Berner. „Ich will rechts hin ziehen — sieh, daß du immer eine gehörige Aussicht behältst und wir uns glücklich am bestimmten Ort treffen. Nehmt einen von den Hunden mit. Ich will den Wolffänger behalten, der auf einen Burgunder so gut anschlägt als aus einen Bären." Rüdiger setzte sich mit seiner Avtheilung der empfangenen Weisung gemäß nach links hin in Bewegung; Rudolph schickte einen seiner Leute voraus, einen andern ließ er hinten drein gehen und befahl dem dritten, ihm und Arthur Philipson zu folgen, der auf diese Art einen Theil der Haupttruppe der Runde ausmachte. Dem, der sie unmittelbar begleitete, ward angedeutet, er solle sich in einer Entfernung halten, die ihnen Freiheit der Unterhaltung gewähre, und dann wendete sich Rudolph an den Engländer mit der Vertraulichkeit, die ihre neue Freundschaft erzeugt hatte. — „Nun, König Arthur, was denkt die Majestät von England von der Schweizer Jugend? Meinst du, sie könnten einen Dank im Turnier ge- winneu, edler Fürst? Oder würde sie ihre Stelle nur bei den feigen Rittern von CornwalliS finden?'") „Beim Lanzenstechen und Turnier kann ich für nichts stehen," sagte Arthur, „weil ich noch keinen von Such zu Roß sitzen oder den Speer einlegen gesehen habe. Wenn aber starke Glieder und wackere Herzen in Betracht kommen, so mochte ich Euch Schweizer Kämpen mit denen jedes Landes in der Welt vergleichen, in welchem die Mannhaftigkeit in Hand und Herz etwas gilt." „Du sprichst günstig von uns; und wisse, junger Engländer," versetzte Rudolph, „daß wir gerade so hoch von dir denken; ich will dir eben einen Beweis davon geben. Du hast von Pferden gesprochen. Ich weiß nur wenig von solchen; doch, meine ich, würdest du kein Roß kaufen, welches du nur mit der Schabracke bedeckt oder mit Sattel und Zaum beladen und nicht in seinem natürlichen Freiheitszustand gesehen härtest?" „Gewiß nicht," entgeguete Arthur; „du hast davon gesprochen, als wärest du in der Grafschaft Dork geboren, die man den lustigsten Theil des lustigen Englands nennen kann." „Dann sage ich dir," fuhr Rudolph fort, „daß du unsere Schweizer Jugend nur halb gesehen hast. Du hast sie bis jetzt nur in ihrer untergeordneten Stellung den Aeltesten ihrer Cantons gegenüber oder höchstens bei ihren Bergjagden beobachten können, welche zwar eines Mannes Körperstärke und Beweglichkeit zeigen, aber kein Licht auf den Geist und die Anlagen werfen, durch welche diese Stärke und Thätig- ') Die Ritterschaft von Cornwall wird in den normannisch-französischen Romanzen meistens mit Geringschätzung behandelt. Die Ursache davon ist schwer herauszusinden. D. B. 11 * 164 keit geleitet und auf hohe Unternehmungen gelenkt werden muß/' Der Schweizer wollte durch diese Bemerkungen wahrscheinlich die Neugier des Fremden erregen. Ader dem Engländer stand das Bild, der Blick und die Gestalt Anna's von Geierstein, wie sie in den stillen Stunden seiner Wache an ilnn vorbeiging, so beständig vor de» Augen, daß er nicht gerne auf ein Gespräch eiugehen konnte, welches dem Gegenstand, der ihn beschäftigte, völlig fremd war. Er zwang sich indessen zu der höflichen Erwiederung, er zweifle nicht daran, daß seine Achtung für die Schweizer, sowohl alte als junge, immer zunehmen werde, je mehr er die Nation kennen lerne. Dann schwieg er; und Donnerhiigel, den es vielleicht verdroß, daß es ihm nicht gelungen war, seine Neugier anzuregen, ging ebenfalls schweigend neben ihm her. Unterdessen überlegte Arthur bei sich selbst, ob er seinem Begleiter den Umstand mitlheilen solle, der seinen eigenen Geist in Anspruch nahm, und ob er hoffe» dürfe, der Vetter Anna's von Geierstein, der alte Freund ihres Hauses, werde einige Aufklärung darüber geben können. Aber er fühlte in sich eine unüberwindliche Abneigung, mit dem Schweizer über Etwas zu reden, was Anna betraf. Daß Rudolph sich um ihre Gunst bewarb, konnte nicht wohl bezweifelt werden; und ob Arthur gleich, wen» man ihm die Frage vorgelegt hätte, im Allgemeinen allen Ansprüchen in dieser Beziehung hätte entsagen müssen, so konnte er doch den Gedanken an die Möglichkeit eines glücklichen Erfolgs für seinen Nebenbuhler nicht ertragen und hätte ihn nicht einmal gerne ihren Namen aussprechen gehört. Aus dieser geheime» Reizbarkeit war es vielleicht herzuleiten, daß Arthur, ob er sich gleich alle Mühe gab, die 165 Empfindung zu verbergen und zu besiegen, doch eine versteckte Abneigung gegen Rudolph Donnerbügel fublte, dessen offene, ober etwas rohe Vertraulichkeit Einiges von dem Betragen eines Gönners und Beschützers an sich trug, zu dem nach des Engländers schlechthin keine Veranlassung vorhanden war. Er gab zwar die Aufrichtigkeit des Berners mit gleicher Freimü- tbigkeit zurück, war aber doch immer versucht, den Ton der Ueberlegenheit, welchen jener einhielt, abznlehuen oder zurück- zuweisen. Die Umstände bei ihrem Zweikampfe hatten dem Schweizer keinen Grund zu einem Triumph gegeben, auch war sich A.thur bewußt, daß er nicht in das Verzeichniß der Schweizer Jünglinge eingeschrieben war, über welche Rnoolph mit allgemeiner Zustimmung die Herrschaft ausübte. Philip- svn fand so wenig Geschmack an dieser angemaßtcn Gewalt, daß ihn der unbedeutende Spaß, in welchem Rudolph ihn König Arthur genannt hatte, und der ihn ganz gleichgültig ließ, wenn sich solchen einer von Biedermanns Söhnen erlaubte, ihm als eine Beleidigung erschien, sobald Rudolph sich dieselbe Freiheit nahm. Er befand sich oft in der verlegenen Stellung eines Menschen, der aufgebracht ist, dem es aber an einer schicklichen äußeren Veranlassung fehlt, solches zu zeigen. Die Wurzel dieser verschwiegene» Abneigung gegen den jungen Berner war ohne Frage ein Gefühl davon, daß dieser sein Nebenbuhler sei, aber Arthur wagte kaum, sich dasselbe einzugestehen. Uebrigens war es stark genug, um den leisen Wunsch in ihm zu unterdrücken, demzufolge er gerne mit Rudolph über den ihm wichtigsten Vorfall der Nackt gesprochen hätte, und als der Gegenstand des Gesprächs, den sein Gesellschafter auf die Bahn gebracht, fallen gelassen worden war, gingen sie schweigend neben einander her. „Den Bart auf der Schulter," wie die Spanier sagen, 166 sahen sie sich nach allen Richtungen um und verrichteten so das Geschäft einer sorgfältigen Wache. Zuletzt und nachdem sie fast eine halbe Stunde durch Wald und Feld in einem solchen Umweg um die Ruinen von Grafslust herumgegangen waren, daß kein Raum zu einem Versteck zwischen ihnen und dem Schlosse übrig blieb, stand der alte Jagdhund, den die vordere Wache führte, still und ließ ein leises Brummen hören. „Was gibt's, Wvlffänger?" sagte Rudolph und ging vorwärts. „WaS, alter Kerl! kennst du die Freunde nickt mehr von Feinden? Komm, was sagst, oder besser denkst du? Du mußt deine Geschicklichkeit im Alter nickt verlieren; probir's noch einmal!" Der Hund hob den Kopf in die Höhe, schnüffelte in der Luft herum, als ob er verstände, was sein Herr gesagt hatte, und schüttelte dann Kopf und Schweif, als ob er ihm Antwort gäbe. „Da siehst du," sagte Donnerhügel und streichelte dem Thiere de» zottigen Rücken; „zweimal überlegen ist Gold werth; du siehst, es ist am Ende ein Freund." Der Hund wedelte abermals mir dem Schwänze und ging mit der nämlichen Gleichgültigkeit wieder, wie zuvor. Rudolph nahm seine Stelle wieder ein und sein Begleiter sagte zu ihm: „Wir werden nächstens auf Rüdiger und unsere Gefährten stoßen, denk' ich, und der Hund hört ihre Tritte, obgleich das uns nicht möglich ist." „Es kann doch kaum Rüdiger sein," sagte der Berner; „sein Weg um daS Schloß ist weiter als der unsere. Es kommt Jemand näher, denn der Wvlffänger ist schon wieder unzufrieden. — Seht Euch scharf um!" Als Rudolph seinen Genossen auftrug, wachsam zu sein. erreichten sie einen freien Platz, auf welchem in bedeutender Entfernung von einander ein paar alte Fickten von riesen- mäßigrr Höhe zerstreut standen; sie erschienen noch größer und schwärzer als gewöhnlich, wegen ihrer rauhen schwarzen Spitze» und der zerstreuten Aeste, die sich bei dem klaren weißen Mondlickt ausbreiteten. „Hier werden wir," sagte der Schweizer, „wenigstens den Vortheil haben, daß wir deutlich sehen, was sich nähert. Aber ich glaube," sagte er, nachdem er sich eine Minute umgesehen, „es ist blos ei» Wolf oder Hirsch, der unfern Weg gekreuzt hat und der Geruch davon verwirrt den Hund. — Halt — steh' — ja, so wird's sein; er geht weiter." Der Hund ging also weiter, nachdem er einige Zeichen von Zweifel, Ungewißheit und sogar Angst von sich gegeben- Er hatte sich aber, wie es schien, in das gefunden, was ihn gestört und lief in gewohnter Weise fort. „Das ist sonderbar!" sagte Arthur Philipson, „und meiner Meinung nach habe ich Licht bei jenem Stück Dickicht Etwas gesehen, wo, so viel ich erratheu kann, ein paar Dorn- und Haselbüsche um vier oder fünf große Bäume herumstehen " „Meine Augen waren die letzten fünf Minuten gerade auf dieses Dickicht gerichtet und ich habe Nichts bemerkt," sagte Rudolph. „In, ich habe aber," antwortete der Engländer, „Etwas gesehen, was es nun auch sein mockte, während Ihr mit dem Hund beschäftigt wäret. Und mit Eurer Erlaubniß will ich hin und die Stelle untersucken." „Wäret Ihr, streng genommen, unter meinem Befehle," sagte Donnerhügel, „so würde ich Euch befehle» an Eurem Platze zu bleiben. Wenn es Feinde sind, so ist es nöthig. 168 daß wir beisammen bleiben. Aber Ihr seid ein Freiwilliger auf unserer Wacke und mvget von Eurer Freiheit Gebrauch macken." „Zch danke Euch," erwiederte Arthur und lief eilig vorwärts. Er fühlte zwar im Augenblick, daß er als Einzelner nicht höflich handelte und vielleicht auch nicht ganz wie ein Soldat; sondern daß er für jetzt dem Hauptmann der Abtheilung hätte Gehorsam leisten sollen, bei welcher er sich selbst eingezeichnct hatte. Aber auf der andern Seite schien der Gegenstand, den er, obgleich aus der Entfernung und nur unvollständig gesehen, Aebnlichkeit mit der weggehenden Gestalt Anna's von Geierstein zu haben, wie sie eine oder zwei Stunden früher vor seinen Augen unter dem Schutze des Waldes entschwand; und seine unbezähmbare Begierde sich zu vergewissern, ob es das Mädchen selbst sei, «erstattete ihm nicht auf andere Rücksichten zu achten Ehe Rudolph seine kurze Einwendung ausgesprochen, war Arthur schon auf dem halben Wege nach dem Dickicht. Es war, wie es aus der Entfernung geschienen, von geringem Umfang und nickt geeignet, Jemand zu verstecken, wenn man sich nicht geradezu in dem niedrigen Gebüsch und Unterholz niederwarf. Etwas Weißes überdies, von menschlicher Größe und Gestalt, hätte man, wie er dachte, unter den dunkel- rothen Stämmen und schwärzliche» Büschen, die vor ihm standen, sehen müssen. Diese Wahrnehmungen mischten sich mit andern Gedanken. Wenn es Anna von Geierstein war, so mußte sie den freieren Weg verlassen haben, wahrscheinlich weil sie wünschte, nicht bemerkt zu werde», und welch Recht hatte er, die Aufmerksamkeit der Patrouille auf sie zu lenken? Er hatte, wie er meinte, gesehen, daß das Mädchen im 169 Allgemeinen die Aufmerksamkeiten Rudolph Donnerhügel's eher zurückwies, denn ermuthigte; oder daß sie sich dieselben gefallen ließ, ohne dazu aufzumuntern, wo es unhöflich gewesen wäre, sie völlig abzulehnen. Schickte das sich also für ihn, sich auf ihren geheimen Gang zn drängen, der freilich nach Zeit und Ort sonderbar war, den sie aber gerade aus diesem Grunde noch mehr vor Einem geheim zu halten wünschen mußte, der ihr unangenehm war? Und wenn Rudolph Kenntniß von Etwas besaß, dessen Verheimlichung das Mädchen wünschte, war es dann nicht möglich, daß er hieraus für Anträge Vorthcil ziehen konnte, die sonst nicht angenommen worden wären? Als diese Gedanken sich ihm aufdrängten, stand Arthur stille und richtete seine Augen auf das Dickicht, von dem er jetzt kaum dreißig Ellen entfernt war; und ob er es gleich mit all' der strengen Genauigkeit durchforschte, welche seine Ungewißheit und Aengstlichkeit verlangte, trieb es ihn doch gewaltig an, den klügsten Ausweg zu ergreifen, zu seinen Gefährten zurückzugehen und Rudolphen zu berichten, daß ihn seine Augen getäuscht hätten. Während er aber noch unentschieden war, ob er vor- oder rückwärls gehen sollte, wurde der Gegenstand, den er gesehen, abermals am Rands des Dickichts sichtbar und trat gerade auf ihn zu- Er trug, wie bei einer früheren Gelegenheit, genau die Kleidung und Gestalt Anna's von Geierstein. Diese Erscheinung — denn die Zeit, der Ort und das Plötzliche derselben machten sie eher zu etwas Scheinbaren; als Wirklichem — erregte in Arthur eine Ueberrasckning, die bis zum Entsetzen stieg. Die Gestalt ging innerhalb einer Speerslänge an ihm vorüber, ohne daß er sie anrief und ohne daß sie das leiseste Erkennungszeichen gab. Sie wendete sich rechts von Rudolph und leinen zwei oder drei Begleitern hin und verlor sich abermals zwilchen dem umgebrochenen Boden und Buschwerk. Noch einmal befand sich der junge Mann in einem Zustand unentwirrbaren Zweifels, und er erwachte auch nickt auS der Erstarrung, die sich auf ihm gelagert, bis ihm die Stimme des Berners in die Ohren tönte, — „Was ist denn Las, König Arthur, bist du eingeschlafen oder verwundet?" „Keines ron beiden," sagte Philipson, sich sammelnd, „bloß sehr überrascht." „Ueberrascht? Und von was, Königliche"- „Laß die Narrheiten weg!" versetzte Arthur etwas ernsthaft, „und antworte mir wie ein Mann. — Ist sie dir nicht begegnet? — Hast du sie nicht gesehen?" „Gesehen? wen?" rief Donnerhügel. „Ich bemerkte Niemand. Und ich wollte schwören, Ihr habt auch Niemand gesehen; denn ich behielt Euch im Auge so lange Ihr weg wäret, bis auf zwei oder drei Augenblicke. Wenn Ihr Etwas gesehen, warum habt Zhr keinen Lärm gemacht?" „Weil es bloß ein Weib war," antwortete Arthur matt. „Bloß ein Weib!" wiederholte Rudolph in verächtlichem Tone. „Bei meinem Ehrenwort, König Arthur, wenn ich nicht zuweilen recht hübsche Ausbrüche von Herzhaftigkeit an dir gesehen hätte, so wäre ich zu der Ansicht geneigt, Du habest selber bloß so viel Muth wie ein Weib. Sonderbar, daß ein Schatten bei Nacht oder ei» Abgrund bei Tag einen so kühnen Geist bezwingen kann, wie du ihn schon gezeigt " — „Und wie ich ihn immer zeigen werde, wenn's die Gelegenheit mit sich bringt," unterbrach ihn der Engländer, der seinen Muth wieder gefunden hatte. „Aber ich schwöre Euch, daß, wenn ich jetzt erschrocken bin, mein Geist nicht bloß irdischer Furcht für einen Augenblick unterlegen ist/' „Laßt uns unsern Gang sortsetzen," sagte Rudolph, „wir dürfen die Sicherheit unserer Freunde nicht außer Augen lassen. Die Erscheinung, von der du sprichst, kann auch bloß eine List sein, um unsere Obliegenheit zu unterbrechen." Sie schritten über die vom Mond erhellte Lichtung. Eine Minute Uebcrlegung brachte de» jungen Philipsvn völlig zu sich selber und damit zu dem schmerzlichen Bewußtsein, daß er eine lächerliche und unwürdige Rolle in Gegenwart einer Person gespielt habe, die er, wenigstens unter dem männlichen Geschlecht, zu allerletzt zum Zeugen seiner Schwäche gewählt haben würde. Hastig durchlief er die Beziehungen, welche zwischen ihm selbst, Donnerhügel, dem Landammann, seiner Nichte und dem Rest der Familie bestanden, und gelangte, im Wider- spruck mit der Meinung, die er bis vor Kurzem sestgehalten, zu der Ueberzeugung, es sei seine Pflicht, dem Manne, unter Lessen unmittelbare Führung er sich selbst gestellt, von der Erscheinung zu sprechen, die er im Laufe dieser Nackt zweimal beobachtet hatte. ES konnten Familienverhältniffe obwalten, — die Erfüllung eines Gelübdes vielleicht oder eine andere Ursache — die ihren Verwandten den Schlüssel zu dem Betragen der jungen Dame geben konnte. Ueberdies war er gegenwärtig ein Soldat im Dienst und diese Geheimnisse konnten Nebel mit sich führen, denen man zuvorkommen oder gegen die man auf der Hut sein mußte; in jedem Falle hatten seine Gefährten ein Reckt, zu erfahren, was er gesehen hatte. Zu diesem Entsckluß war Arthur vermuthlich gelangt, als das Bewußtsein der Pflicht und die Schaam über die bewiesene Schwäche für den Augenblick seine persönlichen Ge- 172 füllte gegen Anna von Geierstein zurückgedrängt batte. Diese mnßlen auch durch die geheimnißvolle llngewißheit etwas er- taten, welche dw Ereignisse des vergangenen Abends gleich einem dichten Nebel über den Gegenstand derselben geworfen hatten. Während die Gedanken des jungen Engländers diese Richtung nahmen, redete ihn sein Hanptmann oder Gefährte nach einem Schweigen von mehreren Minuten also an: „Ich meine, wertker Kamerad, daß ich als Euer derma- liger Offizier wohl einiges Recht habe, den Bericht über das zu verlangen, was Ihr so eben gesehen habt. Es muß etwas Wichtiges sein, was einen so entschlossenen Geist wie der Eu- rige so heftig aufregen konnte. Wenn es sich aber nach Eurer eigenen Ansicht mit der allgemeinen Sicherheit verträgt, den Bericht von dem, was Euch zu Gefickt gekommen, bis zu unserer Rückkehr ins Schloß zu verschieben und ihn dann insgeheim in das Ohr des Landammanns niederzulegcn, so braucht Ihr nur Eure Absicht zu erkennen zu geben. Ich bin weit entfernt, in Euch zu dringen, daß Ihr Euch mir anverkranen sollt, obgleich ich hoffe, ich sei dessen nickt unwürdig, und will Euch ermächtigen, uns zu verlassen und alsbald in das Schloß zurückzukebren." Dieser Vorschlag traf den, an welchen er gerichtet war, gerade auf der reckten Stelle, Eine unumwundene Forderung seines Vertrauens wäre vielleicht abgelehnt worden; der Ton gemäßigler Biite und Vermittelung traf jetzt mit des Engländers eigenen Gedanken zusammen. „Ich weiß wohl," sagte er, „tzauptmann, daß ich dessen gegen Euch erwähnen muß, was ich heute Nackt gesehen habe; aber das erstemal war es nicht meine Pflicht, das zu thun, und jetzt, da ich die nämliche Erscheinung zum zweitenmale gehabt habe, bin ich ein paar Sekunden über dieselbe so überrascht gewesen, daß ich selbst jetzt kaum Worte finden kann, davon zu sprechen." „Da ich nicht errathen kann, was Zbr mir zu sage» haben könnt," erwiederte der Berner, „so muß ich Euch lullen, deutlicher zu sprechen. Wir dickköpfigen Schweizer sind nur schlechte Rälhsellöser." „Und doch ist es bloß ein Näthsel, was ich Euch vvrzu- legen habe, Rudolph Dvuncrhügel," antwortete der Engländer, „und zwar ein Räthsel, das ich selbst durchaus nicht zu deuten vermag." Hierauf fuhr er, doch nicht ohne Zaudern fort: „Während Ihr Eure erste Runde um die Ruinen machtet. ging eine Frauengestalt vom Schloß aus über die Brücke, schritt ohne ein Wort zu sagen, an meinem Posten vorbei und verschwand unter den Schatten des Waldes " „Ha!" rief Oonnerhügel, ohne weitere Antwvit. Arthur fuhr fort: „In den letzten fünf Minuten ging dieselbe Frauengestalt zum zweitenmale an mir vorbei, sie kam aus dem kleinen Dickicht bei dem Fichtenhaufen heraus und verschwand ohne eine Sylbe zu reden Erfahret ferner, die Erscheinung hatte die Gestalt, das Gesicht, den Gang und die Kleidung Eurer Base, Anna von Geierstein." „Sonderbar genug," sagte Rudolph in ungläubigem Tone. „Ich darf Eure Worte nicht bestreiten, Ihr würdet einen Zweifel daran als eine tödtliche Beleidigung aufnehmen — denn Las ist so Euer nördliches Ritterthum- Doch laßt mich sagen, ich habe so gut Augen wie Zhr und alaube, sie haben Euch nicht eine Minute verlassen. Wir waren keine fünfzig Ellen von dem Platze, auf dem Ihr in Staune» versunken standet. Wie sollten wir also nicht ebenfalls bemerkt haben, was Ihr gesehen zu haben meinet?" 174 „Darauf kan» ich keine Antwort geben," fugte Arthur. „Vielleicht waren Eure Augen während der kurzen Zeit, in der ich die Gestalt bemerkte, nicht gerade auf mich gerichtet, vielleicht war sie, — wie es mit gespenstischen Erscheinungen manchmal sein soll — bloß einer einzigen Person auf einmal sichlbar." „Ihr glaubet also, daß die Erscheinung eine bloß eingebildete oder gespenstische war?" sagte der Berner. „Kann ich's sagen?" erwiedcrte der Engländer. „Die Kirche versichert, es gebe solche Dinge; und gewiß ist es natürlicher anzunehmen, die Erscheinung sei eine Täuschung, als z» vermuthen, daß Anna von Geierstein, ein sanftes und wohlerzogenes Mädchen, die Wälder in dieser schrecklichen Stunde durchstreife, wenn die Sicherheit und Schicklichkeit ihr so stark ancmpfiehlt, in ihrem Gemach zu bleiben." „Es liegt viel Wahres in dem, was Ihr sagt," versetzte Rudolph; „und doch sind Geschichte» im Umlauf, dercu man nicht gerne erwähnt und die zu beweisen steinen, daß Anna von Geierstein nickt ganz ist wie andere Mädchen; ja, man hat sie mit Leib und Seele an Orten angetroffen, wohin sie kaum durch eigene Anstrengung und ohne Beihülfe hätte kommen können." „Ha!" rief Arthur; „so jung, so schön und sckon im Bunde mit dem Verderber der Menschen! Es ist unmöglich!" „Ich habe das nicht gesagt," erwiederte der Berner; „und habe auch jetzt keine Zeit, meine Meinung deutlicher auszu- sprechcn. Wenn wir in dem Schloß Grafslust zurück sind, so wird sich Gelegenheit finden, Euch mehr zu sagen. Aber ich habe Euch zu dieser Runde hauptsächlich veranlaßt, um Euch mit einigen Freunden zusammenzubringen, deren Bekanntschaft 175 Euch angenehm sein wird und welche die Eurige zu machen wünscken. Hier erwarte ich sie zu treffen." Indem er dies sagte, wandte er sich um die vorspringende Ecke eines Felsen und ein ganz unerwarteter Anblick bot sich dem junge» Engländer dar. In einem Versteck, das der Vorsprung des Felsen verdeckte, brannte ein großes Hvlzfeuer und um dasselbe her saßen oder lagen zwölf bis fünfzehn junge Leute in Schweizer Trackt, aber mit Schmucksachen und Stickereien verziert, die das Licht des Feuers zurückwarfen. Silberne Weinbecher gingen mit Flaschen von Hand zu Hand. Arthur bemerkte auch die Ueberreste eines Schmauses, dem vor Kurzem die gehörige Ehre erwiesen worden zu sein schien. Die Zecher sprangen fröhlich auf, als sie Donnerhügel und seine Gefährten herankommen sahen und begrüßten ihn, den sie an seiner Gestalt leicht erkannten, warm und freudig mit dem Titel Hauptmann Dabei wurde jedoch jeder laute Zuruf sorgfältig vermieden. Der Eifer zeigte, daß Rudolph sehr willkommen war — die Vorsicht, daß er in's Geheim kam und auch so empfangen werden mußte. Er antwortete auf die allgemeine Begrüßung, — „Ich anke Euch, meine braven Kameraden. Ist Rüdiger auf Euch gestoßen? " „Nein, wie Ihr seht," antwortete einer aus der Gesellschaft; „wäre er gekommen, so hätten wir ihn bis zu Eurer Ankunft aufgehalten, tapferer Hauptmann." „Er har auf seiner Rnnde gezögert," sprach der Berner weiter. „Wir sind auch aufgehalten worden, und doch sind wir vor ihm da. Ich bringe, Kameraden, den wackern Engländer mit, dessen ich Euch als eines wünschenswerthen Genossen bei unserem kühnen Plane erwähnt habe." „Er ist uns willkommen, höchst willkommen," sagte ein junger Mann, dem seine reich gestickte, azurblaue Kleidung einen Scbein von Würde verlieh; „sehr willkommen ist er, wenn er ein Herz und eine Hand mitbringt, unserem edeln Plane zu dienen." „Für Beides stehe ich," sagte Rudolph. „Lasset den Becher kreisen auf das Gelingen unseres ruhmvollen Unternehmens und die Gesunddeit unseres neuen Genossen!" Während sie die Becher wieder mit einem Weine füllten, wie ihn Arthur in diesen Gegenden noch nicht genossen, hielt er, ehe er sich in den Handel einließe, für gut, den geheimen Zweck der Verbindung kennen zu lernen. „Che ick> meine geringen Dienste verpfände, Ihr Herren," sagte er, „erlaubet mir, naa, dem Zweck und der Art der Unternehmung zu fragen, für welche sie verwendet werden sollen." „Solltest du ihn hieher gebracht haben," redete der Blaue Rudolph an, „ohne dir und ihm in dieser Beziehung Genüge gelhan zu haben?" „Laß dich das nicht kümmern, Lorenz," versekte der Berner; „ich kenne meinen Mann. — Wisset denn, guter Freund," redete er de» Engländer an, „daß meine Kameraden und ich entschlossen sind, die Freiheit des schweizerischen Handels auszurufen und uns nvthigenfalls bis zum Tode allen ungesetzlichen Erpressungen von Seiten unserer Nachbarn zu wiber- setzen." „So viel ich gehört," sagte der junge Engländer, „geht die gegenwärtige Gesandtschaft mit Vorstellungen in diesem Betreff zu dem Herzog von Burgund." „Hort mich an!" fuhr Rudolph fort. „Die Frage wird wahischeinlich zu einer blutige» Entscheidung kommen, lange bevor wir das sehr erhabene und sehr huldreiche Antlitz des Herzogs von Burgund erblicken. Daß sein Einfluß benützt worden ist, uns von Basel, einer neutralen, dem Reiche zugehörigen Stadt auszuschließen, läßt uns die schlimmste Aufnahme erwarten, wenn wir sein eigenes Gebiet betreten. Wir haben sogar Ursache zu glaube», daß wir schon jetzt von seinem Haß zu leiben haben würden, wenn wir den Ort, den wir in Besitz genommen, nicht bewacht hätten. Berittene, die von La Ferette herkamen, haben diese Nacht unsere Posten besichtigt; hätten sie uns nicht gerüstet gefunden, so wären wir obne Frage in unseren Quartieren angegriffen worden. Aber da wir ihnen diese Nacht entwischt sind, muffen wir für morgen vorsichtig sein. Aus diesem Grund ist eine Anzahl der wackersten Basler Jünglinge, die über die Feigherzigkeit ihrer Beamte» entrüstet sind, entschlossen, sich mit uns zu vereinigen und die Schande abzuwaschen, welche die herzlose Ungastlichkeit ihres Raths über ihren Geburtsort gebracht hat." „Das wollen wir lhu» ehe die Sonne, dis in zwei Stunden aufgeht, am westlichen Himmel versinkt," sagte der Blaue, und die um ihn her erklärten sich damit einverstanden. „Werthe Herren," versetzte Arthur, als einige Stille eingetreten war, „laßt mich Euch erinnern, daß die Gesandtschaft, welche. Euch begleitet, eine friedliche ist, und daß die, welche ihre Bedeckung bilden, Alles zu vermeiden haben, was die Mißverständnisse vermehren kann, zu deren Ausgleichung sie kommen. Ihr könnt keine Beleidigung auf dem Gebiet des Herzogs erwarten, da die Vorrechte der Gesandten in allen gesitteten Ländern geachtet werden; und Ihr werdet gewiß auch keine solche verüben wollen." „Wir können allerdings Beschimpfungen ausgesetzt sein," «rwiederte der Berner, „und Las wegen Euch, Arthur Phi- llipsvn, und Eures Vaters." Anna v. Geierstein i. 12 178 „Ich verstehe Euch nicht," antwortete Pkilipson. „Euer Vater," fuhr Dvnnerhügel fort, „ist ei» Kaufmann und fuhrt Maaren von geringem Umfang aber großem Merthe bei sich?" „Allerdings," verfehle Arthur, „und was soll das?" „Nun," gab Rudolph zur Antwort, „daß, wenn nicht besser dafür gesorgt wird, so wird der burgundifche Fluchhuud sich zum Erben eines guten Tlmls von Eurer Seide, Eurem Atlas und Eure» Juwelen einsetzen." „Seide, Atlas und Juwelen!" rief ein Anderer von den Zechern; „solche Maaren werden nicht zollfrei durchkommen, wo Archibald von Hagenbach Etwas zu sagen hat." „Werthe Herren!" fing Arthur nach kurzem Bedenken wieder an. „Diese Maaren sind meines Vaters Eigenthum, nicht das meine, und an ihm, nicht au mir ist es zu erklären, wie viel davon er gutwillig als Zoll hergeben will, ehe er einen Streit veranlaßt, in welchem er seine Gefährten, die ihn in ikre Gesellschaft ausgenommen haben, sowohl als sich selbst Beleidigungen aussetzen wurde. Ich kann bloß sagen, daß er wichtige Geschäfte am Burgundifche» Hof hat und daß ibm diese wünschenswerth machen, ihn im Friede» mit Jedermann zu erreichen; auch gebt meine Ansicht dahin, daß er lieber alles Eigenihum, was er eben bei sich hat. aufopfern, als sich der Gefahr eines Zanks mit der Besatzung von La Ferette aussetzen würde. Ich muß Euch daher um Zeit bitten, meine Herren, um in dieser Angelegenheit meinen Vater zu Rathe zu ziehen; wenn er aber die Absicht bat, die Bezahlung der Abgaben an Burgund zu verweigern, so versichere ich Euch, daß Ihr in mir einen Mann finden werdet, der bis zum letzten Blutstropfen zu sechten fest entschlossen ist." „Gut, König Arthur," sagte Rudolph, „du bist ein ge, wiffenhafter Beobachter des vierten Gebots und wirst laug leben im Lande. Halte nns nickt für nachläßig in dieser Pflicht, wenn wir »ns auch für den Augenblick für verpflichtet halten, zuerst für das Wohl unseres Vaterlandes, der gemein- schaftlicken Mutter von uns und unsern Välern, zu sorgen. Da Ihr aber unsere große Achtung vor dem Landammann kennt, braucht Jbr keine Furcht zu haben, daß wir il,n absichtlich beleidigen und ihn unbesonnener Weise oder ohne triftigen Grund in Feindseligkeiten verwickeln werden. Ein Versuch, seine Gaste zu plündern, würde seinerseits auf Widerstand bis zum Tode stoßen. Ich hatte gehofft, Ihr so gut als Euer Vater würdet geneigt sein, eine so grobe Beleidigung zu rächen. Wenn übrigens Euer Vater sich von Archi- bald von Hagenback das Fell schweren lassen will, so wird er die Scheere desselben scharf genug finden, und es wäre unnö- thig und unhöflich, ihn daran zu hindern Indessen mö^et Ihr erfahren, daß noch mehr Leute bei der Hand sind als Ihr erwartet und daß sie im Stande und bereit sind, Euch schnellen Beistand zu leisten, falls der Gouverneur von La Ferette Lust hätte, Euch das Fell mit sammt der Wolle abznstreifen." „Auf diese Bedingungen hin," sagte der Engländer, „sage ich diese» Herren von Basel oder ans welchem anderen Lande sie sein mögen, meinen Dank und trinke in einem brüderlichen Becher auf unsere fernere und nähere Bekannlsckaft." „Heil und Wohlergehen den vereinigten Kantonen und ihren Freunden!" antwortete der Blaue. „Tod und Verderben allen Anderen!" Die Becher wurden wieder gefüllt und die jungen Männer bezeugten anstatt mit Beifallsrufen ihre Ergebenheit und Entschlossenheit für ihre Sache dadurch, daß sie einander die 12 * 180 Hände drückten und dann ihre Waffen mit wilder Geberde, aber ohne Geräusch, schwangen. „Sv," rief Rudolph Donnerkügel, „kamen unsere glorreichen Vorfahren, die Väter der schweizerischen Unabhängigkeit ans den unsterblichen Rntli zwischen Uri und Unterwalde» zusammen. So schwuren sie einander unter dem blauen Himmelsgewölbe zu, die Freiheit ihres unterdrückten Vaterlandes wieder her.ustellen und die Geschichte kann sagen, wie gut sie ihr Wort gelöst haben." „Und sie wird erzählen," sagte der Plaue, „wie gut die jetzigen Schweizer die Freiheit zu bewahren wissen, welche ihre Väter errangen. — Geht weiter ans Eurer Runde, guter Rudolph und seid versichert, daß die Soldaten beim ersten Zeichen ihres Hauptmanns nicht ferne sein werden; Alles bleibt im frühere» Stand, außer Ihr hättet uns neue Befehle zu geben." „Hör' einmal, Lorenz," tagte Rudolph zu dem Blauen, — und Arthur konnte ihn verstehe». — „Gib Acht, daß nicht zu viel Rheinwein getrunken wird; wenn zu viel Vorrath davon La ist, so laß die Flaschen zerschlagen; du weißt, ein Maulthier kann stolpern. Gebt dem Rüdiger nicht zu viel nach. Er ist ein Wcinsänfer geworden, seitdem er bei uns ist, und wir müsse» Herz und Hand zu dem morgenden Geschäft mitbringen." Dann flüsterten sie so leise, daß Arthur nichts weiter verstehen konnte und reichten sich beim Abschied die Hände, wie als feierliches Unterpfand einer erneuerten Verbindung. Rudolph und seine Begleiter gingen jetzt weiter und waren kaum ihren neuen Verbündeten aus dem Gesicht, als die Vorwache das Lärmzeichen gab. Arttur'n sprang das Herz auf die Lippen — „das ist Anna von Geierstein!" sagte er bei sich. „Die Hunde sind still," sagte der Berner. „ES müssen die Wachtgrnoffen sein, die herankommen," Wirklich waren es auch Rüdiger und seine Leute. Sie machten beim Anblick ihrer Kameraden Halt und ein regelmäßiger Anruf wurde gewechselt. Solche Fortschritte in der Kriegszucht hatten die Schweizer bere ts gemacht, während das Fußvolk in anderen Theilen Europas nur wenig mehr, als die rohen Anfänge davon kannte. Arthur hörte, wie Rudolph seinen Freund Rüdiger darüber tadelte, daß er nicht auf dem bestimmten Platze mit ihm zusammengctroffen sei. „Jetzt kommt es bei Eurer Ankunft zu neuem Zechen," sagte er, „und wir müssen morgen kalt und fest sein." „Kalt wie ein Eiszapfen, edler Hauptmann," antwortete des Landammanns Sohn, „und fest wie der Fels, auf dem er hängt." Rudolph empfahl abermals Mäßigkeit und der junge Biedermann sagte Gehorsam zu. Die beiden Abtheilungen gingen mit freundlichem, aber schweigendem Gruß an einander vorbei und bald war ein beträchtlicher Raum zwischen ibnen. Die Gegend war auf der Seite des Schlosses, um welche sie ihre Pflicht jetzt führte, offener als auf der, die dem Haupt- thore gegenüber lag. Die freien Stellen waren groß, Bäume standen nur hie und da über Weideland zerstreut und es gab da kein Dickicht, keine Schlucht oder andere Plätze für ein Versteck, so daß das Auge bei dem Hellen Mondschein wohl die Gegend übersehen konnte. „Hier," sagte Rudolph, „dürfen wir uns für sicher genug halten zu einer Besprechuna und deßhalb, Arthur von England, möchte ich dich, da du uns jetzt mehr in der Näbe gesehen hast, fragen, was du von der Schweizer Jugend denkst? Durch dein verschlossenes Wesen, das sich unserem Vertrauen 182 einigermaßen entzog, wirst du weniger erfahren haben, als ich gewünscht batte?" „Bloß weil ich dasselbe nickt erwiedern konnte, durfte ich eS nickt annehmen," sagte Arthur. „Das Urtbeil, das ick mir zu bilden ini Stande war, besteht kurz in folgendem: Eure Absichten sind erhaben und groß wie Eure Berge; aber der Fremde aus dem stachen Land ist nicht an die weitschweifigen Umwege gewohnt, auf denen Ihr sie ersteiget Mein Fuß ist immer gewöhnt gewesen, auf dem Rasen geradeaus zu gehen." „Ihr sprecht in Räthseln," antwortete der Berner. „Durchaus nickt," entgegnet? der Engländer. „Zch meine, Ihr hättet Euren Oberen aufrichtig mitlheilen sollen, daß Ihr einen Angriff in der Nähe von La Zerette und dabei von Einigen aus der Stadt Basel Hülfe erwartet." „In, freilich!" erwiederte Donuerbügel; „und dann hätte der Landammann seine Reise aufgeschoben, bis er einen Boten wegen sicheren Geleits an den Herzog von Burgund geschickt gehabt hätte, und wäre dieses zugestanden worden, so hätte es mit der Hoffnung auf Krieg ein Ende gehabt." „Wahr," versetzte Arthur, „aber der Landammann würde dadurch seine eigene Hauptabsickt und Len einzigen Zweck der Sendung, tie Erhaltung des Friedens, erreicht haben." „Frieden, Frieden?" gab der Berner hastig zur Antwort. „Stünde ich allein mit meinen Wünschen denen 'Arnold Bie- dcrmann's gegenüber, so kenne ick seine Ehrenhaftigkeit und Redlichkeit so gut, ich achte seine Tapferkeit und Vaterlandsliebe so hoch, daß ich auf sein Geheiß mein Schwert einstccken würde und stände mein tödtlichster Feind vor mir. Aber meine Wunsche sind »ichl bloß die eines einzelnen Mannes, mein ganzer Kanton und ganz Solothurn sind zum Krieg entschlossen. Durch Krieg, Lurch edeln Krieg entkamen unsere Väter aus dem Hause ihrer Gefangenschaft, — durch glücklichen und ruhmreichen Krieg erhob sich ein Geschlecht, das man kaum so vieler Beachtung wertk hielt, als die Ochsen, die es weidete, auf einmal zu Freiheit und Ansehen; cs ward geehrt, weil man es fürchtete, wie es früher verachtet worden war, weil es keinen Widerstand leistete." „Das mag Alles wahr sein," sagte der jnnge Engländer, „aber nach meiner Ansicht ist Enre Sendung durch Eure Taz- satzung oder Euer Unterhaus bestimmt worden. Sie hat beschlossen, Euch und Andere als Boten deS Friedens abzuordnen; aber Ihr blaset insgeheim die Flammen des Krieges a»; und während allS oder doch die meisten Eurer Amrsge- nossen sich für morgen eine friedliche Reise versprechen, steht Ihr zum Kampf gerüstet und seht Euch nach Mitteln um, einen solchen zu veranlassen." „Und ist es nicht gut, daß ich so gerüstet bin?" antwortete Rudolph. „Wenn wir im burgundischen Gebiet friedlich ausgenommen werden, wie nach Eurer Aussage die übrigen Gesandten erwarten, so sind meine Vorkehrungen unnothig; wenigstens können sie aber nichts schaden. Kommt es anders, so wird durch mich ein großes Unglück von meinen Amtsge- noffen, meinem Vetter Arnold Biedermann, meiner schönen Base Anna, von Eurem Vater, von Euch selbst, kurz von uns Alle» abgewendet, die wir fröhlich mit einander reisen." Arthur schüttelte den Kopf. „Es ist Etwas an all Dem," sagte er, „was ich nicht verstehe und nicht zu verstehen suchen will. Ich bitte Euch bloß, meines Vaters Angelegenheiten nickt einem Friedensbruch zu Grunde zu legen; es könnte, wie Ihr andeutet, den Landammann in einen Streit verwickeln, den man sonst hätte vermeiden können. Ich weiß gewiß, mein Vater würde das nie verzeihen." 184 „Ich habe," sagte Rudolph, „bereits meiu Wort hiefür verpfändet. Sollte ihm aber der Brau» des Fluchhunds von Burgund weniger gefallen, als Ihr zu besorgen scheint, so ist es kein Schade, daß Ibr erfahret, er werde im Nvthfall gut und thätig unterstützt werden." „Ich bin für diese Zusicherung sehr verbunden," versetzte -er Engländer. „Und du magst dir, mein Freund, zur Warnung dienen kaffen," fuhr Rudolph fort, ,was du gehört bast: die Männer gehen nicht in der Rüstung zur Hochzeit und im Seidenwamms nicht zum Kampf." „Ich werde mich so anziehen, daß ich aufs Schlimmste gefaßt bin," sagte Arthur; „und eine leichle Halsberge von wohl gehärtetem Stahl anlegen, die weder Speer noch Pfeil durchdriugt; ich danke Euch für den freundliche» Rath." „Bedanke dich nicht," sagte Rudolph, „ich würde keine Anführerstelle verdienen, wenn ich nicht meinen Begleitern, besonders einem so zuverlässigen Begleiter, wie du — bei Zeiten zu wissen thäte, daß sic die Rüstung umschnallen und sich auf tüchtige Stöße gefaßt machen sollen." Hier stockte die Unterhaltung einige Augenblicke. Keiner der Sprecher war mit seinem Begleiter völlig zufrieden, obgleich Keiner auf eine weitere Bemerkung drang. Oer Berner urtheilte nach den Gesinnungen, die er unter den Handelsleuten in seinem eigenen Vaterlande vorherrschen sah und zweifelte kaum, daß der Engländer, wenn er sich kräftig unterstützt sähe, die Gelegenheit ergreifen und die übertriebenen Aussagen verweigern würde, von denen er in der nächsten Stadt bedroht wurde. DieS, dachte er, würde dann wahrscheinlich und ohne Rudolphs Zuthun Arnold Biedermann selbst zu einem Friedensbruch und zu einer äugen- 185 blicklichen Kriegserklärung führen. Auf der anderen Seite konnte der junge Philipson das Betragen Donnerhügel's weder begreifen noch billigen. Er war Mitglied einer friedlichen Gesandtschaft und schien von der Absicht beseelt, jede Gelegenheit zu Entfernung eines Kriegs zu benützen. Mit diesen verschiedenen Gedanken beschäftigt gingen sie einige Zeit neben einander her, ohne zu sprechen, bis Rudolph das Schweigen brach. ,,Eure Neugierde ist also vorüber, Herr Engländer," sagte er, „in Bezug auf die Erscheinung Anna's von Geierstcin?" „W-it entfernt," versetzte Philipson; „aber ich mochte Euch nicht mit Fragen belästigen, so lange Ihr mit Eurer Runde zu thu» habt." „Die kann als beredet angesehen werden," sagte der Berner, „denn hier ist kein Gebüsch in der Nähe, um einen burgundischen Knappen zu verstecken und ein Blick, den wir von Zeit zu Zeit um uns her werfen, ist Alles, was nötbig sein durfte, um einem Ueberfall zuvorzukommeu. Und so horcht denn, während ich eine Geschichte erzähle, die in Halle oder Laube nie gesungen oder auf der Harfe gespielt worden ist. Und doch fange ich an zu glauben, sie verdiene wenigstens eben so viel Glauben, als die Erzählungen von der Tafelrunde, welche die alten Troubadours und Minnesänger uns als die ächten Chroniken Eures berühmten Namensvetters ium Besten geben. „Non Anna's Vorfahren männlicher Seits," fuhr Rudolph fort, „werdet Ihr wohl genug gehört haben und Ihr wißt wahrscheinlich, daß sie in den alten Mauern von Geierstein neben dem Wasserfall wohnten, daß sie Las eine Jahr ihre Lehensleute quälten, das Eigentkum ihrer weniger mächtigen Nachbarn verschlangen und die Reisenden plünderten, 186 welche ein widriges Geschick innerhalb dem Gesichtskreis des Geierhorsts brachte; daß sie im nächsten Jahr am Altäre bis zur Ermüdung um Vergebung ihrer Sünden bettelten und die Priester mit dem Reichthum erweichten, welchen sie über dieselben ergossen, daß sie endlich Gelübde tbaten und bald als Pilger, bald als Kreuzfahrer nach Jerusalem selbst Wallfahrten machten, um die Ungerechtigkeiten gut zu machen, die sie ohne Bedenken oder Gewissensbisse begangen hatten." „Das war, wie ich erfahren, die Geschichte des HauseS Geierstein," versetzte der junge Engländer, „bis Arnold oder seine unmittelbaren Vorfahren die Lanze mit dem Schäferstab vertauschten." „Aber man sagt," entgegnete der Berner, „daß die mäch° tigen und reichen Freiherren von Arnheim in Schwaben, deren einziger weiblicher Sprosse die Frau des Grasen Albert von Geierstein und die Mutter der jungen Person wurde, welche die Schweizer einfach Anna und die Deutschen Gräfin Anna von Geierstein nennen, daß dies Edle von ganz anderem Schlag waren, daß ihr Leben sich nicht auf Sündigen und Bereuen, auf das Plündern harmloser Bauern und das Mästen fetter Pfaffen beschränkte; daß sie sich noch durch etwas mehr auszeichneten, als durch den Aufbau von Schlossern mit Tkürmen und Folterkammern und durch die Gründung von Klöstern." „Die Barone von Arnheim strebten, die Gränzen der menschlichen Erkenntniß zu erweitern und verwandelten ihr Schloß in eine Art von hoher Schule, wo mehr alte Bücher sich fanden, als die Mönche in der Bibliothek zu St. Gallen aufgeschichtet haben. Auch ging ihr Strebe» nicht auf Bücher allein. Vergraben in ihren geheimen Arbeitszimmern entdeckten sie Geheimnisse, welche hernach in der Familie vom Vater auf den Sohn übergingen und inan glaubte, sie seien den tiefsten Verborgenheiten der Goldmacherci nahe gekommen. Oft wurde von ihrer Weisheit und ihrem Neichthum am Stuhle des Kaisers gesprochen und in den häufigen Streitigkeiten, welche die Kaiser vor Alters mit den Päpsten un' terhielten, hieß es, sie seien durch die Rathschläge der Barone von Arnheim dazu ermuthigt, wenn nicht aufgereizl und durch ihre Schätze unterstützt worden. Vielleicht gab ein solches politisches Verfahren, in Verbindung mit den ungewöhnlichen und geheimnißvollen Studien, welche die Familie Arnheim so lange verfolgte, Veranlaffang zu der allgemein angenommenen Meinung, daß sie bei ihren Forschungen durch übernatürliche Einflüsse unterstützt wurden. Die Priester waren geschäftig, diesem Gerücht gegen Männer Vorschub zu leisten, die vielleicht keinen andere» Fehler hatten, als den, daß sie klüger waren, als sie selbst." „Seht," sagten sie, „was für Gäste im Eckstoß Arnheim aufgenvmmen werden. Laßt einen christlichen Ritter, der im Kriege mit den Sarazenen zum Krüppel geworden ist, fick an der Zugbrücke zeigen, so reickit man ihm eine Brvdrinde und einen Becher Wein und heißt ihn seines Wegs gehen. Wenn ein Pilger mit dem Geruch der Heiligkeit, den er sich an den heiligsten Orten und durch die heilige», seine Anstrengung beweisenden und belohnenden Reliquien erworben hat, an die unheiligen Mauern kommt, so spannt der Wächter seine Armbrust und der Pförtner schlägt das Thor zu, als brächte der wandernde Heilige die Pest aus dem gelobten Lande mit. Kommt aber ei» graubärtiger, glattzüngiger Grieche mit seinen Pergamentrollen, von denen schon die Buchstaben christlichen Augen Mühe machen — kommt ein jüdischer Rabbiner mit Talmud und Cabbala — kommt ei» schwarzer, sonnenver- 188 brannter Mohr, der sich rühmen kann, die Sprache der Sterne i» Chaldäa, der Wiege der Slerndenterei, gelesen zu haben — siebe da, der wandernde Betrüger oder Herenmcister nimmt den obersten Platz an der Tafel des Freiherr» von Arnheim ein, theilt mit ihm die Arbeiten am Brennkolbe» und Schmelzofen. lernt von ihm geheime Künste, wie die, an welchen unsere ersten Aellern zum Untergang ihres Geschlechts Theil nahmen und vergilt das mit schrecklicheren Lehren, als er empfängt, bis der ruchlose Wirth seinen Vorrath von unheiliger Weisheit mit Allem vermehrt hat, was der heidnische Besucher mittheilen kann. Und solche Sachen geschehen in Deutschland, welches man das heilige, römische Reich nennt und in welchem so manche Priester Fürsten sind! Das geschieht und weder Bann noch Mahnung wird gegen ein Geschlecht von Zauberern erlassen, die von Menschenalter zu Menschenaller in der schwarz » Kunst weiter gehen!" „Solche Reden, die aus Abteien und Einsiedlerzellen wie- derhalllen, schienen zwar wenig Eindruck auf den kaiserlichen Staatsrath zu machen, aber sie dienten dazu, den Eifer manches reichsfreien Grafen und Barons zu erwecken, und lehrten sie einen Krieg oder eine Fehde mit den Freiherren von Arnheim so ansehen, als wären diese von derselbe» Wichtigkeit und als berechtigten sie zu denselben Vorrechten, wie ein Kreuzzng gegen die Feinde des Glaubens; sie brachten es dahin, daß ein Angriff auf diese gehaßten Machthaber als Mittel zu Tilgung der schweren Verpflichtungen gegen dis christliche Kirche angesehen wurde. Aber die Herren von Arnheim waren, obgleich nicht händelsüchtig, doch keineswegs unkriegerisch oder abgeneigt, sich selbst zu vertheidigen. Einige Angehörige dieses gehaßten Geschlechts zeichneten sich sogar als tapfere Ritter und gute Kriegsleute aus; sie waren überdies 189 reich, durch mächtige Verbindungen gesichert und stark und in ausgezeichnetem Grade klug und vorsichtig. Dies erfubren die Leute, welche sie angriffen, zu ihrem eigenen Schaden." „Die Verbindungen gegen die Herren von Arnheim wurden gebrochen, den Angriffen, welche ihre Feinde beabsichtigten, kamen sie zuvor und vereitelten sie, und die. welche Gewalt brauchten, wurden mit großem Verlust zuruckgetrieben. Dies bewirkte, daß es zuletzt i» ihrer Nachbarschaft hieß, aus ihrer genauen Kunde von beabsichtigter Gewalt, ibrer außerordentlichen Kraft beim Widerstand und Sieg gehe hervor, daß die gehaßten Barone zu ibrer Vertheidigun > Mittel angewendet hätten, welche bloß menschliche Kraft nicht zu überwinden im Stande sei. Sie wurden eben so sehr gesürchtet als gehaßt und in letzter Zeit in Ruhe gelassen: dies konnte um so eher der Fall sein, als die zahlreichen Lehensleuke des großen Hauses mit ihren Lehensherren vollkommen zufrieden, immer zu ihrer Vertheidigung bereit und zu dem Glauben geneigt waren, daß — möchten nun ihre Herren Zauberer sein oder nicht — ihr eigener Zustand durch einen Wechsel des Regiments nicht gewinne» würde, ob sie nun unter die Herrschaft der Kreuzfahrer in diesem heiligen Krieg oder unter die Gewalt der Pfaffen träten, welche denselben anstifteten. DaS Geschlecht dieser Freiherren ging mit Hermann von Arnkeim zu Ende, dem mütterlichen Großvater Anna's von Geierstein. Er wurde mit seinem Helm, Schwert und Schild begraben, wie es beim Tode des letzten männlichen Sprossen einer adeligen Familie in Deutschland Sitte ist. Er hinterließ aber eine einzige Tockter, Sivilla von Arnheim, als Erbin eines beträchtlichen Theils seiner Güter; und ich habe nie gekört, daß die arge Beschuldigung der Zauberei, die sich an il,r HauS knüpfte, viele Männer von der höchsten Auszeichnung im Reich 190 verhindert hätte, bei dem Kaiser, ihrem gesetzlichen Vormund, um die Hand der reichen Erbin zu werben. Albert von Geicr- stein erhielt, obgleich ein Verbannter, den Vorzug. Er war tapfer und schön und das empfahl ihn bei Sibillen; der Kaiser, der damals den Plan hatte, seine Gewalr in den Schweizergebirgen wieder zu gewinnen, wünschte, sich großmsithig gegen Albert zu zeigen, weil er der Meinung war, dieser babe aus seinem Vaterland fliehen müssen, weil er des Kaisers Sache vcrlheidigt. Ihr sehet daraus, hochedler König Arthur, daß Anna von Geierstein, Las einzige Kind ans idrer Ehe, von keinem gewöhnlichen Stamme herrührt und daß Umstände, in welche sie verwickelt ist, nicht so leicht oder nach denselben Schlußgründen erklärt und beurtheilt werden können, als bei gewöhnlichen Leuten." „Bei meinem Ehrenwort, Herr Rudolph von Donner- Hügel," sagte Arthur, der eifrig bemübt war, seiner Gefühle Herr zu werden, „ich kann nichts in Eurer Erzählung sehen und entnehme nichts aus ihr, als daß Ihr, weil es in Deutschland wie in anderen Ländern Narren gegeben hat, die mit dem Besitz von Kenntnissen und Klugheit die Vorstellung von Hererei und Zauberei verbanden; daß Ihr deßhalb ein Mädchen, die von ihren Umgebungen immer geschätzt und geliebt worden ist, als eingeweikt in eben so ungewöhnliche als ungesetzliche Künste brandmarke» wollt." Nach einer Weile entgegnete Rudolph: „Ich hätte gewünscht, daß Ihr mit den allgemeinen Angaben über die mütterliche Familie Anna's von Geierstein zufrieden gewesen wäret, da sie einige Umstände darbieten, welche sich auf das beziehen könnten, von waS Ihr nach Eurem eigenen Bericht diese Nacht Augenzeuge gewesen seid und ich gehe wirklich nicht gerne in weitere Einzelnheiten ein. Niemand kann der Nuf Anua's von Geierstcin theurer sein, als mir. Ich bin nach der Familie ihres Oheims ihr nächster Verwandter und wäre ste in der Schweiz geblieben oder sollte sie, wie höchst wahrscheinlich, nach dem gegenwärt gen Besuch bei ihrem Vater dahin zurückkehren, so durfte vielleicht eine noch engere Verbindung zwischen uns geschlossen werden. Dies ist bloß durch gewisse Vorurtheile verhindert worden, welche ihr Olieim in Bezug auf ihres Vaters Gewalt und unsere nahe Verwandtschaft hegt Die letztere ist jedoch von der Art, Laß eine Heirakhserlaubuiß erlangt werden kann und ste ist in vielen Fällen schon erlangt wordrn. Ich erwähne dieser Sachen bloß, um zu zeigen, wie viel zarter ich nothwendigerweise den R»f Anna's von Geierstein behandeln muß, als es Euch möglich ist, der Ihr ein Fremder, mit ihr nur kurze Zeit bekannt und im Begriff seid, Euch, so weit ich Eure Absicht kenne, für immer von ihr zu trennen." Diese Art von Entschuldigung machte Arthur so zornig, daß er alle Gründe, welche die Kaltblütigkeit anempsehlen, herbeiruft n mußte und mit scheinbarer Fassung zu »wieder». „Ich kann keinen Grund haben, Herr Hauptuiaun, nach Eurer Ansicht von einer Dame zu fragen, mit weicher Ihr so nahe verbunden seid, als cs in Bezug auf Anna von Geierstein der Fall zu sein scheint. Ich wundere mich bloß, daß Ihr bei der Rücksicht, die Euch Eure Verwandtschaft auferlegt, gemeinen Volkssagen Glauben schenken möget, die Eurer Base nachtheilig sind und das ist noch mehr zu verwundern, da Ihr, wie Ihr angedeutct habt, den Wunsch heget, eine noch innigere Verbindung mit ihr einzugehen. Bedenkt, Herr, daß die Beschuldigung der Hexerei die gottloseste ist, die gegen christliche Frauen oder Männer erhoben werden kann." „Und ich," sagte Rudolph, etwas heftig, „bin so weit 102 entfernt von solch einer Beschuldigung, daß sich bei dem guten Schwert, das ich trage, Jeder, der einen solchen G'danken über Anna von Geierstein zu äußern wagt, einer Herausforderung von mir aussetzt und mir inein Leben nehmen oder das seinige lassen muß. - der es ist nicht die Frage, ob daS Mädchen selbst Hexerei treibt und Jeder, der es behauptet, wurde gut thun, gleich sei» Grab zu bestellen und für sein Seelenbeil zu sorgen; die Ungewißheit liegt darin, ob nicht elfen- und gespensterhafte Wesen die Macht haben könnten, ihre Gestalt nachzuahmen und sich unter dieser an Orten zu zeigen, wo sie nicht selbst gegenwärtig ist — endlich, ob es ihnen «erstattet ist, auf Annas Koste» Gespensterstreiche zu spielen, zu welchen sie über andere Menschen keine Gewalt haben, deren Vorältern stets nach den Regeln der Kirche gelebt haben und in ordentlicher Gemeinschaft mit ihr verstorben sind; es fragt sich, ob dies möglich ist, weil Anna von einer Familie abstammt, deren Verhältniß zu der unsichtbaren Welt so innig gewesen sein soll. Da ich aufrichtig wünsche, mir Eure Achtung zu bewahren, so will ich Euch noch mehr ins Einzelne gehende Umstände in Bezug auf ihr Geschlecht mittheilen, welche die Vorstellung, der ich eben Worte gegeben, noch deutlicher machen. Ihr begreift jedoch, daß ich sie Euch nur im tiefste» Vertrauen kund thue und daß ich bei strenger persönlicher Ahndung Schweigen darüber von Euch erwarte." „Ich werde über Alles schweigen," versetzte der Engländer, noch im Streit mit unterdrückter Gemüthsbewegung, „waS den Charakter eines Mädchens betrifft, der ich zu so hoher Achtung verpflichtet bin. Aber die Furcht vor dem Mißfallen eines Mannes kann nicht einer Feder Gewicht zu der Bürgschaft hinzufügen, die in meiner eigenen Ehre liegt." „Sei eS >o!" sagte Rudolph, „es ist nicht meine Absicht, 193 Cuern Zorn z» erregen, aber ich wünsche, sowokl um Eurer guten Meinung willen, die ich zu schätzen weiß, als auch, um deutlicher aus einander zu setzen, was ich dunkel angedeutet, Euch zu eröffnen, was ick sonst besser ungesagt gelassen hätte " „Eure c gene Anücht von dem, was in der Sacke nolh- wendig und passend ist, muß Euch zum Führer dienen," antwortete Philipson; „aber erinnert Euch, daß ick nickt in Euch dringe, mir etwas mitzutheilen, was ein G-'heimniß bleiben sollte, am wenigsten, wenn es die junge Dame betrifft." Rudolph gab nach kurzem Sckweigen zur Antwort, — du hast zu viel gesehen und gehört, Arthur, um nickt Alles zu erfahren, oder wenigstens Alles, was ich weiß oder von dem gebeimnißvollen Gegenstand verstehe. Die Umstande Müssen dir manchmal wieder ins Gedäckiniß kommen und ich wünsche, daß du von Allem unkerricktel sein möchtest, was nvthiq ist, sie so deutlich zu verstehen, als die Besckaffenbeit der Sache erlaubt. Wir müssen uns links halten und noch den Sumpf besscktigen. Da haben wir noch eine halbe Stunde zu gehen, ehe unser Weg um das Schloß zu Ende ist; und das wird uns Muße genug für meine Erzählung geben" „Sprich, — ick höre!" erwiedcrte der Engländer, getheilt zwischen dem Wunsch, alles Mögliche über Anna von Gc>er- stein zu erfahren und zwischen der Abneigung, ihren Namen von Donnerhügel und mit den Ansprüchen nennen zu hören, die er aus sie machte. Zualcsch erhoben sich seine früheren Vorurtbe le gegen den riesenhaften Schweizer, dessen Betragen immer derb und beinahe roh war, jetzt aber eine angemaßte Ueberlegeuheit und Einbildung zeigte. Indessen horchte er seiner schauerlichen Erzählung und die Tbeilnahme an derselben überwältigte in ihn, bald alle anderen Empfindungen. Anna v. Geierstein >. 13 Elftes Kapitel. Donner Hügels Erzählung. Adepten lehren — jeglich Element Bevölkert eine eig'ne Art von Geistern. Der luft'ge Sylphe schwebt im blauen Aether, Der Gnom verbirgt sich in der Erde Bauch; Seegrüne Nymphen zieh'n auf MeeresweUen Und wildes Feuer ist ein freundlich Haus Für seinen ei'gnen Geist, den Salamander. Ein Ungenannter. „Zch habe Euch gesagt." sprach Rudolph, ,.daß die Herren von Arnheim, obgleich von jeher und bekanntermaßen geheimen Wissenschaften ergeben, doch wie die ander» deutschen Edeln Liebhaber von Krieg und Jagd waren. Dies war besonders der Fall mit Anna's mütterlichem Großvater, Hermann von Arnheim, der stolz darauf war, einen prächtigen Marstall zn besttzcn und namentlicb auf ein Roß. das edelste, was man in diesen Gegenden von Deutschland je gesehen. Zch würde schlechte Arbeit liefern, wenn i» eine Beschreibung von solch' einem Thier versuchen wollte, und begnüge mich 195 ' daher zu sagen, daß es rabenschwarz war und kein weiße» Härchen an Kopf oder Füßen hatte. Aus diesem Grund und wegen seiner Wildheit war es von seinem Herrn Apollyon benannt worden. Man betrachtete es insgebeim als eine Bestätigung der übel» Gerüchte, welche über das Haus Arnbeiin umliefe», daß der Freiherr seinem Lieblingspferde den Namen eines bösen Geistes gegeben habe. Nun geschah es an einem Novembertag, daß der Paron im Walde auf der Jagd gewesen war und erst bei'm Einbruch der Nacht heim kam. Er hatte keine Gäste, denn wie ich euch schon anaedentet, nalmi das Schloß Arnheim selten andere Leute als solche auf, durch welche seine Bewohner ihre Kenntnisse zu vermehren hofften. Der Freiherr saß allein in seiner von Fackeln und Lampen erhellten Halle. In der einen Hand hielt er ein Buch mit Zügen, die nur ihm allein verständlich waren; die andere ruhte auf dem Marmortisch, auf dem eine Flasche Tokaier stand. Ein Edelknabe stand ehrerbietig im Hintergrund des großen und Lüstern Gemachs, und kein Laut ließ sich hören, als der Nachtwind, wenn er traurig durch die rostigen Panzer seufzte und die zerrissenen Fahnen bewegte, welche die Tapeten der Halle bildeten. Auf einmal hörte man die Tritte eines Menschen, der hastig die Treppen heraufkam; die Thüre des Saales wurde heftig auf- gerissen und halb außer sich vor Schrecken stolperte Kaspar, des Freiherrn Stallmeister, dem Tische zu, an welchem sein Herr saß. „Gnädiger Herr!" schrie er, „gnädiger Herr. eS ist ein Teufel im Stall." „Was soll diese Narrheit?" sagte der Baron und stand auf, überrascht und verdrießlich über eine so ungewöhnliche Unterbrechung. 13 * „Ich will mich Eurer Ungnade aussetze»," antwortete Aaspar, „wenn ick nickt bie Wahrheit rede! Apvllyon" — Hier hielt er inne. „Sprich, du furckt amer Narr!" schrie der Baron, „ist mein Pferd trank oder verletzt's" Der Stallmeister stieß nochmals das Wort „Apvllpon" heraus. „Sag an," sagte der Baron, „und wenn Apollvon selbst da wäre, so brauchte ein braver Man» darüber noch nicht den Kopf zu verlieren " „Der Teufel," antwortete der Stallmeister, „ist i» Apvl- lyvn's Stall!" „Narr!" rief der Edelmann und nahm eine Fackel von der Wand; „was hat dir das Hirn auf so einfältige Art verwirren könn n? Leute, wie dn, bie zum Dienen geboren sind, sollten ihr Hirn um unsertwillen, wenn nicht wegen ihres wcrkhlvsen Selbst in besserem Stand halten." Wahrend er sprach, stieg er in den Scklvßhof hinunter, UM die stattliche Reihe von Ställen zu besichtigen, die den ganzen unteren Theil der eine» Seite des viereckigen Gebäudes einnahmen. Er trat hinein Fünfzig schöne Rosse standen auf jeder Seite des weilen Rannies. Neben jedem Pferde hingen die Schutz- und Trutz-Waffen eines Reisigen, so hell, als beständige Sorgfalt sie machen konnte, und das Leder- kvller, daS des Reiter^ Untergewand ausmachte. Der Baron schritt zwischen den Reihen feiner Pferde an s obere Stallende und zwei oder drei Diener folgten ibm, die voll Erstaunens bei dem ungewöhnlichen Lärm herbeige^ommen waren. Als er dem Stall seines LteblingspferdeS nahe kam, welches zu oberst in der Reibe rechter Hand stand, wieherte das schone Thier weder, noch schüttelte es mit dem Kopf; cs stampfte nD t mit dem Fuß und ließ keines der Zeichen von Freude sehen, die es gewöhnlich bei der Annäherung seines Herrn von sich gab; ein muttes Aecbzen, als ob es um Hülfe bäte, war das Sinzigs, wodurch es zu erkennen gab, Laß ihm die Gegenwart seines Herrn nicht unbekannt sei. Herr Hermann hob die Fackel in die Höhe und entdeckte. Laß wirklich eine lange dunkle Gestalt in dem Stalle stand und seine Hand auf des Pferdes Schulter legte. „Wer bist du," sagte der Baron, „und was thust du da's" „Ich suche eine Zuflucht und Gastfreundschaft," erwiederte der Fremde; „und beschwöre dich, sie mir zu gewähren bei der Schulter deines Pferdes und bei der Schärfe deines Schwertes und fv gewiß als du willst, daß sie dir nie fehlen in deiner höchsten Nvth." „Du bist also ein Bruder vom heiligen Feuer," sagte der Baron Hermann Arnstein; „und ich will dir die Zuflucht nicht versagen, die du von mir nach den Formeln der persischen Magier verlangst. Bor wem und auf wie lange willst du, daß ich dich schütze?" „Vor denen," eutgegnete der Fremde, „die vor dem Hahnenschrei am nächsten Morgen kommen und nach mir fragen, und für ein Jahr und einen Tag von jetzt an." „Ich will dir das," gab der Baron zur Antwort, „meinem Eid und meiner Ehre gemäß nicht versagen. Ein Jahr und einen Tag will ich für dich Bürge sein und du sollst mit mir lheilen Dach und Fach, Wein und Brod. Aber auch du mußt gehorchen dem Gesetz Zoroasters, welches sagt: der Stärkere beschütze den Schwächeren, aber auch: der Weisere unterrichte den Bruder, der weniger Kenntniß hat. Ick, bin der Stärkere und du sollst sicher sein unter meinem Schutze; 198 aber du bist der Weisere und sollst mich in den verborgenen Geheimnissen unterweisen." „Ihr spottet Eures Dieners," sagte der Fremde; „aber wen» Danischmend Etwas weiß, was Hermann nützlich sein kann, so sollen seine Lehren sein, wie die eines Vaters an seinen Sohn!" „Komm' jetzt hervor aus deinem Zufluchtsort," fuhr der Freiherr fort. „Ich schwöre dir bei dem heillgen Feuer, welches ohne irdische Nahrung brennt und bei der Brüderschaft, die zwischen uns besteht, und bei dem Bug meines Pferdes und der Scbneide meines guten Schwertes, daß ich für dich Bürge sein will ein Jahr und einen Tag, wenn meine Macht sich so weit erstreckt." Der Fremde kam demzufolge hervor; und die, welche die Seltsamkeit seines Aeußeren sahen, wunderten sich kaum, daß Kaspar, der Stallmeister, sich gefürchtet hatte, als er eine solche Person im Stalle fand, ohne begreifen zu können, wie sie hereinqekommen. Als er in die beleuchtete Halle trat, in welche der Baron ihn führte, wie er es einem willkommenen und geehrten Gast gethan haben würde, zeigte es sich, daß der Fremde sehr groß und von würdigem Aussehen war. Er trug die Kleidung eines Asiaten, einen langen schwarzen Kaftan oder Mantel, wie ihn die Armenier tragen, und eine hohe viereckige Mütze, überzogen mit der Wolle eines Lammes aus Astrachan. Jedes Stück des Anzugs war schwarz, und dies hob den langen weißen Bart hervor, der ihm über die Brust herabfiel. Seinen Mantel hielt eine Leibbinde von schwarzseidenem Netzwerk zusammen, in welcher statt Dolchs oder Schwerts ein silbernes Futteral mit Schreibmaterialien und einer fi'ergamentrolle steckte. Der einzige Schmuck seiner Tracht bestand in einem großen Rubin von ungewöhnlichem Glanz, welcher beim Licht mit solcher Lebhaftigkeit glühte, als ob der Edelstein selbst die Strahlen aussendete, welche er bloß zurückwarf. Auf das Anerbieten einer Erfrischung erwiederte der Fremde: „Brod darf ich nicht essen und Wasser darf meine Lippen nicht netzen, bis der Rächer an der Schwelle vorüber ist." Der Baron befahl die Lampen zu putze» und frische Fackeln anzuzünden. Dann schickte er seine ganze Haushaltung ins Bett und blieb mit dem Fremden allein in der Halle sitzen. Um die stille Mitternachtsstunde wurden die Thore des Schloff s wie von einem Wirbelwind erschüttert, und eine Stimme, wie die eines Herolds, wurde gehört. Sie verlangte ihren rechtmäßigen Gefangenen Danischmend, den Sohn Hali's. Hierauf vernahm der Wächter, wie ein Fenster in der Halle geöffnet wurde, und er konnte die Stimme seines Herrn unterscheiden, welcher mft der Person redete, die also das Schloß aufgefvrdert hatte. Aber die Nacht war so finster, daß er die Sprechenden nicht sehen konnte, und die Sprache, deren sie sich bediente», war entweder eine ^anz fremde, oder doch mit fremden Wörtern so stark untermischt, daß er nicht eine Sylbe von dem verstand, was sie sprachen. Kaum waren fünf Minuten verstrichen, La erhob der, welcher außen sich befand, aufs Nene die Stimme, wie zuvor, und sagte auf deutsch: „ein Jahr und einen Tag verschiebe ich die Strafe; — aber wenn ich nach Ablauf dieser Zeit komme, so fordere ich, was mir gehört, und dann will ich nicht, daß man sich mir wider- setzt." Von dieser Zeit an war Danischmend, der Perser, ein beständiger Gast im Schloß Arnheim, und nie trat er über die' Zugbrücke. Seine Vergnügungen oder Beschäftigungen schie neu auf die Schloßb.bliothek und das Laboratorium beschränkt wo der Freiherr manchmal mit ihm viele Stunden lang arbeitete Die S! loßbewohner konnlen keinen Fehler an dem Magier oder Perser finden, alS daß er sich den Vorschriften der Neliaion entzog, nnd nie zur Beichte und Messe ging oder andere religiöse Gebräuche milmachte. Der Kaplan zeigte sich zwar befriedigt durch den GewissenSzustand deS Fremden; aber der würdige Geistliche stand schon lange in Verdacht, er bekleide sein bequemes Amt nur unler der sehr vernünftigen Bed ngung, daß er sich mit allen Grundsätzen derer einverstanden erkläre nnd die Rechlgläubigkeit Aller verfechte, welche die Gastfreundschaft des Freiberrn genossen. Man bemerkte, daß Danischmenk streng seine Andachten verrichtete, daß er sich bei den ersten Strahlen der aufgebenden Sonne niederwarf, daß er eine silberne Lampe von den schönste» Verhältnissen verfertigte und sie auf ein Gestell brachte, welches eine verstumme lte Marmorsäule vorstellte und in dessen Sockel hieroglyphische Bilder eingegraben waren. Mit welchen Stoffen er ihre Flamme unterhielt, war Niemand bekannt, als vielleicht dem Baron; aber die Flamme war steter, reiner und glänzender, als d>e man bisher gesehen; die Sonne am Himmel selbst ausgenommen. Man glaubte allgemein, daß der Magier die Flamme in Abwesenheit dieses segensreichen Lichtes zum Gegenstand seiner Verehrung mache. Sonst »abm man nichts an ibm war, als daß seine Sitten streng schienen und daß er sich außerordentlich ernsthaft bezeigte. Er führte im Allgemeinen ein sehr mäßiges Leben und seine Fasten und Wachen wiederholten sich oft. Besondere Gelegenheiten ausgenommen, sprach er mit Niemand im Schloß, als mit dem Freiherrn; da er aber Geld hatte und freigebig war, so wurde er von der Dienerschaft zwar mit Ehrerbietung, aber ohne Furcht oder Abneigung betrachtet. 201 Dem Winter war der Frühling gefolgt, der Sommer brachte seine Blüthen und der Herbst seine Frücbte, und sie reiften und vertrockneten, als ein Edelknabe, der sie manchmal ins Laboratorium begleitete, um nöthigenfalls Handreichung zu thun, den Perser zu dem Baron von Arnheim sagen Horts: „du wirst wohl thun, mein Sohn, wenn du auf meine Worte acktest; meine Unterweisungen gehen zu Ende und es gibt keine Macht auf Erden, welche mein Schicksal aufhalten könnte." „Ach, mein Herr!" sagte der Baron, „soll ich denn deine wohlthälige Leitung gerade in dem Augenblick verlieren, da deine Führung so nöthig ist, um mich auf den Gipfel deS Tempels der Weisheit zu bringen?" „Laß den Muth nicht sinken, mein Sohn." antwortete der Weise, „ich will die Aufgabe, dich in deinem Wissen zu vervollkommnen, meiner Tochter vermachen, die deswegen hieher kommen wird. Aber erinnere dich, wenn dir die Fortdauer deiner Familie am Herzen liegt daß du bei Euren Studien auf sie nur als auf eine Helferin sehen darfst; vergäßest du über der Schönheit des Mädchens die Lehrerin, so werdet Zhr beide mit Schwert und Schild begraben werden, wie der letzte männliche Sprosse eines Geschlechts. Noch mehr Unheil wird entstehen, glaube es mir; denn solche Verbindungen nehmen nie ein glückliches Ende, und mein eigenes ist ein Beispiel dafür. Doch stille, wir werten belanscbt." Da das Gesinde im Arnheimer Schlosse nur wenig Gegenstände besaß, an welchen es Antheil nehmen konnte, so beobachtete es desto eifriger die, welche ihm z» Gesicht kamen. Als das Ende der Zeit herankam, in welcher der Perser Schutz auf dem Schloß finden konnte, gingen einige von den Hausgenossen unter verschiedenen Vorwänden, die sich aber alle auf die Furcht zurückführen ließen, davon, andere machten sich auf ein besonders schreckliches Ereigniß gefaßt. Ein solches trat aber nicht ein; an dem erwarteten Jahrestag, lang vor der Zauberstunde der Mitternacht, machte Danischmend seinem Besuch in dem Arnheimer Schloß ein Ende und ritt in dem Aufzug eines gewöhnlichen Reisenden vom Thore weg. Der Baron hatte indessen von seinem Lehrer mit vielen Zeichen der Betrübniß und selbst des Kummers Abschied genommen. Der weise Perser tröstete ihn durch ein langes flüsterndes Gespräch, von welchem man bloß den letzten Theil vernahm, — „beim ersten Sonnenstrahl wird sie bei dir sein. Sei gütig gegen sie, aber nicht übergütig." Darnach reiste er weg und man hörte und sah nichts mehr von ihm in der Nähe von Arnkeim. Man bemerkte an dem Baron den ganzen Tag nach dem Abgang des Fremden einen besonderen Trübsinn. Er blieb gegen seine Gewohnheit in der großen Halle und besuchte weder die Bibliothek noch das Laboratorium, weil er sich dort nicht mehr der Gesellschaft seines weggegangenen Lehrers erfreuen konnte. Mit dem Grauen des folgenden Morgens rief Hermann seinen Edelknaben und kleidete sich mit ungewöhnlich großer Sorgfalt au. Da er in der Blüthe des Lebens stand und eine edle Gestalt besaß, so hatte er Ursache mit seinem Aussehen zufrieden zu sein. Als er seinen Anzug vollendet, wartete er, bis die Sonne gerade am Horizont erschien, nahm dann den Schlüssel zum Laboratorium, der nach des Pagen Ansicht die ganze Nacht da gelegen haben mußte, und schritt vorwärts, begleitet von seinem Diener. An der Thüre stand der Freiherr stille und schien bald unschlüssig zu sein, ob er den Edelknaben wegseuden, bald ob er die Thüre öffnen sollte; es war, als ob er etwas Außer- 203 ordentliches drinnen zu sehen erwartete. Endlich faßte er einen Entschluß, drehte den Scklüssel herum, drückte die Tbüre auf und trat ein. Der Knabe folgte dickt hinter seinem Herrn und war bis zum äußersten Schrecken erstarrt und überrasckt über das, was er sah, obgleich der Anblick, wenn auch ungewöhnlich, nichts als Angenehmes und Liebliches darbot. Die Silberlampe war erloschen oder von ihrem Gestell entfernt und an ihrem Platze stand eine wunderschöne Frauengestalt in persischer Tracht, an welcher die Fleischfarbe vorherrschend war. Sie trug aber keinen Turban ober Kopfschmuck irgend einer Art, außer ein blaues Band, das sich durch ihr kastanienbraunes Haar hinzvg und von einer gvld- nen Schnalle festgehalten wurde. Die Außenseite der letzteren war mit einem prächtigen Opal verziert und dieser verbreitete durch das diesem Edelstein eigenthümliche Farbenspiel eine leichte röthliche Färbung, wie ein Feuerfunke. Die junge Person war etwas unter miltlerer Größe, aber vollkommen wohlgevildet, die morgeuländiscbe Kleidung mit den weiten, an den Knöcheln zusammengebundenen Hosen machte die kleinsten und schönsten Füße sichtbar, die man je erblickt. Hände und Ariüe vom vollkommenste» Ebenmaß konnte man zum Theil unter den Falte» des Gewandes sehen. Das Gesickt der kleinen Dame hatte einen lebhaften Ausdruck und Geist und Witz schienen darin die Oberhand zu haben. Das schnelle dunkle Auge mit den schön geformten Augenbrauen schien ein schelmisches Wesen anzudeuten und der rosige halblächelnde Mund sah aus, als wäre er geneigt demselben Worte zu leihen. Das Fußgestell, auf welchem sie stand oder vielmehr schwebte, hätte man für unsicher halten mögen, wäre eine 204 schwerere Gestalt als die ihrige darauf gestanden. Aber wie sie immer daher gekommen war, sie ruhte darauf so leicht und sicher wie ein Hänfling, der sich aus der Luft auf eine Rosenknospe Herabgelaffen hat. Der erste Sirahl der ausgehenden Sonne fiel durch ein dem Gestell gerade gegenüber liegendes Fenster berein und vermehrte den Eindruck der schönen Gestalt, die so bewegungslos blieb, als wenn sie in Marmor ausgehauen wäre. Sie verrieth bloß durch ein etwas beschleunigtes Athmen, eine tiefe Röthe und ein leichtes Lächeln, daß sie die Anwesenheit des Freiherrn bemerke. Mochte der Baron von Arnheim auch Gründe zu der Erwartung haben, daß er einen Gegensinns erblicken würde, wie er sich ihm jetzt darstellte, — die Schönheit desselben übertraf seine Erwartung so sehr, daß er einen Augenblick athem- und bewegungslos dastand. Er schien sich jedoch schnell zu erinnern, daß cs seine Pflicht sei, die schöne Fremde in seinem Schlosse willkommen zu heißen und sie aus ihrer unsicher» Stellung zu erlösen. Er trat also mit Worten der freundschaftlichen Begrüßung auf der Zunge vorwärts und streckte die Arme aus, um sie von ihrem fast sechs Fuß hohen Gestell zu heben; aber die leichte und bewegliche Fremde nahm kaum den Beistand seiner Hand an und sprang eben so leicht und sicher auf den Boden, als wäre sie aus Sommerfäden gebildet. Bloß der flüchtige Druck der kleinen Hand machte zuletzt dem Freiherr» von Arnheim fühlbar, daß er mit einem Wesen von Fleisch und Blut zu thnn habe. „Ich bin gekommen, wie mir geheißen worden," sagte sie um sich blickend. „Ihr könnt Euch auf eine pünktliche und fleißige Lehrerin gefaßt halten und ich hoffe. Ihr werdet Euch als einen aufmerksamen Zögling erweisen." Nach der Ankunft dieses sonderbaren und reizenden Wesens 205 im Schloß Arnheim wurden verschiedene Veränderungen im Innern des Haushaltes vorgenommen. Eine Dame von hohem Rung und kleinem Vermögen, die ehrenwerthe Wittwe eines Reichsgrafen, eine Blutsverwandte des Freiherrn, erhielt eine Einladung, die Aufsicht über die häuslichen Angelegenheiten ibres Vetters zu übernehmen und durch ihre Gegenwart jeden Verdacht niederzuschlagen, der sich etwa ob der Anwesenbeit Hermionens. wie die schone Perserin allgemein genannt wurde, erheben könnte. Diese Einladung wurde angenommen. Die Gräfin Waldstetten trieb ihre Gefälligkeit so weit, daß ste fast immer zugegen war, wenn der Baron in der Bibliothek oder im Laboratorium Unterricht von der jungen und liebenswürdigen Lehrerin empfing, die auf so sonderbare Weise an die Stelle des alten Magiers getreten war, oder wenn er seine Studien mit ikr betrieb. Wenn man den Aussagen dieser Dame glauben darf, so gingen ihre Beschäftigungen auf ganz außerordenlliche Sachen und die Ergebnisse derselben, die sie manchmal zu sehen bekam, mußten sowohl Furcht als Staunen einflößen. Aber sie sprach dieselben völlig davon frei, als trieben ste unerlaubte Künste, oder als überschritten sie die Gränzen unnatürlichen Wistens. Ein besserer Richter über derartige Gegenstände, der Bischof von Bamberg, selbst machte eine Refie nach Arnbeim um sich von der Weisheit zu überzeugen, von der in der ganzen Nheingegend so viel erzählt wurde. Er unterhielt sich mit Hermionen und fand sie durchdrungen von den Wahrheiten der Religion und so vertraut mit ihren Lehren, daß er sie mit einem Doktor der Gottesgelahrtheit in der Tracht einer niorgenländiichen Tänzerin verglich Befragte man ihn über ihre Kenntnisse in Sprachen und Wissenschaften, so gab er zur Antwort, die übertriebensten Berichte davon haben 206 ihn nach Arnkkim geführt, er müsse aber gestehen, es sei ihm nicht die Halste davon gesagt worden. Zn Folge dieses unbestreitbaren Zeugnisses wurden die ungünstigen Gerückte, welche durch die sonderbare Erscheinung der schonen Fremden veranlaßt worden waren, grvßentheils zum Sckweigen gebracht, besonders da ihr liebenswürdiges Betragen un.villkührlich das Wohlwollen eines Jeden gewann, der ihr nahe kam. Mittlerweile begann eine merkliche Veränderung bei den Zusammenkünften zwischen der liedlichen Lehrerin und ihrem Zögling Platz zu greifen Sie fanden unter denselben Vorsichtsmaßregeln statt, wie zuvor, und nie, so weit man dies bemerken konnte, anders als in Gegenwart der Gräfin von Waldstetten oder einer dritten acktbaren Person. Aber die Zusammenkünfte wurden nickt mehr in der Bibliothek des Schüleis oder in der chemischen Werkstälte abgehalten; — die Gärten, die Haine wurden zur Unterhaltung besucht, Jagd und Fischerei geti ieben und die Adende mit Tanzen zugebracht. Das Alles verkündigte, daß die wissenschaftlichen Bestrebungen für einige Zeit dem Vergnügen hatten weiche» müssen. Es war nicht schwer zu errathen, was dies zu bedeuten hatte. Oer Freiherr von Arnheim und sein schöner Gast redeten eine andere Sprache als alle übrigen, und konnten sich einer geheimen Unterredung überlassen mitten in aller lärmenden Fröhlichkeit um sie her So war Niemand überrascht, als »ach ei» paar lustigen Wochen die bevorstehende Verbindung der schönen Peiscrin mit dem Baron von Arnheim förmlich angekündigt wurde. Das Betragen dieser bezaubernden Person war so ge- ällig. ihr Gespräch so belebt, ihr Witz so fein und doch mit so viel Gutmüthigkeit und Bescheidenheit verbunden, daß trotz ihres fremden Ursprungs ihr großes Glück weniger Neid erregte, als in einem so seltsamen Falle zu erwarten, stand. Ueberdies setzte ihre Freigebigkeit Jedermann in Erstaunen, der sich ihr näherte, und gewann ihr alle Herzen. Ihr Reich- thnm mußte unermeßlich sein, denn die vielen reiten Juwe-. len, die sie unter ihre schönen Freundinnen vertheilte, halten ihr sonst keinen Schmuck für sich selbst gelassen. Diese guten Eigenschaften, vor Allem aber ihre Freigebigkeit, verbunden mit einer Einfachheit des Sinns und Wesens, bildeten einen schönen Gegensatz zu den tiefen erworbenen Kenntnissen, in deren Besitz man sie wußte — dies und daß sie gänzlich frei war von Prahlerei, machte, daß man ihr unter den Gesellschafterinnen ihre Ueberlegenheit verzieh. Doch blieben einige Eigenthümlichkeiteu nicht unbemerkt; der Neid übertrieb sie vielleicht und sie zogen eine geheimnißvolle Scheidewand zwischen der schönen Hermione und den bloßen Sterblichen, mit denen sie lebte und umging. Beim fröhlichen Tanzen kam ihr Keine gleich an Leichtigkeit und Beweglichkeit und sie vollführte dasselbe gleich einem luftigen Wesen, Sie konnte, ohne durch die Anstrengung zu leiden, das Vergnügen fortsetzen, bis sie den rüstigsten Tänzer ermüdet hatte. Selbst der junge Herzog von Hochspringen, der in ganz Deutschland für unermüdlich in dieser Leibesübung galt, war, als er eine halbe Stunde mit ihr getanzt hatte, es aufzugeben gezwungen und warf sich völlig erschöpft mit dem Ausruf auf ein Lager, er habe mit keinem Weib, sondern mit einem Irrwisch getanzt. Andere versicherten leise, sie zeige dieselbe übernatürliche Geschwindigkeit wie beim,Tanzen, wenn sie ni't ihren Gesellschafterinnen in den Jrrgängen des Schloßgartens Versteckens spiele oder sich ähnlichen Belustigungen hingebe, bei denen Behendigkeit nöthig ist. Sie erscheine unter der Gesellschaft und verschwinde auS derselben mit einer unbegreiflichen Schnelligkeit; Hecken, Gitter oder ähnliche Hindernisse werden von ihr auf eine Weise übersprnngen, Laß das wachsamste Auge nichts davon zu entdecken im Stande sei. Man hatte 'sie im einen Augenblick ans der einen Seite deS Schlagbaums bemerkt und im andern sah sie der Zuschauer gerade neben sich auf der anderen Seite stehen. Zn solchen Augenblicken, wenn ihre Augen funkelten, ihre Wangen sich rötheten und ihre ganze Gestalt sich belebte, behauptete man, werfe die Schnalle mit dem Opal in ihren Locken, ein Schmuck, den sie nie ablegle, den kleinen Funken oder das züngelnde Flämmchen, das er beständig ausstrahlte, mit erhöhter Lebhaftigkeit von sich. Auf dieselbe Art. glaubte man, fange das Juwel, wenn in der Halbdunkeln Halle Her- nnonens Gespräch ungewöhnlich lebhaft wurde, zu funkeln an und strakle einen zwickeruden und leuchtenden Glanz von sich, der von dem Stein selbst auszugehen und nicht auf die gewöhnliche Weise durch das Zurückwerfen eines äußeren Lichts hervorgebracht zu werden scheine. Man hörte auch ihre Zofen die Vermuthung aussprechen, daß sie dunkelrothe Funken bemerken könnten, die dem geheimnißvollen Geschmeide entsprächen, wenn ihre Herrin von einem schnellen und kurzen Unwillen erregt werde, als ob es an den Gefühlen der Trägerin Theil nehme. (Dies war die einzige Schwäche in ihrem Wesen, die sie von Zeit zu Zeit an den Tag legte ) Weiter erzählten die Frauen, die sie beim Anziehen bedienten, daß der Edelstein immer nur wenige Minuten weggclegt werde, wenn die Haare der Freifrau gekämmt wurden; daß sie ungewöhnlich schweigsam und still se*. so lange er bei Seite liege und sehr besorgt, wenn eine Flüssigkeit in die Nähe desselben komme. Selbst wenn sie sich des Weihwassers an der Kir-bthüre bediente, nahm man wahr, daß sie das Kreuzeszeichen auf der Stirne zu machen unterlasse, und man glaubte' eS geschehe dies aus Furcht, das Wasser möchte daS werthvvlle Juwel beiühren. Diese seltsamen Gerüchte verhinderten keineswegs die beschlossene Verhnrathung des Freiherr» von Arnheim. Sie wurde in hergebrachter Weise und mit der größten Pracht gefeiert, und das junge Paar schien ein so glückliches Leben zu beginnen, wie man es selten auf Erden findet. Nach zwölf Monaten beschenkte die liebenswüidige Baronin ihren Manu mit einer Tochter, die nach des Grafen Mutter Si- billa getauft werden sollte. Da daS Kind einer trefflichen Gesundheit genoß, so wurde die Feierlichkeit verschoben, bis die Mutter von ihrem Wochenbette wieder hergestellt wäre. Eine Menge Leute wurden dazu eingeladen und das Schloß war voll Menschen. Nun war unter den Gästen zufällig eine alte Dame, die dafür bekannt war, daß sie in Privatgesellschaften die Rolle der bösen Fee spielte, wie solche in den Erzählungen der Minstrels vorkommt. Es war die Freifrau von Steinfeldt und die ganze Nachbarschaft kannte ihre unersättliche Neuaier, ihren ungemessenen Stolz Sie war noch nicht lange in dem Schloß gewesen, als sie sich schon mit Hülfe einer weiblichen Dienerin, welche die Kundschafteri» machte, in den Besitz alles dessen gesetzt hatte, was man in Bezug auf die Eigen- thümlichkeitrn der Freifrau Hermione hörte, sagte oder ver- muthete. Am Morgen des für die Taufe festgesetzten Tages war die ganze Gesellschaft in der Halle versammelt und wartete auf die Baronesse, um dann in die Kapelle zu gehen, als sich zwischen der tadelsüchtigen und hochmülhigen Dame, die Anna ». Geierstcin >. 14 210 wir eben erwähnt, und der Gräfin Waldstetten ein heftiger Streit über den Vortritt entspann. Man überließ die Entscheidung darüber dem Baron von Arnheim und dieser entschied zu Gunsten der Gräfin. Frau von Steinfeldt befahl alsbald ihrem Gefolge aufzusitzen und ihren Zelter vorzuführen. „Ich verlasse diese» Ort," sagte sie, „welche» eine gute Christin nie hätte betreten sollen; ich verlasse ein Hans, dessen Herr ein Zauberer und dessen Herrin ein böser Geist ist, der es nickt wagt, seine Stirne mit Weihwasser zu besprengen. Ihre Tischgenosfin ist ein Weib, das für einen elenden Lohn die Kupplerin zwischen einem Hexenmeister und einem eingefleischten Teufel macht!" Damit reiste sie ab, Wuth im Gesicht und Groll im Herzen. Der Baron von Arnheim trat vor und fragte die Ritter und Edeln umher, ob einer unter ihnen wäre, der es wagen wolle, mit dem Schwert die schändlichen Unwahrheiten zu behaupten, die gegen ihn selbst, seine Gattin und Base geschleudert worden seien. Die allgemeine Antwort war eine entschiedene Weigerung, die Worte der Baronesse Steinfeldt in so schlimmer Sache zu verfechten; und die ganze Gesellschaft sprach sich dahin «US, daß jene Verläumdungen und Lügen geredet habe. „Dann lasset eine Lüge zu Boden fallen, die kein Mann von Muth vertheidigen will," sagte der Baron von Arnheim; „nur sollen Alle, die Liesen Morgen hier find, überzeugt werden, ob die Baronesse Hermione die Gebräuche der Christenheit theilt oder nicht." Die Gräfin von Waldstetten machte ihm, während er so sprach, ängstliche Zeichen; und als das Gedränge ihr »erstattete, sich ihm zu nähern, hörte man sie ihm zuflüstern: „Seid nicht r» voreilig! macht keinen Versuch! es ist etwas Ge- heininißvolles um diesen Opaltalisman; seid vorsichtig und laßt die Sache so hingegen!" Der Baron, dessen Aufregung sich stets und mehr steigerte als für die Weisheit paßte, auf die er Anspruch machte — obgleich man vielleicht zugeben wird, daß eine so öffentliche Beschimpfung an einem solchen Ort und zu einer solchen Zeit hinreichend war, um die Klugheit des Ruhigsten und die Philosophie des Weisesten zu erschüttern — antwortete finster und kurz: „Seid Zhr auch so eine Närrin?" und beharrte hei seinem Vorsatz. In diesem Augenblick trat die Baronesse in. die Halle und sah in Folge ihrer Niederkunft gerade blaß genug aus, UM ihr liebliches Gesicht noch reizender, wenn auch minder belebt zu machen als es gewöhnlich war. Nachdem sie die versammelte Gesellschaft mit herablassender und anmuthiger Aufmerksamkeit begrüßt, wollte sie eben fragen, warum Frau von Steinfeldt nicht zugegen wäre, als ihr Gemahl der Versammlung das Zeichen zum Aufbruch in die Kapelle gab und der Baronesse den Arm reichte, um den Anderen voranzuge- hen. Die Kapelle war beinahe voll von der glänzenden Gesellschaft und Aller Augen waren auf ihren Wiith und seine Frau gerichtet, als sie unmittelbar hinter vier jungen Mädchen eintraten, die den Säugling in einer leichten und schönen Sänfte trugen. Als sie die Schwelle überschritten, tauchte der Baron seinen Finger in den Weihkessel und bot seiner Dame Weihwasser. — Sie nahm es an, indem sie, wie gewöhnlich, seinen Finger mit ihrem eigenen berührte. Um aber die Verläum- dungen der böswilligen Frau von Steinfeldt zu widerlegen, spritzte der Baron mit einer Miene scherzhafter Vertraulich- 14 * 212 kei't, die weder für Zeit noch Ort paßte, auf ihre schöne Stirne einen oder zwei Tropfen von der Feuchtigkeit, die an seiner eigenen Hand zurückgeblieben war. Der Opal, auf welchen einer der Tropfen gefallen mar, gab einen glänzenden Funken von sich wie eine Sternschnuppe und wurde ini Augenblick hernach licht- und farblos wie ein gemeiner Kiesel; die schöne Baronesse aber sank mit einem tiefen und schmerzlichen Seufzer auf Len Boden der Kapelle nieder. Alles drängte sich erschrocken um sie her. Die unglückliche Hermione wurde vom Boden aufgehoben und i» ihr Zimmer geschafft, und ihre Züge wie ihr Puls veränderten sich in der kurzen Zeit, die hiezu nothig war, so sehr, daß die, welche sie erblickten, die Nähe ihres Todes vor Augen sahen. Kaum war sie in ihrem Gemach, als sie mit ihrem Manne allein gelassen zu werden verlangte. Er blieb eine Stunde bei ihr und als er heraus- trat, verschloß er die Thüre hinter sich doppelt und dreifach; dann begab er sich in die Kapelle und blieb hier mehr als eine Stunde vor dem Altar niedergeworfen. Unterdessen hatten sich die meisten Gäste zerstreut; nur einige blieben auS Artigkeit oder Neugierde zurück. Jedermann hielt es für unschicklich, die Thüre zu der kranken Dame Zimmer verschlossen zu lassen; aber in der Bestürzung über die Umstände, unter welchen diese Krankheit eingetreren war, dauerte es einige Zeit, ehe man die Andacht des Freiherrn zu stören wagte. Endlich langte ärztliche Hülfe an und die Gräfin von Waldstetten nabm es auf sich, den Schlüssel zu fordern. Sie redete mehr als einmal den Mann an; er schien aber unfähig zu Horen oder zu verstehen, was sie sagte. Zuletzt gab er ihr jedoch Len Schlüssel und fügte dabei hinzu, daß alle Hülfe vergebens und daß es ihm angenehm wäre, wenn alle Fremden das Schloß verließen. Es hatten wenige 213 mehr Lust zu bleiben, als man beim Oeffnen des Zimmers, in welchem die Baronesse kaum zwei Stunden zuvor niedergeletzt worden war. keine weiteren Spuren von ihr entdecken konnte, als eine Handvvll leichter grauer Asche, wie von verbranntem Papier, die man auf ihrem Bette vorfand. Indessen wurde doch ein feierliches Leichenbegängniß mit Messen und allen anderen geistlichen Gebräuchen für die Seele der hochedlen Frau Hermivne von Arnheim abgehalten: und genau an demselben Tage drei Jahre nachher wurde der Baron selbst mit Schwert, Schild und Helm, als der letzte mannliche'Zweig seiner Familie, in der Gruft der Arnheimer Kapelle bestattet. Hier schloß der Schweizer, denn sie näherten sich der Brücke des Schlosses Grafslust. Ende des ersten Theils. Erstes Kapitel. Gar schön ist die Gestalt, o Herr, Die's trägt, doch glaubet mir, — es ist ein Geist. Der Sturm. Nachdem der Berner seine seltsame Erzählung beendigt hatte, entstand eine kurze Stille. Arthur Philipson's Aufmerksamkeit war nach und nach immer stärker durch eine Geschichte erregt worden, die zu sehr mit den Vorstellungen des Zeitalters libereinkam, um mit der schnellfertigen Unglaubigkeit aufgenvmmen zu werden, der sie in späteren und aufgeklärteren Zeiten begegnet sein würde. Der Eindruck wurde noch vermehrt durch die Art, auf welche sie von dem Erzähler- vorgetragen ward. Diesen hatte der Engländer bisher bloß als einen rohen Jäger oder Krieger angesehen; jetzt mußte er zugeben, daß derselbe mehr Kenntniß von der allgemeinen Lebensart der Welt besaß, als er ihm früher zugetraut. Der Schweizer stieg in seiner Meinung zu einem Mann von Talent, ohne jedoch in seiner Zuneigung den geringsten Fortschritt zu machen. „Der Eisen- Anna v. Geierstein II. 1 2 fresser," sagte er bei sich selbst, „hat Hirn so gut als Fleisch und Knochen und eignet sich besser zum Befehl über Andere, als ich früher gedacht hätte." Dan» wandte er sich zu seinem Begleiter und dankte ihm für die Erzählung, welche den Weg auf so anziehende Welse verkürzt habe. „Und aus dieser sonderbaren Ehe," fuhr er fort, „leitet Anna von Geierstein ihren Ursprung her?" „Ihre Mutter," entgegnete der Schweizer, „war Sibilla von Arnheim, das Kind, bei dessen Taufe die Mutter starb, verschwand — oder wie Ihr es nennen wollt. Die Baronin Arnheim, ein Mannslehen, fiel an den Kaiser zurück. Das Schloß ist seit dem Tode des letzten Herrn nie bewohnt gewesen und wie ich gehört, einigermaßen in Verfall gerathen. Die Beschäftigungen seiner früheren und besonders das traurige Ende seines letzten Besitzers haben bewirkt, daß Niemand seinen Wohnort darin nehmen will." „Zeigte sich etwas Uebernatürliches," sagte der Engländer, „an der jungen Baronesse, welche den Bruder des Landammanns heirathete?" „So viel ich gehört habe," versetzte Rudolph, „gab es sonderbare Geschichten. Man sagte, die Ammen haben in der Stille der Nacht Hermione, die letzte Baronesse von Arnheim, weinend neben der Wiege des Kindes stehen gesehen und andere Sachen der Art. Aber die Nachrichten, nach denen ich hier rede, sind weniger genau, als die, aus welchen ich meine frühere Erzählung geschöpft." „Und da einer an sich nicht wahrscheinlichen Geschichte die Glaubwürdigkeit zugestanden oder versagt werden muß nach den Beweisen, die für sie beigebracht werden, darf ich Euch bitten," sagte Arthur, „mir zu sagen, welches die Quelle iss, auf die Ihr so viel Vertrauen setzt?" „Gern," antwortete der Schweizer. „Wisset denn, daß Theodor Donnerhügel, der Lieblingspage des letzten Barons von Arnheim, meines Vaters Bruder, war. Nach seines Herrn Tode zog er sich in seine Geburtsstadt Bern zurück und wandte seine meiste Zeit dazu an, mich in Len Waffen und kriegerischen Uebungen sowohl nach deutscher, als »ach Schweizerart zu unterrichten, denn er war in all dem Meister. Er sah mit eigenen Augen und horte mit eigenen Ohren einen große» Theil der traurigen und geheimnißvvllen Ereignisse, welche ich mitgetheilt habe. Solltet Ihr einmal »ach Bern kommen, so könnt Ihr den guten alten Mann besuchen." „Ihr meint also," sagte Arthur, „daß die Erscheinung, welche ich diese Nacht gesehen, mit der geheimnißvvllen Hei- rath von Auna's Großvater in Verbindung steht?" „Ihr müßt," erwiederke Rudolph, „nicht denken, daß ich über eine so ungewöhnliche Sache eine bestimmte Erklärung abgebeu kann; ich vermag bloß zu sagen, daß, wenn ich nicht eine Ungerechtigkeit gegen Euch begehen und Euer Zeugniß in Bezug auf die Erscheinung von diesem Abend in Zweifel ziehen will, daß ich dann keinen Ausweg weiß, um sie zu erklären, als wenn ich daran erinnere, daß man meint, ein Theil des Blutes der jungen Dame sei nicht von Adam herzuleiten, sondern mehr oder weniger von einem der Elementargeister, von denen man in alten wie in neuen Zeiten geredet hat. Ich kann mich aber irren. Wir wollen sehen, wie sie sich nächsten Morgen benimmt, und ob sie blaß und ermüdet aussieht, wie nach einer durchwachten Nacht. Ist dies nicht der Fall, so haben wir Grund zu der Annahme, daß Euch-entweder Eure Augen auf seltsame Art getäuscht haben oder daß Ihr eine gespenstische Erscheinung gehabt habt, die nicht von dieser Welt ist." 4 Hierauf versuchte der junge Engländer keine Erwiederung, es war auch keine Zeit mehr für eine solche; denn sie wurden unmittelbar darnach von der Wache an der Zugbrücke angerufeu. Die Frage „Wer da?" wurde zweimal befriedigend beantwortet, ehe Siegmund der Runde »erstatten wollte, über die Brücke zu gehen. „Esel und Maulthier, der du bist," sagte Rudolph, „warum diese Zögerung?" „Selbst Esel und Maulthier, Hauptmann!" gab der Schweizer zur Antwort. „Ich bin heute Narbt schon einmal auf meinem Posten von einem Gespenst überrascht worden und habe über diesen Gegenstand so viel Erfahrung erworben, daß man mich nickt leickt noch einmal sängt." „Was für ein Gespenst, du Narr," sagte Donnerhügel, „würde einfältig genug sem, um seine Streiche auf Kosten eines so unbedeutende» Gelchöpfes, wie du, zu spielen?" „Du bist so wunoerlich wie mein Vater, Haiiptmann," entgegnete Siegmund, „der schreit auch bei jedem Wort, das ich sage, Narr und Dummkvpf; und koch habe ich Lippen, Zähne und eine Zunge rum Reden, gerade wie andere Leute." „Wir wollen darüber nickt streiten, Siegmund," sagte Rudolph. „Es ist klar, daß, wenn du dich von anderen Menschen unterscheidest, dies eine Eigenthümlichkeit ist, deren Auffindung oder Erkennung sich kaum von dir erwarten läßt. Aber im Namen der Einfalt, was hat dich auf deinem Posten beunruhigt?" „Das war so, Hauptmann," erwiederte Siegmund Biedermann. „Ich war es, stehst du, einigermaßen müde, in den Helle» Mond hi»aufzm,ucken und zu denken, aus was er im Ganze» gemacht sein könnte und wie es käme, daß,.wir ihn 5 gerade so gut hier als daheim sehen, da wir doch viele Meilen von Geierstein weg find. Ich war, sage ich, dieser und anderer verwirrender Gedanken müde; so zog ich meine Pelzkappe über die Ohren herunter, denn ich versichere dich, der Wind blies scharf; und daun stellte ich mich fest auf die Füße, das eine Bein etwas vorwärts uns legte beide Hände auf die Partisane, die ich aufrecht vor mich hiustellte, um mich daran zu halten und so machte ich die Augen zu," „Die Augen hast du zugemacht, Siegmund, und bist auf der Wache!" rief Donuerhügel. „Laß dich das nicht anfechten," antwortete Siegmund; „ich hielt die Obren offen. Und doch nützte es nur wenig, denn es kam Etwas auf die Brücke mit so verstohlenem Schritt wie eine Maus. Ich fuhr zusammen und blickte in dem Augenblick in die Höhe, da es mir gerade gegenüber stand, und als ich aufsah, — wen glaubst du, daß ich vor mir hatte?" „Einen Narren wie du," sagte Rudolph und drückte zugleich Philipsvn auf den Fuß, um ihn auf die Antwort aufmerksam zu machen. Das war aber gar ni.bt nöthig, Leun dieser erwartete sie in der größten Bewegung. Zuletzt kam sie heraus, „Beim heiligen Markus, es war unsere eigene Anna von Geierstein!" „Unmöglich!" versetzte der Berner. „Ich hätte auch so gesagt, meinte Siegmund, „denn ich hatte in ihr Schlafzimmer hineingeguckt, ehe sie hiukam und es war so herausgeputzt, daß eine Königin oder Prinzessin hätte darin schlafen können; und warum sollte die Dirne aus ihrem guten Quartier herausgehen, da alle ihre Freunde sie »m und um bewachten und in den Wald laufen?" 6 „Vielleicht kam sie bloß auf die Brücke, zu sehen, wie die Nacht ablief," sagte Rudolph. „Nein," entgegnete Siegmund, „sie kam aus dem Walde. Ich sah sie, als sie das Ende der Brücke erreichte und gedachte, nach ihr zu schlagen, da ich meinte, es sei der Teufel in ihrer Gestalt. Aber ich erinnerte mich, daß meine Hellebarde keine Birkenrnthe ist, mit der man Knaben und Mädchen peitscht; und hätte ich Anna einen Schaden gethan, so würdet Ihr alle mit mir böse geworden sein und die Wahrheit zu sagen, ich wäre selbst sehr unzufrieden mit mir gewesen; denn ob sie sich gleich dann und wann einen Spaß mit mir macht, so wäre unser Haus doch gar zu langweilig, wenn wir Anna verlören." „Esel," antwortete der Berner, „hast du mit der Gestalt oder dem Gespenst, wie du es nennst, gesprochen?" „Gewiß nicht, Hauptmann Superklug! Mein Vater ist immer bös mit mir, wenn ich rede, ohne zu denken, und ich konnte in dem Augenblick gerade nicht an etwas Passendes denken. Auch war keine Zeit zum Denken, denn sie ging an mir vorüber, wie eine Schneeflocke auf einem Wirbelwind. Ich ging ihr jedoch nach ins Schloß und rief sie mit Namen; so wurden die Schläfer aufgeweckt, die Männer liefen nach ihren Waffen und es war eine Verwirrung, als ob Archibald von Hagenbach mit Schwert und Spieß unter uns gewesen wäre. Und wer kam aus ihrem Schlafzimmerchen so erschrocken, als einer von uns, wer anders als Jungfer Anna selbst. Und da sie versicherte, sie habe die ganze Nacht ihr Zimmer nicht verlassen, da mußte ich, Siegmund Biedermann, die ganze Schuld haben, als ob ich die Geister der Leute verhindern könnte, spazieren zu gehen. Aber ich sagte ihr meine Meinung, als ich sah, Laß sich Alle gegen mich hinstellten. „Und, Jungfer Anna," sagte ich, „man kennt recht gut die Verwandtschaft, ron welcher du herkomnist, und wenn du mir noch einmal einen von deinen Doppelgängern schickst, so laß sie eiserne Kappen auf die Kopfe setzen, denn ich will ihnen die Lange und Schwere einer Schweizer Hellebarde zu kosten geben, kommen sie, in welcher Gestalt sie wollen." Da schrie indessen Alles „Schäm' dich!" und mein Vater trieb mich wieder mit eben so wenig Mitleiden hinaus, als den alten Haushund, der sich von seiner Wache an den Heerd hereingestohlen hatte." Der Berner erwiederte mit Kälte, .fast mit Verachtung, „du hast auf deinem Posten geschlafen, Siegmund, LaS ist ein großes militärisches Vergehen und im Schlaf hast Lu geträumt. Es war ein Glück, daß der Landammann deine Nachlässigkeit nicht ahnte, sonst wärest du nicht wie ein fauler Hofhund zu deiner Pflicht zurückgeschickt, sondern als einer, der kein Vertrauen verdient, in deinen Stall nach Geierstein zurückgejagt worden, wie es dem armen Ernst wegen einer geringeren Sache geschehen ist." „Ernst ist doch noch nicht zurückgegangen," sagte Sieg- mund, „und ich denke, er wird in Burgund so weit kommen, als wir ans dieser Reise. Ich bitte dich jedoch, Hauptmann, mich nicht wie einen Hund zu behandeln, sondern wie einen Mann, und mir einen zu schicken, der mich ab löst, statt hier in der kalte» Nachtluft zu schwatzen. Wenn es morgen etwas zu thun gibt, wie ich wohl vermuthe, so wird ein Mundvoll Nahrung und eine Minute Schlaf eine paffende Vorbereitung dazu sein und ich habe hier die zwei tödtlich langen Stunde» Wache gestanden." Dabei gähnte der junge Riese fürchterlich, wie um die Gründe seiner Forderung zu verstärken. 8 „Ein Mundvoll und eine Minute?" sagte Rudolph. „Ein gebratener Ochse und ein Schlaf wie der der Siebenschläfer würde dir kaum wieder frische und wache Sinne geben. Aber ich bin dein Freund, Siegmund, und du darfst eines günstigen Berichts von mir gewiß sein; du sollst gleich abgelvst werden, damit du schlafen kannst, wenn das ohne Beunruhigung durch Träumen geschehen kann. — Geht, ihr jungen Leute," wandte er sich an die Anderen, die unterdessen nachgekommen waren, „und legt Euch zur Ruhe; Arthur von England und ich werden dem Landammann nnd dem Bannerherrn von unserer Runde Rapport erstatten." Demzufolge trat die Runde in das Schloß und bald hörte man ste mit ihren schlummernden Genossen Zusammentreffen. Rudolph Donnerhügel ergriff Arthur's Arm und flüsterte ihm, während sie gegen die Halle zugingen, ins Ohr, — „Das sind wunderliche Vorfälle! Wie meint Ihr, sollen wir sie Len Gesandten beibringe»?" „Das muß ich Euch überlassen," sagte Arthur, „Ihr seid der Hauptmann von unserer Wache. Ich habe meine Pflicht erfüllt und Euch gesagt, was ich gesehen — oder zu sehen geglaubt habe; an Euch ist es zu entscheiden, wie weit Ihr die Sache dem Landammann mittheilen wollt; nur meine ich, sollte es ihm unter vier Augen anvertraut werden, da die Ehre seiner Familie dabei im Spiele ist." „Ich sehe keine Veranlassung dazu," sagte der Berner hastig, „es kann auf unsere Sicherheit im Allgemeinen keinen Einfluß haben. Aber ich werde Gelegenheit nehmen, mit Anna später davon zu reden." Diese letztere Andeutung war Arthur'» so widerwärtig, als ihm der Vorschlag, über eine so zarte Sache völliges Schweigen zu beobachten, angenehm gewesen. Aber er fühlte. 9 daß er sein Mißbehagen unterdrücken müsse und erwiederte darum mit so viel Gelassenheit als möglich: — „Ihr möget handeln, Herr Hauptmann, wie es Glich Eure Begriffe von Pflicht und Zartgefühl verschreiben. Was mich betrifft, so werde ich schweigen über das, was Ihr die wunderlichen Vorfälle dieser Nacht nennt und was durch den Bericht Siegmund Biedermann's doppelt wunderbar wird." „Also auch über das, was Ihr von unseren Hülfstruppen von Basel gesehen und gehört habt?" „Darüber werde ich gewiß schweigen," sagte Arthur, „nur habe ich im Sinn, meinem Vater von der Gefahr zu reden, die sein Gepäck läuft, wenn es zu La Ferette der Durchsuchung und Wegnahme ausgeseht ist," „Es ist unnöthig," sagte Rudolph, „ich stehe mit Kopf und Hand für die Sicherheit jedes Stücks aus seiner Habe." „Ich Lanke Euch in seinem Namen," versetzte Arthur, „aber wir sind friedliche Reisende, für die es wünschenswer- ther sein muß, einen Zank zu vermeiden, als Veranlassung zu einem solchen zu geben, selbst wenn wir sicher wären, ans demselben siegreich hervorzugehen." „Das sind die Gesinnungen eines Kaufmanns, nickt aber die eines Kriegers," entgegnete Rudolph kalt und verdrießlich; „aber das ist Eure Sache und Ihr müßt dabei handeln, wie Ihr es für gut haltet. Nur denkt daran, daß Ihr Gut und Leben waget, wenn Ihr ohne unseren Beistand nach La Ferette geht." Sie traten, während er dies sagte, in das Gemach ihrer Mitreisenden. Die Gefährten ihrer Runde hatten sich bereits zu ihren schlafenden Kameraden am unteren Ende des Zimmers niedergelegt. Der Landammann und der Bannerherr von Bern hörten Donnerhügel's Rapport an, daß sei» Streif- 10 zug vor und nach Mitternacht wohl und ohne Vorfälle vorübergegangen sei, die eine Gefahr argwöhnen ließen. Dann wickelte sich der Berner in seinen Mantel und legte sich auf das Stroh mit jener glücklichen Gleichgültigkeit gegen Bequemlichkeit und jener Bereitwilligkeit, den Augenblick der Ruhe zu benützen, welche man in einem wachsamen und mühseligen Leben erwirbt. Wenige Minuten danach lag er in festem Schlafe. Arthur blieb nur etwas länger auf, um einen neugierigen Blick auf die Zimmerthüre Anna's von Geierstein zu werfen und über die wunderbare» Ereignisse des Abends nachzudenken. Aber sie bildeten ein verworrenes Geheimniß, zu welchem er keinen leitenden Faden entdecken konnte, und die Nothwendigkeit einer augenblickliche» Unterredung mit seinem Vater zwana ihn, seine Gedanken nach dieser Richtung hinzulenken. Er mußte Vorsicht und Heimlichkeit bei Ausführung seiner Absicht beobachten. Darum legte er sich neben seinem Vater nieder. Das Lager desselben war mit der Gastfreundlichkeit, die er seit dem Beginn seines Verkehrs mit dem gutherzigen Schweizer erfahren, an der Stelle des Gemachs hergerichtet worden, welche man für die bequemste hielt und etwas abseits von den andern. Er schlief fest, erwachte aber von der Berührung seines Sohnes, der ihm größerer Vorsicht wegen auf englisch zuflüsterte, daß er wichtige und geheime Nachrichten für ihn habe. „Ein Angriff auf unfern Posten?" sagte der ältere Phi- lipson; „werden wir von unseren Waffen Gebrauch machen müssen?" „Noch nicht," antwortete Arthur; „und ich bitte Euch, nicht aufzustehen oder Lärm zu machen. — Die Sache geht uns allein an." 1t „Sag' eS mir gleich, mein Sohn," versetzte sein Vater; „du sprichst mit Einem, der mit der Gefahr zu vertraut ist, um vor ihr zu erschrecken." „Es ist ein Fall, den Eure Klugheit bedenken soll," sagte Arthur; „ich habe, während ich die Runde mitmachte, sichere Nachricht erhalten, daß der Gouverneur von La Ferette sich Eures Gepäcks und Eurer Maaren unter dem Vorwand bemächtige» wird, er erhebe Abgaben, auf die dem Herzog von Burgund Ansprüche zustehen. Ebenso habe ich erfahren, daß die uns begleitenden Schweizer Jünglinge entschlossen sind, diesen Erpressungen sich zu widersetzen und die Meinung hegen, ihre Zahl und ihre Mittel reichen hin, um dies mit Erfolg zu thun." „Beim heiligen Georg, das darf nicht sein!" versetzte der ältere Philipson. „Das wäre eine schlechte Vergeltung für den treuherzigen Landammann, wenn ich dem hitzigen Herzog einen Vorwand zu dem Kriege verschaffte, den der treffliche alte Mann so ängstlich zu vermeiden wünschte, wenn es möglich ist. Eine Forderung, wenn sie auch unbillig ist, will ich gerne bezahlen, aber wen» sie mir meine Papiere wegnähmen, so wäre ich völlig zu Grunde gerichtet. Ich habe das theil- weise gefürchtet, und Las machte mich abgeneigt, mich des LanLammanns Gesellschaft anzuschließen. Jetzt müssen wir sie verlassen. Dieser räuberische Statthalter wird gewiß keine Hand an die Gesandtschaft legen, weil sie Len Hof seines Herrn unter dem Schutze des Völkerrechts aufsucht; aber ich sehe leicht ein, Laß er unsere Anwesenheit bei ihnen zum Vorwände für einen Streit machen könnte. Dies wäre sowohl seiner eigenen Habsucht angemessen, als dem Wunsche der hitzigen junge» Leute, die Veranlassung zu einem Angriff suchen. Eine solche darf nicht durch uns herbeigeführt werden. 12 Wir werden »ns von den Abgeordneten trennen und warten, bis sie vorangegangen sind. Ist dieser Hagenbach nicht der unbilligste aller Menschen, so werde ich Mittel finden, ihn zufrieden zu stellen, sofern wir einzeln dabei bctheiligt sind. Indessen will ich gleich den Laudannnann wecken," sagte er, „und ihm unsere Absicht mittheilen." Dies geschah sofort, denn Philipson war nicht langsam in Ausführung dessen, was er beschlossen. In einer Minute stand er neben Arnold Biedermann, der auf den Ellbogen gestützt seinen Vortrag anhörte. Ueber der Schulter desselben erhob sich der Kopf und der lange Bart des Deputaten von Schwyz. Seine großen, Hellen, blauen Augen glänzten unter einer Pelzmütze hervor und waren auf das Gesicht des Engländers gerichtet, dann und wann aber warf er einen verstohlenen Seitenblick auf seinen Amtsgenossen, um den Eindruck zu beobachten, welchen das Gesagte auf diesen hervorbrachte. „Guter Freund und Wirth," sagte der ältere Philipson. „wir haben für gewiß gehört, daß unsere unbedeutenden Maaren auf unserem Durchzug durch La Ferette einer Besteuerung oder der Wegnahme unterworfen werden, und ich möchte doch gerne alle Ursache zum Streit vermeiden, sowohl um meinet- als um Euretwillen." „Zweifelt Ihr, daß wir Euch beschützen können und wollen?" erwiederte der Landammann. „Ich sage Euch, Eng- läuder, der Gast eines Schweizers ist so sicher neben ihm, als ein junger Adler unter dem Flügel seiner Mutter; und wenn Ihr uns jetzt verlasset, weil Gefahr im Anzug ist, so macht Ihr unserem Muth oder unserer Beständigkeit ein schlechtes Compliment. Ich wünsche den Frieden, aber nicht einmal der Herzog von Burgund selbst dürfte einen meiner 13 Gäste beleidigen, so lange es meine Macht verhindern könnte." Hier zeigte der Gesandte von Schwyz über seines Freundes Schulter her eine geballte Faust, so groß wie das Kniestück eines Stiers. „Eben um das zu vermeiden, mein werther Gastfreund," versetzte Philips»», „habe ich die Absicht, mich von Eurer freundlichen Gesellschaft früher zu trennen als ich wünsche oder als ich früher mir vorgenvmmen hatte. Bedenkt, mein wackerer und werther Gastfreund, Ihr seid ei» Gesandter und sucht Frieden für Euer Vaterland; ich bin ein Handelsmann, der eigenem Gewinn nachgeht. Krieg oder Streitigkeiten, die einen solchen veranlassen können, sind Eurer und meiner Absicht gleich verderblich. Ich gestehe Euch offen, daß ich geneigt und im Stande bin, ein bedeutendes Lösegeld zu zahlen, und wenn Ihr abgereist seid, will ich über den Betrag desselben unterhandeln. Ich werde in Basel bleiben, bis ich auf ordentliche Bedingungen mit Archibald von Hagenbach übereingekommen; und wenn er auch so habsüchtig ist und solche Erpressungen verübt, wie Ihr von ihm sagt, so wird er doch etwas gnädig mit mir verfahren, um nicht seine Beute völlig zu verlieren, wie es geschehen müßte, wenn ich umkehrte oder einen anderen Weg einschlüge." „Ihr redet verständig, Herr Engländer," sagte der Landammann; „und ich Lanke Euch dafür, daß Ihr mir meine Pflicht ins Gedächtniß zurückrnft. Aber Ihr sollt doch keiner Gefahr ausgesetzt sein. Sobald wir vorwärts gehen, steht das Land wieder den Verwüstungen der burgundischen Reisigen und Lanzknechte offen, und sie werden das Land in allen Richtungen durchstreifen. Die Basler sind unglücklicherweise zu ängstlich, um Euch zu schützen; ste würden Euch auf den ersten Wink des Gouverneurs ausliefern, und Gerechtigkeit oder Milde dürftet Ihr in der Hölle eher erwarten als von Hagenbach." „Es gibt, wie man sagt, Beschwörungen, welche die Hölle selbst zittern machen," entgegncte Philipso»; „und ich-besitze die Mittel, um selbst den von Hagenbach zu besäuftigeu, vorausgesetzt, daß ich mit ihm selbst unter vier Augen sprechen kann. Aber von seinen ausgelassenen Reisigen, gestehe ich, habe ich nichts zu erwarten, als daß ste mich todtschlagen, bloß um meinen Mantel zu bekommen." „Wenn das der Fall ist," antwortete der Landammann, „und Jbr Euch nothwendigerweise von uns trennen mußt, wofür Ihr allerdings kluge und triftige Gründe angegeben habt — warum wollt Ihr nicht Grafslust zwei Stunden vor uns verlassen? Die Straßen werden sicher sein, da man unser Geleite erwartet; wenn Jbr Euch früh auf den Weg machet, werdet Ihr den von Hagenbach wahrscheinlich nüchtern antreffen und so fähig Vernunft anzuhören, als er immer ist; d. h. seinen eigenen Vvrtheil wahrzunehmen. Hat er aber einmal sein Frühstück mit Rheinwein hinuntergespült, und er trinkt solchen jeden Morgen ehe er die Messe hört, so verblendet seine Wuth selbst seine Habgier." „Alles, waS ich brauche, um diesen Plan auszuführen," versetzte Philipson, „ist, daß Ihr mir ein Maulthier leihet, um mein Felleisen zu tragen, welches bei Eurem Gepäck ist." „Nehmt die Mauleselin," sagte der Landammann; „ste gehört hier meinem Bruder aus Schwyz; er wird sie Euch gerne geben." „Und wäre ste zwanzig Kronen werth, so würde ich es thun, wenn es mein Kamerad Arnold verlangte;" gab der weißbärtige alte Mann zur Antwort. 15 „Ich nehme sie sehnungswei'se mit Dank an;" erwiederte der Engländer. „Wie könnt Ihr aber das Thier entbehren? Ihr habt nur noch eins übrig?" „Wir können nnserem Bedürfniß leicht von Basel ans abhelfen," entgegnete der Landammann. „Ja, wir können diesen kleinen Aufschub für Eure Absicht benützen, Herr Engländer. Ich habe die erste Stunde »ach Tagesanbruch als die Zeit unserer Abreise bestimmt; wir werden sie auf die zweite Stunde verschieben und da bleibt uns Frist genug, um ein Pferd oder Manlthier zu bekommen, und Ihr, Herr Phi- lipson, habt Zeit um La Ferette zu erreiche». Dort werdet Ihr, wie ick zuversichtlich hoffe, Euer Geschäft mit von Ha- genbach zu Eurer Zufriedenheit beendigen und dann wieder mit uns Zusammentreffen, wenn wir durch Burgund reisen." „Wenn unsere beiderseitigen Zwecke unser Zusammenrei sen gestatten, würdiger Landammann," gab der Kaufmann zur Antwort, „so werde ich es für ein großes Glück halten, Euer Begleiter zu werden. — Und nun legt Euch wieder zur Ruhe nieder, die ich unterbrochen habe." „Gott segne Euch, kluger und treuherziger Mann," sagte der Landammann, indem er aufstand und den Engländer umarmte. „Sollten wir nimmer Zusammentreffen, so werde ich mich doch des Kaufmanns erinnern, der den Gedanken an Gewinn aufgab, um den Pfad der Weisheit und Rechtschaffenheit einzuschlagen. Ich kenne keinen andern, der nicht einen Strom von Blut vergossen hätte, um fünf Unzen Gold zu erlangen. — Leb' auch du wohl, wackerer junger Mann. Du hast unter uns gelernt, am Rande eines Schweizerfelsens fest zu stehen, aber Niemand kann dich so gut wie dein Vater lehren, durch die Sümpfe und Abgründe des menschlichen Lebens einen geraden Pfad einzuhalten." 16 Dann umarmte er seine Freunde und nahm herzlichen Abschied. Hierin ahmte ihn wie gewöhnlich sein Freund aus Schwyz nach. Cr berührte mit seinem laugen Bart die reckte und linke Wange der beiden Engländer und bot ihnen nochmals herzlich die Benützung seines Maulthiers an. Dann legten sich Alle für die bis zum Grauen des Herbstmorgens noch übrige Zeit zur Ruhe nieder. Zweites Kapitel. Feindschaft und Haß ist jüngst durch die Gewalt Entstanden, die an braven Handelsleuten Aus unsrem Lande Euer Herzog ausgcübt. Da ihnen Gold gebrach sich loszukaufen. Sie haben ihre strengen Satzungen Mit ihrem Blut besiegelt, und das Mitleid Ist ausgeschlossen aus den droh'nden Blicken. Lustspiel: Die Jrrthümer. Die Dämmerung hatte kaum angefangen den fernen Horizont z» berühren, als Arthur fick mir den Vorbereitungen zu seiner und seines Vaters Abreise beschäftigte. Sil sollte, wie es verwichene Nackt bestimmt worden war, zwei Stunden bor der des Landammanns und seiner Begleiter statt finden. Es machte ihm nicht viel Muke, die zierliche» Päckchen, welche seines Vaters Habe enthielten, von den plumpen Bündeln zu trennen, in welchen fick das Geräthe der Schweizer befand. Die eine Schickte von Felleisen war mit der Nettigkeit von Leuten gemacht, die an lange und gefährliche Reisen gewohnt find, die andern mit der rohen Sorglosigkeit solcher, die ihre Anna v, Geierstein n, 2 Heimath selten verließe» und im Packen gar keine Erfahrung besitzen. Ein Diener des Landammanns unterstützte Arthur in diesem Geschäft und half ihm seines Vaters Gepäck auf Las Maulthier des langbartiqen Abgeordneten von Schwyz bringen. Von diesem Manne erhielt er auch Anweisungen in Bezug auf die Straße von Grafslust nach La Ferette. Sie war zu eben und gerade, um befürchten zu lassen, sie würden ihren Weg verlieren, wie es ihnen auf der Reise in den Schweizer Gebirgen begegnet war. Als Arthur nun Alles für die Abreise gerüstet hatte, weckte er seinen Vater und sagte ihm, daß er fertig sei; dann zog er sich zum Kamin zurück, während sein Vater, wie es sein täglicher Gebrauch mit sich brachte, ein Gebet an den heiligen Julian, Len Schutzpatron der Reisenden richtete und seinen Anzug in Ordnung brachte. Man wird sich nicht wundern, daß Arthur, so lange sein Vater seine Andacht verrichtete und sich zur Reise rüstete, das Herz noch voll hatte von dem, was er kurz zuvor von Anna von Geierstein gesehen, daß ihm das Hirn schwindelte in der Erinnerung an die Vorfälle der letzten Nacht, und daß seine Augen an d-r Thüre des Schlafzimmers hingen, durch welche er das Mädchen hatte verschwinden sehen, d. h. wenn die bleiche und scheinbar gespenstische Gestalt, die ihm zweimal so sonderbar den Weg gekreuzt, sich nicht als wandernder Elementargeist, sondern lebendig und körperhaft alS die Person erwies, deren Aeußeres sie trug. So stark war seine Neugierde in dieser Beziehung, daß er seine Augen auf's Aeußerste anstrengte, als ob es diesen möglich gewesen wäre, durch Holz und Wände in die Kammer des schlummernden Mädchens zu dringen. Wie begierig war er zu sehen. 19 ob ihr Auge oder ihre Wange Zeichen davon trüge, daß sie rerwichene Nacht gewacht habe oder hcrnmgewandert sei! „Das war der Beweis, auf den sich Rudolph berief," sagte er bei sich, „und Rudolph allein wird Gelegenheit haben, sich darüber ins Klare zu setzen. Wer weiß, welchen Vortheil ihm meine Mittheilung in seiner Bewerbnng um das liebliche Wesen geben wird? Und was wird sie von mir denken, als daß ich leichtsinnig und plauderhaft sei und daß mir nichts Außergewöhnliches begegnen könne, ohne daß ich es eilig dem in die Ohren plappern müsse, der mir gerade am nächsten steht? Ich wollte, meine Zunge wäre lahm geworden, ehe ich jenem übermüthigen, aber schlauen Klopffechter eine Sylbe gesagt habe! Ich werde sie nie Wiedersehen — das kann ich für gewiß annehmsn. Nie werde ich eine genaue Erklärung der Geheimnisse bekommen, welche sie umgeben. Aber der Gedanke, daß ich etwas geschwatzt, was dazu dienen kann, sie in die Gewalt jenes ungeschliffenen Lümmels zu bringen, wird mir mein Lebcnlang Reue verursachen." Hier wurde er aus seiner Träumerei durch die Stimme seines Vaters aufgeschreckt. „Was hast du, Knabe; wachst du, Arthur, oder schläfst du im Stehen in Folge der Anstrengungen der letzten Nacht?" „Das nicht, mein Vater," antwortete Arthur, der schnell wieder zu sich kam. „Etwas schläfrig, vielleicht; aber die frische Morgenluft wird das bald vertreiben." Der ältere Philipson ging vorsichtig durch die Gruppe der umher liegenden Schläfer und wandte sich, als sie die Thüre des Gemachs erreicht, rückwärts. Mit einem Blick auf das Strohlager, welches die große Gestalt des Landammanns und der Silberbart seines beständigen Gesellschafters, berührt von den ersten Strahlen des Morgens, als das 2 » Arnold Biedermanns bezeichnete, murmelte er zwischen den Lippen: „Lebe wobl, Spiegel alter Treue und Ehrlichkeit, — lebe wohl, edler Arnold, — lebe wobl, dn Gemüt!) voll Redlichkeit und Biederkeit, — dem Herzlosigkeit, Selbstsucht und Falschbeit gleich unbekannt sind!" Und lebe wohl, dachte sein Sohn, lieblichstes, offenstes und doch geheimnißvvllstes Mädchen! — Aber der Abschied wu de, wie man wohl glauben wird, nicht wie der seines Vaters in Worten ausgesprochen. Bald nachher waren sie außerhalb des Thvres. Der Schweizer Diener wurde reichlich belohnt und mit tausend freundlichen Worten des Abschieds und der Erinnerung an den Landammann, gemischt mit Hoffnun'en und Wünschen, daß sie bald wieder auf burgundischem Gebiet zusammentieffen möchten, von seinen englischen Gästen entlassen. Dann faßte der junge Mann den Zügel des Maultbiers und führte daS Thier in leichtem Sckritt. Sein Vater ging neben ihm her. Nachdem sie einige Minuten geschwiegen, redete der ältere Philipson Artbur an. „Ich fürchte," sagte er, „wir sehen den würdigen Landammann nicht wieder. Die Jünglinge, die ihn begleiten, sind geneigt, Beleidigungen zu verüben — der Herzog von Burgund wird ihnen hinreichende Veranlassung dazu geben, fürwte ich, — und der Friede, welchen der treffliche Mann für das Land seiner Väter wünscht, wird scheitern, ehe sie vor den Herzog kommen. Doch wenn es auch anders wäre, so ist die Frage leicht zu beantworten, wie der stolzeste Fürst in Europa die finsteren Blicke von Bürgern und Bauern ertragen wird (denn diese Namen wird Karl von Burgund den Freunden geben, die wir eben verlassen haben). Ein Krieg, verderblich für Alle, die dabei 21 betheiligt sind, Ludwig von Frankreich ausgenommen, wird gewißlich auSbrechen; und furchtbar muß der Streit werden, wenn die Reihen der bnrgnndischen Ritterschaft mit diesen eisernen Söhnen des Gebirgs Zusammenstößen, die so viele vom österreichischen Adel wiederholt vor sich niedergeworfeu haben." „Ich bin überzeugt von der Wahrheit dessen, was Ihr sagt, mein Vater," versetzte Arthur, „daß ich nicht einmal glaube, der heutige Tag werde ohne einen Bruch des Waffenstillstandes vorübergehen. Ich habe bereits mein Panzerhemd angezoge» für den Fall, daß wir zwischen Grafslust und La Ferette ans schlechte Gesellschaft stoßen; und ich wünschte zum Himmel, daß Ihr dieselbe Vorsicht gebrauchtet. Das hält unsere Fahrt nicht auf; und ich gestehe Euch, daß ich wenigstens mit einem größere» Gefühl von Sicherheit reisen werde, wenn Ihr das thut." „Ich verstehe dich, mein Sohn," erwiederte der ältere Philip on. „Aber ich bin ein friedlicher Wanderer auf dem Gebiet des Herzogs »on Burgund, und mag nicht gerne glauben, daß ich gegen Banditen aus der Hut sein muß, wie in den Einöden von Palästina, so lange ich unter seinem Banner bin. Was die Gewalt seiner Beamten und ihre Erpressungen betrifft, so brauche ich dir nicht zu sagen, daß dies in unscreu Umständen Dinge sind, denen man sich ohne Kummer oder Murren unterwerfen muß." Ich muß jetzt die zwei Reisenden gemächlich gegen La Ferette hinwanoeru lassen und meine Leser an das östliche Thor dieser kleinen Stadt verpflanzen, welche auf einer Anhöhe gelegen war und nach jeder Richtung, besonders aber gegen Basel hin, die Aussicht beherrscht. Sie machte eigentlich keinen Theil der Besitzungen des Herzogs aus, sondern war 22 ihm nur als Pfand für eine beträchtliche Geldsumme eingehändigt worden, welche der Kaiser Sigmund von Oesterreich, dem die Herrschaft über den Ort eigenthümlich zugehörte, dem Herzog Karl schuldig war. Aber die Stadt hatte eine sehr geschickte Lage, um den Handel der Schweiz zn verkümmern und diesem von Karl eben so verachteten als gehaßten Volk Zeichen seines bösen Willens zuzufügen. Dadurch ward der allgemeine Glaube verstärkt, daß der Herzog von Burgund, der unversöhnliche Feind dieser Bergbewohner, unter keine» Bedingungen sich zur Einlösung derselben verstehen würde, wenn dies auch unter billigen oder vortheilhaften Bedingungen geschehe» könnte. Denn dadurch würde ja an den Kaiser ein Posten zurückfallen, der für ihn deswegen von großer Bedeutung war, weil er mittelst desselben am besten seiner Abneigung gegen die Schweizer Lust machen konnte. Die kleine Stadt besaß eine schon an sich starke Lage, aber die Befestigungswerke, die sie umgaben, waren kaum zureichend, um einen plötzlichen Angriff zurückzuschlageil, und nicht ini Stande, eine förmliche Belagerung von einiger Dauer auszuhalten. Die Strahle» der Mvrgensoune hatten schon länger als eine Stunde die Spitze des Kirchthurms beschienen, als sich ein großer, magerer und ältlicher Mann den Verschanzungen an dem östlichen Thore näherte. Er war in ein Morgengewandt gehüllt, das ein breiier Gürtel zusammen- hielt, in der linken Hand trug er ein Schwert, in der rechten einen Dolch und an seiner Mütze schwankte eine Feder. Diese oder statt ihrer der Schwanz eines Fuchses war das Zeichen adeligen Bluts in ganz Deutschland und hoch geschätzt von allen, die das Recht hatten es zu trage». Die kleine Abtheilung von Soldaten, welche hier während der vergangenen Nacht Wache gehalten hatte, trat bei 23 der Erscheinung dieses Mannes unter die Waffen und stellte stch auf wie eine Wache, die einen Offizier von Bedeutung mit militärischen Ehrenbezeugungen empfängt. Archibald von Hagcnbachs Aussehen, denn es war der Statthalter selbst, sprach taS Gedrückte, Grämliche und die üble Stimmung aus, welche den Morgenstunden eines siechen Wüstlings eigenthüm- lich sind. Sein Kopf pochte, sein Puls fieberte und seine Wange war blaß, — Zeichen, daß er die letzte Nacht, wie gewöhnlich, unter Weinflaschen zugebracht hatte. Nach der Hast, mit der seine Söldner sich in Reihe und Glied stellten und nach der Ehrfurcht und dem Schweigen, welches unter ihnen herrschte, zu schließen, schien es, als wären sie an seine üble Laune bei solchen Gelegenheiten gewöhnt. Er warf ihnen einen forschenden und unzufriedenen Blick zu, als wenn er Etwas suchte, an dem er seine Unlust auslaffen könnte und fragte dann nach dem „faulen Hund Kilian." Kilian erschien augenblicklich, ein derber Reisiger mit groben Gesichtszügen, ein Baier von Geburt und dem Rang nach der Schildknappe des Vogts. „Was Neues von den Schweizer Bauern, Kilian?" fragte Archibald von Hagenbach. „Sie sollten nach ihren Gewohnheiten schon seit zwei Stunden nnterwege fein. Habe» die Lümmel sich unterstanden, die Sitten der Herren nachznäffen und bis zum Hahnenschrei bei den Flaschen gesteckt?" „Meiner Treu, das kann sein," antwortete Kilian; „die Bürger von Basel haben ihnen Mittel genug zu einem Gelage gegeben." „Wie, Kilian? — Sie wagten dock nicht, den Schweizer Ochsenhirten Gastfreundschaft anzubieten, nachdem wir ihnen eine Aufforderung zum Gegentheil geschickt?" „Nun, die Basler »ahmen sie nicht in die Stadt auf," erwiederte der Knappe; „aber ich habe durch sichere Kundschafter erfahren, daß sie es ihnen möglich gemacht haben sich in Grafslust einzulagern. Mancher schöne Schinken und Fleischkuchen wurde geliefert, von de» Rheinweinflaschen, Bierfässern und Krügen voll starker Wasser nichts zu sagen." „Die Basler werden dafür Rechenschaft geben, Kilian," entgegnete der Vogt, „glauben sie, ich werde mich ihnen zu Liebe immer zwischen den Herzog und feinen Willen stellen? — Die fetten Schweine nehmen sich zu viel heraus, seitdem wir einige unbedeutende Geschenke mehr, um ihnen eure Ehre zu erweisen, aus ihren Händen angenommen haben, als weil wir ihre armseligen Gaben zu irgend etwas benutzen konnten» Mußten wir nicht den Wein von Bafel aus Maßbechern trinken, damit er nickt bis zum andern Tag sauer wurde?" „Er wurde getrunken und Las aus Maßbechern," sagte Kilian, „so viel kann ich mich wohl erinnern." „Nun, geh' zu ihnen," sagte der Gouverneur; „sie sollen wissen, tiefes Basler Vieh, daß ich mich für nichts verpflichtet halte, und daß die Erinnerung an den Wein, den ich saufe, nickt länger dauert als Las Kopsweh, welches mir der Mischmasch, mit dem sie mich heimgesucht, in den letzten Jahren immer zum Zeitvertreib für den nächsten Morgen zurückgelassen Kat" „Gnädiger Herr," entgegnete der Knappe, „Ihr werdet also einen Streit zwischen dem Herzog von Burgund und der Stadt Basel zuwege bringen, weil diese der Schweizer Gesandtschaft auf unerlaubte Art Unterstützung und Beistand geleistet hat?" „Gewiß werde ich das," sagte von Hagenbach, „wenn es nicht kluge Männer unter ihnen gibt, die mir gute Grunde dafür anführen, daß ick sie in Schutz nehme. O, die Basler kennen unser» edeln Herzog nicht, sie wisse» nicht, was er für eine Gabe hat, die Bürger einer freien Stadt zu züchtigen. Dn kannst ihnen sagen, Kilian, so gut als ein anderer Mann, wie er mit den Schurken zu Lüttich umging, die mit Gewalt pragmatisch werden wollten." „Ich will sie davon benachrichtigen," sagte Kilian, „wenn's Gelegenheit gibt, und ich glaube, ich werde sie in einer Stimmung finden, die sie geneigt macht, Eure ehrenwerthe Freundschaft zu unterhalten." „Nun, wenn's ihnen eins ist, kann es mir ganz gleichgültig sein, Kilian," fuhr der Statthalter fort; „aber ich meine, ganze und gesunde Hälse sind sckon für etwas anzuschlagen, wäre es auch nur, uni Blutwürste und Weißbier hinnnterzuschlucken, von westphälische» Schinken und Nierensteiner gar nichts zu sagen. Ich sage, eine aufgeschlitzte Gurgel ist ein nutzlos Ding, Kilian." „Ich werde den dummen Bürgern ihre Gefahr und die Nothwendigkeit eines Einverständnisses begreiflich machen," antwortete Kilian. „Ich brauche doch gewiß nicht mehr zu lernen, wie ich es machen muß, um Euch den Hasen in die Küche zu jagen." „Du hast Recht," sagte Herr Archibald; „aber wie kommt's, daß du so wenig von dem Lager der Schweizer zu sagen hast? Ich sollte meinen, so ein alter Reisiger wie du hätte ihnen während der Herrlichkeit, von der du mir da sagst, die Flügel lahm gemacht?" „Eben so gut hätte ich einen zornigen Igel mit dem bloßen Finger anrühren können," entgegnete Kilian. Ich habe Grafslust selbst besichtigt; da waren Schildwachen an den Schloßmauern, eine Schildwache an der Brücke und noch dazu eine regelmäßige Runde von Len Schweizerburschen, die 26 scharf auslugten. So daß nichts zu machen war, sonst hätte ich ihnen, da ich meines gnädigen Herrn alten Unwillen gegen sie kenne, einen Schlag beigebracht, ohne daß sie jemals erfahren hätten, wer ihn geführt. Ich will Euch indessen aufrichtig sagen, daß die Bauern sich eine bessere Kenntniß der Kriegskunst erworben, als der beste Ritter." „Gut, desto eher ist es der Mühe werth. Laß wir auf sie Acht haben, wenn sie kommen," sagte von Hagenbach; „sie reisen wahrscheinlich in all' ihrem Putz, den silbernen Ketten ihrer Weiber mit ihren eigenen Schaumünzen und Ringen von Kupfer und Blei. — Ah, die schlechten Bauern sind nicht werth, daß ein Mann von edlem Blut ihnen ihren Plunder abnimmt." „Sie führen bessere Waare bei sich, wenn meine Nachricht mich nicht täuscht," entgegnete Kilian; „es gibt Kaufleute darunter"- „Pah! die Saumthiere von Solothurn und Bern," sagte der Gouverneur, „mit ihrem elenden Gerümpel, Tuch, zu grob, um Decken für Pferde von einiger Zucht daraus zu machen, und Leinwand, die mehr Haartuch ähnlich ist, als einem Machwerk aus Flachs. Aber ich will sie auSziehen, wäre es auch bloß, um die Schelme zu ärgern. Was! nicht genug, daß sie verlangen wie ein unabhängiges Volk behandelt zu werden und Abgeordnete und Gesandtschaften abzusenden, sie erwarten gewiß, unter der Freiheit, die man Gesandten zugesteht, eine Ladung Maaren einschmuggeln zu dürfen, auf diese Art den edlen Herzog von Burgund zu beleidigen und ihn zugleich zu betrügen. Aber von Hagenbach wäre weder ein Ritter noch ein Edelmann, wenn er sie ungerupft durch- licße." „Und es ist eher der Mühe werth sie anzuhalten," sagte Kilian, „als Ihr vermuthet, gnädiger Herr; denn es ziehen englische Kaufleute unter ihrem Schutz." „Englische Kaufleute!" rief Hagenbach und seine Augen funkelten vor Freude; „englische Kaufleute, Kilian! Die Leute reden von Indien und Cathay, wo es Gold-, Silber- und Diamant-Bergwerke gibt; aber beim Wort eines Edelmanns, ich glaube, diese wilden Inselbewohner haben die Schatzgruben alle in ihrem eigenen Nebelland. Und dann die Mannichfal- tigkeit ihrer reichen Waaren, — ha, Kilian! ist es ein langer Zug von Maultkieren — ein lustig klingender Reichen? Beim Handschuh Unserer Frau! der Schall davon klingt schon in meinen Ohren und bester als die Harfen aller Minnesänger von Heilbronn." „Ei, mein edler Herr, es ist kein großer Zug," entgeg- nete der Waffenträger; — „bloß zwei Männer, wie man mir angedeutet, und kaum so viel Gepäck, als ein Maulthier tragen kan»; aber es heißt, es sei von unschätzbarem Werth, Seide und Sammet, Spitzen und Felle, Perlen und Juwelen, Rauchwerk aus dem Morgenland und Goldarbeiten von Venedig." „Entzückungen und Paradies! sagt kein Wort mehr!" rief der räuberische Ritter von Hagenbach; „das gehört Alles unser, Kilian! DaS sind die Männer, von denen ich vergangenen Monat zweimal in einer Woche geträumt, — zwei Männer von mittlerer Größe oder etwas drunter, — mit glatten, hübschen Gesichtern, rund wie Rebhühner und mit Beuteln, so rund wie sie selbst. Ha, was sagst du zu meinem Traum, Kilian?" „Bloß daß in demselben, damit er ganz wahr wäre, noch ungefähr zwanzig handfeste junge Riesen Vorkommen sollten, die immer Felsen erklettert und mit Bolzen den Gemsen gepfiffen haben — dann ein starker Hansen Knüttel, Streitäxte und Partisanen, unter welchen dis Schilde krachen wie tzaberkuchen und die Helmringe wie Kirchenglocken ertönen." ,,Desto besser, Bursche, desto besser!" rief der Bogt und rieb die Hände. „Englische Haufirer zu plündern! Schweizerische Eisenfresser zur Unterwürfigkeit zu bringen. Ich weiß wohl, wir könne» nichts von Len Schweizer Säuen bekommen, als ihre Borsten — es ist ein Glück, daß sie die zwei Schaafe von der Insel mitbringen. Aber wir müssen gleich unsere Fangeisen legen, unsere Scheeren herricbten, um uns in unserem Gewerbe zu üben. Lieutenant Schönfeld!" Ei» Offizier trat vor. „Wie viel Mann find hier im Dienst?" „Ungefähr sechzig," erwiederte der Offizier. „Zwanzig draußen auf verschiedenen Zügen und vierzig oder fünfzig mögen in ihren Quartieren liegen." „Laßt sie alle gleich unter die Waffen treten; — horcht, nicht mit Trompete oder Horn, sondern ruft sie einzeln in ihre» Quartieren auf, so still als möglich sich zu bewaffnen; der Sammelplatz ist hier an dem östlichen Thor. Sagt den Schuften, daß Beute zu gewinnen ist und sie ihren Antheil haben sollen." „Auf diese Bedingung hin," sagte Schönfeld, „gehen sie über ein Spinnengewebe, ohne das Insekt zu stören, das es gemacht. Ich will sie sammeln, ohne einen Augenblick zu verlieren/' „Ich sage dir, Kilian," fuhr der Statthalter frohlockend fort und sprach wieder beiseite mit seinem Vertrauten, „kein glücklicherer Zufall hätte sich ereignen können, als die Möglichkeit eines solchen Angriffs. Herzog Karl wünscht die 29 Schweizer zu beleidigen, siehst du nicht, daß er ihnen durch eigene bestimmte Befehle und auf eine Art entgegentreten will, die man eine» öffentlichen Treubruch gegen eine friedliche Gesandtschaft nennen könnte; aber wer unter seine» Leuten dem Fürsten die üble Nachrede bei einer derartigen Geschichte erspart, dessen Verfahren wird man einen Mißverstand oder ein Versehen nennen, und es wird, ich versichere dich, so aniesehen werden, als hätte er einen Ritterdienst verrichtet. Oeffenklich vielleicht wird ein finsterer Blick auf ihn geworfen, aber insgeheim wird ihn der Herzog zu belohnen wissen. Was stehst du so still da, Mann, und was machst du für ein häßliches Gefickt? Du fürchtest dich Loch nicht vor zwanzig Schweizerbuben, da wir an der Spitze eines solchen Haufens von Sperre» stehen?" „Die Schweizer," antwortete Kilian, „werden tüchtige Hiebe austheilen und einnehmen, und ich habe keine Angst vor ihnen. Aber ich meine, wir sollten dem Herzog Karl nicht zu viel trauen. Daß er im ersten Augenblick über eine de» Schweizern angethane Schmach erfreut sein wird, ist wabrscheinlich genug; wenn er es aber, wie Ihr andeutet, gnädiger Herr, hintennach paffend findet, die That zu mißbilligen, so ist er, damit solches einen lebhaften Anstrich bekommt, Fürst genug, um die, welche sie verrichtet, hängen zu lassen." „Pah!" sagte der Zvmmandant. „Ich weiß, wo ich halte. Einen solchen Streich könnte wohl Ludwig von Frankreich spielen, aber dem derben Wesen unseres Kühnen von Bur- guno ist er fremd. — Was Teufels stehst du noch da, Mann, und lächelst wie ein Affe über eine geröstete Kastanie, die er für seine Finger zu warm glaubte?" „Ihr seid, gnädiger Herr, so klug als kriegerisch," sagte 30 der Knappe, „und es ist nicht meine Sache, mich Eurem Willen entgegenzustellen. Aber diese friedliche Gesandtschaft, — diese englischen Kanfleute — wenn Karl sich mit Ludwig in eine» Krieg einläßt, wie das Gerücht geht, so ist es für ihn am meisten wünschenswcrth, daß die Schweizer neutral bleiben und die Engländer sich mit ihm verbünden, deren König eben mit einem großen Heere über das Meer zieht. Nun könntet Ihr, Herr Archibald von Hagenback, im Laufe dieses Morgens wohl etwas thun, was die verbündeten Kantone gegen Karl in Waffen bringt und die Engländer aus Verbündeten in Feinde verwandelt." „Ich besorge das nicht," erwiederte der Commandant; „ich kenne des Herzogs Gemüthsart wohl, und wenn er, der Herr so vieler Provinzen, sie in einer eigensinnigen Laune auf's Spiel setzen will, was ist das für Archibald von Hagen- bach, der bei der Sache keine» Fuß Land zu verlieren hat?" „Aber Ihr habt ein Leben, edler Herr," sagte der Knappe „Ci, Leben!" versetzte der Ritter; „ein elendes Recht auf. ein Dasein, welches ich jeden Tag in meinem Leben für Tha- ler, — ja, für Kreuzer, — auf's Spiel zu setzen bereit gewesen bin. Denkst du, ich werde mich jetzt besinnen, es für größeres Geld, für Juwelen aus dem Morgenland und Gvld- waaren aus Venedig zu wagen? Nein, Kilian; diesen Engländern müssen ihre Ballen leichter gemacht werden; dann kann Archibald von Hagenbach einen unvermischteren Wein trinken als ihren Mosler und ein brokatenes Wamms statt schmierigen Sammet tragen. Nicht weniger nothwendig ist, daß Kilian eine anständige, neue Jacke bekommt und einen Beutel voll Dukaten, um sie am Gurt klappern zu lassen." „Meiner Treu," sagte Kilian, „der letzte Beweisgrund hat meine Bedenklichkeiten entwaffnet und ich gebe den Ge» 31 genstand auf, da es mir schlecht ansteht, mit Euch zu streiten, gnädiger Herr." „An die Arbeit also," sagte sei» Anführer. „Aber halt — wir müssen zuerst die Kirche mitnehmen. Der Priester von der St. Paulskirche ist in der letzten Zeit mürrisch gewesen und predigt sonderbare Dinge von der Kanzel herunter, als wären wir wenig besser denn gemeine Plünderer und Räuber. Ja, er hat die Unverschämtheit gehabt, mich, wie er es nannte, zweimal auf seltsame Weise zu warnen. Es wäre gut, dem brummenden Hund den kahlen Schädel einzuschlagen; aber da es von dem Herzog übel genommen werden könnte, so ist die nächste Aufgabe der Weisheit, ihm einen Knochen hinzuwerfen." „Er dürfte ein gefährlicher Feind werden," sagte der Knappe in zweifelhaftem Tone; „seine Gewalt über das Volk ist groß." „Still!" entgegnete Hagenbach. „Ich weiß, wie ich den Glatzkopf entwaffnen muß. Scbick nach ihm und laß ihm sagen, er solle hieher kommen, ich habe mit ihm zu reden. Unterdessen halte alle unsere Leute unter den Waffen, laß die Schanze und den Schlagbaum von Bogenschützen wohl besetzt halten, stelle Lanzenträger in die Häuser auf beiden Seiten des Thorwegs; und laß die Straßen mit wohl zusam- mengebundenen Karren verrammeln, dieselben aber so stellen, als wären sie zufällig daher gekommen — stell' eine Anzahl entschlossener Kerle auf und hinter diese Karren. Sobald die Kaufleute und ihre Maulthiere hereinkommen (denn das ist die Hauptsache) zieht Ihr die Zugbrücke auf, laßt die Fallgatter nieder, und schicket eine Ladung Pfeile unter die außen Stehenden, wenn sie sich rühren. Ihr entwaffnet und sperret die ein, welche herein und zwischen der Verrammelung vorne 32 und dem Hinterhalt hinten und ringsum eingeschlossen sind. Und dann, Kilian"- „Und dann," sagte sein Knappe, „sollen wir uns, wie lustige Freischärler, tief in die englischen Taschen Hineinbücken" — „Und wie fröhliche Jäger," versetzte der Ritter, „ellbogentief i» Schweizer Blut." „Das Wild wird sich aber zur Wehre setzen," antwortete Kilian. „Sie werden von dem Donnerhügcl angeführt, von dem wir gehört haben, und den sie den jungen Bären von Bern nennen. Sie werden sich vertheidigen." „Desto besser, Mann; wolltest du lieber SGaafe tödten, als gejagte Wölfe? Ueberdies, unsere Netze sind gelegt und die ganze Besatzung wird helfen. Schäme dich, Kilian, sonst hast du nicht so viele Bedenklichkeiten gehabt!" „Ich habe auch jetzt keine," sagte Kilian. „Aber diese Schweizer Streitärte und zweihändigen Schwerter in der Breite von vier Zollen sind kein Kinderspiel. — Uno dann, wenn der gnädige Herr unsere ganze Besatzung zu dem Angriff beruft, wem wollet Ihr die Vertheidigung der anderen Thvre und der Ringmauer» anvertrauen?" „Schließ, verriegele die Thore und sperr' sie mit Ketten," erwiederte der Statthalter, „und bring' die Schlüssel hieher. Niemand darf den Platz verlassen, bis die Geschichte vorüber ist. Laß etliche vierzig Bürger zu den Waffen greifen und die Mauern vertheidigen, und sieh nach, daß sie ihre Pflicht ordentlich thun oder ich werde ihnen eine Buße nach Gebühr auferlegen." „Sie werden brummen," sagte Kilian. „Sie sagen, sie seien nicht des Herzogs Unterthanen, obgleich der Ort seiner 33 Gnaden verpfändet ist, sie seien zu keinen Kriegsdiensten verpflichtet." „Sie lügen, die feigen Sklaven," antwortete von Hagenbach. „Wenn ich sie bis daher wenig in Anspruch genommen habe, so ist es geschehen, weil ich ihren Beistand verschmähe; und auch jetzt würde ich mich ihrer Hülfe nicht bedienen, wäre es für etwas Anderes, als eine Wache zu halten, bei der sie nur gerade vor sich hin sehen dürfen. Mach, daß sie gehorchen, wenn ihnen ihr Eigenthum, ihre Personen und Familien lieb sind." Eine tiefe Stimme hinter ihnen sprach die nachdrücklichen Worte der Schrift, — „Ich habe gesehen einen Gottlosen, der war trotzig und breitete sich aus und grünete wie ein Lorbeerbaum. Da man vorüberging, siehe, da war er dahin; ich fragte nach ihm, da ward er nirgends gefunden." Herr Archibald von Hagenbach drehte sich mit finsterem Gesicht um und begegnete den düsteren und unheilweiffagen- den Blicken des Pfarrherrn an der St. Panlskirche, in dem Gewände seines Ordens. „Wir haben Geschäfte, Vater," sagte der Statthalter, und wollen Eure Predigt ein andermal anhvren." „Ich komme auf Euer Begehren, Herr Statthalter," ent- gegnete der Priester, „sonst würde ich mich nicht da aufge- drängt haben, wo meine Predigt, wenn Ihr es so heißen wollt, wie ich zum voraus weiß, nichts Gutes stiften wird." „O, ich bitte Euch um Verzeihung, ehrwürdiger Vater," sagte Hagenbach. „Ja, es ist wahr, daß ich nach Euch geschickt habe, Euch »m Eure Fürbitte und gütige Fürsprache bei der heiligen Jungfrau und dem heiligen Paul in einigen Angelegenheiten zu bitten, welche diesen Morgen wahrschein- Anna v. Geicrstcin >i. 3 34 lich abgemacht werden müssen und bei welchen ich, wie der Lombarde sagt, robn cli §»:>§no *) voraussehe." „Herr Archibald," antwortete der Priester mit Ruhe, „ich will hoffen und glauben, Ihr werdet das Wesen der angcbe- tetcn Heiligen nicht so weit verkennen, daß Ihr sie um ihren Segen bei Handlungen bittet wie die, mit welchen Ihr seit Eurer Ankunft unter uns nur zu oft beschäftigt gewesen seid. Dieses Creigniß ist schon an sich ein Zeichen des göttlichen Zorns. Ja, laßt mich, so niedrig ich auch bin, sagen, daß der Anstand gegen einen Diener des Altars Euch zurückhalten sollte, mir vvrzuschlagcn, ich sollte Gebete für das Gelingen von Plünderung und Räuberei empvrsenden." „Ich verstehe Euch, Vater," erwiederte der räuberische Statthalter, „und Ihr werdet das sehen. Da Ihr des Herzogs Unterthan seid, so müßt Ihr vermöge Eures Amtes Eure Gebete für sein Glück in Sachen sprechen, die nach Gerechtigkeit unternommen werden. Ihr erkennet dies mit einer Verneigung Eures ehrwürdigen Kopfes an? Gut denn, ich will so billig sein wie Ihr. Wir wünschen die Fürsprache der guten Heiligen und die'Eure, ihres frommen Sprechers, in einer Angelegenheit, die ein wenig vom gewöhnliche» Pfade abweicht und, wenn Ihr wollt, einigermaßen bedenklich aussteht; — sind wir berechtigt, Euch oder sie ohne eine billige Erkenntlichkeit für Mühe und Beschwerde darum zu bitten? Gewiß nicht. Deshalb gelobe ich und verspreche feierlich, daß der heilige Paul, wenn mir das Glück in dem Wagestück dieses Morgens hold ist, ein Altartuch und ein silbernes Beckeir haben soll, so groß oder klein, als es meine Beute erlaubt, die heilige Jungfrau Atlas zu einem vollständigen Anzug und >) Einen schönen Gewinnst. D. U- 35 ein Perlenhalsband für die Festtage — und Lu, Priester, etliche zwanzig große englische Goldstücke für deine Bemühung als Unterhändler zwischen uns und den heiligen Aposteln, Wir erkennen uns für unwürdig, mit ihnen in eigener unge- weihter Person zu unterhandeln. Und nun, Herr Priester, verstehen wir einander, denn ich habe wenig Zeit zu verlieren? Ich weiß, Ihr denkt ungünstig von mir, aber Ihr seht, der Teufel ist nicht ganz so schrecklich, wie man ihn malt." „Verstehen wir einander?" gab der Priester zur Antwort. „Ach, nein! und ich fürchte, das wird nie der Fall sein. Hast du nie die Worte gehört, die der heilige Einsiedler, Berchtold von Offringcn, zu der unversöhnlichen Königin Agnes gesprochen, als sie mit so furchtbarer Strenge die Ermordung ihres Vaters, des Kaisers Albrecht, gerächt hatte?" „Ich nicht," entgegnete der Ritter; „ich habe weder die Chroniken der Kaiser studirt, noch dis Legenden der Einsiedler; und darum, Herr Priester, wenn Euch mein Vorschlag nicht gefällt, so wollen wir keine weiteren Worte von der Sacke machen. Ich bin nicht gewohnt, meine Gunstbezeugungen Jemand aufzudrängen oder mit Priestern zu handeln, die Bitten verlangen, wenn man ihnen Geschenke anbietet." „Höret doch die Worte des heiligen Mannes," fuhr der Priester fort. „Die Zeit könnte kommen, und das in einer Kürze, da Ihr gern zu hören wünschen dürstet, was Ihr jetzt mit Hohn zurückwciset." „Sprich, aber sei kurz," sagte Archibald von Hagenbach, „und wisse, daß du zwar die Menge schrecken oder überreden kannst, daß du aber jetzt mit einem Manne sprichst, dessen Entschluß so fest steht, daß ihn deine Beredtsamkeit nicht erschüttern kann" „Wisse denn," sagte der Priester an der St. Paulskirche, 3 «' „daß Agnes, die Tochter Le» ermordeten Albrecht, nachdem sie Ströme von Blut vergossen, um seinen blutigen Tod zu räche», zuletzt die reiche Abtei) Königsfeld gründete. Und damit diese einen größeren Anspruch auf Heiligkeit bekomme, machte sie persönlich eine Wallfahrt zu der Zelle des heiligen Einsiedlers und bat ihn dringend, ihre Abtcy dadurch zu ehren, Laß er seinen Wohnsitz daselbst nehme. Was war aber seine Antwort? Merke sie dir und zittere! „Fort, unbarmherziges Weib," sagte der heilige Mann, „Gott will nicht, daß man ihm mit Blutschuld dien! und verwirft die Geschenke, die mit Gewalt und Raub erworben sind. Der Allmächtige liebt das Milleid, die Gerechtigkeit und Menschlichkeit, und will nur von denen verehrt sein, welche diese lieb haben." Und nun, Archibald von Hagenbach, bist Lu zum ersten, zweiten und drittenmale gewarnt worden. Lebe wie es einem Manne zusteht, über welchen das Urtheil gesprochen ist und der den Vollzug desselben zu erwarten hat." Als er diese Worte mit drobentem Tone und erzürnter Miene gesprochen, wandte sich der Priester von dem Statthalter ab. Dieser war zuerst geneigt, ihn verhaften zu lassen; da er aber an die ernsthafte» Folgen dachte, die cs nach sich ziehen mußte, wenn er gewaltthätig Hand an einen Priester legte, ließ er ihn in Frieden ziehen, denn er wußte wohl, daß seine eigene Unbeliebtheit einen Versuch Hervorrufen könnte, an ihm selbst eine so große Uebercilung zu rächen. Cr rief daher nach einem Becher Burgunder und ertränkte darin seinen Verdruß. Eben hatte er das Gefäß bis zum Grunde geleert und an Kilian zurückgegeben, als der Wächter von seinem Thurm ein Blasen hören ließ, das die Ankunft von Fremden am Thore der Stadt verkündete. Drittes Kapitel. „Ich widerstehe der Begegnung, bis Mein Feind mich übermannt. Der Sturm (nach A. W. v. Schlegel!' „Das war nur schwach geblasen," sagte Hagenbach und stieg ans die Wälle, von denen ans er sehen konnte, was außerhalb des Thores vorging; „wer kommt, Kilian?" Der vertrante Knappe eilte, ihm die Neuigkeiten mitzu- theilen. „Zwei Männer mit einem Manlthier, dem gnädigen Herrn zu dienen; und Kaufleute, vermnthe ich." „Kanfleule? bist du des Teufels, Schurke? Krämer, willst du sagen. Hat man je von englischen Kaufleuten gehört, die zu Fuß reisen und nicht mehr Gepäck haben, als man einem Manlthier aufladen kan»? Das müssen bettelnde Zigeuner sein oder von denen, die das französische Volk Schotten nennt. Die Schelmen! sie sollen mit ihren Wänsten für die Armuth ihrer Beutel zahlen!" „Seid nicht zu hastig, gnädiger Herr," sagte der Knappe; „kleine Geldseckel halten reiche Güter. Aber reich oder arm, 38 das sind unsere Leute, wenigstens sehen sie ganz so ans — der ältere, ziemlich groß und dunkeln Gestchts, mag fünf und fünfzig Jahre alt sein und hat einen etwas grauen Bart; der jüngere, etliche zwanzig, großer als der erste und ein wohlgestalteter Bursche, mit glattem Kinn und hellbraunem Schnurrbart." „Laßt sie herein," sagte der Statthalter und wandte sich, um auf die Straße hinabzugehen, „und bringt sie in die Folterkammer des Zollhauses." Indem er dies sagte, begab er sich selbst nach dem be- zeichneten Ort. Dies war ein Gemach in dem großen Thurm, der den östlichen Thorweg schützte, und hier war der Bock und verschiedene andere Marterwerkzeuge, welche der grausame und räuberische Statthalter bei solchen Gefangenen in Anwendung zu bringen gewohnt war, von denen er entweder Beute oder Nachrichten zu erpressen wünschte. Er trat in das schwach erhellte Gemach, dessen hohe gothische Decke kaum gesehen werden konnte. Schlingen und Stricke, die von derselben herunterhingen, kündigten eine furcktbare Verbindung mit verschiedenen Geräthschasten von rostigem Eisen a», die an den Wänden herumhingen oder zerstreut auf dem Boden lagen. Ein matter Lichtstrahl fiel durch eines der zahlreichen und engen Säiießlöcher, mit denen die Mauern versehen waren, gerade auf die Gestalt und das Gesicht eines großen schwärzlichen Mannes, der nach der bloß theilweisen Beleuchtung in einer finstern Ecke des Unheil verkündenden Gemachs saß. Seine Züge waren regelmäßig und sogar schön, aber von besonders finsterem und drohendem Gepräge. Die Kleidung desselben bestand aus einem Scharlachmantel; sein Haupt war entblößt und von struppigen schwarzen Locken umgeben, welche 39 die Zeit theilweise grau gefärbt. Er beschäftigte sich eifrig mit dem Putzen eines breiten zweibändigen Schwerts von sonderbarer Gestalt und welches bedeutend kürzer war, als die Waffe» dieser Art, die, wie wir beschrieben, bei den Schweizern im Gebrauch standen. So tief war er in sein Geschäft verloren, daß er beim Aufgeben der schweren Thüre mit schnarrendem Geräusch zusammenfuhr. Dabei fiel ihm das Schwert auS der Hand und rollte mit gewaltigem Raffeln an den Steinboden. „Ha, Scharfrichter!" sagte der Ritter beim Eintritt in die Folterkammer, „du rüstest dich für dein Geschäft?" „Es würde des gnädigen Herrn Diener übel bekommen," antwortete der Mann in rauhem, tiefem Ton, „wenn er lässig erfunden würde. Aber der Gefangene ist nicht weit; ich kann darüber aus dem Fallen meines Schwertes urtheilen, denn dieses kündigt unfehlbar die Anwesenheit dessen an, der seine Schneide fühlen soll." „Die Gefangenen sind bei der Hand, Franz," entgegnete der Statthalter, „aber dein Vorzeichen hat dich einmal getäuscht. Es sind Bursche, für die ein guter Strick hinrejchen wird und dein Schwert trinkt bloß edles Blut." „Desto schlimmer für Franz Skeinernherz," erwicderte der Beamte im Scharlach. „Ich glaubte, daß der gnädige Herr, da Ihr immer gütig gegen mich gewesen seid, mich heute adeln würde." „Adeln!" rief der Statthalter; „du bist toll, du, adelig! der Scharfrichter!" „Und warum nickt, Herr Archibald von Hagenbach? Ich denke, der Name Franz Steinernherz von Blutacker sei so gut adelig als ein anderer, den» er ist rechtmäßig und gesetzlich gewonnen. Nun, starret mich nicht so an. Wenn einer von meinem Stand sein schreckliches Geschäft an neun Männern von edler Geburt versieht und mit dem nämlichen Schwert und mit einem einzigen Hieb für jeden Miffethäter, hat er da nicht ein Anrecht auf Freiheit von Abgaben und den Adel durch eine Urkunde?" „So spricht das Gesetz," sagte Herr Archibald, nach kurzem Bedenken, — „aber mehr im Spott, als im Ernst, sollte ich meinen, da man noch Keinen fand, der Ansprüche auf die Wohlthat desselben erhob." „Desto größere Ehre für den," sagte der Gcsetzvollstrecker, „welcher der erste sein wird, die Ehre» in Anspruch zu nehmen, die man einem scharfen Schwert und einem sauber» Streich schuldig ist. Ich, Franz Steinernherz, werde der erste Adelige meines Standes sein, sobald ich noch einen Reichsritker abgefertigt habe." „Du bist immer in meinem Dienst gewesen, nicht wahr?" fragte der Hagenbach. „Unter welch' anderem Herrn," erwiederte der Scharfrichter, „hätte ich mich so beständiger Uebung zu erfreuen gehabt? Ich habe Eure Sprüche an verurtheilten Sündern ausgeübt, seit ich eine Peitsche schwingen, eine Brechstange heben oder diese zuverlässige Waffe schwingen konnte. Und wer kann sagen, ich habe je beim ersten Streich gefehlt oder einen zweiten versetzen müssen? Tristran de l'Hopital, Petit Andre- und Trois Echclles sind mit mir verglichen Stümper im Gebrauch des edlen und ritterlichen Sckwcrts. Wahrhaftig, ich würde mich schämen, wenn ich mich in der Handhabung von Strick und Dolch mit ihnen messen sollte; dies sind keine Geschäfte, die eines christlichen Mannes würdig sind, der zu Ehre» und Adel aufstrebt." „Du bist ein Kerl von ausgezeichneter Geschicklichkeit, das läugne ich nicht," versetzte der Hagenbacher. „Aber es kann nicht sein, ich glaube, es kann nicht sein, daß ich so Viele habe unibringen lassen, da edles Blut ini Lande so selten wird und übermüthige Bauern den Herrn spielen über Ritter und Barone." „Ich will meinem gnädigen Herrn die Kranken, die ich kurirt, mit Namen und Titel hersagcn," sagte Franz und zog eine Pergamenirvlle hervor und las mit fortlaufenden Bemerkungen, — „Da war Gras Wilhelm von Elverscbuh, er war mein Meisterstück, ein freundlicher Jüngling und starb ganz wie ein Christ." „Ich erinnere mich — es war gewiß ein hübscher Junge und er machte meiner Herrin den Hof," sagte Herr Archibald. „Er starb am Tage Juda, im Jahr der Gnade 1455," sagte der Scharfrichter. „Weiter, bloß Namen, kein Datum," sagte der Statthalter. „Herr Miles von Steckenburg." — „Er trieb mein Vieh weg," bemerkte der gnädige Herr. „Herr Ludwig von Riesenfeld," fuhr der Scharfrichter fort- „Er liebelte mit meinem Weib," erläuterte der Statthalter- „Die drei Junker von Lämmerburg — Ihr machtet ihren Vater, den Grafen, an einem Tage kinderlos." „Und er machte euch güterlvs," sagte Herr Archibald, „so ist die Rechnung richtig. — Du brauchst nicht weiter zu lesen," fuhr er fort, „ich gebe zu, daß du deine Liste i» der Ordnung hältst; aber sie ist mit fast allzurothen Buchstaben geschrieben. Ich hatte diese drei jungen Edellcute bloß für eine Hinrichtung gezählt." „Da habt Ihr mir großes Unrecht gethan," sagte Franz, 42 „sie kosten drei gute, besondere Streiche mit diesem guten Schwert." „Sei'S so und Gott sei mit ihren Seelen," sagte Hagen- bach. „Aber Lein Ehrgeiz muß noch eine Zeit lang schlafen gehen, Scharfrichter, denn die Waare, die heute hieher gekommen, ist für Verließ und Strang oder vielleicht eine Bekanntschaft mit dem Bock oder Peitschen mit den Riemen — es ist keine Ehre bei ihnen zu gewinnen." „Desto schlimmer für mich," sagte der Scharfrichter, „ich habe so gewiß geträumt, Eure Ehren würden mich adeln; — und dann der Fall meines Schwerts?" „Nimm einen Schluck Wein und vergiß deine Prophezeihungen." „Mit Eurer Ehren Erlaubniß, nein," sagte der Scharfrichter, „vor Mittag trinken hieße die Festigkeit meiner Hand in Gefahr bringen." „Nun so schweig' und denk' an dein Geschäft," sagte der Hagenbacher. Franz nahm sein entblößtes Schwert auf, wischte ehrerbietig den Staub davon ab und legte es in eine Ecke des Zimmers, wo er stehen blieb und die Hände auf den Knopf seiner gefährlichen Waffe legte. Fast unmittelbar darnach trat Kilian an der Spitze von fünf oder sechs Söldnern herein. Sie führten die beiden Philipson, deren Arme mit Stricken gebunden waren. „Gib mir einen Stuhl her," sagte der Statthalter und nahm feierlich Platz an einem Tisch, auf dem Scbreibgeräthe stand. „Wer sind diese Männer, Kilian und warum sind sie gebunden?" „Mit Eurem Wvhlmeinen, gnädiger Herr," sagte Kilian, tiefe Ehrfurcht im Betragen. Dasselbe war gänzlich verschie- den von dem sich dev Vertraulichkeit nähernden Tone, in welchem er mit seinem Herrn unter vier Augen verkehrte. „Wir hielten nicht für gut, diese beiden Fremden bewaffnet in Eurer huldreichen Gegenwart erscheinen zu lassen; und als wir von ihnen verlangten, sie sollen am Thvre ihre Wehren abgeben, wie es Sitte der Besatzung ist, ließ sich der junge Mensch da beigehen, Widerstand zu leisten. Ich muß aber zugestehen, Laß er seine Waffe auf Befehl seines Vaters auslieferte." „Das ist nicht wahr!" rief der junge Philipson; gehorchte aber alsbald, als ihm sein Vater ein Zeichen gab, stille zu sein. „Edler Herr," sagte der ältere Philipson, „wir sind Fremde und nicht bekannt mit den Vorschriften in dieser Festung; wir sind Engländer und nicht gewohnt, uns persönlicher Mißhandlung zu unterwerfen; wir hegen das Vertrauen, Ihr werdet uns deßhalb für entschuldigt halten, da wir uns ohne alle Angabe der Ursache und ohne zu wissen, von wem, auf grobe Weise angefalle» sahen. Mein Sohn ist jung und unbesonnen und zog seine Waffe theilweise heraus, ließ aber auf mein Geheiß davon ab. Cr hatte sein Schwert nicht völlig entblößt, noch weniger einen Hieb geführt. Ich selbst bin ein Kaufmann und gewohnt, mich den Gesetzen und Gebräuchen der Länder zu unterziehen, in welchen ich meinen Handel treibe; ich befinde mich auf dem Gebiet des Herzogs von Burgund und weiß, daß seine Gesetze und Gebräuche gerecht und billig sein müssen. Er ist der mächtige und treue Verbündete von England und ich fürchte Nichts, so lange ich unter seiner Fahne bin." „Hem! Hem!" entgegnete von Hagcnbach, etwas aus der Fassung gebracht durch des Engländers Ruhe. Vielleicht dachte er auch daran, daß Karl von Burgund, wenn seine Leidenschaften nicht geweckt wurden (wie es der Fall war, wenn er 44 mit den von ihm verabscheuten Schweizern zu thun hatte), daß er dann den Namen eines gerechten, wenn auch strengen Fürsten verdiente, — „Schone Worte sind gut, geben aber schwerlich Ersatz für schlimme Handlungen. Ihr habt aufrührerisch das Schwert gezogen und Euch den Soldnern des Herzogs widersetzt, während diese die Befehle vollzogen, die ihnen in Bezug auf ihre Wache gegeben sind." „Gewiß, Herr," antwortete Philipsou, „das ist eine strenge Deutung einer sehr natürlichen Handlung. Aber, mit einem Wort, wenn Ihr auch streng sein wollt, so könnt Ihr das bloße Zeichen des Schwerts oder den Versuch, cs in einer Stadt mit einer Besatzung zu ziehen, nur mit einer Geldbuße belegen und die müssen wir zahlen, wenn es Euer Wille ist." „Das ist ein einfältiges Schaf," sagte Kilian zu dem Scharfrichter, neben den er sich etwas abseits von der Menge gestellt hatte, „das seine Wolle freiwillig dem Scheerer anbietet." „Es wird kaum hinreichen, seinen Hals zu lösen, Herr Knappe," antwortete Franz Steinernhrrz; „denn, seht Ihr, ich träumte letzte Nacht, daß mich unser Herr zum Edelmann machte und ich sah au dem Fallen meines Schwerts, daß dies der Mann ist, durch den ich adelig zu werden im Begriff bin. Ich werde noch heute mit meinem guten Schwert an ihm zu thun bekommen." „Was, du ehrgeiziger Narr," sagte der Knappe, „das ist kein Edler, sondern ein Krämer von der Insel, — ein bloßer englischer Bürger." „Du irrst dich," sagte der Scharfrichter, „und hast nie Männer gesehen, wenn sie zu sterben im Begriff stehen." 45 „Nickt?" sagte der Knappe. „Habe ich nicht fünf ordentliche Schlachten gesehen, außer unzähligen Scharmützeln und Hinterhalten?" „Das ist keine Probe des Mnths," entgegnete der Scharfrichter. „Alle Männer werden fechten, wenn sie einander gegenüber stehen, der elendeste Hund, — jeder Mistfink. Der aber tapfer ist und edel, kann das Schaffet und den Block ansehen, de» Priester, der ihm die Absolution gibt, und den Henker und das gute Schwert, das ihn in seiner Kraft nie- dermähen soll, als blickte er auf gleichgültige Dinge; und ein solcher ist der Mann, den wir eben vor uns haben." „Ja," erwiedcrte Kilian; „aber dieser Mann schaut nicht auf solche Znrüstungen — er sieht bloß unfern edeln Gönner, Herrn Archibald von Hagcnbach." „Und wer Herrn Archibald sieht," fuhr der Scharfrichter fort, „und ein Mensch von Gefühl und Verstand ist, wie der, welcher vor uns steht, gewißlich ist, sieht der nicht Schwert und Henker? Dieser Gefangene begreift das sicher nur zu wohl und durch die Fassung, die er trotz einer solchen Ueber- zeugung an den Tag legt, beweist er, daß er edles Blut in sich hat, oder ich will nimmermehr adelig werden." „Unser Herr wird sich mit ihm verständigen, denk' ich," versetzte Kilian, „er sieht ihn lächelnd an." „Dann glaubt mir nie wieder etwas," gab der Mann in Scharlach zur Antwort; es liegt in Herrn Archibalds Auge ein Glanz, der Blut bedeutet, so gewiß, als der Hundsstern eine Pestilenz." Während diese Untergebenen des Herrn Archibald von Hagenbach sich so beiseits unterhieltest, hatte dieser die Gefangenen in eine lange Reihe verfänglicher Fragen verwickelt, die ihr Geschäft in der Schweiz, ihre Verbindung mit dem st: 1 ^ 4! IV:- UM Mir ..-ls M'L; ^!,N 8 Hj Eiff 46 Landammann und die Ursache ihrer Reise »ach Burgund be trafen. Der ältere Philipsvn gab hierauf offene und bestimmte Antworten, bis auf die letzte. Er ginge, sagte er, nach Burgund wegen seines Handels — seine Maaren ständen zur Verfügung des Gouverneurs und er möchte sie alle oder einen Thcil derselben zurückbehalten, wie er das vor seinem Herrn verantworte» könnte. Aber sein Geschäft mit dem Herzog wäre eine Privatsache und betreffe einige besondere Handelsgegenstände, bei welchen Andere so gut als er betheiligt seien. Dem Herzog allein, erklärte er, würde er die Sache mitthcilen, und er stellte dem Gouverneur ernstlich vor, daß des Herzogs Mißfallen die unvermeidliche Folge sein würde, wenn er für seine eigene Person oder wenn sein Sohn irgend welchen Schaden litte. Hagenbach gerietst augenscheinlich in Verlegenheit durch den festen Ton seines Gefangenen und erholte sich mehr als einmal Raths bei der Flasche, seinem nie fehlenden Orakel in sehr schwierigen Fällen. Philipsvn hatte dem Statthalter bereitwillig ein Verzeichniß seiner Maaren übergeben und dieses war so einladend, daß Herr Archibald dasselbe mit den Augen völlig verschlang. Er blieb einige Zeit in tiefes Nachdenken versunken, dann hob er den Kopf und sprach: „Ihr müsset wissen, Herr Kaufmann, wie es des Herzogs Wille ist, daß keine Waare aus der Schweiz durch sein Gebiet gehen soll. Dessenungeachtet seid Ihr nach Eurer eigenen Erklärung einige Zeit in diesem Lande gewesen und habt auch eine Anzahl von Männern begleitet, die sich die Schweizer Abgeordneten nennen. Ich bin deshalb zu dem Glauben berechtigt, daß diese werthvollen Gegenstände eher das Sigen- thum dieser Leute sind, als das einer einzelne» Person von so armseligem Aussehen wie Ihr. Wenn ich eine Geldbuße sA- forderte, so würden dreihundert Goldstücke keine übertriebene Strafe für eine so kecke Handlungsweise sein. Ihr mögt dann mit dem Ueberrest Eurer Maaren ziehen, wohin Ihr wollt, wenn Ihr sie nur nicht nach Burgund bringet." „Ich muß aber ausdrücklich nach Burgund und vor den Herzog selbst," sagte der Engländer. „Wenn ich nicht dahin komme, so ist meine Reise umsonst und des Herzogs Mißfallen fällt sicher auf die, so mir dabei Hindernisse in den Weg legen. Denn ich thue Eurer Cdeln zu wissen, daß Euer gnädiger Fürst schon von meiner Reise in Kenntniß gesetzt ist und strenge Nachforschungen anstellen wird, wo und von wem ich darin unterbrochen worden bin." Der Statthalter schwieg abermals und suchte herauszufinden, wie er den Genuß seines Raubs am besten mit der Vorsorge für seine Sicherheit vereinigen könnte. Nach einem Bedenken von einigen Minuten wandte er sich wiederum an seinen Gefangenen. „Du bist sehr bestimmt in deinen Angaben, mein guter Freund; aber meine Befehle sind es eben so sehr und verbieten die Einfuhr von Maaren, die aus der Schweiz kommen. Was dann, wenn ich auf dein Maulthier und dein Gepäck Beschlag lege." „Ich kann Eure Herrlichkeit nicht hindern, zu thun, waS Euch beliebt. In diesem Fall werde ich an de» Stuhl des Herzogs gehen und dort mein Gewerbe anbringen." „Ei, und das meinige auch," antwortete der Statthalter. „Das heißt, du willst bei dem Herzog gegen den Statthalter von La Ferette Klage führen, weil er die Befehle seines Herrn zn pünktlich ausführte?" „Bei meinem Leben und Ehrenwort." entgegnete der Engländer. „Ich werde keine Beschwerde erheben. Laßt mir 48 nur mein baares Geld, denn ohne dieses kann ich kaum an des Herzogs Hof reisen und dann will ich nach diesen Gütern und Maaren nicht mehr zurückschen als der Hirsch nach dem Geweih, welches er das Jahr zuvor abgeworfen." Abermals blickte der Statthalter von La Ferctte bedenklich drein und schüttelte de» Kopf. „Leuten, in solchen Umständen, wie die Eurigen," sagte er, „kann man nicht trauen, und es ist die Wahrheit zu sagen, auch nicht vernünftig, wenn ste Vertrauen erwarte». 2» was bestehen die Maaren, die für den Fürsten insbesondere bestimmt sind.' „Sie sind unter Siegel," versetzte der Engländer. „Sie sind also von seltenem Werth, ohne Zweifel?" fuhr der Statthalter fort. „Ich kann das nicht sagen," erwiederte der ältere Phi- lipson, „und weiß bloß, daß der Herzog einen hohen Werth darauf setzt. Aber Euer Edel» weiß, daß große Fürsten manchmal Kleinigkeiten hoch schätzen." „Traget Ihr sie bei Euch?" sagte der Statthalter. „Seid auf Eurer Hut, was Ihr antwortet — blickt um Euch auf diese Werkzeuge. Sie können einen stummen Mann zum Rede» bringen und bedenkt, ich habe die Macht sie anwenten zu lassen!" „Und ich den Mnth ihre schlimmste Anwendung zu ertragen," antwortete Philipson mit derselben undurchdringlichen Kälte, welche er während der ganzen Unterredung an den Tag gelegt. „Erinnert Euch auch," sagte Hagenbach, „daß ich Eure Person sowohl als Eure Felleisen und Ranzen einer gründlichen Durchsuchung unterwerfen kann." 49 „Ich erinnere mich daran, daß ich völlig in deiner Gewalt bin. Und nm dir keine Entschuldigung dafür zu lassen, daß dn an einem friedlichen Reisenden Gewalt übst, will ich gestehen," entgegnete Philipson, „daß ich das Päckchen des Herzogs in der Brusttasche meines Wamses trage." „Thu' es heraus," gab der Statthalter zur Antwort. „Meine Hände sind gebunden, sowobl durch die Ehre, als im buchstäblichen Verstand," sagte der Engländer. „Reiß' es ihm ans dem Busen, Kilian," rief Herr Archi- bald, „laß »ns Las Zeug sehen, von dem er spricht." „Könnte ein Widerstand etwas nützen," versetzte der standhafte Kaufmann, „so solltet Ihr mir zuerst das Herz ausreißen. Aber ich bitte alle Anwesenden zu beachten, daß jedes der Siegel in dem Augenblick, da es mir gewaltsamer Weise abgenommen wird, daran ganz und unverletzt ist." Als er dies sprach, blickte er auf die Söldner umher, deren Anwesenheit Hagenbach vielleicht vergessen batte. „Wie, Hund!" schrie Herr Archibald und ließ seiner Leidenschaft den Lauf, „wollt Ihr meine Leute zur Meuterei aufreizen? Kilian, laß die Soldaten draußen warten!" Während er dies sagte, steckte er das kleine, aber besonders wohl verwahrte Päckchen, welches Kilian dem Kaufmann abgenommen, hastig unter sein eigenes Gewand. Die Soldaten entfernte» sich, wiewohl zögernd, indem sie rückwärts blickten, wie Kinder, die von einem Schauspiel vor dem völligen Schlüsse desselben weggebracbt werden. „So, Kerl!" sing der Hagenbacher wieder an, „jetzt sind wir mebr unter uns- Willst du jetzt unter mehr angemessene» Verhältnissen mit mir handeln und mir sagen, was in diesem Päckchen ist und woher es kommt?" Anna v. Gelerstein II. 4 50 „Und würde sich Eure ganze Besatzung in dieses Zimmer drängen, ich könnte bloß antworten wie zuvor. — Den Inhalt kenne ich.nicht genau — die Person, von welcher ich geschickt wurde, bin icb entschlossen niwt zu nennen." „Vielleicht ist Euer Sohn gefälliger," sagte der Statthalter. „Er kann Ench nichts sagen, von dem er nichts weiß," entgegnete der Kaufmann. „Die Folter macht vielleicht, daß Ihr Eure Zungen findet; und wir wollen sie an dem jungen Burschen zuerst versuchen, Kilian. Du weißt, wir haben schon Männer vor dem Anblick der verrenkten Glieder ihrer Kinder zurückbeben sehen, die ihre eigenen alten Sehnen mit vieler Standhaftigkeit dem Streckeisen überlassen haben würden." „Ihr könnt den Versuch machen," sagte Arthur," der Himmel wird mir Stärke verleihen, es auszuhalten"- „Und mir Muth es mit anzusehen," fügte sein Vater hinzu. Der Statthalter drehte die ganze Zeit das Päckchen in der Hand herum, und betrachtete jede Falte desselben sorgfältig. Ohne Zweifel bedauerte er heimlich, daß ein paar Stückchen Wachs, die unter einem Umschlag von karmvsin- rothem Atlas angebracht waren und seidene Schnüre seine gierigen Augen abhielten, sich über die Beschaffenheit der Schätze zu vergewissern, welche sie ohne Zweifel verbargen. Zuletzt rief er die Soldaten wieder herein, überlieferte die zwei Gefangenen ihrer Verantwortlichkeit und befahl sie wohl und in abgesonderten Räumen zu verwahren, besonders aber den Vater mit größter Sorgsamkeit zu hüten. „Ich nehme Alle, die hier sind, zu Zeugen," rief der ältere Philipson, ohne die drohenden Geberden des Hagen- 5t bachers zu beuchten, „daß der Statthalter mir ein Päckchen vvrenthält, welches au seine» gnädigsten Herrn und Meister, den Herzog von Burgund gerichtet ist." Die Wuth trieb dem Hagenbacher den Schaum vor den Mund. „Und mußte ich es nicht zurückbehalten?" schrie er mit vor Zorn erstickter Stimme. „Kann nicht ein böser Anschlag gegen das Lebe» unseres gnädigsten Landesherrn, durch Gift oder auf andere Art, in diesem verdächtigen Päckchen stecken, da der, welcher es trägt, so sehr verdächtig ist? Haben wir nie von Giften gehört, welche durch die Geruchswerkzeuge ihre Wirkung thun? Und sollen wir, die wir, wie ich sagen möchte, das Thor zu Seiner Gnaden von Burgund Besitzungen inne haben, sollen wir das hereinlassen, was Europa des Stolzes der Ritterschaft, Burgund seines Fürsten und Flandern seines Vaters berauben könnte! Nein! Weg mit diesen schlechten Menschen, Soldaten — hinunter mit ihnen in die tiefsten Verließe, haltet sie gesondert und bewacht sie gut- Dieser verrätherische Anschlag ist mit Vorwissen von Bern und Solothurn gemacht worden." Also rasete Herr Archibald von Haqenbach mit erhobener Stimme und flammendem Gesicht, indem er seinen Eifer gleichsam selbst empvrstachelte, bis die Tritte der Söldner und das Rasseln ihrer Waffe», die sich mit ihren Gefangenen entfernten, nicht mehr hörbar war. Seine Farbe wurde, als diese aufhörten, blasser, als ihm natürlich war — seine Stirne zog sich in ängstliche Falten — und seine Stimme war leiser und schwankender als gewöhnlich, wie er sich zu seinen Knappen wandte und sagte: „Kilian, wir stehen auf einem schlüpfrigen Brett und ein wüthender Waldstrom ist unter uns. — Was ist zu thun?" L* „Zum Henker! vorwärts schreiten mit verschlossenem, aber vorsichtigem Schritt," erwiederte der listige Kilian. „Es ist ungeschickt, daß all' die Bursche das Päckchen sehen und die Berufung jenes eisennervigen Krämers mit anhdren mußten. Aber dieser»Unfall hat uns nun betroffen, und da das Päckchen in Eurer Eicellenz Händen gewesen ist, so wird man glauben, Ihr habet die Siegel daran erbrochen. Ja, wenn Ihr sie so unverletzt lasset, wie sie in dem Augenblick waren, da sie aufgedrückt wurden, so wird man eben vermulhen, sie seien ans eine sinnreiche Art wieder ersetzt worden. Laßt uns sehen, was darin ist, ehe wir entscheiden, was damit anzufangen sei. Es muß einen seltenen Werth haben, da der grobe Kaufmann es zufrieden gewesen wäre, die ganze reiche Waarenladung seines Maulthiers dahinten zu lassen, sofern dieses kostbare Päckchen ununtersucht durchgelassen würde." „Es könnten Papiere über Staatsangelegenheiten sein. Viele solche und von hoher Wichtigkeit gehen ins Geheime zwischen Eduard von England und unserem kühnen Herzog hin. und her," war die Antwort des Hagenbachers. „Wenn es Papiere sind von Bedeutung für den Herzog," erwiederte Kilian, „so können wir sic nach Dijon befördern. — Oder sie könnten auch von der Art sein, daß Ludwig von Frankreich sie mit Gold aufwäge» würde." „Schäme dich, Kilian," versetzte der Ritter; „wolltest du, daß ich die Geheimnisse meines Herrn an den König von Frankreich verriethe? Eher wollte ich mein Haupt auf den Block legen." „Wirklich? Und doch trägt Eure Epcellenz kein Bedenken" — Hier hielt der Knappe inne, augenscheinlich aus Furcht, 53 etwas Beleidigendes zu sagen, wenn er von dem Treiben seines Gönners zu offen und verständlich redete. „Den Herzog zu plündern, wolltest du sagen, du unverschämter Sclave. Und wenn du das gesagt hättest, so wärest du so dumm gewesen, als du gewöhnlich bist/' gab der Hagenbacher zur Antwort. „Ich nehme mir allerdings einen Antheil an dem Raub, welchen der Herzog den Ausländern abniinmt. und das mit gutem Grund. Gerade so bekommt der Jagdhund und der Falke seinen Antheil an dem Wild, was sie niederwerfen, und des Löwen Antheil noch dazu, wenn der Jäger oder Falkenier ihnen nicht zu nahe ist. Das sind die zufälligen Einkünfte meines Rangs; und der Herzog, der mich hieher setzte, um seinem Unwillen Genüge zu thun und mein Vermögen aufznbessern, mißgönnt sie einem getreuen Diener nicht. Und gewiß darf ich mich, so weit sich der Bezirk La Ferette erstreckt, als des Herzogs völligen Stellvertreter bezeichnen, oder, wie man es auch heißen könnte, als sein anderes Ich — und demzufolge werde ich dieses Päckchen öffnen, welches an ihn und eben darum auch an mich gerichtet ist." Als er sich so gewissermaßen selbst zu einer hohen Vorstellung von seiner eigenen Würde hinaufgeredet, durchschnitt er die Schnüre des Päckchens, welches er die ganze Zeit in der Hand behalten hatte, nahm die äußeren Hüllen ab und brachte ein sehr kleines Kästchen von Sandelholz heraus. „Der Inhalt," sagte er, „muß nvthwendigerweise kostbar sein, da er in einem so kleinen Raume liegt." Bei diesen Worten drückte er an die Feder, das Behält- niß ging auf und zeigte ein Halsband von Diamanten, ausgezeichnet durch Glanz und Größe und augenscheinlich von außerordentlichem Werth. Die Augen des habsüchtigen Statt- 54 Halters und seines nicht weniger raubgierigen Dieners wurden von dem ungewohnten Glanz so geblendet, daß sie eine Zeitlang nichts als Freude und Ueberraschung auszudrücken vermochte». „Ei, der Teufel, Herr," sagte Kilian. „Der halsstarrige alte Spitzbube hatte Ursache zu seiner Widerspenstigkeit. Ich hätte meine eigenen Glieder ein- oder zweimal recken lassen, ehe ich solche Funkler wie die da herausgegeben habe» würde. — Und nun, Herr Archibald, darf Euch Euer getreuer Diener fragen, wie diese Beute zwischen dem Herzog und seinem Statthalter nach den in besetzten Städte» üblichsten Regeln vertheilt werden soll?" „Traun, wir wollen annehmen, die Stadt sei im Sturme genommen worden, Kilian; und bei einem Sturm, weißt Lu, nimmt der erste Finder Alles — immer mit schuldiger Rücksicht auf seine getreuen Begleiter." „Wie ich, zum Beispiel," sagte Kilian. „Ei, und ich, zum Beispiel," erwiederte eine Stimme, die wie der Wiederhall der Worte des Knappen aus dem entfernten Winkel des alten Gemachs hervvrklang. „Tod und Teufel! wir werden behorcht!" rief der Statthalter auffahrend und legte die Hand an den Dolch. „Bloß von einem getreuen Diener, wie der würdige Knappe bemerkt," sprach der Scharfrichter und trat langsam vorwärts. „Schurke, was unterstehst Lu dich, mich zu belauern?" schrie ihn Herr Archibald von Hagenbach an. „Laßt Euch das nicht kümmern, Herr," sagte Kilian. ,,Der ehrliche Steinernherz hat keine Zunge zum Sprechen, kein Ohr zum Hören, als wen» Ihr es verlangt. Wir müssen ihn überdies in unsere Berathung aufnehmen, da die 55 Männer aus der Welt geschafft werden müssen, und das ohne Verzug." „Wirklick!" sagte der Hagenbacher. „Ich hatte im Sinn, sie zu verschonen." „Damit sie dem Herzog von Burgund sagen, wie der Statthalter von La Ferette seinem Schatzmeister von den Abgaben und Bußen bei seinem Zollhaus? Rechnung ablegt?" fragte Kilian. „Es ist wahr," sagte der Ritter; „die Todten haben weder Zahne noch Zungen; sie beißen nicht und erzählen nichts. Du wirst Las in Ordnung bringen, Scharfrichter." „Ich werde es, gnädiger Herr," gab der Nachrichter zur Antwort, „unter einer Bedingung thu». Nämlich, wenn die Hinrichtung im Verließ vor sich gehen soll, was ich das Kellerverfahren nenne, so soll mein Anspruch auf den Adel mir erhalten und sicher bleiben, und es soll erklärt werden, die Hinrichtung begründe meine Ansprüche ebenso gut als es der Fall sein würde, wenn der Streich am Hellen Tageslicht und mit meinem ruhmreichen Richtschwert geführt worden wäre." Der Hagenbacher starrte den Henker an, als verstände er nicht, was er wolle. Kilian nahm daher Gelegenheit zu erklären, der Scharfrichter habe aus dem freien und unerschrockenen Betragen des älteren Gefangenen die feste Ueber- zeugung erlangt, daß dieser ein Mann von edclm Blut sei, und er wolle aus der Enthauptung desselben alle die Dortheile ableiten, die einem Nachrichter zugesagt seien, wenn er sein Geschäft an neun Männern von erlauchter Geburt vollführt habe. „Er mag Recht haben," sagte Herr ArchibalL, „denn hier ist ein Pergamentstreifen, der den Ueberbringer des Halsge- schmeides dem Herzog empfiehlt und Len Wunsch ausspricht. 56 er möge dasselbe als ein sscheres Zeichen von einem annehmen, den er wohl kenne, und dem Ueberbringer vollen Glauben in Allem schenken, was er im Namen derer sagen werde, die ihn schicken." „Non wem ist der Zettel unterzeichnet, wenn ich so frei sein darf, zu fragen?" fragte Kilian. „Es ist kein Name da — man muß voranssetze», daß der Herzog darauf ans den Edelsteinen oder vielleicht ans der Handschrift schließen werde." „Er wird wahrscheinlich noch nicht so bald Gelegenheit finden, an einem von beiden seine Geschicklichkeit zu zeigen," sagte Kilian. Der Hagenbacher blickte auf die Diamanten und lächelte finster. Oer Scharfrichter, den die Vertraulichkeit ermuthigte, in welche er sich gewissermaßen selber eingedrängt hatte, kam wieder auf seine Forderung zurück und bestand darauf, der vermeinte Kaufmann sei ein Adeliger. Ein solches Vertrauen und ein solches unbeschränktes Beglaubigungsschreiben konnte, wie er behauptete, keinem Mann von niedriger Geburt gegeben werden *). „Du irrst dich, du Narr," entgegnete der Ritter. „Die Könige verwenden heutzutage die niedrigsten Werkzeuge zu ihren wichtigsten Geschäften. Ludwig hat zuerst angefangen, seinen Barbier und seine Kammerdiener zu Geschäften zu verwenden, mit denen früher Herzoge und Pairs betraut waren, und andere Monarchen fangen an, bei der Wahl ihrer Beamten und in wichtigen Angelegenheiten sich mehr darnach *) Ludwig XI. war wohl der erste französische König, der bei der Wahl seiner Diener nicht auf die Geburt Rücksicht nahm. Er übertrug oft Leuten von geringer Herkunft die höchsten Stellen. 57 zu richten, wie es um eines Mannes Gehirn, als wie es um sein Blut steht. Und was Len stolzen Blick und das kühne Betragen betrifft, welches jenen Burschen in den Augen von Memmen wie du anszeichnet, so gehört das seinem Lande, nicht aber seinem Stande an. Du meinst, es sei in England wie in Flandern, wo ein Bürgerskind von Gent, Lüttich oder Dpern sich von einem Ritter ans dem Hennegau ebenso wohl unterscheidet, als ein flandrischer Karrengaul von einem spanischen Zelter. Aber du irrst dich. England besitzt manchen Kaufmann von so stolzem Herzen und so entschlossener Hand als irgend ein edelgeborener Sohn des reichen Landes. Aber sei nicht niedergeschlagen, du närrischer Mann, und verrichte deine Pflicht gut an diesem Kaufmann. Wir werden gleich den Landammann von Unterwalden in die Hände bekommen und der ist, obgleich ein Bauer durch seine eigene Wahl, dennoch ein Edelmann von Geblüt. Er soll durch seinen wohlverdienten Tod dir dazu verhelfen, daß du den Bauernbalg los wirst, dessen du so müde bist." „Wäre es nicht besser, wenn Ihr, gnädiger Herr, den Tod dieses Mannes verschieben würdet," sagte Kilian, „bis Ihr etwas von den Schweizergefangenen höret, die wir alsbald in unsere Gewalt bekommen werden?" „Sei cs wie du willst," entgegnete Hagenbach und bewegte die Hände, als wenn er irgend ein unangenehmes Geschäft bei Seite wärfe. „Aber Alles muß fertig sein, ehe ich wieder davon höre." Die furchtbaren Trabanten nickten Gehorsam zu und der Blutrath brach auf. Ihr Anführer verwahrte sorgfältig die kostbaren Steine, welche er sich durch einen Verrath an dem Fürsten, in dessen Dienste er sich freiwillig begeben und durch das Blut zweier unschuldigen Menschen zu erwerben Willens war. Doch bebte er mit einer Schwäche deS Geistes, wie sie bei großen Verbrechern nicht ungewöhnlich ist, vor dem Gedanken an seine eigene Niederträchtigkeit und Grausamkeit zurück und bemühte sich, das Gefühl der Schande aus seiner Seele zu verbanne», indem er die unmittelbare Ausführung seiner Schurkerei auf seine Untergebenen abwälzte. Viertes Kapitel. Und diesen Ort erbauten unsre Väter Für Menschen! Altes Schauspiel. Das Verließ, in welches der jüngere Philips»« eingesperrt wurde, war eine der düster» Höhlen, welche Schmach rufen über die Unmenschlichkeit unserer Vorfahren. Sie schienen fast ganz unempfindlich für den Unterschied zwischen Schuld und Unschuld gewesen zu sein, denn die Folgen einer bloßen Anklage waren weit ernsthafter, als in unseren eigenen Tagen die Einsperrung, auf welche, als auf die ausdrückliche Strafe, für Verbrechen erkannt wird. Der Kerker Arthur Philipsvn's hatte eine beträchtliche Länge, war aber schmal und finster und in Le» Felsen gehauen, auf welchem der Thurm stand. Eine kleine Lampe ward ihm, wiewohl nicht ohne Murren, verwilligt, aber seine Arme blieben noch immer gefesselt; und als er um einen Trunk Wasser bat, gab einer der schrecklichen Trabanten, von denen er in seine Zelle hineingestvßen wurde, mürrisch zur Antwort, er werde seinen Durst wohl so lange aushallen 60 können, als sein Leben noch dauern wurde — eine traurige Erwiederung, welche muthmaßen ließ, seine Entbehrungen werden so lange währen als sein Leben, keines von beiden werde aber lange dauern. Mit Hülfe der dämmernden Lampe hatte er sich zu einer Bank oder einem rauhen, in den Felsen gehauenen Sitz Hinzefunden; und als sich seine Augen nach und nach an die Dunkelkeit des Orts gewöhnten, in welchen er eingeschlossen war, gewahrte er eine schreckliche Spalte im Boden seines Verließes, die einigermaßen der Oeffnung eines Ziehbrunnens glich, aber von unregelmäßiger Gestalt und augenscheinlich die Mündung eines durch die Natur gebildeten Schlundes war, dessen Bildung menschliche Arbeit und Kunst in Etwas unterstützt hatte. „Hier also ist mein Todesbett," sagte er, „und dieser Schlund vielleicht das Grab, welches meinen Ueberresten ent- gegengäbnt! Ich habe von Gefangenen gehört, die in solche furchtbare Abgrunde lebendig hinuntergeworfen wurden; da mußten sie langsam verenden, von Wunden gepeinigt und Niemand vernahm ihre Seufzer, Niemand beweinte ihren Tod!" Er näherte seinen Kops der entsetzlichen Aushöhlung und hörte, wie in großer Tiefe den Ton eines dunkeln und wie es schien, unterirdischen Stroms. Die lichtlosen Wellen schienen murrend ihr Opfer zu fordern. Der Tod ist furchtbar in jedem Lebensalter, aber in der ersten Springflut!) der Jugend, wenn alle Gefühle der Freude lustig sich wiegen und nach Genuß streben, mit Gewalt von dem Mahle weggeführt zn werden, zu welchem man sich kaum erst niedergesetzt hat, ist besonders und selbst dann erschreckend, wenn ein solches Ereigniß im gewöhnliche» Gang der Natur eintritt- Aber wie der junge Philipson am Rande der unterirdischen Tiefe zu 6 t sitze» und in schrecklichen Zweifeln über die Art, in welcher der Tod Hereinbrechen wird, zu grübeln, war eine Lage, welche den kühnsten Geist gebrochen haben würde. Der unglückliche Gefangene war gänzlich unfähig, die Tkränen zurückzuhallen, die in Strömen aus seinen Augen flössen und welche ihm seine gebundenen Arme nicht abzuwiscken «erstatteten. Wir haben bereits bemerkt, daß der Jüngling, obgleich tapfer in Gefahren, denen man ins Gesicht seden und die mau mit Thätigkeit und Anstrengung besiegen konnte, von lebhafter Einbildungskraft und außerordentlich zugänglich für alle die Uebertreibungen war, welche in einem Zustand hülflofer Ungewißheit die Phantasie schafft, um die Seele dessen zu zerrütten, welcher unthätig ein heranziehendes Unglück erwarten muß. Doch waren die Gedanken Arthur Philipson's nicht selbstisch. Sie kehrten zu seinen« Vater zurück, Lessen gerechte und edle Gemüthsart eben so sebr geeignet war, Verehrung hervorzu- rufen, als feine unaufhörliche väterliche Sorge und Zuneigung, Liebe und Dankbarkeit erwecken mußte. Und er war in den Händen gewissenloser Schurken, die den Entschluß gefaßt hatten, ihre Räuberei durch einen heimlichen Mord zu verbergen. So viele Gefahren hatten ihn nicht cntmutlngt, so vielen Kämpfen war er entschlossen entgegen getreten und jetzt lag er gebunden und wehrlos dem Dolche des niedrigsten Meuchelmörders ausgesetzt. Artlnir dachte wieder an die wankende Spitze des Felsens bei Geierstei» und den abscheuliche» Geier, welcher sich auf ihn, als auf feine Beute, stürzen wollte. Hier war kein Engel, der aus dem Nebel hervortrat und ihn auf einen sicheren Weg leit-'te, hier war die Finsterniß unterirdisch und ewig, bis der Gefangene das Messer des Mörders gegen die Lampe blitzen sah, welche ihm Licht gab, um den verhäng- 62 nißvollcn Strich zu führen. Diese Seelenangst dauerte fort, bis die Gefühle des unglücklichen Gefangenen sich zur Raserei steigerten Er fuhr auf und strengte sich so sehr an, sich von seinen Banden zu befreie», daß es schien, sie hätten sollen von ihm abfallen, wie von den Armen des mächtigen Nazareners. Aber die Stricke waren von zu starkem Gewebe und nach einer heftigen und vergeblichen Bemübung, bei welcher die Fesseln ihm ins Fleisch zu dringen schienen, verlor der Gefangene das Gleichgewicht. Der Gedanke durchschauderte ihn, er werde rückwärts in die unterirdische Tiefe stürzen und er fiel mit großer Gewalt auf den Boden. Zum Glück entging er der Gefahr, welche er in seiner Seelenangst befürchtet, aber mit so genauer Noth, daß er mit dem Kopf gegen die niedrige und zerbrochene Schutzmauer stieß, welche die Mündung der gräßlichen Höhle theilweise umgab. Hier lag er betäubt und ohne Bewegung und da die Lampe durch seinen Fall erloschen war, in völlige Finstcr- niß versenkt. Ein knarrender Ton rief ihn zur Empfindung zurück. „Sie kommen — fie kommen — die Mörder! Oh, Mutter der Gnaden! und oh, gütiger Himmel, vergib meine Ueber- tretungen!" Er blickte auf und nahm mit geblendeten Augen wahr, daß eine finstere Gestalt sich ihm mit einem Messer in der einen, mit einer Fackel in der andern Hand näherte. Es hätte wohl der Mann sein können, dem es oblag, das letzte Geschäft an dem unglücklichen Gefangenen zu verrichten, wenn er allein gekommen wäre. Aber er kam nicht allein — seine Fackel beleuchtete das weiße Gewaud eines Frauenzimmers und es wurde dadurch so erhellt, daß Arthur eine Gestalt entdecken und selbst einen Schimmer von Zügen erhaschen konnte, die er nie zu vergessen vermochte, obgleich er sie jetzt unter Umständen erblickte, wie er es am wenigsten hätte erwarten können. Des Gefangenen unaussprechliches Erstaunen bewirkte in ihm eine solche Ehrfurcht, Laß sie seinen persönlichen Schrecken überwältigte — „Kann cs sein?" murmelte er; „hat sic wirklich die Gewalt eines Elementargeistes? hat sie diesen menschenähnlichen und dunkeln Geist heraus beschworen, um mit ihr für meine Befreiung zu wirken?" Es schien, als ob seine Bermuthung richtig wäre, denn die Person in Schwarz gab das Licht Annen von Geierstein oder wenigstens der Gestalt, die mit dieser vollkommene Aehnlichkeit besaß, beugte sich über den Gefangenen und schnitt den Strick, der seine Arme gefesselt hielt, mit solcher Geschwindigkeit durch, daß man hätte meinen können, er falle durch ihre Berührung von ihm ab. Arthur's erster Versuch aufzustehen war ohne Erfolg und zum zweitenmal war es die Hand Anna's von Geierstein — die Hand einer Lebenden, dem Gefühl und dem Gesicht bemerklich — die ihm aufstehen half und ihn stützte, wie sie es früher gethan, als die Gewässer des Waldstroms zu ihren Füßen donnerten. Ihre Berührung brachte eine Wirkung hervor, die weit über den leichten Beistand hinausging, welchen die Stärke des Mädchens hätte gewähren können. Der Muth kehrte in sein Herz, Kraft und Leben in seine erstarrten und zerschlagenen Glieder zurück, solchen Einfluß hat der menschliche Geist, wenn er zur Thä- tigkeit aufgeregt wird, auf die Schwächen des menschlichen Körpers. Er wollte eben Anna mit dem Ausdruck der innigsten Dankbarkeit anreden, aber die Worte erstürben ihm auf der Zunge, als das geheimnißvolle Frauenzimmer den Finger an die Lippen legte, ihm ein Zeichen zu schweigen machte und Hm winkte, ihr zu folgen. Er gehorchte in schweigendem Staunen. Sie traten durch den Eingang des dusteren Kerkers und dann durch einen oder zwei kurze aber verworrene Gange, die an einige» Stellen in den Felsen gehauen, an anderen and behauenen Steinen aufgebaut waren und wahrscheinlich zu äbnlichen Behältnissen führte», wie das in welchem Arthur kürzlich gefangen gesessen hatte. Die Erinnerung daran, daß sein Vater auch in einer so gräuliche» Zelle eingesperrl sein könnte als er eben verlassen, veraulaßte Arthur still zu stehen, als sie unten an einer kleinen Wenbcltreppe angelangt waren, die augenscheinlich aus diesem Theile des Gebäudes heraueführte. „Kommt " sagte er, „tbeuerste Anna, leitet mich zu seiner Befreiung. Ich darf meinen Vater nickt verlassen." Sie schüttelte ungedulbig den Kopf und winkte ihm, weiter zu gehen. „Wenn sich Eure Macht nicht so weit erstreckt," daß Ihr meines Vaters Leben retten könnt, so will ich Zurückbleiben und ihn retten oder sterben! Anna, thenerste Anna" - — Sie gab keine Antwort, aber ihr Begleiter erwiedcrte in tiefem, seinem Aeußeren nicht unangemessenen Tone: „Sprich, junger Mann, mit denen, die dir antworten dürfen; oder besser, sei still und horch' auf meine Anweisungen; sie führen zu dem einzigen Weg, der deinen Vater in Freiheit und Sicherheit bringen kann." Sie stiegen die Treppe hinan und Anna von Gewrstein ging voraus. Arthur, der Licht hinter ihr kam, konnte sich des Gedankens nickt erwehren, daß von ihrer Gestalt ein Tbcil des Lichts ausgehe, welches die Fackel auf ihr Gewand strahlte. ES war dies v.me Zweifel die Wirkung der abergläubischen Meinung, welche Rudolphs Erzählung von ihrer Mutter in seinem Geist hervorgerufen harte. Diese wurde noch befestigt durch ihr plötzliches Erscheinen an einem Ort und unter Verhältnissen, in denen man sie so wenig erwarte» konnte. Es blieb ilnn indessen nicht viel Zeit, um über ihr Aussehen oder ihr Betragen nachznsinnen, denn sie stieg die Treppe leichteren Schrittes hinauf, als daß er ihr in diesem Augenblick auf der Ferse hätte folgen können, und war nicht mehr zu sehen als er den Absatz erreichte. Ob sie aber in die Luft zerschmolzen oder sich seitwärts in einen anderen Gang gewendet hatte, ward ihm nicht ein Augenblick zu untersuchen Muße gelassen. „Hier ist Euer Weg," sprach sein schwarzer Führer. Zugleich löschte er das Licht aus, ergriff Philipson am Arm und führte ihn durch einen dunkeln Gang von beträchtlicher Länge. Der junge Mann war einen Augenblick nicht ohne schlimme Adnungen, denn er dachte an die unheilweiffagenden Blicke seines Führers und Laß derselbe mit einem Dolch oder Messer bewaffnet war, den er ihm ans einmal ins Herz stoßen konnte. Aber er vermochte es doch nicht über sich, Verrath von Einem zu fürchten, den er in der Gesellschaft Anna's von Geierstein gesehen. Sr bat ihr in seinem Herzen die Furcht ab, welche darüber hingezogen war und unterwarf sich der Leitung seines Begleiters, der mit hastigen aber leichten Schritte» weiter ging und ihm zuflüsterte, dasselbe zu thun- „Hier ist unser Weg zu Ende," sagte er endlich. Als er dies sagte, ging eine Thüre auf und sie traten in ein düsteres gvthisches Gemach, in welchem große, eichene Schränke, augenscheinlich mit Büchern und Handschriften gefüllt, standen. Als Arthur um sich blickte, die Angen geblendet durch den plötzlichen Schimmer des Tageslichts, von welchem er einige Zeit ausgeschlossen gewesen war, verschwand die Thüre, durch welche sie eingetreten waren. Dies über- Anna v. Geierstein II. 5 66 raschte ihn jedoch nicht zu sehr, denn er begriff, daß sie, wenn sie zugemacht war, nickt von den Schränken unterschieden werden konnte, da ihr Aeußeres mit dem der Letzteren übereinstimmte und diese um den Eingang herstanden, dessen sie sich bedient hatten, eine Einrichtung, die damals manchmal angetroffen wurde und heutzutage sehr häufig zu sehen ist. Jetzt batte er den vollständigen Anblick seines Befreiers. Derselbe trug blos die Gewänder und Züge eines Geistlichen, ohne den Ausdruck übernatürlicher Schauerlichkeit, welchen ihm die unvollständige Beleuchtung, in Verbindung mit dem düsteren Aussehen von Allem in dem Verließ, verliehen hatte. Der junge Philipsvn atkmete wieder freier und wie einer den man aus einem häßlichen Traum erweckt; die übernatürlichen Eigenschaften, mit welchen seine Einbildungskraft Anna von Geierstein ausgestattet hatte, fingen an zu verschwinden und er redete seinen Befreier also an: „Damit ich meinen Dank aussprechen kann, ehrwürdiger Vater, wo ich so besonders Veranlassung dazu habe, laßt mich Euch fragen, ob Anna von Geierstein" — — „Sprich von dem, was dein Haus und deine Familie betrifft," antwortete der Priester so kurz wie früher. „Hast du deines Vaters Gefahr so bald vergessen?" „Beim Himmel, nein!" versetzte der Jüngling; „sagt mir nur was ich für seine Befreiung zu thun habe und Ihr sollt sehen, wie ein Sohn für einen Vater streiten kann." „Das ist gut, denn es ist nvthwendig," sagte der Priester; „ziehe diese Kleider an und folge mir," Damit reichte er ihm die Kutte und Kappe der Novizen und fuhr fort: „Zieh' die Kappe über dein Gesicht und gib Niemand eine Antwort, wer dir begegnet. Ich werde sagen, du stehest 67 unter einem Gelübde. Möge der Himmel dem nichtswürdi- gcn Tyrannen vergeben, der uns in die Nothwendigkeit »ersetzt, zu solcher Verstellung unsere Zuflucht zu nehmen. Folge mir ganz nahe und hüte dich zu sprechen!" Dis Verkleidung war bald vollendet, der Pfarrer von St. Paul, denn dieser war es, ging voran und Arthur folgte einen oder zwei Schritte hinter ihm. Dabei nahm er, so gut er konnte, den bescheidenen Gang und das demüthige Wesen eines geistlichen Novizen an. Sie verließen die Bibliothek oder das Studirzimmer, stiegen eine kurze Treppe hinunter und standen auf der Straße von La Ferette. Der junge Mann konnte der Versuchung, zurückzuschauen, nicht widerstehen, hatte jedoch blos Zeit zu sehen, daß das Haus, welches sie verkästen, ein sehr kleines Gebäude in gothischem Geschmack war. Auf der einen Seite desselben erhob sich die St. Paulskirche und auf der andern das finstere schwarze Thorgebäude oder der Eingangsthurm. „Folge mir, Melchior," sprach der Priester mit seiner tiefe» Stimme und seine durchdringenden Augen hafteten dabei auf dem unterschobenen Novizen, mit einem Ausdruck, der diesen augenblicklich wieder zum Gefühl seiner Pflicht zurückbrachte. Sie gingen weiter und Niemand achtete auf sie, außer daß man den Priester mit schweigender Verbeugung grüßte oder Worte der Begrüßung murmelte, bis der Führer, als sie nahezu die Mitte des Städtchens erreicht, auf einmal von der Straße ablenkte und nordwärts durch ein kurzes Gäßchen schritt. Hier kamen sie an eine Treppenflucht, welche wie in befestigten Städten, gewöhnlich zu einem Spaziergang hinter der Brustwehre leitete. Diese war von der alten gothischen 5 » 68 Art und in regelmäßigen Zwischenräumen mit Thürmen von mancherlei Gestalt und Höhe, in verschiedenen Winkeln besetzt. Es waren Schildwachen auf den Mauern, aber die Wache wurde, wie eS schien, nicht von regelmäßigen Soldaten, sondern von Bürgern versehen, die Spieße oder Schwerter in der Hand hatten. Der erste an dem ste vvrüberkamen sagte zu dem Priester in halb flüsterndem Tone, „Geht's mit unserem Vorhaben?" „Ja," versetzte der Priester. — »IZeneliicto!, »I)so gratias! - entgegnete der bewaffnete Bürger und setzte seinen Gang ans den Mauerzinnen fort. Die anderen Schildwachen schienen sie zu vermeiden; denn ste verschwanden als ste näher kamen oder gingen an ihnen vorbei ohne ste anzusehen, oder stellten sich, als bemerkten ste nichts von ihnen. Endlich brachte sie ihr Weg an ein altes Tkürmchen, welches seine Spitze über die Mauer empvrhob lind in welches eine kleine Thür von den Mauerzinnen aus sich öffnete. Es war in einer Ecke gesondert und nicht beherrscht von einem der Winkel der Befestigungswerke. In einer wohlbewachten Feste hätte ein solcher Punkt eine Schildwache für sich haben müssen, aber hier war Niemand, der diese Pflicht versah. „Nun höre mich wohl an," sagte der Priester, „denn deines Vaters, und es könnte sein, noch manches anderen Mannes Leben hängt von deiner Aufmerksamkeit und Geschwindigkeit ab. Du kannst laufen? Du kannst springen?" „Ich fühle keine Müdigkeit, Vater, seit Ihr mich befreit," antwortete Arthur; „und das Rothwild, das ich oft gejagt, soll nnr's, wen» solches auf dem Spiele steht, nicht zuvvrlhun." 69 „Merke dir also," versetzte der Pfarrherr von St. Paul, „dies Thürmchen enthält eine Treppe, die zu einer kleinen Ansfallpforte führt. Ich werde dich hineinlaffen. Das Aus- fallpförtchen ist innen verriegelt, aber nicht geschlossen. Es wird dir den Zugang zu dem Graben möglich macken, und dieser ist fast ganz trocken. Hast du denselben überschritten, so befindest du dich im Umfang der äußeren Verschanzungen. Du kannst Schildwachen wahrnehmen, aber sie werden dich nicht sehen — sprich nicht mit ihnen, sondern suche deinen Weg über das Pfahlwerk so gut du kannst. Ich hoffe, du kannst über einen unvertheidigten Wall klettern?" „Ich habe einen vertheidigten überstiegen," sagte Arthur. „Was ist mein nächstes Geschäft? — Alles das ist leickt " Du wirst ein Dickicht oder eine Strecke niederen Gebüsches erblicken — mach', daß du in aller Geschwindigkeit dahin kommst. Wenn du dort bist, so wende dich ostwärts; aber gib acht, daß du bei Einhaltung dieser Richtung nicht von oen burgundischen Freischärlern gesehen wirst, die an diesem Theil der Mauern ans der Wache find. Eine Ladung Pfeile und der Ausfall einer Reiterabtheilung dich zu verfolgen, würde die Folge davon sein, wenn sie dich zu Gesicht bekämen; und ihre Augen sind die des Adlers, der in weiter Ferne das Aas erspäht. „Ich werde vorsichtig sein,,, sagte der junge Engländer. „Außen an dem Dickicht," fuhr der Priester fort, „wirst du einen Fußweg finden, oder vielmehr einen Pfad, der nur von Schaafen begangen wird; er zieht sich in einiger Entfernung von den Mauern hin und wird dich auf die Straße leiten, die von La Ferette nach Basel führt. Eile auf dieser fort, bis du auf die herankommenden Schweizer stoßest. Sag ihnen, daß deines Vaters Stunden gezählt sind, und daß sie schnell sein müssen, wenn sie ihn retten wollen. Sag Rudolph Dvnnerhügel in's Besondere, der schwarze Mönch von der St. Paulskircke erwarte, ihm an der nördlichen Ausfallpforte seinen Seegen ertheilen zu können. Verstehst du mich?" „Vollkommen," antwortete der junge Mann. Der Pfarrer von der St. Paulskirche stieß nun die niedrige Pforte des Thlirmchens auf und Artkur war im Begriff die Treppe hinunterznlaufen, die er vor sich sah. „Halte noch einen Augenblick," sprach da der Priester, „und zieh' die Tracht des Novizen aus, die dir blos hinderlich sein kann." Arthur hatte sie in einem Nu abgeworfen und wollte abermals davoneilen. „Halt' noch einen Augenblick," fuhr der schwarze Priester fort, „dieses Gewand könnte die Geschichte verrathen. — Halt also und hilf mir mein Oberkleid ausziehen." Arthur brannte vor Ungeduld, begriff aber doch die Noth- wendigkeit, seinem Führer zu gehorchen. Als er dem alten Mann das lange und weite Obcrgewand abaestrcift, stand derselbe in einem Leibrock von schwarzer Sersche vor ihm, wie er für seinen Stand und Beruf paßte. Dieser war aber nickt mit einer Leibbinde umgürtet, wie sie die Geistlichen tragen, sondern mit einem aller KirchenorLnung zuwiderlau- sendcn büffellekernen Gehenk, an welchem ein auf Hieb und Stoß berechnetes kurzes zweischneidiges Schwert hing. „Gib mir jetzt de» Novizen-Anzug," sprach der ehrwürdige Vater, „und darunter will ich die Priestertracht anlegen. Da ich für jetzt einige Zeichen eines Laien an mir trage, so geziemt es sich, Laß ich sie mit einem doppelten geistlichen Gewände bedecke." 71 Dieses sagte er mit einem unheimlichen Lächeln, welches sogar noch mehr geeignet war zu erschrecken und einzuschüch- tern, als das erste Siirnrunzeln, was besser zu seinen Zügen paßte und der gewöhnliche Ausdruck derselben war. „Und nun," sagte er, „was zaudert der Narr, wenn Leben und Tod an seiner Eile hängt?" Der junge Botschafter wartete keinen zweiten Wink ab, sondern stieg alsbald die Treppe hinunter, als ob eS nur eine einzelne Stufe gewesen wäre. Er fand das Thor, wie der Priester gesagt hatte, bloß inwendig durch Riegel gesperrt, welche wenig Widerstand Verbote»; nur machte cs ihr rostiger Zustand schwierig, sie aufzuziehen. Dies gelang Arthur indessen und bald befand er sich neben dem Graben, der ein grünes und sumpfiges Aussehen darbot. Ohne sich mit einer Untersuchung aufzuhallen, ob er tief oder seicht wäre und fast ohne von der Klebrigkeit des Morastes etwas zu merken, erzwang sich der junge Engländer einen Weg durch denselben. Er erreichte die entgegengesetzte Seite ohne die Aufmerksamkeit zweier würdiger Bürger von La Ferette zu erregen, die als Wächter an den Verschanzungen standen. Der eine von ihnen war eifrig mit dem Durchlesen einer weltlichen Cbronik oder religiösen Legende beschäftigt; der andere prüfte ebenso ängstlich den Rand des Grabens, vielleicht um Aale oder Frösche zu fangen, denn er trug eine» Beutel auf der Schulter, um derartige Beute aufzubewahren. 'Als Arthur dieses sah, hatte er, wie der Priester vorausgesagt, nichts von der Wacksamkeit der SchilLwache zu besorgen und sprang an dem Pfahlwerk hinauf, in der Hoffnung, sich an der Spitze desselben festhalte» und sie mit einem kühnen Sprung erreichen zu können. Er hatte indessen seine Kräfte überschätzt, oder sie waren durch seine Fesseln und 72 Einsperrung geschwächt worden. Er fiel leicht zurück auf den Boden und als er wieder auf die Füße kam, sah er einen Söldner in gelb und blau vor sich, die Kleidung der Diener Hagcnbachs. Derselbe kam gegen ihn hergelaufen und schrie den trägen und unaufmerksamen Schildwacbcu zu: „Auf! — Auf! Ihr faulen Schweine! Haltet den Hund an, oder Ihr seid beide des Todes!" Der Fischer, der auf der andern Seite stand, legte seinen Aalstecher nieder, zog sein Schwert, schwang es über seinem Kopf und schritt nicht eben in großer Eile auf Phi- lipsvn zu. Der Student machte seine Sachen noch ungeschickter. Denn in seiner Eile, das Buch znzumachen und seinen Obliegenheiten nachzugehen, gerieht er (ohne Zweifel aus Unachtsamkeit) gerade dem Soldaten in de» Weg. Der Letztere, der mit der größten Eile Laherlief, stieß mit dem Bürger so derb zusammen, daß sie beide zu Boden fielen. Der Bürger war jedoch ein ansehnlicher und starker Mann und lag noch da, wohin er gefallen, während der andere, weniger schwer und wahrscheinlich auf das Zusammentreffen weniger gefaßt, das Gleichgewicht und die Herrschaft über seine Glieder zugleich verlor, über den Rand des Grabens rollte und in den Schlamm und Morast versank. Der Fischer und der Student sprangen mit bedächtiger Eile dem unerwarteten und unwillkommenen Theilhaber an ihrer Wache zu Hilfe. Arthur aber, gestachelt durch das Gefühl der drohenden Gefahr, sprang mit mehr Gewandtheit und Kraft an den Verschanzungen empor, als früher; sein Schwung glückte und er eilte jetzt, wie er geheißen worden, mit der äußersten Geschwindigkeit dem Schutze der nahen Gebüsche zu. Auch erreichte er sie ohne irgend welchen Lärm von den Mauern zu hören. Cr wußte aber, daß seine Lage äußerst 73 unsicher geworden war, seit wenigstens ein Mensch von seinem Entweichen ans der Stadt wußte, und daß dieser nicht unterlassen wurde, Lärm zu macken, wenn er im Stande war, sich ans dem Morast hervorznarbeiten. Indessen wollte es Arthur bedenken, als wurden die bewaffneten Burger wahrscheinlich sich dabei als mehr scheinbare denn als wirkliche Helfer erweisen. Während solche Gedanken ihm durch den Kopf schossen, vermehrten sie noch die natürliche Schnelligkeit seiner Füße, und so erreichte er in weniger Zeit, als man es hatte für möglich halten sollen, das licktere Ende des Dickichts, von wo aus er, wie der Priester angedentet, den östlichen Thurm und die nahen Mauerzinnen der Stadt sehen konnte. — „Von Feinden angefüllt und wilden Waffen." Es erforderte zugleich einige Geschicklichkeit von Seiten des Flüchtlings, sich so weit gedeckt zu halten, daß er auf seinem Gang nicht von denen gesehen wurde, die er so deutlich erblickte. Er erwartete deshalb jeden Augenblick einen Hornstoß zu vernehmen oder die Unruhe und Bewegung unter den Vertheidigern wahrzunehmen, die einen Ausfall ver- muthen ließen. Keines von Beiden fand indessen Statt. Der junge Philipso» gab genau auf den Fußpfad Acht, den ihm der Priester bezeichnet, und brachte sich außerhalb den Gesichtskreis der bewachten Thürms; dann wandte er sich der besuchten Heerstraße zu, auf welcher er sich am Morgen mit seinem Pater der Stadt genähert und hatte das Glück, an dem Staub und Glanz der Waffen eine kleine Abtheilung bewaffneter Männer zu erblicken, die gegen La Ferette sich hinzogen, und die er mit Recht für den Vortrab der Schweizer Gesandtschaft hielt. 74 Bald stieß er mit der Abtheilung zusammen, welche aus etwa zelm Manu mit Rudolph Donnerhügel an ihrer Spitze, bestand. Die mit Koth überzogene und an einigen Stellen mit Blut besteckte Gestalt Philipson's, (denn bei seinem Fall in den Verließ batte er sich eine leichte Wunde zugezvge») erregte die Verwunderung eines Jeden, der sich zur Anhörung der Neuigkeiten naher drängte. Rudolph allein schien ungerührt. Wie das Gesicht der alten Bildsäule des Herkules war das Antlitz des gewaltigen Berners breit und derb, und zeigte eine Miene von gleichgültiger und fast starrer Ruhe, welche sich bloß in Augenblicken der wildesten Erregung veränderte. Er hörte ohne Bewegung der athemlosen Erzählung Arthur Philipson's zu, daß sei» Vater im Gefängniß und zum Tode verurtheilt sei. „Und was habt Ihr sonst erwartet?" fragte der Berner kalt. „Hat man Euch nicht gewarnt? Es war leicht, das Unglück vorauszusehen, aber es dürfte unmöglich sein, ihm jetzt noch zuvorzukommen." „Ich gestehe — ich gestehe," sagte Arthur und wog die Hände, „daß Ihr klug wäret und wir Thoren. — Aber ach! denkt nicht an unsere Ttzorheit im Augenblick, wo cs mit uns aufs Aeußerste gekommen ist! Seid der wackere und edel- müthige Kampe, für den Euch Eure Kantone erklären — gewährt uns Eure Hülfe in dieser Todesnot!)!" „Wie aber und auf welche Art?" tagte Rudolph noch unschlüssig. „Wir haben die Basler entlassen, die uns gerne Beistand geleistet hätten. So viel Gewicht hat das Beispiel Eures Gehorsams über uns gehabt. Jetzt sind wir kaum zwanzig Mann stark — wie könnt Ihr von uns verlangen, 75 eine besetzte Stadt anzugreifen, die von Festungswerken unterstützt wird, und mehr als sechsmal so viel Leute enthält, als wir find?" „Ihr habt Freunde in der Festung," entgegnete Arthur, „ich bin davon überzeugt. Horcht, was ich Euch in's Geheim zu sagen habe — der schwarze Mönch thut Euch zu wissen — Euch Rudolph Donnerhügel von Bern — daß er Euch seinen Segen in der nördlichen Ausfallpforte zu geben erwartet." „Ja, ohne Zweifel," fuhr Rudolph fort, und entzog stch Arthur's Versuch, ihn in ein vertrautes Gespräch zu verflechten, dadurch, daß er laut genug sprach, um von Allen ringsum gehört werden zu können. „Es ist kaum daran zu zweifeln, ich werde an dem nördlichen Ausfallthore einen Priester finden, der mich beichten läßt und mich losspricht, und einen Block, ein Beil und einen Nackrichter, um mir den Hals abzuschlagen, wenn jener fertig ist. Aber ich werde den Hals des Sohnes meines Vaters schwerlich in solche Gefahr bringen. Wenn ste einen englischen Krämer ermorden, der sie nur beleidigt hat, was werden sie mit dem Bären von Bern anfangen, dessen Fänger und Tatzen Archibald von Hagenbach zuvor schon gefühlt hat?" Bei diesen Worten faltete der junge Philips»» die Hände und hob sie zum Himmel hinauf, wie einer, der nur noch von dort Hülfe erwartet. Die Thränen sckosscn ihm in die Augen, er ballte die Hände, knirschte mit den Zähnen und drehte dem Schweizer ohne Weiteres den Rücken. „Was soll diese Heftigkeit?" sagte Rudolph, „wohin wollt Ihr jetzt?" „Meinen Vater erretten oder mit ihm zu Grunde gehen," rief Arthur, und war im Begriff, schnellen Laufes nach La Ferette zurückzueilen, als ci» derber aber gut gemeinter Griff ihn festbielt. „Wartet ein wenig, bis ich mein Strumpfband geknüpft habe," sagte Sigmund Biedermann, „oder ich will mit Euch gehen, König Arthur," „Du?" rief Rudolph, „du? — und ohne Befehl?" „Warum, siehst du, Vetter Rudolph," sagte der Jüngling und fuhr mit großer Ruhe fort, sein Strumpfband fest zu machen, welches, nach der Sitte der Zeit, in etwas verwickelter Weise angebracht war. „Du sagst uns immer wir seien Schweizer und freie Leute; und was bringt es den» für einen Vortheil, ein freier Mann zn sein, wenn Einem nicht freisteht zu thun, was er im Sinn hat. Du bist meinHaupt- man», so lang es mir gefällt und nicht länger." „Und warum solltest du mich jetzt verlassen, du Narr? Warum unter alle» Minuten im Jahr gerade in dieser?" fragte der Berner. „Siehst du," versetzte der widerspenstige Bergbewohner, „ich habe mit Arthur de» verwicheneu Monat gejagt und ich habe ihn gern — er hat mich nur einen Narren oder Simpel genannt, weil mir die Gedanken langsamer und kann sein, etwas schwerfälliger kommen, als anderen Leuten. Und ich habe seinen Vater gern — der alte Mann hat mir diesen Gürtel und dies Horn geschenkt, und ich stehe dafür, es kostet manchen Kreuzer. Er hat mir auch gesagt, ich sollte nicht muthlos sein, denn es wäre besser, richtig zu denken, als schnell, und ich habe Verstand genug zum einen, wenn auch nicht zum andern. Und der gnte alte Mann ist nun in Ar- chibald's Schlachthaus! — Aber wir werden ihn befreien, Arthur, wenn zwei Männer es vermögen. Du sollst mich fechten sehen, so lang eine Stahlklinge und ein eschener Schaft Zusammenhalten. Bei diesen Worten schwang er seine ungeheure Partisane, daß sie nnter seiner Faust wie eine Weidenrnthe schwankte. Wahrlich, wenn es gegolten hätte, die Ungerechtigkeit wie einen Ochsen nieder zu schlagen, so wäre in der ganzen auserlesenen Gesellschaft keiner gewesen, der dieses Geschäft so gut vollbracht haben würde, als Sigmund; denn vbschvn etwas kürzer von Gestalt als seine Brüder und von weniger lebhaftem Geist, besaß er doch eine ungeheure Breite der Schultern und Kraft der Muskeln. War er völlig aufgelegt und zum Kampf gereizt — ein Fall, der sehr selten eintrat — so durfte es vielleicht Rudolph selbst, so weit es sich von bloßer Stärke handelte, schwierig gesunden haben, ihm die Stange zu halten. Redlichkeit der Gesinnung und Kraft des Ausdrucks brin- gen stets eine Wirkung auf unverdorbene und edle Gemülhcr hervor. Mehre von den jungen Leuten umher riefen, Sigmund habe wohl gesprochen; wenn der alte Mann sich selbst in Gefahr gebracht habe, so sei es geschehen, weil er mehr an den Erfolg ihres Geschäfts, als an seine eigene Sicherheit gedacht, und sich lieber ihrem Schutze habe entziehen, als sie seinetwegen in Streitigkeiten habe entwickeln wollen. „Um so mehr," sagten sie, „sind wir verpflichtet, ihn vor Schaden zu bewahren; und dies wolle» wir auch thun." „Schweigt! Zhr altklugen Leute!" sagte Rudolph und blickte mit einer Miene der Ueberlegenheit um sich, „und Ihr, Arthur von England, geht zu dem Landammanne, der dicht hinter uns ist; Ihr wisset, er ist unser Obe>anführcr, er ist eben so Eures Vaters aufrichtiger Freund und was er immer zu Eures Vaters Gunsten beschließen mag, Ihr werdet an 78 uns ulken die bereitwilligsten Vollstrecker seines Willens finden." Seine Geführten schienen mit diesem Vorschlag einverstanden, und der junge Philipson sah, daß er nothwendiger- weise sich in das fügen müsse, was man ihm anempfohlen hatte. Er hegte zwar noch immer die Ansicht, der Berner konnte ihn vermögen, seine mannigfaltigen Verbindungen, sowobl mit den jungen Leuten aus der Schweiz als aus Basel und selbst mit der Stadt La Ferette, wie sie aus den Aeuße- rungen des Pfarrers an der Sankt Paulskirche hergeleitct werden konnten, unter solchen Umstünden am krüftigsten unterstützen; aber er setzte mehr Vertrauen in die offene Biederkeit und die unwandelbare Treue Arnold Biedermanns und eilte vvrwürts, ihm seine traurige Erzählung vorzntra- gen und ihn um seinen Beistand anzugehen. Von der Spitze einer Anhöhe, welche er ein paar Minuten nach seinem Weggang von Rudolph und der Vorwache erreichte, erblickte er unter sich den ehrwürdigen Landammann und seine Genossen. Sie waren von ein paar jungen Leuten begleitet, die sich nicht länger auf der Seite der Gesellschaft zerstreuten, sondern ihnen auf dem Fuß und in militärischer Ordnung als Männer nachfolglen, die einen plötzlichen Angriff zurückzutreiben gerichtet waren. Hinter ihnen kam ein Maulthier oder zwei mit dem Gepäck und die Thiere, welche bei m gewöhnlichen Gang ihrer Reise Anna von Geierstein und ihre Dienerin trugen. Beide waren von weiblichen Gestalten besetzt wie gewöhnlich und so weit Arthurs Gesicht reichte, trug die vorderste den wohlbekannten Anzugs Auna's, von dem grauen Mantel bis auf die kleine Reiherfeder herab, welche sie seit ihrem Eintritt in Deutschland, der Sitte des Landes gemäß, als Zeugniß für 79 ihren Rang als Mädchen von ausgezeichneter Geburt getragen hatte. Und dock, wenn des Jünglings Augen ihn jetzt recht berichteten, wie war zu verstehen, was ste ihm früher kund gethan, als sie vor kaum mehr als einer halben Stunde in dem unterirdischen Verließ von La Ferette unter so ganz verschiedenen Umständen dieselbe Gestalt erblickt hatten. Das Gefühl, welches dieser Gedanke in ihm erregte, war mächtig aber vorübergehend wie der Blitz, der durch den mitternächtlichen Himmel stammt und welcher kaum wahrnehmbar wird, ehe er wieder in der Dunkelheit verschwindet- Oder vielmehr die Verwunderung, welche dieser wunderbare Anblick erregte, faßte in seiner Seele bloß Grund in Verbindung mit der Angst um die Rettung seines Vaters, welche ihn vorherrschend beschäftigte. „Wenn es wirklich ein Geist ist," sagte er, „der diese schone Gestalt trägt, so muß er so wohlthätig sein als er liebenswürdig ist, und wird den Schutz, welchen der Sohn zweimal erfahren, noch eher auf den desselben würdigeren Vater ausdehnen." Ehe er jedoch Zeit hatte, einen solchen Gedanken weiter zu verfolgen, war er ans den Landammann und seine Gesellschaft gestoßen. Bei dieser erregte seine Erscheinung und sein Zustand dieselbe Ueberraschung, welche sie früher bei Rudolph und dem Vortrab veranlaßt hatten. Auf die wiederholten Fragen des Landammanns gab er einen kurzen Bericht von seiner eignen Einkerkerung und Flucht. Den ganzen Ruhm der letzteren ließ er dem schwarzen Pfarrherrn an der Sankt Paulskirche und erwähnte mit keinem Wort der anziehenderen weibliche» Erscheinung, von welcher dieser bei der wohl- thätigen Handlung begleitet und unterstützt worden war. Auch einen anderen Punkt verschwieg Arthur. Er hielt es nicht 80 für paffend, Arnold Biedermann Len Auftrag mitzutheilen, den der Priester für Rudvlph's Ohr allein bestimmt hatte. Ob Gutes daraus hervorging oder nicht, er hielt die Verpflichtung zu schweigen für heilig, die ihm ein Mann auferlegt, von welchem er so eben erst den gewichtigsten Beistand erhallen. Der Landammann verstummte einen Augenblick vor Betrübnis' und Ueberraschnng über die Neuigkeiten, die' er vernahm. Der ältere Philipson halte stch seine Achtung gewonnen sowohl durch die Lauterkeit uuo Festigkeit der Grundsätze, welche er anssprach, als durch den Umfang und die Tiefe seiner Kenntniffe, dies war besonders werthvoll und anziehend für den Schweizer und sein bewundernswürdiger Verstand ward hauptsächlich so gefesselt, weil es ihm an der Kenntnis der Länder, Zelten und Sstten fehlte, »nt welcher ihm sein englischer Freund öfters auszuhelfen im Stande war. „Wir wollen vorwärts eilen," sagte er zu dem Bannerträger von Bern und den übrigen Gesandten, „und unsere Vermittlung anbieteu zwischen dem Tyrannen Hagenbach und unserm Freund, dessen Leben in Gefahr schwebt. Er muß auf uns hören, den ich weiß, sein H.rr erwartet diesen Phi- lipsvn an seinem Hofe,zu sehen. Der alte Manu hat mir manchem Wink darüber gegeben. Da wir im Besttz eines solchen Geheimnisses sind, wird es Archibald voll Hangenbach nicht wagen, unserer Wache zu trotzen, denn wir könnten leicht dem Herzog Karl Nachricht davon geben, wie der Statthalter in La Ferelte seine Gewalt in Dingen mißbraucht, bei denen nicht allein die Schweizer, sondern der Herzog selbst betheiligt ist." „Mit Vergunst, mein verehrungswürdiger und werther 81 Herr," gab der Bannerherr von Bern zur Antwort, „wir sind die Abgeordneten der Schweizer und wollen blvs die Beschwerden der Schweiz vortragen. Wenn wir uns in die Streitigkeiten von Fremden cinlassen, so werden wir es schwieriger finden, die unseres Vaterlandes mit Vortheil für dasselbe beizulegenj und wenn der Herzog durch diese an englischen Kaufieuten verübte Niederträchtigkeit den Unwillen des englischen Monarchen auf sich laden sollte, so wird ein Bruch zwischen beiden der Abschluß eines für die Schweizer Cantone rortheilhaften Vertrags für ihn nur um so dringender noth- wendig machen," Ls lag so viel Weltkluges in diesem Rath, daß Adam Zimmermann von Solothurn sogleich seine Znstimmung dazu aussprach. Er fügte hinzu, daß ihr Bruder Biedermann ihnen kaum zwei Stunden früher gesagt hätte, wie die englischen Kauflente auf seinen Rath und nach ihrem eigenen freien Wunsch sich von ihrer Gesellschaft diesen Morgen getrennt hätten, um die Abgeordneten nickt in die Streitigkeiten zu versteckten, welche durck des Statthalters Erpressungen sich über ihre Waaren erheben könnten. „Welchen Vortheil," fuhr er fort, „würden wir nun daraus ziehen, daß sie sich von uns losgesagt haben, wenn wir, wie mein Bruder verlangen zu wollen scheint, das, was den Engländer angeht, noch so betrachten, als wäre er unser Reisegefährte, und als stünde er unter unserem besonderen Schutz?" Dieser selbstsüchtige Sckluß traf den Landammann etwas hart, denn er hatte nur kurz zuvor von dem Edelmuty des älteren Philips»» gesprochen, der sich von selbst eher einer Gefahr blosgestcllt, um durch sein Verweilen bei ihrer Gesellschaft ihre Unterhandlungen nicht zu verwickeln. Er er- Anna v. Geierstein >i. 6 82 schlitterte völlig die Anhänglichkeit des rußbärtiaen Nikolaus Dornstetten und seine Augen wunderten von Zininierniann, dessen Gesicht ein triumvhirendes Vertrauen auf seinen Schuß aussprach, auf seinen Freund den Landammann, der in größerer Verlegenheit war als je, „Bruder," sprach dieser zuletzt mit Festigkeit und Feuer, „ich habe mich geirrt, als ich auf die Weltklugheit stolz war, die ich Euch diesen Morgen lehrte. Der Mann ist allerdings nicht aus un erm Lande, aber er ist von unserm Blut, ein Abdruck des Bckdes unseres gemeinschaftliche» Schöpfe,s, — und verdient um so mehr diese» Namen, als er ein Mann von Rechtschaffenheit und Verdien t ist. Ohne schwere Sunde könnte» wir an einer solchen Person, wenn sie in Gefahr wäre, nicht vvrübergehen, ohne ihr Erleichterung zu verschaffen, wenn sie auch nur neben unserem Wege läge; viel weniger noch dürfen wir sie verlassen, wenn sie sich um unsertwillen in Gefahr begeben hat und damit wir dem Netze entgingen, in welchem sie sich gefangen. Seid darum nicht niedergeschlagen. Wir thun Gottes Willen, wenn wir einem gedrückte» Manne beispringen. Erreichen wir unsere Absicht auf gütlichem Wege, wie ich es hoffe und glaube, so verrichten wir eine gute Handlung, ohne daß sie uns viel kostet; — wenn nicht, so kann Gott die Sacke der Menschlichkeit durch die Hand Weniger so gut vertheidige» als durch die Hand Vieler." „Wenn das Eure Meinung ist," sagte der Bannerhcrr von Bern, „so wird k.in Mann hier Euch im Sticke lassen. Was mich betrifft, so habe ich gegen meine eigne Neigung gesprochen, als ich Euch rieth, einen Bruck mit dem Burgunder zu vermeiden. Aber als Soldat muß ich nothwendig sagen, daß ich lieber mit der Besatzung im offenen Felde 83 fechten wollte, und wäre sie doppelt so stark, als man sagt, denn einen Sturm auf ihre Werke unternehmen." „Nun," sagte der Landammann, „ich hege die aufrichtige Hoffnung, daß wir in die Stakt La Feretle einziehen und dieselbe verlassen werden, ohne von dem friedlichen Charakter abzuweichen, mit welchem uns unsere Sendung von der Tagsatzung bekleidet." 6 * Fünftes Kapitel. Herunter mit dem schuld'gen Haupt des Somerset. Heinrich iv- Z. Thcil. Der Statthalter von La Ferette stand ans den Zinnen des östlichen Eingangsthnrmes seiner Feste nnd blickte auf die Straße nach Basel hin, als zuerst der Vvrtrab der Schweizer Gesandtschaft, dann die Mitte und der Nachzug in der Ferne sich zeigte. Im selben Augenblick hielt der Vortrab an, die Hauptabtheilung schloß sich aus, die Frauen und das Gepäck und die Maulthier im Nachtrabe ruckten ihrerseits init dem größeren Zuge zusammen, und das Ganze war in einen Haufen vereinigt. Jetzt trat ein Diener vor und ließ eines der Ungeheuern Hörnern ertönen, die man dem Auerochsen abgewinnt. Derselbe ist im Canton Uri so häufig, daß man vermuthet, er habe diesem Namen seine Entstehung gegeben. „Sie verlangen Einlaß," sagte der Knappe. 85 „Sie sollen ihn hoben," antwortete Herr Archibald von Kogenbach. „Wie sie aber wieder hinauskommen, ist eine andere nnd unentschiedenere Frage." „Bedenkt es doch einen Augenblick, edler Herr," fuhr der Knappe fort. „Ueberleget wohl, die Schweizer sind wahre Täufel im Gefecht und hoben überdies keine Beute, um den Sieg zu bezahlen — ein paar schlechte Ketten von gutem Kupfer vielleicht, oder von verfälschtem Silber. Ihr habt ihnen dos Mark ausgepreßt — beschädigt Eure Zähne nicht dadurch, daß Ihr den Knochen zu zermalmen versucht." „Du bist ein Narr, Kilian," erwiederte der Hagenbacher, „und es mag auch Feigheit dabei im Spiel sein. Die Annäherung von etlichen vierzig oder höchstens fünfzig Schweizer Partisanen macht, daß du deine Hörner einziekst, wie eine Schnecke vor den Finger eines Kindes. Die meinen sind stark und unbeugsam wie die des Urs, von dem sie so viel sprechen und die sie so unverschämt blasen. Erwäg einmal tu furchtsames Geschöpf, daß die Schweizer Abgeordneten, wie sie sich vermess »erweise nennen, wenn ich sie frei durchziehen lasse, dem Herzog Geschichte» von Kaufleuten erzählen, die an seinem Hof erscheinen sollen und mit kostbaren, an Seine Gnaden besonders adressirten Gegenständen beladen sind. Dann hat Karl die Anwesenheit der Gesandten zu ertragen, welche er verachtet und haßt, und erfährt durch sie, Laß der Statthalter von La Ferette, ob er gleich ihnen Durchzug gestattet, doch sich unterstanden hat, die aufzuhalten, die er sehr gern sehen würde. Den» welcher Fürst würde nicht ein Kästchen fröhlich willkommen heißen, wie das, was wir jenem herumziehenden englischen Krämer abgenommen haben?" „Ich kann nit t absehen, wie durch einen Angriff auf diese Gesandten Euer Edeln Entschuldigung wegen der Plün- 86 derung des Engländers verbessert werden sollte," sagte Kilian. „Weil dn ein blinder Maulwnrf bist, Kilian," entgegnete sein Herr. „Wenn Burannd von einem Streit zwischen meiner Besatzung und den Lümmeln aus den Bergen hört, die er verspottet und doch haßt, so wird jede Nackricht von den zwei Krämern, die bei dem Kampf umgekommen sind, darunter verschwinden. Wenn eine Nachuntersuchung angestellt werden sollte, so versetzt mich ein Ritt von einer Stunde auf kaiserliches Gebiet, und dort wird mir, obgleich der Kaiser ein kopfloser Narr ist, der reiche Fang, den ich bei diesen Insulanern gemacht, eine gute Aufnahme sichern." „Ich will bei Euch, gnädiger Herr, ausharren bis ans Ende," entgegnete der Knappe, „und Fhr sollt Euch überzeugen, daß ich keine Memme bin, wenn auch ein Narr" „Ich habe dich nie dafür gehalten, wenn cs zum Handgemenge kam," sagte Hagenbach, „aber wenn es sich von einem listigen Verfahren handelt, bist du furchtsam und unentschlossen. Reich mir meinen Harnisch und gib Acht, daß du ihn gut schnallst. Die Schweizer Picken und Schwerter sind keine Wcspenstacheln." „Möge sie Euer Edel» mit Ehre und Nutzen tragen," sagte Kilian, und legte, wie cs seinem Dienste zukam, seinem Herrn die vollständige Rüstung eines Reichsritters an. „Eure Absicht, die Schweizer anzugreifen, stellt also fest?" fragte er, „aber was für einen Vorwand werdet Ihr angeben, gnädiger Herr?" „Laß mich allein," sprach Archibald von Hagenbach, „daß ich eine» ergreife oder einen macke. Sorge nur, daß Schönfeld und die Soldaten an ihre» Posten bl-iben, und erinnere Dich, das Losungswort ist — „Burgund zur Rettung." Wer- 87 den diese Worte zuerst gesprochen, so müssen sich die Soldaten zeigen — werden sie wiederholt, so müssen sie angreifen. Und jetzt, da ich gerüstet bin, fort zu den Bauern, und laß sie herein!"' Kilian entfernte sich mit einer Verbeugung. Das Horn der Schweizer hatte zu wiederholkenmalen sein zorniges Brüllen hören lassen. Sie waren erbittert über eine» halbstündigen Aufschub, während dessen keine Antwort aus dem bewachten Thor von La Ferette erfolgte, und jeder Stoß bewieß durch das verlängerte Echo, was er hervornef, die steigende Ungewißheit Lerer, welche die Stadt aufforderten. Zuletzt stieg das Fallgatter in die Höhe, das Thor ging auf, die Zngbiucke fiel und Kilian im Aufzug eines zum Treffen gerüsteten Reisiger» ritt auf einem Klepper im Schritt vorwärts. „Was seid ihr für kecke Leute, ihr Herren, daß ihr hier in Waffen vor der Feste La Ferette haltet, über welche Recht und Herrschaft dem dreimal edlen Herzog von Burgund und Lothringen zusteht und welche ihm zu Nutz und Frommen der treffliche Herr Arcbibald, Freiherr von Hagenbach, des heiligen römischen Reichs Ritter, besetzt hält?" „Mit Euren Wohlnehmen, Herr Knappe," sprach der Landammann," denn einen solche» vermnthe ich in Euch nach der Feder an Eurer Mütze, wir sind hier nicht in feindseliger Absicht, vbgleiti bewaffnet, wie Ihr sebt, »ni uns auf einer gefahrvollen Reise zu vertheidige», auf der wir Lei Tage etwas unsicher sind und bei Nacht niätt immer an zuverlässigen Orten ruhen können. Aber mit unseren Waffen beabsichtigen wir keinen 'Angriff; wäre das, so winde unsere Anzahl nicht so gering sein, als Ihr sie vor Euch seht." „Welches ist denn Euer Stand und Eure Absicht?" fragte 88 Kilian, der gelernt hatte, in seines Herrn Abwesenheit die herrische nnd unverschämte Sprache des Statthalters selbst zu führen, „Wir sind Abgeordnete," gab der Landammann im ruhigen uns glejchmüthigen Ton zur Antwort, ohne den Anschein nach das freche Betragen des Knappen für beleidigend auf- zunehmen oder zu beachten, „von den freien und verbündetem Zanlvnen der Schweizer Staaten und Provinzen und von der guten Stadt Solothurn; wir sind von unserer gesetzgebenden Tagsatzung bevollmächtigt, vor Seine Gnaden, den Herzog von Burgund, in einer Botschaft von hoher Wichtigkeit für beide Länder zu ziehen, und haben die Hoffnung, mit Eures Meisters Herrn — ich meine mit dem edlen Herzog von Burgund, einen sichern, steten und festen Frieden auf solche Bedingungen abzuschließen, wie sie die Ehre und der Vortheil beider Länder heischen, und Streitigkeiten und die Vergießung von Christenblut abzuwenden, welches sonst aus Mangel an einem zeitigen und guten Verständniß stattfinden könnte." „Zeigt mir Eure Beglaubigigungsschreiben," sagte der Knappe. „Wollet verzeihen, Herr Knappe," versetzte der Landammann, „es wird Zeit genug sein, dieß vorzulegen, wenn wir vor Euren, Herrn, dem Statthalter, stehen," „Das will so viel sagen, Ihr wolltet wohl, wenn Ihr wolltet. Es ist gut meine Herren. Und doch möget Ihr von Kilian von Kersberg den Rath hinnehmen, daß es manchmal besser ist, umzukehren, als weiter zu gehen, — Mein Herr und meines Herrn Herr sind kitzliäiere Leute, als die Krämer von Basel, an die Ihr Eure Käse verkauft. Geht heim, Ihr 89 guten Männer, geht heim! Euer Weg liegt vor Euch und Ihr seid ordentlich gewarnt." „Wir danken dir für deinen Rath," sagte der Landani- mann und unterbrach damit den Bannerherrn von Bern, der eine zornige Erwiederung begonnen hatte; „falls er gut gemeint ist; wenn nicht, so ist ein unhöflicher Spaß einem überladenen Geschütz gleich, das auf den Kanonier zurückprallt. Unsere Straße geht vorwärts durch La Ferette und vorwärts haben wir zu gehen im Sinn. Dabei nehmen wir das Geschick, wie wir es vor uns finden." „Also geht vorwärts, in des Teufels Namen," schrie der Knappe, der sich einigermaßen Hoffnung gemacht hatte, er könnte sie von Fortsetzung ihrer Reise abschrecken, dieselbe aber getauscht sah. Die Schweizer traten in die Stadt ein und hielten be- der Wagenburg au, welche der Statthalter über die Straße herüber, etwa zwanzig Klafter vom Thor entfernt, gebildet hatte. Sie stellten sich in militärischer Ordnung auf; ihr kleiner Haufen bildete dabei drei Linien und die Väter der Gesandtschaft befanden sich nebst den beiden Frauenzimmern in der Mitte. Die kleine Schaar bot eine doppelte Fronte dar, eine auf jede Seite der Straße gerichtet; die Mittellinie schaute gerade aus, um vorwärts zu gehen und wartete dazu bloS auf die Entfernung des Hindernisses. Während sie aber so unlhätig da standen, erschien ein Ritter in völliger Rüstung aus einem Seitenthor des großen ThurmcS hervor Lurch dessen Bogen sie in die Stadt cingezogen waren. Er hatte das Viesier aufaeschlagen und schritt mit finsterer und gerunzelter Stirne vor» an der kleinen Linie hin, welche die Schweizer bildeten. 90 „Wer seid Ihr," sprach er, „daß Ihr Euch in Waffen in eine Burgundische Festung eindränget? „Wir sind mit Eurer Edeln Erlaubnis," erwiederte der Landanimann, „Männer, die mit friedlicher Botschaft kommen, obgleich wir zu unserer eigenen Vertheidigung Waffen tragen. Abgeordnete sind wir der Städte Bern und Solothurn, der Kantone Uri, Schwyz und Unterwalden, um Angelegenheiten von Bedeutung mit Seiner Gnaden, dem Herzog von Burgund und Lothringen, zu schlichten/' „Was Städte, was Kantone?" sagte der Statthalter von La Ferette. „Ich habe von keinen solchen Namen unter den freien Städten in Deutschland gehört. — Bern, wahrhaftig! wenn ist Bern ei» Freistaat geworden?" „Seit dem einundzwauzigsten Heumonat," antwortete Arnold Biedermann, „im Jahr der Gnade ei» tausend dreihundert und neun und dreißig, da die Schlacht bei Laupen geschlagen ward." „Weg, eitler alter Mann," sagte der Ritter; meinst du, solche leere Prahlereien werden dich hier etwas nützen? Wir haben allerdings von einigen aufgestandenen Dörfern und Gemeinden in den Alpen gehört, wie sie sich gegen den Kaiser empörten und wie sie mit Hülfe von festen Orten, Hinterhalten und Verstecken ein paar Ritter und Edelleute ermordeten, welche der Herzog von Oesterreich gegen sie geschickt; aber wir dachten kaum, daß solche elende Stadtgemeinden und unbedeutende Meuterbanden die Unverschämtheit haben würden, sich selbst Freistaaten zu nennen und sich vernehmen könnten, in Unterhandlung zu treten mit einem so mächtigen Fürsten als Karl von Burgund." „Möge mir Euer Edeln »erstatten," eutgegnete der Landammann mit völliger Ruhe, „zu sagen, was Eure eigenen Ritter- 91 schaftsgesehe erklären. Wenn der Stärkere einem Schwächeren Unrecht zufügt oder der Adelige einen weniger Edeln beleidigt, so hebt gerade eine solche Handlung den Unterschied zwischen ihnen auf nnd der Beleidiger ist gehalten, gehörige Genngthuung zn geben, wie solche der geschädigte Theil heisü t." „Fort in deine Berge, Bauer!" schrie der übermüthige Ritter; „fort! kämme deinen Bart und röste deine Kastanien. Was! Weil ein paar Ratten und Mäuse einen Zufluchtsort hinter den Mauern und dem Getäfel unserer Wohnunaen finden, sollen wir deshalb zugeben, daß sie uns ihre widerliche Gegenwart und ihre Aeusserunge.i von Freiheit und Unabhängigkeit aufdrängen? Neui. eher wollen wir sie mit dem Absatz unserer eisenbeschlageuen Stiefel zerquetschen." „Wir und keine Leute, auf denen man herumtretcn kann," gab Arnold Biedermann ruhig zur Antwort. „Die, welche es versuchten, haben Steine des Anstoßes gefunden. Laßt, Herr Ritter, laßt einen Augenblick diese hvchmükhige Sprache bei Se>te, die blos zum Kriege führen kann, und horcht auf die Worte des Friedens. Entlaßt unseren Kameraden, den englischen Kaufmann Philips»«, an den Ihr diesen Morgen gegen alles Gesetz die Hände gelegt habt; laßt ihn eine mäßige Summe als Lösegelb zahlen und wir, die wir augenblicklich vor den Herzog müssen, werden ihm einen günstigen Bericht von seinem Statthalter zu La Fcrette abstatten." „So großmüthig wollt Ihr sein, wirklich?" sagte Herr Archibald im spöttischen Tone. „Und welches Pfand wollt Ihr mir gebe», daß Ihr so gnädig mit mir verfahren wollet, wie Ihr vorschlaget?" „Das Wort eines Mannes, der nie seine Zusage gebrochen," entgegnete der Laudammann mit der alten Gelassenheit. „Unverschämter Bauer!" versetzte der Ritter, „ist es an dir, mir etwas vorzuschreibcn? Du bietest dein elendes Wort als Pfand an zwischen dem Herzog von Burgund und Archi- bald vonHagenbach? Wisse, daß Ihr gar nicht nach Burgund gehen werdet, außer etwa mit Fesseln an den Händen und Stricke um die Hälse. — Auf, Burgund zur Rettung!" Kaum hatte er dies ausgesprochen, so zeigten sich die Soldner von hinten und rund um den engen Raum, auf dem sich die Schweizer aufaest-llt hatten. Die Zinnen der Stadt wurden von Männern besetzt, andere erschienen an den Thiiren jedes Hauses in der Straße zum Ausfall bereit und wieder andere an den Fenstern zum Schießen mit Feuerge- wclne» sowohl als mit Bögen und mit Armbrüsten gerüstet. Auch die Söldner, welche die Wagenburg vertheidigten, erhoben sich und schienen den Durchgang vorn streitig machen zu wollen. Der kleine Hanfe, umringt und durch die Zahl überwältiat, aber weder erschreckt noch enlmutbigt, ergriff die Waffen, Das Mitkeltreffm unter dem Landamman bereitete sich, durch die Wagenburg eine Balm zu brechen. Die zwei Seitenlinien stellten sich Rücken an Rücken, um denen die Straße streitig zu macken, welche ans den Häusern Hervorbrechen sollten. Es konnte nickt fetten, viel Blut mußte fließen, keine geringe Arbeit mußte eS werden, bisselbsteine fünfmal stärkere Anzahl diese Handvotl entschlossener Männer bezwang. Herr Arckibald mochte dies vielleicht einsehen, denn er verschob es noch, das Zeichen zum Angriff zu geben, als plötzlich von hinten ein Geschrei entstand: „Verrälherei! Verrätherci!" Ein Soldat, mit Schmutz bedeckt, stürzte vor den Statthalter und sagte in eiligen Worten, daß er, bei einem Versuch, einen Gefangenen anfznhalten, der vor Kurzem entflohen sei, von den Bürgern ergriffen und beinahe im Gra- 93 den erstickt werte» wäre. Er fügte hi»z», die Bürger ließe» so eben den Feind in den Platz herein. „Kilian," sprach der Ritter, „nimm vierzig Mann und eile an das nördliche Thor; stich, hau nieder oder wirf von Len Zinnen, wem Lu in Waffen begegnest, Stadtlcute oder Fremde. Ueberlaß eS mir, mit diesen Bauern im Guten oder Bösen fertig zu werden." Noch ehe der Kilian se nes Herrn Befehlen gehorchen konnte, erhob stet, hinten ein Geschrei und der Ruf: „Basel! Basel! - Freiheit! Freiheit! — Der Tag ist unser!" Und vorwärts drang die Jugend von Basel, die nur so weit entfernt gewesen war, daß Rudolph sie zurückzuberufen vermocht hatte — vorwärts drangen viele Schweizer, die sich in der Nähe der Gesandtschaft und für ein solches Stück Arbeit bereit gehalten hatten; und orwärtS drangen die bewaffneten C'inwolmer von La Ferette, welche der tyrannische Hagenbach gezwungen, zu den Waffen zu greifen und die Wache zu beziehen Sw ergriffen die Gelegenheit, die Basler durch das Thor hereinzulaffen, durch welches Philipson kürzlich entwischt war. Oie Besatzung, welche das entschlossene Auftreten der Schweizer, die der Uebermacbt trotzten, zuvor schon in Etwas entmulkigt, verlor bei diesem neuen und unerwarteten Aufstand alle Fassung. Die meiste» von ihnen halten mehr Lust zu stieben als zu fechten und warfen sich haufenweise von den Mauern, um so auf die beste Art zu enltommen. Kilian und einige Andere, die der Stolz von der Flucht zurückhielt und die Verzweiflung hinderte, um «Made zu bäten, fochten wie Rasende und wurden auf der Stelle- getaktet. Mitten in dieser Verwirrung erhielt der LanLammann seine eigne Sck'aar in Unthätigkeit und gestattete ihnen nicht, Antheil an dem 94 Vorgänge zu nehmen, außer wenn es galt, Gewalt zurückzu- treiben, die ihnen angethan wurde. „Steht alle unbeweglich, erschallte die tiefe Stimme Arnold Biedermann'S unler dem kleinen Häuflein. Wo ist Rudolph? Wehrt Euch für Euer Leben, aber nebmet keinS. — Was gibt's da, Arthur Philipson! Steht still, sag' icb!" „Ich kann nicht stillstehen," sagte Arthur, der im Begriff stand, die Reihen zu verlassen. „Ich muß meinen Vater in den Verließen suchen; ste könnten ihn in der Verwirrung tvdten, während ich hier müßig stehe." „Bei unserer lieben Frau von Einstedeln, Ihr habt Recht," antwortete der Landammann; „daß ich nieinen edlen Gast vergessen konnte! Ich will dir suchen helfen, Arthur — der Aufruhr scheint fast beendet. — Heda, Herr Bannerträger, würdiger Adam Zimmermann, mein guter Freund Nikolaus Bonnstetten, haltet unsere Leute in Ordnung und an ihren Plätzen. Mischt Euch nicht in diesen Aufruhr, sondern laßt die Basler ihre Handlungen verantworten. Ich kehre in ein paar Minuten zurück." Indem er dies sagte, eilte er Arthur Philipson nach, den sein Gedächkniß hinreichend unterstützte, um ihn oben auf die Treppe des Kerkers zu führen. Hier stießen ste auf einen schlimm aussehenden Mann, angethan mit einem Lederwam- mes, der ei» Bündel rostiger Schlüssel im Gürtel trug und dadurch seine» Beruf andeutete. „Zeig' mir das Gefängniß des englischen Kaufmannes," sagte Arthur Philipson, „oder du stirbst von meiner Hand!" „Welchen von ihnen wünschet Ihr zu sehen?" fragte der Kerkermeister, „den alten oder den jungen?" „Den alten," gab der junge Philipson zur Antwort. „Sein Sohn ist Dir entwischt." 95 „Tretet hier herein, Ihr Herren," sagte der Kerkermeister nnd sckod de» Riegel einer schweren Thüre zurück. Am oberen Ende des Gemachs lag der Mann, den sie zn suchen kamen. Cr erhob sich alsbald vom Bode» und eilte sie zu umarmen. „Mein lieber Vater!" — „Mein werther Gast!" riefen sein Sohn und Freund im nämlichen Augenblick, „wie geht's Euch? " „Gut," entgegnete der alte Philipson, „wenn Ihr, mein Freune und Sohn, wie ich aus Eurem Aussehen schließe, als Sieger und in Freiheit kommt, — schlimm, wenn Ihr meine Gefangenschaft tl,eilet." „Habt deswegen keine Furcht," versetzte der Landammann, „wir sind in Gefahr gewesen, aber auf merkwürdige Art befreit worden. Euer schlechtes Lager hat Euch die Glieder steif gemacht. Stützt Euch auf mich, mein edler Gast, und laßt mich Euch in ei» besseres Quartier bringen." Hier wurde er durch ein schweres Rasseln, wie es schien von Eisen, unterbrochen. Es war wenigstens verschieden von dem Getöse des VolkSgetümmels, welches sie noch von der Straße her wie den tiefen Ton eines fernen stürmischen Meeres vernahmen. „Bei Sankt Peter, von den Ketten!" rief Arthur, der augenblicklich die Ursache des Geräusches entdeckte, „der Kerkermeister hat die Thüre ins Schloß geworfen oder sie ist seiner Hand entfallen. Das Schloß hält uns eingefperrt und wir können nur von Außen her befreit werde». — Hund von einem Stvckmeister, Schurke, mach' die Thür auf, oder du stirbst!" „Er ist wahrscheinlich so weit, daß er Deine Drohungen nicht mehr hört," sagte der ältere Philipson, „und Dein Ge- schrei hilft Dich nichts. Seid Ihr aber gewiß, daß die Schweizer die Stadt inne haben?" „Wir sind die friedlichen Besitzer derselben," gab der Landanimann zur Antwort, „und ohne daß ron unserer Seite ein Hieb geführt worden ist." „Also," sagte der Engländer, „werden Euch Eure Begleiter bald ausändig machen. Arthur und ich sind bloße Nullen, und unsere Abwesenheit hätte leicht unvemerkt bleiben können; aber ihr seid eine zu wichtige Person, als daß man Euch nicht vermissen und suchen sollte, wenn Eure Leute gezählt werden." „Ich will hoffen, daß dies geschieht," sprach der LanL- ammann, „obgleich ich mich, wie mich dünkt, schlecht genug ausnebme, da ich hier eingeschlossen bin wie eine Katze, die in einem Schrank Rahm hat stehlen wollen. Arthur, mein wackerer Junge, kennst du kein Mittel den Riegel zurückzu- schieben?" Arthur, welcher eine Minute lang das Schloß untersucht hatte, gab eine verneinende Antwort und fugte hinzu, Laß sie eben Geduld haben und sich gefaßt halten müßten, ruhig ihre Befreiung abzuwartcn, da nichts geschehen könnte, um sie zu beschleunigen. Arnold Biedermann nahm indessen die Gleichgültigkeit seiner Sohne und Begleiter etwas empfindlich auf. „All' meine jungen Leute benutzen, ungewiß darüber, ob ick lebe oder todt bin, meine Abwesenheit ohne Zweifel zu Räubereien und Zügellosigkeiten und der weltkluqe Rudolph kümmert sich vermuthlich nickt darum, ob ich wieder auf der Bübne erscheine. Der Bannerherr und der weißbärtige Narr Bvrnstettcn, der mich seinen Freund nennt, — jeder Nachbar hat mich verlassen — und doch wissen sie, daß ich ängstlich 97 bin wegen der Rettung des unbedeutendsten unter ihnen, daß diese mir mehr am Herzen liegt, als die eigne. Beim Himmel! eS sieht wie eine Kriegerlist aus, und zeigt, daß die unbesonnenen jungen Leute einer zu regelmäßige» und friedlichen Ordnung los werden mochten, um sich denen gefällig zu zeigen, die nach Krieg und Sieg begierig sind." Der Laudammaun trat ganz aus der ihm gewöhnlichen Gemüthsruhe heraus; er war in Besorguiß, seine Landsleute könnten sich in seiner Abwesenheit übel aufführen und war m solchen Betrachtungen über seine Freunde und Genoffen verloren, während der entfernte Lärm in einer vollständigen Stille sich verlor. „Was ist jetzt zu machen?" fragte Arthur Philipson. „Ich denke, sie werden die Ruhe benutzen, um zum namentlichen Aufruf zu schreiten und zu erfahren, wer verloren gegangen ist." Es schien, als ob sich des jungen Mannes Wunsch verwirklichen wollte, denn er hatte ihn kaum ausgesprochen, als das Schloß herumgedreht und die Thüre durch Jemand geöffnet wurde, der sofort die Treppe hinauf davon lief, ehe die, welche er befreit, ihn erblicken konnten. „Es ist wahrscheinlich der Kerkermeister," sagte der Landammann, und er mag besorgen, wie er denn einigen Grund dazu hat, wir möchten mehr erbittert über unsere Einsperrung in dem Verließ als dankbar für unsere Befreiung sein." Bei diesen Worten stiegen sie die Treppe hinan und traten zur Thüre des Tkorthurmes hinaus. Hier wartete ihrer ein seltsamer Anblick. Die Schweizer Abgeordneten und ihr Gefolge hielten noch immer unbeweglich auf der Stelle, wo sie Hagenbach batte angreifen wollen. Einige von des weiland Anna v. Gelerstein u. 7 98 Statthalters Soldnern stunden entwaffnet und geduckt vor der Wut» eines Bürgcrhaufens, d>-s die Straßen stillte, mit niedergeschlagenen Angen Vinter der Säiaar der Bergbewohner, alS ibrem sichersten Zufluchtsort, Aber das war nicht 'Alles. Die Karren, die man kürzlich aufgestellt, uni den Durchgang durch die Straße zu sperren, waren jetzt zusamnienge- bunden und dienten als Unterlage für ein Schaffst, welches man in der Eile aus Brettern zusammengesetzt batte. Auf daffelbe batte man einen Stuhl gestellt, und auf diesem saß ein großer Mann; Kops, Hals und Schultern entblößt, und den übrigen Körper in eine glanzende Rüstung gehüllt. Sein Gsstcht war todesblaß, aber der junge Philipson erkannte in ihm den dartberz>gen Herrn Archibald von Hagenbach. Erschien an den Stnbl festgebunden zu sein. Aus seiner Rechten, ganz nabe an ibm, stand der Pfarrer an der Sankt PanlSkirche mit seinem Brevier in der Hand und murmelte Nebele. Links und etwas hinter dem Gefangenen zeigte stch ein großer rotbgekleideter Mann, der sich mit beiden Händen auf ein bloßes Sbwert stützte, welches wir früher beschrieben haben. In dem Augenblick, da Arnold Biedermann erschien, und ehe der Landammann die Lippen öffnen konnte, uni zu fragen, was der Vorgang vor ihm bedeuten solle, zog stch der Priester zurück, der Scharfrichter trat vorwärts. Er schwang sein Schwert, führte de» Streich, und der Kopf des Opfers rollte auf das Schaffet- Ein allgemeines Beifallsgeschrei und Händeklatschen, wie das, welches ein volles Theater einem beliebte» Schauspieler an den Tag legt, folgte der geschickt vollbrachten Thal. Während der kopflose Leichnam Ströme von Blut emporschoß, welche die Sägespähne auf dem Schaffe! aufsaugten, stellte stch der Nachrichter mit Anstand auf die vier Ecken der Blutbühne nach einander und 99 verbeugte sich mit Bescheidenheit, als die Menge ihn mit Beifallsrufen begrüßte. „Edle Ritter, freigeborene Herren und gute Bürger," sprach er, „die Ihr dieser Handlung der Gerechtigkeit beigewohnt. ich bitte Euch, mir zu bezeugen, daß dieses Urkheil dem Spruche gemäß mit einem Slreich, ohne verfehlten oder wiederholten Hieb, vollzogen worden ist." Das Beifallsgeschrei fing wieder an. „Lange lebe unser Scharfrichter Steinernher und möge er sein Geschäft noch an manchem Tyrannen verrichten!" „Edle Freunde," sprach der Nachrichtcr mit der tiefsten Verbeugung. „Ich habe noch ein anderes Wort zu reden, und ein stolzes Wort soll es sein. — Gott sei der Seele des guten und edlen Ritters, Herrn Archibalds von Hagenbach gnädig. Cr war der Beschützer meiner Jugend und mein Führer auf dem Wege der Ehre. Acht Stufen zur Freiheit und zum Adel habe ich auf den Häuptern von freigeborenen Rittern und Edlen erlliegen, die auf seinen Befehl gefallen sind; die neunte, durch welche ich solche erreicht, habe ich auf seinem eigenen zurückgelegt. In dankdarem Andenken daran will ich diesen Beutel voll Gold austheilen, den er mir erst vor einer Stunde übergab, um Messen für seine Seele lesen zu lassen. Ihr Herren, edle Freunde und nunmehr meine Standesgenossen, La Ferette hat einen Edelmann verloren und einen gewonnen. Die heilige Jungfrau sei dem abgeschiedenen Ritter, Herr» Archibald von Hagenbach gnädig und segne und beglücke den Fortgang St>phanus Steineru- herz vom Blutackir des jetzo rechtmäßigen Freien und Edeln " Damit nahm er aus der Mütze des Verlebten die Feder, welche mit dem Blut desselben besudelt neben seinem Leichnam auf dem Schaffet lag, steckte sie in seine eigene Kappe 100 und empfing die Huldigungen der Menge, welche I» zum Theil ernstlich, zum Theil scherzhaft gemeinten lauten Huffah- rufen eine so ungewöhnliche Verwandlung begrüßte. Arnold Biedermann fand zuletzt wieder Len Athcm, welchen ihm die äußerste Ueberraschung zuerst genommen. Wirklich ging die ganze Hinrichtung viel zu rasch vorüber, als Laß es möglich gewesen wäre. in'S Mittel zu trete». „Wer hat es gewagt, dieses Trauerspiel aufzuführen?" fragte er unwillig. „Und mit welchem Recht hat sie Statt gefunden?" Ein reich in Blau gekleideter Reiter erwiederte auf die Frage: — „Die freien Bürger von Basel haben für sich selbst und nach dem Beispiel gehandelt, das ihnen die Vater der Schweizer-Freiheit gegeben haben; der Tyrann Hagenbach ist nach demselben Rechte gefallen, welches den Tyrannen Geßler zum Tode gebracht- Wir haben ihn geduldet bis sein Becher voll war, und dann nicht mehr." „Ich sage nicht, daß er den Tod nicht verdient habe," entgegnete der Landammann; „aber um Eurer und um unsertwillen hättet Ihr warten sollen, bis Ihr des Herzogs Willen gekannt hättet." „Was redet Ihr uns von dem Herzog?" antwortete Lorenz Neipperg, derselbe junge Mann, Len Arthur bei der geheimen Zusammenkunft der Basler Jünglinge mit Rudolph gesehen hatte. — „Warum sprecht Ihr zu uns von Burgund, da wir doch nicht seine Untertkanen sind? Der Kaiser, unser einzig rechtmäßiger Herr, halte kein Reckt, die Stadt und Festung La Fereite, welche Basel zngehört, zum Nacktheit unserer freie» Stadt zu verpfänden. Er hätte ihre Einkünfte zwar versetzen können, und hätte er eS gcthan, so wäre die 101 Schuld doppelt durch die Erpressungen bezahlt gewesen, welche jener Unterdrücker erhob, der jetzt seinen Lohn empfangen hat. Aber gehr weiter, Landannnan» von Unterwalden. Wenn Euch unsere Handlungen nicht gefallen, so schwöret sie ab am Stuhle des Herzogs von Burgund. Thut Ihr aber also, so schwöret Ihr das Andenken au Wilhelm Teil. Stauffachcr, Fürst und Melchthal ab, die Väter der Schweizer-Freiheit." „Ibr reret recht," sprach der Landammann, „aber eS geschah in einer übelgewählten und unglücklichen Zeit. Geduld hätte Euer» Leiden abgeholfen, und Niemand hat sie tiefer empfunden, Niemand halte sie lieber abgewendet, als ich. Aber ach, unbesonnener junger Mann, Ihr habt die Bescheidenheit Eures Alters und die Unterwürfigkeit, die Ihr älteren Männern schuldig seid, bei Seite gelegt. Wilhelm Tel! und seine Brüder waren Männer von Jahren und Ueber- legnng, Gatten und Vater, sie hatte» ein Recht, im Rath gehört zu werden und die Ersten zu sein beim Handeln. Genug — ich überlasse es den Vätern und NathShcrrn Euerer eigenen Statt, Euer Verfahren zu tadeln oder anzucrkenncn. — Aber Ihr, meine Freunde — Ihr Bannerträger von Bern — Ihr Rudolph — und vor allem Ihr Nikolaus Boustctte», mein Camerad und Freund, warum »ahmet Ihr diesen unglücklichen Mann nicht unter Euern Schutz? Dieses würde Burgund gezeigt haben, daß uns die verläumden, welche gesagt haben, wir wünschen einen Streit mit ihm anzufangcn oder seine Unterthanen zur Empörung zu reizen. Nun werden sich alle diese Vorurtheile in den Gemüthern derer befestigen, die von Natur mehr an Übeln Eindrücken, als an günstigen festhalten." „So wahr ich vom Brote lebe, guter Gevatter und Nachbar," antwortete Nikolaus Boustetten, „ich gedachte 102 Euer» Vorschriften zu gehorchen bis auf's Aeußerste; ich batte auch einmal im Sinn, dazwischen zu treten und den Mann zu schützen, aber Rudolph Donnerhügel erinnerte mich, daß Eure letzten Befehle dahin gelautet, wir sollten stille stehen und die Basler ihre Handlungen verantworten lassen. Und gewiß, sagte ich bei mir selbst, mein Gevatter Arnold weiß besser, als wir Alle, was zu thun passend ist." „Ab, Rudolph, Rudolph," sagte der Landammann und blickte auf ihn mit unwilliger Miene; „hast Lu dich nicht geschämt, einen alten Mann so zu täuschen?" „Wenn Ihr saget, ich habe ihn getäuscht, so ist dies eine harte Beschuldigung; aber von Euch, Landammann," gab der Berner mit seiner gewohnten Ehrerbietung zur Antwort, „kann ich Etwas ertragen. Ick) will bloß sagen, daß ich als Mitglied dieser Gesandtschaft verpflichtet bin, wie ein solches zu denken und meine Meinung abzugeben; besonders wenn der nicht da ist, der Klugheit genug besitzt, um uns Alle zu sichren und zu leiten." „Deine Worte sind immer schön, Rudolph," versetzte Arnold Biedermann, „und ich glaube, deine Meinung sei auch gut. Doch gibt eS Zeiten, in denen ich einigermaßen daran zweifle. — Aber lassen wir Len Woitwechsel, und gebt mir Euern Rath zu Horen, meine Freunde. Wir wollen darum in die Kirche gehen, wo er uns am meisten Nutzen bringen mag, und wo wir zuerst unser» Dank für die Befreiung vom Mord darbriugen und dann überlegen wollen, was zunächst zu thun ist.' Der Landammann schlug demzufolge den Weg in die St. Paulskirche ein und seine Genossen folgten ihm in ihrer Ordnung. Dies verschaffte Rudolph, der als der jüngste die andern vorangehe» ließ, Gelegenheit, Rüdiger, des Landam- 103 Manns ältesten Sobn. heranzuwinken und ihm zuzuflststern. er solle beide englische Kaufleute fortschaffen. „Weg mit ihnen, mein lieber Rüdiger, auf gütlichem Wege, wenn es möglich; aber weg mit ihnen und das gleich. Dein Vater ist ganz bezaubert von diesen zwei engliscben Krämern und wird auf keinen andern Raih horchen. Du und ich, mein liebster Rüdiger, wir wissen, daß Leute wie diese nickt dazu passen, um freigeborenen Sckweizern Gesetze zu geben Schafft den Plunder, dessen man ste beraubt, her- bei, oder dock so viel, als davon noch vorhanden ist und schicke sie in des Himmels Namen fort." Rüdiger nickle zustimmend und ging, seine Dienste für Betreibung der Abreise des älteren Philipson anzubielen Er fand den klugen Kaufmann ,v geneigt, der Verwirrung, welche die §tadt eben darbot. zu entrinnen, als der junge Sckweizer es fein konnte, auf die Abreise desselben zu dringen. Er wartete blvs tarauf, das Kästchen wieder zu bekommen, in dessen Besitz stck Hagenbach gesetzt und Rüdiger Biedermann stellte genaue Nachforschungen danach an. Es war um so wabrsckeinlicher, daß dieselben von Erfolg sein würden, als die Einfachheit der Schweizer sie abhielt, seinen Inhalt nach seinem wabren Werlbe zu schätzen. Eine sorgfältige und eilige Nacksuckung war alsbald eingeleilet. an dem lodten Hagenbach selbst, bei welchem das kostbare Päckchen nickt gesunden werden konnte, und an allen, die sich ihm bei seiner Hinrichtung genäbert oder sein Vertrauen genossen batten. Der junge Plstlipson hätte gerne ein paar Augenblicke benutzt, um stck von Anna von Geierstein zu verabschieden. Aber der araue Schleier war iüd t weiter in den Reihe» der Schweizer zu sehen und es ließ sich rrrnünstigerweise annch 104 me», daß sie sich in der Verwirrung, welche auf Haqenbach's Hinrichtung und de» Ruckzug des kleine» Heeres folgte, in eines der benachbarten Häuser geflüchtet habe. Denn die Soldaten um sie her, welche die Gegenwart ihrer Anführer nickt mehr iui Zaume hielt, batten sich zerstreut, die einen um nach den Gütern zu fahnden, deren der englische Kaufmann beraubt worden war, die andern ohne Zweifel, um an den Vergnügungen der siegreichen bascler Jugend und der Bürger von La Feretke Theil zu nehmen, welche mit so viel Bereitwilligkeit die Festungswerke der Stadt übergeben hatten. Allgemein war unter ihnen das Verlangen, daß La Fe- rette, das man so lange als den Kappzaum der Schweizer Eidgenossen und als ein Hinderniß ihres Handels betrachtet, durch sie fernerhin zum Schutz gegen die Eingriffe und Erpressungen des Herzogs von Burgund und seiner Beamten besetzt werden sollte. Die ganze Stadt war in wildem, aber freudigem Jubel und die Bürger wetteiferten mit einander, den Schweizern alle Arten von Erfrischungen anzubieten. Die Jünglinge, welche die Gesandtschaft begleiteten, eilten fröhlich und im Triumph aus den Umständen Vortheil zu ziehen, welche so unerwartet den ihnen verrätherischerweise gelegten Hinterhalt in einen muntern und lustigen Empfang verwandelt hatten. In dieser Scene der Verwirrung war es Arthur unmöglich, seinen Vater zu verlassen und sich den Gefühlen hinzugeben, welche ihm ein paar freie Augenblicke so wünschens- werth machten. Niedergeschlagen, gedanken- und kummervoll bei der allgemeinen Lust, blieb er bei seinem Vater zurück. Er hatte so viel Ursache ihn zu lieben und zu ehren. Er mußte ihm die verschiedenen Packe und Ballen verwahren und dem Maulthier aufladen helfen. Denn die ehrlichen Schwei- 105 zer hatte» sie nach Hagenbach's Tod wieder bcigebracht und einer suchte den andern in der Rückgabe derselben an ihren rechtmäßigen Besitzer zu überbieten. Mit Mühe konnte man sie dazu vermögen, das Trinkgeld anzunehmen, welches ihnen der Kaufmann aus den Mitteln, die ihm noch übrig geblieben, nicht blvs anbot, sondern aufdrang, und welches nach ihren rohen und einfachen Begriffen den Werth dessen weit zu überschreiten schien, was sie ihm eingebändigt hatten. Dieser Auftritt hatte kaum zehn oder fünfzehn Minuten gedauert, als Rudolph Donnerhügel sich dem älteren Phiüpson näherte und ibn im Tone großer Höflichkeit einlud, in den Rath der Häupter der Gesandschaft zu kommen. Sie wünschten, sagte er, seine Erfahrung über einige wicbli w Fra reu in Bezug auf ihr Betragen bei diesen unerwarteten Ereignissen zu Rathe zu ziehen. „Sorge für unsere Sachen, Arthur, und rühre dich nicht von der Stelle, auf der ich dich lasse," sagte Philipson zu seinem Sohne, „besonders sorge für das versiegelte Päckchen, das mir so schändlicher- und unzerechterweise geraubt worden ist; seine Wiedererlangung ist.von der größten Wichtigkeit." Mit diesen Worten rüstete er sich alsbald, den Berner zu begleiten. Dieser flüsterte in vertraulichem Tone und während sie Arm in Arm der St. Paulskirche zugingen, — „Ich denke, ein Mann von Eurer Einsicht, wird uns kaum rathe», wir sollen uns dem Zorn des Herzogs von Burgund aussetzen, nachdem dieser durch den Verlust seiner Feste und die Hinrichtung seines Beamten so tief beleidigt worden ist. Zhr würdet wenigstens zu klug sein, um uns ferner das Vergnügen Eurer Gesellschaft und Begleitung zu gönnen, da Ihr Euch hiedurch muthwillig in unser» Untergang mitverflechten würdet." 106 „Zch werde meinen Rath geben, so gut ich kann," antwortete Pbilipson, „wenn ich mehr mit den besonderen Umständen bekannt bin, unter denen er von mir verlangt wird." Rudolvh murmelte einen Fluch oder einen zornigen Ausdruck und geleitete Philipsvn ohne ferneres Gespräch zu der Kirche. In einer kleinen an die Kirche stoßenden Kapelle, die dem heiligen Magnus, dem Märtyrer geweiht war, hatten sich die vier Abgeordneten zu einer geheimen Bcrathung vereinigt und saßen um die Nische her, in welcher der Held gewappnet wie zu Lebzeiten stand. Auch der Pfarrer an der St. Paulskirche war zugegen und schien lebhaften Antheil an der Verhandlung zu nehmen, die eben rvr sich ging. Bei Philixlou's Eintritt waren alle eine» Augenblick stille, bis ihn der Landammann also anredete: — „Signore Philipsvn, wir halten Euch für einen weit gereisten Mann, wohl vertraut mit den Sitten fremder Länder und bekannt mit den Eigenschaften deS Herzogs Karl von Burgund. Ihr seid daher geeignet uns in einer Sache.von großer Wichtigkeit einen Nalh zu gebe». Ihr wisset, mit welcher Aengstlichkeit wir in dieser Friedensbotschaft mit dem Herzog zu Werke gehen, Ihr wiss t auch, was heute sich zugetragen und daß dies wahrscheinlich Karl'» in den schwärzesten Farben vorgetragen wird; — würdet Ihr »ns in einem solchen Fall rathen, dem Herzog vor's Gesicht zu treten, während man uns verwirft, wir seien an diesem Vorgang Schuld; oder würden wir besser daran thun, heimzukehren, und uns zum Kriege mit Burgund zu rüsten?" „Wie stehk's um Eure eigene Ansicht über den Gegenstand?" fragte der bchutsame Engländer. 10 ^ „Wir sind getheilt," antwortete der Bannerherr von Bern. — „Ich habe Las Banner von Bern dreißig Jahre lang gegen seine Feinde getragen; ich will es lieber gegen die Lanzen der Ritter ans dem Hennegau und Lothringen führen, als mich der groben Behandlung unterziehen, der wir am Stuhle des Herzogs begegnen müssen." „Wir stecke» unsere Kipfe in des Löwen Rachen, wenn wir vorwärts gehen; es ist meine Meinung, daß wir zurück wandern." — sprach Zimmermann von Solothurn. „Ich würde nicht zum Ruckzug rathen," sagte Rudolph Donnerhügel, „stände mein Leben allein auf dem Spiel; aber der Landammann von Unterwalden ist der Vater der verbündeten Kantone und es wäre ein Vatermord, wenn ich ein- willigte, sein Leben in Gefahr zu setzen. Mein Vorschlag ist, daß wir zurückgehcn, und daß sich die Eidgenossenschaft in Vertheidigungsstand setzen soll." „Meine Ansicht ist verschieden davon," fuhr Arnold Biedermann fort; „und ich verzeihe es keinem Menschen, wenn er, sei es nun aus aufrichtiger oder vorgeblicher Freundschaft, mein unbedeutendes Leben mit dem Vortheil der Kantone in die Waage legt. Gehen wir vorwärts, so setze» wir unsere Köpfe auf's Spiel — das mag sein. Aber wenn wir zurück- geken, so verwickeln wir unser Vaterland in Krieg mit einer Mackt von erster Größe in Europa. Würdige Mitbürger! Ihr seid tapfer im Gefecht, — zeigt es auch jetzt. Wir wolle» nicht zaudern, uns in die persönliche Gefahr zu werfen, die uns jetzt bevorstehen mag. Wenn wir das thun, so können wir möglicherweise Frieden für unser Land gewinnen." „Ich denke und stimme mit meinem Nachbar und Gevatter, Arnold Biedermann," sagte kurz der Abgeordnete von Schwyz. „Ihr höret, wie unsere Meinungen gckheilt lind," sagte der Landammann zu Philipson; „was ist Euer Gutachten?" „Ich möchte Euch zuerst fragen," entgegnete der Engländer, „welchen Antheit Ibr an dem Sturm auf eine Stadt, die von des Herzogs Truppen besetzt war und an der Hinrichtung des Stadthalters genommen habt?" „Der Himmel sei mein Zeuge," antwortete der Landammann, „daß ich von keinem Plan zu einer Erstürmung der Stadt etwas wußte, bis ste unerwartetcrweise Statt fand." „Und was die Hinrichtung Hagenbachs betrifft," sagte der Priester, „so schwöre ich Euch, Fremdling, bei meinem heiligen Orden, daß ste nach der Vorschrift eines dazu befugten Gerichtshofes vorgenommcn wurde, dessen Urkheil selbst der Herzog zu achten gezwungen ist, und dessen Verfahren die Gesandten der Schweizer hätten weder beschleunigen noch verzögern können." „Wenn dies der Fall ist und Ihr beweisen könnt, daß Ihr einem Verfahren fremd geblieben seid," versetzte Philip- son, „welches der Herzog von Burgund höchst übel nehmen muß, wurde ich Euch auf jeden Fall rathen, Eure Reise fort- znsehen. Ihr dürft gewiß seiu, daß Ihr bei diesem Fürsten ein gerechtes und unpartheissches Gehör und vielleicht eine günstige Antwort erlangen werdet. Ich kenne Karl von Burgund; ich kann sogar sagen, daß ich ihn in Betracht der Verschiedenheit unseres Rangs und Lebenswegs gut kenne. Er wird äußerst aufgebracht sein über die ersten Nachrichten von dem was bier vvrgefallen, aber er wird cs nicht zu Euren Ungunsten auslegen. Wenn Ihr aber im Laufe der Untersuchung im Stande seid, Euch von diesen schlimmen Anschuldigungen zu reinigen, so könnte vielleicht der Gedanke an 109 seine eigene Ungerechtigkeit die Waage ans Eure Seite neigen und bewirken, daß er von übertriebener Strenge zu außerordentlicher Gelindigkeit überginge. Eure Sache muß aber dem Herzog gehörig dargesiellt werden, und zwar von einer Zunge, die mit der Sprache der Hofe bester bekannt ist als die Eurige. Solch' ein freundlicher Vermittler hätte ich für Euch werden können, wäre ich nicht des wertbvollen Päckchens beraubt worden, welches ich bei mir trug, um es dein Herzog zum Geschenk zu machen, und als einen Beweis für meine Sendung an ihn " ,,Ein elender Kunstgriff," flüsterte Donierhügel dem Bannerherrn zu, „den der Krämer braucht, um von uns Ersatz für die Maaren zu erhalten, die ihm abgenommen worben sind." Der Landammann selbst theilte vielleicht einen Augenblick diese Ansicht. „Kausmann," sagte er, „wir halten uns für versuchtet, Euch zu vergüten — d. h., wenn unser Vermögen dazu hin' reicht, — was Ihr auch durch Euer Vertrauen auf unseren Schutz verloren haben mvg-t." „Ja, daS wollen wir," sagte der alte Schwyzer, „und wenn es uns zwanzig Zechinen kosten sollte, ihn zu ersetzen," „Ich habe keine Ansprüche auf Sckadloshaltung an Euch zu macken," versetzte Philipsvn, „da ich mich von Eurer Gesellschaft getrennt habe, ehe ich in einen Verlust gerieth. Und es ist mir um das Verlorene nicht sowohl leid wegen seines WertheS, obgleich dieser größer ist, als Ihr Euch vorstellen möget, sondern hauptsächlich, weil der Inhalt ees Kästchens, das ich bei mir hatte, ein Erkennungszeichen war zwi.che» einer Person von blonderer Wichtigkeit und dem Herzog von Burgund. Und jetzt, da eü mir entrissen worden, surchke ich, bei Seiner Gnaden nicht den Glauben zu finden, den ich um meinet- und Euretwillen wünschte. Ohne dasselbe, und wenn ich blos als ein einfacher Reisender aufirete, kann ich nicht so viel auf mich nehmen, als mir möglich gewesen wäre, wenn ich mich auf die Personen hätte berufen können, deren Aufträge ich zu besorgen halte." „Nach diesem wichtigen Päckchen," sagte der Landammann, „soll auf's Sckiärfste gesucht und es soll Euch sorgfältig wieder überliefert werden. Keiner von uns Schweizern kennt den Werth seines Inhalts, und wenn es einer unserer Leute in Händen hat, so wird er es natürlicherweise als Kleinigkeiten zurückgeben, auf die er keinen Werth setzt." Als er dieß gesagt, wurde an die Thür der Kapelle geklopft. Rudolph, welcher derselben am nächsten stand, besprach sich eine Weile mit denen draußen und bemerkte dann mit einem Läckeln, das er aber sogleich wieder unterdrückte, um den Laudammann nicht dadurch zu beleidigen. — Es ist Sigmund, der gute Junge. — Soll ich ihn zu unserer Be- rathung einlassen?" „Zu was den armen einfältigen Burschen?" sagte sein Vater mit bekümmerndem Lächeln. „Ich will doch die Tbüre aufmacken," versetzte Philipson. „Er wünscht sehr hereinzukommen und vielleicht bringt er Neuigkeiten. Jcb habe wahrgenommcn, Landammann, daß der junge Mann, obgleich langsam im Begreifen und im Ausdruck, feste Grundsätze und manchmal glückliche Einfälle hat" Er ließ also Sigmund herein. Arnold Biedermann fühlte einerseils die Schmeichelei, die Philipson einem Knaben gesagt, der gewiß der einfältigste in seiner Familie war und andererseits fürchtete er eine öffentliche Schaustellung der 111 Schwäche seines Kindes oder seines Mangels an Verstand. Sigmund indessen schien voll Zuversicht, und er hatte gewiß Ursache dazu, denn als die kürzeste Art von Erklärung, bot er Philips»» das Diamanten-Halsband nebst dem Kästchen, in welchem es niedergclegt war. Das hübsche Ding gehört Euer," sagte er. „So viel vernahm ich von Eurem Sohn Arthur, der mir sagt, Ihr würdet erfreut sein, es wieder zu bekommen." „Von ganzen, Herzen dank ich dir," entgegnete der Kaufmann. „Das Halsband gehört allerdings mir; d. h. das Päckchen, dessen Inhalt cs ausgemacht hat, war meiner Sorge anvertraut und es ist für mich jetzt von neuem und größerem Werthe, als es an sich hat, da es mir bei einer wichtigen Sendung, die mir obliegt, als Zeichen der Beglaubigung du nt. — Und wie, mein junger Freund," fuhr er gegen Sigmund fort, bist so glücklich gewesen, aufzusinden, was wir bis daher vergeblich gesucht haben? Sei der größten Erkenntlichkeit von mir versichert und halte mich nicht für allzuneugierig, wenn ich dich frage, wie du dazu gekommen bist?" „Was das anbelangt, so ist die Geschickte bald erzählt," antwortete Sigmund. „Ich hatte mich so nahe als möglich an das Schassot gestellt, da ick nie zuvor eine Hinrichtung mit angesehen So bemerkte ich denn, daß der Scharfrichter, der meiner Meinung nach sein Geschäft mit viel Geschicklichkeit verrichtet hat, gerade, da er ein Tuck über den Leichnam tzagenbacks breitete, etwas aus des tobten Mannes Brusttasche nahm und es hastig in die seinige steckte. Als nun der Lärm entstand, daß ein Gegenstand von Werth vermißt werde, eilte ick, den Burschen aufzusuchen. Ich fand ihn, wie er für hundert Kronen Messen am Hochaltar der St. Pauluskirche bestellte, und folgte ihm nach in das Wirlhshaus des Städtchens, 112 wo ihm einige Männer von schlimmem Aussehen als einem sre/en Bürger uno Ekelmann fröhlich zutranken. Ick trat unter sie mit meiner Partisane und verlangte von dem edeln Herr», mir entweder herauszugeben, was er sich anzeignet oder die Schwere der Waffe zu versuchen, die ich trug. Seine Herrlichkeit, der Herr Henker, zögerte und wollte eben ein Geschrei anfangen. Aber ich war etwas kurz angebunden, und so hielt er sür's Beste, mir das Päckchen auszuliefern. Ihr werdet es, hoff' ick, ganz unverletzt finden, wie es Euch abge- nvmmen ward, Herr Philipson, Und — endlich ließ ich sie ihr Fest beendigen — das ist die ganze Geschichte." „Du bist ein braver Junge," sagte Phifipson; „und wenn's im Herzen richtig ist, kann'g im Kopf nickt groß gefehlt sein. Aber die Klicke soll ihre Gebühren nicht verlieren, und ich nehme eS aus mich, ehe ick La Ferette verlasse, die Messe» zu bezahlen, welche der Mann für Hagenbach's Seelenheil beaellt hat, der so unerwartet von der Welt genommen worden ist." Sigmund war im Begriff, eine Antwort zu geben; aber Philipsvn, der fürchtete, er möchte eine Dummheit Vorbringen und seinem Vater die Freude über sein jüngstes Betragen verderben, fügte alsbald hinzu: „eile von dannen, mein guter Junge, und bring das kostbare Kästchen meinem Sohn Arthur." Mit stillem Frohlocken über den erhaltene» Beifall, an den er gar nickt gewöhnt war, nahm Sigmund - bschied, und die Versammlung war wieder sich seldst überlassen. Eine» Augenblick herrschte Stillsckwei en. Der Land- ammann konnte das ausserordentliche Vergnüge» über den Scharfsinn nickt bewältigen, welchen Sigmund bei der gegenwärtigen Gelegenheit an den Tag gelegt; denn sein Betragen im Allgemeinen berechtigte zu keinen derartigen Erwar- ^13 tungen und er wurde gewöhnlich übersehen. Die Umstände gestatteten jedoch nicht, daß er diesem Gefühle Luft machte. Wie sehr er sich auch von den Sorgen erleichtert fühlen mochte, die er bisher in Bezug auf den beschränkten Verstand feines Kindes gehegt, — er behielt seine Freude für sich, und als er Philips»» anredete, that er eS mit seinem gewöhnlichen, offenen und männlichen Wesen. „Signore Philips»»," sagte er, „wir halten Euch nicht für gebunden, an die Anerbietungen, die Ihr uns gemacht, als diese glänzenden Sachen noch nicht wieder in Eurem Besitz waren. Ein Mann kann manchmal denke», wenn er in der und der Lage wäre, könnte er gewisse Zwecke erreichen und, wenn er jene Stellung sich verschafft hat, kann er sich außer Stande finden, seine Absichten dnrchzuführen. Da Ihr aber jetzt so glücklich und unverhofft wieder erlangt habt, waS Euch, wie Ihr saget, bei dem Herzog von Burgund sichren Glauben erwirbt, so frage ich Euch, ob Ihr Euch für berechtigt haltet, zu unser» Gunsten zwischen ihm und unS den Vermittler zu machen, wie Zhr früher vorgeschlagen?" Alle beugte» sich vorwärts, um die Antwort des Kaufmanns zu vernehmen. „Landanimaun," versetzte er, „ich habe nie unter schwierigen Umständen ein Wort gesprochen, welches ich nicht auszulösen bereit war, wen» jene Schwierigkeiten gehoben waren. Ihr saget und ich glaube es, daß Ihr keinen Anlheil an dem Sturm auf La Ferette genommen. Ihr saget auch, daß dem von Hagenbach das Leben durch ei» Gericht genommen worden sei, auf das Ihr keinen Einfluß besaßet und ausübtet — setzet ein Protokoll auf, das solches bewahrheitet und soweit als möglich erweist. Vertrauet es mir an, — versiegelt, wenn Ihr wollt, — und wenn diese Umstände bestätigt sind, so ver- Anna v. Geierstein II. 8 114 pfände ich mein Wort als — als — ehrlicher Mann und als Engländer von rechtmäßiger Herkunft, daß der Herzog Euch weder gefangen setzen, noch Euch eine persönliche Beleidigung zufügen wird. Ich hoffe auch Karl'n triftige Grunde darzulegen, aus denen ein Freundschaflsbünkniß zwischen Burgund und den verbündeten Schweizer Kantonen von Seiten Seiner Gnaden eine kluge und hochherzige Maßregel wäre. Es ist jedoch möglich, daß mir das Letztere mißlingt. Geschieht es, so wird es mir höchst schmerzlich fallen. Wenn ich aber für Euer» sichern Hinzug an de» Hof des Herzogs und Eure sichere Rückkehr von demselben in Euer Vaterland einstehe, so denke ich, das wird nicht fehlfchlagen. Geschieht es, so soll mem eigenes und das Leben meines einzigen und geliebten Kindes für mein übergroßes Vertrauen auf des Herzogs Gerechtigkeit und Ehre büßen." Die anderen Abgeordneten standen und schwiegen und blickten auf den Landammann; aber Rudolph Donnerhügel nahm das Wort. „Sollen wir denn unser eigenes und was uns noch theu- rer ist, das Leben unsers verehrten Mitgesandten, Arnold Biedermanns, auf das bloße Wort eines fremden Handelsmannes wagen? Wir kennen alle des Herzogs Gemüthsart und wissen wie rachsüchtig und rücksichtslos er immer gegen unser Land gewesen ist. Ich meine, der englische Kaufmann sollte sich über die Art seines Einflusses am burgundischcn Hof deutlicher erklären, wenn er erwartet, daß wir so unbedingtes Vertrauen auf denselben setzen sollen." „Das, Signore Rudolph Donnerhügel," eutgegnete der Kaufmann, „steht mir nicht frei. Ich dränge mich nicht in Eure Geheimnisse, ob sie Euch nun als Ganzem oder als einzelne Personen angehören. Meine eigenen sind heilig. 115 Wenn ick bloß meine eigene Sicherheit zn Rathe zöge, so würde ich am klügste» thnn, mich hier von Euch zu trennen. Aber der Zweck Eurer Sendung ist der Friede; und Eure plötzliche Umkehr nach dem was in La Ferctte vorgefallen, wird den Krieg unvermeidlich machen. Ich glaube, daß ich Euch sicheres und freies Gehör bei dem Herzog zusichern kann und bin, um der Christenheit den Frieden zu erhalten, bereit, jeder Gefahr entgegenzugehen, die damit für mich verbunden sein mag." „Sprecht nicht weiter, würdiger Philipfon," sprach der Landammann, wir zweifeln keineswegs an Eurer Redlichkeit und wehe dem. der sie nicht auf Eurer männlichen Stirne geschrieben lesen kann. Wir gehen vorwärts und sind bereit, eher unsere Sicherheit in die Hände eines despotischen Fürsten zu legen als die Sendung unverrichtet zu lassen, mit der uns unser Vaterland betraut hat. Der ist bloß ein halbtapferer Mann, welcher sein Leben nur auf dem Schlachtfeld wagen will. Es gibt andere Gefahren, denen gegenüber zu stehen, gleich ehrenvoll ist; und da die Wohlfahrt der Schweiz verlangt, daß wir uns ihnen anssetzen, so wird gewiß Keiner von uns sich bedenken, das Wagniß zu unternehmen." Die anderen Mitglieder der Gesandtschaft nickten ihre Zustimmung und die Versammlung brach auf, sich für ihren weitern Zug in Burgund vorzubereiten. 8 * Sech st es Kapitel. Des Berges Sommerseite traf Der letzte Tagesstrahl Und blitzt mit reicher Farbenpracht Den Rhone an im Thal. So uthe y. Der englische Kaufmann wurde jetzt häufig von den Schweizer Gesandten bei allen ihren Schritten um Rath gefragt. Er ermahnte sie, so schnell als möglich z» reisen, um dem Herzog selbst den ersten Bericht von den Vorfällen in La Fcrette zu bringen und so allen Gerüchten zuoorzukommen, die ihr Betragen bei denselben in ein weniger günstiges Licht stellen könnten. Zu diesem Ende empfahl Philipson den Abgeordneten iore Bedeckung zu entlasten, da die Waffen und Anzahl derselben Verdacht und Argwohn erwecken könnten und ihrer doch zu wenige wären, um sich gehörig zu verthei- digen. Dann sollten sie selbst in starken Tagereisen zu Pferd nach Dijon, oder dahin ziehen, wo sich der Herzog eben befände. Dieser Vorschlag sank aber förmlichen Widerstand von Seiten desjenigen Mitgliedes der Gesellschaft, welches bis daher am gefügigsten und ein nachgiebiges Echo von dem gewesen war, was der Landammann wollte. Bei dieser Gelegenheit legte nämlich Nikolaus Bonstetten trotz dem, daß Arnold Biedermann den Rath Philipson's für vortrefflich erklärte, unbedingten und unüberwindlichen Widerspruch ein. Er hatte es bisher unter allen Umstanden seinen eigenen Füßen überlassen, ihn von Ort zu Ork zu schaffen und konnte durchaus nicht beredet werden, sich der Willkür eines Pferdes hinzugeben. Da er hartnäckig dabei stehen blieb, so wurde am Ende beschlossen, daß die zwei Engländer ihre Reise so gut als möglich beeilen und daß der ältere von ihnen dem Herzog so weit Bericht von der Einnahme La Ferette's geben sobre, als er sie selbst mit angesehen. Die Einzelnheiten über den Tod Hagenbach's, versicherte ihn der Landammann, werden an den Herzog durch eine vertraute Person geschickt werden, deren Zeugniß darüber nicbt bezweifelt werden könnte. Dieser Ausweg ward ergriffen, da Philipson nochmals sein Vertrauen auf Erlangung eines baldigen und geheimen Gehörs bei Seiner Gnad n von Burgund aussprach „Auf meine beste Vermittlung,' sagte er, „dürft Ihr zählen; uns Niemand kann von der unbändigen Grausamkeit und Raubgier Hagenbach's besseres Zeugniß geben, als ich, der ich beinahe ein Opfer derselben geworden wäre. Jedoch von seinem Prozeß und seiner Hinrichtung kann und will ich nichts sagen. Da aber Herzog Karl sicherlich fragen wird, warum ein solches Urtheil ohne Berufung an seinen eigenen Gerichtshof vollzogen worden ist, so wird eS gut sein, wenn Ihr mir solche Tbatsachen angebet, die ihr genau kennt, oder wenn Ihr wenigstens so schnell als möglich die Beweise ab- sendet, die Ihr ihm über diesen wichtigsten Theil der Sache vvrznlegen habt." Der Antrag des Kaufmanns brachte eine sichtliche Verlegenheit auf de» Gesichtern der Schweizer hervor und zaudernd und stockend redete ihn Arnold Biedermann, nachdem er ihn beiseite geführt, also an: ,, Mein guter Freund, Ge- heimuisie sind im gewöhnlichen Leben die häßlichen Nebel, welche die schönsten Züge der Natur verunstalten; wir stoßen manchmal auf solche, wenn wir sie am weitesten wegwünfchen, und uns am meisten daranliegt, klar und deutlich zu sehen. Ihr habt gesehen, auf welche Art Hagenbach bas Leben verlor — wir werden dafür sorgen, daß der Herzog die Gewalt kennen lernt, welche diese Strafe verhängt hat. Das ist Alles, was ich Euch für den Augenblick hierüber sage» kann und laßt mich hinzufügen, daß Ihr Unannehmlichkeiten desto eher entgehet, je weniger Ihr davon sprechet." „Weither Landammann," antwortete der Engländer, „auch ich hasse meiner Natur und den Gewohnheiten meines Vaterlandes zufolge alle Geheimnisse. Aber mein Vertrauen auf Eure Redlichkeit und Ehre steht so fest, daß ich mich in diesen dunkel» und versteckten Angelegenheiten von Euch so gut leiten lasse» will, als in den Nebeln und Abgründe» Eures Geburtslandes. In jedem Fall bin ich zufrieden und setze unbcschräntes Vertrauen in Eure Klugheit. Blos empfehle ich Euch, Karl'» schnell, klar und offen Eure Erklärung abzugeben. Habt ihr dies gethan, so hege ich das Vertraue», ich werde meinen unbedeutenden Einfluß auf den Herzog einigermaßen zu Euren Gunsten geltend machen können Und hiermit trenne» wir uns also, jedoch, wie ich hoffe, um bald wieder zusammenzukreffen." Der ältere Philipson begab sich nunmehr zu seinem Sohne 119 und wies il>n an, Pferde und einen Führer zu miethen, der sie ihn aller Eille zu dem Herzog von Burgund geleiten könnte Durch verschiedene Nachforschungen in der Stadt und besonders unter den Söldnern des gctvdteten Hagcnbach erfuhren sie zuletzt, daß Karl in letzter Zeit damit beschäftigt gewesen sei, Lothringen in Besitz zu nehmen. Da er jetzt argwöhne, der Kaiser von Deutschland und Sigmund, der Herzog von Oesterreich, hegen unfreundliche Gesinnungen gegen ihn, so habe er einen beträchtlichen Theil seines Heeres in der Nähe von Straßburg zusammengezvgen um gegen einen Angriff dieser Fürsten oder der freien Reichsstädte gerüstet zu sein, die sich seinem Siegeslauf entgegenstellen könnten. Der Herzog von Burgund verdiente zu dieser Zeit recht gut den Beinamen dcS Kuhnen. Denn von Feinden umringt, «rbiell er. wie ein gebetztes Edelwild, durch seine furchtbare und trotzige Haltung noch immer nicht bloß die Fürsten und Staate», deren wir erwähnt, sondern sogar den König von Frankreich in Furcht, der eben so mächtig und bei weitem staatskluger war als er selbst. In sein Lager also zogen die englischen Reisenden, jeder in so tiefen und traurigen Gedanken, daß keiner viel Aufmerksamkeit auf des Andern Gemuthszustand wenden konnte. Sie ritten daher in ihren eigene» Betrachtungen versenkt und besprachen sich weniger miteinander, als ries auf ibrcn früheren Reisen der Fall gewesen war. Der Adel im Wesen des älteren Philipson, seine Achtung vor der Rechtschaffenheit LcS Landammanns und die Dankbarkeit für seine Gastfreundschaft hatten ihn abgehalten, seine Sache von der der Schweizer Abgeordneten zu trennen, und er bereute auch jetzt nicht seine edelmüthige Anhänglichkeit an dieselbe. Als er sich aber an die Beschaffenheit und Wichtigkeit der Geschäfte erinnerte' 120 die er selbst mit einem stolzen, berriscke» und reizbaren Fürsten abznthun hatte, konnte er nur bedauern, daß die Umstande seine eigene für ibn und seine Frennde so wichtige Sendung mit derjenigen von Leuten verflochten hatten, welche dem Herzog so anst'oß g waren als Arnold Biedermann und seine Genüssen. Er war dankbar für die Gastfreundschaft, die er ans Geiersteiu genossen, aber er bedauerte doch, daß ihn die Verhältnisse genökhigt, sie anzunehmen. Arthur nährte nicht weniger ängstliche Sorgen. Er sah sich auf's Neue von derjenigen geschieden, zu welcher seine Gedanken fast gegen seinen eigenen Willen beständig zurück- kebrten. Seine zweite Trennung hatte Statt gefunden, nachdem er sich eine neue Last von Dankbarkeit aufgebürtet, und er fand jetzt nur noch mehr geheime Nahrung für seine feurige Einbildungskraft. Wie sollte er vereinigen, daß Anna von Geierstein, die er als so sanft, offen, rein und einfach kennen gelernt, das Wesen und die Eigenschaften der Tochter eines Weisen und eines Elementargeistes an sich trug, welchem Tag und Nackt gleich war und ein undurchdringliches Verließ nickt mehr als der offene Säulengang eines Tempels? Ließen sie sich an eurem und demselben Wesen in Ueberein- stimmung bringen? Beide waren sich völlig gleich an Gestalt und Zügen — war die eine eine Erdbewohnerin, die andere blos ein Sbeinbild, dem cs «erstattet war, sich unter Geschöpfen zu zeigen, deren Art sie nickt theilte? Vor allem aber, durste er sie nie mehr sehen oder von ihren eigenen Lippen eine Erklärung der Geheimnisse empfangen, die sich auf so schauerliche Weise m t seinen Erinnerungen an sie verstockten? Solche Fragen beschäftigten den Geist des jungen Reisenden und hielten ihn ab, die Träumerei, in welche sein Vater versunken war, zu unterbrechen oder zu bemerken. 121 Hätte einer der Reisenden Lust gehabt, Unterhaltung ans der Gegend zu ziehen, durch welche ihr Weg sie führte, so war die Nachbarschaft des Rheines wohl geeignet, sie zu liefern, Das linke Ufer dieses prachtvollen Stromes ist zwar ziemlich flach und einförmig und die Gebirge im Elsaß, die sich an ihm hinziehcn, treten nicht so nabe heran, um der ebenen Thaloberfläche, welche sie von seinen Gestaden sondert, viel Abwechslung zu verleihen. Aber der breite Fluß selbst, der mit reißender Schnelle dahineilt und die kleinen Eilande umrauscht, welche seinen Lauf unterbrechen, bietet eines der erhabensten Schauspiele in der Natur. Das rechte Ufer mit seinen waltbedeckten Anhöhen und dazwischen liegenden Thä- lern bildet den wohlbekannten Sl'warzwald, an welchen der Aberglaube so viele Schrecknisse und die Leichtgläubigkeit so verschiedene Legenden knüpft. Er besaß indessen damals wirkliche Schrecknisse. Die alten Burgen, die man von Zeit zu Zeit an den Ufern des FlnsseS selbst, oder an den Schluchten und großen Bächen erblickt, welche sich i» denselben ergießen, waren damals keine malerischen Ruinen; sie zogen noch nicht durch die Geschichten an, die man sich von ihren früheren Bewohnern erzählt; sondern sie bildeten die wirklich vorhandenen und scheinbar uneinnehmbaren Festen der Raubritterschaft, deren wir schon häufig erwähnt, und von denen wir so viele aufregende Erzählungen bekommen haben, seit der Schriftsteller Göthe geboren wurde, um den schlummernden Ruhm seines Vaterlandes zu wecken, und seit er die Geschichte des Götz von Berlichingen in ein Schauspiel gebracht hat. Man kannte jedoch die mit der Nackbarschaft dieser Burgen verbundene Gefahr nur auf der deutscken Seite des Rbeins; denn die Breite und Tiefe dieses herrlichen Stromes hielt die Bewohner desselben ab, in Elsaß zu gehen. Das rechte Rhein- 122 ufer war im Besitz der freien Reichsstädte, und so übten die deutschen LehenSherren ihre Tyrannei hauptsächlich auf Kosten ihrer eigenen Landsleute. Entrüstet und erschöpft durch Räuberei und Unterdrückung sahen sich diese genöthigt, Schranken dagegen zu errichten, die eben so stark und außerordentlich waren, als die Ungerechtigkeiten, vor welchen sie sich zu schützen versuchten. Aber das linke Ufer des Flusses, über welches großen- theils Karl von Burgund unter verschiedenen Titeln seine Gewalt ausübte, stand unter dem regelmäßigen Schutz ordentlicher Beamten, die in Ausübung ihrer Pflicbt Lurch starke Haufen von Söldnern unterstützt wurden. Diese unterhielt Karl aus seinen Privateinkünften; denn er sowohl als sein Nebenbuhler Ludwig hatte die Entdeckung gemacht, daß das Lehensystem ihren Vasallen einen unbequemen Grad von Unabhängigkeit verschaffte. Sie hielten cs daher für besser, an die Stelle desselben ein stehendes Heer zu setzen, das aus Freischaaren oder gewerbsmäßigen Söldnern bestand. Italien lieferte die meisten von diesen Banden und sie bildeten Len Kern von Karls Heere, oder wenigstens den Tbeck desselben, auf welchen er am meisten baute. Unsere Reisenden setzten daher ihren Weg an Len Gestaden des Flusses in so völliger Sicherheit fort, als man in dieser gewaltthäligen und unruhigen Zeit genießen konnte Endlich fragte der Vater, der eine Zeit lang den Führer belracktet hatte, welchen Arthur gemiethet, seine» Sobn, wer oder was der Mann wäre. Arthur versetzte, er sei so eifrig gewesen, einen Menschen aufzutreiben, der den Weg gekannt und ihn zu weisen Lust gehabt, daß er sich nach seinem Stand oder seiner Beschäftigung nicht umständlich erkundigt hätte; er meine aber, derselbe müsse nach seinem Aussehen einer der wall- 123 dernden Geistlichen sein, die mit Reliquien, Ablaßzetteln und andern religiösen Kleinodien das Land durchzögen und im Allgemeinen blvs hei den niedrigen Ständen in einigem Ansehen ständen. An diesen, beschuldigte man sie, beim Verkauf von Gegenständen des Aberglaubens schon oft grobe Betrügereien verübt zu haben. Der Mann sah eher einem andächtigen Laien oder Pilger gleich, der nach verschiedenen Heiligthümern wallfahrten muß, denn einem Bettelmönch. Er trug den Hut, die Tasche, den Stab und das grobe Gewand, das einigermaßen dem Mantel der jetzigen Husaren glich—Alles, wie man es bei solchen Leuten auf ihren Fahrten gewöhnlich sal,. Auf dem Rücken seines Mantels zeigten sich Sankt Peters Schlüssel, plump ans einem Fetzen Scharlach gemacht und in Gestalt eines Andreaskreuzes, wie die Wappenknn- digen sagen. Der fromme Mann schien fünfzig und mehr Jahre alt zu sein, wahr wohl gebaut, für sein Alter noch rüstig und hatte eine Gestchtsbildung, die nicht gerade häßlich aber weit entfernt von Schönheit war. Seine Augen ver- riethen Schlauheit, und seine Bewegungen gingen so stink vor fick, daß es manchmal mit dem gemessenen Benehmen deS Standes, dessen Kleidung er trug, in Widerspruch siel. Diese Verschiedenheit zwischen seinem Anzug und seiner Miene war keineswegs ungewöhnlich bei Leuten seiner Art. Viele unter ihnen ergriffen diese Lebensart mehr, um ihrem Hang zum Herumziehen und Müßiggang nachzukängen, denn aus innerem Beruf. „Wer bist du, guter Gesell? " redete ihn der ältere Phi- lipsvn an; „und wie soll ich dich nennen, so lange wir Reisegefährten sind?" „Bartholomä, Herr," antwortete der Mann; „Bruder Bartholomä — ich möchte sagen Bartholomäus, aber es steht i-s' ä t KHG O stfl: ^.. !^f ?:>:- 124 einem unbedeutenden Laienbruder, gleich mir, nicht zu, nach der Ehre einer gelehrteil Endung zu streben." „Und wohin geht deine Reise, guter Bruder Bartholome, ? " „Nach jeder Richtung, in der Euer Gestrengen ziehen, und meine Dienste als Führer in Anspruch nehmen null," erwiederte der Pilger; „immer jedoch vorausgesetzt, daß Ihr mir Muße zu Verrichtung meiner Andachten an den heiligen Plätzen lasset, die wir auf unserem Wege berühren!" „Das heißt, deine Reise hat kein bestimmtes Ziel, oder einen dringenden Grund?" fragte der Engländer. „Eigentlich nicht, wie Euer Gestrengen sagt," gab der fahrende Bruder zur Antwort; „oder ich möchte eher sagen, ich habe bei meiner Reise, guter Herr, so viele Absichten, daß es für mich gleichgültig ist, welche davon ich zuerst erreiche. Mein Gelübde verpflichtet mich, vier Jahre lang von einem Heiligthum zum andern zu ziehen; aber ich bin nicht gebunden, sie der Reihe nach oder in bestimmter Ordnung zu besuchen!" „Das will heißen, dein Wallfahrtsgelübde hindert dich nicht, dich an Reisende als Führer zu verdingen," versetzte Philipson. „Wenn ich die den gepriesenen Heiligen schuldige Ehrfurcht beim Besuch ihrer Altäre mit einem Dienst vereinigen kann, den ich einem wandernden Nebenmenschen erweise, so behaupte ich," entgegnete Bartholomä, „daß die Zwecke leicht mit einander verbunden werden können." „Besonders da ein kleiner zeitlicher Gewinnst den beiden Obliegenheiten als Zusammenhalt dienen mag, wenn sie sich sonst nicht vertrügen," sagte Philipson. 125 „So beliebt es Euren Ehren zu sage»," versetzte der Pilger i „aber Ihr selbst könnt aus meiner guten Gesellschaft noch etwas mehr Nutzen ziehen, als die bloße Kenntniß der Straße, auf der Ihr zu reisen vorhabt, Ich kann Euern Weg erbaulicher machen durch Legenden von den gepriesenen Heiligen, deren Reliquien ich besucht Habs, und angenehm durch die Erzählung der wunderbaren Dinge, vie ich auf meiner Reise gesehen und gehört. Jcb kann Euch Gelegenheit verschaffen. Euch mit dem Ablaß Seiner Heiligkeit nicht blos für Sünden, die Ihr schon begangen, zu versorgen, sonkern auch mit einem, der Euch auch Verzeihung für künftige Febltritte zugesteht." „Diese Dinge sind zweifelsohne sehr schätzbar," erwie- Lerte der Kaufmann; „aber, guter Bartholomä, wenn ich von »'neu zu sprechen wünsche, so wende ich mich an meinen Beichtvater, dem ich die Sorge für mein Gewissen in gehöriger Art übergeben habe und der also wohlbekannt mit dem Zustand meines Innern und am beste» daran gewöhnt sein muß, rorzu chreiben, was der einzelne Fall nöthig macht." „Dessenungeachtet," sagte Bartbolomä, „halte ich Euer Gestrengen für einen zu frommen Mann, für einen zu guten Kalvoliken, als daß Ihr an einem heiligen Orte vorüberginget. ohne Euch Weihe für die Erlangung eines Antheils an den Wohtthaten desselben zu geben. Denn ein solcher Ort vermittelt die Austheilung jener Gnadengaben an die, welche sie zu verdienen geneigt und willig sind. Da sich alle Menschen, von waS immer für einem Gewerbe ober Staude sie sein mögen, besonders an den Heiligen halten, der ihr eigenes Geschäft beschützt, so hoffe ich, Ihr werdet als Kaufmann nicht an der Kapelle Unserer lieben Frau zur Fähre vorubergehen, ohne ei» paffendes Gebet zu verrichten." „Freund Bartholomä," entgegnete Philipson; „ich habe noch nichts von dem Heiligthum gehört, das du mir anem- fiehlst; und da mein Geschäft Eile hat, so wäre es wohl besser für micli, zu gelegnerer Zeit eine Wallfahrt hieher zu machen und meine Ehrerbietung zu beweisen, als jetzt meine Reife zu verzögern, DieS werde ick, so Gott will, nicht unterlassen und man kann mich also für entschuldigt batten, wenn ich meine Andacht verschiebe, bis ich sie mit mehr Ehrfurcht und Muße verrichten kann/' „Werdet nicht böse," versetzte der Führer, „wenn ich sage. Laß Euer Benehmen in dieser Sache dem eines Narren gleicht, der an der Straße einen Schatz findet, es aber unterläßt, ihn einzustecken und mitzunehmen, weil er vorhat, an einem anderen Tage weit her, ausdrücklich seinetwegen, wieder dahin zurückzukehren und ihn zu holen," Philipson war etwas erstaunt über die Hartnäckigkeit des Menschen und wollte eine hastige und zornige Antwort geben, wurde aber dann durch das Herbcikommen dreier Fremden verhindert, die eilig hinter ihnen herritten. Das vorderste von ihnen war ein junges Frauenzimmer in sehr geschmackvoller Kleidung. Sie ritt auf einem spanischen Zelter und lenkte ihn mit besonderer Anmuth und Geschicklichkeit- An der rechten Hand hatte sie einen Handschuh, wie die, welche bestimmt waren, den Falken zu tragen, und auf demselben saß ein Lerchenhabicht. Eine Jagdmütze bedeckte ihren Kopf, und nach einer häufig vorkommenden Sitte dieser Zeit trug sie auf dem Gesicht eine Art von schwarzsei- denem Visier, welches ihre Züge völlig verdeckte. Trotz dieser Verkleidung sprang Arthur Philipson's Herz hoch bei der Erscheinung der Fremden, denn er erkannte alsbald mit Sicherheit die unvergleichliche Gestalt des Schweizermädchens, mit wel- 127 cher sich sein Geist so ängstlich beschäftigte. Ihre Begleiter waren ein Falkenier mit seinem Jagdsp eß und eine weibliche Person, beide augenscheinlich ihre Diener. Der ältere Pbilip- svn, der kein so treues Gedächtuiß besaß, als sein Sonn bei dieser Gelegenheit an den Tag legte, sah i» der schönen Fremden blvs eine Frau oder Dirne von Rang, die sich mit der Falkenbeitze belustigte und fragte sie als Erwiederung einer kurzen Begrüßung blvs mit angemessener Höflichkeit, wie sie die Umstände erheischten, ob sie den Morgen eine gute Jagd gehabt hätte. „Mittelmäßig guter Freund," gab die Dame zur Antwort. „Ich darf meinen Habicht nicht so nahe an dem breiten Fluß steigen lassen, sonst fliegt er mir auf die andere Seite und so könnte ich meinen Gefährten verlieren. Aber ich hoffe eine bessere Jagd zu bekommen, wenn ich auf die andere Seite der Fähre hinüberkvmme, der wir uns eben nähern." „Dann will die gnädige Frau," sagte Bartholomä, „in Haus-Kapelle Messe hören und um Glück bitten?" „Ich wäre eine Heidin, wenn ich ohne dieses an dem heiligen Ort vorüber ginge," versetzte die Dame. „Das, edle Dame, berührt den Gegenstand, von dem wir eben gesprochen," sagte der Führer Bartholomä, „denn wisset, schöne Herrin, ich kann den würdigen Herrn nicht davon überzeugen, wie sehr der Erfolg seines Unternehmens davon abhängt, daß er sich den Segen unserer lieben Frau zur Fähre verschafft." „Der gute Mann," entgegnete das junge Mädchen ernsthaft, sogar mit Strenge, „muß wenig vom Rhein wissen. Ich will dem Herrn erklären, wie angemessen cs ist, unserem Nathe zu folgen." 128 Sie ritt hierauf nahe zu dem junge» Philipsvn hin und sprach in schweizerischer Mundart, denn bisher hatte sie sich der deutschen Sprache bedient. „Erschreckt nicht, aber höret mich!" und die Stimme war die Anna's von Geierstein. „Ge- rathct nicht in Bestürzung, sage ich — oder zeigt wenigstens keine Verwunderung. — Ihr seid von Gefahren umgeben. Auf dieser Straße besonders kennt man Euer Geschäft. — Man lauert Eurem Leben auf. Geht über den Fluß bei der Fähre an der Kapelle oder Hans-Fähre, wie man sie gewöhnlich nennt." Hier kam der Führer so nahe zu ihnen heran, daß es ihr unmöglich war, das Gespräch fortzusetzen, ohne behorcht zu werde». Fm selben Augenblick erhob sich eine Waldschnepfe aus einem Gebüsch und die junge Dame entsendete ihren Habicht zur Verfolgung derselben. „Sa ho — sa ho — wo ha!" schrie der Falkenier in einem Tone, daß ringS die Gebüsche wiederhallten und ritt davon. Der ältere Philipsvn und der Führer sogar verfolgten die Thiere eifrig mit den Augen, so anziehend war diese Jagd für Leute aus allen Ständen. Aber des Mädchens Stimme war eine Lockung, welche die Aufmerksamkeit Arthur s von noch anziehenderen Gegenständen abgezogen haben würde. „Geht über den Rhein," wiederholte sie abermals, „bei der Fähre von Kirchhofen auf der anderen Seite des Flusses. Kehret im goldene» Vließ ein; dort werdet Ihr einen Führer nach -Straßburg finden. Ich kann nicht länger hier bleiben." Bei diesen Worten hob sich das Mädchen im Sattel, gab dem st'ferde einen leichten Schlag mit den Zügeln und das nittthige Thier, das schon ungeduldig wurde über ihren Verzug und das eifrige Laufen seiner Gefährten, flog mit solcher Elle davon, als hätte es Len Flug des Habichts gleich- 129 kommen wollen und der Beute, welche dieser verfolgte. Die Dame und ihre Begleiter entschwanden bald aus den Augen der Reisenden. Eine tiefe Stille von mehreren Minuten folgte hierauf; während derselbe» überlegte Arthur, wie er die empfangene Warnung niitkl,eilen könnte, ohne den Verdacht des Führers zu erregen. Aber der alte Mann brach selber das Schweigen und sagte z» Bartholomä: „Seht Euer Roß gefälligst etwas mehr in Bewegung und reitet ein paar Klafter voraus, ich möchte gerne mit meinem Sohne allein sprechen." Der Führer gehorchte und stimmte, wie wenn er zeigen wollte, er sei zu tief mit himmlischen Dinge» beschäftigt, um einem Gedanken an diese vergängliche Welt Raum zu geben, einen Lobgcsang zum Preis des heiligen Wendelin, des Sckä- fers, in eurer so mißtönenden Weise an, baß jeglicher Vogel aus jeglichem Busch auffuhr, an dem sie vorbei kamen. Nie gab es eine unmelodischcre Melodie, weder heilige noch weltliche, als die, unter deren Schutz der ältere Philips«» mit seinem Svbne folgende Unterredung hielt. „Arthur," sprach er, „ich bin beinahe sicher, daß dieser schreiende, scheinheilige Landstreicher irgend einen Anschlag auf uns hat, und ich bin fast entschlossen, meine eigene Meinung und nicht die seine in Bezug auf die Orte, wo wir übernachten sollen und die Richtung unserer Reise zu Rathe zu ziehen. Das wäre die beste Art, ihm seinen Plan zu vereiteln." „Euer Urtheil ist richtig, wie gewöhnlich," sagte sein Soh». „Ich bi» ron der Verrätherei jenes Menschen überzeugt und zwar durch etwas, was mir jenes Mädchen zugc- flüstert, und wodurch sie mich angewiesen hat, wir sollten auf der östlichen Seite des Flusses nach Straßburg ziehen und zu Anna v. Geierstein ». 9 130 diesem Ende nach einem Orte übersetzen, der Kirchhofen heißt und auf dem entgegengesetzten Ufer liegt." „Rätlist du dazu, Arthur?" versetzte sein Pater. „Ich will mein Leben für die Treue dieses Mädchens verpfänden," enigegncte der Sohn. „Was!" sagte sein Vater, „weil sie hübsch auf ihrem Zelter sitzt und einen fehlerfreien Wuchs hat? So urkheilt ein Knabe — und doch fühlt sich mein alles und vorsichtiges Herz geneigt, ibr zu trauen. Wenn unser Geheimniß in diesem Lande bekannt ist, so gibt es ohne Zweifel Viele, die geneigt sein können zu denken, es bringe ihnen Vortheil, wenn sie mir den Zutritt zu dem Herzoge von Burgund versperren. Sie würden die gewalttätigsten Mittel dazu nickt verschmähen. Dn weißt wohl, daß ich mein Leben wohlfeil anschlagen würde, könnte ich mich durch den Verlust desselben meiner Botschaft entledigen. Ich sage dir, Arthur, mein Inneres macht mir Vorwürfe darüber, daß ich bis daher so wenig für sichere Besorgung meines Auftrags gcthan habe. Das rührt von dem natürlichen Wunsch her, dich bei mir zu haben. Es liegen jetzt zwei Wege vor uns, beide gefährlich und unsicher, auf denen wir des Herzogs Hof erreichen können. Wir mögen diesem Führer folgen und ihn für treu annehmeu, oder den Wink jenes irrenden Fräuleins beachten, auf die andere Seite des Flusses gehen und ihn bei Straßbnrg abermals überschreiten, so sind vielleicht beide Straßen gleich gefahrvolle. Ich halte es für meine Pflicht, das Wagniß, daß mein Geschäft mißlinge nkönnte, dadurch zu verringern, daß ich dich auf das rechte Ufer hinüberschicke, während ich mein Vvrha- haben aussühre und auf dem linken weiterziehe. So kann, wenn einer von uns aufgefangen wird, der andere entwischen und der richtige Auftrag, den er hat, wird in gehöriger Weise ausgerichtet werden " „Ach mein Vater!" sagte Arthur, „wie ist es mir möglich. Euch zu gehorchen, wenn ich Euch dabei allein lassen muß, so vielen Gefahren ausaesctzt, im Kampf mit so manchen Schwierigkeiten, in welchen ich Euch wenigstens gern meinen Beistand leihen würde, wenn er gleich nur schwach sein könnte? Was uns auch in diesen verwickelten und gefährlichen Umständen begegnen mag, laßt uns ihnen wenigstens mit einander entgegentreten." „Arthur, mein geliebter Sohn," erwiederte sein Vater, „wenn ich mich von dir trenne, spalte ich mein eigenes Herz; aber dieselbe Pflicht, welche uns gebietet, unfern Leib dem Tode blvszustellen, befiehlt uns eben so bestimmt, unsere zartesten Neigungen nicht zu schonen. Wir müssen scheiden!" „O, so laßt mich wenigstens in einem Punkte die Oberhand behalten," versetzte der Sohn eifrig. „Geht Ihr, mein Vater, über den Rhein und laßt mich den Weg auf der Straße verfolge«, welche wir ursprünglich einzufchlagen gedachten." „Und warum, ich bitte dich," antwortete der Kaufmann, „sollte ich mich eher auf der einen Straße halten als auf der andern?" „Weil," sagte Arthur lebhaft, „weil ich für jenes Mädchens Treue mit meinem Leben bürgen möchte." „Schon wieder, junger Mann?" entgegnete sein Vater; „warum so vertrauensvoll auf des Mädchens Wort? Das kommt blos von der Zuverficht her, welche die Jugend in dasjenige setzt, was schön ist und gefällig. Oder hast du schon eine weitere Bekanntschaft mit ihr gemacht als das kurze Ge- späch von vorhin «erstattete?" 9 » 132 „Kann ick Euch eine Antwort geben?" versetze der Sohn. „Wir sind lange weg gewesen aus den Landern, in welchen es Ritter und Edelfrauen gibt. Ist eS nicht natürlich, daß wir denen, die uns die ehrenvolle Bande des Ritlerthunis und edlen Bluts in's Gedächtniß zurückrufen, blvs zufolge unseres Gefühls den Glauben schenken, welchen wir einem unbedeutenden, schlechten Menschen versagen, wie dieser herumziehende Marktschreier, der sein Brod dadurch gewinnt, daß er die armen Bauern mit falchen Reliquie» und nachgemachten Legenden betrügt?" „Das ist eine leere Einbildung, Arthur," sagte sein Vater, „nicht unpassend zwar für einen, der die Ebren der Ritterschaft anstrebt, denn Liese entnimmt ihre Begriffe vom Leben und seinen Ereignisse» aus den Romanzen der Minstrels, aber zu schwärmerisch für einen Jüngling, der, wie du, gesehen hat, wie es in dieser Welt hergeht. Ich sage dir und du wirst erfahren, daß ich die Wahrheit rede. Uni Len häuslichen Tisch unseres Wirths, des Landammanns, saßen aufrichtigere Zungen und redlichere Herzen, als der versammelte Hof eines Monarchen aufzuweisen hat. Ach! der mannhafte Geist der Alten, Treue und Ehre sind selbst aus der Brust der Könige und Ritter entflohen, wo sie, wie Johann von Frankreich gesagt, ihre beständige Woknung hätten haben sollen, wenn sie auch aus der ganzen übrigen Welt verbannt wären." „Sei dem wie ihm wolle, theuerster Pater," erwiederte der junge Philips»», „ich bitte Euch, mir iiachzngebcn; und wenn wir uns trennen müssen, so laßt es so geschehen, daß Ihr das rechte Rheinuser binunterziehet, denn ich bin überzeugt, daß Lies die sicherste Straße ist." „Und wenn es die sicherste ist," sagte sein Vater mit dem Tone zärtlichen Vorwurfs, „ist das ein Grund, warum ich den beinahe abgesponnenen Faden meines Lebens schonen und das deine, mein lieber Sohn, prcisgebcn sollte, das erst begonnen bat?" „Ihr ziehet, mein Vater," gab der Sohn mit Lebhaftigkeit zur Antwort, „indem ihr so sprechet, den Unterschieb nicht in Betracht, welcher zwischen unserer Bedeutung ist, wenn es sich von Ausführung der Absicht handelt, mit welcher Ihr Euch so lange getragen habt und welche jetzt der Vollendung so nahe zu sein scheint. Bedenkt, wie wenig ich geeignet wäre, sie auszurichten, da ich den Herzog nicht persönlich kenne und keine Beglaubigungsbriefe habe, um sein Vertraue» zu gewinnen. Ich könnte ihm freilich wiederholen, was Ihr mir gesagt, aber die Umstände könnten von der Art sein, daß sie mir de» nothwentngen Glauben entzögen und dann würde Euer Plan mit mir m ßlingen, für dessen Fortgang Ihr gelebt habt und jetzt Euch der Todesgefahr auszusetzen bereit seid." „Du kannst meinen Entschluß nicht erschüttern," versetzte der alte Philipson, „oder mich überreden, daß mein Leben von größerer W.chtigkeit sei, als das deine. Du erinnerst mich bloß daran, daß du dem Herzog von Burgund dieses Zeichen überbringen solltest und nicht ich. Solltest du so glücklich sein und seinen Hof oder sein Lager erreichen, so wird der Besitz dieser Edelsteine für dich nöthig werden, um deine Sendung zu bezeugen. Hierzu waren sie für mich weniger erforderlich, den» ich kann mich auf andere Umstände berufen und sie als Beweise für mich geltend machen, wenn es dem Himmel gefallen sollte, mich allein die wichtige Aufgabe lösen zu lassen, was die heilige Mutter Gottes in Gnaden verhüten möge! Versteh' also, wenn sich eine Gelegen- 134 heit darbietet, mit welcher du auf die andere Seite des Rheins gelangen kannst, so mußt du deine Fabrt so einrichten, daß du bei Straßburg wieder auf dieses Ufer übersetzst. Dort kannst du nach mir fragen und zwar im fliegenden Kirsch, einer Herberge dieser Staot, die du leicht finden wirst. Erhältst du in diesem Hause keine Nachrichten von mir, so begibst Lu dich auf der. Weg zum Herzog und überreichst ihm dieses wichtige Päckchen." Hier ließ er das Kästchen mit dem Diamantenhalsband so heimlich als möglich in seines Sohnes Hand gleiten. „Was Deine Pflicht sonst von dir fordert," fuhr der alte Philipson fort, „weißt du wo fl. Nur beschwör' ich dich, laß keine unnölhigen Nachforschungen nach meinem Schicksal dich in der großen Obliegenheit aufhalten, deren du dich zu entledigen hast. Unterdessen halte dich darauf gefaßt, mir alsbald Lebewohl zu sagen. Mache dick stark, zuverstchtlich und venrauenspoll wie damals, als du vor mir herschrittest und dir muthig Bahn brach» durch die Felsen und Sturme der Schweiz. Der Himmel war zu jener Zeit über uns wie jetzt. Gott behüte dich, mein geliebter Arthur! Wollte ich warten bis auf den Augenblick des Scheidens, so bliebe nur wenig Zeit, »in das traurige Wort auszusprechen, und kein Auge als das deine, darf die Thräne erblicken, die ich jetzt abwische." Die peinlichen Gefühle, welche diesen vorläufigen Abschied begleiteten, waren auf Seite Arthurs so lebhaft und aufrichtig als bei seinem Vater. Es erschien dem ersteren im Anfang nicht als eine Quelle der Tröstung, daß er sich wahrscheinlich unter dir Leitung des seltsamen weiblichen Wesens befand, die ihm immer in Gedanken lag. Die Schönheit Anna's von Geierstein sowohl, als die auffallenden Umstände, unter welchen sie sich gezeigt, hatten ihn allerdings diesen Morgen hauptsächlich beschäftigt, aber alles andere wurde jetzt aus ^seiner Seele durch den vorherrschenden Gedanken daran verdrängt, daß er im Begriff stand, sich in einem Augenblick der Gefabr von einem Vater trennen zu müssen, der seine höchste Achtung und seine zärtlichste Zuneigung so wohl verdiente. Mittlerweile trocknete der Vater die Thräne vom Auge, welche sein ergebener Slmcismus nicht hatte unterdrücken können. Er rief, wie wen» er besorgt wäre, die Nachgiebigkeit gegen seine väterliche Liebe möchte seinen Entschluß entkräften, dem ferneren Bartbolomä zu und fragte ibn, wie weit sie noch von der Kapelle zur Fabre entfernt seien. „Wenig mehr als eine halbe Stunde," war die Antwort. Als der Engländer sich noch weiter erkundigte, warum jene errichtet worden wäre, erhielt er de» Bescheid, ei» alter Fährmann und Fischer, Namens Hans, kabe lange an diesem Orte gewohnt und seinen knappen Unterbalt dadurch gewonnen, daß er Reisende und Kanflente von einem Flußufer zum andern geschafft DaS Unglück habe aber gewollt, daß er zuerst einen und dann einen zweiten Nachen in dem tiefen und mächtigen Strome verloren, und die Furcht, die den Reisende» solche wiederholte Unfälle eingeflößt, habe sein Gewerbe unsicher zu machen angesangen. Da aber der alte Mann ein guter Katholik gewesen, so sei er durch sein Mißgeschick frommer geworden. Er begann nun auf sein früheres Leben zurückznblicken und zu erwägen, durch welche Sünden er das Unheil verdient habe, welches den Abend seines Lebens trübte Sein Gewissen wurde hauptsächlich durch die Erinnerung daran beunruhigt, daß er einmal, da die Fahrt 136 besonders stili misch war, sich geweigert batte, scilis Psticht als Fährmann zu verrichten und eine» Priester an das andere Mer zu schaffen, der ein Bildniß der heiligen Jungfrau bei stch trug, welches für das Oörst'in Kirchhofen an dem ent- gegengeletzten rechten Ufer des Rheines bestimmt war. Da Hans nun seinen Zweifel an der Macht der heiligen Jungfrau stch selbst, ihren Priester und den für ihren Dienst verwendeten Nachen zu schützen, für strafbar ansah, so unterwarf er stch einer schweren Büßung. Außer dieser bewies der alte Mann die Aufrichtigkeit seiner Reue dadurch, daß er einen großen Tbeil seiner weltlichen Guter der Kapelle in Kirchhofen darbrachte. Auch erlaubte er stch nie wieder die Gange der Angehörigen unserer heiligen Kirche zu verzögern; sondern alle Klaffen der Geistlichkeit, von dem Prälaten mit der Bischofsmütze an bis herunter auf den barfüßigen Mönch, durften zu jeder Stunde des Tages und der Nacht seinen und seiner Fähre Dienst in Anspruch nehmen. Während er diesen löblichen Lebensgang verfolgte, wollte es das Schicksal, daß Hans an den Ufern des Rheins ein kleines Bildniß der heiligen Jungfrau fand. Die Wellen hatten es ausgeworfen und es schien ihm völlig demjenigen zu gleichen, welches er stch einst so unfreundlich geweigert hatte, überzufahren, als es stch unter der Obhut des Küsters von Kirchhofen befand. Er stellte es an dem Theil seiner Hütte auf, der am melsten in die Augen fiel und schüttete seine Andacht davor aus. Aengstlich forschte er nach einem Zeichen, woraus er hatte abnehmen können, ob die Ankunft ihres heiligen Bildnisses als ein Pfand dafür zu betrachten sei, daß ihm seine Ueberlretnngen vergeben seien. In den Gesichten der Nacht erhielt er Antwort auf seine Bitten und unsere heilige Mutter stand in Gestalt des Bildes neben 137 seinem Bette, um ihm zu sagen, warum sie daher gekommen. „Mein getreuer Diener," sprach sie, „die Männer von Belial haben meine Wohnung zu Kirchhofen verbrannt, meine Kapelle geplündert und das heilige Bildniß, welches mich darstellt, in den angeschwollenen Rhein geworfen. Er hat mich abwärts geführt. Nu» bin ich entschlossen, nicht mehr in der Nachbarschaft der Gottlosen wohnen zu bleiben, welche diese Tl>at verrichtet, oder bei den zaghaften Lehnsleuten, welche sie nicht verhindert haben. Ich bin also genöthigt, meinen Aufenthalt zu ändern, und habe hierzu, dem Strome zum Trotz das diesseitig; Ufer bestimmt. Ich bin gewillt, meinen Sitz bei dir aufzuschlagen, mein getreuer Diener, auf daß das Land, in welchem du wohnst, gesegnet sei und du und dein Haus." Während die Erscheinung sprach, kam es Hansen vor, als ob sie aus ihren Locken das Wasser herausdrückte, in welches sie geworfen worden war. Ihr unordentlicher Anzug und ermüdetes Aussehen glich dem eines Menschen, der mit den Wellen gekämpft hat. Der nächste Morgen brachte die Nachricht, daß in einer der zahlreichen Febden dieser wilden Zeit Kirchhofen zerstört, die Kirche verwüstet und der Schatz derselben geplündert worden war. Des Fischers Gesicht war dadurch auf merkwürdige Weise bestätigt, und HanS gab sein Geschäft völlig auf. Er überließ es jüngeren Leute», seinen Platz als Fährmann auszufüllen, verwandelte seine Hütte in eine ländliche Kapelle, nahm die Weißen und wartete des Heiligthums als Einsiedler oder Kaplan. Man glaubte, das Bildniß wirke Wunder und die 138 Fähre wurde berühmt, weil sie unter dem Schutz des heiligen Bildes der Mutter Gottes und ihres nicht weniger heiligen Dieners stund. Als Bartholomä seinen Bericht von der Fähre und ihrer Kapelle beendigt, waren die Reisenden an dem Orte selber angelangt. Siebentes Kapitel. Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsire Reben; Gesegnet sei der Rhein! Da wachsen sie am Ufer hin und geben Uns diesen Labcwein. Claudius. Ein Paar Hütten, zur Seite des Flusses, neben denen einige Fischerboote vor Anker lagen, bewiesen, daß der fromme Hans Nachfolger in seinem Gewerbe als Fährmann gefunden hatte. Der Strom, welcher etwas weiter unten durch eine Reihe von Jnselchen eingeengt wurde, dehnte sich hier mehr in die Weite und war weniger reißend als an der Stelle, wo er an den Hütten vorüberfloß. Er bot also dem Fährmann eine glättere Oberfläche und er hatte hier mit einer langsamen Strömung zu kämpfen, obgleich der Fluß auch hier noch zu rasch dahinfloß, als daß man ihm hätte widerstehen können, wenn er nicbt in ruhigem Zustande war. Am gegenüberliegenden Ufer, aber ein gut Theil weiter unten als der Weiler, welcher der Fähre ihren Namen gab. 140 stand auf einer kleinen Anhöhe, unter Bäumen und Buschwerk versteckt das kleine Städche» Kirchhofen. Ein Kahn, der vom linken Ufer abging, konnle selbst im glücklichen Falle den Fluß nicht in gerader Rlckitung durchschneiden, sondern die entgegengesetzte Seite des tiefen und weiten Rheinstroms nur iu schräger Richtung gegen Kirchhofen hin erreichen. Dagegen mußte ein von Kirchhofen abgehendes Boot günstigen Wind und gute Ruder haben, wollte es seine Labung und Bemannung an der Kapelle zur Fähre ans Land setzen, es sei denn, daß es unter dem wundersamen Einfluß stand, welchen das Bildniß der heiligen Jungfrau in dieser Beziehung ausübte. Die Verbindung zwischen den, vstl wen und westlichen Gestade, wurde also auf dem Strome blvs durch Zugschiffe unterhalten und diese wurden auf der östlichen Seite so weit hinaufgeschafft, daß der Weg, den sie bei der lleber- sahrt machten, mit dem Punkte zusammentraf, an welchem sie zu landen wünschten und sie im Stands waren, ihn ohne Mühe zu erreichen. Daher kam es natürlich, daß die Ueber- fahrt aus dem Elsaß nach Schwaben die leichtere war und daß die Fähre mehr von Leuten benützt würde, die nach Deutschland zu gehen wünschten, als von Reisenden, die aus entgegengesetzter Richtung herkamen. -Als sich der ältere Philipson durch einen Blick rund um vo>i d?r Lage der Fähre vergewissert hatte, sagte er zu seinem Sohne mit Festigkeit, — „fort, mein lieber Arthur, und thu was ich dich geheißen." Das Herz zerrissen von kindlicher Bangigkeit, gehorchte der junge Mann und schlug den einsame» Weg nach den Hütten ein, in deren Nähe Boote vor Anker lagen, die manchmal so gut zum Fischen als für die Zwecke der Fähre benutzt wurden. 14 t „Euer Sohn »erläßt uns?" fragte Bartholomä Len alten Philipson. „Für jetzt, ja," antwortete dieser, „er hat in jenem Weiler einige Nachforschungen anzustellen." „Wenn es Gegenstände belrifft," erwiederte der Führer, „die mit Eurer Ehren Reife im Zusammenhang stehen, so preise ich die Heiligen, daß ich ans Eure Fragen bessere Antwort geben kann als diese unwissenden Bauern, die kaum Eure Sprache versteven." „Wenn wir finden, daß ihre Auskunft deiner Erklärung bedarf," versetzte Pbilipson, „so werden wir sie einholen, — unterdessen fülwe imch zu der Kapelle, wo mein Sohn wieder zu uns stoßen wird " Sie setzten stcb gegen die Kapelle hin in Bewegung, aber mit langsamen Schritten, denn Jeder wandte seine Blicke seitwärts auf das FiicberdörfcheNj der Führer, bemüht zu sehen, ob der jüngere Reisende zu ihnen zurückkehren, der Vater ängstlich zu erspäben, ob auf dem breiten Bette des Rheins ein Fahrzeug gelbst wurde um seine» Sohn auf die Seite zu führen, die man als die gefahrlosere betrachten durste. Aber obgleich sowohl Führer als Reisender gegen den Strom hinblickten, führten sie ihre Schrille doch der Kapelle zu, welcher die Einwohner der Gegend zum Andenken an den Stifter den Namen Hans-Kapelle gegeben halten. Ein paar rund um zerstreute Baume gaben dem Platze ein angenehmes und waldartiges Allssehen. Die Kapelle stand auf einer Ery'ohnng in einiger Entfernung rvn dem Weiler, und war i» gefälligem, einfachem Style gebaut, der mit der ganzen Umgedung im Einklang stand. Ihre geringe Große bestätigte die Ueberlieferung, Laß fie ursprünglich blos die Hütte eines Bauern gewesen sei und das Kreuz von Tannen- Holz, mit Baumrinde bedeckt, bezeugte, zu welchem Zwecke sie jetzt bestimmt war. Die Kapelle und Alles rings um athmete Frieden und feierliche Ruhe und der tiefe Ton des gewaltigen Stromes schien jeder Menschenstimme Schweigen zu gebieten, die sich vermaß, sich mit seinem feierlichen Murmeln zu menge». Als Philipson in der Nähe davon anlangte, nahm Bartholom» den Vortheil wahr, den ihm das Schweigen desselben verschaffte und stimmte zwei Strophen eines Lobgesangs auf Unsere liebe Frau zur Fähre und ihren getreuen Verehrer Hans an. Dann brach er in dem begeisterte» Ausruf los, — „Kommt hieher die ihr Schiffbruch fürchtet, hier ist ein sicherer Hafen für Euch! — Kommt hieher die ihr verschmachtet vor Durst, hier ist ein Gnadenquell für Euch. Kommt her die ihr müde und weitgereis't seid, hier ist ein Platz wo ihr euch erfrischen mvget!" Er würde noch lange in diesem Tone fortgcmacht haben, wenn ihm nicht Philipson ernstlich Schweigen geboten hätte. „Wäre deine Frömmigkeit völlig acht," sagte er, „so wäre sie weniger lärmend; es ist aber gut, das Rechte zu thun, selbst wenn ein Heuchler es uns anempfiehlt. — Wir wollen in diese heilige Kapelle treten und um einen glücklichen Ausgang für unsere gefährliche Reise bitten." Diese letzten Worte griff der Ablaßkrämer auf. „Ich wußte wohl," sagte er, „daß Eure Ehren zu bedachtsam ist, um an dem heiligen Orte vorüberzugehen ohne unsere liebe Frau zur Fähre um Schutz und Verwendung zu bitten. Wartet nur einen Augenblick, bis ich den Priester aufgefunden, der diesen Altar versieht. Cr soll eine Messe für uns lesen." Hier wurde er unterbrochen. Die Thüre der Kapelle ging plötzlich auf und ein Geistlicher erschien auf der Schwelle. Philipson erkannte im Augenblick den Pfarrer von der Sankt Paulskirche, welchen er diesen Morgen in La Ferelte gesehen. Auch Bartholomä kannte ihn, wie es scheinen wollte; denn er verlor augenblicklich seine lästige und heuchlerische Beredt- samkeit und stand vor dem Priester, die Hände auf der Brust gefaltet, wie einer der den Urtheilsspruch erwartet. „Sä urke," sprach der Geistliche und blickte mit strenger Miene auf den Führer; „leitest du einen Fremden in die Wohnungen der Heiligen, damit du ihn erschlagen und seines Eigenthums berauben kannst? Aber der Himmel wird deine Falschheit nicht länger ertragen. Hebe dich weg, Elender, und geh' zu deinen ruchlose» Genossen, die auf dem Wege hieher sind. Sag' ihnen, deine Künste haben nichts genützt, und der schuldlose Fremdling stehe unter meinem Schutze, — unter meinem Schutze und wer sich dagegen setzen will, wird dem Lohne Archibalds von Hagcnbach nicht entgehen!" Der Führer stand ohne alle Bewegung, während ihn der Priester auf eben so gebieterische als drohende Weise anredete. Und kaum hörte der Letztere auf zu sprechen, als Bartho- lvmä, ohne ein Wort der Rechtfertigung oder Erwiederung hcrvorzubringen, sich umdrehte und eiligen Schritts auf derselben Straße sich entfernte, welche die Reisenden zu der Kapelle geführt hatte. „Tretet Ihr nur ein in diese Kapelle, würdiger Engländer," fuhr der Priester fort, „und verrichtet ruhig die Andacht mit deren Hilfe jener Heuchler Euch aufzuhalten beabsichtigte, bis seine boshaften Genossen hcrbcigekommen wären. — Aber zuerst, warum seid Jbr allein? Ich hoffe, Euer junger Begleiter ist von keinem Unglück betroffen worden?" 144 „Mein Sohn," gab Philipson zur Antwort, „setzt bei jener Fähre über den Rhein, du wir dringende Geschäfte auf der anderen Seite abzumuchen Huben." Während er dies sagte, sah man ein leichtes Boot, um welches zwei oder drei Bauern einige Zeit geschäftig gewesen waren, vom Ufer abstoßen und in den Strom hineinfahren. Einige Zeit mußte es zwar der Gewalt des Stroms nachgeben; dann aber wurde ein Segel an einer dünnen Stange aufgespannt und hielt die Barke gegen den Strom, daß sie im Stande war, in schräger Richtung über den Fluß zu gelangen. „Nun, Gott Lob und Dank!" sprach Philipson, der wußte, daß der Nachen, auf Len er schaute, seinen Sohn außer dem Bereich der Gefahren brachte, von Lenen er selbst umgeben war. „Amen!" rief der Priester dem frommen Ausruf des Reisenden nach. „Ihr habt guten Grund, dem Himmel Dank zu sagen." „Davon bin ich überzeugt," versetzte Philipson; „aber von Euch hoffe ich die Veranlassung zu der Gefahr näher kennen zu lernen, der ich entgangen bin." „Für solche Nachforschungen ist hier weder Zeit, noch Ort," antwortete der Pfarrer an der St. Paulskirche. „Es reicht hi» zu sagen, daß jener Kerl, der wohl bekannt ist, wegen seiner Heuchelei und seiner Verbrechen, zugegen war, als der junge Schweizer Sigmund von dem Scharfrichter den Schatz zurückverlangte, Lessen Euch Hagenbach beraubt. Da erwachte seine Habsucht. Er übernahm es, Euch nach Straßburg zu geleiten, mit der verbrecherischen Absicht, Euch unterwegs aufzuhalten, bis eine solche Anzavl von Helfershelfern herbeigekommen wäre, daß kein Widerstand gegen sie mehr 143 etwas genützt hätte. Aber man ist seinem Anschlag zuvorgekommen. — Und jetzt, ehe ihr anderen weltlichen Gedanken, ob der Hoffnung oder Furcht den Lauf lasset, — in die Kapelle, Herr, und vereinigt Euch mit uns in Gebeten, zu Dem, der Eure Hilfe gewesen ist, und zu denen, welche ste für Euch bei ihm vermittelt haben." Philipson trat mit seinem Führer in die Kapelle und beide dankten dem Himmel und der schützenden Macht des Orts für die Rettung die iom verliehen worden. Als dies Geschäft abgemacht war, deutete Philipson die Absicht an, seine Reise wieder anfzunehmen und der schwarze Mönch erwiederte hierauf, „er sei weit entfernt, ihn an einem so gefährlichen Platze aufzuhalten, sondern wollte ihn ein Stück Wegs weit begleiten, da er ebenfalls zu dem Herzog von Burgund müßte." „Ihr, mein Vater! — Ihr!" sagte der Kaufmann mit einigem Erstaunen. „Und warum überrascht?" antwortete der Priester. „Ist es so seltsam, daß einer meines Standes den Hof eines Fürsten besucht? Glaubt mir, es sind nur zu viele davon an solchen zu finden." „Ich spreche nicht mit Bezug auf Euer» Stand," erwiederte Philipson, „sondern in Rücksicht auf die Rolle, die Ihr heute bei der Hinrichtung Archibalds von Hagenbach dadurch gespielt, daß Ihr dazu halset. Wißt Ihr so wenig von dem hitzigen Herzog von Burgund, daß Ihr Euch einbildet, Ihr könnet mit seinem Zorn in größerer Sicherheit spielen, als wenn Ihr einen schlafenden Löwen an seiner Mähne zupftet?" „Ich kenne seine Weife gar wohl," sagte der Priester; „und ich gehe zu ihm, nicht um den Tod Hagenbach's zu entschuldigen, sondern ihn zu vertheidigen, der Herzog mag seine Anna v. Geleistet» 11 . 10 146 Sklaven und Leibeigenen nach Gutdünken hinrichten lassen, aber auf meinem Leben liegt ein Zauber, den seine Macht nickt durchdringen kann. Laßt mich aber die Frage zurückgeben. — Ihr, Herr Engländer, der Ihr die Eigenschaften des Herzogs so genau kennt, — Ihr, der Ihr vor Kurzem erst der Gast und Reisegefährte der unwillkommensten Besucher gewesen, die ihm jemals gemacht — Ihr, der Ihr, scheinbar wenigstens, in den Aufruhr zu La Ferette verwickelt seid — was für eine Aussicht habt Ihr, seiner Rache zu entgehen? warum wollt Ihr Euch muthwillig in seine Gewalt begeben?" „Würdiger Vater," versetzte der Kaufmann, „laßtjeden von uns, ohne Beleidigung für den andern, sein Geheimniß bewahren. Ich besitze zwar keinen Zauber, um mich vor des Herzogs Zorn zu schützen — ich habe Glieder die man foltern und gefangen setzen kann, und mein Eigcnthum kann wegge- nvmmen und eingezogen werden. Aber ich habe in früheren Tagen mancherlei Verkehr mit dem Herzog gehabt; ich darf sogar sagen, ich habe ihm Verpflichtungen auferlegt und hoffe deßhalb, mein Einfluß auf ihn werde hinreichen, nicht allein um mich vor den Folgen der heutigen Vorfälle zu schützen, sondern auch um meinem Freunde, dem Landammann, einigen Nutzen zu bringen." „Aber wenn Ihr wirklich als Kaufmann an den Hof von Burgund müßt," sagte der Priester, „wo sind denn die Maaren, mit denen Ihr handelt? Habt Ihr sonst keine als die Ihr auf dem Leibe traget? Ich habe von einem Saumroß mit Gepäck gehört. Hat Euch jener Schurke solches ab- gcnommen?" Das war eine verfängliche Frage für Philipson. Bekümmert über die Trennung von seinem Sohn, hatte er keine 147 Anweisungen gegeben, ob das Gepäck bei ihm selber Zurückbleiben oder auf die andere Seite des Rheins geschafft wer, den sollte. Er gerietk deßhalb in einige Verlegenheit über die Frage des Priesters und antwortete darauf etwas unzu sammenhängend, — „ich glaube, mein Gepäck ist in dem- Weiler — d. h. wenn es mein Sohn nicht über den Rhein mitgenommen bat." „Das wollen wir bald erfahren," antwortete der Pfarrer. Auf seinen Ruf erschien ein Novize aus der Sakristei der Kapelle und erhielt den Befehl, in dem Weiler nachzufragen, ob Philipsvn's Ballen, mit dem Pferde, welches sie getragen, dort gelassen oder mit seinem Sohn über den Fluß geschafft worden fei. Der Novize blieb blos einige Minuten aus und kehrte sogleich mit dem Packpferd zurück, welches Arthur mit seiner Last aus Rücksscht für seines Vaters Bequemlichkeit am westlichen Gestade des Rheins zurückgelassen hatte. Der Priester blickte es aufmerksam an, der alte Philipson stieg auf sein Pferd, faßte das andere bei'm Zügel und nahm in folgenden Worten Abschied von dem Priester, — „und nun, lebet wohs, Vater! ich muß mit meinen Ballen weiter, denn es wäre nicht sehr klug, nach dem Einbruch der Nacht mit ihnen zu reisen, sonst würde ich gerne zu Fuß gehen und mit Eurer Erlaub- niß den Weg in Eurer Begleitung machen." „Wenn das wirklich Eure Absicht ist, und ich wollte es Euch eben Vorschlägen" — sagte der Priester, „so wisset, ich werde Eure Fahrt nicht aufhalten. Ich habe ein gutes Roß hier; und Melchior, der sonst hätte zu Fuß gehen müssen, kann auf Eurem Saumpferd reiten. Ich rathe um so eher zu diesem Verfahren, da es für Ench unbesonnen wäre, bei Nacht zu reisen. Ich kann Euch in eine Herberge geleiten, 10 * 148 etwa zwei Stunden von hier. Wir können sie bei hinlänglichem Tageslicht erreichen und Ihr werdet für Euer Geld dort gut aufgehoben sein." Der englische Kaufmann zögerte einen Augenblick. Er hatte keine Lust, sich wieder zu irgend Jemand auf der Straße zu geselle» und wenn auch der Priester bei seinem Fahren ziemlich gut aussah, so war doch der Ausdruck seiner Miene keineswegs Vertrauen erweckend. Im Gegentheil, etwas Geheimnisvolles und Düsteres trübte seine obgleich hohe Stirne, ein ähnlicher Ausdruck erglänzte in seinem kalten, genauen Auge und deutete auf ein strenges und herbes Ge- müth. Aber trotz dieses abschreckenden Umstandes hatte der Priester erst kürzlich Philipson durch die Entdeckung der Ver- rätherei seines heuchlerischen Führers einen bedeutenden Dienst geleistet, und der Engländer war nicht der Mann, der sich auf seinem Weg durch eingebildete Vvrurtheile gegen die Blicke, oder Las Betragen eines Menschen, oder durch Furcht vor Anschlägen gegen ihn selbst, erschrecken ließ. Er erwog blos bei sich die Seltsamkeit seines Geschicks, welches für ihn uothwendig machte, vor dem Herzog von Burgund in einer Weise zu erscheinen, durch die er ihn für sich gewinnen konnte, und ihn doch zwingen zu wollen schien, sich mit Gesellschaftern einzulaffen, welche diesem Fürsten am alleranstößigsten sein mußten. Und das mußte, wie ihm wohl bekannt war, in Bezug auf den Pfarrer von der Sankt Paulskirche der Falk sein. Nachdem er sich einen Augenblick bedacht, nahm er mit Höflichkeit Las Erbieten des Priesters an, ihn an einen Ort zu führen, wo er ausruhen und Nahrung zu sich nehmen konnte. Dies mar, ehe sie Straßburg erreichten, durchaus nöthig für sein Pferd, auch wenn er selbst dessen hätte entbehren können. '.MH 149 Als die Gesellschaft diese Uebercinkunft getroffen, führte der Novize des Priesters Roß vor. Dieser bestieg es mit Anstand und Leichtigkeit, und der junge Geistliche, wahrscheinlich derselbe, de» Arthur bei seiner Flucht aus La Fe- rette vorgestellt, trug auf seines Herrn Geheiß Sorge für das Packpferd des Engländers. Er bekreuzte sich mit einer tiefen Verbeugung des Kopfes, schloß sich hinten an und schien, wie der falsche Bruder Barthvlomä, seine Zeit damit zu verbringen, daß er seine Gebete mit einer Ernsthaftigkeit hersagte, die vielleicht mehr von erkünstelter als wirklicher Frömmigkeit an sich trug. Der schwarze Mönch von der Sankt Paulskirche sah, nach dem Blick zu urtheilen, den er auf seinen Novizen warf, mit Verachtung auf die Förmlichkeit in der Andacht des jungen Mannes. Er ritt einen starken Rappe», der eher wie ein Kriegsroß ausschaute, denn wie der sanfte Paßgänger ei»»s Priesters, und lenkte ihn auf eine Art, die durchaus keine Ungeschicklichkeit oder Furcht aussprach. Mochte sich nun sein Stolz gründen auf was er wollte, er gehörte offenbar nicht ganz seinem Stande an, sondern hatte seinen Ursprung in anderen aufblähenLeu Gedanken, welche in seiner Seele aufstiegen, sich mit dem Selbstbewußtsein eines mächtigen Geistlichen vermischten und dasselbe steigerten. Wenn Philipson seinen Begleiter von Zeit zu Zeit ansah, wurde sein forschender Blick durch ein heldenmüthiges Lächeln erwiedert, das sagen zu wollen schien: „Du kannst meine Gestalt und Züge anstarren, aber nicht in meine Geheimnisse eindringen." Die Blicke Philipsons, den man nie vor einem sterblichen Menschen zurückweichen gesehen hatte, schienen mit gleichem Hochmuth zu erwiedern: „Und du, stolzer Priester, sollst nicht erfahren, daß du mit einem Manne zusammen bist, dessen Geheimniß noch weit wichtiger ist, als das deine sein kann." Endlich that der Priester einen annähernden Schritt zu einem Gespräch, indem er auf die Gränzen anspielte, welche sie durch gegenseitiges Emverständniß ihrem Verkehr gesteckt zu haben schienen. „Wir reisen also," sagte er, „wie zwei mächtige Zauberer, von denen jeder sich seiner eigenen hohen uud geheimen Absicht bewußt ist; jeder sitzt in seinem eigenen Wolkenwagen und theilt seinem Gefährten weder Richtung noch Zweck seiner Fahrt mit." „Entschuldigt mich, Vater," antwortete Philipson; „ich habe weder nach Euerm Vorhaben gefragt, noch mein eigenes verborgene, so viel es Euch angeht. Ich wiederhole, daß ich zu dem Herzog von Burgund muß und dort will ich, wie jeder andere Handelsmann, meine Maaren mit Vortheil losschlagen." „Es kömmt einem allerdings so vor," fuhr der schwarze Mönch fort, „wenn man die außerordentliche Aufmerksamkeit auf Eure Maaren bedenkt, die Ihr kaum vor einer halben Stunde an den Tag gelegt, so Ihr nicht wußtet, ob Eure Ballen mit Eurem Sohne über den Fluß geführt, oder unter Eurer eigenen Obhut zurückgeblieben waren. Sind die englischen Kaufleute gewöhnlich so gleichgültig gegen ihre Handelsquellen ? " „Wenn ihr Leben in Gefahr schwebt," erwiderte Philip- svn, „so sind sie manchmal unbekümmert um ihr Vermögen." „Natürlich," versetzte der Priester uud fing sein einsames Sinnen wieder an, bis eine weitere halbe Stunde sie in ein Dorf brachte. Dies, erklärte der schwarze Mönch Philipson, 151 wäre dasselbe, in welchem er die Nacht zuzubringen, vorgeschlagen hätte. „Der Novize," setzte er hinzu, „wird Euch das WirthS- haus zeigen. Es genießt eines guten Rufs und Ihr werdet darin sicher wohnen. Ich selbst habe in dem Dorfe ein Beichtkind zu besuchen, Las meiner geistlichen Dienste begehrt; vielleicht sehe ich Euch noch diesen Abend, vielleicht erst morgen früh, auf jeden Fall lebet für jetzt wohl!" Bei Liesen Worten hielt der Pfarrer sein Roß an, der Novize kam zu Philipson heran und führte ihn vorwärts durch die enge Straße der Stadt. Aus den Fenstern strahlte schon hie und da Licht und verkündigte, daß die Stunde der Dunkelheit herbeigekommcn sei. Endl ch lenkte der junge Mensch durch einen Thorweg in eine Art von Hof ein. Hier standen ein paar Karren von sonderbarer Gestalt, wie sie dann und wann die Frauen auf Reisen benutzten, und einige andere Gefährte von derselben Art. Der junge Geistliche stieg ab, gab die Zügel Philipson in die Hand und verschwand in der wachsenden Dunkelheit. Zuvor jedoch zeigte er auf ein großes verfallenes Gebäude, auf dessen Vorderseite sich nicht ein Funke von Licht an einem der engen und zahlreichen Fenster entdecken ließ, und sie selbst auch waren in dem Zwielicht nur undeutlich zu sehen. Achtes Kapitel. Erster Kärrner. He. Stallknecht! -Daß dich die Schwere- noth! Hast keine Augen im Kopfe? Kannst nicht hören? Wenn es nicht ein christliches Werk wäre, dir den Kopf einzuschmeißen, so will ich ein Hundsfott sein. — Komm an den Galgen! Bist ganz des Teufels? Gadshill. Sei so gut und leihe mir deine Laterne, daß ich nach meinem Wallach im Stall sehen kann. Zweiter Kärrner. Ei, sieh da! Schönen Dank! Ich weiß Euch Pfiffe, die noch 'mal so gut sind, mein Seel! Gadshill. Sei so gut und leih mir deine. Dritter Kärrner. Ja, wenn eh'r? Das sag' mir 'mal. „Leih mir deine Laterne!" Ei ja doch, ich will dich erst am Galgen sehen. Schakespeare's Heinrich iv. Mach Schlegel.) Der gesellschaftliche Geist, welcher der französischen Nation eigenthümlich ist, hatte damals bereits in der Herberge dieses Landes den munteren und fröhlichen Willkomm eingeführt, 153 über welchen sich in einer späteren Zeit Erasmus mit großem Nachdruck als über den Gegensatz zu dem finstern und mürrischen Empfang ausläßt, auf welchem sich die Fremden in einem deutschen Wirthshause gefaßt halten müßten. Philipson erwartete daher von einem geschäftigen, höflichen und geschwätzigen Wirth, von der Wirthin und ihrer Tochter, beide liebreich, gefallsüchtig und lustig — von dem lächelnden und geschmeidigen Kellner — und einer gefälligen Hausmagd mit Grübchen im Kinn empfangen zu werden. Die besseren Herbergen >n Frankreich batten auch gesonderte Zimmer aufzuweisen, in denen die Fremden ihre Kleider wechseln oder in Ordnung bringen, wo sie ganz allein schlafen und ihr Gepäcks in Sicherheit bringen konnten. Aber in Deutschland gehört all das noch zu den größten Seltenheiten; und im Elsaß, dem gegenwärtigen Schauplatz unserer Handlung, wie in den andern Zugebörden deS Reichs betrachtete mau Alles, als weibisch, was über die Vorkehrungen hinausging, welche zu Befriedigung der Bedürfnisse der Reisenden unumgänglich nöthig waren. Selbst diese wurden noch roh und mittelmäßig zubereitet und mit Ausnahme des Weins sparsam verabreicht- Als der Engländer sah, daß Niemand am Thore erschien, fing er an, sein Dasein durch lautes Rufen kund zu thun; zuletzt stieg er ab und polterte aus Leibeskräften geraume Zeit an die Thore des Wirlhshauses, ohne die geringste Aufmerksamkeit erregen zu können. Endlich schob sich der Kopf eines grauen Knechts durch ein kleines Fenster und fragte, was er wollte, mit einer Stimme, in welcher mehr Verdruß über die Störung durchklang, als Hoffnung auf den Vortheil, den die Ankunft eines Gastes bringen konnte. „Ist das ein Wirhshaus?" erwiedcrts Philipson. 154 „Ja," versetzte der Diener kurz und wollte sich schon wieder von dem Fenster entfernen, als der Reisende hinzusetzte: „Und wenn das ist, kann ich hier übernachten?" „Ihr könnt hereinkommen," war die kurze und trockene Antwort. „Schicket Jemand heraus, der mir die Pferde abnimmt," entgegnete Philipson. „Es hat Niemand Zeit," antwortete dieser abstoßendste aller Aufwärter. „Ihr müßt Euren Pferden selbst eine Streu zurecht machen, so gut Ihr könnt." „Wo ist der Stall?" sagte der Kaufmann, dessen Klug- heit und Mäßigung dieser acht holländischen Gleichgültigkeit und Trägheit gegenüber auf einer harten Probe stand. Der Bursche, der so sparsam mit Worten zu sein schien, als ob er mit jedem derselben einen Dukaten verlöre, wie die Prinzessin im Fcenmärchen, wies blos auf eine Thüre in einem Außengebäude, die eher zu einem Keller als zu einem Stalle zu führen schien. Dann zog er, als wäre er des Gesprächs müde, den Kopf hinein und warf das Fenster dem Gaste gerade vor der Nase zu, wie wenn er es mit einem zudringlichen Bettler zu thun gehabt hätte. Philipson fluchte über den Geist der Unabhängigkeit, welcher einen Reisenden seinen eigenen Hilfsquellen und Anstrengungen überließ, machte aber aus der Nvth eine Tugend und führte die zwei Klepper der Thüre zu, die man ihm als die des Stalls bezeichnet. Er war herzlich erfreut, als er durch die Spalte derselben Licht schimmern sah, und trat mit den Thieren in einen Raum ein, der sehr viel Aehnlichkeit mit dem Kerkergewölbe eines alten Schlosses hatte und in roher Weise mit Raufen und Krippen versehen war. Er dehnte sich beträchtlich in die Länge und am untern Ende beschäftig- 155 ten sich zwei oder drei Menschen damit, ihre Pferde anzubin- den, zu striegeln und mit Futter zu versorgen. Das Letztere wurde von dem Hausknecht verabreicht, einem sehr alten lahmen Manne, der weder den Wischer noch den Striegel in die Hand nahm, sondern da saß und das Heu pfundweise abwog. Den Haber, schien es, zählte er Korn für Korn heraus, so eifrig lag er seinem Geschäfte mit Hilfe eines schwachen Lichtes ob, Las in einer Hornlaterne steckte. Nicht einmal den Kopf drehte er bei dem Geräusch herum, welches der Engländer machte, als er mit seinen zwei Pferden eintrat; noch weniger zeigte er Lust, im Geringsten sich stören zu lassen, oder dem Fremden den mindesten Beistand zu leisten. In Bezug auf Reinlichkeit glich der Stall dieses elsäffi- schen Dorfes ziemlich dem des Augias und es wäre eine des Herkules würdige That gewesen, ihn in einen solchen Stand von Sauberkeit zu bringen, daß er in den Augen des pünktlichen Engländers anständig und für die Nase desselben erträglich geworden wäre. Dies war aber etwas, was Philipson weit mehr anwiderte als seine Begleiter, die es insbesondere anging. Sie, die zwei Rosse nämlich, schienen vollkommen zu begreifen, es sei die Regel des Orts, „wer zuerst kommt, malt zuerst," und eilten, die leeren Plätze einzunehmen, welche ihnen zunächst standen. Hierin sah sich aber wenigstens eines von ihnen getäuscht, denn es wurde von einem Knechte mit einem Ruthenhieb über den Kopf empfangen. „Das nimm dafür," sagte der Bursche, „daß du dich in den Platz eindrängst, der für die Pferde des Freiherrn von Randelsheim aufbehallen ist." Niemals im Laufe seines Lebens hatte der englische Kaufmann mehr Mühe gehabt, über sich Herr zu bleiben, als in 156 diesem Augenblicke. Er buchte indessen an den Schimpf, den ihm ein Streit in solcher Sache und mit einem solchen Mann zuziehen mußte und begnügte sich damit, daß er das so aus dem Stall, den es sich erlesen, vertriebene Thier in einen andern neben seinem Gefährte» stellte, auf welchem, wie es schien, keinerlei Ansprüche erhoben wurden. Hierauf machte sich der Kaufmann trotz der Anstrengungen des Tages daran, Len stummen Genossen seiner Fahrt alle die Aufmerksamkeit zu widmen, welche jeder einigermaßen kluge, um nicht zu sagen, menschliche Reifende auf sie verwendet. Die ungewöhnliche Mühe, dis sich Pkilipson gab, um seine Pferde ordentlich zu versorgen, obgleich ihn sein Anzug und mehr noch sein Benehmen über diese Knechtsarbeit zu erheben schien, machte selbst auf die eiserne Unempfindlichkeit Los alten' Hausknechts Eindruck. Er bewies einige Hurtigkeit, den Reisenden, der das Geschäft eines Stallknechts so wohl inue hatte, mit Haber, Stroh und Heu zu versorgen. Aber auch er bekam nur eine geringe Menge davon und zu übertriebenen Preisen, die augenblicklich bezahlt werden mußten. Der Mann trieb die Artigkeit so weit, daß er bis an die Stallthüre vortrat und über den Hof hinüber auf den Brunnen deutete, aus welchem Philipson eigenhändig Wasser holen mußte. So glaubte der Kaufmann, als er die Stallgeschäfte zu Ende gebracht, er habe Theilnahme genug, bei dem mürrischen Stallmeister erregt, um von ihm erfahren zu können, ob seine Ballen im Stalle sicher wären. „Ihr könnt sie hier lassen, wenn Ihr wollt," gab der Hausknecht zur Antwort; „aber in Bezug auf ihre Sicherheit werdet Ihr klüger thun, wenn Ihr sie mitnchmet und Niemand dadurch in Versuchung führet, daß Ihr die Augen davon wegwendet." 157 Damit schloß der Habermann sein Orakel und ließ sich nicht dazu bringen, den Mund wieder aufzumachen, sein Kunde mochte Fragen an ihn richten, wie und so lange er wollte. Im Verlaufe dieses kühlen und wenig einladenden Empfangs erinnerte sich Philips»» wieder an die Nvthwendigkeit, das Betragen eines klugen und vorsichtigen Handelsmannes beizubehalten, welches er an diesem Tage schon einmal außer Acht gelassen. Er that also nach, was die Andern gcthan, die, wie er, für ihre Pferde hatten sorgen müssen, nahm sein Gepäck auf die Achsel und begab sich mit seinem Eigenthum in die Herberge. Hier ließ man ihn mehr herein, als daß man ihm den Zutritt freigab, und zwar in die allgemeine oder große Gaststube, worin sich, wie in der Arche der Patriarchen, alle Stände ohne Unterschied, rein oder unrein zusammcnge- funden hatten. Die Stube einer deutschen Herberge hat ihren Namen von dem große» Ofen*), der immer stark geheizt wird, um das Gemach warm zu halten, in welchem er sich befindet. In derselben waren Reisende von jedem Alter und Stand versammelt. Da hingen ihre OberkleiLer ohne Unterschied in der Stube herum, um zu trocknen oder gelüftet zu werden, und die Gäste selbst sah man in verschiedener Weise mit Waschungen, mit ihrem Anzug und andern Dingen beschäftigt, die man heutzutage gewöhnlich für sich allein und im Ankleidezimmer abmacht. Die verfeinerten Begriffe des Engländers fühlten sich von diesem Auftritt abgestoßen und er sträubte sich dagegen, *> Im Englischen heißt ein Ofen und das Wort wird fast wie das deutsche Stube ausgesprochen. D. Uebcrs. 158 sich in denselben zn mischen. Daher fragte er nach dem besonder Aufenthalte des Wirthes selbst und glaubte mittelst einiger von den Beweisgründen, die so viel Einfluß auf die Zunft desselben äußern, werde er eine von den übrigen abgesonderte Wohnung und etwas zu essen bekommen können, was er für sich verzehren wollte. Ein grauhaariger Ganimed, an welchen er sich mit der Frage wandte, wo der Wirth wäre, deutete auf einen Winkel hinter dem ungeheuren Ofen, wo es dem großen Mann gefiel, seine Herrlichkeit in einer sehr dunkeln und außerordentlich heißen Ecke zu verhüllen und sich dem gemeinen Anblick zu enziehen. Es lag etwas Merkwürdiges in seinem Aeußern. Kurz, drall, krummbeinig und eingebildet, glich er in diesen Beziehungen manchen Leuten seines Standes in allen Ländern. Aber das Gesicht des Mannes und mehr noch sein Betragen unterschieden sich mehr von dem der fröhlichen Wirthe in Frankreich und England, als selbst der erfahrene Philipson hatte erwarten können. Er kannte die Gebräuche Deutschlands zu wohl, um hier an die demüthiqen und dienstfertigen Eigenschaften des Herrn eines französischen Gasthofs oder auch nur an das derbere und freiere Betragen eines englischen Wirths zu denken. Die deutschen Schenkwirthe, die er bisher getroffen, waren willkürlich und gebieterisch, nach der Sitte ihres Landes und Zeitalters; wenn man ihnen aber dabei nickt widersprach, so zeigten sie sich, wie Tyrannen in ihren Erholungsstunden, gegen die Gäste, über welche sich ihre Herrschaft ausdehnte, gütig und milderten die Strenge ihrer unbeschränkten Gewalt durch Scherz und Lustigkeit. Die Stirne dieses Mannes aber glich einem Band Trauerspiele, in welchem man eben so wenig etwas von Spaß oder Unterhaltung finden wird, als im Brevier eines Einsiedlers. Seine Antworten waren kurz. heftig und zurückschreckend, die Miene und die Art, mit der sie lvsgelassen wurden, eben so rauh als ihr Inhalt- Dies wird sich aus dem nachstehenden Gespräch zwischen ihm und seinen Gast ergeben. „Guter Wirtb," sagte Philipson im sanftesten Tone, den er annehmen konnte, „ich bin müde und etwas unwohl, darf ich um ein besonderes Zimmer bitten, um einen Becher Wein und etwas zu essen, was ich für mich allein verzehren möchte?" „Das dürft Ihr," antwortete der Wirth, aber mit einem Blick, der im Widerspruch mit der scheinbaren Einwilligung stand, welche seine Worts in sich schlossen. „Laßt mich also solcher Bequemlichkeit theilhastig werden, sobald es Euch gelegen ist." „Sachte!" versetzte der Herbergsvater. „Ich habe gesagt, Ihr dürfet solche Sacken fordern, aber nicht, ich würde Euch dieselben zugestehen. Wenn Ihr daraus beharrt, anders als Andere bedient sein zu wollen, so muß das in einem andern Wirthshaus geschehen, als in dem meinigen." „Nun denn," sagte der Reisende, „ich will mich einmal ohne Nachtessen behelfen, — ja, noch mehr, ich verstehe mich dazu, ein Nacktesten, das ich nicht genieße, zu bezahlen, wenn Ihr mir nur ein besonderes Gemach anweiseu wollet." „Herr Reisender," entgegnete der Schenkwirth, „hier wird Jedermann so gut versorgt wie Ihr, denn alle zahlen gleich. Wer in dieses Gasthaus kommt, muß essen was Andere essen und trinken was Andere trinken, mit meinen übrigen Gästen zu Tische sitzen, und in's Bett gehen, wenn die Gesellschaft genug getrunken hat." „All das," sagte Philipson, der sich demüthigte, da eS 160 lächerlich gewesen wäre, sich aufgebracht zu zeigen, „ist höchst billig, und ich widersetze mich Euren Gesetzen oder Gebräuchen nicht. Aber," fügte er hinzu und nahm den Beutel vom Gürlel, „Krankheit begründet ein Vorrecht, und wenn der Leidende dafür bezahlt, meine ich, sollte die Strenge Eurer Gesetze einige Milderung zulassen." „Ich halte ein Wirthhaus, Signor, und kein Spital. Wen» Ihr hier bleibt, so werdet Ihr eben so aufmerksam bedient werden, wie die Andern, — wenn Ihr nicht thun wollt, was die anderen thun, so verlasset mein Haus und sucht eine andere Herberge." Als Philipson diese entscheidende Zurückweisung erhielt, gab er den Streit aus und zog sich aus dem Allerheiligsten seines ungnädigen Wirths zurück, um die Ankunft des Nachtessens abzuwarten. Er war eiugesperrt wie ein Ochse im Pferdestall, unter den sich drängenden Bewohnern der Stube. Einige der letzter» hatte ihr Weg erschöpft und sie schnarchten die Zeit zwischen ihrer Ankunft und dem Beginn der erwarteten Mahlzeit hinweg; andere besprachen mit einander die Neuigkeiten der Gegend; noch andere würfelren oder machten andere Spiele, die dazu dienen konnten, die Zeit zu vertreiben. Die Gesellschaft gehörte verschiedenen Ständen an, von denen, deren Aeußeres Neichthum und Wohlhabenheit verrieth, bis zu denen, deren Kleider und Betragen ankündigte, daß sie nur gerade nicht mit Armuth kämpften. Ein Bettelmönch, ein Mann von offenbar fröhlichem und gefälligem Wesen näherte sich Philipson und knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Der Engländer kannte die Welt hinreichend, um zu wissen, daß ein geselliges und offenes Benehmen am besten zu verstecken vermochte, was er von seinem Stand und Vorhaben geheim gehalten zu wissen wünschte. 161 Er kam deshalb der Annäherung des Mönchs freundlichst entgegen und besprach sich mit ihm über den Instand von Lothringen und die Theilnabme, welche der Versuch des Herzogs von Burgund, sich dieses Lehens für eigene Hand zu bemächtigen, wohl in Frankreich und Deutschland Hervorrufen würde. Hiebei begnügte sich Philipson, die Ansichten seines Reisegefährten anzuhören und g ib nichts von seinen eigenen preis, sondern hielt es, nachdem er die Nachrichten in Empfang genommen, die ihm der Mönch mitzutheilen für gut fand, für besser, von der Geographie des Landes zu reden, von Len Erleichterungen, die es dem Handel gewährte und den Einrichtungen, die den Verkehr hemmten oder beförderten. Während er so in ein Gespräch verflochten war, welches am besten zu seinem Gewerbe zu passen schien, trat plötzlich der Wirth in's Zimmer, stieg auf ein altes Faß und blickte langsam und fast rund im Gemach herum. Als er seine Musterung vollendet, sprach er in entscheidendem Tone den doppelten Befehl ans, — „Schließt die Thvre, — deckt den Tisch." „Der heilige Antonius sei gelobt," sagte der Mönch, „unser Wirth hat die Hoffnung anfgegeben, noch mehr Gäste für die Nacht zu bekommen. Wir hätten sonst bis zu dieser gesegneten Zeit aus Mangel an Nahrung vergehen können, ehe er uns erlöst hätte. Ei, da kommt ja das Tischtuch, die alte» Hofthore sind jetzt fest genug verriegelt, und wenn Johann MengS einmal sagt, macht die Thore zu, so kann ein Fremder außen klopfen, so lang er will, wir dürfen versichert sein, daß ihm nicht aufgemacht wird," „Herr Mengs hält strenge Zucht in seinem Hause," bemerkte der Engländer. Anna v, Geierstcin 11 . 11 162 „So unumschränkt, als der Herzog von Burgund," antwortete der Mönch, „Nach zehn Uhr kein Zutritt — das sn»t eine andere Herberge, wird, sobald die Glocke geschlagen und die Nachtwächter ihre Runde begonnen baben, ein unumstößliches Ausickließungsgcbot. Wer draußen ist, bleibt draußen; w r innen ist, muß eben so bleiben bis bei Tagesanbruch die Tbore aufgehen. Bis dahin ist das Haus säst eine belagerte Feste, Johann Mengs ihr Befehlshaber." „Und wir seine Gefangenen, guter Vater," sagte Philip- son; „nun, ich bin zufrieden; ein kluger Reifender unterwirft sich der Gewalt der Vvlksführer. wenn er unterwegs ist, und ich hoffe, ein wohlgenährter, feister Potentat, wie Johann Mengs, wird so milde sein, als seine Stelle und Würde eS zulassen." Während sie sich so unterhielten, hatte der bejahrte Kellner mit manchem müden Blick und vielen Seufzern gewisse Bretter hervvrgezogen, mit welchen ein in der Mitte der Stube stehender Tisch so vergrößert werden konnte, daß er die eben anwesende Gesellschaft aufzunehmen vermochte. Er bedeckte ihn mit einem Tuch, das sich weder durch außerordentliche Reinlichkeit nach Feinheit des Gewebes auszeichnete. AlS der Tisch für die Gästezahl groß genug war, wurden Teller und Löffel von Holz nebst einem Trinkglas vor die Plätze gestellt, denn man versah sich, daß Jeder für die anderen Bedürfnisse des Tisches sich seines eigenen Messers bedienen würde. Gabeln kamen erst in viel späterer Zeit in Aufnahme; alle Europäer machten damals Gebrauch von ihren Fingern, um ihre Bissen auszuwählen und sie in den Mund zu befördern, wie die heutigen Asiaten. Kaum war der Tisch gedeckt, so beeilten sich die hungrigen Gaste, ihre Sitze daran einznnehmen. Die Schläfer 163 wurden geweckt, die Würsler gaben ihr Spiel auf, die Müßiggänger und Politiker brachen ibre weisen Verhandlungen ab, uni ibren Platz an dem Abendmahlskisch zu besetzen und ihre Rolle bei der anziehenden Feierlichkeit zu spielen, welche vor sich gehen zu wollen schien. Aber zwischen Mund und Kelchesrand ist 'ns weite Kluft gespam t, und manchmal nicht weniger zwischen dem Tischdecken und Aufträgen. Die Gäste saßen in Ordnung, jeder mit blankem Messer, und bedrohten schon die Lebensmittel, welche noch unter der Hand des Kochs herumgingen Sie hatten, der eine mit viel, Verändere mit wenig Geduld, eine volle halbe Stunde gewartet, als zuletzt der alte vorerwähnte Kellner mit einem Krug Moselwein hereinkam. Dieser war aber so leicht und von so scharfem Geschmack, daß Philipson seinen Becher niedersetzte und ihm jeder Zahn im Mund knirschte, nachdem er nur ein klein wenig davon verschluckte. Der Wirth, Johann Mengs, hatte einen etwas erhöhten Sitz oben am Tische eingenommen; ev gewahrte dieses Zeichen von Ungehorsam und unterließ nichts es zu ahnden. „Der Wein schmeckt Euch, scheint's, nicht mein Herr?" sagte er zu dem englichen Kaufmann. „Als Wein nicht," antwortete Philipson; „aber wenn ich Etwas bemerken könnte, was eines solchen Zugriffes bedürfte, so hätte ich selten besseren Essig gefunden." Dieser Scherz wurde zwar ganz ruhig und gelassen vorgebracht, schien aber den Herbergsvater in Wuth zu versetzen. „Was seid Ihr," schrie er, „für ein fremder Haussier, daß Ihr Euch untersteht, meinen Wein zu tadeln, der von so vielen Prinzen, Herzogen, regierenden Fürsten, Rheingrafen, Grafen, Freiherrn und Reichsrittern gelobt worden 11 " ist, denen Ihr nicht einmal die Schuhe zn putzen verdienet? Ist das nicht von dem Wein, von welchem der Pialzgraf von Nimmersatt sechs Viertel trank, ehe er aus dem gesegneten Sessel aufstand, in welchem ich jetzt fitze?" „Ich zweifle nicht daran, mein Wirth," entgegnete Philips«»; „und es würde mir nicht einfallen, etwas über die Mäßigkeit Eures ehrenwerthen Gastes zu sagen, wenn er auch doppelt so viel getrunken hätte." „Still, du boshafter Spalter!" sagte der Wirth. Augenblicklich entschuldige dich bei mir und dem Wein, den du ge- lästerst, oder ich lasse Las Nachtessen bis Mitternacht verschieben." Jetzt entstand ein allgemeiner Lärm unter den Gästen. Alle schwuren, sie haben keinen Antheil an den Ausstellungen Philipsons, und die meisten von ihnen schlugen vor, Johann Mengs solle sich an dem wirklichen Schuldigen dadurch rächen, daß er ihn alsbald zur Thüre hinauswerfe, aber nickt so viele unschuldige und hungrige Leute in die Folgen seiner Miffe- that verflechten. Sie erklärten den Wein für ausgezeichnet. Zwei oder drei tranken sogar ihre Gläser aus, um ihre Worte zu erweisen, und Alle erboten sich, wenn auch nicht mit Leben und Vermögen, doch wenigstens mit Händen und Füßen das Hausreckt gegen den widerspenstigen Engländer zu schützen. Während Bitten und. Vorstellungen Johann Mengs von jeder Seite her anfielen, war der Münch gleich einem klugen Rath und treuen Freund bemüht, den Streit dadurch zu enden, daß er Philipson rieth, sich der Gewalt des Wirths zu unterwerfen. „Erniedrige dich selbst, mein Sohn," sprach er; „beuge dein halsstarriges Herz vor dem großen Herrn vom Zapfen und Faß. Ich spreche für mein eigenes Bestes so gut, als 165 für das der Ander»; denn der Himmel allein weiß, wie lange sie oder ich dieses zehrende Fasten noch aushalten können!" „Werthe Gäste," sagte hierauf Philipson, „es thut mir leid, daß ich unfern verehrte» Wirth beleidigt habe. Ich bin so weit entfernt, den Wein zu tadeln, daß ich eine Doxvel- kanne davon bezahlen will, die Allen in dieser ansehnlichen Gesellschaft herumgereicht werden soll — wenn sie nur nicht verlangen, daß ich miltrinkcn soll." Die letzten Worte wurden beiseite gesprochen; aber der Engländer konnte an de» krummen Mäulern einiger von den Anwesenden, die einen feinen Gaumen besaßen, wohl abnehmen, daß sie eben so sehr, als er selbst, über eine Wiederholung des sauren Getränks erschrocken waren. Der Mönch wandte sich nun an die Gesellschaft mit dem Vorschlag, der fremde Kaufmann sollte, statt eine Kanne des von ihm gelästerten Weines zu bezahlen, um eine gleiche Menge von den edleren Weinen gebüßt werden, die gewöhnlich aufgctischt würden, wenn das Mabl geendigt wäre. Dabei fanden Wirth und Gäste gleich viel Vortßeil Da Philipson keine Einwendung erhob, wurde der Vorschlag einstimmig angenommen, und Johann Mcngs gab von seinem Ehrenplätze das Zeichen zum Aufträgen. Das lange ersehnte Mahl erschien und zweimal so viel Zeit wurde verwendet, es zu verzehren, als man beim Warten auf dasselbe hingebracht hatte. Die Bestandtheile des Essens sowohl, als die Art, wie man sie auftrug, waren so gut darauf berechnet, die Geduld der Gäste auf die Probe zu stellen, als der Verzug, welcher vvranging. Trachten von Brod und Gemüse folgten nach einander mit Schüsseln voll gesottenem und gebratenem Fleisch. Jede von ihnen ging der Reihe nach regelmäßig an der weiten Tafel herum und wurde Jedermann bei dem Umlauf angeboten. Blutwürste, geräuchert Fleisch, getrocknete Fische, machten ebenfalls die Runde. Verschiedenes Eingemachte, das man Botargo, Ca- viar und so fort nannte, und das aus einer Mischung von Fischrogen mit Gewürzen und dergleichen Zuthaten bestand, war darauf berechnet, Durst zu erwecken und zu wackerem Trinken anzuregen. Flaschen mit Wein begleiteten diese Leckerbissen. Das Getränk übertraf an Geschmack und Stärke den gewöhnlichen Wein, der einen so großen Streit veranlaßt hatte, so weit, er war so berauschend, feurig und stark, daß Philipso» trotz der Vorwürfe, die il-m sein Tadel schon zugezogen, etwas kaltes Wasser zu fordern wagte, um es zu verdünnen. „Ihr seid sehr schwer zufrieden zu stellen, Herr Gast," erwiederte der Wirth und warf abermals einen finstern und unwilligen Blick auf den Engländer; „wenn Ihr den Wein >n meinem Hause zu stark findet, so braucht Ihr, seine Stärke zu mindern, nur weniger zu trinken. Es ist uns gleichgültig, ob Ihr trinkt oder nicht; Ihr bezahlt in diesem Fall blos bis Zeche der guten Gesellen, die solches lhun." Und er schlug ein rauhes Gelächter auf. Philipson wollte eben darauf antworten; aber der Mönch behielt seine Rolle als Vermittler bei, zupfte ihn am Mantel und bat ihn, es zu unterlassen. „Ihr versteht die Art und Weife dieses Orts nicht," sagte er; „es ist hier nicht wie in den englischen und franzost-chen Gasthäusern, wo jeder Gast fordert, was er will, und nicht mehr. Hier geht Alles nach einem ausgedehnten Grundsatz der Gleichheit und Brüderlichkeit. Keiner verlangt etwas besonders; sondern, was der Wirth für hinreichend hält, wird Allen ohne Unterschied vorgesetzt. Und wie mit der Bewirthung, so ist es auch mit der 167 Zeche. Alle bezahlen gleichen Antheil daran, ohne Rücksicht auf die Menge von Wein, die einer mehr als der andere genossen haben mag, und so zahlt der Kranke und Schwächliche, ja Las Weib und Las Kind so viel, als der hungrige Bauer und herumziehende Lanzknecht." „Das scheint mir eine unbillige Silke," sagte Philipson; „aber ein Reisender hat darüber kein Urtheil zu fällen. Wenn also eine Rechnung gefordert wird, zahlt Jedermann gleich, soviel ich verstehe?" „Das ist die Regel," sagte der Mönch, „ausgenommen ist vielleicht nur ein armer Bruder unseres Ordens, den die Mutter Gottes und der heilige Franz zu einem solchen Vorgang führen, damit gute Christen ihm ihre Almosen geben, und so einen Schritt auf ihrem Wege zum Himmel vorwärts thun." Die ersten Worte dieser Anrede wurden offen und frei gesprochen, wie der Mönch das Gespräch begonnen hatte; der letzte Satz verschwamm in den kläglichen, seinem Stande angehörigen Tone, der den Bettelgenvssenschaften eigen ist, und belehrte Philipson auf einmal, welchen Preis er für des Mönches Rath und Vermittlung bezahlen sollte. Nachdem er so die Sitte des Landes besprochen, machte sich der gute Vater Gratian daran, sie mit seinem eigenen Beispiele zu beleuchten. Cr hatte gar nichts gegen eine neue Tracht Wein, wegen der Stärke desselben und schien sehr geneigt, sich unter ein paar rüstigen Zechern hervvrzuthun, welche aussahen, als wären sie entschlossen, ihre Zeche bis auf den letzten Pfennig abzuverdienen. Der gute Wein that auch allmäblig seine Wirkung, und selbst des WirthS mürrische und häßliche Züge wurden milder. Er lächelte, da er sah, daß die zündende Flamme der Fröhlichkeit einen nach dem andern ergriff, und 168 am Ende fast alle die zahlreichen Gäste an der Tafel mit Ausnahme einiger wenigen erfaßte, die zu mäßig waren, um dem Wein so stark zuzusprechen, oder zu stolz, um l» die Streitereien cinzugehen, zu welchen er Veranlassung gab. Auf diese warf der Wirth von Zeit zu Zeit einen finsteren und mißfälligen Blick. Philipso» blieb zurückhaltend und schweigsam, sowohl in Folge seiner Enthaltsamkeit als seiner Abgeneigtheit, sich in ein Gespräch mit Fremden einzulaffen, und wurde deshalb von dem Wirth als ein Ungehorsamer angesehen. Mengs begann, als er seine Natur mit dem feurigen Weine aufge- stachelk, mit versteckten Andeutungen, mit Freudenstörer, Spielverderber und ähnlichen Beiname» um sich zu werfen, die offenbar gegen den Engländer gerichtet waren. Philipson erwiederte mit der größten Gleichmüthigkeit, er wisse recht gut, daß seine Stimmung ihn für jetzt nicht zu einem angenehmen Mitglied einer lustigen Gesellschaft mache; er möchte deshalb, mit der Erlaubniß der Anwesenden, sich in sein Schlafzimmer zurückziehen, und ihnen allen guten Abend und Fortdauer ihrer Fröhlichkeit wünschen. Aber dieser Vorschlag, der Jedermann sonstwo ganz am Platz geschienen hätte, schloß einen Derrath an den Gesetzen einer deutschen Zechgesellschaft in sich. „Wer seid Ihr," sagte Johann Mengs, „daß Ihr Euch herausnehmt, den Tisch zu verlassen, ehe die Rechnung verlangt und bezahlt ist? Sapperment und Teufel! Wir sind keine Männer, an denen eine solche Beleidigung ungestraft verübt werden darf! Ihr könnt Eure feinen Streiche in Rams- Alley, oder in Eastcheap, oder in Smithfield loslaffen, wenn Ihr wollt, aber nicht im goldenen Vließ bei Johann Mengs Auch werde ich nicht zugeben, daß einer der Gäste zu Bett 169 geht, um der Zeche zu entschlüpfen und so mich und den Rest meiner Gesellschaft betrügen " Philips»» sah sich um, die Ansichten seiner Tiscbgcnossen zu erfahren, fand sich aber nickt ermuthigt, sich auf ihre Entscheidung zu berufen. Auch war vielen von ihnen wenig Besinnung mehr übrig, die man hatte in Anspruch nehmen können; und die, welche der Sache einige Anfmerksamkeit schenkten, waren ein paar ruhige alte Saufbrüder, die bereits an die Rechnung zu denken anfingen und mit dem Wirth in Uebereinstimmung den englischen Kaufmann für einen Flunkerer ausgegeben hatten, der die Absicht führte, der Zahlung für das zu entgehen, was nack seinem Weggang aus dem Zimmer getrunken wurde. Johann Mengs erhielt also den Beifall der ganzen Gesellschaft, als er triumphirend seine Anklage gegen Philipso» schloß. „3a, Herr, Ihr könnt fortgehen, wenn Ihr wollt; aber, Potz Element! nicht mehr um eine andere Herberge zu suchen, sondern in den Hof und nicht weiter, dort könnt Ihr Euer Bett auf dem Stroh im Stall machen; das ist gut genug für den Mann, der mit Gewalt zuerst aus guter Gesellschaft aufbrechen will." „Das heiß ich wohl gesprochen," sagte ein reicher Handelsmann von Regensburg; und hier sind sechs von uns — mehr oder weniger — die Euch beistehen werden, die guten alten Gebräuche von Deutschland aufrecht zu halten; und die — umpf — löblichen und — und preiswürdigen Gesetze vom goldenen Vließ." „Ei, werdet nicht zornig, Herr," erwiederte Philipson; Ihr und Eure drei Gefährten, welche der gute Wein zu sech- sen vermehrt hat, sollt die Sache nach Eurem Gutdünken in Ordnung bringen dürfen; und da Ihr mir nicht erlauben wollt, 170 zu Bett zu gehen, so denke ich, wird es Euch nicht beleidigen, wenn ich auf meinem Stuhl einschlafe." „Wie sagt Ihr? was meint Ihr» mein Wirth?" sagte der Regensburger; „der Herr ist betrunken, wie Ihr seht, denn er weiß nicht mehr, daß drei und eins sechs ist — ich sage, darf er, da er betrunken ist, in dem Lehnstuhl schlafen?" Diese Frage rief einen Widerspruch von Seiten des Wirths hervor, der behauptete, drei und eins sey vier, nicht sechs; und dagegen that der Regensburger wieder Einsprache. Ein anderes Geschrei erhob sich zu gleicher Zeit und wurde zuletzt mit Mühe durch die Strophen eines Liedes von der Freude und Geselligkeit zum Schweigen gebracht, welches der Mönch, der jetzt die Regeln des heiligen Franziskus einiger- »lassen vergessen hatte, mit mehr gutem Willen anstimmte, als er je einen Psalm des Königs David abgesungen. Unter dem Schutze dieses Lärms zog sich Philipson ein wenig bei Seite, und ob er gleich fühlte, Laß es ihm unmöglich wäre, zu schlafen, wie er vvrgehabt, war er doch im Stande, den vorwurfsvollen Blicken auszuweichen, mit welche Johann Mengs auf alle diejenigen schloß, die nicht leicht laut nach Wein schrien und wacker tranken. Seine Gedanken streiften ferne von der Stube des goldenen Vließes und in Gegenständen umher, die nickt das Mindeste mit dem gemein hatten, was rund um ihn verhandelt wurde. Da ward seine Aufmerksamkeit plötzlich durch ein lautes und anhaltendes Klopfen an der Thüre des Gasthauses erregt. „Was gibt's La?" sagte Johann Mengs und seine Nase wurde roth vor Unwillen; „welcher gottlose Teufel drängt sich zu dieser Stunde so ungestüm in's goldene Vließ, als ob er an die Thüre eines Hurenhauses donnerte? Geh' einer au das Thurmfenster — Gottfried, Schelm von Hausknecht, oder 171 du, alter Timotheus, sag dem tollen Menschen, daß blos zu gehöriger Zeit der Zugang in's goldene Vließ offen ist." Die Männer thaten, wie ihnen geheißen worden und man konnte in der Stube hören, wie einer Le» andern in der bestimmten Abweisung zu übertreffen suchte, die sie dem Gast zuriefen. Indessen kamen sie zurück und sagten ihrem Herrn, sie seven nicht im Stande, die Hartnäckigkeit des Fremden zu bewältigen, der sich entschieden weigere, wegzugehen, bis er eine Zusammenkunft mit Mengs selbst gehabt habe. Zn mächtigen Zorn gerieth der Herr des goldenen Vließes über diese schlimme Beharrlichkeit und sein Unwille dehnte sich, wie eine feurige Ausdünstung, von seiner Nase über die nächsten Gegenden der Wangen und Stirn aus. Er fuhr vom Sessel auf, nahm einen derben Stock in die Hand, welcher gewöhnlich sein Herrschersiab zu sein schien, und murrte etwas von Prügeln für die Schultern von Narren und Krügen voll sauber» oder schmutzigen Wassers, um ihnen die Ohren zu waswen. Dann schritt er dem in den Hof hinausgehenden Fenster zu und ließ seine Gäste sitzen. Diese nickten, winkten einander und wisperten sich zu, in voller Erwartung, Len thätlichen Ausbruch seines Zorns zu vernehmen. Es geschah aber ganz anders; denn nachdem einige undeutliche Worte gewechselt worden, erstaunte man allgemein, das Geräusch von der Aufriegclung und Aufsperrung der Thore des Wirthshauses und gleich danach die Tritte von Männern auf der Treppe zu vernehmen. Der Wirth trat herein und bat mit einem Anschein plumper Köstlichkeit die Versammelten einem verehrten Gast Platz zu machen, der, obgleich spät, ihre Zahl zu vergrößern käme. Eine große, schwarze Gestalt folgte ihm, in einen Reisemantel gehüllt; als sie diesen ab- 172 legte, erkannte Philips»» alsbald seinen letzten Reisegefährten, den schwarzen Mönch von der Sankt Paulskirche. ES lag in dem Umstande selbst durchaus nichts Ueber- raschendes, den» eS war natürlich, daß ein Wirth, wenn er gleich grob und unverschämt gegen gewöhnliche Gäste sich zeigte, einem Geistlichen Achtung erwies, entweder wegen seines RangS in der Kirche oder wegen seines Rufs in Bezug auf Frömmigkeit Aber waS Philips»!! überraschend vor- kam, war die Wirkung, welche der Eintritt dieses unerwarteten Gastes hervorbrachte. Dieser setzte sich ohne Bedenken an den obersten Platz am Tische, von welchem Johann MengS den vorbesagten Handelsmann auS Regensburg entthront hatte, obgleich er so viel Eifer für die alten, deutschen Brauche, eine so standbafte und neue Anhänglichkeit an das goldene Bließ und so viel Vorliebe für volle Becher an den Tag gelegt. Der Priester nahm sogleich und ohne Bedenken Besitz von seinem Ehrenplatz, nachdem er des WirtheS ungewohnte Artigkeit nachläßig erwiedert. ES schien dies durch seine langen, schwarzen Gewänder bewerkstelligt worden zu sein, die an die Stelle des aufgeschlitzten und faltigen RockS seines Vorgängers getreten waren, aber auch durch das kalte, graue Auge, mit welchem er die Gesellschaft langsam musterte. Dieses glich einigermaßen der fabelhaften Gorgone und wenn es auch die, welche darauf blickten, nicht buchstäblich in Stein verwandelte, so lag doch etwas Versteinerndes in dem festen unbeweglichen Blick, mit dem er um sich schaute, als wollte er dem Menschen in der innersten Seele lesen und von einem zum anderen ging, als wäre jeder, den er sich eben betrachtet, längerer Aufmerksamkeit unwürdig. Auch an Philipsvn kam diese augenblickliche Prüfung; es mischte sich aber nichts darein, was eine Wiedcrcrkennung 173 verrietst Aller Mull) und alle Fassung des Engländers konnten ein unangenehmes Gefühl nicht verhindern, als er sich unter dem Auge dieses geheimnißvollen Manns befand. Er fühlte sich erleichtert, als er sich von ihm abwandte und auf einem andern aus der Gesellschaft hafte» blieb, der seinerseits ebenfalls die schauererregendcn Wirkungen dieses erstarrenden Blicks erfuhr. Der Lärm berauschter Fröhlichkeit und trunkenen Wortkampfs, der betäubende Streit und das noch stürmischere Gelächter, welche bei'm Eintritt des Priesters in das Eßzimmer aufgegeben worden waren, erstarken nun nach einem oder zwei erfolglosen Versuchen sie wieder aufzuuehmcn, völlig, als ob das Gelage sich in ein Leichenmahl verwandelt hätte und die lustigen Gäste waren auf einmal in traurige Stumme verwandelt, wie sie solchen Feierlichkeiten beiwohnen. Ein kleiner Mann mit rvsenfarbenem Gesicht, von dem sich nachher herausstellte, daß er ein Schneider aus Augsburg war, wollte vielleicht aus Ehrgeiz einen Grad von Math zeigen, der, wie man meint, seinem weibischen Gewerbe nicht eigen ist und machte einen kühnen Versuch; und doch geschah es mit furchtsamer und angehaltener Stimme, als er den fröhlichen Mönch aufrief, seinen Gesang zu erneuern. Aber der wagte es entweder nicht, einem »»kirchlichen Zeitvertreib in Gegenwart eines Ordensbruders sich zu überlassen, oder hatte er einen andern Grund, die Einladung abzulehncn. Der lustige Geistliche ließ den Kopf hängen und schüttelte ihn mit solch ausdrucksvoller, trauriger Miene, daß der Schneider davon abstand, wie wenn er etwas von eines Kardinals Gewändern in seine Hölle hätte fallen lassen und dabei oder bei'm Mausen der Schnüre eines Altartuchs oder Chorrocks ertappt worden wäre. Kurz, die Schmauserei war in tiefe Stille übergegangen und die Gesellschaft lauschte mit solcher Auf- 174 merksamkeit auf das, was zunächst kommen würde, daß die Glocken der Dorfkirche, da sie die erste Stunde nach Mitternacht aukündigten, die Gäste auffahren machte, als ob sie dieselben durch ihr Geläute einen Sturm oder Brand ankündigen hörten. Der schwarze Priester hatte ein leichtes und eiliges Mahl zu sich genommen und der Wirth keinerlei Einspruch dagegen gemacht, ihn damit zu versorgen. Er schien jetzt die Glocken, welche den ersten kirchlichen Dienst nach Mitternacht ankündigten, für ein geeignetes Zeichen zu nehmen, um die Gesellschaft abzubrechen. „Wir haben gegessen," sprach er, um unfern Körper aufrecht zu halten; jetzt wollen wir beten, daß wir auf den Tod vorbereitet seien; denn er folgt dem Leben so sicher, als die Nacht dem Tag, oder der Schatten der Sonne, obgleich wir nicht wissen, wann und von wannen er kommt." Alle Gäste entblößten und beugten gleichsam unbewußter- weise die Häupter und der Priester sprach nun mit tiefer, feierlicher Stimme ein lateinisches Gebet. Er drückte darin Gott seinen Dank aus für den Schutz am Tage und bat um Fortsetzung desselben während der finsteren Stunden, die noch verfließen mußten, ehe der Tag wieder begann. Die Hörer neigten die Köpfe zum Zeichen ihrer Bcistimmung zu dem heiligen Geber; und als sie dieselben erhoben, war der schwarze Priester von der Sankt Paulskirche dem Wirth außer das Gemach gefolgt, wahrscheinlich in das Zimmer, in welchem er die Nacht verbringen konnte. Seins Abwesenheit war kaum bemerkt worden, als Zeichen und Winke und selbst Geflüster zwischen den Gästen ausgetauscht wurden. Niemand aber wagte es, laut oder in so zusammenhängender Weise zu spreche», Laß Philipson etwas davon deutlich verstehen konnte. Er selbst wagte an den Mönch, der neben ihm saß, in dem- 175 selben unterdrückten Tone, der im Augenblick eingeführt war; die Frage, ob der würdige Geistliche, der sie verlassen, nicht der Pfarrer von der Sankt Paulskirche in der Gränzstadt La Ferette wäre? „Und wenn Ihr wißt, daß er es ist," antwortete der Mönch mit einem Gesicht und Ton, welche bewiesen, daß sein Rausch auf einmal vergangen war, „warum fragt Ihr mich?" „Weil ich gerne den Zauber kennen lernen möchte," er- wiederte der Kaufmann, „welcher so viele lustige Zecher so plötzlich ernsthaft und nüchtern und eine so lärmende Gesellschaft zu Karthäusern gemacht hat?" „Freund," sagte der Mönch, „deine Fragen sehen ganz so aus, als gingen sie ans Dinge, die du recht wohl weißt; aber ich bin keine so dumme Ente, daß ich mich durch's Locken fangen ließe. Wenn du den schwarzen Priester kennst, so kannst Du nicht im Unklaren sein über den Schrecken, welche» seine Gegenwart einflößte, und daß es sicherer wäre, sich in dem heiligen Haus zu Loretto einen plumpen Spaß zu erlaube», denn da, wo er sich sehen läßt." Bei diesen Worten, und wie wenn er ein weiteres Gespräch zu vermeiden gewünscht hätte, zog er sich in einige Entfernung von Philipson zurück. In diesem Augenblick erschien der Wirth wieder und benahm sich jetzt etwas mehr als zuvor, wie ein anderer Herbergsvater. Er befahl seinem Kellner Gottfried, der ganzen Gesellschaft den Schlaftrunk zu reichen. Dieser bestand aus abgezogenem, m t Gewürzen vermengtem Wasser und war so gut als ihn Philipson selber je gekostet. Johann MengS sprach, während dies geschah, mit elwas mehr Ehrerbietung gegen seine Gäste die Hoffnung aus, daß sie mit seiner Be- wirthung zufrieden wäre». Indessen that er es in so gleichgültiger Weise und schien sich so bewußt, er verdiene die bejahende Antwort, die ihm einstimmig zu Theil wurde, daß man deutlich sah, wie wenig eigentliche Demuth hinter der Frage versteckt lag. Der alte Mann, Thimvtheus, schrieb den Betrag der Zeche auf daS Untertheil eines hölzernen Tellers und zeigte die Einzelnheiten derselben in gewissen verabredeten Hieroglyphen an; auf einem andern machte er die Verthei- lung der ganzen Summe unter der Gesellschaft und ging dann daran, den Antheil eines jeden einzufvrdern. Als der ver- hängnißvolle Teller, in welchen jeder Mann sein Geld niederlegte, dem fröhlichen Mönch nahe kam, schien er etwas die Farbe zu wechseln. Er warf einen kläglichen Blick auf Philipson, als den einzigen, von dem er hoffen konnte erlöst zu werden; und unser Kaufmann, obgleich unzufrieden über die Art, wie er sich seinem Vertrauen entzogen, wollte doch in einem fremden Lande eine kleine Ausgabe nicht scheuen, und sich eine Bekanntschaft zu unterhalten, die der Zufall nützlich machen konnte. Er bezahlte die Zeche des Bettelmönchs wie seine eigene. Der gute Mann stattete seinen Dank mit vielen Segenswünschen in gutem Deutsch und schlechtem Latein ab, aber der Wirth unterbrach ihn kurz. Er näherte sich Philipson mit einem Licht in der Hand und bot seine eigenen Dienste an, um ihm zu zeigen, wo er schlafen könnte. Ja, er hatte sogar die Herablassung, sein Felleisen oder seinen Mantelsack mit höchst eigenen Händen zu tragen. „Ihr macht Euch zu viel Mühe, mein Wirth," sagte der Kaufmann, etwas überrascht von dem Wechsel im Betragen des Johann Mengs, der ihm bis daher bei jedem Wort widersprochen. 177 „Ich kann mi>' nicht zu viel Mühe für einen Gast machen," erwiederte dieser, „welchen mein ehrwürdiger Freund, der Priester an der St. Paulskirche meiner Vorsorge besonders empfohlen hat." Hiermit öffnete er die Thüre eines kleinen Schlafzimmers, in welchem Alles für den Empfang des Reisenden hergerichtet war und sagte zu Pkilipson, — „hier könnt Ihr ruhen bis morgen und bis es Euch aufznstehen beliebt, überhaupt könnt Ihr so lange bei mir bleiben als Ihr wollet. Der Schlüssel da wird Eure Waaren vor Diebstahl und Raub im Allgemeinen sicher stellen. Das thue ich nicht für Jedermann; denn wenn ich jedem meiner Gäste ein Bett für sich geben wollte, so wäre das Nächste, was sie von mir verlangten, ein besonderer Tisch. Dann hätte es ein Ende mit den guten, alten, deutschen Bräuchen und wir würden eben so ausschweifend und läppisch wie unsere Nachbarn." Er le.ts den Mantclsack auf den Boden und schien Las Zimmer verlassen zu wollen, kebrte aber wieder und begann eine Art Vertheidigung wegen der Grobheit seines früheren Benehmens. „Ich hoffe, es herrscht kein Mißvcrständniß zwischen uns, mein würdiger Gast. Ihr. konntet eben so gut erwarten einen von unseren Bären von Len Bergen herunterkommen und Streiche wie em Affe machen zu sehen, als einen von UNS alten, zähen Deutschen finden, der die Kratzfüffe eines französischen oder italienischen Wirths »achmacht, doch bitte ich Euch zu bemerken, daß, wenn unser Betragen barsch ist, unsere Zechen billig und alle unsere Waaren acht sind. Wir verlegen uns nicht darauf, durch ein Grinsen oder einen Bückling Moseler für Rheinwein anszugeben; wir machen auch keine vergiftete Brühe an Euer Essen, wie der verrätherrsche Anna v. Geierstein il. 12 178 Italiener, der Euch dabei immer Illustrisslmo und älagnilico nennt." In diesen Worten schien er seine Rednergabe erschöpft zu haben, denn als sie ausgesprochen waren, drehte er sich kurz um und verließ ras Zimmer. So verlor Philipson abermals eine Gelegenheit zu fragen, wer oder was dieser Geistliche wäre, daß er einen solchen Einfluß auf Alle die ihm »ahekamen, ausübte. Zwar fühlte er kein Verlangen, ein Gespräch mit Johann Mengs fortzuführen, obgleich er sein finsteres und abstoßendes Betragen so auffallend geändert, aber er hätte sehr gern gewußt, wer der Mann wäre, den es nur ein Wort kostete, um die Dolche elsässischer Banditen abzulenken, welche wie die Bewohner aller damaligen Gränzländer an Plünderung und Räuberei gewöhnt waren, der mit einem Wort die sprichwörtliche Grobheit eines deutschen Wirths in Höflichkeit umzuwandeln vermochte. Solches waren die Gedanken Pbilipsvn's, als er sich auszog, um sich der Ruhe, die ihm ein Tag voll Anstrengung, Gefahr und Verlegenheiten so nöthig machte, auf dem Lager hinzugeben, welches ihm die Gastlichkeit des goldenen Vließes im Rheinthale darbot. Neuntes Kapitel. Macbeth. Nun, Ihr Töchter der Nacht, geheimnißvolle schwarze Hexen, was macht Ihr da? Die drei Hexen. Etwas das keinen Namen hat. Macbeth. Wir haben am Schluffe des letzten Kapitels gesagt, Laß der Kaufmann Philipson nach einem Tage »oll Muhen und außerordentlicher Aufregung erwartet habe, so viele sonderbare Vorfälle in der tiefen Ruhe vergessen zu können, welche die Folge und das Heilmittel der äußersten Erschöpfung ist Kaum hatte er sich aber auf sein bescheidenes Lager hingestreckt, als er merkte, daß sein übermüder Körper nicht dazu gestimmt war, sich den Annehmlichkeiten des Schlafs zu über- rassen. Die Spannung des Geistes war allzustark gewesen und der Körper fieberte zu heftig, um der nöthigen Ruhe genießen zu können. Seine Unruhe über die Sicherheit sein es Sohnes, seine Vermuthungen über den Erfolg seiner Sen- 12 * 180 düng an den Herzog von Burgund, tausend andere Gedanken, welche ihm die Ereignisse der Vergangenheit vor Augen führten oder diejenigen malten, welche die Zukunft im Schovße trug, strichen über seine Seele hin wie die Wogen eines aufgeregten Meeres und verhinderten allen Schlaf. Eine Stunde ungefähr mochte er im Belte sein und kein Schlaf hatte noch seine Augen berührt, als er gewähr wurde, daß er mit sammt seinem Bette abwärts stieg, er konnte nicht sagen wohin Er vernahm ein undeutliches Geräusch von Stricken und Rollen, obgleich man alle Vorsicht angewandt hatte, um solches zu verhindern, und als er um sich fühlte, erkannte er, daß er und das Bett auf dem er lag, auf einer großen Fallthüre gestanden hatte, welche man in die Gewölbe oder Gemächer hinablassen konnte, die unten sich befanden. Philipson blieb nicht frei von Furcht, unter Umständen, die so geeignet waren, solche einzuflößen; denn wie konnte er auf glückliche Beendigung eines Abentheuers hoffen, daS einen so seltsamen Anfang nahm? ber seine Besorgnisse waren die eines festen, besonnenen Mannes, der selbst in der äußersten Gefahr die ihn umfing, die Geistesgegenwart nicht verlor. Es schien, man ließe ihn langsam und vorsichtig hinunter und er hielt sich darauf gefaßt, sich auf die Füße zu stellen und sich zu vertheidigen, sobald er sich einmal auf festem Grund befände. Wenn schon von etwas vorgerückten Jahren, besaß er doch noch alle seine Stärke und Beweglichkeit und wenn man ihn nicht mit allzuungleichen Kräften angriff, wie er das eben jetzt zu fürchten allen Grund hatte, so war er im Stande einen furchtbaren Widerstand zu leisten. Man war indessen seinem Vertheidigungsplan znvvrgekvmmen. Kaum hatte er den Boden des Gewölbes erreicht, in welches man 181 ihn Heruntergelaffen, als ihn zwei Männer, die hier warteten bis das Geschäft vorüber war, von beiden Seiten ergriffen. Sie hinderten ,'h >. mit Gewalt am Aufspringen, wie er es vorgehabt, warfen ihm eine Schlinge um die Arme und machten ihn eben so gut zum Gefangenen, wie wenn er noch in den Verließen von La Ferette gewesen wäre. Er war daher gezwungen, sich ruhig zu verhalten und das Ende des furchtbaren Abentheuers abzuwarten. Geknebelt wie er war, vermochte er blos den Kopf von einer Seite zur anderen zu wenden und mit Freuden sah er zuletzt Lichter erglänzen, die sich aber in weiter Entfernung von ihm zeigten. Die zerstreuten Lichter kamen in unregelmäßiger Art und Weife heran, sie hielten bald eine gerate Linie ein, bald vermischten und kreuzte» sie sich und daraus konnte er abnehmen» daß das unterirdische Gewölbe, in welchem sie sich sehen ließen, eine sehr beträchtliche Ausdehnung hatte. Auch ihre Anzahl mehrte sich nach und nach und als sie sich mehr sammelten, konnte Philipson unterscheiden, daß eS Fackeln waren und daß sie von Männern getragen wurden, die sich in schwarze Mäntel gelullt hatten, wie die Leidtragenden bei einem Leichenbegängniß oder die schwarzen Brüder vom Orden des heiligen Franz. Ihre Kaputze» trugen sie über die Köpfe hcrgezogen um ihre Gesichtszüge zu verdecken. Die Männer schienen eifrig mit sorgfältiger Ausmessung eines Theils des Gemachs beschäftigt und wädrend sie diese Arbeit verrichteten, sangen sie Verse in alldeutscher Sprache, welche Phillpson kaum verstand, von denen aber die hierstehenden für eine Nachahmung gelten mögen. 182 Die Ihr Gut und Böses meßt nach Eurem Schwur, Bringet Richtscheit, Winkelmaß herbei und Schnur. Den Altar errichtet, zieht den Graben gut. Netzet beide, Graben und Altar, mit Blut. Ellen sechs von End' zu Ende sei der Bann, Den der Richter grause Schreckenbank umspann'! Sechs der Ellen auch von Seit' zu Seiten. Sollen Richter und Beklagten scheiden. Gegen Morgen sei's Gericht mit seinen Gliedern, Gegen Abend soll der Angeklagte zittern. Redet Brüder, all' und einer, saget frei. Ob nach Brauch und Recht verfahren worden sei. Ein dumpfer Chor schien auf diese Frage Antwort zu geben. Viele Stimmen vereinigten sich darin, sowohl von Leuten, die bereits in den unterirdischen Gewölben waren, als von anderen, die noch außen in den verschiedenen mit demselben in Verbindung stehenden Gängen sich aufhielten. Pyilipson konnte daher jetzt auf eine sehr beträchtliche Anzahl von Menschen schließen. Die Antwort wurde ebenfalls abgesungen und lautete ungefähr wie folgt: Bei Leib und Seele, bei Blut und Gebeinen, Einer für Alle und Alle für Einen, Wir bezeugen, daß Alles im Reinen. Die ersten Stimmen ließen sich jetzt wieder hören, — Wie steht die Nacht, blickt Morgenschein In frühen Strahlen auf dem Rhein? Und welcher Ton schwimmt auf ihm her. Ist es der muntern Wogel ecr. Das auf den trägen Morgen schmäht? Ihr Brüder, gehe! hin und seht Bon Bergeshöh'n Euch um und sagt Mir treu, wie weit es in der Nacht? 183 Eine Antwort erfolgte, aber weniger laut als das erste Mal, und es schien, als ob die, welche sie gaben, weiter entfernet wären, denn zuvor, doch konnte man die Worte deutlich unterscheiden: Die Nacht ist alt, des breiten Rheines Brust Erglänzt von Sternen, die noch immer Lust Zu schlummern haben und mit trunk'nen Gähnen In seinem Bett sich stets von Neuem dehnen. Kein Strahl des Lichts läßt sich vom Morgen schauen, Lus Höhen selbst beginnt's noch nicht zu grauen. Doch eine Stimme schwebt auf dieser Fluth, Der ernste, stille Ruf »ach Blut um Blut; Jetzt harren wir auf deines Munds Befehle, Das sich dem Wort die ernste Thal vermähle. Der Chor erwiderte, vermehrt mit vielen neuen Stimmen: Zum Gericht dann auf, ihr Brüder! Schließt der Tag die Augenlieder, Gilt's zu wachen immerdar. Schlaf und Rache will nicht taugen. Offen sind der Rache Augen, Nacht und Rache sind ein Paar. Die Beschaffenheit der Verse führten Philipsvn bald zu der Ueberzeugung, daß er vor den Eingeweihten oder Wissenden stand , wie man die berühmten Richter des geheimen Gerichts benannte, welches zu dieser Zeit in Schwaben, Franken und anderen Gegenden des östlichen Deutschlands noch fort- bestand. Man hieß diese Länder vielleicht wegen der furchtbaren und häusige» Hinrichtungen, die auf Befehl der unsichtbaren Richter darin vorkamen, die rvthe Erde. Philipsvn hatte oft gehört, daß der Sitz eines Freigrafen oder Oberhauptes deS geheimen Gerichts, insgeheim sogar auf dem linken Rheinufer aufgerichlet wäre und daß sich dasselbe sogar im Elsaß 184 mit der gewöhnlichen Hartnäckigkeit solche geheimen Gesellschaften erhielte, obgleich Herzog Karl von Burgund Len Wunsch ausgesprochen hatte, den Aufenthalt der Freirichtsr zu entdecken und ihren Einfluß, so weit möglich, zu vernichten, ohne sich doch den tausend Dolchen auszusetzen, welche das geheimnißvolle Tribunal gegen sein Leben in Bewegung zu setzen vermochte. Dieses furchtbare BertheieigungSnuttcl machte es lange Zeit für die deutschen Fürsten, ja für Len Kaiser selbst äußerst mißlich, die sonderbaren Verbindungen mit einem Gewaltstreich zu unterdrücken. Sobald diese Erklärung Philipson durch den Kopf gegangen war, hatte er auch Aufschluß über Stand und Rang des schwarzen Priesters an der Sankt Paulskirche gefunden. Wenn er annahm, daß er ein Vorsteher oder erster Beamter der geheimen Gesellschaft war, so lag nichts Wunderbares mehr darin, daß er so sehr auf die Unverletzbarkeit seines Amtes vertraute und es unternahm, die Hinrichtung Hagen- bachs zu rechtfertigen; daß seine Gegenwart Bartholomä überraschte, den er vermöge seiner Gewalt auf der Stelle rerurtheilen und hinrichten lasten konnte; und daß sein bloßes Auftreten bei dem Nachtessen vom vcrwichenen Abend die Gäste erblassen gemacht hatte. Denn wenn gleich Alles, was sich auf dieses Gericht, auf seine Handlungen und Diener bezog, in so viel Dunkelheit gehüllt wurde, als man jetzt bei der Freimauerei anwendet, so war das Geheimniß doch nicht durchaus sowohl verwahrt, daß man nicht gewisse Personen in der Stille als Eingeweihte bezeichnet hätte, als betraut mit hoher Gewalt bei dem Vehmgericbt. Wenn sich eine solche Vermuthung an einen Mann knüpfte, so machte ihn seine geheime Gewalt und gemutbmaßte Bekanntschaft mit allen, wenn schon geheimen Verbrechen, die innerhalb der Gerichtsbarkeit der Gesellschaft, deren Mitglied er war, verübt wurden, von jedem, der ihn sah, zugleich gefürchtet und gehaßt. Er genoß eines hohen Grads von persönlicher Achtung, wie man sie einem mächtigen Zauberer oder gefürchteten Geist gezollt haben würde. Im Gespräch mit einem solchen Mann war es besonders nöthig, daß man sich aller auch entfernten Fragen in Bezug auf das Amt enthielt, welches er bei dem geheimen Gerichte bekleidete. Die geringste Neugier, die man über einen so feierlichen und geheimnisvollen Gegenstand an den Tag legte, verursachte dem Frager gewiß immer Unglück. All das stellte sich dem Geiste des Engländers zur gleichen Zeit dar. Er fühlte, daß er in die Hände eines Gerichts gefallen war, das Niemand verschonte und dessen Gewalt Alle die, welche sich im Umkreis seiner Gerichtsbarkeit befanden, in solcher Furcht erhielt, daß einem schutzlosen Fremden, wie sicher er sich auch seiner Unschuld bewußt sein mochte, nur wenig Aussicht blieb, er werde Gerechtigkeit erlangen. Während Philipson sich Liesen traurigen Gedanken hingab, entschloß er sich doch, seine Sache nicht aufzugeben, und sich bestmöglich zu vertheidigeu. Er wußte, daß die furchtbaren und Niemand verantwortlichen Richter doch durch gewisse Grundsätze von Recht und Unrecht geleitet wurden, welche ihrem außerordentlichen Gesetzbuch einen Zaum anlegte». Er beschäftigte sich also mit Aufsuchung der besten Mittel, um der gegenwärtigen Gefahr zu begegnen, während die Leute, die er in der Entfernung wakrnahm, seinen Augen weniger wie deutliche und einzelne Gestalten erschienen, daun wie die Erzeugnisse eines Fiebers oder die Schattengebilde, mit welchen nach der Erfahrung Krankheiten der Sehnerven Las Zstnmer der Leidenden bevölkern. Endlich versammelten sie sich im Mittelpunkt des Gemachs, wo sie zuerst sich gezeigt und schienen sich gehörig zu ordnen. Eine große Menge schwarzer Fackeln wurden nach und nach angezündet und der ganze Schauplatz ward jetzt deutlich sichtbar. In der Mitte des Gemachs konnte Philipson nunmehr einen der Altäre bemerken, wie man sie manchmal in alten unterirdischen Kapellen vorfindet. Wir muffen uns aber hier etwas aufhalten, um kürzlich nicht den Auftritt allein, sondern die Beschaffenheit und Einrichtung dieses furchtbaren Gerichtshofs zu beschreiben. Hinter dem Altar, dem Mittelpunkt, auf Len sich Aller Augen richteten, waren in gleicher Linie zwei schwarz ausge- schlaaene Banke gestellt. Jede nahm eine gewisse Anzahl Männer ein, welchen ohne Zweifel die Geschäfte der Richter oblagen. Auf der vordersten Bank saßen weniger Leute, aber es sah aus, als wären sie von höherem Rang als die, welche die vom Altar entfernteren Sitze einnahmen. Die ersten schienen lauter Leute von Bedeutung, Priester von hohem Rang in ibrem Orden, Ritter oder Edle; und trotz eines Anscheins von Gleichheit, der durch diese sonderbare 'Anstalt durchgeht, ward doch am meisten Gewicht auf ihre Ansichten und Zeugnisse gelegt. Man nannte sie Freiritter, Grafen oder wie es eben ihre 'Ansprüche mit sich brachten; die untere Klaffe der Richter hieß freie und würdige Bürger. Obgleich ihre Gewalt sich auf ein ausgedehntes Spivnirungssystem und die tyrannische Anwendung von Gewalt gründete, so ist doch zu bemerken, daß man die Einführung der Nehme (des gewöhnlichen Namens) so betrachtete, als verleihe sie dem Lande, in welchem sie aufgenommen wurde, ein Vorrecht. So seltsame Begriffe über die Verstärkung der öffentlichen Gesetze waren damals gang und gäbe. Und Loch standen nur freie 187 Leute unter ihrem Einfluß. So konnten auch Leibeigne und Bauern keinen Platz unter den Freirichtern, ihren Beisitzern der Beiständen einnehmen. Denn es lag in der Vereinigung etwas von der Vorstellung, den Schuldigen nur durch seines gleichen zu richten. Außer den Würdeträgern, welche auf den Bänken saßen, gab es noch andere, die umherstanden und die verschiedenen Eingänge zu dem Gerichtsfaale bewachten oder hinter den Sitzen ihrer Oberen zu Ausführung ihrer Befehle bereit standen. Cs waren die Glieder des Ordens, aber nicht vom höchsten Rang. Man gab ihnen allgemein den Namen Schöppen, welches Boten oder Diener des Vehmgerichts bedeutet. Sie schwuren, was man auch davon halten mag, die Urtheile desselben zum Vollzug zu bringen und zwar gegen ihre nächsten Verwandten und besten Freunde, wie wenn eS sich von gewöhnlichen Uebelthätern handelte. Die Schöppen oder Lc-chini, wie sie auf lateinisch heißen, hatten noch eine andere furchtbare Pflicht zu erfüllen, die nämlich. Alles dem Gericht anzugeben, was zu ihrer Kennt- niß kam und was man als ein Verbrechen betrachten konnte, daS in ihre Gerichtsbarkeit gehörte, oder in ihrer Sprache, ein vehmwürdiges Verbrechen. Diese Obliegenheit erstreckte sich über die Richter so gut als über die Beisitzer und mußte ohne Ansehen der Person geübt werden. So daß die Keuntniß und freiwillige Verheimlichung des Verbrechens einer Mutter oder eines Bruders, den ungetreuen Diener derselben Strafen unterwarf, wie wenn er selbst die Missethat begangen gehabt hätte. Eine solche Einrichtung konnte nur in einerZeit bestehen, in welcher der gewöhnliche Gang der Gerechtigkeit durch die Gewalt gehemmt wurde; in welcher es, um dem Vergehen die gehörige Strafe folgen zu lassen, den Einfluß und das An- sehen einer solchen Genossenschaft bedurfte. Und mir in einem Lande, welches allen Arten der Lehenstyrannei ansgesetzt war und welchem alle gewöhnlichen Mittel zur Erlangung von Gerechtigkeit und Genugthuung fehlten, hatte ei» solches System Wurzel fassen und sich fortpflanzen können. Wir müssen jetzt zu dem wacker» Engländer zurückkehren, der zwar alle Gefahr erkannte, d^e ihm von einem so furchtbaren Gericht drohte, aber dessenungeachtet all' seine Kaltblütigkeit und eine würdige Miene bewahrte. Als die Versammlung bei einander war, wurde ein Bündel Stricke und ein bloßes Schwert, die wohlbekannten Zeichen und Sinnbilder der Gewalt der Dehme auf den Altar niedcrgelegt. Das Schwert nut seiner geraden Klinge und dem Kreuzgriff stellte das heilige Sinnbild der Erlösung der Christen vor und der Strick zeigte das Recht der Kriininal- gerichtsbarkeit und der Todesstrafe an. Der Präsident der Versammlung, der den Mittelsttz auf der vordersten Bank einnahm, erhob sich, legte die Hand auf die Sinnbilder und sprach laut die Formel, welche die Pflichten des Gerichts in sich faßte. Und hinter ihm wiederholten dieselbe alle untergeordneten Richter und Beisitzer in dumpfem und ergreifendem Murmeln. „Ich schwöre bei der heiligen Dreieinigkeit, ohne Unterlaß zu helfen und mitznwirken zu Allem, was die heilige Vehme betrifft, ihre Satzungen und Einrichtungen gegen Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Weiber und Kinder zu verfechten, gegen Feuer, Wasser, Erde und Luft, gegen Alles, was die Sonne anfcheint, gegen Alles, was der Thau benetzt, gegen alle Geschöpfe Himmels und der Erde, oder des Wassers unter der Erde; und ich schwöre, diesem heiligen Gerichtshof anzuzeigen, alles Wahre, was ich weiß 189 oder durch glaubwürdige Zeugen erfahre, und was nach den Gesetzen der heiligen Nehme Tadel oder Strafe verdient. Was so zu meiner Kunde gelangt, will ich weder verdecken, noch verbergen oder verheimlichen, weder um der Liebe, der Freundschaft oder Familienueigungeu willen, weder für Gold, Silber, noch köstliche Steine. Ich will auch keine Gemeinschaft halten mit solchen, die von dem heiligen Gericht ver- urtheilt und, keinem Schuldigen feine Gefahr zu wissen thun, keinem zur Flucht rathen oder ihm mit Anweisung, Hilfe oder Mitteln zur Bewerkstelligung derselben an die Hand gehen. Einen solchen Schuldigen will ich weder mit Feuer, Kleidern Nahrung oder Obdach unterstützen, und wenn mein Vater in der Hitze eines Sommernachmittags mich um einen Trunk Wasser bäte, oder mein Bruder in der bittersten Kälte einer Wmternacht an meinem Feuer zu sitzen begehrte. Ich gelobe und verspreche ferner diese heilige Verbindung zu ehren, ihre Befehle hurtig, treulich und entschlossen und vor denen eines jeden anderen Gerichts zu vollziehen. — Dafür nehme ich zu Zeugen Gott und sein heiliges Evangelium." Als dieser Amtseid abgelegt war, wandte sich der Oberrichter an die Versammlung, bestehend aus Männern, die im Verborgenen richten und im Verborgenen strafen wie die Gottheit, und forderte sie auf, zu sagen, warum dieses Strickkind*) vor ihnen liege, gebunden und hilflos. Da erhob sich ein Mann auf der entfernteren Bank und erklärte mit veränderter und erregter Stimme, welche Philipson aber doch zu erkennen glaubte, er halte stch durch seinen Eid verpflichtet, das Strick- kiud oder den Gefangenen, welcher vor ihnen liege, anzuklagen. ') So nannte man den Angeklagten der vor dem Vehmgericht stand. D. B. 190 „Bringt den Gefangenen vorwärts," sagte der Oberrichter, „gehörig bewacht, wie es unsere geheimen Gesetze vorschreiben; aber nickt mit solcker Strenge, daß dadurch seine Aufmerksamkeit auf das Verfahren des Gerichts unterbrochen oder er verhindert werde, zu hören und zu antworten." Sechs von den Dienern zogen alsbald das Lager und das Breitergestell, auf welchem Philipson lag, vorwärts und näherten es dem Fuß des Altars. Darauf entblös'te jeder den Dolch; zwei von ihnen lösten die Stricke, welche die Hände des Kaufmanns zusammenhieltcn und flüsterten ihm zu, daß der entfernteste Versuch zu Widerstand oder Flucht das Zeichen sein würde, ihn niederzustoßen. „Steh auf!" sagte der Frcigraf; „horche auf die Anklage, die gegen dich vorgebracht werden wird, und glaube, du wirst in uns eben so gerechte als unbiegsame Richter finden." Philipson vermied sorgfältig jede Geberde, welche den Wunsch einer Flucht hätte anteuten können, rutschte an den unteren Theil seines B ttes und blieb hier im tlnterleibchen und Unterhosen fitzen, so daß er dem vermummten Freigrafen gerade gegenüber sich befand. Selbst in diesen furchtbaren Umständen verlor der unerschrockene Engländer seine Ruhe nicht, seine Augenlieder zitterten nicht und sein Herz schlug nickt stärker, obgleich er nach dem Ausdruck der heiligen Schrift ein Pilgrim war im Thale der Schatten des Todes, umringt von Fallstricken und versunken in völlige Finsterniß, während er für seine Sicherheit das Licht gerade am nöthig- sten gebraucht hätte. Der Freigraf fragte nach seinem Namen, Vaterland und Beschäftigung. 191 „Johann Philips»»," war die Antwort; „von Gednrt ein Engländer und ein Kaufmann dem Gewerbe nach." „Hast du nie einen andern Namen und ein ander Gewerbe gehabt?" fragte der Richter. „Ich bin Soldat gewesen und trug damals, wie die meisten andern, einen Namen, unter dem ich im Kriege bekannt war." „Was war das für ein Name?" „Ich habe ihn abgelegt, da ich meinem Schwert entsagte, und wünsche nicht nochmals unter ihm bekannt zu werden. Ilebrigens habe ich ihn nie da getragen, wo Eure Einn'ch- tungen Gericht und Gewalt haben;" antwortete der Engländer. „Weißt du, vor wem du stehst?" fuhr der Richter fort. „Ich kann es wenigstens erralhen," versetzte der Kaufmann. „Was vermutbest du?" fragte der Richter weiter. Sag an, wer wir sind und warum du vor uns stehst?" „Ich glaube, ich stehe vor den Unbekannten oder dem geheimen Gericht, bas man die Nehme nennt." „Dann weißt du," antwortete der Rickter, „daß du sicherer sein würdest, wenn du an den Haaren über dem Rheinfall bei Schaffhausen hingest, oder wenn dein Kopf unter einem Beil läge, das durch einen einzigen Seidenfaden zurückgehalten wird. Was hast du gethan, um ein solches Geschick zu verdienen?" „Darauf lasset die Antwort geben, die mich in solches gebracht haben," erwiderte Philipson mit derselben Ruhe wie zuvor. „Sprich, Ankläger!" sagte der Freigras, „vor den vier Wänden des Himmels! —vor den Ohren der Freirichler und 192 den getreuen Vollstreckern ihrer Befehle!—Und im Angesicht dieses Strickkinds, welches sein Verbrechen läugnct oder versteckt, beweise die Wahrheit deiner Anklage!" „Furchtbarster," redete der Ankläger den Freigrafen an, „dieser Mann ist in das heilige Gebiet eingelreten, welches man die rvthe Erde nennt — ein Fremder, unter Angabe eines fremden Namens und Gewerbes. Als er noch auf der östlichen Seite der Alpen, in Turin, der Lombardei und sonst sich aufhielt, hat er zu verschiedenen Malen von dein heiligen Gericht in Ausdrücken des Hasses und der Verachtung gesprochen und erklärt, daß er, wenn er Herzog von Burgund wäre, eine Ausbreitung desselben von Westphalen oder Schwaben in sein Gebiet nicht zngeben würde. Auch klage ich ihn an. daß er, der jetzt vor Euch als Strickkind steht, und solche böswillige Absichten gegen das heilige Gericht nährt, den Vorsatz angedeutet hat, sich an den Hof des Herzogs von Burgund zu begeben und den Einfluß, dessen er sich auf diesen rühmt, dahin zu benutzen, um ihn zu vermögen, daß er die Versammlungen der heiligen Nehme verhindere, und ihre Diener und die Vollstrecker ihrer Befehle gleich Räubern und Mördern bestrafe." „Das ist eine schwere Beschuldigung, Bruder!" sagte der Freigraf, als der Ankläger zu sprechen aufhörte. „Wie willst Lu sie erweisen?" „Nach dem Inhalt der geheimen Satzungen, welche zu lesen blos den Eingeweihten »erstattet ist," antwortete der Ankläger. „Gut," sagte der Freigraf; „aber ich frage dich noch einmal, welches sind die Beweismittel? — Du sprichst vor heiligen und eingeweihten Ohren." 193 „Ich werde meine Anklage beweisen," entgegncte der Ankläger, „durch das Geständniß des Angeklagten selbst und durch meinen eigenen Schwur auf bis heiligen Zeichen des geheimen Gerichts — Schwert und Strick," „Der augebvtene Beweis ist gesetzlich," sagte eines der Mitglieder auf der Ehrenbank in der Versammlung; „und es ist für Erhaltung des Systems, an bas wir durch so feierliche Eide gebunden sind, wichtig, daß solche Verbrechen nicht unbestraft bleiben. Die Nehme hat bis auf unsere Tage fortbestanden, und ist durch den sehr christlichen und heiligen römischen Kaiser Karl dem Großen zur Bekehrung der Sarazenen und Bestrafung derjenigen unter ihnen eingeführt worden, welche zu ihren heidnischen Gebräuchen zurückkehrten. Dieser Herzog Karl von Burgund hat in seinem Heer schon eine Menge Fremder, welche er leicht gegen dies heilige Gericht verwenden kann; besonders aber Engländer, ein über- Müthig Znselvolk, die hartnäckig an ihren Gebräuchen hängen und die jede andere Nation Kassen, Es ist uns nicht unbekannt, daß der Herzog dem Widerstand gegen die Diener des Gerichts schon an mehreren Orten seiner deutschen Besitzungen Vorschub geleistet hat, Zn Folge davon hat es Strickkinder gegeben, die, statt stch mit Ehrfurcht und Ergebung zu unterwerfen, kühn genug waren, um die Vollstrecker der Befehle der Vehme zu schlagen, zu verwunden und selbst die zu erschlagen, welche den Auftrag hatten, sse zum Tode zu bringen. Diesem Geist des Aufruhrs muß ein Ende gemacht werden, und wenn es sich erweis t, daß der Angeklagte einer von denen ist, welche solche Grundsätze hegen und verbreiten, so sage ich, lasset Schwert und Strick ihr Werk an ihm verrichten." Anna v. Geierstein n. 13 Ein allgemeines Murmeln schien zu billigen, was der Sprecher gesagt; denn Alle wußten, daß die Gewalt des Gerichts viel mehr von der Meinung abhing, die man darüber hatte, ob das System tief und fest gewurzelt wäre, denn von irgend einer Rücklicht oder Achtung für eine Einrichtung, deren Strenge Jevermann fühlte. Daraus folgte, daß diejenigen Mitglieder, welche ihren Einfluß dem Rang verdankten, den sie in der Nehme bekleideten, die Nothwendig- keit begriffen, den Schrecken derselben dadurch aufrecht zu halten, daß sie von Zeit zu Zeit strenge Strafbeispiele auf- stellten, und kein Opfer konnte man leichter schlachten, als einen fremden und unbekannten Reisenden. Alle diese Gedanken gingen Philipfon durch den Kopf, hielten ihn aber nicht ab, eine feste Antwort auf die Anklage zu geben. „Ihr Herren," sprach er, „gute Bürger, oder welches der Name ist, den Ihr Euch beigelegt zu sehen wünscht, wißt, ich bin in früheren Tagen in eben so großer Gefahr gewesen als jetzt und habe nie den Rücken gewendet, mein Leben zu retten. Stricke und Dolche können diejenigen nicht schrecken, welche Schwerter und Lanzen gesehen haben. Meine Antwort auf die Anklage ist, daß ich ein Engländer bin, von einer Ration, die gewohnt ist, offene-und unpartheiisches Reckt zu üben und zu empfangen am Hellen Tag. Ich bin jedoch ein Reisender und weiß, daß ich kein Recht habe, mich gegen die Ordnung und Gesetze anderer Völker aufzulehnen, weil sie denen meines Geburtslandes nicht gleichen. Aber diese Behutsamkeit kann man nur in Ländern verlangen, in Lenen das System, von dem wir sprechen, in voller Kraft und Wirksamkeit ist. Wenn wir von den Einrichtungen Deutich- lands reden, und dabei in Frankreich oder Spanien sind, so können wir das ohne Beleidigung für das Land thun, in 193 welchem sich solche vorfinden, wie Studenten auf einer Universität einen Satz aus der Logik abhandeln. Der Ankläger wirft mir vor, ich habe zn Turin oder sonstwo im Norden von Italien meinen Tadel über die Einrichtung ausgesprochen, nach welcher ich jetzt gerichtet werde. Ich will nicht läugnen, Laß ich mich an Etwas der Art erinnere; aber es geschah in Folge einer Frage, welche ich, gewissermaßen gezwungen, zweien Gästen beantwortete, mit denen ich zn Tische saß. Man drang lange und ernstlich in mich, ehe ich meine Ansicht Preis gab." „Und war diese Ansicht dem heiligen und geheimen Vehm- gericht günstig oder nicht?" fragte der Vorsitzende Richter. „Laß die Wahrheit deine Zunge regieren — bedenk', das Leben ist kurz, das Gericht ewig." „Ich möchte mein Leben nicht um eine Lüge erkaufen. Meine Meinung war ungünstig und ich drückte mich so aus: Kein Gesetz, kein Gerichtsverfahren kann gerecht oder empfeh- lenswerth sein, wenn es blos mittelst einer geheimen Verbindung besteht und geübt wird. Ich sagte, die Gerechtigkeit könne blos im Freien leben und bestehen, und wenn sie aufhöre, öffentlich zu sein, so arte sie in Rache und Haß aus. Ich erklärte ein System, von welchem Eure eigenen Rechtsgelehrten gesagt haben: Kua kruter u kretre, non bospes sl> bospils kutus laufe den Vorschriften der Natur zu sehr zuwider, um mit denen der Religion in Einklang gebracht oder von ihnen geregelt zu werden." ') Sicher ist nicht der Gast vor'm Wirth, nicht Bruder vor Bruder. D. Uebers. 13 » 196 Kami! waren diese Worte gesprochen, als sich unter den Richtern ein dem Gefangenen höchst ungünstiges Murmeln vernehmen ließ. — „Er lästert die heilige Nehme — man muß ihm für immer den Mund schließen." „Höret mich," versetzte der Engländer, „wie Ihr eines Tags wünschen werdet, daß man Euch höre! Ich sage, solches waren meine Gedanken und so sprach ich sic anS — ich sage Euch, ich halte ein Neckt, diese Ansicht, sei sie nun richtig oder irrig, in einem neutralen Lance auszusprechen, wo dieses Tribunal eine Gerichtsbarkeit weder ansprechen konnte, nvck ansprach. Meine Meinung ist noch dieselbe und ich würde mich noch zu ihr bekennen, wenn dieses Schwert auf meiner Brust oder dieser Strick mir um den Hals läge. Aber ich läugne, daß ich jemals gegen die Eimichtungen Eurer Nehme in einem Lande gesprochen, wo sie als nationale Form der Gerechtigkeit eingeführt ist. Noch nackdrück- licher, wo möglich, läugne ich die abgeschmackte Verläum- dung, die mich, einen fremden Reisenden, so darstellt, als hätte ich den Auftrag, mit dem Herzog vru Burgund so wichtige Gegenstände zu verhandeln oder eine Verschwörung zu Vernichtung eines Systems anzuzettcln, an welchem Viele so eifrig hängen. Nie habe ich so etwas gesagt, nie auch nur gedacht." „Ankläger," sagte der Vorsitzende Richter, „du hast Len Angeklagten gehört — WaS erwiederst du darauf?" „Den ersten Theil der Anklage," erwiederte der Gefragte, „hat er in Gegenwart dieses bohen Gerichts zuge- standeiii er hat zugegeben, daß er mit seiner gottlosen Zunge unsere heiligen Geheimnisse gelästert, und verdient, daß sie ihm dafür aus dem Halse gerissen wird. Was den übrigen Theil der Anklage betrifft, den nämlich, welcher ihn beschuldigt, er habe sich in An cbläge zu Vernichtung der Ver.rne eingelassen, so will ich selbst mit meinem Amlseid nach Brauch und Gesetz erhalten, daß derselbe eben so wahr ist, als der, welchen er selbst zu gestehen nicht umhin ge könnt hat." „Wenn eine Anklage," sagte der Engländer, „nicht durch zureichende Beweise unterstützt wird, so sollte nach gutem Recht der Eid dem Angeklagten zugeschvben werden, statt daß man dem Ankläger erlaubt, sich desselben als eines Mittels zu bedienen, um das Mangelhafte in seiner Klage zu verdecken " „Fremdling," entgcgnete der Freigraf, „wir haben Deiner Unkenntniß eine längere und weiiläutgere Vertheidigung gestaltet, als sich mit unser», gewöhnlichen Brauch verträgt. Wisse, daß das Reckt, unter diesen ehrwürdigen Richtern zu sitzen, dem, welcher desselben genießt, etwas Heiliges verleiht, worauf gewöhnliche Mensche» keine Ansprüche haben. Der Cid eines Eingeweihten gilt mehr als der feierlichste Schwur eines Menschen, der nickt mit unseren heiligen Geheimnisse» vertraut ist. Bei'm Vehmgericht muß Alles veh- misch sein. Eine Erklärung des Kaisers, der nicht cingeweiht wäre, hätte in unserem Rath weniger Gewicht als die des letzte» dieser Diener. Die Versicherung des Klägers kann blos in Folge des Eides eines Mitglieds desselben Gerichts von höherem Ranz verworfen werden." „Dann sei mir Gott gnädig," sagte der Engländer im feierlichen Tone, „denn nur vom Himmel habe ich »och Hilfe zu hoffen! Doch will ich das Aeußerste nicht unversucht lassen: Dich rufe ich an, finsterer Geist, der du Liese furchtbare Ver- sammlung leitest; dich fordere ich auf, bei Treue und Ehre kund zu thun, ob du mich dessen für schuldig hältst, was jener schändliche Verläumder keckerweise behauptet, ich fordere dich dazu auf, bei deiner Heiligkeit und Würde, bei deinem Namen" — „Halt!" rief der Vorsitzende Richter, „der Name, unter welchem wir unter freiem Himmel bekannt sind, darf an diesem unterirdischen Gerichtssitz nicht ausgesprochen werden," Hierauf fügte er gegen den Gefangenen und die Versammlung gewendet hinzu: „Ich bin zum Zeugniß aufgcfvr- dert und erkläre, daß die gegen dich vvrgebrachte Klage richtig ist, so weit du das selbst anerkannt hast, nämlich so weit sie besagt, du habest unbedachtsamerweise in Landern außerhalb der rothen Erde*) leichtsinnig von diesem heiligen Gerichtshof gesprochen. Aber ich glaube bei meiner Seele und bezeuge bei meiner Ehre, daß der Rest der Klage unglaublich und falsch ist. Und das schwöre ich und lege meine Hand auf Dolch und Strick **). Was urtheilt Ihr, meine Brüder, über den Fall, den Zhr untersucht habt?" ') Die Theile von Deutschland, welche der Gerichtsbarkeit der Behme unterworfen waren, hießen die rothe Erde, sei es nun wegen des Bluts, welches darauf vergossen wurde, oder aus irgend einem anderen Grunde; Herr Palgrave vermuthet wegen der Grundfarbe des alten Banners der Gegend. Westphalen, nach den Gränzen, welche das Land i»r Mittelalter hatte und welche von dem heutigen völlig verschieden sind, war der Hauptschauplatz der Vchme. D. Verf. "> Ich verweise hierbei auf das 5, Heft im 3, Band des deutsche» Familienbuchs von lS4ö tKarlsruhe, Müller), worin mein verehrter Freund, H, Kurz, die Vehme und Walter Scott's Angaben über dieselbe bespricht. D. Uebers» 199 Einer der Richter auf der Dorderbank, also aus der höchsten Klaffe, und der wie alle anderen vermummt war, dessen Stimme und gekrümmter Rücken aber ankündigten, daß er bejahrter wäre als die, welche zuvor gesprochen, erhob sich mit Mühe und sprach mit zitternder Stimme, — „daS Strickkind vor uns ist überwiesen der Thorheit und Unbesonnenheit, mit der es in beleidigenden Ausdrücken von unserer heiligen Nehme gesprochen. Aber er hat solch thörichtes Zeug vor Ohren geredet, die nie etwas von unseren heiligen Gesetzen gehört hatten. Auf der andern Seite ist er durch ein unumstößliches Zeugniß für unschuldig erklärt worden, unmäch- tige Anschläge zur Untergrabung unserer Gewalt gemacht zu haben. Nach demselben Zeugniß hat er auch die Fürsten nicht gegen unsere heilige Verbindung aufzuketzen gesucht. Er hat also eine Thorheit begangen, aber kein Verbrechen. Und da die heiligen Gesetze der Vehme keine andere Strafe kennen als den Tod, so schlage ich vor, daß dieses Strickkind der Gesellschaft und der Oberwelt zurückgegeven werde, ohne daß ihm ein Leid geschieht; daß man ihn aber zuvor wegen seines Fehlers gehörig verwarne." „Strickkind," sagte der Vorsitzende Richter, „du hast so eben das Urtheil vernommen, das dich sreispricht. Wenn du aber in einem unblutigen Grabe zu schlafen wünschest, so merke dir wohl, was ich dir sage. Betrachte Alles, was diese Nacht geschehen ist, als ein Geheimniß, daS weder dem Vater noch der Mutter, weder der Gattin noch dem Sohn oder der Tochter mitgetheilt werden darf. Es darf weder laut noch leise besprochen, und weder mündlich noch schriftlich noch durch Malerei oder Bildhauerei, kurz auf keine Weise ausgebreitet werden, sei es nun geradezu oder durch Bilder 200 und Zeichen oder Gleichnisse. Gehorche diesem Befehl und dein Leben ist sicher. Dein Herz gebe sich der Freude hin, aber mit Zittern. Laß dich durch deine Eitelkeit nickt zu dem Glauben verssibren, daß du vor den Dienern und Richtern der heiligen Vehme in Sicherheit seiest. Wenn tausend Meilen zwischen dir und der rothen Erde lägen, wenn d» in einem Lande daron sprächst, in welchem unsere Gewalt unbekannt ist, wenn du unter dem Schutze deiner Halbinsel ständest und ovn dem sie umsiuthenden Meere geschützt wärest, so ermähne ick dich jedesmal, das Zeichen des KreuzeS zu machen, so oft du nur an die es heilige und unsichtbare Gekickt denkst und deine Gedanken über svlckes in der eigenen Brust verschlossen zu batten. Denn der Kaiser konnte neben dir stehe», und du kvnniest in deiner Tborheit umkonimen. Geh' von dannen, sei klug, und laß die Furcht vor der heiligen Vehme dir beständig vor Augen sein." Bei diesen Worten erlo.chcn alle Lickter zumal mit Zischen. Philipson sah sich von Neuem in den Händen der Diener der Vehme und setzte ihnen keinen Widerstand entgegen. Sie brachten ihn sackte auf sein Belt und zogen es weiter bis auf den Ort zurück, an dem er herabgestiegen war. Sodann vernahm er das Geräusch der Stricke und Rollen und fühlte, daß er mit seinem Lager aufwärts stieg. Nach ein paar Augenblicken zeigte ihm ein leichter Stoß, daß er sich wieder in gleicher Höbe mit dem Boden des Zimmers befand, in welches ihn Mengs verwickenen Abend oder vielmehr in der ersten Stunde des heutigen Tages geführt hatte. Er dackte über Alles nach, was sich ereignet, und brachte dem Himmel den schuldigen Dank für seine Befreiung aus so großer Noth. Zuletzt trug die Müdigkeit über die Aufre- 201 gung den Sieg davon und er verfiel in einen tiefen und gesunden Schlaf, aus welchem er erst durch das wiederkehrende Licht erweckt wurde. Er beschloß augenblicklich von einem so gefährlichen Ort abzureisen, sah Niemand mehr im Hause als den alten Hausknecht, setzte seine Fahrt nach Straßburg fort und erreichte diese Stadt ohne weiteres Abentheuer. Zehntes Kapitel. Hinweg damit! Der ächten Weisheit Welt Ist ihm eig'ne Schöpfung oder Deine, Natur, du Mutter! Wer ist so geschwellt, Wie du an deinem majestat'schen Rheine? Von solchen Werken sad Harold noch keine. Vermischt ist alles Schöne, Thal und Fluß, Frucht, Blatterwerk. Feld. Wald, Korn. Berg und Weine, Und Burgen ohne Herrn weh'n ernst den Scheidegruß, Von grauen Mauern her und grauer Trümmer Fuß. Childs Harold's Pilgerfahrt, 3. Gesang. Als Arthur seinen Vater verließ, um in die Barke zu steigen, welche ihn auf die andere Seite des Rheines führen sollte, traf er nur wenige Vorkehrungen, um seine eigenen Bedürfnisse während einer Trennung zu befriedigen, die, wie er berechnete, von nur kurzer Dauer sein konnte. Einige Wäsche und Kleidungsstücke nebst ein paar Goldstücken, war Alles, was er mitzunehmen für nolhig hielt. Den Nest des Gepäcks und Geldes ließ er bei dem Saumrvß zurück, dessen 203 sein Daker, wie er dachte, bedürfen würde, um seine Rolle als englischer Kaufmann durchzuführen. Das Fischerfahrzeug, auf welchem er sich mit seinem Pferd und seinem kleinen Felleisen befand. richtete alsbald seinen Mast und zog die Segel an der Stange auf. So konnte es sich durch die Gewalt des Windes gegen die Heftigkeit der Strömung halten und kreuzte den Fluß in schiefer Richtung gegen Kirchhofen hin, welches, wie wir bereits gesagt haben, etwas weiter unten liegt als die Hanskapelle. Tie Ueberfahrt ging so günstig von Statte», daß der Nachen in ein paar Minuten das andere Gestade erreichte. Arthur blieb mit Augen und Gedanken auf dem linken Ufer und sah, wie sein Vater die Kapelle zur Fähre in Begleitung zweier Reiter verließ, die er natürlich für den Führer Bartholomä und einen Reisenden dielt, der sich zufällig mit ihm zusammengefunden. Die beiden aber waren der Pfarrer von der St. Paulskirche und ein Novize, wie wir bereits erwähnt. Er konnte sich des Gedankens nicht enthalten, diese Vermehrung der Gesellschaft müsse zu größerer Sicherheit seines Vaters beitragen, da nicht wahrscheinlich war, Philipson würde dulden, daß man ihm wider seinen Willen einen Reisegefährten aufdränge. Hatte er ihn selbst gewählt und erwies sich der Führer als ein Verräther, so konnte ihm jener gegen diesen zum Schutze dienen. In jedem Fall konnte er sich darüber freuen, daß er seinen Vater in Sicherheit einen Ort hatte verlassen sehen, wo sie eine Gefahr zu erwarte» Ursache gehabt hatten. Er beschloß daher, sich in Kirchhofen nicht auszuhalten, sondern seine Reise in der Richtung nach Straßburg eilig sortzusetzen, bis ihn Dunkelheit zwänge, in einem der Dörfer Halt zu machen, welche auf der rechten Rheinseite liegen. In Straßburg Lachte er mit dem hoffnungs- 2 OL reichen Sinne der Jugend, seinen Vater zu treffen, und wenn er euch nicht alle Unruhe über ihre Trennung von einander zu beseitigen vermochte, so hegte er doch die Zuvrrffcht, ihn wohlbehalten wieder zu finden. Nachdem er einige Erfrischungen zu sich genommen und seinem Pferde ein paar Augenblicke Ruhe gegönnt Katts, machte er sich wieder auf den Weg und folgte ohne Zeitverlust der im Osten des großen Flusses hinziehenden Straße. Er befand fich jetzt auf der anziehenden Seite des Rheins. An diese»! Gestade wird der Strom zurückgedrängt und gewissermaßen cingemauert von malerischen Felsen, welche bald eine reiche Decke von Pflanzen in den mannigfaltigen Farben des Herbstes dartoten, bald mit Burgen geschmückt waren, die an den Thoren das stolze, freihcrrliche Wappen trugen, da waren Weiler zu schauen, in welchen der Reichthum des Bodens dem armen Landmann die Nahrung schaffte, deren ihn die drückende Hand seines Obern gänzlich zu berauben drohte. Jeder Bach, der senie Gewässer dem Rheine zuführt, schlängelt sich durch ein eigenes, ihm steuerbares Thal und jedes dieser Thäler hat ein mannigfaltiges und besonderes Aussehen. Einige sind mit Weiden, Kornfeldern und Weinbergen bedeckt, andere von Felsen, Schluchten und sonstigen romantischen Schönhe ten durchschnitten. Man hatte die Grundsätze des Geschmacks damals «och nicht erklärt und zergliedert, wie es seither in Ländern geschehen ist, wo man Muße zu derartigen Untersuchungen gefunden hat. Aber die Gefühle, welche die reiche Landschaft im Rheinthale erweckte, mußten in allen Herzen dieselben sein zur Zeit, da es unser junger Engländer als einsamer Wanderer unter Sorgen und Gefahren durchzog, so gut als zu der. 205 in welcher es den grollenden Cl'ilde Harold anhörte, wie er seiner Heimath ein stolzes Lebewohl sagt, nm vergeblich ein Land zu suchen, in welchem sein Herz ruhiger schlüge. Arthur genoß dieses Anblicks, obgleich der sinkende Tag ihn erinnerte, daß er allein und mit werthvollen Gegenständen reise, daß es also klug sei, sich nach einem Ort umzusehen. wo er die Nacht verbringen konnte. Gerade, als er sich entschlossen, bei der nächsten Wohnung, an der er vorüber käme, zu fragen, welchen Weg er hiezu einschlagen müßte, zog sich seine Straße in ein schönes Amphitheater hinunter. Große Bäume überdeckten dasselbe und schützten daS zarte Gras prächtiger Wiesen vor der Hitze des Sommers. Ein großer Bach floß dadurch hin und vereinigte sich mit dem Rhein. In der Entfernung von einer Meile gegen die Quelle hin, beschrieben seine Gewässer einen Halbkreis um eine steile Felsenhöhe. Darauf standen Mauern, golhische Thürme und Thürmchen, unb sie umschlossen eine Burg erster Größe. Ein Tbeil der beschriebenen Gegend war an einzelnen Stellen mit Weizen beflanzt gewesen und hatten eine reichliche Erndte getragen. Sie war schon eingeheimst, aber die gelben Stoppeln, die zurückgeblieben waren, bildeten einen Gegensatz zu dem Grün des unbebaute» Weidelandes und zu den dürren, röthlichen Blättern der großen Elchen, welche ihre Aeste über die Ebene ausstreckten. Ein junger, wie ein Bauer gekleideter Mensch beschäftigte sich mit einem gut abgerichteten Hund, eine Brut Rebhühner zu fangen; ein Mädchen, welches eher wie die Dienerin in einer hohen Familie aussah, denn wie eine gewöhnliche Dörferin, saß auf dem Stamm eines von Diese Anspielung auf Lord Byron ist durch die Aufschrift des Kapitels herbeigeführt. Der Ucbers. 206 Alter umgestürzten Baumes und sah der Jagd zu. Der Hund, der die Hühner hätte in's Garn treiben sollen, wurde offenbar zerstreut durch die Annäherung des Reisenden; seine Aufmerksamkeit theilte sich und er stand auf dem Punkt, die Rolle zu vergessen, welche er zu ipielen hatte, und durch Bellen die Hühner zu vertreiben, als das Mädchen sich erhob, gegen Phi- lipson vortrat und ihn höflich ersuchte, in größerer Entfernung zu bleiben, damit ihre Unterhaltung nicht gestört würde. Der Reisende willigte alsbald darein. „Ich will, schöne Dirne, in so weiter Entfernung reiten," sagte er, „als Ihr verlangt; aber lasset mich dagegen fragen, ob sich in der Nachbarschaft ein Kloster, ein Schloß oder ein Meierhof findet, wo ein Reisender, der müde ist und sich verspätet hat, für eine Nacht Herberge finden könnte?" Das Mädchen, deren Gesicht er noch nicht deutlich wahr- genomnien, schien einen Anfall zum Lachen zu unterdrücken, während sie auf die fernen Thürme zeigte und erwiederte, „meint Ihr, jenes Schloß habe keinen Winkel, in dem man einen Reisenden in dieser Noth unterbringen könnte?" „An Platz fehlt es gewiß nicht," sagte Arthur, „aber vielleicht an gutem Willen ihn cinzuräumen." „Ich selbst," versetzte das Mädchen, „bilde einen und zwar furchtbaren Theil der Besatzung und mache mich für die Aufnahme verantwortlich, die Euch dort zu Theil werden wird. Da Ihr aber in so feindlichen Ausdrücken mit mir redet, so verlangen die Gebräuche des Krieges, daß ich das Visier herunterlasse." Bei diesen Worten bedeckte sie sich mit einer der Masken, welche die Frauen in dieser Zeit häufig trugen, wenn sie auf Reisen gingen, um die Haut zu schützen oder sich vor neugierigen Blicken zu verwahren. Ehe sie aber das Geschäft zu Ende bringen konnte, hatte Arthur die fröhlichen Zuge Kännchen Veilchens entdeckt, eines Mädchens, die, obgleich ihr Geschäft blos in der Bedienung Anna's von Geierfrein bestand, doch ans Geierstein hohe Achtung genoß. Sie war ei» keckes Mädchen und an keinen Rangunter chiev gewohnt. Darauf wurde überhaupt von den einfachen Bewohnern der Schweizerberge wenig geachtet, und so war sie st?ts bereit, mit den jungen Leuten aus des Landammanus Familie zu lachen und zu scherzen. Das fiel Niemand auf, da die Bergfitten keinen Unterschied machten zwischen Herrin und Dienerin, wenn nicht den, daß die Gebieterin ei» Mädchen war, welches Hülfe bedurfte, und die Dienerin, ibr solche zu bieten und zu leisten vermochte. Eine solche Art von Vertraulichkeit wäre vielleicht in andern Ländern gefährlich gewesen; die Einfachheit der Schweizer Sitten und der eigenthümlicbe, entschlossene und verständige Charakter Kännchens bewirkte, daß alle Beziehungen, welche zwischen ihr und den jungen Leuten in der Familie bestanden, sich immer innerhalb der Gränzen der Ehrbarkeit und Unschuld erhielten, obschon des Mädchen im Vergleich mit dem in mehr verfeinerten Ländern üblichen Betragen keck und frei war. Arthur selbst hatte Hannchen nicht wenig Aufmerksamkeit bewiesen; denn zufolge der Gefühle, welche er gegen Anna von Geierstein hegte, mußte ihm natürlich viel daran liegen, daß er sich die Gunst ihrer Dienerin verschaffte. Dies war etwas, was ein hübscher, junger Mann mit seinen Aufmerksamkeiten leicht erringen konnte. Es kam aber noch dazu, daß er ihr freigebig kleine Geschenke von Kleidungsstücken oder Putzsachen machte, welche die Dirne nicht zurückzuweisen das Herz halt!, wie treu sie auch/ihrer Herrin war. Die Gewißheit, daß er in Anna's Nähe und wahrschein- sich auf dem Wege war, die Nacht unter deniselben Dach mit ihr zuzubringen, welches beides die Anwesenheit und Sprache deS Mädchens errathcn ließ, bewirkte, daß das Blut Arthur'n rascher durch die Adern floß. Er batte zwar, seitdem er den Fluß überschritten, manchmal Hoffnungen genährt, die wieder zu sehen, welche einen so mächtigen Eindruck auf ihn gemacht, aber eben so oft hatte ikm auch sein Verstand gesagt, wie wenig Wahrscheinlichkeit für ein Zusammentreffen vorhanden war. Auch in diesem Augenblick machte ihn der Gedanke erstarren, daß einem solchen nur der Schmerz einer plötzlichen und ewigen Trennung folgen müsse. Er gab sich indessen dem Reiz des Vergnügens hin, welches er sich versprach, ohne darüber »achzusinnen, welche Dauer und welche Folgen cs haben würbe. Da er, soweit Hannchen für gut fand, ihm Nachricht davon zu geben, zu erfahren wünschte, in welcher Lage sich Anna eben befand, so beschloß er, das lustige Mädchen nicht merken zu lassen, daß er sie erkannt, ehe eS ihr selbst gefiel, jeden Anschein von Geheimniß von sich zu entfernen. Während ihm diese Gedanken eilig durch den Kopf gingen, befahl Hannchen dem jungen Menschen, sein Netz fallen zu lassen die zwei schönsten von den Rebhühnern herauszusuchen, sie in die Küche zu tragen und den Anderen die Freiheit zu schenken. „Ich muß," sagte sie zu dem Reisenden, „für das Nachtessen sorgen, da ich unerwartete Gesellschaft heimbringe." Arlhnr sagte zu ihr, die Gastfreundschaft, die er auf dem Schlosse empfange, werde hoffentlich die Bewohner desselben nicht beunruhigen, und erhielt beruhigende Zusicherungen über den Gegenstand seiner Bedenklichkeiten. „Ich möchte," fuhr er fort, „Eurer Gebieterin nicht gerne eine Unbequemlichkeit veranlassen." 209 „Seht einmal," sagte Hannchen, „ich habe nichts von einem Herrn ober einer Frau gesprochen, und schon stellt sich der arme, verirrte Reisende vor, er werde im Zimmer eines Fräuleins empfangen werden!" „Wie!" entgegnete Arthur, etwas in Verwirrung gebracht durch seine unbedachte Anspielung, „habt Ihr mir nicht gesagt, Ihr habet den zweiten Rang in der Festung? Nun dachte ich, ein Mädchen könne nur unter einem weiblichen Oberhaupt Offizier sein." „Die Richtigkeit dieses Schluffes leuchtet mir nicht ein," versetzte Hannchen. „Ich habe Frauenzimmer gekannt, die wichtige Obliegenheiten in großen Häusern verrichteten, ja selbst ihren Gebieter beherrschten." „Soll ich, schönes Fräulein, annehmen, daß Ihr eine so hohe Stelle in dem Schloß einnehmt, dem wir uns nähern, und darf ich Euch bitten, mir seinen Namen zu sagen?" „Das Schloß heißt Arnheim," antwortete das Mädchen. „Eure Besatzung muß groß sein?" sagte Arthur mit einem Blick auf das ausgedehnte Gebäude," wenn ihr im Stande seid, ein solches Labyrinth von Mauern und Thürmen zu bemannen." „In diesem Punkt," versetzte Hannchen, „sind wir schlecht versehen, wie ich selber gestehen muß. Man könnte aber jetzt sagen, wir verstecken uns eher in dem Schlosse, als daß wir cs bewohnen; aber es wird hinreichend vertheidigt durch Gerüchte, welche die Leute erschrecken, die unfern Zufluchtsort beunruhigen könnten." „Und doch wagt Ihr es, Euch darin aufznhalten?" fragte der Engländer in der Erinnerung an die Geschichte, welche ihm Rudolph Donnerhügel in Bezug auf die Barone von Arnheim und das traurige Ende der Familie erzählt hatte. Anna v. Geierstein n. 14 210 „Wir sind," versetzte die Führerin, „vielleicht zu vertraut mit der Ursache dieser Furcht, um stark von derselben berührt zu werden — wir besitzen vielleicht besondere Mtttel, um dem entgegenzutreten, was Andere schreckt — vielleicht, und das ist nicht die unwahrscheinlichste Vermuthung, bleibt »ns eben kein anderer Zufluchtsort übrig. Und das scheint sür jetzt auch Euer Schicksal zu sein, Herr, denn die Sonne zieht Ihre Strahlen allmählig von den Spitzen der fernen Berge weg, und wenn Ihr nicht, wohl oder übel, in Arnheim bleibet, so werdet Ihr wahrscheinlich manche Meile Wegs weit kein sicheres Quartier finden." Als sie dies gesagt, entfernte sie sich von Arthur und schlug mit dem sie begleitenden Vogelsteller einen sehr steilen aber kurzen Fußsteig ein, der zum Schlosse in gerader Linie aufwärts führte. Zuvor aber deutete sie dem jungen Engländer an, er solle der Fahrstraße folgen, welche auf einem Umweg eben dahin leitete, und wenn gleich weniger gerade, doch bei weitem besser zu begehen war. Bald stand er vor der Südseite des Arnheimer Schlosses. Es war das ein viel größeres Gebäude, als er sich nach Rudolphs Beschreibung oder dem Anblick aus der Ferne vorgestellt. Man hatte es zu verschiedenen Zeiten aufgebaut und ein bedeutender Theil davon war weniger von streng gothischer als von sogenannter maurischer Bauart, in welcher eine blühendere Einbildungskraft zu Tage tritt, als die, welcher man gewöhnlich im Norden folgt. Er war mit Mina- rcts, Kuppeln und anderen Verzierungen geschmückt, wie man sie an morgenländischen Bauwerken sieht. Das sonderbare Schloß hatte im Allgemeinen ein einsames und trauriges Aussehen; aber Rudolph war schlecht berichtet worden, als man ihm gesagt, es liege in Trümmern; es war im Gegen- 211 theil sorgfältig unterhalten und der Kaiser hatte, obgleich es keine Besatzung aufnehmen durste, für Herstellung desselben gesorgt, als es in seine Hände gekommen. Die Gerüchte, welche darüber umliefen, hielten die Leute ab, im Umkreis der gefürchteten Mauern zu übernachten; aber das^Schloß wurde regelmäßig von Zeit zu Zeit durch Jemand untersucht, der von der kaiserlichen Kanzlei hierzu beauftragt war. Die Nutznießung des Gebiets um das Schloß herum gab diesem Beamten eine treffliche Schadloshaltung für seine Bemühung und jetzt schien es, hatte die junge Baronneffe Arnheim eine Zuflucht in den verlassenen Thürmen ihrer Ahnen gefunden. Hannchen ließ dem jungen Reisenden keine Zeit, die Einzelnheiten am Aeußcren des Schlosses zu besichtigen oder eine Erklärung der Bilder und Aufschriften zu suchen, die in orientalischer Weise gearbeitet und mit denen die Außenseite bedeckt war. Sie drückten auf verschiedene Arten und mehr oder weniger deutlich die Anhänglichkeit der Bauherrn an die mvrgenländische Weisheit aus. Ehe er aber mehr als einen allgemeinen Ueberblick sich hatte verschaffen können, rief ihn die Stimme der Schweizerin an einem Winkelnder Mauer, wo diese etwas vorsprang. Von diesem Vorsprung aus ging ein langes Brett über einen trockenen jGraben und eS stand auch mit einem Fenster in Verbindung, in welchem sich Hannchen zeigte. „Ihr habt schon vergessen, was Ihr in der Schweiz gelernt." sagte sie, als sie wahrnahm, daß Arthur mit einiger Furcht daran ging, die unsichere Nothbrücke zu überschreiten. Der Gedanke, daß Anna, ihre Gebieterin, dieselbe Bemerkung machen konnte, gab dem jungen Reisenden die nöthige Kaltblütigkeit zurück. Er ging über das Brett hin mit derselben Ruhe, welche er bei der weit furchtbareren Brücke in 14 * 212 der Nahe des zerfallenen Schlosses Geierstein an den Tag gelegt. Kaum war er in das Fenster hinein, als Kännchen ihre Maske abnahm und ihn willkommen hieß in Oeutsch- land bei alten Freunden mit neuen Namen. „Anna von Geierstein," sagte sie, „ist nicht mehr; aber alsbald werdet Ihr die Baronesse von Arnheim sehen, die ihr außerordentlich ähnlich ist, und ich, die man in der Schweiz Anneli hieß, da ich noch die Dienerin einer Dirne war, die man kaum höher achtete, als mich selbst, ich bin jetzt die Kammerfrau der jungen Baronesse und halte Jedermann, der' von geringerem Stande ist, in geziemender Entfernung." „Wenn Ihr unter diesen Umständen," sagte der junge Philipson, „den Einfluß besitzet, der Eurer Stellung gebührt, so erlaube ich mir die Bitte an Euch, der Baronesse, wie wir sie jetzt nennen müssen, zu sagen, daß ich mich bei ihr eindränge, weil ich nicht wußte, daß sie dies Schloß bewohnte." „Still, still!" sagte das Mädchen lachend; „ich weiß besser, was ich zu Eurer Empfehlung sagen muß. Ihr seid nicht der erste, arme Kaufmann, der sich die Gunst einer großen Dame erworben; aber ich rathe Euch, keine demüthige VertheiLigung loszulaffen, und von unabsichtlichem Eindringen zu sprechen. Ich will ihr von einer Liebe sprechen, dis der ganze Rhein nicht loschen könne, die Euch hierher getrieben und Euch nur die Wahl gelassen habe, entweder daher oder zu Grunde zu gehen." „Aber Kännchen, Kännchen!" „Pfui doch! Seid Ihr nicht gescheid? Kürzt den Namen ab — ruft Anna, Anna! Und es ist mehr Ausstcht vorhanden, daß Ihr Antwort bekommet." 213 Bei diesen Worten rannte das unbesonnene Mädchen aus dem Zimmer, wie es von einer Tochter der Berge von ihrer Art zu erwarten stand- Sie freute stch, für Andere zu thun, was ste gerne für stch selbst gethan gesehen hätte und suchte eifrig, zweien Liebenden eine Zusammenkunft zu verschaffen, die am Vorabend einer unvermeidlichen Trennung standen. In dieser selbstzufriedenen Stimmung stieg Kännchen eine enge Wendeltreppe hinauf. Diese führte in ein Closet oder Putzgemach, in welchem ihre junge Gebieterin sah. Im Hereintreten schrie ste: „Anna von Gei... ich wollte sagen, gnädige Baronesse, sie sind da, sie sind da!" „Die Philipson?" fragte ihre Herrin fast athemlos. „Ja, nein, d. h. ja! Den» der Beste von Beiden ist da, und das ist Arthur." „Was willst du damit sagen, Hannchen? Ist Signore Philipson, der Vater nickt bei seinem Sohne?" „Nein, wahrhaftig," erwiederte Veilchen-, „und ich habe nicht einmal daran gedacht, nach ihm zu fragen. Cr war auch nicht mein, noch sonst Jemands Freund; Len alten LanL- ammann ausgenommen. Die zwei paßten gut zusammen; die zwei altklugen Leute mit ihren ewigen Sprichwörtern im Munde und dem Kummer auf der Stirne." „Unfreundliches, unbesonnenes Ding, was hast du gemacht?" sagte Anna von Geierstein. „Hatte ich dir nicht den Auftrag gegeben, sie beide hierher zu bringen? Und jetzt kommst du mit einem jungen Menschen allein an einen Ort, wo wir fast in völliger Einsamkeit sind. Was wird er von mir denken, was kann er von mir denken?" „Und was konnte ich denn machen?" fragte Hannchen, die fest auf ihrer Meinung beharrte. „Er war allein; sollte 214 ich ihn in das Dorf schicken, und ihn von den Lanzknechten des Rheingrafen umbringen lasten? Jedermann weiß, daß sie Alles für einen Fisch halten, was in ihre Netze geräth. Und wie sollte er durch ein Land gleich diesem kommen, das von herumziehenden Soldaten und Raubrittern wimmelt; (ich bitte das gnädige Fräulein um Verzeihung) und von landstreicherischen Italienern, die der Fahne des Herzogs von Burgund nachlaufen. — Nichts zu sagen von dem, was mehr als alles Andere und größeren Schrecken einflößt, und unter dieser oder jener Gestalt Jedem beständig vor Augen und Gedanken steht." „Still, still, Hannchen! füge nicht vollständigen Wahnsinn zu dieser ungeheuer« Thorheit; wir wollen lieber an daS denken, was wir zu thun haben. Um unsert- und um seinetwillen muß der unglückliche, junge Mann im Augenblick das Schloß verlassen." „In diesem Fall müßt Ihr ihm Eure Botschaft selbst überbringen, Anna von Geierstein, verzeiht, edle Baronesse; — es mag sehr passend sein, für eine Dame von hohem Rang, solche Befehle abzuschicken und ich habe in den Liedern der Minnesänger ähnliche Beispiele kennen gelernt, aber gewiß weiß ich, weder ich, noch ein anderes offenherziges Schweizermädchen würde ihn ausrichten. Keine Thorheit mehr: erinnert Euch, daß Ihr zwar eine geborene Baronesse von Arnheim, aber mitten in den Schweizerbergen ausgewachsen seid und Euch darum wie eine Dirne mit guten und ehrlichen Absichten betragen müsset." „Und worin findet mich deine Weisheit, der Dummheit schuldig, Jungfer Hannchen?" versetzte die Baronesse. „In was? seht, wie Euer edles Blut sich in Euren Adern bewegt! Erinnert Euch edle Baronesse, daß ich unsere schönen 215 Berge verlassen und der freien Lust, die man dort einathmet, entsagt habe, um mich in dieses Land der Gefängnisse und Sklaven einsperren zu lassen, daß aber dabei ausgemacht worden ist, ich dürfe meine Meinung gegen Euch eben so frei aussprechen, als ich es zur Zeit that, da unsere Köpfe auf demselben Kissen ruhten." „So sprich denn," sagte Anna, und wandte während sie sich bereit machte zuzuhören, sorgfältig das Gesicht auf die Seite; „aber gib Acht, dass Lu nichts sagst, was ich nicht anhören darf." „Ich werde reden, wie es natürlich und verständig ist; und wenn Eure edeln Ohren sich nicht dazu eignen, das anzuhören, so liegt der Fehler an ihnen und nicht an meiner Zunge. Seht Ihr, Jkr habt diesen Jüngling aus zwei grossen Gefahren errettet, einmal bei dem Erdsturz auf Geierstein und das anderemal erst heute, da sein Leben bedroht war. Er ist ein schöner, junger Mann, er spricht gut, kurz er hat Alles, was ihm die Gunst einer Dame erwerben kann. Ehe Ihr ihn gesehen, waren Euch die Schweizer-Jünglinge wenigstens nicht verhaßt. Ihr tanztet mit ihnen, Ihr spieltet mit ihnen, — Ihr wäret der Gegenstand der allgemeinen Bewunderung, — und wie Ihr wohl wißt, Ihr hättet im ganzen Kanton wählen können. Ja, ich glaube, es wäre mit ein wenig Drängen möglich gewesen, Euch zu dem Gedanken an eine Heirath mit Rudolph Dvnnerhügel zu bewegen." „Nie, Mädchen, niemals!" rief Anna. „Sprecht nicht so bestimmt, mein Fräulein. Hätte er sich zuerst dem Oheim empfohlen, so hätte er, nach meiner einfältigen Ansicht, in einem glücklichen Augenblick die Nichte heimgcführt. Aber seit wir diesen jungen Engländer kennen gelernt, hat nicht viel gefehlt, daß Ihr alle jungen Leute 216 übersehen, verachtet, ich mochte beinahe sagen, gehaßt hättet. Und doch konntet Ihr sie vorher recht wohl leiden." „Nun ja!" versetzte Anna, „ich werde dich noch mehr als einen von ihnen Haffen und verabscheuen, wenn du dein Gespräch nicht zu Ende bringst." „Sachte, edles Fräulein; wer langsam geht, kommt auch weit. Alles das beweis't, daß Ihr den jungen Mann liebt, und ich überlasse es denen, welche etwas Wunderbares daran finden, zu sagen, daß Ihr Unrecht habt. Man kann Vieles sagen, um Euch zu rechtfertigen, und nicht ein Wort, das ich wußte, um Euch zu tadeln." „Du bist toll, Hannchen; denk' an meine Geburt und meine Verhältnisse; sie verbieten mir, einen Mann ohne Geburt und Vermögen zu lieben; ich würde meinem Vater ungehorsam sein, wenn ich einem Manne meine Liebe schenkte, der ohne seine Zustimmung um mich freit. Ueberdies verbietet mir mein Stolz, als Mädchen meine Neigung auf einen Mann zu werfen, der nicht an mich denkt, ja vielleicht durch den Anschein gegen mich eingenommen ist." „Das ist eine hübsche Predigt!" sagte Hannchen; „aber ich kann auf jeden Punkt derselben eben so gut Antwort geben, als der Pater Franz in seinen Festtags-Predigten dem Terte folgt. Eure Geburt ist ein abgeschmackter Traum und Ihr habt sie erst in den zwei oder drei letzten Tagen schätzen gelernt. Da seid Ihr nach Deutschland gekommen und da hat ein altes deutsches Unkraut, das man gewöhnlich Familienstolz nennt, in Eurem Herzen zu keimen angefangen. Denkt von solcher Narrheit, wie Ihr gedacht, da Ihr auf Geierstein wohntet, d. h. in dem ganzen, vernünftigen Theil Eures Lebens, und dieses große, furchtbare Vorurtheil wird in Nichts zerfallen. Folgen nun die Verhältnisse, mit denen Ihr, so viel ich verstehe, Vermögen bezeichnet, Aber Phi- lipsons Bitter ist der freigebigste Mann von der Welt und wird seinem Sohn gewiß so viel Zechinen geben, daß er einen Bauerhof i» den Bergen gehörig ausstatten kann, Da habt Ihr das Brennholz für die Mübe es abzuhauen und der Boden kostet Euch nichts als die Bebauung, denn Ihr habt gewiß Ansprüche auf einen Theil des Gebiets von Geierstein und Euer Oheim wird Euch mit Freuden in den Besitz desselben einsetzen, Ihr seid im Stande, die Milcherei zu verwalten, Arthur kan» schießen, jagen, fischen, pflügen, hacken und erndten." Anna von Geierstein schüttelte den Kopf, als hegte sie starke Zweifel an ihres Liebhabers Geschicklichkeit in den letzten der aufgezählten Vollkommenheiten, „Nun, so 'kann er es lernen/' sagte Hannchen; „und Ihr werdet blos Las erste Jahr oder so etwas schlimmer daran sein. Ueberdies wird ihm Sigmund Biedermann gern helfen und er ist ein wahres Pferd an der Arbeit; und ich kenne noch einen, der ein Freund"- „Von dir selber ist, wollt' ich wetten," meinte die junge Baronesse. „Allerdings, es ist mein armer Freund, Martin Sprenger; und ich werde nie ein so falsches Herz haben, um meinen Schatz zu verläugnen." „Gut, gut, aber worauf soll das Alles am Ende hinauslaufen?" fragte die Baronesse ungeduldig. „Nach meiner Meinung, auf etwas ganz Einfaches;" versetzte Hannchen. „Es gibt Priester und Gebetbücher im Umkreis einer Meile — geht hinunter zu Eurem Liebhaber und sprecht ihm Eure Gedanken aus oder höret die seinigen an; vereinigt die Hände, geht ruhig als Mann und Frau nach 218 Geierstein zurück und haltet Alles bereit, um Euern Oheim bei seiner Rückkehr ordentlich zu empfangen. Auf diese Art würde eine schlichte SchweizerLirne den Roman einer deutschen Baronesse zu Ende führen"- „Und ihrem Vater das Herz brechen," sagte das Fräulein mit einem Seufzer. „Es ist zäher als Ihr wißt," entgegnete Hannchen; „nachdem er so lange fern von Euch gelebt, wird es ihm bei weitem leichter werden, Eurer für den Rest seines Lebens zu entbehren, als Ihr trotz Eurer neugebackenen Begriffe von Rang und Verhältnissen seine auf Ehren und Reichthümer abzielenden Plane werdet ertragen können. Er wird Euch zum Weibe eines erlauchten Grafen zu machen suchen, wie Hagenbach, dessen erbauliches Ende wir erst vor Kurzem mit angesehen haben, daß alle Raubritter an den Ufern des Rheins hätten ein Beispiel daran nehmen können." „Dein Plan taugt nichts, Mädchen; das ist der kindische Traum eines Mädchens, das vom Leben nie mehr kennen gelernt, als was man ihr auf ihrem Melkstuhl vorerzählt hat. Bedenk', daß mein Oheim die strengsten Ansichten über den Gehorsam der Kinder hegt, und daß ich mir seine gute Meinung vernichtete, wenn ich meines Vaters Willen zuwiderhandelte. Warum bin ich sonst hier? warum hat er seiner Vormundschaft entsagt? und warum bin ich gezwungen, die Gewohnheiten aufzugeben, die ich liebe und die Sitten und Bräuche eines Volks anzunehmen, die mir fremd und darum unangenehm stnd?" „Euer Oheim," antwortete Hannchen mit Festigkeit, „ist Landammanu im Kanton Unterwalden; er achtet die Freiheit desselben und ist der geschworene Beschützer seiner Gesetze. Wenn Ihr, eine angenommene Tochter der Eidgenossenschaft, 219 den Schutz derselben anrufet, so kann er ihn Euch nicht verweigern." „Selbst in diesem Fall," erwiederte das Fräulein, „würde ich seine mehr als väterliche Zuneigung und seine gute Meinung verlieren. Aber es ist unnöthig, daß wir uns dabei aufhalten. Wisse, selbst wenn ich den jungen Mann hätte lieben können und ich will nicht läugnen, daß er so liebenswürdig ist als ihn deine Parteilichkeit malt, — wisse," — fie zauderte einen Augenblick, — „er hat mir nie ein Wort über den Gegenstand gesagt, den du beharrlich meiner Ueberlegung aufdrängen willst, ohne weder seine noch meine Gedanken zu kennen." „Ist es möglich?" erwiederte Kännchen. „Ich dachte,— ich glaubte — obgleich ich nie in Euch drang, mir Euer Vertrauen zu schenken — da Ihr so an einander hinget — mit einander schon früher gesprochen haben, wie ein aufrichtiges Mädchen und ein aufrichtiger Bursche. Ich habe Unrecht gethan, während ich Alles auf's Beste zu machen meinte. — Zst's möglich! — man hat auch in unserem Kanton von solchen Sachen gehört — ist cs möglich, kann er so unsäglich niederträchtige Absichten gehegt haben, wie Martin von Breisach, welcher Adelen vom Sundgau den Hof machte und sie verführte — die Geschichte, obschon fast unglaublich, ist wahr — aus dem Lande floh und sich seiner Schlechtigkeit rühmte, bis des Mädchens Vetter Raimund ihn dadurch für immer zum Schweigen brachte, daß er ihm mit einem Knüttel den Schädel in der Straße der Stadt einschlug, wo der Elende geboren war? Bei der heiligen Mutter von Einsiedeln! könnte ich vermuthen, daß der Engländer auf solchen Verrath sinnt, so würde ich das Brett über den Graben durchsägen, daß das Gewicht einer Fliege zureichte, es zu zerbrechen. Sechs 220 Klafter tief sollte er die Treulosigkeit büßen, wenn er sich unterstände, die Ehre einer angenommenen Tochter der Schwei; beschimpfen zu wollen!" Während Anneli Veilchen sprach, blitzte alles Feuer einer muthigen Bergbewohnerin in ihren Augen und hörte sie mit Widerstreben zu, als Anna von Geierstein sich bemühte, den ungünstigen Eindruck zu verwischen, welchen ihre früheren Aeußerungen auf ihre einfache, aber getreue Dienerin hervorgebracht, „Bei meinem Wort," sagte sie, „bei meiner Seele — Lu thust Artbur Philipson Unrecht — schreiendes Unrecht, wenn du einen solchen Verdacht andeutest; sein Betragen gegen mich ist immer aufrichtig und ehrenhaft gewesen — ein Freund gegen einen Freund — ein Bruder gegen eine Schwester — hätte in Allem, was er gethan und gesagt hat, nicht mehr Achtung, mehr besorgte Zärtlichkeit, mehr und gleichmäßigere Biederkeit an den Tag legen können. Bei unseren häufigen Gesprächen und in unserem Verkehr schien er freilich sehr freundlich — sehr anhänglich. Aber wäre ich geneigt gewesen — und zu Zeiten mag ich es nur zu sehr gewesen sein — — ihn mit Nachsicht anzuhören," — hier stützte das junge Fräulein ihre Stirne auf die Hand und Thränen strömten durch die zierlichen Finger, — er hat nie von Liebe gesprochen; wenn er solche nährt, so hat ihn ein unüberwindliches Hinderniß seinerseits abgehalten, mir ein Geständniß davon zu machen." „Hinderniß?" entgegnete die Schweizerdirne. „Wahrscheinlich — eine knabenhafte Blödigkeit — eine thörichte Vorstellung davon, daß Eure Geburt so hoch über seiner eigenen stehe — ein zu weit getriebener Traum von Bescheidenheit, der das Eis eines Frühlingsfrostes für undurchdring- 221 lich ansieht. Ein paar ermuthigende Motte werden hinreichen, um diese Täuschung zu zerstreuen und ich will dafür sorgen, meine theuersie Anna, daß Euch das Erröthen erspart wird." Nein, nein, um's Himmels willen, nein, Veilchen!" antwortete die Baronesse, für welche Kännchen so lange mehr eine Gesellschafterin und Vertraute, denn eine Dienerin gewesen war. „Du kannst nicht errathen, was es für Hindernisse sind, die ihn abhalten, sich so auszusprechen, wie du es gerne berbeiführen möchtest. Höre mich: — mein frühere Erziehung und die Unterweisungen meines guten Oheims haben mich etwas melfr von fremden und ihren Bräuchen kennen gelehrt, als ich in unserer glücklichen Abgeschiedenheit auf Geierstein davon erfahren haben würde; ich bin fast überzeugt, daß diese Philipson von Stande sind, wie sie in Sitten und Benehmen weit über der Beschäftigung stehen, welche sie zu betreiben scheinen. Der Vater ist ein Mann von tiefer Beobachtungsgabe, von hohen Gesinnungen und Ansprüchen und verschwenderisch mit Geschenken, weit mehr als sich mit der äußersten Freigebigkeit eines Krämers verträgt." „Das ist wahr," sagte Hannchen, „und ich kann selber sagen, daß die silberne Kette, die er mir gegeben, gegen zehn Silberkronen wiegt; das Kreuz, welches Arthur hinzugefügt, den Tag nach dem langen Spaziergang, den wir mit einander gegen den Pilatusberg hinauf gemacht, ist, wie sie sagen, noch viel mehr werth. Seinesgleichen ist nicht in den Kantonen. Was folgt nun daraus? sie sind reich, Ihr seid es auch; und das ist um so besser." „Ach, Hannchen, sie sind nicht blos reich, sondern adelig. Ich bin davon überzeugt, denn ich habe oft bemerkt, daß sich der Vater mit einer Miene voll ruhiger und stolzer Verachtung Gesprächen mit Donnerhügel und Andern entzog. 222 die in ihrer derben Weise mit ihm zu streiten wünschten. Und wenn eine rohe Bemerkung oder ein plumper Scherz gegen den Sohn gerichtet wurde, so funkelte sein Auge, seine Wange röthete sich und nur ein Blick seines Vaters hielt die zornige Erwiderung zurück, die ihn auf der Zunge saß." „Ihr habt sehr genau auf ste Acht gegeben," sagte Kännchen. „All das mag wahr sein, aber ich habe es nicht bemerkt. Ich wiederhole jedoch, was liegt daran? Wenn Arthur einen hübschen Namen führt und in seinem Vaterlande adelig ist, seid Ihr nicht die Baronesse von Arnheim? Und ich will frei gestehen, ein solcher Titel ist etwas werth, wenn er den Weg zu einer Heirath ebnet, die, wie ich glaube. Euer Glück machen würde — ich hoffe das, sonst würde ich nicht dazu helfen." „Ich glaube dir, mein getreues Veilchen; aber ach! wie kannst du in dem Zustande natürlicher Freiheit, in welchem du aufgewacksen bist, den Zwang kennen oder dir nur im Traum vorstellen, welchen diese vergoldete oder goldene Kette des Rangs und Adels denen auferlegt, die ste, wie ich fürchte, eben so sehr fesselt und belastet als schmückt? In jedem Lande verpflichten die Auszeichnungen des Ranges die Menschen zu gewissen Pflichten; ste können Beschränkungen mit stch führen, die eine Verbindung in fremden Ländern verhindern — ste mögen die Leute oft abhalten, ihre Neigungen zu Nathe zu ziehen, wenn sie stch in ihrem eigenen Land ver- heirathen. Sie führen zu Bündnissen, bei denen das Herz nicht zur Sprache kommt, zu Eheverträgen, welche eingeleitet und abgeschlossen werden, während die Parteien noch in der Wiege liegen oder am Gängelband geführt werden — Treue und Glauben verpflichten aber darum nicht weniger zu Haltung derselben. Etwas derartiges kann in dem gegenwärti- 223 gen Fall Statt finden. Bei solchen Bündnissen kommt oft die Staatsklugheit in's Spiel; und wenn der Vortheil von England, oder was er dafür hält, den älteren Philipson veranlaßt haben sollte, solch' eine Verpflichtung einzugehen, so würde Arthur lieber vor Gram sterben ^lieber jedem Anderen das Herz brechen, als das Wort nickt lösen, welches sein Vater gegeben." „Da müssen die, welche sich in so etwas einlaffen, sich nur desto mehr schämen!" sagte Hanncken. „Sie sagen, England sei ein freies Land; wenn sie aber die jungen Leute beider Geschlechter des natürlichen Rechts berauben, über ihre Hände und Herzen selbst zu verfügen, so wollte ich lieber eine deutsche Leibeigene sein. — Nun, Fräulein, Ihr seid klug und ich bin unwissend. Aber was ist zu machen? Ich habe den jungen Mann. Gott weiß, in der Erwartung hierhergebracht, Eure Zusammenkunft werde einen glücklickeren Ausgang nehmen. Aber es ist klar, Ihr könnt ihn nicht heirathen, ohne Laß er um Euch anhält. Wenn ich glaubte, er wolle die Hand des schönsten Mädchens in den Kantonen aufopfern, entweder weil es ihm an Muth fehlt, sie zu fordern, oder aus Rücksicht auf eine lächerliche Verbindlichkeit, die sein Vater gegen einen anderen Adeligen auf ihrer Insel voll Edelleute eingegangen, so gestehe ich, daß ich ihm im einen wie im andern Fall ein flntertaucken in dem Graben wohl gönnen würde; aber es handelt sich von einer anderen Frage, nämlich, ob wir ihn fortschicken, daß ihn die Gurgelabschneider des Rheingrafen umbringen; und wenn wir es nicht so machen, so weiß ich nicht, wie wir ihn loskriegen sollen." „So laß ihn durch Wilhelm bedienen und sorge dafür, daß es ihm an nichts fehlt. Es ist am besten, wenn wir gar nicht Zusammentreffen." 224 „Das will ich," sagte Hannchen, „aber was soll ich ihm von Euch sagen? Unglücklicherweise habe ich ihm mitgetheilt, daß Ihr hier seid." „Du unbesonnenes Mädchen! Aber wie sollte ich dich tadeln," erwiederte Anna von Geierstein; „da die Unklugheit meinerseits eben so groß gewesen ist. Ich habe mich selbst in diese Verlegenheit gebracht, weil ich meine Einbildungskraft zu lauge auf diesem jungen Mann und seinen Vorzügen weilen ließ. Aber ich will dir beweisen, daß ich die Thvrheit zu überwältige» vermag; und ich werde in meinem eigenen Fehler keine Ursache suchen, um mich den Pflichten der Gastfreundschaft zu entziehen. Geh', Veilchen, und halte einige Erfrischungen bereit, du wirst mit uns zu Nacht essen und darfst uns nicht verlassen. Da sollst du denn sehen, daß ick mich eben sowohl wie ein deutsches Fräulein, als wie ein Schweizer Mädchen zu betragen weiß. Hole mir jedoch zuerst ein Licht, mein Mädchen, denn ich muß meine Augen wasche», die sonst gegen mich zeugen könnten und meinen Anzug in Ordnung bringen." Die ganze Erklärung hatte Hannchen sehr in Verwunderung gesetzt; denn nach den einfachen Begriffen von Liebe und Liebesbewerbung, in welchen sie unter den Schweizer Bergen aufgewachsen war, hatte sie erwartet, die zwei Liebenden würden, sobald sich die einmal entfernt hätten, denen die Leitungen ihres Betragens oblag, alsbald die Gelegenheit benutzen und sich für immer verbinden; sie hatte sogar einen zweiten Plan dazu entworfen, nach welchen sie selbst und Martin Sprenger, ihr getreuer Schatz, mit dem jungen Paar als Freunde und Diener zusammenwohnen sollten. Das eifrige Hannchen war zum Schweigen gebracht, aber nicht überzeugt worden, durch die Einwürfe ihrer Gebieterin; sie entfernte sich jetzt und 225 murmelte vor sich hin: — „Die paar Worte über ihren Anzug sind die einzigen natürlichen und verständigen» die sie mich hat Horen lassen. Will's Gott, so komme ich in einem Augenblick wieder, um ibr zu helfen. Meine Gebieterin anzuziehen, das ist die einige Beschäftigung einer Kammerfrau, die mir zusagt. Es ist so natürlich für ein hübsches Mädchen, eine andere zu schmücken! Meiner Treu', man lernt dabei sich nur selber für eine andere Gelegenheit putzen." Und mit dieser weisen Bemerkung trippelte Anneli Veilchen die Treppe hinunter. Anna v. Geierstein n. rs Elftes Kapitel. Sprecht nicht nicht davon — ich konnte niemals leiden Die Mummerei erzwung'ner Höflichkeit. ..Setzt Euch, mein gnäd'ger Herr." Das sagt man mit Gebog'nem Rücken und gebeugtem Knie. Der Höfling hört es lächelnd an. — „Vor Euch mein Herr? So müßt' es denn am Boden sein." Zum Henker Mit all dem Zeug! Ein Stolz, der so sich einhüllt Paßt kaum um eines Bettlers Brust zu schwelle». Altes Lustspiel. Anneli Veilchen eilte Treppen auf und Treppen ab, den» sie war die Seele von Allem, was in dem bewohnbaren Theile des gewaltigen Arnheimer Schlosses vorging. Sie paßte gleich gut für jede Art von Dienst; sie steckte den Kopf in den Stall, um sich zu versichern, daß Wilhelm ordentlich für Ar- thur's Pferd sorgte, sie guckte in die Küche hinein, um zu sehen, ob Marthe, die alte Köchin, die Hühner zu rechter Zeit brate; eine Aufmerksamkeit, die ihr jedoch keinen Dank zuwege brachte; dann suchte sie ein paar Flaschen Rheinwein 227 aus einem Keller und endlich blinzelte sie geradezu in das Zimmer, wo sie Arthur gelassen, um zu erfahren, was aus ihm geworden wäre. Sie hatte die Freude, wahrzunehmen, daß er sich, so gut er konnte und mit Sorgfalt herausgeputzt, und versicherte ihn, er werte in Kurzem ihre Gebieterin sehen, welche zwar etwas unwohl wäre, sich aber doch nicht enthalten könnte, herunter zu kommen und einen so geschätzten Bekannten zu sehen. Arthur wurde rvth, da sie so sprach, und seine belebten Züge fanden so viel Gnade in den Augen der Kammerjung- fcr, daß sie :m Hinaufgehen zu ihrer Gebieterin bei sick selber sagte, — „nun, wenn treue Liebe nicht Alles so zu karten versteht, daß das junge Paar trotz aller Hindernisse zusammenkommt, welche sie jetzt aufhalten, so glaube ich nimmer, daß es treue Liebe in der Welt gibt, mag Martin Sprenger sagen, was er will und aufs Evangelium schwören." Als sie zu ihrer Gebieterin in's Zimmer kam, fand sie zu ihrer Ueberraschung, daß das junge Fräulein keine von den Putzsachen, die sie besaß, sondern dasselbe einfache Mieder angelegt hatte, was sie am ersten Tage getragen, da Arthur auf den Geierstein kam. Hannchen schien Anfangs überrascht und bedenklich, erkannte aber dann plötzlich den guten Geschmack, den die Wahl dieser Tracht geleitet und rief, — „Ihr habt Recht — Zhr habt Recht — es ist am besten, ihm wie ein offenherziges Schweizermädchen entgegenzutreten." „Aber doch muß ich," sagte Anna lächelnd, „mich in den Mauern von Arnheim einigermaßen als die Tochter meines Vaters zeigen. — Hier Mädchen, hilf mir diesen Edelstein auf das Band heften, welches meine Haare Zusammenhalt." Das Schmuckwerk bestand aus zwei Federn von einem Geier, die von einem Opal zusammengehalten wurden. Dieser 15 * 228 bot bei wechselndem Licht eine solche Mannigfaltigkeit dar, daß es das Schweizermädchen entzückte, denn sie hatte in ihrem Leben noch nichts Derartiges gesehen. „Nun, Baronesse Anna," sagte sie, „wenn das hübsche Ding da wirklich als Zeichen Eures Rangs getragen wird, so ist es das einzige zu Eurer Würde Gehörige, wonach mich gelüsten könnte. Denn es schimmert und zeigt gerade ein so wunderbares Farbenspiel wie unsere Wangen, wenn wir aufgeregt sind." „Ach Kännchen," erwiederte die Baronesse und fuhr mit der Hand über die Augen; „von allen Kleinodien, welche die Frauen meines Hauses besessen, ist dieses hier vielleicht seinen Besitzerinnen am verderblichsten gewesen." „Warum traget Ihr eS also?" fragte Hannchen. Warum gerade jetzt und heute?" „Weil es mich am besten an die Pflichten gegen meinen Vater und meine Familie erinnert. Und jetzt, Mädchen, denk' daran, daß du mit uns zu Tische sitzst und verlaß das Zimmer nicht. Steh' nicht auf und lauf hin und her, um dich oder Andere zu bedienen und das und jenes auf den Tisch zu holen, sondern bleib ruhig sitzen, bis der Wilhelm gibt, was Lu brauchst." „Nun, Las ist eine Sitte, die mir schon gefällt," sagte Hannchen. „Wilhelm bedient uns mit so viel Gefälligkeit, daß es eine Freude ist, ihm zuzusehen; indessen kommt es mir manchmal vor, als wäre ich nicht mehr Anneli Veilchen selbst, sondern nur ihr Bild; denn ich kann weder aufstehen, noch mich setzen, noch herumlaufen, noch stehen bleiben, ohne eine der Regeln des höflichen Betragens zu verletzen. Mit Euch ist es nicht so, ich muß es sagen, Ihr habt immer Hofmanie- ren an Euch gehabt." 229 „Sie sind mir weniger natürlich, als du zn glauben scheinst," sagte das hochgeborene Mädchen; „aber ich fühle den Zwang mehr auf dem Rasen und unter freiem Himmel, als wenn ich ihn innerhalb der Mauern eines Zimmers erdulde." „Ja, das ist wahr — der Tanz," meinte Hannchen, „das ist etwas, um was es Einem wohl leid sein darf." „Ich bin am bekümmertsten darüber, Hannchen, daß ich eigentlich nicht sagen kann, ob ich Recht oder Unrecht thue, wenn ich den jungen Mann sehe, obgleich es zum letztenmal geschehen muß. Wenn mein Vater käme? — Wenn Jtel Schreckenwald zurückkehrte?" — „Euer Vater ist zu tief in einen seiner dunkeln und ge- heimnißoollen Plane verwickelt;" sagte die schwatzhafte Schweizerin; „er ist auf den Brocken gepflogen, wo die Heren ihren Sabbath feiern, oder auf einer Jagdparthie mit dem wilden Jäger." „Pfui Hannchen, wie unterstehst du dich, so von meinem Vater zu sprechen?" „Ich kenne ihn persönlich sehr wenig," entgegnete die Dirne, „und Ihr wißt nicht viel mehr von ihm. Und warum sollte falsch sein, was alle Leute für wahr ansgeben? „Was sagen sie, du Närrin?" „Daß der Graf ein Hexenmeister — daß Eure Großmutter ein Irrwisch gewesen und der alte Jtel Schreckenwald ein eingefleischter Teufel sei. Am letzten ist etwas Wahres, wie es nun auch mit den klebrigen stehen möge." „Wo ist er?" „Er ist hinuntergegangen, die Nacht im Dorfe zuzubringen, zu sehen, wie des Nheingrafen Leute einquartirt werden und sie in einiger Ordnung zu halten, wenn das möglich ist, denn die Söldner sind unzufrieden über das Ausbleiben des Soldes, den man ihnen versprochen; und wenn das der Fall ist, so gleicht nichts so sehr einem wüthenden Bären, als ein Lanzenknecht." „Wir wollen also hinuntergehen, Mädchen; es ist vielleicht für Jahre die letzte Nacht, die wir in einiger Freiheit zubringen können." Ich will mich nicht darauf einlasien, die auffallende Verlegenheit zu beschreiben, mit der sich Arthur Philipson und Anna von Geierstein zusammentrafen. Keines hob die Augen; sie brachten nur unverständliche Worte hervor, als sie einander grüßten, und das Mädchen selbst erröthete nicht stärker als ihr blöder Liebhaber. Die lustige Schweizerin, deren Begriffe von Liebe etwas von der Freiheit der Sitten des alten Arkadiens an sich hatten, runzelte die Stirne, meist ans Verwunderung und aus Verachtung über ein Paar, das nach ihrer Ansicht mit so unnatürlicher und gezwungener Zurückhaltung zu Werke ging. Arthur bot mit einer riefe» Verbeugung und hoher Röthe dem jungen Fräulein die Hand; und Anna von Geierstein bewieß, als sie die Höflichkeit erwiederte, eben so viel Furchtsamkeit, Erregung und Verlegenheit. Mit einem Wort, obgleich sich wenig oder nichts Verständliches zwischen dem wirklich schönen und reizenden Paare zutrug, wurde doch die Zusammenkunft dadurch nicht minder anziehend. Arthur führte das Mädchen, wie es die Pflicht jedes wohlerzogenen Mannes in dieser Zeit war, in's nächste Zimmer, wo das Essen bereit stand; und Hannchen, die mit besonderer Aufmerksamkeit auf Alles Acht gab, was vorfiel, ward mit Erstaunen gewahr, daß die Förmlichkeiten der höheren Stände selbst aus ihren freien Geist eben so viel Einfluß äußerten. 231 als die Gebräuche der Druiden auf den römischen Feldherrn der sagte: »Ich spotte ihrer, aber sie flößen mir Ehrfurcht ein." „Was mag sie nur so verändert haben?" sagte Kännchen; „da sie auf Geierstein waren, sahen sie aus wie andere Mädchen und Jünglinge; nur daß Anna sehr schön war; aber jetzt bewegen sie sich in so gemessener Weise, als eröffneten sie eine ernsthafte Menuette und behandeln sich mit so viel Ehrerbietung, als wäre er der Landammann von Unterwalden und sie die erste Frau von Bern. All das ist wohl sehr schön, aber es ist nicht die Weise, in der Marlin Sprenger seine Liebe zu erkennen gibt." Die Umstände, in welchen sich die beiden jungen Leute befanden, erinnerten sie offenbar an die stolze und etwas umständliche Artigkeit, an welche sie in früheren Tagen gewöhnt worden sein mochten. Die Baronesse hielt für nöthig, den strengsten Anstand zu beobachten, um die Zulassung Arthur's in's Innere ihres Aufenthaltes zu rechtfertigen; er seinerseits bemühte sich durch die tiefste Ehrerbietung zu zeigen, er sei unfähig, die Güte zu mißbraucken, mit der er behandelt worden war. Sie setzten sich zu Tische und hielten dabei sorgfältig die Entfernung ein, die sich für „tugendhafte Herrn und Mädchen" ziemen mochte. Der junge Wilhelm versah den Dienst bei'm Mahl mit Gewandtheit und Höflichkeit, wie einer, der an solche Geschäfte gewöhnt ist; Hannchen setzte sich zwischen die jungen Leute und suchte, sich so streng als möglich an die Gebräuche zu halten, die sie in Ausübung bringen sah, sie zeigte auch so viel Höflichkeit, als man von der Dienerin einer Baronesse erwarten konnte. Indessen beging sie doch verschiedene Fehler und betrug sich im Allgemeinen wie ein Windspiel an der Leine, das jeden Augenblick 232 fortzusaufen bereti ist. Sie wurde blos durch den Gedanken daran zurückgehalten, daß sie nach dem fragen mußte, was sie lieber ohne dies zu holen gegangen wären. Noch gegen mehrere andere Regeln der guten Lebensart verstieß sie, als das Essen vorüber war und der Diener sich entfernt hatte. Sie nahm oft mit zu wenig Umständen an der Unterhaltung Theil, und es begegnete ihr häufig, daß sie ihre Gebieterin bei ihrem Taufnamen Anna nannte und allen Vorschriften des gesitteten Tons zum Trotz, sie sowohl als Arthur, mit Du anredete, welches damals eine grobe Verletzung der deutschen Höflichkeit war so gut als jetzt. Ihre Versehen hatten aber wenigstens etwas Gutes. Sie gaben den jungen Leuten etwas zu denken, was nicht mit ihrer Lage zusammenhing; sie setzten dieselben in Stand, ihre Aufmerksamkeit von ihrer eigenen Verlegenheit abzuziehen und auf des armen Kännchens Kosten ein Lächeln auszutauschen. Es dauerte nicht lange, bis sie es bemerkte und halb beleidigt, halb erfreut, eine Veranlassung zu finden, um ihre Gedanken auszusprechen, rief sie mit Keckheit: „Ihr habt Euch beide in der That gehörig auf meine Kosten lustig gemacht, und das Alles, weil ich lieber aufgestanden wäre und geholt hätte, was ich brauchte, als daß ich wartete, bis der arme Junge, der immer zwischen dem Eß- und Kredenztisch hin- und hertraben mußte, Zeit fand, es mir zu bringen. Jetzt lacht Ihr über mich, weil ich Euch die Namen gebe, welche Ihr von der heiligen Kirche in der Taufe erhalten habt; und weil ich Dich und Du zu Euch sage, und mit meinem Junker und meinem Fräulein spreche, wie ich es thun würde, wenn ich auf meinen Knieen läge und zum Himmel betete. Aber Euern neuen Grillen zum Trotz, werde ich Euch sagen, daß Ihr nichts seid, als ein paar Kinder, die nicht wissen, was sie wollen, und den 233 einzigen Augenblick, der ihnen zur Sicherung ihres Glücks vergönnt ist, mit Späßen verderben. Werdet nicht böse, meine gnädige Baronesse; ich habe den Pilatusberg zu oft gesehen, um eine gerunzelte Stirne zu fürchten." „Still, Hannchen," sagte ihre Gebieterin, „oder verlaß das Zimmer." „Wäre ich nicht mehr Eure als meine Freundin," erwie- derte die widerspenstige und unerschrockene Schweizerin, ,,so würde ich das Zimmer verlassen und das Schloß obendrein, und ließe Euch hier mit Eurem liebenswürdigen Vogt, Jtel Schreckenwald, die Wirtschaft treiben." „Wenn du es nicht aus Liebe zu mir thun willst, so schweig aus Schaam, oder aus Mittleid, oder geh' aus dem Zimmer." „Mein Bolzen ist verschossen," antwortete Hannchen; und ich habe blos zu verstehen gegeben, was Jedermann auf dem Rasen bei Geierstein sagte, an dem Abend, da der Bogen v?n Buttisholz gespannt wurde. Ihr wißt, was die alte Prophezeihung sagt." „Still, still, um des Himmels Willen, oder ich fliege davon sagte die junge Baronesse. „Ach," sagte Hannchen und änderte den Ton, als hätte sie wirklich Furcht, ihre Gebieterin möchte sich entfernen, „wenn Ihr fliegen müßt, so thut, was Ihr nicht lassen könnt. Ich weiß Niemand, der zu folgen vermöchte. Diese meine Gebieterin, Signore Arthur, braucht zur Kammerfrau nicht ein gutes, junges Mädchen von Fleisch und Blut, wie Ihr in mir eine vor Euch steht, sondern ein Wesen von so seiner ') Das englische Wort drückt fliehen und fliegen zugleich aus. D. Uebers. 234 Beschaffenheit, wie die Sommerfäden, und das blos die zartesten Theile der Lust einathmet. Würdet Ihr es glauben — viele glauben es ernstlich, daß sie zu einem Geschlecht von Elementargeisteru gehört, und das macht sie so viel furchtsamer, als die Mädchen aus dieser Alltagswelt." Anna von Geiersteiu schien erfreut über die Gelegenheit, dem Gespräch eine andere Richtung zu verschaffen. Ihre eigensinnige Zofe hatte dazu Veranlassung gegeben und sie lenkte es jetzt auf gleichgültigere Gegenstände, obgleich diese sich immer noch auf sie selbst bezogen. „Signore Arthur," sagte sie, „glaubt vielleicht Grund zu irgend einem seltsame» Verdacht zu haben, wie ihn deine unüberlegte Thorheit ausspricht, und wie ihm die Narren in Deutschland und der Schweiz Raum geben. Gesteht Herr Arthur, Ihr dachtet Seltsames von mir, da ich in einer der letzten Nächte an Euerm Posten auf der Brücke von Grafs- lust vorüberging." Die Erinnerung an die Vorfälle, welche ihn seiner Zeit so höchlich überrascht hatten, brachte einen solchen Eindruck auf Arthur hervor, Laß er einige Augenblicke bedurfte, um antworten zu können. Aber auch so bestand seine Erwiederung blos aus einigen, unzusammenhängenden Worten. „Ich gestehe, ich habe gehört — d. h. Rudolph Douner- hügel hat mir erzählt — Laß ick aber geglaubt hätte, edles Fräulein, Ihr wäret keine Christin.... „Ah," rief Hannchen, „wenn Eure Erzählung von Rudolph herrührt, so habt Ihr Alles gehört, was man Schlimmes über meine Gebieterin und ihre Familie sagen kann. Rudolph ist einer der klugen Leute, welche Fehler an Len Maaren finden, die sie zu kaufen Lust hätten, um andern den Muth zum Daraufbieten zu nehmen. Za, er hat Euch 235 eine schöne Gespenstergeschichte erzählt, kann ich Euch sagen, von meines Fräuleins Großmutter; und wirklich traf es sich, nicht wahr, daß die Umstände der Sache einen Anschein von Wirklichkeit gaben?' — „Gar nicht, Kännchen," antwortete Arthur; ich habe alles Sonderbare und Unbegreifliche, was ich je über Eure Gebieterin gehört, so angesehen, als verdiene es keinen Glauben." „Doch nicht ganz, glaub ich," erwiederte Kännchen, ohne auf Zeichen und Stirnrunzeln ihrer Herrin zu achten, „und ich hege starken Verdacht, ich würde viel mehr Mühe gehabt haben, Euch in dieses Schloß zu bringen, wenn Ihr gewußt hättet, daß Ihr Euch einem Ort nähert, an welchem die Feueruymphe umgeht, der Salamanter, wie man sie heißt. Nicht zu gedenken des Anstoßes, Len Euch die Vorstellung gegeben hätte, daß Ihr den Abkömmling einer Tochter des Feuermantels wieder sehen würdet." „Noch einmal, sei still, Kännchen," sagte die Gebieterin; „da Las Schicksal dieses Zusammentreffen veranstaltet hat, so wollen wir die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne unser» englischen Freund über die alberne» Berichte zu enttäuschen, auf die er vielleicht mit Zweifel und Verwunderung, aber nicht mit völliger Unglaubigkeit gehorcht hat." „Herr Arthur Philipson," fuhr sie fort, „es ist wahr, mein mütterlicher Großvater, der Freiherr Hermann von Arnheim war ein Mann von großen Kenntnissen in verborgenen Wissenschaften. Er war auch Freigraf oder Vorsitzender Richter bei einem Tribunal, von dem Ihr gehört haben müßt, und welches man die heilige Vehme nennt. Es ist aber nicht einmal klug, ihren Namen auszusprechen. In einer Nacht kam ein Fremder, dem die Diener des Gerichts auf den Fersen waren, auf das Schloß, und machte Ansprüche auf seinen 236 Schutz u»d die Rechte der Gastfreundschaft, Mein Großvater sah, daß der Fremde den Grad eines Adepten besaß und gewährte ihm seine Bitte, Er verbürgte stch für ihn, daß er sich stellen und auf die gegen ihn erhobene Anklage in Jahr und Tag antworten würde. Es scheint, daß er das Recht hatte, Liesen Aufschub zu Gunsten seines Schützlings zu fordern. Die ganze Zeit über studirten sie mit einander und trieben ihre Forschungen in den Geheimnissen der Natur wahrscheinlich so weit, als es dem Menschen möglich ist. Als der verhängnißvolle Tag berankam, an welchem der Fremde sich von seinem Wirth trennen mußte, bat er um die Er- laubniß, seine Tochter auf's Schloß kommen zu lassen, um ihr sein letztes Lebewohl zu sagen. Diese wurde insgeheim hergeholt, und nachdem sie einige Tage da gewesen, schlug der Baron vor, ihr einen Zufluchtsort bei sich zu gewähren, da die Zukunft ihres Vaters sehr ungewiß schien. Er hegte dabei die Hoffnung, mit ibrer Beihilfe weitere Fortschritte in den Sprachen und Wissenschaften des Morgenlandes zu machen. Danischmend, ihr Vater, willigte darein und verließ das Schloß, um sich vor dem Vehmgericht in Fulda zu stellen. Was darauf erfolgte, ist unbekannt; wahrscheinlich wurde er durch das Zeugniß des Freiherrn von Arnheim gerettet; vielleicht wurde er Schwert und Strick übergeben. Wer darf von solchen Dingen sprechen? „Die schöne Perserin wurde die Gemahlin ihres Vormunds und Beschützers. Mit einer Menge guter Eigenschaften verband sie einige Unbesonnenheit. Sie benutzte ihre fremde Kleidung und ihre ausländischen Sitten, ihre, wie man sagt, wunderbare Schönheit, und eine Beweglichkeit ohne Gleichen, um unwissende, deutsche Damen zu erschrecken und in Staunen zu setzen. Das konnte ihr nicht schwer wer- 237 den, denn diese waren schon, wenn sie die Baronesse persisch und arabisch sprechen horten, geneigt, von ihr zu argwöhnen, sie treibe unerlaubte Künste. Ihre Einbildungskraft war lebhaft und erfinderisch, und es gefiel ihr, sich in Stellungen zu bringen, welche die thörichten Vermuthungeu bestätigen konnten, über die sie sich lustig machte. Es ward kein Ende mit Len Geschickten, zu welchen sie die Veranlassung gab. Ihr erstes Auftreten im Sckloß soll sehr malerisch und fast wunderbar gewesen sein. Mit dem Leichtsinn eines Kindes vereinigte sie kindische Leidenschaften, und während sie die Verbreitung der außerordentlichsten Sagen in der Nachbarschaft beförderte, geriet!) sie in Streit mit den Frauen ihres Standes über den Rang und den Vortritt, auf welche die westphälischen Edeldamen zu allen Zeiten große Stücke gehalten haben. Das kostete sie ihr Leben. Denn an dem Morgen, da meine arme Mutter getauft wurde, starb die Baronesse von Arnheim plötzlich und während eben eine glänzende Gesellschaft in der Schloßkapelle versammelt war, um der Feierlichkeit anzuwohnen. Man glaubte, ste sei durch die Baronesse von Stcinfeld vergiftet worden, mit welcher sie in heftiger Fehde lag. Und dieser Streit war besonders dadurch veranlaßt worden, daß sie die Partei ihrer Freundin und Gesellschafterin, der Gräfin Waldstetten, gegen jene genommen hatte." „Und der Opal? — und das Besprengen mit Wasser?" fragte Arthur Phnipson. „Ach," erwirderte die Freiin, „ich sehe, Ihr wollt die umständliche und wahre Geschichte meiner Familie hören, von welcher Ihr blos die fabelhafte Legende vtrnommen. — Als meine Großmutter das Bewußtsein verlor, war es ganz natürlich, daß man ihr Wasser in's Gesicht spritzte; was den 238 Opal betrifft, so habe ich sagen Horen, daß er seinen Glanz in diesem Augenblick verlor, aber man versichert, das sei eine Eigenthümlichkeit dieses kostbaren Edelsteins, wenn irgend welches Gift mit ihm in Berührung kommt. Ein Theil des Zwists mit der Baronesse Steinfeld kam daher, daß diese Dame behauptete, die Perserin habe kein Recht, den Stein zu tragen, welchen einer meiner Ahnen in der Scblacht dem Sultan von Trebisonde abgenommen. Alle Liese Umstände haben sich in der Ueberlieferung vermischt, und die Thatsachen sind ein Feenmährchen geworden." „Aber Ihr habt nichts gesagt von, von-" fiel Arthur Philipson ein. „Von was?" fragte die Wirthin. „Bon Eurer Erscheinung in einer der letzten Nächte." „Ist es möglich," sagte sie, daß ein Mann von gesundem Verstaut, ein Engländer, die Erklärung nicht zu errathen vermag, die ich ihm, obgleich vielleicht nicht ganz deutlich, geben kann? Mein Vater hat, wie Zhr wißt, eine wichtige Rolle in einem unruhigen Lande gespielt und sich den Haß vieler mächtigen Männer zugezvgen. Er ist daher genöthigt, seine Bewegungen im Geheimen zu machen und sich der Beobachtung nicht ohne Noth auszusetzen. Ueberdieß war er geneigt, mit seinem Bruder, dem Landammann, zusammenzutreffen und ließ mir deshalb bei unserem Eintritt in Deutschland sagen, daß ich beim ersten Zeichen, das ich erhalten würde, mich gefaßt halten sollte, mit ihm zusammenzukommen. Das Zeichen sollte ein kleines Cruzissr von Bronze sein, das meiner armen Mutter gehört hatte. Zn meinem Zimmer zu Grafs- lust fand ich das Zeichen mit einem Briefe meines Vaters, der mir einen geheimen Weg anzeigte, um zu ihm zu gelangen, wie sie solchen Orten eigen sind. Der Gang sah zwar aus. 239 als wäre er mit Steinen fest vermauert, aber es war leicht, sie zn verrücken. Ich sollte durch diesen mein Zimmer verlassen und durch das Thor des Schlosses in ein Gehölz gehen, wo ich meinen Vater antreffen würde." „Ein sonderbares und gefährliches Unternehmen," sagte Arthur. „Ich bin nie so bestürzt gewesen," fuhr das Mädchen fort, „als da ich die Aufforderung erhielt, ins Geheim einen eben so gütigen als zärtlichen Oheim zu verlassen und zu gehen, ich wußte nicht wohin. Doch mußte der Befehl befolgt werden. Der Ort der Zusammenkunft war deutlich bezeichnet. Ein Gang um Mitternacht in den Umgebungen eines Ortes, wo ich sicher auf Schutz zählen konnte, war mir ein Spiel; aber die Vorsicht, die man gehabt, Schildwachen am Thore aufzustellen, hinderte meine Entwürfe. Ich war genöthigt, mich einigen meiner Vetter aus der Familie Biedermann anzuvertrauen, und sie versprachen, mich hin und her gehen zu lassen, ohne eins Frage an mich zu thun. Ihr kennt meine Vettern; sie besitzen das beste Herz, aber einen beschränkten Verstand, und edelmüthige, zarte Gefühle sind bei ihnen so wenig zu suchen als bei gewissen anderen Leuten." — (Hier warf sie einen Brief auf Hannchen) — „Sie verlangten, ich sollte meine Absicht Sigmund verbergen, und da sie immer auf Kosten dieses guten und einfachen Jungen lachen wollen, so bestanden sie darauf, ich sollte an ihm so vorbei gehen, daß er auf den Glauben geriethe, ich wäre eine Geistererscheinung. Sie hofften bei der Furcht, die ihm der Anblick eines überirdischen Wesens verursachen würde, viel Spaß zu haben. Ich war genöthigt, mir ihre Verschwiegenheit dadurch zu sichern, daß ich auf ihre Bedingungen einging. In Wahrheit machte es mir zu viel Kummer, meinen freundlichen Oheim zu verlassen, als 240 daß ich viel an sonst etwas hätte denken sollen. Wie groß war meine Ueberraschung, als ich gegen meine Erwartung an Eigmunds Statt Euch als Wache auf der Brücke fand. Ich frage Euch nicht, was Ihr Euch für Gedanken gemacht?" „Ich war ein Narr," erwiederte Arthur, „ein dreifacher Narr. Wäre ich etwas anderes gewesen, so würde ich mich Euch zur Begleitung angeboten haben. Mein Schwert" — „Ich würde Euern Schutz nicht angenommen haben," sagte Anna ruhig. „Der Zweck meines Gangs mußte nach allen Beziehungen geheim bleiben. Ich fand meinen Vater — eine Zusammenkunft zwischen ihm und Rudolph Donner- Hügel hatte Statt gefunden und veranlaßte ihn, seinen Plan zu ändern und mich noch dieselbe Nacht mit sich fort zu nehmen. Ich vereinigte mich mit ihm früh Morgens und Kännchen spielte eine Zeitlang unter den Schweizer» meine Rolle fort. Mein Vater wünschte, Laß Niemand erführe, wann oder mit wem ich meinen Oheim und seine Begleiter verlassen. Ich brauche Euch kaum zu erinnern, Laß ich Euch in Eurem Gefängniß besucht habe." „Ihr habt mir das Leben gerettet," rief der Jüngling, „mir die Freiheit zurückgegeben." „Fraget mich nicht nach der Ursache meines Schweigens. Ich handelte damals nach den Befehlen Anderer, nicht nach eigenem Willen. Man begünstigte Eure Flucht, um eine Verbindung zwischen Len Schweizern außerhalb der Veste und und den Soldnern in derselben zu bewirken. Nach dem Aufruhr von La Ferette erfuhr ich von Sigmund Biedermann, daß ein Haufe Banditen Euern Vater und Euch verfolgen, um Euch zu plündern. Mein Vater hatte mich mit Len Mitteln versehen, Anna von Geierstein in ein deutsches Mädchen von Stande zu verwandeln. Ich reis'te auf der Stelle 241 ab und wünsche mir Glück, daß ich Euch einen Rath habe geben können, der Euch nützlich war." „Aber mein Vater?" fragte Arthur. „Ich habe allen Grund zu hoffen, daß er wohl und gesund ist," antwortete das junge Fräulein. „Andere als ich wünschten ihn sowohl als Euch zu schützen — der junge Sigmund vor allen. — Und nun mein Freund, da diese Geheimnisse aufgeklärt sind, ist es Zeit, daß wir scheiden und zwar für immer." „Scheiden! — und für immer!" wiederholte der Jüngling mit einer Stimme, wie ein sterbendes Echo. „Es ist unser Schicksal," sagte das Mädchen. „Ich berufe mich auf Euch, ob eS nicht Eure Pflicht ist — ich sage, es ist die meinige. Ihr werdet mit Tagesgraue» nach Straßburg abreisen, — und — und — wir werden uns nimmer wieder sehen." „Mit einer Gluth der Leidenschaft, die er nicht zurückhalten konnte, warf sich Arthur Philipson zu den Füßen deS Mädchens, deren stockende Stimme deutlich die Gefühle gezeigt hatte, welche ste bewegten. Sie sah fick um nach Kännchen, aber Kännchen war in diesem entscheidenden Augenblick verschwunden; und ihre Gebieterin war vielleicht eine oder zwei Secunden nicht ungehalten über ihre Abwesenheit. „Steht auf, sagte sie, „Arthur — steht auf. Ihr dürft Euch nickt Empfindungen hingeben, die für Euch und mich verderblich werden könnten." „Hört mich Fräulein, ehe ich Euch Lebewohl sage, und für immer — man hört einen Verbrecher an, wie schlimm Unna v. Geierstein i>. 16 242 auch seine Sache sein möge — ich bi» ein Ritter, der Sohn und Erbe eines Grafen, Lessen Name in England und Frankreich bekannt ist und überall, wo die Tapferkeit eine Geltung hat." „Ach!" sagte sie matt, ich habe nur zu lange vermuthet, was Ihr mir jetzt saget. — Steht auf, ich bitte, steht auf!" „Nickt ehe Ihr mich angehört," antwortete der Jüngling und ergriff eine ihrer Hände. Sie zitterte, doch mühte sie sich nicht, ihm dieselbe zu entziehen. — „Höret mich," sagte er mit der Begeisterung der ersten Liebe, wenn sie die Hindernisse besiegt hat, welche ihr die Furchtsamkeit und das Mißtrauen gegen sich selbst entgegenstellt. — „Mein Vater und ich sind — wie ich gestehe — mit einer sehr gefährlichen Sendung beauftragt, deren Erfolg höchst ungewiß ist. Ihr werdet bald erfahren, ob sie einen guten oder schlimmen Ausgang genommen. Gelingt sie, so sollt Ihr von mir unter meinem wahren Namen sprechen hören — falle ich, so darf — so kann — ja so heische ich eine Thräne von Anna von Geierstein. Wenn ich davon komme, so habe ich noch ein Pferd, eine Lanze und ein Schwert, und Ihr sollt Rühmliches von dem hören, den Ihr dreimal aus drohender Gefahr gerettet." „Steht auf — steht auf!" wiederholte das Mädchen, deren Thränen zu strömen begannen. Sie fielen auf das Haupt und Gesicht ihres Geliebten, während sie ihn aufzuheben bemüht war. „Ich habe genug gekört — auf mehr zu horchen wäre Wahnsinn, für Euch wie für mich." „Nur noch ein einzig Wort;" fügte der Jüngling hinzu; „so lange Arthur ein Herz hat, schlägt es für Euch; so lange 243 Arthur einen Arm Huben kann, wird er bereit sein Euch zu vertheidigen." Jetzt stürmte Kännchen in's Zimmer. „Fort! fort!" schrie sie — „Schreckenwald ist aus dem Dorf mit schrecklichen Nachrichten zurückgekehrt und ich fürchte er kommt daher." Arthur hatte sich bei'm ersten Zeichen von Lärm erhoben. „Wenn Eure Gebieterin in Gefahr ist, Hannchen, so steht ihr wenigstens ein treuer Freund zur Seite." Hannchen blickte ängstlich auf ihre Herrin. „Aber Schreckenwald!" rief sie; „Schreckenwald, der Vogt Eures Vaters — sein Vertrauter — denkt wohl darüber nach — ich kann Arthur irgendwo verstecken." Anna von Geierstein hatte schon wieder ihre Fassung erlangt und erwiederte mit Würde. — „Ich habe nichts gethan, was meinen Vater beleidigen könnte. Wenn Schreckenwald meines Vaters Vogt ist, so ist er mein Unterthan. Ich verstecke keinen Gast um seinetwillen. Setzt Euch," wandte sie sich an Arthur, „und so wollen wir den Mann empfangen. — Führe ihn alsbald herein, Hannchen, und laß uns seine Berichte anhören — sag' ihm, Laß er mit seiner Herrin redet, wenn er vor mir steht." Arthur nahm seinen Sitz wieder ein und war jetzt noch stolzer über seine Wahl, da das Mädchen eine so edle Furchtlosigkeit an den Tag legte, nachdem sie sich vor Kurzem empfänglich gezeigt für die zartesten Gefühle eines weiblichen Wesens. Auch Hannchen schöpfte neuen Muth aus dem unerschrok- kenen Betragen ihrer Gebieterin; sie klatschte in die Hände, 244 als sie das Zimmer verließ und sagte halblaut; „ich sehe, eS ist denn doch etwas Schönes darum, ein Fräulein zu sein, wenn man seine Würde auf solche Art aufrecht zu halten weiß. Wie kommt es nur. daß mir der grobe Mensch eine solche Furcht eingejagt hat?" Erstes Kapitel. Geschäfte die um Mitternacht im Gang sind, (Wie man's von Geistern sagt) sind stets von mehr Verwickelter Beschaffenheit als solche Die nur am Tage abgemacht sein wollen. Heinrich vui. 5. Akt. Die kleine Gesellschaft sah nun der Ankunft des VogtS niuthig entgegen. Arthur suhlte sich durch die Festigkeit geschmeichelt und gehoben die Anna bewiesen, als die Ankunft dieses Mannes gemeldet wurde, und überlegte in der Eile bei sich.die Rolle, welche er bei dem herannahenden Austritt spielen sollte. Klüglich beschloß er, keinen thäkigen Antheil daran zu nehmen, bis er aus dem Betragen Anna's von Geierstein ersähe, daß ihr ein solches von Nutzen oder angenehm wäre. Cr nahm also seinen Platz, in einiger Entfernung von ihr, an dem Tisch wieder ein, auf welchem kürzlich ihr Nachtessen aufgelragen worden war. Hier blieb er, entschlossen so zu handeln, wie es ihm das Betragen Anna's am passendste» und klügsten erscheinen lassen möchte. — Zugleich suchte er Anna v. Geierstein irr. 1 2 die lebhafteste Unruhe, die ihn aufregte, unter dem Anschein der ehlerbietigen Ruhe zu verbergen, welche ein Mann von niederem Stand annimmt, wenn er vor einen Höheren tritt. Anna ihrer Seils schien sich auf eine Zusammenkunft vorzubereiten. Eine Miene voll bewußter Würde, folgte der ungewöhnlichen Erregung, die sie erst kürzlich verrathen hatte. Sie beschäftigte sich mit einer weiblichen Arbeit und schien dem Besuch, welcher ihrer Dienerin so viel Bangigkeit verursacht, mit Ruhe eutgegenzusehen. Jetzt vernahm man auf der Treppe einen eiligen und ungleichen Schritt, wie von einem der eben so bestürzt als eilig ist; die Thüre flog auf und Jtel Schreckenwald trat herein. Dieser Mann, mit dem der Leser Lurch die Erzählung bereits einigermaßen bekannt ist, welche der alte Philipson dem Landammann von ihm gemacht, war groß, gut gebaut und hatte ein soldatisches Aussehen. Sein Anzug glich dem der Leute von Stand, wie man ihn damals in Deutschland trug, hatte aber mehr Farben und Verzierungen, mehr Schlitzen und Zacken als die Kleider die man in England und Frankreich zu sehen bekam. Die nie fehlende Habichtsfeder schwankte von seinem Barett und war mit einem Medaillon festgcmacht, welches als Schnalle diente. Sein Wamms war von Büffelleder des besseren Schuhes wegen, aber nach dem Schneiderausdruck mit reichen Schnüren an jeder Naht besetzt. Auf der Brust hing ihm eine goldene Kette, das Zeichen seines Rangs im Hause des Grafen. Er kam hastig, mit unzufriedener und geschäftiger Miene herein und sagte ziemlich grob. — „Was ist das, Fräulein? Was soll das heißen? Fremde im Schloß zu dieser Stunde der Nacht?" 3 Anna von Geierstein kannte, obgleich ste lange aus ihrem Geburtslande entfernt gewesen, die Gewohnheiten und Bräuche desselben sehr wohl. Sie wußte, init welchem Stolz die Adeligen ihr Ansehen allen von ihnen Abhängigen suhlbar machten. „Seid Ihr ein Lehensmann von Arnheim, Ztel Schrek- kenwald?" sagte ste, „und wagt Ihr es, mit dem Freifräulein von Arnheim in ihrem eigenen Schlosse mit erhobener Stimme, unverschämtem Blicke und bedecktem Haupte zu sprechen? Denkt an das was Ihr seid, und wenn Ihr mich um Verzeihung gebeten habet für Eure Frechheit, so werde ich anhörcn können, was Ihr mir zu sagen habt, vorausgesetzt, daß Ihr Euch so ausdrückct, wie es Eurer Stellung zu mir zukvmmt." Schreckenwald fuhr wider seinen Willen an's Barett und entblößte die hochmüthige Stirne. „Edles Fräulein," sagte er in etwas sanfterem Tone, „entschuldigt mich, wenn meine Eile mich hat barsch reden lassen, aber der Fall ist dringend. Die Söldner des Rheingrasen haben sich empört, die Banner ihres Herrn zerrissen und eine unabhängige Fahne aufgepstanzt, die sie das Fähr- lein des heiligen Nikolaus nennen. Sie erkläre», daß sie mit Gott Frieden halten und mit der ganzen Welt Krieg führen wollen. Dies Schloß kann ihnen nicht entgehen, wenn sie bedenken, das Erste was sie zu thun haben, müsse die Eroberung eines festen Platzes sein, um sich darin zu halten. Ihr müßt also mit Tagesanbruch von hier fort. 2» diesem Augenblick sind sie beschäftigt, den Bauern den Wein wegzutrinken, aber wenn sie am Morgen aufbrechen, so werden sie ohne Frage hieher ziehen; und Ihr könntet Leuten in die Hände fallen, welche die Schrecknisse des Arnheimer Schlosses für 1 » Erdichtungen aus einem Feenmährchen hatten und zu lachen anfangen, wenn seine Gebieterin auf Ehrenbezeugung und Achtung Ansprüche erhebt." „Ist kein Widerstand möglich? Das Schloß ist stark," entgeznete das Fräulein, „und ich habe nicht Lust, daS Haus meiner Väter zu verlassen, ohne etwas für unsere Vertheidj- gung gethan zu haben." „Fünfhundert Mann," versetzte Schreckenwald, „könnten die Gebäude und Thürme von Arnheim besetzen. Mit einer geringeren Anzahl wäre es ein Unsinn, so ausgedehnte Mauern halten zu wollen und ich weiß kaum, wie ich zwanzig Söldner zusammenbringen sollte. — Und jetzt, da Ihr die ganze Geschichte wißt, erlaubt mir die Bitte, diesen Fremden zu verabschieden. Er ist zu jung, wie mich dünkt, um sich in der Wohnung einer jungen Dame anfzukalten und ich will ihm den nächsten Weg aus dem Schloß zeigen; denn in der Noth, in der w>r eben sind, müssen wir uns begnügen, blos an unsere eigene Sicherheit zu denken." „Und wohin gedenkt Ihr zu gehen?" fragte die Baronesse, die immer gegen Jtel Schreckenwald die Miene unumschränkter Gewalt beibehielt. Er gab derselben auch nach; aber mit Zeichen von Ungeduld wie ein feuriges Pferd unter der Hand eines geübten Reiters. „Nach Straßbnrg schlage ich vor zu gehen, d. h. wenn es Euch recht ist, — und zwar unter der Bedeckung, die ich von jetzt an bis zu Tagesanbruch zusanimenbringen kann. Ich hoffe, wir können entwischen, ohne von den Meuterern bemerkt zu werden. Und wenn wir auf eine Abtheilung derselben stoßen, so glaube ich, es werde uns nicht schwer fallen, den Weg zu erzwingen." 5 „Und warum wählt Ihr vorzugsweise Straßburg zum Zufluchtsort?" „Weil ich denke, wir werden dort Euer Gnaden Vater, den edeln Grafen Albert von Geierstein, finden." „Das ist gut," sagte das Fräulein. — „Auch Jbr, Herr Philipson, habt, mein' ich, davon gesprochen, Ihr wollet Such Straßburg zuwenden. Wenn es Euch rett ist, so könntet Ihr den Schutz meiner Bedeckung bis in diese Stadt benutzen, wo ihr Euren Vater zu treffen erwartet." Man wird wohl glauben, daß Arthur herzlich gerne in einen Vorschlag willigte, der ihr Zusammenbleiben verlängern mußte und ihm, wie ihm seine lebhafte Einbildungskraft zu- flüsterte, auf einer mit Gefahren besäeten Straße Gelegenheit zu einem wichtigen Dienst verschaffen konnte. Jtel Schreckenwald wollte Vorstellungen machen. „Fräulein! — Fräulein!" — sagte er mit einigen Zeichen der Ungeduld. „Gönnt Euch nur Athem und nehmt Euch Zeit, Schrek- kenwald," sagte Anna, „dann werdet Ihr Euch eher deutlich und mit geziemender Achtung ausdrücken können." Der ungeduldige Lehensmann murmelte einen Fluch zwischen den Zähnen und gab mit erzwungener Höflichkeit zur Antwort, — „Erlaubt mir, Euch darauf aufmerksam zu machen, wie unsere Lage verlangt, daß wir nur an Euch allein zu denken haben. Wir werden unser nicht zu viele zur Ver- theidigung sein, und ich kann keinem Fremden erlauben, mit uns zu reisen." „Wenn," sagte Arthur, „ich glaubte, daß ich dem Rückzug dieser Dame hinderlich oder schädlich wäre, so würde nichts auf der Welt, Herr Stallmeister, mich zur Annahme ihres Anerbietens vermögen. Aber ich bin weder ein Kind 6 noch ein Weib — ich bin ein ausgewachsener Mann, und bereit, bei der Vertheidigung Eures Fräuleins so gute Dienste zu leisten, als die Mannheit vermag." „Wenn wir auch nicht an Eurer Tapferkeit und Geschicklichkeit zweifeln, junger Herr," entgegnote Schrcckenwald, „wer soll denn für Eure Treue gut stehen?" „An jedem anderen Orte," rief Arthur, „wäre es gefährlich, fie in Zweifel zu ziehen." Aber Anna trat zwischen beide. „Da wir so früh ab- reisen müssen," sagte sie, „so ist es Zeit, in's Bett z» gehen. Schreckenwald, ich verlasse mich darauf, daß Ihr sorgfältige Wache haltet — Ihr habt wenigstens dazu Leute genug. — Und höret mich wohl an. Es ist mein Wunsch und Wille, daß dieser Fremde heute hier übernachtet und daß er morgen mit uns reist. Dafür übernehme ich die Verantwortlichkeit bei meinem Vater und Eure Aufgabe ist blos, meinem Befehl zu gehorchen. Ich habe Gelegenheit gehabt, des jungen Mannes Vater und ihn selbst kennen zu lernen. Sie sind alte Gäste meines OheimS, des Landammanns. Auf der Reise werdet Ihr den Jüngling Euch zur Seite behalten und so höflich gegen ihn sein, als es Euer rohes Wesen erlaubt." Itel Schreckenwald gab seine Einwilligung mit einem erbitterten Blick, den wir umsonst zu beschreiben versuchen würde». Er drückte Trotz, Verdruß, gedehmüthigten Stolz und widerstrebende Unterwürfigkeit aus. Er gehorchte indessen und führte Arthur in ein anständiges Gemach mit einem Bette, welches die Anstrengung und Aufregung des vergangenen Tages sehr annehmbar machten. Trotz der Ungeduld, mit welcher er den Anbruch des Tages erwartete, versenkte ihn die Müdigkeit in tiefen Schlaf, bis sich der Osten rvthete und Schreckcnwald ihm zuschrie: 7 „Auf, Herr Engländer, wenn Ihr die Dienste leisten wollt, deren Ihr Euch gerühmt. Wir sollten schon im Sattel sein, und werden nicht auf die Faulen warten." In einem Augenblick stand Arthur auf dem Fußbode» und zog sich au; er vergaß sein Panzerhemd nickt »nd eben so wenig die nöthigen Waffen, um eine thätige Rolle bei der Bedeckung zu spielen. Er eilte dann hinaus, den Stall zu suchen und sein Pferd in Bereitschaft zu halten. Zu diesem Ende durchschritt er die Gänge im Erdgeschoß des Gebäudes, um sich in Leu Hof zu begeben, da flüsterte ihm die Stimme Veilchens leise zu: „Hierher, Herr Philipson; ich habe iflit Euch zu sprechen." Das Schweizermädchen machte ihm zugleich ein Zeichen, in ein Zimmerchen zu treten, und hier fand er sich allein mit ihr. „Wäret Ihr nicht überrascht," sagte sie, „zu sehen, wie meine Gebieterin Liesen Jtel Schreckenwald zum Gehorsam zu bringen versteht, während er allen andern Leuten mit seinem wilden Aussehen und barschen Tone Schrecken einjagt? Aber es scheint, es sei ihr so natürlich', zu befehlen, daß sie statt eines Fräuleins ganz gut eine Kaiserin sein könnte. Es muß von der Geburt Herkommen, denk' ich; denn gestern Abend habe ich es versucht, mich in die Brust zu werfen wie meine Gebieterin und würdet Ihr es glauben, das Vieh von Schreckenwald drohte, mich zum Fenster hinaus zu werfen. Wenn ich aber je wieder zu Martin Sprenger komme, so will ich sehen, ob Stärke in einem Schweizerarm und ob er im Stande ist, den Knüttel zu schwingen. Aber da steh' ich und plaudere, und mein Fräulein wünscht Euch für eine Minute zu sprechen, ehe wir aufsttzen." 8 „Euer Fräulein?" sagte Arthur zitternd; „warum habt Ihr denn so viel Zeit verloren? „Warum habt Ihr mir das nicht früher gesagt?" „Weil ich Euch blos hier aufhalten sollte, bis sie käme, und — da ist sie." Anna von Geierstein trat ein, völlig zur Reise gerüstet. Kännchen, die immer bereit war, für Andere zu thun, was sie für sich gethan zu sehen gewünscht hätte, wollte eben das Zimmer verlassen, als ihre Gebieterin ihr bestimmt zu bleiben befahl. Sie hatte offenbar einen festen Entschluß in Bezug auf Las gefaßt, was sie thun oder reden wollte. „Ich bin überzeugt," sagte sie, „Herr Arthur Philipson wird dem Gefühle der Gastfreundschaft, ich darf sagen der Freundschaft, die rechte Deutung geben, welches mich verhindert hat, zu dulden, daß man ihn aus dem Schlosse weg- geschickt. Dasselbe hat mich auch bestimmt, ihm zu gestatten, daß er mich auf meiner etwas gefährlichen Reise nach Straßburg begleitet. Am Thore dieser Stadt werden wir uns trennen, ich, um mich mit meinem Vater zu vereinigen, Ihr, um Euch unter die Leitung des Eurigen zu stellen. Von diesem Augenblick an endet der Verkehr zwischen uns, und wir dürfen an einander nur wie an geschiedene Freunde denken." „Es gibt," sagte Arthur mit Leidenschaft, „zarte Erinnerungen, die unserem Herzen theurer sind, als alle, die uns das Grab bieten kann!" „Kein Wort in diesem Tone," antwortete das Mädchen. Alle Täuschung muß mit der Nacht aufhören und mit dem Tag muß die Vernunft erwachen. Kein Wort mehr. — Redet mich nicht an auf der Straße; Ihr könntet mich dadurch Quälereien und beleidigendem Argwohn, Euch selbst Streitig- 9 keiten mid Gefahren aussetzen. — Lebet wohl, unsere Bedeckung ist bereit, zu Pferde zu steigen " Sie verließ das Zimmer und ließ Arthur darin ganz verwirrt von Kummer und Betrübniß zurück. Die Geduld, selbst die Huld, mit welcher Anna von Geicrstein in verwi- chener Nacht das Geständniß seiner Leidenschaft angehört, hatte ihn nicht auf die zurückhaltenden Ausdrücke vorbereitet, welche ste eben jetzt gegen ihn gebrauchte. Er wußte nicht, daß ein edles Herz, wenn Gefübl und Leidenschaft es einen Augenblick vom Pfade der Grundsätze und Pflicht abgebracht haben, bemüht ist, diesen Fehler dadurch wieder gut zu machen,- daß es augenblicklich auf denselben zurückkehrt und sich streng an die Linie hält, von welcher es einen Moment abgewichen ist. Cr blickte traurig auf Hannchen, die vor Anna's Ankunft im Zimmer gewesen war und sich die Freiheit nahm, nach ihrem Abgang noch eine Minute zu bleiben. Aber er fand keinen Trost in den Blicken der Vertrauten, die eben so verlegen war, als er selbst. „Ich kann nicht begreifen, was ihr begegnet ist," sagte Hannchen; „gegen mich ist sie gütig wie immer; aber gegen alle andern um sie her spielt sie das Fräulein und die Gräfin bis in die Fingerspitzen; und jetzt hat sie angefangen ihren eigenen Gefühlen Gewalt anzuthun. Wenn das Größe ist, so hofft Anneli Veilchen beständig, ein armes Bergmädchen zu bleiben; „sie ist wenigstens ihre eigene Herrin; kann frei mit ihrem Schatz sprechen, wenn's ihr beliebt und so lang Religion und Bescheidenheit nichts an dem Gespräch auszusetzen haben. O! ein Gänseblümchen, das ich zufrieden in meine Haare flechte, ist so viel werth, als alle Opale Indiens, wenn dis uns zwingen, uns und andere Leute zu quälen oder uns verhindern, zu sagen, was wir denken, wen» uns das Herz auf der Zunge sitzt. Aber fürchtet nichts Arthur; denn wenn sie grausam genug ist und daran denkt, Euch zu ver' gessen, so könnt Ihr Euch auf eine Freundin verlassen, die ihr solches unmöglich machen wird, so lange sie eine Zunge und Anna Ohren hat." Damit trippelte Hannchen davon, nachdem sie Philipson zuerst den Weg gezeigt, auf welchem er in den Hof kommen könnte, wo die Ställe waren. Hier fand er sein Roß gesattelt und gezäumt bei etwa zwanzig anderen. Zwölf davon trugen eine Schutzbedeckung von Eisen, eiserne Stirnbänder, Streitsättel n. dgl. Sie waren für eben so viel Reiter oder Reisige bestimmt, Lehensleute des Hauses Arnheim, welche es dem Bogt gelungen war, für diesen Dienst zusammen zu bringen. Zwei prächtig aufgezäumte Zelter waren für Anna von Geierstein und ihre Lieblingsdirne bestimmt; die anderen geringeren Pferde für die übrige männliche und weibliche Dienerschaft. Auf ein gegebenes Zeichen ergriffen die Reisigen ihre Lanzen und stellten sich zu ihren Nossen, bis die Baronesse mit ihren Dienerinnen aufgesessen waren; dann schwangen auch sie in die Sättel und fingen an, langsam und mit großer Vorsicht vorwärts zu gehen. Schreckenwald ritt voraus und Arthur Philipson hielt sich ihm zur Seite. Anna und ihre Dienerin befanden sich im Mittelpunkt der Bedeckung; ihnen folgte der nicht wehrhafte Theil der Dienerschaft, und drei oder vier erfahrene Reisige zogen im Nachtrab. Sie hatten strengen Befehl gegen einen Ueberfall auf der Hut zu sein. Als man sich in Bewegung gesetzt hatte, war das erste, was Arthur auffiel, daß die Hufe der Pferde nicht den scharfen und durchdringenden Ton von sich gaben, der durch das Zusammentreffen von Eisen und Stein sich erzeugt, und als 11 das Morgenlicht Keller, wurde er gewahr, daß ma» ihnen die Füße sorgfältig mit Wolle umwickelt hatte. Es war etwas Sonderbares, die kleine Truppe den Fclsenpfad herunter kommen zu sehen, welcher vom Schloß in die Ebene führte und Loch nichts von dem Geräusch zu hören, welches wir als unzertrennlich von den Bewegungen der Pferde anzufehen gewohnt sind. Der Mangel desselben schien dem Reiterzug ein seltsames und fast überirdisches Aussehen zu geben. Auf diese Art legte» sie den gewundenen Pfad vom Arn- heimer Schloß in das dabei liegende Dorf zurück. Dieses lag nach der Sitte der Zeiten des Lehenwesens der Burg so nahe, daß seine Einwohner auf einen Ruf ihres Herrn augenblicklich zu seiner Vertheidigung herbeizueilen vermochten. In diesem Augenblick war es aber von ganz verschiedene» Einwohnern besetzt, nämlich von den aufgestandenen Söldnern des Rheingrafen. Als der Zug von Arnheim sich dem Dorfeingang näherte, gab Schreckenwald ein Zeichen und seine Leute machten augenblicklich Halt. Dann ritt er selbst von Arthur begleitet vorwärts, um zu recognoSciren und beide rückten mit der größten Umsicht vor. Das tiefste Schweigen herrschte in den verödeten Straßen. Hie und da ließ sich ein Söldner sehen, der als Schildwache aufgestellt zu sein schien; alle aber lagen in festem Schlaf. „Die viehischen Meuterer!" sagte Schreckenwald; „sie halten sauber Wache und ich wollte ihnen einen schönen Wecker abgeben, müßte ich nicht vor allem Anderen jene eigensinnige Dirne beschützen. — Halt du hier, Fremder, während ich zurück reite und sie herbeibringe — es ist keine Gefahr dabei." Schreckenwald verließ Arthur bei diesen Worten. Dieser hatte, allein in der Straße eines mit Banditen angefüllten Dorfs, obgleich sic für den Augenblick schliefen, keinen Grund, 12 sich für vollkommen sicher zu halten. Einige Strophen eines Trinkliedes, die ein Betrunkener im Schlaf wiederholte, oder das Knurren eines Dorfhundes konnte für hundert wüste Gesellen ein Zeichen werden, sich mit einem Male um ihn zu erheben. Aber nach zwei oder drei Minuten traf der geräuschlose Zug mit Jtel Schreckenwald an der Spitze wieder mit ihm zusammen und folgte dem Führer mit der größten Behutsamkeit, damit kein Lärm entstände. Alles ging glücklich bis sie an's andere Ende des Dorfes gelangte». Obgleich der Bärenhäuter, der hier auf dem Posten stand, eben so betrunken war, als seine dieustthuenden Kameraden, war doch ein großer Zottelhund, der neben ihm lag, wachsamer. Als die kleine Truppe herankam, stieß das Thier ein furchtbares Geschrei aus, mit dem man hätte die Siebenschläfer') erwecken können und das wirklich seinen Herrn aus dem Schlaf aufstörte. Der Soldat ergriff seinen Karabiner und gab Feuer, ohne zu wissen, auf was und warum. Die Kugel traf indessen Arthur's Pferd, und als das Thier zusammen stürzte, rannte die Schildwache vorwärts, um den Reiter zu tödten oder gefangen zu nehmen. „Vorwärts, vorwärts, ihr Männer von Arnheim! sorgt Die Anspielung auf die Siebenschläfer kommt bei W. Scott häufig vor. Es ist das eine christliche Legende, die sich in dem wunderlichem Morgcnlande zugctragen hat. Unter der Regierung des Decius flohen junge Leute aus Ephesus, um der Verfolgung zu entgehen, in eine Höhle und schliefen darin verschiedene Lahre. Ein Hund war ihnen gefolgt und sagte zu ihnen, als sie ihn sortjagen wollten: „Ich ha'e diejenigen gerne, welche Gott lieb hat; schlafet, ich werde Euch bewachen." Der Hund ist jetzt mit Bileams Esel in Mahomeds Paradies. Der Uebers. 13 ^ für nichts als für des Fräuleins Rettung," rief der Anführer der Schaar. „Halt; sag ich Euch; helft dem Fremden, bei Euerm Leben!" sagte Anna mit einer Stimme, die, obgleich immer sanft und milde, jetzt wie eine silberne Trompete erklang. „Ich werde nicht einen Schritt weiter gehen, bis er außer Gefahr ist." Schreckenwald hatte sein Pferd bereits zur Flucht angespornt; da er aber sah, daß Anna sich weigerte, ihm zu folgen, kehrt er um, ergriff ein vollständig aufgezäumtes und gesatteltes Pferd, welches neben ihm an einem Pfahl gebunden war, warf Arthur',; die Zügel desselben zu, drängte seinen eigenen Gaul zwischen den Engländer und den Soldaten hinein und zwang diesen, seinen Gefangenen fahren zu lassen. In einem Augenblick war Arthur wieder beritten, ergriff eine Streitaxt, die am Sattelbogen seines neuen Rosses hing, und sä lug die taumelnde Schildwache, da sie ihn abermals zu halten versuchte, zu Boden. Dann ritt die ganze Schaar in Galopp davon, denn der Lärm begann im Dorf allgemein zu werden. Man sah einige Söldner aus ihren Quartieren herauskvm- men und andere fingen an, sich zu Pferde zu setzen. Che Schreckenwald und seine Begleiter eine halbe Stunde geritten waren, hörten sie mehr als einmal den Ton der Hörner. Als sie auf die Spitze einer Anhöhe gelangten, welche die Aussicht über das Dorf beherrschte, machte ihr Führer, der sich bei dem Rückzüge im Nachtrab gehalten hatte, Halt, um sich nach dem zurückgelassenen Feinde umzufehen. Alles war in Aufregung und Verwirrung auf der Straße, aber man schien nicht zur Verfolgung geneigt, lind so setzte Schrcckenwald seinen Weg den Fluß entlang mit Lebhaftigkeit und Eile, aber 14 zugleich mit so viel Vorsicht fort, daß nicht einmal das schlechteste seiner Pferde dienstuntüchtig wurde. Nach mehr als zweistündigem Ritt hatte sich das Vertrauen des Anführers so gesteigert, daß er es wagte, hinter einem freundlichen Gehölz, welches seine Truppe verdeckt, Halt machen zu lassen. Hier nahmen Reiter und Pferde einige Erfrischungen zu sich; denn man hatte sich mit Futter und Lebensmitteln versehen. Itel Schreckenwald hielt ein kurzes Gespräch mit dem Fräulein und kam dann zu seinem Reisegefährten zurück. Er fuhr fort, ihn mit mürrischer Höflichkeit zu behandeln und lud ihn ein, an seinem Essen Theil zu nehmen. Dieses unterschied sich zwar wenig von dem, was den anderen Reisigen ausgetheilt wurde, ward aber mit besseren» Weine gewürzt. „Eure Gesundheit, Brüder," sagte er; „wenn Ihr die Geschickte des heutigen Tags getreulich erzählt, so werdet Ihr einräumen, daß ich mich gegen Euch vor zwei Stunden als guter Kamerad erwiesen habe, da wir durch das Dorf Arnheim kamen." „Das werde ich nie in Abrede stellen, guter Herr, „er- wiederte Philipson, „und ich sage Euch ineinen Dank für Euren Beistand zur rechten Zeit; dabei ist einerlei, ob Ihr ihn auf Befehl Eurer Gebieterin oder nach eigenem, guten Willen geleistet." „Ho, ho! mein Freund!" rief Schreckenwald lachend; „Ihr seid ein Philosoph und könnt Folgerungen ziehen, während sich Euer Pferd auf Euch herumwälzt und ein Bärenhäuter Euch das Schwert an die Gurgel hält? — Nun, da Euer Witz so viel entdeckt hat, so liegt mir wenig daran, ob Ihr wißt oder nicht, daß ich mich nicht lange bedacht hätte, zwanzig solche bartlose Herren, wie Ihr, aufzuopfern, ehe das junge 15 Fräulein von Arnheim der geringsten Gefahr ausgesetzt werden dürste." „Dieser Gedanke ist so richtig, daß ich ihm bcistimme," versetzte Philipsvn, „ob er gleich weniger grob hätte ausgedrückt werden können." Bei dieser Erwiederung erhob der junge Mann, gereizt durch die Unverschämtheit im Betragen Schreckenwalds, die Stimme ein wenig. Dies entging der Beobachtung nicht, denn Anncli Veilchen stand im Augenblick vor ihnen und brachte den Befehl von ihrer Gebieterin, ste sollten leise sprechen oder lieber ganz still sein. „Sagt Eurer Gebieterin, daß ich stumm bin," antwortete Philipsvn. „Unsere Gebieterin, das Freifräulein sagt," fuhr Kännchen mit einen Nachdruck auf dem Titel fort, welchem ste einen talismanartigen Einfluß beizulegen anfing, — „Vas Freifräulein, jag' ich, behauptet, daß das Schweigen für unsere Sicherheit sehr wichtig ist; denn es wäre höchst gefährlich, auf diese kleine flüchtige Truppe die Aufmerksamkeit von Reisenden zu ziehen, die während des nothwendigen Halts auf der Straße vorüberkommen können. Daher, meine Herren, befiehlt das Fräulein, daß Ihr Euern Zähnen so schnell als Möglich Beschäftigung zu geben sortfahret, Euch aber enthaltet, Eure Zunge in Bewegung zu setzen, bis Ihr in einer sicheren Lage seid." „Mein Fräulein ist klug," erwiederte Jtel Schreckenwald, „und ihre Zofe ist witzig. Ich trinke, Jungfer Kännchen, in einem Becher Rüdesheimer auf die Fortdauer ihres Scharfsinns und Eurer liebenswürdigen Lebhaftigkeit. Wollt Ihr mir darauf in diesem edeln Naß Bescheid thun?" 16 „Weg, du deutscher Weinschlauch! — Weg, du ewiger Saufbruder! — Habt Ihr je von einem ordentlichen Mädchen gehört, das vor dem Mittagessen Wein trank?" „So werdet Ihr auch seinen wunderbaren Einfluß nicht erfahren." sagte der Deutsche; „geht und nähret Euer spöttisches Wesen mit saurem Most oder Csstg-Molken." Nachdem sich die Reisenden ein paar Augenblicke Zeit zur Erfrischung genommen, bestiegen sie wieder ihre Pferde und zogen mit solcher Eile weiter, daß sse lang vor Mittag bei der stark befestigten Stadt Kehl anlangtcn, die Straßburg gegenüber am östlichen User des Rheins liegt. Die Alterlhumsforscher mögen entscheiden, ob die Reisenden von Kehl nach Straßburg auf der berühmten Schiffbrücke kamen, welche gegenwärtig die Verbindung über den Fluß unterhält oder ob sse den Fluß auf irgend eine andere Art überschritten. Genug, ihre Ueberfahrt ging glücklich von Statten und sse landeten auf der anderen Seite. Sei es nun, daß das Fräulein fürchtete, Arthur möchte de» Auftrag vergessen, den sie ihm gegeben und demzufolge sse sich hier trennen sollten, sei es, daß sse ihm im Augenblick des Scheidens noch einige Worte sagen zu können hoffte, — sie näherte sich, ehe sie wieder zu Pferde stieg, dem jungen Engländer, der nur zu gut errieth, was sie ihm noch sagen würde. „Junger Fremder," sprach sie, „ich muß jetzt Abschied von Euch nehmen. Erlaubt mir aber, Euch zuerst zu fragen, ob Ihr wißt, wo Ihr Euer» Vater zu suchen habt?" „In einer Herberge, zum fliegenden Hirsch geschildert," antwortete Arthur niedergeschlagen; „wo sie aber in der großen Statt liegt, weiß ich nicht?" „Kennt Ihr den Ort, Jtel Schreckemvald?" „Ich Fräulein? — Nein — ich weiß nichts von Straßburg und seinen Herbergen und glaube auch, die meisten von unseren Leuten sind eben so unwissend darin als ick." „Wenigstens sprecht ihr eben so gut deutsch wie sie." erwiederte die Freiin trocken, „und könnt leichter als ein Fremder Euch erkundigen. Geht, Herr, und vergeßt nicht, daß die Gefälligkeit gegen einen Fremden eine Vorschrift der Religion ist." Mit dem Achselzucken, welches das Mißfallen an einem Auftrag ausspricht, ging Jtel einige Nachforschungen anzu- stellen und so kurz auch seine Abwesenheit war, Anna ergriff die Gelegenheit um Arthur'n zuzuflüstern, — „lebet wohl, — ebet wohl! Nehmt dieses Zeichen der Freundschaft an und traget es mir zu Liebe. Mvget Ihr glücklich sein!" Ihre zarten Finger ließen ein ganz kleines Päckchen in seine Hand gleiten. Er wandte sich ihr zu danken aber sie war schon ziemlich weit weg; und Schreckenwald, der statt ihrer an seine Seite getreten war, sagte mit seiner rauhen Stimme, „kommt, mein Herr, ich habe den Platz herausgefunden, auf den Ihr bestellt seid, und es bleibt mir nur wenig Zeit, bei Euch den Cermonienmeister zu machen." Er ritt hierauf Arthur'n voraus und dieser folgte ihm auf seinem Streitroß schweigend bis zu der Stelle, wo eine breite Straße sich mit derjenigen vereinigt oder kreuzt, welche sie von ihrem Landungsplätze hergeführt hatte. „Dort baumelt der fliegende Hirsch," sagte Ziel und wies auf ein ungeheures Schild das an einem mächtigen Holzgestell befestigt, fast die ganze Breite der Straße einnahm. „Ich denke, Ihr werdet Len Weg kaum verfehlen, mit einem solchen Wegweiser vor dem Gesicht." 'Anna v. Gciersiein m. 2 18 Bei diesen Worten wandte er sein Pferd, ohne weiteren Abschied zu nehmen und ritt zu seiner Gebieterin und ihren Begleitern zurück. Philipson's Augen hafteten einen Augenblick auf derselben Gruppe; der Gedanke an seinen Vater rief ihn zum Gefühl seiner Lage zurück; er spornte sein ermüdetes Pferd die Querstraße hinunter und erreichte bald das Gasthaus zum fliegenden Hirsch. Zweites Kapitel. Ich muß gesteh n, in früher'» gold'nen Tagen War ich des schönen Mbion Königin; Doch Unglück trat mir meinen Titel nieder Und warf mich in den Staub mit Schmach und Schande; Da sitz' ich nun bei'm Schickial an dem Boden Und füge mich ergeben in mein Loos, Heinrich iv. zter Theil. Das Gasthaus zum fliegende» Hirsch in Straßburg wurde, wie jede Herberge im Reich, zu dieser Zeit mit eben so wenig Höflichkeit und Aufmerksamkeit auf Bedürfnisse und Bequemlichkeit der Gäste geführt, als das des Johann Mcngs. Aber die Jugend und das gute Aussehen Arthur Philipson's, welche nie oder selten einigen Eindruck auf das schöne Geschlecht zu machen verfehlen, vermochte über eine kurze, plumpe, blauäugige Jungfrau mit Grübchen im Kinn und weißer Haut, die Tochter des Wirths vom fliegenden Hirsch, der selber ein fetter, alter Mann und an den eichenen Sorgenstuhl in der Stube gebannt war, so viel, daß ste dem jungen Engländer gegenüber sich mit einer Herablassung betrug, welche fast als 2 * 20 eine Entwürdigung für die bevorrechtete Kaste gelten konnte, der sie angehörte. Sie setzte nicht blos ihre leichten Halbstiefel und ihre hübschen Knöchel in Gefahr beschmutzt zu werden, als lie über den Hof trippelte um einen leeren Stall zu zeigen, sondern auf Arthur's Frage nach seinem Vater, geruhte sie sogar stch zu erinnern, daß ein Gast, wie der beschriebene, im Hause die porige Nacht zugebracht und gesagt hätte, er erwarte hier einen jungen Mann, seinen Reisegefährten zu treffen, „Ich will ihn zu Euch herunterschicken, schöner Herr," sagte die kleine Jungfer mit einem Lächeln, welches für unbezahlbar gehalten werden mußte, wen» man Dinge dieser Art nach der Seltenheit ihres Vorkommens schätzt. Sie hielt Wort. In wenig Augenblicken trat der ältere Philipson in den Stall und schloß seinen Sohn in Lie Arme. „Mein Sohn, mein lieber Sohn!" sagte der Engländer, dessen Stoicismus dem natürlichen Gefühl und der väterlichen Zärtlichkeit wich, „du bist mir immer willkommen — willkommen in einer Zeit der Unruhe und Gefahr — und am meisten willkommen in einem Augenblick, der eine Entscheidung unseres Geschicks herbeiführt. I» wenig Stunden werde ich erfahren, was wir von dem Herzog von Burgund zu hoffen haben. Hast du das Zeichen?" Arthur's Hand suchte zuerst das, was seinem Herzen in buchstäblichem und bildlichem Sinne am nächsten lag, nämlich das kleine Päckchen, welches ihm Anna bci'm Scheiden gegeben. Aber er fand alsbald seine Geistesgegenwart wieder und überreichte seinem Vater das Kästchen, welches dieser — in La Ferette auf so sonderbare Weise verloren und wieder er» langt hatte. 21 „Es ist in Gefahr gewesen," bemerkte er gegen seinen Vater, „seit Ihr es nicht geseken und ich auch. Ich genoß letzte Nacht Gastfreundschaft auf einem Schlosse und am Morgen begann ein Haufen Lanzknechte in der Nachbarschaft sich wegen ihres Soldes zu empören. Die Einwohner des Schlosses entflohen, um ihren Gewaltthätigkeiten zn entgehen, und als wir bei Morgengrauen an ihrem Lager vorbeikamen, erschoß mir ein betrunkener Bärenhäuter mein armes Pferd. Ich bin gezwungen gewesen, es auszutanschen und mir diese schwere, flandrische Mähre mit ihrem Stahlsattel und ihrer schlechten Schabracke gefallen zu lassen." „Unser Weg ist mit Gefahren besäet. Zch habe auch mein Theil gehabt und bin in großer Gefahr gewesen," sagte sein Vater, ohne näher auf die Sache einzugehen, „in einem Wirthshause, wo ich die letzte Nacht verbrachte. Aber ich verließ es am Morgen und kam glücklich hieher. Ich habe endlich ein Geleite erlangt, um mich in des Herzogs Lager bei Dijon zu führen und hoffe noch diesen Abend mit ihm zu sprechen. Wenn unsere letzte Hoffnung fehlschlägt, suchen wir den Seehafen Marseille auf, schiffen uns nach Candia oder Rhvdus ein und verbringen unser Leben bei der Ver- theidigung des Christenthums, da wir nicht mehr für England kämpfen können." Arthur hörte diese unglücksbedeutenden Worte ohne Erwiederung an; aber sie fielen ihm eben so schwer auf's Herz, als dem Verbrecher das Urtheil des Richters, welches ihn von der Gesellschaft und all' ihren Freuden ausschließt und zu ewigem Gefängniß verdammt. Die Glocken auf dem Münster fingen in diesem Augenblick an zu läuten und erinnerten den alten Philipson an die Pflicht, eine Messe zu hören. Diese wurde zu jeder Stunde in der einen oder anderen der Capel- len gelesen, welche dieses prächtige Gebäude umschließt. Er kündigte dem Sohn seine Absicht an und Arthur folgte ihm. Bei der Annäherung an das prächtige Münster fanden die Reisenden den Zugang zu demselben, wie solches in katholischen Ländern gebräuchlich ist, Lurch eine Menge von Bettlern aus beiden Geschlechtern gesperrt, welche den Eingang umlagerten, um Len Andächtigen Gelegenheit zu Almosen zu geben, die von ihrer Kirche als eine Hauptobliegenheit eingeschärft werden. Die Engländer entzogen sich ihrer Zudringlichkeit, indem sie, wie bei solchen Gelegenheiten gebräuchlich ist, einige kleine Münzen unter die vertheilten, welche am meisten Mitleid zu bedürfen und zu verdienen schienen. Eine große Frau stand auf der Treppe ganz an der Thüre und streckte ihre Hand gegen den älteren Philipson aus, der ihr über ihr Aeußeres betroffen, ein Silberstück statt des Kupfergeldes gab, welches er den anderen gereicht. „Welch' Wunder!" rief sie auf englisch, aber so leise, daß blvs Philipson sie hören konnte, obgleich auch sein Sohn verstand, was sie sagte. — Ei, ein Wunder! — Ein Engländer besitzt noch eine Silbermünze und ist im Stande, sie den Armen zu geben!" Arthur bemerkte, daß sein Vater bei der Stimme oder den Worten etwas zitterte. Und auch er selbst fand in dein Gesagten etwas, was über eine gewöhnliche Bettlerin hinausging. Aber nach einem Blick auf das Weib, welches ihn so angeredet, ging Philipson weiter in die Kirche und widmete bald seine ganze Aufmerksamkeit der feierlichen Messe, welche ein Priester am Altar einer Kapelle las. Dieselbe war in einem Flügel des Gebäudes und, wie sich aus dem Bilde über dem Altar abnehmen ließ, dem heiligen Georg geweiht. Dieses kriegerischen Heiligen wirkliche Geschichte ist sehr dun- 23 kel, obgleich die Volkssage ihn zu einen Gegenstand besonderer Verehrung in den Zeiten des Lehenwesens machte. Dir Ceremvnie begann und endigte in gewöhnlicher Weise. Der dienstthuende Priester entfernte sich mit seinen Begleitern, und obgleich einige der Gläubigen, welche der Feierlichkeit beigewohnt, noch damit beschäftigt blieben, ihren Rosenkranz zu beten oder besondere Bitten an den Himmel zu richten, so verließen doch die meisten Leute die Kapelle, sei es, um in eine andere zu treten, sei es, um weiter an ihre Geschäfte zu gehen. Aber Arthur bemerkte, daß, obgleich Eins nach dem Andern fortging, die große Frau, welche von seinem Vater ein Almosen empfangen, noch immer am Altar kniete. Noch mehr ward er überrascht, als er sah,' daß sein Vater selbst auf den Knien liegen blieb; denn er wußte, daß derselbe triftige Gründe hatte, um der Andacht nicht mehr Zeit zu widmen, als die Vorschriften der Religion eben ndlhig machten. Die Augen desselben hafteten auf der Gestalt der verhüllten Bettlerin, als ob seine eigenen Bewegungen sich nach den ihrigen richteten. Es kam Arthur nichts zu Sinne, was ihn hätte in Stand setzen können, die geringste Vermuthung über die Beweggründe seines Vaters zu einem solchen Betragen aufzufinden. Cr wußte blos, daß er in ein bedenkliches und gefährliches Geschäft verwickelt war, auf welches von verschiedenen Seiten her eingewirkt und welches auch unterbrochen werden konnte; es war ihm auch nicht unbekannt, daß daS politische Mißtrauen in Frankreich, Italien und Flandern so thätig war, daß die wichtigsten Unterhändler sich oft genöthigt sahen, sich in die undurchdringlichsten Verkleidungen zu hüllen, um sich ohne Verdacht in die Länder zu schleichen, wo ihre Dienste nöthig waren. Ludwig XI. besonders schien durch seine 24 sonderbare Politik dem Zeitalter, in welchem er lebte, eine besondere Eigenthümlichkeit zu verleihen und man wußte von ihm, daß er seine vorzüglichsten Gesandten unter den Trachten von Bettelmönchen, Minnesängern, Zigeunern und anderen bevorrechteten Wanderern vom niedrigsten Stande versteckt hatte. Arthur schloß also, das Weib sei wahrscheinlich, wie sie selbst, etwas mehr, als ihre Kleidung verrieth; und er beschloß, auf Las Benehmen seines Vaters genau Acht zu geben und nach demselben sein eigenes einzurichten. Endlich verkündete eine Glocke, daß am Hochaltar ein feierliches Amt gehalten werden würde und dieser Ton bewirkte, daß Alles, was noch da war, die Kapelle des heiligen Georg verließ, außer Vater und Sohn und der weiblichen'Büßerin, die ihnen gegenüber kniete. Als der letzte der Andächtigen sich entfernt hatte, erhob sich die Frau und trat gegen den älteren Philipson hin, welcher die Arme auf der Brust kreuzte und das Haupt neigte. Dabei nabm er eine so dehmüthige und ehrerbietige Stellung an, wie es sein Sohn noch nie an ihm wahrgenomme», und schien eher auf das zu warten, was sie etwa zu sagen hätte, als sie anreden zu wollen. ES entstand eine Pause. Vier brennende Lampen vor dem Bildniß des Heiligen warfen eine schwache Helle auf seinen Renner und seine Rüstung, denn er war dargestellt, wie er den Drachen durchbohrt. Die ausgespannten Flügel und der aufgetriebene Hals desselben wurde kaum sichtbar. Das wenige Licht, welches im übrigen Theil der Kapelle herrschte, rührte von der Herbstsonne her, und sie vermochte kaum, durch die gemahlten Scheiben des langen und schmalen Fensters zu dringen, welches die einzige Oeffnung »ach außen bildete. Das dunkle und ungewisse Licht siel gemischt mit den verschiedenen Farben der Scheiben auf die stattliche, aber etwas gedrückte und zusammengesunkene Gestalt der Frau, auf die traurigen und ängstlichen Züge Philipsons und seinen Sohn, der mit dem eifrigen Antheil der Jngend außerordentliche Folgen aus einer so sonderbaren Zusammenkunft ableitete. Endlich näherte sich die Frau derselben Seite der Kapelle, auf der Arthur und sein Vater standen, wie um sich besser verständlich zu machen, ohne doch gezwungen zu sein, die Stimme mehr zu erheben, als zu dem leisen, feierlichen Tone, in welchem sie früher gesprochen. „Verehret Ihr hier," fragte sie, „den heiligen Georg von Burgund oder den heiligen Georg vom lustigen England, die Bluthe der Ritterschaft?" Philipsvn hielt immer noch die Hände demüthig über die Brust gekreuzt und erwiederte: „ich verehre den Heiligen, welchem diese Kapelle geweiht ist, und die Gottheit, bei welcher ich auf seine Vermittelung hoffe, sei es nun hier oder in meinem Heimathlande." „Ja — auch Ihr," fuhr die Frau fort, „auch Ihr könnt vergessen — Ihr selbst, Ihr, der einst zum Spiegel der Ritterschaft gehört — könnt vergessen, was Ihr in der königlichen Kapelle zu Windsor verehrt — daß Ihr dort ein mit dem Hosenband umgürtetes Knie gebeugt, wo Könige und Prinzen um Euch knieten. — Ihr könnt das vergessen und Eure Gebete in einer fremden Kapelle sprechen, ohne daß Euer Herz durch Gedanken daran gestört wird, was Ihr gewesen seid; Ihr könnt beten, wie ein elender Bauer um das Brod für den Tag, der eben dahin geht." „Gnädige Frau," versetzte Philipsvn, „in meinen stolzesten Stunden war ich vor dem Wesen, dem ich meine Gebete 26 darbrachte, nichts als ein Wurm im Staub — in Seinen Augen bin ich jetzt weder mehr noch weniger, wie entwürdigt ich in den Augen derer sein mag, die mit mir herumkricchen." „Wie kannst du das denken?" sprach die Verhüllte. Und" doch ist es gut für dich, daß du es kannst. Aber was sind deine Verluste im Vergleich mit den meinen?" „Sie legte die Hand an die Stirne und schien einen Augenblick überwältigt von niederdrückenden Erinnerungen. Arthur drängte sich an seines Vaters Seite und fragte im Tone einer Theilnahme, die er nicht zurückzuhalten vermochte, „Vater, wer ist diese Frau? — Ist es meine Mutter?" „Nein, mein Sohn," antwortete Philipson; — „um Alles dessen willen, was dir theuer oder heilig ist, schweig!" Die sonderbare Frau hatte indessen Frage und Antwort, wenn gleich flüsternd ausgesprochen, gehört. „In," sagte sie, „junger Mann — ich bin — ich sollte' sagen, ich war — Eure Mutter; die Mutter, die Beschützerin Alles dessen, was edel war in England — ich bin Margarethe von Anjou." Arthur sank ans die Knie vor der furchtlosen Wittwe Heinrichs VI., die so lange und unter so verzweifelten Umständen Lurch entschlossenen Muth und tiefe Staatsklugheit die sinkende Sache ihres schwachen Gemahls aufrecht gehalten, und wenn sie dann und wann den Sieg durch Grausamkeit und Rachgier mißbrauchte, dieß durch die unerschütterliche Standhaftigkeit gut gemacht hatte, mit der sie die härtesten Stürme des Unglücks ertrug. Arthur war in eifriger Anhänglichkeit an die nun entthronte Linie Lankaster erzogen worden, denn sein Vater war einer der ausgezeichnetsten Anhänger derselben gewesen, und seine frühesten Waffenthaten waren, obgleich nicht mit Glück, doch nicht ohne Auszeichnung für ihre Sache verrichtet worden. Mit der seinem Alter und seiner Erziehung angehörigen Begeisterung warf er in selbem Augenblick sein Barett auf das Pflaster und kniete zu den Füßen seiner unglücklichen Fürstin nieder. Margarethe zog Len Schleier zurück, welcher ihre majestätischen und edlen Züge verdeckte. Noch jetzt zeigten sich Spuren von der Schönheit, welche einst nicht ihres Gleichen gehabt in Europa, obgleich Ströme von Thränen ihre Wangen gefurcht, ogbleich Sorge, Verdruß, häuslicher Kummer und gedemüthigter Stolz das Feuer ihres Auges verlöscht und die sanfte Würde ihrer Stirne zerstört hatte. Die Fühllosigkeit, welche eine Reihe von Unfällen und vereitelten Hoffnungen im Herzen der Fürstin hatte entstehen machen, wurde für einen Augenblick verdrängt durch den Anblick von der Begeisterung des schönen Jünglings. Sie überließ ihm eine Hand und er bedeckte sie mit Thränen und Küssen; mit der andern streichelte sie ihm, zärtlich wie eine Mutter, die Locken seines Haares und suchte ihn aufzuheben. Unterdessen schloß sein Vater die Thüren der Kapelle, lehnte sich mit dem Rücken daran und entfernte sich so von der Gruppe, um zu verhindern, daß ein Fremder während eines so außerordentlichen Auftritts einträte. „Du bist also," sagte Margarethe mit einer Stimme, in welcher die weibliche Zärtlichkeit in seltsamem Streit lag mit dem angcbornen Stolz auf ihren Rang und mit der Ruhe, der stoischen Gleichgültigkeit, welche ihr anhaltendes und großes Unglück erzeugt hatte; „du also, schöner Jüngling, bist der letzte Sprosse aus dem edeln Stamm, aus dem so viele Zweige für unsere unglückliche Sache gefallen sind. Ach! ach! was kann ich für dich thuu? Margarethe hat nicht einmal einen Segen zu ertheilen. So elend ist ihr Loos, daß ihre Segens- 28 wünsche Flüche werde»; sie kann Dich blos betrachten und dir Glück wünschen, du mögest bald und völlig zu Grunde gehen. Ich, ich bin der unheilvolle Giftbaum gewesen, dessen Einfluß alle die schönen Pflanzen zerstört hat, welche neben und um mich wuchsen. Ich habe Tod über Jedermann gebracht und kann ihn selber nicht finden!" ,,Edle, königliche Herrin!" antwortete der alte Engländer; „laßt Enern fürstlichen Muth, mit dem Ihr so Ungeheueres ertragen, nicht jetzt ermatten, da Alles vorüber ist und wir wenigstens Hoffnung habe», daß glücklichere Zeiten für Euch und England heran kömmen." „Für England, für mich, edler Oxford!" sagte die trostlose, verwittwete Königin — wenn mich die Sonne morgen wieder auf dem Throne von England sehen könnte, wer wollte mir zurückgeben, was ich verloren? Ich spreche nicht von Neichthum oder Macht — sie gelten nichts in der Wage — ich spreche nicht von der Menge edler Freunde, die bei meiner und der Meinigcn Vertheidigung gefallen sind — von den Somerset, Percy, Stafford, Clifford — sie haben einen rühmlichen Platz in den Jahrbüchern ihres Vaterlandes gefunden — ich spreche nicht von meinem Gemahl, er ist aus einem leidenden Heiligen auf Erden ein Heiliger im Himmel geworden — aber, o Oxford! mein Sohn, mein Eduard! — Ist es mir möglich, auf diesen Jüngling zu blicken, ohne mich zu erinnern, daß deine Gräfin und ich in der nämlichen Nacht zwei schönen Knaben das Leben gaben? Wie oft suchten wir ihr künftiges Geschick vorher zu bestimmen und uns zu überreden, daß dieselbe Constellation, welche bei ihrer Geburt gewaltet, einen günstigen und wohlthätigen Einfluß auf ihr ganzes Leben haben würde, bis sie im Stande wären, eine reiche Ernte von Ehre und Glück einzusammeln! Dein Arthur lebt, aber ach, mein Eduard, der unter denselben Zeichen geboren wurde, ruht in einem blutigen Grabe!" Sie hüllte den Kopf in ihren Mantel, wie um die Klagen und Seufzer zu ersticken, welche diese grausamen Erinnerungen ihrer mütterlichen Erinnerung erpreßten. Pkilipson oder der verbannte Graf von Oxford, wie wir ihn jetzt nennen können, batte sich in diesen wechselvollen Zeiten durch die Standhaftigkeit ausgezeichnet, mit der er seine Treue der Linie Lancaster bewahrte, und sah jetzt, daß es unklug wäre, wenn er zugäbe, daß sich seine Fürstin dieser Schwäche überließe. , „Königliche Herrin," sprach er, „die Lebensweise ist wie die eines kurzen Wintertages; und ob wir aus der Dauer derselben Nutzen ziehen oder nicht, sie erreicht nichts desto weniger ihr Ende. Meine Fürstin ist, wie ich hoffe, zu sehr Herrin über sich selbst, um zuzugeben, daß der Kummer über die Vergangenheit sie verhinderte, die Gegenwart zu ihrem Vortheil ausznbeuten. Ich bin hier, um Euern Befehlen zu gehorchen; ich soll in Kurzem mit dem Herzog von Burgund zusammenkommen; wenn ich ihn dem Plane geneigt finde, die ich ihm vorlegen werde, so können Ereignisse eintreffen, die unsere Trauer in Freude verwandeln. Aber wir müssen die Gelegenheit eben so schnell als eifrig erfassen. Erkläret mir also, gnädige Frau, warum Ihr verkleidet hieher gekommen seid und Euch mehr als einer Gefahr aussetzet. Gewiß geschah es nicht blvs um über diesen jungen Mann zu weinen, daß die hochherzige Königin Margarethe in dieser ärmlichen Tracht den sichern Hof ihres Vaters verließ und in ein Land reiste, wo sie wenigstens nicht sicher ist, wenn ihr auch keine wirkliche Gefahr droht." „Ihr spottet meiner, Orford," erwiederte die unglückliche Königin, ,.oder Ihr täuscht Euch selbst, wenn Ihr noch die Margarethe vor Euch zu sehen glaubt, die nie ein Wort sprach, ohne Ursache, und deren geringste Handlungen einen Grund hatten. Ach! ich bin nicht mehr dasselbe entschlossene und verständige Wesen. Das Fieber des Kummers macht, Laß ich jeden Ort hasse, wo ich mich befinde und eine unwiderstehliche Ungeduld treibt mich von einem Fleck zum andern. Ihr sagt, ich sei in Sicherheit am Hofe meines Vaters; kann es aber ein Geist wie der meinige dort aushalten? Kann eine Frau, der man das schönste und reichste Königreich in Europa geraubt — die Sckiaaren edler Freunde verloren hat — kann eine Frau ohne Gatten, eine kinderlose Mutter — auf welche der Himmel dis Schaale seines Zorns bis auf die Neige ausgeschüttelt, kann ich mich zur Gesellschafterin eines schwachen Greises erniedrigen, welcher in Liedern und Musik, in Mummereien und Tollheiten, bei Harfenspiel und Verse- schweißen Trost für Alles findet, nicht nur, was die Armuth Erniedrigendes hat, sondern — und das ist noch schlimmer, — auch für alles Lächerliche und Verächtliche?" „Mit Eurer Erlaubniß, gnädige Frau," entgegnete ihr Rath; „tadelt den guten König Ren« nicht, wenn er, verfolgt vom Unglück, sich bescheidenere Quellen des Trostes zu eröffnen gewußt hat, die Euer stolzeres Gemüth verschmäht. Ein Kampf seiner Minnesänger hat für ihn so viel Reiz als ein Turnier; und eine Krone von Blumen, die seine Troubadours gewunden und in Sonnetten besungen haben, scheint ihm hinreichender Ersatz für die Kronen von Jerusalem, Neapel und beider Sicilien, von denen er blos die leeren Titel besitzt." „Sprecht mir nicht von diesem mitleidswürdigen Greise," sagte Margarethe; „er ist unter dem Haß seiner tödtlichsten Feinde herunter gesunken und sie haben ihn bloS ihrer Verachtung werth geachtet. Ich sage dir, edler Orford, mein Aufenthalt zu Air, in der elenden Umgebung, die er seinen Hof nennt, hat mich beinahe um den Verstand gebracht. Meine Ohren sind jetzt blos für Laute des Grams gestimmt, aber das ewige Klingeln der Harfen, das Quieken der Geigen und Klappern der Ca- stagnekten ermüdet mir doch nicht so sehr die Ohren; — die bettelhafte Nachäffung der Hofgebräuche, welche nur dann Achtung einflößen, wenn sie Reichthum und Macht ankündigen, ist für meine Augen nicht so abgeschmackt, als mich der erbärmliche Ehrgeiz anwidert, der an Füttern, Troddeln und anderen Lumpereien Freude findet, wenn alles Große und Erhabene entschwunden ist. Nein, Orford, wenn ich bestimmt bin, auch den letzten Wurf noch zu verlieren, so ziehe ich mich in das verborgenste Kloster in den Pyrenäen zurück, um wenigstens die verrückte Lustigkeit meines Vaters nicht mit an- sehen zu müssen. — Möge er aus unserm Gedächtniß verschwinden wie aus den Blättern der Geschichte, auf denen sein Name nie genannt werden wird. Ich habe viel Wichtigeres zu sagen und zu hören. — Und nun, mein Orford, was Neues aus Italien? Wird der Herzog von Mailand uns mit seinem Rath oder mit seinen Schätzen unterstützen?" „Mit seinem Rathe gerne, gnädige Frau; aber ich weiß Nicht, ob er Euch gefällt, denn er empfiehlt uns Ergebung in unser unglückliches Geschick und Unterwerfung unter den Willen der Vorsehung." „Der hinterlistige Italiener! Galeazzo will also nichts von den Schätzen vorschießen die er aufgehäuft, keiner Freundin beistehen, der er seiner Zeit so oft Treue geschworen?" „Nicht einmal die Diamanten, die ich in seine Hände niederlegen wollte," antwortete der Graf, „konnten ihn be- 32 stimmen, seinen Schätzen öffnen und uns seine Dukaten zu unserer Unternehmung zu liefern. Indessen hat er mir gesagt, wenn Karl von Burgund ernstlich an eine Unternehmung zu unseren Gunsten denke, so habe er so viel Achtung vor diesem großen Fürsten und er nehme so viel Antheil an Eurem Unglück, gnädige Frau, daß er dann sehen wolle, was der Zustand seiner, obwohl erschöpften Finanzen und die Lage seiner, wenn schon durch Abgaben und Auflagen verarmten Unter- thanen für Euch zu thun gestalte." ,,Der doppelgängige Heuchler!" sagte Margarethe; „also wenn die Hilfe des fürstlichen Burgund uns die Aussicht verschaffte, unser Eigenthum wieder zu erringen, dann will er uns ein paar elende Kronen leihen, damit unser auflebendes Glück die Gleichgültigkeit vergesse, mit welcher er unser Unglück behandelt! — Aber sprechen wir von Burgund! Zch habe mich hieher gewagt, um Euch zu sagen, was ich erfahren und den Bericht über den Erfolg Eurer Schritte zu hören. Vertraute Leute sorgen dafür, daß unsere Zusammenkunft geheim bleibt. Meine Ungeduld, Euch zu sehen, hat mich unter dieser Verkleidung hieher geführt; mein kleines Gefolge ist in einem Kloster eine Meile von der Stadt; ich habe Eure Ankunft durch den getreuen Lambert erspähen lassen und jetzt laßt mich Eure Hoffnungen oder Befürchtungen kennen lernen und mich Euch von den meinigen sprechen." „Königliche Frau!" erwiederte der Graf; „ich habe den Herzog nicht gesehen. Ihr kennt sein Wesen; er ist eigensinnig, heftig, stolz und zu nichts zu bereden. Wenn er die rubige und geduldige Politik sich zu eigen machen könnte, welche dis Zeit erfordert, so zweifle ich nicht, er werde volle Genugthuung von Ludwig, seinem geschworenen Feind und selbst von Eduard, seinem ehrgeiz-gen Schwager erhalten. Fährt er aber fort, sich mit oder ohne Veranlassung seinem ausschweifenden Zorn zu überlassen, so wird er sich wahr, scheinlich in einen Streit mit den armen aber unerschrockenen Schweizern verwickeln; er wird dann in einen gefährlichen Kampf gerathen, in welchem er nichts zu gewinnen hoffen kan» und sich den ernsthaftesten Verlusten aussetzt." „Gewiß," versetzte dis Königin, „wird er sich nicht dem Thronranber Eduard in dem Augenblick anvertrauen, in welchem dieser den deutlichsten Beweis seiner Verrätherei liefert." „Wie so, gnädige Frau?" fragte Orford. „Die Nachrichten auf die Ihr anspielet, haben mich nicht erreicht." „Wie, mein Herr? bin ich die erste, die Euch sagt, daß Eduard von Dort das Meer mit einem Heere überschritten hat, wie eS der berühmte Heinrich V., mein Schwiegervater, kaum je aus Frankreich nach Italien überführte?" „Fcb hatte gehört," sagte Orford, „daß man solches erwartete, und sah voraus, daß der Erfolg davon unserer Sache ungünstig sein würde." „Eduard ist angekvmmen," erwiederte Margarethe, „und der Verräther und Törvnränber hat Ludwig von Frankreich eine Ausforderung geschickt und die Krone dieses Landes als ihm rechtlich zugehörend verlangt, — eine Krone, die auf dem Haupte meines unglücklichen Gemahls saß, da er noch ein Kmd war in der Wiege." „Es ist also entschieden — die Engländer sind in Frankreich!" antwortete Orford im Tone der lebhaftesten Unruhe.— „Und wen bringt Eduard mit zu diesem Zug?" „Alle, alle die bittersten Feinde unseres Hauses und unserer Sache — Len falschen, verrätherischen, ehrlosen Georg, den er Herzog von Clarence heißt, — den Blutsäufer Richard — den ausschweifenden Hastings — Howard — Stanley — Anna v. Geierstein ui. Z 34 mit einem Wort, die ersten unter den Verräther», die ich nickt nennen möchte, als wenn meine Flüche sie von der Erde vertilgen könnten." „Und — ich zittere das zu fragen," fuhr der Graf fort — „rüstet sich der Herzog von Burgund, gemeinschaftliche Sache mit den Dörfischen gegen König Ludwig von Frankreich zu machen?" „Meinen Nachrichten zufolge," versetzte die Königin, „und sie sind eben so geheim als sicher und werden noch überdies durch das allgemeine Gerücht bestätigt — nein, mein guter Orford, nein!" „Dafür seien die Heiligen gepriesen!" erwiederte Orford. „Eduard von Dorf — ich lasse auch einem Feind Gerechtigkeit wiederfahren — ist ein kühner und unerschrockener Feldherr — aber er ist weder Eduard der dritte, noch der helden- müthige schwarze Prinz — noch der fünfte Heinrich von Lancaster, unter dem ich meine Sporen errang und dessen Hause mich schon der Gedanke an seinen Ruhm treu erhalten hätte, wenn mir auch der geschworene Eid erlaubt haben würde, an einen Abfall zu denken. Lasset Eduard mit Ludwig Krieg führen, ohne Burgunds Hilfe, auf die er gezählt hat. Ludwig ist gewiß kein Held, aber ein vorsichtiger und geschickter General und in diesem staatsklugen Jahrhundert vielleicht furchtbarer als Karl der Große, wenn er, umgeben von Roland und allen seinen Rittern, noch einmal die Oriflamme wehen lassen könnte. Ludwig wird keine Schlachten wagen, wie die bei Crecy, Poitiers oder Agincourt. Mit tausend Lanzen aus dem Hennegau und zwanzigtausend Thalern von Burgund, können wir Eduard IV. England abgewinnen, während er in einen langwierigen Krieg zu Wiedereroberung der Provinzen 35 Normandie und Guienne verwickelt ist. Aber was macht der Herzog von Burgund gegenwärtig?" „Er bedroht Deutschland, und seine Truppen durchziehen Lothringen, dessen erste Städte und Festen er besetzt hält;" antwortete Margarethe. „Wo ist Ferrand von Vaudemont? ein muthiger und unternehmender Jüngling, wie man sagt, der rechtliche Ansprüche auf Lothringen macht und ste von seiner Mutter, Jolantha von Anjou, Eurer Gnaden Schwester, herleitet?" „Entflohen," versetzte die Königin, „nach Deutschland oder Italien." „Burgund kann sich vor ihm in Acht nehmen," sagte der erfahrene Graf; „wenn der seines Erbes beraubte junge Mann in Deutschland Genossen findet oder Verbündete unter den kühnen Schweizern, dürste Karl von Burgund in ihm einen furchtbareren Feind finden, als er erwartet. Wir find für den Augenblick blos durch den Herzog stark und wenn er seine Kräfte in eiteln und unnützen Anstrengungen erschöpft, ach, dann verschwinden unsere Hoffnungen mit seiner Macht, wenn er auch den entschiedenen Willen hätte, uns beizustehen. Meine Freunde in England find enstchlvssen, ohne Leute und Geld von Burgund sich nicht zu rühren." „Das ist ein Grund zur Furcht, aber nickt der dringendste;" erwiederte Margarethe. „Ich fürchte weit mehr die Staatsklugheit Ludwigs. Er hat, sofern mich meine Spione nickt gröblich getäuscht haben, Eduard schon heimlich den Frieden, einen Waffenstillstand für sieben Jahre und eine beträchtliche Summe anzeboten, um England dem Hause Dort zu sichern." „Es kann nicht sein," ries Oxford. „Jeder Engländer an der Spitze einer Armee, wie sie Eduard jetzt befehligt, 3 * 36 würde sich schämen aus Frankreich abzuziehen, ohne einen männlichen Versuch zu Wiedergewinnung der verlorenen Provinzen zu machen." „So würde ein rechtmäßiger Fürst denken," antwortete Margarethe, „der ein treues und gehorsames Reich hinter sich läßt. Aber nicht so Eduard, mit dem Uebernamen Plantagenet, dessen Geist vielleicht eben so niedrig ist als sein Blut. Tenn man sagt, sein Vater sei ein gewisser Blackburn, ein Bogenschütze aus Middleham — er ist wenigstens ein Thronränber, wenn auch kein Bastard — er kann nicht s» denken. Zeder Wind von England her, wird ihm die Furcht einjagen, er bringe Nachricht vom Abfall der Unterthanen, über die er sich Gewalt anmaßt. Er wird nie ruhig schlafen, bis er mit den Gurgelabschneidern nach England heinikehrt, denen er die Dertheidigung seiner gestohlenen Krone überläßt. Er wird sich in keinen Krieg mit Ludwig einlaffen, denn dieser wird nicht rögern, sich vor ihm zu demüthigen, seinem Stolze zu schmeicheln, seine Habgier zu befriedigen und ihm Gold zu Sättigung seiner verschwenderischen Wollust zu liefern. Ich fürchte, wir werden bald vernehmen, daß sich das englische Heer mit dem leeren Ruhm aus Frankreich zurückzieht, daß seine Fahnen wieder einmal ein paar Wochen in Len Provinzen geweht haben, die vormals sein Eigenthum gewesen." „Desto schneller müssen wir Burgund zur Entscheidung bringen," erwiederte Obford; „und zu dem Ende eile ich nach Dijon. Eine Armee, wie die Eduards, braucht mehrere Wochen, um über die Meerenge zu kommen, und es ist wahrscheinlich, daß sie in Frankreich überwintern muß, wenn auch ein Vertrag mit König Ludwig abgeschlossen wäre. Mit tausend Hennegauer Lanzen aus dem östliche» Theil von Flan- _ 37 _ dern, kann ich bald im Norden sein, wo wir viele Freunde haben; und auch von Schottland ist uns Hilfe zugestchert. Der treue Westen wird sich bei'm ersten Zeichen erheben — ein Clifford läßt sich finden, obgleich ihn die Bergnebel vor Richard's Nachsuchungen versteckt halten — die Walliser werden sich sanimeln, wenn der Name Tudor ertönt — die rothe Rose hebt nochmals ihr Haupt — und dann, Gott erhalte König Heinrich!" „Ach!" rief die Königin — „aber kein Gemahl — keiner meiner Freunde, blos der Sohn meiner Schwiegermutter uud eines Walliserhäuptlings — kalt, sagen sie, und listig — aber sei es so — laßt mich nur Lancaster triumphiren sehen, Rache nehmen an Dork und ich werde zufrieden sterben," „Es ist also Euer Wille, daß ich dem Herzog die Anträge stelle, die in Eurer Gnaden früherer Vollmacht enthalten sind, um ihn für unsere Sache in Bewegung zu setzen? Wenn er erfährt, daß ein Vertrag zwischen Frankreich und England im Werke ist, so wird das der schärfste Stachel für ihn sein." „Versprecht Alles," sprach die Königin. „Ich kenne seine innerste Seele — er strebt nach nichts, als nach Ausdehnung seiner Besitzungen nach jeder Richtung. Darum hat er sich Gelderns bemächtigt — darum hält er jetzt Lothringen besetzt — darum beneidet er meinem Vater die elenden Reste der Provence, die dieser noch sein eigen nennt. Mit so vermehrtem Gebiet hat er im Sinn, sein Herzogs-Diadem gegen die Krone eines unabhängigen Herrschers auszutauschen. Sagt dem Herzog, Margarethe könne seine Absichten unterstützen — sagt ihm, daß mein Vater die Einsprache, die er gegen des Herzogs Besitzergreifung von Lothringen erhoben, zurücknch- men — daß er noch mehr thun — daß er Karl zu seinem 38 Erben in der Provence einsetzen werde und das mit meiner vollen Einwilligung. Sagt ihm, der alte Mann werde ihm sein Ländchen in dem Augenblick abtreten, da seine Henne- gauer sich nach England einschifften, wenn man ihm so viel zusicherte, als zum Unterhalt einer Bande Musiker und einer Truppe Tänzer nölhig wäre. Das sind die einzigen Bedürfnisse Renö's auf dieser Welt. Der meinen sind »och weniger — Rache an Dork und ein frühes Grab! — für das elende Gold was wir brauchen, hast du Juwelen zu verpfänden — in Bezug auf die anderen Bedingungen Sicherheit anzubieten, wenn es verlangt wird." „Für diese, gnädige Frau, kann ich mein Ritterwort nebst Eurer königlichen Ehre verpfänden, und wenn sie noch mehr fordern, so kann mein Sohn als Geisel bei Burgund bleiben." „Oh, nein, nein!" rief die entthronte Königin, ergriffen vielleicht von dem einzigen, zärtlichen Gefühl, welches wiederholtes und außerordentliches Unglück nicht ertödtet hatte, — setzt nickt Las Leben des edeln Jünglings auf'S Spiel — er ist der Letzte aus dem treuen Hause de Vere — er hätte der Waffenbruder meines geliebten Eduard werden sollen — und wäre ihm fast in sein blutiges und früheres Grab gefolgt! Verwickelt das arme Kind nicht in dieses unglückliche Treiben, welches seiner Familie so viel Unheil gebracht hat. Laßt ihn mit mir gehen. Ihn wenigstens werde ich vor Gefahr schützen, so lange ich lebe, und für ihn sorgen, wenn ich nicht mehr bin." „Verzeiht, gnädige Frau," antwortete Orford mit der Festigkeit, die ihn auszeichnete. „Mein Sohn ist, wie Ihr Euch zu erinnern geruht, ein de Vere und vielleicht bestimmt, der letzte seines Namens zu sein. Er kann untergehen, aber eS soll nicht ohne Ehre geschehen. Zu welchen Gefahren ihn seine Pflicht und sein Schwur beruft, ob er durch Schwert oder Lanze, durch Beil oder Galgen fällt, er muß ihnen kühn entgegengehen, wenn er dadurch seine Treue erweisen kann. Seine Vorfahren haben ihm gezeigt, welchen Weg er einzu- schlagen hat." „Das ist wahr/' rief die unglückliche Königin, indem sie mit den Armen wild emporfuhr. — „Alles muß untergeheu — alles was dem Hause Lancaster gedient — Alle, welche Margarethe geliebt hat, Alle, von denen sie geliebt worden ist! Die Zerstörung muß allgemein sein, der Junge muß mit dem Alten fallen — nicht ein Lamm von der zerstreuten Heerde soll entkommen!" „Um Gottes Willen, gnädige Frau," sagte Oxford, „beruhigt Euch! ich höre an die Thüre der Kapelle klopfen." „Das ist das Zeichen der Trennung," sprach die verbannte Königin, sich sammelnd; „fürchtet nichts, edler Oxford; ich bin nicht oft so; denn wie selten sehe ich Freunde, deren Gesichter und Stimmen die Ruhe meiner Verzweiflung zu stören vermögen! Laß mich diese Relique dir um den Hals binden, guter Jüngling und fürchte keinen schlimmen Einfluß von ihr, obgleich du sie aus einer unheilvollen Hand empfängst. Sie gehörte meinem Gemahl, ist durch viele Gebete geweiht und durch manche fromme Thräne geheiligt, meine unglücklichen Hände können sie nicht ihres Segens berauben. Ich hätte sie meinem Eduard an dem schrecklichen Morgen der Schlacht bei Tewkesbury auf die Brust gehestet; aber er waff- nete sich früh — zog in den Kampf, ohne von mir Abschied zu nehmen und ich konnte meine Absicht nicht ausführen." Sie knüpfte bei diesen Worten Arthur'n eine goldene Kette um den Hals, an welcher ein kleines, goldenes Crucifir von reicher erber roher Arbeit hing. Es hatte, nach der Ueber- kieferung Eduard dem Bekenner gehört. Das Klopfen an der Thüre wiederholte sich. „Wir dürfen nicht länger zaudern," sagte Margarethe; „sondern wollen uns hier trennen — Ihr geht nach Dijon, ich nach Air, meinein ruhelosen Aufenthalt in der Provence. Lebt wobl — vielleicht sehen wir uns in besseren Zeiten wieder — doch wie kann ich das hoffen's So habe ich auch am Morgen vor der Schlacht von St. Albans gesagt — bei dem trübe» Grauen des Morgens von Towton — auf dem noch blutigeren Feld von Tewkesdnry — und was ist darauf gefolgt? Aber Hoffnung ist ein« Pflanze, die aus einer edeln Brust nicht ausgeroltet werden kann, bis die letzte Faser am Herzen reißt. ' Damit trat sie durch die Thnre der Kapelle und verlor sich in der Menge der Leute aus allen Ständen, die hier beteten oder der Neugier nachhingen oder ihre müßigen Stunden in den Gängen des Münsters verbrachten. Philipson und sein Sohn, auf welche die seltsame Zusammenkunft, die eben Statt gefunden, einen tiefen Eindruck gemacht hatte, kehrten in ihre Herberge zurück und fanden daselbst einen Waffenherold mit Len Zeichen und Farben des Herzogs von Burgund. Er erklärte ihnen, wenn sie die englischen Kaufleute wären, die Maaren von Werth an den Hof des Herzogs brächten, so hätte er den Austrag, sie dahin zu führen und sie unter den Schutz seiner Bedeckung und Unverletzlichkeit zu nehmen. Mit ihm verließen sie Straßburg; aber es herrschte eine solche Ungewißheit in den Bewegungen des Herzogs und sie stießen auf so viele Hindernisse, die sie auf ihrem Wege aufhielten, das Land wurde durch das be- ständige Hin- und Herziehen der Truppen und die Kriegsrüstungen so sehr beunruhigt, daß sie erst am Abend des zweiten Tages die Ebene bei Dijon erreichten, wo sich dis ganze oder ein großer Theil der burgundischen Kriegsmacht gelagert hatte. Drittes Kapitel. So sprach der Herzog — führt' der Herzog an. Richard ni. Die Augen des älteren Reisenden waren wohl gewöhnt an den Anblick kriegerischen Glanzes, aber auch er wurde geblendet, als sich das reiche und stolze burgundische Lager vor ihm entfaltete, in welchem unweit der Mauern von Dijon Karl, der reichste Fürst in Europa, alle seine Pracht zur Schau gestellt und auch sein Gefolge zu ähnlicher Verschwendung angeregt hatte. Die Zelte der niedrigsten Offiziere bestanden aus Seide und Sammet; die des Adels und der Oberanführer glänzten von Silber- oder Goldstoffen, von bunten Tapeten und anderen kostbaren Dingen, die bei keiner anderen Gelegenheit zum Schutz gegen das Wetter verwendet, sondern für sich selbst der sorgsamsten Aufbewahrung werth geachtet worden wären. Reiter und Fußgänger, welche die Wache bezogen, standen in den reichsten und prachtvollsten Rüstungen da. Ein schöner und sehr zahlreicher Geschützpark war bei'm Eingang des Lagers aufgestellt, und in dem Befehlshaber desselben erkannte Philipson (um dem Grafen den Namen zu geben, unter dem er unseren Lesern mehr bekannt ist) Heinrich Calvin, einen Engländer von niedriger Geburt, aber ausgezeichnet durch seine Geschicklichkeit in der Bedienung der furchtbaren Maschinen, welche seit Kurzem im Kriege in allgemeinen Gebrauch gekommen waren. Die Banner und Fahnen, die jeder Ritter, Freiherr und Mann von Stand wehen ließ, flatterten vor ihren Zelten, und die Eigenthümer dieser wandelnden Wohnungen saßen halb gewaffnet an den Thüren und sahen den kriegerischen Spielen der Soldaten zu, welche sich mit Ringen, Speerwerfen und anderen Körperübungen er- lustigten- Lange Reihen der edelsten Pferde sah man da an Pfähle gebunden, wie sie mit den Füßen stampften und wiehernd die Köpfe bewegten, als wären sie der Unthätigkeit müde, zu welcher man sie verdammt oder von Zeit zu Zeit dem Futter sich zuwandten, welches in Fülle vor ihnen lag. Die Soldaten bildeten fröhliche Gruppen um Minnesänger und herumziehende Gaukler, oder saßen trinkend in den Marketenderzelten. Andere wandelten mit gekreuzten Armen herum und wandten ihre Augen dann und wann auf die untergehende Sonne, als wünschten sie die Stunde herbei, die einem müßigen und darum langweiligen Tage ein Ende machen sollte. Zuletzt erreichten die Reisenden in der blendenden Mannigfaltigkeit des militärischen Prunks das Zelt des Herzogs selbst. Bor diesem flatterten schwer im Abendwinde der große und reiche Banner, in welchem das Wappen eines Fürsten strahlte, eines Herzogs von sechs Provinzen und eines Grafen von fünfzehn Grafschaften, der durch seine Macht, seine Sinnesart und den Erfolg, welcher seine Ueternehmungen beglei- 44 tete, ganz Europa Furcht einjagte. Der Herold gab sich einigen von des Herzogs Leuten zu erkennen und die Engländer wurden alsbald mit Höflichkeit angenommen, doch ohne daß die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt worden wäre. Man ge. leitete sie in ein benachbartes Zelt, den Aufenthalt eines Oberoffiziers und bedeutete ihnen, dasselbe sei für ihre Bequemlichkeit bestimmt. Hier wurde daher auch ihr Gepäck abgelegt und ihnen Erfrischungen angeboten. „Da das Lager," sagte der Bediente, welcher ihnen aufwartete, „mit Soldaten aus verschiedenen Bokkern und von zweifelhaftem Charakter angefüllt ist, so hat der Herzog von Burgund zum Schutz für Eure Maaren die Aufstellung einer regelmäßigen Schildwache befohlen. Unterdessen haltet Euch bereit, seiner Hoheit aufzuwarken, denn Ihr könnet darauf zählen, daß man sogleich nach Euch senden wird." Wirklich wurde auch der ältere Philipson kurz darnach vor den Herzog gefordert und durch eins Hiuterthüre in denjenigen Theil des beweglichen Zeltes gefüvrt, welchen dichte Vorhänge und Schranken von Holz einfaßten, und welcher Karl's besonderes Gemach bildete. Die Einfachheit des Ge- räths darin und der nachlässige Anzug des Herzogs bildeten einen sonderbaren Gegensatz zu dem äußeren Aussehen des Zeltes. Denn Karl blieb sich hierin, wie in anderen Dingen keineswegs immer gleich und zeigte im Kriege eine Strenge gegen sich selbst oder vielmehr eine Ungezwungenheit in der Kleidung und manchmal im Betragen, welches mehr für die Rohheit eines groben deutschen Lanzknechts paßte, als mit dem Benehmen eines Fürsten von hohem Rang im Einklang stand. Er beförderte, ja verlangte zugleich viel Pracht und kostspieligen Aufwand von seinen Lehensträgern und Hvfleuten, als ob ein gleichgültiger Anzug und die Verachtung jeden Zwangs, die Be- 45 freiung von allen Höflichkeiten ein Vorrecht des Fürsten allein wäre. Doch wußte Niemand besser als Karl von Burgund, sich, wenn es ihm darum zu thun war, zu schmücken und zu benehmen und ein vornehmes Wesen an Len Tag zu legen. Auf seinem Putztisch lagen Bürsten und Kämme, die durch ihre langen Dienste Ansprüche auf Abdankung gehabt hätten, abgetragene Hüte und Wämser, Leinen für Hunde, lederne Gürtel und andere ähnliche geringe Gegenstände. Zufällig, wie eS schien, lagen hier aber auch die großen Diamanten, Sauci genannt, die drei Rubinen, welche man die drei Bräute von Antwerpen hieß — ein weiterer großer Diamant, der den Namen der Lampe von Flandern führte und andere kostbare Steine, welche diesen an Werth und Seltenheit kaum nachstanden. Eine solche wunderliche Schaustellung glich einigermaßen dem Charakter des Herzogs selbst. Er vermischte Grausamkeit mit Gerechtigkeit, Großmuth mit Niedrigkeit, Sparsamkeit mit Verschwendung und Freigebigkeit mit Geiz. In nichts blieb er übereinstimmend mit sich, als in der Hartnäckigkeit, mit der er eine Meinung, die er einmal gefaßt, in jeder Lage der Dinge und Lurch alle Wechsel der Gefahr verfolgte. Mitten aus diesen werthlosen und unschätzbaren Gegenständen heraus rief der Herzog von Burgund dem englischen Reisenden zu: „Willkommen, Herr Philipson — willkommen — aus einem Volke, dessen Handelsleute Fürsten sind, und dessen Kausleute zu den Mächtigen der Erde gehören. Was für neue Maaren habt Ihr mitgebracht, uns zu betrügen? Ihr Krämer seid bei St- Georg ein verschmitztes Volk." „Meiner Treu, gnädiger Herr, ich bringe Euch keine neuen W laren," antwortete der alte Engländer; „blos die, welche ich Euer Hoheit vor Kurzem vorgelegt. Ich hoffe jetzt. 46 Euer Gnaden möchten sie der Besichtigung würdiger finden, als da Ihr sie zum erstenmal gesehen." „Nun, Herr — Philipeille, heißet Ihr, mein' ich? — Ihr seid ein einfältiger Hausirer oder Ihr haltet mich für einen Lummen Käufer, wenn Ihr glaubet, mich mit den nämlichen Maaren anführen zu können, an dem ich früher keinen Geschmack gefunden habe. Modewechsel; Mann — Neuigkeiten — das ist das Losungswort des Handels; Euere Lan- casterwaaren haben ihre Zeit gehabt und ich habe davon gekauft wie Andere und sie wahrscheinlich theuer genug bezahlt. Jetzt findet Dvrk Abnehmer." „Das mag beim Pöbel der Fall sein," erwiederte der Graf von Orford; „aber für Leute, wie Eure Hoheit, sind Treue und Ehre Juwelen, welche kein Wechsel der Laune, keine Veränderlichkeit des Geschmacks aus der Mode bringen kann." „Meiner Treu, edler Orford," versetzte der Herzog, „es mag sein, daß ich insgeheim noch einige Anhänglichkeit an diese alren Sachen habe, wie sollte ich sonst so viel Achtung für Euch hegen, welcher sie immer in so hohem Grade besessen. Aber ich bin in einer peinlichen und gedrückten Lage, und würde ich in diesem entscheidenden Augenblick einen Fehltritt thun, so könnte ich das Ziel verfehlen, das ich mein ganzes Leben hindurch verfolgt habe. Hort wohl auf, Herr Kaufmann. Da ist Euer alter Nebenbuhler, Blackburn, den Einige Eduard von Dort und London heißen, mit einer Ladung Bögen und Streitäxte herüber gekommen, wie sie nie seit König Arthur's Zeiten in einen französischen Hafen eingelaufen ist. Er erbietet sich, mit mir in Verbindung sein Geschäft zu treiben oder um deutlich zu reden, mit Burgund gemeinschaftliche Sache zu machen, bis wir den alten Fuchs 47 Ludwig mit Rauch aus seinem Bau vertreiben und seine Haut an die Stallthür genagelt hätten. Mit einem Wort, England ladet mich zu einem Bündniß ein gegen meinen schlaueste» und hartnäckigsten Feind, den König von Frankreich; so könnte ich mir die Kette der Lehensabhängigkeit vom Halse streifen und mich zum Range der unabhängigen Für, sten erheben; wie meinet Ihr nun, edler Graf, daß ich dieser verführerischen Versuchung wiederstehen könnte?" „Das müßt Ihr einen von Eueren burgundischen Räthen fragen," antwortete Orford, „das ist eine Frage, die meiner Sache zu verderblich ist, um mir eine unpartheiische Meinung darüber möglich zu machen." „Dessenungeachtet," sagte Karl, „frage ich dich, als einen Ehrenmann, welche Cinwürfe du gegen den Vorschlag zu erheben findest, der mir gemacht worden ist? Sprich deine' Meinung und sprich sie frei heraus!" „Euer Gnade», ich weiß, es liegt im Wesen Eurer Ho- heit, keinen Zweifel über die Leichtigkeit der Ausführung dessen Raum zu geben, was Ihr Euch einmal vorgesetzt habt; obgleich aber diese fürstliche Art in gewissen Fällen den Erfolg verbürgt und ihn oft herbeigeführt hat, so gibt es doch auch andere Umstände, in welchen Las Beharren auf einem Entschluß, blos weil er einmal gefaßt ist, nicht das Gelingen, sondern den Untergang bewirken kann. Blickt einmal auf Las englische Heer; — der Winter kommt heran, wo soll es untergebracht werden? wo soll es Nahrungsmittel Herkriegen, wer soll es besolden? Wird Eure Hoheit Koste» und Mühe auf sich nehmen, um es für den Sommerfsldzug im Stand zu erhalten? Denn, seid davon überzeugt, eine englische Armee war und wird nie zum Kriegsdienst tauglich sein, wenn sie nicht lang genug von unserer Insel entfernt gewesen ist. -48 - um sich an ihre Obliegenheiten zu gewöhnen. ES gibt, ich wollte wetten, keine Leute in der Welt, die sich besser zu Soldaten eigneten, aber sie sind jetzt noch keine und müssen auf Euer Hoheit Kossen dazu abgerichtet werden." „Sei es so!" versetzte Karl; „ich denke, die Niederlande werden die Ochsenflcisch fressende Schelme ein paar Wochen füttern können, man wird auch Dörfer finden, sie Hineiuzulegen, Offiziere um ihre unbeholfenen Glieder für den Krieg einzuüben und Profosen genug, um die Widerspenstigen zum Gehorsam zu bringen." „Und was wird dann geschehen?" fragte Oxford- „Ihr geht nach Paris und fügt Eduard's angemaßter Herrschaft ein anderes Königreich hinzu; Ihr gebt ihm alle Besitzungen zurück, welche England früher in Frankreich, der Normandie, in Maine, Anjou, Gascogne inne hatte; Ihr sichert ihm auch alles Andere. — Könnt Ihr diesem Eduard trauen, wenn Ihr seine Macht gesteigert und ihn stärker gemacht habt, als Ludwig, zu dessen Demüthigung Ihr Euch vereinigi?" „Bei Sankt Georg! ich will mich nicht gegen Euch verstellen. Gerade über Liesen Punkt habe ich Zweifel, die mich beunruhigen. Eduard ist freilich mein Schwager, aber ich bin ein Mann, der wenig Lust hat, unter den Pantoffel meines Weibes zu treten." „Und die Erfahrung," fuhr Philipson fort, „hat zu oft bewiesen, daß Familienverbindungen nicht hinreichen, um den gröbsten Treubruch zu verhindern." „Ihr habt Recht, Graf. Clarance hat seinen Schwiegervater vcrrathen. Ludwig seinen Bruder vergiftet — häusliche Neigungen, pah! sie mögen warm genug am Heerd eines Privatmanns sitzen, aber auf Schlachtfelder und in die Säle von Fürsten, wo die Winde kälter wehen, können sie nicht kommen. 49 Nein, meine Verbindung mit Eduard durch die Heirath wäre mir im Fall der Noth von geringem Nutzen. Wollte ich mich vorauf »»rlassen, so wäre das eben so, als wenn ich ein nicht dressirtes Pferd ritte und keinen bessern Zügel hätte, als da» Strumpfband einer Dame. Aber was folgt daraus? Er bekriegt Ludwig; wer auch immer den Sieg davon tragen mag, ich kann nur Kräfte dabei gewinnen, wenn sie sich gegenseitig schwächen, mein ist der Vvrtheil davon. — Die Engländer tödten die Franzosen mit ihren langen Pfeilen und die Franzosen schädigen, schwächen und vernichten die Engländer in kleinen Gefechten. Mit dem Frühling rücke ich mit einer ihnen beiden überlegenen Armee in's Feld und dann, Sankt Georg und Burgund!" „Und wenn Eure Hoheit indessen geruhen wollte, auch nur in der unbedeutendsten Weise die ehrenwertheste Sache, für welche je ein Ritter eine Lanze einlegte, mit einer Summe Geldes und einer kleinen Anzahl Hennegauer Lanzenreiter zu unterstützen, so würden diese Rubin und Reichthum bei dem Dienste erwerben und Ihr würdet den in seinen Rechten gekränkten Erben von Lancaster in den Besitz des Gebiets ein- setzen, das ihm von Geburts- und Rechtswegen zugehört." „Meiner Treu, Herr Graf," sagte der Herzog; „Ihr geht ohne Umschweife auf Euer Ziel los; aber wir haben so manchen Glückswechsel zwischen Dork und Lancaster mit angesehen und zu manchem zum Tbeil geholfen, daß wir einigermaßen im Zweifel sind, welcher Seite der Himmel das Recht und die Neigung des Volks, die wirkliche Gewalt, gegeben hat; so viele außerordentliche Wendungen im Schicksal von England haben uns völligen Schwindel verursacht." „Ein Beweis, gnädiger Herr, daß diese Veränderungen Anna v. Geierstein m. 4 50 noch nicht zu Ende sind und daß Eure edelmüthige Beihülfe der besseren Seite den Vortheil zuwenden könnte." „Soll ich meiner Base, Margarethe von Anjou, meinen Arm leihen, um meines Weibes Bruder vom Throne zu stoßen? Er verdient vielleicht nicht viel Rücksicht von meiner Seite, da er und sein unverschämter Adel mich mit Vorstellungen, ja mit Drohungen überhäuft haben, ich solle alle meine wichtigen Geschäfte liegen lassen und mich mit Eduard vereinigen, da er wie ein irrender Ritter gegen Ludwig zog. Ich werde gegen Ludwig marschiren, wenn es mir Zeit dazu scheint und nicht früher; und bei Sankt Georg, weder ein König noch ein Ritter von der Insel soll Karl'n von Burgund Gesetze vorschreiben. Ihr seid sehr eingebildete Gesellen, Ihr Engländer, auf beiden Seiten, daß Ihr meinet, die Angelegenheiten Eurer Narreninsel seien für alle Welt eben so anziehend, als für Euck> selbst. Aber weder Dort, noch Lancaster, weder Bruder Blackburn, noch Base Margarethe von Anjon, und wenn Johann von Vere hinter ihr steht, werden mich verführen. Man lockt den Falken nicht mit leeren Händen." Oxford kannte des Herzogs Weise und ließ ihn seine Hitze über den Gedanken, daß Jemand ihm Vorschriften über sein Verfahren geben wollte, völlig austoben. Als er endlich schwieg, versetzte der Graf mit Ruhe: „Höre ich da wirklich den edeln Herzog von Burgund, den Spiegel der europäischen Ritterschaft, wenn er sagt, es sei ihm kein guter Grund für eine Unternehmung angegeben worden, durch die einer unglücklichen Königin Recht verschafft und ein Königshaus aus dem Staub erhoben werden soll? Ist hier nicht unvergängliche Ehre einzuärndten? Wird der Ruf nicht den Fürsten verherrlichen, der in einem entarteten Zeitalter allein die Pflichten eines edeln Ritters mit denen eines Fürsten vereint?" — Der Herzog unterbrach ihn und klopfte ihm auf die Schulter — „Und König Renö's fünfhundert Fiedler werden dann ihre zerbrochenen Geigen zu meinem Preise stimmen? Und König Rens selbst wird ihnen zuhören und sagen, brav gefochtcn Herzog, gut gespielt Fiedler! — Ich sage dir, Johann von Oxford, da du und ich noch jungfräuliche Rüstungen trugen, waren Worte, wie Ruhm, Ehre, Ritterthum, Frauenliebe u. s. w. gute Losungsworte für unsere schneeweißen Schilder und ein hinreichender Grund, um ein paar Lanzen zu brechen — ei, und auf dem Stechplatz wollte ich, obschon ich etwas alt bin für solche wilde Thorheiten, mich noch in einen solchen Streit einlassen, wie es sich für einen Ritter ziemt. Aber wenn davon die Rede ist, Kronen auszuzahlen und große Truppengeschwader einzuschiffen, so müssen wir unseren Unterthanen eine handgreifliche Entschuldigung angeben können, warum wir sie in Krieg stürzen; eine Berufung auf das allgemeine Beste — oder bei Sankt Georg, auf unseren eigenen Privatvortheil, was dasselbe ist. Das ist der Welt Lauf und Oxford, um dir reinen Wein einzuschenken, ich will diesen Weg einschlagen." „Der Himmel verhüte, daß ich erwartete, Cure Hoheit würde anders als mit Rücksicht auf die Wohlfahrt Eurer Unterthanen handeln — nämlich auf das Wachsthum Eurer Macht und Eures Gebiets, wie es Euer Gnaden glücklich ausgsdrückt hat. Wir wollen das Geld, was wir verlangen, nicht geschenkt, sondern lehnungsweise; und Margarethe ist geneigt, diese Juwelen, deren Werth Euer Gnaden wohl kennen wird, bei Euch niederzulegen bis sie die Summe zu- 4 * rückbezahlt, welche ihr Eure Freundschaft in ihrer Nvth vorschießen soll." „Ha, ha," rief der Herzog, „meint unsere Bale wir sollen auf Pfänder leihen und mit ihr schachern wie ein jüdischer Wucherer mit seinem Schuldner? Indessen, Orford, ist es meiner Treu' möglich, daß uns diese Diamante nöthig werden, denn wenn ich mich entschließe, in Eure Plane ein- zugehen, so könnte es leicht geschehen, daß ich selber Geld entlehnen müßte, um den Bedürfnissen meiner Base abzuhelfen. Ich habe mich an die Stände des Herzvgthums gewendet, die eben versammelt sind und erwarte, wie das billig ist, einen bedeutenden Zuschuß. Aber es gibt unruhige Köpfe und geschloffene Hände unter ihnen und sie .könnten die Knauser spielen — darum legt nur die Juwelen unterdessen auf den Tisch. — Nun, setzt einmal den Fall, ich habe nichts aus dem Beutel zu verlieren bei dieser Handlung der fahrenden Ritterschaft, wie Ihr sie vorschlaget; die Fürsten fangen keinen Krieg an, wenn nicht irgend welcher Vortheil in Aussicht steht." „Höret mich, edler Fürst. Eure Absicht geht natürlich auf Bereinigung der weiten Länder Eures Vaters mit denen, welche Eure Kriege hinzugefügt, um daraus ein geschlossenes Herzogthum zu bilden." „Nennt es ein Königreich," fuhr Karl dazwischen; „das ist das bessere Wort." „Ein Königreich, dessen Krone sich eben so schön aus Eurer Gnaden Stirn ausnehmen wird, als die von Frankreich Eurem gegenwärtigen Lehensherren, Ludwig, ansteht." „Es bedarf nicht so viel Schlauheit, als Ihr besitzt, um zu errathen, Laß das meine Absicht ist," sagte Karl;-„warum wäre ich sonst hier, den Helm auf dem Kopf, das Schwert 53 zur Seite? Und warum hätten sich meine Truppen der festen Plätze in Lothringen bemächtigt und Len bettelhaften Vaude- mont vor sich Hergetrieben, der die Unverschämtheit hat, es als sein Erbe anzusprechen? Ja, mein Freund, die Vergrößerung Burgunds ist eine Aufgabe und für diese ist der Herzog dieses schönen Landes zu kämpfen gehalten, so lang er einen Fuß in den Steigbügel sehen kann." „Aber glaubt Ihr nicht," sprach der englische Graf, „da Euer Gnaden mir erlaubt, frei und mit dem Vorrecht eines alten Bekannten zu sprechen, glaubt Ihr nicht, daß auf der Karte Eure Besitzungen, die so gut abgerundet sind an der südlichen Gränze, sich etwas findet, waS für einen König pon Burgund vortheilhafter eingerichtet werden könnte?" „Ich kann nicht errathen, wo Ihr hinaus wollet," er- wiederte der Herzog. Er blickte dabei auf eine Karte des Herzogthums und seiner anderen Besitzungen, auf welche der Engländer seine Aufmerksamkeit gelenkt und wandte dann sein großes scharfes Auge auf das Gesicht des verbannten Grafen. „Ich wollte sagen," versetzte dieser, „daß es für einen so mächtigen Fürsten, als Euer Gnaden, keine so sichere Gränze gibt, als das Meer. Da ist die Provence, welche zwischen Euch und dem Mittelmeer liegt; die Provence mit ihren prächtigen Häfen, ihren fruchtbaren Kornfeldern und Weingärten. Wäre es nicht passend, sie der Karte Eures Fürstenthnms einzuverleiben und so mit der einen Hand das Mittelmeer zu berühren, während die andere auf der Küste von Flandern ruht." „Die Provence, sagt Ihr?" entgegnete der Herzog eifrig. „Was, Mann, ich träume von nichts, als der Provence. Keine Orange kann ich riechen/ ohne daß ste mich an ihre 54 Gehölze und duftenden Lauben, an ihre Oliven, Citronen und Granaten erinnert. Aber wie soll ich Ansprüche darauf erheben? Es wäre eine Schande, die letzten Augenblicke des guten, alten Rene zu stören und stände auch einem nahen Verwandten nicht wohl an. Denn ist er Ludwigs Oheim und es ist sehr wahrscheinlich, daß er mit Uebergehung seiner Tochter Magarethe bereits den König von Frankreich zu seinem Erben eingesetzt hat." „Euer Gnaden könnte bessere Anrechten darauf geltend machen," sagte der Graf von Orford, „wenn Ihr Margarethen von Anjou den Beistand leistet, um welchen sie Euch durch mich bittet." „Nimm die Hilfe, die du verlangst," erwiederte der Herzog; „nimm doppelt so viel Geld und Leute. Nur laß mir einen Anspruch auf die Provence, und wäre er so dünn als eines von den Haaren deiner Königin Margarethe. Ich will schon sorgen, daß es sich zu dem zähen Gewebe eines vierfachen Taus zusammendreyt. Aber ich bin ein Narr, auf die Träume eines Menschen zu horchen, der sich selbst zu Grund gerichtet und wenig dabei zu verlieren hat, wenn er Andern dis ausschweifendsten Hoffnungen verhält." Bei diesen Worten athmete Karl tief und wechselte die Farbe. „Ein solcher Mann bin ich nicht, mein Herr Herzog," versetzte der Graf. „Hört auf mich — Renö ist von Alter gebeugt, nach Ruhe begierig und zu arm, um seinen Stand mit der nöthigcn Würde zu behaupten; zu gutmüthig oder zu schwach, um seinen Unterthanen weitere Steuern aufzu- legen, müde des Streits mit Lein Unglück und geneigt, seine Güter abzutreten." ,^Seine Güter!" rief Karl. 55 „Ja, Alles was er wirklich besitzt, und die noch ausgedehnteren Ländereien, auf die er Ansprüche hat, die aber nicht mehr unter seiner Herrschaft stehen." „Ihr nehmt mir den Athem!" sagte der Herzog, „Rens tritt die Provence ab, und was sagt Margarethe, die stolze, hochmüthige Margarethe dazu — will sie zu einem so erniedrigenden Schritt Ja sagen?" „Wenn sie Lancaster in England triumphiren sähe, würde sie nicht blos diesen Besitzungen, sondern dem Leben selbst entsagen. Und in Wahrheit, das Opfer ist geringer als es aussieht. Gewiß ist, daß beim Tode Nenb's der König von Frankreich des alten Mannes Ländchen Provence als Mannslehen einziehen würde und Niemand ist im Stande, das Recht Margarethen's auf die Erbschaft geltend zu machen, wie gegründet es auch sein möge." „Es ist unangreifbar," sagte Karl, „und ich werde keine» Eingriff in dasselbe dulden oder zugeben, daß man es in Frage ziehe — d. h. wenn es einmal auf uns übergegangen ist. Um des allgemeinen Besten willen muß es Grundsatz bleiben, daß man keines der großen Lehen an dis Krone Frankreichs zurückfallen läßt, wenigstens so lange sie auf einem so schlauen und grundsatzlosen Haupte ruht, wie des Ludwig's. Die Provence mit Burgund vereinigt! — Ein Land, das sich vom deutschen Meere bis an's mittelländische erstreckt! — Oxford, du bist mein guter Engel!" „Eure Hoheit muß indessen bedenken," versetzte Oxford, „daß König Rens ordentlich versorgt werden muß." „Gewiß, ganz gewiß," er soll die Fiedler und Gaukler dutzendweise haben, um mit iknen zu spielen, zu siegen und zu erzählen von Morgen bis Abend. Er soll einen Hof von Troubadours haben, die nichts thun, als trinken, auf der 56 Flöte blasen, fiedeln und Sprüche in Liebessachen lvs- laffen. Und er soll fie dann als oberster König der Minne bestätigen oder verwersen, wenn an ihn Berufung eingelegt wird. Auch Margarethe soll anständig und so unterhalten werden, wie Ihr es bestimmt." „Das wird leicht festzusetzen sein," antwortete der englische Graf. „Wenn unser Versuch auf England gelingt, so braucht fie keine Hilfe mehr oon Burgund. Schlägt er fehl, so geht sie in ein Kloster und wird den ehrenvollen Unterhalt nicht lange brauchen, den Euer Gnaden Edelmuth, wie ich wohl weis, ihr gerne anweisen wird." „Das ist keine Frage," erwiederte Karl, „und der Unterhalt wird ihrer und meiner würdig sein — aber bei meiner Seligkeit, Johann von Vere, die Aebtissin des Klosters, in welches sich Margarethe von Anjou zurückzieht, wird eine unlenksame Büßerin unter ihrer Aufsicht haben. Ich kenne sie gar wohl, und, Herr Graf, ich will unser Gespräch nicht unnöthigerweise durch Zweifel daran verlängern, sie werden ihren Vater nicht dazu vermögen können, seinen Besitzungen zu Gunsten dessen zu entsagen, Len sie ihm nennt. Sie gleicht meiner Dogge Gorgo. Oie zwingt jeden Hund, der mit ihr zusammengekoppelt wird, zu gehen, wohin sie will, oder sie erwürgt ihn, wenn er Widerstand leistet. So hat es Margarethe mit ihrem einfältigen Gemahl gemacht und ich weis, daß ihr Vater, ein Narr von anderem Schlag, nothwendig sich eben so gefügig zeigen muß. Ich glaube, ich hätte ihr die Stange gehalten, aber mein Hals thut mir schon bei dem Gedanken an die Mühe weh, die wir gehabt hätten, sie zu meistern. Aber Ihr seht so ernsthaft drein, weil ich über den Eigensinn meiner unglücklichen Base scherze." 57 „Mein gnädiger Herr," sagte Oxford, „welches auch die Fehler meiner Gebieterin sind oder waren, sie ist im Unglück und fast in Verzweiflung. Sie ist meine Fürstin und die Base Eurer Hoheit." „Genug, Herr Graf," antwortete der Herzog. „Wir wollen ernsthaft reden. Was wir auch über die Abdankung König Renö's denken mögen, ich fürchte wir werden es schwer finden, Ludwig die Sache in einem so günstigen Lickte zu zeigen, als sie uns erscheint. Er wird sich daran halten, daß die Grafschaft Provence ein Mannslehen sei, und daß weder die Abdankung Renö's, noch die Einwilligung seiner Tochter, den Rückfall desselben an die Krone Frankreich verhindern könne, da der König von Sicilicn, wie sie ihn nennen, keine männlichen Erben hat." „Mit Euer Gnaden Erlaubniß, das ist eine Frage, die man Lurch eine Schlacht entscheidet, und Eure Hoheit hat Ludwig schon für geringeren Ersatz mit Glück die Spitze geboten. Alles was ich sagen kann, ist, daß wenn Euer Gnaden thätiger Beistand den jungen Grasen von Richmond in Stand setzt, sein Unternehmen durchznführen, daß Euch dann dreitausend englische Bogenschützen zu Dienste stehen und müßte sie der alte Johann von Oxford aus Mangel an einem besseren Führer selbst herüberbringen." „Eine nicht zu verachtende Hilfe," sagte der Herzog; „noch mehr werth durch den, der sie anzuführen verspricht. Deine Unterstützung, edler Oxford, wäre mir kostbar und kämest du nur mit dem Schillert an der Seite und einen einzigen Diener hinter dir. Ich kenne dich wohl, nach Herz und Kopf. Aber gehen wir ans unser Geschäft zurück; Verbannte, und wären sie noch so klug, haben das Recht, viel zu versprechen, und manchmal—verzeih' mir edler Oxford — 58 täuschen sie sich so gut, als ihre Freunde. Welches sind die Hoffnungen, auf welche hin Ihr wünscht, daß ich mich abermals auf den stürmischen und unsicheren Ocean Eurer bürgerlichen Kriege einschiffen soll?" Der Graf von Orford zog einen Zettel aus der Tasche und erklärte dem Herzog den Plan für den Zug, der durch einen Aufstand der Freunde des Hauses Lancaster unterstützt werden sollte. Wir begnügen uns, zu sagen, daß der Entwurf verwegen war bis zur Tollkühnheit; er war jedoch so gut aufgefaßt und zeigte ein so vollendetes Ganzes, daß in diesen Zeiten rascher Umwälzungen und unter der Leitung eines in militärischer Geschicklichkeit und politischem Scharfsinn erprobten Mannes wie Orford große Aussicht auf wahrscheinlichen Erfolg vorhanden war. Während Herzog Karl über die Einzelnheiten einer Un- ernehmung nachsann, die mit seinem eigenen Wesen verwand war und darum etwas Anziehendes für ihn hatte, — während er die Beleidigungen überzählte, die ihm sein Schwager, Eduard IV., angethan, die gegenwärtige Gelegenheit eine ausgezeichnete Rache zu nehmen und die reiche Erwerbung erwog, die er in der Provence zu machen hoffte, wenn Renö von Anjou und seine Tochter sie ihm überließen, versäumte der Engländer nicht, ihn zu erinnern, wie dringend nöthig es wäre, keine Zeit entschlüpfen zu lassen. „Die Ausführung dieses Planes," sagte er, „verlangt die äußerste Schnelligkeit. Um einen Erfolg möglich zu machen, muß ich mit den Hülfstruppen Euer Gnaden in England sein, ehe Eduard von Dork mit seinem Heere aus Frankreich zurückkehren kann." „Da unser würdiger Bruder hieher gekommen ist," ver- setzte der Herzog, „so wird er mit der Rückkehr nicht so sehr eilen. Er wird schwarzäugige französische Weiber in rothem französischem Wein antreffen, und Bruder Blackburn ist nicht der Mann, der solche Maaren so geschwind im Stich läßt." „Mein Herr Herzog, ich will von meinem Feinde Wahrheit reden. Eduard ist faul und wollüstig, wenn Alles um ihn in Ruhe ist; aber laßt ihn den Sporn der Noth fühlen, und er wird so hitzig, wie ein wohl genährter Renner. Ueber- Lies ist Ludwig, dem es selten an Mittel fehlt, seine Absichten zu erreichen, entschieden alle Minen springen zu lassen, um ihn zur Heimkehr zu bewegen — darum, edler Fürst, ist Eile, Eile die Seele unseres Unternehmens." „Eile!" sagte der Herzog von Burgund, — „ich werde mit Euch gehen und der Einschiffung selbst beiwohnen; und wackere, erprobte Soldaten sollt Ihr haben, wie man sie nur in Antois und in Hennegau findet." „Entschuldiget noch edler Herzog, die Ungeduld eines Unglücklichen, der ertrinkt und um Hilfe fleht. — Wann werden wir nach der Küste von Flandern abgehen, um die wichtige Maßregel in's Werk zu setzen?" „In vierzehn Tagen, vielleicht in einer Woche; kurz, sobald ich einen Haufen Diebe und Räuber gehörig gezüchtigt habe, welche sich, wie der Schaum immer oben auf den Kessel steigt, auf den Höhen der Alpen festgesetzt haben und von da aus unsere Gränzen durch Schmuggelhandel, durch Raub und Plünderung belästigen." „Eure Hoheit meint die Schweizer Eidgenossen?" „Ja, diesen Namen geben sich die Bauernlümmel. ES ist eine Art freigelaffener österreichischer Leibeigenen und wie ein Hofhund, der seine Kette zerrissen, benutzen sie ihre Frei- 60 heit, um Alles anzugreifen und zu zerreißen, was sie auf ihrem Wege finden." „Ich habe ihr Land von Italien aus durchreis't," sagte der verbannte Graf, „und gehört, die Cantone beabsichtigen, Gesandte an Euch zu schicken und bei Euer Hoheit um Frieden zu bitten." „Frieden!" rief Karl. — „Eine eigene Art von friedlichem Verfahren ist das, was ihre Gesandtschaft eingehalten hat! Sie benutzen einen Aufstand unter den Bürgern zu La Ferette, der ersten besetzten Stadt, welche sie betraten, und nehmen den Platz mit Sturm, bemächtigen sich Archibalds von Hagenbach, der für mich dort befehligte und richten ihn hin auf dem Marktplatze. Solch' eine Beleidigung muß bestraft werden, Herr Johann von Vere; und wenn Ihr mich nicht in dem Sturm der Leidenschaft sehet, welcher derselben angemessen wäre, so ist das blvs der Fall, weil ich schon Befehl gegeben habe, die elenden Ausreißer, die sich selber Gesandte nennen, aufzuhängen." „Um Gottes Willen, edler Herzog," rief der Engländer und warf sich Karl n zu Füßen — „um Eures eigenen Ranges, um des Friedens der Christenheit willen nehmt den Befehl zurück, wenn er wirklich gegeben ist." „Was soll diese Leidenschaftlichkeit?" sagte Herzog Karl. — „Was ist das Leben dieser Männer für dich, außer daß die Folgen eines Kriegs deinen Zug um ein paar Tage verzögern?" „Ein solcher kann, ja muß ihn scheitern machen. — Höret mich, Herr Herzog: Ich habe diese Gesandten auf einem Theil ihrer Reise begleitet," entgegnete der Graf. „Ihr ?" schrie der Herzog. — „Ihr, der Gefährte elender Schweizer Bauern? Das Unglück hat den Stolz des englischen Adels grausam gebeugt, wenn Ihr solche Gefährten wählt." „Der Zufall hat mich unter sie geworfen," — antwortete der Graf. „Einige von ihnen sind aus edlem Blut und über- dieß Männer, für deren friedliche Absichten ich mich selbst zu verbürgen gewagt habe." „Bei meiner Ehre, gnädiger Herr von Orford, Ihr habt ihnen viel Ehre angethan und mir nicht weniger, da Ihr Euch zum Vermittler zwischen den Schweizern und mir aufwerfet. Glaubt mir. Euch zu sagen, es ist eine Gefälligkeit von mir, wenn ich Euch Rücksicht auf frühere Freundschaft gestatte, mir von Euren englischen Angelegenheiten zu sprechen. Mich dünkt, Ihr könntet mich mit Eurer Meinung über Gegenstände verschonen, die Euch von Haus aus nichts angehen." „gnädiger Herr von Burgund," erwiederte Orford. „Ich bin Euren Fahnen bis Paris gefolgt und habe das Glück gehabt, Euch in der Schlacht bei Montl'he'ry zu retten, da Ihr von französischen Geharnischten umringt wäret."- „Wir haben es nicht vergessen," sagte Herzog Karl; „und es ist ein Zeichen, wie wir die That im Gedächtniß behalten, daß wir Euch so lange vor uns die Sache einer Bande von Schuften vertheidigen lassen. Und Ihr verlangt von uns, ihnen den Galgen zu ersparen, der ihrer wartet, weil sie die Reisegefährten des Grafen von Orford gewesen sind." „Nicht so gnädiger Herr. Ich bitte um ihr Leben, weil sie auf einer friedlichen Botschaft begriffen sind und die Häupter derselben wenigstens keinen Antheil an dem Verbrechen haben, über welches Ihr Euch beklaget." Der Herzog durchschritt das Gemach mit ungleichen Schritten und in großer Bewegung. Seine dicken Augen- Vraunen verdeckten fast gänzlich die Augen, seine Hände waren zu Fäusten geballt, und er knirschte mit den Zähnen. Zuletzt schien er einen Entschluß zu fassen. Er schellte mit einer silbernen Glocke; die auf seinem Tische stand. „Contay," sagte er zu dem Kammerherrn, der hineintrat, „sind die Schufte aus den Bergen schon hingerichtet?" „Nein, gnädiger Herr; aber der Scharfrichter wartet ihrer, sobald der Priester ihre Beichte angehört hat." „Laßt sie am Leben," sprach der Herzog. „Morgen wollen wir hören, wie sie ihr Benehmen gegen uns rechtfertigen wollen." Contay entfernte sich mit einer Verbeugung aus dem Gemach. Der Herzog wandte sich hierauf gegen den Engländer und sagte mit einer unbeschreiblichen Mischung von Hochmut!), Vertraulichkeit und selbst Güte, aber mit aufgeheiterter Stirn und ruhigem Blicke. — „Wir sind quitt jetzt, mein Herr von Orford -- Ihr habt Leben um Leben erhalten — ja, um den Unterschied auszugleichen, der sich zwischen den getauschten Maaren finden dürfte, habt Ihr sechs für eins bekommen. Ich werde also nickt mehr darauf achten, wenn Ihr mir davon sprechet, daß mein Pferd bei Montl'höry gestürzt, und was Ihr dabei für Thaten gethan. Viele Fürsten begnügen sich, in's Geheim diejenigen zu hassen, welche ihnen ähnliche Dienste erwiesen; das ist nicht meine Art — es ärgert mich blos, wenn man mich erinnert, daß ich eines solchen Dienstes bedurft habe. Meiner Treu', ich ersticke fast an der Anstrengung, die es mich gekostet hat, einem bestimmten Ent- schlusse zu entsagen. — So ho! wer hat den Dienst? bringt mir zu trinken!" Ein Diener trat ein mit einer großen silbernen Flasche. Sie war aber statt mit Wein mit einem Gerstentrank gefüllt, leicht verseht mit gewürzhaften Kräutern. „Ich bin so hitzig und zornmüthig von Natur," sagte der Herzog, „daß unsere Aerzte mir das Weintrinken verbieten. Aber Ihr, Oxford, seid nicht an solche Vorschriften gebunden. Geht zu Eurem Landsmann, Calvin, unserem Artilleriegene- ral. Wir empfehlen Euch seiner Sorge und Gastfreundschaft bis morgen. Da wird's viel zu thun geben, denn ich erwarte die Antwort der Schlauköpfe aus der Dijoner Ständever- sammlnng. Dann haben wir auch, Dank der Vermittlung Eurer Herrlichkeit, die elenden Schweizer Gesandten anzuhören, wie sie sich nennen. Doch nichts mehr davon. — Gute Nacht- Ihr könnt frei mit Calvin reden; er ist, wie Ihr, ein alter Lancaster. — Aber horcht, nickt ein Wort von der Provence — selbst nicht im Schlaf. — Cvntay, führe diesen englischen Herrn in Colvin's Zelt. Er weiß meinen Willen in Bezug auf ihn." „Gnädiger Herr," antwortete Contay, „ich habe den Sohn des englischen Edelmannes bei Herrn von Calvin gelassen." „Was, dein eigener Sohn, Oxford? Er ist hier bei dir? Warum hast du mir nichts von ihm gesagt? Ist er ein würdiger Sprosse des alten Baums?" „Es ist mein Stolz, d-s zu glauben, gnädiger Herr. Er ist der treue Gefährte aller meiner Gefahren und Wanderungen gewesen." „Glücklicher Mann!" sagte der Herzog mit einem Seuf- zer. „Ihr, Orsord, habt einen Sohn, Eure Arnuith und Noth zu theilen — ich habe Niemand, der an meiner Größe Theil nehmen und mir Nachfolgen könnte." „Ihr habt eine Tochter, gnädiger Herr," sagte der Edle von Vere, „und es ist zu hoffen, daß sie eines Tags einen mächtigen Prinzen heirathen wird, der die Stütze des Hauses Eurer Hoheit bildet." „Nie! bei Sankt Georg, nie!" gab der Herzog kurz und entschieden zur Antwort. „Ich will keinen Tochtermann, welcher der Tochter Bett zum Schrittstein macht, um nach des Vaters Krone zn greifen. Orsord, ich habe offener gesprochen, als ich gewöhnt bin, vielleicht offener, als ich gesollt — aber ich halte einige Männer meines Vertrauens würdig und glaube, Ihr, Herr Johann von Vere, seid einer davon." Der englische Edelmann verbeugte sich und wollte Weggehen, aber der Herzog rief ihn zurück. „Da ist noch erwas, Orsord. — Die Abtretung der Provence ist nicht genug. Rene und Margarethe müssen sich von dem heißblütigen Ferrand von Vaudemont lossagen, welcher tolle Unruhen in Lothringen erregt und Rechte darauf von seiner Mutter Jvlanthe ableitet." „Gnädiger Herr," antwortete Orsord; „Ferrand ist der Enkel Königs Rena, der Neffe der Königin Margarethe; aber doch"- „Aber doch müssen, bei Sankt Georg, seine Rechte, wie er sie nennt, für völlig ungültig erklärt werden. Ihr sprecht mir von Verwandtenliebe und dringet in mich, mit meinem Schwager Krieg anzufangen." „Rena s beste Entschuldigung, wenn er seinen Enkes im 65 Stich läßt," erwiederte Or'ord, „wird die sein, daß er gar nicht im Stande ist, ihn zu unterstützen. Ich werde ihm die Bedingung, die Eure Gnaden macht» so hart sie ist, mittheilen." Damit verließ er das Zelt. Luna v. Geierstein in. 5 Viertes Kapitel. Ich danke Ener Gnaden unterthänig Und freue mich bei der Gelegenheit Gehörig durchgesiebt zu cherden, daß Sich Spreu und Korn in meinem Kopfe trennen. König Heinrich vm. Colvin, der englische Offizier, welchem der Herzog von Burgund, mit einem glänzenden Gehalt, die Sorge für sein Geschütz anvertrant hatte, war der Eigentbümer des Zeltes, das dem Engländer zur Wohnung angewiesen war. Er empfing den Grafen von Orford mit der seinem Rang gebührenden Achtung und nach den besonderen Befehlen, die er vom Herzog hierüber empfangen. Er war selber ein Anhänger der lancafirischen Parlhei gewesen und also zum Voraus eingenommen für einen von den wenigen ausgezeichneten Männern, die er persönlich gekannt und die jenem Hause durch eine Reihe von Unglücksfällen Treue bewahrt hatten, obgleich es schien, sie seien durch diese völlig vernichtet. Ei» 67 Mahl, an welchem sein Sohn bereits Theil genommen, wurde dem Grafen von Cvlvi'n angeboten und dieser unterließ nicht, durch Lehre und Beispiel den guten burgunder zu empfehlen, dessen sich der Herr des Landes selbst z» enthalten gezwungen war. „Seine Gnaden zeigt sich hierin als Herr über seine Leidenschaft," sagte Tolvin. „Denn, leise und unter Freunden zu reden, er ist zu hitzig um den Sporn ertragen zu können, welchen diese Herzstärkung dem Blute einlegt und beschränkt sich daher klüglich auf solche Getränke, die sein natürliches Feuer eher abkühlen als entflammen." „Ich habe es bemerkt," versetzte der lancastrische Edelmann. „Als ich den,edel» Herzog zuerst kennen lernte, er war damals noch Graf von Charolois, war er, obgleich immer feurig genug, ruhig im Vergleich mit der Heftigkeit, die er jetzt bei dem geringsten Widerspruch an den Tag legt. Das ist die Folge ununterbrochenen Glücks. Er hat sich durch eigenen Muth und die Gunst der Umstände, aus der unsicheren Stellung eines lehr»- und zinspflichtigen Fürsten auf gleiche Höhe mit den mächtigsten Fürsten Europa's erhoben und sich eine unabhängige Gewalt geschaffen. Aber ich hoffe, daß die Züge von Edelmuth, welche die Handlungen der Willkühr und Laune sonst ausgleichen, nicht seltener geworden sind als sie ehemals waren." „Ich kann mit vollem Recht sagen, daß dies nicht der Fall ist," erwiederte der Glückssoldat, der Edelmuth in dim engeren Sinn von Freigebigkeit nahm. „Der Herzog ist ein edler Herr und seine Hand immer offen." „Ich hoffe, seine Güte werde sich besonders gegen Männer zeigen, die so treu und standhaft in ihrem Dienste sind, als Ihr, Tolvin, immer gewesen seid. Aber ich sehe eine 5 « 68 Veränderung in Eurem Heere. Ich kenne die Banner der meisten alten Häuser in Burgund. — Wie kvmmt's, daß ich so wenige daron in des Herzogs Lager sehe? Ich sehe Fahnen und Fähnlein und Standarten; aber die Wappen darauf find selbst mir unbekannt, der ich doch so viele Jahre mit dem französischen und flandrischen Adel in Verbindung gestanden habe." „Mein edler Graf von Obford," antwortete der Offizier; „eS steht einem Mann, der in des Herzogs Solde steht, schlecht an, das Betragen desselben zu tadeln; aber Seine Hoheit vertraut, wie es mir scheint, seit einiger Zeit mehr den in der Fremde angeworbenen Söldnern als sein.» eigenen Unterthanen und Anhängern. Er halt es für besser, große Haufe» von deutschen und italienischen Mietbtruppen in Soll» zu nehmen, als ssch auf die R lter und Knappen zu verlassen, die durch Eid und Lchenstreue an ihn gebunden sind. Er nimmt seine Zuflucht zu seine» eigenen Unterthanen, blos um die Geldsummen von ihnen zu bekommen, die er für seine Söldner braucht. Die Deutschen sind ehrliche Burschen, so lang sie ordentlich bezahlt werden; aber der Himmel bewahre Mich vor deS Herzogs italienischen Banden und ihrem Anführer Camp».Basso, welcher blos auf einen Preis wartet, der ihm groß genug scheint, um Seine Hoheit wie ein Schaaf an's Messer zu liefern " „Den't I r so übel von ihm?" fragte der Graf. „So schlimm, daß ich glaube," versetzte Cvlvin, „es gibt keine Art von Verrätberei, die der Kopf ersinnen unÄ der Arm ausführen kann, zu welcher seine Seele und seine Hand nicht bereit wären. ES ist schmerzlich, gnädiger Herr, für einen ehrlichen Engländer wie ich, in einem Heere zu dienen, in welchem solche Verräther den Befehl führen. Aber 69 was kann ich thun, da ich keine Gelegenheit finden kann, in meinem Datei lande auf's N ue die Waffen zu trage»? Ich hoffe manchmal, es werde dem Himmel gefallen, in unserem lieben England die guten Bürgerkriege wieder zu entzünden, wo es immer ein ehrliches Gefecht gab und man von Verrath nichts wußte." Orf-id gab seinem Wirth zu verstehen, es sei eine Möglichkeit vorhanden, daß sein frommer Wunsch im Vaterlande und in Ausübung seines Geschäfts zu leben und zu sterben in Erfüllung gehen könnte. Hierauf bat er ihn, auf nächsteil Morgen früh einen Paß und ein Geleite für seinen Sohn zu verschaffe», den er augenblicklich nach Air, dem Aufenthalt des Königs Renö schicken müsse. „Was!" rief Calvin, „will mein junger Graf von Orford einen Grad an dem Minnehof erwerben, denn in König Neno's Hauptstadt beschäftigt man sich mit nichts als mit Liebe und Dichtkunst?" „Ich trachte nicht nach solcher Auszeichnung für ihn, mein guter Wirth." antwortete O.rsord; „aber Königin Margarethe ist bei ihrem Vater und es ist nicht mehr als schicklich, daß ihr der junge Mann die Hand küßt." „Ich verstehe," sagte der alte Lancastrier; „ich glaube, obgleich der Winter vor der Thüre ist, könnte doch die rothe Rose im Frühling blühen." Er ließ hierauf dem Grafen von Orford in den Theil des Zeltes eintreten, welchen er bewohnen sollte, und worin sich auch ein Lager für Arthur befand. Ihr Wirth, wie man Calvin wohl nennen konnte, versicherte sie, ehe er sich entfernte, daß bei Tagesanbruch Pferde und zuverlässige Diener bereit sein würden, den jungen Mann nach Air zu geleiten. 70 „Und nun, Arthur," sagte sein Vater, „müssen wir uns abermals trennen. Ich wage es in diesem gefährlichen Lande nicht, dir einen Brief an meine Gebieterin, die Königin Margarethe mitzugeben; aber sage ihr, ich habe den Herzog fest an seinem eigenen Vortheil haltend, aber nicht abgeneigt gefunden, ihn mit dem des Hauses Lancaster zu verbinden. Sag' ihr, ich zweifle kaum daran, daß er uns die verlangte Unterstützung gewähre, aber nur wenn der König Nenä und sie selbst zu seinen Gunsten abdanke. Sag' ihr, ich würde ihr niemals zu einem solchen Opfer für die unsichere Möglichkeit, den Thron des Hauses Dork umzustürzen, gerathen haben, wenn ich nicht fest überzeugt wäre, daß der König von Frankreich und der Herzog von Burgund, wie zwei Geier über die Provence schweben, und daß der eine oder der andere, oder beide bei ihres Vaters Ableben bereit sind, über die Besitzungen herzufallen, die sie ihm während seines Lebens nur ungern lassen. Eine Uebereinkunft mit dem Herzog von Burgund kann uns also einerseits seine thätige Mitwirkung bei der Unternehmung auf England sichern; und auf der anderen Seite wird, wenn unsere edle Gebieterin nicht in die Forderung des Herzogs willigt, die Gerechtigkeit ihrer Sache ihren Erbrechten auf ihres Vaters Besitzungen keine größere Sicherheit verleihen. Bitte also die Königin Margarethe, sie solle sich, wenn sie nicht ihre Absichten geändert hat, von König Renö eine förmliche Urkunde verschaffen, worin er mit ihrer eigenen, ausdrückliche» Zustimmung seine Güter dem Herzog von Burgund abtritt. Das nöthige Einkommen für den König und sie selbst, könne Ihre Gnaden nach eigenem Gutdünken festsetzen und auf der Urkunde ausfüllen oder auch Raum dafür lassen. Ich kann darauf bauen, daß des Herzogs 71 Großmuth dieses anständig einrichtet. Alles was ich fürchte, ist, daß sich Karl in" — „Einen tollen Kriegszug verwickelt, der für seine eigene Ehre und die Sicherheit seines Landes nöthig ist," antwortete eine Stimme hinter dem Zelte; „und dadurch mehr für seine als für unsere Angelegenheiten sorgt? Nicht wahr, Herr Graf? " Hiebei wurde der Vorhang auf die Seite geschoben und ein Mann trat ei», in welchem Oxford augenblicklich die harten Züge und stolzen Augen des Herzogs von Burgund erkannte, die unter dem Pelz und der Feder hervvrfunkelten, mit denen sein Barett geschmückt war, obgleich er die Tracht eines gemeinen Soldaten von der wallonischen Leibwache trug. Arthur, welcher den Fürsten nicht persönlich kannte, fuhr über die Zudringlichkeit auf, und legte die Hand an den Dolch; aber sein Vater gab ihm ein Zeichen, welches seinen Arm zum Sinken brachte. Er blickte überrascht auf die feierliche Ehrfurcht, mit welcher der Graf Len unverschämten Soldaten empfing. Das erste Wort erklärte ihm aber das Geheimniß. „Wenn diese Maske angelegt worden ist, um meine Treue zu prüfe», edler Herzog, so erlaubt mir zu sagen, daß sie überflüssig ist." „Gesteht, Oxford," antwortete der Herzog, „ich warein artiger Spion; denn ich horte auf» den Horcher zu spielen, sobald ich Grund hatte zu erwarten, Ihr würdet etwas sagen, was mick hätte ärgern können." „So wahr ich ein äckter Ritter bin, mein Herr Herzog; wäret Jbr hinter der Tapete geblieben, Ihr würdet blos dieselben Wahrheiten gehört haben, die ich in Eurer Gnaden Gegenwart auszusprechen bereit bin, obgleich sie vielleicht etwas plumper ausgesprochen worden wären." 72 „Nun, so sprecht sie aus, in welchen Ausdrücken Ihr wollt — der lügt in seinen Hals, der sagt, Karl von Burgund sei je durch den Ralh eines wohlmeinenden Freundes beleidigt worden." „Ich würde also gesagt haben," versetzte der englische Graf, ..alles was Margarethe von Anjou zu fürchten habe sei, daß sich der Herzog von Burgund in dem Augenblick, wo er seine Rüstung umschnallen, die Provence für sich gewinnen und durch seinen mächtigen Beistand ihre Rechte auf England zu bebaupten im Stande wäre, von so wichtigen Gegenständen durch den unklugen aber eifrigen Wunsch abbringe» lassen könnte, für eingebildrteEBeleidigungen Rache zu nehmen, die ibm seiner Bermuthunz nach von gewissen Genossenschaften unter den Alpenbewohnern angetvan' worden. Und Loch würde er über diese weder einen wichtigen Vorkbeil davon tragen, oder sich Ruhm erwerben tonnen, wohl aber Gefahr laufen, veide zu verlieren. Diese Leute wobnen in Felsen und Einöden, die fast unzugänglich sind und führen eine so armselige Lebensweise, daß der ärmste Eurer Unter- thanen Hungers sterbe, wenn man ihm eine solche Kost reichte. Sie bilden die natürliche Besatzung der Bergfesten, in welche die Natur sie gesetzt hat; — um des Himmels willen, laßt Euch nicht mit ihnen ein, sondern ver olget Eure eigenen und wichtigeren Plane, ohne in ein Nest von Hornissen zu greisen, die Euch, einmal in Bewegung, bis zum Wahnsinn stechen könnten." Der Hersog hatte Geduld versprochen und versuchte sein Wort zu tzalten; aber die geschwollenen Gesichtsmuskeln und seine funkelnden Augen bewiesen, wie schwer es ihm wurde, seinen Zorn zu meistern. 73 „Ihr seid schleckt unterrichtet, mein Herr," sagte er, „die Leute sind keine harmlosen Hirten und Bauern, wie Such zu vermnthen beliebt. Ware» sie daS, so konnte ich sie verachten. Aber aufgeblasen auf ein paar Siege über die tragen Oesterreichcr, habe» sie alle Achtung vor der Macht «US den Augen gesetzt, sie geben sich das Aussehen, als wären sie unabhängig, sie bilden Einigungen, machen Einfälle, erstürmen Städte, verurtheilen Männer von edler Geburt und richten sie nach Belieben hin. — Das ist Euch dunkel und Ihr seht aus, als verständet Ihr mich nicht. Um dein englisches Blut aufzuregen uns Lick, in me,ne Gedanke» rückücktlich dieser Bergbewohner eingehen zu machen, will ich dir sage», daß die Schweizer für meine Besitzungen in ihrer Nabe wahre Schotten sind; arm, stolz, wild, leicht beleidiat, weil sie bei m Kriege gewinnen, schwer zu besänftigen, weil sie sehr rachsüchtig sind, immer bereit, den günstigen Augenblick zu benutzen und den Nachbar anzufallen, wenn er in ankere Geschäfte verwickelt ist. Dieselben unruhigen, treulosen und eingewurzelten Feinde, wie die Schotten für England, sind die Schweizer für Burgund und meine Verbündeten. Was sagst du dazu? Kann ich etwas Wichtiges vornehmen, ehe ich den Stolz eines solchen Volks gedemülhigt? Das wird mich blos rin paar Tage kosten. Ich will den Bergigel und seine Stacheln mit einem Stahlhandschuh erfassen." „Euer Gnaden wi,d also bälder mit ihnen fertig werden," crwiederte der Edelmann, „als unsere englischen Königs mit Schottland. Die Kriege haben kort so lange gedauert, und sind so blutig gewesen, daß kluge Männer bedauern, sie je angefangen zu haben." „Ei," antwortete der Herzog, „ich will Len Schotten nicht die Unehre anthun, und sie in jeder Beziehung mit den Bauer» aus den Schweizerkantonen vergleichen. Die Schotten haben Leute von Geburt und Adel unter sich, und wir haben manches Beispiel davon gesehen; die Schweizer aber sind bloße Banernbrur, und die wenigen Edelleute von Geburt, deren sie sich rühmen können, müssen ihre Auszeichnung unter der Tracht und dem Betragen dieser Lümmel verstecken. Sie werden, denk' ich, kaum Stand halten gegen einen Angriff von Hennegausrn." „Wenn die Hennegauer Platz finden um gehörig aufzureiten, nicht. Aber"- „Um Eure Bedenklichkeiten zum Schweigen zu bringen," fiel der Herzog ein, „wisset, dieses Volk ermuthigt Lurch Schutz und Beihilfe die Bildung der gefährlichsten Verschwörungen auf meinem Gebiet. Seht einmal — ich habe Euch gesagt, daß mein Diener, Herr Archibald von Hazenbach, ermordet wurde, als Eure harmlosen Schweizer die Stadt La Farette verrätherischerweise einnahmen. Und hier ist eine Pergamentrolle, welche besagt, mein Diener sei nach dem Urtheil des Behmgerichts zum Tode gekrackt worden, also durch eine Bande Meuchler, die ich nie auf meinen Besitzungen dulden werde. Könnte ich sie nur eben so leicht auf der Erde finden, als sie unter ihr hcrumkriechen, sie sollten erfahren, was daS Leben eines Edelmanns werth ist! Da, seht einmal die Unverschämtheit ihres Zeugnisses." Der Zettel besagte mit Angabe des Tages und Monats, daß ein Todesurtheil an Arckjbald von Hagenbach, wegen Tyrannei, Gewallthat und Unterdrückung, auf Befehl der heiligen Velune ausgesprochen und von ihren nur diesem Gericht verantwortlichen Dienern vollzogen worden sei. Er war mit rothsr Tinte unterzeichnet und mit dem Wahrzeichen der 75 geheimen Gesellschaft, einem Bündel Stricke und einem bloßen Dolch versehen. „Diese Urkunde habe ich mit einem Messer auf meinen Nachttisch geheftet gesunden." sagte der Herzog. „Das ist auch einer ihrer Streiche, daß sie etwas Geheimnißvolles zu ihrer mörderischen Taschenspielerei fügen." Die Erinnerung an die Gefahr, welcher er in Meng's Herberge ausgesetzl gewesen, und der Gedanke an die Ausdehnung und Gewalt dieser geheimen Verbindungen, machten den wackern Engländer unwillkührlich schaudern. „Um aller Heiligen willen," sprach er, „gnädiger Herr, sprecht doch nicht von dieser furchtbaren Gesellschaft, deren Werkzeuge über, unter und um uns sind. Kein Mensch ist seines Lebens sicher, wie sehr er auch bewacht sei, wenn eS ihm einer nehmen will, dem das seinige gleichgültig ist. Ihr seid von Deutschen, Italienern und anderen Fremden umgeben — wie viele unter ihnen mögen mit diesen geheimen Ketten gebunden sein, welche jedes andere gesellschaftliche Band auflvsen und sie in einen unentwirrbaren aber geheimen Bund vereinigen? Denkt, edler Fürst, an die Lage, in der sich Euer Thron befindet, wen» er schon allen Glanz der Macht von sich strahlt und auf einer so festen Grundlage ruht, als sie sich für ei» so herrliches Gebäude eignet. Ich — der Freund Eures Hauses — und wäre das mein letzter Athem- zug — muß Euch sagen, daß die Schweizer wie eine Lawine über Eurem Haupte hängen, und daß die geheimen Genossenschaften unter Euren Füßen thätig sind, um die ersten Stoße eines Erdbebens hervorzubringen. Beschwört den Kampf nicht, und der Schnee wird ruhig auf der Bergspitze liegen bleiben; die Gährung der unterirdischen Dünste wird sich legen; aber ein einziges drohendes Wort, ein Blick des Unwillens oder X 7b_ der Verachtung können ihre Schrecknisse augenblicklich in Bewegung setzen. „Ihr sprecht mit mehr Furcht von einem Haufen nackten Gesindels und einer Bande nächtlicher Mörder, als ich Such in wirklichen Gefahren habe zeigen sehe». Indessen verachte ich Euein Rath nicht. Ick werde die Schweizer Abgeordneten in Geduld anhören und ihnen, wo möglich, nichts von der Veracktung zeigen, mit welcher ich ihre Anmaßung, als unabhängige Staaten verhandeln zu wollen, anzusehen nicht umhin kann. Ueber die geheimen Verbindungen werde ich Schweigen beobachten, bis m r die Zeit die Mittel zum Handeln liefert und ich sie in Verbindung mit dem Kaiser, dem Reichstag und den Fürsten des Reichs aus allen ihren Löchern vertreiben kann.—Nun. Herr Graf, habe ich recht geredet?" „Gut gedacht ist es, gnädiger Herr, aber vielleicht unklug gesprochen. Ihr seid in einer Lage, in welcher ein einziges Wort, das ein Verrather hört, Untergang urd Tod herbeiführen kann." „Ich habe keine Verrather um mich," erwiederte Karl. „Wenn ich glaubte, daß es deren in meinem Lager gäbe, so möchte ich lieber augenblicklich unter ihren Händen umkommen, als beständig in Angst und Argwohn leben." „Die alten Diener Eurer Hoheit sprechen nicht günstig von dem Grasen Campo-Basso," sagte der Graf, „und er steht so hoch in Eurem Vertrauen." „Es ist leicht," versetzte der Herzog ruhig, „für den einstimmigen Haß aller Höflings den treuesten Diener eines solchen anzuschwärzen. Ich stehe dafür, daß Euer stierköpfiger Landsmann Colvin Euch gegen den Grafen aufgebracht bat, wie alle anderen. Und das darum, weil Campo-Basso ohne Furcht oder Hoffnung auf Gunstbezeugungen mich von allem 77 benachrichtet, was irgendwo Unrechtes vorkommt. Seine Ansichten sind so übereinstimmend mit meinen eigenen, daß ich hn kaum dazu bringen kann, sich über etwas auSznlaffen, was er besser versteht, wenn es in irgend welcher Hinsicht von meiner Meinung abweichk. Denkt Euch hierzu ein edles Aeußere, Anstand, Lustigkeit, Geschicklichkeit in allen Kriegs- übungeii und in de» zarten Künsten des Friedens — und Ihr habt Campo-Baffo. Ist das nicht ein Edelstein für einen Fürsten?" „Die Stoffe, aus denen man einen Günstling macht," antwortete der Graf von Orford; „aber etwas weniger ge- eignel für einen getreuen Ratbgeber." „Was. du mißtrauischer Narr," sagte der Herzog, „muß ich dir mein innerstes Geheimniß über diesen Campo-Baffo eröffnen? Gibt eS nur dieses Mittel, um dich von dem eingebildeten Argwohn zu heilen, zu dem dich dein neues Gewerbe als herumzichender Kaufmann so geneigt gemacht hat?" „Wenn mich Eure Hoheit mit ihrem Vertrauen beehrt," erwiederte der Graf von Orford, „so kann ich blvS sagen, daß meine Treue demselben entsprechen wird." „Wisse denn, du ungläubiger Mensch, daß mein guter Freund und Binder Ludwig von Frankreich mir insgeheim durch keine geringere Person als seinen berühmten Barbier, Olivier den Teufel, Nachricht davon gegeben hat, Campo- Dasso habe sich für eine gewisse Summe erboten, mich lebend oder kokt in seine Hände zu liefern. — Du zitierst?" „Wnklich, wenn ich an Euer Hoheit Gewohnheit denke, seicht bewaffnet und mit geringer Begleitung auszureiten, um zu rekognoeciren und die Außenpvsten zu besichtigen, wie seicht könnte da ein verratherifchcr Plan ausgeführt werden?" 78 „Pah!" versetzte der Herzog. — „Du siehst die Gefahr für wirklich vorhanden an und doch kann nichts gewisser sein, als daß mein Vetier von Frankreich der letzte gewesen wäre, mich vor dem Anschlag zu warnen, wenn ihm solch' ein Anerbieten gemacht worden wäre. Nein, er kennt den Werth, den ich auf Campo-Baffo's Dienste lege und hat die Anklage geschmiedet, um mir ihn zu entziehen." „Und doch, gnädiger Herr," entgegnete der englische Graf; „wenn Ihr meinem Rathe folgen wollt, so lasset Eure erprobte Eisenrüstung nicht ohne Noth oder aus Ungeduld zu Hause, und reitet nicht ohne eine gute Bedeckung Eurer treuen Wallonen aus." „Still, Mann, du würdest mit der brennenden Sonne und dem funkelnden Eisen einen Rostbraten aus einem Unglücklichen, wie ich, machen, der immer von einem hitzigen Fieber verzehrt wird. Aber ich werde vorsichtig sein, obgleich ich jetzt Spaß treibe und du, junger Mann, kannst meine Base, Margarethe von Anjou versichern, daß ich ihre Angelegenheiten als meine eigenen ansehen werde. Erinnere dich, daß die Geheimnisse der Fürsten gefährliche Geschenke sind, wenn es Lenen an Verschwiegenheit fehlt, denen sie vertraut werden; daß sie aber das Glück derer begründen, welche sie treu bewahren. Du sollst den Beweis davon sehen, wenn du mir die Abdankungsurkunde von Air mitbringst, von welcher dein Vater mit dir gesprochen. — Gute Nacht — gute Nacht!" Er verließ das Gemach. „Du hast so eben," sagte der Graf von Orford zu seinem Sohne, „Las Bild dieses außerordentlichen Fürsten von seinem eigenen Pinsel gesehen. Es ist leicht, seinen Ehrgeiz zu erregen und den Durst nach Macht, aber fast unmöglich, 79 ihn auf die Gräuzeu zu beschränken, durch welche derselbe am besten befriedigt werden kann. Er ist immer gleich dem jungen Bogenschützen, dessen Auge vom Ziel durch eine Schwalbe abgezogen wird, die vorüber stiegt, während er den Bogen spannt. Bald ist er ohne Grund und auf beleidigende Art mißtrauisch, bald gibt er sich gränzenlosem Zutrauen hin — kaum vor ein paar Augenblicken der Seind der Linie Lancaster und der Verbündeten ihres Todfeindes — ist er jetzt die letzte Hoffnung, die einzige Stütze derselben. Gott führe Alles zum Besten! — Es ist schmerzlich, dem Spiele zuzusehen und z» wissen, wie es gewonnen werden könnte, aber durch die Laune Anderer verhindert zu sein, es nach eigener Geschicklichkeir durchzuführen. Wie Vieles hängt von dem Entschluß ab, den der Herzog Karl morgen faßt, und wie wenig Macht habe ich, so auf ihn einzuwirken, wie es seine Sicherheit und unser Vortheil erheischt! Gute Nacht, mein Sohn, wir wollen die Sorge für die Ereignisse Ihm anheimstellen, der sie allein zu lenken vermag." Fünftes Kapitel. Mein Blut war zu gelassen und zu kalt. Unfähig sich bei solch' unwürd'gem Treibe» Zu regen. Das habt ihr herausgefunden Und drum mißbraucht ihr schändlich meine Güte. Heinrich >r. Die Morgenröthe erweckte den verbannte» Grafen von Orford und seinen Sohn und ihre ersten Strahlen zeigten sich kam» am östlichen Himmel, als ihr Wirlh Colvin mit einem Diener emtrat. der ein paar Packe trug, sie am Boden nieder legte und sich alsbald wieder entfernte. Des Herzogs Artillerie-General kündigte ihnen sodann an, daß er mit einem Auftrag von Seiten des Herzogs von Burgunü komme. „Seine Hoheit," sagte er, „hat meinem jungen Herrn von O/fvrd vier starke Lanzenreiter geschickt, um ihn zu geleiten, eine wohlgefüllte Börse voll Gold für seine Ausgaben in Aix, so lange ihn seine Geschäfte dafelbst zurückhalten 81 werden; einen Beglaubigungsbrief, den König Renö, um seine Aufnahme zu sichern und zwei vollständige Anzuge, wie sie für einen englischen Edelmann passen, der Zeuge der Festlichkeiten in der Provence zu sein wünscht und an dessen Sicherheit der Herzog den innersten Antheil zu nehmen geruht. Seine Hoheit empfiehlt ihm seine andere» Geschäfte in jenem Lande, wenn er deren hat, mit Klugheit und Verschwiegenheit abzuthun. Der Herzog schickt ihm auch zwei Pferde zu seinem Gebrauch, einen Paß gehenden Zelter für die Reise, und ein starkes, slanderisches Pferd mit einer Rüstung, falls er dessen bedürfte. Es wäre paffend, wenn mein junger Herr die Kleider wechselte und sich mehr seinem Range gemäß anzöge. Seine Begleiter kennen den Weg und sind im Nothkall ermächtigt, im Namen des Herzogs jeden getreuen Burgunder zum Beistand aufzurufen. Ich habe nur noch hinzuzufügen, daß man ein um fo günstigeres Vorzeichen einer glücklichen Fabrt darin sehen wird, je bälder der junge Mann sich auf den Weg macht." „Ich bin bereit, zu Pferde zu steigen, so bald ich mich anders angezogen habe," antwortete Arthur. „Und ich," fügte sein Vater hinzu, „habe keine Lust, die geringste Zögerung in den Dienst zu bringen, dessen er sich zu entledigen hat. Weder er noch ich haben uns etwas Anderes zu sagen als: Gott sei mit dir! Wer kann sagen, wann und wo wir uns Wiedersehen?" „Ich glaube," sagte Colvin, „das wird von den Bewegungen des Herzogs abhängen, über welche vielleicht jetzt noch nichts bestimmt ist; aber Karl zählt darauf, daß Ihr bei ihm bleibet, gnädiger Herr, bis die Geschäfte, die Euch hierher geführt, vollständig beendigt sind. Ich habe Euch Anna v. Geierstein m. 6 82 noch Etwas unter vier Augen zu sagen, wenn Euer Sohn abgereis't ist." Während Colvin so mit dem Grasen sprach, benutzte Arthur, der bei der Ankunft des ersteren blos bald angekleidet gewesen war, die Dunkelheit in einer Ecke des Zelts, um die einfachen Kleider, die für seinen Stand, als vorgeblicher Kaufmann, gepatzt hatten, gegen ein Reisegewand zu vertauschen, wie es einem jungen Mann von Stande am Hof von Burgund zukam. Natürlicherweise griff Arthur nicht ohne eine Empfindung von Vergnügen nach einer seiner Geburt angemeffenen Tracht, welche sich auch zufolge des Aeußeren für Niemand besser eignete, als für ihn. Mit noch größerer Freude aber und so heimlich als möglich, warf er sich eine kleine goldene Kette um den Hals und verbarg sie unter dem Kragen und den Falten seines Wammses. Sie war von zierlicher, maurischer Arbeit, wie man damals sagte, und er hatte sie in dem kleinen Päckchen gefunden, das ihm Anna von Geierstein aus Nachgiebigkeit gegen seine und vielleicht auch gegen ihre eigenen Gefühle beim Scheiden in die Hand gegeben. Die Kette wurde durch eine leichte Goldplatte zu- sammengehalten und auf der einen Seite war mit einer Haarnadel oder mit einer Messerspitze in deutlichen wenn auch feinen Zügen eingegraben: Lebe wohl für immer! auf der Kehrseite standen etwas undeutlicher die Worte: Denkt an A. von G. Alle, welche dieses lesen, sind, waren oder werden verliebt sein, und es gibt daher Niemand, der nicht zu begreifen vermöchte, warum Arthur dieses Zeichen sorgfältig um den Hals hing, so daß die Inschrift gerade und unmittelbar auf seinem Herzen hing, und daß jeder Schlag desselben das Pfand seiner Liebe in Bewegung setzen mußte. 83 In wenigen Minuten hatte er seinen Anzug vollendet und kniete vor seinem Vater, um seinen Segen und seine ferneren Aufträge nach Air zu bitten. Fast tonlos segnete ihn sein Vater und sagte dann mit wiedergewonnener Festigkeit: „Du weißt schon Alles, was dir für das Gelingen deiner Sendung nöthig ist. Wenn du mir die nbthigen Papiere bringen kannst, flüsterte er ihm noch zu, so wirst du mich in der Nähe des, Herzogs von Burgund finden." Schweigens traten sie aus dem Zelte und fanden vor demselben die vier burgund'schcn Lanzenreiter, große und lebendige Leute, die schon im Sattel saßen und zwei gesattelte und gezäumte Pferde in der Hand hielten; eines davon kriegerisch gerüstet, das andere ein feuriger Zelter für die Reise. Einer der Soldaten hielt ein Saumroß mit Gepäck am Zügel und Colvin erklärte Arthur'», daß er dabei die Kleider finden würde, die er bei seiner Ankunft in Air brauchte. Zugleich übergab er ihm einen Beutel voll Gold. „Thiebold," fuhr er fort und zeigte dabei aus den ältesten unter der Bedeckung, „verdient alles Vertrauen; ich stehe für seine Klugheit und Treue. Die drei anderen sind ausgezeichnete Leute und fürchten sich nicht vor einem Riß in der Haut." Arthur sprang mit einem Lustgefühl in den Sattel, wie es einem jungen Ritter wohl natürlich war, der viele Monate lang kein ordentliches Pferd unter sich gehabt. Der lebhafte Zelter wieherte vor Ungeduld; Arthur aber blieb fest im Sattel, wie wenn er einen Theil des Thieres selbst ausgemacht hätte und sagte: „Ehe wir lange mit einander bekannt sind, wird deine Hitze etwas nachgelassen haben, mein schöner Schimmel." 6 » 84 „Noch ein Wort, mein Sohn," sagte sein Vater und flüsterte ihm ins Ohr wie er sich vom Pferde herunterbeugte „wenn du einen Brief von mir erhältst, fo halte dich nicht für völlig vertraut mit seinem Inhalt, bis du das Papier gegen das Feuer gehalten." Arthur nickte und gab dem älteren Reisigen ein Zeichen, voraus zu reiten. Hierauf ließen alle ihren Pferden den Zügel und so zogen sie in scharfem Schritt durch das Lager, nachdem der Jüngling seinem Vater und Colvin nochmals zum Abschied zugewunken. Der Graf blieb in Gedanken versunken sieben und folgte seinem Sohne mit den Augen in eine Art Träumerei, die erst aufhörte, als Colvin sagte, „ich wundere mich nicht, gnädiger Herr, daß Euer Sohn Euch so viel Unruhe einfloßt; er ist ein wackerer, junger Mann und verdient eines Vaters Sorge; denn die Zeit, in der wir leben, ist falsch und blutig." „Ich nehme Gott und die heilige Jungfrau zu Zeugen," erwiederte der Graf; „wenn ich bekümmert bin, so bin ich es nicht blos meines eigenen Hauses wegen; — wenn ich besorgt bin, so bin ich es nicht allein nm meines Sohnes willen; aber es ist schmerzlich, in einer so gefährlichen Sache das Letzte auf's Spiel zu setzen. Nun, welche Befehle bringt Ihr mir vom Herzog?" „Seine Gnaden, versetzte Colvin, „wird nach dem Frühstück auSreiten. Er sendet Euch hier einige Kleider, die, wenn sie auch nicht Eurem Rang gemäß sind, doch besser für Euch passen, als die, welche Ihr wirklich traget. Er wünscht, daß Ihr Euer Jncvgniio als ein englischer Kaufmann von Bedeutung beibehaltct und Euch an den Zug anschließet, der ih» zu Pferd nach Dijon begleiten wird. Er soll dort eine Antwort der burgundischen Landstände aus die ihrer Prüfung vor- 85 gelegten Gegenstände erhalten und wird hierauf den Abgeordneten der Schweiz öffentliche Audienz geben. Ich bin von ihm beauftragt, Euch einen Platz anzuweisen, von dem aus Ihr bequem die deiden Feierlichkeiten ansehen könnet, und er vermuthet, Ihr werdet als Fremder ihnen mit Vergnügen beiwohnen. Wahrscheinlich hat er Euch aber all das selbst gesagt, denn ich glaube, Ihr habt ihn die vergangene Nacht in einer Verkleidung gesehen. Nun, seht mich nikt so befremdet an. Der Herzog spielt diesen Streich zu oft, als daß er es ins Geheim thnn könnte; es gibt keinen Troßbuben, der ihn nicht kennt, wenn er die Zelte der Soldaten durchschreitet; und die Marketenderinnen geben ihm den Namen des ertappten Spions. Wenn der ehrliche Heinrich Colvin der einzige wäre, der von der Sache wüßte, würde er stch wohl hüten, den Mund darüber aufzuthnn; aber es wird zu offen getrieben und ist zu allgemein bekannt. Edler Herr, obgleich ich meine Zunge lehren muß, Liesen Titel zu vergessen, wollt Ihr znm Frühstück kommen?" Nach der Sitte der Zeit wurde ein tüchtiges und förmliches Mahl gehalten und einem begünstigten Offizier des Herzogs von Burgund fehlte es begreiflicher Weise nicht an Mitteln, die gebührende Gastfreundschaft einem Manne zu erweisen, der Ansprüche auf so hohe Achtung besaß. Ehe aber noch daS Frühstück vorüber war, verkündigte der lärmende Schall der Trompeten, daß der Herzog und sein Gefolge zu Pferde stiegen. Man brachte Philipson, wie der Graf Oxford noch immer hieß, einen prächtigen Renner von dem Herzog, und er schloß stch nun mit seinem Wirth der glänzenden Gesellschaft an, die stch vor dem Zelte des Fürsten zu sammeln anfing. Dieser selbst trat nach ein paar Minuten in der prächtigen Tracht des Ordens vom goldenen 86 Vließe heraus, welchen sein Vater gestiftet hatte, und dessen Schützer und Haupt Karl selber war. Mehrere seiner Höflinge trugen die nämliche Kleidung und zeigten nebst ihrem Gefolge so viel Glanz und Reichthum, daß sie die allgemeine Behauptung rechtfertigten, der Burgundische Hof sei der prächtigste in der ganzen Christenheit. Die Beamten seines Haushalts standen alle an ihrem Platze, ebenso auch die Wappenherolde rind ihre Gehilfen in malerischen und reichen Gewändern. Ihre Tracht nahm sich sonderbar aus neben dem Kirchenanzug der hohen Geistlichkeit und Ritter und Krvnvasallen, die sich in ihren Rüstungen ausgestellt hatten. Unter den letzte- teren, die nach der Verschiedenheit ihres Dienstes verschiedentlich gekleidet waren, ritt Orford im Gewände eines Privatmanns, das weder so einfach war, daß es neben solcher Pracht nicht am Platze gewesen wäre, »och so reich, um besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Er ritt neben Colvin und seine große kräftige Gestalt, seine scharf ausgesprochenen Züge bildeten einen schroffen Gegensatz zu dem groben, fast gemeinen Aussehen und dem derben, drallen Aeusseren des Glückssoldaten. Den feierlichen Zug schloß eine Leibwache von zweihundert Büchsenschützen, eine Art von Soldaten, die damals gerade aufkamen und eben so viele berittene Reisige; und so zog der Herzog und seine Begleitung aus dem Lager gegen Dijon, in diesen Zeiten die Hauptstadt von ganz Burgund. Die Stadt war wohl versehen mit Mauern und Gräben, welche ein kleiner Fluß, die Ouche nebst einem Bache, Suzvn genannt, mit Wasser versorgte. Die vier Thore mit den gehörigen Brückenköpfen, Außenwerke» und Zugbrücken entsprachen nahezu den vier Himmelsgegenden und »erstatteten Len Zutritt in die Stadt. Die Zahl der Thürme, die hoch über 87 die Mauern emporragten und in verschiedenen Winkeln angebracht waren, sie zu vertheidigen, belief sich auf drei und dreißig; die Mauern selbst hatten an den meisten Stellen eine Höhe von mehr als dreißig Fuß und waren in beträchtlicher Dicke aus viereckige» Steinen aufgeführt. Diese schone Stadt umgaben mit Weinbergen bepflanzte Hügel und innerhalb ihrer Mauern erhoben sich die Thürme vieler stattlichen öffentlichen und Privatgebäude. Auch die Thürme der Kirchen und reich begabten Klöster bewiesen den Reichthum und die Frömmigkeit des Hauses Burgund, Als die Trompeten des Gefolges der am St. Nikolaus- Thore stehenden Bürgergarde Las Zeichen gegeben, ging die Zugbrücke nieder, das Fallgatter erhob sich, das Volk stieß ein großes Freudengeschrei aus, und Karl zog in der Mitte seiner angesehensten Offiziere in die Stadt ein, deren Häuser alle mit Teppichen behängt waren. Er saß auf einem Schimmel, weiß wie der Schnee. Ihm folgten sechs Pagen, von denen der jüngste noch nicht vierzehn Jahr alt war. Jeder von ihnen hielt eine vergoldete Partisane in der Hand. Der allgemeine Zuruf, mit welchem der Herzog begrüßt wurde, bewies, daß, wenn auch einige gewaltthätige Handlungen seine Beliebtheit vermindert hatten, ihm genug übrig blieb, um in seiner Hauptstadt mit Freude, wenn auch nicht mit Begeisterung, empfangen zu werden. Es ist wahrscheinlich, daß die Verehrung, die sich an das Andenken seines Vaters knüpfte, lange Zeit den ungünstigen Eindruck zurückhielt, welchen sein Betragen zum Theil auf den öffentlichen Geist Hervorbringen mußte. Der Zug hielt vor einem großen, gothischen Gebäude in der Mitte von Dijon. Man hieß es des Herzogs HauS; und nach der Vereinigung Burgunds mit Frankreich benannte man 88 es des Königs Haus. Der Maire von Dijon stand harrend an den Stufen dieses PallasteS, begleitet von seinen Amts- genossen. Sein Gefolge bestand ans etwa hundert handfesten Burgern in schwarzen Sanimetkleidern und mit Halbpiken in den Händen. Der Maire kniete nieder, dem Herzog den Steigbügel zu küssen, und in dem Augenblick, da Karl vom Pferde stieg, begann von allen Glocken in der Stadt ein Geläute, womit man die Todten in der Nähe der wankenden Kirchthürme hätte erwecken mögen. Unter diesem betäubenden Willkomm betrat der Herzog den großen Saal des Palastes. Am oberen Ende desselben war für den Fürsten ei» Thron errichtet, Sitze standen da, für die ersten Offiziere und die ausgezeichneten Vasallen, und Bänke hinter ihnen für Leute von geringerer Bedeutung. Auf eine der letzteren, aber an einer Stelle, von wo aus man die ganze Versammlung, so wie den Herzog selbst, überschauen konnte, setzte Eolvin den edeln Engländer. Karl, dessen schnelles, scharfes Auge alle Reihen durchlief, sobald man sich gesetzt, schien durch eine leichte Neigung des Kopfes, die seine Umgebung nicht bemerken konnte, zu verstehen zu geben, daß er mit dieser Anordnung einverstanden sei. Als der Herzog und sein Gefolge sich gesetzt, näherte stch der Maire abermals in demüthigster Weise, kniete auf der untersten Stufe des herzoglichen Thrones nieder und bat den Herzog um Erlaubniß zu der Frage, ob er Zeit habe, den Ausdruck des Eifers und der Ergebenheit der Bewohner seiner Hauptstadt an seine Person entgegen zu nehmen und ob es ihm gefalle, als Zeichen ihrer Anhänglichkeit einen mit Goldstücken gefüllten silbernen Becher zu empfangen, welchen er im Namen der Bürger und des Gcmeinderaths von Dijon ihm zu Füße» zu legen die Ehre habe. Karl machte nie viel Ansprüche auf Höflichkeit und gab kurz und barsch mit einer von Haus aus rauhen und mißtönenden Stimme zur Antwort, „Alles nach der Reihe, guter Herr Maire. Zuerst wollen wir vornehmen, was die Stände von Burgund uns zu sagen haben und dann auf die Bürger von Dijon hören " Der Maire stand anf und trat mit seinem Silberbecher zurück, wahrscheinlich ebenso überrascht als beleidigt darüber, daß der Inhalt des Geschenks nicht augenblicklich angenommen worden war und ihm keine bessere Aufnahme zuwege gebracht hatte. „Ich hätte erwartet," sprach Karl, zu dieser Stunde und an diesen Ort, unsere Stände aus dem Herzogthum Burgund mit einer Antwort auf die Anfrage anzutrcffen, die wir ihnen vor drei Tagen durch unseren Kanzler zugeschickt haben. Ist Niemand von ihnen da? Da Niemand eins Antwort versuchte, so sagte der Maire die Ständemitglieder haben den ganzen Morgen ernste Be- rakhung gehalten und würden ohne Zweifel Seiner Hoheit augenblicklich aufwarten, wenn sie hörten, daß er ihre Stadt mit einem Besuch beehrt hätte. „Geht," sagte darauf der Herzog zu dem ersten Herold des goldenen Vließes, „und kündigt den Herren an, daß wir das Ergebniß ihrer Berathungen kennen zu lernen wünschen und daß ihnen weder die Artigkeit noch die Anhänglichkeit erlauben, uns lange warten zu lassen. Sprecht deutlich mit ihnen, Herr Herold oder wir werden Euch derb die Meinung sagen." Während der Herold seinen Auftrag auszurichten geht, können wir unseren Lesern in's Gedächtniß zurückrufen, daß in allen Ländern, wo das Lehenwesen eingeführt war, d. h. in fast ganz Europa während des Mittelalters ein Geist glü- 90 hender Freiheit die Verfassungen durchwehte. Der einzige Fehler, der sich dabei vorfand, war der, daß die Vorrechte und Freiheiten, für welche die größeren Vasallen kämpften, sich nicht gehörig auf die unteren Klaffen der Gesellschaft ausdehnten uns denen keinen Schutz gewährten, welche desselben am meisten bedurften. Die zwei ersten Stände im Staat, der Adel und die Geistlichkeit, erfreuten sich hoher und wichtiger Vorrechte und selbst der dritte Stand, die Bürger, besaßen die besondere Gerechtsame, daß ihnen keine neuen Dienste, Bräuche oder Auflagen irgend einer Art, ohne ihre besondere Zustimmung auferlegt werden konnten. Das Andenken an den Herzog Philipp, Karl's Vater, war den Burgundern theuer, denn in den zwanzig Jahren, während welcher dieser Fürst seinen Rang unter den Herrschern Europa's mit Würde eingenommen, hatte er Schätze aufgehäust, ohne von den großen, ihm unterworfenen Ländern größere Steuern zu verlangen oder zu erhalten. Aber die ausschweifenden Entwürfe und der unmäßige Aufwand des Herzogs Karl hatte bereits die Unzufriedenheit seiner Stände erregt und das gegenseitige gute Vernehmen zwischen Fürst und Volk fing an, auf der einen Seite dem Argwohn und Mißtrauen, auf der anderen dem Trotze Platz zu machen. Der Widerspruchsgeist der Stände hatte zuletzt sich gesteigert; sie mißbilligten laut die verschiedenen Kriege, in welche sich ihr Herzog ohne Noth eingelassen, und die Anwerbung so großer Haufen von Miethtruppen erregten in ihnen den Verdacht, er möchte die Steuern, die ihm feine Unterthanen ver- willigten, am Ende dazu verwenden, um seine fürstlichen Rechte über die Gebühr auszudehnen und die Freiheit des Volkes zu vernichten. Dabei umgaben jedoch des Herzogs beständiges Glück in 91 verzweifelt und schwierig aussehenden Unternehmungen, die Achtung vor seinem Freimuth und seiner Offenheit, die Furcht vor seinem eigensinnigen und hitzigen Wesen, mit dem er sich selten eines Andern belehren ließ und nie Wiederspruch ertrug, den Thron noch immer mit Ehrfurcht und Schrecken, und diese wurden noch wesentlich unterstützt durch die Anhänglichkeit des gemeinen Volks an den gegenwärtigen Herzog und das Andenken an seinen Vater. Man hatte vvrausgese- hen, daß bei der jetzigen Gelegenheit sich unter den Ständen ein heftiger Widerspruch gegen die neue Besteuerungsart erheben würde, welche der Herzog vorschlug. Die Räthe des Herzogs sahen mit großer Unruhe, der Herzog selbst mit ärgerlicher Ungeduld dem Ende der Sitzung entgegen. Nach etwa zehn Minuten trat der Kanzler von Burgund, der zugleich Erzbischof von Vienne und ein Prälat von hohem Rang war, mit seinem Gefolge in Len Saal: Er schritt hinter dem herzoglichen Throne auf einen der ehrenvollsten Sitze in der Versammlung zu und hielt einen Augenblick an, um in seinen Herrn zu dringen, er möchte die Antwort seiner Stände in einer Privataudienz entgegennehnien. Zugleich gab er ihm zu verstehen, daß das Ergebniß der Berathung keineswegs ein befriedigendes wäre. „Bei Sankt Georg von Burgund, mein Herr Erzbischof," gab der Herzog ernsthaft und laut zur Antwort: „wir sind kein Fürst von so niedriger Seele, daß wir uns vor den mürrischen Blicken einer unzufriedenen und frechen Partei scheuen sollten. Wenn die Stände von Burgund eine ungehorsame und pflichtwidrige Antwort auf unsere väterliche Botschaft schicken, so mögen sie dieselbe vor dem versammelten Hof aussprechen, damit das ganze Volk erfährt, wie es zwischen sei- 92 nem Herzog und diesen kleinlichen, ober ränkevollen Seelen zu entscheiden Hut, die unserer Macht entgegentreten wollen/' Der Kanzler verbeugte sich ernsthaft und begab sich auf seinen Sitz, und der englische Graf bemerkte, daß die meisten Mitglieder der Versammlung, diejenigen ausgenommen, welche den Herzog im Gesicht waren, ibren Nachbarn Bemerkungen zuflusterten, und daß diese mit halbem Nicken, mit Achselzucken oder Kopfschütteln ausgenommen wurden, wie man es bei Leuten sieht, die etwas verhandeln, über was eine Erklärung mit Gefahr verbunden ist. Jetzt führte der Herold des goldenen Vließes, der den Ceremonienmeister machte, einen aus zwölf Mitgliedern bestehenden Ausschuß der Stände in den Saal. Es waren vier aus jedem Stande und sie wurden angeküudigt als bevollmächtigt, die Antwort ihrer Versammlung an den Herzog von Burgund zu überbringen. Beim Eintritt der Abgeordneten in den Saal erhob sich Karl, altem Brauche gemäß, vom Throne, nahm das mit einem großen Federbusch geschmückte Barett ab und sprach: „Heil und Willkommen unseren guten Unterthanen aus den Staaten von Burgund!" Der ganze zahlreiche Hanfe der Hofleute erhob sich ebenfalls und entblößte in derselben Weise die Häupter. Die Ständemitglieder ließen sich hierauf auf ein Knie nieder. Dabei befanden sich die vier Geistlichen, unter denen Orford den schwarzen Priester von der Sankt Paulskirche erkannte, dem Herzog am nächsten, die Edeln knieten hinter ihnen und die Bürger zuletzt von allen. ° „Edler Herzog," sprach der Priester ron der St. Paulskirche, „beliebt es Euch, die Antwort Eurer guten und getreuen Stände von Burgund von einem Mitglied anzuhören, das für alle spricht oder von drei Männern, aus denen jeder die Ansicht der Körperschaft ausspricht, der er angehört?" :?- SMArMMWMÄMBkV- 93 „Wie Ihr wollt," antwortetete der Herzog von Burgund. „Ein Priester, ein Edelmann und ein freier Bürger," fuh rder Geistliche, noch immer kniend, fort, „werden zu Euer Hoheit der Reihe nach reden. Denn, obgleich wir, gepriesen sei der Gott, der Brüder einträchtig bei einander wohnen heißt! in unserer Antwort übereinstimmen, so könnte doch jeder Stand besondere Gründe für die allgemeine Ansicht aufzuführen haben." „Wir wollen Euch einzeln anhören," sagte Karl, indem er den Hut aufsetze und sich nachlässig auf seinen Sitz lehnte. Zugleich bewiesen alle in dem Ausschuß oder unter den Zuschauern ihr Recht auf Gleichstellung mit ihrem Fürsten dadurch, daß sie sich wieder mit ihren Baretten bedeckten. Die Wolke von wallende» Federbüschen gab der Versammlung neue Anmuth und Würde. Als der Herzog seinen Sitz eingenommen, standen die Abgeordneten von den Knien auf, der >chwarze Mönch von der Sankt Paulskirche trat abermals vorwärts und redete ihn folgendermaßen an: — „Gnädiger Herr Herzog, Eure getreue und ergebene Geistlichkeit hat in Erwägung gezogen, wornach Eurem Volke eine Steuer aufgelegt werden soll, um Euch in den Stand zu setzen, die vereinigten Canlone in den Alpen zu bekriegen. Der Krieg, mein Lehensherr, scheint Eurer Geistlichkeit ungerecht und unmenschlich von Seiten Eurer Hoheit; sie kann sich nickt der Hoffnung überlassen, Gott werde diejenigen segnen, welche die Waffen darin trage, und ist daher genöthigt, den Vorschlag Eurer Hoheit zurückzuweisen." DeS Herzogs Augen hefteten sich mit finsterem Ausdruck auf den Ueberbringer einer so unschmackhaften Botschaft. Er schüttelte den Kopf mit einem der stolzen und drohenden Blicke, 9L zu denen ihn seine harten Züge besonders befähigten. „Ihr habt gesprochen, Herr Priester," war die einzige Erwiederung, zu der er sich herabließ. Hierauf sprach sich einer der vier Edelleute, ein Herr von Myrabeau, folgendermaßen aus: — „Eure Hoheit hat von ihrem getreuen Adel die Einwilligung zu Erhebung neuer Auflagen in ganz Burgund gefordert, um noch mehr fremde Truppen zur Ausfechtung der Streitigkeiten des Staates zu besolden. Gnädiger Herr, die Schwerter der burgundischen Edelleute, Ritter und Herren sind Euer Hoheit immer zu Befehlen gestanden, wie die unserer Ahnen für Eure Vorfahren bereitwillig gezogen worden sind. In gerechten Kämpfen Eurer Hoheit werden wir weiter gehen und besser streiten, als alle die bezahlten Burschen, die man in Frankreich, Deutschland oder Italien anftreiben kann. Wir werden unsere Zustimmung nicht dazu geben, daß das Volk besteuert werde, um Söldner zu bezahlen, damit diese .eine kriegerische Pflicht erfüllen, während es unser Stolz und unser ausschließliches Vorrecht ist, solche zu leisten." „Ihr habt gesprochen, Herr von Myrabeau," war abermals die einzige Entgegnung des Herzogs. Er sprach sie langsam und bedächtlich aus, als hätte er gefürchtet, es möchte ihm ein unbesonnenes Wort im Zorn mit dem entwischen, was er sagen wollte. Oxford glaubte zu sehen, daß er einen Blick auf ihn warf, ehe er solches sagte, wie wenn die Gegenwart des Fremden seinem Zorn einen Zügel angelegt hätte. „Nun, gebe der Himmel," sagte er bei sich selbst, „daß dieser Widerspruch die gewünschte Wirkung thue und den Herzog dazu bringe, dem unklugen, gewagten und unnützen Plan zu entsagen. 95 Wahrend er sich diesen Gedanken überließ, gab der Herzog einem aus dem dritten Stand oder den'jGemeinen ein Zeichen, zu sprechen. Der Mann, der dem stummen Befehl gehorchte, war Martin Block, ein reicher Schlächter und Viehzüchter aus Dijon. Er drückte sich so aus: „Edler Fürst, unsere Väter waren die pflichtgetreuen Un- terthanen Eurer Vorfahren; wir sind es für Euch; unsere Kinder werden Euren Nachfolgern ebenso diensthaft sein. Aber was die Forderung, die Euer Kanzler an uns gestellt, betrifft, so würden unsere Vorfahren nie in eine solche gewilligt haben. So sind auch wir entschlossen, sie zu verweigern und die Stände von Burgund werden sie nie bis an's Ende der Tage irgend einem Fürsten zugestehen." Karl hatte in geduldigem Schweigen die Reden der zwei ersten Sprecher ertragen; aber diese derbe und kühne Antwort des dritten Standes war mehr, als er auszuhalten vermochte. E rüberließ sich aller Heftigkeit seiner Gemüthsart und stampfte auf den Boden, daß der Thron zitterte und das hohe Gewölbe über ihm erdröhnte. Er überhäufte den kecken Bürger mit Vorwürfen. „Lastvieh," sagte er, „willst du mich auch noch mit deinem Eselsgeschrei übertäuben? Die Adeligen mögen das Recht zu sprechen in Anspruch nehmen, denn sie können fechten; die Geistlichkeit mag das Maul brauchen, denn das ist ihr Geschäft, aber du, der du nie anderes Blut vergossen, als das deiner Ochsen, die noch dummer waren, als du selbst — wagst du und deine Heerde, wie ein bevorrechtetes Wesen, hieher zu kommen und am Stuhl eines Fürsten zv Krüllen? Wisse, Vieh, das du bist, daß man die Stiere nie in Tempel führt, als um sie zu schlachte», daß man Schlächter und Handwerker nur vor ihren Fürsten läßt, um 96 sie damit zu beehren, daß sie mit ihren aufgehäuften Schätzen den öffentlichen Bedürfnissen abhelfen," Ein unzufriedenes Murren, welches selbst die Furcht vordem Zorn des Herzogs nicht zurückhalte» konnte, ließ sich bei Liesen Worten in der ganzen Versammlung vernehmen, und der Bürger von Dijon, ein trotziger Plebejer, entgegnete mit einer kurzen Verbeugung: — „Unsere Beutel, Herr Herzog, sind unser — und wir werden die Schnüre daran Eurer Hoheit nicht in die Hand gebe», wenn wir nicht mit den Zwecken einverstanden sind, zu Lenen das Geld verwendet werden soll; wir wissen wohl, wie wir uns selbst und unser Eigenthum gegen fremde Landstreicher und Räuber schützen müssen," Karl war auf dem Punkt, den Deputirten verhaften zu lasse»; als er aber sein Auge auf den Grafen von Oxford heftete, dessen Gegenwart ihm wider Willen eine» gewissen Zwang auferlegte, änderte er seinen Entschluß, aber nur, um eine andere Unklugheit zu begehen. „Ich sehe," sagte er, an den Ausschuß der Stände gewendet, „daß Ihr alle zusammenhaltet, um meinen Plan zu durchkreuzen und mich ohne Zweifel aller fürstlichen Macht zu berauben. Ich soll wohl blos noch eine Krone tragen dürfen und, wie Karl der Einfältige, auf den Knien bedient werden, während sich die Stände meines Reichs in die Gewalt theilen. Aber Zhr sollt erfahren, daß Ihr mit Karl von Burgund zu thun habt, einem Fürsten, der, wenn er sich auch herabgelassen, Euch zu Nathe zu ziehen, doch wohl im Stande ist, seine Schlachten ohne Hilfe seines Adels auszufechten, da dieser ihm die Mitwirkung seines Schwertes verweigert, — der die Kosten davon tragen kann, ohne die Unterstützung dieser schmutzigen Bürger — und der vielleicht auch einen Weg zum Himmel findet, ohne Len Beistand einer undankbaren Priesterschaft. Ich werde allen Anwesenden beweisen, wie wenig Eure aufrührerische Antwort auf die Botschaft, mit der ich Euch beehrt. Eindruck auf miib gemacht, wie wenig sie meine» Entschluß verändert hat. Herold, laßt die Aeaeord- neten der verbündete» Schweizer Städte und Cantone vor uns kommen, wie sie sich nennen." Orfoid und alle, welche wahren Antheil an dem Glücke des Herzogs nahmen, hörte» ihn mit der lebhaftesten Unruhe den Entschluß anküudige», den Schweizer Gesandten Gehör geben zu wollen. Denn er war gegen sie eingenommen und in diesem Augenblick im höchsten Grade erbost über die Weigerung der Stände, ihm Gel zu schaffen. Sie wußten, daß die Hinderuiffe, welche sich seinem Zorne entgegenstellten, den Felsen im Bett eines Flußes glichen. Sie könne» den Lauf desselben nicht aufhalten, bringe» aber seine Wellen zum Nasen und Schäumen. Alle füblten, daß der Würfel gefallen war, aber man hätte mit mehr als menschlicher Voraussicht begabt sein müssen, uni sich alle Folgen vorzustellen, die daraus entspringen konnten. Orsvrd besonders begriff, daß die Ausführung feines Entwurfs, zu einem Einfall in England, der Hauptgegenstand wäre, der Lurch die unbesonnene Hartnäckigkeit Karl'S gefäbrdet würde. Aber er ahnte nicht, ee hätte zu träumen geglaubt, wenn ihm der Gedanke aufgestiegen wäre, daß das Leben der Fürste» selbst und der Bestand Burgunds, als eines unabhängige» Reichs in derselbe» Wagschale liegen könnten. Anna v. Gciersteln m. r Sechstes Kapitel. Das ist ein tobender und wilder Styl, Ein Styl für Raufer. Wie ein Türk' dem Christen, Go trotzt fle mir. Wie es euch gefallt. (Nach Schlegel.» Die Thüren des Saales-öffneten sich nun Len Schweizer Abgeordneten, die schon eine Stunde außen vor dem Gebäude hatten warten muffen, ohne daß man ihnen die geringste der Aufmerksamkeiten erwieß, welche unter gebildeten Nationen den Stellvertretern eines fremden Staates allgemein zu Theil werden. Wirklich diente ihre ganze Erscheinung, die groben, grauen Kittel, in welche sie wie Jager oder Hirten aus dem Gebirge gekleidet waren, in einer Versammlung, in welcher das Auge durch prächtige Kleider von allen Farben, durch goldene und silberne Schnüre, Stickereien und kostbare Steine geblendet wurde, die Vorstellung zu bestätigen, daß sie nur als sehr demüthige Bittsteller daher gekommen wären. Indessen bemerkte Orford, welcher das Benehmen seiner letzten Reisegefährten sorgsam bewachte, daß jeder von ihnen 99 die Entschlossenheit und Gleichgültigkeit beibehielt, die sie früher ausgezeichnet hatte. Rudolph Donnerhügel zeigte noch immer seine kühne und übermüthige Miene; der Bannerherr die soldatische Gleichgültigkeit, die ihn mit anscheinender Fühllosigkeit Alles um ihn her beschauen ließ; der Solothurner Bürger war so förmlich und wichtigtkuend, wie immer; und keiner von den dreien verrieth die geringste Betroffenheit über den Glanz des sie umgebenden Schauspiels, oder Verlegenheit bei Betrachtung der vergleichungsweisen Geringfügigkeit ihrer eigenen Tracht. Nur der edle Landammann, auf welchen Oxford besondere Aufmerksamkeit wendete, schien durch die Ueberzeugung von der unsicheren Stellung niedergedrückt, in welcher sich sein Vaterland befand. Er fürchtete, daß nach der wenig ehrenvollen und groben Art, wie sie empfangen worden, der Krieg unvermeidlich sein würde. Zu gleicher Zeit bedauerte er als Freund seines Landes den Untergang der Freiheit desselben. Diesen konnte eine Niederlage, den Verlust der tugendhaften Einfachheit und der Verachtung gegen den Reich- thnm konnte ein Sieg und die Einführung fremder Ueppigkcit mit allen Uebeln herbeiführen, welche die Folge davon sind. Oxford war vollkommen vertraut mit den Ansichten Arnold Biedermann's und konnte sich leicht seine Traurigkeit erklären. Sein Kamerad Bonstetten war weniger im Stande, die Gedanken seines Freundes zu begreifen, und blickte auf ihn mit dem Ausdruck, den man in den Augen eines treuen Hundes wahrnimmt, wenn das Thier Mitgefühl an den Tag legt mit seines Herrn Trauer, ohne die Ursache derselben zu wissen oder sie würdigen zu können. Von Zeit zu Zeit warf einer aus der Gruppe einen Blick der Ueberraschung auf die glänzende Versammlung, Donnerhügel und der Landammann ausgenommen. Der unbändige Stolz des einen und die un- 7« 100 erschütterliche Vaterlandsliebe des andern verhinderten, daß sie ein äußerer Gegenstand von ihren tiefen und ernsten Betrachtungen adzvg. Nach einem Schweigen von etwa fünf Minuten nahm der Herzog in der hvclnnnthigen und rauhen Weise das Wort, von der er glauben mochte, sie komme seiner Stelle zu, welche aber in Wahrheit der Ausdruck seines Wesens war. „Ihr Leute von Bern, Schwyz, oder welches Dörstein und welche Einöde Ihr vertreten möget, wisset, wir hätte» Euch, als Ausrührer gegen Eure gesetzlichen Obere» und Herren nickt mit einer Audienz beehrt, wenn sich nicht ein sehr geschätzter Freund für Euch verwendet hätte, der in Euren Bergen sich anfgehalten hat und den Ihr unter dem Namen Philpson, der Engländer, kennen gelernt haben möget, da er bas Gewerbe eines Kaufmanns betrieb ungewisse kostbare Waaren für unfern Hof bei sich trug. Seiner Vermittlung babcn wir in so weit nachgegeben, daß wir Euch nickt, wie Ihr verdient, zu Galgen und Rad auf dem Platze Marimont führen ließen, sondern geruht haben, Euch vor uns und in eine Sitzung unseres versammelte» Hofes zuzu- laffen. Wir wollen von Euch die Entschuldigungen anhören, die Ihr für Euren v.rwegenen Sturm auf unsere Statt La Zernte, für die Tödtung vieler unserer Uuteithanen und die planmäßige Ermordung des edel» Ritters Archibald von Ha- genback beibringen könnet, der in Eurer Gegenwart, mit Eurer Zustimmung u d »ach Eurer Angabe hingericktet worden ist. Sprecht — wenn Ihr etwas zur Vertheidigung EureS Verbrechens und VerrathS sage» könnt, um die gerecht» Strafe abzubitten, oder die unverdiente Gnade anznstehrn." Oer Landammann schien eine Antwort beginnen zu wollen, aber Rudolph Dvnnerhügel nahm mit der ihm eigenlhüm- 101 lichen Kühnheit und Unerschrockenheit die Erwiederung auf sich. Er hielt dem stolzen Blick des Herzogs furchtlos und mit gleichem Hochmuth Stand. „Wir sind," sagte er, „nicht hierher gekommen, um unsere eigene Ebre oder die Wurde des freien Volkes zu verunglimpfen, dessen Stellvertreter wir sind, indem wir uns zu Verbrechen bekennen, an denen wir keine Schuld haben. Wenn Ihr uns Aufrührer nennt, so müßt Ihr Euch erinnern, daß eine lange Reihe von Siegen, deren Geschichte mit dem edelsten Blute Oesterreichs geschrieben worden ist, unfern verbündeten Gemeinden die Freiheit errungen hat, deren uns eine ungerechte Tyrannei umsonst zu berauben versuchte. So lange Oesterreich seine Herrschaft auf gerechte und wohlthätige Weise handhabte, opferten wir ihm unser Leben; — als es Unterdrückung und Tyrannei übte, machten wir uns unabhängig. Wenn es noch etwas an uns zu fordern hat, so werden die Nachkommen Tell's, Fürst's und Stauffacher'S eben so bereit sein, ihre Freiheit zu vertheidige», als unsere Väter gewesen sind, sie zu erwerben. Euer Gnaden — wenn das Euer Titel ist — braucht sich nicht i» einen Streit zwischen uns und Oesterreich zu mengen. Was Eure Drohungen mit Galgen und Rad betrifft, so sind wir hier als wehrlose Männer und Ihr könnt Euer Gelüste an uns büßen; aber wir wissen zu sterben und unsere Landsleute wissen uns zu rächen." Der gereizte Herzog würde mit dem Befehl zu augenblicklicher Verhaftung und wahrscheinlich zu unverweilter Hinrichtung der ganzen Gesandtschaft geantwortet haben. Aber sein Kanzler machte von dem Vorrecht seiner Stelle Gebrauch, stand auf, »ahm mit einer tiefen Verbeugung gegen de» Herzog sein Barett ab und begehrte für sich die Erlaubniß!, dem 102 dummen, dreisten, jungen Manne zu antworten, der, wie er sagte, den Zweck der Rede Seiner Hoheit so völlig mißverstanden habe. Karl fühlte sich vielleicht in diesem Augenblick zu sehr vom Zorn erregt, um eine» ruhigen Bescheid zu fassen; er legte sich in seinen Staatssesscl zurück, und gestattete mit ungeduldigem und zornigem Nicken seinem Kanzler zu reden. „Junger Mann," sprach der hohe Staatsbeamte, „Ihr habt die Meinung des hohen und mächtigen Fürsten, vor dem Ihr steht, schlecht aufgefaßt. Welches auch die gesetzlichen Rechte von Oesterreich über die aufgestandenen Ortschaften sein mögen, welche das Joch des Herrn ihres Geburtslandes abgeschüttelt haben, wir sind nicht berufen, diesen Gegenstand zu erörtern. Burgund verlangt Auskunft darüber, warum Ihr, da Ihr doch in der Eigenschaft friedlicher Botschafter in Angelegenheiten, die Eure eigene» Gemeinheiten und die Rechte der Unterthanen des Herzogs betreffen, hierhergekommen seid, warum Ihr trotz dem in unserem friedlichen Lande Krieg erregt, eine Festung erstürmt, die Besatzung derselbe» niedergehauen und einen edlen Ritter, ihren Befehlshaber zum Tode gebracht habt? — .Alle diese Handlungen stehen im Widerspruch mit dem Völkerrecht und verdienen völlig die Strafe, mit welcher Ihr bedroht worden seid, ich hoffe aber, unser gnädiger Fürst werde sie Euch erlassen, wenn Ihr einen zureichenden Grund für dies!? schändliche Frechheit anführet, Euch zur Unterwerfung unter den Willen Seiner Hoheit erbietet, und für solch' großes Unrecht genügenden Ersatz leistet." „Ihr seid ein Priester, ehrwürdiger Herr?" antwortete Rudolph Donnerhügel gegen den Kanzler von Burgund gewendet. Wenli es einen Soldaten in dieser Versammlung 103 gibt, der für Euro Beschuldigung eiustehen will, so fordere ich ihn zum Einzelkampf heraus. Wir haben die Stadt La Ferette nicht im Sturm genommen, man hat uns die Thore in friedlicher Weise geöffnet; sobald wir aber eingetreten waren, sind wir augenblicklich von den Söldner» des weiland Archibald von Hagenbach augenscheinlich in der Absicht umringt worden, uns, trotz unserer friedlichen Sendung, anzufallen und zu ermorden. Wäre das geschehen, so hättet Ihr von noch mehr Tobten gehört, als von uns. Aber da entstand ein Aufruhr unter Len Einwohnern der Stadt und sie wurden, glaub' ich, Labei durch einige Nachbarn unterstützt, denen sich Archibald von Hagenbach durch Unverschämtheit und Unterdrückung verhaßt gemacht, wie Allen, die mit ihm zu thun bekamen. Wir haben ihnen dabei nicht geholfen und ich denke, man konnte von uns nicht erwarten, daß wir für die Partei ergriffen, welche uns das Schlimmste hatten anthun wollen. Aber nicht eine Pike, nicht ein Schwert, was uns gehörte oder unfern Begleitern, wurde in burgundischet Blut getaucht. Wahr ist, Archibald von Hagenbach ist auf dem Schaffet gefallen, und ich habe ihn mit Vergnügen sterben gesehen, zufolge eines Spruchs, der von einem zuständigen Gerichtshof erlassen war. Wenigstens ist er als solcher in Westphalen und allen seine» Zugehören selbst auf dieser Seite des Rheins anerkannt. Ich habe nicht nöthig, das Verfahre» desselben zurechtfertigen; aber ich erkläre, der Herzog hat hinlängliche Beweise von diesem rechtmäßigen Urtheil erhalten, und daß es reichlich verdient war durch Unterdrückung, Tyrannei und gottlosen Mißbrauch der Gewalt, das will ich mit den Waffen in der Hand gegen jede» erweisen, der es widerspricht. Aier liegt mein Handschuh." Bei diesen Worten und mit einer denselben entsprechenden 104 Bewegung warf der stolze Schweizer seinen rechten Handschuh auf den Boden des Saales. Dem Geist der Zeit gemäß, zufolge des Wunsches, sich in den Waffen auszuzeichnen, welchen jener Zeitgeist nährte und vielleicht, um deS Herzogs Gunst zu gewinnen, entstand eine allgemeine Bewegung unter de» jungen Burgundern, die Ausforderung anzunehmen. Mehr als sechs oder acht Handschuhe wurden im Augenblick von den jungen Rittern hingeworfen, die dem Austritt beiwohnten. Die enifernter Stehenden warfen sie den vo>deren über die Kopfe und jeder von ihnen rief seinen Namen und Titel, wenn er das Pfand deS Kampfes anbot. „Ich hebe sie alle auf," rief der verwegene junge Schweizer und las die Handschuhe zusammen wie einer um den andern vor ihm niederfiel. Noch mehr, Ihr Herren, noch mehr! Einen Handschuh für jeden Finger! Heran, alle nach der Reihe — ehrlichen Kampf, gerechte Richter, den Streit zu Fuß, die Waffen, zweihändige Schwerter, und ich nehme es mit zwanzig von Euch auf!" --Halt, Ihr Herren, bei Eurem Eid, halt!" sagte der Herzog, zufrieden mit dem für seine Sache bewiesenen Eifer und einigermaßen durch denselben besänftigt, für ihn lag etwas Anziehendes in der unerschrockenen Tapferkeit, die der Herausforderer darlegte, in der mit seiner eigenen verwandten Keckheit; vielleicht war es ihm auch angenehm, im Angesicht seines versammelten Hofes mehr Mäßigung beweisen zu können, als ihm anfangs möglich gewesen war. „Halt, befehle ich Euch. — Herold, lies die Handschuhe auf und gib jeden seinem Eigentkümer zurück. Gott und der heilige Georg verhüte, daß wir das Leben des letzten aus unserem burgun- dischcn Adel gegen einen Lümmel auf's Spiel setzen, wie dieser Schweizer Bauer, der nie ein Pferd bestiegen hat und nicht ein Iota von ritterlicher Höflichkeit oder von ritterlichem Anstand weiß. Geist anderswo hin mit Eurer gemeinen Prahlerei, junger Mann und wut, daß für diesmal nur der Platz Morimont die für Eut, passende Schranke und der Henker Euer gehöriger Gegner wäre. Und Ihr, Ihr Herren, feine Genossen — da Il,r diesen Lassen bas Wort für Euch führen lasset, scheint Euer Benehmen zu erwei,cn, daß die Gesetze der Natur bei Euch eben so gut verkehrt sind, als die der Gesellschaft und daß die Jugend dem Alter vorgeht wie der Bauer dem Adel. Ihr graubärtiaen Männer, sag' ich, ist keiner unter Euch, der seinen Auftrag in Ausdrücken vorzubringen vermag, wie sie ein unabhängiger Fürst anhören kann? " „Edler Herzog," antwortete der Landammann vortretend und hwß Rudolph Donnerhügel schweigen, der eine trotzige Antwort geben wollte. - „Gott verhüte, daß wir nicht im Stande sein sollten, so zu sprechen, wie es sich vor Eurer Hoheit ziemt, da wir, wie ich glaube, nur die Sprache der Wahrheit, des Friedens und der Gerechtigkeit führen werden. Wenn die Demuth Eure Hoheit geneigt machen kann, uns gütiger auzuhörcn, so bin ich bereit, mich zu erniedrigen, falls ich solches dadurch bewirke. Was mich selbst angeht, so kann ich mit Wahrheit sagen, daß ich durch meine Geburt das Recht ererbt habe, vor Herzogen und Königen, ja vor dem Kaiser selbst zu sprechen, ob ich gleich bisher aus freier Wahl als Ackersmann und Jäger in den Alpen von Unterwalden gelebt und als solcher zu sterben entschlossen bin. Es gibt Keinen in dieser erlauchten Versammlung, gnädiger Herr Herzog, dessen Blut aus edlerer Quelle flöße als Geierstein." „Wir haben von Euch gehört," versetzte der Herzog. „Die Leute nennen Euch den Bauerngrafen. Eure Geburt macht Euch Schande, oder vielleicht Eurer Mutter, wenn Euer Vater einen hübschen Knecht gehabt hat; denn ein solcher wäre der passende Vater für einen, der sich freiwillig zum Leibeigenen gemacht." „Kein Leibeigener, gnädiger Herr," crwiederte der Land- ammann, „sondern ein freier Mann, der weder Andere un- terdücken noch sich von Andern unter dem Joch halten lassen will. Mein Vater war ein edler Herr und meine Mutter eine tugendhafte Frau. Aber ein höhnender und spöttischer Scherz wird mich nicht verhindern, mich ruhig der Sendung zu entledigen, mit welcher mich mein Vaterland beauftragt. Die Bewohner der rauhen und unwirthbaren Alpenländer wünschen, mächtiger Herr, im Frieden mit alle» ihren Nachbarn zu leben und bei der Regierungsweise zu verbleiben, die sie als mit ihren Verhältnissen und Gewohnheiten am meisten übereinstimmend selbst gewählt haben. Sie lassen allen anderen Staaten und Ländern in dieser Beziehung ihren freie» Willen. Sie wünschen besonders in Frieden und Einigkeit mit dem fürstlichen Hause Burgund zu bleiben, dessen Gebiet ihre Besitzungen an so vielen Punkten berührt. Gnädiger Herr, sie wünschen es, sie gehen Euch darum an, ja sie verstehen sich dazu, Euch darum zu bitten. Man hat uns halsstarrige, unnachgiebige und freche Verächter der Macht und die Häupter von Aufständen und Empörungen genannt. Zum Beweise des Gegentheils, gnädiger Herr, finde ich, der ich noch vor Niemand als vor dem Himmel gekniet, keine Schande darin, vor Eurer Hoheit das Knie zu beugen, als vor einem unumschränkten Fürsten, der vor versammeltem Hofe auf seinem Gebiete sich befindet und von seinen Unter- thanen Verehrung als eine Pflicht und von Fremden als eine Höflichkeit zu verlangen berechtigt ist. Ein eitler Stolz," ful,r der edle a/te Man» mit feuchte» Augen fort und ließ sich auf ei» Knie nieder," wird mich nicht von persönlicher Demüthigung abhc. lten. wenn der Friede, der segensreiche, der für Gott so am icnehm und für Menschen so unschätzbar ist — in Gefahr stehl, gebrochen zu werden." Die ganze Versa; nmlung und der Herzog selbst waren gerührt von der erhübe »en Weise, mit der der wackere, alte Mann eine Kniebeugung' machte, welche augenscheinlich weder durch Furcht noch Niedriz tkeit hervorgerufen wurde. „Steht auf. Herr," > agte Karl; „wenn wir etwa« gesagt haben, was Eure persönliche Empfindlichkeit rege machen könnte, so nehmen wir es e den so öffentlich zurück, als wir es ausgesprochen und sind b ereil, Euch als einen wohlmeinenden Gesandten anzuhören. " „Ich danke Euch dafür, m ein edler Herr; und ich werde diesen Tag für einen glücklichen halten, wenn ich Worts finden kann, die der zu verfechtenden Sr>che würdig sind. Ei» Blatt, das in Euer Gnaden Hände gekornmen ist, enthält eine Aufzählung der zahlreichen Beschwerde,», welche wir von Seiten Eurer Beamten und von Romont, Graf von Savoien, Eurem Verbündeten und Rathgeber erlitten. Dieser hat dabei, wie wir zu vermuthe» berechtigt sind, ainter dem Schutz Eurer Hoheit gehandelt. Was den Grafen Romont betrifft, so hat er bereits empfunden, mit wem er zu thu» hat; aber wir haben noch keine Maßregeln ergriffen, um die Beleidigungen, die Beschimpfungen, die Störungen unseres Handels an denen zu rächen, die sich Eurer Gewalt bedient haben, um unsere Landsleute auf ihren Reisen festzunehmen, unsere Maaren zu rauben, sie in s Gefängniß zu werfen und sogar in einigen Fällen hiuzurichten. In Bezug auf Len Streit zu La Ferette kann ich blos von dem Zeugniß geben, was ich gesehen habe. Mir haben daran keinen Antheil genommen und keine Veranlassung dazu gegeben. Indessen ist es unmöglich, daß eine unabhängige Nation die Wiederholung solcher Beleidigungen dulde. Wir sind entschlossen, frei und unabhängig zu bleiben oder in Vertheidigung unserer Rechte zu fallen. WaS muß daraus folgen, wenn Eure Hoheit nicht auf die Vorschläge hört, die ich zu machen beauftragt bin? Ein Krieg lind ein V rtilgungskrieg; denn so lange einer aus unserer Genossenschaft eine Hellebarde schwingen kann, so lange wird, hat der unglückliche Kampf einmal begonnen, Krieg sein zwischen den mächtigen und reichen Staaten Eurer Hoheit und unseren armen und unfruchtbaren Kantonen. Und was kann der edle Herzog von Burgund bei einem solchen Streit gewinnen? Reicht! um und Beute? Ach. Euer Gnaden, es ist mehr Gold und Silber a» Zaum und Gebiß der Pferde Eurer Leibwache, als im öffentlichen Schatz oder bei Privatleuten in unserer ganzen Eidgenossenschaft gefunden werden mag. Trachtet 2hr nach Ruhm und Ehre? Es ist wenig Ehre zu gewinnen, wenn ein zahlreiches Heer einigen zerstreuten Haufen, wenn eisenbedeckte Männer halbbewaffneten Ackerleuten und Schäfern cntgegcnstehen; — ein solcher Sieg brächte wenig Ruhm. Wenn aber, wie alle Christen glauben, und wie das Andenken an die Zeiten unserer Väter alle meine Landsleute vertrauensvoll hoffen läßt, der Gott der Schlachten die Waage der geringeren Anzahl und der schlechteren Bewaffnung zuneigte, so überlasse ich es Euch selbst, zn beurtheilen, wie sehr in einem solchen Fall die Würde und der Ruf Eurer Hoheit leiden Müßte. Wollt Ihr mehr Unterthanen, mehr Gebiet durch einen Krieg mit Suren Nachbarn in den Bergen erringen? Wißt, wenn es Gott gefällt, so könnt Ihr unsere unfruchtbaren und steilen Gebirge erobern; aber wir werden uns, wie 109 unsere Vorfahren vor Alters, eins Znslncht in wilderen und entlegeneren Einöden suchen, und wen» wir bis anf'S Aeußerste widerstanden, so werden wir in den Eiswüsten unserer Gletscher sterben. Ja, Männer, Weiber und Kinder werden sich eher mit einander der Vernichtung übergeben, ehe ein freier Schweizer einen fremden Herrn anerkennt." Die Rede des Landammanns machte eine» sichtbaren Eindruck auf die Versammlung. Der Herzog bemerkte dies und sein anererbter Starrsinn wurde abermals durch die günsliqe Stimmung aufgercizt, die er allgemein gegen den Gesandten herrschen sah. Diese üble Eigenschaft überwältigte die Wirkung, welche die Anrede des edel» Biedermann auf ibn gemacht hatte. Er antwortete mit gerunzelter Stirne und unterbrach den Greis, welcher eben weiter forkfahren wollte, — „Ihr urtyeilt falsch. Herr Graf, oder Herr Landammann, oder wie Ihr Euch nennen mögct, wenn Ihr glaubt, wir wolle» Euch in der Hoffnung auf Beute oder auS Ruhmsucht bekriegen. Ohne daß Ihr es uns zu sage» braucht, wissen wir, daß weder Nutzen noch Ruhm zu erlangen ist, wenn wir Euch b. siegen. Aber Fürsten, denen der Himmel die Gewalt dazu gegeben, müssen eine» Haufe» Räuber ausrotten, wenn es auch eine Schande ist, die Schwerter mit ihnen zu messen. Wir Hetzen eine Heerde Wölfe zu tott, obgleich ihr Fleisch nur Aas und ihr Fell zu nichts nütze ist." Der Landammann schüttelte sein graues Haupt und cnt- geqnete, ohne irgend eine Erregung zu verrathen, ja beinahe lächelnd, — „Ich bin ein älterer Waitmann als Ihr, gnädiger Herr Herzog — und vielleicht babe ich auch mehr Erfahrung. Der kühnste, der keckste Jäger verfolgt den Wolf nicht ohne Gefahr in seine Hohle. Ich habe Euer Gnaden gezeigt, wie wenig zu gewinnen ist und wie viel Ihr zu ver- ItO licren waget, wenn Ihr, so mächtig Ihr auch seid, Euch in einen Krieg mit entschlossenen und verzweifelten Leuten einlasset. Erlaubet mir nun, Euch zu sagen, was wir zu thun bereit sind, um einen aufrichtigen und dauernden Frieden mit unserem mächtigen Nachbar von Burgund zu Stande zu bringen. Euer Gnaden ist im Begriff, Lothringen wegzunehmen, und es scheint wahrscheinlich, daß sich Eure Gewalt unter einem so thätigcn und unternehmenden Fürsten bis an die Ufer des mittelländischen Meeres ausdehuen wird — seid unser edler Freund und aufrichtiger Bundesgenosse und unsere Berge, von Kriegern vertheidigt, die mit dun Siege vertraut sind, werden Euch als Bormauern gegen Deutschland und Italien dienen. Um Euretwillen wollen wir uns in Unterhandlungen mit dem Grafen von Savoien einlaffen und ihm unsere Eroberungen unter den Bedingungen zurückgeben, die Euer Gnaden sür billig erkennen. Ueber die Klagen, die wir wegen des Vergangenen gegen Eure Statthalter und Befehlshaber an der Gränze zu erheben hätten, wollen wir Stillschweigen beobachten, sofern wir die Zusicherung erhalten, daß solche Angriffe für dis Zukunft unterbleiben. Ja, »och mehr, und das ist mein letztes und wichtigstes Anerbieten, wir wollen dreitausend unserer jungen Leute Eurer Hoheit zum Beistand in jedem Kriege schicken, den Ihr gegen Ludwig von Frankreich oder den Kaiser von Deutschland unternehmen möget. Das ist — ich darf es mit Stolz und in Wahrheit sagen — ein ganz anderer Schlag Leute, als der Auswurf von Deutschland und Italien, die sich zu Haufen von Mieth- truppen bilden. Und wenn der Himmel Cure Hoheit zu Annahme unseres Erbietens bestimmt, so werdet Ihr in Eurem Heere eine Schaar haben, die ihr Leben auf dem Schlacht- llt selbe läßt, ehe auch mir ein Mann die geschworene Treue bricht." Ein schwärzlicher, aber großer und schöner Mann, in einem reich mit maurischer Arbeit verzierten Harnisch, subr hier vom Sitze auf, als würde er durch eine Bewegung fvrt- geriffen, der er nicht zu widerstehen vermochte. Es war der Graf Campobasso, der Befehlshaber von Karl's italienischen Micthtruppen. Er besaß, wie schon angedeutet, viel Einfluß auf den Herzog und verdankte diesen besonders der Geschicklichkeit, mit der er sich den Meinungen und Vorurthcilen seines Herrn fügte, und ihm scheinbare Gründe lieferte, um die Hartnäckigkeit des Herzogs in seinen Entwürfen zu recht- fertigen. „Die hohen Anwesenden müssen mich entschuldigen," sagte er, „wenn ich das Wort ergreife, um meine Ehre und die der guten Lanzen zu vertheidigen, welche meinem Stern aus Italien gefolgt sind, um dem tapfersten Fürsten in der Christenheit zu dienen. Ich hätte gewiß ohne Empfindlichkeit die beleidigende Sprache dieses grauhaarige» Bauern anhören können, da seine Worte auf einen Ritter und Edelmann nicht mehr Eindruck zu machen vermögen, als das Gebell eines Bauernhunds. Aber, da ich höre, daß er den Vorschlag macht, Haufen von meuterischen, rohen Lümmeln mit Eurer Hoheit Truppen zu vereinigen, so muß ich ihm erklären, daß unter Meinen Leuten kein Stallbube ist, der in solcher Genossenschaft fechten möchte. Ich selbst, der ich durch tausend Bande der Dankbarkeit dazu verpflichtet bin, könnte mich nicht entschließen, neben solchen Kameraden zu dienen. Ich würde meine Fahnen Zusammenlegen und fünftausend Mann nicht unter das Banner eines edleren Herrn führen, denn die Welt besitzt keinen solchen — aber ich würde Kriege aufsuche», bei 112 denen wir nicht über unsere Waffengefährten zu errothe» brauchten." „Still, Campobasso," sagte der Herzog, „und seid versichert, Ihr bienet einem Fürsten, der Euren Werth zu genau kennt, um ihn für die unerprvbken und unzuverlässigen Dünste, von Leuten auszutauscken, welche wir blos als boshafte und lästige Nachbarn kennen gelernt haben." Hierauf wandte er sich zu Arnold Biedermann und redete in kaltem und ernstem Tone also zu ihm: „Herr Landam- mann, wir haben Euch ruhig angehört; wir haben auf Euch gehorcht, obgleich Ihr mit Händen vor uns tretet, welche noch gefärbt sind von dem Blute unseres Dieners, Arcbibald von Hagenbach. Denn angenommen auch, er sei durch eine elende Verbindung ermordet worden, — die bei Sankt Georg! nie, so lange wir leben und regieren, ihr giftiges Haupt auf dieser Seite des Rheins erheben soll, so ist doch unläugbar und wird von Euch nicht in Abrede gestellt, Laß Ihr Zeuge» dieses Verbrechens gewesen seid, daß Ihr mit den Waffen in der Hand demselben beigewohnt und die meuchle, ische Tliat durch Eure Anwesenheit crmulhigt habt. Geht beim in Eure Berge und danket Golt, daß Ihr lebendig zurückkehren könnet. Saget denen, welche Euch geschickt, daß ich bald an Euren Gränzen sein werde. Eine Gesandtschaft Eurer angesehensten Personen, die einen Strick um den Hals, eine Fackel in der linken Hand und mit der rechten das Schwert an der Spitze hallend, vor uns erscheint, kann erfahren, auf welche Bedingungen hin wir Euch Friede» gewahren." „Dann fahre hin, Frieden, und willkommen sei der Krieg," erwiederte der Landammann. „Mögen seine Plagen und Flüche auf die Häupter derer zurückfallen, die Blut und Streit einer friedlichen Verbindung verziehen. Ihr werdet 113 uns an unseren Granzen finden, aber die bloßen Schwerter und ,'l,r Griff, nicht die Spitze wird in unserer Hand sein. Karl von Burgund, Flandern und Lothringen, Herzog von sieben Herzogthiiniern, Graf von siebzehen Grafschaften, ich sage Euch auf und erkläre Euch den Krieg ini Namen der verbündeten Kantone und Anderer, die sich mit ihnen verbinden werden. Hier ist der Absagebrief." Der Herold nahm von Arnold Biedermann die verhäng- nißvolle Erklärung. „Le>'t sie nicht, Herold des goldenen Vließes!" rief der Hochmüthige Herzog. „Laßt sie den Nachrichter am Schweif seines Pferdes durch die Straßen schleppen und an den Galgen nageln, um zu zeigen, wie hoch wir den elenden Wisch anschlagen und die welche ihn gesandt. — Fort, Ihr Herren." sagte er zu den Schweizern, „packt Such in Eure Wildnisse, so schnell Euch Eure Füße dahin tragen wollen. Wenn wir einander das nächstemal treffen, sollt Ihr besser erfahren, wen Ihr beleidigt habt. — Führt unser Pferd vor — die Versammlung ist aufgehoben." Der Maire von Dijon näherte sich, während Alles in Bewegung war, um de» Saal zu verlassen, abermals dem Herzog und drückte ängstlich die Hoffnung aus, Seine Hoheit werde geruhen, an einem Festmahle Theil zu nehmen, welches der Gemeinderath in der Erwartung bereitet hätte, er würde ihnen diese Ehre erweisen. „Nein, bei Sankt Georg von Burgund, Herr Maire," antwortete Karl mit einem der stechenden Blicke, durch welche er Unwillen und Verachtung auszudrücken gewohnt war, — „das Frühstück, das Ihr unS aufgetragen, hat uns nicht so gut geschmeckt, daß wir es für passend hielten, unserer guten Stadt Dijon die Sorge für unser Mittagessen anzuvertrauen." Anna v. Geierstein »i. 8 114 Mit diesen Worten wandte er dem betroffenen Beamten ohne Weiteres den Rücken, stieg zu Pferd und ritt in lebhaftem Gespräch mit dem Grafen Campobasso zurück in sein Lager. „Ich würde Euch ein Mittagessen anbieten, mein gnädiger Herr von Oxford," sagte Cvlvin zu dem Engländer, als er vor seinem Zelte abstieg, „aber ich sehe voraus, daß Ihr vor den Herzog gefordert werdet, ehe Ihr einen Bissen genießen könnet, denn es ist Karls Art, wenn er einen verkehrten Weg eingeschlagen, daß er sich mit seinen Freunden und Räthen so lange herumstreitet, bis er ihnen bewiesen, er sei auf dem rechten Weg, und wahrhaftig, den geschmeidigen Italiener bekehrt er immer zu seiner Meinung." Colvin's Prophezeihung wurde alsbald verwirklicht; denn fast unmittelbar darauf forderte ein Page den englischen Kaufmann Philipson auf, sich zum Herzog zu begeben. Ohne einen Augenblick zu warten, sprudelte Karl eine unzusammenhängende Fluth von Borwürfen gegen die Stände seines Herzogthums heraus, weil sie ihm in einer so unbedeutenden Sache ihre Unterstützung verweigert hätten. Dann erging er sich in Erklärungen darüber, wie er sich in die Nvthwendigkeit verseht sehe, die Verwegenheit der Schweizer zu züchtigen. „Auch du, Oxford," schloß er, „bist ungeduldig und närrisch genug, um zu wünschen, ich möchte mich in einen entfernten Krieg mit England einlassen und Truppen über's Meer führen, wenn ich solche unverschämte Meuterer an meinen eigenen Gränzen zu bestrafen habe?" Als er endlich schwieg, setzte ihm der Graf mit ehrerbietigem Ernst die Gefahr auseinander, die damit verbunden zu sein schien, wenn er sich mit einem Volk einließe, das zwar arm, aber wegen seiner Mannszucht und seines Muthes allgemein gefürchtet wäre. „Da dies Alles unter den Augen eines so gefährlichen Nebenbuhlers geschehen muß, als Ludwig von Frankreich ist," fuhr er fort, „so steht fest, daß er Eure Feinde unter der Hand unterstützen wird, wenn er sich nicht offen mit ihnen vereinigt." Aber in diesem Punkt blieb des Herzogs Entschluß unerschütterlich. „Man soll nimmer von mir sagen," rief er, „daß ich Drohungen ausgestoßen und nicht gewagt, sie zu verwirklichen. Die Bauern haben mir den Krieg erklärt, und sollen erfahren, wessen Zorn sie unbedachterweise gereizt. Ich gebe aber darum deinen Plan nicht auf, mein guter Oxford. Wenn du mir die Abtretung der Provence zuwege bringen und den alten Rene dazu bewegen kannst, die Sache seines Enkels, Ferrand von Vaudemont in Lothringen aufzugeben, so wird es schon der Mühe wertl, sein, daß ich dir gehörigen Beistand leiste gegen meinen Bruder Blackburn. Der wird bann seine Besitzungen in England verlieren, während er Gesundheiten aus Flaschen trinkt. Werde nicht ungeduldig, wenu ich meine Truppen nicht im Augenblick über den Ocean schicken kann. Der Marsch auf Neufchatel, den ich vorhabe, weil dieses, denk' ich, der nächste Ort ist, wo ich die Bauern finden werde, ist nichts als ein Morgenausflug. Ich hoffe, du gehst mit uns, alter Gesell. Ich möchte gerne sehen, ob du in jenen Gebirgen vergessen hast, wie man ein Roß besteigt und eine Lanze einlegt." „Ich werde Euer Gnaden folgen," sagte der Graf, „das ist meine Pflicht, denn meine Bewegungen müssen von Eurem Willen abhängen. Aber ich werde keine Waffen tragen, besonders nicht gegen dieses Schweizervolk, bei dem ich Gast- 8 * 116 freundschast genossen habe; eS wäre denn zu meiner eigenen Verteidigung." „Gut," versetzte der Herzog, „sei es so! wir werden an Euch einen trefflichen Richter haben, uni uns zu sagen, wer gegen Liesen Bengel aus den Bergen am besten seine Schuldigkeit thut." In diesem Augenblick wurde das Gespräch durch ein Klopfen am Eingang deS Zelts unterbrochen, und gleich danach trat der Kanzler von Burgund in großer Hast und Aengst- lichkeit herein. „Neuigkeiten, gnädiger Herr — Neuigkeiten auS Frankreich und England," sagte der Prälat. Als er hier die Anwesenheit eines Fremden gewahr wurde, blickte er auf Len Herzog und schwieg. „Cs ist ein zuverlässiger Freund, mein Herr Bischof," sagte der Herzog; „Ihr könnt Eure Neuigkeiten vor ihm loSlaffen." „Es wird bald allgemein bekannt sein," erwiederte der Kanzler — „Ludwig und Eduard haben sich völlig verständigt." Der Herzog wie der Kanzler geriethen in Bestürzung. „Ich habe das erwartet," sagte der Herzog, „aber nicht so bald!" „Die Könige haben sich getroffen," antwortete der Minister. „Wie — in der Schlacht?" fragte Orfvrd, der sich in seinem großen Eifer vergaß. Der Kanzler war etwas überrascht; da aber der Herzog eine Antwort von ihm zu erwarten schien, erwiederte er, „Nein, Herr Fremder — nicht in der Scdlacht, sondern nach einer Verabredung, in Frieden und Freundschaft." „Das muß recht sehenswerth gewesen sein," sagte der Herzog, „wie sich der alte Fuchs Ludwig und mein Bruder 117 Black — ich meine, mein Bruder Eduard — trafen. Wo hielten sie ihre Zusammenkunft?" „Auf einer Brücke über die Seins, bei Picquigny." „Ich wollte du wärest dabei gewesen," sagte der Herzog mit einem Blick auf Orford, „mit einer guten Streitaxt in der Hand, um einen hübschen Streich für England und einen andern für Burgund zu führen. Mein Großvater wurde gerade bei einer solchen Zusammenkunft auf der Brücke von Monlereau an der Donne, verrätherischerweise erschlagen." „Um einem ähnlichen Fälle vorzubeugen," sagte der Kanzler, „wurde ein starkes Schutzgatter auf der Mitte der Brücke angebracht, wie man es an den Käfigen sieht, in welchen man die wilden Thiere einsperrt. ES blieb ihnen nicht einmal die Möglichkeit, sich die Hand zu geben." „Ha, ha! bei Sankt Georg, das riecht ganz nach Lud- wig's Mißtrauen und Vorsicht; denn der Engländer, um Jeden in seinem Werty zu lassen, kennt die Furcht eben so wenig als die Politik. Aber über was sind sie übereingekommen? Wo wird das englische Heer Winterquartiere beziehen? Welche Städte, Festungen und Schlösser werden ihm als Pfand oder für immer überlassen?" „Keine, mein Lehensherr," versetzte der Kanzler. „Die englische Armee kehrt nach Hause zurück, so schnell als Fahrzeuge zur Fortschaffung derselben beigebracht werden können, und Ludwig wird ihnen jedes Segel, jedes Ruder in seinem Gebiet leihen, damit sie augenblicklich Frankreich räumen." „Und durch welche Zugeständnisse hat Ludwig einen für seine Angelegenheiten so nvthwendigen Frieden erkauft?" „Durch schöne Worte," antwortete der Kanzler; „durch freigebige Geschenke und etwa fünfhundert Fässer Wein." 1l8 „Wein!" rief der Herzog — „hast du je dergleichen gehört, Signor Philipsvn? Meiner Treu, deine Landsleute sind wenig besser als Esau, der seine Erstgeburt für ein Linsengericht verkaufte. Wahrhaftig, ich muß gestehen, daß ich nie einen Engländer gesehen, der gerne einen Handel mit trockenen Lippen gemacht hätte." „Zch kann diese Nachrichten kaum glauben," entgegnete der Graf von Orford. „Wenn Eduard zufrieden wäre, das Meer mit fünfzigtauscnL Engländern blos zu überschreiten um wieder heimkehren zu können, so gibt es in seinem Lager stolze Edelleute und mnthige Gemeine genug, um sich einem so schmählichen Plane zu widersetzen." „Das Geld Ludwig's," erwiederte der Staatsmann, „hat edle Hände gefunden, die geneigt waren, sich zu öffnen und es in Empfang zu nehmen. Der französische Wein hat alle Hälse im englischen Heere überschwemmt. Die Schmausereien und die Unordnung hatten keine Gränzen — und einmal war die Stadt Amiens, wo König Ludwig selbst sich aufhielt, so voll von lauter betrunkenen, englischen Bogenschützen, daß der König von Frankreich beinahe in ihrer Gewalt war. Ihr Sinn für Nativnalchre ist in dem allgemeinen Gelage untergegangen. Die unter ihnen, welche noch mehr auf Anstand halten und die Staatsklugen spielen, sagen, sie seien nach Frankreich gekommen, im Einverständniß mit dem Herzog von Burgund; da aber dieser Fürst sein Wort nicht gehalten und seine Streitkräfte nicht mit den ihrigen vereinigt habe, so sei es von ihnen, in Betracht der Jahreszeit und der Unmöglichkeit Winterquartiere zu bekommen, gut, klug und recht gehandelt gewesen, daß sie von Frankreich eine Kriegssteuer genommen haben, und im Triumph nach Hause zurückgekehrt seien." „Und Ludwig" sagte Oxford, „volle Freiheit ließen, Burgund mit allen seinen Kräften anzugreifen?" „Keineswegs, Freund Philipsou," crwiederte Herzog Karl! „wisse, es besteht ein siebenjähriger Waffenstillstand zwischen Frankreich und Burgund. Wäre er nicht geschlossen und unterzeichnet, so hätten wir wahrscheinlich Mittel finden können, dem Vertrag zwischen Ludwig und Eduard ein Hinderniß in den Weg zu legen, und hätten wir diese gefräßigen Inselbewohner während der Wintermonate auf unsere Kosten mit Ochsenfleisch und Bier füttern müssen. — Herr Kanzler, Ihr könnt Euch entfernen, aber bleibt so nahe, daß man Euch schnell holen kann." Als der Minister das Zelt verlassen hatte, trat der Herzog, welcher mit seinem barschen und herrischen Wesen viel Güte verband, wenn man eS nicht eine angeborene Großmuth nenne» konnte, auf den lancastrisen Edelmann zu. Dieser stand da, wie einer, zu dessen Füßen eben der Blitz eingeschlagen hat und der noch von dem Schrecken über den Schlag ergriffen ist. „Mein armer Oxford," sagte er, „du bist erstarrt über diese Nachricht, denn du kannst nicht zweifeln, Laß sie eine schlimme Wirkung auf den Plan Hervorbringen werde, welchen deine ehrliche Brust mit so viel Ergebenheit und Treue genährt. Ich wünschte um deinetwillen, daß ich die Engländer etwas länger hätte in Frankreich zurückhalten können. Ter Versuch würde aber meinem Waffenstillstände mit Lud'wig ein Ende und mir folglich unmöglich gemacht haben, die elenden Kantone zu züchtigen und ein Heer nach England zu schicken. So wie die Sachen jetzt stehen, laß mir nur eine Woche, um die Bergbewohner zu bestrafen, und du sollst mehr Truppen bekommen, als deine Bescheidenheit für dein Unternehmen ge- 120 fordert hat. Mittlerweile werde ich Sorge tragen, daß Blackburn und seine Vettern, die Bogenschützen von Flandern aus nickt mit Fahrzeugen unterstützt werden. Ruhig, Mann, fürchte nichts — du wirst lange vor ihnen in England sein. Nochmals, verlasse dich auf meinen Beistand, immer, wie du du weißt und sich versteht, wenn die Abtretung der Provence zu Stande gebracht ist. Die Diamanten unserer Base Mar- garathe müssen wir einige Zeit behalten; und vielleicht können sie nebst einigen von den unsrigen als Pfand gelten, wenn wir die gottselige Absicht ausführen und die gefangenen Engel unserer flämischen Wucherer in Freiheit setzen, die nicht einmal ihrem Fürsten ohne gute gangbare Sicherheit etwas leihen wollen. Zu solchen Auskunftsmitteln zwingt uns für den Augenblick der Geiz und Ungehorsam unserer Stände. „Ach, gnädiger Herr," sagte der niedergeschlagene Edelmann, „ich wäre undankbar, wenn ich an der Aufrichtigkeit Eurer guten Absichten zweifeln wollte. Aber wer kan» die Ereignisse des Kriegs vorhersehen, besonders wenn die Zeit zu augenblicklicher Entscheidung drängt. Es gefällt Euch, mir Euer Zutrauen zu schenken, Hoheit; dehnet es noch etwas weiter aus- Ich will mein Pferd nehmen und den, Laudammann nachreiten, wenn er schon fort ist. Ich zweifle kaum, ich werde eine solche Uebereinkunft mit ihm treffen können, daß Ihr an Eurer ganzen südöstlichen Gränze sicher seid. Dann könnt Zhr in.Lothringen und der Provence ruhig Euren Willen durchführen. „Sprich mir nicht davon," erwiederte der Herzog heftig; „du vergißt dich und mich, wenn du glaubst, ein Fürst, der sein Wort gegen sein Volk verpfändet, könne es zurücknehmen, wie ein Kaufmann, der um seine elenden Maaren schachert. Geht, wir werden Euch beistehen, aber wir selbst wol- _ 121 len entscheiden wenn und wie. Da wir es jedoch mit unserer unglücklichen Base von Anjou gut meinen und Euer guter Freund sind, s» werden wir in der Sache nicht zaudern. Unser Heer hat Befehl, diesen Abend noch aufzubrechen und sich gegen Neufchatel hinzuziehen. Dort sollen die stolzen Schweizer eine Probe von Feuer und Schwert bekommen, wie sie es gefordert haben." Oxford stieß einen tiefen Seufzer aus, machte aber keine weitere Gegenvorstellung. Er that wohl daran, denn er hätte dadurch wahrscheinlich blvs Len hitzigen Fürsten noch mehr aufgereizt, während er sicher den Entschluß desselben nicht im Mindesten abgeändert haben würde. Er nahm Abschied von dem Herzog und kehrte zu Colvin zurück, den er in dis Geschäfte seines Fachs verlieft und mit Vorbereitungen für die Weiterschaffung des Geschützes beschäftigt fand. Diese Arbeit machte die Unbehilflichkeit der Stücke und der abscheuliche Zustand der Straßen damals noch viel mühsamer als heutzutage, obgleich sie auch jetzt noch eine der beschwerlichsten Bewegungen auf dem Marsch einer Armee ist. Der Geschützmeister bewillkommts Oxford mit vieler Freude, und wünschte sich Glück zu der ausgezeichneten Ehre, sich seiner Gesellschaft während des Feldzugs erfreuen zu dürfen. Er theilte ihm mit, daß er auf besonderen Befehl des Herzogs paffende Vorkehrungen für seine Bequemlichkeit getroffen hätte, die zwar dem angenommenen Stande, den er beibehalten wollte, angemessen, aber in jeder andern Beziehung so anständig wären, als man es in einem Lager erwarten könnte. Siebentes Kapitel. Es war ein heit'rer Man». — Des Winters Schnee Fiel, doch durchkältet er ihn nicht. Der Frohsinn Gab seinem muntern Kops am Schluß des Lebens Solch' seltsame Gebilde, wie im Sinken Die Sonne auf den weißen Gletschern bildet. Die starres Eis mit tausend Farben malt. Altes Lustspiel. Wir wollen jetzt den Grafen von Orford im Gefolge des eigensinnigen Herzogs von Burgund auf einen Zug verlassen, welchen dieser als einen kurzen Ausflug, mehr als eine Zagd- parthie, denn als einen Feldzug darstcllte, der Engländer aber für ernsthafter und gefährlicher ansah. Wir kehren zu Arthur von Vere zurück, oder dem jungen Philipson, wie man ihn ebenfalls noch immer nannte. Er ward von seinem Führer getreulich und mit Glück, aber gewiß sehr langsam auf seiner Fahrt in die Provence geleitet. Lothringen war damals vom Heere des Herzogs von Burgund überschwemmt und wurde zugleich von verschiedenen zerstreuten Bunden beunruhigt, welche sich in offenem Felde hielten oder die Burgen, wie sie ungaben, zum Vortheil der Grafen Ferrand von Vaudemvnt besetzten. Dieser Zustand der Dinge machte eine Reise so gefährlich, daß man oft die Hauptstraße verlassen und Umwege und Fußsteige einschlagen mußte, um der unerfreulichen Begegnung auezuweichen, welche Len Reisenden sonst zugestoße» wäre. Arthur war durch traurige Erfahrung mißtrauisch gegen fremde Führer geworden, fand sich aber doch auf dieser ereig- nißreichen und gefährlichen Reise veranlaßt, seinem gegenwärtigen Wegweiser, Thiebold, einem Provencalen von Geburt, mehr Vertrauen zu schenken. Derselbe erwieß sich vollkommen vertraut mit den Wegen, die er betrat, und soweit sich das beurtheilen ließ, hatte er Len besten Willen, sich seines Geschäfts redlich zu entledigen. Die Klugheit sowohl als die Gewohnheiten, die er sich auf Reisen zu eigen gemacht, und der Stand eines Kaufmanns, den er noch immer behauptete, hielten Arthur ab, das stolze Wesen, die hockmüthigc Ueber- legenheit eines Ritters und Cdelmannes gegen eine untergeordnete Person an den Tag zu legen. Er nahm mit Recht an, ein freier Verkehr mit diesem Manne, der nickt unbedeutende Fähigkeiten zu besitzen schien, werde ihn eher in Stand setzen, über die Meinungen und Gesinnungen desselben gegen ihn zu urtheileu. Als Entsckädigung für diese Herablassung erhielt er einen guten Theil Belehrung über die Provinz, von der sie jetzt nicht mehr fern waren. Je näher sie den Gränzen der Provence kamen, desto fließender und anziehender wurden die Mittheilungen Thie- bolds- Er wußte nicht bloS die Name» und die Geschichte jeder romantischen Burg, an der sie auf ihrer abgelegenen und schwierigen Straße vorüber kamen, sondern ihm stand 124 auch die Geschichte der Thate» zu Gebote, welche die edeln Barone, die jetzigen oder früheren Eigenthümer der Schlösser verrichtet. Er konnte von ihren Zügen gegen die Sarazenen erzählen, wie sie die Angriffe derselben auf die Christenheit zurück getrieben und wie sie sich bemüht batten, das heilige Grab den Händen der Heiden zu entreißen. Im Verlauf solcher Berichte kam Thwbold auf die Troubadours zu sprechen; eine Art von Dichtern provencalischen Ursprungs, die sich völlig von den Minstrels der Normandie und der angrän- zenden französischen Provinzen unterschieden. Die Rittergeschichten der letzteren und die zahlreichen Uebertragungen ihrer Arbeiten in die normännisch-französische und englische Sprache waren Arthur'», wie den meisten adeligen Jünglingen seines Vaterlandes völlig bekannt. Thiebold rühmte, daß sein Großvater, zwar von niedriger Geburt, aber von ausgezeichneten Anlagen einer aus diesen vom Himmel begünstigten Sängern gewesen sei, deren Lieder auf die Verhältnisse und Sitten ihres Zeitalters und Landes einen so großen Einfluß äußerten. Es blieb indessen zu bedauern, daß die Dichtungen der Troubadours als erste Pflicht des Lebens einen schwärmerischen Geist der Artigkeit gegen Frauen anempfahlen, welcher manchmal die vorgeschriebenen Gränzen einer platonischen Zuneigung überschritt, und daß sie ihre Kunst häufig benutzten, um das Herz zu verweichlichen und zu verführen und die Grundsätze zu untergraben. Arthur s Aufmerksamkeit wurde auf diesen Punkt durch einen Gesang Thiebolds hingeleitet, worin er ziemliche Geschicklichkeit an den Tag legte und die Geschichte eines Troubadours, Namens Wilhelm Gabestaing, vortrug. Dieser war verliebt in eine schöne und edle Dame, Margarethe, die Frau eines Freiherrn Reimund von Roussillon. Der eifersüchtige 125 Ehemann erhielt Beweise von seiner Schande und ermordete Gabestaing meuchlerisch. Darauf nahm er ihm das Herz auS der Brust, ließ es wie das eines Thieres zurichten und seiner Gemahlin auftrage». Als sie das schreckliche Mahl genossen, sagte er ihr, aus was es bestanden. Die Dame erwiederte, daß keine gröbere Nahrung über ihre Lippen kommen sollte, nachdem sie so köstliche Speise zu sich genommen; sie beharrte auch auf ihrem Entschluß und tödtete sich auf diese Art selbst durch Hunger. Der Troubadour, der diese traurige Geschichte bearbeitet, hatte dabei ziemlich viel dichterischen Geist entwickelt. Den Fehltritt der Liebenden schrieb er dem Verhäng- niß zu, ihr klägliches Geschick schilderte er mit besondrer Lebhaftigkeit, verwünschte zum Schluß die blinde Wuth des Gatten mit allem Feuer dichterischen Zorns und sprach mit rachsüchtiger Lust davon, wie jeder tapfere Ritter und treue Liebende im südlichen Frankreich des Freiherrn Burg berennen half, wie sie dieselbe mit gewaffneter Faust erstürmten, keinen Stein davon auf dem andern ließen und den Tyrannen selbst einem schimpflichen Tode übergaben. Arthur ward angezogcn von der traurigen Erzählung, die ihm sogar ein paar Thrä- nen ablockte; bei weiterem Nachdenken über den Inhalt derselben trocknete er aber seine Augen und sagte mit einigem Ernst: — „Thiebold, sing mir keine solche Lieder mehr. Ich habe von meinem Vater sagen gehört, daß die leicbteste Art einen Christen zu verderben, die ist, wenn man dem Laster das Mitleid und Lob zollt, welches nur die Tugend verdient. Dein Freiherr von Roussillon ist ein Ungeheuer von Grausamkeit; aber deine unglücklichen Liebenden waren nicht weniger schuldig. Wenn man schlechten Handlungen schöne Namen gibt, so werden die, welche von dem nackten Laster zurück- 126 beben würden, zu Ausübung desselben unter dem Gewände der Tugend eiugeleitet" „Ihr müßt wissen, Signore," antwortete Thiebold, „daß dieses Lied von Gabestaing und der Dame Margarethe von Roussillon für ein Meisterstück in der fröhlichen Kunst gilt. Pfui, Herr, Ihr seid zu jung, um ein so strenger Sittenrichter zu sein. Was wollt Ihr denn thun, wenn Euer Haar grau ist, da Ihr jetzt schon so ernst seid, während eS kaum braun geworden?" „Ein Haupt, das in der Jugend auf Thorheiten horcht, wird im Alter nicht groß geehrt sein," erwiederte Arthur. Thiebold hatte nicht Lust, den Streit weiter fortzusetzen. „Es steht mir nickt an, mit Euer Ehren zu rechten. Ich denke blvs mit jedem ächten Sohn des Ritterthums und Gesangs, daß ein Ritter ohne Geliebte einem sterncnlosen Himmel gkicht." „Weiß ich das vielleicht nicht?" versetzte Arthur; „aber doch ist es besser in Dunkelheit zu bleiben, als von solch falschen Lichtern geführt zu werden, die uns in Laster und Seuchen stürzen." „Es mag sein, daß Ihr Recht habt, Herr," erwiederte der Führer. „Gewiß ist, daß wir selbst in der Provence viel von unserem scharfen Urtheil über Sachen der Liebe, über ihre Schwierigkeiten, Verwickelungen und Jrrthümer verloren haben, seit die Troubadours nicht mehr im alten Ansehen stehen und der hohe und edle Minnehof seine Sitzungen z» halten aufgehört hat." „Aber in neueren Zeiten," fuhr der Provencale fort, „sind Könige, Herzoge und Fürsten nicht mehr die ersten und getreuesten Vasallen des Minnehofs, sondern Sklaven der 127 Selbst- und Gewinnsucht. Statt die Herzen dadurch zu gewinnen, daß sie in den Schranken Lanzen brechen, brechen sie die Herzen ihrer durch die grausamsten Erpressungen verarmten Lebcnsleute. Statt, daß sie suchen, das Lächeln und die Gunst ihrer Geliebten zu verdienen, denken sie darüber nach, wie sie Burgen, Städte und Provinzen ihren Nachbaren abnehmen können. Aber lang lebe der gute und verehrungswürdige König Renö! So lange man ihm eine Hufe Landes läßt, wird sein Aufenthalt der Sammelplatz aller tapferen Ritter sein, die blos nach Waffenruhm streben. Alle treuen Liebenden, die vom Schicksal verfolgt sind, alle berühmten Harfenspieler, die Treue und Tapferkeit zu verherrlichen wissen, werden bei ihm einen Zufluchtsort finden." Arthur'» lag daran, Näheres über diesen Fürsten zu erfahren, als er durch den allgemeine» Ruf bereits von ihm wußte, und er brachte den gesprächigen Provencalen leicht dazu, sich über die Eigenschaften seines alten Fürsten weiter auszulassen. Er schilderte ihn als gerecht, fröhlich, fromm, als einen Freund der edelsten Leibesübungen, der Jagd und des Turniers und noch mehr der lustigen Dichtkunst und Musik; er verschenke, sagte Thiebold, mehr als er einnehme, an irrende Ritter und wandernde Musikanten, sein kleiner Hof wimmele vvn solchen Leuten und dieser sei einer der wenigen, an welchen noch die alte Gastfreiheit beobachtet werde. Das war das Gemälde, welches die Führer von dem letzten König der Minstrels entwarf; und obgleich die Lobeserhebungen übertrieben wurden, waren es doch vielleicht die Thatsachen nicht. Von königlichen Eltern und mit hohen Ansprüchen geboren, hatte Rens es zu keiner Zeit seines Lebens verstanden, sein Glück mit seinem Recht ins Gleichgewicht zu bringen. Von den Reichen, deren Besitz er fordern konnte, blieb ihm nichts als die Grafschaft Provence. Diese hübsche und freundliche Herrschaft wurde aber durch die vielen Ansprüche vermindert, welche Frankreich durch Gelbvorschüsse für den Aufwand Rene's auf Theile derselben erworben hatte. Andere Theile des Ländchcns hielt der Herzog von Burgund, dessen Gefangener der König gewesen war, als Pfand für sein Löse- geld besetzt. In seiner Jugend hatte sich Rene in mehr als eine kriegerische Unternehmung mit der Hoffnung eingelassen, er würde einen Theil des Gebiets erlangen, dessen Fürst er hieß. Man sprach ihm auch den Muth nicht ab, aber das Glück lächelte seinen Thaten im Felde nicht und es schien, er habe zuletzt eingesehen, daß das Vermögen, kriegerische Verdienste zu bewundern und zu verherrlichen, etwas von dem Besitz dieser Eigenschaft völlig Verschiedenes ist. R>»e war in der That ein Fürst von sehr beschränkten Fähigkeiten, begabt mit einer Liebe für die schönen Künste, die ins Ueber- triebene ging und mit so viel guter Laune, Laß sie ihm nicht «erstattete, über das Schicksal zu murren, sondern ihn beglückte, während ein Fürst von lebhafterem Wesen vor Verzweiflung zu Grunde gegangen wäre. Diese sorglose, leicht gestimmte, fröhliche und gedankenlose GemüthSart erhielt Ren« frei von allen Leidenschaften, die das Leben verbittern und oft abkürzen, und verschaffte ihm ein frisches und heiteres Alter. Selbst häusliche Verluste, die so oft Menschen niederwersen, welche allen Schlägen des Geschicks Stand gehalten haben, machten keinen Eindruck auf den alten, muntern Fürsten. Die meisten seiner Kinder waren jung gestorben; Rene nahm es nicht zu Kerzen. Die Heirath seiner Tochter Margarethe mit dem mächtigen Heinrich von England hielt man für eine Verbindung, welche die Glücksumstände des Königs der Troubadours 129 weit überstiege. Aber am Ende wurde Reue, statt Vortheil aus der Ehe zu ziehen, in das Unglück seiner Tochter verwickelt und sah sich wiederholt genöthigt, sich selbst zu entblößen, um sie loszukaufen. Vielleicht fiel dem alten König der erlittene Scharen nicht so schwer, als die Nolhwendigkeit, Margarethe an seinen Hof und in seine Familie aufzunehmen. Erbittert durch den Gedanken an die erfahrenen Verluste, betrübt über gefallene Freunde und verlorene Königreiche, paßte die stolzeste und leidenschaftlichste aller Fürstinnen wenig zu dem lustigsten und aufgeräumtesten der Herrscher. Sie verachtete sein Treiben, fie konnte ihm den glücklichen Leichtsinn seines Wesens nicht verzeihen und nicht begreifen, wie er an solchen Kindereien Geschmack finden könnte. Der Zwang, der mit ihrer Gegenwart sich verband, und rachsüchtige Erinnerungen brachten den muntern alten Mann in Verlegenheit» obgleich sie seinen Gleichmuth nicht zu stören vermochten. Ei» anderer Kummer drückte ihn schwerer. — Jolanthe, die Tochter seiner ersten Frau Jsabella war ihm in seinen Reckten auf das Herzogthum Lothringen gefolgt und hatte sie auf ihren Sohn, Ferrand, Grafen von Vaudemont, übertragen, einen jungen Mann von Muth und Geist, der zu dieser Zeit in daS anscheinend verzweifelte Unternehmen verwickelt war, sein Reckt gegen Len Herzog von Burgund geltend zu machen. Dieser hatte sich des reichen Herzogkhums mit geringem Reckt, aber großer Gewalt unter dem Vergeben bemächtigt, es sei als ein Mannslehen an ihn heimgefallen. Wäkrend der bejahrte König einerseits seine entthronte Tochter in hoffnungsloser Verzweiflung und auf der andern den seines Erbes beraubten Enkel mit dem eitel» Versuch auf Wieder- eroberung eines Theils seiner Besitzungen beschäftigt sah, mußte er überdies noch unglücklicherweise erfahren, daß sei» Anna v. Geierstem iri. 9 130 Neffe, Ludwig von Frankreich, und sein Vetter, der Herzog von Burgund, insgeheim miteinander im Streit lägen, wer ihm in dem Theil der Provence Nachfolgen sollte, den er noch besaß, und daß blos ihre gegenseitige Eifersucht sie abhielte, ihm den letzten Rest seines Gebietes zu rauben. Doch hielt Nene mitten in all' dieser Noth Schmausereien, empfing Gäste, tanzte, sang, machte Verse, handhabte Pinsel oder Bleistift mit ungewöhnlicher Geschicklichkeit, entwarf Plane zu Festlichkeiten und feierlichen Auszügen und leitete sie selbst. Dabei strebte er, die Lust und gute Laune so weit als möglich auch auf seine Unterlhanen zu verbreiten, wenn er auch ihr äußeres Glück nicht auf die Dauer zu vermehren im Stande war. Sie nannten ihn dafür auch nie anders als den guten König Renö, eine Auszeichnung, die ihm bis auf den heutigen Tag geblieben ist, und die er gewiß durch die Eigenschaften seines Herzens, wenn auch nicht durch die des Kopfes, verdient hat. Während Arthur von seinem Führer einen umständlichen Bericht über Alles erhielt, was den König Rens betraf, gelangten sie ans die Besitzungen dieses fröhlichen Monarchen. Es war spät im Herbst und um die Zeit, da die südöstlichen Gegenden von Frankreich sich weniger vortheilhaft ausnahmen. Die Blätter des Olivenbaums sind dann abgestorben und welk und da dieser in der Landschaft am häufigsten vorkommt und dem ausgedörrten Boden gleichsieht, so bekommt das Ganze dadurch einen aschenhaften und dürren Anstrich. Indessen gab eS in den bergigten und von Hirten bewohnten Landestheilen Ansichten, bei denen die Menge von Immergrün daS Auge selbst in dieser todten Jahreszeit erfrischte. Das Aussehen des Landes im Allgemeinen hatte viel Besonderes an sich. 13 Die Reisenden bemerkten bei jeder Wendung Zeichen von dem eigcnthümlichen Wesen des Königs. Die Provence, als derjenige Tbeil von Gallien, in welchem zuerst römische Gesittung heimisch wurde und welcher noch länger der Wohnort der griechischen Colonisten war, die Marseille gründeten, enthält noch mehr von den prächtigen Ueberresten alter Baukunst, als irgend ein anderes Land in Europa, Italien und Griechenland ausgenommen. Der gute Geschmack König R6ne's hatte einige Versuche zu Säuberung und Herstellung dieser Denkmäler des Alterthums machen lassen. Fand sich irgendwo ein Triumphbogen oder ein alter Tempel, so wurden die Hütten und Schuppen in der Nähe derselben wegge- schaffr und wenigstens dafür gesorgt, daß der drohende Einsturz verzögert wurde. Gab es einen marmornen Brunnen, welchen der Aberglaube einer einsamen Wassernymphe weihte, so wurden Oliven-, Mandel- und Orangenbäume um ihn hergepflanzt, der Wasserbehälter ward hergestellt und auf's Neue dazu angehalten, seine krystallnen Schätze zu bewahren. Die ungeheuren Amphitheater und riesigen Säulenhallen erfuhren dieselbe Sorgfalt und bewiesen, daß die erhabensten Muster der schönen Künste selbst im Verlauf der sogenannten finsteren und rohen Zeiten an König Ren« einen Bewum derer und Erhalter gefunden hatten. Auch eine Veränderung in den Sitten ließ sich wahrnehmen, wenn man von Burgund und Lothringen, wo die deutsche Derbheit sich in der Gesellschaft aussprach, in das Hirtenland der Provence eintrat, wo der Einfluß eines milden Himmels und einer klangvollen Sprache in Verbindung mit den Bemühungen des romantischen, alten Monarchen, und dem allgemein verbreiteten Sinn für Musik und Dichtkunst eine Gesittung in das Betragen einzeführt hatte, welche 9 * 132 an's Gezierte streifte. Der Schäfer, welcher des Morgens auszog, blies seiner Heerde beim Gang auf die Weide, buchstäblich genommen, ein Liebeslied, das Werk irgend eines verliebten Troubadours; und seine wolligen Pfleglinge schienen wirklich nicht gleichgültig gegen seine Mustk; sie waren nicht so ungeschlacht und unempfindlich gegen seine Melodie, wie eS in kälteren Gegenden der Fall ist. Arthur nahm auch wahr, daß die Provencalischen Schaafe statt vor dem Zchäfer Hergetrieben zu werden, ihm ordemlich folgten und nicht auseinanderliefen, um zu fressen, bis der Hirt sich umkehrte, stehen blieb, Variationen über das gespielte Lied ausführle und sie zu erinnern schien, daß es jetzt am Platz sei, dem Futter nachzugchen. So lange der Hirte weiter ging, folgte ein ungeheurer Hund von einer Art, die zum Kampf mit Wolfen abgerichtet und von Len Schaafe» als ihr Beschützer geachtet, nicht aber als ihr Tyrann gefürchtet ist, seinem Herrn. Er spitzte, als wäre er der erste und hauptsächlichste Richter über die Ausführung des Stücks, bei gewissen Tonen die Ohren und unterließ selten, seine Unzufriedenheit darüber zu erkennen zu geben. Die Heerde zog, wie die meisten Mensche», die etwas hören, mit einstimmigem aber schweigendem Beifall hinterdrein. Um die Mittagsstunde vermehrte sich die Zuhörerschaft des Schäfers manchmal mil einer anständigen alten Frau oder einem blühenden Mädchen, mit der er an einer Quelle, wie die oben beschriebene, seine Zusammenkunft hielt und welche der Schalmei des Gatten oder Geliebten horchte, oder ihre Stimme mit der seinigen zu einem Doppelgcsang verband, von welchen, die Lieder der Troubadours so viele Beispiele hinterlassen halten. In der Kühle des AbendS gab der Tanz auf den, Dorfrasen oder ein Tonspiel vor der Thüre der Hütte, das kleine Mahl au- 133 Früchten, Käse und Brod, zu dem man den Reisenden bereitwillig einliid, der Täuschung neuen Reiz und schien in Ernst die Provence als das französische Arkadien zu erweisen. Die größte Sonderbarkeit war es aber in den Augen Arthur's, daß er in diesem friedlichen Lande gar keine bewaffnete Männer oder Soldaten bemerkte. I» England ging Niemand aus ohne seine» langen Bogen, sein Schwert und seinen Schild. In Frankreich trug der Knecht die Rüstung selbst dann, wenn er hinter dem Pflug herschrilt. In Deutschland war keine halbe Stunde Weg zu finden, wo das Auge nicht Staubwolken begegnete, durch welche hindurch man hie und da wallende Federn und blitzende Waffen erblickte. Selbst in der Schweiz machte sich der Bauer, wenn er eine Reise von nur einer halben oder ganze» Stunde abzuthun hatte, gewiß nicht ohne seine Hellebarde und das zweihändige Schwert auf den Weg. Aber in der Provence schien Alles ruhig und friedlich, wie wenn die Musik des Landes alle grimmigen Leidenschaften in Schlaf gelullt hätte. Dann und wann kam ein Neitersmann an ihnen vorüber, den die am Sattelbogen befestigte oder von einem Diener getragene Harfe als Troubadour kenntlich machte. Denn auf diesen Titel machten Männer aus allen Ständen Anspruch, und dann bildete ein kurzes Schwert, das am linken Schenkel herunterhing und mehr zur Schau als für den Gebrauch getragen wurde, einen nothwendigen und unerläßlichen Theil der Ausrüstung. „Der Friede," sagte Arthur mit einem Blick um sich her, „ist ein unschätzbarer Juwel; aber er geht bald verloren für die, welche nicht mit Herz und Hand zu seiner Verthei- digung bereit sind." Der Anblick der alten und merkwürdigen Stadt Air, wo König Rene seinen Hof hielt, verdrängte sehr allgemeine 134 Betrachtungen und rief dem jungen Engländer die besondere Sendung ins Gedächtniß zurück, die ihm oblag. Er bat hierauf den Provencalen Thiebold, ihm zu sage», wohin er ihn zu führen beauftragt wäre, da sie jetzt glücklich da» Ziel ihrer Reise erreicht hätten. „Ich habe Befehl," antwortete Thiebold, „in Air zu bleiben, so lang es für Euer Ehren nöthig sein wird, hier zu verweile», Euch alle Dienste als Führer oder Diener zu leisten, die Ihr verlanget und die Leute da bereit zu halten, wenn Ihr etwa einen Boten oder eine Wache brauchet. Mit Eurem Genehmhalten will ich dafür sorgen, daß sie in paffenden Herbergen unrergebracht werden und dann meine ferneren Anweisungen an dem Ort in Empfang nehmen, den Ihr mir hierfür bestimmt. Zch schlage diese Trennung vor, weil ich begreife, daß Ihr jetzt allein sein wollet." „Ich muß an den Hof," erwiederte Arthur, „und das ohne Verzug. Warte auf mich in einer halben Stunde bei dem Brunnen in der Straße, der eine so prächtige Wassersäule in die Luft sendet, daß man schworen möchte, sie sei von einem dampfartigen Dunst umgeben und dieser diene dem Wasserstrahl, den er einhüllt, als Decke." „Der Springbrunnen ist so eingehüllt," versetzte der Provencale, „weil er von einer heißen Quelle seine Nahrung empfängt, die aus Len Eingeweide» der Erde hervorsprudelt. Der Frvstanflug dieses Herbstmorgens macht den Dunst mehr in die Augen fallend als gewöhnlich. Aber wenn Ihr den guten König Rens suchet, so werdet Ihr in jetzt auf einem Spaziergang in seinem Kamin antreffen. Fürchtet Euch nicht, ihm zu nahen, denn nie war ein Monarch so leicht zugäng- 135 lich, besonders für gut aussehende Fremde, wie Ihr, mein Herr." „Aber seine Diener," sagte Arthur, „werden mich nicht in seine Halle lassen?" „Seine Halle!" wiederholte Thiebold, „was für eine Halle?" „Nun, die des Königs Rens meine ich. Wenn er in einem Kamin spazieren geht, so kann es bloS in dem an seiner Halle Statt finden, und ein hübscher Kamin muß es sein, wenn er Platz zu einer solchen Bewegung darin findet." „Ihr versteht mich nicht recht," versetzte der Führer lachend. „Was wir König Rene's Kamin nennen, ist jene schmale Brustwehr; sie lauft zwischen diesen zwei Thürmen hin, ist nach der südlichen Seite hin offen und in jeder andern Ricktung geschlossen. Nun ist es sein Vergnügen da herumzulaufen und sich am kühlen Morgen, wie der heutige, von der Sonne bescheinen zu lassen. Das nährt, wie er sagt, seine poetische Ader. Wenn Ihr Euch seinem Spaziergang nähert, so wird er gleich mit Euch reden, wenn er nicht gerade mit Versemachen beschäftigt ist." Arthur konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, wenn er sich einen achtzigjährigen König dachte, der vom Mißgeschick gebeugt und von Gefahren umringt war, sich aber doch damit belustigte, auf einer offenen Brustwehr spazieren zu gehen und im Beisein aller seiner ergebenen Unterthanen, die Lust zum Zusehen hatten, Reime schmiedete. „Wenn Ihr auf diesem Weg ein paar Schritte weiter geht," sagte Thiebold. „so könnt Ihr den guten König Ren« sehen und beurtheilen, ob Ihr ihn jetzt anreden könnet 136 oder nicht. Zch will die Leute unterbringen und Eurer Befehle bei der Quelle auf dem Corso warten." Arthur fand nichts gegen den Vorschlag seines Führer- einzuwenden. Auch war es ihm nicht unlieb, daß er Gelegenheit hatte, etwas von dem guten König Rena zu sehen, ehe er ihm vorgestellt würde. Achtes Kapitel. Er ist es. der den Kranz von Lorbeer'» trägt, Geflockten von Apoll und den neun Schwestern, Dem Zeus' furchtbarer Blitz nicht schadet. Er Hat abgelegt den schweren Stahlhelm und Die noch beschwerlichere, gold'ne Krone. Den Blätterreif um seine Stirne herrscht Der Dichter König und der Liebenden. Arthur näherte sich vorsichtig dem Kamm, d. h. dem Lieblingsspaziergang des Königs, von dem Shakespeare sagt, er habe geführt Den Titel eines Königs von Neapel, Beider Sicilien und Jerusalem, Doch ärmer als in England jeder Freisaß. So erhielt er einen vollständigen Ueberblick über das Aeußere desselben. Er sah einen alten Mann, dessen Haare und Bart an Reichthum und Weiße fast mit denen des Gesandten von Schwyz wetteiferten, aber mit frischen, rotkeu Wangen und sehr lebhaften Augen. Seine Kleidung war so 138 glänzend, daß sie mit seinen Jahren nicht zusammenpaffen wollte. Während er den kurzen und bedeckten Spaziergang durchschritt, welchen er mehr wegen der Bequemlichkeit, als um des Alleinseins willen gewählt, zeigte sein nicht blos fester, sondern rüstiger und hurtiger Gang, daß noch jugendliche Kraft den bejahrten Körper belebte. Der alte König hielt seine Schreibtafel und einen Bleistift in den Händen und schien völlig in Gedanken verloren und gleichgültig dagegen zu sein, daß er auf der offenen Straße unter seinem höher gelegenen Spaziergang von mehreren Personen beobachtet wurde. Einige davon sahen nach Anzug und Betragen selber wie Troubadours aus; denn sie hatten Geigen, Leyern, kleine, tragbare Harfen und andere Zeichen ihres Gewerbes bei sich. Sie schienen sich hier aufzuhalten, um Bemerkungen über die Betrachtungen ihres Fürsten zu machen und sich einzuprägen. Andere Vorübergehende, welche eigenen und ernsthafteren Geschäften nachgingen, blickten auf den König, als auf einen, den sie tagtäglich zu sehen gewohnt waren. Doch gingen sie nie vorüber, ohne ihre Mützen abzunehmen und durch eine geziemende Verbeugung eine Achtung und Zuneigung zu erkennen zu geben, welche durch Herzlichkeit zu ersetzen schien, was ihr an tiefer und feierlicher Ehrerbietung abging. Rene wußte indessen augenscheinlich weder etwas von denen, die still standen und nach ihm heraufstarrten, noch von den Grüßen der Vorbeigehenden. Sein Geist schien völlig durch irgend eine schwierige Aufgabe in Dichtkunst oder Musik in Anspruch genommen. Er ging schnell oder langsam, wie es der Gang seines Machwerks mit sich brachte. Manchmal stand er still, um schnell etwas in seine Schreibtafel zu bemerken, was ihm des Aufzeichnens werth schien; dann löschte 139 er wieder aus, was er geschrieben und warf i» einer Art von Verzweiflung den Bleistift weg. Dieser wurde, wenn solches vorkam, sorgfältig von einem schönen Pagen, seinem einzigen Begleiter, aufgehoben, der ehrerbietig die erste passende Gelegenheit abwartete, um ihn wieder den königlichen Händen zu übergeben. Der Jüngling trug auch eine Bratsche, auf welcher er nach einem Zeichen seines Herrn dann und wann ein paar Töne hervorbrachte. Der König horchte darauf bald mit freundlicher und zufriedener Miene, bald mit finsterer und trauriger Stirne. Manchmal steigerte sich seine Begeisterung so sehr, Laß er mit einer für sein Alter überraschenden Beweglichkeit hüpfte und sprang; dann verlangsamten sich wieder seine Bewegungen und oft stand er plötzlich still, wie wenn er in'S tiefste und unruhigste Sinnen vertieft wäre. Wenn er zufällig auf die Gruppe sah, die alle seine Geberden bewachte, und es sogar wagte, ihn mit einem BeifallSgemurmel zu grüßen, so geschah es blos, um ihnen mit einem freundlichen und wohlwollenden Kopfnicken zu danken. Mit diesem Gruß verfehlte er auch nicht, die Ehrenbezeugungen der gewöhnlichen Vorübergehenden zu er- wiedern, wen» seine ernstliche Aufmerksamkeit auf sein Geschäft, worin eS nun auch bestehen mochte, ihm «erstattete, sie zu bemerken. Endlich fiel das Auge des Königs auf Arthur, den seine still beobachtende Stellung und die ausgezeichnete Gestalt als einen Fremden erkennen ließen. Renö winkte seinem Pagen und flüsterte ihm etwas zu. Als dieser seines Herrn Befehle empfangen, stieg er von dem königlichen Kamin herunter auf die breitere Bettung unten, auf welche Jedermann Zutritt hatte. Der junge Mensch redete Arthur mit vieler Höflichkeit an und theilte ihm mit, der König wünschte ihn zu sprechen. Dem Engländer blieb nichts übrig, als zu folgen, doch erwog er einige Zeit, wie er sich gegen ein so sonderbares Muster von einem König betragen sollte. Als er naher kam, wandte sich König Rem': in höflichem Und würdigem Tone an ihn, und Arthur's Ehrfurcht in seiner unmittelbaren Gegenwart war größer, als er nach seinen früheren Vorstellungen von dem König hatte vermuthen können. „Ihr seid, wie es scheint, ein Fremder, schöner Herr," sagte König Rene, „in diesem Lande. Wie müssen wir Euch nennen und welchem Geschäft haben wir das Glück zuzuschreiben, daß wir Euch an unserem Hofe sehen?" Arthur schwieg einen Augenblick und der gute, alte Mann, der solches der Ehrerbietung und Furchtsamkeit beimaß, fuhr in ermuthigtem Tone fort: „Die Bescheidenheit in der Jugend ist immer empfehlenswert!); Ihr seid wahrscheinlich eingeweiht in die edle und fröhliche Kunst der Mmstrels und in die Musik, und hicker- gezogcn worden, durch die bereitwillige Aufnahme, welche wir denen gewähren, die sich z» diesen Wissenschaften bekennen. Wir selbst — gepriesen sei die Mutter Gottes und die Heiligen! — leisten, wie man sagt, einiges hierin." „Ich trachte nicht nach der Ehre, ein Troubadour zu sein," antwortete Arthur. „Ich glaube Euch," erwiederte der König, „denn Eure Sprache hat etwas vom Norden oder dem normännisch-fran- zösischen an sich, wie man es in England und bei anderen nicht verfeinerten Völkern spricht- Aber Ihr seid vielleicht ein Minstrel aus den Gegenden jenseits der Berge. Seid versichert, wir verachten ihre Leistungen nicht; denn wir haben nicht ohne Vergnügen und Belehrung viele von ihren kühnen und wilden Romanzen angehört. Sie sind roh nach Entwurf 1 « und Sprache und stehen deshalb weit unter den geregelten Dichlunaen unserer Troubadours, aber doch liegt etwas in ihrem gewaltigen und ungeschlachten Versmaß, welches dann und wann das Herz erregt, wie der Schall einer Trompete." „Ich habe die Wahrheit dessen gesuhlt, was Euer Gnaden bemerken, als ich auf die Gesänge meiner Heimath horchte;" sagte Arthur; „aber ich bin weder geschickt noch kühn genug, Las nachzuahmen, was ich bewundere — ich habe mich zuletzt in Italien aufgehalten." „So verstehet Ihr vielleicht etwas von Malerei," sagte Nene; „eine Kunst, welche sich an's Auge wendet, wie Dichtkunst und Munk an's Ohr; sie wird von uns kaum weniger hoch geschätzt. Wenn Ihr in der Kunst geschickt seid, so habt Ihr einen Fürsten gefunden der sie liebt, und das schöne Land, in welchem man sie ausübt." ^ „Ich bin, Euer Gnaden, um es kurz z» sagen, ein Engländer und meine Hand ist bei Führung des BogenS, der Lanze und des Schwerts zu hart geworden, um die Harfe spielen oder den Pinsel führen zu können." „Ein Engländer!" sagte Neue, und die Wärme seines Willkomm'ü ließ bedeutend nach; „und was bringt Euch hierher? England und ich sind seit langer Zeit schlechte Freunde gewesen." „Gerade deswegen bin ich hier," entgegnete Arthur. „Ich komme um Euer Gnaden Tochter, der Prinzessin Margarethe von Anjou meine Huldigung darzubringen. Ich und mancher ächte Engländer betrachten sie noch als unsere Königin, obgleich Verräther sich ihren Titel angemaßt haben." „Ach, guter Jüngling," sagte Nenö; „ich muß Euch bedauern, wenn ich auch Eure Anhänglichkeit und Treue achte. Wäre meine Tochter meines Sinnes gewesen, so hätte sie schon lange die Ansprüche aufgegeben, welche die edelsten und wackersten ihrer Anhänger in Ströme von Blut gestürzt haben." Der König schien mehr sagen zu wollen, hielt aber inne. „Geh' in meinen Palast," fügte er hinzu; „frage nach dem Haushofmeister Hugo von Saint Cyr, er wird dir sagen, wie du zu Margarethen kommen kannst — d. h. wenn ste Lust hat, dich zu sehen. Wenn nicht, guter, englischer Jüngling, so kehre in meinen Palast zurück und du sollst gastfreundlich bewirthet werden; denn ein König, der ein Liebhaber der Minstrels, der Musik und Malerei ist, kann nicht gleichgültig sein gegen die Forderungen der Ehre, Tugend und Treue. Ich lese in deinen Augen, daß du alle diese Eigenschaften besitzest und glaube gerne, daß du in ruhigeren Zeitläuften darnach streben würdest, die Ehren der fröhlichen Wissenschaft zu theilen. Wenn du aber Sinn und ein Herz hast für Schönheit und schöne Verhältnisse, so wird es bei'm ersten Anblick meines Palastes Hüpfen. Denn die erhabene Anmuth desselben läßt sich mit der fehlerfreien Gestalt einer- hochgeborenen Dame, oder mit der kunstreichen, aber scheinbar einfachen Durchführung des Tonstücks vergleichen, welches wir eben jetzt zu Stande gebracht haben." Der König schien geneigt, sein Instrument zu ergreifen und den jungen Mann mit einer Probe der Weise zu beglücken, die er eben verfertigt; aber Arthur erfuhr in diesem Augenblick das peinliche Gefühl der besonderen Art von Schaam, welches feinfühlende Gemüther ergreift, wenn ste sehen, daß sich Andere eine große Wichtigkeit anmaßen und sich darauf verlassen, ste werden Bewunderung erregen, während ste sich in Wirklichkeit blos lächerlich machen. Arthur verabschiedete sich kurz und schämte sich herzlich für den König von Neapel, beider Sicilien und Jerusalem. Vielleicht ent- fernte er sich mit etwas weniger Umständen, als der Gebrauch erfordert. Der König blickte ihm einigermaßen verwundert über diesen Mangel an Lebensart nach, schrieb ihn aber der Erziehung zu, welche der Besucher auf seiner Insel erhalten, und fing dann wieder an, auf seiner Bratsche zu klimpern. „Der alte Narr!" sagte Arthur; „seine Tochter ist entthront, seine Besitzungen zerfallen in Stücke, seine Familie ist dem Erlöschen nahe, sein Enkel wird von einem Versteck jn'S andere getrieben, und ist aus dem Erbtheil fiiner Mutter verjagt, — und er kann in solchen Lappereien Unterhaltung finden! Ich stellte mir ihn wegen seines langen, weißen BartS vor wie Nikolaus Bonstekten; aber der alte Schweizer ist ein Salomo im Vergleich mit ihm." Während diese und andere für König Reim' keineswegs günstige Gedanken Arthur'n durch den Kopf gingen, erreichte er den Ort der Zusammenkunft und fand Thiebold unter dem dampfenden Springbrunnen. ' Dieser wurde durch eine der heißen Quellen getrieben, welche in früheren Zeiten das Entzücken der Römer gewesen sind. Thiebold versicherte seinen Herrn, sein Gefolge, Roß und Mann sei so untergebracht, daß es bei'm ersten Zeichen zu seinen Diensten stehe und war gleich bereit, ihn zu König Renö's Palast zu führen. Der letztere verdiente durch seine Eigenheit und die Schönheit der Bauart alles Lob, welches der alte Monarch über ihn ausgesprochen. Die Vorderseite bestand aus drei Thürmen in römischem Styl. Zwei davon standen an den Ecken des Palastes und der dritte, der als Grabmal diente, bildete ebenfalls einen Theil der Gruppe, stand aber etwas von den anderen Gebäuden ab. Er war in schönen Verhältnissen aufgeführt. Der untere Theil desselben, ein Viereck, diente als Gestell für den oberen, kreisförmigen und mit Säulen von 144 massivem Granit umgebenen Theil. Die zwei anderen Thürme an den Ecken des Palastes waren rund, ebenfalls mit Säulen verziert, und hatten eine doprelle Fensterreihe. Vor und in Verbindung mit diesen römischen Denkmälern, deren Entstehung eine Angabe in's fünfte oder sechste Jahrhundert zurückversetzt, erhob sich der alle Palast der Grafen von Provence, der ein oder zwei Jahrhunderte später erbaut worben ist. Die reiche gvthische oder maurische Vorderseite stand im Gegensatz und doch im Einklang mit der regelmäßigeren und festeren Bauart der Herren der Welt. Es ist nicht mehr als vierzig oder fünfzig Jahre her, daß dieser merkwürdige Nest alter Kunst zerstört worden ist, um neuen öffentlichen Gebäuden Platz zu machen, die aber bis heute noch nicht aufgeführt worden sind. Arthur erfuhr wirklich eine Empfindung von der Art, wie sie der alte König vorhergesagt hatte, und stand mit verwundertem Blick an dem beständig offenen Thor des Palastes, in welchen der Eintritt Leuten von jeder Gattung frei zu stehen schien. Nachdem er sich ein paar Minuten umgesehen, stieg der junge Engländer die Treppen einer schönen Säulenhalle hinauf und fragte einen Thürsteher, so alt und faus, wie der Diener eines großen Mannes sein muß, »ach dem Haushofmeister, den ihm der König genannt. Der wohlbeleibte Man» übergab den Fremden mit großer Artigkeit der Sorge eines Pagen und dieser führte ihn in ein Zimmer, wo er einen anderen bejahrte» Beamten höheren RaugS fand. Derselbe hatte ein freundliches Gesicht, ein klares, ruhiges Auge und eine Stirne die nie im Ernste gerunzelt zu werden und anzudeuten schien, daß der Hofmarschall von Air sich die Philosophie seines königlichen Herrn zu eigen gemacht habe. Er kannte Arthur im Augenblick, da ihn dieser anredete. 145 „Ihr sprecht das Nvrdfranzöstsche, schöner Herr, Ihr habt lichteres Haar und eine hellere Farbe als die Eingeborenen dieses Landes — Ihr fragt nach der Königin Marga- garethe — aus all' Liesen Zeichen erkenne ich Euch als einen Engländer. Ihre Gnaden von England vollzieht in diesem Augenblick ein Gelübde in dem Kloster auf dem Berge Sainte- Viktoire, und wenn Ihr Euch Arthur Philipson nennet, so habe ich den Auftrag, Euch augenblicklich zu ihr zu befördern — d. h. jobald Ihr gekostet habt, was sich gerade von Speisen bei dem König vorfindet." Der junge Mann wollte Einwendungen dagegen erheben, der Hosmarschall ließ ihm aber keine Zeit dazu. „Essen und Messen," sagte er, „sind keinem Geschäft noch im Wege gewesen — es ist gefährlich für die Jugend, mit leerem Magen zu weit zu gehen — ich selbst werde mit dem Gast der Königin einen Bissen genießen und ihm obendrein in einer Flasche alten Weins Bescheid thun." Der Tisch wurde mit einer Schnelligkeit gedeckt, welche bewies, Laß man auf dem Gebiet des Königs Nenö häufig Gastfreundschaft übte. Pasteten, Schüsseln mit Wildpret, der Kopf eines wilden Schweins und andere Leckereien wurden aufgetragen und der Haushofmeister spielte den fröhlichen Wirth. Dabei entschuldigte er sich häufig und ohne alle Noth, daß er nicht mit gutem Beispiele vorangehen könne, weil ihm obliege, dem König Renö vorzuschneiden und der gute König nie zufrieden sei, wenn er ihn nicht eben so herzhaft mitessen als gewandt vorschneiden sehe. „Aber Ihr, Herr Gast, esset Ihr nur zu; denn Ihr werdet nichts mehr zu sehe» bekommen, bis die Sonne untergeht. Die gute Königin nimmt sich ihr Mißgeschick so zu Herzen, daß Seufzer ihre Nahrung und Thränen ihr Trank Anna v. Geierstein m. 10 146 sind, wie der Psalmist sagt. Aber ich denke, Ihr werdet Pferde brauchen für Euch und Euer Gefolge, um nach dem Berge Sainte Victoire zu kommen, welcher drei Stunden von Air entfernt ist." Arthur erwiederte, daß er einen Führer und Pferde bei sich hätte, und bat um Erlaubniß, sich verabschieden zu dürfen- Der würdige Hofmarschall, dessen hübschen, runden Bauch eine goldene Kette zierte, begleitete ihn an das Thor. Sein Schritt war durch einen leichten Gichtanfall etwas unsicher geworden; er versicherte aber Arthur, es würde vergehen, ehe er noch drei Tage die heißen Quellen gebraucht hätte. Thiebold erschien vor dem Thore, aber nicht mit den müden Pferden, von denen sie vor einer Stunde abgesessen waren, sondern mit frischen Rossen aus des Königs Stall. „Sie gehören Euer, sobald Ihr den Fuß in den Steigbügel gesetzt;" sagte der Hofmarschall; „der gute König Ren« nimmt kein Pferd zurück, welches er einem Gast geliehen; und darin liegt vielleicht ein Grund davon, daß Seine Gnaden und wir von seinem Haushalt oft zu Fuß gehen müssen." Hier wechselte der Haushofmeister seine Grüße mit Arthur und dieser ritt davon, um den Ort aufzusuchen, wohin sich die Königin Margarethe für den Augenblick zurückgezogen hatte. Er fragte seinen Wegweiser, in welcher Richtung das berühmte Kloster Sainte Viktoire liege, und Thiebold wies mit triumphirender Miene auf einen dreitausend und mehr Fuß hohen Berg, der in einer Entfernung von drei oder vier Stunden von der Stadt in die Höhe stieg und den sein kühner und selsigter Gipfel zu dem am meisten in die Augen fallenden Gegenstand der Landschaft machte. Thiebold sprach von ihm mit ungewöhnlicher Freude und mit vielem Feuer, so daß Arthur merkte, sein treuer Knappe habe nicht ver- säumt, die verschwenderische Gastfreundschaft des guten Königs Rens zu benutzen. Thiebold fuhr indessen fort, sich über den Ruf des Berges und Klosters zu verbreiten. Sie hätten, sagte er, ihren Namen von einem großen Sieg, den ein römischer General, Cajo Mario geheißen, gegen zwei große Heere Saracenen mit welschen Namen genommen. (Wahrscheinlich die Cimbern und Teutonen). Aus Dankbarkeit gegen Gott für den Sieg, habe Cajo Mario gelobt, ein Kloster auf dem Berge zu bauen und es dem Dienste der Jungfrau Maria zu widmen, von der er in der Taufe den Namen erhalten. Mit aller Wichtigkeit eines Kenners der Oertlichkeiten machte sich Thiebold daran, seine allgemeine Behauptung durch besondere Thatsachen zu erweisen. „Dort," sagte er, „war das Lager der Sarazenen. Als die Schlacht entschieden schien, stürzten fich ihre Gattinnen und Frauen unter schrecklichem Geschrei mit fliegenden Haaren und den Geberden von Furien daraus hervor und eine Zeit lang gelang eS ihnen, die Flucht der Männer aufzuhalten." Er wies auf den Fluß, zu welchem die überlegene Kriegskunst der Römer den Barbaren, die er Sarazenen nannte, den Zugang abgeschnitten hatte. Um sich diesen zu verschaffen, wagten die Sarazenen das Treffen und errötheten mit ihrem Blut die Wellen des Waldstroms. Kurz, er erwähnte vieler Umstände, welche zeigten, wie genau die Überlieferung die Ein- zelnhriten vergangener Ereignisse bewahrt, wenn sie auch Zeitangaben und Personen vergißt, entstellt und verwirrt. Als er bemerkte, daß ihm Arthur nicht ohne Theilnahme zuhörte — denn man kann sich denken, daß die Erziehung eines jungen Menschen, der mitten in Bürgerkriegen aufwächst, ihn nicht eben befähigte, den Bericht über Kriege einer fernen Zeit zu beurtheilen; — machte sich der Provenpale, der 10 * 148 jetzt seinen Gegenstand erschöpft hatte, ganz dicht zu seinem Herrn hin und fragte mit unterdrückter Stimme, ob er wüßte oder zu erfahren wünschte, warum Margarethe Air verlassen und das Kloster Samte Viktoire bezogen habe? „Um ein Gelübde zu erfüllen," antwortete Arthur; „wie die ganze Welt weiß," „Ganz Air weiß das Gegentheil," sagte Thicbold; „und ich kann Euch die Wahrheit sagen, wenn ich sicher sein darf, daß es Euer Ehren nicht beleidigt." „Die Wahrheit kann keinen vernünftigen Menschen beleidigen, wenn sie in Worten ausgesprochen wird, wie sie sich ziemen, wenn man von der Königin Margarethe in Gegenwart eines Engländers redet." Arthur antwortete in dieser Weise, weil er begierig war, alle möglichen Nachrichten eiuzuziehen und zugleich den Mukh- willen seines Dieners im Zaum zu halten wünschte. „Ich habe nichts," versetzte Tbiebold, „zu sagen, was die gnädige Königin herabsetzen könnte. Ihr einziges Unglück ist, daß sie, wie ihr königlicher Vater, mehr Titel hat als Städte. Uebrigens weiß ich wohl, daß Ihr Engländer Euch frei genug über Eure Fürsten auslasset, aber Andern nicht «erstattet, die Achtung gegen sie aus den Augen zu setzen." „Sprich also!" erwiederte Arthur. „Euer Ehren muß wissen," sagte Thiebold; „daß der gute König Renö über die tiefe Traurigkeit, welche die Königin Margarethe niederdrückte, in keine geringe Unruhe ge- rieth. Er arbeitete also mit aller seiner Macht daran, sie in eine fröhlichere Laune zu bringen. Er hielt öffentliche und Privat-Unterhaltungen; er versammelte Minstrels und Troubadours und ihre Musik und ihre Verse hätten einem Menschen auf seinem Sterbebette ein Lächeln entlockt. Das ganze Land wiederhallte von Freude und Lust, und die gnädige Königin konnte, wenn sie sich auch noch so sehr verbarg, keine hundert Schritte weit gehen, ohne auf eine unerwartete Ucbcr- raschung zu stoßen, wie ein hübsches Puppenspiel, oder eine festliche Mummerei. Oft befand sich der König selbst dabei, und störte ihre Einsamkeit, um ihre trüben Gedanken durch irgend einen angenehmen Zeitvertreib zu verscheuchen. Aber die tiefe Betrübniß der Königin verwarf alle diese Versuche zu ihrer Erheiterung; sie ging zuletzt nicht mehr aus ihren Gemächern und weigerte sich entschieden, auch nur den König, ihren Vater, vor sich zu lassen, weil er gewöhnlich Leute zu ihr mitbrachte, deren Künste er für geeignet hielt, ihren Kummer zu bannen. Sie schien mit Widerwillen den Harfenspielern zuzuhören, nichts von der Gegenwart der Menschen zu wissen und sie nie zu bemerken. Nur bei einer wilden und traurigen Ballade, die ein wandernder Engländer sang, brach sie in einen Strom von Thränen aus, und gab ihm eine werthvolle Kette. Zuletzt, wie ich Euch schon zu sagen die Ehre gehabt habe, weigerte sie sich auch ihren Vater vor sich zu lassen, wenn er nicht allein käme. Und dazu hatte er nicht das Herz." „Ich wundere mich nicht darüber," sagte der junge Mann; „bei dem weißen Schwan! ich bin vielmehr überrascht darüber, daß seine Mummereien sie nicht um den Verstand gebracht haben." „Es kam etwas derartiges vor," versetzte Thiebold; „und ich will Euer Ehren erzählen, wie das zuging. Ihr müßt wissen, daß der gute König Renö seine Tochter nicht dem bösen Geist der Schwermuth überlassen wollte und beschloß, einen Hauptversuch zu machen. Ihr müßt ferner wissen, daß der König, geübt in aller Kunst der Troubadours und Gauk- 150 ler, in besonderem Ansehen steht wegen seiner Geschicklichkeit in Anordnung von geistlichen Lustspielen und anderen kurzweiligen und ergötzlichen Belustigungen und Aufzügen, mit welchen unsere heilige Kirche ihre ernsteren Gebräuche zu Erheiterung aller wahren Gläubigen zu mildern und zu vermannichfaltigen gestattet. Es ist anerkannt, daß Niemand je es Seiner Gnaden in der Anordnung des Frohnleichnamsfestes gleich thun konnte. DaS Tvnstück, nach welchem die Teufel Len König HervdeS zu großer Erbauung aller christlichen Zuschauer abprügeln, ist ein Machwerk unseres guten Königs selbst. Er hat in Torascon das Ballet, die heilige Martha und der Drache mitgetanzt, und galt für den einzigen Spieler, der im Stande wäre, darin mit Erfolg aufzutreten. Seine Gnaden hat auch ein neues Verfahren bei Einweihung des Knabenbischofs eingeführt und die Musik für das ganze Eselsfest verfaßt. Kurz, Seiner Gnaden Stärke besteht in der Erfindung solcher unterhaltenden Festlichkeiten, welche Len Pfad des Heils mit Blumen bestreuen und die Leute unter Tanzen und Singen in den Himmel befördern." „Nun beschloß der gute König Rens, überzeugt von seiner großen Anlage zu Hervorbringung solcher Ergötzlichkeilcn, sich auf's Aeußerste anzustrengen; denn er hoffrc, er würde auf diese Art der Traurigkeit ein Ende machen, in welche seine Tochter versunken war und welche Alle ansteckte, die in ihre Nähe kamen. Da geschah es vor Kurzem, das die Königin einige Tage abwesend war, ich weiß nicht, in welchen Geschäften, aber der gute König erhielt dadurch Zeit, seine Vorbereitungen zu machen. Als seine Tochter zurückkam, drang er mit großem Ungestüm i» sie, einem religiösem Umzug in der Hauptkirche zu Air beizuwvhnen. Die Königin wußte nichts von dem, was im Werke war und kleidete sich feierlich an, um an der ernsten und frommen Handlung Theil zu nehme», die sie erwartete. Kaum erschien sie aber auf dem freien Platz vor dem Pallast, als sich mehr als hundert Masken, Türken, Juden, Sarazenen, Mohren und ich weiß nicht was noch, uni sie her drängten, um ihr, als der Königin von Saba, ihre Huldigung darzubringen. Ein wunderliches Musikstück forderte sie auf, sich zu einem spaßhaften Tanz aufznstellen, während dessen sie die Königin in der ergötzlichsten Weise und mit den ungereimtesten Geberden anredeten. Die Königin ward von dem Lärm ganz betäubt, durch die Ausgelassenheit des unerwarteten Angriffs beleidigt und wäre gerne in den Pallast zurückgegangen, aber die Thore waren auf Befehl des Königs geschloffen worden, sobald sie herausgetreten war. So blieb ihr der Rückzug in dieser Richtung abgeschnitten. Da sie sich von dem Pallast ausgeschlossen fand, trat die Königin auf die Vorderseite desselben und suchte durch Zeichen und Worte das Getöse zum Schweigen zu bringen, aber die Masken, die dazu angewiesen waren, antworteten blos mit Gesang, Musik und Geschrei." „Ich wollte," sagte Arthur, „eS wäre» ein paar Dutzend englischer Bauern mit ihren kurzen Prügeln da gewesen, um die kreischenden Schurken Achtung für eine Frau zu lehren, welche die Krone von England getragen hat." „Aller Lärm, der zuvor gemacht wurde, war Stille und sanfte Musik," fuhr Thisbold fort, „gegen den der sich erhob, als der gute König selbst in dem wunderlichen Aufzuge des Königs Salomo erschien."- „Mit dem er unter allen Fürsten am wenigsten Aehnlich- keit hat," sagte Arthur. „Er machte solche Sprünge und Geberden, um die Königin von Saba zu begrüßen, daß sie, wie mich Augenzeugen 152 versichert haben, einen Tobten wieder zum Leben bringen und einen Lebendigen vor Lachen hätten sterben machen können. Unter andern Dingen, die seiner Rolle zukamen, hatte er einen Stock in der Hand, der einer Narrenkolbe ähnlich sah."- „Der passendste Scepter sür einen solchen Fürsten," sagte Arthur. „Auf der Sitze desselben," fuhr Thiebold fort, „war ein Modell des jüdischen Tempels, hübsch vergoldet und künstlich in Pappendeckel ausgeschnitten. Er trug den Stock mit vieler Anmuth und entzückte jeden Zuschauer durch seine Heiterkeit und Beweglichkeit, die Königin ausgenommen, je mehr er hüpfte und sprang, desto zorniger wurde sie. Als er sich ihr näherte, um sie zu dem Zuge zu führen, schien sie in eine Art von Raserei zu gerathen; sie riß ihm den Stock aus der Hand, durchbrach die Menge, die eben so sehr erschrack, als wenn eine Tigerin» aus dem Karren ihres Führers entsprun-. wäre, und stürzte in den Hof des königlichen Schlosses. Ehe die Ordnung in der Darstellung des geistlichen Lustspiels, die ihre Heftigkeit unterbrochen, wieder hergestellt werden konnte, kam die Königin abermals heraus; sie saß auf einem Pferde und zwei oder drei englische Edelleute aus ihrem Gefolge begleiteten sie ebenfalls zu Roß. Sie erzwang sich einen Weg durch die Menge, ohne sich darum zu bekümmern, ob sie selbst verletzt würde oder Andre verletzte, ritt wie ein Hagelwetter durch die Straßen und zog nicht eher den Zügel an, bis sie an der Selle des Berges Sainkte-Viktoire anlangte, wo der Weg für Pferde nicht mehr zugänglich ist. Hierauf wurde sie in das Kloster aufgsnommen und ist seither dort geblieben. Ci» Bußgelübde ist der Borwand, unter dem man den Streit zwischen ihr und ihrem Vater verbirgt." 153 „Wie lange mag es sein," sagte Arthur, „daß solches geschehen ist?" „Es ist erst drei Tage, seit die Königin Margarethe Air in der Weise verließ, die ich Euch beschrieben. — Aber wir sind so weit ans den Berg herauf gekommen, als man gewöhnlich reitet. Seht, dort erhebt sich das Kloster zwischen zwei hohen Felsen, welche die Spitze des Berges Sainkt Viktoire bilden. Es ist nicht mehr ebener Boden vorhanden, als der, welchen die Kluft darbietet, in welche das Kloster der heiligen Maria von Siege wie in eine Nische versteckt ist. Der Zugang dazu wird durch die gefährlichsten Abgründe vertheidigt. Um den Berg zu ersteigen, müßt Ihr diesen schmalen Pfad einschlagen, welcher sich durch die Felsen hindurch windet und zuletzt zu dem Gipfel des Berges und dem Thore des Klosters führt." „Und was wird aus Euch und Euren Pferden?"' fragte Arthur. „Wir bleiben," antwortete Thiebold, „in dem Spital, das die guten Väter zur Bequemlichkeit der Pilger am Fuß des Berges unterhalten, denn ich versichere Euch, das Heiligthum wird von Vielen besucht, die ans der Ferne Herkommen und Leute und Pferde mitbringen. — Sorgt nicht für mich' — ich werde noch vor Euch unter Dach und Fach sein; aber da zeigen sich dort im Westen einige drohende Wolken, und Euer Ehren könnten von ihnen Ungelegenheiten bekommen, wenn Ihr nicht bei Zeiten daS Kloster erreicht. Zch gebe Euch eine Stunde Zeit, den Weg zurückzulegen und will Euch für so flink erklären, als einen Gemsenjäger, wenn Ihr innerhalb dieser Zeit hinaufkommt." Arthur sah sich um und entdeckte wirklich, daß sich am entfernten Abendhimmel Wolken zusammen gezogen hatten, und daß sie das Wetter zu ändern drohten, das bisher glänzend hell und so ruhig gewesen war, daß man ein Blatt hätte fallen hören können. Er wandte sich also dem steilen Felsenpfade zu, der den Berg hinanführte, indem er bald fast senkrechte Felsen gerade hinaufkletterte, balb ihre Spitzen dadurch gewann, daß er sie umging. Der Weg wand sich durch Dik- kichte von wildem Buchs und anderes eben so niedrige Gesträuch, welches Len Bergziegen einiges Futter gewährte, aber keine geringe Belästigung war für den Reisenden, der sich durch dasselbe hindurchdrängen mußte. Derartige Hemmnisse waren so häufig, daß die Stunde, welche Thiebvld eingeräumt, völlig abgclaufe» war, ehe er auf dem Gipfel des BergeS Sainkte Vikloire und vor dem merkwürdigen Kloster gleichen Namens stand. Wir haben schon gesagt, Laß der Kamm des BergeS blos aus einem einzigen nackten und massiven Felsen bestand und durch eine Kluft oder Oeffnung in zwei Spitzen getheilt wurde, zwischen welchen Las Klostergebäude allen freien Raum bedeckte. Die Vorderseite des letzteren war von der frühesten, düstern Bauart der alten Gothen oder Sachsen, wie man sie genannt Hab Insofern stand sie im Einklang mit dem wilden Aeußern der nackten Felsen, von denen der Bau einen Theil auszumachen schien, und die es vollständig umgaben bis auf einen kleinen offenen Platz mit mehr ebenem Boden. Auf diesen hatten die guten Väter mit vieler Mühe Erde von verschiedenen Stellen zusammengctragen, wo sie solche in geringer Menge antrafen und auf Liese Art war es ihnen gelungen, dem Kloster die Bequemlichkeit eines Gartens zu verschaffen. Eine Glocke brachte einen Laienbruder herbei, der den Pförtner dieses seltsam gelegenen Klosters machte. Arthur kündigte sich ihm als einen englischen Kaufmann, Namens Philipson an, welcher der Königin Margarethe seine Achtung bezeigen wolle. Der Pförtner wies den Fremden mit großer Ehrfurcht in bas Kloster und führte ihn in ein Sprachzim- mer, welches gegen Air hin ging und eine prächtige, ausgedehnte Fernsicht über die südlichen und westlichen Theile der Provence beherrschte. Es war dieselbe Richtung, in welcher Arthur von Air aus sich dem Berg genähert hatte; aber der gewundene Pfad, auf dem er heraufgekommen, hatte ihn ganz um den Berg herum geführt. Die westliche Seite des Klosters, auf welche sich die Fenster des Sprachzimmers öffneten, bot die erhabene Aussicbt, deren wir erwähnt. Eine Art von Söller verband die zwei Zwillingsfelseu, die hier nicht über zwölf bis fünfzehn Fuß aus einander standen und schien ausdrücklich angebracht, damit man sich von hier auS an der Aussicht erlaben könnte. Als aber Arthur durch eines der Fenster des Sprachzimmers auf die Zinnen des Balkons trat, wurde er gewahr, daß die Mauer, auf welcher die Brustwehr ruhte, am Rande des Abgrundes hinlief und daß dieser auf einmal sich wenigstens fünfhundert Fuß unter die Grundlagen des Klosters hinabsenkte. Arthur fand sich mit Schrecken und Ueberraschung an dieser schwindligen Tiefe und wandte die Augen von dem Schlund unter ihm ab, um die freie Landschaft zu bewundern, die jetzt von der Abendsonne zum Theil beleuchtet wurde. Die letzten Strahle» des Tages warfen einen lebhaften, röthlichen Glanz auf eine unendliche Mannigfaltigkeit von Bergen und Thälern, von Blachfels und bebautem Boden mit Städten, Kirchen und Burgen. Einige von diesen erhoben sich aus Bäumen, während andere auf Felsenhöhen gebaut schienen. Wieder andere lagen an Flüssen oder 156 Seen, wohin die Hitze und Trockenheit des Klimas die Menschen natürlicherweise führten. Der Rest der Landschaft bot ähnliche Gegenstände, wenn das Wetter hell war; aber jetzt machte sie der dichte Schatten der herankommenden Wolken undeutlich oder verwischte ste völlig. Das Gewölke dehnte sich nach und nach über den größten Theil des Horizonts hin und drohte, die Sonne völlig zu verdunkeln, obgleich die Königin des Himmels noch für Behauptung ihres Einflusses kämpfte und wie ein sterbender Held gerade im Augenblicke des Unterliegens sich am schönsten ausnahm. Schauerliche Töne, wie Stöhnen und Heulen brachte der Wind in den zaalreichen Höhlen des Felsgebirgs hervor. Sie vermehrten die Schrecknisse des Auftritts und schienen die Wuth eines fernen Sturms anzukündigcn, obgleich die Lust im Allgemeinen ungewöhnlich ruhig und bewegungslos war. Beim Hinblick auf dieses außerordentliche Schauspiel gab Arthur den Mönchen völlig Recht, welche sich diese wilde und sonderbare Lage ausgesucht hatten. Sie konnten von da aus die Natur in ihren erhabensten und furchtbarsten Kraftäußerungen beobachten und die Nichtigkeit des Menschen mit ihren ehrfurchtgebietenden Zuckungen vergleichen. Arthur war so ergriffen von dem Anblick, der vor ihm lag, daß er im Anschauen von dem Söller beinahe das wichtige Geschäft vergessen hätte, welches ihn hergeführt. Es trat ihm aber augenblicklich wieder ins Gedächtnis' zurück, als er sich vor Margarethe von Anjou fand, die ihn in dem Empfangszimmer nicht gesehen hatte und auf den Balkon getreten war, um schneller mit ihm zusammenzutreffen. Die Königin war schwarz gekleidet und trug keinen Schmuck, als einen zollbreiten Goldreif, der ihre langen schwarzen Flechten zurückhielt. Die zunehmenden Jahre und 157 das Unglück hatten die Farbe der Haare zum Theil geändert. An dem Reis steckte eine schwarze Feder mit einer rvthen Rose, der letzten des Jahres, welche der gute Vater, der den Garten besorgte, ihr am Morgen als das Wahrzeichen ihres Hauses, überreicht hatte. Sorge, Anstrengung und Kummer schienen auf ihrer Stirne und ihren Zügen den Sitz aufgeschlagen zu haben. Einem andern Boten würde sie aller Wahrscheinlichkeit nach einen scharfen Verweis gegeben haben, wenn er nicht mehr Eifer gezeigt hätte, sie bei ibrem Eintritt zu empfangen; aber Arthur's Alter und Aeußeres entsprachen dem ihres geliebten und verlorenen Sohnes. Er war das Kind einer Dame, welcher Margarethe mit fast schwesterlicher Neigung zugethan gewesen war und die Anwesenheit Arthur's erregte in der entthronten Königin dieselben Gefühle mütterlicher Zärtlichkeit, welche in ihr beim ersten Zusammentreffen im Straßburger Münster erwacht waren. Sie hob ihn auf, als er sich ihr zu Füßen warf, sie sprach mit ihm außerordentlich gütig und ermuthigte ihn, sich weitläufig über die Einzelnheiten der Botschaft seines Vaters auszulaffen. Sie forderte ihn auf, ihr auch andere Neuigkeiten mitzutheilen, mit denen ec während seines kurzen Aufenthaltes in Dijon bekannt geworden wäre. Sie fragte, auf welcher Straße Karl seine Armee in Bewegung gesetzt habe. „Sv viel ich von seinem Geschützmeister erfahren," sagte Arthur, „gegen den Neufchateler See hin, von wo aus er den ersten Angriff auf die Schweizer zu machen beabsichtigt." „Der eigensinnige Narr!" rief Königin Margaretbe, — „er gleicht einem armen Mondsüchtigen, der auf den Gipfel des Berges hinaufläuft, um dem Regen auf halbem Wege entgegen zu gehen. — Gibt mir dein Vater," fuhr Margarethe 158 fort, „also den Rath, die letzte» Ueberreste der ausqedehnten Ländereien, die einst das Gebiet unseres königlichen Hauses ausgemacht, aufzugeben und, was uns noch von unserem väterlichen Erbe übrig geblieben ist,' für ein paar tausend Kronen und den ärmlichen Beistand einiger hnndert °Lanzen an unseren stolzen und selbstsüchtigen Vetter von Burgund zu überlassen, der seine Ansprüche auf Alles ausdehnt, was wir haben, und dagegen so wenig Hilfe leistet oder blos verspricht?" „Ich würde mich der Aufträge meines Vaters schlecht entledigt haben," sagte Arthur, „wenn ich Eure Hoheit auf den Glauben gebracht hätte, er empfehle ein so großes Opfer. Des Herzogs gierige Ländersucht geht ihm nahe, er glaubt indessen, die Provence müsse bei König Renv s Tode oder-noch früher, entweder dem Herzog Karl oder Ludwig von Frankreich zufallen, welchen Widerstand auch Eure Hoheit einer solchen Verfügung entgegensetzen möge; und es kann sein, Laß mein Vater, als Ritter und Soldat, viel darvn erwartet, wenn er Mittel erhält, um einen nenen Versuch auf Britta- nien zu machen. Aber die Entscheidung muß er Eurer Hoheit überlassen." „Junger Mann," sagte die Königin, „die Erwägung einer so dunkeln Frage nimmt mir fast den Verstand." Bei diesen Worten sank ste, als bedürfte ste der Ruhe, auf einen Steinsttz nieder, der gerade am Rande des Balkons angebracht war. Sie achtete nicht auf den Sturm, der sich jetzt in furchtbaren Windstößen zu erheben begann. Der Zug derselben wurde gehemmt und verändert durch die Felsen, um welche ste herheulten, und es sah wahrhaftig aus, als ob Boreas und Eurus und Caurus die Winde aus alle» Himmelsgegenden losließen und bei dem Kloster Unserer lieben Frau 159 von Siege mit einander um die Oberherrschaft kämpften. In diesem Getöse, unter Wellen von Nebel, welche die Tiefe des Abgrunds verbargen und Massen von Wolken, die furchtbar über ihren Häuptern rollten, glich das Prasseln des herab» stürzenden Regens eher einem Wasserfall als dem Rauschen eines Regengusses. Der Sitz, auf welchen sich Margarethe niedergelassen, war zwar größtcntheils geschützt vor dem Unwetter, aber die Windwirbel, die bald in dieser, bald in jener Richtung daherfuhren, rissen oft ihr aufgelöstes Haar in die Höhe. Wir können den Anblick ihrer edeln und schönen, aber geisterhaften und verstörten Züge, wie sie von ängstlicher Un- schlüffigkeit und streitenden Gedanken bewegt wurden, nur denen unserer Leser beschreiben, die Gelegenheit gehabt haben, unsere unnachahmliche Siddons in einer ähnlichen Rolle zu sehen. Arthur geriet!) in Angst und Unruhe und konnte Ihre Gnaden blos bitten, sich vor der Wuth des Sturms in's Innere des Klosters zurückzuziehen. „Nein," erwiederte sie mit Festigkeit; „Dächer und Wände haben Ohren und Mönche sind darum nicht minder neugierig zu erfahren, was jenseits ihrer Zellen geschieht, wE sie der Welt abgesagt haben. Hier mußt du hören, was ich zu sagen habe; als Soldat solltest du gegen das Blasen des Windes oder einen Regenschauer abgehärtet sein; und mir ist der Kampf der Elemente eine wahre Kleinigkeit, denn ich habe oft Rath gehalten beim Klingen der Trompeten und beim Geklirr der Waffen, die zum Gefechte bereit standen. Ich sage dir, junger Arthur Vere, wie ich deinem Vater sagen würde — meinem Sohn — wenn der Himmel einer verlassenen und elenden Frau einen solchen Segen gelassen hätte." — Sie hielt inne und fuhr dann fort: 160 „Ich sage dir, wie ich es meinem geliebten Eduard gesagt habe» würde, Laß Margarethe, deren Entschlüsse sonst fest und unbeweglich waren, wie die Felsen, auf denen wir sitzen, jetzt unschlüssig und schwankend ist wie die Wolken, die um uns treiben. Ich habe deinem Vater in der Freude über Las Zusammentreffen mit einem Uuterthau von so unschätzbarer Treue von den Opfern gesprochen, die ich bringen wollte, um mir den Beistand Karls von Burgund für das ihm von dem ergebenen Oxford vorgeschlagene Unternehmen zu sichern. Aber seit ick ihn gesehen, habe ich Veranlassung gehabt, tiefer darüber nachzudenken. Ich bin zu meinem betagten Vater blos zurückgekehrt, um ihn zu beleidigen und ich gestehe es mit Schaam. den alten Mann vor seinem Volke zu beschimpfen. Meine Gemüthsart ist der seinen eben so entgegengesetzt, als der Sonnenschein, der vor Kurzem eine heitere und schöne Landschaft vergoldet hat, dem Gewitter, welches sie jetzt durchrast. Ich habe mit offenem Spott und mit Verachtung die Mittel zur Tröstung zurückgewiesen, die er aus mißverstandener Zuneigung ersonnen. Ueberdrüssig der eiteln Thorheiten, die er erdacht, um die Schwermuth einer entthronten Königin, einer verwiltweten Gattin, und, ach! einer kinderlosen Mutter zu heilen, habe ich mich aus der lärmenden und faden Lustigkeit zurückgezogen, welche meinen Kummer auf's Grausamste erschwerte. Nene ist so gutmüthig, daß selbst mein unkindliches Benehmen meinen Einfluß auf ihn nicht vermindern wird, und wenn Euer Vater mir angekündigt hätte, daß der Herzog von Burgund, wie ein Ritter und Fürst, mit Herzlichkeit und aufrichtig in den Plan des getreuen Oxford eingegangen sei, so hätte ich es über mich vermocht, meinen Vater zu Abtretung des Landes zu vermögen, welches seine kalte und ehrsüchtige Staatsklugheit begehrt. Ich hätte es 161 gethan, um mir den Beistand zu sichern, den er jetzt zu leisten zögert, bis er seinem hochmüthigen Sinn Genüge gethan und unnütze Streitigkeiten mit seinen harmlosen Nachbarn beigelegt hat. Seit ich hier bin und Ruhe und Einsamkeit mir Zeit zum Nachdenken gegeben haben, sind mir die Beleidigungen eingefallen, die ich dem alten Mann angethan und ich habe das Unrecht erwogen, das ich an ihm zu üben im Begriff stand. Mein Vater ist, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lasten, auch der Vater seines Volks. Seine Unter- thanen wohnen unter itire» Weinbergen und Feigenbäumen, in unrühmlicher Gemächlichkeit vielleicht, aber frei von Unterdrückung und Erpressungen und ihr Glück ist das ihres guten Königs. Soll ich all' das ändern? — Soll ich dazu beitragen, daß diese zufriedenen Menschen einem hitzige», eigensinnigen und gewaltthäligen Fürsten in die Hände ge- rathen? Würde ich nicht das sanfte und sorglose Herz meines armen, allen Vaters brechen, wenn es mir gelänge, ihn zu diesem Schritt zu vermöge»? — Das sind Fragen, die ich an mich selbst zu richten schaudere. Auf der anderen Seite soll ich die Plane, die kühnen Hoffnungen deines Vaters zerstören, die einzige Gelegenheit Vorbeigehen lassen, die sich vielleicht je noch Larbietet, um an den blutigen Verräthen von Dork Rache zu nehmen und das Haus Lancaster wieder- herzustellen! — Arthur, das Schauspiel um uns her ist nicht so bewegt durch das schreckliche Unwetter und die treibenden Wolken, als meine Seele von Zweifel und Ungeweißheit." „Ach," erwiederte Arthur, „ich bin zu jung und unerfahren, um Euer Gnaden in einem so schwierigen Falle Rath zu ertheilen. Ich wollte, mein Vater wäre selber da." „Ich weiß, was er sagen würde," versetzte die Königin; „aber da ich Alles weiß, so gebe ich die Hoffnung auf, bei Anna v. Geierstein ur. 11 162 menschlichen Rathgebern Hilfe zu finden — ich habe fie bei anderen gesucbt, aber auch fie sind taub bei meinen Bitten. Za, Arthur, Margaretens Mißgeschick hat sie abergläubisch gemacht- Wisse, daß unter diesen Felsen und unter den Grundmauern des Klosters eine Höhle sich hinzieht. Man gelangt in dieselbe durch einen geheimen und verbotenen Gang etwas westlich von der Bergspitze, der durch den Berg hinläuft und südlich eine Oeffnung hat. Von dieser aus läßt sich, wie von diesem Söller, die Landschaft beschauen, die wir noch kürzlich erblickt, oder der Kampf der Winde und die verwirrten Wolken, die wir eben jetzt sehen. In der Mitte des höhlen- artigen Durchgangs ist eine von der Natur gebildete Vertiefung, ein Loch von großer aber unbekannter Tiefe. Einen Stein, den man hinunter fallen läßt, hört man bald an die, bald an jene Wand schlagen, bis das Geräusch seines Falls, das von Fels zu Fels sich Lonnerähnlich sortsetzt, in ein fernes und mattes Klingen sich verliert, schwächer als das der Glocke eines Widders in der Entfernung von einer Viertelstunde. Das gemeine Volk nennt den furchtbaren Schlund in seinem Kauderwälsch Lou Garagoule; und die Sagen des Klosters verbinden schauerliche und furchtbare Erinnerungen mit einem Ort, der schon an sich Grauen einflößt. Weissagungen, von unterirdischen Stimmen ausgesprochen, sollen in den heidnischen Zeiten aus der Tiefe emporgestiegen sein. Dem römischen Feldherrn, wird erzählt, sei in seltsamen und unordentlichen Reimen von da aus der Sieg versprochen worden, welcher dem Berge den Namen gegeben hat. Diese Göttersprüche, wird versichert, könne man noch jetzt einholen, wenn man zuvor wunderliche Gebräuche verrichtet habe, bei denen sich heidnische Ceremonien mit christlichen Andachtsübungen vermischen. Die Aebte von Sainte Viktoire haben die Befragung von Leu Garagoule und die Geister, welche hier Hausen, für verdammlich erklärt. Da aber die Sünde durch Geschenke an die Kirche, durch Messen und Büßungen gut gemacht werden kann, so wird die Thüre von den gefälligen Vätern denen manchmal geöffnet, welche verwegene Neugier verleitet, trotz aller Gefahren und mit allen möglichen Mitteln die Zukunft zu erforschen. Arthur, ich habe den Versuch gemacht und bin eben jetzt aus der düster» Höhle zurückgekehrt. Sechs Stunden habe ich, dem herkömmlichen Brauche gemäß, am Rande des Schlundes zugebracht, und es ist dies ein so schauerlicher Ort, daß nach den Schrecknissen desselben selbst dieses Gewitter erquickend ist." Die Königin hielt inne und Arthur war um so mehr betroffen über die grauenhafte Erzählung, als sie ihn an sein Gefängniß zu La Ferette erinnerte. Aengstlich fragte er, ob sie auf ihre Erkundigungen eine Antwort erhalten habe. „Nein," entgegnete die unglückliche Fürstin. „Die Geister von Garagoule, wenn es deren gibt, find taub gegen das Flehen einer bedauernswerthen und elenden Frau, wie ich. Weder Freunde noch Teufel wollen mir Rath oder Beistand gewähren. Die Lage meines Vaters hält mich ab, sogleich einen festen Entschluß zu fassen. Wären meine eigenen Ansprüche auf dieses pfeifende, elende Volk von Troubadours allein im Spiel, so könnte ich für das Glück, meinen Fuß noch einmal in das lustige England zu setzen, denselben und der ärmlichen Krone von Provence eben so leicht und bereitwillig entsagen, als ich dem Sturm dieses leere Sinnbild des königlichen Rangs überlasse, den ich verloren." „Der Wind hatte die schwarze Feder,'und die Rose von dem Reif losgemacht, an dem sie befestigt gewesen waren. Jetzt und bei den letzten Worten riß Margarethe dieselben 11 * 164 aus ihrem Haar und schleuderte sie mit wilden Geberden von den Zinnen. Oer Wirbel der fliegenden Wolken erfaßte sie alsbald und entführte die Feder in die Weite, so daß ihr das Auge nicht zu folgen vermochte. Arthur suchte unwillkührlich den Weg zu erspähen, den sie einschlug, da ergriff ein entgegengesetzter Windstoß die rothe Rose und warf sie zurück auf seine Brust, so daß es ihm leicht war, sie zu ergreifen und fest zu halten. „Freude, Freude und gutes Glück, königliche Herrin!" rief er und überreichte ihr die bedeutsame Blume wieder. „Der Sturm bringt das Zeichen des Hauses Lancaster seiner Eigenthümerin zurück." „Ich nehme die Deutung an," sagte Margarethe; „aber das betrifft dich, edler Jüngling und nicht mich. Die Feder, welche in die Oede und das Verderben weggetragen wurde, ist Margarethens Sinnbild Meine Augen werden nimmer die Wiedereinsetzung der Linie Lancaster schauen. Aber du wirst leben und sie sehen und sie vollenden helfen, und unsere rothe Rose noch tiefer mit dem Blut der Tyrannen und Verräther färben. Meine Gedanken schwanken so seltsam Laß eine Feder oder eine Blume die Wage nach der einen oder andern Seite wenden kann. Aber mir schwindelt noch und mein Herz ist krank. — Morgen sollst du eine andere Margarethe sehen und bis dahin lebe wohl!" Es war Zeit, wegzngehen, denn das Unwetter begann stärkere Regenschauer herabzusenden. Als sie wieder in daS Sprachzimmer zurückgekehrt waren, klatschte die Königin in die Hände und zwei weibliche Dienerinnen kamen herbei. „Saget dem Vater Abt," redete sie dieselbe an, „es sei unser Wunsch, daß dem jungen Herrn hier so viel Gast freundschast zu Theil werde, als sich für einen unserer ge- 165 schätzten Freunde schickt. Bis morgen, junger Herr, lebt wohl!" Ihr Gesicht verriet!) nichts von der letzten Erregung ihrer Seele, als sie mit stolzer Höflichkeit, wie sie ihr angestanden hätte, da sie noch die Hallen von Windsor schmückte, die Hand ausstreckte, welche Arthur ehrerbietig küßte. Nachdem sie das Sprachzimmer verlassen, trat der Abt herein und bewies durch seine Sorge für Arthur's Bewirthung und Bequemlichkeit, wie ängstlich er den Wünschen der Königin Margarethe nachzukommen strebte. Neuntes Kapitel. -Braucht ihr einen Mann, Erfahren in der Welt und ihrem Kreiden? Hier ist, waS ihr begehrt. — Es ist ein Mönch, Der abgesagt der Welt und ihrem Wesen; Doch um so besser weiß er, wie's drin hergeht; Am besten kennt er's Schlimmste, 's ist ein Mönch. Altes Lustspiel. Der Morgen begann kaum zu grauen, als Arthur durch ein lautes Geläute an dem Thore des Klosters erweckt wurde. Gleich darnach trat der Pförtner in die Zelle, die man ihm als Wohnung angewiesen und sagte ihm, wenn er Arthur Philipson hieße, so hätte ein Bruder aus ihrem Orden Botschaft von seinem Vater gebracht. Der Jüngling sprang auf, zog sich schnell an und wurde in das Sprachzimmer zu einem Carmelitermönch geführt. Dieser Gemeinschaft gehörten auch die Geistlichen auf Samte Viktoire an. „Ich bin manche Meile geritten, junger Mann, um Euch diesen Brief zu übergeben," sagte der Mönch, „denn ich hatte mich gegen Euern Vater verpflichtet ihn ohne Verzug an Euch 167 abzuliefern. Ich kam letzte Nacht während des Sturms nach Air, erfuhr im Palast, daß Ihr hierhergeritten wäret, setzt mich zu Pferd, sobald das Unwetter nachließ, und hier bin ich." „Ich bin Euch zu Dank verpflichtet, Vater," erwiederte Arthur, „und wenn ich Eure Mühe durch ein kleines Geschenk an Euer Kloster vergelten könnte-" „Durchaus nicht," antwortete der gute Vater; „wenn ich mir einige Mühe gemacht habe, so ist es aus Freundschaft gegen Euern Vater geschehen und mein eigenes Geschäft hat mich den Weg geführt. Für die Kosten meiner langen Reise ist hinlänglich gesorgt. Aber öffnet Euer Päckchen, ich habe Zeit, auf Eure Fragen Antwort zu geben." Der junge Mann trat demgemäß in eine Fenstervertie- fnng und las, wie folgt: „Mein Sohn! Was den Zustand des Landes und die Sicherheit des Reifens betrifft, so thue ich dir zu wissen, daß es damit noch immer gefährlich aussteht. Der Herzog hat die Städte Brie und Granson eingenommen, die fünfhundert Mann starke Besatzung gefangen und über die Klinge springen lassen. Aber die Eidgenossen nähern sich mit bedeutender Macht und Gott wird recht richten. Wie die Sache auch gehen mag, es ist ein hitziger Krieg, in welchem auf beiden Seiten wenig von Schonung die Rede ist. Daher gibt es keine Sicherheit für Leute von unserem Gewerbe, bis etwas Entscheidendes geschieht. Indessen kannst du die verwittwete Frau versichern, daß unser Geschäftsfreund noch immer sehr geneigt ist, das Eigenthum an sich zu bringen. 168 was sie in Händen hat; er wird aber kaum im Stande sein, den Preis dafür zu zahlen, bis seine gegenwärtige dringende Geschäfte abgemacht sind. Ich hoffe, es werde dies zeitig genug geschehen, daß wir unser Geld in die vortheilhafle Unternehmung stecken können, von welcher ich unserer Freundin gesprochen. Ich habe einen Mönch, der in die Provence reist, beauftragt, diesen Brief dir zu überliefern und hoffe, er werde sicher in deine Hände gelangen. Auf den Ueberbringer kannst du dich verlassen. Dein dich liebender Vater Johann Philipson." Arthur verstand sehr gut den letzten Theil der Zuschrift und war erfreut, sie in einem so entscheidenden Augenblick empfangen zu haben. Cr fragte den Carmeliter nach der Stärke des burgundischen Heeres, und der Mönch gab sie zu sechszigtausend Mann an. Die Eidgenossen, sagte er, hätten zwar alle möglichen Anstrengungen gemacht, seien aber nicht im Stande gewesen, auch nur den dritten Theil davon zusammen zu bringen. Der junge Ferrand von Vaudemont sei bei ihrer Armee und habe, wie man glaube, von Frankreich insgeheim Unterstützung erhalten; aber er besitze wenig Erfahrung im Kriege und führe nur wenig Mannschaft bei sich, und so trage der Titel eines Generals, Len er führe, nur wenig zu Verstärkung der Eidgenossen bei. Ueberhaupt, sagte er, schiene jede Wahrscheinlichkeit zu Gunsten Karls zu sein. Arthur fand in einem Siege des Herzogs die einzige Möglichkeit, welche einen günstigen Erfolg für das Unternehmen seines Vaters herbeiführen könnte und war nicht wenig erfreut, ihn in so weit gesichert zu finden, als dies durch eine 169 große Überlegenheit der Streitkräfte möglich schien. Er hatte keine Zeit, weitere Fragen zu stellen, denn die Königin trat in diesem Augenblick in's Zimmer und der Car- meliter zog sich mit einer tiefen Verbeugung zurück, als er ihren Stand erfuhr. Oie Bläffe ihres Gesichts verrieth noch die Anstrengungen des vergangenen Tages; aber ihre Stimme war fest, ihr Auge klar und ihre Haltung sicher, als sie Arthur'» einen huldvollen Morgengruß bot- „Ich sehe dich wieder," sagte sie, „nicht wie ich dich verließ, sondern mein Entschluß ist jetzt gefaßt. Ich bin überzeugt, daß Rene mit einer Gewalt vom Throne der Provence gestoßen werden wird, die ihm vielleicht das Leben kostet, wenn er demselben nickt freiwillig und durch eine» Schritt entsagt, wie der, den wir ihm Vorschlägen. Wir wolle» uns also, so schnell als möglich, an die Arbeit machen. Das Schlimmste ist, daß ich das Kloster nicht verlassen kann, ohne dis gehörigen Büßungen für den Besuch beim Garagoule abgethan zu haben. Wenn ich mich ihnen nicht unterzöge, so wäre ich keine Christin mehr. Wenn du nach Air znrückkommst, so frage nach meinem Schreiber; diese Zeilen werden dir bei ihm Vertrauen zuwege bringen. Ick habe schon, ehe mir diese Hvffnungsthüre aufging, versucht, mir eine genaue Einsicht von der eigentlichen Lage des Königs Renö zu verschaffen und alle dazu nöthigen Belege gesammelt. Sag' ihm, er solle mir gehörig versiegelt und auf sicherem Wege das silberbeschlagene Kästchen schicken. Die Stunden, in welchen man alte Verirrungen abbüßt, lassen sich dazu verwenden, um neuen zuvor zu kommen. Aus dem Inhalt des Kästchens werde ich ersehen, ob ich in dieser wichtigen Angelegenheit den Vortheil meines Vaters meinen halb zertrümmerten Hoffnungen aufopfern darf. Aber darüber hege 170 — ich wenig oder gar keinen Zweifel. Ich kann hier unter meiner Aufsicht die Abdankungs- und Uebertragungs-Urkunden ausfertigen und die Vollziehung derselben für die Zeit vvr- bereiten, da ich nach Air zurückkehre. Und das soll in dem Augenblick geschehen, wenn meine Büßungszeit vorüber ist." „Und dieser Brief, gnädige Frau," sagte Arthur, „wird Euch von den Ereignissen unterrichten, die sich vorbereiten und Euch zeigen, wie nothwendig es ist, sich zu Benutzung der Umstände bereit zu halten. Uebergebt mir nur diese wichtigen Urkunden und ich werde Tag und Nacht reisen, bis ich des Herzogs Lager erreiche. Ich werde ihn wahrscheinlich im Augenblick des Siegs antrcffen und dann wird sein Herz zu offen sein, um der königlichen Verwandten, die ihm Alles hingibt, seinen Beistand zu versagen. Wir werden, wir müssen in einer solchen Stunde eine Hilfe erlangen, die eines Fürsten würdig ist; bald wird sich zeigen, ob der ausschweifende Eduard von Dork, der wilde Richard, der verrätherische und meineidige Clarence für immer Herren des lustigen Englands bleiben sollen, oder ob sie einem rechtmäßigeren Fürsten und besseren Menschen Platz macken müssen. Aber, o meine königliche Gebieterin, Alles hängt von der Schnelligkeit ab." Ihr habt Recht — wenig Tage können, ja müssen den Würfel zwischen Karl und seinen Gegnern fallen machen. Che ein so großes Opfer gebracht wird, wäre eS doch gerathen, sich zu vergewissern, ob der Mann, den wir uns günstig zu stimmen wünschen, im Stande ist, uns zu unterstützen. Alle Ereignisse eines unglücklichen und wechselvollen Lebens haben mich zu der Erkenntniß gebracht, daß kein Feind zu verachten ist. Indessen will ich mich beeilen und hoffen, wir werden in der Zwischenzeit gute Nachrichten von den Ufern des Neuf- chateler Sees crha.ten." „Aber wen wollt Ihr dazu verwenden, um diese wichtigen Urkunden zu fertigen?" fragte der junge Mann. Margarethe besann sich, ehe sie erwiederte, — „der Vater Guardian ist gefällig und ich halte ihn für treu, aber ich werde immer nur mit Widerstreben einem Mönch aus der Provence mein Vertrauen schenken. Halt, da fallt mir ein — Dein Vater sagt, man könne sich auf den Carmeliter verlassen, der den Brief gebracht hat. Das ist der Mann, dessen wir bedürfen. Er ist fremd und wird für ein Stück Geld schweigen. Lebe wohl, Arthur von Vere, — du wirst von meinem Vater mit aller möglichen Gastfreundschaft behandelt werden. Wenn du wieder Nachrichten bekommst, so versäume nicht, sie mir mitzutheilen; ich meinerseits werde mich an dich wenden, wenn ich Anweisungen abzuschicken habe. — Der Herr sei mit dir!" Arthur stieg jetzt den Berg noch eiligeren Schrittes hinunter, als er ihn den Tag zuvor erstiegen. Das Wetter war wieder wunderschön geworden und die Schönheiten der Pflanzen in einem Lande, wo diese nie ganz schlummert, waren wirklich entzückend und erquickend. Seine Gedanken schweiften von den Spitzen des Berges Sainte Viktoire auf die Felsen des Kantons Unterwalden. Seine Einbildungskraft rief ihm die Zeit in's Gedächtniß zurück, in welchem seine Spaziergänger durch die Schweizergebirge nicht einsam waren, in welchen ihm eine Jungfrau zur Seite ging, deren einfache Schönheit sich in sein Herz gegraben hatte. Solche Gedanken waren im Stande, ihn ausschließlich zu beschäftigen und es thut mir leid, sagen zu müssen, daß sie die Ursache waren, warum er die geheimnißvolle Warnung gänzlich vergaß, welche ihm sein Vater mitgegeben, die nämlich, er sollte sich nicht an den Wortlaut der Briefe halten, die er empfange, ehe er sie dem Feuer ausgesetzt. 172 Das erste, was an diese sonderbare Vorsichtsmaßregel wieder erinnerte, war der Anblick einer Schüssel mit glühenden Kohlen in der Küche des Wirthshauses am Fnß des Berges, wo er Thiebold und seine Pferds antraf. Cs war das erste Feuer, das ihm zu Gesicht kam, seit er seines Vaters Brief erhalten und es mahnte ihn ziemlich natürlich an das, was ihm der Graf empfohlen. Wie groß war seine Ueberraschung, als er das Papier, wie um cs zu trocknen, am Feuer erwärmt hatte und nun gewahr wurde, daß ein Wort an einer wichtigen Stelle des Schreibens sichtbar wurde und die Schlußworte nun lauteten, — „Auf den Ueberbringer kannst Du dich nicht verlassen." Fast überwältigt von Schaam und Aerger konnte Arthur kein anderes Mittel, die Sache gut zu macken, heraussinden, als daß er augenblicklich in das Kloster zurückkehrte, um der Königin seine Entdeckung mitzutheilen. Er hoffte noch zeitig genug zu kommen, um jede Gefahr zu verhindern, der sie sich durch die Verrätherei des Carmeliters aussehte. Aergsrlich über sich selbst und bestrebt, seinen Fehler gut zu machen, nahm er alle seine Kraft zusammen, um den Berg abermals zu erklettern. Wahrscheinlich war er nie zuvor in so kurzer Zeit erstiegen worden, als von dem jungen Erben von Vere; denn nach einem Gang von vierzig Minuten stand er außer Athen, und keuchend vor der Königin Margarethe, die über seine Rückkehr und über seine Erschöpfung gleich sehr erstaunt war. „Traut dem Carmeliter nicht!" rief er — „Ihr seid ver- rathen, edle Königin und zwar durch meine Nachläßigkeit. Hier ist mein Dolch — laßt mir ihn in die Brnst stoßen!" Margarethe verlangte und erhielt eine nähere Erklärung Als sie gemacht war, sagte sie, „das ist ein unglücklicher Zu. 173 fall; aber dein Vater hätte sich deutlicher ausdrücken sollen. Ich habe jenem Carmeliter schon den Inhalt der Verträge mitgetheilt und mit ihm verabredet, daß er sie abfaßt. Er hat mich so eben verlassen, um sich in den Chor zu begeben. Unmöglich kann ich das Vertrauen zurücknehmen, das ich ihm unglücklicherweise geschenkt; aber leicht werde ich von dem Vater Guardian erlangen, daß er Len Mönch daran hindert, das Kloster zu verlassen bis uns nichts mehr an seiner Verschwiegenheit zu liegen brauchte. Dieses ist Las beste Mittel, uns derselben zu versichern und wir werden dafür sorgen, daß er durch eine Belohnung für die Unannehmlichkeiten entschädigt wird, die ihm seine Haft verursachen könnten. Unterdessen ruhe aus, guter Arthur, und mache deinen Mantelkragen auf. Armer junger Mensch, du bist fast erschöpft durch deine Eile." Arthur gehorchte und ließ sich auf einen Sitz im Sprach- zimmer nieder, denn die Schnelligkeit, die er gebraucht, machte eS ihm fast unmöglich, zu stehen. „Wenn ich nur," sagte er, „den falschen Mönch sehen könnte, so würde ich wohl Mittel finden, ihn zum Schweigen zu bringen." ES ist besser, du überlässcst es mir," sagte die Königin; „mit einem Wort, ich verbiete dir, dich mit ihm zu befassen; die Haube kann besser mit der Mönchskappe umgehen als der Helm. Sprich nicht mehr von ihm. Es freut mich, daß du die heilige Reliquie um den Hals trägst, die ich dir geschenkt; — aber was für einen maurischen Talisman hast du denn daneben? Ach, ich brauche nicht zu fragen. Du wirst fast so roth, als du vor einer Viertelstunde warst, als du hereinkamst; gesteh', eS ist ein Liebespfand. Ach, armes Kind; hast du nicht 174 blos einen Theil von dem Unglück deines Vaterlandes zu tragen, sondern auch deine eigene Bürde von Kümmerniß? Sie ist jetzt nicht die minder schwere, aber die Zukunft wird dir zeigen, wie ungereimt sie ist. Margarethe von Anjou hätte früher deine Neigung unterstützen können, welches auch der Gegenstand derselben gewesen wäre; aber heutzutage vermag sie blos zum Unglück ihrer Freunde beizutragen, nichts zu ihrem Wohlergehen. Aber das Zaubermädchen, Arthur, ist sie schön — ist sie verständig und tugendbaft — ist sie von edler Geburt und liebt sie dich?" Sie überflog mit einem Adlerblick sein Gesicht und fuhr fort, „du würdest auf alle diese Fragen mit Ja antworten, wenn die Bescheidenheit dir solches «erstattete. Liebe sie also wieder, mein wackerer Junge, denn die Liebe ist die Mutter edler Handlungen. Geh, mein junger Freund — hochgeboren und treu, tapfer und tugendhaft, verliebt und jung, wie weit kannst du es nicht bringen? Das Ritterthum des - lten Eu opa lebt nur noch in Herzen wie das deine. Geh' und laß das Lob einer Königin dich mit Liebe für Ehre und kühne Thaten entflammen. In drei Tagen sehen wir uns in Air wieder." Arthur nahm tief gerührt über die Herablassung der Königin anfs Neue Abschied von ihr. Er ging wieder den Berg hinab, aber mit viel weniger Eile als er beim Hinaufsteigen angewendet. Unten fand er seinen provencalischen Stallmeister, der in großer Ueberraschung zurückgeblieben war, als er die Verwirrung bemerkte, in welcher sein Herr Las Wirthshaus fast unmittelbar wieder verlassen hatte, nachdem er es ohne scheinbare Eile oder Erregung betreten. Arthur erklärte seine schnelle Rückkehr dadurch, daß er vorgab, er habe seinen Beutel in dem Kloster vergessen gehabt; 175 ja in diesem Fall," sagte Thiebold, „wenn ich bedenke, was und wo Ihr es liegen lieffet, wundere ich mich nicht über Eure Eile, obgleich ich, die heilige Jungfrau steh mir bei! nie ein lebendes Wesen, als etwa eine Ziege mit einem Wolf auf den Fersen, den Weg über Felsen und Hecken mit halb so viel Schnelligkeit zurücklegen sah als Euch." Sie erreichten Air nach einem Ritt von etwa einer Stunde, und Arthur verlor keine Zeit, den guten König Renö aufzusuchen. Dieser empfing ihn sehr freundlich, sowohl aus Rücksicht auf den Brief des Herzogs von Burgund, als in Betracht, daß er ein Engländer und der ergebene Unterthan der Königin Margarethe war. Der versöhnliche Monarch verzieh bald seinem jungen Gast den Mangel an Gefälligkeit, mit dem er sich geweigert, seine musikalischen Erzeugnisse anzuhören. Arthur erkannte schnell, daß eine Entschuldigung für den Mangel an Lebensart, den er in dieser Beziehung gezeigt, ihn wahrscheinlich in die Lage bringen würde, mehr aushal- ten zu müssen, als seine Geduld zu ertragen vermochte. Er konnte sich dem sehnlichen Wunsche des alten Königs seine eigenen Gedichte vorzulesen und seine eigene Musik aufzuführen, blos dadurch entziehen, daß er von seiner Tochter Margarethe za sprechen anfing. Arthur hatte manchmal an dem Einfluß zweifeln wollen, dessen sich die Königin über ihren alten Vater rühmte; nachdem er aber Rens näher kennen gelernt, überzeugte er sich, daß der gewaltige Verstand und die heftigen Leidenschaften der Tochter dem schwachsinnigen und lenksamen König eine Mischung von Stolz, Zuneigung und Furcht eingeflößt hatten, und daß diese sich vereinigten, um jener die ausdedehnteste Herrschaft über ihren Vater zu verschaffen. 176 Obschon sie ihn erst vor ein paar Tagen und auf eine so unfreundliche Art verlassen hatte, war Ren« koch so vergnügt über die Nachricht von ihrer wahrscheinlichen und nahe bevorstehenden Rückkehr, als der zärtlichste Vater bei der Aussicht auf Wiedervereinigung mit dem gehorsamsten Kinde hätte sein können, das er Jahre lang nickt gesehen. Der alte König erwartete den Tag ihrer Ankunft mit der Ungeduld eines Knaben. Noch immer befand er sich in seltsamer Unwissenheit über die Verschiedenheit ihres Geschmacks von dem seinen und nur mit Mühe konnte man ihn von dem Plan abbringen, ihr im Aufzug des alten Palemon „des Stolzes und Fürsten der Hirten," an der Spitze eines Zugs arkadischer Nymphen und Schäfer entgegenzugehen. Dabei wollte er zu den Chortänzen und Gesängen jede Pfeife, jede Handtrommel im Lande in Bewegung setzen. Aber selbst der alte Haushofmeister gab seine Mißbilligung über Liese Art von .joxeuso «nie«« (fröhlichem Einzug) zu erkennen. So ließ sich Neu« am Ende überreden, die Königin sei zu sehr mit den religiösen Eindrücken beschäftigt, denen sie in letzter Zeit ausgesetzt gewesen, als daß sie durch Betrachtung oder Anhörung weltlicher Gegenstände angenehm berührt werden könnte. Der König gab diesen Gründen nach, obgleich er nicht mit ihnen einverstanden war und so entging Margarethe einem widerlichen Empfang, der sie vielleicht in ihrer Ungeduld auf den Berg Saiute Viktoire und in die schwarze Höhle von Lou Garagonle zurückgetrieben hätte. Während ihrer Abwesenheit brachte der Hof von Provence seine Tage in Spielen und Belustigungen aller Art hin; Turniere in den Schranken mit stumpfen Sperren, Ringelrennen, Hasen- und Falkenjagd, an denen die Jugend 177 beiderlei Geschlechts Antheil nahm, bildeten die Ergötzung des Königs und die Abende wurden unter Musik und Tanz hingebracht. Arthur mußte sich gestehen, daß ihn Alles das vor Kurzem noch vollkommen glücklich gemacht haben würde; aber die letzten Monate seines Lebens hatten seinen Verstand und seine Leidenschaften gereist. Er war nunmehr eingeweiht in das eigentliche Treiben des menschlichen Daseins und blickte auf die Erheiterungen desselben mit einer 'Art von Geringschätzung. So erwarb er sich unter dem lustigen Adel, der den fröhlichen Hof zusammensetzte, Len Titel des jungen Weltweisen; aber man gab ihm denselben vermuthlich nicht um ihm eine Schmeichelei zu machen. Am vierten Tage lief durch einen besonderen Boten die Nachricht ein, daß die Königin Margarethe noch vor Mittag in Air eintreffen würde, um ihren Aufenthalt wieder im Palaste ihres Vaters zu nehmen. Der gute König schien, als der Augenblick hcrankani. Las Zusammentreffen m t seiner Tochter ebenso sehr zu fürchten, als er es früher gewünscht hatte, und steckte auch seine ganze Umgebung mit seiner rastlosen Uniuhe an; er quälte seinen Haushofmeister und seine Köche, die Speise» zu bereiten, die sie, wie er bemerkt, gerne gegessen; er drang in die Spiellente, sich auf die Weisen zu besinnen, die ihr Vergnügen gewährten. Und als einer von ihnen die kecke Antwort gab, er habe nie wahrgenommen, daß die gnädige Frau einem Musikstück geduldig zugehöit hätte, so drohte ihm der Monarch, ihn für diese Lästerung auf den Geschmack seiner Tockter aus seinem Dienste zu entlassen. Das Essen wurde auf halb zwölf Uhr bestellt, wie wenn er durch die frühere Anordnung desselben die Ankunft der erwarteten Gäste hätte beschleunigen können. Der alle König lief mit einem Teller- Anna v. Geierstein m. 12 luch unter dem Arm durch den Saal von Fenster zu Fenster und ermüdete Jedermann mit Fragen, ob nichts von der Königin von England zu sehen wäre. Gerade in dem Augenblick, da die Glocken zwölf Uhr schlugen, ritt die Königin mit einem sehr kleinen Gefolge, meistens aus Engländern bestehend, in Morgengewändcrn, wie sie selbst, in der Stadt Air ein. König Rens versäumte nicht, an der Spitze seines Hofs von seinem stattlichen Palast herunter bis an's Ende der Straße seiner Tochter entgegenzugehen. Stolz, hochmüthig und besorgt, sich lächerlich zu machen, war Margarethe keineswegs erfreut über diese öffentliche Begrüßung auf dem Marktplatz. Aber sie wünschte in diesem Augenblick ihre neuliche Unart gut zu machen, und stieg darum ab von ihrem Zelter. Sie stieß sich zwar etwas daran, daß sie Rens mit einem Tellertuch daherkommen sah, dennoch erniedrigte sie sich so weit, daß sie ein Knie vor ihm beugte, und ihn um seinen Segen und seine Verzeihung bat. „Du hast — du hast meinen Segen, meine leidende Taube!" sprach der schlichte König zu der stolzesten und ungeduldigsten Fürstin, die je eine verlorene Krone beweinte. „Und wie kannst du um Verzeihung bitten, da du mich nie beleidigt, seit mich Gott zum Vater eines so trefflichen Kindes gemacht? — Steh' auf, sag' ich, steh' auf — an mir ist es, dich um Verzeihung zu bitten. — Wahrhaftig, ich sagte in meiner Unwissenheit und dachte bei mir selbst, mein Herz habe mir etwas Glückliches eingegeben, aber es ist dir unangenehm gewesen. Also ist es an mir, deine Vergebung nach- zusuchen." — Und nieder sank der gute König Rens auf beide Knie; und das Volk, welches gewöhnlich von Allem angezogen wird, was etwas Auffallendes an sich hat, gab lärmend seinen Beifall zu erkennen. Einige unterdrückten 179 auch das Lachen über eine Stellung, in welcher die Tochter und der Vater sich so sonderbar ausnahmen. Margarethe haßte alles Lächerliche und war sich wohl bewußt, daß ihre dermalige Lage sich wenigstens durch ihre Oeffentlichkeit komisch genug ausnahm; sie gab Arthur'n, den sie im Gefolge des Königs erblickte, ein Zeichen, zu ihr zu kommen, bediente sich seines Arms, um aufzustehen und flüsterte ihm auf Englisch zu: „Welchen Heiligen soll ich anflehen, mir die Geduld zu bewahren, deren ich so sehr bedarf?" „Um Gottes Willen, königliche Frau, nehmt alle Eure Geistesgegenwart und Ruhe zu Hilfe," antwortete leise ihr Knappe, der sich in diesem Augenblick mehr verlegen fühlte, als geehrt durch seinen ausgezeichneten Dienst; denn es konnte ihm nicht entgehen, daß die Königin vor Ungeduld und Verdruß zitterte. Zuletzt traten sie ihren Weg in den Palast wieder an. Vater und Tochter Arm in Arm. Dies war für Margarethe angenehm; sie vermochte es über sich, den Erguß der Zärtlichkeit ihres Vaters und den allgemeinen Ton seines Gesprächs zu ertragen, da er von Andern nicht gehört wurde. In gleicher Weise ließ sie sich mit lobenswerther Geduld die lästigen Aufmerksamkeiten gefallen, die er ihr bei Tische erwies; sie begrüßte die vornehmsten von seinen Höflingen, fragte nach andern, brachte den Lieblingsgegenstand seiner Unterhaltung, die Dichtkunst, zur Sprache, die Malerei und die Musik, bis der gute König so entzückt war über die ungewohnte Artigkeit seiner Tochter, als je ein Liebender über das Geständniß der Zuneigung seiner Gebieterin, wenn nach Zähren eifriger Bewerbung das Eis ihres Busens endlich aufgethaut ist. Es kostete die hochmüthige Margarethe An- 12 * 180 strengung, sich an diese Rolle zu halten — ihr Stolz sträubte sich bis zu Schmeicheleien gegen die Schwächen ihres BaterS herabzusteigen, um ihn zur Verzichtleistung auf sein Land zu bewegen. Da sie es indessen einmal unternommen und schon so viel für die einzige, noch übrige Möglichkeit eines günstigen Erfolgs bei einem Angriff auf England gewagt hatte, so sah sie keinen andern Ausweg oder wollte keinen andern sehen. Zwischen der Mahlzeit und dem Ball, welcher der erstere» folgen sollte, suchte die Königin Gelegenheit, mit Arthur zu sprechen. „Schlimme Neuigkeiten, mein weiser Rathgeber," sagte sie. „Der Karmeliter ist nicht in s Kloster zurückgekehrt nachdem der Gottesdienst vorüber war. Da er erfahren, daß du in großer Eile zurückgekvmmen seiest, schloß er wahrscheinlich, man möchte Verdacht auf ihn haben, und verließ das Kloster auf dem Berge Sainte Viktoire." „Wir müsse» die Maßregeln beschleunigen, welche Euer Gnaden zu ergreifen beschlossen hat," antwortete Arthur. „Ich werde morgen mit meinem Vater sprechen. Unterdessen mußt du die Vergnügungen des Abends mitmachen, denn für dich möge» es Vergnügungen sein. — Fräulein von BoiSgelin, ich gebe Euch diesen Edelmann zum Tänzer für den Abend." Die schwarzäugige hübsche Provencalin verbeugte sich mit gebührendem Anstand und warf auf den schönen, jungen Engländer einen beifälligen Blick; aber entweder schreckte sie der Ruf eines Wellweisen ab, in dem er stand, oder sein zweifelhafter Rang — sie fügte die Bedingung hinzu — „wenn eS meine Mutter zugibt." 181 „Eure Mutter, Fräulein, wird, denk' ich, kaum etwas an einem Tänzer auszusetzen haben, den Zhr aus den Händen Margarethens von Anjou empfanget. Glückliches Vorrecht der Jugend," setzte sie mit einem Seufzer hinzu, als das junge Paar wegging, um die Plätze beim Tanze einzu- nehmen, „welche auf den rauhesten Wegen eine Blume pflücken kann!" Arthur hielt sich den ganzen Abend so gut, daß die junge Gräfin vielleicht blos bedauerte, daß ein so munterer und schöner Mann seine Complimente und Aufmerksamkeiten innerhalb der kalten Schranken der Höflichkeit hielt, welche durch die Vorschriften der Umgangssilten gezogen werden. Zehntes Kapitel. Denn völlig bin ich damit einverstanden Den König seiner Pracht hier zu entkleiden. Den Stolz herabzudrücken und aus Herren Sklaven zu machen, Bauern aus den Großen Und Unterthanen aus den stolzen Fürsten. Shakstreare's Richard «. Am nächsten Tag fand ein ernsthafter Auftritt Statt. Der König Ren« hatte nicht versäumt, dis Vergnügungen des Tages anzuvrdnen, als zu seinem Schrecken und Verdruß Margarethe eine Unterredung über wichtige Geschäfte verlangte. Wenn es in der Welt einen Vorschlag gab, welchen Ren6 aus voller Seele verabscheute, so war es der, in welchem das Wort Geschäft vorkam." „Was war es, was sein Kind wollte?" sagte er bei sich. „Geld?" Er wollte ihr geben, was sich in der Kaffe vorfand, obgleich er sich gestand, daß sein Schatz etwas entblös't wäre. Doch hatte er sein vierteljähriges Einkommen erhalten, zehntausend Kronen. Wie viel wünschte sie, daß man ihr aus- bezahlte? Die Hälfte — drei Viertel — oder das Ganze? Alles stand ihr zu Diensten. „Ach mein theurer Vater," sagte Margarethe, „es sind nicht meine, sondern Eure eigenen Angelegenheiten, von denen ich mit Euch zu sprechen wünsche." „Wenn es Sachen sind, die mich betreffen," versetzte König Nene, „so steht es mir gewiß frei, sie auf einen andern—auf einen trüben Regentag zu verschieben, der zu nichts Besserem gut ist. Sieh, meine Liebe, die Falkner sitzen schon zu Pferde und sind bereit — die Rosse wiehern und stampfe» — die Herren und Frauenzimmer sind auch ausgestiegen und haben schon die Falken auf der Faust, die Hunde werde» ungeduldig an der Leine. Es wäre eine Sünde, bei so günstigem Wind und Wetter den lieblichen Morgen zu verlieren. " „Laßt sie ihres Wegs reiten," entgegnete Margarethe, „und ihrer Jagd nachgehen; denn bei dem Gegenstand, vo» dem ich zu reden habe, handelt es sich von der Ehre und dem Rang, von dem Leben und den Mitteln des Unterhalts." „Ja, ich habe aber Calezon und Johann von Aigues- Mortes, die zwei berühmtesten Troubadours anzuhören und zwischen ihnen zu entscheiden." „Verschiebt ihren Streit bis morgen," erwiederte Margarethe, „und verwendet eine oder zwei Stunden auf dringendere Angelegenheiten." „Wenn du darauf bestehst," versetzte König Rens, „so weißt du wohl, mein Kind, daß ich nicht Rein sagen kann." Und mit innerem Widerstreben gab er den Falknern Befehle, abzugehen und ihre Jagd zu verfolgen, da er sie heute nicht begleiten könnte. 184 Der alte König ließ sich hierauf, wie ein Windspiel, das man gegen seinen Willen von der Jagd zurückhält, in ein besonderes Gemach führen. Um jede Störung zu verhindern, ließ Margarethe ihren Schreiber Mordaunt und Artkur im Vorzimmer und gab ihnen den Befehl, Niemand hereinzu- laffen. „Wenn es sein muß, Margarethe," sagte der gutmüthige alte Manu, „so will ich mich dazu verstehen, zu Haus zu bleiben; aber warum den alten Mordaunt von einem Spazierritt an diesem schönen Morgen abhaltc»; und warum soll der junge Arthur nicht mit den Andern sortgehen? Ich kann dich versichern, er hat, obgleich sie ihn den Weltweiseu nennen, doch letzte Nacht Mit der jungen Gräfin von Boisgelin ein so leichtes Paar Fersen gezeigt, als irgend ein Edelmann in der Provence." „Sie sind aus einem Lande," sagte Margarethe, „in welchem die Männer von Kindheit auf dazu angehalten werden, die Pflicht ihrem Vergnügen vorzuziehen." Der König sah, als er in das Berathungszimmer gelangte, mit innerem Schauder den verhängnißvollen, silberbeschlagenen Schrank von Ebenholz, welcher noch nie geöffnet worden war, ohne ihm die tödtlicbste Langeweile zu machen. Mit Kummer berechnete er, wie oft er würbe gähnen müssen, bis er Len Inhalt desselben untersucht hätte. Als dieser aber vor ihm lag, erregte er seine Theilnahme, war sie gleich schmerzlicher Art. Seine Tochter legte ihm eine kurze und deutliche Ueber- sicht der Schulden vor, die auf seinen Besitzungen hafteten und für welche verschiedene Stücke der letzteren verpfändet waren. Sodann zeigte sie ihm auf einem anderen Zettel die großen Forderungen, deren augenblickliche Bezahlung verlangt wurde. zu deren Tilgung aber keine Gelder aufgebracht oder angewiesen w-erden konnten. Der König vertheidigte sich in seiner verzweifelten Lage, wie es viele andere getban haben würden' Auf jede Forderung von sechs-, sieben- oder achttausend Dukaten behauptete er, er habe zehntausend Kronen in seinem Kasten und ließ sich nur mit Widerstrebe», nur nach wiederholten Vorstellungen überfübren, daß diese Summen nicht hinreichen, um den Lreißigfache» Betrag zu entrichten. „Nun," rief der König etwas ungeduldig, „warum denn nicht die bezahlen, die am meisten darauf dringen und die andern warten lassen, bis wieder etwas eingekt?" Das ist ein Verfahren, zu dem man schon zu of seine Zuflucht genommen hat, versetzte die Königin, „und schon die Rechtschaffenheit erfordert, daß man Gläubiger bezahlt, welche Euer Gnaden ihr ganzes Vermögen vorgeschoffen haben." „Aber sind wir denn nicht," sagte Rene, „König von beiden Sicilieu, von Neapel, von Aragonien und Jerusalem? Und warum sollte man den Monarchen solcher schönen Reiche aufs Akußerste treiben wie einen bankbrüchigen Freisaßen, und daS wegen ein paar Sacke roll lumpiger Kronen?" „Ihr seid freilich König dieser Reiche," sagte Margarethe; „aber es ist nothwendig, Euer Gnaden daran zu erinnern, daß Ihr das grade seid, wie ich Königin von England bin, wo ich nicht eine Hufe Land besitze und keinen Pfennig Einkünfte zu erheben habe? Ihr habt keine Besitzungen, um ein Einkommen daraus zu ziehen, als die, welche Ihr auf diesem Verzeichniß mit einer genauen Angabe dessen, was sie abwerfen, finden könnt. Es reicht nicht aus, wie Ihr seht, um standesgemäß zu lebe» und den großen Verpflichtungen nachznkommen, die Ihr gegen frühere Darleiher eingegangen." „Es ist grausam, mich so zu qualm," sagte der arme König. „Was kann ich machen? Wenn ich arm bin, so bin ich nicht Schuko daran. Gewiß würde ich die Schulden zahlen, von denen du sprichst, wenn ich wüßte, wie ich es machen sollte." „Königlicher Vater, ich will Euch das sagen. — Verzichtet auf eine leere und unnütze Würde, die durch die Anforderungen, mit welchen sie verbunden ist, nur dazu dient, Euer Elend lächerlich zu machen. Entsaget Euren Rechten als Fürst und die Einkünfte, welche für die gehaltlosen Ausschweifungen eines Hofs voll Bettler nicht ausreichen, werden Euch in Stand setzen, als einfacher Edelmann in Ruhe und Wohlstand alle Vergnügungen zu genießen, die Euch Freude macken." „Margarethe, du sprichst thorichteS Zeug," antwortete Renö mit einem Ernst. „Ein König und sein Volk sind mit einander durch Bande verknüpft, welche keines von beiden ohne Würde lösen kann. Meine Unterthane» sind meine Heerde und ich bin ihr Hirte; der Himmel hat sie meiner Leitung vertraut und ich wage nicht, der Pflicht mich zu ent- schlagen, die mir gebietet, sie zu schätzen." „Wäret Ihr im Stande, das zu thun," erwiederte Margarethe, „so würde ich Euch bitten, bis zum Tode dafür zu kämpfen. Aber ziehet den lange nickt gebrauchten Harnisch an — besteigt Euer Kriegsroß — ruft Renö und Provence! und seht zu, ob sich hundert Männer um Eure Fahne sammeln. Eure Festen sind in den Händen von Fremden; Ihr habt kein Heer; Eure Vasallen mögen guten Willen besitzen, aber es fehlt ihnen an aller kriegerischen Erfahrung und an Uebung im Felde. Ihr behauptet nichts mehr als das bloße Gerippe eines Staats, welchen Frankreich oder Burgund nie- 187 Verwerfen können, sobald der eine oder der andere sich die Mühe nehmen will, die Hand nach ihm auszustrecken." Reichliche Thränen flössen dem alten König über die Wangen, als diese wenig schmeichelhafte Aussicht vor ihm eröffnet ward. Er konnte sich selbst nicht verbergen, daß er durchaus nicht im Stande sei, sich und sein Land zu verthei- digen; er mußte zugeben, daß er oft an die Nvthwendigkeit gedacht, mit einem seiner mächtigen Nachbarn sich wegen seiner Thronentsagung in Unterhandlungen einzulafsen. „Dein Interesse, Margarethe, so unfreundlich und hart du bist, war es, welches mich bis jetzt abhielt, zu Maßregeln zu schreiten, die meinem Gefühl schmerzlich, aber vielleicht am besten auf meinen Vortheil berechnet sind. Ich hegte die Hoffnung, mich halten zu können so lange ich lebe. Und dann dachte ich, du würdest mit den Talenten, welche dir der Himmel verliehen, Mittel finden, um dem Unglück zu entgehen, dem ich mich nur dadurch entziehen kann, daß ich mir die Gedanke» daran fern halte." „Wenn Zhr ernstlich von meinem Vortheil sprecht," sagte die Königin, „so wißt, daß Ihr durch eine Verzichtleistung auf die Provence den eifrigsten und fast einzigen Wunsch befriedigen würdet, welchen mein Herz nährt. Aber, der Himmel sei mein Zeuge, um Euretwillen, gnädiger Herr, sowohl als meinetwegen rathe ich Euch, mir zu willfahren." „Sag nichts mehr davon, Kind; gib mir das Pergament mit der Verzichtleistung, und ich will es unterzeichnen: ich sehe, du hast sie schon ausgefertigt, laß uns unterschreiben und dann wollen wir Len Jägern Nacheilen. Wir müssen das Mißgeschick ertragen; aber es ist gar nicht nöthig, daß wir uns hinsetzcn und darüber weinen." 188 „Fraget Ihr nicht," sagte Margarethe, überrascht von seinerTheilnakmlosigkeit, „wem Ihr Eure Besitzungen abtretet?" „Was nützt es?" antwortete der König, „da sie nicht mehr mein eigen,sein sollen? Entweder muß es Karl von Burgund sein oder mein Neffe Ludwig — beides mächtige »nd staatskluge Fürsten. Gott gebe, daß mein armes Volk keine Ursache hat, den alten Mann zurückzuwünschen, dessen einzige Freude es war, dasselbe glücklich und froh zu machen." „An Burgund überlasset Ihr die Provence," versetzte Margarethe. „Ich würde ihn vorgezogen haben," erwiederte Rens; „er ist heftig, aber nicht bösartig. Noch ein Wort, — sind die Vorrechte und Freiheiten meiner Unterthanen völlig sicher gestellt?" „Vollkommen," entgegnete die Königin; „und sür Eure eigenen Bedürfnisse jeder Art ist in ehrenhafter Weise gesorgt. Ich wollte die Bestimmungen darüber nicht dem Herzog von Burgund freistellen, obgleich ich mich vielleicht auf ihn hätte »erlassen können, soweit es das Geld allein betrifft." «Ich verlange nichts für mich — mit seiner Geige und seinem Pinsel wird Rens, der Troubadour, so glücklich sein, als Rens, der König." Bei diesen Worten fing der praktische Philosoph den Schluß des zuletzt von ihm verfaßten Liedchens zu pfeifen an und Unterzeichnete die Entsagung auf den Rest seiner königlichen Besitzungen, ohne den Handschuh abzuziehen oder auch nur die Urkunde zu lesen. „WaS ist das?" sagte er mit einem Blick auf ein anderes Pergament von viel kürzerem Inhalt. „Verlangt mein Vetter Karl auch noch Sicilien, Katalonien, Neapel und Jerusalem zu den ärmlichen Ueberbleibseln der Provence? Ich 189 meine, des Anstands wegen Härte man für Abtretung eines so ausgedehnten Gebiets ein größeres Stück Pergament nehmen können." „Diese Schrift," erwiederte Margarethe, „besagt bsos, daß Ihr Euch von aller Unterstützung FerraudS von Vaude- wont bei seinem unbesonnenen Unternehmen auf Lothringen lossaget, daß Ihr ihn nicht anerkennt und jeden Streit über die Sache gegen Karl von Bnrgnnv aufgebet." Diesmal hatte sich Margarethe in der nachgiebigen Ge- Müthsart ibreS Vaters verrechnet. Nene fuhr wirklich auf, wechselte die Farbe und unterbrach sie mit vor Erregung stockender Stimme — „blvs nicht anerkennen — blos im Stich lassen — blos die Sacke meines Enkels aufgebeu, des Sohnes meiner theure» Iolantha — seine rechtmäßigen Ansprüche auf das Erblheil seiner Mutter! — Margarethe, ich schäme mich für dich. Dein Stolz bient deinem bösen Herze» zur Ausrede; aber was ist der Stolz werth, der sich zu einer Handlung schmählicher Gemeinheit erniedrigt? Verlassen, ja ver- läugnen soll ich mein eigen Fleisch und Blut, weil der Jüngling als kühner Ritter zu Felde liegt und entschlossen ist um sein Reckt zu kämpfen. — Ich verdiente, daß Harfe und Horn meine Schande ausposauute», wenn ick dir Gehör gäbe." Margarethe wurde durch den unerwarteten Widerstand des alten Mannes einigermaßen ans der Fassung gebracht. Sie versuchte indessen zu beweisen, daß vom Standpunkt der Ehre aus betrachtet, keine Veranlassung vorhanden sei, warum sich Rens in das Treiben cmes tollen Abentheurers verwickeln sollte, dessen Recht, ob es nun darum gut oder schlimm stehe, bloS durch unbedeutende und geheime Geldvorscküffe von Frankreich und durch die Waffe» einiger unruhigen Banditen in der Höhe gehalten werde, welche die Gränzen aller Länder 190 beunruhigten. Aber ehe Köniz Ren« eine Antwort geben konnte, ließen sich ungewöhnlich laute Stimmen in dem Vorzimmer hören. Die Thüre desselben wurde von einem geharnischten, mit Staub bedeckten Ritter aufgeriffen, dessen Aeuße- res ankündigte, daß er weit herkäme. „Hier bin ich," sagte er, „Vater meiner Mutter — seht Euren Enkel — Ferrand von Vaudemont; der Sohn Eurer verlorenen Jolantha kniet zu Euren Füßen und bittet um Euern Segen für sich und sein Vorhaben/' „Du hast ihn," erwiederte Rens, „und möge er dir Glück bringen, tapferer Junge, Ebenbild deiner seligen Mutter — mein Segen, mein Gebet, meine Hoffnung geleite dich!" „Und Ihr, schöne Tante von England," fuhr der junge Ritter gegen Margarethe gewendet fort, „Ihr, die Ihr durch Verräther aus Eurem Eigenthum vertrieben seid, wollt Ihr Euch nicht für die Sache eines Vetters erklären, der für sein Erbe kämpft?" „Ich wünsche Euch alles Gute, freundlicher Neffe," antwortete die Königin von England; „obgleich Eure Züge mir fremd sind. Aber es wäre eine gottlose Thorheit, diesem alten Manne zu rathen, er solle sich Eurer Sache annehmen, da sie in aller klugen Leute Augen verzweifelt ist." „Ist denn meine Sache verzweifelt?" fragte Ferrand; „verzeiht mir, das habe ich nicht gewußt. Und das sagt meine Tante Margarethe, deren Seelenstärke Lancaster so lange aufrecht erhielt, nachdem der Muth seiner Krieger in so vielen Niederlagen untergegangen war? Was — vergebt mir, denn meine Sache muß ich vertheidigen — was würdet Ihr gesagt haben, wenn meine Mutter Jolantha im Stande gewesen wäre, ihrem Vater zu rathen, er solle sich von Eurem Eduard los- sagen, falls Gott ihm »erstattet hätte, die Provence wohlbehalten zu erreichen?" „Eduard," antwortete Margarethe und weinte bei'm Sprechen, „war unfähig zu wünschen, seine Freunde sollten sich in einen Streit einlaffen, bei dem kein günstiger Erfolg zu hoffen stand. Auch war sein Handel von der Art, daß Mächtige Fürsten und Barone die Lanzen dafür einlegten." „Doch hat sie der Himmel nicht gesegnet," sagte Vaude- mont. „Die Eure wird blos von deutschen Raubrittern unterstützt, von den aufgeblasenen Bürgern in den Städten am Rhein und von den elenden, bäurischen Eidgenossen in den Cantonen." „Aber der Himmel hat sie gesegnet," versetzte Vaudemont. „Wißt, stolze Frau, daß ich komme, zwischen Cure verräthe- rischen Ränke zu treten; nicht als niedriger Abentheurer, der den Krieg mehr mit List, als Gewalt führt, sondern als Sieger von einem blutigen Schlachtfelds, auf welchem der Himmel den Stolz des Tyrannen von Burgund gedemüthigt hat." „Das ist falsch!" sagte die Königin zitternd. „Ich glaube es nicht." „Es ist wahr," entgegnete Vaudemont, „so wahr als der Himmel über uns ist. — Es sind jetzt vier Tage, daß ich das Feld von Granson verließ, wo die burgundischen Soldner in Haufen liegen — sein Reichthum, seine Juwelen, sein Silbergeschirr, seine prächtigen Schmucksachen sind die Beute der armen Schweizer geworden, die kaum den Werth derselben zu bestimmen vermögen. Kennt Ihr das, Königin Margarethe?" fuhr der junge Krieger fort und zeigte das wohlbekannte Kleinod, welches des Herzogs Orden vom goldnen Vließ ge- !92 schmückt hatte; „glaubt Jbr nicht, daß der Löwe tüchtig gejagt wurde, da er solche Trophäen, wie diese, hinter sich ließ?" Margarethe blickte mit starre» Augen und verwirrten Gedanke» auf ein Zeichen, welches die Niederlage des Herzogs und das Erlöschen ihrer letzten Hoffnungen bestätigte. Ihr Vater dagegen war gerührt über den Heldenmut!! des jungen Kriegers, eine Eigenschaft, welche, wie er fürchtete, in seiner Familie verloren gegangen war, außer bei seiner Tochter Margarethe. Er bewunderte den Jüngling, der sich um des Ruhmes willen der Gefahr aussetzte, fast eben so sehr, als die Dichter, welche den Krieger unsterblich machen; er drückte seinen Enkel an die Brust, fvrd rte ihn auf, „sein Schwertt umzugürten in Kraft" und versicherte ilm, wenn Geld seinen Angelegenheiten dienlich sein könnte, so hätte er, König Nene, über zehntausend Kronen zu verfügen und ein Theil davon oder das Ganze stände zu Ferrauds Befehl. Damit-bewieß er, was man ihm nachsagte, nämlich, daß sein Kopf unvermögend wäre, zwei Vorstellungen auf einmal zu fassen. Wir kehren zu Arthur zurück, der mit Mordaunt, dem Sekretär der Königin von England, durch den Eintritt des Grafen von Daudemvnt nicht wenig überrascht worden war. Dieser hatte sich als den Herzog von Lothringen in dem Vorzimmer angekündigt, wo sie eine Art Wache hielten und ihm war ein großer, starker Schweizer mit einer mächtigen Hellebarde auf der Schulter gefolgt. Als sich der Prinz nannte, hielt es Arthur nicht für ziemlich, sich seinem Eintritt zu seinem Großvater und seiner Tante zu widersetzen, besonders, da ihm einleuchtete, daß er hierdurch einen Streit hcrbeiführen würde. In den, großen, verdutzten Hellebardier, der verständig genug war, im Vorzimmer zurück zu 193 bleiben, war Arthur nicht weniq überrascht, Sigmund Biedermann zu erkennen, der ihn eine Weile betroffen anstarrte, dann wie ein Hund, der plötzlich seinen Liebling wieder steht, mit einem Freudenschrei auf de» jungen Engländer zustürzte und ihm sagte, wie glücklich er sei, il», zu treffen und wie er ihm noch Wichtiges zu sagen habe. Es war für Siegmund nie etwas Leichtes, seine Begriffe zu ordnen, und jetzt waren sie durch die triumphirende Freude völlig in Verwirrung ge- rakhen, welche ihm der neuerliche Sieg seiner Landsleute über den Herzog von Burgund einflößte. Mit Verwunderung hörte Arthur auf seine unordentliche und ungeschmückte, aber wahrheitsgetreue Erzählung. „Seht Ihr, König Arthur, der Herzog war mit seiner gewalligen Armee bis nach Gransvn gekommen, welches nahe am Ende des großen Neufchateler-Sees liegt. ES lagen fünf oder sechshundert Eidgenossen darin und hielten es, bis es an Mundvorrath fehlte; dann, wißt Ihr, waren sie gezwungen, es zu übergeben. Aber obgleich der Hunger schwer zu ertragen ist, hätten sie doch besser gethan, ihn noch einen oder zwei Tage länger auszubaltcn, den» der Schlächter Karl ließ sie alle an Bäumen um den Platz her aufhängen. Und Ihr wißt, nach einer solchen Behandlung gab eS für sie nichts mehr zu schlucken. Mittlerweile war auf unsere» Bergen Alles in Bewegung und jeder Mann, der eine Lanze oder ein Schwert besaß, richtete es her. Wir vereinigten uns zu Neuf- chatel und einige deutsche stießen mit dem edeln Herzog von Lothringen zu uns. Ach, König Arthur, daS ist ein Anführer! — wir alle halten ihn für den zweiten nach Rudolph von Donnerhügel — Ihr habt ihn erst kürzlich gesehen — der war's, der in das Zimmer hereinkam — und Ihr habt ihn zuvor schon gesehen — es war der blaue Ritter von Anna v, Geiersteln ur. 13 Basel; aber wir hießen ihn damals Lorenz, denn Rudolph, sagte unser Vater, dürfe nichts davon erfahren, daß er da sei, und ich wußte damals selber noch nicht wer er war. Gut als wir nach Neufchatel kamen, bildeten wir eine hübsche Schaar; wir waren unser sünfzehntausend tüchtige Eidgenossen, und die andern, die Deutschen und Lothringer beliefen sich, wollt' ich wetten, auf mehr als fünftausend. Wir hörten, die Burgunder ständen sechSzigtausend Mann stark im Feld, aber zugleich erfuhren wir auch, daß Karl unsere Brüder wie Hunde hatte hängen lassen, und es war kein Mann unter uns — unier de» Eidgenossen, mein ich — der sich damit aufgehalten hätte, die Köpfe zu zählen, als es sich davon handelte, sie zu rächen. Ich wollte, Ihr hättet können das Geschrei der fünfzehntaufend Schweizer hören, die verlangten gegen den Schlächter ihrer Brüder geführt zu werden! Mein Vater selbst, der, wie Ihr wißt, gewöhnlich so eifrig am Frieden hängt, stimmte jetzt zuerst für die Schlacht. So zogen wir im Morgengrauen am See gegen Granlon hinunter, Thränen in den Augen und Waffen in den Händen, zum Tod oder zur Rache entschlossen- Wir gelangten zu einer Art von Engpaß zwischen Vauxmoureur und dem See; da stand die Reiterei auf der Ebene zwischen Gebirg und See, und eine starke Abtheilung Fußvolk an der Seite des Bergs. Der Herzog von Lothringen und seine Begleiter ließe» sich mit den Reitern ein, während wir den Berg erstiegen, um das Fußvolk zu vertreiben. Die Sache war im Augenblick im Reinen. Jeder von uns ist in den Felsen zu Hause, und Karls Leute blieben in denselben gerade so stecken wie du, Arthur, da du nach Geierstein kamst. Aber es gab da keine freundlichen Mädchen, welche die Hände ausstreckten, ihnen herunterzuhelfen. Nein, nein — da gab es Piken, Kolben und Hellebarden und das in hübscher Anzahl, um sie hinabzustoßen und von Stellen zu verjagen, wo sie kaum auf den Füßen stehen konnten, wenn auch Niemand gekommen wäre, sie zu stören. Die Reiter wurden von den Lothringern gedrängt und flohen so schnell als sie ihre Rosse tragen konnten, da sie uns in ihrer Flanke sahen. Dann rückten wir wieder zusammen gegen eine schöne Ebene, eine lino» oompagns, wie die Italiener sagen, wo die Berge vom See zurückkreten. Aber kaum hatten wir unsere Reihen geordnet, als wir ein solches Getöse und Geräusch von Instrumenten, ein solches Getrampel ihrer großen Pferde, ein solches Rufen und Schreien von Menschen hörten, als ob alle Söldner und alle Minstrels in Frankreich und Deutschland mit einander stritten, wer den ärgsten Lärm zu machen im Stande wäre. Dann kam eine mächtige Staubwolke auf uns zu und wir fingen an einzusehen, wir müßten handeln oder sterben, denn Karl und seine ganze Armee zog heran, seinen Vortrab zu unterstützen. Ein Windstoß vom Gebirge zerstreute den Staub, denn sie hatten Halt gemacht, um sich zur Schlacht zu rüsten. O, guter Arthur! du hättest zehen Jahre von deinem Leben gegeben, blos um das mit anzusehen. Da hielten tausende von Reitern, alle in vollständiger Rüstung, die in der Sonne erglänzten; Hunderte von Rittern mit goldenen und silbernen Kronen an Len Helmen, dann dichte Haufen von Lanzenträgern zu Fuß, und Kanonen, wie man sie heißt. Ich wußte nicht, was das für Maschinen wären, die sie mit Mühe durch Ochsen herbeifübren ließen und vor dem Heere aufstellten; aber ich erfuhr mehr von ihnen, ehe der Morgen vorüber war. Gut, wir bekamen Befehl, ein Viereck zu bilden, wie mau es uns bei den Uebungen gelehrt und ehe wir uns in Bewegung setzten, hieß man uns, wie es frommer Brauch 13 * 196 und Weise in unseren Feldzügen ist, niederknieen und Gott, die heilige Jungfrau und die gepriesene» Heiligen anrufen. Hinterdrein erfuhren wir, Karl habe in seinem Ueberniuth gemeint, wir bäten um Gnade — ha! ha! ha! ein schöner Spaß. Wenn mein Vater einmal vor ihm gekniet hat, so that er es um Christenbluts und gvttwohlgefälligen Friedens willen; aber ans dem Schlachtfeld hätte sich Arnold Biedermann nicht vor ihm und seiner ganzen Ritterschaft auf die Knie nicdergeworfen, wäre er auch allein mit seinen Söhnen dagestanden. Gut. aber Karl, der glaubte, wir bitten um Schonung, war entschlossen, uns zu zeigen, daß wir sie von einem unerbittlichen Sieger erflehten, und rief, schießt mit meinen Kanonen auf dis feigen Sklaven, das ist alle Gnade, die sie von mir zu erwarten haben! — Bang — bang — bang — los gingen die Dinger, von denen ich dir gesagt, wie Donner und Blitz. Sie richteten auch einigen Schaden an, aber um so weniger, we l wir auf den Knien lagen; die Heilige» machten ohne Zweifel, daß die mächtigen Kugeln über die Häupter derer hinflvgen, die ihre Gnade.erflehten, nicht aber die sterblicher Geschöpfe. So bekamen wir ein Zeichen, aufzustehen und vorzurücken, und ich versichere dich, es waren keine Lässige» unter uns. Jeder Mann fühlte sich so stark als zehen. Meine Hellebarde ist kein Kinder-Spielzeug — wenn du sie vergessen hast, hier ist sie — und doch zitterte sie in meiner Faust, als wäre sie eine Weidenruthe, mit der man Kühe austreibt. Weiter gingen wir, als plötzlich die Kanonen schwiegen und die Erde von einem knmpfen und anhaltenden Geräusch erdröhnte, wie unterirdischer Donner. ES waren die Reisigen, die heranstürzten, uns anzugreifeu. Aber unsere Führer verstanden ihr Geschäft und hatten so etwas schon mehr gesehen — es hieß, Halt, halt — kniet _ 197 nieder vorne, bückt Euch in der zweiten Reihe, schließt Schuf, ter an Schulter, wie Brüder, neiget alle Spieße vorwärts und empfanget sie wie eine eiserne Mauer! Sie rennten heran und da gab es ein Lanzenbrechen, daß die alten Weiber in Unterwalden mit Holzspähnen zur Feuerung für ein ganzes Jahr versehen gewesen wären. Niederstürzten gewappnete Rosse, niederfielen die Ritter in ihren Rüstungen, niedersanken die Banner und Bannerträger, am Boden lagen spitzige Stiefel und gekrönte Helme, und von denen die fielen, kam nicht ein Mann mit dem Leben davon. So zogen sie sich in Unordnung zurück und wollten sich zu neuem Angriff ordnen, als der edle Herzog Ferrand und seine Reiter sich ihnen entgegenwarfen. Auch wir setzten uns in Bewegung, um ihnen zu helfen; wir stürmten immer weiter und das Fußvolk wagte kaum uns zu erwarten, nachdem es gesehen, wie wir mit der Reiterei umgesprungen waren. Da hättest du den Staub sehen und die Hiebe hören sollen! Der Lärm von hunderttausend Dreschern und das Fliegen der Spreu, die sie um sich her jagen, gäbe nur ein schwaches Bild davon. Bei meinem Wort, ich hielt eS fast für eine Schande, meine Hellebarde zu schwingen, so ohne Widerstand und erbärmlich ging der Rückzug vor sich. Hunderte wurden erschlagen, ohne sich zu wehren und die ganze Armee war in vollständiger Flucht." „Mein Vater, — mein Vater!" rief Arthur, „was kann bei einer solchen Schlächterei aus ihm geworden sein?" „Er entrann glücklich," sagte der Schweizer; „floh mit Karl." „Tas Feld muß blutig gewesen sein, ehe er die Flucht ergriff," versetzte der Engländer. „Ei," antwortete Sigmund; „er nahm keinen Theil am Gefecht, sondern blieb nur bei Karl. Gefangene haben aus- 198 gesagt, das sei ein Glück für uns gewesen, denn er sei eben so verständig im Rath, als unerschrocken im Kampf. Und was das Fliehen betrifft, so muß ein Mann rückwärts gehen, wenn er nicht vorwärts kann und dabei ist keine Schande, besonders wenn man selber nichts mit dem Streit zu thun hat." Als er dies gesagt, wurde die Unterredung durch Mor- daunt unterbrochen, der zu ihnen sagte, „Still, still — die Königin kommt." „Was soll ich thun?" fragte Sigmund in einiger Unruhe. „Ich bin nicht besorgt wegen des Herzogs von Lothringen; aber was muß ich thun, wenn Könige und Königinnen hereinkommen?" „Du brauchst nichts zu thun, als aufzustehen, die Mütze abzuziehen und zu schweigen." Sigmund that, wie nian ihn geheißen. König Rene trat Arm in Arm mit seinem Enkel herein, und Margarethe folgte. Kummer und Verdruß waren auf ihrer Stirne zu lesen. Sie gab Arthur'» im Vorbeigehen ein Zeichen und sagte zu ihm — „Erkundige dich genau nach dem Thatbestand dieser unerwarteten Neuigkeiten und theile mir die Einzslnheitm davon mit- Mvrdaunt wird dich zu mir lassen " Sie warf sodann einen Blick auf den jungen Schweizer und erwiederte höflich seinen linkischen Gruß. Die königliche Gesellschaft verließ das Zimmer, Renö in der Absicht seinen Enkel auf die unterbrochene Jagdparthie zu führen, Margarethe, um die Einsamkeit ihres Zimmers aufzusuchen und die Bestätigung dessen abzuwarten, was sie als erdichtete Nachrichten betrachtete. Kaum waren sie vorbei, als Sigmund bemerkte, — „und das ist ein König und eins Königin! Pest! — Der König sieht fast aus wie der alte Giacomo, der Geiger, der uns gewöhnlich etwas auf seiner Fiedel vorkratzt, wenn er auf seinen Fahrten nach Geierstein kommt. Aber die Königin ist eine stattliche Frau. Die erste Kuh von der Heerde, welche die Sträußer und Kränze trägt und die anderen auf die Alpe» führt, hat keinen stolzeren Gang. Und wie gewandt du zu ihr getreten bist und mit ihr gesprochen hast! Ich hätte daS nicht mit so viel Anstand thun können — aber du hast wohl das Geschäft eines Hvfmanns gelernt? „Laß das für jetzt, guter Sigmund," antwortete Arthur, „und erzähle mir noch mehr von der Schlacht." „Bei der heiligen Maria, ich muß zuerst etwas zu essen und zu trinken haben," sagte Sigmund; „wenn dein Einstuß in diesem schönen Hause so weit geht, d.ch du mir etwas verschaffen kannst." „Ohne Zweifel, Sigmund," antwortete Arthur; und durch MorLaunt's Vermittelung verschaffte er dem jungen Biedermann in einem entfernteren Zimmer eine Mahlzeit und Wein. Der Schweizer that beiden große Ehre an; er schmatzte mit den Lippen, da er die köstlichen Weine versuchte, an die er, seines Vaters strengen Vorschriften zum Trotz, sich ordentlich zu gewöhnen angefangen hatte. Als er sich mit einer Flasche Ovte-i-öüv, mit Backwerk und seinem Freund Arthur allein fand, war es leicht, ihn zu Fortsetzung seines Siegesberichtes zu bringen. „Gut, — wo bin ich geblieben — vH, da wo wir in ihr Fußvolk einbrachen — gut — sie sammelten sich nicht wieder und geriethen bei jedem Schritt in größere Unordnung. — Wir hätten die Hälfte von ihnen nicdermachen könne», wenn 200 wir uns nicht bei der Besichtigung von Karls Lager aufgehalten hätten. Gnädiger Himmel, Arthur, was war das für ein Anblick! Jedes Zelt war gefüllt mit reichen Kleidern, prächtigen Rüstungen und großen Schüsseln und Flaschen, von denen einige Leute sagten, sie wären von Silber. Aber ich weiß, es gibt nicht so viel Silber auf der Welt, und bin überzeugt, daß sie nur aus gut polirtem Zinn bestanden. Da gab es Haufen von betreßten Lakaien und Pagen, und so vielen Dienern als Söldner bei'm Heere waren; und Tausende von hübschen Mädchen, ich wußte nicht zu was. Bediente und Mädchen stellten sich zur Verfügung der Sieger, und ich versichere Euch, daß mein Vater sich äußerst streng zeigte gegen Jeden, der das Kricgsrecht mißbrauchen wollte. Aber einige von unseren jungen Leuten horchten nicht auf ihn, bis er sie mit seiner Hellebarde Gehorsam lehrte. Ach, Arthur, das war ein hübsches Plündern; die Deutschen und Franzosen, die bei uns waren, nahmen Alles weg, und einige von den Unfern folgten ihrem Beispiel — es ist ordentlich ansteckend. — So ging ich in Karls eigenes Gezelt, von dem Rudolph und einige seiner Leute Jedermann abzuhalten suchten, ich denke, um für sich zu behalten, was sich darin vorfand. Aber weder er, noch irgend ein anderer Berner wagten, mir den Knüttel auf den Kopf zu schlagen; so trat ich denn hinein und sah sie Stöße von zinnernen Tellern, die so stark glänzten, daß sie von Silber zu sein schienen, in Kisten und Körbe zusammenpacken. Ich drängte mich durch sie in den inneren Theil, wo Karls Bett stand; — ich will ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, es war Las einzige harte in seinem Lager — da lagen auch glänzende Steine und Kiesel, untermischt mit Handschuhen, Stiefeln, Armschienen und solcherlei Dingen — La dachte ich an dich und deinen Väter, und suchte nach etwas für Euch, als ich meinen alten Freund da erblickte," (hier zog er das Halsband der Königin Margarethe aus der Tasche) „ich erkannte cs gleich, denn Lu erinnerst dich, daß ich es dem Scharfrichter von La Ferette abgenommen habe." — „Oho, ihr hübschen Funklcr," sagte ich, „ihr sollt nicht länger burgundisch sein, sondern zu meinen wackeren englischen Freunden zurückkehren. Und darum" — „Es ist von unermeßlichem Werthe," sagte Arthur, „und gehört weder meinem Vater, noch mir, sondern der Königin die du eben gesehen." „Und es wird ibr sehr gut stehen," antwortete Sigmund. „Wenn sie nur zwanzig oder dreißig Jahre jünger wäre, so gäbe sie ein wackeres Weib für einen Schweizer Gutsbesitzer. Ich wollte dafür stehen, daß sie ihre Haushaltung in der besten Ordnung hielte." „Sie wird dich freigebig dafür belohnen, daß du ihr Eigentkum wieder beigeschafft hast," sagte Arthur, „und unterdrückte mit Mühe ein Lächeln, bei der Vorstellung, daß die stolze Margarethe die Hauswirthin eines Schweizer Schäfers werden sollte." „Was — Belohnung!" sagte der Schweizer. „Bedenk doch, ich bin Sigmund Biedermann, der Sohn des Landammanns von Unterwalden — und kein gemeiner Lanzknecht, der sich für eine Gefälligkeit mit Piastern bezahlen läßt. Wenn sie mir ein freundliches Wort des Dankes sagt, oder einen Kuß »erstattet, bin ich wohl zufrieden." „Einen Kuß auf ihre Hand vielleicht," versetzte Arthur und mußte abermals über die Einfalt seines Freundes lachen. 202 „Hm, auf die Hand! Nun, es mag gelte» bei einer Königin von etlichen fünfzig Jahren und darüber, wäre aber eine armselige Huldigung für eine Maienkönigin." Hier brachte Arthur den Jüngling wieder auf die Schlacht zurück und erfuhr, daß das Gemetzel im Heere des Herzogs während der Flucht viel geringer gewesen war als während des Treffens. „Viele retteten sich zu Pferde," sagte Sigmund; „und unsere deutschen Reiter warfen sich auf die Beute, statt das Wild zu verfolgen. Und übrigens hielt, die Wahrheit zu sagen, Karls Lager uns selbst auch von der Verfolgung ab. Wären wir aber eine halbe Meile weiter gegangen und hätten wir unsere Freunde an den Bäumen hängen gesehen, so würde gewiß kein Eidgenosse von der Jagd zurückgeblieben sein, so lang ihn die Füße zur Verfolgung hätten tragen können." „Und was ist aus dem Herzog geworden?" „Karl hat sich nach Burgund zurückgezogen, wie ein Eber, der die Spitze eines Spießes gefühlt hat, und ist mehr wü- thend als verletzt. Aber sie sagen, er sei traurig und schweigsam. Andere berichten, er habe seine zerstreute Armee gesammelt und ungeheuere Streiikräfte noch dazu, und seine Unterthanen habe er gezwungen, ihm Geld zu geben, so Laß wir einen zweiten Angriff erwarten dürfen. Aber das ganze Schweizerland wird nach einem solchen Siege zu uns stehen." „Und mein Vater ist bei ihm?" fragte Arthur. „Freilich, und er hat in reckt frommer Weise versucht, einen Frieden mit meinem Vater einzuleiten. Aber es will damit nicht recht gehen. Karl ist so erboßt als je; und unsere Landsleute sind ganz stolz auf ihre» Sieg und haben ein Recht dazu. Indessen predigt mein Vater immer und immer 203 solche Siege und solche großen Neichthümer werden unsere alten Sitten verändern und der Ackersmann werde seine Arbeit verlassen um Soldat zu werden. Er spricht viel davon; aber warum Geld, gutes Essen und Wein und schone Kleider so viel Unheil anrichlen sollten, das will mir nicht in de» Kopf — und vielen Köpfen, die besser sind als der meine, will es auch nicht einleuchten. — Deine Gesundheit, Freund Arthur! — Das ist ein feines Getränk." „Und was veranlaßt dich und deinem General, den Prinzen Ferrand, nach Air zu kommen?" fragte der junge Engländer. „Meiner Treu! du bist selber die Ursache unserer Reise." „Ich?" rief Arthur. „Warum, wie kann das sein?" „Warum? Man sagt, du und die Königin Margarethe dringet i» den alten geigenden König Renö, Laß er sein Land an Karl von Burgund abtrete und sich von Ferrand bei seinen Ansprüchen auf Lothringen lossage. Und der Herzog von Lothringen hat einen Mann abgeschickt — du kennst ihn nicht, wohl aber einige aus seiner Familie und er weiß mehr von dir als du von ihm — um eine Speiche in Euer Rad zu stecken und zu verhindern, daß Ihr die Grafschaft Provence an Karl'n bringet, oder daß Ihr Ferrand in seinen angeborenen Rechten auf Lothringen störet und ihm etwas in den Weg leget." „Bei meinem Worte, Sigmund, ich kann dich nicht fassen," sagte Arthur. „Nun," versetzte der Schweizer. Mir ist ein hartes LooS gefallen. Unser ganzes Haus sagt, ich könne nichts begreifen und jetzt wird es nächstens heißen, Niemand könne mich verstehen.—Nun, um es deutsch zu sagen, ich rede von meinem 204 Oheim, dem Grafen Albert von Geierstein, wie er stch selber nennt, meines Vaters Bruder." „Dem Vater Anna's von Eeierstein!" rief Arthur. „Ei freilich, ich dachte wohl, wir würden ein Zeichen finden, woran du ihn erkennen müßtest." „Aber ich habe iyn noch nie gesehen." „Ei, ja wohl hast Lu das — er ist ein geschickter Mann und weiß mehr von anderer Leute Angelegenheiten, als diese selbst. Ja, er hat nicht umsonst die Tochter eines Salamanders geheirathek!" „Pah, Sigmund, wie kannst du den Unsinn glauben?" antwortete Arthur. „Rudolph hat mir gesagt, daß du in jener Nacht auf Grafslust eben so gut irre geworden bist, als ich selbst," erwiederte der Schweizer. „In diesem Fall bin ich wirklich ein großer Esel gewesen," versetzte Arthur. „Nun, aber dieser mein Oheim hat einige von den alten Büchern zum Geisterbeschwören aus der Arnheimer Sammlung genommen und man sagt, er könne sich mit übermenschlicher Schnelligkeit von einem Ort zum ander» versetzen; er werde bei seinen Entwürfen durch Rathgeber unterstützt, die mächtiger seien, als bloße Menschen. So geschickt und hoch- begabt er indessen ist, so bringen ihm seine Künste, haben sie nun einen erlaubten oder unerlaubten Ursprung, nie einen bleibenden Vortheil. Er steckt ewig in Streitigkeiten und Gefahren." „Ich weiß wenig Näheres aus seinem Leben," sagte Arthur und verbarg, so gut er konnte, seinen ängstlichen Wunsch, mehr von ihm zu hören; aber ich habe vernommen, 205 daß er die Schweiz verließ, um sich an den Kaiser anzuschließen." „Reckt," gab der junge Schweizer zur Antwort, „und die junge Freiin von Arnheim heirathete; aber nachgehends gerielh er in Ungnade bei meinem kaiserlicken Namensbruder und eben so anck bei dem Herzog von Oesterreich. ES heißt, man könne nicht in Rom sein und mit dem Papst in Streit leben. So hielt eS mein Oheim für daS Beste, über de» Rhein zu gehen und sich an den Hof Karl's zu begeben, der bereitwillig die Edellente aus allen Ländern aufnahm, wen» sie nur wohlklingende Namen führten und diesen der Titel Graf, Markgraf, Freiherr oder dergleichen vvransging. Mein Oheim wurde datier auf s Freundlichste empfangen, aber seit einem oder zwei Jahren hat die ganze Freundschaft aufgehvrt. Der Oheim Albert erlangte großen Einfluß bei einige» geheimen Gesellschaften, deren Bestehen Karl mißbilligte. Darum ward er so böse auf meinen armen Oheim, daß dieser sich gcnöthigt sah, die Weihe zu nehme» und sich eine Glatze scheeren zu lassen, um nicht den Kopf zu verlieren. Aber, ob er sich gleich das Haar abschneiden ließ, blieb Loch sei» Kopf so geschäftig, wie immer. Und wenn ihm der Herzog schon die Freiheit gelassen hat, so findet er ihn doch so oft auf seinem Weg, Laß Jedermann der Ansicht ist, er warte blos eine» Vorwand ab. um ihn greifen und hinrichten zu lasse». Aber mein Oheim bedauxtet, er fürchte Karl nicht und wenn dieser gleich Herzog sei, so habe er doch mehr Ursache zur Furcht vor idm, als er vor dem Fürsten. — „Uebrigens bast du ja gesehen, wie keck er seine Nolle zu La Feritte spielte." „Beim heiligen Georg von Windsor!" rief Arthur, „der schwarze Priester an der Sankt Pauls-Kirche?" 206 „Ja, ja! jetzt verstehst du mich. Nun, er behauptete, Karl würde nicht wagen, ihn für seinen Antheil an der Hinrichtung Hagenbacbs zu strafen. Und wirklich ist ihm auch nichts geschehen, obgleich Oheim Albert auf dem burgundischen Landtage saß und mitstimmte und sie alle aufstiftete, so gut er konnte, dem Herzog das Geld zu verweigern, was er von ihnen begehrte. Als aber der Schweizerkrieg ausgebrochen war, merkte Oheim Albert, daß ihm sein Stand als Geistlicher nicht länger Schutz gewähre, und daß der Herzog die Absicht habe, ihn anzuklagen, als wäre er mit seinem Bruder und seinen Landsleuten im Einverständniß gewesen. So erschien er plötzlich in Ferrand's Lager zu Neufchatel und sandte Botschaft an Karl, worin er diesem den Lehenseid aufkün- Ligte und ihm die Fehde ansagte." „Seltsame Geschichte! Was für ein thätiger und gewandter Mann!" rief der junge Engländer. „O, du kannst die ganze Welt durchsuchen ohne einen Mann zu finden, wie Oheim Albert. Dann weiß er Alles; und er hat dem Herzog Ferrand gesagt, daß du hier wärest und sich erboten, bestimmtere Nachricht zu bringen. Ob er gleich das Lager der Schweizer nur fünf oder sechs Tage vor der Schlacht verließ und die Entfernung zwischen Arles und Neufchatel volle achtzig Stunden beträgt, trafen wir ihn doch schon auf dem Rückweg, als der Herzog Ferrand und ich, der ich ihm den Weg zeigte, hierhereilten, nachdem wir uns von der Schlacht weg auf den Weg gemacht." „Ihr habt ihn getroffen!" sagte Arthur — „Wen? — Den schwarzen Priester von der St. Paulskirche?" „Ei freilich," versetzte Sigmund; „aber er war als Car- melitermönch gekleidet." 207 „Als Carmeliter!" rief Arthur und ein plötzliches Licht ging ihm auf; „und ich konnte so blind sein, seine Dienste der Königin zu empfehlen! Ich erinnere mich wohl, daß er sein Gesicht tief in seine Kaputze versteckt hielt — und ich Dummkopf, so plump in die Falle zu gehen! — Indessen ist es vielleicht besser, daß die Unterhandlungen unterbrochen wurden; denn wenn Alles glücklich durchgeführt worden wäre, so fürchte ich, hätte doch Alles durch Liese erstaunliche Niederlage vereitelt werden müssen." So weit war ihre Unterredung vorangeschritten, als Mor- daunt erschien und Arthur aufforderte, in das Gemach seiner königlichen Gebieterin zu kommen. In diesem fröhlichen Palast bildete ein düsteres Zimmer, von dessen Fenstern auS man einen Theil der Trümmer des römischen Gebäudes sehen und sonst nichts erschauen konnte, als gebrochene Mauern und wankende Säulen, den Aufenthalt, welchen sich Margarethe gewählt. Sie empfing Arthur mit einer Güte, die um so rührender wurde, als sie aus einem so stolzen und hoch- müthigen Geist entsproß, aus einem Herzen, das so viel Unglück ertragen hatte und dasselbe lebhaft empfand. „Ach, armer Arthur!" sagte sie, „dein Leben fängt gerade an, wie das deines Vaters zu endigen droht, mit vergeblichen Anstrengungen, um ein sinkendes Fahrzeug zu retten. Durch das gewaltige Leck stürzt das Wasser schneller herein, als daß menschliche Kraft es ausladen oder erleichtern könnte. Alles — alles geht verkehrt, womit unsere unglückliche Sache in Verbindung tritt. Stärke wird Schwäche, Klugheit Unsinn und der Muth Feigheit. Der Herzog von Burgund, der bisher in allen seinen kühnen Unternehmungen glücklich gewesen, hat kaum einen Augenblick sich mit dem Gedanken getragen, Lancaster Hilfe zu bringen, da muß er sein Schwert durch 208 den Flegel eines Bauern zerbrochen sehen; sein wohlgeübtes Heer, das man für das schönste in der Welt hielt, sticht wie Spreu vor dem Winde, und was man bei ihm erbeutet, wird von abtrünnigen, deutschen Miethlingen und rohen Alpenschäfern getheilt. — Was hast du noch von diesem seltsamen Ereigniß erfahren?" „Wenig, gnädige Frau, was Ihr nicht gehört habt. DaS Schlimmste, was dazukommt, ist, daß die Schlacht mit schmählicher Feigkeit geschlagen wurde und völlig verloren ging, während alle Aussicht vorhanden war, sie zu gewinnen; — das Beste, daß die burgundische Armee eher zerstreut, als vernichtet, daß der Herzog selbst entronnen ist und seine Macht in Oberburgund wieder sammelt." „Um eine neue Niederlage zu erleiden oder sich in einen langwierigen und zweifelhaften Kampf einzulassen, der seinem Rufe so nachlheilig ist, als die Niederlage selbst. Wo ist dein Vater?" „Bei dem Herzog, gnädige Frau, wie ich erfahren habe," erwieterts Arthur. „Begieb dich eilig zu ihm und sag', ich mache es ihm zur Pflicht, für seine eigene Sicherheit zu sorgen und nicht mehr an meine Angelegenheiten zu denken. Dieser letzte Schlag hat mir den Todesstoß gegeben — ich bin ohne Verbündete, ohne Freund, ohne Geld."- „Nicht also, gnädige Frau," versetzte Arthur. „Eine Laune des Glücks hat Euer Gnaden dieses unschätzbare Ueber- bleibsel von Eurem Eigenlhum zurückgebracht." — Hierbei zog er das kostbare Halsband hervor und erzählte, wie es wieder aufgefunden worden war. „Ich bin erfreut über den Zufall, der mir diese Diamanten wieder verschafft," sagte die Königin, „damit ich 209 wenigstens im Punkte der Dankbarkeit nicht völlig bankbrüchig werde. Bring sie deinem Vater — sag' ihm, daß eS mit meinen Entwürfen vorüber und daß mein Herz endlich gebrochen sei, nachdem cS so lange die Hoffnung festgehalten. — Sag' ihm, der Schmuck sei sein Eigenihum und zu seinem eigenen Vortbcil solle er ihn verwenden. Er ist ein ärmlicher Ersatz für die schöne Grafschaft Orford, die er im Kampf für die Sache der Unglücklichen verloren, welche ihn leistet." „Königliche Frau," crwiederte der Jüngling, „seid versichert, mein Vater würde lieber seinen Lebensunterhalt als Schwarzreiter verdienen, denn Euch in Eurem Unglück zur Last fallen." Er hat doch nie meinen Befehlen den Gehorsam verweigert," sagte Margarethe, „und daS ist der letzte, den ich ihm auferlegc. Wenn er zu reich ist oder zu stolz, um von seiner Königin eine Wohlthat anzunehmen, so wird er arme Lancastrier genug finden, die weniger Mittel oder weniger Bedenklichkeiten haben." „Ich habe Euch noch einen Umstand mitzuthellcn," sagte Arthur und erzählte die Geschichte AlbertS von Geierstein und seine Verkleidung als Carmelitcrmönch. „Bist du so tböricht," antwortete die Königin, „zu glauben, daß dieser Mann bei seinen ehrgeizige» Planen und schnellen Reisen von einer übernatürlichen Macht unterstützt wird?" „Nein, gnädige Frau — aber man flüstert sich zu, der Graf Albert rvn Geicrstein oder der schwarze Priester von der St Paulskirche sei eines der Häupter der geheimen Gesellschaften in Deutschland, welche von Fürsten gefürchtet werden, wenn i'vnen dieselben gleich verhaßt sind. Denn ei» Anna v. Gelerstcin >u. ^ 14 210 Mann, dem hundert Dolche zu Gebot stehen, muß selbst denen Furcht einjagen, die über tausend Schwerter gebieten." „Kann dieser Mensch," sagte die Königin, „da er jetzt ein Geistlicher ist, eine Gewalt unter denen ausüben, welche über Leben und Tod entscheiden? Das steht im Widerspruch mit den Kirchengesetzen." „Es scheint so, gnädige Frau; aber diese dunkeln Vorschriften weichen immer von dem ab, was offen in Ausübung kommt. Prälaten sind oft Vorsteher eines Vehmgerichts und der Erzbiichof von Köln übt das furchtbare Amt eines Oberhaupts derselben als Herzog von Westphalen, einem Lande, in welchem diese Verbindungen hauptsächlich im Ansehen stehen Solche Vorrechte knüpfen an den geheime» Einfluß der Häupter dieser finsteren Gesellschaften etwas, was denen wohl als übernatürlich erscheinen kann, die nicht unterrichtet sind von gewissen Umständen, über welche man sich scheut, offen zu reden." „Mag er ein Hexenmeister oder ein Meuchelmörder sein," sagte die Königin, „ich bin ihm dankbar dafür, daß er dazu beigetragen, den Plan zu unterbrechen, nach welchem ich den allen Mann zur Verzichtleistung auf die Provence bewegen wollte. So wie die Sachen jetzt stehen, würde Renö dadurch -) Der Erzbischof von Köln war das anerkannte Haupt aller Freioder Vehmgerichte in Westphalen. Diese Gerechtsame wurde ihm im Lahr IZÄ von Kaiser Karl >v. zugewiesen und von Wenzel durch eine neue Urkunde von IZ82 bestätigt, in welcher der Erzbischof Großmeister oder Großrichter der Nehme genannt wird. Dieser Prälat und andere Priester wurden von Papst Bonifaz III. zu Ausübung eines solche!» Amtes ermächtigt. Ln einem solchen Falle verlieh ihnen die Kirchcn- ordnung das Recht, über Leben und Tod abzuurtheilen. D. V. seiner Besitzungen beraubt worden sein und unser Entwurf zu einem Einfall in England wäre doch nicht gefördert gewesen. — Noch einmal, mache dich mit Tagesanbruch auf den Weg. kehre zu deinem Vater zurück und sag' ihm, er solle für sich selber sorgen und nicht mehr an mich denken. Die Bretagne, wo der Erbe von Lancaster sich aufhält, wird der sicherste Zufluchtsort für die tapferen Anhänger desselben sein. Längs des Rheines treibt, wie es scheint, das unsichtbare Gericht auf beiden Ufern sein Wesen und die Unschuld bietet keine Sicherheit vor demselben. Selbst hier könnte von dem Vertrag, den wir mit Burgund abschließen wollten, etwas verlauten und die Provencalen tragen so gut Dolche als Hirtenstäbe und Pfeifen. Aber ich höre, daß die Pferde eilig von der Jagdparthie zurückkehren; der alte, einfältige Mann hat die gewichtigen Vorgänge des Tages vergessen und kommt pfeifend die Treppe herauf. Nun, wir werden uns bald trennen und meine Entfernung wird für ihn eine Erleichterung sein, wie ich glaube. Rüste dich zum Schmauß und Ball, zum Lärmen und Unsinn — überdies zum Abschied von Air mit dem frühen Morgen." Als Arthur so von der Königin entlassen war, ließ er es seine erste Sorge sein, Thicbold zu benachrichtigen, daß Alles für seine Abreise in Bereitschaft gehalten werden müsse. Dann machte er sich für die Vergnügungen des Abends zurecht. Er war vielleicht nicht so schwer ergriffen von dem Fehlschlagen seiner Unterhandlungen, daß er dem Trost keinen Eingang verstattet hätte, den diese Belustigungen boten. Ihn empörte insgeheim der Gedanke, daß der schlichte, alte König seiner Güter beraubt werden sollte, um einen Einfall in England möglich zu machen, bei welchem wenig Aussicht 14 * 212 auf Erfolg sich zeigte, mochte er nun auch den Rechten seiner Tochter noch so viel Theilnahme widmen. Wenn solche Gedanken Tadel verdienten, so blieb auch die Strafe dafür nicht aus. Obgleich nur wenige Personen wußten, wie vollständig die Ankunft des Herzogs von Lothringen und die Nachrichten, die er mitbrachke, die Plane der Königin Margarethe vereitelt hatten, so war eS doch wohl bekannt, daß die Königin und ihre Schwester Fvlantha sich nie sehr gut gewesen waren. Der junge Prinz fand sich daher an der Spitze einer zahlreichen Partei am Hofe seines Großvaters, welche das hvchniüthige Betragen seiner Tante mißbilligte und nicht verbarg, wie sehr sie der beständigen Traurigkeit in den Blicken und Gesprächen derselben und der unverhüllten Verachtung müde war, welche die Königin gegen das kleinliche Treiben um sie her an den Tag legte. Ferrand war überdies jung, hübsch, er kam eben als Sieger von einem Schlachtfeld, wo er ruhmvoll gekämpft und gegen alle Erwartung gesiegt hatte. Daß er Lader der allgemeine Liebling wurde und Arthur Philips»» als einen Anhänger der keineswegs beliebten Königin der Beachtung entzog, welche der Einstuß seiner Beschützerin ihm an einem früheren Abend verschafft, war blos eine natürliche Folge ihrer beiderseitige» Stellung. Aber eS verletzte Arthur's Gefühl einigermaßen, als er seinen Freund Sigmund, den Einfältigen, wie ihn seine Brüder nannten, vom Widerschein des Ruhms bestrahlt sah, den der Herzog Ferrand von Lothringen verbreitete. Dieser stellte de» tapfer» jungen Schweizer allen anwesenden Frauenzimmern als den Grasen Sigmund von Geierstein vor. Durch seine Vorsorge hatte er seinem Begleiter einen Anzug verschafft, der etwas besser für eine deraitige Gesellschaft paßte, als die ländliche Tracht des Grafen, sonst Sigmund Biedermann. Eine Zeitlang gefällt alles Nene, was man unrer die Leute bringt, wenn es sich auch durch sonst nichts empfiehlt. Man kannte die Schweizer außer ihrer Heimath nur wenig, sprach aber viel von ihnen, und es galt für eine Empfehlung, diesem Lande anzugehören. Sigmund's Betragen war plump; eine Mischung von Unbeholfenheit und Rohheit nannte man hur Freüuuth während des Augenblicks, in welchem er in Gunst stand. Er sprach schlecht französisch und noch schlechter italienisch —das verlieh Allem, was er sagte, Naivekät. Seine Glieder waren zu groß, um zierlich zu sein; sein Tanz, denn Graf Sigmund ermangelte nicht zu tanzen, glich dem Hüpfen und Spring,» eines jungen Elephanke»; aber selbst die schwarzäugige Gräfin, in deren. Gunst Arthur am vergangenen Abend einige Fortschritte gemacht, zog solches den schönen Verhältnissen und anmuthigen Bewegungen des jungen Engländers vor. So wurde Arthur in Schatten gestellt und erfuhr dieselbe Empfindung, welche später in Herrn Pepy's aufsticg, da er seinen Camelvtt-Mantel zerriß, der Schaden war nicht groß aber unangenehm. Dessenungeachtet verging der Abend nicht, ohne ihn einigermaßen zu rächen. Es gibt Kunstwerke, deren Mängel mau nicht steht, bis man sie ungeschickterweise in ein zu starkes Licht stellt, und daS war der Fall mit Sigmund, dem Einfältigen. Die launenhaften Provencalen fanden mit ihrem lebhaften Geiste bald heraus, wie langsam er begriff und wie äußerst gutmüthig er war und belustigten stch auf seine Kosten mit spöttischen Artigkeiten und wohl verhüllten Scherzen. Wahrscheinlich wären sie hierin mit weniger Zartheit zu Werke gegangen, hätte der Schweizer nicht seine nie fehlende Helle- 214 barde mit in den Tanzsaal gebracht. Ihr Gewicht, ihre Größe und Dicke bedeutete wenig Gutes für Jeden, den der Eigenthümer bei einem Spaß auf seine Kosten entdeckt hätte. Aber Sigmund richtete diese Nacht weiter keinen Schaden an, als daß er bei einem prächtigen Satz mit seinem ganzen Gewicht auf den niedlichen Fuß seiner schönen Tänzerin trat und diesen fast in Stücke zerquetschte. Arthur hatte bisher im Laufe des Abends vermieden, nach der Königin Margarethe zu blicken, um ihre Gedanken nicht von dem Gang abzubringen, den sie genommen hatten und sich nicht den Anschein zu geben, als bäte er sie uni ihren Schutz. Aber es lag bei dem zuletzt erzählten Vorgang etwas so Spaßhaftes in der verdutzten Miene des ungeschickten Schweizers, daß er sich nicht enthalten konnte, verstohlen nach der Ecke hinzuschauen, wo der Staatssessel der Königin stand, um zu sehen, ob sie denselben bemerkte. Ihr Anblick fesselte aber im Augenblick seine ganze Aufmerksamkeit. Margarethens Kopf war auf den Stuhl zurückgelehnt, ihre Augen standen halb offen, ihre Züge waren verzogen und verzerrt, ihre Hände fest geschlossen. Die englische Chrendame, die hinter ihr stand — alt, taub und fast blind, hatte nichts in der Haltung ihrer Gebieterin bemerkt, als die Zerstreuung und Gleichgültigkeit, mit welcher die Königin den Festlichkeiten des provencalischen Hofes, körperlich gegenwärtig und geistig abwesend, beizuwohuen pflegte. Als aber Arthur in großer Unruhe hinter den Sitz trat und ihre Aufmerksamkeit auf ihre Gebieterin lenkte, rief sie nach minutenlanger Untersuchung: „Heilige Muttergottes, die Königin ist todt!" Und so war es. Es schien, die letzte Lebensfaser in diesem stolzen und ehrgeizigen Geiste sei, wie sie selbst prvphezeiht, zugleich mit dem letzten Faden der politischen Hoffnung zerrissen. Elftes Kapitel. Laßt die Glocken schallen. Große ist gefallen! Ein gebrochen Herz Weiß nichts mehr von Schmerz; Nur eine wesenlose Hülle mehr — Zieht über sie die Leichentücher her! Altes Gedicht. Die Bewegung, die Ausrufungen der Ueberraschung und des Schreckens, welche ein so seltsames und furchtbares Er, eigniß unter den Frauenzimmern am Hofe hervorgebracht, hatten nachzulassen angefangen, die ernster gemeinten aber weniger auffallenden Seufzer der wenigen englischen Diener der abgeschiedenen Königin ließen sich mit dem Aechzen des alten Königs Rens vernehmen, dessen Gemüthserregungen eben so heftig, als von kurzer Dauer waren. Die Aerzte hatten eine eifrige aber zwecklose Berathung gehalten und, der Leib, der einst einer Königin zugehört, war dem Pfarrer gn der Crlöserkirche übergeben worden, dem schönen Gebäude, 216 an welchem die Ueberreste heidnischer Tempel zu der Pracht eines christlichen Bauwerks beigetragen haben. Das weite Schiff war gehörig beleuchtet und das Leichenbegängniß mit so viel Prastt ungeordnet, als Air zu entwickeln vermochte. Bei der Durchsuchung der Papiere der Königin fand sich, daß es Margarethen durch ein eingezogenes Leben und durch Verwendung ihrer Juwelen zu diesem Zwecke möglich geworden war, ihren wenigen englischen Begle.tern einen anständigen Lebensunterhalt zu sickern. Ihr Diamantenkalsband, welches nach einer Angabe in ihrem letzten Willen sich in den Händen eines englischen Kaufmanns, NamenS Johann Philipson, oder seines Sohnes befand, oder de» Preis, den man durch den Verkauf oder die Verpfändung desselben erzielte, hinterließ sie dem genannten Johann Philipson und seinem Sohne Arthur, mit der Verpflichtung für die Erben, daß sie den Plan verfolgen sollten, an dessen Durchführung sie arbeiteten. Wenn diese unmöglich würde, so sollten sie es für ihren eigenen Nutzen und Gewinn verwenden. Mit der Sorge für das Leichenbegängniß hatte sie Arthur, genannt Philipson, betraut und die Bitte hinzugefügt, es völlig nach den in England üblichen Gebräuchen zu vollziehen. Die Ucbertragung dieses Geschäfts war in einem Zusatz zu ihrem Testament ausgesprochen und erst an ihrem Todestage unterzeichnet worden. Arthur beeilte sich, Thiebvld als besonderen Boten mit rinem Brief an seinen Vater abgehen zu lassen. Er theilte ihm darin in Ausdrücken, die nach seiner Ueberzeugung verstanden werden mußten, eine ltebersicht alles dessen, was seit seiner Ankunft in Air geschehen war, besonders aber den Tod der Königin. Am Schluß verlangte er Anweisungen darüber, wohin er 217 sich wenden sollte, da der Verzug, den die Bestattung einer so hoch gestellten Fra» nolhwendig machte, ihm in Air festhatten mußte, bis ihm eine Antwort zugehen konnte. Der alte König überstand den Schlag, welchen ihm seiner Tochter Tod beibrachte, so leicht, daß er am zweiten Tage nach dem Ereigniß sich mit der Anordnung eines feierlichen Zuges für die Beerdigung und mit Verfertigung eines Klageliedes beschäftigte, das nach einer ebenfalls von ihm herrührenden Melodie zu Ehren der verblichenen Königin gesungen werden sollte. Er verglich sie darin mit Gottheiten aus der heidnischen Mythologie, mit Judth, Deborah und allen anderen berühmten Frauen des alten Testaments, der Heiligen christlichen Ursprungs nicht zu gedenken. Nicht verheelt kann werden, daß König Renü, als die erste Heftigkeit des Schmerzes vorüber war, wohl fühlte, wie durch Margarethens Tod ein politischer Knoten zerhauen wurde, den er vielleicht Mühe gehabt hätte, in anderer Weise zu lösen. Jetzt war ihm »erstattet, sich offen für seinen Enkel zu erklären, d. h-, ihm wenigstens einen großen Theil des Geldes zu überlassen, welches sich im Schatze der Provence vorfand, und welches sich, wie man weiß, auf zehntausend Kronen belief. Als Ferrand den Segen seines Großvaters auf eine Art empfangen, welche feine Angelegenheiten für ihn sehr wichtig machten, kehrte er zu den entschlossenen Männern zurück, die er befehligte und mit ihm ging nach einem sehr freundlichen Abschied von Arthur der starke, einfache junge Schweizer, Sigmund Biedermann. Der kleine Hof in Air blieb seiner Trauer überlassen. König Rens, für welchen Feierlichkeiten und Gepränge von fröhlicher sowohl als von trauriger Art immer Gegenstände von Belang blieben, hätte gerne den Rest seines Einkommens 218 dazu verwendet, das Begräbniß seiner Tochter Margarethe großartig zu begehe». Aber er wurde daran zum Theil durch die Vorstellungen seiner Minister, zum Theil durch die Hindernisse abgehalteu, welche ihm der junge Engländer i» den Weg legte. Dieser berief sich auf den letzten Willen der Verstorbenen, um bei der Beerdigung der Königin die eiteln Schaustellungen zu Hintertreiben, gegen welche sie bei Lebzei ten einen so großen Widerwillen gezeigt hatte. Daker wurden zuerst mehre Tage öffentlichen Gebeten und Andachtsverrichtungen gewidmet und sodann das Leichen begängniß mit der düsteren Pracht gefeiert, die man der Ge burt der Verlebten schuldig war und durch welche die römische Kirche so gut auf Auge, Ohr und Gefühl zugleich zu wirken versteht. Unter den mancherlei Edel», welche der feierlichen Hand lung beiwohnten, war einer, der erst ankam, als das Geläute der großen Glocken auf der Erlöserkirche ankündigte, daß der Zug schon auf dem Wege nach der Kirche sich befände. Der Fremde vertauschte hastig seinen Reiseanzug gegen ein Trauer gewand von englischem Schnitt. So gekleidet, begab er sich in die Kirche, wo das vornehme Aussehen des Mannes der Leichenbegleitung so viel Achtung einflößte, daß man ihm »erstattete, ganz nahe neben den Sarg zu treten, lieber die Bahre der Königin von England hin, für welche er so viel gethan und gelitten, wechselte der tapfere Graf von Oxford einen traurigen Blick mit seinem Sohne. Die Begleiter, besonders Margarethen's englische Diener, schauten auf die beiden mit Ehrfurcht und Verwunderung, und der ältere Ritter besonders erschien ihnen als ein nicht unpassender Stell Vertreter der getreuen englischen Unterthanen, welche ihre letzte Pflicht am Grabe derjenigen erfüllten, die so lange, wenn 219 nicht ohne Fehler, doch immer mit kühner und entschlossener Hand das Scepler getragen hatte. Der letzte Ton des feierlichen Trauergesangs war verklungen und die meisten der Leichenbegleiter hatten sich entfernt, als Vater und Sohn noch immer in trauervvllem Schweigen neben den Ueberresten ihrer Fürstin verweilten. Zuletzt kamen die Geistlichen und gaben zu verstehen, Laß sie im Begriff ständen, das letzte Geschäft zu vollziehen und den Leichnam, den ein so stolzer und rastloser Geist bewohnt und beseelt, dem Staube, der Dunkelheit und Stille der Gruft zu übergeben, in welcher die längst hingegangenen Grafen von Provence ihre Verwesung erwarteten. Sechs Priester hoben Len Sarg auf die Schultern und andere trugen große Wachslichter vor und hinter dem Leichnam her, als sie ihn eine besondere Treppe hinunterschafften, die sich auf dem Boden der Kircbe öffnete und den Zugang zu dem Gewölbe bildete. Die letzten Laute des Grabgesangs, zu welchem sich die Geistlichen vereinigt, hatten sich in dem hohen mit erhabener Arbeit geschmückten Bogen der Kirche verloren, der letzte Lichtstrahl, der aus der Oeffnung der Gruft heraufkam, war verschwunden, da faßte der Graf von Oxford seinen Sohn am Arm und führte ihn schweigend in einen kleinen einsamen Hof hinter dem Gebäude. Hier waren sie allein. Einige Minuten lang schwiegen sie, denn beide, und besonders der Vater, waren tief ergriffen. Endlich sprach der Graf. „Das also ist ihr Ende," sagte er. „Hier königliche Frau, zerfallen mit deinem Tode alle Plane, die wir entworfen und an deren Ausführung wir unser Leben gesetzt! Das entschlossene Herz, der staatskluge Kopf ist dahin; und was nützt es, daß die Glieder der Unternehmung noch Bewegung und Leben in sich tragen? Ach, Margarethe von Anjou! möge der Himmel deine Tugenden belohnen und dich die Folgen deiner Fehltritte nicht büßen lassen! Beide gehörten deiner Stellung nn, und wenn du die Segel im Glücke zu hock' gespannt, so hat nie eine Fürstin gelebt, die stolzer den Stürmen des Unglücks trotzte, die sie mit solcher Unerschrockenheit mit so viel Größe und Standhaftigkeit trug. Mit diesem Ereigniß ist das Trauerspiel geschlossen und unsere Rollen, mein Sohn, sind beendigt." „Wir tragen also jetzt die Waffen gegen die Ungläubigen, mein Vater?" fragte Arthur mit einem kaum hörbaren Seufzer. „Nein," antwortete der Graf, „ich muß zuvor wissen, ob Heinrich von Richmond, der unbestreitbare Erbe des Hanfes Lancaster, meiner Dienste nickst bedarf .Mit den Juwelen, die wie du mir schriebst, so seltsamerweise verloren und wieder gefunden worden sind, kann ich ihm Hilfsmittel liefern, die ihm nöthiger sein dürften, als deine oder meine Dienste. Aber in das Lager des Herzogs von Burgund kehre ich nicht mehr zurück; dort ist keine Hilfe zu finden." „Ist es möglich, daß die Macht eines so großen Fürsten in einer unglücklichen Schlacht vernichtet worden ist? sagte Arthur. „Durchaus nicht," versetzte sein Vater. „Der Verlust bei Granson war sehr groß, aber für das starke Burgund ist das blos ein R>ß in die Sckuiltern eines Riesen. Der Muth Karls selbst, seine Klugheit wenigstens und seine Vorsickst sind bei dem Verdruß darüber von ihm gewichen, daß er eine Niederlage von den Schweizern erlitten, die er für verächtliche Gegner ansah und mit ein paar Schwadronen von seinen Gewappneten niederzuwerfen erwartete. Dann ist er mürrisch, reizbar und launisch geworden; er gibt sich denen hin, die 221 ihm scheicheln und ihn verrathen, wie ich zu glauben nur allzu gute» Grund habe, und wirft Verdacht auf Männer, welche ihm heilsame Nathfchläge geben. Auch ich habe meinen Antl,eil von seinem Mißtraue» ertrage». Du weißt, daß ich mich weigerte, die Waffen gegen unsere Gafffreunde, die Schweizer zu tragen und er sah darin keinen Grund, meine Begleitung auf seinem Marsche zurückzuweisen. Aber seit der Niederlage bei Granfo» habe ich eine starke und plötzliche Veränderung an ihm wahrgenvmm^n. die ich vielleicht einigermaßen den Einsiüsternnge» Camxobassos verdanke und zum Theil auch dem beleidigten Stolz des Herzogs, dem es unangenebm sein mußte, daß eine unbetheiligte Person in meiner Stellung und mit meinen Ansichten das Unglück seiner Waffen »lit angesehen Kat. Er sprach i» meiner Gegenwart von lauen Freunden, von kaltsinnigen Neutrale», von Leuten, die nicht für ihn wären, also wider ihn sein müßten. Ich sage dir, Arthur von Vere, der Herzog hat Dinge gesagt, die meine Ehre so nahe berühren, daß blvs die Befehle der Königin Margarethe und der Dortheil des Hauses Lancaster mich vermögen konnten, in seinem Lager zu bleiben. Das ist nun voibei — meine königliche Gebieterin bedarf meiner unbedeutenden Dienste nicht mehr — der Herzog kann unserer Sache keinen Beistand leisten — und wenn er es konnte, wir haben nicht länger über das Einzige zu verfügen, was ihn hätte bekehren lind dazu vermögen können, uns Unterstützung zu verschaffen. Jedes Mittel zu Begünstig» >g seiner Absichten auf die Provence ist mit Margarethe von Anjou begraben." „Was beabsichtigt Ihr denn nun?" fra te sein Sohn. „Ich habe im Sinne," sagte Or ord, „am Hofe Königs Renü zu warten, bis ich etwas von dem Grafe» von Rich- mond höre, wie wir ihn noch immer nennen muffen. Ich 222 weiß wohl, daß verbannte Männer selten willkommen sind am Hofe eines fremden Fürsten; aber ich bi» der treue Anhänger seiner Tochter Margarethe gewesen. Ich will mich blos ins Geheim da aufhalten und begehre weder Beachtung noch Unterstützung. Da wird mir wohl König Rene die Cr- laubniß nicht versagen, die Luft seines Landes einzuathmen, bis ich erfahre, wohin mich das Schicksal oder die Pflicht rufen." „Auf Nene könnt Ihr Euch sicher'verlassen," antwortete Arthur. „Er ist keines niedrigen oder unedeln Gedankens fähig; und wenn er sein kleinliches Treiben eben so verachten konnte, als er Las Schmähliche verabscheut, so könnte man ,'hn hochstellen in der Liste der Fürsten." Als diese Abrede getroffen war, stellte der Sohn seinen Vater an König Rens's Hofe vor und entdeckte diesem in'S Geheim, daß er ein Mann von Stande und ein ausgezeichneter Lancastrier wäre. Der gute König hätte freilich einen Gast von anderen Talenten und von fröhlicherer Sinnesart lieber gehabt als Orford, einen Staatsmann und Krieger von ernstem und düsterem Wesen. Der Graf wußte dies und störte seinen wohlwollenden und lustigen Wirth selten mit einem Besuch. Indessen fand sich für ihn eine Gelegenheit, dem alten König einen Dienst von besonderem Werth zu leisten. Es war dies der Abschluß eines wichtigen Vertrags zwischen Ren« und Ludwig XI. von Frankreich seinem Neffen. Diesem verschlagenen Fürsten vermachte Ren« zuletzt sein Fürstenthum, denn die Nothwendigkeit, seine Angelegenheiten durch eine solche Maßregel in Ordnung zu bringen, ward ihm nun selbst einleuchtend und jeder Gedanke an eine Begünstigung Karls von Burgund bei dieser Uebereinkunft war mit der Königin Margarethe zu Grabe gegangen. 2L3 Die Staatsklugheit und Weisheit des englischen Grafen, der fast allein mit der ganzen Besorgung dieses geheimen und kitzeligen Geschäfts betraut wurde, brachte dem guten König Ren«; den größten Vortheil; er ward von persönlichen und Geldverdrießlichkeiten befreit und in den Stand gesetzt, pfeifend und trommelnd zu Grabe zu gehen. Ludwig ermangelte nicht, sich dem Bevollmächtigten geneigt zu machen, indem er ihm in der Ferne auf Unterstützung der lancastrischen Parthei bei einem Unternehmen auf England hoffen ließ. Man trat darüber in eine Unterhandlung, die aber nicht viel Aussicht auf Erfolg versprach und sehr langsam von Statten ging. Diese Geschäfte machten im Frühling und Sommer 1476 für Oxford und seinen Sohn zwei Reisen nach Paris nothwendig, und nahmen sie in Anspruch, bis das Jahr halb vorüber war. Unterdessen wurden die Kriege zwischen dem Herzog von Burgund und den Schweizer Cantonen nebst dem Grafen Ferrand von Lothringen mit derselben Wuth sortgeführt. Vor der Mitte des Sommers 1476 hatte Karl eine neue Armee von wenigstens sechzigtansend Mann, unterstützt von hundert und fünfzig Stücken Geschütz zusammengezogen, um in die Schweiz einzufallen. Die kriegerische» Bergbewohner brachten leicht ein Heer von dreißigtausend Schweizern auf die Beine, die jetzt fast für unüberwindlich galten. Ueberdies forderten sie ihre Verbündeten, die freien Städte am Rhein, auf, ihnen mit einem tüchtigen Haufen Reiterei zu Hilfe zu eilen. Die ersten Anstrengungen Karls waren mit Glück gekrönt. Er bemächtigte sich des Waadtlandes und eroberte die meisten Plätze wieder, welche er nach der Niederlage bei Granson verloren. Aber statt sich eine wohl vertheidigte Gränze zu sichern, oder, was noch klüger gewesen wäre, mit seinen furchtbaren Nachbarn auf billige Bedingungen Frieden zu schließen, nahm der eigensinnigste aller Fürsten den Plan wieder auf, in die Schlupfwinkel der Alpen einzudringen und die Bergbewohner in ihren eigenen Bollwerken zu züchtigen, obgleich er durch die Erfahrung hätte belebrt sein können, wie gefährlich, ja verzweifelt ein solcher Versuch war. So lauteten die Nachrichten, welche Oxford und sein Sohn in der Mitte des Sommers, bei ihrer Rückkehr nach Aix, erhielten, dahin daß der Herzog Karl bis Murten, am See gleiches NamenS, gerade am Eingänge in die Schweiz vorgerückt sei. Hier, besagte der Bericht, führte Adria» von Blibenberg, ei» aller Nilter von Bern, den Befehl, und leistete den hartnäckigste» Widerstand, i» der Erwartung deS Entsatzes, welchen seine Landsleute in Eile versammelten. „Ach, mein alter Waffenbruder!" sagte der Graf zu seinem Sohne, als er diese Zeitungen vernahm, „diese belagerte Start, diese abgeschlagenen Stürme, die Nähe eines feindlich gesinnten Landes bedrohen dich mit einem zweiten Theil des Trauersviels von Grausen, der vielleicht noch unglücklicher ausfällt, als selbst der erste." In der letzten Woche des Juni wurde die Hauptstadt der Provence durch eines der unverbürgten, aber allgeniein angenommenen Gerüchte in Bewegung gesetzt, welche große Ereignisse mit unglaublicher Geschwindigkeit verbreiten, wie ein Apfel, der durch eine Anzahl von Leuten von Hand zu Hand geworfen wnd, einen gegebenen Raum unendlich schneller durchläuft, als wenn er durch die raschesten Eilboten fortgelragen würde. Der Bericht verkündigte eine zweite Niederlage der Burgunder, und das in so übertriebenen Ausdrücken, daß der Graf von Oxford versucht war, den größeren Theil der Nachricht, wen» nicht LaS Ganze, für erdichtet auzusehen. Zwölftes Kapitel. Und hat der Feind sich eingestellt? Wenn er den Tag gewann. So gab's gewiß ein blutig Feld Eh' Darwenr floh vom Planl Der Schäker von Eltrick. Kein Schlaf kam in die Augen des Grafen von Orford oder seines Sohnes, denn obgleich der Sieg oder die Niederlage des Herzogs von Burgund jetzt keinen Einfluß mehr auf ihre eigenen oder politischen Angelegenheiten haben konnte, so hörte der Vater doch nicht auf, an dem Schicksal seines früheren Waffengenoffen Antheil zu nehmen; und der Sohn erwartete mit dem Feuer der Jugend und ihrem Streben nach Neuem (eupldus »ovnruin rai-uni) in jedem merkwürdigen Ereigniß, welches die Welt in Bewegung setzte, etwas zu finden, was sein eigenes Emporkommen beschleunigen oder aufhalten könnte. Arthur war aufgestanden, und im Begriff, sich anzuzie- hen, als der Tritt eines Pferdes seine Aufmerksamkeit erregte. Kaum hatte er zum Fenster hinausgesehen, als er Anna v. Geicrstein in. 15 226 ausrief: „Neuigkeiten, mein Vater, Neuigkeiten von der Armee!" Damit lief er auf die Straße, wo ein Man» zu Pferd, der sehr stark geritten zu sein schien, nach den beiden Philipsons, Vater und Sohn, fragte. Es wurde ihm nicht schwer. Colvin z» erkennen, den biirgundischen Geschützmeister. Sein blasses Gesicht verrieth die Angst seiner Seele; sein unordentlicher Aufzug und seine zerbrochene Rüstung, die vom Regen Rostig geworden oder mit Blut gefärbt zu sein schien, bewiesen, daß er einen Kampf durchgemacht und darin wahrscheinlich de» Kürzeren gezogen hatte. Sein edles Roß war so erschöpft, daß es sich kaum noch auf den Füßen zu halten vermochte. Der Reiter befand sich in einem nicht viel besseren Zustand. Als er abstieg, um Arthur zu grüßen, wankte er dermaßen, daß er ohne augenblickliche Unterstützung zu Boden gefallen wäre. Sein gläsernes Auge halte die Sehkraft verloren; seine Glieder waren kaum noch vermögend, sich zu bewegen und mit halb erstickter Stimme murmelte er, „blos Anstrengung — Mangel an Ruhe und Nahrung." Arthur half ihm in das Haus und ließ ihm Erfrischungen austragen; aber er wies Alles zurück, außer einen Becher Wein. Von diesem trank er ein wenig, blickte dann auf den Grafen von Orford und stieß mit dem tiefsten Kummer im Gesicht die Worte heraus, „der Herzog von Burgund!" „Erschlagen?" versetzte der Graf; „ich will nicht hoffen!" „Es wäre besser so," entgegnete der Engländer, „aber die Schande ist vor dem Tode über ihn gekommen." „Geschlagen also?" rief Orford. „So vollständig und furchtbar geschlagen," antwortete der Krieger; „daß Alles, was ich zuvor von Verlusten gesehen, unbedeutend ist in Vergleich damit." 227 „Aber wie oder wo?" fragte der Graf von Orford; waret an Zahl überlegen, wie man uns berichtet." „Zwei gegen einen wenigstens." crwiederte Colvin; „und wenn ich jetzt von unserem Kampf rede, so könnte ich mir das Fleisch mit den Zähnen zerreißen, Laß ich hier bin, Euch eine so schmähliche Geschichte zu erzählen. Wir hatten uns etwa eine Woche lang vor der elenden Stadt Murten oder Morat festgesetzt, oder wie sie heißt. Der Befehlshaber derselben, einer von den unbiegsamen Bären aus den berner Gebirgen, bot uns Trotz. Er wollte sich nicht einmal dazu verstehen, die Thore zu schließen, sondern gab, als wir die Stadl aufforderten, zur Antwort, wir sollten hereinkommen, wenn wir Lust hätten, — wir würden gehörig empfangen werden. Ich hätte wohl versuchen mögen, ihn durch eine oder zwei Geschützsalven zur Bestimmung zu bringen, aber der Herzog war zu erbittert, um auf guten Rath zu hören. Aufgereizr durch den schwarzen Verrätber Campvbasso, hielt er es für besser, mit seiner ganzen Macht einen Platz zu stürmen, den ich ihnen hätte wohl an ihre deutschen Ohren werfen können, der aber zu stark war, um mit Schwertern, Lanzen und Hellebarden genommen werden zu können. Wir wurden mit großem Verlust zurückgelrieben und die Soldaten verloren fast allen Muth. Jetzt fingen wir die Sache mit mehr Ordnung an und meine Batterien würden wohl den tollen Schweizern den Verstand zurückgebrachk haben. Mauern und Wälle stürzten vor Len wackeren burgundischen Kanonieren zusammen; auch deckten uns Verschanzungen gegen die anderen Schweizer, die, wie wir hörten, heranzogen, um die Belagerten zu entsetzen. Aber am Abend des zwanzigsten dieses Monats erfuhren wir, daß sse ganz in der Nähe ständen. Karl, der blos seinen eigenen kühnen Muth zu Rathe 15 * 228 zog, rückte ihnen entgegen und gab so den Dortheil auf, der für uns auS unseren Batterien und unserer festen Stellung erwuchs. Auf seinen Befehl, wenn schon gegen meine eigene Ansicht, begleitete ich ihn mit zwanzig guten Stücken und meinen besten Leuten. Wir brachen am nächsten Morgen auf, und waren »och nicht weit gekommen, La erblickten wir schon die Lanzen, dichte Masse» von Hellebarden und zweihändige Schwerter, welche die Berge bedeckten. Auch der Himmel fügte seine Schrecknisse hinzu — ein Donnerwetter mit aller Wuth dieses stürmischen Himmels, entlud sich auf die beiden Heere, belästigte aber das unsere am meisten, da unsere Truppen, besonders die Italiener, empfindlicher waren gegen die herabfallenden Regengüsse, und die Bäcbe zu Strömen anschwvllen, unsere Stellung überschwemmten und in Unordnung brachten. Der Herzog erkannte auf einmal, daß er nvthwendig seinen Plan ändern müßte, nach welchem er augenblicklich eine Schlacht hatte liefern wollen. Er ritt zu mir her und wies mich an, mit den Kanonen den Rückzug zu decken, den er anzutreten im Begriff stände. Dabei fügte er hinzu, er würde mich selbst mit de» Gewappneten unterstützen. Der Befehl zum Rückzug wurde gegeben; aber die Bewegung ermuthigte einen Feind, dem es schon vorher nicht an Kühnheit fehlte. Die Reihen der Schweizer sanken alsbald zum Gebet nieder — ein Gebrauch, über den ich gespottet habe — aber ich werde eS nicht mehr thun. Als sie nach, fünf Minuten wieder auf die Füße sprangen, und rasch vorzurücken ausingen und ihre Hörner ertönten und ihr KriegS- geschrei mit ihrer gewohnte» Wildheit erschallen ließen — eht, gnädiger Herr, da öffneten sich die Wolken des Himmels und warfen auf die Eidgenossen LaS segensreiche Licht der wiede »kehrenden Sonne, unsere Reihen aber standen noch 229 >m Dunkel des Gewitters. Meinen Leuten schwand der Muth; die Armee hinter ihnen war auf dem Rückzug begriffen; das plötzliche Licht, das auf die vorrückenden Schweizer fiel, zeigte längs der Berge hin eine unendliche Menge von Zahnen und glänzenden Waffen, und ließ den Feind doppelt so stark erscheinen, als wir ihn bisher geglaubt hatten. Ich ermahnte meine Begleiter, fest zu stehen; aber ich hatte dabei einen Gedanken und sprach ein Wort aus, worin ei le schwere Sünde liegt. „Steht fest, meine wackern Kanoniere," sagte ich, „wir wollen sie jetzt lauteren Donner hören und verderblichere Blitze sehen lassen, als ihr Beten herunter gebracht hat!" — Meine Leute schossen — aber es war ein gottloser Gedanke — eine gotteslästerliche Rede — usid das Unglück folgte ihr auf dem Fuß. Wir richteten unsere Kanonen gegen die heranziehenden Massen, so gut als es je von einem Geschütz geschehen ist — ich kann es verbürgen, denn ich Halle selbst die Großherzogin von Burgund unter den Händen — ach, arme Herzogin! was für rohe Leute gehen jetzt mit dir um! — Die Ladung ging los und ehe der Rauch vor Len Feuer- schlünden sich zerstreute, konnte ich manchen Mann und manches Banner niederstürzen sehen. Oer Gedanke war natürlich, daß ein solches Feuern den Angriff zum Stocken bringen würde, und während der Rauch uns dem Feinde verbarg, machte ich alle möglichen Anstrengungen, um unsere Kanonen wieder zu laden; ängstlich suchte ich durch den Nebel den Zustand unserer Gegner zu erspähen. Aber ehe der Rauch sich verzog, oder die Kanonen wieder geladen waren, fielen sie mit Ungestüm über uns her, Roß und Mann, Greise und Knaben, Reisige und Knechte, und warfen sich gegen die Mündungen der Kanonen und über diese selbst her, ohne im Mindesten ihres Lebens zu achten. Meine braven Burschen 230 wurden nicdergehauen, durchbohrt und zu Boden geschlagen, während sie noch an ihre» Geschützen luden. Ich glaube auch nicht, daß eine einzige Kanone zum zweitenmal losgeschoffen worden ist." „Und der Herzog?" sagte der Graf von Oxford, „unterstützte er Euch nicht?" „Getreulich unb wacker," antwortete Colvin, „mit seiner eigenen wallonischen und burgundischen Leibwache. Aber etwa tausend italienische Söldner ergriffen die Flucht und hielten nicht wieder Stand. Den Weg versperrte die Artillerie und er war schon an sich schmal, auf der einen Seite von Bergen und Felsen begränzt und stieß auf der andern a» einen tiefen See. Kurz, tter Ort begünstigte in keiner Weise die Entwickelung und Thätigkeit der Reiterei. Trotz der äußersten Anstrengungen des Herzogs und der tapferen Fläminger, welche um ihn her fochten, wurden alle in völliger Unordnung zurückgetrieben. Ich war zu Fuß, und wehrte mich, so gut ich konnte, ohne Hoffnung mit dem Leben davon zu kommen und ohne an die Rettung desselben zu denken, als ich sah, wie die Geschütze erobert und meine treuen Kanoniere getödtet wurden. Aber ich nahm wahr, daß sie den Herzog hart bedrängten und ließ mir darum von dem Diener, der es hielt, mein Pferd geben — auch du bist verloren, armer Waise! — ich konnte blos dem Herrn von Croye unb andern den Herzog frei machen helfen. Unser Rückzug gestaltete sich zur vollständigen und unordentlichen Flucht, und als wir unseren Nachtrab erreichten, den wir in einer festen Stellung verlassen, flatterten die Banner der Schweizer auf unseren Batterien; denn eine starke Abtheilung hatte sich auf einem Umweg, durch nur den Schweizern bekannte Bergpässe umgangen und das Lager angegriffen. Sie wurden dabei kräftig unterstützt durch den verfluchten Adrian von Bubenberg, der aus der belagerten Stadt einen Ausfall machte, so daß unsere Verschanzungen von zwei Seiten zugleich gestürmt wurden. — Ich habe noch viel zu erzählen, aber ich bin Tag und Nacht geritten, um Euch diese schlimmen Zeitungen zu bringe», meine Zunge klebt mir am Gaumen und ich fühle, daß ich nickt mehr zu reden vermag. Es gab jetzt nur noch Flucht und Gemetzel und Schimpf für jeden Soldaten, der dabei be- tkeiligt war. Ich meines Theils bekenne mein tolles Vertrauen zu mir selbst, meinen Uebermukh gegen die Menschen und meine Lästerung gegen den Himmel. Wenn ich leben bleibe, so geschieht es blos um mein schmachbedecktes Haupt in einer Mönchskappe zu verbergen und die vielen Sünden eines ausschweifenden Lebens abzubüßen." Nur mit Mühe konnte der geistig gebrochene Krieger dazu vermocht werden, etwas zu genießen, auszuruhen und einen Schlaftrunk einzunehmen, den der Leibarzt des Königs Rene vorschrieb und als nothwendig anempfahl, um den Leidenden bei Verstand zu erhalten. So sehr hatten ihn die Ereignisse der Schlacht und die darauf folgende Anstrengung mitgenommen. Der Graf von Orford verabschiedete alle Fremden, und wachte abwechselungswcise mit seinem Sohn am Bette Col- vin's. Trotz des Tranks, der ihm gereicht worden, genoß er doch keines ruhigen Schlafs. Sein plötzliches Zusammenfahren, der Schweiß, der ihm auf der Stirne stand, die Verzerrungen seiner Züge, die Art, wie er die Fäuste ballte und seine Glieder herumwarf, bewiesen, daß er in seinen Träumen noch immer die Schrecknisse eines verzweifelten und blutigen Kampfes durchlebte. Dies dauerte mehre Stunden fort; aber gegen Mittag siegten die Müdigkeit und das Arzneimittel 232 über die Aufregung der Nerven und der geschlagene Feldherr fiel in einen liefen und ununterbrochenen Schlaf bis Abend. Ilm Sonnenuntergang wachte er auf, und als er erfuhr, bei wem und wo er war, nahm er Erfrischungen zu sich. Ohne scheinbares Bewußtsein davon, daß er es schon einmal gethan, erzählte er nun nochmals die Einzeln!,eiten von der Schlacht bei Murten. „Man würde sich nickt weit von der Wahrheit entfernen," sagte er, „wenn man behauptete, die Hälfte von des Herzogs Armee sei durch's Schwert gefallen oder in den See getrieben worden. Die, welche entrannen, sind großteittheils zerstreut und werden sich nie wieder sammeln. Solch' eine verzweifelte und unaufhaltsame Flucht ward nie geseheu. Wir flohen wie Hirsche, Schaafe oder andere furchtsame Thiere, die blos beisammen bleiben, weil sie sich fürchten, allein zu sein, aber weder an Ordnung, noch Dertheidiguug denken." „Und der Herzoa?" sagte der Graf Oxford. „Wir risse» ihn mit uns fort," sagte der Soldat, „eher unwillkührlich, denn aus Anhänglichkeit, wie die Leute bei einem Brand fortschleppen, was sie Wcrthvvlles besitzen, ohne zu wissen, was sie thun. Ritter und Knappen, Offizier und Soldat, flohen in demselben panischen Schrecken, und jeder Ton des Horns von Uri in unserem Rücken gab unserer Flucht neue Flügel." „Und der Herzog?" wiederholte Oxford. „Zuerst widersetzte er sich unseren Bemühungen und strebte gegen den Feind umzukehreu; aber als das Fliehen allgemein wurde, galoppirte er mit uns weiter, ohne ei» Wort zu sprechen oder einen Befehl zu geben. Zuerst backten wir, sein Schweigen und seine Ruhe, so ungewöhnlich bei einem so hitzigen Gemüth, würde es uns leichter möglich machen, 233 ihn in Sicherheit zu bringen. Aber nachdem wir den ganzen Tag geritten, ohne ein Wort der Erwiederung auf alle unsere Fragen erhalten zu können, — da er immer jede Erfrischung finster znrückwieS, obgleich er an dem ganzen unheilvollen Tage nicht Las Mindeste gegessen, — als wir sahen, daß jeder Wechsel in seinem verdrießlichen und launenhaften Wesen aufgehört und einer schweigenden, Lüstern Verzweiflung Platz gemacht hatte, hielten wir Rath, was zu thun wäre. Die allgemeine Entscheidung ging dahin, daß man mich abordnete, um Euch zu bitten, Ihr tolltet Euch augenblicklich an den Ort begeben, wohin er sich zurückgezogen hat. Gegen Eure Rath- schlägs allein bat Karl, wie man weiß, manchmal einige Nachgiebigkeit gezeigt, und Ihr sollt nun allen Euren Einfluß aufbieten, um ihn aus seiner Abgestorbcnheit zu erwecken, die sonst sein Dasein bedroht." „Und welche Mittel kann ich dazu anwenden?" fragte Obford. „Ihr wißt, wie wenig er meinen Rath beachtete, während er durch Befolgung desselben meinen Vorkheil so gut als den seinen befördert haben würde. Es ist Euch bekannt, daß mein Leben nicht sicher war unter den Bösewich- tern, die den Herzog umgaben und Einfluß auf ihn übten." „Ganz wahr," antwortete Colvin; „aber ich weiß auch, daß er Euer alter Waffengenoffe ist, und es würde sich schlecht schicken, wenn ich den edel» Grasen von Oxford lehren wollte, was die Gesetze der Ritterschaft verlangen. Für Eure Sicherheit wird jeder rechtliche Mann in der Armee gerne einstehen." „Dafür sorge ich zuletzt," sagte Oxford gleichgültig; „und wenn meine Anwesenheit dem Herzog nützlich werde» kann — wenn ich glauben könnte, er wünschte sie"- 234 „Er wünscht sie — gewiß, gnädiger Herr!" sagte der ehrliche Kriegsmann mit Thränen in de» Angen. „Wir haben ihn Euer» Namen nennen gehört, als ob ihm das Wort in einem qualvollen Traum entwischte." „Ich will zu ihm gehen, wenn das der Fall ist," sagte Orford, — „und das augenblicklich. Wo wollte er sein Hauptquartier aufschlagen?" „Er hat nichts weder darüber »och über andere Gegenstände bestimmt; aber Herr von Cvntay nannte La Risiere bei Salins in Oberburgund, als dem Orte, wohin er sich begeben würde." „Dahin also wollen wir, mein Sohn, und uns so schnell als möglich dazu richten. Ihr, Cvlvin, würdet am besten thun, hier zu bleiben und Euch nach irgend einem heiligen Mann umzusehen, der Euch von Eurer übeteilten Rede auf dem Schlachtfelde von Wurden losspricht. Es liegt allerdings eine Sünde darin; aber eS wäre eine schlechte Buße, wenn Ihr Euer» großmüthigcn Herrn jetzt verließet, La er Eurer guten Dienste am meisten bedarf. Es ist blos eine Handlung der Feigheit, sich in's Kloster zurückzuziehen, so lange wir noch Pflichten auf dieser Welt zu erfüllen haben." „Das ist wahr," versetzte Colvin; „würde ich den Herzog jetzt verlassen, so bliebe ihm vielleicht nicht ein Mann, der 'm Stande wäre, eine Kanone ordentlich zu richten. Der Anblick Eurer Herrlichkeit kann nur günstig auf meinen edeln Herrn wirken, da er in mir den alten Soldaten wieder geweckt hat. Wenn Eure Herrlichkeit Eure Reise bis morgen verschieben kann, so werden meine geistigen Geschäfte abgemacht und meine körperliche Gesundheit so weit hergestellt sein, daß ich Euern Führer nach La Riviere abgeben kann. 235 Was das Kloster betrifft, so will ich daran denken, wenn ich den guten Namen wieder gewonnen habe, den ich bei Murten verloren. Aber Messen will ich lesen lassen für die Seelen meiner armen Kanoniere, und das in gehöriger Anzahl." Cvlvin's Vorschlag wurde angenommen und Oxford verbrachte mit seinem Sohn und Thiebold Len Tag mit Zurü- stnngen zu der Fahrt, die Zeit ausgenommen, welche nvth- wendig war, um förmlichen Abschied von König Ren« zu nehmen, der sich ungern von ihnen zu trennen schien. In >Be< gleitung des Gesckützmeisters des überwundenen Herzogs durchzogen sie die Theile der Provence, der Dauphin« und Frei, grafsckaft, welche zwischen Air und dem Orte liegen, an welchen sich der burgundische Herzog zurückgezogen hatte. Aber die Größe und Beschwerlichkeit einer so langen Reise machten, daß sie mehr als vierzehn Tage unterwegs zubrachten und der Monat Juli 147k hatte schon angefangen, als die Reisenden in Oberburgund und bei dem Schloß La Riviere anlangten, welches etwa acht Stunden südlich'von der Stadt Satins liegt. Dasselbe war von nur unbedeutender Größe und von sehr vielen Zelten umgeben. Diese standen aber durcheinander ohne Ordnung und in völlig unkriegerischer Weise; keine der Vorschriften war dabei beachtet worden, die sonst gewöhnlich in Karl's des Kühnen Lager gehandhabt wurden, daß jedoch der Herzog hier anwesend sei, bezeugte sein breites Banner, welches reich geschmückt mit allen seinen Wappen von den Zinnen des Schlosses herabflatterte. Die Wache trat in'S Gewehr, um die Fremden zu empfangen, aber in so unordentlicher Weise, daß der Graf auf Colvin blickte, riesen um eine Erklärung darüber zu fragen. Der Artillerieoffizier zuckte die Achseln und schwieg. - 236 ^ Colvin hatte seine und die Ankunft des englischen Grafen anmelden lasten; Herr von Contay ließ sie augenblicklich zu sich kommen und bezeugte viel Freude, sie z» sehen. „Sin paar von uns," sagte er, „getreue Diener des Herzogs halten hier Rath, und es wird für uns von der größten Wichtigkeit sein, wen» Ihr demselben beiwohnet, mein edler Herr von O.rsord. Die Herren de la Crvye, de Craon, Ru- bemprö und andere bnrgundische Edle sind eben versammelt, um sich in dieser Noth über die Verlheidigung des Landes zu besprechen." Diese alle drückten ihre Freude aus, den Grafen von Or- sord zu sehen. Sie hätten, erklärten sie, in der letzten Zeit seines Aufenthalts im Lager des Herzogs unterlassen, ihm ihre Ehrfurcht zu bezeugen, weil sie benachrichtigt worden wären, daß er unerkannt zu bleiben wünschte. „Seine Gnaden," sagte Craon, „hat zweimal nach Euch gefragt und immer bei Eurem angenommenen Namen Philipson." „Ich wundere mich nicht darüber, gnädiger Herr von Craon," versetzte der englische Edelmann; „der Name hat seine Entstehung in früheren Tagen gefunden, als ich während meiner ersten Verbannung hier war. Es hieß damals, wir armen lancastrischen Edelleute müssen andere Namen für uns wählen, als die wir bisher gehabt, und der gute Herzog Philipp sagte, ich müßte als der Waffenbruder seines Sohnes Karl nach ihm selbst den Namen Philipson tragen. Zum Andenken an den gütigen Fürsten legte ich mir ihn wieder bei, als die Tage herankamen, da solches wirklich nvthig wurde, und ich sehe, der Herzog denkt noch ati unsere frühere Vertraulichkeit, da er mich so bezeichnet. Wie befindet sich Seine Gnaden?" 237 Die Burgunder sahen einander an und schwiegen stille. „Er ist wie ohne Bewußtsein, wackerer Oxford," crwie- derte Craon zuletzt. „Herr von Argento», Ihr könnt den edlen Grafen am besten von dem Zustande unseres Fürsten unterrichten." „Er ist wie verrückt," sagte der spätere Geschichtschreiber dieser unruhige» Zeit. „Nach der Sä,lacht bei Granso» hat er meines Wissens nie mehr das frühere, gesunde Urtheil gezeigt. Aber damals war er launisch, eigensinnig, nahm keine Vernunft an, blieb sich nicht gleich und nahm jeden Nativen man ihm gab, so übel auf, als wenn man ihn damit hätte beleidigen wollen; eifersüchtig ahndete er jedes Versehen im Punkte der Ehrerbietung als verachteten ihn seine Unterthanen. Jetzt jedoch ist er völlig verändert, wie wenn ihn dieser zweite Schlag betäubt und die heftigen Leidenschaften unterdrückt hätte, die der erste in Thätigkeit setzt. Er ist schweigsam wie ein Karthäuser, eingezogen wie ein Klausner und nimmt an nichts Antheil, am wenigsten an der Leitung seines Heeres. Er war früher, wie Ihr wißt. ,orgfältig in seinem Anzug, so daß sogar durch die Nachlässigkeit, welche er in dieser Beziehung zur Schau trug, noch etwas Geziertes durchschien. Aber, weh' mir, jetzt werdet Ihr einen Wechsel sehen. Er will nicht zugeben, daß man ihn, die Haare herrichtet und die Nägel schneidet; es liegt ihm gar nichts daran, ob man ihn ehrerbietig oder geringschätzig behandelt, er n mmt wenig oder gar keine Nahrung zu sich, genießt feurige Weine, die seinen Verstand indessen nicht anzugreife» scheinen, er will nichts von Krieg oder Staatsangelegenheilen höre», ebenso wenig von Jagd oder sonstiger Kurzweil. Denkt Euch einen Einsiedler, der seine Zelle verläßt, um ein Reich zu beherr- 238 schen, und Ihr habt, ausgenommen im Punkte der Andacht, ein Bild des feurigen, tbätigen Karl von Burgund," „5hr sprecht von einem tief verwundeten Gemüthe, Herr von Argeuton," versetzte der Engländer, „findet Ihr es paffend, daß ich mich dem Herzog vorstelle?" „Ich will fragen," fugte Contay; er verließ das Gemach, kehrte alsbald zurück und gab dem Grafen ein Zeichen, ihm zu folgen. In einem Geheimzimmer oder Closet lehnte der unglückliche Karl in einem großen Armstuhl und streckte die Füße uachläßig auf einen Schemel aus; er war aber so verändert, daß der Graf von Orford hätte glauben können, er habe bloS das Gespenst des ehemals so stolzen Herzogs vor sich. Sein langes, verwirrtes Haar, wie es vom Kopfe herabfiel und sich mit dem Bart vermischte; die hohlen Augen, die wild in ihren Höhlen rollten, die eingefallene Brust und die hervorstehenden Schultern gaben ihm wirklich das geisterhafte Aussehen eines Menschen, der den Todeskampf durchgcmacht hat, aber noch alle Zeichen von Leben und Kraft an sich trägt. Seine Tracht, ein weiter umgeworfener Mantel, vermehrte noch seine Aehnlichkeit mit einem in's Leichentuch gehüllten Geist. Contay nannte dm Grafen von Orford; aber der Herzog starrte ihn mit glanzlosen Augen an und gab keine Antwort. „Sprecht mit ihm, wackerer Orford," sagte der Burgunder flüsternd; „es steht mit ihm noch schlechter als gewöhnlich, aber vielleicht kennt er Eure Stimme." Niemals, selbst, da der Herzog von Burgund in der höchsten Blüthe seines Glücks stand, kniete der edle Engländer nieder, um ihm mit so aufrichtiger Ehrerbietung die Hand zu küssen. Er achtete in ihm nicht blos den gebeugten Freund 239 sondern auch den gedemüthigten Fürsten, dem ein Blitz das Gebäude seiner Hoffnungen zertrümmert hatte. Wahrscheinlich war es eine Thräne, die dem Herzog auf die Hand fiel und seine Aufmerksamkeit rege machte, denn er blickte auf den Grafen und sagte: „Oxford — Philips»» — mein alter — mein einziger Freund, hast du mich aufgefunden in diesem Schlupfwinkel der Schande und des Elends?" „Ich bin nickt Euer einziger Freund, gnädiger Herr," erwie- derte Oxford. Der Himmel hat Euch viele anhänglicke Freunde unter Euern angeborenen und ergebenen Unterthanen gegeben. Aber obgleich ein Fremder, und trotz der Treue, die ick meinem angestammten Fürsten schuldig bin, werde ich keinem unter ibnen in der Achtung und Ehrerbietung weichen, die ich Euer Gnaden im Glücks gezollt habe und Euch nun im Unglück zu erweisen komme." „Za wohl Unglück!" sagte der Herzog; „unersetzliches, unerträgliches Unheil! Ich war kürzlich noch Karl von Burgund, genannt der Kühne — jetzt bin ich zweimal geschlagen von dem Auswnrf deutscher Bauern; meine Standarten find erobert, meine Gewappneten in die Flucht getrieben, mein Lager zweimal geplündert und beidemale ging ein Schatz verloren, der dem Werthe der ganzen Schweiz mehr als gleichkommt. Ich selbst bin gejagt worden wie eine elende Ziege oder Gemse — der furchtbarste Groll der Hölle hat nie mehr Schmach auf das Haupt eines Fürsten gehäuft!" „Im Gegentheil, gnädiger Herr," sagte Oxford, „das ist eine Probe des Himmels, welche Geduld und Seelenstärke erfordert. Der tapferste und beste Ritter kann bügellos werden; nnr ein Feigling bleibt auf dem Sande der Stechbahn liegen, wenn ihm ein Unfall begegnet ist." „Ha, Feigling, sagst du?" entgegnete der Herzog und cm Theil seines ölten Stolzes erwachte bei der kecken Rüge; „entfernet Euch, Herr, und kommt nie wieder bis Ihr hieher berufeil werdet."- „Ick boffe, dies wird alsbald geschehen, wenn Euer Gnaden de» uachläßigen Anzug abgelegt hat und gerüstet ist, Eure Lchensleute und Vasallen so zu empfangen, wie es sich für Euch Uiid sie schickt," erwiederte der Graf ruhig. „Wie meint Ihr das, Herr Graf? Ihr seid unhöflich." „Wenn ich es bin, gnädiger Herr, so haben mich die Umstände die Lebensart vergessen lassen. Ich kann über gefallene Größe trauern; aber ich kann den nicht ehren, der sich selber dadurch entehrt, daß er sich wie ein armseliger Knabe unter den Streichen des Mißgeschicks krümmt." „Und wer bin ich denn, daß Ihr mich so behandelt?" rief Karl und fuhr auf in aller angeborenen Wildheit, mit dem alten Stolz; „oder was seid Ihr anders als ein elender Flüchtling, daß Ihr Euch mit solch beleidigenden Aeußerungen in meine Einsamkeit eindränget?" „Was mich betrifft," versetzte Orfvrd, so bin ich, wie Ihr sagt, ein unbeachteter Flüchtling; auch schäme ich mich dessen nicht, da mich unerschüttcrte Treue gegen meinen Fürsten und seine Nachfolger dazu gemacht hat- Aber kann ich den Herzog von Burgund in einem mürrischen Einsiedler wieder erkennen, dessen Macke ein unordentlicher Soldatenhanfe und blos ihren Freunden furchtbar ist, Lessen Räthe in Verwirrung sind, weil ihnen ihr Fürst fehlt. Und er selbst verbirgt sich wie ein verwundeter Wolf in seiner Höhle, in einem abgelegenen Schlosse, das blos auf den Klang des Schweizer Horns wartet, um die Thore zu öffnen, zu deren Vertheidi- gung Niemand vorhanden ist. Er trägt kein ritterliches Schwert, um sich selbst zu schützen und kann nicht sterben, wie ein bedrängter Hirsch, sondern läßt sich erwürgen wie ein gejagter Fuchs/' „Tod und Hölle, lügnerischer Verräthcr!" donnerte der Herzog, blickte auf seine Seite und nahm wahr, daß er keine Waffe hatte. — Es ist gut für dich, daß ich kein Schwert trage, sonst würdest du niat geben und dich rühmen können, deine Frechheit sei unbestraft geblieben. — Contay, tretet vor wie ein guter Ritte, und widerlegt diesen Verläumder. Sagt, sind meine Soldaten nicht wohl gerüstet, halten sie keine Zucht und Ordnung's" „Mein gnädiger Herr," sagte Contay und zitterte trotz seiner Tapferkeit in der Schlackt vor der rasenden Wuth. die Karl an de» Tag legte; „Ihr habt noch riete Soldaten unter Eurem Befehl, aber ihre 'Aufführung verdient Tadel und sie halten schlechtere Maunszucht als sonst der Fall war." „Ich sehe es — ich sehe es," sagte der Herzog; „faule und schlechte Nathgeber seid Ihr alle. — Hört, Herr von Contay, zu was seid Ihr denn da, Ihr und die Andern, die Ihr so große Ländereien und ansehnliche Lehen von uns traget, wenn ich meine Glieder nicht auf einem Siectbett auS- strecken kann, jetzt, da mein Herz kalb gebroden ist. ohne daß meine Truppen in eine schimpfliche Unordnung gerathen, die mich dem Spott und den Vorwürfen jedes fremden Bettlers ausfetzt?" „Mein gnädiger Herr," versetzte Contay mit mehr Festig, feit, „wir haben getha», was wir konnte». Aber Euer Gnaden hat die Generale Eurer Soldner und die Anführer der Freifchaaren gewöhnt, ihre Befehle nur aus eigenem Munde oder Eurer eigenen Hand anzunehmen. Sie verlangen auch ihren Sold, und der Schatzmeister weigert sich, ihn ohne Anweisung von Euer Gnaden herauSzugeben, er behauptet, eS Anna v. Geleistet» ul. 16 2ä2 könnte ihm den Kopf kosten. Sie wollen sich weder durch «inen von uns, noch durch einen von Euren Ruthen führen und weisen lassen?" Oer Herzog lachte düster, es war aber augenscheinlich, daß ihm die > utwort nicht mißfiel. „Ha, ha!" sagte er, „nur Burgund kann seine wilden Pferde reiten und seine wilden Soldaten im Zaume halten. Hört, Contay — morgen reite ich aus, um die Truppen zu mustern — die vergangene Unordnung soll ihnen nachgesehen werden. Auch ihren Sold sollen sie haben — aber wehe denen die sich zu arg verfehlt haben. Laßt meine Kammerdiener für passende Kleider und Waffen sorgen. Ich habe eine Lehre bekommen (hier warf er einen finstern Blick auf Oxford), aber man wird mich für die Zukunft nicht mehr beleidigen, ohne daß mir die Mittel zu Gebot ständen, mich zu rächen. Entfernt Euch beide. Und Contay, schickt den Schatzmeister mit seinen Rechnungen her. Wehe ihm, wenn ich mich über ihn zu beklagen habe. Geht, sag' ich und schickt mir ihn her!" Sie verließen mit gehöriger Verbeugung das Zimmer. Während sie sich entfernten, sagte der Herzog barsch: „Herr von Oxford, ein Wort mit Euch- Wo habt Ihr Medizin studirt? Auf Eurer eigenen berühmten Universität wahrscheinlich. Dein Mittel hat Wunder gewirkt. Aber Doktor Phs- lipson, es hätte dich da- Leben kosten können." „Ich habe mein Leben immer gering angeschlagen," sagte Oxford, „wenn es sich davon handelte, meinem Freunde zu helfen." „Du bist wirklich ein Freund," versetzte Karl, „und dar ein furchtloser. Aber geh — ich bin stark mitgenommen worden, und du bist mir nahe auf den Leib gegangen. Morgen wollen wir weiter reden; unterdessen vergebe ich dir und ich ehre dich." Der Graf von Oxford entfernte sich in den Rathssaal, wo der burgundische Adel, der schon wußte, was sich begeben, ihn mit Dankbezeugungen, Artigkeiten und Glückwünschen überhäufte. Jetzt entstand eine allgemeine Bewegung und Befehle wurden nach allen Richtungen hin ertheilt. Oie Offiziere, welche ihre Pflichten vernachlässigt hatten, eilten, ihre Fahrlässigkeit zu ve> berge» oder gut zu machen. Es war ein allgemeiner Aufruhr im Lager, aber ein freudiger; denn dem Soldaten ist es immer lieber, wenn man ihn in Ordnung und im Stand erhält, seinen Dienst gehörig zu »ersehen. Ilngebundenheit und Unthätigkeit mögen ihm zu Zeiten angenehm sein, ziehen ihn aber in die Länge nicht so sehr an, als strenge Mann.'zucht und die Aussicht auf Beschäftigung. Der Schatzmeister war, zum Glück für ihn, ein Mann von Verstand und Ordnungsliebe; er blieb zwei Stunden lang mit dem Herzog allein und kehrte mit verwunderten Blicken zurück. Er gestand, daß Karl selbst in seinen glücklichsten Tagen nie genauer in das Finanzwesen eingeaangen sei, wozu er noch am Morgen völlig unfähig geschienen hätte. Das Verdienst davon wurde von Jedermann dem Besuch des Herrn von Oxford zugeschrieben, dessen zu rechter Zeit angebrachter Verweis den Herzog aus seinem düsteren Trübsinn erweckt hatte, wie ein Kanonenschuß häßliche Nebel zerstreut. Am folgenden Tage musterte Karl seine Truppen mit gewohnter Sorgfalt, ordnete neue Aushebungen an, regelte die Vertheilung seiner Streitkräfte und traf strege Verfügungen zu Ahndung der Fehler gegen die Mannszucht. Diese schärfte er noch mehr ein durch einige wohlondiente Strafen, von welchen der größere Theil auf die italienischen Söldner 16 * 244 Campobasso'S fiel, milderte sie aber zugleich durch Ausbezahlung der Cvldrüekstände, um die Leute an die Fahne zu fesseln, unter welcher sie dienten. Nachdem sich der Herzog mit leinen Rälhen besprochen, genehmigte er die Zusammenbeeufung der Landstände in de» verschiedenen Tkeilen seines Gebier-, Er wollte gewisse Beschwerden des Volts abstelie» und einige Zugeständnisse mache« die er bis dabin verweigert. So begann er neue Wege zur Beliebtheit bei seinen Untcrthanen einznschlagen, nachdem er durch seine Unbesonnenheit ihre frühere Anhänglichkeit verscherzt. Dreizehntes Kapitel. Dir Waffe hier wird einen Feldhc rn schrecken Trotz seiner Siege und in seinem Zelt. Den Fürsten auf dem Thron, de» Kirchenfürstcn Wird fie, wie heilig auch sein Amt, erreichen Und treffen, stand' er auch an dem Altar. Altes Lustspiel. Von dieser Zeit an bekam Alles eine neue Thätigkeit am Hofe und beim Heere des Herzogs von Burgund. Man sammelte Geld, man hob Soldaten ans und wartete nur «uf bestimmte Nachrichten über die Bewegungen der Eidgenossen, um den Feldzug zu beginnen. Obgleich jedoch Karl dem äußeren Anschein nach so thätig war als je, meinten doch die, welche sich in seiner unmittelbaren Umgebung befanden, er entwickle nickt mehr denselben gesunden Verstand oder die Schärfe des UrtheilS, dis sie vor den Unfällen an ihm bewundert halten. Er war noch Anfällen von mürrischer 246 Schwermuth unterworfen, wie sie Saul heimsuchten und geriet!! in furchtbares Nasen, wenn man ihn aus derselben wecken wollte. Sogar der Graf von Orford schien die Gewalt verloren zu haben, welche er früher über ihn ausgeübt. Karl zeigte sich im Allgemeinen dankbar und gütig gegen ihn, fühlte sich aber doch augenscheinlich gedehmüthigt, wenn er sich erinnerte, daß ein Fremder seinen unmächtigen und gedrückten Zustand mit angesehen hatte; auch fürchtete er so sehr, man möchte vermuthen, der Graf von Orford leite seine Plane, daß er oft den Rath desselben blos verwarf, um seine geistige Unabhängigkeit zu erweisen. I» diesen wunderlichen Launen wurde er noch durch Campobasso befestigt. Dieser schlaue Verräther sah, daß sich die Macht seines Herrn ihrem Untergang zuneigte und beschloß als Hebel dabei zu dienen, um sich Ansprüche auf einen Theil der Beute zu verschaffen. Er betrachtete Orford als eine» der besten Freunde und geschicktesten Ratbgeber, die dem Herzog anhingen; er glaubte in den Blicke» desselben zu lesen, daß der Graf seine verrätherische Absicht durchschaut habe und darum haßte und fürchtete er ihn. Vielleicht, um selbst in seinen eigenen Augen die abscheuliche Treulosigkeit zu beschönigen, mit der er sich trug, stellte er sich daneben, als wäre er gegen den Herzog außerordentlich böse, wegen der Bestrafung einiger Plünderer aus seinen italienischen Banden. Er glaubte, dieselbe sei auf Orfords Rath verhängt worden und vermuthete, dieser habe die Maßregel in der Hoffnung unterstützt, es werde sich Herausstellen, daß die Italiener nicht blos für ihre, sondern auch für Rechnung ihres Befehlshabers geplündert. Ueberzeugt, daß Orford feindliche Gesinnungen gegen ihn hege, würde Campobasso schnell Mittel gefunden haben, jene» aus dem Wege zu räumen. wenn es Orford nicht selbst für klug erachtet hätte, einige Vorsicht zu beobachten; und die Herren von Flandern und Burgund, die ihm aus denselben Gründen zugekhan waren, aus denen ihn der Italiener verabscheute, wachten über seine Sicherheit mit einer Sorgfalt, von welcher er selbst nichts wußte, welche aber die Erhaltung seines Lebens möglich machte. Es war nicht wahrscheinlich, daß Ferrand von Lothringen seine» Sieg lange unbenutzt lassen würde; aber die Schweizer Eidgenossen, welche seine Hauptmacht bildeten, bestanden darauf, daß die ersten Unternehmungen in Savvien und im Waadtlands Statt finden müßten, wo die Burgunder viele Besatzungen liegen hatten. Diese konnten nicht so leicht oder schnell zur Uebcrgabe gebracht werden, wenn sie auch keinen Entsatz erhielten. Da überdies die Schweizer, wie die meisten Soldaten jener Zeit, welche ihre eigene Heimath vertheidigten, aus einer Art von Landwehr bestanden, so kehrten nach dem Siege die meisten von ihnen heim, um ihre Erndte einzu. bringen und ihre Beute an sickeren Orten niederzulegen. Dieses verhinderte Ferrand, der mit allem Eifer eines jungen Ritters an Verfolgung seines Sieges hing, vor dem Monat Dezember 1476 eine verrückende Bewegung zu machen. Unterdessen wurden die Truppen des Herzogs von Burgund, um das Land einigermaßen von seiner Last zu erleichtern, an verschiedenen Orten seines Gebiets untergebracht und Alles aufgeboten, um die neu AuSgehobenen für den Krieg einzuüben. Der Herzog würde, wenn man ihn sich selber überlassen hätte, den Kampf beschleunigt, seine Macht wieder gesammelt und sich auf das Schweizergebiet geworfen haben; aber vbschon er bei der Erinnerung an Granso» und Murten schäumte, war doch das Andenken an diese Unfälle noch zu 248 neu. lim einen solchen FcldzugSplan zu gestatten. So vergingen Wochen und »um war schon weit im Dezember, als eines Morgens, während der Herzog bei einer Berathung saß, Campobasso plötzlich einlral. Seine von außerordentlicher Freude belibte Miene hütete einen seltsamen Abstand gegen das kalte, regelmäßige und feine Lackeln, mit welchem rr gewöhnlich seine größte Frenke austrückre- Guantes, sagte er, „Guantes (ein Trinkgeld) für meine gute Nachricht, menn's Euer Gnaden beliebt " „WaS ist uns für ei» Glück zu Theil geworden?" fragte der Herzog, „ich glaubte, eS habe den Weg zu unserer Thüre vergessen." „ES ist aber doch wieder zurückgekehrt — mit Eurer Gnaden Erlaubniß — und sein Füllhorn ist voll der köstlichsten Gaben; e§ ist gekommen, seine Frückte, seine Blumen, seine Sckätze auf das Haupt deS Fürsten auSzusckütten, der in ganz Europa am würdigsten ist, sie zu empfangen," „Der Sinn rvn dem Allem?" sagte der Herzog Karl, „Rälhsel sind für Kinder " „Der einfällige, junge Tollkopf Ferrand, der sich von Lothringen nennt, ist a»S den Bergen hervorgebrvcken an der Spitze eines unordentlichen Haufens von Taugenicktsen, wie er selbst; und was meint Ihr — ha, ha, ha! sie überschwemmen Lothringen und haben Nancy eingenommen — ha, ha, ha!" „Meiner Tren, Herr Graf," versetzte Contay, erstaunt über die lustige Laune, mit welcher der Italiener einen so ernsthaften Gegenstand behandelte, „ich habe selten einen Narren lustiger über einen schlechteren Spaß lacken gehört, als Ihr. ein verständiger Mann, über de» Verlust der ersten Stadt in der Provinz lacht, um die wir kämpfen." „Ich lache," erwiederte Campobasso, müten in den Lanzen, wie mein Streilroß — ha, ka! — bei Trompeten- schall wiehert. Ick lache auch über die Vernichtung des Feinds und die Theilung der Beute, wie die Arier ihre Freude über ihren Anlheil am Raube ausschreien; ich lache"- „Ihr lacht," sagte der Herr von Cvntay mit steigender Ungeduld, „wenn Ihr die Freude für Euch allein habt, wie Ihr nach unseren Verlusten bei Granson und Murten gelacht habt." «Still, Herr!" rief der Herzog. „Der Graf von Campobasso hat die Sache so angesehen, wie ich. Der junge, irrende Ritter wagt es, aus dem Schutz seiner Berge hervorzutrcten und des Himmels Fluch treffe mich, wenn ich den Schwur nicht halte, daß das nächste Schlachtfeld, auf dem wir unS treffen, eine» von uns beiden todt erblicken soll. Es ist jetzt die letzte Woche im alten Jahr und vor dem Dreikönigstag werden wir sehen, ob er oder ich die Bohne im Kucken findet. — Zu den Waffen, meine Herren; laßt augenblicklich unser Lager abbrechen und unsere Truppen gegen Lothringen vorrücken. Schickt die italienische und albanische leichte Reiterei voraus und die Stradioten, um die Gegend zu säubern. — Orford, du wirst in diesem Feldzug die Waffen tragen, nicht wahr?" „Gewiß," entgegnete der Graf. „Ich esse das Brod Eurer Hoheit; und wenn die Feinde einbrccken, so verlangt meine Ehre, daß ich für Euer Gnaden fechte, wie wenn ich Euer geborner Unterthan wäre. Mit Euer Gnaden Erlaubniß werde ich einen Herold mit einem Briefe an meinen alten, freundlichen Wirlh, den LanLammann von Unterwalden ab senden und ihn mit meiner Abficht bekannt machen." 250 Der Herzog gab bereitwillig seine Zustimmung dazu; der Herold wurde also abgeschickt uud kam in wenigen Stunden zurück, so nahe standen sich die Armeen. Er brachte einen Brief von dem Landammann, worin dieser in böslichem und sogar gütigem Tone sein Bedauern darüber aussprach, daß Umstände eingetreten wären, welche ihn zwängen, mit den Waffen in der Hand seinem Gast gegenüber zu treten, gegen den er so hohe persönliche Achtung hege. Derselbe Bote hatte auch Grüße von der Familie Biedermann an ihren Freund Arthur und einen besonderen Brief zu überbringen, der an diesen gerichtet war und also lautete: „Rudolph Donnerhügel wünscht sehr dem jungen Kaufmann Arthur Philipson eine Gelegenheit zu Beendigung deck Handels zu verschaffen, welcher zwischen ihnen in dem Schloß- Hof zu Geiersteiu unabgemacht blieb. Er trägt um so größeres Verlangen danach, als er weiß, daß der genannte Arthur ihm eine Beleidigung zugefügt und ihm die Zuneigung eines gewissen Mädchens von Stande geraubt hat, für welche er, Philipson, nichts ist und nickts werde» kann, als ein gewöhnlicher Bekannter. Rudolph Donnerhügel wird Arthur'» Philipson zu wissen thun, wann sie unter angemessenen und gleichen Verhältnissen auf neutralem Grund Zusammentreffen können. Unterdessen wird er bei Scharmützeln so oft als möglich in den ersten Reihen zu finden sein." Des jungen Arthnr's Herz sprang hoch, als er die Ansforderung laS. Der gereizte Ton derselben zeigte den Ge- mülhszustand des Schreibers und bewies deutlich, daß Ru- dvlph's Plan in Bezug auf Anna von Geierstein gescheitert war; die Zuschrift verrieth auch, daß er den Verdacht hegte, Anna möchte ihre Neigung rem jungen Fremden zugcwandt haben. Arthur fand Mittel, eine Erwiederung an den Schweizer 251 abgehen zu lassen, in welcher er ihn versicherte, mit wie vielem Vergnügen er seinen Befehlen entgegensähe, wäre er nun vor der Linie oder wo es sonst Rudolph gut Läuchte. Die Armeen kamen einander unterdessen ganz nahe und die leichten Truppen geriethen manchmal in'S Handgemenge. Die Stradioten aus dem Gebiet von Venedig, eine Art von Reiterei, die der türkischen glich, versahen damals bei dem burgundische» Heere den Dienst von solchen, und hätten sich dazu vortrefflich geeignet, wenn auf ihre Treue zu zählen gewesen wäre. Der Graf von Oxford bemerkte, Laß diese Leute, welche unter Campobassv's Befehls standen, immer die Nachricht zurückbrachte», der Feind sei in großer Unordnung und in völligem Rückzug. Ueberdies erhielt man durch sie die Mittheilung, daß sich verschiedene Personen nach Nancy geflüchtet hätten, gegen welche der Herzog von Burgund einen besonderen Haß unterhielt und die er vor Anderen i» die Hände zu bekommen wünschte. Dieses vermehrte um Vieles den Eifer deS Herzogs, den Platz wieder zu erobern und eS war unmöglich, seine Hitze zu bemeistern, als er erfuhr, daß Ferrand und dessen Verbündeten bei der Kunde von seiner Ankunft einen Ort, nahe bei der Stadt, St. Nicolas genannt, besetzt hätten. Der größere Theil der burgundische» Näthe sowohl a>S der Graf von Oxford widersetzten sich seinem Plan, eine feste Stadt zu belagern, so lange ein furchtbarer Feind nahe genug stände, um sie zu entsetzen. Sie stellten dem Herzog die geringe Anzahl seiner Truppen, die Strenge der Jahreszeit und die Schwierigkeit vor Lebensmittel beizuschaffenz sie drangen in den Herzog, nachdem er eine Bewegung gemacht, wodurch der Feind zum Rückzuge genvthigt worden wäre, sollte er jedes entscheidende Einschreiten bis zum Frühling verschiebe». Zuerst suchte Karl diese Gründe zu bestreiten. 252 und zu widerlegen; als ihn aber seine Räche daran erinnerten. daß er sich und seine Armee in dieselbe Lage bringe, wie bei Granson und Murlhen, wurde er wiitheud, der Schaum trat chm vor den Mund und er anlworteke blos mit Flüchen und Verwünschungen, daß er vor dem Dreikvnigstag Meister von Nancy sem wollte. Demzufolge seyte sich das burgundische Heer vor Nancy in einer starken Stellung fest, tie durch das Bette eines Flusses geschürt und von dreißig Kanonen unter Colvin's Leitung gedeckt war. Nachdem er durch diese Anordnung des Feldzugs seinen Eigensinn befriedigt, schien der Herzog dem Andringen seiner Rache etwas mehr nachzugeben und für seine persönliche Sicherheit zu sorgen. Er gestattete dem Grasen von Orsord und seinen, Sohn nebst zwei oder drei seiner Hausbeamten, lauter Leuten von geprüfter Trene, in seinem Zelte zu schlafen, ohne daß man deshalb die gewöhnliche Wache verminderte. Es fehlten noch drei Tage bis Weil,»achten, als der Her zog sich vor Nancy lagerte, und gerade an diesem Abend entstand ein Lärm, der die Furcht für seine persönliche Sicherheit zu rechtfertigen schien. Es war um Mitternacht und Alles im herzoglichen Zell war zur Ruhe gegangen, als das Geschrei „Verrath! Verrath!" sich erhob. Der Graf von Orsord zog sein Schweit, ergriff ein neben ihm brennendes Licht, stürzte in des Herzogs Gemach und fand ihn in der Mitte desselben ganz nackt, aber mit dem Degen in der Hand dastehen. Er hieb so wüthend um sich, daß der Graf Mühe hatte, seinen Streichen zu entgehen. Auch die Diener eilten he, bei i»it gezogenen Wehren und die Mäntel um den linken Arm gewickelt. Als der Herzog sich etwas beruhigt hatte und sich von Freunden umgeben sah, erzählte er ihnen in der lebhaft testen Erregung, daß die Diener des geheimen Gerichts aller getroffenen Vorsichtsmaßregel» und der Wache» ungeachtet, Mittel gesunden halte», in sein Zimmer einzudringen. Von ihnen wäre er unter Androhung der härteste» Strafen auf- ge, ordert worden in der Christnacht vor der heiligen Vehme zu ersche in'», Oie llmstehendcn hörten diesen Bericht mit Erstaunen an und einige von ihnen wußlen nicht, ob sie die Sache als Wirtlichkeit oder als Erzeugniß der reizbaren Einbildungskraft des Herzogs betrachten sollten. Aber die Ladung fand sich auf dem Nachttisch des Herzogs, nach der Vorschrift auf Pergament geschrieben, mit drei Kreuzen unterzeichnet und mit einem Messer auf den Tisch befestig!. Auch ein Holzsplitter war aus dem Tisch gehauen. Obford laS die Aufforderung mit Ansnierkmmkeit. Sie benannte wie gewöhnlich einen Play, wohin der Herzog unbewaffnet und ohne Begleitung zu kommen befcbieden war, und von dem ans er kann, wie die Schrift besagte, an den Sitz des Gerichts geleitet werden sollte. Karl gab, nachdem er den Zettel eine Zeit lang betrachtet, seinen Gedanken Worte. „Ich weiß, aus welchem Köcher dieser Pfeil herrührt," sagte er. „Cr ist von einem entarteten Edelmann abgeschvssen, einem abtrünnigen Priester und dem Genossen ron Heren- meistern. Albert von Geierstein. Wir haben gehört, daß er unter dem bnnlen Haufen von Mördern und Geächteten steckt, die der Enkel des alten Geigers in derPivvence uni sichrer» samnielt bat. Aber beim heiligen Georg von Burgund! Weder Mönchskappe, noch Soldaienhelni oder Verschwörersniütze werden ihn retten nach einer Beleidigung, wie diese. Ich 254 will ihn der Nilterwürde entsetzen und an den höchsten Thurm in Nancy hängen lassen. Seiner Tochter soll die Wahl bleiben, zwischen dem gemeinsten Troßknecht in meiner Armee und dem Kloster der Neuerinnen." „Welches auch Eure Pläne sein mögen, gnädiger Herr," sagte Cvntay, „so wäre cs gewiß besser, Schweigen zu beobachten. Denn wir können aus diesem letzten Vorfall abneh- men, daß mehr Leute zuhören, als wir wissen." Der Herzog wurde über diese Andeutung betroffen und schwieg oder murmelte dock blos Flüche und Drohungen zwischen den Zähnen, während die genauesten Nachforschungen nach dem angestelll wurden, der in sein Schlafgemach eingc- drungen war. Aber ste blieben umsonst. Der Herzog setzte sein Suchen fort, denn er war gereizt über eine Kühnheit, die alle Gränzen dessen überschritt, was bisher die geheimen Gesellschaften gewagt. So viel und so große Furcht ste auch einflößten, nie war noch ein Versuch von ihnen gemacht worden, einem Fürsten zu Leibe zu gehen. Eine zuverläßige Abtheilung Burgunder ward beordert, in der Christnacht dis in der Ladung bezeichnete Stelle, (die Vereinigung von vier Kreuzwegen) zu bewachen und alle gefangen zu nehmen, die ste daselbst treffen würden und ergreifen könnten. Der Herzog schrieb immer den erlittenen Schimpf Albert von Geierstein zu. Man setzte einen Preis auf seinen Kopf, und Campobasso, der jede Gelegenheit ergriff, um seinem Herrn zu schmeicheln, versprach, daß seine Italiener, die in dergleichen Geschäften hinreichende Erfahrung besäßen, den straffälligen Freiherrn tvdt oder bebcndig liefern würden. Colvin, Contay und Andere lachten insgeheim über die Zusagen des Italieners. „So schlau er ist, wird er doch eher den wilden Geier aus den Wolken hinunter locken, als Albert von Gsierstein in seine Gewalt bekommen," sagte Colvin. Arthur, welchen die Worte des Herzogs um Anna von Geierstein und ihretwegen auch um ihren Vater nicht wenig besorgt gemacht hatten, athmete freier als er seine Drohungen so leicht ausgenommen sah. Es war am zweiten Tag nach diesem Lärm, als Orford Las Lager Ferrand's von Lothringen zu besichtigen wünschte, denn er hegte einige Zweifel an der Genauigkeit der Berichte über die Stärke und Stellung desselben. Er crbielt die Zustimmung des Herzogs zu diesem Vorhaben und dieser machte ihm und seinem Sohne dabei zwei herrliche Pferde von großer Kraft und Schnelligkeit zum Geschenk, welche er selber sehr hoch schätzte. Sobald deS Herzogs Wille dem italienischen Grafen mitgetheilt wurde, äußerte er die größte Freuoe darüber, daß ihm der Beistand von Orford's Alter und Erfahrung bei einer solchen Necognoscirung zu Theil werden sollte, und wählte etwa hundert auserlesene Stradioten aus, die er, wie er sagte, schon vor der Nase der Schweizer zu Sckarmitzeln ausgesendet hätte. Der Graf zeigte sich sehr zufrieden mit der verständigen und raschen Art. in der die Leute ihre Pflicht erfüllten und einige Abtheilungen der Reiterei Ferrand's vor sich her trieben und zerstreuten. Am Eingänge eines etwas abschüssigen Thales erklärte Campobasso dem Engländer, daß sie sich eine vollständige llebersicht von der Stellung des Feindes verschaffen konnten, wenn sie bis an's andere Ende desselben zu gelangen vermochten. Zwei oder drei Stradioten ritten voran, um den Engpaß zu untersuchen, kehrten zurück und besprachen sich mit ihrem Führer in ihrer Landessprache. Dieser behauptete, der Durchgang sei sicher und lud de» Gra« fen von Orford ein, ihn zu begleiten. Sie durchzogen also das Tbal, ohne einen Feind zu ei blicken, und als sie auf eine Ebene, den von Campobasso angekeuteten Oit gelangten, sah Arthur, der sich bei den Stradioten und nicht bei seinem Va» ter befand, wirklich in der Entfernung einer Viertelstunde daS Lager des Herzogs Ferrandz aber ei» Trupp Reiterei sprengte i» diesem Augenblick aus demselben hervor und ritt eilig gegen die Ttialmündung zu, auS der sie eben hcrvvrgekvmnien waren. Er stand im Begriff, sei» Roß zu drehe» und davon zu reiten, da er aber die große Schnelligkeit deS Thieres kannte, glaubte er es wagen und einen Augenblick halten bleiben zu können, um sich das Lager genauer zu betrachten. Die Strad »teil in seiner Begleitung warteten seinen Befehl zum Rückzug nicht ab, sondern eilten fort, wie cs ihre Pflicht war, wenn sie von einer überlegenen Macht angegriffen wurde». Unterdessen wurde Arthur gewahr, daß der Ritter, welcher der Anführer der heranrückenden Schaar zu sein schien, auf einem gewaltige» Roß saß. unter den, der Boden zitterte. Derselbe führte den Baren von Bern auf dem Schild und halte das Aussehen und die ungeheure Gestalt Rudvlph'S Dounerhügel. Als der Reiter seinen Trupp halt.» ließ, die Lanze einlegte und langsamen Schritts allein auf ihn zukam, wie um ihm Zeit zu seinen Vordere tungen zu lassen, überzeugte sich Arthur, daß er wirklich den Schweizer vor sich halte. In einem solchen Augenblick eine Aussorderiiiig anzu- neknien war gefährlich, aber sie zurückzuweisen, wäre schimpflich gewesen. Arthur's Blut kochte bei der Vorstellung einen unverschämten Nebenbuhler zu züchtigen; eS freute ihn ins Geheim, daß ihr Zusammeutreff.ii zu Pferde ihm einen Bvr- theil über den Schweizer verschaffte, denn er selbst war voll- 257 kommen bekannt mit dem Verfahren bei Turnieren und konnte vermntyen, daß Rudolph weniger erfahren darin sein würde. Sie rannten, nach dem Ausdruck der Zeit, mannhaft un- ter'm Schilde gegen einander. Die Lanze des Schweizers streifte den Helm des Engländers, gegen welchen sie gerichtet war, während Arthur mit seinem Speer auf die Mitte vom Leibe des Gegners zielte. Der Stoß war so richtig geführt und wurde von der vollen Kraft des Anlaufs so gut unterstützt, daß er nickt nur den am Halse deS unglücklichen Kriegers herabhängenden Schild, sondern auch noch eine Brustplatte und ein Panzerhemd durchbohrte, welches derselbe darunter anhatte. Die Stahlspitze der Waffe ging dem Ritter sodann durch den ganzen Leib und wurde blos Lurch daS Rückenstück des Reiters aufgehalten, der köpflings vom Pferde stürzte, als hätte ihn der Blitz getroffen. Donnerhügel wälzte sich noch zwei oder dreimal auf dem Boden herum, riß mit den Händen die Erde auf und lag sodann da, ein entseelter Leichnam. Nun entstand ein Geschrei der Wuth und des Schmerzes unter den Gewappneten, deren Reihen Rudolph einen Augenblick zuvor verlassen, und mehrere unter ihnen senkten die Lanzen, ihn zu rächen. Aber Ferrand von Lothringen, der selber zugegen war, befahl, den siegreichen Kämpen gefangen zu nehmen, ihm jedoch kein Leid zuzufügen. Dieser Befehl wurde vollzogen, denn Arthur hatte nickt Zeit, sich zur Fluckt zu wenden und Widerstand wäre Unsinn gewesen. Als man ihn vor Ferrand führte, hob er das Visir und sagte: „Ist es reckt, gnädiger Herr, einen Ritter zum G-fan- genen zu machen, weil er gegen einen Mann, der ihn gefordert, seine Pflicht gethan bat?" „Beklaget Euch nicht, Herr Arthur von Orford." entgegnet« Anna v. Geierstein m. Ferrand, „ehe Euch Unrecht geschieht —Jhrseidfrei, Herr Ritter. Euer Vater und Ihr wäret meiner königlichen Tante Margarethe ergeben, und wenn sie schon feindliche Gesinnungen gegen mich hegte, so lasse ich doch Eurer Treue gegen sie Gerechtigkeit wiederfahrcn. Aus Achtung vor ihrem Andenken, die ihr Erbe verloren hatte, wie ich selbst, und meinem Großvater zu Liebe, der, wie ich glaube, etwas auf Euch hielt, gebe ich Euch die Freiheit. Aber ich muß auch für Eure Sicherheit während Eurer Rückkehr in das burgundische Lager sorgen. Auf dieser Seite des Berges sind ehrliche und aufrichtige Leute, aber auf der anderen gibt es Verräther und Mörder. — Ihr, Herr Graf, werdet, denk' ich, unfern Gefangenen gerne außer Gefahr sehen." Der Ritter, an welchen Ferrand diese Worte richtete, ein großer stattlicher Mann, setzte sich in Bewegung, um Arthur zu begleiten, während dieser gegen den jungen Herzog von Lothringen die Empfindungen aussprach, welche das ritterliche Benehmen desselben in ihm erregte. „Lebt wohl, Herr Arthur von Vere," sprach Ferrand. „Ihr habt einen wackern Kämpen getödtet und mir den nützlichsten und anhänglichsten Freund. Aber die Sache ging ehrlich und offen von Statten, mit gleichen Waffen und vor der Linie; das Unglück kam über den, der zuerst die Fehde begann." Arthur verbeugte sich bis zum Sattelknopf. Ferrand erwiederte den Gruß und so schieden sie von einander. Arthur und sein neuer Gefährte waren eine kurze Strecke aufwärts geritten, als der Fremde also anfing: — „Wir sind schon einmal Reiseaenossen gewesen, junger Mann, doch Ihr errinnert Euch meiner nicht mehr." Arthur wandte die Augen auf den Reiter und als er bemerkte, daß der Kamm, welcher den Helm schmückte, die Ge- 259 stakt eines Geiers hatte, fingen sonderbare Vermuthungcn an, in seinem Kopf aufzusteigen. Sie bestätigten sich, als der Ritter den Helm öffnete und die düsteren und strengen Züge des Priesters von der St. Paulskirche sichtbar wurden. „Graf Albert von Geierstein!" rief Arthur. „Derselbe," versetzte der Graf, „obgleich Ihr ihn in anderem Gewand und Kopfputz gesehen habt. Aber die Tyrannei treibt alle Männer in die Waffen und so habe auch ich sie mit Erlaubniß und auf Befehl meiner Oberen wieder ausgenommen, nachdem ich sie lange bei Seite gelegt hatte. Ein Krieg gegen Grausamkeit und Unterdrückung ist heilig, wie der, welcher in Palästina geführt wird und in welchem auch Priester Waffen tragen." „Mein Herr Graf," sagte Arthur mit Wärme, „ich kann Euch nicht früh genug bitten, zu der Schaar Ferrand's von Lothringen zurückzukehren. Hier seid Ihr in Gefahr, und weder Stärke noch Muth kann Euch etwas nützen. Der Herzog hat einen Preis auf Euren Kopf gesetzt; und die Gegend zwischen hier und Nancy wird von Stradioten und leichten italienischen Reitern durchschwärmt." „Ich spotte ihrer," antwortete der Graf. „Ich habe nicht so lange in den Stürmen der Welt, unter Ränken im Krieg und Frieden gelebt, um von so gemeinen Händen zu fallen — überdies seid Ihr ja bei mir und ich habe so eben gesehen, daß Ihr Euch wie ein Edelmann zu betragen versteht." „Für Eure Vertheidigung, gnädiger Herr," erwiederte Arthur, der bedachte, daß sein Gefährte der Vater Anna's von Geierstein war, „würde ich mein Bestes versuchen." „Was, junger Mensch!" versetzte der Graf Albert mit spöttischem Ernst, wie er seinem Gesicht eigen war; „wolltet 17 * Ihr den Feind des Herrn, unter dessen Fahnen Ihr dienet, gegen seine gemietheten Söldner unterstützen?" Arthur gerieth etwas außer Fassung über die Deutung, welche man dem bereitwilligen Anerbieten seines Beistandes gab und für welches er wenigstens Dank erwartet hatte; aber er sammelte sich augenblicklich wieder und erwicdertc: „Mein Herr Graf Albert, es hat Euch beliebt, Euch selbst der Gefahr auszusetzen und »lich vor den Anhängern Eurer Sache zu schützen — ich bin gleichfalls verpflichtet, Euch gegen die von unserer Seite zu vertheidigen." „DaS ist gut geantwortet," sagte der Graf; — „aber ich denke, eS ist dabei der kleine blinde Schelm im Spiele, von welchem die Minnesänger und Minstrels sprechen und seiner Fürsprache habe ich vielleicht den großen Eifer meines Beschützers zu verdanken." Er ließ Arthur'«, der in nicht geringe Verlegenheit gc- rieth, keine Zeit zu einer Antwort, sondern fuhr fort: „Hört mich an, junger Mann — Eure Lanze hat heute der Schweiz, den Bernern und dem Herzog Ferrand ein großes Unheil zugefügt, Ihr habt ihnen den tapfersten Kämpen erschlagen. 'Aber für mich ist der Tod Rudolph Donnerhügel's ein willkommenes Ereigniß. Wißt, je mehr man seiner Dienste bedurfte, mit desto größerer Zudringlichkeit verlangte er die Verwendung des Herzogs Ferrand bei mir, um sich die Hand meiner Tochter zu verschaffen. Und der Herzog selbst, der Sohn einer Prinzesst,>, erröthete nicht, zu fordern, ich sollte die letzte meines Hauses — denn meines Bruders Familie besteht aus entarteten Zwittern — einem anmaßenden jungen Mann überlassen, dessen Oheim im Hause meines Schwiegervaters diente. Sie rühmten stch zwar einiger Verwandtschaft, aber ich glaube, diese war nicht in rechtmäßiger Weise ent- 26 t standen, obgleich Rudolph nicht ermangelte, sich darauf zu berufen, weil sie seine Absichten begünstigte." „Gewiß," sagte Arthur, „war eine Verbindung bei der Ungleichheit in Bezug auf die Geburt und in jeder anderen Rücksicht zu widernatürlich, als daß davon die Rede werden konnte." „So lange ich lebe," versetzte Graf Albert, „hätte eine solche Heirath nie vollzogen werden dürfen, und wenn ich die Braut sowohl als den Bräutigam hätte erdolchen und so mein Haus vor Entehrung bewahren müssen. Aber wenn ich — dessen Tage, dessen Stunden gezählt sind — nicht mehr sein werde, wer hätte dann einen kecke» Freier abhalten sollen, trotz des Widerstandes und der Bedenklichkeiten eines allein stehenden Mädchens sein Ziel zu erreichen, da ihn die Gunst des Herzogs Ferrand unterstützte, der allgemeine Beifall seines Vaterlandes und vielleicht auch eine unglückliche Vorliebe meines Bruders Arnold?" „Rudolph ist todt," erwiederte Arthur, „möge ihm der Himmel seine Sünden vergeben! Wäre er aber noch am Leben und setzte er seine Werbung um Anna von Geierstein fort, so würde er finden, daß er erst einen Kampf auszufechten hätte"- „Welcher jetzt entschieden ist," antwortete der Graf Albert. „Nun, gebt wohl Acht, Arthur von Vere. Meine Tochter hat mir gesagt, was zwischen Euch und ihr vorgegangen ist. Eure Gesinnungen und Euer Betragen sind des edlen Hauses würdig, von dem Ihr abstammet, und ich weiß wohl, das eS unter die erlauchtesten in Europa gehört. Ihr habt freilich Euer Erbe eingebüßt, aber das ist auch mit Anna von Geierstein der Fall und es wird ihr nur der Antheil von ihrer väterlichen Hinterlassenschaft bleiben, welchen ihr mein Bruder zumeist. Wenn Ihr mit ihr theilen wollt bis zu besseren Tagen — immer vorausgesetzt, daß Euer Vater seine Einwilligung dazu gibt, (denn mein Kind soll sich in keine Familie gegen den Willen des Hauptes derselben eindrängen) so weiß meine Tochter, daß ihr meine Zustimmung und mein Segen zu ihrem Vorhaben nicht fehlt. Auch mein Bruder soll meinen Willen erfahren. Er wird meine Absicht billigen; denn wenn er schon gegen alle Gedanken an Ehre und Ritterthum abgestorben ist, so hat er doch noch Sinn für natürliche Gefühle, er liebt seine Nichte und ist Euer und Eures Vaters Freund. Was sagt Ihr dazu, junger Mann, wollt Ihr eine bettelarme Gräfin nehmen und mit ihr durch's Leben gehen? Ich glaube — ja, ich sage voraus, (denn ich stehe so nahe am Rande des Grabes, daß ich einen Blick über dasselbe hinauswerfen zu können glaube) eS wird ein Tag kommen, an welchem die Kronen derer von Vere und Geierstein von neuem erglänzen, wenn ich schon lange mein dunkles und bewegtes Leben geendigt habe." Arthur warf sich vom Pferde, ergriff die Hand des Grasen Albert und war im Begriff, sich in Worte des Dankes zu ergießen; aber der Graf bestand darauf, daß er schweige. „Wir werden uns jetzt trennen," sagte er „Die Zeit ist kurz, der Ort gefährlich. Ihr seid für mich, aufrichtig gesprochen, weniger als nichts. Hätte nur ein einziger der vielen ehrgeizigen Entwürfe, die ich verfolgt, mich zum Ziele geführt, so wäre der Sohn eines verbannten Grafen nicht der Eidam gewesen, den ich gewählt haben würde. Steht auf und setzt Euch wieder zu Pferde — der Dank ist unangenehm, wenn man ihn nicht verdient hat." Arthur erhob sich, stieg auf und suchte dem Grafen sein Entzücken in einer Weise verständlich zu machen, welche dem- 263 selben weniger gleichgültig wäre. Er mahlte aus, wie seine Liebe zu Anna und die Sorge für ihr Glück seine Erkenntlichkeit gegen ihren Vater beweisen sollte; und als er wahr- nahm, Laß der Graf mit einigem Wohlgefallen auf die Schilderung ihres künftigen Lebens horchte, konnte er den Ausruf nicht zurückhalten. — „Und Ihr, gnäciger Herr — der Schöpfer alles dieses Glücks, wollt Ihr nicht der Zeuge und Theilnehmer desselben sein? Glaubt mir, wir werden streben. Euch die harten Schläge vergessen zu machen, welche Euch das Schicksal zugetheilt; und sollte ein Strahl eines günstigeren Geschicks uns bescheinen, so wird es uns um so willkommener sein, wenn Ihr es mit uns theilet." „Laßt die Thorheiten!" erwiedcrte der Graf Albert von Geierstein. „Ich weiß, meine letzte Stunde ist nahe. — Hört und zittert. — Der Herzog von Burgund ist zum Tode verur- theilt und die geheimen und unsichtbaren Richter, die im Verborgenen richten und rächen, wie die Gottheit, haben Strick und Dolch in meine Hände gelegt." O! werft von Euch Liese schmählichen Zeichen!" rief Arthur mit Begeisterung; „sie mögen Schlächter und gemeine Meuchelmörder suchen, um ein solch Geschäft zu verrichten und nicht den edcln Herrn von Geierstein damit beschimpfen." „Still, thörichter Knabe!" gab der Graf zur Antwort. „Der Eid, den ich geschworen, ist höher als dieser bewölkte Himmel und tiefer gewurzelt als jene fernen Gebirge. Glaubt nicht, meine That sei die eines Meuchelmörders, obgleich eine solche durch des Herzogs eigenes Beispiel gerechtfertigt wäre. Ich sende keine Miethlinge wie die niederträchtigen Stradio- ten, um ihm nach dem Leben zu trachten, ohne mein eigenes der Gefahr auszusetzen. Ich lasse seiner Tochter — die a» seinen Verbrechen unschuldig ist — nicht die Wahl, eine schimpf- liche Heirath einzugehen oder auf entehrende Weise der Welt zu entsagen. Nein, Arthur von Vere, ich suche Karl auf mit der Entschlossenheit eines Mannes, der sich gewissem Tode blosstellt, um seinem Gegner das Leben zu nehmen." „Ich bitte Euch, sprecht nicht weiter davon," sagte Arthur in großer Angst. „Bedenkt, ich diene für den Augenblick dem Fürsten, den Ihr bedroht"- „Und Ihr seid verpflichtet," unterbrach ihn der Graf, „ihm mitzutheilen, was ich Euch sage. Ich wünsche, daß Ihr es thut; und obgleich er schon eine Ladung des Gerichts unberücksichtigt gelassen hat, bin ich Loch erfreut über eine Gelegenheit, mit der ich ihm selbst eine AuSforderung zugehen lassen kann. Sagt Karl'n von Burgund, daß er Albert von Geicrstein beleidigt hat. Wer an seiner Ehre angegriffen wird, setzt keinen Werth mehr auf das Leben und die Verachtung desselben macht ihn zum Herrn des Daseins seines Gegners. Rathet ihm, er soll sich wohl vor mir in Acht nehmen, denn Albert von Geicrstein ist ein Meineidiger wenn Karl im nächsten Jahre zweimal die Sonne über den fernen Alpen aufgehen sieht.— Und nun macht, daß Ihr fortkommt; ich sehe eine Truppenabtheilung unter burgundischer Fahne hcrannahen. Sie wird Euch Sicherheit gewähren, könnte aber die meine gefährden, wenn ich länger bleibe." Mit diesen Worten wandte der Graf von Geierstein sein Pferd und ritt davon. Vierzehntes Kapitel. Matt erklang der Lärm der Schlacht Fernher auf den trägen Winden, Krieg und Schrecken flog voraus, Tod und Wunden blieben hinten. Mickle. Als Arthur allein war, ritt er, vielleicht um den Rückzug des Grafen zu decken, der burgundischen Reiter-Adtheilung entgegen, die unter dem Banner des Herrn von Contay herankam. „Willkommen, willkommen!" sagte dieser Edelmann und heeilte sich, in die Nähe des jungen Ritters zn gelangen. „Der Herzog von Burgund hält eine Viertelmeile von hier mit einer Reitertruppe, um die Recognoscirenden zu decken. Es ist noch keine halbe Stunde, daß Euer Vater im Galopp zurückkehrte und behauptete, Ihr wäret durch die Verrätherei der Slradioten in einen Hinterhalt gerathen und gefangen worden. Cr hat Campvbasso des VerrathS beschuldigt und ihn zum Kampfe gefordert. Man hat sie beide in'L Lager 266 geschickt und unter die Aufsicht des Grvßmarschalls gestellt, um sie von augenblicklichem Kampf abzuhalten, obgleich nach meiner Ansicht der Italiener wenig Lust verrieth, sich zu schlagen. Der Herzog hat ihre Fedehandschuhe aufgenommen und bestimmt, daß sie am Dreikönigstag ihren Strauß ausfechten sollen/' „Ich fürchte, daß dieser Tag einigen nie aufgeht, die auf ihn warten," versetzte Arthur; „aber wenn eS der Fall ist, so werde ich mit meines Vaters Crlaubniß den Handel für mich in Anspruch nehmen." Hierauf kehrte er mit Contap um, und bald vereinigten sie sich mit einer größeren Reiterschaar unter dem breiten Banner des Herzogs. Alsbald wurde er vor Karl geführt. Dieser horte mit einiger Unruhe, daß Arthur seines VaterS Beschuldigungen gegen den Italiener aufrecht hielt, für welchen er so sehr eingenommen war. Als man ihn aber versicherte, daß die Stradioten über den Berg gegangen wären und sich mit ihrem Führer einen Augenblick vorher besprochen hätten, ehe dieser Arthur aufforderte, mitten in den Hinterhalt hinein vorzudringen, der sich nachher vorfand, schüttelte der Herzog Len Kopf, senkte seine buschigen Augenbraunen und murmelte vor sich hin, --- vielleicht böser Wille gegen Orford — die Italiener sind rachsüchtig." — Dann hob er das Haupt und befahl Arthur, fortzufahren. Cr vernahm mit einer Art von Entzücken den Tod Rudolph Donnerhügel's, nahm eine schwere, goldene Kette vom Halse und hing sie Arthnr'n um. „Wie, du hast uns Allen die Ehre vvrweggenommen, junger Arthur — das war der größte Bär von ihnen allen — die Anderen sind blos Junge gegen ihm, die noch an der Mutter saugen! Ich glaube, ich habe einen jungen David gefunden, um eS mit ihrem gewaltigen, dickköpfigen Goliath aufzunehmen. Aber der Dummkopf, zu meinen, ein solcher Bauer wie er, könne eine Lanze fuhren! Gut, mein wackerer Junge — was sonst noch? Wie kamst du davon? Durch einen schlauen Streich oder eine schnelle List, wollt' ich wetten?" „Ich bitte um Verzeihung, gnädiger Herr," antwortete Arthur. „Ihr Anführer Ferrand nahm mich in Schutz; er betrachtete meinen Zweikampf mit Rudolph Donnerhügel als etwas nur uns beide Angehendes; und da er, wie er sagte, einen ehrlichen Krieg zu führen wünschte, entließ er mich ehrenvoll mit Roß und Waffen." „Hm!" sagte Karl, und seine üble Laune kehrte zurück; „Euer abentheuernder Prinz will den Großmüthigen spielen — hm — gut, es gehört zu seiner Rolle, wird aber keine Richtschnur abgeben, nach welcher ich mein Betragen abmesse. Macht weiter in Eurer Geschichte, Herr Arthur von Vere!" Als Arthur in seinem Bericht darauf kam, wie und unter welchen Umständen Graf Albert von Geieistein des Fürsten Namen genannt, warf der Herzog einen scharfen Blick ans ihn und zitterte vor Ungeduld, als er die Frage dazwischen warf: — Und Ihr — Ihr habt ihm Euer» Dolch unter die fünfte Rippe gestoßen, nicht?" „Nein, gnädiger Herr Herzog — wir waren gegenseitig verpflichtet, einer den andern zu schützen." „Und doch wußtet Ihr, daß er mein Todfeind ist?" sagte der Herzog. „Geht, junger Mann, die laue Gleichgültigkeit hat Euer Verdienst vernichtet. Das Entkommen Alberts von Geierstein, wiegt den Tod Nndolph Donnerhügel's ans." „Sei's drum, gnädiger Herr," entgegnete Arthur keck. „Ich verlange weder Euer Lob, noch scheue ich Euern Tadel. 268 Ich hatte in beiden Fällen für mein Benehmen Beweggründe die nur mich angehen — Donnerhügel war mein Feind und dem Grafen Albert bin ich einigermaßen verpflichtet." Die burgnndischen Edeln, welche umher standen, gerie- then in Besorgniß wegen der Folgen dieser kühnen Rede. Aber es war nie möglich, genau zu crrathen, wie solche Dinge von Karl ausgenommen werden würden. Er sah sich lachend um — „Hort Zhr Liesen englischen Hahn, meine Herren — aus was für einem Tone wird er sich einmal hören lassen, da er schon jetzt in Gegenwart eines Fürsten so wacker kräht?" Ein paar Reiter traten jetzt von verschiedenen Seiten herzu und meldeten, der Herzog Ferrand und seine Begleitung, hätten sich in ihr Lager zurückgezogen und die Gegend wäre vom Feinde gesäubert. „Nun, so wollen wir auch zurückgehen," sagte Karl, „denn heute ist keine Aussicht auf ein Lauzenbrechen vorhanden. Und du, Arthur von Vere, verlaß mich nicht!" In des Herzogs Zelt angekommen, bestand Arthur ein Verhör, in welchem er nichts von Anna von Geierstein oder jhres Vaters Absichten mit ihm sagte, denn er war der Ansicht, damit habe Karl nichts zu schaffen; aber offen gestand er ihm die Drohungen, welche der Graf ganz laut gegen den Herzog ausgcstoßen. Der Herzog hörte ihm mit ziemlicher Ruhe zu, und bei dem Satz: „daß ein Mensch, der keinen Werth mehr auf sein eignes Leben setze, das der Anderen völlig in seiner Gewalt habe," erwiederte er: „Aber es gibt ein anderes Dasein nach diesem, in welchem der verrätherisch Ermordete und sein elender und verzweifelter Mörder den Lohn empfangen werden, den ihre Werke verdienen." Er nahm hierauf ein goldenes Kreuz aus dem Busen, küßte es mit dem Anschein großer Andacht und sagte: „darauf will ich mein Vertrauen 269 sehen. Wenn ich in dieser Welt Fehler begehe, so finde ich wohl in einer andern Gnade. — He, Herr Marschall," rief er, „führet uns Eure Gefangenen vor." Der Marschail von Burgund trat mit dem Grafen von Orford ein und meldete, sein anderer Gefangener, Campv- basso, hätte so eindringlich gebeten, man möchte ihn gehen und Schildwachen an dem Theil des Lagers aufstellen lassen, der dem Schutz seiner Truppen anvertraut wäre, daß er, der Marschall, es für paffend gehalten hätte, seinem Verlangen nachzugeben. „Cs ist gut," sagte Burgund ohne weitere Bemerkungen. — „Was Euch betrifft, Graf Orford, so würde ich Euch Euer» Sohn vorstellen, wenn Ihr ihn nicht schon begrüßt hättet. Er hat sich viel Ehre und Ruhm gewonnen und mir gute Dienste geleistet. Wir sind in einer Zeit, da gute Menschen ihren Feinden vergeben; ich weiß nicht warum — meine Gemüthsart eignete sich immer wenig zu derartige» Dingen — aber ich fühle ein unwiderstehliches Verlangen, den bevorstehenden Kampf zwischen Euch und Campvbasso zu hemmen. Willigt um meinetwillen ein, Freunde zu werden und nehmt Euer» Fehdehandschuh zurück. Laßt mich dieses Jahr —vielleicht daS letzte, das ich sehe — mit einer Handlung des Friedens beschließen." „Gnädiger Herr," erwiederte Oxford, „es ist etwas Unbedeutendes, was Ihr von mir fordert, da Euer Verlangen nur auf eine Christenpflicht dringt. Ich war wüthend über den Verlust meines Sohnes und Lanke dem Himmel und Eurer Hoheit, daß er wieder da ist. Der Freund Campo- bassv'S. zu sein ist mir unmöglich. Treue und Verrath, Aufrichtigkeit und Falschheit könnten sich ebenso gut die Hände reichen und einander umarmen. Aber der Italiener wird mir 270 nichts mehr und nichts weniger gelten, als vor diesem Bruch, d. h. durchaus nichts. Ich lege meine Ehre in Euer Gnaden Hände; — wenn er seinen Handschuh zurücknimmt, so bin ich geneigt, es auch zu thun. Johann von Vere braucht nicht in Besorgniß zu sein, dis Welt möchte glauben, er fürchte Campobasso." Der Herzog stattete ihm dafür seinen aufrichtigen Dank ab und hielt die Offiziere aus, daß ste den Abend in seinem Zelte znbrachten. Sein Betragen erschien Arthur'n ruhiger als er es je gesehen, und den Grafen von Orford erinnerte es an die früheren Tage, in welchen ihre Vertraulichkeit begonnen hatte, ehe die unumschränkte Gewalt und ein unbe- gränztes Glück Karl'S rauhe aber nicht unedle Gemüthsart verdarb. Der Herzog ließ Essen und Wein an die Soldaten auStheilen und legte lebhafte Theilnahme dafür an den Tag, daß sie gut untergebracht würden. Er erkundigte sich nach den Kranken und Verwundeten und dem Zustand des Heeres im Allgemeinen. Aber er erhielt auf alle seine Fragen nur unerfreuliche Antworten und sagte zu einigen seiner Räkhe, die er auf die Seite nahm: „Wäre es nicht wegen unseres Gelübdes, so würden wir den Plan bis zum Frühling aufgeben, damit unsere Truppen das Feld halten könnten, ohne so viel leiden zu müssen." Sonst zeigte sich nichts Auffallendes in dem Benehmen des Herzogs, außer daß er wiederholt nach Campobasso fragte. Zuletzt berichtete man ihm, er wäre unwohl und der Arzt hätte ihm Ruhe ancmpfohlen. Er sei deshalb zu Bette gegangen, um bei Tagesanbruch seine Pflicht erfüllen zu können, da die Sicherheit des Lagers hauptsächlich von seiner Wachsamkeit abhänge. Der Herzog bemerkte nichts über diese Entschuldigung und schrieb sein Ausbleiben einem versteckten Widerwillen des Italieners zu, wonach er nicht wünschte, Orford zu begegnen. Die Gaste wurden eine Stunde vor Mitternacht aus dem Zelte des Herzogs entlassen. Als Orford und sein Sohn sich in ihrer eigenen Wohnung befanden, versank der Graf in eine tiefe Träumerei, welche fast zehn Minuten andauerts. Endlich fuhr er plötzlich'zusammen und sagte: „Mein Sohn, gieb Thiebold und deinen Leuten Befehl, unsere Pferde bei Tagesanbruch vor dem Zelte bereit zu halten oder lieber noch früher. Vielleicht wäre es nicht übel, wenn du unfern Nachbar Colviu bätest, uns auf unserm Gang zu begleiten. Ich will mit dem frühesten Morgen die Vorposten besichtigen." „Woher rührt dieser plötzliche Entschlnß, gnädiger Herr?" fragte Arthur. „Und doch dürfte er zu spät kommen," entgegnete sein Vater. „Wäre es Mondschein, so hätte ich die Runde bei Nacht gemacht." „Es ist so finster, wie in einem Sack," versetzte Arthur. „Aber warum, mein Vater, erregt gerade diese Nacht Eure Besorgniß?" „Sohn Arthur, du hältst vielleicht deinen Vater für kindisch. Aber meine Amme, Martha Niron, war eine Frau ans dem Norden und voll Aberglaubens. Besonders sagte sie oft, ein plötzlicher, ohne Ursache eingetretener Wechsel ün Wesen eines Menschen, wie vom Leichtsinn zur Besonnenheit, von der Mäßigkeit zur Ausschweifung, vom Geiz zu übertriebenen Ausgaben, von der Verschwendung zur Geldliebe oder dergleichen deute auf eine bevorstehende Aenderung seines Schicksals, eine große Umwandlung der Verhältnisse zum 272 Guten oder zum Bösen und am wahrscheinlichsten zum Bösen (weil wir in einer schlimmen Welt leben) steht dem bevor, dessen Gemüthsart so sehr verändert ist. Des alten Weibes Gedanke hat sich mir so lebhaft aufgedrängt, daß ich entschlossen bin, mich mit eigenen Augen vor dem Grauen des Tages zu überzeugen, ob alle unsere Wachen und die Patrouillen um's Lager munter sind." Arthur Iheilte Colvin und Thiebold das Nöthige mit und begab sich dann zur Ruhe. Cs war vor Tagesanbruch am erste» Januar 1477, einer durch die Vorfälle, welche sie bezeichneten, für immer merkwürdigen Zeit, als der Graf von Ovford, sein Sohn und Colvin, bloS von Thiebold und zwei andern Dienern gefolgt, ihre Runde um das Lager des Herzogs von Burgund begannen. Auf dem größer«, Theil ihres Weges fanden sie die Wachen munter und auf ihren Posten. Es herrschte eine strenge Kälte, der Boden war an einzelnen Stellen mit Schnee bedeckt und diesen hatte ein zwei Tage laug andauerndes Thauwetter theils geschmolzen, theils war er durch einen starken Frost in E>s verwandelt worden, welcher am Abend zuvor anfing und noch fortdauerte. Man hätte nichts Traurigeres sehen können. Aber wie groß wurde das Erstaunen und die Unruhe deS Grafen von Orford und seiner Begleiter, als sie zu dein Theile des Lagers kaizien, welchen den Tag zuvor Campo- basso mit seinen Italienern besetzt gehabt Wenn man Gewappnete und Stradioten zählte, so belief sich seine Schaar auf fast zweitausend Mann — aber nirgends wurden sie angerufen — kein Roß wieherte, keine Feldwache ließ sich erschauen. Man durchschaute mehrere Hütten und Zelte — sie standen leer. 273 „Wir wollen zurück und Lärm im Lager machen." sagte der Graf von Orford; „hier ist Verrätherei im Spiele." „Ei, mein gnädiger Herr," versetzte Cvlvi»; „wir wollen keine unvollständigen Nachrichten bringen. Ich habe hundert Schritte vorwärts eine Batterie, welche den Zugang zu diesem Hohlweg deckt; laßt uns sehen, ob meine deutschen Kanoniere auf ihrem Posten sind; ich wollte schwören, wir werden sie an ihrer Stelle finden. Die Batterie beherrscht eine» Engpaß, durch welchen man sich allein dem Lager zu nähern im Stande ist und wenn meine Leute ihre Schuldigkeit thun, so wollte ich mein Leben verwetten, daß wir den Platz ver- iheidigen können, bis Ihr von dem Hauptheere Unterstützung bringt." „Vorwärts also, in Gottes Namen!" rief der Graf Opsord. Sie galoppirten auf jede Gefahr hin über unebenen, hie und La mit Eis bedeckte» und an andern Orten mit Schnee belegten Boden, So kamen sie bis zu den Kanonen, die geschickt und so ausgestellt waren, daß sic den Weg bestrichen, der sich aufwärts bis zu dem Geschütz hinzog und dann auf der .andern Seite langsam sich gegen den ebenere» Boden senkte. Der blaffe Wintermvnkschein vermischte sich.mit dem zunehmenden Tageslicht und zeigte ihnen, daß die Stücke an ihren Stellen standen, aber von einer Schilewache konnte man nichts erblicken. „Die Schurken können nicht ausgeriffen sein!" sagte der bestürzte Colvni — „aber seht, da ist Licht in ihren Quartieren.— O diese unselige Weinanstheilnng! Sie haben sich ihrem gewöhnst ben Fehler, der Trunksucht, überlaffen. Ich werde hrem Gelage bald ein Ende machen." Anna v. Geierstein in. IS 274 Sr sprang vom Pferde und stürzte in das Zelt, von dem daS Licht ausging. Die Kanoniere oder doch die meisten von ihnen waren noch da. lagen aber auf dem Boden unter ihren Deckern und Flaschen. Sie befanden sich in einem Zustand so völliger Betrunkenheit, daß Calvin blos zwei oder drei durch Drobungen und Befehle aufzuwecken vermochte. Aber auch diese konnten sich kaum auf den Füßen halten, gehorchten mehr unwillkührlich als mit Bewußtsein und taumelten so an die Batterie. Ein dumpfes Geräusch, wie das von schnell gehenden Männern ließ sich jetzt von dem Engpaß her vernehmen. „Das ist daS entfernte Rollen einer Lawine," sagte Arthur. „Za, einer Lawine von Schweizern, nicht von Schnee," entgegnete Colvin. „O, die verfluchten Saufbolde! — Die Kanonen sind scharf geladen und gut gerichtet, die erste Ladung muß sie aufhalten und wenn es Teufel wären, und der Lärm wird das Lager früher in Bewegung bringen, als wir es könnten. — Aber ach, die besoffenen Schurken!" „Verlangt von ihnen keinen Beistand," versetzte der Graf; „mein Sohn und ich wollen jeder eine Lunte nehmen und einmal Artilleristen vorstellen." Sie stiegen ab und hießen Thiebold mit den Dienern auf die Pferde Acht geben. Der Graf von Oxford und Arthur nahmen den Deutschen, die sich nicht zu rühren ver. mochten, das Zündkraut ab Nur drei von diesen waren so nüchtern, daß sie bei ihren Stücken stehen konnten. „Brennt!" rief der kühne Artilleriegeneral; — „nie ist eine Bakterie von so edlen Händen bedient worden. Nun, meine Cameraden — Verzeihung meine Herren, es ist jetzt nicht Zeit, Umstände zu machen — und Ihr, betrunkenen 275 Schufte, habt Acht, daß Ihr kein Feuer gebt, bis ich es befehle. Und wären die Rippen dieser Trampler so hart, als ihre Alpen, so sollen sie erfahren, wie der alte Colvin sein Geschütz ladet-" So standen sie fast obne Athen, zu holen, jeder bei seiner Kanone. Das gefürchtete Geräusch näherte sich mehr und mehr bis das unvollkommene Tageslicht eine dunkle und dämmerige aber starke Truppe von Männern erkennen ließ, die mit langen Spießen, Streitäxten und Anderem bewaffnet waren. Auch Fahnen flatterten wie Schatten darüber hin. Colvin ließ sie bis auf etwa sechzig Schritte herankommen und kommandirte dann: „Feuer!" Aber sein Geschütz allein ging los; eine leichte Flamme fuhr aus dem Zündloch der andern heraus. Die davongelaufenen Ztaliener hatten sie vernagelt und zum Dienst unbrauchbar zurückgelaffen, während es den Anschein hatte, man könne sie noch dazu verwenden. Wären sie alle in demselben Zustand gewesen, wie die Kanone Colvin's, so hätte sich seine Voraussagung wahrscheinlich erfüllt; denn schon diese einzige Ladung brachte eine furchtbare Wirkung hervor und machte eine lange Gaffe von Tobten und Verwundeten in den Reihen der Schweizer; auch die erste und Hauptfahne ward zusammengeschoffen. „Steht fest!" rief Colvin, „und helft mir, wenn's möglich ist, das Stück wieder laden." Hierzu blieb aber keine Zeit. Ein Mann von kolossaler Gestalt wurde vor der schwankenden Heeresabtheilung sichtbar, hob das gefallene Banner auf und rief mit donnernder Stimme, „Was. Landsleute! Habt Ihr Murten und Granson gesehen und fürchtet Euch vor einer einzelnen Kanone? — Bern — Uri Schwytz — Banner vor! Unterwalde», hier ist Eure Standarte! 18 * 276 — Erhebt Euer Kriegsgeschrei, stoßt in die Hörner; Unterwalden, fohlt Euer», Laukammann!" Sie stürzten vorwärts mit eben so betäubendem Lärm und mit eben so viel Ungestüm als das empörte Meer. Calvin beschäftigte sich noch damit sein Geschütz wieder zu laden und ward dabei niedergestvßen. Orford und sei» Sohn wurden von der Menge zu Boden geworfen, aber die Gedrängtheit des Haufens verhinderte. Laß Hiebe nach ihnen geführt werden konnten. Arthur schützte sich zum Theil dadurch, Laß er sich unter der Kanone versteckte, bei der er stand; sein Vater hatte weniger Glück; man trat ihn mit Füßen und ohne seine starke Rüstung wäre er gewiß zu Grunde gegangen. Der Mensckeustrom, der aus wenigstens viertausend Mann bestand, wälzte sich nieder in das Lager, und setzte dabei immer sein entsetzliches Geschrei fort. Bald aber mischte sich damit ein gellendes Gekreisch, Aechzen und Lärmruf. Ein Heller, rother Sckimmer, der hinter den Angreifenden aufstieg, und das blasse Licht des Wintermorgens erbleichen machte, rief Arthur zuerst wieder zum Bewußtsein seiner Lage zurück. Das Lager hinter ibm stand in Feuer und ertönte von alle den verschiedenen Sieges- und Schreckensrufen, die man in einer erstürmten Stadt zu hören bekommt. Er sprang auf die Füße und sah sich um nach seinem Vater. Dieser lag nicht weit von ihm ohne Bewußtsein, wie die Artilleristen, welche ihre Trunkenheit verhindert hatte, zu fliehen. Arthur öffnete ihm den Helm und hatte die Freude, zu sehen, daß er wieder Lebenszeiben von sich gab. „Die Pferde! die Pferde!" rief Arthur. „Thiebvld, wo bist du?" „Zur Hand, gnädiger Herr," sagte der treue Diener, der sich und die seiner Sorge anvertrauleii Thiere durch eine» 277 klugen Rückzug in ein kleines Dickicht gerettet hatte, welches die Stürmenden vermieden, um ihre Reihen nicht in Unordnung zu bringen." „Wo ist der tapfere Lolvin?" fragte der Graf; „gebt ihm ein Pferd; ich will ihn nicht in der Gefahr verlassen." „Seine Kriege sind beendigt, gnädiger Herr," versetzte Thiebold; „er wird kein Roß mehr besteigen." Ein Blick auf Colvin und ein Seufzer war Alles, was der Augenblick »erstattete. Den LaLstock in der Hand, lag er vor der Mündung der Kanone, sein Kopf war von einer schweizer Streitaxt gespalten. „Wohin sollen wir uns wenden," fragte Arthur seinen Vater. „Zu dem Herzog." erwiederte der Graf von Oxford. „An einem Tage, wie dieser, will ich ihn nicht im Stich lassen." „Wenn Ihr das wollt," sagte Thiebold, „ich habe den Herzog gesehen. Etwa ein Dutzend Leute von seiner Wache folgte ihm, er ritt in voller Eile über diesen tiefen Bach und wandte sich der Ebene gegen Norden zu. Ich glaube, Laß ich Euch auf seine Spur werde bringen können." „In diesem Fall," versetzte Oxford, „wollen wir auf- sitzen und ihm Nacheilen. Das Lager ist an mehreren Orten zugleich angegriffen worden und Alles muß verloren sein, da er geflohen ist." Mit Mühe brachten sie den Grafen von Oxford auf's Pferd und ritten so stark als es seine wiederkehrenden Kräfte erlaubten, in der Richtung fort, die der Provencale angegeben hatte. Ihre anderen Begleiter waren zerstreut oder getödtet. Mehr als einmal schauten sie nach dem Lager zurück,, welches jetzt das Schauspiel eines großen Brandes darbot. ^ 278 Bei dem rothen und schimmernden Lickt desselben entdeckten sie auf dem Boden Spuren von dem Rückzug Karls. Noch immer vernahmen sie von dem Ort ihrer Niederlage das Geschrei der Stürmenden, vermischt mit den Glocken von Nancv, welche den Sieg verkündigten und nach etwa fünf Viertelstunden erreichten sie einen halb gefrvrnen Sumpf, um welchen mehrere Leichname herlagen. Der erste, den sie unterschieden, war der Karl's von Burgund, einst LeS Besitzers einer so unbegränzten Macht — so ungeheurer Reichthümer. Sein Körper war von mehreren Wunden durchbohrt, die ihm verschiedene Waffen beigebracht. Noch hielt er das Schwert in der Hand und die auffallende Wildheit, welche seine Züge gewöhnlich in der Schlacht belebte, war noch auf seinem erstarrten Gesicht zu sehen. Dicht hinter ihm lag die Leiche des Grasen Albert von Geierstein, als waren sie im Gefecht mit einander gefallen; die von Jtel Schreckenwald, dem ergebenen, aber gewissenlosen Diener des letzteren war wenig Sckrilte davon ausgestreckt. Beide trugen die Kleidung der Gewappneten bei des Herzogs Leibwache; wahrscheinlich hatten sie sich in Liese Verkleidung gesteckt, um das Todesurtheil des geheimen Gerichts zu vollziehen. Man vermutbet, daß eine Abtheiluug von des verrätherisch.n Campobasso's Leuten an dem Scharmützel Antheil nahmen, in welchem der Herzog siel; denn sechs oder sieben von ihnen und ungefähr eben so viele von des Herzogs Leibwache wurden nahe bei dem Platze gefunden. Der Graf von Orfvrd stieg vom Pferde und untersuchte die Leiche seines gefallenen Waffenbruders mit allem Schmerz, welchen ihm die Erinnerung an seine alte Zuneigung einsiößte. Während er sich aber den Gefühlen überließ, welche ein so trauriges Beispiel gefallener, menschlicher Größe in ihm 279 erregte, rief Thiebold, der nach dem Wege hinblickte, auf welchem sie eben herangekvmmen waren, „zu Pferd, wein Herr! Es ist hier keine Zeit, den Tobten zu betrauern, kaum werdet Ihr das Leben retten — die Schweizer sind unL auf den Fersen." „Fliehe du, guter Bursche," antwortete der Graf, „und du, Arthur, ebenfalls; rette deine Jugend für glücklichere Tage. Ich kann und will nicht weiter. Ich werde mich an meine Verfolger ergeben; wenn sie meiner schonen, so ist eS gut; wo nicht, so ist Einer über uns, der mich zu sich aufnehmen wird." «Ich gehe auch nicht," sagte Arthur, „und lasse Euch nicht ohne Schutz, ich will stehen und Euer Schicksal theilen." „Und ich bleibe auch," setzte Thiebold hinzu; „die Schweizer führen einen ehrlichen Krieg, wenn ihr Blut nicht durch den Widerstand erhitzt wird, und sie haben dessen heute nicht viel erfahren." Es fand sich, daß die herankvmmende Schaar Schweizer aus Sigmund, seinem Bruder Ernst und einigen andern jungen Leuten aus Unterwalden bestand. Sigmund »ahm sie freundlich und freudig unter seinen Schutz und leistete auf diese Art Arthur'n zum drittenmal« einen wichtigen Dienst als Vergeltung für die Güte, mit der dieser ihn behandelt hatte. „Ich will Euch zu meinem Vater bringen." sagte Sig' mund, „und er wird recht erfreut sein. Euch zu sehen; nur werdet Ihr ihn für den Augenblick etwas betrübt finden über den Tod unseres Bruders Rüdiger, der mit dem Banner in der Hand gefallen ist und das durch die einzige Kanone, welche diesen Morgen gelös't wurde; die andern konnten nicht bellen; Campobasso hatte den Kläffern daS Maul ge- 280 stopft, sonst wären noch viele von »ns bedient worden, wie der arme Rüdiger. Aber Colviu selbst ich auch tobt." „Campobasso war also mir Euch im Einverständniß?" versetzte Arthur. „Nicbt mit uns — wir verachten solche Genossen — aber der Herzog Ferrand hatte einen Handel mit den Italienern. Nachdem dieser die Kanonen unbrauchbar und die deutschen Artilleristen gehörig betrunken gemacht batte, kam er mit fünfzehnhundert Pferden in unser Lager und erbot sich, mit uns zu kämpfen. Aber mein Vater sagte, „nein! nein! Verräther dürfen nicht in unser Schweizerheer. So gingen wir zwar zu der Thüre hinein, die er offen gelassen, aber von seiner Kameradschaft wollten wir nichts wissen. Er zog darauf mit dem Herzog Ferrand aus, um das andere Ende des Lagers anzugreisen, und sie ließen ihn ein, weil er angab, er komme von einer Recognoseirung zurück." „Nun, denn," rief Arthur, „ein ausgemachterer Verräther hat nie geathmet, keiner hat noch sein Netz mit mehr Glück zusammengezogen." „Das ist wahr," antwortete der junge Schweizer. „Oer Herzog wird nie wieder im Stande sein, eine andere Armee zu sammeln, wie sie sagen." „Nie. junger Mann," erwiederte der Graf Orford, „denn er liegt todt vor Euch." Sigmund war erstarrt; denn er hegte Achtung und einige Furcht vor dem blosen Namen Karl's des Kühnen. Kaum konnte er glauben, daß der zerfetzte Leichnam, der vor ihm lag, dem Manne zugehörte, welcher ihm so furchtbar erschien. Aber in seine Ueberraschung mischte sich Betrübniß, als er den Körper seines Oheims, des Grafen Albert von Geier- Aein, erblickte. „O, mein Obeim!" rief er — „mein theurer Oheim Albert! Hat Euch alle Eure Größe und Klugheit nichts zuwege gebracht als den Tod »eben einem Graben, wie einem elenden Bettler? — Kommt, wir müssen diese traurige Nachricht gleich meinem Vater mittheilen. Seines Bruders Tod wirb ihn betrüben und Galle zu der Bitterkeit fügen, die der Hingang des armen Rüdiger in ihm erregt bat. Indessen liegt einiger Trost darin, daß Vater und Oheim sich nie ausstehen konnten." Mit einiger Schwierigkeit halfen sie dem Grafen von Orford abermals auf's Pferd und machten sich auf den Weg, als der englische Lord sagte: „Ihr müßt eine Wache daher stellen, um die Leichen vor weiterer Beschimpfung zu schützen, damit sie mit gehöriger Feierlichkeit bestattet werden können." „Bei der lieben Frau von Einsiedeln! Ich danke Euch für den Wink," versetzte Sigmund. „Ja, wir werden Alles für Len Oheim Albert thun, was die Kirche vermag. Es steht zu hoffen, daß ihm seine Seele nicht schon im Voraus verloren ging, wenn er mit dem Teufel gerade und ungerade gespielt hat. Ich wollte, wir hätten einen Priester, der bei seinem arme» Leichnam bl,ebe; aber es liegt nichts daran, denn man hat nie von einem Gespenst gehört, das vor dem Frühstück erschienen wäre." Sie begaben sich in das Quartier des Landammanns und stießen dabei auf Bilder und Auftritte, welche Arthur und selbst sein Vater, die doch den Krieg schon in allen seinen Gestalten gesehen hatten, nicht ohne Schaudern betrachten konnten. Aber der schlichte Sigmund, der neben Arthur herging, lenkte das Gespräch auf einen so anziehenden Gegenstand, daß er die Aufmerksamkeit seines Freundes von den Schrecknissen abzog, die sie umgaben. 282 »Habt Ihr noch Geschäfts in Burgund, da eS jetzt mit Euerm Herzog ein Ende hat?" „Mein Vater weiß das am besten," versetzte Arthur; „aber ich besorge, daß es nicht der Fall ist. Die Herzogin von Burgund, welche nun einen Theil der Gewalt ihres verstorbenen Gemahls in seinem Gebiet übernehmen muß, ist die Schwester Eduards von Dort, die Todlfeiiidin des Hauses Lancaster und Aller, welche demselben treu geblieben sind. Es wäre weder klug noch sicher für uns, in einem Lande zu bleiben, welches sie beherrscht." „In diesem Fall wird mein Plan nach Wunsch gelingen. Ihr kehret nach Geierstein zurück und wohnet bei uns. Dein Vater wird der Bruder des ineinigen und ein besserer wird er sein, als mein Oheim Albert, den er nicht besuchte und mit welchem er nur selten redete. Mit deinem Vater aber wird er sich von Morgen bis Abend unterhalten, und uns die Feldarbeiten überlassen. Du, Arthur, gehst mit uns, du wirst unL allen Len armen Bruder Rüdiger ersetzen. Er war freilich mein rechter Bruder und das wirst du nie werden können, aber ich konnte ihn nie so lieb haben wie dich, weil er kein so gutes Gemüth halte. Und dann, Anna, meine Base Anna — ist ganz der Sorge meines Vaters überlassen. Sie ist jetzt auf Geierstein — und du weißt, König Arthur, wir nannten sie immer die Königin." „Da habt Ihr eine große Dummheit gesagt," versetzte Arthur. „Aber es ist ganz wahr — den», siehst du, ich erzählte Annen gerne unsere Geschichten von der Jagd u. s. w., aber sie wollte nichts hören, bis ich etwas vom König Arthur ballen ließ, dann versichere ich Lick, hielt sie sich so ruhig wie eine Auerhenne, wenn der Habicht in der Luft umherkreis't. 283 Und jetzt ist Donnerhügel gefallen, und du weißt, daß du Anna heirathen kannst, wenn Ihr wollt, du und sie, denn es bringt Niemand Vortheil, LaS zu hindern." Arthur erröthete vor Vergnügen unter seinem Helm und vergaß fast alles Unglück, was an diesem Neujahrsmorgen zusammenzekommen war. „Du bedenkst nicht," erwiederte er Sigmund mit so viel Gleichgültigkeit, als er anzunehmen vermochte, „daß ich in deiner Heimath wegen Rudolph's Tod mit ungünstigen Auge» angesehen werden dürfte." „Keineswegs, nicht im Geringsten; wir tragen nicht nach, was in ordentlichem Gefecht unter'm Schilde geschieht. Damacht nicht mehr, als wenn du ihn bei'm Ringen oder Werfen bestegt hättest — nur daß Las ein Spiel ist, was ma» nicht zum zweitenmale machen kann." „Sie zogen jetzt in die Stadt Nancy ein; die Fenster waren mit Teppichen geschmückt und die Straßen durch lärmende und fröhliche Haufen gesperrt, welche der Sieg von der großen Unruhe wegen der Rache Karl's von Burgund befreit hatte. Die Gefangenen wurden von dem Landammann äußerst gütig aufgenommen und er versicherte sie seines Schutzes und seiner Freundschaft; den Tod seines Sohnes Rüdiger schien er mit stiller Ergebung zu tragen. „ES sei besser," sagte er, „daß sein Sohn in der Schlacht gefallen sei, als wenn er gelebt, die alte Einfalt seiner Heimath verachtet und geglaubt hätte, der Zweck des Kampfes sei die Erwerbung von Beute. Das Gold des tokten Karl's," fügte er hinzu, „würde den Sitten der Schweizer einen unersetzlicheren Schaden zufüge», als sein Schwert ihrem Leben." 284 Auch den Tod seines Bruders vernahm er ohne Verwunderung, aber wie es schien, nicht ohne Bewegung. „Es war der Schluß," sagte er, „eines langen Gewebes von ehrgeizigen Unternehmungen, welche oft hübsche Aussichten darboten, aber sammt und sonders fehlschlugen." Oer Landammann erklärte überdies, sein Bruder hatte ihn benachrichtigt, daß er in eine gefährliche Sache verwickelt wäre und fast sicher darin umkommen würde. Dabei hat er," fuhr Biedermann fort, „seine Tochter meiner Sorgfalt überwiesen und mir Anweisungen in Bezug auf sie gegeben." Hier trennten sie sich für jetzt; aber kurz darnach drang der Landammann ernstlich in den Grafen von Orford, ihm zu sagen, welche Absiä ten er für die Zukunft habe und ob er ihm etwas helfen könne. „Zch habe im Sinne, die Bretagne zum Zufluchtsort zu wählen," antwortete der Graf, „wo meine Frau gewohnt hat, seit wir durch die Schlacht bei Tewkesbury aus England vertrieben sind." „Thut das nicht," sagte der gute Landammann, „sondern kommt mit der Gräfin nach Geierstein. Wenn sie, wie Zhr, sich an die Sitten und das Leben in den Bergen und an den Anblick unserer Gebirge gewöhnen kann, so werdet Zhr in meinem Hause so willkommen sein, wie mein Bruder und einen Aufenthalt haben, dem Verschwörungen und Ver» rath immer fremd geblieben sind. Bedenkt wohl, der Herzog von Bretagne ist ein schwacher Fürst und wird völlig Lurch einen elenden Günstling, Peter Landais, beherrscht. Er ist auch im Stande, d. h. der Minister, das Blut wackerer Leute zu verkaufen, wie ein Metzger mit Ochsenfleisch handelt, und Ihr wißt, Laß es in Frankreich wie in Burgund nicht an Leuten fehlt, die Euch nach dem Leben trachten." 285 Der Graf von Orford sprach seinen Dank aus für den Vorschlag und erklärte, er sei entschlossen, auf denselben einzugehen, wenn es Heinrich von Lancaster, der Graf von Richmond, genehmige, den er jetzt als seinen Fürsten betrachtete. Wir kommen zum Schluß. Etwa drei Monate nach der Schlacht bei Nancy nahm der verbannte Graf Orford wieder den Namen Philipson an und brachte mit seiner Gemahlin einige Ueberreste ihres früheren Neicbthums mit, welche ihn in Stand setzte, sich eine bequeme Wohnung bei Geierstein zu bauen. Des Landammamis Einfluß im Kanton verschaffte ihnen das Bürgerrecht. Die hohe Geburt und das mäßige Vermögen Anna s von Geierstein und Arthur s von Vere in Verbindung mit ihrer gegenseitigen Neigung ließen ihre Hei- rath in jeder Beziehung als vernünftig erscheinen. Hannche» und ihr Liebhaber nahmen ihre Wohnung bei dem jungen Paar, nicht als Diener, sondern als Aushelfer bei de» Feldarbeiten. Denn Arthur zog noch immer die Jagd dem Ackerbau vor. Dieses hatte aber nicht viel zu sagen, weil er mit seinem eigenen Einkommen in diesem armen Lande für wohlhabend gelten konnte. Die Zeit verging und eS waren schon fünf Jahre, daß die verbannte Familie in der Schweiz ihren Wohnsitz genommen hatte. Im Jahr 1^82 starb der Land- ammann Biedermann den Tod des Gerechten und wurde allgemein bedauert als ein Muster der redlichen und tapferen, schlichten und klugen Häuptlinge, welche die alten Schweizer im Frieden regierten und in der Schlatt befehligten. Im nämliche» Jahre verlor der Graf von Orford seine edle Gemahlin. Aber der Stern des HauseS Lancaster fing zu dieser Zeit wieder an zu glanzen und bewirkte, daß der verbannte Lord 286 nebst seinem Sohne ihren einsamen Aufenthalt verließen und sich abermals in Staatsangelegenheiten mischten. Das kostbare Halsband Margarethens erhielt jetzt die Verwendung, tu welcher es bestimmt war, und der Verkauf desselben machte die Aushebung der Truppen möglich, welche kurz nachher die berühmte Schlacht bei Bosworth lieferten, worin die Waffen Orkords und seines Sohnes so viel zum Siege Heinrich's VIk. beitrugen. Dadurch erhielt das Geschick Arthur'S und seiner Gattin eine Aenderung. Ihr Gnt in der Schweiz wurde Hannchen und ihrem Manne überlassen, und das Betragen und die Schönheit Anna's von Geierstein erregten am englischen Hofe eben so viel Bewunderung als früher in den ländlichen Hütten der Schweiz. Ende.