F rey h eit d e 6 menschlichen Willen s. Drey Bücher des heiligen Augustin's/ tcursch, mit Erläuterungen hcrausgcgeben von Joseph Wid m c r / Chorhcrrn am Stift i» St. Leodegar, und Professor der Moral - nud Palloral- Theologie an, L»iäuu> zu Luzern. . Luzern, 1 8 2 ei. Druck und Verlag von Xaver Meyer. Frcyheit d e S menschlichen Willens u n d göttliche Gnade. Aus dem Lateinischen des heiligen Augusti n's, teutsch, mit Erläuterungen h e r au Sgegeben von Joseph Wid m e r, Chorherr» am Stilt zu St. Leodegar, und Professor der Moral- uud Pastoral, Theologie ani L»za»n> zu Luier». Z w e p Bänd e. I. B a n d. Freyheit des menschlichen Willens. Luzern, 1 8 2 4 . Druck und Verlag von Xaver Meyer. Den S ch ü lern, welche er seit zwanzig Jahre», früher in der Philosophie, später in der Moral- und Paftoral-Theologie hatte, widmet vorzugsweise/ als Vorbild ächten Philosophiren 6 UNd . Christlicher Philosophie, die folgenden Bücher dcS scharfsinnigen Kirchen-Vaters dcr N e b e r s c l) e r. Geliebteste, meinem Herzen stets nahe, wenn gleich durch Raum und Zeit wie immer entfernte Freunde! (§chon beym Durchlesen, noch mehr beym lieber« setzen folgender Bücher habe ich mich sehr oft an Euch erinnert, und bald dem Einen, bald dem Andern, itzt diese, dann wieder jene Stelle vor- zutragcn und cinzuschärfen gewünscht. Deswegen seyd Ihr auch die ersten, welchen ich nun diese, zwar meinerseits sehr unvollkommene Arbeit, zutraulich übergebe, in der Hoffnung, die Kleinodien, welche diese Bücher enthalten, werden Euere Liebe den Werth der Gabe, auch in einem wenig glänzenden Gefässe, nicht verkennen lassen. Sollte eS aber Einige aus Euch befremden, warum in den Tagen, wo die Philosophie in neuen, mannigfaltigen , und glanzenden Formen vor Euere Augen getreten ist, auf einen alten Kirchenvater, gleichsam wie auf ein Muster der Philosophie und des PhilosophirenS hingewiesen werde/ so bitte ich sie/ unbefangen und mit Beseitigung jeglichen Vorurthei- leS die Gründe / welche mich hiezu bewogen haben / und welche deßwegen hier vorläufig/ offen und klar ausgesprochen werden / zu prüfen / und meiner wenigstens nicht zu zürnen, bevor sie das Ganze durchlescn haben. Ueber die ausgezeichneten GeisteSgaben, und die nicht gewöhnliche Tüchtigkeit sowohl, als die vor. herrschende Liebe des hl. Augustin'ö zum eigentlichen Philosophiren, herrscht unter allen, die des. selben Werke kennen, nur Eine Meinung. Wenn, wie Kant behauptet, wirklich Ti e fb li ck, S ch a r f- blick und Ge sch wind blick die hervorlenchtcndcn Eigenschaften jedes philosophischen Kopfes sind, wird allerdings selbst der, welcher in mehrfacher Beziehung mit diesem Kirchenvater sich sonst nicht befreunden kann, den vorzüglichen Philosophen den- noch in ihm nicht verkennen können, wofern er anders nur einigermaßen mit den Principien, auf welche derselbe Alles zurückführr, mit der Genauigkeit , mit welcher er die Begriffe bestimmt, und mit der durchgängig strengen Wissenschaftlichkeit, die ihm eigen ist, bekannt und vertraut geworden VN seyu wird. Augustin , wenn nur als Mann des Geistes betrachtet, bleibt meiueS Dafürhaltens zu jeder Zeit würdig, auf dem wissenschaftlichen Leuch« ter zu stehen, und verdienet als Vorbild, philo« sophisch« theologischer Studie» wenig, stcnö, den Freunden dieser Wissenschaften empfohlen zu werden. Wichtiger jedoch, weil auf unsere Zeit so un» »erkennbar bezüglich, scheint mir desselben eigene, wissenschaftliche Bildung, und die daraus hervorge« heude Methode, oder die Art deS Philosophirens: ich werde sowohl jene, als diese, zwar nur mit einigen flüchtigen Zügen , zu schildern versuchen, nnd jedem freymüthig zu urtheilen überlassen, ob Werke, die das Gepräge eines solchen Geistes tragen , auch in unfern Tagen noch, ans Licht hcrvorgczogen werden sollen, oder nicht. Frühe schon wurden die nicht gewöhnlichen An« lagen für scharfsinnige Untersuchungen in Augustin geweckt, und desselben Denk« und Geisteskräfte schon zur Zeit ihrer beginnenden Entwickelung auf höhere und ernstere Dinge hiugeleitet. Nach seinem Ge« ständniß hatte er sich, aus bloß eitlen und windigen Absichten noch, auf die weltliche Beredsamkeit ver« VIII legt/ als ein (gegenwärtig verlornes) Buch von Cicero, Horrensinü genannt / ihn ausserordentlich in Anspruch nahm. Der Eindruck/ welchen die Lcktür desselben auf den geistreichen Jüngling machte / war so ungewöhnlich / daß eine gänzliche Umwandlung der frühem Denk. und Lebensweise erfolgte / und eine bisher nie gefühlte Sehnsucht nach Dingen rege wurde/ welche die bloß weltliche Weisheit nimmer/ welche einzig nur die höhere/ d. i. / die göttliche Weisheit befriedige» konnte. Die Glut einer rein geistigen Liebe / welche das Licht der ewigen Wahrheit durch Cieero'S wohlklingende Sprache und dahinreißende Wohlredenheit angefacht hatte/ wird von ihm selbst Philosophie geheißen / und desselben späteres Philosophien bestund wirklich in nichts anderm / als im ununterbrochenen und rastlosen Bestreben/ den von Zeit zu Zeit erweiterten und erhöhten Bedürfnissen einer solchen Liebe zu willfahren. DaS Feuer dieser Liebe wurde um so mehr entzündet/ weil das Buch / durch dessen Lektür und Studium er dergestalt ergriffen/ belebt und begeistert worden war / nicht diese / oder jene vorgeblichen Philosophen und ihre Lehren / son- der» eigentlich das Bild der ewigen Weisheit selbst / IX und zwar auf die liebenswürdigste und anziehendste Weift auögemalet, ft lebhaft als möglich ihm vor die Augen hielt. Der nicht unr starke , sondern zum höher» Wissen schon vorherrschend gewordene Trieb zog nun den jungen Denker zwar von allen eitlen nnd zerstreuenden Beschäftigungen sogleich zurück/ und gab seinem Leben eine bessere und in Dder Hinsicht vor- theilhaftere Richtung. Allein wie besser von einer / war es gleichwohl schlimmer geworden von anderer Seite. Augustin erhielt nämlich eine Gemüthsstim- mnng / die leider nur zu oft die solcher Jünglinge wird/ welche mit Ernst und Eifer den Studien der Philosophie sich zugewendet haben; er verlor allmählig den Geschmack an den heiligen Schriften, deren Einfalt ihm mit der würdevollen und glänzenden Kunst eines Tullius keinen Vergleich auszn- halten schien. „Ich beschloß/ schreibet er selbst, (im dritten Capitel des dritten Buches seiner Bekenntnisse ) ich beschloß meinen Sinn auf die heiligen Schriften zu wenden, aber ich war nicht einer, der da hiueindringen, oder das Haupt zu ihren Spuren beugen konnte: denn nicht, wie ich ihr rede, fühlte ich damals; meine Aufgeblasenheit verschmähte ihre Weise, und meine Spähkraft drang nicht in das Innere einer Wahrheit, die, mit den Kleinen aufwachsend, allmählig sich ihnen entfaltet, weil ich, aufgedunsen vor Stolz, verschmähte, ein Kleiner zu scyn." Das Ucbcl wurde größer und unheilbarer durch Lehrer, in deren Hände er gefallen war; Lehrer, die, wie er sie beschreibet, nur erhabenen Unsinn redeten, und, selbst leer an Wahrheit, mit vielem und eitlem Wortgepränge höchstens das Bedürfniß nach Wahrheit anregen und unterhalten, aber auf keine Weise es befriedigen konnten; denn was sie lehrten, was sie empfahlen, was sie vorzugsweise anpricsen, war nie die Wahrheit selbst, sondern nur ein täuschender Schein von ihr. Edle, theure Jünglinge, die ihr auf das St», dilim der Philosophie unserer Tage, vielfältig mit so rühmlichem Eifer, euch verleget, leset und be. herziger, was der heilige Kirchenvater in Selbst, bekcnntnissen über seine erste philosophische Bildung schreibet; die Schicksale, in welche der damalige PhilosophismuS ihn verwickelte; nicht weniger die Art und Weise, wie er ans den Labyrinthen eines von allen Seiten ihn umstrickenden JrrthumS durch X! Gottes besondere Führung wieder hinauSgekommen war, werdet ihr, als wäre es eine Geschichte unserer Tage, so lehrreich als rührend finden. »Immer hörte ich von Wahrheit und Wahrheit, spricht Augustin; aber nirgends war die Wahrheit in den Lehrenden: denn Falsches redeten sie nicht nur von dir o Gott, der du die Wahrheit der Wahrheiten bist, sondern auch von den Urstoffen dieser Welt und deiner Schöpfung. Nicht auf dich wiesen sie hin, sondern nur auf deine Geschöpfe; ja nicht einmal auf deine vorzüglichsten Werke, zumal deine geistigen Geschöpfe ja vorzüglicher sind, als die körperlichen, wo nnd wie diese nur immer seyn und glänzen mögen. Ich stieß auf jenes freche, in SalamonS Räthsel geschilderte Weib, dem eS an Klugheit gebrach, und das auf einein Stuhle unter dem Thore sitzend, spricht: »Esset hier verborge n e S, sn s s e S B r o d u n d t r i n k e t v e r st o h l c- neS, süsse 6 Wasser!" Sie verführte mich; denn sie fand Einen, der draußen wohnte. Ganz war ich in dem Auge meines Fleisches, und kaute nur im Inner» wieder, was ich mit diesem Auge verschlungen hatte." Doch ein so edles und tiefes Gcmüth, wie Augustin hatte, konnten die Schattenbilder des Ma- XII nichäiSmuö (so hieß der Philosophismus/ welcher ihn damals zu gefährlichen Irrthümern verleitet hatte) so wenig befriedigen, als wenig sie auch den Foderungen des scharfen Denkers entsprachen. „Nach dir, o ewige Wahrheit, ruft er ans, nach dir hungerte und dürstete mein Geist; nach dir, in welcher kein Wechsel, ja nicht einmal augenblicklicher Schatte nur ist. Die nichtigen Hirngespinnste eitler Lehrer waren nicht, was du bist; deswegen konnten sie auch meinen Geist nicht nähren, wohl aber ihn verwirren, abstumpfen und erschöpfen. Wohl der wichtigsten Epochen Eine, in der Entwickelung und Bildung dieses merkwürdigen Mannes, findet ihr im siebenten Buche seiner Bekenntnisse beschrieben; Angustin'S damalige, höhere oder spekulative Betrachtung der Dinge, von der am Ende des zweyten/ und im Anfänge des dritten Ca- pitelS die Rede ist, wird euch an glänzende Erscheinungen ans der Geschichte der Philosophie unserer Zeit, und an verschiedene, nicht wenig verderbliche Verirrungen erinnern. Was ihn vorerst, und was ihn am meisten beunruhigt hatte, war der unanfhebbare Gegensatz, den er zwischen Gutem und Bösem im ManichäiS- XIII muS fand; denn dieser vertrug sich nicht mit jener höchsten Einheit/ welcher der tiefsinnige und rastlose Geist cntgcgenrang. Der Pantheismus/ roher oder feiner Art / hebt diesen Gegensatz / nnd war deß- halb das natürlichste System/ in welches nun Augustin unmittelbar hinüber gehen konnte. „Und ich bildete deine Schöpfung o Herr/ spricht er/ unendlich von allen Seiten mir vor/ gleichsam als wenn überall nnd durch unermeßliche Räume nichts? als ein unendliches Meer wäre/ und als enthielte dies Meer einen Schwamm in sich / der seiner Größe ungeachtet dennoch endlich wäre? jedoch von allen Seiten gcfüM durch ein und dasselbe unendliche Meer. So dachte ich deine unendliche Schöpfung von dir dem Unendlichen erfüllt." In diesem Schwamme/ welcher nur vom ewig Guten gefüllt wird/ findet offenbar das Böse keine Stätte/ und dcßwcgcn hebt dieser feine Pantheismus / nicht bloö den Gegensatz zwischen Gut und Böse / sondern selbst die Existenz deS Bösen auf. Zu lebhaft fühlte aber Augustin das Daseyu des Bösen in sich selbst? und zu augenscheinlich sah er die zerstörenden Folgen desselben im All der Dinge? als daß eine Ansicht der Welt und ihrer Erscheinungen, XIV welche überall nur Gutes sicht / und dem Bösen gar keinen Raum verstauet, ihn halte befriedigen und beruhigen können. Er sah bald, von einem Extrem mir zum andern, und von einem Irrthum in die Arme gleichsam des andern sich geworfen, und be- klagt mit Wchmuth LeS Herzens die damalige Um ruhe und die Qualen einer in ihm ganz vorhcrr. sehend gewordenen Zweifclsncht. Die uneigennützige und treue Liebe zur Wahr- heit, verbunden mit dem ernsthaftesten Nachdenken und mühevollsten Forschen blieb aber nicht unbe. lohnt; das Licht der ewigen Sonne bestrahlte die Augen eines Geistes, der mit so heißem Hunger nach Wahrheit rang: und in diesem Licht erkannte Augustin das Wesen Gottes und das Wesen der Dinge; erkannte das Gute und erkannte zugleich auch das Bose, wie ihr gegenseitiges Verhältniß, welchem gemäß Gott, als Schöpfer, Erhalter und Lenker aller Dinge, im Bösen sowohl, als im Guten preiswürdig erscheint. Unter stets wachsender Be- wundcrmig der unendlichen Weisheit, Güte und Gerechtigkeit Gottes, oder der Eigenschaften GotteS , von welcher, auf unverkennbare Weise, alle Dinge der Natur und alle Begebenheiten der Geschichte XV Zeugniß geben, befestigte sich von Zeit zu Zeit im- mer mehr die wahre Erkenntnis der Dinge / und vor dem tief eindringendcn und zugleich scharfen Blick seines Geistes entfaltete sich die Idee einer ehr ist. lichen Philosophie, die zwar in allen seinen Werken, stralcnweiS gleichsam, in folgenden drey Büchern über den freyen'Willen aber, vorzüglich in wissenschaftlichem Zusammenhang, enthalten und dar. gestellt ist. i, Ich trat in mein Inneres, schreibet er, und sah mit dem, wie immer schwachen Auge mei. ncr Seele, über diesem Auge meiner Seele, und über diesem meinem Geiste, das unwandelbare Licht, Wer die Wahrheit kennt, kennt allein dieses Licht, und wer eS kennt, kennt auch die Ewigkeit; aber auch nicht weniger das Wesen der Zeitlichkeit; den Ursprung und die Bestimmung; die Tugenden und die Gebrechen aller Dinge; er erkennt das Ewige in der Natur, wie im Range der Geister, und in den Vermögen und Kräften der Seele; daher auch die stets unveränderlichen Principicn der wahren Wissenschaft, und nicht weniger die allgemeinen Grundsätze eines weisen und seligen Lebens. »AlS ich forschte, bekennt Augustin von sich selbst, weß. halb mir die Schönheit sowohl himmlischer als * * irrdischer Körper gilt schien/ und was mich sogleich bestimmte/ wenn ich von wandelbaren Dingen ur- theilre und sagte: dies, muß so ftyn, jenes nicht so; — als ich forschte/ woher ich urtheiltt/ fand ich die unwandelbare und wahrhaftige Ewigkeit über meinem wandelbaren Geiste. Und so erhob ich mich stuffenweift von den Körpern zu der / durch den Körper fühlenden Seele/ und von dort bis zu ihrer innerlichen Kraft / welcher des Körpers Sinn das Aeusscrlichc verkündigt/ was auch die Thiere ver- mögen; von dorr aber weiter bis zu ihrem Vcr. mögen/ vernünftig zu schließen / welchem / was die Sinne des Körpers ihr miltheilen/ zur Beurthei- lung vorgelegt wird." „ Als aber auch diese Seclcnkraft sich wandelbar fühlte in mir / erhob sie sich bis zu ihrem Verstände/ und lenkte ihr Denken hinweg von dem Gewöhnlichen/ und entzog sich der Schaar widersprechender Gebilde/ auf daß sie fände/ welches Licht sie bestrahlte/ wenn sic / ohne den geringsten Zweifel/ rief: das Unwandelbare se» dem Wandelbaren vorznziehen; ferner / woher sie daö Unwandelbare selbst kenne / daö/ kennte sie cö nicht auf einige Weift/ sie sicherlich dem Wandelbaren nimmermehr vorzöge. Und sie ge- XVIl langte bis zu dem, daö da ist, in einem Momente erschütternder Anschauung. Da aber erschaute ich deine unsichtbare Glorie in der Erkenntniß, durch die Wesen der Schöpfung; aber den Blick fest zu heften/ vermochte ich nicht; und zurückgeschlagen durch meine Schwäche/ und dem Gewöhnten wieder gegeben / trug ich nichts mit mir fort / ausser einer liebevollen Erinnerung/ und gleichsam eine Sehnsucht nach der himmlischen Speise / deren Wohlgeruch ich empfunden hatte/ die ich jedoch noch nicht zu genießen vermochte." Unterdessen hatte das Wissen der Vernunft mit dem Glauben des Gemütheö / und der Glauben des GemütheS mit dem Wissen der Vernunft noch lange gerungen/ und so lehrreich/ als merkwürdig ist die Schilderung / welche Augustin von der Differenz zwischen der philosophischen und christlichen Ansicht der Dinge gicbt/ zumal dieselbe als ein wohlgetroffcncö Gemälde Vieler aus unserer Zeit betrachtet werden kann. Aus dev GemüthSstim- mnng/ mit welcher Augustin zur Zeit/ als daö Licht des Christenthumö / und in demselben die wahre Ansicht der Dinge ihm schon aufgegangen war / Platons Werke gelesen und ftudirt hatte/ ergiebt sich XVIII unwidcrsprechlich und zeigt sichö so klar als inivcr. kennbar, wie gerade daö Allerhciligste und Noch, wendigste die bloße WeltweiSheit dem Menschen nicht zn geben vermöge, ja wie selbst Plato, ob. wohl der Göttliche genannt, nicht nur weit un- ter Christus stehe, sondern mit Christus in keinen Vergleich weder gestellt werden könne, noch dürfe. „Als ich damals, (heißt eS im 10. Kapitel des siebenten BncheS der Bekenntnisse) lesend die Bü. chcr der Platoniker ermahnt ward, die unkörperliche Wahrheit zn suchen, erkannte ich deine unsichtbare Glorie durch das, was erschaffen ist: und ob auch znrnckgedrängr, fühlte ich, waö ich durch die Fin. sternisse meiner Seele nicht schauen konnte. Gewiß war mir'S, daß Du bist und unendlich bist, und dennoch weder durch endliche, noch unendliche Näu- me verbreitet; und daß Du wahrhaft und immerdar derselbe bist, auch in keinem Theile und durch keine Bewegung anders, oder anders: daß aber alle übri. gen Wesen aus Dir sind, und zwar auö diesem ein. zigen unumstößlichen Grunde; weil sie sind. Gewiß war ich hierin, aber dennoch zu schwach, um Dein zu genießen. Ich schwätzte bereits hierüber gleich einem Kundigen; suchte ich aber nicht in Christo XIX unscrm Herrn deinen Weg, nimmer kam ich dann ans den Grund: denn schon fieng ich an weise schei- nen zu wollen/ noch voll meiner Straft / und über- dicß schwoll ich vor Wissenschaft ans: denn wo war jene Liebe/ erbaut auf dem Fundament der Dc- milch / welches Jesus Christus ist? Oder wie soll- ten jene Bücher mich sie lehren?" „Deßhalb glaube ich/ Du ordnetest es also/ daß ich / ehe ich noch deine Schriften betrachtete / — früher auf diese Bücher geriet!) / auf daß eö meinem Gedächtnisse eingeprägt bliebe/ wie ich durch dieselben gestimmt ward / und damit ich, wenn späterhin deine Bücher mich bezähmt/ und deine heilenden Finger meine Wunden berührt hätten / erkannte und einsähe/ welch ein Unterschied zwischen Vermessenheit und Bekcnntniß ist; zwischen jenen, die zwar sehen / wohin man wandeln, doch nicht sehen / auf welche Weise man wandeln soll, und dem Wege selbst / der zu dem glückseligen Vater- lande führt/ nicht nur/ um es zu sehen/ sondern auch/ um es zu bewohnen: denn ward ich früher durch deine heiligen Schriften bekehrt/ und wnr- dest Du durch ihre trauliche Bekanntschaft mir süß, und ich wäre dann erst auf jene Bücher gerathen. XX z !! vielleicht hatten diese mich dann von der Grundfeste der Frömmigkeit hinwcggcriffen, oder/ wäre ich auch in der Stimmung verharrt, die Du so heilsam mir eingeflößt hättest, so hätte ich vielleicht gedacht, mau könne dieselbe auch in jenen Büchern erlangen, wenn man auch sonst keine andern läse." »Mit innigster Begierde griff ich daher nach den ehrwürdigen Schriften deines Geistes, und vor andern nach dem Apostel Paulus , und es verschwanden jene schwierigen Fragen, worin der Inhalt seiner Rede, wie es früher mir geschienen hatte, sich selbst widersprach, und mit den Zeugnissen des Gesetzes und der Propheten nicht übereinstimmte. Und cs erschien mir aus allen jenen keuschen Schriften nur Ein Geist, und ich lernte in hoher Freude erzittern. Und ich begann und fand, daß, was immer ich dort Wahres gelesen hatte, auch hier, doch unter Anpreisung deiner Gnade gesagt wird, auf daß, wer da sieht, nicht also sich rühme, als hätte er es nicht empfangen, (und zwar nicht bloß was ersieht, sondern auch die Gabe es zu sehen; denn was hat er, das er nicht cmpsieng?) und daß er nicht nur erinnert werde, Dich, der Du immerdar derselbe bist, zu schauen , sondern daß er xxr auch geheilt und fähig werde, Dich zu behalten; und damit, wer nicht von weitem sehen kann, dennoch auf dem wahren Wege wandte, worauf er kommen, scheu und behalten kann/' Was die folgenden Bücher von der Freiheit des Willens, welche in einer zwar frcyen, doch in Bezug auf Inhalt und Form möglichst treuen Ucber- setznng Euch aus Liebe in die Hände gegeben werden , den Hauptbediirfniffen der gegenwärtigen Zeit vorzüglich Entsprechendes in sich enthalten, liegt sowohl im Inhalt als in der Foem derselben. Was den Inhalt bctrift, behandeln sie keine gemeine, alltägliche und bloß oberflächliche Dinge, sondern Wahrheiten, die durch Wichtigkeit und Interesse sich auSzeichneu, und derer wegen es allein der Mühe sich lohnt, zu philosophiren. Ihr Hauptzweck ist, die Priucipien und Grundsätze einer christlichen Philosophie, oder einer Theodizee ins Licht der menschlichen Intelligenz, und somit zu ciuem möglichst gründlichen Wissen zu erheben. Merkwürdiger jedoch, weil als Vorbild jeglichen, Philosophirenö ganz besonderer Beachtung werth,'ist die Art und Weise der Behandlung, gemäß welcher nie als ein Wissen zum Vorschein kommt, was XXII kein Wissen ist; nie also dem Positiven und Gegebene»/ als wäre dieses schon ein W i s- seil/ sondern lediglich der vernünftigen An- schauung und Erkenntniß desselben als ei- gcnrlichcm Wissen gehuldiget wird: für erwiesene Wahrheiten werden nur solche Folgerungen angesehen/ die aus evidenten Obersätzen und zwar nach streng logischer Consequenz nothwendig hervorgehen. Vorzüglich wird aber / wie ich hoffe / jedem lieb- lich in die Augen leuchten die Ehrfurcht / mit der die heiligen Schriften betrachtet/ und die göttlichen Offenbarungen allzumal / als so viele absolut gewisse/ unveränderliche und allgemein gültige Wahrheiten anerkannt und geachtet werden; eine Ehrfurcht/ die dem tiefsten und scharfsinnigsten Forscher keineswegs Hindernisse setzt/ sondern vielmehr zum unablässigen Nachdenken ihn spornt/ und den Geist achter Wissenschaft in ihm wecket und unterhaltet, leitet und vollendet. Nicht weniger der Beachtung und der Nachahmung würdig ist aber auch die heilige Scheu / von welcher erfüllt die menschliche Vernunft/ selbst ans der höchsten Stusse ihrer Ent- Wicklung und Ausbildung, die in Augustin sie er- stiege» hatte/ den Aussprüchen der göttlichen und xxm ewigen Vernunft , oder dem göttlichen Worte stets und in allen Beziehungen stch füget, und Gott ihrem Herrn ein Opfer dringet, welches > wenn gleich so verächtlich in den Augen des stolzen Unglaubens, dennoch das höchste Verdienst und die schönste Zierde der wahren Philosophie ist; ein Opfer des tief- und scharfsichtigsten Verstandes, in welchem auf ganz vorzügliche Weise die christliche Selbstver- läugnung hcrvortritt, zumal nicht bloß reizende Gefühle und heftige Neigungen dem göttlichen Gesetze, sondern Meinungen, welche dem Menschen oft lieber, als sein Leben sind, göttlichen Aussprüchen unterworfen, und Gott, der ewigen Wahrheit, so gleichsam zum Opfer gebracht werden. Ich weiß zwar, wie ungünstig das Vornrtheil gegen Liesen Kirchenvater ist, als scp derselbe engherzig , und weil in seinen Begriffen einseitig und beschränkt, gegen Andersdenkende sehr unverträglich. Ein, wenn auch nur flüchtiger Ueberblick fol- gcnder Bücher wird aber vom Gegcmhcil Jeden überzeugen. Große und tief eindringende Geister, wie ohne Widerrede der hl. Augustin war, befreunden sich ohnehin zu innig mit dem ewigen Wesen XXIV der Dinge, als daß selbstgemachte Begriffe, oder waö immer für beschränkte , oder bloS endliche Formen ihre Angen trüben , nnd dem Gange des Wissens , oder der kräftigen Wirksamkeit ihrer Vernunft Hindernisse legen konnten. Einseitigkeit, Beschränktheit und daraus entspringende Unverträglichkeit finden sich ja nie bey einer großen und starken, wohl aber beynahe stets bey einer kleinen nnd schwachen Seele. Wie umsichtig dagegen in allen seinen Behauptungen , und wie liebevoll gegen Andersdenkende, gegen fremde Meinungen.oder Ueberzeugungen Augustin gewesen scy, könnte mit unzähligen Stellen ans seinen mannigfaltigen, rheils philosophischen, theilS theologischen Werken bewiesen werden. Sprechender aber bürste wohl keine seyn, als die, welche im Eingänge seiner Schrift gegen den Brief des ManichäuS sich findet, wo Augustin an seine damaligen, heftigen Gegner schreibet: „mögen solche gegen euch wüthcn, welche nicht wissen, wie viele sehnsüchtige Seufzer eS koste, um auch nur einige Erkenntnis; von Gott zu erhalten. Ja mögen gegen euch wüthen alle, welche nie, wie ihr, im Jrrthum befangen waren. Ich, der so lange auf dem stürmischen Meere irriger Meinungen umher geworfen XXV wurde, bevor die lautere Wahrheit zu erblicken mir verliehen ward, ich kann unmöglich gegen euch wü- thcn; ich fühle im Gegentheil mich gedrungen, mit jener Liebe und Gedult euch zu behandeln, mit der auch mich meine Freunde behandelt haben, als ich noch unter euch in blinder Wuth umher irrte." Ganz im Geiste dieser Worte ist, was im zwölften Buche seiner Bekenntnisse über die Schöpfungs- Geschichte steht, wovon Kürze halber nur Folgendes aus dem Neu Kapitel auSgehobcn wird; eine Stelle, die vorläufig schon, und zwar unverkennbar genug anzeiget, wie hoch der freye Sinn dcS genannten Kirchenvaters über der, zwar oft hochge- priescnen, selten aber wahrnehmbaren Frcyfiunigkeit der Frcyfinnigcn unserer Tage stehe. "»Sagte man mir etwa, heißt eS, woher weißt Du, ob MoseS dachte, was Du über seine Worte erörterst? so müßte ich dieß allerdings glcichmü- thig ertragen, und ich antwortete vielleicht, was ich oben antwortete, und erklärte mich etwa noch weitläufiger, wäre der Frager hartsinnigcr. Hin- fichtlich jener aber, die.da sprechen: Nicht dieß meinte er, was du sagst, sondern waö ich, und die gleichwohl nicht läugnen, daß, was wir beyde sa. XXVI gen, wahr ist, bitte ich Dich, o Leben der Armen, mein Gott.' indessen Herzen kein Widerspruch ist, thaue mir Sanftmuth in'S Herz, daß ich solche Men. schen geduldig ertrage, die dieß mir nicht sagen, weil sie Seher sind, und in dem Herzen Deines Dieners erschauten, was sie sagen, sondern weil sie stolz sind, und MoseS Weisheit nicht kennen, son. dern die ihrige lieben, nicht weil sie wahr, sondern weil es die ihrige ist: denn sonst würden sie eine andere, wahre Ansicht mit gleicher Liebe anfnehmen, wie ich auch liebe, was sie sagen, wenn sie Wahres sprechen: nicht weil dieß ihnen gehört, sondern weil eS wahr ist, und eben deshalb nicht ihnen gehört, weil cS wahr ist: denn lieben sie cS deß. halb, weil es wahr ist, so eignet eS ihnen nnd mir, da den Freunden der Wahrheit alles gemein, schaftlich ist. Das sie aber streiten, MoseS habe nicht gedacht, waö ich sage, sondern was sie bc. haupten: dieß ist mir zuwider, und ich liebe es nicht: denn ist cs auch wirklich so, so ist dennoch diese Vermessenheit nicht der Wissenschaft, sondern der Keckheit eigen; auch wurde diese nicht durch prophetisches Schauen, sonder» vom Gifte des Stol. zcö erzeugt." XXVII Oft wird/ nicht etwa von Feinden, sondern selbst von aufrichtigen und warmen Freunden der Philosophie geklagt, als würde die aufblühende Jugend vielfältig mehr von der Weisheit hinweg, als zu derselben hingeleitet, weil die Lchrweise, wie sie da oder dort vorherrschend geworden, wohl ein eitles Imaginiren und Phantasiren zu wecken; ein unbestimmtes, flaches und gehaltloses Näsonni- rcn zu erzeugen, aber nicht zu einem scharfen, tief cindringenden und ernsten Denken anzuhalten, zu erziehen und zn bilden geeignet sey. Wie cs sich mit der Gründlichkeit, oder Ungründlichkeit dieser Klage nur immer verhalten möge, die folgenden Werke, wohl gefaßt und verstanden, geben de» Denkkräften eine bessere Richtung, und bewahren nicht bloß vor der Sophistik des Unglaubens, und jedem verderblichen PhilosophiömuS, der nur zu oft unter der Maske wahrer Philosophie die Unkundigen und Unerfahrnen blendet; sondern gewähren ein Wissen, welches nicht aufblähet, wie die Weisheit dieser Welt; ein Wissen, welches bescheiden, demü^ thtg, liebenswürdig, und für Staat und Kirche brauchbar macht; somit eine Weisheit, wie die, welche der Apostel mit den Worten beschreibet: XXV,II < Jak. 8/17.) Die Weisheit aber / welche von oben kommt, ist vorerst rein, hernach friedliebend, bescheiden/ lenksam/ dem Guten hold/ voll Barmherzigkeit und guter Früchte / ohne Parrheilichkcit und ohne Heuchelei). Im lebhaften Gefühle und im klaren Bewußtsein dev hohen WertheS/ den diese Bücher haben/ wie des nicht gemeinen Nutzens / den sie denkenden Jünglingen gewähren werden/ kann ich / von wahrer und inniger Liebe durchdrungen/ nicht umhi»/ zu wünschen/ dieselben möchten von Euch/ meine theursten Freunde / nicht nur gelesen / sondern eines ernstlichen Studiums gewürdiget werden, Luzern/ Ende Augusts 1824. I n h a l t s - V e r z e i ch n i ß, Erstes Buch. Seite Uebersicht des erste» Buches ......... i Vorläufige Bemerkungen.S I. Kap. Inwiefern Gott Urheber des Bösen sey . 19 II. Woher das Böse seinen Ursprung habe ... 23 III. Von der inncrn Schlechtigkeit des Bösen, oder vom Bösen an sich.. 26 IV. Ob einen Menschen aus Furcht tödcn, Sunde sey 29 V. Ob cS erlaubt sey, Gewalt mit Gewalt abzutreiben 33 VI. Vom ewigen Gesetz, als Richtschnur aller menschlichen Angelegenheiten.. 37 VII. Unterschied zwischen Wissenschaft und bloßer Empyric...42 VIII. Von der Vernunft, als einem auszeichnenden Merkmal des Menschen .......... 47 ix. Unterschied zwischen dem thörichtcn nnd weisen Menschen ... 49 X. Unterschied zwischen dem Reich des Gemiithes und dem Reich der Sinnlichkeit ..3t XI. Daß die Sunde aus dem frcyen Willen, aber nicht aus Gott ihren Ursprung habe.3Z XII. Ob nach platonischer Ansicht die Seele schon vor dem gegenwärtigen Leben gesiindiget habe. ... 36 XIII. Welche Tugenden im seligen Leben nothwcn- dig enthalten seyen. 39 x i v. Warum so Wenige zu einem seligen Leben gelangen . . . . 64 Seite XV. Wie weit daS göttliche, und wie weit daS menschliche Gesetz sich erstrecke.6s XVI. Beschluß des ersten Buches. 73 ZweyteS Buch. Ncbersicht des zweyten Buches.77 I. Kap. Der freye Willen ist nur zum Guthandeln gegeben worden. 91 II. Warum dem freyen Willen auch die Fähigkeit zum Bösen gegeben worden scy ...... . 94 III. Ausgezeichnete Vortreflichkeit der Vernunft, als welche sich selbst erkennt. 99 IV. Wie die Vernunft sich sowohl/ als andere Dinge unterscheide ...» .i<>6 V. Stuffcnfolge und Vortreflichkeit der Sinne in Vergleich mit den sinnfälligen Gegenständen . . 103 VI. Die Vernunft, höher als alle Dinge, steht unter Gott."2 VII. Vcrhältniß des inncrn Sinnes zu den äußern Sinnen, und wie derselbe sinnfällige Gegenstand von Vielen wahrgenommen werden könne ... 116 VIII. Dom Wcrthe der Mathematik.12z IX. Was Weisheit sey, und wie unentbehrlich zum seligen Leben.130 X. Wie Eine Weisheit allen Weisen gemeinschaftlich scy . ..136 XI. Vom Vcrhältniß zwischen Weisheit und Mathematik, und Lob beyder ......... i4cr XII. Es giebt nur Eine und dieselbe höchste Wahrheit für Alle.145 XIII. Durch Analogien werden wir für das höchste Gut empfänglich gemacht.149 XIV. Das höchste Gut verliert keiner gegen seinen Willen."2 XV. Von der höchsten Weisheit in Gott, und von der menschlichen Weisheit."5 Gelte XVI. Von Erhebung der Seele vermittels der Mathematik .158 XVII. Wie Gott die unwandelbare Urform sey / nach der alle andern Formen gebildet werden sollen . . 163 XVlll. Vom Mißbrauch/ der auch von guten Dingen gemacht werden kann.166 XIX. Von Gütern hohen Ranges kann kein Mißbrauch gemacht werden.171 xx. Wie der Mensch ans eigener Kraft/ zwar zu falle» / doch nicht wieder aufzustehen vermöge . 176 Drittes Buch. ttcbcrsicht des dritten Buches. 17^ I. Kap. Woher der Abfall des Menschen vom höchsten Gute.Mi II. Von der Vorsehung Gottes im Vcrhöltniß zur menschlichen Freyheit . ..209 III. Vom Umfang der Freyheit des menschlichen Willens/ oder wie weit die Macht derselben sich erstrecke.212 IV. Wie das Vermissen Gottes die Freyheit des Willens nicht anfhcbe.219 V. Warum auch verdammungüwürdige Seelen unter der Vorsicht Gotte's stehen ....... 221 VI. Wie die Sünde Gott nicht zugercchnct werden könne/obwohl er sie voransgcwnßt habe . ... 231 Vii. Von der Existenz als einem Gute/ wclchcS/ wie die glücklichen/ so auch die unglücklichen Wesen sich wünschen ... . 233 VIII. Von solchen/ die sich selbst morden . . . . 23L IX. Auch das Böse tragt zur Zierde des Universums bey.2üo x. Wie der Teufel ein Recht auf die Sünder erhalte/ und durch die Erlösung dasselbe verliere .... 248 XI. Von der Ordnung und dem Verhältniß unter den Geschöpfen. 252 XXXII Gülte XII. Wie die Ordnung Gottes durch die Sündhaftigkeit der Geschöpfe nicht gestört werde .... 256 XIII. Wie Gott in allen seinen Geschöpfen lobwürdig scy . 258 XIV. Ob jede Zerstörung von der Sündhaftigkeit hcrrühre. 262 X V. Wie Gott auch im sündhaften Wesen lobwürdig scp .265 XVI. Ueber das/ was er nicht empfangen hat/kann keiner beschuldiget werden ......... 270 XVII. Woher der böse Willen seinen Ursprung habe 273 XVlli. Sünden aus Unwissenheit/ oder Nothwen- digkeit begangen/ werden mitunter zugerechnet . 275 XIX. Wie die Sünden der Stammältcrn die nnsri- gen werden.279 XX. Wie die ursprüngliche Sünde auf die Nachkommen übergehe. 281 XXI. Verschiedene Meynungen üluw den Ursprung der Seele.287 XXII. Wann die Unwissenheit von der Sünde entschuldige .294 XXIII. Warum auch Kinder und Unschuldige zu leiden haben .. 298 XXIV. Von der Mitte zwischen Weisheit u. Thorheit 304 XXV. Wie nicht die Empfindung / wohl aber die Einwilligung von uns abhange.309 B e y l a g e. DaS neunte Kapitel aus dem ersten Buch der Nctrak- tationen/ oder der Beleuchtungen und Berichtigungen deS hl. Angustin'S. 31-4 Sinnstörende Berichtigungen. Vorrede Seite ix Linie 8 lies statt „in jeder Hinsicht"/ in der Hinsicht. Seite xm Linie 13 statt „gefühlt" — gefüllt. Minder sinnstörcnde Fehler im Verlaufe deS Werkes wird der gutwillige Leser selbst verbessern. u e b e r sicht des e rsten Buch e §. gicbt zwcy Arten der Nebel: solche/ die wir leide«/ und solche die wir thnn. Die Nebel ersterer Art sind als Strafen der Nebel letzterer Art zu betrachten/ und habe»/ als nothwendige Folgen der ewigen Gerechtigkeit/ Gott selbst zu ihrem Urheber. Die Nebel der zweytcn Art können aber unmöglich Gott zu ihrem Urheber haben/ weil Gott/ zufolge seiner unendlichen Vollkommenheit/ nur Urheber des Guten/ und vortref- lichcr als alle Güter/ in keinem Falle jedoch weder die -Quelle/ noch der Hervorbringer des Bösen ist. Derlei Nebel / welche Gott nichr zu ihrem Urheber haben / entspringen ans dem freyen Willen der Menschen. Denn sie sind strafbar/ was sie nicht seyn könnten/ wenn sie nicht mit Freyheit hervorgebracht würden. Auch wird der freye Wille der Menschen dazu nicht durch irgend eine Bildung verleitet / weil jede Art der Mcnschen- bildung zufolge ihrer Natur auf ein Verstänimiß der Dinge / und somit auf etwas Gutes hinzielet/ folglich niemals irgend eine Bildung als solche / wohl aber Abgang aller Bildung als Grund deck Bösen angesehen i 2 werden kann. Der Ucbclthäteii/ von denen hier die Rede ist/ gicbt cS sehr viele und verschiedenartige: dergleichen stnd Ehebrüche / Diebstähle u. s. f. Allein daSVöft/ welches durch derlei Handlungen sich offenbaret/ liegt weder im Gesetz/ welches solche Handlungen verbicthct/ noch im Urthcil der Menschen/ welche solche Handlungen für böse halten; denn nicht/ weil das Gesetz sic verbicthct/ oder die Menschen sie für böse halten/ sind sie böse/ sondern umgekehrt/ weil sie an sich böse sind / verbicthct sie das Gesetz / und nennt sie daS Urthcil aller Vernünftigen chöse. Solche Handlungen sind also an sich böse. Da aber daS An sich böse solcher Handlungen nicht in der That liegt/ sondern in demjenigen EtwaS/ aus welchem die That hervorgeht/ und dieses Etwas die Lust/ oder Begierlichkeit der Menschen ist/ muß als die eigentliche Quelle aller Nebel- thatcn die Lust angesehen werden: denn diese liegt allen Neigungen und Abneigungen des Menschen/ aus welchen alle Handlungen hervorgchcn/ zu Grunde/ und äußert sich durch ei» unordentliches und heftiges Verlangen nach Gütern / welche keinen Bestand haben; als «in Verlangen/ welches böse an sich ist / auch wenn eS nicht gegen die bürgerlichen Gesetze im Acußcrn angcht/ und also von ihnen nicht gestraft wird. ES gicbt nämlich ein zweyfacheS Gesetz: ein zeitliches und ein ewiges; jenes ist wandelbar/ dieses' ist unwandelbar; jenes geht aus diesem/ dieses aber unmittelbar 3 aus Verewigen Vernunft hervor, und, unveränderlich an sich, bestimmt cS das Rechte jeder Veränderung in der Zeit und im Raum/ und ist das Ansich/ oder die unerschöpfliche Quelle aller und jeder wahren Ordnung. Zufolge dieses Gesetzes regiert;. B. ein Volk mit Recht sich selbst: ein anderes wird aber regiert mit demselben Rechte; das gute Volk nämlich regiert sich selbst mit Recht; das böse Volk wird nach demselben Recht von einem andern regiert; denn nur dem Guten gebührt die Herrschaft über das Böse. Zufolge des ewigen Gesetzes führt jeder gute Mensch auch ein seligcS/ jeder böse aber ein unseliges Leben u. s. f> Das ewige Gesetz hat einen unendlichen Umfang; das Zeitliche nur einen endlichen; was dieses erlaubt/ kann also nach jenem doch noch verbothen und daher strafbar scyn. Da nun das ewige Gesetz unmittelbar aus der Vernunft hervorgeht; die Vernunft aber/ als ein sich selbst bewußtes LcbcN/ unter allen irrdischen Geschöpfen nur dem Menschen eigen ist/ wird gerade die Erkenntniß jenes ewigen Gesetzes zum Vorzug des Menschen vor dem Thicre/ zumal diese Erkenntniß nicht bloS etwa eine Eigenschaft des Lebens/ sondern ein höheres Lcben / als das der Th i c r c / und ein e i- geneS selbstständiges Leben ist. Wenn nun ein vernünftiges Erkennen Wissenschaft heißt/ und die Vernunft ihrer Natur zufolge ein höheres und vollkommenes Leben ist/ folgt von sich selbst/ daß die 4 Wissenschaft als solche ein höheres Leben / und nothwen- big gut/ also von der bloßen Erfahrung/ die auch böse scyn kann/ wesentlich verschieden sey. Das' höhere/ selbstständige Leben des Menschen/ wodurch derselbe über die Thicre stch erhebt/ wird mit verschiedenen Namen bezeichnet; bald wird es Vernunft/ bald Gcmüth/ bald Geist gcnennt; ist aber in allen Benennungen dasjenige / auf welchem die vollkommenste Ordnung im Menschen beruhet: denn die vollkommenste Ordnung ist die Verwirklichung dcS obengenannten ewigen Gesetzes und tritt als solche nur da hervor/ wo das Bessere über weniger Gutes / das Beste aber über Alles und in Allem herrschet. Das Beste im Menschen ist das'/ was bald Vernunft/bald Gemü th/ bald Geist heißt; also tritt vollkommene Ordnung nur dann im Menschen hervor/ wenn die Vernunft/ bas Gemüth/ der Geist vor h errsch et. Die vollkommenste Ordnung im Menschen schließt aber auch die Weisheit ein; folglich ist auch die Weisheit nur / wo das Gcmüth/ wo der Geist vorherrschend wird/ lauter Vermöge»/ welche im Menschen seyn können/ ohne vorherrschend zu werden; denn die Menschen können thöricht seyn/ thöricht werden und thöricht blcibcn / obwohl sie die Anlage zur Weisheit in stch haben. Das Gemüth jedoch/ welches allen Begierden gcbiethcn soll / ist nicht blos als eine mächtigere Begierde/ sondern als ein höheres Leben zu betrachten/ welches zufolge L seiner Natur kräftiger ist/ als die gesummte Begierlichkeit des Menschen. Jede Tugend also/ welche eine Offenbarung des GemütheS ist/ muß mächtiger / als das Laster/ und gerade in dem Grade kräftig und unüberwindlich seyn / in welchem sie vollkommener und erhabener ist; demzufolge ist auch eine tugendhafte Seele stets stärker und mächtiger/ als eine lasterhafte Seele. Da nun jede Seele ohnehin mächtiger ist/ als jeder Körper/ und eine tugendhafte Seele mächtiger/ als jede lasterhafte/ läßt sich ausser Gott kein mächtigeres Wesen denken/ als eine Seele / in der die vollkommenste Ordnung herrscht. Wenn aber nicht das Schwächere über das Mächtigere vorherrschend werden kann; das Böse aber stets schwächer / als das Gute ist/ folgt nothwendig/ daß der Mensch weder von einem n n v o llko m mn cr c n Wese»/ als er es selbst ist/ überwältiget werden könne; aber auch nicht von einem ihm gleichen/ oder vollkommnern/ weil stets nur das Unvollkommnerc vom Vollkommncren überwältigt wird. Es giebt demnach nichts/ was den Menschen der Lust dienstbar / oder unvernünftig machen könnte / ausser seinem eig en en Wille n und seiner frey en Wahl/ und dcßhalb ist das Vorherrschen der Lust so strafbar/ weil dasselbe nur als Folge eines freyen Aktes des Menschen begreiflich ist. Die Strafen / welche auf selbes folgen/ sind die notwendigen Resultate der Unordnung im Mensche»/ nämlich/ einander durchkreuzende und 6 bekämpfende Leidenschaften/ welche den von der Lust beherrschten Menschen ausserordentlich zerrütten und peinigen/ dadurch also ihm Nebel zuführcn/ die alle/ welche dieselben empfinden / mit Recht trist / zumal sie nur Folgen eines bösen Willens' seyn können / welcher/ da jeder Mensch einen guten Willen haben könnte und haben sollte/ stets der Strafe würdig ist. In einem guten Wille»/ der in nichts Anderem als in einem ausschließlichen Verlangen nach Weisheit bestehet/ sind die vier Kardinaltugendcn: die Klugheit/ die Mäßigkeit/ die Tapferkeit und die Gerechtigkeit nothwcndig enthalten/ Tugenden/ welche das Wesen eines rechtschaffenen und sittlichen/ und ebcndeßwegen auch eines lobwürdigcn und seligen Lebens ausmachcn/ zumal die Seligkeit nur freudiger Genuß wahrer und bleibender Güter seyn kann, welche der Gutwillige/ oder der Mensch/ welcher eines' guten Willens ist/ ausschließlich besitzet und genießet. Der gute Willen muß aber wohl von guten Wünschen unterschieden werden; die bloß guten Wünsche bleiben thatenloS; der gute Willen offenbart sich durch ein rechtschaffenes Leben / und erwirbt also ein Verdienst/ welchem / dem ewigen Gesetz gemäß/ Seligkeit/ alsBelohnung; wie der böse Willen eine Schuld sich zuzieht/ der nur Elend/ als Strafe gebührt. Daraus crgiebt sich/ warum nicht alle Menschen / welche sich ein seliges Leben wünsche»/ 7 auch wirklich selig werden. Alle wünschen/ aber wenige wollen. Der gute Willen liebt das ewige Gesetz/ und ist unabhängig von dem zeitlichen Gesetz und weit erhaben über das zeitliche Gesetz/ als welches nur ein besonderer Ansdruk/ eine Modifikation des ewigen ist. Der böse Willen aber hasset daS ewige Gesetz/ und wird cbendeßwegcn unterworfen dem zeitlichen Gesetz. Dieses zeitliche Gesetz hat den Schutz zeitlicher Dinge / die dem Menschen geraubt werden können/ und also keine wahren Güter sind/ zum Zweck; daher können auch die Strafen des zeitlichen Gesetzes nicht über das Zeitliche hinausgchen/ wie die Strafen des ewigen Gesetzes darüber hinausgchen; auch straft / oder belohnt das zeitliche Gesetz nothwcndig nur die That/ nie aber auch die Gesinnung/ aus der jene/ die That/ hervorgeht. Wenn nun der gute Willen der ewigen Ordnung der Dinge gemäß ist/ wie er es wirklich ist / und daher von allen Dingen nur einen guten; der böse Willen aber der ewigen Ordnung widersprechend ist/ und daher von allen Dingen nur einen bösen Gebrauch macht / folgt / Laß das Böse weder in den Dingen/ noch in dem Menschen als solchem/ sondern lediglich und allein im bösen Wille» des Menschen seinenGrund/ undimMiß- brauch der Dinge nur sein Wesen haben könne. ES giebt demnach/ wie zwey Gattungen der Dinge / so auch zwey Gattungen der Mensche»/ 8 solche nämlich/ die nach ewigen/ und solche/die bloS noch zeitlichen Dingen verlangen/ ringen und streben; jene sind die guten/ diese die bösen Menschen; die Richtung jedoch / welche ein Mensch nimmt/ ob zu den c w igcN/ oder ob zu ; citli ch e n Dingen hin/ hängt lediglich von der Wahl seines Willens ab/ und kann ihm also von keiner fremdartigen Macht a u fg c d r u ng e n werden. Wie nun in der Erkennt- niß und in der vorherrschenden Liebe der unwandelbaren nnd ewigen Dinge das Wesen jeder Tugend; so besteht in der vorherrschenden Begierlichkeit nach zeitlichen und wandelbaren Dingen das Wesen jeder Sünde/ folglich das An sich jeglicher Uebelthat; denn durch jene Erkenntniß und Liebe herrscht die vollkommenste Ordnung im Menschen/ gemäß welcher Ordnung alles Niedere seinem Höheren dienet; durch die Lüsternheit und Begierlichkeit aber entspringt die Unordnung/ indem vermittels derselben das Höhere dem Nieder«/ das Ewige dem Zeitlichen/ das Göttliche dem Zrrdischen untergeordnet und dienstbar wird. Weil nun in einer solchen Unordnung das Wesen aller Ucbel- thatcn nnd aller Sünden besieht; diese Unordnung aber in der Wahlfrei heit des menschlichen Willens den Grund ihrer Möglichkeit hat/ wird einleuchtend/ daß die Ursache alles Bösen keine andere/ als die fr eye Willkühr des menschlichen Willens scyn könne. Allein da der Mensch die Freiheit seinc-s Willens offenbar von 9 Gott empfangen hat/ entsteht von selbst und gleichsam nothwcndig die Frage/ ob nicht Gott etwa/ wenn nicht als unmittelbarer/ doch als mittelbarer Urheber des Bösen zu betrachten sey/ zumal ja kein Böses seyn würde / wenn Gott den Willen des Menschen nicht frcy geschaffen Hütte? Die Antwort auf diese Frage macht den Inhalt des folgenden zweiten Buches aus. Vorläufige Bemerkungen. Die Ausdrücke: Seele (snima)/ Leib (corpus)/ Gemüth (mens)/ Vernunft (ratio)/ Mnth (»ni- mus)/ Geist (Spiritus) u. a. m. werden scheinbar vielfältig wie gleichgcltcude Wörter Vv» Augustinus gebraucht/ haben aber gleichwohl bestimmte Bedeutungen/ und jeder dieser Ausdrücke bezeichnet immer etwas Eigenes und Individuelles/ obschon er auch/ weil im Einzelnen das Ganze wicderkehrct/ für einen andern Ausdruck gesetzt werden kann/ wovon der Sinn der jedesmaligen Bezeichnung aus der Stelle/ welche das Wort in seiner Verbindung einnimmt/ oder ans dem Coutcxtc erkannt wird. Der cigcnthümliche/ und wenn auch nicht immer offen dalicgende/ doch im Grunde unverkennbar sich glcichbleibcnde Sinn dieser Worte möchte meistcntheils folgender seyn. Seele und Leib stnd die zwey Haupttheilc/ aus welchen der Mensch besteht; denn weder ist der Leib ohne 10 Seele; noch die Seele ohne Leib Mensch/ wenn gleich in beydcn das' Wesentliche der Menschheit ist/ war die Ausdrücke menschlicher Leib/ und menschliche Seele besagen. Augustinus redet ausführlicher hierüber im Kapitel des 13. Buches von der Stadt Gottes. Gott hat den Mensche»/ schreibt er/ aus' dem Staube der Erde gebildet. Diesem Gebilde aus' dem Staube der Erde hauchte er die Seele ein/ durch welche dieser Staub belebt/ und zu einem lebendigen Menschenwesen wurde. Das' lebendige Menscheuwcsen besteht weder aus dem Leibe allein/ noch aus der Seele allein/ sondern aus' Leib und Seele zugleich. Die Seele ist nicht der ganze Mensch/ wohl aber der höhere Bcstaudthcil des Menschen; der Leib ist nicht der ganze Mensch/ wohl aber der niedere Bcstaudtheil des Menschen. Weil aber beyde/ Seele und Leib/ nothwendig miteinander in Verbindung sind / kommt jedem insbesondere der Ausdruck/ menschlich zu/ indem man sagt: der Mensch ist gestorben/ und da/ oder dort begraben worden / was offenbar nur vom Leibe; und der Mensch ist in den Ort der ewigen Ruhe/ oder der ewigen Strafe cinge- gangen/ was' offenbar mir von der Seele gelten kann. Obgleich Seele und Leib miteinander innigst verbunden sind / und das' gegenwärtige Leben des Menschen durch diese Verbindung bedingt wird/ heißt doch die Seele auch der innere; der Leib der üiußcrc Mensch/ 11 gleichsam als wären zwey Menschen/ wenn schon bcyde/ Seele und Leib nur Ein Mensch sind. Nun entsteht aber die Frage/ was in diesem Einen Menschen göttlicher/ und was bloS irr di sch er Art; oder was das Ebenbild Gottes'/ und was Erde/ somit vergänglich sei)? WaS Gott dem gebildeten Staube ein- gcblasen/ oder cingehaucht hat/ ist die vernünftige Seele; der gebildete Staub aber/ dem die vernünftige Seele gegeben/ ist der lebendige Leib/ durch welchen der ganze Mensch eine lebende Seele wurde. Wie die Seele von dem göttlichen Hauch/ oder dem Geiste GottcS/ hat der Leib sein Leben von der Seele; ober wie die Seele ein Hauch der Gottheit/ ist das Leben des' Leibes ein Hauch der Seele; die Seele also ist nicht bloS Gottes Lebe»/ oder Geist Gottes empfangend/ sondern Geist Gottes scyend/ und daher uothwendig an und für sich unsterblich/ weil ein ^ Bild von Gott (imsgo (lei); der Leib aber/ von der Erde stammend und nur von der Seele Leben empfangend/ ist unsterblich-sterblich; unsterblich in Verbindung mit der Seele; sterblich getrennt von der Seele. Der letztere/ nämlich der Leib/ getrennt von Her Seele betrachtet/ ist bcrirrdische nnd vergängliche Bcstandthcil/ in welchem besteht die Sterblichkeit des Menschen. Es sind also im Leibe selbst zwei) Seiten zu unterscheiden: das Gebilde aus dem Staube der Erde; und 12 die Belebung dieses Gebildes/ oder das Be lebt- scyN/ das Animale/ oder die Animalität; jenes kann nach einem neuen Sprachgebrauch mit dem Ausdruck: Körper; dieses mit dem Ausdruck Leib/ im engem und strengen Sinn des Wortes/ bezeichnet werden. Wir haben keinen Grund den durchaus bestimmten und klaren Worten des Apostel Paulus (i Kor. 15 .) zu widersprechen/ welche vom geistigen Leib den thicri scheu Leib unterscheiden/ d. i. von dem Leib/ den wir künftig haben werden/ den Leib/ welchen wir gegenwärtig haben/ indem sie sagen: Ge- säct wird ein thic risch er/ aufcrstchen aber wird ein geistiger Leib; und wo ein thierischcr Leib ist/ ist auch ein geistiger Leib; zuerst aber ist der thie- rische und dann der geistige Leib; nach seinem ersten Bestandteil von der Erde ist der Mensch also ein irrdischcs; nach seinem zwcyten Bestandteil vom Himmel ein ü ber irrdischcs Wesen. Der Leib des ^ H ersten Menschen wurde demnach so geschaffen/ daß derselbe/ obwohl an und für sich betrachtet / sterblich/ Loch nie würde gestorben seyN/ falls die Sünde nicht cingetrcten wäre/ weil er fortwährend durchdrungen von dem belebenden Geist aus der Seele geblieben seyn würde/ von einem Geiste/ welcher das eigentliche Leben der Seele ist/ wenn gleich die Seele/ selbstbelebender Geist scyend/ auch nachdem die Belebung durch die Sünde schon aufgehoben worden ist/ 13 ihr Daseyn noch behauptet/ ohne im eigentlichen Sinne zu leben / zumal der Seele eigentliches Leben nur der Geist Gottes ist; der Leib aber getrennt von der belebenden Seele sich/ als Gebilde/ als Organismus nicht zu behaupten vermag/ sondern zum Staube wird/ aus dem er ursprünglich gebildet wurde. Die Seele des' Menschen hat eine zwey fache Beziehung ; zur äußern und nieder» Sinnen- Welt/ und zur inner» und höhern Gcister- welt; daher auch eine zwcyfache Empfänglichkeit; für die Erscheinungen jener vermittels der fünf Sinne des Leibes; für die Einwirkungen und Offenbarung dieser vermittels des Gc- mütheS. Das Gemüth ist jener lauterste und vor- treflichste Bestandtheil der Seele/ durch welchen die Erkenntniß und die Thätigkeit/ die Wissenschaften und Künste/ Tugend und Religion bedingt werden; ein Bestandtheil/ oder eine Eigenschaft/ ein Vermögen der Seele/ in dem der Mensch Zutritt findet zu Gott. Ein grosses und seltenes Vermögen hat die Seele/ sagt Augustinus im cilften Kapitel des cilften Buches zur Stadt Gottes/ vermittels der Kraft des GemütheS/ nicht nur über die Wandelbarkeit des' geschaffenen sinnlichen und unsinnlichen Weltalls' hinaus/ sondern bis zur unwandelbaren Wesenheit Gottes' empor zu dringen und von Gott wahrzunchmcn/ wie alle Geschöpfe von Ihm verschieden/ jedoch nur von Ihm geschaffen scycn. Im Gcmüthc redet Gott unmittelbar zum Menschen, und offenbaret sich dem Ohre der Seele, d. i. dem Ecmiithc, nicht dem Ohre des Körpers, und zwar nicht durch irgend einen Schall, oder andere sinnliche Vermittlung, sondern durch die Wahrheit selbst. Durch dasjenige, was das Vortrefflichste in der Seele ist, spricht der, welcher einzig noch vortrefflicher ist, zu dem Menschen. Durch den Thcil der Seele also, welcher höher ist, als alle übrigen Thcile des Menschen, die er mehr, oder weniger auch mit den Thicrcn gemein hat, kommt der Mensch näher dem noch Höhen: Wesen und dem Höchsten, Gott. Durch dieses Göttliche in seiner Seele, durch das Gemiith, wird er Gottes inne. Mit Recht heißt also das Gemiith ein Sinn, aber ein nicht nur von dem Körperlichen, sondern auch von Gemein sinn der Seele verschiedener und höherer Sinn, durch den sie das körperlose und unwandelbare Wesen der Dinge vernimmt. Allein dieses Vernehmen ist nicht bloß eine passive, sondern auch eine activc Thätigkcit der Seele; oder diese hat nach der neuern Schulsprachc nicht nur Ncccptivität, sondern auch Spontaneitöt in Bezug auf Dinge der übersinnlichen Welt. Diese Spontaneität der Seele, oder das übersinnliche Erkenn tnißv ermögen derselben heißt Vernunft. Im Gcmüthc, welches Gott der menschlichen Seele verliehen, schlummert gleichsam die Vernunft, 15 welche mit dem WachSthum des Alters entwickelt nnd ausgcbildct wird. Entwickelt und ausgebildct ist sie das Vermögen die Wahrheit zu erkenne»/ und das Gute zu lieben (welcher Vermögen wegen Kant von einer theoretischen und practischen Vernunft redet, die im Wesen eines sind) und macht den Menschen tüchtig für die Wissenschaft und für die Tugend und habhaft der wahren Weisheit und einer höher» Kraft, durch welche die Seele über alle Reize des Lasters sie« gct, nnd das Bild Gottes in sich hcrvorlcuchten läßt. ( Siche Stadt Gottes 22. B. Kap. 24 .) Was aber das Gemüth wahrnimmt und die Vernunft durchschauet, sind die Manifestationen der übersinnlichen Welt, die Einwirkungen Gottes, die nicht, wie die der äußern Welt, körperlicher, sondern ihrer Wesen« heit conform, geistiger Art sind. Das Etwas also, welches vermittels des Gemüthcö und der Vernunft in die Seele kommt, heißt Geist, ( Spiritus). Dieser ist der stete Anhauch Gottes, durch den die Seele zu einer lebendigen Seele wird, und zum Besitze der Weisheit und znm Genüsse der wahren Seligkeit gelanget. Ohne diesen Geist verliert die Seele ihr höheres Leben, Gemüth nnd Vernunft schwinden, nnd cS tritt der Zustand des menschlichen Lebens ein, den man mit dem Worte: Geistlosigkeit, auch Scelcntod, zu bezeichnen pflegt. Der- Grad der Vollkommenheit, oder Unvollkommenheit des Men- 16 schcn wird durch seine jedesmalige Theilnahme am Geiste/ also durch G e m ü t h und Vernnn ft bestimmt. (Siehe Stadt GottcS 23 . B. Kap. 2-l.) DaS Erzcugniß des Geistes in der menschlichen Seele ist verschieden in der Vernunft/ im Eemüth/ im Willen; in der Vernunft ist eS die unmittelbare E r ke n ntniß; nach neuerer Schnlsprache die intcl- lcctuelle Anschauung (InwIIigemio) ; iin G c m ü- the/ die Gewalt/ die Macht des hühern Lebens'/ der LebenSmnth (^illmue); in dem Willen die entschiedene Richtung zum Guten/ die Tugend (virtus). Die Intelligenz ist die Seele im Zustand jeder wahren Vernunfterkenntniß/ in der nicht das Wandelbare/ sondern das schlechthin Unwandelbare der Dinge unmittelbar geschaut / und von solch einer Anschauung aus das Seyn und die Bestimmung der Wandelbarkeit begriffen wird. In der Intelligenz ist die wahre Wissenschaft und die Weisheit begründet. Der höhere Lebens muth (-mimus) ist die Seele im Zustand dcS in ihr wahrgcnommencn Geistes'/ durch den sie einzig allen feindlichen Mächten steh überlegen/ und somit als' Siegerin über das Böse unter allen Gestalten sich fühlt. Als eine solche über alle Reize zum Bösen siegende Kraft der Seele / d. i. als eigentlicher Lebens'muth/ auf den in der Seele sehenden und wirkenden Geist gegründet/ wird daS/ was mit dem 17 Worte »iiimus bezeichnet wirb/ im 23. Kapitel des vierzehnten Buches von der Stadt Gottes und noch an mchrern andern Stellen geschildert. Tugend (virms) ist die Seele/ wenn durch den in ihr herrschenden Geist Gottes alles zu ihr Gehörige anhaltend von dem Wandelbaren und Eitlen der Dinge hinweg/ und ausschließlich auf das Unwandelbare und Ewige selbst/ d. i. auf Gott hin- gcrichtct wird/ und hingerichtct bleibet. Vernunft/ Gemüth und Willen sind Eigenschaften der menschlichen Seele/ durch welche ihre Verwandtschaft und Empfänglichkeit mit der übersinnlichen Welt; oder die ihr eigenthümliche göttliche Natur und Wesenheit sich ausspricht. DaS/ wodurch alle Einwirkung Gottes auf die menschliche Seele vermittelt wird/ oder vorgeht/ heißt Geist; die unmittelbaren Wirkungen des Geistes sind: das höhere Erkenne»/ die Intelligenz; das höhere Fühlen/ der Muth des Lebens'; das höhere Wollen, die Tugend. Weil aber dieselbe Seele in allen diesen Vermögen und Lebcnszuständen hervortritt/ wird pst ein Ausdruck für den andern gesetzt/ wenn nämlich das höhere Leben der Seele/ welches gerade bezeichnet werden soll, in irgend einer Beziehung vorzugsweise hcr- vortritt/ entweder mehr unter der Form des Erkcn- nens; oder des Fühlcns; oder des Wollen s. Daher kommt cs / daß die genannten Ausdrücke von Augu- 2 18 stinnS oft für dcn Ausdruck Seele (animns) gebraucht werden/ und auch noch in andern Bedeutungen genommen zu werden scheinen; um so mehr/ weil seine Werke in verschiedenen Perioden dcS Lebens und mit Rücksicht auf die herrschenden Systeme der Philosophie damaliger Zeit verfasset wurden. Indessen behalten sie in denjenigen Büchern/ in welchen Augustinus sich am vollständigsten und sich selbst ganz gleich ausgesprochen hat/ wie z. B. in seinem Hauptwerk von der Stadt Gottes/ dis oben angegebene Bedeutung; diese ist also gleichsam ihr bleibender und unverkennbarer Charakter. Erstes Buch, Evodiuö und Augustinus. I. Evod. Sage mir/ ob Gott nicht Urheber des UcbclS sey? Aug. Ich will e§ dir sage»/ wenn du mir erklärest/ von welcher Art der Ucbel du solches zu wissen verlangest. Denn gewöhnlich unterscheidet man zwcy Arten der Ucbel: Man redet nämlich vom Uebelthu»/ und vom Ucbelleidcn. Evod. Von bcyden Arten der Ucbel Wünschteich es zu wissen. Aug. Gott/ welcher/ wie du weißt/ oder wenigstens glaubest/ gut ist/ ja nicht anderst als gut seyn kann/ thut unmöglich Ucbel: Gott aber/ dessen Gerechtigkeit / ohne Ihn zu lästern / wir nicht läugnen könne»/ bestrafet die Bösen/ wie er belohnt die Guten; die Strafen der Bösen aber sind für die/ welche sic leide»/ Ucbel. Da wir nun nicht umhin können / zu glauben/ jeder Böse leide keine andern/ als gerechte Strafen/ zumal das ganze Weltall unter Gottes Leitung steht/ ist cs gewiß/ daß Gott / zwar Urheber dieser zwcy- tcn/ aber auf keine Weise Urheber jener ersten Art der 20 Ucbcl scy. Evod. ES gicl't also einen anderen Urheber jener Art Nebel/ deren Urheber Gott offenbar nicht seyu kann? An g. Allerdings; denn einen Urheber müssen sie haben. Allein die Frage/ wer dieser Urheber sey/ kann nicht beantwortet werden: denn nicht dieser/ oder jener/ sondern jeder ist selbst Urheber seiner eigenen Nebel- thatcn. Solltest du daran zweifeln / so erinnere dich an daS/ was wir so eben sagten: daß nämlich die Uebeltha- tcn von der Gerechtigkeit Gottes gestraft werden. Niemals könnte Gottes Gerechtigkeit sie strafen / wenn sie nicht mit frcyem Willen geschehen wären. Evod. Ich weiß nicht/ ob Jemand Ucbcl thun könne/ ohne solches früher gelernt zu haben. Falls Keiner cS kan»/ wünschte ich denjenigen zu kennen/ von welchem wir Ucbclthun gelernt haben. Ang. Glaubst du/ die Bildung/ durch welche alles wahre Lernen bedingt wird/ sey etwas Gutes? Evod. Wer dürfte sic ein Ucbcl heißen? Aug. Aber wie/ wenn sie weder ein Gut/ noch ein Ucbcl ist? Evod. Ich halte sie für ein Gut. Aug. Mit Recht; indem durch sie Wissenschaft/ oder dazu wenigstens' Anregung und Anleitung / gegeben wird / und ohne Bildung Nichts gelernt werden kann: oder bist du anderer Meinung? Evod. Ich bin der Meinung/ daß durch Bildung nur Gutes gelernt werde. Aug. Sieh'also/das Ucbcl wird nicht angebildet: also auch nicht gelernt; denn die Bildung hat ihren Namen ja nur vom Bilden. Evod. Wie kann also ein Mensch Uebel thun/ ohne dazu gebildet zu 21 zu werden? Ang. Dadurch vielleicht/ daß er von der Bildung sich abwendct und entfernet; doch/ wie dem immer scyn möge/ so viel ist gewiß/ das Nebel kann unmöglich angebildet'werden/ weil die Bildung gut/ zumal ihr Namen nur vom Bilden abgeleitet ist: denn in der Bildung ist ja enthalten/ was immerhin ungebildet wird; wenn aber BöseS in ihr enthalten wäre/ könnte die Bildung nicht gut seyn: sie ist aber gut/ wie du selbst ciligestchst; das Nebel kann somit nicht ungebildet werden/ und umsonst suchen wir denjenigen/ von welchem Uebelthun ungebildet/ oder gelehrt würde; falls wir in Hinsicht auf Nebel etwas lernen/ so ist eS die Kunst/ Nebel zu vermeiden/ nicht aber Nebel zu thun: daher kann Nebel thun nichts anderes heiße»/ als von der wahren Bildung sich wegwendcn. Evod. Ich glaube doch/ daß cs zwey Arten der Bildungen gebe/ eine wahre Bildung/ durch welche wir Gutes thun; eine Verbildung/ durch welche wir Ncbclthun lernen. Allein/ weil du fragtest/ ob die Bildung ein Gut sey/ hat die Liebe zum Guten meine Aufmerksamkeit dergestalt in Anspruch genommen/ daß ich nur auf jene Art der Bildung hinschaute/ durch welche wir Gutes thun lernen/ und dcß- wegen zur Antwort gab/ die Bildung scy ein Gut; nun aber geht mir ein Licht auf/ es gebe noch eine andere Art der Bildung/ eine Verbildung/ welche ohne Zweifel «in Nebel ist / und den Urheber dieser Art Bildung / oder der Verbildung wünsche ich zu kennen. Aug. D« hältst doch das Verstehen für etwas schlechthin Gutes? Evod. Ja/ und zwar für das vortrcflichste unter allen Gütern des Mensche»/ ein Gut/ welches in keinem Falle ein Nebel genannt werden kann. Aug. Wie aber / hältst du dafür/ eS habe Jemand gelernt/ wenn er durch die Lehre nicht zum Verstehen gelangt ist? Evod. Durchaus nicht. Aug. Wenn aber jedes Verstehen ein Gut ist/ und wer nicht zum Verständniß kommt/ auch nicht lernet/ handelt offenbar jeder Lernende gut: denn wer immer lernet/ gelangt zum Verständniß/ und wer zum Verständniß gelangt/ thut gut; folglich ist die Frage/ wer Urheber des Gutesthu n sey/ im Grunde keine andere Frage/ als wer Urheber einer Lehre sey. Höre demnach auf/ nach dem Lehrer der Ucbcl zu fragen/ zumal Lehrer und Uebcl einander nothwcndig ausschliessen: denn wer böse ist/ ist/ als solcher/ nicht Lehrer/ und wer Lehrer ist/ ist/ als solcher/ nicht böse. II. Evod. Wohlan denn/ wenn ich doch zugeben muß/ daß wir Uebclthun nicht lernen/ woher dann unsere Ucbclthaten? Aug. Du wirfst eine Frage auf/ welche mich schon in früher Jugend sehr beunruhiget/ und/ nachdem sie lange mich geplagt und endlich ermüdet hatte/ zu den Häretikern mich Hintrieb/ und in ihre Jrrthümcr verstriktc. Dieses Schiksal hat mir so viele Leiden gebracht / und unter einen solchen Schutt nichtiger Wahnbilder wich gleichsam begrabe«/ daß/ wofern nicht Liebe zur Wahrheit den Beystand Gottes mir erworben hätte/ meine Seele sich nimmer erschwungen/ und im ursprünglichen Element freyer Untersuchung wieder auf- geathmet hätte*). Allein/ weil ich durch besondere Führungen vom beängstigenden Druck dieser Frage befreyt »urde/ will ich den nämlichen Weg mit dir nun ein- schlagen/ ans welchem ich zu dieser Befreyung gelangt bin. Gott wird uns gnädig scyN/ und das Verstehen *) Augustinus beschreibt seine Unruhe und Mühseligkeiten / seine Zweifel und Bedenklichkeiten dieser Angelegenheit wegen im siebente Buche seiner Bekenntnisse. Da ich bereits gefunden hatte/ schreibt er unter anderem / das Unverschrbare sey besser als das Vcrsehrbare/ strebte ich auch das Ucbrige noch zu finden. Weßhalb ich auch/ was immer Du/ o mein Gott/ seyn mochtest/ Dich als unvcrsehrbar bekannte. Denn nimmermehr vermochte eine Seele/ noch wird sie es auch je vermögen etwas zu erdenken/ das besser wäre als D«/ der Du das höchste und beste Gut bist. Da aber höchst wahr und höchst gewiß das Unverschrbare dem Versehrbaren vorzu- zichen ist / wie ich denn auch selbst es schon Worzog/ so konnten meine Gedanken allerdings etwas erreichen/ das besser war/ denn Du / mein Gott! wenn Du nicht unvcrsehrbar wärst. Wo ich also sah / das Unverschrbare sey dem Versehrbaren vorzuziehcn/ mußte ich auch dort Dich suche» / und von dorther wahrnehmen/ woher das Böse/ nämlich woher die Versehrbarkeit selbst komme/ die deine Substanz auf keine Weise treffen kann. Denn durchaus keine Versehrbarkeit kann unser» Gott treffen/durch 24 dessen uns verleihen , was wir itzt bloS glauben. Der Prophet hat uns den Weg vorgczcichnet, den wir wandeln müssen/ wenn wir besonnen zu Werke gehen wollen: keinen Wille»/ durch keine Nothwendigkeit, durch kein Ungefähr: weil Er Gott ist/ und weil/ was Er sich will/ gut ist / und er selbst dies Gute ist. Ver- dcrbniß aber ist kein Gut. Auch nicht wider deinen Willen wirst Du zu etwas gezwungen/ denn nicht größer ist dein Wille als deine Macht. Größer aber wäre er/ wenn Du selbst größer wärest als Du selbst; denn der Wille und die Macht Gottes ist Gott selbst. Und was ist Dir ein Ungefähr / der Du Alles weißt/ und keine Natur im Daseyn ist/ als weil Du sie kennest? Und was schwätzen wir auch so viel / daß die göttliche Substanz nicht verschrbar ist/ da sic, wäre sie dieß / nicht Gott wäre. Und ich forschte/ woher das Böse sei); und böse forschte ich / und sah das Böse nicht in meiner Forschung. Und ich stellte in die Gegenwart meines Geistes die ganze Schöpfung/ was immer wir darin sehen können/ als Erde und Meer und Luft mid Gestirne und Bäume / und sterbliche Thicre/ so wie auch was wir nicht darin sehen können/ als das Firmament des Himmels / überdieß alle Engel und geistige Wesen desselben; — aber auch diese/ als wären sic Körper/ ordnete und stellte meine Einbildungskraft nach Räumen; und ich bildete aus deiner Schöpfung eine ungeheure Masse, gesondert je nach den verschiedenen Kürperarteu; mochten es wirkliche Körper seyn, oder solche, wie ich den Geistern sic andichtcte. Und ich bildete sie sehr groß, nicht wie sie war (was ich nicht wissen konnte), sondern so groß ich wollte, rings jedoch bcgränzt; Dich aber, o Herr! von allen Seiten sie umgebend 25 Wenn ihr nicht glaubet/ könnet ihr nicht zur Einsicht gelangen. (Jsai. 7/ 9.) Wir glauben nun/ daß alle Dinge aus Gott ihren Ursprung haben/ aber daß gleichwohl Gott auf keine Weise Urheber der Ucbel sey. Indessen stoßt die Schwierigkeit auf/ ob nicht dadurch Gott dennoch endlich einigermaßen als Urheber des UebclS erscheine / weil die Seelen/ aus welchen das Ucbel entspringt/ ihn zum Urheber haben. Evod. Du hast so eben sehr deutlich ausgesprochen/ was in meinem Nachdenken mich sehr oft beunruhigt/ nnd was gerade zu dieser Untersuchung mich genöthiget und hingeleitet hat. Aug. Gey guten Muthes/ wir sind im Glauben einig/ und eS giebt wirklich nichts besseres/ als diesen Glaube»/ gesetzt auch/ daß wir zum Wissen dessen, woran wir glauben/ niemals gelangen können. Denn zuverlässigster Anfang wahrer Frömmigkeit ist bestmöglichste Meinung von Gott: die beste Meinung aber von Gott hat offenbar derjenige/ welcher glaubt/ daß er allmächtig und in keiner Hinsicht wandelbar; daß er Urheber alles Gu- uud durchdringend; unendlich jedoch von allen Seiten : wie wenn überall nnd durch unermeßliche Räume nichts als ein unendliches Meer wäre / und es enthielt dieß Meer einen Schwamm in sich/ der/ wie groß auch / dennoch endlich wäre; voll allerdings wäre von allen Seiten dieser Schwamm deS unendlichen Meeres: also dacht' ich mir Deine endliche Schöpfung von Dir dem Unendlichen erfüllt. Silbcrts N «Versetzung. reu, aber selbst vortrefflicher/ als alle Güter; daß er der gerechteste Regent aller Dinge scy/ welche er/ ohne dazu/ als wäre nicht Kraft genug in ihm selbst/ der Hilfe eines andern Wesens zu bedürfen / hcrvorgcbracht hat. Dieser Ueberzeugung zufolge hat Gott Alles aus Nichts geschaffen; aus sich aber hat er/ nicht geschaffen/ sondern gezeugt/ ein ihm gleiches Wesen / seinen eingcbornen Sohn/ den wir/ um seine Eigenschaften anschaulicher zu bezeichnen/ die Kraft und die Weisheit Gottes nennen/ eine Kraft und eine Weisheit/ durch welche Gott alle Dinge/ die er aus Nichts erschaffen hat/ hervorbrachtc. Nach diesen Voraussetzungen wollen wir nun mit Gottes Beystand dem Verständnisse der Dinge/ welche du zu erkennen verlangst/ auf folgende Weise entgegcnstreben. III. Deine Frage lautet: woher unsere Uebelthaten? Bevor sie aber beantwortet werden kann / müssen wir untersuche»/ was im allgemeinen Uebclthat sey? Sage mir demnach / was du hierüber für eine Meinung habest; oder/ falls du dieselbe nicht in wenigen Worten auSdrü- cken kannst'/ so nenne nur ein/ oder die andere Uebclthat/ um dadurch deine Gedanken mir anzudeuten. Evod. Uebelthaten/ um die vielen andern/ aus Abgang der Zeit sowohl/ als des Gedächtnisses'/ nicht zu nenne»/ Uebelthaten sind ohne Widerrede Ehebrüche/ Tod- 27 schlage und Frevel gegen das Heilige. Aug. Sage vorerst/ warum du den Ehebruch für eine .Uebethat haltest: etwa/ weil ihn das Gesetz verbiethet? Evod. Nein; nicht deßwcgcn ist der Ehebruch ein Uebcl / weil ihn das Gesetz verbiethet/ sondern da§ Gesetz verbiethet ihn/ weil er ein Ucbel ist. Aug. Aber wie/ wenn Jemand in dieser Ueberzcugung uns stören wollte/ durch Vergrößerung der mit dem Ehebruch verbundenen Lüste/ und etwa durch die Frage/ warum wir den Ehebruch für so böse und verwerflich halten/ müßten wir dann/ falls wir in dieser Sache nicht blos glauben/ sondern auch zur Einsicht und zum Vcrständniß gelangen wollte»/ bloS auf das Gesetz uns berufen? Auch ich glaube/ wie d»/ und ich glaube mit unerschütterlicher Festigkeit/ und wünsche die Pflicht dieses Glaubens allen Völkern und Nationen zu verkünde»/ des Glaubens nämlich/ daß der Ehebruch ein Uebel sey. Allein gegenwärtig ist unsere Aufgabe/ zum Verständniß zu bringen/ und wissenschaftlich zu begreifen/ was wir früher blos als Gegenstand des Glaubens erkannt haben. Darum überlege die Sache mit möglichster Anstrengung / und sage mir dann/ auf welchem Grunde deine Erkenntnis von der Verwerflichkeit und Schlechtigkeit des Ehebruches beruhe. Evod. Ich weiß/ daß der Ehebruch ein Uebcl ist / weil ich denselben an meiner eigenen Frau durchaus nicht leiden würbe. Böse aber handelt offenbar/ wer einem ander» zufügt/ was er selbst 28 nicht leiden möchte. Ang. Aber wie/ wenn jemand daran Lust Hütte/ seine Frau einem andern preiSzugebcn/ und eS gern sehe/ wenn sie von ihm geschändet würde/ weil er hiedurch ein gegenseitiges Recht auf die Frau dieses Andern zu erhalten wünschte / würde dann in diesem Falle der Ehebruch aufhörcn ein Nebel zu seyn? Evod. Keineswegs; eines der größten Uebel würde er seyn. Ang. Aber/ nicht nach deinem ausgestellten Grundsätze: denn eS geschähe ja nur/ wa-S der Thäter/ sich selbst zu thun einem andern gestatten würde. Du mußt folglich einen andern Grund aufsuchen/ aus dem cin- leuchtet/ warum der Ehebruch ein Uebel scy. Evod. Ich halte ihn dcßwcgcn für ein Uebel/ weil ich ofr sah/ daß Menschen dieses Verbrechens wegen verurthcilt worden sind. Ang. Aber sind noch niemals Menschen guter Thaten wegen verurthcilt worden? Durchgehe doch/ um andere Bücher nicht zu nennen/ die heilige Schrift/ welche göttliches Ansehen hat/ und sage/ was für eine Meinung / falls uns die Todesstrafe sicherer Beweis ei- ncr Uebelthat wäre / wir von den Aposteln und allen Märtyrern haben müßten / zumal ja alle ihres Bekenntnisses wegen diese verdient zu haben / erachtet worden sind. Wenn demnach/ was immerhin vcrnrtheilt iwird/ eine Uebelthat ist/ so mußte in damaliger Zeit eS auch eine Uebelthat gewesen seyn/ an Christum zu glauben/ und diesen seinen Glauben zu bekennen. Wenn aber nicht alles Uebelthat ist/ wa§ vcrurtheilt wird / so mußt 29 du wieder einen andern Grund suchen / aus welchem hcr- vorgcht/ der Ehebruch se» ein Nebel. Evod. Ich weiß nicht / was ich hierauf sagen soll. Au g. Vielleicht ist die Lust im Ehebruch das Nebel; allein dann wirst du wieder iu die Enge getrieben/ wenn du das Nebel nicht der Ge-- sinnung / sondern der sich t b arc n Th at haben willst. Denn falls die Lust das eigentliche Böse des Ehebruches ist / so ist derjenige / der nach einem fremden Weibe lüstern ist/ ohne in der That selbst mit demselben verbotenen Umgang pflegen zu können/ nicht weniger schuldig/ als ein anderer/ welcher bey der wirklichen That des Ehebruches ergriffen wird/ zumal jener den Ehebruch ja auch begehen würde/ wofern dazu nur immer er Gelegenheit fände. Evod. Das ist durchaus einleuchtend/ und eS bedarf keiner längern Untersuchung / um derselben Ucberzcugnng zu werden / auch in Hinsicht auf den Todschlag/ den Frevel gegen das Heilige/ und gar alle Laster: denn es liegt zu offen vor Augen/ wie bey allem und jedem Bösen die Lust vorherrschend sey. IV. Aug. Du weißt doch/ daß man diese Lust auch Begierlichkeit heißt? Evod. Ja. Au g. Ist zwischen der Begierlichkeit/ und der Furcht irgend ein Unterschied/ oder ist keiner? Evod. Ja wohl/ ein sehr großer Unterschied/ wie ich glaube. Aug. Vermutlich / weil mit der Begierlichkeit Verlangen/ mit der Furcht aber 30 Ab scheu verbunden ist? Evod. Wirklich dcßwcgcn. Aug. Wenn also Jemand, nicht aus Begierlichkeit nach irgend einer Sache, sondern einzig aus Furcht vor irgend einem künftigen Nebel, einen Menschen tödct, ist ein solcher denn nicht Mörder? Evod. Allerdings ist er Mörder; allein auch diese Handlung entspringt aus vorherrschender Begierlichkeit, zumal, wer aus bloßer Furcht einen Menschen tödet, deßwegen ihn tödet, um ohne Furcht leben zu können. Aug. Scheint dir ein Leben ohne Furcht ein unbedeutendes Gut? Evod. Im Gcgcnthcil, ein großes'; aber der Mörder erhält dieses auf keine Weise, vermittels seines Mordes. Aug. Ich frage nicht, was der Mörder erhalte, sondern was er zu erhalten wünsche: denn offenbar wünscht etwas Gutes, wer ein furchtloses Leben wünscht, und die Begierlichkeit solcher Art ist schuldlos, oder wir fehlen alle, indem wir nach dem Guten verlangen. Wir müssen also bekennen, entweder es gebe einen Mord, der nicht aus vorherrschender Begierlichkeit entspringt; dann aber ist die Behauptung falsch; das Böse aller Laster bestehe nur in vorherrschender Begierlichkeit: oder es gebe eine Art des Mordes, welche nicht nothwcndig böse sey: Morden heißt nämlich einen. Menschen tödcn; nun aber gicbt es Fälle, wo ein Mensch ohne Verschuldung getödet werden kann; denn es versündiget sich weder der Soldat, der den Feind, noch der Richter und sein Stellvertreter, wenn sie den des Todes Schuldigen, noch auch , wer gegen seinen Willen etwa durch einen unvorgeschcncn Schuß/ irgend einen Menschen tödct. Evod. Es ist wahr: aber alle diese werden nie Mörder genannt. Aug. Nun so sage mir/ ob derjenige/ welcher aus Furcht vor großen Leiden seinen Herren tödct, nicht unter die Zahl derjenigen gehöre/ welche mit Recht Mörder genannt werden? Evod. Es ist ein großer Unterschied zwischen einem solchen / und den früher genannten; denn jene früher Genannten handeln entweder nach den Gesehen/ oder wenigstens nicht gegen die Gesetze; dieser letztere aber handelt durchaus gesetzwidrig. Aug. Du berufst dich schon wieder auf eine Auktorität. Vergiß doch nicht/ daß gegenwärtig unsere Absicht scy, zum Verständniß dessen zu gelange»/ woran wir glauben; an die Gesetze aber glauben wir. Unsere Aufgabe ist demnach/ anschaulich zu erkennen, daß das Gesetz mit Recht eine solche Handlung strafe. Evod. Allerdings mit Recht, wofern es nur denjenigen straft/ welcher mit Wissen und Willen einen Herren tödct. Allein, keiner aus den Obigen thut ja solches. Aug. Du erinnerest dich doch früher gesagt zu haben, bey jeder bösen Handlung sey eine Lust vorherrschend, und gerade dieses Vorherrschen der Lust scy das eigentliche Böse an der Handlung? Evod. Allerdings. Aug. Wie nun? Hast du nicht auch cingestanden, wer nach einem furchtlosen Leben verlange, habe kein böses Verlangen? Evod. Auch dieses. 32 Aug. Wenn also eines solchen Verlangens wegen der Diener seinen Herrn tödet/ so ist der Grund solch eines Mordes ein schuldloses Verlangen; deßwcgcn sehen wir noch nicht ein / warum eine solche That böse sey; denn wir gicngcn ja von dem Grundsatz aus/ das Böse aller und jeder Uebclthat sey nichts anderes/ als die Lust/ d. i. / eine unstatthafte Begierlichkeit. Evod. Mir scheint wirklich/ ein solcher werde mit Unrecht verurtheilt. Indessen würde ich dieses nicht sage»/ wenn ich eine andere Antwort zu geben wußte. Aug. Hieltest du dich überzeugt/ ein so großes Laster sey nicht strafbar / bevor du überlegtest/ ob ein Diener dieser Art nicht etwa von der Furcht seines Herrn bcfreyt zu werden wünsche/ um ungebundener und ohne Furcht leben zu können? Denn nicht nur die guten/ sondern auch böse Menschen wünschen/ ohne Furcht leben zu können. Doch aber ist zwischen ihnen dieser Unterschied; die Guten wünschen dies'/ indem sie aufhörcn nach Dingen zu streben/ welche ohne Gefahr des Verlustes nie besessen werben; die Bösen aber gerade um solche Dinge ungestört gcniessen zu können; deßhalb trachten die bösen Menschen jedes Hinderniß solch eines Genusses zu entfernen/ und führen ein lasterhaftes und schändliches Leben/ ein Leben/ welches eigentlich Tod genannt werden sollte. Evod. Ich verstehe und freue mich endlich gar sehr der deutlichsten Einsicht/ worinn daS Böse der sträflichen Begierlichkeit bestehe/ welche Lust heißt. Offenbar ZZ in nichts anderem, als in heftigem Verlangen nach Dingen, welche jeder gegen seinen Willen verlieren kann. V. Nun so wollen wir, falls dir gefällig ist, auch untersuchen, ob selbst bey Entweihungen heiliger Dinge, denen sehr oft Aberglaube zu Grunde liegt, die Lust vorherrsche. Au g. Nur nicht zu voreilig; denn erst haben wir noch auszumachen, ob man den angreiffenden Feind, oder den nachstellenden Meuchelmörder, aus der Abstcht, um Leben, Freyhcit, oder Keuschheit zu retten, ohne Lust tödcn könne. Evod. Wie könnte ich glauben, man scy frcy von Lust, wo man für Dinge kämpfet, die wider Willen verloren gehen können; können sie aber das nicht, wozu, um sie zu schuhen, einen Menschen töden? Das Gesetz ist also ungerecht, welches, entweder einem Reisenden erlaubt, den Strassenräuber zu töden, auf daß er selbst nicht von ihm gctödct werde; oder einem Mann, oder einer Frau gestattet, den Nothzüchtiger beym ersten Angriffe schon, vor erlittener Schändung, auf was immer für eine Weise umzubringen; ja sogar dem Soldaten gcbicthet, den Feind zu tödcn, und zwar so, daß, wofern er ihn nicht tödten wollte, der Feldherr ihn deßhalb zur Strafe ziehen müßte. Oder sind solche Gesetze nicht ungerecht, ja vielmehr keine Gesetze? Denn Gesetz kann doch offenbar nicht scyn, was der Gerechtigkeit widerspricht. Aug. DaS Gesetz, welches irgend 3 einem Volke geringere Uebel erlaubt/ um größere zu verhüten/ kann gegen eine solche Beschuldigung gar wohl vcrthcidigct werden; denn cS ist viel weniger unmenschlich / wenn der/ welcher dem Leben eines andern nachstcllt/ gctödct wird/ als' wenn gctödet wird der/ welcher nur sein eigenes Leben schützet; viel unmenschlicher ist cS dagegen/ wenn Jemand Nothzüchtigung lei- den müßte/ als wenn der gewalttätige Nothzüchtigcr von dem/ welchen er gerade nothzüchtigcn wollte- gctv- dct wird. So ist auch der Soldat/ indem erden Feind tödet/ Vollzieher des Gesetzes/ und erfüllt deßhalb seine Pflicht- ohne von irgend einer Lust getrieben zu werden; ja selbst dem Gesetz/ welches zum Schutze eines Volkes' gegeben wird/ kann keine Lust zu Grunde liegen/ weil der / welcher das Gesetz gegeben/ wenn er anderst nach Gottes Willen/ oder wa§ eines ist- nach den Grundsätzen der ewigen Gerechtigkeit es gab / bcy der Aufstellung desselben von jeglicher Lust frei) war. Wenn aber auch der Gesetzgeber nicht ohne Lust ein Gesetz aufstellte/ folgte daraus nicht/ daß ein solches' Gesetz nur äuS Lust befolgt werden würde- zumal auch von einem schlechten Menschen ein gutes Gesetz gegeben werden kann. Wenn z. B. ein Despot- bestochen von dem - der Vorteile suchet- verbleichet/ eine Frau/ wenn auch nur zur Ehe- gegen ihre Einwilligung zu zwingen/ so ist eine solche Verordnung deßwegen - weil sie von einem ungerechten und bestochenen Manne kömmt, noch kein 35 schlechtes Gesetz. Mann kann also, auch ohne Antrieb der Lust, ei» Gesetz befolgen, welches, um Bürger zu schützen, die Gewalt des Feindes mit gleicher Gewalt zurückzudrängcn gcbiethct. Und dieses gilt von allen Beamten, welche nach Necht und Verfassung irgend einer Macht untergeordnet sind. Allein, wie jene Menschen deßwcgcn unschuldig bleiben, weil das Gesetz schuldlos ist, sehe ich nicht ein: denn das' Gesetz zwingt sic ja nicht zu töden, sondern stellt dieses ihrer Vollmacht anheim. ES hängt demnach von ihrem freycn Willen ab, ob sie einen Menschen töden wollen, oder nicht, bloS solcher Dinge wegen, welche sie gegen ihren Willen verlieren können, und die in ihren Augen niemals einen so großen Werth haben sollten. In Hinsicht auf das Leben könnte vielleicht ein, oder der andere zweifeln, ob eS nicht auf irgend eine Weise der Seele geraubt werde, wenn dieser Leib gctödet wird: allein, kann cS geraubt werden, so gehört cS unter die verächtlichen Sachen; wenn aber nicht, so ist, in Hinsicht auf dasselbe, keine Furcht zu haben. Was aber die Keuschheit bctrift, ist sie, weil eine Tugend, ohne Zweifel aufs innigste mit der Seele verbunden: es vermag sonach keine Gewalt eines NothzüchtigcrS sie zu rauben. Wa§ also immer der, welcher getödct wird, uns rauben wollte, liegt nicht ganz in unserer Macht, und ich sehe nicht ein, wie solche Dinge die Unsrigen genannt werden können. Dem zufolge tadle ich zwar nicht da- Z6 Gesetz, welches derlei Menschen zu töden gestattet, bc^ greiffe aber doch nicht, wie diejenigen entschuldiget werden können, welche sie töden. Evod. Lch bcgreiffs noch viel weniger, warum du Menschen entschuldigen willst, die durch gar kein Gesetz ang'eschnldigct werden. Aug. Durch keines der erscheinenden Gesetze vielleicht, welche nur von Menschen gegeben werden; ob aber nicht durch ein viel strengeres und viel tiefer liegendes Gesetz, weiß ich nicht, wenn anderst gar alle Dinge unter der Leitung der göttlichen Vorsicht stehen: oder wie können vor den Augen der göttlichen Vorsicht diejenigen fehlerfrei) seyn, welche bloS solcher Dinge wegen, die man eigentlich verachten sollte, durch Menschcnmord sich beflecket haben? Evod. Mir scheint, daß jenes Gesetz, welches für die Regierung eines Volkes gegeben wird, mit Recht diese Dinge erlaube, und daß nicht weniger auch mit Recht die göttliche Vorsicht sie strafe. Denn das Gesetz eines Volkes bezieht sich nur auf solche Dinge, welche zur Erhaltung des Friedens unter rohen Menschen geeignet, und nur insoweit, als sie hiezu geeignet, und von menschlicher Macht abhängig sind. Für jene Verschuldungen aber giebt eS andere und angemeßnere Strafen, Strafen, von denen einzig die Weisheit befreyen kann. Aug. Diese Unterscheidung, obwohl mehr noch im Keime daliegend, als eigentlich durchgcführt, gefällt mir sehr wohl; denn sie iß nicht weniger zuverlässig in ihrer Grundlage, als 37 weitaussehend in ihren Folgen. Du hältst nämlich dafür, daß ein Gesetz, welches bloS zum Behuf einer weltlichen Regierung gegeben wird, vieles einräumcn und ungestraft lassen könne, was gleichwohl die göttliche Vorsicht strafe, und strafen müsse. Auch scheint dir, daß man mit Unrecht tadle, was das Gesetz thut, block dcßwegcn, weil dasselbe nicht gar alles thut. VI. Doch, wenn du willst, wollen wir näher untersuchen, in wie weit das Gesetz, welches ganze Völker auf dieser Welt in Schranken hält, böse Handlungen strafen müsse: endlich auch, wie noch viel gewisser, und zwar auf verborgene Weise die Strafe der göttlichen Vorsicht ein- trettc. Evod. Gar gern, wenn wir nur in dieser so wichtigen Sache zum Ziele kommen können; denn mir scheint dieses eine unendliche Aufgabe. Aug. Fasse nur Mnth, und strebe mit frommem Sinne auf dem Wege der Wissenschaft, den wir betreten haben , vorwärts. Auch das Dunkelste wird durch Gottes Hilfe lichtheü, und das schwierigste Geschäft geht unter EotteS Leitung mit ungewöhnlicher Leichtigkeit von Statten. Deßhalb laßt uns nicht ohne Aufblick zu Gott, und nur unter Anrufung seines Vcystandcs die angehobcne Untersuchung fortsctzcn. Sage mir aber vorerst, ob das geschriebene Gesetz den Menschen in Hinsicht auf dieses irrdische Leben fromme? Evod. Offenbar; denn aus Menschen, 33 die ein irrdischcS Leben führen/ bestehen ja Völker lind Staaten. Aug. Wie aber? gehören Menschen und Völker zn jenen Dingen / welche über Zerstörung und jeden Wandel erhaben und ewig/ oder zn solchen/ welche veränderlich und der Wandelbarkeit der Zeit unterworfen sind? Evod. Wer könnte zweifeln/ ob durchaus veränderlich/ und dem Wandel der Zeit unterworfen scy — das ganze menschliche Geschlecht? Aug. Wenn nun ein Volk wohlgesittet/ ernsthaft/ und dergestalt auf da-S gemeinsame Wohl bedacht ist/ daß jeder Einzelne den allgemeinen Nutzen eigenem Privatwohl verziehet/ soll ein solches Volk gesetzlich die Befugniß haben / die Negierung / durch welche die öffentliche» Angelegenheiten geschlichtet werde»/ selbst zu wählen? Evod, Durchaus. Aug, Wenn aber dieses Volk sich allmählig verschlimmert; wenn cS den Privatnutzcn dem öffentlichen Wohle vorzicht; wenn cS seine Stimme verkauft/ und dem Meistbiethenden aus denen/ welche nach Aemtern lüstern sind/ also schlechten und lasterhaften Mensche» / die Negierung überträgt/ dürfte in diesem Falle ein rechtschaffener Mann/ welcher gerade unter einem solchen Volke noch lebet/ seinen mächtigen Einfluß nicht dahin verwende»/ diesem so auSgeartetcn Volke das Recht/ öffentliche Acmter nach Belieben zu vergebe»/ wegzunehmen / und dasselbe ans die frcye Wahl weniger Guten/ oder auch eines Einzigen Gtttenzu beschränken? Evod. Auch dieses. A u g. Da NIM von zwcy Gesetzen die Rede ist / die einander oft zu widersprechen scheine!!/ indem das eine dem Volke die Vollmacht gicbt/ öffentliche Remter nach Belieben zu besetzen; das andere aber diese Vollmacht mitunter ihm nimmt/ und auf eine Weise geltend gemacht wird/ daß jenes crstere in demselben Staate unmöglich neben ihm bestehen kann; drängt sich wohk nicht die Fragens/ ob eines dieser Gesetze ungerecht sey/ und somit in keinen! Falle ausgestellt werden sollte? Evod. Durchaus nicht. Rüg. Wir wollen also dieses' Gesetz/ welches ohne Verletzung der Gerechtigkeit nach den Bedürfnissen der Zeit abgeändert werden kann / das zeitliche Gesetz heißen. E vo d. Gut. Aug. Wie aber? muff jenes Gesetz/ welches' unmittelbar aus der Vernunft hervorgchk/ und somit zu jeder Zeit beobachtet werden soll; das Gesetz/ von welchem das Unheil des Bösen nicht weniger/ als das wahre Wohl des guten Menschen bestimmt wird; das Gesetz endlich/ welchem gemäß das früher genannt-/ zeitliche Gesetz gegeben/ und abgeändert werden muss/ um ein gerechtes Gesetz zu scyn/ nicht als ein u »wandelbares und ewig e S anerkannt und begriffen werden? Oder ist es möglich/ daß zu irgend einer Zeit der Gerechtigkeit nicht durchaus gemäß se» sowohl/ daß der böse Mensch unselig/ der gute aber selig werde;.wie auch nicht weniger/ daß ein bescheidenes und ernsthaftes Volk selbst seine Regierung wähle; dagegen aber ein ausgelassenes und liederliches dieses Rechtes verlustig werde? Evod. Das Ewige und Unwandelbare dieses Gesetzes leuchtet mir durch« ans ei». Aug. Auch wird dir einleuchten/ wie ich glaube / daß alles Gerechte und Ordnungsmäßige in jedem zeitlichen Gesetz aus dem ewigen Gesetze für jedesmalige Verhältnisse abgeleitet worden scy: denn/ wenn ein und dasselbe Volk zu einer Zeit mit Recht seine Aemtcr vcrgicbt, zu einer andern Zeit aber mit Unrecht / so ist diese Verschiedenheit in der Zeit keine beliebige/ sondern/ falls sie der Gerechtigkeit angemessen ist/ nach einer ewigen Idee unabänderlich festgesetzt / gemäß welcher ein gerechtes und ernsthaftes Volk stets; ein leichtsinniges dagegen niemals die öffentlichen Acmter vergeben soll: oder denkest du hierüber anderst? Evod. Durchaus nicht. Aug. Um so kurz/ als möglich/ die Idee des ewigen/ uns angcborncn Gesetzes zu erklären / gebe ich demselben diese Bestimmung: Das ewige Gesetz begründet die vollkommenste Ordnung aller Dinge. Sage/ ob du davon einen andern Begriff habest. Evod. Deine Erklärung ist wahr/ und also habe ich nichts dagegen einzuwcndcn. Aug. Da cS also nur Ein ewiges Gesetz giebt/ nach welchem die zeitlichen Gesetze aller Regierungen unter den Menschen abgeändert werden sollen / muß dieses Eine Gesetz nicht nothwendig durchaus unabänderlich seyn? Evod. Die Nothwendigkcit einer solchen durchgängigen Unverändcrlichkcit sehe ich vollkommen ein; denn cS ist keine Macht/ kein Zufall/ keine Lage der Dinge gcdcnkbar / welcher wegen die vollkommenste Ordnung auch nur einigermaßen verletzt werden dürfte *). *) Neber daS Vcrhältniß des ewigen zum zeitlichen Gesetz/ über den Werth und die Bestimmung des Letzter»/ hat Augustinus bcy verschiedenen Anlässen/ vorzüglich in seinem Hauptwerke von der Stadt Gottes; anschaulicher jedoch und verständlicher nirgends/ als in folgender Stelle aus dem vierten Ca- pitcl. des dritten Buches seiner Bekenntnisse gesprochen. „Ich hatte keinen Begriff von der innerlichen/ wahren Gerechtigkeit/ die nicht nach Gewohnheit/ sondern nach dem höchst richtigen Gesetz des allmächtigen Gottes nrtheilt/ durch welches die Sittengebräuche der Länder und Zeiten für Länder und Zeiten geordnet werden; indeß dieß Gesetz überall und immerdar Eins und dasselbe/ nicht aber hier so und anderwärts anders ist; und nach welchem Gesetz Abraham / Isaak und Jakob / Moses und David und Alle / die daS Zeugniß erhielten aus Gottes Munde/ wiewohl sic von unwissenden Gottlosen als ungerecht bcurtheilt werden/ die nach menschlicher Art richten/ und alle äußerlichen Sittengebräuche des menschlichen Geschlechts nach der bcy ihnen eingeführten Sitte bemessen; gleich als wenn jemand/ der nicht weiß/ welche Bewaffnung jedem einzelnen Gltede des Körpers geziemt/ mit dem Beinharnische das Haupt sich decken / mit dem Helme dagegen sich beschuhen wollte/ und dabey murrte/ daß diese Waffenstückc sich nicht wohl anfügen; oder 42 VII. Nun so wollen wir sehen, worin die vollkommenste Ordnung im innersten Wesen des Menschen als wenn noch ungesagter nachmittägiger Kramladen- sperre jemand unwillig wäre, daß er dann nichts zum Verkaufe feil biethen dürfe, da cs doch im Vormittag erlaubt gewesen sei); oder als wenn ein Anderer, der da sähe, baß in einem Hause ein Knecht eine Handarbeit verrichtet, die man dem andern nicht zu thun gestattet, der die Gläser anSspühlt; oder daß etwas hinter dem Stalle geschieht , das man beym Tische nicht erlaubt, ärgerlich würde, Laß in einem und demselben Hause, und in einer Familie nicht Alle das Nämliche thun. Also sind diejenigen, die da unwillig werden, wenn sie hören, daß den Gerechten zener Jahrhunderte erlaubt war, was den Gerechten dieser Zeit nicht erlaubt ist; oder daß, je nach den Verhältnissen der Zeit, Gott diesen dieses, jenen jenes befahl, indem beyde der nämlichen Gerechtigkeit dienten; wenn sie ferner sxhen: wie in Einem Menschen, und an Einem Tage, und in Einem Hause Ließ dem einen, jenes dem andern Glicde zusicht; und wie etwas, das lange Zeit hindurch erlaubt war, nach einer Stunde vcrbothcn wird, und wie endlich dicß, oder jenes in einem Winkel zngelassen, oder befohlen wird, das man in einem andern mit Recht verbicthcn und bestrafen würde. Ist Gerechtigkeit je veränderlich, oder wandelbar? Nie; die Zeiten jedoch, welche sie lenkt, gehen nicht gleichen Schrittes, eben weil sie Zeiten sind. Da aber die Menschen, deren Leben nur kurze Zeit auf Erden dauert, cs nicht vermögen, mit ihrem Sinne die Verhältnisse früherer Jahrhunderte und bestehe; denn ans Menschen, welche durch ein Gesetz, das wir oben das zeitliche genannt haben, unter sich verbunden sind, besteht ja jedes Volk. Sage mir zu diesem Behufs, ob du eine ganz gewisse Erkenntnis; anderer Völker, die ihnen nicht aus Erfahrung kund sind, mit jenen, die sie kennen, zu vereinbaren; in Einem Körper hingegen, oder in Einem Tage, oder Hanse leicht sehen können, wa-S diesem, oder jenem Gliede, was jeder einzelnen Zeit, sowie jeder einzelnen Person angemessen ist, so sind jene ihnen anstößig, indeß sic diesen sich fugen. Dicß wußte ich damals nicht, und achtete nicht daranf, und überall schwebte mirS vor Augen, und ich sah c-S nicht. Dennoch sang ich Lieder, und unerlaubt war cS mir die Fsisse der Verse nach Willkühr zu stellen, sondern in jedem Versmaße mußten sic anders gestellt; ja selbst nicht in jedem Verse durfte überall der nämliche Versfuß angewandt werden. Gleichwohl war die Singkunst nicht hier so, dort anders, sondern alles zugleich faßte sic. Und ich sah nicht, wie die ewige Gerechtigkeit, welcher die guten und heiligen Menschen dienten, auf weit vortrefflichere und erhabenere Weise Alle» zugleich in sich faßt, was sie bestehlt, und daß sie in keinem Thcile sich ändert, und dennoch zu verschiedenen Zeiten, nicht alles zugleich, sondern jeder Zeit anordnet, verthcilt und bestehlt, was' ihr als eigcnthümlich zukommt. Und ich blinder tadelte die frommen Väter, die nicht nur die ihnen gegenwärtigen Zeiten und Gaben also anwendctcn, wie Gott eS ihnen befahl und eingab, sondern auch die Zukunft, wie Gott sie ihnen offenbarte, vorherverkündigten. Nach SilbertS Ucbersetzung. 44 von deinem Leben habest? Evod. Die allergewisscste, sage ich. Aug. Kannst du anch unterscheiden zwischen deinem Leben, und der Erkcnntniß deines Lebens? Evod. Ich weiß zwar, daß Niemand um sein Leben wissen könne, als ein wirklich Lebender; aber ob jeder wirklich Lebende seines Lebens sich bewußt sey, weiß ich nicht. Aug. Wie sehr wünschte ich, du wüßtest, was du glaubest, nämlich, daß die Thiere keine Vernunft haben: dann würde die gegenwärtige Untersuchung bald bcy ihrem Ziele seyn. Weil du aber vorgicbst, solches' nicht zu wissen, wird eine lange Untersuchung notwendig: denn wir können über diese Sache nicht hinwcggehcn, falls unsere Gedanken festen Zusammenhang und eine wissenschaftliche Haltung haben sollen. Darum antworte mir auf Folgendes: oft sehen wir, wie wilde Thiere von Menschen gcbändigct, und nicht nur der Leib, sondern selbst die Seele des ThicreS dem Menschen dergestalt unterwürfig werde, daß ans Neigung und Gewohnheit ein Thier dem Menschen dienet: sehen wir auch im Gegentheil, daß ein Thier, wenn auch durch die Stärke seines Körpers, oder durch die Schärfe seiner Sinne dasselbe noch so sehr ausgezeichnet wäre, den Menschen sich zu unterwerfen strebe? Selbst icnc Thiere nicht ausgenommen, welche entweder offen, oder heimlich den Körper des Menschen zu töden vermögen? Evod. Auf keine Weise. Aug. Wohl: aber wenn offenbar an Kräften und mancherlei- Funktionen ! des Körpers die meisten Thiere dem Menschen weit überlegen sind, was, sage mir doch, ist denn jenes ; Etwas, welches den Menschen dergestalt auszeichnet, daß gar kein Thier ihm; er aber gar allen Thiere» zu gcbicthen vermag? Ist cS vielleicht daS, was man ge- 's wohnlich Vernunft, oder Intelligenz heißt? Evod. Ich sindc nichts anderes, falls der Vorzug des 1 Menschen vor dem Thiere in der Seele liegt: wären s die Thiere seelenlos, so würde ich behaupten, daß un- ! scre Seele selbst dieser unser Vorzug scy. Da nun aber l auch die Thiere Seelen haben, muß gerade da§ in der i Seele, in dessen Ermanglung die Thiere uns unterworfen sind, jener Vorzug scyn, welcher über die Thiere ' uns erhebet, und da dieser offenbar weder etwas nichtiges, noch unbedeutendes seyn kann, wüßte ich keinen ' angemeßnern Ausdruck denselben zu bezeichnen, als V e r- nu nft. Au g. Sieh doch, wie leicht mit Gottes Hülfe i dasjenige wird, was sonst für die Menschen die größte ! Schwierigkeit hat! Ich selbst glaubte, ich will cS nicht verhehlen, die gegenwärtige Untersuchung, welche ich nun schon am Ziele sehe, werde uns so lange aufhalten, als alles das, was seit Anfang der ganzen Unterredung gesprochen worden ist. Fasse nun wohl, daß wir in der Folge alles auf die Vernunft zurückführen: denn i ich denke, cS se» dir nicht unbekannt, daß Wissen nichts anderes heiße, als durch Vernunft, oder vernünftig erkennen? Evod. Nichts anders. 46 Aug. Wer also weiß, daß erlebe, muß Vernunft haben? Evod. Ganz richtig. Ang. Die Thiere aber leben, und haben doch dem Vorigen zufolge keine Vernunft. E v o d. Augenscheinlich. Aug-Sieh also, wie du nun schon weißt, was du früher nicht zu wissen Vorgabe??, daß nämlich nicht jedes' lebende Wesen um sein Leben wisse, obwohl umgekehrt jedes Wesen, welches um sein Leben weiß, nothwcndig lebt. Evod. Wirklich weiß ich nun dieses'; schreite also vorwärts auf dem cingcschlagenen Wege; denn mir ist einleuchtend genug, daß etwas' anderes' sey, das' Leben, und etwas anderes, die Erkenntniß seines Lebens. Ang. Welches aus' diesen beiden scheint dir vortrefflicher? Evod. Warum nicht die Erkenntniß des Lebens' ? A u g. Scheint dir dann die Erkenntniß des Lebens vortrcfli- chcr zu scyn, als das Leben selbst? oder siehst du vielleicht ein, daß das Wissen de§ Lebens' nur ein höheres und reineres Leben sey, ein Leben, welches nur durch geistige AnschanuKg erfasset werden kann? Was ist aber die geistige Anschauung anderes, als ein hcllcrleuchtcndes und vollkommenes Licht vom Leben des Geistes? Du hast also, falls ich dich recht verstanden habe, nicht etwa eine Eigenschaft des Lebens dem Leben selbst, sondern ein besseres Leben dem weniger guten vorgeseht. Evod. Wirklich hast du meinen Gedanken > ganz durchschaut, und sehr gut erläutert: doch nur unter der Voraussetzung, daß die Wissenschaft kein Nebel scyn ^ könne. Nug. Niemals kann sie ein Ucbel seyn, glaube ich, falls nicht Lurch eine WortvcrwcchSlnng Erfahrung für Wissenschaft genommen wird: denn die Erfahrung ist nicht immer gut, zumal ja auch die Strafen Gegenstände der Erfahrung sind. Wie sollte aber die Wissenschaft, im eigentlichen und reinen Sinn des Wortes, welche unmittelbar aus der Vernunft und der geistigen Anschauung entspringt, ein Ucbel seyn können? Evod. Ich fasse auch diesen Unterschied; fahre weiter. VIII. Aug. Ich will eigentlich sagen: was immer jenes Etwas sey, welches den Menschen über die Thicre erhebet, heiße cs Gcmüth, oder Geist, oder, wie wir in den heiligen Schriften eS finden, bald Gemüth, bald Geist, wo dieses Etwas vorherrschet, und die übrigen Bcstandthcile des Menschen beherrschet, ist die vollkommenste Ordnung im Menschen. Denn wir haben augenscheinlich nicht nur mit den Thieren, sondern selbst mit den Gesträuchen und Pflanzen vieles gemeinschaftlich ; sich nähren, wachsen, zeugen, sich entwickeln, können auch die Pflanzen auf der niedersten Stufe des Lebens: das Gesicht und das Gehör, der Geruch, der Geschmack und der Sinn des GctasteS sind nicht weniger den Thieren eigen; die meisten Thicre haben sogar schärfere Sinne, als wir Menschen. Was' die Kräften, die Gesundheit / die Festigkeit der Glieder/ so wie auch die Schnelligkeit und Leichtigkeit der körperlichen Bewegungen anbclangt/ übertrcffen Wir einige aus den Thie- ren; andern sind wir gleich; von einigen aber werden wir iibcrtroffen. Im Allgemeinen jedoch stnd wir in Bezug auf solche Dinge den Thieren gleich. Auch das wildeste Thier verlangt zufolge seiner Lcbcnsthätigkcit nach der Lust des Körpers / und fliehet jegliche Unlust. Es gicbt andere Dinge/ welche den Thieren nicht eigcnthiimlich sind/ , aber auch im Menschen keineswegs den höchsten Grad der Vollkommenheit cinnchmen/ wie z. V. das Vermögen zu scherzen und zu lachen. Allerdings sind dieses Eigenschaften des Menschen / aber Eigenschaften der niedrigsten Art/ wie jeder gestehen wird/ welcher vom Wesen des Menschen die wahre Idee hat. So verhält es sich auch mit der Neigung nach Lob / mit der Ehr- liebc und Herrschsucht: obwohl diese bei) den Thieren nicht gefunden werden / sind wir doch weit entfernt zu glauben/ diese Fähigkeit/ an solchen Dingen Vergnügen zu finden/ gebe uns Vorzüge vor den Thieren/ zumal gerade diese Art der Vergnügungen cS ist/ ans welchen / wo sie der Vernunft nicht untergeordnet bleiben/ unser Elend entspringt. Wer sollte aber in der Quelle seines eigenen Elendes den Vorzug seines Wesens suchen? Wenn also/ und wofern diese Affekte der Seele von der Vernunft beherrscht werden/ ist, Ordnung im Menschen. Unmöglich aber kann wahre Ordnung / oder auch nur irgend eine Art von Ordnung Statt finden / wo die besseren Bestandtheilc eines Wesens den schlechter» dienstbar gemacht werden. Leuchtet dir die Sache so ein? Evod. Durchaus. A u g. Wen» die Vernunft also/ oder das Gemiith/ oder der Geist die vernunftlosen Bewegungen der Seele regiert; herrschet dasjenige im Menschen / was'/ nach jenem Gesetze/ welches wir früher als das Ewige erkennt haben/ herrschen soll. Evod. Ich verstehe dich und folge dem Gang deiner Gedanken. IX. Aug. Hältst du einen Menschen/ der eine solche Verfassung und Ordnung/ von der wir so eben geredet habe»/ in sich hat/ nicht für weise? Evod. Welchen könnte ich für weise halten/ wenn nicht einen solchen Menschen? Aug. Ich denke / dir werde eben so wenig entgehe» / wie die meisten Menschen nicht weise seyen? Evod. Eben so wenig. Aug. Auch wirst du einsehen/ wer nicht weise scy/ zumal derselbe dem Weise» / welchen wir so eben beschrieben haben/ entgegengesetzt ist? Evod. Wem sollte unbekannt seyN/ daß unwcise derjenige scy / in welchem das Gemüth nicht die höchste Gewalt hat? Aug. Wie aber / sagen wir von einem solchen Mensche» / er habe gar kein Gemüth/ oder sagen wir nur/ das Gemüth scy in ihm nicht vorherrschend? Evod. Eben dieses letztere wünsche ich von 4 50 dir z» vernehmen / nemlich/ ans welchen Gründen deine Nebcrzcngung beruhe, der Mensch könne Gemüth Huben, ohne daß selbes' sich vorherrschend zeige. Aug. Thne dabep nur daS Dcinigc; denn die Aufgabe ist nicht leicht. Ohne viele Mühe aber wirst du dich erinnern, daß, wie wir früher gezeigt haben, Thiere gezähmt und gcbändiget, den Menschen dienstbar werden, was bey Menschen in ihrem Verhältniß zu den Thicren auch Statte finden müßte, wofern nicht jene einen Vorzug vor diesen hätten. Diesen Vorzug fanden wir aber keineswegs' im Körper. Nachdem wir denselben endlich in der Seele gefunden hatten, wußten wir für ihn keinen schicklicher« Ausdruck als, Vernunft. Diese hießen wir später bald Gemüth, bald Geist. Wenn nun auch der Ausdruck, Vernunft, etwas anderes' besagt, als der Ausdruck, Gemüth, ist doch so viel gewiß, daß nur im Gemüthe Vcrnnnftgebrauch möglich sen. Demnach muß, wer Vernunft hat, nothwcndig auch Gemüth haben. Evod. Ich erinnere mich dessen, und begreife eS auch. An g. Wie aber ferner, glaubst du, eS könne nur ein Weiser Thiere bändigen? Unter einem Weisen verstehe ich einen Menschen, der in Wahrheit weise ist, weil er nemlich jede Lust der Herrschaft des Gemüthes durchaus untergeordnet, und hiedurch den wahren Frieden in sich hcrgcstellt hat. Evod. Es wäre lächerlich, die gewöhnlichen Bezähmer der Thiere, oder auch nur die Hirten, die Ochsentrei- 51 bcr und Fuhrmänner / welche alle das' Vieh bändigen, und sich dienstbar machen; deren Fleiß cs gelingt / sogar auch das Wild zu beherrschen / für Männer solcher Art anzusehcn. Aug. Du hast an diesen unwidcrsprechlich und einleuchtend den Beweis / wie ein Mensch Gemüth haben könne/ ohne daß sich dieses in ihm vorherrschend zeige. Alle diese haben ja Gemüth / weil sie handeln/ wie man ohne Gemüth unmöglich handeln kann; aber das Gemüth herrscht nicht in ihnen / weil sie nicht weise sind / und nur in weisen Menschen das Gemüth zu herrschen vermag. Evod. Sonderbar / daß mir vorhin die rechte Antwort nicht eingefallen ist/ obgleich wir schon früher dieses unter uns ausgemacht hatten. X. Doch setzen wir von da aus unsere Entwiklung fort. Wir sind bcyde überzeugt / daß in der Herrschaft des menschlichen Gemüthcs auch die menschliche Weisheit bestehe; daß aber auch das Gemüth im Menschen/ ohne zu herrschen/ vorhanden seyn könne. Aug. Hältst du dieses Gemüth / dem/ zufolge deS ewigen Gesetzes'/ die Oberherrschaft über alle Begierden gebühret/ etwa für weniger mächtig / als' die Lust der Begierlichkeit? Ich meinerseits durchaus nicht/ zumal es' der vollkommensten Ordnung unangemessen wäre/ wenn das weniger Mächtige das Mächtigere beherrschte. Ich halte im Gcgcntheil dafür/ daß das'Gemüth mächtiger seyn müße/ 52 als dic Begierlichkeit / und zwar schon deßwcgen / weil das Gemiith/ falls Tugend und Gerechtigkeit scyn sollen/ der Begierlichkeit gebiethcn muß. Evod. Auch ich bin dieser Meinung. Aug. Wie/ sollen wir Anstand nehmen / jeder Tugend vor jeglichem Laster diesen Vorzug einzuräumen/ indem wir behaupten/ die Tugend sey gerade um so kräftiger und unüberwindlicher/ als besserund erhabener sie ist? Evod. Wer könnte hier Anstand nehmen? Aug. Niemals wird demnach eine Seele/ in welcher das Laster herrscht/ eine Seele überwinden/ welche mit Tugend sich ausgerüstet hat? Evod. Gewiß niemals. Aug. Auch wirst du nicht längnen/ daß jede Seele besser und mächtiger sey/ als was immer für ein Körper? Evod. Keiner läugnct dieses'/ welcher einsscht / waS für ein Vorzug ein lebendes Wesen vor jedem leblosen / und ein Leben erthcilendeS Wesen vor demjenigen habe / welches das Leben bloS empfängt / was ohne viele Mühe von jedem cingesehen werden kann. Aug. Um so weniger wird also ein Körper/ wie er immer beschaffen scyn möge / eine Seele überwinde»/ die mit Tugend begäbet ist. Evod. Um so weniger/ ist ganz einleuchtend. Aug. Kann aber eine gerechte Seele/ welche das eigenthümliche Recht und die Oberherrschaft ihres Geistes schützet / eine andere Seele/ welche mit gleichem Recht und gleicher Tugend herrschet/ von ihrer Höhe hinabstürzcn/ und der Lust unterjochen? Evod. Durchaus nicht/ und zwar nicht bloS 53 -er in bcyden gleich vorhandenen Vortreflichkeit wegen nicht/ sondern auch deswegen nicht/ weil eine Seele/ welche eine andere in die Ungerechtigkeit und in's Laster Hinabstürzen will / zuerst selbst ungerecht und lasterhaft/ und gerade hiedurch schwächer/ als' die andere Seele/ geworden seyn muß. Aug. Deine Ansicht ist die wahre: noch ist aber die Frage von dir zu beantworte»/ ob eS etwas' vortrcflichercs geben könne/ als eine Seele mit Vernunft und Weisheit. Evod. Ich glaube nur Gott allein sey noch vortrcflichcr. Aug. Dieses ist auch meine Ucbcrzcugung. Indessen/ da dieser Gegenstand schwierig ist / und in der gegenwärtigen Untersuchung/ so unerschütterlich fest wir immer denselben glauben/ nicht wohl zu einer anschaulichen Erkenntniß gebracht werden kann/ müssen wir eine eigene Untersuchung ihm wid? men/ und nicht ohne Fleiß und Umsicht die Sache behandeln. XI. Gegenwärtig ist indessen schon so viel gewiß / daß kein Wesen/ wie cs sonst immer beschaffen seyn möge/ ungerecht seyn könne/ wofern es mit Recht über eine Seele sich erhebet/ die an Tugend stark ist. Deßwegcn wird ein solches Wesen / niemals eine Seele der Lust zu huldigen nöthigen / gesetzt auch / daß es solches vermöchte. Evod. Dieses wird Jeder ohne allen Anstand zugebcn. Aug. Da nun ein Wesen/ welches einer ve» 64 -»MM» niinftigen und tugendhaften Seele entweder gleich / oder überlegen ist / dieselbe nicht zur Sklavin der Lust macht/ eben weil es gerecht ist/ und da ferner jedes unter ihr stehende Wesen / solches zu thun / die Kraft nicht hat/ wie aus unserer früheren Unterredung genugsam einlcuchtet/ bleibt nichts mehr übrig/ was die menschliche Seele zur Begierlichkeit verleiten könnte/ als ihr eigener Wille/ d. i. die frcyc Willkür. Evod. DaS ist meiner Ucbcrzeugnng nach eine durchaus nothwcndigc Folge. Ang. Auch wirst du cinschcn/ daß ein solches Wesen mit Recht/ für eine so große Sünde/ gestrafct werde? Evod. Ich kann die Nothwcndigkeit solcher Strafe nicht läugncn. Au g. Wie aber? Schcint'S dir eine unbedeutende Straft/ wenn die Begierlichkeit vorherrschend wird/ und aller Schätze der Tugend eine Seele beraubet ? wenn arm und dürftig / wie eine solche Seele ist/ die Begierlichkeit bald da/ bald dorthin sie reißet/ bald Falsches für Wahres anzuerken- nen/ bald den Jrrthum zu vcrtheidigen ; bald zu widerrufen/ was sic früher verthcidigct hatte / und dennoch sich wieder in neue Jrrthümer zu stürzen / jezt unentschieden an sich zu halten / und mcistentheils der Überzeugungskraft der Beweise furchtsam auSzuweichen; jezt an Auffindung der Wahrheit ganz zu verzweifeln/ und die Finsternisse der Thorheit scstzuhaltcn sie nöthiget; dann wieder sich zu bemühe»/ in'S Licht der Erkenntniß vvr- zudringcn/ und bald ermattet zuruckzusinken sie zwinget; während dem die Macht der Leidenschaften tyrannisch wüthct/ und durch verschiedene und einander entgegengesetzte Stürme das innere und nutzere Leben des Menschen in Verwirrung bringet,; dort Furcht/ hier Sehnsucht; dort Augst/ hier eitle und grundlose Freude; dort Schmerz über den Verlust einer geliebten Sache/ die man besaß/ hier brennende Sehnsucht nach Dingen / welche man nie besaß; dort Betrübniß erlittener ttn- bild / hier die Flamme der Rachsucht erreget: während der Gei; — Befangenheit / die Verschwendung — Ausschweifung/ Ehrsucht — Kricchcrcy/ Stolz — Aufblähung/ Neid — innere Qual/ Trägheit — Tod/ Uebcr- muth — Erbitterung/ Unterjochung — Drangsal hcr- vorbringt/ und wie sie sonst noch heißen mögen/ die unzähligen Uebcl/ die häufig und wirksam sich einfin- dcn/ wo immer die Lust vorherrschet; sollte» / frage ich / wir wohl dieses alles'/ was' / wie du cinsichst/ jene / die mit der Weisheit nicht innigst verbündet bleiben / erdulden müssen / als Strafe anzucrkcnnen / irgend einen Anstand nehmen? Evod. Ich halte dieses für eine zwar große/ aber auch für eine eben so gerechte Strafe/ besonders für denjenigen / welcher freywillig von der t erhabenen Stätte der Weisheit hinunterstciget/ und ein Knecht der Begierde wird: allein / ob Jemand freywillig solches gethan habe / oder noch thuc/ weiß ich nicht. Wir glauben zwar/ der Mensch sey vollkommen von Gott erschaffen / und in ein seliges Leben eingesetzet 66 worden/ und daß von jener Höhe vollkommener Seligkeit in das Jammerthal des sterblichen Lebens vermittels eigenen Wollens er hinuntergcsunkcn sey: jedoch so unterschiitterlich fest mein Glauben in dieser Sache ist, habe ich gleichwohl noch keine anschauliche Erkenntnis davon / und deßhalb wäre mir sehr unlieb / wenn du nothwcndig fändest/ die ernstliche Untersuchung dieses Gegenstandes noch länger aufzuschiebcn, XII. Ein längerer Aufschub dieser Untersuchung wäre aber deswegen mir um so unlieber / als sehnlicher aus deinem Munde gerade itzt ich zu vernehmen wünsche / was gar sehr mir am Herzen liegt/ nämlich/ warum gerade wir/ die offenbar unwcise find / niemals Weise gewesen waren / und somit nicht als solche angesehen werden können / welche von der Höhe der Tugend fich hinuntergestürzt/ und fich freywillig der Begierlichkeit in den Dienst gegeben haben / gleichwohl so herbe Strafen erdulden müssen. Aug. Du! sprichst/ als wenn eS eine ausgemachte Sache wäre/ wir scyen niemals weise gewesen; du denkest vermuthlich nur an die Zeit dieses gegenwärtigen Lebens ? Allein die Weisheit ist ja in der Seele / und ob die Seele nicht / schon che fie mit diesem Körper vereiniget wurde / ein anderes / und zwar ein weises Leben geführt habe / ist eine große Frage, ein tiefes Gehcimniß/ welches seiner Ortes eine scharf- sinnige Untersuchung crfodcrt. Unterdessen können wir aber schon hier den gewünschten Aufschluß geben. In der Absicht / ihn zu geben/ frage ich / ob wir irgend einen Willen haben? Evod. Ich weiß eS nicht. Aug. Verlangst du cS aber zu wissen? Evod. Ich weiß auch das nicht. Ang. Frage mich also nicht ferner. Evod. Warum nicht? Aug. Erstlich/ weil ich auf deine Fragen nicht antworten darf/ zumal du ja nicht wissen willst/ was du fragest; zwcytens/ weil du nicht weise werden willst/ und somit eine Unterredung mit dir zwecklos scyn würde; drittens endlich/weil du laufgehört hast mein Freund zu scyn/ sobald du nimmer wünschest/ daß cS mir wohl gehe. Spüre jedoch nur in dir nach / ob du gar kein Verlangen nach einem seligen Leben habest? Evod. Ich bekenne/ wir haben unleugbar einen Willen; fahre also fort/ um zu sehen/ was daraus folgen werde. Ang. Ich will fortfahren: doch sage mir noch/ ob du / auch einen guten Willen habest/ und dessen dir bewußt seycst? Evod. Was ist guter Wille? Aug. Der Wille/ welcher gerecht und sittlich zu leben / und den höchsten Grade der Weisheit zu ersteigen verlangt: spüre also in dir nach/ ob du entweder nicht nach Gerechtigkeit / Sittlichkeit und Weisheit heftiges Verlangen hegest / oder solchen Verlangens ungeachtet / behaupten könnest/ eS gebe keinen Willen? Evod. Lch läugne weder das erste/ noch das zweytt/ und gebe also z»/ daß wir nicht nur einen 58 Willen, sondern daß wir anch einen guten Willen haben. Aug. Sage/ wie hoch achtest du den guten Willen? Können mit ihm Reichthümcr/ Ehren / oder Lüste des Leibes/ oder endlich alle diese Dinge zusammen in irgend einen Vergleich kommen ? Evod. Gott bewahre vor solch frevelhaftem Wahnsinn. Aug. Sollen wir uns nicht eines Gutes unserer Seele freuen / des guten Willens nämlich/ mit welchem verglichen alle oben genannten Güter durchaus verwerflich erscheinen/ Güter/ die zu erhalten der große Haufen der Mensche»/ doch so viele Mühen und Gefahren sich gefallen läßt? Evod. Im Gegcntheil; wahrhaft und recht sehr sollen wir un§ freuen. Aug. Wie aber/ ist der Verlust derjenigen nicht groß/ welche die Freude entbehren müssen/ die ein so großes Gut gewähret? Evod. Sehr groß. Ang. Es liegt als»/ wie du vcrmnthlich nun schon cinsichest/ einzig an unserem Wille / ob wir diese Freude gemessen/ oder eines so großen und wahrhaftigen Gutes verlustig werden wollen? Oder was hängt mehr von unser»! Willen ab/ als unser Wollen selbst? Hat aber Jemand einen guten Wille»/ so ist er schon hiedurch im Besitz desjenigen / was allen Herrlichkeiten dieser Welt / und gar allen Lüsten dcS Leibes weit voc- gezogeu zu werden verdient? Hat er aber keinen guten Willen / so entbehrt er schon aus diesem Grunde eines Gutes/ welches weit vortrcflichcr ist/ als gar alle Güter/ die nicht von unserer Macht abhangcn/ eines Gutes/ 59 welches allein der Wille vermittels eigenthümlichcr Kraft ihm geben könnte. Wenn demnach jeder / der Ehre, Rcichthümcr, und was immer für irdische Güter verlieret/sich sehr unglücklich fühlet/wie unglücklich muß erst derjenige dir erscheinen / der auch beym Ueber- fluß solcher Güter/ welche, wie sehr er ihnen anhangcn möge, so leicht vcrlohren gehen/ und nie nach seinem Wunsche erhalten werden können/ des guten Willens ermangelt/ der durch solche Güter nie erworben werden kann/ und dennoch / seines unendlichen Werthes ungc- , achtet/durch eigenes Wollen erworben wird? Evod. Sehr unglücklich. Aug. Also werden nach Recht und und Verdienst unwcise Menschen mit solchem Elend gestraft/ gesetzt auch / was bisher noch im Zweifel und in tiefer Dunkelheit liegt/ daß sie früher niemals weise gewesen sind. Evod. Ich bin ganz deiner Meinung. XIII. Aug. Ncbcrlcgc nun/ ob die Klugheit in etwas' anderem bestehe, als in der Kcnntniß der Dinge, die einerseits begehrt, anderseits verabscheut werden sollen? Evod.Hu nichts andcrm scheint sie mir zu bestehen. Aug. WaS denkst du von dem Starkmuthe? Ist er nicht jene. Eigenschaft der Seele, gemäß welcher sic über alle Unannehmlichkeiten und jeglichen Verlust der Dinge, die nicht in unserer Gewalt sind, mit Verachtung sich hinwegsctzt? Evod. Dafür halte ich ihn wirklich. Aug. Und die 60 Mäßigkeit ist ja eine Eigenschaft derselben , welche einerseits die Begierden beschränkt; anderseits aber von jenen Dingen sie abhält, welche nicht ohne Schande begehrt werden könnten? oder hältst,du sie für etwas anderes? Evod. Gar nicht; du sprichst meine eigene Uebcrzeu- gung aus. Aug. Und die Gerechtigkeit, sollen wir sie nicht eine Tugend nennen, welche Jedem das Scinigc gewährt? Evod. Ich habe von der Gerechtigkeit keinen andern, als diesen Begriff. Aug. Wer also einen guten Willen hat, von dessen Vortrcflichkeit wir nun schon lange sprechen, und wer diesen guten Willen als sein höchstes Gut mit Liebe umfasset; an demselben sich also ergötzet, ihn gcnicsset, und sich erfreuet, in der Anschauung und in der lebhaften Vergegenwärtigung seiner Größe, und indem er sich vorstcllt, wie er gegen sein Wollen ihm weder geraubt, noch entzogen werden rönne, der wird all demjenigen auch abgeneigt scyn, was nur immer diesem einzigen Gute entgegen seyn könnte. Oder meinst du nicht so? Evod. Nothwendig muß er allem diesem abgeneigt seyn. Aug. Ist nicht ein kluger Mensch, wer die Ucberzcugung hat, nach diesem Gute müsse man streben, vermeiden aber, was ihm entgegen ist? Evod. Nothwendig muß dieser ein kluger Mensch seyn. Aug. Recht; aber wollen wir ihn nicht auch einen Starkmüthigen nennen? Denn der kluge Mann kann ja offenbar jene Dinge, welche nicht von uns abhängen, weder lieben, noch hochschätzen, sondern muß den Neig- 61 ungcn zu ihm»/ die nur aus bösem Willen hervorge- hcii/ und mit seinem höchsten Gut oft so sehr im Widerspruch stnd / nothwendig widerstehen; solche Dinge aber nicht zu lieben / über ihren Verlust stch nicht zu betrüben/ und schlechtweg stc zu verachten/ ist/ wie wir früher gezeigt und anerkannt haben/ nur die Sache eines Starkmüthigen. Evod. Za wohl eines Starkmüthigen; denn ich sehe nicht ein / welchem dieser Name angemcß- ner wäre/ als demjenigen/ der mit Gleichmut- und Ruhe der Seele Dinge entbehret/ deren Erwerbung und deren Besitz nicht von uns abhängt/ was offenbar bcym klugen Manne der Fall ist. Aug. Untersuche aber auch, ob wir ihn ohne Mäßigkeit denken können/ wenn anderst diese eine Tugend ist/ welche die Begierden in Schranken hält? Oder was ist dem guten Willen feindseliger als die Begierlichkeit? Du stehst also wohl, daß wer nach einem guten Willen strebt/ der Begierlichkeit durchaus widerstehen/ und an derselben Mißfallen haben/ also nothwendig mäßig genannt werden müsse. Evod. Zch sehe es ganz ein / fahre nur fort. Aug. Wie endlich die Gerechtigkeit einen solchen Menschen mangeln könnte / begreife ich nicht; denn wer den guten Willen hat und liebet/ und allem widersteht/ was diesem widerstreitet / kann gegen keine Menschen übel gesinnt scyn; folglich auch Niemanden Unrecht thnn/ wird also jedem geben, was ihm gebührt, und somit in dem Sinne gerecht scyn, in welchem du oben mit mir die 62 Gerechtigkeit aufgcfaßt/ und begriffe» hast. Evod. Ja wohl; in lebhafter Vorstellung des' bisher Gesagten gestehe ich/ daß im Menschen/ der seinen guten Willen achtet und liebet/ alle vier Tugenden/ welche du früher mir so einleuchtend beschrieben hattest/ bcysamme» seyn müssen. Aug. Sollten wir aber nicht behaupten/ das' Leben eines solchen Menschen verdiene Lob? Evod. Durchaus'; alles' ermahnt und nöthiget ja dazu. Aug. Scheint dir aber nicht / daß man ein elendes Leben auf alle nur mögliche Weise fliehen soll? Evod. Ja wohl scheint mir dieses'/ und ich halte es' für eine wichtige Pflicht/ ja für eine Pflicht der Pflichten. Aug. Ein lobwürdigcS Leben dürfen wir aber nicht fliehen? Evod. Durchaus nicht; im Gegenthcil nach demselben sollen wir streben. Aug. Ein elendes Leben ist also nie ein lobwürdiges Leben? Evod. Dies ist eine nothwendige Folge. Aug. Nun wird doch/ wie ich vcrmuthe/ dir nichts mehr im Wege stehen/ mit mir zu behaupten/ ein Leben/ welches nicht elend ist/ sey ein seliges' Leben? Evod. Dieses'ist augenscheinlich. Aug. Du wirst also jeden Menschen / welcher seinen guten Willen liebt/ und in Vergleich mit demselben alle Güter verachtet/ deren Verlust/ auch wahrend unserm Bestreben sie festzuhalten/ eintrettcn kann/ selig preisen? Evod. Natürlich: in Folge des früher Angegebenen. Aug. Du verstehst mich; allein heißt seinen guten Willen lieben / und/ wie wir gesagt haben'/ hochachten/ etwas anderes/ als wirklich und wahrhaft gutwillig seyn? Evod. Nichts andrrcs. Aug. Wenn wir aber den Gutwilligen selig preise»/ müssen wir nicht nothwendig für unselig halte»/ wer böswillig ist? Evod. Durchaus nothwendig. Aug. Wie könnten wir noch länger zweifeln/ daß/ falls wir auch früher niemals weise gewesen find/ vermöge unserS Willens/ wie ein lobwürdigcS und seliges/ so auch ein schändliches und elendes Leben/ wir verdienen und führen können? Evod. Ich bekenne/ nun auf den Punkt gekommen zu seyn/ wo ich der Sache gewiß/ uud sie zu läugncn nimmer im Stande bin. Aug. Aber noch etwas anderes: denn ich glaube/ du werdest nicht vergessen haben / was wir guten Willen hießen/ nämlich das Verlange»/ nach einem gerechten und sittlichen Leben. Evod. Ich habe eS nicht vergessen. Aug. Wenn also der gute Willen mit gutem Willen gclicbct/ und fcstgehalten/ auch allen Gütern/ welche gegen unser» Willen verloren gehen können/ vorgczogcn wird/ müssen nothwendig jene früher aus der Vernunft entwickelten Tugenden einer gutwilligen Seele inncwohnen/ und als innewohnend/ das Wesen ihres gerechten und sittlichen Lebens seyn. Daraus gehet hervor/ wie/ wer immer ein gerechtes' und sittliches Leben führen will/ wofern dieses Wollen kräftiger ist/ als die Neigung nach hinfälligen Gütern/ ein so großes Gut mit einer so großen Leichtigkeit erhalte/ daß zum vollständigen Besitz desselben von ihm nichts weiteres gefodert werde/ als 64 sein eigcner Willc. Evod. Wahrlich / ich kann mich kaum des' lauten Jubels enthalten / eines so großen - und dennoch so leicht zu erhaltenden Gutes wegen/ welches unerwartet auf einmal mir in die Augen leuchtet. Au g. Gerade die aus der Theilnahme des' genannten Gutes entspringende Freude/ heißt/ wofern sie die Seele besänftiget/ beruhiget/ und immer mehr erhebet/ seliges Leben/ wenn du nicht etwa der Meinung bist/ dasselbe könne in etwas andcrm bestehe»/ als in ldcr Freude an wahre» und gewissen Gütern. Evod. Ich bin ganz deiner Meinung. XIV. Aug. Gut; aber wie? giebt cS wohl irgend einen Menschen / welcher nicht ein seliges' Leben in jeder Hinsicht wünscht und verlangt? Evod. Wer könnte an einem solchen Verlangen aller Menschen zweifeln? Aug. Warum erlangen dann nicht alle ein seliges Leben? Wir sagten nämlich/ und waren einstimmig/ Menschen können durch ihren freyen Willen des' seligen Lebens/ so wie auch des unseligen würdig werden/ und erhalten jedesmal das Lebe»/ dessen sie würdig sind. Nun aber zeigt sich/ ich weiß nicht/ was für ein Anstand/ der/ wenn er nicht sorgfältig erläutert würde/ unsere frühere / wenn auch noch so lebhafte und feste lleberzcugung/ stören und verwirren könnte. Oder wie? kann Jemand freywillig ein unseliges'Leben erdulden/ 65 wenn schlechterdings keiner unselig leben will; oder wie erhaltet ein Mensch freywillig ein seliges Lebe,,/ da Viele/ während dem Alle selig zu seyn wünschen/ im Elende sind? Kommt cS vielleicht daher / weil es ein anderes' ist/ GuteS/ oder BöscS/ wünschen/ und ein anderes'/ irgend etwas' durch einen guten/ oder bösen Willen/ verdienen? Denn diejenigen/ welche selig sind/ und als Selige auch gut seyn müssen/ sind nicht deßwcgen selig/ weil sie ein seliges Leben sich gewünscht habe»/ zumal ein solches auch böse Menschen sich wünschen/ sondern sind deßwcgen selig / weil sie ein rechtschaffenes Leben führen wolle» / was die Bösen gerade nicht wollen. Deßhalb ist sich nicht zu verwundern/ daß die elenden Menschen nicht/ wie sie wünsche» / ein seliges Leben erreichen. Denn sie wollen ja die Bedingung nicht/ auf welche einzig das selige Leben folgt/ und ohne welche Keiner desselben würdig ist/ auch Keiner cS jemals erhält; diese Bedingung ist: ein rechtschaffenes Leben. Denn zufolge jenes ewigen Gesetzes/ dessen Betrachtung wir hier wieder auf- nchmcn können/ ist es' unwandelbar festgesetzt/ daß im Willen das' Verdienst/ in der Seligkeit aber die Belohnung/ wie im Elend die Strafe liegen soll; daher heißt: die Menschen sind frcywillig elend/ nicht so viel; sie wollen elend seyN/ sondern nur/ sie habe» gerade einen Willen/ der auch gegen ihre Wünsche sic s 66 elend machen muß Dadurch wird der obige Ausland gehoben/ welcher darin bestund/ daß Alle selig leben *) Die Hindernisse des freycn Willens und die im Willen liegende Macht zur Hebung und Beseitigung derselben schildert so anschaulich! als sinnreich Augustinus im sechsten und siebenten Kapitel dcS achten Buches seiner Bekenntnisse. „Nicht in Schiffe» / sagt er/ kommt man zu zu Gott/ noch auch in Wage»/ noch auch zu Fuße. Nicht nur zu ihm hingchen/ sondern bcy ihm scyn/ ist nichts anders/ als gehen wollen/ aber ein kräftiges und vollständiges Wolle»/ nicht ein Wanken und Schwanken eines halb verkrüppelten Willens'/ worin ein Theil / der sich erhebt/ mit einem andern im Kampfe ist / der zu Boden sinkt. Kur;/ so mancherlei that ich während den brausenden Fluthen meiner Unentschlossenheit in meinem Körper/ wie je zuweilen Menschen/ die etwas mögen und cS nicht vermögen / entweder weil sie die erfodcrlichen Glieder nicht habe»/ oder weil diese durch Fesseln gebunden / oder vor Mattigkeit geschwächt/ oder auf was immer für eine Weise verhindert sind. Wenn ich in den Haaren wühlte / wenn ich mich an die Stirne schlug / oder mir krampfhaften Fingern mein Knie umfaßte/ so that ich daS/ weil ich es wollte. Ich konnte cS aber wolle»/ ohne eS thun zu können/ wenn dem Willen die Beweglichkeit der Glieder nicht gehorchte. So mancherlei also that ich/ worin Wollen und Können nicht Eins war; und ich that nicht/ was mit unvergleichbar größerem Verlangen mir wohlgcfiel/ und ich sogleich thun konnte/ wenn ich nur wollte/ weil ich cS offenbar wollte/ sobald ich es wollte. Denn hier war das Vermögen und der Wille einerlei / und Wollen schon 67 wollen; nicht Alle aber selig leben können: denn nicht Alle wollen rechtschaffen leben / und nur einem recht« Thun; und dennoch geschah es nicht. Leichter gc-> gehorchte der Körper dem leisesten Willen der Seele/ und lenkte auf ihren Wink die Glieder/ als die Seele stch selbst gehorchte/ ihren gewaltigen Willen durch bloßen Willen zu erfüllen. Woher diese Mißgeburt und warum? ES leuchte mir deine Erbarmung; und fragen will ich/ ob etwa das Dunkel menschlicher Strafen und der finstere Abgrund menschlicher Drangsale mir Antwort geben können. Woher also diese Mißgeburt und warum? ES gcbiethet der Geist dem Körper/ und sogleich ge« horcht dieser; cS gcbiethet der Geist stch selbst und findet Widerstand. ES gebiethct der Geist/ daß die Hand stch bewege; und so schnell gehorcht sie/ daß zwischen Befehl und Verrichtung kaum ein Unterschied bemerkbar ist/ und doch ist der Geist ein Geist/ die Hand aber ein Körper. ES gebiethct der Geist dem Geist zu wollen; und er ist es selbst / und kein anderer/ und thut es' dennoch nicht. Woher diese Mißgeburt und warum? Er gcbiethet/ sage ich/ daß er wolle/ der doch nicht gcbiethcn würde/ wenn er nicht wollte/ und dennoch geschieht nicht/ wa§ er befiehlt. — Aber nur halb will er; also nur halb befiehlt er. Den» nur in sofern befiehlt er / in wiefern er will/ und in sofern geschieht nicht / wa§ er befiehlt/ insofern er es nicht will. Denn der Wille gcbiethet/ daß er Wille sey/ und kein anderer/ sondern er selbst. Aber nicht in ganzer Fülle gcbiethet er; darum ist er auch nicht ganz/ was er gcbiethet. Denn wäre er ganz/ nicht befehlen würde er dann/ zu seyN/ weil er schon wäre. Keine Mißgeburt als» ist eS: zum Lhcil Wollen/ und zum Thcil Nichtwol- schaffenen Willen gebührt die Seligkeit: Oder hast du etwas' dagegen einzuwcndcn? Evod. Durchaus nichts'. XV. Laßt uns aber auch sehen / wie diese Behauptung zu der oben angehobenen Untersuchung der zwey Gesetze sich verhalte. Ang. Wir wollen sehen. Sag mir aber zuvor/ ob/ wer ein rechtschaffenes Leben liebt/ und an demselben sich so erfreut / daß er nicht bloS als ein sittliches/ sondern zugleich auch als ein freudenvolles und angenehmes Leben es anerkennt/ ob ein solcher nicht auch ein Gesetz liebe/ und für den theur- stcn Schatz seines Herzens' halte/ nach welchem dem guten Willen'stetS ein seliges'/ dem bösen aber ein unseliges Leben folgt? Evod. Durchaus und gar sehr wird er ein solches Gesetz lieben: denn sein Leben ist ja nur eine Verwirklichung dieses Gesetzes. Ang. Ist aber der Gegenstand dieser seiner Liebe ein wandelbarer und zeitlicher/ oder ist er ei» unwandelbarer / stets sich gleich bleibender und ein ewiger? Evod. Ewig fürwahr/ und unwandelbar ist dieser Gegenstand. Aug. Können aber len; sondern eine Krankheit der Seele/ weil sic gehoben von der Wahrheit/ und niedergedrückt von der Gewohnheit/ nicht ganz aufsteht. Und deßhalb sind zwey Willen / da deren Einer nicht ganz ist / und der Eine hat/ was dem Andern mangelt. " SilbertS Uc Versetzung. 69 diejenigen , welche in ihrem bösen Willen verharrend , selig werden wollen, ein Gesetz lieben, nach welchem für Menschen solcher Art nur Elend erfolgen kann? Evod. Ganz und gar nicht. Aug. Lieben sie aber etwas anderes ? Evod. Freylich sehr viele Dinge, und zwar solche, in deren Erwerbung und Behaltung ihr böser Wille sich zeiget. Aug. Du meinst vcrmuthlich, Reich- thnmer, Ehren, Wohllüste, körperliche Schönheit, und alle übrigen Güter, die man nicht nach Wunsch erwerben, wohl aber gegen Wunsch und Willen verlieren kann? Evod. Keine andern, als diese. Aug. Sind nun solche, dem Wandel der Zeit unterworfene Dinge, für ewige Güter zu halten? Evod. Welcher Thor könnte solcher Meinung scyn? Aug. Wenn cS demnach sonnenklar ist, daß einige Menschen ewige, andere aber zeitliche Dinge lieben, und wenn, wie wir gesehen haben, zwey Gesetze sind, ein ewiges und ein zeitliches, welche anS diesen Menschen sind der Billigkeit gemöß dem erster», welche aber dem zweytcn Gesetz unter- zuordncn? Evod. Die Antwort auf deine Frage liegt offen da: denn jene, welche aus innewohnender und natürlicher Liebe zu ewigen Dingen selig sind, stehen nur unter dem ewigen Gesetze; den Elenden aber muß auch das Zeitliche aufgelegt werden. Aug. Dein Urtheil ist richtig; nur aber mußt du die frühere, durch Vernunft einleuchtend erwiesene, Uebcrzcugung festhalten, daß solche, welche unter dem zeitlichen Gesetze stehen, deß- wegen nicht vom Ewigen frcy scycn: weil/ was immer gerecht ist / und nach dem Gesetz der Gerechtigkeit abgeändcrt wird/ Ausdruck des ewigen Gesetzes ist; dagegen aber Alle / welche vermittels guten Willens dem ewigen Gesetz gehorsam und ergeben sind/ offenbar des zeitliche» Gesetzes nicht mehr bedürfen. Evod. Ich begreife / was du sagest. Aug. Es bestehlt also das ewige Gesetz/ die Liebe bloß zeitlichen Dingen zu entziehen/ und gereinigct von jedem irrdischcn Bcyschlag/ auf ewige Dinge sie zu richten. Evod. Allerdings. Aug. Was anders gebiethet aber das zeitliche Gesetz/als daß Gegenstände/ welche einige Zeit unser Eigenthum seyn können/ falls sie die Neigungen der Menschen erregen/ nur unter der Bedingung besessen werden dürfen/ wofern Friede und Eintracht/ soweit in Rücksicht solcher Dinge sie möglich sind / nicht verletzet werden ? Dergleichen Gegenstände sind: erstens / der Leib / und die sogenannten Güter des LeibeS/ als: ungestörte Gesundheit/ Schärfe der Sinne / Kräfte»/ Schönheiten / und alle andern Dinge/ welche zu den nützlichen Künsten crfo- derlich sind/ und dcßhalb einen höher» Werth haben: eben so auch unbedeutendere Sachen: zweytcnS/ die Freiheit/ welche aber nur in den Seligen/ und dem ewigen Gesetze innigst Verbündeten eine wahrhaftige seyn kann. Hier reden wir aber nur von jener scheinbaren Freiheit / welche diejenigen zu haben wähnen / die unter keinem Obern stehen/ und nach welcher alle. 71 die von menschlicher Herrschaft frey gelassen zu werden wünschen/ lüstern sind: drittens/ Eltern/ Brüder/ Gatte»/ Kinder / Verwandte/ Freunde/ und alle/ mit welchen wir in irgend einer vertraulichen Verbindung stehen: viertens / der Staat selbst/ welcher die Stelle der Eltern cinzunchmen pflegt; auch Ehren / Lob / und sogenannter Volksruhm: fünftens/ das Geld/ unter welchem Namen alles begriffen ist/ was uns vor Andern Vorzüge verleihen/ und zu Vcrkäüfcn und Schankungen befähigen kann. Zu zeigen/ wie in Bezug auf alle diese Dinge das Gesetz jedem das Seinige zuerkcnne/ ist ein schwieriges und langes Geschäft/ welches aber zu unserm Vorhaben gar nicht crfvdcrt wird: den» cs genügt un-S/ cingcsehcn zu habe»/ wie die Macht dieses Gesetzes in der Bestrafung nicht weiter sich erstrecke/ als diese Güter: oder nur darin bestehe; etwas von denselben zu nehmen und zu entziehen demjenigen / welchen das Gesetz strafen / oder durch Furcht in Schranken halten will. Dadurch quälet und quälet eü nach jedesmaliger Absicht die Unglücklichen/ die zu regieren cS gegeben worden ist: denn aus Furcht derlei Dinge zu verlieren/ beobachten sie im Gebrauche derselben jenes Maaß / welches zur Eintracht eines Staates / wie er aus solchen Menschen gebildet werden kan»/ dienlich ist: niemals aber wird die Liebe zu diesen Dingen/ als Fehler bestraft/ sondern einzig die sinnfällige Ruchlosigkeit/ mit welcher sie andern entzogen werden. 72 Ucbcrlcge demnach / ob wir nicht das Ziel einer Aufgabe erreicht habe»/ welche dir früher als eine endlose vor- gckommcn ist. Wir wollten nämlich untersuchen/ wie weit das' Strafrecht jenes Gesetzes reiche / nach welchem Völker und Staaten hieniedcn regiert werden. Evod. Wirklich haben wir das Ziel dieser Untersuchung erreicht. Aug. Betrachte demnach auch ferner/ wie die Menschen/ falls sie gegen Dinge/ welche wider ihren Willen geraubt werden können/ keine Liebe hegten / auch keiner Straft / weder einer ungerechten/ noch einer gerechten/ unterworfen seyn würden. Evod. Auch dieses sehe ich ein. Aug. Da nun von derlei Dingen Einige einen bösen/ Andere einen guten Gebrauch machen; und diejenigen/ welche einen bösen Gebrauch machen/ dergleichen Dingen anhängen und mit denselben sich verwickeln/ ja sogar demjenigen sich unterwerfen/ was durchaus ihnen unterworfen seyn sollte/ und somit für sich/ als ein Gut/ festsetzen / durch dessen Ordnung und gutem Gebrauch vielmehr ihr Gutftyn sich erst offenbaren sollte: Andere aber/ welche einen guten Gebrauch machen/ zwar an den Tag legen/ wie dieses Güter seycn/ jedoch nicht für sie/ als durch welche sie weder gut / noch besser werden / zumal diese Dinge ihre eigentliche Güte erst von ihnen erhalten; so werden diese Letzteren keineswegs ihre Liebe an solche heften/ und sie/ was eine Folge der Liebe wäre/ zu Gliedern gleichsam ihrer Seele machen/ um nicht/ falls sie ihnen wieder abgeschnitten würde»/ vom Schmerze eiternder Wnnden entstellt zu werden/ sondern im Gegcntheil sich ganz über dieselben cmporschwingcn / stets bereit/ sowohl/ wenn es scyn mnß/ sie zu besitzen und zu regieren/ als noch viel lieber sie zu verlieren und nicht zu besitzen. Wenn aber die Sache sich so verhält/ soll man das Silber und Gold unschuldigen/ weil eS Geizige/ oder die Speisen/ weil es Gefräßige/ oder den Wein/ weil es Trinker/ oder die schönen Weiber/ weil es Hnrer und Ehebrecher giebt/ und so weiter/ obwohl am Tage liegt/ wie der Arzt einen guten Gebrauch vom Feuer/ der Giftmischer hingegen einen bösen/ selbst vom Brode/ machen könne? Evod. ES ist durchaus wahr / daß mau niemals die Dinge/ sondern stets nur die Mensche»/ und zwar nur des üblen Gebrauches Wege» / welchen sie von den Dingen machen/ beschuldigen soll. XVI. Aug. Richtig: doch wie weit das ewige Gesetz sich erstrecke/ und worin» seine Gültigkeit bestehe/ habe» wir/ wie ich glaube/ schon cingeschen; eben so auch ausgcmittclt/ welches die Grenze des zeitlichen Gesetzes in Hinsicht auf die Strafe sey. Zwey Gattungen der Dinge / ewige und zeitliche/ und eben so zwei) Gattungen der Menschen/ deren eine nach ewigen/ die andern nach zeitlichen Dingen strebt und verlanget/ wurden hinreichend deutlich nntcrschie- 74 den. Auch leuchtete uns ciN/ wie eS von dem Willen eines jeden abhange/ ob er nach jenen/ oder diesen Dingen streben und verlangen wolle/ und daß keine Macht/ ausser die des eigenen Willens/ die menschliche Seele vom Throne ihrer Oberherrschaft hinab / und ans der göttlichen Ordnung der Dinge hinaus zu stürzen vermöge. Nicht weniger klar liegt am Tage/ daß niemals die Dinge/ welche wie immer mißbraucht/ sondern einzig die/ welche sie mißbrauchen/ des' Bösen zn beschuldigen seycn. Fassen wir nun die im Anfang dieser Unterredung schon aufgeworfene Frage wieder in'S Ang/ um zu sehen/ ob nun unsere Aufgabe wirklich gelöset sey: wir wollten nämlich untersuchen/ was Uebelthun heiße/ und in dieser Absicht wurde gesagt/ was wir bischer gesprochen haben. Darum können wir nun überlegen und betrachten / ob Uebelthun etwas anderes heiße/ als die ewigen Güter/welche die menschliche Seele aus eigcnthümlichcr Kraft genies- scii/ erkennen/ und immerwährend in Liebe besitzen kann/ verlassen/ und dagegen blos zeitlichen Dingen/ welche nur den Bedürfnissen des niedrigsten Bestandteiles im Menschen entsprechen/ und stets unzuverlässig bleibe»/ gleichsam als grossen und bewunderungswürdigen Gütern nachjagen. Ich wenigstens bin überzeugt/ daß in dieser einzigen Ucbelthat alle Uebel- thaten/ d. h. alle Sünden enthalten seyen. Was ist aber deine Ueberzeugung? Evod. Meine Ueberzeugung ist hierin» die dcinige; denn auch ich bin der Meinung, alle Sünden seycn in der Einen Sünde enthalten, welche begangen wird, so oft irgend ein Mensch von göttlichen und unwandelbaren Dingen hinweg, und zu wandelbaren und unstetigen sich hinwcndct; den», obgleich diese Dinge in der ewigen Ordnung auch ihre nothwen- digc Stelle, und in derselben auch ihre cigcnthümliche Schönheit haben, kann gleichwohl nur eine verkehrte und unordentliche Seele der Begierde nach ihnen fröh- »cn, zumal die menschliche Seele, nach ihrem Wohlgefallen solche zu regieren, im Reiche Gottes eiir cigen- thnmlichcs Vorrecht hat. Auch scheint mir zugleich ausgemacht und einleuchtend genug, was' die zweyte Frage beabsichtigte, woher nemlich das Uebclthnn seinen Ursprung habe; denn dieser liegt zufolge unserer streng wissenschaftlichen Entwikclung, wenn ich nicht irre, in der Wahlfreyheit des Willens. Allein nun entsteht die Frage, ob diese Wahlfreyheit, durch welche offenbar unser Vermögen Nebel zu thun, oder zu sündigen, bedingt wird, vom Schöpfer uns gegeben werden mußte? denn ohne eine solche Wahlfreyheit hätten wir offenbar niemals gcsündigct; daher ist allerdings bedenklich, ob nicht eben dcßwegcn Gott als Urheber aller dieser Ucbclthaten angesehen werde» müsse? Aug. Ich befürchte eine solche Folge keineswegs; indessen wird zu einer gründlichen Untersuchung dieser Sache eine andere Zeit erfoderlich. Die gegenwärtige 76 Unterredung will hier abgebrochen und beendiget iseyn; denn sie sollte weiter nichtS/ als da anklopfen/ wo große und tiefe Wahrheiten verborgen liegen. Sind wir einmal unter Gottes Leitung nur bis zu den Vorhallen derselben gekommen/ dann wirst du einschcn/ welch ein grosser Unterschied zwischen der gegenwärtigen und der folgenden Untersuchung sey / und welche Vorzüge dieser letztem gebühren/ nicht bloS wegen dem Scharfsinn/ welcher dazu erfodert wird/ sondern vorzüglich wegen der Ehrwürdigkeit ihrer Gegenstände/ und dem Hellen Lichte/ in welches siebte Wahrheit seht. Doch Frömmigkeit ist nothwendtg / auf daß Gott uns verleihe/ das hohe Ziel der schon betrcttenen Bahn zu erreichen. Evod. Ich folge deinem Wille»/ und schließe sehr gern demselben/ in Bezug auf Ansicht und Wunsch / den meinigc» an. Ueberstcht des zweyten Buches. Der Mensch hat Wahlfrcyheit des' Willens; in dieser aber liegt die Möglichkeit aller Sünden; daher scheint cs, Gott hätte eine solche Wahlfrcyheit dem Menschen nicht verleihen sollen. Allein dieser Schein wird gehoben, wenn wir bedenken: s) Daß Gott den Menschen geschaffen habe, weil der Mensch an sich betrachtet etwas Gntcsist, und alles Gute nur au§ Gott allein entspringen kann; b) Daß Gott den Menschen vollkommen geschaffen habe, und zur Vollkommenheit die Freyheit der Willkühr, oder die Wahlfrcyheit, als Vermögen gut handeln zu können, noth wendig gehöre : c) Daß die Freyheit der Willkühr nicht zum Böses- thun, sondern zum Guthandcln ausschließlich von Gott gegeben wurde; folglich das Bösehandcln ein Mißbrauch der Gabe Gottes scy, was schon daraus erhellet, weil die bösen Handlungen von 78 I ^7 L .... 78 Gott gestraft werden, die von Gott nicht gestraft werden könnten, wenn die Freyheit auch zum Böse h a n d c l n gegeben worden wäre; ö) Daß ste, die Frcyheit, eine nothwcndige Bedingung zur Offenbarung der göttlichen Gerechtigkeit in Hinsicht auf Belohnungen und Strafen sei), indem nur in ihr der Grund des Verdienstes, wie der Schuld, eines jeden Menschen liegen könne. Allein die Gerechtigkeit, so wie jede andere Tugend ; ist auch etwas' Gutes, kann aber in keinem Falle, wie die Willkühr, zum Bösen mißbraucht werde». . ES muß demnach mit der Wahlfreyheit des Willens, oder mit der frcycn Willkühr, doch noch eine andere Bcwandniß haben; und, um cinzusehen, daß sie von Gott nothwcndig, und nur zum GuteSthun gegeben worden sey, müssen wir vorerst eine Erkcnntniß vom Dascyn und Wesen GottcS selbst haben; eine Erkcnntniß, der zwar ein gründlicher und somit vernünftiger Glauben nothwcndig voranSgeht; in die aber der wahre Glauben eben so nothwcndig sich erheben soll, zumal das ewige Leben in der Erkcnntniß des allein wahren Gottes, und dessen, den er gesendet hat, nicht blos im Glauben an ihn, bestehet. Wir haben demnach zu zeigen und zu erweisen: t. Daß Gott ist; 2. Daß er Urheber alles Guten ist; 3. Daß der sreye Wille des Mensche» ein Gut ist. W' . .. » 2 ' ^ 79 i. Vom Daseyn Gottes werden wir überzeugt durch den Gang folgender Reflexionen. Wir sind; wir leben; wir erkennen. Das' Leben ist vollkommner als das' Scyn; da§ Erkennen vollkommner als das Leben. Scyn kommt auch dem Steine; Leben auch demThicrc; Erkcnntniß hicniedcn mir dem Men - sch c n zu. Im erkennenden Menschen unterscheiden wir ferner: a) Die äußeren Sinne/derer jeder von seinem cigcn- thümlichcn Gegenstand / den er ausschließlich wahr- nehmen kann / unterschieden wird; der Sinn nimmt den Gegenstand wahr/ aber weder das Wahr nehme»/ noch sich selbst: b) Den inner» Sin»/ welcher nicht die Gegenstände der äußern Sinne; wohl aber das Wahr- n c h m e n der Sinne / jedoch nicht si ch sclbst/ und auch Nichtsein Wahrnchmcn/ als Wahr nehmen des Wahrnehmens / wahrnimmt: c) Die Vernunft/ welche nicht bloS sinnliche Wahrnehmungen/ nicht blos die Wahrnehmung selbst/als solche/ sondern auch sich selbst wahrnimmt / und daher WahrnchmendeS und WahrgcnommcncS zugleich; oder das sich selbst Wahrnchmcn ist. Außer der Vernunft gicbt eS keine Wissenschaft; daher diese ein Prärogativ des Menschen ist. Da nun das' Lebende vollkommner als das Leblose; das Erkenne n- d c vollkommner al-S da§ bloß Lebende; da ferner der Sinn vollkommner als das Sinnfällige; der innere Sinn vollkommner/ als der äußere SinN/ ja als' alle äußere Sinne/ und die Vernunft vollkommner/ als alle diese Dinge ist/ fragt sich / ob noch etwas vollkommnereS/ als die Vernunft/ und somit noch etwas vortreflichcreS/ als der sich selbst/ und die unter ihm stehenden Dinge erkennende Geist des Menschen sey? ES ist gewiß/ daß/ wie alle unter der Vernunft stehenden Dinge/ so auch die menschliche Vernunft selbst wandelbar sey; wenn cS daher Etwas unwandelbares gicbt/ muß dieses höher/ als die menschliche Vernunft und auch vortreflicher/ als sic seyn. Dieses Etwas ist entweder von der Art/ in Ansehung dessen es ein noch höheres und vortreflichcreS/ oder kein höheres und vortreflichcreS Wesen giebt: im letztem Falle ist es das allerhöchste und vortreflichsteWcsen selbst/ folglich Gott. So gewiß cS also ein höheres und vortreflichcreS Wesen gicbt/ als die menschliche Vernunft ist / so gewiß existirt Gott/ weil nämlich entweder dieses Höhle re/ oder denn desselben Höheres/ als das Allerhöchste/ d. i. als Gott betrachtet werden muß; nun gicbt es aber unwidcrsprechlich ein höheres und vortreflichcreS Wesen / als die mcnschliche Vernunft ist / und deßhalb kann mit Grund an dem Daseyn Gottes nicht gezwei- seit werden. ES ist unleugbar/ daß die äußern Sinne/ daß auch der innere oder Gcmcinsinn/ ja selbst die Ver- n unft rückfichtlich ihrer Ae ußcrung in verschiedenen Menschen verschieden seyen / nnd daß demzufolge verschiedene Empfindungen/ Gefühle und Erkenntnisse von einer und derselben Sache unter den Menschen statt finden können. Dcßwegen muß/ was empfunden/ gefühlt/ erkennt wird/ von der Empfindung/ dem Gefühle / und der Erkenntnis? wohl unterschieden werden; jenes ist von allen Mensche» unabhängig und an sich in allen Beziehungen gleich; dieses aber wird durch die eigene Beschaffenheit der Empfindende»/ Fühlenden/ nnd Erkennenden bedingt; wie diese Letzteren das Subjektive nnd Besondere/ find jene das Objeetive und Allgemeine. Indessen giebt es Gegenstände/ die vom erkennenden Subjekt keine Veränderung erleiden / sondern allen Erkennenden/ der Verschiedenheit ihrer Erkcnntnißkräftc ungeachtet/ als durchaus gleich Vorkommen / wie z. B. alle mathematischen Wahrheiten/ welche/ so verschieden die Mathematiker an Fassungskraft und Borstel- lungs'vcrmögen nur immer find / doch stets ihre unveränderliche Einheit und Gleichheit behalte»/ und daher durch gar keine Verhältnisse auch nur in Etwas modifizirt werden. Eine solche unveränderliche 6 82 Einheit und Gleichheit geht durch alle Zahlen Verhältnisse hindurch/ so daß in Bezug auf dieselbe/ schlechterdings keine Veränderung/ weder eine Verschlimmerung/ noch Verv ollkommnung sich denken läßt/ obwohl die Mathematiker ins Unbestimmte vollkom m ner/ oder unvollkom m n e r seyn und werden können. Allein diese Einheit und Gleichheit dcS Wesens und dcS Verhältnisses der Zahl wird durch keinen Sinn wahrgcnommen / auch nicht durch die Phan tasie/ als Ideal/ vorgestellt/ sondern im Lich tc deS Geistes geschaut und daher von allen Vernünftigen/ als Etwas' schlechthin Allgemeines anerkannt. Deßwegen steht die Erken nt- niß der Zahl mit der Weisheit in so innigem Bunde: denn auch die Weisheit als Erkenntniß der Wahrheit/ in der das höchste Gut der Menschheit enthalten ist/ muß als ein Kommunal Gut aller Weisen betrachtet werden / so verschieden nur immer die Weisen unter sich seyn mögen/ zumal alle/ welche diesen Namen verdiene»/ durch die Theilnahme an denselben/ Allen gemeinschaftlichen Gütern weise werden / und nicht durch daS/ wovon sie Theil nehmen/ sondern durch die Art und den Grad der Theilnahme/ unter einander verschieden sind. Da Weisheit und Zahl stets' beysammen sind/ könnte man die Frage aufstellcn; wie sie sich zu einander verhalten; ob die Weis Heist in der Zahl/ oder dic Zahl in der Weisheit enthalten, oder ob Eine ans der Andern entsprungen, oder ob sie stets beysam- men scyen, wie Form und Wesen; wie Ordnung und Anmuth der Dinge, so daß das ewige und unaussprechliche Wesen der Weisheit, durchOrdnung und Anmuth sich aussprächc; dic erste der Zahl, die zwcytc dem, was man gewöhnlich Weisheit nennt, cigenthümlich wäre. Die Frage ist um so natürlicher und interessanter, weil Zahl und Weisheit nicht in gleichem Ansehen stehen, indem jene stets hoch, diese oft gering geachtet wird; jene nur bcy vernünftigen Wesen sich befindet; diese aber auch dem niedrigsten Geschöpfe cingcprägt ist, und oft von gemeinen Seelen gekannt und angewendet wird, z. B. von solchen, die auf Wucher sich verlegen. Indessen muß nicht vergessen werden, daß man die Zahl und das Zahlcnverhältniß an sich, von dem Zählen in der Erscheinung; und die Wissenschaft der ewigen Zahl und des ewigen Zahlen Verhältnisses, welches einzig mit der Weisheit im innigen Bunde steht, von gewöhnlicher Rc ch nu ngskunde wohl unterscheiden müsse. Wie nur immer die Zahl an sich, und die Weisheit an sich betrachtet zu einander sich verhalten mögen, und wenn auch die Einsicht in ihr wahres Verhältnis; über der Sphäre menschlicher Erkenntniß liegen sollte, ist in jedem Falle soviel unwidcrsprechlich gewiß, daß bcydc Wahrheit und zwar unwandelbare Wahr- heit seyen. Daraus' geht aber von selbst hervor/ daß c-S Eine Wahrheit gebe/ welche für alle erkennenden Wesen dieselbe/ und in alle»/ wenn auch noch so verschiedenen/ weil durch subjektive Eigenthüm- lichkcitcn bestimmten Erkenntnißwcisen / unwandelbar ist. Diese identische und unwandelbare Wahrheit ist weder unter dem menschlichen Geiste/ noch neben dem menschlichen Geiste/ sondern nothwendig über dem menschlichen Geist und v o llk o m mn c r / als der menschliche Geist. Sie ist nicht unter dem menschlichen Geiste: denn nie wird über sic gcurtheilt / wie über andere dem menschlichen Geiste untergeordnete Dinge; wohl aber stets nach derselben/ indem ste der unveränderliche Maßstab ist/ an welchem alle Dinge gemessen nnd gcwürdiget werden. Sie ist nicht neben dem menschlichen Geist: denn dieser ist: s) wandelbar/ bald vollkommener/ bald unvollkommener; die Wahrheit aber bleibt stets sich gleich; b) wird Er selbst nach dieser Wahrheit/ sie aber niemals n a ch i h m bcurthcilt. — Sie ist über dem menschlichen Geist/ weil desselben Vollkommenheit oder Unvollkommenheit/ Tüchtig k e i t oder U n t ü ch t i g k c i t stets' nach ihr entschieden wird; das Maß aber stets über dem Gemessenen ist. Sic ist vollkominner als der menschliche Geist/ weil dieser von ihr; sie 85 nicht von Ihm Vollkommenheit erhält/ indem durch Zuwendung zu ihr der Mensch weise und tugendhaft; durch Wegwcndung von ihr thöricht und lasterhaft wird; ja/ da sie die einzige Quelle ist/ aus der die reinste/ lauterste und vollkommenste Seligkeit fliestet, eine Seligkeit/ die mit keinen andern Gütern/ und mit keinen andern/ wenn auch noch so hoch gepriesenen Genüssen und Freuden des' Mensche»/ verglichen werden kann. Denn diese unwandelbare Wahrheit ist das' ewige Wesen der Weisheit ; in der Weisheit aber wird erkannt und erfaßt das h öchstc Gut; in der Erkenntniß und Erfassung des höchsten Gutes ist gegründet der Genuß wahrer Seligkeit. Dcßhalb wendet stch das gesunde und starke Aug des menschlichen Geistes selbst von unwandelbaren Wahrheiten hin zu der Wahrhcit der Wah rh eiten/ in derselben alle Wahrheiten / alle wahren Güter erfassend/ erkennend und g e n ie sse nd. Die Wahrheit der Wahrheiten aber-ist Gott; unser Gott/ der Mensch geworden ist/ und gesprochen hat: wenn ihr in meinem Worte bleibet/ werdet ihr die Wahrheit erkenne»/ und die Wahrheit wird euch frc» machen. Daher beruht auch des Menschen Frcyhcit in Gott/ und besteht 86 nur durch des Menschen Unterwürfigkeit unter Gott. Jene unwandelbare Wahrheit ist aber auch dcßwcgcn die einzig wahre Seligkeit/ weil sie der Frcyhcit eines jeden gleich zugänglich ist / und ohne seine Einwilligung keinem einzigen Menschen entrissen werden kann; also einen Genuß darbeuth/ der nicht nur der reinste/ edelste und vollkommenste/ sondern zugleich auch der allgemeinste/ sichcrstc und zuverlässt g st e ist. 2. So gewiß also Eine unwandelbare Wahrheit / so gewiß ist auch Gott; aber so gewiß Gott ist/ ist er auch die unerschöpfliche Quelle aller Seligkeit/ weil ausser Ihm und ohne Ihn keine Weisheit; ohne Weisheit aber keine Seligkeit ist. Obgleich wir dieses erkennen/ sind wir doch noch nicht weift/ wenn gleich auch nicht Thoren / weil wir wenigstens einige Kunde von/ — und einige Liebe zur Weisheit habe» / welche beyde dem Thoren als solchen mangeln. Wir sind also weise/ indem wir Sinn für/ und Liebe zur Weisheit haben/ und doch zugleich auch nicht weise/ weil wir nicht in vollem Besitze und Genüsse der Weisheit sind. Zwischen Weisen und Thoren verlangen wir von jeglicher Thorheit frcy / und der Weisheit ganz habhaft zu werden. Zum Ziele unseres Verlangens/ unserer innersten/ und wesentlichsten Sehnsucht verhilft die Weisheit selbst/ indem sie sich offenbart und durch die allen Wesen eingebildeten Formen/ oder Zahle»/ freundlich und lieblich uns anspricht: denn von dem vollkommensten Geschöpf bis zu dem unvollkommensten hinunter ist jedem Dinge eine eigen thüm liehe Urform/ eine eigene Zahl/ cinge- prägt/ durch die es allein zu bestehen vermag; ja die Schönheit aller Dinge ist die Verwirklichung ihrer Urformen/ oder Urzahlen/ und das Wesen jeder Kunst ist das Sich selbst bewegen/ das Lebendig werden einer ursprünglichen Form/ oder Zahl. Nur müssen wir aber nicht beym Gewordenen verweilen/ sondern von der Erscheinung zum ScyN/ d. i. zur Form/ und von dieser zur Urform emporsteigcn/ um in der unwandelbaren Wahrheit/ alle Wahrheiten/ und in diesen jene zu begreifen/ was Sache der Weisheit ist. Wenn nun das Scyn eines jeden Dinges/ und somit alles Gute desselben in seiner Urform/ oder Zahl besteht/ diese aber einzig auS Gott ist/ wird in die Augen springen/ wie alles Gute einzig aus Gott seinen Ursprung habe. Die Form / oder Zahl des unvollkommensten Geschöpfes ist eine Offenbarung der ewigen Urform/ und was nur immer Lob - und PrciSwürdigcS im Weltall gefunden wird/ ist ein Theil der Preis - und Lobwürdigkcit des Schöpfers. Beyde Sache also sind demnach so gewiß/ als dem Menschen hienieden etwas gewiß scyn kann/ nämlich die Sätze: Gott ist/ und alles Gute hat aus Ihm seinen Ursprung. 88 3. Nun entstehet die dritte Frage/ ob der frcye Willen unter die guten Dinge gehöre? Wen dieses/ so ist er offenbar von Gott/ und zwar nur zum GuteSthun gegeben, weil die Gabe Gottes' unmöglich zum Bösen gegeben ist. Daraus aber/ weil er zum BöscSthun mißbraucht werden kann/ und auch wirklich mißbraucht wird/ folgt keineswegs, daß er kein Gut, und nicht von Gott gegeben sey, zumal andere Dinge, die offenbar mißbraucht werden können, und sehr vielfältig mißbraucht werden, wie;. B. die Glieder des menschlichen Körpers' u. s. f. nichts dcstowenigcr Güter sind und Güter bleiben, welche von Gott ihren Ursprung haben. Wir unterscheiden nämlich drey Arten der Güter; Güter des' niedrigsten Ranges, z. B. die Gestalten der Körper; Güter des höhern Ranges, z. B. die Vermögen und Kräften der Seele; Güter des höchsten Ranges', z. B. die Tugenden. Nur die letzter» Güter können auf keine Weise mißbraucht werden, weil schon ihr Begriff den guten Gebrauch aller Dinge in sich schließt; die zwey ersten Arten der Güter aber sind dem Mißbrauch aus'gesctzt, ohne daß sie deßwcgen von ihrem eigentlichen Werth etwas verlieren. Preiswürdiger erscheint Gott in den Gütern des höchsten Ranges, als in denen des Mittlern; preiswürdiger in diesen als in Gütern des niedrigsten Ranges; aber preis-und anbethungs-würdig in Allen, und zwar preis-und anbethungSwürdi- 89 gek/ weil cr sie geschaffen hat/ als wenn er sie nicht geschaffen hätte. Der freye Wille gehört unter die Güter des mittler» Ranges/ die gut/ oder übel gebraucht werden können. Wie die Vernunft sich selbst erkennt/ und das Gcdächtniß sich seiner/ wie anderer gehabten Vorstellungen erinnert/ beweget auch der Wille sich selbst/ und giebt sich selbst/ wie allen übrigen Kräften und Vermögen des Menschen/ entweder eine gute/ oder eine böse Richtung; die erstcrc/ durch Zuwendung zu dem unwandelbaren Gute; diezweytc/ durch die Abwendung von demselben und die Richtung zum Wandelbaren und Vergänglichen der Dinge hin. Die erste Richtung des freye» Willens liegt als Princip allen Tugenden; die zweyte ebenso als Prinzip allen Sünden und Lastern / mithin allen Ucbclthatcn zu Grunde. Indessen steht sowohl diese/ als jene Richtung unter der Leitung der göttlichen Vorsicht/ gemäß welcher jeder empfängt/ wessen er sich durch den Gebrauch seines frcyen Willens würdig gemacht hat; durch den Gebrauch seines Willens/ sage ich/ welcher böse/ oder gut seyn kan»/ während der freye Wille/ an sich betrachtet/ stets gut bleibt. Woher aber dem an sich guten Willen der erste Anstoß zu einer bösen Richtung gegeben werde/ ist eine andere Frage. So viel ist indessen gewiß/ daß dieser weder von Gott/ noch von irgend einem Geschöpfe herrühren könne/ weil Gott die so Güte selbst und das Seyn aller Dinge ebenfalls gut ist; vom Guten aber keine böse Richtung entspringen kann. Da nun der ursprüngliche Grund dieser Richtung weder in Gott/ noch in irgend einem Geschöpfe gefunden wird/ im Nichts aber auch nicht liegen kann/ bleibt nur übrig/ wo er gesucht und gefunden werden mag/ der freye Willen selbst/ und daher ist soviel gewiß/ daß jeder Mensch die wahren Güter seines' Lebens alle in seiner eigenen Gewalt habe/ indem cs' von ihm abhßngt/ ob er weise/ oder thö- rieht/ tugendhaft/ oder lasterhaft/ und demnach selig/ oder unselig seyn wolle. Wie aber der Grund der Möglichkeit des Bösen / welcher offenbar im freyen Willen liegt/ zum Grund der Wirklichkeit werde/ ist/ zu zeigen/ Aufgabe des dritte» V u ch e S. Z w e y t e s Buch, I. Doch erkläre mir vorerst/ wenn möglich / warum Gott dem menschlichen Willen die Wahlfrcyheit gegeben habe: denn ohne diese vermöchte der Mensch ja nicht zu sündigen. Aug. Weißt du den ganz gewiß/ Gott habe dem Menschen gegeben/ wa§ deiner Meinung zufolge ihm nicht hätte gegeben werden sollen? EVod. So viel ich im vorigen Buche cingcsehen zu haben glaube/ ist uns Wahlfreyheit / und mit ihr das Vermögen zn sündigen gegeben. Au g. Allerdings wurde dieses im vorigen Buche anschaulich gemacht; allein meine Frage war/ ob du wissest/ daß Gott uns das Vermögen zu, sündigen gab/ welches wir wirklich und augenscheinlich haben? Evod. Niemand als Gott: denn von ihm allein haben wir unser DaseyN/ und werden nach Verdienst gestraft/ wenn wir BöseS; belohnet/ wenn wir Gutes thun. Aug. Ich möchte aber wissen/ ob du dieses klar cinsehest/ oder b'los/ ohne Einsicht in die Sache/ auf irgend ein Ansehen hin willig glaubest. Evod. Anfänglich glaubte ich dieses bloß auf Ansehen hin; 92 allein welche Wahrheit ist gewisser/ als die: alles Gute komme von Gott/ alles Gerechte sey Gut/ und die Strafe der Sünder sowohl / als die Belohnung der Tugendhaften sey gerecht; woraus folgt/ daß Gott den Sündern Elend / den rechtschaffenen Menschen aber Seligkeit zu Theil werden lasse. A u g. Ich habe nichts dagegen: frage aber doch/ wie du wissest/ daß wir unfern Ursprung von Gott haben: denn dieses hast dn eigentlich nicht gezeigt/ sondern hast einzig nur erkläret/ wie wir von Gott entweder Strafe/ oder Belohnung verdienen. Evod. Ich kenne hiefür keinen cin- leuchtendern Grund / als den: weil Gott die Sünden strafet. Von Gott kommt ja alle Gerechtigkeit: nun kann zwar jeder aus Liebe auch denen Gutes erweisen/ welche ihn nichts' angchen/ aber nie sic strafen/ ohne die Gerechtigkeit zu verletze». Wir müssen demnach offenbar demjenigen ganz angchören/ welcher nicht nur in Austhcilung der Wohlthatcn ausserordentlich gütig/ sondern auch nicht weniger gerecht in Verhängung der Strafe» gegen uns sich erweiset. Ferner folgt aus' dem von mir ausgestellten und von dir zugegcbcncn Satze: „Alles Gute komme von Gott" nothwcndig auch/ daß der Mensch aus Gott seinen Ursprung habe / zumal dieser/ nur als Mensch aufgefaßt / etwas Gutes ist / indem er das Vermögen zu einem guten Leben in sich hat. Ang. Wenn die Sache sich ganz so verhält/ ist die aufgeworfene Frage schon gelöst: denn wenn der Mensch 93 etwas Gutes ist / und nicht gut handeln könnte/ wofern er nicht gut handeln wollte/ mußte er ja nothwendig einen frcycn Willen erhalten / zumal ohne denselben gut zu handeln ihm unmöglich wäre: denn weil er vermittels des frcycn Willens sündiget/ folgt nicht/ Gott habe den frcycn Willen zum Sündigen gegeben. Sobald ohne denselben der Mensch nicht gut leben kann/ ist dieses schon ein hinreichender Grund / warum ihm ein freyer Wille gegeben werden mußte. Daß aber dieser nur zum Gutesthun gegeben worden sey/ leuchtet schon daraus ein / weil jeder Mißbrauch desselben zur Sünde im Reiche Gottes gestraft wird: denn eine solche Strafe wäre offenbar ungerecht / falls die Freyheit des Willens nicht bloS zu einem guten/ sondern auch zu einem sündhaften Leben verliehen worden wäre. Oder wie könnte mit Recht gestraft werden / wer von seinem Willen denjenigen Gebrauch macht/ zu welchem er den Willen erhalten hatte? Wenn daher Gott den Sünder straft/ zeigt er dadurch nicht augenscheinlich an/ daß der Sünder den freyen Willen mißbraucht habe? Ja/ spricht er nicht gleichsam zum Sünder : warum hast du die Freyheit des Willens nicht zu dem Zwecke / für welchen ich dieselbe dir ausschließlich gegeben habe/ nämlich zum Gutesthun/ gebrauchet? Wie könnte ferner das Böse verachtet / das Gute aber geachtet werden/ was doch offenbar geschehen soll/ wenn der Mensch keine Wahlfreyheit hätte? Offenbar würde doch weder eine böse/ noch eine gute That scyit/ was ganz ohne Willen geschehen wäre. Dem zufolge wäre / falls der Mensch nicht einen frcycn Willen hätte/ die Belohnung nicht weniger/ als die Strafe ungerecht. Allein sowohl in der Belohnung / als in der Strafe sollte sich die Gerechtigkeit als eines jener Güter offenbaren/ welche unmittelbar aus Gott entspringen/ und somit leuchtet ein/ warum Gott dem Menschen einen frcycn Willen habe geben müssen. II. Evod. Ich gebe z»/ Gott habe den freyen Willen gegeben: aber scheint cS denn nicht/ als hätte derselbe/ welcher nur zum GuteSthun gegeben wurde/ so wenig/ als die Gerechtigkeit/ die auch zu einem guten Leben gegeben ist/ sollen zum BöseSthun mißbraucht werden können? Wer vermag vermittels seiner Gerechtigkeit ein böses Leben zu führen? Wenn also der freye Wille nur zum GuteSthun gegeben worden ist/ sollte vermittels desselben zu sündige» unmöglich seyn. Aug. Ich hoffe/ Gott werde verleihen/ daß ich deine Einwendung beantworten könne/ oder vielmehr/ daß du dir sie selbst beantwortest/ nachdem die Wahrheit/ welche/ wie sonst Niemand lehret/ dich innerlich wird erleuchtet haben. Indessen sage nur vorläufig/ ob / da du/ rücksichtlich meiner früher» Frage/ gewiß und anschaulich überzeugt bist/ Gott habe uns den freyen Willen gegeben/ etwa nicht hätte gegeben werden sollen/ was nach unscrm Dafür- halte»/ Gott gegeben hat? Denn so lang ungewiß ist/ ob Gott die Frcyhcit gegeben habe/ kann mit Recht die Frage gestellt werde»/ ob ste eine gute Gabe sey/ damit/ falls wir ste einmal als solche erkannt habe»/ wir schon deß- halb überzeugt werden/ Gott habe ste gegeben/ weil Er Urheber aller guten Gabe»/ also aller Güter des Menschen ist: so wie wir anch / falls als eine nicht gute Gabe dieselbe angesehen würde/ gewiß wüßten/ derjenige habe ste nicht gegeben/ welcher in keiner Hinsicht böser Gaben beschuldiget werden darf. Nachdem nun aber ausser allem Zweifel liegt/ Gott habe sie gegeben/ müssen wir/ wie immer die Gabe beschaffen scyn möge/ bekenne»/ sie habe gegeben/ und gerade so und nicht anderst gegeben werden müssen: denn derjenige hat sie ja gegeben/ dessen Geben über jeglichen Tadel nothwendig erhaben seyn muß. Eood. So unerschütterlich fest mein Glauben in dieser Sache ist/ habe ich gleichwohl noch keine anschauliche Erkenntniß/ und wünsche deshalb/ die Untersuchung möchte so »»gestellt werden/ als wenn wir in Bezug auf das Ganze noch in Ungewißheit wären: denn ich sehe wohl/ daß die Ungewißheit/ ob der frcye Wille zum Rcchtthun gegeben / zumal in ihm das Vermögen zur Sünde liegt/ auch ungewiß mache / ob er mit Recht und nothwendig gegeben worden sey: denn so lang ungewiß / ob er zum Rechtthun bloS gegeben/ ist auch nicht weniger ungewiß/ ob er nothwendig gegeben worden sey; aber eben deßwegcn wird auch ungewiß/ ob Gott ihn gegeben habe/ weil nämlich die Ungewißheit, ob er nothwendig gegeben worden, auch die in sich schließt, ob von Gott derselbe gegeben scy, zumal Niemand glauben darf, Gott habe etwas gegeben, was er nicht hätte geben sollen. Aug. So viel indessen hältst du für unwidcrsprechlich, daß Gott ist? Evod. Ich glaube und zwar unerschütterlich fest an Gott; habe aber gleichwohl keine anschauliche Erkenntnis; von Gott. Aug. Wenn also einer jener Thoren, von denen geschrieben steht (Psalm 62, 2.): „ES sprach der Thörrichtc in seinem Herzen: es'ist kein Gott" —in Unterredung mit dir deinen Glauben nicht anerkennen, sondern anschauliche Erkenntnis; von der Wahrheit deines Glaubens verlangen würde, wolltest du einen solchen Menschen sogleich verlassen, oder den Versuch wagen, auf irgend eine Weise von der unerschütterlichen Gründlichkeit deines Glaubens ihn zu überzeugen, vorzüglich, wenn du etwa bemerktest, daß nicht Geist des Wiedcrspruches, sondern einzig Verlangen nach Erkenntnis; der Wahrheit ihn antricbc? Evod. Deine letzten Worte lassen mich nicht in Verlegenheit, was einem solchen zu antworten wäre: denn wie verkehrt nur immer seine Ansichten seyn möchten, gestehen müßte er mir doch, daß mit einem böswilligen und starrsinnigen Menschen über gar keine, und schon gar nicht über eine so wichtige Sache gesprochen werden dürfe; so bald er mir aber dieses gestünde, müßte eS 97 ihm vorläufig daran liegen / von der guten Absicht / mit der er frage/ mich zu überzeugen/ um jegliche Furcht mir zu entnehmen/ als liege irgend eine feindselige List/ oder blosse Streitlust im Hintergründe. Dann aber würde ich ihm sehr leicht beweisen / wie derjenige/ welcher verlange/ dafi man an die Geheimnisse seiner Seele/ die er wohl/ ein anderer aber nicht wissen könne/ glaube/ folgerichtig auch den Büchern jener grossen Männer glanben müsse/ welche schriftlich bctheurcn/ mit dem Sohne Gottes gelebt zu haben; somit an Gott zu glauben nicht umhin könne/ zumal geschrieben steht/ daß sie ihn gesehen haben/ waS/ wofern Gott nicht wäre/ ja unmöglich scyn würde. Ausserordentlich thörricht müßte aber der seyN/ welcher mir es zum Vorwurf machen wollte/ jenen grossen Männern zn glauben/ während er verlangt/ daß ich sogar ihm glauben soll. Sobald er aber keinen Grund mehr hätte/ meines Glaubens wegen mir Vorwürfe zu machen / was könnte ihn noch hindern/ meinem Veyspicle auch zn folgen? Aug. Wenn aber in Bezug auf das Daseyn Gottes der Glauben an die Zcugnißc so grosser Männer deiner Meinung nach zureichend und vernünftig ist/ warum sollte das Ansehen derselben Männer in Hinsicht auf jene Dinge, von denen wir eine gewisse und anschauliche Erkcnntniß durch die gegenwärtige Untersuchung zu erhalten wünschen/ nicht dergestalt uns genügen / daß wir der Mühe einer länger» Nachforschung übcrhoben werden? Evod. 7 §8 Deßwegen nicht/ weil wir zur Erkenntnis und zur Anschauung des Inhaltes unseres Glaubens zu gelange» wünschen. Au g. Du erinnerst mit Recht an daS/ was bcym Anfang der vorigen Untersuchung als unser Zielpunkt von mir selbst festgesetzt wurde: denn wofern das Glauben nicht vom Wissen unterschieden wäre/ und/ falls man nicht vorerst glauben müßte / um große und göttliche Dinge einsehcn zu lerne»/ hätte der Prophet nicht gesagt (JSai/ 7/ v.): „Wenn ihr nicht glaubet/ werdet ihr nicht zum Verständniß gelangen." Selbst unser Herr hat durch Reden und Handlungen alle/ welche zum ewigen Heile von ihm berufen wurden / vorerst zum Glauben angemahnet; später jedoch/ als von der Gabe / welche den Gläubigen zu Thcil werden sollte/ die Rede war (Joh. 17/ 3.) sprach Er nicht: „Darinn besteht daS ewige Leben/ daß ihr glaubet" sondern sagte: „DaS ist das ewige Leben/ daß ihr erkennet den allein wahren Gott/ und den/ welchen Er gesendet hat/ Jesus Christus." Zu denen aber/ welche schon glauben/ sagt Er (Math. 7/7.): „Suchet und ihr werdet finden": denn für gefunden kann man nicht halte» / was bloS geglaubt wird/ ohne davon eine Erkcnntniß zu haben/ und keiner wird tüchtig/ die Erkcnntniß Gottes zu finde»/ er habe dann vorerst geglaubt/ was er später zu erkennen wünschet. Laßt uns demnach den Vorschriften des Herrn Folge leisten/ und unablässig nach Erkcnntniß S9 der Wahrheit ringen: denn wenn wir auf seine Ermahnung hin suchen/ werden wir auch unter seiner Anweisung finden/ was von diesen Gegenständen in diesem Leben/ und von Menschen / wie wir sind / gefunden werden kann. Bessere Menschen werden schon ans dieser Erde/ und alle Frommen und Guten gewiß im jenseitigen Leben eine hellere und vollkommncre Erkcnntniß erhalten. Solch eine Erkenntniß hoffen auch wir; und deßhalb sollen wir Sie/ verachtend bloS indische und menschliche Güter/ ausschließlich zum Gegenstand unserer Wünsche und unserer Liebe machen. III. Hn der gegenwärtigen Untersuchung aber wollen wir/ falls cS dir so gefällig ist/ nach folgender Ordnung verfahren: erstlich untersuchen/ wie das Daseyn Gottes einleuchtend gewiß sey: zweytcnS/ wie von Gott alle Dinge / wofern sie gut sind/ ihren Ursprung haben: drittens'/ warum der freye Willen unter die guten Dinge gehöre. Aus der Erkenntniß dieser Gegenstände wird vermuthlich hinlänglich klar werden/ ob cs recht sey/ daß der Mensch einen frcyen Willen erhalten habe. Um aber von dein auS/ was' das Gewisseste und Anschaulichste ist/ den Anfang zu mache»/ sage mir vorerst/ ob du selbst seyest: oder ob du vielleicht fürchtest/ durch diese Frage getäuscht werden zu könne»/ obwohl/ falls du nicht wärest/ gar keine Täuschung für dich möglich wäre? Evod. Fahre lieber weiter. Aug. Wenn dein eigenes Daseyn anschaulich gewiß ist; dir aber gleichwohl nicht gewiß seyn würde/ falls du nicht lebtest/ so muß dir auch dein eigenes Leben nicht weniger gewiß seyn. Eichst du die iinwidersprcchliche Wahrheit dieser zwcy Behauptungen ein? Evod. Durchaus sehe ich sic ein. Aug. Also wohl auch die Wahrheit dieser dritten Behauptung/ daß du erkennest? Evod. Auch diese. Aug. Welches aus diesen Dreyen scheint dir vortrefli- chcr? Evod. Die Erkenntniß. Aug. Warum gerade die Erkenntniß? Evod. Weil diese dreyDinge/ Sey»/ Leben / Erkenntniß — sich so zu einander verhalten: auch der Stein ist / auch das Thier lebt; der Stein aber lebt meines Erachtens' nicht/ und das Thier erkennt nicht: wer aber erkennet/ von dem ist cS sehr gewiß/ daß er sowohl sey als daß er lebe. Deßhalb nehme ich keinen Anstand / dasjenige vortrcflichcr zu heiße»/ in dem alle drey enthalten sind/ als daS/ wo nur Zwei) oder nur Eines' gefunden wird: denn was' Leben hat/ hat offenbar auch Seyn; daraus folgt aber nicht; eS habe auch Erkenntniß/ wie z. B. bcym Leben des' ThiercS zu sehen ist.. Was' aber bloS ist/ lebt deßhalb noch nicht/ und erkennet noch nicht: denn ein todter Leib ist/ Leben aber hat er keines': was aber nicht Leben hat/ hat noch viel weniger Erkenntniß. Aug. Wir sind also überzeugt/ daß zwey von den drey genannten Dingen dem todtcn Leibe/ Eines dem Thic re, keines aber dem Menschen mangle. Evod. So ist es. Aug. Wir sind nicht weniger überzeugt/ daß jener Dinge vortreflichsteS dasjenige sep, welches der Mensch zn den übrigen hat/ nämlich die Erkennt- niß/ welche ohne Seyn und Leben derselbe nicht haben könnte. Evvd. Durchaus. Aug. Sage mir ferner, ob du dir nicht auch bewußt scycst, die allgemein bekannte» Sinne deS Körpers', das Gesicht, däS Gehör, den Geruch, den Geschmack, und den Gctastsinn zu haben? Evod. Ich bin mir dessen bewußt. Aug. Was gehört nach deiner Meinung zum Gesichte, oder was nehmen wir durch diesen Sinn wahr? Evod. Alle körperlichen Gegenstände. Aug. Also sehen wir auch das Harte und Weiche? Evod. Nein. Aug. Welches ist also der Gegenstand cigcnthümlichcr Wahrnehmung der Augen? Evod. Die Farbe. Aug. Welches der der Ohren? Evod. Der Ton. Aug. Welches der des Geruches? Evod. Das Riechbare. Aug. Welcher der des Geschmackes'? Evod. Das Schmackhafte. Ang. Welcher der des GetasteS? Evod. Das Weiche und Harte, das Glatte und Rauhe, und viel anderes solcher Art. Aug. Wie verhält eS sich in Bezug auf die Gestalten der Körper, das Große, das Kurze, das Viereckige, das' Runde, und andere Formen dieser Art, werden sic nicht sowohl durch den Sinn des GetasteS, als den des Gesichtes' wahrgenommcn, und können also weder als Gegenstände cigcnthümlichcr 102 Wahrnehmung des Gesichtes/ noch des Getostes/ sondern müssen als Gegenstände gemeinschaftlicher Wahrnehmung beydcr Sinne angesehen werden? Evod. Ich sehe dieses ein. Aug. Somit sichst du auch ei»/ daß/ wie jeder Sinn seine eigenthümliche Wahrnehmung habe/ auch die Wahrnehmung gewisser Gegenstände mchrern Sinnen gemeinschaftlich seyn könne? Evod. Auch dieses. Aug. Können wir aber vermittels eines Sinnes erkennen/ was jedem Sinne eigenthümlich ist/ und was' alle/ oder einige Sinne unter sich gemeinschaftlich haben? Evod. Durchaus nicht; hiezu wird ein eigener/ innerer Sinn crfodcrt. Aug. Ist vielleicht dieser innere Sinn die Vernunft selbst/ welche den Thiercn mangelt? denn ich glaube/ wir nehmen derlei Dinge durch die Vernunft wahr/ und erkennen durch die Vernunft auch/ daß mit ihnen cs sich wirklich so verhalte. Evod. Ich meine vielmehr/ wir nehmen durch die Vernunft in uns nur einen gewissen inner» Sinn währ/ auf welchen alle Wahrnehmungen der bekannten fünf Sinne bezogen werden: denn ein anderes ist im Thier das Gesicht / und ein anderes jener Sin»/ welcher entweder verabscheut oder verlanget/ was das Thier vermittels seines Gesichtes wahrnimmt. Der erste Sinn liegt ja in den Augen; der zweite im Innern der Seele. Vermittels dieses innern Sinnes verlangen die Thiere/ und eignen sich an/ was ihnen wohlgefällt; weichen aus / und stoßen von sich/ was ihnen mißfällt/ aus allem dem- 103 ienigen, waS sic entweder sehen, oder hören, oder vermittels eines andern Sinnes ihres Körpers wahrnehme». Dieser innere Sinn aber ist weder das Gesicht, weder das Gehör, weder der Geruch, noch der Geschmack, oder der Gctast, sondern etwas mir unbekanntes Anderes, welches alle Sinne gemeinschaftlich beherrschet. Obwohl wir dieses Etwas, wie ich gesagt habe, mit der Vernunft wahrnehmen, können wir cS doch nicht Vernunft heißen, weil, wie wir sehen, auch die Thiere ncmlich / daß du nicht nur weise zu werden IZ.'t wünschest/ sondern verlangen müßest/ so sage nur endlich/ ob du die Weisheit/ wie das Wesen und das Verhttlt- niß der Zahl als Gemeingut aller wissenschaftlichen Forscher anerkennest? oder/ da die Geister so verschieden al» die Menschen sind , dergestalt verschieden/ daß ich weder deinen/ noch Lu meinen Geist zu durchschauen vermag/ ob cS auch eine so verschiedenartige Weisheit gebe / als vielerlei) Weise möglich sind? Evod. Wenn das höchste Gut für Mle Eines und Dasselbe ist/ muß auch die Wahrheit / in welcher jenes geschaut und gefaßt wird/ folglich die Weisheit/ für alle nur Eine- somit ein Gemeingut scyn. Aug. Zweifelst du etwa/ ob das höchste Gut/ worinn cS immer bestehen möge/ für alle Menschen Eines und Dasselbe fey? Evod. Allerdings; denn ich sehe / wie die Einen an diesen / die Andern an jenen Dingen als an ihren höchsten Gütern sich erfreuen. Aug. Ich wünschte zwar/ daß jeder eben so wenig einen Zweifel über dar höchste Gut hegte / als wenig er zweifelt glücklich zu seyii/ wenn er dieses Gut/ worin cS immer bestehen mag / erlangen würde. Indessen/ da die Frage wichtig und einer langen Untersuchung bedürftig ist/ wollen wir annehmen/ cS gebe so viele höchste Güter/ als Dinge möglich sind/ welche von verschiedenen Menschen/ als ihre höchsten Güter verlangt werden können; folgt aber daranS/ daß die Weisheit dcßwcgen nicht mehr ein gemeinschaftliches Gut für alle scyn könne/ weil die Güter/ welche Li« Menschen als zur Weisheit gehörig unsehe»/ und für sich auswähle»/ mannigfaltig nnd verschiedenartig sind? Wenn du dieses glaubest/ wirst du auch über die Einheit dc-s Sonnenlichtes im Zweifel seyN/ zumal die Gegenstände mannigfaltig und vielartig sind/ welche wir in demselben erblicken. Von diesen mannigfaltigen Gegenständen wählt sich jeder einen auS/ an dem sich seine Augen belustigen mögen. Der Eine sicht gern die Höhe der Berge / und erfreut sich an ihrem Anblick; der An- dcre eine flache Ebene; der Dritte die Krümmungen der Thälcr; ein Vierter die Grüne der Wälder/ und ein Fünfter die gleichmäßige Bewegung des Meeres; Einige erfreut mehr die Anschauung aller dieser/ oder doch wenigstens einiger dieser Dinge zugleich. Wie also viele nnd verschiedene Dinge in demselben Lichte der Sonne geschaut/ und zum beliebigen Genüsse eines' jeden Menschen eigens herauSgchobcn werden / ohne deßwegen die Einheit des LichteS/ in welchem diese Dinge geschaut/ oder der Anblick des Schauenden/ der/ beson- dern Genusses wegen/ auf denselben verweilet/ zu stören; so kann auch selbst das Licht der Weisheit/ in welchem alle Wahrheiten geschaut werde»/ für alle Weisen ohne Unterschied dasselbe seyi,/ wenn schon viele und verschiedenartige Dinge sind/ in Bezug auf welche Jedem eine beliebige Auswahl cingcräumet wird/ um etwas zu erfassen und anzuschauen/ worinn er wirklich und wahrhaft den Genuß seines höchsten Gutes gegründet glaubt. 166 Evod. Ich bekenne, daß cS nwglich sey, nnd nichts im Wege stehe, die Weisheit als nur Eine und als Gemeingut für alle Weisen anzuerkcnnen, wenn auch »och so viele und verschiedenartige Güter sind, welche unter dem Menschen als höchste Güter angesehen werden. Indessen wünschte ich zu wissen, ob die Sache sich wirklich so verhalte: denn daraus, weil wir zugeben, cS könne so scyn, folgt ja noch lange nicht, daß cS auch wirklich so sei). Aug. Freylich sind wir vom Daseyn der Weisheit überzeugt. Ob sic aber ein Gemeingut für alle Weisen sey, oder ob jeder seine eigene Weisheit, wie seine eigene Seele, oder seinen eigenen Geist habe, ist uns noch nicht ganz klar. Evod. So ist cS. X. Aug. Woher aber haben wir die Ueberzeugung, sowohl von dem Daseyn der Weisheit, als von dem Verlangen aller Menschen nach Weisheit und einem seligen Leben? Denn daß du diese Ueberzeugung habest, und daß der Gegenstand deiner Ueberzeugung ein wirklicher sey, möchte ich auf keine Weise bezweifeln. Allein von dieser deiner wahren Ueberzeugung, welche in deinen Ideen gegründet ist, weiß ich durchaus nichts, falls du deine Ideen mir nicht offenbarest. Oder glaubst du etwa, auch ich werde erkennen diese Wahrheit, wie du sic erkennest, wenn gleich deine Erkenntniß mir nicht bekannt gemacht wird? Evod. Ja frcylich glaube ich dieses, 137 und zwar so, daß du sie auch erkennen würdest, wenn ich wollte, daß du sic nicht erkenntest. Aug. Ist aber eine Wahrheit, die wir beyde, jeder in seinem Geiste, schauen, nicht eine gemeinschaftliche Wahrheit für unS beyde? Evod. Ganz offenbar. Aug. Auch wirst du nicht läugnen, eS sei) eine wichtige Wahrheit, daß man sich auf die Weisheit verlegen solle? Evod. Durchaus nicht. Aug. Eben so können wir nicht läugnen, daß diese Wahrheit nur Eine sey, und eine gemeinschaftliche für die Anschauung Aller, welche sie erkennen, obgleich Jeder weder mit meinem noch mit deinem, noch mit dem Auge eines Dritten, sondern einzig mit dem Auge seines Geistes sic schauet, eben weil der Gegenstand seiner Anschauung ein gemeinschaftlicher für die Anschauung Aller ist. Evod. Eben sowenig können wir es läugnen. Aug. Wirst du nicht auch für eine durchaus wahre und nicht nur für meine und deine, sondern für die Anschauung eines jeden Menschen gleich einleuchtende und gewisse Pflicht halten, im Einklänge mit den Gesetzen der Gerechtigkeit zu leben? das weniger Gute dem Bessern nachznsehen, Gleiches zu Gleichem zu stellen, und Jedem zu geben, was ihm gehört? Evod. Durchaus. Aug. Könntest du in Abrede scyn, das Unverdorbene sey besser als das Verdorbene, das Ewige besser als das' Zeitliche, das Unverletzbare besser als das Verletzbare? Evod. Wer könnte das? Aug. Diese Wahrheiten mag also Jeder seine Wahrheiten heißen. 1Z8 obwohl sie unwandelbare Gegenstände für Alle bleiben / welche ste zu schonen vermögen? Evod. Nein, Keiner kann ste mit Grund seine Wahrheiten heiße» / zumal ste nicht weniger Eines'/ und für Alle gemeinschaftlich/ als' wahr stnd. Aug. Wer könnte ferner läugnen/ man müße die Seele von jedem Vcrderbniß hinweg/ und nur auf das' Unverderbliche hinwendcn/ oder man müße nicht die Verdorbenheit/ sondern die ttüverdorbenhcit lieben? Und wer steht nicht ei»/ daß/ falls er ein Wal), res zugiebt/ dasselbe unwandelbar sey in seiner Erkennt- niß sowohl/ als in der Anschauung Aller/ welche dasselbe/ wie er/ zu fassen vermögen? Evod. Durchaus richtig. Aug. Zieht nicht Jeder da§ Leben desjenigen/ welcher durch keine Widerwärtigkeiten von dem stch wegbringen läßt/ was er einmal als sittlich gut mit Gewißheit erkannt hat/ dem Leben eines andern vor/ welcher/durch zeitliche Unglücksfälle niedergebeugt/ seinen Grundsätzen untren wird? Evod. Wer könnte Anstand nehmen/ cS vorzuziehen? Aug. Ich will nicht mehrere Bcyspicle dieser Art anführcn. ES ist genug / wenn du mit mir anerkennest / und als durchaus gewisse Wahrheit ein- siehst/ daß diese Grundsätze/ oder diese Urbilder der Tugenden/ sowohl wahr/ als unwandelbar/ und wenn gleich von Jedem/ welcher ste zu schauen vermag/ nach seiner Vernunft und seinem Geiste gefaßt/ doch nicht weniger allgemeine/ als besondere Wahrheiten seyen. Allein die Frage stelle ich/ ob du diese Wahrheiten als 169 Bcstaudthcile der Weisheit ansehest? Für weise hültst dii/ wie ich glaube/ wer immer die Weisheit errungen und in Besitz genommen hat? Evod. Allerdings. Aug. Könnte aber der/ welcher gerecht lebt/ ein solches Leben führen/ ohne anschauliche Erkcnntniß/ wie das Niedere dem Höheren untergeordnet/ das Gleiche mit Gleichem verbunden / und jedem das Seinige gegeben werden soll? Evod. Nein; das' könnte er nicht. Aug. Willst du aber einem / welcher diese Erkcnntniß hat/ Weisheit absprechen? Evod. Nein. Aug. Ist eS nicht auch Sache des klugen Mannes/ das Unvcrderbliche für sich zu wühlen/ und jegliche Unverdorbenhcit jeglichem Vcrdcrbniß vorzuziehen? Ev od. Ganz augenscheinlich. Aug. Wenn er aber zum ausschließlichen Zielpunkt seiner Seele auS- wählt/ was Jeder auswühlen zu sollen glaubt/ wird seine Wahl nicht weise scyn? Evod. Durchaus weise. Aug. Und wenn er seiner Seele die ausschließliche Richtung auf das hin crthcilet/ was er mit Weisheit ausgewcihlet hat/ wird auch diese Richtung weise scyn? Evod. Ganz gewiß. Aug. Und wer von dieser seiner weisen Wahl/ und seiner weisen Richtung durch keinen Schrecken und keine Strafen sich abbringen laßt/ handelt ohne Zweifel weise? Evod. Durchaus ohne Zweifel. Aug. ES ist demnach augenscheinlich / wie alle diese Dinge/ die wir Grundsützc und Urbilder der Tugenden nannte»/Bestandtheile der Weisheit scycn: denn jcmehr der Mensch jene Grundsütze in allen seinen Handlungen 140 befolget/ und noch diesen Urbildern sein Leben cinrich- tct/ desto weiser lebt und handelt er: was aber so ganz mit Weisheit geschieht/ kann unmöglich als etwas vou der Weisheit Getrenntes angesehen werden. Evod. So verhält sich in allwcg die Sache. Aug. Nicht weniger wahr und unwandelbar also/ als die Grundsätze der Zahlen/ deren Wesen und Verhältnisse wir als etwas Unwandelbares/ und für die Anschauung Aller Gemeinsames anerkannt haben/ sind auch die Grundsätze der Weisheit/ von denen du nun einige/ welche ich einzeln angeführt habe/ als wahr und einleuchtend/ und nicht weniger als gemeinsame Gegenstände für die Betrachtung Aller/ welche sie zu erkenne:: vermögen/ mit mir gefunden hast. XI. Evod. Ich habe hierüber keinen Zweifel mehr. Allein zu vernehmen wünschte ich noch/ ob die zwcy Gegenstände/ die Weisheit nemlich und die Zahl/ welche nach deiner früher» Bemerkung/ auch in den hl. Schriften mit einander in Verbindung stehen / zu einer Gattung gehören/ oder ob eine von der andern getrennt/ oder eine in der andern enthalten/;. B. die Zahl von der Weisheit getrennt/ oder die Zahl in der Weisheit enthalten sey ? Sagen/ die Weisheit setz von der Zahl getrennt / oder die Weisheit bestehe in der Zahl/ möchte ich nicht: denn ich kenne viele Zahlcnlicbhabcr/ oder Zähler/ oder wie man 141 die immer heißen möge/ welche Zahlenkunde im hohen nnd bewunderungswürdigen Grade besitzen/ ohne daß ich von ihnen Mehrere / oder vielleicht auch nur einen Einzigen weise nennen dürfte; weit ehrwürdiger daher kommt mir die Weisheit vor/ als' die Zahl. Aug. Du sprichst hier auS/ was ich selbst zu bewundern pflege: denn wenn ich die unwandelbaren Zahlvcrhäitnisse bey mir überdenke / nnd gleichsam in das Innere jener Gegend/ oder falls sich ein schicklicherer Ausdruck finden läßt, in jenen Ort eindringe / wo gleichsam die Wesenheit und Wahrheit der Zahlen zu Hause ist/ werde ich weit vom Körper entfernt / und / indem ich da sindc/ was ich zwar zu denken/ aber nicht/ was ich auszusprechen vermag/ kehre ich ermüdet endlich in unsere Region zurück/ um reden zu können / nnd nenne augenscheinliche Dinge, wie man sie zu nennen pflegt. Das Ncmliche widerfährt mir auch, je größer die Lebhaftigkeit und Anstrengung ist, mit der ich über die Weisheit nachzudenken pflege. Und dcßwegcn fällt mir sehr auf/ daß die Zahl / obwohl selbst nach dem Zeugniß der hl. Schrift auf eine, wenn auch sehr verborgene/ jedoch durchaus gcwiße Weise, innigst mit der Weisheit verknüpft/ bey der Menge des Volkes in viel geringerm Ansehen, als die Weisheit scy/ und zwar um so mehr/ weil sie eine und dieselbe Sache sind. Indessen/ da in den heiligen Schriften von der Weisheit gesagt wird, daß ihre Macht von einer Gränze zu der andern reiche, und ihre Ordnung l42 mit Anmuth alles erfülle/ wird vielleicht die Nacht/ welche von einem Ende zum andern reichet / Zahl; die Ordnung aber/ welche Alles mit Anmuth erfüllet/ W e iS heit im cngern und eigenthümlichcn Sinn des Wortes genannt/ wo dann beyde/ die Zahl und die Weisheit im cngern Sinne/ Arten derselben Weisheit überhaupt sind. Allein / weil die Zahl allen / selbst den gemeinsten und niedrigsten Dingen/ eingeprä'gt ist/ indem alle Körper/ auch die/ welche den letzten Nang entnehmen/ ihre Zahlen haben; die Weisheit aber nicht den Körpern/ ja nicht einmal allen belebten/ sondern einzig den vernünftigen Wesen zukömmt/ als in welchen sie gleichsam ihren Thron anfgcschlagcn hat/ einen Thron/ von dem aus Alles geordnet wird, sogar die Menge jener geringfügigen Dinge/ welchen Zahlen cin- geprägt sind / erblicken wir/ zmnnl wir über die Körper/ denen die Zahlen eingeprägt sind/ als Gegenstände ur- theilen/ welche unter uns sind/ auch die Zahlen unter >,»§/ und halten sie deshalb von geringerem Werthc. Allein sobald wir unsere Blicke wieder erheben/ finden wir die Zahlen über unfern Geist weit erhaben/ und von unwandelbarer Natur an und für sich / oder in ihrer cigcnthümlichen Wahrheit betrachtet *). Weil aber *) Ncbcr die hohe Bedeutung und den absoluten Werth der Zahl und des MaaßeS/ in der Idee betrachtet/ sind folgende Worte im vierten Capitcl des zehnten Buches der Bekenntnisse noch Hellern Aufschluß gebend: 14 .; wenige weift werden können/ während dein selbst Thö- richte das Rechnen verstehen/ bewundert man die Weisheit/ und achtet gewöhnlich die Zahlen weniger. Je mehr ader ein.gelehrter und nach Wissenschaft ringender Mann sich über den Staub der Erde erschwinget/ um so klarer schaut er auch / wie die Zahl/ so die Weisheit in derselben Einen Wahrheit/ und beyde haben in seinen Augen einen hohen Werth; ja einen so hohen „DaS Gedächtniß enthält der Zahlen und Ausdehnungen unzählige Verhältnisse und Regeln/ die durch keinen Körpersinn hinein kamen/ da sie weder Farbe/ noch Ton/ noch Geruch und Geschmack haben/ noch auch bcriihrbar sind. Ich hörte die Töne der Worte/ wodurch sie bezeichnet werden/ wenn die Rede von ihnen ist; doch jene sind etwas ganz anderes'/als diese; denn anders tonen diese griechisch/ anders' lateinisch; jene Dinge aber sind weder griechisch/ noch lateinisch/ noch auch sonst einer Sprache. Ich sah Linien von Künstlern/ so dünn und zart/ wie Spinnefäden; aber die mathematischen Linien in meinem Innern sind etwas ganz anderes/ und keine Bilder solcher Linien/ wie das' Auge des' Fleisches mir sie ankündigte. Es' kennt jeder sie/ der/ ohne irgend etwas' Körperliches zu denken/ sie im Innern erkennt/ Durch alle ineine körperlichen Sinne nahm ich Zahlen wahr/ wie wir sic zählen; aber die Zahlen im Innern sind etwas' ganz Verschiedenes/ und keine Bilder jener/ sondern bestehen für sich. Wer dieß nicht erkennt/ der mag immerhin lachen über das'/ was ich hier sage; ich aber beklage den mich Verlachenden^ Silbcrt. 144 Werth, daß in Vergleich mit ihnen Goldinnd Silber, ja der Preis aller Dinge, welcher wegen Menschen gewöhnlich einander zu verfolgen pflegen, bcynahc verschwindet. Man darf sich auch nicht wundern, daß die Zahl von geringem, die Weisheit hingegen von hohem Wcrthe den Meisten verkommet, indem es leichter ist, re ch n e n zu lernen, als weise zu w erden, ilm so weniger, weil ja oft auch dem Gold, aus welchem eine Leuchte besteht, ein höherer Werth bcygelegt wird, als dem Licht der Leuchte selbst, da doch in Vergleich mit jenem der Werth des Goldes ein sehr geringer ist. Allein eine Sache von sehr untergeordnetem Range, wie hier das Gold, wird hochgchalten, weil sie nur Wenige besitzen, während selbst ein Bettler Licht anzu- ziindcn vermag. Indessen ist hiemit nicht gesagt, die Weisheit stehe in einem niederem Range, als die Zahl, zumal sie ja das Licht des Auges ist, in welchem dieses allein zu sehen vermag. Wie aber in einem und demselben Feuer Glan; und Wärme, als gleich wesentliche und untrennbare Thcile wahrgcnommcn werden, obwohl die Wärme nur naheliegenden Gegenständen sich mittheilt, der Glanz aber in die Länge und Weite sich auSbrcitct; so erwärmt auch die Macht der Erkenntniß, die der Weisheit cigcnthümlich ist, nur die ihr verwandteren Naturen, die vernünftigen Seelen nemlich, ohne daß die entfernteren, z. B. die Körper von der Wärme der Weisheit durchdrungen werden, wie sic das Licht 145 Lcr Zahlen durchdringt, gesetzt auch, daß diese Durch- dringung du nicht zu begreifen vermagst, weil kein sichtbares Ding ein durchgängig angemessenes Gleichniß der Unsichtbaren ist. Unterdessen fasse nur so viel auf, als für die gegenwärtige Untersuchung crfodert wird, und so viel Geister von untergeordnetem Range, wie wir sind, zu fassen vermögen; daß nemlich, wenn auch uns nicht einleuchtend genug ist, ob die Zahl in der Weisheit enthalten, oder au-S der Weisheit entsprungen, oder ob umgekehrt die Weisheit aus der Zahl entsprungen, oder in der Zahl enthalten, oder ob bcydc, Weisheit und Zahl Ausdruck einer und derselben Sache scycn, gleichwohl so viel durchaus gewiß scy, bcydc seycn Wahrheit, und unwandelbare Wahrheit. XII. Dcßwegen läßt sich auf keine Weise längncn, cS gebe Eine unwandelbare Wahrheit, welche alles unwandelbar Wahre umfasse, und weder deine noch Ui ei ne, noch die Wahrheit eines Dritten, sondern Wahrheit Aller ist, welche unmittelbar Wahres zu schauen vermögen, eine Wahrheit, die auf bewunderungswürdige Weise, als verborgenes und zugleich offenbares Licht, in die Augen Aller fällt und dem einen, wie dem andern zur Anschauung sich an- bicthct. Was aber alle Vernünftigen schauen und alle Verständigen gleichmäßig erkennen, kann unmöglich bloße Eigenheit einer besondcrn Individualität 10 14Ü seyn. Du erinnerst dich ja / daß wir früher von den Sinnen des Körpers gezeigt haben; wie Farben und S°önc, welche von den Augen und Ohren Aller auf gleiche Weise wahrgenommen werde»/ so zwar/ daß ich und dli/ einer/ wie der Andere sie sehen und höre»/ nicht in der Eigcnthümlichkcit nnscrcrAuge» oder Ohren ihren Grund haben können / sondern Gegenstände gemeinsamer Wahrnehmung notss wendig seyn müssen. Aus demselben Grunde können wir nicht sagen / daß die Wahrheiten / welche ich / oder du gemeinschaftlich/ wenn gleich Jeder nach dem Vermögen seines Geistes/ erkenne«/ in der Eigcnthüni- lichkcit unserer individuellen Natur ihren Grund haben: denn wenn die Augen zwcyer Menschen etwas zugleich sehen / kann dieses Etwas nicht die Eigenschaft der Augen des einen/ oder andern der Sehenden genannt werben / sondern ist ein DritteS/ ans welches die Augen Beydcr gleichzeitig gefallen sind Evod. Das ist durchaus so einleuchtend/ als wahr. Aug. Ist nun ') Ueber die Wahrheit als Gemeingut aller Menschen stehen im eilftcn Capitel des zwölften Buches der Bekenntnisse de-s hl. Augustin'S folgende vielsagende Ausdrücke: „Wenn wir bcyde einschcn/ daß/ was du sprichst/ wahr ist/ und wir auch beyde cinsehen/ daß / was ich spreche/ nicht minder wahr ist/ wo / sage mir/ sehen wir dicß? Allerdings sehe ich dicß nicht in dir / noch du in mir/ sondern beyde in ihr/ die über unfern l-t7 diese Wahrheit / von der wir schon so lange rrdcii/ und in welcher allein so viele Wahrheiten liegen / vollkomm- ncr als unser Geist/ oder ist sie demselben gleich/ oder etwa ihm untergeordnet? Doch / wenn sie ihm untergeordnet wäre/ könnte er nicht nach derselben/ sondern nur über d icsclbe Urthcile fälle»/ wie wir über Körper ur- thcileri/ die unter uns sind/ und vielfältig sage»/ nicht nur/ daß sie seyen/ so oder anderst scycn/ sondern auch/ daß sic so / oder anderst scyn sollten: auf gleiche Weise wissen wir auch von unserer Seele/ nicht nur/ daß sic ist/ wie sie ist/ sondern vielfältig auch / daß sic sey/ wie sic scyn soll. In Hinsicht ans die Körper fällen wir ein solcher ttrthcil/ sooft wir sage»/ sie seyen weniger weiß/ oder weniger cckigt/ als sie scyn sollten/ und wie derlei Eigenschaften ferner heißen. In Hinsicht auf die Seelen aber urthcilcn wir auf diese Weift/ so oft wir behaupten/ sie seyen nicht so tüchtig / nicht so freudig/ nicht so sanft- müthig/ oder auch nicht so heftig/ als sie scyn sollte»/ Seelen ist/ in der unwandelbaren Wahrheit. Wenn wir also über das Licht Gottes/ unftrS Herrn nicht streiten / wcßhalb sollen wir denn über die Gedanken des Nächsten streite»/ die wir nicht also sehen könne»/ wie die unwandelbare Wahrheit gesehen wird; da wir selbst/ wenn MoyscS uns erschienen wäre und uns gesagt hätte: dieß dachte ich; sic dann nicht sehen / sondern glauben würden? Nimmer also sollen wir über die geschriebene Wahrheit gegen einander mit Stolz uns aufblähcnch Nach Silbcrtö Ncbcrsctznug. je nachdem wir baS ewige Gesetz aller guten Handlungen und jeglichen Gutscyns, in irgend einer Beziehung, auf sie anwenden. Solche Urtheile fällen wir aber nach den inncrn Grundsätzen der Wahrheit, die wir Me gemeinschaftlich anerkennen, weil nach jenem ewigen Gesetz unseres Geistes, das in allen dasselbe ist; über die Grundsätze selbst aber, oder über das ewige Gesetz, fällt keiner ein Urtheil: denn falls einer behauptet, das Ewige müsse dem Zeitlichen vorgezogcn werden, oder 7 und 3 ftyen ic>, sagt Keiner, so müsse eS scyn, sondern, indem er cinsieht, daß es so scy, prüft er nicht als Untersuchet eine noch zu findende Sache an einem Höheren, sondern er freut sich einzig der schon so g efundenen. Wenn aber diese Wahrheit unscrm Geiste deygeordnet wäre, würde sie auch gleich diesem veränderlich seyn; denn eS ist bekannt, wie der menschliche Geist bald mehr, bald weniger einsehe, und hiedurch feine höhere oder geringere Vollkommenheit, mithin seine Veränderlichkeit an den Tag lege: während dem lene ewige Wahrheit sich gleich bleibt, und weder voll- kommner wird, wenn w^ .sie Heller, noch unvollkomm- »er, wenn wir sie weniger hell durchschauen, sondern unversehrt und unverderbt, wie sie allzeit ist, mit ihrem Lichte diejenigen, welche die Augen ihr zuwenden, gerade so erfreuet, wie alle, welche dieselben von ihr ab- wendeu, mit Blindheit strafet. Urtheilen wir nicht auch »ach feser Wahrheit, selbst über unser» Geist 1LS währen- wir doch über jene Wahrheit auf keine Weise zu urtheilen vermögen? Wir sagen ja, der Geist hat weniger Einsicht, als er haben sollte, oder er hat gerade so viel Einsicht, als er haben soll. Die Einsicht des Geistes wird aber so groß scyn, als nah und innig die Verbindung ist, in der er mit der unwandelbaren Wahrheit stehet. Wenn demnach die Wahrheit weder unter, noch neben dem menschlichen Geiste ist, muß sie nothwendig über demselben, und vollkommner als der menschliche Geist scyn. XIII. 8ch hatte aber versprochen, dir etwas zu teige», welches erhabener ist, als unsere Seele und unsere Vernunft. Sieh nun, es ist die Wahrheit: umfasst ste, so viel du kannst, genieße sie, und freue dich io dem Herrn, und sie wird alle Wünsche deines H-rzen- befriedigen. Oder was verlangst du mehr, als Seligkeit? Und wer ist seliger, als derjenige, welcher die uncrschüt- terliche, die unwandelbare und allervollkommenste Wahrheit genießet? Preisen die Menschen sich nicht glücklich, so oft sie in erlaubter, oder unerlaubter Vereinigung die Schönheit solcher Körper genießen, weicht ihrer sehnlichsten Begierde gerade entsprechen; und wir sollten uns nicht selig fühlen bcy so inniger Theilnahm« an der Wahrheit? Preisen die Menschen sich glücklich, wenn -e bcy brennender Hitze mit einem lech-ende« l50 Gaumen zur vollen und gesunden Quelle gelangen / oder hungernd eine zierliche und wohlbesetzte Tafel finden ; und wir sollten uns nicht selig preisen/ wenn die unwandelbare Wahrheit Hunger und Durß uns stillet? Wie oft hören wir rufen: o wie glücklich ist/ wer lieget auf Rosen- und Blumenbetten / umgeben von den lieblichsten Wohlgcrüchcn! — Was ist aber wohlriechender und wohlthnender als die Düfte der unwandelbaren Wahrheit? Wer wird diese cinathmeU/ ohne selig zu seyn? — Mehrere suhlen sich selig bey Gesang und Mufik/ sich freuend/ wofern fic diese genießen/ sich unglücklich wähnend/ so bald fie derselben entbehren müssen : und wir sollten das Glück des Lebens anderswo suchen/ als in der geräuschlosen/ lieblich klingenden und mannigfaltigen/ wenn auch noch so stillen Musik der Wahrheit/ und nicht an dem zuvcrläßigen und jederzeit möglichen Genüsse derselben uns erfreuen? Am Glanze des Goldes und der Silbers / am Glanze der Edelsteine und anderer Farben / am Lichte selbst des irdischen Feuers sowohl / als au der Klarheit desselben in den Gestirnen / im Monde / und in der Sonne/ ergötzen und erfreuen sich die Menschen/ so lang sie in diesen ihren Freuden durch Drangsal und Bedürfnisse dieses Lebens nicht gestört werden/ sich belustigend an derlei Dingen oft dergestalt/ daß einzig ihrer wegen unsterblich zu seyn fie wünschen; und wir sollten noch Anstand nehmen / die Seligkeit des Lebens in'S Licht der unwan- 1L1 delbare» Wahrheit ju setzen? Nein; in der unwandelbaren Wahrheit wird ja geschaut und gefaßt das höchste Gut; denn diese Wahrheit ist die Weisheit/ und in der Weisheit erblicke»/ umfassen/ und genießen wir bas höchste Gut. Selig ist aber durchaus'/ wer bas höchste Gut genießet: denn die unwandelbare Wahrheit weiset hin auf alle wahrhaftigen Güter/ welche verständige Menschen / nach jedesmaliger Empfänglichkeit / nur immer genieße» möge» / indem sie bald einzelne/ bald mehrere derselben für ihren individuellen Genuß aus'wählcn. Allein wie diejenigen/ welche im Lichte der Sonne einzelne Gegenstände betrachte»/ auf bene»/ welche ihnen vorzüglich entsprechen / mit bcsondcrm Wohlgefallen die Augen ihres Körpers ruhen lassen; und unter ihnen einige/ welche lebhafte/ gesunde/und sehr starke Augen erhalten habe»/ am liebsten in das Licht der Sonne schauen / welches' die Gegenstände / an denen sich schwächere Augen ergötzen/ beleuchtet/ so wendet sich auch das starke und lebhafte Aug des' Geistes / nachdem cs viele gewisse und unwandelbare Wahrheiten geschaut hat/ endlich auf die Wahrheit selbst hin / durch welche alle Dinge anschaulich werde» / und / indem cs' ausschließlich bcy derselben verweilet / entfallen seinem Blicke die übrigen Dinge / und cs erfreut sich in dem Einen des Genusses Aller: denn was' immerhin die mannigfaltigen Wahrheiten Beseligendes habe»/ haben sie einzig von der unwandelbaren Wahrheit. Dieser Wahrheit 152 unterworfen seyn, heißt wahrhaft frey seyn: denn diese Wahrheit ist unser Gott / welcher von dem Tode, d. i, aus dem Zustand der Sünde uns befreytl diese Wahrheit ists auch, die als Mensch mit Menschen gesprochen / und zu denen / welche ihr glaubten / gesagt hat: Wenn ihr in meinem Worte verbleibet, dann werdet ihr meine Jünger seyn, und ihr werdet erkennen die Wahrheit, und die Wahr, heit wird euch frey machen (Joh. 8, 31.): denn die menschliche Seele hat keinen fre Yen, wo nicht auch einen sichern Genuß. XlV. Niemand aber ist sicher in Bezug auf Güter, welch« er gegen seinen Willen verlieren kann: Wahrheit und Weisheit jedoch verliert Keiner, ohne sie verlieren zu wollen: denn Keiner kann im Naumc von ihr getrennt werden, sondern was man Trennung von Wahrheit und Weisheit nennet, ist ein verkehrter Wille, gemäß wel- chem Güter von niederer Art lieb gewonnen werden. Keiner aber will etwas gegen seinen Willen. Wir haben also einen Genuß, welcher für uns Alle gleich, und ge. mcinschaftlich ist, und weder durch irgend eine Drang« sal getrübet, noch durch irgend einen Mangel unterbrochen wird. Die Weisheit nimmt alle ihre Liebhaber auf, falls sie nur gegen sie in keiner Beziehung Widerwillen haben, und bicthct Allen als ein gemeinschaftliches, 1LZ und jedem Einzelnen zugleich als ein unversehrtes Gut sich an. Keiner spricht da zum Andern: tritt auf die Seite/ damit auch ich hinzutrctcn könne: hebe deine Hand weg/ damit auch ich berühren könne. Alle sind der Weisheit innigst nahe/ Alle berühren sie. Ihre Speise wird nicht zerstückelt; den Trank von ihr/ den du trinkst/ kann auch ich trinken: denn von ihrem Gemeingut wandelst du nichts' in deinen bloßen Privat« gennß um/ sondern was du von ihr genießest/ bleibt auch unversehrt für meinen Genuß; was du einathmest/ kann auch von mir cingeathmct werden / ohne daß cS zuvor von dir müßte auSgeathmet seyn: denn kein einziger Bestandthcil der Weisheit kann Eines oder Vieler ausschließliches Eigcnthum werden/ sondern sie bleibt ganz/ wie sie ist/ Gemeingut für Alle. Weniger Ähnlichkeit mit dieser Wahrheit haben die Gegenstände VeS GetastcS/ des Geschmackes' / und des Geruches/ als die des Gehörs und des Gesichtes / zumal jedes Wort/ von denen/ die es' höre» / zugleich ganz / und von jedem bcsondern Hörer auch zugleich ganz vernommen/ so wie auch die ganze Gestalt eines sichtbare» Gegenstandes von dem einen ganz/ und zugleich von einem andern ganz gesehen wird. Indessen sind auch diese ähnlichen Dinge noch sehr unähnlich: denn keine Stimme tönt zugleich ganz auS / zumal sie in der Zeit aus'tönen und sich auS- breiten muß/ so/ daß ein Laut derselben früher/ als der andere ins Ohr fällt: und auch jegliche sichtbare Gestalt erscheint als stetig im Naumc, und fällt nicht auf jedem Punkt desselben ganz in'S Aug. Nebst dem können alle diese Gegenstände gegen unfern Willen weggcnommcn werden, und mancherlei Trübsal hemmet gewöhnlich ihren Genuß. Wenn aber auch der melodische Gesang irgend eines Menschen von beständiger Dauer wäre, und alle denselben zu hören sehnlichst wünschten , würden sie in dem Maaße, in welchem die Zahl der Liebhaber groß wäre, einander beengen, und um die Stelle, welche dem Singenden zunächst wäre, einander drängen , und gleichwohl in ihrem Gehöre von der Lieblichkeit des Gesanges nichts fcsthalten, sondern einzig von flüchtigen Tönen gerührt werden. Selbst den Anblick dieser Sonne, falls ich denselben anhaltend zu ertragen vermöchte, würde mir ihr Untergang wieder entziehen, und die Wolken und andere Zwischendinge meine Freude stören, und somit auch dieses Genusses gegen meinen Willen ich verlustig werden. Doch gesetzt, der süße Genuß, der im Anblick des Lichtes und in der Anhörung lieblicher Töne besteht, wäre etwas Bleibendes; wie könnte ich gleichwohl in demselben Vorzügliches erblicken, da ich offenbar mit den Thiere» ihn gemein hätte? Die Schönheit der Wahrheit und der Weisheit hingegen schließt, so oft ihr Genuß mit beharrlichem Willen angcstrcbt wird, keinen von sich aus, indem die Menge ihrer Anhörer sich auf keine Weife beenget: sie verliert sich nicht in der Zeit, und verschwindet nicht im los Muni»!/ wird nicht durch dir Nacht unterbrochen; ist weder durch Schatten uns aus den Augen gerückt/ noch von irgend einem Sinne unserS Körpers' abhängig. Allen, welche von der ganzen Welt her mit Liebe sich ihr zuwenden, ist sic innigst nahe, und für Alle von unaufhörlicher Dauer; ohne irgendwo zu seyn, biethct sic sich überall Hedem au ; ermahnet von Aussen: lehret von Innen; wandelt Alle/ die sie schauen, in einen bessern Zustand um, wird aber von Keinem je in einen schlimmer« versetzt: Keiner fällt ein llrthcil über sic; aber auch Keiner ein richtiges Urtheil ohne sie. Deswegen ist einleuchtend, wie sie höher scyn müsse, als der menschliche Geist, zumal jeder Mensch einzig durch sic weise wird, und niemals über sic, jedoch stets durch sic zu urtheilen pfleget. XV. Du sagtest aber, daß, wofern ich dir zeigen könnte, es sey Etwas' über den menschlichen Geist Erhabenes, du dieses, falls es nicht noch ein höheres' Wesen gäbe, als Gott anerkennen wollest. Mir gefiel deine Antwort, und ich nannte sic hinreichend, das' Daseyn Gottes zu beweisen: denn giebt es etwas Dortrcflicheres, so ist dieses Gott; wenn aber nicht, so ist die unwandelbare Wahrheit Gott. Möge also Etwas vortreflicher seyn, oder nicht seyn, als die unwandelbare Wahrheit ist, in jedem Falle ist Gott, was zu beweisen die Absicht dieser Unterredung nnd Abhandlung war. SollteeS dich hindern/ weil die Lehre des ChristcnthumS von einem Vater der Weisheit redet/ so bedenke nur/ daß nicht weniger von einem / dem ewigen Vater gleichen / von ihm selbst gezeugten Sohne/ der die ewige Weisheit ist/ die Rede scy. Ucber diese Wahrheit aber haben wir keine Untersuchung anzustellen/ sondern mit unerschütterlichem Glauben ste nur fest zu halten: denn Gott ist/ und ist Las wahrhaftige und höchste Seyn. Wenn wir nun die« ses nicht mehr bloS/ (meines Erachtens wenigstens) zweifellos glauben/ sondern auf eine gewisse / wenn auch noch so feine Erkenntnißweise einsehen/ so ist dieses zum Zwecke dieser Untersuchung hinlänglich / zumal wir von dieser einzigen Einsicht und Erkenntniß aus alles klebrige zu erklären vermöge»/ falls du anders nichts dagegen einzuwcnden hast. Evod. Deine Darstellung hat mich mit unglaublicher und unaussprechlicher Freude Durchdrungen/ und ich kann nicht umhin/ sie durchaus einleuchtend und gründlich zu nennen. Aus dem innersten Grund meines Herzens erhebe ich meine Stimme zur Wahrheit / um von ihr gehört und mit ihr vereiniget zu werden; zur Wahrheit, von der ich bekenne/ nicht nur/ dag sic ein Gut/ sondern daß sie das höchste und beseligendste Gut sey. Aug. Du hast ganz recht; auch ich habe eine ausserordentliche Freude. Indessen sage mir/ sind wir wirklich schon weise und selig / oder streben wir erst weise und selig zu werden? 157 Evod. Ich glaub«/ wir streben erst es zu werben. Aug. Woher dann deine Erkenntniß so wahrer und gewisser Dinge/ di-/ wie du sagst / zur Weisheit gehören«» und dich mit solcher Freude erfüllen? Kann etwa auch ein Thor die Weisheit erkennen? Evod. MS Thor kann «r die Weisheit nicht erkennen. Aug. Du bist also wirklich schon weift/ oder du hast die Weisheit noch nicht erkannt. Evod. Ich bin zwar noch nicht weise; aber auch thöricht möchte ich mich nicht nennen/ in wie weit ich die Weisheit erkenne: denn gewiß ist/ was ich erkenne/ und unstreitig zur Weisheit gehörig. Aug. Nennst du aber den, welcher nicht gerecht ist/ ungerecht/ und de»/ welcher nicht klug ist/ unklug/ und den/ welcher nicht mäßig ist/ unmäßig; oder ist dieses irgend einem Zweifel ausgesetzt? Evod. Ich gestehe/ daß / wer nicht gerecht ist / ungerecht ftyn müsse; und dasselbe behaupte ich auch in Hinsicht auf Klugheit und Mäßigkeit. Aug. Wird demnach der Nichtweift nothwendig ein Thor ftyn? Evod. Auch das gebe ich zu/ daß/ wer nicht weise ist/ rin Thor scy. Aug. Nu»/ welcher von bcyden bist du, Thor/ oder Weiser? Evod. Wie du mich immer heißen mögest / ich wage eS nicht, mich weift zu heißen, obwohl ich cinschc, daß, nach dem bereits Zugegcbencn ich mich Thor nennen müsse. Aug. Also erkennt der Thor die Weisheit? denn du könntest, wie früher gezeigt wurde, nicht die gewisse Ucberzcugung haben, daß du weift zu werden verlangest, und verlangen sollest, wenn nicht 15S di- Idee d-r Weisheit im Innersten deiner Seele enthalten wäre- gleich der Idee jener Dinge/ über welche dn auf meine Fragen insbesondere Ausschluß gegeben hast/ Dinge / welche znr Weisheit gehören und deren Erkcnnt- niß mit so hoher Frcnbc dich erfüllte. Evod. Die Sache verhält sich ganz/ wie dn sagst. XVI. Aug. Was heißt aber/ weise werden wollen/ anderes/ als mit möglichster Lebhaftigkeit nach dem/ was wir im Innersten des Geistes erfaßt haben/ unsere Seele sammeln/ zurechtstellci!/ und in demselben dergestalt befestigen/ daß sie fürder nicht mehr durch die Lust an besonder!! Dingen mit dem Vergänglichen verflochten/ sondern cntäußcrt der Reize der Zeit und des Raumes dasjenige ergreife/ was Eines und stets sich gleich bleibt: denn wie das ganze Leben des LcibcS Seele/ so ist das selige Leben der Seele — Gott. So lauge wir dieses Leben führen/ ohne cS zu vollenden/ sind wir auf der Wanderschaft. Da uns aber an diesen wahren und gewissen Gütern als an so vielen Gestirnen/ die auf unserer dunklen Wanderschaft leuchten/ Freude zu haben das Vermögen gegeben ist/ so forsche nach/ ob nicht hier in Erfüllung gehe/ was von der Weisheit geschrieben steht/ wo gezeigt wird/ wie sie mit denen umgehe/ welche sic aufsuchen und mit Liebe ihr sich nähern: denn cS heißt/ auf der Strasse begegnet sic ihnen freundlich/ (Weisheit 6/ 47.)/ und kommt ihnen mit möglichster Umsicht zuvor: denn wohin du immer deine Augen wendest/ sollen sie auf Merkmale/ durch welche die Weisheit ihre Werke ausgezeichnet hat: vermittels dieser redet sie dich an/ und rufet dich/ wofern du ins Acuffcre versinken willst/ gerade durch Formen der äusscrn Dinge in dich selbst zurück: denn was immerhin ein Körper Wohlgefälliges und die Sinne Reizendes hat/ ist wohlgefällig und reizend vermittels der in ihm auSgedrück- ten Zahl/ und sobald du nach dem Ursprung derselben fragest/ kehrst du in dich selber zurück/ und gelangst zur Erkenntnis; / wie dn weder Wohlgefallen / noch Mißfallen haben könntest an irgend einer sinnlichen Erscheinung / wenn nicht gewisse Gesetze der Schönheit in deinem Geiste lägen/ auf welche alles' sinnlich Schöne bezogen wird. Betrachte den Himmel/ die Erde/ das Meer/ und Alles/ was in denselben/ oder was' über denselben glänzet; sowohl die kriechenden/ als die fliegenden/ oder schwimmenden Wesen haben ihre eigcnthümli- chen Formen / welche durch Zahlen bedingt sind: hebein ihnen die Zahl auf/ und du hast ihr Daseyn zerstöret. Woher also sind diese Formen / wenn nicht vom Urheber der Zahl? Denn nur so viel dcS Scy nS/ als viel der Zahl sind alle diese Dinge thcilhaftig. Selbst die Kunst derjenigen/ welche schöne Formen der Körper/ in was immer für einer Beziehung / hcrvorbringeii/ besteht in der Zahl/ nach welcher sic ihre Merke gestalten. So lange ja bewegen die Künstler bey Verfertigung der Kunstwerke ihre Hände und ihre Werkzeuge/ bis irgend «ine äussere Gestalt nach irgend einer innern Zahlcnidee ihre möglichste Vollendung erhält/ und vermittels des ihr entsprechenden äußern Sinnes dem innern Sinne schön erscheint/ welcher/ mit Hinblick auf höhere Zahlen, sein Urtheil fällt. Fragst du endlich/ waü selbst die Glieder des Künstlers' bewege / so findest du wieder die Zahl; denn auch diese Bewegung geschieht nach denr Richtmaß der Zahl. Nimm dem Künstler das' Werk aus der Hand/ und die Absicht/ ein Kunstwerk zn gestalten/ aus' der Seele/ und laß die Bewegung seiner Glieder/ blos des Vergnügens wegen/ fortdauern/ und du hast den Tanz. Fragst du endlich/ worin das Wesen des Tanzes bestehe/ so antwortet dir die Zahl: sich/ ich bims. Betrachte die Schönheit eines wohlgestalteten Körpers / und du findest im Raume festgehaltcne Zahlen. Betrachte die Schönheit einer körperlichen Bewegung/ und du findest in der Zeit bewegliche Zahlen. Dringe hinein zur Kunst / aus' welcher diese hcrvorgchen/ und forsche in ihnen nach Zeit und Ort/ und du wirst sie nie und nirgends finden/ obwohl in ihnen die Zahl lebendig geworden ist: denn das Gcbieth dieser Dinge ist weder in irgend einem Ranin / noch in irgend einer Zeit/ wenn schon alle / welche die Kunst erlernen wollen/ derlei Dinge zu verwirklichen / ihren Leib durch Räume und Leite»; ihre Seele aber in der Zeit bewegen müßen/ 461 , zumal nur im Verlauft der Zeit dieser Kunst sie mächtiger werden können. Steige also selbst in die Seele dcS Künstlers hinauf, um die ewige Zahl zu erblicken: da wird die Weisheit von ihrer innersten Stätte aus dir in die Augen leuchten, und in ursprünglichster Form die Wahrheit sich zeigen: sollte diese dein noch zu mattes' Aug nicht genug rühren, so wende den Blick deines' Geistes auf jenen Weg hin, auf welchem mit hciterm Antlitz die Weisheit sich zeiget. Bedenke, daß du die unmittelbare Anschauung derselben cinSwcilcn aufschicbest, um, wenn du stärker geworden und gesünder, sie wieder zu erneuern. Wehe aber denjenigen, welche dich, o Weisheit, lieblichstes Licht reiner Seelen! als Führcrin verlassen, und auf deinen Wegen sich verirren, indem sie deine Offenbarungen lieber, als dich selbst haben, und vergessen, was durch dieselbe du sagen willst; denn unaufhörlich zeigst du uns deine Herrlichkeit, und deine Vollkommenheit. Offenbarungen der' selben sind ja alle Schönheiten der Geschöpft. Allein der ewige Künstler warnt den Beschauer seiner Werke, nicht zu lange Key der Schönheit des Werkes zu verweilen, um nicht ganz von derselben befangen zu werden, sondern die Gestalt eines geschaffenen Körpers so zu überschauen, daß dieses Ncbcrschauen Liebe zur Anschauung dessen erwecke, der ihn geschaffen hat. Diejenigen aber, welche deine Werke mehr, als dich selbst lieben, gleichen Menschen, welche bcy Anhörung der Rede eines 11 162 weisen Mannes über der Lieblichkeit der Sprache des Redners und dem kunstreichen Bau der Rede / was die Hauptsache ist, den Inhalt derselben vergessen / welche» die lieblich klingenden Worte hätten offenbaren/ und ihnen zn Gcmüthc führen sollen. Weh' alle»/ wclclic von deinem Lichte stch wcgwendcn/ und in ihre eigene Finsterniß ruhig sich versenken: denn sie blicken / dir gleichsam den Rücken wendend, nur auf das Werk des Fleisches/ wie in ihren eigenen Schatten; aber finden auch da noch/ im Wiederschcine nur deines Lichtes' / ihr Vergnügen. Allein die Liebe des bloßen Schattens raubet allmählig dem Auge des Geistes die Schekraft/ und macht cs stets untüchtiger in dein Licht zu schauen. Dcßwegen nimmt von Zeit zu Zeit die Finsterniß überhand/ jemchr der Mensch nur bei) solchen Dingen stehen bleibt/ welche den Bedürfnissen seiner schwachen Natur gerade am meisten entsprechen. Daraus entspringt allmählig das Unvermögen/ das' höchste Wesen zu schauen/ und der Wahn/ als scy ein Nebel/ was immerhin den Unvorsichtigen blendet/ oder den Dürftigen reizet / oder den Leidenschaftlichen peiniget/ da doch dieses nur wohlverdiente Strafe selbst eigenen Abfalles/ und unmöglich ein Ucbel seyn kamt/ zumal eS nothwendigc Folge der Gerechtigkeit ist. Keinen veränderlichen Gegenstand könntest du aber weder mit den Sinnen des KörperS/ noch mit dem Auge deines Geistes erfassen/ wenn ihm nicht irgend eine Form der Zahlen eingebildet wäre/ eine 163 Form/ deren Aushebung auch sogleich den wahrgcnom- mcncn Gegenstand zerstören würde: glaube aber nicht / als gebe cS keine ewige und unwandelbare Form/ nach welcher die wandelbaren Dinge nicht bloS unterhalten/ sondern in abgemessenen Veränderungen und nach einem bestimmten Wechsel der Gestalten/ gleichsam rhythmisch in der Zeit/ in Bewegung versetzt werden; eine ewige und unwandelbare Form/ welche weder im Raume fcstg ehalten und gleichsam ausgedehnt/ noch in der Zeit entwickelt und verändert wird/ sondern eine Form/ nach welcher einzig die Verwandlung aller Dinge möglich/ und die nothwendigc Stelle eines jeglichen.Dinges in Raum und Zeit/ so wie auch die Ausfüllung derselben / wirklich wird. XVII. Jede wandelbare Sache ist ja nothwendig auch eine der Bildung fähige Sache/ und wie wir wandelbar heißen/ was veränderlich ist/ heißen wir bildungsfähig/ oder bildbar/ was eine Gestaltung/ oder Bildung empfangen kann. Keine Sache aber kann sich selbst gestalten/ oder bilden/ zumal sie sich nicht geben kann / was sie nicht hat/ und gerade die Gestaltung/ oder Bildung deßwcgen unternommen wird/ damit die Sache eine Gestalt erhalte. Hätte irgend eine Sache schon eine Gestalt/ so bedürfte sie nicht erst dieselbe zu empfange»; hat sic aber noch keine Gestalt/ so kann sie unmöglich von sich erhalten / was sic selbst noch nicht hat. ES kann demnach/ wie wir gesagt haben/ keine Sache sich selbst gestalten. Doch wozu sollten wir noch länger von der Wandelbarkeit des Körpers und der Seele reden? ES ist ja hierüber früher schon hinlänglich gesprochen worden. Aus allem geht aber nothwendig hervor/ daß sowohl der Leib gestaltet / als die Seele gebildet werden müsse / und zwar nach einer unwandelbaren und stets sich gleichbleibenden Form; zu dieser Form wurde gesagt/ (Psalm w/ 17.): „Du wirst die Dinge umwandclii/ und sic werden eine andere Gestalt erhalten; du selbst aber bleibst immer derselbe/ und deine Jahre nehmen nicht ab." Jahre/ welche nicht abnehmen, sind nach der Sprache des Propheten — die Ewigkeit. Von dieser Urform wurde ferner gesagt (B. d. Weisheit 7/ 27.): Daß sie/ stets sich g l eich bl c i bcn d / Alles erneuere. Daraus läßt sich aber auch begreifen/ wie die Vorsehung alle Dinge lenke: denn wenn alle Dinge nur durch eine ihnen eingebildete Form zu bestehen vermögen/ muß jene unwandelbare Form / durch welche alle wandelbare Dinge bestehen / nothwendig in Hinsicht auf alle die Vorsorge treffen/ daß sic/ nach dem Urbild der ihnen eingebildeten Formen/ entwickelt und wirksam werde»/ weil alle diese Dinge nicht seyn würden/ falls keine ewige und unwandelbare Urform wäre. Wer somit nach Weisheit trachtet/ wird im Anblick und in der Vctrach- tung des Weltalls sic/ die Weisheit/ mit freudigem Antlitz auf seinem Wege finden/ und sehen/ wie mit aller Vorsicht sic ihm entgegen komme / und mit desto größerer Anstrengung wird/ von Liebe getrieben/ auf feiner Laufbahn vorwärts eilen/ wer den Weg/ auf welchem er zur Weisheit hinzukommcn wünschet/ durch die Weisheit selbst verschönert sicht. Findest du aber ausser der Gattung der bloS sey enden/ der auch lebenden und der nebst Diesem noch erkennenden Wesen / eine vierte Gattung der Geschöpfe/ so magst du diese ein Gut heiße»/ welches' seinen Ursprung nicht aus Gott hat. Die drey genannten Gattungen können aber auch mit zwcy Worten bezeichnet werde»/ ncmlich mit den Ausdrücken/ Leib und Leben: denn die bloS leb c nd e n Wesen ohne Erkenntniß/ z. B. die Thiere/ und die verständigen Wese»/ z. B. die Mensche»/ gehören allerdings unter den Einen Begriff — lebende Wesen. Die zwei) Gattungen der Wesen aber/ nemlich die bloS körperlichen und die auch lebenden / aber nicht erkennenden Wese»/ sind als bloße Geschöpfe zu betrachten: denn die Wesenheit de-S Schöpfers selbst heißt schlechthin/ „Leben"/ und ist allerdings das höchste Leben. Diese zwey Geschöpfe aber — Leib und Leben — zeigen dadurch/ weil sie/ wie früher gelehrt wurde/ der Bildung fähig/ und/ nur vermittels ihrer Form / vor Vernichtung gesichert sind/ genugsam an/ wie sic durch jene Urform erhalten werde» / welche stets dieselbe bleibt. Dcßwegen 166 können alle Güter/ so groß/ oder klein sic immer scyn mögen/ von niemand andern!/ als' von Gott ihren Ursprung haben. Oder/ was nimmt einen höhern Rang ein unter den Geschöpfen/ als das Leben dcS Geistes? was einen niederer» / als der Körper ? Und dennoch/ so mangelhaft die Dinge immer seyn/ nnd so sehr sic sich selbst zu vernichten streben mögen/ bleibt/ auch auf der niedrigsten Stuffe ihres DaseynS noch etwas von der Form in ihnen zurück. Diese Thcilnahmc an der Form/ welche im unvollkommensten Geschöpfe noch vorhanden ist/ ist eine Offenbarung der ewigen Urform/ welche niemals unvollkommncr wird/ und die Geschöpfe gegen das Gesetz der ihnen eingebildeten Zahlen weder ab - noch zunehmen läßt. Jede Dortreflichkeit dcS Weltalls'/ so geringen/ oder hohen Lobes sie würdig erachtet werden möge/ ist also nur ein Laut dcS allerhöchsten und unaussprechlichen LobcS/ welches' dem Schöpfer gebührt : oder hast du etwas' dagegen einzuwcndcn? XVIII. Evod. Nein/ ich bin auf eine Weise überzeugt/ wie Menschen/ die uns gleichen / während diesem Erdcnlebcn überzeugt werden können/ und zwar sowohl von dem Da- scyn Gottes/ als von dem Ursprung alles' Guten aus Gott: denn alle Dinge/ die erkennenden und lebenden/ die lebenden nnd scycudcN/ so wie auch die blys scycndcn / haben ihren Ursprung von Gott, 167 Nun aber wiederkchrt die dritte Frage/ ob der frcye Wille unter die guten Dinge zu zählen sey? Wenn dn dieses mir erweisest/ werde ich ohne weiters zugebcn / daß ihn Gott uns gegeben habe/ und daß er habe gegeben werden müssen. Aug. Du erinnerst dich wohl an den von uns festgesetzten Gang dieser Untersuchung/ und deiner Aufmerksamkeit ist nicht entgangen/ wie wir die zweite Frage schon beantwortet haben. Allein du solltest nicht weniger einsche»/ dag selbst die dritte Aufgabe schon gelöset sey. Dcßwegen hätte ja/ nach deiner Ansicht die Wahlfreyheit des Mil- lens nicht gegeben werden sollen/ weil in ihr ausschließlich das Vermögen der Sünde lieget. Als ich antwor- tite/ cS liege in der Wahlfreyheit des Willens nicht ivcniger ausschließlich das Vermögen zum Gute»/ und versicherte/ daß sic vorzüglich zum Guten von Gott gegeben worden sey/ sagtest du: der sreye Wille hätte uns gegeben werden solle»/ wie die Gerechtigkeit/ welche Niemand mißbrauchen kann. Diese deine Antwort hat so viele Wendungen unserer Rede veranlaßt/ damit als erwiesen cinleuchte/ wie/ sowohl die Güter höherer / als die niederer Art/ ihren Ursprung ausschließlich von Gott haben. Allein der Beweis konnte nicht einleuchtend geführt werde«/ ohne vorerst die Meinung einer gottlosen Thorheit/ welche aus dem Herzen des Wahnsinnes spricht/ cS giebt keinen Gott/ insoweit es nach dem Maaß unserer Kräfte in einer so wichtigen 168 Sache möglich war/ unter dem Beystande GotteS/ wel- chcr auf so gefahrvollem Wege uns verliehen wurde/ in Helles Licht gestellt zu haben. Diese zwcy Wahrheiten jedoch/ d. i. das Dascyu Gottes'/ und der Ursprung alles' Guten aus' Gott/ unerschütterlich fest früherhin geglaubt/ sind später auf eine Weise untersucht worden/ aus der eine dritte Wahrheit/ nemlich die: der frcye Wille gehöre unter die guten Dinge/ lichthcll in die Augen springt. Schon durch die frühere Untersuchung wurde ja klar/ und unter uns ansgemacht/ daß die Natur des Körpers niedriger/ als die Natur der Seele/ und dcßhalb die Seele ei» höheres Gut/ als der Körper sey. Wenn daher unter den Gütern des Körpers einige sind/ welche von Menschen mißbraucht werden können/ ohne daß wir dcßwegen behaupten/ sie hätten nicht gegeben werden sollen/ weil wir nemlich ihre ursprüngliche Gate anerkennen / warum sollten nicht vielmehr Güter in de: Seele scyN/ welche zwar mißbraucht werden können, aber dennoch Güter sind/ die ihren Ursprung nur von demjenigen haben/ welcher Urheber alles Guten ist? Offenbar ist es' eine grosse Unvollkommenheit des Körpers/ ohne Hände zu seyN/ und dennoch sind die Hände des Mißbrauchs fähig/ sowohl zu unmenschlichen / als zu schändlichen Thaten. Ein auffallender Mangel eines Körpers ist auch der Abgang der Füsse/ obschon nicht gc- läugnct. werden kan»/ daß auch die Füsse/ sowohl zur 169 Beschädigung Anderer/ als zur Beförderung des eigenen sittlichen Verderbens in Bewegung gesetzt werden können. Mit den Angen erblicken wir einzig das Licht deS Tages'/ und unterscheiden die Gestalten der Dinge; auch.sind sic der glänzendste Bcstandthcil unseres KörpcrS/ und zeugen / zufolge der Stelle/ welche sie in demselben cinnchmcii/ vorzugsweise von der Würde des Menschen/ und tragen zur Wohlfahrt und vielen andern Bequemlichkeiten des menschlichen Lebens unverkennbar vieles bey: dessenungeachtet werden durch die Augen viele schändliche Dinge verübet/ und vielfältig dieselben der Lust zu fröhncn gezwungen. Wenn aber der Abgang der Augen eine große Unvollkommenheit des Antlitzes wäre/ von wem können sie ihr Daseyn empfange» habe»/ als von dem Geber alles Guten? Wenn du nun alle diese Dinge als Güter des Körpers ansichst/ und ohne Rücksicht auf den Mißbrauch / den Einige davon machen könne»/ denjenigen preisest / welcher sic gegeben hat; so mußt du auch den freyen Willen/ ohne welchen ein rechtschaffenes Leben zu führen unmöglich ist/ als ein Gut/ und zwar als ein von Gott gegebenes Gut anerkennen; folglich vielmehr diejenigen/ welche ein solches' Gut mißbrauchen/ beschuldige»/ als behaupten wollen/ der Geber alles' Guten hätte so ein Gut nicht geben sollen. Evod. Vorerst solltest du mir doch beweise»/ daß der srcyc Wille ein Gut scy; dann würde ich gestehen / daß Gott ihn gegeben habe/ zumal ich nicht in Abrede bin - 170 alles Gute entspringe aus Gott. Aug. Habe ich dann, ungeachtet aller Anstrengung der früher» Untersuchung dir dieses nicht hinlänglich bewiesen / obwohl du cinge- stundest und znaabcst/ daß jegliche Gestalt und Form eines Körpers von der höchsten Urform aller Dinge/ d. i. von der Wahrheit ihr Daseyn habe/ und eben best- wegen etwas Gutes scy? Sagt doch die ewige Wahrheit im Evangelium selbst (Math. 10/ 30.): daß sogar die Haare unseres Hauptes gezählt scycii/ und du solltest schon vergessen haben/ was wir von der Idee aller Zahlen/ und über ihre vom einen Ende bis zum andern sich erstreckende Macht/ gesagt haben? Welche Verkehrtheit wäre es aber / die Haare unseres Hauptes'/ diese geringfügigsten und niedrigsten aller Dinge/ unter die Güter zu sehen/ und sic einzig vom Urheber aller Güter entspringen zu lassen.- aus dem Grunde/ weil der/ von welchem alles Gute kommt/ die Güter des niedrigsten Ranges'/ wie die des' höchste» geschaffen haben müsse/ und dennoch in Hinsicht auf den freycn Willen im Zweifel bleiben: in Hinsicht auf den freyen Willen / sage ich / ohne welchen / selbst nach dem Ein- gcständniß der unsittlichsten Leute/ kein einziger Mensch rechtschaffen zu leben vermöchte? Oder sage mir denn also/ was dir an uns' vortreflicher scheine/ LaS/ ohne welches ein rechtschaffenes Leben geführt werden kann / oder das'/ ohne welches ein rechtschaffenes Leben nicht geführt werden kann? Evod. Höre auf.- ich bitte; denn 171 mich schämt der Blindheit. Wer könnte im Zweifel scyn, daß nicht weit vortreflichcr sey dasjenige/ ohne welches ein rechtschaffenes Leben durchaus unmöglich scyn würde? Aug. Glaubst du etwa/ der Mensch mit einem Auge könne nicht ein rechtschaffenes Leben führen? Evod. Gott bewahre mich vor solch einer Tollheit. A u g. Wenn du also das Aug eines Körpers für ein Gut anerkennst/ dessen Verlust kein Hinderniß eines rechtschaffenen Lebens ist/ sollte dir der freye Willen als ein Nichtgnt vorschwcbcn können/ da doch ohne denselben kein Einziger rechtschaffen zu leben fähig ist? Du wendest deine Augen auf die Gerechtigkeit hin/ die freylich Niemand mißbrauchen kann. Diese ist auch, wirklich eines der höchsten Güter / welche im Menschen gefunden werde»/ wie alle Tugenden/ welche ein rechtschaffenes und sittliches Leben anSzcichnen: denn weder die Klugheit/ noch die Tapferkeit/ noch auch die Mäßigkeit sind dem Mißbrauche unterworfen/ weil in allen diesen Tugenden/ so wie auch in der von dir angeführten Gerechtigkeit auf ächte Weise das Leben der Vernunft/ die Seele aller Tugenden sich offenbaret/ ein Lebe»/ welches zu mißbrauchen unmöglich ist. XIX. Dieses sind allerdings große Güter: aber du darfst nicht vergessen/ daß nicht nur die große» / sondern auch die Güter vom allernicdrigstcn Range ausschließlich von 172 demjenigen/ welcher Urheber alles Guten ist/ von Gott ihren Ursprung haben. Dieses geht ja ans der früher» Untersuchung hervor/ der du so oft und mit so auffallender Frende Beyfall gegeben hast. Die Tugenden eines rechtschaffenen Lebens stnd also Güter von hohem Range; die Gestalten gewisser Körper aber/ welche zu einem rechtschaffenen Leben nicht nothwendig sind/ sind Güter des niedersten RangeS: die Vermögen der Seele endlich / ohne welche ein rechtschaffenes Leben unmöglich ist/ sind Güter des Mittlern Ranges. Don den Tugenden kann kein Mißbrauch gemacht werden: die übrigen Güter aber/ d. i. die des' mittleren/ sowie auch die des niedersten Ranges sind / so wie eines guten/ also auch eines bösen Gebrauches fähig. Die Tugend aber kann deß- wegcn nicht mißbraucht werden/ weil ihr Wesen gerade im guten Gebrauch jener Dinge besteht/ welche sonst auch nicht gut gebraucht werden können. Niemals aber kann ein guter Gebrauch Mißbrauch werden. Dcßwcgen hat die Güte Gottes aus ihrer unendlichen Fülle nicht nur Güter vom hohen/ sondern auch Güter vom Mittlern und niedersten Range hervorgchcn lassen. Preiswürdiger ist die Güte GottcS in Gütern des hohen/ als in Gütern des niedersten RangeS; allein auch preiswürdiger/ weil sie alle / als wenn sie nicht alle Güter gegeben hätte. Evod. Ich bin auch dieser Ncberzcugung. Indessen bin ich noch uneins / ob der freye Wille / von welchem gerade die Rede ist/ und wclcher äugen- schcinlich von allen übrigen Dingen entweder guten/ oder nicht guten Gebrauch macht / auch unter die Dinge zu zählen sey / von welchen wir Gebrauch machen können. Aug. Wie wir etwa alle wissenschaftlichen Gegenstände vermittels der Vernunft erkennen/ und gleichwohl die Vernunft selbst unter die Gegenstände gehört/ welche wir vermittels der Vernunft erkennen/ oder hast du vergessen/ bcy der Untersuchung/ welche Gegenstände die Vernunft erkenne/ cingestanden zu haben/ daß die Vernunft auch von der Vernunft erkannt werde? Verwundere dich also nicht/ daß/ wie wir von allen Dingen vermittels des freyen Willens einen Gebrauch machen/ wir auch vom freyen Willen selbst durch ihn selbst Gebrauch niachen können/ so zwar/ daß der freye Wille von sich selbst nicht weniger/ als von den übrigen Dingen Gebrauch macht/ so wie auch die Vernunft sich selbst nicht weniger/ als die übrigen Dinge erkennet. Auch das' Gedächtniß umfaßt wohl nicht blo§ dasjenige/ woran wir uns erinnern/ sondern auch die Erinnerung selbst: denn nicht nur andere Dinge/ sondern auch seiner selbst erinnert sich das Gedächtniß; oder vielmehr/ sowohl anderer Dinge/ als auch des Ge- dächtnißcS erinnern wir uns vermittels des Gc- dächtnißeS. Wenn also der Wille/ welcher ein Gut mittleren Ranges ist/ dem unwandelbaren/ nicht blos persönliche»/ sondern gemeinschaftlichen Gute/ oder jener Wahrheit/ von der wir / wenn auch auf noch so unwürdige Weise/ vieles bereits gesprochen habe»/ anhängct/ ist der Mensch im Besitz des seligen Lebens: das selige Leben selbst aber/ oder die GemüthSstim- mung dessen/ welcher dem unwandelbaren Gute anhan- get/ ist des Menschen erstes Gut/ und ein besonderes Eigenthum desselben. In diesem Gute sind auch alle Tugenden enthalten/ von welchen kein Mißbrauch gemacht werden kann: denn daß diese/ wenn gleich Güter vom hohen und ersten Range/ gleichwohl Eigenheiten jedes besondcrn Menschen/ nicht aber von gemeinsamer Art sind / leuchtet genugsam in die Augen. Alle zwar/ welche weise und glücklich sind/ werden es' dadurch/ daß sie mit der Wahrheit und Weisheit/ welche für alle Menschen gemeinschaftliche Guter sind/ auf die innigste Weise sich verbinden. Aus der Glückseligkeit des Einen aber geht niemals die des Andern nothwendig hervor; und wenn der Glückselige nachgeahmt wird/ um zur Glückseligkeit zu gelangen/ geschieht cS in der Absicht/ jene aus' der Quelle abzulcitcn/ von wo aus' sie ihm zugeflosscn ist/ ncmlich von der unwandelbaren und gemeinschaftlichen Wahrheit. Eben so wird durch die Klugheit des' Einen der Andere nicht klug; durch den Starkmuth des Einen der Andere nicht starkmüthig/ so auch durch die Mäßigkeit des Einen der Andere nicht mäßig/ durch die Gerechtigkeit des Einen der Andere nicht gerecht: diese Eigenschaften nämlich erhält Jeder nur dann / wenn er seine Seele nach den unwandelbaren Gesetzen / und nach dem Lichte jener Tugenden richtet/ welche ihr unzerstörbares Leben in der gemeinschaftlichen Wahrheit und Weisheit Aller haben/ und nach welchen auch derjenige/ welcher sein gegenwärtiges Musterbild der Tugend ist/ das er zur Nachahmung anSgcwählct/ früher seine Seele gerichtet und geleitet hatte. Der Wille also/ obwohl an stch betrachtet mir ein Gut des Mittlern NangeS/ erwirbt dennoch die Güter vom' ersten und hohen Range/ falls er dem gemeinschaftlichen und unwandelbaren Gute ausschließlich anhängt. Sobald aber der Wille von dem unwandelbaren und gemeinschaftlichen Gute hinweg/ und ausschließlich zu Gütern der Selbstsucht/ oder zu äußern Gegenständen/ oder auf Dinge des niedersten Ranges sich hin wendet/ entspringt die Sünde. Auf Güter der Selbstsucht wendet sich der Wille/ so oft er selbstherrlich zu werden verlangt. Auf äußere Güter wendet er sich/ wenn er/ was Andern gehört/ zu erhalten/ oder was mit ihm in keiner Verbindung steht/ zu erkennen sich bestrebet: auf Dinge des niedersten Ranges verfällt er/ so oft er die Wohllust des Körpers lieb gewinnt. So bald also der Mensch stolz/ neugierig und lüstern ist/ verfällt er in ein Leben/ das / in Vergleich mit seinem höhcrn Lebe»/ richtig Tod heißt. In- dessen steht auch dieses Leben unter der Leitung der göttlichen Vorsicht/ welche Jedem die gebührende Stelle anweisct und ihm zukommen läßt/ wessen derselbe nach seinen Verdiensten würdig ist. Daraus' folgt/ daß weder jene Güter / welche der Sünder verlangt/ noch auch der srcyc Wille/ der/ wie wir gesehen haben/ unter die Mittlern Güter gehört/ eigentlich böse scycn/ sondern daß das Wesen der Sünde/ oder das' eigentlich Böse ausschließlich in der Abwendung des Willens von dem unwandelbaren Gute/ und in der Hinwendung desselben zu wandelbaren Gütern bestehe; eine Abwendung und Hinwendung/ welche/ ungezwungen und freywillig/ wie sie ist/ mit Recht zur Strafe dem Elende/ unterliegt / das sic verdienet hat. XX. Doch vielleicht fragst du/ woher / vom unwandelbaren Gute zum wandelbaren hin die Bewegung des Willens komme/ oder entspringe; eine Bewegung/ welche offenbar böse ist / obwohl der freyc Wille / ohne den kein gutes Leben möglich wäre / unter die guten Dinge gehört? Wenn diese Bewegung des Willens' / d. h./ die Abwendung von Gott dem Herrn/ Sünde ist/ sollten wir dcß- wegen Gott den Urheber der Sünde nennen? Nicht von Gott kann also diese Bewegung hcrrühren. Aber woher dann? Wenn ich ans diese Frage antworten wollte/ ich wisse es nicht/ wurde meine Antwort dich in nicht geringe Traurigkeit versetze»/ obwohl ssc wahr wäre / zumal ja keiner wissen kan»/ was nicht iss. Unterdessen behalte du unerschütterlich im frommen Angedenken/ daß/ weder ein sinnliches/ noch ein geistiges/ noch irgend ein gcdenkbarcS Gut sei)/ welches seinen Ursprung nicht aus Gott habe. Demnach läßt sich auch k'eiu einziges Wesen denken / welches nicht von Gott herssammte. Wo du also immer Maaß/ Zahl und Ordnung erblickest/ halte Gott für den Urheber. Wo aber diese ganz verschwinden/ bleibt durchaus nichts zurück: denn selbst der Anfang irgend einer aus dem Stoffe eines Künstlers hcrvortretcnden Form verschwindet/ wo kein Maaß/ keine Zahl und keine Ordnung erscheint/ weil nur diese jeglicher Form ihre Vollendung geben können/ und da die Vollendung einer Form ein Gut ist/ auch schon der Anfang derselben etwas Gutes scyn muß. Wenn aber alles' Gute gänzlich weggedacht wird/ bleibt nicht bloS nur etwas / sondern schlechthin nichts mehr zurück. Jegliches Gute aber kommt von Gott; deswegen giebt es' kein Wesen / welches nicht aus Gott wäre. Die Abkehr dcS Willens'/ welche wir Sünde heißen/ kommt aber/ da jeglicher Abgang vom Nichts herstammet/ als eine des Guten sich cntäußcrndc Bewegung / nicht von Gott/ als zu welchem sie in keinem Verhältnisse stehen kann. Da aber gleichwohl diese Bewegung eine frey- willige ist/ muß sie ihren Grund in unserer cigc- 12 ne» Gewalt haben. Fürchtest du sie/ so wolle sic nicht. Sobald d» sie aber nicht willst/ hat sic schon aufgchört zu seyn. Gicbt cs aber eine, größere Sicherheit/ als im Besitze eines Lebens seyn/ dem gegen seinen Willen nichts Widriges begegnen kann? Indessen/ weil der Mensch nicht aus eigener Macht wieder aufzustchen vermag/ wie er aus eigener Macht gefallen ist/ hat »nS Gott Jcftim Christum den Herrn/ gleichsam als seine Vaterhand/ vom Himmel Hcbothcn/ was wir stets unerschütterlich fest glauben / zuversichtlich hoffen/ und wor- nach wir mit brennender Liebe verlangen. Solltest du aber/ was mir unnöthig scheint/ über den Ursprung der Sünde mchrern Aufschluß wünschen / so müßte dieser in einer andern Untersuchung künftig gegeben werden. Evod. Ich füge mich ganz in deinen Willen/ nämlich in den> die bereits angchobcnc Untersuchung auf eine andere Zeit zu verschieben. Indessen bin ich nicht deiner Meinung/ daß dieselbe überflüssig/ oder unnöthig seyn werde. u ebersicht des dritten Buches. Äie erste Frage / welche hier zu beantworten ist / besteht darin: woher der frcye Willen gleichsam den ersten Anstoß erhalte/ von den unwandelbaren Gütern zu den wandelbaren sich hinzuwendcn/ und wie somit die Möglichkeit des' Bösen / welche im freye» Willen als etwas nicht Böses enthalten ist/ wirklich böse werde? Erhielt der freye Willen von Natur aus / oder zufolge seiner Wesenheit nothwendig eine solche Richtung/ so dürfte kein Mensch derselben wegen beschuldiget werde»/ zumal/ was aus Naturnoth- wendigkeit geschieht/ dem Menschen niemals zugcrcchnct werden kann. Nun aber wird ihrer Wcgwendung von den unwandelbaren/ und ihrer Hinwendung zu den wandelbaren Gütern wegen / scdc Seele von allen Vernünftigen beschuldiget; folglich muß jene Wcgwendung und diese Hinwendung nicht eine nothwcndigc Wirkung der Natur/ sondern eine freye Handlung der Seele seyn. Allerdings ist die Wegwcndung des Menschen von den unwandelbaren Güter» und die Hinwendung zu den 180 wandelbaren eine Bewegung der Seele; aber nicht eine natürliche/ der Seele innewohnende/ wie etwa die Bewegung eines fallenden Körpers dem Körper n a- türlich und als ihm innewohnend zu betrachten ist/ sondern eine beliebige/ folglich nicht nothwendige/ sondern fr eye Bewegung: denn die Seele wendet stch zu den wandelbaren Gütern hin/ folgend der vorherrschenden Begierlichkeit; nun wird sic aber/ wie früher bewiesen wurde/ weder von einer höherii/ weder von einer ihr gleichen/ noch auch von einer ihr nieder» Macht gezwungen/ der Begierlichkeit zu stöhnen/ sondern stöhnet vielmehr stets mit ungezwungenem Willen/ alsSklavin / zwar ihrer eigenen Lust. Die Bewegung / welche dabcy in ihr vorgeht/ ist also allerdings darin der Bewegung des fallenden Steines gleich/ daß/ wie diese eine Bewegung des Steines/ jene eine Bewegung der Seele ist; darin aber ganz ungleich/ daß jene / die Bewegung des Steines'/ der Stein weder verhindern'/ noch im Falle aufhalten kann; diese aber/ die Bewegung der Seele/ in ihrem Anfang und Fortgang vom freyen Willen der Seele abhängt/ also ihr so nothwendig zugcrcchnet werden muß / als die Bewegung des Falles dem Steine nicht zugcrcchnet werden kann. Alle Gesetze und Anweisungen zu einem weise»/ guten und seligen Leben setzen offenbar die Freyhcit des menschlichen Willens voraus / indem sic alle dahin ziele»/ entweder den menschlichen Willen vom Versinken abzuhal- 181 teil / oder aus der Versunkenheit in die zeitlichen Dinge zum Genüsse ewiger Güter umzuwcnden/ und zu befähigen. Allein so gewiß cS ist / daß der frcye Willen von Gott dem Menschen gegeben/ und/ als selbst gut/ auch nur zum Guten gegeben worden sey; folglich das daraus entspringende Böse nie Gott/ sondern stets dem Menschen zugcschricben werden müsse/ und um so weniger einen Schatten auf Gott werfen könne / weil in der Bestrafung des Bösen die Gerechtigkeit/ in der Erlö sung von dem Bösen die Barmherzigkeit nicht weniger/ als in der Schöpfung des Menschen die Güte Gottes stch manifestirt; bleibt gleichwohl bedenklich/ wie der frcye Willen des Menschen/ oder war immer für eines Geschöpfes / mit Gottes Vorher- wisscn vereinbaret werden könne/ da dem Anscheine nach GottcS Vorwisscn (praescieiiti» Oei) die Freyhcit des WillenS/ und umgekehrt die Freyhcit des Willens Gottes Vorwisscn aufhebct. Unterdessen aber soll der aus einer solchen Bedenklichkeit entspringenden Frage der ruchlose/ ganz vernunftwidrige/ und höchst verderbliche Wahn nie zu Grunde liegen/ weder als wären die menschlichen Angelegenheiten dem bloßen Zufall überlassen / und stünden nicht unter der Leitung der göttlichen Weisheit/ noch auch/ als vermöchte die göttliche Vorsicht nicht gar alle Dinge / also nicht auch das Böse nach den Zwecken der höchsten Vollkommenheit zu lenken : denn solchen Frage»/ wenn anders ihre Beantwortung 1K2 zur Weisheit führe» soll / darf keine andere Absicht/ als dcmüthigc Wifibcgicrdc zu Grunde liegen. Die Schwierigkeit jedoch der aufgeworfenen Frage besteht darin / daß die zwey Sähe: „Gott weiß alles zum Voraus/ nnd der menschliehe Wille ist frcy"/ einander durchaus zu widersprechen scheinen/ zumal aus der Wahrheit de§ einen Satzes/ die Falschheit des andern hervorzuleuchtcn den Augenschein gewinnt/ indem nämlich das untrügliche Vorwisscn Gottes dem Willen der Geschöpfe eine unwiderstehliche Noth- wcndigkcit aufzulegeii/ und der freye Wille der Einzelwesen die Untrüglichkeit des göttlichen DorwissenS aufzuheben scheint / woraus die unausweichliche Folge sich ergeben müßte/ daß/ wer an Gottes Vorwissen glaubt/ eon- scqnent die Frcyheit des menschlichen Willens läugnen.- und sich zum Fatalismus; oder wer die Freiheit des menschlichen Willens anerkennen wollte/ das Vorwissen Gottes läugnen/ und sich zu einem blinden Ungefähr bekennen müßte. Die Nothwendigkeit/ welche aus dem Vorwiffen Gottes hcrvorzugehen scheint/ bezieht sich nicht auf das göttliche Hände ln / zumal Gott durch fein Vorwis- sen/ welches kein Wissen in der Zeit/ sondern ein Wissen in der Ewigkeit ist/ nicht beschränkt werden kann. Diese Nothwendigkeit / bezogen auf die menschlichen Handlungen aber/ schließt das freye Geschehen derselben nicht von sich auS/ sondern vielmehr in sich 18 Z ein; indem nämlich die menschlichen Handlungen als das, was sic sind; folglich nicht als bloße Natnrwirkun- gen, sondern als Offenbarungen der menschlichen Freythätigkcit von Gott vorausgcwußt-werben. Wie z. B. derjenige, den Gott selig macht, nicht ohne, oder gegen seinen Willen, selig wird, obwohl die Seligkeit nicht von seinem freycn Willen, sondern von Gott herkommt; so Hort auch die Handlung, welche Gott als eine freye vorauSerkennt, durch dieses Vorauswissen Gottes nicht auf, eine freye Handlung zu scyn, sondern wird vielmehr dadurch nothwendig freye Handlung. Statt daß also das Vorwisscn Gottes die menschliche Freyheit aufhöbe, wird diese durch dasselbe vielmehr bestätiget, indem ein freycr Wille, von dem Gott weiß, baß er ein srcyer Wille scyn werde, nicht aufhvren kann, ein srcyer Wille zu scyn, falls das göttliche Vorwissen ein wahres und kein trugliches ist, welches Letztere nicht einmal ein Wahnsinniger behaupten würde: denn wer sagen wollte, die Freyheit des Willens würde dadurch aufgehoben, mußte auch'sagcn, der Wille würde aufgehoben, indem die Freyheit im Willen nothwendig liegt; er müßte also behaupten, cs werde durch Gottes Vorwisscn aufgehoben, was' durch Gottes Vorwissen gesetzt wird; also mit sich selbst in in den auffallendsten Widerspruch gerathen. Die Sache wird deutlicher durch folgende Vergleichung: wenn ich gewiß weiß, ein anderer werde sündigen, ist dieses 184 mein gewisses' Wissen / genuiß welchen, der andere unfehlbar sündigen wird / weil sonst mein Wissen kein gewisses Wissen wäre/ ist dieses mein gewisses' Wisse,,/ sage ich / keineswegs ein Zwang für de,,/ welcher nach meinem Vorwissen sündiget/ sondern dieser sündiget mit frcycm Willen und macht stch der Strafe so würdig / als wenn ich seine Sünde nicht voraus gewußt hätte. So hebt auch das' göttliche Vorwiffen die Freyheit de-S menschlichen Willens beym Sündige,,/ und somit die Strafbarkeit der Sünden als freycr Handlungen schlechterdings nicht aus. Der Tadel aber/ welcher auf die Sünde und den Sünder fällt/ kann beßwegen der Herrlichkeit Gottes keinen Abbruch thun / indem die Sünder nicht in Bezug ans daS/ was sie von Gott erhalten habe,,/ sondern nur in Bezug auf das' / was sie durch eigene Frcythätigkcit geworden / tadelnswürdig / und auch in diesem ihrem durch eigene Frcythätigkcit bewirkten Falle noch vortref- lichcr sind/ als viele andere Geschöpfe / deren wegen Gott allzeit Lob und Preis verdient. Wohl sind die sündhaften Geschöpfe unvollkommncr in Vergleich mit den,/ was sie seyn sollten; aber nicht unvollkommen an sich/ indem sie nach Gotte-S unendlicher Weisheit und Gerechtigkeit stets' jene Stelle in, All der Dinge cinnchmen werden / welche ihnen gebührt. Ein Wesen nieder,, Ranges wäre aber nur dann ein Schimpf für den Schöpfer/ wenn cS an die Stelle gesetzt wäre/ welche einem Wesen höher,, Ranges gebührt/ oder wenn das Wesen 185 höher» RangcS deßwegen nicht wäre. Wenn aber das Wesen höher» Ranges, wie das nieder» Ranges existirt, und jedes an der ihm gebührenden Stelle sich findet, ist Gott in Bezug auf die unvollkommensten Dinge nicht weniger, als in Bezug auf die vollkommensten zu preisen, folglich in aller und jeder Beziehung des höchsten Lobes würdig. Nur in Bezug auf sich selbst, oder in Vergleich mit andern Dingen, mag irgend ein Geschöpf unvollkommen erscheinen; nie aber kann e§ wirklich unvollkommen seyn in Bezug auf seine ewige Idee im göttlichen Verstand, welche doch der einzig bleibende Maßstab der Dinge ist; denn zufolge dieser Idee ist jedes Ding, was eS seyn soll in Bezug auf sich selbst und in Bezug auf andere Dinge, und existirt nothwcndig, wenn gleich desselben Daseyn von uns nicht wahrgcnommen wird. So wie wir daher von der Idee der Vollkommenheit der Dinge überzeugt sind, sind wir es auch von ihrer Wirklichkeit, selbst dann, wo die sinnlichen Wahrnehmungen unserer innern Ueberzeugung zu widersprechen scheinen. Der Jrrthum der Menschen in dieser Sache besteht darch, daß sie die vollkommenen Diuge an jenen Oertern des Universums aufsuchen, welche ihnen nach der göttlichen Weisheit und Gerechtigkeit nicht gebühren. Wenn sic nun unter den frcyen Wesen hienieden keines finden, welches im Guten un- abbringlich beharret, verfallen sie in den Wahn, als gebe cS keine solche Wesen, und es ermangle somit 186 das' Weltall einer Vollkommenheit/ nicht bedenkend/ daß den vollkommnern Wesen nicht diese Erde/ sondern höhere Sphären zur Wohnung angewiesen scycn. - Unvollkommucr sind frcylich die freycn Wesen / welche gesündiget haben / und nehmen dcßhalb auch einen niederer!!/ jedoch den ihnen gebührenden Rang ein. Von diesen bekehren sich einige; andere verharren in der Sünde; die crßcrn sind vollkommner/ als die letzter» ; jedoch sind auch die letzter!! noch vollkommner/ als jene Geschöpfe/ welche weder Vernunft/ noch Freyhcit haben; also nicht sündigen können/ wie z. B. Thiere und leblose Körper/ die gleichwohl bis zum geringfügigsten Wesen hinab ihren eigcnthümlichen Werth und ihre Schönheit haben/ so daß die höchste Zweckmäßigkeit und durchgängigste Ordnung unter allen Geschöpfen vom ersten bis zum letzten erkannt/ und Gott also in aller und jeder Beziehung ans das höchste gelobt' und gepriesen werden muß. Allein um die Vollkommenheit und Schönheit aller Dinge zu erkennen/ muß man dieselben nicht nach den jedesmalige» Bedürfnissen und Gewohnheiten der Mensche»/ sondern einzig im Lichte der von der ewigen Wahrheit erleuchteten Vernunft beurthcilcn. Daher ist die gewöhnliche Klage über die ttnbollkom- menheit und Häßlichkeit der Dinge nicht zu achten/ sondern weise Männer sollen jene/ die sic führe»/ wie noch unwissende Kinder ertragen / und ihnen liebevoll die wahre Ansicht der Dinge beyzubringen trachten. 187 Nach dieser wahren Ansicht der Dinge wirft weder die Sünde/ noch die der Sünde folgende Straft/ auf den Schöpfer des Weltalls irgend einen nachtheili- gcn Schatten: denn die Sünde ist/ wie gezeigt wurde/ nicht ein Werk Gottes / sondern ein Produkt der freycn Wirksamkeit der Geschöpfe GotteS/ wobei) die Wirksamkeit gut/ und nur die Wirkung böse ist; die Straft aber ist eine nothwcndigc Offenbarung der Gerechtigkeit GotteS/ und somit an sich betrachtet keineswegs etwas Böses/ sondern als Offenbarung einer göttlichen Eigenschaft etwas Gutes und Preiswürdiges. Selbst in Bezug auf den Sünder ist die Straft der Sünde etwas Gutes: denn die Straft besteht in einem unglücklichen Daseyn; nun ist aber auch in dem unglücklichen Daseyn noch das Seyn; das Scyn aber ist in ledcr Form vollkommncr als das Nicht- seyn; folglich ist im höchsten Grad des Unglücklich- seynS noch Vollkommenheit. Anch der Allcrunglücklich- ste verwünscht niemals das Scyn/ sondern stets nur das Unglücklich seyn; indem er aber das Unglücklich scyn verwünscht/ giebt er Zeugniß für die Vor- trcfflichkeit des Seyns. Jene Verwünschung ist also ein Sporn zur Befreundung und Wiedervereinigung mit dem Seyii/ als wodurch jedes Unglücklichsey» nothwendig gehoben wird; die Straft soll also zufolge ihrer Natur im Gestraften hervorbringcn ein Verlangen nach dem Scyn; aber Verlange» nach dem Seyn ist Verlangen nach Seligkeit / welche nichts anders ist/ als der Besitz und Genuß des SeynS; Verlangen nach Seligkeit ist die mächtigste Triebfeder zur Tugend / weil sie den Menschen von den wandelbaren Dingen/ die vor ihrer Erscheinung nichtig; während ihrer Erscheinung flüchtig/ und nach ihrer Erscheinung gar nichts sind/ hinweg und zu dem Wandclloscn und Ewigen hintreibt/ welchem Triebe folgend der Mensch von Zeit zu Zeit mehr Seyn und Bestand in der unvergänglichen Liebe zum ewigen Seyn gewinnt/ bis er allmählig gelangt zum Besitz und Genuß des höchsten ScynS/ welcher/ als höchste Vollkommenheit alles Unglücklichseyn nothwendig von sich au§- schließt. Das Unglücklichseyn als Folge/ oder Strafe der Sünde ist also in zwcyfachcr Hinsicht vorzüglich zu preisen: erstlich als Offenbarung der göttlichen Gerechtigkeit; zweytens als Trieb zur Tugend und somit zur wahren Vollkommenheit und zur ewigen Seligkeit. Wer/ seines elenden DaseynS überdrüßig / das gänzliche Nichtseyn dem allerunglückseligsten Daseyn verziehen wollte / würde auf unverkennbare Weise sich selbst widerspreche»/ indem er ein Seyn wünschend das Nichts ergreifen würde/ welches/ zufolge seines Begriffes als Nichtseyn/ nicht einmal ergriffe»/ oder gewählt werden/ und ncbstdem schon gar nicht als etwas VollkommncrcS/ als das Unglücklich- seyN/ zumal es gar nicht ist/ betrachtet werden kann. Wer demnach im Unmuth über ein höchst unglückliches Dascyn das' Leben sich nimmt/ wähnt durch eine solche Handlung aus der unerträglichen Unruhe zur Ruhe/ aus dem unvollkommenen Daseyn also zu einem voll- kommncrn zu gelangen. Seine Absicht geht demnach nicht auf das Nichts'/ sondern auf das SeyN/ und er irrt sich nur in seiner Meinung/ oder Vorstellung des SeynS/ nicht im Gefühle desselben. Wenn daher am gänzlichen Nichtseyn unmöglich Jemand Wohlgefallen finden kan»/ so ist schlechterdings jeder verpflichtet für jegliches / auch das allernnscligstc Dascyn dem Urheber alles SeynS zu danken; folglich Gott in allen Dingen/ selbst in Bezug auf das' unglückseligste Daseyn/ lob - und preiswürdig zu halten. Indem nun im ganzen All der Dinge jedes Wesen die Stelle entnimmt / für welche cs tüchtig und würdig ist/ und vom höchsten bis zum niedersten die allcrzwcck- mäßigste Ordnung herrschet/ so / daß weder ein Wesen aufgehoben/ noch eines an die Stelle des andern gesetzt werden könnte/ ohne daß das Ganze unvollkommner würde; und da übcrdicß das allcrnnvollkommenstc Scyn viel vortrefflicher ist/ als das' NichtscyN/ muß jeder vernünftige Beobachter der Dinge die gegenwärtige Einrichtung der Welt als die beste und vollkommenste finden / die nur immer möglich war: denn wer das Gcgentheil behaupten wollte/ müßte annchmcn/ entweder daß irgend eine Vollkommenheit nicht cxistire/ 190 was gegen den Begriff des göttlichen Verstandes und Willens; oder daß das eine Wesen an die Stelle des andern gesetzt werden könne/, ohne daß entweder das erste/ oder das zweyte Wesen aufhüre ein Wesen zu seyii/ nnd ohne daß die zweckmäßigste Ordnung der Dinge gestört werde/ was schlechterdings undenkbar ist; da nun also das erste und das zweyte unmöglich/ ist auch nicht weniger unmöglich/ daß eine bessere Welt existirc/ als die gegenwärtige Welt ist. Wollte Jemand cinwcnden/ ein glückliches Dascyn sey doch besser als ein unglückliches Daseyn; nun aber haben viele Geschöpfe Gottes ein ung lückl"i ch cs Dascyn; also könnte die Welt vollkominner seyit/ als sie wirklich ist; so wäre ihm zu erwiedern: die Strafe der Sünde/ als nothwendige Manifestation der göttlichen Gerechtigkeit/ gehöre nothwendig zur vollkommenen Ordnung der Dinge; nun aber sey das unglückliche Daseyn eine Strafe der Sünde; folglich nach cingetretcner Sünde ein nothwcndigeS Scyn in der Idee der göttlichen/ d. i. der vollkommenen Ordnung der Dinge. Wer aber die Sünde schlechthin aufgehoben wissen wollte/ müßte auch die menschliche Freyhcit aufgehoben wünschen; nun aber ist diese eine Vollkommenheit/ und zwar viel vvllkommner als die Nicht-Frcyheit; mithin würde ein solches Verlangen/ consequcnt verwirklichet/ gerade das Vollkommene zerstören / und an desselben Stelle das Unvollkommene setzen. Daraus folgt nicht/ daß die Wirklichkeit der Sunde zur Vollkommenheit des WcltalleS nothwcndig sey/ sondern nur die Möglichkeit derselben/ welche Möglichkeit/ wo sic durch beliebiges Wollen frcyer Wesen/ und in dieser Hinsicht Wirklichkeit wird/ das' unglückliche DascyN/ als Strafe der Sünde/ der Idee göttlicher Ordnung/ also der ewigen Vollkommenheit gemäß/ zur nothwcndigen Folge hat. Die Sünde und ihre Strafe sind nicht Selbstwescn / sondern nur Veränderungen an den Wesen / wovon die erste ihren Grund in einer Art frcyer Selbstbestimmung/ die allerdings schändlich ist und nicht seyn sollte; die zwcyte/ durch welche die Schändlichkeit der erster»/ der Sünde nämlich/ wieder ansgetilgt/ und der Sünder mit der göttlichen Ordnung wieder in Einklang gebracht wird/ in der Idee der göttlichen Gerechtigkeit selbst hat; beyde als»/ die Sünde und ihre Strafe/ haben den Grund ihrer Möglichkeit einerseits/ und den Grund ihrer Nothwcndigkeit andererseits im Vollkommenen selbst. Hm Grund der Möglichkeit der Sünde aber/ d. i. in der menschlichen Frcyhcit als solcher/ liegt auch der Grund der Wirklichkeit der Sünde. ES steht demnach die ganze Reihe scheinbarer Unvollkommenheiten mit dem absolut Vollkommenen im innigen und unverkennbaren Bunde. Die Geschöpfe höherer Art werde»/ nachdem sie gesündiget habe»/ durch Geschöpfe niederer Art gestraft/ und sie gereichen diesen letzter» zur Zierde/ wie z. B. jede nn- 192 sterbliche Seele dem sterblichen Leibe. Die nieder» Dinge aber/ welche von den höher» geziert werden / gereichen als Strafen der Vergehungen höherer Wesen / diesen nicht weniger zur Besserung/ nnd somit zur Erreichung der verlorenen Vollkommenheit. Beydc also tragen / ohne cs zu wisse» / und gegen ihren Wille»/ nach göttlicher Anordnung zur Vollkommenheit des Ganzen bey/ und sind somit ein sprechender Beweis von der Vollkommenheit der gegenwärtigen Welt. In allen Beziehungen leuchtet somit der vernünftigen und scharfsichtigen Betrachtung des Weltalls'/ die höchste Weisheit/ Güte und Macht des Schöpfers in die Auge»/ und zwar nicht weniger aus dem allcrunglücklichsten Dascyn der Sünder/ als aus dem herrlichen und sceligen Daseyn der Tugendhaften/ so zwar/ daß die Einrichtung des Weltalls offenbar weniger vollkommen wäre/ sowohl wenn der Sünder nicht so unglücklich wäre/ als er wirklich ist/ als wenn der Tugendhafte nicht gerade so verherrlichet würde/ wie er verherrlichet wird. Auffallender leuchtet die Ordnung der göttlichen Weisheit / Gerechtigkeit nnd Güte uns noch in die Augen/ wenn wir einerseits die Verschiedenheit und die Rangordnung der Strafen/ welche auf die Sünden folgen/ andererseits die Anstalten Gottes zur Erlösung und Befreyung von der Sünde ins Aug fassen: denn wie die Sünde/ so ist überall die Strafe; daher auch die Strafe des Satans größer/ als die der durch ihn verführten 193 Sünder. Auch sogar in Bezug auf die Sünder/ die einander selbst strafen / herrscht durchgängig das Der- hältniß des Rechts und der Billigkeit/ so zwar/ daß derjenige / welcher durch Verführung Jemanden vermittels desselben eigener Einwilligung unter seine Gewalt gebracht hat/ auch n- ch Belieben/ dem Rechte der Eroberung gemäß / ihn behandelt. Daher die Influenz des Satans auf die Sünder. Aber nicht weniger tritt die Ordnung des Rechts und der Billigkeit hervor im Gange der Erlösung: denn wie der Stolz/ welcher im göttlichsten Bcstandthcil des Geschöpfes sich entzündet hat/ Ursache aller Sünden und ihrer Folgen geworden war; so ist die gränzcnloscste Demuth des Allcrgöttlichsten/ desselben Menschwerdung und Erniedrigung bis zum Tod des Kreuzes/ das einzige Gegengift der Sünde und die ausschließlichste O.ncllc des wieder zu erlangenden Heiles. Die Gottheit wurde Mensch/ und zeigte durch eigene Erniedrigung den Weg und das einzige Mittel zur Wiedercrhöhung des gefallenen Menschen. Durch Nachahmung der sichtbaren Demuth des Gottmcnschcn muß der Stolz gctilget werden/ der den Menschen von Gott wcgzog und unter die Macht de» Satans brachte: denn vermittels dieser Demuth wird, auf dem Wege des Rechts und der Ordnung/ der gefallene Mensch allmählig der Gewalt des Satans wieder entzogen/ zur verlorenen Höhe emporgehoben/ und über den 13 ursprünglichen Feind des menschlichen Geschlechtes tri- umphircnd und herrschend werden, wie derselbe durch Stolz ihm unterwürfig und dienstbgr geworden war. Alle Wesen demnach, sowohl die, welche im Guten verharrten, als auch die, welche gesündigct hatten, hat Gott zur Zierde des WcltallcS, und somit zu seiner Verherrlichung hcrvorgcbracht. Derlei geschaffener Wesen aber unterscheiden wir drcy Klassen: 1. solche, die, obwohl sie das Vermögen zu sündigen hatten, doch weder gesündigct haben, noch jemals sündigen werden. Diesen, als den allervollkommcn- stcn Geschöpfen, ist die höchste Stuffc de§ DaseynS angewiesen und als solchen, die nur dem Schöpfer unterthan, die ganze Welt untcrthänig; ihre Macht jedoch über die Welt ist bedingt durch ihren demüthigen Gehorsam gegen ihren Schöpfer, und somit gewurzclt in Gott. 2. Solche Wesen, welche gut geschaffen vermittels eigener Frcythätigkeit, oder vermittels ihrer Willkühr sündigten. Diese thcilen fich in solche, welche in der Sünde verharrten und stets verharren werden; und in solche, welche von der Sünde sich wcgwenden und wieder auf die Bahn der Tugend sich begeben. Jede Gattung dieser Wesen ist die ihr cigenthümliche Stelle in der Rangordnung des Ganzen zuerkannt, und daher tragt jede auf eigene Weise zur Verherrlichung Gottes bcy. 195 3. Solche Wesen endlich/ die nicht sündigen konnten/ weil ihnen der frcye Wille von Natur aus gebricht/ die aber durch ihr Daseyn und ihre unfreywillige Wirksamkeit das Ganze zieren und den weisen Absichten des Schöpfers dienen. Daraus jedoch / daß die wirkliche Welt die allerbeste ist/ folgt keineswegs/ daß nicht eine andere eben so vollkommene möglich gewesen wäre; denn / falls die erhabensten Geister alle gcsündiget hätten / wie eine unermeßliche Zahl nicht gesündigct hat/ und nicht sündigen wird/ würde es Gott weder an Weisheit/ weder an Macht/ noch an Güte gemangelt haben / eine andere/ als die gegenwärtige/ und dennoch eine durchaus vollkommene Ordnung der Dinge cinzuführen; ein höheres Wesen regiert nämlich die nieder» ohne der Beyhülfe der Mittelwescn bedürftig zu seyN/ und das allerhöchste Wesen regiert somit unmittelbar nach eigenem Wohlgefallen alle Wesen. Von welchem Gesichtspunkte aus demnach das Weltall betrachtet und angeschaut werde/ er- gicbt sich allemal und nothwenig die höchste Lob - und Preiswürdigkeit des Schöpfers und Lenkers aller Dinge. Dieselbe geht noch deutlicher hervor ans folgender Betrachtungsweise. Alle Geschöpfe Gottes sind entweder in einem unverdorbenen/ oder in einem verdorbenen Zustande; in jenem sind sie preiswürdig / in diesem sind sie tadelnswürdig. Aus dem unverdorbenen Zustand in den verdorbenen gehen sic hinüber durch die Verderbniß- 196 Durch die Verderbniß aber gewinnen die Geschöpft Got- tcS nicht am Scy»/ sondern sic verlieren am Sepn: denn Verderbniß heißt Aufhebung / oder Zerstörung des CeynS. Der Tadel eines Dinges'/ seines Vcrderbnisses wegen / ist also ein indirektes' Lob seines' ScynS; unter Ceyn wird die Substanz und Wesenheit der Dinge verstanden. Nun aber ist die Substanz der Dinge entweder selbst Gott / oder aus Gott/ weil Gott das absolute Ceyn und der Urheber alles SeynS ist. Demnach wird Gott allemal nothwcndig gelobet/ die Dinge der Welt/ oder die Geschöpft Gottes mögen getadelt/ oder gepriesen werden/ und er ist jenes erhabene und unaus'denk- liche Wesen / welches nicht nicht gelobet werde» kann / sondern allzeit gepriesen wird/ wir mögen seine Geschöpft und den Zustand der Dinge loben / oder tadeln. Nur vermittels der Verderbniß fallen die Geschöpft Gottes in die Gattung tadelnswürdiger Dinge hinab. Jede Verderbniß aber ist ein Fehler/ weil eine Natnr- widrigkeit; indem somit ein Fehler getadelt wird / wird durch diesen Tadel die Natur gelobt; aber die Natur der Dinge ist aus Gott; also wird durch den Tadel jeglicher Verdorbenheit der Dinge stets die Natur der Dinge/ und vermittels derselben/ oder in derselben / Gott/ der Urheber der Natur/ gelobet. Wenn jeder Fehler eine Naturwidrigkeit; diese aber eine Entadelung der Natur ist/ so ist jede Rüge eines Fehlers eine Erhebung des Adels der Natur/ und icmchr der Fehler gcrüget wird/ lim so mehr wird die Natur/ folglich auch der Urheber der Natur erhoben. Jeder Fehler ist eine Abweichung des Dinges von seinem Urbilde in Gott/ oder von seiner durch Gott gesetzten Bestimmung; eine solche Abweichung aber kommt offenbar nicht von Gott, sondern vom Geschöpfe; aber auch vom Geschöpfe nicht aus Naturnothwendigkeit/ sondern aus freye» Einwilligung/ indem das Geschöpf nicht thut, war eS zufolge seiner Natur zu thun schuldig ist; daher der Begriff der Verschuldung. Was jeder zufolge seiner Natur zu thun schuldig ist, ist eine Schuld/ die er Gott zu entrichten hat. Diese Schuld wird bezahlt/ entweder durch frcywillige« Thun dessen/ was gefodcrt wird; oder durch unfrey- willigcS Leiden dessen/ was aus dem Nichtthun her- vorgcht. In bcydcn Fallen geschieht Gott Genüge, weil seine Gesetze entweder durch Thun oder durch Lei« den vollzogen werden, und dem fehlerhaften Geschöpfe wird, waSiihm gebührt, weil, waS>S selbst für sich erwählet. Daraus folgt: s. Daß nicht alle scheinbaren Unvollkommenheiten Feh- lcr seyen, wie z. B. die Vergänglichkeit der Dinge x die Beschränktheit der Geschöpfe u. d. gl., sondern nur die Abweichungen der Dinge von ihrem Urbilde und ihrer Bestimmung im Plane der göttlichen Weisheit; 198 2. Daß die Abweichungen vom Urbilde nur als freue Handlungen der Geschöpfe/ nicht als nolh- wendige Wirkungen der Natur zu betrachten scyen; Z. Daß dergleichen Abweichungen sowohl gcriigct als gestraft werden müssen/ und daß jede Rüge und jede Strafe ein Lob des UrbildeS/ von welchem abgewichen wird/ also eine Verherrlichung des Schöpfers' scy/ dessen Gesetze durch Rüge gepriesen und durch Strafe geltend gemacht werde»; 4. Daß die Fehler der Geschöpfe nur der zu erkennen vermöge/ und zu rügen berechtiget sey/ welcher die göttliche Kunst versteht/ nach der sic geschaffen wurden. Auf die Frage aber / worin denn die letzte Ursache Ser Einwilligung des freyen Geschöpfes zur Abweichung von seinem Urbilde und seiner Bestimmung liege/ oder/ welches die Wurzel aller Uebel sey/ giebt cS keine vernünftige Antwort/ als die: sie/ diese Wurzel/ liegt in einem über die Schranken der Genügsamkeit hinaus- gchendcn Verlangen/ welches/ als solches/ eine böse/ weil eine verkehrte Begierlichkeit ist/ die aber in keinem Falle über den Menschen/ ohne desselben freye Einwilligung / vorherrschend werden kann. Frcylich hat das Vorherrschen einer solchen Begierlichkeit oft ihren Grund entweder in der Unwissenheit/ oder auch in der Schwachheit und dem Unvermögen des bcgierlichcn Wesens. 199 Mein eine solche Unwissenheit und Unvermögenheit ist nie der ursprünglichen / sondern nur der schon verdorbenen Natur eigen; setzt also eine frühere Abweichung von Gott voraus/ und muß als eine natürliche und durchaus gerechte Strafe früherer Sünden betrachtet werden/ indem offenbar die gerechteste Strafe dcr Sünde darin besteht/ wenn jeder verlieret / waS er nicht gut gebrauchen wollte zur Zeit/ als er ohne Beschwerlich es gut hätte gebrauchen können; folglich wer wissend unrecht thnt/ das Vermögen verliere / das Rechte zu erkennen/ und wer gut zu handeln vermögend / Böses thut/ des Vermögens'/ auch das erkannte Gute zu vollbringen / verlustig werde. Allerdings könnten über eine solche Unwissenheit und Unvermögenheit diejenigen klagen / welche sie nicht durch eigenes' Sündigen verschuldet/ sondern als eine Folge der Sünde ihrer Stammcltcrn geerdet haben/ wenn ihnen durch Gottes Erbarmungcn nicht hinreichende Mittel angcbothcn wären/ jede Unwissenheit und jegliche Schwäche zu überwinde» und zu beseitigen. Da aber denen / welche davon Gebrauch machen wollen/ weder das crfodcrlichc Licht/ noch die erfodcrliche Kraft im Reiche Gottes mangelt/ haben sie die Folgen ihrer Unwissenheit und Unvermögenheit eigenem/ früherem Nichtwollen zuzuschreibcn / und werde r somit nicht für fremde / sondern für eigene Sünden gestraft. 200 Die Wahrheit dieser Behauptung bleibt dieselbe / wie immer über den Ursprung der Seele gedacht werde. Ob die Seelen nämlich durch Zeugung fortgepflauzt/ oder bcy der Geburt der Körper geschaffen / oder präexistirend in die werdenden Körper von Gott hinuntcrgcscndet werden/ oder aus eigener Verschuldung hinunterfallen/ ändert in der Hauptsache nichts. Deßhalb ist auch hierüber nichts Bestimmtes entschieden/ sondern jedem frcy gelassen/ der Mcynung/ welche ihm besser cinlcuchtct/ zu huldige» / oder auch durch eigenes Forschen sich eine ihm genügendere Ansicht zu verschaffe»/ wenn er nur die zu einer solchen Nachforschung crfoderliche Zeit nicht wichtiger» Geschäften entzieht / und sich hütet/von Gott und göttlichen Dingen/ welche der ausschließliche Zielpunkt seines Denkens und WollenS/ d. i. seines ganzen Lebens sind/ sich keine falschen Begriffe zu erwerbe»/ als welche ihm unbeschreiblichen Schaden bringen müßten/ zumal sie vom einzigen Ziel seines Lebens ihn ablenkten / und die Erreichung desselben unmöglich machten. Möge daher über die Vergangenheit und auch die Erscheinungen der Gegenwart wie immer gedacht werden / wenn nur durch verkehrte Begriffe das Eine Ziel des Lebens dem Menschen nie aus dem Auge gerückt / und der Weg/ welcher zu demselben hinführet/ nicht verdunkelt Wirde Die Unwissenheit und die Unvermögenheit sollen aber nicht bloß als Strafen der Sünden ins Aug gefaßt,- 201 sondern auch als mächtiger Sporn/ nach höherer Weisheit und Kraft/ oder nach Vollkommenheit zu streben/ betrachtet werden. So aufgcfasit sind sie aber etwas Gu- tcs/ weil sie veranlassen den Trieb/ vom Unvollkommenen ins Vollkommene zu gelangen: und auch im Zustande der Unwissenheit und Unvermögenheit ist die Seele noch preiswürdigcr/ als der Körper/ den sie belebt und regieret / obgleich auch dieser eine Zierde des Wcltallcs/ und ein unverkennbares Organ zur Verherrlichung Gottes ist. Der frühe Tod noch unschuldiger/ und das Leiden lebender Kinder/ bevor sie in eigene Sünden gefallen/ so wie auch der Schmerz und das qualvolle Da- seyn der Thiere/ die gar keine Sünde begehen könne»/ sind nur scheinbare Einwendungen gegen das bisher Gesagte/ welche gar leicht aufgelöst und beleuchtet werben / indem die ohne Verdienst / aber auch ohne eigene Schuld sterbenden Kinder eine mittlere Stellung zwischen den Seligen und Verdammten ein- nchmen können/ die die Zierde des Ganzen ausgefüllt haben will; als getaufte Kinder jedoch durch den Glauben ihrer Pathcn gehciligct werden und eine Art Verdienst erhalten; als Schmerzen leidende ohne eigenen Schade»/ indem der verschwundene Kinderschmcrz so / als wenn er nie da gewesen wäre/ zu betrachten ist/ den Eltern zur Erhöhung ihrer Verdienste/ oder ihrer Schuld gereichen/ 202 je nachdem die Eltern die Schmerzen der Kinder an- schen «nd benutzen: folglich sind die Schmerzen auch unschuldiger Kinder in keinem Falle schädlich/ in vielen Fällen aber nützlich. Durch das Leiden und die Qualen der Thicre hingegen wird augenscheinlich/ wie alle Wese» vom ersten bis zum letzten entweder die ewige Einheit bchalten/ oder den Verlust derselben schmerzhaft empfinden/ und nach ihm/ als dem Hauptgut des Lebens ringen/ folglich wird gerade durch Leiden und Schmerz der Thic- rc auch die ewige Einheit/ Gott/ verherrlichet. Wegwendung des geistigen Auges von dieser ewigen Einheit/ und Hinwendung desselben aufssch/ und wohlgefälliges Verweilen auf stch selbst/ war die allererste Sünde/ die den Lichtcngel gestürzet / der/ vom Neide getrieben/ durch Einstüsterung seines Stolzes später die Menschheit zum Falle gebracht hat; jedoch war der Stolz/ der den Engel unmittelbar/ den Menschen aber / vermittels der Verführung durch den gestürzten Engel/ gc- stürzet/ eine frcywilligc Handlung/ welche daher mit allen ihren Folge»/ nicht dem Schöpfer/ sondern einzig den mit frcycm Willen so Handelnden znzuschreiben ist. Die Hauptfolge dieses Stolzes war und ist der Verlust eines GnteS / in Vergleich mit welchem alle Güter dieser Welt so viel als Nichts sind. Die Menschen sind ursprünglich weder schon im Besitze dieses Gutes/ »och 203 auch desselben verlustig / weil ste weder als Weise/ noch als Thoren betrachtet werden können/ sondern in Mitte von beydcn sich befinden/ von welcher Mitte durch den Gebrauch ihres frcyen Willens sie entweder zur Weisheit/ oder zur Thorhcit übergehen; im ersten Falle des höchsten Gutes stets thcilhafti« ger/ im zwcytcn Falle stets desselben verlustiger werden. Drittes Buch I. Nachdem hinlänglich bewiesen ist/ daß der freye Wille unter die Güter / jedoch nicht unter die des niedrigsten Ranges gehöre/ und wir deßhalb gestehen müssen/ Gott habe ihn / und zwar nothwendig gegeben; wollte ich/ falls cS dir nicht lästig stete / noch gern cinsehen/ woher jene Bewegung entstehe/ durch welche der Wille von dem gemeinsamen und unwandelbaren Gute hinweg/ und auf lauter wandelbare Dinge / auf Güter der -Selbstsucht/ oder andere fremdartige und niedrige Gegenstände hingcwendet wird. Aug. Warum verlangst du dieses cinzuschen? Evod. Darum/ weil/ wenn der sreye Wille so gegeben wurde/ daß eine solche Bewegung ihm wesentlich ist/ er nothwendig diese Richtung nimmt / und nie eine Beschuldigung statt finden rann / wo Natur und Nothwcndigkeit dergestalt vorherrschen. A n g. Billigest du diese Bewegung / oder mißbilligest du sic? Evod. Zch mißbillige sic. Slug. Du rügest sie also? Evod. Allerdings. Aug. Du rügest demnach eine unschuldige Bewegung der Seele? Evod. Nein/ ich rüge nicht eine unschuldige Bewegung der Seele; aber ich weiß nicht/ ob das unwandelbare Gut verlassen und zu wandelbaren Dingen sich hinneigcn/ auf irgend eine Weise zu beschuldigen sey. Aug. Du rügest also/ was dir unbekannt ist. Evod. Lasse doch den Wortstreit: ich sagte ja/ ich weiß nicht/ ob sie beschuldiget werden könne/ und sagte cs, um zur gewissen Einsicht zu gelangen/ daß sie beschuldiget werden müsse: denn das Wort/ ich weiß nicht/ zeigt ja offenbar an/ wie lächerlich mir selbst vorkomme / an einer so einleuchtenden Sache noch zu zweifeln. Aug. Gicb acht/ ob eine Wahrheit/ welche dich so bald vergessen läßt/ was du eben gesagt hattest/ so durchaus einleuchtend sey: wenn die genannte Bewegung natürlich/ oder nothwcndig entspringt/ kann sie ja auf keine Weise beschuldiget werden: du bist aber gleichwohl ganz überzeugt/ daß sie beschuldiget werden müsse/ indem Zweifeln über eine so gewisse Sache dir lächerlich erscheine» würde? Wie kannst du also/ wenn nicht behaupten/ doch als zweifelhaft zugeben daS/ von dessen Unwahrheit du anschaulich überzeugt bist? Du sagtest ja/ wenn der frcye Wille so gegeben worden sey / daß eine solche Bewegung natürlich erfolge/ nehme er nothwcndig jede seiner Richtungen/ und Schuld könne unmöglich statt finden / wo Natur und Notwendigkeit vorherrschen. Du hättest aber nicht einmal daran zweifeln sollen / ob er so gegeben worden 206 sey/ nachdem du die Uebcrzeugung schon erhalten hattest/ daß diese seine Bewegung beschuldiget werden müsse. Evod. Ich sagte/ diese Bewegung müsse beschuldiget werden/ und daß ich ssc deßhalb mißbillige/ und der Rüge würdig erachte: die Seele aber, welche durch diese Bewegung vom unwandelbaren Gut ans die wandelbaren Dinge hinabgezogen wird/ halte ich von jeglicher Schuld frey/ falls sie von Natur aus so geschaffen ist/ daß eine solche Bewegung nothwcndig ihr zukommen muß. Aug. Wessen ist aber jene Bewegung/ welche du durchaus der Beschuldigung würdig erachtest? Evod. ES ist eine Bewegung in der Seele: allein wessen diese Bewegung sey/ ist mir unbekannt. Aug. Du bist doch nicht in Abrede/ daß diese Bewegung die Seele bewege? Evod. Nein. Aug. Behauptest dn aber / daß, was de» Stein beweget/ nicht eine Bewegung deS Steines sey? Ich rede nicht von jener Bewegung/ in welche unsere/ oder irgend eine andere/ ihm fremdartige Kraft den Stein versetzet/ z. B. wenn er in die Höhe geworfen wird/ sondern nur von jener Bewegung/ gemäß welcher er aus eigenem Triebe abwärts/ und auf die Erde hinabfällt. Evod. Ich läugne gar nicht/ daß die Bewegung/ nach welcher der Stein/ wie du sagst/ abwärts sich wendet/ und bis in die Tiefe fällt/ eine Bewegung des Steines/ und zwar eine natürliche Bewegung des Steines sey. Wenn nun jene Bewegung der Seele von gleicher Art ist/ muß sie allerdings auch eine n atür- 207 liche Bewegung scyii/ und mit Unrecht würde beschuldiget/ was nothwendig aus der Natur erfolgt: denn falls eine solche Bewegung auf das Verderben des sich Bewegenden hingcht / bleibt sie gleichwohl eine nothwendige Folge der eigcnthümlichcn Natur desselben. Wenn wir demnach überzeugt sind/ daß eine Bewegung der Art Beschuldigung verdiene/ können wir sic unmöglich als eine natürliche Bewegung anerkennen/ und somit hört sie auf/ der Bewegung eines Steines/ die ihren Grund in der Natur des Steines hat/ ähnlich zu seyn. Aug. Wurde in den zwei) frühem Unterredungen unter uns etwas verhandelt? Evod. Allerdings. Aug. Dann wirst du nicht vergessen haben/ wie schon in der ersten Unterredung hinlänglich gezeigt wurde/ daß die Seele einzig nur vermittels ihrer eigenen Einwilligung Sklavin der Begierlichkeit werden könne / zumal eS der Gerechtigkeit widerspricht/ daß die Seele von einer höher»/ oder von einer ihr gleichen Macht; aber auch nicht weniger der Natur widerspricht/ daß sie von ihr untergeordneten Mächten zu einer solchen Schändlichkeit gezwungen werde. Die Abwendung des Willens vom Schöpfer zum Geschöpfe ans Genußsucht ist also eine cigenthümliche Bewegung der Seele/ welche/ falls sie der Beschuldigung unterlieget/ woran zu zweifeln / wie du glaubst/ lächerlich wäre/ gleichwohl keine natürliche/ sondern eine frcy Willige Bewegung seyn muß/ und daher der Bewegung dc§ fallenden Steines nur darin ahn- 208 lich/ daß sic der Seele / wie jene der Natur des Steiner eigen ist; ungleich jedoch darin/ weil es nicht in der Gewalt dc§ Steines liegt/ im Falle sich aufzuhaltcn; wogegen e§ von dem Willen der Seele abhängt/ ob sic die Niedern Güter den höhcrn vorzichen wolle; dcßwegcn ist die Bewegung der Seele gerade so frech willig/ als die des Steines natürlich. Wer demnach den Stein seines Falles bis in die unterste Tiefe hinab beschuldigen wollte/ würde nicht nur sinnloser / als selbst der Stein/ sondern vollends wahnsinnig seyN/ während dem wir die Seele doch mit Recht der Sünde beschuldigen/ so oft wir wahrnehmen/ daß sie ans Lüsternheit Gegenstände eines nicdern Ranges/ denen eines höher» vorziehe. Wozu also die Untersuchung über den Ursprung jener Bewegung / durch welche der Wille vom unwandelbaren Ent zum wandelbaren hingewendct wird / nachdem wir wissen/ daß es eine Bewegung der Seele/ und zwar eine freywillige Bewegung/ folglich eine solche Bewegung der Seele sey/ die beschuldiget werden muß/ zumal ja jede nützliche Lehre über derlei Gegenstände dahinziclct/ die genannte Bewegung zu mißbilligen und cinzuhaltcn / und dagegen unfern Willen aus der Versunkenheit in zeitliche Dinge für de» Genuß des ewigen Gutes umzuwandeln. Evod. Ich verstehe/ was du sagest/ und finde eS gleichsam handgreiflich wahr: habe ich doch kein festeres und innigeres BcwußtscyN/ als das Bc- wußtseyn meines Willens und der Bewegung des Ml- 209 lens aus Liebe zuZ irgend einem Genüsse: nun weiß icl, aber nicht/ was noch eigen genannt werden könnte, wenn der Willen, durch den ich will und nicht will, nicht mein eigen ist. Wem daher, falls nicht mir selbst, darf zugeschrieben werden, was ich vermittels des Willens BöscS thuc? Allein weil ein guter Gott mich geschaffen hat, und ich nur vermittels des Willens gut handeln kann, leuchtet deutlich genug in die Augen, daß der Willen vorzüglich zum.Guthandcln von einem guten Gott gegeben worden scy: die Belegung aber, vermittels welcher der Willen sich bald da, bald dorthin wendet, könnte, wofern sie nicht frcywillig, oder von unserer Gewalt nicht abhängig wäre, weder gelobet, wenn sie aufhöhere, noch getadelt werden, wenn sie aufnie- dcre Gegenstände, als Zwecke der menschlichen Seele hinziclte: nicht weniger wären alle Warnungen übcr- flüßig, irdische Güter zu lassen und nach ewigen Gütern zu streben; ein böscS Leben zu verabscheuen und ein tugendhaftes anzustrcbcn. Wer aber derlei Warnungen für überflüssig hält, muß aus der Zahl der Menschen auSgcstrichen werden, II. Da nun die Sache sich so verhält, bin ich unaussprechlich begierig zu wissen, wie es möglich scy, daß Gott alle künftigen Dinge voraus wisse, ohne daß wir deßwcgcn zu sündigen genöthiget werden: denn wer r4 210 behaupten wollte/ c§ könnte etwas anderst werden/ als wie es Gott vcrauSgcsctzen hat/ würde eine an Wahnsinn grenzende Irreligiosität verratheit/ weil er offenbar darauf au-Sgienge/ das göttliche Vorherwisscn gänzlich anfzuhcben. Wenn also Gott zum Voraus gewußt hat/ der erste Mensch werde sündigen/ was Jeder/ welcher mit mir anerkennt/ Gott wisse auch künftige Dinge/ eingcstchcn muß: so behaupte ich darum nicht/ Gott hätte ihn nicht erschaffen sollen; denn er hat ihn gut geschaffen / und die Sünde desjenigen/ den Er selbst gut geschaffen hat/ vermag keinen Schatten ans Gott hinzuwcrfen/ und dieses um so weniger/ weil/ wie in der Schöpfung deS Menschen die Güte/ so in der Bestrafung de-S Sünders die Gerechtigkeit/ und in der Srlos u ng desselben die Varmhcrzigkci t Gottes offenbar wird. Dcßwegcn ist cS keineswegs meine Meinung / Gott hätte den Menschen nicht erschaffen sollen; aber/ weil Gott zum Voraus wußte/ der Mensch werde sündigen/ glaube ich/ cS habe nothwcndig alles geschehen müssen/ dessen Geschchcnwcrden Gott voraus gesehen hatte. Wie ist also ein freycr Wille möglich / wo eine unausweichliche Nothwenigkcit so unverkennbar in die Augen fällt? Aug. Du hast heftig angeklopft/ möge Gott uns gnädig seyn und / auf unser Anklopfe»/ aufschließen. Indessen wird ein sehr grosser Theil der Menschen durch diese Frage aus keinem andern Grund beunruhiget/ als weil sic nicht mit frommem Sinne sic zu beantworten suchen, und ihre Sünden lieber entschuldigen, als offenherzig bekennen wollen: denn entweder gefallen sie sich in dem Wahne, als stehen die menschlichen Angelegenheiten nicht unter der Leitung der göttlichen Vorsicht, und, während dem sie Seele und Leib dem Ungefähr überlassen, geben sie sich der Wuth und der zerstörenden Gewalt ihrer Leidenschaften preis, in Erwartung, läugnend die göttlichen Gerichte und die menschlichen hinrcrgehcnd, durch die Gunst des Schicksals vor jeglicher Anklage sicher zu seyn; durch die Gunst eines' Schicksals, welches sie blind sich vorstcllen und vormahlen, um selbst in ihren Augen besser zu seyn, als die Macht, von welcher sic sich regiert glauben, falls sie nicht bekennen wollen, daß sie eben so blind in Gedanken und Reden sich zeigen. Solchen Menschen könnte man frcylich die Ungereimtheit zugebcn, daß alle ihre Handlungen, durch welche sie nur tiefer sinken, von Zufällen abhange». Gegen derlei Wahnbilder jedoch des übcrmüthigstcn und wahnsinnigsten aller Jrrthümer in jeglicher Beziehung, ist schon in unserer zwcytcn Unterredung, meines Erachtens, hinlänglich gesprochen worden. ES giebt aber einige, welche, wenn auch nicht die Leitung des menschlichen Lebens durch die göttliche Vor- sicht läugnen, doch den schändlichen Zrrthum, die göttliche Vorsicht für schwach, oder ungerecht/oder böswillig anzuschen, dem reumüthigcn Bekenntniß ihrer Sünden verziehen. Alle diese, falls sic einer Ucberzeugung 212 noch fähig wären/ würden/ nachdcnkend über die Güte/ die Gerechtigkeit und die Allmacht Gottes'/ diese göttlichen Eigenschaften größer und vollkommncr finden/ als ihre Gedanken sie zu fassen vermögen/ und/ im Hinblick auf fiel) selbst/ Ursache genug haben/ Gott zu danke»/ wenn er sie auch noch unvollkommncr geschaffen hätte/ als fie wirklich find; ja Ursache genug haben/ aus dem innersten Grund und Wesen ihrer Seele zu rufen: ich habe gesagt/ Herr! erbarme dich meiner/ sorge für meine Seele/ weil ich vor dir ge- sündigct habe. Dadurch müßten fie aber auf sichern Pfaden der göttlichen Barmherzigkeit in der Weisheit dergestalt geködert werden / daß weder die Erfindung neuer Dinge fie anfzublähcn/ noch die Nichterfindung sie zu beunruhigen vermöchte / und daß somit ihr jedesmaliges Wissen sie gerade um so geschickter für das Leben/ als ihr Nichtwissen sic geneigter zur Erforschung der Wahrheit machen würde. Da aber hierinn deine Ucbcrzcngnng nun nicht mehr zweifelhaft ist/ wird mir leicht/ auf die aufgeworfene/ so äußerst wichtige Hauptfrage zu antworten/ wenn du nur vorher noch einige Vorfragen beantwortet haben wirst. III. Ohne Zweifel scheint dir seltsam und schwer begreiflich!/ warum die zwcy Sähe: Gott weiß alles Künftige zum vorauS/ und doch sündigen wir nicht aus Nothwcndigkcit,- 213 sondern mit freycm Wille»/ warum / sage ich / diese zwcy Sätze einander nicht so entgegengesetzt scyen/ daß der Eine den Andern aufhcbcn müsse: denn wenn Gott voraus' weiS/ sagst dii/ der Mensch werde sündigen/ muß der Mensch nothwendig sündigen; wenn aber der Mensch nothwendig sündiget/ so herrscht im Sündigen keine Wahlfreyhcit des WillenS/ sondern vielmehr eine unausweichliche und unabänderliche Nothwendigkeit. Nun fürchtest du / als nothwcndige Folge entweder / was die Gottlosen behaupten: Gott könne die künftigen Dinge nicht zum voraus' wisse»/ oder dann/ falls das Vorhcr- wissen Gottes nicht gcläugnet werden kann / das unausweichliche Geständniß: wir sündigen nicht mit freyem Willen/ sondern nothwendig und gezwungen. Ist er etwas anderes/ was dich beunruhiget? Evod. EinS- weilcn nichts anderes. Au g. Du glaubst also/ daß alle Dinge/ in Bezug auf welche Gott ein Vorhcrwisscn hat/ nicht frcywillig/ sondern nothwendig geschehen? Evod. Durchaus nothwendig/ glaube ich. Aug. Nun so gieb Acht/ und sage mir/ blickend in dich selbst/ was für einen Willen du Morgen haben werdest/ ob de» Willen zu sündigen/ oder den Willen gut zu handeln? Evod. Ich weiß es nicht. Aug. Glaubst du vielleicht auch / Gott wisse dieses nicht? Evod. Keineswegs möchte ich dieses glauben. Aug. Wenn also Gott weiß / was für einen Willen du Morgen haben werdest/ so wird er nicht weniger den künftigen Willen aller 214 Menschen/ welche wirklich sind/ oder noch seyn werden/ vorauswisscn/ und daher auch vorauswisscn/ was er sowohl in Hinsicht auf die Gerechten / als in Bezug auf die Sünder thun werde. Evod. Allerdings muß ich bekennen/ daß/ wofern Gott meine Handlungen zum voraus weiß/ noch viel glaubwürdiger sey/ daß er die Scinigen voraus wisse/ ja auf das allerbestimmtcste voraus wisse / was Er selbst thun werde. Aug. Fürchtest du also nicht/ cS möchte dir Jemand sagen/ was immerhin Gott thue/ werde er nicht frcywillig/ sondern nothwendig thun/ zumal alles/ was Gott voraus weiß / nothwendig/ nicht aber freywillig geschehe? Evod. Wenn ich sagte/ alleS/ wovon Gott wisse/ daß cS geschehen werde/ müsse nothwendig geschehen/ hatte ich nur im Auge/ was in den Geschöpfen Gottes/ nicht aber/ was in Gott geschieht: denn in Gott geschieht nichts in der Zeit/ sondern alles ist in der Ewigkeit. Aug. Aber bringt denn Gott in seinen Geschöpfen keine Wirkungen hervor? Evod. Er hat diese ein für allemal/ wie cS die Ordnung des Weltalls erfvdertt/ schon bcy der Schöpfung festgesetzt: denn keinem einzigen Ereigniß liegt eine neue Absicht GotteS zu Grunde. Aug. Macht Gott Niemand selig? Evod. Freylich macht Er selig. Aug. Er macht vielleicht selig erst zur Zeit/ wo Jemand selig wird ? EvoL. Ja dann. A u g. Wenn du also z. B. nach einem Jahre selig werden wirst/ wird Gott auch nach einem Jahre erst dich selig machen? Evod. Ja. 215 rlug. Also weiß Er schon heute, was Er nach einem Jahre erst thun werde? Evod. Er hat dieses allzeit voranSgcwnßt: daß Er auch itzt dieses voraus wisse, gebe ich zu, in so fern es künftig so scyn wird. Aug. Sage mir doch, ob du nicht auch ein Geschöpf Gottes scyest, oder ob deine Bcscligung nicht in dir Vorgehen werde? Evod. Ja: ich bin ein Geschöpf Gottes, und in mir wird meine Bcscligung Vorgehen. Aug. Da aber Gott Urheber deiner Bcscligung ist, wird diese nicht aus freycm Willen, sondern aus Nothwcndigleit in dir Vorgehen? Evod. Du bist vcrmuthlich ungern selig? Der Wille Gottes ist für mich mehr ein Seligwcrdcn sollen, als ein wirkliches'Seligscyn; denn wäre er d a S Letztere, so würde ich nothwcndig selig scyn, da ich Loch gerade itzt selig zu scyn wünsche, ohne cs wirklich zu seyn, indem nicht Ich, sondern Gott allein mich selig machen kann. Aug. Unverkennbar spricht die Wahrheit aus dir; denn unmöglich könnten wir überzeugt werden, cs liege etwas in unserer Macht, wenn wir nicht vollbringen könnten, was wir wollen; darum liegt nichts so nnwidersprechlich gewiß in unserer Macht, als der Willen selbst; denn dieser ist ja von unserem jedesmaligen Wollen schlechthin untrennbar. Deßwcgen können wir auch mit Recht sagen; unser Leben ist nicht freywillig, sonder» nothwcndig, oder wir sterben nicht frcywillig, sondern nothwcndig; und dergleichen mehr. Aber welcher Wahnsinnige würde be- haupten/ unser Wollen scy nicht srcywillig? Daran- demnach/ weil Gott voran- weiß/ was wir künftig wollen werden/ folgt noch lange nicht/ daß unser Wollen in irgend einer Beziehung aufhöre/ fre ywillig zu seyn. Du könnest dich nicht recht selig machen / sagtest du auf eine Weift/ al- wenn ich eS läugnete; allein meine Behauptung geht nur so weit/ daß/ wofern du selig werbest/ diese- nicht ohne/ oder gegen/ sondern nur mit deinem Willen geschehen werde. Wenn also deine künftige Seligkeit Gott voraus weiß / und nicht- auf eine andere Weift geschehen kann/ al- wie Gott vorau- weiß/ daß c- geschehen werde/ indem sonst kein Vorhcr- wisscn in Gott gcdenkbar wäre/ müssen wir dcßwegen noch lange nicht die höchste aller Ungereimtheiten I und die so auffallende Unwahrheit annehmcn: du werdest selig werden/ auch ohne cS zu wollen. Wie aber da- Vorwif- scn Gottes/ welche- gerade heute schon mit Gewißheit cinsieht/ wie deine künftige Seligkeit beschaffen seyn werde/ den Willen selig zu werden/ nachdem du ange- sangen hast/ selig zn seyN/ dir nicht nimmt; so wird auch ein der Zurechnung fähiger Willen in der Folge dcßwegen nicht aufhören Willen/ und zwar der Zurechnung fähig zu fty»/ weil Gott zum voraus weiß/ wie dieser künftig beschaffen seyn werde. Sieh also/ wie groß die Blindheit desjenigen seyn müsse/ welcher behaupten kann/ wofern Gott meinen künftigen Willen zum voraus wisse/ und nicht- andere- geschehen könne/ 217 als wie Gott vorwisse / daß eS geschehen werde, ich auch nothwendig wollen müsse, wie er voraus weiß, daß ich wollen werde: wenn ich aber nothwendig wollen müsse, liege offenbar meinem Wollen kein Willen , sondern lauter Noth Wendigkeit zu Grunde. O! der Thorheitcn sonderbarste! Wie kann wohl nichts anders geschehen, als wovon Gott weiß, daß cs geschehen werde/wenn in der Folge der Willen nicht mehr seyn wird, von dem doch Gott voraus weiß, daß er seyn werde? Ich will nicht reden von der eben so großen Widcr- ssnnigkeit, daß nämlich, wie du kur; vorher behauptetest, derselbe Mensch sage, es ist nothwendig, daß ich gerade so wolle, welcher sich Mühe gicbt, durch eine untergeschobene Nothwendigkcit das Wollen überhaupt aufzuheben : den» wenn er nothwendig will, was er will, wie wird er überhaupt wollen können, wo gar kein Willen mehr seyn wird? Doch wenn er auch nicht gerade so sprechen sollte, sondern etwa sagen, er habe, weil er nothwendig wollen müsse, den Willen nicht in seiner Gewalt; würde ihm geantwortet werden, was du früher auf meine Krage, ob du gegen deinen Willen selig werden könnest, selbst geantwortet hast; nemlich, daß du schon selig seyn würdest, falls dieses von deiner Macht abhien- gc: denn du wünschest zwar wohl, vermögest aber noch nicht selig zu seyn. Ich sprach darauf, die Wahrheit rede unverkennbar aus dir; denn wir können eine eigene WillcnSmacht nicht läugncn, ohne das Willens- 218 vermöge» überhaupt zu längnen; weil nämlich / falls wir keinen eigenmächtigen Willen habe»/ unser Wollen eigentlich lkein Wollcn ist. Wenn es also unmöglich ist/ daß wir nicht wolle»/ gerade wo wir wollen/ müssen nothwendig alle/ welche wollen/ einen eigenen Willen haben. Und nichts anderes kann in unserer Gewalt liege»/ wenn nicht das/ ohne welches keiner wollen kann. Unser Willen demnach wäre kein Willen/ falls er nicht in unserer Gewalt läge. Allein wenn er in unserer Gewalt liegt/ ist er in Rücksicht unser ein freyer Willen: denn in uns giebt es nichts freyes/ als was in unserer Gewalt ist/ und umgekehrt ist nothwendig frey/ was in unserer Gewalt ist. Dem zufolge müssen wir weder das Vorhcrwissen Gottes in Bezug auf alle künftigen Dinge/ noch die Freyheit unseres Willens läugncn: denn eben weil Gott zum voraus weiß/ daß unser Willen seyn werde / wird auch unser Willen seyN/ wie Gott voraus weiß/ daß er seyn werde. Demnach wird ein Willen seyn/ weil Gott weis'/ daß ein Willen seyn werde. Aber es wird kein Willen seyn ohne Eigenmacht/ und so ist Gott auch dieser zum Voraus bewußt. Durch das Vorwissen Gottes wird meine Selbstmacht nicht nur nicht aufgehoben/ sondern vielmehr vergewissert/ zumal derjenige/ in dessen Vorherwissen kein Jrrthum möglich ist/ zum voraus weiß/ daß ich Kraft/ mich selbst zu bestimmen/ haben werde. Evod. Nun läugne ich ferner nicht mehr/ daß alles'geschehen 219 müsse/ wie Gott Voraussicht/ daß cS geschehen werde/ und daß Gott auch unsere Sünden zum voraus auf eine Weise wisse / welche weder die Freyhcit unseres Wil- * lcnS aufhebt/ noch verhindert/ daß wir den Willen durchgängig in unserer Macht haben. ' IV. A u g. Was also mag dich noch beunrnhigen? Stellst ! du vielleicht/ Vergessend/ was unsere erste Abhandlung ! schon ins Licht gesetzt hat/ wieder in Abrede/ daß weder von einer hohem / weder von einer niederen / noch auch von einer uns gleichen Gewalt gezwungen/ sondern durchaus mit freyem Willen wir sündigen? Evod. Ich stelle von allem diesem nichts in Abrede; gestehe aber gleichwohl/ daß ich noch nicht cinsehe/ wie einander nicht widersprechen die zwcy Sätze: Gott weiß unsere Sünden zum voraus'/ und wir sündigen durch eine sreye Wahl nnsercö WillenS. Allerdings müssen wir bekennen/ daß Gott gerecht; aber auch nicht weniger/ daß Er zukünftiger Dinge bewußt sey. Indessen wünschte ich zu wisse» / wie die Strafen / nothwcndig geschehener Sünde»/ gerecht seyn können/ oder dann/ wie Sünden nicht nothwcndig geschehen/ von denen Gott zum voraus weiß / daß sic geschehen werden: oder i endlich/ warum dem Schöpfer nicht zugeschrieben wer- ' den müsse/ was immerhin seine Geschöpfe nothwendig thun? Aug. Warum scheint dir) die freye Wahl I 220 unseres Willens dem göttlichen Vorwisscn zu widersprechen? Etwa/ weil ein Vorhcrwisscn ist/ oder/ weil ein Vorherwissen Gottes ist? Evod. Vorzüglich/ weil ein Vorherwissen GottcS ist. Ang. Wenn du also znm voraus wüßtest / es werde Jemand sündigen / müßte dieser bcßwcgcn nothwcndig sündigen? Evod. Allerdings müßte er nothwcndig sündigen; denn mein Vorherwissen wäre ja kein Wissen / wenn ich nicht znm voraus der Sache gewiß wäre. Aug. Also nicht/ weil Gott etwas voraus weiß/ muß dieses nothwcndig geschehen/ sondern einzig/ weil mit Gewißheit voraus gewußt wird/ daß cs geschehen werde / zumal ein ungewisses Wissen/ eigentlich kein Vorwissen wäre. Evod. So denke ich; aber wozu dieses? Aug. Dazu/ weil du vcr- mnthlich denjenigen / von dem du voraus weißt/, daß er sündigen werde, dcßwegen noch nicht znm Sündigen zwingen würdest. Dein Vorauswissen würde/ ungeachtet sein künftiges Sündigen/ als vorauSgcwußt/ gewiß wäre/ doch kein Zwang znm Sündigen scyn. Wenn demnach dein Vorauswissen/ was ein Anderer in der Folge thnn werde/ dem Willen dieses Andern nicht widerspricht; wird auch Gott znm voraus sehen können/ wie Menschen aus eigener Macht sündigen/ ohne daß dcßwegen Jemand zur Sünde gezwungen werde. Warum sollte also Gottes Gerechtigkeit nicht strafen/ was unter Gottes Vorauswis- scn ohne Zwang / auS frcyem Willen/ geschehen ist? Denn so wenig dein Gcdächtniß Ursache ist/ daß/ was einst ge- schchen/ nothwendig so geschehen sey/ ist Gottes Vor» auSwisscn Ursache/ daß geschehen müsse/ was' geschehen wird. Und gleichwie dn an Einiges/ wa§ du gcthan hast/ dich erinnerst/ ohne dcßwegcn alles' gethan zu habe»/ woran dn dich erinnerst: so weiß auch Gott zum voraus alles'/ was Er selbst hervorbringt/ ohne dcßwcgen alles hervorzubringen/ wovon Er zum voraus' weiß/ daß cs geschehen werde. Was aber Gott nicht selbst hcrvorgc- bracht hat/ kann seiner Strafacrechtigkeit ohne Anstand unterliegen. Daraus' magst du eiusehcn/ wie Gott dev Gerechtigkeit gemäß Sünden straft/ die Er voraus'gcsc- Heu hatte / weil des' VorauSschcnS wegen Er keinen An- thcil an ihnen hat: denn falls Er aus' dem Grunde/ weil Er die Sünden voraus gesehen hat/ Sünder nicht strafen durfte / müßte Er auch Tugendhafte nicht belohnen/ da Tugenden von Ihm nicht weniger gewiß voraus gesehen werden. Darum laßt uns bekennen/ der Allwissenheit Gottes könne kein einziges künftiges Ereigniß verborgen/ aber auch vor der Gerechtigkeit Gottes' keine Sünde ungestraft bleiben: denn durch Gottes VoranS- wiffcn wird die Sünde nicht eine Wirkung der Noth- wcndigkeit/ sondern bleibt stets eine Handlung der Frey heit. V. Was aber den dritten Punkt betrift/ wie ncmlich/ was' in den Geschöpfe» mit Nothwcnigkeit geschieht/ 222 nicht dem Schöpfer zuznschrciben sey, dürfen wir den oben angeführten Grundsatz ächter Frömmigkeit, ge- mäß welchem wir dem Schöpfer für alles Dank schuldig sind / niemals ausser Acht lassen. Gottes ausserordentliche Güte müßte ja nicht weniger gepriesen werden, wenn uns eine viel niedrigere Stusse des Daseyn, als die ist, welche wir cinnehmcn, angewiesen worden wäre. Nun ist aber unsere Seele, wenn auch durch noch so häßliche Sünden entstellet, ein erhabeneres und vollkommeneres Wesen, als dieses sichtbare Licht, dessen ausgezeichnete Herrlichkeit doch selbst diejenigen zum Lobe GottcS stimmt, deren Seelen sonst nur dem Genüsse der Sinnenlust ergeben sind. Demnach soll dich der Tadel, welcher Sündern gebührt, nicht veranlassen, auch nur bey dir selbst leise zu sprechen: cS wäre besser gewesen , die Seelen der Sünder hätten ihr Daseyn nicht erhalten. Nur in Rücksicht ihrer sind derlei Seelen tadelnswürdig , wofern man nämlich sich vorstcllt, wie dieselben beschaffen scyn würden, falls sie niemals ge- sündigct hätten. Dessen ungeachtet gebührt Gott der menschlichen Anlagen wegen das höchste Lob, und zwar nicht bloß, weil Er den Sündern eine ihnen angemessene Stelle angewiesen, sondern vorzüglich, weil Er sie dergestalt ausgerüstet hat, daß, wenn auch noch so befleckt durch Sünden, sic gleichwohl eine höhere Würde behalten, als das sinnliche Licht, dessen Anblick doch zum Lob und Preis des Schöpfers alle Menschen auffodcrt. Hüte 22Z dich also/ zu behaupte» / cS wäre besser gewest»/ wenn sic das Dascyn nicht erhalten hätten; sage lieber/ sic hätten anderst werden sollen / als sic wirklich sind: denn du darfst nicht vergessen / daß Gott/ als Urheber alles Guten/ geschaffen habe / was nicht bloß scheinbar/ sondern was in Wahrheit/ das Bessere ist. Allein nicht die Wahrheit/ sondern vielmehr die Schwachheit des Neides ist'ü/ welche dir den Gedanken cinflößt/ cS hätte irgend etwas besser geschaffen werden solle» / als cS wirklich geschaffen ist/ weil du nämlich auf eine durchaus unstatthafte Weise das Nichtdaseyn der Dinge niedcrn Ranges / wie etwa im Vergleich mit dem Himmel die Erde ist/ wünschtest. Mit Recht möchtest du vielleicht rügen/ daß die Erde nicht zum Himmel geschaffen worden/ wofern kein Himmel geschaffen worden wäre: da aber der Himmel/ nach dessen Art du die Erde geschaffen wünsch- tcst/ augenscheinlich auch geschaffen worden ist/ und nicht Erde / sondern Himmel genannt wird/ sehe ich nicht ein, wie hier auf irgend eine Weise die Mißgunst Raum finden könnte/ zumal die Erde als ein Geschöpf niedcrn Ranges geschaffen worden/ ohne daß dcßwcgcn das' Da- -seyn eines vollkommnern Wesens gehindert worden wäre. Auf der Erde selbst aber ist eine solche Mannigfaltigkeit verschiedener Vestandthcile / daß/ was immerhin zur Gestalt der Erde gehöret/ Gott/ der Schöpfer der Dinge/ im ganzen Umfang derselben irgendwo angebracht hat. Zwischen den fruchtbarsten und lieblichsten Thcilcn der 224 Erde/ und zwischen den Salzgebürgcn und ödesten Oer? tcrn liegen ja mehrere Gegenden mittlerer Art/ von welchen keine/ außer im Vergleich mit einer bessern/ etwa getadelt werden könnte. Daher sind alle Stuffcn des DascynS dergestalt prciSwürdig/ daß/ wer auch die vollkommenste Art der Erde gefunden hätte/ deßwegcn nicht wünschen dürfte / diese möchte ausschließlich da seyn. Wie groß ist aber die Kluft zwischen dem Umfang der Erde und dem Umfang des Himmels? Allein diese Kluft wird durch feuchte und luftige Wesen gefüllt/ und aus vier Elementen entspringt die Vielheit der Arten/ und die Wandelbarkeit der Gestalten / deren Zahl Gott bekannt/ Menschen aber stets unbekannt ist. Wohl mag also im All der Dinge ein Geschöpf seyN/ woran deine Vernunft nicht denkt: allein woran im Lichte der wahren Vernunft gedacht wird/ das muß im All der Dinge nothwcndig seyn. Auch bist du nicht im Stande irgend ein Geschöpf vollkommner zu denken/ als die Idee desselben im Verstände des Schöpfers ist. Wenn daher die menschliche Seele im Einklänge mit den göttlichen Ideen/ von welchen sic/ ihrer Natur gemäß/ abhängig ist/ ausspricht; dieses könnte besser seyii/ als jenes'/ und wenn sic wahr spricht/ und einsieht/ was sie spricht/ erhalt sie/ diese Einsicht im Lichte jener Ideen / mit welchen/ ihrer Wesenheit nach/ sie in Verbindung ist. Dieser Einsicht zufolge glaubt die Seele / Gott hübe geschaffen / was der wahren Der- 225 minft gemäß hat geschaffen werden müssen/ wenn gleich ein solches' Geschöpf unter den wirklich geschaffenen Din« gen nicht in ihre Augen fällt. Auf gleiche Weise würde sic/ falls der Himmel unsichtbar wäre/ sein Gcschaffen- sey» für »othwendig halte»/ wenn auch mit eigenen Augen den wirklichen Himmel sic nie zu schauen vermöchte/ sobald von der Nothwendigkeit eines solchen Geschöpfes sie nämlich vom Gesichtspunkt der wahrhaftigen Vernunft aus übcrzengt worden wäre: denn die Ncbcrzcugung von dem »othwcndigcn Daseyn eines solchen Geschöpfes ist gegründet auf jene Ideen / welche allen geschaffenen Dingen zu Grunde liegen. Was aber in diesen Ideen nicht ist/ kann in dem Maße nicht wahrhaft erkannt werde«/ in welchem cS nicht ist. Die meiste» Menschen aber fallen in Jrrthum / weil sic die voll- kommncrc» Dinge/ von denen sie nur eine geistige Anschauung haben / nicht an dem ihnen gebührenden Orte aufsuchcn; wie z. B. Einer/ der die Idee eines vollkommenen Zirkels in seiner Vernunft schauet/ zürnet/ denselben nicht in der Nüsse zu finden/ weil er etwa keine andern runden Körper/ als gerade derlei Apfel bisher gesehen hat. Nicht vernünftiger sprechen wahrlich diejenigen / welche die höhere Vollkommenheit eines Geschöpfes/ daS/ wenn auch mit freycm Willen begabet/ doch/ weil e§ in steter Verbindung mit Gott verharret/ nicht in die Sünde fällt/ im untrüglichsten Lichte der Vernunft schauen/ aber im Hinblick auf die Sünden lä der Menschen / nicht etwa wünschen/ daß sie aufhören zu sündigen/ sondern sich betrüben / daß Menschen geschaffen sind und den Wunsch hege»/ Gott hätte uns so geschaffen / daß wir den ununterbrochenen Genuß der un- wandelbaren Wahrheit dem Sündigen hätten vorziehe» müssen. Hören sie doch auf dagegen zu jammern und darüber ungehalten zu scyn: denn deswegen/ weil Gott sie frcy geschaffen hat/ zwang er sie nicht zu sündigen; er gab ihnen ja nur die Freyhcit des Willens; und gleich Ihnen wurden auch Engel/ welche doch weder gesündigct haben/ noch jemals sündigen werden/ geschaffen. Wenn dn also an einem Geschöpf Wohlgefallen findest/ welches mit unwandelbarem Willen im Guten verharret/ so mußt du dieses nach dem Ausspruch der wahren Vernunft dem Sünder verziehen; allein den Vorzug/ welchen du ihm in Gcdänken giebst/ hat ihm der Schöpfer auch in der Ordnung der Dinge gegeben. Glanbe sicher/ daß ein solches Geschöpf stets einen höhcrn Nang cinnehme/ und sich in den erhabneren Sphären der Himmel befinde: denn/ da der Schöpfer seine Güte Geschöpfen / deren Sünden Er vorauSgcsehen hat/ zu Thcil werden ließ/ um wie viel mehr wird Er sich gütig erweisen gegen solche / von denen Er voraus weiß / daß sie niemals sündigen werden? Derlei erhabene Geschöpfe sind im ewigen Besitze göttlicher Seligkeit/ weil in ununterbrochenem Genüsse ihres Schöpfers / in einem Genüsse/ den sie durch ihren beharrlichen 227 Willen/ gemäß welchem sie stets gerecht bleiben/ verdienen. Nicht weniger haben die ihnen gebührende Stelle im zweyten Range jene Geschöpft/ welche der Sünde unterlagen, indem sie zwar die Seligkeit durch Sündigen verlohrc»/ jedoch bas Vermögen bcybehieltcn/ sie wieder zu erwerben, ein Vermögen, welches augenscheinlich viel erhabener ist, als die fortdauernde Lust zu sündigen. Zwischen dieser Lust und der vorigen Seligkeit, welche so lange daurt, als der Wille gerecht zu seyn, ist dieses Vermögen eine gewisse Mittelstuffe, die ihre Erhabenheit von der Dcmuth der Buße erhält. Doch auch selbst jenen Geschöpfen, von welchen Gott voraus wußte, nicht nur, daß sic sündigen, sondern auch, daß sie in der Sünde frcywillig verharre» werden, hat Er die reichhaltige Hand seiner Güte nicht so entzogen, daß Er sie nicht ins Daseyn kommen ließ. Wie aber ein durchgehendes Pferd noch besser ist, als der Stein, welcher nicht durchgeht, weil es ihm an Bewegung und Sinn gebricht; so ist auch ein Geschöpf, welches mit freyem Willen sündiget, einem andern weit vorzuziehcn, welches bloS deßwcgen nicht sündiget, weil eS keinen freyen Willen hat. Und wie ich den Wein in seiner Art preise, obwohl ich den Menschen, welcher durch denselben sich berauscht, tadle, und selbst diesen Menschen, den ich tadle, auch im Rausche noch, dem gcpricsensten Wein, durch den er berauscht wurde, vorziche: so ist ein sinnliches Wesen, nach seiner 228 Art und Bestimmung aufgefaßt / allerdings lobcnswür- dig/ wen» gleich diejenigen Rüge verdienen,- welche durch desselben unniässigcn Gebrauch von der Anschauung der Wahrheit sich wcgziche» lassen; jedoch/ so verkehrt und betäubt sie immer scyn mögen / haben sie vor diesem / an sich so lobcnswürdigcn Geschöpfe/ welches deß- wegcn nur zum Bösen verleitet hatte/ weil cs nicht auf ächte/ sondern auf leidenschaftliche Weise gclicbct wurde/ frcylich nicht nach diesem fehlerhaften Gebrauch/ wohl aber in Bezug auf die Würde ihrer Natur/ noch einen unverkennbaren Vorzug. Wenn also jede Seele vor jeglichem Körper Vorzüge hat/ und keine der Sünde unterliegende Seele/ so tief sie immer hinabsinken mag/ auf irgend eine Weise in einen Körper verwandelt und der seelische» Natur und ihrer cigenthümlichcn Vorzüge / wodurch sie sich vor jeglichem Körper anSzeichnct/ verlustig wird; wenn fcrnerS in allen Körpern das Licht die erste Stelle einnimmt/ folgt nothwendig/ daß eine Seele des niedersten Ranges vor einem Körper dcS ersten Ranges Vorzüge habe/ und daß/ zwar dem Körper irgend einer Seele auch irgend ein anderer Körper/ jedoch auf keine Weise ei» Körper der Seele selbst vorgczogcn werden könne. Warum sollte also Gott nicht gelobet/ und mit unaussprechlichem Ruhme verherrlichet werde»/ weil Er/ schaffend solche Wesen / welche den Gesetzen der Gerechtigkeit allzeit treu bleiben / zugleich auch andere Seelen geschaffen hat/ von denen Er voraus wußte/ sowohl/ daß sie sündigen, als auch, daß Einige in der Sünde verharren werden; denn auch solche sind noch vortrcflichcr, als jene Wesen, welche, da sie weder Vernunft, noch Frcy- heit des Willens haben, zu sündigen nicht vermögen. Indessen sind sogar diese noch vortrcflichcr, als gewisse Körper von sehr blendendem Glanze, von einem Glanze, den einige, freylich auf ungewöhnliche Weise sich irrend, als höchstes Wesen, oder als Gott verehren. Wenn demnach in der Rangordnung körperlicher Gegenstände von den Sphären der Gestirne an, bis hinab zur Zahl unserer Haare, eine stuffcnweisc Schönheit an der Güte der Dinge sich zeiget, so, daß nur der Allerunkundigste fragen könnte, waS ist das, oder wozu das, weil unter allen erschaffenen Dingen eine durchgängige Zweckmäßigkeit und eine festgesetzte Ordnung ist: wie unkundig müßte erst derjenige seyn, welcher in Hinsicht auf irgend eine, selbst bis auf den untersten Grad ihrer Schönheit und Vollkommenheit beraubten Seele, zweifeln wollte, oh sic gar alle Körper, durch die ihr noch inwohncndc Würde, übcrtreffc? Denn anderst spricht die Vernunft, anderst die Gewohnheit der Menschen. Die Vernunft spricht im Lichte der Wahrheit, daß rücksichtlos die Niedern Güter den höher» untergeordnet werde» sollen. Die Gewohnheit aber bringt es mit sich, daß oft aus Bequcmlichkcitsliebe Dinge höher geachtet werden, als sie, der Wahrheit gemäß, geachtet werden sollten. Vom Gesichtspunkte der Vernunft aus ist zwischen himmli- 2Z0 scheu und irdischen Körpern offenbar ein großer Unterschied ; indessen welcher ganz roh sinnliche Mensch würde nicht lieber wollen/ daß sogar mehrere Gestirne am Himmel mangelten/ als ein einziges Bänmlein auf seinem Acker/ oder eine Kuh bcy seiner Heerde? Wie aber ältere Männer/ wenn nicht gänzlich verachten / doch einswcilen nur/ in der Hoffnung/ sie werden eines Bessern belehrt werden/ mit Geduld ertragen Urtheile von Knaben/ welche mit Ausnahme weniger/ zu denen sie etwa eine besondere Zuneigung haben / jeden andern Menschen lieber/ als etwa einer ihrer Vögel sterben sehen / und um so lieber/ wenn der Mensch furchtbar/ der Vogel aber schön und lieblichen Gesanges ist; so verachten nicht weniger Männer/ welche alt im Geiste und weise geworden sind / die Urtheile derjenigen/ welch-/ aus Unlunde der Dinge/ in den niedrigsten Geschöpfen Gott loben/ weil diese ihren sinnlichen Bedürfnissen mehr/ als Andere entsprechen; in den höher» und vollkommnern Wesen hingegen theilS nicht/ oder doch weniger ihn loben/ und wohl gar ihn zu tadeln und zu bekritteln wage»/ ja mitunter nicht glauben wollen/ daß Gott Schöpfer solcher Dinge scy: so verachten alte und weise Männer / sage ich/ derlei Urtheile entweder durchaus gänzlich/ wo keine bessere Ansicht zu bewirken ist/ oder gewöhnen sich endlich mit Gelassenheit sie zu ertragen und zu dulden / bis c§ ihnen etwa gelingt/ solche leichtsinnige und uncr- fahrne Menschen eines Bessern zu belehren. 2Zl VI. Da nun die Sache sich so verhält, köiittc» die Sünden/ obgleich sie wegen dem Vorwissen Gottes nothwcn- big geschehen / durchaus dem Schöpfer nicht zugeschric- ben werden; und wofern du nicht cinzusehcn vvrgicbst/ warum nicht dem Schöpfer zur Schuld falle / was immer unter seinen Geschöpfen mit Nothwcndigkeit geschieht/ muß ich dagegen dir zeigen und erweise«/ wie schlechthin unmöglich dem Schöpfer zugercchnct werden dürft/ was in seinen Geschöpfen mit einer Nvthwendigkeit geschieht/ welche den freycn Willen der Sünder stets begleitet. Denjenigen aber/ welcher das Nichtseyn dem Unglücklichseyn verziehen wollte/ würde ich des Jrr- thumcS etwa auf folgende Weise zu überführen trachten. Ich wollte etwa ihn so anrcden: gegenwärtig bist du unglücklich/ und hast gleichwohl aus keinem andern Grunde Abscheu vor dem Tode / als weil du im Daseyn zu bleiben verlangst. Obwohl du also unglücklich zu seyn verwünschest / wünschest du nichts dcstoweniger das Seyn. Danke daher vielmehr für daS/ was du gern hast/ auf daß / was du! ungern hast/ dir abgenommcn werde. Lieb ist dir das Scy»/ und zuwider das Unglücklich seyn. Wenn du somit undankbar bist/ in Bezug auf ein Sey»/ welches du gern hast / wirst du mit Recht gcnöthigct zu einem andern Sch»/ welches du ungern hast. Allein eben weil du/ auch undankbar/ wie du bist/ doch de- 232 sitzest/ waS du wünschest/ lobe ich die Güte dcS Schöpfers. Weil du aber als undankbar leiden mußt/ was dir widrig ist/ preise ich die Gerechtigkeit der göttlichen Ordnung. Solltest du crwicdern: nicht deßwegcn verwünsche ich den Tod / weil ich ein unglückliches Daseyn dem Nichtdaseyn vorzichc/ sondern/ um nicht nach dem Tode noch unglücklicher zu seyii/ gebe ich zur Antwort: ist dieses ungerecht/ so wirst du cS nicht seyn; ist es aber gerecht/ so müssen wir denjenigen preise»/ nach dessen Gesetzen du noch unglücklicher seyn wirst. Fragst du aber / woher ich wisse/ daß / wofern dieses ungerecht sey/ du nicht unglücklicher seyn werdest/ ist meine Antwort; daher/ weil/ falls du eigenmächtig seyn wirst/ du entweder nicht unglücklich/ oder deines ungerechten Betragens wegen mit Recht unglücklich seyn wirst: denn wenn du dich recht betragen wolltest/ würdest du nicht eigenmächtig/ sondern entweder unter der Gewalt keines Andern/ oder unter der Gewalt eines Andern seyn. Wenn unter der Gewalt keines Andern/ gegen/ oder mit Willen. Gegen deinen Willen aber kannst du unmöglich etwas seyn/ wo nicht irgend eine Macht dich überwältiget hat. Allein keine Macht kann denjenigen überwältigen/ welcher unter der Gewalt keines Andern steht; wenn du aber mit freycm Willen unter der Gewalt keines Andern stehest/ stehst du eben deßwegcn unter deiner eigenen. Somit wirst du ungerechten Betragens wegen der Gerechtigkeit ge- 2ZZ mäß unglücklich seyn/ oder weil/ was du immer bist/ du aus frcyem Willen scyn wirst/ Ursache haben/ der Güte deines Schöpfers zu danken. Bist du' aber nicht eigenmächtig / so hält entweder ein stärkerer / oder ein schwächerer/ als du bist/ dich unter seiner Gewalt. Wenn ein Schwächerer / so geschieht cs aus deiner eigenen Schuld/ und du leidest / was du verdienet hast: denn du könntest ja den Schwächer!! überwinden/ wenn du nur wolltest. Wenn aber ein Stärkerer dich / als den Schwächer!!/ unter seiner Gewalt hält/ kannst dii/ ohne Unrecht zu thun/ nicht für ungerecht halten eine Ordnung/ welche so ganz dem ewigen Rechte entspricht. Daher ist einleuchtend wahr unsere Behauptung: wenn es ungerecht ist/ wirst du nicht unglücklich scyn'; wenn cs aber gerecht ist/ müssen wir denjenigen preisen / nach dessen Gesetzen du unglücklich seyn wirst. VII. Wenn du sagen wolltest': ich ziehe deßhalb auch ein unglückliches Daseyn dem gänzlichen Nichtseyn^ vor / weil ich nun einmal da bin: hätte man mich aber gefragt/ bevor ich da war/ so würde ich das Nichtseyn dem Unglücklichseyn vorgezogen haben. Nun aber ist die Furcht vor dem Nichtseyn während meinem Unglücklichseyn selbst ein Bestandthcil meines Unglücklichseyns/ indem ich gerade das Wünschcnswürdigc verabscheue / zumal das Nichtseyn dem Unglücklichseyn vorgezogcn wer- 2Z4 den sollte. Ich bekenne also freymüthig/ daß ich auch ein unglückliches Daseyn dem Nichtdaseyn vorziehc; aber mit desto größerer Thorheit/ als größer mein Unglück- lichscyn ist: dieses ist aber um so größer/ als anschaulicher meine Erkenntniß/ daß ich solches nie hätte wollen sollen. Auf eine solche Sprache werde ich antworten: gicb wohl acht/ nicht gerade da zu irre«/ wo du die Wahrheit anschaulich zu erkennen glaubst: denn wenn du selig wärest/ würdest d» offenbar das Seyn dem Nicht- seyn verziehen; weil du aber unselig bist/ ziehest du auch noch itzt/ selbst ein unglückliches DaseyN/ dem Nichtseyn vor/ während dem du das ttnglücklichscyn verwünschest. Beherzige demnach so ernst als möglich/ welch ein großes Gut das Seyn scy/ welches die Unseligen/ wie die Seligen verlangen; denn je mehr du solches beherzigest/ desto einleuchtender wird cs dir werden / daß dasUnglück- lichscyn deines SeynS gerade um so viel größer sey/ als weiter du dich von demjenigen entfernest/ welcher ist das höchste Seyn: daß auch nur in so weit das Nicht- seyn vorzüglicher als das Unglucklichseyn dir vorkommc / als cS dir gebricht an Erkenntniß des höchsten SeynS; und daß deßwegen endlich du das Seyn verziehest/ weil du abstammcst von dem/ welcher ist das höchste Seyn. Wenn du demnach das Unglucklichseyn verabscheuest/ so pflege vorzüglich in dir die angebohrne Liebe zum Seyn: denn je feuriger du das Seyn lieben wirst/ desto ähnlicher wirst du werden dem höchsten Seyn. Danke aber 2ZÜ itzt schon für das Seyn: denn wenn auch unvollkomm- ncr als die Seligen/ bist dn gleichwohl vollkommncr/ als diejenigen/ welche nicht einmal verlangen nach Seligkeit/ obgleich Viele von diesen Geschöpfen auch von Unglücklichen noch gepriesen werden. Alle Dinge sind schon zufolge ihres ScynS/ so wie wahrhaft gut/ also auch preiswürdig. Mit dem MachSthum deiner Liebe zum Seyn wird nothwcndig auch wachsen dein Verlangen ewig selig zn seyn/ oder deine Liebe zum ewigen Leben/ und mit dieser der Wille vorherrschend werden/ dich so zu bilde»/ daß deine Neigungen aufhörcn blo§ auf zeitliche Dinge hinzugehcN/ und nur vom Verlangen nach vergänglichen Gegenständen entzündet und unterhalten zu werden; denn alle zeitlichen Dinge sind ja schon vor ihrer Erscheinung unwichtig/ während ihrer Erscheinung flüchtig/ und nach ihrer Verflüchtigung ganz nichtig; folglich vor ihrer Erscheinung noch kein Seyn habend / nach ihrer Erscheinung aber keines mehr habend: denn wie sollten Dinge bleibendes Seyn haben können/ deren Ursprung schon ein Streben zum Nicht- seyn ist? Wer aber das Seyn liebt/ billiget auch diese Dinge/ in so weit sic Seyn haben/ und liebet stets das ewige Seyn; und wie wandelbar in der Liebe zum vergänglichen SeyN/ bleibt er unwandelbar in der Liebe zum ewigen Seyn. Und wie Charakterlosigkeit der vergänglichen Liebe/ wird Festigkeit und Standhaftigkeit Folge der unvergänglichen seyn; nicht weniger auch die 2Z6 Erhaltung desjenigen SeynS/ welches er wünschte/ während dem er das Nichtscyn fürchtete/ und in welchem Scyn er nicht Stand halten konnte/ so lange Liebe zum bloß vergänglichen Seyn ihn umfangen hatte. Es ist also keineswegs zu tadeln / sondern vielmehr gar sehr zu lode»/ daß du auch ein unglückliches Daseyn dem gänzlichen Nichtscyn vorzichest: denn wenn du dein ursprüngliches Verlangen nach Seyn von Zeit zu Zeit mehr Seyn gewinnen lassest/ wirst du allmählig cmpor- stcigcn/ und dich cmporhcbcn zum allerhöchsten Scy»/ und dadurch vor jeglicher Schlechtigkeit/ durch welche das niedrigste Scyn sich selbst/ und mit sich die Kräften seiner Liebhaber zu Grunde richtet/ gesichert bleiben. Daher kommt cS/ daß/ wer das Nichtscyn dem Unglück- lichseyn vorzieht / nothwendig unglücklich seyn muß/ zumal er nicht aufhören kann/ zu scyn. Wer dagegen das Seyn mehr liebt/ als das Unglücklichseyn hasset/ wird indem Grade den Gegenstand seines Hasses vermindern/ in welchem er den Gegenstand seiner Liebe erweitert: denn wo vollkommenes Seyn seiner Art cintritt/ hat aufgehört zu seyn jegliches Unglücklichseyn. VIII. Ueberlegc auch/ wie ungereimt undunschicklich die Worte sind: ich will lieber nicht seyn/ als unglücklich seyn! Denn wer sagt: ich will lieber dieses/ als jenes/ wählt etwas aus: das Richtseyn ist aber kein Etwas/ sondern ist Nichts: und dem zufolge kann unmöglich auf vernünftige Weise gewählt werden/ wo der Gegenstand/ den man wählen soll/ nichts ist. Du wünschest zwar/ nach deinem Vorgeben / dein Dafcyn auch während dem UnglücttichseyN/ aber solltest dieses nicht wünschen. Was solltest du denn wünschen? Vielmehr das Nichtscyii/ erwiderst du. Nun wenn du dieses wünschen solltest / so ist eS das Bessere. Allein was nicht ist/ kann unmöglich das Bessere scyn. Du sollst also es nicht wünschen: denn deine Gesinnung/ nach welcher du das nicht wünschest/ ist wahrer/ als dein Wahn/ nach welchem du eS wünschen zu müssen glaubst. Wer etwas rechtes wünscht/ wird besser durch Erfüllung seiner Wünsche. Allein wer nicht ist/ kann offenbar auch nicht besser werden. Demnach kann auch kein einziger auf vernünftige Weise das Nichtscyn wünschen. In dieser Üeber- zcugung darf uns nicht irre machen das Urthcil derjenigen / welche eines drückenden Elendes wegen stch selbst entleiben: denn entweder flüchten stc dahin / wo stc ein bcßcrcs Dascyn erwarten/ und ihr Betragen/ aus was immer für einem Wahn hcrvorgegangen/ steht mit unserer Behauptung nicht im Widerspruch; oder falls sie an ein künftiges Dascyn durchaus nicht glauben/ kann der Mißgriff derer/ welche das Nichts wählen / un§ noch viel weniger in Verlegenheit bringen. Oder wie sollte ich demjenigen folge»/ welcher auf die Frage: was er durch seine Wahl sjir sich verlange / zur Antwort gicbt: 268 ! ! I ! ' 268 nicht-? unwidersprechlich giebt aber auch gegen seine» Willen eine solche Antwort/ wer das' Nichtseyn für sich erwählt. Doch/ um über diese Sache in jeder Hinsicht zu rede»/ wie ich denke/ halte ich dafür/ Keiner/ der sich selbst töde/ oder wie immer sich den Tod wünsche/ fühle/ daß er nach dem Tode nicht mehr seyn werde/ wenn gleich mitunter auch eine solche Meinung dein Selbstmord zu Grunde liegen kann: denn jede Meinung beruht wenn nicht auf dem Jrrthum / auf der Wahrheit der Beweise/ oder auf der Wahrheit des' Glaubens: das Gefühl aber hat seine Kraft von der Gewohnheit/ oder der Natur. Daß aber Gefühl und Meinung mit einander in Widerspruch kommen können/ leuchtet schon daraus hervor / daß wir etwas für Pflicht halte»/ und dennoch ihr entgegen handeln/ wo so zu handeln uns angenehm ist. Auch ist mitunter das' Gefühl wahrer als die Meinung/ wenn nämlich diese irrig/ jenes aber natürlich ist/ wie z. B. der Kranke an Kaltem/ welches gerade ihm zuträglich ist/ Wohlbehagen hat/ obgleich er meint/ der Trunk desselben werde ihm schädlich seyn. Oft ist die Meinung wahrer als das Gefühl/ wenn nämlich der Kranke/ obwohl ihm ein kalter Trunk erwünschlich aber wirklich schädlich wäre/ dem Arzte glaubt/ daß er schädlich sey. Auch können Gefühl und Meinung wahr seyn/ wenn nämlich das Nützliche nicht bloS als solches anerkannt/ sondern auch als Gegenstand des Vergnügens 239 angesehen wird. Veyde können aber auch irrig scyN/ wenn nämlich das Schädliche / sowohl für nützlich/ als für angenehm/ gehalten wird. Die wahrhafte Meinung verbessert aber die schlimme Gewohnheit/ wie die verkehrte Meinung gewöhnlich die unverdorbene Natur verschlimmert. So mächtig ist die Ucber- zeugung/ wo sie vorherrschend und gcbiethend wird. Wer demnach im Wahne/ er werde nach dem Tode nicht mehr scyN/ durch unerträgliche Leiden den Tod zu wünschen angetrieben wird/ und zum Selbstmord sich wirklich entschließet/ ja nicht nur sich entschließet/ sondern wirklich sich tödet/ hat eine irrige Meinung in Hinsicht auf ein gänzliches Nichtscyn; aber ein wahrhaftiges Gefühl eines natürlichen Verlangens nach Nuhigscyn. Ruhe aber ist nicht NichtS/ sondern im Gegenthcil ein vollkomm ne res ScyN / als die Unruhe; denn aus der Unruhe gehen die veränderlichen GcmüthSstimmungen hervor/ welche cinaudcr wechselseitig zerstören: in der Ruhe dagegen zeigt sich eine Gleichmüthigkcit/ ans der vorzüglich sich crgiebt, daß sic se»/ was wir von ihr behauptet haben. Das Verlangen Aller demnach/ welche sich den Tod wünschen/ geht nicht auf ein gänzliches Nichtscyn nachdem Tode / sondern einzig aufRuhigscyn. Ihre Meinung in Hinsicht auf ein künftiges Nichtseyn ist irrig; aber ihr Wunsch nach Ruhe geht auf ei» Seytt/ und zwar auf ein vollkommnereS Seyn. Wie es demnach unmöglich ist/ daß Jemand am Nichtseyn Wohlge- 2'i0 fallen finden könne/ ist cs auch schlechterdings unzulässig/ daßJemand/ seines jedesmaligen SeyuS Wege»/ gegen die Gute des Schöpfers undankbar sey. IX. Wollte man sagen / der allmächtige Gott hätte ja so leicht und ohne Mühe seine Geschöpfe in einen Zustand sehen können / wo keines derselben in ein unglückliches Dascyn versunken wäre/ zumal so zu schaffen/ wie im Einklänge mit seiner Allmacht/ so auch mit seiner Güte gewesen scyn würde/ könnten dagegen wir bemerken: es herrsche vom höchsten bis zum allerniedrigstcn Geschöpf eine der Gerechtigkeit so entsprechende Stuffcnordnung/ daß nur ein Mißgünstiger zu behaupten wage: jene Dinge sollten nicht seyn/ oder auch nur/ diese Dinge sollten so seyn: denn falls er ein Geschöpf haben will/ wie das über ihm stehende ist/ ist dieses ja schon da/ und/ zumal es vollkommen ist/ auf eine Weise da/ daß demselben nichts mehr beygclegt werden darf. Wer' demnach sagt: auch diese Dinge sollten so seyn/ will entweder gegen alles Maaß und Recht die höhere - Vollkommenheit noch vollkommncr machen/ oder dann aus Bosheit und Mißgunst die niedere Vollkommenheit zerstören. Wer aber die Behauptung wagt: diese Dinge sollten nicht seyn / ist derselben Bosheit und MiMunst zu beschuldige»/ zumal er ein Scyn zerstören will/ welches* vollkommner ist/ als ein anderes/ welches andere Seyn 241 zu Preisen cp gleichwohl nicht umhin kann. Wie V. wenn Jemand sagen wollte: der Mond sollte nicht seyn/ obwohl er ein viel linvollkommnercS Licht in seiner Art noch schön / und für die irdischen Finsternisse zierlich / ja für den nächtlichen Gebrauch dienlich/ und in allen diesen Beziehungen nach seiner eigene» Zweckmäßigkeit entweder löblich fände/ oder/ wenn nicht aus bloßer Streitlust/ nur mit der größten Thorheit diese Eigenschaften ihm absprcchen könnte. Sobald nun die Behauptung: die Leuchte sollte nicht seyn/ schon so lächerlich ist/ wer dürfte es wagen mit gesundem Verstand zu sprechen: der Mond sollte im All der Dinge nicht seyn? Falls er aber nicht sagt/ der Mond sollte nicht scy»/ sondern: er hätte seyn sollen / wie er die Sonne wirklich erblickt/ sagt er eigentlich/ ohne e-s zu wissen/ der Mond sollte nicht sey»/ aber cs sollten seyn zwcy Sonnen. Zwcyfach ist demnach sein Jrrthum; erstlich weil er der Vollkommenheit der Dinge noch etwas beylcgen will / indem er eine zwcyte Sonne verlangt; zweitens/ weil er die Vollkommenheit vermindern will / indem er den Mond aus dem All der Dinge hinwegwünscht. Doch vielleicht crwicdcrt ein solcher/ in Bezug auf den Mond wolle er eben nicht klagen / weil derselbe/ obwohl einen viel geringer» Glanz/ doch kein unseliges Dascyn habe. Allein die Seelen bcdaurc er/ nicht der Finstcrniß wegen/ welche sie umgebe/ sondern des unglücklichen Dascyns wegen/ welches auf sie drücke. Wenn dicseS/ so möge 16 242 er wohl bemerken/ daß der hohe Glanz der Sonne nicht mehr zur Seligkeit der Sonne/ als der geringere Glan; des Mondes zur Unseligkcit desselben beytrage: denn die himmlischen Körper habe»/ wofern sie im sichtbaren Lichte erscheinen/ nur ein physisches DascyN/ welches vermittels der körperlichen Augen wahrgcnommcn wird. Körper aber sind/ (an sich betrachtet)/ allzumal weder der Seligkeit/ noch der Unseligkcit fähig / sondern höchstens tüchtig Leiber seliger oder unseliger Wesen zu seyn. Indessen sagt das angeführte Glcichniß von den genannten Lichtern so viel/ daß derselbe Unterschied/ den wir unter den Körpern erblicken / wo der eine Heller als der andere leuchtet/ ohne daß deshalb jder dunklere aufgehoben/ oder! dem Heller leuchtenden gleich gesetzt werden dürfte/ zumal im Hinblicke auf die Vollkommenheit dcS Weltalls um so mehr die vollständigste Mannigfaltigkeit der Dinge in die Augen leuchtet/ als vielfältige Stuf- fen der Klarheit unter den Körpern zum Vorschein kommen / indem ein vollkommenes Universum ja nur ist/ wo neben vollkommnern auch unvollkommnere Körper erblickt werden/ daß / sage ich/ derftlbe Unterschied auch unter den Seelen anerkannt werden müsse/ wo jegliches Elend/ welches Mitleid erreget/ unverkennbar dazu dienet / im All der Dinge jene Stelle auSzufüllcN/ welche Seelen gebührt/ die freywillig der Sünde dienstbar geworden. Daß solche Seelen nicht hätten geschaffen werden sollen / darf man aber um so weniger de« 243 haupten, weil andere Geschöpft/ welche viel unvollkomm- ner sind/ den Schöpfer preiswürdig machen. Indessen dürste derjenige. / welcher das so eben Gesagte nicht hinlänglich verstehet/ noch etwas einznwenden finden. Er könnte vielleicht sagen: wenn unser Elend zur Vollständigkeit des' Universums crfoderlich war/ würde/ falls wir selige Wesen geblieben wäre» / das Universum nicht vollkommen geworden scyn. Demnach waren unsere Sünde»/ obwohl durch sie einzig die Seele unselig werden kan»/ zur Vollkommenheit eines Wcltallcs/ welches Gott geschaffen hat/ nothwendig; allein wie kann die Straft der Sünden gerecht scyn / wenn ohne Sünden die Geschöpft Gottes weder vollständig noch vollkommen seyn würden? Auf eine solche Einwendung ist zu antworten : weder die Sünden/ noch die daraus entspringende Nnseligkeit ist zur Vollkommenheit des Weltalls nothwendig/ wohl aber sind Seelen/ als solche, noth- wendig/ welche ihrer Natur und Wesenheit zufolge sündigen können/ und sündigend nothwendig unselig werden. Wenn nach aufgehobener Sünde derselben die Nnseligkeit fortbliebc/ oder wenn die Nnseligkeit schon vor der Sünde da wäre/ würde allerdings die Ordnung des Weltalls'/ so wie auch die Leitung desselben dadurch entstellt. Wenn aber Sünden geschehen würden/ ohne daß sie Nnseligkeit zur Folge hätten, würde die Bosheit nicht weniger die Ordnung der Dinge zerrütten; bleiben aber Alle, die nicht sündigen, selig, 244 ist zwar das' All der Dinge vollkommen; jedoch auch nicht weniger vollkommen/ wenn alle/ welche sündigen/ unselig werden. Demnach ist die Vollständigkeit und Vollkommenheit des Weltalls/ in welchem Seelen sind/ di- sündigcnd so nothwendig unselig werde»/ als recht handelnd sie selig bleiben/ in Bezug auf alle Wesen unverkennbar. Die Sünden / und die Strafen der Sünden sind nicht selbst Wese»/ sondern bloß Veränderungen an dem Wesen; die Sünde» Veränderungen aus freyem Willen; die Strafen als nothwendiigc Folgen der Gerechtigkeit. Allein die Sünde/ als eine Folge des freycn Willens/ ist eine Veränderung schändlicher Art / und muß nothwendig Strafe zur Folge habe»/ auf daß sie mit der Ordnung der Dinge wieder in Einklang gebracht werde; und wofern solches die Strafe bewirkt/ hört sie auf schändlich zu sey»/ indem zur Zierde dcS Weltalls sie nothwendig gehört/ weil die Schändlichkeit der Sünde nur durch die Strafe der Sünde aufgehoben wird. Daher kommt es/ daß Geschöpfe höher» RangeS/ wenn sie sündigen/ von Geschöpfen niedern Ranges gestraft werden / zumal diese Letztem von so unvollkommncr Art sind/ daß sie auch von Seelen/ die sich mit Schande befleckt haben/ noch gezierct/ und mit der Schönheit des Weltalls in Harmonie gebracht werden können. Oder was ist von so hoher Art/ als der Mensch/ und was von so niedriger und unbedeutender/ als der unreinste Ort des Hauses? 245 Gleichwohl zieret/ wer als Knecht/ etwa begangener Fehler wegen/ zur AuSreinigung desselben angchalten wird/ auch durch diese für ihn beschämende Handlung den unreinsten Ort/ und diese bcyden Dinge/ die Beschämung des Knechtes / und die Reinigung der genannten Stelle stehen in ihrer eigenthümlichen Verbindung und Zusammenfüguttg zur wahren Ordnung in einem solchen Vcrhältniß der Schicklichkeit und Dienlichkeit/ baß sie eigentlich zur vollständigen Zierde dcS Hauser nothwcndig gehören. Indessen wurde gleichwohl / falls auch der Knecht niemals gcsiindigct hätte/ für die er- fvderliche AuSreinigung dieses Ortes auf eine andere Weise gesorgct worden scpn. Was ist ferner von niedrigerer Art im All der Dinge/ als jeder irdische Körper? Gleichwohl zieret eine mit Sünden beladene Seele das sterbliche Fleisch/ indem von jener dieses die schönste Gestalt/ und eine lebendige Bewegung erhält. Eine solche Seele ist zwar ihrer Sünde wegen nicht geeignet/ für die himmlische/ wohl aber der Strafe wegen für die irdische Wohnung: welche aus beyden sic wählen möge/ bleibt die Schönheit des Weltalls/ dessen Urheber und Regent ,Gott ist/ ungestört/ weil in Bezug auf all« Bcstandtheile desselben dergestalt Ordnung herrscht/ daß jedes Wesen diejenige Stelle einnimmt/ die ihm durchaus geziemt: denn wenn auch gute Seelen unter niedrigen Geschöpfen wohnen/ gereichen sie denselben zur Zierde/ zwar nicht durch ihre Unscligkeit/ als welche ihnen fremd ist / wohl aber durch guten Gebrauch derselben. Würde aber den mit Sünden behafteten Seelen in höhcrn Regionen eine Wohnung gestattet/ wäre dieses/ zumal selben nicht geziemt/ was sic weder durch guten Gebrauch veredle»/ noch auf irgend eine andere Weise zieren könne»/ allerdings durchaus unschicklich. Daher zeiget dieser ErdkreiS/ wenn gleich nur für die Wohnung hinfälliger Dinge bestimmt/ durch seinen Dienst so viel/ als möglich das Bild höherer Dinge/ und zwar als Muster und Wegweiser für uns Alle; denn wenn ein tugendhafter und großer Mann aus Pflichteifer seinen Körper verbrennen läßt/ heißen wir dieses keineswegs eine Strafe der Sünde/ sondern sehen es als Beweis seiner Tapferkeit und seiner Geduld an; lieben auch ungeachtet der gräßlichsten Zerstörung seines Körpers einen solchen Menschen mehr / als wenn er nichts der Art erduldet hätte/ zumal wir bewundern die Nnwandclbarkeit seiner Seele in der Wandelbarkeit des Körpers. Wenn aber vor unser» Augen über die Glieder eines grausamen Strassenräubcrs derlei Qualen verhängt werde»/ billigen wir die Ordnung der Gesetze. Beyde Qualarten haben ihre cigenthümlichc Zierde; die eine als Folge der Tugend; die andere als Folge der Sünde. Wenn wir nach so einer Feuerprobe/ oder auch vor derselben einen tugendhaften Mann nicht gewöhnlicher Art/ der vermittels seiner inncrn Umwandlung zur Bewohnung des Himmels tüchtig geworden 247 ist/ wirklich emporsteigen schcii/ flößt ein solcher Anblick Allen große Freude ein. Dagegen würde unser Innerstes ganz empört/ so oft ein lasterhafter Straßenränder/ vor oder nach seiner Strafe/ während sein böser Wille noch fortdaurtc/ zu einer bleibenden Ehre erhoben würde. Daher kommt eS/ daß Geschöpfe nieder» Ranges von Zweyen Zierde erhalten können; die höhcrn Ranges aber nur von Einem. Darum sollen wir vom zwe!>« fachen Gesichtspunkte aus die Sterblichkeit dieses Fleisches betrachten ; vorerst als eine Zierde des' ersten Men- scheu / wie sie ihm als Strafe der Sünde gebührte; dann ferner als Zierde unserS Herrn/ durch welche die gnadenvolle Erlösung von der Sünde bedingt war. Indessen konnte der Ungerechte während seiner Ungerechtigkeit nicht zur Unsterblichkeit der Heiligen/ d. h./ zu der himmlischen und englischen Unsterblichkeit gelangen / wie der Gerechte/ z. V. so lange er in der Gerechtigkeit verharrte/ den sterblichen Körper behalten konnte. Indessen ist hier nicht von der Unsterblichkeit jener Engel die Rede/ welcher der Apostel erwähnt/ (i. Cor. 6/Z.) „Wisset ihr nicht/ daß wir die Engel richten werden!" sondern von der Unsterblichkeit jener/ welche der Herr meint in den Worten: (Luc. 20 / 36.) „Und sie werden gleich seyn den Engeln Gottes." Diejenigen also / welche aus eigener Ruhmsucht Engeln gleich seyn wollen/ wünschen eigentlich nicht / daß sie den Engeln / sondern wollen vielmehr / daß die Engel .E- BL. ' 2-iL ihnen gleich werden sollten/ nnd daher theilen sie auch/ in dieser Gesinnung verharrend/ die Strafe jener abtrünnigen Engel/ welche eigene Nacht mehr / als.die Allmacht GotteS lieben. Solche werden zur Linken gestellt/ weil sie nicht auf dem Wege der Dcmuth/ von der doch Jesus Christus selbst ein Musterbild ihnen vor die Augen gestellt hat/ Gott gesuchct/ sondern über- niüthig und stolz fortgelebt haben: an sie werden die Worte gerichtet: (Math. 25 / i.) „Gehet hin in das ewige Feuer/ welches für den Teufel und seine Engel bereitet worden ist." X. Zweifach ist also der Ursprung der Sünde; aus selbst eigenen Gedanke»/ und ans fremder Ucbcrre- dung/ worauf die Worte des Propheten (Psalm 18/ i-l) bezüglich scheinen: Reinige mich/ Herr! meiner verborgenen Sünden wcgcn / und v e r s ch one deinem Diener jener wegen/ die von Andern herrührcn." Sowohl der Ursprung zweiter/ als der erster Art ist ein freywilligcr: denn sowenig Jemand wider seinen eigenen Willen durch eigenen Entschluß sündiget/ willigt er auch/ wenn er dem bösen Rathe eines Andern folgt/ gegen seinen eigenen Willen zur Sünde ein. Indessen ist die Sünde/ welche nicht nur ohne fremde Einflüsterung aus eigenem Entschlüsse entspringt/ sondern auch aus Mißgunst und mit Tücke einen 249 Ander» zur Sünde verleitet/ größer/ als die Sünde/ zn welcher fremde Ueberrcdnng verführt. Zn Bezug auf beyde Arten der Sünde jedoch bleibt die Strafgcrcchtig- kcit Gottes' stets dieselbe. Auch das ist der strengen Billigkeit gemäß / daß ein Mensch / den der Satan durch Verführung stch nntcrwürsig gemacht/ seiner Gewalt nicht entzogen werde: unbillig würde cS aber scyn / wenn er denjenigen nicht beherrschen dürfte/ den er selbst stch unterworfen hat; aber auch nicht weniger unangemessen der vollkommenen Gerechtigkeit des höchsten und wahrhaften Gottes/ einer Gerechtigkeit/ welche in allen Beziehungen gränzenloS ist/ die Sünder in ihrem Falle so zu verlasse»/ daß die gestörte Ordnung nicht wieder hergestellt würde. Weil indessen die Sünde dcS Menschen geringer ist/ als die Sünde des SatanS/ war es zur Wiederherstellung dcS menschlichen Heiles crspries- lich/ daß der Sünder einigermaßen der Gewalt des Fürsten der Welt / nämlich des sterblichen und niedrigsten ThcilS der Welt/ folglich dem Urheber aller Sünden/ dem Herrn des Todes / bis auf den Tod des Fleisches' unterworfen würde: denn seines' Todes gewiß/ und itzt schon in steter Furcht vor den niedrigste» / schlechtesten/ ja unbedeutendsten Thierchen/ welche ihrer Geringfügigkeit ungeachtet/ ihn nicht nur beunruhigen/ sondern sogar tüden können/ und in der Ungewißheit seiner künftigen Schicksale/ hat er sich hiedurch eher gewohnt/ einerseits unerlaubten Lüsten Schranken zu setzen / an- 250 dcrcrseitS aber den Stolz / durch welchen er gefallen war/ zu brechen und zu bündigen; ein Laster zu bündigen also/ welches die einzige Ursache ist/ wo immer das Ziel der göttlichen Erbarmung verschmäht wird. Oder wer ist der Erbarmung bedürftiger/ als der Armselige? wer aber derselben auch unwürdiger/ als der in seiner Armseligkeit Stolze? — Deßwegen hat jenes göttliche Wort/ durch welches alle Dinge geschaffen wurden/ und in dessen Genuß die Seligkeit der Engel bestehet/ seine Huld bis zu unserm Elend hinunter gelangen lassen ; das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns (Joh. i/ tü.): so konnte der Mensch / noch ungleich den Engeln/ gleichwohl das Brvd der Engel geniesten / weil nämlich daS Brod der Engel stch würdigte/ dem Menschen gleich zu werden (Psalm 77/ 26). Indessen verließ e-S die Engel nicht/ während dem es zu uns hinab- stieg/ sondern blieb für sie und uns dasselbe ungetheilte Vrod/ jene innerlich nährend/ durch die ihm cigcn- thümliche Gottheit/ uns äußerlich/ durch die Annahme nnserS eigenen Scans/ warnend und vermittels des Glaubens uns befähigend/ zu einem gleichen Genüsse Seiner/ in sinnfälliger Gestalt: denn weil ein vernünftiges Geschöpfe nur in jenem Worte seine allerbeste Speise findet; die menschliche Seele aber vernünftig/ jedoch durch die sterblichen Bande der Sünde dergestalt gchemmet und entwürdiget ist/ daß sie nach Erkennt- niß unsichtbarer Dinge nur vermittels Nuthmaßungen 251 aus sinnfälligen Dingen streben kann / ist diese Speise vernünftiger Wesen sichtbar geworden/ nm durch die Gestalt unserer Natur/ ohne Umwandlung der Scinigen/ die Augen Lerer/ welche nur auf sichtbare Dinge hinge- zogen werden / ans sich'/ den Unsichtbaren / hinzulcn- ken. So nur konnte die Seele denjenigen/ welchen sie innerlich ans stolzem Uebermnthe verlassen hatte/ äußerlich in der Dcmuth finden/ und durch Nachahmung seiner sichtbaren Verdcmüthigung zur unsichtbaren Höhe wieder emporsteigen. Und so nur hat das Wort Gottes' / Gottes einziger Sohn/ den Satan/ welchen Er allzeit unter seiner Bothmäßigkeit hatte und haben wird/ in Menschengestalt/ auch dem Menschen unterworfen / ohne ihm seine Herrschaft gcwaltthütig zu entreißen/ durch Ueberwin- dung auf dem Wege der Gerechtigkeit/ auf daß desselben Macht/ die er durch Täuschung des'WeibeS und den Sturz des Mannes' vermittels des Weibes über die ganze Nachkommenschaft/ als welche sündhaft/wie ihre Aeltern unter den Gesetzen des Todes sicht/ wenn auch mit boshafter Schadenfreude/ gleichwohl dem Rechte der höchsten Billigkeit gemäß/, errungen hatte/ so lange dauren möchte bis er den Gerechten/ in welchem er nichts des Todes würdiges fand / getödet/ den Gerechte»/ sage ich/ welcher nicht bloS den Tod nicht verschuldet/ sondern auch ohne Lust sein Daseyn erhalten und die Verführten ihm/ dem Verführer/ untergeordnet hatte/ damit derselbe si- alS Früchten seines Baumes / wenn auch nicht ohne 253 schändliche Habsucht/ doch ohne alle Rechtsverletzung behalten konnte. In Folge des höchsten Rechtes also muß er diejenigen entlassen / welche an den glauben/ den er mit dem höchsten Unrecht gctödet hat/ damit ste einerseits durch den zeitlichen Tod die Schuld bezahlen; andererseits' aber ihr ewiges Leben in demjenigen leben mögen/ der/ was er selbst nicht schuldig war/ fürste bezahlet hat. Dagegen konnte er diejenige»/ welche durch ihn zu einem beharrlichen Unglauben verleitet worden waren / als Genossen seiner ewigen Verdammnis; mit Recht behalten. So wurde der Mensch/ den der Satan nicht gcwaltthätig/ sondern vermittels der Verführung erobert hatte/ ihm auch nicht gewalt- thätig entrissen/ und der/ welcher zu sehr erniedriget worden bis zur Knechtschaft desjenigen / mit dem er zum Bösen übcrcingestimmt hatte/ wurde mit Recht be- freyt durch denjenigen/ mit welchem er in Hinstcht auf das Gute zusammengcstimmt: denn geringer war die Sünde / welche dieser durch seine Einwilligung / als di«/ welche jener durch seine Verführung begangen hatte. XI. Gott hat also alle Geschöpfe hervorgebracht/ nicht nur die/ welche in der Tugend und der Gerechtigkeit verharre»/ sondern auch solche/ welche in der Folge sündigen; !zwar nicht zur Sünde/ sondern zur Zierde des Universums/ sie möchten dann künftig sündigen 25Z wollen , oder nicht. Wofcrn nämlich im All der Dinge keine Seelen wäre»/ welche den höchsten Rang der Geschöpfe dergestalt behaupten / daß durch ihre Sünde die Allheit der Dinge geschwächt und gestört werden müßte, wäre eine grosse Mangelhaftigkeit unter den Geschöpfen, weil Mangel an denjenigen Geschöpfen, ohne welche keine Festigkeit und keine Ordnung der Dinge bestehen würde. Solche Geschöpfe sind die vollkommensten, die heiligen und erhabenen der himmlischen, oder überhimmlischcn Mächte, unter welchen die ganze Welt steht; die aber selbst einzig unter Gott stehen. Ohne die notwendigen und vollkommncn Funktionen dieser Geschöpfe kann dar All der Dinge nicht bestehen. Mangelten aber Geschöpfe welche sündigend oder nicht sündigend, keine Veränderung in der Ordnung der Dinge hervorbrächten, wäre gleichfalls ein sehr großer Mangel im Universum: denn derlei Geschöpfe sind vernünftige Serien, jenen höher» Wesen zwar ungleich an Wirksamkeit, jedoch gleich an Wesenheit, welche unter sich »och viele Geschöpfe haben, die vom höchsten Gott an, bis hinab zur untersten Stusse der Dinge, alle prciswürdig sind. Eine höhere Bestimmung hat also jenes Geschöpf, durch dessen Sünde die Ordnung des Weltalls verschlimmert, jedoch nicht mehr, als durch dessen Nichtdascyn verschlimmert wird. Ei» Geschöpf von niederer Bestimmung ist dasjenige, dessen Nichtdaseyn wohl, jedoch dessen Sünde nicht irgend eine Unvollkommenheit im Weltall verursachen könnt,:. Dem Geschöpfe ersterer Art ist die Macht verliehen/ Alles in der ihm eigenthümlichen Wirkungssphäre zn erhalten/ wie es zur Ordnung der Dinge erfodcrt wird; nicht dcßwegen aber verharret eS im guten Willen/ weil cö diese Aufgabe erhalten hat/ sondern cS hat diese Aufgabe dcßwegen erhalten / weil derjenige/ welcher sie ihm gab/ voranSgcsehen hat/ daß es im guten Wille verharren werde. Indessen beherrscht es das All der Dinge nicht durch eigenthümli- che Herrlichkeit/ sondern durch seine Anhänglichkeit an die Majestät/ und durch seinen ehrfurchtsvollsten Gehorsam gegen die Befehle desjenigen/ von welchem/ durch welchen/ und in welchem alle Dinge geschaffen worden sind (Rom. ti/ 3L.). Dem Geschöpfe zweiter Art ist zwar/ wofern cs nicht sündigte/ auch die sehr erhabene Bestimmung gegeben worden/ Alles in Ordnung zu halten/ doch nicht als ihm ausschließlich eigen/ in seiner Verbindung mit Geschöpfen höherer Art; vielleicht / weil zum voraus «ungesehen wurde / daß es sündigen werde. Geistige Dinge stehen ncmlich unter einander in Verbindung/ ohne Anhäufung/ und werden auch von einander getrennt ohne Verminderung/ so zwar/ daß die Wirksamkeit jener erhabneren Geschöpfe durch Verbindung mit den unvollkommnern weder erleichtert wurde/ noch erschwert durch die einge- trettene Sünde/ als welche die Dienstleistung der letzter» aufhob. Nichts durch Räume und Massen der Kör- per nämlich/ sondern durch Gleichheit der Gesinnungen werden geistige Wesen gecinet/ wie durch Ungleichheit der Gesinnungen voneinander getrennt/ obwohl jedes dieser Wesen seinen eigenthümlichen Leib hat. Unter den Leibern aber niederer und sterblicher Art herrscht vermittels der durch die Sunde cingcführten Ordnung jedes geistige Wesen über seinen Leib/ jedoch nicht ganz nach Willkür/ sondern in so weit cS die Gesetze des Weltalls gestatten. Deßwcgcn aber ist eine solche Seele nicht nnvollkommner/ als ein himmlischer Leib/ wenn gleich dem Letztem auch die irrdischen Leiber unterworfen sind. Das geflickte Kleid eines zur Sklaverei ver- urtheilten Menschen ist viel werthloser/ als das Kleid eines verdienstvollen / und bey seinem Herrn in hohem Ansehen flehenden ManncS; allein der Sklave selbst ist doch vollkommner/ als das allerkostbarste Kleid / aus keinem andern Grunde / als weil er Mensch ist. Die Geschöpfe höherer Art hängen Gott an/ und zieren und regieren in himmlischen Leiber» mit übcrirrdischer Gewalt die irrdischen Leiber nach dem Befehle desjenigen/ auf dessen Winke sie mit unaussprechlicher Achtsamkeit Hinschauen. Die Geschöpfe niederer Art/ belästiget durch sterbliche Glieder/ vermögen aber kaum den sie drückenden Leib von innen aus zu leiten: zieren ihn aber gleichwohl/ so viel sic vermögen. Die übrigen ä'nßcrn Zustände desselben berührt ihre Wirksamkeit auch äußerlich mit viel geringerer Kraft/ wie dieses jedcSmal gerade ihnen verliehen ist. 256 XII. Daraus laßt sich cntiiemmcu / wir die zweckmäßigste Zierde den Körpern des' niedrigsten Ranges nicht würde gefehlt haben/ wenn schon die Geschöpfe des Mittlern Ranges' ohne Sünde geblieben wären/ weil/ wer das Ganze/ auch den Theil des Ganzen / regieret. Wer aber das Geringere thnn kann/ vermag deßhalb nicht immer sogleich auch das Höhere zu thnn. Der vollkommene Arzt versteht die Krätze zu heilen; allein wer die Krätze heilen kann/ ist deßhalb noch kein vollkommener Arzt. Hin Lichte derselben Vernunft/ welche uns zeiget / wie ein Geschöpf nothwendig gewesen sey/ welches' stets ohne Sünde gewesen war/ und stets ohne Sünde bleiben wird/ sehen wir auch/ wofern wir zur unmittelbaren Anschauung desselben gelangen / wie dieses Geschöpf freywillig sich von der Sünde enthalte/ also nicht durch Nothwcndigkeit/ sondern durch eigene Selbftthätigkeit vom Sündigen frey bleibe. Indes» sen wenn auch dieses Geschöpf/ welches nie gefnndigct hat/ wie Gott zum voraus' wußte/ daß c-s nicht sündigen werde/ gleichwohl gcsündiget hätte/ würde nichts desto weniger die unaussprechliche Macht Gottes das All der Dinge dergestalt in Ordnung gehalten haben / daß in seinem ganzem Reiche weder etwas Schändliches/ noch Unanständiges zum Vorschein gekommen scyn würde/ indem sic jedem Wesen hätte zukommcn lasse»/ wessen dasselbe bedürftig / und würdig gewesen wäre. Auch ohne die hiezu erschaffenen Mächte , wenn nämlich alle Engel des Himmels von den Gesehen ihres Gottes abgefallcu wären/ würde die göttliche Majestät alle Dinge im besten und schicklichsten Zustand erhalten/ und niemals Gott den höher» Geistern das Dascyn mißgönnt haben, zumal körperliche Wese», welche weit unter den Geistern stunden und sündigten, im Ucbcrmaße seiner Güte so reichhaltig Er auSgestattct hat, daß, wer mit dem Auge der Vernunft Himmel und Erde betrachtet, und cinsieht, wie die sichtbaren Geschöpfe, jedes in seiner Art, eingerichtet, gestaltet und geordnet werden, nicht umhin kann, für den Urheber aller dieser Dinge Gott, und dcßhalb des unaussprechlichsten Lobes Ihn würdig zu halten. Obwohl eS aber keine bessere Ordnung der Dinge giebt, als diejenige, wo die Macht der Engel, die durch Vortrcflichkeit ihrer Natur, und Güte ihres Willens ausgezeichnet sind, in der Einrichtung des Weltalls den ersten Nang einnimmt; würde dennoch, falls auch alle Engel gefallen wären, dem Schöpfer der Engel, sein Reich in der besten Ordnung zu erhalten, nie Kraft gemangelt haben. Hätte e§ doch weder seine Güte, so zu reden, verdrießen, noch seine Allmacht beschweren können, andere Wesen zu schaffen, und an jene Stellen zu sehen, welche die erstcrn ihrer Sünde wegen verlassen hätten. Ja eben so wenig würde auch die göttliche Ordnung beeinträchtiget worden scyn, wenn eine, gesetzt auch noch so große, Zahl der Engel nach ihrem 17 25S Verdienste verdammt worden wäre» / weil jedem/ so viele derselben gewesen/ der angemessenste und gebührende Ort in der Vcrdamnmiß angewiesen worden wäre. Wohin demnach nur immer unsere Betrachtung sich wenden möge/ deS unaussprechlichsten Lobes und Preises würdig findet sie Gott/ welcher das All der Dinge nicht nur so gut als möglich geschaffen hat/ sondern auch nicht weniger gerecht regieret. Freylich gebührt die Betrachtung der Schönheit der Dinge denjenigen nur/ die / zufolge ihrer göttlichen Bestimmung/ das Vermögen haben/ sic zu durchschauen / und die nicht erst Lurch unsere Rede zur Betrachtung derselben ermahnet zu werden bedürfen. Unterdessen wollen wir dennoch der geschwöhigcn/ schwachen/ mitunter auch böswilligen Mensche» wegen diese wichtige Untersuchung/ wenn gleich nur kurz/vollenden. XIII. Jedes Wese»/ welches unvollkommncr werden kann/ ist gut; aber jedes Wesen wird durch Verdcrbniß un- vollkommncr: denn entweder schadet ihm die Verdcrb- uiß nicht/ und cs wird nicht verdorben: oder falls cS verdorben wird/ schadet ihm die Verdcrbniß/ und weil sie schadet/ vermindert sie seine Güte / und macht somit dasselbe unvollkommncr; denn falls sie dasselbe alles Guteit beraubt/ kan»/ was immer daS Ding noch scyn würde / in ihm keine Verdcrbniß mehr eintrctcn / zumal kein Gut mehr übrig ist/ durch dessen Hinwegnahme 259 die Vcrdcrbniß schädlich werden könnte. Ein Wesen aber/ dem die Verderbnis; nicht schaden kan»/ kann auch nicht verdorben werden. Allein ein Wesen / welches nicht verdorben werden kann/ ist unvcrdcrblich; es wird also/ was auch nur zu sagen höchst unschicklich ist/ ein Wesen geben/ welches nach schon cingetretcner Verderb- niß unverderblich ist. Dcßwegcn ist die Behauptung durchaus wahr: jedes Wesen ist als Wesen gut; denn ist cS unverderblich/ so ist cs besser/ als da§ verderbliche; ist eS aber verderblich / so muß eS/ weil durch die Ver- dcrbniß cS weniger gut wird/ vor derselben nothwcndig gut seyn. Jedes Wesen ist aber verderblich/ oder unvcrdcrblich/ folglich auch jedes Wesen nothwcndig gut. Wesen heiße ich / was man sonst auch Substanz zu nennen pflegt. Jede Substanz aber ist entweder Gott/ oder auS Gott/ weil alles Gute entweder Gott/ oder aus Gott ist. Nach diesen auf - und fcstgcstelltcn Grundsätzen unserer Untersuchung erwäge nun Folgendes. Jedes vernünftige Wesen / welches mit dem Vermögen der Willensfreiheit geschaffen wurde / ist/ so lang cS im Genüße des höchsten und unwandelbaren Gutes verbleibet/ ohne Zweifel lobwürdig; lobwürdig auch das Wesen / welches/ in diesem Genüsse zu verbleibe»/ strebet. Jedes Wesen dagegen/ welches entweder in diesem Genuß nicht verbleibet/ oder in demselben zu verbleiben sich nicht bestrebet/ ist/ wofern cS in diesem Genüsse nicht bleibet/ oder in demselben zu verbleiben sich nicht bestrebet/ des Tadels würdig. Wenn aber ein 2Ü0 vernünftiges Geschöpf gelobet wird, muß uuwidersprcch- lich auch der gelobet werden, welcher cS geschaffen hat. Wird gegcutheils ein solches' Geschöpf getadelt, darf keiner Anstand nehmen, zn behaupten, dieser Tadel des Geschöpfes sey ein Lob des Schöpfers; denn da cS getadelt wird, weil cS den Genuß des' höchsten und unwandelbaren Gutes, d. i-, den Genuß seines' Schöpfers nicht haben wollte, wird offenbar durch diesen Tadel der Schöpfer gelobet. Welch ein großes, unanSdcnklichcS, ja unaussprechliches Gut mnß also der Schöpfer aller Dinge — Gott — seyn, da wir weder gelobt, noch getadelt werden können, ohne daß Er gelobt und gepriesen werde: denn wir können nicht getadelt werden, deswegen, weil wir nicht verbleiben in Ihm, als weil cS nicht nur ein großes, sondern unser höchstes nnd grösteS Gut ist, zn verbleiben in Ihm. Allein warum dieses, als weil Er selbst ein unaussprechliches Gut ist. Wie könnte er also unserer Sünden wegen getadelt werden, wenn jeglicher Tadel unserer Sünden Ihm zum Lobe gereichen muß. Doch was anderes' wird an den tadelnswürdigen Geschöpfen getadelt, als der Fehler? Der Fehler eines Wesens kann aber nicht getadelt werden, ohne daß dasselbe Wesen, als' Wesen, gelobt werde; denn entweder ist das, was' du tadelst, der Natur gemäß, und kein Fehler, folglich du fchlcrfrcyer zu werden bedürftig, um auf die rechte Weise tadeln zu können, was' du nun unschicklich getadelt hast; oder eS ist ein Fehler, und 261 TadelnS würdig; dam, aber notwendig auch der Natur zuwider. Jeder Fehler also ist, als Fehler / etwas widernatürliches: denn ist er der Natur nicht schädlich/ so ist er kein Fehler; ist er aber wegen seiner Schädlich, kcit Fehler/ so ist er dcßwcgen Fehler/ weil er etwas naturwidriges ist. Wenn also irgend ein Wesen nicht durch seinen eigenen/ sondern durch den Fehler eines andern Wesens verdorben wird / wird es mit Unrecht getadelt/ und man muß untersuchen / ob jenes Wesen/ welches durch seine Fehler ein anderes Wesen hat verderben können / nicht durch eigene Fehlerhaftigkeit verdorben werde. Was heißt aber fehlerhaft werden an- dcrS, als durch Fehler verdorben werden? Ein Wesen/ welches nicht fehlerhaft wird/ hat keinen Fehler; aber ein Wesen/ durch dessen Fehler ein anderes Wesen verdorben wird/ hat offenbar einen Fehler. Dasjenige Wesen also / durch dessen Fehler ein anderes Wesen auf was immer für eine Weise verdorben werden kann/ muß vorerst fehlerhaft seyn/ und vorher durch seinen eigenen Fehler verdorben werde». Daraus folgt/ daß jeder Feh- ler naturwidrig/ ja selbst der Natur desjenigen Wesens zuwider sey/ dessen Fehler er ist. Wenn nun an jedem Wesen nur der Fehler getadelt wird; jeder Fehler aber in der Naturwidrigkeit bestehet/ d. h./ im Widerspruch mit der Natur jenes WesenS/ dessen Fehler er ist; kann der Fehler irgend eines Wesens mit Vernunft unmvg- lich getadelt werden / ohne daß zugleich die Natur dessel- den Wesens gelobt wird: denn das Mißfallen an einem Fehler erstreckt sich nur so weit, als derselbe daS Wohlgefällige des Wesens'/ dessen Fehler er ist/ zerstöret. XIV. Mein wir müssen auch untersuche»/ ob die Behauptung wahr scy; cS könne ein Wese»/ ohne sich selbst auf irgend eine Weise zu verfehlen/ einzig durch den Fehler eines andern Wesens verdorben werden. Wo ein Wesen nämlich/ welches durch seinen eigenen Fehler einem andern Wesen vcrdcrbli ch sich nähert/ nichts Verderbliches findet/ wird cS auch selbes nicht verderben; wo cS aber Verderbliches findet/ bewirkt cS das Verderben eines Wesens durch Bcyhülfe desselben eigenen Ver- derbnisseS. Der Mächtigere z. B. wird vom Schwächer»/ ohne seine Einwilligung nie verdorben; wenn er aber zum Verderbniß cinwilliget/ hat sein Verderben früher von seinem/ als dem Fehler eines Andern den Ursprung genommen. Der Gleiche kann aber vom Gleichen wider seinen Willen eben so wenig verdorben werden: denn jedes Wesen/ welches fehlerhaft einem Fehlerlose»/ um cS zu verderbe»/ sich nähert/ nähert sich nicht als ein ihm Gleiches / sondern als ein durch eigene Fehler schwächeres Wesen. Wenn aber der Mächtigere den Schwächer« verdirbt/ so geschieht dieses entweder wegen der Fehlerhaftigkeit Beydcr/ in so fern bas Vcr- dcrbniß aus böser Begierlichkeit Beyder hcrvorgeht/ 266 oder wegen der Fehlerhaftigkeit dcS Mächtigem/ falls desselben Natur sich dergestalt auSzeichnct, daß/ wenn gleich fehlerhaft/ sie doch noch vollkommncr ist / als ein Wesen / das stc verdirbt. Oder wer dürfte die Früchten der Erde tadeln / weil verdorbene Menschen durch Mißbrauch zur Schwelgerei dieselben verderblich machen? Indessen könnte nur ein Wahnsinniger zweifeln/ ob die auch noch so fehlervollc Natur des Menschen nicht vor- trcflichcr und mächtiger scy/ als was immer für unverdorbene Früchten. ES ist aber auch möglich/ daß dar mächtigere Wesen ein schwächeres verdirbt/ ohne daß der Fehler des einen/ oder des andern Ursache des Vcr- dcrbnisses ist; Fehler heißen wir nämlich/ was tadelnswürdig ist; wer könnte aber einen genügsamen Men- scheu / welcher von den Früchten weiter nichtS/ als Befriedigung der Bedürfnisse seiner Natur verlangt / tadelm oder die Früchten tadeln / weil sic von ihm/ um als Speise zu dienen / zerstört werden müssen; denn eine solche Zerstörung heißt nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch niemals ein Verderbniß/ weil dieser Name nur einer gesetzwidrigen Zerstörung gegeben wird. Auch laßt sich leicht wahrnchmen/ wie ein mächtigeres Wesen ei» weniger mächtiges zerstöret/ um zur Befriedigung seiner Bedürfnisse cs dienlich zu machen/ oder um an ihm die Gerechtigkeit zu vollziehen/ welche jede Verschuldung bestraft / nach dem Grundsatz des Apostels (i. Cor. .'-/ 17.): „Wer den Tempel Gottes zerstört/ de» 26 /t wird au ch Gott zerstören" : oder auch nach dem Gange wandelbarer Dinge / wovon eines nach allgemeinen Gesetzen des Weltalls/ die der Kraft eines jeden einzelnen Theiles durchaus entsprechend sind / die Stelle des andern cinnimmt: denn wenn z. B. die Sonne mit ihrem Glanze die Augen eines Menschen verdirbt/ weil diese zufolge ihrer Beschaffenheit das Licht nicht zu ertragen vermögen/ dürfen wir nicht glauben/ daß sic zur Befriedigung eines Bedürfnisses ihres Lichtes eine solche Zerstörung in den Augen bewirke/ noch auch/ daß sic diese Dcrderbniß eigener Fehlerhaftigkeit wegen hervorbringe: auch verdienen die Augen selbst keinen Tadel/ weil sic nach der Absicht ihres Herrn gegen das Licht/ und selbst für das Licht sich geöffnet habe»/ von welchem sie verdorben wurden. Unter allen Arten der Zerstörungen unterliegt nur die/ welche eine Folge sittlichen VerderbuisseS ist/ dem Tadel; die klebrigen sind entweder nicht Verderbnisse zu neunen / im eigentlichen Sinn des Wortes/ oder dürfen/ weil sie durchaus fehlerlos sind/ auf keine Weise getadelt werden: denn selbst der Tadel/ welcher nur einer Entadelung zukömmt/ d. i./ angemessen und gebührend ist/ hat vermuthlich seinen Namen: „Tadel" daher erhalten. Der Fehler aber / wie ich anfänglich sagte/ ist nur deßwegen ein Nebel/ weil er der Natur desjenigen Wesens/ dessen Fehler er ist/ widerstreitet. Daraus folgt aber augenscheinlich/ daß das nämliche Wesen, dessen Fehler getadelt wird, seiner Natur nach lobwürdig sey, so zwar, daß wir den Tadel der Fehler für ein Lob der Natur jener Wesen halten müssen, deren Fehler getadelt werden. Weil nämlich >cder Fehler der Natur widerstreitet, wird die Bosheit der Fehler so viel vergrößert als durch dieselben der eigentliche Adel der Natur vermindert. Wenn du also einen Fehler tadelst, lobst du dasjenige Wesen, welches du fehlcrfrcy, oder vollkommen zu sehen wünschest. Allein was für eine Vollkommenheit wünschest du zu sehen, wenn nicht den Adel der Natur? Jede vollkommene Natur ist ja nicht nur nicht tadelns - , sondern vielmehr in ihrer Art stets lobenswcrth. Was also in deinen Augen dem vollkommenen Adel der Natur abgeht, heißest du Fehler, und giebst hiedurch genugsam zu erkennen, daß dir die Natur eines Wesens gefalle, eines Wesens, welches du nurdeß- wegen tadelst, weil du seine Vollkommenheit wünschest. XV. Wenn nun der Tadel der Fehler die Zierde und Würde der Natur jener Wesen, deren Fehler sie sind, hcrvorhebt, wie vielmehr muß Gott der Schöpfer aller Wesen, auch selbst in den Fehlern derselben, gepriesen werden, da alle Wesen ihre Natur einzig ihm verdanken, und ihre Fehlerhaftigkeit ausschließlich durch Abfall von jenem Nrbildc sich zugezogen haben, nachdem Gott sie geschaffen hat; auch nur von demjenigen mir 266 Recht getadelt werden können/ welcher der Kunst/ nach der sie geschaffen worden sind/ kundig/ bloß in so weit sic tadelt/ als er diese Kunst an ihnen vermißt. Wenn nun die Kunst selbst/ nach welcher alle Dinge geschaffen worden / nämlich die höchste und unwandelbare Weisheit Gottes/ die wahrhafte und höchste Kunst ist/ wie sic wirklich ist; so schaue nach/ wohin jene Wesen strebe»/ welche von dieser Kunst abfallen. Indessen verdiente selbst ein solcher Abfall / wenn er unfrcywillig erfolgte/ keinen Tadel/ oder sage selbst/ ob man tadeln dürfe/ was so ist / wie eS hat seyn müssen. Meines Erachtens nicht; sondern nur dasjenige/ welches nicht so ist/ wie es seyn sollte. Niemand aber ist schuldig / was er nicht empfangen hat. Und wer immerhin schuldig ist/ wem ist er schuldig / als dem/ von welchem er die Schuld über- nommen hat? Selbst ja/ was aus Ucbcrtragung bezahlt wird/ wird dem bezahlt/ welcher es übertragen hat; und was den gesetzlichen Nachfolgern der Gläubiger bezahlt wird/ wird in ihnen denen bezahlt/ deren rechtliche Nachfolger sie sind. Sonst könnte man cs nicht eine Bezahlung / sondern eine Abtretung / oder eine Einräumung nenne»/ oder wie die Ausdrücke solcher Dinge lauten. Alle zeitlichen Sachen demnach / welche in dieser Ordnung der Dinge eine solche Stelle einnchmen / daß / wofern sie nicht weichen / keine anderen den Raum einnchmen könne» / den sie früher eingenommen hatten/ müssen, damit die ewige Schönheit in allen Bezieh»»- 267 I gen auf cigenthümltche Weise verwirklichet werden könne, nothwendig weichen; und die Behauptung wäre höchst ungereimt: ste sollten nicht weichen: denn so viel sie empfangen haben, verwirklichen sic auch, und geben cS demjenigen zurück, dem sie ihr Seyn, und jegliche Stufe ihres ScynS zu verdanken haben. Wer über ihr Weichen ungehalten ist, möge nur seine eigene Rede bc- . trachten, und er muß an derselben rügen, über was er sich beklaget, wenn sic anders eine rechte und schöne Rede ist: denn was den Ausdruck der Rede bctrift, würde der, welcher einen Ton dergestalt liebte, daß er denselben einem andern nicht weichen lassen wollte, obwohl die ganze Rede nur ans verschwindenden und kommenden Tönen besteht, einen sonderbaren Wahnsinn ver- rathcn. Bey Dinge» also, deren Verschwinden so beschaffen ist, baß sie, um ihre Bestimmung in der Zeit vollkommen zu erreichen, kein längeres Daseyn bedurften, wird cs niemand tadeln, wenn sie schwinden, weil niemand behaupten kann, sic hätten bleiben sollen, ;u- I! mal kein Wesen das ihm gesetzte Ziel überschreiten D kann. Unter den vernünftigen Geschöpfen aber, in wellt chcn, sie mögen sündigen oder nicht sündigen, die ewige » Schönheit auf die zweckmäßigste Weise in Vorschein > kommt, sind entweder keine Sünden; was aber eine D höchst unschickliche Behauptung ist, zumal schon derje- H nige sündiget, welcher als Sünde verdammt, was keine li ist: oder die Sünden verdienen keinen Tadel, was zu 268 behaupten nicht weniger ungereimt ist: denn entweder wird man anfangcn auch das Unrecht zu lobe»/ und dadurch eine gänzliche Verwirrung in die Absichten der menschlichen Seele, und Unordnung ins menschliche Leben bringen: oder man wird auch gute Handlungen tadeln/ und sich des verwerflichsten Wahnsinnes/ oder nach einem gelindem Ausdruck/ des erbärmlichsten Jrr- thumS sich schuldig machen/ oder endlich ans den wirklichen Antrieb der untrüglichen Vernunft/ sowohl die Sünden tadeln/ und/ was immer des Tadelns würdig ist/ blos deßwegen tadeln/ weil eS nicht ist/ was es seyn sollte. Wenn du nun fragst/ was dann ein sündhaftes Wesen zu thun schuldig scy/ so wirst du finden: rechtschaffene Handlungen. Fragst du/ wem eS diese schuldig scy? wirst du finden: Gott. Derjenige nämlich/ welcher ihm das Vermögen gegeben/ falls cs nur will / gut zu handeln/ hat auch die Einrichtung getroffen/ daß/ wie das Guthandcln ei» seliges/ so das Böschaudeln ein unseliges Leben zur nothwcndigen Folge habe. Da nun die Gesetze des allmächtigen Schöpfers über alle Geschöpfe erhaben sind/ muß jede Seele ihre Schuld bezahlen: denn entweder zahlt sie dieselbe durch einen guten Gebrauch dessen / was sie empfangen hat: oder Lurch Verlust dessen/ was sie nicht gut hat gebrauchen wollen. Deßwegen bezahlet seine Schuld durch Erdul- Lung des Elends; wer sic nicht bezahlet/ durch Ucbung der Gerechtigkeit; denn auf bcyde bezieht sich der Aus- 269 druck Schuld: cS konnte daher auch gesagt werden/ was gesagt worden ist: wer nicht bezahlt durch Handeln, bezahlt seine Schuld durch Leiden. Indessen sind diese beydcn in der Zeit nicht von einander getrennt, so, daß etwa einer itzt nicht thun könnte, was er zu thun schuldig ist, und dann erst später leiden müßte, was er dcß- wcgcn zu leiden schuldig ist, damit keinen Augenblick die ewige Schönheit dadurch getrübct werde, weil in ihr die Schande der Sünde ohne die Zierde der Straft erscheint. Allein für ein künftiges Gericht, um daß Elend zu offenbaren, und die Empfindung desselben auf'S Höchste zu steigern, wird alles aufbehaltcn, was gegenwärtig mir in geheimster Verborgenheit gestraft wird. Wie der, welcher nicht wachet, schlafet, muß jeder, welcher nicht thut, was er sollte, sogleich seine Schuld durch Leiden büßen, zumal die Seligkeit der Gerechtigkeit einen solchen Umfang hat, daß man von ihr einzig in'ü Elend hinüber treten kann; wo also immer Mangelhaftigkeit der Dinge sich zeiget, haben die Wesen, an welchen ein Mangel zum Vorschein kommt, entweder kein vollkommncres Daseyn erhalten, und sind somit ausser Schuld, so wie auch ausser Schuld, weil sie sind, waS sie sind, eben weil sic kein vollkommnercS Daseyn erhalten haben, oder sie wollen nicht seyn, was, wenn sie wollten, zufolge der empfangenen Kräfte sie seyn könnten, und sind, weil dieses Seyn etwas Gutes ist, in so weit sic cs nicht seyn wollen, in der Schuld. 270 XVI. Gott aber ist Niemand etwas schuldig; Er gicbt alles ans lauter Güte. Wollte Jemand sagen/ er sey seinen Verdiensten etwas schuldig/ war er ihm doch gewiß das Daseyn nicht schuldig; denn er konnte dem/ der noch nicht war / nichts schuldig scyn. Mein selbst das Verdienst sollst du auf den beziehe»/ von welchem du das Daseyn empfangen hast/ und dem/ welchem du dein S-yN/ sollst du auch die höhere Vollkommenheit deines ScynS verdanken. Oder was hast du ihm geliehen/ daß du als Schuld fodern kannst: so bald du aber dich nicht auf Ihn hinwcndcn wirst/ mangelt Ihm zwar nichts; dir aber mangelt der/ ohne den du nichts bist/ und von welchem du dein beschränktes Daseyn unter der Bedingung erhalten hast/ daß/ wofern du dich nicht auf Ihn hinwcndest/ und Ihm gebest/ was du von Ihm bist/ du zwar nicht anfhören werdest ein Wesen / jedoch aufhören werdest/ ein seliges Wesen zu seyn. Me Dinge also gehören Ihm; erstlich: daS Scyn der Dinge / in so weit sie wesentlich sind; zweitens/ jede Vollkommenheit der Dinge/ welche sic zufolge der erhaltenen Kräfte erreichen sollten. Wegen dem aber/ was er nicht empfangen hat/ wird Keiner beschuldiget/ wohl aber mit Recht über daS/ was er hätte thun sollen/ und nicht gcthan hat. Jeder aber ist dasjenige zu thun schuldig/ wozu er eine» freyen Willen/ und hinlängliche Kräften erhalten hat. Allein wie sehr immer Jemand vernachlässigen möge, was er zu khun schuldig ist, kann der Schöpfer niemals beschuldiget werden, zumal einerseits ihm zum Lobe gereichen muß, weil ein solcher leidet, was er schuldig ist, und andererseits keiner getadelt werden kann, nicht gcthan zu haben, was er schuldig ist, ohne denjenigen zu loben, dem er schuldig ist. Wenn du gelobet wirst, weil du einsichst, waS du zu thun schuldig bist, zumal du solches nur im Lichte desjenigen sichst, welcher die unwandelbare Wahrheit selbst ist; wie viel mehr muß derjenige gelobet werden, welcher sowohl das Wollen gebothc», als das Können gegeben, nicht weniger das Nichtwoüen, wenn gleich zugelassen, doch auch gestrafct hat? Wenn jeder schuldig ist, was er empfangen hat, und der Mensch so geschaffen wurde, daß die Sünde nothwendig folgen mußte, war der Mensch schuldig zu sündigen. Wenn also der Mensch sündiget, thut er, was er zu thun schuldig ist. Doch, solches auch nur zu sagen, ist schändlich : denn keinen zwingt seine eigene Natur zum Sündigen, ja nicht einmal die Natur eines Andern. Keiner sündiget ja, weil er leidet, was er nicht leiden will; denn wenn er gerecht leidet, sündiget er nicht dadurch, weil er ungern leidet, sondern er hat gcsündigct durch frcywilligeS Thun dessen, was nothwendig das unangenehme Leiden nach sich ziehen mußte. Wenn er aber ungerecht leidet, wie könnte dieses eine Sünde seyn? Nicht ungerecht leiden, sondern ungerecht Han« 272 de ln ist Sunde. Wenn aber weder die eigene/ noch die Natur eines Andern Jemanden zur Sünde nöthigct/ bleibt nichts' übrig/ woraus'die Sünde entspringen könnte/ als' der eigene fr eye Wille des' Sünders. Willst du dieses dem Schöpfer zuschrcibei!/ so wird der Sünder ge- rcchtfertiget/ zumal er nichts begangen hat/ was nicht in den Anstalten dc-S Schöpfers läge; wo aber Rechtfertigung möglich ist/ ist keine Sünde. Man darf also dieses' dem Schöpfer nicht zuschreiben: denn wir müssen ihn loben/ wenn der Sünder entschuldiget; loben auch wo er nicht entschuldiget werden kann. Wo Entschuldigung möglich/ da ist keine Sünde; also Lob dem Schöpfer; wo aber Vcrtheidigung unmöglich/ ist nur in so weit Sünde/ als der Sünder vom Schöpfer sich abgewendct hat/ also wieder Lob dem Schöpfer. Ich finde also, durchaus' nichtS/ und behaupte/ daß weder etwas gefunden werden könne/ noch irgendwo etwas sey/ warm» unsere Sünden dem Schöpfer — unfern; Gotte — zugc- schrieben werden müssen; denn ich finde ihn in Bezug auf diese Sünden prciSwürdig/ nicht nur deßwcgen/ weil er sie strafet/ sondern auch defiwegen/ weil die Sünden nur dadurch entstehen können/ weil der Sünder von Gottes Wahrheit abwcichet. Evod. Ich höre dieses mit ausserordentlicher Freude, finde cs' wahr, und bin durchgängig auch deiner Ucbcrzeugung/ daß nämlich/ unsere Sünden dem Schöpfer zuschreiben / ohne Widerrede; gegen alles Recht und alle Vernunft sey. Unterdessen wünschte ich/ noch cinzusehen / warum ein Wesen/ von welchem Gott voraus wußte/ daß es nicht sündigen werde/ wirklich nicht sündige: dagegen aber jenes Wesen/ von dem er voraus wußte/ daß cS sündigen werde / wirklich sündige; denn ich glaube zwar nicht mehr/ daß Gottes VorauSwisscn das letztere zum sündigen zwinge/ das erstcre hingegen vom sündigen ab- haltc. Gleichwohl könnten/ wenn keine Ursache wäre/ die vernünftigen Wesen nicht in drcy Klassen abgetheilt werden; in Wesen nämlich/ welche nicht sündigen; in Wesen / welche in der Sünde verharren; und in Wese«/ welche eine mittlere Stelle zwischen beyden vorigen cinnehmen/ indem sie nämlich bald sündigen/ bald zum Rcchtthun sich wieder umwcnden. Woher wohl diese drcy Klassen vernünftiger Wesen? Antworte mir nur nicht vom Willen; denn eben waS den Willen so bewege/ möchte ich wissen. Eine Ursache muß doch scyN/ warum ein vernünftiges Geschöpf niemals sündige/ ein andere» allzeit sündige / ein drittes einmal dieses will/ dann aber auch wieder nicht will/ da doch alle vernünftigen Wesen von einer und derselben Gattung sind. So viel scheint mir gewiß/ daß dieser dreyfache Willen vernünftiger Wesen einen Grund haben müsse; allein worinn dieser Grund bestehe/ weiß ich nicht. Aug. Da der Willen Ursache der Sünde ist; du aber die Ursache eines solchen Willens suchest/ wirst du nicht auch/ falls ich diese sin- den könnte, die Ursache der gefundenen Ursache kennen wollen? Wenn dieses, wo nimmt dann die Untersuchung ein Ende? Wo hört da-S Fragen und Antworten auf, wen» du nicht, wie du solltest, bcy der Wurzel der Dinge stehen bleibst? Glaube nicht, daß jemals ein Satz der Wahrheit werde gemäßer seyu, als der schon ausgesprochene ist, der Satz nämlich: die Wurzel aller Nebel ist der Geiz, d. i., ein über die Genügsamkeit hinausgehendes Verlangen. Die Genügsamkeit fodcrt aber mehr nicht, als was zur Erhaltung jeglichen Wesens in seiner Art nothwcndig ist. Der Geiz bezieht stch nicht nur auf Silber und Münze, woher der Name Silbergicrde hergeleitet scvn mag, zumal vom Silber oder aus gemischtem Silber die Alten vielfältig ihr Geld machten: der Gei; muß vielmehr auf alle Dinge bezogen werden, welche Gegenstände der unmäßigen Begierlichkeit sind, und kommt auch ^überall zum Vorschein, wo irgendwo ein Verlangen die Genügsamkeit überschreitet. Der Geiz ist also Begierlichkeit; Begierlichkeit aber ist böscr Willen: folglich ist böser Willen die Ursache aller Nebel. Wäre nun dieser der Natur gemäß, so müßte er sie erhalten, würde also nicht schädlich, und eben dcßwcgcn auch nicht böse seyn. Daraus folgt, daß die Wurzel aller Uebcl nicht in der Natur liegen könne, eine Folge, welche allein hinreichend wäre, diejenigen zu widerlegen, die die Natur selbst als Urheberin dc-S Bösen beschuldigen wollen. Wenn du aber nach der Ursache der genannten Wurzel fragest/ was wird wohl die Wurzel aller Uebcl seyn? Offenbar wird sie Grund dieser Wurzel scyii/ von welchem Grund du/ so wie du ihn einmal gefunden hast/ wie gesagt/ wieder den Grund suchen/ und so des Suchend kein Ende haben wirst. Doch welche Ursache dcS Willens könnte wohl vor dem Willen seyn? Entweder ist diese Ursache selbst Willen/ und also nicht verschieden von der Wurzel des Willens: oder sie ist nicht Willen/ und dann auch nicht Sünde. Demnach ist der Willen selbst erste Ursache des SündigenS/ oder die erste Ursache der Sünde ist keine Sünde. Wir dürfen aber die Sünde Niemanden / als dem Sünder zurechncn/ folglich keinem zurechnen/ als dem/ welcher einen freyen Willen hat. Allein ich weiß nicht/ warum dir beliebe/ einen andern Grund zu suchen als diesen. Doch wie am Ende dieser Grund des' Willens nur immer beschaffen seyn möge/ gerecht oder ungerecht muß er nothwcndig seyn: ist er aber gerecht/ so begeht/ wer durch denselben sich bestimmen laßt/ keine Sünde; ist er hingegen ungerecht/ so folge der Willen ihm nicht; und er begeht wieder keine Sünde. XVIII. Vielleicht ist aber die Wurzel des Bösen eine gcwalt- thätige Ursache/ welche den Willen zur Sünde zwingt? Allein wie oft wollen wir das Nämliche wiederholen? 276 Erinnere dich doch/ wie lange wir schon früher über die Sünde und den freycn Willen gesprochen haben! Sollte cs dir zn schwer falle»/ alles im Gedächtniß zu behalten/ so denke mir an dieses Wenige: was immer jener VcstimmungSgrund des Willens scyn mag/ derselbe muß entweder von der Art/ daß man ihm nicht widerstehen; oder dann von der Art scyN/ daß man ihm wiederstehen kann. Im ersten Falle ist der Nicht- widerstand keine Sünde; im zweyten Fake soll Widerstand seyN/ und dann ist/ wofern dieser erfolgt/ auch keine Sünde. Doch vielleicht wird der Unvorsichtige getäuscht? Nun gut: so hüte er sich vor Täuschung. Allein ist vielleicht die Schlauheit zu groß/ als daß man durchgängig vor Täuschung sicher scyn könnte? Wenn dieses'/ dann ist wieder keine Sünde möglich/ oder wer sollte sündigen in dem/ was er auf keine.Weise vermeiden kann? ES giebt aber Sünden/ also können sie vermieden werden/ weil Sünden nur gcdcnkbar unter Voraussetzung frcyer Einwilligung sind. Freylich giebt cS auch Handlungen ans Unwissenheit/ welche mißbilliget/ und der Nüge würdig erachtet werden/ wie wir in den hl. Schriften lesen/ wo der Apostel sagt: (i. Timo. 1/ 13.) „Ich habe Erbarmung gefunden/ weil ich aus Unwissenheit es gethan habe": Und auch der Prophet: (Psal. 24/ 7.) „Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend/ und meiner Unwissenheit." ES giebt auch nothwendigc Handlungen/ wcl- 277 chc mißbilliget werden müssen/ wenn nemlich ein Mensch recht handeln will/ aber nicht recht handeln kann. Oder wozu jene Worte? Ich thue das Gute nicht/ was ich will; sondern das Böse/ welches ich nicht will/ thue ich. (Rom. 7/ 19 .) Ferner: Das Wollen liegt mir nahe/ aber das Vollbringen finde ich nicht. Und auch: DaS Fleisch gelüstet wider den Geist; der Geist aber wider das Fleisch. Diese sind nemlich einander wechselseitig entgegen/ so/ daß ihr nicht thuct/ was ihr doch thun wollet. (Gallat. L/17.). Indessen ist dieses nur Zustand des Menschen/ welcher seinen Grund in ursprünglicher Verdammniß der Sünde hat: denn wofern das nicht Straft/ sondern Natur des Menschen wäre/ gäbe e-S gar reine Sünde/ indem wer nicht von der ursprünglichen/ ihm anerschaffenen Natur abweichct/ so gut ist/ als er scyn kann/ und thut/ was er zu thun schuldig ist. Doch wenn der Mensch gut wäre/ würde er anderst scyn: da er nun so ist/ wie er ist/ ist er nicht nur nicht gut/ sondern cs liegt sogar nicht in seiner Macht/ gut zu scyN/ und zwar deßwcgcn nicht/ weil er entweder nicht einstcht/ wie er seyn soll/ oder weil er nicht vermag zu scyn/ wie er einstcht/ daß er scyn soll: was von bcydcn der Fall seyn mag/ wer wird darinn die Straft der Sünde verkennen? Jede Straft/ falls sie gerecht ist/ ist Straft der Sünde/ und wird Busse genannt: wenn aber die Straft ungerecht ist/ muß <7 275 dieselbe, wo, daß cS eine Strafe sey, Niemand zweifelt, von einem ungerechten Herrn dem Menschen aufgelegt seyn. Allein die Allmacht und die Gerechtigkeit Gottes liegt so ausser allem Zweifel, daß die genannte Strafe nothwendig eine gerechte, und daher Strafe für irgend eine Sünde seyn muß: denn kein ungerechter Tyrann hat, gleichsam ohne daß es Gott wüßte, den Menschen rauben, und gegen seinen Willen als den Schwächeren, sey es durch Schrecken oder Mißhandlungen, zur Sünde zwingen können, um so gegen alles Recht ihn zu quälen. Demnach bleibt nichts übrig, als daß diese gerechte Strafe ihren Ursprung aus der ersten Verdamm- niß dcS Menschen her habe. ES ist auch kein Wunder, daß der Mensch, entweder der Unwissenheit wegen das Vermögen, das Rechte auszuwählen; oder des Widerstandes fleischlicher Gewohnheit wegen, einer Gewohnheit, welche durch die Macht sterblicher Stuffcnfolge zur zweiten Natur geworden ist, wenn gleich das Rechte ciuschend und auch wollend, dasselbe wirklich zu thun die Kraft nimmermehr habe. Die gerechteste Strafe der Sünde ist allerdings, wenn Jeder verlieret, was ^ er nicht gut gebrauchen wollte, wofern er ohne Be- schwcrniß es gut hätte gebrauchen können. Daher soll, wer wissend Unrecht thut, das Wissen dessen verlieren, was Recht ist; und wer nicht recht handeln will, wo er recht handeln kann, die Kraft verlieren, recht zu handeln, wo er recht handeln will. Wirklich sind auch dic Strafen jeder sündigenden Seele Unwissenheit und Unvermögenheit. Aus Unwissenheit geht aber entehrender Jrrthum; ans' Unvermögenheit drückende Plage hervor. Allein Falsches' für Wahres' halten/ und so gegen seinen Willen irren ; wie andererseits von Werken der Lüsternheit sich nicht enthalten können und zwar wegen dem Widerstand und den drückenden Banden des FleischeS/ ist nicht Folge der ursprünglich geschaffenen/ sondern ist Strafe der verdammten Natur. Was wir daher von der Freiheit dcS Willens recht zu thun gesprochen/ gilt von jener ursprünglichen Frcy- hcit/ welche dem Menschen anerschaffcn wurde. XIX. Hier stoßen wir aber auf eine Frage/ an welcher unzufriedene Menschen immer zu nagen pflegen/ weil sie die Schuld der Sünde lieber ans was' immer hin- überwiilzcn/ als sich selbst bcylegen. Sie sagen nämlich: wenn auch Adam und Eva gesündiget haben / was haben deßwegcn wir Unseliges verschuldet/ um schon zufolge der Geburt von blinder Unwissenheit und so fühlbarer Unvermögenheit gequält zu werden; indem wir in Jrrthum falle»/ schon bevor wir wissen/ was' wir zu thun haben, und nachdem die Grundsätze der Gerechtigkeit uns bekannt sind / wir/ unseres ernstlichen Willens ungeachtet/ dieselben nicht aus'zuiiben vermöge«/ zumal die Uebermacht sinnlicher Begierden unserem Wil- 280 lc» unüberwindliche Hindernisse setzt? Derlei Mensche» müssen jedoch mit kurzen Worten abgefcrtiger und ihrem Murren gegen Gott ein Ende gemacht werden. Mit Recht zwar möchten sic sich beklagen/ wofern kein Uebcr- winder dcS JrrthumS und der Lust unter den Menschen sich fände; wenn aber überall ein solcher ihnen sich an- biethet; wenn Er auf mannigfaltige Weise durch Ge» schöpfe/ welche dem Herrn dienen/ dem Abgefallencn rufet / den Gläubigen lehret/ den Hoffenden tröstet/ den Liebenden ermahnet/ den Kämpfenden stärket / den Bittenden erhöret; so wird dir nicht das' zur Schuld angc- rechnet/ was' du gegen deinen Willen unwissend bist/ sondern nur die Unwissenheit als' Folge deiner Nachlässigkeit in Nachforschung dessen/ was du nicht weißst. Nicht/ weil du deine verwundeten Glieder ohne Verband lässest/ sondern weil du nicht achtest denjenigen/ welcher deine Glieder heilen will / wirst du beschuldiget. Dieses sind aber eigene Sünden. Keiner hat ja verloren die ttcbcrzeugnng/ nach Erkcnntniss nützlicher Dinge streben zu sollen/ solcher Dinge nämlich/ deren Unwissenheit ihm schädlich ist. Demüthig soll auch jeder seine Schwachheit bekenne»/ auf daß seiner Sehnsucht und seinem Bekenntniß derjenige zu Hülfe komme/ der/ ohne zu irren und ohne sich zu bemühen / hilft. Wenn also Jemand aus Unwissenheit Unrecht thut/ oder/ seines Unvermögens wegen / nicht recht thut/ heißt man dieses' dcßwcgen Sünde / weil cS von der Ursünde des freycn 281 Willens hcrstammct. Jene vorhergehende Sunde verdiente solche Folgen: denn wie wir Sprache nicht nur das Glied heißen, durch dessen Bewegung im Munde die Rede bedingt wird/ sondern auch/ was auf die Bewegung dieses Gliedes folgt/ nämlich: Laut und Zusammenhang der Worte/ gemäß welchen die Rede bald griechische/ bald lateinische Sprache heißt: nennen wir auch nicht bloS dasjenige Sunde/ was sonst im eigentlichen und strengen Sinne allein Sünde heißt; nämlich ein frcywilliges und wissentliches Vergehen; sondern wir nennen auch alles Sünde/ was nothwendi- ge Folge eines solchen Vergehens/ und somit Strafe desselben ist. So sprechen wir auch in einem andern Sinn von der Natur / wofern wir im eigentlichen Sinne von ihr reden / und die Natur verstehe»/ wie sie schuldlos uranfänglich dem Menschen anerschaffen wurde: und in einem andern Sinne/ wenn von jener Natur die Rede ist/ welche dein Menschen als Strafe seiner Verdammnis zukommt/ und gemäß welcher derselbe sterblich/ unwissend/ und dem Fleische unterwürfig geboren wird. Diese zweite Natur im Auge spricht der Apostel (Ephcs. 2 / 3.): „Auch wir sind von Natur aus Söhne des Zornes/ gleich den fiebrigen." XX. Weil es dem höchsten Regenten aller Dinge/ oder weil cS Gott gefiel / seiner ewigen Gerechtigkeit gemäß schon 282 beym Ursprung dcS Menschen die Strafgcrechtigkcit/ und in Folge dcS Lebens die befrcycndc Gnade hcrvortrete» zu lassen; werden wir aus der ersten Ehe jener Menschen/ die eigener Sünde wegen iuJrrthum/ in'S Elend/ und in den Tod stürzten/ unwissend/ unvermögend/ und sterblich geboren. Tie Seligkeit ist nämlich dem ersten Menschen durch die Verdammnis; nicht dergestalt genommen worden/ daß auch seine Fruchtbarkeit vcrlohrcn gegangen/ zumal desselben Nachkommenschaft / selbst im Fleische und in der Sterblichkeit noch/ auf ihre Weise die Ehre und die Zierde der Welt seyn konnte. Gegen alle Billigkeit würde der erste Mensch bessere Kinder gezeugt haben / als!er selbst war; billig hingegen ist es/ daß / wer sich zu Gott bekehren will / um die Strafe des' AbfallcS/ welche zufolge der Geburt auf ihm lastet/ zu heben/ in solchem Bestreben nicht gchcmmet/ sondern vielmehr unterstützt werde. Wie leicht es aber für den Menschen gewesen wäre / falls er nur gewollt hätte/ seine ancrschaffcnc Würde zu behalten/ zeigt der Schöpfer der Dinge augenscheinlich dadurch/ daß desselben Nachkommenschaft auch die angcborne Sünde zu überwältigen vermag. Wer kann zu dem/ falls eine einzige Seele geschaffen worden ist/ auS welcher die Seelen aller Menschen/ die geboren werden/ hcrstammen/ noch behaupten/ daß er nrcht gcsündigct habe/ obwohl der erste Mensch gesündigct hatte. Wofern aber die Seele bcy jedem / der geboren wird / einzeln entstehet/ ist cS nicht 288 mir nichts VcrkchrtcS/ sondern scheint vielmehr der Schicklichkeit und der ewigen Ordnung gemäß / ein Nebel/ welches der crsterc verdient hatte/ Natur seines Nachfolgers ; und umgekehrt / das Gute / welches der Nachfolger verdient hat/ Natur seines Vorgängers werden zu lassen. Oder wer findet cS des Schöpfers unwürdig / dadurch anschaulich zu machen/ wie weit die Würde einer Seele alle Körper übcrtrcffe/ daß selbst von der untersten Stusse auS/ auf welche der Abfall den Einen hinuntergestürzt hatte/ der Andere seinen Ursprung wieder erhalten könne? Die Unwissenheit und das Unvermögen/ zu welchen jene ersten Geschöpfe vcr- mög ihrer Sünde hinabgcsunken waren/ werden ja mit Recht Strafe geheißen / zumal vor dem Eintritt dieser Strafe jene besser gewesen waren. Wenn also ein anderes Geschöpf mit einem solchen Scyn anfangct: hat dasselbe nicht nur vor der Sünde/ sondern auch vor seinem ganzen Lebe»/ als welches nach dem Sündenfalle ein anderes geworden ist/ dcö Guten genug/ um seinem Schöpfer zu danken/ indem sein Ursprung und Anfang des Lebens noch viel vollkommner/ als jeder Körper ist. Keineswegs mittelmäßige Güter find eS auch/ nicht bloß eine Seele zu haben/ welche zufolge ihrer Wesenheit schon vor- treflicher/ als jeder Körper ist/ sondern auch in der Seele das Vermögen zu besitzen/ unter dem Vepstande des Schöpfers sich zu vervollkommnen / und mit frommem Eifer alle jene Tugenden zu erwerben und zu erhalten./ welche/ - — ./-X L. - W > H p.'n ,j-1' NMA 284 einerseits' von jeder peinlichen Veschwcrniß, so wie von blinder Unwissenheit andererseits, bcfreycn. Wenn nun die Sache sich so verhält, isi die Unwissenheit und das Unvermögen der Seelen schon bcym Ursprung ihres Da- scynS nicht so fast eine Strafe der Sünde, sondern vielmehr, als Sporn zur Sclbstvervollkommnng, Anfang der Vollkommenheit selbst. Man halte cs nicht für unbedeutend, schon vor jedem Verdienste eines guten Werkes, die natürliche Unterscheidungskraft erhalten zu haben, gemäß welcher die Weisheit dem Jrrthum, und die Ruhe der Unruhe dergestalt vorgczogcn wird, daß, wenn auch nicht vermittels der Geburt, doch vermittels eigener Anstrengung, jeder diese Güter erreichen rann. Wer sich aber nicht anstrengen will, wird mit Recht der Sünde beschuldiget, zumal er keinen guten Gebrauch macht von einem Vermögen, welches er empfangen hat. Wenn auch in Unwissenheit und Schwachheit geboren, wird ja der Mensch gleichwohl auf keine Weise gcnöthiget, in der angcborncn Unvollkommenheit zu verharren: ja er könnte nicht einmal darinn verharren, wenn der Allmächtige nicht auch solche Seelen geschaffen hätte, die Er schon, bevor sie ihn liebten, hervorgebracht; die liebend Er wieder hcrgcstcllt hat, und geliebt vollkommen macht: Er, welcher, vor ihrem Dascyn da§ Seyn ihnen gegeben hat, und, wenn sic lieben denjenigen, von welchem sie ihr Seyn haben, auch ein seliges Leben giebt. Sollten aber die Seelen auf irgend eine gehcimnißvollc 285 Weift in Gott cxistircn/ und nur zur Belebung und Leitung der Körper/ bcy der Geburt jedem Körper eine besondere Seele/ mitgcthcilt werden; sind sie gleichwohl offenbar nur mitgcthcilt / dem Körper/ welcher von der Strafe der Sünde / d. h./ von der Sterblichkeit des ersten Menschen entspringt/ wieder eine Wohnung im Gebiete des himmlischen Reiches/ nach Ablauf der hiefür bestimmten Zeit/ zu erwerben/ und zwar dadurch/ daß sie denselben gut leite»/ durch Tugendübung züchti gen/ und der ewigen Ordnung und dem Gesetze ganz dienstbar machen. Solche Seelen müssen aber beym Eintritt in dieses Leben / wo sie sterbliche Glieder anzie- hcn/ nicht nur ihr früheres Leben vergessen/ sondern auch alle Müheftligkeiten des gegenwärtigen Lebens auf sich nehmen. Daher ihre Unwissenheit und ihr Unvermögen. Was bey dem ersten Menschen Strafe der Sterblichkeit war / um das Elend der Seele zu küssen/ ist bey diesen die Thürc zur Wiederherstellung der ursprünglichen Unversehrtheit des Leibes; denn nur in so fern werden sie Sünden geheißen/ als das Fleisch/ welches' vom Sünder herstammt/ Seele»/ welche zu demselben hinunter kamen/ in eine Unwissenheit und Schwachheit ^ versetzt/ die weder den Seele»/ noch dem Schöpfer/ so zu reden / zur Schuld gelegt werden können. Gott gab nämlich das Vermöge»/ auch in der mühevollsten Lage gut zu Handel»/ und zeigte denen/ welche das höhere Leben vergessen hatte«/ den Weg des Glaubens. Dieses geht vorzugsweise daraus' hervor, weil jede Srele ein- gesteht, sic müsse nach Erkcnntniß jener Dinge streben, deren Unwissenheit ihr schädlich sey; und auch in den mühvollsten Lagen nnabläßig ringen, die Schwierigkeiten recht zn thnn, immer mehr zu überwältigen, und nicht weniger den Beystand des Schöpfers' anstehcn, damit sic im Kampf unterstützt werde, welchen Kampf entweder durch sein äusseres' Gesetz, oder durch die geheime Sprache des Gewissens' Gott ihr zur Pflicht gemacht hat, auf daß die Glorie höchster Seligkeit bereitet werde denjenigen, die triumphiren über den, welcher den ersten Menschen durch die schändlichste Uebcrrcdung überwunden, und zu diesem gegenwärtigen Elende verleitet hat; zu einem Elend, welches' diese nun auf sich nehmen, um den Verführer vermittels des' rühmlichsten Glaubens' zu besiegen: denn groß ist wahrlich der Nahm eines Streites', in welchem der Teufel gerade durch Erduldung jener Strafe besieget wird, in welche, durch Verführung den Menschen gebracht zu haben, er sich rühmet. Wer aber diesem Kampfe ans' leidenschaftlicher Liebe zum Leben sich entzieht, kann mit Recht die Schande, aus'seinem angewiesenen Dienste getreten zn scyn, nicht dem Befehl des Königs znschreiben, sondern wird, unter dem Herrn Aller stehend, an einen ihm geziemenden Ort im Gebiete desjenigen verwiesen werden, dessen schändlichen Sold er dergestalt gcliebct hat, daß er den ihm von Gott bestimmten Posten verließ. Wenn aber Seelen, welche 2S7 anderstwo ein früheres Daseyn batten/ nicht von Gott !>cm Herrn gesendet/ sondern freywillig zur Bewohnung der Körper hinabsteigcn / ist leicht cinzusehcn/ daß die hierauf folgende Unwissenheit ihrem eigenen Willen/ nicht dem Schöpfer zuzuschrciben sey/ zumal der Schöpfer/ auch wenn er stc selbst hinabgcfcndct hätte/ im Zustand der Unwissenheit und des Unvermögens/ die Frcy- Heit de-S Willens'/ zu bitten/ zu suche»/ und zu kämpfen/ ihnen nicht genommen hat/ sondern stets bereit ist/ den Bittenden zu geben / den Suchenden die Wahrheit zu zeige»/ den Klopfenden aufzuthun/ und somit in keiner Beziehung beschuldiget werden kann; denn diese Unwissenheit und dieses' Unvermögen zu überwältigen/ und die Krone der Herrlichkeit zu erringen/ wollte er die Gnade denen verleihen/ die eifrig und gutwillig solche verlangen: den Nachlässigen aber und Allen / welche ihre Sünden der Schwachheit wegen entschuldige»/ wollte er diese Unwissenheit und Schwachheit/ zwar nicht als Laster aufbürden/ jedoch/ da ste lieber darin verharren/ als durch eifriges Suchen der Wahrheit und durch Lernbegierde/ wie auch durch demüthigcS Bckenntnist und Gebeth zur Wahrheit und zur Fertigkeit im Guten gelangen wollen/ als gerechte Strafe über ste verhängen. XXI. Von diesen vier Meinungen/ nämlich: ob erstlich die Seelen durch Zeugung entspringen/ oder zweytenS/ bei) 288 der Geburt jedes' einzelnen erst geschaffen werden; oder drittens'/ andcrstwo cxistirend/ in die Leiber derer / die geboren werde»/ von Gott hinunter geschickt werden; oder viertens freywillig hinunter steige»/ dürfen wir keine als wahr mit Zuverlässigkeit behaupten: denn entweder haben die katholischen Ausleger der hl. Schriften diesen dunklen und verworrenen Gegenstand noch nicht hinlänglich entwickelt und beleuchtet/ oder/ wofern cs geschehen ist/ sind Werke solcher Art uns nie in die Hände gekommen. Nur bewahre uns' der Glaube / falsche und unwürdige Vorstellungen vom Wesen des' Schöpfers zu hegen. Zum Schöpfer hin wollen wir aus dem Wege der Frömmigkeit gelangen. Wenn wir daher von ihm nicht dächten/ wie er wirklich ist/ würde unsere Denkart eine Richtung nehme» / die nicht zur Seligkeit/ sondern zur Eitelkeit hinführtc. Wenn wir von einem Geschöpfe Begriffe haben / die seiner Wesenheit nicht entspreche»/ ist dieses' / wofern wir das Wesen der Dinges' nicht vollends erkannt und ergriffen zu haben wähne»/ mit keiner Gefahr verbunden: denn nicht zu irgend einem Geschöpft/ sondern einzig zum Schöpfer hin sollen wir streben/ um selig zu werden; wenn wir daher vom Schöpfer eine ungeziemende und seinem Wesen widersprechende Ueberzcugung haben/ ist Täuschung vom allergefährlichstcn Jrrthum die Folge. Wer näm lieh nach etwas strebet/ welches' entweder nicht ist/ oder falls cS ist/ nicht beseligend ist/ wird nie zum seligen 289 Leben gelangen. Doch um zur Anschauung der ewigen Wahrheit zu kommen/ ist für unsere Schwachheit/ auf dag wir dieselbe auch zu gemessen/ und mit ihr ganz vereiniget zu werden befähiget werden/ der Weg von zeitlichen Gegenständen aus gebahnet worden/ und zwar durch den Glauben an vergangene und künftige Begebenheiten/ in wie weit solche zu unserer Wanderschaft nach den ewigen Gütern crfoderlich sind. Die Lehre dieses Glaubens steht/ um ein überwiegendes Ansehen zu behaupten/ unter der Leitung der göttlichen Erbarmung. Gegenwärtige Dinge aber werden/ wofern sie auf die Geschöpfe Bezug haben / als vorübergehende Erscheinungen des Leibes und der Seele in ihrer Beweglichkeit und Wandelbarkeit wahrgcnommen. Von allen diesen erkennen wir aber auf was immer für eine Weise nur so vicss/ als Gegenstand unserer Erfahrung ist. Wenn aber die hl. Schriften von Begebenheiten rede»/ die in Hinsicht auf gewisse Geschöpfe sich ereignet habe» / oder ereignen werden/ und solche als Gegenstände des Glaubens verlegen/ sollen wir sie/ obwohl dieselben theilS vorübcr- gcgangen sind/ bevor wir sie wahrnchmcn konnten/ theils noch nie zu unfern Sinnen gelangten/ nichts desto weniger ohne jeglichen Anstand für wahr halte»/ weil nämlich derlei Gegenstände vorzüglich geeignet sind/ unsere Hoffnung zu stärken/ und unsere Liebe zu entzünden/ indem sie uns die alle Zeiten durchgehende Ordnung Gottes zu Gemüthc führen / aus der augcnschcin- 19 lich hcrvorleuchtet/ wie Gott unsere Bcfreyung von jeglichem Elende wolle. Wo oder irgend ein Jrrthum an die Stelle göttlichen Ansehens tritt/ muß derselbe vorzüglich wissenschaftlich beseitiget werden. Dieser Fall tritt ein / wenn Jemand irgend einen veränderlichen Schein ausser dem Geschöpfe Gottes / oder irgend eine wandelbare Erscheinung im Wesen Gottes als Wahrheit annimmt und behauptet/ und etwa vorgicbt/ das Wesen Gottes scy entweder mehr oder weniger/ als die Drey- faltigkeit/ welche mit frommem und nüchtern: Sinne zu erkennen das Bestreben der christlichen Wachsamkeit/ und das Heil aller Vervollkommnung ist. Indessen ist hier nicht der Ort / von der Einheit und Gleichheit der Dreyfaltigkeit/ und von der besonder!! Eigcnthümlich- keit jeder einzelnen Person derselben zu sprechen; denn so viel von Gott dem Herrn/ als dem Schöpfer/ Bildner/ und Ordner aller Dinge vorzutragen/ als zum beseligenden Glauben vorzüglich gehört/ und geeignet ist/ den Christen schon in seinen: Anfang/ und auch noch/ wenn er von der Erde zum Himmel stch höchcr schwinget/ auf eine zweckmäßige Weise zu unterstützen/ ist sehr leicht/ und von den meisten bisher vorgctragen worden. Allein den ganzen Gegenstand ausführlich zu behandeln/ und die Frage so zu löse» / daß / so Weit cS auf Erden möglich ist/ der Mensch hierüber eine anschauliche und gewisse Erkenntniß erhalte/ ist eine Arbeit / die für jeden Menschen sehr schwierig/ und ganz gewiß 29.1 für unS nicht genugsam vorbereitet ist/ um darüber/ ich will nicht sagen würdig sprechen / sondern auch nur richtig denken zu können. Doch um gleichwohl die angehobene Untersuchung unter Gottes Vcystand/ wofern möglich/ zu vollenden/ ist nöthig/ daß wir zweifellos für wahr halten/ was immerhin in Hinsicht auf die Geschöpfe entweder als schon vergangen erzählt/ oder als zukünftig voraus verkündiget wird / in soweit solches geeignet ist/ die Religion in ihrer Vollständigkeit uns ans Her; zu legen/ und zur uneigennützigsten Liebe Gottes und des Nächsten uns zu entflammen. Gegen Ungläubige aber sollen wir diese Gegenstände des Glaubens stets in Schutz nehmen/ und daher entweder ihren Unglauben durch das Gewicht der Anktorität niederdrü- kcii/ oder ihnen möglichst anschaulich vor die Augen legen ; erstlich / wie cS gar nicht thöricht scy / an solche Dinge zu glauben; zweitens/ wie thöricht es aber sey/ an solche Dinge gar nicht zu glauben. Unterdessen soll eine falsche Lehre nicht so fast in Bezug auf vergangene und künftige/ als in Bezug auf gegenwärtige / und besonders in Hinsicht ans unwandelbare Dinge widerlegt/ und der Jrrthum derselben viel möglichst zur wissenschaftlichen Evidenz gebracht werden. Im Laufe der Zeiten hat die Erwartung künftiger Dinge von der Untersuchung vergangener unverkennbare Vorzüge. Selbst in den hl. Schriften bezwecket die Erzählung vergangener Dinge entweder die künftigen vorzubilden/ oder 292 sic zu verspreche»/ oder sic zu versichern. In den glücklichen/ oder unglücklichen Angelegenheiten dieses Lebens bekümmert man sich auch nicht sonderlich viel über daS/ was' früher gewesen; die ganze Sorgfalt wird auf dasjenige hingerichtet/ was für die Zukunft zu erwarten ist. Zufolge eineS/ ich weiß nicht/ welches innerlichen und natürlichen Gefühles / werden nämlich frühere Schicksale / wenn sic einmal vorüber sind / in Hinsicht auf Glückseligkeit oder Unglückscligkeit beynahe so wenig geachtet/ als wenn sic niemals gewesen wären. Und wirklich/ was schadet c-S/ meinen Ursprung nicht zu wissen / wenn ich nur weiß/ daß ich bin / und hoffe / daß ich seyn werde ? Ich richte meine Aufmerksamkeit nicht auf vergangene Dinge/ gleichsam aus Furcht eines sehr gefährlichen JrrthumS/ wofern ich sie anderst denken sollte / als sic wirklich geschehen sind: aber nach der leitenden Gnade meines Schöpfers geht die Richtung meiner Gedanken auf dasjenige hin/ was ich in der Zukunft seyn werde. Sollte ich über das' / was ich künftig seyn werde/ und über den/ bey welchem ich seyn werde/ eine unrichtige Ansicht und falsche Vorstellungen haben; dann wäre der gefährlichste Jrrthum sehr zu fürchten/ welcher/ entweder das Nothwcndigc zu erwerbe»/ oder / indem ich bald dicscS/ bald jenes für wahr hielte/ das höchste Ziel meiner Bestimmung zu erreichen/ mich hinderte. Wie demnach in Hinsicht auf die Anschaffung eines Kleides wenig schaden würde/ den vergangenen 293 Winter vergessen zu haben - wohl aber schädlich wäre - an eine in der Zukunft bevorstehende Kälte nicht zu glauben ; so schadet es auch meiner Seele nicht/ die allfällig nberstandencn Leiden zu vergesse» / wenn sie nur fleißig überleget und behält/ wozu sie sich in Hinsicht auf die Zukunft zu befähigen habe. Und wie cS z. B. dem nach Nom Schiffenden nicht schadet/ von welchem Gestade er abgefahren sei)/ vergessen zu habe»/ wenn er nur bey der Abfahrt wußte/ welche Richtung er dem Schiffe geben soll: dagegen aber ihm nichts nützen würde/ an das Gcstad zu denke»/ von welchem aus er die Reise angcfangcn hat/ wofern wegen falscher Vorstellung des römischen Seehafens er auf Felsen stoßen sollte ; so wird auch / falls ich von dem Anfänge meines Lebens keine Kunde habe/ dieses mir wenig schaden/ wenn ich nur stets das Ziel im Auge behalte/ wo ich einmal auSruhcn kann/ und die Erinnerung an/ oder die Muthmaßung über den Ursprung meines Lebens würde mir wenig nützen/ wenn ich über Gott/ welcher aller Anstrengungen der Seele einziges Ziel ist/ unwürdige Begriffe hegend/ in die Labyrinthe der Jrrthümcr versinken sollte. Indessen soll diese Rede keinen/ welcher hiezn die crfodcrlichcn Kräfte hat / abhalten / nach den vom Geiste Gottes eingegebencn Schriften zu erforschen/ ob die Seele von der Seele gezeugt werde- oder ob für jedes einzelne/ lebendige Wesen eine Seele geschaffen werde; oder ob die Seelen anderst woher - die Körper zu regieren und zu beleben / auf Gottes Befehl, oder aus cigcncni Willen , in die Körpcrwclt hinunter- kommen, wenn anderst die Beantwortung irgend einer nothwendig aufgcstelltcn Frage eine solche Betrachtung und Untersuchung crfodcrt/ oder falls auch nur dergleichen Untersuchungen und Abhandlungen den noth- wendigeren Geschäften eines Menschen keinen Einhalt thun. Unterdessen sei) dieses deswegen gesagt / damit Niemand, falls ein Anderer auf geziemende Weise seine Meinung bestreitet, weder unbesonnen zürne: noch, wofern er zu einer gewissen und anschaulichen Erkenntniß gelangt sepn sollte, deßwegcn in den Wahn verfalle, ein anderer könne keine Hoffnung in Hinsicht auf die Zukunft haben, weil er über seinen Ursprung in der Vergangenheit nicht nachgeforschet hat, oder nachforschet. XXII. Wie aber immer diese Cache sich verhalten möge, ob die Untersuchung gänzlich unterlassen, oder itzt aufgc- schobcn und ein andersmal vorgenommen werden soll, wird aus unserer bisherigen Abhandlung nichts' desto weniger Helle in die Augen leuchten, daß nach des Schöpfers lautersten, gerechtesten, unerschütterlichen, und unwandelbaren Majestät und Wesenheit die Strafen ihrer Sünden alle Seelen Küssen; der Sünden, welche, wie wir wiederholt gezeigt haben, einzig ihrem sreyen Willen zuzuschreibcn sind, zumal kein Grund der- 296 selben gesucht werden darf/ welcher etwa tiefer läge. Don der Unwissenheit ober und dem Unvermögen natürlicher Art hebt die Vervollkommnung der Seele an/ und schreitet fort zur Erkenntniß und zur Ruhe/ bis das selige Leben in derselben vollendet ist. Wenn nun die Seele diese Vervollkommnung in der Erkenntniß der Wahrheit und der Frömmigkeit/ als wozu ihr daS Vermögen nicht mangelt/ freywillig vernachläßiget/ stürzt sie in eine noch größere Unwissenheit und Schwachheit/ und zwar mit Recht/ hinunter; in eine Unwissenheit und Schwachheit / welche/ einem Gesetze gemäß/ welches unter den Dingen niederem Ranges die wohlanständigste und zweckmäßigste Ordnung festhält/ als Strafen zu betrachten sind: denn was die Seele von Natur aus entweder nicht weiß/ oder nicht kann / wird ihr niemals zur Schuld gelegt; wohl aber / wenn sie sich nicht Mühe giebt/ die Erkenntniß der Wahrheit/ und die wöchige Krafc zum Nechthandeln zu erhalten. Nicht Wisse»/ was Sprache ist/ und nicht reden können/ ist dem Kinde natürlich / und eine solche Unkundc und Unvermögen- heit in der Sprache wird nicht nur nicht als Verletzung der Grammatikalgcsetzc angesehen/ sondern ist vielmehr sehr lieblich und angenehm zu hören. Hat ja ein Kind die Kunst der Sprache sich zu erwerben nicht vernach- läßiget; eben so wenig die schon erworbene Kunst irgend einer Sünde wegen wieder verlohren. Wenn demnach unsere Seligkeit in der Wohlrcdenhcit bestünde / und 296 cin Fehler in de» Lauten der Sprache als Verbreche«/ wie eine Gesetzwidrigkeit in den Handlungen/ ungerechnet würde/ wäre ein Kind keiner Sündezu beschuldigen/ weil es von einer mangelhaften Sprache aus den Anfang gemacht hätte/ sich Wohlrcdcnheit zu verschaffen; beschuldiget aber würde cS/ sobald in Folge seines verkehrten Willens entweder in alte Fehler es zu- rückgcsunkcn/ oder in demselben Fehler stets verblieben wäre. Dieselbe Bcwandtniß hat es mit der natürlichen Unkunde des Wahre»/ und dem natürlichen Unvermögen zum Guten: wenn allmählige Erhebung eines Menschen zur Weisheit und ruhiger Seligkeit mit ihnen anhcbet/ wird als natürlicher Anfang des Gute»/ weder die Unwissenheit noch das Unvermögen des Menschen beschuldiget werden können. Aber wer fortzuschreitcn verschmähet/ oder von dem Fortschritte wieder fceywil- lig zurücksinkt/ leidet mit Recht und leidet nach Verdienst solche Strafen. Dem Schöpfer aber gebührt überall Lob / weil er das Geschöpf von der Unvollkommenheit zur Empfänglichkeit für die höchste Vollkommenheit den Anfang machen läßt/ oder weil er dasselbe in seinem Fortschrcitcn unterstützet; oder im Fortschritte seine Güte vermehrt und vervollkommnet / oder endlich/ falls cs sündiget/ d. h./ entweder seine Anlagen nicht zur Vollkommenheit entwickeln will / oder von schon gemachten Fortschritten wieder zurücksinkct/ dasselbe in einen Kreis versetzet/ welcher/ nach der Ordnung der ewigen 297 Gerechtigkeit/ seinen Verdiensten gebühret; denn deßwe- gcn hat er ein Wesen nicht böse geschaffen/ weil eS anfänglich nicht so vollkommen ist/ als vollkommen durch fortgehcnde Entwickelung werden zu können/ es das Vermögen hat/ zumal in seinem unvollkommenen Anfänge cS schon viel vortrcflichcr ist/ als alle Körper/ ungeachtet jeder Körper in seiner Art nach dem Urthcilc der gesunden Vernunft preiswürdig ist. Wenn also Jemand noch nicht weiß/ was er thnn soll/ rührt dieses Nichtwissen daher/ weil er die Gabe des Wissens noch nicht erhalten hat; er wird sie aber erhalten / wofern von den,/ was er jedesmal erhalten hat / er guten Gebrauch macht. So viel jedoch hat jeder erhalten/ daß/ falls er nur will/ mit frommem Sinn und gehöriger Anstrengung die Wahrheit zu suchen ihm möglich ist. Wenn er aber erkennt / was er thun soll/ jedoch dieser Erkenntniß noch nicht zu entsprechen vermag; so hat er auch dieses Vermögen noch nicht erhalten: denn ein erhabenerer Bc- standtheil seines Wesens gehet/ in Wahrnehmung dessen/ was er thun soll/ voraus': ein langsammcrcr aber/ und fleischlicher Bcstandthcil wird dcßwegcn noch nicht zur Ucbcreinstimmung mit der erhaltenen Erkenntniß hingcleitct. Diese Schwierigkeit ist geeignet/ den Menschen zu erinnern/ wie nothwcndig cs sey/ den Beystand desjenigen zur Vervollkommnung zu erflehen / den wir als den Urheber der beginnenden Vervollkommnung anerkannt haben. Dadurch wird ihm aber dieser um so lie- 298 der/ weil cr cinsieht/ wie nicht seinen eigenen Kräften/ sondern der Güte seines Urhebers nur verdanket werden müsse/ was' er ist/ so wie auch desselben unterstützenden Gnade/ daß cr selig ist. Allein wie lieber dem Menschen derjenige wird/ von welchem er sein Dascyu hat/ desto unerschütterlicher wird seine Nutze in ihm/ und desto reichhaltiger der Genuß des ewigen Wesens. Wenn wir den jungen und noch rohen Zweig eines Baumes nicht unfruchtbar heißen dürfen / weil er einige Jahre ohne Früchten ausschlagt/ bis die Zeit seiner Fruchtbarkeit anlangt / warum sollte der Urheber der Seele nicht mit schuldiger Frömmigkeit gepriesen werde»/ wenn er ihr einen solchen Anfang gab/ daß durch Nachdenken und VorwärtSschrciten zur Frucht der Weisheit und Gerechtigkeit sic gelangen kann; ja auch eine solche Würde ihr verliehen hat/ daß der freye Willen nach Seligkeit zu streben / in ihrer eigenen Macht liegt? XXIII. Auf diese unsere Behauptung schimpfen dennoch gewöhnlich unkundige Menschen; und zwar weil sic oft kleine Kinder sterben / und verschiedene Leiden des Körpers dulden sehen. Sie sagen: warum mußte geboren werden/ wer/ ohne irgend ein Verdienst im Leben erworben zu haben/ das Leben wieder verlassen hat? Oder wohin soll nach dem künftigen Gerichte derjenige kommen/ welcher weder unter die Gerechten/ zumal cr nichts 299 Gutes gethan hat/ noch auch unter die Bösen gehört/ weil er niemals gesündiget hat? — Solchen Menschen ist ;u antworten: in Hinsicht auf den Umfang des Weltalls/ und auf die allervollkommncste Ordnung in der Verbindung aller Geschöpfe / sowohl im Raum als in der Zeit/ könne die Schöpfung keines einzigen Menschen überflüssig seyn / zumal nicht einmal ein Blatt des Baumes zwecklos geschaffen wurde; unnütz sey aber nach den Verdiensten desjenigen zu frage»/ welcher nichts verdienet habe; denn man hat nicht zu fürchten / als wäre zwischen dem Rechtthun/ und der Sünde kein mittleres Leben möglich / und auch zwischen Belohnung und Strafe kein mittlerer Spruch des Richters. Bey diesem Anlässe pflegen Menschen auch oft zu fragen/ was das Sakrament der Taufe Kindern nütze/ welche vielfältig nach Empfangung desselben sterben/ bevor sie auch nur einige Erkenntniß darüber erhalten konnten. In dieser Sache ist hinlänglich die fromme und wahre Ucber- zeugung/ daß der Glauben derjenigen dem Kinde nützlich werde/ welche dasselbe zur Heiligung anbiethen. Und das heilsamste Ansehen der Kirche erinnert/ jeder solle daraus entnehme»/ wie nützlich ihm sei» Glaube sey/ wenn auch der Glauben anderer zum Wohl derjenigen ersprießlich werden kann / welche noch keinen eigenen Glauben haben. Oder was hat nicht der Glaube der Wittwc dem Sohne genützt; der Glaube / sage ich / den der Gestorbene nicht hatte/ aber durch den Glauben, Zoo welchen die Mutter hatte, die Auferstehung erhielt? Wie viel mehr wird der Glaube eines Andern dem Kinde nützen können/ dem Kinde/ welchem noch kein eigener Unglaube zur Schuld gelegt werden kann. In Hinsicht auf die körperlichen Leiden / mit welchen Kinder / die zufolge ihres Alters noch keine Sünde begangen haben/ geplagt werden / ist die Klage / falls die Seelen / welche Kinder beleben/ keine frühere Existenz hatten / wichtiger und gleichsam Mitleid erregend/ wenn etwa gesagt wird: wodurch haben sic dann solche Leiden verdienet? Gleichsam als könnte die Unschuld ein Verdienst habe» / bevor durch sic nur irgend eine Beschädigung möglich war. Wenn aber Gott etwas Gutes bewirkt/ wofern durch Schmerzen/ und durch den Tod der so thcuren Kinder die Eltern gebessert werden/ warum sollten diese Schmerzen nicht cintrcten / zumal dieselben / wenn sic einmal vorüber sind/ in Bezug auf die/ welche sie ertragen mußten/ gerade sind/ als wenn sic nie da gewesen wären; diejenigen aber/ welcher wegen sie verhängt wurde»/ entweder besser werde»/ wenn sic / durch zeitliche Unglücksfällc zu sich gebracht/ ein rechtschaffenes Leben anfangcn/ oder dann von der Strafe im künftigen Gerichte nicht zu entschuldigen sind/ weil sic unterlassen haben / durch die Leiden dieses Lebens Sehnsucht nach dem Ewigen zu wecken. Wer weiß aber / was cs den Kindern nützen werde/ wenn durch ihre Leiden hartherzige Eltern erschüttert/ im Glauben geübet, oder im Z01 Mitleid bewähret werden; wer weiß / sage ich/ waS Gott solchen Kindern in seinen gcheimnißvollcn Rathschlüsscn für eine Belohnung aufbchalten habe? — Kinder»/ die zwar nichts BöscS gcthan; aber auch nicht/ als Hütten sic etwas Böses gethaii/ gelitten haben. Nicht umsonst werden von der Kirche diejenigen Kinder/ welche gctödct wurden / als HcrodcS Jesus Christus den Herrn aufsuch- tc/ um ihn töden zu lassen/ zur Ehre der Märtyrer erhoben/ während dem schmähsüchtigc Mensche»/ welchen mehr darum zu thun ist/ durch ihre Geschwätzigkeit Wind zu machen / als derlei Gegenstände mit der crfo- dcrlichcn Anstrengung und Wahrheitsliebe zu untersuche»/ auch in Hinsicht auf die Schmerzen und Drangsale der Thiere den Glauben der weniger Gebildeten beunruhigen durch diese und dergleichen Worte: „wie haben cS doch die Thiere verdient/ ein so äusserst mühseliges Leben zu ertragen/ oder was haben sic Gutes zu hoffen für die so großen Mühseligkeiten/ welchen sie sich unterziehen müssen?" — Doch so reden/ oder so denken sie/ weil die allcrungereimtcste Ansicht der Dinge ihnen eigen ist; zumal weder das Wesen / noch den Umfang des höchsten Gutes sie anzuschauen vermögen/ und gleichwohl alle Dinge so haben wollen/ wie sie glauben/ daß das höchste Gut scyn werde; denn ausser den höchsten Körpern am Himmel/ welche der Zerstörung weniger unterworfen sind/ vermögen sic das höchste Gut nicht zu denken/ und deßwcgen verlangen sie gegen die ewige Ord- 302 A? nung der Dinge/ daß sogar die Leiber der Thiere weder dem Tode/ noch der Zerstörung unterliegen sollten, gleichsam als wären diese Geschöpfe des niedern Ranges nicht von Natur ans sterblich: ober deswegen böse, weil die himmlischen Körper vollkommener sind , als sie. Aber der Schmerz, den die Thicre leiden, zeigt uns eine gewisse Kraft, selbst im tbierischen Leben, welche in ihrer Art wunderbar und preiswürdig ist; denn aus derselben leuchtet genugsam ein, wie das, was die Körper der Thicre belebet und leitet, ein Streben nach Einheit sc». Oder was ist der Schmer; anderes, als Unruhe bep der Wahrnehmung einer Thcilung, oder Zerstörung. Daraus wird so einleuchtend, wie das Licht dcS Tages, daß die Seele im ganzen Umfange ihres Körpers nach Einheit strebe, und Einheit bewahre, und deswegen weder gern, noch gleichgültig, sondern vorzüglich widerstrebend und kämpfend ein Leiden ihres Körpers wahrnchme, von dem sie nicht ohne Betrübnis inne wird , wie dadurch ihre Einheit und Vollkommenheit gestöret und geschwächt werde. Nur durch den Schmerz der Thiere konnte bekannt werden, wie groß das Verlangen nach Einheit schon bcy den lebendigen Geschöpfen niederer Art sey; wäre aber dieses unbekannt, so würden wir nicht genugsam erinnert, wie alle Dinge von der höchsten und erhabensten, ja von der unaussprechlichen Einheit dcS Schöpfers gebildet worden scpcn. Und wirklich, wenn wir mit frommem Sinn und der nüthigen Anstrengung dic Erscheinungen und Bewegungen aller Geschöpft/ wofern sie Gegenstände menschlicher Betrachtung sind/ in'S Aug fassen/ geben sie die Lehre/ und rufen ermahnend durch ihre verschiedenen Bewegungen und Veränderungen/ als so viele Sprachen / ernstlich uns zu/ nach Erkenntnis; des Schöpfers zu streben. ES gicbt auch kein Wesen unter ihnen/ welches weder des Schmerzend/ noch der Wohllust empfänglich/ nicht Lurch irgend eine Einheit die Zierde seiner eigenthümlichcn Gattung erreichte / oder durchgängig auf irgend eine Weise seine eigene Wesenheit befestigte. Kein Wesen also/ das wahrnehmend die Bitterkeiten des SchmerzenS/ oder die Lieblichkeiten der Wohllust nicht durch Verabscheuung des SchmerzenS/ und durch Verlangen nach Wohllnst an den Tag legete/ wie cS Trennung ßiehe/ und nach Einheit strebe. Selbst bcy den vernünftigen Seelen geht der Trieb nach Erkentttniß/ an der ein vernünftiges Wesen sich erfreut / und durch welche alle Wahrnehmungen auf Einheit bezogen werden/ in Vermeidung deS ZrrthumS auf nichts anderes aus'/ als jede finstere Verworrenheit von sich auSzuschliessen. Jede Verworrenheit ist aber deßwegcn so lästig/ weil sie einer bestimmten Einheit ermangelt. Daraus leuchtet ein/ wie Alles'/ sowohl was schmerzet/ als was Schmer; empfindet/ wie auch / was' ergötzet oder ergötzt wird, die Einheit des Schöpfers anzeiget und laut verkündet; wenn aber Unwissenheit und Unvermögen/ von welchen aus dieses' Leben notwendig seinen ZOst Anfang nimmt/ für Seelen unnatürlich scheinen/ bleibt nichts übrig/ als daß sic entweder als Pflichten übernommen/ oder als Strafen auferlegt worden sind. Doch hierüber ist/ wie ich glaube/ hinlänglich gesprochen worden. XXIV. Mehr soll unsdcßhalb daran liege» / zu wissen/ in welchem Zustand der erste Mensch geschaffen worden/ als wie die Fortpflanzung seiner Nachkommenschaft beschaffen sey; denn eine sehr scharfsinnige Frage glauben diejenigen aufzustckcn/ welche sagen: Wenn der erste Mensch weise geschaffen wurde/ warum ist er verführt worden? Ist er aber thöricht erschaffen worden/ warum sollte Gott nicht Urheber der Sünden scyN/ da der Sünden größte die Thorheit ist? Gerade als wenn cS zwischen Weisheit und Thorheit keinen mittleren Zustand gebe/ welcher weder Weisheit noch Thorheit genannt werden kann. Dann erst fängt der Mensch an thöricht, oder weise zu seyN/ so/ daß ihm der Namen der Weisheit / oder Thorheit gebührt / wenn er das Vermögen hat/ falls er davon Gebrauch machen will, Weisheit zu haben/ und somit die Thorheit als eine srcywillige ihm znr Schuld gelegt werden muß. Keiner ist aber so unvernünftig / ein Kind thöricht zu nennen / obwohl er noch unvernünftiger wäre/ wenn er cs weise nennen wollte. Wie also das Kind/ obwohl cs schon ein Mensch 305 ist/ weder thöricht noch weise genannt werden kann/ woraus erhellet/ daß cS im Menschen einen mittleren Zustand gebe/ dem weder der Name der Weisheit noch der der Thorhcit gebührt: so könnte man auch/ falls Jemand nicht aus eigener Schuld/ sondern von Natur aus in einem solchen Zustand wäre/ wie der desjenigen ist/ welcher weise zu werden vernachläßigct hat/ ihn mit Recht keineswegs thöricht heißen. Thorheit ncmlich ist nicht eine jede/ sondern nur eine selbst verschuldete Unwissenheit in Bezug auf solche Dinge/ welche man verlangen und vermeiden soll. Dcßhalb können wir ein unvernünftiges Thier nicht thöricht heißen/ zumal cs das Vermögen/ weise zu scyit/ nie erhalten hat. Wir nennen es frcylich im uneigcntlichcn Sinne des Wortes mcistenthcilS auch so. Die Blindheit z. V./ wenn gleich das größte Gebrechen der Auge»/ ist doch bey crstgcwor- dencn Hunden kein Fehler/ und kann auch eigentlich nicht Blindheit genannt werden. Wenn also der Mensch so geschaffen wurde/ daß/ wenngleich noch nicht weift/ er doch fähig war/ weise zu werden/ weil fähig/ das Gesetz zu erkennen/ dem er durchgängig folgen soll/ so ist weder sonderbar/ daß er verführt werden konnte/ noch ungerecht/ daß er/ als dem Gesetze ungehorsam/ der Strafe unterworfen war; noch viel weniger ist der Schöpfer Urheber der Fehler/ zumal/ nicht weift seyN/ kein Fehler des Menschen ist/ bevor er das Vermögen/ weise zu seyN/ erhalten hat. Indessen hatte der Mensch ein Vcr- 20 306 möge»/ falls' er dasselbe gut gebrauchen wollte/ zu einer Vollkommenheit sich empor ;u schwingen / welche er noch nicht hatte. Etwas anderes nämlich heißt vernünftig; etwas anderes heißt weise seyn. Die Vernunft macht jeden der Erkenntniß des Gesetzes fähig/ dem er huldigen soll/ um ausznüben/ was' das Gesetz gebiethct. Wie nun Erkenntniß des Gesetzes wesentliche Folge der Vernunft/ so ist Weisheit wesentliche Folge der Beobachtung deS Gesetzes. Und wie die Vernunft sich zur Er- kcnntniß des Gesetzes/ so verhält sich der Wille zur Beobachtung des' Gesetzes. Und wie die vernünftige Natur der Erkenntniß des' Gesetzes fähig/ so ist die Beobachtung deS Gesetzes der Weisheit würdig. Sobald aber der Mensch fähig wird das Gesetz zu erkennen/ wird er zugleich auch der Sünde fähig. Zweyfach aber ist die Möglichkeit der Sünde vor eingctrcttcncr Weisheit. Entweder Unterlassung/ für die Erkenntniß deS Gesetzes sich zu befähigen/ ober Nichtbeobachtung deS erkannten Gesetzes. Der Weise aber sündiget durch seine Abwendung von der Weisheit: denn wie das Gesetz nicht von demjenigen aus'geht/ welchem cS gebiethet/ sondern von demjenigen/ welcher gebiethet: so geht auch die Weisheit nicht von demjenigen auS/ welcher erleuchtet wird / sondern von dem/ der erleuchtet. Warum sollte also der Schöpfer deS Menschen nicht in allen Beziehungen gepriesen werden? Gut ist ja der Mensch / und besser als das Thier schon dcßwege»/ weil er fähig ist eines Ge- D7 setzes: und noch besser, nachdem er das Gesetz erkannt hat; wieder besser, wenn er dem erkannten Gesetze huldiget; am allerbesten aber, wenn er im ewigen Lichte der Weisheit selig ist. Die Sünde hingegen besteht in der Nachlässigkeit entweder das Gesetz zu erforschen, oder dasselbe zu beobachten, oder die Anschauung der Weisheit zu bewahren. Daraus ist ersichtlich, wie der erste Mensch, wenn auch weise geschaffen, doch habe verführt werden können. Da aber die Sünde in einer freyen Wahl besteht, folgt ihr, nach göttlichem Gesetz, die gerechte Strafe. So spricht auch der Apostel (Röm. st, 22.) „Indem sic sich für weise ausgaben, sind sie Thoren geworden." Der Stolz wendet sich nämlich von der Weisheit weg; Wegwcndung aber von der Weisheit hat Thorheit zur Folge. Thorheit nämlich ist eine gewisse Blindheit, wie derselbe Apostel spricht: „Und verfinstert wurde ihr thörichtc-s Herz." Woher aber diese Verfinsterung, wenn nicht aus Wcgwendung vom Lichte der Weisheit? Woher aber diese Wegwcndung, wenn nicht daher, weil der, dessen einziges Gut Gott ist, selbst sich sein Gut scpn will, wie sich Gott selbst sein Gnt ist? Daher die Worte: „In Bezug auf mich selbst wurde meine Seele verwirret;" und: „verkostet, und ihr werdet scyn, wie dic Götter." Wer dieses betrachtet, wird ebenfalls verwirret, und fragt: (Genes. 3, 3.); ist der erste Mensch nun aus Thorheit von Gott abgefallcn, 608 oder erst durch den Abfall thöricht geworden? — Wenn das Erstere / wenn er aus Thorhcit von der Weisheit ab- gcfallen ist/ hat es den Anschein/ als wäre er thöricht gewesen / bevor er von der Weisheit abficl/ so / daß die Thorhcit Ursache seines Abfalls war: wenn aber da-s Zweite/ wenn er durch den Abfall thöricht geworden ist/entsteht die Frage/ ob sein Abfall eine thörichte / oder weise Handlung gewesen? scy: wenn eine weift/ nothwcndig auch eine gute Handlung/ und somit gar leine Sünde: wenn aber eine thörichte / so bestund die Thorhcit in der Handlung selbst/ aus welcher der Abfall hervorgieng/ zumal ohne Thorhcit keine thörichte Handlung möglich ist. Daher ist einleuchtend / wie es ein mittleres gebe/ welches als Nebergang von der Weisheit zur Thorhcit betrachtet/ aber weder eine thörichte/ noch eine weise Handlung genannt/ und von Menschen in diesem Leben nur aus dem Gegenthcil erkannt werden kann. Wie nämlich kein Sterblicher ohne Uebertritt von der Thorhcit zur Weisheit weise wird/ so ist auch der Uebertritt selbst/ falls er aus Thorhcit erfolgt/ durchaus keine gute Handlung; was wirklich die wahnsinnigste Behauptung wäre: falls er aber aus Weisheit erfolgt/ war die Weisheit im Menschen/ bevor er zur Weisheit hinübergcschritten war/ was als nicht weniger wahnsinnig erscheint. — Daraus leuchtet ein/ wie ein Mittleres/ welches weder Weisheit noch Thorhcit genannt werden könne/ ftyn müsse. So ist jener Ucbcr- Z09 schritt / den der erste Mensch von der höchsten Stuffc der Weisheit zur Thorheit gemacht hatte/ weder thöricht noch weise gewesen / wie z. B. in Bezug auf Schlaf und Wachen das Einschlafen noch kein Schlafe»/ und das Aufwachen noch kein Wache» ist/ sondern ein bloßer Ucbergang von dem einen zum andern. Doch tritt hier der Unterschied ein / daß das Einschlafen und Aufwachen meistcntheilS unfreywillig geschieht; der Uebcrgang von der Thorheit zur Weisheit/ und umgekehrt/ stets freywillig ist/ wcßwcgen der Letztere der Gerechtigkeit'gemäß nothwcndig der Vergeltung unterliegen muß. XXV. Allein weil der Willen nicht durch jede Sache / sondern nur durch irgend eine Wahrnehmung angcreget wird: jeder Mensch aber eine Wahrnehmung festzuhaltcn/ oder sie auSzuschlage»/ die Gewalt/ jedoch keineswegs die Macht hat/ zu bestimme» / was für eine Wahrnehmung ihn reizen soll; können wir nicht in Abrede seyn/ daß die Seele von Wahrnehmungen höherer/ und niederer Art angcsprochcn werde/ dergestalt/ daß sie zufolge ihrer vernünftigen Selbstständigkeit aus bcydcn frcywillig wählen könne/ und nach Beschaffenheit ihrer Wahl/ entweder künftiger Unseligkeit/ oder Seligkeit sich würdig mache: z. B. im Paradiese war eine Wahrnehmung höherer Art das Gcboth GottcS: eine Wahrnehmung niederer Art die Einflüsterung der Schlange. Weder das Geboth des Herren/ noch die Einflüsterung der Schlange hieng von der Macht der Menschen ab. Wie aber, frcy und gelöst von allen Banden icglicher Schwierigkeit/ ein vollends weiser Mensch den Wahrnehmungen niederer Reize widerstehen könne/ leuchtet schon daraus ein / weil auch thörichte Menschen / sobald sie zur Weisheit übergehen wollen/ dieselben überwältige»/ so schwer cS ihnen fallen muß/ die vergiftete Freude an der Befriedigung böser Gewohnheiten nicht mehr zu geniesten. Allein hier entsteht die Frage; wenn dem Menschen zwey entgegengesetzte Anschauungen vor Augen schwebten / eine vom Gebothe GottcS/ die andere von der Einflüsterung der Schlange / woher dann dem Teufel eingeflnstert wurde/ der Entschluß von Gott abzufallen/ ein Entschluß/ durch welchen derselbe aus seiner erhabenen Stellung hinunter stürzte; denn falls er keine Anschauung hatte/ mangelte ihm auch der freye Willen zu thnn/ was er that: und wäre ihm nicht irgend etwas eingefallen / so hätte er das Bose auf keine Weise wollen können. Woher aber siel ihm ei»/ was es immer seyn möge/ das ihm eingefallen ist/ und dazu ihn verleitet hat/ aus einem guten Engel ein Teufel zu werden ? Wer will / muß doch etwas wollen; was aber weder von Aussen durch den Sinn des Körpers ihn anregct/ noch von Innen auf verborgene Weise ihm cinfällt/ kann er unmöglich wollen. Wir müssen demnach die verschiedenen Arten der Wahrnehmungen/ oder Anschauungen von 311 einander unterscheiden. Eine derselben rührt vom Willen des Ucberrcdcnden her / wie z. B. jene Wahrnehmung/ welcher beystimmcnd der Mensch gesündiget hat/ vom Teufel; eine andere rührt von Dingen her/ welche entweder der Absicht der Seele/ ober den Sinnen des Körpers untergeordnet sind. Der Absicht der Seele ist Alles untergeordnet/ ausser der unwandelbaren Drcy- faltigkeit/ welche ihr nicht untergeordnet/ sondern vielmehr übergeordnet iss. Der Absicht der Seele ist also untergeordnet: vorerst die Seele selbst; daher die Wahrnehmung unseres Lebens: ferner der Körper; daher die Wahrnehmung der Bewegung eines jeden Gliedes des KörperS/ wie sie zu irgend einem Werke erfoderlich ist. Dem Sinne dc-S Körpers aber ist untergeordnet alles Körperliche. Daß bey Betrachtung der höchsten Weisheit jedoch/ welche keineswegs die Seele selbst ist/ zumal die höchste Weisheit unwandelbar/ die Seele hingegen wandelbar ist/ die Seele auch sich selbst anschauen/ und gleichsam sich in sich beschauen kann / ist nur möglich vermittels einer Eigcnthümlichkcit der Seele/ welche sie vom Wesen Gottes unterscheidet/ und vermöge welcher sie gleichwohl/ wie Gott/ ein Gegenstand des Wohlgefallens für sie selbst zu seyn vermag. Vollkommner ist aber die Seele/ wenn sie vor Liebe zur unwandelbaren Wesenheit Gottes sich selbst vergißt/ und in Vergleichung mit derselben sich selbst so viel als nichts achtet. So wie sie aber sich selbst findet/ und Gott auf verkehrte Weise Z12 nachzuahmen lüstern wird, um zum Genüsse eigener Selbstständigkeit zu gelangen/ fällt sie um so tiefer/ als höher sie sich erschwingen will. Und so ist Anfang jeglicher Sünde der Stolz/ und Anfang jeglichen Stolzes im Menschen der Abfall von Gott (Lccles. 10/ 14 ). Zum Stolze des Teufels aber gesellte sich der böswilligste Neid/ so/ daß er auch den Menschen znm Stolz bereden wollte/ zu einem Stolze/ den er als Ursache seiner Vcr- dammniß fühlte. Deßwcgcn wurde der Mensch gestraft/ nicht/ um ihn zu zerstören/ sondern um ihn zu bessern/ indem der Herr/ durch welchen uns ewiges Leben verheißen wird / ihm ein Muster der Demuth zur Nachahmung vor die Augen hielt/ wie der Teufel ein Muster des Stolzes ihm vorgehalten hatte. Demnach sollen wir vermittels des für uns übervcrdicnstlichen Blutes Jesu Christi/ nachdem derselbe unaussprechliche Mühseligkeiten und Drangsale für uns ausgcstanden/ mit so inniger Liebe Ihm/ unserm Erlöser anhangen/ und durch die so erhabene Klarheit seines Lichtes zu ihm dergestalt hingezogen werden/ daß keine Anschauungen aus dem niedern Gebieth der Dinge unsere Blicke von dem Höchsten hinwcgziehen können/ und falls unsere Absicht durch irgend eine Lüsternheit nach niedrigen Dingen noch getrü- bet würde/ möge die Erinnerung an die ewige Verdamm- niß und an die Quaken des Teufels davon uns befreye». So groß ist aber die Schönheit der Gerechtigkeit/ so groß die Annehmlichkeit des ewigen LichteS/ das ist/ dcr unwandelbaren Wahrheit und Weisheit/ daß/ auch nur einen einzigen Tag bey derselben verweile»/ schon mehr Werth seyn würde/ als unzählige Jahre dieses Lebens im Ueberflusse aller zeitlichen Güter und in allen nur möglichen Genüssen zugebracht: denn aus wahrer und guter Gesinnung kommt das Wort: Besser ist ein Tag in deinen Wohnungen/ als tausend Tage (Psalm 83/ it.); obwohl auch ein anderer Sinn davon möglich ist/ wofern nämlich unter tausend Tagen die Wandelbarkeit der Zeit verstanden: durch den Ausdruck „Einen Tag" aber die unwandelbare Ewigkeit bezeichnet wird. Ich erinnere mich nicht/ etwas ausgelassen zu haben/ was zu einer unter Gottes Bcystand vollständigen Antwort auf deine Fragen erfoderlich ist. Indessen wenn auch etwas dieser Art dir einfallen sollte/ nöthiget uns die Schranke des Buches gleichwohl hierzu enden/ und von dieser Nnter-- suchung cinswcilen auSzuruhcn. Beilage. DaS neunte Kapitel des ersten Buches der Netrak. tationen / oder der Berichtigungen und Beleuchtungen deö heiligen Angustin'S. Während unserm Aufenthalte zu Rom wollten wir den Ursprung des Bösen wissenschaftlich erforschen. Wir schlugen den Gang der Untersuchung ein/ auf welchem/ wenn möglich/ LaS Böse in seinem ursprünglichen Wesen geschaut/ entwickelt und mit Gottes Beistand also gründlich erkannt werden könnte / was wir darüber auf göttliches Ansehen hin früher/ zwar ohne zu zweifeln./ bloß geglaubt haben. Da nun nach reiflicher Durchforschung des Gegenstandes nnS/ als gewiß/ einleuchtete/ das Böse sey nirgends woher/ als aus dem frcyen Willen entsprungen/ gicngen aus unserer wechselseitigen Unterredung drey Bücher hervor/ unter der Aufschrift: vom frcyen Willen. Das zweyte und dritte dieser Bücher hatte ich erst zu Hippo in Afrika/ nachdem ich schon zum Priester geweiht war/ so gut/ als ich damals konnte / vollendet. Der Gegenstand des Gespräches die- ser Bücher ist so mannigfaltig/ daß mehrere Aufgaben dazwischen kamen/ die wir entweder nicht ganz lösen konnten/ oder deren Auflösung und Beleuchtung eine längere Unterredung geködert hätte/ als wie sic dazumal uns gestattet war. Deßwegen sind sic auf die Folgezeit verschoben worden/ doch erst/ nachdem aus unserer Untersuchung / nicht nur in Bezug auf Key de/ sondern in Bezug ans alle Seiten der aufgeworfenen Frage der zuverlässige Schluß gezogen werden konnte/ wie nur immer die Sache sieh verhalten möge/ müsse geglaubt/ oder gezeigt werden / daß sic nothwcndig zur Verherrlichung Gottes gereiche. Die genannte wissenschaftliche Untersuchung wurde eigentlich der Manichäer wegen unternommen/ welche den Ursprung des Bösen nicht in den frcyen Willen/ weil sonst/ wie sie behaupten/ Gott/ als Urheber alles Geschaffenen/ auch Urheber der Sünde wäre; sondern in eine unwandelbare Materie setze«/ die/ nach ihrem irreligiösen Wahne/ wie Gott von Ewigkeit ist. Von der Gnade Gottes zu reden / gemäß welcher die AuSerwähltcn / der Ordnung der ewigen Vorhcrbestimmung zufolge/ zum Gebrauche ihres Willens von Gott selbst befähiget werden / lag ausser dem Kreise einer solchen Untersuchung. Wo indessen von der Gnade/ gleichsam nur im Vorübergchen/ Meldung geschah/ gab man sich keine Mühe/ lange zu beweisen/ was nicht zum Gegenstand der wirklichen Untersuchung gehörte: denn woher das Böse seinen 316 Ursprung habe/ ist eine ganz andere Frage / als die Frage: wodurch man ein früher besessenes/ oder auch ein noch vollkommncreS Gut wieder zu erlangen in Stand gesetzt werde. Wenn also in diesen drey Büchern/ wie cS ihr Zweck erfoderte/ vieles zu Gunsten der Freiheit gesprochen wird/ sollen sich deßwcgen neue Jrrlchrer/ die Pelagianer nämlich/ welche den frcycn Willen ans eine Weise bestimmen/ daß neben ihm die Gnade Gottes keinen Raum mehr finden kann/ zumal sie behaupten/ baß sie / die Gnade Gottes / nur nach unfern Verdiensten gegeben werde/ nicht rühmen/ als hätten wir in ihrem Sinne und in ihrem Geist hierüber geredet. Ich sagte schon im ersten Buche: „Gottes Gerechtigkeit strafe die bösen Handlungen"/ und setzte bey: „die Strafe würde ungerecht seyN/ wenn die bösen Handlungen nicht aus einem frcyen Willen hervorgegangen wären." Als ich darauf zeigte/ wieder freye Willen weit vortreflichcr/ als alle körperlichen und äussern Güter sey/ sprach ich: „Du siehst also meines Erachtens gar wohl ein/ daß es lediglich von unserm Willen abhange / dieses so große und wahrhaftige Gut entweder zu genießen / oder zu vermissen: denn was hängt ausschließlicher von unserm Willen ab / als unser Wollen selbst"? Und an einem andern Orte: „Aus was für einem Grund halten wir cS noch dem Zweifel unterworfen / ob / falls wir in einem frühern Leben niemals weise gewesen sind/ wir gegenwärtig gleichwohl freywillig entweder ein ehrbares Z17 und seliges/ oder ein schändliches und unseliges Leben verdienen und führen" ? Und wieder an einem andern Orte lauten meine Worte: „Daraus geht hervor/ daß, wer ein rechtschaffenes und sittliches Leben führen/ und so zu leben dem Genüsse hinfälliger Güter vorzichen wolle/ zu demselben dergestalt ohne ausserordentliche Anstrengung gelangen könne, daß zur Besitznahme dessen, was er zu erhalten wünschet, weiter nichts, als sein eigenes Wollen crfodcrt werde." Anderstwo sagte ich ferner: „Jenes ewige Gesetz, zu dessen Betrachtung wir wieder zurückkehrcn sollen, hat unwandelbar festgesetzt, baß im fre»en Willen das Verdienst; in der Seligkeit, oder Unscligkeit des Lebens aber die Belohnung, oder die Strafe bestehen soll." Und noch an einer andern Stelle; „ES ist eine ausgemachte Sache, daß es' einzig vom Willen abhange, zu wählen, was man anstrcben und licbgcwinnen soll." Und im zweyten Buche sagte ich: „Denn der Mensch selbst ist, bloß als Mensch betrachtet, etwas Gutes, indem er, falls er nur will, gut leben kann"; an einem andern Orte: „Gutes könne nichts geschehen, als vermittels des Einen frcycn Willens." Und im dritten Buche sagte ich: Wozu sollen wir dem ursprünglichen Grund jener Bewegung nachforschcn, durch welche der freyc Willen vom unwandelbaren Gute ab, und zu den wandelbaren Gütern hingclcnkt wird, da wir ja schon überzeugt sind, daß cs ausschließlich eine freywilligc, und eben deßwcgcn der Zurechnung Z18 fähige Bewegung der Seele sey / und daß jeder Unterricht/ welcher hierüber gegeben werde/ dazu ersprießlich und wirksam sey/ daß man eine solche Bewegung der Seele mißbillige und verhindern/ und aus der Versunkenheit in zeitliche Dinge / zum Genüsse des immerwährenden Gutes den Willen umwandele." Und wieder an einem andern Orte sagte ich: „Auf dich beziehen ssch durchaus die Worte der Wahrheit: denn unmöglich könntest du überzeugt seyN/ cs liege irgend etwas in unserer Macht/ wenn wir nicht thun/ was wir thuu wollen. Deßwegcn ist nichts so auffallend in unserer Macht/ als unser Willen selbst; denn dieser ist aus keine Weise von unscrm jedesmaligen Wollen getrennt." Wieder an einem andern Orte sagte ich: „Wenn du gelobet wirst/ weil du erkennst / was du zn thun schuldig bist/ zumal du solches nur im Lichte der unwandelbaren Wahrheit zn erkennen vermagst; wie vielmehr muß derjenige gepriesen werden/ welcher nicht nur das Wollen dessen/ was man zu thun schuldig ist/ gcbothen/ und die Macht cS zu thun gegeben/ sondern auch auf das Nichtthunwollcn dessen/ was er gebothe»/ Strafe gesetzt hat"? tzch fügte noch die Worte bcy: „Denn wenn jeder schuldig ist/ waö er empfangen hat/ und wenn der Mensch so geschaffen wurde/ daß er nothwendig sündigen muß/ so ist er gehalten/ zu sündigen." „Sündigend thut demnach der Mensch / was er zu thun nicht umhin kann. Da nun eine solche Ncde nur aus dem 319 Munde eines Lasterhaften kommen könnte/ ist unmöglich, daß der Mensch von Natur aus zum Sündigen gezwungen werde." Und fernerS: „Was für eine dem Willen vorhergehende Ursache des Willens könnte wohl möglich seyn? denn entweder ist diese Ursache der Willen selbst, und jedes Wollen hat seinen Ursprung einzig aus dem Willen; oder sie ist kein Willen, und dann auch keine Sünde. Demnach ist die erste Ursache der Sünde -entweder der Willen; oder die erste Ursache der Sünde, ist keine Sünde; aber jede Sünde kann mit Recht nur dem Sünder zugercchnct werden: folglich muß jede Sünde ausschließlich dem Willen zugercchnct werden." Und bald darauf heißt es: „Wer sündiget in dem, was auf keine Weise vermieden werden kann? ES gicbt aber Sünden; also können sie vermieden werden." Diese meine Ausdrücke führt Pelagius in einem seiner Bücher als Zeugniß an, daß meine Lehre mit der seinigeu übcr- cinstimme. Das Buch, in welchem ich hierüber dem Pelagius geantwortet hatte, erhielt von mir die Aufschrift: „Don der Natur und der Gnade." Zn diesen und dergleichen Werken, bey welchen ich der Gnade nur so beyläufig als eines Gegenstandes, der nicht zur gegenwärtigen Abhandlung gehörte, Erwähnung that, meinen die Pelagianer, oder können wenigstens meinen, ihre eigene Lehre von der Gnade zu finden. Allein dieses ihr Meinen ist ein eitler Wahn: denn durch die genannten Ausdrücke wurde mehr nicht gesagt, als 320 daß dcr Willen jenes Vermögen sei)/ durch welches' sowohl das Sündigen/ als das sittliche Leben bedingt werde. Wenn also der Willen von der Dienstbarkeit dcr Sünde/ gemäß welcher er nur dcr Sünde strähnen kann/ nicht durch Gottes Gnade bcfrcpt/ und zur Ueberwindung seiner Fehlerhaftigkeit unterstützt wird/ vermag kein Sterblicher ein sittliches und frommes Leben zu führen. Die göttliche Wohlthat aber/ wodurch der Willen befrcyt wird/ würde/ falls sie dem Wollen nicht vorgienge/ den Verdiensten des Willens gegeben/ und hörte auf eine unverdiente Gabe Gottes' / folglich eine Gnade zu seyn. Dieser Gegenstand wurde in unfern andern Merkchen ausführlich genug behandelt/ in welchen ich die neue Irrlehre von diesen Feinden dcr Gnade wicderlegte. Unterdessen habe ich auch in diesen Büchern von dem freyen Willen/ welche freylich nicht gegen sie/ als' die damals nicht waren/ sondern gegen die Manichäer gerichtet sind/ von der Gnade Gottes'/ die auf eine schändliche und gottlose Weise sie nun aufhe- ben wolle»/ nicht ganz geschwiegen. Im zweiten Buch haben wir auch gesagt: „Nicht nur die großen/ sondern auch die geringsten Güter können ausschließlich von demjenigen nur ihren Ursprung habe»/ welcher der Urheber alles Guten ist/ nämlich von Gott." Und bald darauf: die Tugenden/ aus welchen ein rechtschaffenes Leben besteht/ sind große Güter/ oder Güter eines hohen NaugeS: Gewisse Arten der Körper/ ohne welche 32l ein rechtschaffenes Leben gar wohl bestehen kan»/ gehören zu den Gütern des niedrigsten Ranges. Die Kräften der Seele aber/ ohne welche ein solches Leben nicht möglich wäre, sind Güter mittleren Ranges. Von den Tugenden ist gar kein Mißbrauch möglich; die übrigen Güter dagegen / nämlich sowohl die ideS Mittlern/ als die des niedrigsten Ranges können/ wie znm Guten gebraucht/ also auch znm Böse» nüßbraucht werden. Die Tugend aber kann deßwegc» nicht mißbraucht werde»/ weil ihr Wesen gerade in einem guten Gebrauch solcher Dinge besteht, von welchen sonst auch ein böser Gebrauch gemacht werden rann. Ein guter Gebrauch kann aber niemals ein böser Gebrauch seyn. Deßwegen hat der grosse und überschwänglich gute Gott nicht bloS Güter hohe»/ sondern auch Güter mittleren und nieder» Ranges seyn lassen. PreiSwürdigcr leuchtet aus den Gütern hohen/ als aus den Gütern mittler»; preiSwürdigcr auch aus den Gütern mittleren/ als aus den Gütern des niedrigsten Ranges die Güte Gottes in unsere Augen; allein preiSwürdigcr ist Gott in dem Daseyn aller Dinge/ als er seyn würde/ wenn einige Dinge nicht daseyn würden. Und an einem andern Orte sagte ich: „Halte du mir unerschütterlich fest den frommen Glaube«/ daß gar alle Güter/ welche du empfinden/ oder erkennen/ oder auch nur denken kannst/ einzig von Gott ihren Ursprung haben." Und wieder an einem andern Orte heißt cS: »Aber obgleich der Mensch ans frcycm Willen gefalle» ri 322 ist/ vermag er doch nicht bloS aus frcycm Wille» aufzu- stehen: Wir müssen unerschütterlich fest glauben/ Gott habe uns vom Himmel herab seine rechte Hand hie;n / d, i. Hesuni Christum unfern Herrn gegeben. Und im dritten Buche/ al-S ich gerade gesagt hatte/ wie oben bemerkt wurde / was PclagiuS aus meinen Werken ;u seine» Gunsten auSgchobcn hat; nämlich: „Denn wer sündiget in dem/ was auf keine Weise vermieden werde» kann; 'gesündiget wird aber; also kann das Sündigen auch vermieden werden": setzte ich ohne Zwischenraum sogleich bei): „Und dennoch werden Sünde»/ die aus Unwissenheit begangen werde»/ mißbilliget/ und der Strafe würdig erachtet/ wie wir in den hl. Schriften lesen: denn der Apostel spricht (Thim. i/i6.): Ich habe Erbarmnng erhalte»/ weil ich aus Unwissenheit gehandelt habe. Und der Prophet sagt: (Psalm 24/7.) Gedenke nicht der Vergehungen meiner Jugend und meiner Unwissenheit. Auch müssen Handlungen mißbilliget werden/ welche notwendig geschehen sind: wenn nämlich ein Mensch recht handeln will/ aber nicht recht handeln kann. Oder was für einen Sinn haben die Worte: (Röm. 7/15.) Denn ich thuc nicht das Gute/ welches ich thnn will/ sondern das Böse thue ich/ welches ich hasse. Und der Spruch: Das Wollen des Guten liegt mir nahe/ das Vollbringen aber nicht. Auch der Spruch: (Eal.H N) Das 62 Z Fleisch gelüstet gegen Len Geist/ der Geist aber gegen das Fleisch; ja dergestalt sind Liese einander wechselweise entgegen/ daß ihr nicht dasjenige thun könnet/ was ihr thun wollet. Ist das etwa ein Widerspruch/ das nicht thun/ was wir doch thun wollen? Nein: so ist die Beschaffenheit der Mensche» / die aus jener Verdammniß des Todes hcrstammen: denn wofern solches nicht Strafe/ sondern der ursprünglichen Natur deS Menschen cigenthümlich ist/ kann e§ nicht als Sünde betrachtet werden/ zumal der Mensch so handelnd nicht von seiner ancrschaffcnen Natur abweichet/ sondern thucnd/ was er zu thun nicht umhin kann/ besser zu scyN/ als er wirklich ist/ nicht vermögend wäre. Falls aber der Mensch gut wäre/ würde er anderst seyn; La er aber/ wie er jetzt ist/ nicht gut ist/ auch nicht die Macht hat/ gut zu seyn/ indem ihm entweder die Erkenntniß mangelt/ wie er seyn soll / oder die Erkennt- niß und zugleich das Vermögen zu seyn/ was er/ nach eigener Ueberzcugnng/seyn soll / wer könnte/wo die Sache sich so verhält/ noch'im Zweifel sey»/ ob ein solcher Zustand eine Strafe sey? Allein jede gerechte Strafe/ ist eine Strafe der Sünde/ und wird Busse genannt. Wenn aber die Strafe ungerecht ist/ ist dieselbe/ wofern sie als Strafe angesehen werden muß/ nothwendtg von irgend einem ungerechten Herrscher dem Menschen auferlegt worden. Da aber so wenig an der Gerechtigkeit/ als an der Allmacht Gottes ohne wahnsinnig zn werden jemand zweifeln kann/ ist diese Strafe gerecht/ »nd wird für irgend eine Sünde gebüßt. Kein ungerechter Herrscher vermochte ja ohne Erkenutniß/ oder gegen den Willen GotteS/ stärker als der Mensch/ so ihn unter 'seine- Gewalt zu bringen/ daß er durch eine ungerechte Strafe vermittels Furcht/ oder Schläge denselben zn martern im Stande wäre. Es bleibt also nichts übrig, als diese gerechte Strafe für eine Folge der Verschuldung des Menschen anznschcn. Und an einem andern Orte sagte ich: „Falsches für wahres halten/ und so gegen seinen Willen irren; gegen den Widerstand und den peinigenden Schmerz fleischlicher Gebundenheit sich nicht von Werken der Lüsternheit enthalten können/ iff nicht Natur des ursprünglich geschaffenen/ sondern Strafe des verurtheiltcn Mensche». Wenn aber vom Willen recht zu handeln gesprochen wird/ ist die Rede von jenem Willen/ welcher dem Menschen anerschaffen wurde. Lange also/ bevor die pelagianischc Irrlehre entstand/ sprachen wir über diese Dinge so/ als wäre unsere Rede gegen solche tzrrlehrer gerichtet. Wir behaupteten nämlich/ alle Guter/ die des höhern/ Mittlern und niedersten Ranges/ haben ihren Ursprung aus Gott; der frcye Willen gehöre unter die Güter des Mittlern NangeS/ weil er einerseits des Mißbrauches fähig/ aber andererseits ohne ihn auch kein rechtschaffenes Leben möglich sey. Der gute Gebrauch deS freye» Willens ist Tugend/ welche unter die Güter hohen Ranges gehört/ weil sie keinem Mißbrauche unterworfen scyn kann. Wenn nun unserer Behauptung zufolge alle Güter/ die hoher»/ Mittlern und niedersten Ranges/ von Gott kommen/ folgt nothwendig/ daß auch der gute Gebrauch der freyen Willkühr/ welcher Tugend heißt/ und unter die Güter des hohen Ranges gehört/ von Gott seinen Ursprung haben werde. Nachher wurde auch behauptet / daß aus dem Elende/ welcheS/ der Gerechtigkeit Gottes durchaus gemäß/ über die Sünder verhängt wurde / die Gnade Gottes befrcye/ weil der Mensch aus eigener Kraft/ d. i. aus freycr Willkühr/ zwar fallen/ aber nicht wieder von seinem Falle anfstehen konnte. Zu diesem Elend aus.einer gerechten Vcrurtheilung gehört die Unwissenheit und die Kraftlosigkeit/ welche jeder Mensch vom Anfänge seines Lebens als ein Nebel fühlet/ von welchem nur Gottes Gnade befreyen kann. Dieses Elend wollen die Pelagianer nicht aus gerechter Derurthcilung hcrgelcitct wissen/ weil sie chic Erbsünde längncn. Indessen/ wenn auch Unwissenheit und Kraftlosigkeit schon der ursprünglichen Natur des Menschen cigenthümlich seyn würden/ dürfte deßwegen Gott keineswegs beschuldiget/ sondern müßte gleichwohl gepriesen werden/ wie in demselben dritten Buche gezeigt worden ist. Diese Untersuchung muß/ als gegen die Manichäer gerichtet/betrachtet werden / welche die hl. Schriften des alten Bundes.- in denen vorzüglich von der Erbsünde die Rebe ist/ nicht annehmen. Deßwegen erklären die Manichäer anch 32S alles, was in den apostolischen Schriften über Lie Erbsünde vorkommt, als auf eine schamlose und abscheuliche Weise von Verfälschern der hl. Schriften unterschoben. Gegen Lie Pclagiauer hingegen muß, was die Schriften LcS alten und neuen Testaments, welche sie anzuerken» nen vergeben, hierüber enthalten, in Schutz genommen werden. DaS Werk fängt mit den Worten an: Sage mir re. re.