Walter Seott's sämnttliche Werke, neu übersetzt von lti. Herrmann, Fr. dichter, Fr. Funck, Velckers, Or. E. Susemihl, vr. Carl Andrä, W. Sauerwein und Andern. Z weite vermehrte Auflage. Siebenter Band. Guy Manmring, oder: Der Astrolog. Mit 1 Stahlstich. Stuttgart. Hoff m a n Ii'schc Verlags - BII ch haIIdlIIIIg. 1851 . ZLk»! MsLM WWWWMMMSWWW^ MOgS MW W.r Guy Manneringi oder: Der Astrolog. -!SSZ> U G , , k-M-S . > -—-- Stuttgart. H v f f m a II Ii'sche Verlags - B II st> ha II dl IIIIst. 1851. Einleitung. Der Roman Waverley fand im Anfänge, wie natürlich, nur langsam Eingang beim Publikum, erfreute sich jedoch später einer so steigenden Theilnahme, daß sich der Verfasser dadurch zu einem zweiten Versuch aufgemuntcrt fühlte- Er sah sich nach einem Namen und einem Gegenstand um, — und die Art und Weise, auf welche die Erzählung entstand, läßt sich nicht besser erläutern, als durch Anführung der einfachen Geschichte, auf welche sich Gup Mannering ursprünglich gründet, mit welcher das Werk jedoch bei der weitern Ausarbeitung keine, auch nicht die entfernteste Ähnlichkeit behalten hat. Die Geschichte wurde mir zuerst von einem alten Diener meines Vaters, einem trefflichen alten Hochländer, erzählt, der keinen Fehler hatte, außer daß er dem „Bergthau" (Schnaps) den Vorzug vor allen minder kräftigen Flüssigkeiten cinräumte. Er glaubte so fest an die Geschichte, wie an seine Glaubensarikel. Ein Mann von ernstem und ältlichem Ansehn wurde — so erzählte der alte John Mac-Kinlay — auf einer Reise in den wildern Theilen Gallowap's von der Nacht überfallen- Mühsam Guy Mminering. I- 1 fand er den Weg nach einem Landsitze, wo man ihn mit all der Gastfreundlichkeit jener Zeit und Gegend bereitwillig aufnahm. Der Besitzer des Hauses,ein wohlhabender Gentleman, ward durch das achtunggebietendeAeußere seinesGastes inVerlegenhcit gesetzt und entschuldigte bei demselben einen Grad von Verwirrung, der seine Aufnahme leider begleiten mußte und nicht beseitigt werden , konnte. Die Frau vom Hause war, wie er sagte, auf ihr Zimmer gebannt und im Begriff, ihren Gemahl zum erstenmal zum Vater zu machen, obwohl sie bereits seit zehn Jahren verheirathet waren. Dieses Umstands wegen, sagte der Laird, fürchte er, sein Gast werde sich scheinbar vernachlässigt finden. „Keineswegs, Sir," sagte der Fremde; „meine wenigen Bedürfnisse sind leicht befriedigt, und ich glaube sogar, die gegenwärtigen Umstände werden mir Gelegenheit geben, Ihnen meine Dankbarkeit fürJhre Gastfreundschaft zu bezeigen- Erlauben Sie mir nur die Bitte, daß mir genau die Minute derGeburtgenannt werde; dann hoffe ich im Stande zu sein, Sie von einigen beson- dern Umständen in Kenntniß zu setzen, welche in hohem Grade auf das künftige Schicksal des Kindes Einfluß haben dürften, welches jetzt in diese geschäftige und wechselvolle Welt kommen soll. Ich will Ihnen nicht verbergen, daß ich die Bewegungen jener Himmelskörper zu deuten verstehe, die auf das Geschick der Sterblichen ihren Einfluß üben. Es ist dies eine Wissenschaft, die ich nicht, gleich andern, die sich Astrologen nennen, des Lohnes oder Gewinns wegen übe; denn ich habe ein hinreichendes Vermögen und wende die Kenntniß, die ich besitze, nur zum Besten derjenigen an, für die ich mich interesfire " Der Laird verbeugte sich achtungsvoll und dankbar, und dem Fremden ward ein Zimmer überlassen, welches eine weite Aussicht auf die Sternenregionen gewährte. Der Gast brachte einen Theil der Nacht damit zu, sich von der Stellung der Himmelskörper zu versichern und ihren wahrschein- 3 lichen Einfluß zu berechnen; endlich veranlaßte ihn das Resultat seiner Beobachtungen, den Vater zu rufen und diesen aus's Feierlichste zu beschwören, er möchte durch die Hilfeleistenden die Geburt, wenn es irgend möglich, verzögern lassen und war' es auch nur um fünf Minuten. Die Antwort erklärte dies für unmöglich, und fast im nämlichen Augenblicke, als dies berichtet ward, wurde auch der Vater und sein Gast mit der Geburt eines Knaben bekannt gemacht. Der Astrolog fand sich am Morgen bei der Gesellschaft ein, die zum Frühstück beisammen war, und seine Blicke waren so ernst und unheilverkündend, daß sie die Furcht des Vaters rege machten, welcher bisher höchst erfreut darüber gewesen war, einen Erben für sein altes Stammgut zu haben, welches außerdem auf einen Nebenzweig der Familie übergehen mußte- Eilig zog er den Fremden in ein Nebenzimmer. „Ihre Blicke lassen mich fürchten," sagte der Vater', „daß Sie schlimme Zeitung in Bezug auf meinen kleinen Ankömmling zu berichten haben; vielleicht will Gott sein Geschenk wieder zurückfordern, ehe der Knabe zum Manne gereift ist, oder vielleicht ist in des Schicksals Rathe beschlossen, daß er der Zärtlichkeit unwerth sein soll, die wir natürlich unserm jungen Sprößling widmen werden." „Weder das Eine, noch das Andre," antwortete der Fremde; „trügt mich nicht mein Urtheil sehr, so wird das Kind die Jahre der Unmündigkeit überleben, und an Charakter und Gemüth sich so erweisen, wie es seine Eltern nur wünschen können. Aber bei all den glücklichen Verheißungen, die sein Horoskop gibt, ist doch ein schlimmer Einfluß stark vorwaltend, welcher ihn einer unverhofften und unglücklichen Prüfung zu unterwerfen droht, und zwar zu der Zeit, wo er das ein und zwanzigste Jahr seines Alters erreicht; diese Periode wird, wie die Constellationen verkündigen, i'' 4 die Krisis seines Schicksals sein. In welcher Gestalt oder auf welche besondere Veranlassung ihn jene Prüfung treffen wird, dies kann meine Kunst nicht entdecken " „Ihre Wissenschaft kann uns also gegen das angcdrohte * Nebel kein Schutzmittel gewähren?" sagte der besorgte Vater. „Bitt' um Verzeihung," antwortete der Fremde, „sie kann es. Der Einfluß der Constellationen ist mächtig; aber Er, der die Himmel schuf, ist mächtiger als alle, wenn seine Hilfe angerufcn wird aufrichtig und wahrhaftig. Sie sollten diesen Knaben dem unmittelbaren Dienste seines Schöpfers widmen, mit derselben Sinnesreinheit,mit welcherSamuel vonseinen Eltern dem Dienste des Herrn im Tempel geweiht ward. Sie müssen ihn als ein Wesen betrachten, das von der übrigen Welt geschieden ist. In der Kindheit und im Knabenalter müssen Sie ihn nur von Frommen undTugendhasten umgeben sein lassen, und ihn mit der äußersten Sorgfalt behüten, daß er nichts Verbrecherisches hört und sieht, weder in Wort, noch That. Er muß auf das Strengste nach religiösen und sittlichen Grundsätzen erzogen werden. Halten Sie ihn ferne von der Welt, damit er.nicht an ihren Thorheiten oder gar an ihren Lastern Theil nehmen lernt. Kurz, bewahren Sie ihn so viel als möglich vor aller Sünde, insoweit dieselbe nicht Adams gefallenem Geschlecht an sich schon zum großen Theil eigen ist. Mit der Annäherungseines ein und zwanzigsten Geburtstages tritt die Krisis seines Schicksals ein. Wenn er sie überlebt, wird er glückselig auf Erden sein, und ein Erwählter unter denen, die für den Himmel erlesen. Sollte es sich jedoch anders gestalten" — der Astrolog hielt inne und seufzte tief. „Sir," erwiderte der Vater, noch mehr beunruhigt als vorher, „Ihre Worte sind so mild, ihr Rath so ernstlich, daß ich Ihren Vorschriften die genaueste Aufmerksamkeit widmen will; aber können Sie mir nicht in dieser höchst wichtigen Sache 5 weitere Hilfe leisten? Glauben Sie, ich werde nicht undankbar sein." „Ich fordere und verdiene keinen Dank für eine gute Handlung," sagte der Fremde, „am wenigsten dafür, daß ich alles thue, was in meiner Macht liegt, um das unschuldige Kind vor einem schrecklichen Schicksal zu bewahren, welches in letzter Nacht unter einer eigenthümlichen Planetenconjunction zur Welt kam- HicristmeineAdrefse; Sie können mir vonZeitlzuZeit schreiben, welcheFortschritte derKnabe in religiöser Erkenntniß macht. Wenn er nach meinem Rathe erzogen ist, so halte ich für das beste, daß er in mein Haus kommt zu der Zeit, wo die verhängntßvolle und entscheidende Periode herankommt, das heißt, bevor er sein ein und zwanzigstes Jahr, erreicht hat. Senden Sie ihn mir sodann, wie ich es wünsche, so hoffe ich in Demuth, daß Gott den Seinen schützen wird, wie hart auch die Prüfung sein mag, welcher sein Geschick ihn unterwirft." Hierauf übergab er seinem Wirthe die Adresse, welche einen Landsitz in der Nähe einer Poststadt des südlichen Englands nannte, und sagte ihm ein herzliches Lebewohl. Der geheimnißvolle Fremde schied, aber seine Worte hatten sich der Seele des besorgten Vaters eingeprägt. Er verlor seine Gattin, als der Knabe noch Kind war. Diesen Unfall hatte, glaub' ich, der Astrolog vorhergesagt; und so wurde das Vertrauen, welches er, gleich den meisten Menschen jener Zeit, der Wissenschaft bereitwillig geschenkt hatte, nur noch mehr befestigt. Daher ward die äußerste Sorgfalt darauf verwendet, den strengen nnd fast ascetischen Erziehungsplan auszuführen, den der weise Mann angegeben. Einem Lehrer von den strengsten Grundsätzen ward des Jünglings Erziehung anvertraut; er ward umgeben von Dienstleuten, deren Rechtlichkeit erprobt war, und daneben überwachte und beaufsichtigte ihn der besorgte Vater selbst auf's Genaueste. 6 "1 Die Jahre der Kindheit und des Knabenalters vergingen auf eine Weise, wie es der Vater nur wünschen konnte. Ein junger Nazarener hätte nicht strenger erzogen werden können. Alles Ueble hielt man aus seinem Gesichtskreise fern — er hörte allein reine Worte, er sah allein würdige Handlungen- Als der Knabe jedoch zum Jüngling zu reifen begann, ward dem aufmerksamen Vater Ursache, sich zu beunruhigen. Schatten von Schwermut-, die allmälig immer dunkler wurden, begannen des jungen Menschen Gemüth zu umhüllen- Thränen, die scheinbar unwillkürlich stoffen, unterbrochener Schlaf, Wanderungen beim Mondschein, und eine Melancholie, wofür sich kein Grund angeben ließ, schien mit einemmal seine körperliche Gesundheit und die Festigkeit seines Gemüths zu bedrohen. Der Astrolog ward brieflich zuRathe gezogen und sandte die Antwort zurück, dieser krampfhafte Gemüthszustand sei nur der Anfang seiner Prüfung, und der arme Jüngling werde sich mehr und mehr harten Kämpfen mit dem Uebel, das ihn angreife, unterziehen müssen. Er gab keine Hoffnung, dem entgegenzuwirken, außer insofern er Beharrlichkeit im Studium der heiligen Schrift zeige. „Er leidet," fuhr der Brief jenes Weisen fort, „weil jene Harpyen nun erwachen, die Leidenschaften, die, wie bei andern, in ihm schlummerten, bis zu der Lebensperiode, welche er nun erreicht hat. Besser, weit besser, daß sie ihn so vergeblich martern, als wenn er es bereuen müßte, sie durch verbrecherische Schwachheit gesättigt zu haben." Die geistige Beschaffenheit des jungen Mannes war so vortrefflich, daß er durch Vernunft und Religion die düstern Anfälle, die zuweilen sein Gemüth befielen, glücklich bekämpfte, und erst beim Beginn seines ein und zwanzigsten Jahres nahmen dieselben einen Charakter an, welcher seinen Vater vor den Folgen zittern ließ. Es schien, als wolle die düsterste und abschreckendste der geistigen Krankheiten die Form religiöser Verzweiflung annehmen. Noch immer war der Jüngling sanft, gefällig, liebreich und seines Vaters Willen gehorsam; mit aller Macht leistete er den Küstern Eingebungen Widerstand, welche, wie es schien, ihm durch eine Emanation des bösen Princips eingeflüstert wurden, ihn, gleich Hiobs gottlosem Weibe, ermahnend, Gott zu segnen und zu sterben. Die Zeit kam endlich heran, wo er die Reise (die damals noch für lang und gefährlich galt) zum Hause seines frühzeitigen Freundes antreten sollte, der seine Nativität berechnet hatte. Sein Weg führte ihn durch mehrere intercffanteOrte, und er ward durch Unterhaltung des Reifens mehr erfreut, als er es selbst für möglich gehalten hatte- Er erreichte daher den Ort seiner Bestimmung nicht eher, als um die Mittagszeit des Tages, der seinem Geburtstage vorherging. Es schien, als sei er in einer ungewohnten freudigen Aufregung hinweggegangen, als wolle er gewissermaßen dasjenige vergessen, was ihm sein Vater in Bezug auf den Zweck feiner Reise mitgetheilt hatte. Endlich machte er vor einem ansehnlichen, aber einsamen alten Hause Halt, welches ihm als der Wohnsitz des Freundes seines Vaters bezeichnet war. Die Bedienten, welche sein Pferd in Empfang nahmen, erzählten ihm, daß er bereits seit zwei Tagen erwartet worden sei. Er ward in ein Studirzimmer geführt, wo ihn der Fremde, jetzt ein ehrwürdiger alter Mann, der seines Vaters Gastgewesen war, mit einem Schatten von Mißfallen und Ernst im Gesicht, empfing. — „Junger Mann," sagteer, „warum so langsam auf einer so wichtigen Reise?" — „Ich glaubte," erwiderte der Gast errö- thend, „es sei nichts Arges, wenn ich langsam reiste und meine Wißbegier befriedigte, da ich eure Wohnung ja doch bis zu diesem Tage erreichenkonnte; denn so lautete meines VatersAuftrag."— „Es wäre zu tadeln," entgegnete der weise Mann, „daß du ge- 8 zögerthast, denn die Strafe konntediraufdemFußefolgen. Jndeß bist du doch endlich gekommen und wir wollen das Beste hoffen, obwohl das Verhängniß, welches dich bedroht, um so schrecklicher sein wird, je weiteres hinausgcschobcn ist. Zuerst nimm diejenigen Erfrischungen zu dir, welche die Natur verlangt, um den Appetit zu befriedigen,nicht aber um der Unmäßigkeit zu sröhnen." Der alle Mann führte ihn in ein sommerliches Wohngemach, wo ein frugales Mahl auf dem Tische bereit stand. Als sie sich dazu niedersetzten, gesellte sich eine junge, etwa achtzehnjährige Dame zu ihnen, die so anmuthig war, daß ihr Anblick die Gefühle des jungen Fremden ganz von seinem eignen seltsamen und räthsel- Haften Geschick abzog, und seine Aufmerksamkeit nur auf das beschränkte, was sie that oder sagte. Sie sprach wenig und es betraf nur sehr ernste Gegenstände. Sie spielte nach ihres Vaters Verlangen auf der Harfe, aber es waren Hymnen, womit sie das Instrument begleitete. Endlich verließ sie auf ein Zeichen des Alten das Gemach, und beim Gehen warf sie aus den jungen Fremden einen Blick unaussprechlicher Besorgniß und Theilnahme. Der alte Mann nahm darauf den Jüngling mit sich in sein Studirzimmer und redete mit ihm über die wichtigsten Punkte der Religion, um sich zu überzeugen, ob crseinen innern Glauben durch Gründe bewahrheiten könne. Während dieser Prüfung fühlte der Jüngling, daß ihm unwillkürlich die Gedanken öfters auf andere Dinge schweiften und daß erüber die schöne Erscheinung nachsinnen mußte, welche das Mittagsmahl getheilt hatte. Der Blick des Astrologen ward dann jcdeSmalernst und er schüttelte mißbilligend sein Haupt, wenn er diesen Mangel an Aufmerksamkeit bemerkte; im Ganzen indeß warermitdeS Jünglings Antworten zufrieden. Nach Sonnenuntergang mußte der Jüngling ein Bad nehmen, worauf er die Weisung erhielt, ein Gewand anzulegen, dem ähnlich, wie es die Armenier tragen, sein langes Haar kämmte er 9 über die Schultern hinab, und Hals, Hände und Füße blieben unbekleidet. In diesem Aufzuge ward er in ein abgelegenes Zimmer geführt, worin sich nichts befand, ausgenommen eine Lampe, ein Stuhl und ein Tisch, worauf eine Bibel lag. „Hier," sagte der Astrolog, »muß ich dich allein lassen, bis der kritische Theil deines Lebens verflossen ist. Wofern du, eingedenk der großen Wahrheiten, von denen wir sprachen, die Angriffe zurückzutrciben vermagst, die auf deinen Muth und deine Grundsätze geschehen werden, so hast du nichts zu fürchten. Aber die Prüfung wird streng und schwer sein." Seine Züge nahmen jetzt eine pathetische Feierlichkeit an, die Thränen standen ihm im Auge und seine Stimme bebte vor innerer Bewegung, als er sagte: „Theures Kind, bei dessen Ankunft in der Welt ich diese verhängnißvolle Prüfung voraussah, möge dir Gott dabei gnädig Standhaftigkeit verleihen-" Der junge Mann war allein, und kaum ward er dies inne, als die Erinnerung an all seine Begehungs-und Unterlassungssünden, durch dieGewisseuhaftigkeit, mit welcher er erzogen war, noch weit schrecklicher gemacht, gleich einem Dämonenschwarm sein Gemüth bestürmte und ihn, wieFurien mit glühendenGeiseln, zurVerzweif- lung treiben zu wollen schien. Während er diese schrecklichen Erinnerungen mit bangen Gefühlen, aber mit entschlossener Seele bekämpfte,ward er gewahr,daß seine Beweisgründe durch dieSophi- sterei eines Andern beantwortet wurden und daß der Streit nicht mehr bloß aus seine eignen Gedanken beschränkt war- Der Urheber des Bösen war in leibhafter Gestalt bei ihm im Gemach gegenwärtig, und, da er mächtig bei Geistern melancholischen Charakters ist, stellte er ihm eifrig dasVerzweifelte seinesZustandes vor und suchte ihn zumSelbstmord zu drängen, welches das beste Mittel sei, seiner sündigen Laufbahn ein Ende zu machen. Das Vergnügen, welches er daran gefunden hatte, seine Reise unnöthig zu verlängern, und die Aufmerksamkeit, die er der Schönheit eines weiblichen Wesens widmete, während er doch seine Gedanken nur der religiösen Unterhaltung ihres Vaters hätte weihen sollen, — diese beiden Vergehen wurden ihmals dieschwärzesten seinerSünden dargestellt; und so sah er sich behandelt wie einer, der, weil er gegen das Licht gesündigt hat, cineBeute des Fürsten der Finsterniß werdenmuß. Als die verhängnißvolle und einflußreiche Stunde herannahte, begannen die Schrecke» des häßlichen Anwesenden die sterblichen Sinne des Opfers immer mehr zu verwirren, und das Gewebe der schändlichen Sophismen ward scheinbar immer verwickelter, zum wenigstens für den Armen, den seine Maschen umgarnten. Er war nicht im Stande die Gnadenverheißung zu erörtern, an welcher er doch immer festhielt, oder den siegreichen Namen zu nennen, auf welchen er vertraute. Aber sein Glaube verließ ihn nicht, obwohl er eine Zeitlang nicht mächtig war, ihn auszusprechen. „Sage was Du willst," so lautete seine Antwort gegen den Versucher, „ich weiß, daß zwischen den beiden Schalen dieses Buches viel enthalten ist, was mich der Vergebung für meine Vergehen und der Erhaltung meiner Seele versichern kann." Als er so sprach, hörte man die Glocke schlagen, welche den Verlauf der verhängnißvollen Stunde ankündigte. Die Sprache und die intel- 'lectuelle Macht des Jünglings war augenblicklich und vollkommen Hergestellt; feurig begann er zu beten und sprach in glühendenWor- ten sein Vertrauen auf die Wahrheit und den Schöpfer aus- Der Dämon zog sich heulend und in Verwirrung zurück, und der alte Mann wünschte, indem er das Gemach betrat, weinend seinem Gaste Glück zu dem Siege in diesem verhängnißvollen Kampfe. Der junge Mann heirathete später die schöne Jungfrau, deren erster Anblick einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte, und beide erfreuten sich bis an's Ende einer häuslichen Glückseligkeit. — So endete John Mac Kinlaps Sage- Der Verfasser des Waverley war der Meinung, daß sich eine interessante und vielleicht nicht unerbauliche Geschichte aus den Lebensereignissen einer Person bilden lassen möchte, deren Geschick vorher bestimmt war und derenBestrebungcn zu gutem und tugend- haftemWandcl immer durch dieDazwischcnkunft eines übelwollen- denWesens vereitelt wurden, bis es zuletzt siegreich aus dem furchtbaren Kampfe hervorging. Kurz, es ward ein Plan ersonnen, ähnlich dem jener sinnreichen Geschichte „Sinlram und seine Gefährten" vom Baron de la Motte Fouquö, obwohl diese, wofern sie damals schon epistirte,demVersaffer nicht zuGesicht gekommen war- Der vorläufige Plan des Ganzen läßt sich in den drei oder vier ersten Kapiteln des Werkes erkennen; weitere Ueberlegung veranlaßte jedoch den Verfasser die ursprüngliche Absicht bei Seite zu setzen. Er erkannte bei reiferer Ueberlegung, daß die Astrologie, obwohl ihr Einfluß einst selbst von Baco anerkannt wurde, doch jetzt nicht mehr genügenden Glauben in den Ge- müthern findet, als daß sie die Hauptgrundlage eines NomaneS bilden könnte. Uebcrdies kam in Betracht, daß, um einem solchen Gegenstände Genüge zu thun, nicht nur mehr Talent erforderlich wäre, als der Verfasser zu besitzen glaubte, sondern daß auch Doctrincn und Discussionen eingeflochten werden müßten, die für seine Absicht und für den Charakter der Erzählung zu ernster Natur gewesen wären. Indem er nun seinen Plan änderte, was während des Druckes geschah, behielten die AnfangS- bogen Spuren vom ursprünglichen Charakter der Geschichte, welcher sie nun freilich als eine nicht nothwendigc und unnatürliche Zugabe angehängt find. Die Ursache dieser Spuren, wenn sie dem Leser aufstcßen, ist sonach nun erläutert und entschuldigt. Es verdient hier bemerkt zu werden, daß die astrologischen Doctrincn, während sie der allgemeinen Verachtung anheimfielen und durch verschiedenartigen Aberglauben von gröberm und un- 12 schönerem Charakter ersetzt wurden, in jüngern Tagen doch noch manche Gläubige für sich behielten. Einer der merkwürdigsten Jünger dieser vergessenen und verachteten Wissenschaft war ein nun verstorbener Professor der Taschenspielerkunst. Man sollte denken, daß eine Person dieses Gewerbes, eben weil sie die tausend Wege kennt, wie sich menschliche Augen betrügen lassen, weit weniger als Andere den abergläubischen Phantasien unterworfen sein sollte. Vielleicht verleitete die gewöhnliche Anwendung jener abstrusen Calculationen, mit welchen, auf eine für den Künstler selbst überraschende Weise, viele Kartenkunststücke und dergleichen vollbracht werden, diesen Herrn, die Combination der Gestirne und Planeten zu studiren, in der Hoffnung, prophetische Mittheilungen zu gewähren- Er brachte ein Schema seiner eigenen Nativität zusammen, welches nach denjenigen Kunstregeln berechnet war, die er aus den besten astrologischen Schriftstellern zu sammeln vermochte. Was nun die Vergangenheit betraf, so fand er Alles mit dem übereinstimmend, was ihn bisher betroffen hatte, aber in dem wichtigen Prospekt des Zukünftigen zeigte sich eine seltsame Schwierigkeit. Zwei Jahre waren es, für deren Verlauf er durchaus nicht zu erforschen im Stande war, ob das Subject des Schema's darin todt oder lebend sein werde. Besorgt über einen so merkwürdigen Umstand, gab er das Schema einem andern Astrologen, derauf gleiche Weise in die Klemme gerieth. Zu einer gewissen Zeit fand er den Gebornen oder das Subjekt mit Bestimmtheit lebend, in einem zweitenZeitpunkte hingegen fand er, daß derselbe ganz gewiß todt sein werde; aber ein Zeitraum von zwei Jahren dehnte sich zwischen diesen beiden Terminen, für welchen man keine Gewißheit in Bezug auf Tod oder Leben des Betreffenden erlangen konnte. Der Astrolog bemerkte den seltsamen Umstand in seinem Tagebuche und fetzte seine öffentlichen Vorstellungen in verschiedenen 13 Theilen des Reichs fort, bis die Periode zu Ende ging, während welcher seine Lebensdauer mit Gewißheit als ungefährdet prophezeit war. Endlich, während er eben vor einem zahlreichen Publikum seine Taschenspielcrkünste trieb, verloren die Hände, deren Gewandtheit so oft den schärfsten Beobachter getäuscht hatte, plötzlich ihre Kraft, die Karten entsanken denselben, und er fiel vom Schlage getroffen nieder. In diesem Zustande schmachtete der Künstler zwei Jahr lang, nach deren Verlauf ihn endlich der Tod erlöste. Man sagt, das Tagebuch dieses mo- dernenAstrologen werde bald der Oeffentlichkeit übergeben werden- Das Factum, wenn anders der Wahrheit getreu berichtet, ist eine jener seltsam zutreffenden Erscheinungen, welche zu Zeiten Vorkommen und von der gewöhnlichen Erwartung völlig abweichen; ohne solche Unregelmäßigkeiten würdejcdoch das menschliche Leben den Sterblichen, die in die Zukunft spähen, nicht den Abgrund undurchdringlicher Dunkelheit zeigen, den es ihnen nach des Schöpfers Willen bieten sollte. Träfe jegliches Ding nach der gewöhnlichen Folgcreihe der Ereignisse zu, so würde die Zukunft den Regeln der Arithmetik unterworfen sein, wie die Chancen des Spiels. Aber außerordentliche Ereignisse und wunderbareSchicksalsfälle trotzen den Berechnungen des Menschen und hüllen das, was die Zukunft bringen soll, in tiefes Dunkel. Der obigen Anekdote mag hier eine zweite noch neuere folgen. Der Verfasser ward neuerdings mit einem Briefe von einem Herrn beehrt, welcher tief in jencMpstcricn eingcweiht ist und es freundlich übernahm, die Nativität des Schreibers des Guy Mannering zu berechnen; cs war jedoch unmöglich die nöthigen Data zur Construction des Horoskopes zusammenzubringen, wenn der betreffenden Person auch überhaupt daran gelegen hätte, weil alle diejenigen, welche allein Tag, Stunde und Minute hätten angeben können, längst nicht mehr auf der Erde wandelten. Nachdem so eine Darstellung der ersten Idee oder des rohen Umrisses der Geschichte gegeben ist, welcher jedoch bald verworfen ward, so bleibt dem Autor, indem er den Plan der gegenwärtigen Ausgabe darlegt, nur noch eine Schilderung der Vorbilder zu den Charakteren in Guy Mannering übrig. Einige örtliche Verhältnisse gaben dem Verfasser in seiner Jugend Gelegenheit, von der herabgewürdigten Menschenklaffe, welche man Zigeuner nennt, ein Weniges zu sehen und sehr viel zu hören. Die Zigeuner sind in den meisten Fällen eine gemischte Raffe, hervorgegangen aus den alten Aegyptcrn, die in Europa zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts anlang- ten, und aus Landstreichern europäischen Ursprungs. Diejenige Zigeunerin, nach welcher der Charakter der Meg Mcrrilics gezeichnet ist, war um die Mitte des letzten Jahrhunderts wohlbekannt unter dem Namen Jean Gordon, als Bewohnerin des Dorfes Kirk Netholm, zwischen den Cheviotbergen an der englischen Gränze. Der Verfasser veröffentlichte eine Schilderung dieser merkwürdigen Person in einer frühern Nummer von Blackwoods Magazin, wie folgt: „Mein Vater erinnerte sich noch der alten Jean Gordon von Netholm, welche großes Ansehen unter ihrem Stamme besaß. Sie war vollkommen eine Meg MerrilieS und besaß in derselben Vollkommenheit die angeborne Tugend der Treue- Da sie in dem Pachthofe Lochside bei Netholm oft gastfreundlich ausgenommen worden war, so enthielt sie sich auch sorgfältig jeder Veruntreuung am Eigenthume des Pächters. Aber ihre Söhne (neun an der Zahl) besaßen, wie es scheint, nicht denselben Zartsinn, und stahlen ihrem freundlichen Wirth eine Zuchtsau. Jean kränkte sich über dies undankbare Benehmen und schämte sich desselben so sehr, daß sie sich mehrere Jahre hindurch von Lochside fern hielt. 15 „Es traf sich im Laufe der Zeit, daß, in Folge einer pekuniären Verlegenheit, der HauSwirth von Lochside genöthigt war, nach Newcastle zu gehen, um eine Summe zur Zahlung seiner Zinsen aufzunehmen. Er vollbrachte dies Geschäft glücklich, als er aber durch die Cheviotberge zurückkehrte, ward er von der Nacht überfallen und verlor den Weg. „Ein Licht, durch das Fenster einer großen wüstliegcnden Scheune schimmernd, welche einst zu dem Pachthofe gehörte, geleitete ihn zu einem Obdach; als er an das Thor klopfte, ward es von Jean Gordon geöffnet. Ihre höchst merkwürdige Gestalt, denn sie maß beinah sechs Fuß, und ihre eben so merkwürdigen Züge und Gewänder .machten es unmöglich, sie auch nur für einen Moment zu verkennen, obwohl sie der Pachter seit mehreren Jahren nicht gesehen hatte. Jedoch mit einem solchen Charakter in solcher Abgeschiedenheit zusammenzutreffen, überdies wahrscheinlich nicht weit vom Lagerplatz ihrer Horde, war eine traurige Ueberraschung für den armen Mann, welcher seine Zinsgelder (deren Verlust ihn ruinirt haben würde) bei sich trug. „Jean stieß ein lautes Freudengeschrei der Wiedererkcnnung aus — „lieber Himmel! der gute Pächter von Lochside! Steigt ab, denn ihr dürft diese Nacht nicht weiter gehen." Der Pachter sah sich genöthigt abzusteigen und das Anerbieten der Zigeunerin in Bezug auf Abendessen und Nachtlager anzunehmen. Es befand sich Fleisch in Menge in der Scheune, mocht' es hergekommen sein, woher es wollte, und es wurden Vorbereitungen zu einer reichlichen Mahlzeit getroffen, die, wie der Pachter zur noch größern Besorgniß bemerkte, für zehn oder zwölf Gäste berechnet war, alle wahrscheinlich gleichen Standes mit seiner Wirthin. „Jean ließ ihn über die Sache nicht in Zweifel. Sie erinnerte ihn an die Geschichte von der gestohlenen Sau, und erwähnte, wie peinlich und verletzend für sie der Vorfall gewesen war. Siebe- merkte, gleich andern Philosophen, daß die Welt täglich schlechter werde; und, gleich andern Eltern, daß die Jungen nicht folgten und die Vorschriften der alten Zigeunerin vernachlässigten, welche ihnen bei ihren Freibeutereien Respekt vor dem Eigenthum ihrer Wohlthäter anempfahl. Das Ende von dem Allen war, daß sie forschte, ob der Pachter Geld bei sich habe; und ferner, daß sie bat oder befahl, er solle sie zu seinem Schatzmeister machen, da die Jungen, so nannte sie ihre Söhne, bald nach Hause kommen würden. Der arme Pachter machte aus der Noth eine Tugend, erzählte seine Geschichte und übergab sein Geld der Obhut Jean'ö. Sie hieß ihn wenige Schillinge in seine Tasche stecken, indem sie bemerkte, es werde Verdacht erwecken, wenn man fände, daß er ganz geldlos reiste. „Nachdem diese Einrichtung getroffen war, legte sich der Pachter auf eine aus Stroh und Kleidern bereitete Streue nieder, ohne jedoch, wie sich leicht denken läßt, einzuschlafen. „Um Mitternacht kehrte die Bande nach Hause, mit verschiedenen gestohlenen Gegenständen versehen, und schwatzte über ihre Verrichtungen in einer Sprache, die den Pachter zittern machte. Bald wurde» sie gewahr, daß sie einen Gast hatten, und verlangten von Jean zu wissen, wie sie dazu gekommen sei. „'s ist ja der gute Pachter von Lochside, der arme Mann," erwiderte Jean; „er ist zu Newcastle gewesen, um Geld zu suchen, weil er seine Zinsen bezahlen wollte, der wackre Mann; aber nichts hat er bekommen können, und nun geht er nach Hause mit leerem Beutel und schwerem Herzen." „Kann wohl sein, Jean," sagte einer der DiebSgcsellcn, „aber wir wyllen doch seine Taschen ein Bißchen anfühlcn, um zu sehen, ob seine Geschichte wahr oder erlogen ist." Jean eiferte und tobte nach Kräften gegen diesen Bruch der Gastfreundschaft, aber sie vermochte damit den gefaßten Beschluß nicht zu ändern. Der 17 Pachter vernahm bald ihr Flüstern und die leisen Tritte an der Seite seines Lagers, und merkte ebenso, daß man seine Kleider durchsuchte. Als sie das Geld fanden, welches er auf Jean Gordons vorsichtigen Rath behalten hatte, hielten sie Rath, ob sie cs nehmen sollten oder nicht; die Geringfügigkeit der Summe jedoch, so wie Jeans heftige Gegenvorstellungen bestimmten sie dahin, es nicht zu nehmen. Sie zechten und gingen zur Ruhe- Sobald der Morgen dämmerte weckte Jean ihren Gast, führte sein Pferd, welches sie wohl gepflegt hatte, herbei, und begleitete ihn über eine Stunde Wegs bis aufdie Landstraße nach Lochside. Hier stellte sie ihm sein ganzes Eigenthum zurück und all seine ernstlich- sten Bitten konnten sie nicht dahinbringen, eine einzige Guinee an- zunehmen- „Von den altern Leuten zu Jedbourgh ist mir gesagt worden, daß alle Söhne Jeans an ein und demselben Tage zum Tode verur- theilt wurden. Es heißt, die Stimmen derJurp seien zu gleichen Theilen getheilt gewesen, plötzlich aber sei ein Freund der Gerechtigkeit, der während der ganzen Verhandlung geschlafen, erwacht und habe seine Stimme für die Verurtheilung gegeben, und zwar mit den cmpathischen Worten: „hängt sie all'auf!" Einheit ist in einer schottischen Jury nicht erforderlich, und folglich wurde das Schuldig erkannt. Jean war gegenwärtig und sagte blos: „der Herrhelfe demUnschuldigen an einem solchen Tage!" Ihr eigener Tod war von Umständen roher, gcwaltthätiger Art begleitet, was die arme Jean in vielfacher Hinsicht durchaus nicht verdiente. Unter andern schlimmen oder guten Seiten, wie cs der Leser nennen will, hatte sie auch die, eine beharrliche Anhängerin Jacobs zu sein. Sie warzu Carlisle an einem Jahrmarktstage, kurz nach dcmJahre i?4s, wo sie zum großen Mißfallen des Pöbels dieser Stadt, ihr politisches Glaubensbekcnntniß laut werden ließ. Eifrig in seiner Loyalität, sobald keine Gefahr dabei war, ganz im Verhältniß zu Guy Mannerlng. I. 2 18 seinerZahmheit, mit welcher ersichimJahri745 denHochländern ergeben hatte, verhängte der Pöbel über die arme Jean Gordon keine geringere Strafe, als die, im Flusse Eden ertränkt zu werden. Diese Operation erforderte einige Zeit, denn Jean war ein starkes Weib und brachte mit ihren Mördern ringend, den Kopf oft über's Wasser; und so oft sie dabei zu Worte kommen konnte, fuhr sie immer fort, ihre ausgesprochene Meinung zu bekräftigen. Als Kind und auf den Schauplätzen ihres ThunS und Treibens, hörte ich diese Geschichte oft erzählen und weinte bitterlich um die arme Jean Gordon. „Bevor ich die Gränzzigeuner verlasse, kann ich noch erwähnen, daß mein Großvater, als er über die Heide von Char- terhouse, damals ein weitläufiger Gemeindeplatz, ritt, plötzlich unter eine starke Bande dieser Leute gerieth, welche in einer, von Buschwerk umgebenen Vertiefung der Heide ihr Gelag hielten- Sie fielen sogleich mit lautem Willkommen seinem Pferd in den Zügel und riefen, (er war nämlich den meisten von ihnen bekannt,) daß sie auf seine Kosten geschmaust hätten, und er müsse nun anhalten und Theil an ihrer Freude nehmen. Mein Vorfahr war einigermaßen in Unruhe, denn er hatte, gleich dem Pächter von Lochside, gerade mehr Geld bei sich, als er in solcher Gesellschaft daran wagen konnte. Da er jedoch von Natur ein kühner und besonnener Mann war, so machte er die beste Miene zu der Sache, und setzte sich zu dem Mahle nieder, welches aus verschiedenem Wildpret,, Geflügel und dergleichen bestand, wie es nur immer nach der Art dieser Menschen zusammengeplündert sein konnte- Die Mahlzeit war übrigens recht lustig; aber mein Großvater erhielt von einem der altern Zigeuner einen Wink, sich zu entfernen, just da >Am tollsten Lust und Freude ward," 19 und indem er sonach sein Pferd bestieg, nahm er von seinen Wirthen einen französischen Abschied, ohne jedoch die geringste Verletzung der Gastfreundschaft zu erfahren. Ich glaube, Jean Gordon befand sich bei diesem Festmahle." — (Blackwoods Magazin B- I. S. 54.) Trotz des Unglücks, welches Jean'S Nachkommenschaft betraf, überlebte sie eine Enkelin, die ich gesehen zu haben mich erinnere; das heißt, so wie vr. Johnson eine dunkle Erinnerung von der Königin Anna, als einer stattlichen, schwarz gekleideten, mit Diamanten geschmückten Dame hatte, so weilt in meinem Gedächtnisse noch die feierliche Erscheinung einer Frau von mehr als weiblicher Höhe, gekleidet in ein rothes Gewand, die zuerst meine Bekanntschaft machte, indem sie mir einen Apfel gab, die ich jedoch mit ebenso viel scheuer Ehrfurcht betrachtete, wie der künftige Doctor, kirchliche Würdenträger und Tory, wozu ihn das Geschick bestimmt hatte, nur immer die Königin betrachten mochte. Ich denke, daß dieses Weib die Madge Gordon war, von welcher eine treffende Schilderung in demselben Artikel, der ihre Großmutter Jean beschreibt, gegeben ist, jedoch nicht von dem Schreiber dieser Blätter: — „Die verstorbene Madge Gordon galt zu dieser Zeit als Königin der Netholm Clans. Sie war, wie wir glauben, eine Enkelin der berühmten Jean Gordon, und soll dieser auch im Aeußern sehr ähnlich gewesen sein- Folgende Schilderung derselben ist dem Briefe eines Freundes entlehnt, der viele Jahre lang häufige und günstige Gelegenheiten fand, die charakteristischen Besonderheiten der Netholm-Stämme zu beobachten. — „Madge Gordon stammte von mütterlicher Seite von den Faas, und war an einen gewissen Noung verheirathet. Sie war eine merkwürdige Person — hatte etwas Gebieterisches, und maß beinah sechs Fuß. Sie hatte eine große Adlernase, 2 » 2V — durchdringende Augen, selbst noch im hohen Alter — volles, reiches Haar, welches ihr, unter einer Zigeunermütze von Stroh hervor, über die Schultern wallte — dabei trug sie einen kurzen Rock von eigenthümlichem Schnitt, und einen Stab, der fast so lang wie sie selber war- Ich entsinne mich ihrer sehr wohl; — jede Woche besuchte sie eines Almosens wegen meinen Bater, und ich, damals ein kleiner Knabe, betrachtete Madge mit einem nicht geringen Grade von Ehrfurcht und Scheu. Wenn sie heftig sprach, (sie pflegte sich sehr laut zu beklagen,) so stampfte sie mit ihrem Stab aus den Boden und nahm selbst eine Stellung an, die man unmöglich mit Gleichgiltigkeit betrachten konnte. Sie pflegte zu sagen, daß sie aus den entferntesten Theilen der Insel Freunde, um ihre Belästigungen zu rächen, herbeibringen könne, während sie ruhig in ihrer Hütte fitzen bliebe; und häufig rühmte sie sich, es sei eine Zeit gewesen, wo sie noch größern Einfluß besessen habe, denn bei ihrer Hochzeit hätten sich fünfzig gesattelte Esel befunden und ungcsaltelte Esel ohne Zahl. Wenn Jean Gor- don das Vorbild des Charakters der Mcg Merrilies war, so glaube ich, daß Madge dem unbekannten Verfasser zur Darstellung ihrer Person gesessen haben muß." — (Black- wood'S Magazin, Bd. I. S. 56 .) In wie weit der talentvolle Correspondent Blackwood's Recht hatte, in wie weit er in seiner Vermuthung irrte, darüber vermag der Leser selbst zu urtheilen. Wir gehen nun zu einem Charakter sehr verschiedener Art, zu Dominie Simson über; der Leser kann sich leicht denken, daß ein armer, bescheidner, demüthiger Gelehrter, der sich seine Bahn durch klassische Studien gebrochen, aber auf der Reise des Lebens unter den Wind gekommen ist, keine ungewöhnliche Erscheinung in einem Lande sein kann, wo eine gewisse Por- 21 tion von Gelehrsamkeit leicht von denen erworben werden kann, welche gern Hunger und Durst leiden, um dafür in Besitz des Griechischen und Lateinischen zu kommen. Aber es ist ein weit bestimmteres Vorbild des würdigen Dominie vorhanden, nach welchem die Rolle gezeichnet ist, welche Simson in dem Romane spielt, ein Vorbild, welches, aus gewissen beson- dern Gründen, nur ganz im allgemeinen nachgezeichnet werden mußte. Ein solcher Lehrer, wie Mr- Simson vermuthlich gewesen, war wirklich Erzieher in der Familie eines ziemlich vermögenden Herrn- Die jungen Bursche, seine Zöglinge, wuchsen auf und gingen in die Welt, während der Lehrer fortwährend bei der Familie wohnte — kein ungewöhnliches Verhältniß in Schottland, (in frühern Tagen nämlich,) wo man Brod und Obdach den armen Freunden und Untergebenen immer bereitwillig gewährte. Des LairdS Vorfahren waren unbebachtsam und unklug gewesen, er selber war leidend und unglücklich. Der Tod raffte seine Söhne hinweg, deren Fortkommen im Leben sein eigenes Mißgeschick hätte ausgleichen können. Schulden häuften, das Vermögen minderte sich, bis der Ruin einbrach. Das Gut ward verkauft, und der alte Mann war eben im Begriff das Haus seiner Vätsr zu verlassen, um zu gehen — er wußte nicht wohin, als er, gleich einem alten Hausgeräth, welches, in seinem Winkel gelassen, noch eine Zeitlang hält, aber in Stücke bricht, wenn man es entfernen will, auf seiner eigenen Schwelle vom Schlage getroffen niedersank. Der Lehrer erwachte wie ans einem Traume. Er sah, daß sein Beschützer todt war, und daß dessen einziges noch übriges Kind, ein alterndes Frauenzimmer, die jetzt weder schön noch liebenswürdig erschien, wenn sie überhaupt je das I 7 » 22 Eine oder das Andere gewesen, das Unglück hatte eine Hei- mathlose und aller Mittel beraubte Waise zu werden. Er redete sie fast mit den nämlichen Worten an, deren sich Simsen gegen Miß Bertram bedient, und erklärte seinen Entschluß, sie nicht zu verlassen. Er nahm daher Zuflucht zu seinen Talenten, welche lange geschlummert hatten, eröffnete eine kleine Schule, und unterstützte seines Wohlthätcrs Tochter für den Rest ihres Lebens, indem er sie mit derselben bescheidenen Unterwürfigkeit und ergebenen Aufmerksamkeit behandelte, die er ihr in den Tagen des Glückes erwiesen hatte. Dies ist der Umriß von Dominie Simson's wirklicher Geschichte, worein weder ein romanhafter Vorfall, noch eine sentimentale Leidenschaft gewebt ist; vielleicht wird aber die Gradheit und Einfachheit des Charakters, den sie darstellt, Theilnahme erwecken und das Auge des Lesers ebenso unwiderstehlich füllen, als wenn es einen erhabenen und feiner gebildeten Charakter beträfe. Diese einleitenden Bemerkungen über die Erzählung Guy Mannering und einige der darin vorkommenden Charaktere mögen in gegenwärtigem Falle den Verfasser wie den Leser der Mühe überheben, eine lange Reihe vereinzelter Anmerkungen zu schreiben und zu lesen. Abbotsford, Jan. igrs. Erstes Kapitel Als er rings auf die traurige Gegend schaute und nichts sah, als schwarze Felder und nackte Bäume, von Nebeln umdüsterte Hügel und überschwemmte Flächen, so mußte er sich gestehen, daß sich Melancholie auf einige Zeit seiner bemächtigte und er sich wohlbehalten nach Hause zurück wünschte. Reisen Will. MarvelS. Es war im Anfang des Monats November 17 —, als ein junger englischer Herr, der so eben die Universität Oxford verlassen hatte, die erlangte Freiheit dazu benutzte, einige Theile des nördlichen England zu besuchen, wobei er aus Neugier seine Tour bis an die nahe liegende Gränze des Schwesterlandes ausdehnte. Er hatte an dem Tage, mit welchem unsre Geschichte beginnt, einige Klosterruinen in der Grafschaft DumfrieS besucht und einen großen Theil des Tages darauf verwendet, von verschiedenen Punkten Zeichnungen davon aufzunehmen, so daß, als er sein Pferd bestieg um die Reise sortzusetzen, das kurze und schattige Zwielicht der Jahreszeit schon eingebrochen war. Sein Weg zog sich durch eine weite Strecke schwarzen Moorlandes, welches sich meilenweit zu jeder Seite und vor ihm ausbreitete. Kleine Erhöhungen erhoben sich wie Inseln über seiner Oberfläche, die 24 hier und da ein Stück Kornfeld trug, welches selbst in dieser Jahreszeit noch grün war, und zuweilen auch eine Hütte oder ein Gehöft, beschattet von einigen Weiden, und umgeben von großen Fliederbüschen. Diese inselartigen Wohnungen standen mit einander durch geschlängelte Pfade, die durch das Moorland gingen, in Verbindung, welche blos für die Eingebyr- nen gangbar waren- Die Landstraße war indeß in ziemlich gutem Stande und sicher, so daß die Aussicht, von der Nacht überfallen zu werden, nicht von wirklicher Gefahr begleitet schien. Doch ist es immer unbehaglich, allein und im Dunkeln durch eine unbekannte Gegend zu reisen, und es gibt wenig Gelegenheiten des gewöhnlichen Lebens, wobei die Einbildungskraft sich so erhitzt, wie es in einer Lage gleich der Mannerings der Fall war. Als das Licht schwächer und schwächer ward und der Moorboden schwärzer und schwärzer erschien, befragte unser Reisender jeden begegnenden Wandrer genauer, wie weit er noch bis zum Dorfe Kippletringan habe, wo er die Nacht zuzubringen gedachte. Seine Fragen wurden gewöhnlich durch eine Gegenfrage beantwortet in Bezug auf den Ort, woher er kam. So lange das Tageslicht noch hinreichend war, um die Kleidung und den Anstand eines Gentleman erkennen zu lassen, wurden jene Gegenfragen gewöhnlich in Form einer Voraussetzung gestellt, z. B. r „Bei der alten Abtei von Heiligkreuz ist der Herr gewesen? da kommen immer viel englische Gentlemen, um das Ding zu sehn." — Oder, „Der gnädige Herr kommt gewiß von Pouderloupats- haus?" Als aber nur noch die Stimme des Fragenden erkennbar war, so lautete die Antwort gewöhnlich: „Woher kommt ihr noch so spät in der Nacht, wie's jetzt ist?" oder, „ihr seid gewiß nicht hier zu Hause, Freund?" Die Antworten, wenn sie erlangt wurden, waren aber weder sehr übereinstimmend unter 25 einander, noch genau in der Nachricht, welche sie gaben- Anfangs war Kippletriugan „einen Katzensprung" entfernt; sodann ward der Katzensprung genauer bescdrieben als „etwa anderthalb Stunden," dann verminderten sich die anderthalb Stunden in „ein halb Stündchen," dann erweiterte sich dies wieder in „zwei Stunden und was darüber;" und endlich ward Guy Mannering von einer weiblichen Stimme, nachdem sie ein schreiendes Kind, welches die Sprecherin auf dem Arme trug, beruhigt hatte, die Versicherung gegeben, „es sei noch eine derbe, mühselige Strecke bis Kippletriugan und für Fußgänger ein beschwerlicher Weg." Der arme Klepper, den Mannering ritt, war wahrscheinlich ganz der Meinung des Weibes in Bezug auf den schlechten Weg; denn er begann sehr träge zu gehn, beantwortete jede Anwendung des Sporns mit einem Seufzer und stolperte über jeden Stein, der in seinem Wege lag, und es waren ihrer nicht wenige. Mannering ward nun ungeduldig. Das Erscheinen einiger schimmernden Lichter flößte ihm die trügerische Hoffnung ein, daß das Ziel seiner Reise nahe sei; als er jedoch näher kam, schwand seine Täuschung, indem er fand, daß der Lichtschimmer aus einem jener Landhöfe kam, welche hier und da die Oberfläche des ausgedehnten Moorlandes schmückten. Um seine Verwirrung vollständig zu machen, kam er endlich an eine Stelle, wo sich die Straße in zwei theilte- Wäre es hell genug gewesen, um die Reste eines Wegweisers, der dort stand zu Rathe zu ziehn, so würde dies doch wenig geholfen haben, da, nach der guten Gewohnheit Nordenglands, die Inschrift kurz nach der Errichtung ausgelöscht worden war. Unser Abenteurer ward daher, gleich einem irrenden Ritter der Vorzeit, genöthigt, der Klugheit seines Noffes zu vertrauen, welches ohne Zögern den Pfad zur Linken wählte, und mit etwas lebhafterem Schritt als zuvor vorwärts zu schreiten schien, wodurch es zugleich die Hoffnung erweckte, daß es wisse, sein Nachtquartier sei in der Nähe. Diese Hoffnung erfüllte sich indeß nicht so schnell, und Mannering, dessen Ungeduld jede Meile als drei erscheinen ließ, begann zu glauben, daß sich Kippletrtngan vor ihm in dem Ver- Hältniß entferne, als er vorwärts ritt. Der Himmel war jetzt sehr bewölkt, obwohl die Sterne von Zeit zu Zeit einen ungewissen Lichtschimmer liehen. Bisher war das Schweigen ringsum durch nichts unterbrochen worden, außer durch den dumpfen Ruf des Suwpfstiers, eine Art großer Rohrdommel, und durch das Wehen des Windes, der über das dürre Moorland hinstrich. Dazu kam nun noch das ferne Tosen des Meeres, dem sich, wie es schien, der Wandrer jetzt schnell näherte. Dieser Umstand diente nicht dazu, sein Herz leicht zu machen. Viele der Straßen dieses Landes gehen dem Seegestade entlang und sind daher der Fluth unterworfen, die sich zu bedeutender Höhe erhebt und mit reißender Schnelligkeit anwächst. Andre sind mit Kanälen und kleinen Buchten durchschnitten, die man zur Zeit der Ebbe hier passiren kann- Keiner dieser Umstände konnte zu einer dunkeln Nacht, für ein ermüdetes Pferd und einen Reisenden, der den Weg nicht kennt, paffen. Mannering beschloß daher, an dem ersten bewohnten, wenn auch noch so armseligen, Orte Halt zu machen, den er erreichen würde, wenn er nicht einen Führer zu dem heillosen Dorfe Kippletrin- gan erlangen könnte. Eine elende Hütte gab ihm Gelegenheit, seinen Vorsatz aus- zuführen. Mit nicht geringer Schwierigkeit machte er die Thür ausfindig, und klopfte einige Zeit, ohne eine andre Antwort zu erhalten, als ein Duett zwischen einer weiblichen Person und einem Kettenhund, welcher bellte, als wollte er sich das Herz aus dem Leibe bellen, während jene im Chorus mit kreischte- 27 Allmälig gewannen die menschlichen Töne die Oberhand; da aber das zornige Gebell des Hundes in demselben Augenblick in ein Geheul überging, so bleibt wahrscheinlich, daß ihn etwas mehr als gute Lungenkraft besiegte und beschwichtigte. „Daß der Teufel dich, Schreihals!" dies waren die ersten articulirtcn Worte, „soll ich vor deinem Gekläff nicht hören, was der Mann draußen will?" „Bin ich weit von Kippletringan, gute Frau?" „Von Kippletringan!!!" rief die Frau im Tone des höchsten Erstaunens, den wir nur schwach durch drei Ausrufungszeichen ausdrücken können; „Du meine Güte! da hättet ihr euch rechts -alten müssen, wenn ihr nach Kippletringan wollt — da müßt ihr zurück bis zur Höhe und dann immer im Hohlweg fort, bis ihr nach Ballenloan kommt, und hernach" — „Das bin ich nicht im Stande, gute Frau! Mein Pferd ist schon ganz entkräftet — könnt ihr mir nicht ein Nachtquartier geben?" „Das kann ich wirklich nicht — ich bin ein einsames Weib, denn der Jacob ist mit den Jahrkälbern nach Drumshourloch und ich darfdie Thür um alleWelt nicht so 'nein Springinsfeld öffnen-" „Aber was soll ich dann anfangen, gute Frau? Ich kann doch hier nicht die Nacht durch auf offner Straße schlafen." „Ja, da weiß ich keinen andern Rath, außer ihr geht nach dem Hofe drüben. Sie nehmen euch da gewiß auf, mögt ihr vornehm sein oder simpel " „Simpel genug, daß ich zu solcher Zeit der Nacht hier wandere," dachte Mannering, der die Bedeutung jener Redensart nicht kannte; „aber wie soll ich nach dem Hofe kommen, wie ihr es nennt?" „Ihr müßt euch beim Kreuzwege rechts halten, und dann immer entlang" — 28 „O, wenn ihr mir wieder mit rechts und links kommt, so bin ich verloren! — Ist Niemand da, der mich zu jenem Hofe führen könnte? ich will ihn gut bezahlen." Das Wort bezahlen wirkte wie ein Zauberspruch. „Hans, du Schlingel," rief die Stimme drinnen, „liegst Du da und schnarchst, und ein junger Gentleman sucht den Weg nach dem Hofe? Steh'auf, fauler Hans und weis'ihm den Weg durch den Moor.— Er soll euch den Weg zeigen, Sir, und ihr werdet ganz sicher guten Empfang finden, denn sie weisen nie Jemand von der Thür. Und ihr werdet, denk' ich, just zur rechten Zeit kommen, denn des Lairds Diener — das heißt nicht gerade der Kammerdiener, aber der Reitknecht oder so etwas — der ritt heut Abend, um die Wehmutter zu holen, und er hielt nur an, und trank zwei Krüge Dünnbier leer, um uns zu erzählen, daß die gnäd'ge Frau der Niederkunft gewärtig wäre." „Vielleicht," sagte Mannering, „dürfte ihnen zu solcher Zeit die Ankunft eines Fremden lästig fallen." „Ei, darum seid nur nicht besorgt; ihr Haus ist weit zur Gnüge, und Kindtaufzeit ist lustige Zeit " Währenddem hatte Hans seinen Weg durch all die Jrrgänge eines zerrissenen Kittels und eines noch zerriffenern Paars Hosen gefunden, und sprang hervor, ein großer weißköpfiger, barfüßiger, stämmiger Junge von zwölf Jahren, wie er nun beim Schimmer eines Binsenlichtes erschien, welches seine halbnackte Mutter auf eine solche Weise hielt, daß fie den Fremden betrachten konnte, ohne sich selbst dem Auge desselben allzusehr darzustellen. Hans bewegte sich vom Ende des Hauses westwärts, Mannerings Pferd am Zaum führend, welches er mit Geschick auf dem kleinen Pfade hinleitete, der sich längs dem schrecklichen Moorgrunde hinzog, dessen Nähe sich dem Fremden durch mehr als einen Sinn kundthat- Der Führer zerrte sodann den müden 29 Klepper auf einem holperigen, steinigen Fahrwege weiter, ferner über ein gepflügtes Feld, darauf brach er eine Lücke, wie er es nannte, durch eine Lehmwand, und zog das nicht widerstrebende Thier durch die Bresche, während ein gutes Stück dieses Mauerwerks polternd nachstürzte. Endlich geleitete er durch ein Psört- chcn in Etwas, was ungefähr wie ein Baumgang auSsah, obwohl viele der Bäume gefällt waren. Das Brausen des Meeres erscholl jetzt nah und deutlich, und der Mond, der sich zu zeigen begann, beschien ein mit Thürmcn versehenes und scheinbar in Trümmer zerfallenes Gebäude von beträchtlichem Umfang. Mannering heftete sein Auge mit trostlosen Gefühlen auf dasselbe- „Ei, mein kleiner Mann," sagte er, „das ist eine Ruine, aber kein Haus!" „Ja, aber die Lairds lebten seit Menschengedenkcn da — das ist der alte Stammsitz Ellangowan; drin soll es auch nicht richtig mit Gespenstern sein — aber ihr braucht euch nicht zu fürchten — ich habe nie so was gesehen, und hier sind wir schon an dem Thor zum neuen Haus." Demnach ließ man die Ruinen zur Rechten und nach wenigen Schritten gelangte der Reisende vor die Fronte eines modernen Hauses von mäßiger Größe, an dessen Thür der Führer mit Heftigkeit klopfte- Dem erscheinenden Diener berichtete Mannering seine Umstände, und der Herr vom Hause, der die Erzählung aus seinem Wohnzimmer angehört hatte, trat jetzt herzu und bcwillkommnete den Fremden gastfreundlich in Ellangowan. Der durch eine halbe Krone glücklich gemachte Knabe ward nach seiner Hütte entlassen, das müde Roß ward zum Stall geführt, und Mannering selbst befand sich nach wenigen Minuten bei einem comfortablen Abendessen, wozu ihm der Ritt in kühler Nacht einen tüchtigen Appetit gegeben hatte. Zweites Kapitel. — — — Schlich zu mir Hern» tlnd fchuitt vom besten Theile meines Landes 'neu großen Halbmond, ein gewaltig Stück ab. Heinrich IV. Th eil I. Die Gesellschaft im Wohnzimmer zu Ellangowan bestand aus dem Laird und einer Person, die dem Aeußern nach der Dorfschulmeister oder vielleicht der Substitut des Pfarrers sein konnte; sein Auzug war zu schäbig, als daß er der Pfarrer selbst hätte sein können, zumal da er eben beim Laird zu Besuch war. Der Laird war einer von jenen Edelleuten vom zweiten Rang, wie man sie häufig auf Landsitzen findet. Fielding beschrieb eine Klasse derselben als keras consumere n-ati; aber die Liebe zur Jagd zeigt doch eine gewisse Lebhaftigkeit des Geistes an, die Mr. Bertram verlassen hatte, wofern er sie überhaupt jemals besaß. Eine gutmüthige Sorglosigkeit bildete den einzigen auffälligen Ausdruck seiner Züge, die indcß ziemlich einnehmend waren. In der That, seine Physiognomie kündete die Leere des Characters an, die durch sein ganzes Leben ging. Ich will den Leser einen Blick auf seinen Stand und seine Unterhaltungsweise thun lassen, bevor er eine lange Vorlesung an Mannering beendet hat, betreffend die 31 Zweckmäßigkeit und den Nutzen, den es hat, wenn man seine Steigbügel mit Strohwischen umwickelt, sobald man an einem kühlen Abende reiten muß. Gottfried Bertram von Ellangowan erbte einen großen Stammbaum und eine kleine Einnahme, wie so manche Lairds jener Periode. Das Register seiner Ahnen stieg so hoch hinauf, daß es sich in die barbarischen Zeiten heidnischer Unabhängigkeit verlor; und so trug sein Stammbaum, außer den Christen- und Kreuzfahrernamen Gottfried, Gilbert, Dennis und Roland, ohne Ende, auch noch heidnische Früchte dunklerer Zeiten, Arth's, und Knarth'S, und Donagild's, und Hanlon's. Wirklich waren sie früher die stürmischen Gebieter eines wüsten, aber ausgedehnten Besitzthums gewesen, so wie die Häupter eines zahlreichen Stammes, genannt Mac-Dingawain, obwohl sie später den normannischen Namen Bertram führten. Sie hatten Krieg gemacht, Rebellionen angestiftet, waren geschlagen, geköpft und gehängt worden, wie es sich für eine Familie von Bedeutung im Laufe vieler Jahrhunderte ziemt. Allmälig hatten sie mehr und mehr Gebiet in der Welt verloren und, während sie früher die Häupter von Verraih und verrätberischen Verschwörungen gewesen, waren die Bertram's oder Mac-Dingawaies von Ellangowan zu untergeordneten Mitverschwornen herabgesunken. Am unheilvollsten ward diese Nolle für sie im siebzehnten Jahrhundert, wo ihnen der böse Feind einen Geist des Widerspruchs einflößte, welcher sie in förmlichen Streit mit den herrschenden Mächten verwickelte. Sie handelten ganz anders als der berühmte Vikar von Bray und hielten sich so hartnäckig zu der schwächer» Seite, wie jener würdige Geistliche zur stärkern. Und wirklich ward ihnen, gleich ihm, ihr Lohn. Allan Bertram von Ellangowan, welcher blühete tempore caroli primi, war, wie mein Gewährsmann, Sir Robert Douglas, 32 in seiner „Schottischen Baronie," (siehe den Artikel Ellangowan,) sagt, „ein standhafter Lopalist und voll Eifers für die Sache Sr. geheiligten Majestät, für welche er sich mit dem großen MarguiS von Montrose und andern wahrhaft eifrigen und ehrenhaften Patrioten verband, und überdies brachte er der Sache große Opfer- Die Ehre der Ritterwürde war ihm von Sr. geheiligten Majestät verliehen worden, und 1 642 ward er vom Parlamente als Uebelge- sinnter mit Sequester belegt, so wie später abermals, im Jahr 1 648, als Neuerungssüchtiger." — Diese beiden ganz verschiedenen Benennungen, Uebelgesinnter und Neuerungssüchtiger (in Glaubenssachen,) kosteten dem armen Sir Allan die eine Hälfte seines Familiengutes. Sein Sohn Dennis Bertram heirathete dieTochter eines vornehmen Fanatikers, welcher eine Stelle im Staatsrath hatte, und rettete durch diese Verbindung die Neste seines Familien- eigcnthums. Leider aber geschah es, daß er sich eben so sehr in die Grundsätze wie in dieReize seinerGemah lin verliebte,und der obengenannte Autor charakterisirt ihn folgendermaßen: „Er war ein Mann von vorzüglichem Talent und Entschlossenheit, und aus diesem Grunde ward er auch von den westlichen Grafschaften zum MitgliededeS AusschufscsvonEdelnundHerren gewählt, welcher ihre Beschwerden, in Betreff des Einfalles der Hochländer im Jahr 1678, dem geheimen Nathe Karls II. vorlegen sollte." Wegen dieses patriotischen Werkes verfiel er in eine Geldbuße, und um diese zu bezahlen, mußte er die übrige Hälfte seines väterlichen Erbes verpfänden. Dieser Verlust hätte durch strenge Sparsamkeit ersetzt werden können, doch als Argples Aufruhrzum Ausbruch kam, kam Denis Bertram wieder bei der Regierung in Verdacht und wurde nach Schloß Dunnotar an derKüste desMcarns geschickt, wo er den Hals brach, indem er versuchte, aus der unterirdischen Wohnung, Whigs Halle genannt, wo er mit achtzig seiner Genossen saß, zu entfliehen. Der Pfandinhaber trat daher den Besitz an und schnitt, 33 wie sich Heißsporn ausdrückt, «heranschleichend," ein zweites großes Stück vom Familieneigenthum los. Donohoc Bertram, mit einem etwas irländisch klingenden Namen und mit etwas irländischem Charakter, erbte nun das verminderte Besitzthum von Ellangowan. Er wies den ehrwürdigen Aaron Macbriar, seiner Mutter Kaplan zur Thür hinaus, (man sagt, sie wären um die Gunst einer Viehmagd in Streit gerathen,) betrank sich täglich in Gesundheiten auf den König, den Staatsrath und die Bischöfe, hielt Orgien mit dem Laird von Lagg, TheophiluS Oglethorpe und Sir James Turner, und nahm endlich seinen Grauschimmel und verband sich mit Clavers zu Killie- krankie. Im Gefecht beiDunkeld, 1689, ward er von einem Cameronier mit einem silbernen Knopf todt geschossen, (weil man ihn gegen Blei und Stahl mit Hilfe des Bösen für fest hielt,) und sein Grab heißt noch jetzt des „Gottlosen Lands Lager." Sein Sohn Levis besaß mehr Klugheit, als sonst der Familie eigen gewesen zu sein scheint. Er hielt das geringe Eigenthum wohl zu Rathe, was ihm noch geblieben; denn Donohoe'S Ausschweifungen, sowie neue Geldbußen und Confiscirungen hatten wieder einen Theil des Vermögens geraubt. Und obwohl auch er dem Verhängnisse nicht entging, welches die Lairds von Ellangowan verleitete, sich in politische Händel zu mischen, so war er doch klug genug, eh' er mit Lord Kenmore im Jahr 1715 auszog, sein Vermögen Vormündern zu übergeben, um Bußen und Geldstrafen auszuweichen, im Fall, daß der Graf Mar mit Einrichtung der protestantischen Thronfolge nicht zu Stande käme. Aber, Scylla und Charybdis — wie die Weisen sagten! er rettete sein Vermögen blos auf Kosten eines Protestes, welcher das Familieneigenthum wieder schmälerte- Er war indeß ein Mann von Entschlossenheit- Er verkaufte einen Theil scinerLändereicn, und zog aus dem alten Schlosse, worin die Familie in ihren beschränkten Umständen, (so G»>) Mamiering. I. 3 sagte ein alter Pächter,) gleich der Maus unter einer Falle lebte. Indem er einen Theil dieser ehrwürdigen Ruinen niederriß, baute er mit den Steinen ein schmales Haus, drei Stockwerk hoch, mit einer Fronte gleich einer Grenadiermutze, die gerade in der Mitte ein rundes Fensterhatte, gleich dem einzelnen Auge eines Cyclopen; sodann zwei Fenster an jeder Seite und eine Thür in der Mitte, welche zu einem Gesellschaftszimmer und Nebengemach, mit allen Arten von Zwielichtern erfüllt, führte. Dies war das neue Schloß Ellangowan, wo wir unfern Helden, vielleicht besser unterhalten, als unsere Leser, zurückließcn, und dorthin zog dieser Lewis Bertram zurück, voll von Plänen, wie er das Glück seiner Familie Herstellen könne. Er übernahm selbst einige Ländereiem pachtete einige von benachbarten Eigen- thümern, kaufte und verkaufte hochländisches Rindvieh und spanische Schafe, ritt aufJahrmärkte und Kirchmeffen, schloß schwierige Käufe ab, und fügte sich der Nothwendigkcit, so weit es nur möglich. Aber was er im Geldkasten sammelte, verlor er an Ehre, denn dergleichen landmännischc und merkantilische Geschäfte wurden von den benachbarten Lairds scheel angesehen, welche an nichts dachten, als an Hahngefechtc, Jagden, Wettrennen und zur Abwechslung etwa an ein verzweifeltes Duell. Die Geschäfte, denen er nachging, thaten, ihrer Meinung nach, der Würde von Ellango- wans altem Adel Abbruch, und er sah sich genöthigt, sich allmälig ihrer Gesellschaft zu entfremden und zu dem Range eines adeligen Pächters -erabzusinken, welches damals für einen sehr zweideutigen Charakter galt. Inmitten dieser Pläne forderte der Tod seinen Tribut, und Gottfried Bertram, der gegenwärtige Besitzer, sein einziger Sohn, erbte die kärglichen Reste eines großen Besitzthums. Das Gefahrvolle bei den Speculationen des Vaters ward nun bald sichtbar. Da die Geschäfte seiner persönlichen und thätigen Oberaufsicht ermangelten,schlugensieentwedersehl, oder erschienen 35 unsicher und mit Gefahr verknüpft- Ohne nur einen Funken der Thatkraft zu besitzen, die solchen Unfällen entweder vorbeugt oder sie überwindet, setzte Gottfried sein Vertrauen auf die Thiitigkeit Anderer. Er hielt weder Jäger, noch Hunde, noch andere Präliminarien des Untergangs; doch hielt er, wie seine Nachbarn wohl bemerkt hatten, einen Geschäftsführer, der ebensogut für seinen Ruin sorgte. Unter dieses Herren Aufsicht wurden kleine Schulden groß, Zinsen wurden auf Kapitale gehäuft, einlösbare Pfänder wurden erblich, und die Masse der Gerichtskosten wuchs bedeutend; Ellangowanbesaß so wenig denGeisteines Proceßsüch- tigen, daß er in zwei Fällen verurtheilt ward, die Kosten eines langwierigen Rechtshandels zu zahlen, obwohl er niczuvorgehört hatte, daß dergleichen bei den Gerichten im Gangesei. Unterdessen sagten die Nachbarn seinen endlichen Untergang voraus. Die von höherm Range betrachteten ihn schon mit einiger Schadenfreude als einen heruntergekommenen Standesgenossen. Die niedern Klaffen, die nichts Beneidenswerthes in seiner Lage bemerkten, schenkten seinen Verlegenheiten ein größeres Mitleid. Er galt sogar als eine Art von Günstling unter ihnen, und bei Vertheilung von Gemeindeplätzen, oder wenn über Krebsfang und Wilddieberei verhandelt wurde, oder bei ähnlichen Gelegenheiten, wenn sie sich von dem Adel bedrückt glaubten, pflegten sie zu einander zu sagen: „Ja, wenn Ellangowa», der brave Mann, noch das wäre, was einst seine Vorfahren waren, er würde nicht dulden, daß man das arme Volk so mit Füßen träte." Jndeß hinderte sie diese gute Gesinnung keineswegs, ihn bei allen möglichen Gelcgenbeiten zu be- vortheilen, sie trieben ihr Vieh in sein Gehege, stahlen sein Holz, schossen sein Wild, und so weiter, „denn derLaird, der braveMann, wird ja das nicht merken, — er macht nie Aufhebens davon, was ein armer Kerl thut " — Krämer, Zigeuner, Kesselflicker, Landstreicher aller Art hausten in seinen Wirthschaftsgebäuden, oder 3° 36 herbergtcn in seiner Küche; nnd der Laird, der „kein durchtriebner Bursch," abereingemütblicherKlatschgevatter war, gleich den mei- stenschwachenMenschcn, fand seine Gastfreundschaft durch das Vergnügen belohnt, jene nach den Neuigkeiten der Landschaft ausforschen zu können. EinUmstand verzögerte EllangvwanS Lauf aufderHeerstraße zum Untergang. Dies war seine Verheirathunq mit einer Dame, welche ungefähr viertausend Pfund Vermögen besaß. Niemand in der Nachbarschaft konnte begreifen, warum sie ihn heirathete und ihres Geldes theilhaft machte, wenn es nicht darum geschah, weil er schlank und hübsch gewachsen war, angenehme Züge, ein freundliches Benehmen und die vollkommensteGuimüthigkeit besaß. Dazu mochte noch kommen, daß sie selbst in dem bedenklichen Alter von acht und zwanzig stand, und keine nahen Vewandten hatte, die ihre Handlungen oder ihre Wahl leiten konnten. Es geschah dieser Dame wegen (die sich zum erstenmal nach ihrer Verheirathung in den Wochen befand), daß der schnelle Bote, dessen die alte Dame in der Hüte erwähnte, gerade in der Nacht, wo Mannering ankam, nach Kipplctringen abgefertigt wurde. Nachdem wir so viel von dem Laird selbst gesagt haben, bleibt noch übrig, daß wir den Leser einigermaßen mit seinem Gefährten bekannt machen. Dies war Abel Simson, den man auch gewöhnlich, weil er sich den Geschäften eines Pädagogen gewidmet hatte, Do- minie Simson nannte.. Er war von niederer Herkunft, hatte aber schon von der Wiege an einen solchen Ernst des Charakters an den Tag gelegt, daß seine armen Eltern dadurch zu der Hoffnung er- muthigt wurden, ihr Goldsöhnchen werde, wie sie sich ausdrückten, „einst mit dem Kopse noch auf der Kanzel herumwackeln." Zn der ehrgeizigen Erwartung solch einer Erhöhung sparten und darbten sie, standen früh auf und legten sich spät nieder, aßen trocken Brod und tranken kalt Wasser, um ihrem Abel die Mittel zum Studieren 37 zu sichern. Unterdessen machten ihn seine große, unschöne Gestalt, seine schweigsamen und gravitätischen Manieren, die groteske Weise, wie er seine Glieder bewegte, und die Gesichter, die er schnitt, wenn er seine Aufgabe hersagte, zum Gelächter aller seiner Schulkameraden. Dieselben Eigenschaften sicherten ihm auf der hohen Schule zu Glasgow in reichem Maaße dieselbe Art von Berühmtheit. Die Hälfte des jugendlichen Pöbels „aus den Höfen" pflegte sich regelmäßig zu versammeln, um Dominie Simson zu sehn (denn diesen Ehrentitel hatte er bereits erlangt), wie er die Treppe von der griechischen Klaffe Herabstieg, mit seinem Lexicon unter dem Arm, die langen, Mißgestalten Beine spreizend, mit denen er linkisch im Takt mit seinen ungeheuren Schulterblättern blieb, welche den abgetragenen, fadenscheinigen schwarzen Nock, seine beständige und einzige Tracht, bald herauf, bald herab drückten. Wenn er sprach,so warendie Anstrengungendes Professors (obwohl er Professor der Gottesgelehrtheit war) durchaus nicht fähig, das unauslöschliche Gelächter der Commilitonen zu zügeln, ja bisweilen vermochte der Professor sein eigenes nicht zu unterdrücken. Das lange hagere Gesicht, die glotzenden Augen, die ungeheure Unterkinnlade, deren Oeffnen und Schließen keineswegs Akt eines freien Willens zu sein schien, sondern wie durch eine im innern Menschen angebrachteMaschinerie sank und stieg, — dierauhe und mißtönende Stimme und die eulenartigen Töne, zu welchen sie sich erhob, wenn er aufgefordert ward, deutlicher zu sprechen, — Alles dies, sammt dem abgeschabten Rock und zerrissenen Schuhen, die seitJuvenalS Zeiten Gegenstände der Neckerei an armen Gelehrten waren, bot stets neuen Stoff zur Belustigung dar. Man kannte keinen Fall, wo sich Simson über diese üble Behandlung empfindlich gezeigt, oder den mindesten Versuch, sie seinen Quälern zu vergelten, gemacht hätte. Er schlich sich auf den geheimsten Wegen, die er entdecken konnte, aus dem Collegium, und verbarg sich in seine elende 38 Wohnung, wo er, für achtzehn Pence die Woche, die Wohlthat eines Strohsacks genoß, und wenn seine Wirthin bei guter Laune war, seinen Studien auch wohl bei ihrem Feuer obliegen durfte. Bei all diesem Mißgeschick erwarb er sich gute Kenntniß des Griechischen und Lateinischen, und machte sich auch ziemlich bekannt mit den übrigen Zweigen des Wissens. Im Laufe der Zeit erhielt Abel Simson, als Kandidat der Theologie, die Erlaubniß zu predigen. Doch, ach! theils seiner eigenen Schüchternheit wegen, theils der großen Lachlust wegen, welche die Versammlung bei seinem ersten Auftritt befiel, fühlte er sich gänzlich unfähig, in der beabsichtigten Rede fortzufahren, stotterte, räusperte sich, rollte die Augen abscheulich hin und her, bis die Versammlung glaubte, sie würden ihm aus dem Kopse fahren, dann schlug er die Bibel zu, stolperte die Kanzelstufen hinab, fast über die alten Weiber fallend, die dort gewöhnlich ihren Platz hatten, und seit dieser Zeit hieß er nicht anders, als der steckengebliebene Kandidat. Und so begab er sich nach seiner Heimath, mit vernichteten Hoffnungen und Plänen, zurück, um die Armuth seiner Aeltcrn zu theile». Da er weder Freund noch Vertraute, ja nicht einmal einen Bekannten hatte, so warNiemand im Stande zu beobachten, wie Dominic Simson ein Mißgeschick ertrug, welches dem ganzen Orte eine Woche lang Stoff zu Scherzen gab. Wir würden nicht zu Ende kommen, wenn wir die unzähligen Späße, die bei der Gelegenheit zum Vorschein kamen, alle erwähnen wollten, von einer Ballade, genannt Simson's Räthsel, die ein junger Philolog in Folge des Vorfalls schrieb, bis zu der schalkhaften Hoffnung des Pfarrers, daß der Flüchtling nicht, gleich seinem gewaltigen Namensvetter, die Thürflügel des Collegiums mit sich genommen habe» möge- Allem Anschein nach, blieb der Glcichmuth Simsons uncrschüt- tert- Er suchte seine Eltern durch Stundengeben zu unterstützen, Z 39 und bald hatte er Schüler in Menge, aber sehr geringe Einnahme, Erlehrte die Söhne der Pächter für soviel, als ihnen zu geben beliebte, und die Armen für nichts; und zur Schande der erster» sei cs gesagt, daß der Lohn des Lehrers nie dem eines geschickten Ackermanns gleichkam. Er schrieb indeß eine gute Hand und vermehrte seine geringe Einnahme ein wenig dadurch, daß er Rechnungen copirie und Briefe für Ellangowan schrieb. Nach und nach gewöhnte sich der Laird, welcher der größern Gesellschaft sehr entfremdet war, ganz besonders an die des Abel Simson. Von Unterhaltung war allerdings nicht die Rede, aber der„Dominie" war ein guter Zuhörer und wußte das Feuer geschickt anzuschüren. Er versuchte sich sogar im Lichterputzen, aber nicht mit Erfolg, und verließ diesen Ehrenposten der Höflichkeit, nachdem er das Zimmer zweimal in totale Finsterniß versetzt hatte. So waren seine Artigkeiten darauf beschränkt, daß er sein Bierglas genau im nämlichen Augenblick mit dem Laird ergriff und am Schluffe der langen und weitschweifigen Erzählungen Ellangowans ein dumpfes Beifalls- gemurmcl hören ließ. Bei einer solchen Gelegenheit war cs, wo er Mannering zum erstenmal seine lange, hagere, linkische und knochige Figur zeigte, gekleidet in einen abgetragnen schwarzen Rock, während ein buntes, nicht allzu reinliches Halstuch seinen sehnigen, dürren Hals umfing. Außerdem trug er graue Beinkleider, dunkelblaue Strümpfe, benagelte Schuhe und kleine kupferne Schnallen. So stellten wir in derKürze das Leben und die Umstände der beiden Personen dar, in deren Gesellschaft sich Mannering nun behaglich fand. Drittes Kapitel. Erthellt nicht jeder Zeit Geschichte Von Wahrsagungen »ns Berichte, Wie jegliche Begebenheit Von Astrologe» ward prophezeit, Von Chaldäern, kundig ihres Fachs, Und solchen, die schriebe» AlmanachS? H u d i b r a S. Die Umstände der Dame vom Hause wurden Mannering erklärt, erstlich als eine Entschuldigung dafür, daß sie nicht erschien den Gast zu bewillkommnen, so wie für die Mängel an seiner Bewirthung, welche ihre Aufmerksamkeit sonst verbessert haben würde, und sodann auch als Rechtfertigung des Umstandes, daß man ihm eine Flasche guten Weins mehr aufnöthigte- „Ich kann nicht wohl schlafen," sagte der Laird mit dembe- sorglichen Ausdrucke eines Vaters unter solchen Verhältnissen, „bis ich höre, daß Alles vorbei ist — und wenn Sie, Sir, nicht allzuschläfrig sind und mir und dem geistlichen Herrn die Ehre erweisen wollen, mit uns aufzubleiben, so denk' ich, wir werden Sie nicht allzulange aufhalten. Luckie Howatson ist sehr flink; — da war 'ne Dirne einmal in solchen Umständen — sie lebte hier in der Nähe — Sie brauchen nicht mit dem Kopse zu schütteln und zu seufzen, Dominie — 's ist gewiß, sie hat die Kirchgcbühren be- 41 zahlt, wie sich's gehört, und was kann ein Mensch mehr verlangen? — sie ist seitdem doch unter die Haube gekommen, und der Mann, der sie heirathete, kümmerte sich nicht im Geringsten um das vorige kleine Mißgeschick-'— Sie leben an der Secküste, Mr- Manncri'ng, bei Annan, und ein anständigeres, ordentlicheres Paar kann man nicht wünschen, und dabei haben sie sechs Jungen, so munter und frisch wie die Fische im Wasser; und der kleine artige Gottfried, (das ist der älteste, der so zu sagen wider Willen angekommen), der ist am Bord eines Zollschiffes — ich habe selbst einen Vetter am BordeinesZollschiffs — das ist der CommiffärBertram; er erwarb seine Commissärstelle in dem großen Streit um die Grafschaft, wovon Sie gehört haben muffen, denn die Sache kam vor's Haus der Gemeinen,-nun sollte ich dasürdenLairdvonBal- ruddcrp gestimmt haben; doch mein Vater, müssen Sie wissen, hing dem König Jacob an, er zog mitKenmore aus, und so legte er den Eid nie ab; ich weiß nicht recht zu sagen, wie cs kam, aber sie ließen mich von der Liste, wiewohl mein Geschäftsträger eingetragen ward, — doch, um zurückzukommen auf das, was ich von der Dirne sagte, Luckie Howatson ist so gewandt"- Hier ward die unzusammenhängende und weitschweifige Rede des Lairds durch eine Stimme unterbrochen, welche sich aus der Treppe von der Speisekammer herauf näherte, und laut sang. Die hohen Töne waren zu gellend für einen Mann, die tiefen schienen dagegen viel zu tief für ein Weib. DieWorte, so weit sie Mannering unterscheiden konnte, lauteten etwa so: »Gut ist, was da kommt, zuletzt; Ob die Fra» genesen jetzt; Ob es Knab', ob Mägdlein sei, Sprechen wir'S Gebet dabei." „'S ist Meg Merrilies, die Zigeunerin, so wahr ich ein armer Sünder!" sagte Mr. Bertram. Simson seufzte tief, schlug die ge- kreuzten Beine auseinander, zog seinen krummen, erst ausgestreckten Fuß ein und brachte ihn in perpendiculäre Lage, während er nun das andre Bein darüber legte, und blies absatzweise dicke TabackSwolken von sich. „Was gibt's zu stöhnen, Dominic? Ich glaube sicher, Meg's Gesang bedeutet nichts Nebles." „Auch nichts Gutes," antwortete Dominie Simson, mit einer Stimme, deren monotone Rauheit der Unbeholfenheit seiner Figur entsprach. Es waren die ersten Worte, die Mannering von ihm hörte; und da er mit einiger Neugier darauf gewartet hatte, daß dies essende, trinkende, sich bewegende und rauchende Automat auch Worte von sich geben möchte, soergötzte er sich höchlich an den rauhen, hölzernen Tönen, die er ausstieß. Aber in diesem Augenblick öffnete sich die Thür und Meg Merrilies trat ein. Mannering ward von ihrem Anblick überrascht. Sie war volle sechs Fußhoch, trug einen Mannsrock über ihrer übrigen Kleidung, hatte einen Schleedornknittel in der Hand und schien nach all ihren Kleidungsstücken, mit Ausnahme der Unterröcke, eher ein männliches, als ein weibliches Wesen. Ihre dunkeln Locken starrten gleich den Schlangen des Gorgonenhaupls unter einer altmodischen Mütze, Fallhut genannt, hervor, und erhöhten den sonderbaren Ausdruck ihrer harten verwitterten Züge, die sie zum Theil bedeckten, während das wilde Rollen ihres Auges wirklichen oder erkünstelten Wahnsinn anzeigte- „Ei, Ellaugowan," sagte.sie, „war das auch recht, daß Ihr die Dame zu Bett brachtet, während ich auf dem Jahrmarkt zu Drumshourloch war, und kein Wort davon wußte oder träumte? Wer sollte die Kobolde abhalten, sagt mir? Ja, und die Alpe und Druden von dem hübschen Jungen, er sei gesegnet, abwehren? Ja, und wer sollte St. Colme's Spruch für das Kind beten?^ Uno ohne eine Antwort abzuwaricn, begann sie zu singen: 43 „Klee, JvhanniSkrnut und Dill Hindern, was die Hexe will; Jedem Heil, der fasten mag Streng auf St, Andreastag, Hcilge Mutter und Kind. St. Colme und die Kah, St. Michael und sein Speer dazu Halten das HauS vor'm Teufel in Ruh." Diesen Spruch sang sie nach einer wilden Weise mit hoher und gellender Stimme, und nachdem sie drei Sprünge mit solcher Kraft und Behendigkeit gcthan hatte, daß sic dabei fast die Decke des Zimmers berührte, sagte sie: »Und nun, Laird, werdet Ihr mir wohl ein Glas Branntwein bringen lassen?" „Das sollst du haben, Meg — setz' dich dort an die Thür, und erzähl' uns, was du Neues auf dem Jahrmarkt zu Drums- hourloch gehört hast." „Wirklich, Laird, Ihr und Eures gleichen sollte da gewesen sein; denn hübschere Dirnen gab's da die Menge, aber Niemand, der ihnen Handgeld geben mochte," „Wohl, Meg, und wie viel Zigeunerinnen find gefangen gesetzt worden?" „Nur drei, Laird, denn mehr waren nicht beim Jahrmarkt, außer mir; aber ich gab bei Zeiten Fersengeld, denn mildem Gerichtsvolk ist nicht gut auskommen. Nun hat auch Dunbog den Red Rotten und John Joung aus seinem Gebiete gewiesen — die Pest über ihn! er ist kein Edelmann, kein Tropfen edles Blut in ihm; was schadet's ihm, wenn zwei arme Menschen Obdach in seinem weiten Hause haben oder ein Stück Holz nehmen, um ihr armes Rebhuhn dabei zu kochen? Doch, sei es immerhin so — wir werdcn's erleben, daß ihm einmal früh vor Tagesanbruch der rothe Hahn um's Dach fliegt-" 44 „Still, Meg, still! still! das sind verfängliche Reden!" „Was meint sie damit?" sagte Mannering in leisem Tone zu Simson. „Feuer anlegen," antwortete der lakonische Gelehrte. „Wer oder was ist sie, ich bitte Sie?" „Hure, Diebin, Here, Zigeunerin," antwortete Simson auf gleiche Weise. „Fürwahr, Laird," fuhr Meg während dieser Zwischenrede fort, „nur solchen, wir Ihr seid, kann man sein Herz öffnen; Ihr seid ein ächtcr Edelmann, wie Eure Familie edelavar, von vielen hundert Jahren her; aber Ihr jagt auch nicht armes Volk aus eurem Gebiet, und durch die unfern kommt Euch auch nichts abhanden, und hättet Ihr so viel Kapaunen auf dem Hof, als Blätter am Baum. — Und nun mag Jemand von Euch seine Uhr zur Haud nehmen und mir genau die Minute der Stunde angeben, wann der Junker geboren wird, damit ich sein Schicksal sage." „Ei, Meg, diesmal werden wir Eures Beistandes nicht bedürfen, denn hier ist ein Student aus Oxford, der versteht es besser als ihr, wie man das Schicksal verkündigt — er liest es aus den Sternen." „Allerdings, Sir," sagte Mannering, der in die gutmüthige Laune seines Wirths einging. „Ich werde seine Nativität stellen nach den Regeln der Triplicität, wie cs von Ppthagoras- Hippokrates, Diocles und Avicenna empfohlen wird- Oder ich will ab Iiora guestiouis beginnen, wie es Halp, Meffahala, Ganwehis und Guido BonatuS empfehlen." Unter die Eigenschaften Simsons, welche ihn der Gunst des Mr. Bertram vorzüglich empfahlen, gehörte die, daß er auch nie den plumpsten Versuch, ihn zu necken, merkte, so daß der Laird, dessen bescheidne Anstrengungen, spaßhaft zu sein, sich hauptsächlich auf dasjenige beschränkten, was damals Fop- 45 perei hieß, jetzt aber Mystifikation genannt wird, den bestmöglichsten Gegenstand des Witzes an dem arglosen Kandidaten hatte. In der That, nie lachte er, oder stimmte in das Gelächter ein, welches seine eigne Einfalt erregte — ja, man sagt, er habe nur ein einzigesmal in seinem ganzen Leben gelacht, und bei dieser denkwürdigen Gelegenheit kam seine Mithin zur Unzeit nieder, theils vor Erstaunen über das Ereigniß an i sich, und theils aus Schreck über die häßlichen Grimassen, j welche dies ungewöhnliche Gelächter begleiteten. Die einzige Wirkung, welche die Entdeckung solcher Neckereien auf seine ernste Persönlichkeit hervorbrachten, war ein nothgedrungener Ausruf, wie: «wunderbar!" oder: „sehr witzig!" den er stets langsam aussprach, ohne daß sich ein Muskel seines Gesichts dabei bewegte. j Bei gegenwärtiger Gelegenheit heftete er sein Auge starr j und geisterhaft auf den jungen Astrologen und schien noch in ) Zweifel, ob er dessen Antwort richtig verstanden habe. ! «Ich fürchte, mein Herr," sagte Mannering, sich an ihn ) wendend, „Ihr seid eine von jenen unglücklichen Personen, : welche, da ihr Auge zu trübe ist, um die Stcrnsphären zu ^ durchdringen und darin die Beschlüsse des Himmels aus der i Ferne zu erkennen, ihr Herz aus Borurtheil und Jrrthum ' jeder Ueberzeugung verschlossen haben." ' „Allerdings," sagte Simson, „bin ich mit Sir Isaak New- ! ton, weiland Mönzmeister seiner Majestät, der Meinung, daß die (vorgebliche) Wissenschaft der Astrologie in jeder Hinsicht l eitel, frivol und unbefriedigend ist." Und hier schwieg daS - Orakel seines Kinnbackens. ! „Wirklich," fuhr der Reisende fort, „ich bin bekümmert, einen so gelehrten und würdigen Herrn von solcher Verblendung und Täuschung befangen zu sehn. Wollen Sie den kur- j 46 zen, modernen und, so zu sagen, allgewöhnlichen Namen Isaak Newton, den so gewichtigen und klanqhaftcn Autoritäten eines Dariot, Bonatus, Ptolemäus, Hat-, Etzler, Dieterich, Naibob, Harsurt, Zael, Taustettor, Agrippa, Duretus, Maginus, Origen und Argot gegenüberstellen? Vereinigen sich nicht Christen und Heiden, Türken und Juden, Dichter und Philosophen, um den Einfluß der Gestirne anzuerkennen?" „communis error — cs ist ein allgemeiner Jrrthum," antwortete der unbeugsame Dominie Simson. „Nicht doch," erwiderte der junge Engländer; „es ist ein allgemeiner und wohlbegründetcr Glaube." „Es ist ein Mittel für Betrüger, Schelme und Gauner," sagte Simson. „Lbusus non toilit usum. Der Mißbrauch einer Sache thut der rechtmäßigen Anwendung derselben keinen Eintrag." Während dieses Gesprächs glich Ellangowan ungefähr einer Schnepfe, die sich in ihrer eigenen Schlinge gefangen hat. Er wandte sein Gesicht abwechselnd von einem der Sprecher zum andern, und aus dem Ernste, womit Mannering seinen Gegner bekämpfte, so wie aus der Gelehrsamkeit, womit er den Streit führte, begann er fast zu glauben, daß es ernstlich damit gemeint sei. Was Meg betrifft, so heftete sie ihren wilden Blick auf den Astrologen, indem sie durch einen Wortschwall, der noch mysteriöser klang als ihr eigener, überwältigt ward- Mannering verfolgte seinen Vortheil und durchlief alle schwierigen Kunstausdrücke, die ihm sein treues Gedächtniß nur immer eingad und mit welchen er, durch Umstände, die wir später erwähnen wollen, schon seit früher Jugend vertraut gewesen war. Zeichen und Planeten, im gesechssten, gevierten oder gekritten Schein, verbunden, oder entgegengesetzt; himmlische Häuser mit ihren Hörnern, Stunden und Minuten; Almuten, 47 Almochoden, Anahtbazon, Katahibazon; tausend Ausdrucke, von gleichem Klang und gleicher Bedeutung, strömten haufenweise auf den unempfindlichen Gelehrten, dessen verstockte Ungläubigkeit ihn aus dem Bereiche dieses erbarmenlosen Sturms in Sicherheit brachte. Endlich unterbrach dies Gespräch die freudige Nachricht, daß die Dame des Hauses ihren Gemahl mit einem schönen Knaben beschenkt habe und sich selber (versteht sich!) so wohl befinde, als die Umstände erwarten ließen. Mr. Bertram eilte zum Zimmer seiner Gemahlin, Meg MerrilieS stieg zur Küche hinab um sich ihren Antheil an dem Bier und dem großen Käse zu sichern, welche beide nach alter Sitte in vorzüglicher Qualität für solche Gelegenheit bereit gehalten und genossen wurden; und Mannering, welcher nach seiner Uhr sah und mit großer Genauigkeit Stunde und Minute der Geburt anmerkte, bat mit geziemender Gravität den gelehrten Simson, ihn an einen Ort zu bringen, wo er eine freie Aussicht nach den Himmelskörpern haben könne. Der Schulmeister erhob sich ohne weitere Antwort und öffnete eine, halb aus Glasfenstern bestehende Thür, welche nach einem altmodischen Tcrrassengang führte, der sich hinter dem neuen Hause befand und mit der Erhöhung, auf welcher die Ruinen des alten Schlosses lagen, in Verbindung stand. Der Wind hatte sich erhoben und die Wolken verscheucht, welche ihn zuvor verdunkelt hatten. Der Vollmond stand hoch und all die kleinern Lichter des Himmels stra hlten in unumwölktem Glanze. Ihr Licht machte für Mannering eine Scene sichtbar, von deren Anblick er imhöchstcn Grade überrascht war. Wir bemerkten, daß sich unsrer Wandrer während des letzten Theils seiner Reise der Seelüfte näherte, ohne genau zu wissen, wie weit er noch davon entfernt sei. Jetzt entdeckte er, daß die Ruinen von Ellangowan auf einem Vorgebirge gelegen waren, oder vieles mehr auf einem Felsenvorsprung, welcher die eine Seite einer kleinen, ruhigen Bucht am Strande bildete. Die neue Wohnung lag tiefer, obwohl sie sich dicht an die alte anschloß, und der Grund hinter derselben senkte sich seewärts, durch einen sanft erhabenen grünen Abhang, der sich durch natürliche Terrassen in kleine Ebenen abtheilte, auf welchen einige alte Bäume standen, bis er sich in dem weißen Meersande verlor. Die andere Seite der Bucht, wclche dem alten Schloß gegenüber lag, warein abhängiges, manch- fach gestaltetes Vorgebirge, meist mit Buschholz bedeckt, welches an dieser gesegneten Küste fast bis an die Wasserzeichen wuchs. Eine Fischerhütte guckte zwischen den Bäumen hervor- Selbst zu dieser stillen Nachtstunde bewegten sich Lichter am Strande, wahrscheinlich wegen der Ausladung eines Schmuglers von der Insel Man, welcher in dieser Bucht vor Anker lag. Als das Licht hinter der Glasthür des Hauses von dort bemerkt ward, riefman vom Schiffe aus denen am Strande laut zu: „Vorgesehen! Lichter weg!" worauf die Lichter alsbald verschwanden. Es war eine Stunde nach Mitternacht, und die Aussicht ringsum höchst anmuthig- Die alten grauen Thürme der Ruine, theils noch ganz, theils zertrümmert, hier die von der Zeit verwitterten Steine zeigend, dort theilweis mit Epheu überwachsen, streckten sich auf dem düstern Felsen empor, welcher sich, von Mannerings Standpunkt aus, zurRechten erhob. Vor ihm lag die ruhige Bucht, deren mäßige Wellen, im Mondstrahl flimmernd und funkelnd, über ihre Oberfläche dahinrollten, bis sie sich an dem silbernen Sandgestade mit sanftem, murmelndem Schlage brachen. Zur Linken trat die Waldung nahe zum Meere, indem sie im Mondlicht auf dem wellenförmigen und vielgestaltigenBvdcn wogte, und jene Manchfaltigkeit von Licht und Schatten, so wie die anziehende Abwechselung von Dickicht und offenen Waldstellen zeigte, worauf das Auge so gern ruht, bezaubert von dem, was es sieht, und doch 49 auch begierig, noch tiefer in die Labyrinthe der waldigen Scencrie einzudringen. Droben rollten die Planeten, jeder durch seinen cigenthümlichen klaren Lichtkreis von den untergeordneten oder fernern Sternen unterschieden. So seltsam vermag ein Phantasiegebild selbst diejenigen zu täuschen, deren Willkür es erst hervorrief, daß Mannering, während er auf jene glänzenden Lichtkörper schaute, fast geneigt war, an den Einfluß zu glauben, den ihnen der Aberglaube über menschliche Schicksale einräumte. Aber Mannering war ein jugendlich Liebender und stand vielleicht unter dem Einflüsse von Empfindungen, welche ein neuerer Dichter so herrlich ausspricht: Die heitre Welt der Wunder ist'S allein, Die dem entzückten Herzen Antwort gibt, Die ihre cw'gen Räume mir eröffnet, Mir tausend Zweige reich entgegenstrcckt, Worauf der trunkne Geist sich selig wiegt. Die Fabel ist der Liebe Heimatwelt: Gern wohnt sie unter Feen, Talismanen, Glaubt gern an Götter, weil sie göttlich ist, Die alten Fabelwesen sind nicht mehr, Da« reizende Geschlecht ist ansgewandert; Doch eine Sprache braucht das Herz, es bringt Der alte Trieb die alten Namen wieder, Und an dem Sternenhimmel gehn sie seht, Die sonst im Leben freundlich mitgewandell: Dort winken sie dem Liebenden herab, Und jede« Große bringt uns Jupiter Noch diesen Tag, und Ben US jedes Schöne. Solche Träumereien wichen bald andern. „Ach!" sagte er leise, „mein guter alter Vormund, der so tief in die Streitigkeit zwischen Heydon und Chambers über Astrologie einzugehen pflegte, er würde diese Scene mit andern Augen betrachtet haben; er würde sich ernstlich bemüht haben, aus der Guy Mannering. I. 4 gegenseitigen Stellung dieser Lichtkörper ihren wahrscheinlichen Einfluß auf das Schicksal des neugeborenen Kindes zu entdecken, als ob der Lauf oder die Lichtemanationen der Gestirne die göttlichen Rathschlüffe vereiteln könnten, oder ihnen wenigstens gleich ständen. Nun, Friede sei mit ihm! Er brachte mir genug von der Wissenschaft bei, um ein Schema der Na- tiviiät zu Stande zu bringen, und daher will ich sogleich an'S Werk gehen " So sagend, und nachdem er den Stand der Planeten ausgezeichnet hatte, kehrte Guy Mannering nach dem Hause zurück. Der Laird begegnete ihm im Wohnzimmer, und indem er ihm sehr freudig die Nachricht gab, daß der Knabe ein hübsches, gesundes kleines Bürschchen sei, schien er ganz in der Stimmung, ihm noch fernere Beweise der Gastfreundschaft aufzunöthigen. Zndeß gab er ManneringS Klage über Müdigkeit Gehör und überließ ihn, nachdem er ihn zu seinem Schlafgemach geleilet, für diesen Abend der Ruhe. Viertes Kapitel. Der Glaube an Sterndeuterei war um die Mitte des siebcnzehnten Jahrhunderts fast allgemein, doch begann er ge> gen das Ende dieses Zeitraums schwankend und zweifelhaft zu werden, und zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts ge- rieth die Kunst gänzlich in Verruf und ward allgemein verlacht. Doch behielt sie noch immer so manche Parteigänger, selbst in den Sitzen der Gelehrsamkeit. Ernste und gelehrte Männer verließen ungern jene Berechnungen, welche frühzeitig Hauptgegenstände ihrer Studien gewesen waren, und fühlten ein Widerstreben, von der herrschenden Höhe herabzusteigen, wohin sie die vermeinte Gabe, die Zukunft mittelst himmlischer Einflüsse und Conjuncturen zu befragen und zu durchschauen, weit über die übrige Menschheit erhoben hatte. Unter denen, welche diesem eingebildeten Vorrecht mit vollem Glauben anhingen, befand sich ein alter Geistlicher, von welchem Mannering erzogen ward. Er verderbte seine Augen durch Beobachtung der Sterne, und sein Gehirn durch Berechnung ihrer verschiedenen Stellungen. Sein Mündel nahm in früher Jugend natürlich einen Theil dieses Enthusiasmus an, und war eine Zeitlang eifrig bemüht, sich zum Meister in dem 4» kunstgerechten Verfahren bei astrologischen Forschungen zu machen; so daß, bevor er sich von der Albernheit dieser Kunst überzeugte, ihm selbst William Lilly „eine seltsame Fassungskraft und ein durchdringendes Urtheil in Lösung jeder die Na- tivitcit betreffenden Frage" würde zugestanden haben. Im gegenwärtigen Falle stand er so früh des Morgens auf, als cs die Kürze des Tages gestattete, und begann die Nativität des jungen Erben von Ellangowan zu berechnen. Er unternahm das Geschäft secunäum artein, theils um sein Ansehen zu behaupten, theils aus einer gewissen Neugier, um zu erfahren, ob er die eingebildete Wissenschaft noch im Ge- dächtniß habe und üben könne. Er stellte daher sein Schema oder seine Figur des Himmels auf, welche in zwölf Häuser getheilt war, stellte die Planeten gehörig hinein und berichtigte ihren Stand sodann nach Stunde und Augenblick der Geburt- Ohne unsre Leser mit den allgemeinen Andeutungen zu belästigen, welche eine kunstgerechte Astrologie aus diesen Umständen gefolgert hätte, sei nur gesagt, daß sich eine Andeutung aus dem Ganzen ergab, welche die Aufmerksamkeit un- sers Astrologen ganz besonders auf sich zog. Mars, der in der Höhe des zwölften Hauses herrschte, drohte dem Neuge- bornen Gefangenschaft, oder plötzlichen und gewaltsamen Tod, und indem Mannering seine Zuflucht zu jenen Regeln nahm, wodurch sich die Wahrsager von der Heftigkeit einer so schlimmen Laufbahn überzeugen und belehren, bemerkte er aus dem Erfolg, daß drei Perioden in diesem Falle besonders gefährlich sein würden, das fünfte, das zehnte und das einundzwanzigste Jahr des Neugebornen. Bemerkenswerth ist, daß Manncring schon vorher einmal ein ähnliches Narrenspiel, auf die Bitte der Sophie Wellwood, der jungen Dame, zu welcher er eine Zuneigung hegte, unter- 53 nahm, und daß damals eine ähnliche Planetenverbindung diese Dame mit Tod oder Gefangenschaft in ihrem neun und dreißigsten Jahre bedrohte- Sie zählte damals achtzehn Jahre, so daß dem Stand der Gestirne zufolge, das nämliche Jahr auch ihr mit demselben Mißgeschick drohte, welches dem Kinde prophezeit war, das in dieser Nacht das Licht der Welt erblickte. Betroffen von dieser Uebereinstimmung, wiederholte Mannering seine Berechnungen; der Erfolg bestätigte das bereits Verkündigte noch mehr, bis endlich der nämliche Monat und derselbe Tag des Monats für beide als gefährlich bezeichnet erschien. Man wird leicht glauben, daß wir, indem wir dieses Umstands erwähnen, auf die so erlangte Kunde kein Gewicht legen. Aber es kommt oft vor, und so groß ist unsre angeborne Liebe zum Wunderbaren, daß wir uns freiwillig Mühe geben, unser besseres Urtheil zu betrügen: Ob das Zusammentreffen, dessen ich gedachte, wirklich einer jener sonderbaren Fälle war, die sich bisweilen gegen alle natürliche Erwartung zugetragen; oder ob Mannering, durch das arithmetische Labyrinth und die tolle Kunstsprache der Astrologie verwirrt, ohne Bewußtsein zweimal demselben Knäuel gefolgt war, um aus den Jrrgängen zu gelangen; oder ob seine Einbildungskraft, verführt durch einen Punkt scheinbarer Uebereinstimmung, noch dazu beitrug, die Aehnlichkeit zwischen beiden Berechnungen weit genauer darzustellen, als es sonst der Fall gewesen sein würde, das Alles aßt sich schwer errathen; aber der Eindruck, den der Umstand, daß die Resultate so genau übereinstimmten, auf sein Gemüth Hervorbrachte, war lebhaft und unauslöschlich. Er konnte nicht umhin über ein so sonderbares und unerwartetes Zusammentreffen Staunen zu empfinden- „Ist der Teufel im Spiele, um sich für unsre Tändelei mit einer Kunst zu rächen, welche, wie man sagt, zauberischen Ursprungs ist? 54 Oder ist cs möglich, wie Bacon und Sir Thomas Browne zugibt, daß etwas Wahres an einer vernünftig und nach Regeln geübten Astrologie ist, und daß der Einfluß der Sterne nicht geläugnet werden kann, wenn man auch der Betrüger wegen, welche vorgeblich die Kunst üben, diese einigermaßen im Verdacht haben mag?" — Er überlegte nicht lange, um diese Meinung als phantastisch aufzugeben, da sie nur von jenen gelehrten Männern aus dem Grunde in Aufnahme gebracht worden war, weil sie nicht wagen durften, auf einmal all die Vor- urt-eile ihrer Zeit umzustoßen, oder auch, weil sie selbst nicht ganz frei von jenem ansteckenden Einflüsse eines herrschenden Aberglaubens waren. Der Erfolg seiner Berechnungen in diesen beiden Fällen ließ jedoch einen so unangenehmen Eindruck in seinem Geiste zurück, daß er, gleich Prospero, seiner Kunst entsagte, und sich entschloß, nie wieder, weder in Ernst noch in Scherz, die Astrologie auözuüben. Lange überlegte er, was er dem Laird in Bezug auf das Horoskop seines Erstgebornen sagen solle; endlich aber beschloß er, ihm zwar den Erfolg seiner Berechnungen offen zu berichten, zugleich ihn aber auch mit der Unzuverlässigkeit der Kunstregeln, nach denen er verfahren war, bekannt zu machen. Mit diesem Entschluß ging er hinaus nach der Terrasse. War der Anblick der Umgebungen EllangowanS bei Mondlicht angenehm gewesen, so verloren sie keine ihrer Schönheiten im Lichte der Morgcnsonne. Das Land lachte unter ihrem Einflüsse selbst im Monat November. Ein steiler, doch regelmäßiger Fußsteig führte von der Terrasse aufwärts nach einer benachbarten Anhöhe, und leitete Manncring vor die Fronte des alten Schlosses. Dieses bestand aus zwei massiven runden Thürmen, welche tief und düster aus den äußersten Winkeln ei- 55 ner umgebenden Schutzmauer -ervorragten, durch welche sie verbunden waren und so den Eingang beschützten, der sich in Form eines erhabenen Bogens inmitten der Mauer befand und nach dem innern Schloßhof führte. Die in Stein gehauenen Familienwappen prangten düster über dem Thorweg, und das Portal zeigte noch die vom Bauherrn angebrachten Fugen, um das Fallgatter nieder, und die Zugbrücke emporziehen zu können. Ein plumpes Thor, aus jungen Baumstämmen zusammengenagelt, schützte jetzt allein noch diesen einst furchtbaren Eingang. Die Esplanade vor der Fronte des Schlosses beherrschte eine herrliche Aussicht. Die traurige Scene der Zerstörung, durch welche am vorigen Abend Mannering's Weg gegangen war, ward hier durch Höhen dem Blicke entzogen, und die Landschaft zeigte einen anmuthigen Wechsel von Hügel und Thal, durchschnitten von einem Flusse, welcher an manchen Punkten sichtbar, an andern aber, wo er zwischen tiefen und waldigen Ufern hinwallte, verborgen war. Die Spitze eines KirchthurmS und der Anblick einiger Häuser zeigten, daß an der Stelle wo sich der Strom in's Meer ergoß, ein Dörfchen lag. Die Thäler schienen gut angebaut zu sein und waren überall mit kleinen Zäunen umfriedigt, worin sich die abgethcilten Felder am Abhange der Hügel hinlagerten; zuweilen liefen auch wohl, wie in schlängelnden Linien geführt, zwischen Hecken kleine Pfade nach den Höhen. Ueber diesen lagen wieder grüne Weideplätze, die hauptsächlich mit ganzen Heerdcn von Hornvieh, was damals den Hauptreichthum dieses Landes ausmachte, angefüllt waren, deren entferntes Gebrüll die Landschaft auf nicht unangenehme Weise belebte. Je entlegner die Hügel waren, um so düsterer war ihr Charakter, in noch weiterer Ferne erhoben sie sich zu blauen Bergen mit Heidekraut bedeckt, die wie eine dem Hori- zont vorgezogne Decke der angebautcn Landschaft eine scharf abgemessene Gränze anwiesen, und zu gleicher Zeit die angenehme Vorstellung einer gänzlichen Abgeschiedenheit von der Welt in der Seele des Reisenden, der sich in dies einsame Thal verirrte, erwecken mußten. Die Seelüfte, welche Mannering nun in ihrem ganzen Umfang erblickte, war an Manch- faltigkeit und Schönheit dem Binnenlande völlig gleich. An manchen Stellen erhob sich dieselbe mit steilen Felsen, die häufig mit den Ruinen alter Gebäude, Thürme oder Warten gekrönt waren, welche der Tradition nach einander entgegengestellt waren, damit sie einander bei Einfällen oder bürgerlichen Kriegen die Signale zu genieinsamem Schutz und Trutz mittheilen konnten. Das Schloß Ellangowan war bei weitem die ausgedehnteste und wichtigste unter diesen Ruinen, und bestätigte durch Größe und Lage das Uebergcwicht, welches ihre Burgherren unter den Häuptern und Edeln der Nachbarschaft, wie die Sage ging, einst besessen hatten; an andern Orten beschrieb das von kleinen Buchten durchschnittene Ufer angenehmere Gruppen, besonders wo sich das Land allmälig absenkte oder mit waldbedecktcn Vorgebirgen in die See hinaus erstreckte. Ein so völlig verschiedenes Schauspiel von dem, was die Eindrücke der letzten Nachtrcise Guy Mannering hatte erwarten lassen, hatte auch entsprechende Wirkung auf sein Gemüth. Unter sich sah er das neue Haus; ein nach den Regeln der Baukunst allerdings ungeschicktes Gebäude, aber schön gelegen und mit sonnigen, freundlichen Umgebungen begränzt. — „Wie glücklich," dachte der Reisende, „möchte das Leben eines Mannes in solcher Abgeschiedenheit dahin fließen! Zur einen Seite die erhabenen Trümmer vergangener Menschengrößc, mit dem heimlichen Bewußtsein des Familienstolzes, den sic einflößen; auf der andern Geschmack und Bequemlichkeit genug, um jeden mäßigen Erdenwunsch zu befriedigen. Und alsdann mit dir hier vereint, Sophie!"- Wir wollen den wachen Traum eines Liebenden nicht weiter verfolgen. Mannering blieb eine Minute lang mit unterschlagenen Armen stehen, und wandte sich dann nach dem verfallenen Schlosse. Als er durch den Thorweg eintrat, fand er, daß die rohe Pracht des innern Hofes der äußern Größe ganz entsprechend war. An der einen Seite lies eine Reihe hoher und breiter Fenster, durch ausgehauene Pfeiler von Stein abgetheilt, welche einst die große Halle des Schlosses erleuchtet hatten; an der andern Seite befanden sich mehrere Gebäude, die zwar an Höhe und Jahrzahl verschieden, aber doch so untereinander verbunden waren, daß sie dem Auge einen allgemeinen und gleichförmigen Eindruck, von der Fronte betrachtet, gewährten. Die Thüren und Fenster waren mit erhabener Arbeit geschmückt, welche rohe Proben von Bildhauerei und Zeichcnkunst damaliger Zeit enthielt; theils ganz, theils in Stücke zerbrochen; theils mit Epheu und Schlingpflanzen überdeckt, die üppig zwischen den Trümmern hcrvorwucherten. Das Ende des Hofes, welches dem Eingänge gerade gcgenüberstand, schloß sich in früherer Zeit gleichfalls mit einer Reihe von Gebäuden. Dieser Theil des Schlosses war jedoch verfallener, alü alle übrigen, und zwar, wie man sagte, in Folge eines Bombardements von Seiten der Schiffe des Parlaments unter Deane, während des langen Bürgerkrieges, und daher zeigte der Bau hier eine solche Spalte, daß Mannering durch dieselbe nicht nur die offne See, sondern auch das kleine bewaffnete Fahrzeug eines Schmugglers, das mitten in der Bucht vor Anker lag, beobachten konnte. Während sein Auge noch die Ruinen ringsum betrachtete, hörte er aus dem Innern eines Gemaches zur Linken die Stimme 58 der Zigeunerin, die er am vorigen Abend zuerst gesehen hatie. Er entdeckte bald eine Oeffnung, durch die er sie genauer beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden; er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß ihre Gestalt, ihre Beschäftigung und ihre Stellung zusammen genau den Eindruck einer Sibylle der Vorzeit hervorbrachten. Sie saß auf einem zerbrochenen Eckstein im Winkel eines gepflasterten Gemachs, wovon sie einen Theil rein gefegt hatte, um sich für die Kreise ihrer Spindel eine ebene Bahn zu verschaffen. Ein starker Sonnenstrahl fiel durch ein hohes, enges Fenster auf ihre phantastische Kleidung und Gesichtszüge, und gab zugleich für ihre Beschäftigung das nöthige Licht, während der übrige Theil des Aufenthaltsortes völlig finster blieb. Gekleidet in einen Rock, worin sich die Nationaltracht des schottischen Volks mit einem Auflug morgenländischer Kleidung gemischt zu haben schien, spann sie einen Faden, den sie aus Wolle von dreierlei Farben, schwarz, weiß und grau, zwischen den Fingern hervorzog, mit Hilfe jenes alterthümlichen Hausfrauen- geräthes, welches jetzt fast ganz vom Lande verbannt ist, nämlich des Rockens und der Spindel. Während sie spann, sang sie etwas, was beinah wie ein Zauberspruch klang. Nachdem Mannering umsonst versucht hatte, sich der Worte ihres Liedes genau zu bemächtigen, versuchte er später folgende Umschreibung dessen, was ihm, nach wenigen unverständlichen Phrasen, der allgemeine Inhalt zu sein schien: Drehe, winde! so, von je, Mischten sich avch Freud' und Weh, Furcht und Hoffen, Nuh und Streben, AIS Gespinnft iui Menschenleben. Während dos Geweb sich spinnt, Und des Kindes Sein beginnt, 59 Sicht man in des Zwielichts Walten Schreiten mächtige Gestalten! Thorheit, Leidenschaft und Qual, Die verdrängt der Freude Strahl; Zweifel, Argwohn, banges Beben, Sind'S, die dort im Tanze schweben. Wachsend bald, und bald vergehend, Schnell stch, gleich der Spindel, drehend; — Winde, drehe! so von je Mischt sich Menschenlnst und Weh. Bevor noch unser Uebersetzer, oder vielmehr unser freier Nachahmer, diese Stanzen in seinem Kopfe geordnet hatte, und während er noch an dem Reime auf vergehend schmiedete, war das Werk der Sibplle vollendet und ihre Wolle versponnen. Sie nahm nun die mit ihrer Arbeit beladene Spindel, wickelte den Faden nach und nach ab, und maß denselben, indem sie ihn über ihren Ellbogen warf und jedesmal mit der Schnur zwischen ihrem Zeigefinger und Daumen hindurch fuhr- Als fie es ausge- meffen hatte, murmelte sie vor sich hin: — »Die Zahl war' das, aber doch noch nicht voll — dreimal der Jahre zwanzig und zehn, aber dreimal gebrochen und dreimal wieder vereint: er wird ein glücklicher Bursch, wenn er's aushält." Unser Held war im Begriff die Prophetin anzureden, als eine Stimme, rauh wie die Wellen, mit deren Getöse sie sich mischte, zweimal Holla rief und dann mit steigender Ungeduld wiederholte: „Meg, Meg Merrilies! — Zigeunerin — Here — tausend Teufel!" „Ich komme, ich komme, Hauptmann," antwortete Meg; und binnen zwei Augenblicken zeigte sich der Befehlshaber, der sie anredete, in dem zerfallnen Theile der Ruinen. Er war dem Anschein nach ein Seefahrer, fast unter Mittel- große und mit einem Gesicht, das durch tausend Kämpfe mit dem Nordostwind gebräunt war. Sein Körperbau war erstaunlich muskulös, stark und stämmig, so daß es schien, als ob ein weit größerer Mann in jedem nahen persönlichen Kampfe mit ihm den Kürzern ziehen müßte- Seine Züge waren hart, und was noch schlimmer, sein Gesicht hatte nichts von der Harmlosigkeit, der sorglosen fröhlichen Lustigkeit und der müßigen Neugier eines Seemannes, der sich auf dem Lande befindet. Diese Eigenschaften sind es vielleicht mehr, als irgend etwas anderes, was unsere Seeleute so beliebt im Volke macht, und hieraus erklärt sich auch die allgemeine Zuneigung, mit der ihnen die Gesellschaft überall entgegenkommt. Ihre Tapferkeit, ihr Heldenmut-, ihre Kühnheit, sind Eigenschaften, die Ehrfurcht gebieten, und die vielleicht sogar dem friedlichen Landbewohner in ihrer Gegenwart ein demüthigendcs Gefühl geben; aber Ehrfurcht und Demuth erniedrigen und sind keine Empfindungen, welche eine vertraute Zuneigung zu dem Gegenstände, der sie erweckt, einflößen. Umgekehrt mäßigt die kindische Fröhlichkeit, der jauchzende Uebermuth, der gedankenlose Jubel eines Seefahrers, der sich am Gestade lustig ergeht, gewissermaßen die furchtbaren Seiten seines Charakters. Nichts von alle dem zeigte sich in dieses Mannes Angesicht, dessen von Natur düstere Gesichtszüge, die in jeder Hinsicht und unter jedem Ausdruck abschreckend und zurückstoßend erscheinen mußten, ein mißvergnügtes, ja wildes Stirnrunzeln nur noch auffallender machte. „Wo seidJhr, Teufelsweib?" sagte er, mit einem etwas fremdklingenden Accent, obwohl er vollkommen gut englisch sprach. „Donner und Blitz! wir warten hier seit einer halben Stunde- — Komm, segne das gute Schiff und die Reise, und dann geh zum Satan, Here!" In diesem Augenblick bemerkte er Mannering, der in der Stellung, die er eingenommen hatte, um die Gesänge der Meg 61 MerrilieS zu belauschen, ganz aussah wie Jemand, der sich zu verbergen strebt, indem er zur Hälfte von dem Pfeiler, hinter welchem er stand, verdeckt war. Der Hauptmann, denn so nannte er sich, schwieg plötzlich betroffen und fuhr mit der Rechten in seinen Busen zwischen Rock und Weste, als wolle er eine Waffe hervorziehen. »Ei, Brüderchen, Ihr scheint mir hier auf der Lauer zu stehen, he?" Ehe Mannering, etwas betroffen durch des Mannes Geberde und unverschämte Sprache, noch eine Antwort gab, tauchte die Zigeunerin aus ihrem Gewölbe hervor und trat zu dem Fremden. Er befragte sie mit gedämpfter Stimme, indem er auf Manncring blickte: »Ein Schuft von Aufpasser, he?" Sie antwortete in dem nämlichen leisen Tone, indem sie sich der Sprache ihres Stammes bediente: „Redet nicht so unhöflich, das ist ein Herr aus dem Hause unten." Des Mannes umwölktes Gesicht klärte sich auf. „Einen guten Morgen für Euch, Sir; ich höre, Ihr seid ein Gast meines Freundes Mr- Bertram — ich bitte um Verzeihung, aber ich hielt Euch für einen andern." Mannering antwortete: „Und Ihr, Sir, seid der Herr jenes Fahrzeugs in der Bucht, wie ich vermuthe?" „Ja wohl, Sir; ich bin Capitain Dirk Hatteraick von der Jungfrau Hagenslaapen, wohlbekannt an dieser Küste; ich schäme mich weder meines Namens noch meines Schiffes, — nein, auch ebenso wenig meiner Ladung." „Jchdarfwohlsagen, Jhrhabt auch keinenGrunddazu,Sir." „Tausend Donner — nein; ich mache schöne Handelsgeschäfte — frisch geladen dort bei Douglas auf der Insel Man — feinen Cognak — ächten Heysan und Souchong — Niederländer Spitzen, wenn ihr dergleichen braucht — herrlichen Cognak. — Wir brachten letzte Nacht hundert Fässer an's Land." «2 „Wirklich, Sir, ich bin nur ein Reisender, und weiß für den Augenblick von alle dem keinen Gebrauch zu machen." „Nun gut, Sir, guten Morgen, wir haben Geschäfte — oder wollt Ihr mit an Bord gehen und einen Schnaps nehmen? auch eine Büchse Theo könnt Ihr erhalten — Dirk Hat- teraick weiß wohl höflich zu sein." ES war ein solches Gemisch von Unverschämtheit, Kühnheit und argwöhnischer Furcht in diesem Manne, welches einen unaussprechlich widerlichen Eindruck hervorbrachte. Seine Manieren waren ganz die eines Schurken, der sich des Verdachtes, den sein Charakter erwecken muß, bewußt ist, und der sich gleichwohl bemüht, denselben durch die Affectation einer harmlosen und kühnen Vertraulichkeit zu bannen. Mannering lehnte die gebotenen Artigkeiten kurz ab; und nach einem rauhen „Guten Morgen," zog sich Hatteraik mit der Zigeunerin nach jenem Theile der Ruinen zurück, wo er zuerst erschienen war. Ein schmaler Fußsteig ging von dort aus zum Gestade hinab, ursprünglich wahrscheinlich zur Bequemlichkeit der Garnison während einer Belagerung angelegt. Auf dieser Steige begab sich das Paar, welches ebenso liebenswürdig durch sein Aeuße- res, als durch sein Gewerbe war, nach dem Strande hinunter. Der sogenannte Capitain bestieg ein kleines Boot, mit welchem zwei Leute dort auf ihn gewartet zu baden schienen, die Zigeunerin aber blieb am Sirande, indem sie recitrte oder sang und zugleich heftig gestikulirte. Fünftes Kapitel. — Ihr habt auf meinem Herrensth geweidet. Entwaldet meine» Wald, gefällt mein Holz, Mein Hauskleid durch mein Fenster mir entrissen, Zerstört mein Wappen, mir kein Zeichen lassend, AlS Menschenachtung und mein Lebensblut, Ilm mich der Welt als Edelmann zu zeigen. Richard II. Nachdem das Boot, welches den würdigen Capitain an Bord seines Fahrzeugs brachte, dahin gelangt war, erhoben sich die Segel und das Schiff begann seinen Lauf. Mit drei Schöffen begrüßte cs das alte Haus Ellangowan, und dann flog es eilend vor dem Winde hin, welcher vom Strande blies, indem alle Segel beigeseßt waren. »3«, ja," sagte der Laird, welcher Mannering seit einiger Zeit gesucht und jetzt gefunden hatte, »dort gehen sie — dort gehen sie hin, die Freihändler — dort geht Capitain Dirk Hat- teraick, und die Jungfrau Hagenslaapen, halb Manländer, halb Holländer, oder halb Teufel! Leg aus den Bogsprict, auf das Hauptsegel, Ober- und Uniersegcl, da fliegt es alles miteinander, folge wer kann! Jener Kerl, Mr. Mannering, ist der Schrecken aller Zollbeamten; sie können nichts mit ihm anfangen; er packt sie oder verjagt sie; — und, da wir von Aecise reden, ich komme, um Euch zum Frühstück zu holen; und Ihr werdet einen Thee haben, der"- Hierbei bemerkte Mannering, daß sich in der Jdeenbildung des würdigen Mr. Bertram ein Gedanke gar wunderbar an den andern knüpfte. „Wie Zufall reihet des Orientes Perlen;" und deshalb, ehe der Strom seiner Gedanken noch weiter von dem letzten Punkte schweifte, führte er ihn dahin zurück, indem er ihm einige Fragen in Bezug auf Dirk Hatteraick vorlegte. „O, er ist ein — eine gute Art von Teufelskerl — Niemand wird ihm etwas anhaben — Schmuggler, wenn seine Büchsen im Ballast stecken — Pirat, wenn er sie am gehörigen Orte hält- Er hat unter dem Accisevolk schon mehr Unheil angerichtet, als der ärgste Schuft, der je von Ramsay kam." „Aber, mein guter Sir, wenn sein Charakter von der Art ist, so wundert cs mich, daß er Schutz und Aufmunterung an dieser Küste findet " „Ei, Mr. Mannering, die Leute wollen Branntwein und Thee haben, und davon kommt nichts in'S Land, außer auf diesem Wege — und dann ist da auch schnell abgerechnet, mag es ein Fäßchen sein, oder ein Dutzend Pfund, das man an der Stallthür niedergelegt findet; während man zu Weihnacht von Duncan Robb, dem Krämer in Kippletringan ewiglange Rechnungen bekommt, weil der immer Summen auftretben muß und baar Geld nöthig hat. Der Hatteraick aber nimmt Holz, oder er nimmt Getreide, oder was sonst bei der Hand ist. Ich kann Euch davon eine gute Geschichte erzählen. Da war hier ein Laird — nämlich Macfie von Gudgeonford, — der hatt' eine große Anzahl von Zinshiihnern — Hühner, die als eine Art Abgabe gezahlt werden — freilich sind sie auch schlecht genug gefüttert; Luckie Finniston schickte noch in letzter Woche drei her- 65 auf, cs wäre eine Schmach, sie nur anzusehn, und doch hat das Weib einen Uederfluß an Futter; freilich, ihr Mann, das muß wahr sein, Duncan Finntston, — der nämlich schon gestorben ist — (wir müssen alle sterben, Mr. Mannering, das bleibt immer wahr,) — und da wir just davon reden, so laßt uns lieber gehörig noch leben, denn hier steht das Frühstück auf dem Tische, und Herr Simson wird gleich das Gebet sprechen-" Simson sprach alsbald ein Tischgebet, das an Länge alle übrigen Reden übertraf, welche Mannering bis jetzt von ihm gehört hatte. Der Thee, der natürlich von dem edeln Capitän Hatteraick herrührte, ward als vortrefflich gepriesen. Dennoch deutete Mannering, wiewohl auf möglichst zarte Weise, darauf hin, wie gewagt cs sei, solche verzweifelte Charaktere aufzunehmen: „Wäre es auch nur aus Pflichtgefühl gegen die Zollbehörde, so würde ich doch voraussetzen"- „Ach, das Zollgesindel" — (Mr. Bertram vermochte sich nicht zu einer allgemeinen oder abstrakten Idee zu erheben, und daher personificirte sich sein Begriff vom Zollwesen in den Commissionären, Controleuren und Zollreitern, die er zufällig kannte) — „das Zollgesindel mag sich selber scharf umsehen — es braucht ihm Niemand zu helfen — überdies haben sie Soldaten zu ihrem Beistände — und was Pflicht und Recht betrifft — da werdet ihr erstaunt sein, zu hören, Mr. Mannering, — aber ich bin nicht einmal Friedensrichter." Mannering nahm die erwartete erstaunte Miene an, dachte aber im Innern, daß die ehrwürdige Bank eben keinen großen Verlust erleide, indem sie den Beistand seines gutmüthigen WirthS entbehre. Mr. Bertram hatte jetzt einen der wenigen Gegenstände, die ihn verdrießlich machten, berührt, und er verfolgte denselben mit ziemlichem Nachdruck. «Nein, Sir, — der Name Gottfrieds von Ellangowan be- Guy Mannerlng. I. 5 66 findet fich nicht auf der letzten Liste der Friedensrichter, obwohl kaum ein Kerl im Lande eristiren wird, der, mag er noch so wenig Land besitzen, nicht zu den Vierteljahrsfitzungen ritte, und das F. R. unter seinen Namen schriebe. Ich kenn' ihn wohl, dem ich das verdanke — Sir Thomas Kittlecourt, der mir andeutete, er werde gegen mich sein, wenn er bei der letzten Wahl meine Stimme nicht hätte; und weil ich nun lieber mein eigen Blut und dritten Vetter, den Laird von Balruddery vorzog, so wußten sie mich von der Liste auszu- schließen; und wie es nun zu einer neuen Ernennung von Friedensrichtern kommt, da fehle ich dabei! Und sie behaupten, es sei deswegen geschehn, weil ich dem Constabel David Mac- Guffog ganz und gar freie Hand in Ausstellung von Vollmachten gelassen hätte, als ob ich eine Nase von Wachs hätte, die jeder beliebig drehen kann; o, der groben Unwahrheit! Ich habe überhaupt in meinem ganzen Leben nur sieben Vollmachten ausgestellt, und Simson hat sie alle geschrieben — und wäre nicht der heillose Handel mit Sandp Mac-Gruthar gewesen, den die Constabels zwei oder drei Tage dort im alten Schlosse hielten, bis sie ihn mit guter Gelegenheit an das Obergericht abschickcn konnten — und die Sache hat mir Geld genug gekostet. — Aber ich weiß wohl, wo Sir Thomas hinaus will — eS war ganz genau ebenso mit dem Kirchstuhl von Kilmagirdle — halt' ich nicht eher das Recht den Kirchsstz der Kanzel gegenüber zu haben, als Mac-Croßkie von Creoch- stone, der Sohn des D eacon Mac-Croßkie, des Parchentwebcrs?" Mannering gab in Hinsicht dieser verschiedenen Klagen dem Laird vollkommen Recht. „Und dann, Mr. Mannering, gehört auch hieher noch die Geschichte von dem Fahrweg und dem Teichgraben — ich weiß wohl, Sir Thomas steckte dahinter, und ich sagte es dem Ge- 67 richtschreiber geradezu, daß ich den Teufel dahinter merkte, macht' er's nehmen wie er wollte. — Würde ein Gentleman, oder nur ein etwas gentlemanischer Mensch, würde der wohl mir nichts dir nichts einen Fahrweg mitten durch einen Teichgraben führen und dabei, wie mein Geschäftsführer bemerkte, ganze zwei Ruthen von guter Moorlandweide wegnehmen?— Und dann war auch noch die Geschichte mit dem Steuereinnehmer" — »Gewiß, Sir, iß es hart, wenn Ihr in einem Lande solche Vernachlässigung erfahrt, wo, nach dem Umfange Ihres Edcl- sitzes zu urtheilen, Eure Vorfahren so einflußreich waren." „Sehr wahr, Mr. Mannering — ich bin ein schlichter Mann und mache mir nichts aus solchen Dingen; und ich kann sagen, daß ich mir überhaupt wenig Gedanken damit mache; aber ich wollte, Ihr hättet meines Vaters Erzählungen von den alten Gefechten der Mac-Dingawaies hören können — das sind nämlich die jetzigen Bertrams — mit den Irländern und Hochländern, die mit ihren Streitwagen von Jlay und Cantire hieherkamen — und dann, wie sie nach dem heiligen Lande zogen — nämlich nach Jerusalem und Jericho, mit ihrem ganzen Heerbann — sie hätten besser gethan, nach Jamaica zu gehn, wie Sir Thomas Kittlecourts Oheim — und wie sie dann Reliquien heimbrachten, gleich denen, welche die Katholischen haben, und eine Fahne, die drüben im Schuppen hängt — wären es lieber Fässer mit Muscavade und Rum gewesen, dabei hätte die Familie mehr Vortheil gehabt! — aber es ist auch gar kein Vergleich zwischen dem alten Herrenhof zu Kitt- lecourt und dem Schloß Ellangowan — ich zweifele, ob der Hof von Kittlecourt vierzig Fuß in der Fronte — aber Ihr eßt ja gar nicht, Mr. Mannering; Ihr laßt ja das Frühstück stehen, erlaubt mir, Euch diesen Lachs zu empfehlen — John 5 * 68 Hay war's, der ihn fing, am Sonnabend vor drei Wochen, stromabwärts unter Hempseeds Fort" u. s. w- u. s. w> Der Laird, der aus Aerger eine Zeitlang bei ein und demselben Gegenstände beharrt hatte, verfiel nun wieder in seinen gewöhnlichen nach allen Seiten abschweifenden Styl, und gab damit Mr- Mannering hinlänglichen Anlaß, über das Nach- theilige einer Lage Betrachtungen anzustellen, die ihm noch vor kaum einer Stunde so neidenswerth schien. Hier war ein Landedelmann, dessen schatzenswerthester Vorzug seine große Gutmüthigkeit schien, und der sich dessenungeachtet heimlich abzehrte, und gegen andre Menschen solcher Dinge wegen murrte, die, auf der Wagschale des allgemeinen menschlichen Elends richtig gewogen, kaum das Gewicht eines Staubkorns hatten. So ist es jedoch, und eine so gleichmäßige Vertheilung der Erdengüter hat die Vorsehung angeordnet. Fast alle diejeni« gen, die außerhalb der Straße wohnen, wo große Schläge des Schicksals den Menschen erwarten, erhalten Anweisungen auf eine Menge kleiner Unannehmlichkeiten, die wenigstens alle darin Übereinkommen, daß fie die Heiterkeit der Seele stören; und jeder Leser wird bemerkt haben, daß weder natürliche Apathie noch angenommene philosophische Ruhe einen Landedelmann unempfindlich gegen die Unannehmlichkeiten machen kann, die ihm bei Wahlen, Vierteljahrsitzungen und vormundschaftlichen Terminen begegnen können. Voll Neugier, die Landesfitte kennen zu lernen, nützte Mr. Mannering den Vortheil, den ihm eine Pause in des guten Mr. Bertram Erzählung bot, um zu erforschen, wozu Capi- tän Hatteraick das Zigeunerweib so eifrig aufgesucht habe. „O, wahrscheinlich nur um über sein Schiff den Segen zu sprechen. Ihr müßt wissen, Mr. Mannering, daß diese freien Handelsleute, die das Gesetz Schmuggler nennt, keine Religion 69 haben und sich daher nur mit Aberglauben behelfen; und sie haben mancherlei Bann- und Zaubersprüche und Unsinn." — „Eitelkeit und Thorheit!" sagte Simson: „es ist ein purer Verkehr mit dem bösen Feinde- Zaubersprüche, Amulete und Bannformeln kommen von ihm — Pfeile aus Apollyons Köcher stammend." „Haltet Ruhe, Simson —Ihr müßt doch immer plaudern" — (übrigens waren es die ersten Worte, die der arme Mann diesen Morgen gesprochen hatte, mit Ausnahme des Gebets vor und nach dem Essen.) — „Mr. Mannering kann vorEuch nicht zu Worte kommen! und also, Mr. Mannering, da wir von Astronomie, Zauberei u. dgl. sprechen, seid Ihr so gut gewesen, an das zu denken, wovon wir in letzter Nacht sprachen?" „Ich fange an, Mr. Bertram, mit Ihrem würdigen Freunde Hier zu glauben, daß ich mit spitzigen Dingen gescherzt habe; und obwohl weder Sie noch ich, noch sonst eine vernünftige Seele den Voraussagungen der Astrologie Glauben schenken sollte, so hat es sich dennoch zuweilen zugetragen, daß im Scherz unternommene Nachforschungen über die Zukunft sehr unangenehme und ernste Wirkungen, sowohl für den Charakter als die Handlungen der dabei betheiligten Personen, als Resultate herbeiführten. Daher bitte ich wirklich, mir die Beantwortung ihrer Frage zu erlassen." Es war leicht vorauszusehen, daß diese ausweichende Antwort des Lairds Neugierde nur noch höher spannen würde. Dessen ungeachtet war Mannering im Innern fest entschlossen, das Kind nicht den falschen Einwirkungen auszusetzen, die daraus entstehen konnten, wenn man dasselbe mit vorgefaßter Meinung als den Gegenstand einer unglücklichen Prophezeiung betrachtete. Er legte daher das Papier in die Hände des Herrn Bertram, forderte ihn aber zugleich auf, das Sie- gel daran fünf Jahre lang unerbrochen zu lassen, und dasselbe nicht eher zu öffnen, bis der Monat November zu Ende sei. Nach Verlauf dieses Datum ertheilte er ihm Freiheit, die Schrift näher zu untersuchen, indem er voraussetzte, sobald nur die erste verhängnißvolle Periode glücklich vorüber sei, werde man auch dem übrigen Inhalt keinen unbedingten Glauben schenken. Dies versprach auch Mr. Bertram gern, und um sich seiner Treue zu versichern, deutete Mannering aufUngiücksfälle hin, die cintreten würden, wofern man diese Verpflichtungen vernachlässigte. Der Rest des Tages, den Mannering auf Mr. Bertrams Einladung zu Ellangowan zubrachte, verging, ohne daß sich sonst etwas Merkwürdiges ereignete. Am Morgen darauf bestieg unser Reisender sein Roß, sagte dem gastfreundlichen Wirth und seinem geistlichen Beistände ein höfliches Lebewohl, wiederholte seine Wünsche für das Wohl der Familie, und indem er sodann den Kopf seines Pferdes gegen England wandte, verschwand er aus dem Gesicht der Bewohner von Ellangowan. Ebenso muß er aus dem unserer Leser verschwinden, denn es ist eine andere und spätere Periode seines Lebens, welche mit gegenwärtiger Erzählung im Zusammenhänge steht. F Sechstes Kapitel. — — — Zunächst: Gerechtigkeit. Mir stattlich rundem Bauch und wohlgenährt, Mit strengem Blick und äußerst würd'gem Bart, Voll weiser Spruch', und neuerer Exempel: Sv spielt er seine Nolle. — — Sobald Mrs. Bertram von Ellangowan fähig war, die Neuigkeiten anzuhören, die sich während ihrer Entbindung zugetragen hatten, erklang ihr Zimmer von aller Art von Ge- vattergcschwätz in Bezug auf den hübschen jungen Studenten aus Oxford, welcher aus den Sterne» dem jungen Laird viel Glück geweissagt hatte, »Segen und Heil seinem holden Gesicht." — Gestalt, Sprache und Benehmen des Fremden wurden sodann gehörig geschildert. Sein Pferd, Zaum, Sattel, Steigbügel blieben auch nicht unerwähnt. Alles dies machte einen tiefen Eindruck auf MrS. Bertrams Gemüth, denn die gute Dame besaß einen tüchtigen Vorrath von Aberglauben. Ihr erstes Geschäft, sobald sie fähig war etwas zu verrichten, bestand darin, ein kleines Sammetbeutelchen zur Aufnahme des Horoscvp's zu verfertigen, welches sie von ihrem Gemahl erhalten hatte. Es zuckte ihr in den Fingern, das Siegel zu erbrechen, aber der Aberglaube war stärker als die Neugierde, und sie besaß Festigkeit genug, es in vollkommener Integrität in zwei Pergamentstreifchen zu legen, welche sie ringsum zunähte, damit es sich nicht abschcuern möchte. Das Ganze ward dann in den vorbesagten Sammtbcutel gelegt, und hing als ein Amulet um des Kindes Hals, wo es die Mutter so lange hängen lassen wollte, bis die Zeit gekommen wäre, wo sie ihre Neugierde auf rechtmäßige Weise befriedigen könnte. Der Vater war gleichfalls entschlossen, das Seine bei dem Kinde zu thun, indem er für eine gute Erziehung sorgte; und in der Voraussetzung, daß diese mit dem ersten Beginn der Vernunftentwickelung anfangen müßte, ward Dominie Simson leicht dazu vermocht, sein öffentliches Geschäft als Schulmeister des Kirchspiels aufzugeben, seinen beständigen Wohnsitz auf dem Edelhofe aufzuschlagen und für einen Gehalt, welcher selbst zu jener Zeit den Lohn eines Bedienten nicht völlig aufwog, dem künftigen Laird von Ellangowan alle die Gelehrsamkeit einzuflößen, die er besaß, so wie all' die Anmuth und die Talente, die er — in Wahrheit nicht besaß, deren Mangel er jedoch niemals entdeckt hatte. Bei dieser Einrichtung fand der Laird auch noch seinen besondern Vortheil, indem er sich diebeständige Wohlthat eines geduldigen Zuhörers sicherte, dem er, waren sie allein, seine langen Geschichten erzählen konnte, und auf dessen Kosten er, wenn Gesellschaft da war, seine schlauen Witze äußern durfte- Etwa vier Jahre nach dieser Zeit entstand eine große Bewegung in der Grafschaft, worin Ellangowan liegt. Diejenigen, welche auf die Zeichen der Zeit achteten, waren längst der Meinung gewesen, daß bald ein Ministerwechsel stattfinden werde. Endlich, nach einem gehörigen Zeitraum voll Furcht, Hoffnung und Verzug, voll Gerüchte, die wohlbegründet und schlechtbegründet und auch gar nicht begründet 73 waren; nachdem so manche Klubs einen Staatsmann hatten leben lassen, während andere riefen: nieder mit ihm! nachdem Reitens und Rennens und PostfahrenS, nachdem des Sendens von Adressen und Gegenadressen, des Anerbietens von Blut und Vermögen genug vorgekommen war, da endlich fiel der Streich wirklich; die gegenwärtige Regierung ward aufgelöst und das Parlament, wie sich von selber versteht, ebenfalls aufgelöst. Sir Thomas Kittlecourt, gleich andern Parlamentsmitgliedern in derselben Lage, begab sich eiligst nach seiner Grafschaft, fand aber nur eine gleichgiltige Aufnahme. Er galt für einen Anhänger der alten Regierung, und die Freunde der neuen hatten sich bereits einen tüchtigern Stellvertreter in der Person des John Featherhead ESq. erlesen, der die besten Hunde und Renner in der ganzen Grafschaft hielt. Unter andern, die sich zur Fahne des Aufruhrs schaarten, war auch Gilbert Glossin, Schreiber in-, Geschäftsführer des Laird von Ellangowan- Dieser würdige Gentleman hatte entweder in irgend einer Sache eine abschlägige Antwort vom alten Parlamentsmitgliede erhalten, oder er hatte, was ebenso wahrscheinlich ist, alles erhalten, worauf er nur den entferntesten Anspruch machen konnte, und hatte nun nur noch auf einer andern Seite neuen Vortheil zu erwarten. Mr. Glossin besaß schon eine Stimme, die auf Ellangowans Be- fitzthum ruhte; und nun war er entschlossen, daß sein Patron auch eine haben solle, da er keinen Zweifel hatte, auf wessen Seite sich Mr. Bertram in diesem Streite schlagen würde. Leicht wußte er Ellangowan zu überreden, daß es sein Ansehn sehr heben werde, wenn er an der Spitze einer möglichst starken Partei hierbei aufträte; so begab er sich unmittelbar an's Werk, indem er sich, auf die, jedem schottischen Anwalt bekannte Weise, dadurch Stimmen verschaffte, daß er die Ober- Herrlichkeit dieser alten und einst mächtigen Baronie in lauter Unterabtheitungen zersplitterte. Dieselbe war von solcher Ausdehnung, daß, wenn man hier etwas wegnahm und Leschnitt, dort etwas zusetzte und anflickte, und dabei auch Oberlords für alle Güter, die Bertram von der Krone besaß, ernannte, man sicherlich am Tage der Entscheidung an der Spitze von zehn so wackern Pergamentmännern auftreten konnte, als nur je ihren Eid auf Treu' und Vermögen abgelegt hatten. Diese gewaltige Verstärkung gab am Tage des zweifelhaften Kampfes den Ausschlag. Der Principal und sein Geschäftsführer theilten die Ehre; der Lohn fiel ausschließlich dem letzter« zu. Mr. Gilbert Glossin ward Schreiber des Friedensgcrichts und Gottfried Bertram sah seinen Namen, gleich nach der Sitzung des Parlaments, dem Verzeichniß des neuen Ausschusses von Friedensrichtern eingereiht. Dies war das Höchste, was Mr. Bcrtrams Ehrgeiz erstrebt hatte; nicht etwa, daß ihm das Beschwerliche und die Verantwortlichkeit in diesem Amte besonders zusagte, er meinte vielmehr nur, es sei eine Würde, die ihm von Rechtswegen gebühre, und die ihm durch Bosheit bisher vorenthalten worden sei. ES gibt aber ein altes und wahres schottisches Sprichwort: »dem Narren gib kein scharfes Schwert in die Hand " Mr. Bertram war kaum in Besitz der richterlichen Würde, die er so sehr gewünscht hatte, als er auch begann, sie mit mehr Strenge als Gnade geltend zu machen, so daß er all die Erwartungen, die man von seiner Gutmüthigkeit bisher gehegt hatte, Lügen strafte. Wir lasen einmal von einem Friedensrichter, der, nachdem er zu dieser Würde gelangt war, an einen Buchhändler einen Brief schrieb, worin er die Statuten seines neuen Amtes nach folgender Orthographie verlangte: „Belieben mir zu senten die Anweißung betreffend einem Friedensrichter." Ohne Zweifel wird dieser gelehrte Gentleman, wenn er die Anweisung erhalten hat, mit gutem Erfolg das Schwarze weiß und das Weiße schwarz gemacht haben. Mr- Bertram war in der englischen Grammatik nicht so ganz fremd, wie sein würdiger Vorgänger, aber gewiß konnte jener Friedensrichter mit seiner „Weißung" nicht unvorsichtiger gewirthschaftet haben. Er betrachtete im vollen Ernst das ihm anvertraute Amt als ein Zeichen der persönlichen Gunst seines Fürsten, indem rr vergaß, daß er früher die Entbehrung eines solchen Vorrechts, welches bei denen von seinem Range so gewöhnlich war, für ein Werk bloßer Kabale gehalten hatte. Er befahl seinem treuen Gehilfen, Abel Simson, die AmtSertheilung laut vorzulesen, und bei den ersten Worten, „Es hat dem König gefallen, zu verordnen," rief er „gefallen!" und dabei gab er sich dem Gefühle eines dankbaren Entzückens hin. „Der edle Herr! sicherlich kann es ihm nicht mehr gefallen, als mir selber." Daher ließ er, weil er seine Dankbarkeit nicht auf bloße Gefühle oder leere Worte beschränken wollte, dem neuen Amts- eiser vollen Lauf, und bemühte sich die Anerkennung der ihm erwiesenen Ehre durch eine unermüdliche Thätigkeit in seinen Amtsgeschäften an den Tag zu legen. Man sagt, neue Besen kehren gut, und ich selbst kann bezeugen, daß bei der Ankunft eines neuen Dienstmädchens die alten, eingewohnten Hausspinnen, die während der friedlichen Herrschaft der Vorgängerin die untern Fächer meiner Bücherbrete (hauptsächlich angefüllt mit juristischen und theologischen Sachen,) überspon- nen hatten, sich eilig vor den plötzlichen Einfällen der neuen Miethstruppen zurückzichen. Ebenso begann der Laird von Ellangowan unbarmherzig seine Verbesserungen auf Kosten verschiedener wohlcingerichteter und cingcwohnter Gauner und Diebe, welche ein halbes Jahrhundert hindurch seine Nachbarn gewesen waren. Er brachte seine Wunder wie ein -weiter Herzog Humphrey zu Stande, und mit Hilse des vermögenden Büttelstockes lehrte er Lahme gehen, Blinde sehen und vom Schlage Getroffene arbeiten. Er entdeckte Wilddiebe, Krebssammler, Obststehler und Taubenschützen; und dafür ward ihm zum Lohne der Beifall seiner Collegen und der Ruhm einer thätigen Magistratsperson. All diesem Guten war aber auch die gehörige Portion von Bösem beigemischt. Auch eine alte Unbill, die zur Gewohnheit eingewurzelt ist, sollte man nicht ohne einige Vorsicht beseitigen. Der Eifer unsers würdigen Freundes brachte nun viele Personen in große Bedrängniß, deren Neigung zu Müs- siggang und Bettelei seine eigene Trägheit so lange genährt hatte, bis jene Neigungen zur zweiten Natur geworden waren, oder bis die wirkliche Unfähigkeit dieser Leute zur Arbeit sie (nach ihrer eigenen Redeweise) der Milde aller wohldenkenden Christen würdig gemacht hatte- Der von Alters her bekannte Bettler, der seit mehr als zwanzig Jahren seine regelmäßige Runde in der Nachbarschaft gemacht hatte, wo man ihn eher als den armen Freund, denn als einen Gegenstand der Wohlthätigkeit betrachtete, ward in ein benachbartes Arbeitshaus gesandt. Das gebrechliche Weib, welches auf einer Tragbahre rings durch das Kirchspiel reiste, wo es von Haus zu Haus circulirte gleich einem falschen Schilling, den jeder gern so schnell als möglich seinem Nachbar überläßt; sie, die so laut, oder noch lauter nach ihren Trägern zu rufen pflegte, als ein Reisender nach den Postpferden, auch sie theilte dasselbe unselige Loos. Der taube Hans, der, halb Schelm halb Dummkopf, den größten Theil des Jahrhunderts hindurch für 77 jedes neuheranwachsende Geschlecht der Dorfkinder ein Gegenstand des Scherzes gewesen war, ward in das Corrections- haus der Grafschaft geschafft, wo er, abgeschloffen von freier Luft und Sonnenschein, den einzigen Gütern, die er zu genießen vermochte, dahinffechte, bis er nach sechs Monaten starb. Der alte Seemann, der so lange die rußigen Schornsteine von jeder Küche in der Gegend fröhlich hatte widerhallen lassen, indem er vom Capitän Ward, oder vom kühnen Admiral Benbow sang, ward einzig und allein aus dem Grunde aus der Gegend gewiesen, weil seine Sprache etwas von irischem Accent an sich hatte. Sogar die jährlichen Runden des Hausirers schaffte der Friedensrichter ab, und zwar aus übereiltem Eifer für die Verwaltung der Landpolizei. Diese Dinge geschahen nicht ohne Aufsehn und Tadel zu erregen. Wir sind nicht aus Holz und Stein gemacht, und die Gegenstände, die mit unfern Herzen und Gewohnheiten Zusammenhängen, können nicht, wie die Rinde vom Baume, losgerissen werden, ohne daß wir sie vermissen. Die Frau Pächterin entbehrte die gewohnten Neuigkeiten, vielleicht auch die Selbstzufriedenheit, die sic empfunden hatte, während sie dem Bettler, der die Neuigkeiten brachte, das Almosen in Gestalt einer handvoll Hafergrütze gab. Der Hüttenbewohner empfand die Unbehaglichkeit, welche durch Unterbrechung des Kleinhandels, den die wandernden Krämer trieben, entstand. Die Kinder vermißten Zuckerpflaumen und Spielzeug; die jungen Weiber entbehrten Nadeln, Bänder, Kämme und Lieder, und die alten konnten nun nicht mehr Eier für Salz, Docht und Schnupftabak vertauschen. All diese Umstände brachten den geschäftigen Laird von Ellangowan in Mißkredit, welcher um so allgemeiner war, je größer seine frühere Popularität gewesen. Selbst sein Geschlechtsregister mußte gegen ihn zeugen. Man meinte: „Das kommt gar nicht in Betracht, was die von Greenside, oder Burnville, oder Vicwforth thun möchten, die wären ja Fremdlinge in dieser Gegend; aber El- langowan! ein Mann, der seit den grauen Mönchszeiten und lange vorher hier einheimisch gewesen — wenn der die Ar- muth auf solche Weise drucken will! — Sie hießen seinen Großvater den gottlosen Laird: aber wenn er auch schlimm genug war, und mit seiner lustigen Gesellschaft mehr als zuviel trank, so hätte er sich doch niemals benommen! Nein, nein, damals sah man weit und breit die Esse auf dem alten Schlosse wie einen Schmelzofen rauchen, und da sättigte sich an den Ueber- bleibseln auf dem Hofe und am Thor so viel armes Volk, als Edle in der Halle waren. Und die Dame, sie kam in jeder Christnacht und gab jedem armen Menschen zwölf Silberpfennige zu Ehren der zwölf Apostel. Sie nennen das jetzt lieber Papisterei, aber ich dächte, das vornehme Volk könnte sich an den Papisten ein Beispiel nehmen. Sie wissen aber den armen Leuten auf andere Art zu helfen, am Sonntag werfen sie ein Sechspencestück in den Klingelbeutel und die sechs Tage der Woche schinden und plagen sie das arme Volk auf erbärmliche Weise." So sprachen sich die Politiker beim Zweipfennigkrug in jedem Bierhause drei Meilen in der Runde um Ellangowan aus, denn so groß war ungefähr der Durchmesser des Kreises, in welchem unser Freund Gottfried Bertram Eüq. F- R. sein Licht leuchten lassen konnte. Noch mehr Stoff ward den bösen Zungen dadurch gegeben, daß eine Zigeunercolonie verbannt wurde, wovon unsere Leser bereits ein Mitglied kennen gelernt haben, und die seit langen Jahren auf dem Gebiete von Ellangowan ihren Hauptsitz gehabt hatte. Siebentes Kapitel. Wohl!»,, ihr Fürsten aus dem Lumpenrciche, Ihr vom Geblüt! Schnapphahn mein edler Ritter; — Was euer Nam' und Titel immer seil Falschpaß und Schufterle, Tollkvpf und Hehler, Barfuß und Gauner, Hort, ich ruf' euch alle. — Die Be ttler sch enke. Obwohl der Charakter jener Zigeuncrstämme, welche früher fast alle Nationen Europa's überschwemmten und die in gewissem Maaße noch als besonderes Volk unter ihnen bestehen, allgemein bekannt ist, so wird mir der Leser doch verzeihn, wenn ich einige Worte über ihre Lage in Schottland sage. Es ist wohlbekannt, daß in einer frühern Periode die Zigeuner von einem der schottischen Monarchen als ein besonderes und unabhängiges Geschlecht anerkannt wurden, daß sie aber durch ein späteres Gesetz in minder günstige Stellung kamen, weil dadurch der Charakter der Zigeuner in der Rechtswage mit dem gemeiner und gewöhnlicher Diebe gleichgestellt und auch denselben Strafen unterworfen wurde- Trotz der Strenge dieser und anderer Statuten gedieh die Brüderschaft unter den Bedrängnissen des Landes und erhielt großen Zuwachs durch diejenigen, welche Hungersnoth, Unterdrückung oder das Schwert des Kriegs der gewöhnlichen Mittel des Unterhalts beraubt hatte- Durch diese Vermischung verloren sie in bedeutendem Grade ihren ursprünglichen Nationalcharakter und wurden zu einer gemischten Race, die alle Faulheit und Diebsgewohnheiten ihrer orientalischen Vorfahren mit ei- * ner Wildheit vereinigte, welche sie wahrscheinlich von den Männern, die ans Norden zu ihrer Bande gestoßen waren, ererbt hatte. Sie streiften in verschiedenen Horden umher, und beobachteten dabei unter sich Gesetze, nach denen jeder Stamm auf das ihm angewiesene Gebiet beschränkt wurde. Der geringste Einfall über die Gränzen eines andern Stammes führte verzweifelte Scharmützel herbei, in denen oft viel Blut vergossen ward- Der patriotische Fletcher von Saltoun entwarf vor etwa hundert Jahren ein Gemälde dieser Banditen, über welches meine Leser erstaunen werden- >>Es gibt heut zu Tage in Schottland (ungerechnet eine große Menge armer Familien, welche aus den Kirchenbüchsen unterstützt werden, und andere, die wegen schlechter Nahrung in mancherlei Krankheiten verfallen) zweihunderttausend Leute, die von Thür zu Thür betteln. Diese Menschen bringen nicht nur durchaus keinen Vortheil, sondern sind auch für ein so armes Land eine drückende Last. Und obwohl ihre Zahl jetzt vielleicht doppelt so groß ist als früher, wovon die Noth dieser Zeit der Grund ist, so gab cs doch jeder Zeit hunderttausend solcher Vagabunden, die ohne irgend eine Achtung oder Unterwürfigkeit in Bezug auf die Landesgesetze, ja selbst auf die der Gottheit und Natur, dahin lebten;^*. Keine Obrigkeit konnte unter hundert Fällen nur von einem dieser Elenden erfahren, auf welche Weise sic starben, oder ob sie jemals getauft waren. Viele Mordthaten sind unter ihnen entdeckt worden, und sie sind nicht allein eine unaussprechliche Plage für arme Pächter, 81 (die, wenn sie nicht an einem Tage vielleicht vierzig solcher Schurken Brod oder andere Lebensmittel geben, sicher auf Mißhandlungen von denselben rechnen dürfen), sondern sie berauben auch arme Leute, deren Wohnungen abgelegen und ohne Nachbarschaft dastehen. In fruchtbaren Jahren versammeln sich viele Tausende von ihnen in den Gebirgen, wo sie viele Tage lang schmausen und schwelgen; und bei Dorfhochzciten, Jahrmärklen, Begräbnissen und andern ähnlichen öffentlichen Gelegenheiten, sieht man sie, beides, Männer und Weiber, beständig trinken, fluchen, lästern und miteinander fechten." Trotz des kläglichen Gemäldes, welches diese Stelle gewährt, und wofür selbst Fletcher, dieser energische und beredte Freund der Freiheit, kein anderes Befferungsmittel sah, als die Einführung einer häuslichen Sklaverei, haben doch die Fortschritte der Zeit, die Vermehrung der Unterhaltsmittel und die Macht der Gesetze dies schreckliche Uebel allmälig auf engere Gränzen beschränkt. Die Stämme von Zigeunern, Gauklern und Wahrsagern, — denn unter all diesen Benennungen kannte man jene Banditen, — verminderten sich an Zahl und viele wurden völlig ausgerottet. Doch blieb noch immer eine hinreichende Anzahl übrig, um gelegentlich Unruhen und beständige Quälereien zu veranlassen. Einige rohe Handwerke blieben diesen Landstreichern gänzlich überlassen, vorzüglich die Kunst Holztellcr und Hornlöffel zu machen, so wie das ganze Geheimniß des Keffelflickens. Damit verbanden sie einen kleinen Handel mit groben Sorten irdenen Geschirrs. Darin bestanden ihre sichtbaren Unterhaltsmittel. Jeder Stamm hatte gewöhnlich einen bestimmten Platz für Zusammenkünfte, wo sie gelegentlich eintrafen, und den sie als Hauptquartier betrachteten, weßhalb sie sich auch in seiner Nachbarschaft des Stch- lens enthielten. Viele beschäftigten sich nicht ohne Erfolg mitMusik, und der beliebteste Fiedler oder Pfeifer einer Gegend fand sich oft Guy Manncring. I. 6 in einem Ziqeunerflecken. Sie verstanden alle jene altmodischen Künste, wie Otternfang, Fischen, oder Wildpretaussuchen. Sie zogen die besten und kühnsten Spürhunde und handelten zuweilen damit. Im Winter wahrsagten die Weiber, die Männer zeigten Taschenspielerstllckchen; und diese Unterhaltungen halfen oft einen langweiligen und stürmischen Abend im Kreise der Pachterstube vertreiben. Die Wildheit ihres Charakters und der unbezähmbare Stolz, womit sie alle regelmäßige Arbeit verachteten, gebot eine gewisse ehrfürchtige Scheu, welche nicht durch die Betrachtung vermindert wurde, daß diese Landstreicher ein rachsüchtiges Geschlecht wären, welches sich weder durch Furcht noch durch Gewissen im Zaum halten ließ, sondern an allen denen, die es in irgend einem Falle beleidigt hatten, sicher eine verzweifelte Rache ausübte- Kurz, diese Stämme waren diePariasvon Schottland, die gleich wilden Indianern mitten unter europäischen Niederlassungen lebten, und gleich ihnen eine richtigere Schätzung erfuhren, wenn man sie nach ihren eigenen Sitten und Meinungen beurtheilte, als wenn man sie als Mitglieder des civilifirten TheilS der Gesellschaft beurtheilen wollte. Einige Horden von ihnen sind noch übrig, besonders in solchen Gegenden, die eine schnelle Flucht in ein wüstes Land oder unter eine andere Gerichtsbarkeit gestatten. Auch sind die Züge ihres Charakters noch nicht sehr gemildert. JhreZahlindeß istso bedeutend verringert, daß, stattHunderttau- send, wie gleicher angab, jetzt vielleicht unmöglich wäre, fünfhundert in ganz Schottland zusammenzubringen. Ein Stamm dieser Landstreicher, zu welchem Meg MerrilieS gehörte, hatte sich lange Zeit so fest, als seine Sitten dies gestatteten, in einem Thal im Gebiete Ellangowans aufgehalten. Dort hatten sie einige wenige Hütten errichtet, die sie ihre „Stadt der Zuflucht" nannten, und wo, wenn sie nicht gerade auf Streifzügen begriffen waren, sie so ungestörte Herberge fanden, wie die 83 Krähen, die in den alten Eschen ringsumher ihre Nester hatten. Sie hatten so lange daselbst gehaust, daß man sie gewissermaßen als Eigenthümer dieser elenden Obdächer, wo sie wohnten, ansah. Diesen Schutz vergalten sie dem Laird vormals, wie man erzählte, durch Kriegsdienste, und vielleicht noch häufiger durch Einfälle und Plünderungen im Gebiete benachbarter Barone, mit denen der ihrige gerade in Fehde war. In neuern Zeiten nahmen diese Dienste einen friedlichern Charakter an. Die Weiber spannen Handschuhe für die Edclfrau und strickten Stiefelstrümpfe für den Laird, welche jährlich zu Weihnacht mit vieler Förmlichkeit überreicht wurden. Die bejahrten Sibpllen segneten das Brautbett des Lairds, wenn er heirathete, und die Wiege seines neugebornen Erben. Die Männer stellten das zerbrochene Porzellan der Dame her und waren dem Herrn bei Jagdpartien behilflich, nahmen seinen Hunden den Wurm und verschnitten seinen jungen Dächsen die Ohren- Die Kinder sammelten Nüsse im Walde, Preißelsbeeren im Gebirg und Schwämme auf den Weiden, um sie als Tribut auf den Edelhof zu bringen. Diese freiwilligen Dienstleistungen und die Anerkennung der Abhängigkeit, wurden bei manchen Gelegenheiten durch Schutz vergolten, bei andern durch Nachsicht, zuweilen auch wohl durch eine Spende verdorbener Lebensmittel, Bier, Branntwein, sobald nämlich die Umstände Beweise eines besonder» Edelmuths erforderten; und diese gegenseitige Erzei- gung von Liebesdiensten, welche seit mindestens zwei Jahrhunderten statt fand, machte die Bewohner von Derncleugh zu einer Art privilegirterInsassen aufEllangowans Gebiete. „Die Schelme," waren des Lairds „vorzüglich gute Freunde;" und er würde es für eine Hintansetzung gehalten haben, wenn sein Ansehen sie nicht zuweilen gegen die Landesgesetze und die Ortsobrigkeit zu schützen vermocht hätte. Doch löste sich dieser freundliche Verein bald auf. Die Gemeinde von Derncleugh, die sich um keine andernSchufte 6 * 84 1 als um die ihrigen bekümmerte, ließ sich die Strenge des Friedensrichters in seinem Verfahren gegen die Landstreicher wenig zu Herzen gehen. Sie zweifelten gar nicht, daß er entschlossen sei, keine Bettler oder Gauner im Lande zu dulden, außer denen, die auf seinem eignen Grund und Boden wohnten und ihre Gewerbe kraft seiner besondern Erlaubniß trieben, mochte sie stillschweigend oder ausdrücklich ertheilt sein. Auch Mr. Bertram beeilte sich nicht zu sehr seine neue Würde auf Kosten dieser alten Ansiedler geltend zu machen. Aber die Umstände rissen ihn mit sich fort. Bei den vierteljährigen Sitzungen wurde es unserm neuen Friedensrichter von einem Herrn der Gegenpartei in der grafschaft- lichen Politik öffentlich vorgerückt, daß während er großen Eifer für die öffentliche Polizei affektire und viel auf den Ruf einer thä- tigcn Magistratsperson zu halten schiene, er gleichwohleincHorde der größsten Schufte in der Gegend hege und denselben gestattete eine Meile von Ellangowan ihren Wohnsitz zu haben. Dagegen ließ sich nichts crwiedern, denn die Thatsache war offenbar und wohlbekannt. Der Laird verschluckte den Bissen so gut er konnte, und auf seinem Heimwege unterhielt er sich mit Anschlägen über die leichteste Methode, wie er sich von diesen Landstreichern befreien könne, die einen Flecken aufseinen guten Ruf als Magistratsperson brachten. Eben als er entschlossen war, die erste Gelegenheit zum Streit mit den Parias von Derncleugh zu ergreifen, bot sich von selbst die Herausforderung dar. Seit unsers Freundes Beförderung zum Erhalter des Friedens, hatte er cs sich angelegen sein lassen, das Thor des Haupt- ringangs, das früher nur an einer Angel hing und zu allen Zeiten gastfreundlich offen stand — hatte er es, sag' ich, sich angelegen sein lassen, dies Thor neu einhängen und zugleich hübsch anstreichen zu lassen- Auch hatte er mit Pfählen, die sorgfältig mit Dornen umwickelt waren, in der nahen Hecke gewisse Oeffnungen ge- 85 schloffen, durch welche dieZigeunerknabcn in die Anlagen zu klettern pflegten, umVogelnester auszunehmen, durch welche dieAel- testen im Dorfe sich ihren Weg verkürzten und welche die Burschen und Dirnen zu ihren abendlichen Rendezvous benutzten, — und alles dies ohne Jemand zu nahe zu treten, oder erst um Erlaubniß zu fragen. Aber dieseHalcponischen Tage sollten nun cinEnde haben, und eine drohende Inschrift an der einen Seite des Thors verkündigte, „Unumgängliche Strafe von Amtswegen" (der Maler hat buchstabirt „unvergängliche" — l'un vsut bien bantre) allen und jeden, die bei Ueberstcigung dieses Zauns betroffen würden. Auf der andern Seite war, der Gleichförmigkeit wegen, eine warnende Drohung angebracht, welche Selbstschüsse und Fußangeln verhieß, die von so fürchterlicher Gewalt wären, daß sie, wie die Rubrik mit einem bedeutsamen kiotn bene sagte, „selbst ein Pferdcbein brechen würden, wenn ein Mensch hineingehen sollte " Trotz dieser Drohungen ritten sechs wohlgewachsene Zigeunerknaben und Dirnen auf dem neuen Thore, und flochten Maiblumensträußchen, die sie offenbar erst in dem verbotenen Bezirke gepflückt hatten. Mit so viel Zorn als er fähig war zu fühlen, oder vielleicht nurzu zeigen, befahl ihnen der Laird herabzusteigen; sie schenkten seinem Gebote keine Aufmerksamkeit; er begann nun einen nach dem andern herunterzuziehen; sie widerstanden, insofern sich jeder kleine sonnverbrannte Bursch so schwer als möglich machte und dann eben so schnell wieder hinaufkletterte, als er herabgekommen war. Der Laird rief nun einen von seiner Dienerschaft zum Beistand herbei, einen mürrischen Kerl, der sogleich seine Reitpeitsche zur Hand nahm. Wenige Hiebe verjagten den Schwarm; und so begann zuerst der Friedensbruch zwischen dem Hanse Ellango- wan und den Zigeunern von Derncleugh. Letztere konnten es eine Zeitlang gar nicht glauben, daß der 86 Krieg ernstlich sei, bis sie fanden, daß ihre Kinder derb gepeischt wurden, wenn sie beim Zaunüberklettern betroffen waren, daß der Flurschütz ihre Esel pfändete, wenn sich diese in die Pflanzungen des LairdS verliefen, oder auch nur der Landstraßenseite zugewandt, dem warnenden Fußangelmandat entgegen, grasen wollten; daß der Kirchspielaufseher endlich begann neugierige Erkundigungen einzuziehen, über die Art, wie sie ihren Unterhalt erhielten, und sich zugleich sehr erstaunt zeigte, daß Männer den ganzen Tag in Len Hütten schliefen und den größsten Theil der Nacht außen wären. Als die Sachen so weit gekommen waren, machten sich die Zigeuner kein Gewissen mehr daraus, ihre Zuflucht zu Repressalien zu nehmen. Ellangowan's Hühnerställe wurden geplündert, seine Leinwand vom Bleichplatz gestohlen, seine Fische entwendet, seine Hunde weggenommen und seine jungen Bäume umgehauen oder beschält. Mancher kleine Schaden ward angerichtet und oft nur aus Schadenfreude. Andrerseits wurden Vollmachten ausgestellt, ohne Erbarmen zu verfolgen, zu forschen, einzufangen und auszugreifen; und trotz aller Gewandtheit konnten einige der Zigeuner diesen Gefahren nicht entgehen. Einer von ihnen, ein trotziger junger Kerl, der zuweilen an die See fischen gegangen war, ward einem Capitain überantwortet, der eben damit beschäftigt war, Leute zum Seedienst zu pressen; zwei Kinder wurden wacker gepeitscht und eine Zigeunermatrone kam in's Zuchthaus. Indessen trafen die Zigeuner noch immer keine Anstalt, die Stätte zu verlassen, wo sie so lange gewohnt hatten, und Mr. Bertram konnte es nicht über sich gewinnen, sie ihrer alten „Stadt der Zuflucht," zu berauben; so setzte sich der kleine Krieg, dessen wir gedachten, mehrere Monate fort, ohne daß die Feindseligkeiten auf beiden Seiten vermehrt oder vermindert worden wären. Achtes Kapitel. Ein rother Indier, an Onkario's Seite, Erzogen auf der Pantherhaut zum Streite, Sieht also schwinden sein Geschlecht mit Gram, Seitdem der Weißen Dorf zum Vorschein kam; Er läßt des Heimatwaldes trautes Haus, Er läßt Ohiv'S lautes FluthgebrauS, Bis, zürnend fliehend, er sich Stätten naht, Wo nie ein Fuß gefallneS Laub betrat. Wo Dämmerung zum Sihe sich erkoren Den stillen Wald, seitdem die Zeit geboren. Scene» der Kindheit. Indem wir so den Ursprung und Fortgang des schottischen Bettlerkrieges darstellen, dürfen wir nicht vergessen zu erwähnen' daß Jahre vorübergerollt waren, und daß der kleine Harry Bertram, eines der kühnsten und lebhaftesten Kinder, die sich je ein Schwert und eine Grenadiermütze aus Binsen machten, sich nun der fünften Wiederkehr seines Geburtstages näherte. Die Verwegenheit seines Charakters, die sich früh entwickelte, machte ihn bereits zu einem kleinen Abenteurer. Er war wohlbekannt mit jedem Pfade in den Umgebungen von Ellangowan, und vermochte in seiner gebrochenen Redeweise anzugeben, auf welchen Rainen die schönsten Blumen wuchsen und welche Büsche die reifsten Nüsse trugen. Er erschreckte seine Begleiter oft durch sein Klettern auf < 88 den Ruinen des alten Schlosses, und hatte schon mehr als einmal eine verstohleneErcursion noch demZigeunerdorse unternommen. Bei diesen Gelegenheiten ward er gewöhnlich durch Meg Mer- rilics zurückgebracht, die, obwvhl sie nicht vermocht werden konnte, das Schloß Ellangowan wieder zu betreten, nachdem ihr Neffe gepreßt worden war, dennoch ihr Nachegcfühl nicht auf das Kind ausdchnen zu wollen schien. Im Gegentheil suchte fie demselben oft auf seinen Spaziergängen zu begegnen, sang ihm dann ein Zigeunerlied, ließ ihn auf ihrem Esel reiten, und steckte ihm ein Stück gebackenen Ingwer oder einen rothbäckigen Apfel in die Tasche. Die alte Familicnanhänglichkeit dieser Alten, die sich jetzt vertrieben und verstoßen sah, schien sich darüber zu freuen, daß sie jetzt- wieder einen Gegenstand besaß, dem fie sich völlig zuwenden könne. Sie prophezeite wohl hundert Mal, „daß der junge Mr. Harry der Stolz der Familie sein würde, und die alte Eiche hätte keinen so hübschen Sproß gehabt seit dem Tode des Arthur Mac-Dingawaie, der in der Schlacht der blutigen Bay getödtet ward; was den jetzigen Stamm aber betreffe, der sei nur schlechtes Brennholz." Bei einer Gelegenheit, als das Kind krank war, lag fie die ganze Nacht unter dem Fenster, während sie einen Reim sang, der ihrer Meinung nach das Fieber vertreiben sollte; und auf keine Weise ließ sie sich überreden, in das Haus zu treten, oder den erwählten Posten zu verlassen, bis sie erfuhr, daß die Krisis vorüber sei. Die Neigung dieses Weibes fing an Verdacht zu erregen, zwar nicht beim Laird, der nie voreilig einen schlimmen Argwohn faßte, wohl aber bei seinerFrau, die eine schwache Gesundheit und einen beschränkten Geist besaß. Sie war jetzt in einer zweiten Schwangerschaft weit vorgerückt, und da sie deßhalb das Haus selbst nicht verlassen konnte, die Frau aber, welche Harry wartete, jung und leichtsinnig war, so bat sie Dominie Simson das Amt 89 zu übernehmen, und den Knaben auf seinen Streifereien zu beobachten, sobald er sonst keine Begleitung hatte. Simson liebte seinen jungen Pflegbefohlncn und war entzückt, ihn in seiner Gelehrsamkeit bereits glücklich so weit gebracht zu haben, daß er dress sylbige Wörter buchstabiren konnte- Der Gedanke, daß das gelehrte Wunderkind von Zigeunern, wie ein zweiter Adam Smith, entführt werden sollte, war unerträglich; daher übernahm er das Amt, obwohl es seiner gewohnten Lebensweise ganz entgegen war, sehr bereitwillig, und man konnte ihn oft umherwandeln sehen, wie er eine mathematische Aufgabe im Kopfe, das Auge aber auf ein fünfjähriges Kind gerichtet hatte, dessen Streifzfige ihn in hundert lächerliche Situationen brachten. Zweimal wurde der Lehrer von einer wilden Kuh gejagt, einmal fiel er in den Bach, weil er den hineingelegtcn Stein verfehlte, und ein andres Mal gerieth er bis an die Hüften in den Sumpf von Lochend, weil er versuchte, eine Wasserlilie für den jungen Laird zu pflücken. Die Dorfmatronen, die Simson bei letzterer Gelegenheit retteten, waren der Meinung, „der Laird könnte die Aufficht über den Kleinen ebenso gut einer Vogelscheuche anvertrauen;" aber der gute Schulmeister trug all sein Unglück mit Gravität und unerschütterlicher Gemüthsruhe. „Wun-der-bar!" war der einzige Ausruf, den alles Mißgeschick dem geduldigen Manne entlocken konnte. Der Laird hatte zu dieser Zeit beschlossen, die Bettler von Derncleugh mit Stumpf und Stiel auszurotten. Die alten Diener schüttelten die Köpfe bei diesem Vorschlag und selbst Simson wagte eine indirekte Gegenvorstellung. Da sie indeß in dem Orakelspruche bestand: movess Lsmerinnm," so vermochte weder die Anspielung, noch die Sprache, in welcher sie ansgedrückt ward, eine erbauliche Wirkung auf Mr. Bertram hervorzubringen, und das gerichtliche Verfahren gegen die Zigeuner hatte seinen Fortgang. Jede Thür im Dörfchen ward vom Gerichtsdiener mit so Kreide bezeichnet, als förmliches Warnungszeichen, daß man sich zum nächsten Termin zu entfernen habe. Dennoch zeigte sich noch immer nichts von Unterwürsigkeit und Nachgiebigkeit. Endlich kam der Termin, der unselige Martinstag, heran, und man traf wirklich Anstalten, die Leute gewaltsam hinauszuwersen. Eine bedeutende Schaar von Gerichtsdicnern, zahlreich genug, um jeden Widerstand vergebens zu machen, forderte die Bewohner auf, am Nachmittag aufzubrechen; und da man nicht gehorchte, so begannen die Gerichtsdiener, ihrer Vollmacht gemäß, die Dächer abzudeckcn und die elenden Thüren und Fenster loszureißen, — ein summarisches und sehr wirksames Verfahren bei der HerauSwerfung, welches noch in einigen entlegenen Theilen Schottlands geübt wird, wenn sich ein Pächter widerspenstig bezeigt. Eine Zeitlang betrachteten die Zigeuner das Zerstörungswcrk in finsterem Schweigen und Unthätigkeit, dann begannen sie ihre Esel zu satteln und zu beladen und machten Anstalt von binnen zu gehen- Damit war man bald fertig, da alle die Sitten warndernder Tartarcn hatten; und so begannen sie ihre Reise, um sich einen neuen Wohnsitz zu suchen, wo der Gutsherr noch mildere Gesinnungen hegte- Eine Beklommenheit des Gefühls hatte Ellangowan abgehalten, in Person zuzusehen, wie seine Unterthanen vertrieben wurden. Er überließ den praktischen Theil dieser Angelegenheit den Gerichtsdienern, die unter der unmittelbaren Leitung Frank Kennedp's, eines Oberaufsehers der reitenden Zollbeamten, standen, der erst neulich bekannt auf dem Schlosse geworden war und von dem wir im nächsten Kapitel mehr sagen werden. Mr. Bertram selbst benutzte diesen Tag, um bei einem entfernten Freunde einen Besuch zu machen. Dennoch fügte es sich bei all seiner Vorsicht, daß er seinen ehemaligen Unterthanen, als sic von seinem Gebiete wegzogen, begegnen mußte. 91 Es war an einem Hohlweg, der hart am Rand einer steilen Anhöhe, wo die Gränze des Gebiets von Ellangowan war, auSlief, daß der Zigeunerzug seinem vorigen Herrn plötzlich begegnete. Vier oder fünf Männer bildeten den Vorposten, gehüllt in lange flatternde Gewänder, welche ihre schlanken Glieder verbargen, so wie die großen niedergekrämpten, tief in die Stirn gedrückten Hüte, ihre wilden Mienen, düster glühenden Augen und sonnverbrannten Gesichter zum Theil dem Blick entzogen. Zwei von ihnen waren mit Jagdflinten versehen, einer hielt ein breites entblößtes Schwert in der Hand und alle übrigen führt;» den hochländischen Dolch, obwohl sie diese Waffe nicht offen oder prahlerisch zur Schau trugen. Dem tzaupt- zug folgte eine Karawane beladener Esel und kleiner Karren, worauf sich derjenige Theil der verbannten Gesellschaft befand, der alterschwach oder noch ganz jung war. Bejahrten Frauen in rothen Gewändern und Strohhüten, so wie schon halb erwachsenen Kindern, mit bloßem Kopf, barfüßig und halbnackt, war die Sorge für diese kleine Karawane anvcrtraut. Die Straße war eng und lief zwischen zwei Reihen zerbrochener Sandbänke hin. Bertrams Diener ritt voraus, schwang mit wichtiger Miene seine Peitsche und erinnerte die Zugführer ihren Vorgesetzten Platz zu machen. Man beachtete seine Erinnerung nicht. Nun rief er den Männern, die gelassen dahin zogen, zu: „Haltet eure Bestien an, und macht Platz, damit der Laird vorüber kann." „Er soll seinen Theil an der Straße haben," antwortete ein Zigeuner unter seinem niedergekrämpten, breitrandigen Hute hervor, ohne sein Gesicht zu erheben, „und mehr soll er nicht haben; die Landstraße steht unfern Eseln so gut offen, als seinem Pferde." Da der Ton des Mannes finster, ja fast drohend war, »2 so hielt es Mr. Bertram für's Beste, seine Würde in der Tasche zu behalten und an dem Zuge ganz ruhig auf dem Raume vorüberzureiten, den sie ihm zu seiner Bequemlichkeit gestatten wollten, und der freilich nicht breit war. Um seine Empfindlichkeit über den Mangel an Achtung, womit inan ihn behandelte, unter einem Anschein von Gleichgültigkeit zu verbergen, redete er einen der Männer an, welcher ohne irgend einen Gruß soeben wie an einem ganz Fremden bei ihm vorüberritt, — „Giles Baillie," sagte er, „habt Ihr gehört, ob es Eurem Sohn Gabriel wohlgeht?" (die Frage bezog sich auf den jungen Mann, der zum Matrosen gepreßt worden war.) „Hätte ich etwas vom Gegentheil gehört," sagte der alte Mann, indem er sein ernstes und drohendes Gesicht erhob, „so solltet Ihr auch davon gehört haben." Mit diesen Worten zog er seines Wegs, ohne eine weitere Frage abzuwarten "). Nachdem sich der Laird mühsam durch einen Haufen bekannter Gesichter hindurch gearbeitet hatte, die ihm bei allen srühern Gelegenheiten, wenn er nahte, eine Ehrfurcht bewiesen hatten, wie sie einem höhern Wesen gebührt, jetzt aber nur Haß und Verachtung zeigten, da konnte er, nachdem er aus dem Gedränge war, nicht umhin, sein Pferd umzuwenden, und zu beobachten, wie sie ihren Marsch fortsetzten. Die Gruppe würde einen vortrefflichen Gegenstand für Calotte's Pinsel abgegeben haben. Der Vortrab hatte bereits ein kleines struppiges Dickicht erreicht, welches am Fuße des Hügels lag und welches allmälig den Zug verbarg, bis auch die letzten Nachzügler verschwanden. Seine Empfindungen waren bitter genug. Allerdings war das Volk, welches er so streng aus dem alten Zufluchtsorte vertrieben hatte, müßig und lasterhaft; aber hatte er sich *) Diese Anekdote ist buchstäblich wahr. 93 Mühe gegeben, cs zu bessern? Ihr Charakter war jetzt nicht schlimmer, als er es damals war, wo man ihnen gestattete, sich als eine Art von Unterthanen seiner Familie zu betrachten; und war es billig, daß allein der Umstand, daß er jetzt zu einer Magistratspcrson geworden war, mit einem Mal sein Betragen gegen sie so verwandelte? Einige BefferungS- mittel hätten mindestens versucht werden sollen, ehe man sieben Familien auf einmal in die weite Welt schickte, und sie so gewissermaßen der Schranke beraubte, welche sie wenigstens vor größern Verbrechen zurückhiclt. Auch ein natürliches Mitleid bewegte ihn, als er von so vielen bekannten und vertrauten Gesichtern scheiden mußte; für dies Gefühl war Bertram vorzüglich empfänglich, und zwar seiner beschränkten Geistesfähigkeiten wegen, die ihre Unterhaltung meist in den kleinern Gegenständen seiner Umgebung suchten. Als er im Begriff war, sein Pferd wieder zu wenden und seine Reise fortzusetzcn, trat plötzlich Meg Merrilies, die hinter dem Zuge zurückgeblieben war, vor ihn. Sie stand auf einer jener hohen, steilen Wände, welche, wie oben erwähnt ward, die Straße einschlossen; so daß sie beträchtlich höher als Ellangowan stand, obwohl dieser zu Pferde war, und ihre hohe Figur, welcher der klare blaue Himmel zum Hintergrund diente, erschien auf diese Weise von fast übernatürlicher Größe. Wir bemerkten schon, daß in ihrer Kleidung, oder vielmehr in der Weise, wie sie dieselbe trug, etwas Fremdartiges lag, welches sie vielleicht künstlich annahm, um die Wirkung ihrer Zauberformeln und Vorhersagungen zu erhöhen, oder auch wohl nur um die durch die Tradition bekannte Tracht ihrer Vorfahren zu bewahren. Im gegenwärtigen Falle hatte sie ein großes Stück rothcs Tuch in Form eines Turbans um ihr Haupt gewickelt, unter dem ihr dunk- 94 les Auge mit ungewöhnlichem Glanze hervorleuchtcte- Ihr langes, geringeltes schwarzes Haar fiel in phantastischenLLo- cken aus den Falten dieses sonderbaren Kopfputzes herab. Ihre Haltung war die einer in Verzückung begriffenen Sibylle, und in der rechten Hand streckte sie einen jungen Baumzweig aus, der eben erst gebrochen zu sein schien. „Ich will verdammt sein," sagte der Stallknecht, „wenn sie den jungen Eschenzweig nicht im Dukitpark abgeschnitte» hat!" — Der Laird gab keine Antwort, sondern fuhr fort, auf die Gestalt zu blicken, die ihm so über seinem Pfade schwebte. „Reitet Eure Straße," sagte die Zigeunerin, „reitet Eure Straße, Laird von Ellangowan — reitet Eure Straße, Gottfried Bertram! — Heute habt Ihr sieben rauchende Herde ausgelöscht — seht zu, ob das Feuer in Eurem eigenen Gemach dafür um so lichter brennen wird. Ihr habt von sieben Häusern das Dach losgeriffcn — seht, ob Euer eigner Dachstuhl um so fester stehn wird- — Ihr mögt Euer Vieh in die Hütten von Derncleugh stellen — seht zu, daß der Hase sein Lager nicht auf Ellangowan's Herdstcinen nimmt. — Reitet Eures Wegs, Gottfried Bertram — was starrt Ihr unserm Volke nach? — Es sind dreißig Herzen dort, die lieber sich ihr Brod versagt hätten, eh' Ihr Eure Leckerbissen hättet entbehren sollen, die ihr Herzblut eher gegeben hätten, eh' Ihr Euch in den Finger hättet ritzen sollen- Ja — dreißig sind dort, vom alten hundertjährigen Weibe bis zum Kinde, das in letzter Woche geboren ward, die Ihr aus ihrer Lagerstatt verjagt habt, daß sie mit Krähen und Raben in der Wüste schlafen müssen! — Reitet Eures Wegs, Ellangowan. — Unsre Kinder hängen auf unserm müden Rücken — seht zu, daß Eure Wiege daheim desto besser bereitet ist — nicht etwa, daß ich dem kleinen Harry Böses wünschte, oder dem Kinde, das noch geboren werden 95 soll — Gott behüte mich davor — und er mache sie milder gegen die Armen, und mache sie zu bessern Leuten, als ihr Vater ist! — Und nun, reitet Enur ures Wegs; denn dieses waren die letzten Worte, die Ihr je von Meg Merrilies hören werdet, und dies ist das letzte Reis, das ich je aus den schönen Wäldern EllangowanS schnitt " So sagend, zerbrach sie den Zweig, den sie in der Hand hielt und warf ihn auf die Straße- Margarete von Anjou, als sie ihren triumphirenden Feinden ihren Fluch gab, konnte sich nicht mit einer Miene stolzerer Verachtung von ihnen wenden. Der Laird war im Begriff zu sprechen und steckte die Hand in die Tasche, um eine halbe Krone herauszulangen; die Zigeunerin wartete weder seine Antwort, noch sein Geschenk ab, sondern schritt den Hügel hinab, um die Karawane einzuholen. Ellangowan ritt gedankenvoll nach Hause; und merkwürdig war es, daß er dieser Zusammenkunft gegen Niemand in der Familie erwähnte. Der Stallknecht war nicht so zurückhaltend, er erzählte die Geschichte der Länge nach dem ganzen Küchenpublikum, und beschloß sie endlich, indem er schwur, daß, »wenn der Teufel je aus dem Munde eines Weibes gesprochen habe, so sei es an diesem verwünschten Tage durch den Mund der Meg Merrilies geschehen." Neuntes Kapitel. Während der Periode, wo Mr. Bertram sein obrigkeitliches Amt versah, vergaß er auch das Zollwesen nicht. Das Schmuggeln, wozu die Insel Man damals vorzüglich gute Gelegenheit bot, ward fast allgemein an der ganzen Südwestküste getrieben. Fast die ganze niedere Bolksklaffe war mit dergleichen Kunstgriffen vertraut; die Vornehmern waren nachsichtig, und die Zollbeamten wurden häufig au der Ausübung ihrer Pflichten durch diejenigen gehindert, welche sie dabei hätten unterstützen sollen. Zu dieser Zeit war ein gewisser Frank Kennedy, dessen wir bereits in unserer Erzählung gedachten, als Zollreiter und Aufseher in diesem Theile des Landes angestellt; er war ein entschlossener, thätiger Mann, der schon viele und bedeutende Konterbande cingezogen hatte, und deßhalb auch bedeutend von denen gehaßt wurde, welche bei dem freien Handel, wie man das Treiben jener Abenteurer nannte, interessirt waren. Diese Person war der natürliche Sohn eines Mannes von Stande; diesem Umstande, so wie seinem fröhlichen, geselligen Charakter und seinem Reichthum an lustigen Liedern, verdankte er es, daß er Zutritt in den adeligen Gesellschaften der Ge- gend hatte und Mitglied in verschiedenen Clubs war, die sich mit gymnastischen Hebungen, worin er besonders erfahren, beschäftigten. In Ellangowan befand sich Kennedy häufig und war da selbst stets ein angenehmer Gast. Seine Lebhaftigkeit befreite Mr. Bertram von der Mühe des Nachdenkens und von der Anstrengung, die cS ihn kostete, eine Mittheilung seiner Gedanken im Einzelnen durchzuführen; während die kühnen und gefahrvollen Unternehmungen, die jener in seiner Amtöver- waltung verrichtet hatte, eine treffliche Unterhaltung gewährten. Diese ZollamtSabcnteuer liebte der Laird von Ellango- wan überhaupt sehr, und das Vergnügen, welches ihm Kenne- dy's Gesellschaft bereitete, war ein trefflicher Grund, den Erzähler in der Ausübung seiner nicht neidenswerthen und gefährlichen Amtspflicht zu unterstützen und aufzumuntern. „Frank Kennedy," sagte er, „wäre ein Edelmann, wenngleich von der linken Seite des Ehebetts — er wäre mit der Familie Ellangowan durch daö Haus von Glcngubble verwandt. Der letzte Laird von Glengubble würde das Vermögen auf die Ekangowans vererbt haben; aber da er zufällig nach Hari- gate gegangen, sei er dort der Miß Johanne Hadaway begegnet — beiläufig, der grüne Drache sei der beste Gasthof von den beiden zu Harrigate — was aber Frank Kennedy betreffe, der sei in gewisser Hinficht doch ein Edelmann, und cs wär' eine Schande, wollte man ihn nicht gegen das Schmugglervolk unterstützen." Nachdem dies Bündniß zwischen der gesetzgebenden und der vollstreckenden Macht geschloffen war, begab es sich, daß Kapitän Dirk Hatteraick eine Ladung von Spirituosen und anderer Kontrebande nicht weit von Ellangowan an's Land gebracht hatte, und im Vertrauen auf die Gleichgiltigkeit, mit welcher der Laird früher ähnliche Beeinträchtigungen des Gesetzes be- Gny Mamiecing. I. 7 98 trachtete, ließ er es sich keineswegs angelegen sein, die Sache jetzt zu verheimlichen oder zu beschleunigen. Die Folge davon war, daß Mr. Frank Kennedy, versehn mit einer Vollmacht von Ellangowan und unlerstützt durch einige von des Lairds Leuten, welche die Gegend kannten, so wie durch eine Militärabtheilung, sich über die Fässer, Ballen und Kisten hermachte und nach einem verzweifelten Kampfe, worin schwere Wunden gegeben und empfangen wurden, so glücklich war, sich der Sachen zu bemächtigen und sie im Triumph nach dem nächsten Zollhause zu schaffen. Dirk Hatteraick gelobte aus holländisch, deutsch und englisch eine schwere und volle Rache, beides, an dem Zöllner so wie an dessen Helfershelfern; und alle, die ihn kannten, meinten, daß er wahrscheinlich sein Wort Hallen werde. Einige Tage nach dem Abzüge des Zigeunerstammes fragte Mr. Bertram seine Gemahlin des Morgens beim Frühstück, ob heute nicht des kleinen Harry Geburtstag sei? „Genau fünf Jahr alt, an diesem glücklichen Tage," antwortete die Lady; „daher dürfen wir in des englischen Gentlemans Papier sehen." Mr. Bertram zeigte gern seine Autorität in Kleinigkeiten. „Nein, meine Liebe, nicht eher als morgen- Als ich das letzte Mal bei den Vierteljahrssitzungen war, sagte uns der Sheriff, daß stieg — daß clies inoepttis — kurz, du verstehst kein Latein, aber es soll so viel heißen, als: ein Termintag beginnt nicht eher, als bis er zu Ende ist." „Das klingt wie dummes Zeug, mein Lieber." „Mag sein, meine Liebe; deswegen kann es aber immer ein recht gutes Gesetz sein. Ganz gewiß, da ich einmal von Terminen rede, ich wünsche, wie Frank Kennedy sagt, daß der Pflogst- tag einmal den Martinstag todtschlüge und für den Mord gehangen würde — denn da Hab' ich eben einen Brief bekommen 99 wegen der Interessen der Jenny Cairns, und noch kein Teufel von Pächter ist mit seinen Zinsen auf's Schloß gekommen, — und wird auch vor Lichtmeß keiner kommen; — doch, da ich von Frank Kennedy sprach, ich glaube wohl, er wird heute hier sein, denn er war heute nachWigton, um ein königliches Schiff, das in der Bay liegt, vor Dirk Hatteraicks Fahrzeug zu warnen, das wieder an der Küste ist, und heute wird er wohl zuröck- kommen; darum wollen wir eine Flasche Claret mit ihm auf des kleinen Harry's Gesundheit trinken." „Ich wollte," erwiederte die Lady, „Frank Kennedy ließe den Dirk Hatteraick laufen. Warum braucht er sich mehr Geschäfte aufzuladen, als andre Leute? Kann er nicht sein Lied fingen, sein Glas trinken und seinen Gehalt beziehn, wie Einnehmer Snail, der wackere Mann, der Niemand etwas zu Leive thut? und ich wundere mich über dich, daß du dich mit darein mischst und mengst —halten wir je nöthig, wegen Thee und Rum nach Boroughtown zu schicken, so lange Dirk Hatteraick unangefochten in die Bay kam?" „Mrs. Bertram, du verstehst nichts von diesen Sachen. Meinst du, es stehe einer obrigkeitlichen Person an, ihr eigen Haus zu einer Niederlage für Schmugglergüter zu machen? Frank Kennedy kann dir die Strafen im Gesetzbuch zeigen, und du weißt selber, daß sie all ihre Schmuggelgüter im alten Schloß von Ellangowan niederzulegen gewohnt waren." „O, guter Mr- Bertram, was schadet es denn auch, wenn fie in den Gewölben des alten Schlosses ihre Rumfäßchen bis zu günstiger Gelegenheit niederlegen? Ich weiß recht gut, daß du dich darum gar nicht zu bekümmern brauchst- Und welchen Schaden bringt es denn dem König, wenn die Lairds hier ihren Schluck davon trinken, und die Laidies ihren Thee davon haben» zu einem mäßigen Preise? — Es ist eine Schande, solch hohe 7 ». Taren darauf zu legen! — und standen mir nicht die flandrischen Hauben und Spitzen besser, die mir Dirk Hatteraick so von Antwerpen schickte? Ich kann lange warten, ehe mir der König oder Frank Kennedy so was schickt. Und daß du auch noch mit den Zigeunern Streit anfangen mußtest! Ich erwarte jeden Tag zu hören, daß die Scheunen in Flammen stehn " »Ich sage dir noch einmal, meine Liebe, du verstehst nichts von diesen Dingen — und da sprengt so eben Frank Kennedy zum Thor herein." „Schon gut! schon gut! Ellangowan," sagte die Lady, indem sie ihre Stimme erhob, während der Laird das Zimmer verließ, »ich Wunsche nur, daß du selbst mehr davon verstehen magst!" Diesem ehelichen Zwiegespräch entfloh der Laird mit Freuden, um seinen treuen Freund, Mr. Kennedy, zu begrüßen, welcher in großer Aufregung ankam. „Bei eurem Leben, Ellangowan," sagte er, „geht hinauf ins alte Schloß! ihr werdet den alten Fuchs Dirk Hatteraick sehen, und seiner Majestät Hunde, die ihn Hetzen." So sagend warf er seines Pferdes Zaum einem Knaben zu, und rannte die Anhöhe zum alten Schloß empor, während ihm der Laird und verschiedene Andere aus dem Hause folgten, welche durch das Schießen, welches man jetzt deutlich von der See hörte, aufgeschreckt waren. Als sie den Theil der Ruinen erreichten, welcher die ausgedehnteste Aussicht gestattete, sahen sie ein Fahrzeug, welches, alle Segel bcigesetzt, vor derBay sichtbar war und von einer Kriegs- schaluppe hart verfolgt ward. Letztere feuerte stark auf das verfolgte Schiff, welches indeß das Feuer eifrig erwiederte. „Sie haben die rechte Schußweite noch nicht," rief Kennedy jubelnd, „aber sie werden bald dichter hinterdrein sein-- Daß ihn der Teufel, er wirft seine Ladung aus! Ich sehe den schönen Branntwein über Bord fliegen, Faß um Faß! — das ist ein 101 verdammt unhöflicher Patron, derMrHatteraick, und daswerd' ich ihm schon noch einzutränken wissen. — Jetzt, jetzt! sie gewinnen ihnen den Wind ab! — So ist's recht! — hört ihr wohl ? hört ihr? frisch, meine Hunde! frisch daran! — hört ihr wohl?" „Ich glaube," sagte der alte Gärtner zu einer von den Mägden, „der Zöllner hat seinen letzten Tanz!" ein Sprichwort, womit das gemeine Volk jene heftige Aufregung bezeichnet, welche für ein Anzeichen des Todes gehalten wird. Unterdessen ward die Jagd fortgesetzt. Der Schmuggler, welcher mit großer Gewandtheit steuerte und jedes Schifferkunststück anwendete, um zu entkommen, war schon im Begriff, das Vorge- birg, welches er erreicht hatte, und welches die äußerste Landspitze an der linken Seite derBuchtbildete, zuumsegeln, alseineKugel die Naa traf, daß das Hauptsegel auf's Verdeck fiel. Die Folge dieses Vorfalls schien unvermeidlich, konnte jedoch von den Zuschauern nicht gesehen werden; denn das Fahrzeug, welches soeben das Vorgebirg umsegelt hatte, verlor seinen CurS und ward durch jene Höhen dem Blicke entzogen. Die Schaluppe setzte alle Segel zur Verfolgung bei, aber da fie sich zu nahe am Cap gehalten hatte, war fie, aus Furcht am Ufer zu stranden, genöthigt, abzulcnken und eine Strecke in der Ducht zurück zu gehen, um das gehörige Fahrwasser zum Umsegeln des Vorgebirgs zu gewinnen. Sie werden's verlieren, beim Henker, Ladung und Schiff, eines oder beides," sagte Kennedy; „ich muß nach der Spitze von Warroch reiten (so hieß das ofterwähnte Vorgebirg,) und ihnen ein Zeichen geben, wie fie sich auf der andern Seite zu wenden haben. Adieu auf eine Stunde, Ellangowan — setzt die Punschbowle zurecht und sorgt für Zitronen. Ich stehe für den Rum, sobald ich zurückkomme, und dann wollen wir des jungen Lairds Gesundheit in einer Bowle trinken, so groß, 102 daß unsere Zollschaluppe darin schwimmen könnte." Mit diesen Worten bestieg er sein Pferd und sprengte davon. Etwa eine Meile vom Hause und am Rande der Waldung, die, wie wir sagten, das Vorgebirge bedeckte, welches sich mit der sogenannten Spitze von Warroch endigte, begegnete Kennedy dem jungen Harry Bertram in Begleitung seines Lebrers Sim- son. Er hatte dem Kinde oft einen Ritt auf seinem Pferde versprochen und war überhaupt von demselben gern gesehn, weil er zu seiner Unterhaltung sang, tanzte und Späße machte. Kaum ritt er den Weg hinan, als ihn der Knabe laut an sein Versprechen erinnerte; Kennedy, welcher dabei nichts Gefahr- . liches sah und auch den Lehrer zu necken wünschte, in dessen Gesicht er eine Gegenvorstellung las, hob Harry vom Boden auf, setzte ihn vor sich hin und ritt weiter. Simton's „Auf alle Fälle, Master Kennedy" — wurde bereits vom Hufschlag des Pferdes übertäubt. Der Pädagog überlegte einen Augenblick, ob er ihm nachgehen solle; da jedoch Kennedy ein Mann war, der das volle Vertrauen der Familie genoß, und er sich selber gleichwohl nicht gern mit ihm befaßte, „da derselbe weltlichen und närrischen Späßen ergeben war, „so setzte er seinen eigenen Weg in seinem gewohnten Schritte fort, bis er das Schloß Ellangowan erreichte. Die Zuschauer beobachteten von den zerfallenen Mauern des Schlosses aus noch immer die Kriegsschaluppe, welche endlich, jedoch nicht ohne beträchtlichen Zeitverlust, Fahrwasser genug fand um die Spitze von Warroch zu umsegeln und nun dem Auge durch das waldige Vorgebirg entzogen ward. Einige Zeit nachher vernahm man in ziemlicher Entfernung Kanonendonner und darauf, nach einer Pause eine noch lautere Explosion, als ob ein Fahrzeug in die Luft gesprengt sei, und eine Dampfwolke erhob sich über den Bäumen, und zog am blauen Himmel empor. Alle zerstreuten sich nun, um an ihre verschiedenen Geschäfte zu flehen, indeß sie mancherlei Vermuthun- gen über das Geschick des Schmugglers äußerten; die Mehrzahl aber beharrte dabei, daß das Fahrzeug unfehlbar genommen werden würde, wofern es nicht bereits in Grund gebohrt sei. „Es ist fast Mittagszeit, mein Lieber," sagte Mrs. Bertram zu ihrem Gemahl, „wird es noch lange dauern, bis Mr- Kennedy zurückkommt?" „Ich erwarte ihn jeden Augenblick, meine Liebe," sagte der Laird; „vielleicht bringt er einige Officiere von der Schaluppe mit-" „Lieber Himmel, Bertram! warum hast du mir dies nicht eher gesagt, damit wir den großen runden Lisch hätten besorgen können? — was wir ihnen nun vorfetzen können, das wird wenig Köstliches für sie sein, und, um die Wahrheit zu sagen, ein gutes Rindfleisch ist der beste Theil unserö Mit- tagscssens — und dann -ätt' ich auch gern ein ander Kleid angezogen und für dich würde ein weißes Halstuch auch nicht überflüssig sein — Aber du hast nur deine Freude an Ueber- raschen und Ueberrumpeln — ich kann nicht lange mehr eine solche Behandlung ertragen — nun, wenn man Jemand nicht mehr hat, dann vermißt man ihn erst." „Pfui! pfui! der Henker hole das Rindfleisch und das Kleid und den runden Tisch und das Halstuch! wir werden ohne dies auskommen. — Wo ist der Dominic, John? (dies sagte er zu einem Diener, der mit Tischdecken beschäftigt war,) — wo ist Simson und der kleine Harry?" „Mr. Simson ist seit länger als zwei Stunden zu Hause gewesen, aber ich glaube, Mr. Harry ist nicht mit ihm gekommen." „Nicht heimgekommen mit ihm?" sagte die Lady; „sagt Mr- Simson, er soll ohne Verzug hieher kommen." 104 „Mr. Simson," sagte sie, als derselbe eintrat, »ist es nicht das Allcrunerhörtcste auf dieser weiten Welt, daß Ihr, der Ihr hier freie Station, Bett, Tisch und Wäsche habt, und zwölf Pfund Sterling obendrein im Jahre, und das blos und einzig, um auf den Knaben zu sehn, daß Ihr ihn zwei Stunden aus den Augen lassen könnt?" Simfon verbeugte sich tief, wie zur Bejahung, bei jeder Pause, welche die zornige Dame bei Aufzählung der einzelnen Vortheile seiner Lage machte, um ihrer Rede dadurch größeres Gewicht zu geben; und darauf erzählte er in Worten, die wir aus Mitleid mit ihm hier nicht wiederholen wollen, daß Mr. Francis Kennedy von freien Stücken die Aufsicht über Master Harry übernommen habe, trotz aller Gegenvorstellungen von seiner Seite." »Ich bin dem Mr. Francis Kennedy gar nicht sehr dankbar für seine Mühe," sagte die Dame verdrießlich; »gesetzt, er läßt den Knaben vom Pferde fallen, daß er lahm wird? — oder gesetzt, eine von den Kanonenkugeln trifft auf's Land und tödtet ihn? — oder gesetzt" — — „Oder gesetzt, meine Liebe," sagte Ellangowan, „und das ist noch viel wahrscheinlicher als Alles andere, sie sind an Bord der Schaluppe oder der Prise gegangen, und kommen soeben mit der Fluth um die Landspitze gesegelt?" „Und dann find sie vielleicht gar ertrunken," sagte die Lady. „Wirklich," sagte Simson, „ich glaubte, Mr. Kennedy sei seit einer Stunde zurückgekehrt — ich glaubte mit Sicherheit den Hufschlag seines Rosses vernommen zu haben. »Das," sagte John grinsend, „war Grizzel, die die Kuh aus dem Gehege jagte." Simson ward roth bis unter die Augen — nicht des empfangenen Hohnes wegen, den er nicht gefühlt haben würde, 105 der ihn zum wenigstens nie verletzt hätte, sondern wegen eines Gedankens, der ihm plötzlich beifiel. »Ich bin in einem Jrrthum gewesen," sagte er; „ich hätte ans alle Fälle auf das Kind warten sollen." So sagend ergriff er seinen schwerfälligen Stock und den Hut und eilte hinweg nach dem War- rochholze, und zwar schneller als er jemals vorher oder nachher gegangen war. Der Laird blieb einige Zeit zurück, indem er mit der Lady noch über die Sache stritt. Endlich sah er die Kriegsschaluppe wieder erscheinen; aber, ohne sich dem Strande zu nähern, zog fie fich mit Kraft aller Segel westwärts und war bald aus dem Gesichtskreise verschwunden. Das ängstliche und besorgte Wesen der Lady war man schon zu gewohnt, als daß ihre Befürchtungen bei ihrem Herrn und Gemahl ein Gewicht hätten haben sollen; aber als fich nun Bestürzung und Be- sorgniß unter den Dienstleuten zeigte, ward auch er unruhig, und vorzüglich, als man ihn aus dem Zimmer rief und heimlich die Kunde ertheilte, daß Mr. Kennedy's Pferd allein zur Stallthür gekommen sei, und zwar mit umgedrchtcm Sattel, der ihm am Bauche hing und mit zerbrochenem Gebiß; ferner, daß ein Landmann im Vorübergeben gemeldet habe, »an der andern Seite der Spitze von Warroch brenne ein Schmugglerschiff lichterloh wie ein Ofen, und obwohl er (der Landmann) durch das Holz gekommen sei, habe er doch nichts von Kennedy oder dem jungen Laird gehört oder gesehn, blos der Schulmeister Simson laufe draußen umher wie ein Toller, um jene zu suchen." Alles war nun in Aufruhr zu Ellangowan. Der Laird und seine Dienstleute, Männer und Weiber, eilten zum Holze nach Warroch. Die Pächter und Häusler aus der Nachbarschaft liehen ihren Beistand, thcilS aus Theilnahme, theils aus Neugier. 106 Boote wurden bemannt, um den Strand zu durchforschen, der sich, an der andern Seite der Landspitze, in hohen und zackigen Klippen erhob. Man hegte eine unbestimmte Besorgniß, die jedoch zu schrecklich war, um ausgesprochen zu werden, daß nämlich das Kind von einer dieser Klippen gestürzt sein könnte. Der Tag begann sich zu neigen, als die Suchenden das Gehölz betraten und sich auf verschiedenen Wegen zerstreuten, um nach dem Knaben und seinem Begleiter zu forschen- Der dunkelnde Himmel und der rauhe Hauch des Novemberwinds, der durch die kahlen Bäume strich, das Rascheln des welken Laubes, welches den Boden bedeckte, der wiederholte Zuruf der verschiedenen Betheiligten, der oft ertönte und die Zerstreuten zusammenfuhrte, in der Erwartung, den gesuchten Gegenstand zu finden, dies Alles verlieh der Scene eine schauerliche Erhabenheit. Endlich, nach einer genauen und fruchtlosen Durchforschung des Holzes, vereinigten sich sämmtliche Suchende, um ihre Bemerkungen mit einander zu vergleichen Die Angst des Vaters wuchs und konnte sich nicht mehr verbergen, aber kaum kam sie der Bangigkeit des Lehrers gleich. „Wollte Gott, ich ,wäre für ihn gestorben!" wiederholte der gute Mensch in Sönen der tiefsten Trauer. Die weniger bei der Sache Jnteressirten erschöpften sich in tumultuarischem Streite über all die möglichen Fälle. Jeder gab seine Meinung zum Besten, und jeder ward alsbald durch die Muthmaßung eines andern widerlegt. Einige meinten, die Gegenstände ihres Forschens wären an Bord der Schaluppe gegangen; einige glaubten, sie wären nach einem anderthalb Stunden entfernten Dorfe gegangen; noch andre flüsterten, sie könnten am Bord des Schmugglerschiffs gewesen sein, von welchem die Fluth jetzt einige Balken und Planken an den Strand trieb. IN7 In diesem Augenblick hörte man einen Schrei vom Gestade her, so laut, so gellend, so durchdringend, so verschieden von jedem Ton, der an diesem Tage durch die Wälder gehört worden war, daß Niemand einen Augenblick anstand zu glauben, es stünden Nachrichten, UND zwar Nachrichten von schrecklicher Bedeutung bevor. Alle eilten nach der Stelle hin, und indem sie sich ohne Bedenken auf Pfade wagten, die sie zu andrer Zeit nur schaudernd betrachtet haben würden, stiegen sie gegen eine Felsschlucht hinab, wo bereits die Mannschaft eines Bootes gelandet war. „Hier, ihr Herren! — hier! — diesen Weg, um Gottes Willen! —diesen Weg!" ging das wiederholte Geschrei. Ellangowan brach sich Bahn durch das Gedränge, welches sich bereits auf dem unseligen Orte versammelt hatte, und betrachtete den Gegenstand ihres Schreckens. Es war der todte Körper Kennedy's. Beim ersten Anblick schien er durch einen Sturz von dem Felsen umgekommen zu sein, welcher sich über dem Orte, wo er lag, wohl hundert Fuß senkrecht über dem Strande erhob. Der Leichnam lag zur Hälfte im Wasser; die wachsende Fluth, welche.ihm den Arm erhob und die Kleider bewegte, hatte ihm aus der Ferne den Anschein gegeben, als bewege er sich von selbst, so daß diejenigen, die den Körper zuerst entdeckten, geglaubt hatten, er lebe noch. Aber jeder Funke des Lebens war längst erloschen. „Mein Sohn! mein Sohn!" ries der entsetzte Vater, „wo kann er sein?" — Ein Dutzend Leute öffneten den Mund, um Hoffnungen auszusprechen, die keiner fühlte. Endlich erwähnte einer-die Zigeuner! Im Augenblick hatte Ellangowan die Klippen wieder erstiegen, schwang sich auf das erste Pferd, welches er fand, und ritt in toller Hast nach den Hütten von Derncleugh. Lilles war dunkel und öve; und als er abstieg, um genaue Nachforschung zu halten, stolperte er über Ueber- 108 reste von Gerätschaften, die man aus den Hütten geworfen hatte, so wie über das zerbrochene Holzwerk der Dächer, die man auf seinen Befehl eingerissen hatte. In diesem Augenblicke fiel ihm die Prophezeiung oder der Fluch der Meg Mer- rilies schwer auf's Herz- „Ihr habt die Dachung von sieben Hütten gerissen, — seht zu, ob der Dachstuhl eures eigenen Hauses um so fester steht!" „Gib mir," ries er, «gib mir mein Kind wieder! bring mir meinen Sohn zurück und alles soll vergeben und vergessen sein!" Als er diese Worte in einer Art von Wahnsinn ausstieß, fiel ihm ein Lichtschimmer aus einer der verstümmelten Hütten in's Auge — es war die, in welcher Meg Merrilies früher wohnte. Das Licht, welches von einem Feuer auszu- gehcn schien, schimmerte nicht blos durch das Fenster, sondern auch durch das Gebälk der Hütte, wo das Dach abgerissen worden war. Er flog zu dem Orte -in. Verzweiflung gab dem armen Vater die Kraft von zehn Männern; er stürzte mit solcher Heftigkeit gegen die Thür, daß diese seinem Gewicht und seiner Kraft nachgab. Die Hütte war leer, trug aber Zeichen, daß sie jüngst bewohnt gewesen — da war Feuer auf dem Herde, ein Kessel und einige Vorbereitungen zur Mahlzeit. Als er sich eifrig nach etwas umsah, was die Hoffnung bestärken könne, daß sein Kind, wenn auch in der Gewalt fremder Leute, noch lebe, trat ein Mann in die Hütte- ES war sein alter Gärtner. „O Sir!" sagte der alte Mann, „solch eine Nacht wie die glaubte ich nie erleben zu müssen! — Ihr sollt sogleich zum Schlosse kommen!" „Ist mein Knabe gesunden? Lebt er? Habt ihr Harry Bertram gefunden? Andreas, habt ihr Harry Bertram gefunden?" „Nein, Sir; aber" — „Dann ist er entführt! Ich weiß es gewiß, Andreas! so gewiß, als mein Fuß die Erde berührt! Sie hat ihn gestohlen — und ich werde nimmer von diesem Platze weichen, bis ich Nachricht von meinem Kinde habe!" „Ach, Ihr sollt aber nach Hause kommen, Sir! Ihr sollt nach Hause kommen! — Wir haben nach dem Sheriff geschickt, und wir wollen hier eine Nachtwache Herstellen, im Fall die Zigeuner wiederkämen; aber Ihr, Ihr sollt nach Hause kommen, Sir, denn die gnädige Frau liegt auf den Tod nieder." Bertram heftete seinen Blick starr und seelenlos auf den Boten, der diese klägliche Neuigkeit berichtete; und indem er die Worte wiederholte, „auf den Tod darnieder!" gleich als ob er ihre Bedeutung nicht begriffe, ließ er sich von dem alten Manne willenlos nach dem Pferde Hinsehen. Während des HeimrittS sagte er bloS, „Weib und Kind, beide —Mutter und Sohn — o, das ist allzuhart!" Es ist unnütz, bei der Scene des Krankenbetts, die ihn erwartete, zu verweilen. Die Nachricht von Kennedy's Geschick war zu Ellangowan schnell und unvorsichtig berichtet worden, und zwar mit dem Zusatz, daß er ohne Zweifel den jungen Laird mit sich über die Klippe gerissen habe, wo denn die Fluth des Kindes Körper hinweggcschwcwmt hätte, denn das arme Geschöpf sei ja leicht und werde wohl auf offner See draußen treiben. Mrs. Bertram hörte diese Nachrichten; sie war bereits weit in ihrer Schwangerschaft vorgerückt; die Wehen stellten sich Plötzlich ein, und che Ellangowan seine zerrütteten Geisteskräfte wieder sammeln konnte, um das Traurige seiner Lage in seinem ganzen Umfange nur zu begreifen, war er Vater eines Mädchens und Wittwer. Doch sieh, schwarz ist sein Antlitz und voll Blut; Sein Aug' ist weiter offen, MS i»i Leben, Sv gcisternrtig starr, wie ein Geftenkrer; Sein Haar gesträubt, tue Nasenlöcher cffen, Die Hand gespreitzt, wie wenn er hascht' und griffe Noch nach bei» Leben, das man ihm entriß. Heinrich IV. Erster Theil. Der Sheriff der Grafschaft langte zu Ellangowan am nächsten Morgen bei Tagesanbruch an. Dieser obrigkeitlichen Person der Provinz ertheilt das Gesetz Schottlands eine richterliche Gewalt von beträchtlichem Umfang; es überträgt ihm die Untersuchung aller Verbrechen, die in seinem Gerichtsbezirk begangen werden, die Anhaltung und Verhaftung verdächtiger Personen, und dergleichen mehr- Der Herr, welches dieses Amt in der Grafschaft "'"zur Zeit dieser Katastrophe verwaltete, war von guter Herkunft und Erziehung; und obwohl seinen Manieren etwas Pedantisches und Amtsmäßiges anhing, so erfreute er sich doch einer allgemeinen Achtung als thätige und einsichtsvolle Magistratsperson. Sein erstes Geschäft war, alle Zeugen zu befragen, deren Aussage irgend Licht auf das geheimnißvolle Ereigniß werfen konnte; sodann das schriftliche Protokoll aufzunehmen, proces-veibsl, wie der Kunstausdruck lautet, welches die schottische Rechtspflege der Anklage des Coroners gleichstem. Unter des Sheriffs genauer und geschickrer Forschung kamen viele Umstände zum Vorschein, welche unverträglich mit der ursprünglichen Meinung schienen, daß Kennedy zufällig von den Klippen gefallen sei. Wir theilen in der Kürze einige Einzelheiten hiervon mit- Man hatte den Körper in einer benachbarten Fischerhütte niedergelegt, ohne daß man die Lage, in der er gefunden ward, abgeändert hätte. Diesen Umstand unterwarf der Sheriff zuerst seiner Prüfung. Obwohl furchtbar zerquetscht und verstümmelt durch den Fall von einer solchen Höhe, zeigte der Leichnam auch noch einen tiefen Schnitt am Kopfe, welcher nach der Meinung eines erfahrenen Wundarztes, durch ein Schwert oder einen Säbel beigebracht worden sein mußte. Die Erfahrung dieses Herrn entdeckte noch andere verdächtige Merkmale. Das Gesicht war sehr schwarz geworden, die Augen herausgetreten und die Avern des Halses geschwollen. Ein buntes Tuch, welches der unglückliche Mann um den Hals trug, befand sich nicht in der gewöhnlichen Lage, es war sehr locker umqelegt, der Knoten an Unrechter Stelle und sehr scharf zugezogen. Auch die Falten waren sehr zusammengedrückt, wie wenn das Tuch zum Mittel gedient hätte, den Entseelten zu ergreifen und vielleicht nach dem Abgrunde Hinzuschleppen. Uebrigens fand man die Börse des armen Kennedy unberührt, und was noch außerordentlicher schien, die Pistolen, die er gewöhnlich bei sich führte, sobald er einem gefährlichen Abenteuer entgegenging, befanden sich noch geladen in seinen Taschen. Dies erschien ganz besonders seltsam, denn er war gekannt und gefürchtet von den Schmugglern als ein Mann, der eben so furchtlos als gewandt in der Führung seiner Waffen war, wovon er schon viele deutliche Beweise abgegeben hatte. Der Sheriff forschte, ob Kenneey nicht auch ge- wohnt war, andre Waffen bei sich zu fuhren. Die meisten von Bertraws Dienern erinnerten sich, daß er gewöhnlich einen couteau äe clis88e oder Hirschfänger trug, daß man jedoch beim Leichnam keinen gefunden habe; auch konnten diejenigen, die ihn am Morgen dieses unglücklichen Tages gesehen hatten, nicht bestimmt angeben, ob er jene Waffe geführt habe, oder nicht. Der Leichnam gewährte keine weiteren Judicien in Bezug auf das Schicksal Kcnnedp's; denn waren auch die Kleider in großer Unordnung und die Glieder schrecklich zerschellt, so erschien doch das eine als die wahrscheinliche, das andre als die gewisse Folge eines solchen Sturzes. Die Hände des Verschiedenen waren krampshast zusammengezogen, und voll Rasen und Erde; doch auch dies schien von unentschiedener Bedeutung- Der Sheriff ging nun zu dem Platze über, wo der Leichnam zuerst entdeckt worden war, und ließ diejenigen, die ihn gefunden hatten, auf Ort und Stelle eine genaue specielle Beschreibung der Art und Weise geben, wie er dagelegen batte. Ein großes Fclsstück schien den Fall des Opfers von der Klippe oben begleitet zu haben oder ihm gefolgt zu sein. Die Masse desselben war so solid und compakt, daß es gefallen war, ohne sich bedeutend zu zersplittern; dadurch ward der Sheriff in den Stand gesetzt, erst durch Messung das Gewicht zu schätzen und sodann dem äußern Anschn nach zu bestimmen, mit welchem Theile es auf der Klippe festgcseffen haben möge, von welcher cs gestürzt war. Dies ward mit Leichtigkeit von dem rauhen Ansehn des Steines, wo er der Luft ausgesetzt gewesen, entdeckt. Sodann erstieg man die Klippe und besichtigte den Ort. von welchem das Bruchstück hinabgefallen war. Nach dem Ansehn des Felsens schien es offenbar, daß das bloße Gewicht eines einzigen Mannes, der aufdem vorspringende» Theile des Bruchstücks stand, vorausgesetzt daß sich dies in seiner natürlichen Lage befand, dasselbe nicht aus dem Gleichgewichte hätte bringen und mit flch selbst von der Klippe hinunter stürzen können. Zu gleicher Zeit aber schien der Stein so locker gelegen zu haben, daß die Anwendung eines Hebels oder die vereinte Kraft von drei oder vier Männern ihn leicht aus seiner Lage gebracht haben konnte. Der kurze Rasen am Rande des Abhangs war sehr zertreten, als wär' er durch die Fersen von Männern zerstampft worden, die in tödtlichcm Kampfe oder in einer äußerst heftigen Anstrengung begriffen gewesen. Spuren derselben Art, nur weniger sichtbar, führten den umsichtigen Forscher zum Rande des Buschholzes, welches an diesem Orte vom Ufer bis gegen den Gipfel des Abhanges emporstieg. Mit Geduld und Beharrlichkeit verfolgten sie diese Merkmale bis in den dicksten Theil des Gehölzes, eine Richtung, die kein Mensch freiwillig eingcschlagen haben würde, außer des Verstecks wegen. Hier fanden sie Schritt für Schritt deutliche Spuren von Gewaltthätigkeit und Kampf. Kleine Zweige waren los- gerissen, als wären sie von einem widerstrebenden Unglücklichen erfaßt worden, der gcwaltsamfortgeschleppt wurde; wo derBoden nureinigermaßen weich und sumpfig war, zeigte erdie Spur menschlicher Füße; auch befanden sich Spuren daselbst, welche denen von Menschenblut glichen. Nach alledem war gewiß, daß mehrere Personen sich hier zwischen Eichen, Haselbüschen und dem Unterholz, welches damit gemischt war, einen Weg erzwungen hatten; und an einigen Stellen fanden sich Spuren, als ob ein Getreidesack, ein todterKörper oder sonst etwas Schweres und Derbes am Boden hingeschleppt worden sei. In einem Theil des Dickichts befand sich ein kleiner Sumpf, dessen Grund sich thonig und weißlich zeigte, wahrscheinlich weil er mit Mergel vermischt war. Kennedy's Kleid zeigte auf dem Rücken Flecken von der nämlichen Farbe. Guy Mannerlng. !. 8 Endlich, etwa eine halbe Viertelstunde von dem Rande des vcrhängnißvollen Abhanges, führten dieselben Zeichen zu einem schmalen offenen Platz, wo der Boden sehr zerstampft und mit Blut befleckt war, obwohl man nachher viel welkes Laub auf den Ort gestreut und andre Mittel in der Hast angewandt hatte, um jene zu verlöschen, welche offenbar von einem verzweifelten Kampfe hcrzurühren schienen. Auf der einen Seite dieser offenen Waldstelle, fand man ein entblößtes Jagdmesser des Schlachtopfers, welches in's Dickicht geworfen worden zu sein schien; an der andern Seite aber Gchäng und Scheide, welche mit mehr Sorgfalt und Vorsicht versteckt worden zu sein schienen. - Der Sheriff verordncte, daß man die Fußstapfen, welche diesen Ort bezeichneten, auf's sorgfältigste maß und untersuchte. Einige paßten genau zu dem Fuß des unglücklichen Kennedy, einige schienen größer, andere wieder kleiner, im allgemeinen ergab sich, daß mindestens vier oder fünf Menschen gegen jenen gewesen waren. Ueberdies bemerkte man hier, und zwar nur hier, die Fußstapfen eines Kindes, und da man sonst nirgends dergleichen fand, und die scharfen Pferdetrappen durch den Warrochwald sich ununterbrochen bis zu diesemOrt hinzogen, so war derGcdanke gar nicht unnatürlich, daß derKnabe während des Kampfes in dieser Richtung entkommen sein könnte- Da man jedoch nichts von ihm gehört hatte, so konnte der Sheriff nach sorgfältiger Vergleichung aller gesammelten Nachrichten die Meinung nicht unterdrücken, der Verschiedene sei meuchlerisch aus einem Hinterhalt überfallen worden, und die Mörder, wer sie auch gewesen seien, hätten sich der Person des Kindes, Harry Bertram'S, bemächtigt. Man gab sich nun alle Mühe die Verbrecher zu entdecken. Lange schwankte der Verdacht zwischen den Schmugglern und den Zigeunern. Das Schicksal des Schiffes des Dirk Hatteraick unterlag keinem Zweifel. Zwei Männer von der entgegengesetzten 115 Seite derWarrochbay (so wird deroffencZugangvonderSüdseite der Warrochspitze genannt), wollten, wiewohl in großer Entfernung, das Schmugglerschiff gesehen haben, wie es ostwärts trieb, nachdem cs die Landspitze umsegelt hatte, und sich dabet, so weit sie nach seinen Manövern urtheilen konnten, in einem schlimmen Zustande befand. Kurz nachher bemerkten sie, daß cs sank, rauchte und endlich in Brand gerieth. Es brannte, wie sich einer von ihnen ausdrückte, lichterloh, als sie ein königliches Schiff gewahrten, das mit aufgesteckten Flaggen hinter dem Kap herauf ihnen zu Gesicht kam. Das Geschütz des brennenden Fahrzeugs ging von selbst los, wie cs vom Feuer erreicht ward, und endlich sahen sie es mit großer Explosion ausfliegen. Die Krtegsschaluppe hielt sich in- deß ihrer Sicherheit wegen entfernt; sie lavirte eine Zeitlang, steuerte aber nach erfolgter Erplosion mit allen Segeln südwärts. Besorgt forschte der Sheriff weiter bei diesen Männern, ob das Fahrzeug nicht einige Böte verlassen hätten. Sie konnten das nicht sagen, denn sie hatten keine gesehen; doch konnten dieselben in einer Richtung abgefahren sein, daß sich das brennende Fahrzeug und die dickeRauchwolkezwischen sie und dieBeobachtcndenlegte. Daß das zerstörte Schiff jenes des Dirk Hatteraick war, bezweifelte Niemand. Sein Fahrzeug war an der Küste wohlbekannt, und man hatte es gerade zu dieser Zeit erwartet. Ein Brief vom Befehlshaber der königlichen Schaluppe, an welchen sich der Sheriff gewandt hatte, setzte die Sache außer Zweifel. Durch diesen erhielt er nämlich einen förmlichen Auszug aus den SchiffS- papicren über Alles, was an dem Tage vorgegangen war, woraus man ersah, daß sie heute Jagd auf ein Schmuggler-Schiff, dessen Herr Dirk Hatteraick, gemacht, und zwar nach Angabe und Aufforderung des Francis Kennedy, Sr. Majestät Zollbeamten; ferner, daß Kennedy sich am Strande auf die Lauer gelegt, im Fall Dirk Hatteraick, der als ein verzweifelter Gesell bekannt und schon 8 » mehrmals als vogelfrei erklärt worden war, versuchen sollte, seilte Schaluppe auf den Strand zu treiben. Ungefähr um neun Uhr Vormittags hätten sie auch glücklich ein Segel entdeckt, was der Beschreibung nach, das des Dirk Hatteraick war; sie machten Jagd darauf, und nachdem sie mehrmals die Signale wiederholt, daß es seine Flagge zeigen möge, feuerten sie gegen dasselbe-Der Schmuggler zeigte nun die Hamburger Flagge und erwiederte das Feuer; drei Stunden lang zog er sich fechtend zurück, bis in dem Augenblick, wo er um die Warrochspitze segelte, ein Schuß, wie sie bemerkten, das Hauptsegel des Schmugglers Herunterrieß, wodurch das Fahrzeug untauglich wurde. EineZeitlang vermochten sic nicht diesen glücklichen Umstand zu benutzen, weil sie sich bei Umsegelung der Landspitze zu nahe am Ufer gehalten hatten. Nach zwei Wendungen gelang ihnen dies jedoch; aber sie bemerkten auch nun, daß der Schmuggler bereits im Feuer stand und wahrscheinlich von der Mannschaft verlassen war- Da das Feuer einige Branntweinfässer ergriff, die man nebst andern brennbaren Maaren wahrscheinlich absichtlich auf's Verdeck gestellt hatte, so loderten die Flammen so heftig, daß kein Boot dem Schiffe zu nahen wagen durfte, besonders da auch die Stücke, welche dir Hitze entzündete, sich nach einander entluden. Der Kapitän der Kricgsschaluppe war keinen Angenblick in Zweifel, daß die Mannschaft selbst Feuer im Schiffe angelegt und sodann sich in den Böten gerettet habe. Unter diesen Umständen schien cs dem Befehlshaber der königlichen Schaluppe, des „Hapfisches," am angemessensten, seinen Curs direkt nach der Insel Man zu richten, und zwar in der Absicht, den Schmugglern ihren Rückzug dorthin abzuschneiden, da dieselben, konnten sie sich auch einige Tage in den Wäldern verbergen, doch wahrscheinlich bei erster Gelegenheit die Rückkehr nach ihrer alten dortigen Freistätte versuchen würden. Jedoch ward, wie oben gemeldet, nichts wieder von ihnen gesehen. 117 Dies war der Bericht, den William Pritchard, Capitain der königlichen Kriegsschaluppe, der Hapfisch, ertheilte, und welcher damit schloß, daß man sehr dedaure, nicht so glücklich gewesen zu sein, diese Schurken persönlich bekämpfen zu können, welche unverschämt genug gewesen wären, auf Sr. Majestät Flagge zu feuern. Zugleich war noch die Versicherung beigefügt, daß, sollte er bei einer ähnlichen Kreuzfahrt einst auf Dirk Hatteraick stoßen, er nicht verfehlen werde, demselben mit den Kanonen seines Hinterbords Alles, was zwischen ihnen vorgefallen, zu vergelten. Da es nun ziemlich gewiß schien, daß die Leute am Bord des Schmugglers entkommen wären, so konnte ihnen auch leicht Kennedp's Tod angerechnet werden, sobald sie im Walde mit ihm zusammentrafen und sie durch den Verlust ihres Schiffes, den er verursachen half, ergrimmt waren. Und es war nicht unwahrscheinlich, daß von solch rohen Menschen, besonders wenn sie durch die Umstände zur Verzweiflung gebracht waren, selbst die Ermordung eines Kindes, gegen dessen Vater Dirk Hatteraick so heftige Drohungen ausgestoßen hatte, keineswegs als ein verab- scheuungswertbes Verbrechen angesehen werden mochte. Gegen diese Hypothese ward eingewendct, daß eine Mannschaft von fünfzehn oder zwanzig Menschen nicht am Ufer hätte verborgen bleiben können, da unmittelbar nach Zerstörung ihres Schiffes eine so scharfe Nachsuchung nach ihnen stattgefunden hatte; und wofern sie sich auch in der Waldung versteckt hätten, so mußten doch wenigstens ihre Boote am Strande gesehen worden sein; — unter so bedenklichen Umständen aber, wo jeder Rückzug höchst schwierig, wo nicht unmöglich für sie scheinen mußte, könne man nicht denken, daß sich Alle aus bloßer Rachsucht zu einem unnützen Morde vereinigt haben sollten. Diejenigen, welche dieser Meinung waren, vermutheten, daß entweder die Böte des Schmugglerschiffes in See gestochen seien, ohne von denen bemerkt 118 zu werden, die all' ihre Aufmerksamkeit auf das brennende Schiff richteten und darnach gafften, wodurch jene allerdings einen sichern Vorsprung vor der Schaluppe, bevor diese um die Landspitze legte, gewinnen konnten; oder auch, daß die Schiffsmannschaft durch das Unbrauchbarwerden ihrer Böte oder deren Verbrennung, während der Hayfisch sie verfolgte, zu dem festen Entschluß gekommen sei, sich mit dem Schiffe in die Luft zu sprengen. Was diesem vcrmuthetcn Akt der Verzweiflung einige Wahrscheinlichkeit lieh, war, daß weder Dirk Hatteraick, noch einer seiner Schiffsgenoffen, sämmtlich wohlbekannte Schleichhändler, wieder auf dieser Küste gesehen wurden, und daß man auch, trotz der genauesten Nachforschung, auf der Insel Man nichts von ihnen hörte- Andrerseits kam blos der todte Körper eines Seemanns, wahrscheinlich durch einen Kanonenschuß getödtct, an denStrand. Alles was man thun konnte war daher nur, daß man Namen und äußere Gestalt der Personen aufzeichnete, die zur Schiffsmannschaft gehört hatten, und für die Ergreifung eines jeden von ihnen einen Preis aussetzte; und diesen für jede Person, außer den Mörder selbst, welche ein genügendes Zeugniß, um den Mörder des Franz Kennedy zu überführen, ablcgen könnte. Eine andere Meinung, die gleichfalls durch guteGründe unterstützt ward, suchte das furchtbare Verbrechen den letzten Bewohnern von Derncleugh aufzubürden. Man wußte, daß sie durch das Benehmen des Lairds von Ellangowan gegen sie höchlich erzürnt waren und mancherlei Drohungen ausgestoßen hatten, deren Erfüllung sie Jedermann für fähig hielt. Kinderraub war ein Verbrechen, welches mit ihren Gewohnheiten mehr als mit denen der Schmuggler Lbereinstimmte, und des Knaben damaliger Beschützer konnte bei einem Versuche, ihn zu retten, gefallen sein. Ueber- dies erinnerte man sich, daß sich Kennedy bei der gewaltsamen Vertreibung dieser Leute von Derncleugh vor wenigen Tagen 119 sehr thätig gezeigt hatte, und daß bei dieser merkwürdigen Gelegenheit zwischen ihm und einem der ältesten Zigeuner eine -arte und drohende Sprache geführt worden war. Der Sheriff vernahm auch die Aussagen des unglücklichen Vaters und seines Dieners über das, was bei ihrem Zusammentreffen mit dcrZigeunerkarawane, als diese von Ellangowan wegzog, vorgefallcn war. Die Reden der Meg Merrilies schienen besonders verdächtig. Es lag darin, wie der Beamte in seiner Juristensprache bemerkte, ein llanwum minstum, ein als Vergeltung angedrohter Schade, und ein mslum secutum, ein Uedel, welches, wie cs vorausgesagt ward, kurz nachher eintraf. Ein junges Weib, die an dem verhängnißvollen Tage Nüsse im War- rochholze gesammelt hatte, behauptete steif und fest, wiewohl sie keinen Eid deßhalb oblegen wollte, daß sie Meg Merrilies, oder wenigstens ein an Größe und Ansehen derselben merkwürdig ähnliches Weib, plötzlich aus einem Gebüsch habe treten sehen — sie erklärte, jene beim Namen angerufcn zu haben; da sich jedoch die Gestalt ohne zu antworten abgewendet habe, so sei sie in Ungewißheit geblieben, ob es die Zigeunerin oder deren Gespenst gewesen sei; daher habe sie sich auch gescheut, einer Person näher zu treten, die man, nach der gewöhnlichen Redeweise, nicht für geheuer hielt. Diese vage Geschichte ward einigermaßen durch den Umstand unterstützt, daß man am nämlichen Abend in der verlassenen Hütte der Zigeunerin Feuer gefunden hatte. Diesen Umstand bezeugte Ellangowan und dessen Gärtner. Doch schien es ungereimt, zu vermuthen, daß dies Weib, wofern es zu dem Verbreche» geholfen hätte, am nämlichen Abend zu dem Orte zurück- gekehrt sein sollte, wo man sie vor allen am ersten suchen mußte. Meg Merrilies ward indessen eingezogen und verhört. Sie läugnete hartnäckig, am Todestage Kennedy's zu Derncleugh oder im Warrochsholze gewesen zu sein; und auch mehrere ihres Stam- 120 mes beschwuren es, daß sie ihre Niederlassung nicht verlassen habe, welche sich in einem Thale, etwa fünf Stunden von Ellangowan befand. Ihren Schwüren war in der That wenig zu trauen; aber konnte man unter diesen Umständen ein anderes Zeugniß erlangen? Eine einzige merkwürdige Thatsache ging aus ihrem Verhöre hervor. Ihr Arm war durch den Schnitt einer scharfen Waffe leicht verwundet, und mit einem Taschentuche Harry Bertrams verbunden. Aber der Häuptling der Horde bekannte, er hätte sie am nämlichen Tage mit einem Dolche gezüchtigt — sie selber und andere sagten dasselbe von ihrer Wunde aus; und was das Taschentuch betraf, so erklärte sich dies leicht aus der Menge von Linnen, welche während der letzten Monate ihres Aufenthalts zu Ellangowan gestohlen worden war, ohne daß man Meg ein schlimmeres Verehrer!,en aufzubürden brauchte. Man bemerkte bei ihrem Verhör, daß sie die Fragen, die sich auf den Tod Kennedy's, oder des Zöllners, wie sie ihn nannte, bezogen, mit Gleichgültigkeit behandelte; starken und leidenschaftlichen Unwillen und Verachtung drückte sie jedoch aus, da man sie für fällig hielt, dem kleinen Harry Bertram etwas zu Leide gethan zu haben. Man hielt sie lange in Haft, in der Hoffnung, daß man etwas entdecken werde, was Licht auf diesen blutigen und dunkeln Vorgang werfen könnte. Nichts zeigte sich jedoch und Meg ward endlich in Freiheit gesetzt, jedoch mit der Sentenz, daß sie als Landstreichern,, gemeine Diebin und unordentliche Person aus der Grafschaft weichen solle- Keine Spur von dem Knaben vermochte man zu entdecken, und so geriet- endlich die Geschichte, nachdem sie erst viel Lärmen erregt hatte, allmälig als unerklärlich in Vergessenheit und pflanzte ihr Andenken höchstens durch die Benennung, der Zöllnersprung, fort, welche man allgemein der Klippe beilegte, von welcher der unglückliche Mann gefallen oder gestürzt worden war. Elftes Kapitel. Die Zeit, als Chorus, tritt auf. Ich — manchem lieb; doch Freud und Schreck für Böse Wie Gute; die ich Jrrthum schaff' und löse — Ich will, weil Zeit ich heiße, seht die Schwingen Gebrauchen. Legt es mir vor allen Dingen, Und meinem Flug, nicht als Verbrechen aus, Schlüpff über sechszehn Jahr ich schnell hinaus, Den weiten Abgrund liegen lassend. — Wintermärchen. Unsere Erzählung ist nun im Begriff einen weiten Sprung zu machen und damit einen Zeitraum von fast siebzehn Jahren zu übergehen, während dessen sich nichts von besonderer Wichtigkeit in Bezug auf die Geschichte, die wir erzählen wollen, ereignete. Die Kluft ist allerdings groß; doch wenn des Lesers Erfahrung im Leben ihn fähig macht, auf einen Zeitraum von gleicher Länge zurückzublicken, so wird ihm dieser Raum in der Erinnerung kaum länger Vorkommen, als die Zeit, die er bedarf, um diese Blätter umzuschlagen. Es geschah im Monat November, etwa siebzehn Jahre nach der im letzten Kapitel erzählten Katastrophe, daß während einer kalten und stürmischen Nacht eine gesellige Gruppe sich dicht um das Küchenfeuer in dem kleinen aber behaglichen Wirths- hause zu Kippletringan, welches Mrs. Mac-Candlish in diesem Dorfe verwaltete, versammelt hatte. Die Unterhaltung, welche hier stattfand, wird mich der Mühe überheben, die wenigen Ereignisse zu berichten, welche sich während jenes Zwischenraums in unserer Geschichte zutrugen, und mit denen der Leser doch nothwendig bekannt werden muß. MrS. Mac-Candlish, die in einem behaglichen, mit schwarzem Leder überzogenen Lehnstuhl thronte, labte sich und einige Gevatterinnen aus der Nachbarschaft mit einer Taffe ächten Thee's und hatte zu gleicher Zeit ein wachsames Auge auf ihre Dienstleute, welche in Verrichtung ihrer manchfachen Obliegenheiten und Aufträgen ab- und zugingen. Der Küster und Vorsänger des Kirchspiels erquickte sich in einiger Entfernung von jenen an seiner sonnabendlichen Abendpfeife und versüßte sich die angenehme Räucherung durch ein gelegentliches Schlückchen Grog. Almosenpfleger Bcarcliff, ein Mann von großem Gewicht im Dorfe, vereinigte die Behaglichkeiten beider Parteien — er hatte seine Pfeife und seine Theetasse, und zwar die letztere mit etwas Rum gewürzt- Ein Paar Bauerleute saßen etwas abseits und tranken ihren Zweipfennigkrug Bier. „Ist auch wirklich das Zimmer bereit für sie, und brennt das Feuer hell und raucht das Kamin nicht?" sagte die Mithin zu einer Magd. Die Antwort war bejahend. — „Man dürfte auf keine Weise unhöflich gegen sie sein; zumal in ihrem bedrängten Zustande," sagte sie, sich an den Almoscnpfleger wendend. „Gewißlich nicht, Mrs. Mac-Candlish, gewißlich nicht. Sie könnten wirklich alles Mögliche aus meinem Laden verlangen, möcht' es sieben, acht oder zehn Pfund betragen, ich 123 gab es ihnen auf Borg, so bereitwillig als dem ersten in der Grafschaft. — Kommen sie in der alten Kutsche?" „Wohl auf keinen Fall," sagte der Vorsänger; „denn Miß Bertram kommt jedesmal auf dem weißen Pferdchen zur Kirche — und eine fleißige Kirchgängerin ist sie — und eine Lust ist's, das liebe junge Ding die Psalmen fingen zu hören. „Ja, und der junge Laird von Hazlewood reitet nach der Predigt den halben Weg mit ihr heim," sagte eine der Gevatterinnen aus der Gesellschaft; „mich wundert, wie der alte Hazlewood das leidet." „Ich weiß nicht, wie er es jetzt dulden kann, antwortete eine andre der Theetrinkerinnen; „aber es gab eine Zeit, wo Ellangowan es schwerlich geduldet haben würde, daß seine Tochter sich mit dem jungen Hazlewood unterhielt." „Ja, es gab eine Zeit," antwortete die erste mit einigem Nachdruck. „Ich weiß gewiß, Nachbarin Ovens," sagte die Wirthin, „daß die Hazlewoods von Hazlewood, obwohl sie eine recht gute alte Familie in der Grafschaft sind, doch nimmermehr, wäre die letzte Mandel Jahr nicht gewesen, daran gedacht haben würden, sich zu den Ellangowans zu erheben. Ei, Beste, die Bertrams find die alten Dingawaics von alter Zeit her — es gibt ein Lied von ihrem einem, der eine Tochter des Königs von Man heirathete; es fängt an, Herr Bertram zog wohl über die Haid, Zum Weib sich zu holen die schönste Maid. — Mr. Skrcigh wird uns wohl die Ballade singen." „Werthe Frau," sagte Skrcigh, mit gewichtiger Miene und indem er sein Restchen Grog mit großer Feierlichkeit schlürfte, „unsre Talente sind uns zu anderm Gebrauch vcr- 124 liehen, als um alte weltliche Lieder so kurz vor Sonntag ab- zuslngen." „Ei, ei, Mr. Skreigh, es wäre nicht das erste Mal, daß ich Euch am Sonnabend ein altes Ritterlied singen hörte- — Was aber die Kutsche betrifft, Herr Almosenpfleger, so ist die nicht aus dem Schuppen gekommen seit Mrs. Bertram starb, und das werden sechszehn oder siebzehn Jahre her sein — Jock Jabos ist mit einer Kutsche von mir fort, um sie zu holen; — mich wundert, daß er noch nicht zurück ist. 's ist pechfinstre Nacht — aber es sind auf der Straße keine gefährlichen Stellen, bis auf zwei, und die Brücke bei Warroch ist sicher genug, wenn er sich nur gehörig rechts hält. Aber da ist dann die Stelle von Heavieside-Brae, das ist ein wahres Mordloch für alle Postpferde — aber Jock kennt die Straße gut genug." Man hörte ein starkes Pochen an der Thür- „Das sind sie nicht. Ich höre kein Wagenraffeln. — Griz- zel, du Faulpelz, geh' nach der Thüre." „'s ist ein einzelner Herr," meinte Grizzel endlich, „soll ich ihm denn das Gastzimmer aufschließen?" „Ei Grizzel, faule Dirne, so spute dich doch; es wird ein englischer Reiter sein. In so später Nacht und ohne Bedienten zu kommen! — Hat der Knecht das Pferd abgenommen? — Gleich mach' ein Bischen Feuer in der rothen Stube." „Ich wünsche, Madame," sagte der Reisende, indem er in die Küche trat, „ihr erlaubtet, daß ich mich hier wärme, denn die Nacht ist sehr kalt." Sein Aeußeres, seine Stimme und sein Benehmen brachte sogleich einen günstigen Eindruck hervor. Er war von hübscher, großer, schmächtiger Gestalt, schwarz gekleidet, wie man sah, sobald er sein Reitkleid abgelegt hatte; sein Alter mochte zwischen vierzig und fünfzig sein; seine Gesichtszüge waren ernst 125 und interessant, und sein Wesen hatte etwas Militärisches. Sein Auftreten und seine Reden bekundeten in jeder Hinsicht den Gentleman. Lange Gewohnheit hatte der Mrs. Mac-Cand- lish einen feinen Takt gegeben, um den Stand ihrer Gäste zu errathen und ihren Empfang darnach einzurichten: — Gebührend redet jede» Gast sie i>n, Nach Würden wird ein jeglicher empfnh'n, Voll Achtung, freundlich, höflich, fein und sacht, „Euer Gnaden Dienerin; — Meister Schmied, gut Nacht!" Bei gegenwärtiger Gelegenheit war sie äußerst höflich, und verschwenderisch mit Entschuldigungen- Der Fremde bat, man möge sein Pferd gehörig versorgen — sie ging selbst hinaus, um den Hausknecht zu schelten. „Nie war noch ein hübscher Stück Pferdefleisch in unserm Stalle" — sagte der Mensch, und diese Nachricht steigerte der Wirthin Respekt vor dem Reiter. Als sie-bei ihrer Rückkehr fand, daß es der Fremde ablehnte in ein anderes Zimmer zu gehen, (welches allerdings, wie sie zugab, nur kalt und rauchig sein würde, so lange das Feuer noch nicht hell brenne,) so hieß sie den Gast freundlich neben dem Feuer Platz nehmen und bot ihm an Erfrischungen dar, was ihr Haus vermochte- „Eine Tasse Thee, Madam, wenn Ihr so gut sein wollt." Mrs. Mac-Candlish fuhr geschäftig hin und her, verstärkte ihren Theekessel mit frischem Heisan, und fuhr fort, ihre Amtspflichten höchst anmuthig zu erfüllen. „Wir haben ein recht nettes Zimmer, Sir, ganz angenehm eingerichtet für Standes- personcn; aber für diese Nacht ist es bereits einem Gentleman und seiner Tochter versprochen, die im Begriff sind, diesen Theil des Landes zu verlassen — eine meiner Kutschen ist fort nach ihnen, und muß gleich zurück kommen — cs geht ihnen nicht ganz so wohl in der Welt, wie früher; aber es geht mit uns 126 allen bald hoch und bald tief in diesem Leben, wie Ew. Gnaden wohl wissen werden. — aber ist auch der Tabaksgeruch Ew. Gnaden nicht unangenehm?" „Keineswegs, Madam; ich bin ein alter Soldat und dergleichen völlig gewohnt. — Werdet ihr mir erlauben, einige Fragen über eine Familie hier in der Nähe zu thun?" Jetzt hörte man Wagengeraffel, und die Wirthin eilte zur Thur um die erwarteten Gäste zu empfangen; im Augenblick jedoch kehrte sie in Begleitung des Postillons zurück. „Nein, sie können nun auf keinen Fall kommen, — das steht schlimm mit dem Laird." „Ja, Golt hels' ihnen," sagte die Wirthin, „morgen ist der Termin — der allerletzte Tag, da sie im Hause bleiben können — Alles wird genommen." „Ja, aber sie können ans keinen Fall kommen, sag' ich Euch — Mr. Bertram kann nicht von der Stelle-" „Wie, Mr. Bertram?" sagte der Fremde, „hoffentlich betrifft es nicht Mr. Bertram von Ellangowan?" „Just denselben, Sir; und wenn Ihr ein Freund von ihm seid, so kommt Ihr gerade zur Zeit, wo es zu Neige mit ihm geht." „Ich bin viele Jahre außer Landes gewesen — ist seine Gesundheit so sehr zerrüttet?" „Ja, und seine Angelegenheiten obendrein," sagte der Almosenpfleger; „die Gläubiger haben die Güter in Besitz genommen, die verkauft werden sollen. Und Einer der Alles bei ihm galt — ich nenne keinen Namen, aber MrS- Mac-Cand- lish weiß, wen ich meine — (die Wirthin wiegte bedeutsam das Haupt,) — der setzt ihm jetzst am ärgsten zu- Ich habe selber einen kleinen Anspruch, aber lieber wollte ich ihn ganz einbüßen, als den alten Mann aus dem Hause treiben, und zwar gerade, da er dem Tode nahe ist " 127 „Ja," sagte der Küster, „dem Glossin liegt viel daran, sich den alten Laird vom Halse zu schaffen und den Verkauf zu beschleunigen, aus Furcht, der männliche Erbe möchte ihm noch in den Weg treten; denn ich habe sagen hören, wenn ein männlicher Erbe da wäre, könnten sie das Gut wegen der Schulden des alten Ellangowan nicht verkaufen." „Ich weiß, daß ihm vor vielen Jahren ein Sohn geboren ward," sagte der Fremde; „er ist gestorben, wie es scheint?" „Kein Mensch weiß das zu sagen," antwortete der Küster geheimnißvoll. „Tod!" sagte der Almosenpfleger, „ich stehe dafür, er ist seit lange todt; man hat in den zwanzig Jahren und länger nichts von ihm gehört." „Ach, zwanzig Jahre sind das noch nicht," sagte die Mithin; „gerade siebzehn sind es zu Ende dieses Monats; es erregte einen gewaltigen Lärm in der Gegend — das Kind verschwand am nämlichen Tage, wo der Zollaufseher Kennedy um's Leben kam. — Wenn Ihr lange in der Gegend bekannt seid, so werden Ew- Gnaden auch den Zollaufseher Frank Kennedy gekannt haben. Er war ein herzensguter Mann und war in Gesellschaft der besten Herren in der Grafschaft, und auch in unserm Hause trieb er so manchen Spaß. Ich war damals jung, Sir, und hatte nur erst den Mac-Candlish gehcirathet, der nun auch todt ist" — (ein Seufzer) — „und manchen Spaß Hab' ich damals mit dem Zollaufseher gehabt. Er war ein schlauer Fuchs — o, und wie wußte er den Schmugglern oft einen Bissen wegzuschnappen! aber er war zu wagehalsig. — Und nun seht, Sir, damals lag eine königliche Schaluppe unten in der Wigtonbay, und Frank Kennedy läßt sie Jagd auf Dirk Hatteraicks Fahrzeug machen — Ihr besinnt Euch doch noch auf Dirk Hatteraick, Herr Almosenpfleger? Ich denke ja, Ihr habt 128 auch Euer Geschäftchen mit ihm gehabt — (der Almofenpfleger nickt auf gewisse Weise mit dem Kopfe und läßt ein „hm" hören). Er war ein kühner Bursch, und vertheidigte sein Schiff, bis es in die Luft flog; und Frank Kennedy war der erste Mann am Bord gewesen, und so flog er eine Viertelmeile weit mit fort und fiel in's Wasser unter'm Felsen an der Warroch- spiße, den man nun den Zöllnersprung nennt bis heutigen Tag." „Und Mr. Bertram's Kind," sagte der Fremde, „was hat dies mit dem Allem zu schaffen?" „Ja, Sir, der Junge machte fich gern mit dem Zollaufseher zu thun; und man meint allgemein, er sei mit ihm an Bord des Schiffs gegangen, wie denn die Jungcns immer voran find, wo es Unheil geben kann." „Nein, nein,,, sagte der Almosenpfleger, „Ihr seid da nicht im Reinen, Luckie — denn der junge Laird ward von einem liederlichen Zigeunerweib mitgenommen, welches man Meg Merrilies nannte, — ich kann mich wohl auf ihr Gesicht besinnen, — und sie that es aus Rache, weil ihr Ellangowan in Kippletringan den Staubbesen geben ließ, nachdem sie einen silbernen Löffel gestohlen hatte." „Bitt' um Vergebung, Almosenpfleger," sagte der Küster, „Ihr seid eben so ihm Jrrthum, wie die Frau Wirthin." „Und welche Edition besitzt ihr von der Geschichte, Sir?" sagte der Fremde, indem er sich mit Interesse an jenen wandte. „Das läßt sich nicht so geradezu erzählen," sagte der Vorsänger sehr feierlich. Als man jedoch in ihn drang, zu sprechen, präludirte er mit zwei oder drei starken Zügen aus seiner Tabakspfeife, und aus dem wolkigen Heiligthum, welches er um sich verbreitete, eriheilte er folgende Legende, nachdem er seine Stimme erst durch einige hm! hm! in Stand gesetzt; und so ahmte er nun, so genau als mög- 129 lich die Beredtsamkcit nach, welche allwöchentlich über seinem Haupte von der Kanzel herabdonnerte. „Was wir jetzo bedenken wollen, meine Brüder, — hm, hm — ich will sagen, meine lieben Freunde, — geschah nicht in einem Winkel, und mag allen Herenadvokaten, Atheisten und Irrgläubigen aller Art als eine Lehre dienen. — Ihr müßt wissen, daß der edle Laird von Ellangowan nicht so eifrig, wie es sich geziemt hätte, damit war, sein Land von Heren zu säubern (in Betracht des Wortes, das da gesagt ist: „du sollst keine Zaubrerin leben lassen"); auch nahm er es nicht gebührend streng mit denen, welche Kobolde hatten, welche Wahrsagerei und dergleichen trieben, wie es bei den Aegyp- tiern (so pflegen sich diese Leute zu nennen) und andern heillosen Banden in unserm Lande üblich ist. Nun war der Laird drei Jahre verheirathet, ohne einen Erben zu haben — man hielt dies für ein Strafgericht, weil er, wie es hieß, verbotenen Umgang mit der Meg Merrilies pflog, die in den beiden Grafschaften Galloway und Dumfries als die berüchtigtste Here bekannt war." „Daran mag wohl etwas Wahres sein," sagte Mrs. Mac- Candlish; „ich weiß selber, daß er ihr zwei Gläser Schnaps in diesem Hause einschenken ließ." „Freilich wohl, Wertheste, und das bekräftigt nur noch meine Rede. — Endlich war denn die Lady guter Hoffnung, und in der Nacht, wo sie niederkommen sollte, da kommt an die Thür des Hauses, (an den Hof von Ellangowan, wie man es nennt,) ein steinalter, seltsam gekleideter Mann, und bittet um Quartier. Kopf, Beine und Arme waren nackt, obwohl es gerade im Winter war, und sein eisgrauer Bart hing ihm dreiviertel Ellen lang über die Brust herab- Gut, er ward eingelassen. Als nun die Lady niederkam, da forschte er ge- Guy Mamiering. I. 9 nau nach der Minute der Geburt, und darauf ging er hinaus und befragte die Sterne- Als er zurückkam, meldete er dem Laird, daß dem bösen Feind Macht gegeben sei über das Knäb- lein, so in dieser Nacht geboren; und er möchte das Kind ja auf den Wegen der Frömmigkeit erziehen und ihm einen guten Lehrer an die Seite geben, der mit und für den Knaben unablässig betete- Und darauf verschwand der alte Mann und keine Seele hat ihn in diesem Lande jemals wieder gesehen." „Nun, damit ist eS denn doch nicht ganz richtig," sagte der Postillon, der in ehrerbietiger Entfernung der Unterhaltung zuhörte; „bitte Mr. Skreigh und die Gesellschaft um Verzeihung, — aber in des Mannes Gesicht war nicht so viel Haar zu sehn, als in dem des Küsters selber; und er hatte ein Paar gute Stiefeln, wie sie je ein Mann an den Beinen trug, und Handschuh obendrein; — und auf Stieseln mußt' ich mich verstehn, sollt' ich meinen." „Still, Jock," sagte die Wirthin- „Nun, und was wißt Ihr denn von der Geschichte, Freund Jabos?" sagte der Vorsänger mit geringschätzigem Blicke- „Nun, jedenfalls ist es etwas, Mr. Skreigh — ich wohnte dazumal kaum einen Steinwurf weit vom Schloß Ellango- wan; da kam nun in der Nacht, wo der junge Laird geboren ward, ein Mann an unsre Thür, und meine Mutter schickte mich, der ich ein flinker Bursch war, hinaus, um dem Fremden den Weg zum Schloßthor zu zeigen; wäre er nun so ein Hexenmeister gewesen, so hätt'er sich ja wohl von selber hin- findcn können, — er war ein junges, wohlgebautes und gut- gekleidctes Kerlchen und sah wie ein Engländer aus. Und ich sag' Euch, sein Hut, seine Stiefeln und Handschuh waren so gut, wie sie nur je ein Gentleman trägt- Allerdings warf er einen furchtsamen Blick auf das alte Schloß — und mit 131 der Wahrsagerei hat er sich auch befaßt — ich habe wohl davon gehört; aber was sein Verschwinden betrifft, da hielt ich ihm selber den Steigbügel, als er fortritt, und er gab mir eine hübsche halbe Krone — er ritt eine Miethkracke, die Souple Sam hieß — sie gehörte dem George zu Dumfries — es war ein Teufclsvieh und hatte den Spath — ich habe das Brest vorher und auch nachher gar oft gesehen." „Gut, gut, Jock," antwortete Mr> Skreigh mit mildem feierlichem Tone, „unsre Berichte differiren keineswegs in den Hauptsachen; aber ich wußte nicht, daß Ihr den Mann gesehn hattet. — So seht nun, meine Freunde, nachdem der Wahrsager dem Knaben Böses prophezeit hatte, gab ihm sein Vater einen frommen Gottcsgelehrten bei, der Tag und Nacht um ihn war." „Ja, das war der Mann, den man nur Dominie Sim- son nannte," sagte der Postillon. „'s ist eben nicht viel an ihm," bemerkte der Almosenpfleger; „ich habe gehört, daß er nie fünf Worte in einer Predigt zusammenbringen konnte, seitdem er Kandidat geworden." „Nun freilich," sagte der Vorsänger mit einer Bewegung der Hand, als sei er begierig, selbst wieder das Wort zu gewinnen; „er war also Tag und Nacht um den jungen Laird- Da begab es sich, als der Knabe grade fünf Jahre alt war und der Laird zur Einsicht seiner Fehler kam, daß er beschloß, jene Zigeuner von seinem Grund und Boden zu jagen; dies setzte er auch in's Werk, und Frank Kennedy, ein rauher, kurz angebundner Patron, ward abgeschickt, um sie auszutreiben. Er fluchte und verwünschte sie, und sie thaten ihm zur Vergeltung dasselbe; und Meg Merrilies, die vom Feinde der Menschheit die meiste Macht erhalten hatte, verschwor sich, g-< 132 daß sie ihn, beides an Leib und Seele, che drei Tage vergehn würden, in ihrer Gewalt haben wolle- Und ich Hab' es von sicherer Hand, von einem Manne, der selber dabei war, nämlich John Wilson, des Lairds Reitknecht, daß Meg dem Laird erschien, als er von von Singleside über's Feld heimritt, und ihn mit alle dem bedrohte, was nachher die Familie wirklich betroffen hat; aber ob cs Meg selber, oder ein Gespenst war, welches ihr glich, denn sie erschien in ganz übermenschlicher Größe, das wußte John nicht genau zu sagen." „Jawohl," sagte der Postillon, „daran kann wohl etwas sein — ich weiß nichts dagegen zu sagen, denn ich war damals nicht in der Gegend; aber John Wilson ist freilich ein Prahlhans und ist dabei furchtsamer als ein Hase?' „Und wie lautet das Ende von all diesen Dingen?" sagte der Fremde mit einiger Ungeduld. „Der Ausgang und das Ende davon war, Sir," sagte der Vorsänger, „daß, während alle zuschauten, wie ein Königsschiff auf einen Schmuggler Jagd machte, dieser Kennedy plötzlich, ohne einen denkbaren Grund, von ihnen fortrannte — Seile oder Taue hielten ihn freilich nicht zurück — und nach dem Warrochhvlze hinsauste, so schnell, als ihn sein Thier tragen konnte; unterwegs trifft er den jungen Laird mit seinem Hofmeister, er nimmt den Knaben zu sich auf's Pferd und schwört, wenn er behext sei, so solle der Knabe dasselbe Schicksal theilen; der Lehrer folgt so schnell er kann, und zwar beinah so schnell als sie selber, denn er war außerordentlich gut zu Fuße — da sah er Meg, oder den Teufel, ihren Herrn, in ihrer Gestalt, plötzlich aus dem Boden erscheinen und den Knaben aus dem Arme des Zöllners reißen — dieser setzte sich zur Wehr und zog sein Schwert — denn Ihr 133 wißt, ein behexter Mann und ein Hengst fürchtet stch vor dem Teufel nicht." „Ich glaube, das ist sehr wahr," sagte der Postillon- „So, Sir, packte sie ihn und warf ihn wie einen Stein über die Klippen von Warroch, wo er am Abend gefunden ward — aber was aus dem Kinde ward, das kann ich freilich nicht sagen. Aber unser damaliger Geistlicher, der nun auch an einem bessern Orte ist, war der Meinung, der Knabe könne vielleicht nur auf eine Zeitlang nach dem Feenlande gebracht worden sein." Der Fremde hatte bei einigen Stellen dieser Erzählung leise gelächelt, aber eh' er antworten konnte, hörte man den Hufschlag eines Pferdes, und ein flinker, hübsch gekleideter Bedienter, mit einer Kokarde am Hute, stürmte in die Küche mit den Worten: „Macht ein Bischen Platz, liebe Leute;" als er jedoch den Fremden bemerkte, ward er alsbald zum höflichen und bescheidenen Bedienten, sein Hut sank vom Kopfe herunter, und er legte einen Brief in die Hände seines Herrn. „Die Familie zu Ellangowan, Sir, befindet sich in großer Trauer, und ist nicht im Stande, Besuche anzunehmen." „Ich weiß es," erwiederte sein Herr- „Und wenn Ihr mir jetzt erlauben wollt, Madam, das erwähnte Zimmer einzunehmen, da die erwarteten Gäste doch nicht kommen"- „Sogleich, Sir," sagte Mrs. Mac-Candlish und beeilte sich, auf dem Wege vorzuleuchten, und zwar mit all der geräuschvollen Geschäftigkeit, welche alle Wirthinnen bei solcher Gelegenheit gern entfalten. „Junger Mensch," sagte der Almosenpfleger zum Bedienten, indem er ein Glas füllte, „Ihr werdet hier so etwas nach Eurem Ritte wohl nicht stehen lassen." 134 „Ei, bei Leibe nicht, Sir — Dank Euch — auf eure Gesundheit, Sir?' „Und wer ist wohl Euer Herr, Freund?" „Wer, der Gentleman, der hier war? das ist der berühmte Oberst Manncring, Sir, aus Ostindien " „Wie, von dem wir in den Zeitungen lesen?" „Jawohl, ganz derselbe. Er war es, der Cuddieburn entsetzte, und Chingaiore vertheidigte, und den großen Mahratten- -äuptling, Ram Jolli Bundleman, schlug — ich Hab' ihn fast auf all seinen Feldzügen begleitet." „Gott sei uns gnädig," sagte die Wirthin, „ich muß ihn doch fragen, was er zum Abendessen wünscht — daß ich ihn auch hier niedersetzen lassen konnte!" „O, das hat er so gern, Mutter; — Ihr habt nie einen einsachern Mann in Eurem ganzen Leben gesehen, als unfern alten Oberst; und doch hat er auch manchmal den Teufel im Leibe." Da der Rest der Abendunterhaltung in den untern Räumen wenig Anziehendes hatte, so werden wir, mit des Lesers Erlaubniß, hinauf in das Gastzimmer steigen. Zwölftes Kapitel- — Ehre? — sie ist nur ei» Götzenbild, Errichtet gegen Gott, der gab Gesetze, Und der besohlen Hot- Du sollst nicht tobten: Wir muffen Uber, denn die Ehre will'S! Kann wohl ein edler Mann die eigne fürchten, Kan» eines andern Ehr' er wohl verletzen? Die Furcht vor niedrer schlechter That ist Muts); Ward uns sie angekhan, sie zu verzeih» Ist gleichfalls Muth — — Ben Jonson. Der Oberst ging gedankenvoll im Zimmer auf und ab, als die dienstfertige Wirthin wieder eintrat um seine Befehle zu hören. Nachdem er diese auf eine Weise ertheilt hatte, die er für die annehmlichste in diesem Hause hielt, bat er die Frau, einen Augenblick zu verweilen. „Ich denke," sagte er, „Madam, wofern ich die guten Leute recht verstand, Mr. Bertram verlor seinen Sohn im fünften Jahre? „Ja, Sir, das hat seine volle Richtigkeit, obwohl über die Art und Weise viel müßiges Geschwätz gemacht wird, denn die Geschichte ist nun lange her und ein Jeder erzählt sie auf seine eigne Manier. Aber verloren ging der Knabe im fünften Jahre, wie Ew- Gnaden sagten, Herr Obersts und da die Neuigkeit der Lady, die damals mit einem Kinde ging, 136 unvorsichtig berichtet ward, so starb auch sie in derselben Nacht — und der Laird war seit jenem Tage ganz verwandelt, und kümmerte sich um nichts mehr, was um ihn her vorging — als seine Tochter, Miß Lucy, groß ward, suchte sie zwar wieder Ordnung im Hause zu machen — aber was konnte denn das arme Ding thun? — so werden sie nun von Haus und Hof getrieben." „Könnt Ihr Euch besinnen, Madam, um welche Zeit des Jahres das Kind verloren ging?" Die Wirthin antwortete nach einigem Nachdenken: „cs war ganz die jetzige Jahreszeit," und vermittelst einiger besondern Umstände besann sie sich endlich noch ziemlich genau, daß die Begebenheit im Anfang des November, 17— geschah. Der Fremde ging schweigend einigemal im Zimmer auf und ab, gab jedoch der Wirthin ein Zeichen, noch zu bleiben- „Hab' ich recht gehört," sagte er, „daß Ellangowans Vermögen verkauft werden soll?" „Verkauft? — Morgen soll es an den Meistbietenden los- geschlagen werden — das heißt, nicht morgen, Gott verzeih' mir'S, denn da haben wir Sonntag, sondern auf den Montag, als dem nächsten Werktage; und alle bewegliche Habe wird auch zugleich mit dem Gute drangegeben — Alle Welt ist der Meinung, daß man gerade jetzt die Sache schändlicherweise betrieben habe, zu einer Zeit, wo des langen amerikanischen Kriegs wegen so wenig Geld unter den Leuten in Schottland ist, daß man das Land am Ende selber kaufen könnte — hole der Teufel das schlechte Volk, daß ich so sage!" — der guten Dame Zorn war bei der erwähnten Ungerechtigkeit rege geworden. „Und wo wird der Verkauf statt finden?" „Auf dem Grundstück, wie die Bekanntmachung sagt — und das, Ew. Gnaden, ist doch das Haus Ellangowan, wenn ich es recht verstehe." „Und bei wem ist der Plan des Ganzen, das Verzeichniß des Jnventariums und der Zinsen einzusehn?" „Das hat ein sehr anständiger Mann, Sir; der Unterrichter der Grafschaft, der vom Gerichtshof bevollmächtigt ist. Er ist jetzt gerade in der Stadt, wenn Ew. Gnaden ihn etwa zu sehen wünschen; und von dem verlornen Kinde kann er Euch mehr als irgend Jemand sagen, denn der Sheriff, (das ist eben sein Principal,> gab sich viele Mühe, hinter die Wahrheit der Sache zu kommen, so viel ich gehört habe." „Und dieser Herr heißt"- „Mac-Morlan, Sir, — er ist ein Mann von gutem Ruf und Ansebn." „Laßt ihm meinen Empsehl — des Oberst Mannering Em- pfehl sagen, und es würde mir Vergnügen machen, wenn er mich beehren und mit mir zu Abend speisen wollte, und die bewußten Papiere mitbrächte — und ich bitte, Madam, daß Ihr sonst Niemand etwas hiervon sagt " „Ich, Sir? kein Wort wert? ich sagen — ich wollte Ew. Gnaden" (eine Verbeugung) „oder sonst ei» edler Herr, der für sein Vaterland gejochten hat" (noch eine Verbeugung) „bekäme das Land, da cs die alte Familie ja doch verlassen muß" (ein Seufzer) „statt daß es der Schuft Glossin an sich reißt, der sich durch das Verderben seines besten Freundes erheben will — und da ich eben daran denke, will ich gleich in meinen Hut und die Ueberschuh schlüpfen, und selbst zu Mr- Mac-Morlan gehn — er ist jetzt eben zu Hause — 's ist nur ein Schritt hinüber.« „Thut das, meine freundliche Wirthin, und nehmt meinen Dank zuvor — und sagt meinem Diener, daß er indeß mein Portfolio hieher bringt." 138 ' Binnen zwei Minuten saß Oberst Mannering ruhig vor seinen Schreibereien- Wir haben das Vorrecht, ihm beim Schreiben über die Schulter zu sehn, und wir theilen unsre Entdeckungen gern unscrn Lesern mit. Der Brief war an Arthur Mcrvyn, ESq. von Mervynhall, Llanbraithwaite, Westmoreland, gerichtet- Er enthielt Nachrichten über des Schreibers letzte Reise seit ihrer Trennung, und fuhr dann fort wie folgt: „Und warum willst du mir nun noch immer meine Melancholie zum Vorwurf machen, Mervpn? — Meinst du, daß nach Verlauf von fünfundzwanzig Jahren, in denen ich Schlachten, Wunden, Gefangenschaft und Mißgeschick jeder Art erlebte, ich noch derselbe lebhafte, tollkühne Guy Mannering sein kann, der mit dir den Skiddsw erstieg oder auf Croßfell Haselhühner schoß? Daß du, im Schooß des häuslichen Glücks zurückgeblieben, nur wenig Veränderung erfuhrst; daß dein Schritt noch so leicht und deine Phantasie noch so voll jugendlichen Sonnenscheins ist, das scheint mir eine glückliche Folge von deinem Charakter und deinem Gesundheitszustand zu sein, die beide, im Verein mit einem zufriedenen Gemüth, dich auf dem ebenen Strome der Zeit hinab- tragen- Aber meine Laufbahn ging an Klippen, Zweifeln und Jrrthümern vorüber! von Kindheit an war ich ein Ball des Zufalls, und wehte mich auch oft ein günstiger Wind in einen Hafen, so war es doch selten der, den der Steuermann erreichen wollte. Erlaube, (ich verspreche gedrängte Kürze) erlaube, daß ich dir die seltsamen und widrigen Schicksale meiner Jugend und das Mißgeschick meines Mannesalters ins Gedächtniß zurückrufe. „Die frühern, wirst du sagen, hatten eben nichts Abschreckendes. Es war nicht Alles zum Besten, doch war Alles erträglich. Mein Vater, der älteste Sohn einer alten doch zurückgekommenen Familie, überließ mich mit wenig mehr, als dem Namen des Ersten unsers Hauses, dem Schutze seiner glücklichem Brüder. 13S Sie liebten mich so sehr, daß sie fast über mich in Streit geriethen- Mein Oheim, der Bischof, wünschte mich im geistlichen Stande zu sehn und verhieß mir eine Pfründe — mein Oheim der Kaufmann wollte mich in einem Comptoir sehen und schlug mir vor, mich bei dem Hause Mannering und Marshall, Lombardstreet, zu betheiligen — so, zwischen diesen zwei Stühlen, oder vielmehr zwischen den beiden weichen, behaglichen, wohlgepolsterten Sitzen der Gottesgelahrtheit und des Handels, schlüpfte meine unglückliche Person hindurch und setzte sich auf einen Dragoncrsattel. Nun wünschte mich der Bischof wieder mit der Nichte und Erbin des Dekans von Lincoln zu verheirathen; und mein Oheim, der Aldcrmann, schlug mir die einzige Tochter des alten Sloethorn, des großen Weinhändlcrs, vor, der reich genug war, um mit Goldstücken Anschlägen zu spielen und Haarwickel aus Banknoten zu machen — und ich zog auch jetzt meinen Hals aus beiden Schlingen und heirathete — die arme Sophie Wellwood. „Du wirst sagen, meine militärische Laufbahn in Indien, als ich meinem Regimente dorthin folgte, müßte mir doch einige Zufriedenheit gegeben haben; und so ist es allerdings. Du wirst dich auch erinnern, daß ich, als ich die Hoffnungen meiner Vormünder täuschte, mir keineswegs ihr Mißfallen zuzog — daß mir der Bischof bei seinem Tode seinen Segen, seine handschriftlichen Predigten und ein merkwürdiges Portefeuille, enthaltend die Bildnisse aller berühmten Gottesgelahrten der englischen Kirche, hinterließ; und daß mein Oheim Sir Paul Mannering mich zum einzigen Erben seines großen Vermögens cin- setzte- Doch daran lag mir wenig. Ich sagte dir, daß ich etwas auf dem Herzen hätte, was ich wohl mit mir ins Grab nehmen würde, etwas, das mir mein Leben beständig verbitterte. Ich will dir die Sache genauer mitlheilen, als ich es im Stande war, da ich mich unter deinem gastfreundlichen Dache befand. Du wirst die Geschichte oft erwähnen hören, und vielleicht mit fremdartigen, grundlosen Nebenumständen. Ich will cS daher aussprechen; und sodann soll das Ereigniß selbst, so wie die schwermüthigen Empfindungen, die es mir erweckt, nie wieder Gegenstand unserer Gespräche sein. „Sophia, wie du wohl weißt, folgte mir nach Indien. Sie war eben so schuldlosen als heitern Sinnes; aber, zum Unglück für uns beide, auch eben so heiter als schuldlos. Meine eignen Manieren, die ich unter nun verlassenen Studien und einem einsamen Leben angenommen hatte, stimmten nicht recht mit meiner Stellung als Befehlshaber eines Regiments in einem Lande überein, wo allgemeine Gastfreundschaft von jedem Ansiedler, der Anspruch auf den Titel eines Mannes von Stande macht, gewährt und erwartet wird. In einem Augenblicke besonderer Verlegenheit, (du weißt, wie schwer es uns zuweilen fiel, weiße Gesichter zu erhalten, um unsere Schlachtlinicn zu ordnen,) trat ein junger Mann, Namens Brown, als Freiwilliger zu unserm Regiment, und da ihm der Soldatenstand mehr als seine frühere Beschäftigung, der Handel, zusagte, so blieb er als Kadet bei uns. Ich will meinem unglücklichen Opfer Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er betrug sich bei jeder Gelegenheit so brav, daß ihm schon im Voraus die erste offene Offizicrstellc zugedacht wurde. Eine entfernte Expedition hielt mich einige Wochen abwesend; als ich zurückkam, fand ich diesen jungen Menschen ganz als Freund des Hauses und als gewöhnlichen Begleiter meiner Frau und Tochter. Diese Einrichtung mißfiel mir in mancher Hinsicht, obwohl sich gegen seinen Charakter und sein Betragen nichts cinwenden ließ. Doch würde ich mich mit seiner Vertraulichkeit in meiner Familie leicht versöhnt haben, wären die Einflüsterungen eines Andern nicht gewesen ! Wenn du (ich wage das Buch nie zu öffnen) das Schauspiel Othello lesen wirst, so hast du einen Begriff von dem, 141 was folgt — ich meine die Beweggründe, die mich leiteten, — meine Handlungen, dem Himmel sei Dank! waren minder tadelnswert^ Ein andrer Kadet strebte gleichfalls nach der vacanten Stelle. Er lenkte meine Aufmerksamkeit auf das buhlerische Benehmen (wie er mich es zu nennen verleitete), welches wechselseitig zwischen meiner Frau und jenem jungen Manne stattfand. Sophia war tugendhaft, aber stolz auf ihre Tugend; und, gereizt durch meine Eifersucht, war sie so unklug, eine Vertraulichkeit zu pflegen und zu ermuntern, die ich, wie sie sah, mit Mißbilligung und Argwohn betrachtete. Zwischen Brown und mir bestand eine Art innerer Abneigung. Er gab sich einigemal Mühe, mein Vorurtheil zu beseitigen; aber da ich einmal eingenommen gegen ihn war, legte ich seinem Betragen falsche Motive unter- Da er sich, und zwar mit Verachtung, zurückgewiesen sah, so ließ er ab; und da er ohne Familie und Freunde war, so war er natürlich um so aufmerksamer auf das Betragen eines Mannes, der beide besaß- „Es ist seltsam, mit welcher Qual ich diesen Brief schreibe. Trotzdem fühl' ich mich geneigt, dies Geschäft zu verlängern, gleich als ob ich dadurch die Katastrophe ungeschehen machen könnte, welche mein Leben so lange verbittert hat. Aber — es muß erzählt werden, und ich will cs kurz erzählen. „Meine Frau, obwohl nicht mehr jung, war noch immer sehr hübsch, und — laß mich dies zu meiner eignen Rechtfertigung sagen — sie sah es gern, wenn man sie dafür hielt; — ich wiederhole, was ich schon sagte — mit einem Wort, an ihrer Tugend zweifelte ich durchaus nicht; angereizt jedoch durch Archer's listige Einflüsterungen glaubte ich, sie kümmere sich wenig um den Frieden meines Herzens, und der junge Mann, Brown, zolle ihr seine Aufmerksamkeiten mir zum Trotz und um mich damit hcrauszufor- dern- Er betrachtete mich seinerseits vielleicht als einen tyrannischen aristokratischen Mann, der seinen Rang in der Gesellschaft und in der Armee dazu benutzte, denjenigen, welche die Umstände unter ihn gestellt hatten, das Leben zu verbittern- Und wenn er meine thörichte Eifersucht entdeckte, so fand er wahrscheinlich, indem er sich an dieser wunden Stelle meines Charakters rieb, darin eine Befriedigung seiner Rachlust für die kleinen Dcmüthi- gungcn, denen ich ihn oft bloszustellen vermochte Ein scharfsichtiger Freund gab indeß seinen Aufmerksamkeiten eine harmlosere oder doch minder beleidigende Deutung, indem er erklärte, sie gälten meiner Tochter Julia, und er bringe sie nur auf indirekte Weise dar, um den Einfluß der Mutter für sich zu gewinnen. Auch dies war eben nicht schmeichelhaft oder angenehm von Seiten eines niedern und namenlosen jungen Mannes. Aber diese Thor- heit würde mich nicht so beleidigt haben, wie jene ungleich größere Anmaßung, die ich argwohnte. Beleidigt war ich indeß, und zwar in tödtlichem Grade. „Der kleinste Funke kann eine Flamme entzünden, wenn das Material offen daliegt. Ich habe die nächste Veranlassung des Streites gänzlich vergessen, aber es war eine Kleinigkeit, die am Spieltisch vorkam und erst einen Wortwechsel und sodann eine Ausforderung mit sich brachte. Wir trafen uns am nächsten Morgen außerhalb der Mauer und der Esplanade des Forts, welches ich damals an den Gränzen unserer Niederlassung befehligte. Diese Einrichtung war für Browns Sicherheit getroffen, wofern er davon gekommen wäre. Ich wünsche beinah, dies wäre der Fall gewesen, wenn auch auf meine Kosten, aber er fiel beim ersten Schüsse. Wir eilten, ihm beizustehn; «bereinige jener Luti es, eine Art eingeborner Meuchelmörder, welche stets auf Beute lauern, überfielen uns. Archer und ich gewannen mit Mühe unsre Pferde und erkämpften erst nach einem harten Gefecht unfern Weg, wobei jener eine höchst gefährliche Wunde empfing. Um das Unglück dieses traurigen Tages voll zu machen, wurde meine Frau, welche die Absicht ahnte, mit welcher ich das Fort verließ und daher Befehl gegeben batte, daß ihr Palanquin uns folgen solle, von einer andern Schaar dieser Räuber beunruhigt und beinah gefangen. Eine Abtheilung unserer Reiterei rettete sie zwar schnell; doch kann ich mir selbst nicht ausreden, daß die Vorfälle dieses verhängnißvollen Morgens ihre ohnehin zarte Gesundheit ernstlich erschütterten- Das Bekcnntniß Arcbers, der sich dem Tode nahe glaubte, daß er einige Umstände erfunden und aus eigennützigen Absichten andern die schlimmste Deutung gegeben habe; deßgleichen die völlige Aufklärung und wechselseitige Vergebung, welche dies zwischen uns veranlaßte, konnte den Fortschritt ihrer Krankheit nicht mehr hemmen. Sic starb etwa acht Monate nach dieser Begebenheit und hinterließ mir nur das Mädchen, welches Mrs. Mervyn vor der Hand unter ihre gütige Obhut genommen hat. Auch Julia war von schwacher Gesundheit, so daß ich mich veranlaßt fühlte, meine Befehlshaberstelle niederzulegen und nach Europa zurückzukehrcn, wo ihre heimatliche Luft, die Zeit, und die Neuheit des umgebenden Schauplatzes beitrugen, ihre Niedergeschlagenheit zu bannen und ihre Gesundheit hcrzustellen- „Nun du meine Geschichte kennst, wirst du mich nicht weiter nach dem Grunde meiner Schwermuth fragen, sondern mir gestatten, mich derselben nach Bcdürfniß hinzugeben. Gewiß enthält das oben Erzählte genug, um den Becher zu verbittern, wo nicht zu vergiften, welchen mir, wie du oft erwähntest, Glück und Ruhm lieh, um meine cinsamern Jahre daran zu erlaben- „Ich könnte noch Umstände anführen, die unser alter Lehrer als Beispiele vom Vorhandensein unglücklicher Tage dargestellt haben würde, — du würdest lachen, wenn ich solcher Einzelheiten erwähnte, zumal da du weißt, daß ich selber nicht daran glaube. Seit ich jedoch das HauS betreten habe, aus welchem ich jetzt schreibe, habe ich ein so seltsames Zusammentreffen erfahren, das, wofern es sich nur einigermaßen bewährt, uns künftig gewiß -um Gegenstände merkwürdiger Unterhaltungen dienen wird. Doch will ich dich jetzt damit verschonen, da ich eine Person erwarte, mit welcher ich über den Ankauf eines jetzt hier feilgebotenen Grundstücks sprechen will- Es ist ein Ort, für den ich eine närrische Vorliebe habe, und ich hoffe, mein Kauf soll auch denen willkommen sein, die den Besitz aufgeben, da ein Plan geschmiedet ist, denselben unter dem Werthe zu verkaufen. Meine ehrerbietigen Empfehle an Mrs. Mer- vpn, und obwohl du stolz darauf bist, ein so lebhafter junger Gentleman zu sein, so will ich dir doch den Auftrag anvertrauen, Julien für mich zu küssen. — Adieu, lieber Mervpn. — Wie immer der deinige „Guy Mannering" Mr> Mac-Morlan trat jetzt in's Zimmer- Der wohlbekannte Charakter des Oberst Mannering stimmte sogleich diesen Gentleman, der ein einsichtsvoller und rechtlicher Mann war, offen und vertrauensvoll gegen ihn zu sein. Er erklärte die Dortheile und Nachtheile des Eigenthums. «Es kann," sagte er, „wenigstens zum größern Theile, nur auf männliche Erben übergehen, und der Käufer würde das Recht haben, einen bedeutenden Theil des Preises in seinen Händen zu behalten, für den Fall nämlich, daß, binnen einem bestimmten Zeiträume, das verschwundene Kind wieder erschiene " „Zu welchem Zwecke beschleunigt man dann den Verkauf so eifrig?" sagte Mannering. Mac-Morlan lächelte. „Ganz wahrscheinlich," sagte er, „um die baren Zinsen vom Kapital zu bekommen, statt der schlechtbezahlten Renten eines Gutes in so üblem Zustande; hauptsächlich aber, wie man glaubt, um den Wünschen und Erwartungen eines 145 wahrscheinlichen Käufers zu entsprechen, welcher der Hauptgläubiger geworden ist, nachdem er sich früher in die Angelegenheiten durch Mittel, die er selbst am besten kennen wird, mit Gewalt eingemischt hatte; nun glaubt man, daß dieser es sehr bequem finden werde, das Besitzthum zu kaufen, ohne den Preis zu zahlen." Mannering berieth sich mit Mr. Mac-Morlan über die Schritte, durch die man diesem gewissenlosen Vorhaben begegnen könne. Sodann sprachen sie lange über das seltsame Verschwinden Harry Bertrams an seinem fünften Geburtstage, wodurch Mannerings zufällige Vorhersagung, deren er sich, wie man denken kann, nicht sehr rühmte, in Erfüllung ging. Mr- Mac-Morlan war noch nickt im Amte, als jene Begebenheit stattfand; aber er war wohlbekannt mit allen Umständen, und versprach, daß unser Held alles genau vom Sheriff selbst erfahren solle, wenn er sich, wie jetzt seine Absicht, in diesem Theile Schottlands niederlaffen würde. Mit dieser Zusicherung schieden sie, wohl zufrieden mit einander, wie mit der Unterhaltung des Abends. Am folgenden Sonntage wohnte Mannering dem Gottesdienst in der Kirche bei. Niemand von der Familie Ellango- wan war anwesend, und sonach verstand cs sich von selbst, daß der alte Laird sich eher schlimmer als besser befinde. Jock Jabos ward noch einmal zu ihm geschickt und kehrte nochmals ohne Bescheid zurück; jedoch hoffte Miß Bertram, daß er sich am nächsten Tage besser befinden werde. Guy Mamienng. I. 10 Dreizehntes Kapitel. Sie sagte» i»!r, Kraft richterliche» Spruchs War' ihnen Vollmacht, all dein Gut zu nehmen — Da stand ein Schuft mit widrigem Gesicht, Womit das Silberzeug er musterte, Das zum Verkaufe hoch gehäuft hier stand; — Ein andrer Schurke trieb unzarten Scherz Mit deinem Unglück; in Besitz nahm er Manch altes Erbstück, das dein Haus geziert. O t w a y. Früh am nächsten Morgen bestieg Mannering sein Pferd und schlug, begleitet von seinem Diener, den Weg nach Ellan- gowan ein. Er brauchte nicht nach der Straße zu fragen- Eine Versteigerung auf dem Lande ist eine Art von Volksfest und Lustbarkeit, und Leute jeden StandesMömtcn von allen Seiten dorthin. Nach einem angenehmen Ritt von etwa einer Stunde traten die alten Thürme der Ruine in der Landschaft hervor. Der Gedanke, mit wie andern Gefühlen er sie vor so vielen Jahren aus dem Geficht verloren hatte, beschäftigte die Seele des Reisenden. Die Landschaft war dieselbe; aber wie hatten sich die Gefühle, Hoffnungen und Erwartungen des Beschauers umgestaltet! damals waren ihm Leben und Liebe neu, und ver- 147 goldeten alles vor ihm mit ihren Strahlen- Und nun, getäuscht in der Liebe, gesättigt an Ruhm und Allem, was die Welt Glück nennt, während sein Herz durch bittere Empfindungen der Reue gequält ward, nun bestand seine beste Hoffnung darin, ein Aspl zu finden, wo er die Schwermuth nähren könnte, die ihn bis zum Grabe begleiten sollte. „Aber warum sollte ein Individuum trauern über die Hinfälligkeit seiner Hoffnungen und die Eitelkeit seiner Pläne? Die Häuptlinge der Vorzeit, welche jene ungeheuren und starken Thürme errichteten, um ihr Geschlecht und den Sitz ihrer Macht damit zu schützen, konnten sie träumen, daß ein Tag kommen werde, wo der letzte ihrer Nachkommen als unsteter Flüchtiger aus seinen Besitzungen vertrieben werden würde? die Sonne wird ebenso schön auf diese Ruinen scheinen, mag sie nun ein Fremder besitzen, oder ein schmutziger und niedriger Gesetzverdreher, als sie damals schien, wo die Banner des ersten Gründers von ihren Zinnen wehten." Mit diesen Betrachtungen gelangte Mannering zum Thore des Hauses, welches an diesem Tage für Alle offen stand- Er trat mit Andern ein, welche die Gemächer durchwandelten, theils um Gegenstände des Kaufs aufzusuchen, theils nur um ihre Neugier zu befriedigen- Eine solche Scene hat, selbst unter den günstigsten Umständen, etwas Trauriges. Der verworrene Zustand des Hausgeräths, welches von seiner Stelle gerückt ist , damit es die Käufer bequem beschauen und fortschaffen können, ist unangenehm für das Auge. Jene Gegenstände, die, gehörig und schicklich geordnet, anständig und hübsch aussehen, haben dann ein schlechtes, ärmliches Aussehen; und die Gemächer, Alles dessen beraubt, was sie bequem und behaglich macht, gewähren einen Anblick des Verfalls und der Verwüstung. Widerlich ist es auch, die Scenen häuslicher 10* 148 Geselligkeit und Abgeschiedenheit der gaffenden Neugier und Gemeinheit blosgestellt zu sehen; die Ausdrücke roher Specu- lation zu hören, die brutalen Scherze der Menge über Gewohnheiten und Geräthe, die ihr fremd sind, — all den tollen Uebermuth zu betrachten, welchen der Whisky erregt, der in Schottland stets bei solchen Gelegenheiten reichlich fließt. Alles dies zeigt gewöhnlich eine solche Scene, wie sie Ellango- wan jetzt bot; aber das moralische Gefühl wurde um so peinlicher dadurch verletzt, da dies Alles in diesem Falle den gänzlichen Ruin eines alten und ehrwürdigen Hauses anzeigte. Es währte einige Zeit, bevor Oberst Mannering Jemand finden konnte, der geneigt war, seine wiederholten Fragen in Bezug auf Ellangowan selbst zu beantworten. Endlich erzählte ihm eine Magd, die, während sie sprach, ihre Schürze vor die Augen drückte, „der Laird sei etwas besser und man hoffe, er werde fähig sein, heute das Haus zu verlassen- Miß Lucp erwarte jede Augenblick die Kutsche, und da der Tag für diese Jahreszeit schön sei, so hätte man den Herrn in seinem Lehnstuhl auf den Rasenplatz vorm alten Schlosse getragen, um diesem Lärmen aus dem Wege zu kommen." Oberst Mannering begab sich dorthin und erblickte bald die kleine Gruppe, welche aus vier Personen bestand. Der Zugang war abhängig und dadurch gewann er Zeit sie zu beobachten, während er sich näherte, und zu überlegen, wie er sie am passendsten anreden könne. Mr. Bertram, gichtkrank und fast gar nicht im Stande sich zu bewegen, saß in seinem Lehnstuhl, auf dem Kopfe die Nachtmütze, in einen weiten Kamelotrock gehüllt und die Füße mit Tüchern umwickelt. Hinter ihm, die Hände über dem Stock gekreuzt, auf den er sich stützte, stand Dominie Simson, den Mannering sogleich wieder erkannte. Die Zeit hatte ihn nicht 149 verändert, außer daß sein schwarzer Rock mehr bräunlich und seine bleichen Wangen eingefallener schienen, als da ihn Mannering zum letztenmale sah. An der einen Seite des alten Mannes stand eine splphengleiche Gestalt — eine junge etwa siebzehnjährige Dame, welche der Oberst für die Tochter hielt- Sie blickte von Zeit zu Zeit ängstlich nach dem Schloßeingang, als erwartete sie den Wagen, und zugleich war sie immer beschäftigt, die Tücher zurecht zu rücken, um ihren Vater vor der Kälte zu schützen, oder Fragen zu beantworten, die er auf ziemlich ungeduldige, übellaunische Weise an sie richtete. Sie wagte kaum auf das Schloß zu blicken, obwohl das Gesumm der versammelten Menge ihre Aufmerksamkeit wohl dorthin lenken mußte. Die vierte Person der Gruppe war ein hübscher, anständiger junger Mann, der Miß Bertram's Sorgfalt für Ruhe und Bequemlichkeit ihres Vaters zu theilen schien. Dieser junge Mann war der Erste, der Oberst Mannering bemerkte und ihm auch sogleich entgegen eilte, als wolle er aus Zartgefühl verhindern, daß er sich der betrübten Gruppe nähere. Mannering hemmte sogleich seine Schritte und gab seine Erklärung. „Er sei," sagte er, „ein Fremder, dem sich Mr> Bertram früher einmal höflich und gastfreundlich erwiesen habe; er würde sich zu einer Zeit der Trauer nicht bei ihm eingedrängt haben, wenn es nicht auch zugleich eine Zeit der Verlassenheit zu sein schiene; er wünsche nur diejenigen Dienste anzubieten, die er Mr. Bertram und der jungen Laird zu erweisen im Stande wäre." Darauf blieb er in kleiner Entfernung von dem Lehnstuhle stehen. Sein alter Bekannter schaute mit erloschenem Auge auf ihn, welches kein Zeichen der Wiedererkennung ankündigte — der Dominie schien allzutief in Trauer versunken, um über- 150 Haupt seine Anwesenheit zu bemerken. Der junge Mann sprach leise mit Miß Bertram, welche sich schüchtern nahte und Oberst Mannering für seine Güte dankte; „nur fürchte ich," sagte sie, indem Thronen aus ihren Augen stürzten, „mein Vater wird nicht ihm Stande sein, sich Ihrer erinnern zu können " Darauf trat sie, begleitet vom Oberst Manncring, nach dem Lehnstuhle hin. — „Vater," sagte sie, „hier ist Mr. Mannering, ein alter Freund, der sich nach deinem Befinden erkundigen will." „Er ist herzlich willkommen," sagte der alte Mann, indem er sich im Stuhle erhob und eine Verbeugung zu machen versuchte, während ein Schimmer gastfreundlicher Selbstzufriedenheit über seine erloschenen Züge glitt; „aber Lucp, liebes Kind, laß uns in's HauS hinabgehen, du wirst doch den Herrn nicht hier in der Kälte aufhalten. — Dominie, nehmt den Schlüssel zum Weinkeller. Mr--der Herr wird gewiß nach seinem Ritt eine Erfrischung annehmen." Mannering war unaussprechlich gerührt durch den Kontrast, welcher zwischer dieser Aufnahme und der früher» stattfand, wo er von derselben Person begrüßt wurde, als er das letzte Mal hieher kam. Er konnte seine Thränen nicht zuruck- Halten und sichtbare Rührung erwarb ihm sogleich das Vertrauen der freundlosen jungen Dame. „Ach!" sagte sie, „selbst für einen Fremden ist dies betrübend; aber es ist vielleicht so für meinen armen Vater besser, als wenn er alles wüßte und fühlen könnte." Ein Livreebedienter kam jetzt den Pfad herauf und sprach leise zu dem jungen Herrn: — „Mr. Charles, Mylady vermißt Sie dort unten mit Schmerzen, Sie sollen für sie auf das schwarze Ebenholzschränkchen bieten; und Lady Jean De- vorgoil ist auch bei ihr — Sie sollten sogleich kommen." 151 „Sag ihnen, du hättest mich nicht gefunden, Tom; oder, halt — sag', ich besähe die Pferde." „Nein, nein," sagte Lucy Bertram mit Ernst; „wenn Sie das Elend dieser schlimmen Stunde nicht steigern wollen, so gehen Sie sogleich zur Gesellschaft. — Dieser Herr hat gewiß die Güte, uns nach den Wagen zu begleiten." „Keine Frage, Fräulein," sagte Mannering, „Ihr junger Freund darf auf meine Aufmerksamkeit rechnen." „So leben Sie wohl," sagte der junge Hazlewood, und flüsterte ihr noch ein Wort ins Ohr — dann ging er eiligst die Terafsc hinab, als fürchte er durch Langsamgehen in seinem Entschlüsse wankend zu werden. „Wohin geht Charles Hazlewood so schnell?" sagte der Kranke, welcher seine Gegenwart und seine Aufmerksamkeit gewohnt zu sein schien; „wohin geht Charles Hazlewood so schnell? — was führt ihn jetzt fort?" „Er wird bald zurückkehrcn," sagte Lucy sanft. Jetzt hörte man Stimmen von den Ruinen her. Der Leser wird sich erinnern, daß rin Verbindungsweg zwischen dem Schloß und dem Strande war, auf welchem die Sprechenden herangestiegen waren. »Ja, da gibt es Muscheln und Schalen in Menge zum Kalkbrennen, wie Sie bemerkten — und wenn Einer ein neues Haus bauen will, was wohl nöthig sein mag, so gibt es auch hier die Fülle guter behauener Steine um dies alte Teufels- gefängniß herum."- „Guter Gott! sagte Miß Bertram hastig zu Simson; „dies ist des schändlichen Glossin Stimme! Wenn ihn mein Vater sieht, wird er den Tod davon haben!" Simson drehte flch um und seine steife Gestalt schritt hinweg, um dem Advokaten entgegenzutreten, gerade als dieser 152 unter dem Portal der Ruine erschien. „Entweicht!" sagte er — „entweicht! wollt Ihr morden und Besitz nehmen zugleich?" „Schon gut, Master Dominie Simson," antwortete Glos- sin mit Unverschämtheit, „könnt Ihr nicht auf der Kanzel predigen, so wollen wir hier auch keine Predigt haben. Wir gehen hier nach Recht und Gesetz, mein guter Freund; das Predigcrhandwerk wollen wir Euch überlassen." Die bloße Erwähnung des Namens dieses Mannes war in der letzten Zeit für den unglücklichen Kranken höchst erschütternd gewesen. Der Klang seiner Stimme brachte auch jetzt augenblicklich seine Wirkung hervor. Mr. Bertram stand ohne Beistand auf und wandte sich um nach ihm hin; die Starrheit seiner Züge bildete dabei einen seltsamen Kontrast mit der Heftigkeit seiner Ausdrücke. — „Aus meinen Augen, du Natter! — du erfrorne Natter, die ich wärmte, bis sie mich stach! — Fürchtest du nicht, daß die Mauern der Wohnung meiner Väter über dich stürzen und dir Glied und Gebein zermalmen? — Fürchtest du nicht, daß die Schwellen des Thors von Ellangowan auseinanderbrechen und dich in den Abgrund sinken lassen? — Warst du nicht freundlos, obdachlos, ohn einen Heller als ich dir die Hand reichte? und vertreibst du nun nicht mich, — mich und dies unschuldige Mädchen — freund- los, obdachlos und ohne Habe, aus dem Hause, das uns und die Unfern seit tausend Zähren beherbergt hat?" Wäre Glossin allein gewesen, so würde er wahrscheinlich weggcschlichen sein; der Gedanke aber, daß ein Fremder zugegen war, abgesehen von der Person die ihn begleitete, (eine Art von Feldmesser), bestimmte ihn, seine Zuflucht zur Unverschämtheit zu nehmen. Dies war indeß, selbst für seine Frechheit, fast zu schwierig — „Sir — Sir — Mr. Bertram — Sir, Sie sollten mich nicht tadeln, sondern Ihre eigene Unklugheit, Sir" -- Der Unwille Mannerings stieg aufs Höchste. „Sir," sagte er zu Glossin, „ohne mich weiter in diese Streitsache mischen zu wollen, muß ich Ihnen bemerken, daß Sie Ort, Zeit und Umgebung sehr unschicklich gewählt haben. Und Sie werden mich verbinden, wenn Sie sich ohne weiteres entfernen." Glossin, ein großer, starker, muskulöser Mann, schien Willens, sich lieber gegen einen Fremden, dem er zu imponiren Hoffte, zn wenden, als seine schlechte Sache gegen den beleidigten Gönner zu verfechten: — „Ich weiß nicht, wer Sie sind, Sir," sagte er, und ich werde keinem Menschen gestatten, sich so verdammte Freiheiten gegen mich heraus zu nehmen. Mannering war von Natur hitzig — seine Augen sprühten düster — er biß sich so stark auf die Unterlippe, daß sie blutete, und trat nah auf Glossin hinzu — „Seht, Sir," sagte er, „daß Sie mich nicht kennen, darauf kommt wenig an. Ich kenne Sie; und wenn Sie sich nicht sogleich, ohne noch ein Wort zu verlieren, von dieser Höhe hier entfernen, so laß ich Sie, so wahr Gott lebt, vom Gipfel bis an den Fuß der Felsen nur einen einzigen Schritt thun!" Der gebieterische Ton gerechten Zornes brachte den Kumpan alsbald zum Schweigen. — Er zögerte, drehte sich langsam auf der Ferse herum, und indem er etwas zwischen den Zähnen murmelte, „daß er die Dame nur nicht gern beunruhigen wolle," befreite er sie von seiner verhaßten Gesellschaft. Mrs. Mac-Candlishs Postillon, welcher zeitig genug gekommen war, um zu hören, was vorging, sagte laut: „Wär' er nicht seiner Wege gegangen, ich wollte dem schmutzigen Schuft so gern, als nur je einer Flasche, den Hals gebrochen haben." - . .--... 154 Sodann trat er vor, um zu melden, daß sein Geschirr für den Kranken und dessen Tochter in Bereitschaft stehe. Aber dies war nicht mehr von Nöthen. Mr. Bertrams entkräfteter Körper war durch diese letzte Anstrengung heftigen Zornes gänzlich erschöpft worden, und als er wieder in seinen Stuhl zurücksank, hauchte er fast ohne eine Zuckung oder einen Seufzer sein Leben aus. So wenig Veränderung brachte das Erlöschen des Lebensfunkens in seinem Aeußern hervor, daß das Angstgeschrei seiner Tochter, als sie sein Auge gebrochen sah und seinen Puls erstarrt fühlte, zuerst den Umstehenden seinen Tod verkündigte. Vierzehntes Kapitel. Die Uhr schlägt Eins. — Wir achten nicht der Zeit, Als bis sie fort. Drum gab der Mensch auch weislich Ihr eine Zung'; — als ob ein Engel spräche, Lausch' ich dem feierlichen Klang. — — Yvung. Die Moral, welche der Dichter hier sehr sinnreich von der notwendigen Zeitmessung ableitet, läßt sich sehr wohl anwenden auf unsre Empfindungen hinsichtlich des Zeitabschnittes, aus welchem unser Leben besteht. Wir beobachten den Bejahrten, den Schwachen, so wie denjenigen, der in Geschäften, die von drohender Gefahr begleitet sind, gleichsam zitternd am Rande des Untergangs schwebt, aber wir schöpfen keine Belehrung aus seiner prekären Lage, bis ihn sein Schicksal ereilt. Dann, auf einen Augenblick mindestens, Fährt unser Hoffen, Furchten, Erschreckt empor und bllckt vom schmalen Nand Des Lebens dann — wohin? — zum weiten Abgrund, Zur dunklen Ewigkeit, — die uns erwartet! — Die Menge der versammelten Gaffer und Müssiggänger war ihrer beabsichtigten Unterhaltung oder, wie sie es nannten, ihrem Geschäfte gefolgt, welches sie hierher führte, ohne auf die Empfindungen derjenigen Rücksicht zu nehmen, welche 156 bei dieser Gelegenheit leiden mußten. Es wußten in der That wenige etwas von der Familie. Der Vater war bei einsamem Leben, Mißgeschick und Gebrechlichkeit seit einer Reihe von Jahren der Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen entzogen worden — die Tochter hatten sie nie gekannt. Als sich aber allgemein das Gerücht verbreitete, dem unglücklichen Bertram sei unter der Anstrengung, das Haus seiner Väter zu verlassen, das Herz gebrochen, da strömte plötzlich die Fluth des Mitgefühls gleich dem Quell, den des Propheten Stab aus dem Felsen rief. Man gedachte voll Ehrfurcht der alten Abkunft und Unbescholtenheit der Familie. Vor allem wurde die heilige Achtung, die man dem Unglück schuldig ist und die in Schottland selten ihren Zoll umsonst fordert, jetzt in Anspruch genommen und empfangen- Mr. Mac-Morlan machte schnell bekannt, er wolle den weitern Fortgang der Versteigerung des Grundstücks und des übrigen Eigenthums aufschieben, und die junge Lady im Besitz des Hauses lassen, damit sie Zeit gewänne, sich mit ihren Freunden zu berathen und das Begräbniß ihres Vaters zu besorgen. Glossin hatte sich einige Minuten dem allgemeinen Ausdrucke des Mitgefühls gebeugt; endlich aber machte ihn die Bemerkung kühn, daß sich ihm kein Zeichen des allgemeinen Unwillens in den Weg stellte. Er war demnach so frech, den Fortgang der Versteigerung zu verlangen. „Ich will den Aufschub auf mich nehmen," sagte der Abgeordnete des Sheriffs, „und ich will auch für die Folgen verantwortlich sein. Desgleichen werde ich cs gebührend zur Kenntniß bringen, wann in der Sache fortgefahren werden soll. Es liegt im Interesse aller Betheiligtcn, daß der höchstmögliche Preis für das Grundstück erlangt werde, und unter diesen jetzigen Umständen wäre wenig zu erwarten — ich werde die Verantwortlichkeit selbst übernehmen." Glossin verließ das Zimmer und das Haus eilig und heimlich; und wahrscheinlich war cs für ihn gut, daß er dies that, denn unser Freund Jock Jabos war bereits damit beschäftigt, eine zahlreiche Schaar barfüßiger Bursche zu überreden, daß sie ihn aus dem Gute hinaus prügeln sollten. Einige der Zimmer wurden schnell für die Aufnahme der jungen Lady und des Leichnams ihres Vaters in Stand gesetzt. Mannering sah ein, daß seine fernere Einmischung jetzt unnütz sei und falsch gedeutet werden könnte. Er bemerke auch, daß einige mit Ellangowan verwandte Familien, die in der That ihren hauptsächlichen Adelsanspruch von dieser Verwandschaft herleiteten, jetzt geneigt waren, ihren Stammbäumen einen Tribut zu geben, zu welchem sie das Mißgeschick ihres vermeintlichen Verwandten nie vermocht hatte; daß ferner um die Ehre des Vorrangs bei der Begräbnißfeier des tobten Gottfried Bertram (ebenso wie man um Homers Geburtsort stritt), jetzt sieben Herren von Rang und Vermögen stritten, deren keiner ihm ein Asyl geboten haben würde, so lange er lebte. Mannering entschloß sich daher, weil seine Gegenwart ganz unnütz war, eine kleine Reise von vierzehn Tagen zu machen; mit Ablauf dieser Frist sollte nämlich die Versteigerung des Gutes Ellangowan ihren Fortgang haben. Eh' er jedochschied, verschaffte er sich noch eine Zusammenkunft mit dem Dominie. Der arme Mann erschien, nachdem ihm gesagt war, ein Gentleman verlange ihn zu sprechen, mit dem Ausdrucke einiger Verwunderung in seinen eingefallnen Zögen, welche der neue Schmerz nur noch grämlicher gemacht hatte. Er machte vor Mannering mehrere tiefe Verbeugungen uud wartete dann, kerzengerade stehend, geduldig auf die Mittheilung seines Verlangens. „Sie werden wahrscheinlich nicht errathen können, Mr> 158 Simson," sagte Mannering, „was ein Fremder Ihnen zu sagen haben kann?" „Wofern es ein Gesuch wäre, daß ich cS übernehmen möchte, einen Jüngling in schönen Wissenschaften und klassischer Gelehrsamkeit zu unterweisen — ach, ich kann nicht — ich kann nicht — ich habe noch ein anderes Werk zu vollbringen." „Nein, Mr. Simson, meine Wünsche »ersteigen sich nicht so -och. Ich habe keinen Sohn, und meine einzige Tochter würden Sie wahrscheinlich nicht zu Ihrem Zögling haben wollen." „Aufrichtig zu sprechen, nein," erwiederte der einfältige Simson. „Trotzdem war ich es, welcher Miß Lucy in allen nützlichen Kenntnissen unterwies, — die Haushälterin unterrichtete sie in den nichtsnutzigen Fertigkeiten des Nähens und Zuschneidens." „Gut, Sir;" antwortete Mannering, „von Miß Lucy wollt' ich eben sprechen — Sie erinnern sich wahrscheinlich meiner nicht mehr?" Simson, dessen Geist nie recht anwesend war, erinnerte sich weder des Sterndeuters verflossener Jahre, noch selbst des Fremden, welcher seinen Gönner gegen Glosfin in Schutz genommen hatte, so sehr hatte seines Freundes plötzlicher Tod seine Gedanken umnebelt- „Nun gut, das thut nichts zur Sache," fuhr der Oberst fort; „ich bin ein alter Bekannter des seligen Mr. Bertram, und bin fähig und bereit seiner Tochter in ihrer gegenwärtigen Lage beizustehen. Ueberdies Hab' ich im Sinne, das Gut zu kaufen, und daher muß ich wünschen, daß Alles im Hause in guter Ordnung bleibt; wollen Sie die Güte haben, diese kleine Summe zu den gewöhnlichen Hausausgabcn zu verwenden?" — Er legte dabei eine Börse mit etwas Gold in Sim- sons Hand- 159 „Er-staun-lich!" rief Dominie Simson- „Aber wenn Ew. Gnaden verziehen wollten" — „Unmöglich, Sir — unmöglich," sagte Mannering, indem er sich schnell entfernte- „Er-staun-lich!" rief Simson wieder, indem er jenem, stets die Börse in der ausgestreckten Hand haltend, bis an die Treppe folgte- „Aber was dieses geprägte Gold anlangt"- Manncring eilte möglichst schnell die Stufen hinab. „Er-staun-lich!" rief Dominie Simson, indem er jetzt unter der Hausthür stand, zum Drittenmal. „Aber was diese Münze anlangt" — — Aber Mannering saß nun zu Pferde und konnte nichts mehr hören. Simson, der noch nie, weder für sich selbst noch für Andre, nur den vierten Theil dieser Summe in Händen gehabt hatte, obwohl es höchstens zwanzig Guineen waren, „Pflog Rath," wie er sich ausdrückte, „wie er sich in Bezug auf das edle Gold zu benehmen habe," welches ihm anvertraut war. Glücklicherweise fand er einen uneigennützigen Rathgeber in Mac-Mor- lan, der ihm die geeigneteste Art und Weise andeutete, wie er es zu Miß BertramS Bequemlichkeit verwenden könne, was doch ohne Zweifel auch die Absicht des Gebers gewesen sei. Viele der benachbarten Edelleute zeigten sich nun wirklich sehr eifrig, der Miß Bertram gastfreundliche und höfliche Anerbietungen zu machen. Sie empfand aber einen natürlichen Widerwillen, sich für die erste Zeit bei irgend einer Familie aufzuhalten, wo sie mehr ein Gegenstand der Gnade als der Gastfreundschaft sein mußte; sie beschloß daher, die Meinung und den Rath der nächsten weiblichen Verwandten ihres Vaters, der MrS- Margarethe Bertram von Singleside, abzuwartcn, einer unvermählten alten Dame, welcher sie eine Schilderung ihrer gegenwärtigen betrübten Lage brieflich mittheilte- 160 Das Begräbniß des Mr. Bertram ging in anständiger Stille vor sich, und die unglückliche junge Dame konnte sich nun selbst als einstweilige Miethcrin des Hauses betrachten, worin sie geboren war und wo ihre Geduld und mildernde Fürsorge die Wiege des abnehmenden Alters gepflegt hatte. Ihre Unterredungen mit Mr. Mac-Morlan ermuthigtcn sie zu der Hoffnung, daß sie dieses Asyls nicht plötzlich oder unfreundlich beraubt werden würde; aber das Schicksal hatte es anders beschlossen. Zwei Tage vor dem zum Verkauf der Ländereien und Güter von Ellangowan anberaumten Tage erwartete Mac-Morlan stündlich das Erscheinen des Obersten Mannering oder wenigstens einen Brief desselben, der ihm eine Vollmacht überbrächte. Nichts langte jedoch an. Mr. Mac-Morlan wachte sehr früh auf; er begab sich sogleich nach dem Postamt, — aber es war kein Brief für ihn da. Er suchte sich selbst zu überreden, daß er Oberst Mannering beim Frühstück sehn werde, und empfahl seiner Frau, ihr bestes Porzellan aufzusetzen und sich selbst gehörig vorzubereiten. Aber die Vorbereitungen waren umsonst. „Hätt' ich das voraus- sehn können," sagte er, «ich würde Schottland die Kreuz und die Quer durchreist haben, bis ich Jemand gefunden hätte, der den Glossin überbieten könnte." — Ach! solche Betrachtungen kamen zu spät. Die festgesetzte Stunde kam heran; die Betheiligten versammelten sich in der Maurerloge zu Kippletringan, welche als Ort der Versteigerung bestimmt war. Mac-Morlan verwendete so viel Zeit auf die Präliminarien, als der Anstand nur immer erlaubte, und verlas die Kaufartikel langsam, als ob er sein eigenes Todesurtheil gelesen hätte. Jedesmal, wenn die Thür des Zimmers sich öffnete, wendete er das Auge dorthin, während seine Hoffnung schwächer und schwächer ward. Er lauschte bei jedem Geräusch auf der Straße, und gab sich Mühe, den Schall von Hufen oder Rädern darin zu unterscheiden. Alles war umsonst. Ein lichter Gedanke stieg dann noch in ihm aus, daß nämlich Oberst Mannering eine andre Person mit der Sache beauftragt haben könne — an den Mangel an Zutrauen zu ihm selber, den ein solches Verfahren voraussetzen ließ, dachte er keinen Augenblick- Aber auch diese Hoffnung war grundlos. Nach einer feierlichen Pause that Mr. Glossin sein Gebot, und zwar den Taxationspreis, auf die Ländereien und die Baronie von Ellangvwan. Keine Erwiederung erfolgte, kein Mitbewerber erschien; so, nach Verlauf des üblichen Zwischenraums, den der Ablauf einer Sanduhr bestimmte, und während dessen der Käufer die erforderliche Sicherheit gewährte, war Mr- Morlan genöthigt, nach dem Kunstausdrucke zu „erklären, daß der Kauf rechtmäßig abgeschlossen sei, und daß besagter Gilbert Glosfin als Käufer besagter Ländereien und Güter die Vorhand habe " Der wackere Beamte lehnte es ab, an dem splendiden Gastmahl Theil zu nehmen, womit Gilbert Glos- sin, nunmehr Esq. von Ellangvwan, die übrige Gesellschaft bewirthete; er ging vielmehr in hohem Grade erbittert nach Hause, wo er seinem Unmuth durch Klagen über den Wankelmut- und die Launen der indischen Mabobs Luft machte, die nie wüßten, was sie kaum vor wenigen Tagen erst noch beschlossen hätten. Der Zufall nahm großmüthig jeden Tadel endlich auf sich, und setzte dem Unwillen Mac-MorlanS plötzlich Gränzen. Etwa sechs Uhr Abends langte ein Bote an, der nach Aussage des Dienstmädchens „ganz außerordentlich betrunken" war, und ein Paket vom Oberst Mannering mitbrachte, welches vier Tage früher datirt war, und zwar von einem etwa zwanzig Meilen entfernten Orte; es enthielt Vollmacht für Mac-Morlan, oder Jeden andern, den dieser beauftragen würde, den Kauf abzuschließen, nebst der Nachricht, daß eine Gui) Mannering. I- 11 162 wichtige Familienangelegenheit den Oberst nach Westmoreland rufe, wo jeder Brief unter der Addresse des Arthur Mcrvpn, Esq. auf Mervynhall, sicher an ihn gelangen werde. Mac-Morlan warf im Uebcrmaße seines Zorns der unschuldigen Magd die Vollmacht an den Kopf, und ließ sich nur mit Schwierigkeit abhalten, den schurkischen Boten auszupeitschen, durch dessen Trägheit und Trunkenheit diese Vereitelung veranlaßt worden war. Fünfzehntes Kapitel. Mein Gold ist fort, mein Geld ist hin, So mnß mein Land nun auch daran. Gib mir dein Gold, lieber John von Scales Mein Land sollst du dafür empsahn. Und John war gern zum Handel bereit. Und John gab Geld ihm auf die Hand; Doch für feglich Pfund, da« John ihm gab, Nahm er sich wahrlich dreifach Land. Erbe von Linne. Der John unserer Erzählung war ein weit schlauerer Bursch als sein Vorbild. Er suchte sich zum Erben von Linne zu machen ohne sich mit der unangenehmen Ceremonie, das „gute rothe Gold zu erlegen," erst zu befassen. Miß Bertram hörte kaum die peinliche und jetzt fast unerwartete Nachricht, als sie sogleich in den bereits begonnenen Vorbereitungen zur Räumung des Hauses sortfuhr. Mr. Mac-Morlan stand ihr darin bei, und bot ihr so dringend und freundlich die Gastfreundschaft und den Schutz seines Hauses an, bis sie eine Antwort von ihrer Verwandten empfangen haben, oder selbst im Stande sein würde, einen bestimmten Lebensplan zu bilden, daß sie fühlte, es werde unhöflich sein, eine so ernstlich gemeinte Einladung zurückzuweisen. Mrs. MacMorlan war 164 eine gebildete Dame und durch Geburt und Benehmen ganz geeignet diesen Gast zu empfangen und der Miß Bertram den Aufenthalt in ihrem Hause angenehm zu machen. Eine Heimat und eine gastliche Aufnahme waren ihr daher gesichert und sie ging mit leichterem Herzen daran, den wenigen Dienstleuten ihres Vaters ihren Lohn zu zahlen und ihre Abschiedsgrüße zu empfangen. Wo auf beiden Seiten schätzenswerthe Eigenschaften vorhanden sind, ist dies Werk stets rührend — die gegenwärtigen Umstände ließen es doppelt so sein. Alle empfingen ihr Gebührendes, und selbst etwas mehr, und mit Dank und Segenswünschen, welche einige mit Thränen begleiteten, nahmen sie von ihrer jungen Gebieterin Abschied. Es blieben im Zimmer nur zurück, Mr. Mac-Morlan, der im Begriff war den Gast nach seiner Wohnung zu begleiten, Dominie Simson und Miß Bertram. „Und nun," sagte das arme Mädchen, „muß ich einem meiner ältesten und besten Freunde Lebe» wohl sagen. — Gott segne Sie, Mr- Simson, und vergelt' Ihnen all die freundliche Unterweisung ihrer armen Schülerin, so wie Ihre Freundschaft gegen ihn, der geschieden ist — ich hoffe oft von Ihnen zu hören." Sie ließ ein Papier, einige Goldstücke enthaltend, in seine Hand gleiten, und stand auf, als wolle sie das Zimmer verlassen. Auch Dominie Simson erhob sich, aber nur, um starr vor äußerstem Erstaunen stehen zu bleiben. Der Gedanke von Miß Lucy zu scheiden war seinem schlichten Verstände nie beigekommen. — Er legte das Geld auf den Tisch. „Sicherlich ist es unangemessen," sagte Mac-Morlan, der ihn mißverstand, „aber die Umstände" — Mr. Simson machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand. — „Es ist nicht um des Gewinnes willen — aber daß 165 ich, der ich seit länger als zwanzig Jahren ihres Vaters Brod aß und aus seinem Becher trank — zu denken, daß ich sie verlassen — in Betrübniß und Schmerz verlassen soll — Nein, Miß Lucy, daran sollten Sie nimmer denken! Sie würden Ihres Vaters armen Hund nicht fortjagen wollen, und mit mir sollten Sic härter verfahren? Nein, Miß Lucy Bertram, so lang' ich lebe, trenn' ich mich von Ihnen nicht. Ich will nicht zur Last fallen — ich habe schon nachgedacht, wie ich das verhüten will. Aber ich sage, wie Ruth einst zu Nämi: „Sprich mir nicht, daß ich dich verlassen oder von dir scheiden solle; denn wohin du gehst, will ich gehn, und wo du wohnest, da will ich wohnen; dein Volk soll mein Volk, und dein Gott mein Gott sein. Wo du stirbst, will ich sterben und will daselbst begraben sein- Der Herr thue mir dies und das, der Tod allein muß mich und dich scheiden." Während dieser Rede, der längsten, die man je von Do- minie Simson gehört hatte, entströmten dem Auge des tiefge- rührten Menschen Thränen, und weder Lucy noch Mac-Morlan konnten diesem unerwarteten Ausbruch des Gefühles und der Anhänglichkeit ihre Theilnahme versagen. „Mr. Simson, sagte Mac-Morlan, nachdem er wechselsweise zu seiner Tabaksdose und dem Taschentuche seine Zuflucht genommen hatte, „mein Haus ist groß genug, und wenn Sie dort ein Bett annehmen wollen, so lange uns Miß Bertram mit ihrer Gegenwart beehrt, so werd ich mich selbst sehr glücklich schätzen und meinem Hause wird eine Gunst widerfahren, indem es einen Mann von Ihrem Werthe und Ihrer Treue aufnimmt " Und sodann, als wolle er aus zarte Weise jedem Einwcndcn von Seiten Miß Bertram's begegnen, indem sie diesen unerwarteten Begleiter mitbrächte, fügte er hinzu: „In meinem Geschäfte kann ich häufig einen bessern Rechenmeister brauchen, 166 als ich ihn jetzt unter meinen Schreibern habe, und ich werde froh sein, wenn ich in dieser Hinsicht bisweilen meine Zuflucht zu Ihnen nehmen kann " „Sehr gern, sehr gern," sagte Simson eifrig; „ich verstehe die doppelte Buchhaltung nach italienischer Methode." Unser Postillon hatte sich in das Zimmer gedrängt, um sein Geschirr anzukündigen; Er wartete selbst unbemerkt, während dieses außerordentlichen Auftritts, und versicherte dann der Mrs. Mac-Candlish, daß er in seinem Leben nichts so Rührendes mit angesehn habe, „der Tod der grauen Mähre, der armen Liese, sei gar nichts dagegen gewesen." Dieser geringfügige Umstand war für den Dominie von wichtigen Folgen. Die Gäste wurden von Mrs. Mac-Morlan freundlich be- willkommt; ihr, so wie den andern, deutete Mr. Mac-Morlan, daß er Dominie Simsons Beistand angenommen habe, um einige verwickelte Rechnungen zu lösen; so lange dies Geschäft währe, würde er, der Bequemlichkeit wegen, in seinem Hause wohnen. Mr. Mac-Morlan's Weltkenntniß rieth ihm, der Sache diesen Anstrich zu geben, denn er sah ein, daß, wie ehrenvoll Simson's treue Anhänglichkeit sowohl für sein eignes Herz, als für die Familie Ellangowan sei» möchte, sein Aeußeres ihn doch gar nicht zu einem Ritter für Damen geeignet machte, sondern ihn vielmehr als Zugabe einer schönen jungen siebzehnjährigen Dame nur lächerlich erscheinen ließ. Dominie Simson unterzog sich mit großem Eifer den Verrichtungen, die ihm Mr. Mac-Morlan anvertraute; aber man bemerkte bald, daß er zu einer gewissen Stunde nach dem Frühstück regelmäßig verschwand und erst zur Zeit des Mittagessens wicderkehrte. Den Abend brachte er unter Amts- arbeiten zu. Am Sonnabend erschien er mit triumphirender 167 Miene vor Mac-Morlan, und legte zwei Goldstücke auf den Tisch. „Wozu das, Dominie?" sagte Mac-Morlan. „Erstens, um Sie für meine Belästigung zu entschädigen, werther Sir — und das Uebrige zum Gebrauch der Miß Luc- Bertram- „Aber, Mr. Simson, Ihre Arbeiten in meinem Geschäft machen mich mehr als bezahlt — ich bin Ihr Schuldner, bester Freund." „Dann mag alles," sagte Simson, indem er eine abwehrende Bewegung mit der Hand machte, „für Miß Bertram verwendet werden.« „Gut; dies Geld jedoch, Mr. Simson" — „Ist ehrlich verdient, Mr- Mac-Morlan; es ist das anständige Honorar von einem jungen Herrn, den ich die Sprachen lehre; ich lese täglich drei Stunden mit ihm." Einige weitere Fragen entlockten dem Dominie das Geständnis, daß dieser freigebige Schüler der junge Hazlewood sei, und daß dieser seinen Lehrer täglich im Hause der MrS- Mac-Candlish treffe, deren Schilderung von Simson'S uneigennütziger Anhänglichkeit zu der jungen Lady ihm dresen unermüdlichen und freigebigen Schüler verschafft hatte. Mac-Morlan war sehr erstaunt, als er dies hörte. Dominie Simson war ohne Zweifel ein guter Lehrer und ein trefflicher Mann, und die Klassiker waren unstreitig sehr lesenswert-; daß jedoch ein junger zwanzigjähriger Mann täglich in der Woche mehr als drei Stunden weit und zurück reiten solle, um dies dreistündige töte-ü-töte zu halten, dies schien ein zu großer Eifer für die Literatur, als daß er ihn hätte für glaublich halten können. Wenig Kunst war noth- wendig, um den Dominie noch weiter auszuforschen, denn des ehrlichen Mannes Kopf vermochte nur immer die gerade- 168 sten und schlichtesten Ideen zu capircn. „Weiß Miß Bertram 'von Ihrer Beschäftigung, mein Freund?" „Allerdings noch nicht — Mr. Charles befahl mir, es geheim zu Hallen, weil sie sonst Bedenken tragen möchte, die kleine daraus erwachsende Beisteuer anzunebmen; indeß," fuhr er fort, „wurde es nicht möglich sein, es lange zu verbergen, da Mr. Charles die Absicht hat, gelegentlich seine Lektionen hier im Hause zu nehmen." „O, das wird er thun!" sagte Mac-Morlan; „Ja, ja, ich verstehe das besser. — Und ich bitte Sie, Mr. Simson, werden diese drei Stunden einzig mit Erklären und Uebersetzen hingebracht?" „Natürlicherweise nicht — wir -alten auch Zwiegespräche, um das Studium angenehm zu machen — negue semper ar- cum teullit Apollo." Der Ausforscher lockte aus dem Gallowapischen PhöbuS ferner heraus, um was sich ihre Unterhaltung hauptsächlich drehe. „Um unsere früher« Zusammenkünfte zu Ellangowan — und wirklich, oft genug, denk' ich, unterhalten wir uns auch von Lucp Bertram — denn Mr. Charles gleicht in diesem Falle mir außerordentlich, Mr. Mac-Morlan. Fang' ich einmal von ihr zu reden an, so weiß ich kein Ende zu finden — und ich kann sagen," (mit scherzhaftem Tone,) „sie stiehlt uns die Hälfte unserer Lectionen." Oho! dachte Mac-Morlan, pfeift der Wind daher? ich habe schon so etwas davon gehört. Er begann nun zu überlegen, welches Verhalten für seinen Schützling, und auch selbst für sich, das Sicherste hierbei sein möge; denn der alte Mr. Hazlewood war mächtig, reich, ehrgeizig und rachgierig; und bei einer Verbindung, die sein 169 Sohn eingeben möchte, kam es ihm vorzüglich auf Vermögen und Titel an. Da Mac-Morlan die beste Meinung von seines Gastes Scharfsinn und Klugheit hatte, so beschlost er endlich, eine Gelegenheit wahrzunchmen, wo er mit ihr allein sein würde, um ihr die Sache als Gerücht vom Hörensagen mit- zutheilen- Er that dies auf so natürliche Weise, als er vermochte; — „Gewiß freuen Sie sich auch über das gute Glück Ihres Freundes Mr. Simson, Miß Bertram; er hat einen Schüler erworben, der ihm zwei Guineen für zwölf Lectioncn im Griechischen und Lateinischen zahlt." „Wirklich? — ich bin eben so erfreut, als erstaunt — wer mag der Freigebige sein? — ist Oberst Mannering zurückgekehrt?" „Nein, nein, nicht Oberst Mannering; aber was meinen Sie zu ihrem Bekannten, Mr. Charles Hazlewood? — Er gedenkt seine Lectionen hier zu nehmen — ich denke, wir sollten gefällig gegen ihn sein." Lucy erröthete tief. „Um des Himmels willen, nein, Mr. Morlan — lassen Sie das nicht geschehn — Charles Hazlewood hat um dessen willen bereits genug Unannehmlichkeiten gehabt." „Der Klassiker wegen, liebe Lucy?" er schien sie absichtlich falsch zu verstehen; — „die meisten der jungen Herren haben dergleichen eine Zeitlang beschwerlich gefunden, das ist wahr; aber seine derzeitigen Studien sind freiwillig." Miß Bertram ließ die Unterhaltung fallen, und ihr Wirth bemühte sich nicht, sie wieder aufzunehmen, denn Lucy schien bei dieser Nachricht in Nachdenken zu versinken und damit beschäftigt, im Stillen einen Entschluß zu fassen. Am nächsten Tage nahm Miß Bertram Gelegenheit mit Mr. Simson zu sprechen. Indem sie auf die freundlichste Weise ihren Dank für seine uneigennützige Zuneigung, so wie ihre Freude über seine gute Einnahme ausdrückte, deutete sie ihm zugleich an, daß die Weise, in welcher er jetzt Charles Hazlewoods Studien leite, für den Schüler unbequem sein müsse, und daß er daher, so lange er diese Verpflichtung auf sich habe, lieber eine Zeitlang von ihr scheiden möge, um entweder bei seinem Schüler unmittelbar, oder doch möglichst nahe bei demselben zu wohnen. Simson weigerte sich, wie sie erwartet hatte, diesem Vorschläge nur einen Augenblick Gehör zu geben — er wolle sie nicht verlassen, und wenn er auch Lehrer des Prinzen von Wales werden sollte. „Ich sehe jedoch," fügte er hinzu, „daß Sie zu stolz sind, mein Einkommen zu theilen; und vielleicht falle ich ihnen auch zur Last." „Gewiß nicht — Sie waren meines Vaters alter, fast einziger Freund — ich bin nicht stolz — Gott weiß, daß ich keinen Grund dazu habe — Sie werden thun, was Sie in allen andern Dingen fürs Beste halten; aber den Gefallen erweisen Sie mir, Charles Hazlewood zu sagen, daß Sie mit mir von seinen Studien gesprochen haben, und daß ich der Meinung gewesen sei, es wäre unstatthaft, sie in dies Haus zu verlegen und gar nicht daran zu denken." Dominie Simson verließ sie höchst niedergeschlagen, und als sie die Thür geschloffen hatte, konnte er nicht umhin, Virgils „vsrium et mutnbile" vor sich hin zu murmeln. Am nächsten Tage erschien er mit trübseligem Gesicht und übergab Miß Bertram einen Brief- — „Mr. Hazlewood," sagte er, „will seine Stunden aufgeben, wiewohl er großmüthig dem pecuniären Verlust auf meiner Seite vorgebeugt hat — aber wie will er seinen eignen Verlust in der Wissenschaft gut machen, die er unter meiner Leitung erworben haben würde? Selbst was nur dies eine Fach, das Schreiben, anlangt, so 17l hat er eine Stunde zugebracht, eh' er mit diesem kurzen Briefchen zu Stande kam, und dabei hat er viele Fcderspulen und gutes weißes Papier zu Grunde gerichtet. — Binnen drei Wochen würd' ich ihn eine feste, fließende, deutliche und lesbare Handschrift gelehrt haben — er sollte ein Kalligraph geworden sein — aber Gottes Wille geschehe!" Der Brief enthielt nur wenige Zeilen, worin sich Hazle- wood schwer beklagte und gegen Miß Bertram's Grausamkeit murrte, die sich nicht allein weigere, ihn zu sehn, sondern auch nicht einmal gestatte, daß er sich auf ganz indirekte Weise nach ihrem Wohlsein erkundige und ihr seine Dienste weihe- Der Schluß aber bestand aus Versicherungen, daß ihre Strenge vergeblich, und daß nichts die Treue Charles Hazlewood's zu erschüttern im Stande sei. Mittelst der thätigen Verwendung der Mrs. Mac-Candlish erlangte Simson einige andre Schüler — dem Stande nach jedoch sehr verschieden von Charles Hazlewood — deren Lec- tionen freilich im Verhältniß sehr uneinträglich waren. Jn- deß erwarb er doch immer etwas, und es war ein Triumph seines Herzens, den Gewinn wöchentlich zu Mac-Morlan zu bringen, nachdem er nur ein Weniges zum Besten seiner Schnupftabaksdose und Rauchtabaksbüchse abgezogen hatte. Hier müssen wir Kippletringan verlassen, um nach unserm Helden- zu sehn, damit unsre Leser nicht fürchten, ihn noch einmal auf ein Viertellahrhundert aus den Augen zu verlieren. Sechzehntes Kapitel. Ach, Polly ist ein Wildfong doch, hört nicht woS wir ihr sogen; Mich wundert, wie sich nur ein Mensch noch kann mit Töchtern Plagen; Sind ouSstosfirt ouss Beste sie, ward Geld »nd Müh verwendet, Da werfen sie sich selber weg, und Alles ist verschwendet. Bettleroper. Nach Mr. Bertrams Tode hatte Mannering eine kleine Reise unternommen, mit dem Vorsatze, che der Verkauf des Gutes stattfände, wieder in die Nähe Ellangowans zurückzukehren. Er begab sich daher nach Edinburgh und andern Gegenden, und als er auf der Rückkehr nach dem südwestlichen Theile Schottlands, wo der Schauplatz unserer Erzählung gelegen ist, begriffen war, empfing er in einer etwa zwanzig Meilen von Kippietringan gelegenen Poststadt, wohin auf sein Ersuchen sein Freund Mr. Mervpn etwaige Briefe zu adresfiren hatte, von diesem Herrn ein Schreiben, welches nicht die angenehmsten Nachrichten enthielt. Wir haben uns bereits das Vorrecht eingeräumt, die Geheimnisse dieses Herrn zu theilcn, und daher soll der Leser sogleich einen Auszug aus jenem Briefe haben.. „Ich bitte um Verzeihung, theuerster Freund, daß ich dir die Qual verursachte und dich zwang, solch schmerzliche Wunden aufzureißen, wie fle dein letzter Brief schilderte. Ich hörte bereits, obwohl es vielleicht ein Jrrthum ist, daß Mr. Brows Aufmerksamkeiten der Miß Mannering galten. Doch wie dem auch sei, 173 so ließ sich auf keine Weise vermuthen, daß bei deiner Stellung seine Kühnheit unbemerkt undungezüchtigt bleiben konnte- Weise Männer sagen, daß wir der bürgerlichen Gesellschaft unsre natürlichen Rechte der Selbstvertheidigung nur unter der Bedingung opfern, daß uns das Gesetz Schutz verleihe. Wo der Preis nicht gezahlt werden kann, da muß auch das Opfer wegfallen. Es wird zum Beispiel Niemand läugnen, daß ich berechtigt bin, meine Börse und Person gegen einen Straßenräubcr zu ver- theidigen, und zwar auf dieselbe Weise, als wenn ich ein wilder Indianer wäre, der weder Gesetz noch Obrigkeit anerkennt. Die Frage um Widerstand oder Unterwerfung muß nach Mitteln und Lage bestimmt werden. Unterwürfe ich mich jedoch, obwohl bewaffnet und von gleicher Stärke der Ungerechtigkeit und Gewaltthätigkeit eines Menschen, macht' er -och oder niedrig sein, so würde man dies schwerlich meinem religiösen oder moralischen Gefühle beimeffen, außer etwa, wenn ich ein Quäker wäre- Ein Angriff auf meine Ehre scheint mir eben so wichtig. Die Ehrenverletzung, wie geringfügig sie auch an und für sich sei, ist doch in jeder Hinsicht im Leben von weit schwerer» Folgen, als ein Unrecht, welches mir ein Straßenräubcr zufügen kann, und den beleidigten Theil zufriedenzustellen steht weit weniger in der Macht der öffentlichen Obrigkeit, oder es liegt vielmehr gänzlich außer ihrem Bereich. Wenn ein Mensch sich erfrecht den Arthur Mervyn des Inhalts seiner Börse zu berauben, während der besagte Mervpn keine Mittel zu Ver- theidigung, oder nicht Geschick und Muth, sie anzuwenden besitzt, so werden ihm die Assisen zu Lancaster oder Carlisle dadurch Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie den Räuber aufknüpfen; — wer wird aber behaupten, daß ich verpflichtet sei, auf diese Gerechtigkeit zu warten und mich der Plünderung vorläufig zu unterwerfen, wenn ich Mittel und Muth habe, 174 um mein Eigenthum zu schützen? Wenn mir jedoch ein Schimpf widerfährt, dessen ruhiges Ertragen meinen Charakter bei Männern von Ehre für immer mit Schmach bedecken müßte, und wofür die zwölf Richter Englands sammt dem Kanzler obendrein mir keine Entschädigung gewähren können: durch welche Vorschriften des Gesetzes oder der Vernunft sollte ich dann abgeschreckt werden, dasjenige zu schützen, was jedem Manne von Ehre so unendlich theurer sein muß und ist, als sein ganzes Vermögen? Vom religiösen Gesichtspunkte in dieser Sache will ich nicht sprechen, als ich einen ehrwürdigen Geistlichen finde, der Seibstvertheidigung, betreffe sie Leben oder Vermögen, als Verbrechen verdammt. Wird sie in Bezug auf Eigenthum überhaupt gestattet, so glaube ich, daß wenig Unterschied zu machen sei zwischen der Vertheidigung der Person und des Eigenthums und zwischen der Beschützung der Ehre. Daß letztere von Personen höher« Ranges angegriffen werden kann, welche vielleicht an Sitten rein und am Charakter unbescholten sind, kann meinem RechtederSelbstvertheidigung keinen Eintrag thun. Es kann mir schmerzlich sein, daß mich Umstände mit einer solchen Person in Streit verwickelten; aber ich würde denselben Schmerz empfinden, wenn ein edelsinniger Feind im Nationalkampfe unter meinem Schwerte fällt. Ich werde indeß diese spitzfindigen Untersuchungen verlassen, und will nur noch bemerken, daß alles was ich hier schrieb, weder dem Raufbold, noch dem angreifenden Theil in einer Ehrensache das Wort reden soll. Ich wollte blos den entschuldigen, der zum Kampfe durch eine derartige Beleidigung gezwungen wird, die, wenn er sie ruhig ertrüge, seinen Rang und seine Achtung in der Gesellschaft für immer vernichten würde. „Es thut mir leid, daß du dich in Schottland niederzulaffen gedenkst; doch bin ich auch froh darüber, da die Entfernung nicht 175 unermeßlich ist, und der Breitengrad günstig für uns. Von De- vonshire nach Westmoreland zu gehen, könnte einem Ostindier Schauder erwecken; aber von Galloway oder Dumfries-Shire zu uns zu kommen, heißt schon der Sonne um einen (wenn auch nur kurzen) Schritt näher treten. Wenn übrigens, wie ich vermuthe, der beabsichtigte Kauf mit dem alten Geisterschloß im Zusammenhang steht, wo du auf jener Reise vor zwanzig Jahren den Astrologen spieltest, so Hab'ich dich jenen Schauplatz zu oft mit komischer Begeisterung schildern hören, als daß ich hoffen könnte, dir den Kauf auszureden. Ich hoffe jedoch auch, daß der gastfreundliche geschwätzige Laird noch nicht auf den Strand gelaufen, und daß auch sein Kaplan, durch dessen Schilderung du uns so oft zu lachen machtest, noch in rerum nuturs vorhanden ist. „Hier, lieber Mannering, wünschte ich schließen zu können, denn es fällt mir außerordentlich schwer, den Rest meiner Geschichte zu erzählen; obwohl ich dich im voraus davon versichern kann, daß von Seiten meines derzeitigen Mündels, Julia Mannering, nicht die geringste vorsätzliche Unziemlichkeit vorgefallen ist. Aber ich muß meinen ehemaligen Schulspitznamen, Hans Geradezu, auch diesmal bewähren. Mit einem Wort also, hier hast du die ganze Sache. „Deine Tochter hat viel von dem romantischen Zuge deines eignen Charakters, nebst einer kleinen Neigung, sich gern bewundern zu lassen, welche alle hübschen Frauen theilen. Ueber- dies wird sie, allem Anschein nach, deine Erbin sein; ein geringfügiger Umstand für diejenigen, die Julien mit meinen Augen betrachten, aber eine gewaltige Lockspeise für jeden Arglistigen und Unwürdigen. Du weißt, wie oft ich mit ihr über sanfte Schwermut- scherzte, über ihre einsamen Morgenspaziergänge, wo Jedermann noch schläft, über ihre Monl/chein- partien, wo schon alle zu Bett sind, oder was dasselbe ist, am 176 Spieltisch sitzen. Der Vorfall, der hier folgt, überschreitet vielleicht nicht die Gränzen eines Scherzes, aber ich sähe doch lieber, der Scherz rührte von dir her, als von mir. „Zwei oder dreimal während verletzten vierzehn Tage hörte ich spät in der Nacht, oder auch sehr früh am Morgen, auf einem Flagcolet die Hindumelodie spielen, die dcineTochter so gern hat. Eine Zeitlang glaubte ich, daß etwa ein musikalischer Bedienter, der seine Kunstliebe bei Tage unterdrücken mußte, die stille Nachtstunde wählte, um die Töne nachzuahmen, die er erlauscht hatte, während er im Vorzimmer aufwartete. In der letzten Nacht je> doch, wo ich noch spät in meinem Studierzimmer saß, welches sich unmittelbar unter Miß Mannerings Gemach befindet, hörte ich zu meinem Erstaunen nicht allein dasFlageolet genau, sondernüberzeugte mich auch, daß es vom See unter dem Fenster heraustönte. Begierig zu erfahren, wer uns zu so ungewöhnlicher Stunde die Serenade brächte, schlich ich leise zu meinem Fenster. Aber es waren außer mir auch andre Lauscher vorhanden. Du erinnerst dich, daß Miß Mannering das Zimmer vorzog, weil es einen Balkon vorm Fenster nach dem See zu hatte. Nun wohl! ich hörte, wie sich ihr Fenster öffnete, und wie ihre eigne Stimme mit einer Person Unterhaltung pflog, welche von unten antwortete. Dies ist keineswegs „Viel Lärmen um Nichts;" ich konnte ihre Stimme nicht verkennen, ihre sanften, schmeichelnden Töne — und, um die Wahrheit zu sagen, die Laute von unten sprachen auch die zärtlichste Leidenschaft aus — denJnhalt aber könnt'ich nichtverstehn. Ich öffnete mein Fenster, um etwas mehr von diesem spanischen Rendezvous zu hören, alsein bloßesGemurmel; obwohlichindeß höchst vorsichtig war, schreckte das Geräusch doch die Sprechenden auf; das Fenster verjüngen Dame schloß sich im Augenblick. Das Geräusch zweier Ruder im Wasser verkündigte den Rückzug des männlichen Theilnchmcrs am Gespräch. Ich sah wirklich seinen ,77 Kahn, den er mit großer Schnelligkeit und Gewandtheit regierte, über den See hinfliegen wie ein Boot mit zwölf Rudern. Am nächsten Morgen examinirte ich einige meiner Dienstleute ganz wie zufällig, und so erfuhr ich, daß der Wildhüter, während er seine Runden machte, zweimal den Kahn mit einer einzelnen Person unter dem Hause gcsehn und auch das Flageolet gehört hatte. Ich mochte keine weitern Forschungen der Art anstellen, weil ich fürchtete, Julien in der Meinung derjenigen herabzusetzen, bei denen ich mich ihretwillen befragte. Ant nächsten Morgen ließ ich beim Frühstück gelegentlich eine Andeutung über die abendliche Serenade fallen, und ich kann dir sagen, Julie wurde bald roth, bald bleich. Ich gab der Sache sogleich eine solche Wendung, daß ihr meine Bemerkung ganz zufällig erscheinen mußte. Seitdem laß ich in meinem Bibliothekzimmer ein Nachtlicht brennen und das Fenster offen stehen, um unfern nächtlichen Gast dadurch zurückzuschrc- cken; auch habe ich gegen die einsamen Spaziergänge die Strenge des einbrechenden Winters und die rauhen Nebel als Vorwand gebraucht- Miß Mannering stimmte so duldsam bei, wie es gar nicht mit ihrem Charakter übereinstimmend ist, und diese Nachgiebigkeit, um die völlige Wahrheit zu gestehen, ist ein Zug, der mir bei der Angelegenheit am wenigsten gefällt. Julie hat zu viel von dem Charakter ihres Üeben Vaters, um sich in einer ihrer Launen beschränken zu lassen, wenn sie nicht hier durch das schelmische Bewußtsein zum Andershandeln verleitet würde, daß es klug sei, jeden Streit in der Sache zu vermeiden. „Dies war meine Erzählung, und du wirst selbst urtheilen, was du zu thun hast. Ich habe die Sache gegen meine Frau nicht erwähnt, die, als treuer Anwalt der Schwachheiten ihres Geschlechts, gewiß dagegen protestirt haben würde, dich Guy Monnermg. I. 12 178 mit diesen Umständen bekannt zu machen; sie hätte es sich im Gegentheil vorgenommen, ihre eigne Beredsamkeit an Miß Mannering zu üben; und dieses Talent, wie mächtig es auch mir, seinem rechtmäßigen Gegenstand, gegenüber sein mag, möchte doch, wie ich fürchte, im angeführten Falle mehr Uebel als Gutes angestiftet haben. Vielleicht wirst auch du es am klügsten finden, jeden Vorwurf zu sparen und dich zu stellen, als wüßtest du nichts von dem Geschichtchcn. Julie gleicht sehr einem gewissen Freunde von mir; sie hat eine bewegliche und lebhafte Einbildungskraft und ein reizbares Gefühl, wodurch sie leicht sowohl das Gute als Schlimme, was ihr im Leben begegnet, übertreibt. Sie ist indeß ein reizendes Mädchen, und eben so edel und hochsinnig, als sie liebenswürdig ist- Ich gab ihr den Kuß, den du schicktest, mit ganzem Herzen, und zum Danke schlug sic mich derb auf die Finger. Kehre ja so bald als möglich zurück. Unterdessen verlasse dich auf die Sorgfalt deines treuen Arthur Mervyn" „N. S- Du wirst natürlich gern wissen wollen, ob ich irgend eine Ahnung habe, wer der nächtliche Musikant sein könne. Ich habe wirklich keine. Es lebt kein junger Herr in dieser Gegend, welcher an Rang und Vermögen der Miß Julie gleich käme, um eine solche Rolle spielen zu können. An der andern Seite deö See's, fast Mervpnhall gegenübergelegen, ist eine verwünschte Kuchen- und Kaffecschenke, ein Versammlungsort von lustwandelnden Herrn aller Art: Dichter, Schauspieler, Maler, Musiker, die dahin kommen um zu schwärmen, zu dckla- miren, und zu rasen, unsrer malerischen Gegend wegen. Diese büßt stark für ihre Schönheiten, weil sie das Mittel sind, diesen Narrenschwarm herbeizuziehen. Wäre jedoch Julie meine Tochter, so würde ich von dergleichen Kerls am 179 meisten für sie fürchten. Sie hat ein edles, romantischfühlendes Herz, und schreibt an eine Freundin rede Woche einen sechs Bogen langen Brief; und dabei ist eine schlimme Sache, einen Gegenstand entbehren zu müssen, woran sich das Gefühl oder die Feder üben kann. Noch einmal, lebe wohl- Hätte ich die Sache ernster behandelt, als ich es that, so könnte ich dein Gefühl verletzt haben; hätte ich sie ganz übersehn, so hätte ich meinem eigenen nicht genug gethan " Die Folge dieses Briefs war, daß Oberst Mannering, nachdem er de» treulosen Boten mit nöthiger Vollmacht für den Ankauf des Gutes Ellangowan an Mr- Mac-Morlan abgefertigt hatte, sein Roß eine südlichere Richtung einschlagen ließ und weder ruhte noch rastete, bis er in der Behausung seines Freundes Mr. Mcrvyn am Ufer eines der Seen von Westmoreland anlangte. 12 Siebzehntes Kapitel. „Der Himmel lehre schreiben zum Trost in Bedrimgniß Das Mädchen trotz Vormund, den Freund im Gefängniß, Den Autor auch, welcher Personen uns bringt. Die die eigne Geschichte z» schreiben er zwingt." Nach Pope. Als Mannering nach England zurückkehrts, war sein erstes Geschäft, seine Tochter in ein weibliches Erziehungsinstitut von Ruf zu bringen. Da er jedoch fand, daß ihre Fortschritte in den Fertigkeiten, die er ihr anzueignen wünschte, nicht so schnell waren, als seine Ungeduld erwartete, so nahm er Miß Mannering am Schluffe des ersten Vierteljahrs wieder aus dieser Unterrichtsanstalt zurück. Sie hatte auf diese Weise nur eben noch Zeit, eine ewige Freundschaft mit Miß Matilde Marchmont zu schließen, einer noch jungen Dame von ihrem Alter, welches etwa achtzehn Jahr sein mochte. Für ihr treues Auge waren jene furchtbar dicken Briefe bestimmt, welche auf den Schwingender Postvon Mervyn-Hall anlangten, so lange Miß Mannering dort als Gast weilte. Einige kurze Auszüge aus jenen Briefen werden nothwen- dig sein, um unsre Erzählung verständlicher zu machen. Erster Auszug. „Ach, meine theuerste Matilde, welch' eine Geschichte Hab' ich dir zu erzählen! Das Unglück hat deiner armen Freundin von der Wiege an sein Siegel aufgedrückt. Daß wir so gering- 18 l fülliger Dinge wegen getrennt werden mußten — ein grammatischer Fehler in meiner italienischen Arbeit und drei falsche Noten in einer von Paesiello's Sonaten. Aber es ist das ein Charakterzug meines Vaters; ich weiß unmöglichzu sagen, ob ich ihn mehr liebe, bewundere, oder fürchte. Sein Glück im Leben und im Kriege — seine Gewohnheit, jedes Hinderniß, selbst wo es unübersteiglich schien, durch die Energie seiner Anstrengungen zu bewältigen — alles dies hat seinem Charakter etwas Hastiges und Gebieterisches gegeben, welches weder Widerspruch duldet, noch Nachsicht mit den Schwächen Anderer gestattet. Denn er selber ist äußerst talentvoll. Du mußt wissen, daß ein Gerücht eristirte, welches durch geheimnißvolle Worte, die meine arme Mutter fallen ließ, zum Theil bestätigt wurde, — daß er nämlich noch andre Wissenschaften besitze, welche jetzt der Welt verloren wären und die den Besitzer fähig machten, die dunkeln und schattigen Formen künftiger Ereignisse heraufzubeschwören. Muß nicht die bloße Idee einer solchen Macht, ja schon das hohe Talent und die überlegene.Einsicht, welche die Welt fälschlich mit jener Macht verwechselt — muß dies, tbeure Matilde, nicht dem Besitzer schon eine gcheimniß- volle Hoheit leihen? Du wirst dies romantische Ueberspannt- heit nennen; aber bedenke, daß ich in dem Lande der Talismane und Zauberformeln geboren bin, und daß ich als Kind durch Märchen eingelullt wurde, deren ihr euch nur mittelst der schwülstigen Spielerei einer französischen Uebersetzung erfreuen könnt. O Matilde, ich wollte, du hättest die dunkeln Gesichter meiner indischen Wärterinnen sehen können, wie sie sich in ernster Andacht bei den magischen Erzählungen grup- pirten, welche, halb Poesie, halb Prosa, von den Lippen des Erzählers flössen! Kein Wunder, daß europäische Erzählungen mir kalt und trocken erscheinen, nachdem ich die wunderbaren Wirkungen morgenländischcr Geschichten auf die Zuhörer selbst erfahren habe." Zweiter Auszug. »Theure Matilde, du kennst die Geheimnisse meines Herzens, du weißt mit welchen Gefühlen ich an Brown denke- Ich will nicht sagen, daß ich nur sein Andenken heilig halte. Denn ich bin überzeugt, er lebt und ist treu. Seine Huldigungen, die er mir brachte, wurden von meiner geschiedenen Mutter begünstigt; vielleicht unvorsichtig begünstigt, da sie die Borur- theile meines Vaters in Bezug auf Rang und Herkunft hätte erwägen sollen. Aber ich, damals fast noch ein Kind, konnte ja doch nicht klüger sein als sie, unter deren Obhut mich die Natur gestellt hatte. Meinen Vater, den seine militärischen Dienstpflichten fast beständig beschäftigten, sah ich nur selten und man lehrte mich ihn mehr mit Ehrfurcht, als mit Vertrauen betrachten- Wollte der Himmel, cs wäre anders gewesen ! Es würde dann für uns Alle bis diesen Tag sich besser gestaltet haben!" Dritter Auszug. „Du fragst mich, warum ich meinen Vater nicht bekannt damit mache, daß Brown noch lebt, daß er wenigstens die Wunde überlebt hat, die er in dem unseligen Duell empfing; und daß er meiner Mutter geschrieben hatte, indem er seine völlige Genesung und seine Hoffnung ankündigte, bald aus der Gefangenschaft zu entfliehen. Ein Soldat, der in seinem Kriegshandwerk oft Menschen erschlug, fühlt wahrscheinlich keine Unruhe, wenn er an die vermeinte Katastrophe denkt, die mich fast in Stein verwandelte. Und wenn ich ihm jenen Brief zeigte, würde dies nicht zur Folge haben, daß Brown, der noch lebte und mit Hartnäckigkeit dieselben Ansprüche geltend 183 machte, um derentwillen mein Vater früher ihm nach dem Leben trachtete, ein weit furchtbarerer Störer von Oberst Mannerings Gemüthsruhe sein würde, als wenn dieser ihn im Grabe vermuthet? Wenn er den Händen jener Räuber entkommt, so wird er gewiß bald in England sein, und dann ist immer noch Zeit, zu überlegen, wie sein Leben vor meinem Vater zu verheimlichen ist. — Aber wenn nun meine feste und vertrauende Hoffnung mich täuschte, was hälfe es dann, ein Geheimniß preisgegeben zu haben, mit welchem so schmerzliche Erinnerungen verknüpft sind? — Meine tbeure Mutter fürchtete so sehr, daß cs bekannt werden könne, daß sie, glaub' ich, meinen Vater argwöhnen ließ, Browns Aufmerksamkeiten wären an sie gerichtet, um ihn nur den wirklichen Gegenstand derselben nicht errathen zu lassen; und o, Matilde, welche Achtung ich auch dem Andenken einer verstorbenen Mutter schuldig bin, so muß ich doch auch dem lebenden Vater Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ich kann die zweideutige Politik, mit der sie gegen meinen Vater handelte, nur als unbillig gegen ihn und als höchst gefährlich für beide verwerfen. — Aber Friede sei mit ihrer Asche! ihre Handlungen wurden mehr von ihrem Herzen, als von ihrem Kopfe gelenkt; und sollte ihre Tochter, die all' ihre Schwachheit erbte, die erste sein, welche den Schleier von ihren Mängeln zieht?" Vierter Auszug. „Mervpn-Hall. „Wenn Indien das Land des Zaubers ist, so ist dies, theuerste Matilde, das Land der Romantik. Die Scenerie ist von der Art, wie sie die Natur in ihrer erhabensten Laune hervorbringt; — brausende Katarakte — Berge, deren verwitterte Häupter bis zum Himmel ragen—Seen, die, in schattigen Thälern manch- sack ausgedehnt, bei jeder ihrer Wendungen zu immer ro- mantischern Stellen führen — Felsen, welche die Wolken des Himmels küssen. Hier all die Wildniß des Salvator, und dort all das Feenhafte des Claude Lorrain. Ich bin glücklich, wenigstens einen Gegenstand gefunden zu haben, bei dem mein Vater meinen Enthusiasmus theilen kann- Ein Bewunderer der Natur, beides als Künstler und Dichter, habe ich das höchste Vergnügen aus den Bemerkungen geschöpft, mit denen er den Charakter und die Wirkungen der glänzenden Proben ihrer Macht erläutert. Ich wollte, er ließe sich in diesem bezaubernden Lande nieder. Aber seine Absichten gehen weiter nach Norden, und er ist jetzt auf einer Tour nach Schottland begriffen, um sich nach einem Landsitz, wie ich glaube, umzusehn, den er ankaufen will. Er liebt, so viel ich mich von früher her erinnere, jenes Land besonders. Demnach, meine theuerste Matilde, muß ich, umeineHeimathmeinzunenncn, noch weiter von dir entfernt werden —und o, wie sehr wird es mich freuen, wenn ich sagen kann. Komm, Matilde, und sei der Gast deiner treuen Julie! „Ich bin jetzt Hausgenossin von Mr. und Mrs. Mervpn, der alten Freunde meines Vaters. Die letztere ist eine recht gute Frau, würdevoll und wirthschastlich zugleich; was aber sonstige Bildung und Phantasie betrifft, — lieber Himmel, beste Matilde, da könnte deine Freundin ebenso gut Sympathie bei Mrs. Superklug suchen; du siehst, daß ich die Beinamen in eurer Schule nicht vergessen habe. Mervpn ist ganz und gar verschieden von meinem Vater, aber er ist unterhaltend und gutmüthig. Er ist dick und gutgelaunt, mit großer Schlauheit begabt und nicht ohne Humor; da er vermuthlich in der Jugend hübsch gewesen ist, so macht er immer noch Anspruch, für einen denn garfon zu gelten, und ebenso spielt er den eifrigen Freund der Land- wirthschaft. Ich finde Vergnügen daran, mit ihm die Gipfel 185 der Höhen zu erklettern, oder an den Fuß der Wasserfälle zu gehen, und zur Vergeltung sehe ich mich genöthigt, seine Rüben, seinen Lucerncrklee und sein TimothcuSgras zu bewundern- Ich glaube, er hält mich für ein einfältiges, romantisch überspanntes Mädchen, mit etwas (das Wort fällt mir schwer niederzuschreiben) Schönheit und leidlicher Gutmüthigkeit;und ich glaube, daß der Herr die weibliche Außenseite so ziemlich gut zu beur- theilen versteht, hoffe aber keineswegs, daß er auch meine Gefühle zu durchschauen vermag. So scherzt er und führt mich bei der Hand, während er neben mir herhumpelt (denn der arme Mann leidet an der Gicht,) und erzählt Geschichten aus der vornehmen Welt, von welcher er viel gesehn hat; und ich lausche, lächle und blicke so artig, zufrieden und auch so einfältig als möglich dazu; so vertragen wir uns recht gut. „Doch ach! meine theuerste Matilde, wie langweilig würde mir die Zeit verstreichen, selbst in diesem romantischen Paradiese, welches von einem Paare bewohnt wird, welches gar nicht mit den Umgebungen im Einklang steht, wenn du mir nicht so treulich auf all meine uninteressanten Plaudereien antwortetest? Bitte, versäume ja nicht, mir mindestens dreimal jede Woche zu schreiben — Dir kann es ja nie an Stoff fehlen." Fünfter Auszug. „Wie soll ich mittheilen, was ich dir jetzt zu erzählen habe! — Hand und Herz bebt mir so sehr, daß ich fast nicht im Stande bin, zu schreiben! — Sagte ich nicht, daß er lebte? sagte ich nicht, ich wolle nicht verzweifeln? Wie konntest du meinen, theure Matilde, daß meine Gefühle, da ich so jung von ihm getrennt worden war, mehr in meiner glühenden Phantasie, als in meinem Herzen ihren Grund hätten? — O, ich wußte wohl, daß sie ächt waren, so trügerisch auch die Eingebungen 186 unsers Herzens oft sein mögen. — Doch zu meiner Erzählung — sie sei, Freundin, ebenso das heiligste Pfand unsrer Freundschaft, wie cs das aufrichtigste ist. „Wir gehen hier zeitig schlafen, zeitiger, als mein Herz mit seiner Sorgenlast sich der Ruhe hingcben kann. Ich nehme daher gewöhnlich noch einige Stunden lang zu einem Buche meine Zuflucht, nachdem ich mich auf mein Zimmer zurückgezogen habe, welches sich, wie ich dir wohl schon sagte, nach einem kleinen Balkon öffnet, dessen Aussicht auf den schönen See geht; auch von diesem versuchte ich dir ja schon eine einfache Skizze zu geben. Mervyn-Hall, zum Theil ein sehr altes Gebäude und ursprünglich als fester Ort erbaut, liegt am Rande des Sees. Ein Stein, den man vom vorspringenden Balkon hin- absallen läßt, fällt in das Wasser, welches tief genug ist, um ein Boot zu tragen. Ich hatte mein Fenster halb offen gelassen, um, eh' ich zu Bett ging, meiner Gewohnheit nach, noch den Mondenschimmer auf dem See zu betrachten. Lebhaft gedachte ich jener schönen Scene im Kaufmann von Venedig, wo zwei Liebende, die Stille einer Sommernacht schildernd, wechselseitig die Reize derselben erheben, und so war ich verloren in Gedanken und Empfindungen, die jene Schilderung erweckte, als ich vom See her den Klang eines Flageolets vernahm. Ich sagte dir bereits, daß dies Brown's Lieblingsinstrument war. Wer konnte es in einer Nacht spielen, die, obwohl still und heiter, doch zu kalt und zu spät im Jahre war, um einen Wandrer nur zum Vergnügen hieher einzuladen? Ich ging näher zum Fenster und lauschte mit athemloser Aufmerksamkeit. Die Töne schwiegen jetzt — begannen dann wieder — schwiegen auf's Neue und erreichten aufs Neue mein Ohr, immer näher und näher kommend. Endlich unterschied ich deutlich die Melodie jenes Hinduliedchens, das du mein Lieblingsstückchen nanntest — Ich 187 sagte dir, wer es mich gelehrt hatte — das Instrument, die Melodie, alles war sein eigen! — war es irdische Musik, oder Töne, die der Wind hertrug, um mir seinen Tod anzudeuten? „Es währte einige Zeit, eh' ich den Muth hatte, den Balkon zu betreten—nichts würde mich überhaupt dazu haben crmu- thigcn können, außer die feste Ueberzeugung, daß er noch lebte, und daß wir uns Wiedersehn sollten—nur diese Ueberzeugung lieh mir Kühnheit und ich wagte mich, wiewohl klopfenden Herzens, zum Fenster. Ich gewahrte einen kleinen Nachen mit einer einzigen Person —o Matilde, er selbst war es! —Ich erkannte seine Gestalt nach so langer Trennung und trotz der schattigen Nacht doch so vollkommen, als wären wir gestern erst von einander geschieden und begegneten uns nun im Hellen Sonnenschein! Er lenkte sein Boot unter den Balkon und redete mich an; kaum wußte ich, was er sagte, oder was ich erwiederte. Wirklich, das Weinen erstickte fast meine Stimme, aber es waren Freudenthränen. Das Gebell eines Hundes in einiger Entfernung störte uns und-wir schieden, aber nicht, ohne daß er mir zuvor das Versprechen entlockt hätte, ihn am nämlichen Ort und zur nämlichen Stunde heut' Abend wieder zu erwarten. „Doch wohin soll dies Alles führen? — Kann ich diese Frage beantworten? Ich vermag es nicht- — Der Himmel, der ihn vom Tode rettete und aus Gefangenschaft befreite, der auch meinen Vater an der Ermordung desjenigen hinderte, der ihm nicht die geringste Beleidigung zugefügt hatte, derselbe Himmel wird auch mich aus diesem Labyrinthe führen. Mir genügt der feste Vorsatz, daß Matilde nie ihrer Freundin wegen, mein Vater nie seiner Tochter wegen, und mein Geliebter nie ihretwillen crröthen soll, welcher erseineZuneigung geschenkt hat. Achtzehntes Kapitel. Boi» Fenster auS mit einem Mnnne sprechen! —schöne Geschichte»! Viel Lärme» n m Nichts. Wir müssen mit unfern Auszügen aus Miß Mannerings Briefen fortfahren, welche ihren natürlichen Verstand, ihre Grundsätze und Gefühle klar darstellen, Eigenschaften, denen eine unvollkommene Erziehung und die Thorheit einer imJrr- thum befangenen Mutter Eintrag that, welche ihren Gemahl im Herzen so lange einen Tyrannen nannte, bis sie ihn als solchen fürchtete, und welche Romane las, bis sie sich in die darin vorkommenden Intrigucn so verliebte, bis sie die Leitung einer kleinen Familiennovelle selbst übernahm und ihre Tochter, ein sechzehnjähriges Mädchen, zur Heldin derselben machte. Sie unterhielt sich mit kleinlicher Geheimnißkrämerei und Jntrigue und zitterte doch vor dem Unwillen, den diese kindischen Manöver in ihres Gemahls Gemüth erregten. Auf diese Weise bildete sie sich oft einen kleinen Plan nur zum Vergnügen oder vielleicht aus Liebe zum Widerspruch, verwickelte sich tiefer hinein, als sie selbst wußte, suchte sich durch neue Kunstgriffe frei zu machen oder ihren Fehler durch Verstellung zu verbergen, verwirrte sich in den Maschen ihres eignen Gewebes und sah sich, aus Furcht vor Entdeckung, gcnö- 189 thigt, mit ihren Machinationen sortzufahren, zu denen sie anfangs aus bloßem Muthwillen ihre Zuflucht genommen hatte. Zum Glück besaß der junge Mann, den sie so unvorsichtig in ihre vertraute Gesellschaft gezogen und ermuntert hatte, Neigung zu ihrer Tochter zu fassen, einen Fond von Grundsätzen und edlem Stolz, welcher ihn zu einem sicherer» Vertrauten machte, als Mrs. Mannering hoffen oder erwarten durfte. Nur seine unbekannte Herkunft konnte ihm zum Vorwurf gemacht werden; in jeder andern Hinsicht „Ward er mit edeln Gaben doch geboren, Für Tugend und für hohen Nuhm erkoren; Schon früh ward ihm vorausgesagt von Men Die stolze Laufbahn, die er werde wallen." Aber es ließ sich nicht erwarten, daß er der Lockung widerstehen werde, die ihm Mrs- Mannerings Unklugheit in den Weg warf, ohne daß er nicht Neigung zu einer jungen Dame fassen sollte, deren Schönheit und Charakter seine Leidenschaft selbst an andern Orten gerechtfertigt haben würde, wo man diesen Eigenschaften häufiger begegnet, als in einer entlegenen Festung der indischen Colonien. Die Scenen, welche folgten, sind in ManneringS Briefe an Mr. Mervpn beschrieben worden, und cs hieße die Geduld unserer Leser mißbrauchen, wenn wir uns auf eine noch weitläufigere Schilderung cin- lassen wollten. Wir fahren daher mit den versprochenen Auszügen aus Miß Mannerings Briefen an ihre Freundin fort. Sechstem Auszug. Ich habe ihn wieder gesehn, Matilde — zweimal gesehn. Ich habe alle Gründe erschöpft, um ihn zu überzeugen, daß diese geheime Unterhaltung für uns beide gefahrvoll sei — ich drang sogar in ihn, sein Glück zu suchen, ohne weiter auf 190 mich Rücksicht zu nehmen, und den Frieden meines Herzens für hinlänglich gesichert durch das Bewußtsein zu halten, daß er nicht unter meines Vaters Waffe gefallen sei. Er antwortet — aber wie könnt' ich Alles, was er antwortete, einzeln berichten? Er beruft sich, wie auf ein Recht, auf jene Hoffnungen, die ihm meine Mutter zu nähren gestattete, und wollte mich zu der Tollheit einer Verbindung ohne meines Vaters Billigung überreden. Dazu jedoch, Matilde, werde ich nicht überredet werden. Ich habe all den rebellischen Gefühlen, die in mir seinen Vorschlag unterstützen wollten, widerstanden, und habe sie bewältigt; aber wie soll ich mich aus diesem unseligen Labyrinthe befreien, in welches Schicksal und Thorbeit uns beide geführt haben! „Ich habe so lange daran gedacht, Matilde, daß mir der Kopf schwindelt — ich weiß keinen bessern Plan zu finden, als daß ich meinem Vater Alles offen bekenne. Er verdient das, denn seine Freundlichkeit gegen mich ist unwandelbar; auch glaube ich soviel an seinem Charakter, seit ich ihn genauer studirte, entdeckt zu haben, daß er hauptsächlich nur dann in Zorn geräth, wo er Täuschung oder Betrug argwohnt; in dieser Hinsicht ist sein Charakter vielleicht früher am meisten von derjenigen Person mißverstanden worden, die ihm am theuersten war. Es liegt auch etwas Schwärmerisches in seinem Gemüthe, und oft sah ich, daß ihm die Erzählung einer edeln Handlung, einer heldenmüthigen That oder einer tugendhaften Selbstverläugnung Thränen entlockte, welche er bei einer gewöhnlichen Leidensgeschichte nicht vergoß. Brown behauptet jedoch, daß er gegen ihn persönlich feindselig gesinnt sei. — Und seine niedrige Herkunft — die würde allerdings ein Stein des Anstoßes sein. O, Matilde, ich hoffe, daß keiner deiner Vorfahren bei Poitiers und Agincourt mit- 191 gefochten hat! Hegte mein Bater nicht eine so hohe Verehrung für das Andenken des alten Sir Mannering, ich würde bei meinem Geständnisse nicht halb so zittern als es nun geschehen wird." Siebenter Auszug. „Soeben Hab' ich deinen Brief empfangen — deinen höchst willkommenen Brief! — Dank, meine theuerste Freundin, für dein Mitgefühl und deine Rathschläge — ich kann sie bloö mit unbeschränktem Vertrauen erwiedcrn. „Du fragst mich nach Browns Herkunft, und warum diese meinem Vater so mißfällig sei. Seine Geschichte ist schnell erzählt. Er stammt aus Schottland, aber da er früh verwaist war, so übernahm eine verwandte Familie in Holland seine Erziehung. Er ward zum Kaufmann erzogen und kam früh nach einer unserer ostindischen Kolonien, wo sein Vormund einen Geschäftsfreund hatte. Der letztere war jedoch gestorben, als er in Indien ankam, und es blieb ihm nichts übrig, als das Amt eines Schreibers in einem Handelshause zu übernehmen. Der Ausbruch des Krieges und die Verlegenheit, in die er uns anfangs versetzte, gab allen jungen Leuten, welche zu dieser Lebensweise Lust hatten, Gelegenheit, in die Armee zu treten; und Brown, dessen Anlagen ihn zur militärischen Laufbahn vorzüglich geeignet machten, war der erste, der den Weg des Reichthums verließ um den des Ruhms zu betreten. Der Rest seiner Geschichte ist dir wohlbekannt; aber stelle dir den Zorn meines Vaters vor, welcher den Handel verachtet, (obwohl der beste Theil seines Vermögens durch diese anständige Beschäftigung von meinem Großoheim erworben ward,) und einen bcsondern Widerwillen gegen die Holländer hat; denke dir, auf welche Weise er den HeirathSan- trag für sein eignes Kind von Vanbeest Brown, erzogen aus Gnade von dem Hause Vanbeest und Vanbruggen, anhören würde! O Matilde, es wird nie geschehn — und wirklich, so kindisch bin ich, daß ich kaum umhin kann, mit seinen aristokratischen Gefühlen zu s-mpathisiren. Mrs. Vanbeest Brown! der Name hat freilich wenig Empfehlendes. — Was für Kinder sind wir doch!" Achter Auszug. „Nun ist Alles vorbei, Matilde! —Ich werde nimmermehr den Muth haben, meinem Vater zu bekennen — ja, ich fürchte sogar sehr, daß er mein Geheimniß bereits von Jemand andern» gehört hat, und dadurch wäre das Verdienst meiner freien Mittheilung gänzlich vernichtet und jeder Strahl von Hoffnung zerstört, den ich damit zu verbinden wagte. Gestern Nachts kam Brown wie gewöhnlich, und sein Flageolet auf dem See verkündigte seine Annäherung. Wir hatten ausgemacht, daß er jedesmal von diesem Zeichen Gebrauch machen solle. Diese romantischen Seen locken zahlreiche Besucher herbei, welche ihrem Enthusiasmus dafür nachgebcn, indem sie diese Scenerie zu allen Stunden besuchen, und wir hofften, daß Brown, wenn er aus dem Hause bemerkt würde, für einen jener Naturbewunderer gelten werde, der dem Drange seines Gefühles mittelst der Musik Luft machte. Diese Töne konnten auch mir zur Entschuldigung dienen, wenn man mich auf dem Balkon beobachtete. In letzter Nacht jedoch, als ich eifrig auf dem Entschlüsse beharrte, meinem Vater ein offenes Bekennt- niß abzulegen, welches er mir ernstlich auszuredcn strebte, hörten wir das Fenster in Mr. Mervyns Bibliothek, die sich unter meinem Zimmer befindet, leise öffnen. Ich gab Brown ein Zeichen, sich 193 zurückzuziehcn und trat selber sogleich zurück, mit einiger Hoffnung, daß man unsere Zusammenkunft nicht bemerkt haben möge. „Doch ach, Matilde, diese Hoffnung schwand alsbald, als ich Mr. Mervyns Gesicht am andern Morgen beim Frühstück beobachtete. Sein Blick war so herausfordernd klug und selbst- vertrauensvoll, daß ich, hätte ich nur gedurft, weit zorniger, als je zuvor in meinem Leben, hätte sein können. Aber ich mußte gute Miene zum bösen Spiel machen, und meine Spaziergänge sind nun auf die Gränzen seiner Besitzung beschränkt, wo der gute Herr an meiner Seite ohne Beschwerde mitgchen kann. Ein oder zweimal ertappte ich ihn auf dem Versuche, meine Gedanken zu ergründen und den Ausdruck meines Gesichts zu beobachten. Er hat mehr als einmal von dem Fla- geolet geredet und zu verschiedenen Malen ließ er Lobsprüche über die Wachsamkeit und Wildheit seiner Hunde und über die Regelmäßigkeit hören, mit welcher der Wächter seine Runden mit geladener Büchse macht. Er gedachte auch der Fuchseisen und Selbstschüsse. Ungern möchte ich meines Vaters altem Freunde in seinem eigenen Hause Trotz bieten; aber mich verlangt ihm zu zeigen, daß ich meines Vaters Tochter bin, und davon wird sich Mr. Mcrvpn gewiß überzeugen, wenn ich ihm erst einmal offen und unverholen ans alle jene indirekten Winke antworte. Eines weiß ich gewiß, und dafür bin ich ihm dankbar — er hat MrS. Mervyn nichts gesagt. Gott steh' mir bei, ich würde sonst Vorlesungen gehört haben über die Gefahren der Liebe und der nächtlichen Seeluft, über das Gefährliche, was Schnupfen und Glücksritter mit sich führen, über den Nutzen der Molkenkur und verschlossener Fenster! Ich kann mir nicht helfen, Matilde, ich muß scherzen, obwohl mein Herz schwer genug ist. Was Brown Gny Mannering. I. 13 zu thun gedenkt, kan» ich nicht errathen. Jndeß vermuthe ich, die Furcht vor Entdeckung halt ihn von seinen Nachtbesuchcn zurück. Er wohnt in einem Gasthaus am entgegengesetzten Ufer des Sees, und zwar, wie er mir sagt, unter dem Namen Dawson, — er wählt garstige Namen, das muß man gestehn. Die Armee hat er, glaub' ich, noch nicht verlassen, aber von seinen derzeitigen Aussschten sagt er nichts. »Um meine Besorgniß noch zu steigern, ist mein Vater Plötzlich znrückgckehrt, und zwar in sehr übler Stimmung. Wie ich aus einem lebhaften Gespräch zwischen unsrer guten Wirthin und ihrer Schaffnerin hörte, so hatte jene ihn unter einer Woche nicht zu sehen erwartet; sein Freund Mr. Mer- vyn schien mir aber gar nicht durch seine Ankunft überrascht zu sein- Er benahm sich gegen mich äußerst kalt und zurückhaltend — und das genügte, um all den Muth zu dämpfen, mit dem ich entschlossen war, mich seiner Großmut- in die Arme zu werfen. Er legt seinen Mißmuth und sein verstimmtes Wesen dem Verlust eines Ankaufes zur Last, den er im Südwesten Schottlands zu unternehmen gedachte und an dem sein Herz hing; ich glaube indcß nicht, daß sein Gleichmut- so leicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann- Sein erster Ausflug geschah mit Mr. Mervpns Boot über den See hinüber nach dem erwähnten Gasthause. Du kannst dir die Todesangst denken, mit welcher ich seine Rückkehr erwartete — hätte er Brown wieder erkannt, welche Folgen konnte dies haben! Er kehrte indeß zurück, ohne dem Anschein nach irgend eine Entdeckung gemacht zu haben. Ich vernehme, daß er nun, in Folge seines vereitelten Wunsches, ein Haus in der Nähe desselben Ellangowan zu miethen gedenkt, von welchem ich so viel zu hören verurtheilt bin — er scheint der Meinung zu sein, daß jenes Gut, welches er zu besitzen 195 wünschte, bald wieder verkäuflich sein werde. Ich will diesen Brief nicht eher absenden, als bis ich Genaueres über seine Absichten gehört habe." „Ich habe nun eine Unterredung mit meinem Vater gehabt, wobei er mir so viel Vertrauen bewies, als er mir ver- muthlich überhaupt beweisen will. Er forderte mich heute nach dem Frühstück auf, mit ihm in die Bibliothek zu gehen; die Kniee, Matilde, bebten mir, und es ist keine Uebertreibung, wenn ich sage, daß ich ihm kaum nach jenem Zimmer zu fol» gen vermochte. Ich fürchtete mich und wußte nicht wovor — von Kindheit hatte ich ja Alles vor seinem Stirnrunzeln zittern sehn. Er hieß mich niederfttzcn, und nie gehorchte ich einem Befehle so bereitwillig, denn ich vermochte wirklich kaum zu stehn. Er selbst ging im Zimmer auf und ab. Du hast meinen Vater gesehn und ich besinne mich, daß dir seine so ausdrucksvollen Züge ausfielen. Seine Augen sind von Natur ziemlich lichtfarben, aber Aufregung oder Zorn gibt ihnen einen düsteren und scurigern Glanz; er hat auch eine gewisse Gewohnheit die Lippen zusammenzuziehen, wenn er sehr aufgeregt ist; und dies deutet den Kampfan, der zwischen seiner natürlichen Hitze und seiner kräftigen Selbstbeherrschung statt- findct. Dies war das erste mal, daß wir seit seiner Rückkehr aus Schottland allein waren, und als er durch jene Zeichen seine innere Bewegung verrieth, zweifelte ich kaum, daß er im Begriff sei, auf den gefürchteten Gegenstand einzugchen. „Zu meinem unaussprechlichen Tröste fand ich, daß ich mich irrte und daß, was er auch immer von Mr. Mervyns Argwohn und Entdeckungen wissen mochte, er doch nicht willens sei, mit mir über diese Sache zu sprechen. Feig, wie ich war, fühlte ich mich unendlich erleichtert, obwohl, wenn er wirklich is * den Gerüchten, die ihm zu Gehör gekommen, nachgeforscht hätte, die Wirklichkeit nichts gegen das gewesen sein würde, was sein Argwohn ihm cingeben mochte. Obwohl jedoch mein Muth wuchs, als ich mich so unerwartet von dem Gefürchteten frei sah, hatte ich doch nicht den Muth, selbst das Gespräch zu beginnen, sondern wartete schweigend seiner Befehle. „Julia," sagte er, „mein Anwalt schreibt mir aus Schottland, daß er ein Haus für mich gemiethet hat, anständig aus- gcstattet und mit aller nöthigen Bequemlichkeit für meinen Haushalt versehn — es liegt anderthalb Stunden von dem Befißthum, das ich zu kaufen gedachte." — Darauf schwieg er und schien meine Antwort zu erwarten. „Welcher Ort dir als Aufenthalt bequem scheint, Vater, muß auch mir ganz angenehm sein.^ „Hm! — Ich denke indcß nicht, Julia, daß du während des Winters ganz allein in diesem Hause wohnen wirst." „Mr. und MrS. Mervyn" — dachte ich im Stillen. „Jede Gesellschaft, welche dir angenehm ist," antwortete ich laut. „O, du hast etwas zuviel von jener allgemeinen höflichen Unterwürfigkeit; wo es wahr gemeint ist, mag dergleichen gut sein, aber das beständige Wiederholen der bloßen Redensart ruft mir die ewigen knechtischen Begrüßungen unserer schwarzen Untergebenen in Indien ins Gedächtniß. Kurz, Julie, ich weiß, daß du die Gesellschaft liebst, und ich gedenke eine junge Dame, die Tochter eines verstorbenen Freundes, einzuladen, einige Monate bei uns zu wohnen. „Nur keine Gouvernante, um des Himmels Willen, Vater!" rief ich Arme, indem die Furcht in diesem Augenblicke gänzlich die Klugheit überflügelte. „Nein, keine Gouvernante, Miß Mannering," erwiederte der Oberst etwas streng, „sondern eine junge Dame, an deren 197 trefflichem Beispiel, da sie in der Schule des Mißgeschicks erzogen ist, du hoffentlich lernen wirst, deine eigne Hofmeisterin zu sein." „Hier eine Antwort zu geben, war zu gefährlich, und daher entstand eine Pause. „Ist die junge Dame eine Schottländerin, Vater?" „Ja" — war die ziemlich trockne Antwort. „Hat sie viel vom schottischen Accent, Vater?" „Viel vom Teufel!" antwortete mein Vater hastig; „meinst du ich kümmere mich um a's und aa's, um i's und ee's? — Ich sage dir Julie, ich meine es ernstlich in dieser Sache. Du hast einen Hang für Freundschaften, das heißt, dich in Vertraulichkeiten einzulaffen, die du mit jenem Namen belegst — (war das nicht sehr hart gesagt, Matilde?) — nun wünsche ich dir Gelegenheit zu geben, wenigstens eine würdige Freundin zu erwerben, und daher bin ich entschlossen, diese junge Dame einige Monate als Familienglied anzusehn, und ich erwarte, daß du ihr die Aufmerksamkeit erweisest, die man dem Mißgeschick und der Tugend schuldig ist." „Gewiß, Vater. — Hat meine künftige Freundin rothes Haar?" „Er warf mir einen seiner strengen Blicke zu; du wirst vielleicht sagen, ich hätte das verdient; aber ich glaube, der Teufel legt mir bei solchen Gelegenheiten die Fragen in den Mund. „Sie ubertrifft dich, mein Kind, im Acußern so sehr, wie an Klugheit und Liebe für ihre Freunde." „Ach, Vater, du meinst doch nicht, daß sie sich dadurch bei mir empfiehlt, wenn sie mich so üdertrifft? — Nun, Vater, ich sehe, du willst dies Alles zu ernstlich nehmen; wer die junge Dame auch sein mag, so soll sie, von dir empfohlen, ganz gewiß keinen Grund haben, sich über Mangel an Höf- lichkcit von meiner Seite zu beklagen " — Nach einer Pause fragte ich weiter: „Hat sie einen Bedienten? denn cs liegt mir doch ob, für ihre Bequemlichkeit zu sorgen» falls sie noch keine Bedienung hätte " „Nein — nein — nicht einen eigentlichen Bedienten — der Kaplan» der früher bei ihrem Vater lebte, ist ein recht guter Mensch, und ich bin Willens, ihm Platz in meinem Hause zu gönnen." „Ein Kaplan, Vater? Gott schütz' uns!" „Ja, Miß Mannering, ein Kaplan; ist dies Wort so unerhört neu? Hatten wir nicht in unsrer indischen Niederlassung einen Kaplan?" „Ja, Vater, aber damals warst du auch Kommandant." „Das will ich denn auch jetzt sein, Miß Manncring, — wenigstens in meinem eigenen Hause." „Ohne Widerrede, Vater — aber wird er unser» Gottesdienst auch streng nach der englischen Kirche halten?" „Die anscheinende Einfalt, womit ich diese Frage that, überwand seinen Ernst." „Ach, Julie, du bist ein böses Kind, aber ich gewinne nichts dabei, wenn ich dich schelte. — Was die beiden Fremden betrifft, so wirst du die junge Dame gewiß nur lieben können; und die Person, die ich in Ermangelung eines bessern Ausdrucks Kaplan nannte, ist ein ehren- werther, wenn auch etwas lächerlicher Mann, der nie merken wird, daß du ihn auslachst, wofern du nur nicht allzulaut lachst." „Lieber Vater, diese Seite seines Charakters gefällt mir sehr. — Doch bitte, ist das HauS, wohin wir gehen, so angenehm gelegen, wie dies hier?" „Vielleicht nicht ganz nach deinem Geschmack — dort ist kein See unterm Fenster, und du wirst dich in die Nothwen- 19 » digkcit versetzt sehn, alle Musik nur innerhalb des Hauses zu vernehmen." „Dieser letzte coup lle maiu endigte unser scharfes Witzgefecht, denn du kannst glauben, Matilde, daß mir der Muth darauf zu antworten fehlte. „Dennoch war, wie dir aus diesem Gespräch klar sein wird, mein Muth wieder unerwartet stark geworden. Brown lebt, ist frei und in England! Verlegenheiten und Angst kann und muß ich wohl erdulden. Wir reisen in zwei Tagen nach unsrer neuen Wohnung. Ich werde nicht ermangeln, dich wissen zu lassen, wie mir jene schottischen Hausgenossen gefallen, die mir (ich habe nur zu viel Grund dies zu glauben,) mein Vater als ein Paar ehrbare Spione ins Haus zu legen denkt; eine Art von weiblichem Rosenkranz, nebst einem ehrwürdigen Güldenstern, der eine im schottischen Röllchen, der andre im Priestergewand. Welch ein Kontrast zu der Gesellschaft, die ich mir gern selbst verschafft hätte! Ich will gleich nach meiner Ankunft auf dem neuen Wohnort schreiben, und meine Matilde bekannt machen mit den fernern Schicksalen ihrer Julia Mannering." Neunzehntes Kapitel. Bon steilen Hügel» rings umgeben, Wo Eich' und Buche sich erheben. Durch deren schollig grüne Husten Des stosten Flusses Flurhen wallen, — So lockst dn, süsteS TuSkulan, Durch schlichte, stille Schönheit au! — Worts». Woodbourne, die Wohnung, welche Mannerinz durch Mr. Mac-Morlans Vermittelung auf einige Monate gemiethet hatte, war ein geräumiges, bequemes Haus, dicht am Fuße eines bewaldeten Hügels gelegen, welcher das Haus gegen Nord und Ost schirmte; die Vorderseite übersah eine kleine Ebene, begränzt durch einen Hain alter Bäume; jenseits lag einiges Ackerland, welches sich am Fluß entlang breitete, den man aus den Fenstern des Hauses erblickte. Ein hübscher, obwohl altmodischer Garten, ein wohlversorgtes Taubenhaus und der Besitz von soviel Land, als zur Bequemlichkeit des Haushalts erforderlich war, machte den Ort in jeder Hinsicht, wie die Avertissements gewöhnlich sagen, „passend für den Gebrauch einer anständigen Familie." Hier also war Mannering entschlossen, seinen Wanderstab wenigstens eine Zeit lang ruhen zu lassen. Obwohl ein Ostindier, liebte er es doch nicht, mit Reichthum zu prahlen. In 2N1 der That, er war zu stolz, um eitel sein zu können. Deshalb beschloß er, sich auf dem Fuße eines wohlhabenden Landedelmanns einzurichten, ohne sich oder seiner Familie jenes Gepränge zu gestatten, welches damals als Kennzeichen eines Nabob galt. Er hatte noch immer den Ankauf von Ellangowan im Auge, welches, nach Mac-Morlans Ansicht, Mr. Glossin bald wieder zu veräußern genöthigt sein würde, da ihm einige der Gläubiger das Recht bestritten, einen so großen Theil der Kaufsumme in Händen zu behalten, während er zur baaren Zahlung wahrscheinlich nicht fähig sei. In diesem Falle, versicherte Mac-Morlan, werde er den Besitz bereitwillig abtreten, wenn ihm nur etwas über den Verkaufspreis geboten würde. Es mag seltsam scheinen, daß Mannering einen Ort so sehr liebte, den er früher nur einmal gesehn hatte und zwar nur kurze Zeit. Aber die Umstände, welche damals stattfanden, hatten sich seiner Einbildungskraft tief cingeprägt. Es schien ein Geschick zu walten, welches die merkwürdigen Vorgänge seiner eigenen Familiengeschichte mit jener der Bewohner von Ellan- gowau in Zusammenhang'brachte, und er fühlte ein geheim- nißvolles Verlangen, die Terrasse sein eigen zu nennen, von' welcher aus er im Buche des Himmels eine Prophezeiung gelesen hatte, die an der Person des jungen Erben dieser Familie bereits in Erfüllung gegangen war und genau mit einer andern im Zusammenhang stand, welche sich in seiner eignen Familie erfüllt hatte. Ueberdies konnte er, da einmal dieser Gedanke sich seiner bemächtigt hatte, nicht ohne großen Widerwillen denselben bekämpft sehen, und zwar von einem Kerl wie Glossin. So kam der Stolz seiner Laune zu Hilfe, und beide vereinigten sich, um den Ankauf des Gutes womöglich noch zu bewerkstelligen. 2V2 Lassen wir Mannering Gerechtigkeit wiederfahren. Der Wunsch, Jemandem im Bedrängniß beizustehcn, hatte auch Theil an seinem Entschlüsse. Er hatte den Vortheil erwogen, den Julie von Miß Lucy Bertram's Gesellschaft haben könne, auf deren richtigen Verstand und gesundes Urtheil so sicher zu vertrauen war. Dieser Gedanke wurde noch bestärkt, als ihm Mac-Morlan unter dem feierlichen Siegel der Verschwiegenheit ihr ganzes Benehmen gegen den jungen Hazlcwood mit- gctheilt hatte. Wollte er ihr Vorschlägen, ein Glied seiner Familie, fern vom Schauplatze ihrer Kindheit und den Wenigen, die sie Freunde nannte, zu werden, so wurde dies weniger zartsinnig gewesen sein; aber zu Woodbourne konnte sie ohne Schmierigkeit auf eine Zeitlang als Gast eingeführt werden, ohne zu der Stellung einer gemeinen Gesellschafterin herabgesetzt zu werden. Etwas zögernd nahm Lucy Bertram die Einladung an, einige Wochen bei Miß Mannering zu wohnen. Sie fühlte nur zu wohl, wie sehr auch des Obersts Zartgefühl die Wahrheit verhüllen mochte, daß sein Hauptbcweggrund dabei das großmüthige Verlangen war, ihr seine Unterstützung und seinen Schutz angedeihn zu lassen, dessen Einfluß in der Nachbarschaft durch seine hohen Verbindungen und seinen noch höhern Rang natürlich noch vermehrt wurde. Um dieselbe Zeit empfing das verwaiste Mädchen einen Brief von Mrs- Bertram, der Verwandten, an die sie geschrieben hatte, dessen Inhalt kalt und trostlos genug war. ES lag allerdings eine kleine Summe Geld darin, zugleich aber von dem Rathe begleitet, ja recht sparsam zu sein; die Verwandte schlug dabei vor, Miß Bertram möge sich bei einer ruhigen Familie, entweder zu Kippletringan oder in der Nähe, in die Kost verdingen, und obwohl ihr eignes Einkommen gar gering wäre, so wolle sie doch ihre Verwandte nicht darben schn. Miß Bertram ließ einige sehr natürliche Thränen auf diese kaltherzige Epistel fallen; denn zur Zeit, da ihre Mutter noch lebte, war jene gute Ladp fast drei Jahr lang Gast zu Ellangowan gewesen, und nur, als sie ein Vermögen von jährlich 40 o Pfund Zinsen erbte, hatte sie dem gastfreundlichen Hause Lebewohl gesagt, welches wohl sonst die Ehre gehabt haben würde, ihr bis zum Tode seines Eigenthümers Schutz zu leihen. Lucy fühlte sich stark geneigt, die schmutzige Spende zurückzuschicken, welche gewiß nur durch einen harten Kampf mit ihrem Geize der alten Dame entrissen worden war. Nach reiflicher Ueberlegung begnügte sie sich indeß, zu schreiben, daß sie das Uebersandtc als Darlehn betrachte, welches sie bald zurückzuzahlen hoffe; zugleich benachrichtigte sie ihre Verwandte von der Einladung, die sie vom Oberst und der Miß Mannering erhalten hatte. Diesmal kam die Antwort mit umgehender Post; so sehr besorgt war Mrs. Bertram, daß ein leichtsinniges Zartgefühl oder ähnliches dummes Zeug, wie sie sich auSdrückte, ihre Nichte verleiten möchte, ein so günstiges Anerbieten zurückzuweisen und damit zugleich ihren Verwandten wieder eine Bürde aufzuladen. Lucy hatte daher nun keine Wahl übrig, wofern sie nicht den ehrenwerthen Mac- Morlan's weiter zur Last fallen wollte, welche viel zu freigebig waren, um reich sein zu können. Jene übrige Sippschaft, die anfangs um die Gunst ihrer Gesellschaft wetteiferte, hatte sich neuerdings, theils stillschweigend, theils mit Acuße- rungen des Unwillens, daß sie Mac-Morlan'S Einladung der ihrigen vorgezogen, gänzlich von ihr entfernt. Das Schicksal des Dominie Simson würde beklagenswerth gewesen sein, hätte cs von einem andern als Mannering abgehangen, welcher ein Bewunderer der Originalität war; eine Trennung von Lucy Bertram hätte ihm gewiß das Herz ge- 204 brochen. Mac-Morlan hatte von des Mannes Verfahren gegen die Tochter seines Wohlthätcrs eine genaue Schilderung gegeben. Als Antwort legte Mannering die Frage vor, ob Simson noch immer die bewundernswerthe Tugend der Schweigsamkeit besitze, durch die er sich so merkwürdig zu Ellangowan auszeichnete. Mac-Morlan bejahte dies. »Lassen Sie Simson wissen," hieß es in des Obersts nächstem Briefe, „daß ich seinen Beistand brauchen werde, um meines Oheims, des Bi- schoffs Bibliothek in Ordnung zu bringen, die ich zur See an Ort und Stelle schaffen lasse. Auch werde ich ihn brauchen, um einige Papiere zu copiren und zu ordnen. Stellen Sie ihm seinen Gehalt im Voraus fest, wie es Ihnen paffend scheint. Der gute Mann soll anständig gekleidet werden, und seine junge Lady nach Woodbourne begleiten." Der wackere Mac-Morlan empfing diesen Auftrag mit großer Freude, erwog jedoch hin unk her, wie sich der Punkt aus- führen lassen werde, der des würdigen Dominie neue Kleidung betraf. Er betrachtete diesen mit forschendem Blick und es war nur allzudeutlich, daß sein gegenwärtiger Anzug täglich in beklagenswerthern Zustand gerieth. Ihm Geld zu geben, mit der Aufforderung, zu gehen und sich selber auSzustattcn, dies hieß nur, ihm die Mittel geben, sich lächerlich zu machen. Denn wenn Mr- Simson ei» so seltenes Ereigniß vorkam, wie der Ankauf neuer Kleidungsstücke ist, so zogen die Ergänzungen seiner Garderobe, die er nach eignem Geschmack gewählt hatte, gewöhnlich alle Knaben des Ortes Tage lang hinter ihm drein. Wollte man andrerseits einen Schneider bringen, um ihm das Maaß nehmen, und ihm dann, gleich einem Schulknaben, die Kleider ins Haus schicken zu lassen, so mußte ihn das jedenfalls verletzen. Endlich beschloß Mac- Morlan, Miß Bertram zu Rathe zu ziehn und sie um ihre 205 Vermittelung zu bitten. Sie versicherte, daß, obwohl sie sich nicht getraue, eines Gentlemans Garderobe in Stand zu setzen, doch nichts leichter sei, als die des Dominie in Ordnung zu bringen. „Wenn mein armer Vater zu Ellangowan," sagte sie, „für nöthig fand, ein Kleidungsstück des Dominie zu erneuern, so ließ er einen Diener bei Nacht in das Zimmer desselben gehen, denn er schlief so fest wie ein Murmelthier; der Diener mußte das alte Kleid wegnehmen und das neue zurücklassen; auch konnte man durchaus nicht bemerken, daß sich der Dominie nur im Geringsten der Verwandlung bewußt sei, die bei solchen Gelegenheiten mit ihm vorgegangcn war " Mac-Morlan bestellte, Miß Bertram's Rathe gemäß, einen geschickten Kleidcrkünstler, der, nachnem er den Dominie aufmerksam betrachtet hatte, das Werk übernahm, ihm zwei Anzüge zu fertigen, nämlich einen schwarzen, und einen rabengrauen; auch sollten beide gehörig paffen, zum wenigsten so gut (dies versprach der Künstler) als es bei einem Manne von so außergewöhnlichem Baue in der Macht irdischer Nadeln und Scheeren läge. Als dieser kunstreiche Biedermann sein Werk vollbracht und die Kleider zur Stelle geliefert hatte, nahm Mac-Morlan, entschlossen, seinen Vorsatz allmälig ins Werk zu setzen, am nämlichen Abend ein sehr wichtiges Stück der Kleidung weg und legte an dessen Stelle das entsprechende neue. Als er sah, daß dies ohne bemerkt zu werden hinging, so wagte er sich zunächst an die Weste und schließlich an den Rock. Als er völlig metamorphosirt und zum erstenmal in seinem Leben anständig gekleidet auftrat, bemerkte man, daß der Dominie ein unbestimmtes und verworrenes Bewußtsein von der Verwandlung seines äußern Menschen zu haben schien. Sobald sie diesen zweifelhaften Ausdruck auf seinem Gesichte erscheinen sahen, begleitet von einem Blicke, welcher sich bald auf den Rockärmcl heftete, bald wieder auf die Kniee seiner Hosen, wo er wahrscheinlich einige antike Nähterei vermißte, die, mit blauem Zwirn auf schwarzem Grund ausgeführt, einigermaßen wie eine Stickerei aussah, — sobald sie jenes Mienenspiel bemerkten, lenkten sie stets sogleich seine Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand, bis seine Kleider vermöge der Gewohnheit ihm gehörig auf den Leib paßten. Die einzige Bemerkung, die er je über die Sache hören ließ, war, daß „die Luft von Kippletringan den Kleiderstoffen zuträglich zu sein scheine, denn sein Kleid dünke ihm fast noch so neu, als am ersten Tage, wo er es anlegte, und dies war damals, als er ins Examen ging, um Kandidat des Predigtamts zu werden." Als der Dominie zum erstenmal von des Oberst Mannering liberalem Vorschlag hörte, warf er einen eifersüchtigenund zweifelhaften Blick auf Miß Bertram, als argwohne er, daß der Plan ihre Trennung bezwecke; als sich jedoch Mac-Morlan beeilte, ihm zu eröffnen, daß auch sie eine Zeit lang Gast zu Wood- bourne sein werde, schlug er seine gewaltige» Hände zusammen und ließ zugleich ein so ungeheures Lachen erschallen, wie das des Afriten im Märchen vom Kalifen Vathek gewesen sein mag- Nach dieser ungewöhnlichen Andeutung derZufriedenheit, blieb er bei Allem was weiter vorging ganz ruhig und passiv. Es war festgesetzt worden, daß Mr. und MrS- Mac-Morlan einige Tage vor Mannering's Ankunft Besitz von dem Hause nehmen sollten, theils um Alles gehörig in Ordnung zu bringen, theils um die Uebcrsiedlung der Miß Bertram aus ihrer Familie nach dem neuen Wohnort so bequem und mit so viel Zartgefühl als möglich zu bewerkstelligen- Demnach war zu Anfang December die Gesellschaft zu Woodbourne eingctrvffen. Z w a n z i q st e s Kapitel. Ein riesenhaftes Genie, geschickt, es mit ganzen Bibliotheken auf,»nehmen. BoSwelt'S Lebe» Johnsvn'S. Der Tag kam heran, an welchem man den Oberst und Miß Mannering zu Wovdbourne erwartete. Die Stunde rückte immer näher herbei und jeder in dem kleinen Kreise der jetzigen Bewohner des Hauses hatte seinen besondern Gegenstand, der ihn unruhig machte. Mac-Morlan wünschte natürlich, sich den Schutz und die Gewohnheit einer so reichen und Einfluß übenden Person wie Mannering zu verschaffen. Seine Menschenkenntniß hatte ihn schon gelehrt, daß Mannering, wie edelyrüthig und wohlwollend er auch war, doch die Schwäche besaß, bei all seinen Aufträgen die genaueste und pünktlichste Ausführung zu verlangen. Er marterte daher sein Gedächtnis), ob auch nichts versäumt, sondern Alles nach des Obersts Wünschen und Weisungen geordnet sei, und in dieser unruhigen Stimmung untersuchte er das Haus mehr als einmal vom Boden bis zum Stalle. Mrs. Mac-Morlan bewegte sich in einem enger» Kreise und erwog den Zustand des Eßzimmers, der Gestndestube und der Küche. Sie war nur besorgt, das Essen möchte verderben und ihre Geschicklichkeit als Hausfrau in Mißkredit bringen. Selbst die gewöhnliche Geduld des Dominie war so gestört, daß er zweimal zum Fenster ging, welches nach dem Thorweg sah, und zweimal auSrief: „Warum zögern die Räder ihres Wagens?" Lucy, die sich unter Allen am ruhigsten verhielt, hatte ihre besonder» melancholischen Gedanken. Sie sollte sich nun der Fürsorge, ja, fast der Gnade von Fremden überlassen, mit deren Charakter, wie liebenswürdig er sich bisher auch gezeigt hatte, sie doch nur unvollkommen bekannt war. So gingen die Augenblicke des Verzugs immer ängstlicher und banger an ihr vorüber. Endlich hörte man Pferdegetrappel" und Wagenrasseln. Die Diener, die bereits angelangt waren, eilten nach dem Vorsaal, um ihre Herrschaft zu empfangen, und zwar mit einer Wichtigkeit und einem Diensteifer, welcher für Lucy, die an die Gesellschaft und die Sitten der Großen nicht gewöhnt war, etwas Beunruhigendes hatte. Mac-Morlan ging zur Thür, um die Herrschaft des Hauses zu begrüßen und nach wenigen Augenblicken befand sich dieselbe im Gesellschaftszimmer. Mannering, der wie gewöhnlich zu Pferde gereist war, trat, seine Tochter am Arm führend, herein. Sie war von Mittelgröße, oder eher darunter, aber sehr zierlich gebaut; sie hatte stechende dunkele Augen und reiches schwarzes Haar, welches gut zu der Lebendigkeit und Klugheit ihrer Züge paßte, worin etwas Stolz, etwas Schüchternheit, viel Schlauheit und humoristischer Spott lag. „Ich werde sie nicht lieben," dachte Lucy Bertram nach dem ersten Blicke; „und dennoch glaub' ich, ich werd' es," dachte sie nach dem zweiten. Miß Mannering war bis zum Kinn wegen der Strenge der Jahrszeit cingehüllt; der Oberst trug seinen Militärrock. Er verbeugte sich vor Mrs. Mac-Morlan, was auch seine Tochter mit modischer Zierlichkeit that, wiewohl nicht so tief, daß sie sich Unbequemlichkeit dadurch verursacht hätte. Der Oberst führte sodann seine Tochter zu Miß Bertram, und indem er die Hand der letzter» nahm, sagte er mit großer Freundlichkeit und fast väterlicher Zärtlichkeit: „Julie, dies ist die junge Dame, die, wie ich hoffe, von unfern Freunden dahin vermocht sein wird, unser Haus mit einem langen Besuche zu beehren. Es wird mich in der That sehr freuen, wenn du Woodbourne für Miß Bertram so angenehm machen kannst, wie Ellangowan für mich war, als ich zum erstenmal als Reisender in diese Gegend kam." Die junge Lady verbeugte sich artig und ergriff die Hand ihrer neuen Freundin. Mannering wandte sein Auge nun auf den Dominie, welcher, seit seinem Eintritt in's Zimmer, Bücklinge gemacht, die Beine gespreizt, und seinen Rücken in so regelmäßigen Krümmungen bewegt hatte, wie ein Automat, welches mit derselben Bewegung fortfährt, bis es der Künstler anhält. „Mein lieber Freund, Mr. Simson," — sagte Manncring, ihn seiner Tochter vorstellend und zugleich einen tadelnden Blick auf das Mädchen werfend, wiewohl er selbst einige Neigung zum Lachen empfand, welches jene kaum zu unterdrücken vermochte; — „dieser Gentleman, Julie, wird meine Bücher in Ordnung bringen, sobald sie angekommen sind, und ich hoffe großen Vortheil von seiner ausgebreitcten Gelehrsamkeit zu ziehen." „Gewiß, wir sind diesem Gentleman verpflichtet, Vater, und nie — um mich einer diplomatischen Ausdrucksweise zu bedienen — nie werde ich die außerordentlich huldvolle Miene vergessen, mit welcher er uns zu empfangen geruhte. — Jn- deß, Miß Bertram," fuhr sie schnell fort, als sie sah, wie sich ihres Vaters Brauen verfinsterten, „wir haben eine beträchtliche Reise zurückgelegt, — werden Sie mir erlauben, mich bis zum Mittagessen zurückzuziehen?" Guy Manncring. I- 14 Diese Bemerkung führte die ganze Gesellschaft auseinander; nur der Dominie, der keine Idee von An- oder Umkleiden hatte, außer früh beim Aufstehen oder Abends beim Niederlegen, blieb m seiner Ruhe und käuete an einer mathematischen Aufgabe, bis sich die Gesellschaft wieder im Saale versammelte, um sich nach dem Speisezimmer zu begeben. Als der Tag zu Ende ging, nahm Mannering eine Gelegenheit wahr, um noch einen Augenblick mit seiner Tochter allein zu sprechen. „Wie gefallen dir unsre Gäste, Julie?" „O, Miß Bertram ungemein — aber der Geistliche ist ein origineller Mann — den wird wirklich kein menschliches Wesen ansehn können, lieber Vater, ohne zu lachen." „So lang er unter meinem Dach ist, Julie, muß das jeder lernen." „Lieber Himmel, Vater, selbst die Bedienten konnten nicht ernsthaft bleiben-" „Dann mögen sie meine Livree ablegen," sagte der Oberst, „und nach Gefallen lachen. Mr. Simson ist ein Mann, den ich seines schlichten und wohlwollenden Charakters wegen schätze." „O, davon bin ich überzeugt und von seinem Edelmuthe obendrein," sagte das muthwillige Dämchen; „denn er kann keinen Löffel Suppe zum Munde bringen, ohne jedem, der neben ihm sitzt, etwas davon mitzutheilen." „Julie, du bist unverbesserlich; erinnere dich jedoch, daß ich erwarte, daß du deine Lust an diesem Gegenstände gebörig im Zaume hältst, um weder das Gefühl dieses würdigen Mannes, noch das der Miß Bertram zu verletzen, welche auf seine Rechnung wohl empfindlicher sein möchte, als er selber. Und nun gute Nacht, liebes Kind; und, wenn auch Mr. Simson freilich kein Erwählter der Grazien ist, so bedenke, daß viele Dinge in dieser Welt weit mehr belacht zu werden verdienen, als jede Unbeholfenheit des Benehmens oder Einfalt des Charakters." Nach einigen Tagen verließen Mr. und Mrs- Mac-Mor- lan Woodbourne, nachdem sie ihrem srühern Gaste zärtlich Lebewohl gesagt hatten- Der Haushalt war nun in der neuen Wohnung völlig eingerichtet. Die jungen Damen theilten ihre Studien und ihre Unterhaltung miteinander. Oberst Mannering war angenehm überrascht, als er fand, daß Miß Bertram des Französischen und Italienischen wohl kundig war, — Dank dem Fleiße des Dominie Simsen, der sich im Stillen ebensowohl mit den meisten neuen, wie mit den alten Sprachen bekannt gemacht hatte. Von Musik verstand sie wenig oder nichts, aber ihre neue Freundin übernahm cS, ihr Unterricht zu geben; dafür lernte sie von Lucp die Gewohnheit, zu Fuße spazieren zu gehen, zu reiten und den nöthigen Muth, der rauhen Jahrszeit zu trotzen. Mannering bemühte sich, ihnen zur Abendunterhaltung solche Bücher zu verschaffen, welche neben dem Unterhaltenden auch solide Belehrung geben, und während er ihnen mit Gefühl und Geschick vorlas, verstrichen die Winternächte sehr angenehm. Wo so viel Anziehendes war, mußte sich bald Gesellschaft cinfinden. Die meisten der benachbarten Familien besuchten Oberst Manncring, und er konnte bald diejenigen unter ihnen wählen, die seinem Geschmack und seinen Gewohnheiten am meisten zusagten. Charles Hazlewood stand besonders hoch in seiner Gunst und war, nicht ohne Zustimmung und Billigung seiner Aeltern, ein häufiger Gast; man kann nicht wissen, meinten sie, was aus seinen fortgesetzten Aufmerksamkeiten entstehen kann, und die schöne Miß Mannering von hoher Abkunft, mit indischem Reichthum, ist wohl werth, um ein 212 Auge auf sie zu haben. Durch eine solche Aussicht verblendet, erwogen sie nie die Gefahr, die schon einmal ihre Besorg- niß rege gemacht hatte, daß seine jugendliche und unüberlegte Einbildungskraft ihm eine Neigung zu der unbemittelten Luc- Bertram einflößen könnte, welche nichts auf der Welt hatte, was sie empfehlen konnte, außer ein hübsches Gesicht, gute Herkunft und einen äußerst liebenswürdigen Charakter. Mannering war vorsichtiger. Er betrachtete sich selbst als Miß Bertrams Vormund, und während er cs nicht für nöthig hielt, überhaupt ihren Verkehr mit einem jungen Herrn abzubrechen, dem sie, mit Ausnahme der Vermögensumstände, in jeder Hinsicht völlig gleich stand, so legte er diesem Umgänge doch all- mälig solche Beschränkung auf, als nöthig war, um ein Ge- ständniß oder eine Erklärung zu verhindern, bis der junge Mann etwas mehr vom Leben und von der Welt geschn, und das Alter erreicht haben würde, wo er als berechtigt gelten konnte, für sich selbst eine Entscheidung in der Angelegenheit zu fassen, bei welcher sein Glück so sehr bctheiligt war. Während Alles dies die Aufmerksamkeit der übrigen Mitglieder der Familie zu Woodbourne in Anspruch nahm, war Dominie Simson mit Leib und Seele beschäftigt, des verstorbenen Bischoffs Bibliothek zu ordnen, welche von Liverpool zur See abgesendet war und nun in dreißig oder vierzig Karren aus dem Seehafen herbeigeschafft wurde, in welchem sie an's Land gebracht war. Simsons Freude, als er den gewichtigen Inhalt jener Kisten betrachtete, die auf den Dielen des großen Zimmers aufgestellt waren, und die er in die Schränke bringen sollte, ist über alle Beschreibung. Er grinzte wie ein Oger, schwang seine Arme gleich Windmühlflügeln und jauchzte: »Wun-der-bar!" bis die Decke des Gemachs vor seinem Entzücken dröhnte. »Er hatte nie," wie er sagte, 213 „so viele Bücher beisammen gesehn, außer in der Universitätsbibliothek;" und nun erhob ihn seine Würde und seine Freude, indem er Verwalter dieser Sammlung war, in seiner eignen Meinung fast bis zum Range des akademischen Bibliothekars, den er stets als den größten und glücklichsten Mann auf Gottes Erdboden betrachtet hatte. Auch wurde sein Entzücken nicht durch eine hastige Untersuchung des Inhalts dieser Bände vermindert. Einige schönwissenschaftliche, Gedichte, Schauspiele oder Memoiren stieß er allerdings unwillig bei Seite, begleitet von einem „Pfui!" oder „leichtfertig Zeug!" der größere und gewichtigere Theil der Sammlung jedoch war von ganz andcrm Charakter. Der verstorbene Prälat, ein Gottesgelehrter nach altem und tiefgelehrtem Schlag, hatte seine Schränke mit Bänden belastet, welche die alten und ehrwürdigen Attribute trugen, die ein neuerer Dichter so glücklich schildert: Die Schal' a»S Holz, mit Leder »ett umschloss-n, Die große» Klammern, aus Metall gegossen, Der rothc Schnitt, die enggedruckten Spalten, Die schon seit Jahren Niemand mochl' entfalten, Der starrgemvlbte Nucken, wo voll Pracht In bleichem Golde noch der Titel lacht. Theologische Bücher, religiöse Streitschriften, Commentare und Polyglotten, Ausgaben der Kirchenväter, Predigten, deren jede allein so stark als zehn kurze moderne Reden, wissenschaftliche Werke alter und neuer Zeit, klassische Autoren in den besten und seltensten Editionen; dergleichen war's, woraus des seligen Bischoffs Bibliothek bestand, und über dergleichen glitt Simsons Blick voll Entzücken hin. Er trug Alles in seiner bestmöglichen Handschrift in den Katalog ein, indem er jeden Buchstaben so schön malte, wie ein Verliebter am Valentinstag schreibt, und jedes Werk stellte er in das bestimmte (Guy Manntring. I.) (14) 214 Fach, und zwar mit all der Ehrfurcht, welche ich von einer Dame einer alten Porzellantaffe schenken sah. Bei all diesem Eiferging seine Arbeit langsam vorwärts- Oft öffnete er mitten auf der Bücherleiter einen Band, stieß auf eine interessante Stelle, und fuhr, ohne der unbequemen Lage zu denken, so lange mit der bezaubernden Lectüre fort, bis ihn der Bediente am Rock zupfte und meldete, daß man ihn bei Tische erwarte. Dann eilte er zum Speisezimmer, stopfte sein Essen in seine geräumige Kehle hinunter, und zwar in drei Zoll starken Bissen, antwortete mit Ja und Nein aui's Gerathewohl, was man ihn auch immer fragen mochte, und stürzte sodann wieder nach der Bibliothek zurück, sobald er die Serviette abgelegt hatte oder auch wohl dieselbe noch, wie ein Lätzchen, am Halse tragend — ..Wie selig so die Tilge Von Thalabn entflohen!" — Und nachdem wir so die Hauptcharaktere unserer Erzählung in einer Lage gelassen haben, die behaglich genug für sie selber, aber natürlich ganz uninteressant für den Leser ist, nehmen wir die Geschichte einer Person wieder auf, welche bis jetzt fast nur mit Namen erwähnt worden ist, und die gleichwohl all die Theilnahme in Anspruch nimmt, welche Ungewißheit des Schicksals und Mißgeschick erregen können. Ende des ersten Theiles. Erstes Kapitel. Wie sagst du, Weiser? daß der Liebe Macht Des Schicksals ärgste Tücken kühn verlacht? Daß Würdiges sich Würdigem verbindet, Und Geisiesstvlj zu Ahnenstolz sich findet? Crabb e. Brown — ich will diesen dreimal unseligen Namen nicht in seiner ganzen Länge geben — war von Kindheit an ein Spielball des Schicksals gewesen; aber die Natur hatte ihm jene Elasticität des Geistes gegeben, welche nach dem Drucke nur um so höher stei- genläßt. SeineGestalt war groß, männlich, gewandt, und seine Gefiwtszuge entsprachen seiner übrigenPersönlichkeit; denn waren sie auch keineswegs regelmäßig zu nennen, so lag doch der Ausdruck der Klugheit und Herzensgute darin; wenn er sprach, oder sich in besonders lebhafter Stimmung befand, erschien er stets höchst interessant. Sein Benehmen verriet- den militärischen Beruf, den er freiwillig erwählt hatte und in welchem er jetzt bis zum Rung eines Hauptmanns gestiegen war; der Nachfolger des Oberst Mannering hatte sich nämlich bemüht, die Ungerechtigkeit, welche Brown durch jenes Herrn Vorurtheil erfahren hatte, wieder aus- Gny Maniikring. II. 1 zugleichen. Dies jedoch, so wie seine Befreiung aus der Gefangenschaft, fand erst statt, nachdem Mannering Indien verlassen hatte. Brown folgte kurz nachher, indem sein Regiment in die Heimat gerufen ward. Sein erstes Geschäft war, sich nach der Familie Mannering zu erkundigen, und da er bald erfuhr, daß sie ihren Weg nördlich genommen hatten, folgte er ihnen mit dem Vorsatze, seine Bewerbungen um Julien fortzusetzen. Ihrem Vater glaubte er keine Rücksichten schuldig zu sein; denn, unbekannt mit dem Gifte des Argwohns, welches man dem Oberst eingeflößt hatte, betrachtete er denselben nur als tyrannischen Aristokraten, der seine Gewalt als Befehlshaber dazu mißbrauchte, um ihn des wohlverdienten Vorzugs zu berauben, und der ihn überdies zu persönlichem Kampfe aus keinem bessern Grund zwang, als weil er einer hübschen jungen Dame Artigkeiten erwies, die ihr selbst angenehm und von ihrerMutter überdies gebilligt und gestattet waren. Deßhalb war er entschlossen, keine abschlägige Antwort anzunehmen, außer von der jungen Dame selbst, indem er seine schmerzliche Wunde und Gefangenschaft als direkte Beleidigungen von Seiten des Vaters betrachtete, wodurch er sich aller weitern Rücksichten gegen denselben überhodeu fühlte. Wie weit sein Plan gediehen war, als Mr. Mervyn seinen nächtlichen Besuch entdeckte, davon sind unsre Leserbereits unterrichtet. In Folge dieses unangenehmen Begegniffes entfernte sich Hauptmann Brown aus dem Wirthshause, wo er unter dem Namen Dawson gewohnt hatte, so daßOberstManneringsVersuche, ihn zu entdecken und auszuspüren, vergeblich waren. Doch war erentsGloffen, sich durch keine Schwierigkeit von seinem Vorhaben abschrecken zu lassen, so lange ihm Julie noch einen Strahl der Hoffnung ließ. Die Theilnahme, die er sich in ihrem Busen erweckt hatte, war zu stark, als daß sic ihm dieselbe hätte verbergen können, und mit all dem Muthe romantischer Ritterlichkeit nahm er sich vor, beharrlich zu sein. Doch wir glauben, es werde dem Leser angenehm sein, seine Denkweise und seine Absichten aus seinen eignen Mittheilungen kennen zu lernen, die er an seinen vertrauten Freund, Hauptmann Delaserre, einen vornehmen Schweizer, richtete, welcher in seinem Rcgimente eine Compagnie hatte. Auszug. „Laß mich bald von dir hören, lieber Delaserre. — Bedenke, daß ich nichts von den Angelegenheiten unsers Regiments erfahren kann, als durch deine freundliche Vermittelung, und doch verlangt mich, zu wissen, was aus dem Kriegsgericht zu Apro geworden ist und ob Elliot die Majorität für sich hat; desgleichen, wie die Rekrutirung vor sich geht, und mieden jungen Offizieren ihr Tisch gefällt. Nach unserm alten Freund, dem Oberst-Lieutenant, brauch' ich nicht zu fragen; ich sah ihn, als ich durch Nottingham reiste, glücklich im Schooße seiner Familie. Welch ein Glück, Philipp, ist es für uns arme Teufel, noch solch einen kleinen Ruheplatz zwischen dem Felde und dem Grabe zu haben, wenn wir der Krankheit, dem Schwerte, dem Blei und den Folgen eines harten Kriegerlebens entgangen sind! Ein ausgedienter alterSoldar ist immer ein würdiger und geachteter Charakter- Er murrt dann und wann ein wenig, aber dann ist er auch wohl dazu berechtigt— wollte ein Advokat, ein Arzt oder einGeistlicherein Klagelied über Unglück und Vernachlässigung anstimmen, so würden ihm alsbald hundert Zungen seine eigene Ungeschicklichkeit als Grund vorwerfen. Aber dem stupidesten Veteran, der je seine zehnmal erzählte Geschichte von einer Belagerung oder Schlacht herstammelte, hört man mit Theilnahme und Ehrfurcht zu, wenn er seine dünnen Locken schüttelt und unwillig von den Knaben schwatzt, die ihm vorgesetzt sind. Und du und ich, Delaserre, die wir beide Fremde find — denn ich muß mich ja doch auch dafür halten, obwohl ich eigentlich ein Schotte bin, weil die Engländer, könnt' ich meine Abkunft beweisen, mich kaum als Landsmann anerkennen würden — wir können stolz darauf sein, daß wir unsre Beförderung erfochten haben, und durch das Schwert gewannen, was wir auf andere Weise nicht erlangen konnten, da uns das Geld dazu fehlte. Die Engländer sind ein kluges Volk. Während sie sich selbst loben und sich den Anschein geben, als schätzten sie alle andre Völker gering, lassen sie uns zum Glück Hinterthüren offen, durch welche wir von der Natur weniger begünstigten Fremden einen Eheil ihrer Vortheile erlangen können. Und so gleichen sie in mancher Hinsicht einem prahlerischen Gastwirt-, welcher den Werth und Wohlgeschmack seines sechsjährigen Schöpses lobt, während cs ihn doch freut, allen in der Gesellschaft davon mittheilen zu können. Kurz, du, den seine stolze Familie, und ich, den sein hartes Geschick zum Krieger Fortuncns machte, wir haben doch stets die angcnehmcErinncrung, daß, wo uns im britischen Dienste Hemmnisse begegnen, nur der Mangel des Geldes daran schuld war, indem wir den Zoll amScblagbaum nicht entrichten konnten; nicht aber, als hätten wir überhaupt die Straße nicht bereisen dürfen. Kannst du daher den kleinen Weischel bereden, einer der Unfern zu werden, so laß ihn in Gottes Namen die Fähndrichsstelle kaufen, sich gut aufführcn, seine Pflicht thun und seine weitere Beförderung dem Schicksal überlassen. „Und nun wirst du, wie ich hoffe, höchst begierig sein, das Ende meines Romans zu erfahren. Ich erzählte dir, daß ich es für gut fand, mitDudley, einem jungen englischen Künstler, mit dem ich bekannt geworden, cincFußreise von einigen Tagen in die Berge von Westmoreland zu unternehmen. Es ist dieser Dudley ein recht hübscher Bursch, mußt du wissen, Dclaserre— er malt erträglich, zeichnet schön, unterhält sich gut und spielt die Flöte 5 zum Bezaubern; und obwohl er auf diese Weise gar wohl berechtigt wäre den Genialen zu spielen, so ist er doch wirklich ein bescheidner, gnspruchloser junger Mann. Als wir von unsrer kleinen Reise zurückkehrtcn, erfuhr ich, daß der Feind recognoscirt hatte. Mr. Mervpns Boot hatte den See gekreuzt, wie mir der Wirth sagte, und der Squire selbst nebst einem Gaste war darin gewesen. „Wie sah der Mann aus, Herr Wirth? „Run, es war ein finsterer, militärisch auSsehender Mann, den sie Oberst nannten — Squire Mervpn verhörte mich so genau, als stand' ich vor den Asfisen — aber ich war nicht so dumm, Mr. Dawsou" — (wie ich dir sagte, war dies mein angenommener Name) — „aber ich sagte ihm nichts von Ihren Streifereien und Nachtspazierfahrten auf dem See — ich gewiß nicht — ich mache keinen Spaß, aber ich Verderb' auch keinen — und der Squire Mervyn, das ist nun ein Griesgram — er wird schon wild, wenn meine Gäste nur an seinem Hause landen, und das ist doch als vierte Station auf der Karte verzeichnet. Nein, nein, will er was wissen, so mag er's selbst ausspioniren, bei Joe Hodges erfährt er nichts." — — „Du stehst wohl, daß mir hier nichts weiter übrig blieb, als des ehrlichen Joe Hodges Rechnung zu bezahlen und Abschied zu nehmen, wofern ich es nicht vorziehen wollte, ihn zum Vertrauten zu machen, aber dafür spürte ich keine Neigung in mir. Ueberdieß erfuhr ich, der ei-ckevunt Oberst sei im vollen Rückzuge nach Schottland begriffen und nehme die arme Julie mit fick, hinweg. Ich vernehme von denen, welche sein schweres Gepäck besorgen, daß er sein Winterquartier auf einem Orte nimmt, welcher Wood- bourne heißt, in-shire in Schottland. Er wird jetzt gehörig auf der Hut sein, und so muß ich ihn jetzt ohne einen neuen Angriff ziehn lassen. Aber dann, mein guter Oberst, dem ich so viel Dank schuldig bin, sorge gehörig für deine Vertheidigung. 6 „In Wahrheit, Delaserre, ich glaube oft, daß der Geist des Widerspruchs auch ein wenig den Eifer in meiner Bestrebung unterstützen hilft. Ick denke, ich würde den stolzen höhnischen Mann lieber in di'eNothwendigkeit versetzen, seine Tochter Mrs. Brown nennen zu müssen, als daß ich sie mit seiner vollen Zustimmung und mit des Königs Erlaubniß, Titel und Wappen Mannerings zu führen, heirathete, wenn ich auch sein ganzes Vermögen zugleich mit erhalten sollte. Ein einziger Umstand ist vorhanden, der mich ein wenig bange macht — Julie ist jung und schwärmerisch. Ich möchte sie nicht gern zu einem Schritte treiben, den sie in reifer» Jahren bereuen könnte, gewiß nicht; — eben so wenig möchte ich, daß sie mir, und war' es nur mit einem Blicke, vorwärfe, ihr Glück zerstört zu haben — und noch weit weniger möcht' ich ihr Grund geben, zu sagen, (wie es manche gegen ihren Gemahl zu thun Pflegen,) „hält' ich Zeit zur Ueberlegung gehabt, so würd' ich klüger und besser gehandelt haben." Nein, Delaserre — dies darf nicht geschehn. Diese Aussicht lastet schwer aufmir, weil ich weiß, daß ein Mädchen in Julia's Lage keine bestimmte und genaue Idee von dem Werthe des Opfers hat, welches sie bringt. Sie kennt Schwierigkeiten nur dem Namen nach; und wenn sie an Liebe und eine Hütte denkt, so ist dies die romantische Hütte eines Lustparkes, wie sie nur in poetischen Schilderungen oder im Park eines Gentlemans von zwölftauscnd Pfund Einkünfte eristirt. Eie würde schlecht vorbereitet sein auf die Entbehrungen einer wirklichen Schweizerhütte, wovon wir so oft sprachen, und auf die Schwierigkeiten, die uns schon umringen würden, bevor wir noch jenen Hasen erreichten. Dieser Punkt muß gehörig erörtert werden. Obwohl Juliens Schönheit und zärtliche Neigung einen ewig unauslöschlichen Eindruck auf mein Herz gemacht haben, so muß ich doch überzeugt sein, daß sie die Vortheile, die sie vergessen will, gehörig würdigen kann, ehe sie dieselben meinetwegen opfert. 7 „Bin ich zu stolz, Delaserre, wenn ich glaube, daß selbst diese Prüfung günstig für meine Wünsche bestanden werden wird? — Bin ich zu eitel, wenn ich annchme, daß die wenigen persönlichen Eigenschaften, die ich besitze, verbunden mit sehr mäßigen Mitteln zum Unterhalt, und sodann der Entschluß, mein Leben ihrem Glücke zu weihen, daß dies sie für die Opfer entschädigen kann, die ste mir bringen soll? Oder wird ein Unterschied in der Kleidung, der Bedienung, der vornehmen Lebensweise, wie man die Freiheit heißt, nach Belieben die Orte zu bestimmen, wo man Unterhaltung suchen will — wird alles dies in ihrer Meinung durch die Aussicht auf häusliches Glück und den Austausch unwandelbarer liebender Neigung ausgewogen werden? Ich sage nichts von ihrem Vater; — seine guten und schlimmen Eigenschaften sind so seltsam vermischt, daß die erster» durch die letzter» neutralistrt werden; und das, was ste als Tochter ungern missen würde, ist mit dem, was sie leichten Herzens verlassen könnte, so in eins verschmolzen, daß die Trennung des Vaters und Kindes ein Umstand ist, auf den ich in diesem merkwürdigen Falle wenig Gewicht lege. Unterdessen halt' ich meinen Muth aufrecht, so gut ich's vermag. Ich habe zu viel Beschwerden und Mißlichkeitcn erfahren, als daß ich voreilig auf glücklichen Erfolg rechnen sollte, und ebenso Hab'ich zu oft wunderbare Hilfe gesunden, als daß ich muthlos sein sollte. „Ich wollte du sähest dies Land. Die Scenerie würde dich gewiß erfreuen. Wenigstens ruft sie mir oft deine glühenden Schilderungen deiner eignen Heimat in's Gedächtniß. Für mich hat sie großentheils den Reiz der Neuheit. Bon den schottischen Bergen habe ich, obwohl man mich oft versicherte, ich sei dort geboren, nur eine unbestimmte Idee. Meine Erinnerung weilt wirklich fast nur bei der weiien Oede, die sich meiner jugendlichen Phantasie cinprägte, als ich die Ebenen der Insel Zeeland überschaute, ich be- sinne mich fast auf nichts, was jenem Eindrücke vorausging; nur aus dem damaligen Staunen und einigen dunkeln frühern Erinnerungen weiß ich, daß ich in einer frühern Zeit mit Höhen und Felsen vertraut war, und diese (obwohl mir nur mittelst des Kontrastes erinnerlich, so wie durch das Gefühl des Oedcn, welches ich empfand, als ich zuerst auf die leere, platte Fläche ringsum sah,) müssen wohl eine» unvenilgbaren Eindruck in meiner kindlichen Einbildungskraft zurückgelassen haben. Als wir zum erstenmal den berühmten Bcrgpaß im Lande My- sore bestiegen, und die meisten andern nur Ehrfurcht und Staunen über die Hoheit und Größe der Scenerie empfanden, theilte ich, so viel ich mich entsinne, vielmehr deine und Camerons Gefühle, deren Bewunderung solch wilder Felspartien mit heimatlicher Liebe gemischt war, die bei mir aus einer Jdeenver- bindung aus früherer Zeit entsprang. Trotz meiner holländischen Erziehung erscheint mir ein blauer Berg wie ein Freund, und ein rauschender Bergstrom gemahnt mich wie der Sang einer Amme, der mich in der Kindheit beruhigte. Nie machten Seen und Berge einen so lebhaften Eindruck auf mich, als in diesem Lande, und nichts thut mir so leid, als daß dich die Pflicht verhindert, an meinen häufigen Ercurfionen in diesen Thälern Tbeil zu nehmen. Einige Zeichnungen habe ich versucht, aber ich bringe nichts Gutes zu Stande — Dudley hingegen zeichnet herrlich, mit treffender, zauberisch wirkender Gewandtheit, während ich mich abmllhe, dies zu schwerfällig, jenes zu leicht ausnehme, und am Ende nur eine häßliche Karrikatur zu Wege bringe. Ich muß mich an das Flageolet halten, denn Musik ist die einzige der Künste, welche mich als den Ihrigen anerkennen will. „Weißt du schon, daß Oberst Mannering auch ein Zeichner ist? — wohl nicht, denn er verschmähte es, seine Fertigkeiten vor den Augen eines Untergebenen zu entfalten. Er zeichnet übrigens 9 schön- Nachdem er und Julie Mervyn-Hallverlassen hatten, ward Dudley dorthin berufen. Der Squire wünscht, wie es scheint, eine Reihe von Zeichnungen vervollständigt zu sehen, wovon Mannering die ersten vier vollendet hatte, als ihn seine eilige Abreise in der Arbeit unterbrach. Dudley sagt, er habe selten etwas so Meisterhaftes und dochzugleich so Einfaches gesehn; und jedem Blatte ist überdies einekurze poetische Schilderung beigelügt. Ist Saul, wirst du sagen, unter den Propheten? — Oberst Mannering macht Verse! — Gewiß hat sich dieser Mann all die Mühe gegeben, seine Fertigkeiten zu verbergen, die sich Andre geben, sie an den Tag zu legen. Wie zurückhaltend und ungesellig erschien er unter uns — wie wenig geneigt, sich in eine Unterhaltung einzulaffen, die allgemeines Interesse erregen konnte! — Und dann seine Zuneigung zu dem unwürdigen Archer, der in jeder Beziehung so tief unter ihm stand; und dies nur, weil er der Bruder des Viscount Archerfield, eines armen schottischen Barons, war! Ich glaube, daß Archer, wenn er die Wunden aus der Affaire bei Cuddydoram länger überlebt hätte, etwas erzählt haben würde, was das Widersprechende im Charakter dieses sonderbaren Mannes aufgeklärt hätte. Er wiederholte mir mehr als einmal: „ich habe etwas zu sagen, was Ihre harte Meinung von unserm ehemaligen Obersten ändern wird!" Aber der Tod kam zu schnell, und wenn er mir eine Genugthuung schuldig war, wie einige seiner Ausdrücke anzudeuten schienen, so starb er, bevor er sie gewähren konnte. „Ich beabsichtige noch eine weitere Exkursion durch dies Land, so lange dies schöne Frostwetter anhält, und Dudley, der säst ein so guter Fußgänger ist wie ich selbst, wird mich rin Stück Weges begleiten. Wir trennen uns an der Gränze von Cumberland, wo er nach seiner Wohnung in Marybvne, 10 drei Treppen-och, zurückkebren muß, um dem obzuliegen, was er den handwerksmäßigen Theil seiner Kunst nennt. Es kann, sagt er, kein so großer Unterschied zwischen zwei verschiedenen Lebensweisen sein, als zwischen derjenigen, wo der begeisterte Künstler die Gegenstände seiner Zeichnungen versucht, und jener, wo er nothgedrungen sein Portfolio durchblättern muß, um den Inhalt der anmaßenden Fühllosigkeit oder der noch anmaßender» Kritik modi cher Kunstfreunde vorzulegen. »Während des sommerlichen Theils meines Jahres," sagt Dudley, »bin ich so frei wie ein wilder Indianer, und genieße meine Freiheit in den großartigsten Scencn der Natur; aber während meines Winters und Frühlings bin ich nicht nur eingeengt, gefangen und beschränkt in meinem elenden Stübchen, sondern auch dazu verdammt, mich auf unerträgliche Weise den Launen Anderer und einer nichtssagenden Gesellschaft zu fügen, als ob ich im buchstäblichen Sinne ein Galeerensklav wäre." Ich habe ihm deine Bekanntschaft versprochen, Dela- serre; du wirst dich an seinen Kunstproben erfreuen, und er sich an de'ner schweizerischen Leidenschaft für Berge und Wasserfälle. „Man sagt mir, daß ich aus der Gegend, wo ich Dudlrys Gesellschaft verliere, leicht nach Schottland gelangen kann, indem ich eine wilde Gegend im obern Theile CumberlandS durchkreuze; dieser Richtung werd' ich folgen, um dem Oberst Zeit zu lassen, sein Lager zu befestigen, eh' ich seine Richtung recognoscire. — Adieu, Delaserre — ich werde schwerlich noch einmal Gelegenheit zum Schreiben finden, eh' ich Schottland erreiche" Zweites Kapitel. Wohlan! auf allen Straßen zieh, Wohlan! weit in der Nunde; Ein lustiq Herz ermuder nie, Ein Tropf in einer Stande. Wintermärchen. Der Leser möge sich einen Hellen frostigen Novembermorgen vorstellen, als Schauplatz eine offene Heide, welche zum Hintergrund jene Hobe Gebirgskette hat, in welcher der Skibdaw und Saddleback hervorragen; ferner möge er auf dem blinden Wege hinaussehen, worunter ich den Pfad verstehe, welcher durch die Fußtritte des Wanderers nur so leicht angedeutet ist, daß er sich allein durch etwas lichteres Grün von der dunklern Heide ringsum unterscheidet und überhaupt blos aus der Ferne für das Auge sichtbar ist, während er verschwindet, wo ihn der Fuß wirklich beschreitet — auf diesem schwachbezeichneten Pfade nähert sich der Gegenstand unserer jetzigen Erzählung. Sein fester Gang, seine aufrechte, freie Haltung haben etwas Militärisches, welches mit seinem stattlichen Wüchse und der sechs Fuß hohen Gestalt wohl im Einklänge steht. Seine Kleidung ist so schlicht und einfach, daß sich daraus nicht auf seinen Rang schließen läßt — es könnte die eines vornehmen Mannes sein, der auf diese Weise zu seinem Vergnügen reist, oder die einer Person nieder» Standes, für welche sie die gewöhnliche und geeignete Tracht wäre. Nichts kann geringer und einfacher sein als sein Reisegepäck. Ein Band von Shakespeare in jeder Tasche, ein kleines Bündel mit weniger Wäsche zum Wechseln über der Schulter, ein Eichenstock in der Hand, — dies zusammengenommen macht die Bequemlichkeiten unseres Fußwanderers aus, und in diesem Aufzuge stellen wir ihn unsern Lesern vor. Brown hatte diesen Morgen von seinem Freunde Dudley Abschied genommen und seinen einsamen Weg nach Schottland angetreten. Die erste Meile legte er in etwas melancholischer Stimmung zurück, weil er die Gesellschaft entbehrte, an die er sich in der letzten Zeit gewöhnt hatte. Aber dieser ungewöhnliche Trübsinn wich bald seiner natürlichen heitern Laune, welche durch die Bewegung und die kräftige Einwirkung der frostigen Luft neu geweckt wurde. Er pfiff im Gehn, nicht „aus Mangel an Gedanken," sondern um dem Drange der Gefühle, die er auf andre Weise nicht ausdrücken konnte, Luft zu machen. Für jeden Bauer, dem er begegnete, hatte er einen freundlichen Gruß oder einen fröhlichen Scherz; die biedern Cumberländer grinzten freundlich, während sie vorüdergingen und sagten: „das ist 'n lustiger Patron, Gott segn' ihn!" und die Bauerdirne schaute noch mehr als einmal nach der athletischen Gestalt zurück, welche recht gut zu der freien und schlichten Anrede des Fremden paßte. Ein munterer Dachshund, sein beständiger Gefährte, der mit seinem Herrn im Frohsinn wetteiferte, rannte lustig auf der Heide umher, kam zurück, um an jenem emporzuspringen und ihm die Versicherung zu geben, daß er das Vergnügen der Reise thcile- Dr. Johnson meinte, daß das Leben wenig Besseres zu bieten hätte, als die Aufregung, in die man geriethe, wenn man schnell in einer Postchaise dahin rollte; 13 wer aber in der Jugend das selbstständige und unabhängige Gefühl eines rüstigen Fußgängers in interessanter Gegend empfunden hat, und zwar bei schönem Wetter,der wird dafür halten,daß sich derGe- schmack deS großen Moralisten sehr wohlseil habe befriedigen lassen. Was Brown noch besonders vermocht hatte, diesen ungewöhnlichen Weg durch die östlichen Wildnisse Cumberlands nach Schottland zu wählen, war der Wunsch, die Ueberreste der be- rühmien römischen Mauer zu sehn, welche in dieser Richtung weit sichtbarer sind, als an andern Punkten. Seine Erziehung war unvollkommen und oberflächlich gewesen, aber weder die geschäftigen Scenen, von denen er umgeben war, noch die Vergnügungen der Jugend, noch seine eignen prekäre» Verhältnisse, hatten ihn abgehalten, sich eine geistige Ausbildung zu verschaffen. — „Und dies ist also dierömischeMauer"* rief er, eine Höhe ersteigend, welche den Lauf dieses berühmten Werkes des Alterthums beherrschte: „Welch ein Volk! dessen Arbeiten, selbst an diesem äußersten Ende seines Reiches, solchen Raum einnah- men und so großartig ausgeführt wurden! In späterer Zeit, wenn die Kriegskunst sich wieder verändert haben wird, wie wenige Spuren werden dann von den Arbeiten eines Vauban undCoehorn übrig sein, während die Trümmer der Bauten dieses wunderbaren Volkes selbst dann noch das Interesse und Staunen der Nachwelt erregen werden! Ihre Fortificationen, ihre Wasserleitungen, ihre Theater, all' ihre öffentlichen Werke tragen den ernsten, gediegenen, majestätischen Character ihrer Sprache, während unsre modernen Arbeiten, wie unsre modernen Sprachen nur aus den Trümmern jener zusammengeflickt erscheinen." Nach diesen Betrachtungen fühlte er, daß er hungrig war, und verfolgte seinen Weg nach einem kleinen Wirthshaus, wo er sich zu erfrischen beschloß. Das Bierhaus, denn weiter war es nichts, lag in einem Thal- 14 gründe, durch welchen ein kleiner Bach rieselte- Das Haus ward von einem großen Eschenbaum beschattet, an welchen eine Lehmhütte, die als Stall eiente, angebaut war In dieser Hütte stand ein gesatteltes Pferd, welches eben mit seiner Mahlzeit beschäftigt war. Die Hütten in diesem Theile Cumberlands theilen das rohe Aeußcre, welches die schottischen charakteristrt. Das Aeu- ßere des Hauses ließ wenig vom Inneren hoffen- obwohl ei» prahlerisches Schild, wo ein Bicrkrug sich freiwillig in ein Trinkglas ergoß, und ein hieroglpphisches Gekritzel darunter das Versprechen auszudrücken versuchte, daß hier „Gute Bedienung für Mann und Roß" zu finden sei. Brown war kein eigensinniger Reisender — er hielt an und betrat die Schenke. Das erste, was sein Auge in der Küche erblickte- war ein großer rüstiger Landmann, in einen weiten Reitrock gehüllt, der Eigen- thümer des Pferdes, welches im Stalle stanv; er war beschäftigt, einige große Schnitte gekochten Rindfl isches zu verarbeiten und warf dabei von Zeit zu Zeit einen Blick durch's Fenster, um zu sehen, wie es seinem Rosse draußen schmecke. Ein großer Bier- krug hatte neben seinem Teller Posto gefaßt, und er sprach ihm von Zeit zu Zeit tüchtig zu. Die gute Frau vom Hause war mit Backen beschäftigt- Das Feuer brannte, wie gewöhnlich in dieser Gegend, auf einem steinernen Herde, in der Milte eines ungeheuren Kamincs, welcher mit zwei Bänken versehen war. Auf einer derselben saß eine außerordentlich hochgewachsene Frau, gehüllt in einen rothen Mantel und mit einer ge- krämptcn Mütze auf dem Kopfe; übrigens war ihr Aeußeres das einer Keffe>fllckerfrau oder Bettlerin. Sie war eifrig mit einer kurzen schwarzen Tabakspfeife beschäftigt. Als Brown etwas zu essen verlangte, wischte die Wirthin mit ihrer mehligen Schürze eine Ecke des Tisches ad, legte einen hölzernen Teller, Messer und Gabel vor den Reisenden und empfahl ihm, lS Mr. Dinmonts gutem Beispiel zu folgen, indem sie aufdas Rindfleisch deutete; schließlich füllte sie ihm noch einen Krug mit ihrem Hausgebräu. Brown verlor keine Zeit, sich des Fleisches und Biers zu bedienen. Eine Zeitlang war sein Tischgenoffe und er zu sehr beschäftigt, um Notiz von einander nehmen zu können, außer etwa durch ein freundliches Nicken, sobald der eine oder andre den Bierkrug erhob. Endlich, als unser Fußgänger anfing, dem kleinen Waüp etwas zu rechte zu machen, nahm der schottische Pächter, denn ein solcher war Mr. Dinmont, Gelegenheit, die Unterhaltung einzuleiten. „Ein hübscher Dachs, Sir — und gewiß gut zur Jagd — das heißt, wenn er gut dressirt ist, denn darauf kommt doch alles an." „Freilich, Sir," sagte Brown, „seine Erziehung ist etwas vernachlässigt worden. Seine Haupttugend b-steht darin, daß er ein guter Gesellschafter ist." „Wirklich, Sir? das ist Schade, bitt' um Verzeihung — das ist sehr Schade — Vieh oder Mensch, Erziehung sollte nie fehlen. Ich habe sechs Dachse zu Hause, ungerechnet zwei Paar Jagdhunde, fünf Windspiele und noch mehrere andre Köter. Da ist der alte Pepper und veralte Mustard, der junge Pepper und der junge Mu- stard, und der kleine Pepper und der kleine Mustard — die Hab' ich alle regelrccht bressirt, erst auf Kaninchen, dann auf Wiesel u- dgl., und endlich auf Füchs und Dächse — und nun fürchten sie sich vor nichts, was ihnen mit haarigem Fell begegnet " „Ich glaub' es wohl, Sir, sie sind gut dressirt — aber bei einer so großen Hundezahl scheinen Sie mir doch eine sehr beschränkte Zahl von Namen dafür zu haben?" „O, das ist so meine Art. um die Race genau zu merken und rein zu halten — der Herzog selber hat schon bis nach Charleshope geschickt, um eine» von Dinmonts Pepper- oder Mustarbdächsen zu bekommen — Ja, er schickte den Förster Tam Hudson; da gab es 16 eine Hetzerei mit den Füchsen und Mardern, wir haben seitdem nichts Aehnliches erlebt! Wahrlich, das war eine Nacht!" „Vermuthlich haben Sie hier viel Wild?" „Viel, Herr! Ich glaube, es gibt mehr Hasen als Schaafe auf meinen Feldern; und was die Hasel- und Feldhühner betrifft, die liegen so dicht, wie die Tauben im Taubenschlag — Schöffen Sie schon einmal einen Birkhahn, Herr?" „Wahrhaftig, ich hatte noch nicht einmal das Vergnügen, einen zu sehn, außer im Museum zu Keswick." „Da haben wii's — ich konnte das an der südländischen Sprache merken — 's ist recht närrisch, daß es so wenige unter den englischen Leuten gibt, die hieher kommen, welche einen Birkhahn geschn haben! — Hören Sie an —Sie scheinen ein wackrerBursch, und wenn Sie bei mir vorsprechen wollen, bei Dandp Dinmont zu Charleshope — da sollen Sie einen Birkhahn sehn, einen Birkhahn schießen und obendrein einen Birkhahn essen, Herr!" „Ei, das Essen soll die Hauptsache sein, gewiß, Sir; ich werde mich glücklich schätzen, wenn ich Zeit haben werde, Ihrer Einladung zu folgen." „Zeit? Können Sie nicht gleich mit mir nach Hause gehen? Wie reisen Sie?" »Zn Fuße, Sir; und wenn das hübsche Pferd im Stall das Ihre ist, so würd' es unmölgich für mich sein, Schritt mit Ihnen zu halten " „Ja freilich, Sie müßten denn sieben Stunden Wegs in einer machen können. Aber Sie können doch vor Nacht bis Riccarton kommen, und dort ist ein Wirthshaus — oder wenn Sie lieber bei Jockey Grieve auf der Heide bleiben wollen, der würde Sie recht gern aufnehmcn; und ich reite ohnedies vorbei und trink' ein Gläschen mit ihm an derThüre, da kann ich ihm gleich sagen, daß Sie kommen wollen — oder halt! gute Frau, könnt' ihr dem Gentleman 17 hier nicht euren Gaul borgen, ich werd' ihn morgen früh wieder mit dem Knecht zurückschicken." Der Gaul war aufs Feld gelassen und war schwer zu fangen —„Na, da hilft nun nichts, aber kommen Sie morgen auf jeden Fall. — Und nun, Frau Wirihin, muß ich zureiten, damit ich vor Dunkelwerden zur Furlh bin, denn eure Heide hier ist nicht geheuer, ihr wißt schon." „Pfui, Mr. Dinmont, das ist nickst hübsch, die Gegend in schlechten Ruf zu bringen — 's ist doch Niemand in der Heide beunruhigt worden, seit Sawny Culloch vor zwei Jahrcch worauf Nowley Overdees und Jock Penny zu Carlisle aufgehangen wurden. Kein Mensch lebt in Newcastle, der jetzt so was thun möchte — wir sind jetzt ein ehrliches Volk hier." „Ei, Tib, das wird so sein, wenn der Teufel blind ist — aber sein Auge ist noch recht gut. Seht an, Wirthin, ich habe die meisten Orte von Galloway und Dumfries-shire besucht, war in der Runde überall bei Carlisle und auf dem Jahrmärkte zu Sta> neshiebank; sollt' ich nun nach alledem noch so nah von Hause geplündert werden, das war doch übel — drum will ich mich lieber bei Zeiten auf den Weg machen " „Wart Ihr in Dumfries und Galloway?" sagte die alte Dame, die rauchend am Herde saß und bis jetzt kein Wort gesprochen hatte- „Freilich war ich da, gute Frau, und müde genug hat mich die Partie gemacht." „Dann ist Euch vielleicht ein Ort bekannt, der Ellangowan heißt?" „Ellangowan, das gehörte Mr. Bertram — Ich kenne den Ort recht gut. Der Laird ist vor etwa vierzehn Tagen gestorben, wie ich hörte." „Gestorben!" —sagte die alte Frau, indem sie ihre Pfeife Guy Mannering. II. L 18 fallen ließ, aufstand und vom Kamine vorwärts kam. — „Gestorben! — wißt Ihr das gewiß?" „Ganz sicher," sagte Dinmont, „denn der Vorfall machte nicht geringen Lärm in der Grafschaft. Er starb gerade, als sein Eigcnthum versteigert werden sollte; dadurch wurde die Versteigerung aufgeschoben und viele Leute waren vergeblich gekommen. ES hieß, er wäre der letzte einer alten Familie und viele bedauerten ihn sehr — freilich wird das adlige Blut jetzt seltner in Schottland, denn je." „Todt!" wiederholte die alte Frau, welche unsre Leser bereits als ihre alte Bekannte Meg Merrilies erkannt haben — „Todt! das gleicht vieles auS- Und Ihr sagtet, er starb ohn' einen Erben?" „Jawohl, Frau, und ebendarum ist das Vermögen verkauft; denn es hieß, man hätt' es nicht verkaufen können, sobald ein männlicher Erbe dagewescn wäre." „Verkauft!" wiederholte die Zigeunerin in einem Tone, der fast wie ein Schrei klang; „und wer wagte Ellangowan zu kaufen, der nicht von Bertram's Blute war? — und wer war im Stande zu sagen, ob nicht der hübsche Junker zurückkchren werde, um sein Erbe in Anspruch zu nehmen? — wer durfte das Gut und das Schloß Ellangowan kaufen?" „Ja, Frau, es war einer von den Federhelden, der kaufte Alles — Glossin, glaub' ich, heißt er " „Glossin — Gibbin Glossin! — den Hab' ich ja wohl hundertmal in meinem Korbe getragen, denn seine Mutter war um kein Haar vornehmer, als ich selber — er wagt es, die Baronie Ellangowan zu kaufen! — Gott sei mit uns — es ist eine schreckliche Welt! — ich Hab'ihm Böses gewünscht, aber solch ein Unglück nimmermehr — o, es schmerzt mich, nur daran zu denken!" — Sie schwieg einen Augenblick, widersetzte sich jedoch mit der 19 Hand immer dem Weggänge des Pächters, der bei jeder Frage im Begriff war, ihr den Rücken zu wenden, aber jedesmal gutmüthig stehn blieb, indem er die tiefe Theilnahme bemerkte, welche seine Antworten zu erregen schienen. „Davon wird man sehn und hören — Erd' und Meer werden nicht länger Frieden halten! — Könnt Ihr mir sagen, ob derselbe Mann jetzt noch Sheriff der Grafschaft ist, der es vor einigen Jahren war?" „Nein, es heißt, er sei nach Edinburgh gekommen — aber meiner Seel, Frau, ich muß nun reiten-" Sie folgte ihm zu seinem Pferde, und während er den Sattelgurt anzog, das Felleisen zurechtlegte und den Zaum umhing, bedrängte sie ihn fortwährend mit Fragen über Mr. Bertram's Tod und das Schicksal seiner Tochter; darüber konnte sie indeß von dem ehrlichen Pächter nicht viel erfahren. „Saht Ihr jemals einen Ort, der Derncleugh heißt, etwa ein halb Stündchen vom Schloß Ellangowan?" „Ja wohl sah ich dergleichen, Frau — das Nest sieht wild genug aus, verfallene Hütten ohne Dach — ich sah den Ort, als ich mit einem, der dort pachten wollte, durch den Grund ritt " „War einst ein angenehmer Ort!" sagte Meg, zu sich selber sprechend — „habt Ihr nicht einen alten Weidenbaum dort bemerkt, der fast ganz umgebrochen ist, aber doch noch in der Erde wurzelt und grüne Zweige treibt — manchen Tag Hab ich dort meinen Strumpf gestrickt, habe manchen Tag unter dem Baume gesessen " „Der Teufel muß in dem Weibe sitzen, mit ihren Weiden und ihren Ellangowan's — Gott befohlen, Weib, laß mich gehen — hier ist ein Sechspencestück, kauf' dir dafür ein halb Maas, statt von Geschichten aus alter Zeit zu schwatzen." „Dank Euch, Herr — und nun Ihr auf meine Fragen ge- 2 « 20 antwortet habt, ohne zu forschen, weßhalb ich sie that, so will ich Euch auch einen guten Rath geben, aber Ihr dürft weiter nicht nach dem Grunde fragen. Tib Mumps wird gleich mit ihrem Abschiedstranke herauskommen — Sie wird Euch fragen, ob Ihr über Willie's Heide oder über ConScowthart- Moor gehen werdet — sagt Ihr, was Ihr wollt, aber seht Euch vor" (hier sprach sic leise und mit Nachdruck), „daß Ihr den Weg nicht geht, den Ihr angegeben habt." Der Pachter versprach lachend, Folge zu leisten und die Zigeunerin zog sich zurück. „Werden Sie den Rath befolgen?" sagte Brown, welcher der Unterhaltung aufmerksam zugehört hatte. „Das werd' ich nicht — die schmutzige Here! Nein, da würd' ich lieber mit Tib Mumps von meinem Wege reden, als mit ihr — wiewohl der Tib Mumps nicht viel mehr zu trauen ist, und wirklich möcht' ich Euch raihen, in dem Hause nicht über Nacht zu bleiben " Einen Augenblick nachher erschien Tib, die Wirthin, mit ihrem Abschiedskrnge, welchem zugesprochen ward. Darauf forschte sie, wie Meg vorausgesagt hatte, ob er über die Höhe, oder durch das Moorland gehen werde. Er antwortete, „durch das letztere," und nachdem er Brown gegrüßt und wiederholt hatte, „er rechne darauf, ihn, spätestens Morgen, zu Char- lieShope zu sehn," ritt er in schnellem Trabe davon. Drittes Kapitel. Galgen und Tvdtschlag sind zu mächtig auf der Heerstraße. Wintern,ärchen. Der Wink des gastfreundlichen Pächters ging bei Brown nicht verloren. Während er jedoch seine Rechnung bezahlte, konnte er sich nicht enthalten, sein Auge fest auf Meg Merrilies zu heften. Sie war in jeder Hinsicht dieselbe herenartige Figur, als welche wir sie zuerst in Ellangowan einführtcn. Die Zeit hatte ihre Rabenlocken grau gefärbt und ihren wilden Züge runzlig gemacht, aber ihre Höbe war noch eben so aufrecht und ihre Beweglichkeit noch dieselbe. Es zeigte sich an diesem Weibe, wie an andern ihres Gleichen, daß ein thätiges, wenn gleich nicht arbeitsames, Leben ihren Gliedern und ihrer Gestalt vollkommene Geschmeidigkeit lieh, so daß alle ihre Stellungen, die sie ganz natürlich annahm, frei, ungezwungen und malerisch waren. Jetzt stand sie am Fenster der Hütteso daß sich ihre männliche Statur vortheilhaft zeigte, dabei war ihr Kopf etwas rückwärts gebeugt, so daß die große Mütze, welche ihr Gesicht beschattete, sie nicht hindern konnte, beständig auf Brown zu starren. Bei jeder Geberde, die er machte, bei jedem Ton, den er von sich gab, schien sie auf eine ganz seltsame Weise bewegt zu werden- Er seinerseits war überrascht, als erfand, daß er nicht ohne eine gewisse Gemüthsbewegung auf diese sonderbare Gestalt blicken konnte. „Habe ich von solch einer Gestalt geträumt?" sagte er zu sich selbst, „oder ruft mir dies wilde und sonderbare Weib nur eine jener seltsamen Figuren in die Erinnerung, die ich in unsern indischen Pagoden sah?" Während er sich mit solchen Betrachtungen trug und die Wirthin beschäftigt war, Silbergeld zusammen zu suchen, um eine halbe Guinee zu wechseln, trat die Zigeunerin plötzlich zwei Schritte vorwärts und ergriff Browns Hand. Er erwartete natürlich, sie ihre Kunst im Handwahrsagen an den Tag legen zu sehn, aber sie schien von andern Gefühlen bewegt zu sein. „Sagt mir," rief sic, „sagt mir, im Namen Gottes, junger Mann, wie ist Euer Name, und woher kommt Ihr?" „Mein Name ist Brown, Mutter, und ich komme aus Ostindien." »Aus Ostindien!" rief sie seufzend und seine Hand fallen lassend; „dann ist es unmöglich — ich bin so eine alte Närrin, daß mir Alles, was ich sehe, das zu sein scheint, was ich gern sehn möchte. Aber Ostindien! das kann nicht sein — Wohlan, seid wer Ihr wollt, Ihr habt ein Gesicht und eine Stimme, die mich im Geiste in alte Zeiten versetzt. — Lebt wohl — beeilt Eure Reise, und wenn Ihr Jemand von unsern Leuten begegnet, so laßt sie in Ruh und mischt Euch in nichts, und sie werden Euch kein Leid thun." Brown, der unterdessen sein einzelnes Geld empfangen hatte, drückte ihr einen Schilling in die Hand, sagte seiner Wirthin Lebewohl, und, den Weg einschlagend, den auch der Pächter vorher gegangen war, schritt er rüstig vorwärts, mit dem Vortheil, von den frischen Hufspuren vom Rosse des Vorgängers geleitet zu werden. Meg Merrilies sah ihm eine Zeitlang nach und murmelte dann vor sich hin: „ich muß den Burschen Wiedersehen — 23 und ich kann auch nach Ellangowan zurückgehcn. — Der Laird ist todt — wohlan, Tod zahlt die Schulden — er war einst ein freundlicher Mann. — Der Sherif ist versetzt, und ich kann mich wieder dort aufhalten — ich wage dabei nicht mehr, eingesperrt zu werden. — Ja, ich muß das schöne Ellangowan noch einmal sehen, eh' ich sterbe-" Brown schritt indessen schnell nordwärts über dieMoorgegend hin, die wüste Heide von Cumderland genannt. Er kam an einem einsamen Hause vorüber, nach welchem auch der Reiter abgelenkt zu haben schien, denn die Fußtapfen des Rosses waren in dieser Richtung sichtbar. Ein Stückchen weiter schien er wieder auf die Landstraße zurückgekehrt zu sein. Mr- Dinmont hatte wahrscheinlich, sei es in Geschäften oder zum Vergnügen, dort eingesprochen; — ich wollte, dachte Brown, der gute Pächter hätte hier auf mich gewartet; es wäre mir nicht unlieb, wenn ich ihm einige Fragen über den Weg vorlegen könnte, welcher immer wilder und wilder zu werden scheint. Wirklich hatte die Natur, gleich als hätte sie diesen Strich der Gegend zur Barriere zwischen zwei feindlichen Völkern machen wollen, derselben einen wilden und öden Charakter geliehen. Die Hügel sind weder hoch noch felsig, aber das Land besteht nur aus Heide und Sumpf; die Wohnungen sind ärmlich und elend und finden sich nur in weiten Zwischenräumen. In ihrer unmittelbaren Nähe zeigt sich im Allgemeinen einiger Anbau; aber einige halbausgewachsene Füllen, die an den Hinterfüßen zusammengebunden sind, um dadurch die Mühe der Einfriedigungen zu ersparen, schweifen umher und zeigen an, daß des Pächters HauptnahrungSzweig die Pferdezucht ist. Die Leute sind auch von roherm und ungastfreundlicherm Schlage, als man sie sonst in Cumberland findet, was theils von ihren angebornen Sitten herrühren mag, theils von ihrer Ver- 24 Mischung mit Landstreichern und Verbrechern, die in dieser wilden Gegend Zuflucht vor der Gerechtigkeit suchen. Die Bewohner jener Distrikte waren in früherer Zeit so, sehr Gegenstände des Argwohns und Mißfallens ihrer gebildeter» Nachbarn, daß in der Gemeine von Newcastle ein Gesetz bestand, oder wohl noch besteht, welches jedem freien Manne dieser Stadt verbot, aus einigen gewissen Thälern dieser Gegend einen Lehrling aufzunehmen. Ein Sprichwort sagt: „Gib einem Hund einen schlechten Namen und häng' ihnund man kann dazu setzen, wenn du einem Menschen oder einer Klasse von Menschen einen schlechten Namen gibst, so werden sie gewiß etwas thun, was den Galgen verdient. Brown hatte von dergleichen etwas gehört, und sein Argwohn war gestiegen nach dem Gespräche zwischen der Wirthin, Din- mont und der Zigeunerin; aber sein Gemüth war von Natur furchtlos, er hatte nichts bei sich, was einen Räuber reizen konnte, und überdies hoffte er noch vor Nacht durch die Heide zu kommen. Im letzten Punkte indeß sollte er sich getäuscht sehen. Der Weg verlängerte sich über Vermuthen und der Horizont begann sich zu verfinstern, gerade als er ein ausgedehntes Stück Moorland betrat. Sorgfältig und bedachtsam seine Schritte'prüfend, ging der junge Offizier nun auf einem Pfade hin, welcher bald zwischen zwei Wänden von lockerer Moorerde hinlief, bald durch schmale aber tiefe Gräben gekreuzt ward, welche mit einemWemisch von Schlamm und Wasser geflllltwaren; ebenso erschwerten denWeg Haufen von Sand und Steinen, welche zusammengeschwcmmt waren, wann Quellen und Gießbäche von den benachbarten Hügeln den Moorgrund in der Tiefe überflutheten. Er begann zwbeden- ken, wie sich ein Reiter auf so unebenem Boden seinen Weg bahnen könne; die Spuren der Hufe waren indeß uoch immer sichtbar; er meinte sogar ihren Schall in einiger Entfernung zu hören, und überzeugt, daß Mr. Dinmont's Fortkommen im Moorland langsamer als sein eigenes sein müsse, beschloß er seine Schritte zu beschleunigen und jenen womöglich einzuholen, um Vortheil von seiner Kenntniß der Gegend zu ziehen. In diesem Augenblick sprang sein kleiner Dachs vorwärts und fing wüthend zu bellen an. Brown beschleunigte seine Schritte, und indem er den Gipfel einer kleinen Anhöhe erreichte, sah er den Gegenstand, welcher den Hund unruhig machte. In einem Hohlweg, etwa einen Büchsenschuß weiter unten, war ein Mann, den er leicht als Dinmont wieder erkannte, in verzweifeltem Kampfe mit zwei andern begriffen. Er war abgestiegen und verthei- digte sich so gut er konnte mit dem schweren Ende seiner Peitsche. Unser Reisender eilte zu seinem Beistände vorwärts; aber eh' er so weit kam, hatte den Pächter ein Schlag zur Erde gestreckt, und einer der Räuber gab ihm, um den Sieg sicher zu machen, noch einige unbarmherzige Schläge über den Kopf. Der andre Schurke beeilte sich, Brown in den Weg zu treten und rief seinem Kameraden zu, herbeizukommen, „denn der Eine hätte schon genug," das hieß wahrscheinlich, Widerstand und Klage wären bei ihm vorbei. Der eine Schurke war mit einem Hirschfänger bewaffnet, der andere mit einem Knittel; aber die Straße ist sehr eng, dachte Brown, Feuergewehr haben sie nicht, und sonach kann ich's schon mit ihnen aufnehmen. — Sie trafen auf einander und zwar mit den mörderlichsten Drohungen von Seiten der Räuber. Jndeß fanden sie bald, daß ihr neuer Gegner eben so stark als entschlossen war, und nachdem sie einige Hiebe gewechselt hatten, rief ihm der Eine zu: „Geh deiner Nase nach über die Heide, in's Teufels Namen, denn sie hat sich hier in nichts zu mischen " Brown verwarf diesen Friedensantrag, der den unglück- 26 lichen Mann, den sie plündern, wo nicht gar morden wollten, ihrer Gnade Preis gegeben hätte; das Gefecht hatte kaum von neuem begonnen, als Dinmont unerwartet seiner Sinne, seiner Füße und seiner Waffe mächtig wurde und zum Schauplatz des Kampfes eilte. Da er schon ein tüchtiger Gegner gewesen war, als er überrascht ward und allein stand, so warteten es die Schurken nicht ab, daß er seine Kraft mit der eines Mannes verbände, der es ihnen beiden schon gleich ge- than hatte, sondern sic flohen quer über's Moor so schnell sie ihre Füße tragen konnten; Wasp verfo/gte sie noch, der sich überhaupt während des Gefechts rühmlich betragen hatte, indem er des Feindes Fersen angriff und mehrmals eine momentane Diversion zu Gunsten seines Herrn hervorbrachte. „Der Teufel! aber Ihren Hund werden die Kerls nicht los, Sir." Dies waren die ersten Worte, die der lustige Pächter hören ließ, als er mit blutigem Kopfe herzukam und seinen Befreier sammt dessen kleinem Begleiter wieder erkannte. »Ich hoffe, Sir, Sie sind nicht gefährlich verwundet?" „O, das will nicht viel sagen — mein Kopf verträgt schon einen derben Puff — obwohl ich den Schuften nicht dafür danke, um so mehr aber Ihnen. Aber nun, Landsmann, mögen Sie mir mein Pferd fangen helfen, und sich dann hinter mich setzen, denn wir können nur drauf los reiten, ehe die ganze Zigeunerbande herabkommt — die Sippschaft wird wohl nicht weit sein." Der Klepper ließ sich glücklicherweise leicht fangen, und Brown suchte sich zu entschuldigen, weil er fürchtete, das Thier möchte überladen werden. „Das will gar nichts sagen, Herr," antwortete der Eigen- thümer, „Dnmple könnte sechs Mann tragen, wenn sein Rücken nur lang genug wäre — aber um des Himmels willen schnell! aufgestiegen! denn ich sehe dort einiges Volk über die Heide kommen, und es möchte nicht gut sein, das Gesindel hier zu erwarten." Brown sah ein, daß dies Erscheinen von fünf oder sechs Mann, mit denen die andern Schurken Gemeinschaft zu haben schienen, und die quer über das Moorland herzu kamen, alle Ceremonien überflüssig machen müsse. Er bestieg daher Dumple hinter Dinmont und das kleine muthige Thier flog mit den beiden großen, starken Männern hinweg, als wären es sechsjährige Kinder gewesen. Der Reiter, dem die Pfade dieser Wild- niß genau bekannt schienen, trieb rasch vorwärts, indem er mit vieler Geschicklichkeit die sichersten Wege aussuchte, wobei er denn auch von der Klugheit seines Kleppers unterstützt ward, welcher nie verfehlte, die schwierigen Stellen immer genau an dem Flecke und auf die Weise zu überschreiten, wornach sie am sichersten zu passiren waren. Aber trotz dieser Vortheile war die Straße doch zu uneben, und sie kamen zu oft verschiedener Hindernisse wegen von der geraden Richtung ab, daß sie den Verfolgern keinen großen Vorsprung abgewinnen konnten- „Wenn wir nur erst Withershins Bruch hinter uns haben," sagte der unerschrockene Schotte zu seinem Gefährten, „dann ist die Straße bei weitem besser und wir werden ihnen schnell aus dem Gesichte kommen." Bald erreichten sie den erwähnten Ort; es war ein enger Kanal, worin ein unbedeutendes schlammiges Wasser mehr -insickcrte, als floß, welches mit glänzenden grünen Sumpfpflanzen überdeckt war. Dinmont lenkte sein Pferd nach einer Uebergangsstelle, wo das Wasser etwas lebhafter auf härterm Boden zu fließen schien; aber Dumple stutzte vor dem vorgeschlagenen Uebergangspunkte zurück, senkte seinen Kopf, als wolle er den Sumpf genauer in Augenschein nehmen, dabei stemmte er die Vorderfüße fest vor sich hin und stand so unbeweglich, wie ein steinernes Bild. „Thäten wir nicht besser." sagte Brown, „wenn wir ab- stiegen und ihn seinem Schicksal überließen — oder können Sie ihn nicht zwingen durch das Wasser zu gehen?" „Nein, nein," entgegnete der Steuermann, „wir können dem Dumple nicht zuwiderhandeln — er hat mehr Verstand, als mancher Christenmensch." So sagend gab er die Zügel nach und schüttelte fie sanft. „Nun wohlan, Bursche, wähle den Weg selber — laß sehen, wo du uns durchbringen willst." Dumple, der nun freien Willen hatte, trabte rasch nach einer andern Stelle des Sumpfes, die, wie Brown meinte, viel ungünstiger schien; der Scharfsinn oder die Erfahrung des Thieres empfahl sie jedoch als die sicherere von den beiden, es stieg hinein und erreichte ohne große Schwierigkeit die entgegengesetzte Seite. „Ich bin froh, daß wir aus dem Moorgrund sind," sagte Dinmont, „denn da gibt's mehr Ställe für Pferde, als Absteigquartiere für Menschen — wir kommen zum Glück nun auf den Zungfernwcg, wo es besser gehen wird." Schnell erreichten sie auch eine Art holpriger Heerstraße, das Ueber- bleibsel einer alten römischen Straße, welche diese wilden Gegenden genau in nördlicher Richtung durchschncidet. Hier legten fie in einer Stunde über zwei Meilen zurück, indem Dumple keine andre Rast verlangte, als die nöthig war, um seinen Paß mit Trab zu vertauschen. „Ich könnt' ihn wohl behender gehn lassen," sagte sein Herr, „aber wir sind zwei langbeinige Bursche hinter einander, und würden dem armen Dumple zu sehr zur Last fallen — er hatte seinesgleichen heute nicht auf dem Jahrmarkt zu StaneShiebank." Brown stimmte gern damit überein, daß man das Pferd schonen müsse, und überdies bemerkte er, da man nun weit 29 aus dem Bereich der Schurken wäre, so würd' es besser sein, wenn Mr. Dinmont ein Taschentuch um seinen Kopf bände, damit die Frostluft nicht nachtheilig auf die Wunde wirke- „Was sollte das helfen?" antwortete der abgehärtete Pächter; „das beste ist die Blutrinde auf der Wunde zu lassen — das erspart Pflaster, Landsmann." Brown, der in seinem kriegerischen Beruf wohl manch derben Hieb hatte auStheilen sehn, konnte nicht umhin, zu bemerken, „er hätte nie so bedeutende Streiche mit so sichtlichem Gleichmulh empfangen sehn." „Ach, was bedeutet das, Freund — ich würde nie um so 'ne Kleinigkeit viel Geschrei machen — aber in fünf Minuten sind wir nun in Schottland, und Sie gehn mit mir bis nach Charlieshope, das ist ausgemacht." Brown nahm bereitwillig das gastfreundliche Erbieten an. Die Nacht brach eben ein, als sie einen anmuthigcn Fluß erblickten, der sich durch eine grüne Landschaft wand. Die Berge waren bewachsener und weniger wild, als jene, durch welche Brown neuerdings gewandert war, und ihre grasigen Abhänge senkten sich an dem Flußufer nieder. Sie waren nicht von gebietender Höhe oder von romantischer Gestaltung, auch zeigten ihre sanftschwellenden Höhen nicht Felsen noch Waldung. / Aber der Anblick ringsum war wild, einsam, anmuthig ländlich. Keine Einfriedigungen, keine Straßen, wenig Ackerland — es schien eine Gegend, die ein Patriarch zur Weide seiner Heerden gewählt haben möchte. Hier und da zeigten die Reste eines verfallenen Thurmes, daß das Land einst ganz andere Wesen beherbergt hatte, als seine jetzigen Bewohner waren; jene Freibeuter nämlich, die in den Kriegen zwischen England und Schottlands ihr Wesen trieben. Den Weg nach einer wohlbekannten Furth hinabsteigend, ging Dumple über den kleinen Fluß, und sodann trabte er mit schnellerem Schritte etwa eine halbe Stunde Wegs am Ufer hin, bis er sich einigen niedrigen, strohgedeckten Häusern näherte, die mit ihren Ecken so gegen einander standen, als wollten sie aller Symmetrie Hohn sprechen. Dies waren die Wirthschaftsgedäude von Charlieshope, oder, in der Landessprache, „der Flecken." Ein höchst wüthendes Gebell erhob sich bei ihrer Annäherung, herrührend von den drei Geschlechtern Mustard und Pepper und einer unbcnamten Anzahl Alliirter. Der Pachter ließ seine wohlbekannte Stimme weidlich hören, um Ordnung herzustellcn — die Thür öffnete sich, und eine halbgekleidcte Schafmelkerin, die dies verrichtet hatte, schloß sie den Ankommenden sogleich wieder vor der Nase, um in's Haus zurückzurennen und zu rufen: „Mistreß, Mistreß, 's ist der Herr, und noch ein andrer Mann mit ihm." Der seiner Last entledigte Dumple wandelte nach seiner eigenen Stallthür und wieherte dort um Einlaß, worauf seine Bekannten im Innern die vertrauten Töne erwiederten. Unter diesem Lärmen suchte Brown seinen Wasp vor den andern Hunden zu sichern, welche, was die Hitze betraf, mehr ihren eigenen Namen, als dem gastfreundlichen Gemüth ihres Herrn entsprechend, sehr geneigt waren, den Ankömmling rauh zu behandeln. In Zeit von einer Minute ward Dumple von einem rüstigen Knecht des Geschirrs entledigt und in den Stall geführt, während Mrs. Dinmont, eine muntere hübsche Frau, ihren Mann mit ungekünstelter Freude bewillkommte. „Ei, ihr Herrn! aber du bist doch recht lange außen gewesen, lieber Mann!" Viertes Kapitel. Der Liddellstrom. bis jetzt (eS weiht' allein Der liebckranke Hirt ihm seine Lieder,) Nicht durch Gesang gefeiert — sluthet gleich So rein kein Strom zum Meer. Die Heilkunst. Die gegenwärtigen Pächter des südlichen Schottland sind weit gebildeter als ihre Väter, und die Sitten, die ich jetzt schildern will, sind entweder ganz verschwunden, oder doch sehr verändert. Ohne ihre ländliche Sitteneinfachheit verloren zu haben, betreiben sie Künste, welche der frühern Generation unbekannt waren, und zwar nicht nur zur Verbesserung ihrer Feldgüter, sondern auch überhaupt zur Beförderung aller Bequemlichkeiten des Lebens. Ihre Häuser sind weit wohnlicher, ihre Sitten und Gewohnheiten so gestaltet, daß sie besser Schritt halten mit denen der civilisirten Welt, und der edelste Luxusartikel, die Wissenschaft, hat zwischen ihren Bergen während der letzten dreißig Jahre viel Boden gewonnen, während das „Tief in's Glas gucken," früher ihre größte Schwachheit, mehr und mehr vertrieben wurde: und indcß ihre biedere, unbeschränkte Gastfreundschaft dieselbe blieb, so verfeinerte sie sich gleichwohl und das Ausschweifende dabei wurde gezügelt. 32 „Der Teufel sitzt in dem Weibe," sagte Dandy Dinmont, seine umarmende Gattin abschüttelnd, wiewohl sanft und mit einem zärtlichen Blicke — „der Teufel muß in dir sitzen Ailie — siehst du den fremden Gentleman nicht?" Ailie wandte sich um, und suchte sich zu entschuldigen. „Wirklich, es freute mich recht sehr, den Herrn zu erblicken, der — Aber lieber Himmel! wo ist das Blut her?" — Man befand sich nämlich jetzt in dem kleinen Wohnzimmer und der Schein des Lichtes zeigte die Blutflecke, welche DinmontS verwundeter Kopf eben so sehr den Kleidern seines Gefährten, als seinen eigenen mitgetheilt hatte. „Dandy, du hast wieder mit einem von den Roßkämmen gekochten! Ach, Mann! du, ein verheiratheter Mann, mit einer so hübschen Familie, wie die unsre, du solltest besser wissen, was eines Vaters Leben in der Welt wertb ist." — Die Thränen standen der guten Frau im Auge, während sie sprach. „Still! still! liebe Frau," sagte der Gemahl, indem er ihr einen Kuß gab, der weit mehr von Zärtlichkeit, als von bloßer Cercmonie hatte; „diesmal ist die Sache ganz anders — da ist ein Gentleman, der wird dir erzählen, daß, gerade als ich an die Schenke zu Courie Lowthers gekommen war, einen Branntwein getrunken hatte und eben auf dem Moor weiter ritt, um so bald wie möglich heim zu sein, daß, sag' ich, eben da zwei Strauchdiebe aus der Torfgrube sprangen, eh' ich mir's versah, mich niederwarfcn und mir hart genug zusetzten, wiewohl sie meine Peitsche gehörig schmeckten — und wirklich, Weib, wäre dieser wackere Gentleman nicht gekommen, so hätte ich mehr Löcher, als gut ist, in den Kopf gekriegt, und mehr Silber hält' ich verloren, als ich dranzu- setzcn habe; darum magst du ihm nur immer danken, nächst Gott." Während er dies sagte, zog er aus der Seitentasche ein 33 großes in Leder gebundenes Taschenbuch und gab es seiner Frau, um es zu verschließen. „Gott segne den Gentleman, ja, das wünsch' ich von ganzem Herzen — aber was können wir für ihn thun, als daß wir ihm Speise und Obdach geben, was wir doch auch dem ärmsten Menschenkinde von der Welt nicht verweigern würden? Wenn es nicht" (ihr Blick richtete sich hier auf das Taschenbuch, aber mit einem Ausdrucke, welcher das feinste Zartgefühl an den Tag legte), „wenn es nicht einen andern Weg gibt" -Brown erkannte und schätzte diese Mischung von Einfalt und dankbarem Edelmuth, welcher den geraden Weg einschlug, um sich auszudrücken und doch dabei mit so viel Zartsinn verfuhr; — er sah ein, daß ihn seine eigne Kleidung, die überhaupt nur schlicht, jetzt aber zerrissen und mit Blutbefleckt war, mindestens zu einem Gegenstände des Mitleids, oder vielleicht gar der Mildthätigkeit machen mußte. Er eilte daher, zu sagen, sein Name sei Brown, Capitain im^Cavallerieregiment, der zum Vergnügen und zu Fuße reise, sowohl der Bequemlichkeit als der Sparsamkeit wegen; darauf bat er seine freundliche Wirthin, nach den Wunden ihres Gatten zu sehn, welcher ihm nicht erlaubt hatte, den Zustand seiner Verletzungen zu untersuchen. Mrs. Dinmont war an ihres Gatten zerschlagene Köpfe mehr gewöhnt, als an die Gegenwart eines Dragonercapitains. Sie schielte daher nach einem nicht ganz reinen Tischtuch und sann einige Minuten über ihr aufzutischendcS Abendessen nach, bevor sie, ihren Gatten auf die Schulter klopfend, diesen bat, sich niederzusetzen, indem sie ihn einen „hartköpfigen Springinsfeld" hieß, „der noch über sich und andre Leute das größte Unheil bringen werde." Dandy Dinmont führte erst einige Bockssprünge aus und tanzte einige schottische Touren, um seines Weibes Aengstlichkeit damit zu bannen, eh' er sich niedersetzte und seine runde schwarze Guy Mannering. II. z 34 Kanonenkugel, nämlich seinen Kopf, ihrer Besichtigung überließ; Brown gedachte dabei, daß er den Regimentsfcldscher weit ernster auf viel geringere Verletzungen hatte blicken sehen. DieguteFrau zeigte indeß einige Kcnntniß der Chirurgie — sie schnitt mit ihrer Schecre die blutigen Locken weg, die so steif und zusammengeklebt waren, daß sie ihren Operationen im Wege standen, darauf legte sie etwas Linnen auf die Wunde, welches mit einem Wundbalsam bestrichen war, der im ganzen Thale als Universalmittel galt (denn die Jahrmarktnächte boten reiche Gelegenheit, in dergleichen Erfahrung zu sammeln); sodann befestigte sie ihrPflaster miteiner Binde und zog, trotz alles Widcrstrebens des Patienten, über das Ganze eine Nachtmütze, um jeglich Ding am rechten Platze zu bewahren. Einige Contusionen an Stirn und Schultern wusch sie mit Branntwein, welches der Patient aber nicht eher gestattete, als bis von der Medicin seinem Munde ein reichlicher Zoll gezahlt war. MrS. Dinmont bot nun mit einfältiger Freundlichkeit auch Brown ihren Beistand an. Er versicherte ihr, daß er weiter nichts bedürfe, als ein Waschbecken und ein Handtuch. „Ach, und daran sollt' ich doch eher gedacht haben," sagte sie, „und ich dachte auch wohl dran, aber ich durfte die Thür nicht aufmachen, denn die armen Schelme, die Jungen, sind alle draußen und brennen vor Begierde, ihren Vater zu sehn." Dies erklärte das laute Trommeln und Wehklagen vor der Thür des kleinen Gemachs, worüber Brown einigermaßen erstaunt gewesen war, obwohl seine freundliche Wirthin weiter nichts dagegen that, als daß sie den Riegel vorschob, sobald das Lärmen begann. Als sie aber die Thür öffnete, um Waschbecken und Handtuch zu suchen (denn cs kam ihr nicht in den Sinn, dem Gast ein besonderes Zimmer anzuweisen), da strömte eine Fluth weißköpfiger Kinder herein, einige vom Stall, wo sie Dumple gcsebn und ihm mit einem Thcil ihres VesperbrodeS Willkommen geboten hatten; andere aus der Küche, wo sie den Märchen und Balladen der alten Elsbeth gelauscht hatten; und das jüngste, halbnackte, aus dem Bette — alle wollten durchaus den Vater sehen und forschen, was er ihnen von den verschiedenen Jahrmärkten, die er auf seiner Reise besucht, mitgebracht hätte. Unser Ritter vom zerschlagenen Kopf küßte und herzte eins nach dem andern, und vertheilte Pfeifchen, Pfennigtrompeten, Pfefferkuchen; als dann endlich der Tumult der Freude zu arg wurde, rief er seinem Gaste zu — „das ist alles der Mutter Schuld, Capitain — sie läßt den Jungens allen Willen." „Ich! du lieber Gott," sagte Ailie, welche soeben mildem Waschbecken und Handtuch eintrat, „was kann ich anders thun? — Die armen Geschöpfe, sie haben ja außerdem kein Vergnügen!" Dinmont strengte sich nun an und säuberte durch Zureden, Drohen und Schelten das Gemach von all den Zudringlichen, mit Ausnahme eines Knaben und eines Mädchens — der beiden ältesten, die sich, wie er bemerkte, etwas verständiger zu benehmen wußten. Aus dem nämlichen Grunde, aber mit weniger Ceremonie wurden alle Hunde ausgestoßen, mit Ausnahme der ehrwürdigen Patriarchen, des alten Mustard und des alten Pepper (Senf und Pfeffer), denen häufige Züchtigung und jahrelange Erfahrung so viel von geselliger Duldsamkeit eingefloßt hatte, daß sie, nach wechselseitigen Erklärungen und Auseinandersetzungen, welche sich durch ein gewisses Knurren kund thaten, dem Wasp, der sich bisher nur unter seines Herren Stuhl für sicher gehalten, Erlaubniß gaben, ein getrocknetes Widdersell zu theilen, welches, mit der ungeschorenen wolligen Seite nach oben gekehrt, ganz den Dienst eines Bristol» Teppichs versah. 36 Die Geschäftigkeit der Mistreß (so hieß sie in der Küche, während sie im Wohnzimmer meistens die „Mutter" war) hatte bereits über das Schicksal zweier Hühner entschieden, die, weil zu anderer Bereitung die Zeit fehlte, bald bratend, oder wie es MrS. Dinmont nannte, röstend, auf dem Herde erschienen. Ein großes Stück kalte Rindskeule, Eier, Butter, Kuchen und Gerstengebäck in Menge machte das Mahl aus, welches mit selbstgebrautem Bier von vorzüglicher Güte und mit einer Korbflasche voll Branntwein hinabgespült ward. Wenige Soldaten würden nach einem harten Tagcmarsch und einem Gefecht obendrein ein solches Mahl verschmähen; auch Brown erwies all diesen Gegenständen große Ehre. Die Hausfrau half theils selbst die Reste des Abendessens wegräumen, theils ließ sie dies einem starken Dienstmädchen, mit Backen, so roth wie ihr Kopftuch, thun, und zugleich befahl sie der Dirne, Zucker und heißes Wasser herbeizubringcn; dies vergaß diese Jungfrau beinah, und zwar aus übergroßer Neugier, mit welcher sie hiereinen wirklichen und lebendigenCapitain anstarrte; Brown benutzte indeß die Gelegenheit, seinen Wirth zu fragen, ob er es nicht bereue, den Wink der Zigeunerin vernachlässigt zu haben. „Wer kann ihnen trauen?" antwortete er; „die Zigeuner sind Teufelskerle; — ich wäre vielleicht dem einen aus dem Wege gegangen, um einem andern zu begegnen. Aber ich will Las nicht gerade behaupten; denn so oft das alte Weib nach Char- lieshope kam, hatte sie immer eine Flasche Branntwein und ein Pfund Tabak, um den Winter durch zu rauchen. Sie sind ein Teufelsvolk, wie mein alter Vater immer sagte — schlimm sind sie, wo sie schlimm behandelt werden. Ueberhaupt aber gibt es ebenso gut gute, als böse Zigeuner." Dies und manches andere kurzweilige Gespräch diente als „Stiefelknecht", um einen zweiten Krug Bier und eine zweite 37 Herzstärkung (so nannte Dinmont das Getränk) aus Rum und Wasser an die beste Stelle zu bringen. Darauf aber lehnte Brown alles weitere Zechen für diesen Abend bestimmt ab, indem er seine eigene Müdigkeit und die Anstrengung des Gefechtes vorschützte, — denn er wußte wohl, daß es nichts geholfen haben würde, wenn er sxinen Wirth auf die Gefahr aufmerksam gemacht hätte, die das Zechen bei einer offenen Wunde haben konnte. Ein sehr kleines Schlafgemach mit einem sehr säubern Bette empfing den Reisenden; die Ueberzüge rechtfertigten vollkommen die gutmüthige Prahlerei der Wirthin, „daß fie so gut wären, als er fie nur irgendwo finden könnte, denn fie wären mit dem Wasser aus dem Feenborn gewaschen, aus der Elfenwiese gebleicht und von Nelly und ihr selber genähet; und was könnte ein Weib, und wär' fie auch eine Königin, mehr dazu thun?" Sie wetteiferten in der That mit dem Schnee an Weiße, und hatten überdies einen angenehmen Duft vom Bleichorts her behalten. Der kleine Wasp legte fich, nachdem er seines Herren Hand, als wolle er um Erlaubniß bitten, geleckt hatte, auf die Bettdecke zu seinen Füßen; bald wurden des Reisenden Sinne von süßer Vergessenheit umfangen. Fünftes Kapitel. — — Gebt, Britten, Nom» Der wilden Jagdlust, daß sie vH»' Erbarmen Den nächt'gen Räuber eurer Heerden Hetze. Iß er aus seinem FelSversteck getrieben, Laßt ihn den Donner eurer Jagd verfolgen. Thomsvn'S Jahreszeiten. Brown erwachte sehr früh am Morgen und ging aus, um seines neuen Freundes Wirtschaft zu betrachten. Alles sah roh und vernachlässigt aus in der Nähe des Hauses; — ein elender Garten war hier, wo man sich nicht die Mühe genommen hatte, die Umgebung trocken und erfreulich zu machen, und gänzlich fehlten all jene kleinen zierlichen Einrichtungen, die so angenehm in's Auge fallen, wenn man einen englischen Pachthof betrachtet. Trotzdem waren Anzeichen genug vorhanden, daß dies nur von Mangel an Geschmack, oder von Unwissenheit herrührte, keineswegs aber von Armuth oder der Nachlässigkeit, welche jene begleitet. Im Gegenteil, ein trefflicher Kuhstall, mit guten Milchkühen angcfüllt, ein anderer mit zehn jungen Ochsen der besten Zucht, ein dritter Stall, mit zwei Gespannen tüchtiger Pferde, ein flinkes, fleißiges Hausgesinde, dem Anschein nach ganz zufrieden mit seinem Loose— mit einem Wort, ein Ansehn reichen, obwohl etwas schmutzigen 39 Ueberffuffes zeigte den wohlhabenden Pächter an. Das HauS lag auf einer sanften Anhöhe über dem Ufer des Flusses, wo- - durch die Bewohner von dem Kothe befreit wurden, welcher sich außerdem wohl ringsum gesammelt haben möchte- In geringer Entfernung befand sich die ganze Schaar der Kinder, mit Steinen spielend und Häuser bauend am Stamm eines großen alten Eichbaums, der Charlie-Busch hieß, weil der Sage nach ehemals ein Freibeuter dieses Namens denOrtbewohnt hatte. Zwischen dem Pachthof und der Hügelweide lag ein tiefer Morast, welcher sonst zum Schutze einer Burg gedient hatte, wovon keine Spuren mehr übrig waren, die jedoch von dem nämlichen tapfern Helden bewohnt worden sein sollte, dessen wir schon gedachten. Brown gab sich Mühe, mit den Kindern Bekanntschaft zu machen, aber die Rangen entflohen ihm wie Quecksilber — obwohl die beiden ältesten lauschend stehn blieben, nachdem sie sich ein gehöriges Stück entfernt hatten. Der Reisende wandte seine Schritte dann nach dem Hügel und ging über den erwähnten Sumpf aus einer Reihe eingelegter Steine, die weder besonders breit noch fest waren. Er war noch nicht weit am Hügel drüben empor gestiegen, als ihm ein herabsteigender Mann begegnete. Er erkannte bald seinen wackern Wirth, obwohl ein grauer Schäfermantel die Stelle des gestrigen Reiserocks eingenommen hatte, während eine Mütze, mit wildem Katzenfell verbrämt, seinen verbundenen Kopf bequemer bedeckte, alsesein Hut gethan haben würde- Als er sich im Morgennebel näherte, konnte Brown, der die Männer nach Muskeln und Sehnen zu beurtheilcn gewohnt war, nicht umhin, seine Länge, die Breite seiner Schultern und seinen festen Schritt zu bewundern. Dinmont machte im Innern Brown das nämliche Kompliment, weil er seine athletische Gestalt jetzt mit etwas mehr Muße betrachtete, als es früher geschehn war. Nach der gewöhnlichen 40 Morgcnbegrüßung fragte der Gast, ob sein Wirth etwa nachtheilige Folgen vom Angriffe der letzten Nacht spüre. „Jchhatte das fast vergessen," sagte der wackere Gränzbewoh- ncr; „aber nun denk' ich, da ich frisch und munter bin: wenn wir beide uns beim Withershins Latch befänden, jeder einen guten Eichenknittel in der Hand, da wollten wir nicht wanken und weichen, und wenn auch ein halb Dutzend jener Schnapphähne kämen." „Aber Sie thäten wohl gut, weither Herr," sagte Brown, „wenn Sie ein oder zwei Stunden länger ruhten, nachdem Sie so schwere Contustonen empfangen haben." „Confustonen!" erwiederte der Pachter lachend; „Lord, Ca- pitain, meinen Kopf macht nichts confus — ich sprang einmal auf und legte die Hunde auf den Fuchs, nachdem ich von der Höhe der Christenbury-Klippe gestürzt war, und das hätte denn doch eines Christenmenschen Kopf noch am ersten verwirren können; nein, mich verwirrt nichts, es müßte denn sein, daß ich zur Unrechten Zeit einen Schluck zu viel tränke. Ueber- dies mußt' ich beute die Runde machen und zusehcn, wie es mit den Heerden steht — denn das Gesinde vernachlässigt alles, sobald man den Rücken wendet, und denkt nur an Tanz, Jahrmarkt und solche Possen- Und eben Hab' ich Tam von Todshaw und noch einige von den Nachbarn an der Wasserfeste getroffen; sie haben diesen Morgen eine Fuchsjagd vor, — wollen Sie mitgehn? Ich will ihnen Dumple geben, und werde selber die Stute reiten." „Ich fürchte nur, ich muß mich diesen Morgen verabschieden, Mr. Dinmont," erwiederte Brown. „Da müßte der Teufel drin sitzen," rief der Pächter — „ich lasse Sie durchaus nicht unter vierzehn Tagen fort — nein, nein; man trifft solche Freunde, wie Sie, nicht jede Nacht in einem Newcastle-Mvorgrund." Brown hatte sich keinen eiligen Reiseplan vorgeschricben; er nahm daher bereitwillig die herzliche Einladung an, indem er versprach, eine Woche zu Charlieshope zu bleiben. Als sie nach dem Hause zurückgekehrt waren, wo die Hausfrau ein reichliches Frühstück besorgte, vernahm diese die Nachricht von der beabsichtigten Fuchsjagd zwar nicht eben billigend, jedoch ohne Unruhe oder Ucberraschung. „Dandy! du bleibst ewig der Alte, — nichts wird dich warnen, bis man dich einmal mit zerbrochenen Füßen heimbringt." „Ach, was!" antwortete Dandy," du weißt ja selber, daß mir noch niemals was zugestoßen ist." „So sagend, ermahnte er zugleich Brown, sein Frühstück zu beschleunigen, -da „der Frost nachgelassen habe und die Spur diesen Morgen trefflich liegen müsse." Sie eilten daher den Otternanstand hinauf, indem der Pächter den Weg zeigte. Bald ließen sie das kleine Thal hinter sich und geriethcn zwischen Berge, die ziemlich steil waren. Die Abhänge zeigten oft Gräben, durch welche zur Winterzeit oder nach starkem Regen die Gießbäche mit großer Heftigkeit niederrauschten. Einige Nebelschleier wogten an den Bergspitzen hin; es waren Reste der Morgenwolken, denn der Frost hatte einem gelinden Thauwetter Platz gemacht. Durch diese flockigen Nebelhüllen sah man unzählige temporäre kleine Bäche an den Seiten der Berge herniederrieseln, gleich Silberdrähten. Auf schmalen sogenannten „Schaftrcppchen" entlang der Bergabhänge, auf welchen Dinmont mit furchtloser Ruhe dahin ging, kamen sie endlich dem Schauplatze der Jagd näher und sahen nun auch andere Männer, sowohl zu Roß als zu Fuß, welche dem Orte des Rendezvous zueilten. Brown konnte nicht begreifen, wie eine Fuchsjagd zwischen Hügeln stattfindcn solle, wo höchstens ein an den Boden gewöhntes Pferd sicher austreten könnte, wo aber der Reiter, der nur einen Fuß breit v om gehörigen Pfade wich, in Gefahr kam, in den Abgrund zu stürzen. Diese Verwunderung ward nicht vermindertes er dcnSchauplatz derHandlung erreichte. Sie waren allmälig sehr hoch gestiegen und befanden sich nun auf einem Bergrande, welcher über einem sehr tiefen, aber äußerst engen Thalc hing. Hier hatten sich die Jäger versammelt, und zwar mit einem Apparate, der einen an gefährlichere Jagden gewöhnten Jäger in Staunen gesetzt haben würde; denn da derGe- genstand die Beseitigung eines schädlichen und verderblichen Thie- res, so wie auch überhaupt das Vergnügen derJagd war,so ward dem armen Reinecke weit weniger Spielraum gegeben, als wenn man ihn durch eine offene Gegend verfolgt hätte. Die Festigkeit seiner Wohnung jedoch und die Natur des Bodens, wovon jene von allen Seiten umgeben war, entschädigte ihn für die Unhöflichkcit seiner Verfolger. Die Seiten des Thaleü waren gebrochene Erdwände und verwittertes Felsgestein, welches zu dem kleinen Fluß, der sich unten durchwand, hinabrollte, und hier und da nureinigem Buschholz oder Distelstauden Nahrung gewährte. An den Flanken dieser Schlucht, die wie wir sagten, sehr schmal aber von bedeutender Tiefe war, reiheten sich die Jäger zu Fuß und zu Roß; fast jeder Pächter hatte zum wenigsten ein Paar aroßer und muthiger Windhunde bei sich, die sonst in dieser Gegend häufig waren, nun aber an Größe sehr abgenommen hatten, weil sie mit gemeinen Raffen gekreuzt waren. DerIäger, eine Art Provinzialbeamter des Distriktes, der eine gewisse Abgabe an Mehl erhält und außerdem einen bestimmten Preis für jeden Fuchs, den er tödtet, befand sich bereits im Grunde des Thales, dessen Echo laut vom Gebell von zwei oder drei Paar Jagdhunden hallte. Dachshunde, einschließlich der ganzen Generation von Mustard und Pepper, wurden gleichfalls bereit gehalten, nachdem sie unter der Aufsicht eines Schäfers herbeigeschafft worden waren. Spitze und alle andern 43 Arten von gemeinerer Gattung machten den Chorus der Hunde vollständig. Die Zuschauer am Rande der Schlucht oder des Tha- leS hielten ihre Windhunde in Bereitschaft, um sie sogleich auf den Fuchs loszulassen, sobald die Thätigkeit der Gesellschaft in der Tiefe ihn einmal aus seinem Versteck getrieben haben würde. Dies Schauspiel, obwohl für das Auge eines kunstgerechten Jägers nicht eben erfreulich, hatte doch einen gewissen Reiz- Die schwanken Gestalten am Bergrande, die den Himmel zu ihrem Hintergründe hatten, schienen in der Luft zu schweben. Die Hunde, voll Ungeduld über ihren Zwang und in Aufruhr gebracht durch das Gebell unten, sprangen hin und her und zerrten an der Leine, welche sie hinderte, sich mit ihren Kameraden zu vereinen. Sah man abwärts, so bot sich ein eben so überraschender Anblick. Die dünnen Nebel waren noch nicht völlig zerstreut im Thale, so daß das Auge über ihrem Schleier oft umherirrte, um die Bewegungen derJägeruntcnzu entdecken. Zuweilen machte ein Lufthauch die Scene sichtbar, und cs schimmerte dann der bläuliche Bach herauf, wie er sich durch sein rauhes und einsames Thal in Krümmungen hinwand. Dann konnte man auch die Schäfer sehen, die mit ihrer furchtlosen Gewandtheit von einem gefährlichen Punkte zum andern sprangen und die Hunde auf die richtige Spur brachten; das Ganze aber ward durch die Tiefe und die Entfernung so verkleinert, daß die Gestalten nur wie Zwerge erschienen. Wieder schloß sich dann der Nebel über ihnen und die einzigen Anzeichen von ihren fortwährenden Anstrengungen blieben das Hallo- der Menschen und das Gebell der Hunde, welches wie aus den Eingeweide» der Erde emporstieg. Als der Fuchs, so von einem Schlupfwinkel zum andern verfolgt, endlich genöthigt war, das Thal zu verlassen, um einen entlegener» Zufluchtsort zu suchen, ließen diejenigen, die von der Höhe seine Bewegungen beobachteten, ihre Windhunde los, welche, an 44 Schnelligkeit den Fuchs übcrtreffend, an Wildheit und Muth aber ihm gleich, bald dem Leben des Räubers ein Ende machten. Auf diese Weise, ohne daß man die gewöhnlichen und schicklichen Jagdrcgeln beobachtete, jedenfalls aber eben so sehr zur Zufriedenheit der Zwei- und Vierfüßler, als wenn man alle Kunstregeln gehörig befolgt hätte, wurden an diesem thaten- reichen Morgen vier Füchse getödtet; selbst Brown, der doch die fürstlichen Jagden Indiens gesehn hatte und mit demNa- bob von Arcot auf einem Elephanten zur Tigerjagd geritten war, bekannte, daß ihm eine treffliche Morgenunterhaltung geworden sei. Als die Jagd für diesen Tag beendigt war, begaben sich die meisten der Jäger, der gewohnten Gastfreundschaft dieser Gegend gemäß, zum Mittagseffen nach Charlieshope. Während der Heimkehr ritt Brown eine Strecke neben dem Jagdbeamten und legte ihm einige Fragen vor, die sich aufdie Art und Weise, wie er sein Amt verwaltete, bezogen. Der Mann ließ eine gewisse Scheu blicken, seinem Blicke zu begegnen, und zugleich merkte man ihm an, daß er sich gern von Brown's Begleitung und Unterhaltung befreit gesehn hätte, wofür dieser sich freilich keine» Grund denken konnte. Er war einhagcrer,finsterer, abergewandter Mensch, und sein Körperbau war wohlgeeignct für das rauhe Gewerbe, welches er übte- Aber sein Gesicht hatte nicht die Offenheit eines muntern Jägers; er blickte niederwärts, war verlegen, und vermied die Blicke derjenigen, welche ihn fest in's Auge faßten. Nach einigen unbedeutenden Bemerkungen über das Glück des Tages, gab ihm Browncin kleines Geschenk undrittwiederzu seinem Wirthe. Die Hausfrau hatte daheim alles zu ihrem Empfange bereitet —Heerde und Hühnerhof hatte seine» Tribut zum Mahle geliefert, und die freundliche und herzliche Bewillkommnung entschädigte für alles,was hier anEleganzundmodischemWesen fehlte. Sechstes Kapitel. EstlotS und Armstrongs kamen zusammen, Das war wohl eine tapfre Schaar! Ballade von John nie Armstrong. Ohne die Beschäftigungen der beiden nächsten Tage näher zu erörtern, die nicht interessant genug sind, um den Leser damit aufzuhalten, da sie nur aus den gewöhnlichen ländlichen Unterhaltungen, dem Schießen und Jagen bestanden, gehen wir lieber zu einer Eigenthümlichkeit Schottlands über, nämlich dem dort üblichen Lachsfang. Diese Jagd, wobei der Fisch mit widerhakigen Speeren verfolgt und gefangen wird, oder auch mit einer Art langschaftigem Dreizack, wird an der Mündung des Esk sehr geübt, so wie auch auf andern Lachöflüfsen Schottlands. Sie findet bei Tage und bei Nacht statt, am gewöhnlichsten aber in letzterer, wo man den Fisch mittelst Fackeln entdeckt, oder mit Feuerbeckcn, welche mit den Resten der Theer- tonncn gefüllt sind und ein starkes, wiewohl auf einen Punkt beschränktes Licht über das Wasser ergießen. Bei gegenwärtiger Gelegenheit schiffte sich der vornehmste Theil der Gesellschaft in einem gebrechlichen Boote aus einer Stelle des Flusses ein, wo dieser durch den Zwang eines Mühlwchrs ungewöhnlich breit und tief war, während andere, gleich den alten Bachanten 46 in ihren Freudensprüngen, an den Ufern hinrannten, ihre Fackeln und Speere schwangen und den Lachs verfolgten; mancher dieser Fische suchte im Strome zu entkommen, während andere, unter Baumwurzeln, Steine und Klippen flüchtend, sich vor den Nachforschungen der Fischer zu verbergen suchten. Die Gesellschaft im Boote entdeckte dieselben jedoch mittelst der geringsten Zeichen; das Glänzen einer Floßfeder, das Aufsteigen einer Luftblase war schon hinreichend, um diesen gewandten Jägern anzudeuten, welche Richtung sie ihrer Waffe zu geben hätten. Dies Schauspiel war äußerst anziehend für diejenigen, die daran gewöhnt waren; da aber Brown im Gebrauche des Wurfspeers nicht geübt war, ermüdeten ihn die Anstrengungen bald, die keinen andern Erfolg für ihn hatten, als daß er seine Waffen gegen den Felsengrund des Flusses schleuderte, welchem er oft, statt des Lachses, seinen Stoß ertheilte. Auch war es für ihn nichts weniger als erfreuend, (obwohl er seine Gefühle, die doch Niemand verstanden hätte, verbarg,) daß er den Todeskampf der sterbenden Lachse so nahe mit ansehen mußte, wie sie zappelnd im Boote umher lagen, welches sie mit ihrem Blute färbten. Er ließ sich daher an's Ufer setzen und hier gewährte ihm das Schauspiel, von der Höhe des steilen Gestades betrachtet, weit mehr Vergnügen. Oft dachte er an seinen Freund Dudlep, den Künstler, wenn er den Effect der dunkelrothen Gluth von dem romantischen Ufer, unter dem das Boot hinglitt, beobachtete. Jetzt verkleinerte sich das Licht zu einem fernen Sterne, der auf dem Gewässer sich flimmernd zu spiegeln schien, denjenigen gleich, die nach den Sagen des Landes der Waffernir sehen läßt, um das Waffergrab seines Opfers zu bezeichnen. Dann kam cs wieder näher, immer glänzender und breiter werdend, bis die große flackernde Flamme Ufer, Felsen und Bäume im Vorübergehen sichtbar machte, sie mit dem eigenthümlichen 47 düsterrothen Lichte färbend, bis sie alles wieder der Dunkelheit oder dem bleichen Mondlichte überließ, während sie zurückwich. Bei demselben Lichte sah man nun auch die Gestalten im Boote, bald ihre Waffen in die Höhe haltend, bald zum Wurfe auS- holend, dann wieder aufrecht stehend und von dem nämlichen rothen Glühn übergoffeu, in einer Farbe, die sich wohl für die Regionen der Hölle schicken mochte. Nachdem sich Brown eine Zeitlang an diesen Wirkungen des Lichtes und Schattens ergötzt hatte, schleuderte er heimwärts nach dem Pächterhause und betrachtete unterwegs die mit der Jagd beschäftigten Personen, von denen immer drei zusammenhielten, indem einer die Fackel hielt, während die andern mit ihren Sperren beim Scheine des Lichtes ihre Beute zu fangen suchten. Er bemerkte unter andern einen Mann, welcher mit einem sehr großen Lachs, den er gespießt hatte, kämpfte, ohne im Stande zu sein, den Fang völlig aus dem Wasser zu ziehn; Brown trat dicht an'sUfer, um den Erfolg seiner Anstrengungen zu beobachten. Der Mann, der in diesem Falle die Fackel hielt, war jener an- gestellte Jäger, dessen finsteres Benehmen Brown bereits mit Verwunderung bemerkt hatte. — „Hieher, Sir! hieher! Schaun Sie diesen Burschen! eine Seite hat er, wie 'ne Sau!" — So riesen die Gehilfen, als sie sahen, daß sich Brown näherte. „Faß' ihn gut, Mann! den Spieß eingebohrt! o, du hast nicht den Muth einer Katze!" — So lautete der Rath, die Aufmunterung und das Verlangen derjenigen, die am Ufer standen; derjenige, dem der Zuruf galt, und der mit dem Lachse beschäftigt war, stand bis zum Gürtel im Wasser, zwischen dem zerbrochenen Eise, und hatte so mit der Kraft des Fisches und der Stärke des Stromes zu kämpfen, daß er zweifelhaft war, auf welche Weise er sich seines Fanges vergewissern könnte. Als Brown an den Rand des Ufers kam, rief er: „Halten Sie die Fackel hoch, Freund Jäger!" denn er hatte die düstcrn Züge bereits bei dem grellen Fackellichte erkannt. Kaum jedoch hörte der Kerl seine Stimme und sah, oder vermuthete vielmehr, es sei Brown, der sich nähere, so ließ er die Leuchte, statt sie näher zu halten, wie durch Zufall in's Wasser fallen. „Den Teufel hat der Gabriel!" sagte der Mann mit dem Speer, als der Ueberrcst des brennenden Holzes, halb flackernd, halb glimmend, bald aber ganz erlöschend, den Strom hinab fluthete — „der Teufel muß in dem Menschen fitzen! — ohne das Licht werd' ich des Lachses nimmermehr Herr — und was für ein Vieh ist cs! -ätt' ich ihn nur oben, solch ein Leckerbissen ist noch niemals geräuchert worden." — Einige Leute sprangen in's Wasser, um ihren Beistand zu leihen und der Fisch, der, wie sich später auswieS, fast dreißig Pfund wog, ward in Sicherheit gebracht. Das Benehmen des Jägers setzte Brown in Erstaunen, obwohl er sich nicht besinnen konnte, ihn früher gesehn zu haben, und eben so wenig vermochte er sich zu erklären, warum dieser Mann, was doch offenbar der Fall war, seine Beobachtung scheuen möchte. Konnte es einer der Strauchdiebe sein, mit denen er vor wenigen Tagen zusammengerakhen war? — diese Vermu- thung war nicht ganz unwahrscheinlich, aber doch nicht erwiesen richtig, weil er jener Leute Gestalt und Gesichter nicht genau genug hatte beobachten können. Die Schurken trugen die Hüte weit über's Gesicht herabgezogen und hatten weite Kittel an, und ihre Gestalt und Größe hatte keineswegs so viel ausgezeichnetes, daß sie zu einem Unterscheidungszeichen hätte dienen können. Er beschloß, mit seinem Wirthe Dinmont übcr die Sache zu reden, hielt aber aus sehr natürlichen Gründen für's Beste, die Erörterung auf ein kühles Morgenstündchen zu verschieben. Die Jäger kehrten mit Fischen beladen heim, nachdem sie an hundert Lachse während dieser Jagd getödtet hatten- Diebesten 49 las man für die vornehmsten Pächter aus, die übrigen wurden unter deren Schäfer, Häusler, Untergebene und andere untergeordnete Personen vertheilt. Diese Fische, im Rauch ihrer Hütten getrocknet, bildeten eine schmackhafte Zugabe zu den Kartoffel- und Zwiebelgerichtcn, woraus ihre Nahrung während des Winters hauptsächlich besteht. Ebenso fand auch eine freigebige Vertheilung von Bier und Branntwein unter diese Leute statt, nebst einem sogenannten Fischkesscl, das heißt zwei oder drei Lachsen, die in einem Kessel zum Abendessen gekocht werden. Brown begleitete seinen muntern Wirth und die übrigen seiner Freunde in die geräumige und dampfende Küche, wo dies wohlschmeckende Mahl auf einem eichenen Tische duftete, daß John- nie Armstrong und seine lustigen Genossen daran hätten ban- kettiren können. Alles war lustig und aufgeräumt, Späße, lautes Gelächter und Neckereien folgten unausgesetzt auf einander. Unser Reisender schaute sich eifrig nach dem finstern Gesicht unscrs Fuchsjägers um; aber nirgends war es zu sehn. Endlich wagte er eine Frage in Bezug auf denselben. »Das war ein recht ungeschickter Streich, meine Freunde, als einer von euch seine Fackel in's Wasser fallen ließ, während sein Gefährte mit dem großen Fisch kämpfte." „Ungeschickt!" crwiederte ein Schäfer, indem er sich gegen Brown wandte, (es war derselbe rüstige junge Mann, der den Lachs gespießt hatte,) „er hätte seine Tracht Hiebe dafür verdient — das Licht auszulöschen, während der Fisch gerade am Haken hing! — Ich weiß ganz gewiß, der Gabriel ließ die Fackel absichtlich in's Wasser fallen — er kann's nicht mit ansehn, daß ein Andrer etwas besser macht als er." »Ja," sagte ein anderer, „er wird sich heute wohl schämen, sonst wäre er gewiß hier — Gabriel hat den Lachs eben so lieb, wie irgend einer von uns " Guy Mannering. II. 4 50 „Ist er aus dieser Gebend?" sagte Brown. „Nein, er ist erst seit kurzem im Amte; aber ein tüchtiger Jäger ist er — er ist unten aus der Gegend von Dumfries her " „Und wie heißt er?" „Gabriel." „Gabriel und wie weiter?" „Das weiß der Himmel; wir kümmern uns nicht um die Familiennamen der Leute, wenn wir nur den Clan wissen " „Sir," sagte ein alter Schäfer, aufstehend und sehr langsam sprechend, „die Leute hier find Armstrongs und Elliots, und dergleichen — zwei oder drei Namen sind Alles — und daher führen der Unterscheidung wegen die Lairds und Pächter die Namen ihrer Wohnorte, als zum Beispiel, Tam o'Todshaw, Will o' the Flat, Hobbie o' Sorbietres, und unser guter Herr hier, o' the Charlieshope- — Was nun die geringer» Leute anlangt, so kennt man die immer an ihren Spitznamen, wie z. B. Faselhans, oder man nennt sie auch nach ihrem Gewerbe, wie etwa diesen Gabriel, der nur der Jägcr-Gabbie genannt wird. Er ist nicht lang hier gewesen, Sir, und ich glaube nicht, daß irgend Jemand noch einen andern Namen von ihm weiß. Aber 's ist unrecht, ihm hinterm Rücken Böses nachzusagen, denn er ist ein tüchtiger Fuchsjäger, wenn er auch nicht eben so geschickt mit dem Wurfspeer umzugehen weiß, wie diese Leute hier " Nachdem die Unterhaltung noch einige Leit so fortgesetzt worden war, zogen sich die vornehmer» Jäger zurück, um den Abend auf ihre eigene Weise zu beschließen und die andern, ungestört durch ihre Gegenwart, ihrer Lust zu überlassen. Der Abend verging gleich allen, die Brown zu Charlieshope zugebracht hatte, in unschuldiger Freude beim gemüthlichen Gelage. Das letztere hätte wohl leicht in Schwelgerei ausarten können, wenn die guten Weiber nicht gewesen wären; es hatten sich nämlich verschiedene 51 benachbarte Mistreffes (eine Benennung, die hier von weit besserer Bedeutung, als in unfern vornehmern Kreisen!) zu Charlieshope versammelt, um den Hergängen dieses denkwürdigen Abends beizuwohnen. Da sie fanden, daß die Punschbowle so oft angefüllt ward, daß zu fürchten war, man werde ihre anmuthige Anwesenheit bald ganz vergessen, so griffen sie die Schwärmer muthig an, und zwar mit unserer guten Mistreß Ailie an der Spitze, und schnell ward Bacchus von der Venus besiegt. Die Fiedler und Pfeifer traten auf und so verging mit Tanzen der beste Theil der Nacht. Am nächsten Tage ward mit einer Otterjagd und am darauffolgenden mit einer Dachshetze die Zeit angenehm vertrieben. — Ich hoffe, unser Reisender werde nicht in des Lesers Achtung finken, selbst wofern letzterer ein Jäger wäre, wenn ich berichte, daß er bei letzterer Gelegenheit, nachdem der junge Pepper ein Vorderbein verloren hatte und Mustard der Zweite fast erwürgt worden war, als eine besondere und persönliche Gunst von Mr. Din- mont erbat, man möchte dem armen Dachs, der sich so ritterlich vertheidigt hatte, ohne weitere Belästigung den Rückzug gestatten. Der Pachter, der dies Gesuch, wär' es von einer andern Person ausgegangen,wahrscheinlich mit Verachtung abgewiesen haben würde, begnügte sich in diesem Falle damit, seine höchste Verwunderung an den Tag zu legen. — „Gut," sagte er, „es mag sein, wenn's auch wunderlich genug ist! — aber weil der Herr seine Partei nimmt, so soll ihm nimmermehr ein Leid geschehn — wir wollen ihn merken und er soll des Capitains Dachs heißen — mich freut es, wenn ich Ihnen gefällig sein kann — aber lieber Himmel, wie kann sich einer auch um einen Dachs Sorge machen!" Nachdem eine Woche unter ländlichen Vergnügungen, erhöht durch die freundliche Aufmerksamkeit von Seiten des wackern Wirths, vergangen war, sagte Brown den Ufern des Liddell und der Gastfreundschaft zu Charlieshope Lebewohl- Die Kinder, 4 ° deren Vertrauter und Liebling er nun geworden war, brachen in ein einstimmiges Geheul aus bei seinem Abschiede und er mußte ihnen zwanzig Mal versprechen, bald zurückzukehren und ihnen all' ihre Licblingsstiickchen auf dem Flageolet vorzuspielen, bis ste dieselben auswendig wüßten- — „Komm wieder Capitain," sagte ein kleiner munterer Bursch, „und Jenny soll auch deine Frau werden." Jenny war etwa elf Jahr alt — sie lief hinweg und versteckte sich hinter ihrer Mutter. „Capitain, komm wieder," sagte ein kleines rundes sechsjähriges Mädchen, indem es den Mund zu einem Kusse bot, „dann will ich auch selber deine Frau sein " Sie müßten von härterm Stoffe sein, als ich, dachte Brown, die von so vielen freundlichen Herzen mit Gleichgiltigkeit scheiden könnten. — Auch die gute Hausfrau reichte dem scheidenden Gaste sittig und mit jener freundlichen Einfalt, welche der guten alten Zeit angehört, die Wange dar- — „Wir können nur wenig thun," sagte sie, „freilich äußerst wenig — jedoch, wenn es irgend etwas gäbe" — „Nun, meine theure Mrs- Dinmont, Sic ermuntern mich, eine Bitte zu wagen — hätten Sie wohl die Güte, mir ein solches graues Gewand zu verfertigen,' wie Ihr Mann eines trägt?" Er hatte Sitten und Sprache des Landes während seines kurzen Aufenthaltes zur Gnüge kennen gelernt, um sicher zu sein, daß sein Gesuch nur Freude bereiten werde. „O, wir müßten ja übel daran sein," sagte die Hausfrau freudig, „wenn wir das nicht verschaffen könnten, und zwar so gut, als es nur je zu haben war. Ich will morgen mit John Good- shire, dem Weber in Castletown, sprechen. Glückliche Reise, Sir! Geh' es Ihnen so'gut, als Sie es allen andern wünschen mögen!" Ich darf nickt zu erwähnen vergessen, daß unser Reisender seinen treuen Gefährten Wasp auf einige Zeit als Gast 53 zu Charlieshope zurückließ. Er sah ein, daß das Thier ein störender Begleiter sein könne, sobald er sich in einer Lage befand, wo Vorsicht und Verborgenheit nothwendig sein würde. Er ward daher der Sorge des ältesten Knaben anvcrtraut, welcher, nach den Worten eines alten Liedes, „Sein Theil am Tisch, sein Theil am Bett," versprach, so wie auch, daß er nicht bei jenen gefährlichen Jagd- ergötzlichkeiten betheiligt werden sollte, bei denen das Geschlecht Mustards und Peppers so häusig Verstümmelungen ausgesetzt war. Brown trat nun seine Reise an, nachdem er von seinem treuen kleinen Gesellschafter Abschied genommen hatte. Es besteht ein seltsames Vorurtbeil in jener Gebirgsgegend zu Gunsten des Reitens. Jeder Pächter reitet gut, und reitet überhaupt den ganzen Tag- Wahrscheinlich führte die Ausdehnung ihrer weitläufigen Weideplätze und die Nothwendigkeit, dieselben schnell zu beaufsichtigen, zuerst diese Gewohnheit ein; ein sehr eifriger Alterthümler könnte sie vielleicht auch aus den Zeiten des Liedes vom letzten Minstrel herleiten, wo sich zwanzigtausend Reiter beim Scheine der Feuerzeichen versammelten. Die Wahrheit bleibt indeß stehen: sie sind gern zu Pferde und lassen sich schwer davon überzeugen, daßJemand auch aus andern Gründen zu Fuß gehen könne, außer des Anstandes oder der Ar- muth wegen. Demnach bestand Dinmont darauf, daß sein Gast ein Pferd bestieg, und begleitete denselben auch selbst zu Pferde bis zur nächsten Stadt in Dumfriesshire, wohin er sein Gepäck bestellt hatte und von wo er seine Reise nach Woodbourne, dem Wohnsitze der Julie Mannering, weiter fortsetzen wollte- Unterwegs befragte Brown seinen Begleiter über den Charakter des Fuchsjägers, konnte jedoch nicht viel erfahren, da dieser sein Amt angctreten hatte, während Dinmont die Runde auf den hochländischen Jahrmärkten machte- »Er ist freilich wohl so ein landläuferischer Kerl, und mag sicherlich Zigeunerblut in den Adern haben — aber einer von den Strauchdieben, die wir auf der Heide sahen, ist er ganz gewiß nicht — die will ich wohl erkennen, wenn ich sie wieder sehe. ES gibt wohl auch manche brave Leute unter den Zigeunern, das ist nicht zu läugnen; sollt' ich je das alte baumlange Weibsbild Wiedersehn, so soll sie einen Schilling zu Tabak haben — ich bin überzeugt, sie hat es gut mit mir gemeint " Als sie endlich im Begriff waren za scheiden, hielt ihn der gute Pächter noch lange bei der Hand, bis er zuletzt sagte: „Capitain; die Wolle war dies Jahr gut im Werthe und sie hat den ganzen Pachtzins hergegcben; sobald nun Ailie ihr neues Kleid und auch die Jungen das ihrige haben, da wissen wir nicht, was wir mit dem übrigen Geld anfangcn sollen — nun dacht' ich daran, es lieber in sichere Hand nicderzulegen, statt blos auf Zucker und Branntwein zu wenden — ich habe gehört, ihr Herrn von der Armee könntet euch selber manchmal eine Stufe höher kaufen, und wenn Ihnen ein oder zwei Hundert für diesen Fall nützlich sein könnten, nun, da würde mir Ihre Handschrift so lieb sein, wie das Geld selber, und Sie könnten es ganz nach eigner Bequemlichkeit zurückzahlen — mir würde ein großer Gefallen damit geschehn " — Brown, der das Zartgefühl völlig verstand, welches sich den Anschein zu geben suchte, als erweise es sich selber eine Gunst, während es dem Andern eine Verbindlichkeit auflegte, dankte seinem wackern Freunde sehr herzlich und gab ihm die Versicherung, er werde ohne Bedenken seine Börse in Anspruch nehmen, sobald ihm die Umstände Gelegenheit dazu bieten sollten. Und so schieden sie unter Versicherung wechselseitiger Hochachtung. Siebentes Kapitel. So wahr du auf des Himmels Gnade hoffst, Leg' mich auf mein Gesicht, auf daß ich sterbe. Joanna Baillie. Unser Reisender miethete eine Postchaise in dem Orte, wo er sich von Dinmont trennte, um nach Kippletringan zu reisen, und dort sich nach dem Zustande der Familie zu Wood- bourne zu erkundigen, bevor er es wagte, seine Anwesenheit in der Gegend Miß Manncring wissen zu lassen. Die Station war über neun Stunden lang und die Straße lief mitten durch das Land. Um die Unannehmlichkeit der Reise noch zu erhöhen, begann ein dichtes Schneegestöber zu fallen. Der Postillon setzte die Fahrt indeß getrost mehrere Stunden fort, ohne Zweifel oder Bedenklichkeit blicken zu lassen. Erst als die Nacht völlig einbrach, ließ er seine Bcsorgniß merken, daß er den rechten Weg verfehlt haben möchte. Der sich mehr und mehr häufende Schnee machte diese Erklärung noch beunruhigender; denn da er dem Burschen in's Gesicht fiel und alles in der Runde weiß machte, so mußte er ihn nicht allein in seiner Kenntniß der Gegend irre machen, sondern ließ auch die Aussicht, den rechten Weg wieder zu finden, noch unwahrscheinlicher werden. Endlich stieg Brown aus und schaute ringsum, natürlich, wie man denken kann, in keiner bessern Hoffnung, als um ein HauS zu entdecken, wo man Erkundigung einziehen könnte. Aber es zeigte sich keines — er konnte demnach dem Burschen keinen andern Rath geben, als immer drauflos zu fahren. Die Straße auf welcher sie sich befanden, lief durch Anpflanzungen von beträchtlicher Ausdehnung und Tiefe, und der Reisende vermuthcte daher, es müsse in der Nähe ein Herrenhaus liegen. Endlich, nachdem man sich mühsam noch eine halbe Stunde fortgeholfen hatte, hielt der Postillon und meldete, seine Pferde würden keinen Schritt weiter fort können; „indeß Hab' ich dort,"sagte er, „ein Licht zwischen den Bäumen gesehn, welches von einem Hause kommen muß; es bleibt nichts übrig, als dort nach dem Wege zu fragen " Er stieg darauf ab, schwerfällig genug in seinen langen Rock gehüllt und mit einem Paar Stiefeln versehen, die an Dicke mit dem siebenfachen Schilde des Ajar hätten wetteifern können. Als er in dieser Verhüllung auf seiner Entdeckungsreise fortstolperte, stieg Brown'S Ungeduld auf'S höchste, so daß er aus dem Wagen sprang, und den Burschen bleiben hieß, wo er war, nämlich bei den Pferden, während er selber nach dem Hause gehen wollte. Diesem Befehle gehorchte der Kutscher freudig. Unser Reisender arbeitete sich an der Seite des Zaunes hin, durch welchen das Licht schimmerte, um eine Weise ausfindig zu machen, wie er sich in dieser Richtung nähern könnte, und nachdem er eine Strecke vorwärts gegangen war, fand er eine Oeffnung in der Hecke und einen Fußpfad, welcher nach der, hier sehr weitläufigen, Anpflanzung führte. Auf diesem Wege hoffteer nach dem Lichte zu gelangen, welches der Gegenstand seines Forschens war; aber als Brown in dieser Richtung vorwärtsschritt, verlor sich der Schimmer bald zwischen den Bäumen gänzlich. Der Pfad, welcher anfangs breit schien und wohl bezeichnet durch die Oeffnung im Gehölze, durch welches er sich wand, war nun schwerer zu un- 57 terschciden, obwohl die Weiße des Schnees einiges Licht gewährte, um die Forschung zu unterstützen. Indem er seinen Weg soviel als möglich durch die lichternStellen desHolzes wählte,schritt erfaß eine halbe Stunde vorwärts, ohne das Licht, oder irgend etwas einer menschlichen Wohnung Aehnliches zu erblicken. Noch immer hielt er es indeß für's Beste, in dieser Richtung zu beharren. Sicherlich war es ein Lichtin derHütte eines Waldwächters gewesen, denn es schien zu fest aufder gleichen Stelle, als daß cs ein Irrlicht hätte sein können. Der Boden ward endlich uneben, senkte sich jäh, und obwohl Brown bemerkte, daß er sich noch auf demjenigen fortbewegtc, was zum wenigsten einmal ein Pfad gewesen war, so war derselbe doch jetzt sehr ungleich , und da der Schnee die Löcher und Unebenheiten verbarg, so kam der Reisende einige Mal zu Falle. Er fing jetzt an, auf die Rückkehr zu denken, zumal da der Schnee, den seine Ungeduld bisher nicht beachtet hatte, immer dichter und dichter fiel. Um jedoch noch eine letzte Anstrengung zu machen, ging er noch eine kleine Strecke vorwärts, und plötzlich sah er, zu seinem großen Vergnügen, das Licht in geringer Entfernung schimmern, und zwar dem Anschein nach, auf gleicher Hohe mit ihm. Bald fand er, daß das letztere Täuschung war, denn der Boden senkte stch so schnellabwärts, daß wohl eine tiefe Schlucht oder irgend ein Graben zwischen ihm und dem Gegenstände seines Forschens sein , mußte. Indem er alle Vorficht anwandte, um sicher aufzutreten, stieg er immerweiterhinab, bis er den Grund eines sehr steilen und engenThales erreichte,durch welches sich ein kleines Bächlein wand, defsenLaufjetzt vom Schnee fast ganz verborgen war- Erfand sich nun mitten unter Ruinen verfallener Hütten, deren schwarze Giebel, noch unterscheidbarer gemacht durch.den Kontrast mit der weißen Schneefläche, von welcher sie sich erhoben, noch da standen. Die Seitenwände waren im Laufe der Zeit längst gefallen und legten 58 nun, als formlose, mit Schnee bedeckte Trümmerhaufen, unserm Reisenden große Hindernisse in den Weg. Noch immer setzte er indeß seinen Weg fort, ging über den Bach, und stieg endlich, mit eben so mühsamen, als gefährlichen Anstrengungen, am entgegengesetzten, rauhen Ufer empor, bis er auf gleiche Höhe mit dem Gebäude kam, von welchem der Strahl ausging. Es war, zumal bei so unvollkommenem Lichte, schwierig, die Beschaffenheit dieses Gebäudes zu erkennen; es schien jedoch ein viereckiger Bau von geringem Umfang, dessen oberer Theil gänzlich verfallen war. In frühernZeiten war es vielleicht das Wohnhaus eines geringern Eigenthümers gewesen, oder hatte auch wohl einem bedeutendern im Falle der Noth als festes und verborgenes Asyl gedient. Aber nurdas untere Gewölbe war übrig geblieben, dessen Bogen im jetzigenZustande des Gebäudes dasDach bildete. Brown näherte sich zuerst dem Orte, von welchem das Licht ausging; es war dies eine lange, schmale Lücke oder Schießscharte, wie man sie gewöhnlich in alten Schlössern findet. Von Neugier angetrieben, das Innere dieses seltsamen Ortes zu prüfen, bevor er einträte, schaute Brown durch diese Oeffnung- Ein Schauplatz größern Verfalles ließ sich nicht denken. Ein Feuer brannte auf dem Boden, dessen Rauch durch das Gemach wirbelte und dann durch ein Loch oben in der Wölbung seinen Ausweg suchte. Die Wände, bei diesem rauchigen Lichte betrachtet, hatten das rohe und wüste Ansehn eines seit mindestens drei Jahrhunderten zerstörten Gebäudes. Einige Kisten und Gefäße lagen unordentlich umher. Hauptsächlich aber beschäftigten die Bewohner Browns Aufmerksamkeit. Auf einem Strohlager, mit einem Betttuch überdeckt, ruhte eine Gestalt, so still, daß Brown sie für eine Leiche gehalten haben würde, hätten ihr nicht die gewöhnlichenGrabgewändcr gefehlt. Bei schär- fercrBetrachtung erkannte er, daß die Gestalt nur aufdemPunkte war, zur Leiche zu werden, denn er vernahm einen oder zwei jener 59 leisen, tiefen und schweren Seufzer, welche der Auflösung vor- -ergehen, wann das Leben dem Leibe zu entfliehen strebt. Eine weibliche Gestalt, in ein langes Gewand gekleidet, saß auf einem Stein neben diesem elenden Lager; ihre Ellbogen ruhten auf ihren Knieen, und ihr Gesicht, abgewandt von dem Licht einer eisernen Lampe an ihrer Seite, war über das der sterbenden Person gebeugt. Siebenetzte denMund derselben von Zeit zu Zeit mit einer Flüssigkeit, und sang in Zwischenräumen, in leiser, mono- tonerWcise, eines jener Gebete, oder vielmehr jenerZaubersprüche, die in einigen Theilen Schottlands und iw nördlichen England vom gemeinen und unwissenden Volke angewandt werden, um dem scheidenden Geiste den Abschied zu erleichtern, wie etwa das Meßglöckchen in der katholischen Zeit. Sie begleitete diese Küstern Töne mit einer wiegenden Bewegung des Körpers, als ob dieser damit den Takt mit ihrem Liede halten solle. Die Worte lauteten etwa so : Matt und müde, willst du doch Ringe» mit dem Staube noch? Wirf von dir des Leibes Joch, — Horch! die Sterbesänge! Fort dein irdisches Gewand! Heil'ge reichen dir die Hand, Leiten dich zu schöner», Land, — Horch! der Glocke Klänge! Fürchte nicht des Winters Graus, Fürchte nicht des Sturms Gebraus i Bald ruhst du im Grabeshaus, Und in Schlaf finkst du, woraus Nie du wirst erwachen. Spute, spute dich, zu gehn, Den» die Frist kann nicht besteh», — Laß den letzten Hauch entwehn, — Tag wird bald erwachen. 60 Die Sängerin hielt inne, und einige tiefe und hohle Seufzer antworteten auf ihr Lied, welche dem letzten Todeskampfe des Sterbenden vorauszugehen schienen. „Es will nicht gehen," murmelte sie darauf für sich, — „er kann nicht hinweg, mit dem was er auf dem Herzen hat — hier drückt es ihn — Himmel kami's nicht verstecken, Erde mag es nicht decken; ich muß die Thür öffnen." Sie stand auf und bewegte sich nach der Thür, wobei sie sich sorgfältig hütete, das Haupt zurückzuwenden, und nachdem sie einige Riegel aufgeschoben, (denn wie elend der Ort auch aussah, war doch die Thür vorsichtig geschloffen,) öffnete sie, indem sie sagte: „Offne Thür, ende hie, Komm Tod, Leben flieh." Brown, der währenddem seinen Standpunkt verlassen hatte, stand vor ihr als sie die Thür öffnete. Sie wich betroffen einen Schritt zurück und er trat ein, indem er, mit unerfreulichem Staunen, dasselbe Zigeunerweib erkannte, welches er in Bewcastle getroffen hatte. Auch sie erkannte ihn sogleich, und ihre Haltung, ihre Gestalt und die Besorgniß in ihren Mienen lieferten zusammen ganz das Bild der wohlwollenden Ogreffe in einem Feenmärchen, welche den Fremden warnt, das gefährliche Schloß ihres Gemahls nicht zu betreten. Ihre ersten Worte waren sodann, während sie die Hände gleichsam verweisend empor hielt: „Sagt'ich Euch nicht, Ihr solltet nichts tbun, Euch in nichts mischen? — Hütet Euch vorm rothen Zeichen!") Ihr seid in ein unheilvolles Haus gekommen." 2) Ein Hieb, den ein Friedensrichter ertheilt, indem er sich zwischen zwei Streitende drängt; es ist sprichwörtlich der gefährlichste Schlag, den ein Mensch erhalten kann. — So sagend erhob sie die Lampe und ließ ihr Licht auf den sterbenden Mann fallen, dessen rohe und harte Züge jetzt vom letzten Todeskrampfe verzerrt wurden. Ein leinenes, um sein Haupt gewundenes Tuch war mit Blut befleckt, welches ebenfalls das Betttuch und Stroh besudelt hatte. Es war keine natürliche Krankheit, an welcher der Unglückliche litt. Brown schauderte vor diesem schrecklichen Anblick zurück und rief, gegen die Zigeunerin gewendet: „Unglückliches Weib, wer hat dies gethan?" „Die dazu befugt waren," antwortete Meg Merrilies, während sie mit sorgsamem und scharfem Blicke die Züge des sterbenden Mannes beobachtete. — „Er hat einen schweren Kampf gehabt — aber nun ist's vorbei — ich wußte, daß es vorüber sein würde, sobald Ihr eintratet. — Das war der Todesseufzer — er ist todt" Ein Geräusch hörte man in der Ferne, wie von Stimmen. „Sie kommen." sagte sie zu Brown; „Ihr seid ein verlorner Mann und hättet Ihr so viele Leben, als Haare." Brown schaute sich eifrig nach einer Vertheidigungswaffe um: doch war keine zu sehen. Er eilte daher nach der Thür, in der Absicht, sich unter den Bäumen zu verbergen und sich durch Flucht von dem Orte zu retten, den er für eine Mörderhöhle hielt; aber Merrilies hielt ihn mit männlicher Kraft zurück. „Bleibt hier," sagte sic, seid still, und Ihr werdet sicher sein — mischt Euch in nichts, was auch vorgeht, und es soll Euch nichts geschehen." Brown gedachte in dieser verzweifelten Lage des früher» Nathes dieser Frau, und konnte nur Sicherheit hoffen, indem er ihr gehorchte. Sie ließ ihn unter einen Haufen Stroh kriechen, an der entgegengesetzten Seite des Gemaches, dem Leichnam gegenüber, deckte ihn sorgfältig zu und warf noch 62 einige alte Säcke, die in der Nähe lagen, darüber. Begierig, zu beobachten, was Vorgehen würde, richtete es Brown möglichst leise so ein, daß er unter seinem Versteck hervorguckcn konnte, und so erwartete er klopfenden Herzens den Ausgang dieses seltsamen und unerfreulichen Abenteuers. Die alte Zigeunerin beschäftigte sich indessen mit dem Leichnam, rückte seine Glieder zurecht und legte die Arme gerade an seiner Seite. „Dies macht sich am besten," murmelte sie, „eh' er steif ist." Auf des Tobten Brust setzte sie einen mit Salz bestreuten Teller, setzte ein Licht zu Häupten und ein anderes zu Füßen des Todten nieder, und zündete beide an. Darauf begann sie ihren Gesang' wieder und erwartete jene, deren Stimmen man von draußen gehört hatte. Brown war Soldat und hatte seinen Muth als solcher bewährt; aber er war auch ein Mensch, und in diesem Augenblicke ward sein Muth so vollständig von seiner Furcht überwältigt, daß ihm der kalte Schweiß aus allen Poren brach. Der Gedanke, aus seinem elenden Versteck durch Bösewichter hervorgezogen zu werden, deren Handwerk nächtlicher Mord war, ohne Waffen, oder die geringsten Bertheidigungsmittel zu haben, außer Bitten, die sie nur verhöhnen würden, oder Hilferuf, welcher kein Ohr als ihr eigenes erreichen würde — dann der Gedanke, daß seine Sicherheit von dem zweideutigen Mitleid einer Gehilfin dieser Schelme abhänge, deren tägliche Beschäftigung mit Raub und Betrug sie auch gegen jedes menschliche Gefühl verhärtet Haben mußte — all diese bittern Empfindungen lasteten schwer auf ihm. Er bemühte sich, in ihrem verwitterten und finstern Gesicht, während der Lampenschein auf ihre Züge fiel, etwas zu lesen, was ihm jenes mitleidige Gefühl versprechen könnte, welches Frauen, selbst im Zustande der größten Ausartung, selten ganz verläugnen 63 können. An diesem Weibe ließ sich kein solcher Zug der Menschlichkeit entdecken. Die Theilnahme, welcher Art sie auch war, die sie zu seinen Gunsten hegte, rührte nicht vom Mitleid her, sondern von andern verborgenen und wahrscheinlich launenhaften Gefühlen, die er nicht zu deuten vermochte. Vielleicht beruhte Alles auf einer eingebildeten Aehnlichkeit, so wie Lady Macbeth den schlafenden Monarchen mit ihrem Vater ähnlich fand. Dergleichen Gedanken kreuzten in rascher Aufeinanderfolge Browns Gemüth, während er aus seinem Versteck die außerordentliche Person betrachtete. Indessen langte die Bande noch nicht an, und er war fast im Begriff, seinen ursprünglichen Plan, aus der Höhle zu entfliehen, wieder aufzunehmen, während er zugleich im Stillen seine Unentschlossenheit verwünschte, in Folge deren er hieher gebannt war, wo er weder Raum zum Widerstand, noch zur Flucht hatte. Meg Merrilies schien gleichfalls eifrig zu harren. Sie lauschte bei jedem Tone, der sich um die alten Mauern hören ließ- Dann wendete sie sich wieder zu dem Leichnam, und fand etwas an seiner Lage zu ordnen oder zu ändern, »'s ist eine hübsche Leiche," murmelte sie für sich, „und ist wohl werth, gehörig geschmückt zu werden." — In dieser traurigen Beschäftigung schien sie eine Art von berufsmäßigem Vergnügen zu finden, indem sie sorgfältig alle einzelnen Kleinigkeiten beobachtete, ganz mit dem Geschick und den Gefühlen einer Eingeweihten. Ein langer dunkelfarbiger Schiffermantel, den sie aus einem Winkel schleppte, ward als Leichentuch gebraucht; das Gesicht ließ sie entblößt, nachdem sie Mund und Augen geschloffen hatte» und den Kragen des Mantels legte sie so, daß der blutige Verband verborgen ward, um dem Leichnam, wie sie sich ausdrückte, „ein anständigeres Ansehn zu geben." Plötzlich traten drei oder vier Männer, in Wesen und 64 Kleidung vollkommene Raubgesellen, in die Hütte. ,,Meg, du Satansstück, wie kannst du die Thür offen lassen?" so lautete der erste Gruß der Ankömmlinge. „Und wer hörte je, daß man eine Thür verriegelt ließ, während ein Mensch im Sterben lag? — Meint ihr, der Geist hätte durch Riegel und Pfosten, wie die dort, gehen können?" „Ist er also todt?" sagte einer, indem er an die Seite des Lagers ging, um den Leichnam zu sehen. „Ja, ja, todt genug," sagte ein anderer — „aber hier ist was zu einer fröhlichen Todtenwache." Mit diesen Worten holte er ein Fäßchen Branntwein aus einer Ecke, während Meg eilte, Pfeifen und Tabak zurecht zu machen. Aus der Thäligkeit, mit welcher sie das Geschäft unternahm, schöpfte Brown wieder Hoffnung, in Bezug auf ihre redliche Gesinnung gegen den Gast. ES war deutlich, daß sie die Schurken nur mit ihrem Gelage gehörig zu beschäftigen wünschte, damit keine Entdeckung stattfinden möchte, wenn sich etwa einer zufällig der Stelle näherte, wo Brown verborgen lag. Achtes Kapitel. Nicht Herd noch Scheuer ist uns nun, Nicht Hos noch Haus zu Theil, Kein freundlich Weib, uns angetraut, Zu fördern unser Heil. In Höhlen ruhn bet Tuge wir, Die Nacht ist u»ser Tag; Genießt sie, lust'ge Männer ihr, So gut als jeder mag! Joanna Baillie. Brown vermochte nun seine Feinde zu zählen — es waren ihrer fünf; zwei von ihnen waren starke Männer, die entweder wirkliche Seeleute waren, oder Landstreicher, die diesen Charakter nur angenommen hatten; die andern drei, ein alter Mann und zwei junge Bursche, waren schmächtiger gebaut und schienen, ihres schwarzen Haars und ihrer dunkeln Gesichtsfarbe wegen, zu Meg's Stamme zu gehören. Sie ließen den Becher, aus welchem sie ihren Branntwein tranken, im Kreise herumgehen. „Dies auf seine glückliche Reise!" sagte einer der Seeleute, indem er trank; „'s ist freilich eine trübe Nacht, um den Himmel suchen zu wollen!" Wir lassen hier mancherlei Flüche weg, womit diese biedern Gentlemen ihre Unterhaltung ausschmückten, und behalten nur diejenigen Redensarten bei, welche minder verletzend sind. „Er fragt nicht mehr nach Wind und Wetter — er hat Zeit seines Lebens manchen Nordost ausgehalten." Guy Mannering. II. S 66 „Den letzten hielt er gestern aus," sagte ein zweiter Räuber; „und nun mag die alte Meg um guten Wind für ihn beten, sie hat dergleichen ja schon früher oft gethan." „Ich will um keinen für ihn beten," sagte Meg, „ebensowenig als für dich, du räudiger Hund. Die Zeiten haben sich sehr geändert, seit ich eine junge Dirne war. Damals gab es Männer, da fochten sie mit einander im offenen Felde, und lauerten nicht als Mörder bei Nacht. Und die Vornehmen waren mild gesinnt und gaben einem armen Zigeuner gern Wein und Brod; es war aber auch nicht Einer unter uns, vom Johnnie Faa, dem Hauptmann, bis zum kleinen Christie im Korbe, der ihnen das Geringste weggenommen hätte. Aber ihr habt die guten alten Regeln verlassen, und darum ist's kein Wunder, daß Halseisen und Ketten oft um euch raffeln. Ja, ihr seid anders geworden — ihr könnt eines braven Mannes Fleisch essen, seinen Trank trinken und auf dem Stroh in seiner Scheune schlafen, und darnach könnt ihr ihm das Haus anstecken und ihm die Kehl' abschneiden für seineMühe! Blut klebt auch an euren Händen, ihrHunde —mehr als je in ehrlichem Kampfe floß. Seht zu, wie ihr sterben werdet — der da trieb's lang', eh' er sterben konnte — er rang und kämpfte und konnte weder sterben noch leben; — aber ihr — die halbe Grafschaft wird zusehn, wenn ihr am Galgenholz hängt." Die Gesellschaft ließ bei Meg'S Prophezeiung ein lautes Gelächter erschallen. „Warum bist du hieher zurückgekommen, Alte?" sagte einer von den Zigeunern. „Konntest du nicht bleiben wo du warst, und den Cumberländern wahrsagen? — Geh' hinaus und stell' dich auf die Lauer, du alter Satan, und sieh zu, daß uns Niemand auf die Spur kommt; das ist Alles, wozu du jetzt noch gut bist." „Das ist es, wozu ich jetzt noch gut bin?" sagte die erzürnte Matrone. „Zu mehr als dem war ich gut in dem 67 großen Gefecht zwischen unfern Leuten und Patrico Salmons; hält' ich nicht mit diesen Fäusten hier geholfen (dabei hielt sie beide Hände empor), so würde dich Jean Baillie erdrosselt haben, du großmäuliges Hasenherz!" Ein zweites Gelächter erhob sich hier auf Kosten des Helden, welcher den Beistand dieser Amazone erhalten hatte. „Hier, Mutter," sagte einer von den Seefahrern, „hier ist ein gutes Glas für dich, kümmert Euch nicht um die alten Geschichten." Meg trank den Branntwein, und indem sie sich von der weitern Unterhaltung zurückzog, setzte sie sich auf eine solche Weise vor dem Orte, wo Brown verborgen lag, nieder, daß nicht leicht Jemand dieser Stelle nahen konnte, ohne daß sie zuvor auf- stand. Die Männer zeigten indeß keine Neigung, sie zu stören. Sie setzten sich dicht um das Feuer und hielten geheimen Rath mit einander; der leise Ton, in welchem sie sprachen, und die Diebssprache, deren sie sich bedienten, verhinderte Brown, etwas von ihrer Unterhaltung zu verstehen. So viel begriff er im Allgemeinen, daß sie gegen eine gewisse Person einen großen Unwillen aussprachen. „Er soll sein Theil haben," sagte einer, und flüsterte dann seinen Kameraden etwas sehr leise in's Ohr. „Ich mag damit nichts zu thun haben," sagte der andere. „Bist du hasenhcrzig geworden, Jack?" „Nein, wahrlich, nicht mehr als du selbst — aber gleichwohl möcht' ich nicht, — es war etwas Aehnliches, was vor fünfzehn oder zwanzig Jahren den ganzen Handel verdarb — du hast doch von dem Sprung gehört?" „Ich habe von ihm (hier deutete er mit einem Kopfnicken auf den Lodten,) „die Geschichte erzählen hören. Beim Teufel, wie pflegte er zu lachen, wenn er uns zeigte, wie er ihn von der Klippe stieß!" 5" 68 „Gut; aber das legte doch eine Zeit lang den Handel in Ketten," sagte Jack. „Wie ging das zu?" fragte der Andere. „Ei," erwiederte Jack, „das Volk wurde aufstützig, es wurde so mancher verhaftet —" „Schon gut," sagte der andere; „wir sollten dem Kerl wohl einmal einige dieser Bursche hier auf den Hals schicken, um ihn nach Gebühr zu tractiren." „Aber die alte Meg schläft nun," sagte ein andrer; „sie wird schwachköpfig und fürchtet sich vor ihrem eignen Schatten. Sie wird noch alte Geschichten auSplaudern, wenn wir nicht sehr auf der Hut sind." „Seid unbesorgt," sagte der alte Zigeuner; „Meg ist von achter Zigeunerabkunft; sie ist gewiß die letzte von uns allen, die sich in Furcht jagen läßt — aber freilich hat sie oft wunderliche Manieren und braucht wunderliche Worte " Auf diese Weise setzten sie die Unterhaltung in einem dunkeln, unverständlichen Dialekte fort, der zum Theil mit bedeutsamen Winken und Zeichen ergänzt wurde, aber den betreffenden Gegenstand gleichwohl nie bestimmt oder in klaren Worten ausdrückte. Als endlich einer von ihnen bemerkte, daß Meg noch fest schlief oder wenigstens zu schlafen schien, befahl er einem der Burschen, „den schwarzen Peter hereinzubringen, damit man ihn öffnen könne." Der Knabe ging nach der Thür und brachte einen Mantelfack herein, den Brown sogleich für den seinigen erkannte. Seine Gedanken wandten sich alsbald auf den unglücklichen Burschen, den er bei dem Wagen gelassen hatte. Hatten ihn die Schurken ermordet? diese Ungewißheit war es, die sein Gemüth schrecklich belastete. Seine angstvolle Aufmerksamkeit steigerte sich, und während die Räuber seine Wäsche und Kleidungsstücke nach einander hervorzogen und 69 bewunderten, lauschte er ängstlich nach einer Andeutung, die ihm das Schicksal des Postillons anzeigen konnte. Aber die Schurken waren zu sehr über ihre Beute erfreut und zu sehr mit der Prüfung des Gefundenen beschäftigt, als daß sie sich ausführlich über die Art und Weise, wie sie dazu gekommen, hätten besprechen sollen. Der Mantelsack enthielt Verschiedenes zur Kleidung gehörige, ein Paar Pistolen, eine lederne Tasche mit einigen Papieren, etwas Geld u. s. w. Zu jeder andern Zeit würde es Brown außerordentlich gereizt haben, zu sehen, auf welche unceremoniöse Weise die Diebe sein Eigenthum theilten und sich noch auf Kosten des Besitzers lustig machten. Aber dieser Augenblick war zu gefahrvoll, als daß er noch andere Gedanken, außer dem an Selbstcrhaltung, zugelassen hätte. Nachdem sie den Mantelsack gehörig durchforscht und seinen Inhalt genau getheilt hatten, schritten sie zu dem weit ernstem Geschäfte des Trinkens, wobei sie den größten Theil der Nacht zubrachten. Brown hegte einige Zeit die Hoffnung, sie möchten so viel trinken, daß sie von Sinnen kämen, wo dann seine Flucht leicht zu bewerkstelligen gewesen wäre. Ihr gefährliches Geschäft jedoch verlangte Vorsichtsmaßregeln, die mit solcher unbeschränkter Unmäßigkeit gar nicht vereinbar waren. Drei von ihnen legten sich zur Ruhe, während der Vierte wachte. Nach einer zweistündigen Wache wurde er von einem andern abgelöst. Als die zweite Wache vorüber war, weckte die Schildwache alle, welche nun, zu Brown'S unaussprechlichem Tröste, Vorbereitungen zum Abzug zu machen begannen, indem sie die verschiedenen Gegenstände zusammenpackten, die sich ein jeder zugeeignet hatte. Jndeß war noch immer einiges zu thun übrig. Zwei von ihnen brachten, nachdem sie zu Brown'S großer Beunruhigung eineZeitlang umhergcsucht hatten, ein Grabscheit und eine Schaufel zum Vorschein, ein anderer holte eine Spitzhacke hinter dem Stroh hervor, worauf der Todre lag. Mit diesen Werkzeugen verließen ihrer zwei die Hütte, und die übrigen drei, unter denen sich die Seeleute, zwei sehr starke Männer, befanden, blieben noch als Besatzung zurück. Nach Verlauf einer halben Stunde kam einer von den Fortgegangenen zurück und flüsterte mit den Andern. Sie wickelten den Leichnam in den Schiffermantel, welcher als Leichentuch gedient hatte, und trugen den Tobten so hinaus. Gleich nachher erwachte die alte Sybille aus ihrem wirklichen oder erkünstelten Schlummer. Zuerst ging sie nach der Thür, als wolle sie den völligen Abschied ihrer Hausgenossen beobachten; sodann kehrte sie zurück und befahl Brown in leisem und halbunterdrücktem Tone, ihr sogleich zu folgen. Er gehorchte; als er jedoch die Hütte verließ, -ätt' er sich gern wieder in den Besitz seines Geldes oder seiner Papiere gesetzt, aber dies verhinderte sie auf sehr gebieterische Weise. Es fiel ihm alsbald bei, daß der Verdacht, dasjenige, was er wieder zu besitzen wünschte, entfernt zu haben, auf dies Weib fallen würde, welchem er doch aller Wahrscheinlichkeit nach sein Leben verdankte. Er ließ daher sogleich von seinem Versuche ab, und begnügte sich damit, eine Waffe zu ergreifen, welche einer der Räuber zur Seite unter das Stroh geworfen hatte. Auf seinen Füßen stehend und im Besitz dieser Waffe, dünkte er sich bereits halb befreit von den Gefahren, die ihn umringten. Jndeß fühlte er sich noch immer steif und unbeholfen, sowohl von der Kälte, als von der unbequemen und unveränderten Lage, worin er die ganze Nacht zugebracht hatte. Als er aber der Zigeunerin aus der Thür der Hütte folgte, gab die frische Morgenluft und die Bewegung des Gehens seinem Blute und seinen Gliedern neues Leben- Das matte Licht eines Wintcrmorgens ward durch den Schnee Heller gemacht, welcher ringsum lag und durch den strengen Frost 71 schimmernd geworden war. Brown überschaute schnell die umliegende Landschaft, damit er den Ort einst wiedercrkennen könnte. Der kleine Thurm, von dem nur ein einziges Gewölbe übrig war (dasselbe, worin Brown diese denkwürdige Nacht zugebracht hatte,) hing auf der Spitze eines vorragcnden Felsens, der über dem kleinen Bache hing- Er war nur auf einer Seite zugänglich, und zwar von dem Graben oder der Schlucht unten. Auf den andern drei Seiten war das Ufer steil, so daß Brown am vorigen Abend mehr als einer Gefahr entgangen war; denn wenn er versucht hätte, rings um das Gebäude zu gehen, was anfangs sein Wille war, so würde er sich völlig zerschmettert haben. Das Thal war so eng, daß sich an einigen Stellen oben die Bäume von beiden Seiten berührten. Sie waren jetzt mit Schnee, statt mit Laub beladen, und bildeten so eine Art eisigen Baldachins über dem Bache in der Tiefe, welcher sich nur durch seine dunklere Färbung unterschied, während er seines Weges durch die Schneekränze leise hinfickerte. An einer Stelle, wo das Thal etwas weiter war und ein Stückchen ebenen Landes zwischen seinen Seitenwänden und dem Bachufer ließ, lagen die Ruinen des Dörfchens, in welches Brown am vorigen Abend gerathen war. Die zerfallenden Giebel, deren innere Seiten mit Torfruß überfirnißt waren, sahen jetzt noch schwärzer aus, da sie mit den Schneerinden im Contrast standen, welche der Wind gegen sie getrieben hatte, so wie mit der weißen Fläche ringsum. Brown konnte jetzt auf diese winterliche, traurige Scene nur einen flüchtigen Blick werfen, denn seine Führerin, die nur einen Augenblick angehalten hatte, als wolle sie ihm seine Neugier befriedigen lassen, ging jetzt schnell vor ihm auf dem Pfade hin, der in das Thal niedersührte. Er bemerkte, indem sich einiger Argwohn bei ihm regte, daß sie einen Weg wählte, worauf schon Spuren von Tritten sichtbar waren, welche allem Vermu- then nach von den Räubern herrührten, die in jenem Gewölbe die Nacht zugebracht hatten. Ein kurzes Nachdenken beseitigte inheß seinen Argwohn. Es ließ sich nicht glauben, daß das Weid, welches ihn, wo er ganz unvcrtheidigt war, vor ihrer Bande geschützt hatte, ihre vermeintliche Vcrrätherei auf den Zeitpunkt verschoben haben sollte, wo er bewaffnet war und sich überdies im Freien befand, wo sich ihm weit bessere Gelegenheit zur Ver- theidigung oder Flucht bot. Daher folgte er seiner Führerin vertrauensvoll und schweigend. Sie überschritten den Bach an derselben Stelle, wo er offenbar auch von denen überschritten worden, die vor ihnen hier gegangen waren. Die Fußtapfen gingen weiter durch das zerstörte Dörfchen, von da abwärts im Thale, welches sich wieder zu einer Schlucht verengte, nachdem man über den offenen Platz der Ruinen hinweg war. Aber die Zigeunerin folgte hier jener Spur nicht weiter, sie wandte sich seitwärts und ging auf einem sehr rauhen und unebenen Pfade voran, welcher über dem Ufer, das über jenem Dörfchen hing, -insührte. Obwohl an manchen Stellen der Schnee den Fußsteg verbarg und das Auftreten ungewiß und unsicher machte, so schritt Meg doch mit festem und sicherm Schritte vorwärts und zeigte dadurch, wie gut sie mit dem eingeschlagenen Wege bekannt war. Endlich erreichten sie den Gipfel der Thalwand; aber dies geschah auf einem so steilen und vielfach gewundenen Pfade, daß Brown, obwohl überzeugt, es sei derselbe, auf dem er in voriger Nacht herabgestiegen war, sich doch im hohen Grade verwundern mußte, wie er dies Werk habe verrichten können, ohne den Hals zu brechen. Oben breitete sich das Land zu einer Seite offen und frei etwa eine Stunde weit hinaus, zur andern Seite befanden sich dichte Anpflanzungen von beträchtlichem Umfange. Meg ging indeß immer noch am Rande der Thalschlucht voran. aus welcher sie heraufgcstiegen waren, bis man in der Tiefe Gemurmel mehrerer Stimmen vernahm. Sie deutete jetzt auf eine dichte Baumpflanzung in einiger Entfernung.—„Die Straße nach Kippletringan," sagte sie, „befindet sich an der andern Seite jenes Geheges — Sputet Euch so viel als möglich; es liegt mehr an Eurem Leben, als an dem andrer Leute. — Aber Ihr habt Alles verloren — Wartet." — Sie krabbelte in einer ungeheuren Tasche herum, und brachte endlich einen großen Geldbeutel hervor — „Viele Wohlthat hat Euer Haus der Meg und den Ihrigen erwiesen — und sie hat lange gelebt, um doch nun nur in geringem Grade Vergeltung bieten zu können;" — damit legte sie ihm den Geldbeutel in die Hand. Das Weib ist wahnsinnig, dachte Brown; aber eS war keine Zeit übrig, darüber zu streiten, denn die Stimmen, die man aus derThalschlucht vernommen hatte, rührten wahrscheinlich von den Räubern her. „Wie soll ich dies Geld zurückzahlen," sagte er, „oder wie die Freundlichkeit vergelten, die du mir erwiesen hast?" „Zweierlei Hab' ich zu bitten," sagte die Sybille, leise und hastig sprechend; erstens, daß ihr nie von dem sprechen wollt, was Ihr in letzter Nackt gesehen habt; und zweitens, daß Ihr diese Gegend nicht verlassen wollt, ohne mich wiedergesehn zu haben, daß Ihr auck im Wirthshause Nachricht für mich laßt, wo man Euch finden kann; ferner, daß Ihr, sobald ich Euch rufen werde, sei es in Kirche oder Markt, bei Hochzeit oder Begräbniß, Sonntags oder Sonnabends, zur Mahlzeit oder am Fasttag, daß Ihr dann Alles verlaßt und mit mir kommt." „Nun, das wird Euch aber wenig nützen, Mutter." „Aber Euch wird es gut sein, und das will ich eben haben — ich bin nickt toll, obwohl ich genug erlebte, um es werden zu können — ich bin nicht toll, nicht schwachköpfig oder trunken — ich weiß, was ich verlange, und ich weiß, daß es der Wille Gottes war, Euch in seltsamen Gefahren zu schützen, und daß 74 ich das Werkzeug sein soll, Euch wieder in Eurer Väter Erbe einzusetzen. — Daher gebt mir jenes Versprechen, und gedenkt, daß Ihr in dieser Nacht mir Euer Leben verdankt habt." Ihre Rede klingt allerdings verwirrt, dachte Brown — — und doch ist dies mehr das Verwirrte einer kräftigen Natur, als eines Wahnsinnigen. »Gut, Mutter, da du eine so geringe und unbedeutende Gunst verlangst, so geb' ich dir mein Versprechen. Zum wenigsten will ich mir die Gelegenheit verschaffen, dir dein Geld mit Zinsen zu erstatten. Du bist ein wunderlicher Gläubiger, das ist wahr, jedoch —" »Nun denn, hinweg, hinweg!" sagte sie, mit der Hand zum Fortgehen winkend. „Denkt nicht an das Geld — 's ist Euer Ei- gcnthum; aber denkt Eures Versprechens und wagt nicht, mir zu folgen oder mir nachzusehen." So sagend eilte sie thalabwärtS, und stieg mit großer Behendigkeit in dieTiefe, während Eiszapfen und Schneeflocken über ihr niederschauerten, als sie verschwand. Trotz ihres Verbots bemühte sich Brown doch, einen Punkt des Thalrandes zu erreichen, von wo er, ungcsehn, in das Thal niederschauen könnte; und mit einiger Schwierigkeit (denn es versteht sich, daß die größte Vorsicht nöthig war,) gelang ihm dies. Der Ort, den er in dieser Absicht betrat, war die Spitze eines vorspringenden Felsens, welcher jäh zwischen den Bäumen emporstieg. Indem eraufdenSchneeniedcrknieteund den Kopf vorsichtig vorstreckte, konnte er beobachten, was im Grunde des Thales vorging. Er sah, wie er erwartet hatte, seine Gefährten von vergangener Nacht, zu denen sich jetzt noch einige andere gesellt hatten. Sie hatten am Fuße des Felsens den Schnee hinweggeräumt und ein tiefes Loch gemacht, welches zu einem Grabe dienen sollte. Um dieses herum standen sie nun und legten etwas in einen Schiffermantel gewickeltes hinein, welches Brown alsbald für den Körper des Mannes hielt, den er hatte sterben sehen. Sodann standen sie eine 75 halbe Minute in Schweigen, als ob sie von Trauer über den Verlust ihres Kameraden ergriffen wären. War letzteres wirklich der Fall, so überließen sie sich doch diesem Gefühle nicht lange, denn alle Hände waren alsbald damit beschäftigt, daS Grab zu füllen; Brown, welcher einsah, das dies Werk bald beendet sein würde, hielt für's Beste, dem Winke der Zigeunerin zu folgen und so schnell als möglich zu laufen, bis er jene schützende Anpflanzung erreichte. Sobald er unter den Bäumen angelangt war, dachte er vor allem an dieBörse der Zigeunerin. Er hatte sie ohne Bedenkenangenommen, wiewohl mit einem Gefühle von Selbsterniedrigung, welches durch den Charakter der Person erweckt wurde, die ihm die Gefälligkeit erwies. Gleichwohl rettete ihn dieselbe von einer ernsten, obwohl nur momentanen Verlegenheit. Sein Geld, mit Ausnahme weniger Schillinge, befand sich in seinem Mantelsack, und dieser war im Besitz der Freunde Meg's. Es erforderte einige Zeit, wenneran seincnGeschäftsträgerschreiben, oder wenn er sich an seinen guten Wirth zu Charlieshope wenden wollte, der ihn jedenfalls gern unterstützt haben würde. Bis dahin war er nun entschlossen, sich der Gabe Meg's zu bedienen, indem er hoffte, es werde sich bald die Gelegenheit bieten, wo er es ihr mit Erkenntlichkeit zurückerstatten könnte. „Es kann nur eine kleine Summe sein," sagte er zu sich selbst, „und ich denke wohl, ein Theil meiner Banknoten wird die gute Dame hinlänglich entschädigen." Mit solchen Gedanken öffnete er den Lederbcutcl, worin er höchstens drei oder vier Guineen zu finden erwartete. Aber wie staunte er bei der Entdeckung, daß er, außer einer beträchtlichen Menge von Goldstücken verschiedenen Gepräges, deren Werth sich wohl auf hundert Pfund belaufen mochte, auch noch verschiedene kostbare Ringe und Juwelen enthielt, deren Werth sich, so weit er ihn in der Eile zu schätzen vermochte, sehr hoch belief. Brown war zugleich erstaunt und verlegen durch die Um- 76 stände, in denen er sich jetzt befand; er war im Besitz eines Vermögens, welches sein eigenes bei weitem überstieg, welches aber aller Wahrscheinlichkeit nach auf die nämliche schmachvolle Weise erworben worden war, auf welche man ihn des seinigen beraubt hatte. Sein erster Gedanke war, sich nach dem nächsten Friedensrichter zu erkundigen und in dessen Hände den Schatz niederzulegen, den er auf so unerwartete Weise erhalten hatte; zugleich wollte er seine eigene merkwürdige Geschichte dort melden. Nach kurzer Ueberlegung fanden sich jedoch mancherlei Einwürfe gegen jenes Verfahren. Erstlich mußte er alsdann sein Gelübde der Verschwiegenheit brechen, während er zugleich die Sicherheit, vielleicht das Leben, desselben Weibes gefährdete, die ihr eigenes daran gewagt hatte, ihn zu schützen, und die ihn freiwillig mit diesem Schatze beschenkt hatte, — ihre Großmuth mußte so das Mittel ihres Untergangs werden. Daran ließ sich nicht weiter denken- Ueberdies war er ein Fremder und, wenigstens für eine gewisse Zeit, nicht mit den Mitteln versehn, seinen eigenen Stand und seine Glaubwürdigkeit einer stumpfsinnigen und hartnäckigen obrigkeitlichen Person auf dem Lande genügend zu beweisen. „Ich will die Sache reiflicher überdenken," sagte er; „vielleicht liegt ein Regiment in jenem Städtchen, und dann wird meine Kenntniß des Dienstes und meine Bekanntschaft mit vielen Offizieren der Armee meinen Stand und Charakter gehörig darthun, während ihn ein bürgerlicher Richter doch nicht genügend beurtheilen könnte. Auch würde ich dann den Beistand des commandirenden Offiziers erhalten, um diesem unglücklichen wahnsinnigen Weibe eine möglichst schonende Behandlung zu verschaffen. Ist doch ihr Jrrthum oder ihr Vorurtheil von so glücklichen Folgen für mich gewesen! Eine bürgerliche Gerichtsperson würde sich für verpflichtet halten, sogleich einen Verhaftsbefehl gegen sie und die Ihrigen auszufertigcn, und 77 die Folgen ihrer Gefangennehmung liegen klar genug am Tage — Nein, sie hat sich ehrenhaft gegen mich benommen, und wenn sie auch der Satan selbst wäre, ich will ehrenhaft gegen sie sein; — sie soll das Vorrecht eines Kriegsgerichts genießen, wo alles, was die Ehre betrifft, die Strenge des Gesetzes mildern kann. Ueberdies werd' ich sie wohl in diesem Orte sehen, Kipple — Couple — wie nannte sie es doch? — dann kann ich ihre Gefälligkeit vergelten, und auch das Gesetz mag alsdann walten, wenn dies auf glimpfliche Weise geschehen kann. Unterdessen muß freilich ich, der die Ehre hat, im Dienste seiner Majestät zu stehen, die schlimme Rolle eines Menschen spielen, welcher gestohlenes Gut angenommen hat." Mit diesen Gedanken nahm Brown einige Guineen vom Schatze der Zigeunerin, um damit seine augenblicklichen Bedürfnisse zu bestreiten, und indem er das Uebrige wohlverwahrt in der Börse ruhen ließ, faßte er den Entschluß, dieselbe nicht wieder zu öffnen, bis er sie entweder der Geberin zurückstellen, oder sie in die Hände eines öffentlichen Beamten niedcrlegen könnte. Was die mitgenommene Waffe betraf, so war sein erster Gedanke, sie in der Baumpflanzung zu lassen. Da er aber die Gefahr, diesen Schuften wieder begegnen zu können, überlegte, so konnte er sich nicht entschließen, die Waffe abzulegen. Seine Reisekleidung, obwohl ganz schlicht, hatte doch einen so militärischen Schnitt, daß eine derartige Waffe recht wohl dazu paßte. Und wenn auch die Gewohnheit des Degentragens bei nicht unisormirten Personen bereits aus der Mode war, so war sie doch nicht so gänzlich vergessen, daß sie bei demjenigen, der ihr noch huldigte, besonders auffällig hätte sein sollen. Indem er daher die Vertheidigungswaffe behielt und den Beutel der Zigeunerin in der Tasche verbarg, schritt unser Reisender rüstig durch das Gehölz, um die bezeichnete Straße aufzusuchen. Neuntes Kapitel. Freundschaft der Schulzeit, KindeSalteri Unschuld! Wie zwei kunstreiche Götter, Hermia, schufen Wir eine Blume da mit unser» Nadeln, Aus einem Sitz, nach einem Muster stickend. Und dazu sangen beide wir ein Lied, AIS wären unsre Hände, Stimmen, Herzen Ganz innig eins. S om »,erna ch lS lra um. Julia Mannering an Matilde Marchmont, „Wie vermagst du mir, theuerste Matilde, Nachlässigkeit in der Freundschaft oder Schwanken in meiner Zuneigung vorzuwerfen? ist es mir möglich, zu vergessen, daß du die Erwählte meines Herzens bist, in deren treuen Busen ich jedes Gefühl niederlegte, welches deine arme Julie sich nur selbst zu bekennen wagte? Gleiches Unrecht thust du mir durch den Vorwurf, daß ich deine Freundschaft für die der Lucie Bertram aufgegeben hätte- Ich versichere dir, sie besitzt nicht die Eigenschaften, die ich vom Herzen einer Freundin verlange. Sie ist allerdings ein liebenswürdiges Mädchen und gefällt mir sehr; auch muß ich gestehn, daß unsere Vormittags- und Abend- beschäftigungen mir weniger Zeit für den Gebrauch meiner Feder ließen, als die beabsichtigte Regelmäßigkeit unserer Cor- refpondenz verlangt. Elegante Bildung und Fertigkeit hat sie nicht; doch versteht sie das Französische und Italienische, welches sie von dem seltsamsten Ungeheuer erlernte, das man nur sehen kann; mein Vater hat dies Wesen als eine Art von Bibliothekar angestellt und protegirt diesen Mann, wie mir scheint, um der Meinung der Welt Trotz zu bieten. Oberst Manncring scheint es sich zum Grundsätze gemacht zu haben, nicht zu dulden, daß man etwas für lächerlich halte, so lang es auf irgend eine Weise mit ihm in Verbindung steht. Ich erinnere mich, daß er einst in Indien irgendwo einen kleinen häßlichen Hund aufgelcscn hatte, ein Thier mit krummen Beinen, langem Rücken und großen Hängohren. Es beliebte ihm, diese garstige Creatur zu seinem Liebling zu machen, allem guten Geschmack zum Trotz; auch entsinne ich mich eines Falles, wo er Brown den Vorwurf der Unhöflichkeit machte, weil dieser die krummen Beine und hängenden Ohren Bingo's stark getadelt hatte. Auf mein Wort, Matilde, ich glaube, seine hohe Meinung von diesem steifsten aller Pedanten beruht auf einem ähnlichen Grundsätze. Er läßt dies Geschöpf mit am Tische sitzen, wo es ein Tischgebet hören läßt, welches ganz wie das Geschrei jenes Mannes auf dem Markte klingt, der Makrelen auszurufen pflegte; seine Speise schafft der Mensch haufenweise die Kehle hinab, wie etwa ein Tagelöhner seinen Sandkarren vollschauselt, und dabei scheint er nicht das mindeste Bewußtsein von dem zu haben, was er hinunterschlingt, — sodann läßt er wieder eine Anzahl unnatürlicher Töne hören, welche als Dankgebet gelten, stürzt aus dem Zimmer und vergräbt sich unter einen Haufen wurmstichiger Folianten, die eben so ungeschlacht sind, als er selbst! Ich würde dies Geschöpf noch so ziemlich ertragen können, hält' ich nur Jemand, der mit mir darüber lachte; sobald ich aber üur den leisesten Scherz über diesen Abel Simson (das ist des schrecklichen Mannes schrecklicher Name,) aussprechen will, macht Lucie Bertram alsbald ein so weinerliches Gesicht, daß es mir allen Muth zum Fort- 80 fahren raubt, und mein Vater runzelt die Stirn, sein Auge sprüht Feuer, er beißt die Lippen zusammen und sagt irgend etwas, was für mein Gefühl hart und unerträglich ist. „Jndeß wollte ich nicht von diesem Geschöpf mit dir sprechen; ich wollte nur erwähnen, daß er, der in den neuern wie in den alten Sprachen vollkommen bewandert ist, Lucie Bertram in den erstern gehörig unterrichtet hat; sie hat es, wie ich glaube, übrigens nur ihrem eignen gesunden Verstände und ihrer Beharrlichkeit zu danken, daß sie sich das Griechische, Lateinische (und das Hebräische obendrein) nicht auch zu eigen gemacht hat. Somit besitzt sie wirklich einen reichen Schatz von Kenntnissen, und ich kann dir sagen, daß ich täglich darüber erstaune, wie gut sie sich durch Erinnerung und Betrachtung des früher Gelesenen zu unterhalten weiß. Wir lesen jeden Morgen gemeinsam, und ich beginne weit mehr Gefallen am Italienischen zu finden, als da mich das phantastische Geschöpf Cicipiei ermüdete; — Cicipici muß nämlich sein Name buchstabirt werden, und nicht Chichipichi — du siehst, daß ich an Gelehrsamkeit zunehmc. „Ader vielleicht liebe ich Miß Bertram mehr um der Talente willen, die ihr fehlen, als der Kenntnisse wegen, die sie besitzt. Sie versteht gar nichts von Musik, und vom Tanze nichts weiter, als was hier bei den gemeinsten Bauern gewöhnlich ist, die, beiläufig gesagt, dem Tanze mit vielem Eifer und Feuer huldigen- In diesen Dingen trete ich nun als Lehrerin auf und sie nimmt meinen Unterricht auf dem Klavier sehr dankbar an; ich habe sie sogar einige von La Pique'S Pas gelehrt, und du weißt ja, daß er mich für eine vielversprechende Schülerin hielt- , „Abends liest der Vater oft vor, und gewiß, ich habe noch von Niemand poetische Stücke besser lesen hören — er macht es kei- neswegs wie der Deklamator, welcher ein Mittelding zwischen Lesen und Handlung gibt, mit den Augen starrt, die Stirn runzelt, das Gesicht verzieht und sich geberdet, als stand' er in vollem Kostüm auf der Bühne. Meines Vaters Manier ist ganz anders; er liest wie ein anständiger Mann, welcher durch Gefühl, Geschmack und Biegsamkeit der Stimme eine Wirkung hervorbringt, nicht aber durch Bewegungen und Mummerei. Lucy Bertram reitet sehr gut, und ich kann sie jetzt zu Pferde begleiten, da mich ihr Beispiel ermuthigt hat. Trotz des rauhen Wetters gehen wir auch viel spazieren. — So bleibt mir denn freilich zum Schreiben nicht so viel Zeit, als ich sonst darauf verwandte- „Ueberdies, meine Liebe, muß ich mich wirklich des Entschuldigungsgrundes aller thörichten Correspondentcn bedienen: daß ich nichts zu sagen habe. Meine Hoffnungen, Befürchtungen und Besorgnisse hinsichtlich Browns sind jetzt minder anziehend, seit ich weiß, daß er frei und gesund ist. Uebrigens muß ich gestehen, daß mir der junge Herr während dieser Zeit wohl eine Nachricht von seinem Thun und Treiben hätte geben können. Unser Umgang mag wohl unbesonnen sein, aber es wäre eben nicht schmeichelhaft für mich, wenn Mr. Banbeest Brown zuerst diese Entdeckung machen und deßhalb unser Verhältniß aufgeben sollte. Er kann gewiß sein, daß wir in diesem Falle nicht sehr verschiedener Meinung sein würden, denn zuweilen kam es mir schon vor, als habe ich in dieser Angelegenheit äußerst thöricht gehandelt. Jndeß habe ich eine so gute Meinung von dem armen Brown, daß ich glaube, seinem Schweigen liege gewiß nur etwas Außerordentliches zum Grunde. „Um wieder auf Lucy Bertram zu kommen — Nein, meine theuerste Matilde, sie kann nie, nie deine Nebenbuhlerin bei mir werden, und all deine liebende Eifersucht in dieser Hinsicht ist also ohne Grund. Sie ist allerdings ein recht artiges, hübsches, gefühlvolles und liebreiches Mädchen, und ich glaube, es wird wenig Guy Mannering. II. dl 82 Personen lieben, zu deren tröstender Freundschaft ich lieber meine Zuflucht nehmen möchte, wenn ich von dem, was man gewöhnlich Unglück nennt, bedroht würde. Dies begegnet einem nun aber so selten im Leben und man bedarf einer Freundin, die uns bei dem eingebildeten Uebel Trost schenkt, gleich als ob es wirkliches wäre- Der Himmel weiß es, und auch du, theuerste Matilde, daß jene Herzenöbekümmerniffe ebensowohl den Balsam des Mitgefühls und liebenderZuneigungverlangen, als die Uebel von strengerm und entschiedenerem Charakter. Nun besitzt aber Lucy Bertram nichts von jenem lindernden Mitgefühl, gar nichts, meine theuerste Matilde. Wenn ich das Fieber hätte, so würde sie mich Nacht füv Nacht mit der unermüdlichsten Geduld pflegen; für das Fieber des Herzens jedoch, welches meine Matilde so oft besänftigte, hat sie nicht mehr Mitgefühl, als ihr alter Lehrer. Am meisten auffällig ist mir indeß der Umstand, daß dies seltsame Dämchen in derThat selber einen Geliebten hat, und daß ihre wechselseitige Neigung (denn für gegenseitig halte ich sie,) gar viel des Verwickelten und Romantischen hat. Du mußt wissen, daß sie einst eine reiche Erbin war; die Verichwcndung ihres Vaters aber und die Schurkerei eines schändlichen Menschen, auf den er traute, haben sie arm gemacht. Einer der hübschesten jungen Herren der ganzen Umgegend hat sie lieb gewonnen; da er jedoch Erbe eines großen Vermögens ist, so weist sie seine Bewerbungen unter dem Vorwände ihrer Armuth immer zurück. „Aber bei all dieser Mäßigung, Selbstverläugnung, Bescheidenheit u. s. w. ist Lucy doch ein schlaues Mädchen — ich bin gewiß, sie liebt den jungen Hazlewood, und eben so gewiß bin ich, daß er etwas davon weiß und sie wahrscheinlich zum Geständniß bringen würde, wenn mein Vater oder sie ihm nur eine Gelegenheit dazu gestattete. Aber du mußt wissen, daß Oberst Mannering immer selbst der Miß Bertram jene Aufmerksamkeiten erzeigt, welche 8Z einem jungen Herrn in Hazlewoods Lage die besten indirekten Gelegenheiten zu geben pflegen. Ich wünsche nur, daß fich mein guter Papa in Acht nimmt, um sich nicht die gewöhnliche Strafe für Einmischung in fremde Angelegenheiten zuzuziehen. Ich versichere dich, wenn ich Hazlewood wäre, ich würde seine Compli- mente, seine Verbeugungen, dies Mantel- und Shwalumhängen und dies Armgeden mit nicht geringem Argwohn betrachten; und wirklich thut dies Hazlewood in manchem launischen Augenblicke, wie ich glaube. Stelle dir vor, welche einfältige Rolle bei solchen Gelegenheiten dann deine arme Julie spielen muß! Hier ist mein Vate'r, der bei meiner Freundin den Angenehmen spielt; dort ist der junge Hazlewood, der jedes ihrer Worte und jede Bewegung ihrer Augen bewacht; und ich habe nicht die armselige Genug- thuung, irgend ein menschliches Wesen zu interessiren — nicht einmal das geistliche Ungethüm, denn das sitzt da mit offenem Munde und großen glotzenden Augen, gleich einer Statue, und starrt bewundernd Meß Baartram an. „Alles dies macht mich zuweilen ein Bißchen nervenkrank und zuweilen auch ein Bißchen mißlaunisch und boshaft. Ich war neulich gegen meinen Vater und die Liebenden so gereizt, daß ich, da ich mich von ihrer Gesellschaft und Unterhaltung gänzlich vernachlässigt sah, einen Angriffauf Hazlewood unternahm, dem er, ohne unhöflichzuscheinen, nicht leicht auSweichen konnte. Er ward allmä- lig warm in seiner Vertheidigung. Du kannst glauben, Matilde, daß er ein eben so artiger als hübscher junger Mann ist, und erwar mir bisher noch nie in so vortheilhaftem Lichte erschienen. Aber mitten in unserer lebhaften Unterhaltung drang plötzlich ein leiser Seufzer von Miß Lucy zu meinem gar nicht unzufriedenen Ohr. Ich war viel zu großmülhig, als daß ich meinen Sieg hätte weiter verfolgen sollen, selbst wenn ich den Vater nicht gefürchtet hätte. Zum Glück für mich war er gerade eifrig mit Schilderung der Ei- 6 " 84 genbeiten und Sitten eines gewissen indischen Volksstammes beschäftigt, welcher tief im Innern des Landes wohnt, und er erläuterte seine Beschreibung durch Zeichnungen, die er aus Miß Ber- trams Stickmuster machte, deren einige er durch seine Proben orientalischer Trachten gänzlich verdarb. Aber ich glaube, sie dachte in diesem Augenblicke so wenig an ihr eigenes Kleid, als an indische Turbane. Jndeß war es immer gut für mich, daß er den Erfolg meines kleinen Manövers nicht bemerkte, denn er steht scharf wie ein Falke und ist ein geschworener Feind auch des leichtesten Schattens von Coquetterie. „Nun, Matilde, Hazlewood vernahm denselben leisen Seufzer und bereute alsbald, seine momentanen Aufmerksamkeiten an einen so unwürdigen Gegenstand, wie deine Julie, verschwendet zu haben; sonach zoger sich mit einem recht komischen Ausdrucke des Schuldbewußtseins nach Lucy's Arbeitstische zurück. Er machte eine unbedeutende Bemerkung, und ihre Erwiederung war von der Art, daß nur das scharfe Ohr eines Liebenden oder ein so neugieriges wie das meine etwas mehr Kälte und Trockenheit als gewöhnlich darin unterscheiden konnte. Aber der schuldbewußte Held fühlte den Vorwurf und blieb eingeschüchtert stehen. Du wirst zugeben, daß die Großmuth es mir zur Pflicht machte, als Vermittlerin aufzutreten. Daher mischte ich mich in die Unterhaltung, und zwar mit demruhigen Tone eines ziemlich glcichgiltigen und unbe- thciligten Dritten; ich führte sie wieder in ihr früheres bequemes Geleise der Unterhaltung und nachdem ich eine Zeitlang auf solche Weise ihr Gespräch vermittelt hatte, setzte ich sie zu einem tiefsinnigen Schachspiele nieder; darauf ging ich hin, meinen Vater ein wenig zu necken, der noch immer mit seinen Zeichnungen beschäftigt war. Die Schachspieler saßen nämlich nah am Kamin neben einem kleinen Arbeitstische, und mein Vater befand sich etwas entfernt davon vor einem Büchertische; das Zimmer ist groß und 85 altmodisch, unregelmäßig und mit Tapeten behängen, welche Dinge darstellen, die der Künstler wohl schwerlich selber hätte erklären können- „Ist das Schach ein unterhaltendes Spiel, Vater?" „So sagt man," antwortete er, ohne mich weiterer Aufmerksamkeit -u würdigen. „Ich sollt' cö auch denken, wenn ich die Aufmerksamkeit beobachte, die ihm Mr. Hazlewood und Lucy schenken " „Er erhob schnell den Kopf und hielt den Pinsel einen Augenblick empor- Offenbar bemerkte er nichts, was seinen Argwohn rege machen konnte, denn er arbeitete alsbald ruhig weiter an den Falten eines Mahrattaturbans, als ich ihn mit der Frage unterbrach: „Wie alt ist Miß Bertram, Vater?" „Wie kann ich's wissen? vermuthlich in deinem Alter." „Aelter, sollt' ich denken, Vater. Du sagst mir immer, daß sie sich weit anständiger beim Theetisch zu benehmen wisse; ei, Vater, willst du ihr nicht das Recht geben, ein für allemal da den Vorsitz zu führen?" „Liebe Julie," erwicderte der Vater, „entweder bist du eine vollkommene Thörin, oder du bist weit geneigter, Unheil zu stiften, als ich es bisher von dir dachte " „O, theurer Vater! deute es so gut als möglich — aber ich möchte um alles in der Welt nicht für eine Thörin gelten " „Warum schwatzest du dann als eine solche?" sagte mein Vater. „Lieber Gott, Vater, ich weiß, daß es gar nicht so thö- richt ist, was ich eben sagte — Jedermann weiß, daß du ein sehr hübscher Mann bist," (ein Lächeln ward hier sichtbar,) „das heißt für dein Alter" (der Schimmer trübte sich hier,) „welches doch keineswegs vorgerückt ist, und ich weiß in der That nicht, warum du nicht deiner Neigung folgen solltest. Ich bin ein 86 leichtsinniges Mädchen, das weiß ich wo-l, und wenn dich eine ernstere Gefährtin glücklicher machen könnte" — „Es lag eine Mischung von Mißfallen und ernster Zärtlichkeit in meines Vaters Zügen, als er meine Hand jetzt nahm, ur.d sie drückten einen strengen Vorwurf für den Scherz aus, den ich mit seinen Gefühlen getrieben hatte. „Julie," sagte er, „ich sehe deinem Muthwillen viel nach, weil ich in gewisser Hinsicht schuld daran bin, indem ich es vernachlässigte, sorgfältiger über deine Erziehung zu wachen. Aber ich möchte nicht, daß du diesem Muthwillen bei einem so zarten Gegenstände allzu freien Spielraum ließest. Wenn du die Gefühle deines Vaters gegen das Andenken deiner gestorbenen Mutter nicht achtest, so achte wenigstens die heiligen Ansprüche des Unglücks; und bedenke, daß die leiseste Andeutung eines solchen Scherzes, wenn sie Miß Bertram's Ohr erreichte, diese veranlassen würde, ihr gegenwärtiges Asyl aufzugeben und ohne Beschützer hinaus in die Welt zu gehen, deren Härte sie bereits so unfreundlich fühlen mußte." „Was konnte ich dazu sagen, Matilde? — ich bat bloß herzlich um Verzeihung und versprach, künftig ein gutes Kind zu sein. Und so stehe ich nun hier wieder allein, denn ich kann, ohne herzlos zu erscheinen, nun nicht mehr die arme Lucy durch Angriffe auf Hazlewood necken, obwohl sie mir so wenig Vertraulichkeit schenkt; auch kann ich nach jener ernsten Standrede nicht mehr wagen, den zarten Punkt hinsichtlich meines Vaters zu erwähnen. So zünde ich nun kleine Röllchen von Papier an, und zeichne mit dem verkohlten Ende Türkenköpfe auf Visitenkarten — gestern Abends gelang mir wirklich ein Hyder Aly trefflich — oder ich spiele auf dem heillosen Klavier, fange auch wohl ein ernsthaftes Buch am Ende an und lese es rückwärts. — Wirklich macht mich allmälig Browns Stillschweigen besorgt. Hätte er das Land verlassen müssen, so würde er mir gewiß davon geschrieben haben. Könnte etwa mein Water seine Briefe aufgefangen haben ? Aber nein; das wäre ganz gegen seine Grundsätze — ich glaube nicht, daß er einen Brief an mich heute Nacht öffnen würde, könnt'er auch damit verhüten, daß ich morgen früh auS dem Fenster spränge. Welch'ein Wort hab'ich da meiner Feder entschlüpfen lassen! ich sollte mich desselben schämen, selbst vor dir, Matildc, und obwohl cs im Scherz gesagt ward. Aber ich brauche es nicht für verdienstlich zu halten, daß ich handle, wie ich muß. Dieser Mr. Vanbeest Brown ist keineswegs ein so glühender Liebhaber, daß er den Gegenstand seiner Neigung zu so unbedachten Schritten verleiten sollte. Er gibt volle Zeit zum Ueberlegen und Nachdenken, das muß wahr sein. Jndeß will ich ihn nicht ungehört tadeln, und will auch nicht an der männlichen Festigkeit eines Charakters zweifeln, den ich so oft gegen dich erhoben habe- Wäre er fähig zu zweifeln, zu fürchten, oder nur im geringsten treulos zu sein, so würde ich wenig zu klagen haben. „Du wirst sagen, warum ich, wenn ich so feste und unwandelbare Beständigkeit von einem Geliebten erwarte, so ängstlich bekümmert sei, was Hazlewood thue, oder wem er seine Huldigungen darbringe? — Ich lege mir selbst diese Frage täglich hundert Mal vor, und erhalte immer nur die sehr thörichte Antwort, daß man sich nicht gern vernachlässigt sieht, wenn man auch zu einer ernstlichen Untreue nicht ermuntern möchte. „Ich schreibe all diese Kleinigkeiten, weil du sagst, sie unterhalten dich, was ich freilich kaum begreifen kann. Ich erinnere mich, wie du bei unfern Reisen in die Welt der Dichtung immer nur das Große und Romantische bewundertest — Erzählungen von Rittern, Zwergen, Riesen, bedrängten Fräulein, Erscheinungen, winkenden Geistern und blutigen Händen, — während mich nur die Verwickelungen des gemeinen Lebens intcressirten, oder höchstens nur so viel Wunderbares, als die Thätigkeit eines morgen- 88 ländischen Genius oder einer gütigen Fee herbeiführen kann. Du hättest deine Lebensbahn gern über das weite Meer, durch seine Windstillen, seine heulenden Stürme, seine Wirbelwinde, seine berghohen Wogen geführt; ich aber wäre mit meinem Nachen bei einem frischen Winde gern in einen Landsee oder in eine stille Bucht eingelaufen, wo die Fahrt nur eben so schwierig gewesen wäre, daß sie Reiz gehabt und einige Geschicklichkeit verlangt, jedoch nicht Gefahr gedroht hätte. Du also, Matilde, solltest meinen Vater bekommen haben, mit seinem Kriegsruhme und seinem Ahnenstölze, seinem ritterlichen Ehrgefühle, seinen hohen Geistesgaben und seinen tiefsinnigen geheimnißvollen Forschungen; deine Freundin würde Lucy Bertram geworden sein, deren Ahnen in diesem romantischen Lande herrschten, (mit Namen, die sich eben so schwer merken, als sie aller Orthographie Hohn sprechen,) und deren Geburt, wie ich nur noch aus unbestimmten Nachrichten weiß, von höchst seltsamen Umständen begleitet war; auch unsre, von Bergen umringte Wohnung und unsre Spaziergänge zu unheimlichen Ruinen würden dir gefallen; — ich aber hätte statt dessen die Grotten, Wiesen und Gebäude eures Parks erhalten, mit der guten, gelassenen und nachsichtigen Tante, ihre Kapelle am Morgen, ihr Schläfchen am Nachmittag, ihr Whist am Abend, nicht zu vergessen ihre runden Kutschpferde und den noch runderen Kutscher. Uebersieh es aber nicht, daß Brown in diesem Tausche nicht mit eingeschloffen ist — seine Gutmütigkeit, seine lebhafte Unterhaltung und seine Munterkeit passen eben so gut zu meinem Lebensplane, als seine athletische Gestalt, seine hübschen Züge und sein Muth mit Ritterlichkeit vereinbar sein würden. Da wir also nicht Alles austauschen können, so werden wir, denk' ich, wohl bleiben müssen, wie wir sind." Zehntes Kapitel. Ich biete eurer Ausforderung Trotz; wenn ihr so gröblich redet, werbe ich meine Thore gegen euch befestigen — Seht ihr jenes Fenster? Sturm, — darum kümmere ich mich nicht, dg ich dem guten Herzog von Norfolk biene. Der lustige Teufel von Edmonton. Julie Mannering an Matilde Marchmont. „Ich siehe vom Krankenbett auf, theuerste Matilde, um dir die seltsamen und schrecklichen Auftritte zu schildern» welche sich soeben ereignet haben. Ach! wir sollten doch nicht über die Zukunft scherzen! Fröhlichen Muthes schloß ich meinen letzten Brief an dich, und dachte nicht daran, daß ich in wenigen Tagen, nachdem ich deinen Geschmack am Düsterroman- tischen geschildert, solche Ereignisse zu erzählen haben würde. Und es ist etwas ganz anderes, theuerste Matilde, Zeuge von Schreckensscenen zu sein oder sie in der Beschreibung zu betrachten: eben so verschieden, als wenn man, am Rande eines Abgrundes schwebend, sich an einem fast entwurzelten Strauche hielte, oder denselben Abgrund nur in der Landschaft eines Salvator betrachtete. Aber ich will meiner Erzählung nicht vorgreifen. „Der erste Theil meiner Geschichte ist schrecklich genug, obwohl er nichts hat, was mein Gefühl anspricht. Du mußt wissen, daß diese Gegend sehr günstig für den Verkehr einer Schaar verzweifelter Menschen von der Insel Man ist, welche dieser Küste fast gegenüber liegt. Diese Schleichhändler sind zahlreich, entschlossen und furchtbar, und find zu verschiedenen Malen das Schrecken der Nachbarschaft geworden, wenn sich Jemand in ihren verbotenen Handel gemischt hatte. Die Ortsobrigkeiten scheuen sich, thcils aus Furchtsamkeit, theils aus schlechter» Beweggründen, gegen sie aufzutrcten, und so hat sie Straflosigkeit nur noch kühner und verzweifelter gemacht. Mit all' dem hat mein Vater, ein Fremder und mit keiner amtlichen Würde versehen, wie man denken sollte nichts zu thun- Aber man muß bedenken, daß er, nach seinem eigenen Ausdrucke, geboren ist, während der Mars regierte, und daß Kampf und Blutvergießen ihn selbst in den ruhigsten und abgeschiedensten Lagen aufzufindcn wissen. „Um elf Uhr am letzten Dienstag, Morgens, während Hazlewood und mein Vater im Begriff waren, nach einem anderthalb Stunden entfernten kleinen See zu spazieren, um wilde Enten zu schießen, und während Lucy und ich eben unfern Plan für die Arbeiten und Studien des Tages ordneten, wurden wir durch Pferdegctrappel beunruhigt, welches sich sehr schnell näherte. Der Boden war hart vom strengen Froste, wodurch der Husfchlag lauter und schärfer wurde. Im Augenblick nachher erschienen einige Männer, bewaffnet und beritten, deren jeder ein bepacktes Handpferd führte, auf dem freien Raume vor dem Hause, und ohne auf dem Wege zu bleiben, der eine kleine Biegung macht, stürzten sie gerade nach der Pforte des Hauses zu. Ihr Aeußeres war im höchsten Grade verwirrt und in Unordnung und sie blickten häufig zurück, gleich Menschen, die eine nahe und tödtliche Verfolgung fürchten. Mein Vater und Hazlewood eilten nach der Thüre, um zu fragen, wer sie wären und was sie beabsichtigten. Sie erklärten sich für Zollbeamte, welche diese Pferde, beladen mit konterbanden Gegenständen auf einem etwa anderthalb Stunden entfernten Orte aufgegriffen hätten. Die Schmuggler hatten aber Verstärkung erhalten und verfolgten sie nun mit dem Vorsatze, die Güter zu befreien und die Beamten, die ihre Amtspflicht geübt hatten, zu tobten- Die Männer berichteten, daß sie, da ihre Pferde beladen waren-und die Verfolger ihnen immer näher kamen, nach Woodbourne gefluchtet seien, weil sie vermuthen könnten, daß mein Vater, der dem König gedient habe, den Dienern der Regierung seinen Schutz nicht versagen würde, sobald diese bei Verrichtung ihrer Amtspflicht mit Ermordung bedroht wären. „Mein Vater, für welchen, bei seiner Begeisterung für militärische Diensttreue, selbst ein Hund von Wichtigkeit sein würde, sobald er im Namen des Königs käme, gab alsbald Befehl, die Güter im Haufe in Sicherheit zu bringen, die Diener zu bewaffnen und das Haus im Falle der Nothwen- digkeit zu vertheidigen. Hazlewood stand ihm mit großem Elfer bei, und selbst das wunderliche Geschöpf, welches sie Simson nennen, stolperte aus seiner Höhle hervor und ergriff eine Jagdflinte, die mein Vater bei Seite gelegt und mit einer gezogenen Büchse vertauscht hatte, womit man in Indien Tiger und andere reißende Thiere schießt- Die Flinte ging in der ungeschickten Hand des Gelehrten los und es fehlte wenig, so wäre einer von den Zollbeamten getroffen worden. Bei dieser unerwarteten und unwillkürlichen Explosion rief Simson sein „Wunderbar!" aus, welches der gewöhnliche Laut des Staunens bei ihm ist. Aber er ließ sich durch Niemand bewegen, die losgegangene Flinte abzugeben, und man überließ sie ihm endlich, jedoch ohne ihn mit Schieß- material zu versorgen. Dies Alles (mit Ausnahme deü Lär- menS bei dieser Gelegenheit,) entging mir damals, wie du leicht glauben wirst; aber als uns Hazlewood später den Auftritt schilderte, belustigte er uns nicht wenig mit des Gelehrten ungeschickter, wenn auch eifriger, Tapferkeit. „Als mein Vater Alles gehörig in Vertheidigungsstand gesetzt, und seine Leute mit ihren Feuergewehrcn an den Fenstern aufgestellt hatte, wollte er uns in Sicherheit bringen, (in den Keller, glaub' ich;) aber wir gingen nicht von der Stelle. Obwohl auf den Tod erschreckt, hatte ich doch zu viel von meines Vaters Muth, als daß ich der uns drohenden Gefahr nicht lieber offen ins Auge blicken wollte, statt nur von fern ihre Wuth zu hören, ohne ihre Beschaffenheit und ihre Fortschritte zu kenne». Lucp heftete, bleich wie ein Marmorbild, ihre Blicke auf Hazlewood, und schien ihn kaum zu hören, als er sie bat, wenigstens die Vorderseite des Hauses zu meiden. Allerdings war, so lange die Pforte nicht erstürmt wurde, die Gefahr für uns nur gering; die Fenster waren mit Kiffen und Polstern fast ganz verstopft und auch, was Simson höchlich beklagte, mit Foliobänden, die man eilig aus der Bibliothek gebracht hatte, indem man nur so viel Raum offen ließ, damit die Vertheidiger auf die Angreifenden feuern konnten. „Mein Vater war nun mit seinen Anordnungen zu Stande, und wir saßen in athemloser Erwartung in dem verdunkelten Zimmer, während die Männer alle schweigend auf ihrem Posten blieben, wahrscheinlich ängstlich die nahende Gefahr erwägend. Mein Vater, der in solch einer Scene ganz heimisch war, ging von einem zum andern und wiederholte seine Befehle, daß nämlich keiner eher feuern solle, als bis er das Zeichen dazu gäbe- Hazlewood, welcher Muth aus seinem 93 Auge zu schöpfen schien, machte seinen Adjutanten und entfaltete die größte Gewandtheit, indem er bald hier bald dort war, um die Anordnungen des Befehlshabers zur Ausführung zu bringen. Unsre Macht mochte, mit Einschluß der Fremden, etwa zwölf Mann stark sein. „Endlich wurde das Schweigen dieser fürchterlichen Periode der Ewartung durch ein Geräusch unterbrochen, welches aus der Ferne dem Rauschen eines Stromes glich > als es jedoch näher kam, unterschieden wir das Getrappel einer Anzahl sehr schnell hcranspringendcr Pferde- Ich hatte mir ein Loch zum Durchschauen gemacht, von wo ich den nahenden Feind beobachten konnte- Der Lärm wuchs und kam näher, und endlich sprengten dreißig oder noch mehr Reiter auf einmal auf den Platz vor dem Hause. Noch nie sah ich so schreckliche Räu- bergestchter! Trotz der strengen Kälte waren die meisten halb nackt; sie hatten seidene Tücher um den Kopf gewunden und waren mit Stutzbüchsen, Pistolen und kurzen Säbeln bewaffnet- Nie in meinem Leben war ich, eines Kriegers Tochter und seit meiner Kindheit an den Anblick des Krieges gewöhnt, so erschrocken, als bei dem Anblick dieser fürchterlichen Menschen. Ihre Pferde dampften von dem schnellen Ritte. Ein wüthendes Geschrei erhob sich, als sie sahen, daß ihnen ihre Beute entrissen war- Eine kurze Stille folgte darauf, und als sie die Vorbereitungen zu ihrem Empfange bemerkten, schienen sie Rath zu halten. Endlich kam einer, der das Gesicht mit Pulver geschwärzt hatte, näher, steckte ein weißes Tuch auf seine Büchse, und verlangte mit dem Oberst Man- ncring zu sprechen. Mein Vater öffnete, zu meinem größten Schrecken, ein Fenster, in dessen Nähe er stand, und erkundigte sich nach ihrem Begehren. „Wir begehren unsre Güter, die uns jene Schurken geraubt haben," sagte der Kerl; „und 94 unser Leutnant läßt durch mich sagen, wenn die Güter aus- geliefcrt werden, so wollen wir abziehen und den Schuften nichts zu Leide thun, die sie genommen haben; aber wd nicht, so wollen wir das Haus anzünden, und das Herzblut Aller vergießen, die darin sind" — eine Drohung, die er mehrmals wiederholte, begleitet mit ejner Menge von Bet-euerungen und Flüchen, wie sie die Grausamkeit nur ersinnen mochte. „Und wer ist euer Leutnant?" fragte mein Vater. „Jener Gentleman aus dem Grauschimmel," sagte das Ungeheuer, „der das rothe Tuch um den Kopf trägt-" „Dann seid so gut, dem Gentleman zu sagen, daß, wenn er und die Schurken, die bei ihm sind, nicht im Augenblicke von dem Platze reiten, ich ohne Umstände unter sie feuern werde " So sagend schloß mein Vater das Fenster und brach die Conferenz kurz ab. „Der Kerl war kaum wieder zu seiner Schaar gelangt, als sie mit einem lauten Hurrah, oder vielmehr mit einem kanibalischen Geschrei, gegen unsre Besatzung feuerten. Alle Fensterscheiben flogen klirrend umher, aber die getroffenen Vorsichtsmaßregeln schützten die Besatzung. Drei Ladungen wurden von dem Feinde abgefeuert, ohne daß ein Schuß aus dem Hause fiel. Als nun mein Vater bemerkte, daß die Männer Aepte und Brecheisen zur Hand nahmen, wahrschein lich um die HauSthüre zu erstürmen, rief er laut: „Niemand soll feuern, außer Hazlewood und ich — Hazlcwood, zielen Sie auf den Abgesandten " Er selbst zielte nach dem Mann auf dem Grauschimmel, welcher alsbald fiel. Hazlewood war eben so glücklich. Er traf den Sprecher, welcher abgestiegen war und sich mit einer Art i» der Hand näherte. Der Fall dieser beiden entmuthigte die klebrigen, die schnell zu ihren Pferden eilten; und als noch einigemal auf sie geschossen war, machten sie sich davon und nahmen ihre getödteten oder verwundeten Gefährten mit sich- Wir konnten nicht bemerken, ob sie noch weitern Verlust erlitten. Gleich nach ihrer Flucht erschien zu meiner großen Freude ein Haufen Soldaten, die auf die erste Nachricht von dem vorgefallenen Gefechte herbeigeeilt waren und in die benachbarten Dörfer gelegt wurden- Einige von ihnen geleiteten die erschrockenen Zollbeamten mit den weggenommcnen Gütern zu einem benachbarten Hafen, als einem Orte der Sicherheit, und auf mein dringendes Bitten blieb eine Adtheilung derselben diesen und den folgenden Tag bei uns, um das Haus vor der Rache jener Räuber zu schützen. „Von der Art, theuerste Matilde, war meine erste Beängstigung. Ich darf nicht vergessen, hinzuzufügen , daß die Räuber den Kerl mit dem geschwärzten Gesichte in einer Hütte an der Landstraße zurückließen, wahrscheinlich, weil er nicht weiter sortgeschafft werden konnte. Eine halbe Stunde nachher starb er- Bei der angestcllten Untersuchung hat sich ergeben, daß es ein Landmann aus der Gegend war, ein berüchtigter Schmuggler. Wir empfingen viele Glückwünsche von den benachbarten Familien, und man war allgemein der Meinung, daß wenige Beispiele eines ähnlichen muthigen Widerstandes die Verwegenheit jener Böscwichter dämpfen würden. Mein Vater theilte Belohnungen unter seine Dienstleute aus, und erhob Hazlewoods Muth und Kaltblütigkeit ungemein. Auch Lucy und ich erhielten unser Lob, weil wir uns standhaft bewiesen und ihn nicht durch Geschrei und Widerspruch gestört hätten. Was Simson betrifft, so ergriff mein Vater hier die Gelegenheit, ihn um den Austausch ihrer Tabaksdosen zu bitten. Der gute Mann war sehr erfreut über diesen Antrag und pries die Schönheit seiner neuen Dose höchlich. Sie sähe aus, sagte er, wie achtes Gold aus Ophir. — 96 Zn der That war' es sonderbar, wenn sie nicht so ausgesehen hätte, denn sic war von Gold. Aber, um gerecht gegen den wackern Mann zu sein, ich glaube, er würde, wenn er ihren wirklichen Werth gekannt hätte, meines Vaters Güte nicht dankbarer empfunden haben, als jetzt, wo er sie nur für vergoldet hält. ES hat ihm viele Mühe gekostet, die Folianten, die man zu Bollwerken gebraucht hatte, wieder in Ordnung zu bringen, Brüche und Ohren gleich zu machen und andere, bei der Belagerung verursachte Beschädigungen wieder zu heilen. Er legte uns einige Kugeln vor, die er aus den Büchern gezogen hatte, und wenn mir wohler zu Muthe wäre, so könnt' ich dir eine lustige Beschreibung von seinem Staunen über die Gleichgiltigkeit geben, mit welcher wir von den Wunden und Beschädigungen erzählen hörten, welche Thomas von Aquino und der ehrwürdige Chrpsostomus erlitten hatte. Aber ich bin jetzt nicht in dieser Laune, und habe auch noch einen andern und mehr interessanten Vorfall mitzuthcilen. Ich fühle mich indeß so erschöpft von meiner gegenwärtigen Anstrengung, daß ich die Feder bis morgen ruhen lassen muß. Dennoch will ich diesen Brief noch zurückhalten, damit du nicht etwa Besorgniß empfindest in Bezug auf deine Zulie Mannering." Elftes Kapitel. Hier ist gut sein! — — — Ihr kanntet dieses wackre Werk? König Johann- Julie Mannering an Matilde Marchmont. „Ich nehme den abgebrochenen Faden meiner Erzählung von gestern wieder auf, theuerste Matilde. „Einige Tage sprachen wir von nichts, als von unserer Belagerung und deren wahrscheinlichen Folgen, und suchten meinen Vater zu überreden, nach Edinburg zu gehen, oder zum wenigsten nach Dumsries, wo doch ziemlich gute Gesellschaft ist, bis die Rachcwuth dieser Verbrecher abgekühlt sein würde. Er antwortete mit großer Ruhe, er sei nicht Willens, seines Wirthes Haus und sein Eigenthum der Zerstörung bloszustellen; man habe ihn immer für fähig gehalten, die nöthigen Maßregeln zur Sicherheit und zum Schutze der Scinigen zu nehmen, und er werde ruhig in Woodbourne bleiben, weil er glaube, daß der Empfang, den die Schurken gefunden hätten, sie schwerlich zu einem zweiten Versuche reizen würde; wollte er jedoch Besorgniß verrathen, so würde er gerade dadurch die Gefahr herbeiführen, welche wir fürchteten. Ermuthigt durch seine Gründe und die Gleichgiltigkeit, womit er von der besorgten Gefahr sprach, wurden wir ein wenig kühner und fingen unsre gewöhnlichen Spaziergänge wieder an. Doch Guy Mannering. II. 7 98 mußten die Männer zuweilen ihre Flinten mitnchmen, wenn sie uns begleiteten, und ich bemerkte, daß mein Vater einige Nächte sehr besorgt war, das Haus wohl zu sichern und seinen Dienstleuten befahl, ihre Feuergewehre für den Fall der Nothwendigkeit in Bereitschaft zu halten. „Aber drei Tage später ereignete sich wieder etwas, was mich weit mehr als der Angriff der Schmuggler beunruhigte. »Ich erzählte dir, daß sich ein kleiner See in einiger Entfernung von Woodbourne befindet, wo die Herren zuweilen wildes Geflügel schießen. Ich äußerte beim Frühstücke den Wunsch, den zugefrornen See mit den Schlittschuhläufern und Kräuselspiclern zu sehen. Der beschneite Boden war so fest gefroren und von den Neugierigen, die zu jenen Ergötzlich- keiten hinzogen, so hart getreten, daß Lucy und ich glaubten, uns so weit wagen zu können. Hazlewood bot uns seine Begleitung an und wir machten aus, daß er seine Flinte mitnehmen sollte. Er lachte anfangs über den Gedanken, traf jedoch, um unsre Besorgnisse zu entfernen, die Veranstaltung, daß ein Reitknecht, der auch gelegentlich das Amt eines Wild- wächters versah, uns mit seiner Flinte folgen sollte. Was Oberst Mannering betrifft, so liebt dieser jenes Thun und Treiben der Menschen auf dem Schnee gar nicht, außer wenn es etwa militärische Manöver wären — er lehnte daher die Theilnahme am Spaziergange ab. „Wir brachen ungewöhnlich früh auf; es war ein schöner frischer und heiterer Morgen, der unser Gemüth wie unsre Nerven durch seine reine Wintcrluft ungemein stärkte. Unser Weg zum See war sehr angenehm, oder die Schwierigkeiten waren doch von der Art, daß sie uns belustigten; etwa nur ein schlüpfriger Abhang, ein gefrorner Teich, über welchen wir mußten und der Hazlewoods Beistand durchaus nothwendig 99 machte. Ich glaube nicht, daß diese gelegentlichen Verlegen-, heilen für Lucy den Spaziergang unangenehmer machten. „Der Anblick des See's war außerordentlich schön. Eine Seite desselben wird von einem steilen Felsen begränzt, von welchem tausend ungeheure Eiszacken, in der Sonne schimmernd, herabhingen; auf der andern Seite war ein kleiner Fichtenwald, dessen dunkle Wipfel mit Schnee beladen waren. Auf der gcfrornen Fläche des See's bewegten sich zahllose Gestalten; Einige flogen schnell wie Schwalben, Andere bewegten sich anmuthig im Kreise, und wieder Andere nahmen eifrigen Antheil an einem minder lebendigen Zeitvertreibe, wo die Einwohner der benachbarten Dörfer um den Preis im Kräuselspielen stritten. Die Besorgniß, welche Spieler und Zuschauer ousdrückten, verrieth, daß man der Ehre des Sieges große Wichtigkeit beilegte- Wir gingen rings um den See, während uns beide Hazlewood, um uns zu unterstützen, am Arm führte. Der gute Zunge schwatzte so artig mit Jung und Alt und schien sehr beliebt unter der versammelten Volksmenge. Endlich dachten wir an die Heimkehr. „Warum erwähn' ich alle diese Einzelheiten? — nicht, der Himmel weiß es, weil ich sie jetzt für anziehend halte — aber weil ich, gleich einem Ertrinkenden, der einen dünnen Zweig ergreift, alles benutze, um den nachfolgenden, schrecklichen Theil meiner Erzählung aufzuschieben. Aber ich muß Alles mittheilen — ich muß in diesem herzzerreißenden Unglück wenigstens eines Freundes Mitgefühl erwecken. „Wir kehrten auf einem Fußpfade heim, welcher durch einen jungen Föhrenwald führte- Lucy hatte Hazlewoods Arm verlassen, denn nur wenn es die Nothwendigkeit durchaus verlangt, nimmt sie seinen Beistand an. Ich stützte mich noch auf seinen andern Arm. Lucy ging dicht hinter uns und der 100 ,Reitknecht blieb ungefähr drei Schritte zurück. Jetzt bog sich der Pfad; da stand plötzlich, als wäre er aus dem Boden gestiegen, Brown vor uns. Er war sehr einfach, ja grob gekleidet, und es war in seinem ganzen Wesen etwas Wildes und Unruhiges. Ich schrie laut, halb überrascht, halb erschrocken. Hazlewood mißdeutete die Regung, die ich verrieth, und da Brown sich mir näherte, als ob er mit mir hätte sprechen wollen, rief ihm jener herrisch zu, er solle zurücktreten und mich nicht beunruhigen. Brown antwortete eben so stolz, er habe nicht nöthig, von ihm Belehrung zu empfangen, wie er sich gegen Frauen zu betragen habe. Ich glaubte wirklich, daß Hazlewood, der den vorgefaßten Gedanken hatte, der Unbekannte gehöre zu den Schmugglern und hege böse Absichten, ihn nicht ganz verstand. Er nahm dem Reitknechte, der in diesem Augenblicke an unsrer Seite war, ungestüm das Gewehr ab, und auf Brown anlegend, befahl er diesem nochmals, sich zu entfernen. Ich stieß einen Schrei des Entsetzens aus, der das unselige Ereigniß nur beschleunigte. Als Brown sich so bedroht sah, sprang er auf Hazlewood zu, rang mit ihm und hätte ihm beinah' das Gewehr entwunden, da ging der Schuß im Kampfe los und fuhr in Hazlewoods Schulter. Der Verwundete sank auf der Stelle nieder. Ich sah nichts mehr und schwankte ohnmächtig zurück. Wie Lucy mir nachher erzählt hat, blickte der unglückliche Thäter einen Augenblick auf das entsetzliche Schauspiel, bis ihr Angstgeschrei die Leute auf dem See in Bewegung brachte, von denen einige herbeieilten. Brown sprang über eine Hecke, welche den Fußpfad von dem Gehölze trennte, und seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört. Der Reitknecht versuchte nicht, den Thäter aufzuhalten oder ihn zu ergreifen, und was er den Leuten erzählte, die zu uns kamen, bewog diese eher, mich 101 in's Leben zu rufen, als den Flüchtling zu verfolgen, der nach des Knechtes Beschreibung ein Mann von furchtbarer Stärke und vollständig bewaffnet war. „Hazlewood ward nach Hause, das heißt nach Woodbourne, in Sicherheit gebracht — ich hoffe, feine Wunde sei durchaus nicht gefährlich, obwohl er sehr leide. Aber für Brown müssen die Folgen sehr unglücklich sein. Er ist ohnehin schon ein Ge- gegenstand der Erbitterung meines Vaters, und größere Gefahr drohen ihm nun die Verfolgungen der Gerechtigkeit und die Rache des alten Hazlewood, der Alles in Bewegung setzen will, den Thäter zu entdecken. Wie wird es ihm möglich sein, der rachgierigen Thätigkeit seiner Verfolger zu entfliehen! Wie wird er sich, wenn er gefangen wird, gegen die Strenge des Gesetzes vertheidigen können, die, wie ich höre, sein Leben in Gefahr bringen könnte? und wie kann ich Mittel finden, ihn vor der Gefahr zu warnen? Der armen Lucy schlecht verhehlter Gram über die Wunde ihres Geliebten ist ein zweiter Quell der Betrübniß für mich, und alles, was mich umgibt, zeugt so gegen die Unbesonnenheit, welche dieses Unglück veranlaßte. „Zwei Tage lang war ich wirklich recht krank Die Nachricht, daß Hazlewood sich erhole und daß man die Person, die ihn geschossen hatte, nirgends entdecken könne, daß man überhaupt nur wisse, sie sei von der Schmugglerbande — dies lieh mir einigen Trost. Da der Verdacht und die Verfolgung gegen jene Leute gerichtet ist, wird Brown um so leichter entfliehen können, und ich hoffe, er befindet sich bereits in Sicherheit. Aber Soldaten zu Pferd und zu Fuß durchstreifen die Gegend in allen Richtungen und ich werde durch tausend verworrene und unbestimmte Gerüchte von Verhaftungen und Entdeckungen zu Tode gemartert. 102 „Unterdessen gewährt mir den größten Trost Hazlewoods edelmülhige Aufrichtigkeit, welcher bei der Erklärung beharrt, daß die Flinte während des Kampfes durch Zufall losgegangen sei, was auch immer die Absicht des Unbekannten, der ihn verwundete, gewesen sein möge. Der Reitknecht hingegen behauptet, das Gewehr sei aus Hazlewoods Händen gewunden und mit Vorsatz gegen denselben gerichtet worden. Lucy neigt sich auch zu dieser Meinung. Ich glaube nicht, daß beide absichtlich übertreiben, — aber so trüglich ist nun einmal menschliches Zeugniß! Gewiß, der unglückliche Schuß geschah ohne alle Absicht. Vielleicht würde es am besten sein, wenn ich Hazlewood das ganze Geheimniß anvertraute; aber er ist noch so jung, und ich fühle die größte Abneigung, ihm meine Thorhcit zu entdecken. Neulich wollte ich Lucy das Geheimniß enthüllen und fragte sie, ob sie sich der Gestalt und der Gesichtszüge des Mannes entsinne, der uns unglücklicherweise in den Weg gekommen sei; aber sie machte eine so gräßliche Beschreibung von dem Strauchdiebe, daß ich allen Muth und alle Lust verlor, meine Zuneigung zu ihm zu gestehen. In der That, Lucy hat sich von ihrer vorgefaßten Meinung sonderbar verblenden lassen: es gibt wohl wenig schönere Männer, als der arme Brown. Ich hatte ihn seit langer Zeit nicht gesehn; aber selbst bei seiner seltsamen, plötzlichen Erscheinung, und trotz seines sehr unvorthcilhaften Anzuges, habe ich doch bemerkt, daß seine Gestalt anmuthiger geworden ist und daß seine Züge einen ediern Ausdruck gewonnen haben. Werde ich ihm je wieder begegnen? Wer kann diese Frage beantworten? — Schreibe mir freundlich, meine theuerste Ma- tilde! — wann hast du es je anders gethan? — aber ich wiederhole, schreibe mir bald und schreibe mir freundlich. Ich bin nicht in der Lage, Rath oder Vorwürfe benutzen zu können, und habe nicht frohen Muth genug, sie durch Scherze abweh- rcn zu können. Ich bin erschrocken wie ein Kind, das im gedankenlosen Spiele irgend eine mächtige Maschine in Bewegung gesetzt hat, und während cS die rollenden Räder, die rasselnden Ketten sieht, über die furchtbare Kraft erstaunt ist, welche seine schwachen Hände in Thätigkeit setzten, und zugleich vor den Folgen zittert, die es nun erwarten muß, ohne sie abwenden zu können. „Ich will nicht vergessen, zu bemerken, daß mein Vater sehr freundlich und zärtlich ist. Die Angst, die ich zu ertragen hatte, ist eine hinlängliche Entschuldigung für meine Nervenschwäche. Meine Hoffnung ist, Brown habe in England, oder in Irland, oder auch wohl auf der Insel Man eine Zuflucht gefunden. In beiden Fällen kann er den Ausgang der Krankheit des Verwundeten in Sicherheit und Geduld erwarten, da die Verbindung jener Länder mit Schottland in Hinsicht auf die Gerechtigkeit (dem Himmel sei Dank!) nicht eben sehr innig ist. Die Folgen seiner Verhaftung würden noch bis diesen Augenblick schrecklich sein- Ich bemühe mich, mein Gemüth durch allerlei Gründe gegen die Möglichkeit eines solchen Unglücks zu stärken. Ach! wie bald sind Kummer und Furcht, eben so wirklich als streng, auf die gleichmäßige und ruhige Lebensweise gefolgt, die ich noch neulich zu tadeln so sehr geneigt war! Aber ich will dich nicht länger mit meinen Klagen belästigen. Adieu, theuerste Matildc! „Julie Mannering." Zwölftes Kapitel. Ei» Mensch kann sehen wie diese Welt bestellt ist auch ohne Auge». — Sieh mit deinen Ohren: Schau, wie jener Richter jenen einfältigen Dieb schmäht. Nu» höre wohl — wechsele die Plätze; und, wie einer die Hand umdreht, wer ist der Richter, wer ist der Dieb? König Lear. Zu denen, welche den eifrigsten Antheil an den Bemühungen nahmen, um die Person zu entdecken, welche den jungen Charles Hazlewood angefallen und verwundet hatte, gehörte Gilbert Glossin, Esquire, früher Schreiber in — —, jetzt Laird von Ellangowan und einer von den würdigen Friedensrichtern der Grafschaft-. Seine Beweggründe zu solcher Anstrengung bei dieser Gelegenheit waren manchfach; aber wir setzen voraus, daß unsre Leser, nach dem was sie bereits von diesem Gentleman wissen, schwerlich an eine eifrige Liebe zur Gerechtigkeit bei ihm denken werden. Die Wahrheit war, daß sich dieser würdige Mann gar nicht so behaglich fand, als er erwartet hatte, nachdem ihn seine Schliche in Besitz des Gutes Ellangowan gesetzt hatten. Die Betrachtungen, die er in seinen vier Pfählen anstellte, wo ihn so mancherlei an alte Zeiten erinnerte, waren nicht immer die selbstgenügsamen Glückwünsche einer gelungenen List. Wenn er um sich blickte, bemerkte er nicht ohne Empfindlichkeit, daß ihn die Landedelleute mieden, zu welchen er sich erhoben zu 105 haben glaubte. Er war von ihren gesellschaftlichen Kreisen ausgeschlossen, bei öffentlichen Zusammenkünften war man ihm entgegen und sah ihn mit Kälte und Verachtung an. Grundsätze und Vorurtheile vereinigten sich, diese Abneigung zu erwecken, denn die Landedelleute verachteten ihn wegen seiner geringen Herkunft und haßten ihn wegen der Mittel, durch welche er sein Vermögen erworben hatte. Bei der untern Volküklasse stand er in einem weit schlimmer» Rufe. Man wollte ihm weder von seiner Herrschaft den Namen Ellango- wan geben, noch ihn Mr. Glossin nennen; — er hieß schlechtweg Glossin, und seine Eitelkeit hielt so viel auf diese Kleinigkeit, daß er einst einem Bettler eine halbe Krone gab, weil ihn diestr, der um einen Penny bat, dabei dreimal Ellangowan genannt hatte. Er empfand diesen Mangel öffentlicher Achtung noch tiefer, wenn er sah, wie sehr Mac-Morlan, bei weit geringer» Vermögensumständen, von Reichen und Armen geliebt und geachtet wurde, und wie er langsam aber sicher den Grund zu eimm anständigen Vermögen legte, indem er zugleich das Wohlvollen und die Achtung Aller, die ihn kannten, behauptete. Während sich Glossin im Innern über das ärgerte, was er nur tie Vorurtheile des Landes nannte, war er doch zu klug, um sch offen zu beklagen. Er fühlte es wohl, daß seine Er- hebuag zu neu war, um vergessen zu werden, und daß die Mit.el, wodurch er sie erlangt hatte, zu gehässig waren, als das man sie ihm halte vergeben können. Die Zeit jedoch, däste er, vermindert Wunder und verhüllt Vergebungen. Gevandt, wie einer sein muß, der durch Erforschung der schvachen Seiten der Menschen sein Glück gemacht hat, nahm er sich vor, jede Gelegenheit zu ergreifen, sich sogar denjeni- ger nützlich zu machen, die ihn am wenigsten leiden konnten. Er rechnete auf seine Geschicklichkeit, auf die Streitsucht der 106 Landcdelleute, welchen der Rath eines schlauen Rechtsgclehrtcn oft unschätzbar sein mußte, und auf tausend andere Umstände, die er mit Geduld und Klugheit zu seinem Vortbeil benutzen zu können hoffte, und die ihn, wie er glaubte, bei seinen Nachbarn bald in ein günstigeres Licht setzen und vielleicht zu der Würde erheben konnten, die einem schlauen und gewandten Geschäftsmanne oft zu Theil wird, wenn derselbe unter einer Gemeinschaft von Landedelleuten das wird, was bei Burns heißt „Die Zunge der Trompete Aller." Der Angriff auf Oberst Manncring's Haus und die Verwundung Hazlewood's, schienen Glosstn eine günstige Gelegenheit, der ganzen Gegend zu beweisen, welche wichtigen Dienste ein thätiger Beamter leisten könne, der mit den Gesetze» ebenso bekannt sei, als mit den Gängen und Gewohnheiten der Schmuggler. Die Erfahrung der letztem Art hatte er sich durch frühere vertraute Verbindung mit einigen verwegenen Schleichhändlern erworben, deren Theilnehmer oder Rathgeber er gewest» war. Da jedoch dieser Verkehr seit vielen Jahren nicht mehr lestand, und jene Menschen ihr gefährliches Gewerbe selten la»ge zu treiben vermochten, oder doch häufig von einem Scharplatze verdrängt wurden, so hatte er nicht die geringste Besorgniß, durch seine Nachforschungen alte Freunde, die Vergeltung aus- übcn konnten, in Verlegenheit zu setzen. Es mußte ihn viel daran liegen, Manncring's Gunst und Achtung zu erwerben, aber noch wichtiger war ihm die Gewogenheit des alten Hazle- wood, der großen Anhang in der Grafschaft hatte; und wenn es ihm gelang, die Schuldigen zu entdecken und der Strafe zu überliefern, so hatte er überdies die Genugthurng, Mac-Morlan zu demüthigen und gewissermaßen auszusteäen, dem, als Untersheriff der Grafschaft, diese Art der Nachor- schung eigentlich zukam, und der in der öffentlichen Meimng 107 gewiß bedeutend sinken mußte, wenn die freiwilligen Bemühungen Glossin's glücklicher als seine eigenen waren. Von solchen Beweggründen angetrieben und mit den nö- thigen Hilfsmitteln wohl vertraut, setzte Glossin Alles in Bewegung, um einige von der Bande, welche Woodbourne angegriffen hatten, und vorzüglich denjenigen, der Hazlewood verwundet hatte, zu entdecken und zu ergreifen. Er verhieß hohe Belohnungen, gab verschiedene Anschläge an die Hand und benutzte seinen Einfluß auf alte Bekannte, die den verbotenen Handel begünstigten, indem er ihnen vorstellte, daß es besser für sie sei, einige unbedeutende Menschen aufzuopfern, als den gehässigen Vorwurf einer Theilnahme an einer so empörenden That auf sich zu laden. Alle seine Bemühungen waren anfangs fruchtlos. Das gemeine Volk begünstigte oder fürchtete die Schleichhändler zu sehr, als daß cs Zeugniß gegen dieselben hätte oblegen mögen. Endlich erhielt der geschäftigte Beamte die Nachricht, daß ein Mann, der demjenigen, von welchem Hazlewood angefallen worden, nach der Beschreibung ganz ähnlich gewesen sei, am vorhergehenden Abend im Gasthofe zu Kippletringan gewohnt habe. Dorthin ging Mr. Glossin sogleich, um unsre alte Bekannte, MrS. Mac-Candlish, zu befragen. Der Leser wird sich erinnern, daß Mr. Glossin, nach der Redensart dieser guten Frau, nicht hoch bei ihr angeschrieben stand. Sie folgte ihm daher auf seinen Ruf langsam und widerstrebend nach der Stube und begrüßte ihn hier beim Eintritte so kalt als möglich. Darauf entspann sich folgendes Zwiegespräch: „Ein schöner frischer Morgen, Mrs. Mac-Candlish." „Ja, Sir; der Morgen ist gut genug," antwortete die Wirthin trocken. „MrS. Mac-Candlish, ich möchte gern wissen, ob die Richter noch wie gewöhnlich nach der Dienstagsitzung hier speisen?" 108 »Ich glaube — ich denke, 'S ist so — wie gewöhnlich" — (im Begriff, das Gemach zu verlassen.) „Weilt einen Augenblick, Mrs. Mac-Candlish — ei, Ihr habt ja ungeheure Eile, liebe Freundin? — ich dächte, ein Mittagsclubb hier, einmal in jedem Monat, war' eine recht hübsche Sache." „Gewiß, Sir; ein Clubb von achtbaren Herrn" „Freilich, freilich," sagte Glosstn; „ich meine Landeigen- thümer und Herren von Gewicht in der Grafschaft; ich hätte wohl Lust, so etwas zu Stande zu bringen." Der kurze trockene Husten, mit dem Mrs. Mac-Candlish diesen Vorschlag aufnabm, zeigte keineswegs Mißfallen über einen derartigen Antrag im Allgemeinen an, drückte aber doch einen Zweifel aus. ob die Sache unter den iluspicien des Herrn, der sie vorschlug, auch glücklichen Fortgang haben könnte. Es war kein verneinender Husten, aber ein zweifelvoller, und dies fühlte Glosstn recht wohl; aber es war nicht an ihm, sich empfindlich zu zeigen. „Ist guter Verkehr auf der Landstraße gewesen, Mrs. Mac- Candlish? ohne Zweifel viel Einkehr hier?" „O, so ziemlich, Sir, — aber ich glaube, man wird mich am Schenktisch vermissen." »Nein, nein; weilt einen Augenblick, Ihr könnt doch wohl einem alte» Kunden gefällig sein? — Bitte, entsinnt Ihr Euch eines vorzüglich hech gewachsenen jungen Mannes, der in voriger Woche eine Nacht in Eurem Hause wohnte?" „Ach, Sir, das wird schwer sein, zu sagen — ich sehe nie darauf, ob meine Gäste lang oder kurz sind, wenn sie nur eine lange Rechnung machen." „Und thun sie cs nicht, so könnt Ihr das für sie thun, nicht wahr, Mrs. Mac-Candlish? — Ha ha ha! — Ader der junge Mann, nach dem ich frage, war sechs Fuß hoch, trug I«9 einen dunkeln Rock mit Metallknöpfen, hatte lichtbraunes, un- gepudertes Haar, blaue Augen, gerade Nase, reifete zu Fuß, hatte weder Diener, noch Gepäck — Gewiß erinnert Ihr Euch, einen solchen Reisenden gcsehn zu haben?" „Wirklich, Herr," antwortete Mrs. Mac-Candlis-, ich kann mein Gedächtniß nicht mit dergleichen Dingen belästigen — in diesem Hause gibt es wahrhaftig mehr zu thun, als nach dem Haar, der Nase und den Augen der Fremden zu sehn." „Dann, Mrs. Mac-Candlish, muß ich Euch in schlichten Worten sagen, daß sich diese Person eines Verbrechens verdächtig gemacht hat; und nur in Folge dieses Verdachts ziehe ich, als Magistratsperson, Erkundigung bei Euch ein, —weigert Ihr Euch, meine Fragen zu beantworten, so wird cs zum Eide kommen müssen." „Aber, Sir, ich darf nicht schwören ") — wir pflegen ru der Antiburgher Versammlung zu gehen — 's ist wahr, zu Bailie Mac-Candlish's Lebzeiten (Gott Hab' ihn selig,) gingen wir zum Presbpterianer — aber nachdem er zu einem bessern Platz, als Kippletnngan, gerufen ward, bin ich wieder zum würdigen Mr. Mac-Grainer gegangen. Und so seht Ihr, Sir, ich kann nicht schwören, ohne den Geistlichen zu fragen — vorzüglich da es einen so armen jungen Menschen betrifft, der fremd und freundlos durch das Land geht." „Ich werde vielleicht Eure Skrupel beseitigen, ohne Mr- Mac-Grainer zu belästigen, wenn ich Euch sage, daß der Kerl, nach dem ich forsche, derselbe Mensch ist, welcher unfern jungen Freund Charles Hazlewod schoß." „Guter Gott! wer hätte so etwas von ihm denken können? — nein, wenn es wegen Schulden wäre, oder wegen Händeln «) Einige der strengen"Dissenters weigern sich, vor einer weltlichen Obrigkeit einen Eid gbj»lege». mit dem Zöllnervolk, da sollte kein Teufel Nelly Mac CandlishS Zunge zum Sprechen gegen ihn gezwungen haben. Aber wenn er wirklich den jungen Charles Hazlewood schoß — doch ich kann es nicht glauben, Mr. Glosstu; das wird wohl nur ein Scherz sein — ich kann es von einem so hübschen Burschen nicht glauben; — nein, nein, 's ist einer von Euren alten Späßen. — Ihr wollt nur einen Vorwand haben, um ihm auf die Spur zu kommen." „Ich sehe, Ihr habt kein Vertrauen zu mir, Mrs. Mac- Candlish; aber lest diese Erklärungen, unterzeichnet von Personen, die Zeugen des Verbrechens waren, und urtheilt selbst, ob die Beschreibung jenes Schurken auf Euren Gast paßt." Er gab ihr die Papiere in die Hand, und sie las dieselben sorgfältig durch, während sie häufig ihre Brille abnahm, um einen Blick gen Himmel zu werfen oder auch wohl um eine Thräne abzutrocknen, denn der junge Hazlewood war ein besonderer Günstling der guten Dame. „Ja, ja," sagte sie, nach- dem sie ihre Prüfung beendigt hatte, „wenn es so ist, so geb' ich ihn auf, den Schurken — doch ach, irren ist menschlich; nimmer sah ich ein besseres Gesicht, oder einen Hübschern, statt- lichcrn Burschen. — Ich hielt ihn für einen Gentleman, der sich in einerVerlegenheit befände. — Aber ich geb' ihn auf, den Schurken! — Charles Hazlewood zu schießen — und in Gegen wart der jungen Ladies, die armen unschuldigen Wesen! — Ich geb' ihn auf!" „So gebt Ihr also zu, daß die Nacht vor der schlechten That eine solche Person hier wohnte?" „Allerdings, Sir, und das ganze Haus halt' ihn gern, er war ein so offener, unterhaltender junger Mann. Nicht etwa weil er freigebig gewesen wäre, denn er hatte nichts als einen Hammelschnitt und einen Krug Ale, und ein oder zwei Glas Wein — und ich bat ihn noch, den Thee mit mir selber zu trinken, und Hab' ihn nicht auf die Rechnung gesetzt; Abend- 111 essen nahm er gar nicht, denn er sagte, er wäre die ganze vorige Nacht hindurch gereist; nun, wer weiß, wo er sich da umhergetrieben haben mag." „Hörtet Ihr vielleicht zufällig seinen Namen?" „Ja wohl that ich das," sagte die Wirthin, die nun eben so eifrig war, Mittheilung zu machen, als sie zuvor verschlossen gewesen. „Er sagte mir, sein Name sei Brown, und er berichtete auch, es sei möglich, daß ein altes Weib, eine Art von Zigeunerin, nach ihm fragen würde — ja, ja! sagt mir eure Gesellschaft, und ich sag' euch, wer ihr seid. O, der Schurke! — Nun gut, Sir, als er am Morgen wegging, zahlte er seine Rechnung ganz ehrlich und gab auch der Hausmagd etwas, — ganz gewiß, denn Grizy" — hier fand Glossin für nöthig, das gute Weib zu unterbrechen und wieder auf die Hauptsache zurückzuführen- „Ferner sagte er, wenn eine solche Person kommt und nach Mr. Brown fragt, so sagt nur, ich sei auf den Crecran- see gegangen, um die Schlittschuhläufer zu sehn, und ich würde zum Mittag zurück sein. — Aber er ließ sich nicht wieder sehen — und doch wartete ich so zuversichtlich auf ihn und hatte ihm ein Paar junge Hühner zugerichtet, was ich nicht für jeden gemeinen Mann thun würde, Mr. Glossin — Aber mir ahnte nicht, zu welchem Schlittschuhlauf er gehn wollte — Mr. Hazlewoov, das unschuldige Lamm, zu schießen!" Nachdem Mr. Glossin, als ein kluger Examinator, seiner Zeugin Zeit gelassen hatte, um ihrem Erstaunen und ihrem Unwillen gehörig Luft zu machen, begann er nun zu forschen, ob die verdächtige Person nicht Gepäck oder Papiere im WirthS- hauS zurückgelaffen hätte. „Freilich, er hat mir ein Päckchen, ein ganz kleines Päckchen aufzuheben gegeben; deßgleichen etwas Geld, um ihm ein halb 112 Dutzend Hemden zu besorgen, die ich nun schon in Arbeit gegeben habe — mag er zum Galgen drin fahren, der Schuft!" Alsbald verlangte Mr. Glossin das Packet zu sehn, aber hier machte unsre Wirthin eine bedenkliche Miene. „Sie wisse nicht — sie wolle nicht sagen, daß die Gerechtigkeit nicht ihren Lauf haben solle — aber wenn ihr Jemand etwas anvertraut habe, so sei sie denn doch verantwortlich dafür — aber sie wolle den Almosenpfleger Bearcliff rufen, und wenn Mr. Glossin ein Verzeichniß der Sachen aufsetzen und ihr in Bear- cliffs Gegenwart einen Empfangfchein geben wolle — oder, noch besser, wenn alles versiegelt und in Bearcliffü Hände niedergelegt würde, so wolle sie beruhigt über die Sache sein — wie es auch wäre, sie wolle der Gerechtigkeit nicht in den Weg treten." Da Mrs. Mac-Candlish'S natürlicher Scharfsinn und ihr Argwohn unbeugsam waren, so schickte Glossin nach dem Almosenpfleger Bearcliff, um ein Wort mit ihm „in Betreff des Schurken, der Mr. Charles Hazlewood geschossen", zu sprechen- Bearcliff erschien alsbald, und zwar so eilig, daß er sich nicht Zeit genommen hatte, die kleine Stutzperücke gerade zu setzen, die er mit der Ladenmütze vertauscht hatte, mit welcher er seinen Kunden gewöhnlich aufwartete. Mrs- Mac- Candlish brachte nun das Päckchen Herbei, welches ihr Brown gegeben hatte, und man fand darin den Beutel der Zigeunerin. Als die Wirthin den Werth des manchfachen Inhalts bemerkte, freute sie sich doppelt ihrer Vorsicht, die sie angewandt hatte, ehe sie die Sache Glossin übergeben; Glossin aber that nnt dem Anscheine uneigennütziger Aufrichtigkeit nun selbst den Vorschlag, die Habe des verdächtigen Fremden, nach genauer Auszeichnung, einstweilen der Obhut Bearcliffs zu übergeben, bis dieselbe an die höhere Behörde gesandt werden könnte. „Er möchte," bemerkte er, „nicht gern persönlich für Gegenstände lI3 verantwortlich sein, die von so beträchtlichem Werthe schienen und zweifelsohne auf verbrecherische Weise erworben wären." Sodann untersuchte er das Papier, worein der Beutel gewickelt gewesen war. Es war die Rückseite eines Briefes, mit der Adresse, an V. Brown, Esquire; aber das Uebrige dieser Adresse war weggerissen. — Die Wirthin — jetzt ebenso begierig, Licht auf die Spur des entflohenen Verbrechers zu werfen, als fie dieselbe vorher zu verheimlichen wünschte, denn der manchfache Inhalt des Beutels deutete an, daß nicht alles richtig sein könne, — Mrs. Mac-Candlish, sag' ich, gab nun Mr. Glossin zu verstehen, daß ihr Postillon und Knecht beide den Fremden an jenem Tage auf dem Eise gesehn hätten, als der junge Hazlewood verwundet worden war. Der alte Bekannte unserer Leser, Jock JaboS, ward zuerst vernommen, und gestand offen, daß er auf dem Eise einen Fremden am nämlichen Morgen gesehn und gesprochen habe, der, wie er wüßte, am Abend zuvor im Wirthshause gewohnt hatte. „Um was drehte sich eure Unterhaltung?" fragte Glossin. „Drehte? — wir drehten uns gar nicht, wir gingen immer gradaus auf dem Eise." „Gut, aber wovon spracht ihr?" „Nun, er fragte mich so, wie jeder Fremde fragt," sagte der Postillon, der, wie es schien, jetzt von demselben widerspenstigen und verschlossenen Geiste besessen war, welcher seine Gebieterin verlassen hatte. „Aber worüber?" fragte Glossin. „Nun, über die Leute, die dort ihr Spiel trieben, über den alten Jock Stevenson, der dabei war, und über die Damen und dergleichen." „Welche Damen? und was fragte er über dieselben, Jock?" sagte der Forscher. Guy Mamiermg. II. 8 „Welche Damen? Nun, es war Miß Julie Mannering uni» Miß Lucy Bertram, die Ihr ja selber kennt, Mr- Glossin, — sie spazierten mit dem jungen Land vonHazlewood auf dem Eise." „Und was sagtet Ihr ihm über dieselben?" forschte Glossin. „Nun, daß Miß Lucy Bertram von Ellangowan ein großes Vermögen im Lande gehabt hätte, und daß Miß Julie Mannering den jungen Hazlewood heirathen sollte —sie hing ihm eben am Arme — Wir sprachen so noch über mancherlei und ähnliches — er war ein recht offener Mann." „Gut, und was gab er denn zur Antwort?" «Nun, er guckte starr nach den jungen Damen und fragte, ob es gewiß sei mit der Heirath zwischen Miß Mannering und dem jungen Hazlewood; ich antwortete ihm, daß dies unumstößlich gewiß sei, und das könnt' ich auch wohl mit Recht behaupten — denn meine Muhme, Hannchen Clavers, (sie ist eine Verwandtin von Eurer Muhme, Mr. Glossin, Ihr müßt sie ja kennen,) die ist gut bekannt mit der Haushälterin in Wood- bourne, und sie hat mir mehr als einmal gesagt, daß nichts so gewiß sein könnte, als jene Sache." „Und was sagte der Fremde, als Ihr ihm das alles erzähltet?" sprach Glossin. „Sagte?" wiederholte der Postillon, „er sagte gar nichts dazu — er starrte ihnen nur nach, während sie rings um den See auf dem Eise gingen, als hält' er sie verschlingen wollen, und er wandte kein Auge von ihnen und sprach kein Wort mehr, achtete auch nicht weiter auf das Spiel, obwohl man kein schöneres Kräuselspiel sehen konnte- Und er wandte den Rücken, ging vom See weg, auf dem Kirchenwege nach dem Föhrenwalde von Woodbourne, und wir haben nichts mehr von ihm geschn." „Aber denkt nur," sagte Mrs- Mac-Candlish, „welch' Harles Herz er haben mußte, daß er den armen jungen Herrn 115 verwunden konnte, und das in Gegenwart der Dame, die er heirathen will!" »O, Mrs. Mac-Candlish," sagte Glossin, „dergleichen Beispiele finden sich mehr — wahrscheinlich suchte er die Rache da, wo fie am tiefsten und süßesten wäre." „Gott erbarme sich!" sagte Bearcliff, „wir find arme, gebrechliche Geschöpfe, wo wir uns selber überlassen find! — ja, er vergaß, was gesagt ist: die Rache ist mein und ich will vergelten." „Jawohl, jawohl, ihr Herrn," sagte Jabos, dessen hartköpfige und uncultivirte Schlauheit zuweit das Wild aufzutreiben schien, wo andre auf den Busch schlagen — „ja, ja, ihr könnt euch doch wohl irren — ich mag nimmermehr glauben, daß ein Mensch sich vornimmt, den andern mit dessen eigner Flinte zu erschießen. Seht, ich war Gehilfe des Försters unten bei der Insel, und ich wette drauf, der stärkste Mann in ganz Schottland soll mir die Flinte nicht wegnehmen, eh' ich ihm nicht zuvor die Kugel durch den Leib gejagt habe, wiewohl ich nur ein schwaches Kerlchen bin, und zu nichts tauge, als auf einem Kutschbocke zu fitzen — nein, nein, kein lebendiger Mensch sollte das wagen. Ich wollte meine besten Bocksledernen dran wetten, die ich erst neu beim Kirkcudbright-Jahrmarkt gekauft habe: es ist gewiß blos ein Zufall gewesen. Aber wenn Ihr mir nichts weiter zu sagen habt, so will ich lieber gehn und meine Pferde füttern" — und somit ging er hinweg. Der Hausknecht, der ihn begleitet hatte, that die nämliche Aussage. Er und MrS. Mac-Candlish wurden dann noch einmal befragt, ob Brown an dem unseligen Morgen keine Waffen bei sich getragen habe. „Keine," sagten fie, „außer einen gewöhnlichen kurzen Säbel oder Hirschfänger an der Seite " „Nun," sagte Bearcliff, indem er Glosfin's Rockknopf faßte, 8 * (denn bei Betrachtung dieser verwickelten Angelegenheit hatte er Glosfin's neue Rangerhöhung ganz vergessen) — dies sieht noch merkwürdiger aus, Mr. Gilbert: denn es ist doch gar nicht wahrscheinlich, daß einer mit so geringen Mitteln einen Kampf anfangcn sollte." Glossin machte seinen Knopf von Bearcliff's Hand los, und ebenso entzog er sich, wiewohl nicht mit Unfreundlichkeit, jener Erörterung; denn es lag jetzt in seinem Interesse, bei allen Leuten in guter Meinung zu stehen. Er fragte nach den Preisen von Thee und Zucker, und deutete an, daß er seinen Jah- reöbedarf einkaufen wolle; er bestellte bei Mrs. Mac-Candlish ein gutes Gastmahl für eine Gesellschaft von fünf Freunden, die er nächste Woche zum Mittagessen in dem Wirthshanse ein- laden wollte; und schließlich gab er noch dem Jock Jabos eine halbe Krone, der statt des Hausknechts sein Pferd gehalten hatte- „Nun," sagte Bearcliff zu Mrs. Mac-Candlish, als diese ihm am Schenktisch ein Gläschen Bitteres gab, „der Teufel ist nicht so böse, wie man denkt. Es ist erfreulich, wenn ein Herr den Angelegenheiten der Grafschaft solche Aufmerksamkeit schenkt, wie Mr. Glossin." „Ganz gewiß, Mr. Bearcliff," antwortete die Wirthin; „und doch wundert es mich, daß unsre Edelleute ihre Angelegenheiten Seinesgleichen überlassen. — Aber freilich, Bearcliff, so lange das Geld gangbar ist, dürfen die Leute nicht so genau auf ein Ding sehen, worauf des Königs Kopf steht." „Ich denke, Glossin wird nur Unehre bei der Sache ein- legen, Mistreß," sagte Jabos, als er neben dem Schenktische vorüber ging; „aber das hier ist denn doch eine gute halbe Krone " Dreizehntes Kapitel. Ein Mann, der de» Tod für nichts schrecklicheres »»sieht, als den Schlaf eines Trnnkenen; sorglos, furchtlos, so in Bezug auf das Vergangene, wie auf das Gegenwärtige und Künftige. Maaß für Maaß. Glossin hatte sich Alles sorgfältig aufgemerkt, was er durch jene Nachforschungen erfahren hatte. Es war dadurch für ihn freilich wenig Licht auf die ganze Angelegenheit geworfen worden, aber derbesser unterrichtete Leser ist mittelst jener Untersuchungen von Browns Verfahren unterrichtet worden, von dem Augenblicke, wo er nach Kippletringan ging, bis zu der Zeit, wo er, von Eifersucht gepeinigt, so rasch und unbedacht vor Julie Mannering trat, und dem Zwist, der sein Erscheinen fast zu einem unglücklichen Schluffe führte. Glosstn ritt langsam zurück nach Ellangowan, erwägend, was er gehört hatte; und mehr und mehr kam er zu derUeber- zeugung, daß er eine günstige Gelegenheit haben werde, sich bei Hazlewood und Mannering in Gunst zu setzen, wenn eS ihm glücken sollte, die geheimnißvolle Geschichte aufzuklären. Er glaubte vielleicht auch, daß er, um nicht den Ruf eines scharfsinnigen Beamten auf's Spiel zu setzen, alles aufbieten müsse, um einen glücklichen Erfolg herbeizuführen. Als er von Kippletringan nach seiner Wohnung zurückkam, hörte er daher mit 118 großer Freude die Dienstleute hastig verkünden, „daß Mac- Guffog, der Häscher, und zwei oder drei Gehilfen einen Mann in der Küche hätten und auf Sr. Gestrengen warteten." Er sprang sogleich vom Pferde und eilte in's Haus- „Schickt meinen Schreiber sogleich hieher, ihr findet ihn bei der Arbeit im grünen Zimmer. Macht Alles zurecht in meiner Studierstube und rollt den großen ledernen Stuhl zum Schreibtisch; setzt einen Stuhl für Mr. Scrow hin. — Scrow "(dies sagte er zu dem Schreiber, als er das Empfangzimmer betrat,) „langt mir Sir Georg Mackenzie über Verbrechen herunter; schlagt die Stelle auf Vis publica et privsta, und zeichnet die Seite, wo die Abhandlung „über das Tragen unerlaubter Waffen" steht. Und sodann laßt den Gefangenen herbeibringen — ich hoffe, ich werde ihn gehörig ausforschen — doch halt, erst soll Mac-Guffog kommen. — Nun, Mac-Guffog, wo fandet ihr diesen Burschen?" Mac-Guffog, ein stämmiger, krummbeiniger Kerl, mit einem Hals, wie ein Stier, einem Gesicht, wie ein Feuerbrand, und furchtbar mit dem linken Auge schielend, begann, nach mancherlei seltsamen Verbeugungen vor dem Richter, seine Geschichte zu erzählen, indem er dabei immer auf besondere Weise mit dem Kopf nickte oder mit dem Auge winkte, woraus sich auf eine vertraute Jdeengemeinschaft mit dem Erzähler und seinem Zuhörer schließen ließ. „Ew- Gestrengen müssen wissen, ich ging nach jenem Hause, wovon Ihr spracht, und welches sie inne hatte, die Ihr kennt, an der Seeseite. — Nun fragte sie, was ich vorhätte? ihr bringt gewiß etwas von Ellango- wan? — Ei, sagt ich, ihr kennt ja den Herrn von Ellangowan selber von frühern Zeiten" — „Schon gut," sagte Glossin, „keine Weitläufigkeiten, erzählt das Wesentliche." I1V „Nun gut, wir saßen bei einem Gläschen Branntwein, den ich mir hatte geben lassen, bis er hereinkam." „Wer?« „Er!" dabei zeigte er mit rückwärtsgebogenem Daumen nach der Küche, wo der Gefangene bewahrt wurde. Er hatte seinen Mantel um sich gewickelt und ich vermuthete, daß er nicht waffenlos wäre. Da dacht' ich, das Beste wäre, ihn recht sicher zu machen und fing so vertraut mit ihm zu schwatzen an, daß er glaubte, ich wäre von der Insel Man. Ich setzte mich zwischen ihn und sie, damit sie ihm keinen Wink geben sollte. Als wir nun im besten Trinken waren, wettete ich mit ihm, er könnte nicht, ohne abzusctzen, ein Quart Branntwein austrinken — darauf versuchte er das — und im gleichen Augenblicke kamen Slounging Jock und Dick Spur'em herein, wir legten ihm die Ketten an und fingen ihn so ruhig wie ein Lamm; nun hat er seinen Hieb schon wieder ausgeschlafen und ist so munter wie ein Maikäfer, um Euch auf Alles Antwort^geben zu können." Diese Erzählung, von einer Menge Geberdcn und Grimassen begleitet, ärntete am Schluffe den Dank und das Lob, welches der Erzähler erwartete- „Hat er keine Waffen?" fragte der Richter. „Ei wohl, die sind nie ohne Dolche und Messer." „Etwa Papiere?" „Dies Bündel," sagte Mac-Guffog, indem er ein altes Taschenbuch darreichte. „Geht nun hinunter, Mac-Guffog, und wartet " Der Ge- richtsdicner verließ das Zimmer. Das Klirren von Eisenketten ward unmittelbar nachher auf der Treppe'gehört, und nach wenigen Minuten wurde ein gefesselter Mann hereingeführt. Er war dick, rüstig und muskulös, und obwohl sein ergrautes Haar ein schon vorgerücktes I2V Alter andeutete, auch seine Statur keineswegs lang war, so schien er dennoch ein Mensch, mit welchem wenige zu einem persönlichen Kampfe geneigt sein mochten. Seine groben und wilden Züge waren noch gcröthet und auch seinem Auge sah man noch die Spuren des Rausches an, welcher seine Gefangenschaft herbeige- sührt hatte. Aber der, wenn auch kurze Schlaf, den ihm Mac- Guffog vergönnt hatte, und noch mehr das Bewußtsein von seiner gefährlichen Lage, hatte ihm den vollen Gebrauch seiner Geisteskräfte wiedergegeben. Der würdige Richter und vernicht minder achtbare Gefangene blickten einander eine Zeitlang ohne zu sprechen fest in's Auge. Glossin erkannte offenbar seinen Gefangenen wieder, schien aber in Verlegenheit zu sein, wie er seine Untersuchung einrichten solle. Endlich brach er das Schweigen. „Ach, Capitain, Ihr seid's? — Ihr seid an dieser Küste seit vielen Jahren fremd geworden." „Fremd?" erwiederte der Andere; „fremd genug, glaub'ich — denn hol' mich der Teufel, wenn ich schon einmal hier gewesen bin." „Damit kommt Ihr nicht durch, Herr Capitain." „Damit muß ich durchkommen, Herr Richter — Sapperment!" „Und wer wollt Ihr denn jetzt sein und wie^soll man Euch nennen," sagte Glosfin, „bis ich einige andere Leute holen lasse, die Euer Gedächtniß auffrischen werden in Betreff dessen, was Ihr seid oder zum wenigsten was Ihr gewesen seid?" „Was ich bin? — Donner und Blitz! ich bin Jans^Jan- son, von Kurhaven — Was soll ich sonst sein?" Glossin nahm aus einem Kasten im Zimmer ein Paar kleine Taschenpistolen, die er mit ausfallender Sorgfalt lud. „Ihr könnt abtreten," sagte er zu seinem Schreiber, „und die Leute mit Euch nehmen, Scrow — aber bleibt in der Nähe, damit Ihr hört, wenn ich ruft." 121 Der Schreiber hätte gern seinen Vorgesetzten an die Gefahr erinnert, mit einem so verzweifelten Menschen allein zu bleiben, wenn dieser gleich durch die Fesseln so ziemlich zur Unthätigkeit genöthigt war; aber Glossin winkte ihm ungeduldig zu, sich zu entfernen. Als er hinausgegangen war, ging der Friedensrichter rasch einigemal auf und ab, rückte seinen Stuhl sodann dem Gefangenen gegenüber, so daß er ihm vollkommen in's Gesicht schauen konnte, legte die Pistolen vor sich hin in Bereitschaft, und sagte mit fester Stimme: „Ihr feid Dirk Hatteraik, nicht wahr?" Der Gefangne wandte den Blick instinktmäßig nach der Thür, als wenn er einen Lauscher fürchtete- Glossin stand auf, öffnete die Thür, so daß sich der Gefangene von seinem Stuhl aus völlig überzeugen konnte, es sei Niemand in der Nähe; darauf schloß er die Thür wieder, nahm seinen Stuhl ein und wiederholte seine Frage: „Ihr seid Dirk Hatteraick, früher auf der Jungfrau Haagenslaapen, nicht wahr?" „Tausend Teufel! — und wenn Ihr das wißt, warum fragt Ihr mich?" sagte der Gefangene- „Weil ich erstaunt bin, Euch gerade an dem Orte zu sehn, wo Ihr am wenigsten sein solltet, wenn Euch Eure Sicherheit lieb ist," bemerkte Glossin kalt. „Der Teufel! — kein Mensch liebt seine eigene Sicherheit, der so zu mir spricht!" „Wie? unbewaffnet und in Fesseln! — wohlgesprochcn, Capitain!" crwiederte Glossin ironisch. „Jedoch, Capttain, damit werdet Ihr nichts ausrichten; schwerlich kommt Ihr fort aus diesem Lande, ohne über ein kleines Ereigniß Nachricht gegeben zu haben, welches vor einigen Jahren bei der Warrochspitze stattfand." Hatteraicks Blicke wurden finster wie Mitternacht. 122 „Was mich betrifft," fuhr Glossin fort, „so habe ich keinen Vortheil davon, hart mit einem alten Bekannten zu verfahren — aber ich muß meine Pflicht thun — ich werde Euch noch heute in einer Postkutsche nach Edinburg schicken." „Kreuz Donner! das werdet Ihr doch nicht thun?" sagte Hatteraick in einem lcisern und demüthigern Tone; „ei, hattet Ihr nicht die halbe Ladung in Wechseln auf Vanbeest und Vanbrüggen erhalten?" „Das ist so lange her, Capitain Hatteraick," sagte Glossin, „daß ich wirklich vergessen habe, welchen Lohn ich für meine Mühe erhielt." „Eure Mühe? für Euer Schweigen, wollt Ihr sagen " „Es war eine Geschäftssache," sagte Glossin, „und ich habe mich seit einiger Zeit von Geschäften zurückgezogen." „Gut, aber ich habe eine Nachricht, die Euch wohl veranlassen könnte, die alte Laufbahn wieder mit Eifer zu betreten," antwortete Dirk Hatteraick. „Ja, Mann, ich wollt' Euch, hol mich der Teufel, besuchen, und Euch etwas sagen, was Euch betrifft." „Von dem Knaben?" sagte Glossin unruhig. „Ja, Mpnheer," erwiederte der Capitain kalt- „Er lebt nicht mehr, nicht wahr?" „So lebendig ist er, wie Ihr oder ich," sagte Hatteraick. „Guter Gott! — aber in Indien?" rief Glossin. „Nein, tausend Teufel, hier! hier an Eurer verfluchten Küste," bestätigte der Gefangene. „Aber Hatteraick, dies, (wenn es nämlich wahr ist, was ich nicht glaube,) dies wird uns beide ruiniren, denn er muß sich wohl Eurer Behandlung erinnern; und was mich betrifft — für mich wird es die ärgsten Folgen haben! Es wird uns beide ruiniren, sag' ich Euch." »Ich sag' Euch," bemerkte der Seemann, »cs wird Niemand außer Euch ruiniren — denn ich bin es schon, und wenn ich nicht diesmal davon komme, so soll Alles aus sein." „Aber," sagte der Richter unwillig, „was brachte Euch denn an diese Küste zurück, gleich einem Tollen?" „Nun, Alles Geld war fort, das Haus war wankend, und ich dachte, die alte Geschichte wäre mit Gras überwachsen und vergessen," antwortete der würdige Seemann. „Hm — was läßt sich thun?" sagte Glossin besorgt. „Ich wage nicht, Euch loszulaffen — aber Ihr könnt das ja unterwegs zu Stande bringen — ja, gewiß — ein Wort dem Leutnant Brown, — und ich lasse die Leute mit Euch den Weg am Strande nehmen " „Nein, nein, das geht nicht — Brown ist todt — erschossen — der Teufel hat ihn geholt." „Todt? — Erschossen? — bei Woodbourne, vcrmuthlich?" erwiederte Glossin. „Ja, Mynheer." Glossin schwieg. Der Angstschweiß trat auf seine Stirn, während der rohe Unhold, der ihm gcgenübersaß, kaltblütig seinen Tabak kaute und dabei in den Kamin spuckte. „Es würde Untergang, unumgänglichen Untergang bereiten," sagte Glossin zu sich selbst, „wenn der Erbe wieder erschiene — und welche Folge würde dann der Verkehr mit diesen Menschen haben? — aber die Zeit ist kurz, um Maßregeln zu ergreifen — hört au, Hatleraick; ich kann Euch nicht in Freiheit setzen aber ich kann Euch in eine Lage bringen, wo Ihr Euch selber frei machen könnt — einem alten Freunde steh' ich immer gern bei- Für heute werd' ich Euch in dem alten Schloß einsperren, und den Wächtern geb' ich eine doppelte Portion Grog. Mac-Guffog wird in die Schlinge fallen, in welcher er Euch 124 fing. Die Gitter am Fenster des sogenannten festen Gemachs sind in Stücke gebrochen, bis zum Boden außerhalb sind es keine zwölf Fuß, und überdies liegt der Schnee hoch." „AberdaS Eisen?" sagte Hatteraick, auf seine Ketten blickend. „Hört nur," sagte Glossin, indem er zu einem Schubfach ging und eine kleine Feile hcrausnahm, „hier ist ein Freund für Euch, und Ihr kennt den Weg zur See, die Stufen hinab. „Hatteraick schüttelte seine Ketten so entzückt, als ob er schon frei gewesen wäre, und bemühte sich, die gefesselte Hand dem Beschützer zu reichen. Glossin legte den Finger auf denMund, indem er einen bedeutsamen Blick nach der Thür warf, und dann fuhr er in seinen Weisungen fort. „Wenn Ihr frei seid, so war' das Beste, Ihr ginget nach Derncleugh." „Donner! das Nest ist verwüstet." „Der Teufel — nun gut, dann stehlt meinen Kahn, der in der Bucht liegt und macht Euch fort. Aber bei der War- rochspitze bleibt, bis ich zu Euch komme." „Bei der Warrochspitze?" sagte Hatteraick, während sich seine Miene wieder verdunkelte; „wahrscheinlich in der Höhle? — ich würde lieber sonstwo bleiben — es spuckt da! — Man sagt, es geht dort ein gewisser Jemand um — Aber, Donner und Blitz! ich Hab' ihn lebendig nie gefürchtet und will ihn todt nicht fürchten; straf' mich die Hölle! man soll nie sagen, daß Dirk Hatteraick einen Hund oder Teufel fürchtet! — Also soll ich Euch erwarten, bis ich Euch sehe?" „Ja," antwortete Glossin, „und nun muß ich die Leute herein rufen." — Dies that er alsbald. „Ich kann mit Capitain Janson, wie er sich nennt, nichts anfangen, Mac-Guffog; es ist nun wohl zu spät, ihn nach dem Landgefängniß zu schaffen. Ist nicht etwa ein fester Raum im alten Schlosse drüben?" 125 „O ja, Sir; mein Oheim, der Constable, hielt zu Ellan- gowans Zeiten einmal einen Mann drei Tage lang dort fest. Aber es war ein gewaltiger Staub drin" — „Ich weiß das Alles; aber diese Person wird nicht lange dort bleiben — es ist nur für eine Nacht, er soll nur bis auf weitere Untersuchung dort bleiben. Davor befindet fich ein kleines Gemach, dort könnt Ihr Euch ein Feuer machen, und ich werd' Euch hinreichende Mittel senden, um es Euch behaglich zu machen. Aber verwahrt die Thür, die den Gefangenen einschließt, ja sorgfältig; und hört, laßt ihn auch in dem festen Gemache ein Feuer haben, die Jahrszeit verlangt das. Vielleicht wird er morgen früh beredtsamcr sein." Mit diesen Weisungen und mit einem reichlichen Vorrath von Speisen und Branntwein entließ der Friedensrichter seine Leute, die während der Nacht im alten Schlosse Wache halten sollten; er hoffte und glaubte, daß fie die Nacht weder mit Wachen noch Beten hinbringen würden. Es war nicht zu erwarten, daß Glosfin in dieser Nacht tief und fest schlafen werde. Seine Lage war äußerst gefährlich, denn die Pläne eines schurkischen Lebens schienen mit einemmal über ihm zusammenstürzen zu wollen. Er legte sich zur Ruhe, fand aber lange den Schlafnicht aufscinemKiffen. Endlich entschlief«, aber nur, um von seinem Wohlthäter zu träumen, — erst, wie er ihn zuletzt geschn hatte, mit der Bläffe des Todes im Gesicht; dann sah er ihn wieder in aller Frische und Kraft der Jugend erscheinen, um ihn aus dem Hause seiner Väter zu verjagen. Dann träumte er wieder, er käme, nachdem er lang' über eine wilde Haide gewandert, endlich zu einem Wirthshaus, aus welchem das Getöse eines wilden GelagS schallte; als er darauf eintrat, war die erste Person, die er erblickte, Frank Kennedy, ganz zerschmettert und blutig, wie er am Gestade der Warrochspitze gelegen hatte, aber mit einem 126 dampfenden Punschglas in der Hand. Sodann verwandelte sich die Scene in einen Kerker, wo er Dirk Hatteraick hörte, der, eben zum Tode verurtheilt, seine Verbrechen einem Geistlichen beichtete. — „Nachdem die blutige That vollbracht war," sagte der arme Sünder, „zogen wir uns in eine nahe Höhle zurück, welche nur einem einzigen Menschen in der Gegend bekannt war; wir stritten darüber, was mit dem Kinde zu thun sein, und wir waren Willens, es den Zigeunern zu übergeben, als wir das Geschrei der Verfolger hörten, die einander zuricfen. Nur ein einziger Mann kam in unsre Höhle — aber wir machten ihn zu unscrm Freunde, indem wir ihm die Hälfte des Werthes der geretteten Güter überließen. Auf seinen Rath nahmen wir das Kind mit uns nach Holland auf einem befreundeten Schiffe, welches uns in der folgenden Nacht von der Küste abholte. Jener Mann war" — „Nein, ich läugne cs! — ich war's nicht!" sagte Glossin mit stammelnder Stimme; und während er in seiner Todesangst seine Verneinung bestimmter auszudrücken suchte, erwachte er. Es war das Gewissen, welches ihm diese Bilder vor die Seele geführt hatte. Die Wahrheit war, daß er, der die Schliche der Schmuggler besser als jeder andere kannte, in der Zeit, wo die andern in verschiedenen Richtungen forschten, direkt nach der Höhle gegangen war, und zwar noch bevor er den Mord Kennedy's erfahren hatte, den er dort als Gefangenen zu finden erwartete. Er gedachte den Vermittler zu machen, als er zu ihnen kam, fand fie aber von Schrecken ergriffen, da die Wuth, die sie zu dem Morde getrieben hatte, bei Allen, außer bei Hatteraick, zu Gewissensangst und Furcht herabzusinken begann. Glosfin war damals arm und verschuldet, aber er war bereits Bertrams Vertrauter; und bekannt mit dem lenksamen Charakter desselben, fand er keine Schwierigkeit, sich auf dessen Kosten zu bereichern, wofern nur der männliche Erbe entfernt war, in welchem Falle das Vermögen un- 127 beschränktes Eikienthum des schwachen und verschwenderischen Vaters ward. Gereizt durch den augenblicklichen Gewinn und die Aussicht aufkünftige Vortheile, nahm erdieBestechung an, welche die erschreckten Schmuggler anboten, und war nachgiebig, oder munterte vielmehr auf, als sie ihm die Absicht mittheilten, das Kind seines Wohlthätcrs zu entführen, welches alt genug wäre, um das blutige Schauspiel beschreiben zu können. Glossin konnte sein Gewissen bloß dadurch beschwichtigen, daß die Versuchung groß gewesen sei, ihn plötzlich überrascht, alle schon lange ersehnten Vortheile dargeboten und versprochen habe, ihn aus der unglücklichen Lage zu retten, die ihn sonst bald erdrückt haben würde. Er suchte sich überdies zu überreden, daß Selbsterhaltung ihm keine andre Wahl gestatte. Er war gewissermaßen in der Gewalt der Räuber, und suchte sein Gewissen durch den Vorwand zu übertäuben, daß, wenn er ihre Anträge abweisen wolle, die Hilfe, welche er herbeirufen könne, zwar nicht sehr entfernt sei, aber doch nicht so schnell bereit sein möchte, um ihn vor Leuten zu retten, die, bei geringerm Anlaß, so eben einen Mord begangen hatten- Gemartert von den bangen Gefühlen eines schuldigen Gewissens stand Glossin nun auf und blickte in die Nacht hinaus. Die Scene, die wir bereits im Anfang dieses Buches schilderten, war jetzt in das Schneegewand gehüllt und die schimmernde, obwohl öde, Weiße des Landes gab durch den Kontrast dem Meere eine düstere Färbung. Eine schneebedeckte Landschaft, wenn sie auch an und für sich schön zu heißen verdient, hat, wegen des begleitenden Begriffs der Kälte und Unfruchtbarkeit und wegen der verhältniß- mäßigen Leere/ ein wildes, seltsames und trostloses Ansehn. Gegenstände, uns wohlbekannt in ihrem gewöhnlichen Zustande, sind dann entweder unsichtbar, oder so seltsam verwandelt und verhüllt, daß wir auf eine fremde Welt zu blicken meinen. Aber solche Gedanken waren es nicht, die die Seele dieses schlechten Menschen be- 128 schäftigten- Sein Blick ruhte auf den gigantischen und finstern Umriffendes alten Schlosses, wo, in einem Eckthurm von ungeheurem Umfang und Stärke, zwei Lichter schimmerten, eines aus dem Fenster des festen Gemachs, woHattcraickeingcsperrt war, das andere aus dem angränzenden Zimmer, welches die Wächter inne hatten. „Ist er schon geflohen? oder wird er cs im Stande sein? — Sind diese Leute wachsam gewesen, was sie sonst nie waren, um mein Verderben vollständig zu machen ? — Wenn ihn der Morgen dort findet, so muß er dem Gefängniß übergeben werden; Mac- Morlanoder eine andere Person wird die Sache führen —erwirb erkannt, überführt werden — und aus Rache wird er alles gestehen! Während diese quälenden Gedanken schnell durch Glosflns Seele einander folgten, bemerkte er, daß sich eines der Lichter verdunkelte, indem sich ein dunkler Körper vor das Fenster bewegt hatte. Welch ein spannender Moment! — „Er hat sich von den Fesseln befreit! — Er ist mit den Stäben des Fensters beschäftigt — sie find sicher ganz morsch, sie müssen nachgeben — O Gott! Sie sind nach außen gefallen, ich hörte sie aus den Steinen klirren! — Der Lärm muß sie nothwendig wecken — Der Teufel hole das holländische Ungeschick! — Das Licht brennt wieder hell — sie haben ihn vom Fenster gerissen, und binden ihn im Gemache! — Nein, er hat sich nur einen Augenblick zurückgezogen, wegen des Lärms der gefallenen Stäbe — Er ist wieder am Fenster — und jetzt ist das Licht ganz verdunkelt — Er ist herausgekommen!" -— Ein dumpfer Schall, wie wenn ein Körper von der Höhe auf den Schnee fiele, verkündete, daß Hatteraick seine Flucht bewerkstelligt hatte, und kurz nachher sah Glossin eine dunkle Gestalt, wie ein Schatten, auf dem weißen Strande hinschleichen und zudem Orte gelangen, wo der Kahn lag. Neuer Grund zur Furcht! „Seine alleinige Kraft wird nicht hinreichen, ihn flott zu machen," sagte Glossin zu sich selbst; „ich muß dem Schuft zu Hilfe ko.mmen. 129 Aber nein! er ist schon zu Stande damit, und jetzt, Gott sei Dank, breitet sich das Segel im Mondschein — ja, jetzt hat er den Wind — Wollte der Himmel, es wär' ein Sturm, damit er auf dem Grunde versänke!" Nach diesem letzten herzlichen Wunsche fuhr er fort, die Fortschritte des Bootes, wie es nach der Warrochspitze segelte, zu beobachten, bis er das dunkle Segel von den Küstern Wellen, über die es glitt, nicht mehr unterscheiden konnte. Zufrieden, daß nunmehr die unmittelbare Gefahr beseitigt war, begab er sich mit etwas mehr Fassung wieder auf sein sorgenschweres Lager. Guy Mannering. II. 9 Vierzehntes Kapitel. Was tröstest du mich nicht und hilfst mir nicht Aus dieser grausen, blutbefleckten Höhle? TituS Andronicus. Groß war am nächsten Morgen die Unruhe und Verwirrung der Gerichtsdiener, als sie die Flucht ihres Gefangenen merkten. Mac-Guffog erschien vor Glossin mit einem von Branntwein und Furcht betäubten Kopfe und erhielt einen ernsten Verweis wegen Pflichtverletzung. Die Strafe schien der Friedensrichter nur vor großem Eifer, des Gefangenen wieder habhaft zu werden, zu unterlassen, und die Häscher, froh, seiner erzürnten und furchtbaren Person aus den Augen zu kommen, ließen sich in jeder Richtung (mit Ausnahme der richtigen) aussenden, um den Gefangenen womöglich wieder zu bekommen. Glossin empfahl vorzüglich eine sorgsame Durchforschung der Ruinen von Derncleugh, welche gelegentlich bei Nacht allerlei Landstreichern Zuflucht zu gewähren pflegten. Nachdem er so seine Mprmidonen in verschiedenen Richtungen zerstreut, eilte er selber auf abgelegnen Pfaden durch das War- rochholz zu der verabredeten Zusammenkunft mit Hatteraick, von dem er mit mehr Muße, als die gestrige Unterhaltung gestattete, die Umstände zu erfahren hoffte, welche die Rückkehr des Erben von Ellangowan nach seiner Heimath begleiteten. Mit Manövern, wie sie ein Fuchs macht, wenn er die 131 Hunde irre leiten will, bemühte fich Glossin, zu dem bezeichne- ten Orte auf eine Weise zu gelangen, daß keine bestimmten Spuren von seinen Tritten bleiben möchten. „Wollte der Himmel, es fiele Schnee," sagte er, aufwärts blickend, „damit er diese Tritte bedeckte. Wenn sie einer der Gerichtsdiener entdeckte, er würde der Spur wie ein Bluthund folgen und uns überraschen. — Ich muß nach dem Strande hinabgehen und unter den Felsen hinwegzukricchen suchen " Er stieg daher mit einiger Schwierigkeit von den Klippen hinab und arbeitete sich zwischen den Felsen und der anwach- scnden Fluth entlang hin; bald schaute er aufwärts, um zu sehn, ob seine Bewegungen von den Felsen oben beobachtet würden, bald warf er einen besorgten Blick nach der See, um zu sehn, ob sich etwa ein Boot zeige, von wo man seinen Gang bemerken könnte- Aber selbst diese Empfindungen selbstischer Besorgniß traten eine Zeitlang in den Hintergrund, als Glossin an dem Orte vorüberging, wo man Kennedp's Leichnam gefunden hatte. Er war durch das Felsstück bezeichnet, welches mit oder hinter dem Körper von der Klippe gestürzt war. Der Block war jetzt mit kleinen Muschelthieren überzogen und von Mcergras überwachsen; aber seine Gestalt und Masse unterschied sich noch immer von den andern Steinen, die hier zerstreut lagen. Seine freiwilligen Gänge hatten Glossin, wie sich leicht glauben läßt, nie zu dieser Stätte geführt; da er sich nun zum erstenmal nach jener schrecklichen Katastrophe hier befand, so stand mit einemmal jene Scene mit all' ihren Schrecken wieder vor ihm. Er erinnerte sich nun, wie er, als schuldbeladenes Wesen, aus dem nahen Versteck herzuschleichend, fich mit Besorgniß, aber auch mit Vorsicht unter die erschrockene Schaar gemischt hatte, welche den Leichnam umringte, fürchtend, daß ihn einer fragen möchte, von wannen er käme. Er erinnerte fich, wie er mit g» 132 quälender Bangigkeit den schrecklichen Anblick vermieden habe. Das wilde Geschrei seines WohlthäterS: „Mein Kind! mein Kind!" klang wieder in seinen Ohren. „Guter Gott!" rief er, »ist denn auch alles, was ich gewann, diesen schrecklichen Augenblick werth, und die tausend Besorgnisse und Befürchtungen, die mir seitdem das Leben verbitterten? — O wie sehr wünsch' ich, daß ich läge, wo der unglückliche Mann liegt, und daß er statt meiner hier lebend und gesund stände! — Aber diese Klagen kommen alle zu spät." Indem er daher seine Gefühle unterdrückte, kam er vorwärts zu der Höhle, — welche dem Orte, wo man den Leichnam fand, so nahe war, daß die Schmuggler in ihrem Versteck die verschiedenen Vermuthungen der Anwesenden in Betreff des Schicksals ihres Opfers gehört hüben konnten. Aber nichts konnte vollständiger verborgen sein, als der Zugang zu ihrem Asyl. Die Oeffnung, kaum breiter als die eines Fuchsbaues, lag an der Vorderseite der Klippe genau hinter einem schwarzen Felsstück oder aufrechtstchenden Steine, welcher sie den Fremden eben so gut verbarg, als er für die, welche den Ort als Versteck benutzten, ein Zeichen der Lage des letzter» war. Der Raum zwischen diesem Stein und der Klippe war außerordentlich schmal, und da er sehr mit Sand und dergleichen umhäuft war, so hätte die genaueste Forschung den Zugang zur Höhle nicht entdecken können, wenn man nicht zuvor jene Substanzen, welche die Fluth hier angcschwemmt, beseitigt hätte- Um die Verborgenheit sicherer zu machen, pflegten die Schleichhändler, die den Ort besuchten, nach ihrem Eintritt die Oeffnung mit welkem Seegras zu verstopfen, welches sie locker davor häuften, als wenn es die Wellen angespült hätten. Dirk Hatteraick hatte diese Vorsichtsmaßregel nicht vergessen. Glossin, obwohl ein kühner und dreister Mann, fühlte doch 133 sein Herz schlagen und seine Kniee beben, als er sich zum Eintritt in diese Höhle heimlicher Vergehen anschickte, um mit einem Schuft Conserenz zu halten, den er als einen der verzweifeltsten und rohesten Menschen kannte. „Aber er hat kein Interesse, mir zu schaden," damit tröstete er sich. Er prüfte seine Taschenpistolen jedoch, ehe er das Gras entfernte und eintrat, welches auf Händen und Knieen geschah. Die Passage, anfangs niedrig und schmal, so daß sie einem Menschen nur in kriechender Lage den Zugang gestattete, erweiterte sich einige Ellen nach innen zu einer hohen Wölbung von beträchtlicher Weite. Der Boden, der allmälig aufstieg, war mit dem reinsten Sande bedeckt. Ehe noch Glossin auf den Füßen stand, heulte die rauhe aber gedämpfte Stimme durch die Höhlung hervor. „Hagel und Donner! — Bist Du's?" „Seid Ihr im Finstern?" „Finster? der Teufel! ja," sagte Dirk Hatteraick; „woher sollt' ich Licht haben?" „Ich habe Licht mitgebracht;" und darauf zog Glossin ein Feuerzeug hervor und zündete eine kleine Laterne an. „Ihr müßt auch Feuer anmachen, denn, hol' mich der Teufel, ich bin ganz erfroren!" „'s ist freilich ein kalter Ort," sagte Glossin, einige verwitterte Faßdauben und Holzstücke sammelnd, die vielleicht in der Höhle lagen, seit Hatteraick das letzte Mal hier gewesen war. „Kalt? Schneewaffer und Hagel! ich konnte mich nur lebendig halten, indem ich auf und ab rannte in diesem verfluchten Loche, und an die lustigen Schmausereien dachte, die wir darin hielten." Die Flamme begann hell aufzuflackern, und Hatteraick bog sein verbranntes Gesicht und streckte seine harten, sehnigen Hände darüber, und zwar mit einer Gier, die der eines verhungerten Armen glich, dem man plötzlich Speise vorsetzt. Das Licht 134 machte seine wilden und harten Zuge sichtbar, und der Rauch, den er in seiner Erstarrung fast bis -um Ersticken auszuhalten schien, stieg, nachdem er um sein Haupt gewirbelt, zu der dunkeln und rauhen Decke der Höhle, durch welche er mittelst geheimer Spalten im Felsen einen Ausweg fand; wahrscheinlich durch dieselben Spalten, welche der Höhle zur Fluthzeit Luft zuführten, wo die Oeffnung nach der See mit Wasser bedeckt war- „Und nun Hab' ich Euch auch ein Frühstück mitgebracht," sagte Glossin, einige kalte Küche und eine Flasche Branntwein zum Vorschein bringend. Die letztere ergriff Hatteraick begierig und setzte sie an den Mund; und nach einem derben Zuge rief er mit großem Entzücken: „Das schmeckt! — das ist gut — das wärmt die Eingeweide!" — dann sang er das Bruchstück eines deutschen Liedes: „Saufen Bier und Branntewein, Schmeißen den Bauern die Fenster ein: Ich bin liederlich, Du bist liederlich — Sind wir nicht liederliche Leute! „Wohlgesprochen, mein wackerer Capitain!" rief Glossin, bemüht, in denselben lustigen Ton einzustimmen: „Branntwein muß und Wein behagen. Und die Fenster eingeschlagen! Sind wilde Bursche, brave Kerls, Drei wilde Bursche doch; Du auf dem Land, ich auf dem Sand, Und Jack am Galgen hoch!" „So geht's, mein Junge! nun, Ihr seid ja nun wieder aufgelebt! — und nun laßt uns ein Bischen von unserm Geschäfte schwatzen." „Euer Geschäft, wenn Jhr's erlaubt," sagte Hatteraick; „Hagel und Donner! — mein's war abgemacht, so wie ich aus den Ketten war." 135 „Geduld, mein guter Freund; — ich will Euch überzeugen, daß unsre Vortheile gemeinsam sind." Hatteraick antwortete nur mit einem kurzen, trockenen Husten, und Glossin fuhr nach einer Pause fort: „Wie kam's, daß Ihr den Knaben entwischen ließt?" „Ei, Fluch und Hagelwetter! er ging mich gar nichts an. Leutnant Brown gab ihn seinem Vetter, in das Middclburger Haus Vanbeest und Vanbrüggen, und machte dem so was weiß, wie man ihn in einem Scharmützel mit Land-Buschkleppern gefangen hätte — er gab ihn als Laufjungen hin. Ich ihn entwischen lassen! — ich habe mich nicht im mindesten um den Racker bekümmert." „Gut, und er ward also als Bedienter erzogen?" „Nein, nein; der Junge gewann des alten Mannes Herz, der gab ihm seinen eignen Namen, erzog ihn im Geschäft und schickte ihn nach Indien — Er würde ihn, glaub' ich, hieher zurückgesandt haben, aber sein Neffe machte ihm deutlich, daß es den freien Handel für manches Jahr aufheben würde, wenn der Junge wieder nach Schottland käme." „Meint Ihr, der junge Mann wisse jetzt mehr von seiner Herkunft?" „Teufel," erwiederte Hatteraick, „wie kann ich denn sagen, was er jetzt weiß? aber was er einmal weiß, vergißt er nicht so leicht. Als er nur zehn Jahr alt war, überredete er einen andern Teufelsbuben aus England, unser Boot stehlen zu -elfen, um damit nach seinem Heimatlande, wie er's nannte, zurückzukchren — daß ihn die Pest! Ehe wir ihrer habhaft werden konnten, war der Nachen schon weit fort — im Meere war' er verloren gewesen." „Wollte der Himmel, dies wäre geschehn— das Boot mit ihm zugleich!" rief Glosstn. 13 « „Ei, ich war selber so böse, Sapperment! daß ich ihm einen derben Stoß gab — aber der kleine Teufel schwamm wie eine Ente; ich ließ ihn wohl eine Meile schwimmen, um ihn Sitte zu lehren, und dann erst nahm ich ihn wieder ein, als er zu sinken begann. — Aber wahrlich, er wird Euch nun hier plagen, da er wiedergekommcn! Als er nur erst so groß war, hatt' er schon einen Geist und Muth wie Donner und Blitz." „Aber wie kam er von Indien zurück?" „Ei, wie kann ich das wissen? — Das Haus dort war gefallen und dadurch erhielten auch wir in Middelburg einen Stoß, denk' ich — drum schickten sie mich wieder aus, um zu sehn, was etwa mit unfern alten Bekannten hier anzufangcn wäre — denn wir glaubten, alte Geschichten wären abgethan und vergessen. Wir hatten mit den beiden letzten Reisen einen hübschen Handel in Gang gebracht, aber der arme hundsföttische Schelm, der Brown, hat Alles wieder schlimm gemacht, wie ich vermuthe, weil er sich von dem Obersten erschießen ließ." „War't Ihr denn nicht mit dort?" „Sapperment, Ihr seht, ich fürchte nichts — aber eS war zu tief im Lande und da hätte man mich leicht ausspüren können." „Freilich. Aber um wieder auf den Junker zu kommen" — „Ja, ja, Donner und Blitz! Er ist Euer Geschäft" — sagte der Capitain. „Wißt Ihr denn wirklich, daß er in diesem Lande ist?" „Nun, Gabriel hat ihn im Gebirge gesehn." „Gabriel! wer ist das?" „Ein Kerl von den Zigeunern, der vor etwa achtzehn Jahren zum Seedienst gepreßt wurde. Er war cs, der uns warnte und die Nachricht brachte, daß der Haifisch Jagd auf uns mache, am nämlichen Tage, wo Kennedy umkam; er berichtete, daß Kennedy die Anzeige von uns gemacht hatte. Die Zigeuner 137 und Kennedy hatten ohnedies Zwist mit einander. Dieser Gabriel ging im nämlichen Schiff mit Eurem Junker nach Ostindien, und kannte denselben recht gut, Sapperment! obwohl der Andre sich seiner nicht erinnerte. Gabriel wich ihm aus, weil er den Holländern gegen England gedient hatte und obendrein Deserteur war; er gab uns auch sogleich die Nachricht, damit wir wissen möchten, er sei hier — wiewohl uns das gar nichts angeht." „Nun denn, aufrichtig und mit nüchternem Ernste gesprochen, ist er in der That in diesem Lande, Hatteraick?" fragte Glosstn. „Wetter und Donner, ja! Wofür haltet Ihr mich?" Für ein blutdürstiges, furchtloses Ungeheuer, — dachte Glosfin im Stillen; laut aber sagte er: „Und wer von Euren Leuten war es, der den jungen Hazlewood schoß?" „Sturm und Wetter!" sagte der Capitain, „haltet Ihr uns für toll? — keiner der Unfern, Mann. Gott, das Land war ohnehin gegen uns erbittert, des dummen Streiches wegen, den Brown bei dem Hause Woodbourne beging." „Aber mir ward gesagt," antwortete Glosstn, „Brown habe den Hazlewood geschossen." „Nicht unser Leutnant, verlaßt Euch darauf; denn er lag schon sechs Fuß tief zu Derncleugh den Tag vorher, eh' die Sache geschah! — Tausend Teufel! Mensch — meint Ihr, er könne aus der Erde aufstehen, um einen andern zu erschießen?" Hier begann Glosstn in seinem Chaos von Ideen ein Licht aufzugehen. „Sagtet Ihr nicht, daß der Junker, wie Ihr ihn nennt, den Namen Brown führe?" „Brown? Ja — Vanbeest Brown; der alte Vanbeest Brown, von unserm Hause Vanbeest und Vanbrüggcn, gab ihm seinen eignen Namen — das hat seine Richtigkeit." 138 „Dann," sagte Glosstn, die Hände reibend, „ist er es, der das Verbrechen beging, beim Himmel!" „Und was geht uns das an?" fragte Hatteraick. Glosstn schwieg, und überdachte im Stillen eilig, aber geschickt, seinen Plan, worauf er den Schmuggler mit einer vertraulichen Miene näher an sich heranzog. „Ihr wißt, mein lieber Hatteraick, es ist unser Hauptgeschäft, diesen jungen Mann los zu werden." „Hm!" antwortete Dirk Hatteraick. „Nicht," fuhr Glosstn fort, „nicht, als ob ich ihm persönliches Leid zuzufügen wünschte — wenn — wenn — wenn es ohne das geschehn kann. Nun, er kann leicht verhaftet werden, einmal, weil er denselben Namen mit Eurem Leutnant führt, der in die Affaire bei Woodbourne verwickelt war, und dann, weil er auf den jungen Hazlewood schoß, um ihn zu tödten oder zu verwunden." „3a, ja," sagte Dirk Hatteraick; „aber was soll Euch das nützen? Er wird wieder los kommen, sobald er zeigt, daß er andere Farben führt." „Wahr, mein lieber Dirk; wohl bemerkt, mein Freund Hatteraick! Aber cs ist doch Grund genug zu einer temporären Gefangenschaft vorhanden, bis er seine Legitimationen von England oder sonstwoher beibringt, mein guter Freund! Ich kenne die Gesetze, Capitain Hatteraick! Und ich will cs auf mich nehmen, auf mich, Gilbert Glosstn von Ellangowan, Friedensrichter der Grafschaft-, seine Bürgschaft zu verwerfen, brächte er auch die beste im Lande, — nun, wo denkt Ihr, daß ich ihn cinkerkern werde?" „Hagel und Wetter! was kümmert das mich?" „Halt, mein Freund — es muß Euch bedeutend kümmern. Wißt Ihr, daß Eure Güter, die weggenommen und nach 139 Woodbourne gebracht wurden, nun im Zollhause zu Portan- fcrry liegen?" (Ts ist dies ein kleiner Fischerort.) Nun bringe ich diesen Junker" — „Sobald Ihr ihn haben werdet?" „Ja, ja, wenn ich ihn haben werde; ich werde damit bald zu Stande kommen — ich will ihn in das Arbeitshaus bringen, welches, wie Ihr wißt, neben dem Zollhause liegt." „Ja, das Arbeitshaus kenn' ich sehr gut." „Ich werde dafür sorgen, daß die Rothröcke im Lande zerstreut sein sollen; Ihr landet Nachts mit der Mannschaft Eures Fahrzeugs, nehmt Eure Güter, und führt den Junker Brown mit Euch davon. Wollt Ihr das thun?" „Ja, nach Holland führen wir ihn," sagte der Capitain, „oder — nach Amerika?" „Ja, ja, mein Freund." „Oder — nach Jericho." „Pfui! wo habt Ihr nur Eure Gedanken." „Ja; oder — ihn über Bord werfen?" „Nein, ich rathe nicht zu Gewaltthat." „Nein, nein — Ihr überlaßt das mir- Sturm und Wetter! ich kenn' Euch von Alters her, aber, hört an, was werde ich, Dirk Hatteraick, davon haben?" „Ei, ist es nicht Euer Bestes so gut, wie das meine?" sagte Glossin; „überdies Hab' ich Euch diesen Morgen frei gemacht." „Ihr mich frei gemacht? — Donner und Teufel! ich machte mich selber frei." Ei, wir wollen doch nicht scherzen; — Bedenkt, cs ist Eure Angelegenheit so gut, als die meine." „Was schwatzt Ihr von meiner Angelegenheit? wäret Ihr es nicht, der das ganze Vermögen des Junkers nahm? Dirk Hatteraick hat nie einen Batzen davon gesehn." 140 „Still, still, — ich sag' Euch, der Gewinn soll gemeinschaftlich werden." „Ei, wollt Ihr mir die Hälfte des Gutes geben?" „Was, das halbe Gut? — meint Ihr, wir könnten zusammen zu Ellangowan wohnen, und die Baronie gemeinsam haben?" „Sturm und Wetter, nein! aber Ihr könntet mir die Hälfte des Werthes geben, das halbe Geld. Mit Euch leben? nein — ich habe selber ein Lusthaus zu Middelburg, und einen Blumengarten, wie der des Bürgermeisters." „Ja, und einen hölzernen Löwen an der Thür, und eine ^ gemalte Schildwache im Garten, mit einer Pfeife im Munde! — Doch, hört an, Hattcraick; was werden Euch all' diese Tulpen, Blumengärten und Lusthäuser in den Niederlanden nützen, wenn Ihr hier in Schottland gehängt seid?" Hatteraick's Züge verdunkelten sich. „Der Teufel! gehängt?" „Ja, gehängt, Mynheer Capitain. Der Teufel wird schwerlich den Dirk Hattcraick davor bewahren, als Mörder und Kinderdieb gehangen zu werden, sobald der Junker von Ellangowan sich in diesem Lande niederläßt, und wenn der wackere Capitain etwa ertappt würde, während er seinen guten Schleichhandel wieder einrichtct. Und, ich will nichts behaupten, — aber man schwatzt jetzt viel vom Frieden, und die Generalstaaten dürften Euch wohl, den neuen Bundesgenossen zu Gefallen, ausliefern, selbst wenn Ihr Euch im Vaterlandebefändet." »Potz Hagel, Blitz und Donner! ich — ich glaube, Ihr habt recht." „Nicht," sagte Glossin, welcher merkte, daß er den erwünschten Eindruck hervorgebracht hatte, „nicht etwa, als ob ich unhöflich sein möchte;" dabei ließ er in Hatteraick's nicht widerstrebende Hand eine Banknote von beträchtlichem Werthe gleiten- 141 „Ist das Alles?" sagte der Schmuggler; Ihr bekamt den Werth einer halben Ladung, nur daß Ihr schweigen solltet, während Ihr uns selber für unser Bestes sorgen ließt." „Aber, mein guter Freund, Ihr vergeßt — in diesem Falle sollt Ihr all' Eure eignen Güter wieder erhalten." „Ja, indem wir all' unsre eignen Hälse dranwagen — das könnten wir ohne Euch thun " „Daran zweifle ich, Capitain Hattcraick," sagte Glossln trocken, „weil Ihr wahrscheinlich ein Dutzend Rothröcke im Zollhause finden würdet, die ich meinerseits, wofern wir über die Sache einig werden, schon entfernen werde. Wohlan, ich will so freigebig sein, als ich kann, aber Ihr solltet auch ein Gewissen haben." „Nun, strafe mich der Teufel! — das reizt mich mehr auf, als alles Uebrige! — Ihr raubt und Ihr mordet, und Ihr braucht mich zum Rauben und Morden, und Ihr macht den Geldräuber und Kinderdieb, wie ihr'S nennt, wohl ein Dutzend mal, und dann, Hagel und Sturmwind! wollt Ihr mir auch noch von Gewissen reden! — Könnt Ihr denn kein besseres Mittel erdenken, Euch jenen unglücklichen Burschen vom Halse zu schaffen?" „Nein, Mynherr; aber da ich ihn Eurer Obhut übergebe" — „Meiner Obhut — der Obhut von Eisen und Pulver! und — wohlan, wenn es sein muß, muß cs sein — aber Ihr habt Verstand genug, um zu wissen, was draus entstehen kann-" „O, mein lieber Freund, ich hoffe, es wird keine Strenge nöthig sein," erwiederte Glosstn. „Strenge!" sagte der Kerl, mit einer Art Seufzer, „ich wollte, Ihr hättet geträumt wie ich, als ich zuerst in dies Hundeloch kam, und auf dem dürren Seegras einzuschlafen suchte. — Erstlich war jener verdammte Kerl mit dem ge- 142 brochcnen Rücken da, sich ganz so geberdend, als da ich den Felsblock über ihn hinabrollte — ha, ha! Ihr hättet geschworen, er liege auf der Stelle da, wo Ihr steht, zuckend wie ein zertretener Frosch — und sodann" — „Nein, mein Freund," sagte Glossin, ihn unterbrechend, „wozu soll dieser Unsinn? — wenn Ihr hasenherzig geworden seid, nun, so ist das Spiel aus — aber mit uns beiden zugleich." „Hascnherzig? — nein. Ich habe nicht so lange gelebt, um zuletzt furchtsam zu werden, — mag nun der Teufel oder ein Mensch gegen mich kommen." „Nun gut; nehmt noch einen Schnaps zu Euch — Euer Herz ist noch nicht erwärmt genug. Und nun sagt mir, sind einige Eurer alten Kameraden mit da?" „Nein — alle todt, erschossen, gehängt, ertrunken, und verdammt. Brown war der letzte — Alle todt, außer dem Zigeuner Gabriel, und der würde für eine Kleinigkeit gern daran gehen — oder er wird auch seiner selbst willen schweigen — oder die alte Meg, seine Muhme, wird ihn ruhig halten." „Welche Meg?" „Meg Merrilies, das alte Teufclsstück von Zigeunerhere-" „Lebt sie noch ?" „Ja." „Und in dieser Gegend?" „Und in dieser Gegend. Sie war mit zwei von meinen Leuten in Derncleugh, auch einige ihres eigenen Zigeunergesindels waren dabei " „Das ist wieder ein schlimmer Punkt, Capitain! Sie wird doch nicht plaudern, wie?" „Sie nicht, sie gewiß nicht — sie schwur uns hoch und theuer, wenn wir dem Kinde kein Leid thäten, so wollte sie 143 nie sagen, wie es dem Zöllner gegangen. Ja, seht, obwohl ich ihr in der Hitze einen Hieb mit meiner Klinge gab, und ihr den Arm verwundete, und obwohl sie der Geschichte wegen in Eurem Burgflecken hernach lange gefangen saß: — der Teufel! die alte Meg war so treu wie Stahl " „Nun, das ist allerdings wahr," crwiederte Glossin. „Aber gleichwohl wäre es am Ende doch gut, wenn man sie nach Zeeland, Hamburg oder — sonstwohin schaffen könnte." Hatteraick sprang empor und stellte sich kerzengerade auf, Glossin vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend. — Ich sehe zwar den Pferdefuß nicht," sagte er, „und doch muß es der Teufel selber sein! — Aber Meg Merrilies ist noch vertrauter mit dem Kobold, als Ihr — ja, und ich habe nie so böses Wetter gehabt, als nachdem ich ihr Blut vergossen hatte- Nein, nein, mit ihr will ich nichts mehr zu thun haben — sie ist eine Teufelshere — eine eingefleischte Teufelin — aber das ist ihre Sache. Donnerwetter! ich will ganz und gar nichts mit ihr zu schaffen haben. — Was aber das andre anlangt — nun, wenn nur der Handel nicht leidet, so will ich Euch bald von dem Junker befreien; laßt mich nur wissen, wenn Ihr ihn habt " Mit kurzen und gedämpften Worten besprachen die würdigen Gesellen ihr Unternehmen, und bestimmten den Zufluchtsort, wo sich Hatteraick finden lassen sollte. Das Verweilen seines Fahrzeugs an der Küste fand keine Schwierigkeit, da zu dieser Zeit keine königlichen Schiffe gegenwärtig waren- Fünfzehntes Kapitel. Ihr seid einer von denen, die Gott nicht die, nen werden, wenn'S auch der Teufel gebietet — Weil wir kommen, euch »nsre Dienste anzubieten, so hattet ihr uns für Schurken. Othello. Als Glossin nach Hause kam, fand er unter andern Papieren und Briefen, die an ihn gesendet waren, auch einen von besonderer Wichtigkeit. Er war unterzeichnet von Mr. Pro- tocoll, einem Advocaten in Edinburg, und er ward darin angeredet als Geschäftsführer des Gottfried Bertram, verstorbenen Esq. von Ellangowan und dessen Erben. Der Brief berichtete ihm den plötzlichen Tod der Mrs. Margarete Bertram von Singleside, und ersuchte ihn, dies seine Clienten wissen zu lassen, im Fall sie cs für gut finden sollten, einen Bevollmächtigten bei Eröffnung des Nachlasses der Verstorbenen gegenwärtig sein zu lassen. Mr. Glossin begriff sogleich, daß der Briefschreiber nicht von dem feindseligen Verhältnisse wußte, welches zwischen ihm, Glossin, und dem verstorbenen Laird bestanden hatte. Das Vermögen der verstorbenen Dame mußte von Rechtswegen, wie er wohl wußte, auf Lucy Bertram übergehen; aber es war tausend gegen eins zu wetten, daß die 145 Laune der alten Lady anders verfugt haben werde. Nachdem er alle möglichen Fälle und Wahrscheinlichkeiten überdacht hatte, um sich zu belehren, welcher persönliche Vortheil ihm wohl bei der Angelegenheit zu Theil werden könne, fand er doch zu seinem eignen Besten bei der Sache weiter nichts, außer, daß er sich dabei jenes Ansehn erwerben könnte, dcfsenMangel er bereits ersahrenhatte und wahrscheinlich noch weit schmerzlicher zu fühlen haben konnte. Ich muß mir selber, dachte er, einen festen Grund schaffen, damit, wenn Hatteraick's Plan fehlschlagen sollte, ich wenigstens die günstige Meinung für mich habe. — Ueberdies mochte er (damit wir ihm, so schlecht er auch war, doch Gerechtigkeit widerfahren lassen,) einiges Verlangen fühlen, der Miß Bertram einigermaßen Vergütung zu gewähren für das große Mißgeschick, welches er ihrer Familie bereitet hatte — freilich nur, in so weit die Vergütung seinem eigenen Interesse nicht im Wege war. Er beschloß daher, gleich am nächsten Morgen nach Woodbourne zu reiten. Nicht ohne Bedenken that er diesen Schritt, indem er den natürlichen Widerwillen, dem OberstMannering unter die Augen zu treten, empfand, den Betrug und Schurkerei stets vor einem Zusammentreffen mit Ehre und Rechtlichkeit hat. Doch setzte er großes Vertraun auf sei» eigenes suvoirekaire. Seine Talente waren bedeutend und keineswegs auf seinen Berufskreis beschränkt. Er hatte mehrmals lange in England gelebt und sein Benehmen war eben so frei von ländlicher Unbeholfcnheit, als von berufsmäßiger Pedanterie; so unterstützte ihn bedeutend seine gute Lebensart und seine Ueberredungsgabe, die er mit einer unerschütterlichen Frechheit verband, welche er als gerades Wesen und Sitteneinfalt darzustellen wußte. Im Vertrauen auf sich selbst erschien er daher zu Woodbourne, etwa 10 Uhr Morgens, und ward angemeldet als ein Herr, der Miß Bertram seine Aufwartung zu machen wünsche. Guy Mamicring. II. 10 146 Er nannte sich nicht eher, als bis er an der Thür des Frühstückzimmers war, wo der Bediente, auf seinen Wunsch, laut sagte: ,,Mr. Glossin wünscht Miß Bertram seine Aufwartung zu machen." Lucy, an den letzten Auftritt im Leben ihres Vaters denkend, ward todtenblaß, und fiel fast von ihrem Stuhle. Julie Mannering eilte ihr zu Hilfe und beide verließen das Gemach mit einander. Es blieben zurück Oberst Mannering, Charles Hazlewood, mit dem Arm in der Binde, und Simson, dessen hageres Gesicht und große Augen den feindseligsten Ausdruck annahmen, als er Glossin erkannte. Dieser wackere Gentleman, obwohl etwas bestürzt über den Eindruckseines ersten Erscheinens, trat mit Selbstvertrauen näher und hoffte, er komme doch den Damen nicht störend- Oberst Man- nering bemerkte in sehr klarer und bestimmter Weise, daß er nicht wisse, was ihm die Ehre eines Besuchs von Mr. Glossin verschaffe- „Hm! hm! ich nahm mir die Freiheit, Miß Bertram meinen Besuch zu machen, nämlich in Gcschäftsangelegenheiten" „Wenn die Sache Mr. Mac-Morlan, ihrem Geschäftsführer, mitgetheilt werden kann, Sir, so glaub' ich, daß dies Miß Bertram angenehmer sein wird." „Bitt' um Verzeihung, Oberst Manncring," sagie Glossin, indem er vergebens einen ungezwungenen Ton des Gesprächs anzunehmen bemüht war; „Sie sind ein Weltmann — Sie wissen, es gibt Fälle, wo es für alle Parteien klüger ist, unmittelbar mit einander zu verhandeln." „Nun," crwiederte Mannering mit einer abweisenden Miene» „wenn sich Mr- Glossin die Mühe nehmen will, die Sache brieflich darzustellen, so bürg' ich dafür, daß Miß Bertram derselben alle Aufmerksamkeit widmen wird." „Gewiß," sagte Glossin betroffen; „aber es gibt Fälle, in denen einen Unterredung viva voce — hm! ich begreife, ich weiß — 147 Oberst Manncring hat einigen Vorurtheilen Raum gegeben, welche meinen Besuch zudringlich scheinen lassen; aber ich stell' es seinem gesunden Urtheil anheim, ob er mir Gehör verweigern soll, ohne den Zweck meines Besuchs zu kennen, oder welche Folgen es für die junge Dame haben kann, die er mit seinem Schutze beehrt." »Sir, dies ist sicherlich meine Absicht nicht," erwiederte der Oberst. »Ich will Miß Bertram's Meinung über die Sache hören und Mr- Glossin damit bekannt machen, wofern er Zeit hat, die Antwort zu erwarten." Mit diesen Worten verließ er das Zimmer. Glossin war noch stehend in der Mitte des Gemachs geblieben. Oberst Mannering hatte nicht die leiseste Bewegung gemacht, ihn zum Sitzen einzuladen, und war auch selber während des kurzen Zwiegesprächs stehen geblieben. Als er jedoch das Zimmer verließ, ergriff Glossin einen Stuhl und setzte sich mit einer Miene darauf, welche zwischen Verlegenheit und Frechheit die Mitte hielt. Das Schweigen seiner Gesellschafter fiel ihm sehr unangenehm auf, und er beschloß, cs zu brechen. „Ein schöner Tag, Mr. Simson." Der Gelehrte antwortete mit etwas, was halb wie ein beistimmendes Brummen, -alb wie ein unwilliges Murren klang. „Sie kommen nie herab, um Ihre alten Bekannten auf dem Gute Ellangowan zu sehn, Mr. Simson — Sie würden die meisten derselben noch ganz wie sonst finden. Ich habe zu viel Lichtung vor dem ehemaligen Eigenihümer, als daß ich alte Einwohner stören sollte, selbst wo dies mit Vortheil geschehn könnte. Ueberhaupt ist das meine Art nicht — ich liebe dergleichen nicht zu thun — Mr. Simson, die Schrift verdammt ja auch ganz besonders diejenigen, welche Arme bedrängen und Gränzsteine verrücken." „Und die das Gut der Waisen verschlingen," fügte der Gelehrte bei. „Anathema! Maranatha!" mit diesem Ausruf 10* stand er auf, ergriff den Folianten, worin er gelesen hatte, machte rechtsum und marschirte mit den Schritten eines Grenadiers aus dem Zimmer- Mr. Glossin, der keineswegs außer Fassung war oder zum wenigsten nicht so scheinen wollte, wandte sich an den jungen Hazlewood, welcher scheinbar eifrig in der Zeitung las. „Was für Neuigkeiten, Sir?" Hazlewood erhob den Blick, schaute nach jenem hin und schob ihm das Papier zu, wie etwa einem Fremden im Kaffeehause, dann stand er auf und ging nach der Thüre- „Ich bitt' um Vergebung, Mr. Hazlewood, — aber ich kann nicht umhin, Ihnen meine Freude darüber zu bezeigen, daß Sie so leicht das unselige Ereigniß überstanden haben." Dies ward durch eine Art von Kopfnicken beantwortet, welches aber so gering und so steif war, als man es nur denken kann. Doch crmuthigte es unfern Rechtsgelehrten, fortzufahren. „Ich kann versichern, Mr. Hazlewood, daß wenig Leute solchen Antheil an der Sache genommen haben, wie ich, sowohl hinsichtlich der Landeswohlfahrt, als auch aus besonderer Achtung gegen Ihre Familie, welche einen so hohen Rang unter uns behauptet; wirklich, einen so hohen Rang, daß, da Mr. Feathcrhead nun alt wird, cs sich wohl der Mühe lohnen dürfte, wenn Sie sich ein wenig umschaucn wollten — ich spreche als Freund, Mr. Hazlewood, und als ein Mann, der alles, was die Wahlen betrifft, wohl kennt; und wofern, sobald Sie mit mir- „Sie verzeihen, Sir, aber ich habe keine Pläne, wobei mir Ihr Beistand nützlich sein könnte." „O, ganz wohl — es ist immer noch Zeit genug, und ich sehe cS gern, wenn ein junger Herr mit dergleichen vorsichtig zu Werke geht. Aber ich sprach vorhin von Ihrer Wunde — ich glaube dem Thäter auf der Spur zu sein; wirklich ziemlich auf der Spur — und wenn ich den Menschen nicht zur verdienten Strafe ziehe"- 149 „Verzeihen Sie, Sir, ich bitte nochmals; aber Ihr Eifer übersteigt meine Wünsche. Ich habe allen Grund, zu glauben, daß die Verwundung zufällig war — gewiß geschah ste nicht mit Absicht. Wenn Sie Jemand finden, der der Undankbarkeit und absichtlichen Verrätherei schuldig ist, so soll mein Zorn eben so stark sein, als der Ihrige." Dies war Hazlewoods Antwort. Wieder abgcwiesen, dachte Glosfin; ich muß es anders versuchen. „Wohl wahr, Sir; sehr edel gesprochen! Ich würde mit einem undankbaren Menschen nicht mehr Erbarmen haben, als mit einer Schnepfe —Und da wir wieder auf die Jagd kommen:" (diese Weise, die Unterhaltung zu wenden, hatte Glosfin von seinem ehemaligen Gebieter gelernt,) „ich sehe Sie oft mit der Büchse gehn, und ich hoffe, Sie werden bald wieder im Stande sein, dieses Vergnügen zu genießen. Wie ich bemerkt habe, beschränkten Sie sich stets auf Ihr eignes Gebiet. Ich hoffe, mein theurer Herr, Sie werden kein Bedenken tragen, Ihre Beute auch auf dem Gebiet von Ellangowan zu verfolgen; ich glaube, die Schnepfen sind dort häufiger, als hier, obwohl beide Arten vorzüglich find." Dies Anerbieten veranlaßte nur eine kalte und gezwungene Verbeugung: Glosfin war genöthigt zu schweigen, und fühlte sich erst beim Eintreten Oberst Mannerings wieder etwas erleichtert. „Ich habe Sie lange aufgehalten, Sir, wie ich fürchte," sagte er, Glosfin anredcnd; „ick wollte Miß Bertram dahin vermögen, daß sie mit Ihnen spräche, denn nach meiner Meinung mußten Ihre Einwürse der Nothwendigkeit weichen, welche verlangt, daß sie persönlich hört, was fie wissen soll. Jndeß finde ich, daß neuerdings eingetretene Umstände, die sich nicht leicht vergessen lassen, fie so sehr abgeneigt gemacht haben, mit Mr. Glosfin persönlich zu sprechen, daß es grausam sein würde, darauf zu bestehen; fie hat mich beauftragt, Ihre Auf- 150 träge, Vorschläge, oder was Sie ihr sonst zu sagen wünschen, zu empfangen." „Hm! hm ! ich bedauere, Sir — bedauere sehr, Oberst Man- nering, daß Miß Bertram glauben kann — daß ein Vorur- theil — kurz, daß — irgend etwas von meiner Seite" — „Sir," sagte der unbeugsame Oberst, wo keine Anklage statt fand, sind Entschuldigungen und Erläuterungen unnütz. Tragen Sie Bedenken, mir, dem derzeitigen Vormund Miß Bertrams, die Umstände mitzutheilen, welche ihr Wohl betreffen?" „Durchaus nicht, Oberst Mannering; sie konnte keinen achtbarem Freund wählen, auch keinen, dem ich mich offener mitzutheilen wünschte." „Haben Sie die Güte, zur Sache zu kommen, Sir, wenn es Ihnen beliebt." „Nun, Sir, es spricht sich nicht leicht auf einmal aus — doeb, Mr- Hazlewood, Sie haben nicht nöthig, das Zimmer zu verlassen, — ich meine es gut mit Miß Bertram, daß ich wollte, die ganze Welt hörte meinen Theil am Gespräch." „Mein Freund Mr. Charles Hazlewood wird wahrscheinlich nicht begierig sein, Mr. Glossin, das mit anzuhören, was ibn nichts angeht — und jetzt, da er uns allein gelassen hat, lassen Sie mich bitten, kurz und einfach in dem zu sein, was Sie zu sagen haben. Ich bin Soldat, Sir, und Formen und Einleitungen machen mich ungeduldig " So sagend, nahm er seinen Stuhl ein, und erwartete Mr- Glossin's Mittheilung. „Belieben Sie diesen Brief anzusehn," sagte Glossin, Pro- tocols Schreiben in Mannerings Hand legend, als welches der kürzeste Weg war, seine Sache zu erklären. Der Oberst las, und las es noch einmal, nachdem er den Namen des Schreibers in seinem Taschenbuche bemerkt hatte. „Dies, Sir, scheint keiner langen Erläuterung zu bedürfen. — 151 Ich werde Sorge tragen, daß Miß BertramS Vortheil erzielt wird-" „Jedoch, Sir, — jedoch, Oberst Mannering," fuhr Glosstn fort, „es ist noch ein anderer Umstand vorhanden, den Niemand erläutern kann, als ich. Jene Dame — jene Mrs. Margarete Bertram hat, wie ich genau weiß, eine Verfügung hinsichtlich ihrer Angelegenheiten zu Gunsten der Miß Lucy Bertram gemacht, als sie bei meinem alten Freunde, Mr. Bertram, zu Ellangowan wohnte. Der Dominie — so wurde der sehr achtbare Mr. Simson von meinem verstorbenen Freunde immer genannt — dieser und ich sind Zeugen bei der Sache gewesen. Und sie hatte volles Recht, damals eine solche Verfügung zu treffen, denn sie war Erbin des Gutes Singleside, obwohl eine ältere Schwester eine Leibrente darauf hatte. Der alte Singleside hatte ein närrisches Testament gemacht, Sir; er machte die beiden Töchter feindselig gegeneinander wie zwei Katzen, ha ha ha!" „Ja, Sir," sagte Mannering, ohne das leiseste Lächeln zu zeigen; „aber zur Sache. Sie sagten, diese Dame hatte das Recht ihr Gut der Miß Bertram zu vermachen, und hat sie dies gethan?" „Allerdings, Oberst," erwiederte Glosstn. „Ich denke doch, ich verstehe das Recht—ich bin viele Jahre damit beschäftigt gewesen, und obwohl ich mich nunmehr zur Ruhe gesetzt habe, so vernachlässigte ich deßhalb doch nicht diejenige Wissenschaft, die, wie es heißt, besser als Haus und Hof ist, die Rechtswissenschaft, da ja auch schon der gemeine Reim sagt, ..Schön ist's sürwehr. Ein Gnt gewinnen, des verloren mar." Nein, nein, ich liebe das Landleben — ich habe nur noch ein Bißchen Rechtskunde, um meinen Freunden zu dienen." Glossin fuhr in dieser Weise fort, weil er einen günstigen Eindruck auf Mannering hervorgebracht zu haben meinte. Der Oberst hielt in der That dafür, daß diese Umstände eine wichtige Krisis hinsichtlich der Glücksumstände Miß BertramS mit sich führen könnten und beschloß, daß dem seine starke Neigung, Glossin aus der Thür oder dem Fenster zu werfen, keinen Eintrag thun sollte. Er legte seiner Leidenschaft einen Zaum an und beschloß, zum wenigsten mit Geduld, wenn auch ohne Freundlichkeit, bis an's Ende zuzuhören. Er ließ daher Mr- Glossin seine Lobsprüche auf sich selbst ungestört beenden, und sodann fragte er ihn, ob er wisse, wo sich die Urkunde befände? „Ich weiß — das heißt, ich glaube, — ich glaube sie finden zu können — In solchen Fällen pflegen die Inhaber von dergleichen zuweilen Ansprüche zu machen-" „Das soll uns nicht hinderlich sein, Sir," sagte der Oberst, sein Taschenbuch zur Hand nehmend. „Aber, mein theurer Sir, sie verstehen mich so undeutlich — ich sagte, manche Personen könnten solche Ansprüche machen — ich meine für die Kosten bei Fertigung der Urkunde, für die Mühe dabei u> s. w. Aber ich meinerseits wünsche nur, Miß Bertram und ihre Freunde zu überzeugen, daß ich als Ehrenmann gegen sie handle. Hier ist das Papier, Sir! Es würde mir ein Vergnügen gewährt haben, es der Miß Bertram persönlich zu überreichen und ihr Glück zu den Aussichten wünschen zu können, die es eröffnet- Aber da ihr Vorur- theil hierin so unüberwindlich ist, so bleibt mir nur übrig, es ihr mit meinen besten Wünschen durch Sie, Herr Oberst, zu übersenden und zugleich ihr die Versicherung zu geben, daß ich die Urkunde gern mit meinem Zeugnisse auf Verlangen unterstützen werve. Ich habe die Ehre, Ihnen guten Morgen zu wünschen, Sir." 153 Diese Abschiedsrede ward so geschickt angebracht und hatte so sehr den Ton selbstbewußter, ungerecht verdächtigter Rechtschaffenheit, daß selbst Oberst Mannering in seiner schlechten Meinung wankend wurde. Er folgte ihm einige Stufen hinab und nahm mit mehr Höflichkeit (wiewohl immer noch kalt und förmlich) von ihm Abschied, als er ihm während des Besuchs bewiesen hatte. Glossin verließ das Haus, halb zufrieden mit dem zurückgelaffenen Eindrücke, halb geärgert durch die strenge Vorsicht und stolze Zurückhaltung, womit man ihn empfangen hatte. „Oberst Mannering hätte höflicher sein können," sagte er zu sich selbst — „nicht Jedermann vermag einen guten Wechsel von 4oo Pfd. jährlich einem blutarmen Mädchen zu bringen. Singleside muß jetzt 400 Pfd. jährlich bringen — da ist Reilageganbeg, Gillifivget, Lovcrleß, Liealone und Spin- ster's Knowe — gute 4oo Pfd. jährlich. Manche Leute würden an meiner Stelle ihr eigenes Beste im Auge behalten haben — und doch, um die Wahrheit zu gestehn, seh' ich, nach aller Ueberlegung, nicht ein, wie das möglich wäre." Glossin war kaum aufgestiegen und davon geritten, als der Oberst einen Reitknecht an Mac-Morlan abschickte und diesen, dem er die Urkunde übergab, befragte, ob sie für seine Freundin Lucy Bertram ersprießlich sein könne. Mac-Morlan durchlas das Papier mit Augen, die vor Freude leuchteten, und rief endlich: „Ersprießlich! — Dies ist völlig gewiß — Glossin hat das ganz gut gemacht; — aber" (sein Gesicht verdunkelte sich,) „die alte Schachtel, daß ich mich so aus- drücke, hat es freilich nach Belieben ändern können!" „Ach! und wie können wirerfahren, ob siedasgethanhat?" „Es muß ein Bevollmächtigter für Miß Bertram zugegen sein, wenn die Verlafsenschaft der Gestorbenen eröffnet wird." „Können Sie das?" sagte der Oberst. 154 „Ich fürchte, ich kann es nicht," erwiederte Mac-Morlan, „ich werde bei unserm Gerichtshöfe beschäftigt sein." „Dann werd' ich selber gehn," sagte der Oberst; „ich will morgen reisen. Simsen soll mich begleiten — er ist Zeuge dieser Urkunde. Aber ich werde einen Anwalt nöthig haben?" „Der Herr, welcher zuletzt Sheriff dieser Grafschaft war, steht im besten Rufe als Rechtsgclehrter, ich werde Sie an ihn empfehlen." „Was mir an Ihnen gefällt, Mac>Morlan," sagte der Oberst, „ist, daß Sie immer gleich gerade auf die Sache losgehn. Geben Sie mir die Empfehlung sogleich — sollen wir der Miß Lucy davon sagen, daß sie Aussicht hat, Erbin zu werden?" Allerdings, denn Sie müssen Vollmacht von ihr haben, die ich sogleich aufsetzen will. Ueberdics wird sie verständig genug sein, und das ganze nur als eine gute Aussicht betrachten." Mac-Morlan urtheilte ganz richtig- Es ließ sich aus Miß Bertrams Benehmen nicht erkennen, ob sie allzufrohe Hoffnungen aus der so plötzlich gebotenen Aussicht schöpfte. Allerdings befragte sie im Laufe des Abends, ganz wie zufällig, Mac-Morlan, wie hoch sich wohl das jährliche Einkommen Hazlewoods belaufen möge; aber sollen wir daraus gleich den Schluß ziehen, daß sie erwogen habe, ob eine Erbin von 4oo Psd. jährlich eine paffende Partie für den jungen Laird sein könne? Sechzehntes Kapitel. Gebt mir ein Glas Sekt, damit meine Augen roth auSsehen — denn ich muß leidenschaftlich reden, und ich will e6 ganz in König Cambyses' Charakter thun. Heinrich IV. Th eil I. Mannering verlor, in Begleitung Simsons, mit seiner Reise nach Edinburg keine Zeit- Sie reisten in des Obersts Kutsche, welcher, wohlbekannt mit seines Gefährten abstractem Wesen, darauf bedacht war, den Gelehrten nicht aus den Augen zu lassen; und am wenigsten mochte er ihn einem Pferderücken anvertrauen, wo aller Wahrscheinlichkeit nach ein schelmischer Stallknecht den Gelehrten leicht dahin gebracht haben würde, mit dem Gesicht nach dem Schweife gewandt aufzusteigen- Mit Hilfe eines Dieners, der zu Pferde folgte, brachte ihn der Oberst daher sicher in ein Wirthshaus in Edinburg (Hotels gab es damals noch nicht,) und zwar ohne weitern Unfall, außer daß er ihn unterwegs zweimal verloren hatte. Bei der einen Gelegenheit ward er von Barnes, welcher sein Wesen kannte, aufgefunden, gerade als er, nach einem vertrauten Gespräch mit dem Schulmeister zu Moffat, betreffend eine streitige Stelle in Horazens siebenter Ode des zweiten Buchs, im Begriff war, einen neuen gelehrten Streit zu beginnen, und zwar über die wahre Bedeutung des Wortes Dlalobatüro in diesem lprischen Ergüsse. Seine zweite Flucht 156 geschah in der Absicht, dag Schlachtfeld von Rullion-green zu besuchen, welches ihm als Presbyterianer sehr theuer war. Als er für einen Augenblick aus dem Wagen gestiegen war, sah er, etwa eine halbe Stunde entfernt, das Grabmal der Erschlagenen, und ward auf seinem Wege nach den Pentland- hügeln ebenfalls von Barnes cingefangen; bei beiden Gelegenheiten hatte er seinen Freund, Gönner und Reisegefährten so vollkommen vergessen, als ob er sich in Ostindien befunden hätte. Als er erinnert wurde, daß Oberst Mannering auf ihn warte, ließ er seinen gewöhnlichen Ausruf vernehmen: „Wunderbar! — ich hafte mich ganz vergessen," und mit diesen Worten eilte er aufseinen Posten zurück. Barnes wunderte sich über die Geduld seines Herrn bei solchen Gelegenheiten, denn er wußte aus Erfahrung, wie wenig der Oberst Vernachlässigung oder Verzug leiden konnte; aber Simson war in jeder Hinsicht eine bevorrechtete Person. Sein Gönner und er waren einander nie einen Augenblick im Wege, und sie schienen wirklich zu Lebensgefährten bestimmt zu sein. Wenn Mannering irgend ein Buch brauchte, so konnte Simson es bringen; wenn er Rechnungen in Richtigkeit haben wollte, so war jenes Beistand alsbald da; war er bemüht, sich auf irgend eine Stelle in den Klassikern zu besinnen, so bediente er sich des Dominie als eines Wörterbuchs; und jederzeit war diese wandelnde Statue weder anmaßend, wenn sie bemerkt ward, noch mürrisch, wenn sie sich selbst überlassen blieb. Für einen stolzen, verschlossenen, zurückhaltenden Mann, und ein solcher war Mannering in vieler Hinsicht, hatte jene Art von lebendigem Catalog und beseeltem Automat alle die Vortheile eines gelehrten Drehtisches. Sobald sie in Edinburg angelangt waren und sich im George Inn nahe bei Bristo-port, damals in Besitz des alten Cockburn, 157 (ich bin gern ausführlich,) eingerichtet hatten, ließ sich der Oberst vom Kellner einen Führer zu Mr. Plepdell, dem Advokaten, an den er einen Brief von Mac-Morlan hatte, bestellen. Sodann empfahl er Barnes, ein Auge auf Simson zu haben, und ging mit dem Führer fort, der ihn zu dem Rechtügclehrten bringen sollte. Jene Zeit ging dem Ende des amerikanischen Krieges kurz vorher. Das Verlangen nach Raum, freier Luft und Verschönerung hatte damals in Schottlands Hauptstadt noch keine besondern Fortschritte gemacht. An der Südseite der Stadt hatte man nur erst einige Versuche zu Verschönerungen gemacht, und die Neustadt im Norden, die sich seitdem so sehr erweitert hat, war damals eben angefangen worden. Aber der größere Theil der höhe'rn Stände, und vorzüglich die Rechtsgclehrten, lebten noch immer in den düsterer Kerkern der Altstadt. Die Sitten mancher alten Rechtsgelehrten hattenauchnochkeineNeuerungerfahren. Einige namhafteAdvo- katensahennochimmerihre Clienten inSchenken, wie es vorfünf- zig Jahren gewöhnlich war; und obwohl ihre Gewohnheiten von den jüngern Rechtskundigen bereits als altmodisch angesehen wurden, so wurde dieSitte, Wein undSchmauserei mit ernsten Geschäften zu mischen, doch noch von den ältern Consulenten geübt, welche den alten Weg liebten, entweder weil cs eben ein solcher war, oder weil sie ihn zu gut kannten, um einen andern einschlagen zu mögen. Unter denen, welche die alte Zeit priesen und mit geflissentlicher Hartnäckigkeit die Sitten einer frühem Generation beibehielten, war auch dieser Paulus Plepdell, Esq , übrigens ein tüchtiger Gelehrter, trefflicher Sachwalter und rechtlicher Mann. Unter der Leitung seines treuen Begleiters erreichte Oberst Mannering, nachdem er einige dunkle Gäßchen durchschrittenbatte, endlich die Highstreet, die damals von den Stimmen der Austernweiber und Pastetenmänner widerhallte; denn es hatte, wie ihn sein Führer versicherte, so eben „acht auf dem Thurmegeschlagen " 158 ES war lange her, seit Mannering in den Straßen einer belebten Hauptstadt gewesen war, welche, mit ihrem Lärmeu und Tosen, ihrem Geräusch des Handels, der Schwelgerei und des Uebermu- thes, ihrem manchfachen Schimmer und dem ewig wechselnden Getriebe der tausend Volksgruppen, vorzüglich bei Nacht ein Schauspiel bietet, welches, wenn auch ausdengemeinstenStoffen zusammengesetzt, wenn man sie einzeln betrachtet, doch im Ganzen einen mächtigen Eindruckaufdie Einbildungskraft übt. Die außerordentliche Höhe der Häuser war durch Lichter sichtbar gemacht, welche, unregelmäßig der Fronte entlang schimmernd, so hoch zu den Giebeln emporstiegen, daß sie wie Sterne, am Himmel funkelnd, erschienen- Dieser eoup ck'oeit, welcher in gewissem Grade noch eristirt, war damals eindringlicher, weil die Häuser zu beiden Seiten in ununterbrochener Reihe standen, welche, nur da unterbrochen, wo sich die Northbridge mit der Hauptstraße verbindet, einen großartigen und gleichförmigen Platz bildete, der sich von der Fronte der Luckenbooths bis Canongate erstreckte, und in Breite und Länge mit der ungewöhnlichen Höhe der Gebäude zu beiden Seiten im Einklänge stand. Mannering hatte zum Sehen und Bewundern wenig Zeit übrig- Sein Führer eilte mit ihm über diesen merkwürdigen Schauplatz, und tauchte dann plötzlich mit ihm in ein sehr abschüssig gepflastertes Gäßchen. Sick' rechts wendend betraten sie nun die Treppe eines Hauses, deren Zustand, so weit er sich überhaupt mittelst eines der fünf Sinne beurtheilcn ließ, Mannerings Geduld nicht wenig prüfte. Nachdem sie vorsichtig bis zu einer beträchtlichen Höhe emporgestiegen waren, hörten sie, noch zwei Treppen höher, ein schweres Klopfen an einer Thür- Die Thür öffnete sich und unmittelbar darauf erscholl das gellende Gebell eines Hundes, die scheltende Stimme eines Weibes, das Geschrei einer beleidigten Katze und die rauhe Stimme eines Mannes, welcher mit sehr gebieterischem Tone rief: „Willst du wohl, Mustard? willst du! nieder, Bursch, nieder!" „Gott steh' uns bei!" sagte die weibliche Stimme, „wenn er unsre Katze erwürgt hätte, Mr. Plepdell hatte mir's nimmer vergeben!" „Ei, was liegt an der Katze, er thut ihr nichts — Er ist also nicht zu Hause, sagt Ihr?" „Nein, Mr. Pleyoell ist Sonnabends nie zu treffen," antwortete die weibliche Stimme. „Und morgen ist Sonntag," sagte der Frager; „ich weiß da nicht, was zu thun ist." Mittlerweile erschien Mannering, und erblickte einen hoch- gewachsenen, kräftigen Landmann, gehüllt in ein Pfeffer- und salzfarbiges Gewand, mit ungeheuren Metallknöpfen, glänzendem Hut und glänzenden Stieseln und einer großen Reitpeitsche unter dem Arm, im Gespräch mit einem Mädchen in Pantoffeln, welches die eine Hand am Thürschloß hatte und in der andern eine Gelte mit weißer Tünche, in Wasser aufgelöst, hielt — ein Umstand, welcher in Edinburg den Samstagabend andeutet. „Also ist Mr. Plepdell nicht da, mein gutes Kind?" sagte Mannering. „Ja, Sir, da ist er, aber er ist nicht im Hause: Sonnabends ist er immer außen." „Aber mein gutes Kind, ich bin ein Fremder und mein Geschäft eilt — W>llst du mir sagen, wo ich ihn finden kann?" „Der Herr," sagte der Führer, „wird jetzt wahrscheinlich bei Clerihugh's sein — Sie könnte Euch das selber gesagt haben, aber sie dachte, Ihr wolltet ihn zu Hause sprechen." „Nun gut, zeigt mir diese Schenke — ich hoffe, ich werde ihn sprechen können, denn mein Geschäft ist von Wichtigkeit." 16 » »Ich weiß nicht, Sir," sagte das Mädchen, „er laßt sich Sonnabends nicht gern mit Geschäften stören — aber gegen Fremde ist er gern gefällig." „So will ich auch nach der Schenke gehn" — sagte unser Freund Dinmont, — „denn ich bin auch ein Fremder und mein Geschäft ist auch wichtig." „Nun," sagte das Mädchen, „wenn er den Gentleman spricht, wird er auch den schlichten Mann da sprechen — aber sagt um's Himmels willen nicht, daß ich Euch geschickt habe-" „Gut, ich bin ein schlichter Mann, das ist wahr, aber ich bin nicht gekommen, um Einen seine Muhe umsonst an mich wenden zu lassen," sagte der Pächter mit gerechtem Stolze und stolperte die Treppen hinab, gefolgt von Mannering und dessen Führer. Mannering mußte nothwendig die entschiedene Weise bewundern, auf welche der Fremde, der voranschritt, die Menge theilte, indem er, nur durch die Wucht und die Gewalt seiner Bewegung, trunkene wie nüchterne Personen zur Seite schob und so Bahn brach. „Er istganz gewiß von Teviotdale," sagte der Führer, „man erkennt es daran, daß er immer die Mitte der Straße hält — er wird nicht weit gehn, ohne mit Jemand Händel zu bekommen." Diese Weissagung ging jedoch nicht in Erfüllung. Die, welche die ungeheure Wucht Dinmont's merkten, indem sie seine Größe und Stärke betrachteten, hielten ihn offenbar für ein zu gewichtiges Metall, um ihn leicht überwältigen zu können, und ließen ihn daher seinen Weg ungehemmt verfolgen. In seine Fußtapfcn tretend folgte ihm Mannering, bis der Pächter anhielt und, sich nach dem Führer umsehend, sagte: „ich denke, hier wird es wohl sein, Freund?" „Ja," erwiederte Donald, „hier ist es." Dinmont stieg getrost hinab, wandte sich rann nach einem dunkeln Gange, darauf nach einer dunkeln Treppe, und endlich 161 zu einer offenen Thür. Während er laut nach dem Aufwärter pfiff, als wenn dieser einer seiner Hunde gewesen wäre, sah fich Mannering um und konnte kaum begreifen, wie ein Gentleman von anständigem Beruf und guter Gesellschaft einen solchen Schauplatz für seine gesellige Unterhaltung zu wählen vermöchte. Abgesehen von dem miserabel» Eingang, schien das Haus selbst morsch und halb verfallen. Die Stelle, auf welcher sie standen, hatte ein Fenster, welches bei Tage ein schwaches Licht einließ, und zu allen Zeiten, vorzüglich aber des Abends, ein abscheuliches Gemisch von allerlei Gerüchen. Gegenüber diesem Fenster befand sich zur andern Seite des Ganges ein gleiches, welches nach der Küche führte, die keine direkte Verbindung mit der freien Luft hatte, aber bei Tage ein so ungewisses, mattes Aftcrlicht empfing, wie es durch das gegenüberliegende, nach dem Gäßchen sehende Fenster möglich war. Jetzt war das Innere der Küche bei dem gewaltigen Feuer darinnen sichtbar — eine Art von Pan-Dämonium, wo halb unbekleidete Männer und Weiber beschäftigt waren mit Backen, Kochen, Austcrnrösten oder mit der Bereitung von Hammel- coteletten; die Herrin des Ortes, mit niedergetretenen Schuhen und verworrenem Haar, welches gleich dem der Megäre unter einer kleinen Haube hervorguoll, arbeitete und schalt, gab und empfing Befehle, und indem Alles sogleich gehorchte, erschien sie als daö regierende Zauberweib in dieser Lüstern und feurigen Höllenregion. Lautes und wiederholtes Gelächter, aus verschiedenen Thei- len des Hauses schallend, bewies, daß ihre Bemühungen angenehm waren und von einem dankbaren Publikum anerkannt wurden. Mit einiger Schwierigkeit trieb man einen Kellner auf, der dem Oberst Mannering und Dinmont das Zimmer zeigen sollte, wo ihr Freund, der Rechtsgelehrte, sein wöchentliches Fest hielt. Guy Mannerlug. II. II 162 Die Scene die sich daselbst bot, und vorzüglich die Attitüde des Sachwalters selbst, der die Hauptperson war, ließ seine beiden Clienten höchlich erstaune». Mr. Pleydell war ein lebendiger, scharfblickender Mann, mit einer zu seinem Beruf paffenden Schlauheit im Gesichte, auch hatte er überhaupt in seinem Benehmen etwas berufsmäßige Förmlichkeit. Aber diese, sowie seine dreizöpfige Perücke und den schwarzen Rock, konnte er Sonnabends am Abend ablegen, wenn er von einer Gesellschaft lustiger Gefährten umringt war und sich in seiner rosigen Laune befand. Dieses Mal hatte das Gelag seit vier Uhr gewährt und endlich begann die Gesellschaft, unter Leitung eines würdigen Vortrinkers, der die Späße und Feste bereits mit drei Generationen gefeiert hatte, sich mit dem alten und nun vergessenen Spiele, High Jinks, zu unterhalten. Dies Spiel ward auf verschiedene Weise gespielt. Gewöhnlich würfelte die Gesellschaft, und diejenigen, welche das Loos traf, mußten für eine bestimmte Zeit einen gewissen fingirten Charakter annehmen und behaupten, oder auch eine gewisse Anzahl spaßhafter Verse in einer besonder» Ordnung hersagen. Wenn sie den angenommenen Charakter vergaßen, oder wenn sie ihr Gedächtniß beim Hersagen im Stiche ließ, fielen sic in Strafe, welche darin bestand, daß fie entweder einen vollen Humpen auf einmal leeren, oder eine kleine Summe zur Zeche erlegen mußten. Mit diesem Spiel war die heitere Gesellschaft eifrig beschäftigt, als Mannering in's Zimmer trat. Mr. Plepdell, der Sachwalter, war soeben zum Monarchen erwählt worden und thronte in einem Lehnstuhle, der auf dem Eßtische stand; seine zerzauste Perücke hing auf dem einen Ohr und ein Flaschenuntersetzer war seine Krone; sein Auge deutete frohe Laune und Genuß des süßen Weines an, während ihn sein Hof ringsum mitVersen ansang, die ungefähr wie der folgende klangen: „Wo ist Gerunto nun? Wo« ward aus ihm zuletzt? Weil er nicht schwimmen könnt', ist er ertrunken jetzt." s. w. Von der Art, o Themis, waren ehemals die Scherze deiner schottischen Söhne! Dinmont war zuerst in's Zimmer getreten. Einen Augenblick stand er von Staunen ergriffen, — und dann rief er: „Er ist'ö, das ist gewiß — aber dergleichen Hab' ich doch noch in meinem Leben nie gesehn!" Bei dem Rufe: „Mr. Dinmont und Oberst Mannering wollen mit Ihnen sprechen, Sir," wandte Pleydell sein Haupt und erröthete ein wenig, als er die edle Gestalt des Fremden aus England sah. Er war indeß der Meinung Falstaffs: „Aus, ihr Schurken, spielt das Spiel aus!" und hielt es weislich für's Beste, völlig unbefangen zu scheinen. „Wo find unsre Leibwachen?" rief dieser zweite Justinian; seht ihr nicht einen fremden Ritter, aus fernen Landen kommend, an unserm Hofe Holyrood anlangen, — mit unserm kühnen Knappen Andreas Dinmont, welcher die Aufsicht unserer königlichen Heerden im Walde von Jedwood übernommen hat, wo, Dank unserer königlichen Fürsorge in Verwaltung der Gerechtigkeit, sie völlig sicher weiden? Wo sind unsere Herolde, wo unser Lyon, unser Marchmount, unser Carrick und unser Snowdown? Laßt die Fremden an unserer Tafel Platz nehmen und bewirthet sie, wie es sich für ihren Rang ziemt, und für diesen unfern hohen Festtag — morgen wollen wir ihre Botschaften anhören." »Mit Eurer Erlaubniß, mein Fürst, morgen ist Sonntag," sagte einer aus der Gesellschaft. „Sonntag ist morgen? so wollen wir der Kirche kein Aer- gcrniß geben. — Zum Montag sollen sie Audienz haben " Mannering, der anfangs unschlüssig gewesen war, ob er vortreten oder sich zurückziehcn solle, entschloß sich jetzt für den Augenblick auf die Posse einzugehen, obwohl er innerlich auf Mac-Morlan zürnte, der ihm einen närrischen Sonderling zum Sachwalter empfohlen hatte. Er näherte sich daher mit drei tiefen Verbeugungen und bat um Erlaubniß, sein Beglaubigungsschreiben zu den Füßen des schottischen Monarchen niederlegen zu dürfen, damit cs derselbe nach Bequemlichkeit lesen möge. Die Gravität, mit welcher er sich der Laune des Augenblicks fügte, und die tiefe und demüthige Verbeugung, mit welcher er zuerst den Sitz ablehnte und dann annahm, den ihm der Ceremonien- meistcr präsentirte, verursachten einen dreimaligen Applaus. „Der Teufel hol' mich, wenn sie nicht all zusammen toll find!" sagte Dinmont, mit wenig Ceremonie einen Sitz unten an der Tafel einnehmend, „oder sie haben vor der Zeit Feiertag angefangen und find all' mit einander illuminirt." Ein volles GlaS Claret ward Manncring gereicht, welcher es auf die Gesundheit des regierenden Fürsten trank. „Ihr seid, wie ich vermuthe," sagte der Monarch, „der berühmte Milcs Mannering, der sich in de» französischen Kriegen so hervor- that, und könnt uns wohl belehren, ob die Gascognerweine in unfern nördlichen Reichen ihr Arom verlieren." Mannering, angenehm durch diese Anspielung auf den Ruhm seines gefeierten Ahnen berührt, antwortete, indem er sich blos als fernen Verwandten des berühmten Ritters vorstellte und setzte noch hinzu, „daß seiner Meinung nach der Wein vortrefflich sei." „Er ist zu kalt für meinen Magen," sagte Dinmont, das Glas niedersetzend, (aber erst nachdem es leer). „Wir wollen diesen Umstand verbessern," antwortete König Paulus, seines Namens der Erste; „wir haben nicht vergessen, daß die nebelige und feuchte Luft unsers Thales Liddell zu stärkern Getränken geneigt macht. — Seneschall, laßt unser» treuen Lehensmann einen Becher Branntwein haben; dies wird ihm dienlicher sein." 165 „Und nun," sagte Mannering, „da wir uns in Ew. Majestät fröhliche Einsamkeit eingedrängt haben» mögt Ihr uns gnädigst kund thun, wann Ihr einem Fremden Audienz gewähren wollt, in Bezug auf die hochwichtigen Angelegenheiten, die ihn zu Eurer nordischen Hauptstadt geführt haben." Der Monarch öffnete Mac-MorlanS Brief, und, denselben hastig durchfliegend, rief er mit seinem natürlichen Ton und Benehmen: „Lucy Bertram von Ellangowan, armes gutes Mädchen!" „Strafe! Strafe!" riefen ein Dutzend Stimmen; „Sr. Majestät haben ihren königlichen Charakter vergessen!" „Gar nicht! gar nicht!" erwiederte der König; „dieser edle Ritter mag urtheilen. Darf ein Monarch nicht ein Mädchen niedern Ranges lieben? Ist nicht König Cophetua und das Bettlermädchen ein schlagendes Beispiel?" „Handwerksmäßiger Ausdruck! — noch einmal Strafe," rief der tumultuarische Adel. „Hatten nicht unsre königlichen Vorfahren," fuhr der Monarch mit erhobener Stimme fort, um das Geschrei der Mißvergnügten zu übertäuben, „hatten sie nicht ihre Johanna LogieS, ihre Bessie Carmichaels, ihre Oliphants, ihre Sandilands und ihre Weirs? und will man uns nun daran hindern, wenn wir ein Mädchen mit unsrer Gunst ehren wollen? Nun, so falle der Thron und die Herrscherwürde vergehe! denn als ein zweiter KarlV. wollen wir abdanken und im Dunkel des Privatlebens jenes Vergnügen suchen, welches uns ein Thron versagt." Mit diesen Worten warf er seine Krone weg und sprang von seinem erhabenem Sitze mit größerer Behendigkeit, als man von seinem Alter hätte erwarten sollen; darauf bestellte er Licht, ein Waschbecken und Handtuch, und ein GlaS Thee auf ein anderes Zimmer, und gab Manncring ein Zeichen, daß er ihn begleiten möge. In weniger als zwei Minuten wusch er Gesicht und Hände, 166 ordnete seine Perücke vorm Spiegel und erschien nun, zu Man- neringS größtem Staunen, als ein ganz anderer Mensch, denn jener, den er im Augenblick vorher gesehen hatte. „Es gibt Leute," sagte er, „Mr. Mannering, die man beobachten sollte, wie sie den Narren spielen — weil sie entweder zu viel Bosheit, oder zu wenig Witz haben, wie der Dichter sagt. Ich kann dem Oberst Mannering kein besseres Kompliment machen, als wenn ich ihm zeige, daß ich mich nicht schäme, mich ihm vorzustellen — und wirklich glaube ich, daß ich dies heut Abend Ihnen bereits zur Genüge bewiesen habe. — Aber was mag der große starke Kerl wollen?" Dinmont, der hinter Mannering ins Zimmer geschlüpft war, begann mit Fußscharren und Kratzen hinter dem Ohr. „Ich bin Dandv Dinmont, Sir, von Charlieshope — Ihr erinnert Euch meiner ? — Ihr habt einen großen Proceß für mich gewonnen." „Was für einen Proceß, närrischer Mensch!" sagte der Sachwalter, „meint Ihr, ich kann an all' die Narren denken, die kommen, um mich zu Plagen?" „Gott, Sir, es war der große Proceß wegen der Weide von Langtae-Head!" sagte der Pächter. „Nun, zum Henker, ich entsinne mich nicht; gebt mir das Memorial und kommt Montag um zehn Uhr zu mir," erwie- derte der RechtSgclehrte. „Aber, Sir, ich habe gar nichts Schriftliches." „Gar nichts, Mann?" sagte Plepdell. „Nein, Sir, nichts," antwortete Dandy; „Ihr sagtet ja immer, Mr. Plepdell, erinnert Euch nur, daß Ihr uns Leute aus den Bergen unsre Sachen am liebsten mündlich Vorbringen hörtet." „Der Kuckuk hole meine Zunge, wenn sie das sagte!" antwortete der Sachwalter, „meine Ohren müssen jetzt dafür lei- 167 den. — Wohlan, sagt in zwei Worten, was Ihr zu sagen habt — Ihr seht, der Gentleman wartet." „O, Sir, wenn der Gentlemann Lust hat, mag er seine Sache zuerst anbringen; dem Dandy ist das gleichviel." „Nun, Ihr Narr," sagte der Advokat, „begreift Ihr nicht, daß dem Oberst Mannering gar nichts an Eurer Sache liegen kann, daß er aber deine großen Ohren durchaus nicht mit seinen Angelegenheiten wird unterhalten wollen?" „Wohlan, Sir, ganz nach Eurem und seinem Belieben — So hört denn meine Sache an," sagte Dandy, ganz und gar nicht durch die rauhe Behandlung mißvergnügt gemacht. „Wir sind wieder wegen der alten Gränzgeschichten in Streit, Zock von Dawston Cleugh und ich. Ich sage, die Gränze fängt an auf der Spitze des Hügels, wo die Wetter- und Wasserscheide ist; aber Jock von Dawston Cleugh widerspricht mir und sagt, sie begänne bei der alten Straße, die nach Keeldarward führt — und das macht nun einen Unterschied." „Und was für einen Unterschied macht es, Freund?" sagte Pleydell. „Wie viel Schaafe lassen sich davon füttern?" „O, nicht viel," sagte Dandy, indem er sich wieder hinter dem Ohr kratzte, — «das streitige Stück liegt hoch und ungünstig; cs kann ein Schwein nähren, oder allenfalls zwei in einem guten Jahre." „Und dieses Weideplatzes wegen, der im Jahr vielleicht fünf Schilling einbringt, seid Ihr bereit, ein paar hundert Pfund wegzuwerfen?" „O, Sir, es ist nicht des Werthes der Weide wegen," er- wiederte Dinmont; „'s ist nur des Rechtes wegen." „Mein guter Freund," sagte Pleydell, „Gerechtigkeit, ebenso wie Barmherzigkeit, sollte stets zu Hause beginnen. Laßt 168 Eurem Weib und Eurer Familie Gerechtigkeit wiederfahren, und denkt nicht weiter an jene Sache." Dinmont zögerte noch, den Hut in der Hand drehend — „'s ist nicht darum, Sir, — aber ich mag ihm nicht nachstchen — er will ein Paar Dutzend Zeugen, oder noch mehr, für sich beibringen — und ich bin gewiß, daß eben so viel für mich, als für ihn schwören werden, Leute, die immer in Charlieshope gelebt haben, und die nicht gern sehen, wenn das Recht des Gutes beeinträchtigt wird." „Nun, Mann, wenn es eine Ehrensache ist," sagte der Sachwalter, „warum gleichen cs die Herrn aufdem Lande dann nicht aus?" „Ich weiß nicht, Sir," (wieder hinterm Ohr kratzend,) „aber eS hat sich in der letzten Zeit keine Gelegenheit geboten, und die Lairds sind eben nicht nachbarlich; Zock und ich, wir richten bei ihnen nichts aus, was wir auch sagen mögen" — „Daß euch der Henker!" rief Plepdell, — „warum nehmt ihr nicht tüchtige Knittel und fechtet die Sache aus?" „Ach, Sir," antwortete der Pächter, „wir haben das schon dreimal versucht — das heißt, zweimal auf dem Lande, und einmal auf dem Jahrmarkt zu Lockerby — aber ich weiß nicht, wie eS ist — wir verstehn dergleichen beide gut und es konnte zu keiner Entscheidung kommen." „Dann greift zu Schwertern, hol' euch der und jener! und thut, wie eure Väter vor euch thaten," sagte der Rcchtsgelehrte. „Ei, Sir, wenn Ihr meint, daß es dem Gesetz nicht zuwider läuft — dem Dandy wär' cs eben auch recht." „Halt! halt!" rief Pleydell, „das gibt ein Mißverständniß, wie jenes mit Lord Soulis — Ich bitt' Euch, Freund, versteht mich recht; ich möchte nur gern, Ihr bedächtet, wie kleinlich undthö- richt ein solcher Rechtsstreit ist, wie Ihr ihn anspinnen wollt " „So, Sir?" sagte Dandy im Tone der Enttäuschung. „Also wollt Ihr meine Sache nicht annehmen, wie?" 169 „Ich! gewiß nicht — geht heim, geht heim, trinkt mit einander und vertragt euch." Dandy schien nur halb zufrieden und blieb noch stehen. — „Gibt cs noch etwas, mein Freund?" »Sir, nur noch etwas wegen der Erbschaft jener Dame, die neulich gestorben ist, der alten Miß Margarete Bertram von Singlestde." „Ei, was habt Ihr damit zu thun?" sagte der Sachwalter höchlich erstaunt. „Nun, wir sind nicht mit den Bertrams verwandt," sagte Dandy, — „sie waren große Leute und nicht unsers Gleichen — Aber Hanne Liltup, die war des alten Singlestde Haushälterin, und die Mutier der beiden jungen Ladies, die nun todt sind. Die letzte von ihnen starb in reifem Alter. Hanne Liltup stammte von Liddel und war nah genug mit uns verwandt, denn sie war Geschwisterkind von meiner Mutter Stiefschwester- Sie ließ sich mit Singlestde ein, (das ist sicher und gewiß,) als sie seine Haushälterin war, und das war ein wahres Herzeleid für ihre ganze Freundschaft. Aber er ließ sich mit ihr trauen, um der Kirche ihr Recht zu geben — und nun möcht' ich von Euch wissen, ob ich nicht einen rechtlichen Anspruch an die Erbschaft habe?" „Nicht den Schatten eines Anspruchs." „Nun gut, das macht uns nicht ärmer," sagte Dandy, — „aber sie kann wohl an uns gedacht haben, wenn sie ein Testament gemacht hat. — Wohlan, Sir, ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte — ich wünsche Euch nun eine gute Nacht, und" — hierbei steckte er die Hand in die Tasche. »Nein, nein, mein Freund; ich nehme niemals Gebühren in der Sonnabendnacht, oder von Jemand, der nichts Schriftliches bringt. Und nun fort mit Euch, Dandy." Und Dandy machte seine Verbeugung und schied alsbald. Siebzehntes Kapitel. DleS Possenspiel Hot weder Kunst noch Leben, Die Phaniaste zu fren'n, doS Herz zu heben. Trüb, doch nicht grnusend, tronrig, doch gemein, Sieht man sich lärmend Seen' an Seene reih'n; Du ist kein Gegenstand zart oder tief, Nur alle« kalt, bedeutungslos und schief. „Ew> Majestät," sagte Mannering lachend, „haben der» Abdankung durch einen Act der Gnade und Milde verherrlicht — Jener Mann wird schwerlich daran denken, das Recht weiter zu verfolgen." „O, da irren Sie sehr," sagte der erfahrene Rechtsgelehrte. „Es ist nur der Unterschied, daß ich meinen Clienten sammt den Gebühren verloren habe- Er wird nicht eher ruhen, bis er Jemand findet, der ihn ermuthigt, die Thorheit, die er fich in de» Kopf gesetzt hat, zu begehen. Nein! nein! ich habe nur eine andre schwache Seite meines Charakters gezeigt — in der Sonnabendnacht sprech' ich immer die Wahrheit." „Und bisweilen die ganze Woche hindurch, sollt' ich meinen," sagte Mannering, im gleichen Tone fortfahrcnd- Nun, ja; so weit es mein Beruf gestattet. Ich bin, wie Hamlet sagt, gleichgiltig ehrlich, wenn meine Clienten und deren Gegner mich nicht dazu anwendcn, ihre doppelt abgezogenen Lügen vor Gericht zu bringen. Aber oportet vivere! es ist trau- 171 rig genug. — Und nun zu unserm Geschäft- Es freut mich, daß Sie mein alter Freund Mac-Morlan zu mir geschickt hat; er ist ein thätiger, ehrlicher und einsichtsvoller Mann, lange schon Untersheriff der Grafschaft — und er begleitet dies Amt noch immer. Er weiß, welche Achtung ich für die unglückliche Familie von Ellangowan und für die arme Lucy hege. Ich habe sie seit ihrem zwölften Jahre nicht gesehen und damals war sie ein süßes, artiges Kind, leider unter der Aussicht eines recht thörichten Vaters. Aber meine Theilnahme für sie schreibt sich von früher her. Ich ward als Sheriff der Grafschaft, Mr. Mannering, berufen, die nähern Umstände eines Mordes zu erforschen, welcher bei Ellangowan gerade am Tage der Geburt dieses armen Kindes begangen worden war, und welcher, durch ein seltsames Zusammentreffen, das ich nicht zu enträthseln vermochte, den Tod oder das Abhandenkommen ihres einzigen Bruders, eines Knaben von etwa fünf Jahren, -erbeiführte. Nein, Oberst, nie werde ich das Elend des Hauses Ellangowan an jenem Morgen vergessen! — Der Vater halb wahnsinnig — die Mutter bei der Entbindung gestorben — das hilflose Kind, das kaum eine Wärterin fand, wehklagend und weinend in einem Augenblicke solches Herzeleids. Wir Advokaten find nicht von Eisen, Sir, oder von Erz, so wenig als ihr Kriegsmänner von Stahl. Wir stehen im Verkehr mit den Verbrechen und der Trübsal der bürgerlichen Gesellschaft, wie ihr mit denen, die der Krieg mit sich führt, und um in jedem Falle eure Pflicht zu thun, ist ein Bischen Gleicbmuth vielleicht noth- wendig — Aber der Teufel hole einen Krieger, dessen Herz so hart sein kann, wie sein Schwert, und des Teufels Großmutter hole den Rechtsgelehrten, der sein Herz mit Erz umgibt, statt seine Stirne! — Aber ich komme ganz um meinen Sonnabend — wollen Sie die Güte haben und mir die Pa- 172 Piere anvertrauen, die sich auf Miß Bertrams Angelegenheit beziehen? — und, bitte, morgen halten Sie eine Junggcsellen- mahlzeit mit einem alten Rechtsgelehrten, ich bestehe darauf, Punkt drei Uhr — und Sie kommen schon eine Stunde früher. — Die alte Lady wird am Montag begraben; es ist die Angelegenheit einer Verwaisten, und wir wollen dem Sonntag eine Stunde abborgen, um über die Sache zu sprechen — obwohl ich fürchte, es werde sich nichts thun lassen, wofern sie ihre frühere Anordnung verändert hat — aber vielleicht gestaltet sich die Sache günstiger, und wofern Miß Bertram darthun kann, daß sie rechtmäßige Erbin ist, und — „Doch, hören Sie! meine Unterthanen macht Ihr Interregnum ungeduldig — ich lade Sie nicht ein, sich zu uns zu gesellen, Oberst; es hieße zu viel von Ihrer Gefälligkeit verlangt, da sic den Tag nicht mit uns begonnen haben und allmälig von Weisheit zur Fröhlichkeit und von Fröhlichkeit zur — zur — Ausgelassenheit übergegangcn sind. — Gute Nacht — Heinrich, begleite M. Mannering nach seiner Wohnung — Herr Oberst, ich erwarte Sie morgen nach zwei Uhr." Der Oberst kehrte nach seinem Wirthshaus zurück, ebenso erstaunt über die kindischen Spiele, mit denen er seinen gelehrten Anwalt beschäftigt gefunden hatte, als über die Aufrichtigkeit und den gesunden Verstand, den er bewies, als er aufgefordert wurde, einen Augenblick seinen Berufsgeschäften zu widmen, und ebenso über den herzlichen Ton, in welchem er von der freundlosen Waise sprach. Am Morgen, als der Oberst und sein höchst ruhiger und schweigsamer Genosse, Dominie Simson, eben ihr Frühstück beendigten, welches Barnes zugerichtet und eingeschenkt hatte, nachdem sich der Dominie bei gleichem Versuche verbrüht, — trat Mr. Pleydell plötzlich in's Zimmer. Eine sauber aufgeputzte Stutz- Perücke, wo ein eifriger und sorgsamer Friseur jedes Härchen kunstreich gepudert hatte; ein wohlgebürsteter schwarzer Anzug, sehr glänzende Schuhe, goldene Schnallen; ferner ein mehr gemessenes und förmliches, als zudringliches Benehmen, welches aber deßwegen keineswegs linkisch war; ein Gesicht, dessen ausdrucksvolle und etwas komische Züge in vollkommener Ruhe waren, — alles dies stellte ein Wesen dar, welches ganz verschieden von dem drolligen Geiste des gestrige» Abends war. Der schlaue und durchdringende Feuerblick des Auges war das einzige hervorstechende Merkmal, welches an den Mann des „Sonnabends" erinnerte- „Ich komme," sagte er mit feinem Anstand, „meine königliche Autorität bei Ihnen sowohl in geistlicher als weltlicher Hinsicht auszuüben — kann ich Sie nach der Presbyterianerkirche begleiten, oder zum bischöflichen Gottesdienste? — 'l'ros Izriusve, ein Nechtsgelehrter hat, wie Sie wissen, beide Religionen, oder vielmehr sollte ich sagen, beide Formen der Religion — oder kann ich Ihnen den Vormittag auf irgend eine andere Weise hinbringcn Helsen? Sie werden meine altväterische Zudringlichkeit entschuldigen — Ich ward zu einer Zeit geboren, wo ein Schotte für un- gastfreundlich galt, sobald er einen Gast einen Augenblick allein ließ, außer während der Zeit des Schlafes — aber ich hoffe, Sie werden mir cs gleich sagen, wenn ich störe." „Durchaus nicht, mein thcurer Sir," antwortete Oberst Mannering ; „es freut mich, daß ich mich Ihrer Führerschaft überlassen kann. Ich wünsche sehr, einen Ihrer schottischen Prediger zu hören, deren Talente ihrer Heimat so viel Ehre gebracht haben — Ihren Blair, Ihren Robertson, oder Ihren Henry; und ich nehme Ihr freundliches Anerbieten von ganzem Herzen an. Allein," hier zog er den Rechtsgelehrten ein wenig bei Seite, während er den Blick auf Simson richtete, „mein würdiger und trän- 174 mcrischer Freund dort ist ein wenig unbehilflich und zerstreut, und mein Diener, Barnes, der gewöhnlich sein Führer ist, kann ihm hier nicht wohl Beistand leisten, zumal da er selber den Entschluß auSgcdrückt hat, nach einigen der abgelegenen Kirchen zu gehen." Des Rechtsgelehrten Auge heftete sich auf Dominie Simson. „Eine der Erhaltung würdige Merkwürdigkeit — und darum werd' ich Ihnen einen passenden Wächter dafür ausfindig machen. — Hört, Freund," (zum Bedienten,) „geht zu Luckie Finlapson's am Cowgate, und fragt nach Miles Macfin, dem Lohnbedienten z er wird um diese Zeit hier sein, und sagt ihm, ich wünsche ihn zu sprechen." Die verlangte Person kam bald herbei. „Dieses Mannes Obhut will ich Ihren Freund vertrauen," sagte Plcpdell; „erwirb ihn begleiten oder führen, wohin er nur immer gehen mag, gleichviel ob cs nach Kirche oder Markt geht, nach Versammlung oder Gerichtshof, oder wo irgend nur hin es sei — und stets wird er ihn sicher zurückbringen, zu welcher Stunde Zhr cs verlangen mögt; so kann denn Mr. Barnes beliebig seine Freiheit genießen." Alles dies war bald in Ordnung gebracht und der Oberst übergab seinen Simson der Sorgfalt dieses Mannes, für die ganze Zeit, wo sie in Edinburg verweilen würden. „Und nun, Sir, gehen wir, wenn es Ihnen gefällig ist, nach der Capucinerkirche, um dort unfern Historiker von Schottland, von dem Continent und von Amerika zu hören-" Sie sahen sich indeß getäuscht — er predigte an diesem Morgen nicht. — „Nur ein wenig Geduld," sagte der Sachwalter, „und wir werden nichts zu bereuen haben-" Der College des Dr- Robertson bestieg die Kanzel"). Seine äußere Erscheinung war nicht besonders günstig. Eine sehr weiße Dies war der berühmte Dr. ErSkine, ein ausgezeichneter Geistlicher und vortrefflicher Mensch. 175 Gesichtsfarbe, die seltsam mit einer schwarzen völlig ungepuder- ten Perücke contrastirte; eine enge Brust und gebeugte Haltung; Hände, welche, gleich Stützen an beiden Seiten der Kanzel aufgelegt, eher zur Aufrechthaltung der Person nöthig schienen, als um die Gestikulation des Predigers zu vervollständigen, — dies und mehrcres Andere war es, was dem Fremden an ihm zuerst ausfiel. „Der Prediger scheint nicht vortheilhaft ausgestattet," flüsterte Mannering seinem neuen Freunde zu. „Keine Besorgniß, er ist der Sohn eines trefflichen schottischen Rechtsgelehrten — er wird seiner Herkunft Ehre machen, ich stehe für ihn." Der Rechtsgelehrte prophezeite richtig. Man hörte einen Vortrag, reich an neuen, treffenden und unterhaltenden Ansichten über biblische Geschichte — eine Predigt, worin der Calvinismus der schottischen Kirche wohl erläutert und unterstützt ward; die Basis jedoch machte ein gesundes System praktischer Moral aus, wodurch der Sünder weder unter der Hülle spekulativen Glaubens oder gemeiner Meinungen Schutz finden, noch den Fluthen des Unglaubens und des Abfalles überlassen werden sollte. Etwas veraltet war der Kunstgriff der Argumente und Metaphern, aber er diente nur dazu, dem Style der Beredsamkeit Klarheit zu geben. Die Predigt ward nicht gelesen — ein Streifchen Papier, enthaltend die Hauptpunkte des Ganzen, ward gelegentlich zur Hand genommen, und der Vortrag, welcher anfangs unvollkommen und ängstlich erschien, ward, als der Prediger in der Folge mehr in's Feuer kam, lebhaft und bestimmt. Obwohl nun die Abhandlung nicht als eine fehlerlose Probe von Kanzelberedsamkeit gelten konnte, so hatte Mannering gleichwohl noch nie so viel gelehrten metaphysischen Scharfsinn und so viel Energie der Argumente im Dienste des Christenthums anwenden hören. „So," sagte er, als er aus der Kirche ging, „müssen die 176 Prediger gewesen sein, deren bedeutenden, wenn auch zuweilen etwas roh gebildeten Talenten wir die Reformation verdanken." „Und doch hat jener ehrwürdige Herr," sagte Pleydel, „den ich seines Vaters und seiner selbst willen liebe, nichts von jenem pharisäischen Stolze, welcher einigen der vormaligen Väter der calvinistischen Kirche Schottlands inncwohnte- Sein College und er sind verschiedener Meinung hinsichtlich verschiedener Punkte der Kirchendisciplin, und in Bezug darauf sind sie auch Häupter verschiedener Parteien in der Kirche; aber dabei behaupten sie stets persönliche Achtung gegen einander, lassen nichts Böswilliges ihre wechselseitige Opposition unterstützen, und beide zeigen sich standhaft, fest und ihrer Sache gewiß " „Und was halten Sie von ihren verschiedenen Ansichten, Mr- Plcpdell?" „Ei, Herr Oberst, ich glaube, ein schlichter Mann kann in den Himmel kommen, ohne an all jene Einzelheiten zu denken — überdies, iuter nos, ich bin ein Mitglied der leidenden und bischöflichen Kirche von Schottland — jetzt nur noch ein Schatten vom Schatten, — aber ich liebe es, da zu beten, wo meine Väter vor mir beteten, ohne deßwegen schlecht von den Formen der Presbyterianer zu denken, weil mich diese nicht auf gleiche Weise ansprechen " Mit diesen Worten schieden sie nun bis zur Zeit des Mittagessens. Manncring dachte an den elenden Eingang zu des Rechtsge- lchrtenWohnung,und hegte demnach nur sehr bescheidene Erwartungen von der Bewirthung, die er empfangen sollte. Bei Tageslicht sah jener Eingang noch schrecklicher aus, als am vorigen Abend. Die Häuser an beiden Seiten des Gäßchens standen einander so nah, daß sich die Nachbarn von beiden Seiten die Hände reichen konnten, und hier und da war auch der Raum gänzlich geschlossen, indem hölzerne Gallerien von einem Haus zum adern liefen. Die Treppe war nicht besonders reinlich; und als Mannering das Haus betrat, fiel ihm die Enge und das mise; rable Ansehen der Hausflur vorzüglich auf. Aber das Bibliothekzimmer , nach welchem er von einem ältlichen, ehrwürdig aussehenden Diener geführt wurde, bildete einen vollkommenen Gegensatz zu all jenen wenig versprechenden Acußerlichkeiten- Es war ein geräumiges hübsches Gemach, mit den PortraitS von einigen schottischen berühmten Charakteren, von Jamie- son, dem Caledonischen Vandpk, geschmückt. Ringsum standen die Bücher, die besten Ausgaben der besten Autoren, und vor allen eine vorzügliche Sammlung der Klassiker. „Dies," sagte Pleydell, „ist mein Handwerkszeug. Ein Rechtsgelehrter ohn§ Kenntniß der Geschichte und Literatur ist ein Handwerker, ein gemeiner Maurer; besitzt er aber von jenen einige Kenntniß, so darf er sich einen Baumeister nennen." Sehr ergötzte sich Manncring durch die Aussicht aus den Fenstern, welche den unvergleichlichen Prospekt der Gegend zwischen Edinburg und der See gewährten; der Früh of Forth, mit seinen Eilanden u. s. w., alles zeigte sich hier, und gegen Norden begränzte eine Hügelreihe der blauen Horizont. Nachdem sich Mr. Plepdcll an der Uebcrraschung seines Gastes zur Genüge erfreut hatte, lenkte er dessen Aufmerksamkeit auf Miß Berlrams Angelegenheiten. „Ich hatte Hoffnung," sagte er, „wiewohl nur sehr schwache Hoffnung,peinige Mittel entdeckt zu haben, um ihr unbestreitbares Recht-auf Las Gut Singleside festzustellen; aber meine Bemühungen waren vergeblich. Die alte Lady war allerdings unbeschränkte Eigenthümerin, und durfte mit vollem Rechte beliebig über ihr Gut verfügen. Alles, was uns zu hoffen übrig bleibt, ist, daß sie der Teufel nicht versucht haben möge, ihre frühere Verfügung umzustoßcn. Sie müssen des Fräuleins Leichenbe- Guy Mannering. II. 12 gängniß abwarten, wozu man sie einladen wird, da ich dem Geschäftsführer der Verstorbenen Nachricht gegeben habe, daß Sie als Bevollmächtigter von Seiten der Miß Lucp Bertram hier sind. Ich werde Sie nachher in der Wohnung der Seligen treffen, und ein Auge darauf haben, daß bei Eröffnung des Nachlasses Alles in gehöriger Ordnung vorgehe. Die Alte hatte ein junges Mädchen bei sich, eine verwaiste Verwandte, die als sklavische Gesellschafterin bei ihr lebte. Ich hoffe, sie wird so viel Gewissen gehabt haben, diese ihre Untergebene für alle Härte und Mühe, die sie zeitlebens bei ihr erdulden mußte, gebührend zu entschädigen." Jetzt erschienen drei Herren, die dem Fremden vvrgestellt wurden. Es waren verständige, heitere und gebildete Männer, daß der Tag sehr angenehm verstrich. Als Mannering am Abend wieder in seinem Gasthofe ankam, fand er eine Einladungskarte zum Leichenbegängniß der Miß Margarete Bertram von Singlefide, welches um ein Uhr Nachmittags von ihrem eigenen Hause beginnen und zum Begräbnißplatz auf dem Capucinerkirchhof gehen sollte. Zur bestimmten Stunde begab sich Mannering nach einem kleinen Hause in der südlichen Vorstadt, wo er den Trauer- Platz, wie gewöhnlich in Schottland, durch zwei Trauergestalten bezeichnet fand, angethan mit langen schwarzen Gewändern, weiße Kreppflören und Hutbändern, und Stäbe mit Trauerfahnen ähnlicher Art in den Händen haltend. Zwei andre Stumme, die nach ihren Gesichtern zu urtheilen, in großer Trübsal um des fremden Unglücks willen waren, führten ihn in das Speisezimmer des Verstorbenen, wo die Gesellschaft der Leidtragenden versammelt war. In Schottland ist die, jetzt in England außer Gebrauch gekommene Sitte, die Verwandten des Verstorbenen zum Leichen- 179 begängniß einzuladen, noch allgemein beibehalten. Bei manchen Gelegenheiten hat dies eine sonderbare und auffallende Wirkung; aber es artet in bloß leere Form und in ein Poffen- spiel aus, in Fällen, wo der Verstorbene das Unglück hatte, ungeliebt zu leben und unbeklagt zu sterben. Die Begräb- nißgebräuche der englischen Kirche, die so schön und ausdrucksvoll sind, würden in solchen Fällen die Aufmerksamkeit fesseln, die Gedanken und Gefühle der Anwesenden sammeln und sie zur Andacht stimmen; in Schottland aber kann, wenn nicht wahres Gefühl die Leidtragenden erfüllt, nichts den Mangel ersetzen und den Geist erheben, so daß die Gesellschaft nur zu sichtbar mit heuchlerischer Anstrengung den Zwang der Sitte erträgt. Margarete Bertram gehörte unglücklicher Weise zu denjenigen, die, ungeachtet mancher guten Eigenschaften, dennoch freundlos bleiben; sie hatte keine nahen Verwandten, die aus natürlicher Neigung um sie hätten trauern mögen, und so bemerkte man bei ihrem Leichenbegängnis; nur den äußern Anstrich von Trauer. Mannering stand also mitten unter dieser trauernden Gesellschaft von Vettern, im dritten, vierten, fünften und sechsten Grade, und suchte in seinem Gesichte die würdevolle Feierlichkeit darzulegen, welche seine ganze Umgebung blicken ließ; und er mühte sich, so viel Theilnahme für Mrs. Margarete an den Tag zu legen, wie wenn die verstorbene Dame von Singlefilde seine eigene Schwester oder Mutter gewesen wäre. Nach einer tiefen und ernstfeierlichen Stille, begann die Gesellschaft leise zu schwatzen, aber nur ganz heimlich flüsternd, als hätte man sich im Zimmer eines Sterbenden befunden. „Unsre theure Freundin," sagte ein ernster Gentleman, kaum den Mund öffnend, weil er fürchtete, die nothwendige Feierlichkeit seiner Züge zu zerstören, und ganz leise zwischen 12* 180 den Lippen flüsternd, welche so wenig als möglich geöffnet wurden, — „unsre theure Freundin hat ein sehr verständiges Leben geführt." „Gewißlich," antwortete die angeredete Person mit halbgeschloffenen Augen; „die gute Mrs- Margarete lebte sehr eingezogcn." „Was Neues heut, Oberst Mannering?" sagte einer der Herren, mit denen er am Tag zuvor gespeist hatte, aber in einem so ernsten und würdevollen Tone, als hält' er den Tod seiner ganzen Familie ankündigcn wollen. „Nichts besonders, glaub' ich, Sir," sagte Mannering, und zwar ganz in dem Tone, der, wie er bemerkte, für das Haus der Trauer geeignet war. „Ich höre," fuhr der erste Sprecher mit Nachdruck, und mit der Miene eines ganz wohl Unterrichteten, fort — „ich höre, es ist ein Testament vorhanden?" „Und was wird die kleine Jenny Gibson bekommen?" „Ein Hundert und die alte Repetiruhr." „Das ist aber auch blutwenig, armes Kind; sie hat es doch sehr lange mit der alten Dame ausgehalten. 's ist aber auch ein schlimmes Ding, auf andrer Leute Tod warten." „Ich fürchte," sagte der Politiker, der dicht neben Mannering stand, „wir sind mit unserm alten Freunde Tipp und Saib noch nicht fertig — gewiß wird er der Compagnie noch Viel zu schaffen machen; und man sagt mir, aber sie werden das wohl schon wissen, daß die ostindischen Papiere gar nicht steigen wollen." „Hoffentlich thun sie cs bald, Sir " „Mrs. Margarete," sagte eine andere Person, sich in die Unterhaltung mischend, „hat einige indische Papiere, ich weiß das, denn ich hotte die Interessen für sie- Es würde nun für 181 die Curatoren und Vermächtnißcrben gut sein, wenn sie des Herrn Oberst Rath erbäten, wenn und auf welche Weise sich die Papiere am Besten in Geld verwandeln lassen. Ich meinerseits denke — aber hier kommt eben Mr. Mortcloke, der uns jetzt Näheres sagen wird." Mr. Mortcloke, der Leichenbitter that dies denn auch und zwar mit einem Gesicht von berufsmäßiger Länge und Feierlichkeit, indem er den Trägern des Bahrtuchs kleine Karten gab, welche ihre Plätze, die sie beim Sarge einnehmen sollten, bestimmten. Da der Vorrang nach der Nähe des Verwandtschaftsgrades bestimmt wird, so konnte der arme Mann, wie gut er sich auch auf die Leichenfeierlichkeiten verstehen mochte, doch nicht vermeiden, hier und da einen Anstoß zu geben. Mit Mrs. Bertram verwandt sein, hieß mit den Ländereien von Singleside verwandt sein, und daher war jetzt jeder Verwandte sehr eifersüchtig auf die Nähe seines Verwandtschaftsgrades. Einiges Murren vernahm man daher bei dieser Gelegenheit, und unser Freund Dinmont gab seinen Unwillen offener zu verstehen, da er weder fähig war, sein Mißvergnügen zu unterdrücken, noch auch den zur Feierlichkeit noth- wendigen Ton zu treffen im Stande war. „Ich dächte doch, ihr hättet mir auch wohl ein Bein von ihr tragen lassen können," rief er mit bedeutend lauterer Stimme, als es sich eigentlich geziemen wollte; „Lieber Gott! wenn es nicht um des Gutes willen wäre, so würd' ich sie wohl ganz allein tragen dürfen, so viel Vornehme jetzt auch hier sein mögen " Einige Dutzend unwilliger und tadelnder Gesichter wandten sich nach dem unerschrockenen Landmann, der, nachdem er seinem Unmuthe Luft gemacht hatte, mit der übrigen Gesellschaft trotzig die Treppe hinab ging, gänzlich den Tadel derjenigen 182 verachtend, welche durch seine Bemerkungen beleidigt wurden waren. Darauf setzte sich der Leichcnzug in Bewegung; voran Männer mit Stäben, an welchen Bänder von beschmutztem weißem Flore wehten, zu Ehren des wohlbewahrten jungfräulichen Rufes von Mrs. Margarete Bertram. Sechs magere Pferde, an sich selbst treffende Sinnbilder der Sterblichkeit, mit schwarzen Tüchern behängen und mit Fcderbüschen geschmückt, die den Leichenwagen mit den Wappenbildern schleppten, schlichen langsam zu dem Begräbnißplatze, geführt von einem Blödsinnigen, der mit Umschlägen und einer Halskrause von weißem Papiere den Leichenzug begleitete. Sechs Trauerwagen mit den Leidtragenden schlossen die Reihe. Unterwegs ließ man den Zungen freien Lauf, und sprach ungezwungen über den Betrag des Nachlasses und den muthmaß- lichen Erben. Diejenigen aber, welche die ersten Ansprüche hatten, beobachteten ein kluges Schweigen, um nicht Hoffnungen auszudrücken, welche getäuscht werden konnten, und der Geschäftsführer, der allein wußte, wie die Sachen standen, machte eine geheimnißvoll wichtige Miene, als hätte er bei sich beschlossen, die ungeduldige Erwartung bis auf den letzten Augenblick zu spannen. Endlich langten sie an der Kirchhofpforte an, und von da kamen sie, zwischen einer Schaar von einigen Dutzend müßiger Weiber, mit ihren Kindern auf dem Arme und begleitet von etlichen zwanzig größer» Kindern, welche lärmend und schreiend neben der Procession beiherliefen, zu dem Erbbegräbnisse der Familie Singlcside. Dies war ein viereckiger, eingeschlos- sener Raum, zur einen Seite bewacht von einem alten Engel ohne Nase und mit nur noch einer einzigen Schwinge, welche das Verdienst hatte, seinen Posten ein ganzes Jahrhundert 183 hindurch behauptet zu haben; während sein Kamerad, ein Cherub, welcher ihm gegenüber, vormals Schildwache gestanden hatte, zerbrochen unter Kletten, Schierling und Nesseln lag, welche ungeheuer üppig rings um des Mausoleums Wände wucherten. Eine moosbewachsene und fast unlesbar gewordene Inschrift unterrichtete den Wandrer, daß im Jahr i«bo Capi- tain Andreas Bertram, der erste des Namens von Singlestde, entsprossen aus dem alten und ehrenwerthen Hause Ellango- wan, dieses Denkmal für sich und die Seinigen hatte errichten lassen. Eine gehörige Anzahl von Sensen, Sanduhren, Todtenköpfcn und Gebeinen schmückte die folgende Probe von Leichcnstcinpoesie zum Andenken des Stifters dieses Mausoleums. NathanielS Herz, BezaleelS Hand, Wen» je sie Einer hatt'. So sag' ich kühn, er hatte sie. Der rnht an dieser Statt. Hier also, in die tiefe, schwarze, fette Lehmerde, in die ihre Ahnen nunmehr verwandelt waren, legte man auch den Leib der Miß Margarete Bertram; und, gleich Soldaten, die von einem militärischen Leichenbegängniß zurückkehren, drängten die nächsten Verwandten, welche bei dem Testamente des Fräuleins bethciligt waren, die Führer der Kutschen zu all' der Eile, deren diese fähig waren, um dem ferneren Verzüge der interessanten Entscheidung endlich ein Ende zu machen. Achtzehntes Kapitel. Sterben und eine Schul', vder eine Kahe beschenken. Pope. Lucian erzählte eine Fabel von einer Schaar Affen, welche ein geschickter Wärter gut abgerichtet hatte, so daß sie eine Tragödie mit großem Beifall aufführten. Aber der Anstand des ganzen Schauspiels ward dabei auf einmal vernichtet, und die natürlichen Leidenschaften der Schauspieler arteten in einen höcdst unanständigen und lebhaften Wetteifer aus, als ein Schalk eine Hand voll Nüsse aus die Bühne warf; auf gleiche Weise erweckte die nahende Entscheidung unter den Exspektanten Gefühle von einem Charakter, welcher ganz verschieden von jenem war, den sie, unter der Aufsicht des Mr. Mortcloke, an den Tag zu legen bemüht gewesen waren. Dieselben Augen, welche früher andächtig zum Himmel blickten, oder mit großer Demuth zur Erde gesenkt waren, schossen ihre Blicke nun scharf und gewandt auf alle Fächer, Schubladen, Kisten, Labinette und all' die seltsamen Winkel, die die Behausung eines alten jungfräulichen Fräuleins bieten mag. Aber ihr Forschen frommte zu nichts; sie fanden das Testament nicht, welches sie so eifrig suchten- Hier fand man eincSchuldverschreibung von zwanzigPfund, wobei bemerkt war, daß die fälligen Interessen am letzte» Mar- 185 tinstage bezahlt worden; gewickelt war das Papier in ein neues Lied, gedichtet zu der alten Melodie „Ueber das Wasser zu Charlie;" — dort fand sich ein seltsamer Liebcsbriefwechsel zwischen der Verstorbenen und einem gewissen Leutnant O'Kean von einem Infanterieregiment; mit diesen Briefen zusammen- gebundcn war ein Dokument, welches den Verwandten über die plötzliche Auflösung einer so bedenklichen Verbindung vollen Aufschluß gab, da cs nämlich des Leutnants Schuldverschreibung von zweihundert Pfund war, woraus nie Interessen bezahlt worden zu sein schienen. Andere ähnliche Papiere und Verschreibungen in großer Menge und gezeichnet mit bessern Namen (in kaufmännischer Bedeutung) als jener des ehrenwerthen und tapfcrn Kriegers, fanden sich im Laufe der weitern Nachforschungen ebenfalls vor; überdies ein Behältniß mit Münzen von jeder Größe und Benennung, Stücke von zerbrochenem Gold und Silber, goldene Ohrringe, Gelenke von zerbrochenen TabackSdosen, Einfassungen von Brillen u. s. w. u. s. w. Immer noch kam kein letzter Wille zum Vorschein, und Oberst Mannering begann größere Hoffnung zu schöpfen, daß die Verfügung, die er von Glossin erhalten batte, die letzte Anordnung hinsichtlich der Angelegenheiten der alten Dame erhalten werde. Aber sein Freund Plcydcll, der jetzt in das Zimmer trat, rieth ihm, dieser Hoffnung nicht zu sehr nachzuhängen. „Ich bin sehr wohl mit dem Herrn bekannt," sagte er, „welcher die Untersuchung leitet, und an seinem Benehmen errath' ich, daß er etwas mehr von der Sache weiß, als irgend einer von uns " Unterdessen, während die Untersuchung fortschreitet, wollen wir in der Kürze noch einen Blick auf einige in der Gesellschaft werfen, welche am meisten interessirt zu sein schienen. Von Dinmont, der, mit seiner großen Reitpeitsche unter dem Arm, dem bomme ck'sllsires mit seinem großen runden 186 Gesicht über die Schulter sieht, ist weiter nichts zu sagen von Nöthen. In seiner Nahe steht ein ältlicher, dünner Mann in einem ganz regelrechten und zierlichen Traueranzuge; dieser Herr ist Mac-Casquil, der, als sehr entfernter Verwandter seine Erbschaftsansprüche blos darauf gründet, daß er mit der Verstorbenen jeden Sonntag in einem Kirchenstuhl gesessen und regelmäßig an jedem Sonnabend in den Abendstunden „Crib- bage" mit ihr gespielt hat, aber stets mit großer Sorgfalt darauf achtend, daß er nie gewinnen möchte. Der andere, ziemlich rauh aussehende Mann, der sein graues Haar in einem ledernen Haarbeutel trägt, ist ein Tabackshändler, ein Verwandter von mütterlicher Seite, der bei dem Ausbruche des Krieges seine Waarenpreise für alle Kunden erhöhte, ausgenommen für Margarete Bertram, deren schildpattene Dose wöchentlich mit dem besten Rappee zu dem alten Preise gefüllt wurde, weil des Fräuleins Dienstmädchen sie jedesmal mit einer Empfehlung von Mrs. Bertram an ihren Vetter Mr. Quid überbrachte. — Jener junge Mensch, der nicht einmal so höflich gewesen ist, seine großen Stieseln und Lederhosen wegzulafsen, würde vielleicht höher als jedere Andere in der Gunst der verstorbenen Dame gestanden haben, die gern auf hübsche junge Männer zu sehen pflegte, wenn er nicht, wie man glaubte, sein Glück dadurch verscherzt hätte, daß er zuweilen ihre feierlichen Einladungen zum Thee vernächlässigte, oder auch wohl zuweilen dahin kam, nachdem er in schlechter Gesellschaft geweilt hatte, überdies zweimal ihrer Katze auf den Schwanz trat, und einmal ihren Papagei beleidigte. Für Manncring war die interessanteste Person unter der ganzen Schaar das junge arme Mädchen, welches eine Art von demüthiger Gesellschafterin der Verstorbenen gewesen war, als ein Gegenstand, an welchem jene zu jeder Zeit ihre schlechte 187 Laune auslaffen konnte. Die Lieblingsmagd der Verstorbenen hatte sie, nur der Form wegen, in das Zimmer gezogen, wo sie sich sogleich in einen Winkel drückte, und mit Erstaunen und Entsetzen zusah, wie fremde zudringliche Hände jene Behältnisse durchwühlten, auf welche sie seit ihrer Kindheit nur mit scheuer Ehrfurcht geblickt hatte. Alle schauten mit ungünstigem Auge auf das arme Mädchen, den ehrlichen Dinmont ausgenommen; die übrigen aber glaubten in ihr eine gefährliche Mitbewerberin zu erblicken, deren Ansprüche die Erbschaft wenigstens vermindern könnten- Aber gleichwohl war sie die einzige Person unter allen Anwesenden, welche wirklich um die Verstorbene Kummer zu empfinden schien. Mrs. Bertram war ihre Beschützerin gewesen, wenn auch aus selbstsüchtigen Beweggründen, und all' die launische Tyrannei der alten Lady war in dem Augenblicke vergessen, wo die Thränen über die Wangen ihrer freundlosen Untergebenen flössen. „Da gibt es Wasser genug, Drumquag" (früherer Name des Mac-Easquil), sagte der Tabacksfabrikant zu seinem verarmten Nachbar, „genug, um die Leute darin zu baden." Mr. Mac-Casquil antwortete nur durch ein Kopfnicken, denn in Gegenwart des Mr. Pleydell und Oberst Mannering fühlte er seinen höhern Rang- „Sehr närrisch wär's, wenn kein letzter Wille da sein sollte, Freund," sagte Dinmont, welcher ungeduldig zu werden begann, zu dem Geschäftsführer. „Einen Augenblick Geduld, wenn es Euch gefällig ist — Sie war eine gute und umsichtige Frau, Mrs. Margarete Bertram — eine gute umsichtige und verständige Frau, die wohl wußte, wie man Freunde und Vertraute zu wählen hat — sie wird ihren letzten Willen und Testament, oder vielmehr ihre mortis euuss Verfügung in die Hände eines sichern Freundes niedergclegt haben." 188 „Ganz sicherlich und fest glaub' ich," sagte Pleydell flüsternd zu dem Oberst, „er hat cs in seiner eigenen Tasche;" — darauf redete er den Mann des Rechtes an, „Wohlan, Sir, wir wollen die Sache kurz abmachen, mit Ihrer Erlaubniß; hier ist eine Verfügung über das Gut Singleside, ausgeferiigt vor einer Reihe von Jahren, zum Besten der Miß Lucy Bertram von Ellango- wan"-die Gesellschaft starrte hier mit furchtsamen, wilden Blicken auf ihn. „Vermuthlich können Sie uns berichten, Mr. Protocol, ob ein späteres Testament vorhanden ist?" „Erlauben Sie mir, Mr. Pleydell;" — mit diesen Worten nahm jener die Urkunde aus der Hand des RechtSgelehr- ten und ließ seinen Blick über den Inhalt gleiten. „Viel zu kalt," flüsterte Pleydell, „viel zu kalt — er hat noch eine ganz andere Urkunde in der Tasche." „Warum zeigt er sie dann nicht vor, daß ihn der Teufel!" sagte der militärische Herr, dessen Geduld schon zu schwinden begann. „Ei, wie kann ich das wissen?" antwortete der Rechtsge- lehrtc, — „warum tödtet eine Katze eine Maus nicht gleich, die sie gefangen hat? es ist meines BedünkenS nur das Bewußtsein der Obmacht und die Lust am Quälen. — Wohlan, Mr. Protocol, was sagen Sie zu dieser Urkunde?" „Ei, Mr. Pleydell, die Urkunde ist eine recht wohl abgefaßte Urkunde, gehörig beglaubigt und nach gesetzlicher Vorschrift bezeugt." „Aber widerrufen oder umgestoßen durch eine andere von späterem Datum, die sich in Ihrem Besitz befindet, nicht so?" sagte der Nechtsgelchrtc. „Etwas von der Art, allerdings, Mr. Pleydell," sagte der Geschäftsmann, ein Pack Schriften hervorziehend, das mit Bindfaden umwunden und an allen Ecken und Enden mit I8S schwarzen Siegeln versehen war- »Jene Urkunde, Mr. Plepdell, welche Sie vorzeigen, ist datirt vom ersten Juni, 17 —; aber diese hier," (die Siegel brechend und das Document langsam entfaltend,) „ist datirt vom 20. — nein, wie ich sehe vom 21. April dieses gegenwärtigen Jahres, also 10 Jahre später als jene. „Wahrlich," rief der Rechtsgelehrte, „gerade von demselben Monate, in welchem Ellangowan's mißliche Lage allgemein bekannt zu werden begann. Aber lassen Sie uns doch Horen, was sie verfügt hat." Mr Protocol begann demnach, nachdem er um Stille gebeten, die Verfügung laut, in einem langsamen, festen, geschäftsmäßigen Tone, vorzulesen. Die Gruppe der Umstehenden, in deren Blicken Hoffnungen abwechselnd erwachten und wieder erloschen, und die all' ihre Fassungskraft anstrengten, um den Sinn des Testamentes durch den Nebel der Kunstsprache, in welchen es cingehüllt war, gehörig zu verstehen, hätte einen würdigen Gegenstand für Hogarth abgegeben. Das Testament war von ganz unerwartetem Inhalt. Es verfügte über das Gut Singlesive, nebst allem Zubehör, und mit Inbegriff der Ländereien von Loverleß, Liealone, Spin- ster's Knowe, und der Himmel weiß was noch alles, „zu Gun> sten des (vier sank der Vorlesers Stimme zu einem sanften und bescheidenen Piano herab.) Peter Protocol, weil die Erblasserin das vollste Vertrauen auf seine Fähigkeit und Redlichkeit habe," (dies sind die nämlichen Worte, welche meine verstorbene Freundin durchaus beigefügt wissen wollte.) „Aber nur als anvertrautcS Gut," (hier erhob der Leser seine Stimme wieder, und die Gesichter vieler Zuhörer, welche vorher zu einer bedeutenden Länge gedehnt worden waren, verkürzten sich wieder sehr,) „als anvertrautes Gut, und unter nachfolgenden Bedingungen und Bestimmungen." I9V In diesen Bedingungen und Bestimmungen lag aber gerade die Hauptsache. Die erste derselben wurde durch eine lange Vorrede eingeleitct, welche auseinandersctzte, daß die Erblasserin in gerader Linie von dem alten Hause Ellangowan abstamme, indem ihr Urgroßvater, Andreas Bertram, der Erste von Single- side seligen Andenkens, der zweite Sohn des Allan Bertram, BaronS von Ellangowan, gewesen sei. Sodann ward bestätigt, daß Henry Bertram, Sohn und Erbe des Godfrey Bertram, von Ellangowan, in der Kindheit seinen Eltern gestohlen worden sei; daß aber sie, die Erblasserin, wohl versichert sei, er lebe noch in fremden Landen und würde durch des Himmels Führung wieder in das Erbe seiner Väter eingesetzt werden — in diesem Falle aber solle der besagte Peter Protorol gehalten und verpflichtet sein, wie er sich selbst bei Annahme gegenwärtiger Verfügung für verpflichtet und gebunden erkläre, sich der besagten Güter von Singleside und der übrigen dazu gehörigen Gegenstände (nach Abzug einer Gratifikation für seine Mühe), zu Gunsten des besagten Henrp Bertram, sobald dieser in seine Heimath zurückkehren werde, zu entäußern- Während der Abwesenheit des jungen Bertram, oder wofern derselbe vielleicht gar nicht nach Schottland zurückkehren sollte, hatte Peter Protocol die Einkünfte des Gutes und den Ertrag des übrigen Vermögens, jedoch gleichfalls nach Abzug einer angemessenen Gratification für ihn, in gleichen Theilen an vier benannte milde Stiftungen zu vertheilen. Die Verwaltung des Gutes, die Erhebung und Anlegung des baarcn Vermögens, kurz, die volle Gewalt eines Eigenthümers, ward dem vertrauten Bevollmächtigten übertragen. Nur zwei Vermächtnisse waren noch ausgesetzt; eines von hundert Pfund einer Lieblingsmagd, ein zweites von gleichem Betrag für Janet Gibson (welche nach Aussage 1SI des Testaments durch der Erblasserin Güte erzogen worden,) um dieselbe dafür ein ehrbares Gewerbe erlernen zu lassen. Ein derartiges Testament nennt man in Schottland eine Mortification, und in einem großen Burgflecken, (Aberdeen, wenn ich mich recht erinnere,) heißt der Beamte, welcher solche Verfügungen zu besorgen hat, der Master der Mortificationen. Man könnte vermuthen, dieser Ausdruck rühre von der Wirkung her, welche solche Verfügungen gewöhnlich auf die Verwandten derjenigen äußern, durch welche jene getroffen worden sind. Bedeutend war allerdings die Kränkung und der Aer- ger, welcher die Versammlung befiel, die im Besuchzinimer der seligen Mrs. Margarete Bertram jener unerwartete» Entscheidung über die Besitzung Singleside gelauscht hatte. Ei» tiefes Schweigen herrschte, nachdem das Document bis zu Ende vorgelesen war. Mr. Pleydell nahm zuerst wieder das Wort. Er bat, die Urkunde durchsehen zu dürfen, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß sie in gehöriger Weise aufgesetzt und vollzogen sei, wandte er sich ohne jede weitere Bemerkung um und sagte nur leise zu Mannering: „Protocol ist nicht schlimmer als andere Leute, wie ich glaube, aber das alte Fräulein hat Alles so eingerichtet, daß cs ihm, wenn er nicht ein Schurke wird, wenigstens nicht an Versuchung dazu fehlen kann." »Ich glaube wirklich," sagte Mr. Mac-Casquil von Drum- quag, welcher, nachdem er die eine Hälfte seines Grolls hinunter- gcschluckt hatte, entschlossen war, der andern Hälfte Luft zu machen, „ich glaube wirklich, daß dies ein ganz außerordentlicher Fall ist! Ich möchte nun gern von Mr. Protocol wissen, — denn als einziger und unbeschränkter Vertrauter muß dieser doch bei der Gelegenheit zu Nathe gezogen worden sein; ich möchte, sag' ich, gern wissen, wie Mrs. Bertram im Stande 192 sein konnte, an die Existenz dieses Knaben zu glauben, der, wie alle Welt weiß, vor vielen Jahren ermordet worden ist?" „In der Thal, Sir," sagte Mr. Protocol, „ich weiß nicht, wie es mir möglich sein sollte, ihre Beweggründe deutlicher zu erklären, als sie es schon selber gethan hat. Unsere treffliche verstorbene Freundin war ei» gutes Weib, Sir — ein frommes Weib, — und sie mochte wohl Gründe haben, an das Wohlbefinden jenes Knaben zu glauben, Gründe, die für uns nicht erkennbar sind, Sir." „Ei," fiel der Tabacksfabrikant ein, „ich kenne die Gründe recht gut, auf welche sie ihr Vertrauen setzte. Dort sitzt Mrs. Rebecka (die Magd,) die hat wir wohl hundert Mal in meinem eigenen Laden erzählt, es gebe Niemand, der darum wisse, wie die Lady ihren letzten Willen einrichtcn werde, denn eine alte Zigeunerin zu GilSland hätte ihr die Versicherung gegeben, daß der Junker — Henry Bertram heißt er? — am Ende doch einst wiederkehren werde Könnt Ihr das lä'ugnen, MrS. Rebecka? Freilich weiß ich wohl, daß Ihr cs rein vergessen habt, was Ihr Eurer Herrschaft zu Gemüthe führen solltet, was Ihr derselben zu sagen versprächet, und wofür ich Euch manche halbe Krone gegeben habe — Aber Ihr werdet doch nun nicht verläugnen wollen, was ich jetzt sage?" „Ich weiß gar nichts davon," antwortete Rebecka, indem sie fest vor sich hinblickte, ganz mit der Miene einer Person, welche nicht geneigt ist, sich an mehr zu erinnern, als an das, was ihr angenehm ist. „Wohlgesprochen, Rebecka! Ihr seid mit Eurem Theil zufrieden," setzte der Tabacksfabrikant noch hinzu. Jener junge Mensch, der bisher mit seiner Reitgerte an die Stiefeln geklopft hatte, saß jetzt da wie ein Kind, dem man seinen Brei genommen hat. Sein Murren indeß verschloß er in sein Inneres oder machte ihm wenigstens nur in abgebrochenen Sätzen Luft, wie etwa: „was Hab' ich nun davon, daß ich mich immer mit ihr plagte — bin ich doch, wahrlich, hieher gekommen, um Thee zu trinken, und verließ Gesellschaften, die mir besser behagten; wahrhaftig, ich hätte besser gethan, wegzubleiben — 'S ist abscheulich, keine hundert Pfund hat sie mir gelassen!" Mr. Protocol, welcher die gehässige Stimmung nicht gern iu diesem Augenblicke steigern wollte, versprach, Alles gehörig in Ordnung bringen zu wollen und sagte dann: „Wohlan, meine Herren, ich denke wir haben jetzt hier nichts mehr zu thun—ich werde dafür sorgen, daß schon morgen jeder der Herren Gelegenheit habe, das Testament meiner trefflichen und würdigen Freundin hinsichtlich seines Inhalts zu prüfen und sich nach Belieben einen Auszug davon zu nehmen." Jetzt begann er die Behältnisse der Seligen mit größerer Eile zu schließen, als er sie geöffnet hatte. „Mrs- Rcbecka, Ihr werdet so gut sein, hier Alles in guter Ordnung zu halten, bis wir das HauS vermierhen können — es ward mir diesen Morgen von Jemand ein Antrag, wofern ich etwas derartiges finden sollte " Unser Freund Dinmont, der seine Hoffnungen so gut wie jeder andre gehabt hatte, hatte bisher mürrisch genug in dem Lehnstuhle der verstorbenen Lady gesessen, die sich nicht wenig entsetzt haben würde, wofern sic dieses kolossale Probestück eines Mannes in ih- remLieblingsstuhle hätte ruhen sehen. Seine Beschäftigung hatte darin bestanden, seine lange Peitschenschnur schneckenartig aufzurollen und sie dann auf der Mitte des Fußbodens sich wieder entwickeln zu lassen- Die ersten Worte, die er endlich, nachdem alles entschieden, sagte, enthielten eine großmüthige Erklärung, von welcher er wahrscheinlich selbst nicht wußte, daß er sie laut äußerte: — „Nun gut — Blut ist dicker als Wasser — sie soll willkommen sein bei den Käsen und Schinken." Als aber der Vertraute die obenerwähnten Abschiedsworte zu den Trauernden sagte und Guy Mannering. II. 1Z 194 davon sprach, daß das Haus alsbald vermiethet werden sollte, erhob sich der ehrliche Dinmont auf seine Füße, und überraschte die Gesellschaft mit der schlichten Frage: „Und was soll dann aus dem armen Mädchen werden, der Jenny Gibson? so viele von uns wollten mit der Familie verwandt sein, als es sich um die Erbschaft handelte; und nun können wir für sie denn doch auch etwas thun." Dieser Vorschlag schien die meisten der Versammelten zum sofortigen Abschiede geneigt zu machen, obwohl sie bei jener Aeuße- rung ProtocolS noch gezögert hatten, als wenn sie um das Grab ihrer vernichteten Hoffnungen gestanden hätten. Drumquag sagte, oder murmelte vielmehr etwas von „selbst eine Familie haben," und aus diesem Grunde nahm er, kraft seines adligen Blutes, den Vortritt und entfernte sich so schnell als möglich. Der Tabaks- Händler trat auf und ließ die Aeußerung hören — es ist ja doch schon genug für sie gesorgt; und Mr. Protokoll ist imUebrigen die am meisten geeignete Person, die Leitung des Mädchens zu übernehmen , da er das Legat auszuzahlen hatnachdem er so seine Meinung in festem und entschiedenem Tone dargelegt hatte, verließ er gleichfalls den Schauplatz. Der junge Mensch versuchte einen plumpen und groben Scherz über die Andeutung der MrS. Bertram, daß das arme Mädchen ein ehrbares Gewerbe lernen solle; aber ein mißfälliger Blick aus Oberst Mannerings finsterm Auge (auf welchen er, mit dem Tone einer guten Gesellschaft völlig unbekannt, Beifall suchend geblickt hatte,) bestimmte ihn schnell dahin, den unglücklichen Versuch nicht zu erneuern. Er eilte so schnell als möglich die Treppe hinab. Prvtocoll, der in der That ein gutmüthiger Mensch war, gab zunächst die Absicht zu verstehen, einstweilen die junge Dame bei sich anfzunehmen, aber mit dem steten Vorbehalt, daß dieses sein Verfahren nur als ein Werk der Barmherzigkeit angesehn werden solle; da erhob sich aber Dinmont wieder, und, nachdem er seinen 195 weiten groben Ueberrock geschüttelt hatte, wie etwa ein Neufound- länderHund sein zottiges Fell schüttelt, wenn er aus dem Wasser kommt, rief er: »Ei, der Teufel hol'mich, wenn Ihr etwas mit ihr zu thun haben sollt, Mr. Protocoll, vorausgesetzt, daß sie Lust hat, mit mir nach Hause zu gehen. Seht, Aillie und ich, wir kommen ganz gut mit einander aus, und sie würde sich bei uns auch gut genug befinden. — Jenny wird bei uns weiter gar nichts zu entbehren haben, als die feinen Manieren, und das Bücherlesen und das zierliche Nähen — was sie freilich bei einer so großen Dame, wie Lady Singlesive, lange genug getrieben hat; oder wenn sie vielleicht von alle dem noch nichts versteht, so wird sie unfern Jungen darum noch weit lieber sein, darauf wett'ich- Ich will alles besorgen, und was das Geld betrifft, die hundert Pfund, die mögt Ihr in Euren Händen behalten, Mr. Protocoll, und ich werde schon selber noch etwas dazuthun, bis sie einmal einen wackern tüchtigen Burschen bei uns findet, der etwas braucht, um sich eine Wirthschaft einzurichten. — Nun, was sagst du dazu, Kind? du mußt freilich zu Pferde bei uns einziehen, denn eine Kutsche ist noch nie durch Liddesdale gerollt: — und es wird mich auch recht freuen, wenn Mrs. Rebecka mit dir kommen will, Kind, um etliche Monate bei uns zu bleiben, so lange dunoch fremd bist." Während sich Rebecka höflich verbeugte und die arme Waise auch dahin zu bringen suchte, sich höflich zu verbeugen, statt zu weinen, und während Dandy, nach seiner rohen Weise, Beiden Muth einsprach, nahm der alte Pleydell seine Zuflucht zur Schnupftabaksdose. »Es ist das für mich wie Speise und Trank, Oberst," sagte er, nachdem er ein wenig Fassung gewonnen hatte, „wenn ich einen so ehrlichen Kerl sehe — ich muß ihm auf seine eigne Weise eine Freude macken, — ich muß ihm helfen, sich selber zu ruiniren — da ist keine Rettung für ihn- Hier, Ihr aus Liddesdale — Dandie — Charlieshope — wie nennt Ihr Euch doch?" 13 * 196 Der Pächter wandte sich um, unendlich erfreut, daß man ihn bemerkte, mochte es auch nur auf die angegebene Weise sein; denn in seinem Herzen ehrte er, nächst seinem eigne» Oberherrn, einen Rechtsgelehrten vor Allen. ,,So wollt Ihr wohl weiter nichts vornehmen, in Bezug auf die Sache wegen der Weideplätze?" »Nein, nein, Sir — Niemand verliert gern sein Recht und läßt sich darüber noch auslachen. Aber weil Euch die Sache nicht angenehm scheint, oder weil Ihr vielleicht der Freund des Gegenpart seid, so muß ich zu einem andern Advokaten gehn " „Da, sagt'ich es Ihnen nicht, Oberst Mannering? — Nun wohlan, Freund, wenn Ihr durchaus ein Narr sein müßt, so wollen wir wenigstens dafür sorgen, daß der Proceß möglichst billig für Euch ausfällt, und daß Ihr auch wo möglich am Ende der Sieger seid. Schickt Eure Papiere und ich werde dafür sorgen, daß Eure Sache gehörig geführt wird- Ich sehe am Ende nicht ein, warum Ihr nicht auch Eure Proceffe und Eure Fehden vor den Gerichten haben solltet, so gut wie Eure Vorfahren ihre Todtschlägereien und brennenden Dörfer hatten." „Sehr natürlich, in der That, Sir. Wir wollten das alte Wesen genau eben so treiben, wär' cs nicht um der Gesetze willen. Und da uns das Gesetz bindet, so soll uns auch das Gesetz lösen. Und wirklich hat auch ein Mann in unsrer Gegend erst dann ein rechtes Ansehn, wenn er vor Gericht gestanden hat." „Vortrefflich, mein Freund! Nun geht und schickt Eure Papiere. — Kommen Sie, Oberst, wir haben hier nichts weiter zu thun." „Nun, wir wollen nun schon mit Jock von Dawston Cleugh fertig werden!" sagte Dinmont, sich voller Freude auf den Schenkel schlagend. Neunzehntes Kapitel. -ich gehe jeht z»n, Parlament; Habt irgend ein Geschäft ihr etwa dort, Das ich besorgen kann, seid kurz, laßt hören, Und zahlt mir die Gebühr. Der kleine Jurist. »Werden Sie im Stande sein, dieses wackern Mannes Sache durchzuführen?" sagte Mannering- „Ei, das weiß ich nicht; wofern cs sich thun läßt, soll er über Zock Dawston triumphiren; ich bin ihm einigermaßen verpflichtet. Es ist der Fluch unsers Berufes, daß wir selten die bessere Seite der menschlichen Natur zu sehen bekommen. Die Leute kommen zu uns mit jedem selbstsüchtigen Gefühle, wie es eben frisch aufgcrcizt ist; so mancher ist schon zu mir gekommen, de» ich im Anfang wohl gern aus der Thüre geworfen hätte, bis ich am Ende doch die Entdeckung machte, er thue, da er zornig und dabei natürlich sehr unvernünftig sei, nichts anderes, als was ich in seinem Falle auch gethan haben würde. In der civilisirten Gesellschaft ist die Rechtspflege der Schornstein, durch welchen aller Rauch, der im ganzen Hause zu circuliren pflegt und Jedermanns Augen belästigt, seinen Ausgang nimmt — kein Wunder also, wenn der Schornstein zuweilen selbst etwas rußig wird. Aber wir wollen IS8 Sorge dafür tragen, daß die Sache unsers Freundes vom Liddesdale gut geleitet und vertheidigt wird, damit ihm so alle unnöthigcn Kosten erspart werden — Er soll seinen Zankapfel zu einem wohlfeile» Preise haben." «Wollen Sie mir den Gefallen thun," sagte Mannering," als sie schieden, „mit mir in meiner Wohnung zu speisen? Mein Wirth sagt, er Habe ein treffliches Rothwildpret und ausgezeichneten Wein." „Wildpret — wie?" aniwortete der Rechtsgelchrte, fügte jedoch sogleich hinzu: „doch nein, es ist unmöglich — ich werde in diesen Tagen nicht die Ehre haben können- Montag, Dienstag und Mittwoch sind wir ganz und gar von Geschäften in Anspruch genommen — doch halt — es ist kaltes Wetter, und wenn Sie die Stadt nicht verlassen, und das Wildpret sich bis Donnerstag hält"- «So wollen Sic an diesem Tage bei wir speisen?" «Ganz bestimmt." „Nun gut, ich dachte daran, eine Woche hier zu bleiben, und das soll auch geschehn. Sollte sich das Wildpret nicht halten, nun, so werden wir sehn, was unser Wirth sonst etwa für uns hat." „O, das Wildpret wird sich halten," sagte Plepdell; „und nun leben Sie wohl — sehen Sie diese Briefe hier an und benutzen Sie dieselben, wenn Ihnen die Adressen gefallen. Ich schrieb sie diesen Morgen für Sie — Leben Sie wohl, mein Schreiber erwartet mich jetzt, um mir einen verwünschten Bericht zu erstatten." — Und hinweg wandelte Mr- Pley- dell mit großer Behendigkeit, indem er in ein Gewühl von Gäßchen und versteckten Gängen tauchte, in der Absicht, die Highstrect zu erreichen und zwar auf solchen Wegen, die, mit der gewöhnlichen Richtung verglichen, das waren, was die 199 Magellanstraße im Vergleich zu dem offeneren aber auch weitern Wege um das Cap Horn ist. Als Mannering die Empfehlungsbriefe betrachtete, die ihm Plepdell in die Hand gelegt hatte, fand er zu seinem Vergnügen, daß sie an einige der ersten gelehrten Personen Schottlands gerichtet waren. „An David Hume, Esq-" „An John Hume, Esc,." „An vr. Ferguson." „An vr. Black." «An Lord Kaimes." „An Mr- Hutton." „An John Clerk, Esq. von Eldin." „An Adam Smith, Esq. „An vr. Robertson-" „Wahrhaftig, mein rechtskundiger Freund hat eine gute Auswahl von Bekanntschaften — dies sind wirklich ganz vortreffliche Namen — Ein Ostindier muß seine Talente ein wenig zusammennehmen und seinen Geist in Ordnung bringen, eh' er in eine solche Gesellschaft tritt " Mannering bediente sich dieser Empfehlungen mit Vergnügen, und wir bedauern sehr, daß es nicht in unserer Macht steht, dem Leser einen Bericht von der Unterhaltung und Belehrung zu geben, welcher er theilhaft wurde, indem er in einen Kreis cingeführt ward, welcher nie für Fremde von Verstand und Bildung geschlossen war und der vielleicht zu keiner Zeit seines Gleichen hatte, wenn man die Höhe und Manch- faltigkeit der Talente erwägt, die sich hier auf einem Punkte vereinigt fanden. An dem folgenden Donnerstage erschien Mr. Plepdell in dem Gasthause, wo Oberst Mannering wohnte. Das Wild- pret ward trefflich, der Wein ausgezeichnet gefunden; und der gelehrte Sachwalter, ein entschiedener Freund der Freuden der Tafel, erwies beiden vorzügliche Ehre. Jndeß kann ich doch nicht bestimmt sagen, ob ihn das gute Mahl mehr erfreute, oder die Gegenwart des gelehrten Simson, mit welchem er, nach seiner witzigen Weise, sowohl sich, als einige 200 Freunde, die der Oberst mit zur Tafel geladen hatte, köstlich zu unterhalten wußte. Die ernste und laconische Einfalt der Antworten, die Simson auf des Rechtsgelehrten verfängliche Fragen ertheilte, setzten die Gutmütigkeit des Mannes in ein noch helleres Licht, als in welchem sie Mannering bisher erschienen war. Bei dieser Gelegenheit kramte er eine ungeheure Masse von vielseitiger und abstruser, wiewohl im Allgemeinen nutzloser Gelehrsamkeit aus. Der Rechtsgelehrte verglich nachher feinen Geist mit der Vorrathskammer eines Trödlers, wo Güter aller Art aufgehäuft sind, aber so wirr durch einander gelegt und in so gänzlich ordnungslosem Zustande, daß der Eigenthümer nie einen Gegenstand in dem Augenblicke finden kann, wo er ihn braucht. Der Advocat setzte die Thätigkeit des gelehrten Simson aber auch in demselben Grade in Bewegung, als er Unterhaltung für sich daraus schöpfte. Sobald der Mann des Rechtes erst in seine beste Stimmung kam, und sein natürlicher, schlauer und trockener Witz lebhafter und treffender wurde, so blickte der Dominie mit einem ähnlichen Staunen auf ihn, mit dem etwa ein zahmer Bär seinen künftigen Genossen, den Affen, bei ihrer beiderseitigen ersten Begegnung betrachten mag. Plepdell fand seine Freude daran, bet der Unterhaltung Sätze aufzustellen, die Simson unmöglich unbestritten lassen konnte; dann sah er mit innigem Vergnügen zu, wie der ehrliche Mann mit gewaltiger Anstrengung seine Gedanken zu einer Antwort ordnete, und seine ungelenken Kräfte aufbot, um das schwere Geschütz seiner Gelehrsamkeit gegen irgend eine ketzerische Behauptung aufzupflanzen; aber fleh! ehe die Ladung abgefeucrt werden konnte, hatte gewöhnlich der gewandte Feind seine Stellung schon verlassen, und machte eine drohende Bewegung gegen die Seiten over 201 den Rücken. Oft rief er dann: »Wunderbar!" wenn er, im vollen Vertrauen auf den Sieg gegen den Feind marschirend, das Feld bereits geräumt fand, und man kann denken, daß es ihm keine geringe Mühe kostete, einen neuen Angriffsplan zu bilden- „Er glich," sagte der Oberst, „einer indischen Armee von Eingedornen; furchtbar durch ihre gewaltige Anzahl und die Größe des Geschützes, leicht jedoch in unverbesserliche Verwirrung zu bringen durch einen in die Flanken unternommenen Angriff." — Obwohl nun Simson im Ganzen durch diese geistigen Anstrengungen, die mit ungewöhnlicher Schnelligkeit und im Drange des Augenblicks stattfanden, ein wenig erschöpft war, so hielt er diesen Tag doch für einen der schönsten seines Lebens und erwähnte des Mr- Plepdell stets als einer sehr gelehrten und witzigen Person. Allmälig empfahlen sich die übrigen Anwesenden und ließen die drei Herren allein. Ihre Unterhaltung drehte sich um die Verfügungen der Mrs. Bertram. „Was mag wohl nur die alte Here bewogen haben," sagte Plepdell, „der armen Lucy die Erbschaft zu nehmen, unter dem Vorwände, ihr Vermögen einem Knaben zu lassen, der schon so lange todt und verschwunden ist? — Ich bitte Sie um Verzeihung, Mr. Simson; ich vergaß, wie sehr Ihnen dieser Vorfall zu Herzen geht — ich erinnere mich, auch Sie darum befragt zu haben; und noch nie ist cs mir sonst so schwer geworden, nur drei zusammenhängende Worte von Jemand herauszubringen — Was Sie auch von Ihren Pythagoräern, oder Ihren schweigenden Braminen schwatzen, Oberst, — ich sag' Ihnen: dieser gelehrte Herr übertrifft sie alle an Schweigsamkeit — Aber die Worte des Weisen sind kostbar, und dürfen nicht leichtsinnig weggeworfen werden." „Allerdings," sagte Simson, sein blaugewürfeltes Schnupf- 202 tuch vom Auge nehmend, „war dies ein gar bitterer Tag für mich; und ein Tag des Grames, der schwer zu tragen war — aber Er gibt Kraft, welcher die Last auflegt." Oberst Mannering ergriff die Gelegenheit, Mr. Pleydell um Belehrung über die besondern Umstände zu bitten, welche mit dem Verluste des Knaben im Zusammenhänge standen; und der Rechtsgelehrte, welcher gern über Gegenstände der Criminalrechtspflege sprach, vorzüglich wenn er dabei seine eigenen Erfahrungen anbringen konnte, berichtete der Länge nach alle einzelnen Umstände. „Und was ist nun Ihre Meinung über den Erfolg der ganzen Sache?" „Nun, daß Kennedy ermordet war; dergleichen Fälle find von jeher an dieser Küste vorgekommen — Kämpfe der Schmuggler mit den Zollbeamten." „Und was vcrmuthen Sie wohl hinsichtlich des Schicksals des Knaben?" «O, ohne Zweifel ist er ebenfalls ermordet," antwortete Pleydell. „Er war alt genug, um erzählen zu können, was er gesehn hatte, und jene ruchlosen Schurken würden kein Bedenken getragen haben, einen zweiten bcthlehemitischen Kindermord zu begehen, sobald dies ihr Interesse verlangt hätte " Der gelehrte Simson seufzte tief und rief aus: „Un-ge- heu-er!" „Aber es war bei der Sache auch von Zigeunerinnen die Rede," sagte Mannering, „und was jener gemein ausschende Mensch nach dem Leichenbegängniß sagte" — „Mrs. Bertram'ö Gedanke, daß das Kind noch lebe, gründete sich auf die Aussage einer Zigeunerin," sagte Pleydell, die leise hingeworsene Andeutung ausfaffend — „Ich beneide Sie um die scharfe Beobachtungsgabe, Oberst; — es ist eine Schande für mich, daß ich nicht selber auf diesen Punkt ge- kommen bin. Wir wollen diese Sache sogleich weiter verfolgen — hört an," (sich an den Bedienten wendend,) „geht sogleich zu Luckie Woods; an diesem Orte werdet ihr meinen Schreiber Driver finden; er wird gerade jetzt High-JinkS spielen; (denn wir und unsere Amtsgenoffen, Oberst, sind äußerst regelmäßig in unfern Unregelmäßigkeiten!) sagt ihm, er solle sogleich hieher kommen, und ich wollte seine Strafen schon bezahlen." „Wird er in seiner Rolle erscheinen, wie?" sagte Mannering. „Ach, nichts mehr davon, mein Freund, wenn du mich liebst," sagte Plepdell- „Aber wir muffen wo möglich einige Nachrichten aus dem Lande Aegypten haben. O, wenn ich nur das kleinste Fädchen dieses verwickelten Gewindes in Händen hätte, Sie sollten sehen, wie ich alles entwickeln würde! — Ich würde die Wahrheit aus Ihrer Döhmin, wie die Franzosen sie nennen, herausbringen, und zwar besser als ein Monitoire oder ein Plainte de Tournelle; ich verstehe einen widerspenstigen Zeugen zur Vernunft zu bringen " Während Mr. Plepdell so von seiner Kenntniß seines Faches sprach, kehrte der Bediente mit Mr- Driver zurück; sein Mund zeigte noch die Spuren des Mahles und des Trunkes, mit solcher Eile war er dem Befehle seines Vorgesetzten gefolgt. — «Driver, Sie müssen sogleich gehen und das Frauenzimmer aufsuchen, welches bei der alten Mrs. Margarete Bertram als Magd diente. Suchen Sie überall nach ihr, wofern es aber nöthig ist, daß Sie dcßhalb Ihre Zuflucht zu Protocol oder Quid dem Tabakshändler, oder sonst Jemand von jenen Leuten nehmen müssen, so zeigen Sie sich dort nicht selbst, sondern schicken Sic irgend ein Ihnen bekanntes Frauenzimmer — Sie wissen, denk' ich, schon genug, um Ihre Sache gut zu machen. Sobald Sie sie gefunden haben, so suchen Sie 204 sie zu bewegen, morgen genau um acht Uhr zu mir zu kommen." „Welchen Grund soll ich ihr sagen, um sie zu bewegen?" sagte der Generaladjutant. „Was Ihnen gut dünkt," crwiedcrte der Rechtsgelehrte. „Glauben Sie, cs sei meine Sache, Lügen für Sie zu machen? Aber sorgen Sie dafür, daß sie sich um acht Uhr einstellt, wie ich bereits sagte." Der Schreiber lächelte, verbeugte sich und ging. „Das ist ein brauchbarer Mensch," sagte der Advocat; „er kann meine Dictate drei Nächte in der Woche nachschreibcn ohne einzuschlafen, oder, was dasselbe ist, er schreibt ebenso gut und correkt wenn er schläft, als wenn er wacht. Und dann ist er ein so fester, beständiger Mensch — manche Seinesgleichen wechseln immer ihre Bierhäuser, so daß ihnen immer zwanzig Leute auf den Fersen sitzen, gleich den barhäuptigen Hauptlenten, welche die Schenken von Eastcheap durchlaufen, um Sir John Falstaff zu suchen- Aber dieser hat immer seinen festen Standpunkt — er hat seinen Wintersitz beim Feuer und seinen Sommersitz beim Fenster, bei Luckie Woods, und seine Wanderungen reichen nur von einem dieser Sitze zum andern; dort kann man ihn zu allen Zeiten finden, wenn man ihn braucht. Ich glaube wirklich, er legt seine Kleider nie ab und geht nie schlafen — sein Bier muß ihm Alles ersetzen. Das ist Alles für ihn, es ist sein Essen, Trinken, Kleiden, Bett, Tisch und Waschen " „Und ist er auch stets fähig, sogleich an die Geschäfte zu gehen? ich sollte des Gcgentheils vermuthen, wenn ich sein sonstiges Thun und Treiben erwäge." »O, das Trinken macht ihn nie unbrauchbar, Oberst; er kann vier Stunden vorher schreiben, eh' er zu sprechen im Stande ist- Ich besinne mich, daß ich einst plötzlich zu einem 205 wichtigen Geschäfte gerufen ward. Ich war eben bei Tische gewesen, es war Sonnabend und ich hatte wenig Lust, das Geschäft zu beginnen — Jndest hatte man mich einmal geholt und wir saßen bei einander, bis ich einen tüchtigen Humpen Wein zu mir genommen hatte; da überredeten sie mich, die Schrift aufzusetzen. Wir hatten jetzt Driver aufzusuchen, und zwei Männer hatten vollauf zu thun, um ihn hereinzutragen, denn als man ihn gefunden hatte, war er zufällig gerade regungslos und sprachlos. Aber kaum befand sich die Feder zwischen seinen Fingern, kaum lag der weiße Bogen vor ihm und kaum vernahm er meine Stimme, als er ganz flink zu schreiben begann — und nie, außer daß wir Jemand haben mußten, der ihm die Feder eintauchte, weil er das Tintefaß nicht zu sehen vermochte, nie Hab' ich ihn seine Sache hübscher machen sehn." „Aber wie sah die Arbeit am nächsten Morgen aus?" sagte der Oberst. „O, vortrefflich — keine drei Worte brauchten geändert zu werden; wir schickten die Sache sogleich mit der Post ab. Aber werden Sie morgen zum Frühstück bei mir sein, um zuzuhören, wenn ich jenes Weib ausforsche?" „Sie pflegen nur sehr früh zu beginnen." „Es kann nicht später geschehen. Wenn ich mich nicht am Orte meines Berufes, genau sobald es neun schlägt, cinfände, so würde sich ein Gerücht verbreiten, daß mich der Schlag gerührt habe, und die Wirkungen davon würd' ich dann während der ganzen Sitzung empfinden müssen." „Nun gut, ich werde mich anstrengen, um bei Ihnen sein zu können." Hier trennte sich die Gesellschaft für den Abend. Am Morgen erschien Oberst Mannering in des Rechtsge- 206 lehrten Wohnung, obwohl die rauhe Miene eines schottischen Decembcrmorgens verwünschend. Mr. Plcydell hatte Mrs. Rebecka bereits zur einen Seite seines Kamins placirt, hatte ihr eine Tasse Chocolade verabreicht und war schon sehr in die Unterhaltung mit ihr vertieft. „O, nein, Mrs. Rebecka, ich geb' Euch die Versicherung, daß durchaus nichts gegen den letzten Willen Eurer Gebieterin im Werke ist; und ich gebe Euch mein Ehrenwort, daß Euer Legat ganz sicher und un- verkümmcrt bleibt. Ihr habt es durch Euer Betragen gegen Eure Gebieterin verdient, und ich wünschte nur, es betrüge zweimal so viel. „Freilich, Sir, ist cs Unrecht, zu erwähnen, was Jemand gesagt hat — Ihr hörtet, wie der schlechte Mensch Quid mir Dinge vorwarf, die ich mit ihm besprochen haben sollte; und nach dieser Erfahrung muß ich wohl fürchten" — „Verlaßt Euch darauf, meine gute Rebecka, mein Charakter, Euer Alter und Euer würdiges Anschn find eine vollkommene Sicherheit für Euch, und wenn Ihr auch so offen und frei sprächt, wie ein LiebeSdichter." „Nun gut, wenn Ihr meint, daß ich sicher bin — die Geschichte lautet so: — Es mag nun etwa ein Jahr, oder noch nicht einmal so lange her sein, da ging meine Lady auf einige Zeit nach Gilsland, um ihr Gcmüth ein wenig zu zerstreuen. Man sprach schon ganz unverholen von den mißlichen Umständen des LairdS von Ellangowan, und dies machte sie sehr niedergeschlagen, denn sie war stolz auf ihre Familie. Mit dem Laird war sie zuweilen einig, zuweilen wieder nicht, aber in den letzten drei Jahren waren sie völlig uneinig geworden. Der Laird wollte nämlich Geld von ihr borgen und dies konnte oder wollte sie ihm nicht geben, weil sie dachte, er werde es ihr doch nie zurückzahlen können. Da erzählte ihr Jemand in 207 der Gesellschaft zu Gilsland (nachdem sie schon gar nicht mehr zusammcnkamen,) die Herrschaft Ellangowan solle verkauft werden; und Ihr könnt glauben, daß sie von diesem Augenblicke an von Miß Lucy Bertram gar nichts mehr wissen wollte, denn viele Mal rief sie mir wohl zu: „O Rebecka, Rcbecka, wenn das unnütze Wesen, das Mädchen in Ellangowan, das ihren Vater nicht in Ordnung halten kann, doch lieber ein Junge wäre, dann könnte man das alte Erbe nicht verkaufen, wegen der Schulden des einfältigen Narren. — Und auf diese Weise sprach sie nun in einem fort, daß ich der Sache am Ende ganz müde und überdrüßig wurde; ich mochte das arme Mädchen nicht mehr schelten hören, welches doch gewiß ein Junge gewesen sein und das Erbe aufrecht gehalten haben würde, wofern dies nur auf ihren Willen angekommen wäre- Eines Tages, als ich mit ihr spazieren ging, sah sie einige hübsche Jungen in der Nähe von GilSland — sie gehörten einem gewissen Mac-CroSby — und da rief sie nun aus: Ist das nicht recht seltsam, daß hier jeder arme Bauer einen Sohn und Erben hat, und das Haus Ellangowan ist ohne männliche Nachkommenschaft? — Nun stand eine Zigeunerin hinter uns und hörte das. Mir ist in meinem ganzen Leben keine Frau vorgekommen, die so schrecklich aussah. „Wer ist es," sagte sie, „der zu sagen wagt, das Haus Ellangowan solle ohne männliche Erben untergehen?" — Meine Lady schaute sich um nach jener — denn sie war dreist und hatte immer eine Antwort bereit. Ick sage cs, sprach sie, und ich sage cs mit schwerem Herzen. Da ergriff die Zigeunerin ihre Hand und sagte: „Ich kenne Euch recht gut, wenn Ihr mich auch nicht kennt. Aber so gewiß die Sonne am Himmel scheint, so gewiß dies Wasser ins Meer fließt, und so gewiß ein Auge ist, das uns beide sieht, und ein Ohr, das uns beide hört — 2»8 Henry Bertram, der bei dem Warrochfelsen umgekommcn sein soll, ist dort nicht gestorben. Er hatte viel zu leiden/ bis er einundzwanzig Jahr zurückgelegt hatte, das wurde ihm lange zuvor gesagt; aber wenn Ihr am Leben bleibt und ich es erlebe, so sollt Ihr hören von ihm diesen Winter, ehe der Schnee zwei Tage auf den Feldern von Singleside gelegen Hat, — ich brauche Euer Geld nicht, (sagte sie dann) Ihr möchtet sonst denken, ich wolle Euch nur Possen erzählen — lebt wohl bis nach dem Martinstag;" und mit diesen Worten ließ sie uns stehen." „War sie eine sehr große Frau?" fiel Mannering ein. „Hatte sie schwarzes Haar, schwarze Augen und ein Narbe auf der Stirn?" setzte der Rechtsgelehrte hinzu. „Sie war das größte Weib, welches ich jemals sah, und ihr Haar war so schwarz wie Mitternacht, außer wo es grau war, und eine Narbe hatte sie auf der Stirn, daß man wohl einen Finger hineinlegen konnte. Niemand, der sie je sah, wird sie vergessen können; und ich bin überzeugt, meine Herrschaft hat nur auf das Wort jenes Zigeunerweibes ihr Testament gemacht, weil sie die junge Lady von Ellangowan einmal nicht mehr leiden konnte; und sie mochte sie noch weniger leiden, als sie ihr zwanzig Pfund hatte schicken müssen — denn sie sagte: Miß Bertram, nicht damit zufrieden, daß sie das Gut Ellangowan in fremde Hände muß gehen lassen, weil sie ein Mädchen und kein Knabe ist, wird durch ihre Armuth auch noch für Singleside eine Last und Schmach werden- — Aber ich hoffe, das Testament meiner Mistreß ist dennoch gut, denn es wäre hart, wenn ich mein Legat verlieren sollte — ich diente für wenig Lohn " Der Rechtsgelehrte beseitigte ihre Besorgnisse, fragte sodann nach Jenny Gibson und hörte, daß sie Mr. Dinmonts 209 Erbieten angenommen habe. „Ich habe dasselbe gethan, da er so freundlich war, mich darum zu bitten," sagte Mrs. Re- becka; „die Dinmonts sind recht anständige Leute, obwohl meine Lady nicht gern von den Verwandten jener Seite viel hören mochte. Aber sie hatte die Schinken, die Käse und das Geflügel gern, was von Charlicshope geschickt wurde, und ebenso gern hatte sie die Strümpfe und Handschuhe von Läm merwolle, die von dort kamen." Mr. Pleydell entließ jetzt Mrs. Rebecka. Als sie gegangen war, sagte der Rechtsgelehrte: „ich glaube die Zigeunerin zu kennen." „Eben wollt' ich dasselbe sagen," crwiederte Manncring. „Und ihr Name," sagte Pleydell — „Ist Meg Merrilies," antwortete der Oberst. „Wissen Sie das gewiß?" sagte der Sachwalter, mit dem Ausdrucke komischen Staunens seinen militärischen Freund anblickend. Mannering gab zur Antwort, daß er ein solches Weib gekannt habe, als er vor zwanzig Jahren zu Ellangowan war: und sodann machte er seinen gelehrten Freund mit all den merkwürdigen Umständen seines ersten dortigen Besuches bekannt. Mr. Pleydell lauschte mit großer Aufmerksamkeit und er- wiederte dann: „ich wünschte mir Glück, in Ihrem Kaplan die Bekanntschaft eines tiefsinnigen Theologen gemacht zu haben; aber ich erwartete in der That nicht, in seinem Gebieter einen Zögling von Albumazar oder Meffahala gefunden zu haben. Ich glaube indeß, die Zigeunerin wird uns etwas mehr von der Sache sagen können, als was sie aus Sterndeuterei und Prophetengabe herleitet — Ich hatte sie einmal unter meinen Händen, vermochte aber wenig aus ihr herauszubringen ; nun muß ich an Mac-Morlan schreiben, daß er Himmel Guy Mannering. II. 14 21 « und Erde rege mache, um sie aufzufinden. Ich will gern nach -shire kommen, um selbst bei ihrem Verhöre helfen zu können — Ich gehöre noch zu dem dasigen Friedensrichteramte, obwohl ich nicht mehr Sheriff bin. Nie in meinem Leben hat mir etwas mehr am Herzen gelegen, als die Entdeckung dieses Mordes und das Schicksal des Kindes. Ich muH auch an den Sheriff von Roxburghshire schreiben, und an einen thätigcn Friedensrichter in Cumberland." „Ich hoffe, Sie werden, wenn Sie in die Gegend kommen, Woodbourne zu Ihrem Hauptquartier machen?" „Gewiß; ich fürchtete schon, Sie würden mir das verweigern — aber wir müssen nun zu unserm Frühstück, sonst werde ich mich verspäten." Am folgenden Tage schieden die neuen Freunde, und der Oberst langte bei seiner Familie an, ohne ein weiteres Abenteuer, das sich zur Mittheilung eignen könnte, zu erleben. Ende des zweiten Theils. Er st es Kapitel. Wird mir Nuh, beut keine Zuflucht sich, Hetzt stets, dem Bluthund gleich, mein Elend mich? Dorfs! nrmcr Jüngling, keinen Schuh du hoffen, Schutz vor dem Tod? ES steht das Lund dir offen. Die guten Weiber. Unsere Erzählung führt uns jetzt auf einen Augenblick zu jener Zeit zurück, wo der junge Hazlewood seine Wunde empfing. Dieser Vorfall hatte kaum stattgefunden, als die möglichen Folgen für Miß Mannering und Brown des letztem Gemüth heftig beunruhigten. Rach der Richtung des Gewehrlaufes in dem Momente, wo der Schuß losging, ließen sich zwar keineswegs tödtliche Folgen befürchten; aber in einem fremden Lande und gänzlich von den Mitteln entblößt, um seinen Stand und Charakter beweisen zu können, mußte er eine Verhaftung doch sorgfältig zu vermeiden suchen. Er entschloß sich daher für den Augenblick nach der benachbarten englischen Küste zu fliehen und dort wo möglich verborgen zu bleiben, bis er Briese von seinen Freunden im Regiment und eine Geldsendung von seinem Geschäftführer erhalten würde; dann wollte er in seinem wahren Charakter auftreten und dem jungen Hazlewood und dessen Freunden jede Erklärung und Genugthuung gewähren, die sie verlangen könnten. Mit diesem Entschluß wanderte Guy Mannerlng. III. I 2 er rüstig vorwärts, nachdem er den Ort, wo das Ercigniß stattgcfunden, verlassen hatte, und erreichte ohne irgend ein Abenteuer das Dorf, welches wir Portauferry genannt haben (der Leser würde cs indeß unter diesem Namen vergebens auf der Landkarte suchen). Ein großes offenes Boot wollte soeben das Ufer verlassen, um nach dem kleinen Seehafen von Allonby in Cumberland zu steuern. In diesem Fahrzeug schiffte sich Brown ein und beschloß, jenen Ort zu seinem zeitweiligen Aufenthalt zu wählen, bis er Briefe und Geld aus England empfangen würde. Im Laufe der kurzen Reise knüpfte er mit dem Steuermann ein Gespräch an, welcher der Eigenthümer des Boots und ein fröhlicher alter Mann war, der auch gelegentlich am Schleichhandel Theil genommen hatte, wie die meisten Fischer an dieser Küste. Nachdem sie über gleichgiltige Dinge gesprochen hatten, bemühte sich Brown, das Gespräch aus die Familie Mannering zu lenken. DerSchiffer hatte von dem Angriffe aufdas Haus zuWood- burne gehört, mißbilligte jedoch das Verfahren der Schmuggler. „Wie sich's trifft, so müssen sie's hinnehmen; zum Henker! Ihr Verfahren wird die ganze Gegend wider sie aufhehen. Nein, nein — als ich noch mit dabei war, ich wußte mit den Beamten besser auseinander zu kommen: — nahmen sie hier ein Stück Ladung, — nun gut, das war ihr Vortheil; — dort brachte dafür ein andrer die Güter glücklich durch, das war denn mein Vortheil. Nein, nein, eine Krähe sollte der andern nie die Augen aushacken." „Und was meint Ihr vom Oberst Mannering ?" sagte Brown. „Nun freilich, klug ist eS gar nicht von ihm, sich in dergleichen zu mischen; ich tadle ihn gar nicht, daß er das Leben der Zöllner schützte, das war ganz recht; aber es paßte sich nicht für einen Gentleman, um der armen Leute Theedüchsen und Brannt- 3 Weinfässer zu fechten. Nun, er ist einmal ein großer Mann und ein Offizier, und die thun mit uns, was ihnen gut dünkt." „Und seine Tochter," sagte Brown mit klopfendem Herzen, „ist im Begriff in ein großes Haus zu heirathen, wie ich hörte?" „Wie, in das Haus Hazlewood?" sagte der Steuermann. „Nein, nein, das ist nur leeres Geschwätz. Jeden Sonntag, regelmäßig Jahr aus, Jahr ein, ritt der junge Mann mit der Tochter des verstorbenen Ellangowan nach Hause. Und meine Tochter Peggy, die in Woodbourne dient, sagt, sie wisse es ganz gewiß, daß der junge Hazlewood nicht an Miß Mannering denkt, ebenso wenig als Ihr selber." Bitter seine eigene voreilige Annahme des Gegcntheils tadelnd, hörte Brown dennoch mit Vergnügen, daß das Mißtrauen hinsichtlich der Treue Juliens, welches er so schnell gefaßt hatte, wahrscheinlich völlig grundlos war. Und welche Meinung mußte fie in der Zwischenzeit von ihm hegen! oder was sollte fie von einem Benehmen denken, welches ihn ganz unbekümmert um ihre Gemüthsruhe und um ihr beiderseitiges Verhältniß erscheinen ließ? des alten Mannes Verbindung mit der Familie zu Woodbourne schien einen sichern Weg der Communication darzubieten, und diesen beschloß er zu benutzen. „Eure Tochter ist Dienstmädchen in Woodbourne? — Ich kannte Miß Mannering in Indien, und obwohl ich jetzt nur einen ticfern Rang im Leben behaupte, so habe ich doch viele Gründe, zu hoffen, fie würde sich mit Wohlwollen meiner erinnern. Ich hatte einen unglücklichen Zwist mit ihrem Vater, der mein Commandant war, und ich bin überzeugt, die junge Lady würde sich gern Mühe geben, ihn mit mir zu versöhnen. Vielleicht könnte Eure Tochter einen darauf bezüglichen Brief der Lady übergeben, ohne jedoch zwischen ihrem Vater und ihr eine Mißhclligkcit zu verursachen." i 4 Der alte Mann, der jede Art von Schmuggelei liebte, bürgte bereitwillig dafür, daß der Brief treulich und geheim bestellt werden solle; als sie daher zu Allonby ankamen, schrieb Brown an Miß Mannering, gab die tiefste Reue über das zu erkennen, was seine Raschheit verursacht, und beschwur sie, ihm eine Gelegenheit zu geben, wo er sich vertheidigen und Verzeihung für seine Unhöflichkeit erbitten könnte- Er hielt es nicht für rathsam, die Umstände einzeln anzuführen, die ihn irre geleitet hatten, und im Ganzen bemühte er sich, so allgemeine Ausdrücke zu wählen, daß, wenn der Brief in Unrechte Hände käme, es dennoch schwierig sein sollte, den wahren Inhalt zu verstehen oder dem Schreiber auf die Spur zu kommen. Der alte Mann übernahm cs, diesen Brief treulich seiner Tochter in Woodbourne zu übergeben, und da seine Geschäfte ihn selbst oder sein Boot bald wieder nach Allonby bringen mußten, so versprach er ferner, eine Antwort, die ihm die junge Dame anvertrauen würde, gehörig zu bestellen- Nachdem nun unser verfolgter Reisender in Allonbp gelandet war, suchte er sich so cinzurichten, wie es einerseits seine derzeitige Armuth, und andrerseits auch sein Wunsch, so unbemerkt als möglich zu bleiben, erforderte. Er legte sich daher den Namen und das Gewerbe seines Freundes Duld- lep bei, indem er den Pinsel hinlänglich in der Gewalt hatte, um seinem Wirth in Allonby den angenommenen Charakter glaubwürdig erscheinen zu lassen. Er gab vor, sein Gepäck von Wigton zu erwarten; und indem er sich möglichst eingezogen in seiner Wohnung hielt, erwartete er die Beantwortung der Briefe, die er an Delaserre, an seinen Geschäftsführer und an seinen Oberstleutnant gesandt hatte. Vom Geschäftsführer verlangte er eine Geldsendung; Delaserre beschwur er, sich womöglich in Schottland zu ihm zu gesellen; und vom Oberst- 5 leutnant verlangte er ein solches Zeugniß über seinen Rang und sein Betragen im Regimente, daß er damit seinen Charakter als Gentleman und Offizier unwiderleglich darthun könne. Seine mißlichen pecuniären Verhältnisse bedrängten ihn so sehr, daß er deßwegen an Dinmont schrieb und ein kleines Darlehen verlangte, indem er nicht zweifelte, daß er, bei der geringen Entfernung von etwa dreißig Stunden, bald eine günstige Antwort auf sein Gesuch erhalten werde, welches er nur deßwegen wage, weil er, kurz nach ihrer Trennung, beraubt worden sei. Darauf erwartete er mit großer Ungeduld, wiewohl ohne bedeutende Besorgniß, die Antworten auf diese verschiedenen Briefe. ES muß, zur Entschuldigung seiner Correspondenten, bemerkt werden, daß die Post damals weit saumseliger war, als seit Mr. Palmers sinnreicher Erfindung; und was insbesondere den wackeren Dinmont betrifft, so erhielt dieser wahrend eines Vierteljahrs selten mehr als einen Brief, (außer während der Zeit, wo er in einen Proceß verwickelt war, wo er regelmäßig nach der Stadt zum Postamt schickte,) und seine Correspondenz blieb gewöhnlich einige Monate an des Postmeisters Fenster stecken, zwischen Flugschriften, Pfefferkuchen, Balladen und dergleichen Dingen, womit der besagte Postmeister Handel trieb. Ueberdies existirte dort eine, noch nicht völlig abgckommene, Gewohnheit, einen Brief von einer Stadt zur andern, vielleicht bis zur Entfernung von fünfzehn Stunden, einen Umkreis von hundert Stunden machen zu lassen, ehe er am Orte seiner Bestimmung anlangtc; daraus entsprang der mehrfache Vortheil, daß der Brief durchaus wohl ausgelüftet wurde, der Einnahme des Postamts noch einige Pence zuficlen und daß die Geduld der Corrcspondenten geübt wurde. Brown blieb, Dank jenen Umständen, so manchen Tag in Allonby 6 ohne irgend eine Antwort, und sein Geldvorrat-, obwohl mit äußerster Sparsamkeit verwaltet, begann sehr schwach zu werden, als er durch die Hände eines jungen Fischers folgenden Brief empfing: — „Du hast mit der grausamsten Unvorsichtigkeit gehandelt; du hast bewiesen, wie wenig ich deinen Versicherungen trauen kann, daß mein Friede und mein Glück dir theuer wären; und deine Voreiligkeit hat beinahe den Tod eines jungen höchst ehrenwerthen Mannes veranlaßt- Muß ich noch mehr sagen? — muß ich hinzufügen, daß ich selbst in Folge deiner Heftigkeit und deren Wirkungen krank geworden bin? Und, ach! Hab' ich erst noch nöthig zu sagen, daß ich ängstlich besorgt an die Folgen dachte, die jener Vorfall leicht für dich haben konnte, obwohl du mir wenig Ursache zu solcher Theilnahme gegeben hast? Der O. ist auf mehrere Tage verreist; Mr- H. ist fast ganz -»gestellt; und ich habe Grund, zu glauben, daß der Tadel auf Jemand anders gefallen ist, als Jener, der ihn verdient. Denke aber nicht daran, hicher zu kommen. Unser Geschick hat Ereignisse von einem Charakter zwischen uns geworfen, welcher zu heftig und schrecklich ist, als daß ich an die Erneuerung eines Einverständnisses denken könnte, welches uns so oft mit einer furchtbaren Katastrophe bedrohte- Lebewohl, und glaube, daß Niemand dein Glück aufrichtiger wünschen kann, als „I. M." Dieser Brief enthielt jene Gattung von Rathschlägen, die oft nur in der Absicht ertyeilt wird, um zu dem ganz entgegengesetzten Schritte, statt des anempfohlenen, zu veranlassen. Zum wenigsten glaubte dies Brown, der alsbald den jungen Fischer fragte, ob er von Portauferrp käme. „Ja," sagte der Bursche; »ich bin der Sohn des alten Wil- lie Johnstone, und den Brief hat mir meine Schwester gegeben, die in Woodbourne dient." „Mein guter Freund, wann fahrt Ihr wieder ab?" „Heut Abend zur Fluthzeit." „Ich will mit Euch zurückkehren; da ich aber nicht nach Portauferry zu kommen wünsche, so war' es mir lieb, wenn Ihr mich sonst irgendwo an der Küste aussetzen könntet-" „Das läßt sich leicht thun," antwortete der Fischer. Obwohl der Preis für alle Lebensbedürfnisse damals sehr mäßig war, so machte dennoch die Zahlung für seine Wohnung, die Kosten für seinen sonstigen Unterhalt und für einen neuen Anzug, welcher der Sicherheit so wie des Anstandes wegen, nothwendig war, die Ebbe in Browns Börse fast vollständig. Er ließ beim Postamt Anweisung zurück, daß seine Briefe nach Kippletringan befördert werden möchten, wohin ergehen wollte, um den Schatz in Anspruch zn nehmen, den er den Händen der Mrs. Mac-Candlish anvertraut hatte- Cr fühlte auch, es werde seine Pflicht sein, gleich nach Empfang der nöthigen Zeugnisse seinen wahren Stand zu entdecken, und, als Offizier in des Königs Dienst, jede Erklärung zu geben und zu empfangen, welche zwischen ihm und Hazlewood nöthig sein sollte. Wenn er nicht ein sehr querköpfiger Mensch ist, dachte er, so muß er zugeben, daß meine Handlungsweise nur die uoth- wendige Folge seines hochfahrenden Benehmens gewesen ist. Er schiffte sich nun noch einmal ein auf den nämlichen Meerbusen, Solway Früh genannt. Der Wind war entgegen, begleitet von Regenschauern, und fie mußten, ohne von der Fluth sehr unterstützt zu werden, dagegen kämpfen. Das Boot war schwer mit Gütern beladen (zum Theil wahrscheinlich Schmuggelgüter,) und ging ziemlich tief. Brown, der als Seemann erzogen war, lieh seinen kräftigen und wirksamen Beistand 8 beim Rudern und Steuern, und crtheilte seinen Rath hinsichtlich der Lenkung des Fahrzeugs, welche um so schwieriger wurde, da sich der Wind mehr und mehr erhob, und da die wilden Wogen dieser Küste, gegen die man kämpfen mußte, die Reise gefährlich machten. Endlich, nachdem man die ganze Nacht auf der See zugcbracht hatte, erblickte man am Morgen eine schöne Bucht an der schottischen Küste. Das Wetter war jetzt freundlicher. Der Schnee, der schon seit einiger Zeit schmolz, war von dem Thauwinde der letzten Nacht völlig^vcrschwun- den. Die fernern Hügel hatten allerdings ihren Schnceman- tcl noch, aber die offene Gegend war gänzlich davon gesäubert, außer da, wo einzelne weiße Stellen andeuteten, daß er ungewöhnlich tief gelegen hatte. Selbst in ihrer winterlichen Einkleidung, bot diese Küste einen höchst interessanten Anblick. Das Gestade, mit seinen Einschnitten, Einzahnungen und Buchten, entschwand zu beiden Seiten dem Blicke in manchfal- tigen, anmuthigen Wellenlinien, welchen das Auge so gerne folgt. Und eben so manchfaltig stellte sich das Gestade in seinen Erhöhungen dar und in den vielfachen Gestaltungen der Küste; an einigen Stellen war die Bucht durch steile Klippen begränzt, an andern stieg das sandige Gestade sanft zu schwellenden Hügeln empor. Gebäude verschiedener Art waren von den winterlichen Sonnenstrahlen eines Dccembcrmor- genS beglänzt, und die Wälder, obwohl jetzt laublos, hoben die Landschaft und gaben ihr Manchfaltigkeit. Brown empfand jenes lebhafte und anregende Interesse, welches Geschmack und Gemüth an den Schönheiten der Natur gewinnen, wenn sich die letzter« plötzlich nach dem Dunkel und dem Grauen einer nächtlichen Reise dem Auge eröffnen. Vielleicht — denn wer ist im Stande, das räthselhafte Gefühl zu erklären, welches den in Berggegendcn Gebornen an die heimathlichen Hügel 9 fesselt? — vielleicht mischten sich schlummernde Erinnerungen, deren Nachwirkung noch blieb, nachdem die erste Ursache längst vergessen, in die wonnigen Empfindungen, womit er jene Landschaft betrachtete. „Und wie," sagte Brown zu dem Bootführer, „wie ist der Name des schönen Vorgebirgs, welches fich mit seinen steilen Wänden und waldigen Klippen dort in die See erstreckt und die rechte Seite der Bucht bildet?" „Warrochspitze," sagte der Fischer. „Und das alte Schloß, mein Freund, mit dem modernen Hause, welches daneben steht? Es scheint aus der Ferne ein sehr großes Gebäude zu sein." „Das ist das alte Herrenhaus, Sir; und jenes ist das neue, welches in der Tiefe liegt. Dort wollen wir Euch an's Land setzen, wenn es Euch recht ist." „Gewiß ist es mir recht. Ich muß jene Ruine besuchen, eh' ich meine Reise sortsetze." „Ja, 's ist ein närrisches altes Nest," sagte der Fischer: „und jener höchste Thurm ist ein Landzcichen auf der See schon bei Ramsay auf Man und beim Vorgebirg von Apr. Vor langer Zeit gab es da ein großes Gefecht." Brown hätte fich gern noch über manche Einzelheiten unterrichten lassen, aber ein Fischer ist selten ein Antiquar. Des Bootssührers Ortskenntniß beschränkte fich auf die bereits er- theilte Nachricht: „daß es ein großes Landzcichen sei, und daß da vor langer Zeit ei» großes Gefecht gewesen wäre." „Ich werde mehr davon hören," sagte Brown zu sich selbst, „wenn ich an's Land gehe." — Das Boot setzte seinen Lauf unter der Felsenklippe fort, auf welcher das Schloß stand; letzteres blickte finster von seinem erhabenen felsigen Standpunkte auf die noch immer unruhigen Wogen der Bucht unten. 10 »Ich glaube," sagte der Steuermann, „Ihr werdet hier ganz bequem landen können. Es ist ein Ort, wo sie vor langer Zeit ihre Fahrzeuge anzulegen pflegten; aber das geschieht jetzt nicht mehr, denn auf den schmalen Stufen oder über die Klippen lassen sich die Güter nicht gut transportircn. Aber in mancher Mondnacht Hab' ich dennoch auch Güter dort gelandet." Während er so sprach, steuerte das Boot um eine Felsspitze und lenkte nach einem kleinen Hafen, zum Theil von der Natur gebildet, zum Theil durch die unermüdliche Anstrengung der ehemaligen Schloßbewohner, die, wie der Fischer bemerkte, dies für sehr nöihig zum Schutz ihrer Boote gehalten hätten, obwohl der Ort keine bedeutenden Fahrzeuge auf- nehmcn konnte. Die beiden Felsenspitzen, welche den Eingang bilden, traten einander so nahe, daß nur ein Boot auf einmal einlaufen konnte. An jeder Seite befanden sich noch zwei ungeheure eiserne Ringe, welche fest in den soliden Felsen gekittet waren. Durch diese ward, der Sage nach, bei Nacht eine gewaltige Kette gezogen, durch ein ungeheures Schloß gesichert, um den Hafen und die darin liegenden Fahrzeuge zu schützen. Aus einem vorspringenden Felsen war, mit Hilfe des Meisels und der Spitzhacke, eine Art Quay gebildet worden. Der Fels war von außerordentlicher Härte und das Werk so schwierig, daß, nach der Versicherung des Fischers, ein dabei beschäftigter Arbeiter Abends in seiner Mütze all die Steinchen hätte nach Hause tragen können, die er im Laufe des Tages von der Masse losgearbeitet hatte. Dieser kleine Strandweg stand in Verbindung mit einer roh gearbeiteten Treppe, welche vom alten Schlosse herabsührte- Zwischen dem Strandweg und der Bucht war auch ein Verbindungsweg vorhanden, welcher ziemlich unbequem über die Klippen ging. 1l „Hier werdet Ihr am besten landen können," sagte der Bursche, „denn am Shellicoatstein geht die Brandung allzuhoch und Ihr würdet da keinen trocknen Weg finden — Nein, nein!" (fuhr er fort, indem er ein kleines Geldgeschenk ablehnte,) „Ihr habt für Eure Ucberfahrt gearbeitet, und noch dazu besser gearbeitet, als Einer von uns. Guten Tag, ich wünsch' Euch glückliche Reise." So sagend, stieß er vom Lande, um seine Ladung an der gegenüberliegenden Seite der Bucht zu landen; und Brown, mit einem kleinen Bündel in der Hand, welches die wenigen nöthigen Effekten enthielt, die er in Allonby hatte kaufen müssen, blieb zurück auf dem Felsen unterhalb der Ruine. Und so näherte er sich, unkundig und als ein Wildfremder; in Umständen, die, wenn auch nicht hilflos, doch für den Augenblick sehr bedrängt waren; ohne das Gesicht eines Freundes in einem Umkreise von mehr als fünfzig Meilen zu wissen, eines schweren Verbrechens beschuldigt und, was das allerschlimmste war, fast ganz ohne Geld, — so näherte er sich, ein fremder Wandrer, zum erstenmale nach vielen Jahren den Ueberresten des Schlosses, wo seine Ahnen einst fast unumschränkte Herrscher gewesen waren. Zweites Kapitel. -In, ihr moosbewnchs'nen Mauer», Ihr »»beschützten Thürine, wieder ko»»»' ich Z» euch, allein beschämt! Ach, wo sind nun All' eure Siegeszeichen? die belebten Höfe, Die Schmausereien, das Getöse, welches Von meines Hauses Größe sprach und von der Ehrfurcht Der Ritter rings im Land? Die geheimnißvolle Mutter. Indem er durch eine Hinterpforte das Schloß Ellangowan betrat, welche noch Spuren zeigte, daß sie einst mit äußerster Sorgfalt verwahrt gewesen sei, ging Brown (den wir, seitdem er den Fuß auf das Erbe seiner Väter setzte, von nun an bei seines Vaters Namen, Bertram, nennen wollen,) von einem zerstörten Gemach zum andern, erstaunt über die massenhafte Stärke einiger Theile des Gebäudes, über die rohe und ausdrucksvolle Pracht anderer, sowie über die große Ausdehnung des Ganzen. In zweien dieser Gemächer, die dicht nebenein- der lagen, fand er noch Spuren die anzeigten, daß sie neuerdings bewohnt gewesen sein mußten. Zn einem kleinen Gemach fanden sich leereFlaschen, halbabgcnagteKnochen und vertrocknete Ueberreste von Brod. Im anstoßenden Gewölbe, welches durch eine, jetzt offen gelassene, starke Thür verwahrt ward, bemerkte er eine beträchtliche Menge Stroh, und in beiden Gemächern 13 befanden sich noch die frischen Spuren von Feuer. Wie wenig konnte Bertram ahnen, daß so geringfügige Umstände im dichten Zusammenhänge standen mit Ereignissen, welche sein Glück, seine Ehre, vielleicht sein Leben betrafen! Nachdem er seine Neugierde durch einen flüchtigen Blick durch das Innere des Schlosses befriedigt hatte, ging Bertram durch das große Thor, welches sich nach dem Lande zu öffnete und blieb hier stehen, um die herrliche Landschaft, welche sich darbot, zu betrachten. Umsonst bemühte er sich, die Lage von Woodbourne zu entdecken, und nachdem er mit ziemlicher Sicherheit die von Kippletringan erkannt hatte, wandte er sich, um noch einen Abschiedsblick auf die herrlichen Ruinen zu werfen, die er eben besucht hatte. Er bewunderte die gewaltige und malerische Wirkung der starken runden Thürme, welche, zu den Seiten des Portales stehend, dem hohen finstern Bogen, unter welchem das Thor sich öffnete, noch mehr Tiefe und Hohheit « gaben. Das aus Stein gehauene Wappenschild der alten Familie, drei Wolfsköpfe darstellend, hing unter dem Helm und Helmbusch; der letztere stellte einen liegenden, von einem Pfeil durchbohrten Wolf dar. ' Auf feder Seite stand als Schildhalter ein lebensgroßer wilder Mann, in der Hand einen entwurzelten Eichbaum haltend. Und die mächtigen Barone, denen dies Wappen gehörte; — dachte Bertram, den Gedanken nachhängend, die in solchen Sce- nen gewöhnlich das Gemüth besuchen, — ob ihre Nachkommen wohl noch im Besitz der Güter sind, welche sie vor Zeiten so stark zu befestigen wußten? Oder sind sie hier und dorthin zerstreut und wissen vielleicht nicht einmal etwas von dem Ruhm und der Macht ihrer Väter, während ihr Erbtheil ein fremdes Geschlecht inne hat? Warum, fahr er fort, indem er diesen Gedanken noch weiter nachhing, warum erweckt mancher An- 14 blick Gedanken, die zu den Träumen früher dunkler Erinnerung zu gehören scheinen, und die mein alter Bramine Moonshie für Erinnerungen aus einem früheren Dasein gehalten haben würde? Sind es Traumbilder, die dunkel in unsrer Seele liegen, und durch den Anblick solcher Gegenstände hervorgerufen werden, die mit den Gestalten unsrer Einbildungkraft verwandt sind ? Wie oft empfinden wir selbst unter Menschen, die wir vorher nie sahen, ein geheim- nistvolles, unerklärliches Gefühl, welches uns zu sagen scheint, daß dieser Schauplatz, dieser Sprecher,dieser Gegenstand desGesprächS uns nicht völlig neu ist; ja, es kommt uns vor, als ob wir die Unterhaltung, die noch nicht angeknllpft worden ist, im Voraus errathen könnten! Es ist mir genau so, während ich auf diese Trümmer blicke; ich kann mich nicht von dem Gedanken loßreißen, daß diese gewaltigen Thürme, diese düstere Thore, mit seinen tief gewölbten Bogen und seiner matten, vom jenseitigen Hofe kommenden Beleuchtung mir nicht ganz fremd find. Sollten sie mir in der Kindheit befreundet gewesen sein? und könnte ich in ihrer Nähe jene Freunde suchen, von denen mir aus der Kindheit noch eine liebevolle, wenn auch schwache Erinnerung geblieben ist, und die ich frühzeitig gegen so strengeLehrmcister vertauschte ?AberBrown, der mich doch wohl nicht täuschen wollte, erzählte mir immer, ich sei von der östlichen Küste gebracht worden, nach einem Gefechte, worin meinVater getödtet ward; und ich erinnere mich eines schrecklichen Kampfes, so daß seine Erzählung wohl richtig sein muß. — Zufällig war der Ort, wo der junge Bertram stehen geblieben war, um das Schloß besser zu übersehen, beinahe derselbe Punkt, auf welchem sein Vater gestorben war. Er war durch eine große alte Eiche bezeichnet, die einzige auf diesem freien Raume vor'm Schloß, welche, da hier die Herrn von Ellangowan früher Gericht gehalten hatten, der Gerichtsbaum hieß. Es traf sich, und dies Zusammentreffen war merkwürdig, daß Glosfin an diesem Morgen gerade mit einer Person beschäftigt war, die er über vorzunehmende Reparaturen und eine Erweiterung des Hauses Ellangowans zu Rathe zu ziehen pflegte; er hatte beschlossen, die Steine des verfallenen Schlosses zum neuen Gebäude zu benutzen, weil er an den alten Resten wenig Behagen fand, die ihn zu sehr an die Größe der früher» Bewohner erinnerten- Deßhalb kam er herbei, begleitet von dem schon früher erwähnten Feldmesser, welcher im Nothfalle auch die Stelle eines Architekten versah. Zm Entwurf von Plänen u. s- w. Pflegte sich Glos- sin auf seine eigene Geschicklichkeit zu verlassen- Bertram wandte ihnen gerade den Rücken zu, als sie die Anhöhe heraufstiege», und überdies war er auch durch die Zweige des großen Baumes völlig verborgen, so daß Glosstn die Gegenwart des Fremden nicht eher gewahrte, als bis er dicht bei ihm war. „Ja, Sir, ich Hab' es schon oft zu Ihnen gesagt, das alte Schloß hat herrliche Bausteine; und es würde für das Gut besser sein, wenn das Nest völlig niedergeriffen wäre, da es ja doch nur eine Höhle für Schmuggler ist." In diesem Augenblick wandte sich Bertram schnell nach Glossin um uud sagte, nur zwei Schritt von demselben entfernt: „Wollen Sie das herrliche Schloß zerstören, Sir?" Sein Gesicht, seine Person, und seine Stimme waren so genau die seines Vaters in dessen besten Tagen, daß Glosstn, jenen 'Ausruf vernehmend und eine so unverhoffte Erscheinung in Gestalt seines Wohlthäters erblickend, und zwar fast auf derselben Stelle, wo der letztere gestorben war, beinah auf den Gedanken gerieth, das Grab habe seinen Tobten wiedergegeben. — Er wankte einige Schritte rückwaris, wie wenn er eine plötzliche und töotliche Wunde empfangen hätte. Jndeß rief er augenblicklich seine Geistesgegenwart zurück, indem ihn der quälende Gedanke ergriff, daß er keinen Bewohner einer andern Welt vor sich habe, sondern 16 einen beleidigten Mann, den der geringste Mangel an Gewandtheit auf seiner (Glossin's) Seite leicht zu der Bekanntschaft mit seinen Rechten fuhren und ihm die Mittel, letztere zu behaupten, geben konnte. Aber diese Gedanken waren durch den empfundenen Schreck so verworren, daß seine erste Frage seltsam genug klang. >>Jm Namen Gottes, wie kamen Sie hieher?" sagte Glossin. „Wie ich hieher kam?" wiederholteBertram, überrascht durch das Feierliche der Anrede. „Ich landete vor einer Viertelstunde in dem kleine» Hafen unter'm Schlöffe, und beabsichtigte, der Betrachtung dieser schönen Ruinen einen Augenblick zu widmen. Ich hoffe, daß ich auf diese Weise nicht unhöflich eingedrungen bin?" „Eingedrungen, Sir? — nein, Sir," sagte Glossin, wieder einigermaßen Athem schöpfend; darauf flüsterte er seinem Begleiter einige Worte in's Ohr, welcher ihn alsbald verließ und nach dem Hause Hinabstieg. „Eingedrungen, Sir? — nein, Sir, — Sie, so gut als jeder Gentleman, sind willkommen, wenn Sie Ihre Schaulust befriedigen wollen." „Ich dank' Ihnen, Sir," sagte Bertram. „Man nennt dies das alte Herrenhaus, wie ich hörte? „Ja, Sir; zur Unterscheidung von dem neuen, welches mein Haus ist, dort unten." Es muß bemerkt werden, daß Glossin während des folgenden Gesprächs einerseits begierig war, zu hören, welche örtliche Erinnerungen Bertram von dem Schauplatz seiner Kindheit behalten hatte, andrerseits aber auchgenöthigt war, inseinen Antworten äußerst vorsichtig zu sein, damit er nicht durch einen Namen, eine Redensart oder Anekdote den schlummernden Jdeenkreis wieder erwecke oder unterstütze. Er erduldete wirklich während des ganzen Auftrittes die so reichlich verdienteTodesangst; aber sein Stolz 17 und sein Interesse ermuthigten ihn, gleich der Tapferkeit eines nordamerikanischen Indianers, die Qualen auszuhalten, die mit einemmal das schuldbeladene Gewissen, Haß, Furcht und Argwohn über ihn verhängten. „Ich möchte den Namen wissen, Sir," sagte Bertram, „den Namen der Familie, welcher dicß zerstörte Schloß gehört-" „Es ist mein Eigenthum, Sir; mein Name ist Glossin." „Glosstn — Glosfin?" wiederholte Bertram, als ob die Antwort etwas verschieden von dem lautete, was er erwartet hatte; „ich bitt' um Verzeihung, Mr. Glosfin; ich war etwas zerstreut. — Darf ich fragen, ob Ihre Familie lange im Besitz des Schlosses war?" „Es ward vor langer Zeit von einer Familie Namens Din- gawaie erbaut, wie ich glaube," antwortete Glossin; er ließ, aus den sehr natürlichen Gründen, den Namen Bertram weg, welcher jene Erinnerungen hätte erwecken können, die er so sorgfältig im Schlummer zu erhalten wünschte, und mit einer ausweichenden Antwort beseitigte er die Frage in Betreff der Dauer seines eigenen Besitzes. „Und wie lesen Sie das halberloschene Motto, Sir," sagte Bertram, „welches sich an dem Sims über dem Wappen befindet?" »Ich — ich — ich weiß es wirklich nicht genau," erwie- derte Glossin. „Ich glaube, es soll heißen: Unser Recht ist unsre Macht." „Ich glaube, so ungefähr wird es heißen," sagte Glossin. »Darf ich fragen, Sir," sagte der Fremde, „ob dies der Wahlspruch Ihrer Familie ist?" „Nein, — nein — nicht der unsre. Dies ist, glaub' ich, das Motto der frühern Bewohner — meines — in der That, Guy Maimenng. III. 2 18 ich habe an Mr. Cumming beim Heroldsamt in Edinburg wegen des meinigen geschrieben. Er schreibt mir, die Glossins hätten vor Alters den Wahlspruch geführt: „Wer's nimmt, macht's " „Wenn die Sache ungewiß ist, Sir, und wofern ich betheiligt wäre," sagte Bertram, „so würde ich das alte Motto wählen, welches mir das bessere von den beiden scheint." Glossin, dessen Zunge jetzt kein Wort hcrvorzubringen vermochte, antwortete nur durch ein Nicken. „ES ist alt genug," sagte Bertram, seinen Blick auf das Wappen und das Portal heftend, und theils Glossin anredend, jheils nur laut denkend, — „unser Gedächtniß spielt uns doch närrische Possen. Die Laute einer alten Prophezeiung, eines Liedes, Reims, oder was cs sonst sein mag, kommen mir in der Erinnerung wieder, indem ich dies Motto höre — halt — es ist ein seltsam klingender Reim: ..Das Dunkel werde Lichl, Und das Unrecht werde Recht, Wen» BertramS Recht und BertramS Macht Neu auf" — Ich kann mich auf die letzte Zeile nicht besinnen — erwacht, so ist der Reim, das weiß ich; aber ich kann mich des vorhergehenden Wortes nicht erinnern." „Zum Teufel dein Gedächtniß," murmelte Glossin, „du besinnst dich schon auf mehr als zuviel!" „Es hängen noch andere Reime mit dieser Jugenderinnerung zusammen," fuhr der junge Mann fort; „Bitte, Sir, gibt eS in dieser Gegend nicht vielleicht ein Volkslied, welches von einer Tochter des Königs auf der Insel Man spricht, wie jene von einem schottischen Ritter entführt ward?" „Niemand ist schlechter in alten Sagen bewandert, als ich," antwortete Glossin. „Ich kannte ein solches Lied;" sagte Bertram, „von Anfang bis Ende mußt' ich es als Knabe zu singen. Sie muffen wissen, daß ich Schottland, meine Heimath, sehr jung verließ, und diejenigen, die mich wegführtcn, unterdrückten jeden meiner Versuche, meine Jugcnderinnerungen zu bewahren; ver- muthlich deßwegen, weil ich den kindischen Wunsch nährte, ihrer Obhut zu entfliehen." „Sehr natürlich," sagte Glossin, aber auf eine Weise, als ob seine äußersten Anstrengungen nicht im Stande wären, seinen Mund weiter als um einen Viertelzoll zu öffnen, so daß seine Aeußerung nur wie eine Art Gemurmel erschien, sehr verschieden von der vollen, kühnen und lauten Stimme, womit er gewöhnlich sprach. Wirklich schien auch durch sein ganzes Benehmen während dieser Unterhaltung seine Kraft und Gestalt zusammenzuschrumpfen, und abzuneßmcn; bald setzte er Len einen Fuß vor, bald den andern, bald sanken, bald hoben sich seine Schultern, bald spielte er mit den Westenknöpfen, bald schlug er die Hände zusammen, — kurz, er war das lebendige Bild eines gemeinen, klcinmüthigen Schurken, der angstvoll der Entdeckung entgegensieht. Alles dies entging indeß Bertram völlig, da sich dieser zu sehr dem Gange seiner eignen Gedanken überließ. Und obwohl er Glossin anredete, dachte er in der That doch so wenig an ihn, daß ihn jener gar nicht in seinen eignen Gefühlen und Erinnerungen unterbrechen konnte. „Ja," sagte er, „ich bewahrte meine Muttersprache unter den Seeleuten, von denen die meisten englisch sprachen, und so oft ich mich in einen Winkel für mich allein zurückziehen konnte, pflegte ich das ganze Lied von Anfang bis zu Ende zu singen; jetzt Hab' ich es ganz vergessen — aber ich entsinne mich noch recht gut der Melodie, obwohl ich nicht errathen kann, was es ist, das sie mir jetzt so deutlich in's Gedächtniß ruft." 20 Er zog fein Uageolet aus der Tasche, und spielte eine einfache Weise. Wahrscheinlich erweckte diese Melodie die gleichen Empfindungen in einem Mädchen, welches bei einem Brunnen, der einst das Schloß mit Wasser versorgt hatte und in der Mitte des Abhanges lag, mit Leinwandbleichen beschäftigt war- Sie begann alsbald zu singen: „Sie sprach : ist dies der Strand des Fvrth, Sind das die Höhn von Dee, Der schöne Wald von Warroch dort? Wie gerne säh' ich sie!" „Beim Himmel," rief Bertram, „das ist dieselbe Ballade! Ich muß jene Worte von dem Mädchen lernen." „Verwünscht!" dachte Glossin; wenn ich hier nicht Einhalt thun kann, so wird Alles aus sein. O, der Teufel hol' alle Balladen, und Balladenmacher, und Balladenstnger ! und das verwünschte Mädchen obendrein, mit ihrem Singsang! — „Sie werden dazu zu andrer Zeit genug Gelegenheit haben," sagte kr laut; „für jetzt" — (er sah soeben seinen Abgesandten mit zwei oder drei Leuten die Anhöhe herauf kommen) „für jetzt müssen wir ein ernsteres Wort zusammen reden." „Wie meinen Sie das, Sir?" sagte Bertram, indem er sich rasch zu ihm wandte, weil ihm der Ton, dessen sich jener bediente, auffiel. „Nun, Sir, was das anlangt — ich glaube, Ihr Name ist Brown?" sagte Glossin. „Und was soll's damit, Sir?" Glossin warf einen Blick zurück, um zu sehen, ob seine Hilfstruppen nahe genug wären; sie kamen eilig herzu. „Van- bcest Brown? wenn ich nicht irre." „Und was soll's damit, Sir?" sagte Bertram mit wachsendem Staunen und Mißfallen. „Nun, in diesem Falle," sagte Glossin, welcher bemerkte, daß seine Freunde jetzt die Anhöhe erstiegen hatten und nahe genug waren — „in diesem Falle sind Sie mein Gefangener, im Namen des Königs!" — dabei streckte er zugleich die Hand nach Bertrams Kragen aus, während ihn zwei von den herzugekommenen Leuten bei den Armen ergriffen; er machte sich indeß durch eine gewaltige Anstrengung von ihren Händen los, wobei er den hartnäckigsten zu Boden warf; und indem er seinen Säbel zog, stellte er sich zur Vertheidigung bereit, während jene, die seine Kraft gefühlt hatten, zurückwichen und ihn aus sicherer Ferne anstarrten. „Merkt wohl," rief er zu gleicher Zeit, „daß ich mich der königlichen Autorität durchaus nicht widcrsetzcn will; überzeugt mich, daß ihr eine obrigkeitliche Vollmacht habt und zu dieser Verhaftung berechtigt seid, dann will ich ruhig gehorchen; aber Keiner, dem sein Leben lieb ist, wage sich mir zu nähern, bis ich weiß, um welches Verbrechen und auf wessen Befehl ich verhaftet werde." Glossin ließ einen der Gerichtsdiener eine Vollmacht zur Verhaftung des Vänbeest Brown vorzeigen, welcher des Verbrechens angcklagt ward, absichtlich und boshafter Weise auf Charles Hazlewood, Junker von Hazlewood, geschossen zu haben, in der Absicht, denselben zu tödten; deßgleichen beschuldigt anderer Verbrechen und Vergehungen, in Folge deren er verhaftet und zur Untersuchung an die nächste Obrigkeit geliefert werden solle. Da die Vollmacht in gehöriger Form und das Factum auch nicht abzuläugnen war, so warf Brown seine Waffe weg, und übergab sich den Gerichtödienern, welche mit einem Eifer über ihn herfielen, der ebenso groß als ihre frühere Zaghaftigkeit war. Sie wollten ihn fesseln, um sich selbst zu sichern, weil sie seine Kraft und Gewandtheit empfunden hatten. Glossin aber schämte oder fürchtete sich, ihm 22 diese unnöthige Schmach zufügen zu lassen und befahl, daß man den Gefangenen mit all dem Anstande, ja mit all der Ehrerbietigkeit behandeln solle, welche mit der Sicherheit vereinbar sei. Indem er sich aber zugleich fürchtete, ihn in sein eignes Haus führen zu lassen, wo noch manch' andre Gegenstände Erinnerungen in ihm wecken konnten, und zugleich ängstlich bemüht, sein eignes Verfahren durch eines andern Autorität zu sanctioniren und zu decken, befahl er, daß sein Wagen bereit gehalten werde, (denn er hatte sich kürzlich einen angeschafft,) und in der Zwischenzeit ließ er dem Gefangenen und den GerichtSdiencrn Erfrischungen reichen; diese Personen waren in eins der Gemächer des alten Schlosses gewiesen, bis alles zur Ablieferung des Gefangenen an eine Obrigkeit vorbereitet sein würde. -So vrmgt die Zeugen — Du, Mann de6 Nechts, nimm deinen Platz hier ein, Und du, der sein Genosse, setze dich An seine Seite hin— König Lear. Während der Wagen zurecht gemacht wurde, hatte Glossin einen Brief zu schreiben, der ihm nicht wenig Zeit kostete. Er war gerichtet an seinen Nachbar, wie er ihn gern nannte, Sir Robert Hazlewood von Hazlewood, das Haupt eines alten und mächtigen Hauses in der Grafschaft, welches, beim Verfall der Familie Ellangowan, allmälig viel von der letzteren Ansehn und Einfluß geerbt hatte. Das jetzige Oberhaupt der Familie war ein ältlicher Mann, der bis zur Ueber- treibung in seine Familie verliebt war, welche sich auf einen Sohn und eine Tochter beschränkte, und dabei völlig gleichgültig in Bezug auf das Schicksal der ganzen übrigen Menschheit. Im übrigen war er ein ehrenwcrther Mann, weil er den Tadel der Welt scheute, und auch wohl aus einem bessern Beweggründe. Er war ungemein befangen in Ahnenstolz und einem hohen Gefühle von seiner Wichtigkeit, und dies war noch bedeutend dadurch gesteigert worden, daß er seit kurzem den Titel eines BaronetS von Nova Scotia erlangt hatte; er haßte das Andenken des Hauses Ellangowan, obwohl es jetzt ein bloßes Andenken war, weil der Sage nach ein Baron 24 dieses Geschlechts den Stifter des Hauses Hazlewood genö- thigt hatte, ihm den Steigbügel zu halten, dis er im Sattel saß- Sein Benehmen war im Allgemeinen hochtrabend und wichtig thuend; er affectirtc eine gewisse blühende Beredt- samkcit, die freilich oft lächerlich wurde, weil er seine schwülstigen, prunkenden Phrasen, womit er seine Reden überlud, am Unrechten Orte anwandte. An diesen Mann schrieb nun Glossin in einem Style, wie er seiner Eitelkeit und seinem Familienstolze am angenehmsten klingen mochte. Folgendes ist die Form dieses Schreibens: „Mr. Gilbert Glossin," (gern hätte er „von Ellangowan" hinzugefügt, aber die Klugheit verhütete dies und er unterdrückte die herrschaftliche Benennung,) „Mr. Gilbert Glossin hat die Ehre, Sir Robert Hazlewood sich chrerbietigst zu empfehlen und denselben zu benachrichtigen, daß er diesen Morgen glücklich genug gewesen ist, sich derjenigen Person, welche Mr. Charles Hazlewood verwundete, zu versichern. Da cs Sir Robert Hazlewood wahrscheinlich vorziehen dürste, die Untersuchung dieses Verbrechers selbst zu leiten, so wird Mr. G. Glossin den Menschen nach dem Wirthshanse in Kipple- tringan bringen lassen, oder auch nach Hazlewood-Haus, je nachdem es Sir Robert Hazlewood belieben wird. Und mit Sir Robert Hazlewoods Erlaubniß wird Mr. G. Glossin den Gefangenen zu einem dieser Orte begleiten, sammt den Beweisen und Papieren, die er in Bezug auf diese mißliche Sache so glücklich war, zu sammeln." Adresflrt: „Sir Robert Hazlewood zu Hazlewood, Bart. Hazlewood-Haus, u. s. w. Elln- Gn- Dienstag rc." Dieses Schreiben schickte er durch einen reitenden Diener 28 ab, und nachdem er diesem Manne Eile empfohlen und einen Vorsprung gelassen hatte, hieß er zwei Gerichtsdiener in den Wagen zu Bertram steigen; er selbst stieg zu Pferde und begleitete sie langsamen Schrittes bis zu der Stelle, wo sich die Wege nach Kippletringan und Hazlewood-Haus trennten; hier erwartete er die Rückkehr seines Boten, um nach der Antwort, welche der Baronet schicken würde, seinen weitern Weg bestimme» zu können. Nach Verlauf einer halben Stunde kehrte der Diener mit der unten folgenden Antwort zurück; diese Note war sauber gefaltet, und mit Hazlewoods Familien- wappcn gesiegelt. „Sir Robert Hazlewood von Hazlewood erwiedert Mr. G. GlossinS werthe Zuschrift und sagt ihm seinen Dank für die Mühe, die er sich in einer Sache gegeben, welche die Wohlfahrt der Familie Sir Roberts betrifft. Sir R- H. ersucht Mr. G. G., die Güte zu haben, den Gefangenen, sammt den Beweisen u. s. w., deren er gedenkt, nach Hazlewood-HauS zur Untersuchung zu bringen. Nach vollendetem Geschäft, vorausgesetzt, daß Mr. G. G. nicht bereits anderweit einer Einladung folgt, bittet ihn Sir R. und Ladp Hazlewood um seine Gesellschaft beim Mittagessen." „Mr. Gilbert Glossin, u s. w. „Hazlewood-Haus Dienstag." So! dachte Mr. Glossin, einen Finger hätt'ich denn, und bald denk' ich auch die ganze Hand zu haben. Aber erst muß ich mir den leidigen jungen Menschen vom Halse schaffen. — Ich denke doch den Sir Robert lenken zu können. Er ist schwachsinnig und ehrsüchtig, und wird leicht geneigt sein, meinen Eingebungen bei dieser Rechtssache zu folgen, so wie ich das Ansehn zu geben, als beruhe alles auf seiner eigenen 26 Einsicht und seinem Willen. So werde ich den Vortheil haben, der wirkliche Richter zu sein, ohne doch das Gehässige der Verantwortlichkeit auf mich zu laden. — Während er sich an diesen Hoffnungen und Erwartungen weidete, näherte sich der Wagen dem Sitze Hazlcwoods durch eine schöne Allee alter Eichen, welche das alte klostcrähnliche Gebäude umgaben. Es war ein weitläufiger Bau, aus verschiedenen Perioden hcrrührend, und war wirklich einmal eine Abtei gewesen; nachdem diese, zur Zeit der Königin Maria, aufgehoben worden, hatte der erste der Familie das Hauö nebst umliegenden Ländereien als Geschenk von der Regierung erhalten. Es lag dieses Haus anmuthig in einem weitläufigen Parke, an dem Ufer des Flüßchens, dessen wir früher gedachten- Die ganze Umgebung hatte einen düster», feierlichen und fast melancholischen Charakter, der gut zu der Bauart des Hauses paßte- Alles schien in der höchstmöglichen Ordnung gehalten zu werden und verkündigte den Reichthum und Rang des Eigen- rhümers. Als Mr- Glossin's Wagen am Thore hielt, musterte Sir Robert das neue Fuhrwerk vom Fenster aus- Nach seinen aristokratischen Gefühlen lag ein hoher Grad von Anmaßung in diesem novu8 Iiomo, diesem Mr- Gilbert Glossin, früher Schreiber in -shirc, der es wagte, sich ein solches Geräth anzuschaffen; aber sein Zorn milderte sich, als er bemerkte, daß das Wappenschild am Kutschenschlag nichts zeigte, als die einfachen Buchstaben G. G. Diese scheinbare Bescheidenheit rührte in der Tbat nur von der Saumseligkeit des Mr. Cumming beim Heroldsamte her, welcher, jetzt ungemein durch einige Bestellungen aus Nordamerika, aus Irland und Jamaika in Anspruch genommen, langsamer als gewöhnlich gewesen war, dem neuen Laird von Ellangowan ein Wappen ausfindig zu 27 machen. Aber sein Zögern gereichte Glossin in der Meinung des stolzen Baronet zum Vortheil. Während die Gerichtsdiener ihren Gefangenen in einer Art von Bedientenstube bewahrten, ward Mr. Glosstn in das sogenannte große Eichenzimmer geführt, ein langes Gemach, mit wohlgeglät- tetem Täfelwerk ausgelegt, und geschmückt mit den grimmigen Portraits der Ahnen Sir Hazlewoods. Der Gast, welcher seiner niedrigen Geburt kein inneres Bewußtsein von Werth gegenüberstellen konnte, fühlte seine Niedrigkeit und zeigte durch die Tiefe seiner Verbeugung und sein knechtisches Benehmen, daß der Lairdvon Ellangowan einstweilen wieder zu der alten demüthi- gen Stellung des ehemaligen Gerichtsschreibers herabgesunken war. Er hätte sich in der That gern selbst überredet, daß er dem Stolze des alten Baronet nur schmeichle, um sich dadurch Vortheile zu verschaffen; aber seine Gefühle waren gemischter Art und er empfand den Einfluß der nämlichen Vorurtheile, denen er zu schmeicheln glaubte. Der Baronet empfing den Gast mit dem herablassenden Anstande, welcher ihm einerseits seine eigene ungeheure Uebcrlegen- heit darthun, und andrerseits die Großmuth und Höflichkeit zeigen sollte, womit er jene aufzugeben und sich zu einer Unterhaltung mit gemeinen, gewöhnlichen Menschen hcrabzulaffen wüßte. Er dankte Glossin für seine Aufmerksamkeit in einer Angelegenheit, die den jungen Hazlewood so nahe beträfe, und auf seine Familienbilder deutend, bemerkte er mit gnädigem Lächeln: „Wirklich sind diese ehrwürdigen Gentlcmen, Mr. Glossin, ebenso sehr in diesem Falle, als ich selber, verpflichtet für die Mühe, Beschwerde, Sorgfalt und Unruhe, die Sie zu ihrem Besten ertragen und aufgewendet haben ; ich zweifele nicht, daß sie, wenn sie fähig wären, selbst zu reden, sich mit mir, Sir, vereinigen würden, um Ihnen für die Anhänglichkeit zu danken, die Sie dem Hause Hazle- 28 wood bewiesen, indem Sie Sorgfalt und Mühe auswcndctcn, Sir, um dem jungen Gentleman, der ihren Namen und ihr Geschlecht fortpflanzt, zu nutzen." Dreimal verbeugte sich Glossin und jedesmal noch tiefer als zuvor; erstlich zu Ehren des Ritters, welcher aufrecht vor ihm stand, sodann aus Respekt vor den ruhigen Personen, welche geduldig an der Wand hingen, und drittens aus Ehrerbietung gegen den jungen Gentleman, der ihren Namen und ihr Geschlecht fortpflanzen sollte. Sir Robert war ganz zufrieden, mit der Huldigung, die ihm hier dargebracht wurde, und fuhr im Tone gnädiger Leutseligkeit fort: „Und nun, Mr. Glossin, mein vorzüglich guter Freund, müssen Sie mir gestatten, daß ich mich Ihrer RechtSkenntniß bei unserm Verfahren in dieser Sache bediene. Ich bin nicht sehr bewandert in den Geschäften eines Friedensrichters ; diese paffen besser für andre Herren, deren häusliche und die Familie betreffende Angelegenheiten weniger beständige Aufsicht, Aufmerksamkeit und Sorgfalt verlangen, als die weinigen." Natürlich war all der geringe Beistand, den Mr. Glossin zu leisten im Stande war, ganz zu Sir Robert HazlewoodS Dienst; aber da Sir Robert HazlewoodS Name so rühmlich bekannt auch in der angegebnen Hinsicht war, so durfte der besagte Mr. Glossin kaum hoffen, irgend nöthig oder nützlich sein zu können. „Ei, mein guter Sir, Sie werden verstehen, daß ich nur meine, ich sei in der praktischen Kenntniß der Einzelheiten des richterlichen Verfahrens etwas unkundig geworden. Ich ward allerdings für das Rechtsfach erzogen, und ich darfmich wohlrühmen, daß einmal eine Zeit war, wo ich einige Fortschritte in dem spekulativen, abstrakten, überhaupt theoretischen Theile unserS Landrechts gemacht hatte; aber es gibt heutzutage wenig Gelegenheit für einen Mann von Familie und Vermögen als Rechtsgelehrter dahin zu gelangen, wohin die Abenteurer leicht kommen, die für 29 den Pöbel ebenso willig als für den ersten Edelmann im Lande eine Sache übernehmen, und deßhalb ward mir der Geschmack am Praktischen allerdings bald verleidet. Der erste Fall, der mir übertragen ward, machte mich in der That schon ganz krank; es betraf einen Streit über Talg, Sir, zwischen einem Fleischer und einem Lichtzieher; und ich fand nun, daß man von mir erwartete, ich solle meinen Mund belästigen, nicht allein mit ihren gemeinen Namen, sondern auch mit all de» Handwerksausdrückcn, Phrasen und der gemeinen Redeweise ihrer schmutzigen Künste. Auf meine Ehre, mein guter Sir, seitdem war ich nie mehr im Stande, den Geruch eines Talglichts zu ertragen " Nachdem Mr. Glossin, wie cs erwartet zu sein schien, die gemeine Anwendung, durch welche des Baronets Talente bei dieser traurigen Gelegenheit herabgewürdigt worden, gebührend bedauert hatte, erbot er sich, jetzt als Protocollant, Assessor oder sonst auf möglichst nützliche Weise dem Verhör bcizuwohnen. „Gewiß wird er in Allem leicht zu überführen sein, und für's Erste glaub' ich, daß gewiß keine Schwierigkeit hinsichtlich der Haupt- thatsache Vorkommen wird, daß der Verhaftete nämlich dieselbe Person ist, welche das heillose Gewehr entlud. Sollte er es läugnen, so wird vermuthlich Mr- Hazlewood gegen ihn zeugen können ?" „Der junge Hazlewood ist heute nicht daheim, Mr. Glossin." „Aber wir können den Schwur des Dieners haben, der ihn begleitete," sagte der gewandte Mr. Glossin; „ich glaube wirklich kaum, daß sich die Thatsache bestreiten lassen werde. Besorgter bin .ich freilich, daß, in Folge der nur zu günstigen und nachsichtigen Weise, auf welche, wie ich hörte, Mr. Hazlewood die Sache darzu- stellcn beliebte, der Angriff als zufällig betrachtet werden möchte, und die Verletzung als absichtslos, so daß der Kerl in Freiheit gesetzt werden kann, um nur noch mehr Unheil anzurichten." 30 „Ich habe nicht die Ehre, den Herrn zu kennen, welcher jetzt das Amt eines königlichen Anwalts versieht," erwiederte Sir Robert gravitätisch; „aber ich setze voraus, ja, ich glaube ganz sicherlich, daß er das bloße Factum, den jungen Hazlcwood von Hazle- wood, war' es auch nur aus Unvorsichtigkeit, (um die Sache in ihrem mildesten und sanftesten und in ihrem günstigsten und unwahrscheinlichsten Lichte darzustellen,) daß er dies als ein Verbrechen betrachten wird, welches durch Gefangenschaft zu leicht bestraft sein würde und vielmehr Deportation verdient." „In der That, Sir Robert," sagte der Rechtsgelehrte bci- pflichtend, „ich bin durchaus Ihrer Meinung; aber, — ich weiß nicht, wie es kommt, — ich bemerkte, daß die Edinburger Herren Rechtsgelehrten und selbst die Beamten der Regierung sich streng auf eine ganz gleichmäßige Verwaltung der Gesetze legen, ohne Rücksicht auf Rang und Familie; und so furcht' ich"- „Wie, Sir, ohne Rücksicht aufRang und Familie? Sagen Sie, daß Leute von Geburt und gebilvcter Erziehung ein solches Verfahren beobachten? Nein, Sir; wenn die Entwendung einer Kleinigkeit auf offener Straße nur eine Gaunerei genannt wird, aber Tempclraub heißt, wenn dasselbe Verbrechen in der Kirche begangen ist, so sollte, der richtigen Stufenfolge in der bürgerlichen Gesellschaft gemäß, die Strafe für Beleidigung auch nach dem Range der Person, gegen welche sie verübt ward, erhöht werden." Glossin verbeugte sich tief bei dieser gelehrten Erklärung, bemerkte jedoch, daß im schlimmsten Falle und wofern jene verderblichen Lehren, die er bereits andeutete, Geltung finden sollten, „das Gesetz den Banbeest Brown noch aus einem andern Grunde in Anspruch nehmen werde." „Vanbeest Brown! ist das des Menschen Name? Guter Gott! der junge Hazlcwood von Hazlcwood mußte also sein Leben in 31 Gefahr sehen, mußte sein rechtes Schlüsselbein beträchtlich verletzen lassen, sein Schulterblatt mußte ebenfalls gefährlich angegriffen werden, wie der Wundarzt der Familie ausdrücklich berichtete — und das Alles durch einen unbekannten Wicht, der sich Vanbeest Brown nennt!" „Allerdings, Sir Robert, ist schon der Gedanke an eine solche Sache unerträglich; aber ich bitte tausendmal um Verzeihung, daß ich noch einmal daraufzurückkomme; eine Person gleichen Namens gehört, wie aus diesen Papieren hervorgeht," (er zog Dirk Hatte- raicks Taschenbuch hervor,) „zu dem Schmugglerschiffe, dessen Mannschaft Woodbourne anzugrcifen wagte, und ich zweifle nicht, daß der Gefangene die nämliche Person sei; Ihre scharfe Beobachtungsgabe wird indessen leicht Gewißheit verschaffen können." „Der nämliche, mein guter Sir, eS muß sicherlich der nämliche sein — cs hieße selbst gegen den gemeinsten Pöbel ungerecht sein, wenn man annähme, daß sich zwei unter demselben fänden, die verdammt wären, einen so ohrenzerreißendcn Namen, wie Vanbeest Brown zu führen." „Freilich, Sir Robert; ganz unbestreitbar; es läßt sich daran nicht im mindesten zweifeln. Aber Sie werden ferner bemerken, daß dieser Umstand das verzweifelte Betragen des Menschen erklärt. Sie werden den Beweggrund seines Verbrechens entdecken, Sir Robert; Sie, sag' ich, werden ihn ohne Schwierigkeit entdecken, wenn Sie die Untersuchung übernehmen; ich meines Theils kann nicht umhin zu argwohnen daß nur Rache der Beweggrund war, Rache für die Tapferkeit, mit welcher Mr. Hazlewood, mit all dem Muthe seiner glorreichen Ahnen, das Haus zu Woodbourne gegen diesen Schurken und seine schändlichen Gefährten verthei- digte." „Ich will das untersuchen, mein guter Sir." sagte der gelehrte Baronet. „Doch selbst jetzt schon wage ich die Ver- muthung, daß ich die Auflösung oder Erklärung dieses Räth- sels oder Geheimnisses annehmen werde, die Sie einigermaßen angegeben haben- Ja, Rache muß es sein — und lieber Himmel! von wem, und gegen wen? Gegen meinen Sohn Junker Hazlewood von Hazlewood gefaßt, gehegt und genährt, und zum Theil auch ausgeführt, vollzogen und vollbracht durch die Hand eines Vanbeest Brown! Wahrhaftig, wir leben in schrecklichen Tagen — mein weither Nachbar, (dieser Ausdruck deutete auf ein schnelles Zunehmen und Wachsen in des Ba- ronets Gunst hin,) — in Tagen, wo die mächtigsten Bollwerke der Gesellschaft in ihrem Grunde erschüttert sind, und jener Rang, der einst ihre Zierde und ihr Schmuck war, mit den geringer« Theilen des Gebäudes vermengt und untermischt ist. O mein guter Mr. Gilbert Glossin, zu meiner Zeit war der Gebrauch von Schwertern und Pistolen und andern ehrenvollen Waffen dem Adel allein Vorbehalten; die Streitigkeiten des gemeinen Volkes aber wurden durch diejenigen Waffen entschieden, welche die Natur ihm gegeben hat, oder mit Knitteln, die im ersten besten Walde abgeschnittcn waren. Aber jetzt, Mr. Glosfi», tritt des Bauers benagelter Schuh dem Hofmann auf die Zehen. Die Menschen niedern Standes haben ihre Streitigkeiten, Sir, und ihre Ehrensachen, und ihre Rachbegierden obendrein, Gott sei es geklagt. Aber wohlan! die Zeit entflieht unnütz — lassen Sie den Menschen hereinbringen, diesen Vanbeest Brown, damit wir wenigstens für jetzt seiner los werden." — Viertes Kapitel - — — Die Beleidigung Ging von ihm aus, doch kehrte sie zurück, Der schlecht entzündeten Petarde gleich, Die nach dem Busen des EntzünderS fliegt. Doch hoff' ich, daß die Wunde nicht gefährlich, Er kann genesen. Das schöne Wirt HSHauS Mädchen. DerGefangene ward nun vor die beiden würdigen Gerichtsbeamten geführt. Glossin, theils von einigen Gewissensregungen ergriffen, und theils auch weil er entschlossen war, dem adeligen Amtsgenoffen die sichtbare Leitung der Untersuchung zu überlassen, blickte nieder auf den Tisch, eifrig beschäftigt, die Schriften, welche auf das Geschäft Bezug hatten, zu lesen und zu ordnen, und warf nur von Zeit zu Zeit als Einhelfer ein geschicktes Stichwort hin, wenn er sah, daß der Vorgesetzte, der scheinbar am thätigsten bei der Sache war, einen Wink nöthig hatte- Was Sir Robert Hazlewood betrifft, so suchte er den strengen Ernst des Richters mit der persönlichen Würde, die dem Baronet einer alten Familie zukam, zu vereinigen. „Laßt ihn dort an das untere Ende des Tisches treten, Constables. — Seid so gut und seht mir in das Gesicht, Sir, und beantwortet mit lauter Stimme die Fragen, die ich Euch vorlegen werde." Guy Mnnnering III. 3 34 „Darf ich vor allen Dingen um Auskunft bitten, Sir, wer es ist, der sich bemüht, mir Fragen vorzulegcn?" sagte der Gefangene; »denn den wackern Herrn, die mich hieher brachten, war es nicht gefällig, mir irgend eine Nachricht über diesen Punkt zu geben." „Erlaubt, Sir," antwortete Sir Robert, „was hat mein Name und mein Rang mit den Fragen zu thun, die ich an Euch zu richten gedenke?" „Vielleicht nichts, Sir," antwortete Bertram; „bedeutenden Einfluß aber wird es auf meine Neigung, jene Fragen zu beantworten, haben." „Nun gut, Sir, so mögt Ihr denn wissen, daß Ihr vor Sir Robert Hazlewood von Hazlewood steht, und vor einem zweiten Friedensrichter dieser Grafschaft — das ist Alles." Da diese Nachricht eine minder gewaltige Wirkung auf den Gefangenen hervorbrachte, als der Redner vorausgesetzt hatte, so setzte Sir Robert sein Verhör mit wachsendem Mißfallen an dem Gegenstände desselben fort. „Ist Euer Name Vanbeest Brown, Sir?" „Er ist's," antwortete der Gefangene- „Richtig also; — und wie haben wir Euch weiter zu nennen, Sir?" fragte der Friedensrichter. „Capitain in Sr. Majestät — — Cavallerieregiment," antwortete Bertram. Der Baronet hörte diese Aussage mit Staunen; aber sein Muth stärkte sich neu durch einen zweifelvollen Blick Glossins, welcher zugleich einen leisen, pfeifenden Ton hören ließ, der Ueberraschung und Verachtung ausdrückte. „Ich glaube, mein Freund," sagte Sir Robert, „wir werden, che wir uns trennen, einen bescheidenem Titel für Euch ausfindig machen." „Wenn Sie das thun, Sir, erwiederte der Gefangene, 35 „so werde ich mich willig jeder Strafe unterwerfen, welche solch' ein Betrug nur immer verdienen mag." „Gut, Sir, wir werden sehn," fuhr Sir Robert fort- „Kennt Ihr den jungen Hazlewood von Hazlewood?" „Ich sah diesen Herrn, der, wie ich hörte, diesen Namen führt, nur ein einziges Mal, und ich bedauere, daß dies unter sehr unerfreulichen Umständen geschah." „Demnach erkennt Ihr an," sagte der Baronet, „daß Ihr dem jnngcn Hazlewood von Hazlewood die Wunde beibrachtet, die sein Leben in Gefahr setzte, das Schlüsselbein seiner rechten Schulter bedeutend verletzte und auch das Schulterblatt gefährlich berührte, wie der Hauswundarzt erklärt?" „Nun, Sir," crwiederte Bertram; „ich kann nur sagen, daß ich nicht weiß, wie groß der Schaden war, der dem jungen Herrn zugefügt ward, daß ich aber jedenfalls sehr bekümmert darum bin. Ich begegnete ihm auf einem schmalen Pfade, wo er mit zwei Damen und einem Diener ging; und ehe ich noch vorübergehen oder sie anreden konnte, nahm der junge Mann seinem Diener die Flinte weg, legte auf mich an und gebot mir mit dem hochfahrendstcn Tone, mich sofort zu entfernen. Ich war eben so wenig geneigt, seinem Befehle zu gehorchen, als ihn im Besitze eines Gewehrs zu lassen, dessen er sich so unvorsichtig bedienen zu wollen schien. Ich rang mit ihm, um ihn zu entwaffnen, und eS war mir beinahe gelungen, als die Flinte losging und zu meinem größten Leidwesen dem jungen Manne eine härtere Züchtigung gab, als ich wünschte; aber es freut mich nun, zu hören, daß die Folgen nicht schlimmer sind, als es seine grundlose und thörichte Uebereilung verdiente." „Und also, Sir," sagte der Baronet mit dem Zorne der beleidigten Würde im Gesicht, — „Ihr, Sir, Ihr gebt also s * 36 zu, daß es Euer Vorsatz war, Sir, und Eure Absicht, Sir, und der wahrhafte Zweck Eures Angriffs, Sir, dem jungen Hazlewood von Hazlewood sein Gewehr abzunehmcn, Sir, oder seine Vogelflinte, oder seine Büchse, wie cs immer heißen mochte, und das auf Sr. Majestät offener Straße, Sir? — das reicht, denk' ich, hin, mein würdiger Nachbar! ich denke, er muß alsbald verhaftet werden?" „Sie wissen am besten zu urtheilen!, Sir Robert," sagte Glossin in seinem gefälligen Tone; „aber, wenn ich mir eine Andeutung erlauben darf, es war auch noch etwas hinsichtlich der Schmuggler im Spiele. „Sehr wahr, guter Sir. — Ueberdies, Sir, seid Ihr, der Ihr Euch Capitain in Sr- Majestät Diensten nennt, nichts mehr und nichts weniger als ein schuftiger Genosse einer Schmugglerbandc!" „Wirklich, Sir," sagte Bertram, »Sie sind ein alter Herr und in einer sehr seltsamen Täuschung befangen, — außerdem würde ich meinem Unwillen gegen Sie freien Lauf lassen." „Alter Herr, Sir! seltsame Täuschung, Sir:" sagte Sir Robert, vor Zorn die Farbe wechselnd. „Ich versichere und erkläre-Ei, Sir, habt Ihr Briefe oder Papiere, die Euren vorgeblichen Stand, Rang und Beruf beweisen können?" „Gegenwärtig keine, Sir," antwortete Bertram; „aber nach einigen Posttagen" — „Und wie kommt es, Sir," fuhr der Baronet fort, „wie kommt es, wenn ihr Capitain in Sr. Majestät Dienst seid, daß ihr ohne Empfehlungsbriefe hier in Schottland reist? ohne Gepäck, ohne irgend etwas, was Euren vorgeblichen Rang, Stand und Beruf bezeichnen könnte, wie ich schon vorher sagte?" „Sir," erwiederte der Gefangene, „ich hatte das Unglück, meiner Kleider und meines Gepäckes beraubt zu werden." 37 „Oho! dann seid ihr der Herr, der eine Postchaisc von — — nach Kippletringan nahm, den Postknecht auf offner Straße halten ließ, und zwei seiner Kameraden sandte, um jenen zu prügeln und das Gepäck fortzuschaffen?" „Allerdings Sir, befand ich mich in einer solchen Postchaise; mußte aber aussteigen, da ich mich verirrt hatte, und verlor den Weg vollends, während ich mich die Straße nach Kipplc- tringan zu entdecken bemühte. Die Wirthin im Gasthofe wird bestätigen, daß bei meiner Ankunst am nächsten Tage meine erste Frage den Postknecht betraf." „Dann erlaubt mir, zu fragen, wo Ihr die Nacht zubrachtet, — vermuthlich nicht im Schnee? Ihr glaubt doch nicht, daß man das glauben, gelten lassen und annehmen würde?" „Ich bitte," antwortete Bertram, indem sich seine Gedanken auf die Zigeunerin wandten und auf das Versprechen, das er ihr gegeben hatte, „ich bitte, mir die Beantwortung dieser Frage zu erlassen." „Das läßt sich denken," sagte Sir Robert. — „Wäret Ihr nicht während jener Nacht in den Ruinen von Dern- cleugh? — in den Ruinen von Derncleugh, Sir?" „Ich Hab' Ihnen gesagt, daß ich diese Frage nicht zu beantworten gedenke;" erwiederte Bertram. „Gut, Herr, so müßt Ihr in Verhaft bleiben, Sir," sagte Sir Robert, „und werdet in's Gefängniß geschickt werden, das ist Alles, Sir. — Habt die Güte, diese Papiere anzusehn; seid Ihr der Vanbeest Brown, welcher hier erwähnt wird?" Es muß bemerkt werden, daß Glossin unter die Papiere einige Schreiben gemischt hatte, welche wirklich Bertram gehörten und welche die Gerichtsdiener in dem alten Gewölbe, wo sein Mantelsack geplündert worden war, gefunden hatten. „Einige von diesen Papieren," sagte Bertram, indem er sie 38 durchsah, „gehören mein und befanden sich in meiner Brieftasche, als diese aus dem Postwagen gestohlen ward- Ihr Inhalt ist von geringem Werth, und wie ich sehe, hat man sie sorgfältig als solche ausgewählt, die über meinen Stand und Charakter nichts beweisen, während viele andere dies zur Genüge gethan haben würden. Sie sind mit Schiffs-Rechnungen und andern Papieren gemischt, welche wahrscheinlich einer Person gleichen Namens gehören." »Und willst du mich zu überreden suchen, Freund," sagte Sir Robert, „daß zwei Personen zu gleicher Zeit in dieser Gegend sein sollen, die beide den ganz ungewöhnlichen und häßlich klingenden Namen führen?" »Ich sehe in der That nicht ein, Sir, warum es nicht, so gut cs da einen jungen und einen alten Hazlcwood gibt, auch einen alten und einen jungen Vanbeest Brown geben sollte. Und, um ernstlich zu reden, ich ward in Holland erzogen, und ich weiß, daß dieser Name, wie übel er auch immer englischen Ohren"- Glossin, welcher merkte, daß der Gefangene jetzt im Begriff war, auf gefährlichen Boden zu kommen, fiel in die Rede, wiewohl die Unterbrechung ganz unnöthig war, um nur die Aufmerksamkeit Sir Robert Hazlewoods anderswohin zu lenken; der letztere saß sprachlos und regungslos vor Empörung über die vermessene Vergleichung, welche Bertrams letzte Worte enthielten. Wirklich waren die Adern seines Gesichts geschwollen, als ob sie bersten wollten, und er saß da mit der zornigen und betroffenen Miene eines Mannes, dem eine tödtliche Beleidigung zugefügt ward, und zwar von einer Seite, welche er keiner Erwiederung würdig halten darf und kann. Während er mit gerunzelter Stirn und zornsprühcndem Blicke seinen Athem feierlich und langsam einzog und ebenso wieder 39 mit tiefer und feierlicher Anstrengung von sich hauchte, kam ihm Glossin zu Hilfe. „Ick sollte mit aller Unterthänigkeit dafür halten, Sir Robert, daß diese Sache nun als geschlossen gelten könnte. Einer der Gerichtsdiener erbietet sich, (abge- sehn von den bereits vorhandenen, entscheidenden Beweisen,) einen Eid abzulegen, daß vas Schwert, besten der Gefangene diesen Morgen beraubt ward, (beiläufig, weil er es brauchte, um sich einer richterlichen Vollmacht zu widersetzen,) daß dies eine Waffe sei, die ihm in einem Kampf zwischen Gerichtsdie- ncrn und Schmugglern abgenommen ward, und zwar kurz vor der letztern Angriff auf Woodbourne. — Und dennoch," setzte er hinzu, „möchte ich nicht, daß Sie in dieser Hinficht allzu rasch urtheilten; vielleicht kann uns der junge Mann erklären, wie er zu der Waffe kam." „Diese Frage, Sir," sagte Bertram, „werde ich ebenfalls unbeantwortet lassen." „Noch ein anderer Umstand verdient erörtert zu werden, wofern es nämlich Sir Robert gestatten will," bemerkte Glosfin. „Dieser Gefangene legte in die Hände der Mrs. Mac-Cand- lish ein Päckchen nieder, welches verschiedene Goldmünzen und andere werthvolle Gegenstände enthält. Vielleicht, Sir Robert, halten Sie für gut, zu fragen, wie er zu einem Eigenthum so seltener Art kam?" „Nun, Sir, Vanbcest Brown, Sir, Ihr hört die Frage, Sir, die Euch dieser Herr vorlegt?" „Ich habe besondere Gründe, die Beantwortung dieser Frage abzulehncn," antwortete Bertram. „Dann fürchte ich, Sir," sagte Glossin, welcher die Sache nun zu dem Punkte geführt hatte, den er zu erreichen wünschte, „daß uns unsere Pflicht in die Nothwendigkeit versetzt, einen Verhaftsbefehl gegen Euch auszufertigen." 40 „Nach Belieben, Sir," sagte Bertram; „bedenkt indeß wohl, was Ihr thut. Erinnert Euch, daß ich mich als Capital» in Sr- Majestät-Regiment nannte, daß ich so eben aus Indien zurückgekehrt bin, und also unmöglich in Verbindung mit jenen Schleichhändlern stehn kann, von denen Ihr sprecht; ferner, daß mein Oberstlieutenant jetzt in Nottingham ist, und der Major, sammt den Offizieren meines Corps, zu Kingston an der Themse. Ich erkläre vor Ihnen beiden, mich jeder Schmach zu unterwerfen, wofern ich bis zur Rückkehr der Posten von Nottingham und Kingston nicht im Stande bin, das Gesagte zu beweisen. Oder ihr könnt an den Geschäftsführer des Regiments schreiben, wenn es Euch gefällig ist, und"- „Das ist Alles recht gut, Sir," sagte Glosfin, der zu fürchten begann, daß die fest und bestimmt ausgesprochene Forderung Bertram's einigen Eindruck auf Sir Robert machen möchte, der sich zu Tode geschämt haben würde, wenn er die Unschicklichkeit, einen Reiterkapitain in's Gefängniß zu schicken, begangen hätte —Dies ist Alles recht gut, Sir; aber befindet sich nicht in der Nähe eine Person, auf die Ihr Euch berufen könntet?" „Es find blos zwei Personen in dieser Gegend, die etwas von mir wissen," erwiederte der Gefangene. „Die eine ist ein schlichter Landmann in Liddesdale, Namens Dinmont von Charlieshope; aber er weiß nichts weiter von mir, als was ich ihm sagte, und was ich jetzt Euch sage." „Ei, das ist nicht übel, Sir Robert!" sagte Glosfin. „Ich glaube, er würde diesen dickköpfigen Burschen herbeibringcn, um seine Leichtgläubigkeit zu beschwören, Sir Robert, ha ha ha!" „Und wer ist Euer anderer Zeuge, Freund?" sagte der Baronet. „Ein Herr, den ich aus gewissen Privatgründen nur sehr ungern nennen kann, unter dessen Befehl ich jedoch einige Zeit 41 in Indien diente, und der auch zu sehr Mann von Ehre ist, als daß er meinem Charakter als Soldat und Gentleman sein Zeugniß verweigern könnte." „Und wer ist dieser mannhafte Zeuge, bitte, Sir?" sagte Sir Robert, — ein Wachtmeister auf halbem Sold oder ein Feldwebel, vermuthlich?" „Oberst Guy Manncring, früher beim --Regiment, in welchem ich, wie ich sagte, Capitain bin." Oberst Guy Mannering! dachte Glosfin, — wer Teufel konnte das errathcn? „Oberst Guy Mannering!" wiederholte der Baronet, beträchtlich in seiner Meinung erschüttert. — „Mein guter Sir," (leise zu Glossin) — „der junge Mann mit dem schrecklich gemeinen Namen und so sehr bescheidenen Betragen, hat trotzdem etwas von dem Tone, den Manieren und dem Gefühl eines Gentleman, zum wenigsten Eines, der in guter Gesellschaft gelebt hat — man vergibt in Indien die Stellen leichthin, sorglos und unakkurat — ich dächte, wir ließen die Sachen lieber ruhn, dis Oberst Mannering zurückkommt; er ist, glaub' ich, jetzt in Edinburg." „Sie haben in jeder Hinsicht das beste Urtheil, Sir Robert," antwortete Glosstn, „in jeder möglichen Hinsicht. Ich wünschte Ihnen nur bcmerklich zu machen, daß wir schwerlich berechtigt sind, diesen Mann auf eine Versicherung hin zu entlassen, die er nicht beweisen kann, und daß wir uns schwerer Verantwortlichkeit aussetzcn, wenn wir ihn in Privatgewahrsam behalten, ohne ihn dem öffentlichen Gefängniß zu übergeben. Jndeß wissen Sie unstreitig am besten zu urthei- len, Sir Robert; — und ich wollte nur meinerseits bemerken, daß mir noch kürzlich strenger Tadel ward, als ich eine Person an einem Orte bewahrte, der mir völlig sicher schien 42 und überdies von den Gerichtsdienern bewacht wurde. Der Mann entsprang, und ich zweifle nicht, daß mein eigener Nuf hinsichtlich der Aufmerksamkeit und Umsicht als Magistratsperson einigermaßen gelitten hat. Ich deute dies nur an — ich werde Ihnen in Allem gehorchen, Sir Robert, was Sie für rathsam halten." Glossin wußte aber recht gut, daß dieser Wink völlig hinreichend sein werde, um das Verfahren seines selbstgenügsamen, aber nicht selbstständigen Collegen zu entscheiden. Der Baronet Robert Hazlewood schloß daher die Sache mit folgender Rede, die theils von der Voraussetzung, daß der Gefangene wirklich ein Gentleman, theils von dem entgegengesetzten Glauben, daß er ein Schurke und Menschenmörder sei, ausging. «Sir, Mr- Vanbeest Brown — ich würde Euch Capitain Brown nennen, wenn irgend ein Grund, eine Ursache oder Veranlassung vorhanden wäre, zu der Voraussetzung, daß Ihr Capitain seid, oder in dem höchst achtbaren Regimente, welches Ihr nanntet, oder in irgend einem andern königlichen Regimente, eine Osfiziersstelle besitzt, worüber ich bis jetzt freilich keine bestimmte, feste und unveränderliche Erklärung oder Meinung habe abgeben wollen. Ich sage daher, Sir Brown, wir haben beschlossen, daß in Erwägung der mißlichen Verhältnisse, worin Ihr Euch zur Zeit befindet, da Ihr beraubt worden seid, wie Ihr sagt, eine Behauptung, worüber ich für jetzt meine Meinung noch nicht erklären will, und da Ihr im Besitze eines Schatzes von beträchtlichem Werthe seid, so wie eines Säbels mit messingenem Griffe, und!über die Erwerbung dieser genannten Gegenstände keine Erklärung habt abgeben wollen — wir haben, sag' ich, entschieden, beschlossen und festgesetzt, Euch in's Gefängniß zu schicken, oder vielmehr Euch ein Gemach daselbst anzuweisen. damit Ihr nach der Rückkehr des Obersten Guy Mannering von Edinburg alsbald wieder zu erscheinen bereit seid." „Mit aller Ergebenheit, Sir Robert," sagte Glossin, „erlaube ich mir die Frage, ob Sie beabsichtigen, diesen jungen Herrn nach dcmILandgcfängniß zu senden? denn wofern dies nicht Ihre bestimmte Absicht ist, nehm' ich mir die Freiheit, anzudeuten, daß cs minder hart sein wurde, wenn man ihn nach dem Arbeitshaus bei Portaufcrry schickte, wo er, ohne den Blicken der Menge bloSgestellt zu werden, doch sicher bewahrt wäre; und cs ist diese Vermeidung der öffentlichen Schaustellung ein Umstand, der wohl zu berücksichtigen ist, für den Fall, daß seine Erzählung begründet wäre " „Ja, cs ist eine Militärwache in Portaufcrry zur Be- schützung der Güter im Zollhause; und überhanpt ist jener Ort verhältnißmäßig ziemlich bequem, so daß wir also, wenn wir alles erwogen haben, diese Person gefangen setzen — ich wollte vielmehr sagen, diese Person ermächtigen wollen, sich im Arbeitshaus zu Portauserry bewahren zu lassen." Demnach ward der Verhaftsbefehl ausgefertigt und dem Gefangenen angekündigt, daß er am nächsten Morgen nach jenem Gefängniß gebracht werden sollte; denn Sir Robert mochte den Deckmantel der Nacht, wo der Gefangene leicht entfliehen konnte, nicht dazu benutzen. Bis zur Zeit der Al» fahrt sollte er im Schloß Hazlewood bewahrt werden. Es kann nicht so hart sein, als meine Gefangenschaft bei den Luties in Indien, dachte Bertram; und auch so lange kann cs nicht währen- Aber der Teufel hole den alten gravitätischen Burschen, sammt seinem schlauen Genossen, der ihm stets zu Gefallen spricht, — sie können nicht einmal eines schlichten Mannes Geschichte verstehen, wenn sie ihnen erzählt wird. 44 Inzwischen verabschiedete sich Glossin vom Baronet, indem er mit tausend ehrerbietigen Verbeugungen und Entschuldigungen die Einladung zum Mittagessen ablehnte und die Hoffnung wagte, es werde ihm bei einer künftigen Gelegenheit vergönnt sein, dem Baronet, der Lady Hazlewood und dem jungen Mr. Hazlewood seine Ehrfurcht zu beweisen. „Gewiß, Sir," sagte der Baronet sehr huldvoll. „Ich hoffe, unsre Familie setzte nie die Höflichkeit gegen unsre Nachbarn aus den Augen; und wenn ich beim Spazierritt dort vorüberkomme, lieber Mr. Glossin, so will ich Sie davon überzeugen, indem ich in Ihrem Hause so vertraut einspreche, als es gebührlich ist, das heißt, als gehofft oder erwartet werden kann." „Und nun," sagte Glossin zu sich selbst, „ist Dirk Hatte- raick und seine Leute aufzusuchen, — die Wache zum Zollhause zu entfernen — und dann der große Wurf zu wagen- Alles hangt von der Eile ab. Wie gut, daß sich Mannering nach Edindurg begeben hat! seine Bekanntschaft mit diesem jungen Manne müßte meine Gefahr ungemein steigern," — hier ließ er sein Pferd langsamer gehen, — »Wie, wenn ich mich mit dem Erben zu vergleichen suchte? vielleicht ließe er sich mit einer runden Summe abfinden, und ich könnte Hatte- raick aufgeben — Aber nein, nein, nein; zu viele Augen find auf mich gerichtet, Hatteraick selbst, der Zigeunerseefahrer, die alte Here — nein, nein! ich muß bei meinem ursprünglichen Plane bleiben " Mit diesem Entschlüsse drückte er dem Pferde die Sporen in die Seite und ritt im scharfen Trabe vorwärts, um seine Pläne zur Ausführung zu bringen. Fünftes Kapitel. Ein Kerker ist ein SorgenhauS. Das nie Gedeihen gab; Ein Prüfstein für die Freundschaft ist'S i Dem Lebenden ei» Grab. Manchmal ist es ein Ort des Rechts — Ost auch des Unrechts dann; Manchmal ei» Ort für Schust und Dieb, — Und für manch' macker» Mann. Inschrift des Gefängnisses in Edinburg. In der Frühe des folfienden Tages ward der Wagen, in welchem Bertram nach Schloß Hazlewood gebracht worden war, wieder dazu benutzt, ihn, in Begleitung von zwei schweigsamen und mürrischen Männern, nach dem Gefängniß zu Portauferry zu schaffen. Dies Gebäude stand neben dem, zu jenem kleinen Seehafen gehörigen Zollhause, und beide lagen so dicht am Strande, daß sie durch ein starkes Bollwerk von großen Steinen gegen die Gewalt der Brandung, welche oft bis hieher reichte, geschützt werden mußten. Die Vorderseite war von einer hohen Mauer umgeben, welche einen kleinen Hofraum bildete, worin die unglücklichen Bewohner des Hauses dann und wann spazieren gehen und freie Luft genießen durften- Das Gefängniß ward als Correctionshaus benutzt und zuweilen auch als Filial des Landesgefängnisses, weil dieses alt war und überdies für den Distrikt von Kipp- letringan eine unpassende Lage hatte- Mac-Guffog, der Gerichtsdiener, welcher Bertram zuerst ergriffen hatte und der 46 ihn nun auch begleitete, war der Ausseher dieser angenehmen Wohnung. Er ließ den Wagen dicht an das äußere Thor fahren, und rief die Wächter herbei. Der Lärm, den er machte, brachte zwanzig oder dreißig zerlumpte Jungen in Allarm, welche von ihren Schiffchen und Fregatten, die sie auf den von der Fluth zurückgelaffenen Meerwafserpfützen fahren ließen, weglicfen und eilig den Wagen umringten, um zu sehen, welch' unglückliches Wesen in „Glosfin's schöner neuer Kutsche" nach dem Gefängniß gebracht würde- Das Thor des Hofes ward, nachdem all' die schweren Ketten und Riegel entfernt waren, von Mrs. Mac-Guffog geöffnet; sie war ein furchtbares Wesen, ein starkes und entschlossenes Weib, so daß sie fähig war, Ordnung unter ihren verruchten Hausgenossen zu halten und die Discipljn des Hauses zu bewahren, während ihr Gemahl abwesend war oder wenn er ein Gläschen über den Durst getrunken hatte. Die brummige Stimme dieser Amazone, die an Härte mit der knarrenden Musik ihrer Riegel und Ketten wetteiferte, zerstreute das kleine Gesindel, welches sich um die Schwelle gedrängt hatte, bald nach alle» Richtungen, und sie redete nun zunächst ihren liebenswürdigen Ehegenossen an: — „Sei flink und scharf, Mann, und gib den Burschen heraus; kannst du nicht?" »Halt dein Maul in's Teufels Namen, du- antwortete der liebende Gatte und setzte noch einige Epitheta von sehr energischer Art hinzu, deren Wiederholung wir indeß uns zu erlassen bitten. Sodann redete er Bertram an: — „Nun, wollt Ihr herauskommen, mein hübscher Bursch, oder sollen wir Euch helfen?" Bertram stieg aus dem Wagen, und vom Constable beim 47 Kragen ergriffen, sobald er auf dem Boden stand, ward er, obwohl er nicht den geringsten Widerstand leistete, über die Schwelle gezerrt, bei dem fortwährenden Gejauchze der kleinen Sansculotten, welche, so nahe es die Furcht vor Mrs. Mac-Guffog gestattete, zusahen. So wie sein Fuß den fatalen Bezirk beschritten hatte, legte die Pförtnerin ihre Ketten wieder vor, schloß ihre Riegel und zog einen ungeheuren Schlüssel, nachdem sie ihn mit beiden Händen gedreht, aus dem Schlöffe, worauf sie ihn in eine große rothtuchene Seitentasche steckte. Bertram befand sich jetzt in dem kleinen bereits erwähnten Hofe. Einige Gefangene schleuderten umher, und schienen schon durch den flüchtigen Blick erquickt zu sein, den ihnen das offene Thor nach der andern Seite einer schmutzigen Straße vergönnt hatte. Auch kann dieser Gedanke nicht überraschend sein, wenn man erwägt, daß, außer bei solchen Gelegenheiten , ihre Aussicht auf die mit Eisengittern versehene Fronte ihres Kerkerhauses, auf die hohen und düstern Mauern des Hofs, den Himmel oben und das Pflaster unter ihren Füßen beschränkt war; eine Einförmigkeit der Umgebung, die nach des Dichters Worten „gleich einer Bürde auf dem müden Auge lag," und bei Einigen eine mürrische und düstre Misanthropie genährt hatte, bei andern dagegen jene Ermattung des Herzens, welche den, der ohnehin lebendig in ein Grab gemauert ist, noch ein stilleres und abgeschiedeneres Be- gräbniß wünschen läßt. Als sie den Hof betreten hatten, vergönnte Mac-Guffog Bertram eine kleine Pause, damit er einen Blick auf seine Leidensgefährten werfen könnte. Sein Auge ging im Kreise umher und sah Gesichter, auf welche Schuld, Verzweiflung und gemeine Liederlichkeit ihr Stempel geprägt hatten; er erblickte den Gauner, den Dieb, den bankrutten Schuldner, Blödsinnige und Verrückte, welche ein schmutziger Geist der Sparsamkeit zusammengeschaart hatte, um diese häßliche Wohnung zu theilen: — und bei diesem Anblicke beunruhigte der Gedanke sein Gemüth unaussprechlich, daß er die Schmach erdulden solle, unter dieser Gesellschaft zu weilen, war' es auch nur einen Augenblick. „Ich hoffe, Sir," sagte er zu dem Aufseher, „Ihr werdet mir ein besonderes Gemach anwcisen?" „Und was hätt' ich denn davon?" „Ei, Sir, ich kann hier nur ein Paar Tage bleiben, und es würde mir sehr unangenehm sein, mich unter eine Gesellschaft mischen zu müssen, wie ich sie hier sehe " „Und was geht mich das an?" „Ei nun, Sir, um Euch zum Herzen zu reden," sagte Bertram, „ich werde Euch für die Gefälligkeit recht gern erkenntlich sein." „Ja, aber wann, Capitain? wann und wie? das ist die Frage, oder vielmehr die zwei Fragen," sagte der Kerkermeister. „Wenn ich frei bin und meine Gelder aus England erhalte," antwortete der Gefangene. Mac-Guffog schüttelte ungläubig sein Haupt. „Ei, Freund, Ihr wollt doch nicht etwa glauben, ich sei ein Ucbelthäter?" sagte Bertram. „Ei, ich weiß nicht," sagte der Mann; „aber wenn Ihr einer seid, so seid Ihr kein arger, das liegt am Tage " „Und warum sagt Ihr, ich sei kein arger?" „Nun, weil nur ein einfältiger Gimpel sich das Geld hätte nehmen lassen, das Ihr im Wirthshause ließt!" sagte der Gerichtsbeamte. „Der Teufel hole mich, aber ich würd' es ihnen schon aus den Zähnen gerissen haben! Ihr durftet eigentlich nicht Eures Gel- des beraubt und zum Gefängniß geschickt werden, ohne einen Heller, um Eure Gebühren, zu zahlen; als Beweismittel hätten fie ldic andern Sachen zurückbehalten können. Aber warum, zum Henker, fragtet Ihr nicht nach den Guineen? und doch winkte und nickte ich die ganze Zeit, aber der Teufelskerl wollte nicht ein einzig Mal nach mir Hinsehen!" „Nun, Freund," erwiederte Bertram, „wenn ich Anspruch machen kann, daß mir das Geld ausgeliefert werde, so will ich es fordern; und es ist bedeutend mehr, als Ihr nur immer verlangen könnt." „Ich weiß davon ganz und gar nichts," sagte Mac-Guffog; „aber Ihr könnt lange genug hier sitzen. Und das Creditge- ben bei den Gebühren kommt doch sehr in Betracht. Jndeß, ich will es bei Euch einmal darauf ankommen lassen, wiewohl meine Frau meint, ich komme durch meine Gutmüthig- keit zu kurz; wenn Ihr mir für meine Gebühren auf das Geld eine Anweisung geben wollt — ich denke, Glossin wird mir's schon verschaffen — ja, ja, er wird mir gern durchhelfen, und nachbarlich handeln — " „Gut, Freund," erwiederte Bertram, „wenn ich nicht in ein Paar Tagen anderweit versehn bin, sollt Ihr eine solche Anweisung haben." „Nun gut, dann sollt Ihr Euch wie ein Prinz befinden," sagte Mac-Guffog. „Aber merkt wohl auf, Freund, damit wir hinterdrein keine Streitigkeit haben, — ich will Euch die Gebühren sagen, die ich jederzeit von Eures Gleichen zu verlangen habe: — dreißig Schilling die Woche für Wohnung und eine Guinee Eintrittsgeld ; eine Halde Guinee wöchentlich für ein einzelnes Bett, — und davon bekomm' ich nicht einmal Alles, denn ich muß eine halbe davon für Donald Laider ansgeben, der wegen Schafdiebstahl hier ist; der sollte nämlich der Regel nach mit Euch zusammen schlafen; Guy Mannering. III. 4 5V nun braucht er aber reines Stroh und wird ein wenig Branntwein obendrein wollen. Sonach Hab' ich gar nicht viel davon." „Gut, Freund, fahrt fort." „Was Essen und Trinken betrifft, da sollt Ihr vom Besten haben und ich nehme nie mehr als zwanzig Procent über den Wirths- hauspreis, wenn ich einem Gentleman gefällig bin — und das ist wenig genug, für das Hin- und Herschicken, wobei das Mädchen die Schuh zerreißt. Und wenn Ihr Lust habt, so will ich mich Abends recht gern selber ein Bischen zu Euch setzen und Euch bei einer Flasche helfen. — Ich habe manches Glas mit Glosssn getrunken, obwohl der jetzt Friedensrichter ist. Und dann werdet Ihr auch in diesen kalten NächtenFeuer wollen, oder Ihr werdet Licht brauchen, und das ist ein kostspieliger Gegenstand, denn cs ist gegen die Vorschrift Und nun Hab' ich Euch die Hauptgegenstände genannt, und es wird außerdem nicht viel mehr sein, obwohl noch einige besondere Nebensachen Vorkommen können." „Gut, Freund, ich rechne auf Eure Gewissenhaftigkeit, wenn so etwas Vorkommen sollte — ich muß mich aus Euch verlassen." „Nein, nein, Sir," antwortete der vorsichtige Kerkermeister, „so dürft Ihr mir nicht reden — ich zwinge Euch zu gar nichts; — gefällt Euch der Preis nicht, so braucht Ihr die Sache nicht zu nehmen — ich zwinge Niemand; ich wollt' Euch nur erklären, was anständig ist; wollt Ihr aber lieber auf dem gewöhnlichen Fuße des Hauses leben, so ist mir's gleich; — ich will mich nur vor Unannehmlichkeit sichern, das ist Alles." „Nun, mein Freund, ich habe, wie Ihr wohl von selber er- rathet, keine Lust, mit Euch über Eure Bedingungen zu streiten," antwortete Bertram. „Komm, zeigt mir mein Gemach, ich möchte gern allein sein." „Nun, so kommt nur mit, Capitain," sagte der Mensch mit einer Gesichtsverzerrung, welche ein Lächeln bedeuten sollte; „und damit Ihr seht, daß ich ein Gewissen habe, wie Jhr's nennt, so will ich verdammt sein, wenn ich Euch mehr als sechs Pence täglich für die Freiheit hier im Hofe zu spazieren, anrcchne; und Ihr dürft hier täglich fast drei Stunden wandeln und könnt Ball spielen, oder was Euch sonst beliebt." Mit dieser gütigen Verheißung brachte er Bertram in das Haus und führte ihn eine steile und schmale, steinerne Treppe empor, an deren Ende oben sich eine starke, über und über mit Eisen beschlagene Thür befand. Durch diese Thür gelangte man auf einen schmalen Gang oder Galerie, wo sich drei Zellen auf jeder Seite befanden, elende Gewölbe mit eisernen Bettgestellen und Strohsäcken. Aber am Ende war noch ein kleines Gemach von anständigerm Ansehn, d. h., es hatte weniger das Anschn eines Gefängnisses, da eS, (bis auf das große Schloß und die Kette vor der Thür, so wie die gekreuzten, starken Eisenstäbe am Fenster,) eher des „schlechtsten Gasthofs schlechtestem Gemache" glich Es war für Gefangene bestimmt, deren Gesundheitszustand einige Nachsicht erforderte; und wirklich war Donald Laider, Bertrams bestimmter Genosse, soeben erst aus einem der beiden Betten geschleppt worden, die das Zimmer enthielt, um zu versuchen, ob reines Stroh und Branntwein sein Fieber nicht leichter zu heilen im Stande wäre. Diese Herauswersung war durch die Kraft der Mrs. Mac-Guffog vollzogen worden, während ihr Gemahl mit Bertram im Hofe sprach, denn die gute Dame hatte bestimmt vorausgeahnt, auf welche Weise die Verhandlung enden werde. Offenbar hatte die Herauswersung nicht ohne einige Kraftanstrcngung stattgefunden, denn ein Bettpfosten an einem kleinen Himmelbett war niedergebrochen, so daß die Gardinen mitten in das kleine Zimmer herabhingen, gleich dem Banner eines Heerführers, welches im Gewühl einer Schlacht halb gesunken ist. „Alles soll in Ordnung kommen, Capitain," sagte Mrs. Mac-Guffog, welche ihnen jetzt in das Gemach folgte; dann wandte sie dem Gefangenen den Rücken und band, mit so vielZart- heit, als die Handlung überhaupt gestattete, ihr Strumpfband vom Knie los, womit sie den -erbrochenen Bettpfosten wieder befestigte; dann nahm sie so viel Stecknadeln, als ihr Anzug nur entbehren konnte, und ordnete die Bettgardinen wieder zierlich. Ferner schüttelte sie das Bettzeug ein wenig, warf über das Ganze eine Decke, und verkündigte endlich, daß nun alles in Ordnung sei. „Und das istEucrBett, Capitain," sagte sie, auf das plumpe, vierbeinige Gestell zeigend, welches wegen der unebenen Dielen, die bedeutend gesunken waren, (das Haus, obwohl neu, war nach einem Contrakt erbaut worden,) nur auf drei Beinen stand, das vierte aber frei in der Luft hielt, als wolle es, gleich einem Ele- phanten, damit stampfen — „das ist Euer Bett sammt dem Weißzeug ; braucht Ihr aber Tücher, oder Kiffen, oder Handtücher und Tischtücher, so habt Ihr mit mir darüber zu reden, denn der gute Mann versteht davon nichts," (Mac-Guffog hatte unterdessen das Zimmer verlassen, wahrscheinlich um eine Berufung auf sich zu vermeiden, die bei dieser neuen Eröffnung stattfinden konnte,) „und er kann sich nie um dergleichen Dinge bekümmern." „Zn Gottes Namen," sagte Bertram, „laßt mich haben, was anständig ist, und macht Eure Forderung nach Belieben." „Gut, gut, das ist also abgemacht; wir wollen Euch nicht rupfen, wenn wir gleich so nah am Zollhaus wohnen. Und ich will gleich Feuer machen und Essen besorgen; aber Eure Mahlzeit wird heute nur gering sein, denn wir erwarteten keinen anständigen und vornehmen Besuch." — Mit diesen Worten holte MrS- Mac-Guffog schnell eine Pfanne mit glühenden Kohlen herbei und nachdem sie den alten Rost, der seit Monaten kein Feuer sah, damit versehen hatte, fuhr sie fort, mit ungewaschenen Händen das be- 53 stellte Weißzeug zu ordnen (ach, wie verschieden von jenem der Ailie Dinmont!) und indem sie, nachdem ihr Werk vollbracht war, vor sich hinmurmclte, schien sie, in Folge einer eingewurzelten Übeln Laune, selbst dasjenige ungern zu geben, wofür sie bezahlt werden sollte. Endlich schied sie jedoch und murmelte dabei noch zwischen den Zähnen, „daß sie lieber mit allem Andern zu thun haben wolle, als mit so einem Herrn, der so eigensinnig in seinen Launen sei." Nachdem sie hinweggegangen war, hatte Bertram nur noch die Wahl, entweder sich in seinem kleinen Zimmer durch Umhergehen Bewegung zu machen, oder auf die See zu schauen, so viel er nämlich davon überhaupt durch die engen Oeffnungen seines Fensters sehen konnte, welches durch den Schmutz und die dichten Eisenstäbe verfinstert war; oder er konnte auch die Proben des rohen Witzes lesen, welche Verzweiflung auf die halbgeweißten Wände gekritzelt hatte. Diese Worte waren so untröstlich, als die Aussicht in'S Freie; das dumpfe Rauschen der Fluth, welche jetzt zurücktrat, unddas gelegentliche Knarren einer auf- oder zugehenden Thür, wobei man zugleich die raffelnden Ketten und Riegel vernahm, dies Alles vereinte sich zu einem düsternmonotonen Geräusch- Zuwellen war auch die rauhe Stimme des Kerkermeisters zu vernehmen, oder das noch grellere Organ seiner Ehegenossin, welche stets nur unzufrieden, zornig oder ärgerlich klang. Dann antwortete auch wohl der große Kettenhund im Hose mit wüthen- dem Gebell auf die Neckereien der müßigen Gefangenen, die sich ein Vergnügen draus machten, ihn zu reizen. Endlich wurde diese langweilige Einsamkeit durch das Eintreten einer schmutzigen Magd unterbrochen, welche Anstalten zum Mittagessen traf, indem sie ein -albschmutziges Tuch auf einen ganz schmutzigen Tisch breitete. Messer und Gabel, die durch zu vieles Reinigen nicht abgenutzt waren, lagen zur Seite eines zer- 54 brolbenen Tellers; ein beinah leerer Senstopf, der auf einer Seite des Tisches stand, hatte zur Gesellschaft auf der andern ein Salzfaß, welches eine grauliche oder vielmehr schwärzliche Mischung enthielt, beide Gefäße waren von Steingut und zeigten die Spuren, daß sie neuerdings benutzt worden. Kurz nachher erschien dieselbe Hebe wieder mit einem Teller voll Fleischschnitte, die in der Bratpfanne bereitet>varen und eine reichliche Quantität Fett als Zugabe hatte», welches in einem Ocean lauwarmen Wassers schwamm. Nachdem sie diesem Fleischgericht ein grobes Brod beigefügt hatte, verlangte sic zu wissen, welches Getränk dem Herrn gefällig wäre. Bertram fand dies Alles gar nicht einladend, ließ sich jedoch zur Verbesserung des Ganzen, Wein geben, den er erträglich fand, und mit Hilfe von etwas Käse sättigte er sich hauptsächlich durch das Brod. Als das Mahl beendigt war, erschien die Dirne wieder und brachte ihres Gebieters Empfehlungen, welcher, wenn es dem Gentleman angenehm wäre, den Abend mit ihm zubringen wollte. Bertram ließ sich entschuldigen und bat, ihn statt der angebotenen freundlichen Gesellschaft, mit Feder, Tinte, Papier und Licht zu versorgen. Das Licht erschien in Gestalt einer langen zerbrochenen Talgkerze, die auf einem mit Talg besudelten Leuchterprangte; was die Schreibmaterialien anlangt, so ward dem Gefangenen gemeldet, er solle sie den nächsten Tag haben, wenn er sie dann kaufen lassen wolle. Bertram batnun dieMagd, ihm ein Buch zu verschaffen, und unterstützte sein Gesuch durch einen Schilling; in Folge dessen erschien sic, nach langer Abwesenheit, mit zwei Bänden des Tagebuchs von Newgate, die sie von Sam Silverquill, einem jungen Taugenichts, der wegen Fälschung gefangen saß, entlehnt hatte. Nachdem sie die Bücher auf den Tisch gelegt, ging sie ab und überließ Bertram den Studien, die nicht übel zu seiner melancholischen Lage paßten. Sechstes Kapitel. Schleppt aber schmachvoll man dich dann Zu jenem Baum der Schande fort, So steht bei dir ein treuer Freund, Dein grauS Geschick zu theilen dort. S h e» st o n e. Vertieft in die traurigen Betrachtungen, die natürlich durch seine unerfreuliche Lectüre und trostlose Lage erweckt werden mußten, fühlte sich Bertram zum ersten Mal in seinem Leben klcinmüthig. „Ich habe mich in noch schlechtem Lagen befunden," sagte er — „in gefährlichem auch, denn hier ist keine Gefahr; schlechtere Aussichten halt' ich, denn meine gegenwärtige Gefangenschaft kann nur kurz sein; auch unbequemer befand ich mich, denn hier Hab' ich doch Feuer, Nahrung, Obdach. Jedoch, indem ich die blutigen Geschichten von Verbrechen und Elend lese, an einem Orte, der mit den durch sie erweckten Gedanken so sehr übereinstimmt, und indem ich jenen traurigen Tönen lausche, fühle ich mich stärker zur Schwermut- geneigt, denn je zuvor in meinem Leben. Aber ich will dieser Neigung nicht nachgeben — fort, du Gedenkbuch von Schuld undSchande!" sagte er, indem er das Buch auf das Bett warf; „ein schottisches Gefängniß soll, zumal am ersten Tage, den Muth noch nicht beugen, welcher der Sonne des Aequators trotzte, und Mangel, Elend, Krankheit und Gefangenschaft in fremden Lan- 56 den ertrug. Ich habe manchen harten Kampf mit der Dame Fortuna bestanden, und sie soll mich auch jetzt nicht schlagen, wo ich mir noch helfen kann " Indem er nun seinen Muth zusammennahm, bemühte er sich, seine Lage im günstigsten Lichte zu erblicken. Delaserre mußte bald ankommcn; ja, und sollte er sich auch zuerst an Mannering wenden, wer konnte sagen, ob die Folge nicht eine Versöhnung zwischen ihnen sein werde? Er hatte oft bemerkt, und erinnerte sich dessen nun, daß, wenn sein ehmaliger Oberst die Partei Jemands nahm, dies nie halb geschah, und daß er die Personen am meisten zu lieben schien, denen er Verbindlichkeiten aufgelegt hatte- Von diesen Gedanken kam er natürlich auf Julie; und ohne genau die Kluft zu erwägen, die sich zwischem einem Glücksritter, der durch ihres Vaters Zeug- niß aus dem Gefängniß zu kommen wünschte, und zwischen ihr dehnte, welche die Erbin der Reichthümer und Aussichten dieses Vaters war: baute er das hübscheste Schloß in die Wolken, und schmückte es mit all den Farben eines sommerabendlichen Himmels, als seine Arbeit durch ein lautes Klopfen an das äußere Thor unterbrochen ward, worauf das Bellen jenes großen Kettenhundes antwortete, welcher im Hofe als Zugabe der Garnison cinquartirt war. Nach mancherlei Vorsichtsmaßregeln ward das Thor geöffnet und eine Person eingelassen. Nunmehr ward die Hausthür entriegelt, aufgeschlossen und entkettet, die Füße eines Hundes tappten eilig die Treppe empor und das Thier ließ sich nun kratzend und winselnd an der Thür des Zimmers hören. Darauf ließ sich ein schwerer Tritt vernehmen und Mac-Guffogs Stimme rief, den Weg weisend: „hierher, hierher! verfehlt die Stufen nicht; das ist das Zimmer." — Bertrams Thür ward geöffnet, und zu seiner Ueberraschung und Freude fuhr Wasp, sein Dachs, in's Ge- 57 mach, der ihn vor Entzücken aufzufressen drohte, und hinterdrein kam die kräftige Gestalt seines Freundes von Charlieshope. „Ei! Ei!" rief der ehrliche Pächter, als er einen Blick auf seines Freundes elende Wohnung, und jämmerliche Einrichtung warf — „Was ist das? was ist das?" „Nur ein Schicksalsstreich, mein guter Freund," sagte Bertram ausstehend und ihm herzlich die Hand schüttelnd, „weiter ist's nichts." „Aber was soll daraus werden? — oder was kann daraus werden?" sagte der wackere Dandie — „ist's wegen Schulden, oder weßlialb sonst?" „Ei, 's ist nicht wegen Schulden," antwortete Bertram; „und wenn Ihr Zeit habt, Euch niedcrzusetzen, so will ich Euch erzählen, was ich selber von der Sache weiß." „Wenn ich Zeit habe?" sagte Dandie, mit einem Accent auf dem Worte, daß es wie Hohngelächter klang — „o! weß- halb, zum Henker! bin ich denn gekommen, Mann, als um zu sehen, was es gibt? aber Ihr werdet wohl etwas essen, hoff- ich? 's ist schon spät — ich sagte den Leuten im Wirthshaus, wo ich meinen Gaul ließ, sie sollten mir die Mahlzeit hierher schicken, und der Mac-Guffog ist so gut, es einzulafsen — das Hab'-ich schon ausgemacht. — Und nun laßt Eure Geschichte hören — Still, Wasp, Kerl! aber er ist gar zu froh, Euch zu sehen, das arme Vieh!" Bertrams Erzählung, die sich auf das Ereigniß mit Hazle- wood beschränkte, und auf die Verwechselung seiner eignen Person mit einem von den Schmugglern, der beim Angriffe auf Woodbourne thätig gewesen und zufällig denselben Namen führte, war bald erzählt. Dinmont lauschte sehr aufmerksam. „Nun ja," sagte er, „das ist denn doch in der That noch keine so verzweifelte Sache; der Bursche ist ja schon wieder auf dem 58 Wege der Besserung, und was wollen ein Paar Schrotkörner in der Schulter viel sagen? hält' er ein Auge verloren, das war' eine andere Sache. Ja, früher war hier der alte Sheriff Plepdell! — das war ein Mann für solche Sachen, und er wußte immer am besten zu reden, daß sein Wort durchging!" „Aber nun sagt mir, mein trefflicher Freund, wie Ihr mich hier ausgesunden habt?" „Ei, das ging närrisch genug zu,"' sagte Dandie; „aber das will ich Euch erzählen, wenn wir gegessen haben, denn es läßt sich darüber nicht so gut reden, so lange das langbeinige Weibsbild noch immer ab und zu geht." Bertrams Neugier beruhigte sich ein wenig beim Erscheinen des Abendessens, welches sein Freund bestellt hatte, und das, obwohl sehr bescheiden, doch die appetitliche Reinlichkeit hatte, welche der Kochkunst der Mrs. Mac-Guffog so sehr fehlte. Auch Dinmont, welcher versicherte, er sei den ganzen Tag seit dem Frühstück geritten, ohne etwas zu essen, „was der Rede werth sei," — und dies Unbedeutende hatte in drei Pfund kalter Hammelkeule bestanden, die er unterwegs zu Mittag eingenommen, — auch Dinmont, sag' ich, fiel rüstig über das gute Mahl her und sprach, gleich Homers Helden, nur wenig, so im Guten wie im Bösen, bis die Wulh des Hungers und Durstes gestillt war. Endlich, nach einem tüchtigen Trunk guten Bieres, sagte er, „nun ja, das Huhn," (dabei blickte er auf die kläglichen Ueberreste dessen, was einst ein großer Vogel gewesen war,) „das war nicht schlecht, wenn man annimmt, daß es in der Stadt erzogen war; aber unser Landsedervieh in Charlieshope ist mir denn doch lieber — und ich bin froh, daß Ihr nicht schon früher um den Appetit gekommen wäret, Capitain." 59 „Nun wirklich, mein Mittagmahl war nicht so trefflich, Mr. Dinmont, daß cs mir das Abendessen hätte verleiden können." „Das will ich wohl glauben," sagte Dinmont; — „aber nun, mein Schatz, da Ihr uns den Branntwein gebracht habt und das heiße Wasser und den Zucker, ünd da alles in Ordnung iss, so könnt Ihr die Thür suchen, denn seht, wir haben jetzt mit einander allein zu reden." Dem zu Folge zog sich das Märchen zurück, und schloß die Thür des Gemachs, vor welche sie von außen einen großen Riegel vorsichtig schob. Sobald sie gegangen war, untersuchte Dinmont Alles genau, sah durch das Schlüsselloch, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß kein Lauscher vorhanden war, kam er zum Tische zurück; er ordnete Alles auf's Beste, schürte das Feuer und begann sodann seine Erzählung in einem leisen, ernsten und wichtigen Tone, der ihm sonst nicht gewöhnlich war. „Seht, Capitain, ich war vor ein Paar Tagen in Edin- burg, wohnte da dem Begräbniß einer Verwandten bei, die wir verloren hatten, und hätte auch eigentlich etwas für meinen Ritt haben sollen; aber daraus wurde ganz und gar nichts, und wer kann da helfen? Ich hatte auch noch einen kleinen Rechtshandel außerdem, aber das gehört weiter nicht zu unserer Sache. Kurz ich hatte meine Sachen in Ordnung gebracht und kam beim; am Morgen ging ich dann hinaus, um zu sehen, wie's um die Heerden stände, und ich wollte zugleich auch nach der Höhe gehen, wo Jock von Dawston und ich den Gränz- streit haben. — Als ich nun hinauskam, sah ich einen Mann, von dem ich wußte, daß er nicht zu unsern Heerden gehörte, und es fällt immer auf, wenn man da einen andern trifft. Wie ick, zu ihm kam, sah ich, daß es Gabriel, der Fuchsjäger, war. Ein wenig erstaunt redete ich ihn nun an: Was thut Ihr hier, ohne Eure Hunde, Mann? Sucht Ihr den Fuchs 6« ohne die Hunde?" — „Nein, Freund," sagte er, „aber ich wollte eben Euch sehen." „Nun," sagt' ich, „Ihr werdet wohl jetzt etwas nöthig haben, für den Winter etwa?" „Nein, nein," sprach er, „deßwegcn such' ich Euch nicht; aber Ihr nahmt doch viel Antheil an dem Capitain Brown, der hier bei Euch war, nicht?" „O, gewiß, Gabriel," sagt' ich, „und was gibt's mit ihm, Freund?" Er sagte, „es interessiren sich noch mehr Andre außer Euch für ihn, und zwar Leute, denen ich zu gehorchen habe; und es ist nicht mein eigner Wille, daß ich jetzt hier bin, um Euch etwas von ihm zu sagen, was Euch nicht gefallen wird." „Wahrhaftig," sagt'ich, „nichts wird mir gefallen, was ihm nicht gefällt." „Nun," sagt' er weiter, „dann werdet Ihr es gar nicht gern hören, daß er gleich in's Gefängniß nach Portauferry wird spazieren müssen, wenn er sich nicht in Acht nimmt, denn es ist ein Verhaftsbefehl ausgefertigt, damit er gleich ergriffen werden kann, sobald er über's Wasser von Allonby kommt. Und nun, wenn Ihr es gut mit ihm meint, so reitet hinab nach Portauferry, und laßt dabei auf des Kleppers Hufen kein Gras wachsen; und wenn Ihr ihn im Gefängniß findet, so bleibt Tag und Nacht bei ihm, einige Tage lang, denn er wird Freunde brauchen, die Herz und Hand haben; und wenn Ihr das versäumt, so werdet Jhr's nur einmal zu bereuen haben, denn die Gelegenheit kommt Euch im Leben nicht wieder." „Aber, der Himmel behüt'uns, Mann," sagt'ich, „woher wißt Ihr das ? Es ist ein hübscher Weg zwischen hier und Portauferry." „Das braucht Euch nicht zu kümmern," sagte er; „die uns die Neuigkeit brachten, mußten Tag und Nacht reiten, und Ihr mögt 61 nur sogleich aufsitzen, wenn Ihr ein gutes Werk thun wollt. Weiter Hab' ich Euch nichts zu sagen." — Damit setzte er sich nieder und rutschte in die Thalschlucht hinunter, womit ich ihm mit dem Pferd nicht folgen konnte; ich ging heim nach Charlieshope, um meinem Weibe Alles zu sagen, denn ich war ungewiß, was zu thun sei. Es wurde doch dumm sein, dacht' ich, wenn ich mich von solch einem Landstreicher bei der Nase führen ließ. Aber, Himmel! was das gute Weib darum lamentirte: eine Schande, sagte sie, würd' es sein, wenn Euch ein Leid widerführe, während ich Euch helfen könnte; und dann kam auch noch Euer Brief, der Alles bestätigte. So ging ich nun zu meinem Kasten, und nahm so viel Banknoten heraus, als etwa nöthig sein könnten und alle die IungenS liefen mit einander hin, um den Gaul zu satteln. Zum Glück hatt' ich nach Edinburg das andre Vieh geritten, und so war der Gaul Dumple frisch wie eine Rose. So ging's fort, und Wasp mit mir, denn es war wirklich, als wüßt' er, wohin es gehen sollte, das arme Vieh; und da bin ich nun, nachdem ich einen fast dreißigstün- digcn Weg gemacht habe. Aber die Hälfte davon ist Wasp vor mir auf dem Sattel geritten, und das arme Vieh hielt sich selber fest, macht' cs im Trab oder Gallop gehen." Bertram erkannte aus dieser seltsamen Geschichte, vorausgesetzt, daß die Warnung Grund hatte, daß größere und drohendere Gefahr vorhanden war, als aus der Gefangenschaft von wenigen Tagen entstehen konnte- Ebenso war cs auch augenscheinlich, daß ein unbekannterFreund zu seinem Besten thätig sei. „Sagtet Ihr nicht," fragte er Dinmont, „daß jener Gabriel ein Zigeuner sei?" „Man glaubte das," sagte Dinmont, „und dieseSache machte es allerdings wahrscheinlich; denn sie kennen all' ihre Schliche unter einander und wissen jeden zu finden; und so können sie auch ihre Neuigkeiten blitzschnell durch's Land gehen lassen. Ich vergaß, Euch zu sagen, daß nach dem alten Weibe Nachfrage geschehen ist, die wir in Newcastle sahen; derSheriff hat nach allen Richtungen Leute nach ihr ausgeschickt und einen Lohn versprochen, wenn sie gebracht wird, fünfzig Pfund, glaub' ich; aber wenn man auch, wie ich hörte, Verhaftsbefehle nach ihr durch's ganze Land ausgeschickt hat, so wird man sie trotz all'dem doch nicht fangen, so lange sie selber keine Lust hat " „Und wie kommt das?" sagte Bertram. „O, das weiß ich nicht; — 's ist wahrscheinlich nur dummes Zeug, aber man sagt, sie habe den Farnsamen") gesammelt, und könne beliebig durch jede Thür gehen, wie Jock der Rie- sentödter in dem alten Liede, mit seinem Rocke der Finsterniß und seinen Schuhen der Schnelle. Sie ist unter den Zigeunern eine Art Königin; sie ist über hundert Jahr alt, wie die Leute sagen, und erinnert sich noch recht gut der unruhigen Zeiten, wo die Stuarts verjagt wurden. Wenn sie sich selber nicht verstecken kann, so kennt sie doch diejenigen, die sie gut genug verstecken können, das könnt Ihr glauben. Ja, hätt' ich gewußt, es sei Meg Merrilies, die wir jene Nacht in der Schenke trafen, ich hätte ihr doch etwas zukommen lassen." Mit großer Aufmerksamkeit lauschte Bertram diesem Berichte, der in einigen Punkten so sehr mit dem übercinstimmte, was er selber von der Zigeunersibylle gesehen hatte. Nach einiger Uebcrlegung kam er zu der Meinung, es könne kein Treubruch sein, wenn er von dem, was er zu Derncleugh sah, gegen eine Person etwas erwähnte, welche, wie Dinmont, so große Ehrfurcht vor Meg an den Tag legte. Er erzählte daher seine Geschichte, wobei er oft durch Ausrufungen unterbrochen ward, wie: „ja, da seht Jhr's ja!" oder, „nun, zum Henker, da habt Jhr's!" Als unser LiddeSdaler Freund das Ganze bis zu Ende ge- welcher der Sage nach »»sichtbar macht. hört hatte, schüttelte er seinen großen schwarzen Kopf — „Ja, es gibt Böse und Gute unter den Zigeunern, uud wenn sie mit dem Teufel Verkehr haben, so ist das ihre Sache, nicht die unsre. — Ich weiß recht gut, was es mit dem Leichname für eine Bewandtniß hatte. Wenn einer von diesen Schmugglerteufeln im Gefechte geblieben ist, so schicken sie nach einem Weibe wie Meg, und wäre sie noch so fern, um den Leichnam zu schmücken; und das ist Alles, was sie von Begräbnißgebräuchen wissen. Denn hernach senken sie die Leiche in die Erde, wie einen Hund. Aber darauf sehen sie, daß sie gerade gestreckt werden, und daß ein altes Weib, wenn sie sterben, dabei ist, um Gebete zu sagen, oder Lieder und Zaubcr- sprüche, wie sie's nennen; darauf halten sie, aber sie denken nicht daran, einen Priester kommen zu lassen und mit dem zu beten. So halten sie es, von Alters her; und ich glaube, der tvdte Mann wird wohl einer von den Leuten gewesen sein, die erschossen wurden, als sie Woodbourne verbrannten." „Aber, mein guter Freund, Woodbourne ist nicht niedcrge- brannt," sagte Bertram. „Nun, desto besser für die, die darin wohnen," antwortete der Pächter. „Aber man hat es bei uns erzählt, daß dort kein Stein auf dem andern geblieben sei. Erfochten hat man dort ganz gewiß ; es mochte wohl gut drunter und drüber gegangen sein. Ihr könnt cs glauben, wie ich schon sagte, daß einer von den Leuten dort getödtet worden ist, und daß es auch die Zigeuner waren, die Euer Felleisen nahmen, als sie den Wagen im Schnee steckend fanden — dergleichen lassen sie sich nicht entgehen, und sic schaffen es gern bei Seite, eh' einer die Hand umdreht." „Aber wenn das Weib als Fürstin unter ihnen gilt, warum gab sie mir dann nicht offenen Schutz und erstattete mir mein Eigenthum zurück?" »Ja, wer weiß das? Sie hat viel unter ihnen zu sagen, aber 64 dafür wollen die andern auch einmal ihren eigenen Willen haben, wenn die Versuchung so groß ist. Sodann sind auch die Schmuggler zu berücksichtigen, die immer bei ihnen find, diese kann Meg nicht so im Zaume halten; sie halten immer zusammen; ich habe gehört, die Zigeuner wüßten besser, wann die Schmuggler kommen und wo fie landen, als die Kaufleute, die mit ihnen Verkehr haben. Und zu alledem kommt auch noch der Umstand, daß fie manchmal ein wenig wirr im Kopfe ist, fie hat einen überzähligen Sparren darin; auch sagt man, fie glaube steif und fest an ihre Voraussagungen und Wahrsagereien, mögen fie nun wahr oder falsch sein, und richte sich selber oft nach ihren Prophezeiungen- So geht sie z. B- nie den geraden Weg nach dem Brunnen. — Aber zum Teufel mit solchen Geschichten, wie die Eure ist, mit tobten Leuten, Verirren, und wer weiß was Alles noch dabei war; ich habe dergleichen immer nur aus Märchenbüchern gehört. Doch still, ich höre den Aufseher kommen. Wirklich unterbrach Mac-Guffog ihr Gespräch durch das rauhe Gerassel der Riegel und Eiscnstangcn und zeigte sein aufgedunsenes Gesicht in der offenen Thür. „Kommt, Mr- Dinmont, wir haben Euch zu Gefallen den Aufschluß eine Stunde verschoben; Ihr müßt nach Eurem Quartier." „Quartier, Mann? Ich will heut Nacht hier schlafen. Hier ist noch ein Bett in des CapitainS Zimmer." „'s ist unmöglich," antwortete der Kerkermeister- »Ich sag' aber, es ist möglich, und lasse mich nicht anders überreden — da, trinkt einmal." Mac-Guffog trank und wiederholte dann seine Gegenrede, „'s ist aber gegen die Regel, Sir; Ihr habt keine Uebelthat begangen." „Ich will Euch den Hals brechen," sagte der rüstige Liddesda- ler, „wennJhr noch ein Wort davon sagt, und das wird Uebelthat 65 genug sein, um mich hier zu einem Nachtquartier bei Euch zu berechtigen." „Aber ich sag' Euch, Mr. Dinmont," wiederholte der Kerkermeister, »es ist gegen die Regel und ich riskire meinen Posten zu verlieren " „Nun, Mac-Guffog," sagte Dandie, „ich habe nur zwei Worte zu sagen. Ihr kennt mich gut genug, und Ihr wißt, daß ich keinen Gefangenen losmachen will." „Und wie kann ich das wissen?" antwortete der Kerkermeister. „Gut, wenn Ihr das nicht wißt," sagte der entschlossene Pächter, so wißt Ihr was anderes; Ihr wißt, daß Euch oft Eure Geschäfte in unsre Gegend führen; laßt Ihr mich nun ruhig hier beim Capitain übernachten, so will ich Euch doppelte Gebühren sür's Zimmer zahlen; und wenn Ihr nichts davon sagt, sollt Ihr den besten Schafpelz, den Ihr je in Eurem Leben getragen, bekommen, sobald Ihr das erste Mal wieder nach LiddeSdale kommt." „Schon gut, Pächter," sagte Mac-Guffog, „ein entschlossener Mann behauptet seinen Willen. Aber wenn mich die Gerichte deßwegen befragen, so weiß ich, wer für die Sache büßen wird;" diese Bemerkung bekräftigte er noch mit einigen schweren Flüchen, und begab sich sodann, nachdem er die Thore des Zuchthauses zuvor sorgfältig untersucht, zur Ruhe. Die Glocke auf dem Stadtthurm schlug neun, als jene Conferenz beendigt war. „Obwohl es noch früh ist," sagte der Pächter, der bemerkt hatte, daß sein Freund etwas ermüdet war, „so denk' ich doch, wir legen uns lieber nieder, Capitain, wofern Ihr nicht Lust habt, noch eins zu trinken. Ihr seid freilich kein Naschen- Guy Mannering. III. 5 66 brecher; aber ich bin's auch nicht, außer wenn ich mit den Nachbarn zusammenkomme, oder recht müde geworden bin." Bertram pflichtete dem Vorschläge seines treuen Freundes bereitwillig bei; als er aber das Bett betrachtete, empfand er einen Widerwillen, sich auSgekleidet auf Mrs. Guffogs saubere Ueberzöge zu legen. „Ich bin wohl auch Eurer Meinung, Capitain," sagte Dan- die. „Dies Bett sieht wahrhaftig aus, als wären alle Steinkohlengräber von Sanquhar miteinander drin gewesen. Aber durch meinen dicken Rock kann wohl nichts dringen." So sagend warf er sich mit einer Gewalt auf das zerbrechliche Bett, daß cs in allen Fugen krachte, und nach wenigen Minuten ließ er hörbare Zeichen eines festen Schlafes vernehmen. Bertram warf Rock und Stiefeln ab und nahm das andre Bett ein. Das Seltsame seines Schicksals und die Geheimnisse, die ihn zu umhüllen schienen, indem er zugleich durch heimliche Feinde und Freunde verfolgt und beschützt sein mußte, welche beide einer Menschenklaffe angehörten, mit welcher er früher in keinerlei Verbindung gestanden, — dies Alles beschäftigte seine Gedanken noch eine Zeitlang. Die Müdigkeit ließ indeß auch ihn bald in Schlummer sinken, und es währte nicht lange, so schlief er so fest wie sein Gefährte. In diesem behaglichen Zustande des VergeffenS müssen wir ihn lassen, bis wir den Leser mit einigen andern Umständen, die zu gleicher Zeit eintraten, bekannt gemacht haben. Siebentes Kapitel. -Sogt, von wem Habt ihr die wunderbare Kunde? Was Hemmt unfern Weg ihr hier auf öder Haide Mit so prvphet'schem Gruß?- Sprecht, sag' ich euch. Ma cbeth. Am Abend des Tages, an welchem Bertrams Verhör stattgefunden hatte, langte Oberst Mannering von Edinburg wieder in Woodbourne an. Seine Familie fand er in der gewöhnlichen Stimmung, was wahrscheinlich, hinsichtlich Juliens zum wenigsten, nicht der Fall gewesen sein würde, wenn ihr die Kunde von Bertrams Verhaftung geworden wäre. Da aber, während des Obersten Abwesenheit, die jungen Damen sehr eingezogen lebten, so hatte die Nachricht von jenem Ereigniß zum Glück Woodbourne nicht erreicht- Ein Brief hatte Miß Bertram bereits mit der Vereitelung jener Erwartungen bekannt gemacht , die man auf den Nachlaß ihrer Verwandten gehegt hatte. Welche Hoffnungen diese Nachricht auch immer vernichtet haben mochte, so hinderte sie die Enttäuschung doch nicht, im Verein mit ihrer Freundin den Obersten fröhlich zu empfangen, dem sie auf diese Weise die Erkenntniß seiner väterlichen Liebe an den Tag zu legen bemüht war- Sie äußerte ihr Bedauern, daß er in einer solchen Jahreszeit ihretwegen eine so fruchtlose Reise gemacht habe. r- 68 „Für Sie war sie freilich fruchtlos, meine Theure," sagte der Oberst, „und das beklag' ich am meisten; ich meinerseits habe aber einige schätzenswerthe Bekanntschaften gemacht und meine Zeit in Edinburg so angenehm verlebt, daß in dieser Hinsicht gar nichts zu bedauern ist. Selbst unser Freund Simson ist als ein ganz andrer Mann zurückgckehrt, weil er seinen Witz im Streite mit den tüchtigsten Geistern der nordischen Hauptstadt geschärft hat." „Allerdings," sagte Simson sehr selbstgefällig, „ich kämpfte und ward nicht überwunden, wiewohl mein Gegner äußerst erfahren in seiner Kunst war." „Wahrscheinlich," sagte Miß Mannering, „war der Streit etwas ermüdend, Mr- Simson?" „Sehr ermüdend, Lady — wiewohl ich meine Lenden gürtete und gegen ihn stritt." „Ich kann das bezeugen," sagte der Oberst; „ich sah nie einen besser durchgefochtencn Kampf. Der Feind glich der Mahrattareiterei, er griff auf allen Seiten an und die Artillerie konnte wenig gegen ihn ausrichten; aber trotzdem blieb Mr. Simson bei seinem Geschütze und feuerte wacker, bald auf den Feind, bald auf den Staub, den jener erregt hatte. Aber wir dürfen über unfern Schlachten nicht die Nacht einbrechen lassen; morgen werden wir alles beim Frühstück haben." Am nächsten Morgen erschien jedoch Simson nicht beim Frühstück. Er war, wie ein Diener sagte, schon sehr früh ausgegangen. Man war so gewohnt an ihm, daß er seine Mahlzeiten vergaß, daß seine Abwesenheit die Familie nicht beunruhigte. Die Haushälterin, eine ehrbare Presbyteriancrin aus der guten alten Zeit, welche die größte Achtung vor SimsonS geistlichem Stande hegte, nahm cs bei solchen Gelegenheiten auf sich, dafür zu sorgen, daß er keinen Schaden 69 von seiner Geistesabwesenheit hätte, und daher erwartete sie ihn gewöhnlich bei seiner Rückkehr, um ihn an die irdischen Bedürfnisse zu erinnern. Selten versäumte er jedoch zwei Mahlzeiten hintereinander, wie es diesmal der Fall war. Wir müssen den Grund dieses ungewöhnlichen Umstandes erklären. Die Unterredung zwischen Mr. Pleydell und Mr. Mannering, betreffend den Verlust Henry Bertrams, hatte all' die quälenden Empfindungen wieder erweckt, welche das Ereigniß in Simsons Gemüth einst veranlaßte. Das zärtliche Herz des armen Mannes hatte ihm stets vorgeworfen, daß seine Nachlässigkeit, indem er das Kind der Obhut Frank Kennedy's überließ, die nächste Ursache zur Ermordung des einen und zum Verluste des andern, so wie zum Tode der Mrs. Bertram und zum Ruin der Familie seines Wohlthäters gewesen sei. Es war dies ein Gegenstand, den er nie im Gespräche berührte, (wenn seine Weise zu reden überhaupt jemals Gespräch heißen konnte,) woran er aber sehr oft im Stillen dachte. Jene Hoffnung, welche in Mrs. Bertram's letztem Willen so sehr bestätigt und bestärkt wurde, hatte in Simsons Busen ein ähnliches Gefühl erweckt, welches durch die Verachtung, womit Pleydell darüber sprach, zu einer Art krankhafter Aengst- lichkeit aufgereizt ward. — Gewiß, dachte Simson im Stillen, ist er ein gelehrter Mann und in wichtigen Gegenständen des Rechts wohl erfahren; aber eben so besitzt er auch eine humoristische Leichtfertigkeit, während er im Gespräch nicht ernst genug ist; und warum sollte er nun so entscheidend über die Hoffnung absprechcn können, welche die würdige Margarete Bertram von Singlestde ausgedrückt hat? — Alles dies, sag' ich, dachte Simson im Stillen; denn hätte er das Ganze nur zur Hälfte auSsprechcn sollen, so würde er in Folge einer so ungewöhnlichen fortgesetzten Anstrengung 70 einen ganzen Monat lang außer Athcm gewesen sein. Das Resultat jener Gedanken war der Entschluß, den Schauplatz des Trauerspiels an der Warrochspitze zu besuchen, wo er seit Jahren nicht gewesen war — das heißt, seit sich das verhäng- nißvolle Ereigniß zugetragen hatte- Der Weg war lang, denn die Warrochspitze lag am entferntesten Ende des Gebietes von Ellangowan, welches selbst zwischen jenem Punkte und Woodbourne gelegen war. Ueberdieß verlief sich der gelehrte Mann mehr als einmal und kam zu Bächen, welche das Schneewasser zu reißenden Bergströmcn angeschwellt hatte, deren sich der wackere Simson nur als kleiner rieselnder Bächlein aus der Zeit des Sommers erinnerte. Endlich erreichte er indeß die Waldung, die er zum Ziel seiner Ercursion erwählt hatte, und durchstrich sie mit Sorgfalt, indem er sein verwirrtes Gemüth mit unnützen Anstrengungen, sich jedes Umstandes der Katastrophe zu erinnern, betäubte. Man wird leicht einsehn, daß der Einfluß der Oert- lichkeit und der damit verbundenen Gedapken nicht im Stande war, andere Folgerungen zu erwecken, als jene, welche unter dem Drange der Ereignisse selbst entstanden waren- „Mit manchem schweren Seufzer und manchem Ach" trat der arme Dominie daher den Rückweg seiner Pilgerschaft an und wandelte nach Woodbourne hin. Dabei plagte sich zuweilen sein angegriffener Geist mit einer Frage, die ihm durch einen ungewöhnlich starken Hunger aufgedrängt wurde, nämlich, ob er diesen Morgen gefrühstückt habe, oder nicht? — In diesem wunderlichen Gemüthszustande, wo er bald an den Verlust des Kindes dachte, bald wieder unwillkürlich genöthigt war, über Braten, Brod und Butter nachzusinnen, — während dieses Zustandes geschah es, daß ihn sein Weg, welcher verschieden von jenem war, den er am Morgen genommen, bei dem kleinen 71 verfallenen Thurme, oder vielmehr bei der Spur eines verfallenen Thurmcs vorbeiführte, welchen die Landleute Kaim von Derncleugh nannten. Der Leser wird sich der früher gegebenen Schilderung dieser Ruine erinnern, als des Gewölbes, wo der junge Bertram unter den Auspicien der Meg Merrilies, Zeuge des Todes von Hattcraicks Leutnant war. Die Landessage fugte dem natürlichen Grauen, welches die Lage dieses OrtS ohnehin erweckte, noch gespenstische Schrecknisse bei, welche von den Zigeunern, die so lange in der Nähe wohnten, wahrscheinlich erfunden waren, oder zum wenigsten zu ihrem eigenen Vortheil benutzt wurden. Es ward erzählt, daß zu der Zeit der schottischen Unabhängigkeit ein gewisser Hanlon Mac-Dingawaie, Bruder des regierenden Häuptlings, Knarth Mac-Dingawaie, seinen Bruder und Fürsten ermordet habe, um die Herrscherwürde seines unmündigen Neffen zu usurpircn; daß er aber, verfolgt von den treuen Verbündeten und Anhängern des Hauses, welche sich der Sache ihres rechtmäßigen Erben an- nahmen, genöthigt worden sei, sich mit wenigen Genossen, die er in sein Verbrechen verwickelt hatte, in den unbezwing- lichen Kaim von Derncleugh zurückzuziehen, wo er sich ver- theidigte, bis fast alle vom Hunger aufgerieben waren; sie hatten alsdann Feuer angelegt, so daß er und der kleine Rest der Besatzung durch ihre eignen Schwerter fielen, um nur nicht in die Hände ihrer erbitterten Feinde zu gerathen. Diese Trauersage, die hinsichtlich der rohen Zeiten, in welche sie fiel, wohl einen wahren Grund haben konnte, war noch mit vielen abergläubischen und diabolischen Märchen bereichert, so daß die meisten Bauern der Umgegend, wenn sie von der Nacht überfallen wurden, gewiß lieber noch einen weiten Umweg machten, ehe sie an diesen unheimlichen Mauern vorübergingen. 72 Das Licht, welches man oft um den Thurm bemerkte, wenn ihn jene gesetzlosen Charaktere, die ihn häufig besuchten, zu einem Rendezvous benutzten, ward unter Autorität jener Herengeschichten auf eine Weise erklärt, die eben so paffend für die geheimen Besucher, als befriedigend für das Publikum war. Man muß gestehen, daß unser Freund Simson, obwohl ein tiefer Gelehrter und Naturkundiger, es doch nicht so weit in der Philosophie gebracht hatte, um an Hexerei oder Gespenstern zu zweifeln- Geboren zu einer Zeit, wo ein Zweifel an dem Vorhandensein der Heren schon für eine Billigung ihrer höllischen Künste angesehn wurde, war dem guten Simson der Glaube an solche Märchen geradezu als ein Artikel seines religiösen Glaubens eingeprägt worden, und es wäre vielleicht mit gleicher Schwierigkeit verbunden gewesen, ihn zum Zweifel an dem einen, wie an dem andern zu verleiten. Mit solchen Gefühlen und an einem trüben, nebligen Tage, der sich bereits zu neigen begann, ging Simson am Dern- eleughthurme nicht ohne Empfindungen heimlichen Schauders vorüber. Wie groß war dann sein Staunen, als, wie er an der Thür vorüberging, — derselben Thür, die der Sage nach einer der frühern Lairds von Ellangowan hatte anlcgcn lassen, um verwegene Fremde von den Gefahren des umheimlichen Gewölbes abzuhaltcn, — derselben Thür, von welcher man glaubte, sie sei stets geschloffen, und deren Schlüssel stets im Pfarrhause niedergclegt sein sollte, — als sich diese nämliche Thür plötzlich öffnete und Meg Merrilies' Gestalt, die wohl- bekannte, wiewohl seit vielen Jahren nicht gesehene, mit einem- mal vor den Augen des erstarrten Dominie stand! Sie stand unmittelbar vor ihm im Pfade, den sie ihm so durchaus ver- 73 trat, daß er ihr unmöglich ausweichen konnte, außer wenn er ihr den Rücken zuwenden wollte, woran ihn freilich seine Mannheit nicht einmal denken ließ. „Ich wußte, daß Ihr hier sein würdet," sagte sie mit ihrer rauhen und hohlen Stimme; „ich weiß, was Ihr sucht; aber Ihr sollt meinem Geheiße folgen." „Hebe dich von mir," sagte der entsetzte Dominie — „Entweich! — LoiMw ts, 8ceIe8tiS8iinu — uegui85iius — 8pur- ei88jmu — iuiguissimu— atgue inmerrima — cochuro ts!!!" — Meg behauptete ihren Stand trotz dieser schrecklichen Ladung von Superlativen, welche Simson aus tiefster Kehle heraufholte und mit Donnerstimme gegen sie schleuderte. „Ist der Kerl taub," sagte sie, „mit seinem Geschrei?" „coiMi-o," fuhr der Dominie fort, „sbjuro, eonte8tor, atgus virilitei impsro tibi!" „Was in's Teufels Namen, fürchtet Ihr denn, mit Eurem wälschen Geschnatter, das einen Hund toll machen könnte? Hört, Ihr Narr, was ich Euch sagen will, oder Ihr werdet es bereuen, so lang' ein Knochen in Euch noch an dem andern hängt! — Sagt dem Oberst Mannering, daß ich weiß, er suche mich. Er weiß, und ich weiß, daß das Blut abgewischt und der Verlorne gefunden wird, und Daß Bertram'S Recht und Bertram'S Macht Neu auf EllangawanS Höh' erwacht. Hier, da ist ein Brief für ihn; ich wollt' ihn auf anderm Wege schicken — ich selber kann nicht schreiben; aber ich Hab' ihrer mehr, die für mich lesen und schreiben, reiten und lausen werden. Sagt ihm, es sei jetzt die Zeit gekommen, und alles ist erlitten, und das Rad dreht sich. Heißt ihn nach den Sternen sehn, wie er vordem nach ihnen sah. — Wollt Ihr das Alles?" „Allerdings," sagte der Dominie; — „bin ich zweifelhaft — denn, Weib, deine Worte machen mich bestürzt und mein Fleisch erbebt, wenn ich dich höre." „Meine Worte thun dir nichts Nebels, aber sie können viel Gutes thun." „Entweich! ich will nichts Gutes, das durch Unrechte Mittel kommt" „Narr der du bist —" sagte Meg, mit unwilligem Zürnen gegen ihn tretend, wobei ihre dunkeln Augen gleich Flamme» unter den gesenkten Braunen hervorleuchtetcn, — „Narr! wenn ich Euch ein Leid thun wollte, könnt' ich Euch nicht über die Klippe stürzen, und würden die Menschen mehr von Eurem Ende wissen, als von dem Frank Kcnnedp's? Hört Ihr mich wohl, Zhr Thor?" „Im Namen aller guten Geister," sagte der Dominie, seinen langen, großknöpfigen Spazierstock wie einen Spieß gegen die vermeinte Hexe richtend, — „im Namen aller guten Geister, bleibe mir ferne! Greif' mich nicht au, Weib, steh' ferne — auf deine eigne Gefahr — steh' ab, sag' ich — ich bin stark, sieh, ich will Widerstand leisten!" - Hier ward seine Rede schnell abgebrochen, denn Meg, mit übernatürlicher Stärke gerüstet, Achtes Kapitel. — — — Es ist nicht Tollheit, WnS ich gesagt! stellt mich nur ans die Probe, So wiederhol' ich'S Wort für Wort; die Tollheit Sprach' nicht genau dasselbe. Hamlet. Als Mr. Simson mit verstörtem Blicke durch das Vorhaus ging, eilte MrS. Allan, die gute Haushälterin, die mit der ehrerbietigen Achtung, welche man in Schottland der Geistlichkeit zu zollen pflegt, seiner Rückkehr geharrt hatte, alsbald herbei, um ihn zu empfangen. „Was hat das zu bedeuten, Mr. Simson, das ist ja schlimmer als jemals! — Ihr werdet Euch mit so langem Fasten wirklich noch Schaden thun — nichts ist dem Magen so schädlich, Mr- Simson; wenn Ihr nur einige Tropfen Pfeffermünzwaffcr in die Tasche stecken wolltet, oder Barnes sollte Euch ein Butterbrod schneiden." „Weich' von mir!" sagte Simson, indem er noch immer sein Zusammentreffen mit Meg im Sinne hatte, und ging vorwärts nach dem Gesellschaftszimmer. „Nein, geht nicht hinein, schon seit einer Stunde ist abgetragen und der Oberst sitzt beim Weine; aber kommt in meine Stube, ich habe noch einen guten Bissen für Euch, der gleich bereitet sein wird." 80 „Kxorciso te!" sagte Simson, — „das heißt, ich habe gegessen." „Gegessen! 's ist unmöglich; wo könnt Ihr gegessen haben, der Ihr nirgends einkehrt?" „Mit Beelzebub aß ich, glaub' ich," sagte der Geistliche. „Nu, dann ist er gewiß behext," sagte die Haushälterin, indem sie ihn gehen ließ; „er ist behext, oder taub, und der Oberst mag sehn, wie er mit ihm fertig wird — Lieber Gott! daß die Gelehrsamkeit einen Menschen so weit bringen kann! 's ist traurig!" Mit diesem Ausrufe zog sie sich in ihr eignes Revier zurück. Der Gegenstand ihres Mitleids hatte unterdessen das Speisezimmer betreten, wo sein Erscheinen sehr überraschte. Er war schmutzig bis an die Schultern und die natürliche Blässe seines Gesichts war doppelt so leichenhaft, als gewöhnlich durch Schrecken, Ermüdung und Geistesverwirrung. „Was, um des Himmels willen, soll das bedeuten, Mr. Simson?" sagte Mannering, welcher bemerkte, daß Miß Bertram sehr besorgt auf ihren einfältigen, aber treuen Freund blickte. „Lxorciso," sagte der Gelehrte. „Wie, Freund?" erwiederte der erstaunte Oberst. „Bitt' um Verzeihung, verehrter Sir! aber mein Verstand" — „Ist spazieren gegangen, scheint mir's — bitte, Mr. Simson, sammeln Sie sich und lassen Sie mich wissen, was das bedeuten soll." Simson war im Begriff zu antworten, da er aber fand, daß ihm seine lateinischen Beschwörungsformeln noch immer unwillkürlich auf die Zunge kamen, so ließ er weislich von dem Versuche ab, und legte den Brief, den er von der Zigeunerin empfangen, in 81 Mannering's Hände, welcher das Sigel erbrach und mit Erstaunen las. „Dies scheint ein Scherz zu sein," sagte er, „und zwar ein sehr dummer." „Es kam von gar keiner spaßhaften Person," sagte Mr. Simson. „Von wem kam es denn?" fragte Mannering. Der Gelehrte, der oft viel Zartsinn in Fällen bewies, bei denen Miß Bertram betheiligt war, erinnerte sich der peinlichen Umstände, die mit Meg Merrilies verbunden waren, blickte auf die jungen Damen, und schwieg. „Wir werden sogleich beim Thee wieder bei Euch sein, Julie," sagte der Oberst; „wie ich sehe, wünscht Mr. Simson mit mir allein zu sprechen. — Und nun, da sie fort sind, Mr. Simson, so erklärt mir, in des Himmels Namen, was dieß Alles soll?" „Es kann wohl eine Botschaft vom Himmel sein," sagte der Gelehrte, „aber Beelzebubs Postmeisterin hat sie gebracht. Es war nämlich die Here, Meg Merrilies, die schon seit zwanzig Jahren als Kupplerin, Diebin, Here und Zigeunerin in einer Tbeertonne hatte verbrannt werden sollen." „Wissen Sie gewiß, daß sie cs war?" sagte der Oberst mit lebhafter Theilnahme- „Gewiß, verehrter Sir? — in der That, ihresgleichen ist nicht zu vergessen — man sieht dieselbe nirgends ein zweites Mal." Der Oberst schritt hastig im Zimmer auf und ab, indem er im Stillen nachsann. „Leute ausschicken und sie ergreifen lassen — aber es ist zu weit, um zu Mac-Morlan zu schicken, und Sir Robert Hazlewood ist ein hochtrabender Narr; überdies fände man sie vielleicht nicht an jenem Orte, und dann könnte sie auch ebenso hartnäckig schweigen, wie schon früher. — Nein, und sollt' ich auch deßwegen ein Narr heißen, ich will den Schritt nicht versäumen, den sic mir räth. Viele ihrer Art fangen als Betrüger an, und enden als Schwärmer, oder sie schweben auch wohl zwischen Guy Mannering. III. 6 82 beiden unbestimmt in der Mitte, ohne genau zu wissen, wenn sie sich selber täuschen, oder wenn sie andre betrügen — Wohlan, was ich zu thun habe, ist wenigstens einfach; und wenn meine Bemühungen furchtlos sind, so soll nicht zu großes Vertrauen auf meine eigene Weisheit daran schuld sein." Mit diesem Entschluß klingelte er, und ließ Barnes nach seinem Studierzimmer kommen. Er ertheilte ihm hier Befehle, mit deren Erfolg der Leser später bekannt gemacht werden soll. Wir muffen jetzt ein andres Abenteuer berichten, welches gleichfalls in die Geschichte dieses merkwürdigen Tages verwebt ist. Charles Hazlewood hatte während des Obersten Abwesenheit in Woodbourne keinen Besuch zu machen gewagt. Mannering's ganzes Benehmen hatte ihm allerdings die Meinung eingeflößt, daß diesem dergleichen Besuche unangenehm sein würden; und die Ueberlegenheit, die der glückliche Krieger und gebildete Mann über des jungen MannesBetragen erlangt hatte, war so groß, daß es letzterer in keiner Hinsicht gewagt haben würde, jenen zu beleidigen. In des Oberst Mannering's Betragen sah er, oder glaubte er eine Billigung seiner Neigung zu Miß Bertram zu sehen. Aber noch deutlicher sah er dann auch das Unschickliche eines jeden Versuchs zu einem geheimen, vertrauten Vcrständniß ein, welches seine Eltern schwerlich gebilligt haben würden, und er achtete diese Schranke zwischen ihm und ihr sowohl um Mannering's willen selbst, als auch weil derselbe der edle und eifrige Beschützer Miß Bertram's war. „Nein," sagte er zu sich selbst, „ich will Lucy'S gegenwärtiges Asyl nicht gefährden, so lange ick, ihr keine eigne Heimath bieten kann." Mit diesem männlichen Entschlüsse, dem er treu blieb, obwohl sein Pferd, aus Gewohnheit, den Kopf immer nach dem Wege gen Woodbourne wandte und obwohl er selbst täglich zweimal nahe vorüber ritt, widerstand Charles Hazlewood einer 83 starken Neigung, hinabzureiten, nur um zu fragen, wie sich die Damen befänden und ob er ihnen während Oberst Mannering's Abwesenheit irgend einen Dienst leisten könne. Bei der zweiten Gelegenheit fühlte er indeß die Versuchung so stark, daß er beschloß, sich derselben nicht ein drittes Mal auszusetzen; und indem er sich begnügte, Hoffnungen gen Woodbourne zu senden und Erkundigungen über dasselbe einzuziehen, beschloß er, einer fern wohnenden Familie einen lang versprochenen Besuch zu machen, und zu rechter Zeit zurückzukehren, um einer der ersten Besucher Mannering's sein zu können, die diesem zu seiner glücklichen Rückkunft von der fernen und gefährlichen Reise nach Edinburg gratuliren würden- Er stattete daher seinen Besuch ab, und da er alles so eingerichtet hatte, daß er wenige Stunden nach des Obersten Ankunft von derselben benachrichtigt sein konnte, entschloß er sich endlich, von seinen Freunden, bei denen er die Zwischenzeit zugebracht hatte, Abschied zu nehmen, in der Absicht, zum Mittagessen in Woodbourne zu sein, wo er sich immer so heimisch befand; und dies (denn er dachte an die Sache mit weit mehr Wichtigkeit, als nvthwendig war,) dies mußte, wie er sich schmeichelte, seine Lebensart als sehr einfach, natürlich und gefällig erscheinen lassen. Das Schicksal aber, worüber die Liebenden so viele Klagen hören lassen, war Charles Hazlewood in diesem Falle ungünstig. Der Beschlag seines Pferdes mußte geschärft werden, dies verlangte das frostige Wetter ausdrücklich. Die Dame vom Hause, wo er zu Besuch war, blieb gern sehr lang in ihrem Zimmer, so daß es spät zum Frühstücken kam. Deßgleichen bestand sein Freund darauf, ihm die Jungen zu zeigen, die sein LieblingS- wachtclhund diesen Morgen geworfen hatte. Die Farben hatten einige Zweifel, wer der Vater sei, rege gemacht; und diese Frage über rechtmäßige Abstammung war von Wichtigkeit, so daß Hazlewood's Meinung Mischen seinem Freund und dessen Stallknecht entscheide» sollte; denn diese Entscheidung mußte bestimmen, welche von den Jungen ersäuft und welche aufgezogen werden sollten. Neberdies verzögerte der Laird selbst unsres jungen Liebenden Abschied um eine beträchtliche Zeit, indem er sich mit weitschweifiger Beredtsamkeit bemühte, dem Sir Robert Hazlewood durch dessen Sohn seine eignen besonder» Ideen über eine Straße mitzutheilen, welche durch das beiderseitige Gebiet angelegt werden sollte. Es spricht nicht sehr für die Fassungskraft unsers jungen Liebenden, daß er, nachdem die Sache zehnmal wiederholt worden war, noch immer den Vortheil nicht einsehen konnte, der durch die vorgcschlagene Straße über Langhirst, Windp-knvwe, Goodhousepark, Hailziecroft und bei Simcn's Pool über den Fluß nach Kippletringan erlangt werden würde; ebenso wenig vermochte er die noch minder rath- same Linie zu beurtheilen, die der englische Feldmesser angedeutet hatte, und die mitten durch die Anlagen bei Hazlewood gehen sollte, die dann vom Hause selbst getrennt wurden, während zugleich das Abgesonderte und Angenehme des ganzen Grundstücks vernichtet werden mußte. Kurz, der Rathgeber, (dem sehr viel daran lag, daß der Weg einem seiner eignen Pachthöfe möglichst nahe gebaut werde,) konnte es durchaus nicht dahin bringen, des jungen Hazlewood's Aufmerksamkeit zu fesseln, bis er endlich zufällig erwähnte, die vorgcschlagene Richtung werde durch den „Menschen, den Glosfin," begünstigt, welcher sich gern ein Uebergewicht in der Grafschaft anmaßen wolle. Plötzlich ward verjünge Hazlewood aufmerksam und theilnehmend, und nachdem er sich zur Genüge unterrichtet hatte, welche die von Glosfin unterstützte Richtung sei, versprach er seinem Freunde, es solle seine Schuld nicht sein, wenn sein Vater nicht eine andere begünstigen werde. Aber diese manch- 85 fachen Unterbrechungen nahmen den ganzen Morgen in Anspruch. Hazlewood kam erst drei Stunden später, als er beabsichtigt hatte, zu Pferde, und während er Damen, Hunde, Junge und dergleichen sammt und sonders verwünschte, sah er die Zeit bereits verstrichen, wo er schicklicher Weise die Familie in Wood- bourne noch besuchen konnte. Er war daher bereits an dem Seitenwege, der dorthin führte, vorübergeritten, mit Interesse nur die blaue Rauchsäule betrachtend, die an dem bleichen, winterlichen Abendhimmel von jenem Hause cmporwirbelte, als er plötzlich Simson zu erblicken glaubte, der auf einem Fußpfade durch den Wald ging. Hazle- wood rief ihm nach, aber vergebens; denn der wackere Mann, der für äußere Eindrücke überhaupt nicht besonders empfänglich war, hatte sich eben erst von Meg Merrilies getrennt, und war viel zu tief in Gedanken über ihre Weissagungen versunken, als daß er aufHazlcwood's Ruf hätte antworten sollen- Dieser war daher gcnöthigt, ihn gehen zu lassen, ohne nach der Gesundheit der jungen Damen zu forschen oder eine andere Frage vorzulegen, worauf dann vielleicht cineAntwort crtheilt worden wäre, die auch der Miß Bertram Namen enthalten hätte- Aller Grund zur Eile war nun verschwunden, er legte dem Pferde die Zügel auf den Hals und ließ das Thier langsam einen sandigen Weg hinan steigen, der zwischen zwei hohen Erdwändcn emporging und endlich auf der beträchtlichen Höhe eine ausgedehnte Aussicht über das benachbarte Land darbot. Hazlewood blieb indessen völlig Iheilnahmlos bei diesem Anblicke, obwohl dieser die Empfehlung für sich hatte, daß der größte Theil des überschauten Landes dem Vater des jungen Hazlc- wood gehörte, und daß letzterer einst noihwendig der Besitzer werden mußte; er wandte vielmehr das Haupt rückwärts nach den Schornsteinen von Woodbourne, obwohl bei jedem Schritte 86 seines Pferdes, so wie die Entfernung größer ward, sich jener Anblick mehr und mehr seinem Auge entzog. Aus dem Sinnen, in welches er versunken war, ward er endlich plötzlich durch eine Stimme aufgesiört, die zu rauh für eine weibliche, zu gellend für eine männliche war: — „Was hält Euch so lange auf der Straße zurück? — Sollen andre Euer Werk thun?" Er blickte auf; die Sprecherin war sehr groß, hatte ein weites Tuch um den Kopf gewunden, unter welchem graues Haar herabflatterte, trug ein langes, rotheS Gewand und in der Hand einen Stab, mit einer Art Lanzenspitze versehen — kurz, cs war Meg Mcrrilies. Hazlewood hatte diese merkwürdige Gestalt früher noch nie gesehen; er zog bei ihrem Anblick erstaunt die Zügel seines Pferdes an und hielt still. „Ich denke," fuhr sie fort, „alle, die am Schicksale des Hauses Ellangowan Theil genommen haben, sollten diese Nacht nicht schlafen; drei Menschen haben nach Euch gesucht, und Ihr geht heim, um in Eurem Bett zu schlafen — meint Ihr, wenn der Bruder gefallen, könne es der Schwester wohl gehen? Nein, nein!" „Ich verstehe Euch nicht, gute Frau," sagte Hazlewood; „sprecht Ihr von Miß-, ich meine von irgend Jemand aus der ehemaligen Familie Ellangowan, so sagt mir, was ich für ihn thun kann." „Von der ehemaligen Familie Ellangowan?" antwortete sie mit großer Heftigkeit; „von der ehemaligen Familie Ellangowan! und wann war je, oder wann wird je eine Familie Ellangowan sein, die nicht den edeln Namen Bertram führt?" „Aber was meint Ihr eigentlich, gute Frau?" „Ich bin keine gute Frau — das ganze Land weiß, daß ich schlecht genug bin, und die Andern, wie ich selber, mögen traurig genug sein, daß ich nicht besser bin. Aber ich kann thun, was gute Weiber nicht können und nicht dürfen. Ich 87 kann thun, was ihnen das Blut erstarren würde, die im Hause ausgewachsen sind und nichts weiter lernten, als ihren Kindern die Kopse verbinden und sie in der Wiege schaukeln. Hört mich — man hat die Wache aus dem Zollhause bei Portauferry gezogen und sie ist auf Eures Vaters Befehl nach Schloß Hazle- wood gelegt worden, weil er meint, sein Haus werde diese Nacht von den Schmugglern angegriffen werden; — kein Mensch denkt daran, sein Haus anzufallen; er hat gutes Blut und edles Blut — ich spreche wenig von ihm um seiner selbst willen, denn Niemand hat etwas Uebles gegen ihn im Sinne. Sendet die Reiter auf ihren Posten zurück, und zwar still und ruhig — dort werden sie diese Nacht vollauf Arbeit haben — ganz gewiß — die Flinten werden blitzen und die Schwerter werden glänzen im Mondenlicht." „Guter Gott! was meint Ihr?" sagte der junge Hazlewood; „Eure Worte und Euer Benehmen würden mich überreden, daß Ihr toll seid, wäre nicht eine so seltsame Uebereinftim- mung in Allem was Ihr sagt." „Ich bin nicht toll!" rief die Zigeunerin; „man hat mich gefangen gesetzt als eine Tolle — gegeißelt als eine Tolle — verbannt als eine Tolle — aber ich bin nicht toll- Hört, Charles Hazlewood von Hazlewood: seid Ihr böse gegen den gesinnt, der Euch verwundete?" „Nein, Frau, das verhüte Gott; mein Arm ist geheilt und ich habe stets gesagt, daß der Schuß nur zufällig geschah. Ich würde mich freuen, wenn ich das dem jungen Manne selbst sagen könnte " „Dann thut, was ich Euch heiße," antwortete Meg Mer- rilies, „und Ihr werdet ihm mehr Gutes thun, als er Euch je Uebels that; denn wenn es nach seinen Widersachern ginge, so würde er vor'm Morgen eine Leiche, oder doch ein verbann- 88 ter Mann sein — aber es ist Einer über uns Alle. — Thut, wie ich Euch heiße; sendet die Soldaten nach Portanferrp zurück. Dem Schloß Hazlewood droht so wenig ein Unheil, als dem ärmsten Hause im Lande." Mit diesen Worten verschwand sie so schnell wie gewöhnlich. Stets machte das Aeußere dieses Weibes und die Mischung von Wahnsinn und Begeisterung in ihrem Benehmen den stärksten Eindruck auf diejenigen, die sie anredete. Ihre Worte, obwohl wild, waren zu schlicht und verständlich für wirkliche Tollheit, und dann gleichwohl auch zu heftig und übertrieben für besonnene, nüchterne Miltheilung. Sie schien unter dem Einflüsse einer Einbildungskraft zu handeln, die eher zu stark aufgeregt als zerrüttet war; und es ist wunderbar, wie lebhaft dieser Unterschied in solchen Fällen das Gemüth des Zuhörers ergreift. Daher rührte auch die Aufmerksamkeit, womit ihre seltsamen und geheimnißvollen Winke gewöhnlich gehört und befolgt wurden. Zum wenigsten ist gewiß, daß ihr plötzliches Erscheinen und ihr gebieterischer Ton auf den jungen Hazlewood einen starken Eindruck machte. Schnell ritt er nach Hazlewood hin. Es war bereits, noch ehe er das Haus erreichte, dunkel geworden und bei seiner Ankunft sah er eine Bestätigung dessen, was die Sibylle angedeutet hatte. Dreißig Dragonerpferde standen unter einem Schuppen mit zusammengebundenen Zäumen. Drei oder vier Soldaten standen als Wache dabei, während sie vor dem Hause mit ihren langen Säbeln und schwerfälligen Stiefeln auf und nieder gingen. Hazlewood fragte einen Ofstcicr, woher die Soldaten gekommen? „Von Portauferrp." „Und blieb keine Wache dort zurück?" «Nein, sie sind auf Befehl Sir Robert Hazlewoods zur Verthcidigung seines Hauses hierher gelegt worden, weil die Schmuggler mit einem Ueberfall drohen." Charles Hazlewovd suchte sogleich seinen Vater auf, und nachdem er ihn begrüßt hatte, verlangte er zu wissen, weßhalb er die Militärbedeckung für nöthig gehalten habe. Sir Robert gab seinem Sohne zur Antwort, daß nach den Berichten, Zeitungen und Andeutungen, die ihm mitgetheilt und vorgelegt worden seien, für ihn aller Grund zu dem Glauben und der Ueberzeugung vorhanden wäre, daß in dieser Nacht gegen Hazle- wood ein gewaltsamer Angriff versucht und ausgeführt werden werde von einer Bande Schmuggler, Zigeuner und anderer Landstreicher. „Und was, theurer Vater," sagte der Sohn, „sollte die Wuth solcher Leute gegen uns gerade mehr als gegen jedes andere Haus im Lande lenken?" „Vielmehr sollt' ich denken, vermuthen und der Meinung sein, mein Lieber," antwortete Sir Robert, „mit aller Achtung vor Eurer Weisheit und Erfahrung, daß bei solchen Gelegenheiten und Zeiten sich die Rache solcher Personen gegen die Wichtigsten und durch Rang, Geburt, Talente und Stellung Ausgezeichnetsten richtet und lenkt, welche gegen jener Menschen ungesetzliche, üble und verbrecherische Handlungen und Thaten aufgetreten sind und diesclbigen gehindert oder vereitelt haben." Der junge Hazlewood, der seines Vaters Schwäche kannte, sagte, seine Ueberraschung habe nicht den Grund, welchen Sir Robert anzunehmen scheine; aber er wundere sich nur, daß jene Menschen daran denken sollten, ein Schloß anjugreifen, wo sich so zahlreiche Dienerschaft befände, und wo die durch Lärm- zeichen herbeigerufenen Hintersassen einen starken Beistand gewähren könnten; er setzte noch hinzu, man werde es seinem Vater wahrscheinlich sehr verargen, daß er die Soldaten von 90 ihrem Dienst im Zollhause abgerufen habe, um sein Schloß zu beschützen, als ob dieses durch seine Bewohner nicht stark genug wäre, um sich bei einer so gewöhnlichen Gelegenheit selbst ver- theidigen zu können. Er deutete auch an, daß, wofern sich die getroffene Vorsichtsmaßregel als unnütz erweisen würde, die Feinde des Hauses kein Ende in ihren Spöttereien finden dürften. Sir Robert war von dieser Bemerkung ziemlich bestürzt, denn er haßle und fürchtete, gleich den meisten Schwachköpfen, das Lächerlichwerden ungemein. Er sammelte sich, und blickte mit prahlender Verlegenheit vor sich hin, als wollte er sich das Ansehen geben, daß er die Meinung des Publicums verachte, die er in Wahrheit gleichwohl äußerst scheute. „Ich sollte wirklich glauben," sagte er, „daß die Beleidigung, welche bereits gegen mein Haus in deiner Person gerichtet ward, der du der nächste Erbe und Vertreter des Hauses bist, sobald ich sterbe — ich sollte, sag' ich, denken und glauben, daß mich dies hinlänglich in den Augen des achtbarsten und zahlreichsten Theiles des Publicums dafür rechtfertigen müßte, daß ich solche Vorsichtsmaßregeln ergreife, welche darauf berechnet sind, eine Wiederholung solcher Gewalt zu hindern und zu vereiteln." „Wirklich, Vater, sagte Charles, „ich muß an das erinnern, was ich schon zuvor oft sagte, daß ich nämlich gewiß weiß, die Entladung des Gewehrs sei zufällig geschehen." „Mein Lieber, sie geschah nicht zufällig," sagte der Vater unwillig; „aber Ihr müßt ja natürlich klüger als Eure Eltern sein-" „In der That, Vater," erwiederte der junge Hazlewood, „in einer Sache, die mich selber so genau betrifft"- „Sie betrifft dich nur sehr beiläufig — das heißt, sie betrifft dich nicht, als einen leichtsinnigen jungen Mann, der sich ein Vergnügen daraus macht, seinem Vater zu widersprechen; aber sie betrifft das Land, Freund; und die Grafschaft, Freund; und das Publicum, Freund; und das Königreich Schottland, insofern das Interesse der Familie Hazlewood, mein Lieber, benachthei- ligt, verletzt und gefährdet ist mit, in dir und durch dich, Freund. — Und der Kerl sttzt in sicherer Hut und Mr. Glossin meint" — „Mr. Glossin, Vater?" «Ja, Freund, der Gentleman, der Ellangowan gekauft hat — du weißt doch wahrscheinlich, wen ich meine?" „Ja, Vater," antwortete der junge Mann; „aber kaum hätt' ich erwarten dürfen, von Euch eine solche Autorität citi- ren zu hören. Nun, dieser Mensch — alle Welt kennt ihn als einen schmutzigen, gemeinen, tückischen Mann, und ich halte ihn für den schlechtesten. Und du selbst, mein theurer Vater — wenn hast du selbst in deinem Leben je zuvor einen solchen Menschen Gentleman genannt?" „Nun, Charles, ich meinte Gentleman nicht in dem genauen Sinn und in der beschränkten, eigentlichen und reinen Bedeutung, woraus sich ursprünglich ohne allen Zweifel der Ausdruck von Rechtswegen beschränkt; aber ich brauchte das Wort nur bezugsweise, insofern es etwas bezeichnet, was sich aus eigener Kraft gebildet und erhoben hat — kurz, als das, was einen anständigen, wohlhabenden und geachteten Mann bezeichnet." „Erlaube mir zu fragen, Vater," sagte Hazlewood, „ob aufdie- ses Mannes Befehl die Wache aus Portauferry gezogen ward?" „Freund," erwicderte der Baronet, „ich besorge nicht, daß sich Mr. Glossin anmaßen würde, Befehle zu geben, oder auch nur ungefragt eine Meinung zu äußern, in einer Angelegenheit, wobei das Haus Hazlewood und das Haus von Hazlewood — das heißt, dieses Wohnhaus meiner Familie, und sodann bildlich, metaphorisch und parabolisch, die Familie selbst — ich sage also, wobei das Haus von Hazlewood oder das HauS Hazlewood so unmittelbar betheiligt ist." 92 „Ich vermuthe indcß, Vater," sagte der Sohn, „dieser Glossin bestärkte den Vorsatz?" „Freund," erwiederte der Vater, „ich hielt cs für schicklich, recht und geeignet, ihn, als die nächste Magistratsperson zu Rathe zu ziehn, sobald das Gerücht von dem beabsichtigten Ueberfall mein Ohr erreichte; und obwohl er es, aus Ergebenheit und Ehrfurcht, in Rücksicht auf unsere gegenseitigen Verhältnisse, ablehnte, selbst an dem Befehle Theil zu nehmen, so billigte er doch meine Anstalten ganz und gar." In diesem Augenblicke hörte man den Hufschlag eines Rosses, welches sehr eilig durch's Thor kam. In wenigen Minuten öffnete sich die Thür und Mr. Mac-Morlan trat ein- „Es thut mir sehr leid, wenn ich zudringlich erscheine, Sir Robert, aber"- „O, Mr. Mac-Morlan," sagte Sir Robert mit huldreichem bewillkommnendem Lächeln, „durchaus nicht zudringlich, Sir; Ihre Stellung als Substitut des Sheriffs macht cs Ihnen ja zur Pflicht, über den Frieden der Grafschaft zu wachen, (und Sie fühlen sich ohne Zweifel ganz besonders berufen, das Haus Hazlewood zu schützen,) Sie haben ein anerkanntes, zugestandenes und unbestreitbares Recht, Sir, das HauS des ersten Gentleman uneingeladen zu betreten — da stets zu vermuthen ist, daß Sie die Pflicht Ihres Amtes dahin ruft." „In der That, es ist meine Amtspflicht," sagte Mac-Morlan, welcher ungeduldig die Gelegenheit, zu sprechen, erwartet, „die mich zudringlich sein läßt." „Nicht zudringlich!" wiederholte der Baronet, gnädig mit der Hand eine Verneinung andeutend. „Aber erlauben Sie mir zu sagen, Sir Robert," sagte der Untersheriff, „daß ich nicht in der Absicht, hier zu bleiben, gekommen bin, sondern um diese Soldaten nach Portauferrp zurückzurufen und Ihnen die Versicherung zu geben, daß ich für die Sicherheit Ihres Hauses bürge." „Die Wache von Hazlewood zu nehmen!" rief der Eigen- thümer des Hauses mit einer Mischung von Mißvergnügen und Staunen. „Und Sie werden verantwortlich dafür sein! und bitte, wer sind Sie, Sir, daß ich Ihre Bürgschaft, Caution und Pfand, sei es amtlich oder persönlich, für die Sicherheit des Hauses Hazlewood nehmen sollte? — Ich denke, Sir, und glaube, Sir, und bin der Meinung, Sir, daß, wenn irgend eines von diesen Familienbildern verletzt, zerstört oder beschädigt wäre, daß es mir schwer fallen sollte, den Verlust mittelst der Bürgschaft gut zu machen, die Sie mir so verbindlich anbieten." „In diesem Falle sollte mir das sehr leid thun, Sir Robert," antwortete der offene Mac-Morlan; „aber ich kann glauben, daß ich mir das quälende Gefühl ersparen werde, durch meine Schuld einen so unersetzlichen Verlust veranlaßt zu haben, da ich Ihnen versichern kann, es werde durchaus kein Angriff auf Hazlewood statt finden; vielmehr ist mir eine Nachricht zugekommen, welche mich argwohnen läßt, man habe jenes Gerücht nur in der Absicht ausgesprengt, um die Entfernung der Soldaten von Portauferry zu bewirken. Und mit diesem festen Glauben und dieser Ueberzeugung muß ich mein obrigkeitliches Ansehn als Sheriff und Chef der Polizei anwenden, um die ganze Schaar, oder wenigstens den größten Theil der Soldaten wieder zurück gehen zu lassen. Ich bedaure sehr, daß durch meine zufällige Abwesenheit schon viel Verzug stattgesunden hat, und wir erreichen nun Portauferrp vielleicht erst, wenn cs zu spät ist." Da Mr. Mac-Morlan die erste Magistratspcrson war und seinen Entschluß, auf jene Weise zu handeln, so bestimmt ausdrückte, so konnte der Baronct, höchst beleidigt, nur sagen: 94 »ganz gut, Sir, ganz gut. Gewiß, Sir, nehmen Sie alle mit fort — ich wünsche keineswegs, daß einer hier bleibe, Sir. Wir können uns selbst beschützen, Sir. Aber Sie werden die Güte haben, zu bemerken, Sir, daß Sie auf Ihre eigne Verantwortung handeln, Sir, und aus Ihre Gefahr, Sir, wenn dem Hause Hazlewood, Sir, oder dessen Bewohnern, oder dem Hausrath und den Gemälden etwas zustoßen sollte, Sir-" »Ich handle nach meinem besten Nrthcil und meiner besten Einsicht, Sir Robert," sagte Mac>Morlan, „und ich muß Sie bitten, dies zu glauben und mir daher zu verzeihen. Ich bitte Sie, zu bemerken, daß keine Zeit zu Ccrmonien ist — es ist bereits sehr spät." Aber Sir Robert, ohne seine Entschuldigungen einer Beachtung zu würdigen, beschäftigte sich auf sehr pomphafte Weise mit der Bewaffnung und Rüstung seiner Bedienten. Charles Hazlewood wünschte das Militär zu begleiten, welches im Begriff war, nach Portauferrp abzugehen, und jetzt eben zusammenberufen ward und aufsaß unter der Leitung Mr. Mac- Morlan's, des civilobrigkeitlichen Beamten. Aber es würde für seinen Vater beleidigend und peinigend gewesen sein, wenn er ihn in einem Momente verlassen hätte, wo er sich und sein Haus in Gefahr glaubte. Der junge Hazlwood schaute daher, mit unterdrücktem Bedauern und Mißfallen, aus einem Fenster, bis er den Offiffer zum Abmarsch commandiren hörte- — Die ganze Reitcrschaar trabte sodann so rasch vorwärts, daß sie schnell unter den Bäumen verschwand und der Schlag der Hufe bald in der Ferne verhallte. Neuntes Kapitel. Mit Pflugschar und mit Hämmern brache» Wir alle Riegel, Schlag auf Schlag, Bis wir zum iuucrn Kerker kamen. Wo Willte v' Kinuwnt drinnen lag. Alte Ballade. Wir kehren nach Portauferry, und zu Bertram und seinem edelmüthigen Freunde zurück/ die wir als sehr unschuldige Bewohner eines für die Schuld erbauten Ortes verließen. Der Schlaf war so fest als nur möglich. Bertrams erster tiefer Schlaf aber war schon lange vor Mitternacht vorüber und er vermochte sich nicht wieder in den Zustand des süßen Vergefsens zu versenken. Der unruhige und unbehagliche Zustand seines Gemütbes ward noch erhöht durch Fieberschauer, welche er hauptsächlich der dicken und eingeschlossenen Luft des kleinen Gemachs, in welchem er schlief, verdankte. Nachdem er eine Zeit lang das bange und drückende Gefühl, welches eine solche Atmosphäre erzeugt, ertragen hatte, erhob er sich, um ein Fenster des Gemaches zu öffnen und so frische Luft einzulaffen. Ach! der erste Versuch erinnerte ihn, daß er im Kerker war, und daß, da das Haus der Sicherheit, nicht der Bequemlichkeit wegen erbaut war, den armen Bewohnern kein Mittel zu Gebote stand, um sich frische Luft zu verschaffen. 96 Nach diesem vergeblichen Versuche blieb er eine Weile an dem nicht zu öffnenden Fenster stehen. Der kleine Wasp, obwohl noch ermüdet von der Reise des vorhergehenden Tages, kroch aus dem Bette zu seinem Herrn hin, rieb sein scheckiges Fell an dessen Beinen, und drückte durch Knurren die Freude aus, daß er wieder mit ihm vereinigt sei. In dieser Gesellschaft, und harrend, daß das sieberische Gefühl, welches jetzt sein Blut erregte, einem Verlangen nach Wärme und Schlaf weichen sollte, blieb Bertram noch eine Zeit lang, auf die See hinauS- schauend, stehen. Die Fluth hatte ihre Höhe fast erreicht und schlug rauh und ganz nahe an die Grundmauer des Gebäudes. Dann und wann erreichte auch eine große Welle das Bollwerk, welches das Haus beschützte, und brach sich hier mit größerer Gewalt und heftigerem Tosen, als jene, die sich nur auf dem Sande brachen. Weit draußen, unter dem unbestimmten Schimmer eines trüben und oft umwölkten Mondes, rollte der Ocean sein Gewimmel unzähliger Wellen bunt und kraus durcheinander- „Ein wildes und düsteres Schauspiel," sagte Bertram zu sich selber, »gleich den wirren Wogen, die mich von Kindheit an in der Welt umhcrgeworfen haben. Wann wird diese Ungewißheit aufhören und wann endlich wird mir gestattet sein, mich nach einer ruhigen Heimath umzusehen, wo ich in Stille und ohne Furcht und Verwirrung jene Künste des Friedens pflegen kann, denen ich bisher immer zu entsagen gezwungen war? Das Ohr der Phantasie, sagt man, vermag die Stimme der Seejungfrauen und Tritonen durch das Wogengetöse des Oceans zu vernehmen; das möcht' ich auch können, und eine Sirene oder ein Proteus sollte aus jenen Wellen steigen, um mir das seltsame Labprinth des Schicksals zu enträth- sein, welches mich so dicht umgarnt hat! — Glücklicher Freund," sagte er, nach dem Bett schauend, wo Dinmont seine gewichtige Person nicdcrgelegt hatte, „deine Sorgen beschränken sich auf den engen Kreis einer gesunden und nährenden Beschäftigung! Du kannst sie nach Belieben bei Seite legen und dich der tiefen Ruhe des Leibes und der Seele freuen, welche eine kräftige Arbeit dir bereitet hat!" In diesem Augenbilcke wurden seine Betrachtungen durch den kleinen WaSp unterbrochen, welcher, während er gegen das Fenster zu springen suchte, heftig zu knurren und zu bellen begann. Dies Geräusch erreichte Dinmont's Ohr, aber ohne die Täuschung zu vernichten, welche ihn aus diesem elenden Gemach in die freie Luft seiner eignen grünen Hügel versetzt hatte- „He, Aorrow, Bursch — hier! hier!" murmelte erzwischen den Zähnen, wahrscheinlich seinen Schäferhund rufend, um ihn gegen einige fremde Eindringlinge auf der Weide zu Hetzen. Das fortgesetzte Gebell des Dachshundes ward durch das zornige lautere Bellen des Kettenhunds im Hofe beantwortet, welcher lange still gewesen war, mit Ausnahme eines kurzen und tiefen Knur- rens, welches er hören ließ, wenn der Mond plötzlich zwischen den Wolken hervorbrach. Jetzt ward sein Lärmen anhaltend und heftig und schien durch eine Unruhe erregt, welche ihm das Bellen Wasp's verursachte, welcher ihn zuerst unruhig gemacht hatte und den sein Herr mit großer Mühe insoweit beruhigt hatte, daß er sich nun mit einem leisen, aber zornigen Knurren begnügte. Endlich entdeckte Bertram, dessen Aufmerksamkeit nun völlig rege war, ein Boot auf der See und hörte auch deutlich den Schall von Rudern und menschlichen Stimmen, die sich mit dem Getöse der Wogen mischten. Einige von der Nacht überfallene Fischer, dachte er, oder vielleichtauch einige der kühnen Schleichhändler von der Insel Man. Gewiß sind sie sehr verwegen, daß Guy Munnerlng. III. 7 98 sie sich so nah an's Zollhaus wagen, wo sicherlich Schildwachen sein müssen. Das Fahrzeug ist groß, wie ein langes Boot, und mit Leuten erfüllt; vielleicht gehört cs dem Zollamte. Bertram ward in der letztcrn Meinung bestärkt, als er sah, daß das Boot nach einem kleinen Damm steuerte, welcher sich hinter dem Zollhause in's Meer erstreckte; einer nach dem andern sprang an's Land und die versammelte Schaar, etwa zwanzig an der Zahl, schlich leise ein enges Gäßchen empor, welches das Zollhaus vom Zuchthause trennte; so verschwanden sie ihm aus dem Gesicht, indem sie nur zwei zurückließen, die das Boot bewachen sollten. Das Geräusch der Ruder und sodann der gedämpfte Klang ihrer Stimmen, hatte den Zorn der wackern Schildwache im Hofe erregt, die nun ihre tiefe Stimme zu einem furchtbaren und anhaltenden Geheul erhob, daß ihr roher Herr davon erwachte, der an Wildheit dem Hunde nahe verwandt war. Sein Ruf aus einem Fenster: „was soll's, Tearum, was gibt's, Bursch? still, hol' dich der Teufel, still!" vermochte Tcarum's lautes Toben nicht zu beruhigen, und dadurch ward sein Herr zum Theil verhindert, die wilden Stimmen zu vernehmen, welche der trotzige Hauswächter eben erwiederte. Aber die Ehegenossin des zweibeinigen Cerberus, war mit schärfern Ohren begabt, als ihr Gemahl. Alsbald war sie auch am Fenster; „Dummkopf, geh' hinunter und laß den Hund los," sagte sie, „sie machen Jagd auf das Thor des Zollhauses, uud der alte Narr in Hazlewood hat die Wache weggeholt. Aber du hast auch nicht mehr Herz als eine Katze." Und hinab sprang die Amazone, um das Werk selber zu vollbringen, während ihr Gemahl, besorgter um Insurrektion im Innern des Hauses, als um einen Sturm von außen, von Zelle zu Zelle ging, um zu sehn, daß ein jeder sorgfältig verwahrt sei. 99 Jene Klänge, die wir dem Leser zuletzt schilderten, hatten ihren Ursprung vor der Fronte des Hauses und wurden von Bertram nur unvollkommen gehört, weil sein Zimmer, wie wir bereits bemerkten, von dem hintern Theile des Gebäudes nach der See schaute. Jndeß vernahm er ein Treiben und Lärmen im Hause, welches nicht der starren Einsamkeit eines Gefangenhauses um die Stunde der Mitternacht angemessen schien, und da zugleich in dieser späten stillen Stunde ein Boot bewaffneter Leute angekommen war, so ließ sich nur vermuthen, daß etwas Außerordentliches Vorgehen solle. In diesem Glauben schüttelte er Dinmont bei der Schüller — „Heda! — ja! — Ach, AUie, 's ist noch nicht Aufstehens Zeit," ächzte der schlafende Mann aus dem Gebirge. Heftiger geschüttelt in- deß, raffte er sich empor, schüttelte den Kopf und fragte, „Im Namen Gottes, was gibt's?" „Das kann ich Euch nicht sagen," erwiederte Bertram; „aber entweder ist Feuer im Hause, oder es geht sonst etwas Außerordentliches vor. Riecht ihr nicht vielleicht etwas von Feuer? Hört Ihr den heftigen Lärm nicht, das Zuschlägen von Thüren im Hause, und die rauhen Stimmen, das Gemurmel und ferne Geschrei von draußen? Auf mein Wort, ich glaube, es geht etwas ganz Außerordentliches vor — Steht auf, um des Himmels Willen, und laßt uns auf unsererHut sein." Bei dem Gedanken an Gefahr erhob sich Dinmont so furchtlos und unerschrocken, wie etwa einer seiner Vorfahren gethan haben mochte, wenn das Sturmfeuer angezündet war. „Zum Henker, Capitain, das ist ein närrischer Ort! Am Tage wollen sie Euch nicht 'raus lassen, und bei Nacht wollen sie Euch nicht schlafen lassen. Teufel, das brächte mich in vierzehn Tagen um- Aber, Gott steh' uns bei, was für ein Gepolter machen sie jetzt! — Zum Henker, ich wollte, wir hätten Licht- — Ivo Wasp — Wasp, still, Thierchen — still, mein gutes Vieh, und laß uns hören, was sie machen. — Der Teufel sitzt in dir, wirst du still sein?" Sie durchsuchten vergebens die Kohlen nach einem Funken, um ihr Licht anzuzünden, während der Lärm immer forttobte. Dinmont nahm nun seine Zuflucht zum Fenster — „Gott steh' uns bei, Capitain! kommt hicher- — Henker! sie haben das Zollhaus erbrochen." Bertram eilte zum Fenster und sah deutlich eine bunte Schaar von Schmugglern und mancherlei ähnlichem Gesindel; einige trugen brennende Fackeln, andere schafften Ballen uud Fässer das Gäßchcn hinab nach dem Boote, welches am Strande lag und jetzt noch von einigen Fischerbooten umringt war. Jedes derselben wurde beladen, und einige befanden sich bereits auf der See draußen. „Dies erklärt sich von selbst," sagte Bertram; „aber ich fürchte, daß noch etwas Schlimmeres vorgegangen ist. Bemerkt Ihr nicht einen starken rauchigen Geruch, oder täuscht mich meine Einbildung nur?" „Einbildung?" antwortete Dinmont, „das riecht ja wie ein Schmelzofen. Zum Henker, wenn sie das Zollhaus verbrennen, so wird es hier auch fangen und wir werden wie eine Thecrtonne sammt und sonders verbrennen. — 's wäre doch erbärmlich, wenn Einer mir nichts, dir nichts, bei lebendigem Leibe verbrennen sollte, gleich als wär' man ein Hexenmeister gewesen! — Mac-Guffog, hört Ihr!" — Dabei crbob er seine Stimme so viel als möglich; „wenn Ihr einen heilen Knochen in Eurer Haut behalten wollt, so schließt auf, Mensch! schließt auf!" Das Feuer begann sich jetzt zu erheben und dicke Rauchwolken wogten am Fenster vorüber, an welchem Bertram und Dinmont standen. Zuweilen, je nachdem sich der Wind wandte, verbarg der dunkle Rauchschleier jeden Gegenstand vor ihren Augen; zuweilen erhellte eine rothe Gluth Land und See, und fiel grell auf die düstern und trotzigen Gestalten, die, mit roher Behendigkeit, mit der Ladung der Boote beschäftigt waren. Das Feuer errang endlich den Sieg völlig, und wallte in großen Flammen aus jedem Fenster des brennenden Gebäudes, während gewaltige Brände, aus entzündeten Maaren bestehend, vom Winde nach dem benachbarten Gefängniß getrieben wurden, und eine dunkle Rauchdecke über der ganzen Umgebung hing. Das Geschrei eines wüthenden Pöbels wider- -allte fern und nah; denn zu den siegreichen Schmugglern hatte sich all' das Gefindel aus der kleinen Stadt und der Nachbarschaft gesellt, und war, trotz der späten Stunde, in völliger Bewegung; einige aus Interesse am Schleichhandel, die meisten aber nur aus der Liebe zu Verwirrung und Tumult, die jeder gemeinen Bevölkerung natürlich ist. Bertram begann jetzt für sein und des Begleiters Geschick ernstlich besorgt zu werden. Es war kein Lärm mehr im Hause; der Kerkermeister schien von seinem Posten geflohen zu sein, während er das Gefängniß mit seinen unglücklichen Bewohnern der Gnade des Brandes überlassen hatte, welcher sich gegen das Gebäude wälzte. Unterdessen hörte man einen neuen und heftigen Angriff auf das äußere Thor des Zuchthauses, welches, mit großen Hämmern und ähnlichen Instrumenten bearbeitet, bald überwältigt wurde. Der Gefangenwärter, der eben so feig als prahlerisch war, hatte mit seinem noch bös- artigern Weibe die Flucht ergriffen; die Dienstlcute hatten bereitwillig die Schlüssel hergegeben. Die befreiten Gefangenen, ihre Befreiung mit dem wildesten Freudengeschrei feiernd, mischten sich unter den Pöbel, der ihnen die Freiheit gegeben hatte. Während nun Alles in Verwirrung war, eilten einige der vorzüglichsten Schmuggler, mit Fackeln versehn und mit Säbeln 102 und Pistolen bewaffnet, nach Bertram's Gemache. — „Der Teufel!" sagte der Anführer, „hier sind wir recht!" — Zwei von ihnen ergriffen Bertram; einer aber flüsterte ihm zu, „leistet keinen Widerstand, bis Ihr auf der Straße seid." Dieselbe Person nahm auch den Augenblick wahr, zu Dinmont leise zu sagen, „folgt Eurem Freunde und helft, wenn Ihr seht, daß es Zeit ist " In der Hast des Augenblicks gehorchte Dinmont und folgte unmittelbar. Die beiden Schmuggler schleppten Bertram den Gang entlang, die Treppe hinab über den Hof, den jetzt die Feuersbrunst erhellte, und auf die enge Straße, nach welcher sich das Thor öffnete, und wo in der Verwirrung die Schaar noth- wendig etwas von einander getrennt wurde. Ein hastiges Geräusch, wie wenn eine Reiterschaar ansprengte, schien die Unruhe zu vermehren. „Hagel und Wetter, was ist das?" sagte der Führer, „haltet zusammen, Kinder, seht auf den Gefangenen." — Aber trotz dieser Ermahnung waren die beiden, welche Bertram führten, die letzten im Zuge. An der Spitze desselben hörte man jetzt Kampfgeschrei. Das Gedränge ward heftig, während einige bemüht waren, sich zu vertheidigen, andere, zu entfliehen; es wurde gefeuert, und die blitzenden Säbel der Dragoner begannen über denKöpfen derMeu- terer zu leuchten. „Jetzt," sagte dieleise mahnende Stimme des Mannes, welcher Bertrams linken Arm hielt und schon vorher zu ihm gesprochen hatte, „jetzt werft den Kerl von Euch und folgt mir." Bertram riß sich mit einer plötzlichen und wirksamen Kraftanstrengung leicht von der Hand des Mannes los, der ihn auf der rechten Seite beim Kragen gefaßt hatte. Der Mensch griff nach seiner Pistole, ward aber zu Boden gestreckt durch DinmontS Faustschlag, welchen selbst ein Stier schwerlich ohne gleichen Erfolg empfangen haben würde- „Folgt mir rasch," sagte der freundliche Führer, indem er ein sehr enges und schmutziges Gäßchen betrat, welches von der Hauptstraße führte. Niemand versuchte eine Verfolgung. Die Aufmerksamkeit der Schmuggler war auf andere und sehr unangenehme Weise durch das plötzliche Erscheinen Mac-Morlan's und der Reiterabtheilung in Anspruch genommen. Die laute männlicheStimme des Beamten verkündete laut die Aufruhrakte und ermahnte „Alle gesetzwidrig Versammelten, sich zu zerstreuen." — Gewiß hatte die Ankunft der Reiter genügt, um den Angriff der Schmuggler zu hindern, hätte Mac-Morlan nicht unterwegs eine falsche Nachricht erhalten, welche ihn zu dem Glauben führte, die Schleichhändler wollten in der Bucht bei Ellango- wan landen. Fast zwei Stunden waren in Folge dieses falschen Berichtes verloren gegangen, welchen man ohne Lieblosigkeit wohl auch Glossin zuschreiben kann, dem so viel an dem guten Erfolg des kühnen Angriffs dieser Nacht liegen mußte. So legte er dies Hindcrniß Mac-Morlan in den Weg, nachdem er erfuhr, die Reitcrabtheilung habe Hazlewood verlassen , eine Nachricht, welche ein so ängstlich besorgtes Ohr, wie das seine, bald erreichen mußte. Unterdessen folgte Bertram seinem Führer, und Dinmont blieb desgleichen bei ihnen. Das Geschrei des Pöbels, das Pferdegetrappel, und die Pistolenschüsse hörten sie in der Ferne immer schwächer; am Ende des engen Gäßchens fanden sie eine Postchaise mit vier Pferden. „Seid Ihr hier, in Gottes Namen ?" sagte der Führer zu dem Postknccht bei den vordern Pferden- „Ei, freilich bin ich's," antwortete Jock Jabos, „und ich wollte, ich wäre lieber sonstwo." „So öffnet den Wagen — Ihr, Gentlemen, steigt ein — Ihr werdet bald in Sicherheit sein — und" (,u Bertram) „erinnert Euch des Versprechens, welches Ihr der Zigeunerin gabt!" 104 Bertram, entschlossen, einer Person zu gehorchen, die ihm so eben einen so bedeutenden Dienst geleistet hatte, stieg der Weisung gemäß in den Wagen. Dinmont folgte! WaSp, der ihnen stets nahe geblieben war, sprang zu gleicher Zeit mit hinein, und der Wagen fuhr schnell von dannen- „Meiner Treu," sagte Dinmont, „das ist die allernärrischste Geschichte! — Zum Henker, ich hoffe, sie werden nichts Arges mit uns im Sinne haben — und was mag aus meinem Gaul geworden sein? — Ich wollte lieber auf seinem Rücken sein, als in des Herzogs Kutsche, Gott segn' ihn!" Bertram bemerkte, daß sie nicht lange so schnell fahren könnten, ohne Pferde zu wechseln, und daher wollten sie im ersten Wirthshause, wo man halten würde, darauf bestehen, daß man das Tageslicht dort erwarte, oder sie wenigstens mit dem Zweck und Ziel ihrer Reise bekannt mache; da könnte Mr. Dinmont auch hinsichtlich seines treuen Pferdes eine Anweisung ertheilcn, welches sich wahrscheinlich sicher in dem Stalle befand, wo er es gelassen hatte. — „Jawohl, so sei es, — zum Henker! wären wir nur einmal erst aus diesem abscheulichen Kasten, so sollt' es ihnen schwer fallen, uns einen andern Weg zu fahren, als den wir selber gehen wollen." Als er so sprach, nahm der Wagen eine plötzliche Wendung und sie erblickten durch das offene Fenster in einiger Entfernung den Flecken noch immer vom Feuer hell beleuchtet; es hatte dies ein Vorrathshaus erreicht, worin Spirituosen niedergelegt waren, und erhob sich nun hoch in die Lust, als eine flackernde Säule schimmernden Lichtes. Sie behielten nicht viel Zeit, dies Schauspiel zu bewundern, denn eine neue Wendung der Straße führte sie in eine schmale Gasse, zu beiden Seiten von Anpflanzungen cingeschloffen, zwischen denen der Wagen bei fast vollkommener Finsterniß, aber mit fortwährender Schnelligkeit hinrollte. Bei Sang und Scherz entfloh» die Stnnde», Das Me mußt' immer und immer munden.. Tnm »' Sh unter. Wir müssen nun nach Woodburne zurückkehren, welches wir, wie man sich erinnern wird, gerade verließen, nachdem der Oberst seinem vertrauten Diener einige Aufträge ertheilt hatte. AIS er zurückkehrte, wurden die Damen, zu denen er sich im Wohnzimmer gesellte, höchlich betroffen durch sein zerstreutes Wesen und den gedankenschweren, besorgten Ausdruck in seinen Zügen. Mannering war indcß nicht der Mann, der sich, selbst von denen, die er am meisten liebte, nach der Ursache der Gemüthsbewegung fragen ließ, welche durch jenen Ausdruck verrathen wurde. Die Theestunde kam heran und die Gesellschaft genoß jene Erfrischung schweigend, als ein Wagen gegen das Hausthor fuhr und die Klingel die Ankunft eines Gastes verkündigte. „Gewiß," sagte Mannering, „ist es noch um einige Stunden zu früh." Eine kurze Pause entstand, als Barnes, die Thüre des Saals öffnend, Mr. Plepdell anmeldete. Der Rechtsgelehrte trat ein, dessen sorgfältig gebürstetes schwarzes Kleid und wohlgepuderte Perücke im Verein mit seinen Spitzenmanschetten, braunseide- uen Strümpfen, sehr glänzenden Schuhen und goldenen Schnallen, die große Mühe anzeigte, welche der alte Herr darauf verwendet hatte, um seine Person für Damengesellschaft gehörig vorzubereiten. Mit einem herzlichen Händeschütteln ward er 106 von Mannering bewillkommt- „Gerade der Mann, den ich in diesem Augenblicke zu sehn wünschte!" »Ja," sagte der Rechtsgelehrte, „ich sagte Ihnen, ich würde die erste Gelegenheit ergreifen; so wagte ich nun, den Gerichtshof zu verlassen, und zwar auf eine Woche, gerade während der Sitzungszeit — kein geringes Opfer — aber ich glaubte hier nützlich sein zu können und habe überdies jetzt einige Beweismittel hier aufzusuchen. Aber wollen Sie mich den jungen Damen nicht oerstellen? — Arb! eine von ihnen sollte ich sogleich erkannt haben, wegen der Familienähnlichkeit! Miß Lucy Bertram, meine Theuerste, ich bin sehr erfreut, Sie zu sehen." — Er umfaßte sie mit den Armen und gab ihr einen Kuß auf beide Wangen, was Lucp mit schüchternem Erröthe» gestattete. „On n'srrete pas ck-ws un 8i bssu clremin," fuhr der muntere alte Herr fort, und als ihm der Oberst Julien vorstellte, nahm er sich auf deren schönen Wangen dieselbe Freiheit- Julie lachte, erröthete und entzog sich seiner Umarmung. „Ich flehe tausendmal um Verzeihung," sagte der Rechtsgelchrtc mit einer Verbeugung, die nichts von berufsmäßiger Steifheit hatte; „Alter und alte Sitten geben Vorrechte, und ich kann wirklich kaum sagen, ob ich es jetzt mehr bedauere, sie alle schon allzu sehr in Anspruch nehmen zu dürfen, oder ob ich froh bin, daß mir so angenehme Gelegenheit wird, sie in Anwendung bringen zu können." „Wirklich, Sir," sagte Miß Mannering lachend, „wenn Sie so schmeichelhafte Entschuldigungen hören lassen, so müssen wir wirklich Bedenken tragen, ob wir Ihnen erlauben dürfen, unter den angeführten Eigenschaften Schutz zu suchen." „Gewiß, Julie," sagte der Oberst, „du hast vollkommen Recht.; mein gelehrter Freund ist eine gefährliche Person; 1V7 während der letzten Zeit, wo ich das Vergnügen hatte, ihn zu sehen, befand er sich allein mit einer schönen Dame, die ihm acht Uhr Morgens ein tete-ä-tete gewährte." „Aber, Oberst," sagte der Rechtsgelehrte, „Sic sollten hin- zufügen, daß ich mehr meiner Chololadc, als meiner Liebenswürdigkeit eine so ausgezeichnete Gunst verdankte, die mir von einer so verständigen Person erwiesen ward, wie Mrs. Rebecka." „Und das erinnert mich, Mr. Plepdell," sagte Julie, „Ihnen Thee anzubieten — vorausgesetzt, daß Sie bereits zu Mittag gespeist haben." „Alles von Ihrer Hand, Miß Mannering," anwortete der galante Jurist; „Ich habe gespeist — das heißt, so gut man in einem schottischen WirthshauS speisen kann " „Das ist mittelmäßig genug," sagte der Oberst, nach der Klingelschnur greifend; „erlauben Sie mir, Ihnen etwas kommen zu lassen." „Nun, um die Wahrheit zu sagen," erwiederte Mr- Plep- dell, „ich möchte lieber nichts; ich habe in dieser Angelegenheit bereits Erkundigungen eingezogen, denn Sie müssen wissen, daß ich einen Augenblick unten verweilte, um meine Rcise- gamaschen abzulegen, die um eine Welt zu weit sind für meine eingeschrumpften Beine," (dabei warf er einen selbstgefälligen Blick hinab auf Glieder, die für sein Alter stattlich genug waren,) „und dabei gerieth ich in ein Gespräch mit Ihrem Barnes, und einer sehr verständigen Person, die wahrscheinlich die Haushälterin war; und wir machten unter uns aus — tntu re perspeotu — ich bitte Miß Mannering für mein Latein um Verzeihung — wir machten aus, daß die alte Dame Ihrem leichten Abendessen als gediegenere Erfrischung ein Gericht Wildenten beifügen sollte. Ich theilte ihr (stets mit geziemender Bescheidenheit) meine unmaßgeblichen Gedan- ken über die Sauce mit, welche mit ihren eignen genau übereinstimmten; und wenn Sie es erlauben, möcht' ich nun lieber warten, bis das Genannte fertig ist, eh' ich etwas Anderes zu mir nehme." „Und wir wollen die gewöhnliche Stunde unserer Abendmahlzeit diesmal nicht erwarten," sagte der Oberst. „Von Herzen gern," sagte Plepdell, „vorausgesetzt, daß ich die Gesellschaft der Damen keinen Augenblick früher verliere- Ich halt' cs mit meinem alten Freunde Burnet; ich liebe die eoena, das Abendessen der Alten, das fröhliche Mahl und gesellige Glas, welches aus unserer Seele die Spinneweben hinwegspült, welche uns Geschäfte und Mißmuth den Tag über da hineingesponncn haben-" Die Lebhaftigkeit, welche Mr. Plepdell's Blick und Benehmen zeigte, die Behaglichkeit, mit welcher er sich so vertraut über seine kleinen epicuräischcn Bedürfnisse aussprach, ergötzte die Damen, besonders aber Miß Manncring, welche dem Rcchts- gelehrten sogleich eine sehr schmeichclhafteAufmcrksamkeit schenkte; und während der Theestunde wurden von beiden Seiten mehr Artigkeiten gesagt, als wir zu wiederholen im Stande find. Sobald dies vorüber war, führte Manncring den Gelehrten in ein kleines Studierzimmer neben diesem Saal, wo man, nach der Sitte des Hauses, Abends stets Licht und ein geheiztes Kamin fand- „Ich sehe," sagte Mr. Plepdell, „daß Sie etwas in Bezug auf Ellangowan zu sagen haben — ist es etwas Irdisches oder Himmlisches? Was sagt mein militärischer Albumazar? haben Sie den Gang des Zukünftigen berechnet? haben Sie Ihre Ephemeridcn, Ihre Almochoden oder Almute zu Rath gezogen?" „Nein, in Wahrheit," erwiedcrte Mannering, „Sie find der einzige Ptolemäus, dem ich mich bei gegenwärtiger Gelegen- 109 -eit mittheilen will — als ein zweiter Prospero habe ich meinen Stab zerbrochen und mein Buch in bodenlose Meercstiefe versenkt. Abertrotzdem hab'ich wichtige Neuigkeiten. MegMerri- lies, unsere ägyptische Sibylle, ist dcm Simson heute erschienen und hat, wie ich vermuthe, den ehrlichen Mann nicht wenig erschreckt." „Wirklich!« „Ja, und sie hat mir die Ehre angethan, eine Correspon- dcnz mit mir zu eröffnen, in der Vermuthung, ich sei noch ebenso sehr in astrologische Geheimnisse vertieft, als bei un- scrm ersten Zusammentreffen- Hier ist ihr Schreiben, welches mir der Dominie überbrachtc." Pleydell setzte seine Brille auf." Ein schlechtes, kritzlicheS Geschreibsel, fürwahr — es sind Uncialbuchstaben von einer gewaltigen Größe, gerade und senkrecht sind sie, wie die Rippen eines gebratenen Spanferkels —ich kann es kaum herausbringen." „Lesen Sie laut," sagte Mannering. „Ich will's versuchen," antwortete der Jurist. — „Ihr seid ein guter Sucher, aber ein schlechter Finder; Ihr wolltet gern ein fallendes Haus unterstützen, hattet aber eine frohe Ahnung, es werde wieder erstehen. Leihet Eure Hand dem Werke, das nah ist, wie Ihr Euer Auge dem Schicksal geliehen habt, das fern war. Haltet einen Wagen bereit heut'Nacht, um zehn Uhr, am Ende des Hohlwegs bei Portauferry, und laßt darin die Leute nach Woodburne bringen, die fragen werden, ob sie dasind „inGottesNamen." — „Halt, hier kommt Poesie: — »Das Dunkel werde Licht, Und da« Unrecht werde Recht, Wann Bertram'« Recht und Bertram'« Macht Neu auf Ellangdwa »'S Hvh' erwacht." L, na „Wirklich, ein höchst mystischer Brief, und was das Poetische dabei betrifft, das ist in der That der cumäischen Sibylle würdig- — Und was haben Sie gethan?" „Nun," sagte Mannering mit einigem Widerstreben, „ich mußte ja wohl die Gelegenheit ergreifen, um Licht auf diese Sache zu werfen. Das Weib ist vielleicht verrückt und diese Reden rühren vielleicht blos von Visionen ihrer Einbildungskraft her; — aber Sie waren der Meinung, daß sie mehr von der seltsamen Geschichte wisse, als sie je sagte." „Und also," sagte Pleydell, „sandten Sie einen Wagen nach dem genannten Orte?" „Sie werden mich auSlachen, wenn ich gestehe, daß ich's that," sagte der Oberst. „Wer, ich?" erwiederte der Advokat. „Nein, in der That, ich glaube, es war das Klügste, was Sie thun konnten." „Ja," antwortete Mannering, froh, dem gefürchteten AuSlachen entgangen zu sein; „Sie wissen, das Schlimmste dabei kann nur der Fahrlohn sein — ich schickte eine Postchaise mit Vieren von Kippletringan ab, sammt solchen Anweisungen, wie sie der Brief verlangt — die Pferde werden lange in der Kälte stehen müssen heute Nacht, wofern unsere Nachricht grundlos war." „Ja, aber ich glaube, sie wird sich anders erweisen," sagte der Rechtsgelehrte. „Dies Weib har ihre Rolle so lange gespielt, bis sie dieselbe für ächt hielt; oder, wenn sie eine aus- gelernte Betrügerin ist, ohne die geringste Selbsttäuschung bei ihrer Schelmerei, so hält sie sich vielleicht immer für verpflichtet, im Geiste ihrer Rolle zu handeln — so viel weiß ich, ich vermochte mit Hilfe der gewöhnlichen Ausforschungsmittel nichts aus ihr herauszubringen; und das Klügste, was wir thun können, ist, ihr eine Gelegenheit zu geben, die Entdeckung 111 nach ihrem eigenen Gutdünken zu machen. Und haben Sie mir nun noch ein Mehreres zu sagen, oder werden wir zu den Damen gehen?" »Mein Gemüth ist ungewöhnlich aufgeregt," antwortete der Oberst, »und — aber ich habe wirklich weiter nichts zu sagen — ich werde nur die Minuten zählen, bis der Wagen kommt; aber ich darf von Ihnen nicht verlangen, daß Sie meine Unruhe theilen" „Nun, vielleicht nicht — aber Gewohnheit thut Alles," sagte der erfahrenere Rechtsgelchrte, — „ich bin allerdings sehr gespannt, aber ich hoffe doch die Zwischenzeit überleben zu können, wenn uns die Damen ein wenig mit Musik unterhalten wollen." „Auch die wilden Enten werden dabei gute Dienste thun?" bemerkte Mannering. „Gewiß, Oberst; eines Juristen Unruhe wegen der Entscheidung einer besonders wichtigen Sache, hat noch selten seinen Schlaf oderseine Verdauung gestört. Und trotzdem werde ich doch sehr begierig auf das Raffeln des zurückkehrenden Wagens warten." So sagend stand er auf und ging wieder nach dem anstoßenden Zimmer, wo Miß Mannering auf seine Bitte ihren Platz am Klavier nahm. Lucp Bertram, die ihre heimathli- chen Melodien sehr anmuthvoll sang, ward von ihrer Freundin aus dem Instrument begleitet, und Julie trug sodann einige von Scarlatti'S Sonaten glänzend vor. Der alte Advokat, der ein wenig auf dem Violonccll kratzte und Mitglied des Concerts der Gentlemcn in Edinburg war, war so zufrieden mit dieser Adendunterhaltung, daß er vielleicht gar nicht mehr an die wilden Enten dachte, als Barnes der Gesellschaft berichtete, daß die Abcndtafel bereit sei. „Sagt Mrs. Allan, sie möge noch etwas in Bereitschaft halten," sagte der Oberst — „ich erwarte — das heißt, ich 112 hoffe — daß vielleicht heute Nacht noch Gesellschaft hier sein wird; bleibt mit den Leuten auf und schließt das obere Hofthor nicht eher, bis ich es verlange." „Gott, Vater," sagte Julie, „wen könnt Ihr heute noch erwarten?" „Ei, einige Personen, die mir fremd sind und etwa über ein Geschäft mit mir reden wollen," antwortete ihr Vater, nicht ohne Verlegenheit, denn eine getäuschte Erwartung, die ihn in ein lächerliches Licht setzen konnte, würde ihm sehr unlieb gewesen sein; „es ist ganz ungewiß." „Nun, wir werden ihnen die Störung unserer Gesellschaft nicht verzeihen," sagte Julie, „außer wenn sie so gute Laune und so offene Herzen mitbringen, wie mein Freund und Bewunderer (als solcher erklärte er sich selbst,) Mr. Plepdell." „O, Miß Julie," sagte Pleydell, ihr äußerst höflich den Arm bietend, um sie in's Speisezimmer zu führen, „es gabeine Zeit — als ich von Utrecht zurückkchrte, im Jahr 17S8" — „Bitte, sprechen Sie nicht davon," antwortete die junge Dame — „wir lieben Sie weit mehr so, wie Sie sind — Utrecht, um Gottes willen! zum Glück scheint es mir, daß sie all' die folgenden Jahre dazu angewendet haben, um die Folgen Ihrer holländischen Bildung vollständig los zu werden." „O, verzeihen Sie, Miß Mannering," sagte der Advokat; „die Holländer sind hinsichtlich der Höflichkeit weit gebildetere Leute, als ihre flüchtigen Nachbarn zugeben wollen. Sie sind in ihren Artigkeiten pünktlich wie eine Uhr." „Das würde mich langweilen," sagte Julie. „Unerschütterlich in ihrer guten Laune." „Immer schlimmer," sagte die junge Dame. 113 „Und wenn dann auch," sagte der alte be-ui Agr^on, „Ihr Anbeter sechsmal drei hundert fünf und sechzig Tage Ihnen den Pelzkragen um den Hals gelegt und die Feuerkieke unter die Füße gestellt, im Winter Ihren kleinen Schlitten über das Eis, im Sommer Ihr Cabriolet durch den Staub gelenkt hat: doch können Sie ihn dann mit cinemmal, ohne Grund oder Entschuldigung, am zweitausend einhundert und neunzigsten Tage entlassen, (denn so viel wird ungefähr, nach meiner eiligen Berechnung und ohne die Schaltjahre zu berücksichtigen, der Zeitraum der angenommenen Anbetung betragen,) und dabei werden Ihre zärtlichen Gefühle nicht die geringste Unruhe nöthig haben wegen der Folgen in Bezug auf Mynheer." „Nun," crwiedertc Julie, „das letzte ist wirklich eine holländische Empfehlung — Krpstall und Herzen würden all ihren Werth in der Welt verlieren, wenn sie nicht zerbrechlich wären." „Auf solche Weise, Miß Mannering, ist es ebenso schwer ein Herz zu finden, welches bricht, als ein Glas, welches nicht bricht; und aus diesem Grunde möchte ich den Werth meines eignen erheben: wenn ich nicht sähe, daß Mr. Simson's Augen geschlossen und seine Hände seit einiger Zeit gefaltet sind, indem er nur das Ende unserer Conferenz erwartet, um das Tischgebet zu beginnen — Und, um die Wahrheit zu gestehn, das Ansehn der wilden Enten ist sehr appetitlich." So sagend setzte sich der würdige Rcchtsgelehrte an den Tisch, und legte für einige Zeit seine Galanterie bei Seite, um den guten Dingen, die sich vor ihm befanden, Ehre anzuthun. Er ließ eine Zeitlang weiter nichts hören, außer eine Bemerkung, daß die Enten auf vorzügliche Art gebraten wären und daß Mrs. Allan's Sauce über alles Lob erhaben sei- „Ich sehe," sagte Miß Mannering, „daß ich in Mr. Pley- Guy Manncring. III. 8 114 dell's Gunst eine furchtbare Rivalin habe, und zwar gleich am ersten Abend, wo er mir seine Bewunderung erklärte." „Verzeihen Sie, meine Schönste," antwortete der Advokat, „nur Ihre Strenge war es, die mich zu der Unschicklichkeit verleitete, in Ihrer Gegenwart ein gutes Abendessen einzu- nehmen; wie könnte ich Ihr Zürnen ertragen, ohne meine Kraft anzufrischen? Aus demselben und keinem andern Grunde bitt' ich um Erlaubniß, Wein mit Ihnen zu trinken." „Dies ist wahrscheinlich gleichfalls Utrechter Sitte, Mr. Pleydell?" „Um Vergebung, Fräulein," antwortete der Advokat; „selbst die Franzosen, die Vorbilder in Allem was artig heißt, nennen ihre Speisewirthe restsurateurs, was ohne Zweifel eine Anspielung auf den Trost enthält, den sie den verzweifelnden Liebhabern gewähren, welche durch die Härte ihrer Angebeteten darniedergebeugt sind. Mein eigner Fall verlangt so viel Trost, daß ich Sie um den andern Flügel dort bitten muß, Mr. Simson, obwohl ich sodann auch noch Miß Bertram um ein Pastetchen ersuchen werde; — Bitte, Sir, reißen Sie den Flügel blos ab, stalt ihn loszuschneiden — Mr. Barnes wird Ihnen helfen, Mr. Simson, — Dank' Ihnen, Sir — und, Mr. Barnes, ein Glas Ale, bitte." Während der alte Herr, mit Miß Mannering's lebhafter Munterkeit sehr zufrieden, zu ihrer und seiner eigenen Unterhaltung lustig fortsuhr, begann die Ungeduld des Oberst Mannering auf's Höchste zu steigen. Er lehnte es ab, sich an den Tisch zu setzen, unter dem Vorwand, daß er nie zu Abend esse; er schritt mit hastigen und ungeduldigen Schritten im Zimmer hin und her, bald einen Blick durch's Fenster werfend, um auf den dunkeln Hof zu schauen, bald nach dem fernen Geräusch des nahenden Wagens lauschend. Endlich verließ er, im Gefühle unbezwinglicher Ungeduld, das Zimmer, nahm Hut und Mantel und ging hinunter nach dem äußern Eingänge, als ob er so die Ankunft dessen, was er zu sehen verlangte, beschleunigen könnte. „Ich wünschte wirklich," sagte Miß Bertram, „daß sich der Oberst in der Nacht nicht hinauS- wagte. Sie hörten gewiß schon, Mr. Pleydell, was für einen Schrecken wir hier gehabt haben." „Ach, mit den Schmugglern?" erwiederte der Advokat — „die sind alte Freunde von mir. Ich habe vor langer Zeit einige von ihnen bestraft, als ich Sheriff dieser Grafschaft war." „Und sodann die Unruhe, die wir unmittelbar nachher hatten," setzte Miß Bertram hinzu, „als sich einer jener Böse- wichter zu rächen suchte." „Als der junge Hazlewood verwundet ward — auch davon Hab' ich gehört." ^ „Stellen Sie sich vor, weither Mr. Pleydell," fuhr Lucy fort, „wie sehr Miß Mannering und ich erschrecken mußten, als ein Schurke, ebenso furchtbar durch seine bedeutende Stärke, als durch die Wildheit seines Gesichts, auf uns loSstürzte!" „Sie müssen wissen, Mr. Pleydell," sagte Julie, unfähig ihren Unwille« über diese schnöde Schilderung ihres Geliebten zu unterdrücken, „daß der junge Hazlewood in den Augen der Damen dieser Gegend so hübsch ist, daß sie Jeden, der sich ihm nähert, zurückstoßend finden." Oho! dachte Pleydell, der schon seines Berufs wegen Stimmen und Geberden beobachtete, hier ist etwas zwischen meinen jungen Freundinnen nicht ganz richtig. — „Nun, Miß Mannering, ich habe den jungen Hazlewood seit seiner Kna- benzcit nicht gesehn, und die Damen mögen daher vollkommen Recht haben; aber trotz Ihres Spottes kann ich Ihnen versichern, daß Sie nach Holland gehen müssen, wenn Sie hübsche Männer sehen wollen; der artigste Bursch, den ich je sah, war ein Holländer, trotz seines barbarischen Namens, Vanbost, oder Vanbuster oder so ähnlich. Er wird nun freilich nicht ganz so hübsch sein können." Jetzt war es an Julien, bei der Bemerkung ihres gelehrten Bewunderers ein wenig aus der Fassung zu kommen, aber in diesem Moment trat der Oberst wieder in's Zimmer. „Ich kann noch nichts von ihnen bemerken," sagte er; „indeß wollen wir noch beisammen bleiben — Wo ist Dvminie Simson?" „Hier, geehrter Sir " „Was ist das für ein Buch, welches Sie in der Hand haben, Mr. Simson?" „Es ist der gelehrte De Lyra, Sir — ich wollte Mr. Pley- dell um sein Uriheil über eine streitige Stelle bitten, wofern es ihm belieben sollte " „Jetzt bin ich wirklich nicht aufgelegt, Mr. Simson," antwortete Plcydell; „hier seh' ich Stoff, der mich mehr anzieht — ich verzweifle noch nicht, die beiden jungen Damen zu einem Liedchen mit mir zu bewegen, wobei ich mich für meine Person erkühnen werde, den Baß zu übernehmen. Zum Henker mit De Lyra, Freund; bewahren Sie ihn für eine passendere Gelegenheit." Der abgewiesene Dominie schloß sein Buch und wunderte sich im Stillen nicht wenig, wie ein so gelehrter Mann sich mit so frivolen Tändeleien befassen könne. Der Advokat aber, gleichgiltig gegen den hohen Ruf der Gelehrsamkeit, den er durch Possen hcrabwürdigte, füllte sich ein großes Glas Burgunder, und nachdem er mit einer Stimme, die gar nicht angenehm klang, die Weise angegeben hatte, ermuthigte er die 117 Damen, mit ihm anzustimmen „Wir sind drei arme Schiffersleut'," und zu allgemeinem Ergötzen führte er seine eigne Partie dabei aus. „Werden eure Rosen nicht durch zu spätes Ausbleiben welken, meine jungen Damen?" sagte der Oberst. „Ei, gar nicht, Vater," antwortete Julie; „Dein Freund, Mr. Plepdell, droht, morgen ein Schüler Simson's zu werden, und daher müssen wir den Abend mit ihm noch möglichst genießen" Dies führte zu einem zweiten musikalischen Versuch, und dieser zu einem anmuthigeu Gespräch. Endlich, als der einsame Ktang der ersten Stunde längst im schwarzen Ohre der Nacht verklungen war und der folgende Stundenschlag sich bereits näherte, sah Mannering, den seine Ungeduld längst bis zur Verzweiflung gemartert hatte, nach seiner Uhr und sagte, „wir wollen sie nicht weiter erwarten" — doch im nämlichen Augenblick — aber was nun folgt, verlangt ein besonderes Kapitel. Elftes Kapitel. Richter. Ja, dies bestätigt wirklich jeden Umstand, Den die Zigeunerin genannt! — — — Du bist nicht Waise, bist nicht ohne Freunde — Ich bin dein Vater; hier ist deine Mutter, Dein Oheim dort — hier steht dein Vetter, jene Sind deine nächste» Anverwandte» ! Der Kritiker. Als Mannering seine Uhr wieder einsteckte, hörte er ein fernes und hohles Geräusch, „'s ist gewiß ein Wagen — nein, es ist nur das Sausen des Windes zwischen den unbelaubten Bäumen- Kommen Sie an's Fenster, Mr. Pleydell.« Der Advokat, der, mit seinem großen seidenen Taschentuch in der Hand, sich mit Julien über einen Gegenstand besprach, den er für interessant hielt, folgte dennoch dem Rufe, nachdem er zuvor sein Taschentuch, aus Furcht vor der kalten Luft, um den Hals gebunden hatte. Das Raffeln von Rädern ward nun sehr deutlich, und Pleydell rannte, als ob er all seine Neugier bis zu dem Augenblick verspart hätte, hinaus nach der Vorhalle. Der Oberst schellte nach Barnes, um ihm zu sagen, daß die im Wagen entkommenden Personen in ein besonderes Zimmer gewiesen werden sollten, da man überhaupt noch ungewiß war, wer sie sein möchten. Eh' jedoch seine Absicht ausgcführt werden konnte, hielt der Wagen bereits vor der Thür. Einen Augenblick später rief Mr. Pleydell: „hier ist wahrhaftig unser Liddes- daler Freund, nebst einem jungen Menschen von gleichem Kaliber" Dinmont hörte kaum diese Stimme, als er jenen auch alsbald mit Staunen und Freude erkannte. „O, wenn Ihr es seid, Sir, dann werden wir's so gut haben, als es nur immer möglich ist." Während aber der Pächter stehn blieb, um seine Verbeugung zu machen, trat Bertram, geblendet von dem plötzlichen Lichtschimmer und durch die Umstände seiner Lage verwirrt, fast bewußtlos durch die offene Thür des Gesellschaftszimmers und vor das Gesicht des Obersten, welcher im Begriff war, herauszutretcn. Das starke Licht des Zimmers ließ keinen Zweifel über seine Person übrig; und er selber war eben so betroffen über den Anblick derjenigen, denen er sich so unerwartet vorstellte, als sie cs über seine unverhoffte Erscheinung waren. Man muß sich erinnern, daß jede der anwesenden Personen ihre besondern Gründe hatte, mit Schrecken auf das zu sehen, was sie beim ersten Anblicke für eine gespenstische Erscheinung halten mußte. Mannering sah den Mann vor sich, den er in Indien getödtet zu haben glaubte; Julie erblickte ihren Geliebten in einer eigenthümlichcn und gefährlichen Lage; und Lucy Bertram erkannte sogleich den Menschen, der nach dem jungen Hazlewood geschossen hatte. Bertram, der das starre und regungslose Staunen des Obersten für Mißfallen über sein Eindringen auslegte, beeilte sich, zu erklären, daß es unfreiwillig geschehen sei, weil er, ohne zu wissen wohin man ihn brächte, hierher geführt worden sei. „Mr. Brown, glaub' ich!" sagte Oberst Mannering. „Ja, Sir," erwiederte der junge Mann bescheiden, „der nämliche, den Sie in Indien kannten; und der zu hoffen wagt, daß das, was Sie damals in Indien von ihm wußten, nicht 120 seiner Bitte hinderlich sein werde, der Bitte, daß Sie ihm Ihr Zeugniß hinsichtlich seines Charakters, als Gentleman und Mann von Ehre, schenken-" „Mr- Brown — ich war selten — nie—so sehr überrascht — gewiß, Sir, was auch zwischen uns vorgefallen ist, Sie haben das Recht, ein günstiges Zeugniß von mir zu verlangen." In diesem kritischen Augenblick traten der Rechtsgelehrte und Dinmont ein. Der ersterc sah mit Erstaunen, wie sich der Oberst eben von seiner ersten Ueberraschung erholte, wie Lucy Bertram im Begriff war, vor Schrecken ohnmächtig zu werden, und wie Miß Julie Mannering mit Zweifel und Be- sorgniß kämpfte, welche sie vergebens zu verbergen oder zu unterdrücken bemüht war. „Was soll dies Alles bedeuten?" sagte er; „hat dieser junge Mensch das Gorgoncnhaupt in seiner Hand mitgebracht? — laßt mich ihn betrachten. — Beim Himmel!" murmelte er für sich, „das wahre Ebenbild des alten Ellangowan! — Ja, dieselbe männliche Gestalt und hübschen Züge, aber mit weit mehr Verstand im Gesicht — Ja! — die Here hat ihr Wort gehalten." Dann fuhr er sogleich, zu Lucy tretend, fort: „Sehen Sie diesen Mann an, Miß Bertram, meine Liebe! haben Sie nie einen gesehn, der ihm ähnlich war?" Lucy hatte nur einen Blick auf diesen Gegenstand des Schreckens gewagt, wobei sie indeß sogleich, an der ausgezeichneten Größe und Gestalt, den vermeintlichen Mörder des jungen Haz- lewood wieder erkannte; eine Ueberzeugung, die natürlich einen günstigem Jdecngang nicht aufkommen ließ, welcher vielleicht durch einen genauem Blick verursacht worden wäre. — „Fragen Sie mich nicht um ihn, Sir," sagte sie, ihre Augen abwendend; „senden Sie ihn fort, um's Himmels willen! sonst werden wir all' ermordet." „Ermordet! wo ist die Waffe?" sagte der Advokat mit einiger Unruhe; »doch, dummes Zeug! wir sind drei Männer ohne die Diener, und hier ist der wackere Liddesdaler, der allein ein halb Dutzend gilt — wir haben die msjor vi8 auf unserer Seite — indeß, hier, mein Freund Dandie, Davie, oder wie nennt Ihr Euch? haltet Euch zwischen dem Menschen und uns, damit wir die Damen schützen können." »Herr Gott! Mr. Pleydell," sagte der erstaunte Pächter, „das ist ja Capitain Brown, kennt Ihr denn den Capitain nicht?" „Nun, wenn er ein Freund von Euch ist, so sind wir sicher genug," antwortete Pleydell; „aber bleibt nur in seiner Nähe." Alles dies geschah mit einer solchen Schnelligkeit, daß eS vorüber war, ehe sich Siwson von seiner Geisteszerstreuung erholt und das Buch geschloffen hatte, welches er eifrig in einem Winkel studierte. Indem er nun um die Fremden zu besichtigen, vortrat, rief er, Bertram gewahrend, plötzlich aus: „wenn das Grab Todte wiedergeben kann, so ist dies mein theurer und verehrter Herr!" „Also haben wir Recht, beim Himmel! ich wußte, daß ich Recht hatte," sagte der Advokat; „er ist das wahre Ebenbild seines VaterS- — Nun Oberst, woran denken Sie denn, daß Sie Ihren Gast nicht willkommen heißen? Ich denke, — ich glaube — ich bin überzeugt - ich sah nie solche Aehnlichkeit! — Aber Geduld — Dominie, sagen Sie kein Wort. — Setzen Sie sich, junger Herr " „Ich bitt' um Verzeihung, Sir; ich bin, wie ich sehe, in Oberst Mannering's Hause — daher möcht' ick vor Allem wissen, ob mein zufälliges Erscheinen hier Anstoß gibt, oder ob ich willkommen bin?" Mannering zwang sich, zu sprechen. „Willkommen? ganz gewiß, vorzüglich, wenn Sie mir zeigen, wie ich Ihnen dienen kann. Ich glaube einiges Unrecht gegen Sie gut machen zu 122 müssen — oft Hab' ich das vermuthet; aber Ihr plötzliches und unerwartetes Erscheinen, verbunden mit schmerzlichen Erinnerungen, hinderte mich, sogleich zu sagen, was ich jetzt sage: daß, was mir auch immer die Ehre dieses Besuches bringt, derselbe ein angenehmer ist." Bertram verbeugte sich mit zurückhaltender doch höflicher Anerkennung vor dem zwar auch höflichen, aber ernsten Man- uering. „Julie, meine Liebe, du thätest besser, dich zurückzuziehen. Mr. Brown, Sie werden meine Tock'ter entschuldigen; es find Umstände, welche in der Erinnerung ihr Gemüth schmerzlich berühren." Miß Mannering erhob sich und ging. Als sie jedoch an Bertram vorüber kam, konnte sie die Worte nicht unterdrücken: „Unbesonnener! ein zweites Mal!" aber sie sprach dies so leise, daß nur er es verstand. Miß Bertram begleitete ihre Freundin, sehr erstaunt, aber ohne einen zweiten Blick auf den Gegenstand ihres Schreckens zu wagen. Sie sah ein, daß ein Mißverständniß im Spiele war, und mochte dies nicht gern dadurch steigern, daß sie den Fremden als einen Meuchelmörder bezcichnete- Sie sah, daß der Oberst ihn kannte und als Gentleman empfing; sicherlich war er entweder gar nicht jene verdächtige Person, oder Hazlewood hatte Recht, daß der Schuß nur zufällig geschehen sei. Die zurückbleibcnde Gesellschaft würde keine üble Gruppe für einen geschickten Maler abgegeben haben. Jeder war zu sehr in seinen eignen Empfindungen befangen, um die der andern beobachten zu können. Bertram fand sich höchst unerwartet in dem Hause eines Mannes, den er einerseits als persönlichen Feind zu hassen, andrerseits als den Vater Juliens zu achten geneigt war; in Mannering kämpfte das lebhafte Gefühl für Höflichkeit und Gastfreundschaft und seine Freude, sich von der Schuld, ein Menschen- 123 leben im Privatkampse vernichtet zu baben, befreit zu sehn, mit den frühern Empfindungen des Mißfallens und VorurtheilS, welche in seinem stolzen Gemöthe beim Anblicke des Gegenstandes wieder erwachten, gegen den er sie genährt hatte; Simson, seine bebenden Glieder unterstützend, indem er sich an der Stuhllehne hielt, heftete seine Augen auf Bertram mit einem starren Ausdruck nervöser Anspannung, die sein ganzes Gcstcht verzerrte; Dinmont, in sein weites langhaariges Unterkleid gewickelt, und einem großen, aufrecht auf den Hinterbeinen stehenden Bär gleichend, starrte die ganze Umgebung mit großen runden Augen an, welche sein Staunen kund thaten. Der RechtSgclehrte allein war in seinem Elemente, schlau, gewandt und thätig; schnell berechnete er die Aussicht eines glänzenden Erfolgs in einem seltsamen, wichtigen und gcheim- nißvollen Proceffe, und kein junger Monarch, von Hoffnungen durchglüht und an der Spitze einer stattlichen Armee, konnte größere Freude empfinden, wenn er seinen ersten Feldzug unternahm. Er zeigte sich äußerst geschäftig und energisch und übernahm allein die Entwickelung der ganzen Sache. „Wohlan, meine Herren, setzen Sie sich; dies gehört Alles in mein Revier: ich muß Alles für Sie in Ordnung bringen. Setzen Sie sich, lieber Oberst, und lassen Sie mich machen; setzen Sie sich, Mr. Brown, aut guocungue alio nomine voesris — Döminie, nehmen Sie Platz; und hier ist ein Stuhl, wackrer Liddcsdaler." „Ich weiß nicht, Mr. Pleydell," sagte Dinmont, auf sein abgeschabtes Kleid blickend, so wie auf das stattliche Geräth im Zimmer, „vielleicht hält' ich besser gethan, sonst wohin zu gehn, bis Ihr mit Euren Geschichten fertig seid — ich bin nicht so ganz geeignet" — Der Oberst, der jetzt Dandie wieder erkannte, ging sogleich zu ihm hin und hieß ihn herzlich willkommen; er versicherte, 124 nach dem, was er in Edinburg von ihm gesehn, sei er überzeugt, sein grober Rock und seine dicksohligen Stiefeln würden ein königliches Zimmer ehren. „Nein, nein, Oberst, wir sind nur schlichtes Landvolk; aber gewiß würd' ich gern von etwas Gutem hören, was dem Ca- pitain begegnet ist; und gewiß ist auch, daß Alles gut gehen wird, wenn Mr. Plepdell die Sache angreift." „Ganz recht, Dandie — das war wie ein Hochlandsorakel gesprochen — und nun bitt' ich um Schweigen— Gut, so säßen denn nunmehr Alle; zuvor ein Glas Wein, eh' ich regelrecht zu katechistrcn beginne. Und nun," (sich an Bertram wendend,) „mein junger Freund, wissen Sie, wer oder was Sie sind?" Trotz seiner Verlegenheit konnte der Katechumene nicht umhin, über diesen Anfang zu lachen, und er antwortete: „Wirklich, Sir, früher glaubt' ich, das zu wissen; aber ich gestehe, daß mich neuere Umstände etwas ungewiß gemacht haben." „Dann sagen Sie uns, was Sie früher selbst glaubten." „Nun, ich war gewohnt mich für Vanbeest Brown zu halten und mich so zu nennen, welcher als Freiwilliger unter Oberst Manncring diente, als er das-Regiment befehligte; und in jener Eigenschaft war ich ihm auch nicht unbekannt." „Hierin," sagte der Oberst, „kann ich die Identität des Mr- Brown beglaubigen; und hinzufügen kann ich noch, was seine Bescheidenheit wohl vergessen hat, daß er sich als ein junger Mann von Talent und Muth auszeichnete." „Um so besser, theurer Sir," sagte Mr. Plepdell; „aber das find nur allgemeine Berichte — Mr. Brown muß uns sagen, wo er geboren ward." „In Schottland, glaub' ich, aber der Ort ist ungewiß." „Wo erzogen?" „In Holland, mit Gewißheit." 125 , »Ist Ihnen nichts auS Ihrem frühern Leben erinnerlich, eh' Sie Schottland verließen?" „Sehr wenig; doch ein starkes Gefühl ist mir geblieben, vielleicht der spätern harten Behandlung wegen um so tiefer eingeprägt, daß ich während meiner Kindheit der Gegenstand großer Sorgfalt und Zärtlichkeit war. Ich habe eine unbestimmte Erinnerung von einem gutmüthig aussehenden Manne, den ich Papa zu nennen pflegte, und von einer Dame, die oft kränklich war, und, wie ich glaube, meine Mutter gewesen sein muß; aber diese Erinnerungen sind unvollkommen und wirr. Auch cnt- sinneich mich eines großen, hager», sanftmüthigen Mannes,welcher schwarz gekleidet war, mich die Buchstaben lehrte und mit mir spazieren ging; — und gerade in der letzten Zeit, glaub' ich"- Hier konnte sich der Dominie nicht länger halten. Während jedes jener Worte immer deutlicher bewies, daß seines Wohlthci- tcrs Kind vor ihm stand, hatte er mit äußerster Mühe seine Bewegung zu unterdrücken gesucht; als sich aber dicJugendcrinnerun- gen Bertram's auf seinen Lehrer und dessen Lehren bezogen, da war er gezwungen, seinen Empfindungen Raum zu geben. Hastig erhob er sich von seinem Stuhle, und mit gefalteten Händen, bebenden Knicen und überströmenden Augen rief er laut: Harry Bertram! — Sieh mich an — war ich nicht der Mann?" „Ja!" sagte Bertram, von seinem Sitz cmporfahrcnd, als wär' cö plötzlich hell in seiner Seele geworden, — „Ja — das war mein Name! — und das ist die Stimme und die Gestalt meines sanften alten Lehrers!" Stürmisch umarmte ihn der Dominie, drückte ihn in krampfhaftem Entzücken tausendmal an seinen Busen, und dabei zitterte sein ganzer Körper, sein Athem war kurz, bis er endlich, nach der ausdrucksvollen Redeweise der Schrift, seine Stimme erhob und laut weinte. Oberst Mannering hatte sein Taschentuch zu Hilfe 126 genommen; auchPleydell verzog das Gesicht und wischte seine Brillengläser ab; und der ehrliche Dinmont rief, nachdem er seiner Bewegung zweimal durch lautes Schluchzen Luft gemacht hatte: »der Teufel sitzt in dem Manne! er hat mich verführt, zu thun, was ich nicht that, seit meine alte Mutter starb." „Nun wohl," sagte der Advokat endlich, „Stille im Gerichtshof! — Wir haben vollauf zu thun; wir dürfen keine Zeit verlieren, um uns vollständig zu unterrichten — denn so viel weiß ich, es kann vor Tagesanbruch noch etwas zu thun geben." „Ich will ein Pferd satteln lassen, wenn Sie das wollen," sagte der Oberst. „Nein, nein, cs hat schon Zeit — Zeit genug — nun aber, Dominie, Hab' ich Ihnen Zeit genug vergönnt, Ihre Gefühle gehen zu lassen. Jetzt zur Ordnung — Sie müssen mich in meiner Untersuchung fortfahren lassen." Der Dominie war gewohnt, Jedem zu gehorchen, der ihm Befehle ertheilen mochte; er sank in seinen Stuhl zurück, breitete sein scheckiges Taschentuch über's Gesicht, welches vermuth- lich als der Schleier des griechischen Malers dienen sollte, und, nach seinen gefalteten Händen zu schließen, schien er eine Zeitlang mit Dankgebetcn beschäftigt zu sein. Dann erhob er seine Augen über die Verhüllung, als wolle er sich überzeugen, daß die erfreuliche Erscheinung nicht in Luft zerflossen sei — dann senkte er sie wieder, um die innerlichen frommen Betrachtungen fortzusetzen, bis er sich genöthigt fühlte, dem Advokaten Aufmerksamkeit zu schenken, dessen Fragen seine Theilnahme in Anspruch nahmen- „Und nun," sagte Mr. Plepdell, nachdem er noch verschiedene speciellere Fragen über jene Jugenderinnerungen gethan hatte, — „nun, Mr. Bertram, denn ich denke, wir müssen Sie von jetzt an bei Ihrem eigenen wirklichen Namen nennen, nun werden Sie die Güte haben, uns jeden einzelnen Umstand wissen zu lassen, dessen Sie sich in Bezug auf die Art und Weise entsinnen, auf welche Sie Schottland verließen." „Wirklich, Sir, ich muß gestehen, daß, obwohl im Allgemeinen das Schreckliche jenes Tages meinem Gedächtnisse fest eingeprägt ist, doch der Schrecken selbst, der das Allgemeine darin befestigte, die Einzelheiten großentheils verwischt und verwirrt hat. Ich erinnere mich indeß, daß ich irgendwo spazieren ging, in einem Wald, glaub' ich" — „O ja, es war im Warrochwald, mein Theurer," sagte der Dominie. „Still, Mr. Simson," sagte der Advokat. „Ja, es war in einem Wald," fuhr Bertram fort, während längst entschwundene oder verworrene Ideen sich in der erwachenden Erinnerung von selbst wieder ordneten; „und es war auch Jemand bei mir — dieser würdige und liebevolle Herr, glaub' ich." „O, ja, ja, Harrp, Gott segne dich — ich war es selbst." „Sein Sie still, Dominie," sagte Plepdell, „und thun Sie der Ueberzeugung keinen Eintrag. — Und nun?" setzte er gegen Bertram hinzu. „Und nun, Sir," fuhr Bertram fort, „gerade wie es im Traume oft schnell mit uns wechselt, nun glaubte ich, vor meinem Begleiter auf einem Pferde zu fitzen " „Nein, nein," rief Simson, „nie setzte ich meine Glieder, geschweige die deinen, in solche Gefahr." »Aus mein Wort, das ist unerträglich! — Sehen Sie, Dominie, wenn Sie noch ein Wort reden, eh' ich Ihnen Erlaub- niß gebe, so les' ich drei Bannsprüche aus dem Buche der schwarzen Künste, schwinge zu dreien Malen den Stab um mein Haupt, vernichte all' den Zauber dieser Nacht und lasse den Harry Bertram wieder zum Vanbeest Brown werden." 128 „Geehrter und würdiger Sir," stöhnte der Dominie, „ich bitte demüthig um Verzeihung — es war nur verbum volsns." „Gut, nolens volens, Sie müssen Ihr Maul halten," sagte Ple-dell- „Bitte, still, Mr. Simson," sagte der Oberst; „es ist höchst wichtig für Ihren wiedergefundenen Freund, daß Sie Mr- Plepdell seine Fragen fortsetzen lassen." „Ich bin stumm," sprach der eingeschüchterte Simson. „Plötzlich," fuhr Bertram fort, „sprangen einige Männer auf uns los und wir wurden vom Pferde gerissen. Ich besinne mich hierbei nur auf wenig sonst, außer daß ich während eines verzweifelten Kampfes zu entfliehen suchte und in die Hände eines sehr großen Weibes gerieth, welches aus dem Gebüsch erschien und mich eine Zeitlang schützte — Alles Ucbrige ist Verwirrung und Furcht — nur noch eine dunkle Erinnerung von einem Meeresstrand, einer Höhle und einem starken Getränk, welches mich auf einige Zeit in Schlaf lullte- Kurz, mein Gedächtniß hat hier eine völlig leere Stelle, bis zur Zeit, wo ich mich meiner als eines übelbehandelten und halbverhungerten Schiffsjungen erinnere, sodann als eines Schulkunden in Holland, unter dem Schutz eines alten Kaufmanns, der mich aus einer Vorliebe zu sich genommen hatte " „Und welche Nachricht," sagte Mr. Plcydcll, „gab Ihnen Ihr Erzieher von Ihrem Herkommen?" „Eine sehr dürftige," antwortete Bertram, „so wie das Geheiß, nicht weiter zu fragen. Man gab mir zu verstehen, mein Vater sei in den Schleichhandel, der an der Ostküste Schottlands getrieben wird, verwickelt gewesen und in einem Gefecht mit den Zollbeamten getödtet worden; ferner daß seine Handelsfreundein Holland damals an jener Küste ein Fahrzeug hatten, von dessen Mannschaft einige jener Affaire beiwohnten, welche mich, nachdem Alles vorbei, fanden unk aus Mitleid mit sich nahmen, weil ich nach meines Vaters Tod völlig verlassen war. Als ich älter ward, schien mir vieles in dieser Erzählung meinen eignen Erinnerungen zu widersprechen, aber was konnte ich thun? Ich hatte keine Mittel, um meine Zweifel aufzuklären, und keinen einzigen Freund, dem ich sie hätte mittheilen können. Der Rest meiner Geschichte ist dem Oberst Mannering bekannt: ich ging nach Indien, um in einem holländischen Hause Handlungsdie- ner zu werden; die Geschäfte dieses Hauses verwirrten sich — ich wählte selbst den Soldatenstand, dem ich auch, wie ich hoffe, keine Schande gemacht habe." „Du bist ein wackrer junger Bursche, ich will dafür bürgen," sagte Plepdell; — „und da Sie so lang' eines Vaterc ermangelt haben, so wünsche ich von Herzen, ich könnte selber die Vaterschaft in Anspruch nehmen. Aber jener Vorfall mit dem jungen Hazlewood" — „War reiner Zufall," sagte Bertram. „Ich machte eine Vergnügungsreise in Schottland, und, nachdem ich eine Woche bei meinem Freunde Dinmont gewohnt hatte, mit dem ich so glücklich war, bekannt zu werden," — „ES war mein Glück," sagte Dinmont; „zum Henker, mein Hirnkasten wäre von zwei Strauchdieben eingcschlagen worden, wenn er nicht dazu gekommen wäre." „Kurz nachher trennten wir uns bei dem Städtchen-, ich verlor mein Gepäck durch Diebe, und es geschah während meines Aufenthalts zu Kippletringan, daß ich dem jungen Gentleman begegnete. Als ich nahe hinzu kam und Miß Mannering, die ich in Indien gekannt hatte, grüßen wollte, befahl mir Mr. Hazlewood, da mein Aufzug allerdings damals nicht sehr glänzend war, sehr hochfahrend, zurückzutretcn, und gab so Gelegenheit zu dem Streit, in welchem ich das Unglück Guy Mannertng. Ill- 9 130 hatte, ihn zufällig zu verwunden. — Und nun, Sir, da ich all' Ihre Fragen beantwortet habe"- „Nein, nein, noch nicht alle," sagte Pleydell, schlau winkend; „cs sind noch einige Fragen übrig, die ich auf morgen verschieben will; denn es ist, denk' ich, Zeit, die Sitzung für diese Nacht, oder vielmehr für diesen Morgen, aufzuheden." „Nun gut," sagte der junge Mann, „um die Phrase anders zu wenden: nachdem ich alle Fragen beantwortet habe, die Sie mir diese Nacht vorlegten, so werden Sie wohl die Güte haben mir zu sagen, wer Sie sind, der sie meinen Angelegenheiten so große Theilnahme beweisen, und wofür Sie mich halten, da meine Ankunft so große Bewegung verursacht hat?" „Nun, Sir, was mich betrifft," antwortete der Rechts- gelehrte, „ich bin Paulus Pleydell, Advokat aus Edinburg; und was Sie betrifft, so ist es nicht leicht, mit Bestimmtheit zu sagen, wer Sie gegenwärtig sind; aber binnen kurzem hoffe ich Sie zu begrüßen mit dem Titel Henry Bertram, Esq., Stammhalter einer der ältesten Familien Schottlands und Erbe der Be- sitzungEllangowan —Ja," fuhr er fori, die Augen schließend und für sich sprechend, „wir müssen seinen Vater übergehen und ihn als Erben seines Großvaters Lewis betrachten — der war der einzige kluge Mann dieser Familie, von dem ich je gehört habe." Alle waren jetzt aufgestanden, um sich nach ihren Zimmern zu begeben, als Oberst Mannering zu Bertram trat, welcher erstaunt über des Advokaten Worte da stand. „Ich freue mich herzlich," sagte er, „über die Aussichten, die Ihnen das Schicksal eröffnet hat. Ich war ein früher Freund Ihres Vaters, und befand mich gerade so unerwartet im Hause Ellangowan, wie Sie jetzt in dem meinigen, in derselbe» Nacht, wo Sie geboren wurden. Es war mir davon nichts bekannt, als — aber ich hoffe, alle Unfreundlichkeit wird zwischen uns vergessen sein- Glauben Sie, 131 Ihr Erscheinen hier, als Mr. Brown, lebendig und gesund, hat mich von quälenden Empfindungen befreit; und Ihr Anspruch auf den Namen eines altes Freundes macht Ihre Gegenwart, als Mr. Bertram, doppelt willkommen." „Und meine Eltern?" sagte Bertram. „Beide sind nicht mehr — das Familieneigenthum ist verkauft worden, kann aber, hoff' ich, wieder erlangt werden. Was immer nöthig sein mag, Ihre Ansprüche geltend zu machen, ich werde mich glücklich schätzen, sie zu unterstützen." „Nun, das mögen Sie nur Alles mir überlassen," sagte der Advokat; „das ist mein Beruf, ich werde schon Geld draus machen." „Ich weiß wohl, es schickt sich nicht für meines Gleichen," sagte Dinmont, „zu euch Edelleuten zu reden, aber wenn Geld in des Capitains Sache helfen kann, und es heißt ja, kein Prozeß geht ohne Geld" — „Ausgenommen am Samstag-Abend," sagte Pleydell. „Ja, aber wenn Ihr die Gebühren nicht nehmen wollt, so sollt Ihr auch die Sache nicht haben, und ich komme nie wieder Sonnabends zu Euch, ich wollte aber nur sagen, daß eine Summe Geld in dem Tabacksbeutcl") steckt, welcher dem Capi- tain gehört, denn wir haben es für ihn abgezählt, Ailie und ich." „Rein, nein, Liddesdaler — nicht nöthig, nicht nöthig — behaltet Euer Geld um Euer Gut zu versorgen." „Mein Gut versorgen? Mr. Pleydell, Ihr mögt wohl recht vielerlei verstehen, aber Ihr versteht nichts von dem Gute Charlieshope — das ist schon so gut »ersehn, daß wir jedes Jahr wohl sechshundert Pfund draus nehmen, für Fleisch und Felle zusammen gewiß " „Könnt Ihr nicht ein zweites in Pacht nehmen?" ") Gelegentlich als Börse benutzt. S* 132 »Ich wüßte nicht — der Gutsherr gibt nicht gern Ländereien her, und die alten Pächter mag er nicht vertreiben; und dann ist's auch nicht meine Sache, hinzugehen und die Nachbarn im Pachtzins zu überbieten." „Wie, auch nicht den Nachbar zu Dawston — Teufelstein — oder wie der Ort hieß?" »Wie, den Zock von Dawston? ach nein — er ist ein Trotzkopf und fängt arge Geschichten wegen den Gränzen an, und wir sind deßwegen schon oft zusammengekommen — aber der Teufel hole mich, wenn ich dem Zock von Dawston Unrecht thue." „Du bist ein wackrer Kerl," sagte der Rechtsgelehrte; »Geh' nun zu Bett- Du wirst besser schlafen, dafür steh' ich, als mancher Mann, der einen verbrämten Rock auszieht und eine gestickte Nachtmütze aufsetzt. — Oberst, ich sehe, Sie sind mit unserm Inlaut trouvö beschäftigt. Aber Barnes soll mich um sieben Uhr Morgens wecken, denn mein Bedienter ist ein verschlafener Kerl; und gewiß hat mein Schreiber, Driver, Cla- rence's Schicksal erfahren, und hat sich während dieser Zeit in Ihrem Ale ertränkt. Mrs. Allan versprach nämlich ihn zu pflegen und sie wird bald sehen, was er darunter versteht. Gute Nacht, Oberst — gute Nacht, Dominie Simson — gute Nacht, Dinmont — Gute Nacht endlich dem wiedergefundenen Stammhalter der Bertrams, der Mac-Dingawaies, der Knarths, der Arths, der Godfrcps, der Dennises und der Rolands, und (der letzte und liebste Titel,) dem Erben der Ländereien und der Baronie von Ellangowan, nach dem Vermächtniß des Lewis Bertram, Esq., dessen Nachfolger Sie sind." So sagend, ergriff der alte Herr sein Licht und verließ das Zimmer; und die Gesellschaft trennte sich, nachdem Simson noch einmal seinen „kleinen Harry Bertram," wie er den jungen, sechs Fuß hohen Krieger noch immer nannte, geherzt und umarmt hatte- Zwölftes Kavitel. -Meine Phantasie Hat Niemand lieb, als Bertram nur allein; ES ist um mich geschehn; ach, todt ist Alles, Wenn Bertrain fort ist.- Ende gut, Alles gut. Zu der Stunde, die er am vorigen Abend bezeichnet hatte, saß der unermüdliche Zurist bei einem guten Feuer und zwei Wachskerzen, eine Sammetmütze auf dem Kopfe und in einen warmen seidenen Schlafrock gehüllt, geschäftig seine Memoranda hinsichtlich der Beweismittel und Andeutungen ordnend, welche den Mord des Frank Kennedy betrafen- Ein Bote war auch sogleich an Mac-Morlan geschickt worden, um dessen Gegenwart in Woodbourne, wichtiger Geschäfte wegen, so schnell als möglich gebeten ward. Dinmont, ermüdet von den Erlebnissen des vorigen Abends, und die Einrichtung in Woodbourne vorzüglicher als jene des Mac-Guffog findend, beeilte sich gar nicht aufzustehen. Die Ungeduld Bertram's würde diesen wohl früher in Bewegung gesetzt haben, aber Oberst Manncring hatte die Absicht blicken lassen, ihn an diesem Morgen auf seinem Zimmer zu besuchen, und er mochte es daher nicht verlassen. Vor dieser Zusammenkunft hatte er fich gekleidet, da ihn Barnes, auf Befehl seines Herrn, mit Wäsche u. s. w- versehen hatte, und nun wartete er mit Spannung auf den verheißenen Besuch seines Wirthes. 134 Bald verkündigte ein leises Pochen den Obersten, mit welchem Bertram eine lange und befriedigende Unterhaltung hielt. Jeder verbarg jedoch dem Andern einen Umstand. Mannering vermochte sich nicht zu überwinden, von der astrologischen Weissagung zu reden; und Bertram schwieg, aus leicht begreiflichen Gründen, von seiner Liebe zu Julie. In jeder andern Hinsicht war das Gespräch auf beiden Seiten offen und angenehm, und hatte endlich, was den Obersten betraf, sogar etwas Herzliches. Bertram maß sein Betragen sorgfältig nach dem seines Wirthes, und nahm die dargebotene Freundlichkeit vielmehr mit Dankbarkeit und Vergnügen an, als daß er sie mit Eifer gesucht hätte- Miß Bertram befand sich im Gesellschaftszimmer, als Sim- son mit freudestrahlendem Gesicht hereinstolperte; dieser Umstand war so ungewöhnlich bei ihm, daß Lucp anfangs glaubte, es habe ihm Jemand irgend eine Lüge aufgeheftet, die ihn in solches Entzücken versetze- Nachdem er eine Zeitlang dagesessen hatte, und zwar mit rollenden Augen und offenem Munde, gleich dem an Merlin's großem Holzkopse, begann er endlich: — „und was denken Sie von ihm, Miß Lucp?" „Von wem, Mr. Simson?" sagte die junge Dame. „Von Harr — nein — von dem, den Sie kennen?" fragte der Dominie wieder. „Den ich kenne?" erwiederte Lucy, durchaus nicht begreifend, was er meinte. „Ja, von dem Fremden, der, wie Sie wissen, gestern Abend in der Postkutsche kam — der nach dem jungen Hazlewood schoß — ha, ha, ho!" so sagte der Dominie, mit einem Lachen, das wie ein Gewiehcr klang. „Wirklich, Mr. Simson," sagte seine Schülerin, „Sie haben sich einen seltsamen Gegenstand zur Belustigung gewählt — ich Lenke nichts von dem Manne, ich hoffe blos, daß der Anfall ein zufälliger war und daß wir keine Wiederholung desselben fürchten müssen." „Zufällig! ho, ho, ha!" wieherte Simson wieder. „In der That, Mr. Simson," sagte Lucy ein wenig gereizt, „Sie sind diesen Morgen ungewöhnlich lustig." „Ja, das bin ich gewißlich! ha, ha, ho! sehr spaßhaft — ho, ho, ha!" „So ungewöhnlich spaßhaft, mein lieber Sir," fuhr die junge Dame fort, „daß 'ich wohl eher den Grund Ihrer Lustigkeit kennen möchte, als mich blos mit Ihren Wirkungen zu unterhalten." „Sollen ihn kennen, Miß Lucy," erwiederte der arme Abel — „erinnern Sie sich Ihres Bruders?" „Guter Gott! wie können Sie mich fragen? — Niemand weiß besser, als Sie, daß er am Tage meiner Geburt verloren ging." „Sehr wahr, sehr wahr," antwortete der Dominie, traurig bei dieser Erinnerung; „ich war außerordentlich vergeßlich — ja, ja — zu wahr — Aber Sie erinnern sich Ihres würdigen Vaters?" „Wie könnten Sie daran zweifeln, Mr. Simson? es ist ja erst wenig Wochen her" — „Wahr, wahr — ja, zu wahr," erwiederte der Dominie, während sein ungeheures Lachen zu einem leisen Kichern herabsank, — „ich werde bei dieser Erinnerung nicht weiter spaßhaft sein — aber sehen Sie den jungen Mann an!" Bertram trat in diesem Augenblick in's Zimmer. „Ja, betrachten Sie ihn wohl — er ist Ihres Vaters lebendiges Ebenbild; und da euch Gott eurer theuren Eltern beraubt hat — O, meine Kinder, liebt einander!" 136 „Es ist in der That meines Vaters Gesicht und Gestalt," sagte Lucy erbleichend; Bertram eilte, sie zu unterstützen — der Dominie wollte ihr Wasser in's Gesicht spritzen, (welches er in der Eile aus der kochenden Theekanne nahm,) als zum Gluck sich ihre Wangen wieder rötheten, und sie so vor der Anwendung jenes Übeln Heilmittels geschützt ward. „Ich beschwöre Sie, mir zu sagen, Mr. Simson," sagte sie, mit schwankender aber feierlicher Stimme, „ob dies mein Bruder ist?" „Er ist's — er ist's! — Miß Lucy, 'S ist der kleine Harry Bertram, so gewiß, als Gottes Sonne am Himmel steht!" „Und das ist meine Schwester?" sagte Bertram, all den Gefühlen brüderlicher Liebe Raum gebend, die so lange in ihm geschlummert hatte, weil der Gegenstand fehlte, dem er sie zuwenden konnte. „Sie ist's — sie ist's! — es ist Miß Lucy Bertram," rief Simson, „die Sie, durch meine geringe Hilfe, vollkommen finden werden in der Sprache Frankreichs, Italiens und selbst Spaniens — sie liest und schreibt ihre Muttersprache vollkommen, versteht Arithmetik, so wie doppelte und einfache Buchhaltung — ich schweige von ihren Talenten im Zuschneiden, Nähen, Haushalten, welches, um jedem sein Recht zu lassen, sie nicht von mir erlernte, sondern von der Haushälterin — auch maße ich mir nicht ihre Bildung auf Saiteninstrumenten an, denn diese hat sie durch den Unterricht einer ehrbaren, jungen, tugendsamen, bescheidenen und sehr witzigen Dame, — Miß Julie Mannering — in bedeutendem Maße erworben — Luuin cniglie tribuito." „Also du bist die Einzige," sagte Bertram zu seiner Schwester, „die mir übrig geblieben ist! — In letzter Nacht, oder vielmehr an diesem Morgen, gab mir Oberst Mannering eine 137 Schilderung unscrs Familienunglücks, aber er sagte mir nicht, daß ich meine Schwester hier finden würde." „Das," sagte Lucy, „überließ er diesem Herrn, einem der sanftesten und treuesten Freunde, welcher meines Vaters lange Krankheit linderte, bei seinem Ende gegenwärtig war, und, unter dem härtesten Geschick, nie seine verwaiste Tochter verlassen wollte." »Gott segne ihn dafür!" sagte Bertram, Simsons Hand drückend, „er verdient die Liebe, mit welcher ich selbst den schwachen Schatten seines Andenkens ehrte, welches mir aus der Kindheit geblieben " „Und Gott segne euch beide, meine theuren Kinder," sagte Simson; ,,wär' es nicht euretwillen gewesen, so würd' ich gern (hätt' es dem Himmel gefallen,) mein Haupt zur Seite meines Wohlthäters zur Ruhe gelegt haben." „Aber ich hoffe," sagte Bertram, „ich hoffe mit Zuversicht, wir werden noch Alle bessere Tage sehen. All' unser Leid soll gut gemacht werden, da mir der Himmel Mittel und Freunde sendet, um mein Recht zu behaupten." „Freunde fürwahr!" wiederholte Simson, „und gesandt, wie Sie richtig sagen, von Ihm, den ich Sie früh als den Quell alles Guten betrachten lehrte. Da ist der berühmte Oberst Mannering aus Ostindien, ein Mann des Krieges von Jugend auf, aber nichtsdestoweniger ein Mann von großer Gelehrsamkeit, wenn man seine geringe Gelegenheit, sich Gelehrsamkeit zu sammeln, erwägt; und ferner ist da der berühmte Advokat Pleydcll, ebenfalls ein sehr gelehrter Mann, nur daß er sich zu geringfügigem Tand herabläßt; und dann ist da Mr. Andrew Dinmont, der meines Wissens zwar keine tiefe Gelehrsamkeit besitzt, der aber, gleich den alten Patriarchen, kundig ist dessen, was Heerden und Viehzucht betrifft — Schließ- 138 lich bin ich selbst noch da, der die treffliche Gelegenheit Gelehrsamkeit zu sammeln (die ihm in reicherm Maaße geboten ward, als den vorbesagten schätzbaren Personen,) nicht, wenn ich selber so sprechen darf, vernachlässigt hat, insofern nämlich meine armen Fähigkeiten mich in Stand setzten, jene zu nützen- Gewiß ist, kleiner Harry, daß wir schleunig unsre Studien wieder beginnen muffen. Ich will von der Grundlage beginnen — Ja, ich will Ihre Erziehung von unten auf anfangen, von der wahren Kenntniß der englischen Grammatik bis zu jener der hebräischen und chaldäischen Sprache." Der Leser wird bemerken, daß Simson bei dieser Gelegenheit weit verschwenderischer mit Worten war, als er sich bisher damit gezeigt hatte. Der Grund war, daß er beim Wiederfinden seines Zöglings, sich sogleich im Geiste in die Zeit ihres frühern Beisammenseins zurück versetzte, und in seiner Jdeenverwirrung fühlte er nun das stärkste Verlangen, den Buchstabierunterricht mit dem jungen Bertram wieder anzufangen. Dies war um so spaßhafter, da er sich gegen Lucy nicht ein solches Lehreransehen gab- Aber sie war unter seinen Augen groß geworden und hatte sich allmälig seiner Leitung entzogen durch Zunahme an Jahren und Kenntnissen, so wie durch die stille Neberzeugung, wie sehr er selber an feinen Sitten unter ihr stehe: so betrachtete er nun Harry als auf demselben Punkte stehend, wo er ihn verlassen hatte. Dieses Gefühl der wiederkehrenden Autorität verleitete ihn zu dem, was bei ihm Wortreichthum war; und wie man selten mehr als gewöhnlich spricht, ohne sich Blößen zu geben, so gab er denen, die er anredete, deutlich zu verstehen, daß er zwar den Meinungen und Befehlen aller derjenigen, mit denen er zusammenkäme, sich nachgiebig unterwerfe, aber dabei immer die innere Ueberzeugung hege, er stehe im Punkte der Ge-lehr-sam-keit (so sprach er das Wort gewöhnlich aus,) unendlich höher, als jene alle miteinander. Diesmal fiel diese Andeutung jedoch auf taube Ohren, denn Bruder und Schwester waren zu sehr mit Fragen und Antworten über ihre frühern Schicksale beschäftigt, als daß sie dem würdigen Dominie hätten Aufmerksamkeit schenken können. Als Oberst Mannering Bertram verließ, ging er nach Juliens Zimmer, und schickte deren Mädchen fort. »Mein lieber Vater," sagte sie, als er eintrat, »du hast unsre letzte Nachtwache vergessen, und hast mir kaum Zeit gelassen, das Haar zu kämmen, obwohl du gesehen haben mußt, wie sehr sie mir bei all den verschiedenen Wundern, die statt fanden, zu Berge standen." „Jetzt will ich nur mit dem Innern deines Kopfes zu thun haben, Julie; binnen wenig Minuten will ich die Außenseite der Sorgfalt deiner Mrs. Mincing wieder überlassen " „Himmel, lieber Vater," erwiederte Miß Mannering, „bedenke, wie verwirrt all' meine Gedanken sind, und du meinst sie in wenig Minuten auszukämmen! Wenn Mrs. Mincing dies in ihrem Fache thun wollte, sie würde mir das Haar zur Hälfte ausraufen." „Wohlan, sage mir," fuhr der Oberst fort, „wo die Verwirrung liegt, ich werde versuchen, sie mit gebührender Behutsamkeit auseinander zu wickeln." „O, überall," sagte die junge Dame, — „das ganze ist ein wilder Traum." „Gut, ich will ihn zu cnträthseln suchen." — Er gab eine kurze Skizze von dem Schicksal und den Aussichten Bertram's, und Julie hörte mit einer Thcilnahme zu, die sie umsonst zu verbergen suchte — „Nun," schloß der Vater, „sind jetzt deine Gedanken über diesen Gegenstand klarer?" 140 „Verworrener denn je, lieber Vater," sagte Julie. — „Hier kommt dieser junge Mann aus Indien, nachdem man ihn todt glaubte, gleich Aboulfouaris, dem großen Reisenden, zu seiner Schwester Canzade und seinem verständigen Bruder Hour. Ich irre mich, glaub' ich, in der Geschichte — Canzade war seine Frau — aber Lucy mag die eine vorstellen und der Dominie den andern. Und dann erscheint dieser muntere, tolle, schottische Advokat, wie ein Pantomimiker am Ende einer Tragödie — Und sodann, wie ergötzlich wird es sein, wenn Lucy ihr Vermögen wieder bekommt!" „Nun, ich denke," sagte der Oberst, „der geheimnißvollste Theil der ganzen Sache ist, daß Miß Julie Mannering, die ihres Vaters Besorgniß über das Schicksal dieses jungen Mannes, Brown, oder Bertram, wie wir ihn jetzt zu nennen haben, kennen mußte, — daß Julie ihn bei dem Vorfall mit Haz- lewood getroffen haben sollte, ohne doch jemals ein Wort gegen ihren Vater davon zu erwähnen, ja daß sie es vielmehr duldete, als man diesen jungen Herrn als eine verdächtige Person und als Meuchelmörder verfolgte." Julie, die schnell ihren ganzen Muth zusammengenommen hatte, um die Unterredung mit ihrem Vater zu bestehen, war nun unfähig, über sich selbst zu scherzen; schweigend senkte sie den Kopf, nachdem sie umsonst versucht hatte, abzuläugnen, daß sie damals Brown wieder erkannt habe. „Keine Antwort! — nun, Julie," fuhr der Vater ernst aber sanft fort, „erlaube mir zu fragen, ob dies das einzige Mal war, daß du Brown seit seiner Rückkehr aus Indien gesehen hast? — Noch keine Antwort. Natürlich muß ich dann vermuthen, daß es nicht das erste Mal war — Noch keine Erwiederung. Julie Mannering, wirst du so gut sein, mir zu antworten? War er der junge Mann, der unter dein Fen- 141 ster kam, und sich mit dir während deines Aufenthalts in Mervyn- -all unterhielt? Julie — ich befehle — ich bitte dich, aufrichtig zu sein." Miß Mannering erhob ihr Haupt. „Ich war, Vater — ich glaube — ich bin cs noch — sehr thöricht; es ist vielleicht sehr hart für mich, daß ich diesem Herrn, der, obwohl nicht ganz die Ursache, doch der Mitschuldige meiner Thorheit war, in deiner Gegenwart begegnen muß." — Hier hielt sie wieder inne- „Also seh' ich," sagte Mannering, „daß er der Urheber der Serenade in Mervpn-Hall war?" In der Art dieser Frage lag etwas, was Julien wieder etwas mehr Muth einflößte — „Er war es allerdings, Vater; und that ich auch sehr Unrecht, wie ich oft dachte, so Hab' ich doch eine Entschuldigung." „Und wie lautet die?" antwortete der Oberst schnell und etwas streng. „Ich wage nicht, sie zu nennen, Vater — aber" — Sie öffnete ein Kästchen und legte ihm einige Briefe in die Hand — „ich Ml! dir dies geben, damit du siehst, durch wen dieses Einverständniß sich entspann, und wer dazu aufmunterte." Mannering trat mit den Papieren an's Fenster — sein Stolz verbot ihm, sich weiter zurückzuziehen — er überblickte einige Stellen der Briefe mit unstetem Auge und bewegtem Gemüth — seine Charakterstärke kam ihm indeß bei Zeiten zu Hilfe: die Philosophie der Stoiker, die, aus Stolz erwachsen, doch häufig Früchte der Tugend trägt. Er wandte sich wieder an seine Tochter, mit so fester Miene, als ihm seine Gefühle anzunehmen gestatteten- „So weit ich nach einem flüchtigen Blick in diese Briefe urtheilen kann, Julie, enthalten sie eine große Entschuldigung — du hast wenigstens einem von deinen Eltern gehorcht. Laß 142 uns ein schottisches Sprichwort annchmen, welches der Dominie neulich anführte: „Laßt geschehen sein, was geschehen, und was kommt, wird glücklich gehen " — Ich will dir nie den frühern Mangel an Vertrauen zum Vorwurf machen — bc- urtheile künftig meine Absichten nach meinen Handlungen, die dir bisher gewiß keinen Grund zur Klage gaben. Bewahre diese Briefe — sie waren nie für mein Auge bestimmt, und ich möchte nicht gern mehr davon lesen, als ich schon, auf deinen Wunsch und zu deiner Rechtfertigung, las. Und nun, sind wir Freunde? oder vielmehr, verstehst du mich?" „O, mein theurer, edler Vater," sagte Julie, sich in seine Arme werfend, „wie konnte ich dich jemals einen Augenblick mißverstehen?" „Nichts mehr davon, Julie," sagte der Oberst; „wir waren beide zu tadeln- Wer zu stolz ist, die Liebe und das Vertrauen zu fordern, worauf er auch ohne Bitten Anspruch machen kann, wird sich oft täuschen und verdient das vielleicht. Es ist genug, daß ein so theures und so tief beklagtes Glied meiner Familie in's Grab sinken mußte, ohne mich zu kennen; laß mich nicht auch das Vertrauen eines Kindes verlieren, welches mich lieben muß, wenn es sich selber wahrhaft liebt." „O, keine Besorgniß — keine Furcht!" antwortete Julie; „laß mich nur deine und meine Billigung haben, und keine Regel, die du mir vorschreibst, kann so schwer sein, daß ich sie nicht befolgen sollte." „Wohlan, meine Liebe," sagte er, sic auf die Stirn küssend, „ich denke, es wird nichts gar zu Heroisches von dir gefordert werden. Was die Bewerbungen dieses jungen Herrn betrifft, so erwarte ich erstlich, daß alle geheime Corrcspondenz — die kein junges Mädchen einen Augenblick unterhalten kann, ohne sich in ihren eigenen Augen, wie in denen ihres Geliebten, 143 zu erniedrigen, — ich verlange, sag' ich, daß heimliche Corre- spondenz jeder Art aufgegeben werde, und daß du Mr. Bertram hinsichtlich des Grundes au mich weisest. Du wirst natürlich auch die Ursache davon wissen wollen. Erstlich wünsche ich den Charakter dieses jungen Herrn genauer zu beobachten, als es die Umstände, und auch vielleicht meine Vorurtheile mir früher gestatteten — auch möchte ich gern seinen Rang bestätigt sehen. Nicht als ob ich um die Wiedererlangung des Gutes Ellangowan besorgt wäre, obwohl ein solcher Gegenstand nirgends, außer in Romanen für gleichgiltig gehalten wird; aber gewiß ist Henry Bertram, Erbe von Ellangowan, mag er das Vermögen seiner Ahnen besitzen oder nicht, eine ganz andere Person, als Vanbeest Brown, Niemands Sohn. Seine Ahnen, wie mir Mr. Plcydell sagt, sind in der Geschichte, indem sie den Bannern ihrer Fürsten folgten, ausgezeichnet, während die unfern bei Creffy und Poitiers fochten. Kurz, ich gebe und versage meine Billigung nicht, aber ich erwarte, daß du ehmalige Fehler gut machst; und da du nun leider nur noch zu einem deiner Eltern deine Zuflucht nehmen kannst, so wirst du dadurch deine Kindespflicht erfüllen, daß du das Vertrauen in mich setzest, welches mein Wunsch, dich glücklich zn machen, als eine kindliche Schuld von dir zu fordern hat." Der erste Theil dieser Rede bewegte Julien nicht wenig; das in Vergleich gestellte Verdienst der Ahnen Bertram's und Mannering's erregte ein heimliches Lächeln, aber der Schluß war von der Art, daß er ein Herz besonders rühren mußte, welches für edelsinnige Gefühle so empfänglich war. „Nein, mein theurer Vater," sagte sie, ihm die Hand reichend, „nimm die Versicherung, daß du von diesem Augenblick an die erste Person sein sollst, die ich über Alles um Rath fragen werde, 144 was Brown — ich wollte sagen Bertram — betrifft, so wie mich selbst; und nichts soll von mir unternommen werden, außer was du weißt und billigst. Darf ich fragen — ob Mr. Bertram ein Gast in Woodbourne bleiben wird?" „Gewiß," sagte der Oberst, „so lange cs seine Angelegenheiten räthlich machen." „Dann aber, Vater, wenn du erwägst, was bereits geschehen ist, wirst du einsehen, daß er einen Grund für meine Zurückhaltung erwarten wird — ich denke, cs wird die Aufmunterung sein, die er vielleicht von mir erhalten zu haben glaubt." » „Ich erwarte, Julie," sagte Mannering, „daß er mein Haus achten, daß er die Dienste erwägen wird, die ich ihm zu leisten wünsche, — und so wird er sich gewiß nicht auf eine Weise betragen, worüber ich mich mit Grund beklagen könnte; und ich erwarte von dir, daß du ihm bemerklich machst, was sich für euch beide ziemt." „Ich verstehe dich nun, Vater, und werde dir unbedingt gehorchen." „Ich danke dir, liebes Kind; meine Sorge" (hier küßte er sie,) «gilt nur dir. — Nun wische diese Zeugen des Vorgefallenen von deinen Augen, und komm zum Frühstück." Dreizehntes Kapitel. Und, Sheriff, ich geb' Euch mein Wort darauf Daß morgen ich zur Mittagszeit ihn sende, Daß er dir Rede stehet, oder sonst Jemand, Für Astes, dessen er beschuldigt ist. Erster Theil Heinrlch's IV. Als die verschiedenen Nebenscenen unter den einzelnen Mitgliedern der Familie in Woodbourne stattgefunden hatten, wie wir sie im vorigen Kapitel beschrieben, versammelten sich endlich Alle beim Frühstück, mit Ausnahme Dandie's, welchem sowohl die Speisen, als auch die Gesellschaft besser behagte, die er bei Mrs. Allan fand, wo er seine Tasse Thee mit zwei Löffeln Cognac genoß, so wie mehrere Schnitte von einem gewaltig großen Stück Rindfleisch. Er konnte zweimal so viel essen und auch zweimal so viel reden mit Barnes und jener guten Dame, als mit den vornehmen Leuten im Gesellschaftszimmer. Wirklich war auch das Mahl dieser weniger bedeutenden Gesellschaft bei weitem fröhlicher, als das in dem höhern Kreise, wo bei den meisten Mitgliedern Verlegenheit und Zurückhaltung sichtbar war. Julie wagte nicht, ihre Stimme zu erheben, um Bertram zu fragen, ob er noch eine Tasse Thee wolle. Bertram fühlte sich verlegen, während er seinen Zwieback und Thee vor Mannering's Augen genoß. Lucy, während sie sich den zärtlichsten Empfindungen für den wicdergefundencn Bruder hingab, begann zugleich an den Streit zwischen ihm und Hazlewood zu denken. Mannering Guy Mannerlng. III. 10 146 empfand die peinliche Unruhe, die einem stolzen Gemüthe so natürlich ist, wenn es seine unbedeutendsten Handlungen für einen Augenblick der aufmerksamen Beobachtung Anderer unterworfen glaubt. Der Rechtsgelehrte hatte, während er ämfig seine Drodschnitte mit Butter strich, ein ungewöhnlich gravitätisches Ansehn, welches wahrscheinlich eine Folge seiner ernsten Morgcnarbeiten war. Was Simson betrifft, so war dessen GemüthSzustand ein begeisterter! — Er sah Bertram an — er sah Lucp an — er wimmerte, er winselte, lächelte und beging allerlei Verstöße gegen die herrschende Sitte — er schüttete die ganze Rahmkanne (kein unglücklicher Mißgriff,) auf den Teller mit Suppe, welches sein gewöhnliches Frühstück ausmachte — goß den Rest der Flüssigkeit in die Zuckerschale statt in die Spülkanne, und schloß damit, daß er den alten Plato, des Obersts Lieblingshund, mit heißer Brühe überschüttete; Plato aber empfing die Libation mit einem Geheul, welches seiner Philosophie wenig zur Ehre gereichte. Des Obersts Gleichmut- ward durch den letzten Fall fast erschüttert. „Auf mein Wort, lieber Freund, Mr. Simson, Sie vergessen den Unterschied zwischen Plato und Zenokrates" „Der erste war der Urheber der Akademiker, der letztere der der Stoiker," sagte der Dominie, etwas verletzt durch den schlimmen Argwohn. „Ja, mein Lieber, es war aber ZenokrateS, nicht Plato, welcher läugnete, daß Schmerz ein Uebel sei." »Ich sollte denken," sagte Pleydell, „dieser sehr achtbare Vierfuß, der so eben auf drei von seinen vier Beinen aus dem Zimmer hinkt, gehörte vielmehr der cynischen Schule an." „Sehr wohl bemerkt — aber hier kommt eine Antwort von Mac-Morlan." Sie war ungünstig. Mrs. Mac-Morlan ließ sich bestens empfehlen, und ihr Gemahl war durch einige störende Vorfälle zurückgehalten, die am vorigen Abend zu Portauferrp stattgcfunden hatten und seine Untersuchung nothwendig machten. „Was ist nun zu thun, Mr. Plepdcll?" sagte der Oberst. „Nun ich wünschte freilich, wir hätten Mac-Morlan sprechen können," sagte der Advokat, „er ist ein einsichtiger Mensch und hätte überdies nach meinem Rathe gehandelt. Aber das soll uns nicht kümmern. Unser Freund hier muß sui juris werden — er ist jetzt ein entflohner Gefangner; das Gesetz hat eine Art von Anspruch auf ihn; er muß vor allem reetu8 in curia werden, das ist das Erste. Deßhalb, Oberst, werd' ich Sie in Ihrem Wagen nach Hazlewood begleiten. Die Entfernung ist nicht groß; wir wollen unsere Bürgschaft an- bicten; und ich denke dem Mr-o, er entschuldige mich, — dem Sir Robert Hazlewood leicht die Nothwendigkeit zeigen zu können, daß er diese Bürgschaft annehmen muß." „Von ganzem Herzen," sagte der Oberst; darauf klingelte er und ertheilte die nöthigen Aufträge. „Und was wird demnächst zu thun sein?" „Wir müssen auf Mac-Morlan warten und uns nach Mehrern Beweisen umsehn." „Beweise!" sagte der Oberst, „die Sache ist so klar wie die Sonne — hier ist Mr. Simson, und Miß Bertram, und Sie selbst, die alle in diesem jungen Herrn seines Vaters Ebenbild erkennen; nnd er selber erinnert sich aller der besonder« Umstände, die seinem Abschiede von der Heimath vorhergingen — wird noch mehr zur Ueberzeugung erfordert?" „Für die moralische Ueberzeugung vielleicht nichts weiter," sagte der erfahrene Rechtsgelehrte, „aber für den gesetzlichen Beweis noch viel. Mr. Bertrams Erinnerungen find nur seine eignen Erinnerungen, und darum können fie nicht zu 148 seinen Gunsten entscheiden; Miß Bertram, der gelehrie Mr. Simson und ich, wir Alle können nur sagen, was jeder, der den seligen Ellangowan kannte, bestätigen wird, daß dieser Herr sein vollkommenes Ebenbild ist. Aber das wird ihn noch nicht zu Ellangowan's Sohne machen und ihm das Erbe geben." „Und was ist nun zu thun?" sagte der Oberst. „Wir müssen versuchen," antwortete der Gelehrte, „ob wir aus Holland einen Beweis erlangen können, von den Personen, bei denen unser junger Freund erzogen war. — Dann kann sie freilich die Furcht, wegen des ermordeten Zollbeamten zur Verantwortung gezogen zu werden, schweigen lassen; oder wenn sie auch reden, so gelten sie nur für Fremde oder für recht- m d gesetzlose Schmuggler. Kurz, ich sehe mancherlei Bedenkliches." „Mit Erlaubniß, sehr gelehrter und geehrter Sir," sagte der Dominie, „ich hoffe, daß Er, der den kleinen Harry Bertram seinen Freunden wiedergegebcn hat, sein eigenes Werk nicht unvollendet lassen werde." „Das hoff' ich auch, Mr. Simson," sagte Pleydell, „aber wir müssen die Mittel nützen; und ich fürchte, es wird schwieriger für uns sein, sie herbeizuschaffen, als ich vorher dachte. — Aber ein feiges Herz gewann nie eine schöne Braut — und überdies" (leise zu Miß Mannering, während sich Bertram mit seiner Schwester unterhielt,) „überdies haben Sie hier eine Rechtfertigung Hollands! welche artigen Bursche muß nicht Lepden und Utrecht auSsendcn, wenn ein so feiner und hübscher junger Mann aus den unbedeutenden Schulen Middelburgs hervorging?" „Mag wahr sein," sagte der Dominie, der aus das Lob der holländischen Schule eifersüchtig war, — „mag wahr sein, I4N Mr. Plcydcll, aber ich muß Ihnen bemerklich machen, daß ich selber den Grund zu seiner Bildung legte " „Richtig, mein iheurer Simson," antwortete der Advokat, „das hat ihm auch unstreitig den feinen Anstand verliehen — aber eben fährt unser Wagen vor, Oberst. Adieu, ihr jungen Leute. Miß Julie, bewahren Sie Ihr Herz, bis ich wieder da bin — lassen Sie nichts gegen mein Recht geschehn, während ich bin non voleiw sgere."— Ihr Empfang bei Hazlewood war kälter und förmlicher als gewöhnlich; denn im Allgemeinen bezeigte der Baronet dem Oberst Mannering große Lichtung; und Mr. Pleydell, ein Mann von guter Familie und allgemein geachtet, war Sir Robert's alter Freund. Aber diesmal war sein Benehmen trocken und verlegen- „Er würde gern," sagte er, „die Bürgschaft annehmen, trotzdem, daß die Beleidigung gerichtet, unternommen und vollbracht worden sei gegen den jungen Hazlewood von Hazlewood; aber der junge Mann habe sich selbst einen falschen Charakter beigelegt, und sei überhaupt ein Mensch, den man der Gesellschaft nicht frei und ledig übergeben könne; und daher"- „Ich hoffe, Sir Robert Hazlewood," sagte der Oberst, „Sie werden an meinem Orte nicht zweifeln wollen, wenn ich versichere, daß er als Kadet unter mir in Indien diente?" „Keineswegs und auf keine Weise. Aber Sie nennen ihn Kadet; nun, er sagt, versichert und behauptet, er sei Capi- tain in Ihrem Regiment." „Man hat ihn befördert, seit ich das Commando niederlegte." „Aber Sie müssen doch von ihm gehört haben?" „Nein. Ich zog mich, aus Familienrücksichten, aus Indien zurück, und habe mich seitdem nicht um Neuigkeiten des Regiments bekümmert; der Name Brown ist überhaupt so 15 » gewöhnlich, daß ich jene Beförderung selbst in den Zeitungen geschn haben könnte, ohne darauf zu achten. Aber in wenigen Tagen werden Briefe von seinen Vorgesetzten anlangen." »Aber man sagt und versichert uns, Mr. Pleydell," antwortete Sir Robert, noch immer zögernd, „daß er den Namen Brown nicht zu behalten gedenkt, sondern er will, unter dem Namen Bertram, Ansprüche auf das Gut Ellangowan machen." „So, wer sagt das?" fragte der Advokat. „Oder," fragte der Oberst, „wenn auch Jemand so sagt, gibt dies ein Recht, ihn im Gcfängniß zu halten?" „Still, Oberst," sagte der Rechtsgelehrte; „ich bin überzeugt, daß Sie ihn eben so wenig, als ich selber, beschützen möchten, wenn er sich als Betrüger auswiese — Und, wir sprechen unter Freunden, wer hat Ihnen diese Nachricht gegeben, Sir Robert?" „Nun, eine Person, Mr. Pleydell," antwortete der Baro- net, „welcher vorzüglich daran liegt, diese Sache bis auf den Grund zu untersuchen, zu erforschen und aufzuklären — Sie werden entschuldigen, daß ich mich nicht deutlicher ausspreche." „Gewiß," erwiederte Pleydell, — „und was sagt dieser Mann?" „Er sagt, es gehe unter Kesselflickern, Zigeunern und andern; müßigen Volk ein Gerücht, daß ein Plan, wie der erwähnte, im Werke sei, und daß dieser junge Mann, welcher ein natürlicher Sohn des verstorbenen Ellangowan ist, den Betrüger spielen werde, indem er seine große Familienähnlichkeit zu Hilfe nimmt." „Und war ein solcher natürlicher Sohn vorhanden, Sir Robert?" forschte der Rechtsgclehrte. „O, gewiß, davon bin ich selbst genau unterrichtet. Ellangowan hatte ihn als Kajütenjungen an Bord einer Kriegsscha- kuppe, die der Zollbehörde gehörte, gethan; er hatte dort selbst einen Verwandten, den verstorbenen Commissionär Bertram." „Gut, Sir Robert," sagte der Advokat, indem er dem ungeduldigen Obersten das Wort aus dem Munde nahm, „Sie haben mir etwas Neues gesagt; ich werde das untersuchen, und wenn ich es bestätigt finde, so wird weder Oberst Mannering noch ich diesem jungen Manne weitern Schutz er- theilen. Unterdessen aber, da wir bereit find, ihn zu stellen, damit er sich gegen alle Beschwerden über ihn verantworte, kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß Sie sehr unge- setzmäßig handeln und schwere Verantwortlichkeit auf sich laden würden, wenn Sie unsre Bürgschaft nicht annähmen." „Nun, Mr. Plepdell," sagte Sir Robert, welcher wußte, in welchem Ansehn des Rechtsgelehrtcn Meinung stand, „da Sie es am besten wissen müssen, und da Sie versprechen, diesen jungen Mann aufzügeben" — „Wenn er sich als Betrüger ausweist," crwiederte der Advokat mit einigem Nachdruck. „Allerdings — unter dieser Bedingung will ich Ihre Bürgschaft annehmen; obwohl ich gestehn muß, daß mir ein geneigter, wohlgesinnter und freundlicher Nachbar, der selbst die Rechte kennt, heute Morgen einen Wink oder eine Warnung gab, dies zu unterlassen. Er war's, von dem ich erfuhr, dieser junge Mann sei befreit und davon gekommen, oder habe vielmehr das Gefängniß erbrochen. — Aber wer wird den Bürgschein ausfertigen?" „Senden Sie," sagte der Advokat, indem er selber die Klingel zog, „zu meinem Schreiber, Mr- Driver — es wird mir keinen Abbruch thun, wenn ich das Nöthige selber dik- tire." — Dies ward geschrieben und unterzeichnet, und nach- 152 dem Sir Rodert selbst einen Entlassungsschein für Brown unterzeichnet hatte, nahmen die Gäste Abschied. Jeder drückte sich in eine besondere Ecke des Postwagens und sagte eine Zeit lang nichts. Der Oberst brach zuerst das Schweigen: „So wollen Sie also diesen armen jungen Burschen bei erster Gelegenheit aufgeben?" „Wer, ich?" erwiederte der Rechtsgelehrte: „ich will kein Haar auf seinem Haupte aufgcben und sollte ich deßhalb zu den äußersten Mitteln schreiten — aber was wäre dabei herausgekommen, wenn wir über Rechtssachen mit diesem alten Esel streiten wollten? Viel besser, wenn er nun seinem Gewährsmann, Glosfin, berichtet, wir hätten uns gleichgiltig oder lau in der Sache bewiesen. Ueberdieß wünschte ich auch einen Blick über des Feindes Stellung zu gewinnen." „Wirklich!" rief der Oberst. «Also gibt es in Rechten so gut Kriegslisten, wie im Felde. Nun, und was halten Sie von ihrer Schlachtordnung?" „Sie ist sinnreich," sagte Mr. Pleydell, „aber ich glaube desperat — sie sind allzu listig; das ist ein gewöhnlicher Fehler in solchen Fällen." Während dieses Gesprächs rollte der Wagen rasch nach Woodbourne hin, ohne daß dabei etwas BemerkenswertheS vorgefallen wäre, außer daß sie dem jungen Hazlewood begegneten, dem der Oberst die überraschende Geschichte von Bcrtram's Wiedererscheinen mittheilte, die er mit großem Vergnügen anhörte. Er ritt ihnen darauf voraus, um Miß Bertram zu einem so glücklichen und unerwarteten Ereignisse zu gratuliren. Wir kehren zu der Gesellschaft in Woodburne zurück. Nach dem Weggange Mannering's bezog sich die Unterhaltung hauptsächlich auf die Schicksale der Familie Ellangowan, ihre 15,3 Güter, und ihre frühere Macht. „Also unter den Thürmen meines väterlichen Schlosses war es," sagte Bertram, „wo ich vor einigen Tagen landete, und zwar unter Umständen, die denen eines Landstreichers ähnlich waren? Die verwitterten Thürme und düstern Wölbungen erweckten selbst da schon Gedanken in mir, die mein Gemüth tief berührten, und Erinnerungen, die ich selbst nicht zu deuten vermochte. Ich will sie nun noch einmal mit andern Gefühlen besuchen, und auch, so hoff' ich, mit bessern Hoffnungen." „Geh' jetzt nicht dorthin," sagte seine Schwester- „Das Haus unsrer Ahnen ist jetzt die Wohnung eines Elenden, der eben so hinterlistig als gefährlich ist, und dessen schurkische Kunstgriffe unsers unglücklichen Vaters Ruin herbeisührten und sein Herz brachen." „Du steigerst meine Begierde," erwiederte der Bruder, „dem Ungeheuer entgcgcnzutrcten und zwar in seiner eignen Höhle. Ich glaube ihn schon gesehn zu haben." „Aber Sie müssen erwägen," sagte Julie, daß Sie der Obhut Lucp's und meiner übergeben, und daß Sie uns für all' Ihre Bewegungen verantwortlich sind — Bedenken Sie, daß ich nicht umsonst zwölf Stunden lang die Dame eines Rechtsgelehrten gewesen sein mag, und überdies versichere ich, daß es Wahnsinn sein würde, jetzt nach Ellangowan zu gehn. — Das Aeußerste, was ich Ihnen erlauben kann, ist, daß wir zusammen bis an's Ende der Allee vor Woodbourne spazieren, und von da dürfen Sie vielleicht noch in unsrer Gesellschaft bis auf die nächste Anhöhe gehen , wo sich Ihre Augen an dem fernen Anblick jener düstern Thürme erfreuen können, welche ihre Phantasie so stark anziehen." Die Gesellschaft brach alsbald auf; und die Damen begaben sich, nachdem sie ihre Mäntel umgenommen, unter Ca- i. 154 pitain Bertram's Geleit auf den vorgeschlagenen Weg. Es war ein angenehmer Wintermorgen, und der kühle Hauch diente nur dazu, die schönen Wandrerinnen zu erfrischen, nicht aber zu erstarren. Ein geheimes, aber doch anerkanntes Band der Freundschaft umschlang die beiden Damen; und Bertram, bald auf die interessanten Berichte über seine eigne Familie lauschend, bald seine Abenteuer in Europa und Indien mittheilend, vergalt so zugleich das Vergnügen, welches ihm gewährt ward. Lucp war stolz auf ihren Bruder, sowohl der kühnen und männlichen Gedanken wegen, die er aussprach, als auch der Gefahren willen, die ihm begegnet waren und denen er mit so viel Muth stegreich entgangen war. Und während Julie ihres Vaters Worte erwog, konnte fie nicht umhin, Hoffnungen zu nähren, daß der ungebundene Geist, welcher ihrem Vater an dem niedrigen und gemeinen Brown als Anmaßung erschienen war, an dem edlen Erben von Ellangowan für ritterlichen Muth und adliges Betragen gelten werde- Sie erreichten endlich die kleine Anhöhe auf dem höchsten Punkte dieses Distriktes, Gibbie'ö-Knowe genannt — ein Ort, dessen wir in dieser Geschichte wohl schon, als an der Gränze des Gebietes Ellangowan liegend, erwähnt haben. Er beherrschte eine manchfache Aussicht auf Hügel und Thal, mit Waldung eingefaßt, deren nackte Zweige in dieser Jahreszeit die bleiche Farbe der Landschaft durch eine dunkle Purpurtinte hoben, während an andern Punkten die Aussicht schärfer durch künstliche Anpflanzungen begränzt war, wo die schottischen Fichten ihr dunkles Grün in manchfachen Schattirun- gen entfalteten. Etwa anderthalb Stunden entfernt lag die Bucht von Ellangowan, deren Wellen unter dem Einflüsse des Westwindes kräuselten. Die Thürme des zerstörten Schlosses, 155 die erhaben über jeden Gegenstand der Umgebung ragten, färbten sich Heller im Strahle der winterlichen Sonne. „Dort," sagte Lucy Bertram, indem sie in die Ferne deutete, „dort ist der Sitz unserer Ahnen. Gott weiß es, mein theurer Bruder, ich begehre für dich nicht die ausgedehnte Macht, welche die Herren jener Ruinen so lange besessen, und zuweilen übel angewendet haben sollen. Aber, — o, daß ich dich im Besitze eines solchen Theils von ihren Gütern sehen möchte, der dir eine anständige Unabhängigkeit geben und dich in Stand setzen würde, deinen Schutz jenen alten und verlassenen Angehörigen unsers Hauses zu gewähren, welche unsers armen Vaters Tod" — „Gewiß, meine theuerste Lady," sagte der junge Erde von Ellangowan; und ich hoffe, mit des Himmels Beistand, der mich so weit geleitet hat, und mit dem dieser guten Freunde, deren edle Herzen mir so viel Lheilnahme beweisen, daß eine solche Wendung meiner harten Schicksale nicht unwahrscheinlich sei. — Aber, als Krieger muß ich mit einigem Interesse auf das Zusammenhalten jenes erschütterten Baues sehen; und wenn jener Schurke, der ihn untergräbt, da er jetzt im Besitz ist, ein Steinchen daran zu verrücken wagt" — Hier ward er durch Dinmont unterbrochen, welcher ihnen eilig auf der Straße nachgelaufen kam, und zwar ungeschn, bis er ganz nahe bei der Gesellschaft war: „Capitän, Capitain! Ihr werdet gesucht — Ihr werdet gesucht von ihr, dieJhr kennt." Und unmittelbar darauf stieg Meg Merrilies, wie aus der Erde emportauchend, aus dem Hohlweg herauf und stand vor ihnen. „Ich suchte Euch im Hause," sagte sie, „und fand nur ihn," (auf Dinmont deutend,) „aber Ihr seid recht und ich war unrecht. Hier sollten wir uns treffen, auf dem nämlichen Ort, wo meine Augen Euren Vater zuletzt sahen. Gedenkt Eures Versprechens und folgt mir." Vierzehntes Kapitel. Und wie das Weib, nach bester Art, Den Grnß oor'm König spricht; Der König Arthur, tief erstaunt, Erwiedert ihr ihn nicht. „Und wer bist du/' so spricht das Weib, „Daß dn nicht sprichst mit mir? Sir, leicht wohl heil' ich deinen Schmerz, Schein' ich auch häßlich dir/' Die feenhafte Braut Sir Gawain's war, während sie unter dem Einflüsse des Zaubers ihrer bösen Stiefmutter stand, wahrscheinlich altern Ansehens und weit häßlicher, als Meg MerrilieS; aber ich zweifle, ob sie die wilde Erhabenheit besaß, welche eine aufgcreizte Einbildungskraft den Zügen der letztem, markirt und ausdrucksvoll in ihrem eigenthümlichen Charakter, so wie den Bewegungen einer Gestalt mittheilte, welche, wenn man ihre sechs Fuß erwägt, gigantisch heißen konnte- Daher bebten auch die Ritter der Tafelrunde vor der Erscheinung der, zwischen „einer Eiche und einer grünen Stechpalme" postirten, häßlichen Dame nicht mit größerm Entsetzen zurück, als Lucy Bertram und Julie Mannering jetzt vor der Gestalt dieser galwegischen Sibylle auf dem Gebiete von Ellangowan- „Um Gottes willen," sagte Julie, ihre Börse ziehend, „gebt diesem schrecklichen Weibe etwas, und heißt es fortgehen." „Ich kann nicht," sagte Bertram; „ich darf sie nicht beleidigen." 157 „Was hält Euch hier zurück?" sagte Meg, die harte» und rauhen Töne ihrer hohlen Stimme erhebend; „warum folgt Ihr nicht? — Muß Eure Stunde Euch zweimal rufen? — Gedenkt Ihr Eures Schwur's? — Sei cs in Kirche oder Markt, bei Hochzeit oder Begräbniß" — und in drohender Stellung hielt sie ihren hagern Zeigfinger empor. Bertram wandte sich gegen seine erschrockenen Begleiterinnen. „Entschuldigen Sie mich für einen Augenblick; ein Versprechen verpflichtet mich, diesem Weibe zu folgen." „Gott im Himmel! einem tollen Weibe verpflichtet?" sagte Julie. „Oder einer Zigeunerin, die ihre Bande im Holze bereit hat, dich zu ermorden?" sagte Lucp. „Das war nicht gesprochen wie ein Kind von Ellango- wan," sagte Meg zürnend zu Miß Lucp. „Nur die Uebel- thäter fürchten Nebel." „Kurz, ich muß gehen," sagte Bertram, „cs ist durchaus nothwendig; wartet fünf Minuten auf mich auf dieser Stelle." „Fünf Minuten?" sagte die Zigeunerin, „fünf Stunden werden Euch nicht hicher zurückbringen." „Hören Sie das?" sagte Julie; „um Gottes willen, gehen Sie nicht!" „Ich muß — ich muß — Mr. Dinmont wird Sie auf dem Rückwege begleiten." „Nein," sagte Meg, „er muß mit Euch kommen; deswegen ist er hier- Er soll mit Herz und Hand Theil nehmen; und das kann er sehr wohl, denn seine Rettung hätt' Euch theuer zu stehen kommen können." „Freilich, Luckie, das ist sehr wahr," sagte der wackere Pächter; „und eh' ich von des CapitainS Seite weiche, will ich zeigen, daß ich das nicht vergessen habe-" 'As. r» 158 >,O, ja," riefen beide Damen zugleich, „Mr- Dinmont mag mit Ihnen gehen, wenn Sie einmal diesem seltsamen Rufe folgen müssen." „In der That, ich muß," antwortete Bertram, „aber Sie sehen, daß ich guten Schutz habe — Adieu auf kurze Zeit; gehen Sie möglichst schnell nach Hause." Er drückte seiner Schwester die Hand, und nahm durch einen Blick noch zärtlichern Abschied von Julien. Fast betäubt von Ueberraschung und Furcht, beobachteten die jungen Damen mit besorgten Blicken den Weg, den Bertram, sein Gefährte und die außerordentliche Führerin einschlugen. Ihre hohe Gestalt bewegte sich über die winterliche Haide mit Schritten, so schnell, so groß und so fest, daß sie eher hin zu gleiten, als zu wandeln schien. Bertram und Dinmont, beide große Männer, kamen ihr scheinbar kaum an Höhe gleich, weil ihr längeres Gewand und ihr hoher Kopfputz sie noch größer erscheinen ließen. Sie schritt quer über die Haide, ohne sich seitwärts nach dem geschlängelten Pfade zu wenden, auf welchem die Wandrer die Unebenheiten und die kleinen Bäche umgingen, welche hier in verschiedenen Richtungen das Land durchschnitten. So entschwanden die kleiner werdenden Gestalten oft dem Auge, wenn sie in eine Vertiefung tauchten, und wurden wieder sichtbar, wenn sie wieder aus derselben cmporstiegen. Es lag etwas Grauenvolles und Geisterhaftes in dem raschen und schnurgeraden Laufe, den sie verfolgte, gleichgiltig gegen die Hindernisse, die einen Reisenden gewöhnlich vom geraden Wege ablenken. Ihr Weg war so direkt und ward von ihr fast so schnell verfolgt, wie der eines Vogels in der Luft. Endlich erreichten sie jenes wilde Buschholz, welches sich von den Gränzen der Gemeindeweide 159 , ! bis nach der Gegend von Derncleugh erstreckte, und dort wurden sie nun dem Auge völlig entrückt. «Das ist doch außerordentlich," sagte nach einer Pause Lucy, indem sie sich an ihre Begleiterin wandte; was kann er mit der alten Here zu thun haben?" „ES ist grauenvoll," antwortete Julie, „und erinnert mich an die Mährchen von Unholdinncn, Hexen und bösen Geistern, die ich in Indien hörte- Man glaubt dort an einen Augcn- zauber, wodurch diejenigen, die ihn besitzen, den Willen und die Bewegungen ihrer Opfer lenken. Was kann Ihr Bruder mit dem schrecklichen Weibe gemein haben, daß er uns wider unfern Willen, verläßt, um ihren Befehlen zu folgen?" „Wir dürfen ihn wenigstens für sicher halten," sagte Lucy; „denn nimmer würde sie diesen redlichen Dinmont, von besten Stärke, Muth und Treue Henry so viel sprach, auffordern, einem Werke beizuwohnen, welches der Person seines Freundes nachtheilig sein sollte. Und nun wollen wir nach dem Hause zurückkehren, bis der Oberst heim kommt — vielleicht wird Bertram eher zurück sein; übrigens wird der Oberst am besten wissen, was zu thun ist." Eine stützte sich auf der Andern Arm, und so erreichten sie, obwohl wankenden Schrittes und von Furcht erfüllt, das Ende der Allee vor Woodbourne, als sie plötzlich Pferdegc- trappel hinter sich hörten. Sie blieben stehen, denn ihre Ohren lauschten wachsam auf jeden Ton, und erblickten zu ihrem großen Vergnügen den jungen Hazlewood. „Der Oberst wird sogleich hier sein," sagte er; „ich ritt voran, um mich Miß Bertram zu empfehlen, mit den aufrichtigsten Glückwünschen bei dem erfreulichen Ereigniß, welches in ihrer Familie stattgefundcn hat. Mich verlangt, dem Capitain Bertram vorgestellt zu werden, um ihm für die wohlver- 16 Ü diente Lehre zu danken, die er meiner Voreiligkeit und Unart ertheilte." „Er hat uns so eben verlassen," sagte Lucy, „und zwar auf eine Weise, die uns Grauen erweckte." In diesem Augenblick fuhr des Obersten Wagen heran, und hielt, als man die Damen erblickte, worauf Mannering und sein gelehrter Freund ausstiegen, um sich zu jenen zu gesellen. Sie erfuhren alsbald den neuen Grund zur Unruhe- „Schon wieder Meg Merrilies!" sagte der Oberst; sie ist gewiß ein geheimnißvolles und räthselhastes Wesen; aber ich glaube, sie hat Bertram etwas mitzutheilen, wovon wir nichts wissen sollen" „Der Teufel hole das alte Weib," sagte der Advokat; „wird sie nie die Sachen ihren eignen Gang gehn lasten, graut cke lege, sondern muß stets ihre Hand dabei im Spiele Haben? — dann fürchte ich, nach der eingeschlagenen Richtung, daß sie nach Ellangowan gehen — der Schurke Glossin hat uns gezeigt, über welche Bösewichter er zu gebieten hat. Hoffentlich ist der ehrliche Liddesdaler eine genügende Schutzwache-" „Mit Ihrer Erlaubniß," sagte Hazlewood, „würde ich mit Vergnügen nach derselben Richtung reiten, die jene ein- schlugen- Ich bin so gut in der Gegend bekannt, daß schwerlich ein Angriff in meiner Gegenwart unternommen werden dürfte, und ich werde solche Vorsichtsmaßregeln treffen, daß cs nicht scheint, als beobachte ich Meg, oder wolle ihre Mittheilungen belauschen." „Auf mein Wort," sagte Plcydell, doch so, daß ihn der junge Mann nicht hörte, „derjunge Hazlewood, den ich vor wenig Jahren noch mit einem Milchgesicht und der Büchertasche kannte, wird ein stattlicher Bursch. Ich bin mehr um einen neuen Versuch gesetzmäßiger Unterdrückung, als offene Gewalt besorgt, und dieses jungen Mannes Gegenwart wird überhaupt sowohl Glossin, als seine Gehilfen abschrecken. — Also nur immer fort, junger Mann, so schnell als möglich; Sie werden sie etwa bei Derncleugh, oder wahrscheinlich im Warrochwalde finden." Hazlewood wandte sein Pferd. „Kommen Sie -um Mittagessen zu uns, Hazlewood," rief der Oberst. Jener nickte, spornte sein Pferd und gallopirte davon. Wir kehren nun zu Bertram und Dinmont zurück, welche noch immer ihrer geheimnißvollen Führen» durch Wald und Gestrüpp folgten: zwischen der offenen Haide und dem zerstörten Dorfe Derncleugh. Während sie den Weg zeigte, schaute sie nie nach den Nachfolgenden zurück, außer um sie wegen Saumseligkeit zu schelten, obwohl ihnen der Schweiß, trotz der kalten Jahreszeit, von der Stirn rann. Zuweilen sprach sie auch mit sich selbst in abgebrochenen Sätzen- „Das alte Haus soll wieder gebaut werden — der Eckstein werde gelegt — und Hab' ich ihn nicht gewarnt? — Ich sagte ihm, ich sei geboren das zu thun, und war' auch meines Vaters Kopf das einzige Hinderniß gewesen. Man verurthcilte mich — in Kerker und Gefängniß blieb ich meinem Vorsatz treu; — ich ward verbannt — ich blieb ihm treu in einem unfreundlichen Lande; — ich ward gepeitscht — ich ward gebrannt — Mein Vorsatz lag tiefer, als Geisel und rothglühendes Eisen reichen konnten — und nun ist die Stunde gekommen " „Capitain," sagte Dinmont halb flüsternd, „ich hoffe, sie führt nichts Böses im Schilde! Ihre Worte scheinen nicht in Gottes Namen gesprochen, oder so wie bei andern Leuten. Zum Henker auch, man erzählt bei uns wohl, daß es solche Wesen wirklich gibt." „Fürchtet nichts, mein Freund," flüsterte Bertram dagegen. „Fürchten? mich kümmert der Satan nicht," sagte der Guy Mannering. NI. 11 162 wackere Pächter. „Mag sie Here oder Teufel sein, das ist dem Dandic Dinmont Alles gleich." „Halte Ruhe, Pächter," sagte Meg, ernst über ihre Schulter blickend; „meint Ihr, dies sei für Euch Zeit und Ort zu sprechen?" „Aber, liebe Freundin," sagte Bertram, „da ich keinen Zweifel über Eure Treue und Freundschaft hege, die ich schon erprobt habe, so solltet Ihr dagegen auch mir einiges Vertrauen schenken — Ich möchte wissen, wohin Ihr uns führt " „Darauf gibt es nur eine Antwort, Henry Bertram," sagte die Sibylle. „Ich schwur, meine Zunge sollt' cS nimmer sagen, aber ich gebot meinem Finger nicht, es nie zu zeigen. Geht vorwärts und sucht Euer Glück, oder kehrt zurück und verliert cs — das ist Alles, was ich zu sagen habe." „Also geht voran," antwortete Bertram; „ich will nicht weiter fragen." Sie stiegen an der nämlichen Stelle in's Thal, an welcher früher Meg von Bertram geschieden war. Sie hielt einen Augenblick unter dem steilen Felsen still, wo er Zeuge jenes Begräbnisses gewesen war und stampfte auf den Boden, welcher trotz all' der Sorgfalt, die man angewandt hatte, Spuren von kiirzlicher Aufwühlung zeigte. „Hier ruht einer," sagte sie, „vielleicht wird er bald Nachbarn haben." Sodann ging sie am Bache -in, bis sie in das zerstörte Dörfchen kam, wo sie mit einem Blicke der innigsten, tiefsten Rührung vor einem der noch aufrecht stehenden Giebel still hielt und in einem minder abgebrochenen, aber noch immer feierlichen Tone sagte: „Seht Ihr dies schwarze verfallne Stück einer Hütte? — da hat mein Kessel vierzig Jahre gekocht — da Hab' ich zwölf stattliche Söhne und Töchter geboren — wo sind sie nun? — wo ist das Laub, das auf jener alten Esche am Martinstag war? der Westwind hat es gestreift — und auch ich bin entblättert. — Seht Ihr jenen Weidenbaum? — 's ist jetzt nur noch ein geschwärzter Stumpf — darunter Hab' ich manchen schönen Sommernachmittag gesessen, wenn er seine schöne» Zweige über das kräuselnde Wasser hängen ließ. — Ich saß dort, und" (ihre Stimme erhebend,) „hielt Euch auf meinem Knie, Henry Bertram, und sang Euch Lieder von den alten Baronen und ihren blutigen Kriegen — der Baum wird nie wieder grün sein, und Mcg Merrilies wird nie wieder Lieder singen, weder heitre noch traurige- Aber Ihr werdet sie nicht vergessen, Ihr werdet ihretwillen die alten Wände wieder aufrichten lassen? — Und laßt Jemand hier wohnen, der fromm ist, und Jene aus einer andern Welt achtet un^ fürchtet — denn wenn je die Todten wieder unter die Leben digen kommen, so will ich in diesem Thale manche Nacht gestehn sein, nachdem diese Gebeine Staub geworden sind." Die Mischung von Wahnsinn und wildem Pathos, womit sie diese letzten Worte sprach, indem sie den rechten Arm nackt ausstreckte, den Linken herabhängen ließ und unter den dunkel- rothen Falte» ihres Mantels verhüllte, dies dürfte selbst für unsre Siddonö einen würdigen Gegenstand dargcbotcn haben. „Und nun," sagte sie, sogleich den kurzen, ernsten und hastigen Ton, der ihr gewöhnlich eigen war, wieder annehmend — „nun zu unserm Werk, zu unserm Werk!" Run führte sie die Begleiter nach dem Vorgebirg empor, wo der Kaim von Derncleugh lag, zog einen großen Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Thür. Das Innere dieses Ortes war in besserer Ordnung, als früher. „Ich habe gehörig aufgeräumt," sagte sie; „ich könnte wohl hier vor Nacht noch ausgestreckt liegen- — Es werden wenige, wenige bei Meg's Todtenwache sein, denn viele unsrer Leute werden tadeln, was ich gethan habe und thun will." Sie deutete nach einem Tisch, worauf einige kalte Küche befindlich war, und zwar zierlicher angeordnet, als man nach Meg's Gewohnheiten hätte erwarten sollen- »Eßt," sagte fie, „eßt; ihr werdet es diese Nacht noch nöthig haben." Bertram aß aus Gefälligkeit einige Bissen; und Dinmont, dessen Appetit weder durch Abenteuer, Furcht, noch durch das Morgenefsen geschwächt war, zeigte sich wie gewöhnlich, wenn es eine Mahlzeit galt. Darauf reichte sie Jedem ein Glas Branntwein, welches Bertram verdünnt, Dinmont aber rein trank. „Wollt Ihr nicht selbst etwas zu Euch nehmen, Luckie?" sagte Dinmont. „Ich werd' es nicht brauchen," erwiederte die gcbcimniß- volle Wirthin. „Und nun," sagte sic, „sollt ihr Waffen haben — sollt nicht mit unbewehrtcr Hand gehen — aber braucht sie nicht vorschnell — nehmt gefangen, aber schont das Leben — laßt das Recht walten — er soll sprechen, eh' er stirbt." „Wer soll gefangen werden? wer soll sprechen?" sagte Bertram erstaunt, indem er ein Paar dargebotcne Pistolen nahm, welche er geladen und in gutem Stande fand. „Die Steine sind gut," sagte sie, „und das Pulver trocken — ich kenne dergleichen wohl." Darauf bewaffnete fie, ohne jene Fragen zu beantworten, Dinmont ebenfalls mit einer großen Pistole, und überließ beiden, sich Stöcke aus einem Bündel sehr verdächtig aussehender Knittel zu wählen, die sie aus einem Winkel herbeibrachte. Bertram nahm einen guten Stab und Dandie wählte eine Keule, die selbst für Herkules gut genug gewesen sein möchte. Darauf verließen sie miteinander die Höhle und Bertram benutzte dabei eine Gelegenheit, Dinmont zuzusiüstcrn; „es ist etwas Unerklärliches in all' diesen Dingen — aber wir muffen diese Waffe nicht brauchen, außer wenn cs die Noth- wendigkeit und ein rechtmäßiger Fall erfordert — handelt ganz nach meinem Beispiele." Dinmont antwortete mit einem schlauen Winke, und so fuhren sie fort über Bach und Steg, über Stock und Stein, den Fußtapfen ihrer Führerin zu folgen. Sie geleitete sie nach dem Warrochwalde, auf demselben Wege, den der verstorbene Ellangowan nach Derncleugh hin geritten war, als er sein Kind an jenem unseligen Abende suchte, wo Kennedy ermordet ward. Als Meg Merrilies diesen Wald erreicht hatte, durch welchen der winterliche Seewind jetzt rauh und rauschend pfiff, schien sie einen Augenblick deßwegen inne zu halten, um sich auf den Weg zu besinnen. „Wir können den nächsten Weg gehn," sagte sie und fuhr fort vorwärts zu schreiten, aber mehr im Zickzack und nicht mehr in so steter, direkter Richtung, wie früher. Endlich brachte sie sie aus dem Labyrinthe des Waldes nach einem kleinen offenen Platze, etwa den vierten Theil eines Morgen umfassend; er war von Bäumen und Büschen eingeschlossen, die seine wilde und unregelmäßige Be- gränzung bildeten. Selbst im Winter war dies ein geschützter und traulich abgeschiedener Ort; aber wenn er im FrühlingS- grün prangte, wo die Erde all' ihre wilden Blumen hervorbringt, wo die Zweige ihre blüthenschwercn Aeste breiten und die Hängcbirken, die hoch über das Unterholz ragten, ihre langen und belaubten Zweige hcrniederwehen lassen, um die Sonnenstrahlen abzuhalten, dann mußte es gewiß ein paffender Ort für einen jungen Dichter sein, um sein erstes Sonett zu schaffen, oder für ein Paar Liebende, um einander die ersten 166 süßen Geständnisse zu machen. Jetzt erweckte der Ort freilich ganz andre Betrachtungen. Bertram's Miene ward, nachdem er umhergeblickt, düster und unruhig. Meg sah ihn, nachdem sie für sich geflüstert hatte, „das ist der Ort," mit einem schrecklichen Seitenblick a», — „Erinnert Ihr Euch daran?" „Ja," antwortete Bertram, „vollkommen." „Ja," fuhr seine Führern, fort, „auf diesem selbigen Ort fiel der Mann vom Pferde — ich stand im nämlichen Augenblick dort hinter dem Hollunderbusch. Er kämpfte sehr, sehr, und er rief sehr um Erbarmen — aber er befand fich in deren Händen, die jenes Wort nie kannten! — Nun will ich Euch den Weg weiter zeigen — als Ihr ihn das letzte Mal zurücklegtet, lagt Ihr in diesen Armen." Sic führte sie nun auf einem langen und gewundenen Pfade hin, der meist mit Buschholz überwachsen war, bis sie sich, ohne merklich bergab gestiegen zu sein, plötzlich am See- firande fanden. Meg wandelte sehr schnell voran zwischen Brandung und Felsen, bis sie zu einem merkwürdigen Felsen- fragmcnt kamen, das von dem übrigen Gestein abgesondert lag. „Hier," sagte sie mit leisem und kaum hörbarem Flüstern, „hier ward der Leichnam gefunden." „Und die Höhle," sagte Bertram im nämlichen Tone, „ist dicht dabei — führt Ihr uns dahin?" „Ja," sagte die Zigeunerin mit entschiedenem Tone- „Faßt beide Muth im Herzen — folgt mir, wenn ich hineinkrieche — ich habe das Brennholz so gelegt, daß es Euch verbirgt. Bleibt versteckt dahinter, bis ich sage: die Stunde und der Mann sind beide gekommen: dann fallt über ihn her, ergreift seine Arme und bindet ihn, bis ihm das Blut aus den Spitzen der Finger spritzt." 167 „Ich will's, bei meiner Seele," sagte Henry, „wenn es der Mann ist, den ich vermuthe — Jansen?" »Ja, Jansen, Hatteraick, und noch zwanzig andre Namen sind sein " „Dinmont, jetzt müßt Ihr mir beistehn," sagte Bertram, „denn dieser Kerl ist ein Leusel " „Zweifelt nicht an mir," sagte der rüstige Landmann — „aber gern möcht' ich erst ein Gebet verrichten, eh' ich der Hexe nachkrieche in die Höhle, die sie öffnet — es wäre doch ein arges Ding, die schöne Sonne und die freie Luft zu verlassen, und ermordet zu werden, gleich einem Fuchs unter der Erde, in einem Kerker, wie der hier. Aber meiner Treu, es müssen tüchtige Dachshunde sein, die Dandie würgen wollen; und, wie gesagt, der Teufel hol' mich, wenn ich Euch verlasse." Dies ward mit so leiser Stimme als möglich gesprochen. Der Eingang war nun offen. Meg kroch auf Händen und Knieen hinein, Bertram folgte, und Dinmont, nachdem er dem Tageslicht noch einen bekümmerten Blick geschenkt, da er dessen Herrlichkeit jetzt verließ, bildete den Nachtrab. Fünfzehntes Kapitel. -So stirb, Prophet! in deiner Nede; Dazu war ich bestimmt vor allen Andern. Heinrich IV. Theit III. Der Fortgang des Pächters, der, wie wir sagten, der letzte von der Gesellschaft war, ward schrecklich durch eine Hand gehemmt, welche sein Bein ergriff, während er seine Glieder in Schweigen und Unruhe hinter sich drein schleppte, in diesem niedern und schmalen Eingänge zu dem unterirdischen Orte. Das stählerne Herz des kühnen Landmanns wäre beinah' gesunken, und nur mit Mühe unterdrückte er einen Schrei, welcher, bei der schutzlosen Lage, in der man sich jetzt befand, leicht Allen das Leben hätte kosten können. Er begnügte sich indeß damit, seinen Fuß von dem Griffe des unerwarteten Nachfolgers loszumachen. „Seid still," sagte hinter ihm eine beruhigende Stimme; „ich bin ein Freund — Charles Hazle- wood." Diese Worte wurden äußerst leise gesprochen, aber sie erzeugten doch Schall genug, um Meg Merrilies bestürzt zu machen, welche den Zug führte, und die, bereits an dem Ort angelangt, wo sich die Höhle erweiterte, schon auf den Füßen stand. Sie begann, als wollte sie ein lauschendes Ohr betäuben, zu murmeln und laut zu singen, und machte zugleich Geräusch unter dem Reisholz, welches jetzt in der Höhle angehäuft war- „Hier, tolles Teufelskind," rief Dirk Hatteraick's rauhe Stimme aus dem Innern seiner Höhle; „was machst du dort?^ „Lege das Reisig zurecht, daß es den kalten Wind von Euch abhält, Ihr verzweifelter Taugenichts — Ihr befindet Euch allzu wohl; cs wird bald anders sein." „Habt Ihr mir den Branntwein gebracht, und was Neues von meinen Leuten?" sagte Dirk Hatteraick- „Da ist die Flasche für Euch. Eure Leute — zerstreut — entlaufen — oder zusammcngehaucn von den Rothröcken." „Der Teufel! — das ist mir eine heillose Küste." „Ihr könnt noch mehr Grund haben, so zu sagen." Während dieses Gesprächs hatten Bertram und Dinmont das Innere der Höhle gewonnen und sich aufrecht gestellt. Das einzige Licht, welches die rauhen und düstern Wände erhellte, kam von einem zu Kohle verbrannten Holzhaufen auf einem eisernen Roste, wie man ihn Nachts beim Lachsfange anwendete- Auf diese rothc Gluth warf Hatteraick von Zeit zu Zeit eine Handvoll Zweige oder gespaltenes Holz; aber selbst dies gewährte beim Aufflackern nicht genug Licht für die weite Höhle; und da deren Hauptbewohner zu der Seite des Rostes lag, die am weitesten vom Eingänge entfernt war, so war es nicht leicht für ihn, die in jener Richtung befindlichen Gegenstände genau zu unterscheiden. Die Eindringenden, deren Zahl nun unverhofft auf drei gestiegen war, standen daher hinter den locker gehäuften Reisern ohne große Gefahr, entdeckt zu werden. Dinmont hatte Verstand genug, Hazle- wood mit einer Hand so lange zurückzuhalten, bis er Bertram zugeflüstert hatte: „ein Freund — Junker Hazlewood." Es war nicht die Zeit, sie einander vorzustellcn, und alle standen so still, wie die Felsen umher, aber im Dunkeln hinter dem Holzhaufen, den man wahrscheinlich an dieser Stelle 170 hatte, um den kalten Seewind abzuhalten, ohne doch der Luft den Zutritt gänzlich zu versperren- Die Zweige waren so locker über einander gelegt, daß man, gegen den glühenden Rost hindurchblickend, sehen konnte, was in der Nähe vorging, obwohl eine weit stärkere Beleuchtung die Personen im Hintergründe der Höhle nicht fähig gemacht haben würde, die Stellung der Lauschenden zu entdecken. Die Scene gewährte, auch abgesehn von dem besondern moralischen Interesse und der persönlichen Gefahr, die damit verbunden, schon durch die Wirkung des Lichtes und Schattens auf die ungewöhnlichen Gegenstände, einen vorzüglich schauerlichen Anblick. Die dunkelrothe Gluth auf dem Roste erhob sich von Zeit zu Zeit zu einer mehr oder minder düster leuchtenden Flamme, je nachdem das Holz, womit Dirk Hatteraick sein Feuer nährte, sich besser oder schlechter dazu eignete- Jetzt erhob sich eine düstere Rauchwolke zu der Decke der Höhle, jetzt wieder fuhr eine unsichere und matte Flamme dazwischen empor, die flackernd durch die Rauchsäule wirbelte, und plötzlich durch etwas dürres Reisig Heller und lebhafter gemacht wurde, oder auch durch einige Kienspähne, die dann alsbald den Rauch in Gluth verwandelten. Bei solch' unbestimmter Beleuchtung vermochten sie mehr oder minder deutlich Hatteraick's Gestalt zu sehen, dessen wildes und roh gebildetes Gesicht, jetzt noch wilder gemacht durch die Umstände seiner Lage und seinen düstern Gemüthszustand, recht wohl zu dem rauhen und unebenen Gewölbe paßte, welches sich in einem rohen Bogen um und über ihm hob. Die Gestalt der Meg Merrilies, die sich bei ihm zu schaffen machte und bald im Lichte stand, bald von Rauch oder Finsterniß theilweise versteckt war, bildete einen seltsamen Kontrast zu der fitzenden Figur Hatteraick's, wenn er sich über die Gluth beugte und. seiner bestimmten Situation wegen, dem Zuschauer stets sichtbar blieb, während die weibliche Figur immer in Bewegung war, und, gleich einem Gespenst, verschwand und wieder erschien- Bertram fühlte beim Anblicke Hatteraick'S sein Blut kochen. Er erinnerte sich seiner recht gut unter dem Namen Jansen, den der Schmuggler nach dem Tode Kennedy'ö angenommen hatte; desgleichen erinnerte er sich, daß dieser Jansen und sein Unterschiffer Brown, derselbe, der bei Woodbourne erschossen ward, die härtesten Tyrannen seiner Kindheit gewesen waren. Bertram erkannte ferner, indem er seine eigenen unvollkommenen Erinnerungen durch die Erzählungen Mannering's und Pleydell's ergänzte, daß dieser Mann der Rädelsführer bei jener Gewaltthat gewesen war, die ihn von Familie und Heimath fortriß und so vielem Mißgeschick und Gefahren aussetzte. Tausend aufregende Gedanken erhoben sich in seinem Busen; kaum konnte er sich enthalten, auf Hatteraick loszustürzen und ihm die Hirnschale einzuschlagen. Dies würde für jetzt ein unsicheres Unternehmen gewesen sein. Die Flamme, während sie stieg und sank und den starken, muskulösen und breitschulterigen Bau des Schurken darstellte, beleuchtete auch zugleich zwei Paar Pistolen in seinem Gürtel, so wie vcn Griff seines Säbels; es war kein Zweifel, daß seine Verzweiflung seine Stärke und seine Widerstandsmittel bedeutend erhöhen werde. Beides war in der That nicht hinreichend, der Macht zweier solchen Männer die Spitze zu bieten, wie Bertram und sein Freund Dinmont waren, nicht zu rechnen ihren unerwarteten Helfer Hazlewood, welcher ohne Waffen und überhaupt minder stark war; aber Bertram fühlte nach kurzer Ueberlegung, daß es ihm weder zur Ehre noch zum Ruhme gereichen werde, wenn er dem Henker im Amte vorgreifen wolle, und zugleich erwog er, wie wichtig es sei, Hatteraick lebendig zu fangen- Er unterdrückte daher seinen Zorn, und erwartete, was zwischen dem Schurken und der Zigeunerin Vorgehen würde. — „Und wie steht's nun um Euch?" sagte die rauhe und unmelodische Stimme seiner Pflegerin; „Sagt' ich nicht, cs werde über Euch kommen — und zwar in der nämlichen Höhle, wo Ihr nach der That herbergtet?" „Wetter und Sturm, Ihr Here!" erwiederte Hatteraick, „behaltet Eure Teufelsreden, bis man sie verlangt. Habt Ihr Glossin gesehn?" „Nein," erwiederte Meg Merrilies: „Ihr habt Euren Schlag verfehlt, Ihr Blutvergießen! und Ihr habt nichts vom Versucher zu erwarten." „Hagel!" rief der Schurke, „hä'tt' ich ihn nur bei der Gurgel! — und was Hab' ich nun zu thun?" „Thun?" antwortete die Zigeunerin; „Sterben wie ein Mann, oder gehängt werden, wie ein Hund!" „Gehängt, Ihr Satanshere! — der Hanf ist nicht gesäet, woran ich hangen soll." »3st gesät, und ist gewachsen, und ist gehechelt, und ist gesponnen. Sagt' ich Euch nicht, als Ihr den Knaben Harry Bertram, trotz meiner Bitten, wegnahmet, — sagt' ich Euch nicht, er würde kommen, wenn er bis zum einundzwanzigsten Jahre sein Schicksal in fremden Landen erduldet hätte? — Sagt' ich nicht, das alte Feuer würde bis auf einen Funken niederbrennen, aber wieder auflodcrn?" „Freilich, Mutter, so sagtet Ihr," sagte Hatteraick mit einer Stimme, die etwas nach Verzweiflung klang; „und, Donner und Blitz! ich glaube, Ihr habt wahr gesprochen — dieser Junker von Ellangowan ist mir mein Lcbenlang ein Stein des Anstoßes gewesen! Und nun ist durch Glosstn'S 173 verfluchte Ränke meine Mannschaft zusammengehauen, meine Boote zerstört, und das Schiff wahrscheinlich genommen — es waren nicht Männer genug am Bord geblieben, um es zu regieren, viel weniger, um zu fechten — ein Boot hätt' es nehmen können. Und was soll ich den Eigenthümern sagen? — Hagel und Sturm! Ich werde mich nie wieder nach Messingen zurück wagen," „Ihr werdet's nicht nöthig haben," sagte die Zigeunerin. „Was thust du dort," sagte jener, „und warum sagst du so?" Während dieses Gesprächs häufte Meg einigen Flachs locker zusammen. Eh' sie jene Frage beantwortete, ließ sie einen Brand auf den Flachs fallen, den sie vorher mit etwas Branntwein getränkt hatte: — denn augenblicklich fing er Feuer und erhob sich in einer wallenden und blendend glänzenden Lichtpyramide bis zur höchsten Stelle des Gewölbes. Während sie cmporstieg, beantwortete Meg des Schurken Frage mit fester und starker Stimme: — „Weil die Stunde gekommen ist und der Mann." Bei dem verabredeten Zeichen sprangen Bertram und Din- mvnt über das Reisbolz und stürzten über Hattcraick her- Hazlewood, unbekannt mit ihrem Angriffsplane, that dies einen Augenblick später. Der Schurke, der sogleich sah, er sei verrathen, wandte zuerst seine Rache auf Meg Merrilies, nach welcher er ein Pistol abfeuerte. Sie fiel, mit einem durchdringenden und furchtbaren Schrei, halb der Wehruf des Schmerzes, halb der Schall des Lachens, wenn dies seine höchste und erstickendste Höhe erreicht. „Ich wußte, es würde so kommen," sagte sie. — Bertram glitt in der Eile auf dem unebenen Fels aus, welcher den Boden der Höhle bildete; ein glücklicher Fall, denn Hatteraick's zweite Kugel pfiff über ihm hin, und cs war 174 so gut gezielt worden, daß sie ihm, hält' er aufrecht gestanden, nothwendig in's Gehirn hätte fliegen müssen. Ehe der Schmuggler ein anderes Pistol ziehen konnte, war Dinmont schon dicht bei ihm, und bemühte sich mit gewaltiger Anstrengung, ihm die Waffen zu entwinden. Aber so groß war des Bösewichts persönliche Stärke, welche noch durch die Verzweiflung vermehrt ward, daß er, trotz der Ricsenstärke, womit der Pächter ihn gepackt hielt, dennoch Dinmont durch den brennenden Flachs schleppte, und auch beinah' ein andres Pistol gezogen haben würde, welches wahrscheinlich dem ehrlichen Landmanne übel bekommen wäre, hätten dem letztern nicht Bertram und Hazlewood Beistand geleistet. Sie warfen daher endlich mit gemeinsamer Kraft und großer Anstrengung Hatteraick zu Boden, entwaffneten und banden ihn. Dieser Kampf, obwohl er in der Erzählung einige Zeit kostet, geschah doch in weniger als einer Minute. Als er gehörig geknebelt war, lag der Schurke, nach einigen verzweifelten und fast krampfhaften Bewegungen, vollkommen still und schweigend. „Er hat sich gehörig gehalten," sagte Dinmont; „nun, deß- wegen gefällt er mir nicht schlechter " Diese Bemerkung machte der wackere Dandie, während er den brennenden Flachs von seinem groben Rock und zottigen schwarzen Haar schüttelte, welches in dem Kampfe ziemlich versengt worden war. „Tr ist nun ruhig," sagte Bertram; „bleibt bei ihm und erlaubt ihm nicht, sich zu rühren, bis ich gesehn habe, ob das arme Weib lebendig oder todt ist." Mit Hazlewood's Beistand hob er Meg Mcrrilics auf. „Ich wußte, cs würde so kommen," murmelte sie, „und gerade so sollt' es auch kommen." Die Kugel war unter der Kehle in die Brust gedrungen. Es blutete äußerlich nicht sehr; aber Bertram, gewöhnt, Schußwunden zu sehn, hielt dies für so schlimmer. „Guter Gott! was sollen wir für dies arme Weib thun?" sagte er zu Hazlewood, — denn natürlich konnten beide hier nicht an anderweitige Erklärungen denken- „Ich habe mein Pferd oben im Wald angebunden," sagte Hazlewood. „Ich habe Sie die zwei Stunden lang beobachtet — ich will fort reiten und einige zuverlässige Gehilfen suchen. Unterdessen wird das Beste sein, Sie vertheidigcn den Eingang der Höhle gegen Jeden, bis ich zurückkehre." Er eilte hinweg. Bertram, nachdem er Meg Merrilics Wunde, so gut er konnte, verbunden hatte, nahm seinen Posten, mit einem gespannten Pistol in der Hand, nah' am Eingänge der Höhle; Dinmont fuhr fort, Hatteraick zu bewachen. Eine Todtenstille herrschte in der Höhle, nur unterbrochen durch das leise und gedämpfte Stöhnen der verwundeten Frau, und durch die rauhen Athemzüge des Gefangenen. Sechzehntes Kapitel. Ob du, verführt und falsch geleitet, Auch lang gereist und lang geirrt, Dein Gott hat dich doch stets geleitet. Und stet« sah er, was dich verwirrt. Der Gerichtssaal. Nach Verlauf von beinahe drei Viertelstunden, welche die Unsicherheit und Gefahr ihrer Lage wohl dreißigmal so lang erscheinen ließen, hörte man endlich die Stimme des jungen Hazlewood von draußen. „Hier bin ich," rief er, „mit hinreichender Gesellschaft." „So kommen Sie herein," antwortete Bertram, sehr froh, von seinem Posten abgelöst zu werden. Darauf trat Hazlewood ein, in Begleitung einiger Landlente, deren einer Diener des Friedensgerichts war. Sie -oben Hatteraick empor und trugen ihn auf ihren Armen, so weit dies die enge Wölbung des Eingangs gestattete; sodann legten sie ihn auf den Rücken und schleppten ihn weiter, so gut sie konnten, denn kein Zureden konnte ihn dazu bewegen, die Abführung durch seinen eignen Beistand zu erleichtern. Er lag so stumm und unthätig in ihren Händen, wie ein Leichnam, unfähig, ihrem Werke zu widerstehen, aber cs eben so wenig unterstützend. Ais er an das Tageslicht geschleppt und -wischen drei oder vier Männern aufrecht auf seine Füße gestellt war, (denn cs waren noch einige Leute außen geblieben,) seinen er durch ven plöhlichen Wechsel nach der Finsterniß seiner Höhle betäubt und geblendet. Während Andre die Entfernung der Meg MerrilieS übernahmen, versuchten diejenigen, die bei Hatteraick blieben, diesen auf ein Felsenstück niederzusetzen, welches dicht bei der Stelle lag, welche die hohe Fluth bezeichnete. Ein heftiges Schaudern machte seine eisenfeste Gestalt einen Augenblick erzittern, während er sich der Absicht jener Leute widersetzte. „Nicht dort — Hagel! — ihr wollt mich doch nicht dort sitzen lassen?" Dies waren die einzigen Worte, die er sprach; aber der Sinn derselben und der Ton tiefen Grauens, in welchem er sie äußerte, zeigte an, was in seinem Gemüthe vorging. Als Meg MerrilieS ebenfalls aus der Höhle gebracht war, was mit all' der Sorgfalt geschah, welche die Umstände gestatteten, berathschlagte man, wohin sie zu bringen sei- Hazlewood hatte nach einem Wundarzt geschickt, und schlug vor, man solle sie unterdessen zur nächsten Hütte bringen. Aber die Verwundete rief mit großem Ernst: „Nein, nein, nein! zum Kaim von Derncleugh — zum Kaim von Derncleugh — der Geist wird vom Leibe nicht frei, außer dort." „Man muß ihr nachgeben, denk'ich," sagte Bertram; „ihre verwirrte Phantasie wird sonst das Wundfieber verschlimmern." Sie trugen fie daher nach jenem Gewölbe. Unterwegs schien ihr Geist mehr bei der eben erlebten Scene zu weilen, als bei dem nahen Tode. „Drei waren da gegen ihn — ich brachte die zwei — aber wer war der dritte? War er selber es, der wiederkam, um seine Rache selber zu vollbringen?" Es war offenbar, daß das Erscheinen Hazlewood's, dessen Guy Mannering. III. 12 178 Person zu erkennen ihr Hatteraick's Angriff nicht gestattete, einen starken Eindruck auf ihre Einbildungskraft hervorgebracht hatte- Sie kam oft wieder darauf zurück. Hazlewood erklärte Bertram seine unerwartete Ankunft und berichtete, daß er fie, nach Mannering's Andeutung, einige Zeit im Gesicht behalten habe; daß er, ihr Verschwinden in der Höhle beobachtend, nachgekrochen sei, um ihnen seine Gegenwart anzukündigen, als seine Hand im Finstern Dinmont's Bein ergriffen habe, wodurch fast eine Katastrophe herbeigeführt worden sei, welche nur die Geistesgegenwart und der Muth des kühnen Landmanns abwendete. Alo die Zigeunerin bei dem Thurme anlangte, gab sie den Schlüssel her; und als man eintrat und im Begriff war, sie auf das Bett zu legen, sagte sie, mit ängstlich besorgter Stimme: „Nein, nein ! nicht so, die Füße nach Morgen;" und fie schien zufrieden, als man ihr diese Lage gegeben, und fie gleich einem Leichnam hingelegt hatte. „Ist kein Geistlicher in der Nähe," sagte Bertram, „um dieser unglücklichen Frau beizustehn?" Ein Herr, der Pfarrer des Kirchspiels, der Hazlewood's Lehrer gewesen war, hatte, gleich vielen andern, das Gerücht vernommen, daß der Mörder Kennedy's auf der nämlichen Stelle gefangen worden sei, wo er vor vielen Jahren die That verübte, und daß das Weib tödtlich verwundet worden. Aus Neugier, oder vielmehr in dem Gefühle, daß ihn seine Amtspflicht zu Scenen der Trübsal rufe, war dieser Herr zum Thurme von Derncleugh gekommen, wo er sich nun verstellte- Zu gleicher Zeit kam der Wundarzt an, und wollte die Wunde untersuchen; aber Meg wies die Hilfe von Beiden zurück- „Was Menschen thun können, kann weder meinen Körper heilen, noch meine Seele retten. Laßt mich sprechen, was ich zu sagen habe, und dann mögt ihr euren Willen haben; ich werd' es nicht hindern- — Aber wo ist Henry Bertram?" — Die Umstehenden, denen dieser Name lange fremd gewesen war, starrten einander an- „Ja!" sagte sie mit stärkerer und rauherer Stimme, „ich sagte Henry Bertram von Ellango- wan. Tretet aus dem Lichte, und laßt mich ihn sehen." Alle Augen richteten sich auf Bertram, der sich dem elenden Lager näherte. Die verwundete Frau nahm ihn bei der Hand. „Seht ihn an," sagte sie, „wer von euch je seinen Vater oder seinen Großvater sah, und bezeugt, daß er ihr lebendiges Ebenbild ist." Ein Gemurmel lief durch die Menge — die Ähnlichkeit war zu überraschend, als daß sie geläugnet werden konnte. „Und nun hört mich — und laßt jenen Mann," (sie deutete auf Hatteraick, der in einiger Entfernung zwischen seinen Wächtern saß,) „laßt ihn abläugnen, was ich sage, wenn er's kann. Das ist Henry Bertram, Sohn des Godfrey Bertram, einst Herr von Ellangowan; dieser junge Mann ist dasselbe Kind, welches Dirk Hatteraick von der Warrochspitze an dem Tage entführte, wo er den Zöllner mordete. Ich war dort gleich einem irren Geiste — denn mich verlangte, den Wald zu sehn, ehe wir die Gegend verließen. Ich rettete des Knaben Leben, und ich bat inständig, daß sie ihn mir überlassen möchten. Aber sie trugen ihn hinweg und er ist lange Zeit über'm Meer gewesen; und nun kommt er, sein Erbe zu nehmen, und was sollt' ihm widerstehen? — Ich schwur, das Gcheimniß zu bewahren, bis er einundzwanzig Jahr alt sei — ich wußte, daß ihn dreimal sein Schicksal treffen mußte, bis dieser Tag kam — ich hielt den Schwur, den ich ihnen leistete — aber mir selbst that ich ein zweites Gelübde, daß ich ihn, wenn ich den Tag seiner Rückkehr erlebte, in seines Vaters Erbe einsetzen wollte, sollt' auch jeder Schritt über einen Tobten gehn. Ich Hab' auch diesen Eid gehalten, ich selbst werde ein Schritt sein — hier" (sie zeigte auf Hatteraick,) »wird bald ein zweiter sein, und noch einige werden folgen." Der Geistliche bemerkte jetzt, wie Schade cs sei, daß diese Aussage nicht gehörig ausgezeichnet und niedergeschricbcn worden wäre, und der Wundarzt hielt es für dringend nothwen- dig, endlich die Wunde zu untersuchen, statt die Frau durch Fragen zu erschöpfen. Als sie sah, daß man Hatteraick entfernte, um das Gemach dem Wundarzt ungestört zu seinen Operationen zu überlassen, rief sie laut, indem sie sich zugleich selbst auf dem Lager emporrichtcte: „Dirk Hatteraick, wagt Ihr, mit meinem Blut an Euren Händen, ein Wort von dem zu läugnen, was mein entfliehender Athem kund gab?" — Er blickte sie mit dem Ausdrucke roher, boshafter Verstocktheit an, bewegte seine Lippe», sprach aber kein Wort. „So lebt wohl!" sagte sie, „und Gott vergeb' Euch, — Eure Hand hat meine Aussage besiegelt. — Als ich unter den Menschen lebte, war ich die wahnsinnige Zigeunerin, die gepeitscht, verbannt und gebrandmarkt wurde — die von Thür zu Thür bettelte, und wie ein räudiger Hund von Dorf zu Dorf gejagt wurde — wer würde da ihre Erzählung beachtet haben? — aber jetzt bin ich ein sterbendes Weib, und meine Worte werden nicht auf die Erde fallen, die bald mein Blut bedecken wird!" Hier schwieg sie, und Alle verließen das Gemach, mit Ausnahme des Wundarztes und einiger Weiber. Nach kurzer Prüfung schüttelte er den Kopf und überließ seine Stelle neben der Sterbenden dem Geistlichen. Ein Wagen, welcher leer nach Kippeltringan zurückkehrte, war auf der Straße von einem Gerichtsbeamten angehalten worden, damit man Hatteraick darin zum Gefängniß bringen könnte. Als der Kutscher vernahm, was zu Derncleugh vorging, überließ er seine Pferde der Aufsicht eines müßigen 181 Knaben, da er mehr Vertrauen in die Jahre und das gute Benehmen der Pferde setzte, als auf den Hüter derselben; und darauf eilte er fort um zu sehen, „was für ein Spaß dort vorgehe." Er langte bei der Schaar der Bauern und übrigen Umstehenden, deren Zahl sich immer vermehrte, gerade in dem Augenblicke an, als sie Hatteraick's rauhe Züge lange genug angestaunt hatten, und nun ihre Aufmerksamkeit auf Bertram richteten. Fast Alle, besonders die bejahrten Leute, welche Ellangowan in seinen bessern Tagen gesehen hatten, fühlten und bestätigten das, was Meg Merrilics auSsagte. Aber die Schotten find vorsichtige Leute; sic bedachten, daß ein Andrer im Besitz des Erbes war und daher druckten sie nur leise flüsternd ihre Empfindungen gegen einander aus. Unser Freund, Jock JaboS, der Postknccht, erzwang sich seinen Weg mitten durch den gedrängten Kreis; aber kaum warf er einen Blick auf Bertram, als er erstaunt zurückfuhr und mit feierlicher Stimme rief: „Wahrlich, der alte Ellangowan, von den Todten aufgestanden!" Diese offene Kundgebung eines freien Zeugnisses war eben der fehlende Funke, der dem allgemeinen Gefühl nun Feuer geben sollte, und dieses machte sich in drei sehr bestimmt ausgesprochenen Ausrufen Luft: — „Bertram lebe hoch!" — „Lang lebe der Erbe von Ellangowan!" — „Gott gebe ihm sein Gut und lass' ihn unter uns leben, wie seine Vorfahren gethan haben!" „Ich bin siebzig Jahr auf dem Gute gewesen," sagte eine Person. „Ich und die Meinigen siebenundsiebzig," sagte ein Andrer; „ich muß ja wohl das Gesicht eines Bertram genau kennen." „Ich und die Meinigen waren seit dreihundert Jahren hier," sagte ein andrer alter Mann, „und sollt' ich meine letzte Kuh verkaufen, ich muß den jungen Laird noch sein Recht erlangen sehn!" 182 Die Weiber, die sich immer des Wunderbaren freuen, und das zumal dann, wenn ein hübscher junger Mann Gegenstand der Erzählung ist, vermehrten das allgemeine Jubelgeschrei durch ihre gellenden Stimmen. „Segen über ihn! — er ist das wahre Ebenbild seines Vaters!" — „Ach, daß seine arme Mutter, die aus Gram und Besorg- niß um ihn starb, nicht diesen Tag erlebt hat!" riefen einige weibliche Stimmen. „Aber wir wollen ihm zu dem Scinigen Helsen," riefen andere; „und che Gloffin das Gut Ellangowan behauptet, wollen wir ihn mit unfern Nägeln herauskratzen!" Andere drängten sich um Dinmont, der nicht faul war, zu sagen, was er von seinem Freunde wußte, und auch stolz auf die Ehre war, zu seiner Entdeckung beigetragen zu haben. Da er mehrere der anwesenden vornehmer» Pächter kannte, so steigerte sein vielgeltendes Zeugniß die allgemeine Begeisterung bedeutend. Kurz, es war einer von den Augenblicken tiefer Rührung, wo der Frost des schottischen Volks wie eine Schneedecke hinwegschmilzt, daß dann die fluthenden Bäche Damm und Teich durchbrechen. Das plötzliche Jubclgeschrei unterbrach die Gebete des Geistlichen; und Meg, die in einer krampfhaften Betäubung lag, wie sie der Endschaft vorauszugehen pflegt, fuhr plötzlich empor: — „Hört ihr's nicht? — hört ihr's nicht? — er wird anerkannt! — er wird anerkannt! das mußt' ich erleben. — Ich bin ein sündiges Weib; aber wenn mein Fluch das Unheil brachte, so hat es mein Segen gehoben! Und ich möchte nun wohl gern noch mehr gesagt haben. Aber es kan» nicht sein. Halt" — fuhr sie fort, ihr Haupt nach dem Lichtschimmer richtend, welcher durch den schmalen Spalt brach, der als Fenster diente, „ist er nicht do>;t? — Geht aus dem Lichte, und laßt mich ihn noch einmal sehen. Aber es ruht nun Finsterniß auf meinen Augen," sagte sie, zurücksinkend, nachdem sie starr in den leeren Raum geblickt hatte — „'s ist nun vorbei, Hauch muß flleh'n, Tod erschien!" und auf ihr Strohlager zurücksinkend, verschied sie ohne einen Seufzer. Der Geistliche und der Wundarzt zeichneten sorgfältig Alles auf, was sie gesagt hatte, indem sie tief bedauerten, sie nicht umständlicher befragt zu haben; aber beide blieben moralisch überzeugt von der Wahrheit ihrer Eröffnungen. Hazlewood war der erste, welcher Bertram zu der neuen Aussicht, seinen Namen und Rang in der Gesellschaft hergestellt zu sehen, Glück wünschte. Die umstehenden Leute, welche nun von Zock Jabos hörten, Bertram sei die Person, die ihn verwundet hatte, waren von seiner Großmuth überrascht und riefen auch seinen Namen, während sie Bertram jubelnd nannten. Einige fragten jedoch den Postknccht, warum er Bertram nicht erkannt habe, als er ihn vor kurzem zu Kippcltringan sah? darauf gab er die sehr natürliche Antwort: „Ei, dachte ich denn damals an Ellangowan? — als sich aber jetzt das Geschrei erhob, der junge Laird sei gefunden, da fiel mir sogleich die Aehnlichkeit auf — man kann sich in ihm nicht irren, wenn man ihn nur ansieht." Die Hartnäckigkeit Hatteraick's war während des letzten Theils dieser Scene doch etwas erschüttert. Man sah, wie er die Augen niederschlug — wie er die gebundenen Hände zu heben suchte, um den Hut tiefer in's Gesicht zu ziehen — und wie er unruhig und ungeduldig nach der Straße blickte, als erwarte er den Wagen, der ihn von diesem Orte bringen sollte. Endlich ließ ihn Hazlewood, besorgt, daß sich die VolkSwuth gegen den Gefangenen wenden möchte, in der Postkutsche nach Kippletringan bringen, um ihn Mac-Morlan zur Verfügung zu 184 stellen; zugleich sandte er an diesen Herrn einen Boten ab, um ihn von dem Vorgefallenen zu unterrichten. „Und nun," sagte er zu Bertram, „würde ich glücklich sein, wenn Sie mich nach Hazlewood begleite» wollten; da dies aber jetzt nicht so annehmlich sein dürfte, als es hoffentlich in wenigen Tagen sein wird, so müssen Sie mir erlauben, mit Ihnen nach Wood- bourne zurückzukehren. Sie sind aber zu Fuße " — „O, wenn der junge Laird mein Pferd nehmen wollte!" — „Oder meines," — „Oder meines," riesen ein halb Dutzend Stimmen — „Oder meines; er kann damit drei Meilen die Stunde ohne Peitsche und Sporn traben, und cs gehört dem jungen Laird von diesem Augenblick, als Herrengebühr, wie man es von jeher nannte. — Bertram nahm das Pferd endlich als Lehen und sagte der versammelten Menge seinen Dank für ihre guten Wünsche, worauf wieder mit Jubelgeschrei geantwortet wurde. Während der glückliche Eigenthümer einen Burschen anwies, „den neuen Sattel zu holen," ein Andrer, „das Thier ein Bischen glatt zu bürsten," ein Dritter, „hinunter zu laufen und Dan Dunkieson's stählerne Steigbügel zu borgen," wobei er zugleich sein Bedauern ausdrückte, „daß da keine Zeit übrig sei, das Vieh zu füttern, damit der junge Laird seine Kraft desto besser kennen lernen möchte," — ging Bertram, den Geistlichen am Arm nehmend, in das Gewölbe, und schloß die Thur hinter sich zu. Schweigend schaute er einige Minuten auf Meg Merrilies' Körper, der vor ihm lag, mit den Zögen, noch markirter durch den Tod, aber noch immer den ernsten, kräftigen Charakter verrathend, mit dem sie im Leben ihre Herrschaft als wilde Herrin des gesetzlosen Volkes behauptet hatte, unter welchem sie geboren war. Der junge Krieger trocknete die Thränen, die ihm unwillkürlich in's Auge drangen, als er die Reste derjenigen sah, die als Opfer ihrer Treue gegen ihn und seine Familie ge- storben war. Darauf ergriff er des Geistlichen Hand und fragte feierlich, ob sie fähig gewesen sei, seinen Gebeten die Aufmerksamkeit zu schenken, die einem Sterbenden zieme- „Werther Herr," sagte der gute Pfarrer, „ich hoffe, dies arme Weib hatte noch Besinnung genug, um den Inhalt meiner Gebete zu fühlen und Theil daran zu nehmen. Aber wir wollen bescheiden hoffen, daß wir nach der Gelegenheit, die wir zu religiösem und sittlichem Unterricht hatten, gerichtet werden- Sie mußte gewissermaßen als eine unbelehrte Heidin im Schooße eines christlichen Landes angesehen werden; auch müssen wir uns erinnern, daß die Fehler und Laster ihres in Unwissenheit zugebrachtcn Lebens durch Beispiele von uneigennütziger Treue, welche sie fast mit Heldenmut- bewahrte, ausgeglichen wurden. Ihm, der allein unsre Fehler und Jrrthümer gegen unser Streben nach Tugend abwägcn kann, empfehlen wir sie mit Ehrfurcht, aber nicht ohne Hoffnung." „Darf ich bitten," sagte Bertram, „daß Sie jede anständige Form beim Begräbniß dieses armen Weibes gestalten werden? Ich habe noch eine Baarschaft, die ihr gehört, in meinen Händen, — auf alle Fälle werde ich für die Kosten verantwortlich sein — zu Wovdbourne bin ich zu finden." — Dinmont, den einer seiner Bekannten mit einem Pferde versehen hatte, rief jetzt laut, daß Alles zu ihrer Rückkehr in Bereitschaft sei; nachdem Bertram und Hazlewood die Menge, die jetzt auf einige hundert gestiegen war, ernstlich ermahnt hatten, in ihrer Freude gute Ordnung zu halten, weil die geringsten Uebertretungen zum Nachtheil des jungen Laird ausgelegt werden könnten, wie sie ihn nannten, nahmen beide nunmehr Abschied, von dem Geschrei der Menge begleitet. Als sie bei den zerstörten Hütten von Derncleugh vorüberritten, sagte Dinmont: „Gewiß, Capitain, wenn Ihr zu dem 186 Eurigen kommt, vergcßt Jhr sicher nicht, hier rin Häuschen zu bauen; ich würde cs wirklich selber thun, wenn's nicht in bessern Händen wäre. — Freilich möcht' ich nicht selber drin wohnen, nach dem was sie sagte; aber wahrhaftig, die alte Elsbeth wollt' ich hineinsetzcn, die Todtengräberwittwe — ihres Gleichen ist vertraut mit Gräbern und Geistern und solchen Geschichten." Nach einem kurzen aber scharfen Ritte langten sie in Wood- bourne an. Die Nachricht von ihrem Unternehmen war bereits weit und breit bekannt und alle Einwohner der Nachbarschaft empfingen sie auf dem freien Platze bei Woodbourne mit glückwünschendem Zuruf. „Daß du mich noch lebendig siehst," sagte Bertram zu Lucy, die ihm zuerst entgegen eilte, obwohl ihr Juliens Blicke noch zuvorkamen, „das verdankst du nur diesen guten Freunden." Mit einem Erröthen, welches zugleich Vergnügen, Dankbarkeit und Verlegenheit ausdrückte, verbeugte sich Lucy gegen Hazlcwood, Dinmont aber reichte sie unbefangen die Hand. Der ehrliche Pächter nahm sich im Uebermaaß seiner Freude größere Freiheit, als die dargcbotene Hand gewähren sollte, denn er drückte seinen Dank auf der Lady Lippen, war jedoch sogleich über sein unzartes Benehmen selber betroffen. „Um's Himmels willen, Lady, ich bitt'um Verzeihung," sagteer; „ich vergaß, daß Ihr keines von meinen Kinder» seid — der Capitain ist aber so leutselig, man vergißt bei ihm, wer man ist." Jetzt kam der alte Pleydell herbei. „Ei, wenn Sporteln wie diese gezahlt werden" — sagte er- „Halt, halt, Mr. Pleydell," sagte Julie, „Sie haben Ihre Gebühren voraus — gedenken Sie der letzten Nacht." „Nun, ich bekenne den Vorschuß," sagte der Advokat; „aber ich werde doppelte Gebühren zu verlangen haben, von Miß Bertram und von Ihnen, wenn ich morgen das Verhör Dirk 187 Hatteraick's beendigt haben werde — den will ich schon lenksam machen! — Sie werden cs sehen, Oberst, und Sie, meine svröden Damen, sollen es hören, wenn Sie es nicht sehen mögen." „Ja, wenn wir nämlich Lust haben, darauf zu hören," sagte Julie. „Ja, und zwei gegen eins ist zu wetten," sagte Plepdcll, „daß Sie keine Lust haben werden? so denken Sie vermuth- lich. Aber Ihre Neugierde lehrt Sie schon, die Ohren dann und wann zu brauchen." „Ich erkläre," antwortete die muntere Julie, „daß solche zudringliche Herrchen, wie Sie, uns wohl bisweilen den Gebrauch unserer Finger lehren können." „Die bewahren Sie für das Klavier, meine Theure," sagte der Rechtsgelehrte. „Das ist besser für uns Alle." Während dieses scherzhaften Geschwätzes stellte Oberst Mannering Bertram einen einfach und gütmüthig aussehenden Mann vor, welcher grauen Rock und Weste, Lederhosen und Stiefeln trug. „Dies, mein lieber Sir, ist Mr. Mac-Morlan." „Welchem," sagte Bertram, ihn herzlich umarmend, „meine Schwester eine Heimath verdankte, als sie von all ihren natürlichen Freunden und Verwandten verlassen war." Jetzt drängte sich der Dominie vor, lachte seltsam, ließ einen diabolischen Laut hören, indem er zu pfeifen versuchte, und rannte endlich, da er seine Gefühle nicht zu überwältigen wußte, hinweg, um sich durch Weinen zu erleichtern. Wir wollen nicht versuchen, die Herzensfreude und Heiterkeit dieses glücklichen Abends zu schildern. Siebenzehntes Kapitel. — — Gleich dem boshaften Affen. Deo grinsend sich bei seinem Raub entdeckt sieht, Erscheint der schlaue Mann, deß Schurkerei Nun offen liegt am Tag! — Graf Basil. Früh am folgenden Morgen war in Woodbourne Alles in Bewegung, um dem Verhör in Kippletringan bcizuwohnen. Mr. Plcydell ward, theils weil er schon früher hinsichtlich Kennedy's Ermordung Nachforschungen angestellt, theils aus Achtung vor seiner vorzüglichen Gewandtheit, von Mr. Mac- Morlan, Sir Robert Hazlewood und einem andern anwesenden Friedensrichter eingeladen, das Amt eines Präsidenten zu übernehmen und das Verhör zu leiten- Auch Oberst Mannering war zur Theilnahme aufgefordcrt worden. Plcydell vernahm und befragte die srühern Zeugen noch einmal. Sodann hörte er die Berichte des Geistlichen und des Wundarztes hinsichtlich der Erklärung der sterbenden Meg Mer- rilies. Sie erklärten, daß sie sich bestimmt, ausdrücklich und wiederholt als Augenzeugin beim Tode Kennedy's durch Hat- teraick's und einiger seiner Gefährten Hände, erklärt habe; daß ihre Gegenwart zufällig stattgefunden; daß sie glaubte, es habe jene Männer, als sie Kennedy begegneten, ihre Rachlust zum Vollbringen des Verbrechens vermocht, weil sie durch seine 189 Vermittelung ihr Fahrzeug verloren hatten; daß sie sagte, cs sei noch ein Zeuge des Mordes, der jedoch seine Theilnahme verweigert habe, am Leben, — ihr Neffe nämlich, Gabriel Faa; und sie hatte auch noch eine Person, die nach, nicht vor der That hinzukam, nennen wollen, als ihre Kraft sie verlassen hatte. Sie vergaßen auch nicht Meg Merrilies' Erklärung zu erwähnen, daß sie das Kind gerettet habe, bis es ihr von den Schmugglern entrissen worden sei, um es nach Holland zu führen. — All' diese Einzelheiten wurden sorgfältig zu Papiere gebracht. Darauf ward Dirk Hatteraik in Fesseln hercingefuhrt; man hatte ihn, seiner früheren Flucht wegen, um so sicherer und strenger bewacht. Er ward nach seinem Namen befragt; er antwortete nicht; — nach seinem Gewerbe; er blieb schweigend; verschiedene andere Fragen legte man ihm vor, aber auf keine derselben erwicderte er etwas. Plcydell wischte die Gläser seiner Brille und betrachtete den Gefangenen sehr aufmerksam. „Der Kerl sieht trotzig genug aus," flüsterte er Mannering zu; „aber, um mit Dogberrp zu reden, ich will ihn schon weidlich bearbeiten- — Ruft Soles herein — Soles den Schuhmacher. — Soles, erinnert Ihr Euch, einige Fußtapfen, im Warrochholze in den Schlamm gedrückt, am 17. Nov. Irans meinen Befehl gemessen zu haben?" Soles erinnerte sich des Umstandes vollkommen. „Seht dies Papier an, ist dies Eure Bemerkung des Maaßcs?" — Soles erkannte dieAecht- heit der Aufzeichnung. — „Nun, hier stehn ein Paar Schuh auf dem Tische; meßt sie, und seht, ob sie mit einer der hier von Euch ausgezeichneten Spuren übereinstimmen." Der Schuhmacher gehorchte und erklärte, „daß sie genau den größten jener Fußtapfen entsprächen " „Wir werden sehn," sagte der Advokat leise zu Mannering, 190 „daß diese Schuh, die wir in den Ruinen von Dernclcugh fanden, Brown gehörten, jenem Kerl, den sie bei Woodbourne erschossen. — Nun, Soles, meßt dieses Gefangenen Füße aufdas Genaueste." Mannering beobachtete Hatteraick scharf und bemerkte ein sichtbares Zittern. „Entspricht dieses Maaß einer der Fußspuren ?" Der Mann sah auf das Papier, dann auf sein genommenes Maaß, und erkannte das frühere in dem gegenwärtig erhaltenen. „Es stimmt," sagte er, „um ein Haar breit mit einer jener Fußspuren überein." Hier verließ Hatteraick seine Besonnenheit — „der Teufel!" rief er, „wie konnten dort Spuren auf dem Boden sein, es war ja ein Frost, so hart wie nur einer sein kann." „Am Abend allerdings, Capitain Hatteraick," sagte Pleydell, „aber nicht am Vormittag — wollt Ihr so gut sein, mir zu sagen, wo Ihr Euch an jenem Tage befandet, dessen Ihr Euch so genau erinnert?" Hatteraick fühlte sein Versehen und beharrte wieder in hartnäckigem Schweigen — „Aber seine Bemerkung darf nicht vergessen werden," sagte Pleydell zum Schreiber. In diesem Augenblick öffnete sich die Thür, und zum Staunen der meisten Anwesenden trat Glossin herein. Dieser würdige Gentleman hatte, mittelst eines sorgfältigen ForschenS, in Erfahrung gebracht, sein Name sei bei den Eröffnungen der sterbenden Meg MerrilieS nicht genannt worden, gewiß nicht, weil sie ihm geneigt war, sondern weil keine regelmäßige Untersuchung stattfand und sie vom Tod übereilt wurde- Er hielt sich daher vor jeder Aussage sicher, außer vor einer solchen, die von Hatteraick ausgehen möchte; um dies zu verhindern, beschloß er, ein kühnes Gesicht zu zeigen und sich beim Verhör zu seinen gerichtlichen Amtsbrüdern zu gesellen. — Ich werde, dachte er, im Stande sein, dem Schurken fühlbar zu machen, daß seine Sicherheit dadurch bedingt ist, daß er mein Bestes so gut wie das seine im Auge behält; und meine Gegenwart wird überhaupt ein Beweis meines guten Gewissens sein. Sollte ich das Gut verlieren müssen, nun, dann müßt' ich's freilich — aber ich hoffe, es soll besser kommen. Er trat ein mit einer tiefen Verbeugung vor Sir Robert Hazlewood. Sir Rodert, welcher schon den Argwohn gefaßt hatte, er sei von seinem plebejischen Nachbar genarrt worden, dankte bloß mit einem steifen Kopfnicken, nahm eine Priese Tabak und sah nach einer andern Richtung. „Mr. Corsand," sagte Gloffin zu dem andern Friedensrichter, „Ihr ergebener Diener." „Ergebener Diener, Mr. Gloffin," antwortete Mr. Corsand trocken, indem er seine Mienen regis sck exemplsr, das heißt, nach der Weise des Baronets, richtete. „Mac-Morlan, meine würdiger Freund," fuhr Gloffin fort, „wie geht's Ihnen — immer beschäftigt?" „Hm," sagte der ehrliche Mac-Morlan, die Begrüßung sehr gleichgiltig ausnehmend. — „Oberst Mannering" (mit tiefer Verbeugung, die nur nachlässig erwiedcrt ward,) „und Mr. Pleydell," (eine zweite tiefe Verbeugung,) „ich wagte Ihren Beistand kaum für Herren auf dem Lande zu dieser Zeit der Sitzungen zu hoffen." Pleydell nahm eine Priese und sah ihn mit eben so schlauem als sarkastischem Blicke an — „Ich will ihn," sagte er leise zu Manncring, „den Wert- jener alten Regel lehren, Ae ae- eesseris in coiwllium imtegumu voceris." „Aber vielleicht komm' ich ungelegen, meine Herren?" sagte Gloffin, dem der kalte Empfang natürlich nicht entgehen konnte. — »Ist es eine öffentliche Sitzung?" „Ich meinerseits," sagte Mr. Pleydell, »bin so weit ent- IV2 fernt, Ihr Erscheinen für ungelegen zu halten, Mr. Gloffin, daß ich vielmehr erfreuter denn jemals bin. Sie zu sehen; zumal da ich denke, wir würden im Laufe des Tages noch Gelegenheit gehabt haben, Sic um Ihre Gegenwart zu bitten." „Gut, meine Herrn," sagte Gloffin, indem er seinen Stuhl an den Tisch zog und unter den Papieren umher zu stöbern begann — „Wo sind wir?" wie weit sind wir gekommen? wo sind die Aussagen?" „Gebt mir all' diese Papiere," sagte Mr. Plepdell zum Schreiber; — „ich habe so meine eigensinnige Weise, meine Documente zu ordnen, Mr-Gloffin; wenn sie Jemand anders in die Hände nimmt, verwirren sie sich für mich — aber ich werde Anlaß haben, Ihren Beistand in Anspruch zu nehmen " Gloffin, auf diese Weise zur Unthätigkeit verwiesen, warf einen heimlichen Blick auf Hatteraick, konnte aber in diesem düstern Gesicht weiter nichts lesen, als Bosheit und Haß gegen alle Anwesenden, „Aber, meine Herrn," sagte Gloffin, „ist es auch billig, diesen armen Mann so mit Eisen belastet zu halten, da er doch bloß zum Verhör gestellt worden ist?" Dies sollte eine Art von freundschaftlichem Wink für den Gefangenen sein. „Er ist zuvor einmal entflohen," sagte Mac-Morlan trocken und Gloffin schwieg. Jetzt ward Bertram eingeführt und zu Gloffin's großer Verwirrung von allen Anwesenden aufdie freundlichste Weise gegrüßt, sogar von Sir Rodert Hazlewood- Er berichtete seine Jugenderinnerungen so aufrichtig und mit so gewähltem Ausdrucke, daß dies schon für die Wahrheit des Gesagten sprach. „Dies scheint keine Criminaluntersuchung zu sein," sagte Gloffin, ausstehend; „und da Ihnen bekannt sein muß, meine Herrn, welchen Einfluß dieses 193 jungen Mannes vorgebliche Verwandtschaft auf mein Vermögen haben kann, so bitte ich, mich entfernen zu dürfen." „Nein, mein guter Sir, sagte Mr- Pleydell, „wir können Sie keineswegs entbehren. Aber warum nennen Sie dieses jungen Mannes Ansprüche vorgeblich? Ich will Ihre Gegengründe nicht ausforschen, wenn Sie dergleichen haben, aber" — „Mr. Pleydell," erwiederte Glossin, »ich bin stets geneigt, offen zu handeln, und diese Sache glaube ich schnell erläutern zu können. — Dieser junge Mensch, den ich für einen natürlichen Sohn des verstorbenen Ellangowan halte, ging vor einigen Wochen unter verschiedenen Namen im Lande umher und stand dabei im Verkehr mit einem schlechten, alten tollen Weibe, — die, wie ich höre, jetzt in einem Kampf erschossen ward, und mit andern Kesselflickern, Zigeunern und ähnlichen Personen, so wie mit einem großen rohen Pächter aus Liddesdale; mit diesem Gesindel hetzte er die Unterthanen gegen ihre Gutsherren, und, wie Sir Robert Hazlewood von Hazlewood weiß —" „Ich muß Sie unterbrechen, Mr. Glossin," sagte Pleydell, — „wofür hielten Sie diesen jungen Mann?" „Ei, ich sage," erwiederte Glossin, „und ich glaube dieser Herr (auf Hatteraick blickend,) weiß es, daß der junge Mann ein natürlicher Sohn des verstorbenen Ellangowan ist, geboren von einer Dirne Namens Janet Lightoheel, die später an den Schiffsbauer Hewit, der in der Nähe von Allan lebte, verheirathet ward. Sein Name ist Godfrey Bertram Hewit, und unter diesem Namen kam er auf das königliche Zollschiff Caroline " „So?" sagte Pleydell, „diese Geschichte klingt sehr wahrscheinlich ! — aber, um unö nicht bei einer Verschiedenheit der Augen, der Gesichtsfarbe u. s. w- aufzuhalten, — seid so gut und tretet vor, Freund." — Ein junger Seemann trat vor.- „Hier," fuhr der Rechtsgelehrte fort, „hier ist der Wahre! hier ist Guy Mannering. IN. IS 194 Godfrey Bertram Hewit, gestern Abend von Antigua, via Liverpool, angelangt, Unterschiffer auf einem Westindienfahrer, und auf gutem Weg, glücklich durch die Welt zu kommen, obwohl er etwas unregelmäßig hineinkam." Während die andern Richter einige Worte mit diesem jungen Manne sprachen, nahm Plepdell unter den Papieren Hatteraick's alte Brieftasche hervor. Ein eigenthümlicher Blick von des Schmugglers Auge flößte dem schlauen Juristen den Gedanken ein, daß hier etwas Interessantes zu finden sein müsse. Er fuhr daher fort, die Papiere zu untersuchen, wobei er die Brieftasche wieder auf den Tisch legte, sogleich aber bemerkte, daß dieser Umstand des Gefangenen Interesse an der Forschung sinken ließ. Es muß noch irgend etwas in dem Buche sein, dachte Plepdell; er griff wieder nach der Brieftasche, und entdeckte bei genauer Untersuchung einen Schlitz zwischen Pappe und Leder, aus welchem er drei Papierstreifcn zog. Plepdell wandte sich nun an Glosfin und bat ihn, zu sagen, ob er zugegen gewesen sei, als man Kennedy's Körper und das Kind seines Gebieters suchte, an dem Tage, wo beide verschwanden. „Ich war nicht — das heißt — ich war" — antwortete der vom Gewissen getroffene Glosfin. „Aber merkwürdig ist es," sagte der Advokat, „daß Sie, der mit der Familie Ellangowan in so genauer Verbindung stand, meines Wissens nicht vernommen wurden, ja, nicht einmal vor mir erschienen, als die Untersuchung stattfand." „Ein wichtiges Geschäft," antwortete Glosfin, „rief mich am Morgen nach dem traurigen Ereigniß nach London." „Diese Antwort ist genau aufzuzeichnen," sagte Plepdell zum Schreiber. — „Ich vermuthe, jenes Geschäft bestand darin, Mr. Glosfin, diese drei Wechsel zu verkaufen, gezogen von Ihnen auf die Herren Banbeest und Vanbruggen und acceptirt von einem gewissen Dirk Hatteraik, in jener Namen, gerade am Tage des Mordes. Ich wünsche Ihnen Glück, daß sse in Ordnung gegangen sind, wie ich vermuthe- Ich glaube, cs war wenig Aussicht dazu vorhanden." Glossin verlor die Fassung. „Diese Documente," fuhr Mr. Plcydell fort, „bestätigen die Nachricht, die über Ihr Benehmen bei jener Gelegenheit ein Mann, Namens Gabriel Faa, gab, de» wir jetzt in Gewahrsam haben, und welcher Zeuge von Allem war, was zwischen Ihnen und diesem würdigen Gefangenen vorging — haben Sie irgend eine Erklärung zu geben?" „Mr. Plcydell," sagte Glossin, indem er sich schnell faßte, „ich vermuthe, daß Sie, wenn Sie mein Rathgcber wären, mir nicht rathen würden, im Drange des Augenblicks auf eine Anklage zu antworten, welche der schlechteste von allen Menschen durch einen Meineid bestätigen zu wollen scheint." „Mein Rath," sagte der Advokat, „würde durch meine Meinung von Ihrer Schuld oder Unschuld bestimmt werden. In Ihrem Falle glaube ich an das Rathsamste zu denken; aber Sie sehen wohl selbst ein, daß Sie verhaftet werden müssen?" „Verhaftet? weßhalb, Sir?" erwiederte Glossin. „Auf die Beschuldigung eines Mordes?" „Nein; blos als Rathgeber und Theilnehmer bei Entführung eines Kindes." „Das ist ein bürgschaftsfähiges Vergehn." „Entschuldigen Sie," sagte Plepdcll, „es ist ein plagium und plagium ist ein schweres Verbrechen." „Verzeihen Sie, Mr. Plcydell; es ist nur ein Fall da, ich meine den mit Torrence und Waldie- Diese waren, wie sie wissen, Leichenräuberinnen, die einigen jungen Aerzten den Körper eines Kindes versprochen hatten. Um jenen Herren ihr Wort zu halten und deren Abendvorlesung für die Studenten nicht zu hindern, stahlen sie ein lebendig Kind, mordeten 196 es, und verkauften den Körper für drei Schilling und sechs Pence. Sie wurden gehängt, aber nur des Mordes wegen, nicht wegen des M§ium. — Sie sind hier ein wenig zu weit gegangen." „Wohl, Sir; inzwischen muß Sie Mr. Mac-Morlan dem Landgefängniß übergeben, falls dieser junge Mann dieselbe Geschichte wiederholt. Gerichtsdiener, führt Mr. Glossin und Hatteraick ab, und bewahrt sie in verschiedenen Gemächern. Gabriel, der Zigeuner, ward hereingeführt, und gab eine genaue Schilderung seiner Flucht von Capitain Pritchard'S Fahrzeug und wie er sich bei jenem Vorgänge zu den Schmugglern gesellt habe; er berichtete umständlich, wie Dirk Hatteraick Feuer in seinem Schiff angelegt habe, als er es untauglich fand, und wie er unter der Rauchwolke mit seiner Mannschaft entkam; ferner, wie man noch so viel Güter als möglich in jene Höhle rettete, wo man bis zum Einbruch der Nacht zu liegen beschloß. Hatteraick selbst, sein Unterschiffer Van- bccst Brown und drei Andre, worunter auch der Berichterstatter, gingen nach der angränzenden Waldung, um sich mit einigen ihrer Freunde in der Nachbarschaft zu besprechen. Sie überfielen Kennedy plötzlich, und Hatteraick und Brown, ahnend daß er der Urheber ihres Unglücks war, beschlossen ihn zu morden. Er erklärte, daß er gesehn habe, wie sie gewaltsame Hand an den Zollbeamten legten, und ihn durch den Wald schleppten, er selber habe jedoch an dem Angriffe nicht Theil genommen, auch seinem Ende nicht beigewohnt. Auf einem andern Wege war er nach der Höhle zurückgekehrt, wo er wieder mit Hatteraick und seinen Genossen zusammentraf; der Capitain hatte eben die Erzählung begonnen, wie er und Brown ein großes Felsstück hinabgestürzt hatten, wo Kennedy stöhnend am Strande lag, als plötzlich Glossin unter ihnen erschien- Dem ganzen Vorgänge, wo Hatteraick Glossin'S Schweigen erkaufte, wohnte Gabriel bei. Was den jungen Bertram betraf, so waren seine Berichte vollständig, bis er nach Indien ging, wo'rr ihn aus dem Gesichte verlor, und erst im LiddeSdale wieder unerwartet mit ihm zusammen kam. Gabriel Faa erklärte ferner, daß er von diesem Vorfälle sogleich seine Verwandte Meg Merrilies, und Dirk Hatteraick, den er an der Küste wußte, benachrichtigt habe; der Bericht an den letztern habe ihm jedoch das Mißfallen seiner Verwandten zugezogen- Er bemerkte noch, jene Frau habe sogleich erklärt, sie wolle Alles thun, was in ihrer Macht stände, um dem jungen Ellangowan zu seinem Rechte zu helfen, und sollte sie auch Hatteraick deßhalb anklagen; überdies hatten ihr viele ihrer Leute beigestanden, weil sie glaubten, sie erhalte übernatürliche Eingebungen. In gleicher Absicht gab sie, wie er meinte, Bertram den Schatz des Stammes, den sie in Verwahrung hatte. Drei oder vier Zigeuner mischten sich auf Meg Merrilies' ausdrücklichen Befehl unter die Menge, als das Zollhaus angegriffen ward, um Bertram zu befreien, was Gabriel selber vollbrachte. Die Achtung, welche Meg unter ihrem Stamme genoß, war, wie er sagte, so groß, daß Alle ihren Befehlen blindlings gehorchten. Auf weiteres Fragen setzte der Zeuge noch hinzu, seine Verwandte habe immer gesagt, Harry Bertram trage dasjenige an einer Schnur am Halse, was seine Geburt bestätige. Ein Zauber sei es, sagte sie, den ein Orforder Gelehrter für ihn gemacht, und sie wußte den Schmugglern die Meinung einzuflößen, daß es den Untergang des Schiffs nach sich ziehen werde, wenn sie den Knaben dieses Amulets beraubten. Bertram brachte hier einen kleinen Sammtbeutel zum Vorschein, den er von frühester Kindheit, nach seiner Erklärung, mit sich getragen hatte, und den er stets bewahrte, anfänglich 198 aus abergläubischer Ehrfurcht und später in der Hoffnung, daß er einst dazu dienen möchte, seine Herkunft zu entdecken- Als man den Beutel öffnete, kam eine blauseidene Hülle zum Vorschein, aus welcher man ein Horoskop hcrvorzog. Als Oberst Mannering dies Papier betrachtete, gestand er sogleich daß es sein eignes Werk sei, und es gebe den kräftigsten und genügendsten Beweis, daß der Besitzer nothwendig der junge Erbe von Ellangowan sein müsse; Mannering berichtete, wie er in diesem Lande zuerst als Astrolog aufgetreten sei. „Und nun," sagte Plepdell, „sind Verhaftsbefehle für Glos- sin und Hatteraick auszufertigen, bis zur rechtlichen Erledi- dung. Doch," sagte er, „ich bin besorgt um Glossin." „Nun, ich glaube," sagte Mannering, „er verdient von den beiden bei weitem am wenigsten Mitleiden. Der andere ist ein kühner Mensch, obwohl hart wie ein Kiesel." „Sehr natürlich, Oberst," sagte der Advokat, „daß Sie Ihre Theilnahme dem Räuber schenken und ich meine dem Schelm — das ist Geschmack des Berufs — aber ich kann Ihnen sagen, Glossin würde ein trefflicher Jurist geworden sein, hätte er nicht für die schurkische Seite des Berufs zu starke Neigung gehabt" „Die Lästerung würde sagen," bemerkte Mannering, „deß- wegen wär' er wohl kein schlechterer Jurist gewesen " „Die Lästerung würde dann lügen," erwiederte Plepdell, „wie sie gewöhnlich thut. Das Recht gleicht dem Opium; es ist weit leichter, cs als Quacksalber zu brauchen, als seine rechte Anwendung als Arzt kennen zu lernen." Nicht lebe» können und nicht sterben — O, wie hart! Ihm nach, ihr Leute, schleppt ihn nach den, Kerker! Maaß für Maaß. Das öffentliche Gefängniß der Grafschaft-shire war eines jener alterthümlichen Kerkerhäuser, welche Schottland bis in die neueste Zeit verunzierten. Als die Gefangenen mit ihrer Wache dort ankamen, ward Hatteraick, dessen Wildheit und Stärke wohlbekannt war, in die sogenannte Armesünderstube gelegt. Dies war ein geräumiges Gemach im höchsten Theile des Gebäudes. Ein runder Eisenstab, von der Stärke eines Mannesarmcs überm Ellbogen, ging horizontal quer durch das Gemach, etwa sechs Zoll hoch über dem Boden, und seine beiden Enden waren gehörig in der Mauer befestigt. Hatteraick's Knöchel waren mit Fußeisen »ersehn, welche durch eine etwa vier Fuß lange Kette verbunden waren. An dieser Kette befand sich ein großer starker Eisenring, welcher um den beschriebenen Stab gelegt war. So konnte der Gefangene dem Stabe entlang von einer Seite des Zimmers zur andern gehen, konnte aber in anderer Richtung sich nicht weiter vom Stabe entfernen, als es die unbedeutende Länge der Kette gestattete. Waren die Füße eines Gefangenen auf solche Art gesichert, so nahm der Aufseher ihm die Handschellen ab, so daß seine Person mit Ausnahme der Füße völlig frei war. Ein Bett war dickt zur Seite des Stabes niedergelegt, so daß sich der gefesselte Gefangne nach Gefallen niedcrlegen konnte, obwohl immer auf die angegebene Art an der Eisenstange befestigt. Hatteraick hatte noch nicht lange in diesem Gefängniß gesessen, als Glosstn in dem nämlichen Hause anlangte. Aus Rücksicht auf seinen Stand und seine Bildung ward er nicht gefesselt, sondern in ein anständiges Gemach, unter Aussicht Mac-Guffog's, gebracht; der letztere war, seitdem der Pöbel das Zuchthaus bei Portauferry zerstört hatte, hier als Unterkerkermeister angestellt. Als Glossin in diesem Gemach eingeschloffen war und Einsamkeit und Muße hatte, um alle Verhältnisse, die ihm widrig oder günstig waren, zu berechnen, so mußte er sich gestehn, daß er ein verzweifeltes Spiel spiele. „Das Gut ist verloren," sagte er, „da hilft nichts; Pley- dell und Mac-Morlan werden meinen Anthcil auf eine unbedeutende Kleinigkeit reduciren. Mein Charakter — aber wenn ich Freiheit und Leben behalte, so will ich schon Geld gewinnen, um Alles gut zu machen. Vom Morde des Zöllners wußt' ich nichts, bis der Schurke die That verübt hatte, und wenn ich auch einigen Vortheil von dem Schleichhandel zog, so ist dies noch kein Hauptverbrechen. Aber die Entführung des Knaben, — da werden sie mir härter auf den Leib rücken. Laß sehen. — Dieser Bertram war damals ein Kind — sein Zeugniß reicht nicht aus — der andere Kerl ist ein Ausreißer, ein Zigeuner und ein Ehrloser — Mcg Merrilies, möge sie verdammt sein- ist todt. Jene heillosen Wechsel! Hatteraick brachte sie wahrscheinlich mit, um mir zu drohen oder Geld von mir zu erpressen. Ich muß diesen Schurken wo möglich sehen; ich muß ihn zur Standhaftigkeit ermahnen; muß ihn überreden, der Sache ein anderes Ansehn zu geben." Indem sein Geist über Pläne künftigen Betrugs sann, um damit frühere Schurkerei zu verhüllen, verging auf solche Weise die Zeit bis zum Abendessen. Mac-Guffog wartete bei dieser Gelegenheit auf. Er war, wie wir wissen, der alte und vertraute Bekannte des Gefangenen, der jetzt unter seiner Obhut stand. Nachdem Glosssn ihm ein Glas Branntwein gegeben und seine Gesinnung durch einige Worte geprüft hatte, legte er ihm die Bitte vor, zu einer Zusammenkunft mit Dirk Hatte- raick behilflich zu sein. „Unmöglich! durchaus unmöglich! es ist gegen die ausdrücklichen Befehle Mac-Morlan's und der Hauptmann" (so heißt der Oberkerkcrmeister eines Landesge- fängniffes in Schottland,) „würd' es mir nimmer vergeben." „Aber woher sollt' er cs erfahren?" sagte Glossin, indem er ein Paar Guineen in Mac-Guffog's Hand gleiten ließ- Der Schließer wog das Gold und blickte Glossin scharf an: — „Ja, ja, Mr. Glossin, Ihr kennt die Wege dieses Ortes nur zu gut. — Nun, zur Schließzeit will ich wieder kommen und Euch zu ihm hinauf führen — aber Ihr müßt die Nacht über bei ihm bleiben, denn ich muß dem Hauptmann die Schlüssel für die Nacht ausliefern und kann Euch erst am Morgen wieder herauslaffen — dann will ich die Gemächer eine halbe Stunde früher als gewöhnlich besuchen, und Ihr könnt herausgehcn und hübsch in Eurem eignen Stübchen sein, wenn der Hauptmann seine Runde macht." Als cs vom benachbarten Kirchthurm zehn geschlagen hatte, kam Mac-Guffog, mit einer kleinen trüben Laterne versehn. Leise sagte er zu Glossin: „Zieht Eure Schuhe aus und folgt mir." — Als Glossin aus der Thür getreten war, rief Mac- Guffog, als redete er zu einem Gefangenen drinnen, noch laut: „Gute Nacht, Sir;" darauf schloß er die Thür und zwar so geräuschvoll als möglich. Nun führte er Glossin eine steile und schmale Treppe empor, auf welcher man zur Thür der 202 Armcnsünderstube gelangte. Er entriegelte sie und schloß auf, und indem er Glossin die Laterne gab, machte er diesem ein Zeichen, cinzutreten, und schloß darauf die Thür hinter ihm mit derselben affectirten Genauigkeit. In dem weiten dunkeln Gemach, in welches er nun einge- sührt war, vermochte Glossin bei seinem schwachen Lichte anfangs nichts zu erkennen. Endlich konnte er undeutlich das Lager unterscheiden, welches am Boden zur Seite der großen Eisenstange befindlich war und worauf die Gestalt eines Mannes ruhte. Glossin näherte sich ihm. „Dirk Hatteraick!" „Donner und Hagel! 's ist seine Stimme" sagte der Gefangene, sich aufrecht setzend und mit den Ketten klirrend, „dann ist mein Traum wahr gewesen! — Geht und laßt mich allein — das ist für Euch das Beste." „Wie! mein guter Freund," sagte Glossin, „kann wirklich die Aussicht auf eine Gefangenschaft von wenigen Wochen Euren Muth niedcrbeugen?" „Ja!" antwortete der Schurke mürrisch, „weil ich blos durch einen Strick daraus erlöst werden werde! — laßt mich allein — geht an Euer Geschäft und nehmt mir das Licht vom Gesichte weg!" „Pfui! mein theurer Dirk, fürchtet nichts," sagte Glossin — „ich habe einen herrlichen Plan, um Alles gut zu machen." „Zu allen Teufeln mit Euren Plänen!" erwiederte sein Kumpan, „Ihr habt mich um mein Schiff, meine Ladung, mein Leben gebracht mit Euren Plänen; und diesen Augenblick träumt' ich, Meg Merrilies schleppe Euch am Haar hie- her, und gäbe mir das lange Messer, welches sie zu tragen pflegte — Ihr wißt nicht, was sie sagte. Sturm und Wetter! Ihr thut klug, wenn Ihr mich nicht in Versuchung führt!« „Aber, Hatteraik, mein guter Freund, steht nur auf und redet mit mir," sagte Glossin. »Ich mag nicht!" antwortete der Barbar barsch — „Ihr habt all das Unheil angerichtet; Ihr wolltet nicht, daß Meg den Knaben behielt; sie würde ihn zurückgebracht haben, nachdem er Alles vergessen hatte." „Ei, Hattcraick, Ihr überlaßt Euch Grübeleien." „Wetter! wollt Ihr läugnen, daß die ganze verfluchte Geschichte zu Portauferry, wo Schiff und Mannschaft verloren ging, auf Euren Rath und zu Eurem Vortheil vor sich ging?" „Aber die Güter — wie Ihr wißt" — „Verflucht sei'n die Güter!" sagte der Schmuggler, „wir könnten mehr bekommen haben; aber der Teufel! das Schiff und die herrlichen Bursche zu verlieren, und mein eignes Leben, eines feigen Schurken wegen, der immer seine eignen schlechten Streiche durch andrer Leute Hände ausrichten läßt! Redet mich nicht mehr an — ich bin gefährlich." „Aber, Dirk — aber, Hattcraick, hört nur ein Paar Worte " „Hagel! nein " „Nur ein Wort." „Tausend Donner! — nein! „Steht wenigstens auf, starrköpfiges, holländisches Vieh!" sagte Glossin, der die Fassung verlor und Hattcraick mit dem Fuße stieß. „Blitz und Donnerwetter!" sagte Hattcraick aufspringend und jenen anpackend; „Ihr wollt es also haben?" Glossin leistete Widerstand und rang mit ihm, aber, weil er von der Wuth des Angriffs überrascht war, mit so wenig Erfolg, daß er unter Hattcraick fiel, wobei er sich rückwärts mit dem Nacken heftig auf die Eisenstange schlug. Beide fuhren fort auf Tod und Leben zu ringen. Das Gemach, welches unmittelbar unter der Armesünderstube lag, war Glosfin's Gefängniß und also jetzt leer; aber die Bewohner des zweiten Zimmers unten bemerkten die Erschütterung, welche Glos- sin's schwerer Fall hervorbrachte, und hörten auch ein Geräusch, wie wenn Jemand ränge und stöhnte. Aber alle dergleichen Töne des Schreckens waren an diesem Orte zu gewöhnlich, um besonder Thcilnahme oder Neugier zu erwecken. Am Morgen, getreu seinem Versprechen, kam Mac-Guffog — „Mr. Glossin," sagte er flüsternd. „Ruft lauter," antwortete Dirk Hatteraick- „Mr. Glossin, um Gottes willen, kommt fort! „Ohne Beistand wird er das schwerlich thun," sagte Hat- tcraick. „Was gibt es da oben, Mac-Guffog?" rief der Hauptmaiin von unten- „Kommt fort, um Gottes willen, Mr. Glosstn!" wiederholte der Schließer. In diesem Augenblicke kam der Oberkerkermeister mit einem Lichte. Groß war sein Erstaunen und sein Entsetzen, als er Glossin's Körper quer über dem Eisenstabe liegen sah, und zwar auf eine Weise, die sogleich anzeigie, er sei todt. Hatteraick lag, einen Schritt von seinem Opfer, ruhig auf dem Lager. Als man Glossin aufhob, fand man, er muffe seit einigen Stunden todt sein. Sein Körper zeigte die deutlichen Spuren eines gewaltsamen Todes. Das Rückgrat hatte an der Stelle, wo es sich mit dem Schädel verbindet, schon durch seinen ersten Fall schwere Verletzung empfangen- An der Kehle zeigten sich Spuren von Erdrosselung, und auch sein schwarzgewordenes Gesicht deutete dies an. Der Kopf war rückwärts über die Schulter gewandt, als ob der Hals mit verzweifelter Anstrengung umgedreht worden wäre. So schien cs also, daß sein Gegner des Unglücklichen Kehle mit tödtli- chem Griffe gefaßt und nicht eher losgelassen hatte, als bis alles Leben entflohen war. Die Laterne, zermalmt und in Stücke zerbrochen, lag neben dem Leichnam. Mac-Morlan befand sich in der Stadt und kam sogleich, um den Leichnam zu untersuchen. »Wer brachte Glvssin hie- her?" fragte er Hatteraick. „Der Teufel!" antwortete der Schurke. „Und was machtet Ihr mit ihm?" »Ich schickt' ihn vor mir zur Hölle," erwiederte das Ungeheuer. „Elender," sagte Mac-Morlan, „Ihr habt einem Leben, welches ohne eine einzige gute That verfloß, durch den Mord Eures eignen unglücklichen Mitschuldigen die Krone aufgesetzt?" „Gute That!" rief der Gefangene; „Donner! ich war stets meinen Schiffsherren treu — berechnete die Ladung stets bis auf den letzten Pfennig. Hört! laßt mich Feder und Tinte haben, und ich will einen Bericht über das Ganze an unser Haus schreiben ; und laßt mich ein Paar Stunden allein, wollt Ihr? — und laßt dies Stück Aas wegnehmen, Donnerwetter!" Mac-Morlan hielt es für's Beste, ihm seinen Willen zu thun; er ward mit Schreibmaterialien »ersehn und allein gelassen. Als man die Thür wieder öffnete, fand man, daß dieser entschlossene Schurke der Gerechtigkeit vorgegriffen hatte- Er hatte eine Schnur aus dem Bette genommen und an einen Knochen, den Ueberrest seines gestrigen Mittagessens, befestigt. Diesen hatte er in den Spalt zwischen Steinen der Mauer eingeklemmt, so hoch er an derselben reichen konnte, wenn er auf der Sisenstange stand. Nachdem er die Schlinge bereitet hatte, war er entschlossen genug, seinen Körper zu senken, als wollte er auf die Knie fallen, und in dieser Siellung zu 206 bleiben, bis keine Entschlossenheit mehr nöthig war. Der Brief, den er an seine Herren geschrieben, betraf zwar hauptsächlich Handelsgeschäfte, enthielt aber doch so manche Anspielung auf den Junker von Ellangowan, wie er ihn nannte, und gewährte völlige Bestätigung Alles dessen, was Meg Merrilies und ihr Neffe berichtet hatten. Indem wir von jenen beiden Elenden scheiden, sei nur noch Hinzugefügt, daß Mac-Guffog seines Amtes entsetzt wurde, obwohl er die Erklärung gab, (die er durch einen Eid bekräftigen wollte,) daß er Glosfin sicher in seiner eignen Zelle am Abend vorher cingeschloffen habe, ehe er todt in Hatteraick's Gemach gefunden ward. Seine Geschichte fand indeß Glauben bei dem würdigen Mr- Skriegh und andern Freunden des Wunderbaren, welche steif und fest behaupteten, der Feind der Menschheit habe jene beiden Bösewichter in jener Nacht auf übernatürliche Weise zusammengebracht, auf daß sie den Kelch ihrer Schuld voll machen, und durch Mord und Selbstmord ihren Lohn empfangen möchten. Neunzehntes Kapitel. Den Schluß zu zieh» — duS Ende von Allem. Den» Swift. Da Glosfin ohne Erben starb und ohne die Kaufsumme gezahlt zu haben, so ward die Herrschaft Ellangowan wieder den Händen der Gläubiger Mr. Godfrcy Bertram's übergeben, von denen indeß die meisten ihren Anspruch aufgeben mußten, sobald Henry Bertram als Erbe auftreten wollte. Dieser junge Herr vertraute seine Angelegenheiten Mr. Pleydell und Mr. Mac-Morlan an, jedoch mit der ausdrücklichen Bedingung, daß, und sollte er selbst wieder nach Indien gehen müssen, jede Schuld, die wirklich von seinem Vater zu fordern wäre, bezahlt werden sollte. Mannering, der diese Erklärung hörte, drückte ihm freundlich die Hand, und von diesem Augenblick herrschte ein vollkommenes Einverständniß zwischen ihnen. Der baare Nachlaß der Miß Margarete Bertram, und die freigebige Unterstützung des Obersten, setzte den Erben leicht in Stand, die rechtmäßigen Ansprüche der Gläubiger seines Väters zu befriedigen, während der Fleiß und Eifer seiner Rechtsfreunde, vorzüglich in Glossin's Rechnungen, so manche 208 Uebertreibung entdeckte, wodurch der Gesammtbetrag bedeutend vermindert wurde. Unter diesen Umständen zögerten die Gläubiger nicht, Bertram's Recht anzuerkennen und ihm das Haus und Eigenthum seiner Ahnen zu übergeben. Die ganze Gesellschaft ging von Woodbourne nach Ellangowan, um das Gut in Besitz zu nehmen, was unter dem freudigen Zuruf der Pächter und der ganzen Nachbarschaft stattfand; und so eifrig wünschte Oberst Mannering über die Ausführung einiger Pläne, die er Bertram empfohlen hatte, die Aufsicht zu führen, daß er mit seiner Familie von Woodbourne nach Ellangowan zog, obwohl letzteres jetzt weit weniger Bequemlichkeit darbot. Deö armen Dominie Kopf war fast ganz verwirrt vor Freude, daß er nach seiner alten Wohnung zurückkchrcn durfte. Er eilte die Treppe empor, indem er drei Stufen auf einmal nahm, nach einem kleinen elenden Stübchen, in früher» Zeiten seine Zelle und sein Schlafgemach, welches sein weit besseres Zimmer zu Woodbourne ihn nie hatte vergessen lassen. Hier befiel plötzlich ein trüber Gedanke den ehrlichen Mann — die Bücher!" — Drei Zimmer in Ellangowan reichten nicht hin, sie zu fassen. Während er sich noch mit diesem Gedanken trug, ward er plötzlich zu Mannering gerufen, um diesem einige Verhältnisse berechnen zu helfen, die sich auf ein neues und stattliches Haus bezogen, welches neben dem neuen Herrenhause in Ellangowan erbaut werden sollte, und zwar in einem Style, welcher den großartigen Ruinen in der Nähe entspräche. Unter den verschiedenen Räumen auf dem Plane bemerkte Simson einen, welcher die Bibliothek genannt ward; und dicht daneben befand sich ein niedliches Zimmer, mit der Benennung, Mr. Simson's Stube. — „Wunderbar! wunderbar ! wun-der-bar!" rief der entzückte Dominie. Mr- Pleydell hatte die Gesellschaft auf einige Zeit verlassen; zur Zeit seiner Weihnachtsferien kehrte er jedoch, seinem Versprechen gemäß, zurück- Er kam in Ellangowan an, als Alle, bis auf den Obersten, abwesend waren; dieser war mit Plänen von Gebäuden und Gartenanlagen beschäftigt, worin er vorzüglich geschickt war und viel Vergnügen fand. „Aha!" sagte der Advokat, „Sie find hier! Wo find die Damen? wo ist die schöne Julie?" Sie ist spazieren gegangen mit dem jungen Hazlcwood, Bertram und Capitain Delaserre, einem Freunde Bertram's, der jetzt bei uns wohnt. Sie find im Begriff, den Plan zu einem Häuschen in Derncleugh zu machen. Nun, sind Sie mit Ihrer Rechtssache gut zu Ende gekommen?" „Ganz leicht," antwortete der Rechtsgelehrte; „er ist vor den Gerichtsfrohnen als Erbe bestätigt worden." „Gerichtsfrohne? wer find sie? „Ei, eine Art gerichtlicher Saturnalien. Sie müssen wissen, daß eines der Erfordernisse, um ein Gerichtsfrohn oder Diener unsers höchsten Gerichtshofes zu sein, darin besteht, daß sie Leute ohne Kenntnisse sein müssen." „Nun?" „Unsre schottische Gesetzgebung hat, wie ich des Scherzes wegen vermuthe, diese unwissenden Männer zu einem besonder» Gerichtshof vereinigt, um über Angelegenheiten zu entscheiden, welche Verwandtschaft und Herkunft betreffen, so wie diese Angelegenheit Bertram's, wobei oft sehr verwickelte und feine Fragen zu beantworten find." „Diese Einrichtung hat der Teufel gerathen; mir scheint das doch widersinnig." «O, wir haben ein praktisches Gegenmittel wider die theoretische Albernheit. Einige der Richter wohnen solchen Ange- G»v Mlinnering. III. 14 legenheiten, als Rathgeber und Assessoren ihrer eigenen Thür- lluter, bei. Aber Sie wissen ja, was Cujacius sagt: Kults sunt in iuoi'ilms äisseutsneu, in ul tu sine rstione. Jndeß hat dieser saturnalische Gerichtshof unser Geschäft abgemacht; und nachher hatten wir herrliches Gelag bei Walkers. Mac-Mor- lan wird staunen, wenn er die Rechnung fleht." „Ohne Sorgen/' sagte der Oberst, „wir werden cs auf uns nehmen, und versprechen obendrein noch eine Bewirthung bei unserer Freundin Mrs. Mac-Candlish." „Und machen Zock JaboS zu Ihrem Stallmeister!" erwie- derte der Advokat. „Das könnte geschehn." „Und wo ist Dandie; der wackere Herr von Liddesdale?" fragte Plepdell. „Nach seinen Bergen heimgekehrt; aber er hat Julien versprochen, im Sommer mit seinem Weibe und ich weiß nicht wie viel Kindern einen Besuch zu machen." „O, die krausköpfigen Schelme! ich muß dann auch kommen, und Blindekuh und Verstecken mit ihnen spielen. — Aber was bedeutet das Alles?" fuhr Plepdell fort, die Pläne zur Hand nehmend; — „Thurm in der Mitte, nach dem Muster des Adlerthurmes zu Caernavon — corps äe logis — der Teufel! — Flügel — Flügel? ei, das Haus wird die Herrschaft Ellangowan auf seinen Rücken nehmen und damit fortfliegen!" „Nun, so müssen wir einige Beutel von Rupien als Ballast hineinlegen," erwiederte der Oberst. «Aha! pfeift der Wind daher? Dann glaub' ich gar, der junge Bursch fischt mir meine angebetete Julie weg?" „Allerdings, Mr. Plepdell " „Diese Schelme, die post-nutl , laufen doch uns, die wir aus der alten Schule find, immer den Rang ab," sagte Pley- dell. „Aber sie wird doch wohl ihre Neigung zu mir auf Lucy übertragen?" „In der Thal, ich fürchte, Sie sind auch auf dieser Seite bedroht," sagte der Oberst. „Wirklich?" „Sir Robert Hazlewood," sagte Mannering, „war hier zu Besuch bei Bertram, indem er dachte, vermuthete und der Meinung war" — „O, Himmel! Bitte, verschonen Sie mich mit des würdigen Baroncts Phrasen!" „Wohlan, Sir," fuhr Mannering fort, „um cs kurz zu machen, — er glaubte, da das Gut Singleside genau zwischen zwei von seinen Pachthöfen läge, und mehr als zwei Stunden von Ellangowan entfernt sei, so könnte vielleicht ein Verkauf, ein Tausch, oder sonst eine Uebereinkunft zur wechselseitigen Bequemlichkeit beider Parteien stattfindcn." „Gut, und Bertram" — „Nun, Bertram erwiederte, er halte die erste Verfügung der Mrs. Margarete Bertram für die, den Verhältnissen seiner Familie angemessenste Einrichtung, und daher sei das Gut Singleside Eigenthum seiner Schwester." „Der Schelm!" sagte Pleydell, seine Brille abwischend, er wird mir das Herz stehlen, wie er mir schon die Geliebte gestohlen hat — Lt puis?" „Und sodann entfernte sich Sir Robert mit vielen huldreichen Worten; vorige Woche aber zog er wieder mit Heeresmacht in's Feld, mit seiner Kutsche und sechs Pferden, seinergestickten Scharlachweste, der besten Perücke -— Alles sehr großartig." „Und was hatte er zu verkünden?" „Nun, er schwatzte äußerst umständlich von einer Zuneigung des Charles Hazlewood zu Miß Bertram." 212 „So, so; er respektirte den kleinen Gott Cupido, als er ihn auf der Zinne von Singleside fitzen sah. Und die arme Lucy soll bei dem alten Narren und seinem Weibe, bei dem Ritter im Unterrock, wohnen?" „Nein — wir richten das anders ein. Singlefide wird für die jungen Leute eingerichtet und soll künftig Ober-Hazlewood heißen." „Und gedenken Sie immer in Woodbourne zu bleiben, Oberst?" „Nur, so lange diese Pläne noch nicht vollendet find. Sehn Sie, hier ist der Plan zu meiner Behausung, ganz paffend eingerichtet, um einsam und mürrisch sein zu können, wenn ich dazu Lust bekomme." „Und da fie auch, wie ich sehe, nah am Eingang zum alten Schloß gelegen ist, so können Sie Donagild's Thurm zur nächtlichen Betrachtung der Himmelskörper einrichten? Bravo, Oberst!" „Nein, nein, mein lieber Pleydell! Hier endigt der Astrolo g." Ende des dritten und letzten Theils.