Ist das Band der Ehe sogar ohne Ausnahm unauflöslich als es die Kanonisten vo rgeben? E t n e F r a g e, die ein Katholick beantwortet. Vorbericht. Geschichten, die zu gleicher Zeit (einige Umstände hinweggenommen/ oder hinzugesetzt /) die Geschichte vieler hundert Eheleüte in meinem Vaterlande, und vieler tausend auf dem ganzen Erdkreise sind/ haben diese kleine Schrift veranlasset. Diese zwo Geschichten / so interessant in sich selbst / giengen mir um desto näher/ als die beleidigten Personen meine nahen Anverwandten/ und Leute von dem redlichsten Herzen sind. Beyde durch den unverdienten Leichtsinn ihres Gegentheiles/ durcheilte unglückliche/ und (Dank sey es unsern speculattv-theologisch-kanonischen Gesetzen) durch eine ohne Ausnahm unaußösliche Ehe gedrückt/ machten in mir den Gedanken rege/ die natürliche Billigkeit und die Rechte der beleidigten Menschst r heit Vorbericht. j r heit, wider die Eingrife bloß arbitrarischer ^ und metaphysischer Verordnungen, in einem Punkte zu vertheidigen, der auf den moralischen Karakter einer Nation, und aufdas Beste des Staates so grossen Einfluß hat. Ich sehe es vor: es werden einige aus i unsern Schriftgelehrten nicht ermangeln, ! wider mich aufzustehen, und zu rufen: Er ! har Gore gelästert ! Sie mögen es thun, und, weil es ihnen so beliebt, mich in die Rolle der Ketzer, und Abtrinnigen einscbrei- l den. Hätten Richer, Fleury, und Febro- nius diese Beschuldigungen geforchten, so hätten sie sich niemals wider den Aberglauben empören, noch den eingewurzelten Mißbräuchen die Stirne bieten därfen. Es ist jederzeit ein schweres Unternehmen, auch bey aufgeklärten Zeiten, ein Vorurtheil zu besiegen. Hat es einmal den Schein eines Rechtes angenommen, so steht es, wie ein Coloß. An dem Grunde schwach, und Z drohend von oben, zittert ein jeder, scl- Z bes fallen zu sehen: man umringt es, man ß läuft zu, um es zu beschützen, und man ! nimmt daran Antheil ohne zu wissen, warum. Indessen muß ein Apostel der Wahrheit, und Menschenliebe den Muth nicht sinken Vorbericht. sinken lasse«/ sondern seine Stimme erheben/ schreyen/ und gleichwohl die Epoche abwarten/ die seine» Rathschlägen Recht und Beyfall wir- widerfahren lassen. Dem Himmel sey es gedankt! ich habe meinen Verstand noch nicht so weit verrohren/ daß ich mir beyfallen ließe/ durch diese Schrift einen Theologen zu bekehren/ und mit meinen Beweisen durch die dicken Dünste der kanonischen Autorität/ mit denen sein Kopf umnebelt ist/ bis zu dem kleinen Sitze seiner schlummernden Vernunft durchzudringen. Ich habe mein Werkchen nur für solche Leute geschrieben/ die Christen und Bürger sind / die nicht alle Worte und Sylben / die der heilige Vater spricht, für Orakel der Weisheit / und für Aussprüche des göttlichen Geistes ansehe«/ die endlich durch die Kirchengerichte erlernet haben, wie oft die Klerisey wider die unschuldigsten und oft gerechtesten Sätze, Ketzerey gerufen/ wie sie z. B. die Jmmu, nität in zeitlichen Dinge«/ die Unfehlbarkeit des Pabstes, ja wohl gar einmal die Unmöglichkeit der Antipode»/ und das tychonische Sonnensystem zu Glaubensartikeln erhöhet hat. 34 Az Vorbe richt. Ich habe alle Ehrfurcht für die Grundsätze meiner heiligen Kirche: ich verehre das Evangelium, und die -arinn vorgetragenen Lehren/ besonders die reine/ und göttliche Moral / welcher noch keine menschliche Philosophie gleich gekommen ist. 'Allein ich glaube, daß ich weder dem Evangelium/ noch der katholischen Kirche zu nahe trette/ wenn ich die Frage/ ob das Band der Ehe unauflöslich sey: nicht in ihrem ganzen Umfange bejahe/ sondern die Fälle des Ehebruches, und einer boshaften Verlaffung/von der allgemeinen Regelaus- nehme. Wer meine Gründe lieft, wird im Stande seyn zu beurtheile»/ ob ich mein Ziel erreichet/ und meinen Satz / wie ich nicht zweifle/ unumstößlich bewiesen habe. Möchten, diese geringen Mater das Glück haben/ in das Cabinet eines men- schenliebenden Ministers zu gelangen! Möchte er sie seiner Aufmerksamkeit würdigen/ und von der Wichtigkeit, und Wahrheit dieses grossen Geschäftes durchdrungen, meinen patriotischen Grundsätzen ihre Thätigkeit geben! I. ffd- EW I. Kapitel. Zwo Geschichten mit ihren wahrhaften Umständen. ophie, (so nennet sich meine Baase) schenkte ihr Herz, und ihre Hand in einem Alter von neunzehn Jahren einem jungen Officier, von adelichen Herkommen, und damals noch unsträflichen Sitten. Die ersten zwey Jahre ihrer Ehe flössen in Liebe, Eintracht, lind beydcrscitigcm Vergnügen vorbey. Wer hatte geglaubt, daß dieses so schöne Feuer jemals erlöschen sollte? —und es verlosch dennoch.— Sophie merkte, daß die Umarmungen ihres Gatten nicht mehr so feurig waren, und daß sich der zärtliche Ton, mit dem er Ae sonst zu spre« chen gewohnt war, in einen gleichgültigen, und A 4 Mhl 2 -. wohl oft gar gebl'etrischen herabstimmte. Bald ward sie die Ursache seines Kalksinues inne. Ein Stubenmädchen, das mit ihren verführerischen Reihen Gewinn trieb, hatte sich seines Herzens bemetsterk. Das böse Beyspiel seiner Kameraden, die das Huren zu einer Kriegökugend und zur Karakteristik lebhafter Seelen erhoben, unterstützte diesen schändlichen Umgang. Er kam ge- meiniglich erst bey spater Nacht-zuweilen auch da nicht — nach Hause: er machte Schul- den, und ließ seine Frau darben. — Sophie nahm ihre Zuflucht zu Thränen, und zu den rührendsten Vorstellungen: sie bath ihn fußfällig, sich wiederum zu fasten, und in ihre Arme zurückzukehren. Ein Fußfall von einer tugendhaften Frau, und Thränen auf so schönen Wangen hätten einem Marmor erweichet; — ihn nicht. Wie alle Schleppsäcke, wenn sie ihre Gewalt über das Herz eines Maünes einmal kennen, nicht mehr ruhen, bis sie in ihm den Rest aller Empfindungen für seine Frau ersticket haben: so brachte es auch diese liederliche Hure soweit, daß der Offi- cier der beständigen Vorwürfe seiner redlichen Gattinn, so zärtlich, und «»beleidigend sie wa- ren, müde, und durch die Ungestümmigkcit sei- ner Gläubiger schon im voraus erbittert, endlich über die arme Frau mit Schlägen herfuhr. Sophie sah sich gezwungen bey der Obrigkeit Hülfe ä» 9 ' zu suchen. Es ward auch dem Officicr von sei- ^ nem Obersten schärfest aufgetragen, mit seiner Frau friedlich zu leben, und mit diesem unver- ' schämten Schleppsacke alle Gemeinschaft zu fliehen. Allein wer kann dem Laster alle Schlupf« ^ Winkel verrennen ? Die unerlaubte Bekanntschaft ^ dauerte fort, und endlich ersah der Officier dem Vortheil, mit seiner Hure zu entfliehen, nachdem ^ er zuvor noch einen Gläubiger um tausend Gul- ^ den betrogen. Alles Fragen und Nachforschen ' war eitel: Niemand konnte mehr von ihm etwas erfahren. Nun sind es vier Jahre, daß diese , junge unschuldige Frau in einem unverdienten Wittwenstand schmachtet, und sich aller Hoffnung beraubet sieht, jemals ihr Unglück durch eine > bessere Heyrath zu ersetzen. Gestraft aus freun I den Verschulden, die Sclavinn eines Sakra- ^ meitts, das sie aller anklebenden übernatürlichen j Gnaden ungeachtet, nichtandcrs als mitAugen des Abscheus, und als die Quelle ihres trostlosen ! Jammers ansehen kann, muß sie ihr Leben einsam zubringen, und von einem geringen uuhin- l länglichen Gnadengehalt leben. i Einer meiner nahen Anverwandten ist nicht « minder unglücklich, als meine Baase. Er nahm ' eine arme wohlgewachsene Fraulen zur Ehe, welche i ihn durch ihre Munterkeit, nnd durch ihren leb- I A 5 haften lo haften Geist eingenommen hatte. Sie hatte sich Zeit ihrer Bekanntschaft so schlau zu verstellen gewußt, daß er die treueste und unverbesserlichste Person vor sich zu haben glaubte. Allein es waren kaum fünf Monathe nach geschlossener Ehe vorüber, als ihn ein Brief, der ihm von Ohn- gcfahr in die Hände siel, von seinem Wahne überzeugte. Er war von einem Abbce an seine Frau geschrieben, und in so expressiven Worten abgefaßt, daß ihm kein Zweifel seiner erlittenen Schande, und des Lasters seiner Gattin übrig blieb. Er hielt ihr diese Bekanntschaft vor: aber sie war unverschämt genug, alles zu laugucu, und noch über das dem Manne mit dem gröbsten Ausdrücken zu begegnen. Als er ihr aber den Brief vorzeigte, änderte sie die Sprache, siel ihm zu Füssen, und bath ihn, (ihr guter Genius gab ihr es ein:) wo nicht sie, wenigst das arme Kind, das sie'im Leibe trug, zu verschonen. In Rücksicht auf diesen Zustand, und aus Erbarmen über das unschuldig werdende Geschöpf, ließ er sich nach und nach erweichen, und so sehr sich Natur und die beleidigte Ehre darwider empörte, zwang er sich, die erlittene Schmach zu vergessen. Sie versprach ihm mit ganzen Bachen von Thränen, daß sie inskünftige ihre Pflicht genau beobachten, und ihren Fehler durch unver- leistiche Treue nnd Wohlverhalten vcrbeßern wolle. 'I welle. Sie kam nieder, und brachte einen Kna- bcn, so schon wie der Tag, auf die Welt. Mein Vetter, so billige Ursache als er hatte, diese Waare für verdächtig anzusehen, ließ sie doch als gangbar paßiren, in der Hoffnung, mit seiner Frau künftighin vergnügtere Tage zu haben. Allein er hatte bald Gelegenheit die Falschheit der Reue, und die Unredlichkeit des Versprechens seiner ungetreuen Gattin, vollends einzusehen. Seine Amtsgeschäfte erforderten oft eine kleine Reise auf drey ober vier Tage. Einer seiner be- sicn Freunde hinterbrachte ihm mit innerlicher Entrüstung, daß seine Frau allezeit in seiner Abwesenheit, den beineldten Abbee nächtlicher Weile in ihr Haus einließ. Mein Vetter verbiß den Zorn, und simulirte bald darauf eine Amtsreise. Er kam aber zur Nachtözcit heimlich wieder zu- rücke, und gieng in Begleitung seines Freundes um Mitternacht in sein Haus. Das Schlafge. mach seiner Frau war verriegelt : er sprengte die Thüre ein, und fand den Abbee ausgekleidet bey stiller Gattinn. Muth und Rache brandrcn ihm in den Augen: er zog den Degen, und der Abbee sowohl als das nichtswürdige Weib, würden das Schlachtopfer seines gerechten Zorns gewor- den seyn, wenn ihm nicht sein behutsamer Freund den Degen aus der Hand gedrehet hatte. Der Abbee, der sich nichts gutes versah, gieng gleich des I I IL l des andern Tages stüchkig: das Weib aber wurde , auf Begehren des Mannes in ein Kloster gesper- ' ret. Nun muß der ehrliche Mann für dieses § -unwürdige Geschöpf den monatlichen Unterhalt > bezahlen, flucht seinem Stande, und ist weder ^ Witlwer, noch vcrhcyrathct, noch ledig. j II. Kapitel. ! Unterschied des natürlichen und des l kanonischen Rechtes/ in Entscheidung dieser ! zween Fälle. ; tt^cnn ich nun diese zween Falle allen Völkern der Erde, Christen und Juden, Türken und Heyden, so unterschieden sonst ihre Den« ' kungSart, ihre Gebrauche, ihre Staatsverfassungen, und Religionen sind, zur Beurtheilung vorlege; was'werden sie mir antworten? Eine einhellige Stimme wird mir aus den Tempeln der Heyden, aus den Synagogen der Juden, und aus den Kirchen unsrer irrigen Bruder zurufen, daß ein ungetreuer Mann, ein ehebrecherisches , Weib, das schätzbare Band der Ehe zertrümmc- s rcn, daß man den Schuldigen zur Rechenschaft forden, den Unschuldigen aber in dem Stand seiner vorigen Freyheit herstellen müsse, daß es wider alle Billigkeit wäre, eine Person eben darum, 4Z darum, weil sie beleidiget worden, zu bestrafen, und sie zu Beobachtung einer Pflicht anznsiren. gen, die ihr Gegentheil nicht halten will. Diese Entscheidung ist nicht kanonisch, ich gestehe es; aber ist sie darum nicht billig? Ist sie nicht natürlich, und dem Lichte der Vernunft gemäß? Schicke ich hingegen meine Frage an die Sorbonne, oder zu einer andern Lade der theologischen Innung: was werde ich für eine Endschci- düng hören? Ich weis es im voraus. Bey den falschen Religionen, wird es heißen, mag die Ehe wohl aufgelöset werden können, weil sie ein blosser Civil-Contract ist: aber in der römisch-katholischen Kirchen, wo sie zur Würde eines Sakraments erhoben ist, ist es 6e 66s, daß wegen des Ehebruches zwar isprratio czuoa6 rkorum et menlam, niemals aber -guoaä vincuium Platz greife: weil Christus der Kirche zwar die Gewalt gegeben, die Sakramente zu ertheilen, nicht aber selbe wieder zurückzunehmen. Mir die. sein scholastischen Recips sind nun alle in diesem Pnnkte gedrückten Partheyen dahin angewiesen, entweder ihre Hörner mit christlicher Geduld zu tragen, „nd ihrem ungezogenen Gegentheil alle vergangene und zukünftige Ausschweifungen groß- wüthig zu verzeihen, oder ihr Leben im Lälibak zuzubringen. Ist 4r Ist nun aber diese di'ctatorische Entscheidung so tief in der Offenbarung gegründet, als es diese apokalyptischen Lehrer vorgebe!! ? — Wir wollen es sehen. III. Kapitel. Was die göttliche Schrift in diesem b Punkt vorschreibt. s /Aö war allerdings einer göttlichen Religion, ^ ^ wie die christliche ist, würdig, daß sieden 4 unbestimmten Beyschlaf zweyer Geschlechter, s welcher durch die sinnliche Theologie der Heyden !' aurorisiret war, und die Vielweiberei) der Juden, ! in eine reine Vereinigung der Gemüther und der js Leiber eitles Mannes mit einem Weibe veran- dcrte: eine Veränderung die nicht nur der Ver- s Mehrung der Menschen unendlich Vortheilhaft, j sondern auch für beyde Theile desto tröstlicher ist, weil dadurch eines dem andern gleich gemacht, s und beyden gleiche Pflichten zu beobachten vor- s geschrieben werben. s Die Natur dieser engen Verbindung, dieses höchsten Grades der zärtlichsten Freundschaft ' erforderte, daß die Dauer derselben weder von der Laune der Partheyen, noch von der Ver- ! anderlichkeitbes Glückes abhang.n sollte. Es bat > j 15 also die Religion ihr Siegel aufgedrückt, und ein so schönes Band für unauflöslich erkläret, damit weder eine vorläufige Convention die Dauer desselben einschränken, noch in der Folge einiger Aufall hinlänglich seyn könne, dieses einmal gs» schlösse»» Bündniß, das aus Mann und Weib nur ein Fleisch macht, und die Figur der gcist- . lichen Ehe Jesu Christi mit seiner Kirche ist, * zu zertrennen. Die Absicht dieser Unaufiöslichkeit, ist also die Sicherstellung der ehelichen Treue, und die Handhabung der Ehre eines so heiligen Standes. Wenn nun diese Absicht durch die Bosheit eines Theiles der Contrahenten vereitelt, und das Lasier vor Gericht beweislich ist, wie kann das Gesetz der Unaufiöslichkeit, das dem Zwecke subordiniret ist, bestehen ? Wie kann eine durch Untreue und Schandthaten entheiligte Ehe, die reine Verbindung Jesu Christi mit der Kirche vorstellen? Ist es einem nngcweyhten Layen, der kein Vaccalaureus in der Theologie ist, erlaubt, die heilige Schrift zu citiren ? Ich finde in dem Evangelium des heil. Mathäus 19. K. 9. V. eine * Zbr Männer, liebet eure Weiber, wie Chri- stus seine Kirche geliebet, und sich selbst für sie dargegeben hat. Lphes. 6. 25. Und sie werben zwey in einem Fleische seyn. 2.,^ i6 eine Stelle, die diese ganze Streitfrage entschei- den kann. Wer immer sein Weib entlaßt/ außer wegen des Ehebruches, und eine andere heyrathet, bricht die Ehe, und wer die entlassene heyrathet, bricht sie auch. Meister der Weisheit, scientifische Lehrer, Ihr, die ihr die ApokalypsiS verstehet! Sind diese Worte klar ? — Warum quälet ihr euch, einer so deutlichen Stelle eine gezwungene Wendung zu geben ? Verdrehet ste, wie ihr wollt, leget ste aus, wie es euch gut dünkt: entweder ist sie ohne allen Sinn und Verstand, und der heil. Geist hat geredet, ohne etwas dadurch sa- gen zu wollen: oder ein unglücklicher Mann darf sein ehebrecherisches Weib, eine unglückliche Frau ihren ungetreuen Ehemann verlassen- und sich aufs neue verheurathen. IV. Kapitel. Einwurf aus der Autorität der Päbste. L^ch höre, was ihr saget. Pabst Gregori- us IX. hat es in seinen Dekretalen IV. B XIX. T. III. und IV. K. änderst entschied entschieden* Wohl! So hat also der Pabst das Recht, die Aussprüche seines göttlichen Mei. sterö zu verbessern, und den Leuten die Freyheit zunehmen, die ihnen die Natur gegeben, und das Evangelium bestätiget hat ? Die Ehe (so saget die Schrift selbst **) ist nicht nur zur Be- völ. * Man könnte hier der Kerordnung des neunten GregoriuS, die Dckretale des zweyten Grego, rinS entgegen setzen, und Autorität durch Autorität clidircn. Dieser schrieb an Bonifacius, der sein Apostel in Deutschland war, daß, wenn ein Weib in eine Krankheit fallen sollte, die selbes zu Erfüllung der ehelichen Pflicht für immer untüchtig machte, dem Manne er, laubct seyn soll, sich von ihr scheiden zu lassen, und sich eine andere Frau zu nehmen. S. Fleury bist. eocl. vom 72g. Jahre. Diesen Grund einer gänzlichen Ehescheidung, will ich eben so wenig, als andere dergleichen Gesetze der ersten christlichen Kaiser, in diesem Punkte rechtfertigen, weil die Ehe nicht nur die Lei« der, sondern auch die Gemüther bindet, und eS dem höchsten Grade der Freundschaft unan, ständig ist, seinen leidenden Freund im groß, ten Unglücke im Stich lassen. Indessen ersieht man aus diesem Stücke der Kirchcngcschichte, daß die AuSsprüche der Pabste nicht allzeit von oben herab sind , denn Gott kann sich nicht widersprechen. " I. Cvrinth. V. K. 2. D. B 18 völkerung der Erde, sondern auch, als ein Mit« tel zur Seeligkeit für diejenigen eingesetzt, die sich nicht enthalten können. Welch ein barbarisches, und von der Milde des achten Christenthums ent- i ferntes Geboth ist es also, daß eine Frau wegen " eines Mannes, der in den Armen der Huren > herumfährt, oder wohl gar boshafter Weise, " Gott weiß wohin, entflohen ist, * ihre jungen js Jahre in Abtödtung, eben als wenn ste die ewi» ' ge Keuschheit verlobt hätte, zubringen soll? Ist ! dieses die leichte Last, und das süße Joch, das ! Christus als ein Vorrecht des neuen Gesetzes vor j dem alten angerühmet hat ? Um wie viel lieber ^ würde diese zärtliche Frau Zeit ihres Lebens das Fleisch der Thiere, die die Klauen nicht ' spalten, oder nicht wiederkäuen, entbehren, O Der verlassene is! von ver Verbindlichkeit frey , sagt der Apostel l. Corinth. VII. K. Zy. D. Von welcher Verbindlichkeit kann wandte» scn Spruch auslegen ? von der Verbindlichkeit, . dem andern beyzuwohnen? Nein. Das wuß- - le man, ohne daß eS der Apostel hatte sagen ^ dürfen, weil man natürlicher Weise bey einem ' Abwesenden nicht schlafen kann. Folglich muß von der Befrcyung einer ganz andern Pflicht die Rede seyn, nämlich von einer solchen, die Mann und Weib zu einer ewigen Treue ver- ! bindet. ^ ten, ^ und wenn sie ihres Leibes Blutfluß hat in der Wiederkehre des Monats/ sieben Tage von andern Leuten abgesondert leben / ** als daß sie jetzt in dem Gnadengcsetze ei« ne fremde Sünde büßen, und weil der Mann ein Hurer ist/ eine gezwungene Wittwe bleiben soll? Überhaupt scheint es mir sehr ungereimt zu seyn, daß man einen alten abgelebten Pabst, dessen Amt mir der frcywilligcn Entmannung verbunden ist, zum Lichter in Ehesachen anruft. Sein gefrorenes Geblüt, seine Unerfahrenheitin dem innerlichen Zustande eines Hauswesens, sein gefühlloses Gemüth in einer Sache, die er nur als in Sakrament kennet/ wird ihm eine unglückliche Ehe niemals in dem Gesichtspunkte ei« ms wirklichen Uebels- sondern immer als einen Tire! in dem )ure canonico vorstellen. Er wird eine junge Frau, die von ihrem ungearteten Manne entfer nt nach einem vergnügtem Bündnisse schmachtet, auf den Gratian oder Bellar« min verweisen, und glauben, daß sein apostolischer Sergen, und eine Handvoll geweyhtes Wasi ser die Zauberkraft haben sollen, ihr wallendes Geblüt stockend zu machen, mid ihr die sünd- B 2 Hass * Levit. n. K. Z.4.Z.6. 7 «D. ** Levit. 15. K. 19. V. 2O haste Lust des Fleisches zu vertreiben. Macht einen Gewürzkrämer zum Gesetzgeber / sagt j ein witziger Geist; bald werdet ihr den Be- ^ fehl hören, daß sich alle Welt mit Zimmet s UNd MUscatNÜsseN nähren soll. Man betrach. i te nur mit nnpartheyischen Augen die schädlichen Satzungen, die die Päbste in Rücksicht auf die Ehe gemacht haben: die vielen Orden männlichen und weiblichen Geschlechts, welche sie zum Verfall der Bevölkerung gestiftet, und die Hinder nisse der Ehe, welche sie bis auf den siebender Grad der Blutsverwandschaft, nach kanonischer Rechnung ausgedähnet, und dieser unvcrgleichltz chen Verordnung zufolge, diejenigen für blutschänderische Ketzer erkläret haben, die sich dic^ fern willkührlichen Gebothe widersetzten. * Ich weiß gar nicht, warum man sich bey einer in sich selbst klaren Sache auf die Entschei- ' düng eines Pabstes berufen, und den 8snlum communem, einen citcln Schimmer von privat ' Untrüglichkcit aufopfern will. Ein positiv. Gesetz , das wider die Vorschrift des natürlichen Rechtes laust; wie das Geboth, daß wenn Cajus stiehlt, auch Mavius, der keinen Theil an dem Diebsiahl genommen, mitgchenkt werden soll; daß, * Dieses geschah in einer Kirchenvcrsammlmg zu Rom im Jahre 1607. S. er oben angeführte Augustiuermönch Gerva- sio gestehet, mit einer den Theologen sonst «»eigenthümlichen Aufrichtigkeit, in seinem fünften Buche von dem Sakramente der Ehe, daß die Giltigkcit des Schcidcbricfeö wegen des Ehebruches , einst von vielen Katholiken erkannt worden, jetzt aber nur noch von sehr wenigen aus ihnen vertheidiget werde, weil das Cvneilium zu Trient die Sache änderst entschieden hat. * Ich halte dafür, daß es nicht übcrstüßig seyn werde, wenn ich Die Geschichte des tridenkinischen Kanons in diesem Punkte, aus des berühmten Dupin kilcoÜL * Lt bine elk, cpwä multae enstae bac cle rs iint variae epinione; non iolum inter ?ro- teKantes, I'eä etism inter Latbelieos. Ve- rum inter lies, / §ene- r3li8 nune lententra sik, msnere usgue aä inertem ^latrimonii vinculum, etiamli eon- juxum slteruter aänlterinm eommittat, lg- ne poK Loncilium Iriäentimrm aiiter len- tire nullo x>sQo Ucet. !-— 29 .. kiüoirs 6u Loncils 6s Irents, zu einer vollständigen Einsicht meiner Leser Hersetze. „ Man hatte bereits einen Kanon aufgesetzt, „der diejenigen, mit dem Bannstral bedrohte, „die sagen, daß eine vollbrachte Ehe (m-ttri- „monium conlummatum) knirch den Ehebruch „ gänzlich aufgelöset werde. Aber die Gesandten „ von Venedig trotten in das Mittel, und stell« „ten den ii. Merz der Versammlung vor, daß „ihre Republik, weil sie die Inseln Candien, „Cypcrn, Corsu, Zantha und Cephalonien „besaß, in welchen sehr viele Griechen wohnten, „ die schon seit vielen Jahrhunderten gestatteten, „ seinem Weibe wegen des Ehebruches den Scher'« „ debrief zu geben, und eine andere zu heurathen, „sich verbunden sehe, den Bannstral wider die- „ selben zu verhindern; und zu machen , baß der „ Kanon auf eine Art, die dieselben nichts angttnge, „eingerichtet würde. Sie schlugen zu diesem „Ende eine Formel vor, in welcher enthalten „war, daß die Griechen unter diesem Kanon „ nicht begrifen wären. Allein diese Formel ward „ nicht angenommen; wohl aber anftatl den Fluch „wider diejenigen auszusprechen, die behaupteten, „daß eine vollbrachte Ehe wegen des Ehebruches „könne aufgelöset werden: so ward der Bann „wider diejenigen gediehet, welche sage» avür« „den: Z0 .,dm: daß die Kirche gefehlet habe, oder „fehle, wenn sie lehret, daß das Band der „Ehe durch den Ehebruch nicht aufgelöset „ werde. Diese Formel ward gebilligek, obwohl „ sich der Bischof von Leon widersetzte. Die politische Nachgiebigkeit des Concil,« UMS gegen die RepMick Venedig, erlaubet mir nicht, diesen Kanon für etwas mehr als für eine Disciplinsache anzusehen; und ich getrauete mich nicht, den Vatern zu Trient den schimpflichen Verdacht zuzumuthen, daß sie den, Vene- tianischen Staate zu Liebe, einen Glaubensartikel gemildert, und aus menschlichem Respect die Wahrheit unter einem Schlcyer vorgetragen haben. Uebrigens ist es nun gar zu gewiß, daß dieser Kirchenrath das /t. auch in Disciplinsachcn, in welchen er eben nicht unfehlbar war , gebraucht habe. Er verfluchte z. B. diejenigen, welche der Kirche das Recht absprechen, impeäimentL «Zirimsntiu zu statuiern: gleichwohl ließ sich Launoy in seinem grossen Werke 6s rs§ia in matrimoniurn potelrats nicht hindern, diese vermeintliche Gerechtsame der Kirche anzustreiten. Das Concilium schleuderte den Fluch ebenfalls wider diejenigen, welche behaupten, daß die Ehen, die ohne Wissen der Aeltern contrahiret werden, ungültig sind, und von den Aeltern annullirt werden können: gleichwohl -ü-— zr wohl werden dergleichen Ehen in Frankreich der« Massen für null und nichtig gehalten, daß, wenn die Acltern ihren ConsenS nicht dazu geben, eine neue Ehe auch pok LoniummnMm primum Platz greift. * Es lauft nämlich auch hier auf- die Antwort hinaus, die der berühmte Sarpr dem Rathe zu Venedig gegeben, als ihn dieser wegen der Gültigkeit der päbstlichen Excommuni- cation befragte: LxLommumcutio infuüa, antwortete er, ipto furs rmlla. Iß es endlich einem Bellarmin, Iurmein, Drouin , lind Sanchez erlaubet, ** zu behaupten, daß ein Bekehrter seine ungläubige Frau, wenn diese gleich friedlich mit ihm leben will, entlassen, und eine andere nehme darfe, clilpen- ümts * ^dreg'e cbronoloF i äe I'bill:. lllcolell 1?om. H. Leixieme 8ieo1e x>. 419. S. 6ervsfio I.. V. 6e8scram. lVIstrimom'i c. V. p. 854. Dieser Meinung der Schul- iheologen folgte auch Clemens XI. als er im Jahre 1724. dem Herzoge von Fwcybrücken Gustav Samuel, welcher die Katholische Religion annahm, die Erlaubniß ertheilet, sich von seiner Gemahlinn der Herzoginn Dorothea von Bälden; nach einer sechzehnjährigen Ehe gänzlich zu scheiden, und eine Franken von Hofmann zu heyratben, welche Dispensation bey dem evangelischen Reichsstanden grosse Bewegungen verursachte. .">2 Lnts veo, wie sie sagen, m ^rLkiam Ueli- §ioni8 ckriKiLNAS, da doch Paulus auSdrück« lich befohlen hat; Wenn einer ein ungläubiges Weib hat/ und dieses ihm beywohnen will, so soll er es nicht entlassen. 1 . Corimh. 7. K. 12. V. warum soll ich mich nicht, da ich das Evangelium für mich habe, in dem Punkte der Austösli'chkeit des ehelichen'Bandes von den Fußstapfen der Päbste, und Kirchenvater, die doch noch bey weitem keine Apostel stnd, enlfer« neu dürfen ? Beschluß. Könige, Fürsten, Senate, wie ihr immer heißet, die ihr das Ruder des Staats und das Glück eurer Bürger in den Handen traget! Ueberleget es aufmerksam, ob es geziemend sey, daß eure souverainen Gesetze, und das damit verbundene Wohl eurer Unterthanen, von dem theologischen System, und von Schulailegorien abhänge ! Die Ehen, diese quellen der Bevölkerung, diese Ketten der bürgerlichen Gesellschaft stnd der erste, und wichtigste Gegenstand, mit dem sich eure Sorgfalt beschäftigen kann. Ein Blick in die Familien eurer Bürger, und in die conßstorialischcn Ehescheidungsaktcn, wird euch das Unwesen zeigen, das in diesem Punkt eine grosse ^ grosse Anzahl eurer Unterthanen drücket, und das aus keiner andern Ursache, als aus dem unerträglichen Joch eines ohne AuSnahm untrennbaren Ehebandes herrühret. Daher kommen jene unbegreiflichen Ehen, wo beyde Theile physisch von einander getrennet, und dennoch mystisch in dem Kopfe der Theologen mit einander vereiniget, der ersten Absicht des ehelichen Standes, welche die Zeugung der Kinder ist, entsagen: oder zwar beysammen wohnen, aber das aufer« bauliche fundamental Gesetz zur Richtschnur ihrer Handlungen machen, daß ein Theil den andern durch keine eifersüchtigen Vorwürfe geniren soll: Daher die Ungewißheit der Kinder , die aus solchen schandhaften Ehen entspringen, und die wenige Sorge, die sich die Aelkern um ihre Erziehung geben: Daher die Leichtigkeit, den ehelichen Stand ohne Ueberlegung aus blossen eigennützigen Absichten, ohne Liebe, ohne innerliche Harmonie der Herzen zu wählen : mit dem grundehrlichen Vorsätze, daß man um das Geld schon zu Zeiten einen Seitensprung wagen kann. Man betrachte diese Unordnungen mit einem patriotischen Auge, und widerrufe ein Gesetz, das der Theologalgeist in dicken Nebel des sechs- zehnten Jahrhunderte gemacht hat, und das der gesunden Vernunft so sehr entgegen, für dieRe- C ligion s 34 ligion so entunehrend, und für die menschliche ! Gesellschaft so nachteilig ist. Man mache bey ^ -ein Schalle der Trompeten kund, daß man zwar, wie es jedem katholischen Christen zustehet, die Entscheidungen des Conciliums zu Trienk in den Geheimnissen unsrer Religion verehre: aber daß man es für erlaubt, ja nöthig halte, in einem Punkte, der den Staat naher, als die Kirche angehet, von der Strenge seiner sittlichen Verordnungen abzuweichen, und bey der Milde des Evangeliums zu bleiben : Daß es mithin einem jeden Manne, der sein Weib eines Ehebruches überführen kann, oder von demselben mcineydig verlassen worden, und vics verla eine Frau, die von ihrem Manne auf diese Art be- leidiger ist , erlaubt seyn solle, dieses unglückliche Band zu trennen, und zu einer neuen Ehe zu ^ schreiten. s ' ^ Wie wenn man denen, die auf die Galc- j ren verdammt sind, die Freyheit ertheilte: so freu- ! dig und jubelvoll wird man eine Menge verun- glückter Eheleute beyderley Geschlechts, mit dem , Evangelium und diesem Befehl in der Hand, I um den prirsterlichen Segen eines neues Bandes I -«halten sehen. Jener ehrliche Mann, den sei- ch ne ungerachene Gattinn bloß zum Deckmantel ihrer Schandthaten gebrauchte, wird nunmehr in den ? 35 ! ven Armen einer neuen und würdigen Gattin l die Rechte' seiner verletzten Ehre, die Volle sei« i nes Standes, und eine vollkommene Genugthuung genügen : da indessen die Unverschämte zur Strafe ihrer Unordnungen und Untreue den Wittwestand, und die Verachtung der ganzen gesitteten Welt in ihrer Schwere fühlen wird. Auf gleiche Weise wird eine liebenswürdige und unglückliche Gemahlinn eines liederlichen Man. nes ihre Tage nicht mehr in unnützem Trauren - verzehren müssen : denn wenn sie umsonst die Macht ihrer Reize, und alle unschuldigen Kunst. . grife versuchet hat, ihn zu seiner Pflicht, und in l ihrem Schoos zurückzuführen: so wird ihr noch der Weg zu einer neuen Henrath offen stehen: und ihr Vermögen wird nur so lange, als sie f selbst will, der Lohn der Huren, und die Beute H der Wucherer seyn. Ich müßte mich sehr betrü- j gen, wenn ein einziges Beyspiel in dieser Gat. ! tnng, nicht einen hundertmal wirksamern Einfluß ^ auf den moralischen Karakter eines Volkes hatte, > als vier Hirtenbesuche, und sechs Missionen der " allerdreustesten Apostel, die jemals unter einer ^ spitzigen oder runden Kaputze wider den Ehebruch l geprediget haben. Jünglinge und Mädchen wer« den künftig in ihrer Wahl, und in Verschenkung ihrer Herzen behutsamer; die Aeltern aus Furcht, ihre Töchter zweymal aussteinen zu müssen, mehr auf Z6 ^ auf die Bildung ihres Herzens, als auf Leckionen der Eitelkeit, und der Coguetterie bedacht; die Fehltritte der Verchlichten aber nur seltene Erscheinungen, und etwann jährlich gegen die jetzigen wie i. zu looä. seyn. Welch ein angenehmer Gedanke, so äiiele Familien glücklich zu machott H «nd die Freude in die bethranten Augen einet'WnM Frau, oder in das gemarterte Herz eines redlichen Mannes zurück zu bringen! Durch welche leichte und simple Wege ließe sich oft der Name eines Grossen Fürsten, eines Gros. sen Ministers erhalten, den mancher in blutigen Projekten von Eroberungen, oder in erkünstelten Manufacruren mühsam, und dennoch vergebens suchet!