Kavonarola Ein Gedicht Nid' »vn i c o l a u s Lenau. Dritte Auflage. Stuttgart und Tübingen. Die Entweichung. „Wo sich Girolamo verspätet? Gewitter droht die schwüle Nacht; Ob er noch jetzt im Walde betet, Nicht hat auf.Stund' und Wetter Acht? Komm, Niccolo, hinaus, wir wollen Den Sohn erwecke» aus dem Traum. Siehst du den Blitz? hörst du es rollen? Gewiß, er kniet an seinem Baum!" So sprach die Mutter mit Verzagen; Der Vater ruhig, heiter spricht: „,,O laß ihn knien, die Blitze schlagen Den Baum, wo einer betet, nicht. Lenau, Savonarola. 1 Der Himmel badet mit Erbarme» Die Wurzel jeden, Baum und Busch, Wie Jesus einst den müden Armen Herabgeneigt die Füße wusch. Die Frühlingsnacht mit Wetterschlägen Durchzuckt die Erde srisch und froh; Und himmlischer Gedankensegen Strömt nieder auf Girolamo. Wohl hört er nicht den Donner ziehen, Und nicht der Stunde leisen Schritt; Er mag am Baume länger knieen. Weil der nun blüht und betet mit. Bald aber wird er, heimgekomme» Aus seinem dunkeln Waldrevier, Was er Geheimes dort vernommen. Begeistert sagen dir und mir. Er that's in mancher schönen Stunde, Und nie mein Herz das Glück vergißt, Zn hören aus des Kindes Munde Die Sprache, die das Leben ist. Ich glaub' es nicht, o Weib, doch wehe, Wen» je aus deinem Herzen schwand. Wie der Gezeugte unsrer Ehe Uns mit dem Schöpfer süß verband. Oft aus den Waldeseinsamkeiten, Des Denkers liebstem Aufenthalt, Kam er zurück, uns sortzuleite» In einen andern, tiefer» Wald; In jenen Wald voll Balsamkühle Und ewig grün: die Schrift des Herrn, Wohin aus banger Lebensschwüle Gekränkte Wandrer flüchten gern. Dan» rauscht uns Trost, dann duftet Hoffen Im heil'gen Walde jeder Strauch, Von seines Auges Strahl getroffen. Erregt von seines Mundes Hauch/'" Doch kann kein Wort zur Ruhe legen Die Angst der Mutter um ihr Kind, ' Denn draußen stürzt ein wilder Regen, Gewitter tobt, es heult der Wind. Die Nachbarn rufen Litaneien, Den Baum am Fenster bricht der Sturm, Die Glocken in Ferrara schreien Die Angst der Stadt von jedem Thurm. Die suchende Mutter. Die Nacht vorüber und im Osten Hellstrahlend auf die Sonne geht. Der Donner und der Sturm verlosten, Die Luft voll Duft und Liedern weht. Der Himmel mit den Lenzgewittern Der Erde wohl zum Herzen drang. Weil ihr von allen Zweigen zittern So süßer Dust und Morgensang. An Helena vorübergleiten Des Waldes Hauch und Freudenton, Sie späht und ruft in alle Weiten Umsonst nach dem verlornen Sohn. Schnell zu des Walds geheimsten Stämmen Die sorgenvolle Mutter dringt. Wo Fels und Strom die Schritte hemmen, 'Am wirrsten sich der Strauch verschlingt. Nicht schreckt sie nun der Räuberrotte Weithin verrufner Hinterhalt, Sie schreitet durch die dunkle Grotte, Durchforschend jeden Felsenspalt. Rastlos bis zu der Sonne Neigen Fragt sie umher nach seiner Flucht, Sie ruft den Straßen und den Steigen: „Ihr Trägen, macht euch auf und sucht!" Oft wenn sie auf entfernten Wegen Herschreiteu einen Wandrer sieht, Dem winkt sie, eilt sie froh entgegen, Bis ihrem Aug die Täuschung flieht. Dann zürnet sie des Manns Geberden, Und jedem Zug im Angesicht, Daß sie je näher, fremder werden, Daß dies sein theures Antlitz nicht. Sie ruft hinaus in offne Felder: „Mein lieber.Sohn! wo bist du? wo?" Und in die Wildnis; dunkler Wälder: „O komm zurück, Girvlamo!" Wie einen Stein das Meer, verschlinget Das weite Feld den bangen Schall, lind nicht den Sohn der Wald ihr bringet, Nur seines Namens Widerhall. Der Brief. Ermüdet von verlornen Wegen, Die sie geirret ohne Ruh, Und von des Herzens bangen Schlägen, Geht Helena dem Hause zu. Der Vater harret an der Thüre, Er sieht sie kommen bleich und matt, Und eilt daß er sie stützend führe. Und reicht ihr eines Briefes Blatt: „Siehst du, es darf der Sturm nicht rauben, Dem Baum des Herrn sein grünstes Reis; Die Furcht war stärker als dein Glauben." So spricht fein schonender Verweis. Hinsinkend in des Stuhles Lehnen, Hält sie das Blatt im Dämmerschein Und seufzt die Worte unter Thränen: Nun ist er fort, und nicht mehr mein! „Nun ist er fort, doch unverloren. O Weib, sei deines Sohnes wcrth! Tu hast ihn nicht für dich geboren, Getrost, wenn ihn der Herr begehrt! Zeit ist's, daß du dem Sohn entsagest Und das Geräth der Muttcrpftichr Demüthig brechest und zerschlagest; Der Streiter Gottes braucht es nicht. Der Brief wird deinen Kummer heilen, Daß du frohlockst und nimmer klagst; Ich will dir lesen seine Zeilen, Weil du es nicht vor Weinen magst: ,,„O Vater, Mutter, Gott befohlen > - Ihr Lieben seid nicht trnbgemnth, Daß ich so Plötzlich und verhohlen Entwichen eurer treuen Hut. Ich zog von euch mit bittern Schmerzen, Ich kämpfte lang, bis ich's vermocht, Denn lange hat im Kindesherzen Der bange Zweifel mir gepocht. Schon seid ihr alt, es naht die Stunde, Wo ihr zum Tode schlafet ein; Nicht aber wird aus eurem Munde Der letzte Hauch ein Kuß mir sein. Ich werde nicht euch hinbegleiten Des Weges kahlen, kühlen Rest ; In eures Alters Einsamkeiten Vergebt, daß euch das Kind verläßt! Mein Geist in schluminerlosen Nächten Durch diese Welt zn Gott sich rang, O zeige mir den Weg, den rechten! Fleht' ich zu Jesu heiß und bang. So kniet' ich letzte Nacht im Haine, Umbraust vom wilden Donnerflug, Gebadet im Gewitterscheine, Und betete und frng und frng: O Gott! soll ich der Welt entweichen Und dem was lieb mir in der Welt, So gib, o Herr, mir jetzt ein Zeichen, Daß du zum Streiter mich bestellt! Da schlug der Blitz den Baum in Splitter, Dran ich gelehnt, ich blieb gesund! Mich schlug der Strahl zu Gottes Ritter, Auf ewig steht der ernste Bund. Und jeden Tropfen meines Blutes, Und meines Geistes letzte Kraft Trag' ich znm Kampf voll frohen Muthes, Vis mich der Tod von hinnen rafft. Ich wandre fort im Morgenrothe; Wie sich der Tag im Osten schwingt, So glüht mein Mnth im Kampfgebote Und all mein Herz zum Himmel dringt!"" — Schon wird es Nacht, die Sterne scheinen Des Flüchtlings Eltern in's Gemach, Die Mutter steht mit stillem Weinen Und sinnt dem Brief des Sohnes nach. Und sie versinkt in düsterm Traume, Es bebt der Brief in ihrer Hand, Wie's letzte Blatt am dürren Baume, Dem all sein Schmuck und Reichthum schwand. Sie spricht: „Die Kirche feiert heute Dem Märtyrer Georg das Fest. Weh mir, wenn ich sie richtig deute, Die Ahnung, die das Herz mir preßt!" Der Vater lehnt am Fensterrahmen, Das Herz voll Freud' und Zuversicht, Ein feierliches: „Amen! Amen!" Ruft er hinauf zum Sternenlicht. Ver Eintritt ins Kloster. Der auscrkorne Gottesbote Die Straße nach Bologna zieht, Rastlos, bis er im Abendrothe Die Thurmeskrenze funkeln sieht. Er möchte seinen Schritt beschwingen. So schnsuchtsfroh das Herz ihm schlug. Als er Bologna's Glocken klingen Herüber hört im Windeszug. Schon pocht er an mit frommem Worte Am Kloster Sauet Dominicus, Und aufgethan wird ihm die Pforte Mil einem gastlich milde» Gruß. Ein hoher Greis mit weiße» Haaren, Begießend sorglich jedes Beet, Der Prior unter Blnmenschaaren Im Garten ans und nieder geht. Der Bäume Wipfel säuselnd beben In schon versnnkner Sonne Licht, Und ein vergangnes frommes Leben Erhellt des Priors Angesicht, Und sinnend ruht der Blick des Alten Ans seinem reichen Blumenflor, Ans all den lieblichen Gestalten, Die still und sanft sich drängen vor. Und leise trat znm Klostergarten Savonarola jetzt herein, Ehrfürchtig schweigend im Erwarten, Bis selbst der Greis gewahre sein. Wie weise Alte gerne Pflegen, Daß sie nicht lassen ihren Schritt Sich stören auf Gedankenwegen, Und lieber ziehn den Andern mir; So hat nach freundlichem Willkommen Auch seinen Gast der Prior gleich Vergnügt und herzlich mitgenommen In sein geliebtes Blumenreich; „An Blumen freut sich mein Gemüthe, Und ihrem Räthsel lausch' ich gern, Die uns so nah mit Dust und Blüthe, Und durch ihr Schweigen doch so fern. Wenn ich durch ihre schmucken Reihen In Abendkühle wandeln geh'. Und oft in süßen Träumereien An einer Gruppe sinnend steh', So ist mir schon zu Sinn geworden, Es lagrc unterm Himmelszelt Der große reiche Blumenerden Ein weites Kloster durch die Welt. Ob sie nicht in Gelübden leben? — Sind nicht die Blumen keusch und rein? Der Armuth hold und treu ergeben. Vergnügt bei Thau und Sonnenschein? Gehorsam springen sie vom Bette, Wenn sie die Frühlingshora ruft, Und eilen in die große Mette, Zu bringen ihren Opferduft." Er sprach's, indessen dicht und leise Ein Heer von Blüthen uiedersank. Aus Stirn und Hand dem frommen Greise Zu küssen ihren stillen Dank. Lenau, Savonarola. Nu» kehrt mit forschendem Betrachte» Zu seinem Gast der Prior sich' O Jüngling, welche Wünsche brachte» In unsre ernsten Mauern dich? Der Jüngling, neigend sich bescheiden, Also des Herzens Wünsche nennt: Mein Bitten ist, mich einzukleiden Zu eurem heiligen Convent. Und den Gelübden, jenen dreien, Die fromm den Blumen lieh dein Scherz, Will ich mich nnerschüttert weihen Bis in den letzten Todcsschmerz. — Der Greis vertieft sich, frohbetroffen, In seines Gastes Angesicht, Und ahnet, dasi ein großes Hoffen Der Welt aus diesen Zügen bricht. Die Novizen. Ein Bund im Roscnzelt gestochten, Bei Sternenglanz und Becherklang, Als Wort und Wein und Blüthen pochten Ans Herz, und Nachtigallensang; Der mag verschwinden und vergehen Mit seinen Lenzgenossen bald, Wie's Blatt vom Strauch, vom Herzen wehen, Verhallen, wie ein Lied verhallt. Der Strauch hat neue Rosentriebe, Hat Nachtigallen jung und neu; Das Herz berauscht die neue Liebe, Und nur die Sterne blieben treu. — Ein Bund im Schlachtgefild geschlungen, Der stumme Feuerblicke tauscht, Von wildem Waffentanz umrungen, Und rings von Heldentod umrauscht, Ist schön! doch mit dem Kampfestosen Ein solcher Bund wohl auch verweht, Wenn weiter auch, als unter Rosen, Das Herz in Schlachten offen steht. — Der Bund allein wird lange dauern: Wenn froh in Gottes Angesicht Zwei Herzen an einander schauern; Der überwährt das Sternenlicht. So haben sich zum Freundschaftsbunde Girolamo, Domenico Vereint in gottgeweihter Stunde, Mit der die Treue nicht entfloh. Sie saßen traulich in der Zelle, Und als im Sonnenuntergang Verschied die letzte Tageshelle, Zugleich ihr letztes Wort verklang. Sie haben ernst und lang gesprochen Vom Prager Hieronymus; Wie eine Welt von Qual gebrochen Am unerschütterlichen Hnß. Wie diese Freunde, Gotteshelden, Die Macht des Todes übermannt, Wie sie, das Wort des Heils zu melden, Sv freudenvoll den Leib verbrannt. — Die Jünglinge, das Antlitz neigend. Sind jetzt verstummt mit einemmal, Sie sitzen beide starr und schweigend, Der Welt entrückt und ihrer Qual. Verschlossen ist das Aug, verhangen Das Ohr, wie tief in Schlafesruh; Nun ist die Seele fortgegangen, Sie schloß des Hauses Pforten zu. Im tiefen Walde der Betrachtung Die ferne Seele nun verweilt. In jener heiligen Umnachtung, Wo jede Sehnsucht wird geheilt. Laßt euch den heil'gen Wald umranken O schweiget, schweiget, daß kein Wort Die flücht'gen Rehe, die Gedanken, Vom Quelle Gottes scheuche fort! —- So saßen lange die Genossen, Das Angesicht herabgebückt, Das Auge wie vom Tod geschlossen, Betrachtend und der Welt entrückt. -X^x Sie hören nicht wie vor der Zelle Der Garten rauscht, der Vogel singt, Sie hören nicht, wie schon das Helle Glöcklein ^vs Älaria! klingt. llnd die Vertieften auch nicht hören Im Kreuzgang jetzt des Priors Schritt, Und wie er, mahnend aufzustören, Herein zu den Novizen tritt. Die Brüder störend anfzuregen Aus stiller Andacht, kümmert ihn; > Doch Alle ruft zum Abendsegen Die strenge Klvsterdisciplin. Erst als er ihnen seine Hände Sanftrüttelnd um die Stirne schlang, Daß er zurück die Seelen wende Von ihrem fernen Abeudgang, Erwachten sie zusammenschauernd Aus der Betrachtung stillem Glück; Denn aus der Heimath schrickt bedauernd Das Herz in diese Welt zurück. Da fassen liebend sich die Beiden: „Unwandelbar auf Gottes Spur! Dein Freund, getreu in Kampf und Leiden So strahlt in ihrem Ang der Schwur. Die Wanderer. Schon Hot die Priesterweih' empfangen Girolamv; ans seinem Mund Viel segensreiche Worte klangen Er reift in Gott mit jeder Stund. Ein Wunsch durchglüht sein ganzes Leben, Sein Trachten immer, überall Ist nur, die Kirche zu erheben Von ihrem ungeheuren Fall. Er spricht die Sehnsucht vieler Herzen Gewaltig aus von Ort zu Ort; Es haben ihre bangen Schmerzen Gelüftet sich in seinem Wort. Er rastet nimmer, zu verkünden Der Kirche Noth und Hülfeschrei; Und seine Pfeile scharf empfinden Der Pabst und seine Klerisei. Eifrig geweiht dem Pred'gerorden Vergieng ihm seines Lebens Lenz. Girolamv ist Prior worden Im Marcuskloster zu Florenz. Domenieo an seiner Seite Zieht fort mit ihm die rauhe Bahn, Dem Helden im verwegnen Streite Als treuer Knappe zugethan.- Die Sonne im Gebirge sinket. Des Himmels letzter Purpurstrahl Das Erdendunkel flüchtig schminket, Und Nebel schleichen durch das Thal. Die Winternacht mit kalten Schauern Und Regen kommt, kein Sternlein scheine; Doch haben Jäger, Werkner, Bauern Zum Wanderzuge sich vereint. Von allen Bergen in der Runde Erscholl beim Sonnenuntergang, Als Gruß und Rnf der Wanderstunde, Ein sreudenheller Chorgesang. Nach Tagesmüh'n die Glieder dehnen, Will sonst der müde Erdengast; Was treibt die Wandrer für ein Sehnen, So spät mit schlummerlvser Hast? Sie eilen fort, sie ruhen nimmer, Die ganze Nacht durch Stein nnd Moor; Es gilt, beim ersten Morgenschimmer Zu harren an des Domes Thor. ^x Wenn dürstend eine Karawane Hinaus in alle Wüste lauscht, Und jetzo meint, in frohem Wahne, Zu hören wie die Quelle rauscht; Wie eilen dann die Heißen, Matten, Belebt vom süßen Windestrug! Bis endlich in Oasenschatten Die Quelle tränkt den müde» Zug: Sv sputen sich auf dunkeln Wegen Die vom Gebirge, meinend schon, Es rausch' und kling' in Wind und Regen Girolamo's ersehnter Ton; Sein Wort, das Gottes Macht verkündet. Sein Wort, das tausend Blitze rafft Und sie zur Flammeuruthe bindet Und auf die Sünder niederstraft; Sein Wort, das in geheimste Falten Der Herzen Funken Gottes weht, Daß oft bei seinem mächt'gen Walten Das ganze Volk in Feuer steht. Sie hören in den Finsternissen, Wie es gewaltig braust herab, Daß Frevlern aufwacht das Gewissen Und heulend springt aus seinem Grab. Doch auch sein Wort als Friedenskunde, Das seligend zum Herzen fließt, Und dem aus tiefster Herzenswunde Die Liebe und die Freude sprießt. — Und als die Nacht vorbeigedunkelt, Als durch zerrissnen Wolkenflor Die Sonne freudig strahlt und funkelt, Stehn sie gedrängt am Kirchenthor. Da fällt die frische Morgcnhelle Auf manches bleiche Angesicht, Und von den Wandrern an der Schwelle Jetzt mancher matt zusammenbricht. Der Hagel schlug in diesen Zeiten Toscana's Feld mit Hnngersnoth, Und Mancher von den Wandersleuten Aß lange keinen Bisse» Brot. Schon eilen, wie zum Freudenfeste, Viel Bürger von Florenz heran, Mit guter Kost die müden Gäste, Mit süßem Weine zu empfahn. Die Luft erschallt von Freundesworten, Man reicht sich brüderlich die Hand, Die fremde Schaar aus fernen Orten Herberg in trauter Liebe fand. Sind auch die Aehren nicht geratheu Am Feld, von Schauer heimgesucht; So blieben doch die Herzenssaaten Girolamo's nicht ohne Frucht. Weihnacht. Des Domes Thor ist aufgegangen; Nicht aber Allen wird gestillt Der Quelle durstendes Verlangen, Die heute von der Kanzel quillt. Altarcsstufen, Bilderblenden Sind vollgcdrängt, die Sacristei, Die Standgerüste an den Wänden, Noch immer strömt das Volk herbei. Girolamo hat nun betreten Die Kanzel, kniet in Andacht still Von Gott die Kraft herabzubeten Dem Worte, das er sprechen will. Nun steht der Fromme aufgerichtet, Sein Aug am Volke segnend ruht, Sein edles Antlitz ist durchlichtet Von Liebesm'acht und Kampfesmuth. — Wen» Vögel ihren Sang beginnen, Wenn schöner Frühlingsmorgen tagt, Erglüh» zuerst des Berges Zinnen, Der hoch, der himmelnächste, ragt; Von seinen Zinnen fließt aümählig Der Morgenstrahl zur Schlucht herein, Bis endlich aufglänzt licht und selig Das ganze Thal im Sonnenschein: So ist vom Antlitz dieses Frommen, Als er zum Volk begeistert spricht, Der Helle Strahl herabgekommen, Und glüht auf jedem Angesicht. — ! S cncni, Savonavola. 3 O daß der Strahl, der gottesklare. Erlischt und flieht, der Zeiten Raub! Girvlamo! dreihundert Jahre Sind nachgeflogen deinem Staub! ' Komm, segne mich mit deiner Nähe, Und segne meines Liedes Klang, Daß ich dein großes Herz verstehe, Und nicht verletze im Gesang! Laß weihend in die Seele fallen Von jenem Strahl mir einen Schein, Und laß ein leises Wiederhallcn Mein Lied von deinem Worte sein! „Die Zeit des Mitleids und der Güte, Das ist die stille kühle Nacht, Wenn über die versengte Blüte Mit seinem Thau der Himmel wacht. Die Zeit des Mondes und der Sterne, Das ist die ungestörte Zeit Des Heimwehs nach der stillen Ferne Ans diesem Thal voll Schmerz und Streit. Und war dein Herz am heißen Tage Auch mit den Brüdern wild und rauh, So kühlt es dir zu milder Klage Die Nacht mit ihrem Thränenthau. Dann kehrt zu seinem Heiligthume Das sturmverschlagnc Herz — und glaubt; Dann richtet die geknickte Blume Der Liebe auf ihr müdes Haupt. IXE Dann drängt es dich den Haß zu heilen, Der kränkend deine Seele traf. Und schnell zum Feinde hinzueilen Und ihn zu wecken aus dem Schlaf, Und dem Erstaunten und Gerührte» Zu sagen, daß den herben Groll Die Thränen dieser Nacht entführten, Und daß er auch dich lieben soll. Wenn Nachts im Wald die Vögel schweigen, Und wenn das Wild im Dickicht ruht. Und wenn kein Windhauch in den Zweigen, Dann hörst du einsam nnr die Flut, Du siehst den Quell zu Thale rinnen, Er schimmert hell im Mondenschein, Du denkst: „Ich muß wie er von hinnen, War' ich wie er, so hell und rein!" > ' „Er treibt auf Erden seine Wogen Und eilt ins heimathliche Meer, Und ist, wie er einst ausgezogen. So rein bei seiner Wiederkehr!" Und wenn du Nachts am Waldesquelle Dein sinnend Haupt wehmüthig senkst, Und bei der klaren Silberwelle An deinen trüben Wandel denkst; Was kann die Trauer dir bezwinge» Jni stillen Wald am Ouell so klar? Was hörst du aus den Wassern singen Für Lieder, tröstend wunderbar? Was hat den Balsain deiner Wunde, Und deinen: Schmerze Ruh gebracht? Es ist die süße Fricdenskunde Aus einer längstvergangnen Nacht. !- O Nacht des Mitleids und der Güte, Die auf Judäa uiedersauk, Als einst der Menschheit steche Blüte Den frischen Thau des Hiinmels trank! O Weihnacht! Weihnacht! höchste Feier! Wir fassen ihre Wonne nicht. Sie hüllt in ihre heil'ge» Schleier Das seligste Geheiinniß dicht. Denn zöge jene Nacht die Decken Vom Abgrund uns der Liebe auf, Wir stürben vor entzücktem Schrecken, Eh wir vollbracht den Erdenlauf, — Der Menschheit schmachtendes Begehren Nach Gott; die Sehnsucht tief und bang, Die sich ergoß in heißen Zähren, Die als Gebet zum Himmel rang; Die Sehnsucht, die zum Himmel lauschte Nach dem Erlöser je und je; Die aus Prophetenherzen rauschte Ju das verlassne Erdenweh; Die Sehnsucht, die so lange Tage Nach Gotte hier auf Erden ging, Als Thräne, Lied, Gebet und Klage: Sie ward Maria — und empfing. Das Paradies war uns verloren, Uns blieb die Sünde und das Grab; Da hat die Jungfrau Ihn geboren, Der das verlorne wiedergab; Der nur geliebt und nie gesundet, Versöhnung unsrer Schuld erwarb, Erloschne Sonneu angezündet. Als er für uns am Kreuze starb. Dcr Hohepriester ist gekommen, Der lächelnd weiht sein eignes Blut; Es ist uns dcr Prophet gekommen; Der König mit dem Dornenhut. — Kennt ihr den Strauch im Waldesgrunde? Kein Blümleiu blüht in seiner Näh, Kein Vogel fingt in seiner Runde, Den Wandrer faßt ein dunkles Weh!? Wohl stürbe gern in seinem Grame Der Strauch, der jene Dornen trug; Doch muß in alle Welt sein Same Fortwanderu mit dem Windesstug. Stach seines Fluches altem Brauche Geht Ahasver noch auf und ab, Und bricht sich von dem Dornenstrauche Alljährlich seinen Wanderstab. Ter Strauch — das ist das Finster kalte In der Natnr, das nur versehrt; Und Ahasver — das ist der alte Unglaube, der stets irrefährt. — ^ Naturvergöttrer! ihr Geäfften Des Wahnes, wollt in Sumpf und Riet Den Irrwisch an den Leuchter heften; Er leuchtet nur, indem er flieht! Allgöttler! eures Gottes Glieder Streift hier vom Baum der Wintersturm; Dort schießt den Gott ein Jäger nieder; Hier nagt er selber sich als Wurm. Als Tabernakel, voll Rubinen Und Perle», mit dem Sacrament, Mag euch des Tigers Rachen dienen. Der brüllend durch die Wüste rennt. Und die Kinnlade eines Haien Für euch als Bundeslade paßt, Das Mordgebiß in Stachelreihen Das heilige Gesetz umfaßt. Und euer Engel, dessen Zeichen Die Tobten auferstehen ruft, Ist die Hyäne, wenn sie Leichen Bei Nacht aufwühlt aus ihrer Gruft! - - Stoch immer lebt der alte Jude, Durchflucht die Welt mit Saus und Braus Die Kirch' ist seine Gränclbude, Er läßt den Herrn nicht ür sein Haus. Und wo er trifft auf seinen Gängen Die Wandrer mit der Kreuzeslast, Muß er sie höhnen und bedrängen, Weil er das Reich der Liebe haßt. Geht hin nach Rom und Hort die Mette Zur Weihnachtsfeier, schaut euch an Die Priester auf entweihter Stätte, Mit Goldgewändern überthan. Dort brennen tausend Helle Kerzen, Die Orgel dröhnt, es tönt Gesang; Doch kalt und finster find vie Herzen, Zerrissne Glocken ohne Klang. O seht die thierischcn Gestalten, Wie am Altäre dort und hier Hantirend sie die Hände falten. Zum Himmel blicken fremd und stier! Der Eine liest, die Augen rollend, Die Mess' in ungeduld'ger Hast, Und dem Evangelisten grollend. Daß er nicht kürzer sich gefaßt. Ei» Zweiter denkt mit heißer Stirne Bei der Epistel an den Brief, Der ihn zn einer schmucken Dirne Für diese heil'ge Nacht berief. Ein Andrer hört aus den Gesängen Halloh! Gebell und Jägerhorn; Er sieht den Hirsch im Walde sprengen, Sein Herz fliegt nach dnrch Busch und Dorn Ein Andrer träumt in Spielgemächcr Sich an den Goldtisch, Nimmersatt, Er schwingt den Kelch wie Würfelbecher, Die Hostie wie ein Kartenblatt. Die Ceremonie wird als Fratze Gedankenlos nun ausgekramt; Ein Affe, sie mit Kopf und Tatze Tiefsinnige Gebärden ahmt. Und die Gemeinde, geistverlassen Und herzverödet, drängt und gaffr Und sucht mit Wort und Wink zu fasse» Die Beute frecher Leidenschaft. Schamlos geputzte Weiber schwirren Umher im Tempel ohne Ruh, Und lasterhafte Männer girren Den Weibern süße Worte zu. Der Fromme geht, die Brust voll Klage, Aus solcher Kirchcnschänderei; Ihm thut sein Herz die düstre Frage: Ist es mit Christus denn vorbei? Ist dies ein Fest, daß er geboren, Der wiedergab das Paradies? Ist dies ein Fest, daß er verloren. Und uns, ein schöner Traum, verließ ? Doch sollt ihr nicht dem Krimmer glauben Kein Wort des Heilands wird verwehn; Gott läßt sich seine Welt nicht rauben, Und seine Kirche wird erstehn. Ob euren modernden Gebeinen Wird dann hinwandeln eine Schaar Bon Priestern, wahren, frommen, reinen Und würdig dienen am Altar. Die Herzen werden sich versöhnen Einst unter Einem Freudenzelt, Und die Natur wird sich verschönen, In Liebe athmen wird die Welt. Die Herzen werden sich verbünden, Sich bringen jeden Gottesgruß, Von Brust in Brust hinübermünden Wird, Gott entströmt, ein Freudenftuß. Und finden werden fie gemeinsam Den Weg, das Leben und das Licht, Was Keiner kann erringen einsam, Wer nur sich selber Kränze flicht. Zugvögel sammeln sich in Schaaren, Wenn sie empfinden in der Luft Ein süß geheimes Offenbaren Des Frühlings, der nach Süden ruft. Vereinigt trotzen sie den Winden, Daß keiner sie der Bahn entführt; Vereinigt schärft sich ihr Empfinden, Das in der Luft den Süden spürt. So werden sich die Seelen einen Im gleichen Geist und Glaubenszug, Daß sie »ach ew'gen Frühlingshainen Vollbringen ihren Wanderflug. So wird sich finden einst hienieden Der Kirche traulicher Verein, Wo Licht und Stärke, Freud' und Frieden In Christo Allen wird gemein. Ja! endlich wird die Stunde schallen, Wo jener Strauch nur Rosen bringt, Und wo ein Chor von Nachtigallen Auf seinen sanften Zweigen singt. Dann liegt der Stab des Abgemühten Zerbrochen auf dem grünen Rain; Dem Strauch zu Füßen unter Blüten Wird Ahasver begraben sein. >- l I I Mariano. Savonarola ist gefährlich Der Pabst- und Mediceermacht, Weil er das Licht der Wahrheit ehrlick Der Sünde streckt in ihre Nacht. Die Fackel strahlt in tiefste Klausen; Weh euch, wenn's Volk da unten sieht, Aufspringend mit Abscheu uud Grausen, Vor welchen Göttern es gekniet! Marianv aber ist der Rechte; Der Augustiner gar geschickt Sein feines buntes Truggeflechte Den Blöden um die Augen strickr. 3 4 „Geb hin und schlage diesen Schwärmer Mit des Verstandes blankem Schwert, Schaff mir vom Leib den wilden Lärmer, Der mir an meinem Mantel zerrt! Erkämpfst du sieghaft mir den Frieden, Sv bist dn mir vor Allen lieb. Der kühnste Wunsch sei dir beschicken!" Also der Pabst Mariano trieb. Der hat die Kanzel heut bestiegen Am Feste Himmelfahrt und rafft, Savonarola zu besiegen, Zusammen seine ganze Kraft. Bevor Mariano läßt erschallen Der Predigt das Erordinm, Blickt er mit großem Wohlgefallen Erst in der Kirche rings herum. Es schwelgt sein Auge in den Ehren, So viele lauschten ihm noch nie: Der Fürst, die Gonfalonieren, Der Adel und die Signorie. Sie harren Alle seiner Rede, Es horcht das Volk gedräng und dicht, Wie er bestehen mag die Fehde, Was heute Mariano spricht. Mariano! feiner Redemeister ! Sieh zu, daß du den Feind bestegst! Mariano, tummle deine Geister, Daß du nicht schmählich unterliegst! Laß deinen Cicero erschallen! Laß klingen den Virgilius! Laß Platon's Geist vorüberwallen Mit seinem tiefen Zaubergruß! Las; Aristoteles ertönen, Der die Gedanken spaltend mißt Vom Wahren, Guten und vom Schönen, So sein, daß sie das Herz vergißt! Schon hast du sie herausbeschworen, Und Viele hören dich entzückt, Denn classisch ranscht's um ihre Ohren, Sie sind der Gegenwart entrückt; Sie sind der Gegenwart entrissen, Und aller Sünde, Schmach und Noth, Und ihrem strafenden Gewissen; Es lacht das Leben, lacht der Tod, Verspottet werden die Propheten, Wie sie so übersichtig spähn Und plump die Rosen niedertreten, Die hier am Wege freudig stehn. Marianv schont der zarten Rosen, Wenn er das Volk zur Wehmnth rührt, Und sanft, mit väterlichem Kosen An Schuld und Tod vorübcrführt. Doch jetzo wird Marianv's Predigt Rauh, ungestüm mit einemmal. Indem sein Herz sich frei entledigt Des Hasses und der Neidesgual: „Girolamo! du Volksbetäuber! Du Leicheuhuhu! Unglücksprophet! Du Weltvergifter! Freudenräuber! Du finstrer, stürmischer Asket! Dein heißer Hauch weht unheilschwanger Ein Samum durch die schone Welt, Daß ans dem grünen Lebensanger Die Freude tvdt zu Boden fällt. Wenn dich, das Wort des Heils zu künden, Der Gott der Liebe anserkor, Was willst du Zwietracht denn entzünden Und rufst den blut'gen Krieg hervor? Hast du der Kirche nicht demüthig Einst den Gehorsam angelobt? Ist das Gehorsam, was so wüthig Aus dir auf Pabst und Kirche tobt? — O Freunde! glaubet nicht dem Herben, Der überall nur Jammer steht; Laßt euch das Leben nicht verderben, Das, ach, so bald! so bald entflieht! Schreckt nicht zurück vor alle» Lüsten, Den Gott in eurer Brust vermag Nicht gleich zu stören, zu verwüsten Des Herzens muntrer Frendenschlag. Der Gott, der sich uns hingegeben, Gab auch den milden Sonnenschein, Hängt süße Trauben an die Reben, Und weckt die Nachtigall im Hai». Er gönnt den flücht'gen Phänomenen, Eh sie verschlingt die Todesschlucht,. Daß lächelnd unter Freudenthränen Sie sich umarmen auf der Flucht. Auf uns ruht sichtbar Gottes Segen, O daß es anders würde nie! Denn unser Glück auf sichern Wegen Lorenzo führt von Medici; Der feste Schirm, der kluge Rather, Der allerorten hilft, versöhnt; Der Weisheit und der Künste Vater, Der uns die weite Welt verschönt. Ha! wie sie jüngst nach Florenz rannten, Ei» Bettlerzug voll Ungeduld, Von fernen Fürsten die Gesandten Um seinen Rath, um seine Huld! Der Kaiser Friedrich sandte diesen. Und Ludwig den von Frankreichs Thron Den Johann, Herr der Portugiesen; Den Ferdinand von Aragon; Und Andre grüßten ihn und warben Für Ungarns mächtigen Corvin; Und fremde Trachten, Wappen, Farben, Ein Rnhmeskranz, umstrahlten ihm Kostbar Geräthe und Geschmeide Sandt' ihm der Sultan, der Barbar, Von Afrika s entlegner Weide Auch seltner Thiere eine Schaar. Die wilden Zöglinge der Wüste», Sie wanderten herüber weit. Daß sie erblickten und begrüßten Lorenzo, das Gestirn der Zeit. Die Thiere, die ans Edens Hainen Der Herr in alle Welt verwies, Lorenzo ruft — und sie vereinen Sich hier im neuen Paradies. Die Pflanzen, die an ferne Klüfte Der Sturm des Herrn meerüber trug, Lorenzo bringt euch ihre Düfte Auf seinem reichen Handelszng. Lorenzo ruft — dem Staub entwinden Die Gricchengräber ihren Hort, Und alte Steine wiederfinden Im Tageslicht ihr süßes Wort; Lebendig werden alte Rollen, Der Weisheit Stimme neu erwacht, Die lang im Völkerstnrm verschollen, Vergessen war in dumpfer Nacht. Der lebensfreudige Hellene, Der längst von dieser Erde schied, Er trocknet euch die bange Thräne Noch spät mit seinem schönen Lied. Ihr sehd glückselig schon hienieden, Weil euch Lorenzo angehört. Weh dem, der euch den heitern Frieden, - Die Freud' am Segen Gottes stört! Seid ihr gefallen auch, ihr Armen, Verzaget nicht, getrost hinan! Gott hat mehr Liebe und Erbarmen, Als je ein Mensch verschulden kann. Gott wird nicht ewig euch verlassen Ob eurer Sünden in der Zeit. Gott liebt euch über alle Maßen, Denn Gott ward Mensch^on Ewigkeit. Die Menschheit hatt' in Gottes Lichte Geblüht schon längst und ehedem-, Der Strom der heiligen Geschichte Entsprang nicht erst in Bethlehem. Wenn auch, zur Menschentiefe wallend, Der Gottesstrom sich nie ergoß Wie dort, als er in Jesu schallend, Ein Katarakt, herunterfloß! Wir aber sollen nicht verzagen, Und nicht erheben Haß und Streit, Daß leiser fließt in unfern Tagen Der Strom der Mcnschengöttlichkeit!" - So sprach Mariano; -— frei »nd freier Ihm die Gedanken jetzt entflieh», Die nm den Strom als kecke Reiher Der heiligen Geschicht» ziehn. Sie mögen ihre Flügel spreizen Und schwärmen, übermnthig froh; Bald wird die Reiher niederbeizen Der Falke des Girolamo. Die Antwort. Mariano hört in seiner Zelle Bei klarer stiller Morgenluft San Marco's Glocke rein und Helle, Wie sie das Volk zur Predigt ruft. Mariano hört den Ruf beklommen, Dem Lauscher wird uurs Herz so baug, Als hält er im Geläut vernommen Jetzt seines Ruhmes Grabgesang. Mit einmal ist sein Muth geschwunden, Die frohe Zuversicht dahin, Die schon den Feind sah überwunden, Der Glockenschall erschüttert ihn. Und, hastig auf und niederschreitend, Als nun der letzte Klang verweht, Sieht er, wie auf der Kanzel streitend Girolamo gewaltig steht. Und, eifersüchtig aus die Ehren, Sieht er versammelt alle sie: Den Fürsten, Gonfalonieren, Den Adel und die Signoric. Er trüg' es leichter, wenn sie alle Gestorben wären übernacht, Als daß sie Zeugen seinem Falle, Und seines Gegners Uebermacht. Ha! wie sie lauschen aus die Rede! Ha! wie das Volk gedräng' und dicht Aufhorcht, was in der ernsten Fehde Savonarola heute spricht! Ihn täuschten nicht die Glockenlautc In Morgenlüften still und klar. Was Mariano's Ahnung schaute. Wird in San Mareo's Kirche wahr. Z» enge wird der Volkesmenge Der Tempelraum, er faßt sie nicht. Und Manchem wird das Herz zu enge, Der Prior von San Marco spricht. Er zeigt in flammend wahren Züge», Wie schwer die Kirche Christi krank, Wie tief von seinen hohen Flügen Ihr matter Geist zur Erde sank. „Die Kirche ist treulos geworden, Denn ohne Führer, ohne Licht, Läßt sie verwildert ihre Horden - Entgcgentaumeln dem Gericht. Der Klerus möchte gerne bannen Den Strahl des Himmels von der Welt, Er möchte um die Erde spannen Sein schwarzgetünchtes Lügenzelt, Anssangen alle Segensgrüße, Die Gott gesandt dem Menschenschmerz, Auf daß beim Klerus betteln müsse Um falschen Trost das arme Herz. Die Kirche ehr' ich, doch im Kampfe, Wie man die kranke Mutter ehrt, Die, geistesirr, mit wildem Krampfe Den Dolch nach ihrem Busen kehrt. Ich will euch nicht die Welt vergiften, Doch zeigen, wie sie euch bedroht. Ja! Krieg und Zwietracht null ich stiften Mit Lüg' und Laster, bis ich todt. Wenn ench die Welt mit Schmeicheleien Das Herz befriedig und entzückt, Hat sie, dem Unheil euch zu weihen, Den Judaskuß euch aufgedrückt. Die Seele soll auf ihrem Zuge Sich nicht verfangen hier im Strauch, Die Erdenblüthen nur im Fluge Berühren, wie ein Windeshauch. Weh dem, wer sich der Welt verdungen, Denn müd und nackt und ohne Lohn, .Wenrüs Glöcklein Feierabend klungen, Jagt sie zuletzt den Knecht davon. Du bist ihr Knecht, du bist ihr Werber, Um schnöde Lust, um eitlen Ruhm; Mariano! süßer Volksverderber! Kennst du das Evangelium? 2cnau, S.'la. Ein schlechter Arzt bedrängten Sündern, Mnßt du, zu mildern ihren ^)r»ck, Verfallne Heidengräber plündern; Statt Leben bringst du Leichenschmuck. Du weinst, als ob das Herz dir breche. Und mit den hohlen Händen fängst Du ans die reichen Thränenbäche, Die du auf's Volk hinuntersprengst. Doch ist nur Willkür, nicht Betreibung Der Thränenstrom, der dir entfiel, Nur eine Frucht der Spiegelübung Dein klagendes Gebärdenspiel. Du Kanzelgaukler, all dein Flöten, All deine Sturmesmelvdie Macht doch den Sünder nicht erröthen, Erschüttert ihm die Seele nie. Wenn auch die Hörer seufzen, weinen, Was ihnen von den Wangen rollt, Sind falsche Thränen wie die deinen, Ist Lohn, den Trug dem Truge zollt. Unheilig ist ein solches Trauern, Womit dein Wort die Hörer trifft; Dies weichlich süße Selbstbedauern Ist für schuldkranke Herzen Gift. Machst du mit elastischem Geschwätze Zur Tugend kühn? zum Glauben stark? Dem Teufel stickst du seine Netze, Tenn du bist falsch bis in das Mark. Dein Wort ist Fälschung und Verführung, Du lullst den heil'gen Schmerz in Ruh, Und den Heilbronnen selbst, die Rührung, Den Thränengucll vergiftest du. Wenn dn das Volk auch irreleitest, Dn darfst es ivagen nngestrcift. Wenn dn nnr lästernd mich bestreitest, Für Rom einstehst mit deiner Kraft. Die Gränzen möchtest du vermischen Der Christen und der Heiden gern. Und in ein Nebelbild verwischen Des Glaubens fest gediegnen Kern. Verschleiern möchtest du die Wunde, Die durch das Herz der Menschheit brennt, Verwirren mit dem alten Bunde In Eins das neue Testament. Die Wunde läsit sich nicht verschleiern, Ihr Blut dnrchdringt den dünnen Flor; Bald muß die Kirche sich erneuern Und finden, was sie längst verlor. Einst, in des alten Bundes Tagen, Da trieb der Mensch noch ohne Bahn, Vom Strand der Sehnsucht stets verschlagen, Auf weitem wildem Ocean. Des Herrn Gesetz gebot ihm Landung, Er strebte nach dem Friedensport, Des Sündenfalls empörte Brandung Riß ihn in ihre Wirbel fort. Nun aber ist zu seinem Wohle Der Weg durchs Meer dem Menschen kund, Die sichre heilige Bussole, Die Liebe gab der neue Bund. Und rudert kühn der Glaubensstarke Durch Wellenstoß und Sturmesweh, So wird, gesegnet, seine Barke Gewinnen bald die hohe See, Wo cr hineilt die Frendcnpfade, Wo ihm in alle Segel wehn Die Hauche Gottes ihre Gnade, Die ewigen Etefien. > Belohnet wird ihm sein Vertrauen, Und daß er nicht im Sturm v/rzagt. Er wird das Land der Sehnsucht schauen, Mehr finden als sein Wunsch gewagt. Die Menschheit hat nach Gottes Lichte Gesehnt sich längst und ehedem; Doch ist die heilige Geschichte Entsprungen erst in Bethlehem. Du nennest Christum eine Quelle, Die stets zur Menschheit niederfloß. Und die sich nur an jener Stelle Mit lauterem Geräusch ergoß? Passatwiiide. Der alte Quell war nur ein Sehnen, Der Menschheit ahnungsvoller Grain, Ein heißer Strom einsamer Thränen, Bis endlich der Ersehnte kam. Dir sind zu eng des Glaubens Schranken, Dein Christus ist, greis ich dich recht, Die Summe göttlicher Gedanken Im ganzen menschlichen Geschlecht. Der Herr der Welt in Mcnschenhülle, Die Macht deS Schöpfers und sein Licht, Der Gottheit ganze Liebesfnlle Ist dein zerfahrner Christus nicht. Ich kenne dich und die Genossen, Ihr zweifelt, deutelt dort und hie, Ihr habt die Schrift des Herrn verstoßen Und meint: ein Gottmcnsch lebte nie. Ihr möchtet lieber Gott uns schildern, Wie er die Welt uns ausgeheckt Nach seinen schönen Musterbildern, Ein feingeschinackter Architekt. ' Und was von göttlichen Ideen Ein seinbegabter Menschengeist Aus Menschenweise mag verstehen, Das wäre, was man Christus heißt. - Einst werden sagen spätre Thoren: „Wenn sein Bewußtsein Gott gewinnt, —> Das er im Schöpfungsransch verloren, - Sich auf sich selbst znrnckbesinnt, Wenn die Idee sich findet wieder: Das ist der Mensch, soweit er denkt, Und Gott zugleich, der in die Glieder Des Menschen sich lebendig senkt." Anspielung auf die Platonische Akademie in Florenz. Die Menschenhülle Gott umschlingend Als trauten Gast aus Himmelshöh'ni Hier ist Idee, so wahr und dringend. So voll, so tief, so selig schön! Sie wäre durch die Welt als Schemen Geirrt? ihr fehlte die Gewalt, In der Geschichte Raum zu nehmen Als die lebendigste Gestalt? Die Hohe sollte sich begnügen, Nur hinzukümmern trüb und hohl, In Wahngebilden, Schattenlügen, Als Mährchen, Mythe und Symbol? — Nein! nein! Wem je der Menschheit Klagen Bis ans den Grund das Herz durchbebt, Kann den Gedanken nicht ertragen, Der allen Trost ihm untergräbt. Ist Christus Traum, dann ist das Lebe» Ein Gang durch Wüsten in der Nacht, Wo niemand, Antwort uns zu geben. Als eine Horde Bestien wacht. Die feindlichen Naturgewalten Umdroh'n den Wandrer ohne Bahn, Aus tausend dunklen Hinterhalten Lieblos und rastlos springend an. Und wenn er mit geschärfte» Sinnen Der Feinde manchen anch bezwang, Kann er den andern nicht entrinnen -Auf seinem heimathlose» Gang. An eherne» Gesetzen schleife» Ringsum die Schmerzen ihr Gebiß; Der Krieg, der Hunger heulend schweife», Die Pest durchtappt die Fiusterniß. Haß, Undank und gebroehne Treue, Das Liebste auf der Tvdtenbahr, Im öden Herzen Schuld und Reue, Der Freuden Asche graues Haar, So zielst in untröstbarer Trauer Der Wandrer, bis er todesinatt', Der Glaube an der Seele Dauer Entfiel ihm wie ein welkes Blatt. Geh hin, du Armer! frag nach Tröste Bei Kunst und Weisheit überall, Trink Wein, geh in den Wald und koste Die Rose und die Nachtigall! Sic haben nichts für deine Klagen, Kein Strahl versöhnt die schwarze Kluft, Sie haben nichts für dein Verzagen, Und schaudernd sinkst du in die Gruft! Das ist das Leben und Verscheiden, Wenn Christus nicht auf Erden kam Und auf dem Kreuze Schreck und Leiden Dem Leben und dem Tode nahm, Gott will uns über alle Leichen Und alle Schrecken der Natur Die Vaterhaud herüberreichen. Doch reicht er sie dem Glauben nur. In dieses Lebens Kampfgewühlen - Bis an des Friedens Morgenroth Ist Schmerz noch unser tiefstes Fühlen, Der innerste Gedanke — Tod. Drum ließ in Schmerz und Tod die Armen Der treue Gott uns nicht allein, Am Kreuz voll Liebe und Erbarmen Ging Gott in unsre Weise ein. Gelöst sind nun die bangen Fragen, Nun ist dem Herzen Alles kund: Der Liebe Blüthenwelt zu tragen Sind Schmerz und Tod der schwarze Grund. t I I Und unerschüttert steht das Hoffen: Das Auge sieht vom Grabesrand Den heimathlichen Himmel offen, In welchen Christus auferstand. Das Alles aber ist verloren, Wenn's nicht in euch lebendig lebt. Wenn nicht die Kirche neugeboren Von ihrem Sturze sich erhebt. Ihr ward der Glaube eine Leiche, Die sie mit scharfem Stahl zerlegt; Doch sagt ihr nicht die kalte, bleiche, Was selig einst ihr Herz bewegt. O Thoren! wenn ihr Gott betrachten, Erkennen wollt den Herrn der Welt, Wie einen Stein ans dunkeln Schachten, Der still dein kalten Blicke hält. Wie schnell auch die Gedanken rennen. Kein Forschen und kein Grübeln sromint, Der Geist kann nur den Geist, erkennen, Wenn ihm der Geist entgegenkviumt. Drum lüste euer Geist die Flügel, Und reißet eure Herzen auf Und nehmet über alle Hügel Der Sehnsucht nimmermüden Lauf! Und spähet, lauschet, harret, trauert, Bis euch Sein heil'ger Hauch durchweht, Bis Seine Wonne euch durchschauert; Erkcnutnlß Gottes ist — Gebet. Gebet ist Balsam, Trost und Friede, In Gott ein froher Untergang, Es ist mit Gottes ew'gem Liede Tiefinnerster Zusammenklang; Gebet ist Freiheit, die der Schranke Der Erdennacht die Seel' entreißt. Dann steht kein Wort und kein Gedanke Mehr zwischen ihr und Gottes Geist. Gehcimnißvoll und doch so Helle, Ist es der Seele wunderbar Ein süßes Schlummern an der Quelle, Und doch ein Wachen seligklar. O lernet glauben, lernet beten! Denn bald und schnell kommt Gottes Schwert: Die Wolken selbst sind die Propheten Des Blitzes, der herunterfährt. Gott wird Italien schrecklich schlagen, Weil es sür seine Stimme tank; Gott wird die Medici oerjagen, Ihr Werk hinwerfen in den Staub. Gott wird, heimsnchend die Verbrecher, Nicht einem Trinker ähnlich sein, Dem in den schönen goldnen Becher Ein Schalk gegossen schlechten Wein. Ausgießt den schlechten Wein der Zecher, Macht das Geschirr vom Aerger leer; Doch wirft er seinen goldnen Becher Dem Wein zu Hasse nicht ins Meer. Gott aber wird nach wenig Tagen Den Sünder nehmen in die Hand, Die Sünde und 's Geschirr zerschlage», Zerschmettern an der Felsenwand. O wollet nicht durch äußre Werke Gerettet und beseligt sein; Der Glaube in lebend'ger Stärke Rechtfertigt euch vor Gott allein. Und trauet nicht der Friedenskunde, Die euch ein falsches Mitleid bringt; Der Schmeichler richtet euch zu Grunde, Wenn er den Schmerz in Schlummer singt. O legt nicht schlafen das Gewissen, Seid wach und seid auf Gott gestellt! Es ist ein schlechtes Ruhekissen Die Sturmeswoge dieser Welt. Es muß die Kirche sich erneuern; Bald ruft ihr Gott in Schreck und Pein, In Pest und wilden Kriegesfeuern Erschütternd z>n Gedenke mein! enau. Savonarola. 4 Der To- Loreuzo's, -es Erlaucht AuS Perlen mischt und Edelsteinen, 'Ans thenern Säfte» einen Trank Der bange Arzt, die Freunde meinen, Lorenzo ist zum Sterben krank. Wollt ihr den ernsten Tod bestechen Mit Flitter ans dem Meeresgrund? Und seinen starren Willen brechen Mit Opfern ans der Berge Schlund? Umsonst! vorüber ist vorüber! Den Kranken rettet ihr nicht mehr, Lorenzo's Angen werden trüber, Der Puls ist wirr, der Athen« schwer. Das heiße Fieber strömt mit Gluten Durch seine Lebcnsfelder hi», Wie bergentguoline Lavasluten Durch grüne Wiesen tödtlich zieh». Und was von seinen Lebenstrieben Noch ans der Asche grünen mag, Das muß erfrieren und zerstieben In Fiebers Frost nnd Hagelschlag. Des Zimmers Fenster sind verhangen Zur Dämmerung, der Sonne Schein, Die draußen lustig anfgegangen, Darf zu der Klage nicht herein. Verhangen sind mit dunkeln Floren Die Griechengvttcr an der Wand, Daß ihn die Lieblinge nicht stören, Nimmt er das Crucifir zur Hand. S.E Auch ist der heitre Götterorden, Der Lust ward iu der alten Well, Zu uuserm Gott, der Schmerz geworden. Unwürdig lachend hingestellt. Was Hilst es, daß der Flor verhehle Die Bilder dort? könnt ihr sie auch Verhängen in des Kranken Seele, Wo sie aufziehn, des Fiebers Rauch? Hört ihr ihn stöhnen, toben, klagen Im ängstlichen Delirium? Wie quälend ihn die Bilder jagen Zu Füßen des Olymps herum? Der Kranke schaut im Fieberwahne, Was Platon malte im Gedicht, Die große Seelenkarawane, Die auf im Zug der Götter bricht. Es gilt, den Himmel zu gewinnen, Die Seele hastet was sie kann Auf nach des Berges steilen Zinnen Mit dem gefiederten Gespann. Der Seelen jede hat zwei Rosse, Das eine bös, das andre rein; Sie selbst als Führer und Genosse Damit verwachsen überein. Doch göttlich sind der Götter Pferde, Erklimmen leicht den Himmelshang Mit schöner, strahlender Geberde, Melodisch rauscht ihr Flügelklang. Leicht schwingt sich über jede Klippe Ein göttlich Roß, denn es gedenkt: Dort fällt Ambrosia in die Krippe, Mit Nektar werd' ich dort getränkt. Den Himmel rings im weiten Kreise ; Umschwingt der Götter hohe Bahn, ^ Wo sie das Gute, Schöne, Weise ' - Im Urblick finden anfgethan, ! ! Der Andern Rosse sind im Kampfe; Das edle strebt zur Höh' empor, Das Böse wiehert mit Gestampfe Und zieht hinab zu Sumpf und Moor. Dem Götterzng vorangetragen Fährt Dios herrschende Gestalt, Und unter seinem Flügclwagen Der Boden vor Entzücken wallt. Und hinter Zeus, dem großen Meister, Folgt in elf Zügen, weitgeschaart, Das Heer der Götter und der Geister Auf des Olpmpos steiler Fahrt. Den besten Seelen mag's gelingen, Wenn s edle Lichtroß überwand, Nach mancher Noch hinanfzndringen Nah zu des Gipfels steilem Rand. Der Führer streckt für Augenblicke, Die er dem Rosselenken raubt, Empor znm seligen Geschicke Der Götter sein entzücktes Haupt. — Hört ihr Lvrenzo's Seele schreien Im wildverworrnen Fiebertranm, Wie ihre Rosse sich entzweien, Wie sie sich gnält im nieder» Rani»? Ihr edles Roß, weiß, blankgefiederr, Schwarzäugig und von Wuchs gerad, Hochhalsig, schlank und leichtgegliedert, Strebt aufwärts nach dem Gütterpfad. Das andre schwarz, voll arger Tücken, Hartmäulig, Plump und schlecht gebaut, Kurzhalfig, mit gesenktem Rücken, Es wuchtet erdwärts, zerrt und haut. Sein Aug, blutunterlaufen, gläsern, Späht nur in dumpfer Niederung Voll trüber Gier nach faulen Gräsern, Und fühlt nicht Stachel, Geißelschwung. Müh, Angstschweiß und Getümmel drängen Sich in der Seelen hinterm Troß, Denn jede sucht hindurchzusprengen Den Andern nach mit Tritt und Stoß. Lorenzo mitten im Gefechte Vergebens vorwärts kämpft und ringt, Scharf peitscht den Rappen seine Rechte, Das Christusbild die Linke schwingt. Hoch schwingt er's aus dem wilden Heere, Das immer dichter ihn umbraust; Doch wiehernd schlägt die schwarze Mähre Das Crnciflr ihm aus der Faust. Das Kreuz wird von de» Hufen schallend Zertreten, in den Grund gestampft, Die Gegend, wie ein Kessel wallend. Vom heißen Hauch der Rosse dampft. Nun slürzen sich ins Heer der Streiter- Auf Rossen: weiß, roth, schwarz und fahl, Die vier apokalyptischen Reiter Und das Getümmel wächst im Thal. Der erste läßt den Bogen schwirren; Der zweit' ein Schwert gewaltig schwingt; Der dritte läßt die Wage klirren; Der vierte Sterbelieder singt. Ei» kalter Sturm jetzt komnit gezogen, Die Seele ai» Gefieder packt: Sie fieht's in alle Welt verflogen. Nun friert sie, zittert, müd und nackt. Und plötzlich Rosst und Reiter schwinden Sammt dem Olymp — Lorenzo steht Einsam, verlassen, nackt, von Winden Ans einer -Haide kalt umweht. Das Fieber sein Gebein durchschüttclt, Und endlich wird der Kranke wach, Vom heft'gen Froste aufgerüttelt, Blickt scheu herum im Sterbgemach. Die Freunde weinen, daß die Kette, Die schöne, bald der Tod zerreißt; Savonarola kniet am Bette Und betet für Lorenzv's Geist. Girolamo init tiefem Trauern Am Bett des Medicäers kniet, Und mit herzinnigem Bedauern, Wenn »»geheilt sein Geist entflicht. Nun steht er feierlich am Kranken, Er faßt de» ernsten Angenblick, Mit dem er zweifeln sieht und schwanken Unwiderrufliches Geschick. ,.Noch ist es Zeit" — so spricht der Fromme „Daß in das Herz dir Gottes Huld Erleuchtend und erquickend komme, Versöhne deines Lebens Schuld. Versäume nicht die kurze Stunde, Solang du weilst im Erdenthal, Laß dringen dir zum Herzensgründe Der Gnade milden Sonnenstrahl! Ich frage dich: bist dn gestanden Auf also hohem Berge je, Daß unten deinem Blicke schwanden Die Felder, Thürme, Wald und See? Auf einem Berg, von dessen Scheitel Für deinen Blick verschwunden war, Was unten sterblich ist nnd eitel, Geschick der Menschen wandelbar? Zu dem kein Jauchzen und kein Singen, Kein Ruf der Klage drang empor, Zu dessen Fuß mit matten Schwingen Der Donner murmelnd sich verlor? Dort kann mit überraschtem Graue», Wenn hoch die Sonn' am Himmel wacht, Das Aug' in schwarzen Lüften schauen. Die Sterne wie zu Mitternacht. Dort scheint ans klaren!, ew'gem Eise Die Sonne fremd und kühl, sie bricht Nur durch die dnnstumhüllten Kreise Hier unten als ein warmes Licht. Und ist dein Geist dahingegangen, Wo ihn die rein're Luft umwehte Die Strahlen Gottes zu empfangen Jst's dort vielleicht für ihn zu spät. Und bitter wird er dann beklagen, Daß er den Segensblick versäumt In seinen flücht'gen Erdentagen, Solang er noch geirrt, geträumt!" — Mit immer matter» Herzensschlägen Lvrenzo, aufgerichtet, fleht: „„Gib, frommer Vater, mir den Segen Und sprich ein stärkendes Gebet!"" " . „O Fürst! den Segen will ich sprechen Zu deiner Rückkehr in den Staub, Willst du dem Volk die Fesseln brechen, Gibst du zurück den großen Raub. Glaubst du an Gottes heilige'Dreiheit, Mußt glauben du zu gleicher Frist: Daß Christus ist ein Gott der Freiheit, Daß nimmer ein Despot ein Christ. Für welche Gott sein Blut oergossen, Für die er starb auf Golgatha, Sind Gottes thenre Bundsgenossen, Sind nicht zum Spiel der Fürsten da. Freiheit ist nicht die höchste Gabe/ Die hier der Mensch zum Heil bedarf; Doch trägt ihm all sein Glück zu Grabe, Wer ihm die Freiheit niederwarf. Ihr schleicht in Gottes Haus als Diebe, Als Räuber kränkt ihr Gottes Flur, Despoten! Christenthum ist Liebe, Ganz lieben kann der Freie nur. Kann's Auge froh zur Ferne dringen, Wenn es die Sklavenzähre näßt? Und kann ein Herz die Welt umschlingen, Das Sklavengram znsammenpreßt? — Willst du den Bund nicht anerkennen Des Glaubens, der uns Brüder macht, So will ich einen Bund dir nennen. Den wohl dein Herz noch nie bedacht. Der Bund, dem ihr nicht könnt entlaufen, Ihr Könige! der fest und dicht In einen trauten Jammerhaufen Mit Bettlern euch zusammenslichU Es ist der Schmerz, die Eisenkette, Die euch, ihr Fürsten, stolzverirrt, Ost freilich erst am Todesbette Zurück in euer Elend klirrt. Schon wenn euch läßt die Mutter finken An ihrer Brüste süßen Quell, Müßt ihr mit uns den Leihkauf triuken Auf Noth und Tod — sie reifen schnell! O Fürstenhut — und Sterbenszüge! O Zepter — und die Faust entzwei! O Majestät, du bittre Lüge, Lorenzo, mach die Brüder frei! Lorenzo! gib die Freiheit wieder, Der Republik ihr altes Recht, Das uns gekämpft, geschmeichelt nieder Dein übermüthiges Geschlecht!" Lorenz» spricht: „„Wollt' ich beglücken Ein Volk, mnßt' ich's beherrschen auch. Mein und der Väter Werk zerstücken Soll ich mit meinem letzten Hauch? Ich Hab' in schlummerlosen Nächten, Rastlosen Tagen nur geglüht, Für's Volk zu denken und zu fechten, Das nun vor allen herrlich blüht. Den lichten Spuren meiner Ahnen Bin ich gefolgt treu immerdar; Frohlockend zog mit unfern Fahnen Von edlen Geistern eine Schaar. Wir zogen nach dem heil'gen Grabe Der Kunst und Weisheit, freudig kennt Die Menschheit ihre große Habe, Die wir ersiegt im Orient. :> Ich soll nicht Fürst und Vater heißen Dem Volke und dem Vaterland? Soll sterbend ihm vom Himmel reißen Den Stern des Ruhms mit eigner Hand?" „Du sollst! du sollst das Werk zerstücken Der Willkür, eh's mit dir vorbei. Es kann ein Volk nur Gott beglücken, Doch du, Lorenzo, mach' cs frei! Dein Volk ist krank und ist verdorben. Das dir vor allen herrlich blüht, Dein Volk ist innerlich erstorben. Die hcil'ge Sehnsucht schier verglüht. Die Griechenweisheit überkleistert Nur schlecht der Herzen tiefen Bruch; Ein Bild, wozu nicht Gott begeistert, Ist nur ein kunstgeschmückter Fluch, Der Grieche hat nicht Gott gefunden Mit seiner Andacht höchstem Schwung; Die Blüthe seiner schönsten Stunden, Was war sie? nur Vergötterung. Die Künstler meißeln, malen, leiern Um einen längstverdorrten Kranz, Denn mit dem.-Heidenthume feiern Sie einen kalten Todtentanz. Der Traum der Alten war verloren, Für sie so schön! für uns zu schaal! Habt ihr ihn nur heraufbeschworen, Daß er sich träume noch einmal? Dir hat, dem Hochbegabte», Reichen, Die Zeit ihr Schicksal auferlegt, Sie hat ihr dunkles Trauerzcichen Auf deine Stirne scharf geprägt. Der Fiebertraum, der dich gepeinigt, Der Christenthum und Heidenthum In deiner Seele wüst vereinigt. Ist jetzt das Weltdelirium. Die Künste der Hellenen kannten Nicht den Erlöser und sein Licht, Drum scherzten ste so gern und nannten Des Schmerzes tiefsten Abgrund nicht. Daß sie am Schmerz, den sie zu trösten Nicht wußte, mild vorüberführt. Erkenn' ich als der Zauber größten, Womit uns die Antike rührt. Doch Abend ist's und Ernst geworden, Der Abgrund klafft, der Heiland ruft, Der heitre Wahn, die Götterhorden Zerstieben in der Wetterluft. Was hast du deinem Volk geboten Für seine Freiheit? karger Tausch! Bevor du wanderst zu den Todten, Bedenk es: Trug und Sinnenrausch! Ist dir im Herzen nicht verglommen Und kalt des Glaubens letzte Glut, So gib zurück was du genommen, Mach deine Brüder frei nnd gut!" — Lorenzo spricht: „„Gott ist mein Glaube, Christus mein Trost und mein Gebet! Doch was du sprichst von einem Raube Am Herzen mir vorübergeht. Ich wollte nur mein Volk beglücken, Drum wollt' ich es beherrschen auch; Mein und der Väter Werk zerstücken Wird treulos nicht mein letzter Hauch. Ich raube meinem Volke nimmer Was ich ihm gab, den Stern des Ruhms Der trüben Zeit den heitern Schimmer, Die schöne Welt des Alterthums. Doch gib, v Vater, mir den Segen, Weil du der Frömmste, Reinste bist, Den ich geschaut auf meinen Wegen, So sterlü ich als ein guter Christ. O laß mich deine Hand noch fassen, Und reiche mir zum Scheidegruß, Wenn du mich siehst im Tod erblassen, Das Evangelium noch zum Kuß.'"' Da wendet sich vom starren Kranken Girolamo, das Haupt geneigt; Er tritt voll-trauriger Gedanken Zum Fenster hin und sinnt und schweigt. Und sinnend bricht er eine Rose Vom Stocke, der am Simse grünt, Und wieder kehrt der Hoffnungslose Zu seinem Kranken unversühnt; Er stellt mit unterdrücktem Weinen Sich an des Sterbelagers Rand, Das Evangelium in der einen, Die Rose in der andern Hand; Jetzt neigt er sich dem Kranken näher Und hält zum letzten Gruße dicht Dem unbeugsamen Medicäer Das Buch, die Rose vor's Gesicht Und spricht: „Eh dich der Tod verwüstet, Hat Geist und Leib dir hoch geragt. Mit Kraft und Schönheit ausgerüstet; Ein Sinn allein war dir versagt. Geruch nur war dir nicht gegeben. ' Dir würzt' umsonst der Lenz die Lust, Du scheidest aus dem Erdenleben, Und kanntest nie der Rose Dust. Wie du im Lenz vom Blütheustrauche Nichts kanntest, als den Farbenschein, Wie, ungespürt, die Rosenhauche Die Brust dir zogen aus und ein: So hast du dieser heil'gen Blätter Den süßen Dust wohl nie gespürt, Den uns der Herr im Frühlingswetter Mit seiner Liebe zugeführt. ». - Erbarmen möge dir begegnen In jener Welt! ich scheid' in Schmerz. 'Lorenzo, stirb! — ich kann nicht segnen Dein unerweckbar stumpfes Herz!" > Die Geruchlosigkeit Lorenzo's ist historisch bekannt, koscao lifo ol l^oronro 6o' INelliois. Die Schaar der Freunde steht beklommen Im dämmerhellen Sterbgemach Und starrt Girolamo, dem Frommen, Der sie erschüttert, schweigend nach. Ein ängstlich Fragen, scheues Lauern, Verzagtes Flüstern, stumme Hast Erfüllt mit ungewohnten Schauern Den sonst so fröhlichen Pallast. Und fallen muß zur selben Stunde Der Fürst dem ehernen Gebot; Und in Florenz von Mund zu Munde Geht dumpf das Wort: Lorenzo todt! Lubal. Die Stadt ruht schweigend hingebrcitet In Mitternacht und Mondesglanz, Des Domes Thürmer einsam schreitet Auf seinem hohen Thurmeskranz. Und er bedenkt an lnft'ger Stelle, Wie unten tief die Welt nun schweigt, Wie brausend bald des Lebens Welle Sich hebt, und bald zum Tod sich neigt. Aus einem Hans nur hört der Wächter, So'wie die Thüre auf und zu. Manchmal ein Jauchzen und Gelächter, Dann wicderkehrt die stille Ruh. Dort wacht ein lustiges Gelage, — So denkt der Mann in seinem Sinn Sie tummeln sich die Nacht zum Tage; Doch bringt's dem Leben nicht Gewinn. Was sie dem Schlaf an Stunden stahlen, Das treibt für ihn sein Bruder ein, Das müssen sie dem Tod bezahlen, So bleibt es bei der Sippschaft fein. Horch! Tnbal klappert durch die Gasse; Der Jude mit der Krücke haut In seinem wilden Christenhasse Den Stein, daß mir hier oben graut. Er ist dem Irrenhaus entsprungen, Ich kenne seine Stimme wohl, Die jetzt zu mir heraufgedrungen So kreischend wild, so dumpf und hohl. Du armer Jude! ist's ein Wunder, Wenn deine Sinne sich verirrt, Und wenn des Wahnsinns grauser Plunder Dir zornig von den Lippen schwirrt? Warst du nicht elend und verachtet, Von Jugend auf gedrückt, gehetzt? Bis sie geraubet und geschlachtet Selbst deine Kinder dir zuletzt? ' Nun schlägst du grimmig mit der Krücke Den Kies, nun bildest du dir ein Im wild erträumten Racheglücke, Das Herz des Pabstes sei der Stein! — So denkt auf seinen hohen Mauern Einsam der Wächter und er wagt Den Juden heimlich zu bedauern, Der durch die Straßen fluchend jagt. Doch, schon erschrickt, als ob ihm dräue Das Ketzerloos, der Thurmeswarl, Als ob sie selbst das Mondlicht scheue, Flieht seine Thräne in den Bart. Jndeß sein Herz nur schüchtern oben Gewagt den schönen Bruderschmerz, Hört unten er stets lauter toben Der Schenke Lust und tollen Scherz. Da sitzen sie am langen Tische, An Zechgebärden, Tracht, Gestalt, An Wort und Blick ein bunt Gemische, ' Es strömt der Wein, Gelächter schallt. „Die allerschönste Blüthenhecke!" Rust einer jubelnd aus der Schaar — „Wir sind ja lauter Rosenstöcke, Sich selbst begießend wunderbar!" „Das Freudenröslein sei begossen Mit edlen Weines süßem Schwall! Aus Röslein lustig aufgeschossen Schlägt manche derbe Nachtigall!" Umflorten Blickes faßt ein Zweiter Die Zecher Mann für Manu und meint „Die Sprossen stnd's der Jakobsleiter, Die leider umgestürzt —" er weinr. Ein Maler senkt ans Glas die Stirne, Ob er Madonnen schauen mag; Doch spiegelt ihm der Wein die Dirne, Die jüngst in seinen Armen lag. Ein Kriegskumpan den Schenken Hetzen „Schenk ein, schenk ein die ganze Nacht Mir ist das Blut noch nicht ersetzet, Das ich verschüttet in der Schlacht!" Ein Andrer singt, und Andre zanken, Doch Alles lacht von Zeit zu Zeit; Nur Einer, schweigend in Gedanken, Trinkt seinen Krug allein, abseil. Dem Ernsten ruft ein kecker Junge: „Stoß an! sei froh! schön ist die Welt! Hast du kein Herz? und keine Zunge? Gewiß, du bist ein Deutscher, gelt? Der Deutsche, trüb in allen Stücken, Kann selbst im Rausch nicht selig sein, Gleich fallen ihm die schwarzen Mücken, Die Todsgedanken, in den Wein, Den Deutschen trübt und drückt sei» Himmel, Der kalte, dicke Nebelwust, Drum setzt sich ihm der ekle Schimmel Vergänglichkeit an jede Lust!" Der Deutsche spricht: „Mir ist viel theurer Mein Himmel, der gewaltig trotzt. Als überm Land Jtalia eurer, Der ewig blau herunterglotzt. Die Alpen Hab' ich überklommen Zu Lieb den blauen-Lüften nicht ; Doch trieb's zu hören mich den Frommen, Der morgen in San Marco spricht." Der Junge drauf: „Nur ein Verbrechen Aus deiner Heimath dich vertrieb; Wagst du es nicht, mit uns zu zechen. Weil du ein Mörder oder Dieb? Bangt dir, daß wir die schlimme Kunde Dir treiben aus mit Rebenblut, Wie man hervor vom Erdengrunde Den Maulwurf tränket mit der Flut?" N" Der Fremde stürzet auf den Jungen, Schon holt er mit dem Degen aus: : Da ist die Thüre aufgesprungen ! Und Tubal poltert in das Haus; Und alle fahren von den Bänken, Dem Frechsten auch vor Tubal graut, Der Fremde muß den Degen senken, Als er den alten Juden schaut. Durch Felsen, bleich, gehöhlt, verwittert, Wo Geier nur und Stürme uahn. Braust dort ein Waldstrom wild, erbittert, Und immer frisch die rauhe Bahn; Und hier durchbraust den grimmen Alten, Verwittert, hohl, und schreckend blaß, Aus seines Herzens finstern Spalten Ein immer frischer Strom — der Haß. > > l.. .'_ Lenau, Savvnarola. Der Jude fährt ins Zechgewirre Und uns den Tisch die Krücke haut. Daß klirrend tanzen die Geschirre, Und also ruft er gellend laut: „O frecher Traum! o bittre Blendung! O weites Feld mit Fluch besät! Sie nannten ihn den Mann der Sendung, Messias den von Nazareth! O daß ein Blitz ins Herz euch schlage Das Flammcnwort: er war es nicht. Der kommen wird am End' der Tage, Zn halten Ernte und Gericht! Er war es nicht, der auf den Wegen Durch dürre Wüsten Gottes Schaar Erquickt, gestärkt mit seinein Segen Und mitgezogen unsichtbar! Er war es nicht, der mit den Ahnen Sich schon gefreut im Paradies, Eh auf des Schmerzes finstre Bahnen Der Zorn des Herrn sie fortverstiesi! Er hatte nicht, wie jener Echte, Beim Vater schon die Herrlichkeit, Bevor Jehovah's starke Rechte Die Welt hinanswarf in die Zeit! Der ans dem Kreuz gewinselt Klagen, Der in den Tod sein Hanpt gebückt. Hat Davids Thron er aufgeschlagen? Und Gottes Volk befreit? beglückt? Sein Werk war nicht im Bund mit Gotte, Er hat's gethan mit Beetzebul; Hat er Satan und seine Rotte Geschlendert in den Hvllenpsnhl? Nach seinen vierzehnhundert Jahre» Sind noch die Teufel alle da, Die hergelockt, wie Fliegenschaare», Sein Leichendust ans Golgatha! Warum thut er jetzt keine Wunder? Weil er so herb getäuscht die Welt, Ward sie ein thränennasser Zunder, Auf den umsonst sein Funken fällt! Es wimmelt noch von Oualzerfrefsnen, Der Aussatz blüht und jede Noth; Wer zählt die Lahmen, die Besessne», Und die er wecken soll vom Tod? Warum denn brach die Liebeskette? Ich kenne ein blutflüssig Weib, Der Nazarener komm' und rette. Sie siecht und krankt am ganzen Leib! Wenn er sich nicht zur Hülfe sputet, Und zeigt sich sein Erbarmen lau, Trifft er die Kirche schon verblutet, Und Satan weint um seine Frau! Die galiläischcn bösen Geister, Die jene Armen einst geplagt, Und die als Retter euer Meister Ins Vieh und in den See gejagt. Sie schwammen fort unter der Erde Vom See bis in den Tiberstrom, Die borst'ge Gadarenerheerde Sprang frisch und froh ans Land — zu Rom „Schon in der ersten Zeit der Feigen" — sprach einst Jehovah — „habe ich Gefunden an den grünen Zweigen, Niein Israel, Frühfeige, dich!" Nun wird für seine Frühlingstreue Der erste Schmuck am Feigenstamm Vom Ueberinuth der srccheu Säue Getreten tief in Koth und Schlamm! Einst lag das erste jener Thiere, Der achte Jnnocenz genannt, Und streckte sterbend alle viere, Da kam herbei der Arzt gerannt; Der sprach zum Thier im Sterbebette: „Die Kunst ist lahm, der Tod ist schnell; Gebeutst du, Herr, daß ich dich rette, So schaff drei Knabeu mir zur Stell! Der müde Strom des heil'gen Lebens In deinen Adern sickert schon; Die Spezerei ist all vergebens, Hier hilft allein die Transfusion/' Da sprach das Thier: „„drei frische Knabe» Hat Tubal, stehlt sie mir geschwind! Ihr Herzblut soll das meine laben, Macht schnell! ein Jude braucht kein Kind!"" „Seht ihr das Blut hinübersprützen? Das Blut der Unschuld, hell und roth, In seine schwarzen Lasterpfützen!? Weh mir! nun sind die Kinder todt!" Der Jude rief es und ist brausend Hinausgestürzet in die Nacht; Die Zecher haben stumm und grausend Dem Wort des Hasses nachgedacht. Der Fremde spricht mit bitterin Scherzen : Ihr meint, im Wahnsinn tappt der Wicht, Weil ihm ausblies der Sturm der Schmerzen Im Kopfe sein Laternenlicht? Er ist kein Narr, er ist nur elend, Weil er das Ungeheure litt. Weil ihn das Bild des Jammers quälend Verfolgt ans Grab mit jedem Schritt. Ob auch der alte Jude rase; In seinen Reden grans und wild, Auch im zerbrochnen Spiegelglase Zeigt sich von unsrer Zeit das Bild. Die Entscheidung. Girolamv war euch ein trüber Prophet', doch wahr! seht! schreckenschwl Die Apenninen zieht herüber Dort ein Gewitter, Feindesheer. Zerstörend, plündernd, mordend tosen -Ans ihrer rasche» Siegesbah» Durchs Land Jtalia die Franzosen, Und Carl, ihr König, ficht voran. Der König ans Erobrerpfaden Verfolgt ein falsches Heldenthum; Der Eitle will in Blute baden Das neugcborne Kindlein Ruhm. Sie rücken, Schreck auf Schrecken thürmend, Toscana zu; sie nehmen schon Die Festung Fivizano stürmend. Kein Menschenleben kommt davon; Dort werden Männer, Kinder, Frauen Von König Carl und seinem Heer- Erbarmungslos zusammgehauen! Sie stürmen ans Florenz einher. Die Florentiner zitternd bangen. Sie stehn Pietro Medici, Der seines Vaters Macht empfangen, Daß er dem Feind entgegenzielst. Er soll ein Heer zu Hülfe raffen. Den Feind bezwingen in der Schlacht, Und wenn er's nicht vermag mit Waffen, Ihn schlagen mit des Wortes Macht. Umsonst! Lorenzo ist gestorben; Sein Sohn ist nur despotisch dreist, Er hat des Vaters Macht erworben, Nicht seinen Muth, nicht seinen Geist. Und blickt auf seines Sohnes Zittern Lorenzo aus der Schattenwelt, So steht er seine Hoffnung splittern, Und wie sein stolzes Werk zerfällt. Pietro zieht dem Feind entgegen; Doch fechtend nicht fürs Vaterland, Nein! in den Staub sich hinzulegen, Zu betteln um die eigne Schand. Mit staunender Verachtung höret Der fremde Fürst, wie Medici Um sein Erbarmen ihn beschwöret, Die Stimme bebt, es wankt das Knie. X'24X„„ Der stolze Mediceername Pietro nur noch tiefer drückt, Wie wenn mit einer Fürstenbrame Ein Bettler seine Lumpen schmückt. Anstatt den Uebermnth zu strafen Mit seinem Schwert, mit seinem Wort, Räumt er dem Feind Livornv's Hafen, Toscana's Burgen ein sofort. In Münzen und in blanken Barren Verheißt er ihm noch schweres Gold. Nun kehrt er heim. Die Bürger harren Zu zahlen ihm den Botensold. Verachtung trifft so schlechten Boten, Und jede Hülle niederstrcift Der Haß, dem Hanse der Despoten Seit sechzig Jahren angereift. Wie ehmals zieht er mit Gepränge Vor den Pallast der Signorie; Da ruft des Volks empörte Menge: „Fluch dir l Fort mit den Medici!" Und die Signoren treiben spottend Von ihrer Thür den Mann der Schmach Und, sich an seine Ferse rottend, Schreib ihm die Straßenbuben nach. Sein Freund Orsini will ihn schützen Und sammelt eine Kriegerschaar; Doch kann's Pietro nicht mehr nützen, Mit seiner Macht ist's aus und gar. Pietro flieht, der Pöbel wüthet Und stürmt das Mcdiceerhaus, Was der Pallast an Schätzen hütet Und aufbewahrt — es muß heraus. Cameen, Münzen und Juwelen, Agatgefässe, Goldgeschirr, Treibt durcheinander in den Sälen Und schwindet fort im Ranbgewirr, Die schönen Bilder cm den Wänden Zertritt, zerreißt der Pöbel wild, Viel thenre Werk' in Rollen, Bänden, Zertrümmert wird manch Marmorbild, Ein Zug dein Pöbel angehörend, Daß seine Wuth sich gern ergeht In Geistcswerken blind zerstörend, Die er nicht hat und nicht versteht, ^ Wer sind die drei, die Finstern, Stummen, Die nach Bologna wandern dort. Daß keiner will ein Liedlein summen, Und keiner sprechen mag ein Wort? Die düster» Wandrer vorwärts eile». Nur wie auf ei» verlornes Glück, Kehrt trüb und flüchtig »och zuweilen Dort »ach Florenz ihr Blick zurück. Sie sehn noch fern der Thürme Zinnen, Die Cosimo gebaut, ihr Ahn; Die Enkel aber zieh» von hinnen Des Flüchtlings kummervolle Bahn. Wohl mancher, der an ihrem Leide Vorbei mit Roß und Wagen rennt, Trotz ihrem schüchternen Verkleide Die Brüder Mediei erkennt. Doch Keiner mit dem Haupte nickend Hat ihnen einen Gruß gebracht; Wer Mitleid hat, beiseite blickend. Eilt fort; wer keins, verhöhnend lacht. Schwer denken sie, verhaßt, Vertrieben, An ihres Vaters Allgewalt; Und daß sein thatenreiches Lieben Das Volk den Söhnen schlecht vergalt. Denn gern vergißt, wen Undank kränket, Daß dankbar bis zum letzten Hauch Der Mensch nur dann der Huld gedenket, Wenn Wohlthat ihn gebessert auch. — Zu Rosse mit Triumphgehränge Zieht in Florenz der König ein. Hell flammt voran dem Heergedränge Sein Harnisch, blank im Sonnenschein. Die Gonfalonieren müssen Die Zügel halten links und rechts, Man wirft das Wappen ihm zu Füßen Des mediceischen Geschlechts. Der Riese, der am Wappenbilde Schildhalter mit der Keule stund. Wird wie der stolze Leu am Schilde Vom Rost getreten in den Grund. Das Roß har in den Grund geschlagen Die Lilien stimmt dem Feld von Gold, Die hufzerstampften Kugeln sagen, Wie schnell ein Glück dahingcrvllt. — Florenz! wer wird den König banne», Der über dich sein Schwert gezückt? Wer jagt das starke Heer von dannen, Das siegesfrech, dich quält und drückt? Girvlamo, der fromme Krieger, Tritt kühnen, gottgcstärkte» Blicks Zum stolzen königlichen Sieger Und hält ihm vor das Crucifir: r> 2 st „au, Lavl.'iiav>.'Ia. .. „Sieh! Dieser hat die Welt erschaffen; Dieser dein Herr nnd König ist; Wie Stnrm die Spreu, dein Heer hinraffen Kann Der, wenn du ein Frevler bist! Sieh! Dieser hier kann dich zermalmen; Du ragest stolz ans deinem Heer, Der höchste nur von schwanken Halme», Sein Hagel schlägt — ihr seid nicht mehr! Man hat das Stadtthor abgebrochen, Raum schaffend deinem Valdachin; Las; ab, aus den Triumph zu pocheu, Ein König ist gar leicht dahin! Der sah in unsre Stadt dich reiten Stolz unter deinem Sternendach, Und im Triumph die Glieder spreiten, Und Gottes Hoheit ahmen nach. Dachtest du nicht mit Scham und Beden, Vergänglicher! hinauf, an Ihn, Der strahlend läßt uiu's Haupt sich schweben Den großen Sternendaldachiu!? Sei mild, o Fürst! und zieh von hinnen! Es gnüge dir in diesem Land Des Volkes Herzen zu gewinnen, Auf daß dich segne Gottes Hand!" — . Girolamo hat ihn bezwungen. Ihm ist des Frommen Blick und Wort Erschütternd in die Brust gedrungen; Der König zieht in Freundschaft fort. — — Florenz! wer wird die Zweifel enden, Wer schlichten den empörten Streit, Der mit des Hasses wilden Bränden Dein Volk zerrüttet und entzweit Ob ei» Monarch, »ach seine». Wolle», Beherrsche» soll des Volks Geschick? Ob selbst die Bürger herrsche» solle» In einer freien Republik? Es streite» sich mit-gleiche» Scbaare» Die Republik, die Monarchie, Das Heil des Volkes zu bewahre»-. Wer aber mag entscheiden hie? Girolaino berust zum Dome Das Volk und hat »nt seiner Macht, Aus seiner Worte tiesei» Strome Der Republik de» Sieg gebracbt. Er will »ach heil'gem Ziele steuern -. Theokratie sein Mnlh begehrt, ES soll Florenz die Kirch' erneuern, -Als Hcrzgebiet, als Gottesherd. Denn freier mag in einem Freien, Der nnr vor Christus beugt das Haupt, Die edle Saat des Herrn gedeihen; Also der Kämpfer Gottes glaubt. — O Held! sie werden dich bestreiten, Und dich belasten mit der Schuld: Du überstürzest deine Zeiten In schonungsloser Ungeduld. Der Mensch muß sterben, darum eilen. Ein heiliger Gedanke läßt Sich nicht zertrvpfeln und zertheilen Mit einem klug verschwiegnen Rest. Und wem ein heiliger Gedanke Bis ans den Grund das Herz dnrchdringt, Der spricht, nneingedenk der Schranke, Ihn ans, gewaltig, unbedingt. Die Liebe rechnet nicht mit Küssen; Die Feinde zählt kein tapfrer Mann; Vom Himmel strömt in Wettergnssen Mehr als die Erde trinken kann. Der Trost. Rastlos, nnhemmbar wandelt weiter Durch Feinde vorwärts seine Bahn Der nnerschrvckne Gottesstreiter, Bekämpfend Knechtschaft, Schuld und Wahn. Die Römler sind ans ihn erbittert, Und alle Sünder, die er stört, Der Pabst vor Angst und Haß erzittert, Die Fürstenfrennde sind empört. Wenn er vom Markusklvster schreitet Zum Dome, daß er pred'ge dort, Wird er verfolgt und hinbegleitet Von manchem Fluch und Lästerwort. Den Weg ihm hundert Freunde bahnen, Sie schützen seine Kanzel dicht Mit Schwertern, Flinten, Partisanen. Girolamv zum Volke spricht: „Ich saß allein in meiner Zelle; Schon dämmerte die Nacht, da schlich Ein sanfter, freundlicher Geselle Zn mir herein und grüßte mich. Des Pabstes Bote war's, er rollte Von süßen Worte» eine Flut, Verhieß mir, wenn ich schweigen wollte, Als Cardinal den rothen Hut. Den will ich nicht; mein Trachten, Sinnen Hab' ich gestellt auf andres Gut: Nur jenen Hut will ich gewinnen, Der rothgefärbt mit meinem Blut. Der Pabst soll keinen Frieden hoffen, Er schmeichle sich mit keinem Sieg ; Bor allen Christen führ' ich offen Mit ihm den ruhelosen Krieg. Es ist in Roma eingebrochen, Es hat die Cnria besetzt Der Teufel, — seine Faschings,rochen Hält er mit seinen Frennden jetzt; Er hält als frecher Kirchenschänder Jetzt einen tollen Mummenschanz, Er steckt in heilige Gewänder Sein Volk und spielt ihm ans zum Tanz; Er greift die Orgel, singet Psalmen Im schnöd entweihten Heiligthum, Beim Kerzcnscheiu und Weihrauchsgualmen Treibt seine Masken er herum. Und sie erfrischend zn bedienen, Führt er der Gäste reiche Schaar Zu Wein und Spiel und Concubincn, Und wechselnd wieder zum Altar. Kleinmüthige, die hört' ich klagen: „Bald stürzt in Trümmer Christi Burg!" Und Gnostiker, die hört' ich sagen: „Seht! Rom beherrscht der Demiurg!" „Der Teufel hat Verrath und Lügen, Blutschande, Meuchelmord gebracht, Und ste geballt zu Mcnschenzügen Und einen Pabst daraus gemacht!" Ich aber rufe: nicht verzaget! Ein Pabst, ein Christ ist Borgia nicht! Je höher sich der Teufel waget, Je bälder seine Leiter bricht! — Es lag auf ihrem Krankenlager Einst eine Frau, an Gütern reich, Von schweren Leiden matt und hager! Und endlich scheintodt, still und bleich. Und ihre falschen Freunde eilten, Bevor die Frau begraben war. Daß sie die reiche Habe theilten, Und jubelten um ihre Vahr. Sie wühlten hastig in den Schränken, Dort lag mit halbverblichnem Schein Manch treubewahrtes Angedenken An Perlen, Gold und Edelstein. Und sie begannen sich zu schlagen Um ihrer Freundin Feierkleid, — Die Zier ans ihren Jngendtagen — Und um ihr thenres Brautgeschmeid. Gefesselt waren ihr die Glieder, In starren Banden stockt' ihr Herz, Nacht deckte ihre Angenlieder; Doch hörte sie — und fühlte Schmerz. Wie Stück für Stück die Ränder nahmen, Sie hört' es unterm Leichentuch; Doch wie sie an ihr Liebstes kamen, Ihr altes Evangeliumbuch: Da trieb der Schmerz ihr Herz zu schlagen, Auf ihre Wangen sprang das Blut, Sic hob sich auf vom Todteuschragen, Erschrocken floh die Räuberbrut. Heilkräftig war der Frau die Kränkung, Denn sie genas von jener Stund; So nahe schon der Grabversenkung, Ward sie vom Scheintod erst gesund. x>^>< Und euer Glaube soll nicht wanke» ; Der Kirche Loos mögt ihr verstehn In der Geschichte dieser Kranken'. Gott läßt sie nicht zu Grabe gehn. Das Gelage. Der Weinberg reifet süße Trauben Wo San Pietrv's Kirche steht, Durch seine üpp'gen Rankenlauben Der Sommernachtwind laulich weht. Der Weinberg reifet süße Sünden An San Pietrv's ernstem Haus, Es weht, sie fachend zu entzünden, Der Nachtluft schwellendes Gesaus. Da blinkt ein Tisch mit Früchten, Flaschen, Es taucht der Mond mit seinem Strahl, Von süßer Erdenlust zu naschen, Zn manchen schäumende» Pokal. Vanozza, einst des Pabstes Schöne, Bewirthet ihrer Freunde Schaar, Die Tochter auch, und zwei der Söhne, Die sie dem Pontifer gebar. Das Pfand entflohner Wonnestunde», Lncrezia schön wie Keine blüht, Daß sie den Männern Liebeswunden, Und Neid ins Herz den Frauen glüht; So reizend, daß für sie entbrannte, Das Brüderpaar in Liebesglut; Daß sie der Pabst sein Liebchen nannte, lind schnöd genoß sein eignes Blut. Sie läßt ihr schwarzes Haar den Lüsten, Bald fließt die reiche Lockenflut Hernieder zu den schlanken Hüften, -Bald fliegt es hoch im Uebermnth. Der bloße Busen athmet freier; Die Schöne meint, daß dicht genug Der trübe Mond den Silberschleier Um Nacken ihr und Busen schlug. Vom Mondenlichte meinet anders, Als Schwesterlein Lucrezia, Der lose Sohn Pabst Alexanders, Ihr Bruder, Fürst 0on Gaudia: „O bliesen doch die 'Abendwinde Die Kirche dort mir aus dem Licht, Die jetzt mir eine Schattenbinde Um deinen Busen neidisch sticht! Mein Liebchen, laß dich's nicht gereuen, Daß du für mich in Liebe brennst, Laß uns, der Pflicht zum Trotz, uns freuen. Zum Hohn dem albernen Gespenst! Weil einst wir ohne Wollen und Wissen Gelegen sind in Einem Leib, Drum sollten wir auf Einem Kissen Nicht liegen jetzt, geliebtes Weib?" Cäsar, der andre Bruderbuhle, Ist todtenstill, sein Blick nur wacht, Wie über einem schwülen Pfuhle Ein Irrwisch flackert in der Nacht. Er sitzet stumm, und heimlich wüthend, Valencias finstrer Cardinal, Er sieht den Fürsten, Rache brütend, Lucrezia küssen Mal auf Mal. In seines Herzens tiefsten Schachten Der Priester still und schrecklich flucht, Deu Bruder heute noch zu schlachten Blutschänderischer Eifersucht. ! Lenau, Savonarola. 10 So oft auf Mund und Busenblöße Der -Herzog ihr die Lippen drückt, — Der Priester zählt — so viele Stöße Hat schon der Dolch auf ihn gezückt. „Freut euch am schönen Erdenlovse! Wir leben eine kurze Frist; Ein Narr, wer auch nur eine Rose An einem Strauche wo vergißt! Wir müssen uns von hinnen packen, Uns wirft der Tod in einen Wust, Ob in den ausgebrannten Schlacken Gebet geglüht, ob Sinnenlust!" Der Herzog rief's, den Becher schwingend Da tummelt Cäsar seinen Wein Und ruft, mit ihm zusammenkliugend, „Von hinnen!" —- und eilt fort, allein. Vanozza spricht: „Ich Lin in Sorgen, Mein Cäsar geht nach bösem Ziel!" — Lucrezia rnft: „Sein Lin ich morgen!" - - Ein Greis: „Licht her und Würfelspiel!" „Für viele Noth und wenig Ehre Hab' ich gedient mein Lebenlang," — So ruft der alte Condottiere — „Laßt hören mich Ducatenklang!" „Heraus, ihr Herren Cardinäle, Rohan! und Raphael! mit Gold! Der nacktesten Soldatenseele, Vielleicht sind mir die Würfel hold!" Der Herzog wirst dem alten Degen Die Börse hin und wünscht ihm Glück, Und wendet, auch sei» Glück zu Pflegen, Zu seiner Dame sich zurück. I Die Cardinäle werfe» klirrend Goldbörsen auf das Marmvrbrett; Die Würfel fallen, treffend, irrend, Dem Alte» stets zn guter Wett. Die Cardinäle mit Gelächter Verspielen ihren blanken Hort, Einscharrend lacht der alte Fechter, Und schilt die Pfaffen fort und forn „Ihr könnt verlieren ohne Grollen, Denn euer Seckel kümmert nie, Und nie versiegen eure Stollen, Gut Bergwerk ist die Simonie, Tie Mitra wird znm Wünschelhnte, Der euch im Nn der Noth entrückt; Der Hirtenstab zur Wünschelrnthe, Die stets nach güldnen Ader» zückt. „> Liegt wo ein Christ im Todesjammer, Wird euch zur Reute seine Noth, Schatzkammer seine Herzenskammer, Denn ihr verkauft ihm seinen Tod. Weil das Verdienst der sel'gen Geister Für alle quillt und überschwenkt, Seid ihr der Gnade Brunnenmeister, Um Scudi wird sie ausgeschenkt. Ihr laßt euch nicht das Kreuz bedrängen; Den Bauern Pflanzt ihr's in den Grund, Die Zehentgarben drauf zu hängen; So drückt^ euch nicht den Rücken wund. Die Päbste, Priester und Prälaten Sind wenig nutz und alle schier Tief in den Sumpf hineingerathen; Nun singen Unke» das Brevier!" Die Cardinäle lachen weidlich, Und Raphael ermnnternd spricht: „Bis jetzt war all dein Schimpfen leidlich; Mach schärfer fort, du alter Wicht!" Der Alte draus: „Wer glaubt, den schraubt inan; Ihr sucht nicht Gott, nur Gut und Geld; Ja! Christus ward ein Räuberhauptmann Und schreitet plündernd durch die Welt!" Nun starrt nach einer dunkeln Hecke Der Herzog, plötzlich stumm und bleich, Ob ihn ein grauser Anblick schrecke, Ein Zuspruch aus dem Schattenreich. Doch hat er schnell sich rückbesonnen. Er streicht die Stirne mit der Hand, Als war' ein Traum vvrbeigeronnen, Mit dem die frohe Laune schwand. Die Frauen aber ihn nicht lassen: „Giovanni, sage, was es war. Was dich so Plötzlich hieß erblassen Und dir bergan gesträubt das -Haar?" Weil er nicht gern mit Wortesklängen, Unheimliches zurückbeschwört, Antwortet auf der Frauen Drängen Der Herzog düster und verstört: „Durch Florenz kam ich einst zu schreiten In müßig froher Weiberschau, Und sah an mir vorübergleiten Bald eine wunderschöne Frau, Ich sah sie nach San Marco schweben Und folgte wie bezaubert nach, Girolamo, der Prior, eben Dem stillen Volk die Predigt sprach. Und, nimmer weiß ich, wie's gekommen. Ich habe seinem Wort gelauscht; Er hat das Bild mir fortgenominen, Das erst so glühend mich berauscht. Und Mancher war umsonst beflissen, Zu schreiben, was der Mönch dort sprach;. Von Schmerz, von Freude hingerissen, Ein Jeder aus in Weinen brach, O möchte sie doch länger dauern! Dacht' ich, als er die Rede schloß; Ein unbeschreiblich banges Trauern, Fühlt' ich, und meine Thräne floß. Ich spürte viele Tag' und Nächte, Daß mir sein Wort im Ohre stack. Bis ich's verbranst' und 'nunterzechte Den bitter ernste» Nachgeschmack, Nicht Hab' ich mehr seil jenem Tage Girolamo gesehn, gehört. Weil er mit seiner ernste» Klage Mir allznherb die Lnst gestört. Als mit Lncrezia's Lockenringen Zuvor ich spielte, süß erfreut, Ward mir's als hört' ich Glocken klingen. Wie fernes dumpfes Grabgelänt. Mir war, als ich geblickt znm Strauche, Ob mit Kapuz und Scapulier Dort aus dem dunkeln Schatten tauche Girolamo — und drohe mir. War's Blendwerk nur und Spiel des Weines, Was meine Sinne täuschte so? Des launenhaften Mondenscheincs? Was auch! heut werd' ich nicht mehr froh. So spät zum päbstlichen Pollaste Ist fast unziemend einzugehn. Zeit ist es, daß die Freude raste, Gut Nacht! gut Nacht! auf Wiedersehn/' Der Condottiere folgt, sein alter Getreuer Lust- und Kampfgenoß, Gewärtig folgt sein Bügelhalter, Schon eilen sie davon zu Roß. Die Andern hören fort sie reiten. Auf allen dumpf ein Schweigen lag. Bis in der Mondnacht stillen Weiten Verscholl der Hufe letzter Schlag. Die Bestattung. Giorgio liegt in seinein Nachen, Das Holz, das er ans Ufer lud, Vor losen Dieben zu bewachen. Und singt sein Liedchen wohlgemutst: „Auf einer grünen Halde, Uinrauscht vom grünen Walde, Da steht mein kleines Haus; Ein Bächlein fließt vorüber, Mir lieber als die Tiber, Mit lustigem Gebraus." „Und auf der grünste» Halde, Am allergrünsten Walde Steht meiner Liebsten Haus. Ihr Vater ist zu strenge, Ihr Fenster nicht zu enge, Da steig' ich ein und aus." Sinn sah er in de» Mondenstrahlen, — Und ist mit seinem Liede stumm — Wie sich ums Eck zwei Männer stahlen; Sie blicken sorglich rings herum. Nun schwinden sie mit schenem Satze, Er bleibt geduckt in seinem Schiff; Und setzt ertönt am stillen Platze, Wie Losung — ein verhaltner Pfiff Bald wieder kommen sie geschritten. Zugleich zwei andre Männer noch. Und einer kommt dahergeritten, Permummt, auf einem Schimmel hoch. Der Reiter bringet eine» Kalten Qner über seinem Sattelknopf, Zwei schreiten rechts, zwei links und halten Der Leiche stutzend Fuß' und Kopf. Wo Mist und Unrath in die Wellen Der Tiber wirst das Volk, dahin Die stummen, scheuen Mordgesellen Mit ihrem Tobten schleunig ziehn. Banditenkundig und geschäftig Wird jetzt das Roß verkehrt gestellt, Und über seine Kruppe kräftig Der Leichnam in den Fluß geschnellt. Sie schleichen fort, sie kommen wieder Und werfen —- stets aus ihrer Hut — Vom Roß den zweiten Tobten nieder, Und jetzt den dritten in die Flut. Giorgio sieht es unverwundert', Denn ohne Segen, letzten Gruß, Sah er hier Leichen wohl schon hundert Hinunter wandern in den Fluß. Doch saßt ihn Wehmuth, Graus und Bangen; Der Bursche singt sein Lied nicht aus, Das er so fröhlich angefangen Von Halb' und Wald und Liebchens Haus. Vater nn- Sohn. „Schon ist das Abendroth verglommen. Mein Herzog noch nicht heimgekehrt; Nun wird er auch nicht wiederkommen, Bevor die Nacht die Straßen leert. Auf, seinen Wandel kann ich bauen. Der Lockre hat sich nur versäumt, Des Aufbruchs Zeit, das Morgengrauen Bei einer Dirne wo verträumt." So sprach in trauter Abendstunde Der Pabst an Cäsar, seinen Sohn, Und lächelt schalkhaft seinem Funde; Doch Cäsar spricht und lächelt Hohiu „„Da weiß ich eine andre Mähre Von deinem Herzog; gnt genug, Daß sie dein Vaterherz beschwere, Das immer zärtlich für ihn schlug. Ja, ihn hast du geliebt, mich nimmer; Ich ward ein Pfaff, ein Herzog er; Die Kutte mir, ihm Fürstenschimmer! Doch jetzo lausche meiner Mähr: Wohl hat dein Söhnlein zum Erbarmen Bei einer Dirne sich versäumt. Und müd und matt in ihren Armen Heut früh das Morgengra» verträumt. Diesmal hat eine alte, kühle, llnsaubre Dirne ihn umfaßt; Er hält ans ihrem schlechten Pfühle Vom Liebestaumel tiefe Rast. Und reißt man ihn nicht ans, ich wette, Daß er bei ihr noch liegen muß, Bis selber ihn aus ihrem Bette Die Dirne wirst mit Ueberdrnß. Sie hat von seinem Liebesfieber Den Mann geheilt auf immerdar. Die Dirne aber heißt: die Tiber! Hier ist mein wackres Mährlein gar."" Sinn schweigen Beide; der, verloren Im Glück der Rache, der im Schmerz; Und Sohn und Vater schweigend bohren Die Hassesblicke sich ins Herz. Des Unheils lächelnder Verkünder Hat Alcranders Muth gebeugt; Erschrocken sieht der große Sünder, Daß er den größer» sich gezeugt. au. Tavouarola. Der Pontifer zusammenschauernd In Cäsars düstern Busen späht, Und sieht entsetzt, wie dort schon lauernd Der Vatennord im Winkel steht. „Verruchter! Schrecklicher! erzähle! Gabst du dem eignen Bruder Gift? Schlägt keine Furcht dir in die Seele, Daß dich die Strafe Gottes trifft?" Dies Zürnen ist nur Windesfächeln Für Cäsar, den verruchten Sohn, Er läßt das arge kalte Lächeln Nicht fort sich von den Lippen dröhn; Sein Lächeln, still und ungeheuer, Zielt auf des Pabstes wundes Herz; Also umschwebt ein stiller Geier Ein blutend Wild voll Angst und Schmer Und in den Zeichen bittrer Leide» Auf seines Vaters Angesicht Läßt Cäsar seine Blicke weiden. Bis endlich er gelassen spricht: „„Ich segle frei im Meer der Lüste; Bis ich versinke, bleib' ich flott; Mich schreckt sie nicht die Fäbelküste: Ich glaub', wie dn, an keinen Gott! Doch Hab' ich dem nicht Gift gespendet; Das Gift verfehlt des Weges leicht. Verlangt dich's, wie dein Fürst geendet, Sei noch ein Mährlein dir gereicht. Ich bin ein Pfaff mit frommen Mienen, Und bin ein braver Zeidler auch; Ich hege einen Stock voll Bienen, Gewärtig meinem Blick »nd Hauch. Macht mich einmal ein Feind ergrimmen, Gleich wird die Schuld an ihm gerächt, Denn schwärmen lass' ich meine Immen, Ein stachelrüstiges Geschlecht. Die Bienen folgen meinem Zorne, Sie stechen frisch und wacker zu; Mein Feind empfängt mit ihrem Dorne Den Honig auch der Todesruh. Du treibst ja in profanen Stunden Auch Bienenzucht, und manchen Mann Hat nur der Stachel überwunden, War ihm zu stumpf der scharfe Bann/'" Und schwer gedenkt der Pabst des herbe» Und warnenden Synodenspruchs, Der die verbotnen Leibeserben Der Priester — Söhne nennt des Fluchs. Die Pest. 1 . „Nimm du mein Ringlein, gib mir deines! 'Komm Täubchen, bäum wir unser Nest!" -- Das Nest bleibt leer, denn ach! ein Kleines, So sterbt ihr beide an der Pest! „Spielt auf! schenkt ein! und dann willkommen' Hinunter noch den süßen Rest!" — Ja wohl! du wirst am Wort genommen,. Schon hat ergriffen dich die Pest! „O Kcrkernacht, o bittres Härmen! Wie quälend mich die Kette preßt!" — Wirst nicht mehr lang das Eisen wärme» . Noch heute stirbst du an der Pest! „Viel Sünden noch . . . doch springt die Heerde Mir durcheinander; .... haltet fest!" — Am Beichtstuhl fällt er todt zur Erde; Und hat ihn absolvirt die Pest? „Triumph! wie schön das Blutgerinnsel Dem bleichen Loos Iiomo läßt!' — Da reißt ihm aus der Hand den Pinsel Und malt ihn selber bleich — die Pest. Von Haus zu Haus, und hüben, drüben, Des Todes furchtbar Einerlei; Er geht herum, euch einzuüben Die Miserere-Litanei. Verstockte Herzen! o Verbrecher! Wenn euch Girolaino nicht rührt, So merket auf den andern Sprecher; Der eine schärfte Sprache führt! Es will erschüttern und erweichen Der Tod die harte Sünderschaar; Hoch baut die Kanzel sich ans Leichen Der ernste, strenge Missionar. Schon hat der Prediger verwendet Viel Männer, Weiber, welk und grau; Viel Jugend, Schönheit auch verschwendet Auf seinen raschen Kanzelbau. Auch hat er schon ans eurer Mitte Manch holdes Kindlein weggepflückt, Die Kanzel sich nach frommer Sitte Mit Engelsbildern ausgeschmückt. II. Nu» schleicht mit Zittern und mit Beben Die Freude als ein Jammerbild, Nun irrt das kecke Lnstelcben Ein rettungslos umstelltes Wild. Verödet find die Tisch' nnd Bänke, Der Spielmann fort mit seinem Lied, Nun steht der Wirth in seiner Schenke Als in der Klans' ei» Eremit. In den verlassnen Kirchenhallen Kniet hier und dort ein Beter kaum, Blickt scheu, daß im Vorubenvallen Ihn niemand streife mit dem Saum. Dort wieder schreiten Processione» Mit Kreuz und Fahne, flehen, schrei»,^ Gott wolle doch der Sünder schonen Und seine Schrecken fangen ein. Unmuthig schleiche» die Gewerbe, Der Hader vor Gerichte schweigt, Wo jeder denken muß: ich sterbe Vielleicht eh sich die Sonne neigt. Ai» Spiegel ziert mit eitlem Sinne Sich dort ein buhlerisches Weib; Doch traurig hält sie plötzlich inne, Gedenk, wie sterblich dieser Leib. Sie will kein falsches Roth mehr nehmen Ans ihre Wangen welk und fahl; Sie mag sich vor den Würmern schämen, Für die sie bald vielleicht das Mahl. Wer schon den Feind will niederbohre», Ihm nach mit scharfem Dolche zieht, Er hat die Lust dazu verloren, Als er die vielen Leichen sieht. Vor diesem Lauern, dumpfen Drohen, Vor diesem angstgedrückten Gram Sind Wunsch und Leidenschaft geflohen, Des Unglücks Furien wurden zahm. Die Ross am Leichenwagen werden Bei Tag und Nacht nicht ausgeschirrt , Verzweiflung rufen die Geberden, Die Sprachen haben sich verwirrt. Die Liebe hat ihr Wort verloren, Denn tödtlich ward ihr Hauch, ihr Kuß, Und mit dem Tod hat sich verschworen, Treulos ihr sanfter Blumengruß. Wie mit den Gaben und Geschenken Das Herz die Liebe sonst empfing, Und sich ihr süßes Angedenken An ihre Zeichen zaubernd hing; So heftet jetzt sich das Verderben An Liebeszeichen Insgeheim, Am Schmucke klebt ein bittres Sterben, Am schmeichelnden Sonnettenreim. Du arme Mutter! zittre, zittre. Wenn deine Brust den Säugling stillt; Weißt du, ob nicht der Tod, der bittre, Aus deiner Brust dem Kinde quillt? III. Zwei Künstler wollen übernachte» Im üpp'gen Mediceerhain, Die Griechenbilder zu betrachten Beim klaren milden Mondenschcin, Bnonarotti wandelt gerne Mit seinem Freund Da Vinci dort, Im Künstlerhaiu, beim Licht der Sterne, Zu sprechen ein begeistert Wort. Gerüstet find ste heut mit Krüge» Falerners, den Horaz auch schwang, Wenn er, einladend zum Vergnügen, Sein morituro veli! sang. Sie wollen Freunden, die verblichen, Dartrinken einen Becher noch Im Angesicht der schönen Grieche»; Und ihrer Kunst ein Lebehoch. Und sollt' auch sie der Tod verlangen, So wollen sie den schlimmen Gast Im Kreis des Schönen hier empfangen, lind rings von Frühlingslust umfaßt. Die Statuen auf die bangen Klagen So klar und heiter niebersehn. Wie sie gesehn in alten Tage» Denselben Jammer zu Athen ; Wie ihnen dort das immergleiche Antlitz gestört kein Leidenszng, Als ihren Freund man, eine Leiche, Die Frühlingslüste flüstern, scherzen, Und halten in den Lauben dicht Glühwürmer, ihre schwanken Kerzen, Versteckten Rosen ins Gesicht. Die muntern Frühlingswinde stehlen Den Blumen ihr Geheimniß bald, Das süße Duften, und erzählen Frohlockend es im ganzen Wald. Im Busche singen Nachtigallen, Ihr ungestörtes Wonnelied, Springbrunnen mondbeflimmert schallen, Die Wolk' am Himmel lustig zieht. Die Kunstgenossen stehn und starren Entzückt auf ein Apollobild; Da rollt vorbei der Leichenkarren, Und draußen ruft die Klage wild. » Die Nachtigallen jubeln freier. Und süßer duftet's durch die Nacht, Der Mond durchbricht den letzten Schleier, Und heitrer noch Apollo lacht. Wie mählig an den Gartenmauern Der laute Leichenzug verhallt. Ergreift die Freunde bittres Trauern, Ein Grollen faßt sic mit Gewalt. Schon hatten sie den Wein geschwungen, Den lieben Freunden in der Gruft, Den Griechengöttern angeklungen ; Doch jetzt Vuonarotti ruft: „Du Mörder und Orakelsprecher! Du lächelst unserm Jammer Spott!" Und schmetternd wirft er seinen Becher Ans Marmorherz dem Griechengott. „Da Vinci, komm aus diesen Hainen, Sie dünken mich so fremd, so leer! Die Vögel zwingen mich zn weinen, Der Dust der Blumen drückt mich schwer. Hier steht der Menschenschmerz inmitten Der fremden Kunst, und der Natur, Von ihren Herzen abgeschnitten, Gehöhnt von ihrer Freudenspur. Doch, siehst du dort ob jenen Zweigen Das Kirchenkreuz im Mondenstrahl? Siehst du den Gott herab sich neigen So mitleidsvoll zu unsrer Qual? Schon wieder rollt der Leichenwagen Vorbei dort an der Gartcnwand; Doch tröstend weist das Kreuz den Klagen Hinüber in das Heimathland. Was einst Girolamo bedauernd Dem sterbenden Loreuzo sprach. Das ward bei diesen Klängen schauernd I» meinem Herzen wieder wach. Mir strömt es freudig von den Wangen, Denn plötzlich, durch des Schmerzes Guust, Ist meinen Blicken aufgegangen Die tiefe Welt der Christenkunst. Mit einmal wurden die Antiken Nur als ein schöner Schutt mir kund, Der uns die Wurzel will ersticken Auf unscrm eigne» Lebensgrund." — Da Vinci schweigt, er trauert milder; Doch kaum verhallt der Jammertou, So wandeln neue, große Bilder Durch seine große Seele schon. enan. Savvnarola. 8 i Das himmlische Gemälde zündet In seiner Brust, ein Wunderstrahl: Wie Jesus den Aposteln gründet Das „Denket mein!" im Abendmahl. Und Michel Angelo, der wilde, Die Augen mit der Hand bedeckt, Er ist von einem neuen Bilde Entzückt im Herze» und erschreckt. Aus seinem ungestümen Grame, Wie Sonnenschein aus Wetterflor, Taucht Plötzlich ihm die Kreuzabnahme Unwiderstehlich jetzt hervor. Die vier Gestalten ließ ihn schauen Ein geistdurchglühter Angeublick; Und kühn beschließt er, sie zu hauen Zusammt aus einem Marmorstück. IV. 3n Florenz kann mir Einer halten Sein Herz in klarer Heldenruh; Nur Einer sieht dem Todeswalten Mit unerschrockner Seele zn. Girolamo, noch unermattet. Einsam in seiner Zelle wacht; Gepflegt, getröstet und bestattet Hat er von früh bis Mitternacht. So mancher Bettler auf dem Wege, Den Alles nun verstieß und floh. Ward in das Kloster mild zur Pflege Genommen von Girolamo. Wenn auch der Bettler mußte sterbe». War doch des PriorS Wort vielleicht Das Freundlichste, was seinem herbe», Freudlosen Leben ward gereicht. 'Als sich sein Geist hinweggeschwungen Aus diesem dumpfen Jammerorr, Ist ihm versöhnend nachgeklungen Des Priors liebevolles Wort, Girolamo in seiner Zelle Bei später Lampe sinnt und schafft; Denn unversiegbar ist die Quelle, Woraus er tränket seine Kraft, Er widmet seinen Tag den Kranken; Ein Arzt zu sein der Christenheit, Dem großen heiligen Gedanken Ist seine stille Nacht geweiht. ^ 181 ^ Nun schreibt er Briefe, mächt'ge Briefe, Er schildert dringend, heiß und wahr, Des Abgrunds unheilvolle Tiefe, Der Kirche dringende Gefahr. Daß Gott die Kirche will erneuern, Sei» Schreibe» an den Kaiser spricht; - Er sucht den Kaiser anznfenern Zn seiner Schutz- und Schirmespflicht. Den König Frankreichs will er wecken Mit einem Briefe kühn und frei; Wird ihn nicht rühren nnd erschrecken Der Kirche Noth und Hülfeschrci? Den Königen von Spanien schreibt er, Wozu der Herr die Throne schuf; Den König Ungarns, Englands treibt er Zn seiner Pflicht mit scharfem Ruf. 4 Er mahnt sie alle, zu vereinen Ein christliches Concilium, Ans dem er selber will erscheinen, Und streiten für das Hciligthnm; Wo er die Stimme will erheben, Anklagen laut der Kirche Haupt, Den Pabst mit seinem Lasterleben, Den Sünder, der an Gott nicht glaubt; Den frechen Borgia, der als Waare Für schnödes Geld mit Trug und List Erkauft die heilige Tiare, Der sie nun trägt als Antichrist. Der Dann Savonarola ist als Ketzer, Falscher Prophet, untreuer Hirt, Als ein Rebell und Volksverhetzer Vom Pabste ercommuuicirt. Der Feinde stürmisches Frohlocke» Umbraust den Dom, wo man zur Stund Beim lauten Schall der Lodtenglockcn Dem Volke macht das Breve kund. Der Bischof im Ornat verkündet Des Bannes schauerlichen Spruch; Vier Fackeln werden angezündet Und ausgelöscht mit einem Fluch: „Dreimal hat dich nach Rom gefodert Dcr.Pab.st, zur Gnade dir bereit; Umsonst! nur wilder anfgelodert Bist du im frevelhaften Streit! Girolamo! das Licht der Gnade Lischt ans wie dieser Kerzen Schein! Geh hin und wandte deine Pfade Verflucht und finster und allein! Du hast mit frechem Lngenmnnde Jrrsal und Zwiespalt uns gebracht. Die Kirche stoßt ans ihrem Bunde Hinaus dich in die Heidennacht! Willst du noch eine Predigt wagen. So sei, wer immer sie besucht, Wie du vom Kirchenbann geschlagen. Wie du verstoßen und verflucht! Den Sünder soll kein Segen laben, Das Sacrainent sei ihm verwehrt. Und stirbt er, werde nicht begrabe» * ^ Sein Leichnam in geweihter Erd'!" — Vier Fackeln haben sie gezündet Und ausgelöscht mit einem Fluch, Und haben so der Welt verkündet Des Kirchenbau's Zusammenbruch. Sie zeigten, ihre eignen Richter, Daß frevelnd in der Welt des Herrn Sie löschen möchten, wie die Lichter, Die vier Evangelisten gern. Doch unauslöschlich brennen diese, Vom Hauche Gottes angefacht, Zu leuchten nach dem Paradiese Sieghaft durch tiefste Sündennacht! -- Der Priester schweigt, mit dumpfen Schauern Verstummt das Volk, die Glocke hallt, Nachsummend, durch des Domes Mauern, Der Rauch noch von den Fackeln wallt. Erklungen ist am selben Orte Der Fluch, allwo seit manchem Jahr Des Banngetroffnen Segensworte Zu Gott gelenkt die Seelenschaar. Wird sich dem Kirchcndanne neigen Girolamo, der Gottesheld? Wird er das Wort des Heils verschweigen. Vom Fluch geschlagen aus dem Feld? — Der Bischof hat den Dom verlassen, Ein langer Zug der Klerisei Folgt nach, die den Gebannten hassen. Und tobend strömt das Volk herbei. Die Feinde jubeln und verbreiten Mit Fleiß von Mund zu Mund den Bann Doch Pabst und Bann verachtend streiten Die Freunde für den theuren Mann. Kaum ist die Wuth der Pest gemildert. Und kaum vernarbt der Todesharm, So ist auch schon znrückverwildert Der Feinde sittenloser Schwarm. Und auf den Straßen um die Wette Erschallt Gesang und Lautenton, Hier Spottcanzonen, dort Sonette, Dem Sittenprediger zum Hohn. Das Laster scheint vom Pabst geadelt, Weil er den Mönch gestraft so schwer. Der es am bittersten getadelt, Und kecker schreitet es einher. Zum Trotz dem strengen Sittenmeister Wird nun gespielt, gezecht, gebuhlt; Die dreisten Buben werden dreister Und häufen prahlend Schuld auf Schuld. Und tobend rufen die Gesellen Bei Nacht San Marco's Kloster wach, Und schmetternd stiegen in die Zellen De» Brüdern Steine, Fluch und Schmach. Savonarola's Freunde werden, Wo einer sich erblicken läßt, Verhöhnt mit Worten und Geberden; Doch halten treu an ihm sie fest. Die Freunde können nicht vergessen, Sie werden sein geweihtes Wort Nur tiefer in das Herz sich pressen. Als ihres Lebens besten Hort. Es wird Tomcnieo vor allen. Der treuste Freund Girolamo's, Von Spott und Lästrung überfallen; Doch tragt er kühn des Freundes Loos. Er tritt den Wüthenden entgegen, Er ruft cs auf den Straßen laut: „Des Bösen Fluch ist Gottes Segeu, Schon flieht die Nacht, der Morgen graut Der Nebel weicht, so schwarz und dichte Ihn auch die röm'sche Nacht sich spann. Und fliehend ruft dem Tageslichte Die Nacht vergebens ihren Bann. Des Frommen dringendes Betheuern. Und jeder -Herzschlag früh und spät: Daß sich die Kirche muß erneuern. Ist wahr, er ist uns ein Prophet." Domenico ruft auf der Straße, Und kündet von der Kanzel auch Entschlossen, daß er nimmer lasse Vom Freunde bis zum letzten Hauch. Er mahnt das Volk, daß es den Ränken, Dem Zorn der Feinde zittre nicht, Und keines Fluches zu gedenken, Wenn ihm Savonarola spricht. Der Glaube ist der höchste Segen, Und besser ist's, den müden Staub Ins ungeweihte Grab zu legen, Als daß der Geist des Todes Raub. - - In mancher Seele wankt das Hoffen Weil nun des Bannes grauser Strahl Italiens reinstes Haupt getroffen, Die Kunde stiegt durch Berg und Thal. Wer wird uns nun die Predigt halten? Wer kämpft wie er so kühn? wer siegt? Wer wird das Herz dein Teufel spalten, Wenn unser Held in Banden liegt? So hört ihr manchen Christen klagen ; Wie eine dunkle Wolke geht Durchs Land ein trauriges Verzagen, Vom Hauch der Kunde fortgeweht. Und mancher, der an fernem Orte, Bedauert cs nun doppelt schwer. Daß er versäumt des Frommen Worte; Nun hört er ihn wohl nimmermehr? Stach Florenz wallt das Volk in Schaaren, Das ihn noch einmal schauen muß, Vielleicht fürs Leben zu bewahren Von ihm noch eine» Scheidegrnß. Doch ist zu früh noch solches Bangen, Noch ist's gekommen nicht so weit, Daß sie den Man» in Ketten zwangen, Noch kämpft er fort den große» Streik. Nicht hemmt auf seinen Gottespfaden Das Banngeräusch den kühnen Mann; Wie nicht das Zirpen der Cicaden Den Schritt des Helden stören kann. Wenn Heimchen auch den Helden mahnen, Daß bald ihn, bald der Rasen deckt. Ihm ist der Tod ein süßes Ahnen, Und vorwärts eilt er »»geschreckt. Girolamo die heiße Fehde Des Herrn noch immer treulich ficht; lind also seine Kanzelredc Dem Bannesfluch antwortend spricht: „Prälaten sind allein mit Nichten Die Kirche, und auch nicht zumeist; Sie soll aus Allen sich errichten, Bei welchen Glaub' und heil'ger Geist. Christus, der auf dem Kreuz verschieden. Ist unser Mittler, Er allein; Der Klerus soll zum Gottesfrieden Ein Führer nur, nicht Mittler sein! Das Evangelium ist das Leben; Das nur kann gültigen Entscheid Und Richterspruch im Kampfe geben. Ob ihr die Kirche Christi seid. Das ist die Wurzel, ewig bleibend, Unschütterlich, und ohne Rast Den Saft des Lebens weiter treibend Als Tradition von Ast zu Ast. ciiau, >LclvonaroIa. v i Der Eiche grünes Leben sprießet Aus ihrer Wurzel nicht allein, Sie dorrt, wenn nicht vom Himmel fließet Der milde Thau und Sonnenschein; Doch was der Wurzel nicht entsprossen, Ist falsch, wenn's auch sich heilig nennt; Wem Nebel nicht das Aug umflossen, Die Mistel von der Eiche trennt. Der Glaubensbaum, der lebensreiche. Ist uns gepflanzt von Gottes Sohn; Die Mistel, wuchernd an der Eiche, Das ist die falsche Tradition. , Im Eichenlaub als Vogleiu singen Die Seelen, fröhlich und daheim; Die Mistelbceren aber bringen Dem Teufel seinen Vogelleim. Ihr führt gen Gott ein eitles Kriegen; Wenn auch der Tod mich bald verschlingt, So wird die starke Hand doch siegen, Die mich als ihren Hammer schwingt. Das jammervolle Truggernste, Das sich die Kirche Christi heißt, Der Bau, den freches Erdgelnste Gethürmet, nicht der heil'ge Geist; Die Hand des Herrn wird Niederschlagen, Und euer Werk zerbricht, zerstiebt, So wahr Millionen Herzen klagen, So wahr noch Gott die Menschen liebt!" Ver Pabft und Mariano. Verstimmt ist heut der Pabst und düster, Maricmo wehrt ihm den Verdruß Umsonst mit schmeichelndem Geflüster, Ein jedes Wort Pantoffelkuß. Wohl schwieg der röm'sche Vater lange Und schloß ins Herz den scharfen Dorn ; Doch endlich reißt des Schweigens Spange Von seiner Brust der starke Zorn: „Girolamo will sich nicht fügen, Der Kirche tiefentrathner Sohn? Wagt immer noch Prophetenlügen, Und predigt offne Rebellion? Sieh diesen Brief des Ungeheuers, Den ihm ins Herz der Teufel blies, Voll Redncrkraft und wilden Feuers; Das schrieb er an den Kaiser, lies! Mein braver Fuchs im Hermeline, Mein Sforza fing den Brief mir auf, Und kam damit, daß er mir diene, Selbst hergerannt in vollem Lauf." Mariano liest die kühnen Zeilen Des Mannes, der ihn einst besiegt, Er lächelt, murmelt unterweilen, > Indem sein Aug das Blatt durchfliegt ^ „„Coucilium?. . . den Pabst verklagen? . , , Jetzt ist der Braten gar gebeizt; Nun gilt's kein Zaudern mehr und Fragen, 's ist Zeit, daß man die Küche heizt." ' „Mariano, schweig, daß ich erzähle Dir meinen Tranm von letzter Nacht; Das Bild hat mir erquickt die Seele, Wie mir noch nie ein Tranm gelacht. Ich sah den jüngsten der Propheten, Der in Florenz sich hören läßt, Wie er dem ältesten Propheteir. Der Griechen hing am Halse fest. Girolamv, den bösen Rangen, Sah ich entzückt in meinem Tranm Erdrosselt und verschwiegen hange» Am dodonäischen Eichenbanm. Nun ist, wie Zeus mit seinem Strauche, Des Traumes süßer Anblick fort; Doch von des Mönches giftigem Hauche Noch nicht des Pabstes Macht verdorrt. Und will der Ketzer nicht gehorchen: Ist auch die Eiche längst dahin, Noch stehn im Walde meine Forchen, Und lustig brennt der fette Kien!" Des Pabstes ränkevoller Diener Mariano ihm zn Füßen sank, Der ehrsuchtkranke Augustiner Ist auch vor Durst nach Rache krank: „„Was ich dich jüngst so heiß beschworen Im Cardinalscolleginm: Solang die Macht dir nicht verloren, O mache den Propheten stumm! Der Teufel schliff ihm tausend Zungen, Zn kämpfen seine böse Schlacht; Bald hat er in den Staub gerungen Sauet Peters Kraft und Schlüffclmacht. Du kannst nicht lösen mehr und binden. Wenn nicht das Feuer ihn erstickt, Du donnerst deinen Zorn den Winden, Censuren, Bann und Interdikt. Girolamo blieb unerschrocken, Als man im Florentiner Dom Verlas beim Schall der Todtenglocken Des heil'gen Vaters Brief ans Rom. Dein Breve hat ihn nicht gebrochen, Und seine Seele rührt' es nicht, Daß ste den Bann ihm dort gesprochen, Verfluchend bliesen ans das Licht. Das Blatt mit deinem Zorn beladen Girolamo mit Füßen tritt, Als wär's ein Blatt auf Waldespfaden, Das welk und matt vom Baume glitt. Der Tolle predigt jetzt noch freier. Hat er nicht jüngst zu deiner Schmach Verspottet laut die Bannesfeier, Als er zur Kirche also sprach: „Euch wird die Hand des Herrn zerschlagen Und eure Macht zerbricht, zerstiebt, So wahr Millionen Herzen klagen, So wahr noch Gott die Menschen liebt!" - Da ruft der Pabst: „Ich aber werde, Girolamo, du schlimmer Gast! Hinweg dich tilge» von der Erde, So wahr dich Alexander haßt! Wir wollen diesem feurigen Streiter Als zündbares Concilium Zusammenrufen dürre Scheiter ; Er sterbe für sein Heiligthum!" Die Verhaftung. Warum hat sich gen ihn verschworen, Den Frömmsten, seiner Feinde Wuth? Weil er die Bösen und die Thoren, Auch schaffen wollte fromm und gut; Weil er so muthig eingedrungen Auf ihrer Sünden freches Heer, Weil er auf sie sein Wort geschwungen Als eine furchtbar scharfe Wehr. Wenn auch ihr Lasterleben dauert, Die Freude dran ist dennoch wund; Ein heimliches Entsetzen kauert Doch in des Herzens tiefstem Grund. Von Magiern alte Mähren künden, Daß ihre Kunst den Zauber barg, Dem balsamirten Leib zu zünden Ein ew'ges Lichtlein in den Sarg; Daß bei dein nieverglommnen Dochte Die Seele, wenn sie eitel war, Den theuern Leib beschauen mochte, Der sonst ihr wäre unsichtbar. Girolamo hat solche Kerzen Gepflanzt, dem Sünder zum Verdruß, Der noch im weltbegrabnen Herzen Der Unschuld Leiche schauen ^muß. Sein Wüthen ist verstecktes Klagen, Daß er nicht löschen kann das Licht, Daß er sich nimmer kann entschlagen Dem innern, traurigen Gesicht. — . k k Die Brüder in San Marco singen Die Vesper, friedlich und erbaut, Als Plötzlich an die Pforten dringen Des Priors Feinde stürmisch laut. Des Priors Ruf an seine Treue», Allein mit geistlicher Gewalt Zn stehn der Feinde wildem Dränen, Im steigende» Tumult verhallt. Sie rütteln, pochen an den Thüren, Sie steinigen das Gotteshaus, Und rufen unter Racheschwüreim „Gebt den Propheten uns heraus!" Sie zünden Feuer an den Schwellen, Die Flamme brennt die Pforten auf, Einbreche» jetzt die Mordgesellen, Wie auf den Raub ein Tigerhauf. Des Priors Freunde doch nicht weichen; Sie haben sich um ihn gestellt, Die Kirche hallt von Waffenstreiche», Von Kampfgeschrei, und Mancher fällt. Vor allen führt die scharfen Hiebe Der wackre Deutsche todesschwer, Der einst Girolamo zu Liebe Aus fernem Lande zog daher. Jetzt hat er einem Feind gerungen Den Büchsenhaken aus der Hand, Und nimmt, da ihm sein Schwert zersprungen. Die Kanzel sich zum Schützenstand. Und wer am wildsten ist zu schauen, Wer schon Girolamo bedroht Und nah, zu ihm sich durchzuhauen. Den schießt der tapfre Deutsche todt. Bereit, für seinen Freund zu sterben, Denkt er: „du Frommer schütztest mir Getreu die Seele vor Verderben, Ich schütze dir den Leib dafür!" Noch immer wächst im wilden Kampfe Der Streiter Zahl und ihre Wuth, Der Athen» ringt mit Rauch und Dampfe, Die Füße baden stch in Blut. Wo sie Girolamo bedrängen, Ist das Getümmel also dicht, Daß sperrend stch die Arme zwängen, Und Mancher mit den Zähnen ficht. Nur hier und dort führt einer schlagend Mit freiem Schwung das Mordgeräth, Die andern Streiter überragend, Weil er auf einer Leiche steht. Dci stoßt ein Junge mit der Picke Ein Fenster aus, der Qualm entweicht, Es ruht der Kampf für Augenblicke, Als nun die Luft erquickend streicht. Doch hat der Windhauch bald belebend Des Zornes Flammen frisch gefacht, Der Streit, zur Vesper sich erhebend, Tobt fort, schon ist es Mitternacht. Girolamo's getreue Wächter Ilmschützen ihn, ein fester Wall, Und sterbend büßen hundert Fechter Den immer neuen Ueberfall. Jetzt Plötzlich donnern um die Mauern Feldstücke rings; von Schreck verwirrt, Die Kämpfer da zusammcnschauern Und ruhn, die Kirche bcbl und klirrt. Sturmglocken schallen, und Trommele» Zur Thür herein gebieten Halt; Mit Fackel» in die Kirche treten Die Boten jetzt der Staatsgewalt. Die Boten künden. Ruh zu schaffen: „Wer, Laie, nicht in aller Eil Das Kloster flieht und streckt die Waffen Stirbt als Rebell vom Henkerbeil!" „Girolamo in allen Gnaden, Und Fra Domenico wie er. Ist vor die Signorie geladen, Gesichert ihre Wiederkehr!" Und dumpfe Stille folgt dem Mahnen, Denn mächtig jedes Herz ergreift Ein frohes oder banges Ahnen, Daß jetzo das Verhängniß reift. Girolamo mit sanftem Leide Gehorcht, ihm sagt des Herzens Drang, Daß er von hier auf immer scheide, Daß dieser Schritt sein Todesgang. Das Kloster muß er nun verlassen, Wo er so lang für Gott gelebt. Die Wehmuth will ihn mächtig fassen. In seinem Auch die Thräne schwebt; Doch freudig siegt die Todcsweihe: Er spricht den Freunden seinen Gruß, Umarmend gibt er in der Reihe Den Brüdern noch den Scheidekuß. Bevor er schreitet durch die Pforten, Spricht er, wie es gebeut die Frist, I» starken und gedrungnen Worten Den Wunsch, der all sein Leben ist. enau, Savenarola. Er mahnt die Brüder, nicht zu zagen, Dem Sturm zu trotzen ohne Scheu, Die Wahrheit in die Welt zu tragen Durch Noth und Tod, dem Herrn getreu. Die treuen Freunde weinen bitter, Die schlimmen Feinde lärmen froh. Und schluchzend küßt der deutsche Ritter Die Schulter dem Girolamo. Freudvoll hat sich der stetsbewährte Domenico zu ihm gestellt. Entschlossen, als sein Kampfgefährte Sein Loos zu theilen, wie es fällt. Die Signorie, die gnadenreiche. Läßt sie, daß keiner dem Geschick Im wirren Volkstumult entweiche, Zusammenfesseln mit dem Strick. Als sie die Hand dem Büttel senken. Zu jeder Schmach und Oual bereit. Begegnet sich ihr Blick, sie denken Zugleich an ihre Jugendzeit. Sie denken an die traute Zelle, An jene gottgeweihte Stund, Als sie bei gvldner Abendhelle Geschlossen ihren ernsten Bund; Als sie manch ahnend Wort gesprochen Vom Prager Hieronymus, Wie eine Welt von Qual gebrochen Am unerschütterlichen Huß. „Wohlan!" —> so thut im Herzen Beiden Der Muth den gleichen kühnen Schlag -- „Die Zeit ist da für Kampf und Leiden, Wo sich die Tren erproben mag!" Sie schreiten fort, durch Fesselflechtei, Und ihren treuen Muth vereint, Umringt von rauhe» Waffenknechten, Vom Volk verflucht, verhöhnt, beweint. LUerunder's Freude. Girolamo und den Genossen Der tückische PaÜast empfängt; Schon werden auf geschwinden Rossen Nach Rom Eilboten fortgesprengt. Die Voten frisch und lustig reisen. Für scharfen Ritt ein reicher Sold; Die Pferde treibt des Spornes Eisen, Die Reiter treibt des Pabstes Gold. Wie sank der Pabst, von Gott verlassen, Sv tief hinab in Schuld und Noth, Daß er den Frommen zitternd hassen. Und lechzen ^nuß nach seinem Tod! Daß ihm das Wort: „Er ist gefangen" Klingt wie berauschende Musik, Und Thränen fallen von den Wangen; Dies ist sein frohster Augenblick! Der Pabst, vergessend im Entzücken Die Würde ganz, frohlockend lacht; Er muß ans Herz den Reiter drücken, Der ihm das süße Wort gebracht. Und er beruft die Cardiuäle, Und seine Freunde dort und da. Daß allen er voll Hast erzähle. Was Gutes in Florenz geschah. Und wieder kehrt er zu den Boten Und forscht genau nach Allem, fragt, Ob nicht, als ihm die Waffen drohte». Das Herz Girolamo's verzagt? Und als die Büttel mit de» Banden Die Hände ihm zurückgeschnürt, Ob da sein Mnth nicht ward zn Schanden, Und als sie ihn hinweggeführt? Doch dessen gibt es nichts zu künden; Die Boten meinen: „So wie der, So starr und fest in seinen Sünden Ist keiner hier auf Erden mehr! Doch Richtern ist er heimgefallen. Auf deren Haß ihr trauen könnt. Daß keiner von den zwölfen allen Noch einen Athemzng ihm gönnt!' Des Pabstes Antlitz Freude funkelt; Und doch auf seinem Angesicht Zugleich ein Wölklein Kummer dunkelt; „Girölamo verzagte nicht!" Die Andern preisen Gottes Finger; Und Mariano jubelt ans, Daß seinen Gegner und Bezwinger Bezwingen wird der Scheiterhanf. Nun schreibt der Pabst voll süßer Reden Ein Breve an die Signorie, Er danket Allen, schmeichelt Jeden, Und nennt den Trost der Kirche sie. Er mahnt sie dringend, steht inständig, Nach strenger Inquisition Gleich auszuliefern ihm lebendig Girolamo, den Höllensohn. Aus seinem reichen Gnadenhvrte Verheißt er ihnen jede Huld, Und Feuer gießt in seine Worte Der Rache Trieb und Ungeduld. Der Pabst ein zweites Breve sendet Dem treuen Klerus in Florenz, Ihm wird die milde Macht gespendet Zn einer vollen Jndulgenz. Was Jeder in den letzten Wochen -- Verschuldet, dessen ist er rein; Er sei der Sünden losgesprochcn. Und sollt' es auch ein Mörder sein. — Die Boten froh nach Hause kehren, Gestärkt mit Segen, Speis' und Trank Am Nücke» spüren ihre Mähren Des Pabstes schweren goldnen Dank. '^ 218 ^ San Marco. Den Streiter Gottes im Gefängniß Schon eng nnd enger jetzt umkreist Sein ernstes, drohendes Verhängniß. San Marco's Kloster ist verwaist. Rings von den Thürmen Glocken schallen Den Frendenruf zum Osterfest; Nur Eine von den Kirchen allen Den Hellen Ruf nicht hören läßt. Ein Mächt'ger wird zu Grab getragen, Posaunenton und Fackelschein, Die Glocken aller Kirchen klagen; San Marco's Kirche schweigt allein. Und will bei heftigen Gewittern Mit seinen Glocken jeder Thurm Den Himmel rühren und erschüttern; San Marco's Kirche schweigt im Sturm. Den Brüdern nahm der Feinde Rache Die Glocke fort ans ihrem Haus, Verloren hat es seine Sprache Bei Freud und Leid und Wettergrans. Die Brüder leben ihre Stunden In abgeschlossner Trauer hin; Sie horchen bang den Tagcskunden, Die vielbewegt die Stadt durchzieh». Beim Psalmensang der Matutinen Hemmt Wehmnth ihrer Seelen Schwung ; Und wenn sie Gott zur Vesper dienen, Ergreift sie die Erinnerung. An ihn gemahnt sie jede Stelle, Den sie vielleicht nicht wiedersehn, Sie weinen, wenn sie an der Zelle Girolamo's vorübergehn. — Vie Tortur. Der Morgen kommt, hat noch gefunden Blutspuren jener grausen Nacht. Savonarola wird gebunden Ins peinliche Verhör gebracht. Viel Frevel gibt's, wer kanns verneinen? Viel Gräuel lebt im Sonnenlicht; Doch jämmerlicher» gibt es keinen, Als Schurken sitzend zu Gericht. Ein Wandrer trägt auf Waldeswegen Ein Schwert zu seinem Schutz; da raubt Rücklings ein Strauchdieb ihm de» Degen Und spaltet ihm damit das Haupt. Gesetz! wie gleichst du solchem Stahle! Gericht, wie manchmal bist du gleich Dem Räuber, der im dunklen Thale Dem Wandrer schlägt den Todesstrcich Die Richter sitzen in der Reihe, Von Mördern eine tücht'ge Schaar, Zwölf Laien sind es, und zur Weihe Ist beigesellt ein Priesterpaar. Jetzt rufen die Inquisitoren: „Girolamo! bekehre dich!" — „Girolamo! du bist verloren!" — „Den Widerruf! sprich, Ketzer, sprich! „Bekenne, daß du dich versündigt An Gott und seiner Kirche schwer! Daß du nur Lügen hast verkündigt, Das Volk getäuscht mit eitler Mähr!" „Was du dem Volke sprachst vermessen Von Kirchenreformation: Das widerrufe, sonst entpresseu Wir bald dir einen andern Ton!" „Und willst du nicht dem Sturme weichen, Bist du kein lügender Prophet, Wohlan! mit Wundern und mit Zeichen Erprobe dich, bevor's zu spät!" Entgegeutritt dem Haß und Grimme Mit unerschrocknem Angesicht Girolamo, mit fester Stimme Spricht er: „Ich widerrufe nicht! Was ich verkündigt, wird geschehen: Des Truges morsche Kette reißt. Die Kirche Christi wird erstehen Und siegen wird der emge Geist! Traun! wollte Gott in Wundern sprechen, Er würde wenden euer Herz, Er würde von der Brust euch brechen Den siebenfachen Wall von Erz. Das war' ein Wunder, heischt nicht andre! Dies eine thut euch bitter noch. Ich aber meines Weges wandte, Und meinen Pfad verschlingt der Tod. Bin Werkzeug nur, das Gott erweckte, Ein Straßenlichtlein in der Nacht, Das warnend Gott am Abgrund steckte, Ein tönend Horn in seiner Schlacht. Will Gott das Lichtlein nicht mehr brauchen, So lischt es aus; doch seine Hand Wird warnend aus dem Abgrund tanchen, Mit einem Hellen Fackelbrand. Will Gott dies Horn auch nicht mehr brauchen, Weil lauter wird der Schlachtcndrang, Sv wird er in ein andres hauchen. Das rufen wird wie Donnerklang!" Da schmähn und lästern mit Gepolter Die Richter, schreien wuthentbrannt: „Fort mit dem Ketzer auf die Folter!" Schon sind die Büttel zngerannt. Girolamo ist fest gebunden, Ein Strick um seinen Leib sich schlang, Und hoch hinaus wird er gewunden An einen Balken mit dem Strang. Am Stricke stürzt er plötzlich nieder Bis nah zum Boden mit Gewalt, Dasi ihm der Schmerz durch alle Glieder Erschütternd zuckt und zerrt und prallt. >5 Lenau, Savonarola. 10 Am Seile bleibt er hangend schwebe». Da schreien ihm die Richter zu: „Willst dn der Kirche dich ergebe»? Und lassest dn den Pabst in Rnh?" Ihm bebt der Leib in allen Fugen,- Ihm ist, als ob im jähen Fall Gehirn und Herz zusammenschlugen, Gelöst vom ungeheuren Prall. Im Leidensaufruhr wankt und zittert Jedwede Fiber, kocht das Blut; Doch bleibt die Seele unerschüttert. Ein großer Schmerz, ein größrer Muth. Er spricht mit schmerzgedämpfter Sprache „Bei Gott! ich widerrufe nicht! Und wenn mir eure blinde Rache Auch jeden Nerv' am Leibe bricht!" Und grimmig staunen seine Schergen, Daß ihn die Qual nicht niederschlägt; Es will ihr Zorn die Ehrfurcht bergen. Die sich in ihren Herzen regt. Sie stellen ihm noch viele Fragen, Ob er Rebell und Ketzer seh. Und Alles wird zu Schrift getragen, Und seine Antwort, fest und frei. Sie möchten gerne ihn verschlingen In ihrer Fragen schlaues Netz, Um vor dem Volke aufzubringen Ein Urtheil nach dem Strafgesetz. Doch sie umstellen ihn vergebens. Denn seine Worte sprechen klar. So wie die Tage seines Lebens, Daß all sein Wandel fromm und wahr. Girolamo wird losgebunden Und ins Gefiingniß fortgeschafft. Daß er in ungestörten Stunden Zur Folter sammle neue Kraft, Er kniet und betet händeringend Einsam in seiner Kerkerhaft, Er fleht zu Gotte heiß und dringend Um seine» Segen, seine Kraft: „Der grause Schmerz will mich bezwingen, Verlaß mich nicht am End der Bahn! O Gott! o Gott! laß mich's vollbringen Und nimm mich als Blutzeugen an!" Als neu der Morgen angebrochen, Da kommt mit ihm der grause Schmerz, Die Richter sammeln sich und pochen Dem Streiter wieder scharf ans Herz. Sie winden ihn empor und werfen Ihn jach herunter an der Schnur; Und seine Büttel sinnig schärfen Mit neuen Qualen die Tortur. Sie wollen sein Geständniß rauben Mit einem glühenden Kohlenbrand, Sie brauchen Stachel, Zangen, Schrauben, Und Zerrgewicht an Fuß und Hand. Und wieder wird gefragt, geschrieben, Drei Stunden dauert das Gericht; Girolamo ist treu geblieben Dem Wort: „Ich widerrufe nicht!" Am dritten Morgen halten wieder Um ihn die Qualen ihren Reihn; Doch zwingen sie sein Wort nicht nieder. Wie heftig sie auch stürmen ein. Verzweifeln muß die Folterfrage, Und jeder Schreck an ihm zerschellt. Also verstreichen sieben Tage, Und herrlich siegt der Gottesheld. — Domenico verlangt entschlossen: „Des Freundes Loos sei mein Geschick! Führt ihr zum Tod mir den Genossen, Sei's auch mein letzter Augenblick!" Und als der Abend niederschattet, Da liegt einsam Girolamo, Von Hunger, Schmerz und Kampf ermattet, Im Kerker ans dem Häuflein Stroh. Doch darf sein Herz den Trost' genießen , De» süßen Trost: bei Kampf und Leid Sich traulich fest an Gott zu schließen In unstörbarer Sicherheit. Schlaf sinket auf den Dulder nieder, Drückt ihm die heißen Augen zu, Erquickt ihm die zerschlagnen Glieder, Vorspiel der süße» Todcsrnh. Er träumt. Er zieht mit seinen Eltern, Die er so schmerzlich einst perließ, Fort zu den himmlischen Vergeltern, Sie kommen an das Paradies. Hoch eine Wand von Edelsteinen Umschließt es in krhstallner Hut, Die Farben in einander scheinen, Wie Himmelsglut und Erdenflut. Die Wand im ew'gen Strahlenflnsse Lebendig um den Hain sich schlingt, Und von der Mauer hell zum Gruße Herab ein Chor von Engeln singt. Es klingt, daß manche längstverlorne Sehnsucht im Herzen wieder schwillt; Daß sich im süßen Liederborne Der Durst der Jugendtränme stillt. Es klingt, daß jedes schöne Hoffen Aus seinem Grabe sich erhebt. Daß jede Freude stnrmgetroffen Im Herzen schöner wiederlebt. Es rauschen nie geahnte Wonnen Im Herzen auf, der Mensch erschrickt, Als er so lies in diesen Bronnen Zum erstenmal hinnnterblickt. Und jetzo sich die Mauer» spalten. Vom Frendenklange aufgesprengt. Ein Chor von himmlischen Gestalten Gastlich die Kommenden empfängt. Nun grüßen sie, vertraulich lächelnd, Girolamo, nun kühlen ihm. Mit ihren sanften Flügeln fächelnd, Die heißen Wunden Seraphim. Die Patriarchen und Propheten, Tie Kirchenväter grüße» ihn, Apostel und Anachoreten, Und Märtyrer vorüberziehn. Hosianna! tönt's im weiten Kreise; Sein Vater singt frohlockend mit, Doch seine Mutter schluchzet leise Und folgt dem Sohn auf jeden Schritt. Ihr sagt mit tröstender Gebcrde Ein Engel, daß von ihrem Kind Sie nimmer hier geschieden werde, Und trocknet ihr die Thräne lind. Und jetzo auch die Mutter singet: Hosianna! freudig mit im Chor, Indem ihr Arm den Sohn umschlinget. Den sie so schmerzlich einst verlor. Sie wandeln fort in Wiescnthalen, Wo tausend Blumenvölker blühn, Die Blüthen strahlen, dunkeln, strahlen, Es ist ein athmend Faröenglühn. Sie wandeln fort in grünen Auen, Es singt und klingt auf jedem Ast, Die Vögel neigen voll Vertrauen Sich nieder nach dem lieben Gast. Und süßbeladne Zweige beugen Credenzend nieder ihre Frucht; Und Quellen rieseln klar und säugen Die holden Blumen auf der Flucht. Es lebt die Luft von Blumenhauchen, Es bebt die Luft von Liederklang, Und aus tiefklarem Weiher tauchen Fischlein und tanzen zum Gesang. lind scherzend kommt der flinke Reiher, Der Fischlein auch zum Tanz begehrt, Hebt's in die Luft; doch in den Weiher Bringt er's nach Hause unversehrt. Gazellen weiß und Lämmer viele, Und Hermeline, Hirsch' und Reh', Sie treiben weidend Scherz' und Spiele, Und trinken aus dem klaren See. Girolamo begehrt zu wissen, Was diese weiße Heerde soll? Und dort die Vöglein sangbeflissen? Und hier die Fischlein selig toll? Der Engel spricht: „Die 'weiße Heerde, Das ist die reine Christenschaar, Schuldlos sich freuend an der Erde, Frei, fröhlich, aller Sorgen baar. Und die du stehst in Lüften schweben Und singen hörst im grünen Reis, Die Forscher sinds, die sich erheben Zu Gott, ihm singend Dank und Preis Der Reiher spielt, Fischlein zu necken, Dort mit verstelltem Räuberschwung; Ein scherzend Bild versöhnter Schrecken Des Erdenwehs Erinnerung. Die Fischlein dort im klaren Teiche, Aufschnellend frisch im goldnen Glanz, Sind Kinder, schöne, freudenreiche, Hingleitend leicht im sel'gen Tanz." —^ Jetzt — plötzlich schweigen die Gefilde - Dort, mit dem Kelche in der Hand, Johannes kommt, der Hohe, Milde, Und segnet lächelnd alles Land. Es ist ein tiefes, tiefes Schweigen : - Johannes ans dem Hügel steht, Mit liebevollein Hauptesncigen, Und so sein Wort herniederweht: „O trinket, Blumen! o genießet Auch ihr mit Freuden Christi Blut!" Und sprengend aus dem Kelche gießet Er hin des Weines heil'ge Flut. Und wie der Kelch die theuren Tropfen Weithin vcrtheilend niederthaut: Bewegt den Grund ein Freudenklopfen, Und alle Blumen jauchzen laut. ^ . _^.xAx 7 " ' ' ! In alle Weiten geht ein Singen, j t Ein jeder Halm durch Wies und Hain Läßt eine süße Stimme klingen, ^ Und alle Engel stimmen ein; Und alle frommen Männer, Frauen, Ein Jedes froh den Jubel mehrt; Die Drei erfaßt ein feligs Grauen : Wie Christus die Natur verklärt. Je näher sie sich nahn der Mitte, i Wo Gottes Thron erhaben steht, ! Je schöner blüht's mit jedem Schritte, : Die ganze Luft wird ein Gebet. Nun weckt von Paradieseswegen Den träumenden Girolamo Sein Herz mit lauten Wonneschlägen, Nun wacht er ans am Kerkcrstroh. Leccone. Schon wird die Kunde laut im Volke: „Girolamo bekannte nichts!" Schon lagert drohend eine Wolke Sich ob den Männern des Gerichts. Die Folterknechte selbst erzählen, Daß er geduldig Schmerzen trug, Wie sie noch keinen durften quälen; Sie meinen selbst: es ist genug! Und mancher seiner wilden Gegner Fühlt schon zur Milde sich geneigt; Und hier und dort ruft ein Verwegener, Wenn sich ein Inquisitor zeigt: „Habt ihr unschuldig ihn gepeinigt, So stürmen wir die Signorie! Dann, Schurken, werdet ihr gesteinigt! Dann schlachten wir dem Pabst sein Vieh Die Richter haben Noth und Aengste; Wer gestern noch der Schärfste war. Geberdet heut sich als der Bängste; Rathlos verblüfft die ganze Schaar. - Gott ist am nächsten wohl den Guten, Wenn ihre Noth zum Gipfel wächst; Doch soll das Laster sich verbluten. Dann ist der Teufel M zunächst. Die Richter sind am frühen Morgen Versammelt wieder im Pallast, Voll Zornes, Ungeduld und Sorgen; Da kommt ein unverhoffter Gast. Da schleichet i» den Saal der Richter, Eh wieder das Verhör begann, Und mustert lächelnd die Gesichter Ein kleiner feiner alter Mann, Ceccone ist's, den Alle scheue», Willkommen doch zu dieser Frist: Er kann vielleicht den Sturm zerstreuen, Im Land der schlauste Rabulist, l l Die Richter sich um ihn befleißen, Sie drücke» schmeichelnd ihm die Hand: „Kann uns vielleicht der Noth entreißen, O Freund, dein mächtiger Verstand?" Und hastig flüstert drauf Ceccone: „„Von Freundschaft nichts! ich brauche Brod, Vierhundert Scudi mir zum Lohne, So helf' ich euch aus dieser Noth. l«> enau, Savonavola. 11 Ihr habt aus eurem schmalen Hirne Das letzte Tröpflein Witz gepreßt, Nun sitzt die Augst euch auf der Stirne, Weil sich der Mönch nicht zwingen läßt. Schon murrt das Volk, 's gibt harte Schlappen. Euch treibt die blinde Angst, gewiß, Ihr werdet nicht hinaus euch tappen Aus dieser bangen Finsterniß. Nun, wollt ihr zahlen die Laterne? Bezahlt ihr nicht, so geh' ich fort."" Die Richter flüstern: „gerne! gerne! „Nur sprich geschwind ein rettend Wort!" Ceccone lächelt mit Behagen, Genießend seiner Wichtigkeit; Er spricht: „„Wohlan, hört auf zu zage». Zu Hülfe bin ich euch bereit. Dort hinter jenem Pseilerstocke Pflanzt mir ein Tischlein, einen Stuhl, Das übre führ' ich selbst im Rocke: Papier und Tint' und Gänsespul'. In jenen Winkel laßt mich kauern; Unsichtbar, still auf meinem Platz, Will das Verhör ich scharf belauern, Nachschreibcn schleunig Satz für Satz. Behalten will ich seine Worte, Nur wird die Feder sacht und fein Verschieben sie von ihrem Orte, Aus Nein wird Ja, aus Ja wird Nein. Die Sätze will ich schlau verwickeln, Hier schneiden ab zu falschem Schluß, Dort weiterspinnen mit Partikeln; So daß dies Pfäfflei» sterben muß."" Schon hat Ceccone sich gelagert. Nun tritt Girolamo herein, Bleich, wund, zum Leichenbild verhagelt; Der Alte blieb sein Geist allein. Und man verhört den Gottesstreiter, Getreulich schreibt es der Notar; ' Doch schreibt im Winkel dort ein zweiter Und fälscht die Reden unsichtbar. Der weist die Worte umzustellen, Der stutzt und streckt sie so gewandt. Daß hier zum Ketzer und Rebellen Girolamo sich klar bekannt. Und als sie das Verhör geendigt, Worin der Held getreu sich blieb. Von Schmerz und Schlauheit ungcbändigt, Als der Notar das Letzte schrieb: Da schleicht hervor, Unheil zu stiften, Aus dem geheimen Hinterhalt, Verbergend im Gewand die Schriften, Ceccone's lauernde Gestalt. Und einer naht ihm des Gerichtes Und reicht die Akten ihm zur Hand: „Sieh, den Proceß hier dieses Wichtes, Was er von Freveln eingestand." Ceccvne wünscht, den Fall beklagend, Den Richtern und der Kirche Glück, Die ächten Schriften unterschlagend, Gibt er die falschen ihm zurück. Girolamo muß eilig wandern Zum Kerker; und begierig rafft Ein Richter aus der Hand dem andern Ceccone's Meisterstück und gafft. ^246X Sie sind entzückt; die theuren Zeilen Nachdoppelt stink ein Schreiber schon, Und scharsberittne Boten eilen Damit nach Rom zum heil'gen Thron. — Nun lauscht das Volk, zu jedem Schwünge Der leichtbewegte, schwache Thor: Ceccone liest mit lauter Zunge Und frecher Stirn sein Blendwerk vor. „Wo ist er? daß wir ihn zerstücken!" So brüllt des Pöbels wilder Schwarm. Des Dulders Freunde unterdrücken Den Argwohn mit verschwiegnem Harm. „„Er wagt es nicht, vor euch zu treten,"" —> Bescheidet sie Ceccone dreist — „„Denn kundig ward es dem Propheten, Daß ihr ihn steinigt und zerreißt! Doch mögt ihr euch zufrieden stellen, Das unerbittliche Gericht Bestraft den Ketzer und Rebellen Bald, bald in eurem Augesicht!'"' Der Schwarm hat murmelnd sich zerschlagen, Die Richter athmen frei und froh ; Und hoffnungslosen Kummer tragen Die Freunde des Girolamo. Sein To-, Als kaum der frühste Morgen dämmert/ Wird auf dem Marktesplatze laut Gesägt, gezimmert und gehämmert Von tausend Händen, und gebaut. Doch heute gilt es keine Buden, Die lockend sonst an diesem Platz Das heitre Volk zum Kaufe luden Mit all des Lebens buntem Schatz. Die Sonne mit dem Frühlingsstrale Bauwerk des Todes heut begrüßt: Sie schlagen auf drei Tribunale, Sie richten ein Schafsotgerüst. Savonarola's Freunde müssen. Geneckt von Scherz und scharfem Spott, Der Feinde Rachelust versüßen Und Mitarbeiten am Schaffet. Der Bischof von Vasona schreitet Jetzt auf das erste Tribunal, Von seinen Mönchen hinbegleitet, Zn thun, was ihm der Pabst befahl. Der Bischof soll, bevor die Beiden Empfängt das weltliche Gericht, Der Kleruswürde sie entkleiden ; Mit feierlichem Zorn er spricht: „Im Namen Gott des Vaters, Sohnes, Und heiligen Geistes, und in Kraft Des römischen Apostelthrones, Girolamo, wirst du bestraft: Wirst du des geistlichen Gewandes, Und aller Weihen, jeder Macht . Und jeder Gunst des Priesterstandes, Dem du nur Schand' und Schimpf gebracht: Entsetzt, beraubt und ausgezogen , Dich stoßt die Kirckf aus ihrem Kreis, Die du gelästert und betrogen; Hier gibt sie dich den Henkern preis!" — Jetzt nimmt, in umgekehrter Reihe, Die Kirche was ste gab zurück, Von Grad zu Grad Gewand und Weihe Wird ihm entzogen, Stück für Stück. Da ruft ein Mönch: „Ireu! ksu! propksts!" Reißt aus der Hand ihm das Brevier, Reißt ihm vom Leibe die Planeta, Dann Stola, Alba, Scapulier. Gelassen trägt der Gottesstreiter Der Schande förmlichen Verlauf; Es blickt sein Auge himmlisch heiter Nach seinem Gott zum Himmel auf. Zuletzt, mas er zuerst empfangen. Wird ihm entzogen sein Habit, Und seine leidensblassen Wangen Verschämte Rothe überzieht. Der Bischof ruft! „Bist ausgeschiedeu; Die Kirche Christi stoßt dich fort! Die Kirche, streitend noch hieniedem! Die Kirche, triumphirend dort!" Er spricht: „„Die Kirche muß ich meiden, Die diesseits noch im Streite bebt; Von jener kannst du mich nicht scheiden, Die triumphirend ewig lebt!"" Und wie Girolanio getragen Getrost der Schande bittern Schmerz, So trägt ihn schweigend, ohne Zagen, Domenico, das treue Herz. Auch er steht da im Unterkleide, Entweiht, beraubt, verhöhnt zumal; Und jetzo werden eilig beide Geführt ans zweite Tribunal. Des Pabstes Commissarien künden Den beiden Brüdern hier zusammt, Daß wegen ihrer schwarzen Sünden Der Pabst als Ketzer sie verdammt. Doch mildernd wird hinzugesprochen, Daß sie des Pabstes Heiligkeit Nicht läßt im Fegefeuer kochen. Daß sie der Tod von Schuld befreit: „Der Pabst, versöhnend beide Welten, Läßt gnädig euch den Feuerbrand Vorweg als Fegefeuer gelten, Gibt euch der Unschuld frühern Stand!" Die Ceremonie nimmt ihr Endniß Am dritten Stand; hier hören sie. Gefällt, so heißt's, auf ihr Geständniß, Den Todesspruch der Signorie. Domenico nimmt mit Ergebung Nun auch dahin sein Todesloos, Er findet Stärkung und Erhebung Im Angesicht Girolamo's. Dies Antlitz auf dem Sterbensgangc Ist nicht des Sünders Angesicht, Der an dem steilen Todeshange Voll Schwindelangst zusammenbricht; Auch ist es nicht das eh'rne Trotze» Fanatikers, voll Gluth und Kraft, Dem noch die Todesblicke strotzen Von Flüchen wilder Leidenschaft. Sein Antlitz ist ein hoher Friede, Sein Schweigen seliges Gebet, Ein Lauschen nach dem Heimathliede, Das tröstend ihm herüberweht. Sinn ist sein Auge hell erglommen, Und blühend sich die Wange malt: Das ist der himmlische Willkommen, Der auf den Dulder niederstralt. Und als er zum Schaffote schreitet, Und mancher seiner Freunde jetzt Nach ihm die Arme weinend breitet, Spricht er den Trauernden zuletzt: „Verbrennt man mich, seid unerschrocken, Wenn meine Asche treibt der Wind, So denkt, daß dies nur Blüthenflocken Vom schönen Frühling Gottes sind!" — Wer drängt so heftig durch die Schaare»? Wer ist der alte graue Mann, Der von der hohen, wnndcrklaren Gestalt den Blick nicht wenden kann? Es ist der wilde Christenhasser, Tubal des Ausgangs zitternd harrt, Aus seinen Augen stürzt das Wasser, Indem er auf den Helden starrt. Und als an ihm der kühne Streiter So todesfrvh vorüberzieht. Als ihm sein Auge mild und heiter Ins gramverstörte Auge sieht: Da fühlt der Jude sich bezwungen, Ihm ist der Blick mit Zaubermacht Ins haßverstockte Herz gedrungen. Die Liebe ist in ihm erwacht. Dem Judengreis voll heißer Wunden Ward nun der kranke Geist erquickt, Girolamo macht' ihn gesunden, Hat Christus ihm ins Herz geblickt. Der Alte ruft: „Laß dich umfassen! Ich glaube dir! mit dir ist Gott! Man geht so selig und gelassen Nur für Messias in den Tod!" Er will ihm nach, doch hemmt die Menge Unwillig den entstammten Greis; Durchdringend schreit er im Gedränge: „Girolamo! Heil dir und Preis! „O laßt mich los! o laßt mich laufen Und ihm zu Füßen stürzen mich! Er soll, bevor er stirbt, mich taufen ! Jesus Messias! lasset mich! Wollt ihr das Wasser ihm verwehren, Wehrt ihm zu sprechen sein Geschick, Sv tauf er mich in meinen Zähren, Er segne mich mit seinem Blick!" Girolamo hört sein Begehren, Er spricht zum Juden feierlich: „Ich taufe dich in deinen Zähren Und segne mit dem Kreuze dich!" — Nun steige» ans Schaffet die Streiter, Domenico entschlossen stumm, > Girolamo spricht auf der Leiter Noch laut das Glaubenssymbolum, cnau, ^Lnvonarvla. Und als sie an den Gipfel kamen. Da spricht Girolamo de» Schluß: „kit in vitam nstsrnnin. /Vmen!" Und nickt dem Freund de» letzten Gruß. Nun stehn, umringt von Henkersknechten, Die Brüder auf dem Brandgerüst, Savonarola mit der Rechten Das Volk noch einmal segnend grüßt. Die Schergen sich geschäftig rühren Und rüsten flink die Todesqual; Die einen hier mit Ketten schnüren Die Brüder je an einen Pfahl, Ein andrer regt die Hände fleißig Am Scheiterhaufen, streut geschwind Schießpulver auf das dürre Reisig Und prüft von wannen streicht der Wind. Die Knechte zünden ans ein Zeichen Die Scheiterhaufen mit dem Span, Die Winde durchs Gerüste streichen Und eifern frisch das Feuer an. Niemand wird mehr auf Erden schauen, Girolamo, dein Angesicht! Die Liebe und das Gottvertranen In deinem klaren Augenlicht; Den Schmerzenszug an deinem Munde, Den auch dein Lächeln nie vertrieb, Den deine heilige Lebenswunde Um die beredten Lippen schrieb; Die Heldenstir», Freiheit begehrend, Die Furche drauf, den tiefen Pfad, , Den, rastlos immer wiedcrkehrend, Dein mächtiger Gedanke trat! Die himmlische Gedankeneinheit, Die strahlend aus dem Schmerze schien, Die blumenhafte Sittenreinheit Auf deinem Antlitz — ist dahin! Das gottestrunkene Entzücken, Das dieses Antlitz oft verklärt; Die Sehnsucht, Alle zu beglücken. Die seine Blüthe still verheert: Das ist verloren und vergangen, Das Alles wird gebrannt zu Staub! Die Flammen züngeln auf wie Schlangen, Verzehrend hastig ihren Raub. Doch Plötzlich hat, die Flamme» trennend, Der Wind den Ranch znrückgerollt, Die rechte Hand erhebt sich brennend. Ob sie das Volk »och segnen wollt'. — O Menschen, Menschen, arge Thoren! Weh euch! was habt ihr hier gethan! Wer gibt zurück, was ihr verloren. Was ihr zerstört in eurem Wahn?! Ihr habt den freundliche» Genossen, Der eures Jammers sich erbarmt, Das treuste Herz habt ihr verstoßen, Und wisset nicht wie ihr verarmt! Was hilft es, daß die Sonne scheinet, Und daß die Erde lustig blüht; Der es so gut mit euch gemeiner, Wenn er zu Asche hier verglüht? Ja! wenn ein Herz der Frühling hätte, Er finge laut zu klagen an Bor seinem heißen Todesbette, Den er euch nicht ersetzen kann. ! I. Nun mögen euch die Wälder rauschen, Die Frucht ist süß, uud kühl ihr Dach, Dem Saug der Vögel mögt ihr lausche», Mögt laben euch am frischen Bach; Den grünsten Wald habt ihr zerrüttet. Der Schatten euch und Frucht gereicht; Den reinsten Quell habt ihr verschüttet; Den hellsten Vogel sortgescheucht! — Allmählig löschen jetzt die Flammen; Verglommen ist der letzte Brand, Der Scherge fegt den Rest zusammen Und eilt damit zum Arnostrand, Was nicht der Wind, den Feuerstelle» Entführt, der Erde wiedergab, Die Asche streu'n sie in die Wellen, Mißgönnend ihr ein stilles Grab, — > Doch kann der Feuertod nicht bannen Das Wort Girolamo's, es fliegt Ans Flamm' nnd Rauch gestärkt von dannen, Tönt mächtig fort und fort — und siegt. Vergebens hat er nicht gestritten De» harten, ruhelosen Streit, ^ Und nicht umsonst hat er gelitten. Und sich dem Martyrtod geweiht. Nicht also treulos wird erfunden Die Menschheit je, so kümmerlich. Daß allen Herzen unempfundeu Ein Gotteshauch vorüberstrich. Die Wahrheit siegt, die Feinde wanken, Herein der Frühling Gottes bricht, Der Kirche weht, der müden, kranken, Genesuugsluft ins Angesicht. Die Schneclawinen alter Lügen, In langer banger Winterzeit Von all den trüben Wolkenzügen Auf unsre Alp herabgeschneit. Sie trifft des Frühlings Macht und Leben, Sie trifft der Sonnenblick des Herrn, Daß sie nur leicht und lose schwebe» Um des Gebirges festen Kern; Und es bedarf nur einer Stimme, Die, rings die Lust erschütternd, ruft, So stürzen sich mit lautem Grimme Tie Frostlawinen in die Gruft. — Der alte Tubal folgt den Leuten Zum Strande, traurig, ohne Wort, Als sie die Asche niederstreuten, Er zieht am Fluß hinunter fort. Er folgt dem Strom, dem soimenhelleii. Gedankenvoll, nnd weint, und lauscht Dem langen Leichenzug der Wellen, Der mit dem'Staub von hinnen rauscht. So zieht er fort am Arnoflusse Vom Morgen bis zum Abendlicht, Vis seinem alten lahmen Fuße Zur Wanderung die Kraft gebricht. Da steht einsam am Wiesenraine Ein Kreuz; er wirft die Krücke hin Und sinkt und läßt im Abendscheine Den Strom an sich vorüberziehn. Und starrend in die rothe» Fluten, Gedenkt er wieder kummervoll Der Kinder, sieht, wie sie verbluten; Doch schweigt in seiner Brust der Groll. Lenau, Savonarvla. Sein Herz empfing von ihm die Milde, Zn dem er fich hinübersehnt; Er blickt hinauf zum Christusbilde