Weg ;um Himmel, oder kurze Betrachtungen über die wichtigsten Glaubenswahrheiten/ und über die Geheimnisse des Leidens Jesu Christi auf jeden Tag des Monats, summt einigen Lehrstücken und Andachtsübungen, verfaßt von dem seligen Leonard von Worin Mauritio, apostolischen Missionär aus dem Orden des heiligen Franziskus von der strengen Observanz. Aus dem Italienischen übersetzt von Joseph Stark, Priester in dem Collegium bei Si. Salvator in Augsburg. -»««- Dreißigste verbesserte Auflage. Mit bischöflicher Gutheißung. Augsburg, 1855. Verlag von Nicolaus Doll. Wandelt, da ihr das Lickt habet, daniit euch nicht die Finsterniß überfalle, Ich, 22, 35, I» allen deinen Werken bedenke deine letzten Dinge, so wirst > du in Ewigkeit nicht sündigen, Jesnü soll allzeit in deinem Herzen sein, und das Biidniß des Gekreuzigten soll niemals ans deinem Gemnthe welche». Er soll deine Sreise nnd dein Trank, deine Süßigkeit und dein Trost, dein Honig nnd deine Begierde, deine Lesung nnd deine Betrachtung, dein Gebet nnd deine Beschaulichkeit, Er soll dein Leben, dein Tod und deine Auferstehung sei»,- / Hei!, BcrnarduS, Borbericht Eine kurze Nachricht von dem Verfasser dieses Wcrk- leius wird dem andächtigen Leser, wie ich hoffe, eben so angenehm als nützlich sein. Der selige Pater Leonard wurde zu Portu Mauritio, einer Stadt im genuesischen Gebiete, den 20sten Dezember 1676 geboren , und erhielt in der heiligen Taufe den Namen Paulus. Sein Vater Dominikus Casanurva, wegen seines christlichen und tugendhaften Lebenswandels allgemein bekannt, trug alle Sorge, seinen kleinen Paulus in der heiligen Furcht Gottes zu erziehen; und seine Mühe war desto besser angcwendet, weil das gesegnete Kind schon in der frühesten Jugend eine so große Neigung zur Frömmigkeit zeigte. Dieß sah man schon in den ersten Jahren; denn statt sich mit Kinderspielen zu ergötzen, brachte der junge Paulus die Zeit mit Beten und Andachtsübungcn zu. Er lud andere Knaben von gleichem Alter zu sich ein, und bestrebte sich, ihnen die Liebe zur Tugend ciuzuflößcn, er sagte ihnen, wie sic Maria die seligste Jungfrau verehren sollten, damit sie durch ihre mächtige Fürbitte von Gott die Gnade erlangten, L-» 4 Vorbericht. ihre Unschuld allzeit unbefleckt zu bewahren; er führte sie öfters zu einem in der ganzen Umgegend von Portu Manritio sehr verehrten Bilde Maria's und that dicß besonders znr Zeit, da Neapel vom Erdbeben erschüttert wurde, damit Gott durch die Fürbitte Maria's seinem Vaterlande gnädig wäre, und cs nicht mit eben dieser Strafruthe züchtigte. Nachdem er die gehörigen Jahre erreicht harte, fing er zu studircn au, und weil er große Fähigkeiten besaß und mit allein Eifer sich darauf verlegte, so machte er einen trefflichen Fortgang in den Wissenschaften. Dicß hinderte ihn aber nicht, auch auf dem Wege der Tugend fortzuschrcitcn: denn wie er am Altar zunahm, so wuchs er auch an Weisheit und Gnade vor Gott und den Menschen. Da dieses sein Oheim, Augustin Casanuova, hörte, berief er ihn zu sich nach Rom, damit er dort desto bessere Gelegenheit hätte, die Wissenschaften zu erlernen. . . . Als Paulus zu Rom angclangt war, erfüllte er vollends die Hoffnung, welche sich sein Oheim von ihm gemacht hatte. Er zeigte sich auch hier als ein Muster eines tugendhaften Jünglings, welcher Allen zur Erbauung diente. Sein Eifer im Gottesdienste, seine Eingezogenheit und Emsigkeit bei andächtigen Versammlungen leuchteten überall hervor; er trachtete mit allem Ernste nach einem versammelten, innerlichen und ganz frommen Leben. Wie sehr er sich sein Seelenheil.angelegen sein ließ, kann man dar- Vorbericht. 5 aus schließen, weil er schon dazumal die heilige Gewohnheit annahm, Gott dem Herrn seine Seele alle Abende eben so zu empfehlen, als wenn er noch diesen Tag oder die folgende Nacht sterben sollte. So brachte Paulus seine Jugendjahre zu. Er hatte schon lange eine Neigung zum Klosterleben, diese wurde immer stärker, und in dem ein und zwanzigsten Jahre seines Alters faßte er den festen Entschluß, die Welt zu verlassen, und sich Gott gänzlich in dem Ordensstande zu schenken. Nach reifer Ucberlegung hielt er zu Rom in dem Kloster des heiligen Bonaventura bei den ehrwürdigen Vätern Franziskanern der streugern Observanz um die Aufnahme au, weil ihm dieser strenge Orden besonders gefiel, und er von Gott dazu berufen zu sein glaubte. Sobald er von den Obern die Zusage erhielt, ließ er sich weder von seinen schwachen Kräften, noch von den Einwendungen seiner Verwandten und Freunde abhalten. Voll Freude verließ er die Welt und eilte dem Kloster zu, wo er eben so freudig empfangen wurde und den Namen Leonard erhielt. Er fing diese neue Lebensart an, wie man cs von einem so tugendhaften Jünglinge erwarten konnte. Er beobachtete alle seine Pflichten auf's genaueste; er gehorchte auf den leisesten Wink seiner Vorgesetzten; er ergriff alle Gelegenheiten, sich selbst abzu- tödtcn und zu verläugneu; das Gebet war seine Nahrung nnd liebste Beschäftigung, daß er also auch 6 Vorbericht. da seinen Mitbrüdern zur Erbauung und zum Muster diente; kurz, er betrug sich gleich von den ersten Jabren seines Klostcrlebens so, daß inan an ihm einen in der Tugend schon vollkommenen Ordcns- mann vor Augen hatte. Seine Gespräche mit seinen Brüdern waren allzeit von erbaulichen und heiligen Dingen; besonders redete er sehr oft und allzeit mit vorzüglichem Nachdrucke von Maria der seligsten Jungfrau, zu welcher er schon von Kindheit an eine zärtliche Liebe trug. Wie groß sein Eifer für das Seelenheil seiner Mitmenschen gewesen sei, kann man daraus abnehmen, daß er nichts so sehr wünschte, als in die Länder der Heiden und Irrgläubigen gesendet zu werden, um dort an der Bekehrung dieser Unglückseligen zu arbeiten und zugleich sein Leben mit dem Martertode zu beschließen. Zwei Gelegenheiten schienen ihm zu seiner Absicht günstig zu sein. Es wurden eben damals Arbeiter für den Weinberg des Herrn in das weit entlegene China gesendet, und Leonard bewarb sich, unter ihre Zahl zu kommen; da er aber dieses nickt erhielt, so bestrebte er sich, in das Luzernerthal zur Bekehrung der Ketzer geschickt zu werden; aber auch diese Hoffnung schlug ihm fehl, weil ihn nämlich Gott für die Italiener, seine Landsleute, bestimmt hatte. Er hielt sich also aus Alles bereit, was der Herr mit ihm verfügen würde. Borbericht. 7 Bevor er noch Priester war, gab ihm sein Vorsteher den Auftrag, in dem Erziehungshause des heiligen Johannes vom Lateran die Fastenpredigten zn halten. Er that dieses mit einem solchen Eifer, daß man daraus ersehen konnte, wie gewaltig er einst seine Stimme erbeben würde. Die Herzen wurden auch so sehr gerührt, und die Früchte seiner Predigten waren so häufig, daß die Zuhörenden den Eindruck Zeit ihres Lebens behielten, und noch im hohen Alter mit Bewunderung davon sprachen. Bald darauf ward er zum Priester geweiht, und feierte mit unbeschreiblicher Andacht und Inbrunst das heiligste Opfer. Seine Obern zweifelten nickt, daß die jüngern Ordensgcistlicken aus seinem Unterrichte großen Nutzen ziehen würden, deßwegen trugen sie ihm das Lehramt auf. Er fiel aber bald in eine schwere Krankheit; man wendete alle Mittel an, ibn wieder Herzustellen, man schickte ihn an verschiedene Orte, doch Alles war vergebens. Da wendete er sich nun selbst mit ganzem Vertrauen zu Maria der seligsten Jungfrau, und bat sie, sie sollte ihm doch von ihrem göttlichen Sohne die Gesundheit erwerben, damit er dieselbe zu Seinem Dienste anwenden könnte; er versprach, wenn er von seiner schweren Krankheit befreit würde, so wolle er sich als Bußprediger mit allem möglichen Fleiße auf die Bekehrung der Seelen verlegen. Wie angenehm Gott dieses Versprechen gewesen, 8 Vorbericht. zeigte der Erfolg; das Uebel ließ nach, und in kurzer Zeit war er vollkommen gesund. Er befand sich damals eben zu Port» Manritio, seinem Geburtsorte; weil er aber noch nicht gleich mit den Missionen oder Büßpredigten den Anfang machen konnte, so errichtete er mit gesammelten Almosen und mit den Beiträgen seiner Verwandten und Freunde vor dem Kloster in besonderen Zellen einen Kreuzweg. Zur größeren Bequemlichkeit der Leute führte er die nämliche Andacht auch in der Kirche ein, und stellte die gcwöbnlichcn Geheimnisse des Leidens Jesu in Gemälden vor. Alle Sonntage wurde sodann die Krcuzwcgandacht allgemein und feierlich vorgenom- mcn; am Ende hielt er immer eine Anrede, in welcher er die Abscheulichkeit und Schwere der Sünde deutlich zeigte, und seine Zuhörer überzeugend belehrte, die Betrachtung des Leidens Jesu Christi sei das wirksamste Mittel, Haß und Abscheu gegen die Sünde einzuflößen. Diese Beschäftigung setzte P. Leonard mit seinem gewöhnlichen Eifer fort. Unterdessen erreichte er sein dreißigstes Jahr, nnd fing nun an, Beicht zu hören und überall in den umliegenden Gegenden zu predigen. Alles geschah mit ungemeinem Nutzen; seine Predigten endigten sich mit dem Seufzen und Weinen der Zuhörer, welche zu Gott um Barmherzigkeit riefen. Endlich im Jahre 1708, im Monate Mai, fing er die eigentlichen Missionen an. Er hatte da- Borbericht. 9 mals keinen Gehülfen, es lag also die ganze Last dieses Geschäftes auf ihm allein. Er predigte, er gab Unterricht, er hörte Beicht, und that Alles, was immer erforderlich war; und Gott segnete die Bemühung Seines Dieners auch reichlich. Kaum war die erste Mission vorbei, da wurde er ersucht, eine zweite zu halten; auch diese übernahm er mit Freuden, und endigte sie mit gleichem Erfolge. Als er eine Zeit lang so beschäftigt war, wurde er nach Florenz geschickt. Er bemühte sich auch hier auf alle Weise, die Sünden und Laster auszurotten, und die Furcht Gottes einzupflanzen, und seine Bemühungen waren keineswegs fruchtlos. Bei seinen Predigten war der Zulauf ungemein groß, er gewann Aller Herzen, und der gottselige Grvßherzog, Cosmus der Dritte, schenkte ihm sein ganzes Zutrauen, weil er die häufigen Früchte sah, welche dieser apostolische Mann hervvrbrachte, und weil die allgemeine Verbesserung der Sitten offenbar in die Augen fiel. Um dieselbe Zeit war an verschiedenen und besonders in den zunächst gelegenen Orten die Pest, und unter dem Vieh eine verheerende Seuche. Der fromme Fürst verlangte, P. Leonard sollte zwei achttägige Gcmüthsversammlungen auf die Weise der Missionen halten; die eine in der Abtei der heiligen Felizitas, die andere in der Kirche des heiligen Laurentius, damit das Volk in sich ginge und Gott 10 Borbericht. durck die Buße besänftigt würde. Alles ging nach Wunsch ; aber cs folgte noch eine so große Trockenheit, daß man neben der Pest auch eine Hungersnot!) befürchten mußte. Weil die Früchte in den zwei Missionen so groß gewesen, glaubte der weise Fürst kein besseres Mittel wählen zu können, als wenn P. Leonard auch in der Hauptkirche der Stadt drei Tage lang Buße predigte. Es geschah, die Zuhörer wurden gerührt; eS flössen ihnen nicht nur die Thräncn aus den Augen, sondern sie seufzten und jammerten, und unzählbare Bekehrungen erfolgten. Gott hielt seine Strafruthe zurück, und alle Furcht vor der Pest verschwand. Da also der Großberzog sab, daß seine Staaten vorzüglich durch die Fürbitte Maria's von den drohenden Nebeln verschont geblieben, begehrte er, P. Leonard sollte zu Weihnachten eine kurze Mission halten, zur Danksagung für eine so große Gnade. Der Ort dazu wurde zwei Stunden außerhalb der Stadt gewählt, wo ein Bild der Mutter Gottes sehr verehrt wird. Der Großberzog sammt dem vornehmsten Adel war selbst zugegen; der Zulauf aber aus der Stadt und von dem ganzen Gebiete war so groß, daß man die Zahl der Leute, besonders bei der letzten Predigt, über hundert tausend schätzte. Obwohl die Menge der Zuhörer so groß, und Einige beinahe eine halbe Stunde von dem Bußprediger entfernt waren, so verstanden ihn doch alle ohne Mühe, so daß ibncn nicht ein Vorbericht. 1t Wort entging; was nach dem gewöhnlichen Lanfe der Dinge unmöglich hätte geschehen können. Nun war also das große Werk angefangen; Jedermann erkannte, Gott gebe der Stimme Seines Dieners die Kraft. Aller Herzen so gewaltig zu rühren. Deßhalb verlangte auch der Großherzog, er sollte auch in seinem übrigen Gebiete den Saamen des göttlichen Wortes aussäen; die Bischöfe Italiens bestrebten sich auf alle Weise, diesen vom Himmel so gesegneten Mann eine Zeit lang für ihre Heerden zu erhalten, und der große Seeleneiferer P. Leonard wünschte nichts so sehr, als Allen genug thnn zu können. Er scheute keine Mühe und Beschwerde; denn auf dieser Laufbahn brachte er sein noch übriges Leben, das ist, beinahe vier und vierzig Jabre zu. Er durchstreifte viele und rauhe Gegenden, auch bei der unbequemsten Witterung, in Schnee und Regen. und bis auf das letzte Jahr allzeit mit bloßen Füßen. Wenn er dieselben auf dem rauben Wege an den Steinen verletzte, und häufiges Blut floß, so ertrug er die Schmerzen mit größter Geduld, um dadurch die Gnade zu erhalten, daß er etwa eine Seele mehr bekehren könnte; wenn er auf Dornen trat, setzte er seinen Weg fort, nur wenn er nicht mehr gehen konnte, zog er sie heraus, er sab sie als den größten Schatz an, er küßte sie und sagte: Wenn Jesus Christus am Kreuze gestorben ist, die Seelen zu erlösen, so ist es ja nichts Großes, daß 12 Borbcricht. ich dieses Wenige leide, damit ich eben diese Seelen auf den rechten Weg bringe. Wider die Kälte war er schlecht verwahrt, weil er immer nur die schlechtesten Kleider trug; sein Fasten war äußerst streng und fast immerwährend; auf der harten Liegestätte gönnte er sich nur eine kurze Ruhe; und alle diese Strengheiten übte er auch neben den Arbeiten der Mission aus; Jedermann glaubte, nach dem gewöhnlichen Laufe der Dinge hätte er unterliegen müssen, wenn ihn Gott nicht besonders gestärkt hätte. Doch bei allen seinen Bemühungen setzte der Diener Gottes ein gänzliches Mißtrauen auf sich selbst; denn er wußte, daß weder dem, der pflanzt, noch dem, der begießt, sondern Gott allein, der das Gedeihen gibt, Alles zugeschrieben werden müsse. Wenn er daher nicht wirklich mit fremdem Seelenheile beschäftigt war, so verfügte er sich in abgelegenen Klöstern in die Einsamkeit. Hier verdoppelte er sein ohnehin strenges Fasten und seine Bußwerke, er beschäftigte sich nur mit dem Gebete uud mit Betrachtung himmlischer Dinge; da brachte er bisweilen zwei Monate, wie einst Moses auf dem Berge, in der Unterredung mit Gott zu, und so bereitete er sich wieder zu den künftigen Arbeiten vor. Er wollte zuerst selbst vor Liebe brennen, damit er dieses himmlische Feuer auch in Andern entzünden könnte. Und um immer noch mehr Seelen zu gewinnen und Gott zuzuführen, rief er auch Andere, und besonders Vorbericht. 13 die Klosterfrauen, um ihr Gebet an; diesen sagte er, auch sie könnten gleich den Bußpredigern am fremden Seelenheile arbeiten, wenn sie nämlich für die Bekehrung der Sünder beteten, weil oft eine Zunge, welche in der Stille zu Gott redet, mehr ausrichtet, als ein Prediger, der den Sündern zürnst. Er nahm aber auch selbst allzeit zum Gebete seine Zuflucht; bevor er eine Mission anfing, bat er Maria, die seligste Jungfrau, seine Patronen, die heiligen Schutzengel mit allem Eifer um die Bekehrung dieses Volkes; in dieser Absicht verrichtete er seine gewöhnlichen Andachten und das heiligste Meßopfer. Er bestieg niemals die Kanzel, ohne daß er sich nicht zuvor auf das tiefste- demüthigte, die heiligste Dreifaltigkeit voll Ehrfurcht anbetete, und sich zu allem Guten ganz untauglich bekannte; daher vertraute er aber vollkommen auf Gott, und gebot der ganzen Höllenmacht zu weichen; er empfahl den heiligen Schutzengeln die ihnen anvertrauten Seelen; er ermunterte sich zu einem lebendigen Glauben, und legte alle seine Worte in die Seitcnwunde Jesu Christi, damit sie desto größer» Nachdruck haben und in die Herzen eindringen möchten; da wiederholte er oft sein gewöhnliches Schußgebetlcin: „O mein Jesu! Barmherzigkeit;" er bat seinen besonder» Fürsprecher, den heiligen Vinzenz Ferrerius, er wolle ihm einen gleichen Eifer und seinen Worten den nämlichen Ausdruck erhalten, und Maria die seligste Jungfrau Vorbericht. flehte cr an, daß sie seine Zunge und sein Herz segnen wolle. Selbst unter den Predigten erneuerte er oft seine aufrichtige Meinung, nur die Ebre Gottes zu suchen; er ries öfter den heiligen Geist an, und bat Gott, Er wolle Sich seiner Zunge als eines Werkzeuges bedienen, die Herzen zu durchdringen und zur Reue zu bewegen. Mit dieser Zubereitung trat er auf die Bühne, wo er dann mit aller Freimüthig- keit Jesum den Gekreuzigten predigte, und nichts anderes suchte, als die verirrten Seelen Ihm zuzuführen; er betbeuerte, er wollte mit Freuden sein Blut und Leben aufopfern, wenn nach der Mission nur kein Sünder mehr in seinem elenden Zustande verharrte, sondern sich alle durch eine aufrichtige Buße mit Gott aussöhnten. Auf diese Weise verwaltete der eifrige Diener Gottes sein apostolisches Amt bis an das Ende seines Lebens. Unermüdet durchwanderte er einen großen Theil von Italien; er zog von einer Stadt in die andere, von einem Orte in den andern, um den Sündern die Buße zu predigen, und Allen das Heil zu verkünden. Bisweilen brachte cr mit einer einzigen Mission dreißig oder auch vierzig Tage zu, wo er Alles anwendete, um die harten Herzen zu erweichen und die Sünder zu Gott zurück zu führen. So groß aber der Eifer des seligen P. Leonard gewesen, so reichlich war auch der Segen von Gott. Ueberall sammelte er häufige Früchte, die Bekehrun- Vorbericht. 15 gen waren unzählbar, die Mißbrauche wurden abgeschafft , die Aergerniffe gehoben, die Sitten allgemein verbessert, die Andacht und Gottesfurcht blübte wieder in allen Ständen. Im Jabre 1744 wurde er nach Korsika geschickt. Diese Insel war damals in dem betrübtesten Zustande; der lange Aufruhr hatte Alles in Verwirrung gebracht; die Einwohner waren gegen einander selbst äußerst erbittert; es wurden viele Todtschläge verübt, und dadurch stieg idre Rach- begierde aus das höchste. Wenn der Diener Gottes an einem Orte anlangte, fand er das Volk in zwei Partbeien getheilt, dis mit Mordgcwebren versehen waren, und einander nach dem Leben strebten. Seine erste Bemühung war, diese tobenden Menschen zu einem Waffenstillstands zu bereden, und während der Mission mit den Feindseligkeiten zurück zu halten; nachdem er dieß erhalten batte, erschienen zwar die beiden Partbeien bei der Mission, aber bewaffnet, und jede mit ihrem Anführer. Hier nun bot der apostolische Mann alle seine Kräfte auf; er redete ihnen zu, er gab ihnen Verweise, er drang mit Bitten in sie; er stellte ihnen die Güte Gottes vor, und lud sie zu Seiner Barmherzigkeit ein; er hielt ihnen die schrecklichen Gerichte des Herrn vor Augen, und drohte ihnen mit Seiner strengen Gerechtigkeit. An einigen Orten wurden die Gemüther bald besänftigt, aber an andern schienen sie ganz verhärtet zu sein, doch zuletzt wurden alle erweicht. 16 Vorbericht. Wo der Diener Gottes immer hinkam, änderte sich Altes auf einmal; erbitterte Feinde söhnten sich aufrichtig mit einander aus; sie machten Freundschaft mit Gott, und ihr christlicher Wandel war nun Allen zur Erbaunng; und wenn ihnen ihr Friedensstifter nicht so geschwind wieder wäre entzogen worden, so hätte man die Herstellung einer dauerhaften Ruhe in der ganzen Insel hoffen können. Von diesem Ort und von diesen Früchten kann man nun den Schluß aus den Erfolg in andern Gegenden machen. So eifrig der selige P. Leonard im Predigen war, eben so unermüdet war er auch im Beichtstühle, in welchem er nicht nur die Tage, sondern oft auch viele Stunden der Nacht zubrachte. Die größten Sünder fanden an ihm immer einen gütigen Vater; er nahm sie alle liebreich auf und erleichterte ihnen die Beschwerden der Buße. Einige erinnerte er an ihre vergeßnen Sünden; Andern entdeckte er die Heimlichkeiten, welche sie sich nicht zu offenbaren getrauten; er stellte ihnen vor, wie bereitwillig der erbarmende Erlöser sei, auch die größten Sünder gnädig aufzunchmcn, wenn sie nur in sich gingen und ihre Verbrechen bcreueten. Er wußte ihnen so nachdrücklich zu Herzen zu reden, daß sie vor seinen Füßen ganz geändert wurden, ihre Sünden aufrichtig bereuten, »nd voll Trost sich von ihm entfernten. Vorbericht. 17 Er hatte gleichfalls eine besondere Gabe, die Tugendhaften im Guten zu befördern, und wußte Alle auf die nachdrücklichste Weise zur Liebe Gottes zu ermuntern. Dazu schlug er als ein vortreffliches Mittel die Uebung in der Gegenwart Gottes zu wandeln vor, und sagte, man solle cs mit Gott wie mit einem guten Freunde machen. Mit einem Freunde weiß man sich auch in der Finsterniß zu unterhalten, man redet mit ihm von eigenen und fremden Sachen: eben so soll man sich Gott durch den Glauben vorstcllen, wie Er uns immer gegenwärtig ist, und alle unsere Gedanken sieht. Daher soll man ihn immer ehren, anbctcn, an Seine Hoheit denken, oder was vielleicht noch weniger Mühe kostet, man soll Ihm seine Armseligkeit vortragen, Ihn um Hülfe anrufcn, um Reue über seine Sünden und um Verzeihung derselben bitten, und Ihn für Andere und für sich um Gnade anflehen. Wie er selbst ein unerschütterliches Vertrauen auf Gott hatte, so suchte er auch Andere in demselben zu befestigen. In einem Unterrichte, welchen er hierin gab, schrieb er auf folgende Weise: „Stelle dich in deiner Armuth vor dem Throne Gottes dar, und bitte wie ein Armer, der in allen Stücken die Hülfe nöthig hat. Damit Er dich erhöre, stelle Ihm Seine eigene Güte und deine Armseligkeiten vor; opfere Ihm die Verdienste Seines Sohnes ans, und erinnere ihn an Seine Verheißungen. Sprich mit 18 Vorbericht. einem demüthigen Herzen zn Ihm: Ach Herr! was verlierst Du wohl, wenn Du mir eine inbrünstige Liebe, eine tiefe Dcmntb, eine englische Reinigkeit gibst? Für mich wird cs ein großes Geschenk sein, was entgeht aber deßwegen Dir? Um diese Gnade aber bitte ich Dich, o mein Gott! durch Deine Güte und durch Deine unendliche Barmherzigkeit. Damit du Jbn noch mehr zur Erbarmung bewegest, mache es wie ein Bettler, der um Almosen bittet. Dieser zeigt allen Vorübergehenden seine schlechte, zerrissene Kleidung und seine Wunden; eben so verhalte auch du dich gegen Gott, und sage: Sieb', o Hcrr! diese, jene Unvollkommenheit von mir an; steh, wie ich von Hoffart eingenommen bin, wie hochmütbig mein Herz ist; hilf mir, o mein Gott! damit ich mich bessere. Opfere Ihm die Verdienste Jesu Christi unsers Heilandes auf, und sage: O Herr! ich habe keine Verdienste, ich bin äußerst arm, aber ich spreche mit dem andächtigen heiligen Bernard zu Dir: „Sieh', Deine Wunden sind meine Verdienste!" Wenn ick ans Liebe zu Dir das Blut vergossen hätte, wie es Dein Sohn vergossen hat, würdest Du mir nicht Gnade erweisen? Vielmehr mußt Du es jetzt thun, da Dein gebenedeiter Sohn Sein Blut für mich vergossen har. Erinnere ihn an seine Verheißungen und sage: Hast Du nicht Selbst mir in Deinem Evangelium versprochen, Du werdest mir Alles geben, um was ich zum Nutzen meiner Seele bitten werde? Vorbericht. 19 Wenn es nun so ist, so kannst Du Dein Wort nicht mebr zurücknebmen; auf dieses stütze ich mich. Wie er sich überhaupt bestrebte, Alle zum Vertrauen zu ermuntern, so bemühte er sich vorzüglich, bedrängte Gemüther auszurichten und Betrübte zu trösten. Diese suchten in großer Anzahl bei ihm als bei einem Vater Hülfe. Unter Andern entdeckte ihm eine Klosterfrau ihr äußerstes Elend; der böse Feind erschien ihr sichtbar, und machte ihr vor, sie möchte thun, was sie wollte, ihr Untergang sev gewiß, und sie sev ewig verloren. Der liebreiche Seclenarzt suchte sie mit Trostgründen zu beruhigen, aber dieß- mal batten sic keine Wirkung. Endlich schrieb er, wenn der Betrüger sie noch einmal anfallen würde, so sollte sie ihm nur antworten: „Ob ich verdammt werde oder nicht, daran will ich nicht denken, sondern ich will Gott lieben, so viel ich immer kann." Sic gehorchte und entfernte mit dieser Antwort den Versucher für immer von sich. Auch die leiblichen Anliegen der Armen gingen dem mitleidigen Vater innigst zu Herzen. Er bewarb sich daher auf alle Weise, ihrem Elende zu steuern, und ihrer Noth abzuhelsen. Vielen Kranken und Preßhas- ten, bei denen man alle Mittel vergebens angewendet hatte, erhielt er die Gesundheit. Wo er immer hinkam, brachte er Heil und Segen mit sich; es ist also kein Wunder, daß man ihn überall als einen Engel des Friedens aufnahm, und als einen Heiligen ehrte. 20 Vorbericht. So verwaltete dieser Eiferer für das Seelenheil die Gesandtschaft, welche ihm Gott aufzetragen hatte. Es würde unglaublich scheine», daß ein einziger Mann so Vieles zu Stande gebracht habe, wenn man nicht wüßte, daß die schwächsten Werkzeuge in der mächtigen Hand Gottes Alles ausrichten können. So viel er aber immer für Andere unternahm, so war er doch für sich selbst und die eigene Vollkommenheit nicht weniger besorgt. Mitten unter so vielen Geschäften lebte er in einer beständigen Sammlung. So wandeln die vorzüglich getreuen Diener Gottes schon im Himmel, obwohl sie noch auf dieser irdischen Wanderschaft sind, und sie haben dadurch eine Gleichheit mit den Engeln, welche immer vor dem Throne Gottes stehen, aber auch auf Seinen Befehl für die Menschen wachen. Den seligen P. Leonard konnte Nichts von der Liebe Seines Heilandes abhalten, weil er davon ganz durchdrungen war. Er trug eine besondere Ehrfurcht gegen den heiligsten Namen Jesu, und trachtete, dieselbe auch Andern einzuflößen. Bei den Predigten hielt er diese heiligsten Namen seinen Zuhörern in einem Gemälde vor, und bat, auch sie sollten ihn zur öffentlichen Verehrung ausstellen, an ihren Häusern aufmachen, und oft mit Andacht anS- sprechen, und damit sie sich desto öfters an diesen heilbringenden Namen erinnerten und ihn zugleich ehrten, sollten sie einander mit den Worten grüßen: Vorbericht. 21 „Gelobt scy Jesus Christus!" Er wiederholte diesen göttliche» Namen beständig in dem kurzen Schuß- gebctlein: „O mein Jesu, Barmherzigkeit!" welches er sich ganz eigen gemacht hatte. Er hatte einen Bund mit Gott geschlossen, so oft er diese Worte ausspreche, wolle er um die Gnade bitten, Ihn lieben zn können, er wolle auch die reine Meinung dadurch erneuern, in allen Dingen das Wohlgefallen Gottes zu suchen und Seinen heiligsten Willen zu vollziehen. Daher hatte er sich vorgcuommcn, diese Worte den Tag hindurch viele hundert Male im Geiste zu denken, oder mit der Zunge auszusprc- chcn. Durch dieses Mittel wollte er zugleich sein Herz ohne Unterlaß mit Gott unterhalten, welches er für die wichtigste Beschäftigung ansah. Weil er ein gänzliches Mißtrauen auf sich selbst setzte, so rief er vor allen seinen Werken, vor großen und kleinen, zeitlichen und geistlichen, Gott um Seine Hülfe an, und wiederholte diese Anmuthung: „O mein Jesu, Barmherzigkeit!" Mit diesen Worten bat er um Gnade, die Sünder zu bekehren; mit diesen trieb er die Versuchungen ab; mit diesen ermunterte er sich in den Beschwerden. „O mein Jesu, Barmherzigkeit!" dieß waren seine ersten Worte beim Erwachen , und auch die letzten vor dem Schlafe. Weil ihm dieses Mittel so dienlich war, suchte er auch Andere dazu zu bereden, sowohl durch sich selbst, als durch seine Mitgehülsen bei der Mission. Zu Eini- 22 Vorbcricht. gen, die von ihm cin nützliches Lehrstück zu hören verlangten, sagte er: Macht gleich Morgens mit Gott den schönen Bund: O Herr! so ost ich diese heiligen Worte: „O mein Jesu, Barmherzigkeit!" entweder aussvrcchc oder im Herzen denke, so ost verlangeich die inbrünstigste Liebe zu Dir zu erwecken. Unter Tags sodann erneuert ost diese heilige Anmuthung: „O mein Jesu, Barmherzigkeit!" Wenn cS hundertmal geschieht, werden cs hundert Hebungen der Liebe Gottes sein, tausend aber, wenn die Worte tausendmal wiederholt werden. Seine Andacht gegen das heiligste Altarssakra- mcnt war desto inbrünstiger, je lebendiger sein Glaube war. Die Kirche war sein Paradies, da betete er Jesnm seinen Heiland in tiefster Ebrsurcht an, und unterhielt sich mit Jbm so ost und so lange, als er immer konnte. Die heilige Messe hielt er für den größten Schatz; er bestrebte sich daher, so vielen heiligen Messen beizuwohncn, als cs seine Bcrnssgc- schastc erlaubten. Gleich in der Frühe erweckte er die Begierde, alle anzuhören, welche in der ganzen Welt gelesen werden. Er selbst verrichtete täglich das heilige Meßopfer, wenn er nur immer eine Kirche erreichen konnte. Wenn er auch einen weiten Weg von sechs oder bisweilen von acht Stunden entweder in der größten Hitze oder bei der schlimmsten Witterung gemacht hatte, so daß er von Durst ganz ausgetrocknct war, und sich wegen Abmattung Vorbericht. 23 kaum mehr aufrecht halten konnte, so las er dennoch mit seiner gewöhnlichen Inbrunst die heilige Messe. Die heilige Kommunion empfing er allzeit als die Wegzehrung der Sterbenden, nicht anders, als wenn cs seine letzte wäre. Drei Tage vor seinem Hinscheiden befand er sich auf der Reise nach Rom. Er war sehr krank, dcßmegcn bat ihn sein Gefährte, er sollte sich in diesen Umständen schonen, und sich nicht durch das Meßlcscn noch mehr schwachen; aber er antwortete ibm: „Mein geliebter Bruder! eine heilige Messe ist mehr werth, als alle Schätze der Welt." Vor Entkräftung zitterten ibm die Knie, und vor Schwäche konnte er kaum mehr reden, aber er nahm alle Kräfte zusammen und vollendete das heiligste Opfer. Er gab sich alle Mühe, daß diesem heiligsten Sakramente auch von Andern die gebührende Ehre bezeigt wurde. Wenn die heiligen Gesäße nicht anständig genug waren, so traf er Vorsorge, daß bessere gemacht und daß die Beleuchtung und Kirchen- zicrde gebührend hergeschafft wurde. Vorzüglich war er besorgt, daß das heiligste Sakrament zu den Kranken sowohl mit Andacht und Eifer, als auch mit Pracht begleitet wurde. An vielen Orten hat er die ewige Anbetung cingesührr; eine Ehre, welche so billig dem göttlichen Erlöser erwiesen wird; eine Andacht, die so erbaulich ist, und so viele himmlische Schätze erlangt. 24 Vorbericht. Besonders verehrte der selige P. Leonard das Leiden Jesu Christi. Von diesem redete er am öftesten. mit diesem war er in seinen Gedanken immer beschäftigt. Er fing daher seine Betrachtung insgemein mit einem Geheimnisse des leidenden oder des gekreuzigten Jesu an. Die priesterlichcn Tagzeitcn richtete er so ein, daß er bei einem jeden Thcile derselben ein besonderes Geheimniß des Leidens zu Ge- müthe führte. Das Leiden Jesu Cbristi sah er als das Mittel an, die Welt zu heiligen und von dem Joche des SatanS zu befreien. Er wünschte daher nichts so sehr, als mit Vergießung seines Blutes und mit Aufopferung seines Lebens zu bewirken, daß alle Gläubigen oft an das Leiden ihres göttlichen Erlösers dachten und dasselbe im Herzen eingedrückt hätten. Er führte den Gebrauch ein, daß am Freitag Nachmittag um drei Uhr mit der Glocke das Zeichen gegeben wurde, damit die Gläubigen knieend drei Vater unser und drei Ave Maria beten sollten zu Ehren des leidenden Jesu, welcher nach einer dreistündigen Todesangst um diese Zeit für unS am Kreuze gestorben ist; zugleich sollten sie auch gedenken, daß der Sohn Gottes^ vor Seinem Tode für die Bekehrung der verstockten Sünder gebetet hat. Neben seinen gewöhnlichen Betrachtungen vom Leiden Jesu Christi betete er täglich, wenn cs immer sein konnte, den Kreuzweg, und zwar mit solchem Eifer und mit solcher Rührung, daß er oft in Thränew Vorbericht. 25 zerfloß, aus Mitleid über die grausamen Qualen und Peincn seines Jesu. Für diese Andacht war er besonders eingenommen, er bemühte sich, dieselbe überall zu verbreiten; und wie wir gesehen, hat er mit Einrichtung des Kreuzwegs bei seinen Missionen den Anfang gemacht. Während seines apostolischen Amtes hat er ihn überall, wo er nicht schon in der Uebnng war, eingeführt, damit das Andenken an die Mission dadurch erhalten würde. Immer bemerkte man an ihm eine besondere Freude, wenn er wieder einen Kreuzweg errichtet hatte, welches an mehreren hundert Orten geschehen ist, und da ihn sein Gefährte um die Ursache seiner Freude fragte, antwortete er: „Ist es denn etwas Geringes? ich habe einen Kreuzweg errichtet, und dieser wird eine immerwährende Mission sein. Wie Viele werden einen Abscheu vor der Sünde bekommen und dieselbe nicht mehr begehen, wenn sie bei Besuchung der andächtigen Stationen sehen werden, wie viel Jesus Christus für die Sünder gelitten hat, oder wenn sie wirklich in Sünden stecken, so werden sie zur Rene bewogen werden und ihre Laster beweine», da sie mit Augen anschen, was für ein großes Ucbel sie durch die Sünde verübt haben." Er gab seinen Beichtkindern oft zur Buße auf, daß sie den Kreuzweg beten sollen; er ermahnte auch andere Beichtväter, ein Gleiches zu thnn, damit auf diese Weise das Andenken an das Leiden Jesu Christi desto tiefer in Weg zum Himmcl. 2 26 Vorbericht. die Herzen der Gläubigen eingeprägt würde, und damit sie sich durch diese so heilige Uebung zu allem Guten tauglicher machten. Im vorletzten Jahre seiner apostolischen Laufbahn brachte er zuwege, daß durch die Beiträge eifriger Christen, und vorzüglich durch die Freigebigkeit des Papstes Benedikt XIV., der Kreuzweg zu Rom im Kolosseum errichtet wurde, wo diese Andacht auch noch in unfern Tagen immer mit großem Eifer zur allgemeinen Erbauung gehalten wird. Der selige P. Leonard trug Tag und Nacht ein Kreuz auf der Brust, an welchem spitzige Stiften befestigt waren, damit er allzeit zu leiden hatte, und zugleich beständig an das Leiden Jesu Christi und an die Schmerzen der seligsten Jungfrau Maria erinnert würde. „Ich will, sagte er, Jcsum den Gekreuzigten allzeit im Gcdächtniß mit mir herumtra- gcn, ich will Ihn mitten in meinem Herzen haben, da will ich mich dann oft zu Seinen Füßen werfen und meine Sünden beweinen." Um diese Gnade bat er sehr oft, und hatte immer folgende Worte im Munde: „Das Leiden meines gütigen Jesu sei allzeit in meinem Herzen!" Bei seinen Fasten und Bußwerken, bei Abmattungen, Schmerzen und allen Mühseligkeiten waren seine Gedanken immer aus das Leiden Christi gerichtet; deßwcgen ertrug er Alles mit größter Geduld, und ermunterte auch Andere dazu. Die Glückseligkeit im Himmel, sagte er, bc- Vorbericht. 27 steht in Freuden, aber die Glückseligkeit auf dieser Erde besteht im Leiden, und wenn je eine Krankheit, die Verachtung, das Leiden will beschwerlich fallen, nur geschwind einen Blick auf Jcsum, dessen gewöhnliche Gefährten der heftigste Schmerz, die größte Verachtung und die äußerste Armuth gewesen sind. Wenn ihm bei seinen Missionen größere Beschwerden aufstießen, sab er cs als eine besondere Gnade von Gott und als eine gute Vorbedeutung an, daß der Seelcngcwinn desto reichlicher sein werde. Er war auch in solchen Vorfällen, wie auch in den größten Schmerzen, voll Freude; ja er hatte das sehnlichste Verlangen, noch mehr zu leiben. In einem Briefe schrieb er: „Bittet Gott für mich, daß Er mir die schmerzlichste Krankheit schicke, welche je ein Mensch gelitten hat; zugleich aber soll Er mir die inbrünstigste Liebe geben, daß ich noch mehr zn leiden verlange; und weil der so sehr gewünschte Augenblick, Gott das höchste Gut zu sehen und zn genießen, immer näher kommt, so bittet, daß ich unter der Kelter des Kreuzes sterbe, und von dem Feuer der heiligen Liebe entzündet und gleichsam verzehrt werde." Wie der Weltapostcl, so hatte auch der selige P. Leonard die Wundmale Jesu eingedrückt, und er trug seinen Tod beständig in seinem Leibe herum. Er predigte also Jcsum den Gekreuzigten nicht nur mit Worten, sondern mit seinem ganzen Lebenswandel; daher geschah cs auch, daß 28 Vorbericht. viele Sünder durch den bloßen Anblick dieses Apostels gerührt und bekehrt wurden. Wir haben schon gesagt, daß der selige P. Leonard gegen die seligste Jungfrau Maria von seiner ersten Jugend an ein recht kindliches Vertrauen und eine zarte Andacht hatte. Aber wie in andern Tugenden, so nahm er da auch immer zu. Das wichtigste Geschäft seines ewigen Heiles übergab er in die Hände Maria's; als seine liebste Mutter liebte Lr sie mit der ganzen Inbrunst seines Herzens; er wünschte nichts so sehr, als daß sie von Allen geliebt und geehrt würde. Auf seiner Brust trug er ein kleines Bildniß von der unbefleckten Empfängniß, welcher er besonders zngcthan war. Mit diesem Bildniß segnete er die Kranken, er nahm cs oft in die Hand, küßte cS unter den zärtlichsten Anmuthnn- gcn der Liebe; alle Stunden grüßte er sic mit einem Ave Maria, wünschte ihr Glück, daß sie ohne Mackel empfangen und zur Mutter Gottes erwählt worden ist, und sagte der heiligsten Dreifaltigkeit Dank wegen der ihr crthciltcn Gnaden. Zu seinen Unter- nebmungcn begehrte er von ihr den Segen. Täglich betete er einen Rosenkranz von sieben Gcsctzlcin; oder wenn ihm seine Geschäfte nicht so viele Zeit gestatteten, erinnerte er sich siebenmal an die sieben Freuden, welche das heiligste Herz Maria's empfunden hat. Zwölsmal jeden Tag bewies er ihr durch tiefe Verbeugung eine besondere Ehre, bei jeder bat er Vorbericht. 29 um die Gnade einer englischen Reinigkeit des LeibeS und der Seele, um eine tiefe Demuth, und um die Bekehrung der Sünder, und bethenerte, daß er sie von Herzen liebe, und bis ans den letzten Athemzng lieben wolle. Auf ihre vornehmsten Feste bereitete er sich mit einer neuntägigen, auf ihre übrigen Feste mit einer dreitägigen Andacht vor. An diesen Tagen betete er neunmal das Magnifikat mit tiefer Verbeugung zum Zeichen der Ehrerbietung; jedesmal dankte er der heiligsten Dreifaltigkeit für die Gnaden, welche sie der seligsten Jungfrau in diesem Geheimnis; erwiesen hat, er erweckte Reue über seine Sünden, und Liebe zu Gott und zu Maria. An den Vorabenden ihrer Feste und am Samstage hielt er die strengste Fasten; die Schmerzen des bedrängten Herzens Mariä trug er auch immer seinem Herzen eingedrückt. Er be- thcuerte, Maria sei die mildeste Gutthäterin, er wolle sich also auch ganz zu ihrem Lobe verwenden und mit unverbrüchlicher Treue dienen. Um seine Dankbarkeit gegen Maria an den Tag zu legen, sagte er oft auf der Kanzel: „Wenn ich bedenke, wie viele und große Gnaden ich von Maria empfangen habe, so komme ich mir selbst nicht anders vor, als eine Kirche von einem Gnadcubilde dieser seligsten Jungfrau, wo die Mauern überall mit Gelübdetafeln überdeckt sind, und wo man nichts Anderes liest, als: „Wegen einer von Maria erhaltenen Gnade." 30 Vorbericht. So scheint es mir, eben diese Worte seien überall an mir zu lesen. Mein gesunder Verstand, das vortreffliche Amt, wo ich an dem Seelenheile arbeite, das heilige Ordenskleid, das ich trage; Alles habe icb aus Gnade Mariä. Alle guten Gedanken, alle guten Bewegungen des Willens, alle guten Anmn- tbungen des Herzens habe ich aus Gnade Mariä. Leset nur, ihr werdet überall, in meiner Seele und an meinem Leibe, geschrieben finden: „Aus Gnade Mariä." Ans meiner Zunge werdet ihr geschrieben lesen: „Aus Gnade Mariä." In meinem Herzen, o wenn ick euch doch mein ganzes Herz zeigen könnte! im Innersten meines Herzens ist geschrieben: „Ans Gnade Mariä." Meine milde Gntthäterin soll obne Ende gepriesen sein; ewig will ich die Erbarmungen Mariä fingen; und wenn ich mein Heil erlange, so erlange ich es durch die Gnade meiner höchsten Frau. Er verlangte nicht nur selbst sein ganzes Herz Mariä zu widmen, sondern er bestrebte sich auch, dieses Feuer der Andacht in allen Seelen zu entzünden. Er verbreitete überall ihren Ruhm; er redete oft von ihr; er dachte beständig an sie; er beförderte alle Andachten, welche zu ihrer Ehre gehalten wurden. Sowohl in den besonder» Unterredungen, als in seinen öffentlichen Predigten suchte er die Andacht zu Maria einzuflößen und ermahnte seine Zuhörer oft mit Nachdruck, sie sollen ihre Zuflucht zu Maria nehmen. Er empfahl auf alle Weise den Vorbericht. 31 höchst löblichen Gebrauch, alle Abende den Rosenkranz zu beten. In allen Missionen hielt er eine besondere Predigt von Maria der seligsten Jungfrau; diese war so rührend, und er hielt sie mit einem solchen Eifer, daß auch die härtesten Herzen erweicht, und gleichsam gezwungen wurden, sich zu ergeben. Die Bekehrungen, welche dadurch bewirkt wurden, sind unzählbar. Er pflegte selbst zu sagen: „Was die Furcht vor der Hölle und vor dem Gerichte und andere schreckbare Wahrheiten nicht ausrichten, bringt die Predigt von Maria meiner lieben Mutter zu Stande." Sein Eifer war immer groß, aber in dieser Predigt schien er auf das Höchste zu steigen. Um seine Liebe gegen Maria an den Tag zu legen, sagte er: „Ich verlange zu sterben, damit ich mit Maria lebe. Ach, mein geliebtes Bolk! es sind dieses keine leeren Worte, ich sage es aufrichtig, ich sage eS von ganzem Herzen; ich verlange zu sterben, damit ich mit Maria der heiligsten Jungfrau lebe. Ach, meine liebe Mutter! nimm mich in deine Arme auf; sieh', ich als ein armes Kind verlange zu dir zu kommen, o liebvollste Mutter! Ihr, meine liebsten Zuhörer, betet in der Stille ein Ave Maria für mich, und erwerbet mir die Gnade, daß ich gleich jetzt auf der Kanzel sterbe, damit ich hingcbcn kann, mich in der Anschauung Maria's zu erfreuen; durch die Gnade Gottes wirft mir jetzt das Gewissen keine 32 Vorbericht. Sünde vor; und ich hoffe, ich werde in den Himmel eingehen, und zur Anschauung meiner höchsten Frau und wahren Mutter zugelassen werden. Wenn ich aber einer so großen Gnade nicht würdig bin, so erlaubet mir, daß ich wenigstens mein beklommenes Herz erleichtere und sage: Ich verlange zu sterben; ja ich verlange zu sterben, damit ich mit Maria der heiligsten Jungfrau lebe." So liebte der selige P. Leonard Maria; so suchte er die Liebe und Andacht zu ihr auch Andern einzuflößen. Er gab Unterricht, was ein wahrer Diener Maria's zu jeder Zeit thun soll; wie er zugleich die Sünde verabscheuen und fliehen müsse, weil Maria zwar die Zuflucht der Sünder, aber keine Beschützerin der Sünde sei. In der Versuchung, in der Gefahr zu sündigen soll der Diener Maria's zu sich selbst sagen: Dieses verabscheut Maria meine höchste Frau; nein, ich will sie nicht beleidigen, dieses will ich ewig nicht thun. Ergreifet, sagte er ein andermal, ergreifet mit Eifer die Andacht zu Maria, und ihr seid Alle gerettet. Der selige P. Leonard wendete sich oft an seinen heiligen Schutzengel, er trug ihm seine Zweifel vor, er bat ihn um Rath und um Beistand in allen seinen geistlichen Unternehmungen, damit er ihn an seine Vorsätze erinnerte und ihm zu Gemüthe führte, was er zur Ehre Gottes thun sollte. Mit besonderm Eifer rief er ihn an vor der Predigt, vor dem Ge- Vorbericht. 33 bete, Morgens und Abends. Wann die Uhr schlug, dankte er ihm für die Dienste der verflossenen Stunde, und bat ihn um Hülfe für die künftige. Eben so bat er auch die Schutzengel Anderer, besonders seiner Zuhörer und Beichtkinder, daß sie ihnen die Zerknirschung des Herzens, eine wahre Reue und eine dauerhafte Bekehrung erlangen möchten. Er hat sich viele andere Heilige zu besonder» Patronen gewählt, welche er oft mit Vertrauen anrief. Vor dem Schlafe betete er die Litanei von ihnen, und verehrte die heilige Barbara insbesondere mit einem Vater unser und Ave Maria, damit sie ihm die Gnade erhielte, im Todbette die heiligen Sakramente zu emvfangeu. Gegen die leidenden Seelen im Fegfcuer war er vom Mitleiden innigst gerührt. Er wußte ihre Noth in der Predigt so nachdrücklich vorzutragen, daß die Zubörer zu ihrer Hülfe allzeit reichliche Beiträge machten; und er ermahnte auch oft seine Gefährten, sie sollten sich gegen die Seelen im Fegfcuer freigebig erzeigen. Er selbst schenkte diesen lieben Seelen alle seine guten Werke, alle Verdienste von seinen Bemühungen, Reisen, Gebeten, Meßopfern und Bußwerken; er bestrebte sich, alle Ablässe für sie zu gewinnen; das Ablaßgebet, 7 Vater unser, 7 Ave Maria und 7 Ehre sei dem Vater re. betete er täglich dreimal. Vorzüglich opferte er seine Verdienste ans für die Seelen seiner Anverwandten, Wohlthäter 34 Vorbericht. und Derjenigen, welche in ihrem Leben Gott und Maria am eifrigsten geliebt haben. Bei so vielen Tugendwerken wurde dennoch Nichts übereilt: sondern Alles geschah mit einem allzeit neuen Eifer; ja sogar die gewöhnlichsten Uebun- gen und alltäglichen Andachten waren von vielen andern heiligen Anmuthungen begleitet. So zum Beispiele, wenn er im Kloster oder auf der Gasse daher ging, wiederholte er von Zeit zu Zeit sein so vorzüglich geliebtes Schnßgebetlein: „O mein Jesu, Barmherzigkeit!" Wenn ihm ein Kreuz zu Händen kam, küßte er es mit größtem Vertrauen, und sagte: „Sei gegrüßt, o Kreuz, du einzige Hoffnung!" Wenn er sich mit dem Weihwasser besprengte, welches sehr oft und bei jeder Gelegenheit geschah, erweckte er eine Reue über seine Sünden mit folgenden Worten: „Weil ich Dir gesündigt, und Dich, o mein Gott, Du unendliche Güte! nicht über Alles geliebt habe, so liebe ich Dich jetzt über Alles, und deßwegen reut es mich über Alles; ich will nicht mehr sündigen; erbarme Dich meiner." Wenn er Jesum in Seinem Leiden, oder ein Werkzeug Seines Leidens ansah, sprach er: „Das Leiden meines Herrn Jesu Christi sei allzeit in meinem Herzen!" Wenn er ein Bildniß der seligsten Jungfrau Maria erblickte, betete er ein Ave Maria; zum Zeichen der Ehrerbietigkeit neigte er sich tief, und sagte: „Du bist meine Geliebte." Wenn ihm jemand begegnete, grüßte er ihn mit den Worten: „Gelobt sei Jesus Christus." Vorbericht. 35 Morgens, Mittags und Abends bei dem Zeichen zum englischen Gruß erneuerte er nach dem ersten Ave Maria das Gelübde der Armuth in die Hände des Kindes Jesu; nach dem zweiten Ave Maria das Gelübde des Gehorsams in die Hände der seligsten Jungfrau Mariä; nach dem dritten Ave Maria das Gelübde der Keuschheit in die Hände des heiligen Joseph; zugleich bat er die heiligsten drei Personen auf's inbrünstigste um die Gnade der strengsten Armuth, des vollkommenen Gehorsams und der unversehrten Reinigkeit. Ein schönes Beispiel für Ordensleute! Andere Leute, die mit keinen Gelübden verbunden sind, können ihre Vorsätze erneuern, oder Glauben, Hoffnung und Liebe erwecken, und um Vermehrung dieser Tugenden bitten. Sobald er in den Cbor kam, betete er das heiligste AltarSsakrameni in tiefster Ehrfurcht an; sodann entrichtete er während der kurzen Zeit, da sich seine übrigen Mitbrüder versammelten, fünf Ucbun- gcn, an welche er sich durch die Bewegung der fünf Finger erinnerte. Durch den kleinen Finger stellte er seine eigene Seele vor, er setzte ein gänzliches Mißtrauen auf sich selbst, und erkannte sie unfähig zu allem Guten ohne die Gnade Gottes; er erniedrigte sich in den Abgrund der Hölle, und hielt sich gänzlich unwürdig in der Gegenwart Gottes zu stehen und Ihn mit den Ordensmännern zu loben. Mit dem zweiten Finger deutete er seinen Schutz- 36 Vorbericht. enget und seine übrigen heiligen Patronen an; diese bat er, wegen seiner äußersten Unwürdigkeit sollen sic statt seiner Gott loben, lieben, Ihm Dank sagen und ihn preisen. Bei Bewegung des Mittlern Fingers gedachte er an Maria die seligste Jungfrau, und erneuerte eben diese Bitte an sie; daß sie nämlich in seinem Namen Gott lobe, liebe, Ihm danke und Ihn preise. Bei Bewegung des Zeigfingers bat er den gütigsten Jesus, daß Er Seinen himmlischen Vater auf die vortrefflichste Weise loben, lieben und preisen wolle. Wenn er den fünften Finger bewegte, setzte er sein ganzes Vertrauen auf den dreicinigcn Gott, und betheuerte, er wolle Ihn loben, lieben, Ihm Dank sagen und Ihn preisen in Vereinigung alles Lobes, aller Bencdciung und Danksagung, die Ihm das Herz Jesu und Mariä, die Engel und alle Heiligen im Himmel abstatten. Wenn er sich schlafen legte, stellte er sich auf das lebhafteste den Tod vor, und sprach dreimal: „In Deine Hände, o Herr! empfehle ich meinen Geist." Darnach betete er den Psalm: „Aus der Tiefe rc." für seine Seele, als wenn sie schon verschieden wäre; er bat Gott, Er wolle dieses Gebet für die Zeit seines wahren Todes annehmen; sodann machte er die Meinung, alle Athemzügc während des Schlafes sollen eben so viele Uebnngen der Liebe sein, endlich mit dem Rosenkränze oder mit dem Kruzifix in der Hand, und unter den Worten: „O mein Jesu! Barmherzigkeit;" trachtete er einzuschlafen. Vorbericht 37 Wenn es vielleicht Jemand unbegreiflich scheinen sollte, daß bei den geringsten Werken so viele An- mutbungeii unterlaufe», und mit so großem und anhaltendem Eifer erweckt werden können, der bedenke nur, waS der Kardinal Bona anmcrkt, baß nämlich die Seelenkräfte viel geschwinder wirken als die Zunge; denn was nur durch viele Worte erklärt werden kann, dieses faßt das Gemütb gleichsam auf einen Blick zusammen. Um sich davon zu überzeugen, darf man nur seine eigene Erfahrung zu Rathe ziehen. Wenn man von einer Sache eingenommen ist, wenn man ein wichtiges Geschäft vor hat, was sinnt man nicht Alles aus? wie oft denkt man nicht darüber nach, ohne daß man deßwegen in seinen andern Verrichtungen gehindert wird? Warum soll man also auch nicht für Gott thun können, was täglich wegen des Zeitlichen geschieht? Manche Handarbeiten fordern zuerst Aufmerksamkeit und eine lange Zeit, aber nach und nach werden sie geläufig, und kommen ohne die mindeste Anstrengung und in kurzer Zeit zu Stande. Eben so erlangt auch der Verstand durch die Uebung eine wunderbare Behändigkeit in seinen Verrichtungen. Vorzüglich aber kommt es aus die Gnade an, welche zwar der Herr nach Seiner weisesten Vorsicht und Güte Manchen reichlicher crthcilt, als Andern, aber doch Allen überflüssig gibt. Wenn sie also nur mit dieser Mitwirken und Hand an das Werk legen wol- 38 Vorbcricht. le», werden sie erfahren, daß sie weit mehr auS- richten können, als sie anfangs glaubten, und wenn sie schon die großen Heiligen auf dem Tugcudwege nicht erreichen, so werden sie ihnen doch wenigstens von weitem Nachfolgen. Der selige P. Leonard wandelte beständig von einer Tugend zur andern mit gleichem Eifer fort. Der Herr stärkte ihn auch sichtbar, daß er auf seiner Laufbahn anshalten konnte; ungeachtet er von Buß- werken, von Mühseligkeiten und vom Alter ganz entkräftet war, so trug er dennoch die nämlichen Beschwerden immerfort, ohne zu unterliegen. In seinem fünf und siebenzigsten Jahre und im vier und vierzigsten seines apostolischen Amtes konnte er sich wegen Entkräftung oft kaum mehr aufrecht halten; aber wenn er nun einmal auf der Kanzel war, redete er mit solchem Nachdrucke der Stimme und mit solcher Lebhaftigkeit, daß seine Worte Pfeile zu sein schienen und die Herzen durchdrungen; dieß setzte er bis auf den letzten Tag seines Lebens fort. Bei der letzten Mission sagte er öfter zu seinem Gefährten, ich werde nun keine mehr halten; nach dieser machte er sich auf den Weg nach Rom. Ungeachtet er auf der Reise sich äußerst übel befand, ließ er sich doch nicht aufhalten, er gab seinem treuen Gefährten unter Wegs die letzten Ermahnungen und Lehren; nahe bei der Stadt sagte er: „Ich werde nun bald sterben." Borbcricht. 39 Nachdem sie in die Stadt gekommen, beteten sic mit einander den Lvbgesang des heiligen Ambrosius: stenin I:un>.-iiini8." Am 2ö. November Abends langten sic im Kloster des heiligen Bonaventnra an. Er mußte sogleich in das Krankenzimmer getragen werden; er beichtete und verlangte das heiligste Altarssakrament zu empfangen, welches ihm eine Stunde nach seiner Ankunst unter Begleitung seiner geliebten Ordensbrüder dargebracht wurde. Hier sammelte er alle Kräfte zusammen; unter den zärtlichsten Anmuthungen redete er mit Jesu im heiligsten Sakramente, er erweckte den Glauben, die Hoffnung und die Liebe mit einem solchen Eifer und Geiste, daß die Umstehenden innigst gerührt wurden und häufige Thränen vergoßen. Nackdem er einige Zeit in der Andacht verharrte, nahm er von dem Krankenwärter eine Labung an, darnach sagte er zu ihm: „Ich kann Gott nicht genug banken, daß Er mir die Gnade erweist, unter meinen Ordensbrüdern in diesem Kloster zu sterben." Er wollte noch an den Papst schreiben; weil er aber zu schwach war, ließ er ihm die letzten Gesinnungen seines kindlichen Gehorsams hintcrbringcn, und versprach für ihn zu beten. Er wünschte allein zu sein, und übte sich in den inbrünstigste» Anmutbungen der Liebe zu Gott; er rief die seligste Jungfrau Maria an, und redete nicht anders mit ihr, als wenn sie gegenwärtig wäre. Man merkte, daß 40 Vorbericht. sich sein Ende näherte, nnd ertheilte ihm die heilige Oclung; er war bis ans den letzten Athemzug vollkommen bei Verstand, nnd entschlief ganz sanft in dem Herrn an einem Freitage vor Mitternacht den 27. November 1751, nachdem er 74 Jahre, 11 Monate und 6 Tage gelebt hatte; von diesen hat er 54 in dem heiligen Orden und 44 in der apostolischen Mission zugebracht. Mährens seines Lebens war er der Welt gekreuzigt, er verachtete alles Zeitliche großmüthig. Seine ganze Sorge, alle seine Gedanken und Bemühungen waren ans die Ehre Gottes und aus das Seelenheil gerichtet. So viel ich erkenne, sagte er, ist die Mission und die Einsamkeit mein Beruf; in der Mission muß ich mich ganz für Gott, und in der Einsamkeit allzeit in Gott beschäftigen; alles Uebrige ist Eitelkeit. Es fiel ihm höchst beschwerlich, wenn Jemand eine Hochschätzung gegen ihn bezeigte, deßwegen wünschte er, daß die Welt auch ihm gekreuzigt sein und ihn ganz vergessen möchte. Aber eben durch diese Verachtung seiner selbst, durch seinen unermüdeten Seeleneifcr, durch die übrigen erhabenen Tugenden, welche an ihm so herrlich hcr- vorlcuchtetcn, hat er sich die allgemeine Hochschätzung erworben. Beide römische Päpste Clemens Xll. und Benedikt XIV. trugen für ihn die größte Achtung. Im Jahre 1730 hielt er das erstemal in Rom Mis- Vorbericht. 41 sion. Der Papst, welcher von den großen Bekehrungen hörte, wollte durch den P. Barberini, apostolischen Prediger, umständliche Nachricht erhalten. Dieser sagte in seinem Berichte: „Heiliger Vater! ich habe den eifrigen Missionär gehört, und ich weiß seinen großen Eifer und Nachdruck in seinen Predigten nicht besser zu erklären, als wen» ich bekenne, daß auch ich dabei geweint habe, obwohl ich selbst ei» Prediger, und in diesem Amte alt geworden bin." Da der Papst die häufigen Früchte sah, berief er ihn öfters, seinen apostolischen Eifer in Rom anszuüben. Eben dicß that auch sein Nachfolger Benedikt XlV. Im Jahre 1749 berief er ihn wieder nach Rom, um daselbst zu drei verschiedenen Malen Mission zu halte», damit das Volk ans das künftige Jubeljahr vorbereitet würde. Der Papst war selbst öfters dabei zugegen, und der erfolgte Nutzen war unbeschreiblich groß. Dicß geschah im Juli und August; im November hielt er in drei Kirchen die Excrciticn, und machte endlich im Dezember mit einer Mission bei St. Andreas della Bella den Beschluß. Eine Zeit darauf bekam er ein Ucbel am Fuß, daß er nicht mehr gehen konnte und im Bette liegen mußte, in diesem Zustande besuchte ihn der Papst in höchster Person in seinem Kloster; nachdem er wieder geheilt war, mußte er alle Sonntage zum Papst kommen, welcher von geistlichen Dingen und 42 Vorbericht. zum Nutzen seiner Heerde mit ihm sprechen wollte. Er war auch gesinnt, ihn nicht mehr von Rom zu entlassen; doch den dringenden Bitten des Erzbischofs von Lucca gab er Gehör, und befahl dem P. Leonard dahin zu reisen, dort und in den Gebirgen von Bononien Missionen zu halten, mit dem Aufträge, im November wieder nach Rom zurück zu kehren. Den fünften Mai reiste er ab, um seine apostolischen Arbeiten zu beginnen, die er mit dem gewöhnlichen Erfolge sortsetzte. Im Oktober äußerte der Papst in einem Briefe das Verlangen, ihn bald in Rom zu sehen; der P. Leonard nahm diesen Wink nicht anders, als wie einen bestimmten Befehl auf. Er ließ sich auf der Reise nicht mehr zurückhalten, er sagte seinem Gefährten, sein Gewissen würde ihn ängstigen, wenn er sich wegen der zugestoßcnen Unpäßlichkeit vom Gehorsam ausnehmen wollte. Dieser wahre Sohn des Gehorsams ist auch wirklich zur bestimmten Zeit angelangt, aber wie wir gehört, hat es dem Allerhöchsten gefallen, ihn gleich darauf zu Sich zu berufen. Ueber die Nachricht, daß der P. Leonard gestorben , war der Papst bis zu Thräncn gerührt und sagte: „Wir haben Vieles verloren, aber wir haben einen Fürsprecher im Himmel erhalten." Sobald sein Tod in der Stadt kund geworden, eilten die Leute in großer Menge herbei, welche wenigstens seinen Leichnam noch sehen und ihn als einen Hei- Vorbericht. 43 liqen anrusen wollten. Alle bedauerten den Verlust des großen Dieners Gottes; seine Kleider, oder was sonst zu seinem Gebrauche gedient hatte, sah man schon bei seinem Leben als Heiligthümer an; desto mehr bestrebte man sich jetzt, etwas davon zu erhalten. Gott hat ihm oft die verborgensten Geheimnisse der Herzen entdeckt; er hat viele künftige Dinge vorher gesagt; Viele wurden von Krankheiten und allerband Nebeln ans seine Fürbitte, wie sie nicht zweifeln konnten, befreit. Man sah den P. Leonard schon im Leben als einen Heiligen an, und nach dem Tode hat sich der Nus von seiner Heiligkeit überall verbreitet. Dieser wurde noch vermehrt durch die häufigen und großen Wohlthaten, welche man durch ihn erhielt, und durch die Wunder, welche auf seine Fürbitte gewirkt worden sind. Im Jahre 1796, den 14. Juni, im fünf und vierzigsten Jahre nach seinem Hinscheiden, wurde er durch einen feierlichen Ansspruch von Papst Pius Vl unter die Zahl der Seligen gesetzt. Gegenwärtiges Büchlein: „Weg zum Himmel," kann man billig als ein kostbares Denkmal von dem großen Eifer für fremdes Seelenheil ansehen. Er verfertigte es in der Absicht, damit es als eine Erinnerung an die Mission dienen sollte. Die Betrachtungen sind zwar kurz, aber rührend und voll Nachdruck; es kommen darin eben jene Wahrheiten vor, Vorbericht. 44 welche bei den Missionen abgehandelt werden; der halbe Theil ist vom Leiden Jesu Christi, welches er selbst beständig betrachtete, und seinen Zuhörern so oft und lebhaft vor Augen stellte. Wer diese Betrachtungen oft und ernstlich vornimmt, wird gewiß großen Nutzen daraus ziehe». Sie werden ihm die Augen öffnen, daß er einstcht, wie eitel und vergänglich alles Zeitliche, wie wichtig das Ewige, wie gütig und liebenswürdig Gott ist; sie werden auch seinen Willen bewegen, und ihn antreiben, sein Heil ernstlich zu wirken. Dicß sind auch die Gesinnungen des seligen P. Leonard, welcher sagte: „Wenn man täglich nur eine Viertelstunde ernstlich au die ewigen Wahrheiten, an die Wvhlthatcn Gottes, an die Pflichten seines Standes, au die Gefahren des heutigen WeltlcbenS dächte, und noch vielmehr, wenn man sich das bittere Leiden Jesu Christi nachdrücklich zu Gemüthe führte, so würde man nicht so viele Acrgernifse und Eitelkeiten, keine so große Verschwendung und Bosheit, und keinen so verkehrten Wandel unter einem großen Theile der Menschen sehen." Die Unterrichte und Andachtsübungen, welche auf die Betrachtungen folgen, sind alle mit dem nämlichen Geiste verfaßt. Die Weise, der heiligen Messe beizuwohncn, die tägliche Aufopferung der guten Werke, und die Kreuzwegandacht sind aus einem andern Werke des seligen P. Leonard, die Erinnerung von der geistlichen Kommunion aber aus seiner Ab- Vorbericht. >15 Handlung vom heiligsten Meßopfer gezogen. Man fügte sic hier bei, weil sie mit den übrigen Andachtsübungen eine enge Verbindung haben und dem Leser sehr dienlich sein können; den Kreuzweg aber auch dcßwegen, weil ihn der selige P. Leonard Allen so nachdrücklich empfohlen hat. In dieser Kreuzwegandacht sind im Italienischen nach einer jeden Station drei Zeilen lateinisch aus dem Stabat Mater cingcrückt; im Deutschen konnte dieß nicht füglich geschehen, man hat aber neben einigen Anmuthun- gen vom Leiden Jesu Christi das Stabat Mater am Ende ganz beigcfügt; wenn der andächtige Leser nach den Stationen etwa ein Gesetzlein cinschalten will, kann er es nach Belieben wählen. Der gütige Gott, welcher durch die Stimme des seligen P. Leonard so viele Herzen gerührt und so viele Seelen durch ihn auf den Weg des Heiles geleitet hat. wolle auch dieser seiner Schrift aus ein Neues den Segen geben, daß sie tausendfältige Früchte bringe. Er hat Seinen getreuen Diener durch die feierliche Seligsprechung vor der Welt noch mehr verherrlicht, Er wolle nun jene Wunder der Barmherzigkeit, welche Er einst so häufig durch ihn gewirkt, auf seine Fürbitte auch an uns wieder erneuern, und uns durch die Bande der Liebe an Sich ziehen! O mein Jesu, Barmherzigkeit! Vorläufige Bemerkung vom Leiden Jesu Christi. thendcn Hunger leiden, ohne daß er jemals nur einen Tropfen Wasser, nur einen Brosamen Brod erhalten kann. Die unglückseligen Verdammten vom Durste verzehrt, vom Hunger und von Verzweiflung angetrieben, werden einander mit den Zahnen ansallen, sodann vor ^ Von der Hölle. 79 Wuth ihre eigenen Eingeweide zerreißen wollen. Die Leiber der Verdammten werden ganz in Flammen versenkt werden; Feuer wird in ihren Augen, Feuer in den Ohren, Feuer in dem Munde, Feuer in der Brust sein; vom Haupte bis zu den Füßen wird sie das Feuer ganz umgeben; kein Theil des Sünders wird da der Pein entgehen können. So wird durch ewige unbeschreibliche Qualen derjenige gestraft werden, welcher einen unendlichen Gott durch die Sünde mißhandelt hat; und eine ewig dauernde Gerechtigkeit wird durch die Strafe Wiederhereinbringen, was durch die Schuld gefehlt worden ist. O unendlich gerechter Gott! Nein, mit Gott kann man nicht spielen; frühe oder spät wird derjenige gestraft werden, welcher Gott beleidigt hat. Elende Verdammte! jetzt wissen sie, was die Hölle sagen will, von welcher man ihnen so oft gepredigt hat, welche sie aber nicht fürchten wollten. Zweiter Punkt. Erwäge, daß bei den Verdammten die Pei- neu der Seelenkräfte noch weit über die Peinen des Leibes sind. Der Leib hat nicht allein gesündigt, die Seele hatte mehr Schuld daran, weil sie die Einwilligung gegeben hat; deßwegen wird auch der größere Theil der Peinen die Seele treffen. Das Feuer hat von Gott die Kraft, nicht 80 Sechste Betrachtung. allein die Leiber, sondern auch die Seelen der Verdammten zu peinigen; aber neben dieser schrecklichen Pein werden die Kräfte der Seele die bittersten Qualen leiden müssen. Der Wurm des Gewissens wird am Herzen des Verdammten nagen; es werden ihm vor den Augen stehen seine ehemaligen Belustigungen, die späte Reue über die verübten Sünden, und die guten, aber versäumten Gelegenheiten; er wird einsehen, er hätte mit leichter Mühe die Seligkeit erlangen können, und nun ist er wegen einer niedrigen Wollust ewig unglückselig. Die Einbildung der Verdammten wird wegen der schrecklichen Vorstellnngen immer voll Angst und Furcht sein; das Gedächtnis' wird sich nur allein an das erinnern, was ihre Pein noch mehr vergrößert; der Wille wird immer nach Freuden oder nach Rache trachten, nnd wird sie doch niemals erlangen können; er wird immer Gott und die Anserwählten hassen, und wird ihnen doch niemals schaden können; er wird sich immer über die Gerechtigkeit und über die Strafe erzürnen, und wird ihnen doch niemals entfliehen können. Die Verdammten werden die bösen Geister hassen, von denen sie so betrügerischer Weise zum Sündigen verleitet wurden; sie werden aber diese ihre Verräther immer an der Seite haben müssen. Die Verdammten wünschen voll Verzweif- Von der Hölle. 8t lung, das ganze Paradies zu sich in die Hölle stürzen zu können; und müssen indeß sehen, daß diese glücklichen Einwohner des Himmels über ihre Wünsche spotten, und deßwegen Gott ewig loben. Zu ihrer größern Verzweiflung erkennen sie, daß ihre Peinen zur Ehre und Verherrlichung Gottes gereichen, welcher Seine höchste Gerechtigkeit an Seinen Feinden ausübt. Das Feuer allein wäre hinreichend, die Verdammten äußerst unglückselig zu machen; wenn aber der allmächtige Gott alle Peinen gleichsam in einen Büschel zusammen nimmt, wenn alle aus's höchste steigen, wenn alle ohne die mindeste Erleichterung fortwüthen, wenn alle ewig sind, und wenn Er damit die Seele und den Leib dieser Aufrührer schlägt, und sie als ein ewiges Denkmal Seiner gerechten Wuth züchtigt: was für eine unbegreifliche Unglückselig- kekt wird es nicht alsdann sein? Dritter Punkt. Erwäge, daß die so schrecklichen Peinen der Sinne und Seelenkräfte dennoch nur ein Schatten der Hölle sind, wenn sie mit der Pein des Verlustes verglichen werden, welcher in der Er- kenntniß besteht, daß man Gott verloren hat. Gott wird Seinen Feinden die Peinen und die Verzweiflung nach Seiner Gerechtigkeit vermehren, daher wird Er die lebhafteste Erkenntniß von der großen Glückseligkeit, Gott zu genießen, ihrem 82 Sechste Betrachtung. Gemüth eindrücken. Der Verdammte wird also ein Verlangen tragen, Gott zu besitzen, weil er einstcht, Gott kann allein seine Glückseligkeit ausmachen; weil er aber gleichsam zurück gestoßen wird, so ändert sich seine Begierde in Wuth. Es ist die billigste Strafe, daß derjenige in der Ewigkeit mit Gewalt von Gott getrennt werde, welcher in der Zeit freiwillig von Ihm entfernt leben wollte. Was jetzt der Sünder für sein Vergnügen hält, das wird nach seinem Tode die Hölle seiner Holle, das ist, seine äußerste Un- glückseligkeit sein. Diese so große Pein begreifen die Menschen jetzt nicht; denn weil sie vom Leibe beschwert und von den bösen Neigungen verblendet sind, so verstehen sie nicht, was Gott ist, oder was das sagen wolle, Gott verlieren, der Anschauung Gottes beraubt, und Feinde des höchsten Gutes sein, von ihrem Ursprünge und letzten Ziele mit Gewalt getrennt und entfernt werden. O Sünder i der du jetzt wegen des Verlustes des Himmels unbekümmert lebst; alsdann wirst du deine Blindheit erkennen, wenn du Abraham, Isaak und Jakob sammt allen Auserwählten, und so viele von deinen Verwandten und Freunden sehen wirst, wie sie im Himmel frohlocken und sich erfreuen; und du dagegen aus jenem glückseligen Vaterlande, von dem Angesichte Gottes, von der Gemeinschaft Bon der Hölle. 83 Maria s, der seligsten Jungfrau, von den Engeln und Heiligen verstoßen und in das ewige Feuer geworfen werden wirst. Alsdann wirst du voll Wuth aufschreien: O Pforte aller Glückseligkeit! wirst du für mich niemals mehr geöffnet werden? O Paradies des Vergnügens! bist du also für mich verloren, und werde ich dich niemals mehr erlangen können? Ach, um was für einen geringen Preis habe ich das unendliche Gut verloren! Wohlan denn, thue jetzt Buße, lege eine rechte Beicht ab, und fange ein neues Leben an. Warum willst du warten, bis auch für dich keine Zeit mehr ist? Bitte Gott eifrig, Er wolle dir zu erkennen geben, was für ein großes Nebel es sei, verdammt werden, die Seele, den Himmel und Gott verlieren. Erleuchte mich, o Vater des Lichtes, erleuchte mich durch Je- fum Christum! Anwendung Denke oft an die Peinen der Hölle. Wer die Hölle vor Augen hat, gebt nicht der Hölle zu; wer nicht an die Hölle denkt, fällt in dieselbe. Die Hölle steht man nicht mit leiblichen Augen, und deßwegcn fürchtet man sie nicht; wenn man sie aber nicht fürchtet, so verachtet man sie; wenn man sie verachtet, so sündigt man; wenn man sündigt, so wird man verdammt. Die Kinder dieser Welt fürchten die Hölle nicht, weil sie nicht daran denken; sie führen ein weichliches, wollüstiges Leben; ach, wie werden Siebente Betrachtung. 84 sie es einst in'dem ewigen Feuer aushalten können? — Damit du nicht in die Hölle fallest, fliehe die Sünde und die Gelegenheit zur Sünde; liebe das Gebet, trage eine kindliche Andacht zn Maria der seligsten Jungfrau, empfange oft die heiligen Sakramente, betrachte die ewigen Wahrheiten, und empfiehl dich Gott ohne Unterlaß. VH. Betrachtung. Von der ewigen Dauer der Höllenpeinen. Erster Punkt. Erwäge, daß die Peinen der Hölle, wenn sie in sich selbst auch unerträglich wären, dennoch leicht würden, so ferne sie einmal ein Ende nähmen. Aber in der Holle ist keine Erlösung, keine Erleichterung; da leidet man alle Peinen zugleich, und alle sind ewig. In der Hölle leidet man ohne einzige Hoffnung, in ihr brennt man, ohne die mindeste Erquickung; in ihr wird man geängstigt, ohne jemals eine Stärkung zu erhalten. Man verzweifelt immer, ohne daß Jemand mit dem Verdammten Mitleiden trüge, oder sich seiner erbarmte. Die Verdammten wissen nur allzu gut, daß die Peinen, welche sie leiden, sich niemals enden, Von der ewigen Dauer der Höllenpein. 85 daß sie niemals erträglicher, niemals leichter werden, niemals, durch die ganze Ewigkeit niemals. Die Verdammten werden also von dem Gegenwärtigen und von dem Zukünftigen zugleich gepeinigt; alle Augenblicke drückt sie die ganze schwere Last einer qualvollen Ewigkeit. Diese Unglücklichen suchenden Tod, aber sie finden ihn nicht; sie wünschen durch die grausamsten Peinen vernichtet zu werden, aber dieses ist unmöglich. Ihr Kerker ist ewig, ihr Tod immerwährend, und ihre Pein ohne Ende. O ewige Nacht, o immerwährende Nacht, verflucht von Gott und vom ganzen Himmel! So werden sie hundert Jahre in den Pei- nen zubringen, und alsdann fängt die Hölle an; hundert tausend Jahre werden sie zubringen, und alsdann sängt die Hölle an; hundert Millionen , tausend Millionen von Jahren und Jahrhunderten werden sie zubringen, und alsdann sängt die Hölle an. Wenn ein Würmlein nach tausendmal tausend Jahren mit seinen schwachen Zähnen allzeit einmal an dem Holze nagte, so würden doch endlich alle Gebüsche und Wälder verzehrt werden; aber auch nach dieser Zeit steht die Ewigkeit noch immer an ihrem Anfänge. Wenn ein Vögelein immer nach tausend Millionen von Jahren einmal seinen Schnabel mit Wasser füllte, so würden endlich alle Flüsse, alle Quellen und Meere erschöpft werden; aber die Hölle * 86 Siebente Betrachtung. fängt alsdann an. Wenn diese ganze Welt bis zn den Sternen voll Erz gegossen wäre, und eine Ameise allezeit nach tausend Jahren zwei Schritte langsam darauf fortrückte, so würde doch die Ameise mit ihren leichten Füßen diesen ungehenern Klumpen Erz endlich zerstäuben; aber wenn Alles zerstört ist, so fängt die Ewigkeit alsdann an. Wenn der ganze leere Raum von seinem Abgründe bis zu den Sternen mit den kleinsten Sandkörnlein angefüllt würde, und nach einer Million von Jahrhunderten allzeit ein Körnlein davon genommen würde, so würde endlich dieser ganze Raum ausgeleert werden, aber die Ewigkeit wird immer die nämliche sein. Sieh, dieß ist nur ein Schatten, ein schwaches Bild der unglückseligen Ewigkeit. O Ewigkeit vvn Peinen, wie erschrecklich bist du! O Ewigkeit! o Ewigkeit! wenn dich doch die Menschen ernstlich zu Gemüthe führten, und dich begreifen könnten! O allmächtiger Gott! Dein Licht allein kann uns unsere großen Gefahren zu erkennen geben, und Deine Gnade allein kann uns daraus erretten. O Gott, Du Vater der Barmherzigkeit, erleuchte und errette uns durch die Liebe Jesu! Zweiter Punkt. Mein Christ! gehe in dich selbst, und erwäge: wenn dir eine Predigt zu lange dauert, wenn dir das Gebet von einer halben Stunde Non der ewigen Dauer der Höllenpein. 87 schon Ekel verursacht, wenn dir das Fasten Schrecken einjagt, wenn du dich nicht überwinden rannst, einem Feinde zu verzeihen, eine Einladung auszuschlagen, einen Gesellschafter zu meiden, in ein gewisses Haus nicht zu gehen: wie wirst du in der Hölle dich gedulden können? in so vielen Peinen? in ewigen Pcinen? Sogar wenn ein Lustspiel, welches dich so sehr ergötzt, zu lange dauert, wenn die nämliche Vorstellung beständig wiederholt wird, wenn eine angenehme Musik einen ganzen Tag fortgesetzt wird, so kann man es nicht aushalten; wenn man beständig die nämliche Speise ißt, so wird sie zum Ekel. Wie wird es nun in der Hölle sein, wo das Wehklagen, das Heulen, der Schrecken, das Seufzen, das Brennen in den Gliedern, die Qualen, der Ekel, die Traurigkeit, die Angst, die Schmerzen, wo Alles unerträglich ist, und zwar nicht nur eine Stunde lang, nicht nur eine Nacht, nicht nur eine Woche, sondern durch unendliche Jahrhunderte, durch die ganze Ewigkeit dauert? O armseliger Sünder! wie kannst du lachen, und in Ruhe leben? Wenn in dieser Nacht der schwache Faden deines gebrechlichen Lebens entzwei gerissen wird, wo wandelst du hin? Der Hölle zu. Wie? der Hölle zu? und du denkst nicht daran? du Haft keine Furcht, und lebst in Sicherheit ? O elender Mensch! deine Sünde hat dich 88 Siebente Betrachtung. Von der ewigen Dauer re. verblendet; das Feuer ist schon angezündet, es ist nichts anderes übrig, als daß du hineingc- wvrfen werdest, ewig darin zu brennen, wenn du nicht dein Leben änderst. O Gott! was soll man hier denken oder sagen? die Sünder haben entweder keinen Glauben oder keinen Verstand. Mein Christ! bedenke, daß es sich um eine Ewigkeit handelt. Bitte Gott, daß Er dir durch die Liebe Jesu Christi klar zu erkennen gebe, was dieses sagen wolle: „ewig dauernde Peinen;" und sei für deine Seele besorgt. Anwendung. Bedenke diese drei wichtigen Worte: „Immer, Niemals, Ewigkeit." Die Hölle dauert immer; die Ewigkeit nimmt niemals ein Ende. Nimm eine Hand voll Asche oder Staub, und sage: Wenn so viele Millionen von Jahrhunderten verflossen sind, als ich hier Sandkörnlein halte, so ist von der Ewigkeit noch kein Angcnblick vorüber. Wenn du etwas leidest, so bedenke, was für ein großes Uebel es sein würde, wenn diese Beschwerde niemals ein Ende nähme. Und doch, die Peinen in der Hölle werden niemals aufhören, sie werden niemals ein Ende haben. Bedenk es wobl! 89 VIII. Betrachtung. Von der Barmherzigkeit Gottes. Erster Punkt. Erwäge, gleichwie die Gerechtigkeit Gottes gegen die hartnäckigen Sünder unendlich ist, so ist auch Seine Barmherzigkeit gegen die Reumüthigen gleichfalls unendlich. Gott haßt die Sünde unendlich; Er liebt aber auch unendlich Seine Geschöpfe. Wenn die Seele ihre Sünden bereut, so wird sie sogleich wieder von Gott geliebt; wenn alle Sünder mit einem demüthigen und zerknirschten Herzen sich zu Gott wendeten, so würden alle zur Seligkeit gelangen. Aus unendlicher Güte will Gott Alle selig machen, Er will Alle zum Himmel führen. Ich will nicht, spricht der Herr, den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe. Sieh, o Sünder, wie der liebe himmlische Vater dich zur Buße einladet, und wie Er dich zu Seiner Liebe zurückruft. Wenn der Sünder über seine Sünden Buße tbun wird, sagt Gott, so will Ich all seiner Gottlosigkeiten nicht mehr gedenken. Wenn du deine Seele auch durch die größten Laster aufdas schändlichste verunreinigt hast, so wird sie wieder weiß werden wie der Schnee; Ich will alle deine Sünven in den Abgrund des Meeres versenken. 90 Achte Betrachtung. Ich will deine Wunden heilen; Ich will dich wieder lieben, weil du Meinen Zorn durch deine Reue besänftigt hast. Ich will die Sünder bekehren, weil Ich Mich ihrer erbarme, und nachdem sie ihre Sünden bereut haben, werden sie Mir wieder eben so lieb sein, als sie Mir vorhin waren, bevor sie Mich beleidigt hatten. Die Gottlosigkeit des Sünders wird ihm nicht schaden, wenn er sich zu Mir bekehren, und von seiner Sünde abstehen wird. Du hast dich von Mir entfernt, und hast Mich verlassen, damit du deinen Gelüsten nachlaufcst; wohlan, kehre zurück zu Mir, und Ich will dich aufnehmen. Ich warte auf dich nach der Sünde, weil ich mit dir Mit- lciden trage, Ich will Meine Barmherzigkeit an dir erscheinen lassen. Du wirst kaum anfangen zu weinen, so werde Ich durch deine Thränen erweicht werden , und dir alsbald antworten: „Ich habe dir verziehen." Keine Mutter läuft so eilfertig ihrem Kinde zu Hülfe, wenn es in das Feuer gefallen ist, als behend und sorgfältig die Barmherzigkeit Gottes einen reumüthigen Sünder umfängt. Je größer deine Sünden gewesen sind, desto herrlicher wird die Güte, Liebe und Sanft- muth jenes Gottes, welcher an Barmherzigkeit reich ist, über dich siegen. — Meine Seele, wie ist cs möglich, daß du bei Erwäguug so großer Barmherzigkeit deines Gottes nicht in Reuethränen zerfließest, und nicht ganz vom Feuer der Liebe brennest? 9t Von der Barmherzigkeit Gottes. Zweiter Punkt. Erwäge, wie sorgfältig der göttliche Heiland die armen Sünder anfsuchte, um sie zu bekehren und selig zu machen. Jesns Christus aß mit den Sündern, Er ging mit ihnen vertraulich um, Er behandelte sie als geliebte Freunde, um sie zu gewinnen , und zu Seiner Liebe zu bringen. Jesus Christus hatte Seine Begierden ans die Sünder gerichtet, die Sünder waren das Ziel Seiner Bemühungen, und Er bethenertc, Er sei auf diese Welt gekommen, die Sünder selig zu machen. Jesus Christus hat auch allen Sündern verziehen, welche immer ihre Zuflucht zu Seiner Güte nahmen. Er hat keinem einen Vorwurf wegen seiner vergangenen Verbrechen gemacht. „Wenn ein Hirt," so spricht dein Herr und Heiland, „wenn ein Hirt hundert Schafe hat, und eines davon verliert, so läßt er die nenn und neunzig in der Wüste, und geht durch Wälder und Gebüsche, um das verlorne Schäflein aufzusuchen ; und wenn er cs gesunden hat, so nimmt er es voll Freuden aufseine Schultern, er geht nach Haus, er ruft seine Freunde und Nachbarn zusammen, und sagt zu ihnen: Erfreuet euch mit mir, denn ich habe mein liebes Schäflein, das verloren war, wieder gesunden." O Sünder! kehre reumütbig zu deinem Erlöser, zu deinem Gott zurück; kehre zurück als ein Sohn zu deinem lieben Vater. Er verlangt 92 Achte Betrachtung. dir zu verzeihen, Er geht dir schon so viele Jahre nach, und ladet dich zur Buße ein, Er ruft dich zu Seiner Liebe; sei nun nicht mehr langer taub zu Seiner Stimme, sondern kehre zum Hirten deiner Seele zurück. O mein Jesus, Du mein Leben! Du hack mich geliebt, auch da ich von Dir geflohen bin, und hast meiner nicht vergessen, obwohl ich Deiner vergessen habe. Ich sage Dir Dank. Dritter Punkt. Erwäge die Liebe Gottes gegen dich, welche Er in dem Gleichnisse vom verlornen Sohne an den Tag legt. Dieser nahm den Thcil seiner Güter, zog aus dem Hause seines gütigen Vaters weg, ergab sich aller Ausgelassenheit, verschwendete die Reichthümer, und da er Nichts mehr zu leben hatte, entschloß er sich, die Schweine zu hüten. Er konnte sich aber nicht einmal mit den Eicheln sättigen, welche diese unreinen Tbiere fraßen. Bei so vielen Armseligkeiten ging er wieder Ln sich selbst, er entschloß sich in das Haus seines Vaters zurück zu kehren; er machte sich auf den Weg: der Vater steht ihn, er erkennt ihn schon von ferne, obwohl er durch eigne Schuld und Ausschweifung ganz herabgekommen, elend und verunstaltet ist. Er wird zum Mitleid bewogen, er weint vor zärtlicher Liebe, er läuft ihm entgegen, er drückt ihn an die Brust, er umfängt ihn, er benetzt ihn Bon der Barmherzigkeit Gottes. 93 mit Licbcsrhräncn, er bedeckt ihn mit seinen Kleidern , er führt ihn in das Haus, und sagt zu den Dienern: Geschwind, nehmet das kostbarste Kleid, und bekleidet damit meinen gelicbtcstcn Sohn, stecket einen Ring an seinen Finger, leget ihm Schuhe an, und bereitet eine kostbare Mahlzeit, schlachtet ein sctres Kalb , machet Anstalt zu einer angenehmen Musik, rufet die Verwandten dazu, ladet die Freunde ein: denn dieser mein geliebter Sohn war gestorben, und ich sehe ihn nun wieder lebendig, er war verloren, und ich habe ihn wieder gefunden! O Sünder! sich, dieser verlorne Sohn ist dein Vorbild. So hast du cs gemacht, da du dich durch die Sünde von deinem himmlischen Vater abgcwcndct hast, um deinen bösen Neigungen zu folgen. Mache dich auf, warum verweilst du? warum kehrst du nicht, gcdemüthigt und zerknirscht, voll Hoffnung und Liebe in die offenen Arme deines Herrn zurück? O mein liebenswürdigster Vater! ach, ich habe übel gehandelt, da ich Dich verlassen! ich bereue cs, ich kehre zu Deiner Güte zurück, nimm mich durch Deine Barmherzigkeit aus, gedenke, daß Du mein Vater bist! ich verspreche Dir, niemals mehr von Dir hinweg zu gehen, und immer als Dein getreues Kind zu leben. Bewirke, o Herr, durch Deine Gnade, daß dieses geschehe. Neunte Betrachtung. 94 Anwendung Setze kein Mißtrauen aut die Barmherzigkeit Gottes, wenn du gleich alle Sünden der ganzen Welt begangen hättest. Sündige aber nicht vermessen auf die göttliche Barmherzigkeit! Sage nicht bei dir selbst: ich will diese Sünde begehen, sodann will ich sic beichten und mich bessern, ich kann eben so leicht zehn Sünden wie zwei beichten; denn wenn dir der Herr schon heute Seine Barmherzigkeit anträgt, so weißt du nicht, ob du sie auch morgen noch haben werdest; ja Er pflegt sehr oft Jene erschrecklich und augenblicklich zu strafen, welche vermessen auf Seine Barmherzigkeit sündigen, und Seine Barmherzigkeit mißbrauchen. IX. Betrachtung. Von der Gegenwart Gottes. Erster Punkt. Erwäge, daß Gott an allen Orten zugegen ist. Gott mit Seiner Unermeßlichkeit erfüllt durch Sich Selbst den Himmel und die Erde, und ein jedes Geschöpf ist Gott viel gegenwärtiger, und Ihm viel näher, als sich selbst. Zu deiner Rechten ist Gott, zu deiner Linken ist Gott, ober dir ist Gott, inner dir ist Gott. Du lebst in Bon dcr Gegenwart Gottes. 95 Gott, du bewegst dich in Gott, du athmcst in Gott, du bist ganz iu dem unermeßlichen Schooß Gottes versenkt uud begraben. Gott schaut beständig auf dich, Er steht das Innerste deines Herzens, Er weiß deine Anmnthungen und deine Gedanken. Er hört deine Worte, Ihm sind deine Anliegen bekannt. Er kennt deinen Namen, Er beobachtet, was du thust, was du denkst, was für Begierden du hast. Meine Seele! du Haft nicht nöthig, in den Himmel hinauf zu steigen, damit du Gott findest. Die ganze heiligste Dreieinigkeit ist dir allzeit gegenwärtig, und du bist also auch allzeit in der Gegenwart der heiligsten Dreieinigkeit. Sich, Gott ist dir nahe, bete Seine höchste Herrlichkeit an; liebe Seine Güte; empfiehl dich Seiner Barmherzigkeit. Zweiter Punkt. Erwäge, wie Gott alle erschaffenen Dinge, welche ihr Wesen nur von Gott und in Gott haben, mit Seiner Uncrmeßlichkcit erhält und leitet. Ohne den thätigen und wirklichen Einfluß Gottes kann also Nichts gesagt, gethan oder gedacht werden. Wenn Gott Seine Hand von den Geschöpfen auch nur einen einzigen Augenblick lang abzöge, so würden sic alle ans- hörcn zu sein, und in ihr voriges Nichts zurück- sallcn. Unser Leben hängt weit mehr von Gott 96 Neunte Betrachtung. ab, als das Leben eines Kindes von der Nahrung, welche dasselbe von der Mutter empfängt. Was du immer sagst, thust und denkst, dicß wirkst du Alles zugleich mit Gott. Du kanust kein Wort hervorbringcn, keinen Fuß, keine Hand, kein Auge bewegen, wenn nicht Gott bei deiner Handlung einen Einfluß hat. Erkennest du nicht, mein Christ, wie übel du handelst, wenn du sündigst? Sage nun nicht mehr: Es sicht mich Niemand. Bedenke, daß dich Gott sieht, und zwar jener Gott, welcher dich richten wird, und welcher dich lebendig mit Leib und Seele in die Hölle verstoßen kann. Aber, o wie glückselig ist jener Mensch, welcher Gott liebt! Wenn er geht, wenn er arbeitet, wenn er etwas leidet, so ist Gott beständig an seiner Seite. O unermeßlicher Gott! Du bist gegen mich allzeit gnädig, und ich Undankbarer lebe in einer fast gänzlichen Vergessenheit in Bezug aus Dich! O unendliche Güte! laß mich an nichts anderes mehr denken, als an Dich; als Dir, o mein höchstes Gut! zu dienen, und Dich zu lieben, damit ich einst Dich ewig im Himmel besitzen möge.- Anwendung Geh' oft in dich selbst, versammle dich in deinem Herzen, und bete deinen Schöpfer an. Du magst arbeiten, oder dem Studieren obliegen, oder gehen; du magst dich schlafen legen, oder zum Essen dich Zehnte Betrachtung. Bon der Liebe Gottes. 97 verfügen, so erinnere dich allzeit an Gott. Bringe dein Leben in einer heiligen Unterwürfigkeit gegen den überall gegenwärtigen Gott zu. In deiner Wohnung bestimme dir ein Zeichen, trag' auch eines bei dir, welches dich an den gegenwärtigen Gott erinnert. Arbeite heilig, rede heilig, denke heilig vor dem Angesichte deines Gottes. X. Betrachtung. Von der Liebe Gottes. Erster Punkt. Erwäge, meine Seele, daß die Liebe, welche Gott zu dir trägt, eine wirksame Liebe, eine Liebe voll Barmherzigkeit und reich an Gnaden ist. Aus Liebe hat dir Gott dein Wesen gegeben, aus Liebe erhält Er dir das Leben, aus Liebe hat Er den Himmel und die Erde, und so viele Geschöpfe zu deinem Nutzen erschaffen, aus Liebe hat Er das Himmelreich, Seine eigene Glückseligkeit für dich bestimmt. Aus Liebe hat dich Gott in dem Schooßc Seiner heiligen Kirche geboren werden lassen; gleich nach deiner Geburt hat Er dick in Seine Arme ausgenommen, Er hat dich mit Seinem Blute gewaschen, Er hat dich durch die heilige Taufe an Kindesstatt angenommen, Er hat dir durch dieses heilige Sakrament den Glauben, die Weg zum Himmel. 3 98 Zehnte Betrachtung. Hoffnung, die Liebe eingcgosscu, und dich mit tausend kostbaren Gaben und mit so vielen Wohl- thateu ohne deine Verdienste bereichert. Sichst du, mein Christ, was für eine große Liebe dein Gott zu dir tragt, damit auch du Ihn liebest, und damit du Seine unendliche Liebe nach Möglichkeit crwicdcrst? Ja, so ist cs, o mein Gott! Du bist gegen mich unendlich gütig, und ich bin gegen Dich ohne alle Liebe. Ich habe die Geschöpfe geliebt, ich habe die Wollüste geliebt, ich habe mich selbst geliebt, und nur Dich meinen höchsten Wohlthätcr, Dich allein habe ich nicht geliebt. Ich verabscheue meinen Undank, und beweine meine Sünden. Ich bin ernstlich entschlossen, künftig nur für Dich zu leben, nur Deine unendliche Güte zu lieben und zu verherrlichen. O wenn ich doch alle jene undankbaren Augenblicke zurück rufen könnte, da ich meinen so liebenswürdigen Gott nicht geliebt habe. Zweiter Punkt. Erwäge, daß der ewige Vater aus Ucber- maß der Liebe dir jene höchste und unbegreifliche Wohlthat erwiesen, und dir Seinen cingcbornen göttlichen Sohn gegeben hat, indem Er Ihn auf die Welt sendete, für dein Heil die Menschheit au- zuuchmeu. Und dieser Sohn Gottes hat aus Liebe zu den Menschen die größten Schmerzen, ja selbst den bittersten Tod gelitten. Er hat deine Von der Liebe Gottes. 99 Schulden bezahlt, welche du bei der göttlichen Gerechtigkeit aufgchäust hattest, und hat dich mit Seinem kostbaren Blute erlöset. Mit diesem war das liebende Herz Jesu noch nichr gesättigt; cs wollte Sich Selbst ganz im heiligsten Altars- sakramente dir übergeben, es wollte auch in dem heiligen Meßopfer das immerwährende Opfer bleiben, Seinen himmlischen Vater zu jeder Zeit zu besänftigen, und dir alle Gnaden zu erwerben. Dein Heiland hat dir die heiligen Sakramente Hintersassen, als eben so viele Gnadcnqncllen des Paradieses und als himmlische Brunnen, um dir zu verzeihen, dich zn heiligen, und dir auf diese Weise die wirksamsten Mitte! wider alle Nebel und wider alle Armseligkeiten deiner Seele an die Hand zu geben. Auch damit war die göttliche Liebe noch nicht zufrieden; sie wollte dir noch den heiligen Geist geben, damit Er in dir wohnte, Seine Gnade in dir ausgöfse, deine Seele heiligte, dein Gemüth erleuchtete, und dein Her; tröstete. O mein höchster Wohlthätcr! ach, wie viel bin ich Dir schuldig! Jene Barmherzigkeit, welche Dich bewogen hat, mich mit Wohlthaten zu überhäufen, diese soll auch mich bewegen, daß ich mich gegen Dich dankbar erzeige, und Deine Liebe mit Gegenliebe erwiederc. O mein Gott! o wenn doch meine Seele von den anbetungswürdigen Flammen Deiner unendlichen Liebe entzündet und ganz verzehrt würde! 100 Zehnte Betrachtung. Von der Liebe Gottes. Dritter Punkt. Bedenke, wie dir dein Gott aus inniger Liebe, welche Er zu dir trägt, Maria die heiligste Jungfrau zur Mutter gegeben, damit du dich auf diese Weise mit einem ganz kindlichen Vertrauen Seiner und zugleich deiner so liebenswürdigen Mutter nähern könntest, und durch ihre mächtige Fürbitte reichliche Gnaden und Wchlthatcn erhieltest. Aus Liebe hat dir dein Gott die Engel als Beschützer und die Heiligen als Fürsprecher gegeben. Dieser unendlich gütige Gott hat dir aus Liebe das Gebet als ein Mittel hintcrlafsen, und demselben eine wunderbare Kraft verliehen, damit du so beständig mit Ihm umgeben, zu Ihm fliehen, mit Ihm handeln, wirksame Hülfe erlangen, die bösen Neigungen und die ganze Hölle überwinden könntest. O wie viele Mittel des ewigen Lebens hat dir Gott gegeben, damit du desto leichter den Himmel erwerbest! wie viele Beweise Seiner Liebe! Aber, o mein Gott! was kann ich Dir für so viele Wohlthatcn geben? wie kann ich Dir Deine so inbrünstige Liebe vergelten? O Maria, reinste Jungfrau! o ihr Seraphim, o ihr Heiligen des Himmels, o ihr alle Gott liebenden Seelen! ersetzet durch eure reine, vollkommene Liebe, was meiner schwachen, unvollkommnen Liebe abgeht! Saget für mich meinem höchsten Wohlthäter Dank, verherrlichet und liebet Ihn; erhaltet mir eine so Eilfte Betrachtung. Von den Wohlthaten Gottes. 101 kräftige Gnade, daß ich künftig gegen die Liebe meines Gottes nicht mehr undankbar sein möge; erwirket mir durch eure Fürbitte die Gnade, daß ich Gott, der mich so sehr geliebt hat, auch liebe, ja daß ich mein ganzes Leben niemals aufhöre, Gott zu lieben, und daß ich endlich in Seiner Liebe sterbe, damit ich Ihn einst mit euch auch im Himmel besitzen möge. Anwendung. Die Undankbarkeit verschließt den himmlischen Gnaden die Pforte, die Dankbarkeit öffnet sie ihnen. Wenn du verlangst, daß dir die himmlischen Schätze allzeit offen stehen, so erzeige dich gegen deinen höchsten Wvhltbäter auch immer dankbar. Betrachte alle Wochen eine halbe Stunde lang die Wohlthaten Gottes, und opfere alle deine guten Werke Gott zur Danksagung auf. Laß keinen Tag, ja keine Stunde vorüber gehen, ohne dem Herrn Dank zu sagen. Höre täglich eine heilige Messe an, und während dieser kostbaren Zeit danke der heiligsten Dreieinigkeit durch Jesum Christum. XI. Betrachtung. Von den Wohlthaten Gottes. Erster Punkt. Erwäge, meine Seele, wie dein gütigster Gott eine vorzügliche Liebe zu dir getragen, und dich L02 Eilfte Betrachtung. mit Gaben, Gnaden und Wohlthaten erfüllt hat, und zwar mit besdndern, sowohl in der Ordnung der Natur, als in der Ordnung der Gnade, mit unzählbaren, und so vielen, daß sie an Menge die Augenblicke deines Lebens übertreffen. Du hättest noch im Mutterleibe ohne die heilige Taufe sterben können: aber aus Liebe ließ dich dem Gott lebendig auf die Welt kommen. Du hättest blind, krüppelhaft, ungestaltet, in der Sklaverei geboren werden können , und dein Gott hat dich aus Liebe vor diesen Mißgeschicken bewahrt. Der Herr hat dein Hab und Gut beschützt, Er hat deine Unternehmungen gedeihen lassen, Er ist dir in deinen Geschäften beigestanden, Er har deinen Nutzen befördert, und hat als ein liebreicher Vater eine besondere Sorgfalt für dich und für alles das Deinige getragen. Aus Liebe hat dich dein Gott mit einem leutseligen Gemüthe begabt, Cr hat dir Verstand und Fähigkeiten gegeben, Er hat dich von guten Aeltern in einem ansehnlichen und fruchtbaren Lande geboren werden lassen. Er hat dich vor mißlichen Unfällen, welche deiner Ehre nachtheilig sein könnten, bewahrt; Er hat dich von Verläumdungen, Beschuldigungen, Beschimpfungen, Streithändeln und von unzählbaren Uebeln frei erhalten, in welche man aus Bosheit der Menschen so oft gerathet. Er hat Von den Wohlthaten Gottes. 103 dir das Leben bis auf diese Stunde erhalten; Er hat dich vor so vielen Gefahren, Krankheiten, Unglücksfällen behütet, in welche eine Menge anderer Menschen täglich fällt. Wie oft hat Er das Vorhaben deiner Feinde vereitelt, welche dich in den Untergang stürzen wollten! Wie Viele sind in der Blüthe ihrer Jahre gestorben, obwohl sie eine bessere Gesundheit hatten, als du! und du lebst noch; du hast noch Zeit, deine Sünden zu beweinen, und dein ewiges Heil in Sicherheit zu setzen! Wohlan denn, mache dir diese große Wohl- that zu Nutzen, fange an , deinen Schöpfer zu lieben, und Verdienste für das ewige Leben zu sammeln. Wie würde es mit dir stehen, wenn dich der Herr deinen Feinden und deinem Eigensinne preisgegeben hätte? Dein Leib würde jetzt verfaulen, das Leben wäre dahin, und die Seele in der Verdammniß. — Ach, wie änßerst undankbar bin ich gewesen! Was habe ick in mir oder außer mir, was nicht eine reine Woylthat Gottes ist? O Gott, Du mein Leben, wie viel hast Du für mich gethan? Ich sage Dir Dank, o mein höchstes Gut! Verwunde, o Herr! meine Seele mit den feurigen Pfeilen Deiner Liebe, damit ich künftig Dick allein liebe, und damit mein Herz immer von Deiner heiligen Liebe brenne. 104 Eilfte Betrachtung. Zweiter Punkt. Erwäge, daß dick dein Gott aus einer be- sondern Liebe vor allen jenen Sünden bewahrt hat, welche du hättest begehen können, und doch nicht begangen hast. Es ist kein Nebel, das ein Mensch thnt, welches nicht auch ein anderer Mensch verüben könnte. Gott hat dir sogar Gutes gethan, da du Sein Feind warst. Du verdientest die Hölle; aber Gott wollte dich nicht strafen, sondern Errief dich durch so viele Warnungen , durch so viele Einsprechungen zu Seiner- Liebe zurück. Du warst taub gegen die Stimme Gottes, und doch hat dich der gütige Gott nicht ans den Augen gelassen; Er lief dir gleichsam sogar nach, um dich wieder zu Seiner Freundschaft zurück zu bringen, dir Seine Gnade wieder mitzntheilen, und dir das Himmelreich zu schenken; Er streckte Seine liebreichen Arme aus, dich aufzunehmen, Er trieb dich an, in dieselben zurück zu laufen. „O Herr!" sagte der büßende Augustin, „ich habe Dich gehaßt, und Du hast mich geliebt; ich habe Dich verfolgt, und Du hast mich beschützt: ich bin von Dir geflohen, und Du bist mir nachgelaufen; wenn ich mich verirrte, hast Du mich wieder auf den rechten Weg gebracht; wenn ich in der Unwissenheit war, Haft Du mich unterrichtet; wenn ich sündigte, hast Du mich gebessert; wenn ich trauerte, hast Du mich getröstet; wenn ! Von den Wobltbatcn Gottes. 105 ick bis zur Verzweiflung gekommen war, hast Du mich gestärkt; wenn ich fiel, hast Du mich aufgerichtet; wenn ich stehen blieb, hast Du mich aufrecht erhalten; wenn ich ging, hast Du mich geleitet; wenn ich zu Dir kam, hast Du mich aufgenommen; wenn ich zu Dir rief, hast Du mich erhört. Meine Seele! lobe deinen Gott, und sage Ihm Dank. O Du mein geliebter Gott! erweiche einmal mein hartes Herz, und siege über meine Undankbarkeit. Du, o Herr! hast mich mit so vielen Wvhlthaten gleichsam gezwungen. Dich zu lieben. Und weil Du mir nachgegangen bist, und mich ausgesucht hast, da ich von Dir floh, so verstoße mich doch jetzt nicht, da ich mich demüthig und voll der Reue zu Deinen Füßen werfe, und nichts anderes verlange, als Deine Gnade und Liebe. Du hast den Anfang gemacht zu meinem ewigen Heile, vollende nun Dein Werk und bringe es zur Vollkommenheit. Erhöre meine Bitten, o himmlischer Vater, durch die Liebe Jesu Christi!" Dritter Punkt. Erwäge, was für eine liebreiche Anordnung die göttliche Vorsicht machte, um dich zu deinem Ziele, zur ewigen Glückseligkeit zu bringen. Durch wie viele vir unbekannte Wege hat dich dein Gott geführt, unv zwar mit einer Ordnung, welche höchst wunderbar und voll der Barmherzigkeit ist? 106 Eilste Betrachtung. Zu deinem Nutzen hat cs der Herr gefügt, daß jene Mission gehalten wurde, daß du zu jener Predigt kamst, daß du jenen Beichtvater antrafft, daß du von jenem betrübenden Unfälle Nachricht erhieltest, daß dir dein Zeitvertreib und deine Freuden verbittert wurden, daß sich die Welt dir widersetzte, und daß du sogar von jenen Leuten Undankbarkeit erfuhrest, welche vu am meisten liebtest. Auf diese Weise trachtete der unendlich liebende Gott, dich zu Seiner Liebe zu bringen, und dazu hat Cr deine Seele mit einer unaussprechlichen Liebe vorbereitet. Was ein Unglück zu sein schien, war eine Gnade; was du als einen bloßen Zufall ansahest, war eine besondere Gunst; was du für eine Strafe hieltest, war Liebe. Der Herr hat immer eine besondere und ganz väterliche Sorgfalt für dich getragen. Er hat mit Seiner gütigen Obsorge dich vor dem Uebel bewahrt, Er hat dich wie Seinen Augapfel beschützt, Er hat dich als Seinen geliebten Sohn angesehen. Er hat dick mehr als ein Vater mit einer unendlichen Liebe geliebt. Meine Seele! wenn du bisher noch nicht geliebt hast, so fange wenigstens jetzt an, jene unendliche Liebe zu lieben, welche dich so sehr geliebt hat. Ach, wie unerkenntlich, wie undankbar bin ich gewesen! Zur Strafe meiner Undankbarkeit verdiente ich in die Holle verstoßen zu werden. Ich will es mein ganzes Von den Woblthaten Gottes. 107 Leben hindurch beweinen, daß ich jenen unendlich gütigen Gott so spät erkannt und so kalt- sinnig geliebt habe, welcher doch allzeit freigebig, allzeit liebreich, allzeit gnädig gegen mich gewesen ist. Aber, o mein Gott! Du hast mir nicht nur diese Wohlthaten erwiesen; es sind noch unvergleichlich größere, bekannte und verborgene, welche Du mir schon erwiesen hast, welche Du mir wirklich erweisest, welche Du mir künftig erweisen wirst. Wer kann sie alle zählen? Was werde ich aber Dir, meinem höchsten Wvhl- thäter erwiedern? Ich schenke Dir, o mein höchstes Gut! was Du mir geschenkt hast: ich schenke Dir meine Seele, meinen Leib, die Sinne, die Kräfte, alle Augenblicke meines Lebens. Zur Danksagung für Deine unendliche Güte opfere ich Dir eben diese Deine unendliche Güte auf und sage Dir Dank, ich Preise und verherrliche Dich durch Jesum Christum. Anwendung Bedenke, wer du bist, der du so viele Wohl- thaten empfangen hast. Du bist ein Wurm, ein übcrkleidetes Todtengerippe, der Fänlniß bestimmt, voll Gottlosigkeit, und ein Ungeheuer von Undank. Wer ist Gott? Er ist eine unendliche Herrlichkeit, eine unendliche Größe, eine unendliche Heiligkeit, eine unendliche Güte. Wenn mir Gort nur einen einzigen günstigen Blick verlieben bätte. so wäre dieß schon eine unendliche Wobltbat. O wie Vieles hätte 108 Zwölfte Betrachtung. mau bier zu danken! Ein ewiger Gott erweist einem schlechten Menschen Woblthaten! Meine Seele! du bist mit Woblthaten Gottes gleichsam beladen, und du bist zugleich voll Undank gegen Gott; wann wirst du einmal aushvren, undankbar gegen Gort zu sein? Fange wenigstens jetzt an, deinen höchsten Wobl- thäter zu lieben. Xil. Betrachtung. Von dem heiligsten Altarssakramente. Erster Punkt. Erwäge, meine Seele, wie inbrünstig der liebenswürdigste Heiland uns geliebt hat; denn nachdem Er Sich drei und dreißig Jahre unter den Menschen aufgehaltcn hatte, und wußte, die Stunde sei nun nahe, daß Er zu Seinem Water zurückkehre, so konnte Er uns aus übergroßer Liebe in diesem Thale der Thränen nicht allein lassen, obwohl Er uns im Himmel beständig in Seinem Herzen trug, und uns bald wieder in Seiner Herrlichkeit sehen sollte; deß- wegen hat Er das heiligste Altarssakrament eingesetzt, in welchem Er mit Leib und Seele, mit Gottheit und Menschheit wahrhaft, wirklich und wesentlich zugegen ist, damit wir Ihn allzeit bei uns hätten. Von dem heiligsten Altarssakrameiüc. 109 Ja die Liebe Jesu Christi gegen uns war so groß, daß Er dieses Sakrament der Liebe eben in jener Nacht einsetzte, in welcher Er verrathen werden sollte. Daher sagte der liebevolle Jesus: Ich weiß, daß Ich eben zur Zeit, da Ich dieses göttliche Geheimniß einsetzen werde, Meinen Feinden werde Preis gegeben werden. Diese werden alle Gewaltthätigkeit an Mir ausüben : aber cs liegt nichts daran, wenn Ich euch nur dieses Unterpfand Meiner unendlichen Liebe hintcrlasse. Ich gehe zwar aus dieser Welt, aber von euch trenne Ich Mich nicht; Ich gehe hin, aber durch Mein Leiden erwerbe Ich euch die Glückseligkeit: Ich sterbe, aber Mein Tod wird euer Leben sein. O unendliche Liebe! war es Dir denn nicht genug, o liebster Jesu! daß Du für uns geboren wurdest, und für uns gestorben bist, wenn Du nicht auch noch im heiligsten Altarssakramente bei uns geblieben wärest? Ach, wie weit, o Herr! hat Dich nicht Deine Liebe gebracht! Wie? Du bleibst bei uns, auch nachdem wir Dich durch den grausamsten und schimpflichsten Tod von uns verstoßen haben? Meine Seele! willst auch du unter die Zahl jener Undankbaren gehören, welche nach einem so großen Uebermaße der Liebe dennoch nicht vor Liebe brennen gegen einen Gott, welcher ganz Güte und Liebe gegen sie ist? ILO Zwölfte Betrachtung. Zweiter Punkt. Erwäge, wie gnädig Jesus Christus iur heiligsten Altarssäkramente alle jene Seelen anhört, welcbe sich mit einem lebendigen Glauben dein Geheimnisse Seiner Liebe nähern. Der Herr nennt Sich Selbst eine Blume des Feldes, und eine Lilie in dem Thale, um dadurch anzuzeigen, daß Alle, welche Ihn lieben, freien Zutritt zu Seiner unendlichen Güte haben. Jesus ist im heiligsten Altarssakramcnte zugegen, damit Er die liebenden Seelen da aufnehme, damit Er sie zu Seiner liebevollen Unterredung zulasse, damit Er ihre Bitten erhöre und ihnen alle Gnaden verleihe. Jesus ist höchst gnädig und gütig, höchst liebenswürdig und freigebig; Sein Herz brennt vor Liebe, Seine Hände sind mit Gnaden angcfüllt, und so wartet Er, ob Niemand komme, seine Bitten Ihm vorzutra- gen, Ihn im heiligsten Altarssakramente zu besuchen, damit Er ihn mit Segen und Gnaden bereichere. Jesus will, wir sollen mit Liebe und Vertrauen zu Ihm kommen, als zu einem Freunde, zu einem Vater, zu einem Bräutigame. Unser liebevoller Herr und Gott ist also immer nahe bei uns, um uns zu erhören, um uns zu trösten und zu heiligen. O wie glückselig sind wir! Wohlan, meine Seele! mache dir einen so großen Schatz zu Nutzen, gehe zu Jesu, besuche Von dem heiligsten Altarssakramente. 111 Ihn mit kindlicher Liebe, bitte Ihn mir lebendigem Glauben, und trinke da im Geiste und in der Wahrheit jenes lebendige und himmlische Wasser, welches dich zum ewigen Leben führt. Dritter Punkt. Erwäge, wie die andächtigen Seelen sich beständig bei Jesu im heiligsten Altarssakra- meute aufhalten, wo sie häufige Gnaden erlangen, mit Tröstungen erfüllt, und in der heiligen Liebe entzündet werden. Dieß ist jener vortreffliche Baum, unter dessen Schatten die heilige Braut zu ruhen wünschte. Ein einziger gnädiger Anblick des himmlischen Bräutigams ist schon hinreichend, meine Seele glückselig zu machen. Wohlan denn, seufze zu deinem Jesu: „O Du mein liebenswürdigster Herr! ich finde nichts so Liebenswürdiges, als Dich meinen Gott im heiligsten Altarssakramente. O wie sehr erfreue ich mich, wenn ich vor Dir erscheinen und mich bei Dir aufhalten kann, der Du mir wahrhaft gegenwärtig bist! Du bist mein Herr und mein Gott, mein Bruder und mein Vater, Du bist der geliebteste Bräutigam meiner Seele. -O mein Gott! was für ein Leben, was für eine Freude, was für ein Vergnügen, was für einen Nutzen empfange ich nicht von Dir im heiligsten Altarsfakramente! O mein liebster Jesu! 112 Dreizehnte Betrachtung. o wenn doch meine Seele von dem Fener Deiner Liebe brennte!" Anwendung Erzeige dich dankbar gegen Gott für diese so große Wohltbat. Die heilige Franziska von Rom dankte dem himmlischen Vater alle Abende, daß Er uns Jesum im heiligsten Sakramente gegeben habe. Einmal vergaß sie darauf, und der Herr sagte zu ihr: „Deine Danksagung gefällt Meinem himmlischen Vater so wohl, daß ick sie anstatt deiner verrichtet habe." Besticke das heiligste Altarssakrament, so oft du kannst, aber mit Ehrerbietigkeit. Der heilige Franz Borgias besuchte es täglich, wenigstens siebenmal. In seinem Zimmer wendete er sich beständig gegen dasselbe, und verrichtete seine Werke eben so, als wenn er sich immer in Dessen Gegenwart befunden hätte. xm. Betrachtung. Von den Schmerzen Maria's. Erster Punkt. Erwäge, wie Jesus Christus, nachdem die Stunde Seines Leidens und Todes gekommen war, zu Maria Seiner lieben Mutter geht, ihr für Alles Dank sagt, was sie immer aus Liebe Von den Schmerzen Maria's. 113 zu Ihm geihan und gelitten hatte, wie Er Sich bei ihr beurlaubt, und von ihr scheidet. Auf dieses wird Maria ganz mit Schmerzen überhäuft, sie begibt sich zum Gebete, und betrachtet im Geiste alle Peinen ihres geliebten Sohnes. Sie sieht Ihn, wie Er die Todesangst aussteht, wie Er Blut schwitzt, wie Er mit dem Angesichte auf die Erde fällt, und von Allen verlassen ist. Maria weint, und ist in der äußersten Be- trübniß, daß sie Ihm nickt die geringste Hülfe leisten kann. Maria hat vor ihren Angen den Judas, welcher Ihn verräth, den Petrus, welcher Ihn verläugnct, die Soldaten, welche Ihn mißhandeln, die Henkersknechte, welche Ihn peinigen, die Feinde, welche Ihn verläumden, die Richter, welche Ihn zum Tode verdammen, die Sckrist- gelchrten und Pharisäer, welche Ihn verfolgen. Maria sieht ihren lieben Jesus mit Speichel verunreinigt, mit Backenstreichen geschlagen, mit Unbilden überhäuft, mit einem Spottkleide ange- than. Sie zählt die unmenschlichen Geißelstreiche, welche den Leib Jesu ganz zerfleischen, die grausamen Hammerschläge, welche Seine heiligsten Hände und Füße durchbohren: sie sieht, wie das Blut häufig von Seinen heiligen Gliedern herabflicßt, wie Sein ganzer Leib gleichsam nur Eine Wunde ist. Maria Hort das Geschrei des Volkes, welches tobend ruft: Es lebe Barrabas; Christus 114 Dreizehnte Betrachtung. sterbe! Hier ruft die trauernde Mutter auf: „O mein geliebter Svhn! ist denn Niemand, der Dir zu Hülfe kommt? Ach, es haben Dich Alle verlassen! O wenn doch wenigstens ich Dir eine Erquickung bringen könnte! o wenn doch ich statt Deiner alle Streiche aushalten könnte! Dich würde für mein bedrängtes Herz eine kleine Linderung sein. Ach, mein Sohn! ach, mein geliebter Sohn!" O Gott, welch' eine Pein! Sieh, meine Seele! Jesus vergießt Sein Blut, und Maria ist mit Thränen ganz überronnen; und deine Sünden sind die Ursache der Leiden Jesu und der Schmerzen Marias. Weinest denn du nicht? O undankbares Herz! Zweiter Punkt. Erwäge, wie Maria eilt, sich das letztemal bei Jesu zu beurlauben, nachdem sie gehört hatte, daß Er zum Tode verurtheilt worden. Sie macht sich ans den Weg, sie sicht die Werkzeuge des Leidens vorüber tragen, sie hört das Geräusch der Waffen, sie erblickt endlich ihren ' geliebten Jesus mitten unter den Gerichtsdienern. Sein Haupt ist mit Dörnern gekrönt, und der ganz zerrissene Leib mit Blut überronnen; sie sieht, daß Er Sich nicht mehr auf den Füßen halten kann, Er fällt zu wiederholten Malen unter der Last zu Boden. Durch das Fallen werden die Wunden wieder vergrößert, die Schmer- Von den Schmerzen Maria s. 115 zen erneuert, und die grausamen Unmenschen schlagen noch aus Jesus zu. Sie stoßeu Ihn mit Füßen, sie ziehen Ihn mit den Banden, und mit Schlägen zwingen sie Ihn aufzustehen. Maria konnte nicht länger mehr von ihrem geliebten Sohne entfernt bleiben, sie nähert sich also, und umfängt Jesum; vor Schmerzen und Liebe brechen Beiden häufige Thränen hervor. Meine Seele! bei dieser Zusammenkunft von Jesu und Maria erwäge ihre Anmuthungen, ihre Beinen, ihre Liebe und ihre Schinerzen: weine du mit ihnen, und liebe sie! Dritter Punkt. Erwäge, wie Maria mit Gewalt von Jesu geschieden wurde, und wie die Henkersknechte den göttlichen Heiland mit grausamen Stoßen zum Kalvarienberge forttricben. Als Er dort angc- langt war, sieht Maria die seligste Jungfrau, wie Ihm das ungenähte Kleid, welches sie Jbm mit ihren Händen gewebt hatte, abgerissen wird; sie sieht, wie Jesu die Hände und Füße durchschlagen werden, sie hört die gewaltigen Hammerstreiche. Ach Gott! sie sieht, wie die göttlichen Glieder zerrissen werden; sie sicht, wie der Weltheilaud nun gekreuzigt ist, und am Kreuze erhöht wird, wie Er am Kreuze seufzt, wie Er in Traurigkeit die Todesangst aussteht, und in ein ganzes Meer der Verlassenheit und Schmerzen versenkt ist. Je- 116 Dreizehnte Betrachtung. B.d. Schmerzen Mariä's. sus klagt Seinen Durst, und die Mutter kann Ihn nicht einmal mit einem Trunk Wasser erquicken ; ja sie muß arischen, wie Er mit Galle und Essig getränkt wird. Sie hört auch, wie Jesus klagt, daß Er von Allen verlassen ist; Er empfiehlt sodann Maria die seligste Jungfrau dem geliebten Jünger Johannes, Er überläßt sie Ihm zur Mutter, und wie dem Johannes, so überläßt Er sie auch uns Allen; den Johannes übergibt Er darauf Mariä zum Sohne, und mit dem Johannes auch uns. Sie hört endlich, wie Jesus Seinen Geist dem bimmlischcn Vater empfiehlt, wie Er noch die Stimme laut erhebt, und gleich darauf erblickt sie Jhu entseelt und todt. Sie sieht, wie Ihm die heilige Seite mit der Lanze eröffnet, wie Er von dem Kreuze abgenommeu, und in das Grab verschlossen wird, wo Maria auch ihr Herz begraben zurück läßt. Hieraus kehrt die göttliche Mutter trauernd und betrübt ohne ihren geliebten Sohn in die Wohnung zurück. Sie weint, sie seufzt, sie hat das Leiden und den Tod ihres Jesu immer aus das lebhafteste vor ihren Augen, und die spitzigen Dornen ihrer Schmerzen durchstechen ohne Unterlaß ihr betrübtes Herz. Meine Seele l weine auch du, und laß Maria nicht allein weinen. Leiste ihr Gesellschaft in ihrer Trostlosigkeit, trage mit ihr Mitleiden, liebe sie, tröste sie, vereinige deine Seufzer und deine Thränen mit Vierzehnte Betrachtung. Von der heil. Kommunion. 117 den Seufzern Maria's. Liebe Jcsum, welcher aus Liebe zu dir gestorben ist; liebe Maria, welche aus Liebe zu dir leidet und trauert. Anwendung. Verehre andächtig die Schmerzen Maria'S, und bete zur Verehrung derselben täglich 7 Vater unser, 7 Ave Maria und 7 „Ehre sei dem Vater rc." Empfange an 7 Freitagen die heilige Kommunion. Alle Freitage betrachte eine halbe Stunde lang die Schmerzen Maria'S. Beim Essen thue dir einen Abbruch, überwinde dich siebenmal durcki eine Abtödtung. Wenn du zur Beichr gehest, bete ein Vater unser und Ave Maria und „Ehre sei dem Vater rc." zur Ehre Marias der schmerzhaften Mutter; bitte sie, daß sie dir eine wahre, innige Reue erwirke; vereinige deine Schmerzen und Pcincn mit den Schmerzen und Pei- ncn Maria's, und bitte sic, daß sie dir ein glückseliges Stcrbstündlciu erlange. XIV. Betrachtung. Bon der heiligen Kommunion. Erster Punkt. Erwäge, meine Seele, daß Sich der liebste Heiland nicht begnügte, im heiligsten Altarssakramente nur gegenwärtig zu sein; Cr wollte noch 118 Vierzehnte Betrachtung. übcrdieß in der heiligen Kommunion Sich Selbst dir schenken, damit du Sein göttliches Fleisch unter Brodsgestaltcn essen und dich mit Ihm vereinigen könntest. Da dir Jesus die heilige Kommunion gibt, gibt Er dir Seinen kostbaren Leib und Sein kostbares Blut sammt Seiner Gottheit; Er gibt dir Seine Gnade, Seine Verdienste und Seine Gcuugthuung, Er heiligt dich vollkommen mit Seiner Heiligkeit. Da dir Jesus die heilige Kommunion gibt, hinterlegt Er in deinem Herzen alle jene Reichthümcr, welche Ihm der himmlische Vater in die Hände gegeben hat. Wie viele Gnaden hat nicht unser Gott uns miigethcilt! Gleichwohl war Seine Liebe noch nicht zufrieden, bis Er endlich auch Sich Selbst uns gegeben hat. Wenn die heilige Katharina kommunizirte, sah sie in den Händen des Priesters gleichsam eine angezündetc Flamme, wodurch jene unermeßliche Liebe vorgestcllt wurde, welche in dem Herzen Jesu brennt, und der Herr sagte zn ihr: „Sichst du, Meine Tochter, mit welch großer Liebe Ich bei euch zu sein verlange, damit auch eure Liebe immer mehr entzündet, und euer Wille mit dem Mcinigcn vereinigt werde? Ich bin Fleisch geworden, und habe Mich Selbst euch dargegeben, damit ihr Mich als eine Speise empfanget, damit ihr in Mich umgestaltct werdet, und euch von Mir nähret." Aber ach, wie weit ist der Undank Don der heiligen Kommunion. 119 von uns Menschen gestiegen! statt daß wir einen so liebenswürdigen und so gütigen Gott lieben, lieben wir nichts anderes, als die Geschöpfe und uns selbst. Der Herr beklagte Sich billig über uns: Er habe Seine geliebten Kinder erhöht und geweidet, Er habe sie mit der größten Liebe und Zärtlichkeit ernährt, sic aber seien undankbar, und verachten Ihn. Zweiter Punkt. Erwäge, wie Jesus aus Mitleidcn gegen unsere Schwachheiten uns die heilige Kommunion hinterlasscu hat, in welcher wir Alles haben, was wir nur wünschen können, damit wir christlich leben, und selig werden. Die Kommunion ist die Quelle aller Gnaden und Tugenden. Durch die Kommunion wird der Glaube lebendig, die Hoffnung wächst, die Liebe wird eifrig, die Seele zu heiligen Werken ermuntert. Die heilige Kommunion ist das Brod des Lebens, welches die Seele zur glücklichen Unsterblichkeit nährt; denn dieses Brod ist vom Himmel herabgcsticgen, um die Seelen zum Himmel hinauf zu bringen. Diese göttliche Speise erhält, befördert und erfreut die Seelen Derjenigen, welche sie würdig empfangen. Die heilige Kommunion bewahrt in der Seele die Gnade, sic gibt ihr neue Hülfe und Kräfte, sie vermehrt die Tugend, und bringt sie zur Voll- 420 Vierzehnte Betrachtung. kommertheit. Die heilige Kommunion stärkt, erleuchtet und beschützt die Seelen, daß sic über die Welt, den Teufel und das Flciscb obsiegen. Die Gläubigen sind nach der Kommunion gleich den Löwen voll Flammen und Feuer, und werden dadurch der ganzen Hölle fürchterlich. Die Kommunion entkräftet die bösen Gewohnheiten, sie unterdrückt die sündhaften Neigungen, sic mäßigt die Begierlichkeit, indem sie das Feuer der Sinnlichkeit mit einem himmlischen Thau auslöscht. Die Kommunion ist ein allgemeines Hülfsmittcl wider alle menschlichen Armseligkeiten und Schwachheiten, sie reinigt die Seele von allen Lastern, und gießt ihr alle Tugenden ein. Der Herr wollte dieses heiligste Sakrament des Lebens einsetzen, damit wir durch den Empfang desselben, wie der heilige Kirchenrath von Trient sagt, von den täglichen Fehlern befreit, und vor schweren Sünden bewahrt werden. Die heilige Magdalena von Pazzis sagte treffend: „Eine einzige würdige Kommunion ist im Stande, eine Seele heilig zu machen." Nähere dich daher, meine Seele, deinem Jesu, nimm Ihn mit Ehrfurcht auf, empfange Ihn mit Begierde, umfasse Ihn mir Liebe, genieße Ihn mit zärtlicher Anmuthung, ersättige dich mit Ihm durch die Danksagung: sich, Gott ist ganz in der heiligen Kommunion! sieh, Gott ist ganz dein! 121 Von der heiligen Kommunion. Dritter Punkt. Erwäge, damit auch du bei der heiligeu Kommunion so große Gnaden erlangest, so ist noth- wcndig, daß du dich mit eifrigen Tugcndübungen und Anmuthungen zu derselben vorbercitest; diese find: der Glaube, die Hoffnung, die Liebe, die Demuth, und die Begierde. Bedenke, wer Gott ist, welcher zu dir kommt. Er ist das unermeßliche, ewige, unendliche, höchste Gut. Mit was für einer Liebe kommt Er zu dir? Mit einer unendlichen Liebe. Wer bist du, der du Ihn empfängst? Du bist ein Erdenwurm, eine Hand voll Staub, ein Geschöpf voll Sünden und Laster. Wie kaltsinnig und lieblos empfängst du Ihn! Welch billige Ursache Haft du, dich zu schämen! O Gott! wer bist Du, und wer bin ich? Ich bin ein Nichts, und Du bist Gott. O König der Herrlichkeit! O Schöpfer aller Dinge! Der Himmel ist Dein Thron, und die Erde der Schemel Deiner Füße; und doch verdemüthigt Sich Gott, und der Mensch ist von Hoffart aufgeblasen! Gott erniedrigt Sich, und der Mensch will sich erhöhen! Ach, mein Jesu! erleuchte mich, laß mich Dich lieben, und so leben, daß ich Dich würdig empfangen möge. O höchstes Gut! was kann ich Dir für eine so große Wohlthat vergelten? Sowohl aus Dankbarkeit als aus Gerechtigkeit bin ich schuldig, mich ganz der Liebe meines Wkg z»m Himmel. 6 122 Fünfzehnte Betrachtung. Herrn zu widmen, welcher Sich ans Liebe mir gänzlich geschenkt hat. Dankbarkeit und Gerechtigkeit fordern cs, daß ich nicht mehr der Welt, nicht mehr mir selbst, nicht mehr den Ge- I schöpfen anhangc, sondern daß ich ganz meinem Jesu zugchöre. Anwendung. Bevor du kommunizirst, denke eine halbe Stunde ! hindurch eifrig an Jesum; nack der heiligen Kommunion bringe eine halbe Stunde in der Danksagung zu, und trage Jesu deine Bitten vor. O wie viele Gnadcnschätze verlierst du, wenn du hierin nachläßig bist! Kommunizire oft, aber mit Andacht. Es gibt einige Seelen, welche viele Zeit auf gewisse Andachten verwenden, die nach ihrem Gcschmacke sind; dagegen die heilige Kommunion, welche doch die Quelle alles Guten ist, unterlassen sie. Trage eine größere Hochschätzung dazu, wenn dir dein ewiges Heil lieb ist. XV. Betrachtung. Zesus in Seiner Todesangst. Erster Punkt. Erwäge, meine Seele, wie der Sohn Gottes, da die Stunde Seines Leidens gekommen war, Sich bei Maria Seiner heiligsten Mutter be- Jesus in Seiner Todesangst. 123 urlaubt, und nach Gethsemane Sich verfügt. Dort war ein einsamer Garten, entfernt von aller Unruhe, wo Jesus oft im Gebete zu übernachten pflegte. Hier fällt der göttliche Heiland auf Seine Knice nieder, Cr betet den himmlischen Vater an, und bittet Ihn, daß Er Ihm in diesem beschwerlichen Kampfe beistehe. Alsdann wurden Ihm alle Peinen, welche Er leiden mußte, vorgcftcllt; Er sah vor Seinen Augen die Geißeln, die Dornen, die Nägel, die Verlassenheit, die Trostlosigkeit, die Schmerzen und das Kreuz. Er dachte an die Unerkenut- lichkeit Seines Todes, an die Sünden der Menschen, an die ewige Verdammniß so vieler Seelen, welche Er unendlich liebte. Cs stellte sich Seinem Gcmüthc dar die Undankbarkeit der Welt gegen Seinen himmlischen Vater, welcher zur Erlösung des menschlichen Geschlechtes Seines eingeborncu Sohnes nicht verschont hatte. Er sah Sich Selbst mit dem unreinen Kleide angethan, das ist, mit den Sünden der Meirichen bedeckt, welche Er auf Sich genommen hatte, um der göttlichen Gerechtigkeit Genug- thuung zu leisten. Dcßwcgcn wird Er von einer gewaltigen Furcht überfallen, Beklemmung nimmt zu, und eine tödtlichc Traurigkeit beängstigt Sein ganzes Herz. Sieh hier deinen göttlichen Erlöser an, meine Seele! steh, wie Sein Angesicht erbleicht; 12^ Fünfzehnte Betrachtung. wie die Augen das Licht verlieren, wie die Haare sich sträuben, wie der Leib zittert, wie die Kräfte entweichen, und wie Er in der To- > desangst dahin sinkt. O mein Jesu! meine ' Sünden sind die Ursache Deiner Qualen, und ich fahre leider noch immer in denselben fort! Ach, wie armselig bin ich, daß ich meinen Je- sum nicht liebe, der aus Liebe zu mir die Todesangst und die grausamsten Qualen aussteht! Mein Herr und Gott, o wie viel bin ich Dir nicht schuldig! o wenn ich Dich doch niemals beleidigt hätte! Zweiter Punkt. Erwäge, wie Jesus in dieser Todesangst Blut schwitzt. Wegen der Gewalt der innerlichen Pcincn rinnt das Blut so häufig vom ganzen Leibe, daß die Kleider davon benetzt werden, von den blutigen Gliedern und von der Stirne stießt cs auf die Erde. Und da Sich Jesus vor Heftigkeit der Schmerzen nicht mehr halten kann, fällt Er mit dem Angesichte auf die Erde, und sinkt in Sein eigenes Blut dahin. Dadurch will Er gleichsam sagen: „Ich merke, daß Mir die Kräfte entweichen. Ich empfinde den nahen Tod, Ich bin in der äußersten Qual und Angst; ach, wer gibt Mir setzt eine Erquickung?" Himmlischer Vater, wo bist Du? Wo bist du, liebe Mutter? Jünger, Freunde, Jesus in Seiner Todesangst. 125 wo seid ihr? Seraphim, was thut ihr? Aber ach! der himmlische Vater gibt keine Antwort; Maria die liebe Mutter ist entfernt; die Jünger schlafen; Alle haben Ihn verlassen. Wie, meine Seele, mache dich auf, laß dich zum Mitleiden gegen deinen Herrn bewegen; strecke deine Hand aus, hebe Ihn aus; trockne mit deinen Seufzern das Blut, wasche mit deinen Thränen Sein Angesicht; tröste mit deiner Liebe und mit deinen Schmerzen Sein geängstigtes Herz, und stärke Ihn. Siehst du nicht, wie Ihn Alle verlassen haben? Aber, o mein Gott! statt daß meine undankbare Seele Mitleiden mit Dir trüge, und Dir eine Erquickung verschaffte, vergrößert sie die Pcinen, sie erneuert Deinen Schmerz, und vermehrt Deine Angst; mit neuen Sünden schlägt sie auf Deine göttlichen Glieder, und tritt Dein kostbares Blut mit Füßen. Ach, ich habe durch meine Sünden meinem Jesus die Todesangst erneuert. Mein liebster Heiland! ach, wie sehr reuet es mich, daß ich Dich beleidigt habe! Ich liebe Dich von meiner ganzen Seele, ich will Dich auch niemals mehr betrüben. Dritter Punkt. Meine Seele! stelle dich Jesu Christo in Seiner Todesangst an die Seite; betrachte, wie Sein göttliches Angesicht eingefallen, bleich und 126 Fünfzehnte Betrachtung. vor Furcht entstaltet ist, daß sogar ein steinhartes Herz zum Mitleiden müßte bewogen werden. Sieh, wie Er da liegt, wie Er Sich bemüht, von der Erde anfzustehcn, und wie Er wieder in Sein Blut znrückfällt, weil Er Sich vor Schwachheit nicht aufrecht halten kann. O mein armer, trostloser, mit dem Tode ringender Heiland! ich trage Mitleiden mit Dir. In der Angst Seines Schmerzens erhebt Jesus die Angen zum Himmel, Er streckt die Arme aus, und mit zitternder Stimme sagt Er: „Vater! Mein Vater! wenn Du willst, und wenn es möglich ist, so gehe dieser bittere Kelch von Mir: aber nicht Mein Wille geschehe, sondern der Deine." (Luk. 22, 42.) So betete Er dreimal; das Gebet von den Seufzern unterbrochen, und Er mit Blut, mit Schweiß und Thränen überronncn. Alsdann erschien Ihm ein Engel, und sagte, es sei nothwendig, daß Er diesen Kelch des Leidens trinke; und Jesus trug Sich mit aller Bereitwilligkeit an, sogar tausendmal zur Ehre Seines himmlischen Vaters und für das Heil der Seelen zu leiden, zu sterben, und Sich auf- znopfern. Meine Seele! folge Jesu nach, übergib dich der göttlichen Anordnung in den Krankheiten, in den Verdemüthignngen, in der Armuth, in den Verfolgungen, in den Versuchungen, in der Trockenheit, in der Trostlosigkeit; bringe dich selbst ganz Jesus in Seiner Todesangst. 127 Gott zu einem vollkommenen Opfer dar, und sage Ihm Dank, daß Er dir auch ein wenig von jenem bittern Kelche zu kosten gibt, welchen Jesus ganz bis ans den letzten Tropfen getrunken hat. Dieses ist die große Gabe, welche der himmlische Vater jenen Seelen zu ertheilen pflegt, die Er vorzüglich liebt, daß Er ihnen nämlich etwas Weniges von den Peinen zu kosten gibt, womit Er Seinen geliebten Sohn so schwer beladen hat, damit sie auf diese Weise dem Eben- Lilde Jesu Christi gleich werden. Leide mit Geduld, leide mit Freuden, sage für das Leiden Dank. O mein Jesu! ach wie ungleich bin ich Dir! Ich kann nicht leiden; ich kann mich bei meinem trocknen Gebete selbst nicht ertragen, ich kann ohne Trost nicht leben; komm Du mir zu Hülfe; denn Du kannst mir helfen, lehre mich, stärke mich, damit ich nach Deinem Beispiele leide! Anwendung. Wenn dn mit Trockenheit, Verdruß, Traurigkeit überfallen wirst, unterlasse bas Gebet nickt, kürze es auch nicht ab. Jesus hat in Seiner tödtlichen Trostlosigkeit das Gebet zu unserm Beispiele nicht allein nicht unterlassen, sondern Er hat eS noch länger fortgesetzt. Er verfügte Sich dreimal zum Gebete. Bei deinem Gebete stelle dir vor, du stehest Jesu Christo an der Seite, vereinige dein Gebet, die Thränen, den Verdruß, die Trockenheit mit dem Gebete, mit den Thränen und Aengsten Jesu Christi. 128 Sechszehnte Betrachtung. Die beilige Theresia hat achtzehn Jahre lang große Qualen beim Gebete ausgestanden; sie ermunterte sich dadurch, daß sie sich vorstellte, sie stehe Jesu in Seiner Todesangst beständig an der Seite. In Beschwerden wiederhole oft folgende Worte: „Vater! Dein Wille geschehe, nicht der meinige. O mein mit Todesangst befallener Jesu! ach, stärke mich, erweise mir die Gnade, daß ich Deinen anbetungswürdigen Willen auch in den Finsternissen des Geistes, 'in Trockenheit und Verlassenheit liebe." XVj. Betrachtung. Jesus wird bei Seinem Leiden anfs grausamste mißhandelt. Erster Punkt. Erwäge, wie Jesus, da die Stunde Seiner Ge- fangennehmung gekommen war, zu Seinen Jüngern sagte: „Sehet, Mein Verräther ist in der Nähe; damit die Welt erkenne, daß Ich den Vater liebe, so bin Ich zu den Peinen und zum Tode bereit; wir wollen gehen/ Unterdessen näherte sich Judas mit den Soldaten, um Jesum gefangen zu nehmen. Der Verräther geht zum göttlichen Heilande hin, und Jesus sagte zu ihm: „Freund! wozu kommst du? was willst du thun?" Aus dieses gibt Ihm Judas den Kuß, welcher Jesus wird mißhandelt. 129 das Zeichen seiner Verrätberei war. Jesus wendete Sich zu den Soldaten und sagte: „Wenn ihr Jesum von Nazareth jucket, so sehet, Ich bin's; wenn ihr also Mich wollet, so füget Meinen Jüngern kein Leid zu/' Wie groß ist nicht Deine Liebe, o mein Jesu ! In einem Meer von Peinen vergissest Du Deiner Selbst, und denkest an Deine Jünger, welche sich von Dir entfernen. Sogleich stoßen die Soldaten mit Händen und Füßen auf Ihn, und werfen Ihn zu Boden; sie binden Ihn, sie beladen Ihn mit Ketten, und schleppen Ihn auf den Straßen gewaltsam und ungestümm fort. Jesus, gleich einem sanftmüthigen Lamme, von diesen wüthenden Löwen umruugen, leidet und schweigt. Er wird zuerst zu Annas geführt, sodann zu Kai- phas, welcher dieses Jabr Hoherpriester war. Da wird Er öffentlich mit den schimpflichsten Backenstreichen geschlagen. Er wird verläum- dct, als des Todes schuldig erklärt, als ein Gotteslästerer ausgerufen, verspieen, ins Angesicht geschlagen, mit Unbilden überhäuft, und auf alle Art mißhandelt. Sie bedecken Ihn mit Schmack und Schande, verbinden Ihm die Augen, und unter grausamen Backenstreichcn sagen sie spottweise zu Ihm: „Prophezeihe uns, Christe, wer Dich geschlagen hat." (Matth. 26, 22.) O welch wichtige Ursachen haben wir, Jesum zu lieben, der aus Liebe zu den Menschen mit 130 Sechzehnte Betrachtung. Backenstreichen geschlagen, mit Speichel verunreinigt, auf das grausamste und schimpflichste mißhandelt worden ist! Zweiter Punkt. Bleibe hier stehen, meine Seele, und stelle dich Jesu zur Seite; sieh, wie Er seufzt und weint; bete Ihn an, trage mit Ihm Mitleiden, und bestrebe dich, Ihm die erlittenen Beschimpfungen durch Eifer und Liebe zu ersetzen. O mein liebster Jesu! ich sehe Dich, und erkenne Dich nicht mehr. Ach, wohin ist Deine Schönheit gekommen? Wie sind doch Deine göttlichen Augen verfinstert, von denen die Seelen zur Liebe bewogen werden? Wie ist Dein himmlisches Angesicht, welches die Herzen ersättigt, aufgeschwollen und entstaltct? Wo ist Deine himmlische Annehmlichkeit, welche den Geist mit heiliger Liebe erfüllt? O inein armer Jesu, ach, wie sehr bist Du verändert! Omein geliebteftcr Heiland , Du bist mit Schmach und Erniedrigung beladen, und mit Keinen überhäuft: o wie höchst würdig bist Du, geliebt zu werden! Wie äußerst unwürdig des christlichen Namens ist dagegen Jener, welcher dieVerdemüthigungen flieht, welcher das Kreuz verachtet, welcher über die Unbilden zürnt, welcher sich von Hoffart aufblasen läßt und Rache sucht! Verzeih mir, o liebster Jesu! Du Vater Jesus wird mißhandelt. 131 und Bräutigam meiner Seele, verzeih' mir, ich habe gesündiget! Wasche mich mit Deinem kostbaren Blute von meiner Unreinigkeit. Heile mich, o himmlischer Arzt, von meinen Uebeln, und laß mich bei Erwägung der Unbilden, welche Du, o mein höchstes Gut, aus Liebe zu mir überträgst, in meinem Gcmüthe erleuchtet werden, daß ich künftig die Trübsale und Unbilden gleich himmlischen Schätzen mit beiden Armen umfange. O mein Jesu, Deine Gnade muß mir Stärke geben, damit ich den Sieg erhalte! Ach, erzeige Dich gnädig, und besiege meine Armseligkeit, meine Bosheit, meine Hofsart, damit ich Dir so aus Erden in der Verdemüthi- gnng Nachfolgen, und im Himmel Dich in der Verherrlichung genießen möge. Anwendung Jesus wird verläumdet, und schweigt. O wie laut redet, wie viel sagt dieses Stillschweigen Jesu! Es lehrt dich in widrigen Ereignissen schweigen; aber du kannst deine Zunge nicht bezähmen; wegen jeder geringen Unbequemlichkeit klagst du unmäßig. Schweige nach dem Beispiele Jesu, und opfere die Unbilden und das erlittene Unrecht deinem göttlichen Erlöser auf; Er wird deine Unschuld gewiß vertheidigen, und dir einst reichlichen Lohn geben. 132 xvu. Betrüchtu n ß. Jesus wird verläuguet. Erster Punkt. Erwäge, daß sich Petrus während der Zeit, da Jesus mißhandelt wurde, nicht weit entfernt auf der Seite bei dem Feuer aufhielt; und da er gefragt wurde, ob er ein Jünger Christi sek, antwortete er: er kenne Ihn nicht; er wurde das zweite -- und drittemal gefragt, er fuhr aber immer fort, seinen göttlichen Meister zu verleugnen. Jesus hört seine Verläugnnngen, Er wird vom heftigsten Schmerzen durchdrungen, doch verläßt Er ihn nicht, sondern „wendet Sick zu ihm, und sieht ihn mitleidig an." (Luk. 22, 61.) Wir können uns vorstellen, Er habe zu ihm gesagt: „Mein Petrus! warum verläugnest du Mich? was habe Ich dir zu leide gethan? Weißt du denn nicht, wie sehr Ich dich geliebt habe? Ach, Mein Petrus! ach, kehre zu Mir zurück, Mein Petrus! sieh, Ich nehme dick mit offenen Armen auf, und verzeihe dir." Hierauf krähte-der Hahn, und Petrus erinnerte sick an die Worte Jesu, welcher zu ihm gesagt hatte, er werde Ihn dreimal verläugnen, bevor noch der Hahn krähen werde. Petrus wurde Jesus wird verläuguet. 133 gerührt, er ging in sich, er machte sich aus dem Vorhofe hinaus, und beweinte seine Sünde bitterlich. (Lnk. 22, 62.) Mein Christ, zittere! Wenn große Heilige fallen, da sie das Gebet unterlassen: was wird mit dir geschehen, wenn du es vernachläßigest? Wenn große Heilige in der Gelegenheit in den Abgrund stürzen: was ist von dir ;u erwarten, wenn du dich mit bösen Gesellen selbst in die Gelegenheit wagest? wenn du gefährlichen Umgang pflegest? Eine Magd war schon hinreichend, den Petrus zum Falle zu bringen; was sagst du nun? Wirst nicht auch du fallen? O mein Jesu! wende doch Deine barmherzigen Augen auf mein steinhartes Herz, sieh mich liebreich an, und gib mir die Gnade, daß ich meine Sünden beweine. Zweiter Punkt. Erwäge, wie diese grausamen Unmenschen Jesum peinigen und mißhandeln, und nachdem sie ihre Wuth gesättigt haben, Ihn auf Befehl des Kaiphas ;u Pilatus dem Landpfleger führen, damit dieser Ihn zu Herodes schicke. Herodes will Wunder sehen; und da ihm Jesus nicht willfährt, verspottet er Ihn, er läßt Ihm als einem Thoren ein weißes Kleid anlegen, und so schickt er Ihn unter Schimpf und Spott dem Pilatus zurück. Pilatus stellt Ihn zur Rede, 134 Siebenzehnte Betrachtung. und da er Ihn unschuldig findet, will er Ihn vom Tode erretten. Es war bei den Hebräern die Gewohnheit, daß sie an den Festtagen einen Gefangenen frei ließen. Eben damals lag ein ! Ausrührer und Mörder, Barabbas mit Namen, j im Kerker. Pilatus fragte das Volk, wen es ^ frei haben wolle, Jesus oder Barabbas. Das Volk schreit: Es lebe Barabbas, Christus soll sterben! O undankbares Volk! gedenkest du nicht mehr, wie viele Wohlthaten dir Jesus erwiesen hat? Warum willst du also, daß Er sterbe? Was hat dir dein Heiland zu leide gethan? O undankbarer Christ! wie oft hast du Jesum einem Freunde, einer Wollust, einer bösen Neigung , einem Gewinne, einem Kinderspiele nachgesetzt? Nnd da du sündigest, hast du in deinem Herzen gleichsam gesagt: Es lebe die Wollust, Christus soll sterben! wenn es nur nach meinem Sinne, nach meinem Vorhaben geht, so bekümmere ich mich wegen Christo nicht! Wie unendlich geduldig und langmüthig bist Du, o mein Gott, daß Du mich so viele Jahre überträgst! Beweine nun deine Sünden, laß deinen Thränen freien Lauf, liebe Jesum, und versprich Ihm, du wollest Ihn allen Dingen i vorziehen, du wollest Seinen Willen, Sein ! Gesetz, Seine Ehre mehr achten als dein eigenes Leben. Achtzehnte Betrachtung. Jesus wird gegeißelt. L35 Anw eud u n g. Fliehe die Sünde, und sogar die geringste Gelegenheit, etwas Böses zu tbun. Wenn dick der böse Feind versucht, so bedenke, wenn du in die Sünde einwilligest, so bist du nicht weniger strafbar, und nicht weniger undankbar gegen Jesum, als die grausamen Juden, welche schrieen: Es lebe Barabbas, Christus soll sterben! denn da du sündigest, acktest du die Wollust höher, als das Gesetz, als das Blut und die Liebe Jesu, und als deine Seele. XVlll. Betrachtung. Jesus wird gegeißelt. Erster Punkt. Erwäge, wie Pilatus, zum Beweise der Unschuld Jesu, die Hände wascht, um dadurch zu zeigen, er wvlle seine Hände nicht mit dem Blute eines Unschuldigen beflecken. Da aber das Volk immerfort auf den Tod Christi dringt, so will- fährt Pilatus dem Begehren desselben, und übergibt Jesum zur Geißlung. Kaum haben die grausamen Unmenschen die Erlaubnis, Ihn zu geißeln, so fallen ste über Ihn her, und gleich wüthenden Hunden fangen sie an, Ihn zn peinigen. Einer ergreift Ihn bei der Brust, ein Anderer bei den Kleidern, ein Dritter bei 136 Achtzehnte Betrachtung. den Haaren, und so schleppen sie Ihn ln das Richthaus; dort berauben sie Ihn Seiner Kleider, sie binden Ihn an eine Säule, und bewaffnen sich, nm die unmenschliche Geißlung an Ihm vorzunehmen. Der sanstmüthige Heiland, wie ein unschuldiges Lamm, hilft Selbst die Kleider ab- legen, Er streckt die Hände aus, und läßt Sich binden; das Volk dringt von allen Seiten herbei, die grausame Zerfleischung anzusehen, und Jesus mir niedergeschlagenen Augen, voll der Schmerzen, von Scham bedeckt, mit Beschimpfungen überhäuft, erwartet das schreckliche Wetter von unmenschlichen Streichen. Ach, was sehe ich! und ich soll mich des Weinens enthalten können? Wie? Jesus ist mit Scham bedeckt, und wird beschimpft? Jesus wird mit Unbilden überhäuft und verachtet? Jesus wird gebunden und mit Ketten beladen? Jesus wird hin und her geschleppt und mißhandelt? Wie? Jesus, der Sohn des lebendigen Gottes, leidet alles Dieses? Zweiter Punkt. Erwäge, wie diese grausamen Unmenschen mit aller Gewalt auf Jesus zuschlagen; sie schlagen auf die Brust, auf die Schultern, auf die Seiten, auf das Haupt, und sogar auf Sein göttliches Angesicht. Der ganze Leib ist Jesus wird gegeißelt. 137 blau aufgeschwollen, und bei der lange dauernden Geißlung fließt das Blut stromweise; die Geißeln, ja sogar die Henkersknechte werden davon benetzt; die Säule trieft von Blut, und die Erde ist damit überronnen. O göttliches Blut, welches du für das Heil der Welt bist vergossen worden: ach, wie wenig wirst Du von der Welt geehrt und geliebt! Knotige Stöcke, dornige Ruthen, mit eisernen Hacken bewaffnete Stricke schlagen die heiligen Glieder des göttlichen Erlösers nicht allein blutig, sondern zerreißen und durchlöchern dieselben; die Gebeine stehen entblößt da, Haut und Fleisch wird fürchterlich zerrissen, Schläge folgen auf Schlüge, Streiche auf Streiche, Wunden auf Wunden, Schmerzen auf Schmerzen, und Jesus ist überall vom Blute überronnen, voll Striemen, Streiche und Wunden; Er hat nicht mehr die Gestalt eines Menschen, und ist nicht mehr kennbar! Haltet ein, ihr Henkersknechte! und wenn ihr eure Wuth abkühlen und euern Blutdurst sättigen wollet, so lasser doch dieses unbefleckte Lamm unberührt, und übet euern Zorn an mir aus, da ich der Schuldige, der Sünder bin! Schlaget ohne Barmherzigkeit auf meinen strafbaren Leib, peiniget meine sündhaften Glieder, zerreißet mein aufrührerisches Fleisch, kehret all euern Zorn wider mich, der ich ein Sünder bin, und füget meinem unschuldigen Jesus kein Leid 138 Achtzehnte Betrachtung. zu! Ich bin der Strafbare, ich verdiene die Geißeln. Was hat Jesus Böses gethau? Meine Seele! stelle dich Jesu zur Seite, sieh Ihn an in diesem bedauernswürdigen Zustande. Er ist von Allen verlassen, Er begehrt von dir eine Stärkung. Wasche die Streiche mit deinen Thränen, heile die Wunden mit deinen Schmerzen, tröste Sein geängstigtes Herz dadurch, daß du Ihn" liebest, da Er für dich so viel gelitten hat. Dritter Punkt. Erwäge, was für unbegreifliche Peinen diese Henkersknechte Jesu anthun, welche von Natur wild, nach ihrem Gesetze grausam sind, und noch dazu von dem Teufel angetrieben, von den Juden aufgemuntert und belohnt werden. Wie Einige sagen, waren es sechszig Henkersknechte, welche wechselweise Jesum geißelten, bis sie ermüdeten. Ihre Grausamkeit ist unterlegen, ihre Kräfte wurden erschöpft; aber die Geduld und Liebe Jesu, welcher leidet und schweigt, hat nicht abgenommcn. Gewiß wäre Er schon an dieser schrecklichen Pein gestorben, hätte Ihn nicht die göttliche Kraft durch ein fortdauerndes Wunder beim Leben erhalten, damit Er aus Liebe zu den Menschen noch mehr leiden könnte. Der Leib Jesu Christi, welcher aus dem reinsten Blute der seligsten Jungfrau Jesus wird gegeißelt. 139 Maria gestaltet worden ist, war auch an seinen stärksten Theilen viel zarter und empfindlicher, als bei uns der Augapfel ist, es hätte also das Leben Jesu Christi die Last so vieler Peinen ohne beständiges Wunder nicht aüshalten können. Wenn Sich Jesus Christus gewürdigt hätte, auch nur einen einzigen Streich zu empfangen, so wäre dieses ein solches Werk, worüber alle Engel und Menschen erstaunen müßten. Was muß man aber jetzt sagen, nachdem Er so Vieles auf eine so grausame und schimpfliche Weise gelitten hat? O Uebermaß der Liebe! O unendliche Herablassung! Meine Seele, bleibe hier stehen, und bedenke : Ein Gottmensch wird gegeißelr! ein Gott- mensch wird ganz zerfleischt! ein Gottmensch wird geschlagen! O wenn du doch verstündest, was das sagen will, ein Gottmensch leidet! O wenn du doch den Werth des Leidens Jesu Christi einsähcst! Der göttliche Heiland, von Geißeln ganz zerrissen, erschien einst der ehrwürdigen Viktoria, und sagte zu ihr: „Dieser Mein verwundeter Leib verbindet dich, daß du Mich liebest. Ich verlange auch keine andere Bezahlung von dir, als eine wahre Liebe. Liebe Mich also, Ich verdiene es wohl/ Meine Seele! vergilt Jesu die Geißelftreiche mit Seufzern, die Wunden mit Schmerzen, das Blut mit Thränen, die Liebe mit Liebe. Liebe Jenen, IM Achtzehnte Betrachtung. Jesus wird gegeißelt. welcher dich mehr als Sein eigenes Leben geliebt hat. Was hätte Jesus mehr thun können, deine Liebe zu gewinnen? Antworte! Wenn du Ihn nicht liebst, so bist du ein Tiger, du bist ein Stein, du bist grausamer als die Henkersknechte, du bist ein wahres Ungeheuer! O mein Gott, entweder Dich lieben oder sterben! A n w e rr d u n g. Wenn dich der böse Feind versucht, den Begierlichkeiten der Sinne nachznleben, so stelle dir Jesum in der Geißlung vor, und bedenke, daß durch die Befriedigung schändlicher Begierden Jesus wieder auf's Neue zerfleischt und Seine Geißlung erneuert wird. P. Petrus Faber sagte einst zu einem adelichen Weltmanne, er soll sich in seinen Handlungen oft zu Gemütbe führen, und zu sich selbst sprechen: „Jesus ist arm, und ich bin reich; Jesus fastet, und ich speise niedlich; Jesus ist bloS, und ich trage prächtige Kleider; Jesus hängt am Kreuze, und ich liege im weichen Bette." Der Edelmann folgte dem Nathe, und wurde von diesem Gedanken so sehr gerührt, daß er sein Leben änderte. O wie wichtig ist dieser Gedanke, welchen aber leider so wenige Menschen sich so zu Gemüthe führen, wie er es verdiente! Jesus, der eingeborne göttliche Sohn, verdemüthigt Sich aufs tiefste und leidet die heftigsten Peinen! Und der Mensch, eine Handvoll Staub, soll in Pracht und Freuden leben? Bedenk es wohl! läl XIX. Betrachtung. Jesus wird mit Dornen gekrönt. Erster Punkt. Erwäge, meine Seele, wie die Henkersknechte nach der grausamen Geißlung bemerken, daß an dem ganz zerrissenen Leibe Jesu das Haupt allein von bcsondcrn Peinen noch frei geblieben ist. Deßwcgen verfallen sie auf den Gedanken, dasselbe mit einer schrecklichen und unerhörten Marter zu peinigen. Sie nehmen einen Busch Dornen, und flechten dieselben in Gestalt einer Krone zusammen. Mit dieser Dornenkrone bedecken sic das heilige Haupt, den Hals, die ^ Schläfe; sic drücken mit eisernen Handschuhen, l und schlagen mit Stöcken darauf, daß die Dornen in das göttliche Haupt recht tief eindringen. Die spitzigen Dornen durchstechen die Stirne, die Augculicder, die Schläfe. Das Blut stießt häufig, cs benetzt das göttliche Angesickt, es besprengt die heiligen Schultern und die Brust, und gleich einem heftigen Regen befeuchtet es die Erde. Ein Dorn im Fuße bringt einen Löwen zur Wuth; was für eine Pein mußten also dem göttlichen Erlöser verursachen nicht mir 142 Neunzehnte Betrachtung. Cm, sondern zwei und sicbenzig Dornen, und nach dem heiligen Bernard tausend Wunden an einem so empfindlichen Thcile des Leibes! Unter allen Pcinen, welche Jesus an Seinem heiligen Leibe gelitten hat, war diese grausame Krönung die schmerzlichste. Ach, wie seufzt mein armer Jesus! Er ist einer unschuldigen Turteltaube gleich, welche unter einem dörnernen Zaune erliegt. O mein Gott, o König der Herrlichkeit, Du krönest die Märtyrer mit Rosen, und Du willst mit Dornen gekrönt werden! Wie viel besser schicken sich jene grausamen Wunden für mein schuldiges hoffärtiges Haupt, als für das Haupt meines Jesus! Aber, o unendliche Liebe! Du mein unschuldiger Heiland, willst mit Dornen gekrönt werden, damit Du mich elenden Sünder mit Herrlichkeit krönen könnest! O mein Jesu! ich sage Dir Dank für diese Deine unendliche Liebe. Zweiter Punkt. Erwäge, wie die Henkersknechte Jesu die Kleider abreißen, und Ihm dafür einen alten zerrissenen Purpurmantcl umhängen, statt des Scepters geben sie Ihm ein Rohr in die Hand, sie setzen Ihn nieder, und gehen mit Ihm wie mit einem Astcrkönige uin. Sie stellen sich vor Ihn hin, und biegen das Knie zur Erde; unter höhnischem Gespötte grüßen sie Ihn mit Jesus wird mit Dornen gekrönt. j^3 den Worten: „Sei gegrüßt, König der Indens Sodanit treten sic näher zu Ihm, und erfrechen sich, Ihn mit Fäusten zu schlagen, und mit Füßen zu stoßen; sie schlagen und stoßen auf Ihn zu, und geben Ihm Backcnstrciche; sie schlagen Ihn auf das Haupt und drücken die Dornen aus ein Neues ein; sie speien Ihm in's Angesicht. Und so peinigen sie den göttlichen Erlöser mit Beschimpfungen und Qualen zugleich. O Jesus! wie? Dein himmlisches Angesicht, Dein göttliches Haupt, Deine Hände, welche die Morgenröthe und die Sonne geschaffen haben, werden so mißhandelt? Ach, mein Jesu! Du bist würdig aller Herrlichkeit und Ehre; was bin ich Dir nicht schuldig, daß Du so Vieles hast leiden wollen, um mich von der Hölle zu retten! Anwendung. Aus Liebe des mit Dornen gekrönten Jesu schlage sogleich die citeln, unreinen, hoffärtigen, unnützen Gedanken aus, welche dir der höllische Feind eingibt; gedenke, daß du durch die Einwilligung in die Sünde Icsum wieder ans ein Neues mit Dornen krönest. Da die heilige Elisabeth Icsum mit Dornen gekrönt betrachtete, rief sie auf: „O mein Jesu, meine Liebe! Wie? Du bist unter Dornen, und ich in Rosen? O wie ungleich bin ich Dir!" Sage öfters mit der heiligen Theresia: „Keine Sünde mehr! keine Sünde mehr! ach, nur keine Sünde mehr, welche meinen Jesus so vieles Blut kostet!" Zwanzigste Betrachtung. XX. Betrachtung. Jesus wird zum Tode verurtheilt. Erster Punkt. Erwäge, wie Pilatus, da er Jesum in diesem äußerst elenden Zustande sieht, das Volk zum Mitleiden bewegen will, und dcßwegen den Heiland auf eine offene Bühne führt, und Ihn voll Wunden und Blut dem Volke zeigt, und zugleich sagt: Loco Uomo. Sehet den Menschen, welchen ihr so sehr hasset; sehet ihr, in was für einem erbärmlichen Zustande Er ist? Er hat nicht mehr die Gestalt eines Menschen: sehet Ihn an, Er ist ganz erschöpft; sehet Ihn, Er ist ein Mann der Schmerzen * geworden. Seid ihr denn noch nicht zufrieden? Wohlan, wir wollen Ihn frei lassen. Bei diesem Anblicke, welcher selbst Steine hätte erweichen mögen, werden diese grausamen Unmenschen noch mehr aufgebracht, und sangen an, zu rufen: „Ans Kreuz mit Ihm! Ans Kreuz mit Ihm!" Pilatus antwortete: Was hat Er denn Böses gethan? warum verlanget ihr, daß ich euern König kreuzige? Das Volk erwiedert: Wie? un- Jesus wird zum Tode vernrtheilt. 1^5 fern König? Wir haben keinen andern König als den Kaiser; und wenn du Christum frei lassest, so bist du kein Freund des Kaisers. Und Pilatus, um das Volk nicht zu erbittern und die Freundschaft des Kaisers nicht zu verlieren, setzte sich zu Gerichte, und verur- theilte Christum zum Tode. O undankbares Volk! Wie? du willst Jesum todi haben? Ist denn nicht Dieser dein größter Wohlthätcr, welcher so viele Hungerige aus euch gespeißt, so viele Kranke aus euch geheilt, so viele Besessene aus euch befreit, so viele Betrübte aus euch getröstet, so viele Sünder aus euch losgesprochen hat? Und diesen Jesum willst du todt haben! Ja, du wirst Ihn todt haben, aber mit Seinem Leben wird auch das dcinigc alsbald ein Ende nehmen. Und du, o Pilatus, der du, um die Menschen nicht zu beleidigen, Gott beleidigst, du wirst die Herrschaft aus Erden und das Himmelreich verlieren; du wirst ein Feind des Kaisers und ein Feind Gottes sein. Armer Christ, der du Gott beleidigst, damit du ein vergängliches und schlechtes Gut nicht verlierest: dir wird es ergehen, wie dem Pilatus und den Juden; du wirst das Zeitliche und das Ewige zugleich verlieren. Zweiter Punkt. Erwäge, wie jene gottlosen Henkersknechte, Weg zürn 7 1^6 Zwanzigste Betrachtung. sobald Jesus zum Tode verdammt war, an dieses unschuldige Lamm Hand anlegen, und wie sie zu Seinem größern Schmerzen und Schimpf Ihm befehlen, daß Er Selbst das zu Seiner Hinrichtung bestimmte Kreuz trage. Der de- müthigc und gehorsame Jesus sicht cs an, Er umfängt und küßt es als eine kostbare Gabe, welche Ihm Sein himmlischer Vater geschickt hat, und Er wird voll der Anmnth in Seinem Herzen gesprochen haben: „Komm, o gewünschtes Kreuz! damit Ich an dir sterbe, bin Ich vom Himmel aus die Erde herabgefticgen, und Ich habe dich schon drei und dreißig Jahre gesucht. Komm, o liebes Kreuz! du bist der Schlüssel, welcher Meinen geliebten Schäflein die Pforte des Himmels öffnen muß, und bald wirst du auch der Altar Meines Opfers und das Bett Meines ganz verwundeten Leibes sein." Mit diesen Gesinnungen nimmt Er das Krcnz auf Seine schwachen und verwundeten Schultern. Die Soldaten und Henkersknechte machen sich aus den Weg mit den Werkzeugen des Todes, und der Herold ruft aus: „Dieser ist Jesus von Nazareth, welcher zum Tode vcrurtheilt worden ist." Von allen Seiten dringen die Leute schaarenwcise herbei. Jesus unter der schweren Last fast erliegend tritt den Weg nach dem Kalvarienberg an; so viele Schritte Er thut, so viele Todesängsten leidet Er. Cr steigt IcsuS wird zum Tode verurtheilt. 1^7 auf den Berg, die Last des ungeheuren Kreuzes drückt Seinen entkräfteten Leib so sehr, daß Er unter dein Kreuze zu Boden fällt, und weil das Kreuz auf Ihm ruht, so werden Ihm die Wunden und Pcincn erneuert, und Er liegt in Seinem eigenen Blute da. Mein Christ! sich Jesum an, wie Er aus Liebe zu dir einem verächtlichen Wurme gleicht, und die Schmach der Menschen und der Auswurs des Volkes geworden ist. Wenn du Ihn liebst, so begleite Ihn mit deinen Thräncn; erfreue dich, wenn du aus Liebe zu Jesu verachtet wirft; steh hier still, und bedenke, daß Jener, welchen du so erniedrigt und in so harten Pcinen und Qualen siehst, der eingcborne Sohn Gottes ist. Dritter Punkr. Erwäge, wie die unmenschlichen Soldaten ohne alle Barmherzigkeit auf Jesum zuschlagen, damit Er Sich vom Falle wieder anfrichte; sie stoßen Ihn mit Füßen, sic ziehen Ihn bei den Haaren, und so mißhandeln sic Ihn auf dem ganzen Wege zum Kalvarienberge. Der gcäng- stigte Jesus will Sich aufrichtcn, aber wegen allzugroßer Schwachheit fällt Er auf ein Neues zu Boden; Er thut Sich Gewalt an, aber nach wenigen Schritten noch mehr abgemattet, fällt Er wieder, und dieses Fallen des entkräfteten Heilandes unter dem Kreuze wiederholt sich öf- 148 Zwanzigste Betrachtung. ters noch auf diesem schmerzvollen Wege, aber allemal schlagen, reißen, stoßen Ihn die Unmenschen, und zwingen Ihn fortzugehen. Endlich bricht dem göttlichen Heilande der Todesschweiß aus, Er vergießt häufiges Blut, und kommt so dem Tode nahe. Er würde auch wirklich gestorben sein, wenn die göttliche Vorsicht Ihn nicht beim Leben erhalten hätte, weil sic wollte, daß Er am Kreuze sterbe. Auf der rechten Schulter, wo das Kreuz aufgcladcn war, ist das Fleisch zerquetscht und abgeschält, die bloßen Gebeine ragen hervor. — O mein anbetungswürdiger Jesu! dieses so schwere Kreuz trägst Du unschuldig; das Kreuz gebührt mir, der ich schuldig bin, und tausend Kreuze und tausendmal den Tod verdient habe. Meine Seele! damit du Jesu die so harte Bürde verringerest, hilf Ihm das Kreuz tragen durch die Geduld in Trübsalen. Bilde dir ein, Jesus sage auch zu dir, wie Er zu einem Seiner frommen Diener gesagt hat: „Mein Sohn! wenn du Mich liebst, und wenn du Mir eine Freude machen willst, so hilf Mir dieses Kreuz tragen." Mein Christ! hilf Jesu das Kreuz tragen, aber nicht nur mit Worten, sondern auch im Werke, wenn dir nämlich Trübsale oder Krankheiten zu- stoßcu, wenn ein Unglück dich trifft. Dieß heißt Jesum wahrhaft lieben und Ihn uachahmen. 149 Jesus wird gekreuzigt. Anwendung Unter der Last deines Leidens denke an den Kreuz tragenden Jesum. Wenn du wegen deiner Schwachheit fällst, so steh geschwind wieder auf, aber ohne Unruhe und Mißtrauen, und bitte Jesum, daß Er dich stärke. Vereinige deine Peinen mit den Pei- ncn Jesu zur Genugthuung für deine Sünden, und um Stärke in deinen Leiden zu erlangen. XXI. Betrachtung. Jesus wird gekreuzigt. Erster Punkt. Erwäge, meine Seele, wie Jesus, da Er am Kalvarienberge anlangt, beim Kreuze niedcrkniet, und dasselbe als einen kostbaren Schatz annimmt, welcher Ihm von den Händen Seines himmlischen Vaters zukommt. Unterdessen entblößen Ihn die Henkersknechte, und reißen Ihm die Kleider ohne Barmherzigkeit ab. Hiednrch erneuern sie all Seine Wunden, und verursachen Ihm die grausamsten Schmerzen. Ja, damit sie Ihm das ungenähte Kleid ausziehen können, nehmen sie Ihm mit einer unerhörten Grausamkeit die Dornenkrone ohne alle Schonung vom 150 Ein und zwanzigste Betrachtung. Haupte; ein Theil der Dornen bleibt in den Schläfen, in der Stirne, in dem heiligen Haupte stecken. Nachdem sie Jcsuin Seiner Kleider beraubt haben, drücken sie Ihm die Krone wieder auf das Haupt, sodann werfen sie Ihn mit Gewalt auf das Kreuz hin, und schlagen dicke Nägel mit gewaltigen Hammerstreichcn durch Seine Hände und Füße. Durch die Annaglung der einen Hand ziehen sich die Nerven zusammen; um also auch die andere annageln zu können, strecken sic dieselbe nach allen Kräften mit Stricken, sie sprengen die Nerven ab, sie ziehen die Gebeine aus ihren Gelenken, sie zerreißen die Haut, und peinigen Jesum an allen Gliedern Seines heiligen Leibes. Ach, was für ein Schmerz ist es nicht, wenn man sich eine Nadel oder einen Dorn in den Fuß tritt! Was für einen Schmerz mußte also nicht Jesus empfinden, da Ihm die Hände und Füße in der Mitte mit schrecklichen Streichen durchschlagen wurden? O mein liebster Heiland ! wie belohnt Dir die Welt diese Deine so große Liebe? Ach, leider nur mit Undankbarkeit und Unbild. — Und auch ich Sünder, auch ich habe mich dieses Lasters schuldig gemacht; aber ich bereue es tief innig. Zweiter Punkt. Erwäge hier eine neue Marter. Da Jesus Jesus wird gekreuzigt. 151 angenagelt und am Kreuze ausgcspannt ist, wenden sie das Kreuz um, um die Nägel rückwärts zu befestigen. Sie werfen alsv den göttlichen Heiland mit dem Angesichte und mit dem ganzen Leibe auf die Erde; sie drücken das Kreuz auf Ihn und zerfleischen Seine heiligen Glieder auf die unmenschlichste Weise. Gerechtigkeit, o Himmel, Gerechtigkeit! Wie kannst du gedulden, daß der Sohn Gottes so tief erniedrigt und so grausam zerfleischt wird? Nachdem die Nägel befestigt sind, heben sie das Kreuz mit dem göttlichen Erlöser in die Hohe, und lassen es mit Gewalt in die Grube zurückfallen. Bei dieser Erschütterung leidet Jesus an allen Gliedern; mit dem größten Schmerzen werden die Wunden aufgerissen und die Oeffnungen an Händen und Füßen erweitert. Hier überlasse ich es dir selbst, o meine Seele, die Peinen deines Herrn zu betrachten. Sieh' Ihn an am Kreuze, wie Er an diesem schimpflichen Holze hängt! Betrachte Ihn da, ach, wie erbarmungswürdig ist Sein Zustand! Er ist eine einzige Wunde geworden, Er leidet an allen Gliedern. Das Haupt ist von Dornen durchstochen, der Hals ist ganz zerfleischt, die Schultern sind gequetscht, das Angesicht von Schlägen blau und aufgeschwollen, die Augen sind verdunkelt, der Mund von Durst ausgetrocknet, die angenagelten Hände und Füße triefen 152 Ein und zwanzigste Betrachtung. von häufigem Blute, die Gebeine sind aus den Gelenken gezogen, die Haut ist überall abgerissen, der ganze Leib ist zerschlagen, mit Blut überron- nen, rind kann sich keine Hülfe verschaffen. Wenn Er Sich aufrecht halten will, so kann Er Sich vor Schwachheit nicht ertragen; wenn Er Sich der Schwere überläßt, werden die Wunden der Hände noch weiter aufgerisscn; wenn Er das Haupt erhebt, stechen Ihn die Dornen; wenn Er es neigt, sicht Er die Feinde, welche über Seine Peknen spotten. Drei Stunden lang verharrte der geliebte Heiland als ein Opfer der göttlichen Gerechtigkeit auf diesem Schmerzens-Altäre, und diese drei Stunden brachte Er in Todesangst, in den schrecklichsten Schmerzen, in der traurigsten Zerschlagenheit ohne eine Erquickung zu. O mein armer Jesu, Du Mann der Schmerzen! ich trage Mitlciden mit Dir. O mein liebster Heiland! o mein geliebtes Gut! ach, was für eiuen grausamen und gewaltigen Tod stehst Du aus Liebe zu mir aus! ach, wie sehe ich Dich so grausam durchstochen, o König der Herrlichkeit! Ach, wie erblicke ich Dich von Allen verlassen, und in einem Meere der Peinen, o göttlicher Sohn, Du Bräutigam meiner Seele! O mein Jesu! entweder Dich lieben, oder sterben. Anwendung. Kreuzige deine bösen Neigungen und deine un- Das erste Wort Jesu am Kreuze. 153 ordentlichen Begierden aus Liebe zu Jesu. Hefte dein Herz an das Kreuz deines Jesu, und liebe nichts anderes, als Jesum, der aus Liebe zu dir gekreuzigt ist. Uebe dich täglich einigemal in der Äbtödtung zur Ehre deines verwundeten Heilandes. XXII. Betrachtung. Das erste Wort Jesu am Kreuze. Vater, verzeih ihnen; denn sie wissen nicht, was sie thun Erster Punkt. Erwäge, meine Seele, wie Jesus am Kreuze voll Wunden, voll Trostlosigkeit und Todesangst Sich nicht beklagt, sondern unter häufigen Thrä- ncn und Seufzern Seinem himmlischen Vater Seine Peinen, Sein Blut und Seinen nahen Tod für dein Heil aufopsert. Der gebenedeite Erlöser hatte in Seinem Leben immer für die Seelen gebetet, und jetzt im Tode will Er sie eines so großen Gutes keineswegs berauben; ja sogar mit einem Nebermaße der Liebe, mit der liebevollsten Stimme fängt Jesus zu reden an. Er redet, aber Er sucht nicht Rache, Er fordert nicht Gerechtigkeit, Er verlangt keine Strafe 1ä4 Zwei und zwanzigste Betrachtung. wider Seine Feinde; sondern voll der Barmherzigkeit wendet Er Sich zu Seinem Varer, und bittet für sie: „Vater," sagt Er, „Vater! verzeihe denen, die Mich gekreuzigt haben." (Luk. 23, 34.) Und damit Er Seine herzliche Liebe, welche Er allzeit gegen die Sünder beibehält, und Seine große Begierde, daß sie Verzeihung erlangen und selig werden, noch deutlicher an den Tag legte, entschuldigte Er bei Seinem himmlischen Vater ihre Sünde: „Dieses arme Volk," spricht Er, „dieses arme Volk weiß nicht, was es thut: es erkennt Mich nicht. Verzeih', o Vater! diese armen Kinder sehen ihre Unthat nicht genug ein." O liebevollster Jesu! ungeachtet dieser so großen Undankbarkeit der Menschen, ungeachtet Deines so bittern Leidens fährst Du immer fort, die Menschen aufs innigste zu lieben. Wahrhaftig, Du bist ein Gott der Liebe, Du bist die unendliche Liebe, die ewige Liebe! Ach, meine Seele, warum liebst Du den liebenden Jesum nicht? Bleibe hier stehen und bedenke: wenn Jesus diejenigen so zärtlich liebt, welche Ihm so grausame Wunden schlagen, und wenn Er so für die betet, welche Ihn verachten: wie innig wird Er nicht dich lieben, wenn auch du Ihn liebst, wenn du dir Seine Gnaden zu Nutzen machst, und mit denselben mitwirkst? Zweiter Punkt. Erwäge, wie Jesus damals nicht allein für Seine Henkersknechte, die Ihn kreuzigten, gebetet hat, sondern Er hat auch für dich und für alle Sünder gebetet. Er hat gebetet, um dich zum Vertrauen zu ermuntern, damit du Verzeihung wegen deiner großen Sünden hoffest; Er hat gebetet, um dich anzutreiben, daß du jenen Gott liebest, welcher die ewige Güte, die unermeßliche Liebe, die unendliche Barmherzigkeit ist. Erhebe dich, meine Seele, über dich selbst, wende dich zu Jesu, betrachte Ihn am Kreuze überall verwundet und durchstochen; sich Ihn an und bereue es, daß du dieses höchste Gut beleidigt hast. O Gott! o unaussprechliche Liebe des süßen Herzens meines Jesu! Wie, o Herr! Du bist so gütig gegen Deine Feinde? und Du betest für sie so liebevoll eben zn jener Zeit, da Dich diese Grausamen in ein Meer der Schmerzen versenken? da sie über Deine Peinen lachen, über Deine Lehren spotten, und Deine Worte verachten? O Gott! o unendliche Liebe! wer soll sich hier nicht angetrieben fühlen, seine Sünden zu beweineu, Dich um Barmherzigkeit anzuflehen, und Verzeihung zu hoffen? Wer soll nicht vor Liebe brennen gegen Deine unendliche Güte? Wer soll nach diesem Beispiele seinen Feinden nicht verzeihen, und nicht für seine Beleidiger be- 156 Zwei und zwanzigste Betrachtung. ten? Wer dieses nicht thut, verdient nicht ein Jünger Jesu zu sein, er ist des Namens eines Christen nicht würdig. O mein liebster Jesu, o Jesu meiner Seele, ach, erbarme Dich meiner! O mein liebevollster Heiland! erinnere den himmlischen Vater an Deine Worte, welche voll Barmherzigkeit sind, und welche Du unter Vergießung Deines kostbaren Blures mit häufigen Thränen zu Ihm gesprochen hast, damit mir so wegen Deiner unendlichen Verdienste alle meine Sünden verziehen werden, welche ich als Beleidigungen des höchsten Gutes mehr als alle Nebel verabscheue und beweine; eben so verzeihe auch ich meinen Beleidigern. Ich weiß, daß du Mich liebst als die Frucht Deines Kreuzes, als den Lohn Deines Leidens und als den Werth Deiner Peinen; gib mir die Gnade, o Herr! daß ich lebe, wie es Dir wohlgefällig ist, und daß ick keine andere Freude habe, als Dich zu lieben, nachdem Du mich mit einer ganz freiwilligen Liebe mehr als Dein eigenes Leben geliebt hast. Anwendung. Aus Liebe zu Jesu dem Gekreuzigten verzeih denen, welche dir Böses tbun; bete für die, welche dir einen Verdruß verursachen und dir widersprechen. Verzeihe eben so, wie du verlangst, daß dir von Gott verziehen werde. Wende zu deiner Entschuldigung nicht vor, dein Beleidiger verdiene nicht, daß du ihm Das zweite Wort Jesu am Kreuze. 157 verzeihest; denn du verdienst cs weit weniger von Gott. Gott verzeiht dir deine großen Sünden aus Barmherzigkeit, und du mußt dem Nächsten die Unbilden und daö Unrecht verzeihen, weil es Jesus Christus so verlangt und befiehlt; du mußt es aus Liebe zu deinem Gott thnn. Wenn du nicht verzeihst, so wird auch dir nicht »erzielten werden. „Ber- zeibet, so werdet auch ihr Verzeihung erlangen." (Luk. 6, 37.) XXIII. Betrachtung. Das zweite Wort Jesu am Kreuze. Heute wirst du bei Mir im Paradiese sein Erster Punkt. Erwäge, meine Seele, wie durch die Kraft des Gebetes Jesu Christi am Kreuze der Schächer, welcher zu Seiner rechten Seite gekreuzigt war, die Gnade der Erleuchtung und der Reue über seine Sünden erlangt hat. Der gute Büßer wendet sich zum göttlichen Heilande, voll der Reue und des Vertrauens empfiehlt er sich Seiner unendlichen Güte. „Herr!" sagte er, „gedenke meiner, wenn Du in Dein Reich kommen wirst." (Luk. 23, 42.) Mehr brauchte es nicht; das liebende Herz des göttlichen Erlösers war von Mitleid bewegt, der liebevolle 158 Drei und zwanzigste Betrachtung. Heiland erklärt den Schächer als gerechtfertigt, und versichert ihn, er werde nvch am nämlichen Tage bei Ihm in der Vorhölle sein, in welche der Herr mit Seiner heiligen Seele hinabstei- gen, und die lieben Altväter bei Seiner Ankunft mit der Herrlichkeit und Freude der Auserwählten erquicken wollte. „Heute," sagte Er, „heute noch, Mein Sohn, wirst du bei Mir im Paradiese sein." (Luk. 23, 43.) Glückseliger Schächer, der du das Himmelreich zu rauben wußtest! Heute wird für dich die Aussicht und dein Schicksal geändert werden. Von diesem Kreuze der Oualen wirft du in die Freuden des Paradieses eingehen; von diesem schimpflichen Holze wirst du zum Throne der Herrlichkeit erhoben. Aber ach, ich Unglückseliger! ich bin eigentlich ein Räuber, ich wußte meinem Gott die Ehre zu rauben, welche ich Ihm schuldig war; ich wußte die Anmuthungcn meines Herzens und anderer Menschen Ihm zu rauben, und sie nach meinen bösen Neigungen zu richten; aber ich weiß nicht durch die Reue, durch die Thränen, durch die Liebe, durch die Tugenden das Paradies Ihm zu rauben. O mein liebster Heiland I ich bekenne mich als einen großen Sünder; ich habe das Kreuz, den Tod und die Hölle tausendmal verdient. O unendliche Güte! erbarme Dich meiner, sieh mich mit einem liebevollen Blicke Das zweite Wort Jesu am Kreuze. 159 an, wie Du den armen Schächer angesehen hast, und laß mein undankbares Herz in Rcuethrä- nen zerfließen, laß es in heilige Seufzer aus- brcchen, und in den Anmuthungen des Vertrauens und der Liebe ganz verzehr: werden. Zweiter Punkt. Erwäge die Tugenden, welche der gute Sckächer ausgeübt hat, damit du ihm in denselben nachahmest. Er öffnet dem göttlichen Lichte die Augen, er entschließt sich seine Sünden zu bereuen; er zieht den Geist der Buße an und sein Herz zerspringt ihm vor Reue überfeine Sünden. Er bestraft und ermahnt groß- müthig seinen ungeduldigen Mitgesellen, der in Lästerungen ausbricht. Er bekennt öffentlich vor so vielen Feinden und im Angesichte der Ungläubigen Jesum Christum als Gott, als einen Gerechten, als einen Heiligen, als einen Unschuldigen; er thut dieses ohne Rücksicht auf jene Gottlosen, welche den göttlichen Heiland als einen Schuldigen verdammen, und als einen Uebelthäter kreuzigen. Die Apostel fliehen, die Jünger verbergen sich, die Bekannten schweigen, die Feinde fürchten den Zorn der Juden; und dieser gute Schächer fürchtet Nichts; mitten in der Schmach des Kreuzes, unter den Schmerzen der Kreuzigung läßt er seine Stimme vor der ganzen Welt hören 160 Drei und zwanzigste Betrachtung. und bekennt, daß Christus Gott, dcrKönigderHerr- lichkeit und der Fürst der Ehre ist. Sein Gebet ist großmüthig; denn er bittet nicht um Erleichterung in den Peinen, er trachtet nicht von seinem Tode befreit zu werden, sondern er bittet nur um Barmherzigkeit und Verzeihung seiner Sünden, und verlangt in das Himmelreich einzugehen. O wie gut ist es für dich, glückseliger Schächer, daß du Jesum in Seiner Schmach zu umfangen wußtest; du wirst nun gar bald Jesum auch in Seiner Herrlichkeit umfangen. Kein Sünder soll ein Mißtrauen zulasten; keine Seele soll an ihrem Heile verzweifeln. Wer sich demüthigt, und Seine Sünden mit Besserung seines Lebens bereut, dem ist von Jesus ganz gewiß Alles verziehen. O wie glückselig ist das Kreuz, wenn man es nur mit Ergebung trägt, obwohl man sich dasselbe durch die eigenen Sünden zugezozen hat! O Kreuz, wie kostbar bist du! o liebes Kreuz! wer dich umfängt, wird von Jesus umfangen werden; wer aber Dich verstoßt,Awird auch von Jesu verstoßen werden. O ewiger König! ich bekenne, daß ich wegen meiner Sünden billig am Kreuze der Widerwärtigkeiten und Trübsale hänge; vergiß doch meiner nicht, sondern sei mir gnädig; sieh mich mit den liebevollen Augen Deiner Barmherzigkeit an, und errette mich durch Deine Güte. Sieh nicht auf meine Unwürdigkeit, sondern aus Deine eigenen Das dritte Wort Jesu am Kreuze. 161 Verdienste, und laß dieselben meiner Seele zu- kommen; Dein kostbares, für mich vergossenes Blut soll reden, und mich vcrtheidigen. Anwendung. Das Kreuz ist dir nothwendig. Du mußt leiden als Mensch, als Sünder, und weil du für den Himmel bestimmt bist. Leiden ist das herrliche Kennzeichen der Auserwählten. Umfange aus Liebe zu Jesu dein Kreuz, was es auch immer für eines sei. Gott schickt es dir, ertrage es mit Geduld, mit Freude und mit Liebe. Bitte Ihn, Er wolle dir bci- stehen, daß du tugendhaft leidest, und Er wolle dich vor der Sünde bewahren. Hüte dich, daß dir wegen deiner Ungeduld und wegen deiner Unordnungen nicht eben das widerfahre, was dem unglückseligen Schächer widerfahren ist, welcher in der Verzweiflung sterben wollte. XXIV. Betrachtung. Das dritte Wort Jesu am Kreuze. Sieh deinen Sohn! Sieh deine Mutter! Erster Punkt. Erwäge, wie der sterbende Jesus an nichts anders denkt, als uns Gutes zu thun. Er bittet für Seine Mörder, Er verzeiht dem Schächer, 162 Vier und zwanzigste Betrachtung. und hernach wendet Er Sich von diesem Throne der Schmerzell zu Maria, Seiner lieben Mutter, und zum geliebten Jünger Johannes. Er hat mit ihnen Mitleid in ihrer Betrübniß, und um sie zu trösten, empfiehlt Er den Johannes Seiner liebsten Mutter, und übergibt ihn ihr zum Sohne. Sodann empfiehlt Er auch Maria die seligste Jungfrau dem Johannes, und übergibt sie ihm zur Mutter. Als der Sohn Maria's und als Lehrmeister des Johannes sorgt Er auf diese Weise für beide, und denkt an sie. O mein liebster Jesu! in einem Meere der Schmerzen und Peinen befindest Du Dich; es wäre also viel billiger, daß Andere bedacht wären, Dich zu trösten; aber Du trägst aus unendlicher Liebe so große Sorge für uns, als wenn Du auf einem Throne der Herrlichkeit Dich befändest. Wie groß ist Deine Liebe! wie wunderbar Deine Vorsicht für Deine Auserwählten! An diesem Kreuze wirst Du der König der Schmerzen genannt; aber ich nenne Dich den Vater der Barmherzigkeit, und den Gott des Trostes, weil Du mehr bedacht bist, uns in unfern Aengsten zu stärken, unsere Furcht zu mäßigen, nnd unsere wankenden Seelen zum Vertrauen zu ermuntern, als an den Tag zu legen, wie empfindlich Dir Dein Leiden fällt. O göttlicher Tröster der Betrübten, wenn Du so sorgfältig an die Deinigen denkest, da Du noch unter der Last der bitter- Das dritte Wort Jesu am Kreuze. 163 sten Drangsale seufztest, so vergiß doch jetzt meiner nicht, da Du im Paradiese herrschest! Zweiter Punkt. Erwäge, wie der göttliche Heiland in diesem Testamente der Liebe uns das Kostbarste und Liebste gibt, was Er in der Welt hatte. In der Person des Johannes, welcher die Auserwählten vorstellte, gibt Er Maria uns Allen zur Mutter, und empfiehlt uns ihrem Schutze. Es ist nicht anders, als wenn Er gesagt hätte: Meine Mutter! Ich gebe dir alle Jene zu Kindern, welche Meine Jünger sein werden. Und euch, o Meine Auserwählten, empfehle Ich an, daß ihr Maria für eure Mutter haltet. Dieß ist Mein Wille, dieß Mein Testament. Maria soll über Meine Gläubigen die Aussicht und Sorge tragen, und Meine Gläubigen sollen Maria lieben und ehren. Und die göttliche Mutter gehorcht den liebreichen Befehlen ihres Jesu, sie nimmt uns Alle als ihre Kinder an, und als solche umfängt sie uns, und drückt uns an ihr Herz. O Geschenk der unaussprechlichen Liebe! O Uebermaß der Güte! O höchste Begnadigung! O Glückseligkeit eines Christen! O seliges Schicksal für uns, daß wir die auscrwählte Mutter Gottes zu unserer Mutter haben, welche uns Jesus hinterlafsen, und deren Liebe Er uns 164 Bier und zwanzigste Betrachtung. anbefohlen hat. O Maria, du Reichthum des Paradieses! O Maria, du himmlischer Schatz! o Maria, du unbegreifliches Geschenk! Sieh, o Christglänbiger, Maria deine Mutter, welche dich als ihren Sohn annimmt! O gebenedeitc Jungfrau! von dieser Stunde an will ich dich künftig allzeit meine Mutter, meine liebste Mutter nennen, und mit kindlichem Vertrauen will ich beständig zu dir sagen: Sieh hier deinen Sohn, erkenne mich, o Mutter, für deinen Sohn, weil mich Jesus Christus als deinen Sohn dir anempfohlen und erklärt hat; sieh mich also als deinen Sohn an, und beschütze mich als Mutter! O Mutter der Barmherzigkeit, o Mutter der Hoffnung und der Liebe! es lebe Jesus, welcher Seine eigenen Peinen vergißt, und so sorgfältig an meine Wohlfahrt denkt! Gepriesen sei Maria, welche von Schmerzen ganz durchdrungen ist, aber dennoch nicht vergißt, mich als ihren Sohn anzunehmen! O mein liebster Heiland! für dieses kostbare Geschenk sage ich Dir viel großem Dank, als wenn Du mir alle Schätze der ganzen Welt zum Besitze gegeben hättest. O mein Jesu! flöße mir doch eine recht inbrünstige Liebe gegen Deine göttliche Mutter ein, welche Du auch mir zur Mutter hinterlassen hast. Wegen der Verdienste Ma- ria's verleih mir die Gnade, daß ich unter ihrem liebevollen Schutze heilig lebe; meine ganze Das vierte Wort Jesu am Kreuze. 165 Liebe soll zu euch gerichtet sein, o Jesu und Maria, damit ich durch eure Barmherzigkeit einst zum Paradiese gelange. Anwendung llm diese unendliche Liebe und große Wohlthat Jesu zu crwicdern, liebe Maria von ganzem Herzen- Deine Andacht zu Maria muß gründlich, beharrlich und wahrhaft sein; sie muß dich von Lastern abhal- tcn, und zur Ausführung der heiligen Tugenden an- trciben. Sage Jesu Dank, daß Er dir Maria zur Mutter hinterlassen hat. XXV. Betrachtung. Das vierte Wort Jesu am Kreuze. Mein Gott! Mein Gott! warum hast Du Mich verlassen? Erster Punkt. Erwäge, wie der himmlische Vater, da Er Seinen göttlichen Sohn gleichsam mit dem schändlichen Kleide eines Sünders bedeckt sah, alles Mitleid abzulegen schien, um Seiner Gerechtigkeit Platz zu geben; daher ließ Er Ihn, so zu sagen, in der Vergessenheit und gänzlichen Ver- 166 Fünf und zwanzigste Betrachtung. laffung. Die Stunde nahte schon, in welcher Jesus sterben mußte, und die Pein Seiner Trostlosigkeit wurde damals größer, als sie je gewesen; der himmlische Vater hat Ihn verlassen, die Jünger sind geflohen, die Freunde haben Ihn vergessen, und Seine besonders Geliebten, welche unter dem Kreuze verharrten, vermehrten den Schmerz Seines liebenden Herzens wegen des Mitleidcns, das Jesus in ihren Pcincu mit ihnen trug. Er war also voll Angst und Betrübniß; nirgends war Hoffnung einer Erquickung, nirgends Trost, nirgends Erleichterung; daher schrie der trostlose Heiland noch kurz vor Seinem Tode mit lauter Stimme, um dadurch die Heftigkeit Seiner innerlichen Peinen an den Tag zu geben. Er wendete Sich im Geiste zu Seinem Vater, und mit Demuth und Ergebenheit gegen die göttlichen Anordnungen rief Er aus: „Mein Gott, mein Gott! warum hast Du Mich verlassen?" (Matth. 27, 46.) Bedenke hier die Gerechtigkeit Gottes, welcher Selbst Seinen reinen, schuldlosen Eingebor- nen Sohn, weil Er für unsere Sünden Genug- thuung leistet, für uns die Bürgschaft auf Sich genommen und für uns die Schuld trägt, mit Beinen überhäuft und in der äußersten Qual und Todesangst ohne allen Trost läßt. Lerne, meine Seele, die Sünde fürchten, und sie mehr als den Tod' fliehen. O Gott! ich bin der Schuldige, Das vierte Wort Jesu am Kreuze. 167 ich habe mich so oft vom höchsten Gute abgcwen- dct, ich verdiene vom Himmel und von der Erde verlassen zu werden. — Betrachte hier aufmerksam, meine Seele, deinen liebenswürdigsten Erlöser in Seiner Trostlosigkeit; versüße Ihm Seine Bedrängnisse, und erleichtere Seine Todesangst durch deinen Schmerz und durch deine Liebe. Zweiter Punkt. Erwäge, meine Seele, wie Jesus Seine bitterste Verlassenheit hat kund machen wollen, um dich zu stärken, damit du durch das Beispiel Seines Leidens ermuntert würdest, die Bedrängnisse, die Finsternisse, den Verdruß, dic Acngften, die Furcht und die Trostlosigkeit sammt allen übrigen innerlichen Peinen, welche unzertrennliche Gefährten der auscrwähltcn Seelen sind, zu leiden und zu übertragen: und damit du von der Kraft und von dem Geiste des trostlosen Jesu auch in deinem Geiste gestärkt würdest, und die Last deiner Kreuze mit Geduld, mit Ergebung, mit Liebe trügest , und dich keineswegs zur Traurigkeit, zum Mißtrauen, zum Klagen verleiten ließest. Ja du mußt sogar die Trostlosigkeit und alle andern Peinen von den liebreichen Händen deines himmlischen Vaters als die vortrefflichsten Gaben Seiner liebevollen Güte aunchmen, und als das sicherste Unterpfand Seiner Liebe, weil Er mit dir eben so, wie mit Seinem geliebten Sohne umgeht, 168 Fünf und zwanzigste Betrachtung. und den bittern Kelch, welchen Er Jesu bis auf den letzten Tropfen zu trinken übergeben hat, auch dir zu verkosten darrcicht, damit Er dich einst auch Seiner Herrlichkeit nach dem Maße theilhaftig mache, wie du an Seinem Leiden Theil genommen hast. O mein gütigster Jesu! wie viel bin ich Dir wegen der schmerzlichen Verlassenheit schuldig, welche Du aus Liebe zu mir gelitten hast? Ich undankbarster Mensch habe mich wider den Willen meines Schöpfers aufgelehnt, damit ich meinem thörichtcn Willen folgte, und mein Heiland will mit Seiner liebreichen Verlassenheit der göttlichen Gerechtigkeit die Unbild ersetzen, daß ich so undankbarer Weise Seine Einsprechungen vernach- läßigt, den Erleuchtungen nicht gefolgt, und der barmherzigen Stimme, welche mich so oft zur Buße cingcladen hat, kein Gehör gegeben habe: so wollte mir mein Erlöser die Gnade verdienen, daß ich von der göttlichen Barmherzigkeit nicht verlassen werde. O unendliche Güte! ich sage Dir Dank. O mein liebster Gott! weiche doch niemals mit Deiner Güte von mir, und wenn ich empfinde, daß mir der Geist, die Kraft und die Tugend mangelt, so verlaß mich doch mit Deiner Gnade nicht, sondern siege mit derselben über mich. Ich bekenne, daß es mein größtes Glück ist, wenn ich aus dem Kelche trinken kann, welchen Das vierte Wort Jesu am Kreuze. 169 mir Jesus aus Liebe reicht, er mag nun so bitter sein, als er immer will. Ich will mich niemals mehr beklagen, ich will die vortreffliche Gnade des Leidens niemals mehr ausschlagen. Ich vereinige meine Peincn mit den Peinen meines Jesu, ich vereinige meine Angst mit der Angst meines Jesu, ich vereinige mein Kreuz mit dem Kreuze meines Jesu, ich vereinige meine Stimme mit der kläglichen Stimme meines Jesu; mit Jesu vereinigt opfere ich mich ganz dem himmlischen Vater auf, und übergebe mich vollkommen in alle Anordnungen der göttlichen Vorsicht. Ich will beständig sprechen, in allen Lagen, in denen ich mich befinde, zum Trotz der Hölle, welche mich in die Verzweiflung stürzen will, zur Schande der Welt, welche mir ihre Wollüste anbietct, zur Abtödtung meiner bösen Neigungen, welche sich zu leiden weigern, beständig will ich sprechen: „Soll ich den Kelch nicht trinken, welchen mir mein Vater gegeben hat?" (Joh. 18, 11.) Anwendung In deiner Trostlosigkeit und Drangsal denke an die Verlassenheit Jesu, und ruse aus: „Das Leiden unsers Herrn Jesu Christi stärke mich!" Täglich um 3 Uhr Nachmittags erinnere dich an die Todesangst und an die Verlassenheit Jesu. Sage niemals: Gott hat mich verlassen, oder: Gott züchtigt mich; sondern sage: „Ja. o Vater! so hat es Dir gefallen." sMatth. 11, 26) Weg zum Himmel. 8 170 Sechs und zwanzigste Betrachtung. ' ^ ^ ' 'l XXVI. Betrachtung. Das fünfte Wort Zesu am Kreuze. Es dürftet Mich. Erster Punkt. Erwäge, meine Seele, wie bei dem sterbenden Jesu das Eingeweide von dem brennenden Durst ganz entzündet wurde, weil Er in der Geißlung, in der Krönung, bei dem Kreuztragen und an dem Kreuze hangend, auf so vielen beschwerlichen Wegen, in so harten Pcinen eine große Menge Blut vergossen harte; daher wollte Er noch vor dem schon nahen Tode diese Seine Pein mit jenem kläglichen Ausrufe an,zeigen: „Es dürstet Mich." Nur einen Trunk Wasser, eine Erquickung, eine geringe Erleichterung für dieses Leben, das sich bald enden wird, verlange Ich; Ich Lin ganz ausgetrocknct, cs dürstet Mich. Auf diese erbärmliche Stimme ließ sich Niemand bewegen, dem göttlichen Heiland den brennenden Durst in Seiner Todesangst zu löschen; aber die grausamen und erbitterten Unmenschen waren sogleich in Bereitschaft, die Pein Das fünfte Wort Jesu am Kreuze. 17t noch mehr zu vergrößern. Auf dem Kalvarienberge stand ein Geschirr voll Essig; einer von den Dienern nahm einen Schwamm, tauchte ihn in den Essig, steckte ihn auf ein Rohr, reichte ihn Jesu dar und drückte ihn an Seine Lippen, damit Er davon trinken solle. O Gott' wie? ein Trunk Wasser einem armen Sterbenden, der in der äußersten Angst ist! ein Trunk Wasser wird sogar dem göttlichen Heilande versagt! Es ist kein Missethäter so verhaßt, daß ihm in der letzten Todesstunde ein Trunk Wasser versagt würde; ist denn für Jesus allein keine Erbarmniß mehr? Mutter, Jünger, Freunde! was thut ihr? Reichet ihr denn nicht dem sterbenden Heiland in Seiner Angst einige Tropfen Wasser? Ach, sie können nicht; der armen Mutter, den betrübten Jüngern wird nicht gestattet, Jesu nur die geringste Linderung zu verschaffen. O undankbare Welt! du versagst deinem Erlöser einen Trunk Wasser, diese geringe Erquickung versagst du deinem gütigen Gott, welcher dir mit so großer Liebe all Sein Blut ans den Adern gibt! Ach, undankbarer Christ! wie oft hast du Jesu in Seinen Armen eine Erquickung versagt? und wie oft hast du leider mit deinen schlüpferigcn Worten Jcssnn mit Galle und Essig getränkt! Mit dem brennenden Durst und mit jenem bittcrn Getränke wollte der göttliche Heiland die Verbrechen 8 * 172 Sechs und zwanzigste Betrachtung. deiner unbchutscunen Zunge an Sich Selbst abbüßen. Du zürnest über die grausamen und undankbaren Richter; warum zürnest du aber nicht über dich selbst, da du ärger bist als die Juden, und Jcsnm nicht nur einmal, sondern hundert, ja tausend Male durch Unordnungen deines Lebens und durch ungebührliche Worte mit Galle und Essig getränkt hast? Schäme dich, bereue und beweine deine Sünden. Zweiter Punkt. Erwäge, wie die Worte Jesu: „Es dürstet Mich" voll Geheimnisse sind, und die vortrefflichsten Unterweisungen für uns enthalten. Glaube nicht, Jesus habe aus Begierde nach einer Erquickung so geredet, und Er habe Wasser verlangt, um Seinen Durst zu löschen. Nein, Er gab den Durst nur darum zu erkennen, damit Er zugleich auch diese Pein mit den übrigen leiden konnte. Jesus wußte nur gar zu wohl, daß Ihm auf Sein Rufen das bitterste Getränk werde gereicht werden; Er wollte es aber dennoch, damit auch die Zunge, der Mund, der Schlund ihre eigene Oual zu leiden hätten, und kein Thcil des Leibes von seinen besonder,! Schmerzen frei bliebe. Ja, als der göttliche Heiland sah, Er werde nun bald mit dem Tode Seine Peinen enden, war Er doch, wie der heilige Bernard sagt, vom Das fünfte Wort Jesu am Kreuze. 173 Leiden noch nicht gesättigt, Er wollte also mit Seinem kläglichen Rufen: „Es dürstet Mich," den großen Durst zu erkennen geben, welchen Er hatte, noch mehr aus Liebe der Menschen zu leiden; es war also dieser Durst nicht sowohl ein Durst des Leibes, als ein Durst des Geistes; es war eine Erklärung des liebenden Herzens Jesu, welches dadurch anzeigte, cs habe Durst nach noch größeren Pcinen. Es durstet Mich! Er wollte dadurch sagen : Ich habe Durst nach grausamem Schmerzen, nach bitterem Beschimpfungen, nach schwerem Kreuzen, nach einem noch schrecklicher!! Tode. Jesus hatte Durst, den Willen Seines himmlischen Vaters vollkommen zu erfüllen, Er hatte Durst, die menschliche Erlösung noch überschwänglicher zu machen. Er hatte Durst, o Seele, nach deinen Thränen, nach deinen Anmuthungcn, nach deiner Liebe. Er hatte Durst, dich mit Seiner Gnade zu sättigen, deinen Geist mit Seiner Liebe zu erfüllen. Er hatte Durst, dich mit ewigen Gütern zu bereichern, und dich in der glückseligen Herrlichkeit zu krönen. Und du, meine Seele, du trachtest nur nach Ergötzungen? du hast keine andere Begierde als nach Freuden und Wohllüsten? Ach, wie ungleich bist du deinem Jesu? Er ist der König der Schmerzen, Er ist mit Drangsalen überhäuft, es dürstet Ihn nach noch größern Peinen. Der ge- 174 Sechs und zwanzigste Betrachtung. kreuzigte Bräutigam will, auch deine Seele als Seine Braut soll gekreuzigt sein. Wohlan denn, meine Seele, sättige das Herz Jesu mit deinem Weinen, erquicke es mit deiner Liebe, befriedige es mit deinen Seufzern, und liebe es von ganzem Herzen. O mein süßester Jesu! gib auch mir Deinen göttlichen Durst, gib mir den Durst, Deinen Willen allzeit zu vollziehen; gib mir den Durst, für Dich zu leiden; gib mir den Durst, meine Sünden allzeit zu beweinen; gib mir den Durst, allzeit von Deiner himmlischen Liebe zu brennen; gib mir den Durst, mich zu Deiner Ehre gänzlich zu verzehren. Sättige mein armes Herz mit dem kostbaren Wasser Deiner Gnade, tränke meinen Geist mit dem himmlischen Thau Deiner Liebe, befriedige meine Seele vollkommen mit Deiner Liebe, denn Deine Liebe allein kann sie befriedigen; lösche in mir aus den Durst nach Eitelkeit, nach Hoheit, nach Reich- thümeru und Wohllüsten! Vernichte in mir alle Anmuthungen zu den Geschöpfen und die Liebe zu mir selbst, damit auch ich von dem Durste Deiner Liebe brenne, damit ich ohne Unterlaß von diesem Durst entzündet nach Dir meinem höchsten Gute trachte und seufze, und mit dem königlichen Propheten sagen könne: „Meine Seele hat gedürstet nach dem starken lebendigen Gott; wann werde ich kommen, und Das fünfte Wort Jesu am Kreuze. 175 vor dem Angesichte Gottes erscheinen?" (Psalm 41, 3.) Anwendung. Um diesen bittern Durst Jesu Christi zu ehren, tödte dich ab im Essen und Trinken, besonders an den Freitagen, und außer der gewöbnlichen Zeit. Bezähme deine Zunge, welche so viel Unheil stiftet. Rede niemals von der Welt, noch von eiteln und unnützen Dingen. Rede wenig, und handle in deinen Gesprächen von der Tugend, von der Andacht, von erbaulichen und nützlichen Sache». Bitte den himmlischen Vater, daß Er dir durch die Liebe Jesu Christi die Gnade verleihe, deine Zunge in Schranken zu halten. XXVll. Betrachtung. Das sechste Wort Jesu am Kreuze. ES ist vollbracht. Erster Punkt. Erwäge, meine Seele, die Worte, welche Jesus gesprochen hat, nachdem Ihm der Essig gereicht worden war. Er wußte, Er habe nun Alles ausgestanden, was Er Schmerzliches und Hartes leiden sollte; die Absichten Seiner Ankunft 176 Sieben und zwanzigste Betrachtung. auf die Welt waren ausgeführt, Er hatte alle Pflichten erfüllt, welche Ihm von Seinem himmlischen Vater waren aufgctragen worden. Die heilige Schrift, die Weissagungen, die Vorbilder, die Zeremonien und die Opfer des alten Bundes, welche Seine Ankunft und Sein Leiden anzcigten und vorbedeuteten, waren nun bestätigt und in Erfüllung gebracht. Er hatte den Werth unserer Erlösung überflüssig bezahlt, die Ketten der Sünden waren zerbrochen, der Kopf der höllischen Schlange war zertreten, und Er konnte nun dem erlösten Menschcngeschlechte die Pforten des Himmels öffnen, da rief Er dann aus: „Es ist vollbracht!" (Joh. 19, 50.) Ich habe das große Werk vollendet und ganz ausgesührt, Ich habe den Menschen von allen zeitlichen und ewigen Nebeln befreit, Ich habe Meinen göttlichen Vater verherrlicht; cs ist also für Mich nichts anderes inehr übrig, als daß Ich Meinen Geist aufgcbc. Es ist vollbracht. Alles ist schon vollkommen erfüllt. O liebenswürdigster Heiland! ich sage Dir Dank, daß Du, um mich Sünder zu erlösen, Dein göttliches Leben nicht geschont hast. Ich bete Dich an wegen dieser heiligen Vollendung, welche Du aus unendlicher Güte wähltest, den erniedrigten Menschen dadurch zu erhöhen. Ich bitte Dich, o mein Jesu! Du wollest an mir das Werk, welches Du angefangen hast, Das sechste Wort Jesu am Kreuze. 177 vollenden, und mir den Werth Deines kostbaren Blutes, Deine unendlichen Verdienste zukommen lassen, damit ick so lebe, wie Du verlangst, und endlich mein Leben nach erlangter Vollkommenheit und bewährter Tugend beschließe. Zweiter Punkt. Erwäge, meine Seele, mit den Worten: „Es ist vollbracht" habe Jesus gleichsam zu uns sagen wollen: Geliebte Seelen! Ich habe Mich schon ganz für euch verzehrt, Ich habe Mich Selbst ganz, und endlich auch Mein Leben für euch gegeben. Ich habe nun Nichts mehr, was Ich euch geben könnte, Ich habe kein Blut mehr, Ich habe keine Kräfte mehr, Ich habe keinen Athem mehr, Ich habe kein Leben mehr. Aus Liebe zu euch habe Ich Mich ganz verzehrt. „Es ist vollbracht." Meine Seele, wende dich zu Jesu, welcher am Kreuze hängt, und von Liebe zu dir ganz verzehrt ist; sich Ihn mitleidig und liebevoll an; bewundere Seine Barmherzigkeit, erwäge Seine Güte, überlasse dich in deinen Gedanken dem Erstaunen über Seine unendliche Liebe. Sage zu dir selbst: Der höchste Gott ist Mensch geworden, damit Er dem niedrigen, dem schuldigen, dem undankbaren Menschen Gutes erweise! Ein Gott hat Sein göttliches Leben ganz verwendet, damit Er den sün- 178 Sieben und zwanzigste Betrachtung. digen Menschen znr Seligkeit bringe! Wie? ein Gott hat dieses gcthan? O ewiger Gott! ich bitte durch die Liebe Jesu, verzehre in mir Alles, was nicht Dein ist, mit dem Feuer Deiner Liebe, und wenn es noth- wendig sein sollte, damit sich mein hartes Herz ergibt, welches voll irdischer Gesinnungen und von dem Schmutze der bösen Neigungen ganz verunreinigt ist, so verzehre die Unordnungen meines Lebens mit Feuer und mit Schwert, mit Kreuz und Leiden, mit Abtödtungen, mit Beschimpfungen, mit Verdemüthignngen und mit Schmerzen. Verzehre, o mein Gott, mit Deiner Gnade alle Mecken meiner Seele, verzehre alle unheiligcn Regungen, verzehre allen Eigensinn, allen Eigenwillen, und alle Neigungen der Eigenliebe, damit auf diese Weise zur Ehre der anbetungswürdigen Vollendung des heiligsten Lebens Deines geliebten Sohnes ich auch einst vor den Fußen Deiner Majestät mit der innigsten Dankbezeugung von mir selbst sagen könne: „Es ist vollbracht." Ja, es ist Alles in mir verzehrt, was Gott nicht gefällt, Alles, was mich von der Vollkommenheit znrückhält, Alles, was mir hinderlich ist, mich inniger mit Gott zu vereinigen. Wenigstens bitte und verlange ich herzlich, o Herr! daß Du mir Licht und Kraft verleihen wollest, daß ich mich entschließe, nach dieser glückseligen Das sechste Wort Jesu am Kreuze. 179 Vollendung zn streben; daß ich anfange die Mittel hiezu mit Beständigkeit zu gebrauchen, und in dieser Absicht meinem Herzen einen beständigen Krieg anzukünden, damit ich den Unordnungen Einhalt thun, und die bösen Neigungen bezähmen möge. Thue dieses, o Vater! zu Deiner Ehre, thue es durch die Barmherzigkeit Jesu Christi. Anw end nn g. Aus dankbarer Liebe gegen das von Jesu vollbrachte Werk nimm dir vor, hauptsächlich jene Neigungen zu bestreiten, welche dich weiter von deinem Ziele abführen, und jene Fehler, in welche dn öfters fällst. Zur Ehre Jesu, welcher das Werk deiner Erlösung vollendet und zur Vollkommenheit gebracht hat, geh' immer weiter, ohne in dem Laufe deiner Vollkommenheit nachznlapcn, oder von deinem heiligen Unternehmen abznstchen. Die Vollendung Jesu soll dich stärken, und dir Math machen, daß du aus Liebe zn Jesus dich gänzlich verzehrest. Wie glückselig wirst du sein, o meine Seele, wenn auch du einst mit dem Apostel sagen kannst: „Ich habe einen guten Kamps gekämpft, ick habe den Lauf vollendet." (2. Tim. 4, 7.) 180 xxvm. Betrachtung. Das siebente Wort Jesu am Kreuze. Vater! in Deine Hände empfehle Ich Meinen Geist. Erster Punkt. Erwäge hier, meine Seele, die letzten Worte Jesu am Kreuze. Da Er sieht, das Werk der menschlichen Erlösung sei nun vollkommen, und Seine Auflösung nahe schon herbei, da Er gewahrt, das Leben fange au zu entweichen, wendet Er Sich zu Seinem himmlischen Vater: Er ruft mit jenen liebevollen Worten von dem schmerzlichen Throne des Kreuzes, und fleht den Vater in Seinem Todeskampfe um Hülfe an. „Vater, sagt Er, Mein Vater! in Deine Hände empfehle Ich Meinen Geist." (Luk. 23, 46.) Bedenke, meine Seele, wie Jesus damals auch deinen Geist und deinen Todcskampf Seinem Vater empfohlen habe, gleichsam als hätte Er gesagt: Vater! Deiner Obsorge und Deinem Schutze empfehle Ich zugleich mit Meinem Geiste auch den Geist aller Meiner lieben Kinder, welche Ich durch Mein Blut, durch Meine Schmerzen und Acngstcn, durch Meinen Todeskampf am Das siebente Wort Jesn am Kreuze. 181 Kreuze zum Leben der Gnade wieder geboren habe. Diese Meine Kinder empfehle Ich Dir, o Mein Vater, und gleichwie Du Mir bcistehst, Mich in Meine Herrlichkeit einzuführen, so wollest Du auch ihnen bei ihrem Uebcrgange beistehen, und sic der ewigen Ruhe theilhaftig machen. O mein sterbender Heiland! ich sage Dir Dank, daß Du bis auf den letzten Augenblick Deines Lebens an mich denkest, und so liebreich für meine Wohlfahrt bedacht bist. Dreß ist die größte Gnade, welche ich verlangen kann, daß ich in der Liebe zu Dir verharre, und in den liebevollen Armen meines anbetungswürdigen Schöpfers sterbe. Zweiter Punkt. Erwäge, meine Seele, wie süß und glückselig dein Tod sein werde, wenn du jetzt Jesum den Gekreuzigten von Herzen liebst. Der Anblick der heiligen Wunden, die Erwägung der göttlichen Todesangst, das Andenken an jene unaussprechlichen Worte des sterbenden Erlösers, wie werden sie dich nicht in deiner äußersten Qual stärken! welch' süßen Trost werden sie dir nicht bringen! Wenn du eine wahre Andacht zu dem sterbenden Jesu trägst, so wird deine Todesangst für dich in eine sanfte Ruhe verwandelt werden, und jene schreckliche Stunde, welche 182 Acht und zwanzigste Betrachtung. die Menschen mit Furcht und Bitterkeit erfüllt, wird deiner Seele Vertrauen und Friede bringen. Du wirst wie der heilige Philipp Benitius sterben, in Umarmung des gekreuzigten Heilandes, welchen er sein Buch zu nennen pflegte. Du wirst von diesem Thalc der Thränen zur ewigen Ruhe übergehen, wie der heilige Graf Eleazar, welcher durch das Andenken an die heiligen Wunden, und an den Namen seines gekreuzigten Heilandes die Versuchungen überwunden, die Hölle besiegt hat, und eines kostbaren und heiligen Todes gestorben ist. O mein verwundeter Heiland! drücke meinem Herzen ein lebendiges und liebevolles Andenken an Dein heiliges Leiden ein, damit ich ohne Unterlaß vor Augen habe, was Du für mich gcthan und gelitten hast. O unendliche Güte! wenn einmal mein sterblicher Leib der Auflösung nahe ist, wenn mir in der letzten Stunde, in meiner Todesangst die Kräfte entweichen, so verlaß mich nicht; gedenke alsdann meiner, und gib mir die Gnade, daß ich den Sieg erhalte, welchen Du mir mit Deinem siegreichen Tode verdient hast. Erinnere Deinen Vater an Deine schmerzliche Todesangst und an Deine letzten liebevollen Worte: Vater! in Deine Hände empfehle Ich den Geist dieses Deines armen Geschöpfes. O Vater und Gott meiner Seele! auf Deine Güte vertraue ich, und Deiner Barmherzigkeit Das siebente Wort Jesn am Kreuze. 183 empfehle ich den schrecklichen Uebergang meines Geistes. A n w end u n g. Es muß uns an keinem Geschäfte so viel gelegen sein, als an dieser schrecklichen Stunde, au diesem letzten Augenblicke, von weichem unsere Ewigkeit abhängt. Ist dieser wichtige Schritt einmal verfehlt, so kann er ewig nicht mehr verbessert werden. Damit dn dich also deßwegcn in Sicherheit setzest, so trage eine wahre Andacht zu Jesn in Seinen Leiden und in Seiner Todesangst. Bitte täglich die heiligste Dreieinigkeit, daß Sie dir durch die Verdienste Jesu Christi die Beharrlichkeit bis an'ö Ende und einen heiligen Tod verleihen wolle. Bitte auch Maria die heiligste Jungfrau als die Fürsprecherin und Mutter der armen Sterbenden. XXIX. Betrachtung. Jesus stirbt am Kreuze. Erster Punkt. Erwäge, wie der sterbende Heiland, nachdem Er den Geist Seinem himmlischen Vater empfohlen hatte, Sich der Schwachheit nun gänzlich überläßt, Er neigt das Haupt, Er schließt 18-4 Neun und zwanzigste Betrachtung. die Augen und stirbt. Jesus stirbt, und bei Seinem Tode wird der Vorhang entzwei gerissen, die Erde bebt, die Felsen werden gespalten, die Berge zittern, die Gräber offnen sich, alle Geschöpft legen ihre Traurigkeit und ihren Schmerz an den Tag. Er ist gestorben, o ihr grausamen Juden! Er ist gestorben, euer König und euer Heiland! Seiv ihr denn noch nicht gesättigt? Ist euch noch kein Genüge geleistet? seid ihr noch nicht zufrieden? Sehet, Er ist gestorben, ihr habt Ihn ja gctödtet. Was hat euch der liebvollste Herr gcthan? wodurch hat Er euch betrübt? Redet, gebet Antwort! Meine Seele, was thust du? was denkst du? Die Henkersknechte selbst sind mit Scham erfüllt; sie weinen, sie schlagen an ihre Brust, und Einer unter ihnen bekennt sogar Jcsum als den wahren Sohn Gottes. Und du, o meine Seele, die du so viele Wohlthaten von Jesu empfangen hast, wirst du von keiner Reue gerührt? weinst du nicht? betrübst du dich nicht, da du doch mit deinen Sünden das Leiden und den Tod deines Herrn erneuert hast? O Herr! mit deiner kräftigen Gnade Haft Du die Herzen der Henkersknechte und Juden erweicht; ach, erweiche auch, ich bitte Dich, erweiche und zerknirsche mein steinhartcs Herz, damit ich meine Sünden aus Liebe zu Dir bitterlich beweine, da Du aus Liebe zu mir am Kreuze gestorben Jesus stirbt am Kreuze. 185 bist. Meine Seele, bleibe auf dem Kalvarienberge unter dem Kreuze stehen, und betrachte deinen durchstochenen und verblichenen Heiland; sieh da deinen Vater, deinen Bräutigam, deinen Gott; sieh, wie Er von Beulen und Wunden ganz bedeckt, wie Er bleich und entfärbt ist; sieh Ihn an, o wie erbärmlich ist dieser Anblick I Zweiter Punkt. Erwäge, wie ein Soldat dem verstorbenen Jesus mit einer Lanze die Seite öffnet, und das Herz durchsticht, woraus Blut und Wasser fließt. Und so wollte der unendlich gütige Jesus dir auch noch das wenige Blut geben, welches in Seinem Herzen zurückgeblieben war, um dich auf diese Weise immer mehr und mehr zu Seiner Liebe zu verbinden. O Pforte des Paradieses! o Heiligthnm der Juden! o Ruhe der Bedrängten! o heilige Seitenwunde! die Du die Seele mit Liebe erfüllst, ich bete Dich an. Ach, meine Seele, lege doch alle Liebe zu den Geschöpfen ab, und liebe Gott; ja, liebe Ihn; stirb der Welt ab aus Liebe zu deinem gekreuzigten Heiland, der aus Liebe zu Dir gestorben ist. Flieh, meine Seele, von der boshaften Welt, mache dich von den treulosen Geschöpfen los, und verbirg dich in das heiligste Herz 186 Neun und zwanzigste Betrachtung. Jesu, wo du Stärke kn Trübsalen, Erleichterung in Beschwerden, Sieg in Versuchungen, Erquickung in den Peinen, und endlich jenen Frieden finden wirst, welchen du in dieser jammervollen Welt, und bei den wankelmüthigcn Geschöpfen zwar suchst, aber nicht findest; bei Jesu wirst du mit dem zeitlichen Frieden auch das ewige Leben erlangen. O mein liebster Heiland! nimm mich in Deine Arme auf, verbirg mich in Dein Herz, entzünde mich mit Deiner Liebe. Don nun an will ich der Welt absterben, mich selbst verläugnen, den Geschöpfen gekreuzigt sein, und nur leben und brennen von Dankbarkeit und Liebe gegen Dich, mein einziges und höchstes Gut, damit auch ich sagen kann: „Mir ist die Welt gekreuzigt, und ich der Welt/ (Gal. 6, 14.)' A n w e n - u n g Aus Liebe zu dem verwundeten Herzen Jesu reinige dein Herz von allen irdischen Anmuthungen; opfere dem heiligsten Herzen Jesu täglich eine gewisse Zahl der Ucbungen der Liebe und der Abtöd- tnng des Herzens auf. Rufe also mit dem königlichen Propheten: „Erschaffe ein reines Herz in mir, o Gott, und erneuere einen aufrichtigen Geist in meiner Brust!" (Psalm 50, 21.) Wenn sich dein Herz von andern Neigungen hinreißcn lassen will, welche nicht von Gott sind, so bringe es wieder zurecht, und wende es znm heiligsten Herzen Jesu, wenn es dich auch Gewalt kosten sollte, und wenn Jesus stirbt am Kreuze. L87 es unter Schmerzen deines irdischen Herzens geschehen müßte; verwunde dein Herz mit Unterdrückung deiner bösen Neigungen, damit du dem verwundeten Herzen Jesu ein glorreiches Opfer bringest. XXX. Betrachtung. Von dem Himmel. Erster Punkt. Erwäge, meine Seele, die unaussprechlichen Freuden, welche du nach dem kurzen Laufe dieses armseligen Lebens in dem Himmel genießen wirst, wenn du jetzt deinem Gott dienst. Der heilige Paulus, welcher in den Himmel verzückt worden ist, sagte, die Herrlichkeit sei dort so groß, daß eine gleiche Freude kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, und keines Menschen Herz verkostet habe. Meine Seele! wenn du Gott liebst, so wirst du dich freuen, wenn die Stunde deines glückseligen Hinschcidens herannaht, und du wirst voll Freude und Friede aus diesem Kerker ausgehen, um dich mit Gott zu vereinigen. In den Armen Jesu und Marias wirst du deinen Geist ganz sanft ausgeben, und von 188 Dreißigste Betrachtung. Engeln begleitet wirst du in die glückselige Herrlichkeit cingchen, wo dir dein Gott die Thräncn abtrocknen, dich mit Herrlichkeit krönen, und dich auf einen prächtigen Thron setzen wird. Sodann wird Er sagen: Meine Geliebte! nimm jetzt für immer Besitz von Meinem Reiche und von deiner Glückseligkeit. Die Bedrängnisse sind vorbei, die Furcht ist vorüber, die Abtödtungen und Kreuze haben ein Ende; hier wirst du zugleich mit Mir alle Güter, uud alle auf das vollkommenste, alle auf ewig besitzen. Ruhe in Meinem Frieden, empfange eine unermeßliche Belohnung für die kurzen Mühseligkeiten, welche du aus Liebe zu Mir erduldet hast. Die Engel und die Heiligen werden dir Glück wünschen, sie werden über deine Ankunft im Vaterlande der Freuden frohlocken; und so wirst du, ohne Furcht dieses höchste Gut jemals zu verlieren, leben, und dich im Hause Gottes erfreuen. Meine Seele, seufze nach diesem glückseligen Vaterlande. Wenn du so sehr für die Freuden eingenommen bist, und das Leiden so sehr fürchtest, so bedenke, wenn du Gott liebst, so wirst du durch die ganze Ewigkeit alles Gute genießen, und niemals nur den geringsten Schatten eines Uebels zu leiden haben. O himmlische Wohnung! Zweiter Punkt. Erwäge, daß nicht allein die Seele eine so große Herrlichkeit genießen, sondern auch der Leib Bon dem Himmel. 189 glückselig sein wird. Am Tage des Gerichtes werden alle Todten auferstchcn, und wenn deine Seele unter der Zahl der Auserwähltcn ist, so wird dein Leib glorreich erstehen, und nachdem er sich mit der Seele vereinigt hat, wird er wegen seiner Klarheit viel Heller als die Sonne glänzen. Seiner Unfähigkeit zu leiden wegen wird er nichts mehr zu erdulden haben; seiner Behändigkeit wegen kann er sich in einem Augenblicke, wohin er will, verfügen; mit seiner Feinheit wird er auch die Berge ohne anzustoßcn durchdringen. Die Augen, die Ohren, der Geruch, der Geschmack, das Gefühl, alle Sinne werden die reinsten Freuden und alle gewünschte Ergötzlichkeit haben. Im Himmel wird keine Nacht, keine Hitze, keine Kälte, kein Schmerz und keine Furcht mehr sein; sondern da wird man einen immerwährenden Tag, einen freudigen und angenehmen Frühling, und einen unaussprechlichen Frieden genießen. In diesem Vaterlande der Freuden wirst du beständig in der Gesellschaft der Engel und Auserwähltcn sein. Du wirst dich erfreuen im Umgänge mit den Heiligen, welche im Leben deine Fürbitter waren, und jetzt deine Brüder geworden sind. Wie viel größer wird deine Freude sein, wenn dn die Schönheit, Herrlichkeit und Größe Maria's der heiligsten Jungfrau sehen und bewundern kannst, welche einen besondcrn Vorzug im Him- 190 Dreißigste Betrachtung. mcl hat, und allein viel liebreicher, schöner und herrlicher ist, als alle Engel und Heiligen zugleich. Vor Allem aber wirst du dich erfreuen in Anschauung der heiligsten Menschheit Jesu Christi, welche mit einer solchen Schönheit leuchtet, daß die himmlischen Einwohner dadurch beseligt und mit Liebe ganz erfüllt werden. Wenn der Gesang eines Vögcleins aus dem Paradiese, welches eine Seele in dieser Welt hörte, schon hinreichend war, dieselbe ganz in Gott zu versenken, und gleichsam mit einer himmlischen Glückseligkeit zu erfreuen: was wird es erst sein, wenn man alle Freuden des Himmels ewig genießt? Wenn der Herr, wie der heilige Augustin sagt, in diesem Thale der Thränen, hier im Orte des Elends, im Kerker der Menschen, so große Freuden verschafft hat, und daran auch Seine Feinde Thcil nehmen läßt: was wird geschehen im Hause Gottes, im Vaterlande der Auserwähltcn, wo jenes höchste Gut Seine unendliche Macht, Güte, Größe, Majestät, Herrlichkeit und Liebe im vollen Glanze zeigen will? Es ist ganz gewiß, daß alles Vergnügen, alle Ergötzungen und Freuden der ganzen Welt seit ihrem Anfänge zusammen genommen nicht der geringsten Freude des Himmels gleich kommen. Meine Seele! stelle dir oft vor, du befindest dich in der Gemeinschaft der Himmelsbürger, und ergötzest dich mit den Engeln und Hei- Von dem Himmel. 191 ligen. Erfreue dich, daß sich dein Leiden bald enden, und dn mit Seele und Leib die ewigen Güter genießen wirst. Lebe heilig, liebe Gott, tödte dich mit Freuden ab, erhebe oft die Augen zum Himmel, und das Herz zu Gott, und sage zu dir selbst: O Himmel, wie schön bist du! dn wirst mein Vaterland sein. Dritter Punkt. Erwäge, meine Seele, die wesentliche Glückseligkeit, welche darin besteht, daß dn die unaussprechlichen Schönheiten Gottes, des höchsten Gutes, von Angesicht zu Angesicht schauen wirst. Im Himmel wirst du ganz Gott angchören, aufs innigste mit Gott vereinigt sein, dn wirft in die Freude des Herrn eingehcn. O ihr heiligen Engel! euch ist cs wohl bekannt, was es sagen wolle, Gott genießen. Wenn ein einziger Strahl von jener unendlichen Schönheit in den schwarzen Abgrund der Hölle cindränge, so wäre er schon hinreichend diesen Ort der Peinen in ein freudenvolles Paradies zu verändern, und die unseligen verworfenen Geister in Anscrwählte nm- zustalten. Kurz, die Belohnung, welche Gott Seinen Dienern vorbereitet hat, übersteigt unsere Gedanken und alle unsere Begierden. Die Güter des andern Lebens sind von einer unendlichen Vortresflichkeit, welche unser irdisches Gemüth jetzt noch nicht fassen kann. Die Anscrwähltm 192 Erinnerungen und Uebungen für das Gebet. werden in einem Strome der Freuden leben, sie werden vom Ucbermaße des Vergnügens gleichsam trunken sein, sie werden Nichts mehr weiter zu verlangen haben, da sie an dem himmlischen Tische sitzen. O mein Gott! wie glückselig ist derjenige, der Dich besitzt. Ach, mache mich würdig Deines Paradieses durch die Liebe Jesu Christi! An w e nd u n g. Wenn du etwas zu leiden hast, so erhebe das Gemnth zum Himmel, und sage: diese Peinen werden ein Ende nehmen. Um dich zur Abtödtung auf- znmnntern, bedenke: Mein abgctödtcter Leib" wird einst verherrlicht anferstehcn, und wird an den ewigen Freuden Theil nehmen. Erinnerungen und Uebungen für das Gebet. Dieses Büchlein wird für dich der Weg zum Himmel sein, o christliche Seele, wenn du diese ewigen Grundwahrheiten immer lebendig vor Augen hast und aufmerksam betrachtest, und wenn du getreu in's Werk setzest, was dir Gott zum Herzen redet. Wenn du mit diesen Erwägungen am Ende bist, so fange wieder auf ein Neues an, die nämlichen Wahrheiten zu betrachten; je mehr du dich mit diesen Gedanken bekannt machest, desto mehr wirst du vom Himmel Erinnerungen nnd Uebnngcn für das Gebet. 193 erleuchtet werden, und desto größer» Nutzen wirst du daraus ziehen. Glaube sicher, wenn du betest, so ist dies dem bösen Feinde eine Folter; dcßwegen wird er all'seine Arglist anwcnden, um dich vom Gebete abznhalten. Aber du mußt dann deine Treue und Standhaftigkeit beweisen, und dir selbst Gewalt antbun, die Versuchungen überwinden, und in deinem Gebete wachsam sein. Unterdessen nimm folgende Erinnerungen und Hebungen von mir an, zu deiner Bestärkung und zu deinem Unterrichte. 1) Wenn du in deinem Gcmütbe versammelt bist, und eine Empfindung hast, entweder in der Gegenwart Gottes, oder in Erkcnntniß deines Nichts, oder in der Reue über deine Sünden, so halte dich bei diesen Gedanken auf, und eile nicht weiter. 2l Das Gebet wird nicht allein mit Lesen, sondern mit Ueberlegeu und Betrachten entrichtet. Wenn du deine Seele heiligen willst, so lies wenig, denke viel, rede sparsam, und erwecke oft eine Reue; erhalte dich in der Ucbung der Reue, der Demulh und der Liebe zu Jesu Christo, und wende dich zu Ihm in allen deinen Nöthen. 3) Bei den Punkten der Betrachtung mußt du nicht zu viel Nachdenken und klügeln, sondern trachte, heilige Anmnthungen in deiner Seele zu erwecken; denn dies ist die Frucht des Gebetes. Beim Gebete mache immer Vorsätze, dein Leben zu bessern, die Laster zu meiden, die bösen Neigungen abzulödtcn, die Tugenden zu erwerbe»; doch diese Entschließungen müssen nicht beim Allgemeinen stehen bleiben, sondern du mußt dich aus etwas Besonderes cinschränken. Nimm dir vor, und versprich Gott als eine Frucht deines Gebetes, du wollest dich vor diesem Laster und vor jenem Fehler Wcg zum Himmel. 9 19^ Erinnerungen und Ucbungen für das Gebet. büken, du wollest dich in dieser Neigung abtödtcn, nach jener Tugend krachten; bestimme dir besonders die Mittel, welche du anwenden willst, nm deine bösen Neigungen zu überwinden, z. B. nicht in dieses Haus, nicht mit jenem Menschen zu gehen, welcher für dich ein Stciu des Acrgernisscs ist. Fange ohne Verzug an, diese heiligen Vorsätze in Ausübung zu bringen, sonst wird dein Gebet kraftlos sein, "und nur in leeren Worten bestehen. 5> Betrübe und beunruhige dich nicht, wenn du beim Gebete vom bösen Feinde versucht und mit sündhaften Gedanken belästigt wirst; sondern überwinde dich selbst, treibe sie beständig von dir ab, laß dick davon nicht irre machen, fahre in deinem Gebete sort, so gut du kannst, und wenn du nichts anderes thust, als daß du in Abtreibung der bösen Gedanken Gott zu lieb auSharrcst und "leidest, so wirst du ein recht gutes Gebet verrichten. 6) Wenn dein Herz trocken ist, und du von Verdruß, Traurigkeit, Zerstreuungen und Aengsten geplagt wirst, so betrübe dich dcßwegcn nicht, brich in keine schwcrmüthigen Klagen aus, laß dick auch zu keinem Mißtrauen verleiten, unterlaß dein Gebet nicht, kürze cS auch nicht ab. Gott schickt dir diese Trübsale, um deine Treue zu prüfen, und zu sehen, ob du Ihn wahrhaft liebest; harre daher in heiliger Geduld aus. '?) Wenn du das Gebet in der Absicht verrichtest, Gott dadurch einen Gefallen zu erweisen, so mußt du es verrichten, wie cs dir Gott zuschickt; und Gott will, du sollst diese Trockenheit beim Gebete leiden, Er will, du sollst cs nicht unterlassen, obwohl cs dir scheint, du thuest dabei nichts Gutes. 8) Sage Gott Dank, du magst dich in Detrüb- niß oder Trost, in Trockenheit oder Versammlung, in Christliche Lcbensrcgcln, Anmulhmigcn :c. 195 Zerstreuung oder in Andacht befinden, sage allzeit: „Gebencdeit sei Jesus Christus! der Wille meines Gottes geschehe!" Uebcrlasse dich ganz Gott; de- müthige dich, erkenne deine Armseligkeit, scblagc an deine Brust, und erkenne dich vor Gott als einen großen Sünder. 9) In Trockenheit und Verlassenheit vereinige dein Gebet mit der Todesangst, mit der Qual, mit der Verlassenheit und mit der Traurigkeit, welche Jesus beim Gebete gelitten chat, das Er aus Liebe zu dir am Oelberge, während der Kreuztragung und an dem Kreuze verrichtete. Christliche Lebens reg ein, Anmuthungen und Uebungen, gut zu leben, welche nach Verschiedenheit der Stande und Personen zu gebrauchen sind. 36cr verlangt, selig zu werden, muß wohlgeordnet leben, und sich Zeit und Stunde sür seine Andachts- Übungen sestsetzcn. Lieber Leser, wenn du dich in der Gnade Gottes erhalten willst, so unterlaß niemals diese kurzen Uebungen. Erwähle dir einen guten Beichtvater, welchem du den Schatz deiner Seele anvcrtrauest; gib ihm oft Rechenschaft von deinem Gewissen, und ändere ihn nickt lcicktsinnig ab. Jeden Morgen opfere dem Herrn auf alle deine guten Werke des künftigen Tages, deine Bemühungen, deine Leiden und alle Handlungen vereinigt mit den Verdiensten Jesu Christi. 196 Christliche Lcbensrcgeln, Anmuthungcn rc. Ovserc alle deine Werke der billigsten Dreieinigkeit, der heiligsten Jungfrau Maria und dem ganzen Himmel auf, zur Hülfe der armen Seelen im Fcgfcuer. Mache die Meinung, alle Ablässe zu gewinnen, welche du gewinnen kannst, Fliebe den Müssiggang. die bösen Gesellschaften, den gefährlichen Umgang, daö Spielen, Bedenke, daß die Zeit schnell vergebt, und nicht mehr znrückkommt, daß du nur Eine Seele hast, und daß du, wenn du diese verlierst, Alles verlierst. Jeden Morgen. Sobald du erwachst, schenke die ersten Gedanken Gott, Beim Ankleiden denke an das Gebet, empfiehl dich Gott, sodann sage: Heiligste Dreieinigkeit! ich glaube, daß Du mir gegenwärtig bist, und bete Dich an; ich sage Dir Dank, daß Du mich diese Nacht beschützt hast, ich opfere Dir alle meine Werke auf. Mein Gott, meine Liebe, unendliche Güte! Du bist würdig geliebt zu werden, stehe mir diesen Tag bei! Bewahre mich vor Sünden und vor Unglück; strecke Deine Hand über mich aus, und halte mich zurück, daß ich Dich nicht verralhe, Bete dreimal: „Ehre sei dem Vatcrrc." zu Ehren der heiligsten Dreieinigkeit, ein Vater unser zu Ehren Jesu Christi, und drei Ave Maria zu Ehren der seligsten Jungfrau, und bitte sie, daß sie dich in ihren mütterlichen Schutz nehme. Viedreigöttiiche »Tugenden. Ue bring des Glaubens. ^ mein Gott, Du untrügliche Wahrheit! weil Du cs geoffenbaret hast, so glaube ich Alles, Die drei göttlichen Tugenden. 197 was die heilige Kirche mich lehrt. Ich glaube an die heiligste Dreieinigkeit, an den Vater, Sohn und heiligen Geist, drei Personen und einen einzigen Gott, einen gerechten Gott, welcher die Bösen straft und die Guten belohnt. Ich glaube, daß der Sohn Gottes Mensch geworden, und daß Er gestorben ist, meine Seele selig zu machen, daß Er auferstanden, daß Er im Himmel und im heiligsten Altarssakramente ist, und genannt wird Jesus Christus, der Richter der Lebendigen und der Todten; Er hat die heiligen Sakramente eingesetzt, uns zu verzeihen und zu heiligen. Ich sage Dir Dank, daß Du mich zum christlichen Glauben gebracht hast. Gib mir die Gnade, daß ich Dir ganz ergeben lebe und sterbe, und allzeit sage: Es lebe der Glaube Jesu Christi! Hebung der Hoffnung. O mein Gott, Du meine Hoffnung! Du bist ein getreuer, mächtiger und barmherziger Gott, ich vertraue auf Dein Versprechen, und hoffe von Dir durch das Blut Jesu Christi Verzeihung meiner Sünden, die heiligen Tugenden und die himmlische Glückseligkeit. Hebung der Liebe. O mein Gott, Du meine Liebe, Du Vater und Bräutigam meiner Seele, Du höchstes 193 Die drei göttlichen Tugenden. und unendliches Gut! weil Du würdig bist geliebt zu werden, so liebe ich Dich von ganzem Herzen, mehr als mein Leben; aus Liebe zu Dir liebe ich den Nebenmenschen wie mich selbst. O Gott! ich wünschte, Dich eben so inbrünstig lieben zu können, wie Dich die Seraphim lieben. Ich wünschte, ich konnte mit Vergießung alles meines Blutes alle Volker zu Deiner Er- kenntuiß und zu Deiner Liebe bringen. Ueburrg der Reue. O mein liebster Gott! Du hast mich erschaffen, um Dich zu lieben und Dir zu dienen; und ich Undankbarer habe leider Dich beleidigt.. Ich bekenne cs mit Scham, und bereue es von Herzen. O unendliche Güte, o wenn ich Dich doch niemals beleidigt hätte! ich wünschte vor Schmerzen sterben zu können. Verzeih mir, o mein Vater! durch die Liebe Jesu Christi. Verzeih mir, o mein Jesu! durch das Blut, welches Du für mich vergossen hast; ich verspreche Dir, Dich allzeit zu lieben, und Dich nicht mehr zu beleidigen. Ich nehme mir vor, o Herr! die heiligen Sakramente oft zu empfangen, und dadurch die heiligmachende Gnade in mir zu vermehren, im Leben und im Tode. Betrachte eine halbe Stunde lang vom Leiden Cbristi oder von den vier letzten Dingen. Sodann unterlasse niemals, die beilige Messe täglich anzu- Die drei göttlichen Tugenden. 199 hören; denn sie ist ein unendlicher Schatz für dich. Hierauf verfüge dich zu deinen Geschäften, und erinnere dich oft an deinen Gott, welcher dir gegenwärtig ist. Beim Essen schicke einen Gedanken zu Gott, erneuere die Meinung, die Speisen nur zur Erhaltung deö Lebens und zum Dienste Gottes zu genießen. Von einer jeden Speise lasse etwas Weniges für Jcsum zurück. Darnach sage dem Herrn Dank. Alle Tage. Wende noch eine andere kurze Zeit zum Gebete an, besuche das heiligste Altarssakrament, und auck die seligste Jungfrau Maria. LieS ein andächtiges Buch, thue dem Nebenmenschcn etwas Gutes. Bete 5 Vater unser, 5 Ave Maria und „Ehre sei dem Vater rc." zu Ehren der heiligsten fünf Wunden Jesu Christi, und bitte Ihn, daß Er dir deine Sünden verzeihe, dich vor allem Bösen bewahre, alle Tugenden dir schenke, die Beharrlichkeit gebe, und dich des Himmels würdig mache. 3 Vater unser, 3 Ave Maria und „Ehre sei dem Vater rc." der heiligsten Dreieinigkeit sammt drei Uebungen der Liebe, zur Danksagung für die Gnaden, welche der seligsten Jungfrau Maria, den Engeln, den Heiligen und dir erwiesen wrrden sind. Bete mit Andacht den heiligen Rosenkranz sammt der Litanei. Wenn du den Nächsten grüßest, sage: Gelobt sei Jesus Christus! Daraus wird geantwortet: In Ewigkeit. Hiedurch kannst du viele Ablässe gewinnen. Bei deinen Bemühungen und Arbeiten erbebe von Zeit zu Zeit das Gemüth zu Gott, versammle dich im Geiste, und empfiehl dick Gott mit einem kurzen Gebete. 200 Die drei göttlichen Tugenden. Alle Abende. Wenn die Aufsicht über das Haus dir zusiebt, so laß die Deinigen zusammen kommen, verrichte mit ihnen ein kurzes Gebet gemeinschaftlich. Bor dem Schlafengehen bete mit deinen Hausgenossen den heiligen Rosenkranz, und mache die GewissenSerforschnng mit folgenden Ucbungen: l'! Stelle dich in die Gegenwart Gottes, sage Ihm Dank für die Wohlthatcn, welche du besonders diesen Tag empfangen hast. 2) Bitte um Erleuchtung, deine Sünden zu erkennen, und um die Gnade, dich zu bessern. 3> Erforsche dich über die Sünden, welche du an diesem Tag begangen hast. ^ Bitte Gott von Herzen um Verzeihung, und verschrieb Jbm, du wollest Ihn nicht mehr beleidigen, und jene Gelegenheiten stieben, in denen du öfters fällst.^ ' 5) Bitte den Herrn, daß Er dick in der folgenden Nacht beschütze; und mache die Meinung, so oft zu Jesu zu seufzen, als du Atbcm holst. 6) Bete 3 Ave Maria zu Ehren der seligsten Jungfrau, ein Vater unser zum heiligen Schutzengel. Erwecke auch die christlichen Tugendübungcn, Glaube, Hoffnung und Liebe, wie oben Seite 196 u. f. Schlafe ein mit einem Kreuzlein oder Kruzifir- bild in der Hand oder auf der Brust, den Rosenkranz winde um den Arm. Gestatte den irdischen Gedanken keinen Eingang in dein Gemütb; wenn du aufwachest, so rufe Jesus und Maria an. Alle Wochen. Empfange mit Andacht die heiligen Sakramente. Gib dem Beichtvater aufrichtig Rechenschaft von dei- Besuchung des heiligsten Altarssakraments. 201 nein Gewissen. Besuche eine Versammlung oder Bruderschaft von Maria der seligsten Jungfrau. Faste oder tbue dir einen Abbruch im Essen am Freitage oder Samstage; brauche die Geißel und trage einen Bußgürtel eine oder die andere Stunde. Alle Monate. Nimm eine Ordnung der Heiligen, und einen Chor der Engel als Fürbittcr an. Erwähle dir eine Tugend, um dick öfters in derselben zu üben. Bringe einen Tag in der Keistesversammlung zu, durchgehe an demselben dein ganzes Gewissen, trachte deine herrschende Neigung zu entdecken, bestimme die be- sondern Mittel, sie zu überwinden. Bereite dich zu einem guten Tode; ordne die Angelegenheiten deiner Seele; lege eine genauere Beicht ab, und erwäge ernstlich dein letztes Ziel und Ende. Siehe S. 204. Alle Jahre. Mache die Exerzitien oder geistlichen Uebungcn acht Tage lang; während dieser Zeit denke nur an Gott und an deine Seele; lege eine allgemeine Beicht ab, und gründe dich fest in einem heiligen Lebenswandel. Besuchung des heiligsten Altarssakramentes. Sieb, meine Seele, du bist hier in der Gegenwart deines Gottes, .welcher aus Liebe zu dir Mensch 202 Besuchung des heiligsten Altarssakraments. geworden ist; bete Ihn an, nnd bedenke, daß der unendlich herrliche Gott wesentlich im heiligsten Altarssakramente zugegen ist. Bedenke es, Gott ist zugegen. O mein liebster Jesu! ich glaube, daß Du mit Seele und Leib, mit Gottheit und Menschheit in dem heiligsten Altarssakramente gegenwärtig bist. Du bist der Gott all meiner Hoffnung; daher hoffe ich alles Gute von Dir, weil ich weiß, daß Dein Blut meine Sünden vertilgt, und mir die Pforten des Himmels öffnet. O Jesu, meine Liebe in dem heiligsten Altarssakramente! in diesem Geheimnisse der Liebe ergießest Du die Liebes flammen überall; ach, entzünde auch mein Herz, damit ich Dich immer liebe, wie Du verdienst, geliebt zu werden, und wie ich Dich zu lieben schuldig bin. Ich wünschte, daß mein Herz von Deiner heiligen Liebe brenne, und daß mit mir die ganze Welt Dich, das höchste Gut, liebte. Ach, wie oft und schwer habe ich Dich, o Herr! beleidigt, statt daß ich Dich liebte. O unendliche Güte! ich bereue es, verzeih mir; und gib mir Deine kräftige Gnade, daß ich Dich nicht mehr beleidige. O mein Jesu! ich sage Dir Dank, daß Du im heiligsten Altarssakramente bei uns verblieben bist. O ewiger Vater! ich sage Dir Dank, daß Du mir Jesum gegeben Haft; ja der ganze Himmel soll Dir für mich Dank abstatten. Besuchung Maria s der seligsten Jungfrau. 203 O mein Jesu! aus Liebe zu mir hast Du Dich ganz zum Opfer dargegeben; deßhalb bringe auch ich Dir mich selbst ganz zu einem immerwährenden Opfer dar, meine Seele und mein Leib sollen ganz Dein und nicht mehr mein sein. Nach diesem ehre die heiligste Dreieinigkeit, besänftige ihre Gerechtigkeit, danke ihrer Freigebigkeit, flehe ihre Güte an durch Jesum Christum. Sodann begehre Gnaden ven dem Herrn, bete für die ganze heilige Kirche und für die Seelen der Lebendigen und Verstorbenen. Erhöre, o Herr! mein Flehen auf diesem .Throne der Barmherzigkeit; verleihe mir die Gnade — zu Deiner größern Ehre und zur größer« Wohlfahrt meiner Seele. Segne mich, o Jesu, mit Maria! D e s u ch u n g Maria's der seligsten Jungfrau. Ä^cine Seele, stelle dir die Gegenwart Maria's so lebhaft vor, als wenn du ihr himmlisches Angesicht sähest, und dich mit ihr unterredetcst. Verehre Maria mit dem ganzen himmlischen Hofe, und freue dich über ihre Herrlichkeit und Größe. Vereinige deine Ehrenbezeugungen mit denen des ganzen Himmels, der heiligen Kirche, und mit der Liebe, welche Jesus und die ganze heftigste Dreieinigkeit zu Maria tragen. Demüthige dich, und be- 204 Besuchung Maria's der seligsten Jungfrau. kenne dich unwürdig vor ibr zu erscheinen. Rede mit ibr vertraulich wie ein Kind; mache in deinem Herzen den Anmuthungen der Liebe Platz, trage ihr deine Armseligkeiten und deine Nöthen vvr, und bitte sie um Hülfe und Stärke in deinen Anliegen. Rufe sie mit Vertrauen an, daß sie dich von den Lastern befreie, und dir die heiligen Tugenden und ihre heilige Liebe erhalte. Bitte sie um Vermehrung der Gnade und um Beharrlichkeit im Guten bis in den Tod; bitte, sie wolle dir die Gnade zuwege bringen, daß du über die Versuchungen siegest, und cnd- jick heilig in ibren Armen sterbest. Bitte sie für die heilige Kirche, für alle Seelen der Lebendigen und für die im Fegfeuer leidenden Seelen. Sage der heiligsten Dreieinigkeit Dank für die Gnaden, welche sie Maria verliehen, und daß sie dir dieselbe zur Mutter gegeben hat. Sage auch Maria Dank, daß sie dick als Kind angenommen, dich so sehr geliebt, und sich gegen dich so gnädig bezeigt hat, obwohl du undankbar gewesen bist. Bitte sic um Verzeihung wegen der Trägheit in ihrem Dienste, und wegen deines Undankes. Versprich Maria, du wollest sie inniger lieben, ihr eifriger dienen, und die Andacht zu ihr befördern. Verehre sie, und bitte sie, sie wolle dir besonders diesen Tag beistehen. Bitte um ihren Segen, sodann gehe im Frieden, bebalte aber Maria im Herzen. Vorbereitung zu einem guten Tode. Entferne dich von den Menschen, und rede nur mit Gott; stelle dir vor, du liegest schon auf dem Vorbereitung zu einem guten Tode. 205 Sterbebette, von Jedermann verlassen, dem Tode nahe, sodann sprich solgende Anmuthnugeu. d)ieiii Gvtt! ich bctheure, daß ich als ein gehor- samesKind derheiligen, römisch-katholischen Kirche sterben, nnd Dich in meinem Tode lieben und loben wolle; ich will auch in keine Versuchung cinwilligen. Ich vereinige meine Pciuen und Todesängsten mit dem Tode, welchen Jesus aus Liebe zu mir hat ausstchen wollen. O mein Gott! ich nehme die Peinen und den Tod von Deinen Händen willig an, und ich will sterben, wann, wo, und wie cs Dir gefällig ist. Du bist mein Gvtt, Dein Wille geschehe! O mein Gvtt! die Zerstörung meines Leibes bringe ich Deiner höchsten Herrschaft, Deiner Gerechtigkeit und Allmacht zum Opfer dar; ich dcmüthige mich deß- wegeu, und sage Dir von Herzen Dank. O mein Gott! ich sage Dir Dank für alle Wohlthaten, welche Du mir erwiesen hast; ich sage Dank der seligsten Jungfrau Maria, den Engeln und Heiligen, welche für mich armen Sünder gebeten haben, und noch bitten. Ich verzeihe denen, welche mir Böses gethan haben, ich bitte auch diejenigen um Verzeihung, welche ich beleidigt oder geärgert habe; und durch die Liebe Jesu Christi bitte ich Alle, sie wollen mir verzeihen und für mich bitten. Ich bethcure, die priesterliche Lossprechung empfangen zu wollen, und in dieser Absicht die Uebungen der 206 Vorbereitung zu einem guten Tode. Reue zu erwecken. O heiligste Jungfrau, du Fürsprecherin der armen Sterbenden! durch die Todesangst Jesu und durch deine Schmerzen bitte ich dich, du wollest mir zu Hülfe kommen und mich stärken. Dies ist die letzte Gnade, um welche ich dich bitte, versage mir diese nicht in meiner äußersten und letzten Noch. Heiligste Dreieinigkeit! Dir stelle ich meine Seele dar. Ich lege sie in Deine heiligsten Wunden, o mein Jesu! Ich empfehle mich euch, ihr Engel und Heiligen des Himmels! kommet mir zu Hülfe, und bittet für mich. Ueuntägige Andachten zu Maria. ^amit du die seligste Jungfrau Maria erfreuest, ibren Schutz und ihre Liebe dir erwerbest, so bereite dich zu ibren Festen und Feierlichkeiten mit neuntägigen Andachten vor. Gib Allen, denen du kannst, Nachricht, wann diese Andachten ihren Anfang nehmen, und bestrebe dich ausznwirken, daß sie gemeinschaftlich gehalten werden. Das Fest der unbefleckten Empfängniß Maria's fällt den 8ten Dezember. Die neuntägige Andacht fängt an den 29sten November. Mariä Geburt den 8ten September. Neuntägige Andacht den 30sten August. Mariä Opferung den Listen Januar. Neuntägige Andacht den 12ten Januar. Neuntägige Andachten zu Maria. 207 Mariä Verkündigung den 25sten März. Neuntägige Andacht den 16tcn März. Mariä Heimsuchung den 2ten Juli. Neuntägige Andacht den 23sten Juni. Mariä Reinigung den 2ten Februar. Neuntägige Andacht den 24sten Januar. Mariä Himmelfahrt den 15ten August. Neuntägige Andacht den 6ten August. Das Rosenkranzfest am ersten Sonntage im Oktober. Das Skapulierfest den 16ten Juli. Neuntägige Andacht den 7ten Juli. Mariä Namensfest am Sonntage nach Mariä Geburt. Das Fest der sieben Schmerzen Mariä am Freitage vor der Charwoche. Während dieser neuntägigen Andachten kannst du täglich 9 Vater unser und Ave Maria und „Ehre sei dem Vater re." beten zur Ehre des Geheimnisses, welches jedesmal begangen wird; auch 3 Vater unser, Ave Maria und „Ehre sei dem Vater re." zur heiligsten Dreieinigkeit, zur Danksagung für die der seligsten Jungfrau Maria verliehenen Gnaden; ebenfalls kannst du 9 Uebungen der Abtödtung vornehmen. Vermehre die Bußwerke, das Almosen, die Kommunionen nach dem Ratbe deines Beichtvaters. Faste am Vorabende des Festes; am Feste selbst empfange die heiligen Sakramente; ahme die seligste Jungfrau in ihren Tugenden nach, und statte ihr alle Tage einen Besuch ab. 208 Nosenkrä nz lern von den sieben Schmerzen Maria's. ^ Gott! merke auf meine Hülfe; Herr! eile mir zu helfen. Ehre sei dem Vater :c. Erster Schmerz. Ich trage mit dir Mitleidcn, o meine schmerzhafte Mutter, wegen des Schmerzens, welcher dein Herz durchdrungen har, da du von Simeon hörtest, wie viel dein geliebter Jesus würde leiden müssen. Ich bitte dich durch deine bittern Thränen, du wollest mein steinhartes Herz erweichen, damit es vom Mitleiden innigst durchdrungen werde, damit ich aus Liebe beweine das Leiven und den Tod meines liebsten Heilandes und deine bittersten Schmerzen. Vater unser. Ave Maria. Ehre sei dem Vater ;c. Maria, Mutter voll der Schmerzen, Ach, rheile mit mir deine Pein, Und drücke auch in meinem Herren, Die Wunden deines Jesu ein! Zweiter Schmerz. Ich trage mit dir Mitleiden, o meine schmerzhafte Mutter, wegen des Schmerzens, welcher dein Herz durchdrungen hat, da du sähest, wie dein unschuldiger Sohn gleich nach Seiner Geburt von Herodes Rosenkränzlein von den sieben Schmerzen Maria's. 209 verfolgt wurde, und da du unter so vielen Gefahren, Peinen und Mühseligkeiten nach Aegypten fliehen mußtest. Ich bitte dich, o meine geliebte Frau, erbitte mir die Gnade, daß ich die Drangsale dieses armseligen Lebens mit dir und mit meinem geliebten Jesu geduldig leide, damit ick Gott in dieser Welt in Vereinigung der unendlichen Verdienste Jesu für meine Sünden Genugthuung leiste, und von den harten Peinen des andern Lebens befreit werde. Vater unser. Ave Maria. Ehre sei dem Vater ;c. Maria, Mutter voll der Schmerzen, Ach, thcile mit mir deine Pein, Und drücke auch in meinem Herzen Die Wunden deines Jesu ein! Dritter Schmerz. Ich trage mit dir Mitleidcn, o meine schmerzhafte Mutter, wegen des Schmerzeus, welcher dein Herz durckdrun- gen hat, da du deinen lieben Sohn verloren hattest. Ich bitte dich durch jene Thränen und Seufzer, unter denen du Ihn drei ganze Tage gesucht hast, erbitte mir die Gnade, daß ich die wahre Liebe meines Gottes finde, und sie bis in den Tod niemals verliere, damit ich Ihn einst im Himmel durch die ganze Ewigkeit lieben und verherrlichen möge. Vaterunser. Ave Maria. Ehre sei dem Vater re. Maria, Mutter voll der Schmerzen, Acb, tbeile mit mir deine Pein, 210 Rosenkränzlein Und drücke auch in meinem Herzen Die Wunden deines Jesu ein! Vierter Schmerz. Ich trage mit dir Mitlciden, o meine schmerzhafte Mutter, wegen des Schmerzens, welcher dein Herz durchdrungen hat, da du sähest, wie dein zum Tode ver- urtheilter Jesus mit Stricken und Ketten gebunden, mit Blut und Wunden bedeckt, und mit Dornen gekrönt, unter der schweren Last des Kreuzes zu Boden fiel, welches Er auf Seinen verwundeten, ja vom Fleische ganz entblößten Schultern auf den Kalvarienberg trug, um dort für mich zu sterben. Ich bitte dich durch jene Angst, welche du gelitten hast, da du Ihn mit Blut ganz überronnen, und so sehr entstaltet sähest, als Er dir begegnete, und du Ihn umsingest, und in deine mütterlichen Arme schloffest. Erbitte mir die Gnade, daß ich immer in vollkommener Ergebung in den Willen meines Gottes lebe, und nie etwas anderes suche, als Seine größere Ehre und Seine Liebe. Vater unser. Ave Maria. Ehre sei dem Vater re. Maria, Mutter voll der Schmerzen, Ach, theile mit mir deine Pein, Und drücke auch in meinem Herzen Die Wunden deines Jesu ein! Fünfter Schmerz. Ich trage mit dir Mitleiden, o meine schmerzhafte Mutter, wegen von den sieben Schmerzen Maria's. 2tt des Schmerzens, welcher dein Herz durchdrungen hat, da du sähest, wie dein lieber Sohn in deiner Gegenwart entblößt, an Händen und Füßen durchschlagen, und aus die grausamste und unmenschlichste Weise an das Kreuz gemagert wurde, und wie Er sodann voll Angst, von Blut überronnen, den Todeskampf litt, und unter so großen Peinen und Schmerzen Sein heiligstes Leben endete, ohne daß du Ihm Hülse leisten, oder die geringste Linderung bringen konntest, dergleichen auch den größten Missethä- tern^im Tode nicht versagt wird. Ich bitte dich durch deine unüberwindliche Beharrlichkeit, mit welcher du dem sterbenden Jesu beigestanden bist, steh auch mir bei in der Stunde meines Todes, und versüße mir die schmerzliche Bitterkeit meiner Todesängsten. Durch jene Liebe, welche dein sterbender Jesus gegen dich und gegen uns bezeigt hat, da Er dich bei Seinem Abschiede uns zur Mutter überlassen, und uns dir zu Kindern im Johannes übergeben hat, durch diese Liebe deines Jesu nimm auch mich als deinen Sohn auf, und laß mich dich als meine liebe Mutter bis in den Tod lieben und ehren. Vater unser. Ave Maria. Ehre sei dem Vater rc. Maria, Mutter voll der Schmerzen, Ach, theile mit mir deine Pein, 212 Rosenkränzlem Und drücke auch in meinem Herzen Die Wunden deines Jesu ein! Sechster Schmerz. Ich trage mit dir Mitleiden, o meine schmerzhafte Mutter, wegen des Schmerzens, welcher dein Herz durchdrungen hat, da du sähest, wie die heilige Seite deines schon verstorbenen Sohnes von der Lanze durchstochen wnrde, und wie Blut uud Wasser heraus floß, unsere Seele von ihren Makeln zu reinigen. Ich bitte dich, o Mutter, durch diesen bittcrn Schmerzen, welchen du allein gelitten hast, erbitte mir die Gnade, daß ich in dem Herzen Jesu wvhneu möge, welches aus Liebe zu mir eröffnet worden ist, und daß in mein Herz keine andere Liebe eingehe, als deine Liebe und die Liebe meines Gottes. Heiligste Jungfrau! du kannst mir so vortreffliche Gnaden erhalten, ja, du kannst es, ich hoffe sie von dir. Vater unser. Ave Maria. Ehre sei dem Vater re. Maria. Mutter voll der Schmerzen, Ach, theile mit mir deine Pein, Und drücke auch in meinem Herzen Die Wunden deines Jesu ein! Siebenter Schmerz. Ich trage mit dir Mitleiden, o meine schmerzhafte Mutter, wegen des Schmerzens, welcher dein Herz durchdrungen hat, da du deinen lieben schon todten Sohn in die Arme nahmst, und Ihn erblaßt, von Schlägen mißhandelt, mit Blut überron- von den sieben Schmerzen Maria's. 213 nen, am ganzen Leibe zerrissen, in deinem Schooß sähest, nnd dn Ihn endlich in das Grab legtest, wo du bei dieser heiligen Hinterlage zugleich dein Herz zurück ließest, und ohne deinen geliebten Sohn betrübt und trostlos weintest. Ich bitte dich, o heiligste Jungfrau, durch so viele Tbrä- nen und Peiucn, erbitte mir Verzeihung meiner Sünden, die Gnade bis au's Ende und die himmlische Glückseligkeit. Ach, erhöre diese Bitte, o meine Mutter! Vaterunser. Ave Maria. Ehre sei dem Vater :c. Maria, Mutter voll der Schmerzen, Ach, thcile mit mir deine Pein, Und drücke auch in meinem Herzen Die Wunden deines Jesu ein! Antiph. Sehet nicht daraus, daß ich braun bin, denn die Sonne hat mich entfärbt; die Söhne meiner Mutter haben wider mich gestritten. Bitt' für uns, o schmerzhafte Jungfrau! ks. Damit wir würdig werden der Verheißungen Christi. Gebet. Göttlicher Heiland! bei Dessen Leiden das Schwert des Schmerzcns die süßeste Seele der glorreichen Jungfrau und Mutter Maria nach der Weissagung des Simeon durchdrungen hat: verleihe gnädig, daß wir, die wir ihre Schmer- 214 Andächtige Uebungcn bei der Beicht. zen mit Andacht verehren, die glückselige Wirkung Deines Leidens erlangen. Der Du lebest und herrschest mit Gott dem Vater in Einigkeit des heiligen Geistes Gort von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. Andächtige Uebungcn zur Vorbereitung und Danksagung bei der heiligen Beicht und Kommunion. (^)ott liebende Seele! lies und erwäge diese andächtigen Hebungen. Je mehr du liesest, und je mehr gute uud eifrige Tugendübungcn du erweckst, ein desto größeres Wohlgefallen wird JcsuS an dir haben, und desto größere Verdienste sammelst du für das ewige Leben. Wenn du gleich bei den ersten Worten die innerliche Versammlung und Reue findest, so eile nicht weiter, sondern bleibe da stehen, wo dich Gott aushält. Wenn du nicht wirklich die heilige Kommunion empfangen kannst, so kommunizire geistlicher Weise, das ist, scnfze mit Liebe nach Jesn, und erwecke die Begierde, Ihn in dem heiligsten Sakramente zu empfangen- Zu dieser geistlichen Kommunion bereite dich mit denselben Anmuthungcn und Andachtsübungen vor, wie bei der wirklichen Kommunion. 245 Uebungen bei -er heiligen Weicht. Beweggründe zur Reue. Äteine Seele! beweine deine Sünden, und verabscheue sie mehr, als alles Nebel, weil du durch dieselben Gott deinen Vater beleidigt hast. Du hast Gott beleidigt, der dir nie etwas zu Leide gethan hat. Du hast Gott beleidigt, welcher dich auserwählt und an Kindcsstatt angenommen hat. Du hast Gott beleidigt, welcher dich zum Erben des Himmels gemacht hat. Du hast Gott, das höchste Gut, die unendliche Güte, den Oucll aller Gnaden, beleidigt. Du Haft Gott eben damals beleidigt, als Er dir Gutes gethan hat. Beweine deine Sünden, weil du den göttlichen Sohn beleidigt hast, welcher aus Liebe zu dir Mensch geworden ist. Du Haft Gottes Sohn beleidigt, welcher aus Liebe zu dir in einem Stalle wollte geboren werden. Du Haft Gottes Sohn beleidigt, welcher für dich schon als ein Kind Sein Blut vergossen hat. Du hast Gottes Sohn beleidigt, welcher äus Liebe zu dir arm und unbekannt in einer Werkstätte 216 Hebungen bei der heiligen Beicht. gelebt heit. Du hast Gottes Sohn beleidigt, welcher aus Liebe zu dir Seine himmlische Lehre mit Mühe verkündet hat. Du hast Gottes Sohn beleidigt, welcher aus Liebe zu dir die heiligen Sakramente eingesetzt hat. Du hast Gottes Sohn beleidigt, welcher aus Liebe zu dir Sich Selbst im heiligsten Altarssakramente hintcrlasscn hat. Du hast Gottes Sohn beleidigt, welcher aus Liebe zu dir Blut geschwitzt hat. Du hast Gottes Sohn beleidigt, welcher Sich aus Liebe zu dir hat binden, bin und her reißen und mißhandeln lassen. Du hast Gottes Sohn beleidigt, welcher Sich aus Liebe zu dir hat in das Angesicht schlagen, verspeieu und mit Füßen stoßen lassen. Du hast Gottes Sohn beleidigt, welcher Sich aus'Liebe zu dir hat binden und geißeln lassen. Du. hast Gottes Sohn beleidigt, welcher Sich aus Liebe zu dir mit Dornen hat krönen lasten. Du hast Gottes Sohn beleidigt, welcher Sich aus Liebe zu dir schimpflich hat verspotten lassen. Du Haft Gottes Sohn beleidigt, welcher Sick aus Liebe zu dir die schwere Last des Kreuzes Hai auflegcn lasten. Du hast Gottes Sohn beleidigt, welcher Sich aus Liebe zu dir die Hände und Füße mir Nägeln hat durchschlagen lassen. Du hast Gottes Sohn beleidigt, welcher aus Liebe zu dir am Kreuze hangend die Todesangst ansgestanden hat. Du Hebungen bei der heiligen Beicht. 217 hast Gottes Sohn beleidigt, welcher aus Liebe zu dir mit Galle und Essig hat getränkt werden wollen. Du hast Gottes Sohn beleidigt, welcher zum letzten Pfände Seiner unendlichen Liebe Maria dich zum Sohne hinterlaffen, und Maria dir zur Mutter gegeben hat. Du hast Gottes Sohn beleidigt, welcher für dein Heil am Kreuze hangend gestorben ist. Du hast Gottes Sohn beleidigt, welcher auferstandcn ist, und zur Rechten des Vaters sitzt, dir das Himmelreich zu geben. Du hast Icsum Christum, deinen Erlöser, deinen Lehrmeister, dein Leben und den Arzt deiner Seele beleidigt. Du Haft Gott beleidigt, welcher dir unendlich viele Gnaden erwiesen hat, damit Er von dir geliebt werde. Du hast Gott beleidigt, welcher für so viele Wohlthaten nichts anderes verlangt, als daß du Ihn liebest, und Ihm gehorchest. Du hast Gott beleidigt, welcher deine Liebe sucht, damit Er dir in diesem Leben die Zufriedenheit, und in dem andern die ewige Glückseligkeit gebe. Du hast Gott beleidigt, welcher dich liebt wie Seinen Augapfel. Meine Seele! du hast bös gehandelt, und wie Haft du dich dazu entschließen können? Was hat dir dein Gott zu Leide gethan? Antworte! Warum hast du Ihn beleidigt? Fange wenigstens jetzt an, deine Sünden zu beweinen, und Gott zu lieben. O wenn ich doch immer jenen Gott gc- Weg zm» Himmel. 10 218 Hebungen vor der heiligen Deicht. liebt, und Ihm gedient hätte, welcher mich mehr als Sein Leben geliebt hat! O meine Liebe, o mein Leben, o mein Heil, o meine Hoffnung! ich liebe Dich über alles von ganzem Herzen; ich verabscheue herzlich meine Sünden, welche ich nun beichten will; ich will Dich auch nicht mehr beleidigen, o mein liebster Heiland! Gebet vor der heiligen Beicht. O liebenswürdigste Dreieinigkeit, Vater, Sohn und heiliger Geist! ich bete Dich au. Sich, ich armseliger Sünder liege zu Deinen Füßen, und verlange mit Dir mich auszusöh- ncn durch eine gute Beicht. Aber, o mein Gott! ohne Deine Hülse kann ich nichts Gutes thun; ich bitte Dich also durch Deine Barmherzigkeit, Du wollest mich erleuchten, damit ich mich an alle meine begangenen Sünden erinnere. Gib mir die Abscheulichkeit derselben recht zu erkennen, damit ich sie von ganzem Herzen verabscheue und verfluche. O mein Jesu, Du Quelle der Barmherzigkeit! ich komme zu Dir, damit Du mich von meinen Unreinigkeiten waschest. O Sonne der Gerechtigkeit, erleuchte mich Blinden! Q göttlicher Arzt, heile mich Kranken! O unendliche Liebe, entzünde meine Seele mit Deiner Liebe, damit sie in Thränen zerfließe und von Schmerzen ganz durchdrungen werde. Diese meine Bcicht soll so beschaffen sei«, daß ich das Uebungen vor der heiligen Kommunion. 219 Leben wahrhaft ändere, und mich niemals mehr von Dir trenne, o mein Gott! Du meine Hoffnung und meine Liebe, Du Heil, Du Leben und Frieden meiner Seele! Gebet nach der heiligen Beicht. O mein liebster Jesu! Du sollst ewig ge- bcnedeit sein, daß Du mir verziehen, daß Du mich der Hölle entrissen, und in die Erbschaft des Himmels wieder eingesetzt hast. O unendliche Güte! ich sage Dir Dank. Aber, o Gott! ich bin boshaft genug, daß ich Dich treuloser als zuvor, und undankbarer als Judas vcrrathe; ich kann mir selbst nicht trauen: stehe mir also bei mit Deiner Gnade, halte mich mit Deiner väterlichen Hand, komm mir in den Versuchungen zu Hülfe, und nimm mir eher das Leben, als daß ich Dich noch einmal beleidige. Uebungen vor der heiligen Kommunion. Ädohlau, meine Seele! glaube unerschütterlich fest, daß im heiligsten Alrarssakramente eben jener Jesus wirklich zugegen ist, welcher im Stalle io* 220 Andächtige Hebungen zu Bethlehem als ein Kind geboren wurde; jener Jesus, welcher siegreich auferstanden ist; jener Jesus, welcher jetzt in der Herrlichkeit zur Rechten des Vaters sitzt. O Glaube! o Glaube! Was kann man noch mehr sagen! Gott will in mein Herz kommen! Er will meine Speise werden! Wie? Gott will dieses thun! Glaube. O mein Jesu, Du untrügliche Wahrheit! weil Du cs gcosfcnbaret hast, so glaube ich fest und unbezweifclt, daß Du mit Seele und Leib, mit Gottheit und Menschheit im allerheiligsten Sakramente des Altars wahrhaft und wesentlich zugegen bist. Ich glaube, daß ich bei der heiligen Kommunion eben jenen cingebornen Sohn empfange, welcher Mensch geworden, gestorben und wieder auscrstanden ist. Änderung. Meine Seele, was thust du? was denkst du? nach wenigen Augenblicken wird dein Gott zu dir kommen. O Gott! in tiefster Demuth bete ich Dich an. Ich bete Dich an, o liebster Jesu! im heiligsten Sakramente. O heiligste Jungfrau! o ihr Engel und Heiligen, o ihr Seelen, die ihr Gott liebet, betet meinen Jesus mit mir an. Ersetzet ihr, was mir mangelt; erhaltet mir einen lebendigen Glauben und vor der heiligen Kommunion. 221 eine tieft Ehrerbietigkeit, da ich mich dem Altäre nähere, um Jcsum Christum zu empfangen. Was kann dir jetzt abgehen, meine Seele, da dein Gott zu dir kommt, dich zu besuchen? Er kommt, dich zu erleuchten, Sich mit dir aufs innigste zu vereinigen, und dir ein lebendiges Unterpfand jener Herrlichkeit zu geben, welche Er im Himmel für dich bereitet hat. Wohlan denn, erweitere dein Herz, vermehre dein Vertrauen. Glaube sicher, du werdest so viel erhalten, als du hoffst. Dein Jesus ist mächtig. Er kann dir alles Gute geben, und es kostet Ihn nicht inehr, als daß Er Seine Hand öffnet. Dein Jesus ist dein Bruder, Er liebt dich zärtlich, Er will dir alle Gnaden erweisen. Dein Jesus ist getreu, Er hat es versprochen, Er werde dich erhören, Er ist an Sein Wort gebunden, Er wird dir die Gnaden mittheilen. Damit du also reich werdest, ist nichts anderes nöthig, als daß du die Gnaden begehrest und mit zuversichtlichem Vertrauen hoffest. Hoffnung. O mein Jesu, meine Hoffnung! ich hoffe, Du werdest meine Seele heiligen, da ich Dich empfange, uad sie mit himmlischen Begierden entzünden; und so werde ich im Leben und im Tode Dich allein, o unendliches Gut, lieben. 222 Andächtige Uebungen Ja, o liebster Gott, o Gott all' meiner Hoffnung, Du Heiligmacher der Seelen, heilige mich! Was konnte Gott mehr thun, damit Er von dir geliebt würde? Er ist Mensch geworden, Er ist in einem Stalle geboren worden, Er ist am Kreuze gestorben, Cr ist im heiligsten Altarssakramcnte gegenwärtig, aus Liebe zu dir. Aus unendlicher Liebe ladet Er dich sogar ein, daß du Ihn empfangest, Er ruft dich mit der inbrünstigsten Begierde zu Sich, Er kann deine Verzögerung nicht erdulden. O Wunder der Liebe! Gott der unendlich Herrliche will mir jetzt eine Gnade erweisen, welche Er den Seraphim nie erwiesen hat; Er will kommen, und in meinem Herzen wohnen; Er will Sich mit mir vereinigen, und du, o meine Seele, wirst du nicht von Liebe entzündet gegen deinen Gott, welcher gegen dich ganz Liebe ist? Liebe. O mein Jesu, meine Liebe, Du Gott meiner Seele, o wie gut, wie liebenswürdig bist Du! O mein Gott! ich liebe Dich von meiner ganzen Seele, mit meinem ganzen Leben, von meinem ganzen Herzen, von meinem ganzen Gemüthe, mit meinein ganzen Geiste, und mit allen meinen Kräften. Ich liebe Dich mehr als mich selbst, Du bist der einzige Gegenstand all vor der heiligen Kommunion. 223 meiner Begierden, Du bist mein erster Ursprung und mein letztes Ziel. O wenn ich doch tausend Zungen hätte, Dich zu loben und zu benedeien; wenn ich doch Deinen heiligsten Namen durch die ganze Welt verkünden konnte, damit Er von Allen anerkannt und geliebt würdet O Gott! ich wünsche, mich ans Liebe zu Dir ganz zu verzehren. Ich wünsche, von Liebe zu brennen. Ich wünsche, Dich zu benedeien, Dir zu danken, Dich zu lieben mit der Liebe Ma- ria's, der heiligsten Jungfrau, und mehr als alle Geschöpfe. Ich liebe Dich, o mein Jesu, o mein Leben, o meine Hoffnung, o meine Glückseligkeit, o Bräutigam meiner Seele! ich liebe Dich, weil Du verdienst, geliebt zu sein, und wünsche, nur Dich zu lieben. Meine Seele! du bist von Gott erschaffen, damit du Gott liebest; liebe also Gott. Mein Herz, du kannst keinen Frieden, keine Ruhe außer Gott finden; verbanne also die irdischen Anmuthungen von dir, und nimm Gott auf. O Maria, du Mutter der heiligen Liebe! laß mich Gott lieben. Wie getrauest du dir, meine Seele, einen unendlich reinen, unendlich heiligen, unendlich großen Gott zu empfangen, da du voll Undankbarkeit und Sünden bist? denkst du nicht daran, wie oft du deinen Gott beleidigt hast? O wie oft bist du grausamer gegen Jesus gewesen, als selbst Seine Feinde! In dir ist Je- 2L4 Andächtige Uebungen sus eben so oft gekreuzigt worden, als du schwer gesündigt hast. R e u e. O liebster Jesu! meine Sünden haben Dich mit Dornen gekrönt, meine Sünden haben Dich an das Kreuz geschlagen, meine Sünden haben Dich gctödtet. Nein, ich bin nicht würdig, zu leben, viel weniger Dich zu empfangen; ich verdiene Deinen Zorn, Deine Strafe. Aber, o Gott! wie gut bist Du! obwohl ich Dich so oft und so schwer beleidigt habe, so gibst Du mir doch, wenn ich nur meine Sünden herzlich bereue, Verzeihung und Gnade, und machst mich auf's Neue zu Deinem Freunde und Deinem Sohne. Da zeigst Du wahrhaft, daß Du Gott bist. O wie sehr freue ich mich, wenn ich bedenke, daß Du Gott bist, das ist, eine unendliche Freigebigkeit, eine unendliche Großmuth, eine unendliche Treue, eine unendliche Liebe, ein unermeßlicher Abgrund von unendlichen Hoheiten und Vollkommenheiten. Mit Einem Worte: Du bist Gott: und da Du mir verzeihest, weißt Du Deine größere Ehre und den Nutzen meiner Seele sogar aus meinen Sünden zu ziehen. O wie sehr wünschte ich, daß ich vor Schmerzen sterben könnte, weil ich einen so guten Gott beleidigt habe! Ich bereue es, o höchstes Gut! vor der heiligen Kommunion. 225 daß ich Dich beleidiget habe. Verzeih mir, o Herr! denn von nun an wünsche und verlange ich nur, daß Du, o großer Gott! von mir geehrt und verherrlicht werdest, und daß ich Dich niemals mehr beleidige. O geliebter Jesu! wasche meine Seele mit Deinem Blute, und mache sie zu einer würdigen Wohnung Deiner Majestät. O Maria, heiligste Jungfrau! erhalte mir die Thränen einer vollkommenen Reue. Meine Seele! du gehst jetzt hinzu, dich mit dem heiligsten Fleische und Blute Jesu Christi zu nähren. Hast du aber auch wohl bedacht, wer du bist, und wer Gott ist? Wenn du an Liebe einem Seraphim gleich wärest, ja wenn du die Liebe aller Engel und die Tugenden aller Heiligen hättest, wärest du wohl würdig, auch nur ein einziges Mal Gott zu empfangen ? D e m u t h. Endlich, o mein Jesu! ist die Stunde gekommen, in welcher Du Wohnung in mir nehmen willst. Ich bin ein großer Sünder, habe Geduld mit mir, übertrage mich mit Deiner tiefinnigen Barmherzigkeit. O Herr! Du bist jener große Gott, der Du bist; Du bist jener Gott, daß bei dem Glanze Deiner Herrlichkeit Himmel und Erde verschwinden. Ich bekenne die Wahr- heit, wenn ich auf Deine Größe und auf meine 226 Andächtige Uebungcir Niedrigkeit sehe, so bin ich so sehr beschämt, daß ich mich in den Abgrund meines Nichts zu verbergen wünschte. Aber ich muß mich dennoch nähern, Dich zu empfangen, weil Du mich einladest, und es mir zu thuu befiehlst; und als ein Sohn muß ich Dir meinem Vater, als ein Knecht Dir meinem höchsten Herrn gehorchen. Die Seraphim, die Heiligen, die seligste Jungfrau Maria wollen ersetzen, aber vor Allem ersetze Du, o unendliche Güte, was mir abgeht. O Herr! wenn ich schon nicht würdig bin Dich zu empfangen nnd zn lieben, verdienst ja Du, daß ich Dich empfange und Dich liebe. Bereite Du mich vor zu Deiner Ehre, und mache mich einer so großen Gnade würdig; gib mir Alles, was mir mangelt, mache mich ganz Dein eigen. Meine Seele, jener glückselige Augenblick ist gekommen, die Stunde ist nun da, daß du deinen liebsten Jesus empfangen sollst. Sieh da den König der Könige, den Herrn der Herren, sieh den Freund, den Vater, den Bräutigam, die Herzenslust des Paradieses, die Freude des Himmels, sieh Gott Selbst, sich die ganze heiligste Dreieinigkeit hier in dem göttlichen Geheimnisse. „Sehet der Bräutigam kommt, gehet Ihm entgegen? (Matth. 25, 6.) Aber wie ist es möglich, meine Seele, daß du so unempfindlich bist, und keine brennende Begierde hast, dich mit diesem göttlichen Fleische zu nähren? vor der heiligen Kommunion. 227 Wegen des Uebermaßes der göttlichen Barmherzigkeit solltest dn ganz von Liebe entzündet sein, nnd du bist leider ohne Empfindung! Wenn dn in deinem ganzen Leben nur ein einziges Mal kommunizireu könntest: mit welch großem Eifer würdest dn nicht bei diesem göttlichen Gastmahle erscheinen? und jetzt, da die unendliche Güte immer nach deinem Verlangen bereit ist, gehest du so lau und zerstreut hinzu, einen so großen Gott zu empfangen! Liebende Seelen haben vor Begierde gebrannt, und sind gleich durstigen Hirschen zu diesem göttlichen Quell gelaufen. Wohlan, meine Seele, wach auf, entzünde in dir eine inbrünstige Begierde, Jesum Christum zu empfangen. Seufze nach diesem köstlichen Gute, trage eine Begierde darnach, und rufe deinen Heiland mit Thränen, mit Seufzern, mit von heiliger Liebe brennendem Herzen zu Dir. Begierde. Komm, o göttliche Speise, meine Seele zu nähren! komm, o Feuer der Liebe, kommet, o Flammen der Liebe, entzündet mich! Komm, o himmlischer Hirt, mich zu leiten! Komin, o mein Vater, o mein Bräutigam, o mein Leben, o mein Friede! Komm, o einziges Ziel aller meiner Begierden! komm, o Licht der Seelen, o Erquickung der Herzen, o Tröster der Betrübten! Komm, auf Dich haben alle Völker gewartet, 228 Andächtige Uebungen nach Dir haben die Patriarchen geseufzt; komm, Du Begierde der ewigen Hügel, Du Freude der Engel, Du Frohlocken des Himmels, Du Glückseligkeit der Heiligen! Komm, Du mein Paradies; komm, nach Dir ist meine ganze Begierde, nach Dir seufze ich; komm, Du hast mich mit Liebe verwundet; komm, verweile nicht länger, weil ich vor Begierde schwach werde, ohne Dich kann ich nicht länger leben. Wohlan, o mein Jesu! erbarme Dich meiner, und komm! Heiligste Jungfrau! ich nähere mich nun, deinen und meinen Jesus zu empfangen. Ich verlange ihn aus deinen Händen zu empfangen; reiche Ihn mir dar, wie du Ihn den Hirten, den drei Weisen und dem Simeon dargereicht hast. Bereite du mich, daß ich Ihn mit Liebe empfange. Gib mir Ihn geschwind, und bitte Ihn, daß Er mich mit Seinem besten Segen erfülle, zugleich gib auch du mir deinen Segen. Aufopferung. Ich bethcure, o mein Gott I daß ich diese Kommunion zu vereinigen verlange mit den Kommunionen Maria's, der heiligsten Jungfrau, der Apostel, der Heiligen, und aller gerechten Seelen, welche Dich heute empfangen werden. Ich verlange alle ihre Andachtsübungen, alle ihre Zubereitungen und Danksagungen zu erneuern, und Alles will ich Dir aufopfern zu- vor der heiligen Kommunion. 229 gleich mit jenen Tugenden, Verdiensten nnd mit jener Heiligkeit, womit Du, o mein Jesu! beim letzten Abcndmahle Dich Selbst im Sakramente empfangen hast. Die siegende und streitende Kirche wolle ersetzen, was mir abgeht. N e b u n g e n nach der heiligen Kommunion. 9?nn sind meine Begierden erfüllt, mein Verlangen ist gesättigt, mein Gott ist gekommen, mich heimzusuchcn. Jesus ist jetzt in mir; ich bin nun nicht mehr mein eigen, sondern ich gehöre Jesu an. Ich lebe nun nicht mehr in mir selbst, sondern ich lebe in Jesu, und Jesus lebt in mir; ich gehöre ganz Jesu, und Jesus gehört ganz mir an. O unendliche Güte! Gott Selbst kommt in das Herz eines so unwürdigen Menschen, wie ich bin! Meine Seele, was denkst du? Sieh, jetzt hast du Alles, was du so inbrünstig verlangtest. Sich, du bist ganz von Jesti geheiligt, du bist auf's innigste mit Jesu vereinigt. O wie wahrhaft nnd wunderbar ist diese Vereinigung! Meine Seele, da du so innig mit Jesu vereinigt bist, sagst du denn Nichts zu Ihm? redest du nicht mit deinem Gott, wel- 230 Andächtige Hebungen cher in deinen Armen, ja sogar in deinem Herzen ist? Wohlan denn, versammle dich ganz Ln dir selbst, nimm alle Anmuthungen deines Gemüthes zusammen, drücke deinen Jesus liebreich an dein Herz, bete Ihn an, und sage zu Ihm: Sei mir willkommen, o liebster Jesu! in der Wohnung meiner Seele. O wie lange habe ich mich nach dieser Stunde gesehnt? Aber ach, wie viele Ursache habe ich, mit Dir Mitleiden zu tragen, da ich Dich in meinem Herzen sehe, welches sür Dch härter und kälter ist, als der Stall, in dem Du geboren worden bist; denn was findest Du, o Herr! bei mir Anderes, als ein hartes Herz gegen Dich, und unselige Neigungen zu den Geschöpfen? Ach, mein Gott! wie hast Du Dich entschließen können, zu mir zu kommen, und in mir zu wohnen? Ich möchte fast mit dem heiligen Petrus sagen: Geh hinaus von mir, geh hinaus aus meiner sündigen Seele, welche nicht würdig ist, Gott zu beherbergen. Geh und nimm Deine Ruhe bei jenen reinen und eifrigen Seelen, welche Dich mit so großer Liebe aufnehmen. Aber nein, o mein liebstes Gut! dieß soll niemals geschehen, weiche doch nicht von mir; denn wenn Du Dich entfernst, so bin ich verloren. O Gott, Du meine Hoffnung! ich entlasse Dich nicht. O mein einzig gewünschtes nach der heiligen Kommunion. 231 Gut! ich drücke Dich an mein Herz, und in Deiner Umarmung will ich leben und sterben! O Maria, heiligste Jungfrau, ihr Engel und Heiligen, alle Gott liebenden Seelen! leihet mir eure Anmuthungen, damit ich mich mit meinem Jesu auf eine würdige Weise unterhalten möge. Danksagung. Liebenswürdigste Dreieinigkeit! ich sage Dir von ganzem Herzen Dank, daß Du mir Jesum Christum gegeben hast; ich sage Dir Dank, daß Du mir aus Liebe Jesum Christum im heiligsten Altarssakramente zurückgelassen hast; ich sage Dir Dank, daß Du mir die Gelegenheit und Gnade gegeben hast, Ihn zu empfangen; ich sage Dir Dank, o mein Jesu! daß Du Dich gewürdigt hast, mich heimzusuchen. O mein Gott! was kann ich Dir für diese so große Gnade erwiedern? Wie kann ich Dir dafür genugsam Dank sagen? O heiligste Jungfrau, o ihr Engel, o ihr Heiligen des Himmels, o ihr alle Gott liebenden Seelen! helfet mir danken, und danket statt meiner der unendlichen Güte Gottes. Aber, o mein Gott! wie wenig ist gleichwohl dieß Alles! Alle Danksagungen des ganzen Himmels sind nicht zureichend, dem unendlichen Gott nach Gebühr zu danken, und Seine Wohlthaten zu erstatten. 232 Andächtige Uebungen Daher opfere ick Dir, o mein Jesu! Deine eigene Liebe auf zur Danksagung für Deine unendliche Liebe. Deine unendliche Barmherzigkeit, Deine Güte und alle Deine unendlichen göttlichen Eigenschaften wollen Dir jene Ehre und Danksagung erstatten, welche Du verdienst. Heiligste Dreieinigkeit! ich sage Dir Dank durch Jesum Christum, und Jesus Christus wolle Dir für mich danken. Nun ist mein Herz befriedigt, und Deiner unendlichen Majestät ist durch die unendlichen Danksagungen Genüge geschehen. O mein liebstes Gut! Du allein sollst von allen Völkern und zu allen Zeiten gelobt, geehrt und verherrlicht werden. Amen. Was thust du? meine Seele! Weißt du, daß du jetzt ein lebendiger Tempel bist, in welchem dein göttlicher Erlöser wahrhaft und wesentlich wohnt? Diese Zeit mußt du nicht müsstg und unter Zerstreuungen Vorbeigehen lassen; jetzt ist die Zeit, um alle jene Gnaden, welche du nöthig hast, zu bitten, und ste zu erhalten von dem lebendigen und wahren Gott, welcher in dir wohnt. Jetzt steht der Himmel offen, jetzt wendet die heiligste Dreieinigkeit ihre liebreichen Augen auf dich, und sicht in dir Jesum Christum, an welchem ste ihr innigstes Wohlgefallen hat. Maria, die seligste Jungfrau, die Engel, deine Fürsprecher, die Heiligen bitten jetzt mehr als nach der heiligen Kommunion. 233 jemals für dich bei Gott um Gnaden. Meine Seele, laß doch keinen einzigen von diesen Augenblicken verloren gehen! sei jetzt auf das wichtige Geschäft deines Heils mit Ernst bedacht! Aber was thust dn? redest du Nichts mit deinem Gott? Ach, wie elend und armselig bist du? und du hast noch sogar eine Freude, Ln deinen Armseligkeiten fortzulebcn, da du doch Gott bei dir hast, dem alle Reichthümcr zuge- höreu, und du schweigst und denkst aus andere Sachen, nnd bist kalt, unempfindlich und zerstreut. Weißt du denn nicht: wenn du nicht suchest, so wirst du nicht erlangen? Wenn ein König in dein Haus käme, und dich selbst aufmunterte, du sollst bei ihm um Gnaden bitten, würdest du vielleicht schweigen? O wie arm sind wir wegen unseres schwachen Glaubens! der König der Könige, der Herr der himmlischen Schätze kommt mit Seiner wahrhaften Gegenwart in dein Herz; Gott Selbst kommt, welcher dir große Gnaden mittheilen will, und du redest Nichts? Ja der unendlich gütige Gott beklagt Sich sogar, daß man bei Ihm die Gnaden nicht sucht. Aus heftiger Begierde, uns Gutes zu thun, kann Er diese Unempfindlichkeit der Menschen nicht länger ertragen, Er ladet uns also Selbst ein, Er verlangt von uns, wir sollen bei Ihm um Gnaden bitten. „Bisher habt ihr noch Nichts in Meinem Namen 234 Andächtige Uebungen begehrt. Begehret, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen sei/ (Joh. 6, 24.) Meine Seele, du hast einen allmächtigen Herrn, den liebreichsten und freigebigsten Vater, den unendlich getreuen Gott in deinem Herzen, was fürchtest du dich also? Suche mit festem Vertrauen, erweitere dein Herz, belebe deinen Glauben, fange an, große Gnaden, Gnaden, die Gottes würdig sind, zu begehren. Bitte. O mein liebster Erlöser! Du bist also zu mir gekommen, mir Gnaden zu erweisen, und Du ladest mich Selbst ein, ich soll Dich darum bitten; erhöre mich durch Deine herzliche Er- barmung. Gib mir, v mein Jesu! die Vermehrung des lebendigen Glaubens, der Hoffnung, der Liebe und der Reue. Gib mir die Demuth, die Reinigkeit, die Geduld, und alle Tugenden, und nimm von mir hinweg alle Laster. Aendere mein weltliches, eigenliebiges Herz, und gib mir ein neues Herz, ein Herz vollkommen nach Deinem Willen, welches nur Deine größere Ehre sucht. Von nun an sollen alle seine Anmuthungen sich zu Dir erschwingen, und nur nach Deiner Liebe trachten, ohne jemals nur im mindesten davon abzuweichen. Die Gnade, um welche ich bitte, ist groß; aber wenn ich schon dieselbe nicht verdiene, so nach der beiligen Kommunion. 235 verdienst Du, daß meine Seele so beschaffen ist. Bei einem großen Gott sucht man große Gnaden. Erhöre mich, o mein Jesu, durch Dein Leiden und durch Deinen Tod; erhöre mich durch die Liebe, welche Du zu Deinem himmlischen Vater trägst; erhöre mich durch die Verdienste Maria's Deiner heiligsten Mutter, durch die Verdienste der stegenden und streitenden Kirche; erhöre mich, weil Du unendlich gütig bist. Hier verweile, und begebre mit einem lebendigen Glauben jene Gnaden von Gott, welche du für dich und für den Nächsten nöthig hast. Heiligste Dreieinigkeit, o mein allmächtiger Gott! erhöre mein Gebet. Jetzt kannst Du die Gnaden auch mir Unwürdigen nicht versagen, weil nicht ich allein darum bitte, sondern Jesus Christus bittet Dich zugleich mit mir; und wenn schon ich nicht verdiene, erhört zu werden, so verdient cs Jesus Christus, welcher mit mir, in mir, und für mich bittet. Ewiger Vater! ich stelle Dir das Versprechen Jesu vor, welcher zu uns gesagt hat: was wir immer für Gnaden von Dir in Seinem Namen begehren werden , die werdest Du uns auch ungczweifelt geben. „Wahrlich, wahrlich, sage Ich euch, um was ihr immer den Vater in Meinem Namen bitten werdet, das wird Er euch geben/ (Joh. 16, 23.) 236 Uebungen nach der beil. Kommunion. Aufopferung. O mein Jesu! die Billigkeit und Dankbarkeit fordert, daß ich mich Dir ganz schenke, nachdem Du Dich mir ganz geschenkt hast. Da Du in mein Herz gekommen bist, hast Du mich gleichsam göttlich gemacht, und ich muß ganz Dein sein. Meine Augen sind von Dir geheiligt worden, sie solle» Dein sein. Meine Ohren sind von Dir geheiligt worden, sie sollen Dein sein. Mein Geschmack ist von Dir geheiligt worden, er soll Dein sein. Du hast alle meine Sinne geheiligt, sie sollen alle Dein sein, und niemals mehr eine Freude haben wider Dein göttliches Gesetz. Du hast mein Gedächtnis' geheiligt, dieses soll sich allzeit nur an Dich erinnern. Du Haft meinen Verstand geheiligt, dieser soll allzeit an Dich denken. Du hast meinen Willen geheiligt, mein Wille soll Nichts lieben als Dich allein. Dir also bringe ich mich zu einem immerwährenden Opfer vom Grunde meines Herzens dar, mit Seele und Leib, mit allen meinen Sinnen und Kräften, mit Allem, was ich immer bin und habe. Verzehre, o göttliches Feuer, verzehre, o allmächtige Liebe, in mir alles Irdische, Unreine und Dir Mißfällige. Amen. 237 Weise, der heiligen Messe mit Andacht beizuwohnen. 2)n wohnst täglich dcm heiligen Meßopfer bei, weißt du ober auch, was dieses große Opfer bedeutet? In dein ulten Gesetze wurden Gott Ochsen, Lämmer und andere Thicre geschlachtet; aber bei der heiligen Messe wird Gott der wahre Leib und das wahre Blut Ies» Christi unscrs Herrn, mit Seiner heiligsten Menschheit und Gottheit geopfert, und cs geschieht am Altäre eben das, was am Kalvarienberg geschah, nur mit dem Unterschiede, daß dort das kostbare Blut wahrhaft vergossen wurde, während cS hier ans eine gcheimnißvollc Weise geschieht. Wenn du nun am Kalvarienberge zugegen gewesen wärest, als jenes große Opfer Gott entrichtet wurde: mit welch heiligen Gesinnungen, mit welcher Ehrerbietigkeit und Andacht würdest du diesem erhabenen Schauspiele beigewohnt, wie viele Thränen würdest du vergossen haben? Aber wo ist dein Glaube? wird nicht auf unfern Altären eben das erneuert, was dazumal auf jenem heiligen Berge vollbracht wurde? Und wenn du cs glaubst, wirst du dir künftig getrauen, bei Anhörung der heiligen Messe zu sitzen, zu schwätzen oder zu schlafen? Wirst du derselben dann mit zerstreutem Gemüthc beiwohnen, und dich begnügen, etwa einige mündliche Gebete schlecht daher zu sagen? Wache doch um Gottes- Willen ans; dieses ist eines der wichtigsten Lehrstücke, welche ich dir zu geben habe. Damit du nun künftig die heilige Messe mit Nutzen anhörest, so wisse, daß wir Alle, nach der 238 Weise, der heiligen Messe Lehre des heiligen Thomas, vier wichtige Pflichten gegen Gott zn erfüllen haben. Die erste ist, Gott zu lohen und zu ehren wegen Seiner unendlichen Majestät, welche einer unendlichen Liede und eines unendlichen Lobes würdig ist. Die zweite, Gott Gc- nnglhuung zn leisten wegen so vieler Sünden, welche wir begangen haben. Die dritte, Gott zu danken für so viele Wohlthatcn, welche Er uns erwiesen hat. Die vierte, Gott als den Geber aller Gnaden zu bitten. Nun ist die leichteste und nützlichste Weise, die heilige Messe anzuhörcn, diese: wenn man während derselben die gemeldeten vier wichtigen Pflichten gegen Gott erfüllt. Wie dich aber geschehen kann, soll hier gezeigt werden. Es ist eine nnbezwcifcltc Wahrheit, daß unser gütigster Jesus in der heiligen Messe mit einer unendlichen Erniedrigung die heiligste Dreieinigkeit für uns anbeter, und Sich vcrdcmü'thigt; und weil Er nicht allein Mensch, sondern auch der wahre, allmächtige, unendliche Gott ist, so erweist Er in dieser Verdcmüthigung der ganzen heiligsten Dreieinigkeit einen unendlichen Dienst, eine unendliche Ehre. Weil wir aber zugleich mit Ihm das große Opfer Vorbringen, so leisten auch wir Gott durch Ihn einen unendlichen Dienst, eine unendliche Ehre. O große Sache! Sagen wir cd nur noch einmal, denn cs liegt allzu viel daran, daß wir davon vollkommen überzeugt sind. Ja, ganz gewiß, wenn wir die heilige Messe anhören, so leisten wir Gott einen unendlichen Dienst, eine unendliche Ehre. Hier erstaune und bedenke: wenn du der heiligen Messe beiwohnst, so ehrest du Gott mehr als alle Engel und auscrwähltcn Geister im Himmel; denn sie sind Geschöpfe Gottes, und dcßwegcn ist ihr Dienst eingeschränkt, und endlich : in der heiligen mit Andacht beizuwohnen. 239 Messe aber vcrdcmüthigt Sich Jesus Christus, dessen Verdcmüthiguug von einem unendlichen Verdienste und Werlhc ist; und daher ist auch der Dienst und die Ehre, welche wir Gott in der heiligen Messe durch JcsnS leisten, unendlich. Wenn cs aber so ist: wie vortrefflich wird nicht durch Anhörung der heiligen Messe diese große Pflicht gegen Gott erfüllt? Darfst du wohl sagen: Was liegt daran, ob ich eine heilige Messe mehr oder weniger anhöre? O welche Blindheit! Unsere zweite Pflicht gegen Gott ist, daß wir Seine Gerechtigkeit wegen unserer Sünden besänftigen. Wie unermeßlich ist nicht diese Schuldigkeit! Eine einzige Todsünde wiegt ans der Wagschaale der göttlichen Gerechtigkeit so schwer, daß alle guten Werke aller Gerechten, aller Blutzeugen, aller Heiligen, welche gewesen find, und noch sein werden, nicht vermögend sind, für dieselbe Gcnugthuung zu leisten; und doch kannst du für alle deine begangenen Sünden durch daS heilige Meßopfer auf das Vollkommenste Gcnugthuung leisten, und damit du begreifest, wie sehr du Jesn Christo verbunden bist, so" bedenke, obwohl Er der Beleidigte ist, so ist Er doch nicht zufrieden, daß Er am Kalvarienberge der göttlichen Gerechtigkeit für uns Gcnugthuung geleistet hat; sondern Er hat uns diese Weise, derselben Ge- nngthuung zu leisten, auch in dem heiligen Meßopfer gegeben, und gibt sie uns beständig; denn weil das Opfer, welches Jesus Christus Seinem himmlischen Vater am Kreuze für die Sünden der ganzen Welt gebracht hat, in der heiligen Messe erneuert wird, so wird das göttliche Blut, welches zur Erlösung des menschlichen Geschlechtes schon vergossen worden ist, in der heiligen Messe für die Sünden derjenigen be- 240 Weise, der belügen Messe sonders angewendet nnd ausgeopsert, welche diesem schrecklichen, unbegreiflichen Opfer beiwohnen. Hier wirst du mir vielleicht sagen: Wenn cS so ist, genügt cs ja, wenn man auch nur eine heilige Messe anhört, zur Tilgung der schwersten Süuden- schulden; denn weil die heilige Messe einen unendlichen Werth bat, so wird dadurch Gott eine unendliche Gcnugtbuung geleistet. — Obwohl nun die heilige Messe in sich einen unendlichen Werth hat, so muß man zugleich bedcukcu, wie der heilige Kirchen- rath zu Trient lehn, daß sie Gott nach einem gewissen Maße und inner gewissen Schranken annimmt, je nachdem die Zubereitung dessen, der sie lesen läßt, oder anhvrt, besser und vollkommener ist. Weil wir nun nicht wissen, nach welchem Maße und wie weit sie Gott annimmt, so wird es allzeit gut sein, wenn man viele heilige Messen lesen läßt oder anhört, und auch viele andere guten Werke zur Gcnugthuung verrichtet. Aus allen guten Werken aber, welche du verrichten kannst, ist die heilige Messe gewiß das vornehmste, wirksamste, und dasjenige, welches am meisten Gcnugthuung leistet; weil du durch dieses von Seite des Opfers Gott eine größere Gcnugthuung darbringst, als alle Märtyrer mit Ncrgicßung ihres Blutes, und alle Büßer durch ihre Strengheiten dar- gcbracht haben. Wirst du nun auch noch sagen: Was liegt daran, ob ich eine heilige Messe mehr oder weniger anhörc? Wache doch um Gottes Willen auf, und nimm diese Wahrheit ernstlich zu Gc- müthe: Je mehrere heilige Messen du anhörst, desto geschwinder leistest du der göttlichen Gerechtigkeit für deine so vielen Sünden Gcnugthuung. Unsere dritte Pflicht ist die Dankbarkeit für die unermeßlichen Wohithaten, welche uns Gott erwiesen mit Andacht beizuwohnen. 241 Hab Nimm alle Gaben und Gnaden zusammen, welche du von Gott empfangen hast; so viele Güter der Gnade: der Leib, die Seele, die Sinne, die Kräfte, die Gesundheit, das Leben Jesu Christi Seines Sohnes und der Tod selbst, welchen Er für nnS gelitten hat, Alles dieses vermehrt unsere große Schuldigkeit gegen Gott ohne Maß; und wie'werden wir Ihm nun genügsamen Dank erstatten können? Dieß kann um besten geschehen, wenn wir Ihm das große Opfer der heiligen Messe darbringen/ Mit diesem geben wir Gott, so zu sagen, einen gleichen Werth für Alles, was Er uns gegeben hat, und was Er uns noch geben kann: dadurch danken wir Ihm für alle Wohlthaten, welche wir von Ihm empfangen haben, aus die vollkommenste Weise. O erhabenes Meßopfer! o gcbencdeites Meßopfer! Aber mit diesem ist der Werth und der Schatz des heiligen Meßopfers noch nicht erschöpft; denn durch dasselbe können wir auch die vierte Pflicht, welche wir gegen Gott haben, erfüllen, nämlich Ihn zu bitten, und um neue Gnaden bei Ihm zu flehen. Es ist dir selbst bekannt, wie viele Bedürfnisse des Leibes und der Seele du hast, und daß du dcßwc- gen zu Gott deine Zuflucht nehmen mußt, damit Er dir alle Augenblicke beistehe und zu Hülfe komme, weil Er allein der Urheber und der Ursprung alles zeitlichen und ewigen Guten ist. Wie darfst du dir aber getrauen, Ihn um neue Wohlthaten zu bitten, indem du für so viele dir erwiesenen Gunstbezeugun- gcn den äußersten Undank erwicdert, ja sogar Seine Wohlthaten selbst zu Seiner Beleidigung mißbraucht hast? Gleichwohl fasse Herz und Muth: denn wenn schon du diese neuen Wohlthaten nicht verdienst, so hat sie der gütigste Jesus für dich verdient, welcher Weg zum Himmel. H 242 Weist, der heiligen Messe in der heiligen Messe ans dieser Absicht ein Bittopfer sein wollte, damit Er uns von Seinem himmlischen Batcr alles erhalte, was wir nöthig haben. Ja, ganz gewiß, bei der heiligen Messe empfiehlt uns unser liebster Jesus als erster und höchster Priester Seinem himmlischen Batcr, Er bittet da für uns, und wird unser Mittler. Wenn uns bekannt wäre, Maria die seligste Jungfrau vereinige sich mir unS, den göttlichen Batcr um die gewünschten Gnaden zu bitten: was für ein Vertrauen würden wir nicht haben, erhört zu werden? Wie groß muß also nicht jetzt unser Vertrauen und unsere Hoffnung sein, da wir wissen, daß Jesus Cbristus Selbst bei der heiligen Messe für uns spricht, daß Er Sein kostbares Blut Seinem himmlischen Batcr für uns aufopfcrt, und unser Mittler bei Ihm ist? O gebencdcites Meßopfer! dieß ist die Quelle, aus welcher wir alles Gute schöpfen können. Nun frage ich dich noch einmal, wirst du auch künftig sagen: Was liegt daran, ob ich eine heilige Messe mehr oder weniger anhörc? Ach, in welcher Blindheit hast du bisbcr gelebt! Wie viele heilige Messen hast du in deinem Leben versäumt! Wie viele Schätze der geistlichen und leiblichen Gnaden hast du deswegen verloren! Lebe nun nicht mehr so blind, sondern fasse den ernstlichen Entschluß, so viele heilige Messen, als du kannst, andächtig anzuhören. Damit du die vier wichtigen Pflichten, welche du gegen Gott bast, vollkommen erfüllest, so stelle dir vor, du seiest jener Schuldner von zehntausend Talenten im Evangelium, und die göttliche Gerechtigkeit fordere von dir die Bezahlung. Sodann bitte, sic wolle nur so lange mit dir Geduld tragen, bis du die heilige Messe anhörcn kannst, weil du weißt, daß dir Jesus in dieser das Mittel an die Hand mir Andacht beizuwohncn. 243 gibt, vollkommene Geuugthuung zu leisten; wenn nun die heilige Messe angcfangen hat, so theile sie auf folgende Weise in vier Zeiten ab. Die erste Zeit dauert vom Anfänge bis znm Evangelium. Dcmüthige dich da mit Jesu, und versenke dich mit deinen Gedanken in dein Nichts; bekenne aufrichtig vor dem höchsten Gott, daß du ein leeres Nichts, und zugleich voll Sünden bist, verde- mütbige dich so innerlich und äußerlich; denn du mußt der heiligen Messe mit größter Ehrerbietigkeit beiwohnen, und sage zu Gott: Gebet beim Anfänge der heiligen Messe. O mein Gott! ich bete Dich an, und bekenne Dich als meinen Herrn und höchsten Beherrscher meiner Seele. Ich bctheure, daß Alles, was ich immer bin und habe, von Dir kommt. Du verdienst wegen Deiner höchsten Hoheit eine unendliche Ehre und Dienstbezei- gung; aber ich bin in der äußersten Armuth, und ganz unfähig, Dir diese große Schuld zu zahlen. Ich opfere Dir also die Verdemüthi- gungcn und Dienstbezeugungen auf, welche Dir Jesus auf dem Altäre erweist. Was Jesus thut, verlange auch ich zu thun. Ich verdc- müthige und erniedrige mich zugleich mit Ihm vor Deiner unermeßlichen Hoheit. Ich bete Dich an, mit eben den Verdemüthigungen, welche Dir Jesus bezeigt, ich erfreue mich und frohlocke, daß der gebencdcite Jesus Dir für mich eine unendliche Ehre und Dienstbczeugung erstattet. 11 * Weise, der heiligen Messe 244 Erwecke viele dergleichen innerliche Uebungen; es ist aber nicht nöthig, baß du dich eben an diese Worte haltest, sonder» bediene dich derjenigen, welche dir die Andacht eingeben wird. O wie wohl würdest du auf diese Äeise die erste Schuld bezahlen! Die zweite Zeit ist vom Evangelium bis zur Wandlung; während dieser wirst du die zweite Schuld bezahlen. Wirf hier einen Blick auf deine so vielen und schweren Sünden, und da du sichst, daß du bei der göttlichen Gerechtigkeit eine unermeßliche Schuld gemacht hast, so sprich mit gcdemüthig- tem Herzen folgendes Gebet nach dem Evangelium. Sieh, o mein Gott! ich habe Dich undankbarer Weise vcrrathen, und bin so ost treulos gegen Dich gewesen! Ach, ich verabscheue meine Sünden, und verfluche sie mit der lebhaftesten Reue. Zum Ersätze derselben opfere ich Dir eben diese Genugthuuug auf, welche Dir Jesus Christus auf dem Altäre darbringt; ich opfere Dir auf alle Verdienste Jesu, das Blut Jesu, den ganzen Jesus mit Seiner heiligsten Gottheit und Menschheit, welcher Sich aufs Neue als ein Opfer für mich aufopfcrt; und weil mein Jesus auf dem Altäre mein Mittler wird, und durch Sein kostbares Blut zu Dir um Verzeihung für mich ruft, so vereinige ich mich mit der Stimme dieses aus Liebe vergossenen Blutes, und bitte Dich um Barmherzigkeit wegen meiner so vielen und schweren Sünden; mit Andacht beizuwohnen. 2-15 das Blut Jesu ruft zu Dir um Barmherzigkeit; auch mein reumüthiges Herz ruft zu Dir um Barmherzigkeit. O meiu geliebtester Gott! wenn Dich meine Thränen nicht bewegen, so laß Dich durch die Seufzer meines Jesu erweichen. Sollte Er nicht auch für mich jene Barmherzigkeit erhalten, welche Er am Kreuze für das menschliche Geschlecht erlangt hat? Ich hoffe ganz sicher und gewiß, Du werdest mir durch dieses kostbare Blut alle meine Sünden verzeihen, und ich will nicht aufhören, dieselben bis auf den letzten Athemzug meines Lebens zu beweinen. Wiederhole öfters die Hebungen der Reue, und sei versichert, du werdest so alle deine Schulden, welche du mit so vielen Sünden bei Gott gemacht hast, auf das Vollkommenste abzahlen. Die dritte Zeit ist von der Wandlung bis zur Kommunion; bedenke, wieviele und große Wobl- tbaten du empfangen hast, und zum Ersätze opfere Gott eine Gabe von unendlichem Werth auf, nämlich den Leib und das Blut Jesu Christi; ja lade zugleich alle Engel und Heiligen ein, daß sie Gott für dich Dank sagen, auf die folgende oder auf ähnliche Weise: Gebet nach der Wandlung. O mein liebster Jesu! ich bin ganz beladen mit Wohlthaten, sowohl mit allgemeinen. 2^6 Weise, der heiligen Messe als besvndern, welche Du mir schon erwiesen hast, und noch erweisen willst, in der Zeit und in der Ewigkeit. Ich erkenne, daß Deine Barmherzigkeit gegen mich unendlich gewesen ist; deß- wegen bringe ich Dir zur Danksagung dafür das göttliche Blut und den kostbaren Leib Deines Sohnes, dieses unschuldige Opfer durch die Hand des Priesters dar. Dieses Opfer ist allein im Stande, alle Gnaden, welche Du mir erwiesen hast, zu bezahlen; diese Gabe von unendlichem Werthe gilt allein so viel, als alle Gaben, welche ich von Dir empfangen habe und noch empfange. O ihr heiligen Engel und alle seligen Geister, helfet mir meinem Gott danken! Zur Danksagung für so viele Wohlthaten opfert Ihm nicht nur diese, sondern auch alle heiligen Messen ans, welche jetzt in der ganzen Welt gelesen werden, damit Seine liebreiche Wohlthätigkeit vollkommen bezahlt werde für so viele und große Gnaden, welche Er mir erwiesen hat, und welche Er mir noch durch die ganze Ewigkeit erweisen will. Amen. Welch großes Wohlgefallen wird unser gütigster Gott nicht haben an einer solchen Danksagung! Diese Gabe allein wird Ihm eine vollkommene Ge- nuglhuung leisten, weil sie alle andern Gaben Übertritt, und von unendlichem Wertbe ist. Die vierte Zeit dauert von der Kommunion bis zum Ende der heiligen Messe. Fasse nur Muth, mit Andacht beizuwohnen. 247 Gnaden von Gott zn begehren; denn du weißt, daß Jesus Sich jetzt mit dir vereinigt, und daß auch Er als Mittler für dich spricht. Deßwcgen erweitere dein Herz, und begehre nickt etwa nur kleine, geringe Sachen, sondern begehre große Gnaden, weil auch das Opfer, welches du Gott darbringst, groß ist, nämlich Sein göttlicher Sohn; sage also mit ge- dcmüthigtcm Herzen: Gebet nach der heiligen Kommunion. O mein liebster Gott! ich erkenne nur allzu gut, daß ich Deiner Gunstbezeigungen nicht würdig bin. Ich bekenne meine äußerste Un- würdigkeir, und weiß, daß ich wegen so vieler und so schwerer Sünden nicht verdiene, erhört zu werden; aber es ist nicht möglich, daß Du Deinen göttlichen Sohn nicht erhörest, welcher auf dem Altäre für mich zu Dir um Gnade ruft, und Sein Leben, Sein Blut Dir für mich aufopfert. O mein gcliebtester Gott! erhöre das Ruferi dieses meines allmächtigen Mittlers und verleihe mir um Seiner unendlichen Verdienste willen, alle Gnaden, welche Du als nothwen- dig erkennst, das große Werk meines ewigen Heils zu vollenden. Ich trage nun kein Bedenken, Dich um die allgemeine Nachlassung aller meiner Sünden, und um die Gnade der Beharrlichkeit im Guten zu bitten; ja im Vertrauen auf das Gebet meines Jesu bitte ich Dich auch, o mein Gott! um alle Tugenden, 2-18 Weise, der heiligen Messe und zwar in einer hohen Stufe, mit heldcnmü- thiger Ueberwindung; ich bitte Dich um alle wirksamen Hülfsmittel, zur wahren Heiligkeit zn gelangen; ich bitte Dich um Bekehrung aller Sünder, besonders derjenigen, welche meine Verwandten sind; ich bitte Dich nm den Geist der Andacht für mich und für alle meine Angehörigen, damit Dn mit Freuden in unfern Herzen als in Deinem Paradiese wohnest, und damit wir Alle von einer Tugend zur andern schreiten, und in allem Euren zunchmen. Amen. Bitte nur, bitte für dick und für alle die Dei- nigen und für die ganze heilige Kirche, bitte mit großem Vertrauen, und sei versichert, dein Gebet mit dem Gebete Jesu Christi vereinigt werde erhört werden. Nun sage mir, wenn du alle heiligen Messen, welche du bisher augehört hast, auf diese Weise angehört hättest: mit wie vielen Schätzen der Gnade würdest du deine Seele bereichert haben! Wie viele Gnaden hast du leider nicht verscherzt, da du bei Anhörung der heiligen Messe bin und her schautest, auf Andere, die aus- und eingingen, Acht gäbest, bisweilen sogar schwätztest oder schliefest, oder höchstens etwa ein mündliches Gebet daher sagtest. Ich verwehre dir nicht, während der heiligen Messe mündlich zu beten; wenn du aber einen Nutzen davon haben willst, so mußt du zugleich, da du mit dem Munde das Gebet sprichst, auch im Herzen bedacht sein, die vier oben genannten Pflichten gegen Gott zu erfüllen. Noch besser würde es sein, wenn du dick ganz in deinem Gcmüthe versammeltest, und auf dich allein dächtest, ohne etwas Anderes vorzunehmen, nicht mit Andacht beizuwohnen. 249 anders, als wenn du bei jenem großen Opfer, welches auf dem Kalvarienberge entrichtet wurde, gegenwärtig wärest; denn auf dem Altäre ist ja in Wahr- beit das nämliche Opfer, und was du damals ge- than haben würdest, das thn' auch jetzt bei der heiligen Messe. Nun sage nicht mehr, es liege wenig daran, ob du eine heilige Messe mehr oder weniger anhörest. Hier will ich dich nur noch ermahnen, daß du auch an den Werktagen nicht leicht unterlassest, der heiligen Messe bcizuwohnen, und daß du nicht verwendest, deine Beschäftigungen gestatten dir nicht so viele Zeit: denn ich antworte, wenn du dich der unnützen Dinge entschlägst, wenn du die Zeit, welche du mit Müssiggang, Eitelkeiten und leeren Unterhaltungen zubringst, auf die Geschäfte verwendest, so wird dir, auch wenn du die heilige Messe anhörest, insgemein noch Zeit genug übrig bleiben, deine Sachen in Ordnung zu bringen. Wer war mehr beschäftigt, als der heilige Thomas von Aguin, welcher die wichtigsten Arbeiten für die Ehre Gottes anszn- führen hatte? und doch war er nicht zufrieden, wenn cr nicht noch zwei heilige Metzen anhörte, nachdem er selbst das heilige Opfer entrichtet hatte. Znm Beschlüsse stelle ich noch die Bitte an dich, welche einzig zu deinem Nutzen ist. So lieb dir deine Seele ist, so höre doch so viele heilige Messen an, als du immer kannst, und höre sie auf die obgesagte Weise, ja wenn es in deinen Kräften steht, so besorge, daß viele gelesen werden, und verschaffe auch Andern Gelegenheit, dieselben anzuhören. Wenn du Morgens deine Werke, um sie durch den ganzen Tag verdienstlich zu machen, Gott aufopferst mit dem Gebete: „O ewiger Gott ic." welches du gleich unten findest, so mache die Meinung, und erwecke 250 Weise, der heiligen Messe eine große Begierde, allen heiligen Messen beizuwoh- ncn, welche diesen Tag in der ganzen Welt gelesen werden; opfere sie alle Gott aus nach der schon gemeldeten vierfachen Absicht, nnd vergiß doch nicht diese Meinung und Aufopferung täglich zu machen, denn es wird dies mit großem Nutzen deiner Seele geschehen. Tägliche Aufopferung der guteu Werke. O ewiger Gott! steh, ich werfe mich vor Deiner unendlichen Majestät nieder, ich bete Dich in tiefster Demuth an, und opfere Dir auf alle meine Gedanken, Worte und Werke dieses Tages ; ich verlange Alles zu thun aus Liebe zu Dir, zu Deiner Ehre, zur Erfüllung Deines heiligsten Willens, Dir zn dienen, Dich zu loben und zu benedeien, in den Geheimnissen des heiligen Glaubens Erleuchtungen zu erlangen, mein Seelenheil in Sicherheit zu setzen, in der Hoffnung auf Deine Barmherzigkeit gestärkt zu werden , Deiner göttlichen Gerechtigkeit für meine so schweren Sünden Genugthuung zn leisten, den armen Seelen im Fegfeuer zu Hülfe zu kommen, allen Sündern die Gnade einer wahren Bekehrung, den Gerechten die Vermehrung der Gnade zu erlangen, allen geistlichen Ordensständen die Beharrlichkeit in ihrem ersten Eifer zu erhalten; mit Einem Worte, ich verlange heute Alles zu wirken in Vereinigung mit der reinsten Meinung, welche Jesus und Maria in mit Andacht beszuwohnen. 251 ihrem Leben gehabt haben, in Vereinigung mit der Meinung aller Heiligen im Himmel und aller Gerechten auf Erden; ich wünschte, ich könnte diese Meinung mit meinem Blute besiegeln und sie alle Augenblicke so oft erneuern, als viele Augenblicke durch die ganze Ewigkeit sein werden. Nimm an, o mein Gott! diesen meinen guten Willen, und gib mir Deinen Segen mit Deiner kräftigen Gnade, damit ich mein ganzes Leben, besonders aber diesen Tag, keine schwere Sünde, ja auch keine läßliche vorsätzlich begehe. Ich verlange auch heute alle Ablässe, deren ich fähig bin, zu gewinnen, alle heiligen Messen, welche heute in der ganzen Welt gelesen werden, anzuhören, und sie zur Hülse der armen Seelen aufzuopfern, damit sie von ihren Pcinen erlöst werden mögen. Amen. Von der geistlichen Kommunion. §)ic geistliche Kommunion ist nichts anderes, als eine Begierde, Jesnm Cbristnm im heiligsten Altars- sakramente wirklich zu empfangen. Diese Uebnng ist sehr heilsam; denn Jene, welche dieses himmlische Brod der Begierde nach, und mit einem lel'basten Glauben, welcher durch die Liebe wirkt, genießen, empfinden die Frucht und den Nutzen davon, so sagt 252 Von der geistlichen Kommunion. der heilige Kirchenrath von Trient- Unterlasse wenigstens bei Anhörung der heiligen Messe niemals, geistlicher Weise zu kommunizirem Bei der Kommunion des Priesters also, oder wann du immer diese Uebung vornehmen willst, erwecke eine Reue über deine Sünden, klopfe an die Brust zum Zeichen, daß du dich einer so großen Gnade unwürdig hältst, sodann erwecke die Liebe, die Demuth, mache die Aufopferung, und übe dich in den übrigen heiligen Anmuthungen, wie du vor der wirklichen Kommunion es zu thun pflegst. Hierauf verlange mit einer inbrünstigen Begierde, den gütigsten Jesus im heiligsten Altarssakramcnte zu deinem Heile zu empfangen. Damit du deine Andacht mehr belebest, so bilde dir ein, Maria die heiligste Jungfrau, oder einer von deinen heiligen Patronen reiche dir die heilige Hostie dar; stelle dir vor, als empfangest du sie wirklich; umfasse alsdann Jefum in deinem Herzen, und sage zu wiederholten Malen mit liebevollen Worten zu Ihm: Komm, o mein liebster Jesu! komm in mein armes Herz, und stille meine Begierde; komm, und heilige meine Seele! komm, o mein süßester Jesu! komm. Hier schweige, sieb deinen gütigsten Gott in dir an, und, als hättest du Ihn wirklich im heiligsten Sakramente empfangen, bete Ihn an, sage Ihm Dank, und erwecke alle jene heiligen Anmuthungen, welche du bei der heiligen Kommunion gewöhnlich erweckest. Die geistliche Kommunion ist ein großer Schatz, und erfüllt die Seelen mit tausend Gnaden; ja eine Seele, die mit großer Dcmnth, Liebe und Andacht geistlicher Weise kommunizirt, erlangt oft größere Gnaden, als eine andere, die nicht so gut vorbereitet ist, durch die wirkliche Kommunion erhält. Die geistliche Kommunion ist unserm göttlichen Erlöser so an- Von der geistlichen Kommunion. 253 genehm, daß Er Sich oft gewürdigt hat, die heiligen Begierden Seiner Diener mit augenscheinlichen Wundern zu befriedigen. Die selige Clara von Monte Falko, die heilige Katharina von Siena, und die beiligc Lidwina hat Er Selbst gespeist; der heilige Bonaventura, die heiligen Bischöfe Honoratus und Firminus erhielten das Himmelbrod von den Engeln; dem seligen Silvester reichte es die Mutter Gottes mit ihren eigenen Händen. Man darf sich über so vorzügliche Gnaden keineswegs verwundern; denn die geistliche Kommunion entzündet die Seelen mit der Liebe Gottes, sie vereinigt sie mit Gott und bereitet sie zu den größten Gunstbezeigungen vor. Die geistliche Kommunion hat auch das Gute, daß man sie des Tages nicht nur einmal, sondern bei allen heiligen Messen, und auch außer der heiligen Messe, Morgens, Abends, unter Tags, Nachts, in der Kirche und zu Hause, mit Einem Worte, überall, und so oft man will, verrichten kann. Wache auf, meine Seele, und nimm diese gcbenedcite Uebung zu deinem Heile oft vor. Kurze und leichte Weise, die Andacht des heiligen Kreuzweges mit Nutzen vorzunehmen. Zuerst kniee nieder und sage mit Demuth: Wir beten Dich an rc. Hernach erwecke eine Rene über deine Sünden, und erwäge eine kurze Zeit bas Ge- beimniß des Leidens, welche die Station vorstellt. Hierauf bete ein Vater unser und Ave Maria, zuletzt Kreuzweg-Andacht. 254 sprich: Erbarme Dich unser, o Jesu! re. So mache es bei jeder Station. Durch diese heilige Andacht gewinnt man alle Ablässe, die Jene erlangen, welche die Stationen des Kreuzweges zu Jerusalem selbst besuchen. Biele römische Päpste haben dieselben verlieben, und Benedikt der XIV. hat sie auf's Neue bestätigt. Mehrere von diesen Ablässen sind vollkommen; einen davon kann ein Jeder für sich anwenden, die übrigen den armen Seelen schenken. Reue und Leid, anfangs zu erwecken. ^ ewiger Vater! weil Du das höchste, unendliche Gut bist, und weil ich Dich über Alles liebe, so bereue ich von ganzem Herzen, daß ich Dich beleidigt habe, ich nehme mir auch fest vor, Dich künftig nicht mehr zu beleidigen. Ich opfere Dir diesen heiligen Kreuzweg auf, ich verlange die von den römischen Päpsten verliehenen heiligen Ablässe zu gewinnen, und nach jener Meinung und Absicht zu beten, wegen welcher ein so großer Schatz verliehen worden ist. Ich bitte Dich auch demüthig, laß mir diese Andacht ersprießlich sein, damit ich in diesem Leben Deine Barmherzigkeit, und im andern die ewige Glorie erlange. Amen. Kreuzweg-Andacht. 255 Erste Station. Jesus wird zum Tode verurtheilt. H'. Wir beten Dich an, o Herr Jesu Christel und benedeien Dich; Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst. Erwäge, meine Seele, mit welchen Gesinnungen Jesus aus Liebe zu dir dieses Nrtheil aunimmt; sieh, wie gerne und bereitwillig Er Sich demselben unterwirft. Ach, bekenne doch einmal deine Schuld; du hast tausendmal und noch öfters das gerechte Nrtheil des ewigen Todes verdient, und du willst nicht annehmen, und überträgst mit Widerwillen eine kleine Ablichtung, die dir von Jenen auferlegt wird, welche Gottes Stelle vertreten: wohlan, wende dich ganz beschämt zu Jesu deinem Bräutigam, sage mit liebevoller Angst und mit aufrichtigem Herzen zu Ihm: O mein geliebtes Gut! ich werde von Deiner Unschuld und Liebe zu Schanden gemacht, da Du ein so ungerechtes Nrtheil annimmst, ohne nur ein Wort einzuwenden oder Dich auf einen andern Richter zu berufen. Ich bereue, daß ich mich bisher,so widersetzlich bezeigt habe, wenn ich eine kleine Schmach annehmen, oder ein empfindliches Wort hätte ertragen sollen. Meine Reue ist aufrichtig, und ich nehme mir ernstlich vor, mich allen Krän- 256 Kreuzweg - Andacht. kungcn, wenn sie auch unbillig und hart sein sollten, mit Deinem heiligen Beistände künftig gutwillig zu unterziehen. Vater unser re. Ave Maria rc. 5'. Erbarme Dich unser, o Jesu! erbarme Dich unser; st,. Und sei uns gnädig wegen Deines heiligsten Leidens. Gib, o Mutter, Quell der Liebe, Daß ich mich mit dir betrübe Ueber Jesu Schmach und Pein; Drücke deines Sohnes Wunden So, wie du sie hast empfunden, Tief in meine Seele ein. Zweite Station. Jesus nimmt das Kreuz auf Seine Schultern. Wir beten Dich au, o Herr Jesu Christel und benedeien Dich; st.'. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst. Meine Seele, schaue deinen Jesus an, wie anmuthig Er das heilige Kreuz umfängt; betrachte, mit welcher Frende und welch innigem Vergnügen Er den Muthwillen jener ungesitteten Leute überträgt. Ach, schäme dich, daß du so geschwind in Ungeduld ausbrichst, und dich beunruhigen läßt, wenn ein kleines und leichtes Kreuz über dich kommt, wenn dir etwas Beschwerliches auferlegt wird, oder eine Müh- Kreuzweg-Andacht. 257 seligkeit dir aufstößt. Wohlan, mache dich auf, begleite deinen Jesus mit dem Kreuze, und sage liebreich zu Ihm: Ich muß mich billig schämen, o mein geliebter Jesu! daß Du das Kreuz so zärtlich umfängst, welches ich Dir durch meine so schweren Sünden, Undankbarkeiten und Unvollkommenheiten aufgeladen habe, während ich dagegen mich weigere, jene leichten Kreuzlein zu tragen, welche Du mir aus unendlicher Liebe auslegst, und zugleich so viele Gnaden und Erleuchtungen gibst. Ich bitte Dich dcßwegen um Verzeihung, und nehme mir vor, dieselben nickt nur willig anzunehmen, sondern Dich auch mit Deiner geliebten Braut Theresia inständig zu bitten: „Entweder leiden oder sterben/' Kreuz oder Tod! Vater unser re. Ave Maria re. Erbarme Dich unser, o Jesu! erbarme Dich unser; «s. Und sei uns gnädig wegen Deines heiligsten Leidens. Gib, o Matter, Quell der Liebe, u. s. w. Dritte Station. Jesus fällt das erstemal unter dem Kreuze. Wir beten Dich an, o Herr Jesu Christel und benedeien dich; Hz. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst. 258 Kreuzweg - Andacht. Siehst du nicht, meine Seele, welch muth- willige Beschimpfungen dein Jesus bei Seinem Falle leidet? und doch schweigt Er, und aus Liebe zu dir überträgt Er Alles mit liebevoller Sanftmuth; wenn dich dagegen eine kleine Krankheit überfällt, wenn dir eine kleine Widerwärtigkeit aufstößt, wie ungeduldig bist du nicht! wie brichst du nicht in Klagen aus! Ach, beweine deine Fehler, wirs dich zu den Füßen Jesu, und bitte Ihn: Ach, mein liebster Jesu! sieh, ich falle Dir zu Füßen, und bin von Schmerzen ganz durchdrungen, daß ich Dich so oft durch meine Ungeduld und Bosheit beleidigt habe. Ach, mein höchstes Gut! gib mir die Gnade, daß ich wieder aufstehe, und aus dem Wege des Kreuzes mit Liebe und Freude wandte und alle Widerwärtigkeiten geduldig ertrage. Vater unser re. Ave Maria re. Erbarme Dich unser, o Jesu! erbarme Dich unser; Rf. Und sei uns gnädig wegen Deines heiligsten Leidens. Gib, v Mutter, Quell der Liebe, u. s. w. Vierte Station. Jesus begegnet Seiner heiligsten Mutter. H'. Wir beten Dich an, o Herr Jesu Christel und benedeien Dich; Kreuzweg-Andacht. 259 H Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst. Ach, wie bitter muß nicht der Schmerz gewesen sein, welcher das Herz Maria's durchdrungen hat! Wer kann beschreiben, wie sehr die Qualen des leidenden Jesu dadurch vermehrt worden sind! Weine, meine Seele, da du Jesus und Maria ansiehst; laß jetzt dein Herz reden, und tröste die bctrübteste Mutter und ihren leidenden Sohn, sage zu ihnen: O meine liebste Mutter, ich habe Jesum deinen gebenedeiten Sohn, meinen Bräutigam in die Hände der unmenschlichen Henkersknechte überliefert! Mit meinen Sünden habe ich das Schwert des Schmerzens geschmiedet, welches dein liebevolles Herz durchdrungen hat; aber nun bereue ich es, und bitte um Barmherzigkeit und Verzeihung. Ach, Barmherzigkeit, o Maria, heiligste Jungfrau! Barmherzigkeit, o mein Jesu! Damit ich auch keine läßliche Sünde mehr begehe, will ich oft eure Schmerzen mir zu Gemüthe führen, o Jesu! o Maria! Vater unser rc. Ave Maria rc. . Erbarme Dich unser, o Jesu! erbarme Dich unser; ktz. Und sei uns gnädig wegen Deines heiligsten Leidens. Gib, o Mutter, Quell der Liebe, u. s. w. 260 Kreuzweg - Andacht. Fünfte Station. Simon von Cyrene hilft Jesu das Kreuz tragen. A. Wir beten Dich an, o Herr Jesn Christel und benedeien Dich; lfl Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst. Erwäge, meine Seele, wie schmerzlich es Jesu fiel, daß sich Simon von Cyrene weigerte, Sein Kreuz zu tragen. Aber du beleidigst Ihn noch weit mehr, wenn du das Kreuz, welches dir Jesus zuschickt, nur gezwungen und nicht aus Liebe trägst, wenn du es nur wider deinen Willen fortschleypest und dich davon los zu machen suchest. Verfluche deinen Jrrthum, bitte den liebevollen Heiland, und sage zu Ihm: O mein geliebtcstcr Jesu! ich bekenne es, ich habe mich ebenso wie Simon von Cyrene verhalten; ich habe das Kreuz der Trübsale nur gezwungen getragen, ich habe allzeit getrachtet auszuweichen, wann ich für Dich leiden sollte. Aber ich erkenne meinen Jrrthum, ich bitte, verzeih mir, und verschone mich künftig nicht, sondern schicke mir die Kreuze, welche Dir so lieb sind; denn mit Deinem Beistände werde ich sie nicht nnr willig, sondern auch mit Liebe umfangen. Vater unser rc. Ave Maria rc. Erbarme Dich unser, o Jesuerbarme Dich unser; Kreuzweg - Andacht. 261 u,'. Und sei uns gnädig wegen Deines heiligsten Leidens. Gib, o Mutter, Quell der Liebe, u. s. w. Sechste Station Jesus übergibt der Veronika in dein Schweißtuche die Abbildung Seines Angesichtes. Hü Wir beten Dich an, o Herr Jesu Christel und benedeien Dich; H. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst. Meine Seele, warum entbrennst du nicht von zärtlicher Liebe, wenn du bedenkst, wie freigebig der gütigste Jesus der andächtigen Veronika das Mitlciden belohnt hat, welches sie zu Ihm trug? Würde Er nicht vielleicht auch dich eben so belohnen, und Sein heiligstes Bild- niß deinem Herzen cindrücken, wenn du oft ein Mitleidcn gegen Ihn als dein höchstes Gut erwecktest! Bereue wehmüthig deine Gleichgiltigkeit, und sage mit aufrichtigem Herzen zu deinem Heilande: O mein leidender Heiland! ich kann nur meiner Nachlässigkeit die Schuld geben, daß ich Dir noch so unähnlich bin, weil ich nie ein wahres Mitleiden gegen Dich getragen, und Dein Leiden mir nie ernstlich zu Gemüthe geführt habe. Ich verabscheue meine Gefühllosigkeit und nehme mir vor, Dein heiligstes Leiden oft 262 Kreuzweg - Andacht. zu betrachten , damit ich Dir Nachfolgen und Dir ähnlich werden möge. Vater unser zc. Ave Maria rc. L'. Erbarme Dich unser, c Jesu! erbarme Dich unser; ld. Und sei uns gnädig wegen Deines heiligsten Leidens. Gib, v Mutter, Quell der Liebe, u. s. w. Siebente Station. Jesus fällt das zweitemal unter dem Kreuze. Wir beten Dich an, o Herr Jesu Christel und benedeien Dick; » H. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst. Ach, meine Seele, du bist härter als Stein und Felsen; aus Blindheit siehst du nicht, daß Jesus wegen deiner Hoffart zu Boden fällt, weil du dein höchstes Gut mit Füßen trittst, damit du dich selbst erhebest. Verabscheue doch einmal deine Hoffart, und voll Wehmuth sage mit aufrichtigem Herzen zu deinem Gott und Herrn: O mein Jesu! ich beweine nun meine Hoffart, daß ich so thöricht war und mich Allen vorzieheu wollte; dadurch bin ich Ursache an Deinem Falle gewesen. Nun aber nehme ich mir vor, mich künftig zu demüthigen, und sogar den Niedrigsten mich nachzusctzen, allzeit mit Kreuzweg-Andacht. 263 Demuth und Unterwürfigkeit zu reden, meinen hochmüthigcn Sinn und alle Aufgeblasenheit abzulegen; steh mir also bei, o mein Jesu! Du meine Barmherzigkeit! Vater unser w. Ave Maria w. Erbarme Dich unser, o Jesu! erbarme Dich unser; 8s. Und sei uns gnädig wegen Deines heiligsten Leidens. Gib, o Multer, Quell der Liebe, u. s. w. Achte Station. Jesus tröstet die weinenden Frauen. Wir beten Dich an, o Herr Jesu Christel und benedeien Dich; Ich Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst. Sieh, meine Seele, wie auf die Thränen, welche man wegen Jesu vergießt, sogleich die Tröstungen folgen, welche Er mittheilt; wenn du bisher noch keinen Trost von Jesu erhalten hast, so ist cs ein sicheres Zeichen, daß du noch nie aus Mitleiden gegen deinen leidenden Heiland geweint hast; bereue es, und sage zu Ihm: O mein liebenswürdigster Heiland! ich erkenne wohl, daß ich wegen meines Undankes und wegen meiner bösen Werke weinen sollte; aber steh, o mein liebster Jesu! ich beweine meine Sünden, weil ich durch dieselben Ursache an Deinem 264 Kreuzweg-Andacht. Leiden gewesen bin. Ach, Du Haft ja die Thronen der armen weinenden Frauen gütig angesehen, so verachte denn auch die mcinigen nicht, damit ich sowohl jetzt als in der Stunde meines Todes von Dir getröstet werde. Vater unser ;c. Ave Maria rc. Erbarme Dich unser, o Jesu! erbarme Dich unser; Und sei uns gnädig wegen Deines heiligsten Leidens. Gib, o Mutter, Quell der Liebe, u. s. w. Nennte Station. Jesus fällt das drittemal unter dem Kreuze. Wir beten Dich au, o Herr Jesu Christc! und benedeien Dich; ist. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst. Sieh, meine Seele, dein Jesus wird von deinen Sünden zu Boden gedrückt, Er kann die Last deiner so großen und vielfältigen Undankbarkeit nicht mehr ertragen. Entschließe dich einmal deinem Undanke ein Ende zu machen, und deinen Erlöser von der Erde aufzuheben. Wohlan , sage also von ganzem Herzen zu Ihm: O mein liebevollster Herr und Gott! es ist wahr, Du fällst dcßwegen zur Erde nieder, weil ich mit Deinen Gnaden nicht mitwirke; Kreuzweg - Andacht. 265 aber sieh, ich bereue es und mache den ernstlichen Vorsatz, künftig mit Deinen Gnaden getreu mitzuwirkcn, und so viel mir immer möglich ist, keine fruchtlos vorbei gehen zu lassen; komm mir also zu Hülfe, damit ich von meinen so vielen Undankbarkeiten ausstehe, und nie mehr aus Deiner Gnade falle. Vater unser rc. Ave Maria w. Erbarme Dich unser, o Jesu! erbarme Dich unser; «f. Und sei uns gnädig wegen Deines heiligsten Leidens. Gib, o Mutter, Quell der Liebe, u. s. w. Zehnte Station Jesus wird der Kleider beraubt, und mit Galle und Essig getränkt. H'. Wir beteu Dich an, o Herr Jesu Christel und benedeien Dich; ist-. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst. Erwäge, meine Seele, wie hart diese schimpfliche Entblößung dem reinsten Jesu siel, und welchen Schmerz Ihm dieß bittere Getränk verursachte. Ach, durch deine Ungezogenheit, durch deine prächtige und eitle Kleidung beraubst du dich selbst der Unschuld, und reißest Jesu Seine Kleider mit Erneuerung Seiner Wunden grausam ab; deine Unmäßigkeit und sinnliche Lecker- Wcg zun, Himnikl. j L 266 Kreuzweg-Andacht. Hastigkeit verursachen deinem göttlichen Heilande eine so große Bitterkeit; sage nun reumüthig zu Ihm: O mein betrübtcstcr Jesu! ich beweine meine eitcln Gedanken und mein Verlangen, mich vor der Welt zu zeigen; ich verfluche meine bösen Begierden; ich verabscheue alle irdischen Neigungen; gib mir Gnade, o mein liebster Heiland, Du mein höchstes Gut! daß ich künftig nie mehr sündige oder durch Unmäßigkeit in Speise und Trank Dich beleidige. Vater unser rc. Ave Maria rc. V. Erbarme Dich unser, o Jesu! erbarme Dich unser; Rf. Und sei uns gnädig wegen Deines heiligsten Leidens. Gib, o Mutter, Quell der Liebe, u. s. w. Eilfte Station Jesus wird an das Kreuz geschlagen. Wir beten Dich au, o Herr Jesu Christel und benedeien Dich; Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst. Ach, meine Seele, deine bösen Neigungen, denen du Folge geleistet, sind die spitzigen Nägel gewesen; dein verkehrter Wille war der Hammer, womit du deinen Heiland an das Kreuzweg - Andacht. 267 Kreuz geschlagen; bitte jetzt um Barmherzigkeit, und sage: O mein gekreuzigter Jesu! voll Schmerz und Rene über meine Sünden werfe ich mich zu Deinen Füßen nieder, und fasse den ernstlichen Entschluß, Dich nicht mehr auf ein Neues durch meine Sünden zu kreuzigen, sondern von nun an nur für Dich zu leben, alle Kräfte und Fähigkeiten meines Leibes und meiner Seele nur zu Deiner Ehre, zu Deinem Dienste anzuwenden, und nichts so sehr zu verabscheuen und zu fliehen, als die Sünde. Nur keine Sünde mehr! Vater unser w. Ave Maria re. Erbarme Dich unser, o Jesu! erbarme Dich unser-, n,. Und sei uns gnädig wegen Deines heiligsten Leidens. Gib, o Mutter, Quell der Liebe, u. s. w. Zwölfte Station. Jesus am Kreuze bittet für Seine Peiniger. H'. Wir bcieu Dich an, o Herr Jesu Christel und benedeien Dich; ist. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst. Betrachte, meine Seele, wie dein göttlicher Erlöser Sein Gebet zu Seinem himmlischen Vater für dich abschickt, nachdem du Ihn so sehr 12 * 268 Kreuzweg-Andacht. beleidigt hast; und du weigerst dich, einem Menschen zu verzeihen, der dich mit einigen beißenden Worten beleidigt, oder dir eine Unbild an- gcthan hat. Ach, wie undankbar bist du, da du den Sohn Gottes nicht nur beleidigt, sondern auch gekreuzigt hast. Wohlan denn! bereue deine so vielen und schweren Sünden, erhebe deine Stimme, und sage zu deinem Jesus: O mein liebenswürdigster Heiland! Du bittest Deinen himmlischen Vater für mich um Verzeihung, und deßwegen will ich nicht nur meinem Nebenmenschen von Herzen verzeihen, sondern ich bitte Dich auch, Du wollest sowohl mir, als auch meinen Beleidigern verzeihen. Ich verfluche meine vorige Hartherzigkeit, und nehme mir vor, denen Gutes zu erweisen, die mir etwa ein Leid zusügen sollten, damit auch ich jene trostreichen Worte von Dir hören möge: xHeute wirst du bei Mir sein im Paradiese!'' Vater unser re. Ave Maria:c. Erbarme Dich unser, o Jesu! erbarme Dich unser; «s. Und sei uns gnädig wegen Deines heiligsten Leidens. Gib, o Mutter, Quell der Liebe, u. s. w. Kreuzweg - Andacht. 269 Dreizehnte Station Zesus wird vom Kreuze abgenommen, und in den Schooß Seiner heiligsten Mutter gelegt. F'. Wir beten Dich an, o Herr Jesn Christel und benedeien Dieb; ks. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst. Meine Seele, du hast den todten Jesus kn den Schooß Maria's gelegt, Ihn todt empfangen, da du Ihn bei der heiligen Kommunion mit einer schlechten Zubereitung empfingest, oder Ihn vielleicht gar gottesräuberischer Weise in dein Herz aufnahmst, und Ihn in dir selbst gleichsam tödtetest. Bitte Jesum um Verzeihung und Maria um Barmherzigkeit, und sage: Es ist wahr, v höchster Herr! ich bin Ursache an diesem schmerzlichen Schauspiele, da ich mich so oft Deinem heiligsten Tische mit einer schlechten Vorbereitung genähert habe, wenn ich je nicht gar mit schweren Sünden beladen gewesen bin! Aber ich bereue es aufrichtig, und nehme mir vor, Dich mit aller möglichen Zubereitung und Sorgfalt in mein Herz aufzunehmen, damit ich Dich nun nicht mehr durch Wunden entstaltet, sondern glorreich kn den Schooß Deiner Mutter legen könne. Vater unser w. Ave Maria rc. Erbarme Dich unser, o Jesu! erbarme Dich unser; 270 Kreuzweg - Andacht. Rs. Und sek uns gnädig wegen Deines heiligsten Leidens. Gib. o Mutter, Quell der Liebe, u. s. w. Vierzehnte Station Jesus wird in das Grab gelegt. Wir beten Dich an, o Herr Jesu Christel und benedeien Dich; H. Denn durch Dein heiliges Kren; hast Du die Welt erlöst. Bedenke, meine Seele, wie das Grab deines Heilandes beschaffen gewesen. Es war ein neues Grab; Er wurde in dasselbe gelegt, nachdem Er mit kostbarem Balsam gesalbt war. Aber dein Herz ist sür deinen Jesus leider kein neues Grab, nachdem du schon zuvor der Sünde in demselben Aufenthalt gegeben hast. Fange wenigstens jetzt an, durch eine wahre Reue Alles zu erneuern; bitte und sage mit aufrichtigem Herzen zu deinem Heilande: O Jesu, Du Liebe meiner Seele! es ist wahr, mein Herz ist ein durch so viele Sünden und Unvollkommenheiten verunreinigtes und häßliches Grab gewesen: nun aber bitte ich Dich voll Reue, Du, o mein Jesu! wollest mir ein ganz neues und reines Herz geben. Ich nehme mir vor, das Andenken an Dein heiliges Leiden beständig darin zu erhalten, und mit diesem Balsam und mit dem Gerüche der Tugenden es Kreuzweg-Andacht. 27 L Dir angenehm zu machen; und so wirst Du allzeit in meinem Herzen verbleiben. Amen. Vater unser rc. Ave Maria rc. Erbarme Dich unser, o Jesu I erbarme Dich unser; Und sei uns gnädig wegen Deines heiligsten Leidens. O Maria, in dem Tod', Da die Seel' vom Leib wird scheiden, Ruf' mich zn den Himmelsfreuden, Führe mich zu meinem Gott. Antiph. Christus ist für uns gehorsam geworden bis zum Tode, und zwar bis zum Tode des Kreuzes. H". Wir beten Dich an, o Herr Jesu Christel und benedeien Dich; Hz. Denn durch Dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst. Gebet. Wir bitten Dich, o Herr! sieh gnädig auf dieses Dein Volk, für welches unser Herr Jesus Christus kein Bedenken getragen hat, den Händen der Sünder übergeben zu werden, und die Pein des Kreuzes zu leiden. Bitt für uns, o schmerzhafte Jungfrau! H.-. Auf daß wir würdig werden der Verheißungen Christi. 272 Kreuzweg-Andacht. Gebet. Wir flehen zu dir, o allerfeligste Jungfrau Maria, deren heiligste Seele das Schwert des Schmerzens in der Stunde des Leidens deines göttlichen Sohnes durchdrungen hat, du wollest bei Ihm für uns bitten, jetzt und in ver Stunde unseres Todes. H Du bast, o Herr! Deinen Diener Franziskus verherrlicht; Mit dem Zeichen unserer Erlösung. Gebet- O Gott! der Du die wunderbaren Geheimnisse des Kreuzes in dem seligen Baker Franziskus auf mancherlei Weise gezeigt hast: wir bitten Dich, gib uns die Gnade, daß wir den Beispielen seiner Andacht Nachfolgen, unv durch beständige Betrachtung dieses Kreuzes beschützt werden. Durch Christum unfern Herrn. Amen. Der Segen des allmächtigen Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes steige über uns herab, und bleibe allzeit bei uns. Amen. 273 Anmuthungen zu Jesu dem Gekreuzigten. 1 . Ä?enu ich bei dein Glaubenslicht, Jesu, Dich am Kreuz betrachte: Ist cs möglich, daß ich nicht Ganz vor Schmerz und Leid verschmachte? Ach! wie schrecklich sind die Qualen, Welche, meine Schuld zu zahlen. Auf der harten Schädelftatt Er für mich gelitten hat! 2 . Ein auf Dich geworf'ncr Blick Muß mich schon in Schmerz versenken; Denn die Gnade strahlt zurück, Und verleitet mich zu denken: Gottes Sohn, mich zu erlösen, Sei am Kreuz ein Fluch gewesen. Wie, ein Fluch wird Er für mich? Himmel, ach! wer bin denn ich? 3 . Ich bin grausam, undankbar, Der das Blut hat umgestoßen, 274 Anmuthungen zu Jesu Das auf diesem Sühnaltar Einst zu meinem Heil geflossen; Ich Hab' dessen Werth vernichtet, Und die Frucht zu Grund gerichtet; Ich bin's, der, o Miffethat! Ihn auf's Neu gekreuzigt hat. Dessen überzeugen mich Meine vielen, schweren Sünden; Aber, wenn ich seh' auf Dich, Hoffe ich noch Gnad' zu finden; Nachlaß hoff ich und Erbarmen, Weil mit ausgestreckten Armen Für mich um Barmherzigkeit Immer mein Erlöser schreit. Z. Höre nur, wie Jesus spricht: Vater! ach, verzeih' es ihnen; Was sie thun, versteh'n sie nicht; Laß mein Blut nicht fruchtlos rinnen. Strafbar sind sie zwar als Sünder, Doch sie sind auch Deine Kinder, Und Mein theures Lösungsgeld Zahlt die Schuld der ganzen Weit. 6 . Voll von Schmerz und Zuversicht Lieg' ich, Jesu! Dir zu Füßen; dem Gekreuzigten. Voll von Schmerz, indem ich nicht Meine Schuld genug kann büßen; Voll der Zuversicht beinebens, Weil Du bist der Baum des Lebens, Und der Hoffnung Gegenstand, Und der Gnade sicheres Pfand. O wie tröstlich ist's für mich, Jesum sehe ich da hangen! Ja, mein Jesu! ja, durch Dich Werde ich mein Heil erlangen. Mit dem Blut, das für mich fließet, Sich die Gnad' auf mich ergießet; Jesu! mir wird Deine Pein Eine Quell der Gnaden sein. 8 . Liebster Jesu! ich will dann Mich voll Hoffnung zu Dir kehren; Und wenn ich Dich bete an, Soll sich Schmerz und Trost vermehren. Liebesreue, neues Leben, Und das Heil, das mir will geben Jesus, der mich so gesucht, Seien meiner Andacht Frucht. An tiph. Er hat unsere Schwachheiten auf Sich genommen, und unsere Schmerzen Selbst getragen; wegen unserer Miffethaten wurde Er 276 Alimutknmgeu zu Jesu verwundet, und unserer Sünden wegen geschlagen, und wir sind durch Seine Wunden geheilt worden. Jesus Christus Hut uns geliebt; Hz. Und uns mit Seinem Blute von unfern Sünden gereinigt. Gebet. O Herr Jesu Christe, Du Sohn des lebendigen Gottes! Du hast aus Liebe zu mir und um meine Sünden abzubüßen, unzählbare Schwachen, Verdemüthigungen und Schmerzen ausgestanden; erleuchte denn meinen Verstand, daß ick Dein Leiden hochschätze, und daraus Deine Liebe erkenne: erweiche und entzünde mein Herz, daß ich mit Dir Mitleiden trage, und Dich inbrünstig liebe; stoße auch mir eine Begierde nach dem Kreuze ein, damit ich an Deinem Leiden Theil nehme, und den bittern Kelch mit Dir trinke: laß mir die Verdienste Deines heiligen Leidens zukommen, damit ich durch Deine Thränen und durch Dein Blut von meinen Sünden gereinigt werde, und zur ewigen Glückseligkeit gelange. O Herr Jesu Christe! ich bitte Dich durch die allerbittersten Schmerzen, welche Du am Kreure gelitten hast, besonders da Deine al- lerheiligste Seele vom Leibe geschieden ist, durch diese Angst bitte ich Dich, Du wollest Dich mei- dem Gekreuzigten. 277 ner armen Seele bei ihrem Hinscheiden erbarmen, und sie zum ewigen Leben führen. O Herr Jesu Ehriste, Du Gott meines Herzens! ich bitte Dich durch jene heiligen fünf Wunden, welche Du aus Liebe zu uns am Kreuze empfingest: komm Deinen Dienern zu Hülfe, welche Du mit Deinem kostbaren Blute erlöst hast, der Du lebest und herrschest von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. Was S'tabat Mater 1. 2)ei dem Kreuz mit nassen Wangen, Wo ihr liebster Sohn gehangen, Stand die Mutter in der Pein; Und in dem beklvinm'nen Herzen Drangen Trau'r und Tvdesschmerzen Gleich dem Schwerte grausam ein. 2 . » O wie kläglich, wie betrübet Stand des Svhn's, den sie geliebct, Auserwählte Mutter dal 278 Das Stabat Mater. rn Trau'r und, Schmerz hat sie befallen, Da sie in sä großen Qualen Ihren liebsten Jesus sah. 3. Wer soll bei so harten Peineu Nicht mit dieser Mutter weinen? Wer nicht fühlen ihre Noth? Wer erwäget ohne Schauer Der verwaisten Mutter Trauer Ueber ihres Sohnes Tod? 4. Jesum sah sie hart gebunden, Und zerfleischt mit tausend Wunden Für des Volkes Missethat; Sah den Sohn verschmäht, verlassen, Alles Trost's beraubt erblassen, Den sie so geliebet bat. !). Gib, o Mutter, Quell der Liebe, Daß ich mich mit dir betrübe; Mit dir leiden sei mein Lohn. » Gib, daß ich vor Liebe brenne, Daß mein Herz sich einzig sehne Nur nach Jesu deinem Sohn. Das Stabat Mater. 279 6 . Drücke deines Sohnes Wunden, Wie du selbst sie hast empfunden, Tief in meinem Herzen ein. Jesus war für mich in Banden, Hat den Kreuztod ausgestanden; Theile mit mir Seine Pein. 7 . Mit dir will ich wahrhaft klagen, Und mit Jesu Mitleid tragen, Bis mein Geist von hinnen scheid't. Bei dem Kreuz mich zu dir stellen, Und im Jammer zugesellen, Ist nun einzig meine Freud'. 8 . Jungfrau, Zierde der Jungfrauen, Du mein Trost und mein Vertrauen! Sieh, ich bringe dir mein Herz; Dieses sollen nun zerschneiden Deines Sohnes Tod und Leiden, Deine Oualcn und dein Schmerz. 9 . Nichts soll mich von Jesu scheiden! Bei dem Kreuz, im Tod und Leiden Bleib' ich Ihm aus Liebe treu. 280 Das Stabat Mater. Daß Er nicht zur Höllenflamme Mit den Sündern mich verdamme, Steh' mir, müde Jungfrau, bei. 10 . Laß, o Mutter, Gnad' mich finden, Und Verzeihung meiner Sünden Durch des Sohnes Kreuz und Tod; Wenn die Seel' vom Leib wird scheiden, Ruf mich zu den Himmelsfreuden, Führe mich zu meinem Gott. Antiph. Kann wohl eine Mutter ihr Kind vergessen, daß sie sich ihres Sohnes nicht erbarme? und wenn auch sie es vergessen sollte, so will doch Ich deiner nicht vergessen. O Maria, wende deine barmberzige» Augen zu uns; A Und zeige uns Jesum die gebeuedeite Frucht deines Leibes. Gebet. O Maria, du betrübteste Mutter! gedenke, wie Jesus dein liebster Sohn am Kreuze dir Seinen geliebten Jünger Johannes, und dich dagegen ihm empfohlen hat; eben so empfehle ich deinem mütterlichen Herzen meine Seele und meinen Leib, meine Verwandten und Freunde, mein Leben und meinen Tod. Ich bitte, o liebste Mutter, durch den bitten: Tod Das Stabat Mater. 281 Jesu deines gcbenedeiten Sohnes, laß mich wie den heiligen Johannes dir empfohlen sein, steh mir besonders in meinem letzten Ende bei. Wenn ich mitdem Tode ringen werde,dann nimm dich meiner bedrängten Seele an. O Mutter der Barmherzigkeit! beschütze sie vor allen feindlichen Anfällen, und übergib sie in die Hände Jesu Christi deines Sohnes, nnsers Herrn und Heilandes, der mit dem Vater und heiligen Geiste gleicher Gott lebet und herrschet von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. Inhalt. Betrachtungen auf jeden Tag des Monats. Ä)orbericht .Seite 3 Borläufige Bemerkung vom Leiden Jesu Christi 46 Erinnerung 48 1. Betracht. Vom Ziele und Ende des Menschen . , . . 50 2. _ Von der Wichtigkeit des Ziels der Menschen 54 3. — Von der Todsünde 60 4. — Vom Tode .... 65 5. — Von dem Gerichte 71 6. — Von der Hölle 77 7. — Von der ewigen Dauer der Hol- lcnpeinen .... 84 8. — Von der Barmherzigkeit Gottes 89 9. — Von der Gegenwart Gottes . 94 10. Von der Liebe Gottes . 97 11. — Von den Wohlthaten Gottes . 101 12. — Von dem heiligsten Altarssakramente .... 108 13. — Von den Schmerzen Maria's . 112 14. — Von der heiligen Kommunion . 117 Inhalt. 283 15. Betracht. Jesus in Seiner Todesangst . 122 16. — Jesus wird bei Seinem Leiden auf's grausamste mißhandelt 128 17. — Jesus wird verläuguct . 132 18. — Jesus wird gegeißelt. 135 19. — Jesus wird mit Dornen gekrönt 141 20. — Jesus wirb zum Tode verurtheilt 144 21. — Jesus wird gekreuzigt 149 22. — Das erste Wort Jesu am Kreuze 153 23. . - Das zweite Wort Jesu am Kreuze 157 24. . - Das dritte Wort Jesu am Kreuze 161 25. -- Das vierte Wort Jesu am Kreuze 165 26. — Das fünfte Wort Jesu am Kreuze 170 27. — Das sechste Wort Jesu am Kreuze 175 28. — Das siebenteWort Jesn am Kreuze 180 29. — Jesus stirbt am Kreuze 183 30. — Von dem Himmel 187 Erinnerungen und Hebungen für das Gebet . 192 Christliche Lebensregeln, Änmuthnngen und Ue- bungen gut zu leben, welche nach Verschiedenheit der Stände und Personen zu gebrauchen sind.195 Die drei göttlichen Tugenden . . . 196 Besuchnng des beiligsten Altarssakraments . 201 Besuchung Maria's der seligsten Jungfrau . 203 Vorbereitung zu einem guten Tode . . 204 Neuntägige Andachten zu Maria . . . 206 Rosenkränzlein von den sieben Schmerzen Maria's .208 Andächtige Hebungen zur Vorbereitung und Danksagung bei der bciligen Beickt und Kommunion. 214 Hebungen bei der beiligen Beickt . . 215 Hebungen vor der heiligen Kommunion . 219 Hebungen nach der beiligen Kommunion 229 284 Inhalt. Weise, derheiligen Messe mitAndacht beizumohnen 237 Gebet beim Anfang der heiligen Messe . . 243 Gebet nach dem Evangelium . . . 244 Gebet nach der Wandlung .... 245 Gebet nach der beiligen Kommunion . . 247 Tägliche Aufopferung der guten Werke . . 250 Von der geistlichen Kommunion . . . 25t Kurze und leichte Weise, die Andacht des heiligen Kreuzweges mit Nutzen vorzunehmen 253 Anmutdungen zu Jesu dem Gekreuzigten . 273 Das Stabat Mater.277 Die beiNik. Doll in Augsburg erschienene Ausgabe von „Thomas von Kempen, Nachfolge Christi," ist stets in den Buchhandlungen vorräthig. Das Buch von dcr Nachfolge Christi bat bei den Gläubigen so allgemeinen Beifall erhalten, daß außer dcr heiligen Schrift vielleicht lein anderes zu finde» ist, welches sich so weit verbreitet hätte und in dcr katholischen Kirche so allgemein bekannt geworden wäre. Die gelehrtesten und heiligsten Männer habe» cs allzeit hoch geschätzt, und Leute ans allen Ständen mit Nutzen und Vergnügen gelesen. Dcr heilige Carolus Borromäns und dcr heilige Papst Pius V. ließen dasselbe nie von sich; sie nahmen cs mit ans ihre Reisen, und sahen cs als eine» Gefährten ihres Lebens an. Aus diesen. Buche schöpfte dcr heilige Philippus Ncrius jenen Geist und jene Heiligkeit, z» welcher er gelangt ist. Der heilige Ignatius Lojola las, nach den, Zeugnisse des Gonzalez, täglich zwei Kapitel, eines nach der Ordnung, in welcher sic ans einander folgen; das andere, wie. es ihm bei dcr Oess- nung des Buches von ungefähr anfficl. Cr that dieses nicht ohne besonder» Nutzen; und damit auch Andere einen gleichen daraus ziehen möchten, unterließ er nicht, dasselbe nachdrücklich zn empfehlen. Diese Hochschätznng ist ohne Zweifel auf den inuern Werth des Werkes selbst gegründet; denn die Lehre, welche darin vor- getragcn wird, ist die reine Lehre Zesu Christi, welche Er unö in Seinem heiligen Evangelium hintcrlaffe» hat. Nichts wird darin öfter und nachdrücklicher empfohlen, als die bösen Begierden zu unterdrücken, die bösen Neigungen zu bezähmen, seinen eigenen Willen abzulcgen, sich selbst zn verläugnen, das Zeitliche zn verachte», die Welt zu fliehen, das Kreuz zu lieben, Andere geduldig zu ertragen, die Unbilden gern zu verzeihen, nach dem inner» Friede» und nach dcr Reinigkeit des Herzens zu trachten; mit Einem Worte, Christo nachznfolgc», und sich cifrigst zu bestreben, jene Glückseligkeit zn erreichen, welche für uns bestimmt ist. Obwohl nun diese Lehren der verderbte» Nüiur nicht angcnchni sein können, so find fie doch auf eine solche Art vorgetragen, daß inan sic nicht ungern an- hörcn wird. In der lateinischen Sprache, in welcher dieses Werk »erfaßt worden ist, ist zwar die Schreibart mcistenthcüs ganz einfach und ohne Zierde; aber desto reichlicher ist die himmlische Salbung, welche man darin findet, und desto rührender jener Geist, weicher bis in das Innerste des Herzens dringt. Dieses Buch ist für Jedermann; für Junge und Alte; für Gelehrte und Ungelehrte; für Sünder »nd Gerechte; für jene, welche den Tuaendwcg erst angetrctcn haben, und auch für jene, welche schon zur christlichen Vollkommenheit gelangt sind. Alle werde» daraus einen desto größern Nutzen schöpfen, je weiter fie auf de», Wege der Tugend und Vollkommenheit fortschrcitcn. Sie werde» hier eine unvcrsicaliche Quelle an- treffen ; nachdem sic lange geschöpft haben, wird ihnen stets noch genug zu schöpfen übrig fein. Der eben so gottselige als gelehrte Kardinal Bcllarmi» sagt von sich selbst; „Ich habe dieses Büchlein »on Jugend aus bis in mein hohes Alter sehr oft gelesen und wieder gelesen, und cs ist mir doch allzeit neu rorgekommcn; auch setzt finde ich mein größtes Vergnügen daran." Was Bellarmin sagt, können tausend Menschen bezeugen. Der in dem inner» Leben so erfahrene und wegen seiner geistreichen Schriften so berühmte P. Surin zählt die Nachfolge Christi unter jene Bücher, welche voll heiliger Aniiin- thnngcn sind, und einen Ileberfluß an Wahrheiten haben, durch welche das Herz innig gerührt wird. Sein vortreffliches Werk: ,,Grundsätze des geistlichen Lebens :c.'^ ist nichts Anderes, als eine Auslegung verschiedener Stetten aus dem Buche der Nachfolge Christi. Es haben auch viele andere berühmte Männer dieses Buch in ihren Schriften trefflich gepriesen; ihre Lobsprüche sind zu weitläufig, als daß man fie hier beisetzen könnte. Der heilige Ignatius Lojola, welchen wir schon oben angeführt haben, fand allezeit das darin, was gerade für den Zustand seiner Seele paffend war; und eben dieses wird jeder andächtige Leser immer erfahren; besonders werden bedrängte Seelen vorzüglich darin Hilfe finden. Es braucht oft nicht mehr, als dieses Büchlein zu öffnen, »in in der Traurigkeit Trost, in Zweifeln Rath, in der Anfechtung Stärke zu finden. Wenn aber schon das nämliche Kapitel und der nämliche Absatz »ach dcn Bedürfnissen des Lesers bald unterrichtet, bald tröstet, bald vom Bösen abschreckt, bald zum Guien antreibt, so wird cs doch keineswegs unnütz sein, wcnn man sich mit diescm Büchlcin wohl bekannt macht, „nd vorzüglich jene Kapitel merket, welche fürdicsc oder jene dlmstände besonders tauglich sein möchten. Eben ans diese Weise kann sieb ein Jeder diejenigen Stellen misslichen, welche ihm vorzüglich dienen, seine bösen Neigungen zu bestreite», das Laster ausznrotte», die Tugend einzupsianzc» und sich darin zu befestigen. Man findet in diesem Büchlein nicht bloß Unterrichte, und cs werden die heilsamen Lehren nicht bloß zur Erleuchtung des Verstandes vorgetragen; sic dringen bis ins Herz, und erregen in demselben die gottseligste» und heiligsten Bewegungen; ja a» vielen Lrtc» find die Anmuthungen schon zugleich einge- mischt, welche sehr tauglich sind, das Feuer der Andacht zu entzünden und zu unterhalten. Man kan» dieselben in verschiedenen Lagen des Lebens als Gebete gebrauche». 2m vierten Buch bestehen jene Kapitel, in welchen der Jünger redet, fast ganz ans solchen Nnmuthungen. Das dritte Buch ist größtcnthcils gesprächsweise versaßt. Gott redet da mit dem Menschen »nd unterweiset ihn. muntert ihn ans, tröstet ihn liebreich, und stärkt ibn mit der Hoffnung der künftigen Glückseligkeit ic. Der Mensch redet im Gegcntheüe wieder mit Gott; er trägt 2hm seine Armseligkeiten vor, bittet Ihn um Licht und Stärke, überläßt sich Seinen heiligsten Anordnungen, und wirft sich seinem liebreichsten Vater mit völligem Vertrauen in die Arme ic. Es ist noihwcndig, daß der Leser dieses bemerke und aus dcn Unterschied der Redenden Acht gebe, weil ihm sonst die Sache oft dunkel und unverständlich sein würde. Das ganze vierte Buch handelt von dem heiligsten Rl- tarSsakramcnt. Die Absicht davon ist, uns dieses hohe Geheimnis; besser vor Augen zu stellen, unser» Glaubin an dasselbe zu beleben, uns zum Vertrauen zu ermuntern, die Liebe in uns zu entzünden, und uns zum würdigen Empfange desselben vor- znbereiten. Zu diesem Ende wird in mehreren Kapiteln die, Vortrcfflichkeit dieses heiligsten Sakraincntes erwogen, und die Liebe des göttlichen Erlösers , welcher in demselben verborgen ist, zu Gemüth geführt. Einige andere Kapitel geben nns den l'nterricht, wie wir nns vorbereiken und wie wir es enivfan- gen solle». Endlich find i» andern jene heiligen Anmuthun- geu enthalten, mir denen wir uns ror und nach dem Genüsse dieser himmlischen Speise knschäftigcn löunen. . Aus der fleißigen Lesung dieses Luches wird man zu einer immer bessern Er- kenntniß dieses hohen Geheimnisses gelangen: man wird indem Vertrauen gesiärlt, in der Andacht befördert und in der Liebe zu dem göttlichen Erlöser entzündet werden. Die Anwendungen und Gebete des dienen Buckes find gleichfalls auf daö beiligstc Aitarosakramcnt gerichtet. Dir Anwendungen kann man als vorläufige Erwägunge» zur Zeit der geistlichen Lesung gebrauchen, Einige Geben find dienlich dor der heiligen .Kommunion, einige nach derselben; einige dienen bei Anhörung der heiligen Messe oder sonst bei Bcsnchnng des heiligsten Altarofaframeniö, Der andächtige Leser mag sich selbst die tauglichsten wählen. Auf jedes .Kapitel folgt eine Anwendung und ein Gebet: die Anwendung ist größientheils eine Erwägung über das vorhergehende Kapitel, oder ein Unterricht, wie man sich dasselbe zu Nutzen machen lau»; doch fließen nicht selten einige heilige Anmuthungen mit ei», daß also auch die Anwendung öfter einem Gebet nicht unähnlich ist. Hingegen kommen bisweilen in dem Gebcie einige Erwägungen vor. Ich glaubte aber nicht, daß cs deßwegcn nöthig wäre, mit der Aufschrift oder in der Sache eine Acnderung zu machen. Diese Anwendungen und Gebete find das Werk des P. Gonnelieu, Ich habe selbe nach der französischen Lrüsseler Ausgabe vom Jahre 1734 übersetzt. Jedoch hielt ick mich bei diesen nicht mehr so genau au die Worte des Verfassers, besonders im vierten Buche. Ich machte einige Aenderungen, bei welchen aber, wie ich glaube, der Leser nichts verlieren wird. Da und dort faßte ich mich kürzer, öfter erweiterte ich einige Stellen, uni etwa einen Gedanken faßlicher zu machen und in ein besseres Licht zu setzen. Nicht selten behielt ich zwar die ganze Sache bei, aber Deutlichkeit halber trug ich sie in einer andern Ordnung vor. Der gütige Gott wolle Sich würdigen, diese geringe Bemühung zu segnen, damit sic zum Heile der Seelen und zu Seiner Ehre Etwas beitragen möge. Joseph Stark. Gedrrieki bei Mdr. Dolkhart.