Clemens Drentano's Zweiter Band. CleMems MeemtsMo's Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Christian Brentano. Zweiter Band. Weltliche Gedichte. Frankfurt am Main. I. D. Sauerländer's Verlag. 1 8 52 . Meiner geliebten Schwester Bettina von Arnim, gebornen Brentano - de La Roche mit brüderlicher Herzlichkeit gewidmet. Äls fröhlich uns das junge Leben blühte Und Alles schmückte mit der Freude Kleid, Als rings die Welt in lichtem Glanze glühte, Von frischer Hoffnung Zauber überstreut, Da warst dem Bruder enge du verbunden, Und labtest liebend oft ihm Geist und Herz; Bei dir fand in des Lebens Morgenstunden Er reinsten Wiederklang in Lust und Schmerzt Mit gleicher reicher Gaben Schatz beglückte Euch Gottes Huld, die sich auf euch ergoß. Und euer Ueberfluß labt' und entzückte So Viele, denen sich der Schatz erschloß. Doch, wenn von allzukühncm Flug getragen, Du engere Form zu dulden-hast verschmäht, Fand Clemens Glück und Heil nur in dem Tagen Des Friedens, den die Kirche uns erfleht! Ihr Kreuz umschlang er in den herbsten Peinen, Und hat an ihm sein Opfer auch vollbracht; Mög' einst ihr Licht uns Alle dort vereinen. Wo selige Klarheit bricht des Grabes Nacht! Inhalt Erstes Buch: Vaterland. Seite Lied von eines Studenten Ankunft in Heidelberg lind seinem Traum auf der Brücke .... 3 Das Lied vom Corpora! . . . . . 18 Tiroler Wetter uud Barometter bei'm Aufstande gegen die Franzosen ...... 23 Rheinübergang, Kriegsrundgesang . . . . 33 La Kollo ^Ilianco. (19. Juni 1815.) . . .43 Blücher ........ 48 Soldatenlied . . . . . . .52 Aufruf ........ 54 Theodor Korner an Victoria . . . . .56 Lied der Frauen, wenn die Männer im Kriege sind . . 58 Bei dem Gedenkfeuer der Berliner Turner auf die Leipziger Schlacht den 18. October 1815 . . .61 Bei Christian Grafen von Stolberg'S Tod zu St. Amand in der Schlacht bei Belle Alliance den 19. Juni 1815. 66 Vom großen Kurfürsten. (Gesicht eines alten Soldaten in Berlin von der Wiederherstellung des preußischen Staates am 14. October.) . . . .70 Bei der Rückkehr König Ludwig I. aus Griechenland . . 84 Rückkehr an den Rhein . ... .86 X Zweites Buch: Liebe. Seite X Um die Harfe sind Kränze geschlungen! . . .91 ^ Von Trauer frei ... ... 93 An den Mond ....... 95 An Ottilie.96 Sie hat mein vergessen! . . . . .98 Auf dem Rhein ....... 99 X Lied einer Jägerin, deren Schatz untreu und Perückenmacher geworden ist . . . . - - 103 > Hyacinth und Laura. (Aus dem Italienischen.) . . 106 An Sophie Merean ...... 111 An Sophie Merean ...... 113 An Dieselbe ....... 115 Es stehet im Abendglanze ..... 117 Der Schiffer im Kahne ..... 121 O kühler Wald.123 Wenn ich ein Bettelmann wär ..... 125 Wie sich auch die Zeit will wenden .... 127 Am Berge, hoch in Lüften! ..... 129 Ich bin ein armes Waiselein! ..... 132 Scheidclied ....... 134 Oft sah ich die Sonne steigen! .... 136 Die Einsiedlerin ...... 138 Mägdlein, schlag die Augen nieder! .... 145 Komm, Mägdlein, setz dich her zu mir! . . - 147 Treulieb, Treulieb ist verloren! .... 151 O lieb Mädel, wie schlecht bist du! . . . . 161 Trippel, Trippel trap, trab, trap! .... 164 Traum ........ 166 Nach Sevilla! ....... 170 Wenn die Sonne weggegangen! .... 171 Ich wollt ein Sträußlein binden .... 172 XI Was mag dich nur betrüben? .... Seite . 174 Der Spinnerin Lied ..... . 176 Als mir dein Lied erklang! .... . 178 Zorn und Liebe ...... . 179 Die Rose blüht!. . 180 An eine Schauspielerin ..... . 182 Der Epheu ...... . 190 Dank. . 192 Der Traum der Wüste ..... . 194 Wiegenlied eines jammernden Herzen. (Januar 1817.) . 197 Schweig Herz! kein Schrei! .... . 199 Einsam will ich nntergehn! (25. August 1817.) . 201 Es scheint ein Stern vom Himmel! . 204 Als Sie ansgefahren war! .... . 207 Ich muß das Elend tragen! .... . 209 Hast du nicht mein Glück gesehen? . 211 Dichter's Blumenstrauß ..... . 216 Die Abendwinde wehen! .... . 221 Text zum Oratorium von Ett . . 224 Blumen, still blühende! .... . 227 Abschied dem Jahre 18 — . 229 Ueber Berg und Thal getragen! . 232 Ans einem kranken Herzen .... . 235 Wo schlägt ein Herz, das bleibend fühlt? . 237 Ich weiß wohl was dich bannt in mir! . 238 Bienen, die ich ausgesendet .... . 239 Abendständchen ...... . 243 Den ersten Tropfen dieser Leidensfluth! . 244 An eine Feder ...... . 248 Als sie mir Taschentücher geschenkt, die sie gesäumt . 250 Süßer Trost in heißen Stunden! . 252 Der Schiffer und die Sirene .... . 257 Alles lieben oder Eins lieben — All-Eins . 260 XII Als ich in tiefen Leiden! . . . Seite . 263 O wäre später ich geboren oder früher Du! . . 264 Die Blumen an Sie .... . 268 Als Sie abreiste! .... . 270 Am Ufer bin ich gangen . 272 Gärtnerlied im Liedergarten der Liebe . . 276 Wund' an Wunde — o süß Liebchen! . . 281 Drittes Buch: Bilder. > Scene ans meinen Kinderjahren .... 285 Sprich aus der Ferne! ...... 293 1c Die Seufzer des Abendwindes wehen! . . . 295 Wenn der Sturm das Meer umschlinget! . . . 296 Lebensmüde ....... 301 Ist des Lebens Band mit Schmerz gelöset! . . - 303 Heimweh ....... 304 Die Braut. (Genüber liegt ein Kloster.) . . . 307 ^ Hyacinth ....... 308 Der Verirrte ....... 315 Cypressus er nun heißet! ..... 318 Der Abend ....... 323 Die Ehr' ist mir kein Gut! . . . . . 331 Die lustigen Musikanten . . . . . 333 Die Schönheit ....... 337 ' X Nachahmungen anderer Dichter. I — IX. . . . 338 Symphonie ....... 346 Phantasie. (Für Flöte, Clarinette, Waldhorn und Fagott.) . 348 , Guitarre und Lied ...... 352 Sängerfahrt. (Nach einem Bilde von Kolbe.) . . 359 Der bestrafte Amor ...... 362 Chor mit Begleitung von Instrumenten. (Ans einem nnge- drnckteu Drama.) ..... 864 xm Seite Umsonst kein Tod! . 367 Des tobten Bräutigams Lied . . 370 Fragment aus einem ungedruckten Roman 375 Wiedersehen! .... . 380 Jäger und Hirt .... . 385 Loreley ..... . 391 Ballade ..... 396 Rückblick ..... . 400 Frühes Liedchen .... . 403 Gesang der Jungfrauen der Libussa! . . 404 An den Mond .... 406 Abschied des Primislaus aus seiner Hütte, als er zum Herrscher Böhmens berufen ward - 407 An die Nacht .... 400 Lied von einer Französin und Niederländerin, welche die indianische Sclavin zum Seebade begleitet . 410 Ich kenn' ein Haus, ein Freudenhaus! . 416 Auf einen grünen Zweig! 421 Wie in Gewölben von Smaragd! . 425 Hymne ..... - 427 Der Rhein und seine Nebenflüsse 430 In der Fremde .... . 435 Nun gute Nacht, mein Leben! . 436 Heimathsgefühl ... . 439 Säus'le, liebe Myrthe! . 441 Variationen über ein bekanntes Thema . 443 Mäcenas ... . 447 Und man wird Geheimerath! . ' . 455 Bausprnch .... . 461 Ward er der Lindwurm zugenannt! 463 Die berühmte Köchin 465 XIV Viertes Buch: Gelegenheit. Seite Großmutter La Roche legt ihrer Enkelin Bertha Lützow ein Band am Geburtstage der Mutter in die Hand. (Aus früher Zeit.) ..... An Sophie Brentano, seine Schwester. (Gestorb. in Weimar 1800.) An Frau M. Br. Marien's Bild. (Meline.) ..... Annonciaten'L Bild. (Bettina.) .... An Bettina ....... Sonett an Bettina ...... Am Geburtstag einer Freundin. (19. März.) Heidnische Antwort der Freundin an die Freundin auf ein Kreuz, welches ihr durch den Dichter zugeschickt wurde Einer Jungfrau bei dem Geschenke der Sakontala Worte am Hügel. Ein Gelegenheitsgedicht an eine Familienmutter Fr. v. G. . Zum Geburtstage ...... An eine Jungfrau, welche das Kind ihrer verstorbenen Schwester erzog . Am Geburtstag einer Wittwe mit Kindern und Enkeln Einer Freundin am Jahrestage der heiligen Taufe . An dem Geburtstag einer Jungfrau .... An eine Mutter. ...... An Fräulein Caroline F. auf Veranlassung des Fräuleins Marie F. und des 19. Juli 1815 . Gruß. Einer Freundin an B. v. S. . Gegengruß ....... An Frau M. W. 1827. (Auf der Gervermühle bei Frankfurt.) Bei dem Hingang der lieben Freundin und Mutter an die Hinterlassenen. (29. Nov. bis 1. Dec. 1838.) Die Perlen ....... Toast . . . . . . 471 475 480 481 482 483 485 486 491 493 495 500 502 507 511 514 517 519 525 526 529 535 549 550 8 Nt: ' »4k "1t! XV Seite Der Musikanten schwere Weinzunge. (Bei einem Trinkgelage von Musikern in Berlin.) .... 552 Peter Cornelius statt Prinz Eugenius. (Zum Lohne des Elfteren im Tone des Letzteren.) . . . 557 Brouillon aus früher Zeit. (Als der Bildhauer Ti eck an seinem Geburtstag in Weimar Kaffeetassen erhielt.) 560 Das bescheidene Nölleli. (Am 10. October 1839.) . . 565 Lieb der Brautftihrerin. (Am 19. October.) . . . 571 Die Monate. (Ein. Hochzeitsgedicht für Herrn vr. Förster und Fräulein Focke bestimmt für den 21. August 1818.) 575 Erstes Buch. L i - r> von eines Studenten Ankunft in Heidelberg und seinem Traum auf der Brücke; worin ein schöner DialognS zwischen Fron Pallas und Karl Theodor. I» -er Nacht vor dem Dankfeste den 26. Juli 1806. Im achtzehnhundertsechstcn Jahr Der sechs und zwanzigst' Juli war Für mich ein schöner Reise-Tag, Mein Bündlein leichter auf mir lag, Ein Sabel oben drüber hing, Ganz froh ich durch die Bergstraß' ging, Und sah mich ganz vergnüget um In Gottes Welt, dem Heiligthum, Die Berge rechts mit Wein bekränzt, Die Ebne links wie Gold erglänzt, Von mancherlei Frucht und Getreid', Darin viel schwäb'sche Schnittersleut', 1 * 4 Die Sonn' sank nieder über'm Rhein, Gab Himmel und Erd' ein' schönen Schein, Die Wölklein, die am Himmel schwammen, Die zogen gülden sich zusammen, Ein warmer Regen goß herab, Den wart' ich unter'm Nußbaum ab. Ein Bäuerlein trat auch darunter Und grüßt mich da ganz froh und munter: „Ein' guten Abend, ein' gute Zeit, Wohin geht noch die Reise heut?" „„Nach Heidelberg, bin ein Student, Von Jena komm ich hergerennt, Die Sonn' sich neigt, Hab ich noch weit?"" Der Landmann sprach: „Nehm er sich Zeit, Ein' kleine Stund', dort um die Eck, Da schaut es ihm entgegen keck." Da bot ich ihm ein' gute Nacht Und Hab mich 'auf den Weg gemacht. Und da ich um die Ecke bog, Ein kühl Lüftlein mir entgegen zog, Der Neckar rauscht aus grünen Hallen Und gibt am Fels ein freudig Schallen, Die Stadt streckt sich den Fluß hinunter, Mit viel Geräusch und lärmt ganz munter, Und drüber an grüner Berge Brust, Ruht groß das Schloß und sieht die Lust, Und da ich auf zum Himmel schaut, Sah ich ein Gottes Werk gebaut, 3 Vom Königstuhl zum heil'gen Berges Rücken Sah ich gesprengt eine goldne Brücken, Sah ich gewölbt des Friedens Regenbogen, Und sah ihn wieder in Flusses Wogen. Da war er doch nicht also klar, Der wilde Fluß zerriß ihn gar, Gab mir so recht ein Beispiel breit Von Gottes Fried', und Menschenstreit. Und wie ich denk' und seh' in Fluß, Da fällt ein schwerer Kanonenschuß, Frau Echo murrt im Thal noch lang, Da hebt sich aber ein froher Klang, In allen Thürmen die Glocken schwanken, Beginnen ein hell harmonisch Zanken, Da war mein Herz mir ganz bewegt, All Bangigkeit ich von mir legt, Den Sinn in freud'gcn Ernst gestellt War mir's beinah als einem Held, That auch den Säbel um mich schnallen, Ein' Epheukranz vom Hut ließ wallen, Und grüßte froh die Werth e Stadt, Die mein Ahnherr *) besungen hat, Mir war, als wär das Läuten und Schießen Für mich ein freudiges Begrüßen, *) Martin Opitz von Boberfeld, ein Schlesier, warb 1619 den 17. Juli in Heidelberg immatrikulirt. Er und seine Muse ^ , liebten die Stadt. Davon künftig. 6 Mein Herz auch ganz in Jugend sprang. Und erzittert im Hellen Glockenklang, Da eilt ich schnell, sah nicht zurück, Bis auf die kühne Neckarbrück', Dragoner fragten sehr höflich Um meinen Stand und Namen mich. „Opitz von Boberfeld, Student," — „Passirt!" — ich macht ein Compliment. Und auf der Brücken, die fest und rein, Sah ich zwei künstlich Bild von Stein, Frau Pallas schaut ernst in's grüne Thal Mit vier Fakultäten allzumal, Ich that sie höflich salutiren Und meinen Säbel präsentiren, Steckt ihn doch wieder ein gar schnell Als ein bescheidener Gesell Bei'm zweiten Bild, gleich an dem Thor, Dem verstorbnen Fürst, Karl Theodor. Mein Bündel legt ich ab im Hecht, Der Wirth, der Kellner und Hausknecht Erquickten mich auf alle Weis' Mit Wasser, Wein und guter Speis'. Nach Tisch könnt ich nicht sitzen bleiben, Wollt mich noch durch die Stadt''rum treiben. Es fiel ein Heller Mondenschein Gar lockend in die Straßen ein; Viel Volks sah ich Herrummer schweifen, Den Einen singen, den Andern Pfeifen, 7 Viel Jungfern, sich in Arm gehängt, Kamen da auf und abgeschwenkt, Auf einmal geht es an ein Laufen, Sie rennen sich gar übern Hänfen, Stehn auf und hören's gar nicht an, Spricht einer: „Hab's nicht gern gethan!" Einen Trompeter hört man blasen, Musik sticht ihnen in die Nasen, Da lauf ich immer hinten drein Bis zu dem Mittelthor hinein, Da steht gedrückt ein großer Klumpen Von Magd' und Knechten, die sich stumpen, Ein' lebend'ge Schanz, von Leuten dick, > Drückt ringS sich um die Nachtmusik. Am Wachthaus schleich' ich mich heran Und komm' auf einen weiten Plan, Da war mir's wohl, da hört ich's schallen, Von hohen Häusern wiederhallen, Oben über eine andre Welt Grüne Berge rings herum gestellt, Fagot und Flöt' und Klarinetten Beginnen da ein lieblich Wetten, Die süßen Pfeifen drumher schleifen, Trompeten scharf in die Nacht eingreifen, Waldhorn bald fern, bald nahe ruft, Musik schwamm selig in Sommerluft. Auf einer Bank ich nieder saß, Und in den Melodeien las, 8 Da hob sich an ein' Melodei Gar ernst, von aller Weltlust frei, 6oin einen Klang, Und am Rheine voll erklungen ^ Ist der deutsche Siegsgesang. Chor: „Singen, klingen rc." Goldorangen laß ich schwimmen, Höhern Glanz gewinnt mein Wein, Und Oranje boven stimmen Hollands freie Männer ein. Chor: „Singen, klingen rc." Ha! wie feurig ihre Flagge Schon von freien Festen flammt, Freudenfeuer ist im Dache, Auf! die Siegsfluth frisch entdammtl Chor: „Singen, klingen rc." Ucber Maas; aus allen Banden Trinkt und fliegt das freie Chor, Und schon tauchen Niederlanden Aus der Zornfluth grün empor. Chor: „Singen, klingen rc." 4V Nun sei treu von uns umschloffen, Deutsche Eidgenossenschaft, Auch in uns sind Eidgenoffen Sieg und Eifer, Muth und Kraft. Chor: „Singen, klingen re." Was ihr fest erstrebt sm Kleinen, Will in uns der große Krieg: Einen Mittler nur, sonst keinen, Kennen wir, er gibt den Sieg. Chor: „Singen, klingen rc." Wollt drum mit uns nicdcrknien, Schweizer! über freien Grund Will die Welt zur Freiheit ziehen, Stimmet ein mit deutschem Mund! Chor: „Singen, klingen rc." Heil ihm, der an Himmelszelten Also stellt der Sterne Heer, Daß der Siegskranz frommen Helden Segnend fällt ans Schwerdt und Speer! Chor: „Singen, klingen rc." Heil und Ruhm dem Siegesfürstcn, Euch und uns und aller Welt, Allen, die nach Friede dürsten, Half und hilft der ewige Held. Chor: „Singen, klingen rc." Unterm Siegcsbundessiegel Trink ich nun Versöhnungswein, Rausche deutscher Adlerflügcl, Ha! die Fessel klirrt zum Rhein." Chor: „Singen, klingen rc." Treu umschlungen, frei gerungen, Blut sei Wein und Wein sei Blut, Nur den Thhrsus kühn geschwungen, Ha, schon theilet sich die Flut! Chor: „Singen, klingen rc." In der Franken schönem Reiche Blüht der Oclbaum frei im Feld, Auf, und brechet Fricdenszweige Der empörten armen Welt. Chor: „Singen, klingen rc." Rinnet ab, ihr zorn'gen Wogen, Erde tauche grün empor, Unter Gottes Regenbogen Klinget dann der Friedenschor. Chor: Singen, klingen rc. Und dann Pflanze ein gerechter Noah uns den Siegcswein, Deiner Freiheit fromme Fechter, Trag zum Sieg nun, Vater Rhein! 42 Chor: „Singen, klingen, Fahnen schwingen, Feinde zwingen, Sieg erringen, Nach den Friedenskronen springen,' Und wenn sie am Himmel hingen, Auf, es wird mit Gott gelingen!" La liclle ^Ilk-Mee. 19. Juni 1815. Napoleon sprach im Aberwitz: Es geht die Sonne von Austerlitz Mir auf im Siegesglanze: Da sprach der Blücher: Ein Wetter zieht auf, Nun geht der Stern von der Katzbach mir auf, Auf ü I» belle ällilinco! Singt Lob und Preis von Herzensgrund, Dem Herrn in Himmelshöhen! Er segnete den schönen Bund, Die deutschen Fahnen stehen. Chor: „Napoleon :c." Freund Blücher und Freund Wellington, Die drücken sich die Hände, Da lief Napoleon davon, Und sang das Lied vom Ende. Chor: „Napoleon rc." Der Comödiant vom Maifeld wird, Weil er den Ton vergriffen, Von Prenß'schen Fäusten applaudirt, Das ist deutsch ansgepfiffcn. Chor: „Napoleon re." Er sang bis erst der Juni da: „Unschuldig und nichts weiter," Nun klopft man aus der Tunika Ihm den Theaterschneider. Chor: „Napoleon rc." Bald wird aus manchem grünen Kleid Sich blau das Futter kehren, Wozu hat man den falschen Eid, Wenn man ihn nicht sollt schwören. Chor: „Napoleon rc." Herr Blücher und Herr Gneisenau, Die sprechen: 's bleibt beim Alten, Wir prügeln sie stets grün und blau, Doch Färb' will Keiner halten. Chor: „Napoleon rc." O starker Gott im Himmelsthron, Wir wollen's treu verdienen, Daß an des Kampfes Aufgang schon Uns dein Gericht erschienen. Chor: „Napoleon rc." 43 Da sprengt ein Reiter an geschwind Mit Bonapart's Schatouille, Drin alle seine Orden sind, Er ist in der Brctouille. Chor: Napoleon rc." Und auf den Adlerorden blickt Herr Blücher freudig nieder, Spricht: der wird meinem Herrn geschickt. Den kriegt der Kerl nicht wieder. Chor: „Napoleon rc." Was soll ein Heid' und Mameluck Mit Kreuz und Ehrenkettcn, 8uum cuigue spricht der Schmuck, Drum macht ich ihm Manschetten. Chor: „Napoleon rc." Und drauf fragt er den Wellington, Freund, wo Quartier heut machen? Im Bett warm von Napoleon, Sprach dieser drauf mit Lachen. Chor: „Napoleon rc." Herr Blücher sprach: Was gilt die Wett'? Der lag auf Distel und Dornen, Und träumt, ich lag bei ihm im Bett Und hieb ihn mit den Spornen. Chor: „Napoleon rc." L6 Dem Kerl traf mancher Traum schon ein, Und der wird's auch wohl müssen, Das wird ein schön Beilager sein, Mich juckt's schon in den Füßen. Chor: „Napoleon rc." Kurier, ja so. jetzt denk ich dran, Reit schnell, grüß unsre Frauen, Sag nur, ich hätt wie sonst gethan, Ihn tüchtig ausgehauen. Chor: „Napoleon rc." Und sag nur Alles recht genau, Sag auch von meinem Schimmel, Zwei Pferde auch von Gneisenau, Die ritten ein zum Himmel. Chor: „Napoleon rc." Drauf sitzt ein mancher Preußenheld, Den Sieg dort zu verkünden, Dem Scharnhorst, und von Gott bestellt, Auf ihn sein Recht zu gründen. Chor: „Napoleon rc." Wir Übrigen sind noch allhier Auf dieser schlechten Erde, Mit Gott nun schlagen, und siegen wir, Auf daß sie besser werde! Chor: „Napoleon rc." So sprach der Herr, der deutsche Held; Da rief es ihn beim Namen, Auf, Marschall Vorwärts! rief die Welt, Er ritt, und Gott sprach: Amen. Chor: „Napoleon rc." s l ü ch e r. Grüß dich Gott! Sieges - Greis, Grüß dich im Heldenkreis Deutsches Gestirn! Um deinen Scheitel weiß, Blühet ein Lorbeerreis, Ewiger Jugend Preis Schmückt deine Stirn! Dich grüßt vom Erdenrund Gottesmund, Volkesmund, Der Wahrheit lehrt! Dich grüßt der Freunde Bund, Dich grüßt von Herzensgrund, Wer in der Brust gesund Wahrheit bewährt! Heil dir im Eichenkranz Den du vom Waffentanz, Bringst zu dem Heerd! LS Flügler des Siegsgespanns, Zügler des Lügenbanns, Was Deutschland will, das kann's, Führst du sein Schwerdt! Dich preiset Wellington, Als der Napoleon Stirne ihm bot, Warst du zur Stelle schon, Und tratst den Hölleusohn Sammt dem Rebellenthron Nieder zum Koth! Vorwärts mit Neitermuth Niss'st du der Streiter Wuth Freudig zum Ziel! Triebst, was kein Zweiter thut, Mit stets erneuter Glut Die Bärenhäuter Brut Vor dir, ein Spiel! Dich deckt ein Himmelsschild, Als im Getümmel wild Stürzte dein Pferd! Heil, deutsches Heldenbild, Es spricht vom Schlachtgesild', Bis, wo sie selten gilt, Wahrheit dein Schwerdt! II. 4 so Dem Diplomaten fegt, Der sich an Laden legt, Dein Schwerdt das Korn! Schwerdt, das Tractaten wägt,. Schwerdt, das Ducaten prägt, Und Liigensaaten schlägt Mit Gottes Zorn! Des Deutschen Siegesbraut Hat sich nicht angetraut Nackt deinem Schwerdt! Preist ihn, ihr Musen laut; Was nur solch Schwerdt erhaut Nicht sich aus Federn kaut, Zst heimgekehrt! Marmor und Farbenbild, Waffen und Ehrenschild Ziehn ihm voraus! Schätze der Künste mild, Die's nun zu ehren gilt, Daß nicht die Nachwelt schilt, Bracht er nach Haus! Naher als Kunst doch trägt, West' Herz sich deutsch noch regt Dich an der Brust! 31 Blücher, der Wahrheit hegt, Lügner in's Antlitz schlägt, Schlangen mit Schwerdtern fegt, O Ehrenlust! Juble drum Volksgesang, Der deine Fahnen schwang Mit heil'gem Glück, Der Deutschlands Sieg errang, Der Preußens Feinde zwang, Kehrt aus dem heißen Gang Heil dir zurück! Soldatenlied. Es leben die Soldaten, So recht von Gottes Gnaden, Der Himmel ist ihr Zelt, Ihr Tisch das grüne Feld. Ihr Bette ist der Rasen, Trompeter müssen blasen: Guten Morgen, gute Nacht! Daß man mit Lust erwacht. - Ihr Wirthsschild ist die Sonne, Ihr Freund die volle Tonne, Ihr Schlafbuhl' ist der Mond, Der in der Sternschanz wohnt. Die Sterne haben Stunden, Die Sterne haben Runden, Und werden abgelöst, Drum Schildwach' sei getrost. 33 Wir richten mit dem Schwerdte, Der Leib gehört der Erde, Die Seel' dem Himmelszelt, Der Rock bleibt in der Welt. Wer fällt, der bleibet liegen, Wer steht, der kann noch siegen, Wer übrig bleibt hat Recht, Wer fortläuft, der ist schlecht. Zum Haffen oder Lieben Ist alle Welt getrieben, Es bleibet keine Wahl, Der Teufel ist neutral. Bedienet uns ein Bauer, So schmeckt der Wein fast sauer. Doch ist's ein schöner Schatz, So kriegt sie einen Schmatz! Aufruf. Auf mit Gott zum Kampf ihr Brüder, Mit dem Schwerdt und dem Gebete, Reiß den Sieg vom Himmel nieder, Deutscher, Russe, Dritte, Schwede! Helf uns Gott, der Herr, der Hohe. Der auf uns herniederschauet, Seht, schon lodern lichterlohe Scheiterhaufen rings erbauet! In den Flammen heil'gen Zornes, In gerechter Rache Gluten Brennt der Busch des bösen Dornes, Der die ganze Welt ließ bluten! Selig, wer von ganzem Herzen Alles, was ihn tief verletzet, Alle Trauer, alle Schmerzen, An dies heil'ge Opfer setzet! Denn wir wollen das verbrennen, Was in Leib und Seel' uns störet, Wer kann das mit Worten nennen, Was ihn in dem Geist empöret! SS Elend, Qual und Noch und Frevel, Trug und List, und Hohn und Lüge, Schmolz der Feind zu glichem Schwefel, Daß die Flamme höher schlüge! Freudig drum, ihr Kampfesbrüdcr, Schließt euch treulich um die Flammen, Brennt den Dorn zur Asche nieder, Der ein Oelbaum soll entstammen! Eine Taube soll sich schwingen Aus der Gluth, soll Friedenszweige Der empörten Erde bringen, Daß sie aus der Zornfluth steige! Friede ward umsonst verlanget, Unsrer Ehr' und, Freiheit Friede. Auf zum Kampf nun, wer nicht banget, Und vor keinem Götzen kniete! Vivat alle miteinander, Vivat Georg und Alexander, Vivat Friedrich, Vivat Franz! Vivat hoch der Waffcntanz! Theodor Körner an Victoria. Ich weiß es Wohl, du hast um mich geweint, Es geht die Welt nichts an, du kennst mich gut^ Wie du mich kennst, so Hab ich es gemeint, Mit dir, dem Vaterland und meinem Blut, In Lebenslust Hab ich zur Kunst gestrebt, Der kann nicht dichten, der nicht gerne lebt! Du weißt cs Wohl, ich habe gern gelebt, Ich war so jung, so fröhlich, so gesund, Das Lied, das meiner Lyra kaum entschwebt. Trug an der Menschen Herz dein schöner Mund. O selig Lied! dem Huld die Seele gibt! Der kann nicht leben, der nicht gerne liebt! Du weißt es wohl, ich habe dich geliebt, Vergib, o Liebe, die den Kranz mir wand, Daß andre Feier mir den Kranz auch gibt; Den Eichenkranz, das deutsche Vaterland. Bei einer Eiche senkten sie mich ein. Der kann nicht lieben, der nicht frei will sein! Du weißt es Wohl, ich konnte frei nur sein Mit meines Deutschlands deutscher Kunst und Art, Und setzte deutsch mein deutsches Leben ein, Gleich deutschen Dichtern auf der Ritterfahrt. Der hat gedichtet nicht, geliebt, gelebt, Der kann nicht frei sein, der dem Tod erbebt! Du weißt es wohl, daß gern den Tod ich starb. Ich sah Victoria dich, und stieg hinab, Leg nun die Kränze all, die ich erwarb, Kunst, Liebe, Leben, Freiheit auf mein Grab, O Epheu, Lorbeer, Mhrthe, deutsche Eiche, Singt der Victoria, was ich verschweige! Lied dcr Frauen, wenn die Männer im Kriege sind. Wenn es stürmet auf den Wogen, Strickt die Schifferin zu Haus, Doch ihr Herz ist hingezogen Auf die wilde See hinaus. Bei jeder Welle, die brandet Schäumend an Ufers Rand, Denkt sie: er strandet, er strandet, er strandet, Er kehret mir nimmer zum Land! Bei des Donners wildem Toben Spinnt die Schäferin zu Haus, Doch ihr Herz, das schwebet oben In des Wetters wildem Saus. Bei jedem Strahle, der klirrte Schmetternd durch Donners Groll, Denkt sie: mein Hirte, mein Hirte, mein Hirte Mir nimmermehr kehren soll! Wenn es in dem Abgrund bebet Sitzt des Bergmanns Weib zu Haus, Doch ihr treues Herz, das schwebet In des Schachtes dunklem Graus. Bei jedem Stoße, der rüttet, Hallend im wankenden Schacht, Denkt sie: verschüttet, verschüttet, verschüttet Ist mein Knapp' in der Erde Nacht! Wenn die Feldschlacht tost und klirret, Sitzt des Kriegers Weib zu Haus, Doch ihr banges Herz, das irret Durch der Feldschlacht wild Gebraus. Bei jedem Schlag, jedem Hallen Der Stücke an Berges Wand, Denkt sie: gefallen, gefallen, gefallen Ist mein Held nun für's Vaterland! Aber fern schon über die Berge Ziehen die Wetter, der Donner verhallt, Hör', wie der trunkenen, jubelnden Lerche Tireli, Tireli siegreich erschallt. Raben zieht weiter! — Himmel wird heiter, Dringe mir, dringe mir — Sonne hervor! Ueber die Berge, — jubelnde Lerche, Singe mir, singe mir — Wonne in's Ohr! «v Mit Chpreß und Lorbeer kränzet Sieg das freudig ernste Haupt. Herr! wenn er mir niederglänzet Mit dem Trauergrün umlaubt! Dann sternlose Nacht sei willkommen, Der Herr hat gegeben den Stern, Der Herr hat genommen, genommen, genommen, Gelobt sei der Wille des Herrn! Bei dem Gcdenkfeucr der Berliner Turner auf die Leipziger Schlacht den 18. October 1815. Die Lüge schwand vor Gottes Schwerdt dahin, Erfüllet war das Maaß von seinem Zorn, Der in der Moskwa Brand der Welt erschien, Wie einst dem Moses- in dem glühnden Dorn. Den Erdtyrannen sahn die Völker fliehn, Die freche Schaar in wilder Flucht verworr'n Ward von des Landes und des Volks Natur Vertilgt in ihres Frevels blut'ger Spur. Das ist ein heilger Krieg, wo. selbst die Götter Des Himmels Waffen gen die Feinde wenden; Dann fechten Alle gleich, der ew'ge Retter Will mit den Menschen dann das Werk vollenden. Das Schlachtgewittcr ward zum Himmelswetter, Der Rache Schwerdt war in des Poles Händen, Des Winters Söhne fochten für den Winter, Und wieder focht der Held für seine Kinder. Und nun erhob Borussia ihr Schwerdt Und schlug an's Schild, daß alle Welt erwache, Da hat ein Volk sich seinem Herrn bewährt, Zugleich erhob die Auferstehungs-Flagge «2 Sich auf der Feste, die die Grenze wehrt, Auf Ritters Zinne und dem Hüttendache. Des Herrn Altar ward wie des Bürgers Herd Zur Waffenschmiede einer heil'gen Rache, Und jede Sense hatte Schwerdtes Werth, Ein Ritter schien das Volk, der Feind ein Drache Und alle Frauen nur ein Heldcnweib, Zu Pflegen deutschen Kämpfers Wunden Leib. O wunderbarer, heil'ger Kriegesmaien! Du bist auS freier Weisheit aufgegangen, Die durch Erkenntniß in dem Geiste Freien, Sie wollten auch der Freiheit Leib empfangen, Und so ist fromm in deutschgemischten Reihen Fürst, Herr und Knecht zum Opfertisch gegangen. Ein Bundeskelch, der Kelch der bittern Leiden Ging durch das Heer und stärkte es zum Streiten. Ans zog mit Leier und mit Schwerdt der Dichter, Der Greis bewaffnete den Stab zum Speere, Zur Waffe ward des Rechtes Schwerdt dem Richter, Der Schüler schwang den Stahl der Jugendehre, Der Priester streute der Begeist'rung Lichter Wie Feuerzungen ans in heil'ger Lehre, Die Jungfrau selbst scheut nicht des Helmes Schwere, O fromme Magd! dich liebt der Sieg, dich flicht er In seinen Kranz, dich reife schwere Ähre! So wuchs Begeisterung gen den Vernichter Zu einem heldenfreuv'gen deutschen Heere, Und Friedrich, der das Kreuz der Eisenzeit Getragen, hob zum Ziele es im Streit. 63 Und im verhängnißvollen deutschen Feld, Wo Gustav Adolph sank im Feld bei Lützen War vor dem Herrn der erste Gang bestellt. Da rasselte aus donnernden Geschützen Der Todeswürfcl und manch junger Held Beugt fromm sein Haupt das Weltsturmdach zu stützen. Auf dem die Zeit emporstieg, die Trophäen Zu reißen von des Weltverderbers Höhen. Der Drache lagernd in der Raute Schild, Streckt dann drei Häupter vor, mit gift'gen Zungen Spie er den Tod rings in das Kampfgefild Bald einsichkrümmend, bald hinausgeschwungen, Jetzt kalt besonnen, dann blutgrimmig wild Hat gen die Siegesfürsten er gerungen, Und Blücher, der siegblühnde Jubelgreis, Riß eine Znng' ihm an der Katzbach aus, Bei Dennewitz gab er die zweite preis, Da brach die Landwehr sich den Ritterstrauß, Da pflückte Bülow sich das Lorbeerreis, Da sangen im dem wilden Schlachtgebraus Rufs' veni — viäi Schweb' und vici Preuß'. Und immer enger zog der Waffenkreis Um Dresden sich, das feste Drachenhaus. Dann riß die dritte Zunge noch ein Held Bei Culm ihm aus im heißen Quellenfeld. Bei Culm da hat der Sieg sich culminirt, Da haben die drei Adler triumphirt, Durch Ost er mann, der wie Leonidas, Die Brust geboten an dem engen Paß, «4 Durch Kleist, der ihm den Rückweg kühn geschlossen, Durch Oe streich, das ihn mit den Kampfgenossen Zur Erde warf. Da ward sein Scherg' gefangen, Ein Apfel, der so nah fiel von dem Stamm, Daß dieser sprach: „Längst wäre er gehangen, Hätt' ich noch einen Zweiten wie Vandamme!" Verwundet von so ritterlichen Streichen, Gedränget von der Kämpfer nah'udem Kreise, Mußt nun der Drache aus dem Elb ne st weichen, Und setzte sich zur Zielschlacht an der Pleiße, Da sollte ihn das Schwerdt des Herrn erreichen, Daß Gott sich frommen Streitern tren beweise. Bei Leäpzig war ein jüngster Tag bestellt, Da sollte deutsche Freiheit auferstehen, Da sah die Kämpfer man der neuen Welt Mit kling'ndem Spiele in die Schranken gehen, Sieglockcnd rings in das Entschcidungsfeld Des starken Bundes Ehrcnfahncn wehen, Da bcngte fromm manch deutscher Ehrenheld Sein ritterliches Knie, um Sieg zu flehen; Still stand die Zeit, leis athmcnd wie Gewitter, Eh' Blitze schmettern, zogen rings die Ritter. Victoria sah schwebend durch die Heere Nur einen Geist, den heil'gen Zorn der Ehre, Die Leidgenossen und die Blutverwandten Begeisterte ein Wille im Momente, Daß der, dess' Trug und List sie all empfanden, An ihrer Eintracht Phalanx hier verende, 03 Der, dessen Geist bei'm Weltgericht wird scheitern Am Wehgeschrei von Millionen Streitern. Zerschmettert ward sein blut'ger Sichelwagen, Victoria auf Flügeln frei getragen War Heereszeichen, war das Tagsgestirn, Die Göttliche, sie küßt der Deutschen Stirn, Gab Flügel ihnen und sie konnten fliegen, Und anderes nicht denken, thun, als siegen, Da ward des Krieges Gluth zur Siegespracht, Des Feuers wilde Wuth zur Sternennacht, Zur Pforte freier Seligkeit die Schlacht, Und auf des Todes grauenvollem Thor Schwang die Unsterblichkeit ihr Siegspanier. Still betete der Tod, und frei im hohen Chor Sang, was da lebt: „Herr Gott, dich loben wir!" Und daß solch Heil nie mög' verloren gehn, Sah'n feierlich in der Erinnrungsnacht Die Preußenjngend wir im Kreise stehn Mit Fackeln eine Dankesgluth der Schlacht Entzündend auf der Turner Jugcndhöh'n. Der volle Mond, die freud'ge Sterncnpracht Sah in dem Ring die Adlerfähnlein Wehn Vom Feuer deutscher Freiheit angelacht, Und fromme Lieder haben sie gesungen Und ihrem König das Baret geschwungen! II. 5 Bei Christian Grafen von Stolberg's Tod zu St. Amand in der Schlacht bei Belle-Alliance. den 19. Juni 1815. Der Krieg zog aus zu kaufen Ein ungewisses Loos, Und wirft zu ganzen Haufen Dem Sieg die höchsten Güter in den Schoos. In freudigem Vertrauen Kränzt sich, wer übrig blieb, Und ich muß niederschauen, Denn Einer sank, er war den Besten lieb- Du Spiegel aller Güte, Du frommes Jugendblut, Du sankst, du Adelsblüthe, Mein Stolberg, o wir waren dir so gut! «7 So stark, so frei, so tüchtig, So kindlich, freudig, fromm, So muthig und so züchtig, Mein Stolberg war im Himmel recht Willkomm Sagt, wer verdient zu siegen, Wer gilt so hohen Preis, Wenn solche Opfer liegen In des Triumphes blutigem Ehrengleis. Drum horcht, ihr Siegesmeister, Wenn man die Fahne schwingt, Drum rauschen edle Geister, Die keine Lügenkunst je wiederbringt! Wißt, daß ein Tag muß kommen In Volks, in Gotteskraft, Wo Rechnung wird genommen Für Alle, die der Sieg hat hingerafft. Der Braunschweig ist gestorben, Der hat sich ausgelöst, Rechtfertigung erworben Von allen Fürstenschulden sich entblößt. Es stirbt durch Rostes Hufen Kein Hälmlein in dem Feld, Daß, der den Reiter gerufen Nicht werde drum in das Gericht gestellt. 5 * 68 Die Saaten sollt ihr hüten, Die frommes Blut getränkt, Dem Vaterland vergüten Das Leben, das der Opfernde ihm schenkt. Nur darum ist gefallen Stolberg aus freiem Muth, Daß den Gerechten allen Sein freies deutsches Leben komm zu gut. Dies ist der letzte Willen Bei jedes Helden Tod, Und diesen zu erfüllen, Das thut euch, Fürsten, und dir, Deutschland, Noch- Mit seines Vaters Segen Und mit dem Kuß der Braut, Und mit dem deutschen Degen Hat seinen ganzen Schatz er Gott vertraut. Der hat ihn hingenommen Aus dieser wilden Welt, Den starken, reinen, frommen, Dort bessern Kampfes Siegern zugesellt. So ihr den Sieg nicht ehret, Den solches Blut erkauft, So ihr zum Bösen kehret Den Sieg, den solcher Unschuld Blut getauft,. LS- « 1.2 > Z «s Dann sterbt, für Volkes Thaten Die ihr ein Wappen tragt, Den Tod der Diplomaten, Die um verhaltenen Lohn solch Blut anklagt. O Gott im Himmelreiche Erleuchte unsre Herrn, Daß unsere Erndte gleiche Der Saat, dann fielen unsre Lieben gern! Vom großen Kurfürsten. Gesicht eines alten Soldaten in Berlin vor der Wiederherstellung des preußischen Staates am 14. October. Es war mir gestern trüb der Tag, Eine tiefe Schwermuth auf mir lag, In meiner Brust war's wie ein Dorn, In meinem Haupt ein bittrer Zorn. Nichts war mir recht, ich war unwillig, Auf Alles zürnte ich unbillig; Meine alte Magd von sechzig Jahr Schimpft ich eine junge Metze gar; Mein Knecht, der nicht kam von der Stell', Nannt ich 'nen läufischen Gesell, Und als mein alt Barbier hertrat, Ein weißes Barttuch mir umthat, Sah ich ihn also finster an, Daß er zu zitteren begann; 71 Und als er mich nun eingcseift, Und bange nach dem Messer greift, Und als er auf dem Streichriem stramm Hinfitschelt, da schwillt mir der Kamm, Und als er mit dem Messer bloß, Nnn geht auf meine Kehle los, Da wird mir's kalt und wird mir's warm, Ich pack und werf, daß Gott erbarm, Den Mann, als führt er Mord im Sinn, Leibhaftig auf die Erde hin. Er sprach: „Hält' ich seit zwanzig Jahren Nicht viel au Ihrem Bart erfahren, Wär's nicht mein' andere Natur, Die alte Narbe, die Ehrenspur Auf Ihrer Wange zu poliren, Und mir dabei das Herz zu rühren, Mein Herr Sergeant, könnt ich es lassen, All Tag Sie bei der Nas' zu fassen, Wahrhaftig auf der Polizei Macht ich sogleich ein Klaggeschrei, Halb cingeseift, der ganzen Stadt Stellt ich Sic vor im Abendblatt. Doch findet Ihre Unvernunft Bei mei'm Verstand heut' Unterkunft. Der Tag heut' ist sehr wetterwendisch, Der Herr Sergeant sind auch ein Mensch-, Und weil sich heut das Wetter kehrte Die alte Wunde Sie beschwert." 72 Darauf er den Barbiersack nahm Und sah, daß er zur Thür 'naus kam. Also ging's mir den ganzen Tag, Ich war recht aller Leute Plag, Ich glaubt wer ging am Haus vorbei, Daß er auch ein Mordbrenner sei, Mein' eigne Handschuh leert ich aus Als falle Werg und Schwefel 'raus, Stickjungfern naunt' ich lüderlich, Schillknastcr schmeckt mir widerlich, Selbst den Grünberger Landwein gut Schalt sauer ich in meiner Wuth, Und als das Abendblatt ankam, Ich 's zornig von dem Burschen nahm, Und las und nannt' die Kunstkritik Darin ein neidisch Zorngeflick, Die tapfern Reiteranekdoten Las ich mit tausend Schock Schwernothen, Die Noten von der Polizei Las ich wie eine Litanei, Und sagte endlich: Amen, Amen! Warf's an die Erd' in's Teufels Namen. Da sprang mein Pudel mir entgegen, Der unter'm Bette scheu gelegen, Und wollt das Blatt mir apportiren, Doch ich thät die Geduld verlieren 73 Und trat das treue alte Thier Fußstoßend ungerecht von mir; Doch macht ihn dies nicht irre sehr, Er schleppt den Stock und Hut mir her, Er präsentirt mir das Gewehr, Er stellt sich todt, er tanzt daher, Und da er sieht, daß mich nichts rühr', Legt traurig er sich an die Thür. Nun klang mir's bitter erst in's Ohr, Mein Dompfaff sang sein Lied mir vor, Den Marsch vom alten Dessauer, Mich überlief ein kalter Schauer, Da blies ich meine Lampe aus Und schlich ganz traurig aus dem Hans. Ihr hohen Häuser, weiten Gassen, Wie thät ich euch von Herzen hassen, Die Stadt schien mir nur ein Laufgraben, Den die Belagerer aufgaben, Die Himmelssterne kamen mir vor Wie ein zersprengtes Heldenchor, Der Mond mir an dem Himmel stand Wie ein bestcchner Commandant, Traurig auf der langen Brücken Thät ich den großen Kurfürst anblicken, Und setzt mich nieder zu den Sclaven, Da bin ich weinend eingeschlafen. 7L Da sah ich sie mit ihren Ketten Umdrehen sich, bequemer betten, Und Einer sprach: „Ich richt mich auf, Die Zeit nimmt einen andern Lauf; Miss' es gefällt nicht länger mir, So schwer und hart zu liegen hier. Auf, auf! ihr meine Kraftgesellen Legt ab die harten Eiscnschellcn, Die Nacht bricht an, das Land ist still, Zu fliehen ist mein Muth und Will'." Und als die Riesen sich erheben Und zu entfesseln sich bestreben, Trat her ein Jüngling auf die Brücken, Gar rührend war er anzublicken, Eine blut'ge Fahn' war sein Gewand, Ein blutig Schwerdt trug seine Hand, Sein Herz ihm blutig offen stund, In seinem Haupt eine große Wund', Darauf ein Adler traurig reit't, Die Flügel hing er ab zur Seit', Und mischt sie mit des Jünglings Haar, Das blutig und verworren war. Barfuß ging er, und Asche streut Er vor sich hin, in bittrem Leid. Und als er kam in tiefer Trauer, Da zog die Luft mit wildem Schauer Und tiefaufklagend seufzt die Spree, Das weite Königsschloß hallt Weh, 73 Die Sclaven traten zu ihm hin Und baten stillcrbebend ihn, Er sollt' die Fesseln ihnen brechen; Da thät er also ernsthaft sprechen: „Gern enre Fesseln löste ich, Und nahm' sie allesammt auf mich, Und setzt mich allhier nieder gern Zu Füßen unsrem thcurcn Herrn, Wenn ich nur jemals hoffen könnt, Daß er sein Antlitz zu mir wend'." Da sprach der Kurfürst von der Höh': „So lange nicht da vor mir sich'! Entfcßle diese Schelmen gleich, Ich bin chn' sie gleich eben reich, Sic mögen bleiben, mögen gehn, Ich Pflege nicht herab zu sehn, Im Himmel schau ich mein Vergnügen, Und lag' die Welt in letzten Zügen, Vier solche Kcrl's gcb ich wohlfeil, Sie machen mir nur Langeweil, Ihr Heil mögen sic sonst wo suchen, Doch will ich's ihnen zuschwören und fluchen, Sie werden bald garstig anrennen, Und übel sich das Maul verbrennen; Sie tragen anderswo mit Schand' Was ihnen hier ehrwürdig stand, Die Fesseln, die als Allegorie Von Monarchie und Victorie. 7 « Sie trugen talitcr, quaüler, Und gewissermaßen moraliter; Zu Füßen meiner Durchlaucht hier; Kann ich doch selbst nicht helfen mir, Ich sitze allhier mit bloßem Haar Auf meinem Gaul das ganze Jahr, Und muß viel schlechtes Zeug anhören, Kann manchem Unrecht nicht abwehren, Und muß als Ehrendenkmal mein Fressen viel tausend Schand' hinein. Mach los die Kerls, eh' ich werd wild, Dann pack dich fort, du schrecklich Bild, Du bist gewaltig ungesund; Hast so ein Ziehen an dem Mund, Daß selbst mein Herz, das ganz von Erz, Zerrissen wird von bittrem Schmerz." So sprach der Kurfürst ernstiglich, Der Jüngling gar sehr dauert mich, Und als er sie entfesselt hat, Da hielten sie ein' langen Rath, Wo sie sich sollten hinbegeben, Und wußten's wahrlich gar nicht eben, Da sprach der Eine: „Unsre Sach' Steht schlecht, wie ich auch denke nach, Kein Freiheit ist mehr auf der Welt, Ich bleib allhie bei unserm Held," So sagten die drei Andern auch, Und setzten sich nach altem Brauch 77 Still wieder um deu Stein herum Und Warden wieder also stumm, Nur ungefesselt, frei und frank, Dcß sagt der Kursierst ihnen Dank. Die Ketten ganz dcmüthiglich Der arme Jüngling nahm ans sich, Und sah mich an, als wollt er sagen, O helf mir doch die Ketten tragen. Da stand ich auf in schneller Hast Und theilt mit ihm die Eisenlast. Nicht schwerer war mir's als zuvor, Er zog hin durch des Schlosses Thor, Und als wir an die Wache kamen, Sprach sie: „Werda? in Gottes Namen." „Gut Freund! " sprach ich; „was ächzt er dann," Sprach sie; ich sprach: „Mein lieber Mann, Sieht er denn nicht, wir tragen schwer," „Ist wohl von Gottes Gnaden er, Daß er spricht wir," die Schildwach' sagt. „Mein Freund," sprach ich, „Gott sci's geklagt, Daß wir von Gotts Ungnaden sind." Und damit gingen wir geschwind, Die Uhr schlug in dem Schloßhof Elf. „Ablös'!" die Wache schrie. „Gott helf'!" Sagt da der traurig' Jüngling laut; — Im Schloßhof schallt's, daß einem graut, Drinn lag der Mondschein wie ein Feld, Auf das der Mehlthau niederfällt, Mit Asch' der Jüngling es bestellt, 78 lind säet Thränen drüber aus; Da ruft das Schloß: „O weich hinaus, Du führtest einst 'neu Gast mir zu, Der mir hinaustrug meine Ruh'." Der Jüngling sprach: „O weh, o weh, Sie fluchen mir, wo ich auch geh," Zum Lustgarten zog er hinaus; Doch Plötzlich fasset ihn ein Graus, Er sprach: „Komm, gehn wir an der Mauer, Beim Dom herum, der alt Dessauer Möcht mich sonst wieder hart anschuarcheu, Ach Gott, 's ist ihm nicht zu verargen. Und als wir an den Dom hinkamen, Ein dumpfes Tönen wir vernahmen, Und vor der Thüre höchsten Stufen, Da wurden wir so angernfen: „Wer seid ihr, daß mein bitt'rer Schmerz Noch mehr erbittert mir im Herz? Da du Unseliger hier nahst, Ein Sturmwind durch die Pappeln ras't, Die Nacht wird kalt, das Laub fällt ab Und alle Lust bringst du zu Grab; O, flieh von hier, ehr' diesen Ort, Dies Thor ist eine Himmelspfort." So sprach ein Jüngling an dem Thor Des Doms, gehüllt in schwarzen Flor, Ein Hündlein lag zu seinen Füßen Und Thränen thät er viel vergießen 79 In seinen schwarzen Thränenkrug, Und nimmer, nimmer war's genug. Mein Leidgesell sprach da zur Hand „Wer ist so stolz in diesem Land, Daß er sein Trauern tiefer meine Als jenes Leid, das ich beweine? Wer bist du, daß in Krnglein du Hier weinen darfst in stiller Nnh', Jndeß verfolgt ich dahin gehe Und Thränen in die Welt hinsäe?" „Ich bin der Julius, Der ewig, ewig weinen muß." Da sprach mein Leidgescll: „O weh! Dein tiefes Leid ich wohl versteh, Wer ich bin, will ich dir nicht sagen, Es möcht zu sehr dich Niederschlagen;" Somit ging weiter mein Gesell, Und Jener auf des Demes Schwell Sprach: „Fluch der bösen Mutter dein, Und Fluch dem bösen Vater dein, Und Fluch auch all den Brüdern dein, Sie werden nimmer selig sein!" Und hinter's Zeughaus zogen wir, Da ging es uns noch ärger schier, Von Stein die Helme rings sich regten Und wild die Federbnsch' bewegten, Und Manche schlossen das Visier Laut klirrend, daß erschracken wir. 8 « Zur Pforte da der Jüngling trat, Die alsbald sich eröffnen that, Er sprach: „Die Ketten will ich hier Ablegen als eine hohe Zier." Und als wir in den Hof eingingen Ein fürchterlich Geschrei anfingen Die Köpfe, die da rings im Stein Abbilden schwere Todespein; Sie schrien Wehe und Weh, es schallt So gräßlich in dem Haus, und kalt, Und war ihr Fluch so scharf und tief Als wenn es von dem Schlachtfeld rief, Und Weh, und Weh, und aber Weh, Lass' uns in Ruh', von dannen geh. „Ach Gott, mein Herr," der Jüngling schrie, „Kein ruhig Stätte find ich nie!" Und als wir durch das Thor auszogen, Medusa oben von dem Bogen, Die sträubte auf ihr Schlangenhaar Und schier vor uns erschrocken war. Zum Palais Heinrich gingen wir Ganz einsam durch das Mondrevicr; Wie ragten die Gebäude all Und gaben ernsten Wiederhall. — Wie edel groß die reinen Schatten Sich auf den Plan gelagert hatten, Wie trennt sich klar vom Himmels Glanz Der hohen Zinnen Statuen - Kranz, 81 Die Sterne schimmerten so klar, Der Mond war frei und offenbar; Ein leises Flüstern in den Linden Wollt uns die Mitternacht verkünden; Still stand ich auf dem Friedensplan Und sah mir mein' Gesellen an, Und all der Fried' und Mondenschein Sank in die Augen ihm hinein Und all den Trost der sel'gen Nacht, Hab ich in ihm zu Grab gebracht; Er sah gen's Brandenburger Thor Sein blutig Haar stieg ihm empor, Sein Augenstern thät sich verdunkeln, Und nur der Adler thät noch funkeln, Der in des Hauptes Wunde nistet- Er richt' sich auf, die Flügel rüstet Und hebt das Haupt, und zuckt die Flügel, Erschimmernd von des Mondes Spiegel, Da riß ein Morgenwind mit Lust Die Fahne von des Jünglings Brust, Und ließ sein Blut im Mond hinwallen, Da sprach es recht mit lautem Schalle Und seine Wunden sprachen alle: „O selig, selig junge Luft, Die wieder mich zur Ruhe ruft, O selig, selig, Gott gesandt, Du kühlest unfern heißen Brand, O selig, selig Morgenwind, Wir fühlen dich, denn wir sind blind; 6 II. 82 Wir fühlen einen neuen Tag, Er decke unsre tiefe Schmach!" „O schweig, mein Herz," der Jüngling spricht, „O sehne dich nach Ruhe nicht, Der ewig' Schmerz ist meine Freud', Mein Trost das ewig' Herzenleid." Dabei sah er ganz starr empor Hin nach dem Brandenburger Thor, Und thät beschämt die Augen senken, Auch kann ich's ihm gar nicht verdenken. Da sprang mein Pudel auf mich her, Er hatte mich gesucht gar sehr, Doch kaum sicht er mein' Leidgesellen, Als er gar bang sich thät anstcllen, Er hängt den Schweif, zieht mich am Kleid Und bleckt die Zähn' voll Grimmigkeit, Und thut sich ängstiglich bemühen Von mei'm Gesell'n mich abzuziehen, Da könnt ich auch nicht länger schweigen Und sprach: „Du sollst mir jetzt anzeigen, Wer du, elender Jüngling, bist, Daß Alles dir erbittert ist, Daß Bild und Mensch und Stein und Bein Und Nacht und Stern und Mondenschein, Ja selbst der ehrlich Pudel mein Dir flucht, ich glaub du bist der Kain!" „Wer ich bin, will ich sagen dir," Sprach der Elende da zu mir, 83 „Doch mußt du einen Nath mir geben, Wohin ich wohl mich soll begeben, Ein Hahnenschrei, braucht's. dann noch bloß. So bist du mein auf diesmal los; „Gib mir die Hand drauf," sprach er da, Und in der Hand las ich: Jena, Und Saalfeld las ich auf der Brust. Drauf sagt er: „Hast du nicht gewußt, Daß ich, o hör's mit ruh'gem Sinn, Der vierzehnte October bin." „Jetzt," sprach ich, „halt ich dir mein Wort, Und dann, Uusel'ger, eile fort,' Zu Stralsund lass' die Ketten fallen, Die Fahne lass' zu Kolberg wallen; Den Adler bade in der See, Er steigt dann wieder frisch zur Höh', Und du geh still gen Eilau los, Leg dich dort in der Erde Schooß." Er sprach: „So sei's," eilt durch die Linden, Vor Lestock's Haus thät er verschwinden. Und von dem Herzen siel mir 'runter Ein schwerer Stein, ich ward ganz munter. Ich sah Wohl ein, der böse Tag So schwer mir in den Gliedern lag. 6 " Sei der Rückkehr König Ludwig I. aus Griechenland. Heil! Willkomm des Volkes Vater Hoch die Herzen! hoch die Hand! Aus dem Vaterland der Künste Kehrt er in ihr Vaterland. Von dem Sohne zu den Söhnen Kehrt er, segnend seine Welt; Zwischen Leid und Freudenthränen Spannt das Wiedersehn sein Zelt! Heil! Willkomm! zu uns gewendet Hat sich unsres Lichtes Blick, Aus dem Oriente kehret Unser Orient zurück. Heil ihm, der aus Lorbeerwäldern, Aus des Oelbaums stillem Hain Heimkehrt — allen guten Künsten Bringt er Weizen, Oel und Wein! 83 Hcil! Willkomm! des Volkes Führer! Heil! Willkomm! der Künste Freund! Heil! Willkomm! des Liedes König, Ob der Himmel lacht, ob weint. Heil! Willkomm! Zur lichten Stunde, Die den Vater uns vereint, Schließet sich der Trennung Wunde, Unsrer Liebe Sonne scheint! Höher nur, und möcht es stürmen, Sich der Bayern Fahne schwingt, Inniger von allen Thürmen Sich der Freude Klang verschlingt. Ob es trüb sei, oder Helle, Bricht der Kinder Freude aus! Heil der festbekränzten Schwelle, Denn der Vater kehrt in's Haus! Rückkehr an den Rhein. ""Weiß ich gleich nicht mehr wo Hausen, Find ich gleich die Mühle nicht, Seh ich dich doch wieder brausen, Heil'ger Strom, im Mondenlicht. O Willkomm'! Willkomm'! willkommenl Wer einmal in dir geschwommen, Wer einmal aus dir getrunken, Der ist Vaterlandes trunken! - Wo ich Sonnen niedersenken Sich zum Wellenspiegel sah, Oder Sterne ruhig denken, Ueber'm See, warst du mir nah. O Willkomm'! Willkomm'! willkommen! Wen du einmal ausgenommen, Wen du gastfrei angeschaut, Keiner Freude mehr vertraut! 87 ^Ström' und Fluss' Hab ich gesehen, Reißend, schleichend durch das Land, Aber keiner weiß zu gehen Herrlich so durch's Vaterland. O Willkomm'! Willkomm'! willkommen! Schild der Starken, Trost der Frommen, Gastherr aller Lebensgeister, Erzmundschenk und Küchenmeister! Ordensband der deutschen Erde, Das der Weinstock um sie schlingt, Wo am gastfrei deutschen Herde Sie der Helden Wohlsein trinkt. O Willkomm'! Willkomm'! willkommen! Andre Flucht kann mir nicht frommen, Denn an deinem Ufer lauschen Wein und Liebe, die berauschen! Weines Fener, Liebestreue, Männerkraft und Iungfran'n - Zucht, Daß mein Herz sich recht erneue, Hab ich wieder euch besucht. O Willkomm'! Willkomm'! willkommen! Echo schlag die Frcudentrommen, Daß der Vater Rhein euch höret, Wie ich bin zurückgekehret! A Zweites Buch. Um die Harfe find Kränze geschlungen! Um die Harfe sind Kränze geschlungen, Schwebte Lieb' in der Saiten Klang: Oft wohl Hab ich mir einsam gesungen, Und wenn einsam und still ich sang, Rauschten die Saiten im tönenden Spiel, Bis aus dem Kranze, vom Klange durchschüttert, Und von der Klage der Liebe durchzittert, ' Sinkend die Blume herniederfiel. Weinend sah ich zur Erde dann nieder, Liegt die Blüthe so still'und todt; Seh die Kränz' an der Harfe nun wieder, — Auch verschwunden des Lebens Roth, Winken mir traurig wie schattiges Grab, Wehen so kalt in den tönenden Saiten, Wehen so bang und so traurig: Es gleiten Brennende Thränen die Wang' herab. 82 Nie ertönt meine Stimme nun wieder, Wenn nicht freundlich die Blüthe winkt; Ewig sterben und schweigen die Lieder, Wenn die Blume mir nicht mehr sinkt. Schon sind die meisten der holden entflohn; Ach! wenn die Kränze die Harfe verlassen, Dann will ich sterben; die Wangen erblassen, Stumm ist die Lippe, verhallt der Ton. Aber Wonn', es entsprosiet zum Leben Meiner Asche, so hell und schön, Eine Blume. — Mit freudigem Beben Seh ich Tilie so freundlich stehn. Und vor dem Bilde verschwindet mein Leid. Herrlicher wird aus der Gruft sie ergehen — Schöner und lieblicher seh ich sie stehen, Wie meinen Feinden sie mild verzeiht. Von Trauer frei. Von Trauer frei Ist nicht mein Herz; Schmerz, Schmerz, Ganz tiefer Schmerz Äst selbst mein Scherz! Will nach der Buche, Will nach der Buche gehn, Wird sie dort freundlich stehn? Will sic dort Wiedersehn, Die ich nur suche! Sehnsucht! Im Mondschein, Ganz allein Will sie bei mir sein. Fürchte mich nicht, Ihr Gesicht Äst Tageslicht! »4 Mild, mild Bon Liebe schwillt Des Mannes Brust; Von Liebe, schwillt Auch Tilien's Brust. Lust, Lust, Ganz stille Lust Ihr unbewußt. Sonst war der Liebe Stille im Herzen bang, Bis sie zum Auge drang Und von der Lippe klang, Ihr Spiel sie triebe! Licbcstricb! Im Mondschein, Ganz allein Will sie bei ihm sein! Fürchtet euch nicht! Mondeslicht So freundlich spricht. N3 An den Mond. Sieh, dort kommt der sanfte Freund gegangen. Leise, um die Menschen nicht zu wecken; Kleine Wölkchen küssen ihm die Wangen, Und die schwarze Nacht muß sich verstecken. Nur allein Wer mit Pein Liebt, den kühlet sein lieblicher Schein! Freundlich küsset er die stillen Bhränen Von der Liebe schwermuthsvollen Blicken, Stillt im Busen alles bange Sehnen, Alles Leiden weiß er zu erquicken. Liebe eint, Wenn erscheint Unvermuthet die Freundin dem Freund! Auch mich kleinen Knaben siehst du gerne, Kommst mit deinen Strahlen recht geschwinde, Mir zu leuchten aus der blauen Ferne, Wenn ich Tilien's seidne Locken winde. Zuzusehn, Bis wir gehn, Wenn die kühleren Nachtwinde Wehn! Än Ottilie. Ich kann nun fernerhin nichts mehr verlieren, Denn alle das Vergangne ist verloren, Und nichts mehr kann vergehen, nichts mehr kommen, Seit ich zum ersten Mal das holde Leben So gegenwärtig und geliebt empfinde, Und das, Ottilie, hast du mir gegeben, Du wolltest, daß die Liebe mich entzünde. Aus deinen Augen Helle Lichter schweben, Und alles Dunkel rück- und vorwärts schwinde, Doch sagtest du, du könntest mich nicht lieben, Wenn ich das bunte Leben dir beschrieben. So lasse mich vergessend hier gesunden, Lass' mich von meinem alten Leben schweigen, Da du das neue schon mit grünen Zweigen Und deiner Küsse Liebesblüth' umwunden. Du öffnest mir die kaum vernarbten Wunden, Und in die Wunden wie in Gräber steigen, Sollt' deine holde Liebe von mir weichen, Die cw'ge Freude und das Licht der Stunden. 97 Vertreibst du mich aus diesem Heiligthume, So muß das junge Leben früh verstummen, Das du mit Liebcsseligkeit gewürzet! Sind dann nicht alle Stunden ohne Schimmer, Ist's weniger als Freude, die auf immer So unerreichlich tief hinab mir stürzet? II. 7 »8 Sie hat mein vergessen! O schwerer heißer Tag, ihr leichtes Leben Schließt müde weinend seine Augenlider, Schon senkt der Schlaf das thauende Gefieder, Um solche Schönheit kühl ein Dach zu weben. — Von ihren Lippen leise Worte schweben: „Du Liebe süßer Träume kehre wieder!" Da läßt sich ihr der Traum der Liebe nieder, Um ihres Schlummers kranke Lust zu heben. — „Du Traum! — ich bin kein Traum," spricht er mit Bangen, „O laß uns nicht so holdes Glück versäumen!" Da weckt er sie und wollte sie umfangen. — Sprecht! Wessen bin ich? Wer hat mich besessen? Ich lebte nie — war eines Weibes Träumen — Und nimmer starb ich, >— Sie hat mein vergessen! NS Auf dem Rhein. Ein Fischer saß im Kahne, Ihm war das Herz so schwer, Sein Lieb war ihm gestorben, Das glaubt er nimmermehr. Und bis die Sternlein blinken, Und bis zum Mondenschein, Harrt er, sein Lieb zu fahren Wohl auf dem tiefen Rhein. Da kommt sie bleich geschlichen, Und schwebet in den Kahn, Und schwanket in den Knien, Hat nur ein Hemdlein an. Sie schimmern auf den Wellen, Hinab in tiefer Ruh', Da zittert sie und wanket: „Feinsliebchen frierest du? „Dein Hemdlein spielt im Winde, Das Schifflein treibt so schnell, Hüll dich in meinen Mantel, Die Nacht ist kühl und hell." 7 " 10V Stumm streckt sie nach den Bergen Die Weißen Arme aus, Und lächelt da der Vollmond Aus Wolken blickt heraus. Und nickt den alten Thürmen, Und will den Sternenschein Mit ihren schlanken Händlein Erfassen in dem Rhein. „O halte dich doch stille, Herzallerliebstes Gut, Dein Hemdlein spielt im Winde, Und reißt dich in die Flut." Da fliegen große Städte An ihren: Kahn vorbei, Und in den Städten klingen Wohl Glocken mancherlei. Da kniet das Mägdlein nieder, Und faltet seine Händ', Aus seinen Hellen Augen Ein tiefes Feuer brennt. „Feinsliebchen bet' hübsch stille, Schwank nicht so hin und her, Der Kahn möcht uns versinken. Der Wirbel reißt so sehr. 101 In einem Nonnenkloster Da singen Stimmen fein, Und aus dem Kirchenfenster Bricht her der Kerzenschein. Da singt Feinslieb gar Helle Die Metten in dem Kahn, Und sieht dabei mit Thränen Den Fischerknaben an. Da singt der Knab' gar traurig Die Metten in dem Kahn, Und sieht dazu Feinsliebchen Mit stummen Blicken an. Und roth und immer röther Wird nun die tiefe Flut, Und bleich und immer bleicher Feinsliebchen werden thut. Der Mond ist schon zerronnen, Kein Sternlein mehr zu sehn, Und auch dem lieben Mägdlein Die Augen schon vergehn. „Lieb Mägdlein, guten Morgen! Lieb Mägdlein, gute Nacht! Warum willst du nun schlafen, Da schon der Tag erwacht?" 102 Die Thürme blinken sonnig, Es rauscht der grüne Wald, In wildentbranntcn Weisen Der Vogelfang erschallt. Da will er sie erwecken, Daß sie die Freude hör', Er schaut zu ihr hinüber, Und findet sie nicht mehr. Ein Schwälblein strich vorüber Und netzte seine Brust, Woher, wohin geflogen, Das hat kein Mensch gewußt. Der Knabe liegt im Kahne, Läßt alles Rudern sein, Und treibet weiter, weiter Bis in die See hinein. Ich schwamm im Meeresschiffe Aus fremder Welt einher, Und dacht an Lieb und Leben, Und sehnte mich so sehr. Ein Schwälbchen flog vorüber, Der Kahn schwamm still einher, Der Fischer sang dies Liedchen, Als ob ich's selber war. Lird einer Jägerin, deren Schatz untreu und pcrückcnmacher geworden ist. Chor: „O Tannenbaum! o Tannenbaum! Du bist ein edler Zweig, So treu bist du, man glaubt es kaum, Grünst Sommers und Winters gleich." Wenn andere Bäume schneeweiß sein Und traurig um sich sehen, Sieht man den Tannenbaum allein Ganz grün im Walde stehen. Chor: „O Tannenbaum! o Tannenbaum! rc." Mein Schätze! ist kein Tannenbaum, Äst auch kein edler Zweig, Ich war ihm treu, man glaubt es kaum, Doch blieb er mir nicht gleich. Chor: „O Tannenbaum! o Tannenbaum! rc." Er sah die andern schneeweiß sein Und schimmernd um sich sehn, Und mochte nicht mehr grün allein Bei mir im Walde stehn. Chor: „O Tannenbanm! o Tannenbaum! rc." IOÄ Der andern Bäume dürres Neis Schlägt grün im Frühling aus, Pocht er sein Röckchen, blcibt's doch weiß, Schlägt nie das Grün heraus. Chor: „O Tannenbaum! o Tannenbanm! rc." Oft Hab ich bei mir selbst gedacht, Er kommt noch einst nach Haus, Spricht: Hab mir selbst was weiß gemacht, Pocht mir mein Röcklein aus. Chor: „O Tannenbaum! o Tannenbaum! rc." Und klopft ich ihn auch poch, poch, poch, So fliegt nur Staub heraus; Das schöne treue Grün kommt doch Nun nimmermehr heraus. Chor: „O Tannenbaum! o Tannenbaum! rc." Drum als er mich letzt angelacht, Ich ihm zur Antwort gab: „Hast dir und mir was weiß gemacht, Dein Röcklein färbet ab." Chor: „O Tannenbaum! o Tanucnbaum! rc." O Tannenbaum,! o Tannenbaum! Wie traurig ist dein Zweig. Du bist mir wie ein stiller Traum, Und mein Gedanken gleich. Chor: „O Tanneubaum! o Tannenbaum! rc." 103 Du sahst so gar ernsthaftig zu, Als er mir Treu versprach, Sprich, sag mir doch, waS denkest du: Daß er mir Treue brach. Chor: „O Tanr.enbaum! o Tannenbaum! Du bist ein edler Zweig, So treu bist du, man glaubt es kaum, Grünst Sommers und Winters gleich." Hyacinth und Laura. (Ans dem Italienischen.) Hyacinlh. Liebchen schläft, mit deinen Flügeln fächle, Amor, daß des Sommers heiße Schwüle Um des Mädchens Lager bald sich kühle Und sie in dem Schlafe freundlich lächle. Kann nimmer ich die armen Augen schließen, Äst meine Ruhe nur allein die ihre, So möge, was ich hier am Schlaf verliere, Wie Ruhe mir in's kranke Herze fließen. Gibst du mir gleich nur immer böse Tage, So sieh mich hier, dir gute Nacht zu geben, Nicht Zeit, nicht Ferne lindert mir die Plage, Ein Schmetterling ein Lämpchen zu umschweben. 1 tt 7 Laura. Wer ist es, der nicht schlafen kann? und andre So frevlend in dem süßen Schlafe störet. Ein Felsen bin ich, der sein Lied nicht höret; Er sing', doch packe er sich bald und wandre. Hyacinlh. Die Lippe voll Gesang, das Herz voll Zähren, Sing ich, ein Schwan in seines Todes Ringen, Und schwieg ich gern, so würde ohne Singen Und Wiedersingen Liebe mich verzehren. Laura. In eurer Schlüsse Wahrheit eiuzudringen Hab ich nicht Zeit; was seid ihr, wollt ihr, macht ihr? Geht, Simpelchen, steht nicht die ganze Nacht hier; Die Dinger, die ich brauch, kann man nicht singen. H y a c i n t h. Ein Bettler bittet hier vor eurer Thüre, Gebt Liebe ihm, und fristet euch ein Leben: O daß er gleich, o daß er bald euch rühre! Denn gleich gegeben heißt ja doppelt geben. Laura. Wer mir nichts bringt, hat nichts von mir zu hoffen, Dem Mitleid Hab ich längst den Hals gebrochen, Und ohne Klingen hilft euch hier kein Pochen, Nur offnen Händen steht die Thüre offen. Hyaci»th. Nehmt mich zum Krieger an, hört auf zu höhnen, Will streiten für, und mit euch alle Stunden, Denn abgehärtet fürcht ich keine Wunden, Die Löhnung sei mir nur, ench anzulehnen. Laura. Bei mir war offner Krieg stets schlecht empfohlen, Auch führ ich keinen Krieg, wo ich waS kriege; Und weil ich meist dem Degen unterliege, So ehr' ich das Duell nur auf Pistolen. H y a c i n! h. Zum Streiter nicht? so nehmet mich zum Dichter Bin Dichter ich, dem Busen sing in Versen Ein Lied ich euch bei Schthcn und bei Persen Zum Lob des Haares und der Augenlichter. Laura. Mit Poesie geht Armuth nur gesellt, Macht ihr Sonette, macht sie noch so nette, Ihr bleibt ein armer Sohn und so ohn' Bette: Gebt Geld statt Versen oder Fersengeld. H y a c i n t h. Ein Pilger bin ich, suche aller Orten Das Göttliche im Irdischen zu finden, Doch ist umsonst, denn euch ist nur geworden Das Göttliche im Jrd'schen zu entbinden. 10k) Ln » r a. Gott helf euch! geht, ich bitte, geht von hinnen, Denn wißt, allhier beherbergt man nur Ungern, Nur Kremnitzer, was sonst woher, muß hungern, Auch für Zechinen ist die Zeche innen. Hyncinlh. Ein Graf bin ich, ein Duc, bin mit Souvrainen Verwandt, und habe mehr als scchszehn Ahnen, Auch fröhnen mir gar viele Unterthancn, Und euer Unterthan, laßt mich euch fröhnen. Laiir a. Ein Dnka ist mir lieb, doch mit Dukaten, Souvrainen Pflege ich mit Severinen, Baronen ohne Baares nie zu dienen, Und kann mit Ahnen keine Hahnen braten. H i) a c i n t h. Verachtet nicht die Liebe des Getreuen, Vor eurem Sterne will er ewig knien, Nach eurem Lichte wie ein Maulwurf ziehen; O suchet nicht Cupiden zu verscheuern Laur». Auch ihr seid nackt, drum bleibt nur sein Geselle, Ich brauche Kleider und des wackcrn Glauben An eure Treu' will ich euch nicht berauben, Doch nur Reale sind bei mir reelle. 11V Hyacinlh. Mit spotten siehst du, wie ich hier vergehe, Du Weib, geldgierig, fleischfressend wie Raben. Laur a. Von ihm ist Nichts, er nur zum Narrn zu haben, Ich stand sein Narre hier, er steh, ich gehe. An Sophie Moreau. Von den Mauern Wiederklang — Ach! — im Herzen fragt es bang: Ist es ihre Stimme? Und vergebens sucht mein Blick — Kehret mir ein Ton zurück? — Jst's nur meine Stimme? — Auf der Mauern hvhern Rand Sind die Blicke hingebannt, Doch ich seh nur Sterne; Und in hoher Himmelssee Ich die Sterne küssen seh' — Wären's unsre Sterne! Nacht ist voller Lug und Trug, Nimmer sehen wir genug In den schwarzen Augen; Heiß ist Liebe, Nacht ist kühl, Ach, ich seh ihr viel zu viel In die schwarzen Augen! 112 Sonne wollt nicht untergehn, Blieb am Berg neugierig stehn; Kam die Nacht gegangen; Stille Nacht in deinem Schoos Liegt der Menschen höchstes Loos, Mütterlich umfangen. An Sophie Mcreau. Willst du mir Trost verleihen, Laß mich aus deinen Augen Der Liebe Schwärmereien Minutenwahrheit saugen. Lass' um des Lichtes Quelle Die trunkne Fliege schwirren, Lass', wird es ihr zu Helle, Sie in die Flamme irren. Du sahst im Nektarkelche Die heitre Pshche sterben, Wenn ich noch länger schwelge, Läßt du mich auch verderben? *) Als sie einen kleinen Schmetterling retten wollte, der, nachdem er seine Flügel am Lichte verbrannt hatte, in ihrem Champagnerglase versank. II. 8 Aus deines Herzens Raume Möcht ich nur einmal trinken, Und dann zum kühnsten Traume Im Götterrausche sinken. Du bist die Zaubervase, Die meinen Geist umhüllet, Und im Champagnerglase Ist schon mein Loos erfüllet! An Dieselbe. Sieh dort auf dem Wiesengrunde Tanzen jetzt die Elfchen munter Unter'm Rosenbusch hinunter, Der die Blätter niederstreut. Elfchen spielen Lotto heut', Schreiben auf die Blätter Nummern, Ja du darfst nur kühnlich schlummern, Denn dein Glück kommt dir im Schlummer. Du gewinnst die beste Nummer: Eine Braut wirst du im Schlummer, Drum erwachst du ohne Kummer, Hochzeit, Hochzeit, hohe Zeit! — Sieh, wie scheint der Mond so weit, Und die Frösche und die Unken Singen bei Johannisfunken Ihre' Metten ganz betrunken. 8 * 11 « Brünstig glühn Johannisfunken, Sternlein kühl am Himmel Prunken, Und das Irrlicht hüpft betrunken, Wo du gingst ein Jungfräulein. Auf dem Acker glüht ein Schein, Wo bei'm Drachen eingetruhet, Kaltes Gold, das roth ergluthet, Fiel dein Kränzlein unvermuthet In des Drachen Gruft hinunter, Und der Drache ist gebunden, Und der Schatz ist dir gefunden: Gold und Silber, Edelstein Und drei Rosen, die sind dein. 117 Es stehet im Abendglaiye. Es stehet im Abendglanze Ein hochgewcihtes Haus, Da sehen mit schimmernden Augen Viel Knaben und Jungfrau'n heraus. Sie wechseln mit Weinen und Lachen, Sie wechseln mit Dunkel und Hell, Mit schimmernden Augen und Wangen Sie wechseln ihr Röcklein gar schnell! — Dort Hab ich mein Liebchen gesehen, Ein freundliches, zierliches Kind; Sie konnte wohl schweben und drehen Wie fallende Blüthen im Wind. Und die in dem Hause dort wohnen Sind heilig und wissen es nicht, Sie spielen mit Kränzen und Kronen Alltäglich ein neues Gedicht. 118 Sie sind gleich den Göttern und handeln Alltäglich in andrer Gestalt, Mein Liebchen wird auch sich verwandeln. Das thut meinem Herzen Gewalt. O Liebchen, wo bist du geblieben? Ich steh vor dem schimmernden Haus, Und will dich bescheiden nur lieben, O Liebchen, o sehe heraus! Ich will dein pflegen und warten Im Herzen so treu, als ich kann; Da seh ich sie sitzen im Garten Wohl bei einem reichen Mann. So kauf ich mir Harke und Spaten, Bind mir ein grün Schürzelcin vor; Ich stell mich als war ich der Gärtner Und klopf bei dem Reichen an's Thor. „Thu auf, o Reicher, den Garten, Ich will dir so gern ohne Sold Die Blumen all Pflegen und warten, Sie sind ja mein Silber und Gold!" „So sei mir, o Gärtner, willkommen, Zieh höher die Rosenwand mir; Versteckt sie zu Netzen und Schlingen, Ich habe ein Vögelchen hier. IIS „Zieh höher und dicht mir die Laube, Zieh mir ein gitternes Haus, Daß keiner das Vögelchen raube, Daß es nicht fliege heraus." Da klinget so herzlich und süße Im Garten ein inniges Lied, Die Bäume, sie senden ihr Grüße, Die Blume lauschend ihr blüht. Da seh ich mein Liebchen so weinen, Sie sieht zu mir heimlich herauf. Die Sonne will nicht mehr scheinen, Die Blumen, sie gehen nicht auf. So hast du dann es verlassen, Das schimmernde Götterhaus, Deiner Locken Gold wird blassen, Deiner Augen Licht gehet aus. O Liebchen, o sei nicht so munter, Du hast vergeudet dein Loos; Dein Sternlein, es gehet ja unter Tief in des Meeres Schooß. An's Meer will ich und stehen Still in dem Abendschein, Da muß in den Wellen ich sehen Versinken dein Stcrnelein. 12 « Im Niedersten, da rollen Die Thränen still hinab, Die sich vereinen wollen Mit deines Sternes Grab. Dies Lied Hab ich ersonnen Wohl vor jenem Zauberhaus, Das glänzt in der Abendsonne, Wo du nicht mehr siehst heraus. Als Jugend um Liebe brannte In irrem Liebeswahn, Da wolltest du ihn nicht erkennen, Die hell mich blickte an. Der Schiffer im Kahne. Am Rheine schweb ich her und hin Und such den Frühling ans, So schwer mein Herz, so leicht mein Sinn, Wer wiegt sie Beide auf? Die Berge drängen sich heran, Und lauschen meinem Sang, Sirenen schwimmen um den Kahn, Mich grüßt der Echo Klang. Sirenen tauchen in die Fluth, Mich fängt nicht Lust, nicht Spiel, Aus Wassers Kühle trink ich Gluth, Und dringe heiß zum Ziel. O klinge nicht du Wiederklang, O Berge kehrt zurück, Ganz einsam singt mein Cythersang Ein heimlich Liebesglück! O wähnend Lieben, Liebeswahn, Allmächtiger Magnet, Spann einen Schwan an meinen Kahn, Der stets nach Süden geht. 122 O Ziel so nah, o Ziel so fern, Ich hole dich noch ein, Die Frommen führt der Morgenstern Ja auch zur Liebe ein! Geweihtes Kind, so nenn ich dich, Du blühest mir mein Loos, Süß Blümlcin, ach, erkenne mich, Und fall in meinen Schoos! In Frühlingsauen sah mein Traum Dich Glcckenblümlein stehn, Vom blauen Kelch, zum goldnen Saum Hab ich zu viel gesehn. Du blauer Liebeskelch, in dich Sank all mein Frühling hin, Umdüfte mich, vergifte mich, Weil ich dein eigen bin. Und schließest du den Kelch mir zu Wie Blumen Abends thun, So lasse mich die letzte Ruh' Zu deinen Füßen ruhn. So sang zu einem schönen Kind Ein Schiffer auf dem Rhein, Da trieb ihn schnell der Wispelwind Ins Bingerloch hinein! G kühler Wald. O kühler Wald, Wo rauschest du, In dem mein Liebchen geht, O Wiederhall, Wo lauschest du, Der gern mein Lied versteht? O Wiederhall, O sängst du ihr Die süßen Träume vor, Die Lieder all, O bring sie ihr, Die ich so früh verlor! — Im Herzen tief, Da rauscht der Wald, In dem mein Liebchen geht, In Schmerzen schlief Der Wiederhall, Die Lieder sind verweht. 124 Im Walde bin Ich so allein, O Liebchen wandre hier, Verschallet auch Manch Lied so rein, Ich singe andre dir! Wenn ich ein Bettelmann mär. Wenn ich ein Bettelmann war Kam ich zu dir, Sah dich gar bittend an, Was gäbst du mir? — Der Pfennig Hilst mir nicht, Nimm ihn zurück, Goldner als golden glänzt Allen dein Blick. Und, was du Allen gibst, Gebe nicht mir; Nur was mein Aug' begehrt. Will ich von dir. Bettler, wie helf ich dir? — Sprächst du nur so, Dann wär im Herzen ich Glücklich und froh! 126 Läufst auf dein Kämmerlein, Holst ein Paar Schuh, Die sind mir viel zu klein, Sieh einmal zu. — Sieh nur, wie klein sie sind, Drücken mich sehr; Jungfrau, süß lächelst du, O gib mir mehr! Nlie sich auch die Zeit will wenden. Wie sich auch die Zeit will wenden, enden Will sich nimmer doch die Ferne, Freude mag der Mai mir spenden, senden Möcht dir Alles gerne, weil ich Freude nur erlerne. Wenn du mit gefalt'nen Händen Freudig hebst der Augen Sterne. Alle Blumen mich nicht grüßen, süßen ^ Gruß nehm ich von deinem Munde. Was nicht blühet dir zu Füßen, büßen Muß es bald zur Stunde, eher ich auch nicht gesunde, Bis du mir mit frohen Küssen Bringest meines Frühlings Kunde. Wenn die Abendlüfte wehen, sehen Mich die lieben Vöglein kleine Traurig an der Linde stehen, spähen Wen ich wohl so ernstlich meine, daß ich Helle Thränen weine. Wollen auch nicht schlafen gehen, Denn sonst wär ich ganz alleine. 128 Vöglein, euch mag's nicht gelingen, klingen Darf es nur von ihrem Sange, Wie des Maies Wonneschlingen singen Alles ein in neuem Zwange; aber daß ich dein verlange, Und du mein, mußt du auch singen, Ach, das ist schon ewig lange! Äm Serge, hoch in Lüften! Am Berge, hoch in Lüften, Da baute er sein Haus; Am Thore liegt Gewitter, Nun kann er nicht hinaus. Die Wolken, sie wollen nicht ziehen. Der Pfad ist steil und schwer. „O Lieber, Herzlieber in Lüften, O wenn ich bei dir war! „Wohl bei dir über Wolken, Wohl bei dir über Wind, Wo fromme Vöglein schweben In Himmelsluft so lind. Meine Flüglein, die sind mir gebrochen Und heilen auch nicht eh', Bis ich zu dem Herzlicbsten Durch Thür und Thor eingeh." II. S „Daß ich so stolz in Lüften Mein Hans gebauet Hab, Das muß mich gar betrüben, Ich kann nicht mehr hinab; Die Riegel sind alle verrostet, Die Thore, sie gehen so schwer, O Liebchen, Herzliebchen im Thale, O wenn ich bei dir war!" „Wohl bei dir in dem Garten, Wohl bei dir in dem Wald, Wo dichte Bäume stehen Und Vogelfang erschallt. Kann keinen Kranz mehr flechten Und singen auch nicht eh', Bis ich zu dir, Herzlicbste, Durch Flur und Wald eingeh." Sie dringt Wohl durch die Wolken, Geht ein durch Thür und Thor, Die Flüglein schnell ihr heilen Und heben sie empor; Wohl über die Wolken und höher, Zu Gott wohl in die Höh', 131 Er dringt wohl durch die Wolke, Geht ein durch Flur und Wald, Ein Kranz wird ihm geflochten, Ein Lied ihm auch erschallt. Wohl unter dem Baum und Wohl tiefer, Wohl unter grünem Klee, Nutzt nun sein stolzes Herze: Ade, Herzliebste, Ade! 9 " Ich bin rin armes Waiselcin! Ich bin ein armes Waiselein Und ziehe in der Welt herum, Und bin gemacht von Fleisch und Bein, Ach schone mein, ich bitt dich drum! Du hast mir Etwas angethan, Ich weiß nicht wie ich mit dir dran! Du bist so ernst und bist so toll, Du sprichst kein Wort und ich bleib stumm. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Du zupfst herum und machst mich dumm. Du hast mir Etwas angethan, Ich weiß nicht wie ich mit dir dran! Ich glaub der Schneider ist dran Schuld, Der Aermel rutscht mir stets herab, Du Ungeduld, sieh meine Huld, Daß keine Scheu vor dir ich Hab. Du hast mir Etwas angethan, Ich weiß nicht wie ich mit dir dran! 133 Ich bin nicht so verkehrt wie du, Ich Hab dich nicht an's Herz gedrückt, Du bist's allein, du gibst nicht Ruh', Kommst immer näher angerückt. Du hast mir Etwas angethan, Ich weiß nicht wie ich mit dir dran! S ch c i d e l i c d. Wohl über die Haide geht ein Weg, Wo sich die Liebchen scheiden; Ein Hnttchen steht am Scheideweg, Gebaut von Trauerweiden. Und an der Hütte ein Bächlein rinnt. Lieb Äuglein heißt die Quelle, Da steht ein Blümchen treu und sinnt. Und kann nicht von der Stelle. Und wer das Blümchen liebend bricht. Dem muß das Herz auch brechen, Das Blümchen spricht: Vergiß mein nicht! Ich muß es nach ihm sprechen. Vergiß mein nicht! du treues Herz, Bleib treu mir in der Ferne, Ohn' dich ist alle Freude Schmerz, Ohn' dich sind dunkel die Sterne. I3s Der Himmel ist so trüb und still, Die Sonne kann nicht scheinen, Ach, wenn ich von dir singen will, , So kann ich nicht vor Weinen! O lieber Gott! sprich ihr in's Herz, Sprecht ihr von mir, ihr Sterne, Und blickt mein Liebchen himmelwärts. So sei sie mir nicht ferne! Gst sah ich dir Sonne steigen Oft sah ich die Sonne steigen Zu des Berges höchstem Rand, Und sich liebend abwärts neigen In ein fremdes fernes Land. Auf der Höhe blieb sie stehen, Und hat scheidend mir vertraut: Nie wirst du mich wieder sehen, Denn ich bin des Mondes Braut. Schrecken wollte mich versteinen, Wie sie mir den Abschied bot, Doch sie lehrte mich noch weinen, Eh' sie schied im Abendroth. Wie die Thränen niederflossen Blühte Ruhe mir herauf, Und in Herzenstiefe schlossen Sich mir Liebesschätze auf. 137 Auf des Abendmeeres Wellen Sah ich goldne Schiffe gehn, Sehnsucht will die Segel schwellen, Phantasie das Steuer drehn. Was werd ich vom Schiff empfangen, Trägt's den Bräutigam heran, Bringt es Perlen, goldne Spangen, Segelnd durch der Wellen Bahn? Doch die Fluthen ernster dunkeln, Purpurn röthet sich die Fluth, Goldnes Dachwerk seh ich funkeln, Das auf Saphirsäulen ruht. Phantasie steht auf den Stufen Und blickt bittend nach mir hin, Scheinet lockend mich zu rufen, Bietend herrlichen Gewinn! Die Einsiedlerin. „O lasse Geliebter mich einsam leben! Dem Tode bin ich früh geweiht, Ich kann dir nicht Friede, nicht Freude geben, Doch beten für dich in Einsamkeit." „Ich will dir Geliebte dein Zellchen bauen, Mein Herz ist einsam und dir geweiht. Und durch meine Augen kannst du wohl schauen Den Himmel so nah, die Welt so weit. „Die Arme, ich will sie dicht um dich schlingen Wie Liebeszweige, an Früchten schwer, Die Lippe, sie soll dir wie Echo klingen, Wie Vöglein springen mein Lied umher. „Dein Händchen, o leg's an mein Herz, es schlaget Im Busen mir ein lebend'ger Quell, Und wie sich in Liebe Liebe beweget, Springt er dir entgegen so freudig hell! 13 » „Du kannst nicht lieben, nicht glauben, so ziehe, So ziehe nur hin in deinen Tod! Die Sonne schien in dein Bettchen zu frühe, Verschlafe nur nicht dein Abendroth. „Noch alle Tag ist's nicht Abend geworden, Mir bringet die Zeit noch Rosen einst, Ich ziehe nach Süden, leb Wohl in Norden, Du lachst mir noch, wie du nun weinst." Und hinter dem Berge der Freund verschwindet, Die Sonne geht durch's Himmelsthor, Sein Bündelchen traurig das Mädchen bindet, Steigt mit dem Mond am Berg empor. Es stehen die Wälder so stille, stille, Des Berges Ströme sausen wild: „O stärke den Muth mir, stark ist der Wille!" So betet sie am Heil'genbild, Da läutet im Winde ein Silberglöckchen, Sie tritt in die Zelle von Rosenholz, Und nimmt das braunseidene Klausnerröckchen, Legt an die Demuth, legt ab den Stolz. Und wie sie die bunten Kleider hinleget, Schlägt ihr das Herz im Busen laut, Die Flöte der Wanduhr so sanft sich reget, Und singt das Nachtlied der Himmelsbraut. 140 „Gut' Nacht! o mein Liebchen, auf seidncm Moose, Ach, wie so sehnend die Nachtigall singt, Am Fensterchen glühet die treue Rose, Die Rose, die einst die Zeit mir bringt! „Ich mußte die Hütte, den Garten geben, Zu bauen dein Zellchen so schön und fein, Und muß nun wie du in der Wilvniß leben, Mit meiner Sehnsucht so einsam sein. „O Liebchen schlaf' Wohl, von deinem Schooße, Fällt klingend der perlene Rosenkranz, Es schläft nicht der Treue auf seiduem Moose, Ihm flicht wohl die Liebe den Dornenkranz." So singt ihr die Flöte, doch verstehen Kann Liebchen nicht des Liedes Leid; Der Liebe Bitten, der Liebe Flehen, Scheint ihr das Lied der Einsamkeit. So lebt sie lange, ungeschmücket Die Tage hin, die Nächte hin, Und schon die Rose sich niederbücket, Sieht nicht mehr nach der Klausnerin. Die Stürme sausen in wilden Nächten Wohl lauter als die Flöte sang, Im Walde die Hirsche brünstig fechten, Die Welt wie wild, die Zeit wie lang. Und sitzet sie traurig an der Thüre, So eilen auf verschlungner Bahn Die Rehe paarweis, die scheuen Thierc, Und stehen still und sehn sie an. „O Zeit, o wolle die Rosen brechen, Wie einsam ist Liebchen, wie allein, In Sehnsucht will ihr das Herz zerbrechen," So schreibt sie oft auf Täfclein. Und heftet sie dann an die Geweihe Der Hirsche, die sie zahm gemacht, Und mustert sie ängstlich nach der Reihe, Ob keiner Antwort ihr gebrachte Weint Liebesthränen, schlingt durch die Locken So weltlich den perlenen Rosenkranz,-^ Und schürzt das Röckchen, schmückt ihre Socken Mit Waldes Blumen, möcht gern zum Tanz. Und regen die Büsche im Mond sich Helle, Und flötet die Nachtigall süß und mild, So kann sie nicht schlafen, steht an der Zelle, Und glaubet, sie sähe des Lieben Bild. Umarmt die Bäume mit Liebesgcberde, Und reicht den blühenden Zweigen die Hand, Und kühlt sich den Busen an kühler Erde, Und zeichnet sein Bildniß in reinen Sand. 142 Oft hebt sie die Füßchen, sie tanzt' so gerne, Und beißt sich die Lippen, sie küßt' so gern, Am Himmel da stehen so rnhig die Sterne, O weh mir wie einsam, die Liebe ist fern- So eilet der Frühling, der Sommer gehet, Es senken die Büsche das grüne Dach, Und sie wird nicht erndten, die nicht gcsäet, Nicht ruhig schlafen, die Reue ist wach! „Du hast nicht geglaubt, nicht geliebt, so blühe, Verblühe nur hin in deinen Tod, Die Sonne schien in dein Bettchen zu frühe, Verschlafe nur nicht dein Abendroth." So wiederholt sie im Traum seine Worte, Es Pochet im Herzen — ja poche nur! Sie gehet im Traume Wohl an die Pforte, O Wehe, es pochte im Herzen nur! Sie weinet getäuschet, und bleibet stehen, Da tonen Worte zu ihr hin: „O laßt ohn' Obdach mich nicht gehen, Gott lohnt euch! fromme Klausnerin." Sie öffnet die Thüre, in lauter Freude Kann sie nicht reden, ihr Auge bricht, In Liebesthränen, und Freud' und Leide, Denn ach, es ist der Geliebte nicht! 1L3 Und wie sie so weinet, steht still der Alte, Das Haupt gesenket, blickt sie nicht an,. „O Jungfrau verzeih, daß ich krank dich halte. Du bist Wohl der Welt noch zugethan." So redet er zürnend, und vor ihm nieder, Kniet weinend die arme Klausnerin, Und fleht: „Gib mir den Geliebten wieder Und führ mich wieder in's Leben hin." Der Alte spricht ruhig: „In jener Klause, Die gestern mein Dach gewesen ist, Ist Andacht und Friede wohl mehr zu Hause, Da wohnet Wohl ein bess'rer Christ. „Da wohnet ein Jüngling, fromm und stille, Und thuet Gutes, ist ohne Tand, Er wählte durch der Geliebten Wille Sich also schwer betrübten Stand." Die Klausnerin jammert und ringet die Hände, Und will nicht bleiben, will zu ihm hin, „O sage mir Greis, wohin ich mich wende, In welchem Thale finde ich ihn." Es weinet der Alte, so tief gerühret Hat ihn der ird'schen Liebe Streit, Es schmückt sich die Holde, als Braut gezieret Steht sie im braunen seidnen Kleid- 144 Und hastig zieht sie ihn von der Schwelle, Will mit ihm nach dem Thale gehn, Die Nacht ist so ruhig, der Mond so Helle, Der Greis bleibt bei den Rosen stehn. Und bricht die Rosen, und kniet nieder Ein Jüngling vor der geliebten Braut, Sie kann ihn umarmen, und wieder, wieder, Sie weint so stille und lacht so laut. „Schlaf wohl! o mein Liebchen, auf scidnem Moose, Die Zeit bringt Rosen, o süße Zeit! Das Einsiedlerrockchen ist leicht und ist lose, Der Himmel so nahe, die Welt so weit. „Auf, auf, o mein Liebchen, ich will uns bringen Zur Freude hin, geschwind wie der Wind!" Und auf die gesattelten Hirsche sich schwingen Der Jüngling und sein getreues Kind. Es fliehen die Berge, es fliehen die Haine, Die Städte stehen und sehen nach, Dann setzt er sie nieder und küßt sie am Rheine — O Liebchen, wer flöhe den Beiden nicht nach! Mägdlein, schlag die Äugen nieder Mägdlein, schlag die Augen nieder, Blicke, die zu heftig steigen, Plaudern Alles fälschlich wieder, Was die Lippen zart verschweigen. Mägdlein, woll die Augen senken Nach dem Schlüssel an der Erde, Sie wird ihn der Demuth schenken, Daß der Himmel offen werde. Mägdlein, lass' die Wimper sinken; Wenn die Blumen aufwärts sehen, Deinem Blick herab zu winken, Wolle nicht vorüber gehen. Mägdlein, nicht die Augen hebe, Allzuoft und wild und schnelle, Daß dein Blick den Himmel gebe Einem nur an rechter Stelle. II. 10 146 Mägdlein, wer hernieder blicket, Der hat wohl sein Herz erbauet, Der hat schon sein Hans beschicket, Eh er sich der Welt vertrauet. Mägdlein, hast du keinen Spiegel, Der dich in dich selber scheinet, Deine Augen sind zwei Siegel, Denen ganz dein Heil versteinet. Mägdlein, senktest du die Augen, Den Endhmion zu Wecken, Würdest du zu lieben taugen, Und nun taugst du nur zum Necken. Mägdlein, woll zur Erde sehen, Lasse deine Augen weiden, Und sie werden auferstehen Und dich wie zwei Sterne kleiden. Mägdlein, diese Augensterne Magst du dann dem Himmel weihen; Daß die Erde lieben lerne, Mußt du ihr die Augen leihen! 147 Komm, Mägdlein, setz dich her zu mir! Komm, Mägdlein, setz dich her zu mir In diese kühle Laube, Wo die wilde Rebe weint Da lacht die Turteltaube. Ru ku kn ku kuh, Ru kn ku ku kuh, Hast du kein Glas, so trink aus dem Schuh! Fein ist dein Fuß, klein ist dein Schuh, Äch komme zu kurz beim Trinken, Drum gib mir einen Kuß dazu Und laß die Äuglein sinken. Glu glu glu glu glu, Glu glu glu glu glu, Verdrießt dich's, mache die Äuglein zu! Nun will ich süße Künste dich, Mein Turteltäubchen, lehren, Warum erfreut die Traube dich Mit ihren vielen Beeren? Ru ku ku ku kuh, Ru ku ku ku kuh, Sie weiß nicht, sie weist nicht, wo drücket der Schuh! 10 * 148 An einer süßen Traube muß Wohl Beer an Beere sitzen. Ein jedes Beerlein ist ein Kuß, Den Wein recht zu erhitzen. Ru kn kn kn kuh, Ru kn kn kn kuh. Machen wir's wie die Tauben nu! Nun sag mir, warum weinen Wohl Im Frühling so die Reben? Weil sich die Jungfrau sehnen soll In ihrem jungen Leben. Ru kn kn kn kuh, Ru kn ku ku kuh. Mein Kind jetzt nicht dergleichen thu! Und warum schwillt der Wein im Faß, Wenn draus die Trauben blühen? Hüpft doch mein Herz ohn' Unterlaß, Wenn deine Wangen glühen. Ru ku ku ku kuh, Ru ku ku ku kuh, Du truuk'nes Herz wie hüpfest du! O, Mägdlein, sieh die Flasche leer, Und voll ist noch mein Willen. Dort zieht der rothe Mond einher, Er soll die Flasche füllen. Ru ku ku ku kuh, Ru ku ku kn kuh, O, Mond, welch Weinlein schenkest du? 14S Der Mond schenkt einen Zaubertrank, Er wird uns leicht berauschen. Der Nachtigallen süßen Zank, O laß ihn uns belauschen. Ru ku ku ku kuh, Nu ku ku ku kuh, O, Turteltaube, nun schweige du! O Zauberei verbuhlter Nacht, Wie süß die Quellen flüstern! „Dort, wo der Mond im Spiegel lacht, Bin ich zu baden lüstern." Ru ku ku ku kuh, Ru ku ku ku kuh, Die Faunen sehen schelmisch zu. Mein Kind, zieh nur dein Hemdlein aus, Ich drehe dir den Rücken. „Ich mache schon die Wellen kraus, Komm, theile mein Entzücken." Nu ku ku ku kuh, Nu ku ku ku kuh, Wie schnell herum dreht er sich nu! Mein Kind, du schwimmst ja wie ein Fisch, Kaum trau ich meinen Augen! — „Steig ein in's Bad, so kühl und frisch, Ich lehr dich untertauchen." Nu ku ku ku kuh, Ru ku ku ku kuh, Wie schnell eilt er dem Master zu! 130 Ich tipp hinein mit einem Fuß, Es will mir nicht behagen. — „Ich spitze schon den Mund zum Kuß, Komm, wolle nicht verzagen!" Ru ku ku ku kuh, Ru ku ku ku kuh, Was zögert denn der Tölpel nu? Ich steig hinein bis an die Knie, Es macht mir Krampf und Schmerzen: Mein Schatz, die Arme breit ich hie, Komm her, ich will dich Herzen. Ru ku ku ku kuh, Ru ku ku ku kuh, O, du verfluchtes Hexchen, du! Das Wasser fließt mir in den Mund, Leb wohl, o Wein, ich sterbe! — Da zog die Nymphe ihn zum Grund Und oben lacht sein Erbe. Ru ku ku ku kuh, Ru ku ku ku kuh, Der Erbe und ich lach dazu. 1S1 Trculicb, Treulieb ist verloren! Ich träumte hinaus in das dunkle Thal Auf engen Felsenstufen, Und Hab mein Liebchen ohne Zahl Bald hier, bald da gerufen. Treulieb, Treulieb ist verloren! „Mein lieber Hirt nun sage mir, Hast du Treulieb gesehen, Sie wollte zu den Lämmern hier Und dann zum Brunnen gehen." Trenlieb, Treulieb ist verloren! „Treulieb in meinem Schooße saß Dort oben an den Klippen, Und weil die Wangen ihr so blaß. So küßt' ich ihre Lippen. Treulieb, Treulieb ist verloren! 152 „Ich bließ die Flöte, ich flocht den Kranz, Ich ging ihr Blumen zu pflücken, Ich wollte sie zum Abendtanz Als meine Buhle schmücken. Treulieb, Treulieb ist verloren! „Da hört sie ein schallendes Jägerhorn, Da thät sie die Öhrlein stellen, Und schwang sich hinüber durch Distel und Dorn Und folgte dem Waldgcsellcn." Treulieb, Treulieb ist verloren! Ich träumte hinab in den dunklen Wald Auf engen Felsenstufen, Und habe mein Liebchen, daß es schallt, Bald hier, bald da gerufen. Treulieb, Treulieb ist verloren! „Mein lieber Jäger nun sage mir, Hast du mein Lieb gesehen? Sie wollte in das Waldrevier .Zu Hirsch und Rehen gehen." Treulieb, Treulieb ist verloren! „Treulieb lag heut in meinem Arm Im Schatten kühler Eichen; Wir herzten uns, es ward ihr warm, Sie ging in's Bad zu steigen. Treulieb, Treulieb ist verloren! 133 „Der Mühlbursch hell ein Liedlein pfiff, Da tauchte Treulieb unter, Und tauchte auf, sprang in sein Schiff, Ganz wohlgemuth und munter." Treulieb, Treulieb ist verloren! Ich träume hin an Mühlbachsrand Auf engen Felsenstufen, Und habe an schallender Klippenwand Mein Liebchen oft gerufen. Treulieb, Treulieb ist verloren! „Nun, lieber Müller," sage mir, „Hast du mein Lieb gesehen? Ich gab ihr Korn, sie wollte hier Bei dir zur Mühle gehen." Treulieb, Treulieb ist verschwunden! „Treulieb ist heut auf weichem Pfühl In meinem Arm entschlafen, Es klang die Schelle, es klappte die Mühl', Das Auffüllen Hab ich verschlafen. Treulieb, Treulieb ist verloren! „Und als mich Morgens die Reiter geweckt, Die hier vorbeigezogen, Hat sie der Trompeter in Mantel gesteckt, Und mich um sie betrogen." Treulieb, Treulieb ist verloren! 134 Ich träumte hin auf der Reiter Zug Zn Staub erkannt ich die Hufen, Und wo das Herz mir lauter schlug, Hab Treulieb ich gerufen. Treulicb, Treulieb ist verloren! „Mein lieber Reiter willst du mir Wo Liebchen ist Wohl sagen, Ich weiß sie hat geholfen dir Dein Zeltlein aufzuschlagen." Treulieb, Treulieb ist verloren! „Treulieb bei mir im Zelte lag, Das Pulver hat sie gerochen Die ganze Nacht, doch früh am Tag, Da ist sie aufgebrochen. Treulieb, Treulieb ist verloren! „Es zog der Bettclstudent vorbei Und spielte auf der Leier, Sie guckt hinaus, was es wohl sei, Und folgt dem neuen Freier." Treulieb, Treulieb ist verloren! Ich träumte, ich folg der Leier Klang Hinab viel Felsenstufen, Und habe auf dem bittern Gang Mein Liebchen noch oft gerufen. Treulieb, Treulieb ist verloren! ISS „Mein lieber Schüler sage mir, Hast du Treulieb gesehen, Sie wollt, ich weiß es wohl, bei dir Zur Singeschule gehen." Treulieb, Treulieb ist verloren! „Treulieb, die fraß mir auf ein Mahl, Wohl Bettelbrod zwei Pfunde, Den Wein, den sie dem Reiter stahl, Trank ich aus ihrem Munde. Treulieb, Treulieb ist verloren! „Doch als ich an der Schmiede stand Um's Abendbrod zu singen, Viel größre Freude sie empfand Am kräft'gen Hammerschwingen. Treulieb, Treulieb ist verloren! „„Mein lieber Meister wohlgcthan,"" Sprach sie zum ruß'gen Mohren, „„Stell mich in deiner Schmiede an, Dich Hab ich mir erkoren."" Treulieb, Treulieb ist verloren! Ich träumt' zur Schmiede den schwarzen Gang Hinab so viele Stufen, Und lauter als der Hammer klang Hab ich Treulieb gerufen. Treulieb, Treulieb ist verloren! i 136 Da sprach der Meister: „Sie hat der Knecht," Der Knecht: „Sie hat der Bube," Der Bube wies mich dann zurecht Zu Todtengräbers Stube. Treulieb, Treulicb ist verloren! Ich träumt hinab iu's Todtenthal Wohl tausend dunkle Stufen, Und Hab mein Lieb wohl Tausendmal Mit bittrer Angst gerufen. Treulieb, Trenlieb ist verloren! „Mein Todtengräber, nun sage mir, Hast du mein Lieb gesehen? Auf ihrer Mutter Grab allhier, Wollt sie die Blumen säen." Treulieb, Treulieb ist verloren! „Treulieb war bei mir manche Nacht Und sang mir freche Lieder, Und wenn ich ein Fräulein zu Grab' gebracht, Da stahl sie ihr das Mieder. Treulieb, Trculieb ist verloren! „Sie stiehlt der Braut den Jungfernkranz, Die schwarzen Todtenschuhe, Die zieht sie an und ging zum Tanz Und nimmt den Leichen die Nuhe. Treulieb, Treulieb ist verloren! „Und als sie nach goldnen Ringen sucht Mit gierigem Verlangen, Der todte Jude, der tief verflucht, Hat zärtlich sie umfangen." Trculieb, Treulieb ist verloren! „Wo ist des todten Juden Grab, Wo ruht der böse Bube?" Der Todtengräbcr zur Antwort gab: „Geh nach der Schindergrube." Treulieb, Treulieb ist verloren! Ich träumte zum dunklen Galgen hin Hinauf viel tausend Stufen, Und Hab mein Lieb mit wildem Sinn Wie Naben und Geier gerufen. Treulieb, Treulieb ist verloren! „Nun, todter Jude, sage mir, Hast du Treulieb gesehen? Sie wollte ganz allein zu dir, Um dich zu taufen, gehen." Treulieb, Treulieb ist verloren! „Sie war bei mir zur zwölften Stund', Und hat mir's nicht gedanket, Es heulte zum Mond des Schinders Hund, Der Gehenkte im Galgen schwanket. Treulieb, Treulieb ist verloren! 1S8 „Da läßt sie die edle vertrauliche Gruft Und stiehlt mir mein Geschmeide, Und steigt hinauf zu dem luftigen Schuft Auf der dünnen Galgenleiter." Treulieb, Treulieb ist verloren! Ich träumte hinauf iu's leere Schloß Wohl auf der Leiter Stufen, Und habe auf jeder Galgensproß Nach meinem Lieb gerufen. Treulieb, Treulieb ist verloren! „Nun sage mir mein gehenkter Schuft, Hast du Treulieb gesehen? Sie schöpfte hier wohl frische Luft Und wollte um sich sehen." Treulieb, Treulieb ist verloren! „Sie hat mit mir im Mondenschein Ein Stündchen sich geschaukelt, Da hob sich Lärm und wildes Schrei'n, Da kam es heran gegaukelt. Treulieb, Treulieb ist verloren! „Zuerst der Hexen Troß voran Auf Gabeln und auf Besen, Und dann der Meister Urian, Der hat sie sich erlesen. Treulicb, Treulieb ist verloren! „Er faßt die Jungfer sich auf's Korn, Mit angenehmen Sitten, Sie faßt den Teufel bei dem Horn, Zum Blocksberg sie dann ritten." Treulieb, Treulieb ist verloren! Ich träumte hinauf die steile Höh' Auf engen Felsenstufen, Und Hab mit Ach und Hab mit Weh Nach meinem Liebchen gerufen. Treulieb, Treulieb ist verloren! „Nun, lieber Teufel, sage mir, Hast du Treulieb gesehen? Sie kam allein herauf zu dir, Dich kämpfend zu bestehen." Treulieb, Treulieb ist verloren! „Treulieb küßt mich bei'm Mummenschanz, Ich war ihr wohlgewogen, Doch hat sie mir bei'm wilden Tanz Ein Ohr schier abgelogen. Treulieb, Trcnlieb ist verloren! „Geh, nimm sie wieder, da sitzet sie Beschmutzt auf schmutzigem Flecke!" „Bist du Treulieb!" ich laut aufschrie Als ich sie dort entdecke. Treulieb, Treulieb ist verloren! 16 « „Mein lieb Treulieb, nun sage mir, Hast du Treulieb gesehen, Sie soll nun mir in dir allhier Wahrhaftiglich bestehen." Treulieb, Treulieb ist verloren! „Treulieb, Treulieb ist nicht allhie, Sie spukt dir im Gehirne, Treulieb ist Dichterphantasie — Und ich bin — eine Dirne!" Treulieb, Treulieb ist verloren! O lieb Mädel, wie schlecht bist du! Die Welt war mir zuwider, Die Berge lagen auf mir, Der Himmel war mir zu nieder, Ich sehnte mich nach dir, nach dir! O lieb Mädel, wie schlecht bist du! Ich trieb wohl durch die Gassen Zwei lange Jahre mich; An den Ecken mußt ich passen And harren nur auf dich, auf dich! O lieb Mädel, wie schlecht bist du! And alle Liebeswunden, Die brachen auf in mir, Als ich dich endlich gefunden, Ich lebte und starb in dir! O lieb Mädel, wie schlecht bist du! 11 ^ , > - U 162 Ich Hab vor deiner Thüre Die hellgestirnte Nacht, Daß dich mein Lieben rühre, Oft liebeskrank durchwacht. O lieb Mädel, wie schlecht bist du! Ich ging nicht zu dem Feste, Trank nicht den edlen Wein, Ertrug den Spott der Gäste/ Um nur bei dir, bei dir zu sein! O lieb Mädel, wie schlecht bist du! Bin zitternd zu dir gekommen, Als wärst du ein Iungfräulein, Hab dich in Arm genommen, Als wärst du mein allein, allein! O lieb Mädel, wie schlecht bist du! Wie schlecht du sonst gewesen Vergaß ich liebend in mir, Und all dein elendes Wesen Vergab ich herzlich dir, ach dir! O lieb Mädel, wie schlecht bist du! Als du mir einst gegeben Zur Nacht den kühlen Trank, Vergiftetest du mein Leben, Da war meine Seele so krank, so krank! O lieb Mädel, wie schlecht bist du! 163 Bergab bin ich gegangen Mit dir zu jeder Stund', Hab fest an dir gehangen Und ging mit dir zu Grund! O lieb Mädel, wie schlecht bist du! Es hat sich an der Wunde Die Schlange festgesaugt, Hat mit dem gift'gen Munde Ten Tod in mich gehaucht! O lieb Mädel, wie schlecht bist du! Und ach, in all den P einen War ich nur gut und treu! Daß ich mich nannte den Deinen, Ich nimmermehr bereu', bereu'! O lieb Mädel, wie schlecht bist du! 11 " Srippel, Trippel trap, trab, trap! Trippel, Trippel trap, trab, trap, Heut' schließ ich die Thür nicht ab, Wenn ich dich erst bei mir Hab, Lass' ich nicht mehr von dir ab. Weck mir nicht die Mutter auf, Nur nicht hust', nicht nieß', nicht schnauf, Nicht zu stolz renn mir herauf, Wer hoffärtig fällt leicht dräust^ Weck mir nicht die Martinsgans, Tritt dem Hund nicht auf den Schwanz, Schleiche wie der Mondenglanz, Wie ein Floh im Hochzeitskranz. /. Stoß mir nicht die Kübel um, Liebster Schatz, ich bitt dich drum! Rumpelt er rumpidi pum, Liebster Schatz, das wäre dumm! Und vor Allem ich dich bitt Ans der Treppe in der Mitt' Mache einen großen Schritt, Von vier Stufen fehlt die dritt'! 165 In das Man! nimm deine Schuh' Kommt die Magd, so fahr drauf zu, Dann glaubt sie du seist Mn, Mn, Kriecht in's Bett und läßt uns Ruh'l /Gehe links, ach! geh' nicht recht Sonst kömmst du zum Oberknecht, Und da kriegst du ein Gefecht, Und der Jockel trifft nicht schlecht. Steig auch nicht bis nnter's Dach, Kämest in das Taubeufach, Da wird gleich mein Bruder wach, Eilet schnell dem Marder nach. Bist du vor der Kammcrthür, Klage deinen Jammer mir, Dann schieb ich die Klammer für, Schrei: wer ist, potz Hammer! hier. Und da wachet Alles auf, Mutter, Bruder, Knecht im Lauf Nah'n, eö wird 'ne Prügel-Trans, Besser als 'ne Kindertaus'. Doch es ging 'ncn andern Gang, Mutter nach neun Monden sang: ,,Mädel, 's wird mir angst und bang, Sonst war ja dein Röllchen lang." -d ''R ^ 't> ,6 O' ' 1 O Trau m. Es leuchtet hell der Morgenstern! Was mag mein Schatz wohl machen? Bei meinem Liebchen war ich gern, Sah' gern im Schlaf sie lachen. Da fällt mir ein, daß Sonntag heut', Daß sie, als ich sie fragte: „Wann stehst du auf, um welche Zeit?" Ich will ausschlafen, sagte. Sie sprach: „Ich Hab so viel geweint, So viel gestrickt, gewachet;" Wann heiß die Sonn' am Himmel scheint Mein Liebchen erst erwachet. Drum wend' ich mich und schlafe ein, Von meinem Schatz zu träumen, Und träum, ich steh im Sonnenschein Wohl unter grünen Bäumen. An einem klaren Brunnen saß Zu waschen sich, Elischeu, Ihr Kleidchen lag im grünen Gras, Sie wusch die blanken Füßchen. 167 Sie sprach: „Mein Fuß, der wird Wohl rein Durch dieses Wassers Tugend, Doch ach! stets bleibt das Oberbein Vom Fehltritt in der Jugend." Daun ließ sie auf ihr Hemdelein Wohl manche Thräne fließen, Und sprach: „Ach Gott! es wird nicht rein, So sehr ich's mag begießen." Da sprach ich: „Dn verloren Kind, Dein Wesen thut mich rühren, Wein' immer zu, bis daß du blind, Dann will ich treu dich führen." Sie sprach: „Welch schöne Führerei, Selbst bist du blind vor Lieben, Der Blinden wären es dann zwei, Gott weiß, wo wir dann blieben!" Ich sprach: „Kind, Amor auch ist blind, Der doch so sicher schreitet, Ich führe dich, und mich das Kind, Der blinde Amor, leitet." Sie sprach: „Wohin, wohin nun ziehn, Ich Hab den Fuß vertreten?" Ich sprach: „Dn sollst erst niederknien Und wieder einmal beten!" 168 Und als sie fiel auf ihre Knie, Da sah sie sich im Bronnen, Und schämt sich nicht, daß nackend sie Bei Tag, bei Hellen Sonnen. Drum war ich traurig und erschreckt Und mußte bitter weinen; Das hat vom Traum mich aufgeweckt. Die Sonn' sah hell ich scheinen. Zu meines Liebchens Kämmerlein Lief ich in aller Eile, Da schlummerte sie ganz allein, Ich stand da eine Weile. Die Arme unter's Haupt gelegt, So schlief sie in den Kissen, Ihr Herz schlug laut und starkbewegt; Wovon mag sie wohl wissen. Still schlummerte das junge Blut, Ich mußte bei ihr weinen. Ach! armes Kind, wärst du so gut, Als du mir kannst erscheinen. Und das Gesichtchen, rein wie Gold, Die Locken blond umringen, Der Mund, wie eine Kirsche hold, Lockt mich in ihre Schlingen. 16 » Ich neigte mich zu ihrem Mund, Es hat mich hingerissen, Und sie erwacht zu guter Stund', Um wieder mich zu küssen. Und als ich ging, da bat sie mich, Ich sollt am Abend kommen; Ich sprach: „Vielleicht besuch' ich dich!" Fest hatt' ich's vorgcnommen. Und Abends als ich zu ihr kam, Aus meiner stillen Klause, Da sagte zu mir die Madam': „Mamsell ist nicht zu Hause!" Das that mir in dem Herzen Weh, Nachts elf da kam ich wieder, Doch ach! ihr Licht ich nicht mehr seh, Sie liegt Wohl schon darnieder. Nach Hause ging ich, und mein Kind, Hab dir dies Lied geschrieben, Am Morgen schon vor Liebe blind, Bin's bis zur Nacht geblieben! 170 Nach Sevilla! Nach Sevilla, nach Sevilla! Wo die hohen Prachtgebäude In den breiten Straßen stehen, Aus den Fenstern reiche Leute, Schön geputzte Frauen sehen, Dahin sehnt mein Herz sich nicht! Nach Sevilla, nach Sevilla! Wo die letzten Häuser stehen, Sich die Nachbarn freundlich grüßen, Mädchen aus dem Fenster sehen, Ihre Blumen zu begießen, Ach, da sehnt mein Herz sich hin! In Sevilla, in Sevilla! Weiß ich wohl ein reines Stübchen, Helle Küche, stille Kammer, In dem Hanse wohnt mein Liebchen, Und am Pförtcheu glänzt ein Hammer. Poch ich, macht die Jungfrau auf! 17L Wenn die Sonne weggegangcn! Wenn die Sonne weggegangen, Kommt die Dunkelheit heran, Abendroth hat goldne Wangen Und die Nacht hat Traner an. Seit die Liebe weggcgangen Bin ich nnn ein Mohrenkind, Und die rothen, frohen Wangen Dunkel und verloren sind. Dunkelheit muß tief verschweigen Alles Wehe, alle Lust; Aber Mond und Sterne zeigen Was mir wohnet m der Brust. Wenn die Lippen dir verschweigen Meines Herzens stille Gluth, Müssen Blick' und Thränen zeigen Wie die Liebe nimmer ruht! Ich wollt rin SträHlcin tiinden. Ich wollt ein Sträußlein binden, Da kam die dunkle Nacht, Kein Blümlein war zu finden, Sonst hält' ich dir's gebracht. Da flössen von den Wangen Mir Thränen in den Klee, Ein Blümlein aufgegangen Ich nun im Garten seh. Das wollte ich dir brechen Wohl in dem dunklen Klee, Doch sing es an zu sprechen: „Ach, thue mir nicht Weh! „Sei freundlich in dem Herzen, Betracht dein eigen Leid, Und lasse mich in Schmerzen Nicht sterben vor der Zeit!" 173 Und hätt's nicht so gesprochen, Im Garten ganz allein, So hält ich dir's gebrochen, Nun aber darf's nicht sein. Mein Schatz ist ausgeblieben, Ich bin so ganz allein. Im Lieben wohnt Betrüben, Und kann nicht anders sein. Mas mag dich nur betrüben? Was mag dich nur betrüben, Daß du so traurig denkst? Du mußt wohl Buße üben, Weil du die Blicke senkst. „Wie durch die stillen Wiesen Die Bächlein murmelnd gehn, Die Blumen, die dran sprießen, Wie die hinunter sehn, „So seh ich zu, so horch ich zu, Bin freundlich mit ihnen auf du und du, Und wollt, daß es mein Liebchen war, Ei, das begreifst du wohl nimmermehr!" Was ist dir nur geschehen? Daß du so ganz allein Im dunkeln Wald magst gehen, Du mußt wohl närrisch sein! 17S „Wie grüne Büsche lauschen Und Echo wiederklingt, Was leis' die Büsche rauschen, Und sroh das Vögleiu singt. „So horch ich zu, so ruf ich zu, Bin freundlich mit ihnen auf du und du, Und wollt, daß es mein Liebchen war, Ei, das begreifst du Wohl nimmermehr!" Ich kann es Wohl begreifen, Sieh nicht so vor dich hin, So wirst du Wohl begreifen, Daß ich dein Liebchen bin. „So laß uns tanzen, springen Im kühlen grünen Wald, Die Töne laß erklingen, Daß Alles freudig schallt, ,,7ur, >u, tu, tu, tue, lu, tu, tu, Wir leben und schweben auf du und du, Und wenn es nicht mein Liebchen war, Ei, so begriff ich's wohl nimmermehr!" Dcr Spinnerin Lied. Es sang vor langen Jahren Wohl auch die Nachtigall, Das war wohl süßer Schall, Da wir zusammen waren. Ich sing und kann nicht weinen, Und spinne so allein Den Faden klar und rein, So lang der Mond wird scheinen. Da wir zusammen waren, Da sang die Nachtigall, Nun mahnet mich ihr Schall, Daß du von mir gefahren. So oft der Mond mag scheinen, Gedenk ich dein allein, Mein Herz ist klar und rein, Gott wolle uns vereinen. 177 Seit du von mir gefahren Singt stets die Nachtigall, Ich denk bei ihrem Schall Wie wir zusammen waren. Gott wolle uns vereinen, Hier spinn ich so allein, Der Mond scheint klar und rein, Ich sing und möchte weinen! II. 12 Als mir dein Lied erklang! Dein Lied erklang, ich habe es gehört Wie durch die Rosen es zum Monde zog, Den Schmetterling, der bunt im Fühling flog Hast du zur frommen Biene dir bekehrt; Zur Rose ist mein Drang Seit mir dein Lied erklang! Dein Lied erklang, die Nachtigallen klagen, Ach, meiner Ruhe süßes Schwanenlied Dem Mond, der lauschend von dem Himmel sieht, Den Sternen und den Rosen muß ich's klagen. Wohin sie sich nun schwang, Der dieses Lied erklang! Dein Lied erklang, es war kein Ton vergebens, Der ganze Frühling, der von Liebe haucht, Hat als du sangest nieder sich getaucht Im sehnsuchtsvollen Strome meines Lebens, Im Sonnenuntergang, Als mir dein Lied erklang! Zorn und Liebe. O Zorn! du Abgrund des Verderben, Du unbarmherziger Tyran, Du frißt und todtest ohne Sterben Und brennest stets von Neuem an; Wer da geräth in deine Haft Gewinnt der Hölle Eigenschaft. Wo ist, o Liebe, deine Tiefe, Der Abgrund deiner Wunderkraft? O, wer an deiner Quell entschliefe, Der hätte Gottes Eigenschaft; O wer, o Lieb', in deinem Meer Gleich einem Tropfen sich verlor! 12 * 18 « Die Rose blüht! Die Rose blüht, schloß gleich ein rauher Wind, Als sie der goldnen Imme sich erschlossen, Der Liebe arglos offnen Kelch geschwind, Hat doch der Haß nicht Gift hineingegossen. Sie schloß gleich einem bangen zarten Kind Die Augen, bis die Zornfluth abgeflossen, Vielleicht schloß sie in brünstigem Verlangen Sich nur so schnell die Biene einzufangen. Die Rose blüht, die Biene ist entfloh», Auf's Neue muß sie mit den Frühlingsglocken Des Zornes Stachel für den goldnen Sohn In ihres Duftes keuschen Busen locken, Ihr süßer Thau ehrt, er wird ihm zum Lohn. O seh, mein Bienlein, sei nicht so erschrocken, Zum Garten sieht mein Fenster, dorten wohn ich. Komm, liebe Imme, sammle Wachs und Honig! 181 Die Rose blüht, wenn alle Vöglein schlafen, Wenn nieder hinter'm Wald die Sonne flieht, Wenn treu der Mond mit seinen Wolkenschafen An deiner Rose Stand' vorübcrzieht; Zur Stunde als Jmelden's Töne trafen Ein liebes Herz durch ein unschuldig Lied, Da will am Fenster nieder zu dem Garten Die Rose auf die fromme Biene warten. Die Rose blüht, o fliehe Licht der Sonnen, O führe Mond die Sternenheerde bald Zum stillen vollen goldnen Mondesbronnen, Streu aus den Eichen Schatten, dunkler Wald, lind bleiche, Mond, was Liebe hat gesponnen; Doch mit Musik, die anderswo erschallt, Mag Amor all die Schmetterlinge irren, Die lauschend gern die Rose dir umschwirren! Die Rose blüht, der Zorn ist voll Verderben, Wer, Zorn, gcräth in deine finstre Haft, Der mordet, martert, tödtet ohne Sterben Und hat der bittern Hölle Eigenschaft. O Liebe, wer die Einsicht dürft erwerben Von deiner Gottes tiefen Wunderkraft; O Liebe, wer ei,n Tröpflein sich verlöre In deines Segens Welt umspielendem Meere! 182 An eine Schauspielerin. Durch die stummen Wälder irrte Ohne Lämmer, ohne Liebe, Träumerisch ein armer Hirte, Unbekümmert, wo er bliebe. Leichten Sinn in schwerem Herzen Trug er durch des Tags Gewimmel, Bittre Freuden, süße Schmerzen Zogen über ihm am Himmel. Diesem trüben Wolkenfluge, Dicht verschleiernd ihm die Sterne, Folgt er mit geheimem Zuge In die sehnsuchtsvolle Ferne, Ohne Ruhe seine Füße, Ueber Berg' und Thal hinunter, Seine Lippen ohne Grüße — Traurig Herz, wie bist du munter! O ihr grünen treuen Buchen! O ihr ew'gen ernsten Eichen! Sagt ihm was ist Werth zu suchen, Gebet seinem Weg ein Zeichen. 183 Gib, o Fels, ihm eine Stimme, Flnst'rc zu ihm fromme Quelle, Welchen Gipfel er erklimme, Daß sich ihm das Herz erhelle. Stilles Röslein aus dem Strauche Ihm mit trauten Augen winke, Klarer Lilienkelch, o hauche Süß ihm zu, daß Trost er trinke. Ist ein Heiland wo geboren? Heil'gc Nacht Kometen schwingend Zeig den Pfad, den er verloren, Ihn gen Bethlehem hinbringend. Stumm bleibt Fels und Thal und Bäume, Blumen duftlos, Quell ohn' Klarheit, Und sein Schlummer ohne Träume, Und sein Wachen ohne Wahrheit. Und er sitzet bei den Weiden, Läßt die traurigen Gedanken Wie verwaiste Lämmer weiden Unter wilden Ephenranken. Als ihn auf dem nahen Grunde, Den ein dichter Nebel decket, In der stillen Abendstunde Laut ein Hirtenspiel erwecket. 18L Bei dem Klange der Schalmeien Hört er zu dem heitern Spiele, Und sie singen, froh im Reihen, Ohne daß sein Blick Hinsiele. Doch bald hört er tief erquicket, Eine nur aus allen Stimmen, Wie man gern auf Blüthen blicket, Die auf lauter Quellen schwimmen. Zwar verschlungen in dem Spiele Hört er sie doch ganz alleine, Gleich als ob die Sonne ziele Zu ihr mit vertrautem Scheine. Also weilt auf WaldeS Gipfel Gern das Auge in den Kronen, Die die Sonne in die Wipfel Hänget, wo die Nymphen wohnen. Also wenn der Tag gesunken, Folgen gern der Sehnsucht Blicke Schweifenden Johannisfunken Zu geträumtem Liebesglncke. So schien ihm das Thal der Spiegel Eines Nacht anschau'nden Flusses. Und die Stimme schien das Siegel Eines klaren Mondeskusses. 185 Und das Licht der eignen Blicke Zündend an der Stimme Schimmer, Sprach er: „Find ich keine Brücke, Werde ich ein sel'ger Schwimmer!" „Dieses Antlitz will ich schauen, Das mit solchem Zauber redet, Das mir Friede und Vertrauen, In die todte Brust gebetet!" Und der Hirte eilte singend, Fand da bei den Weiden sitzend Einen Jüngling Körbe schlingend Und gezierte Pfeile spitzend. Diesen fraget nun der Hirte: „Weißt du, Flechter, wo sie wohne, Die mir meinen Gram entwirrte Mit der Stimme liebem Tone?" „„Ob ich's weiß,"" lacht da der Schlaue, „„Diese Körbe, diese Pfeile Sind für sie, zu ihrer Aue, Führ ich dich in kurzer Weile."" Und er folgt im Mondenscheine Wunderbare Träume spinnend, Daß sie also ihm erscheine Sich ein falsches Bild ersinnend. 18 « Blaue Augen, blonde Locken Und ein Mund voll stiller Freuden, Wie die süßen Blumenglocken, Die den lieben Mai cinläuten. Und mit seligem Verstummen Lauscht er auf die goldnen Bienen, Die mit süß berauschtem Summen Ihm zu ihr zu schweben schienen. Und er schreitet durch die Pforte, Und er stehet in dem Garten, Ist nun an dem lieben Orte: Seine Freude zu erwarten. Ach, welch wunderbar Erstaunen, Die sein Traum sich golden sonnte, Sie gehöret zu den Braunen, Und er dacht an eine Blonde. Als er zu ihr niedersitzet, Nimmt sie still des Flechters Körbe Und die Pfeile süß gespitzet — „Ob am Korb, am Pfeil ich sterbe?" Denkt der überraschte Hirte, Schauend in den dunklen Bronnen Ihrer Augen, und verwirrte Sich in tausend Zauberwonnen. 187 Der die Hirtin wollte finden Hat die Zauberin gefunden. Der nur Kränze wollte winden Ward mit Frauenhaar gebunden. Mit den Pfeilen spielend drückte Sie den Pfeil in's Herz dein Hirten, Den die Stimme hoch entzückte Macht der Anblick zum Verwirrten. Nimmermehr vor ihr zu stehen, Ging er von ihr, fest entschlossen. Hat sic nochmals angesehen, Und die Pforte dann geschlossen. Wo die Wälder tiefer dunkeln Hörte er den Flechter lachen: „Sahst du ihre Angen funkeln? Träumend kamst du, lerne wachen! „Wen dies braune Kind gcrührct, Der wird nimmermehr genesen, Amor ist, der zu ihr führet, Amor bin ich dir gewesen." Und der Hirte ging erzürnet In den Hain, der mm ihm rauschte. Und sein Himmel war gcstirnct, Stimmen Hort er, wo er lauschte. 188 Ja, weil sie sein Herz erhoben, War die ganze Welt belebet, Tief im Thal, am Himmel oben Ueberall die Braune schwebet. Manche Blume muß er pflücken, Ordnet sie zum Bilderstrauße, Schickt sie deutend sein Entzücken Zu der braunen Zaub'rin Klause. Und der Strauß sprach: „Dich du Blonde Ich in meines Traumes Sonnen Also thöricht liebend sonnte, Daß du braune Gluth gewonnen. „Und du mußtest mich bestrafen, Aus der braunen Nacht der Augen Mich zwei Sterne zielend trafen, Die mir nie mehr untcrtauchen!" Als er später wieder nahte, War er stumm und sie war gütig, Ihre Augen voller Gnade, Nein, sie ist nicht übermüthig! Sieh, da trat zu ihrer Zelle Fest ein Mann mit tapfrem Wesen, Ihre Blicke wurden schnelle In den Augen ihm zu lesen. 18 S Und er war so schön genistet, Mit den Narben deutsch gcschmücket, In der Brust so treu gebrüstet, Daß sie seine Hände drücket. Und der Hirte still gerühret Mußte sich des Manns erfreuen, Sah er im Triumph geführet Seinen Strauß selbst vor ihm streuen. Und als er nun von ihr gehet Solche Neigung nicht zu stören, Schön die Braune vor ihm stehet Laßt ihn güt'ge Worte hören. Ich will gern dich Wiedersehen, Du darfst mir den Strauß erklären; Er soll mir nicht untergehen, Welkend sich mir nicht verzehren. Und der Hirte spricht: „Du Fromme! Er ist tapfer, ist bescheiden; Und wenn ich nun zu dir komme, Bist du himmlisch allen Beiden! Orr Lphcu. O wie ist der Epheu treu! Kann er sich nicht selbst erheben, Kann er gleich den Wein nicht geben, Kann er doch so liebend ranken An den Armen, an den Kranken, Ans zum wahren Wcinstock streben! O wie ist der Epheu gut! Wo er nur ein Bischen ruht ' Gleich die Wnrzelchen fest klammern, Daß die Trennung ihn muß jammern! O, wie ist der Epheu treu! Wenn die Grabesnrne bricht, Läßt sie doch der Epheu nicht; Bindet um die Asche fest die Scherben, Denn getrennet muß er sterben! O, wie ist der Epheu zäh! Von der Wurzel losgeschnittcn, Werden Wurzeln seine Zweige, Daß er nie von jenem weiche, Was er einmal hat umarmt! 191 O, wie ist der Epheu sinnend! Und das, was er sinnet, minncnd: Wer trennt mich von meiner Liebe, Um das Kreuz schlingt er die Triebe, In der Wüste lag ein Stein So allein, allein, allein! Kam der Epheu zäh und kraus, Baute drum ein grünes Haus. Immergrün ist er geblieben, Sollte ihn der Stein nicht lieben! Dank. Wenn ich über die Flur hinschaue, Wo mein liebstes Leben blüht, Werden trunken in dem Thaue Meine Augen niemals müd. Wenn mir auch kein Gräschen winket, Auch kein einzig Blümchen nickt, Doch mein Herz den Frieden trinket, Der aus allen schweigend blickt. Diese wundersüße Stille Wieget mir die Stürme ein, Und es schweiget selbst mein Wille, Denn ich kann nicht besser sein. Und es steiget mir der Frieden Um das Herz, aus deinem Blut, Will dir's gleich oft brennend sieden, Kühlt mir's doch die inn're Glut. 193 Ach! ich möcht' dann vor dir knien. Gleich vor Gott und aller Welt, Danken, daß du mir verziehen, Mich der Liebe heimgestellt. Und die Seele geht mir unter, Staunend vor der Gottesmacht, Daß ein solches Himmelswunder In dem armen Leibe wacht. Kind, du hast mich erst gelehret Wie ein Leib so heilig ist, Daß ihn selbst für uns begehret Unser lieber heil'ger Christ. 194 Der Traum der Wüste. O Traum der Wüste, Liebe, endlos Sehnen, Blau überspannt vom Zelte, Stern an Stern; O Wüstengluth voll Thau, o Lieb' voll Thränen, Weil sich unendlich Nahes ewig fern. O Wüstentraum, wo Lieb' auf Herzschlag lauschet, Wenn flücht'gen Wildes Huf die Wüste drischt, O Traum, wo der Geliebten Schleier rauschet, Wenn Geicrflug im Sandmcer Schlangen fischt. O Wüstentraum, wo Liebe träumt zu fassen Jetzt Joseph's Mantelsaum mit durst'ger Hand, Da geißelt wach, verhöhnt halb, ganz verlassen Ihr Herz, der Wüste Geißel, glüher Sand. O Liebe, Wüstentraum der Sehnsuchtspalme, Die blüthenlos Gezweig zum Himmel streckt, Bis segnend in des höchsten Liedes Psalme Der Engel sie mit heil'gem Fruchtstaub weckt. O Wüste, Traum der Liebe, die verachtet Vom Haus verstoßen mit der Hagar irrt, Wo schläft der Quell? da Jsmael verschmachtet. Bis deine Brust ihm eine Amme wird. ISS 5D Wüstentraum der Liebe, die sich sehnet, Steigt nie ein Weiherauch aus dir empor? Geht duftend, auf den Bräutigam gelehnet, Nie meine Seele heil aus dir hervor? O Wüste, wo das Wort der ew'gen Liebe Im unversehrten Dorn vor Moses flammt, Ein Zeugniß, daß die Mutter Jungfrau bliebe, Aus deren Schooß der Sohn der Gottheit stammt. Lieb', Wüstentraum, so laut des Rufers Stimme, „Bereit' den Weg des Herrn!" dir mahnend schallt, Summt in des Löwen Schlund dir doch die Imme, Die Süßes baut im Rachen der Gewalt. O Durst der Liebe, Wüstentraum, wann spaltet Der Herr den Fels, daß Wasser gibt der Stein, Wann deckt in dir den Tisch, der gütig waltet, Wann sammle ich das Himmclbrod mir ein? Durst, Liebe, Wüstentraum, dort scheint am Hügel Der Morgenstrahl, ein Hirtenfeuer weiß, Wo Durst gewähnt des Wasserfalles Spiegel Fand Liebe ein Geschiebe Fraueneis. O Liebe, Wüstentraum des Heimathkranken, Ähr Paradiese, schimmernd in der Luft, Ihr Sehnsuchtsströme, die durch Wiesen ranken, Ihr Palmenhaine, lockend in dem Duft. 13 * 19 « O Liebe, Wüstentraumquell, bei'm Erwachen Rauscht dir kein Quell, es wirbelt glüher Sand, Es saust das Haus der Schlangen und der Drachen Und prasselt nieder an der Felsenwand. O Wüstentraum, wo Sehnsucht Feuer trinket, Und Liebe, angehaucht vom gift'gen Smum, Ohn' Trost und Hoffnung todt zur Erde sinket; — O Tod ohn' Liebe, Hoffnung, Ehr' und Ruhm! O Wüstentraum der Lieb'! in der Oase Labt dich am Quell, der zwischen Palmen glänzt, Ein schlankes Kind — die Schlange ist's im Grase^ Der Räuber Kundschaft'rin, ein Truggespenst. O Liebe, Wüstentraum, nach kurzem Gasten Sprengt dich der Räuber gastfrei an mit Hohn: „Mein Brüderchen! entlaste dich zum Fasten, Wo denkest du hinaus, mein lieber Sohn?" O Liebe, Wüstentraum, du mußt verbluten, Beraubt, verwundet, trifft der Sonne Stich, Der Wüste Speer dich, und in Sandesgluten Begräbt der Wind dich, und Gott findet dich! Wiegenlied eines zammcrndeir Herzen. Januar 1817. O schweig nur, Herz! die drohende Sibylle, Die dir durch deinen Frieden Wehe! kreischt, Den grimmen Geier, 'der dich so zerfleischt, Bannt dir ein mildes Kind und deckt ganz stille Die schrei'nde Wunde dir mit Taubenflügeln, Weckt dir den Morgenstern auf stummen Hügeln. O schweig nur, Herz! Horch! Klang von Engelschwingen! Was zuckst du so? du mußt fein leise thun, Wo man dir singet: Wie so sanft sie ruh'n, Die Seligen, dahin wird man dich bringen; Sei still! was schreist du? einsam ist kein Leben, Kein Grab; schlaf süß; die Liebste träumt daneben! O schweig nur, Herz! du hast ja Nichts besessen, Du läßt ja Nichts zurück, wem trauerst du? Auch deines Himmels Augen fallen zu, Doch seiner Liebe Licht strahlt ungemessen; Brichst du, bricht jenes Herz? wer bleibt, wird sagen: O schönre Lust, halb hier, halb dort zu schlagen! 188 O schweig nur, Herz! du magst wohl selig schweigen. Was schreist du nur! dir fiel ein süßes Loos, Dich wiegt die Unschuld ohne Grau'n im Schoos, Aus tiefen Augen blickt dein Himmelszeichen; Sei ihr nicht schwer, sei selig, träume, schwebe, Wein' um die Traube nicht, wein' mit der Rebe! O schweig nur, Herz! sonst nennt dich einen Raben Die Liebste, die nur Tauben Futter giebt, O diene still und treu, bis sie dich liebt, Werd' eine Taube, die nur will sie haben; O selig, ihr als Taube zu gehören, So lang sie sich der Raben wird erwehren! O schweig nur, Herz! und lerne sel'ger schauen. Als Andre, in die Huld, die sie umgibt, Daß sie dir mehr, als allen Andern gibt, Das zwinge sie, dir stumm einst zu vertrauen; Schweig', dulde, glaube, hoffe, liebe, baue, Dein Elend fromm, daß sie dir ganz vertraue! Schweig Herz! kein Schrei l Schweig Herz! kein Schrei! Denn Alles geht vorbei! Doch daß ich auferstand Und wie ein Jrrstern ewig sie umrunde. Ein Geist, den sie gebannt, Das hat Bestand! Ja Alles geht vorbei, Nur dieses Wunderband, Aus meines Wesens tiefstem Grunde, Zu ihrem Geist gespannt, Das hat Bestand! Ja Alles geht vorbei. Doch ihrer Güte Pfand, Jed' Wort ans ihrem lieben frommen Munde^ Folgt mir in's andre Land Und hat Bestand! 20 « Ja Alles geht vorbei! Doch sie, die mich erkannt, Den Harrenden, wildfremd an Ort und Stunde, Ging nicht vorbei, sie stand, Reicht mir die Hand! Ja Alles geht vorbei! Nur Eines ist kein Tand, Die Pflicht, die mir ans seines Herzens Grunde Das linde Kind gesandt, Die hat Bestand! Za Alles geht vorbei! Doch diese liebe Hand, Die ich in tiefer, freudeuheller Stunde An meinem Herzen fand, Die hat Bestand! Ja Alles geht vorbei, Nur dieser heiße Brand In meiner Brust, die bittre süße Wunde Die linde Hand verband, Die hat Bestand! 201 Einsam will ich untcrgthn! 25. August 1817. Einsam will ich unterstehn, Keiner soll mein Leiden wissen; Wird der Stern, den ich gesehn, Von dem Himmel mir gerissen, Will ich einsam unterstehn Wie ein Pilger in der Wüste! Einsam will ich untergehn Wie ein Pilger in der Wüste! Wenn der Stern, den ich gesehn, Mich zum letzten Male grüßte, Will ich einsam untergehn Wie ein Bettler ans der Haide! Einsam will ich untergehn Wie ein Bettler auf der Haide! Gibt der Stern, den ich gesehn, Mir nicht weiter das Geleite, Will ich einsam untergehn, Wie der Tag im Abendgrauen! II! >! Einsam will ich untergehn Wie der Tag im Abendgrauen! Will der Stern, den ich gesehn, Nicht mehr auf mich niederschaucn, Will ich einsam untergehn, Wie ein Sclaoe an der Kette! Einsam will ich untergehn Wie ein Sclave an der Kette! Scheint der Stern, den ich gesehn, Nicht mehr auf mein Dornenbette, Will ich einsam untergehn Wie ein Schwanenlied im Tode! Einsam will ich untergehn Wie ein Schwanenlied im Tode! Ist der Stern, den ich gesehn, Mir nicht mehr ein Friedensbote, Will ich einsam untergehn Wie ein Schiff in wüsten Meeren! Einsam will ich untergehn Wie ein Schiff in wüsten Meeren! Wird der Stern, den ich gesehn, Jemals weg von mir sich kehren, Will ich einsam untergehn Wie der Trost in stummen Schmerzen! 2V3 Einsam will ich untergehn Wie der Trost in stummen Schmerzen! Soll den Stern, den ich geschn, Jemals meine Schuld verscherzen, Will ich einsam untergehu Wie mein Herz in deinem Herzen! Es scheint ein Stern vom Himmel! Es scheint ein Stern vom Himmel, Der scheint mir tief in's Herz, Er könnte wohl was Bessers thun, Ich stürbe dann vor Schmerz. Es spritzt ein Quell vom Felsen Zwei Tröpfchen zu mir her, Er könnte wohl was Bessers thun, Daß ich verschmachtet war. Es singt ein Himmclsvöglein An meiner Kerkerwand, Es könnte Wohl was Bessers thun, Ich kam' um den Verstand. Es blüht mir eine Blume Auf meinem wüsten Pfad, Sie könnte wohl was Bessers thun, Daß Hilf mir fehlt und Nath. Vor nur streift hin ein weißer Hirsch Mit goldenem Geweih, Er könnte wohl was BesserS thun, Daß ich verirret sei. Es scheint ein bischen Sonnenschein Mir in die Nacht herein, Er könnte wohl was Vessers thun, Ich stnrb in dunkler Pein. Es fällt mir eine Blüthe Des Segens ohne Frucht; Sie könnte wohl was Vessers thnn, Ich glaubt mich dann verflucht. Es sieht mit Himmelsgüte Ein reines Ang' mich an, Es könnte Wohl was Vessers thnn, Dann wär's um mich gethan. Es mahnet an dem Abgrund mich Ein frommer Liedermund, Er könnte wohl was Vessers thun, Dann stürzt ich in den Schlund. Es thut ein frommes Mägdlein Wohl Engeldienst an mir, Sie könnte wohl was Vessers thun, Daß ich mein Heil verlier. 206 Heut' schienen Stern' und Lichter Mir, was ich liebe an, Sie könnten Wohl was Bessers thun, Und haben's doch gethan. Mir hüpft das Herz in Freuden, Ein Engel steht mir bei, Es könnte wohl was Bessers thun, Brach' es nur gleich entzwei. Ich muß die Güte lieben, Die mein sich hat erbarmt, Sie könnte Wohl was Bessers thun, Ich war dann ganz verarmt. O liebe, liebe Seele du, Mein Heil, mein Trost, mein Muth! Ich kann ja gar nichts Bessers thun, Denn Alles ist ja gut. 207 Als Sie ausgefahrrii war! Ich bin allein; Viel Sonnenschein Liegt um das Haus, Doch wie ein welker Blumenstrauß Muß ich hier einsam sein, Bis Blatt vor Blatt Ganz Lebens satt Zum andern Ziel Der leichtgesinnten Lüfte Spiel Entführet hat. So sterb ich hier; Als Todeszier Streu ich den Zug Von deinem Namen in den Flug Der Lüfte mir. O, gutes Kind! Es weht der Wind, Und was mich quält Wird deinen Blumen auch erzählt, Die blühend sind! Die senken drum, Ganz still und stumm Das reine Haupt Und sprechen: „Selig, wer da Der kömmt nicht um. Und so auch heut', Da du erfreut Im Grünen gehst Hab ich was du in Liebe säest Jn's Kreuz gestreut. So zwing ich dich, So schwing ich mich Zu deiner Huld; Zm Zeichen ewiger Geduld Vollbringe ich. Wenn andere Gluth Es anders thut, Beneid' ich sie Um ihre blinden Wege nie, — Dir bleib ich gut! 20k> Ich muß das Elend tragen! Ich muß das Elend tragen, Du mußt es sehn, Wie mich die Geißeln schlagen, Es ist durch dich geschehn. Ich bin zerfleischt von Ruthen Um deinetwill, Es muß mein Herz verbluten, Schau zu, bald wird es still. Du pflegst mir oft die Wunden Mit milder Hand, Und reiß'st eh' sie gesunden Mir wieder den Verband. Das mindert mir die Sinne — Ich denk nicht mehr, Als daß sie Schmerzen spinne Und ich der Faden war. Daß sie das Tuch einst webet Aus meinem Schmerz, Und ach! das Schifflein schwebet Mir schneidend durch das Herz. II. 14 Ich werd hinaus geführet, Steh' an dem Pfad; So dich mein Elend rühret, Ach, gib für Recht mir Gnad'! Es wird ein Tag einst kommen, Schon naht er dir, Da wird von dir vernommen, Was du gehabt an mir. Da -wirst du niederweincn In deinen Schooß, Da werd ich dir erscheinen Mit meinem armen Loos. Da wirst du stille sprechen: Herr, ihn erlös'l Sein Herz könnt liebend brechen, Ach nein, er war nicht bös! Ach, wie er mich geliebet Verstand ich nicht, Noch wie er mir geübet So bitter schwere Pflicht! 211 Hast du nicht mein Glück gesehen? Vogel halte, laß dich fragen, Hast du nicht mein Glück gesehn? Hast du's in dein Nest getragen. „Ei, dein Glück, — ei, sage wen?" Eine feine zarte Nebe Und zwei Träublein Feuerwein, Drüber Seidenwurm - Gewebe, Drunter süße Maulbeerlein. Hier Hab ich's im Arm gewieget, .Hier am Herzen drückt ich's fest, Lieblich hat sich's angeschmieget Und du, Vogel, trugst's in's Nest. „Armer Mann! Dein Glück, ich wette, War ein Liebchen und kein Strauß, Ging aus deinem Arm zu Bette, Und du gingst allein nach Haus." Meinst du? Nun, so sag mir Quelle, Hast du nicht mein Glück gesehn? Trugs in's Meer nicht deine Welle? ,„Ei, dein Glück, — ei, sage wen?" 14 '- 212 Eine thauberauschte Rose Und zwei Rosentöchterlein, Frühlingsträume ihr im Schooße, Wachten auf und schliefen ein. Hier am Herzen hat's gehanchet Süßen Duft, Goldbienen schwer Sind die Küsse eingetauchet. Fort ist's. — Ach, du trugst's in's Meer!. „Armer Mann! Dein Glück, ich wette, Liebe war dein Rosenloos, Ging aus deinem Arm zu Bette, Heim trugst du die Dornen bloß." Meinst du, will ich Taube fragen, Hast du nicht mein Glück gesehn? Nicht in's Felsennest getragen? „Ei, dein Glück! — ei, sage wen?" Eine goldne Honigwabe, Süßen Sinn und Wachs so rein, Aller Küsse Blumengabe Schlossen drin die Bienen ein. Ach! ich trug es an die Lippen Duftend, schimmernd, süß und lind,. Durst ein bischen daran nippen, War doch ein verwöhntes Kind! 213 „Armer Mann! Dein Glück, ich wette, Liebe war's, als Honigseim, Ging aus deinem Arm zu Bette, And du gingest einsam heim." Meinst du? — will ich Echo fragen, Hast du nicht mein Glück gesehn? Und willst Allen davon sagen? „Ei, dein Glück! — ei, sage wen?" Einer Stimme süßes Klagen, Locken, Flüstern, Wonn' und Weh, Nachtigallen - Traumeszagen, Bitte, bitte, geh, o geh! Mir am Herzen hat's gcwehet Alle Wonnen, allen Schmerz, Wie ein Kinderseelchen flehet Unter süßem Mutterherz. „Armer Mann! Dein Glück, ich wette, War ein liebend träumend Wort, Fleht aus deinem Arm zu Bette, Du gingst einsam dichtend fort." Meinst du? muß ich Rose fragen, Hast du nicht mein Glück gesehn? Birgt's dein Schooß mit süßem Zagen? „Ei, dein Glück! — ei, sage wen? Süßes Duften, wachend Träumen, Hülle, Fülle, süß und warm, Bienen-Kuß an Rausches Säumen Irrend, suchend, Rausches arm. Hier am Herzen hat's geblühet, Meine Seele süß umlaubt, Liebe hat mein Blut durchglühet, Hoffnung hat doch nicht geglaubt. „Armer Mann! Dein Glück, ich wette, Liebe war's, als Trunkenheit, Ging aus deinem Arm zu Bette, Du gingst einsam, kühl, es schneit." Meinst du? frage ich die Sterne, Habt ihr nicht mein Glück geschn? Sterne sehn ja Augen gerne. „Ei, dein Glück! — ei, sage wen?" Lockennacht an Himmels Stirne Sinnend, minnend Doppel-Licht, Augen blitzend, Glücksgestirne, Andern Sternen folg ich nicht. Sah's von Thränen tief verschleiert, Sah's von Sehnen tief durchglüht, Sah's durchleuchtet, sah's durchfeuert, Sah's, wie Liebe blüht und flieht! 215 „Armer Mann? Dein Glück, ich wette. War ein milder Augenschein, Ging aus deinem Arm zu Bette, Durch die Nacht gingst du allein " Meinst du? muß die Lilie fragen, Hast du nicht mein Glück gesehn? Gleichet dir, doch darf's nicht sagen, „Ei, dein Glück! — ei, sage wen?" Eine, eine, sag nicht welche, Stand im Gärtchen, Nachts allein, Sah, o Lilie! deine Kelche Ueberströmt von Lichtesschcin. Hat von Lilien, Engeln, Sternen Schon an meiner Brust geträumt, Alle Nähen alle Fernen Mit mir Dichtergold gesäumt. Sel'ger Mann! Dein Glück, ich wette, Ist ein Mädchen, fein und lieb, Ging aus deinem Arm zu Bette, Dir des Traumes Goldsanm blieb. Dichter's Blumenstrauß. Eine feine reine Myrthe Und ein Opfertauben Paar, Das im Traume girrend schwirrte, Küßt ein Hirte den Altar. Süße Rebe schlanker Ranken, Weinbeer- und Gedanken-voll, Ob man küssen die Gedanken, Ob die Beerlein denken soll. Ein verstummend Fühlgcwächschcn, Ein Verlangen abgewandt, Ein erstarrend Zitterhexchen, Zuckeflämmchen nie verbrannt. Offnes Räthsel, nie zu lösen, Steter Wechsel, fest gewöhnt, Wesen, wie noch keins gewesen, Leicht versöhnt und schwer verschönt. 2L7 Ein beredsam'tiefes Schweigen, Ein Versteck, der offen liegt, Ganz ergossen, sich nur eigen, Ein Ergeben, nie besiegt. Sonnenwahr, ach, glauben must ich! Hoffen? — möcht' ich — Wechselmond! Lieben? — weil ein Sterncnkuß ich, Der an diesem Himmel wohnt. Köpfchen sinn — schier eigensinnig, Pfeildnrchblitzte Lockennacht, Augen innig, Wangen minnig, Mundes Wunde schmachtend lacht Nase üblich, Ohrchen lieblich, Läppchen Zuckertröpfchen lind, Kinn ein bischen zu verschieblich, Wird betrüblich mein süß Kind. Auf dem Kehlchen wiegt das Köpfchen, Blumenglöckchcn auf dem Stiel, Seelchen, selig ThaueStröpfchen, Das hinein vom Himmel fiel. Reiner feiner Nacken! sterben Möcht' in Küssen ich an dir, Könnt ich nur mein Küssen erben, Ließ ich gern mein Leben hier. 218 Und die Schultern fein gesenket, Kühl und süß mein Haupt hier ruht. Träumet, flüstert, dichtet, denket, Licht und Wort und Fleisch und Blut. Und nun küss' ich euch zwei Flügel, Küssend, sagt man, wächst der Flaum, Jenseit über süße Hügel Schwebet schon der schwüle Traum. Ach! wenn ich euch doch nicht wüßte, Weiße Lämmchen nahe bei, Wenn ich euch nicht suchen müßte, Küssen nicht, dann mär ich frei. Himmelsschäfchen süß verschwiegen, Cchwanenbcttchen, linder Schaum, Ach, ihr feinen Liebeswiegen, Wieget einen Kindertraum! Klare milde Lebcusquelle, Becher, Trank und Fluth und Brand Durstend schmacht ich nach der Welle, Und sie hüpft mir in die Hand. Und o Liebe, das Geschöpfchen Mir an's Herz nun selber sinkt, Wie ein Myrthenreis im Töpfchen, Das an einer Quelle trinkt. 219 Süße Hange und Verlange, Süßer schlanker Schlangenleib, Sei nicht bange, währt nicht lange, Fliehe Schlange, bleib süß Weib! Süß, Sirene- auf der Hüfte Wiegst du dich am Felsenriff, Selig, wer vorüberschiffte, Wen der Zauber nicht ergriff! Tempel ans zwei Säulchen tüchtig, Aller Liebesgötter voll, O Asyl, bin liebcsflüchtig, Weiß wohin ich fliehen soll! Hätte ich dich selbst beleidigt, Flöh' zn dir ich, Hulraltar, Würd' von dir geschützt, vertheidigt, Ja, ich weiß es, es ist wahr! Und nun ruh' ich dir zn Füßen, Bin ganz krank vor Lust und Weh, Sag, süß Lieb, sag, darf ich küssen, Die dich schmerzt, die kleine Zeh? Sieh das Strumpfband dicht voll Küssen! Nur die trunkenen Küsse sahn's, Schwester braucht das nicht zn wissen, Ilonn^ soll, gni mal ^ pense! 220 Sag, Geliebte! laß dich fragen: Hast du dies mein Glück gesehn? Hast du's in dein Bett getragen? Nein! jetzt will ich schlafen gehn Lieber, hast du dir getrieben Aus mir einen Blumenstrauß, Hast ihn trunken mir beschrieben, Dichter! trag ihn dir nach Haus. 221 Die Äbendwinde wehen! Die Abcndwinde wehen, Ich muß zur Linde gehen, Muß einsam weinend stehen, Es kommt kein Stcrnenschein; Die kleinen Vöglein sehen Betrübt zu mir und flehen, Und wenn sie schlafen gehen, Dann wein' ich ganz allein! „Ich hör' ein Sichlein rauschen, Wohl rauschen durch den Klee, Ich hör' ein Mägdlein klagen Von Weh, von bitterm Weh!" Ich soll ein Lied dir singen, Ich muß die Häude ringen, Das Herz will mir zerspringen In bittrer Thränenfluth, Ich sing und möchte weinen, So lang der Mond mag scheinen, Sehn' ich mich nach der Einen, Bei der mein Leiden ruht! „Ich hör' ein Sichlein rauschen rc." 222 Mein Herz muß nun vollenden, Da sich die Zeit will wenden, Es fallt mir aus den Händen Der letzte Lebenstranm. Entsetzliches Verschwenden In allen Elementen, Mußt ich den Geist verpfänden, Und Alles war nur Schaum! „Ich hör' ein Sichlcin rauschen rc." Was du mir hast gegeben, Genügt ein ganzes Leben Zum Himmel zu erheben; O sage, ich sei dein! Da kehrt sie sich mit Schweigen Und gibt kein Lebenszeichen, Da mußte ich erbleichen, Mein Herz ward wie ein Stein. „Ich hör' ein Sichlein rauschen rc." Heb Frühling jetzt die Schwingen, Lass' kleine Vöglcin singen, Lass' Blümlein aufwärts dringen, Süß Lieb geht durch den Hain. Ich mußt mein Herz bezwingen, Muß Alles niederriugen, Darf nichts zu Tage bringen, Wir waren nicht allein! „Ich hör' ein Sichlein rauschen rc." 22 » Wie soll ich mich im Freien Am Sonnenleben freuen, Ich möchte laut anfschreien, Mein Herz vergeht vor Weh! Daß ich muß alle Thränen, All Seufzen und all Sehnen Von diesem Bild entlehnen, Dem ich zur Seite geh! „Ach hör' ein Sichlein rauschen :c." Wenn du von deiner Schwelle Mit deinen Augen Helle, Wie letzte Lebenswclle Zum Strom der Nacht mich treibst, Da weiß ich, daß sie Schmerzen Gebären meinem Herzen Und löschen alle Kerzen, Daß du mir leuchtend bleibst! „Ich hör' ein Sichlein rauschen, Wohl rauschen durch den Klee, Ich hör' ein Mägdlein klagen Von Weh, von bitterm Weh!" Sekt zum Oratorium von Ett. Sie haben Allerlei gesungen, Und Alles war ein einzig Lied, Vom Zauberknoten süß verschlungen Ans Huld und Reiz, von Glied zu Glied. Von Allem Hab ich nichts gehöret Als deines Kinderherzens Schlag, An dem von Tönen ungestöret Süß träumend meine Seele lag. Ich hörte nur von Myrthen säuselnd, Von Lilien, die mir zngenickt, Von Wölkchen um den Mond hinkräuselnd, Von Sternen, die mich angcblickt. Ich hörte nur: „Süß ist die Linde, Schlank ist das Neh, blank ist der Fisch, Das Seelchen gaukelt in dem Kinde, Ein Nhmphchcn in dem Waldguell frisch." 223 II. Was süß sich in den Tönen wieget, Was sehnet, senfzet, ringt und schwingt. Ist all die Liebe, die sich schmieget Wenn sie der Augenblick umschlingt. Es weben all die Wundertöne Nur einen einzigen Accord: Süß' ist süß Lieb', sie ist das schöne, Das linde, liebe, wahre Wort. In ihr wird jeder Mangel Zierde Und jede Armuth Uebersluß, Ein Kinderseelchen der Begierde Schwebt leis in ihres Odem's Kuß. Wie lieblich war es heut' zu schauen Das reine, seine Wunderbild, So schwebt die Elfe durch die Auen Und trägt ein Rosenblatt als Schild. Wer hat so süß sie ausgerüstet Wie Ambra, Perl' und Elfenbein, Wer hat ihr Herz so fein gebrüstet, Ein Wiegenbett der Engelcin. Wer schwang so rein das schlanke Hüftchen, Wer zog die Anmuth bis zum Fuß, Wer trägt sie, wie auf Frühlingslüftchen Die Sehnsucht trägt der Liebe Gruß? 15 22 « Wer wieget ihr daS kluge Köpfchen Gleich Blumen an der Quelle Saum, Wer flocht ihr in die schwarzen Zöpfchen Den leichten, milden Kindertraum? Wer hat dies holde Kind geschmückt? Wer hat zu ihm sich hingebückt? Wer hat es an sein Herz gedrückt? Der süße Gott, der mich entzückt! 227 Muuien, still blühende! Blumen, still blühende, Rosen, heiß glühende, Lilien, rein kühlende, Veilchen, tief fühlende — Blumen und Kräuter ihr, Kommt zu der Lieben hier, Den Kranz erfinden wir, Mit Glanz umwinden wir, Was mich entzückt! Vögel, ihr schwingenden, Ferne durchdringenden, Sehnenden, ringenden, Gruß und Kuß bringenden — Kömmt Frühlingskinder ihr, Kommt zu der Lieben hier, Ein Lied entzünden wir, Freudig verkünden wir, Was mich beglückt! 15 * 228 Quellen, ihr rinnenden, Sterne, ihr sinnenden; Von Minn zu Minuenden, Strahlen hin spinnenden, Um so begrüßter mir, Als Freud-Geschwister ihr, Jn's Lindendüster hier Webt das Geflüster mir, Zu Frühlingsmuth! Liebe, die leibt und lebt, Liebe, die treibt und webt, Liebe, die rankt und rebt, Lieb', die 'verlangt und strebt, Kind mit der Binde, ich, Find bei der Linde dich, Bind', daß erblinde ich, Lindernd entzünde mich In Maies Gluth. Abschied dem Jahre 18— Leb wohl du Jahr voll Thränen! O lasse mich an deinem letzten Tag Noch einmal selig wähnen, Daß ich an einem Kinderherzen lag! Geh' hin du Jahr voll Thränen! Tritt glaubend hin vor Gottes Thron, Er wird um krankes Sehnen Dich strenge richten, nimmer doch um Hohn! O selig Jahr voll Thränen! War dir auch früh das tiefre Wort geraubt, So war der Strom der Thränen Zu ihren Füßen oft dir doch erlaubt! O liebes Jahr voll Thränen! O dichte Saat, wie segnend reift dein Schmerz, O hochbelohnt mein Sehnen! Ich fühlte jauchzend, ja! sie hat ein Herz! 230 > » l- » O Jahr von heißen Thränen! Geheimnißvollcr, als sie weiß, berauscht; Was all sie kann verschönen, Du hast in Thränen sterbend es belauscht! O Jahr voll bittrer Thränen! Ist irgend Gottes Wahrheit offenbar, Ist Vieles hier nur Wähnen, So opfre, weine darum am Altar! O Jahr voll tiefer Thränen! Du magst vertraut dein armes müdes Haupt An's Kreuz nur ruhig lehnen, Du hast geliebet, hast gehofft, geglaubt! O theures Jahr voll Thränen! Du bist in bittrer Reue Fluth getauft, Der wird uns auch versöhnen, Der uns mit seiner Weihe Blut erkauft! Geh' hin, du Jahr voll Thränen! Geh', werfe dich zu ihren Füßen hin! Und wasche sie mit Thränen, Sag ihr, daß ich ihr armer Bruder bin! Ihr Bruder ganz in Thränen, Ihr kranker Bruder, um die eigne Schuld, Um fremde Schuld in Thränen, Ihr Bruder weinend um der Väter Schuld! 231 O sterbe, Jahr in Thränen, Weil unsrer Väter Schuld die Kinder trennt. Und diesen scheint ein Wähnen, Was unsre Mutter ew'ge Wahrheit nennt! Leb Wohl du Jahr voll Thränen! O lasse mich an deinem letzten Tag Noch einmal selig wähnen, Daß ich an einem Kinderherzen lag! -llcbcr öerg und Thal gctragcn! Heber Berg und Thal getragen, Nieder in den See getaucht Ist das Licht von meinen Tagen, Und in Klagen Bebend meine Seele haucht. „Gute Nuh', gute Ruh'! O süße Turtel, wie quälest du?" Sonne magst nur niedersinken. Geh' nur auf du rother Mond, Und ihr Sterne mögt nur blinken, Habt mein Flehen nicht belohnt! Euer Winken Sagt mir nicht wo Liebchen wohnt. „Gute Ruh'! rc." 233 Jetzt mag wohl die Lilie drehen Ihren Kelch zn diesem Stern, Und mit Licht und kühlem Wehen Füllen was ich küßte gern, Heißes Flehen! Zieh zu ihr, zu ihr so fern! „Gute Ruh'! rc." War ich doch die kleine Mücke, Die auf ihren Nacken flog, Und ein Tröpfchen meinem Glücke Aus den blauen Adern sog, Daß zurücke Sie nach mir sich zürnend bog! „Gute Ruh'! rc." War ich doch das Regentröpfchen, Das ihr auf die Wange fiel, Und sie schüttelte das Köpfchen Und es rann zu süßerm Ziel. Süß Geschöpfchen! O, das war zu viel, zu viel! „Gute Ruh'! rc." 2SL Alles war ich, war das Sehnen, Das sie grüßt im Abendroth, War der Heerdenglocke Tönen, Das ihr Gruß der Heimath bot, War die Thränen, War die unbestimmte Noth! „Gute Ruh'! re." O, du durst'ger Strahl der Angen, Der zum Monde- trinken geht, Selig fühlte ich dein Saugen! Licht und Luft, die mich umweht, War das Hauchen Ihrer Lippen im Gebet! Gute Ruh', gute Ruh! O süße Turtel, wie quälest du?" 23S Äus einem kranken Herzen. Ein Becher voll von süßer Huld Und eine glühnde Ungeduld, Und eine arme trunkne Schuld, Sie lehren mich zu flehen. O Becher, voll von süßer Huld! Vergib der glühnden Ungeduld, Vergib die arme trunkne Schuld, Die in's Gericht will gehen. Dich, Becher voll von süßer Huld! Darf heut' ich, glühnde Ungeduld, Zur Buße armer trunkner Schuld Nicht sehn und mccht' vergehen. Das freut dich, Becher süßer Huld! Das schmerzt mich, glühnde Ungeduld Das schlägt die arme trunkne Schuld Mit bittern, bittern Wehend 236 O Becher, voll von süßer Huld! Woll' nicht die glühnde Ungeduld Ob ihrer armen trunknen Schule, Die selbst sich straft, verschmähen. Fließ über, Becher süßer Huld! Werd' Asche, glühnde Ungeduld, Die soll die arme trunkne Schuld Gemischt mit Thränen säen. Auf daß, du Becher süßer Huld! Um dich in Schmerzen der Geduld Still auf dem Grab der armen Schuld Die Lilie kann erstehen. Die Lilie, die voll süßer Huld Du einst im Garten der Geduld Mit Stern und Engel ohne Schuld Hellleuchtend hast gesehen! wo schlägt rin Herz, das bleibend fühlt? Wo schlägt ein Herz, das bleibend fühlt? Wo ruht ein Grund nicht stets durchwühlt? Wo strahlt ein See, nicht stets durchspült? Ein Mutterschooß, der nie erkühlt? Ein Spiegel, nicht für jedes Bild — Wo ist ein Grund, ein Dach, ein Schild, Ein Himmel, der kein Wolkenflug, Ein Frühling, der kein Vogelzug, Wo eine Spur, die ewig treu, Ein Gleis, das nicht stets neu und neu? Ach, wo ist Bleibens auf der Welt, Ein redlich, ein gefriedet Feld, Ein Blick, der hin und her nicht schweift, Und Dies und Das, und Nichts ergreift, Ein Geist, der sammelt und erbaut — Ach, wo ist meiner Sehnsucht Braut? Ich trage einen treuen Stern, Und Pflanzt' ihn in den Himmel gern, Und find kein Plätzchen tief und klar, Und keinen Felsgrund zum Altar; Hilf suchen, Süße, halt, o halt! Ein jeder Himmel leid't Gewalt. Ich weiß wohl was dich bannt in mir „Ich weiß wohl was dich bannt in mir, Die Lebensgluth in meiner Brust, Die süße zauberhafte Zier Der bangen tiefgeheimen Lust, Die aus mir strahlet, ruft zu dir." Schließ mich in einen Felsen ein, Ruft doch dein Herz durch Mark und Bein: „Komm, lebe, liebe, stirb an mir!" Leg diesen Fels dir auf die Brust, Du mußt, du mußt! Linien, die ich ausgcsendet. Bienen, die ich ansgcsendet Nach dem holden Blumenstrauß, Der allein noch Honig spendet, Bringet Labung mir nach Haus. „Gute Ruh', gute Ruh'! O, süße Turtel! wie marterst du? Küsse, die ich heiß gesäet, Wo die süße Blüthe ruht, Bringt den Duft, der sie umwehet, Her zu meines Herzens Gluth! „Gute Ruh'! re." Seufzer meines Leidens Boten, Die der Lieben Schlaf belauscht, Kehrt zu mir von ihres rothen Süßen Mundes Hauch berauscht! „Gute Ruh'! re." Bienen, Küsse, Seufzer, trunken Fühl ich euch; o, bange Lust Tragt in glühen Fcuerfunken Ihr in meine kranke Brust! „Gute Ruh'! re." 240 Und wie sich die Funken sammeln Um des kranken Herzens Traum, Höre ich es schlummernd stammeln An des Paradieses Saum: „Sag, lichtes flücht'ges Reh! Dess' freier, milder Geist - Jetzt in dem Paradiese selig kreist, Wie ist dir, wenn die wundervolle Fee Auf jener Hülle, die im Leben dich bedeckt, Die reinen, feinen, flinken Glieder Traumselig hin und wieder Gleich einem süßen Wiegenkinde streckt? Strebt dir ein tief Entzücken, Da sie auf deinem Mantel sich erkühlt, Nicht gleich dem ersten Lüftchen über'm Rücken, Das an dem Schöpfungstag mit dir gespielt? Es pocht ihr Herz und wallet, Die Lippe sehnend lallet, Des Blutes Wellen Hüpfen, Wie durch die blühnden Büsche Quellen schlüpfen; Des schlanken Leibes Zierde, Ein Spiegelbild der spielenden Begierde, Wähnt einen Engel sich mit kranken Flügeln Und träumt, nicht mächtig, Fluges Trieb zu zügeln. Auf schlanken Rehes Rücken sich zu schwingen Und flüchtig, selig durch den Wald zu dringen. O, zieht die Dornen ein, ihr trunknen Rosen, Und streut mit lindem Kosen, Die duft'gen Blätter und des Thaues Thränen, Die Perlen, die nach ihrem Kuß sich sehnen, Dem süßen Wnnderbilde, Das wie der Pfeil der ersten Liebeslust So flüchtig, mild und wilde Vorüberzückt, entzückt zur reinen Brust! Ihr Blumen stehet still, ihr nachzusehen. Ihr braucht euch nicht zu bücken, Sie wird mit Sehnsuchtsblicken An euch wie Maies Wehen So süß vorüberzücken; Und dort du schlanke Lilie In reinen Kelchen Lichtes Engel tragend, O bebe nicht so zagend; Es naht dein süß Gespiel Die liebliche Ottilie^ Die vor berauschten Bienen auf der Flucht, Sich deiner Kelche heiliges Asyl Als ein vertrantes, liebes Bettchcn sucht. Komm Friede, süßer Friede! Komm Thau, so lau und lind, Ottilie ist so müde, Es schwebt das flücht'ge Kind Bei dir, o Lilie, nieder, Und lauscht der Schlummerlieder, Die ihm die Engel singen. 2L2 Das Nch will nicht mehr springen, Leis um die schlanken Glieder Schleicht ihm der Schlaf herauf; Es legt sein feines Köpfchen Dem lieblichen Gefchöpfchcn An's Herz, und über Hügel, Bewegt von stiller Wonne, Geht eine innre Sonne Ihm selig träumend auf!" 243 Äbcn-ständchen. Hör', es klagt die Flöte wieder, Und die kühlen Brunnen rauschen, Golden weh'n die Töne nieder; Stille, stille, lass' uns lauschen! Holdes Bitten, mild Verlangen, Wie es süß zum Herzen spricht! Durch die Nacht, die mich umfangen, Blickt zu mir der Töne Licht. 16 * 244 Den ersten Tropfen dieser Leidensfluth! Den ersten Tropfen dieser Leidensfluth, In der ich wehrlos, elend bin ertrunken, Und auch von dieser grimmen Glnth, Die all mein Sein verzehrt, den ersten Funken, Des Traumes Blumenrand, wo ich geruht, Eh' in des Schmerzes Abgrund ich gesunken. Das erste Tröpflein von dem Feuerblut, In das ich wagt den Finger einzutunken, Um, wehe mir! mit irrer Wuth An Leib und Seele liebeszaubertrunken Von mir zn schleudern, weh! mein letzes Gut, Und weh! mit meinem Elend noch zu prunken Vor meiner Seele; arger Uebermuth! — Ich kenn das all, schiffbrüchig auf dem Meer Schwimmt drohend es in Trümmern um mich her. Weh! — der Sirene nackt? Schulter blank, An der gescheitert ich den Sinn verloren, Zuckt dort empor und Weh! — das Leibchen schlank. Das kranke Herz, das mich zu Tod geboren, Die Hand, die mich getauft, genährt mit Zaubertrank, 2Ä5 Sie hebt sich droh'nd — es schallt zu meinen Ohren „Mein lieber, armer Freund! wie krank! wie krank! Horch! Schlummerlied vom Schicksal eines Thoren, Viel hättest du mir helfen, nützen können, Nun muß die Fluth, die uns umarmt, uns trennen, Die Woge, die mich kühlet, dich verbrennen!" Auf wundervoller Straße Mußt du gespenstend gehen, Wo dir mit allem Maße Ich Quelle aller Wehen, Ich Welle aller Wonnen, Die Adern Hab durchronncn! Wo mich, die dir vertrauet, Du schmählich hast verloren, Wo, was du kaum erbauet — — O schon' des kranken Thoren, Schlaf schreiendes Gewissen, — Du nieder hast gerissen! O Platz an dem Gestade! Haus mit den hohen Pforten, Da fandst du Recht für Gnade, Bist hingerichtet worden, Wo du dich hast verschuldet Hast du dein Recht erduldet! « Dein Geist hat keinen Frieden Nach deinem Tod gefunden, Er muß mit ew'gem Sieden Der Thräncn mich umrunden, Weil Flammen er erweckte, Die kühle Woge deckte! Weh Flammen, grüne Flammen Die nun mit blinden Trieben Dem Holze neu entstammen, Das er zur Glnth gerieben, Und wenn es wieder grünet Ist er noch nicht versöhnet! Und wenn es wieder blühet Und weiß von Blüthen kühlet, Und heiß von Früchten glühet. Ein Feuer dich dnrchwühlet, Das Feuer meiner Triebe, Das Feuer deiner Liebe! O Herr, hör' laut im Traume Die arme Seele wimmern; Ach, laß dir aus dem Baume Für sie ein Kreuz doch zimmern Und richt cs auf am Pfade, Wo sie verlor die Gnade! Schreib drauf, weil er crwühlet Die Gluth, die ich bedecket, Er nun die Flammen fühlet, Die selbst er hat erwecket, Bis Gluth von meinem Herde Einst diese Gluth verzehrte! Und bis auf seinem Pfade Die Saat sprießt goldner Körner, Ein Erndtefeld der Gnade, Und rings im Zaun nur Dvrner, Und bis dies Kreuz wird blühen Muß diese Seele glühen! Bis dahin betet Alle Für diese arme Seele, Daß sie nicht tiefer falle Und still die Thränen zähle, Bis Herzblut der Sirenen Heiß wird, wie Reuethräncn! Und als sie so gesungen, Ein Bischen süß gegaukelt, Und sich herumgeschwungen, Geschlungen und geschaukelt, Nies sie: „Gut' Nacht! mein Brüderch> ääüio! schreib, mach Liederchcn." An eine Feder. Danke, danke, süße Feder! Liebchen ist es, die dich schnitte, Solche Huld geschieht nicht jeder, Denn sie hat nach Kindersitte Dich mit ihrem Mund benetzet, Ihre süße, liebe Lippe, Die noch nie ein Kind verletzet, Küßte lindernd deine Nippe, Und du trankst auch eine Zähre, Die um mich sie hat vergossen, Federchen nicht mehr begehre, Du hast Lust und Leid genossen, Schwarz will ich dich nie betinten, Tinte ist so herb und bitter, Und ein Kindcrkuß gleicht linden Rosen um ein Perlengitter. Komm und schreib: Mit meinem Blute, Das die Liebe hat versüßet; O du Liebe, Süße, Gute! Sei vom treusten Herz gegrüßet, 2M > Das an deinem Herzen ruhte, Und gerungen und gebüßet, Und geküßt die scharfe Ruthe Wie ein Kind, als sie erblühte Unter deinen milden Händen; O du Überfluß der Güte! Willst du nicht dein Werk vollenden?, Lasse doch die Dornenhiebe Rosen deiner Seele tragen, Daß mein Blut sich Ruh' erschriebe: Lass' die linde Lippe sagen: „Ich vergebe, denn ich liebe!" !! ! » 23 « Äls sie mir Taschentücher geschenkt, die sie gesäumt. Die Liebe gab mir Thränen, Die Liebe hat mir Tüchlein dann gesäumt, Zn trocknen viele Thränen, Die ich um sie zu weinen noch versäumt. Willkomm' zukünft'ge Thränen, Ihr habt euch solche Huld wohl nicht geträumt; O Mutter meiner Thränen, Die jetzt noch unter deinem Herzen ruhn, Fromm thust du meinen Thränen Wie treue Mütter ihren Kindlein thun, Bereitest meinen Thränen Ein mildes Lager mit der lieben Hand; O reicher Strom von Thränen! Der solch' ein liebes lindeS Bett hier fand, O nehmt mich auf, ihr Thränen! Tragt mich hinüber in das andre Land, Und spiegelt mir, ihr Thränen, Die Liebe, die da an des Saumes Rand, Vielleicht mit eignen Thränen Bei jedem Stiche treuen Schmerz empfand. Wo sollt ihr hin, ihr Thränen? Wenn eure Mutter sich von euch gewandt? Verrinnen müßt ihr Thränen In einer öden Wüste glichen: Sand. 251 Erweichet doch, ihr Thränen, Das Herz, das nie ein ander Herz noch fand, Und euch gebar, ihr Thränen, Und euch die Tüchlein in die Wiege band, — Daß es, vor euch, ihr Thränen Nicht grausam fliehe, fern und abgewandt; Es gab wohl kaum noch Thränen, Die ihre arme Mutter so geliebt, Und doch, o arme Thränen, Die liebe, süße Mutter so betrübt! O arme, sel'ge Thränen! O Liebe, Milde, die so gern vergibt, Vergib, vergib den Thränen! Sieh stille zu, es sind die letzten bald, Wenn ich in Nenethräncn Ein Tüchlein sterbend in den Händen halt', Will ich mit treuen Thränen An's Herz es drücken, das schon überwallt, Das überwallt in Thränen Und meine Seel' trägt vor des Richters Thron, Da will ich euch, ihr Thränen, Im Tüchlein reichen meines Gottes Sohn, Daß er sein Blut, ihr Thränen, Euch mischend, mir die schwere Schuld vergibt, Und zu euch spricht, ihr Thränen: „Viel ist vergeben euch, die viel geliebt!" Süßer Trost in heißen Stunden Süßer Trost in heißen Stunden, Da die Liebste, die mir lebt, Zitternd vor mir stand in Wunden Und dwch nicht vor mir erbebt. Da sie mir mit heißem Flehen, Der demnthig sie umfing, Wahr in'S bange Aug' gesehen, Daß mir's durch die Seele ging. Und ich fleht: „Ach, mir alleine, Rechne diese Gluth nicht an, Deine Flamme war die meine, Beide faßte uns der Wahn!" Süßes Kind! in deinen Wunden, Bist du so unendlich schön, All mein Schmerz muß da gesunden Wie in sel'gem Wiedersehn! 253 Alles, was da je geschieden, Ewig innig sich erkennt, Und ein wonnetrunkner Frieden Mir im Herzen jauchzt und brennt. .Schließest Lippen du und Augen, Wird ein Feuerblick dein Leib, Wird dein Mund ein Feuerhauchen, Wirst du schöner als ein Weib. Hungern kann ich, harren, missen, Doch dich hingegeben sehn, Und bedecken nicht mit Küssen Müßt ich kalt im Feuer stehn, Du bist wahr, wie nie im Leben Wahrheit mir cntgegentrat, Und so wirst du mir vergeben Was dir selbst cntgegentrat. Soll ich arm mein Elend bauen, Dann Hab Mitleid und gib mehr, Gib mir kindliches Vertrauen, Dann wird Alles leicht, was schwer. Aus der Ferne schon gib Winke, Mahnt das Herz in deiner Brust, Daß ich trinkend nicht ertrinke Gib mir Innigkeit statt Lust. 2SL Kind! wie auch der Blitz der Wonne Mich an deiner Brust durchzuckt, Schrei ich doch nach einer Sonne, Die dein Blick mir hart entrückt. Und ich fleh' zum blüh'nden Munde, Sprich doch: „Armer schone mein! Soll sie heilen deine Wunde, Halte meine Hand auch rein! „Gütig will ich zu dir blicken, Will dich tragen in Geduld, Will dir freundlich kindlich nicken, Kühlen dich mit meiner Huld! „Ach! viel mehr noch will ich geben, Armes, mir verfallnes Herz! Täglich soll dich rein durchbeben Meine Freude und mein Schmerz! „Willst du still in meinem Garten, Blumen dir und Heilkraut bau'n, Mußt du auch der Beete warten, Brechen nie den schwachen Zaun! „Willst du Nosenpfade bahnen, So verblute nicht im Dorn, Um die lockenden Chanen Tritt mit Füßen nicht dein Korn! 2Z3 „Sei fein still; in mir gefangen Stirbst du nicht den Hungertod. Äch bin mild, du sollst empfangen Süße Blumen, reines Brod! „Hüte mir, ich will dir hüten Dieses fcuertrunkne Blut, Bittre Frucht nach süßen Blüthen Wächst auf ungerechtem Gut! „Glaube fest doch an mein Wissen, Auch ich glaube, daß du weißt, Daß dich meine Neu' zerrissen, Deine Neue mich zerreißt! „Wie soll ich dein Herz je nehmen, Das du mir so flehend bringst, Da die Hände mit Beschämen Du mir vor die Augen zwingst? Willst du je mein Herz umfassen Mit der Liebe Blüthenreis, Willst du uie es fallen lassen, Mach es nicht so glühend heiß! „Armer Freund, ach meine Gluthen, Sind nicht deines Herzens Glut, Diese süß entflammten Flnthen Sind mein leicht entzündlich Blut! „Hiit' mein Feuer, hüt' die Flammen, Denn dies freie Element Schmilzt dir nimmermehr zusammen. Was zur Asche es verbrennt! „Wärme dich in meiner Sonne, Kühle dich in meinem Mond, Trink du meiner Sterne Wonne, Der auf meiner Erde wohnt! „Alle Blumen, süß und reine, Die ich treibe auf zum Licht, Tränk mit Thränen, bis auf Eine, Da dein Herz in Liebe bricht!" Also fleht ich, mögst du sprechen, Wahrheit! du hast mir genickt, Und der will dein Wort nicht brechen, Wahrheit, den du angeblickt! 237 Der Schiffer und die Sirene. Dcr Schiffer. Zur Stunde, die in Sehnsucht zagt, Dem Schiffer tief das Herz beweget, Der Freunden heut' Lebwohl gesagt, Und Liebe in dem Pilger reget, Hört' er, wie ferne Abendgleckenklänge scheinen Den Tag, den sterbenden, wehklagend zu beweinen. Da ward mein Herz so schwer, so schwer, Ich schiffte einsam auf den Wogen, Da hat dein Lied vom Felsen her Mich in die Brandung hingczogen. Sirenen-Kind, ich mußt an deinen Klippen stranden, Mich lockten Flammen, die auf deinen Lippen brannten l Ich drang zu dir, ich rang zu dir, Du Unerkannte, Tiefverwandte, Du wichst vor mir, du schlichst zu mir, Und legtest mich gebannt in deine Bande, Da sank dein schlummernd Haupt an meines Herzens Wunde Und flüsterte dein heimlich Lied ans blüh'ndem Munde! II. 17 238 Sirene. „Ach, hält ich doch kein Schiff erblickt, Ach, war ich länger einsam blieben, Die Sehnsucht hat mir's hergeschickt, Mein Sehnen hat mir's zugetrieben. Die arme Liebe ruht mir selig in den Armen, Armselige, du träumst, dich wieget mein Erbarmen! „Wen ich könnt lieben, Hab ich nicht; Der heiß mich liebt, ist nur mein eigen, Und meiner Liebe heimlich Licht Kann seiner Gluth nur Mitleid zeigen. Den Sternen send ich meiner eignen Sehnsucht Qualen, Die Lichtes Küsse mir zu meinen Lilien strahlen! „Ein Fruchtbaum, ganz von Früchten schwer, Senkt seinen Himmel zu der Erden; Kömmt stark ein Sturm von Osten her, Kann er nicht froh erschüttert werden; Er schüttelt ab die Früchte und die schwachen Vlüthen, Und meine Träume, die mir Nachts so heilig glühten! „Der heiße Tag kühlt sich am Mond, Doch Meer und Blut hat Fluth und Ebbe, Kein Friede je der Liebe lohnt, Trägt andrer Sehnsucht sie die Schleppe. Weh! träum ich Liebe, muß den süßen Traum ich hassen. Denn ungeliebte Liebe kann mich nicht mehr lassen!" 23S Der Schisser. So sang das Kind, ich horte zu Und fleh: „Lass' dich durch mich nicht stören, Mich singt dein Lied zur ew'gen Ruh', Dir will ich ew'gen Frieden schwören, Im letzten Augenblick sprichst du in Thränenbächen: Er liebte mich allein, bis Herz und Augen brechen!" 26 « Alles lieben oder Eins lieben — All-Eins, Still folgt die Liebe deinen Schritten, Denn alle Lust und alle Pracht, Die dich ergötzt in Kunst und Sitten, Hat sie ja selbst für dich erdacht. Ich darf nicht rings umher mehr blicken; Der Farben Gluth, der Formen Zier, Der Lüfte Wehn, der Blumen Nicken Ist all für dich, kömmt all von mir. Es wird kein stolzes Schloß gebauet, Es wird kein edles Bild geschnitzt, Die Liebe hat es durchgeschauet, Die Liebe hat hindurch geblitzt. Weil du in Vielem liebst zu leben, Hab Vieles ich dir herbestellt, Als Gott der Liebe sich ergeben, Da kamst du selbst mit sammt der Wclt- Da kam auch ich mit meiner Liebe, Und alle Kunst und aller Sinn, Und daß ich wüßt wo Alles bliebe, Trug ich es zu der Eineu hin. Du gehst ganz lustig durch spazieren, Und drehst das Hälschen in die Nund, Ich habe Eins nur zu verlieren, Mit dir geht Alles mir zu Grund. Du suchest das in allen Dingen, Was ich in dir gefunden Hab, Du mochtest Allen Liebe bringen, Äch trat der Lieben Alles ab. Du suchst die Liebe rings entfaltet, Ich sehe sie in dich verhüllt, Nickts hast du, was sich dir gestaltet, Ich Hab dich nicht, du süßes Bild. Was du in Mitten von vier Winden Zu suchen hin und her dich drehst, Kann mir in einem Nu verschwinden, Wenn du ein Bischen schneller gehst. Du mochtest in der Liebe wählen, Ich folge Kind dir, weil ich muß. Du möchtest die GSstirne zählen, Ich fand die Welt in einer Nuß. Süß Lieb, was ich muß heiß verlangen, Arm Kind, all was du krank vermiss'st, Wir werden's einst in uns umfangen In dem, der Eins und Alles ist. Mir brennet in dem kranken Herzen, In einem Flammen - Blumenstrauß, Von unermefsner Art der Schmerzen Die tiefgebeugte Seele aus. Und du, durch die der Strauß erblühet, Streckst wohl zu ihm die feine Hand, Scheust nicht die Gluth, ans dir erglühet. Scheust nicht dies Herz, von dir entbrannt. Und wenn die Feuerblumen blitzen Von meiner Thränen heißem Thau, Zählst du mit kühlen Fingerspitzen Die Blümchen auf des Traumes Au. Ich Hab den Schmerzenstrauß gedichtet, Der flammend mir im Herzen rast, Und Hab in Flammen es vernichtet, Daß nicht die Gluth dein Herz verglast. Ich habe viel zu dir gesprochen, Auch letzte Worte bis zum Tod, Und Hab mein Herz vor dir gebrochen, Wie ich dir brechen darf dein Brod. Ich leb nicht mehr, lieg nnbegraben, Mein Schatten fleht in heißer Buß: Süß Lieb soll mich mit Thränen laben An dunkellaubiger Linde Fuß. Äls ich in tiefen Leiden! Als ich in tiefen Leiden Verzweifelnd wollt ermatten, Da sah ich deinen Schatten Hin über meine Diele gleiten, Da wußt ich, was ich liebte, Und was so schrecklich mich betrübte. O Wunder aller Zierde, Du feine ernste Myrthe, O, Muthwill ausgesprochen, In Thränen ansgebrochen, O Scherz, von wenig Wochen, Jndeß das Herz gebrochen, O, Lächeln einer Wunde, O, Dolch in blutendem Munde! L) wäre später ich geboren oder früher Du! Kind! soll von hohen Idealen, Von einer bessern schönern Welt, An deiner Seite hohl ich prahlen, Was edlen Seelen wohlgcfällt. Ach nein, du wundcrwahrcs Leben, Du Kind, das in die Flamme sieht, Bis Thränen dir im Auge beben, Ja du verstehst mein einzig Lied! „Wie Espenlaub mein Herz hat keine Nuh', O wäre später ich geboren oder früher du!" Nie soll mein Lied den Tag begrüßen, Der keinen Blick von dir erwirkt, Den Tag, der nicht zu deinen Füßen, Der einsam unter Thränen stirbt. Ach nein, horch die Sccnnden klingen, And dennoch stockt das Blut der Zeit, Und kann nicht zu dem Herzen dringen, Das sehnt und singt in Einsamkeit! „Wie Espenlaub w." 265 Das Licht, das nicht aus deinen Blicken Gebrochen ward, es leuchtet nicht; Roh ist die Luft, bis zum Ersticken, Bis sie an deinem Odem bricht. Was nicht, arm Kind, vor dir gehuldigt, Was dir den Zehnten nicht gereicht, Ist unversöhnet, unentschuldigt, O blicke, athme, mach mir's leicht! „Wie Espenlaub rc." Doch alles das ist noch nicht Liebe, Ist Alles bloß noch Sinnenlust, — Ach! daß noch Andres übrig bliebe, Das hast du Armer nicht gewußt. — Es sei dein tiefst geheimstes Leben, All deiner Leiden Schmach und Qual Ohn' Murren freudig hingegcben, Geh', steh zur Schau an einem Pfahl! „Wie Espenlaub rc." Dich muß die Offenheit entzücken, Dein Herz muß jauchzen froh und frei; Dann muß Verstecktheit dich ersticken, Erst athme Herz, dann brich entzwei. Erst läßt das Kind dich lächelnd spielen, Und lächelt süß und schaut dir zu, Dann fängt-die Eule an zu schielen, Und dann zerreißt sie dich im Nu! „Wie Espenlaub rc." 20 « Wie Alles ist darfst du nicht sagen, Nur Gott allein ist es bekannt, Du mußt dich selbst in's Antlitz schlagen, Mußt an dich legen selbst die Hand. „Magst lieben, bis du mich magst hassen, Ich Hab dein Jammern nicht begehrt, Selbst was ich so Hab fallen lassen, War dem Moment, nicht dir bcschcert! „Wie Espenlaub re." „Hast du dein Leben hingegeben, Schau doch erst zu, wcr's haben mag; Mein Leben ist ein höh'rcs Streben, Und zwischen uns ist kein Vertrag. Ich bin von aller Welt gcehret, Und dich verachtet alle Welt; Verschlossenheit hat mich verkläret, Die Offenheit hat dich entstellt! „Wie Espenlaub re." „Du spielst dich aus, ich kann es dulden, Manchmal belustigt es mich auch — Doch machst du um die Liebe Schulden, Ich sie drum nicht zu zahlen brauch. Hat deine Liebe mich enthüllet, So deck ich mich fein wieder zu, Und ist der Thorheit Maaß erfüllet, Steh ich ganz leer und voll bist du! „Wie Espenlaub rc." 267 „Was du erzählst von deinen Leiden, Das schmücket mich in meinem Kreis, Ich kann mich auch in Blumen weiden, Was man nicht weiß, macht mich nicht heiß. Hält' ich für dich die kleinste Liebe, Hätt'st du für mich den kleinsten Werth, Vermauert jedes Fünklein bliebe Vor meinen Freunden unter'm Herd!" „Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh', O wäre spater ich geboren oder früher du!" Die Blumen an Sie. Als Soimenfeuer sprühte Und heiß der Sommer glühte Und süß die Linde blühte Und lieb die Tnrtel girrte Und licht der Glühwurm schwirrte Sprach sterbend zn der Myrthe DaS letzte Licht der Lilie: „Geh' mit der Leidfamilie Und heiß Willkomm' Cäcilie. Drum stehen hier gleich Kerzen Wir Blumen, stumme Schmerzen Ans einem kranken Herzen Und flehen um das Leben. In unfern Kelchen beben, Auf unfern Sternen schweben Unsäglich tiefe Leiden; Doch sind wir still bescheiden, O, lass' uns dir zur Seiten Ganz linde und gelassen Verblühen und verblassen, O JcsnS! ohne Hassen! 269 O Jcsns! ohne Höhnen! O Jesus! dich verschönen, In dem wir uns versöhnen! Der uns hat hergesendet, Der hat ja bald vollendet, Doch wir sind nicht verschwendet; Wir stehen auf dem Grabe Gleich einer Thränengabe; Gleich einem schwachen Stabe Des armen Thränenblinden, Sein Ruheort zu finden, Den letzten Kranz zu winden Zu Füßen einer Linden, Dem, der bald überwunden Verblutend unverbunden An tiefen, tiefen Wunden. Trum lass' in stummen Wehen Uns leis' bei dir vergehen, Es gibt ein Untergehen, Es gibt ein Aufersteheu, Es gibt ein Wiedersehen, Da wirst du uns verstehen!" Alls Sie alirciste! Ich ziehe hin, du mußt es leiden; ' Schon schwebt mein' Schifflein auf dem See, Und du stehst stumm dort bei den Weiden, Und wiegst dein Herz in bitterm Weh —> Das meine zuckt so hin und wieder, An deinem hat's nicht viel geruht; Mein Nnder hebt sich auf und nieder, Wein' in die Fluth — ich bin dir gut! Hör' was zu thun, wenn ich verschwunden, Daß du nicht ganz vertrauern mußt, Schau au mein Bild in deinen Wunden, Wieg still mein Herz in deiner Brust. Ich steig zum Berg, schleich durch die Thale, Such Kühle in des Seees Fluth — Lass' dir genügen an dem Strahle Der reinen Gluth — ich bin dir gut! 271 O krankes Herz, dein glühend Lieben, Glüht mir in jedem Abendroth; -Ist dir dein Trost auch nicht geblieben, Bleibt stets bei mir doch deine Noch. Und in der Abendglocke Tönen Fühl ich bewegt wie dir zu Muth, Fühl deine Thräncn, fühl dein Sehnen 2n meinem Blut — ich bin dir gut! O war aus mir was ich gesungen, Wär's nicht in meinen Mund gelegt, Dann war ein Quell aus mir entsprungen, Dem Durst, der deine Brust bewegt. Der Quell müßt bald die Kluft erfüllen, — Dein Ach und Weh und deine Glut Könnt' ich am blauen Sec dann stillen! Ach werde gut! — ich bin dir gut! Am Ufer bin ich gangen l Am Ufer bin ich gangen, Sie schifften auf dem See, Mein Herz war voll Verlangen, Ich trug ein heimlich Weh; Ein Weh, ein Weh zu sein So ganz allein, allein, allein! Ich Hab hinaus getragen Mein Herz, und der es liebt, Der muß zu Haus verzagen, Der ist zum Tod betrübt, Und hört die Turtel schrei'n: So ganz allein, allein, allein! So ging ich wohl zwei Stunden, Und ob ich sein gedacht Nur wenige Secunden, Das hüll ich in die Nacht Des stummen Herzens ein So ganz allein, allein, allein! 273 Es stürmt, dcr See schlägt Wellen, Unheimlich sanft der Wind, Nie will ich mich gesellen, Ich wirres, irres Kind, Dem, der mich liebt mit Pein So ganz allein, allein, allein! Und sollt er auch erblinden In seiner Thränen Fluth, Nie will ich mich verbinden, Dem ich am Herzen geruht; Stirbt er, grabt mir ihn ein So ganz allein, allein, allein! Schon zittern ihm die Schmerzen, Um das gebrochne Herz, Gleich stillen Todtcnkerzen; Ich laß ihn, reißt der Schmerz Ihm gleich durch Mark und Bein, So ganz allein, allein, allein! Es war sein ganzes Leben Im bittern Weh verglüht, Da Hab ich ihn umgeben, Da ist er neu erblüht; Mein ist er, ich nicht sein. Er ist allein, allein, allein! II. 27L Wohin, wohin mich wenden? Ich armes Waiselein, Von allen Felsenwändcn Hör' ich das Echo schrein: „Arm Kind, o du mußt sein So ganz allein, allein, allein!" Die Quellen sich gesellen, Die Vöglcin zwei und zwei, In Ufern gehn die Wellen, Sein Echo hat mein Schrei, Und ruft vom Felsenstcin: So ganz allein, allein, allein! Viel bin ich umgezogen, Hab redlich angeblickt, War liebevoll gewogen, Hab freundlich zugenickt! Die Wahrheit ließ der Schein So ganz allein, allein, allein! Und wem ich bot zu trinken, Der ward so schwer berauscht, Er ließ, den Becher sinken, Und hat ihn leicht vertauscht, Den Zauberbecher mein, So ganz allein, allein, allein! 275 Du einsam Kreuz am Pfade! Scheu blicke ich hinan, O süßer Herr der Gnade Blick doch dein Schäflein an! Treib treuer Hirt: mich ein Bald, ganz allein, allein, allein! Da spricht's: „Thn keinem Andern, Was dir nicht soll geschehn;" Willst du nicht einsam wandern, So laß nicht einsam stehn, Lass' nicht, willst du nicht sein So ganz allein, allein, allein! Will Keiner mir begegnen Ans diesem öden Pfad, Soll ich die Welt gesegnen, Verlassen am Gestad'? Da schallt ein Tritt — es naht! Wer ist's? — sein will ich seyn So ganz allein, allein, allein! „Sag, lieber Wandrer, bist du's, So biete mir gut Zeit." „Gelobt sei Jesus Christus!" — „In alle Ewigkeit. Ach ja! wenn es soll sein So ganz allein, allein, allein!" 276 Gärtnerlicd im Licdergartcn der Liebt. Du dauerst mich Seele! Der so hat gesungen, Die lieblichste Kehle, Die süßte der Zungen, Wie kannst du noch leben, Noch andere Lippen Mit Küssen umschweben? Ich ging in den Klippen Berauschet zu Grund, Hätt' je mich so innig, So innig und sinnig Der blühende Mund Der Lieder - Sirene Begrüßet im Bund. Ein Liebender bin ich Und weih eine Thräne Dir, nüchterne Seele, Dir hat Philomele In Liedern gerungen, Mich hat sie bezwungen 277 Den Garten der Wonne Der Andern zu bauen, O süßes Vertrauen! Ich lenke die Bronnen, Die trunken verronnen, Daß frisch sie bethauen Die Blumen, die Lichter, Die Sterne, die Strahlen, Die Farben der Dichter, Um Liebe zu malen, O seliges Dienen! Dem Herzen, dem Armen Jst's süß, zu erwärmen So Sonncnbeschienen Vom Himmel der Augen Jst's süß, um die schwülen Gefühle zu kühlen, Die tödtcnden Gluthen In hüpfende Fluthen Der Lieder zu tauchen, Worin sie die Schmerzen, Die Feuer aushauchen Vom liebenden Herzen Ergoß und erkühlte, Bis Friede sie fühlte. O Gluthen durchwühlt mich, In denen sie wühlte, O Fluthen umkühlt mich, In denen sie kühlte, 278 O Wellen umspielt mich, In denen sie spielte, O Blüthen umblüht mich, In denen sie blühte, O Lieder durchglüht mich, In denen sie glühte, O stammelnde Lieder Voll Wahrheit und Güte, Mit feurigem Hauche, Mit Thräncn im Auge, Klingt wieder, klingt wieder, Mein sind eure Leiden, Das Ringen, das Zagen, Das Scheiden, das Meiden, Das bittre Entsagen. Weint nieder, weint nieder Ihr stammelnden Lieder. Euch liebt sie, euch schrieb sie, Ich lieb euch, ich lieb sie, Doch sie liebt nicht wieder, Ihr sehnenden Lieder! Süß ist eure schlanken Verlangenden Ranken Mit Zier auf und nieder Zu schlingen, zu winden, In Lauben zu binden; Und muß hin und wieder Ein Reblein ich schneiden. Muß gleich ich mit leiden. 27S Die Wunden; sie weinen, Da muß ich mich sehnen, O liebliche Lieder! Es sind eure Thränen Auch immer die meinen, So such ich und finde Die süßen Gedanken, Und binde und winde Sie träumend in Schranken, Und irre die Pfade Der Luftlabyrinthe Bis hin zum Gestade, Wo unter der Linde Die dichtende Gnade Dem liebenden Kinde Im geistigen Bade So leuchtend, so linde Erkühlet die Gluth, O selige Fluth! O trunkener Spiegel, Der schimmernden Glieder, Du küßtest das Siegel Der lieblichen Lieder! Wie war dir zu Muth? Und wie ich so sehne, Da lockt die Sirene; Komm nieder, komm nieder, Hier hat sie geruht, Hier duftet der Flieder, 280 Hier ist es so gut, Hier löst sie das Mieder, Und taucht in die Fluth Das Wonnegefieder Der Phönix; ihr Blut Hat hier in den Wogen Gebadet die Triebe, Und ist dann geflogen Durch Feuer und Gluth, Und hat seine Liebe, Die roth war, verglühet, Bis weiß sie erblühet In heiligem Licht! So saug ein Gedicht. 281 Wund'' an Wunde — o süß Liebchen! Wund' an Wunde — o süß Liebchen! Neue Wunde ist das Grübchen, Das der Liebe Stern eindrücket, Wenn entschlummernd süß er zücket, Und verwundend Strahlen schießet Augenwimper, die sich schließet. Ruh' fein still am kleinen Kissen — Ach, ich Hab dran weinen müssen! Sei in Dornen, meine Lilie! Wie ein Rosenzaun, Ottilie, Soll mein Lieben dich umschließen, Dirwärts nur die Rosen sprießen, Mirwärts nur die scharfen Dornen, Die mich zum Verbluten spornen! Duftet Rosen ihr der Süßen, Da ich jetzt dies Jahr mit Büßen, Einen dichten Kranz von Schmerzen, All erblüht in meinem Herzen, All erbaut in bangem Sehnen, All bethaut von heißen Thräncn, 282 Ähr demüthig leg zu Füßen, Ach, die ihn nicht von sich stießen, Die ich durfte treu umschlingen! Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen, Selig starb die letzte Rose Still entblättert ihr im Schooße! Drittes Buch. 'MU 25iK^0 Scene aus meinen Ainderjahrcn. Oft war mir schon als Knabe alles Leben Ein trübes, träges Einerlei. Die Bilder, Die auf dem Saal und in den Stuben hingen, Kannt ich genau; ja selbst der Büchersaal Mit Sandrart, Merian, den Bilderbüchern, Die ich kaum heben konnte, war verachtet, Ich hatte sie zum Ekel aus - betrachtet. So, daß ich mich hin auf die Erde legte, Und in des Himmels tausendförm'gcn Wolken, Die luftig, Farben wechselnd oben schwammen, Den Wechsel eines slücht'gcn Lebens suchte. Kein lieber Spielwerk halt' ich, als ein Glas, In dem mir Alles umgekehrt erschien. Ich saß oft Stundenlang vor ihm, mich freuend, Wie ich die Wolkenschäfchen an die Erde, Und meines Vaters Haus, den ernsten Lehrer Und all mein Übel an den Himmel bannte. Recht sorgsam wich ich aus, in jenen Höhen Den kleinen Zaubrer selbst verkehrt zu sehen. 28 tt Ich wollte damals Alles umgestalten, Und wußte nicht, daß Änderung unmöglich, Wenn wir das Äußere, nicht das Jnnre wenden, Weil alles Leben in der Wage schwebet, Daß ewig das Verhältniß wiederkehret, Und Jeder, der zerstört, sich selbst zerstöret. Dann lernt ich unfern Garten lieben, freute Der Blüthen mich, der Frucht, des goldnen Laubes, Und ehrte gern des Winters Silberlocken. An einem Abend stand ich in der Laube, Von der die Aussicht sich in's Thal ergießt, Und sah wie' Tag und Nacht so muthig kämpften. Die Wolken drängten sich wie wilde Heere, Gestalt und Stellung wechselnd in dem Streite, Der Sonne Strahlen schienen blut'ge Sperre; Es rollte leiser Donner in der Weite, Und unentschieden schwankt des Kampfes Ehre Von Tag zu Nacht, neigt sich zu jeder Seite; Dann sinkt die Gluth, es brechen sich die Glieder, Es drückt die Nacht den schwarzen Schild hernieder. Da fühlte ich in mir ein tiefes Sehnen Nach jenem Wechsel der Natur, es glühte Das Blut mir in den Adern, und ich wünschte In einem Tage , so den Frühling, Sommer, Herbst, Winter in mir selbst, und spann So weite, weite Pläne aus, und drängte ^ Sie enge, enger nur in mir zusammen. 287 Der Tag war hinter Berge still versunken, Ich wünschte jenseits auch mit ihm zu sein, Weil er mir diesseits mit dem kalten Lehrer Und seinen Lehren stets so leer erschien. Der Ekel und die Mühe drückten mich, Ich blickte rückwärts, sah ein schweres Leben, Und dachte mir das Nichtsein gar viel leichter, Dann wünscht ich mich mit allem, was ich Freude Und wünschenswerthes Glück genannt, zusammen Vergehend in des Abendrothes Flammen. Der Gärtner ging nun still an mir vorüber Und grüßte mich, ein friedlich Liedchen sang er, Von Ruhe nach der Arbeit, und dem Weibe, Das freundlich ihn mit Speis und Trank erwarte. > Die Vöglein sangen in den dunkeln Zweigen Mit schwachen Stimmen ihren Abendscgen, Und es begann sich in den Hellen Teichen Ein friedlich, monotones Lied zu regen. Die Hühner sah ich still zur Ruhe steigen, Sich einzeln folgend auf bescheidnen Stegen. Und leise wehte durch die ruh'ge Weite Der Abendglocke betendes Geläute. Da sehnt ich mich nach Ruhe nach der Arbeit, Und träumte mancherlei von Einfachheit, Von sehr bescheidnen, bürgerlichen Wünschen. Ich wußte nicht, daß es das Ganze war, Das mich mit solchem tiefen Reiz ergriff. 288 Des Abends Gluth zerfloß in weite Nöthe, So löst der Mühe Gluth auf unfern Wangen Der Schlaf in heilig sanfte Röthe auf. Kein lauter Seufzer hallte schmerzlich wieder, Es ließ ein Leben ohne Kunst sich nieder, Die hingegebene Welt löst sich in Küssen, Und alle Sinne starben in Genüssen. Da flocht ich trunken meine Ideale, Durch Wclkendunkel webt ich Mondesglanz. Der Abendstern erleuchtet, die ich male, Es schlingt sich um ihr Haupt der Sternenkranz, Die Göttin schwebt im hohen Himmelssaale Und sinkt und steigt in goldner Strahlen Tanz. Bald faßt mein Aug' nicht mehr die Hellen Gluthen, Das Bild zerrinnt in blaue Himmelsfluthen. Und nie könnt ich die Phantasie bezwingen, Die immer mich mit neuem Spiel umflocht; So glaubte ich ans einem kleinen Kahne In süßer Stummheit durch das Abendmeer Mit fremden, schönen Bildern hinzusegeln. Und dunkler, immer dunkler ward das Meer, Den Kahn und mich, und ach, das fremde Bild, Dem du so ähnlich bist, zog's still hinab! Ich ruht', in mich ganz aufgelöst im Busche, Die Schatten spannen Schleier um mein Aug', Der Mond trat durch die Nacht, und Geister wallten Rund um mich her, ich wiegte in der Dämm'rung 289 Der Büsche dunkle Ahnungen, und flocht Aus schwankender Gesträuche Schatten Laubem Für jene Fremde, die das Meer verschlang. Und neben mir, in todter Ungestalt, Lag schwarz wie Grab mein Schatten hingeballt Und es schien das ticfbetrübte Frauenbild von Marmorstein, Das ich immer heftig liebte, An dem See im Mondenschein, Sich mit Schmerzen auszudehnen, Nach dem Leben sich zu sehnen. Traurig blickt es in die Wellen, Schaut hinab mit todtem Harm, Ihre kalten Brüste schwellen, Hält das Kindlein fest im Arm. Ach, in ihren Marmorarmen Kann's zum Leben nie erwärmen! Sieht im Teich ihr Abbild winken, Das sich in dem Spiegel regt, Möchte gern hinunter sinken, Weil sich's unten mehr bewegt, Aber kann die kalten, engen Marmorfesseln nicht zersprengen. II. 19 290 Kann nicht weinen, denn die Augen Und die Thränen sind von Stein. Kann nicht seufzen, kann nicht hauchen, Und erklinget fast vor Pein. Ach, vor schmerzlichen Gewalten Macht' das ganze Bild zerspalten! Es riß mich fort, als zogen mich Gespenster Zum Teiche hin, und meine Augen starrten Auf's weiße Bild, es schien mich zu erwarten, Daß ich mit heißem Arme es umschlinge, Und Leben durch den kalten Busen dringe. Da ward es plötzlich dunkel, und der Mond Verhüllte sich mit dichten, schwarzen Wolken. Das Bild mit seinem Glanze war verschwunden In finstrer Nacht. In Büsche eingcwunden Könnt ich mit Mühe von der Stelle schreiten. Ich tappe fort, und meine Füße gleiten, Ich stürze in den Teich. Ein Freund von mir, Der mich im-Garten suchte, hört' den Fall Und rettet mich. Bis zu dem andern Morgen War undurchdringlich tiefe Nacht um mich, Doch bleibt in meinem Leben eine Stelle, Ich weiß nicht wo, voll tiefer Seligkeit, Befriedigung und ruhigen Genüssen, Die alle Wünsche, alle Sehnsucht löste. 291 Als ich am Thurm zu deinen Füßen saß, Erschufst du jenen Traum zum ganzen Leben, In dem von allen Schmerzen ich genaß. O theile froh mit mir, was du gegeben, Denn was ich dort in deinem Auge las, Wird sich allein hoch über Alles heben. Und kannst du mir auf jenen Höhen trauen, So werd' ich bald das Tiefste überschauen! Ich glaube, daß es mir in jener Nacht, Von der ich nichts mehr weiß, so wohl erging, Als ich erwachte, warf sich mir die Welt Eiskalt und unbeweglich hart nm's Herz. Es war der tödtende Moment im Leben, - Du, Tilie, konnt'st allein den Zauber heben! Mein Vater saß an meinem Bette, lesend Bemerkte er nicht gleich, daß ich erwachte. Es stieg und sank mein Blick auf seinen Zügen Mit solchem Forschen, solcher Neugier, daß Mir selbst vor meiner innern Unruh' bangte. Dann neigte er sich freundlich zu mir hin, Und sprach mit tiefer Rührung: „Karl, wie ist dir?" Ich hatte ihn noch nie so sprechen Horen Und rief mit lauten Thräncn aus — „O, Vater! Mir ist so wohl, doch, ach! die Marmorfrau — Wer ist sic? — Wessen Bild? — Wer that ihr Weh? Daß sie so tief betrübt auf's holde Kind Und in den stillen See hernieder weint?" 19 » 292 Mein Vater hob die Augen gegen Himmel, Und ließ sie starr zur Erde niedersinken, Sprach keine Silbe und verließ die Stube. In diesem Augenblicke fiel mein Loos, Ein ew'ger Streit von Wehmuth und von Kühnheit, Der oft zu einer inner» Wuth sich chob, Ein innerliches, wunderbares Treiben Ließ mich an keiner Stelle lange bleiben! Es war mir Alles Schranke, nur wenn ich An jenem weißen Bilde in dem Garten saß, War mir's, als ob es alles, was mir fehlte, In sich umfaßte, und vor jeder Handlung, Ja, fast eh' ich Etwas zu denken wagte, Fragt ich des Bildes Widerschein im Teiche, Entgegen stieg mir hier der blaue Himmel, Und folgte still, wie die bescheidne Ferne, Der Weißen Marmorfrau, die auf dem Spiegel Des Teiches schwamm. So wie der Wind die Fläche In Kreisen rührte, wechselte des stillen Und heil'gen Bildes Wille, und so that ich! Sprich aus der Ferne! Sprich aus der Ferne Heimliche Welt, Die sich so gerne Zu mir gesellt! Wenn das Abendroth niedergesuuken, Keine freudige Farbe mehr spricht, Und die Kränze still leuchtender Funken Die Nacht um die schattigte Stirne flicht: Wehet der Sterne Heiliger Sinn Leis' durch die Ferne Bis zu mir hin! Wenn des Mondes still lindernde Thränen Lösen der Nächte verborgenes Weh; Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen Schiffen die Geister im himmlischen See. Glänzender Lieder Klingender Lauf Ringelt sich nieder, Wallet hinauf! 294 Wenn der Mitternacht heiliges Grauen Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht. Und die Büsche gar wundersam schauen, Alles sich finster, tiefsinnig bezeugt. Wandelt im Dunkeln Freundliches Spiel, Still Lichter funkeln Schimmerndes Ziel! Alles ist freundlich wohlwollend verbunden, Bietet sich tröstend und trauernd die Hand, Sind durch die Nächte die Lichter gewunden. Alles ist ewig im Innern verwandt. Sprich aus der Ferne Heimliche Welt, Die sich so gerne Zu mir gesellt! 293 Die Seufzer des Abcndwindes wehen! Die Seufzer des Abendwinds wehen So jammernd und bittend im Thurm; Wohl hör' ich um Rettung dich flehen, Du ringst mit den Wogen, versinkest im Sturm! Ich seh dich am User; es wallet Ein traurcndes Irrlicht einher. Mein liebendes Rufen erschallet, Du hörest, du liebest, du stürzest in's Meer! Ich lieb und ich stürze verwegen Dir nach in die Wogen hinab, Ich komme dir sterbend entgegen, Ich ringe, du sinkest, ich theile dein Grab. Doch stürzt man den Stürmen des Lebens Von Neuem mich Armen nun zu. Ich sinke; ich ringe vergebens, Ach, nur in dem Abgrund des Todes ist Ruh'. Da schwinden die ewigen Fernen, Da endet kein Leben mit dir. Ich kenn deinen Blick in den Sternen, Ach, sieh nicht so traurig, Hab Mitleid mit mir! 296 Wenn der Murm das Meer umschlinget Wenn der Sturm das Meer umschlinget, Schwarze Locken ihn umhüllen, Beut sich kämpfend seinem Willen Die allmächllge Braut und ringet, Küsset ihn mit wilden Wellen, Blitze blicken seine Augen, Donner seine Seufzer hauchen, Und das Schifflem muß zerschellen. Wenn die Liebe aus den Sternen Niederblicket auf die Erde, Und dein Liebstes Lieb' begehrte, Muß dein Liebstes sich entfernen. Denn der Tod kommt still gegangen, Küsset sie mit Geistcrküsscn, Ihre Augen dir sich schließen, Sind im Himmel aufgcgangen. 287 Rufe, daß die Felsen beben, Weine tausend bittre Zähren, Ach, sie wird dich nie erhören, Nimmermehr dir Antwort geben! Frühling darf nur leise hauchen. Stille Thränen niederthauen, Komme, willst dein Lieb' du schauen, Blumen öffnen dir die Augen. In des Baumes dichten Rinden, In der Blumen Kelch versunken, Schlummern Helle Licbesfunken, Werden balv den Wald entzünden. In uns selbst sind wir verloren, Bange Fesseln nns beengen, Schloß und Riegel muß zersprengen, Nur im Tode wird geboren. In der Nächte Finsternissen Muß der junge Tag ertrinken, Abend muß herniedersinken, Soll der Morgen dich begrüßen. 2N8 Wer rufet in die stumme Nacht? Wer kann mit Geistern sprechen? Wer steiget in den dunkeln Schacht, Des Lichtes Blum' zu brechen? Kein Licht scheint ans der tiefen Gruft, Kein Ton aus stillen Nächten ruft! An Ufers Ferne wallt ein Licht, Du möchtest jenseits landen; Doch fasse Muth, verzage nicht, Du mußt erst diesseits stranden. Schau still hinab, in Todes Schooß Blüht jedes Ziel, fällt dir dein Loos! So breche dann du todte Wand Hinab mit allen Binden; Ein Zweig erblühe meiner Hand, Den Frieden zu verkünden. Ich will kein Einzelner mehr sein, Ich bin der Welt, die Welt ist mein! Vergangen sei vergangen Und Zukunft ewig fern; In Gegenwart gefangen Verweilt die Liebe gern. 29 » Und reicht nach allen Seiten Die ew'gen Arme hin, Mein Dasein zu erweiten, Bis ich unendlich bin. , So tausendfach gestaltet, Erblüh ich überall, Und meine Tugend waltet: Auf Berges Höh', im Thal. Mein Wort hallt von den Klippen, Mein Lied vom Himmel weht; Es flüstern tausend Lippen Im Haine mein Gebet! Ich habe allem Leben Mit jedem Abendroth Den Aschiedskuß gegeben, Und jeder Schlaf ist Tod. Es sinkt der Morgen nieder Mit Fittigen so lind, Weckt mich die Liebe wieder, Ein neugeboren Kind. Und wenn ich einsam weine, Und wenn das Herz mir bricht, So sieh im Sonnenscheine Mein lächelnd Angesicht. 300 Muß ich am Stabe wanken, Schwebt Winter-um mein Haupt, Wird nie doch dem Gedanken Die Glnth und Eil' geraubt. Ich sinke ewig unter, Und steige ewig auf, Und blühe stets gesunder Ans LiebeS-Schooß herauf. Das Leben nie verschwindet, Mit Liebesflamm' und Licht Hat Gott sich selbst entzündet In der Natur Gedicht. Das Licht hat mich durchdrungen Und reißet mich hervor; Mit tausend Flammenzungen Glüh' ich zur Glnth empor! So kann ich nimmer sterben, Kann nimmer mir entgeh'»; Denn um mich zu verderben Müßt Gott selbst untergehn! 3ttl Lebensmüde. Weste säuseln; silbern wallen Locken nm den Scheitel mir. Meiner Harfe Tone Hallen Sanfter durch die Felsen hier. Ans der ew'gen Ferne winken Tröstend mir die Sterne zn. Meine müden Augen sinken Hin zur Erde, suchen Ruh'! Bald, ach bald wird bessres Leben Dieses müde Herz erfreu'n, lind der Seele banges Streben Ewig dann gestillet sein. Schwarzer Grabesschatten dringet Um den Thräncnblick empor, Aus des Todes Asche ringet Schönre Hoffnung sich hervor! 302 Meines Kindes Klage lallet Dnrch's Gewölbe dumpf und hohl, Jdvlmio's Zunge lallet Jammernd mir das Lebewohl Zu der lang' ersehnten Reise. Senkt mich in der Todten Reih'n! Klaget nicht; denn sanft und leise Wird des Müden Schlummer sein. Und du Gute nimmst die Beiden Mütterlich in deinen Arm, Linderst meiner Tochter Leiden, Lächelst weg des Knaben Harm. Aus des Äthers lichter Ferne, Blickt dann Trost der Geist euch zu. Es umarmen sich zwei Sterne, Und ihr Kuß gibt Allen Ruh'. Schwermuth glänzt des MondeS Helle In mein thränenloses Aug', Schatten schweben durch die Zelle, Seufzer lispeln, Geisterhauch Rauschet bang' durch meine Saiten, Horchend heb ich nun die Hand, Und es pochen, Trost im Leiden, Todtenuhren in der Wand. 303 Ist des Lebens San- mit Schmerz gclöset Ist des Lebens Band mit Schmerz gelöset, Liegt der Körper ohne Blick, ohn' Leben, Fremde Liebe weint, und er geneset. Seine Liebe muß zum Himmel schweben, Von dem trägen Leibe keusch entblößet, Kann zu Gott der Engel sie erheben. Und er hält sie mit dem Arm umfasset, Schwebet höher, bis das Grab erblasset! Ist er durch's Vergängliche gedrungen, Kehrt die Seele in die Ewigkeit, O, so ist dem Tod genug gelungen, Und er stürzet rückwärts in die Zeit. Um die Seele bleibet Wonn' geschlungen, Alles gibt sich ihr, die Alles beut, Wird zum ew'gen Geben und Empfangen, Kann des Wechsels Ende nie erlangen! Heimwc h. Als hohe in sich selbst verwandte Machte In hcil'ger Ordnung bildend sich gereiht, Entzündete im wechselnden Geschlechts Die Liebe lebende Beweglichkeit, Und ward im Beten tief geheimer Nächte Dem Menschen jene Fremde cingeweiht; Ein stilles Heimweh ist mit dir geboren, Hast du gleich früh den Wanderstab verloren! Die Töne zieh'n dich hin, in sanften Wellen Rauscht leis ihr Strom in Ufern von Krhstall, Sirenen buhlen mit der Fahrt Gesellen, Aus Bergestiefen grüßt sie das Metall, Der Donner betet, ihre Segel schwellen, Aus Ferne ruft der ernste Wiederhall; Die Wimpel wch'n in bunten Melodien, O wolltest du mit in die Fremde ziehen! 303 Die Farben spannen Netze aus und winken Dir mit des Aufgangs lebenstrunknem Blich In ihren Strahlen Brüderschaft zu trinken, Am Berge weilen sie und sehn zurück — Willst du nicht auch zur Heimath niedersinken? Denn von den Sternen dämmert dein Geschicks Die fremde Heimath, spricht es, zu ergründen, Sollst du des Lichtes Söhnen dich verbünden! Auch magst du leicht das Vaterland erringen, Hast du der Felsen hartes Herz besiegt, Der Marmor wird in süßem Schmerz erklingen. Der todt und stumm in deinem Wege liegt, Wenn deine Arme glühend ihn umschlingen, Daß er sich deinem Bilde liebend schmiegt; Dann führt dich gern zu jenen fremden Landen Dein Gott, du selbst, ans ihm und dir erstanden. Dich schreckt so stiller Gang, so schwer Bemühen, Du sehnest dich in alle Liebe hin, Des Marmors kalte Lippe will nicht glühen, Die Farbe spottet deiner Hände Sinn, Die Töne singen Liebe dir und fliehen, Gewinnst du nicht, so werde selbst Gewinn; Entwickle dich in Form, und Licht, und Tönen, So wird der Heimath Bürgerkranz dich krönen! II. 20 30 « O freier Geist, du unerfaßlich Leben, Gesang der Farbe, Formen-Harmonie, Gestalt des Tons, du hell lebendig Weben, In Nacht und Tod, in Stummheit Melodie, In meines Busens Saiten tonlos Beben Ersteh in meiner Seele Poesie: Lass' mich in ihrer Göttin Wort sie grüßen. Daß sich der Hcimath Thore mir erschließen! Ein guter Bürger will ich Freiheit singen, Der Liebe Freiheit, die in Fremde rang. Will in der Schönheit Grenzen Kränze schlingen Um meinen Ruf, des Lebens tiefsten Klang, Mir eignen, ihn mit Lied und Lieb' erringen, Bis bräutlich ganz in Wonne mein Gesang, Gelöst in Lust und Schmerz das Widerstreben, Und eigner Schöpfung Leben niederschweben! 307 Die Braut. (Genüber liegt ein Kloster.) So bricht das Herz, so muß ich ewig weinen, So tret ich wankend auf die neue Bahn, Und in dem ersten Schritte schon erscheinen Die Hoffnungen, der Lohn ein leerer Wahn. Mit Pflichten soll ich Liebe binden, Die Liebe von der Pflicht getrennt; Und frohe Kränze soll ich winden, Die keine Blume kennt! Der erste Blick muß schon in Thränen schwimmen, Mir gegenüber steht das stille Haus, Der Orgelton schwillt bang um Helle Stimmen, Die blassen Kerzen löschen einsam aus. Ihr Stimmlein kann ich nicht erlauschen, In Gottes Hand erlosch ihr Licht, Und aus der schlanken Pappeln Rauschen Die stumme Freundin spricht! 20 * 308 H i) a r i n t h. Wende die Hellen Heiligen Augen Zn deiner Liebe, Daß ich erkenne, Wie mir das Schicksal Leben und Liebe Gütig vertheilt! Schone nicht meiner, Wende dich zu Mir, Daß ich im Strahle Liebend erblinde, Nicht mehr betrachte, Wie sich das thörichte Leben bewegt! Scheint dann die Sonne, Duftet der Frühling, Wehet die Kühle: O, so erfind ich Heimlich im Herzen Glühende Rosen, Blüthen und Blätter Dir zu dem Kranz! 30k) Wie sie der Frühling, Den du entzündet. Freundlich mir bietet, Wie sie mir färbet, Glänzend, bescheiden, Glühend und hoffend Die Phantasie, Wie sie mir ordnet Festliche Andacht! Keiner mag wissen, Was ich im Herzen Dir nur bewahre; Keiner verstehen, Was ich den glühenden Rosen, den Blüthen, Was ich den kühlenden Blättern vertraut! Keiner begleite Führend den Blinden, Einsam und ruhend Will ich verweilen. Wo du die Augen Liebend mir schlossest, Wo du das Leben Mir in dem Busen Liebend erschlössest! 31 « Still wie die Blumen, Einsam nur leben, Freundlichen Kindern Liebe Gesellen, Zärtlicher Mädchen Holde Vertraute, Und des Vergehens Schönste Bedeutung, Will ich vergehn! Schone nicht meiner, Wende dich von mir, Daß ich im Dunkel Berge die Thränen, Daß ich umschattet Betend erwarte, Wie mir geschehe! Wie mir erglänzet, Erblühet das Leben! Blumen eröffnen Die duftenden Augen, Glühende Rosen, Blüthen und Blätter Zeigst du mir freundlich Von mir gewandt! Alle sie pfleg ich, Verwandle Und bild ich 311 Dichtend die eine Der andren in Liebe Gattend, und webe Aus deinen Lieblingen Zart dir ein Lied! Und in dem Liede Werde ich singen, Wie sich die Göttin Von mir gewendet, Wie ich im Dunkeln Einsam nun stehe, Wie sic nur glühenden Rosen, nur Blüthen, Wie sie nur kühlenden Blättern vertraut! Werde dir singen, Wie du mit Liebe Unter den Blumen Deinen Getreuen Einst noch erblickest, Und mit den Hellen, Strahlenden Augen Auf ihm verweilst! Zephhrus liebt mich! Als mit den Blumen Scherzend er spielte, Hat er mich kindisch 312 Scherzend geküsset, ^ Weil ich so emsig Blumen verwebte In deinen Kranz! Aber Apollo, Der wohl die muthigen, Singenden, ringenden, Freundlichen Knaben Liebend umarmet, Spielt auch mit mir, Lehrt mich die Pfeile Schießen, den Diskus Werfen znm Ziel! Zephyrus eifert, Daß ich dem ernsten, Herrlichen Gotte Mich nur geselle, Und in den Blumen Nicht mehr ihn küsse, Nicht mehr des Lebens Freuden hinwehe, Daß sie erwogen Ein lustiges Meer. Und mit-Apollo Werf ich den Diskus, Und in dem Herzen 3L3 Fühl' ich dich näher, Fühle mit süßen, Ahnenden Schmerzen, Wie ich dir nah'! — Sieh, wie schon kreiset Höher der Diskns. Zephyrus eifert, Wirst mir die Scheibe Tödtlich umnachtend Auf die erhobene, Blickende Stirn! Und in dem Busen Brechen die Saiten, Die mir Apollo Liebend verliehen; Nieder am Boden Lieg' ich erkaltet, Und mir zur Seite Trauert der Gott! Will mich dem ernsten, Finsteren Tode Nicht überlassen, Wandelt mich liebend Zur Hyacinthe; Zephhrus küßt mich Nun mit den Andern 314 Unter den Blumen, Die du nur liebest, Weile ich stille — Trink' mit den glühenden Rosen, den Blüthcn Und mit den kühlenden Blättern dein Licht. Wende die Hellen, Heiligen Angen Zu deiner Liebe, Daß ich erkenne, Wie mir das Schicksal Leben und Liebe Gütig vertheilt! 315 Der Verirrte. Unter des lebenden Grünenden Tempels Flüsternde Hallen Komme ich irrend. Wie sich die Eiche Himmelwärts thürmet, Wie in dem Gipfel Ruhet des Mächtigen Jupitcr's Fuß. Und in dem Herzen Fühl ich die Nähe Heiliger Wesen, Die durch die Zweige Zu dem Olympos Wandeln empor. Führt mich ihr friedlichen Geister des Haines, Die mich umschweben Lachend und rufend, Führt mich zurück! 3L6 Irrende, flüchtige, Tönende Geister, Die ihr mit schäkernden Lispelnden Worten Irr mich geführt! Hier wo in mondlichen Nächten ihr rauschet, Und um die wohnsame Herrliche Eiche Tanzend euch schwingt! Wo ich im Thaue Freudigen Grases Von euren flüchtigen Goldenen Sohlen Ehre die Spur. — Hört mich, ihr Freundlichen, Die ihr verlorene Götter gepflcget, Die ihr die fliehende , Daphne umarmt. Frohe, geheime, Lindernde Geister, Die in des Waldes Rührigen Schauer Weben den Trost! 317 Mächtige, lebende, Stärkende Geister, Die in der Stämme Alter und Jugend Bilden die Kraft! Wenn ich je frevelnd Eure geheiligten Stämme verletzet, O, so verdorre Welkend die Hand! Nimmer auch höhnt ich Echo die Jungfrau, Die mit euch wohnet, Theilt ihr vertraulich Liebe und Schmerz! Führet mich heimwärts! Bin nur ein Wandrer, Bin kein Unsterblicher, Der mit ambrosischen Bissen sich nährt! Wisset, mich hungert, Führet mich heimwärts, Daß ich dem Freunde Von der Dryaden Hilfreicher Güte Bringe die Mähr'! 318 Cchprcssus er mm heißet! Cyparissns. Nicht lachen mehr, nicht singen mehr, Nicht mehr in Wäldern jagen, Still sitzen hier und klagen, Weil ich nun mein Hirschlein geschlagen todt Wollt eilen hin, wollt eilen her, Könnt einer mir nur sagen, Daß ich es nicht erschlagen, Daß ich nicht vergossen sein Blut so roth! O böse Jagd! o böser Pfeil! Mit liebem Blut geröthet, Mein Freund Hab ich gctödtet, Der um mich verlassen die Freiheit sein! Nicht lachen mehr, nicht' singen mehr, Nicht mehr in Wäldern jagen, Still sitzen hier und fragen: Wer hat erschlagen das Hirschlcin mein? 319 O Sonnenschein! o heißer Schein! Hier sitz ich an der Quelle, Wo in dem Wasser Helle, Das Hirschlein sah sein güldin Geweih'! Was rauschet Wohl, was blinket fein? Was brauch ich's dann zu hören, Mein Hirschlein kann nicht kehren, Es ist ja todt und blinket nicht meh'! Welch hoher Schritt, welch güldner Schein Zwei Hörner sch ich blinken, Mein Hirschlein kommt zu trinken, O Freude groß! daß ich cs noch seh. Phöbus O Cypariß! du holder Knab'! Dein Hirschlcin ist im Walde, Mein hoher Tritt so schallte, Mein güldin Leier gab solchen Glanz! Seit ich dich nicht gesehen Hab, Und hier bei dir gesessen, Hast du mich schon vergessen, Und flöchte dir doch den grünen Kranz! Lyo ari ssu s. Den grünen Kranz will ich nicht mehr, Und bist du nicht mein Hirschclcin, Und gehe und laß mich nur allein, So habe ich es doch geschlagen todt! 32 « Phölius. Dein's Hirschleins Tod verdrießt mich sehr, Will dir ein andres suchen In Eich' und grünen Buchen, Von Morgen bis zum Abendroth. In heißer Sonn', in kühler Nacht, Will ruh'n in keiner Stunden, Bis ich ein solches fanden, Damit ich tröste dein'n bittern Schmerz. Lyparissus. In heißer Sonn', in kühler Nacht, Kannst keins du je erjagen Wie meins, das ich erschlagen, Dem ich durchstochen sein treues Herz! Verlassen hat's seinen freien Stand, Von selbst kam es gegangen, Zch Hab es nicht gefangen, Ein'n treueren Freund gibt es wohl kaum! Am Halse trug's ein güldin Band, Mit Schellen auch von Golde, Und wenn ich reiten wollte, Legt ich ihm auf ein'n Purpurzaum! Ihm war vergüldt sein hoch Geweih', Daß mit den vielen Enden Es Alles mögt verblenden, Wann es rannte durch den dunklen Wald! 321 Es schien, als ob's ein Blitzstrahl sei, In seinen Ohren hinge Von Perlin ganz ein Ringe, So war geziert seine hohe Gestalt! P hödus. O Chpariß! du holder Freund! Ich geb dir Pfeil und Bogen, Mit Gold ganz überzogen, O höre-doch auf betrübt zu sein! Dein' schöne Augen sind ganz verweint, Von deinen süßen Wangen Ist ganz das Roth vergangen, llnd deine Lippen sind so voll Pein! Komm, geh mit durch den dunklen Wald, Den wilden Schmerz zu kühlen, Will singen dir und spielen, Komm und vergesse dein Hirschelcin! Cyparissus. Dein Pfeil und Bogen nur behalt Und in den Wald alleine geh, Denn ich vergeß es nimmermeh', Und sterbe hier voll großer Pein! H. 21 322 Will setzen zu dem Hirschlein mich Am heißen Mittag, wenn Alles schweigt, Will ruhen da, Will sterben da, In der Einsamkeit will ich sterben, Meine Gedanken ganz traurig, Will sterben bei dem Hirschelein! Da saß der Jüngling und weinte, Der Gott könnt ihn nicht trösten, Und macht nicht, daß er leide! Da macht er ihn aus Liebe Zu einer Trauerweide! Des Baumes Zweig' sich senken Und scheinen still zu denken Und leis herab zu weinen, Chpressus er nun heißet! Der Äbend. Nach seiner Heimath kühlen Lorbeerhainen Schwebt auf der goldnen Schale Schon Helios, es glühen rings die Wellen, Der Ocean erschwillt in frohen Scheinen, Die wie mit Blitzesstrahle Die ernste Nacht der fernen Ufer Hellen, Und über alle Schwellen Ergießt der Gott die stillen Feuerwogen Zum cw'gen Himmelsbogen, Daß von den Bergen durch das dunkle Leben Des Tages Flammen wiederhallend beben! Hoch auf den Bergen wehen seine Flammen Den raschen Mann zu führen, Der seiner Reise Ziel noch nicht errungen, Er strahlet mit dem Glanze stets zusammen, Wenn gleich die Füße gleiten Bleibt von dem Lichte doch sein Haupt umschlungen. Nie von der Nacht bezwungen 21 * 324 Lenkt ruhig nach der Sterne heil'gem Feuer Das ernste Schiff das Steuer Und wandelt heimwärts durch die dunkeln Fluthen, Vertrauend auf des Leuchtthurms hohe Gluthen! , Von kühnen Felsen rinnen Lichter nieder Die Thäler zu ergründen, Und wo des Feuers wilde Quelle ziehet Verglimmen bald des Haines milde Lieder, Denn alle Töne schwinden Bis sie des Abends Flammen rein geglühet — Und welch ein Lied erblühet —- Es flicht die Nachtigall die goldnen Schlingen, Und süß gefangen ringen Im Liede Liebesschmerz und Schmerzesliebe, Daß Schmerz in Liebe, Lieb' in Schmerz sich übel So drang der Töne Frühling aus dem Schweigen, So auch in reinen Seelen Des Tages wilde Kämpfe bald zerrinnen Wenn Lieb' und Schmerz sich hold zusammen neigen. Die Zwietracht zu verhehlen, Und rührend doch den ew'gen Streit beginnen. Ach, keine mag gewinnen! — Ein Wundergift fließt beiden von den Pfeilen, Zu tödten und zu heilen — Denn er muß stets an ihrem Pfeil gesunden, Und sterbend lebt sie nur in seinen Wunden! 325 Doch bald wird nun die Nuhe niederschweben, Daß alle Schmerzen fliehen, Den heißen Kampf die stillen Schatten kahlen, Dann mag der Sehnsucht ungelöstes Leben Zn heil'gen Phantasien, In schönen Träumen dichtend sich erwühlcn. Könnt ihr solch Leben fühlen? So will, mit seinem Rausch euch zu erfüllen, Mein Bild ich gern enthüllen, Mein Bild, wie in des Abends Heiligthnmen Die Jungfrau redet mit den holden Blumen! Die Jungfrau und die Blumen. Wo leis des Gartens dichte Schatten rauschen, lind in den dunklen Zweigen Die reifen, goldnen Früchte heimlich schwellen, Gleich holden Engeln, die in Wolken lauschen, Und freundlich sich bezeigen, Seht ihr die weiße Jungfrau sich erhellen, Des Lichtes letzte Wellen Umfließen sie. Sie sitzt, und ihr zu Füßen Unschuld'ge Blumen sprießen; Sie spricht zu ihnen, weckt mit ihren Blicken Die schon die Augen schließen, schlafend nicken! 32 « Es scheint ihr Wort sie mehr noch einzuwiegen. Was ihre Lippen sprechen, Wallt längst im Traum um ihre zarten Seelen, Und wohnt in ihrem Leben still verschwiegen — Die Stummheit zu zerbrechen Sind sie zu schwach, und können's nicht erzählen. Doch sie kann Nichts verhehlen, Der stille Abend löst die keuschen Banden, Die ihren Schmerz umwanden, Sie klaget leis, und mit den blauen Augen Will Antwort sie aus ihrer Stummheit saugen! „Ihr blinden Kinder, wenn der ew'ge Schlummer Von euren Augen weichet, Wenn eure Lippen seufzend sich erschließen, Ein warmes Herz euch bebt, und eurem Kummer Die Götter Worte reichen, Erblüh ich, eine Blume, euch zu Füßen. Ihr werdet still mich grüßen, Und für der Liebe jungfräuliches Bangen Der Blume Trost verlangen, Denn wir sind Schwestern, sind im harten Leben Der tiefen Liebe frühem Tod gegeben! „Was Lilie keusch in deinem Kelche webet, Was Rose roth dich malet, Und eure Augen, stille Veilchen, sagen, Auch keusch und bang in meinem Busen strebet. Von meinen Lippen strahlet, 327 Und still und mild die blauen Augen klagen, Uns faßt ein gleich Verzagen, Ach! nimmer kann des Herzens still Verbrennen Der keusche Mund bekennen, Ach, nimmer will die wilde Welt verstehen,. Was unsrer Dufte stumme Lippen flehenk „Wenn linde Sonnenstrahlen nieder sehen, Sich laue Weste regen, Erkennen wir aus uns mit dunklem Sehnen, Doch nimmer wissen wir, wie uns geschehen. Was wir im Innern hegen, Ist süßes Träumen und ein kindisch Wähnen, Es fließen alle Thräncn Noch leicht herab, und weilen keine Schmerzen Im unerschlossnen Herzen, Bis von der ew'gen Liebe tiefen Quellen Das Herz sich dehnt, und leis die Knospen schwellen! „Im Busen keimet heimliches Begehren Und mildes Widerstreben, Und wie sie liebend mit einander walten Erzeuget sich ein hoffendes Entbehren; Der Blüthe junges Leben Will nun die zarten Blätter schon entfalten. Die freundlichen Gestalten, Die in verborgner Werkstatt noch gefangen Nach Freiheit sehr verlangen, Bis uns des Morgens goldner Pfeil erschließet Und der geheimen Wunde Thräne fließet. 328 „Nun lösen sich die rätselhaften Triebe, Und zu dem reinen Throne, Der aus dem Herzen froh herauf gedrungen, Steigt schüchtern und verschleiert unsre Liebe. Es hat die bunte Krone Der sanften Königin das Licht geschlungen; Sie hat das Reich errungen, Und blickt in ihres Sieges junger Wonne So freudig nach der Sonne, Die freundlich sich in ihren Schooß ergießet Und sie mit goldnen Strahlen froh begrüßet! „Dir, arme Königin, wie wird dir bange, So einsam und verlassen, So arm siehst du hinaus in's weite Leben, Die eignen Düfte küssen deine Wange, Du mußt dich selbst umfassen, Kein Volk, kein schöner Freund dir Liebe geben, h ^ Die zarten Säulen beben, Auf denen sich dein leichter Thron beweget, Vom Weste selbst erreget. Die Nacht sticht lieblos dir in dunklen Träumen, Am Morgen Thränen deine Blicke säumen! „Sind nicht dein Thron des Busens junges Wogen, Dein Purpur, rothe Wangen, Dein Diadem, der Locken goldne Schlingen? Ach, bald sind all die Wellen wcggezogen, Der Purpur bald vergangen, Gelöst die Flechten, die dein Haupt umfingen. Der Liehe Pfeile dringen Vom Himmel und der Schmerzen glühes Wühlen Im Herzen zu erkühlen, Löst du in stillen Thränen dein Geschmeide, Der Thränen Weide wirst du, Augenweide! „Du arme Königin! so ohne Wehre Sollst schweren stampf du führen. Will keiner für die holde Braut denn streiten, Will keiner, daß die Glut sie nicht verzehre, Solch zarte Schönheit rühren, Des Schattens liebend Dach um dich zu breiten? O stummes, bittres Leiden! Welch Leben, wo die Liebe ungedinget Dir keine Hülfe bringet, And wolltest du den dichten Schleier heben, So würde dir des Schatzes Geist entschweben! „Wie schöner Sieg! Wir können hier nicht sterben Denn hier war uns kein Leben, Ein Frühling nur, wir sind es selbst gewesen, Erblühen und Verglühen —- kein Verderben Kann unser Bild entwcben, Nur Opfer kann der Liebe Fessel lösen, O freudiges Genesen! Erhebe sanfte Königin den Schleier Dem reinen Himmclsfeucr, Will liebend nicht das Leben dich erringen, So laß vom stillen Gotte dich umschlingen! 33 « „Wie glüht der Mittag heiß, in tiefem Schweigen Eröffnet sie den Schleier, Der Liebe Heiligthum muß sie enthüllen, Und zu dem Throne glühe Strahlen steigen, Des stillen Gottes Freier, Die Wachen Schmerzen tödtend ihr zu stillen. Sie reicht dem mächtigen Willen Die Liebe hin, und löset ihre Krone, Und breitet auf dem Throne Die duftenden Gewänder, an den Gluten Des Bräutigams sich opfernd zu verbluten! „Mir ist das schöne Opfer bald verglommen. Es wallt das letzte Düften Dem lichten Gott, der mit der Krone fliehet, Er wand sie mir, er hat sie hingenommen, Und in den reinen Lüften Das bunte Leben mit ihm heimwärts ziehet. Mein stiller Abend glühet, Und wo des hohen Glanzes reine Wellen In heißem Purpur schwellen, Da brechen sich der Sehnsucht letzte Wogen, Und ist der Streit der Liebe hingezogen! „O Nacht! so voller Liebe, Ergieße deine dunkle Fluth der Bangen, Umfange ihr Verlangen, Laß kühlend um die kämpfenden Gestalten Das stille Meer der ew'gen Liebe walten!" 331 Oie Ehr' ist mir kein Gut! Ein Ritter an dem Rheine ritt In dunkler Nacht dahin, Ein Ritterlein, das reitet mit Und fragt: „Wohin dein Sinn?" „„Mein Sinn, der steht nach Minnen, Ich Hab mich 'rum geschlagen, Und könnt doch nichts gewinnen, Und mußt düs Leben wagen!"" „Ei hast du nicht die Ehr' davon? Die Ehr' ist hohes Gut —" „„Ich hätt' die liebe Zeit davon, Die Ehr' ist mir kein Gut. — „„Mein Blut ist hingeflossen Roth zu der Erde nieder, So warm ich es vergossen, Gibt mir's die Ehr' nicht wieder!"" Da sprach das kleine Ritterlein: „Daß Gott sich dein erbarm! Du mußt ein schlechter Ritter sein, Weil deine Ehr' so arm! — 332 „Ich will mm mit dir rechten, Weil dn nicht ehrst die Ehre; Mein' Ehr' will ich verfechten, Setz' deine mir zur Wehre!" Des Ritters Unwill' war sehr groß, Drum er vom Rosse sprang, Auch machet sich der Kleine los Und sich zur Erde schwang. — Da fühlt sich der Geselle Von hinten fest umwinden, Es ist die Nacht nicht Helle, Sie streiten wie die Blinden! Und sinken Beide in den Klee -—- ,,Ei sprich! wer hat gesiegt?" Der Ritter ohne Ach und Weh — Bei einer Jungfrau liegt. „Ei hast du nicht die Ehr' davon? Die Ehr' ist hohes Gut — Ich hatt' die liebe Zeit davon, Die Ehr' ist mir kein Gut!" Die lustigen Mustkanten. Da sind wir Musikanten wieder, Die nächtlich durch die Straßen ziehn, Von unsren Pfeifen lust'ge Lieder, Wie Blitze durch das Dünkel fliehn. — „Es brauset uud sauset Das Tambourin, Es prasseln und rasseln Die Schellen darin; Die Becken hell flimmern Von tonenden Schimmern, Um Kling und um Klang, Um Sing und um Sang Schweifen die Pfeifen, und greifen An's Herz Mit Freud' und mit Schmerz!" Die Fenster gerne sich erhellen, Und brennend fällt uns mancher Preis, Wenn wir uns still zusammen stellen Zum frohen Werke in den Kreis. „Es brauset und sauset rc." »34 An unfern herzlich frohen Weisen Hat nimmer Alt und Jung genug, Wir wissen alle hinzureißcn In unsrer Töne Zauberzug. „Es brauset und sauset rc." Schlug zwölfmal schon des Thurmes Hammer, So stehen wir vor Liebchens Haus, Aus ihrem Bettchen in der Kammer Schleicht sie und lauscht zum Fenster 'raus. „Es brauset und sauset rc." Wenn in des gvldnen Bettes Kissen Sich küssen Bräutigam und Braut, Und glauben's ganz allein zu wissen, Macht bald es unser Singen laut. „Es brauset und sauset rc." Bei stiller Liebe lautem Feste Erquicken wir der Menschen Ohr, Denn holde Mädchen, trunkne Gäste Verehren unser klingend Chor. ,,Es brauset und sauset rc." Doch sind wir gleich den Nachtigallen, Sie singen nur bei Nacht ihr Lied, Bei uns kann es nur lustig schallen, Wenn uns kein menschlich Auge sieht. „Es brauset und sauset rc." 333 Die Tochler. Ich habe meinen Freund verloren And meinen Vater schoß man todt, Mein Sang ergötzet eure Ohren, Und schweigend wein' ich auf mein Brod! „Es brauset und sauset rc." Die Mutter. Äst's Nacht? ist's Tag? ich kann's nicht sagen, Am Stabe führet mich mein Kind, Die Hellen Becken muß ich schlagen Und ward von vielem Weinen blind! „Es brauset und sauset rc." Die beide» Brüder. Ich muß die lust'gen Triller greifen Und Fieber bebt durch Mark und Bein, Euch muß ich frohe Weisen pfeifen Und möchte gern begraben sein! „Es brauset und sauset rc." Der Knabe. Ich habe früh das Bein gebrochen, Die Schwester trägt mich auf dem Arm, Auf's Tambourin muß rasch ich pochen — Sind wir nicht froh? daß Gott erbarm! —> „Es brauset und sauset Das Tambourin, Es prasseln und rasseln Die Schellen drin; 336 Die Becken hell flimmern Von tönenden Schimmern, Um Kling und um Klang, Um Sing und um Sang Schweifen die Pfeifen, und greifen An's Herz Mit Freud' und mit Schmerz!" 337 Die Schönheit. Und was ich treibe, was ich thue, Ich komm doch nimmermehr zur Ruhe, Meine Schönheit ist so weit bekannt, Daß die ganze Welt in mich entbrannt. Aus dem Thale und über die Berge Kommen Riesen, Sätyrn und Zwerge, Viele hundert Waldteufel und Faunen — Es ist ordentlich zu erstaunen, Wo sich die Leute her beschreiben, Zu Haus können sie sich doch nicht gleich auftreiben. Ich kann kaum den Himmel mehr sehn, So muß ich täglich den Zaun erhöhn — Daß mich die plumpen Riesen Nicht gar zu Tode nießen, Wenn sie mit ihren großen Perücken Ueber den Zaun herüber gucken. — An der Thür ist ein ewiges Klopfen, Und ich kann nicht genug Löcher zustopfen, Daß nicht die Zwerge herein schlüpfen, Die draus wie Frösche herum Hüpfen. —^ Von den vielen Seufzern >-wird die Luft verderben, Und meine Bäume wollen schon abstcrben; Ich mag noch so viel faule Äpfel hinaus schleudern, Das hilft nichts bei den mancherlei Bärnhäutcrn! II. 22 Nachahmungen anderer Dichter. I. An S ..... g. Erhebe dich von dem verschloss'nen Munde, Komm von dem Lager, wo Maria ruht: Er schläft so heiter, ruhig, still und gut, So lächelnd sah er der Befreiung Stunde; Noch streitend fühlt er schon, daß er gesunde, Frei wird in seiner Brust der höh're Muth, In Ahnung lost sich die verschwiegne Gluth, Geheilt ist bald des Lebens tiefe Wunde. Maria schläft; verschlossen ist sein Mund, Er ist die Antwort schuldig mir geblieben, Ach! wirst denn du sie meiner Liebe geben? Ist es denn wahr? kann denn der Mensch nicht lieben? Ist keine Wahrheit in dem dunklen Leben? Wird jeder Schmerz im Tode nur gesund? 3SS II. Nachgefühl. Wenn die Blumen wieder blühen Regt es sich im stillen Herzen, Wenn die Rosen wieder glühen Fühl ich tiefer Ahnung Schmerzen! Thränen rinnen von den Wangen, Meine Blicke muß ich senken, Stiller Sehnsucht zart Verlangen Faßt des Freundes Angedenken! Ach, und Niemand kann mir sagen: Wo der theure Freund geblieben? Trauer hält' ich gern getragen, Gern ein Lied auf ihn geschrieben! 22 * 340 III. Als Stammblatt. Bitter tadelst du den Schöpfer, Daß er deinen Frennd zerstöret, Und daß er ihn nur deswegen In des Lebens Mitte führte, Um dann auf dem letzten Blatte Der Verwesung ihn zu weihen. Nicht den Schöpfer, nein, das Leben Trifft, o Freund! dein bittrer Tadel! Ach, das Leben ist so kurz, Ach, so kurz und doch so lang! Ist es denn auch nicht das längste, Lass' es uns zum dicksten machen! Sein Gebein stürz in den Abgrund, Lebt er doch im Grunde ewig. Sein Geist, der ewig schaffende, Lebt tönend fort in dir und mir; Von einer Messe zu der andern Ertönet sein belebend: „Werde!" Das ist das Loos des Schönen auf der Erde. 341 vi. Der duft'gen Wolken Schleier Verhüllt der Landschaft Moor, Um fallendes Gemäuer Klagt der Sylphiden Chor. Was hemmt in gvldnen Lüften Der hehren Ahnung Flug? Was bringt ans dunkeln Grüften Der stillen Gnomen Zug? Es ist des Jünglings Leiche, Sie tragen ihn empor, Der sich im Geisterreiche An Laura's Hand verlor! Erglänzt von Luna's Blicken Nnht dunkel die Gestalt, Und durch die Dämmerung zücken Erinnerungsblitze kalt! 342 > V. Genius senke die Fackel, hier ruht der erbleichete Jüngling, Ach, der heftige Schmerz schließt uns den klagenden Mund! Zwischen der Form und der Sache da irren die menschlichen Triebe, Und ein ewiger Streit trennet das Ich und das Nichts, Trennet die Pflicht und die Liebe, trennt das Gesetz und die Freiheit, Bindet zu Formen den Thon, trennt dann den Thon und die Form. Vl. Grausam eröffnet schon der alte Tod Das tiefe Grab, nimmt edle schöne Knochen Heraus, um uuserm Freunde Platz zu machen. Maria duldet still die Arzeneien, Wie grausam ist des Edlen Schicksal! Der nichts, der, ach! nichts nachzutrinken hat! So duldet er sein Schicksal, bis Der Athem (wehe, wehe dem Verräther!) Heimtückisch, wie ein Seufzer, ihn verläßt. Nun liegt er da, die edle schöne Seele, Wir beben Alle, wir verstummen! 343 Da erscheinest du, der Leichen Muse, Entwindest dich des Todtengräbers Armen, Hüllst den Verstorbenen freundlich In deinen dichten Schleier Und bringst den Schlummernden Der dunkeln Erde in die Arme. — Da ruht der Jüngling, bis dem Mutterschooße In neuen Formen die Geburt entsteigt, Lebend in Blüthen oder Liedern Den Vater grüßt! VH. Du hattest schon, o Freund, den Weg gefunden, Vertrauend bald der heil'gen neuen Lehre! Du hattest schon die heil'ge Drei verbunden, Bis dir die Viere deutlich worden wäre, Ließ dich der Blick in's Centrum schon gesunden l Ein tapfrer Krieger für der Gottheit Lehre, Ein Phönix wirst du dich der Liebe weihen, Die junge Brust in ew'ger Lust erfreuen! 3LL Vlll (Mel.: „Der Vogelfänger" rc.) Maria liegt nun schlafend da, Lustig, mein Mädchen, Hopsasa! Der Tod ist Schlaf, der Schlaf ist Tod Zwischen dem Morgen- und Abcndroth! Maria liegt nun schlafend da, Lustig, mein Mädchen, Hopsasa! Kann der Begriff die Liebe fassen, Kann der Cap'tain das Fluchen lasten! Maria liegt nun schlafend da, Lustig, mein Mädchen, Hopsasa! Wär ich schon todt, ich kehrte mich um, Ohne das Salz ist die Erde dumm! Maria liegt nun schlafend da, Sieht doch der Kaiser den Sonnenbrand! Kirschen, o Kirschen! lustiger Tand! V' Lustig, mein Mädchen, Hopsasa! 343 Maria liegt nun schlafend da, Lustig, mein Mädchen, Hopsasa! Ackerleute des lustigen Weins, Liebe! du Tausend und immer Eins! IX. Heil dir, der du der Dichtung magern Rappen Gcspornet frisch, wie Ritter Don Quixote, Entrissen kühniglich aus Glück und Nothe > Hast du dich aus dem Streit poet'scher Knappen. Wozu nach Abenteu'r und Neimen tappen? Dich traf der Welllauf mit gar harter Pfote, Dann kam des Tods entschuldigender Bote Und nahm dem Leben seine Schellenkappen. Nun sind zu Ende alle die Geschichten, Dich hat ein Gott der Lit'ratur entzogen, Du badest dich allein in blauen Wogen. Wozu noch länger reimen, dichten, richten, Du hast verlassen unsre Katakomben Und freuest dich der Götter Hekatomben! Sy mp h o 11 i e. Ruhe! — die Gräber erbeben; Ruhe! — und heftig hervor Stürzt aus der Ruhe das Leben, Strömt aus sich selbsten empor Die Menge, vereinzelt im Thor! Schaffend eröffnet der Meister Gräber. — Geborener Tanz Schweben die tönenden Geister, Schimmert im eigenen Glanz Der Töne.bunt wechselnder Kranz! Alle in einem verschlungen, Jeder im eigenen Klang, Mächtig durch's Ganze geschwungen, Eilet der Geister Gesang Gestaltet die Bühne entlang! 347 Heilige, brausende Wogen, Ernst und wollüstige Gluth Strömet in schimmernden Bogen, Sprühet in klingender Wuth Des Geistertanz silberne Fluch! Alle in einem erstanden Sind sie sich selbst nicht bewußt, Daß sie sich einzeln verbanden, Fühlt in der eigenen Brust Ein Jeder vom Ganzen die Lust! Aber im inneren Leben Fesselt der Meister das Sein; Läßt sie dann ringen und streben; Handelnd durcheilet die Neih'n Das Ganze im einzelnen Schein! Pha ntasie. (Für Flöte, Clarinette, Waldhorn und Fagott.) Flüt e. Stille Blumen, In der Liebe Heiligthumcn Nicht entsprossen, Welken nieder. Süße Lieder, Ohne Echo hingeflossen Kehren nimmer wieder! Clarinette. Doch zeiget der Spiegel im Quelle, So freundlich und Helle, Das eigne Gebild; Wie's flüchtig in rastloser Schnelle Sich eilend geselle, Und Welle an Welle Dem Leben entquillt! 349 Fagott. Wohnen nicht klar in mir Des Geistes Gestalten, Leben, so will ich dir Den Busen entfalten; Wer den eignen Ton nicht hört, Lausche, bis er wiederkehrt. — Wiederschein Blickt in's dunkle Herz herein! Waldhorn. Des Vorhangs leises Beben Erschreckt mich nicht, Und kann ich nicht erstreben Das eigne Licht., So wandl' ich froh und stille Ein Kind dahin; Mich grüßt durch fromme Hülle Ein heil'ger Sinn! Ä l l c. Es eilet jed' Leben die eigene Bahn, Es schauet der Spiegel den Menschen nicht an; Es küsset die Welle die Welle so gerne, Und reißet vom Ganzen nicht Einer sich los; Doch blüht einem Jeden das Ganze im Schooß, Und tief durch den Schleier, da weht cs von ferne! 350 Flöte. Helle Sterne Blinken aus weiter Ferne Fremdes Licht, — Und die Thränen, Die sich nach dem Freunde sehnen, Siehst du nicht! WalrI> or in. Es wandelt voll Liebe im Leben, Die Sonn' und das Mondlicht herauf; Doch, wenn wir das eigne nicht geben, Schließt nimmer der Schatz sich uns auf! Fagott. Was wir suchen, ach, das wohnet Unerkannt Uns im Herzen, unbelohnet; Und die Hand Haschet stets nach äußerm Schimmer. Was wir nicht umfassen, Das müssen wir lassen; Denn wir fassen's sicher nimmer! C l a r i n c t t e. Die ganze Welt Umwölbet ein Zelt, Ueber jeglicher Pforte Stehn goldne Worte. 331 Das Aug' der Sonne glühet Zur Blume, die aufsteht, Den heißen Gruß; Auf Mondeslippen blühet Der Blume, die heimgeht, Der stille Kuß. Und wer mit beiden Nicht kindlich spricht, Dem leuchtet kein Licht, Der findet den Ein- und den Ausgang nicht, Der kann nicht kommen, nicht scheiden! ÄU-, i Und wer sich mit Liebe nicht selber umarmt, Für den ist das Leben zum Bettler verarmt. Im eigenen Busen muß Alles erklingen, Und daß der Sinn leicht finden es kann, Hat's viele buntfarbige Kleider an, Und Hülle und Geist sich zum Leben verschlingen! 352 Guitarre und Lied. Guitarre. Wache auf, du süßes Lied, Oeffne deine goldnen Augen; Mondschein still hernieder sieht, Leise, kühle Lüfte hauchen Durch die tiefe, dunkle Nacht! Lasse deinen Hellen Blick Leuchtend durch die Schatten schweben; Antwort kehret bald zurück, Wenn des Echo's Wechselleben Hallend au dem Fels erwacht! Sag, wo willst du hin? Soll ich dich begleiten. Durch die Dunkelheiten Deine Schritte leiten? Soll ich stiller Liebe Deinen düstern Sinn Freundlich deuten? Willst du deine Triebe Durch dcu Abend singen; Oder hoher, Immer höher 353 Zu den Sternen klingen? Last' dich traulich umschlingen; Sprich deine Worte In meine Accorde! Lied. O, welch nächtlich banges Rauschen; Ob sie wohl am Fenster stehet; Oder an der kleinen Pforte, Meine Töne zu belauschen; Oder durch den Abend gehet! Guitarrc. Mädchen, höre seine Worte! Mädchen, lieb Mädchen erscheine, Sieh vom Fenster nieder; Lass' das Lied Nicht so alleine, Ach, der Helle Schimmer Bald verglüht, Kehret nimmer. Nimmer wieder. L, cd. Nimmer, nimmer Wiedersehen Stille Liebe, süße Blicke, All die Töne, all die Lieder In der kühlen Nacht verwehen; Nimmer kehren sie zurücke. II. 23 3SL Euitarrc Ach, das Mädchen sieht nicht nieder; Von den Saiten schwingen Sich die Töne dnrch die Nacht, Worte irren und verklingen — Wo die Liebe nicht wacht, Ist Alles leer, Kein Freuen mehr! Li cd Alles leer, und nimmer freuen, Kaum im Herzen aufgeblühet, Ist das Leben schon so schwer. Muß ich mich dem Tode weihen, Der mich langsam abwärts ziehet.? Gnilarrc. Ist denn keine Wiederkehr? Ist die Liebe hingetragen In den stummen Tod? Ist sie Nirgends zu erfragen; Ist sie in dem Abendroth Mit den andern Funken Hinabgesunken? Lied. Alle Lichter bald versinken; Alle Töne stumm ersterben; Nur allein wer liebetrunkcn, Liebe sieht im Auge blinken, Der kann nimmermehr verderben. 33S Guitarre. Ist die Liebe dir versunken, O, so wende, Schnell behende Zum Himmel die Blicke, Lass' die untreue Erde zurücke. Hinauf in's Helle Getümmel, In der Sterne froh Gewimmel. Oben am Himmelszelt Kein Echo dich gefesselt hält, Im hohen Wolkensaal, Da sind Liebesblicke, Und freudiges Hallen Hörst du zurücke, In Tönen ohne Zahl, Dir wieder schallen. Lied. Aller Himmel bald verschwindet, Alle Sterne bald vergehen, Alle Töne niederfallen; Denn allein ihr Blick entzündet All das Licht in Himmelshöhen. Guitarre. Nun, so lass' uns abwärts wallen, Bebe nicht, Der Weg ist so tief Ohne Licht. Manch Lied schon so entschlief; 23 » 356 Kannst du in den Himmelsseeen Keine Freiheit mehr ersehen, In den fernen Goldnen Sternen, Die wie Blumen drinnen brennen, Keinen Frühling mehr erkennen. So will ich dich führen auf stillen Wegen In den Busen, wie in's Grab, Dein Gebete, Deine süße Rede Traurig niederlegen. Blicke nieder Ohne Wehe, Vergehe, Kehre Heller wieder. Fi c d. Ach, mit tiefen, tiefen Wehen Kehre ich in's Herz zurücke, Sink ich in die Tiefe nieder, Und das Herz muß nun vergehen, Weil ich's mit Gewalt zerdrücke. Vuitarrc. Ach, so sterben alle Lieder, Die so lange Liebe suchen in dem Weibe. Liebe, nein, die währt nicht lange, Dient dem Leibe Bloß znm süßen Zeitvertreibe! 337 Ist die Zeit vertrieben, Wo ist die Liebe geblieben? Mit den Sinnen Muß man die Liebe Mild umspinnen; Da ist Leben Wiedergeben Zu gewinnen! Lied. Last', o last' mich ruhig sterben, Drücke mir die Augen zu; Last' mich glaubend still zerrinnen, Soll ich zweifelnd denn verderben? Gib im Tode mir nur Ruh'. Guitarre. Gehe hoffend still von hinnen, - Schlummre sanft du süßes Lied; Schließe deine goldnen Augen, Mondschein ist schon abgeblüht, Leise Lüfte dich verhauchen, Kühler Morgen schon erwacht, Lasse deinen trüben Blick Stille zu den Schatten schweben, Sehne nimmer dich zurück; Denn der Liebe Wechsclleben Ist verhallt in tiefer Nacht. — 358 Ach! wo bist du hin? Könnt dich nicht begleiten, Durch die Dunkelheiten Deinen Schritt nicht leiten; Könnt nicht stiller Liebe Deinen düstern Sinn Freundlich deuten! Konntest nicht deine Triebe Durch den Abend singen; Auch nicht höher, Immer höher Zu den Sternen klingen; Mußte dich traurig umschlingen Schlummert freundlich Ihr letzten Worte, Im letzten Accorde! 350 L'ängcrfahrt. (Nach einem Bilde von Kolbe.) Jüngling. Mit Neben bedachet Den schaukelnden Kahn, Daß Thorheit mir lachet Auf ernsthafter Bahn; Umrauschet, berauschet Von Wogen und Wein, Vom Delphin belauschet Gesellig, allein. Dichter. An dem Maste steht die Jugend, An dem Maste steht der Held, Liebe, Unschuld, Weisheit, Tugend Schiffen singend um die Welt! Frauen und Jungsrauen. Bald fassen wir Frauen Jetzt ängstlich geschmiegt, Zum Meer ein Vertrauen, Das Venus gewiegt; 360 Als irdische Wonne Enttauchte dem Blau, Da lachte die Sonne Und küßte die Frau. Dichter. Singt, ihr lieben, treuen Schwestern, Lieb' der Treu' in's Büchleinsch aut, Lieb' war eine Jungfrau gestern, Treu' wird morgen eine Braut! Linder. Sieh, Fische, wie viele! Entsteigen dem Grund, Und schimmern im Spiele Der Sonne so bunt; O Mütterchen, laß mich Zu ihnen hinein, Ich mache nicht naß mich, Ich halte mich rein ! Dichter. Tummelt euch, noch eine Weile Treibt das Spiel mit euch sein Spiel, Endlich naht das Ziel dem Pfeile, Wenn der Pfeil nicht naht dem Ziel! Der Greis. Im Wogcngeschimmer Verliert sich das Gleis, Einst war ich ein Schwimmer Und holte den Preis. Einst war ich ein Zecher, Nun trink ich nicht mehr, Von Thule den Becher Ich wcrf ihn in's Meer! Dichter. Wie er sinnet, wie er denket An verlornes, süßes Gut, Wie das Haupt zur Hand er senket Sinkt die Sonne auch zur Flut! Maler. Am Ruder das starke, das eiserne Paar, Es führet die Barke durch alle Gefahr, Doch saß nicht ein Treuer am Steuer allein, Ich schifft' als ein Neuer in's Blaue hinein. Dichter. Segle nieder rings die Spötter, Segle nicht nach ird'scher Gunst, Segle in dem Schutz der Götter, Also segelt treue Kunst! 362 Der bestrafte Amor. An dem Feuer saß das Kind Amor, Amor und war blind; Wie er mit den Flügeln fächelt. Wie er zu der Wärme lächelt, Hut' dich Amor, Hut' dich Kind! Und die Flamme wächst im Wind, Amor, Amor, hüt' dich Kind! Wenn die Flüglein dir entbrennen Wirst du in die Dornen rennen, Hüt' dich, hüt' dich blindes Kind! Doch es höret nicht das Kind; Amor, Amor sieh geschwind, Fällt ein Fünkleiw in den Flügel, Schreiend stürzt nun von dem Hügel Das bestrafte, böse Kind. 363 Wo er eine Quelle find', Amor, Amor sucht, das Kind; Sich' da stürzt er in die Dorne, Die am Weg vom alten Zorne BoShaft aufgestellet sind. Mutter, Mutter komm geschwind, Amor, Amor brennt, das Kind! Mit den Dornen auch verglühten All die Rosen, die dran blühten, Strafe Mutter nun das Kind. Doch ach! Mntterlieb ist blind, Amor, Amor ward gelind Von der Mutter ansgescholten, Und in Feuer neu vergolden Ließ die Flüglein sie dem Kind. Böses Beispiel gab das Kind Amor, Amor leicht gesinnt, Weil die Flüglein schöner, neuer, Spielen Kinder gern mit Feuer, Scheu es doch, gebranntes Kind! Chor mit Begleitung von Instrumenten. (Aus einem ungedruckten Drama.) Sieh den dunklen Schleier der Nacht, Wie er sich herniederscnket, Da des Wagens schimmernde Pracht Phöbus nun hinabgelenket. Sehnsucht führet die Geliebten Auf des Mondes Zaubcrpfad, Wo sie gestern Scherze übten Zu des Sce's Glanzgestad'. Sieh den dunklen Schleier der Nacht, Immer näher aus der Ferne Nicken nun mit lachender Pracht Die geliebten holden Sterne. — Einer aber ist geschweifet, Er ist heftig und ist muthig, Und den Mond er peitschend greifet, Und der blasse Mond wird blutig. 3«S Sieh des Monds zerschmettertes Bild In ein rothes Feld sich kehrte, Und des Wappens dunkler Schild Schmückt der Stern mit einem Schwerdte. Benavides, deinem Stamme Ist der Glanz neu angefacht, Aber sieh, des Schwerdtes Flamme Weichet und es kehrt die Nacht! Sieh ein feuriger Regen fällt Und es schwebt gleich einem Sarge Ueber der zornumflutheten Welt Jetzt die Gott gebaute Arche, Und es fliegt der dunkle Rabe, Kehret hoffnungslos zurück, Aber mit der Friedensgabe Sieht die Taube Sonnenblick. Und es spannt der Bogen des Herrn Seine bunte Farbenbrücke, Thränen schimmern so freudig gern In des Auges Sonnenblicke; Wie der Hals der Taube schimmert, Locket eines Geiers Brut, Ach der Fried', wird der zertrümmert, Taube du wirst Opferblut! 366 Wohl uns! über'm Habicht kreist Nun ein Falke, doch zu leise; — Denn der Habicht stürzend zerreißt, Weh! die Taube sich zur Speise. Falke, lieber Falke, stürze Auf den Habicht, daß ihr Weh Rächend wenigstens sich kürze, Daß ich todt den Mörder seh! Der Habicht wird zum blutigen Schild Und decket ihm die arme Taube, Aber der Falke steiget zum Wild Ueber des Wappens geharnischte Haube; Und der Falke wird zum Schwerdte, Das sich flammend abwärts kehrt, Daß der Traum erfüllet werde, Nieder in dein Herzschild fährt! Umsonst kein Tod! Schau ich aus der feuchten Höhle Meiner Augen in die Welt, Die so recht mit ganzer Seele In die Sonne sich gestellt, Ach, womit soll ich mich stählen Bei dem Quälen! Es klirren die Ketten durch Zitterklang, Es rufen die Wachen im Felsengang, Es zimmern viel Aexte an meinem Schaffet, Gnade nur Gott! Feuern fern des Waldes Blätter Froh zur Sonne, herbstlich roth, Rings umher ist schönes Wetter, Nur bei mir ist Schattennoth, In des Zugwinds kühlem Brausen Muß ich Hansen! Es hauchen die Wände so fieberkrank, Sie tropfen hernieder versteinernden Trank, Es schleichen die Kröten am schimmelnden Grund, Gräuliche Stund'! ^ ei - , 368 Drüben auf den Aesten wiegen Sich die Aepfel in dem Schein, Sich zu mir so freundlich biegen, Rothen ihre Bäckelein. Ach, so lieblich ihre Wangen Heut' noch prangen! Es duften die Blumen, die sie mir gesandt, Als war es ein Sträußlein auf Grabesrand. Sie glänzen so frisch wie im tückischen Spott, Gnade mir Gott! Treu und ehrlich willst du scheinen, Und ich traute dir so gern, Doch ich muß in Zweifel weinen, Seh ich dort dein Haus von fern. Ach, du schläfst in seinem Hause Und ich grause! Ach, schlag mit den Ketten an die Felsenwand, Es gibt noch ein andres, ein besseres Land! Da lohnet die Treue mit Lust und mit Freud', Hier ist nur Leid! Felsen kann der Sonn' verwehren, Daß sie mich mit Lust bescheiut, Doch dem Thau muß er gewähren, Daß er auf mein Auge weint. Er will meine Augen nähren Mit den Zähren! 36S Es leichtert den Busen der offne Schmerz, Es schaut schon dreister das wachsende Herz, Ergibt sich dem Schrecken, ergibt sich dem Tod, Gnade mir Gottl Zwischen uns die Ströme fließen, Zwischen uns strömt Zeit und Schmerz, Und je härter ich muß büßen, Bald ja wen'ger fühlt mein Herz, Härtet sich an meinen Thränen, Kühn zu wähnen! Ich wähne es klirren die Ketten so weit, Sie klingen erweckend durch schlummernde Zeit, Ich wähne es glänze mein Blut so roth, Umsonst kein Tod! N. 24 Des todtcn Bräutigams Lied. Ich ging auf grünen Wegen Und trug den Hochzeitskranz, Treu Lieb ging mir entgegen Geschmückt mit gleichem Glanz. „O wie blinkte ihr Krönlein schön, Eh' die Sonne wollt untergehn!" Und als die lichte Wonne Sich unter Wolken barg, Da spielt die letzte Sonne Im Kranz auf meinen Sarg. „O wie blinkte re." Es ging im Witwenschleier Treu Lieb mit mir zu Grab', Und schwur: Mein einz'ger Freier Sinkt mir mit dir hinab! „O wie blinkte re." Sie steckt die Mhrthenkrone Auf meinen Todtcnkranz, Die Weiber sprachen: „Schone Ihn für den neuen Hans!" „O wie blinkte rc." Sie wollt ihn mir nur geben, Wollt keines Andern sein, Da lacht das volle Leben Mir in das Grab hinein. „O wie blinkte rc." Wer meine Krön erblickte Und ihre Mhrthe drauf, Zu seinem Nachbar nickte: „Der wacht einst selig auf!" „O wie blinkte rc." Doch als neun Monde gingen Stets müder durch den §Sand, Den Strohkranz sie ihr hingen An's Haus ob ihrer Schand'. „O wie blinkte rc." Und die ihr Häcksel streuen Zur Nacht vor ihre Thür, Die hören's Kindlein schreien: Ich kann ja nichts dafür! „O w ie blinkte rc." 372 Auf meiner Krone wehen Noch ihre Mhrthen stets, Doch die sie schimmern sehen Die sprechen: „Ja so geht's!" „O wie blinkte re." Dem Tode hingegeben Hat sie ihr Kränzlein leicht, Da hat das schlechte Leben Den Strohkranz ihr gereicht. „O wie blinkte rc." Ähr Kind am Kirchhof spielet, Und mit dem Abcndlicht Hin nach dem Kränzlein schielet, Und recht unschuldig spricht: „O wie blinkte rc." Da halt' ich keine Ruhe Und mußte auferstehn, Und ging aus meiner Truhe Das Kränzlein einzusehn. „O wie blinkte rc." Ich wollt den Kranz mir holen Jn's Grab mir auf das Herz, Das Kind hat ihn gestohlen, Da fühlt ich wieder Schmerz. „O wie blinkte rc." 373 Könnt nicht die Stimm' erheben, Nicht schreien: Den Kranz gib her Das Todtsein wie das Leben War mir unendlich schwer! „O wie blinkte re." Da half mir das Gewissen, Es nahm dem Kind den Kranz, Ich Hab ihn unzerrissen, Ich Hab ihn rein und ganz. „O wie blinkte rc." Um einen guten Namen Freit sie den ärmsten Mann, Da sie zur Kirche kamen Sah sie die Krön nicht an. „O wie blinkte rc." Da sprach ich aus der Truhe: „Hab Dank für Lust und Schmerz, Dein Kranz mit ew'ger Ruhe Kühlt mir daS treue Herz! „O wie blinkte rc." „Wohl mir, daß ich gestorben, Als er im vollen Glanz, Mir bist du nicht verdorben, Ich habe deinen Kranz! „O wie blinkte rc." 37L „Treu will ich ihn aufheben, Wenn wir uns Wiedersehn Sollst du im bessern Leben Mit ihm gezieret gehn! „O wie blinkte rc." „Denn eine einz'ge Treue Ist aller Liebe Werth, Und eine einz'ge Neue Zerbricht das Richterschwerdt!" ^ „O wie blinkte rc." Dies hört sie, ist gegangen Still mit dem armen Mann, Und sah nun ohne Bangen Mein einsam Krönlein an! „O wie blinkte rc." Und wenn die Abendwinde Leis durch die Kronen ziehn Spricht sie zu ihrem Kinde: „Gottlob, die Zeit geht hin!" „O wie blinkte mein Krönlein schön, Eh' die Sonne wollt untergehn!" Fragment ans einem ungcdrnckten Roman. „In Noth und Sund' Hab ich geschwebt, Zn Fluchen und in Jammer Hab ich das Elend hingelebt Auf meiner finstern Kammer. „Bei Sonnenschein und Himmelblau Hab ich zu Haus getrauert, Auf Herzensschlag und Uhrenschlag In Einsamkeit gelauert. „Ich mußt' nicht was die Liebe ist, Man hat mich's nicht gelehret, Ich Hab statt dir, o Jesus Christ, Die Bilder nur verehret! „Damit auch Alles mir gebricht, WaS mir das Herz könnt laben, Könnt ich die Eltern achten nicht, Die mich verkaufet haben. „Mensch, hilf dir selbst, so hilft dir Gott! Hat keiner mir gesaget, Es ward mein Leib der Sünde Spott, Mein Leib, der göttlich raget. 376 „Die Küsse, die ich heiß geküßt, Sind kalt dahin geflogen, Mich hat die Lust, mich hat die List Um Heil und Weil betrogen." So sprach die Tochter weinend ans; Kein Brod hat sic auf morgen, Der Vater trieb sie aus dem Haus, „Dn mußt jetzt für dich sorgen!" Sie schnürt sich ein das arme Herz, Kraust die verwirrten Locken, Und geht voll Schmerz zu bösem Scherz Die Buhler anzulocken. Sie dreht das Haupt, sie schwingt den Leib, Sic läßt die Augen winken, Dn schönes Weib, du elend Weib, Wer wird den Becher trinken? Jn's Schauspielhaus geht sie zuletzt, Das Volk sitzt schon gedränget, Sie hat unziemlich sich gesetzt, Bon Männern ciugeeuget. Und rings um sie Verläumdung geht, Die Jungfrau'n von ihr rücken, Der Mann, der ihr zur Seite steht, Mißt sie mit Sünderblicken. 377 Ein Fremder setzt sich hin zu ihr, Er hat sie gleich erkennet, Das Elend ist mit böser Zier Ihr auf die Stirn gcbrennet. Sein Fuß berühret ihren Fuß, Sie könnt hinweg ihn rücken, Doch weil sic heute sorgen muß, Läßt sie ihn lieber drücken. Er spricht zu ihr: „Der Teufel hat Zusammen uns geführet!" Doch ward ihr Herz so müd' und matt, Nicht durch dies Wort gcrühret. Sie geht, er folgt, sie führet ihn Nach der verfluchten Kammer, Und gibt dem Fremdling alles hin, Die Lust uud auch deu Jammer. Er ging von ihr, kehrt wieder oft, Er hat mit ihr gelebct, Bis die Natur so unverhofft Ein bessres Band gewebet. Ihr armes Herz hat sich erwärmt, Die Lieb' ist ihr begegnet, Und hat sich ihres Leibs erbarmt, Ihr Schooß ward ihr gesegnet. 378 Der Mieder springt, der sie geschnürt, Es wuchs ihr untcr'm Herzen, Und was sich ihr im Schooße rührt, Es macht ihr Freud' und Schmerzen. Sie weinet nieder in den Schooß Und denkt: „Ich will dich lieben; Bin ich gleich aller Freude los, Das Kind ist mir geblieben. „Hab ich doch nicht umsonst gelebt, Bin ich doch Mutter worden, Die Unschuld untcr'm Herzen schwebt, Kein Mensch soll mir sie morden. „Und stoßen sie mich auch hinaus Auf nimmer Wiedersehen, Mit meinem Kind von Haus zu Haus Will gern ich betteln gehen. „Du armes Kind bist mein, bist mein, Auf dich will ich vertrauen, Ich werd' nicht ausgestoßen sein, Du wirst ein Haus mir bauen. „Du läßt die Mutter nicht ohn' Brod, Du wirst statt ihrer sorgen, Drückst ihr die Augen zu im Tod, Jst's heut nicht, ist's doch morgen." 379 So sinnt das Weib nnd hofft und wähnt, Und zählt und mißt die Wochen, Da hat der Tod, den sie ersehnt, Ihr all ihr Glück zerbrochen. Der Monde Zahl war noch nicht voll, Die Frucht noch nicht gereifet, Als schon der Schooß ihr überguoll, Das Weh ihr Kind ergreifet. Es hat die Sonne nicht gesehn, , Hat nicht die Luft getrunken, Ist, eh' es sollte auferstehn, Zur Nacht hinabgesunkcn. Es hat die Küsse nicht gefühlt, Womit sie es bedecket, Der Schmerz, der ihr im Herzen wühlt. Er hat's nicht aufgewecket. Sie hat's gekleidet, hat's geschmückt, Mit Thränen es getaufet,- Hat ihm, das nie das Licht erblickt, Den kleinen Sarg gekaufet. O dunkles Leben, Heller Tod! O kalte, kalte Erde! O Himmel, ewig Morgenroth, Ob ich's einst sehen werde! Wiedersehen! Als mich Gott der Herr erschaffen, Sagte er: „Auf Wiedersehn!" Ging davon mit einem Affen, Ließ mich nackt und frierend stehn, Und ich dacht, von Gott dem Herrn Lass' ich mir's gefallen gern! Doch er hat mir Wort gehalten, Ich Hab wieder ihn gesehn; Wenn ich ließ den Herren walten, Immer ist mir Recht geschchn. Erst in meiner Mutter. Blicken War sein erstes Wiedersehn, Und ich konnte-voll Entzücken Nicht genug zum Himmel sehn. 381 Als die Mutter mußte sterben, Sprach sie sanft: „Auf Wiedersehn!" „Wer wird Gvttes Blick nun erben?" Dacht ich, und mußt weinend stehn. Und in himmelblauen Augen War das zweite Wiedersehn, Als ich drin wollt' untertauchen, Sah ich sich die Sterne drehn. Mit dem Freunde zum Altäre Ging sie, sprach: „Auf Wiedersehn!" Und ich Hab dem lieben Paare Lange Jahre nachgesehn. Und in süßen Zauberflammen War das dritte Wiedersehn, Auch ich glühte, und zusammen Fühlt ich unsre Seelen Wehn! Doch der Engel ward einst traurig Und sprach ernst: „Auf Wiedersehn!" Und auf's Wiedersehen laur' ich, Bis die Kindlein vor mir stehn! In den Augen lieber Kinder War das vierte Wiedersehn, Doch die Blumen nahm der Winter Alle sich, und ließ mich stehn. 382 Als die Blümlein all erstarrten Sprach zu mir: „Auf Wiedersehn!" Auch die Mutter, und im Garten Ließ sie mich am Grabe stehn. Und in heil'gen Freundes Armen War das fünfte Wiedersehn, O, unendliches Erbarmen! Allzuwohl ist mir geschehn. Doch ich mußte oft mich trennen, Durfte lang nicht Wiedersehn, Mußt umher mit Sorgen rennen Und in böse Schlingen gehn. In den Armen eines Mädchen Träumt ich sechstes Wiedersehn, Sie hielt mich am Hexenfädchen, Und ich lag in bösen Weh'n. Ihre Larve nahm im Schlafe Ich ihr ab, um Gott zu sehn, Und der Wolf hat aus dem Schafe Mich statt Gott da angesehn. Und ich weckte sie entsetzet, Weint' und sprach: „Auf Wiedersehn!" Was mich wie ein Kind ergötzet, , Sah ich in der Hölle stehn! Und in einer armen Seele War das siebte Wiedersehn, Wie sich gut und bös vermähle Hab verzweiflend ich gesehn. Und die Heldin sprach zur Sünde: „Nun auf nimmer Wiedersehn!" Um ihr Aug' legt ich die Binde, Darf sie nimmer wieder sehn! Und in allen guten Künsten War das achte Wiedersehn, In des Himmels nächsten Diensten Durst ich armer Dichter stehn. Und im Herzen, wenn es dunkelt, Mir ein ewig Wiedersehn Wie ein Sternenhimmel funkelt; Rein kann ich darunter stehn! Gott nur sehen kann ich wollen, Sprechen gleich: „Auf Wiedersehn Die im Weltgetümmel rollen, Wenn sie mir vorübergehn. Lachend, weinend tausend Jahre Leb ich fromm zum Wiedersehn, Soll so fern die Todtenbahre Mir durch Gottes Willen stehn. 38L Und so will ich triumphiren, Denn Gott sprach: „Auf Wiedersehn!" Soll ich vor des Himmels Thnren - Gleichwohl noch viel länger stehn. Wer den lieben Gott gesehen, Wird ihn auch schon Wiedersehn, Möge dir es auch geschehen, Bis dahin: „Auf Wiedersehn!" Jäger und Hirt. Durch den Wald mit raschen Schritten Trage ich die Laute hin, Liebe singt, was Leid gelitten, Schweres Herz hat leichten Sinn. Durch die Büsche muß ich dringen Nieder zu dem Felsenborn, Und es schlingen sich mit Klingen Durch die Saiten Ros' und Dorn. In der Wildniß wild Gewässer Breche ich mir kühne Bahn, Klimm ich aufwärts in die Schlösser, Schau'n sie mich befreundet an. Haus' ich nächtlich in Kapellen, Stört sich kein Gespenst an mir, Weil sich Wand'rer gern gesellen, Denn auch ich bin nicht von hier. U. 25 38 « Seh ich Zauberschätze glimmen, Locket bald durch Sumpf und Moor Mich der Irrwisch hin und stimmen Muß mein Lautenschlag dem Chor. Zu der Gnomen Hochzeit Feier, Zu der Elfen luft'gem Tanz Tönet meine ernste Leier Unerschreckt im Mondenglanz. In dem Schooß der Wunderberge, In der Zauberfräulein Haus Führen mich die schlauen Zwerge, Und ich singe ohne Graus. Geister reichen mir den Becher, Reichen mir die kalte Hand, > Denn ich bin ein kühner Zecher, Scheue nicht den glühen Rand. Ja bei'm Mahl zur bösen Stunde Leert den Becher ich mit Faust, Wo berührt dom Satansmunde Höllengluth im Weine braust. Alles ist mir schon geschehen, Meine Schale ist erfüllt, Seit ich selber mich gesehen, Hab das Antlitz ich verhüllt. 387 Zu der Mainacht Hexenreihen Spiel ich nun ein geistlich Lied, Daß die Schaar mit Maledeien Vor dem fremden Sänger flieht. In Frau Venus Berg die Leier Hab mit Keuschlamm ich geschmückt, Und sie hat mich ohne Schleier An die volle Brust gedrückt. Doch sie konnte mich nicht rühren, Sie verging in frommer Scham, Leß sich leicht von mir verführen, Daß sie einen Schleier nahm. Die Sirene in den Wogen, Hätt' sie mich im Wasserschloß, Gäbe, den sie hingezogen, Gern den Fischer wieder los. Wo der Schwan im Wellenspiegel Zn sein Sternbild niedertancht, Bricht der Schmerz auch mir das Siegel, Daß mein Leid im Liede haucht. Meinen weißen Hirsch verloren Hab ich mit dem Goldgeweih', Die in ihm war eingeboren, Starb mit ihm die schöne Fei. 25 388 Weh, mich hatte die Meduse Mit dem Schlangenblick vcrsteint. Und seit dem hat meine Muse Nicht gelachet, nicht geweint. Doch mit scharfen Wünschelruthen Schlug ihr Amor in's Gesicht, Daß ihr aus in Thränenfluthen Die versteinte Seele bricht. Bittre Meere um mich rannen, Und wie auch die Phantasie Mochte bunte Segel spannen, Nie, ach nie erschifft ich sie! Und nun kehre ich von Thule, Fand da auf des Meeres Grund Einen Becher, meine Buhle Trinkt sich nur aus ihm gesund. Füllet euch ihr ewigen Tage, Mond und Sonne steigt und sinkt. Dürstend ich den Becher trage, Und sie fehlt, die aus ihm trinkt. Suchend geh ich durch's Gedränge Und die Gläub'ger mahnen mich, Und ich singe viel Gesänge, Doch im Herzen weine ich. Wo die Schätze sind begraben Weiß ich wohl, Geduld, Geduld! Einer schwebt am Kreuz erhaben, Der bezahlet meine Schuld! Während ich dies Lied gesungen Nahet sich des Waldes Rand, Aus des Laubes Dämmerungen Trete ich in's offne Land ! Aus den Eichen zu den Mhrthen, Aus der Laube in das Zelt, Hat der Jäger sich dem Hirten, Flöte sich dem Horn gesellt. Während du die Lämmer hütest, Zähm lch dir des Wolfes Wuth, Wenn du fromm die Hände bietest Werd ich deines Heerdes Gluth. Und willst du die Arme schlingen, Um ein Liebchen zwei und zwei, Will ich dir den Baum schon zwingen, Daß er eine Laube sei. Du kannst Kränze schlingen, singen, Schnitzen, spitzen Pfeile süß, Ich kann ringen, klingen, schwingen, Schlank und blank den Jägerspieß. Gib die Pfeile, nimm den Bogen, Mir ist's Ernst und dir ist's Scherz, Hab die Sehne ich gezogen, Du gezielt, dann trifft's in's Herz. Wild gethan, wie stolz gesprochen, Weh! der Pfeil flog seine Bahn, Hat des Lammes Herz durchstochen. Drohend sah der Hirt mich an. Dorn ward da die Nosenkrone Um sein göttlich mildes Haupt, „Vater!" rief er, „ihn verschone, Denn er hat an mich geglaubt!" Loreley. Zu Bacharach am Rheine Wohnt eine Zauberin, Die war so schon und feine Und riß viel Herzen hin. Und machte viel zu Schanden Der Männer rings umher, Aus ihren Liebesbanden War keine Rettung mehr! Der Bischof ließ sie laden Vor geistliche Gewalt, Und mußte sie begnaden, So schön war ihr' Gestalt! Er sprach zu ihr gerühret: „Du arme Lore Lay! Wer hat dich dann verführet Zu böser Zauberei?" 392 „„Herr Bischof laßt mich sterben, Ich bin des Lebens müd, Weil Jeder muß verderben, Der meine Augen sieht! „„Die Augen sind zwei Flammen, Mein Arm ein Zauberstab, — O schickt mich in die Flammen, O brechet mir den Stab!"" „Den Stab kann ich nicht brechen Du schöne Lore Lay! Ich müßte dann zerbrechen Mein eignes Herz entzwei! „Ich kann dich nicht verdammen, Bis du mir erst bekennt, Warum in deinen Flammen Mein eignes Herz schon brennt!" „„Herr Bischof mit mir Armen Treibt nicht so bösen Spott, Und bittet um Erbarmen Für mich den lieben Gott! „„Ich darf nicht länger leben, Ich liebe Keinen mehr, — Den Tod sollt ihr mir geben, Drum kam ich zu euch her! 3SS „„Mein Schatz hat mich betrogen, Hat sich von mir gewandt, Ist fort von mir gezogen, Fort in ein fremdes Land! „„Die Augen sanft und wilde, Die Wangen roth und weiß, Die Worte still und milde, Die sind mein Zauberkreis! „„Ich selbst muß drin verderben, DaS Herz thut mir so weh; Vor Jammer möcht' ich sterben, Wenn ich mein Bildniß seh! „„Drum laßt mein Recht mich finden, Mich sterben wie ein Christ, Denn Alles muß verschwinden, Weil er mir treulos ist!"" Drei Ritter läßt er holen: „Bringt sie in's Kloster hin! Geh, Lore! Gott befohlen Sei dein berückter Sinn! „Du sollst ein Nönnchen werden, Ein Nönnchen schwarz und weiß, Bereite dich auf Erden Zum Tod mit Gottes Preis!" 39 » Zum Kloster sie nun ritten Die Ritter alle drei, Und traurig in der Mitten Die schöne Lore Lay. „O Ritter laßt mich gehen Auf diesen Felsen groß, Ich will noch einmal sehen Nach meines Lieben Schloß! „Ich will noch einmal sehen Wohl in den tiefen Rhein, Und dann in's Kloster gehen Und Gottes Jungfrau sein!" Der Felsen ist so jähe, So steil ist seine Wand, Doch klimmt sie in die Höhe, Bis daß sie oben stand. Es binden die drei Reiter Die Rosse unten an, Und klettern immer weiter Zum Felsen auch hinan. Die Jungfrau sprach: ,sDa wehet Ein Segel auf dem Rhein, Der in dem Schifflein stehet, Der soll mein Liebster sein! 395 „Mein Herz wird mir so munter, Er muß mein Liebster sein!" — Da lehnt sie sich hinunter Und stürzet in den Rhein. Die Ritter mußten sterben, Sie konnten nicht hinab; Sie mußten All verderben, Ohn' Priester und ohn' Grab! Wer hat dies Lied gesungen? Ein Schiffer auf dem Rhein, Und immer hat geklungen Vom hohen Felsenstein: Lore Lay! Lore Lay! Lore Lay! Als wären es meiner Drei! 3S« Ballade. Von Köllen war ein Edelknecht Um Botschaft ausgegangen, Den Vater hielt ihm Engelbrecht, Der Bischof, hart gefangen. Er ging gen Arle manchen Tag, Er ging in schweren Sorgen, Sein Liebchen ihm im Sinne lag, Der halt' er es verborgen. Gar traurig er am Brunnen lag, In Büsch und grünen Hecken, Da hört er schallen Hufesschlag, Und thät sich schnell verstecken. Zum Brunnen ritt ein froher Mann, Sein Hütlein thät er schwenken; Ein andrer ging betrübt heran, Die Lanze thät er senken. Und sprach zum Frohen: — „Froher Mann, Was mag dich so erfreuen?" — „Lass' ab zu trauern," Hub der an, „Gott will uns Trost verleihen! 397 „Denn Gottschalk der getreue Mann Geht frei aus seinen Banden, Durch Gottes Wunder er entrann Mit allen den Verbannten! „Er hatte eine kleine Maus Sich also zahm erzogen, Die lief da freundlich ein und aus Und war dem Herrn gewogen. „Doch einst der kleine Freund entlief, Und wollte nicht mehr kehren, Und wie Herr Gottschalk pfiff und rief, Das Mäuslein wollt nicht hören! „Da sprach betrübt der treue Mann: „„Ich muß dich wieder haben,"" Und mit den Freunden er begann Dem Mäuslein nachzugraben. „Und in der Erde eingescharrt Fand Meisel er und Feilen, Womit er ihre Bande hart Gar leichtlich konnte theilen." Der Andre sprach: „Mein Schwesterlein, Das liegt gar hart gefangen, So hart, daß selbst das Mäuslein klein Nicht könnt zu ihr gelangen! 398 „Des Schlosses Dach ist himmelblau, Die Mauern grüne Wellen, Die Graben rings sind Flur und Au, Die Fenster Fluß und Quellen. „Der süße Knecht, die Liebe, brach In ihres Herzens Kammer, Ihm folgten die Gesellen nach, Der Schmerz und böse Jammer! „Die Hoffnung blies ihr Lämpchen aus, Die Schmerzen sie bezwangen, Und legten sie in's dunkle Hans Wohl auf den Tod gefangen! „Am Fels, wo wild der Rhein zerschellt, Wo bös die Schiffe stranden, Dort ewig sie gefangen hält Der Schlund in kühlen Banden! „Ein Freund des Bischofs sie belog, Herr Hermann sei erschlagen^ Der insgeheim gen Arle zog, Den Vater zu erfragen." Dann zäumten sie die Rosse ans, Um von dem Quell zu scheiden, Und gaben sich die Hand darauf, Den Bischof zu bestreiten. 399 Und wie sie aus dem Walde schon, Trat wieder an die Quelle Hermann, des treuen Gottschalk's Sohn, Der traurige Geselle! Er eilte an das Wasserschloß, Wo bös die Schiffe stranden, Und schrie: „Wer macht mich fefsellos, Wer sprenget mir die Banden? „Leb wohl, leb wohl, o Vater mein, Leb wohl in großen Ehren! Ich Hab verloren das Mäuslein klein, Es kann nicht wiederkehren! „Leb wohl, leb wohl, o Kerker mein! Das Mäuslein ist verloren, Das Schwerdt muß meine Feile sein!" Da thät er sich durchbohren; Und stürzt hinab in's kühle Haus Wo Liebchen liegt gefangen: O Liebchen breit die Arme aus Ihn herzlich zu empfangen! Ach, lag' gefangen im kühlen Haus, Die mich so hart betrogen, Sie hätte, eh' dies Lied noch aus, Mich auch hinabgezogen! Rückblick. Ich wohnte unter vielen, vielen Leuten, Und sah sie alle todt und stille stehn, Sie sprachen viel von hohen Lebensfreuden Und liebten, sich im kleinsten Kreis zu drehn; So war mein Kommen schon ein ewig Scheiden, Und Jeden Hab ich einmal nur gesehn, Denn nimmer hielt mich's; flüchtiges Geschicke Trieb wild mich fort, sehnt ich mich gleich zurücke! Und manchem habe ich die Hand gedrückt, Der freundlich meinem Schritt entgegensah, Hab in mir selbst die Kränze all gepflückt, Denn keine Blume war, kein Frühling da, Und Hab im Flug die Unschuld mit geschmückt, War sie verlassen meinem Wege nah; Doch ewig, ewig trieb mich's schnell zu eilen, Könnt niemals meines Werkes Freude theilen! 401 Rund um mich war die Landschaft wild und öde^ Kein Morgenroth, kein goldner Abendschein, Kein kühler Wind durch dunkle Wipfel wehte, Es grüßte mich kein Sänger in dem Hain. Auch aus dem Thal schallt' keines Hirten Flöte, Die Welt schien mir in sich erstarrt zu sein. Ich hörte in des Stromes wildem Brausen Nur eignen Fluges Flügelschläge sausen! Nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen, Senkt ich in's Herz mit Geistcsmacht den Blick; Doch hier auch könnt es eigne Ruh' nicht finden, Kehrt friedlos stets zur Außenwelt zurück; Es sah wie Traum das Leben unten schwinden, Las in den Sternen ewiges Geschick, Und rings um mich eiskalte Stimmen sprachen: „Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen!" Ich sah sie nicht, die großen Süßigkeiten Vom Ueberfluß der Welt; sie schien mir schal, Ich mußt hinweg mit schnellem Fittig gleiten. Hinabgedrückt von unerkannter Qual, Könnt nimmer ich Frucht und Genuß erbeuten, Und zählte stumm der Flügclschläge Zahl, Von ewigen, unfühlbar mächt'gen Wogen In weite, weite Ferne hingezogen! II. 26 ÄV2 Und so noch jetzt! Wohl muß ich es gestehen, Daß Dinge mich umscheinen, menschengleich; Zn hören sie, ja leibhaft sie zu sehen Kann ich nicht leugnen; doch bleibt mir dies Reich Der Welt so fremd und hohl, daß all ihr Drehen So viel nicht schafft, daß mir der Zweifel weich'. Ob Sein, ob Nichtsein seinen Spuk hier treibe, Ob solcher Welt auch Seele wohn' im Leibe! Frühes Liedchen. "Lieb' und Leid im leichten Leben Sich erheben, abwärts schweben; Aus dem Spiegel schauen Bilder, Blicken milder, blicken wilder! In dem Strome Well' auf Welle Sich geselle, trüb und Helle; Schauet nieder arme Triebe, Hell und trübe ist die Liebe! Frühling muß mit süßen Blicken Mich entzücken und berücken, Sommer muß mit Frucht und Myrthen Mich bewirthcn und umgürten! Herbst, du sollst mich Haushalt lehren, Zu begehren, zu entbehren, Winter lehre mich erwerben, Gerne sterben, Frühling erben! Wasser fallen um zu springen; Um zu klingen, um zu singen Schweig' ich stille, denn zu sagen Wäre wagen und entsagen! 26 « 104 Gesang der Jungfrauen der Libnssal Es ist ein Schloß gegründet, Ein Feuer angezündet, Ein Fähnlein aufgestellt Den Jungsrau'n in dem Feld! Chor: „Huihussa, huihnssa! Die Mägdlein der Libussa!" Die Fahne der Jungfrauen, Kein Mann darf nach ihr schauen. Der Beste ist uns schlecht, Der Liebste unser Knecht. Chor: „Huihussa re." Verflucht sei Rad und Spindel, Und Feuerherd und Windel, Der Speer thut Rockendicust, Gibt cisernes^Gespinnst! Chor: „Huihussa re." Der Mann muß unten liegen, Das Kind im Schilde wiegen, Wir ziehen frank und frei Auf neue Freierei! Chor: „Huihnssa rc." 405 Die Männer müssen singen Den Kindern, die wir bringen, Das Lied: „Was ich nicht weiß, Macht mir die Stirn nicht heiß!" Chor: „Huihussa:c." Es nehme keine Einen, Viel lieber nehm sie Keinen, Denn Einer ist Betrug, And Alle nicht genug! Chor: „Huihussa rc." Das Weib ergreift den Zügel, Der Mann hält ihr den Bügel, 2m Sattel sitzen wir lind spornen frisch das Thier! Chor: „Huihussa rc." So ziehen wir Jungfrauen, Geschmücket wie die Pfauen, Durch's Land in stolzem Putz, Den Männern nur zum Trutz! Chor: „Huihussa rc." Die Ketten sind zerbrochen, And auf das Schild wir pochen, Im Harnisch ist das Weib, Der Mann sch, wo er bleib! Chor: „Huihussa, huihussa! Die Mägdlein der Libussa!" L«6 An den Mond. Chor: „Mond, Mond! Wie die Wellen kühlen, Wie die Winde wühlen In den dnnklen Mähnen der Nacht!" In dem Bade spielt die Keusche, Und die Woge wühlt berauschet, Ringsum schweigt das Waldgeräusche, Weil es lüstern niederlauschet. Chor: „Mond rc." Und die schlauen Leshien schleichen Klein wie Gräser durch die Wiesen, Durch die Haine hoher Eichen, Hoch wie ungeheure Riesen. Chor: „Mond re." Mit Geläut' der Hcerdenglocken, Mit der Turteltaube Lachen Müde Wandrer sie verlocken, Kitzeln dann zu todt die Schwachen. Chor: „Mond, Mond! Wie die Wellen kühlen, Wie die Winde wühlen In den dunklen Mähnen der Nacht!" Abschied des Primistans ans seiner Hütte, ats zum Herrscher Böhmens berufen ward. Stille Flur, ihr grünen Matten, Hütte, die ich selbst gebaut, Wo durch heil'gcr Eichen Schatten Mir die Sonne zugeschaut! Büsche, wo auf weichem Moose, An der Quelle Blumensaum, Mich der Duft der wilden Rose Eingewiegt in süßen Traum! Lebet wohl, ich muß euch lassen. Wer kann Glückes Flug erfassen? Lebet wohl, lebet wohl! Wenn ich früh zum Hügel schaute Von der blumenvollen Au, Schien das Schloß, das stolz erbaute, Mir ein Wolkenbild im Thau. Jetzt, o heil'ge Morgenstunde, Gibst du mir wohl höher» Lohn, Denn das Gold aus deinem Munde Bauet mir den goldnen Thron. Morgengold, dich muß ich lassen, Sorgengold, dich muß ich fassen. Morgenglanz! Sorgcnkranz! Ä08 Thöricht Glück, verschon', verschone, Du gibst für den Stab das Schwerdt, Tauschst den Pflug mir mit dem Throne, Und sie waren mehr mir Werth. Meinen Becher, den ich fasse, Leer ich, wo mein Stab ergrünt, Eh' die Heimath ich verlasse, Sei der Hausgott mir versühnt! Birkenkelch, dich muß ich lassen, Goldpokal, dich muß ich fassen, Hausgott, Hausgott sei versühnt! An die Nacht. Heil'ge Nacht, heil'ge Nacht! Sterngeschloss'ner Himmelsfrieden! Alles, was das Licht geschieden, Ist verbunden, Alle Wunden Bluten süß im Abendroth! Bjelbog's Speer, Bjelbog's Speer Sinkt in's Herz der trunknen Erde, Die mit seliger Geberde Eine Rose In dem Schooße Dunkler Lüste niedertancht! Zücht'ge Braut, zücht'ge Braut! Deine süße Schmach verhülle, Wenn des Hochzeitbechers Fülle Sich ergießet. Also fließet In die brünst'ge Nacht der Tag! ) Nach der böhmischen Mythologie der lichte Himmelsgott. Lied von einer Französin nnd Niederländerin, welche die indianische Sklavin zum Scebade begleitet. Stiller Himmel, leichte Weste Und der ind'sche heil'ge Abend Lockt zum Bad in Meereswellen Zwei vertraute fremde Damen. Der Französin, leicht wie Weste, Und dem Weib aus Niederlanden Folgt die Sclavin zu dem Meere, Und ihr Blick ruht in dem Abend. In dem Korb trägt sie die Salben Und die feinen weißen Hemden, Um den Arm die Lotosspange, Die ihr einst der Freund gewebet. Die Französin hüpft und trällert, Schwatzt nnd scherzet mit den Wellen, Und die niederländ'sche Dame Wünschet sich ein Hemd von Nebel. Wie sie in dem Kahne stehen, Lauscht und horchet an dem Strande Ama, ob kein frecher Späher In den grünen Büschen harre. Und ihr Nuder theilt die Wellen, Die Französin schwankt im Kahne. „Möchte sie sich ruhig setzen," Denkt die niederländische Dame. Ama wirft auf mildem Sande Schon den Anker; langsam flechten Muß sie dann der Blonden Haare, Und sie fest in Tücher heften. Dann der Braunen tausend Nadeln, Die so leicht das Röllchen heften, Schnell und sorgsam aus den Falten Ziehen, daß sie ja nicht stechen. Ans des Kahnes schmale Schwelle Legt sie lustig die Gewände, Die nicht hüllen, nicht entdecken, Hält sie fest und läßt sic fallen. Und ihr Füßchen neckt die Wellen, Mit Verzagen und mit Wagen. „Möchte sie das Spiel doch enden," Denkt die niederländische Dame. Und daß nicht in Liebesflammen Ihr das kühle Bad verbrenne, Den Moment zu überrasche», Springt die Leichte in die Wellen. Eingehüllt in feine Hemde Gleitet langsam dann die Andre Von dem Kahne, was sie denket Heißet: „Ich will einmal baden!" Ama ordnet nun die Kämme, Schwämme, Tücher und die Salben, Dann erhebt sie tief und Helle Ihre Stimme zum Gesänge. Singt in ihrer süßen Sprache Nach der Freiheit tiefes Sehnen, Nach der Heimath tief Verlangen, Wiederlieben, Wiedersehen! Zu der nahen Insel Strande Blickt sie, wo die Freien leben, Liebend hat sie zu dem Bade Heimwärts so den Kahn gelenket. Und zu ihren Göttern betend, Löst ihr Herz sich im Gesänge, Ihrer Augen fromme Thränen, Mehren ihrer Sehnsucht Flammen. 413 Und es regt sich in den Wellen, Zieht sich in der Luft zusammen, Redet finstrer aus der Ferne Und bewegt die, dunklen Arme. Die Französin eilt zum Kahne, Und die Blonde selbst ist schneller, Ama regt die rüst'gen Arme, Ruhig nach der Heimath sehend. Schrecklich kömmt der Sturm gegangen, Die französ'sche Dame betet, Auf die Sclavin schimpft die Andre, So der Götter Zürnen mehrend. Ama's Sehnsucht wird zum Segel, Denn dem kindischen Verlangen Hat sich ja der Sturm gesellet, Treibt das Schiff zu ihrem Strande. Wie sie zanken, wie sie beten, Ringen Wellen mit dem Kahne, Ama's Sehnsucht ist das Segel, Und im Sturm drängt ihr Verlangen. Weh, ihr Damen! die Gewände Haschen schon die wilden Wellen, Und die Hemden schüchtern flackern, Ohne Schiffe, luft'ge Segel. 4IL Weh, ihr Damen! aus dem Kahne Schleudert euch die Wuth des Meeres, Schwimmt, o schwimmt in Gottes Namen, Ach, wer wird die Damen retten?! Ama faßt mit güt'gcn Händen Schon die Blonde in den Haaren — Denn die Leichte schwimmt von selber, — Unter war sie sonst gegangen. An dem Leben unbeschadet, Bald dem Strand zurückgegeben Sind sie Alle, doch verwandelt; Sclaven sind, die jenseits herrschen! Ama öffnet ihre Arme, Aus der Hütte ihr entgegen Eilt der Freund in ihre Arme, Die sich liebend um ihn legen. Und die beiden Damen stehen, Wie sie können, angst und bange, Flüstern was von Menschenfressern, Von Barbaren, Cannibalen. Bis der Jüngling sich gewendet Und sie gastfrei eingeladen, Seiner Liebe böse Herren, Seiner Liebe gute Sclaven. Ä1S Zu der Hütte sie dann wandern, Und die Blonde lernet weben, Kommt die Braune zu Verstände, Wird sie endlich lieben lernen. „Ach, wann seh ich fremde Flaggen! Gern will ich sie Beide geben Um ein Spiegelchen für Ama, Daß sie ihre Schönheit sehe!" Ich kenn' ein Haus, ein Freudenhaus Ich kenn' ein Haus, ein Freudenhaus, Es hat geschminkte Wangen, Es hängt ein bunter Kranz heraus, Drin liegt der Tod gefangen. In meinem Mantel trag ich hin Bisguit und süße Weine, Der Himmel weiß wohl wer ich bin. Die Welt schimpft was ich scheine. Die Eine liest mir in der Hand, Sie will mein Unglück lesen, Die Andre malt mich an die Wand, Und nennt mich holdes Wesen. Die Dritte weiß sich flink zu drehn. Es schwindeln mir die Sinne, Und jede dieser bösen Feen Sucht, wie sie mich umspinne. 417 Doch dorten auf den Arm gelehnt Sitzt eine stumm und weinet, Sie hat sich längst mit Gott versöhnt, Und sitzet doch und weinet. Was will sie noch in diesem Haus, Sie muß den Spott erleiden, Es zischt der freche Chor sie aus: „Du kannst uns doch nicht meiden!" Sie schweigt und weint und trägt den Hohn, Den schweren Büßer-Orden, Man zuckt die Achseln, kennt sie schon, Sie ist zur Närrin worden. Doch ich berühr um sie allein Die himmelschreiende Schwelle, Bei ihr, tret ich zum Saal herein, Ist meine feste Stelle. Sie achtet's nicht, sie blickt nicht auf, Wenn Alle tanzend fliegen, Seh ich mit stetem Thränenlauf Das bleiche Haupt sie wiegen. So hundert Tage ohne Ruh' Sah ich sie wanken, weinen, Und sprach: ,,O Weib, welch Kind wiegst du? Will denn kein Schlaf erscheinen? — II 27 418 „Pu hast dem Leid genug gethan, Gib mir's, ich will dir's tragen," Da schrie ihr Blick mich schneidend an, Doch könnt ihr Mund nichts sagen. Und neulich Nachts um Mitternacht Kam ich mit meiner Laute s Die Pforte hat sie aufgemacht, Die noch am Fenster schaute. Sie zieht mich in den Garten fort, Sitzt auf ein Hüglein nieder, Gibt keinen Blick, und gibt kein Wort, Und weinet stille wieder. Zu ihren Füßen saß ich hin, Und ehrte ihren Kummer, Da hat mir Gott ein Lied verlieh», Ich sang sie in den Schlummer. Ich sang so kindlich, sang so fromm, Ach, sang ich je so wieder! „O Ruhe komm, ach Friede komm, Küß ihre Augenlieder!" Und da sie schlief, da stieg so hold Ein Kindlein aus dem Hügel, Trug einen Kranz von Flittergold Und einen Taschenspiegel. L1S And brach ein Zwciglein Rosmarin, Das ihm am Herzen grünet, And legt es auf die Mutter hin, Und sprach: „Gott ist versühnet!" Und wo den Rosmarin es brach, Da bluteten zwei Wunden, Und als es kaum die Worte sprach, -Ist es vor mir verschwunden. Die Mutter ist nicht mehr erwacht, Roch schläft sie in dem Garten, Ich steh und sing die ganze Nacht, Kann wohl den Tag erwarten. Da ruft mich Zucht und Ehr' und Pflicht Aus diesem Haus der Sünde, Doch von der Mutter laß ich nicht, Ob ihrem armen Kinde. Es winkt zurück, wenn ich will gehn, Sitzt an des Hügels Schwelle, Und kann nicht aus dem Spiegel sehn, Sein Flitterkranz glänzt Helle. Es brach das Haus, der Kranz fiel ab, Fiel auf den Sarg der Frauen, -Ich blieb getreu, thät bei dem Grab Mir eine Hütte bauen. 27 * Ä2« Und daß die Schuld nicht mehr erwacht. Will ich da ewig singen, Bis Jesus richtend bricht die Nacht, Bis die Posaunen klingen. Oft mit dem Kind im Sturm und Wind, Sing ich auf meinen Knieen: O Jesus! du gemordet Kind, Du hast ja auch verziehen! Ein Tröpflein deines Blutes nur Laß auf die Mutter fallen, Das macht uns rein und klar und Pur, Daß wir zum Lichte wallen! Auf einen grünen Zweig! Zur Fremde zog ein frommer Knabe, An Gold so arm, wie Gold so treu, Er sang ein Lied um milde Gabe, Sein Lied war alt, die Welt war neu. Wie Freiheit singt in Liebesbanden, So stieg das Lied aus seiner Brust; Die Welt hat nicht sein Lied verstanden, Er sang mit Schmerzen von der Lust. Das Leben leichter zu erringen, Thut er der eignen Lust Gewalt; Will nimmer spielen, nimmer singen, Geht Kräuter suchen in den Wald. Die Füße muß er wund sich laufen Zum heißen Fels, zum kühlen Bach, Und muß um wenig Brod verkaufen Die Blume, deren Dorn ihn stach. Ä22 Und wie er durch die Wälder irret, Ein seltsam Tönen zu ihm drang, Durch wildes Singen rasselnd schwirret Ein schmerzlicher metallner Klang. Der Knabe theilt die wilden Hecken, Und vor ihm steht ein gift'ger Baum; Die Zweige dürr hinaus sich strecken. Mit Blech geziert und goldnem Schaum. Und viel gemeine Vögel kreisen Rings um des Baumes scheidend Laub, Und die von seinen Früchten speisen, Sie sind des goldnen Giftes Raub. Da rührt der Knabe seine Laute, Er singt ein schmerzlich wildes Lied, Und in dem Baum, zu dem er schaute. Er einen bunten Vogel sieht. Er sitzt betrübt, die bunten Schwingen Senkt an der Silberbrust er hin, Und kann nicht fliegen, kann nicht singen. Des Baumes Gifte fesseln ihn. Dem Knaben regt sich's tief im Herzen, Das Vöglein zieht ihn mächtig an, Und seines Liedes kind'sche-Schmerzen Hört gern das kranke Vöglein an. Ä23 Und weil im Wind die Blätter klingen, So kann es nicht das Lied verstehn; Doch er hört nimmer ans zu singen, Bleibt treu vor seiner Liebe stehn! Und singt ihm vor zu tausendmalcn Von Liebeslust und Frühlingslust, Von grünen Bergen, milden Thalcn Und Ruhe an geliebter Brust! Schon regt das Voglcin seine Schwingen, Schaut freundlich zu dem Knaben hin, Deß Arme um den Baum sich schlingen, Die Liebe machet muthig ihn. Er klimmet in den gift'gen Zweigen, Zerreißt mit Lust die Hände sich, Das kranke Vöglein zu ersteigen, Es spricht: „Ach nimmer heilst du mich!" Und sinket stille zu ihm nieder, An seinem Herzen hält er's warm, Und ordnet sorglich sein Gefieder, Und trägt's zur Sonne auf dem Arm. Steigt auf die Berge, läßt es trinken Des blauen Himmels freie Luft, Und weiß zu blicken, weiß zu winken, Bis er die Freude wieder ruft. 42L Die Freude kommt, die bunten Schwingen, Sie funkeln LiebeSstrahlen gleich, Das Vöglein weiß so süß zu singen, Es singt den armen Knaben reich. Wie auch zum Flug die Flüglein streben, So bleibt es doch dem Treuen treu; In Liebesfesseln will es schweben, In Liebesfesseln ist es frei! Und ich, der ich dies Lied dir singe, Bin Wohl dem treuen Knaben gleich, Vertrau mir Vöglein, denn ich bringe Dich noch auf einen grünen Zweig! 42 s ! Wie in Gewölben von Smaragd! Wie in Gewölben von Smaragd Die frischen Bächlein spielen, Will sich bei Hörnerklang die Jagd Mit Kuß und Wein erkühlen! Wie schallet und hallet der Hörnerklang, Wie rauschet der wilde Bronnen, Es wiederklinget der Felsenhang, Die Fliege tanzt in der Sonnen; Aber Frau Echo, Frau Echo, Frau Echo, Du wiederspiegelst die Wonnen! Gegrüßet sei du Waldgebäu, Ähr hochbelaubtcn Eichen, Komm Mägdlein setz dich neben bei, Thu mir den Becher reichen! Wie webet und schwebet das grüne Dach, Wie stehn die ew'gen Eichen, Und schau wie die Blümlein zu dem Bach Die Kelche durstig neigen. Aber dir Bacchus, dir Bacchus, dir Bacchus Muß alle Seligkeit weichen! Und den vielgoldnen Sonnenglanz Lass in den Becher schauen, Und flicht mir einen Blumenkranz, Und wolle mir vertrauen! / 12 « Es blinket und winket der goldne Wein, Es lassen die Blumen sich pflücken, Sie möchten gern all gebrochen sein, So schön weiß sie sich zu bücken. Aber Frau Venus, Frau Venus, Frau Venus Kredenzt das ird'sche Entzücken! Und weil die Sonne heißer scheint Komm in die dunkle Laube, Wenn gleich die wilde Nebe weint, Lacht doch die Turteltaube! Mag weinen die Rebe, die Taube lacht, Die Lerche jubelt in Lüften, Das Birkhuhn falzt in Waldesnacht, Die Hirschkuh lockt in den Klüften. Keusche Diana, Diana, Diana, Endhmion naht in den Triften! Sie bringt den Wein in B.cchersglanz, Aus Veilchen und Narzissen Reicht sie ihm einen süßen Kranz In Waldes Finsternissen! Da lispelt und Wispelt die Nachtigall, Ihr Stimmlein wollt übersteigen, Es lacht und klagt der süße Schall Wie Orgel, Laute und Geigen. Aber du Amor, du Amor, du Amor, Vor dir muß Alles ja schweigen! 427 H i) in n c. O wie so oft Hab ich ein Zeichen erhofft, Zogen Sterne den schimmernden Bogen Durch die himmlische Leere, Durch die himmlische Tiefe, Daß ich der irdischen Schwere Endlich auf immer entschliefe. Aber der Morgen Löschte die Sterne aus, Weckte die Sorgen, Weckte des Herzens Haus, Und des Alltäglichen Macht Zwang die Ahnung der Nacht! O wie so viel, Nahte der Sehnsucht das Ziel, Sanken Dürstende, müde Gedanken L28 Hin an brennender Schwelle, Selig kühlender Ferne. Ach, da stürzte zum Herzen die Welle Und das lachende Licht in die finstern Sterne! Aber die Ebbe Kehrte, die Fluth wich, Heißer die Steppe Umgürtct mit Gluth mich, Und den brennenden Pfeil Mahnte das fliehende Ziel zur Eil'! O wie so tief Oft aus den Wogen mich's rief, Fielen, Um nach den Sternen zu zielen, Thränen zu spiegelnden Seen, Die zwischen blumigtcn Wiesen, Augen der Erde, aufsehen, Himmlische Kinder zu grüßen. Aber die Fläche Ringelt, das Bild bricht; Bittere Bäche Rinnet so wild nicht! Freudig ja springet ein Fisch, Und ich mord' ihn, decke den Tisch! O wie so rein Wächst in der Schönheit der Schein, Scheinet Sie aus der Einfalt und einet 429 Recht in der lauteren Klarheit Strahlen der himmlischen Güte Zum sehenden sichtbaren Auge der Wahrheit, Das da schaffet und selbst ist die Frucht und die Blüthe. Aber die Dichter Machen die Glieder zum Leib gern, Schneiden Gesichter In einen Kirschkern Traurig und lachend; o gebe Lieber der Erde ihn, daß er lebe Blüthenvoll, Früchtevoll, Dir und den Deinen himmlischen Segen Gebe Auf irdischen Wegen! Drr Rhein und seine Nebenflüsse. „Himmel oben, Himmel unten, Stern und Mond in Wellen lacht, Und in Traum und Lust gewunden Spiegelt sich die fromme Nacht. „Welch entzückend laues Wehen! Blumenathem! Traubenduft! Wie die Felsen ernsthaft sehen In des Wiederhalles Kluft. „Rhein, du breites Hcchzeitbctte! Himmelhohes Lustgcrüst'! Wo sich spielend um die Wette Stern und Mond und Welle küßt." Der weiße und der rothe Main singen „Aus dem alten Fichtclberge Rauscht zu dir das Brüderpaar, Im Gestein die klugen Zwerge Machten uns manch Mährlein klar. 43 L „Mit uns ziehen zu dir nieder Viele Nymphen schön und klug, Und wir bringen alte Lieder, Alte Mährchen dir genug. „Rhein, du hast uns Ungeladen In dein grünes Wasserschloß, Zwischen jauchzenden Gestaden, Zn den kühlen Felsenschovß. „Und wir wollen jenen Kindern, Die du drin gefangen hast, Mährchen singend, bald vermindern Ihres Heimwehs bittre Last." Die Fluß-Aympheu singen nach einander: „Freundlich bin ich, Rodach heiß ich, Nother Nöslein manchen Strauß Von gebückten Büschen reiß ich, Theil sie frommen Kindern aus. „Ich bin heimlich, heiße Jtsche, Wenn, wo Dorn und Schlehe blüht, Still ich durch die Felsen witsche, Lausche ich der Hirtin Lied. „Baunach, Lentenbach und Ellern Sind wir, bringen Kiesel rund, Die wir in den Felsenkellern Ausgesucht hübsch glatt und bunt. „Ich bin edel, heiße Negnitz, Stamme aus dem Nordgau her, Ahsch und Wiesent und die Pegnitz Tragen meine Gaben schwer. „Aysch bringt rothe Pfaffenhütlein, Wiesenblümlein Wiesent bringt, Und manch Mährlein und manch Liedlein Wissen wir, das lieblich klingt. „Ich, die Pegnitz, sinnreich heiter, Bring den Kindern Spielerei: Trommeln, Pfeifen, Puppen, Reiter Führ aus Nürnberg ich herbei. „Arche Noah, Gänsespiele, Pfefferkuchen, buntes Wachs, Bilderbücher, ei wie viele! Und manch Liedlein von Hans Sachs. „Ei, die Kindlein werden lachen Ueber all den lieben Tand, Breit ich erst die schonen Sachen Ihnen aus im klaren Sand. „Heisa! lustig! Rockenstube, Jahrmarkt, Niklas, heil'ger Christ, Freu dich Mägdlein, freu dich Bube! Alles hier beisammen ist. 433 „Ich die kluge Saale heiße, Bin ein Nixchen wunderbar, Stell verwandelt mancherweise Bald als Kind, als Greis mich dar. „Sinnreich bin ich, Sinna heiß ich, Wandle durch den Erlenwald, Und vom Erlenkönig weiß ich Auch manch Lied, das rührend schallt. „Rauschend durch die Mühlen spring ich, Spiele gern und heiße Lohr, Von dem Müllerburschen sing ich, Der sein treues Lieb verlor. „Tauber heiß ich, Reben schwing ich Trunken in dem Taubergrund, Und den Kindern Tauben bring ich Um die Hälse golden bunt. „Und ich heiße Nidda, Nidda, Im Gebüsch versteck ich mich, Rufe immer: Nit da, nit da, Mit den Kindern neck ich mich!" Älle zusammen singen: „„Seid gegrüßt ihr Rebenhügel! Seid gegrüßt ihr Felsenstein'! Die ihr unter Gottes Flügel Also süß geschlummert ein. II. 28 43L - 1 I !- . „„Felder, Korn und Blumen tragend, Hirtenflöten einsam klagend, Hohe Thürme, Glocken schlagend, Kirchlein, Schloß am Felsen ragend. „„All ihr hochgeherzten Helden, Die zu Bacchus Hochaltar Sich zum blauen Spiegel stellten, Seid gegrüßt von unsrer Schaar!"" ts. Bacharach (ara Lacbi). i -r 433 In der Fremde. Weit bin ich einhergezogen lieber Berg und über Thal, Der treue Himmelsbogen, Er umgibt mich überall! Unter Eichen, unter Buchen, An dem wilden Wasserfall Muß ich nun die Herberg' suchen Bei der lieb Frau Nachtigall, Die im brünst'gen Abendliede Ihre Gäste Wohl bedenkt. Bis sich Schlaf und Traum und Friede Auf die müde Seele senkt. Und ich hör' dieselben Klagen, Und ich hör' dieselbe Lust, Und ich fühl das Herz mir schlagen, Hier wie dort in meiner Brust: Aus dem Fluß, der mir zu Füßen Spielt mit freudigem Gebraus, Mich dieselben Sterne grüßen, Und so bin ich hier zu Haus! 28 » Nun gute Nacht, mein Leben! Nun gute Nacht, mein Leben, Du alter, treuer Rhein! Deine Wellen schweben Klar im Sternenschein; Die Welt ist rings entschlafen. Es singt den Wolkenschafen Der Mond ein Lied! Der Schiffer schläft im Nachen Und träumet von dem Meer; Du aber, du mußt wachen Und trägst das Schiff einher; Du führst ein freies Leben, Durchtanzest bei den Reben Die ernste Nacht! Wer dich gesehn lernt lachen; Du bist so freudenreich, Du labst das Herz der Schwachen Und machst den Armen reich; Und spiegelst hohe Schlösser, Und füllest große Fässer 437 --"Auch Manchen lehrst du weinen, Dem du sein Lieb entführt; Gott wolle die vereinen, Die solche Sehnsucht rührt; Sie irren in den Hainen, And von den Echosteinen Erschallt ihr Weh! Und Manchen lehret beten Dein tiefer Felsengrund; Wer dich im Zorn betreten, Den ziehst du in den Schlund; Wo deine Strudel brausen, Wo deine Wirbel sausen, Da beten sie! Mich aber lehrst du singen, Wenn dich mein Aug' ersieht, Ein freudeselig Klingeu Mir durch den Busen zieht; Treib fromm mir meine Mühle, Jetzt scheid ich in der Kühle Und schlummre ein! --"Ihr lieben Sterne decket Mir meinen Vater zu, Bis mich die Sonne wecket, Bis dahin mahle du; Wird's gut, will ich dich preisen, Dann sing in Hähern Weisen Ich dir ein Lied! §38 ^Nun werf ich dir zum Spiele Den Kranz in deine Fluth; Trag ihn zu seinem Ziele, Wo dieser Tag auch ruht; Gut' Nacht! ich muß mich wenden. Muß nun mein Singen enden, Gut' Nacht, mein Rhein!' Hcimathsgtfühl. „Wie klinget die Welle! Wie wehet ein Wind! O selige Schwelle, Wo wir geboren sind! „Du himmlische Bläue! Du irdisches Grün! Voll Lieb' und voll Treue, Wie wird mein Herz so kühn! „Wie Reben sich ranken Mit innigem Trieb, So meine Gedanken Habt hier Alles lieb! „Da hebt sich kein Wehen, Da regt sich kein Blatt, Ich kann draus verstehen, Wie lieb man mich hat! 44V „Ihr himmlischen Fernen! Wie seid ihr mir nah; Ich griff nach den Sternen Hier aus der Wiege ja! „Treib nieder und nieder Du herrlicher Rhein! Du kommst mir ja wieder, Läßt nie mich allein! „O Vater! wie bange War mir es nach dir, Horch meinem Gesänge, Dein Sohn ist wieder hier! „Du spiegelst und gleitest Im mondlichen Glanz, Die Arme du breitest, Empfange meinen Kranz!" Säusle, liebe Myrthe! „Säus'le, liebe Myrthe! Wie still ist's in der Welt, Der Mond, der Sternenhirte Auf klarem Himmelsfeld, Treibt schon die Wolkenschafe Zum Born des Lichtes hin, Schlaf, mein Freund, o schlafe, Bis ich wieder bei dir bin! „Säus'le, liebe Myrthe! Und träum im Sternenschein, Die Turteltaube girrte Auch ihre Brut schon ein. Still ziehn die Wolkeuschafe Zum Born des Lichtes hin, Schlaf, mein Freund, o schlafe. Bis ich wieder bei dir bin! 442 „Hörst du, wie die Brunnen rauschen? Hörst du, wie die Grille zirpt? Stille, stille, laß uns lauschen, Selig, wer in Träumen stirbt; Selig, wen die Wolken wiegen, Wenn der Mond ein Schlaflied singt; O! wie selig kann der fliegen, Dem der Traum den Flügel schwingt, Daß an blauer Himmelsdecke Sterne er wie Blumen pflückt; Schlafe, träume, flieg', ich wecke Bald dich auf und bin beglückt!" 44 » Variationen über ein bekanntes Thema. Singet leise, leise, leise, Singt ein flüsternd Wiegenlied, Von dem Monde lernt die Weise, Der so still am Himmel zieht. Singt ein Lied so süß gelinde, Wie die Quellen auf den Kieseln, Wie die Bienen um die Linde Summen, murmeln, flüstern, rieseln. Herzeleid. „Wer nie sein Brod in Thränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Weinend auf seinem Bette saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!" Wer einsam nie am Strome ging, Wer nie wie die trauernde Weide Sein Haupt zum Spiegel niederhing, Der weiß noch nichts vom schweren Herzenleide! Chor: „Sich! wie wandelt der Mond so Helle, Horch! wie eilet die Quelle so schnelle, Summ, summ, summ, Kein Tröpflein kommt um!" 444 Fi eb cs l cid. Wer vor dem Fels die Hände ringt, Und eines Hirten Liede fluchet, Vom Brunn des Mondes nicht mehr trinkt, Den hat das bittre Elend heimgesuchet! Wer keine Blume brechen mag. Sie lieber mitleidlos vernichtet Mit seines Pilgerstabes Schlag, Den hat der Liebe Leid wohl hingerichtet! Chor: „Sieh! wie schlummern die Blumen so leise, Horch auf der Nachtigall klagende Weise, Summ, summ, summ, Der Schmerz geht herum!" Licbcscid. Wer glaubt, daß der Treue Schwur, Den leicht die Lippe spricht in trunknen Stunden, Ein leerer Schall des Rausches nur, Dess' Ehre ist an einer Frauen Haar gebunden! Und wer die Götter lachen hört, Als er den Liebesmeineid ausgesprochen, Von dem hat sich der gute Geist gekehrt, Sein Herz wird mit dem Glückesrad gebrochen! Chor: „Sieh! wie das Auge der Eule glüht, Horch! wie die Fledermaus rauschend zieht, Summ, summ, summ, Der Meineid geht um!" 4ÄS Liebes nc>d. Wer Steine wirft in's grüne Haus Wo treue Turteltauben girren, Und falsche Lichter stellet aus Den Schwimmer auf der Liebesfahrt zu irren; Wer in dem Thaue auf der Flur, Um einer Hirtin Tugend anzuschwärzen Verräth der nächt'gen Liebe Spur, Der nährt den Wurm des Neids in bösem Herzen! Chor: „Sieh! wie ringelt zwischen Blumen die Schlange, Horch! wie seufzet die Nachtigall bange, Summ, summ, summ, Der Neid geht herum!" Neu und Leid. Wer vor der Sünden Strafe bebt Und nicht vor ihrem inner» Tod erschrecket, Noch fremde Schuld in seine webt, In dem ist noch die Buße nicht erwecket! Wer seine Zeit und die Gebrechlichkeit In seiner eignen Schuld wagt anzuklagen, Dem hat die Reue und das bittre Leid Noch nicht so recht an's kranke Herz geschlagen! Chor: „Horch! wie der Wurm im Holz dort naget, Horch! wie die Weid' im Teiche klaget, Summ, summ, summ, Die Reue geht um!" MNdigkcit. Wer nie der Vöglein Brut gestört, Wer auf der Schwalbe frühen Morgensegen Mit süß erquickter Seele hört, Der geht der Armuth mildreich auch entgegen! Wer die zerknickte Ähre gerne hebt Und gern die Mücke aus dem Netz befreite, Der Spinne schonend, die es sinnreich webt, Dess' Herz ist voll von göttlichem Mitleide. Chor: „Sieh! an den Dorn hängt das Lamm die Wolle, Daß sich das Vöglein weich betten solle, Summ, summ, summ, Das Mitleid geht um!" Licbcssrcud'. Wer lachend früh die Sonne grüßt Und heiter an den Mittag blicket, Und fromm im Abendsterne liest, Zufrieden, wie die Nacht ihr Haus beschicket, Der wird auch froh in Liebesaugen sehen Und greifet in das falsche Rad dem Glücke, Es muß vor seinem Frieden stille stehen, Daß Liebesfreude gründlich ihn entzücke! Chor: „Sieh! wie lächelt gen Morgen die Ferne, Horch! wie grüßet die Lerche die Sterne, Tireli, Tireli, Liebesfreud' und Lust ist hie!" M ä c e n a s. Einstens glaubt ich in den Künsten Gäb's ein geistiges Wiedersehn, Zwischen schlechten Lampendünsten Harrt ich auf ihr Auferstehn! Mußte die besess'nen Leichen Täglich schaudernd Wiedersehn, Wie geschminkt die todesbleichen Hexen zu dem Blocksberg gehn! Sah gehetzt die bunten Hunde, Und mag sie nicht Wiedersehn, Lechzend an dem Koppelbunde Eines hohlen Affen stehn! Affe sprach: „Willst du mir dichten?" „„Ja,"" sprach ich. „Auf Wiedersehn!" Sprach er, und ich glaubt in Pflichten Eines großen Manns zu stehn! Bild' ihm, les' ihm Seen' für Scene — „Schön," spricht er, „auf Wiedersehn!" Treibt mich, hetzt mich, bleckt die Zähne, Läßt mich kaum mehr schlafen gehn! 448 Und ich bracht ihm die Papiere. „Gott sei Dank, auf Wiedersehn! Bei der Fürstin declamire Ich cs heut'," sprach der Mäcen. Deklamiren? „Ja, denn lesen Kann ich nicht. Auf Wiedersehn!" Armes Werk, du bist verlesen! Seufzt' ich, und so ist's geschehn. Fürstin sagt ihm: „Zum Soupiren Können sie mich Wiedersehn, Und ihr Werk uns declamiren Wenn wir an den Spieltisch gehn!" Als am Boden abgeschliffen War das hohe Wiedersehn, Und zur Karte man gegriffen Räuspert sich da mein Mäcen. Fürstin spricht: „Wir sind ganz Ohren „Muß ich den hier Wiedersehn!" Murmelt Gräfin; „stets verloren Hab ich noch, las der Mäcen." „Welch ein Spiel! Ach ihre Gaben Lassen sie heut' Wiedersehn," Spricht die Fürstin, „neulich haben Declamirt sie gar zu schön! 449 „Ich halt' alle Matadore, Hoff sie wieder heut' zu sehn, Denn ich bin recht im Humore, Nun wohlan!" — Es wollt nicht gehn. „Pfui, die Karte ist vergeben, Das will ich nicht Wiedersehn, Sie vergaßen abzuheben, Ach, man kann kein Wort verstehn!" Wie er dehkt, und klahmt, und mihret, Mußte man da Wiedersehn, Bis die Fürstin, die verlieret, Ruft: „Es ist nicht auszustehn!" Was? „das Spiel, das Declamirte Lassen sie nie Wiedersehn," Sprach, die sich recolligirte: „'S ist nichts weniger als schön!" Und nun schrien Alle, Alle: „Wiederhören, Wiedersehn Wollen wir's in keinem Falle, Ihre Durchlaucht es verstehn!" „Daß ich wie Ihr' Durchlaucht fühle. Muß ich freudig Wiedersehn," Sprach der Affe, und die Stühle Rückt man, um zu Tisch zu gehn. II. 29 Und Lei Tisch heißt's: „Kotzebue Kann man immer Wiedersehn, Was er sage, was er thne Macht Effekt und ist drum schon. „Goethen lass' ich mir gefallen, Schickt sich's doch ihn Wiedersehn, Daß es schön sei, muß bei Allen Von Geschmack sich selbst verstehn. „Schiller mag ich auch Wohl haben, Dann und wann ihn Wiedersehn, Doch weil er zu sehr erhaben, Darf es nicht zu oft geschehn. „Shakespare's Leib auf Schröder's Bahre Muß man jährlich Wiedersehn, Daß bei Hamlet's Geist die Haare Nicht zu sehr zu Berg uns stehn. „Falsches muß man, zu beweisen, Dann und wann wohl Wiedersehn, Daß wir wie der Stock im Eisen Nicht hier ganz vernagelt stehn. „Auch die Weißenthurn, den Körner Mag ich immer Wiedersehn, Läuft der sich die Schillershörner Erst nur ab, so wird's schon gehn. 4SI „Rothkirch's theatrirtes Epos Darf man auch Wohl Wiedersehn, Gut ist's den Cornelius Nepos Einmal mit ihm durchzugehn. „Jffland, der ist für's Civile Immer wieder auch zu sehn, Besser ist es in dem Spiele So mit ihnen umzugehn. „Ziegler kann man ohne Tadel, Oft mit Freuden Wiedersehn, Seine Helden sind von Adel, Stattlich wo sie gehn und stehn. „Müllncr ist ein wenig gräßlich, Doch man kann ihn Wiedersehn, Die Todsünden macht er läßlich Und die Blutschuld wunderschön. „Der Collin ist sehr erfreulich, Oft muß man ihn Wiedersehn, Manchmal ist er nur langweilig, Weil er nicht gleich zu verstehn. „Klingemann und Wohlfahrt lassen Immer sich auch Wiedersehn, Nero's Brand kann nie erblassen, Mosis Dornbusch macht sich schön. 29 * 4S2 „Stell — Comtessa, feine Seelen Mögen gern sie Wiedersehn, Können sie gleich drei kaum zählen, Aber zwei gar hübsch verdrchn! „Treitschke und Castelli lieben Immer wieder wir zu sehn, Wissen Fremdes so zu schieben, Daß für Eignes wir's verstehn. „Und die Pichler ist wohl würdig, Immer wieder sie zu sehn, Dem Cothurne ebenbürtig Kann sie den Pantoffel drehn.." Und ich wollt am andern Morgen Meinen Gönner Wiedersehn, Bei dem Papagei in Sorgen Muß ich vor der Thürc stehn. Endlich hieß es: „Jhro Gnaden Werden sie bald Wiedersehn, Aber weil sie jetzo baden, Müssen sie von dannen gehn!" Abends in der Schauspielloge Sollte ich ihn Wiedersehn, Dort ließ der Theatcrdoge Mich im Gang zwei Stunden stehn. 433 Endlich streicht er mir vorüber, Grüßt und spricht: „Auf Wiedersehn," Und mich packt des Zornes Fieber, Glaubt, mir sei groß Leid" geschehn! Ging nach Hans auf nächt'gen Wegen, Fluchte auf das Wiedersehn, Erst zum Zorn und dann zum Segen Fühlte ich mein Herz in Wehn! Wiedersehn, ja Wiedersehen! Nun und nimmer Wiedersehn, Nie mehr zu den Affen gehn, Noch bei Papageien stehen! Und mit Noth erst, meine Lieder, Ward mir euer Wiedersehn, Und schrieb sehr beruhigt nieder, Was ihr last vom Wiedersehn! Aber was ich da geschrieben, Mag ich schier nicht Wiedersehn, Weil ich mit der Welt getrieben Götzendienst. O schwer Vergehn! Doch was hier ich all gedichtet Muß ich schamroth Wiedersehn, Seit es mir im Geiste lichtet, Muß ich's mir zur Buße sehn! L3Ä Denn zwar also oft erschienen Ist das Licht zum Wiedersehn, Aber statt ihm ^ ganz zu dienen Trieb ich Hin- und Wiedersehn! Nun der Götze mir zerbrochen, Bin ich krank nach Wiedersehn, Hör' den Herrn im Herzen pochen, Fühl ihn in den Lüften Wehn! Rufen in die wüste Kammer Möcht' ich ihn zum Wiedersehn, Der am Thore sonst — den Hammer Fühl ich in dem Busen gehn! Ja er pochte an der Pforte, Rief: „Willst du mich Wiedersehn?" Und ich hörte seine Worte, Ließ ihn dennoch draußen stehn. Nun so schlage, bis es springet, Herr, o laß dich Wiedersehn! Wer mit deiner. Liebe ringet Wird durch Tod zum Leben gehn! Darum brich ob seinem Pochen, Herz, auf selig Wiedersehn! Er hat's Höllenthor zerbrochen, Du auch wirst nicht widerstehn! Und man wird Gchtimcrath! Wie die Tage schnell verstreichen, Wie sie all so einerlei, Keiner gibt mir mehr ein Zeichen, Ob er deiner, meiner sei. Und so wird die Zeit stets länger, Während sie stets kürzer wird, Und der Raum wird immer enger, Während er stets weiter wird. Endlich wird man gar geboren, Auf daß man lebendig stirbt, Und so geht man der verloren, Welche einen nun erwirbt. Ach, und gleich auch den Geschäften Lauft man also geizig nach, Daß man eben erst bei Kräften, Auch sogleich entsetzlich schwächt 436 Erstlich muß so viel mau trinken, Daß mau dick und üppig wird, Von der Rechten zu der Linken, Daß man sich am Ende irrt. Und ist man recht eingefleischet, Heißt man ein unschuldig Kind, Quäckt und blockt, und lärmt und kreischet Alles an gar toll und blind! Noch wird man nicht ausgeprügelt, Aber gar zu oft purgirt, Dann am Gängelband gezügelt, Wie ein Schiff herumbuxirt. Was man will, kann mau nicht sagen, Was man nicht will, muß man thun, Und in einem Rumpelwagen Muß man wider Willen ruhn! Daß man recht sei angcstrenget, Kriegt man Spielwerk übervicl, Ein entsetzlich Denken hänget Fast an jedem Kinderspiel. Die Trompete ist lackiret, Und gefährlich wenn man leckt, Drum wird gleich sehr lamcntiret. Wenn man in das Maul sie steckt. 437 Und sehr leicht kann man verschlucken Jungfer Lieschen's Fingcrhut, Nadclbüchs' hat ihre Mucken, Nicht sind diese Dinger gut. Gar zu lärmend ist die Knarre, Die die andern Kinder weckt, Drum wird gleich ein Span als Sparre Sperrend vor das Rad gepflockt- Und den Kukuk hört Papachen Auch nicht immer allzugern, Darum muß ihn gleich Mamachen In den Schreibeschrank versperr'n. Dem Hanswurst reißt stets der Faden, Der ihm Arm' und Beine zieht, Und die bleiernen Soldaten Fallen, eh' man sich's versieht. In dem kleinen Leierkasten Klimpcrt's wenn der Bär sich dreht, Und man kann nicht ruh'n, nicht rasten, Bis das Ding in Stücke geht. Die verdammten Pfennigpfeifen Haben Löcher überall, Und man weiß nicht welches greifen, Immer ist's ein schlechter Schall. ÄS 8 Schlägt man nur mit etwas Hitze, Hat die Trommel gleich ein Loch, Doch ist man bei mäßigem Witze, Dient sie Wohl als Tschako noch. Und hiemit lernt man die Pfiffe, Wie man was mißbrauchen soll, Pfeife wird mit leichtem Griffe Spritze; spritzt die Andern voll. Worauf es an das Verklagen, Strafen und Ermahnen geht, Daß mir noch in alten Tagen Haar davon zu Berge steht! Und man kriegt da in Moralen Einen Blick, der für ein Kind So entsetzlich, als die Zahlen Für den bösen Schuldner sind. Doch du bist ein großer Bube, Noth thut, daß du lesen lernst. Lebe wohl, du Kinderstube, Nun kommt erst der rechte Ernst! Kommt man in die volle Schule, Ist es doch noch eine Lust, Aber, Weh! wenn auf dem Stuhle Du bei'm Lehrer sitzen mußt. ÄZ» Wenn die Mntter in dem Engel Gar etwas Appartes sieht, Und den ordinären Bengel Auf die eigne Hand verzieht! Nach den neuesten Methoden Wird der Text zurecht gemacht,- Und der Lehrer in den Noten Von dem Kinde ausgclacht. Daß die Erd' rund wie 'ne Zwiesel Sei, wird einem eingeschraubt, Doch daß Welschland ist ein Stiefel, Wird am willigsten geglaubt. Und man wird mit Krokodillen, Elephanten ganz vertraut, Während man vor Maulwurfsgrillen Und den Spinnen schier ergraut. Julius Cäsar und der Nepos Folgen ans das Rudiment, Bis zuletzt man in den: Epos Jeden Gott und Helden kennt. Jede Shlb' wird abgewogen,. Wie ein Käfer aufgespießt, Böcke vor Gericht gezogen, Bis man fix und fertig liest. Ä6« Im Buchstaben ganz versunken Schwindet alles heitre Licht, Und der Schüler, wie betrunken, Sieht den Wald vor Bäumen nicht. So geplackt und so geschunden Tritt'man endlich in den Staat; Dieser heilet alle Wunden, Und man wird Geheimerath! i s aus p ru ch. Schon steckt, der Strauß auf Dach und Fach, Sprcch ich den Spruch ganz allgemach, Ein jeder Sparren hat sein Sach', Sonst ist's nicht richtig unter'm Dach, Behüt uns Gott vor Ungemach, Und diesen Bau vor Ach und Krach. Kopf weg! Ich leer den Bierkrug aus Und werf ihn in die Welt hinaus! Und legt ich nicht das Fundament, So war der Anfang bald am End', Der Strauß verwelkt, das Holz verbrennt, Der Stein nur trotzt dem Element, Und füllt ich nicht das Fachwerk aus, So bläst der Wind das Licht euch aus. Im Keller hat der liebste Schatz, Der Muskateller seinen Platz ! L62 Das schönste Diend'l ohne Haut, Ist eine Braut, vor der mir's graut, Wie ohne Speck ein Sauerkraut, Das Maul verziehet, wenn man's kaut, Und wie die Conterband die Mauth, Den schönsten Bub'n schlecht anschaut, So schaut ohn' Anstrich auch ein Haus Wohl nicht sehr reputirlich aus! Kopf weg! Ich leer den Bierkrug aus Und werf ihn in die Welt hinaus! 4i»3 Ward er der Lindwurm Ungenannt! Im See der Welt gar groß und tief Ein Lindwurm nach dem Essen schlief — Und wenn er wachte aus dem Schlaf Gab's einen Auflauf und zwei Schaf. Denn als er unverbesserlich, Ward er gar Menschenfrcsserlich, Da warf man in der Stadt das Loos, Und bracht' ihm Fräulein auf das Moos. Meerfräulein, die halb Mensch, halb Fisch, Bracht man ihm Fasttags auf den Tisch, Er speist schier den Kalender leer Und sprach: „Sie schmecken All nach mehr!" Doch war er gar zu leckerhaft Und schrie gar laut mit kecker Kraft: „Das ist zu zäh, das ist zu kraus, Ich bitte mir was Lind'rcs aus!" All fraß er bis auf's Mindeste, Und kam dann bis auf's Lindeste, Das war des Königs einzig Kind, Die war wohl linder noch als lind. Weil so sein Sinn zum Linden stand, Ward er der Lindwurm zugenannt! Die berühmte Köchin. Einen Teig will ich mir rollen. Ganz nach meinem eignen Sinn, Daß gleich Alle merken sollen, Daß ich in der Küch' die Tochter. Der perfekten Köchin bin. O du früh verlorne Mutter! Schau das Mehl von Warschau an, Fasancier, Maienbutter Rührt mit flinker Hand die Tochter Der perfekten Köchin dran. Rosenöl und Rosenhönig, Nosenwasser, Mandclbrei, Thränen, Seufzer auch nicht wenig Mischt dem Teige nun die Tochter Der perfekten Köchin bei. Pim, pim, pim der Mörser klinget, ' Nelken, Zimmt, Muskatennuß, Alles bald zu Staub zerspringet, Wie es von der Hand der Tochter Der perfekten Köchin muß. H. 30 Rein die Hände, blank die Schürze, Unter'm Häubchen fest das Haar, Knct' ich in den Teig die Würze, Stelle mich so ganz als Tochter Der perfekten Köchin dar. Aus dem edelsten der Teige Knet ich einen Zuckermann, Der den stolzen Herren zeige, Daß man fechten für die Tochter Der perfekten Köchin kann. Sieh, schon knet ich alle Stücke, Knie und Bein und Kopf und Wanst, Rolle, nudle, zerre, drücke; Munter, zeige was du Tochter Der perfekten Köchin kannst. Kugelkloß nun werd zum Kopfe, Zuckerwerk zu Locken kraus, Gerstenzucker zieht zum Zopfe Hinten lang die kluge Tochter Der perfekten Köchin aus. Mandelzahn im Himbeermunde, Augen von Wachholderbeer; Denn das Süße und Gesunde Liebt im Angesicht die Tochter Der perfekten Köchin sehr. "Prosit! von Pomranzenschalen Voll verzuckertem Anis, Nase, nimmer zu bezahlen, Wenn dich ab aus Hast die Tochter Der perfekten Köchin stieß. Lipp' und Wang' aus Citronate, Schnurr- und Backenbart umziert, Fein gezackt vom Kuchenrade, Was geschickt die Hand der Tochter Der perfekten Köchin führt. Nun ein Herz von Bisquitteige Mit Tokaierwein durchnetzt, Drauf geschrieben: „Lieb und schweige! In die Brust ihm nun die Tochter Der perfekten Köchin setzt. Mit verzuckerten Maronen, Königsberger Marzipan, Köstlichsten Caccaobohnen Füllet ihm den Leib die Tochter Der perfekten Köchin an. Und nun form' ich an zwei Armen, Hände zwei, zehn Fingerlein, Diese sollen voll Erbarmen, Und auch tapfer durch die Tochter Ter perfekten Köchin sein. 30 " 408 Beine werden nun gedrechselt, Nicht zu grad und nicht verrenkt, Dick und dünn hübsch abgewechselt, Wie es angenehm die Tochter Der perfekten Köchin denkt. Quittenfleisch wird nun zur Wade Und zum Fuße Marzipan, Stiefel dann von Chocolade Zieht dem Zuckerbild die Tochter Der perfekten Köchin an. O wie zierlich steht dem Schelme Das indian'sche Vogelnest! Auf das Ohr statt einem Helme Macht cs Pfiffig ihm die Tochter Der perfekten Köchin fest. Orden zwölf von Zuckerkandel Und Vanille Achselschnur, Trägst du, Prinz von Mandelwandel, Durch die Achtung einer Tochter Der perfekten Köchin nur. An den Zuckergriff des Degen, Dessen Klinge ganz von Zimmt, Soll er seine Rechte legen, Weil in Schutz er gern die Tochter Der perfekten Köchin nimmt. Viertes Buch L7L Großmutter La Roche tegt ihrer Enkelin Bertha Lützow ein Sand am Geburtstage der Mutter in die Hand. (Ans früher Zeit.) Großmutter will Ich soll dir singen, Doch ich schweig still, 'S möcht übel klingen! Großmutter will, Daß ich dir dichte, Ich thue es still Blickend zum Lichte! Großmutter will, Daß ich dir spende, Was sic mir still Legt in die Hände! Großmutter will Dich durch mich freuen, Sie fühlt sich still In mir erneuen! Großmutter will Ihr Herz dir geben, Fühl du es still In meinem beben. Großmutter will, Ach Gott weiß was, Kuss' mich ganz still, Ich glaub s' ist das. Großmutter will Kuss' Vater tüchtig, Hält er dir still, So ist es richtig. Großmutter will Viel Liebs und Gutes, Ich denke still: Mensch will's, Gott thut es! Großmutter will Was Gottes Willen, Ich fühle still, Er kann uns stillen. Mich, dich und sie Und all die frühen, Die nicht mehr hie, Die dort schon blühen. 473 Aus deiner Brust Nährt um die Wette, Mit Mutterlust Mich diese Kette. So fühle ich Mütterlich Alle, Selbst, Eva, dich, Nach deinem Falle. Äpfelchen roth, Das sie genossen, Gab uns den Tod, Brach uns die Sprossen. Höher hinauf Geht's drum nicht weiter, Doch stell ich drauf Die Himmelsleiter! Mutter und Kind Seh ich da weilen, Die ohne Sünd' Die Lücke heilen. Kind reicht die Hand Mir in der Taufe, Auf daß ein Band Ewiglich laufe! 474 So binde ich, Durch Gottes „Werde!" An Himmel dich Und an die Erde. Solch ein Band schwebt In meinen Händen, Gottes Hand webt An beiden Enden! i An Sophie Brentano, seine Schwester. (Gestorben in Weimar 1800.) Wie war dein Leben So voller Glanz, Wie war dein Morgen So kindlich Lächeln. Wie haben sich Alle Um dich geliebt, Wie kam dein Abend So betend zu dir, Und Alle beteten An deinem Abend. Wie bist du verstummt Zn freundlichen Worten, Und wie dein Aug' brach In sehnenden Thränen, Ach, da schwiegen alle Worte, Und alle Thränen Gingen mit dir. Wohl ging ich einsam, Wie ich jetzt gehe, Und dachte deiner, 476 Mit Liebe und Treue — Da warst du noch da Und sprachst lächelnd: „Sehne dich immer nach mir, Da der Lenz noch so freudig ist Und die Sonne noch scheint. — Am stillen Abend, Wenn die Rosen nicht mehr glühen, Und die Töne stumm werden, Will ich bei dir sein In traulicher Liebe, Und dir sagen, Wie mir am Tage war." Aber mich schmerzte tief, Daß ich so einsam sei, Um Vieles im Herzen, O, warum bist du nicht bei mir! Sprach ich, und siehst mich, Und liebst mich, ? Denn mich haben manche verschmäht, Und ich vergesse nimmer, Wie sie falsch waren Und ich so treu und ein Kind. Da lächeltest du des Kindes , Im einsamen Wege Und sprachst: „Harre zum Abend, Da bist du ruhig ^ Und ich bei dir in Ruhe!" Dein Herz, wie war es da, Daß du nicht trauertest, Viel Schmerzen waren in dir, Aber du wärest größer als Schmerzen, Wie die Liebe, die süßer ist Als all ihr Schmerz. Und die Armuth, der du gabst, War all dein Trost, Und die Liebe, die du freundlich Andern pflegtest, War all deine Liebe! Einsam ging ich nicht mehr, Du warst mir begegnet Und blicktest mich an — Scherzend war dein Aug', Und deine Lippe so tröstend — Dein Herz lag gereift In der liebenden Brust. Freundlich sprachst du: „Nun ist bald Abend, Gehe, vollende, Daß wir dann ruhen Und sprechen vom Tage!" Wie ich mich wendete — Ach, der Weg war so schwer! Langsam schritt ich, Und jeder Schritt wollte wurzeln, 478 Ich wollte werden wie ein Baum, Und meine Arme, Blüthen und Blätter, Sehnend dir neigen. Oft blickte ich rückwärts Hin, wo du warst, Da lagen noch Strahlen, Da war noch Sonne Und die hohen Bäume glänzten Im ernsten Garten, Wo du gingst., Ach, der Abend wird nicht kommen, Und die Ruhe nicht, Auf Erden ist keine Ruhe! Nun ist es Abend, Aber wo bist du? Daß ich dir sage, Wie der Dag war. Warum hörtest du mich nicht, Als du noch da warst? Nun bin ich einsam, Und denke deiner Liebend und treu. Die Sonne scheint nicht Und die Rosen glühen nicht, Stumm sind die Töne — O! warum kommst du nicht? 47S Willst du nicht halten, Was du versprachst? Willst du nicht hören, Soll ich nicht hören, Wie der Tag war? Wie war dein Leben So voller Glanz, Wie war dein Morgen So kindlich Lächeln, Wie habe ich immer Um dich mich geliebt, Wie kommt dein Abend So betend zu mir, Und wie bete ich An deinem Abend. Am Tage hörtest du mich nicht, Denn du warst der Tag, Du kamst nicht am Abend, Denn du bist der Abend geworden. Wie ist der Tag verstummt In freundlichen Worten, Wie ist sein Aug' gebrochen In sehnenden Thränen, Ach, da schweigen alle meine Worte, Und meine Sehnsucht zieht mit dir! 480 An Frau M. ör. Wenn ich mich nach Ruhe sehne, Sehn ich mich zu dir, du Bronnen! Denn du blühest, du Feldröslein! Du Waldblume! in der Sonnen. Denn dort schlummerst du, du Lämmchen! Denn dort ruhest du, du Hirtin! Bleichst dein Linnen, du schön Mägdlein! Blank wie dich, du muntre Wirthin! Wenn ich will recht selig träumen, Träume ich von dir, du Rebe! Und von dir, du süße Traube! Götter Mundschenk du, du Hebe! Und von dir, du voller Sommer! Und von dir, du grüne .Laube! Dort auch träumst du, süße Phillis! Wie das Nest-du baust, du Taube! Wenn ich will was Liebes denken, Denk ich dein, du schön Mariechen! Doch du winkst: „Still, still Herr Schwager, Ich muß meine Kinder wiegen!" Maricn's Süd. (Meline.) Im kleinen Stübchen, das von ihrer Seele, An reiner Zierde uns ein Abbild schenket, Sitzt sie und stickt, den holden Blick gesenket, Daß sich in's reine Werk kein Fehler stehle. Was ihres Busens keuscher Flor verhehle, Und ihre Hand in stillem Fleiße lenket, Die Lilie an ihrer Seite denket, Das Täubchen dir in ihrem Schooß erzähle. Durch's Fenster sehen linde Sonnenstrahlen, Die Joseph's Bild, das eine Wand bedecket, Mit ihrem frohen Glanze Heller malen, Und wär der Schein der Taube zu vereinen, Die sie herabgebückt im Schooß verstecket, Maria würde Mutter Gottes scheinen. II. 31 482 ÄnnonciatnUs üild. (Bettina.) Am Hügel sitzt sie, wo von kühlen Neben Ein Dach sich wölbt durchrankt von bunter Wicke, Im Abendhimmel ruhen ihre Blicke, Wo goldne Pfeile durch die Dämm'rnng schweben. Orangen sind ihr in den Schooß gegeben, Zu zeigen, wie die Glnth sie nur entzücke, Und länger weilt die Sonne, sieht zurücke Zum stillen Kinde in das dunkle Leben. Der freien Stirne schwarze Locken kränzet Ihr goldner Pomeranzen süße Blüthe, Zur Seite sitzt ein Pfau, der in den Strahlen Der Sonne, der er sehnend ruft, erglänzet. Mit solchen Farben wollte das Gemüthe Von Annonciata fromm ein Künstler malen. Än Bettina. Kehret doch heimwärts Gedanken, und eilet den Tempel zu ordne». Schafft mir im Herzen Gebet, eh' es in Sehnsucht mir bricht; Drei sind ihrer, der Theuern, die weit in der Fremde mir weilen; Zwei dem Tode geweiht grüße noch einmal mein Blick, Daß ich friedlich entsag' dem, was die Fremde begehrt. Dann umfasse mich Leben — denn Eine noch weilet — ich fühle. Daß sie das Einzige ist: Zukunft, Leben und Lieb', — Wie mir's im Herzen, — das hat ihr der Gott in den Buse» geschrieben, Wie in der Seel' es mir ist, schrieb ihr der Gott in das Aug' — Schweigend spricht sie das Wort, was meine Lippe nicht redet; Flieh ich, so ist sie die Flucht; ruh' ich, so ruht sie in mir. Suchest du sie? — In den Schatten des Wald's dort, wo sich das Dunkel Tiefer Begeisterung löst, stiller der Himmel sich senkt, Wo an der liebenden Brust, dem Gestade des brausenden Lebens, Des unendlichen Meers Woge melodisch sich bricht. Dort weilt sie, fromm dichtend, was ihr sie lehret, ihr Geister, Begierig Geheimes zu fassen; Euch, ihr Götter in mir, schuf nur des Kindes Gebet. Trösterin! — Milde! — Dein Seheraug' entsiegelt dem Tode, Der dich als Leben umgibt, selbst den geschlossenen Blick. 31 * 484 Alles, Bettine! dem liebend dein schaffender Geist sich genahet, Was deine segnende Hand, was dein Gedanke berührt, Blühet schöner empor, ein Freiheit verklärendes Leben. Bilde in mir deine Welt, du, die den Zweifel nicht kennt, Die aus dem Busen mir zog kühn den vergifteten Pfeil. Alles, was mich zu bilden der Genius drängt und begeistert, Bilde ich Schwacher es nicht, weilt schon gestaltet in dir, Schützend folg ich dir, Leben, das mich schützt wo ich verzage, Das wo ich welke erblüht, reich mir die Jugend ersetzt. Tief in den Herzen verwechselt sind wir; auf tobender Woge, Die aufbrauset in mir, schreitest du kühn und behend, Sänftigest sie, daß sie hell, daß sie melodischer klingt. In dir weile ich stammend, du gibst mild lindernde Öle, Und so sühnt sich in dir, opfernd den Göttern, der Sturm. Sonett an Bettina. Laß dich, mein Kind, den Tadel nicht verführen, Vertrau, wenn du ihn hast, dem guten Sinn, Und sprich: Nur weil ich nicht unsterblich bin Will die Versöhnung liebend mir gebühren! Denn Gottes Hand, sie kann uns plötzlich rühren, Und stürb der Freund mir unversöhnet hin, So würde scharfer Tadel den Gewinn, Daß Liebe ich gegeben, mir entführen! Bis dahin suche Trost in dem Sprichworte, Daß Rom nicht ist in einem Tag gebauet, Daß Alle Alles auch zugleich nicht können; Daß vor dem Morgen erst der Himmel grauet, Daß trunken bunt Aurora pflegt zu brennen, Bevor der Gott tritt aus der Sonnenpforte! 48 « Am Geburtstag 'einer Freundin. 19. März. Durch grüne Auen wollt ich mit dir schweifen. Wärst du des süßen Maien holdes Kind, Und wollte sinnreich nach den Blumen greifen, Zu flechten dir ein zärtliches Gewind'; Wir Blüthen werden all in Liebe reifen, So spräch' der Kranz, weil wir dir ähnlich sind. Doch keine Blume ist vor dir entsprungen, Der ungetheilten Kraft bist du gelungen! In leisem Schlummer träumend sinnt die Erde, Wie sie die junge Zeit erfreuen soll, Da sieht sie sich in züchtiger Geberde, Stehst du vor ihr so sinnend, liebevoll, Und jungfräulich begrüßte dich ihr Werde, Der keine Blume noch am Busen schwoll. Doch bald die Einsamkeit dir zu versüßen, Läßt als Gespielen sie dich, Veilchen, grüßen! 487 So fehlen Blumen, Blume, dich zu kränzen. Die selbst des Jahres frühste Blume blüht; Doch in des Lebens Garten ohne Grenzen, In dem der Frühling ewig kehrt und flieht, Seh eine edle Blume fern ich glänzen, Die bis zum Namen selbst dir ähnlich sicht. Das Herrliche kehrt ewig zu dem Leben, Und jeder Sommer muß uns Lilien geben! Dich, Römerin, Vcstale, seh ich wieder, Dich, Claudia, die treu deu Vater ehrt, Keusch hüllt ein reiner Schleier dir die Glieder, Die aller Liebe reine Flamme nährt. Es priesen uns noch keines Sängers Lieder, Den hohen Sinn, den uns dein Leben lehrt, Bescheiden, zürne nicht, laß es gelingen, Die Römerin will der Barbare singen! Da Claudius, der Feldherr, siegreich kehrte. Will er, als Sieger soll ihn Roma sehn, Der in der eignen That den Römer ehrte, Will im Triumphe auch die That erhöhn, Doch ein Tribun, der tiefen Haß ihm nährte, Will, ungepriesen soll sein Werk vergehn. Es läßt der Mächtige dem Sieger sagen, Du sollst durch Rom nicht deine Lorbeern tragen! 488 Doch achtet, trotzend auf des Sieges Flügel, Der Feldherr nicht des Richters ernsten Stab, Im Heeresprunk grüßt er die sieben Hügel Von seines Wagens goldner Höh' herab, Und tausendfach in Heller Waffen Spiegel Grünt ihm der Lorbeer, den der Sieg ihm gab, Es lenket durch des Volkes laute Mitte Der Zug zum Capitole hin die Schritte. Da öffnet Zweien sich das Volks-Gedränge, Erzürnt tritt der Tribun zum Sieger hin, Ihn, dem er untersagt des Siegs Gepränge, Will er gewaltsam von dem Wagen ziehn: Auch Claudia dringt durch der Bürger Menge Zu ihrem Vater, und umfasset ihn: Besiegt muß der Tribun zum Volke kehren, Den sie berührte, muß er zürnend ehren! Die Jungfrau gab dem Sieger das Geleite, Der mit dem Adler nun die Taube trug, So stand sie schüchtern an des Vaters Seite, Und um die Tochter er den Purpur schlug, In schönerm Sieg trug sie aus schönerm Streite Zum Capitole hin der laute Zug: So Heldenmuth und Schönheit sich gesellten, Es triumphirt die Holde mit dem Helden! L89 Wer auf der Erde gleich den Göttern handelt, Dem öffnet sich der hohen Götter Kreis, Auf Erden sind sie menschlich einst gewandelt, Und waren edel, sinnbegabt und weis', Zu Göttern hat der Glaube sie verwandelt, Denn Göttlichkeit ist aller Schönheit Preis! So wollte Nhea gern, da du gebeten, In deiner Heimath Götter Mitte treten! Zu Schiffe auf der gelben Tiber Wogen Führt man Cybelen's Bild von Pessinunt, Schon nahet sich des Segels voller Bogen, Der Göttin Ankunft eilt von Mund zu Mund: Sie zu empfangen kommt das Volk gezogen, Doch Plötzlich faßt den Kiel des Flusses Grund, Und wie sich auch der Schiffer Arme regen, Fest ruht das Schiff und läßt sich nicht bewegen. Da flehet knieend Claudia am Strande Der hohen Götter gute Mutter an, Löst dann den keuschen Gürtel vom Gewände, Und zu dem Schiffe führet sie der Kahn, Den Gürtel knüpft sie an des Kieles Rande, Und gütig folgt Chbele ihrer Bahn. Stumm sieht das Volk sie durch die Wellen gleiten, Von Reinen lassen Götter gern sich leiten! 49 « So in des Vaterlandes großer Sitte Lebt Claudia, die Römerin, auch groß, Nun theilst du, Claudia, in unsrer Mitte, Ein frommes, treues Kind, des Vaters Loos. Was göttlich noch auf Erden, folgt dem Schritte Der Jungfrau gern nach in des Hauses Schooß. Strebt ihr zu gleichen, der wir uns verbanden, Ich liebe sie, die früher ich verstanden! 491 Heidnische Antwort der Freundin an die Freundin auf ein Aren), welches ihr durch den Dichter zugeschickt wurde. Nimm für dein Kreuz im Brief, den dir zu Lieb' Er, der zum Tod dich liebt, mir jüngst geschrieben, Der Dichterliebc Bild, das mir noch blieb Aus all dem Zauber, der mich zwang zu lieben. „Ich Hab kein Kreuz — ich Liebe nicht verlangt — Ich muß mein Kreuz — ich seine Liebe tragen." Wir, denen Beiden nicht vor Beiden: bangt, Wir wollen also Schnödes nimmer sagen. Wie? Nicht verlangen? — Bin ich denn kein Weib? Verleugne ich die Reize, die mich schmücken? Verleugne ich den Geist, das Herz, den Leib, Die ich nie Andres lehr als zu entzücken? Was mich betrifft, gesteh ich ein, ich will Der Welt noch mehr als ihrem Herrn gefallen, Und schwiegen auch all meine Reize still, Lehrt ich doch selbst die Stummen süß zu lallen. 492 Und sprech ich nicht, so lallt das Stumme doch, Verlang ich nicht, so lehr ich doch verlangen, Der fesselt auch zum Pflug, der so das Joch Aufstellt, daß sich das Roß darin muß fangen. Ein Vogelsteller, der die Netze stellt, Muß auch behalten, was nicht weg will fliegen, Er hat zum Fang verlangt, was ihm gefällt, Doch bleibt im Netz der kranke Löwe liegen. Hat mich ein Gott um meine Schuld geliebt, Daß Er für mich sich ließ als Opfer schlachten, Was Wunder? daß ein Mensch sein Herz mir gibt Von meiner Huld berauschet zu verschmachten. Wer Jenem thut, was er den Brüdern thut, Ruft: „Steig'vom Kreuz, dran ich Dich nicht geschlagen!" Spricht er zu eines kranken Herzens Gluth, Ich Hab' dies nicht verlangt, ich muß es tragen! Äed' Opfer muß ich ehren, daß sich bringt In Liebe sterbend. Nie will ich mich schämen, Ein brechend Herz, das auch am Kreuze ringt, Was Gott vom Menschen nimmt, auch anzunehmen. Mich kreuzigte die Liebe, die ich fand, Du kreuzigest die Liebe, die dich suchet, Sprich: „Wer von uns dem Kreuze näher stand, Ich Hab den Kelch geleert, du ihn verfluchet!" 493 Einer Jungfrau bei dem Geschenke der Sakontala. Ein kluges, mir geliebtes Wesen Sprach gestern: „Dieses Buchs Gestalt Schwebt mir im Sinn, seit ich's gelesen, Mit einer rührenden Gewalt." Ich kann mir es nicht anders denken, Als jener mag'schen Linie Spur, In die sich Huld und Anmuth senken Zu rein jungfräulicher Figur. Unschuldiger ist's als eine Blume, Es denkt unschuldig — ist ein Geist, Den, wie ein Kelch die Heiligthume, Ein klar durchsicht'ger Leib verschleußt. Hier ist nicht Nacktheit, ist nicht Hülle, Hier ist nicht Schuld, nicht Kampf — hier ist. Daß ich die Form mit Geist erfülle, Ein Wesen, wie du Freundin bist. Als im verlorenen Paradiese Du aus des Schöpfers Händen gingst, Auch du so klar und rein wie diese Sakontala den Geist empfingst! 4SL Und diesen Schein willst du nicht lasten, Er ist ein Strahl aus Gottes Geist, Will alle Farbe auch erblassen, Dies Licht kein Tod dir je entreißt! Ich aber bringe dir den Spiegel, Du schaust hinein, und kennst dich nicht, Dein Sehen deckt der Demuth Siegel, Das nur dein Richter einst zerbricht; So wäre auch nach ihrem Wesen Sakontala, die dir Wohl gleicht, Für solchen Spiegel blind gewesen, Hätt' man dein Bild ihr dargereicht. Doch klingt ein Griff verwandter Töne, Den Gott in unsre Harfen thut, Von Je und Jetzt in gleicher Schöne, Denn Alles ist in ihm ja gut! Worte am Hügel. Ein Gelegenheitsgedicht an eine Familienmutter Fr. v. G. Herr, du hast mit vollem Blüthensegen Meines Lebens Frühling mir geschmücket, Freudig Hab ich auf des Sommers Wegen Goldne Früchte deiner Huld gepflücket; Treibt der Herbst die Blätter mir entgegen, Ist die volle Traube ausgedrücket, Zeig ich in des heil'geu Weines Schein Dir dein Ebenbild, den Menschen, rein. Fromme Eltern hast du mir gegeben, Und die klare Seele mir umwand Lieblich leicht ein Leib, zu Lust und Leben, Daß ich in dem schönsten Vaterland, Einer Hebe gleich, umkränzt mit Reben An des Rheines deutscher Woge stand, Schönen Gartens, edlen Stammes Blüthe, War ich selig, Herr, durch deine Güte! 49 « Und du führtest, Herr, auf sanftem Flügel Mich, die Jungfrau, wo mein Kranz entsprossen. Hin zu meines Lebens frohem Hügel, Wo sich reich die Aussicht mir erschlossen, Und des Heiles Quelle ohne Zügel Sich in meines Lebens Thal ergossen, Und des Hügels Lorbeern zu verschönen Könnt ich sie mit Myrthenkränzen krönen! Ans des eignen Lebens Frnhlingstrieben Sah ich edle Zweige mich umranken, Kinder wurden mir, die treu mich lieben. Und die, Herr, für ihre Mutter danken; Töchter, welche Zucht und Künste üben, Söhne, frei voll göttlicher Gedanken, Und so blühet ewig unverloren, Herr, dein Schatz mir neu aus mir geboren! Alles, was mein Mutterherz ersehnen, Was getreue Sorge wünschen mag, Ihrer Lieben Leben zu verschönen, Herr, durch dich mir vorbereitet lag, Und so tritt mein Glück in edlen Söhnen Und in frommen Töchtern hell zu Tag, Reich bin ich, der Kinder Geist zu schmücken, Die mich, Herr, durch deine Huld beglücken! 497 Und so seh ich Karl, den ernsten Jungen, Dort im Bilde sinnend, ernst und klug, Er und deine Welt sind Wohl gelungen, Aber ihm scheint sie nicht gut genug: Hat er erst sie in sich selbst errungen, Wird ein Lächeln wohl der trübe Zug, Der ihn wie des Fürsten Bild umschwebet. Der umsonst nach einem Freund gestrebet! Aber hier wie kühn, verliebt, schwcrmüthig, Jugendlich, erwartend, froh und träumend, Waffenlustig, launig, keck und gütig Trotzt mein Clemens, sich mit Stahl umsäumend. Lieber Jüngling, vor Frau Venus hüt' dich, Deren Bild aus goldnen Bechern schäumend Gern der Knaben trotz'ge Locken scheitelt, Und der Stirne freien Plan vereitelt! Und Maria blicket aus dem Bilde, Als vernehme sie des Engels Gruß; Also dacht der Maler sich die Milde, Aber ich, ich wünsch ihr einen Kuß Von des Mondes zauberischem Schilde, Daß sie liebend wiederküssen muß. Könnt ich ihre stillen Augen schließen, Säh ich vor Maria Heloisen! II. 32 L98 Also dacht ich, da in Dämmerungen Mich die lieben Bilder rings umgeben, Und da ist ein Saitenspiel erklungen, Goldne Töne ernsthaft mich umschweben. Wer hat also kühn den Klang geschwungen? Wer mag also frei die Töne weben? Aus den Tönen spricht ein heil'ger Wille; Bist du's Nanni, meine ernste, stille? Liebe Mutter, ja die Stille bin ich, Aber was da klinget, ist die Liebe; Und weil sie so lieblich klinget, sinn' ich, Ob wohl noch ein Ton unklingend bliebe. Denn mein schweigend Herz liebt Gott so innig. Daß ich Alles gern zu Tönen triebe, Ach, zu Tönen, die allein unschuldig Sagen, was die Lieb' der Liebe schuldig! Also spricht ihr Spiel, und bricht in Hellen Freuden funkelnd aus; und zierlich schlüpfet Wie der Frühling von den Blnmenschwellen Fanny vor mir hin, und kindisch hüpfet In des zarten Leibes schönen Wellen Unschuld, Anmuth, Muthwill' frei verknüpfet. Und die blonden, seidnen Jugendlocken Gaukeln um sie, wie des Maies Glocken! 4NS Und so kann ich schweigend selig lauschen, Wenn des Lebens Wogen niedereilen, Wenn die Töne in die Nacht verrauschen, Was da ewig ist muß doch verweilen. Herr, dann möcht ich nicht mit Göttern tauschen, Wann die Kinder all an's Herz mir eilen, Und mich also innig kindlich lieben, Weil ich, Herr, vor dir ein Kind geblieben! 32 * Zum Geburtstage. Der Herr ritt nach Jerusalem Vor achtzehnhundert siebzehn Jahr, Den Frommen war er angenehm, Sie warfen ihre Kleider dar, Und streuten Palmen auf den Weg, Und sangen Hosianna laut. O selig, wer den grünen Steg, Und den, der auf ihm zog, erschaut! Mir aber ist am Palmentag Ein zweites Einzugsfest bestellt; Hosianna ich auch singen mag, Ein fromm Kind zog heut ein zur Welt Der Frühling zog sein Nöcklein aus Und breitet es auf seiner Bahn, Und streute manchen Veilchenstrauß, Hosianna stimmten die Vöglein an! Vor nicht gar lang, vor neunzehn Jahr Früh Morgens um die sechste Stund', Ward wohl mein Himmel sonnenklar, Ward wohl mein ganzes Glück gesund. Im Priesterhaus zu Linum ward Geboren mir zu frommer Lust Ein Mägdlein recht nach Christenart, Ach, hätt' ich's damals schon gewußt! SOI Da zog mein Himmelsschlüsselbein, Mein Herz, mein Seel', mein du, mein ich, Mein lieb Linum zur Welt herein. Wie liebte da mein Heiland mich! Und streuen will ich nun fortan, Was ich vermag an frommer Zier, Wohl meinem Linum auf die Bahn, Sie weiß Wohl, Herr, ich streu es dir! Ich werf zur Erd' mein altes Kleid, Brech ab die üpp'gen Zweige mein, Beginne eine neue Zeit Und werde wieder klar und rein. Ich darf nicht länger dumm und blind In deine lieben Augen sehn, Ich muß ganz rein, du liebes Kind, Vor deinem ird'schen Zuge gehn! Lieb Linum Hab nur guten Muth, Bleib mir nur treu, ich werd bald fromm, So fromm wie du und still und gut, Daß ich mit dir zum Himmel komm! Da reit ich auf der Eselin, Du setz'st dich auf das Füllen klein, So ziehn wir mit einfält'gem Sinn Nach neu Jerusalem hinein! Sei nur nicht bös, es ist nun so, Der liebe Gott auf's Herz nur sieht, So thust du auch, drum bin ich froh, And geb dir dies einfält'ge Lied. M,?, > S«2 An eine Jungfrau, welche das Rind ihrer verstorbenen Schwester erzog. Gut' Nacht, gut' Nacht, du Jungfräulein, Mit deinem armen Kindelein! O selig trunkner Mondenschein, Du darfst in ihrer Kammer sein! Was Hab ich armer Mensch gethan, Daß ich sie nicht g'nug lieben kann? Gut' Nacht, gut' Nacht, o weine Kind! Da wacht sie auf aus Träumen lind, Und läuft zu deinem Bett geschwind, Ob sie dich wohl gedecket find. Wie wär ich armer Mensch so reich, Dächt sie ein Bischen mein zugleich. Gut' Nacht, gut' Nacht, mein Herz zerbricht. Sie denkt dabei wohl meiner nicht, Sie ist ohn' Liebe, lauter Pflicht, Sie geht mit mir nur in's Gericht; Wie wär ich armer Mensch so rein, Spräch sie: „Lieb' mich zu Buß und Pein!" 303 Gut' Nacht, gut' Nacht! ein goldner Traum Glänzt über ihr als Weihnachtsbaum, O Ware für mein Herz doch Raum Am letzten Saum, ich glaub es kaum! Wie wär ich armer Mensch beglückt, Hält' mich ihr Blick an's Herz gedrückt! Gut' Nacht, gut' Nacht, ihr Englein licht, Schaut lächelnd in ihr Angesicht, Antwortet, wenn sie schlafend spricht, Macht allen Schmerz zum Traumgcdicht. Welch reicher, armer Mensch wär ich, Ach, reimtet einmal ihr auf mich! Gut' Nacht, gut' Nacht! o Meeresstern, Dich hat sie für ihr Leben gern, Warum bin ich dir Stern so fern, Daß ich nicht deinen Frieden lern, Ach, wär ich armer Mensch so fromm, Daß sie in dir mich hieß Willkomm! Gut' Nacht, gut' Nacht! Maria rein, Schau freundlich auf dies Jungfräulein, Sie ist, wie du, ja auch allein Mit ihrem Kind im Kämmerlein, Wo kehr ich armer Mensch mich hin, Weil ich nicht fromm wie Joseph bin! 304 Gut' Nacht, gut' Nacht! schlaf ein mein Leid, Der Himmel lacht voll Heiterkeit, In meinem Herzen schreit die Zeit, Lösch aus die Gluth, o Ewigkeit! Wie war ich armer Mensch gesund, Sah sie mir in des Herzens Grund! Gut' Nacht, gut' Nacht! Herr Jesu Christ, Der alles Leides Tröster ist, Gib alles ihr, was sie vermißt, Weil du von ihr geliebet bist. Wie war ich armer Mensch voll Ruh', Erhörtest all ihr Beten du! Gut' Nacht, gut' Nacht! o Welt und Tod, Die Äpfel haben Wangen roth, Drin ist nur Asche, Leid und Noth, Mein Ziel und End' sei ihr Gebot! Was will, o armer Mensch, dein Schmerz, Ihr, ihr, gab Gott ja selbst dein Herz! Gut' Nacht, gut' Nacht! glüh aus mein Herz, In unerschöpflich süßem Schmerz, Und blicke rein wie Silbererz Aus ihren Augen himmelwärts. Wie glänzt ich armer Mensch so rein, Schmölz sie mein Herz in ihres ein! 3V5 Gut' Nacht, gut' Nacht, daß Gott erbarm, Wie bin ich reich, wie bin ich arm An Lust und Leid und Freud und Harm, Wie ein vertriebner Bienenschwarm. Wo war ich armer Mensch zu Haus, Wär's nicht an diesem Blumenstrauß! Gut' Nacht, gut' Nacht! o gute Nacht! Ein Engel hat mein Bett gemacht, Sie hat mich heute angelacht, Ach Gott! das hält' ich nicht gedacht. Schlaf, armer Mensch, recht wohlgemuth, Des Herren Magd ist dir recht gut! Gut' Nacht, gut' Nacht! war ich die Luft, Berauscht war ich in Rosenduft, Und strömt in ihres Herzens Gruft, Daß sie im Schlaf, o Frühling! ruft. Wie hält ich armer Mensch genug, Rief sie: „O freier Athemzng!" Gut' Nacht, gut' Nacht! war ich ein Gott, Ich litt um sie gern Hohn und Spott, Und macht um sie die Sünderrott' Mit tausend Liebessegeln flott. Wie reich ich armer Mensch kann sein, Der Gott, das Segel sind ja mein! 3V6 Gut' Nacht, gut' Nacht! ach war ich Ich, Dann hätt ich gar nichts mehr für mich, Ach Alles, Alles nur für dich, Hier zeitlich und dort ewiglich! O Herz, vor Freud' und Wonne brich, Wie bist du armer Mensch so froh, Du bist ja ich, es ist ja so! Äm Geburtstag einer Mittwe mit Kindern und Enkeln. An deinem Ehrentage Erscheint dein guter Freund, Und leget in die Wage Sein Wünschen treu gemeint. Er wünscht dir alle Ruhe, Die du dir selber stiehlst, Wünscht, daß ein Andrer thue, Was du dir selbst befiehlst! Er wünscht, daß all den Deinen Für Arbeit und für Noth, Der Segen mög erscheinen Bei schwer erworbnem Brod! Er wünscht, daß jene Knaben, Die dir die Tochter ließ, Recht starke Engel haben, Bis hin zum Paradies! 3V8 Er wünscht, daß all dein Lieben Von Gott geleitet sei, Und daß den Menschenlieben Der Schöpfer wohne bei! Er wünscht, daß deine Güte, So groß als deine Kraft, Das mehre und behüte, Was Gottes Gnade schafft! Er wünscht, daß dein Gebieten Befolge dein Gesind', Daß Fleiß und Zucht und Frieden Dir hüte Haus und Kind! Er wünscht, daß reine Freude, Die man dir künftig bringt, An jedem Tag wie heute Mit leichtem Herz gelingt! Er wünscht, daß du ohn' Sorgen Das Leben überschaust, Und, frohen Blicks auf morgen, Zu viel auf heut' nicht traust! Er wünscht, es leg die Flügel Um's Haupt ein Engel dir, Daß er des Lebens Zügel Dir ohne Sorgen führ! SV» Er wünscht, daß wenn du betest: „Des Herren Will' gescheh'!" Du ganz von Herzen redest, Ohn' alles Menschenweh! Er wünscht, daß auch das Beten, Das deine Kinder thun, Wie Saaten unzertreten In Gottes Schooß mvg ruhn! Er wünscht, daß, was er stehet, Für dich und deine Schaar, Nicht sei vom Wind verwehet, Und blühe am Altar! An dem Altar des Lebens, Wo dir, so schön umringt, Kein gut Gebet vergebens Zum offnen Himmel dringt. Zum Himmel, der da offen Für die, die glaubend stehn, Lass' Alle, die da hoffen, Hinein durch Lieben gehn! Gott geb, daß Lieb' und Glauben Und Hoffen also rein, Daß wir gleich wie die Trauben An ihm, dem Weinstock, sei'n! 310 Bis wir in ihm alleine Gereift, gekeltert, klar, Zu einem Lebensweine Uns opfern am Altar! Auf daß, was wir genossen, Sein rein Erlöser-Blut, Durch uns in ihn ergossen, Werd' eine Himmelsglut! Ein Glühen und ein Blühen, Ein Friede und ein Glanz, Dem Herrn für seine Mühen Der höchste Siegeskranz! Daß auch nicht Einer bleibe, Der nicht erlöset sei, Und daß in einem Leibe Die Welt erlöset sei! Einer Freundin am Jahrestage der heiligen Taufe- Ich darf mich wohl erfreuen An diesem Gnadentag, Da man die heil'gen Weihen Zum kleinen Kinde sprach. Zum Kind, das groß geworden, Die Weihe treu erhielt, Und in dem Christcnorden Zum ew'gen Heile zielt. Daß vier und zwanzig Tage Man dich ließ Heidin sein, Das bracht dir manche Plage, Und Trug und falschen Schein. Es tränkten alle Musen Dich, außer Christi Hut, Am vollen Sinnen-Busen Mit regem Lebensblut! 312 Du lerntest Träume spinnen In Kranz und Blumenspiel, Gar mancherlei ersinnen, Was nicht dem Herrn gefiel! Du lerntest Lieder singen, Die dich zur Welt gewandt, Manch bunten Kranz zu schlingen, Der an die Welt dich band! Doch alle diese Künste, Sie wurden heut' gekehrt Zu einem heil'gen Dienste, Der nur das Ew'ge ehrt! In jenem heil'gen Bade, IM jenem Heilerguß, Da schöpftest du die Gnade, Von der ich leben muß! Du liebes, gutes Wesen, Erkauftes Christenkind, Mit dir bin ich genesen. Ich war ein Heide blind! Bin wieder auch geboren, Hab Muth von deinem Muth, Was Alles ich verloren Ersetzt mir Jesu Blut! S13 Das hast du mir von Herzen Gleich Anfangs zugesagt, Als ich die bittern Schmerzen Zu Füßen dir geklagt! Und alle dies Erbarmen, Das kam heut' über dich, Du Kind auf Trostes Armen Ward'st auch ein Christ für mich! Drum darf ich heut' dich grüßen, ^ Du fand'st mich nah dem Tod, Ließ'st Thränen auf mich fließen, Und tauftest meine Noth! II. 33 An dem Geburtstag einer Jungfrau. Ich möcht' dir gern ein Liedchen singen An deinem ersten Lebenstag, Von fröhlichen und ernsten Dingen, Wie es ein Herz sich wünschen mag. Doch wird es wohl ein Wünschen werden. Das du allein erfüllen kannst, Was gut kann werden auf der Erden Hat Gott uns all in's Herz gepflanzt. Du magst ja gern den Garten bauen. Und deine Blumen standen schön; Woll nur mit kindlichem Vertrauen Auch auf das innre Gärtlein sehn! Draus stehn die Lilien, die nicht spinnen, Die leben wohl vom Himmelsthau, Die Blumen in dem Garten drinnen Verlangen Fleiß von dir, Jungfrau! SIS Die Kinderschuh' sind nun zerrissen, Stell sie bei Seit', verschlapp sie nicht, Nimm für's Gelüsten das Gewissen, Und statt der Spiele nimm die Pflicht! Bedenke, daß dn arm geboren Und daß ohn' Ordnung und ohn' Fleiß Dir Weg und Steg ganz geht verloren? Und recht zur Pfütze wird das Gleis! Was armen Mädchen nicht gebühret An Putz und leerem Büchertand, Sei ohne Vorwurf nie berühret Bon deiner arbeitsamen Hand! Was dir die Liebe Andrer schenket, Das freue dich, um sie allein, Doch wenn dein Herz cs recht bedenket. Sei nur das Selbsterworbene dein! Behalte treu, was man dich lehret, Doch was dir nicht gelehret wird, Das werde dir von dir bescheeret, Sei immer auch dein eigner Hirt! Stell jedes Ding an seine Stelle, Die Ordnung ist ein reicher Schatz, Sie hält die Uebcrsicht stets Helle, Durch sie gewinnt man Zeit und Platz. 33 » 316 Und wie dein Herz sei deine Kammer, Stets aufgeräumt und nett und rein, Mit Unordnung bricht aller Jammer Und Plag' und Noch in's Haus herein! Und wäre mit zu großer Liebe Dir irgend Jemand zugethan, Zum Heiland dann die Liebe übe, Daß jene dir nicht schaden kann! Än eine Mutter. Heut' am sonnigen ernsten Tag, Da ich zuerst im Arm der liebsten Mutter lag, Die nach dem schweren Traum hinaufgegangen, Wo wir die Flügel zu der Last empfangen; Heut', wo dies Leben voll von bangen Stunden, Voll bittrer Schläge und geheimer Wunden, Zuerst sich mit den Windeln um mich wand, Wo ich zuerst zum Licht die ungeschickte Hand, Zuerst zum Tag das dunkle Aug' gelenkt, Sei, gute Mutter, dir dies Wort geschenkt! Die mich geboren, ist zu Gott gerufen, Ich saß verwaist auf öden Erdenstufen, Da weinten gute Kinder neben mir, Erzählen von der guten Mutter, sa von dir; Du standest fern an liebem Sterbebette, Und fügtest einen Ring zur Opferkette, Die dich hinauf zu deinem Gotte reißt. Da faßt ich ihre Hand; nicht mehr verwaist Trat ich entgegen dir, an deiner Schwelle, Als ich dein Herz auf einer Thränenwelle Zu deiner Armuth Strand autreiben sah, Auch ich ward dir mit deinen Kindern nah, S18 Auch ich gewann ein Recht auf deine Thränen, Sie können mich mit meinem Tod versöhnen, Ich sterb' nicht unbeweint, du sollst mir weinen, Ohn' Mutterthranen will ich nicht vor Gott erscheinen Nimm mich am Tage, da ich ward geboren, Zu deinen Kindern auf, ich war verloren! Die Deinen haben mich im Wald gefunden, Und mich in deinen vollen Strauß gebunden! Ich stehe gern darin, ich will ihn schmücken, Du sollst mich segnend an das Herz einst drücken! Hab Dank, du Gütige, für deine Zeilen; Die Lieder, die du singst, sie können heilen, Die Muse hat dich lieb, die nie mißbraucht, In deine Liebe ihre Liebe taucht! Sie ist getreu und keusch und ohne Lüge, Unschuld'ge Feste feiern ihre Züge, Du hast das Fest der. Unschuld mir besungen, So sei die ganze Schuld denn heut' bezwungen, Frei will ich sein, von Sünde und von Neue, Dein Schn, dein guter Sohn, der treue, neue! SIS Än Fräulein Caroline F. auf Veranlassung des Fräuleins Marie F. und des 19. Juli 1815. So bist du dann geboren Und ich vom Traum erwacht, Ich hätte drauf geschworen, Du wärst von mir erdacht! So bist du dann nicht Jene, Die aus der Leier blickt, Und durch der Sehnsucht Töne Mit treuem Auge nickt! Ich glaubt du seist der Frieden, Du seist des Himmels Frucht, Doch du bist von hienieden, Die jenseits ich gesucht! So sind die grimmen Stunden, Die singen mich gelehrt, Dann nicht von dir entbunden, Du bist mir nicht bescheert! 2 Ich glaubt', ich hält' vollendet, Mein Werk gefiel mir gut: So züchtig deutsch gewendet, So treues frommes Blut! Mit kluger runder Stirne, Mit tiefem Augenpaar Zierst du, du deutsche Dirne, Hans Sachsen's Musenschaar! Ein Kränzlein kannst du tragen Stolz züchtiglich gebückt, Auf des Triumphes Wagen, Die Albrecht Dürer schmückt! Du scheinst in ernster Jugend Ein allegorisch Bild, Den Namen einer Tugend Führst du im Wappenschild! Die weiß ich nicht zu nennen, Das hat mich irr gemacht, Ich müßte dich doch kennen. Wärst du von mir erdacht! Wer also tief figürlich Aus klaren Angen schaut, Der ist mehr als natürlich In sich hinein gebaut! 821 Ob du mit rechten Dingen Zugehest, weiß ich nicht, Auf deinem Haupt sich schwingen Seh ich ein magisch Licht! Und ein hermetisch Siegel Trägst du auf deiner Stirn, In des Adepten Tiegel , Schaust du wie ein Gestirn! Du gleichst der Alchemia, Du trägst ein Rosenkreuz, Du scheinst Astrologia In heimlich heil'gem Reiz! Du bist mehr als tingiret, Du bist gediegen Gold, - Ich Hab dich nicht fingiret, Drum schieß'st du nicht Kobold! Und wie ich schärfer schaue Seh ich ein Doppelbild, Die Jungfrau in dem Thaue Geht zwiefach im Gefild'! Nun könnte ich's wohl merken, Mehr bist du als Gedicht, Denn von des Dichters Werken Sieht man den Schatten nicht! 822 Ich ließ mich weiter locken, Da trennt sich eure Zier, Du scheinst ein voller Rocken, Marie, die Spindel mir! Ein Geist trägt dich, „so bin ich." Sprichst du und schweigest du; Ein Geist schnellt sic, „so spinn ich!" Spricht sie und läuft ihm zu. Und nicht mehr Doppelbilder, Seh' euch geschieden ich, Dich mehr in dich gehüllter, Sie mehr entwickelnd sich! Sie tönt durch deine Stille Gleich einem Harfenton, Sie klinget wie Sibylle, Du schweigest wie Vision! Sie hat in strengen Stunden, Wie sie die Muse gibt, Der Raphael empfunden, Der Dürer dich geliebt. In ihr ist mehr Erklärung, Bedeutung mehr in dir, Sie scheinet mehr Gewährung, Mehr Währung scheinst du mir! S23 Man müßte wohl dich lieben, Erblühtest du zu ihr, — Man wagt ste nicht zu lieben, Denn sie erblüht aus dir! In der Metamorphose Bist Wurzel du und Keim, Sie ist die volle Rose, Ihr Beide seid der Reim! Ja, liebe Karoline, Heißt gleich Marie sie, Sie ist doch eine Biene, Marienwürmchen nie! Du bist der Kinder Wonne, Das Herrgottsvögelein, Und schimmerst in der Sonne Der Rose Edelstein! Und weil du bist geboren, Ist auch geboren sie, So Hab ich euch verloren, Die Dichter finden nie! So bin ich denn ein Dichter, O das ist schwere Pein! Nur immer vor dem Richter, Nie in der Liebe sein! 824 Ich habe nichts auf Erden, Mein Schatz ruht unter ihr, Ich muß mich fremd geberden, Denn ich bin nicht von hier! Ich scheine drüber und drunter, Ich bin inmitten nicht, Denn Alles ging mir unter, Und auf zu Nacht und Licht! Drum wenn ich schnell mich wende, Seid nicht auf eurer Hut, Reicht lieber mir die Hände, Beschwört mein finstres Blut! Weil Alles hier verloren Und dort gewonnen ist, Drum sind wir nur geboren In dir, Herr Jesu Christ! Einer Freundin an B. v. S. Willkomm! Lebwohl! So spricht man zu den Strahlenbächen, Die plötzlich durch die Wolken brechen Und Helle Glut entzünden Auf Schätzen, die auf Ew'gem gründen, Und in der Zeit verschwinden! Du liebes, liebes Herz, ich muß dich lieben, Vorüber ziehst du und bist stets geblieben! Wer warst du? Bist du? Wirst du jemals sein O ewig'es Licht! es fällt dein Strahl herein Zu mir in's arme, kranke Kinderherz — Wohlthätig immer — wer ist ohne Schmerz? Was weißt du wohl von mir, du kluges Licht, Das mitten durch das Labyrinth mir bricht, Das mich bis in's geheimste Leben kennt, Ja, das mich nennt? Ich brauch' nicht viel, ich habe' dich gesehn, Und hatte Alles, konnte dich verstehn! Du liebes, liebes Herz, ich könnt dich lieben, Vorüber ziehst du und bist stets geblieben! Gegcngruß. Willkomm, leb' wohl! ' So spricht .ein liebend Grüßen Zu Lichtern, die den Scheideblick versüßen, Wenn Dichter unsre ewigen Gedanken Vermählen in des Augenblickes Schranken! O Gluth! die wir entzünden Auf Schätzen, die auf. Ew'gem gründen Und in der Zeit verschwinden, Du wirst verrechnet werden Am Löhnungstag des Himmels auf der Erden! Hast du den Schein verstanden, Als ich im Hain gestanden, Von meiner bunten Hülle,. Von meinen Wunden stisle, Von meines Herzens Thränen, Von meines Auges Sehnen? Hat dich gerührt, du feine Garbe, Der braunen Waizcnähre Farbe, 327 So hat es ein mir liebes Herz doch ausgesprochen, Ein Herz von Schmerz gebrochen; Es wird verrechnet werden Am Löhnungstag des Himmels auf der Erden! Kannst du mein Licht verstehen, Wenn tiefe Schatten mich umwehen, Wird auch mein still Erkennen In deiner Lampe, kluge Jungfrau, brennen, Könnt je, was tief mich rührt, dein Herz bewegen, Wollt' ich in deine Hand es ruhig legen; Der Seele Blick, so selten nur verstanden, Des Herzens Schlag, des innig mir verwandten, Wird all verrechnet werden Am Löhnungstag des Himmels auf der Erden! Konnt'st du, als ich vorüberging, mich lieben, Erkenne auch, was dir von mir geblieben, Und manche tiefe Aussicht mir erschlossen; Des Thaues Blick im Blumenkelch entsprossen, Jed' Licht, jed' Wort, jcd' leisen Klanges Wenden Des kranken Herzen, das in Kinderhänden Gleich einem Vogel stirbt, wird all verrechnet werden Am Löhnungstag des Himmels auf der Erden! Was du in mir verstehen kannst und lieben, Ist, was dich lieben muß und ganz erkennen, Und ist, was mich von dem, das dir geblieben, Weil ich's geliebt, erkannt, nie mehr kann trennen. Und wird verrechnet werden Am Löhnungstag des Himmels auf der Erden! 828 Da wird Verwandtes bei Verwandtem stehen, Und was wir liebten, werden wir verstehen, Da wird, was du in mir geliebt, aus dir auch fruchten, Und aus uns wird erblühen, was wir suchten; Da wird in dir, was du in mir mußt lieben, Und, was geliebt von mir, bei dir geblieben, Gar streng verrechnet werden Am Löhnungstag des Himmels auf der Erden! Leb' wohl, Willkomm! Du feine kleine Garbe, Wenn jemals ich an heim'schem Brode darbe, Seh ich die Zeilen an, die du geschrieben, Und fühl mein Lieben drin, das dir geblieben, Und denk der Herzen, die da unser denken, Bis ihre Schmerzen sie zur Erde senken, Die all verrechnet werden Am Löhnungstag des Himmels auf der Erden! Än Frau M. W. 1827. (Auf der Gerbermühle Lei Frankfurt.) I. Du nöthigst mich, ich soll nur schreiben; Was weiß ich denn, das nicht ein Jeder weiß, Nicht Jeder sucht von Stirn und Blatt zu reiben? Denn Alles, was wir wissen macht uns heiß. Selbst dieser Pappeln kühle Säulenhallen Auf goldnem Abendgrund des Domes Blau, Der Spiegelwellen leises Pilgerwallen, Der glüh'nde Berg erlöschend in dem Thau, Selbst die zerstreuten Lichter in den grünen Räumen, Und auf dem lieben Antlitz dort der Strahl, Als zög're er, als dürfte er versäumen Hinabzusinken mit dem Licht zum Thal. Selbst alle Wahrheit, Wirklichkeit und Wonne, All das Genügen dieser guten Schaar, Befreundet nach dem Untergang der Sonne Zurückzurufen, was am Tag gemeinsam war. — II. 34 33 « Ach! all dies äußre, innre, sel'ge Kühlen Dem Wissenden ist cs ein heißer Brand. Wer aber wird, mein Kind, dies mit mir fühlen, Und fühlt es Einer, geht er weggewandt, Geht nicht zu mir, zu dir, geht zu dem Einen, Der einsam steht, verlassen und verflucht, Von seinem Volk, in grimmen Todespeinen, An's Kreuz genagelt, blutend, unbesucht. Er kann nicht Kühlung suchen, kann nicht fliehen, An Hand' und Füß' in heißer Nagel Zwang Fühlt sengend er die Sonne um sich ziehen. Für ihn ohn' Untergehn in glüh'ndem Gang. Er, der die Schmerzen aller Schuld gelitten, Er, der Unschuldige, der rein allein Für uns am Kreuz steht in der Dinge Mitten, In ihm nur ist ein gut Zusammensein. All andres Thun, all Lieben, Sehnen, Freuen, All dieses bange Ringen nach Verein Ist Andres nicht, als Trennen und Zerstreuen. Vergebens hier der Tisch und Brod und Wein, Wir sitzen rings um ihn, daß er uns trenne, Man ißt und trinkt; der Zahnbewchrte Mund Zerreißt, zermalmt, daß nicht die Zunge nenne Die Eigenlust verschlingend durch den Schlund. Horch! Gläser klingen! Man möcht' sich durchdringen, Möcht' Eins nur sein, da man Gesundheit trinkt. O kranke Lieb', der mit zerbrochnen Schwingen Ein Zeugniß der verlornen Einheit winkt. 831 Wo fehlt's uns denn? Warum wird mir so bange Bei diesem Bruchstück vom zerbrochnen Bund? Getrennt sind wir, es ist so ewig lange, Im Tode wird die Liebe erst gesund. Da hast du's nun, — was quälst du mich zu schreiben, Verstehst du dies? Wer's liest verlachet mich, Und wer es merkt, wird mich von dannen treiben, So lebe wohl, dein Engel schütze dich! II. Denn sieh'! die Nacht! ihr Friedensmantel decket Den Streit des Scheins, ein täuschend Tafellicht - Eint, oberflächlich schwankend, und von Nacht umschrecket Neckt sich erkühlend, was am Tag sich widerspricht. Mir heilt kein Schmaus die schuldzerriss'nen Herzen, Und nimmer wird die Narbe mir ein Gleis', — Doch lockt mein Mantel euch so bunt von Schmerzen, Nehmt hin und scherzt, ich gcb die Fahne Preis. Sie wird von euch weltkindisch umgeschwungen Von Thränen bleich, von welken Blumen bunt Sind seine Löcher Wunden, seine Fetzen Zungen, Ihr lacht sie an und macht sie nicht gesund. So laßt mich denn und nöthigt nicht zum Singen, Ich muß mit Jacob weinen um den bunten Nock Des Joseph, den die Söhne vor ihn bringen, Getauft mit Blut von einem jungen Bock. 34 » 332 Ich wein'und weiß es doch, er lebt, sie werden Ihn finden königlich, Korn reichend in der Noch; So ist die arme Trauer dieser Erden, Sie weint bei'm blut'gen Rock, er lebt, bereitet Brod; Fahr Mantel hin! Ich eile mit Erschrecken Dem Jüngling nach — Putiphare erfaßt Die Hülle, die ihr fehlt, die Schmach zu decken; O, ird'sche Freude, du bctrogner Gast! Wer dir anheimfällt wird ein Ehebrecher, Wer dir entflieht, den klagt der Mantel an, Doch sei getrost, es ward der goldne Becher Dem Benjamin in seinen Sack gethan. Fahr Mantel hin! Doch da zum Strom ich eile Und möcht' mit dem Propheten jenseits sein, Da fehlt er mir, daß ich den Jordan theile, — Der Glaube kann nicht ohne Mantel sein. So bin auch ich entblößt und ohne Waffen Muß ich am Ufer nach der Brücke ziehn, Muß mit den Andern diesseits, jenseits gaffen Und sink ermüdet unter'm Kreuze hin. Da steht der Jüngling auch, der in dem Garten, Da man den Heiland fing, den Mantel ließ. Ich will mit ihm der Auferstehung warten, Die uns der Mensch gewordene Gott verhieß. Lass ausgesetzt mich in der Sonne Gluten Bei meinem dürstenden, durchbohrten Heiland stehn. O Gütigster! mich kühlt dein heißes Bluten, Dein brechend Auge hat mich angesehn. 333 Und du, Maria, Mutter voll von Schmerzen, Breit' deinen Schutz um mich und diese Welt, Die sieben Schwerdter, stehend dir im Herzen, Sie spannen deinen Mantel aus zum Zelt. So lass' mich knien, flehen, weinen, büßen In deinem Bann, der selig werden soll, Bis dich die Engelgrüße wieder grüßen: „Ave Maria, Mutter, Kirche, Gnadenvoll, Mit dir der Herr, Gebcnedeite unter den Weibern, Gebenedeit allein ist deines Leibes Frucht, Jesus, der Herr, der unter allen Leibern Die Kirche, als den Brautleib hat gesucht. Die Kirche, meine Mutter, durch den heil'gcn Geist, Die in der Taufe schuldlos mich geboren, Die in der Firmung Stärke mir verheißt; Die in der Buße herstellt, was verloren, Die meinen Gott und Herrn mir nährend reicht, Mir den lebend'gen Gott bewahrt im Sakrament, Im neuen Opfer, das nicht von ihr weicht, Das bei ihr bleibt bis an der Zeiten End', Die mich mit heil'gem Del zum Todkampf weiht, Und mit der Priesterweihe Menschen rüstet, Zu thuu wie Jesus Ew'ges in der Zeit, Die heilig bindet, was im Fleisch gelüstet, Zu einem Fleische zwei; ein großes Sakrament In Christo und der Kirch', dem Haupt, dem Leibe, O Kirche! meine Mutter bis zum End'. Fleht heil'ge Brüder, daß ich in ihr bleibe, SSL Mit ihr zur Wüste zieh im sichern Schooß, Daß ich geborgen sei am Mutterherzen; Und bricht zuletzt der Drache gen sie los, Daß sie mich neu gebäre unter Schmerzen. Maria, Mutter Gottes, Wahrheit, Bild und Schild, Maria, Jungfrau, Wirklichkeit und Namen, . Bitt für uns Sünder, deine Kinder, sei uns mild Jetzt und in aller Todesstunde! Amen." Bei dem Hingange der lieben Freundin und Mutter an die Hinterlassenen. 29. November bis 1. December 1838. Kinder, weint nur eucrn Jammer Aus am stillen Muttcrherzen, Kommt und betet in der Kammer, Seht, da schläft sie zwischen Kerzen. Als im Weinberg sie ermattet, Legte sie ihr Herr hier nieder. Wo sein Kreuz ihr Frieden schattet, Und wenn's Zeit, weckt er sie wieder. Weint nur leise, gönnt ihr Ruhe, Euer Leiden bringt ihr Leiden, Seht, sie ruht in schmaler Truhe, Immer war sie so bescheiden. Würde Einer hier nicht wissen, Wo sein müdes Haupt hinlegen, Würde mild ihr Haupt vom Kissen, Platz ihm räumend, sie bewegen. 836 Treuer Vater, ihr Gefährte, Sieh, die Mutter ist geschieden Aus dem engen Kampf der Erde Zu des Himmels weitem Frieden. Treu that sie nach deiner Lehre; An den Pflug leg deine Hände, Schau nicht um, und Ihn, als wäre Jedes Tagewerk dein Ende. Bis zum End' hat sie gebauet Furch' an Furche, viele Hufen, Hat sich kaum selbst umgeschauet, Als der Herr sie abgerufen. Sie ging dort ein Haus bewohnen, Das der Meister ihr errichtet, Auf des Giebelstraußes Kronen Spricht den Spruch, der Alle richtet. Der, dem Alles wir bereiten, Was den Armen wir erweisen, Hat in den acht Seligkeiten Ihr Barmherzigkeit verheißen. Als die Blumen hier vergangen, Ist ihr Frühling dort erschienen, Und sie zum Verein gegangen, Zu des Himmels Arbeitsbienen. 337 Von den lieben heil'gcn Frauen, Die dem Herrn hier Haus gehalten, Läßt ihr Büchlein sie durchschauen, Ihr Erwerben, ihr Verwalten. Dort auf Betten, reinen, weichen, Die der Noth sie hier gedecket, Glänzt das Namen Jesu Zeichen, Wenn der Engel sie erwecket. Dort, wo sie in keinem Winter Hat für Armenholz zu sorgen, Weckt das Danklicd sel'gcr Kinder Sie zum ew'gen Frühlings-Morgen. Wenn sie dann zum Garten gehet, Weh'n die Hemden aller Wegen, Die den Armen sie gcnähet, Ihr vom Blumenzaun entgegen. O! wie wird sie freundlich lächeln, Wenn um sic als Siegesfahnen All die Armenkleider fächeln, Deren Zahl sie kaum kann ahnen. die hat sich dein Wort bewähret, ^euer Gott! wird sie dann denken, D? hat Alles sich gcmehret, 3e erst kann ich freudig schenken. S38 Keine Lust wird dort ihr fehlen, Alles, was sie hat errungen In sich selbst und andern Seelen, Sieht in Bildern sie gelungen. Tugendübung treu allmälig, Raschen Entschluß, streng Entsagen Werden Engel froh und selig Bildlich ihr entgegen tragen. Nelle Trau ichen wird, die gute, Ihr in manchem Bildwerk zeigen, Wie die ird'sche Bilderbude Bis zum Himmel auf kann zweigen. Auch steht ihr ein Zelt erbauet, Weil sie Obdach mir gegeben, Daraus sie jetzt überschauet, Was sie that an meinem Leben. Heimathlos an jedem Orte Fand ich, wo die Kinder spielten, Ruhe nur an ihrer Pforte, Wo die Pilger Rasttag hielten. > Sie hat mich in's Haus geladen, Hat um mich sich eingeschränket, Hat am Quell der eignen Gnade Fromm den müden Gast geträn-'- S3» Und ich bin ihr tief verschuldet, Ihre Huld hat mir vertrauet, Ihre Demuth mich geduldet, Ihr Erbarmen mich erbauet. Jetzt in ihres Lohn's Palaste Spricht sie bei dem Gnadenbronnen: Ach, dies Zelt Hab an dem Gaste, An Herrn Clemens, ich gewonnen! Mit dem Becher freundlich grüßte Sie, der Pilger Durst zu laben, An den Quellen in der Wüste, Die ihr Gatte aufgegraben. Lohnet hundertfach die Gnade Jeden Becher, den sie füllte, O, dann spiegelt am Gestade Eines Sees sich ihre Milde! Wie bei sterblichen Geschöpfen Ist nach Gottes Wohlgefallen lieber angestrengtem Schöpfen Jetzt der Eimer ihr entfallen. Mutterherz geht nie verloren, Die am Kreuz der Herr gegeben, Die uns wieder hat geboren, Kirch' und Jesu Mutter leben. 54 « Geht zu diesen und vollendet Treu das Werk der euch entfernten Mutter, die in's Haus sich wendet, Was sie ausgesä't, zu erndten. Kinder, rühret Herz und Hände, Helft den Kranken, helft den Armen! Kinder, werdet Monumente Ihr von göttlichem Erbarmen! Denn sie selbst ist's euch gewesen, Deren Sinken Auferstehen, Deren Sterben schien Genesen, Eures werd' ein Wiedersehen! Als ihr Leib mit heil'gem Oele Ward gesalbt, daß Gott drin wohne, Kehrte heim die fromme Seele, Rüstend ihn zu Gottes Throne. Aug' und Ohr und Lippen offen, Könnt sie sich dem Herrn bereiten, Und weckt diesseits euch ein Hoffen, Das sie jenseits sollt begleiten. ' Weinend streut sie ihrer Schulden Myrrhen-Büschlein jetzt zu Füßen Ihrem Heiland, der voll Huldcn Nahet, seine Magd zu grüßen. S41 Sieh! als rein vom Sauerteige Nuht das Haus in heil'ger Stille, Macht das Osterlamm die Neige Ihres Seins zur höchsten Fülle. Nach der Kirche Arzeneien Lehnt die Mittel sie der Erde Wissend ab, daß ihr Gedeihen Jenseits sie erst feiern werde. Aufgefordert, doch das Herbe Ihrem Gott zu lieb zu nehmen, That sie's, wissend, daß sie sterbe, Gern, um jed' Gelüst zu zähmen. Wie ihr Zucht und holde Sitte Bis zum Ende war zur Seite, Zeigt der Todesnahen Bitte: „Kind, den Arzt zur Thür begleite!" Abschied, Thränen, Weheklagen, Euch verschonend, zu besiegen, Hat mit christlichem Entsagen Sie jed' Erdenleid verschwiegen. Ihr genügte Jesu Gnade; Keinen Erdcntrost zu saugen, Wenn das liebste Kind ihr nahte, Senkt entsagend sie die Augen, S42 All in Jesu Hand sie leget, Den sie mehr als Alles liebet, Was sie mütterlich gepfleget, Was sie kindlich hat gcliebet. Und entsagend eignem Grame, Stellt sie heim der ew'gen Liebe, Ob noch länger ihre lahme Tochter hier gebunden bliebe. Denn schon jenseits träumt ihr Glaube, Daß sie sehend bald die blinde, Daß sie hörend bald die taube Schwester in dem Himmel finde. Als ihr liebes Haupt dann müde Auf der Tochter Schulter ruhte, Sprach mit mütterlicher Güte: „O, wie ruh' ich gut!" die Gute. Dachte wohl: „So gut auch ruhe Bald ich drauß im stillen Garten, Neben deines Mägdleins Truhe, Hannchen soll nicht laug mehr warten! „Wollen dort zusammen träumen Alles, was ein Kind entzücket, Von den schönen Weihnachtsbäumen, Die man bald im Himmel schmücket. S43 „Stille lauschen wir im Grase, Wenn von Nazareth her kommen Wandrer auf Judäas Straße, Wurden wir gern mitgenommen! „Joseph und Maria ziehen Bald schon Bethlehem entgegen, Wenn wir fromm am Wege knien, Geben sie uns wohl den Segen. „Ach, in Bethlehem bescheeren Gott und Könige und Hirten, Wenn wir doch mit dorten wären, Und nicht lang herum mehr irrten! „Gott wird sich als Kind bescheeren, Hirten diesem, was sie haben, Könige dem Kind verehren Weihrauch, Myrrhen, Gold als Gaben. „Wenn wir doch mit dorten wären, Wollten fromm für Billchen bitten, Alles würde uns gewähren Gott mit süßen Kindersitten!" So wohl träumt sie noch hienieden, Seufzte leis und ist geschieden; Friede athmend, ließ sie Frieden Allen, die um's Lager knieten! S44 Krank ein Mägdlein fern vom Orte, Sprach zur Stunde: „Laßt uns beten, Durch des ew'gcn Lebens Pforte Wird die gute Frau jetzt treten." Und ich eilte zur Kapelle An des Tcdtenmeeres Schwelle, Wo sie schlafen Zell' an Zelle, Eingewieget Well' an Welle. Und ich harrte auf der Schwelle, Über die sie alle schreiten, Wo in Brandung, Well' au Welle, Zeit und Ewigkeit sich scheiden! Von des Bruders Grabesstelle Eberhart der Bildner nahte, Sprach: „Bei Franz ein Bild bestelle Jetzt Frau Dietz sich, dacht ich grade." Horch! da klang die Hafenschelle, Auf daß einer überfahre, Und ich trat entgegen schnelle, Sah die Freunde um die Bahre. Von dem grauen Himmelszelte Flaggte auf dem Landungskahne Weiß ein Kreuz im schwarzen Felde, Eine ernste Leichenfahne. 543 Sanct Fravcisci Brüder gingen, Gleich der Kirche Bootesleuten, Hintcr'm Kreuz mit ernstem Singen, Als ob Rosmarin sie streuten. Und es schritten Wohl mit Fuge Die geweihten Gottesarmen Vor im letzten Ehrenzuge Dieser Heldin durch Erbarmen. Ihnen folgt der Freundin Hülle In dem schwarzen Trauerwagen, Und dann Leid die Hüll' und Fülle, Von manch edlem Herz getragen. Erst ein Herz, ein blutoerwandtes, Dann ein Herz des Vaterlandes, , Ähr von Jugend nah bekanntes, Und ein Herz, ein dankentbranntes! Und noch viele Freundes Herzen, Ihr und ihrem Herrn vertraulich, Folgten treu dem Zug der Schmerzen, Der die Stadt durchzog erbaulich. Ob's die heil'ge Lade wäre, Trennten sich des Marktes Wogen, Volk und Wache gab die Ehre, Wo sie mit der Lade zogen. II. 35 Und nun an des Weges Ende Schienen zu der Todten Ehre Die geweihten Monnmente Wogen mir im rothen Meere. Oder starre Jordanswogen, Weichend längs der Priester Pfade, Wo sie mit dem Kreuze zogen Vor der schwarzverhüllteu Lade. Und so kam sie zu der Stelle, Wo sie an dem Weg im Garten Neben Hannchen in der Zelle Wollte den Advent erwarten. Lang am Weg sollt ihr nicht knien, Tief steht schon die Sonne unten, Joseph und Maria ziehen Schon heran in wenig Stunden. Daß sie nicht auf euch vergessen, Wenn sie hier vorüber gehen, Lassen wir hier unterdessen Hoch die Kreuzesfahne wehen! Und nun sank der Freundin Bahre Nieder in den Schooß der Erde, Daß sie einst ganz rein und klare Wieder draus geboren werde! 347 Priester webten mit Gebeten Wechselnd ihrem Schlaf die Decke, Betend Gnaden rings sie säten, Daß sie Gott in Gnaden wecke. Und dann sprach am letzten Orte, Wo bei Gott nur sind die Hulden, Noch der Pfarrer ernste Worte: „Herr vergib uns unsre Schulden! „Herr nicht in's Gericht woll gehen, Herr wir crndten, was wir säten, Herr wir fallen, wo wir stehen, Herr erhör uns! laßt uns beten!" Und er sprengt des Weihbrunns Segen Ueber's Körnlein, das er säte, Deutend, daß um Thrän' und Regen Zu der Saat Gedeih'n er bete. Dann ließ er drei Schaufeln Erde Rollen ans den Sarg hernieder, „Mensch gedenke, du warst Erde, Kehrest in die Erde wieder!" Jetzt noch Jeder ihrer Truhe Erd' und Wasser segnend reichte: „Herr gib ihr die ew'ge Ruhe, Und das ew'ge Licht ihr leuchte!" 35 * 548 Seht, das Kreuz auf ihrem Grabe Gleichet einem Weihnachtsbaume, Schmückt es mit Gebetesgabe, Helft der Freundin aus dem Träumet Manches Pater, manches Ave Wird den Baum mit goldneu Nüssen Schmücken- und die weißen Schafe Die Geduld drum sammeln müssen. Und ein reichliches Almosen, Abbruch, Abtödtuug und Fasten Soll den Baum mit goldnen Rosen Und mit Zuckerwerk belasten. Mit dem Bild der Kindesmilde Sollet ihr den Gipfel schmücken, Mit dem Hermann Joseph Bilde, Dann erwacht sie mit Entzücken! Hermann, der dem Jesuskinde, Das getilgt des Apfels Sünde, Seinen Apfel gab geschwinde, Daß er hier sein Schulgeld finde! Bitte bei dem Jesuskinde, Daß die Mntter ruh' in Frieden, Daß der Vater Friede finde, Friede alle wir hicniedcn! Die perlen. Aus der Tiefe, wo wir ruhten, Wo im feuchten Grund der Fluchen Es so kühl war und so gut, Hat der Sturm uns aufgewühlet Und zum harten Strand gespület, Wo uns sengt' der Sonne Gluth; Hat in gier'ge Menschenhände Uns gebracht, die ohne Ende Uns durchbohrten und gequälet, Und gereiht zu einem Bande, Das den Nichten eine Tante Hat zum Halsschmuck anserwählet. Und an reinen Kinderherzen Ruhn wir gern und ohne Schmerzen, Sehnen nns nicht mehr nach Haus. Wenn ein Hauch ans frommem Munde Weht, aus reiner Herzen Grunde, So genügt's zu unserm Glück; Sollten gar des Mitleids Zähren Zarte Perlen uns bescheeren, Dann wär alles Heil erlebt. Bei den Reinen, Wahren, Guten Ruht sich, wie in Wasscrfluthen, Wenn der Geist darüber schwebt! Toast. Allen, denen in dem Busen Gott ein heilig Feu'r entflammet, Ob es von dem Quell der Musen, Oder Moses Dornbusch stammet, Ob es aus dem Stahl des SchwerdteS, Wenn ein guter Geist es schwinget, Oder aus der Gluth des Herdes Eines frommen Hirten springet; Ob es in der Seele sinnet, Ob es innerlich beschauet, Ob es fromm am Rocken spinnet. Ob von Dichter-Lippen thauet, Ob es inniglich ergrimmet, Oder wie ein Mond erquicket, Ob es in die Chöre stimmet, Oder einsamlich entzücket! Was uns leiden, was uns streiten, Was uns dichten, was uns richten, Was uns göttlich handeln lehret, Uns im Staub zu wandeln wehret! 551 Flamme Gottes in dem Kriegerl Flamme Gottes in dem Sieger! Flamme Gottes in dem Dichter! Flamme Gottes in dem Richter! O ihr heil'gen Himmelslichter, Die dem Märtyrer die Qualen Seines sel'gen Tods durchstrahlen! Die in Simson's blinde Augen Wie ein Sonnenfeuer tauchen, Wenn die Säulen er umarmet Und der Herr sich sein erbarmet, Er das Heldengrab sich bauet. Selig, wer dies Feuer schauet! Allen, denen Gott im Busen Eine heil'ge Gluth entflammet, Ob sie aus dem Quell der Musen, Oder Mosis Dornbusch stammet! Der Musikanten schwere Weinzunge. (Bei einem Trinkgelage von Musikern in Berlin.) Euch miteinander hier Ein Liedlein stimm ich an; Bacchus, dein Pantherthier Schaut mich so grimmig an! Einer: Fehlet ein Kantor hier? Zum Sänger nimm mich an. Chor: Er hat ihn nicht verstanden, Der Wein macht ihn zu Schanden. Klar, klar, klar, klar, klar Sei der Wein! Einer: Sing weiter, sei gcscheidter, Schenk klaren Wein ein! Chor: Ich lob den Zelter mir, Der zu dem vollen Faß Von meiner Kelter hier Trabt einen tollen Paß! SS3 Einer: Was, unser Zelter hier Sang einen vollen Baß? Chor: Er hat ihn nicht verstanden rc. Den Spitz und Pudel pack, Weib, auf den Schimmel mir, Und in die Nudel back Nicht so viel Kümmel mir! Einer: Wahrlich ein Dudelsack Scheint mir der Himmel schier! Chor: Er hat ihn nicht verstanden rc. Reichet der Strick dir nicht, So knüpf den Bündel dran; Wenn das Geflick mir bricht, Fange ich Händel an! Einer: Brich das Genick dir nicht, Steil gehet Händel's Bahn! Chor: Er hat ihn nicht verstanden rc. Wenn auch nach Laubenheim Weg und Steg schlimmer war, Trag ich doch Trauben heim, Wein trag ich immer schwer! Einer: Pfarrer von Taubenhain War Znmsteg nimmermehr! Chor: Er hat ihn nicht verstanden rc. Seht mir den Gast hie an, Der dort mit Ach und Krach Schwankt wie ein Lastvieh an — Laut ein Gelach erwach! 334 Einer: Was? der Sebastian Bach war' von Bacherach? Chor: Er hat ihn nicht verstanden rc. Weil hier ein Weindach ist Arm' Ritter schluck, schluck, schluck! Schluckern ein fein Fach ist, Nicht bitter, gluck, gluck, gluck! Einer: Ja groß und einfach ist Der Ritter Gluck, Gluck, Gluck! Chor: Er hat ihn nicht verstanden rc. „Richard, mein König!" singt Blondel, de; treue Mann, Und wenn's zu wenig klingt, Hebt er zu schreien an! Einer: Daß Reichard wenig singt, Keiner ihn zeihen kann! Chor: Er hat ihn nicht verstanden rc. Einst neunzig Schneiderlein, An einem Fingerhut Trinkend, gescheitert sein; Das ist geringer Muth! Einer: Riecht nur ein Schneider Wein, Wird gleich ein Singer gut! Chor: Er hat ihn nicht verstanden rc. Mich juckt die Leber schier, Ich Hab ein Leck im Schiff, Drum den Weinheber hier Hab ich so keck im Griff! 333 Einer: Es tränk' der Weber Bier? Und Wurf in's Eck sein Schiff? Chor: Er hat ihn nicht verstanden rc. O zartes Wunderbier, Das von der Traube thaut, Schleiche hinunter mir Unter die Haube, Braut! Einer: Mozart ein Wunderthier! Schreit selbst der Taube laut. Chor: Er hat ihn nicht verstanden rc. Nach einer Covent Cur Keiner viel munkeln kann, Bet hinter'm Ofen nur Deine Karfunkeln an! Einer: Ja auf Bethoven's Spur Fängt's oft zu dunkeln an! Chor: Er hat ihn nicht verstanden rc. Ein Ferkel torkel ich Trunken die Stoppelbahn, Jedweden Kork zähl ich, Wirth, schreib nicht doppelt an! Einer: Was hör' von Sterkel ich, Daß er nur stoppeln kann! Chor: Er hat ihn nicht verstanden rc. „Alles soll eitel sein," Salomo weislich spricht, Schenk noch ein Seidel ein, Trink ich viel, weiß ich's nicht! ssti Einer: Es ist der Seidel klein — Trink ich viel, weiß ich's nicht! Chor: Er hat ihn nicht verstanden, Der Wein macht ihn zu Schanden; Klar, klar, klar, klar, klar Sei der Wein! Peter Cornelius statt Prinz Engenius. (Zum Lohne des Ersteren im Tone des Letzteren.) Peter Cornelius, der edle Ritter! Wollt dem König wieder kriegen Stadt und Festung am Parnaß, Er ließ schlagen die Perücken, Riß die Zöpfe aus den Nucken, Steckt den Krahnen in das Faß! Als die Perücken nun waren geschlagen, Daß man konnte Herz und Magen Laben im Begeist'rungs Fluß, Schlug bei München er daS Lager, Die Philister zu verjagen, Ihnen zum Spott und zum Verdruß! Und alle Tag' da kam so eben Ein Spion bei Sturm und Regen, Schwur's dem Meister nnd zeigt's ihm an: Die Philister futraschieren So viel, als man kann verspüren Goliath und Urian! Als Cornelius dies vernommen Ließ er Niebeljungen kommen, Macht auch nicht im Sack den Faust, That auch Alle instrngiren, Wie den Pinsel sie zu führen, Daß es den Philistern graust! Bei der Parol thut er befehlen Zwölf Gebote sind zu zählen, Und das viert' sei die Parol: „Kunst soll Vater und Mutter ehren, Jugend Alters Ehre niehren, Daß ihr's geh auf Erden wohl!" Alles saß gleich zur Staffeleie; Mit Kohl', Pinsel, Kreid' und Bleie Rückt man fleißig an die Schanz, Frescotier und auch Oelmaler Faßten Löhnung manchen Thaler, 'S war fürwahr ein schöner Tanz! Ihr neun Musen auf der Schanze Spielet auf zu diesem Tanze, Füllet uns mit Munition Und Patronen den Tornister Gen die ledernen Philister, Daß sie laufen all davon! i.k'l «II«», : 35N Peter Cornelius auf der Rechten Thät vereint den Lorbeer flechten Mit General und Korporal, König Ludwig schritt auf und nieder, Malet brav ihr deutschen Brüder, Greift die Kunst recht herzhaft an! König Ludwig! du kannst erheben Alte Kunst zu neuem Leben, Bleigetroffen liegt der Schein. Hoch! Cornelius, der dich liebet, Hoch! der König, der ihn übet, Ludwig hoch! der Peter ward dein! Brouillon aus früher Leit. Als der Bildhauer Ti eck an seinem Geburtstag in Weimar Kaffeetassen erhielt. Wo die Götter halb vollendet Ans des Marmors Banden steigen, Steigen um des Künstlers Bette Träume aus des Morgens Schweigen. Täglich ihm zu Häupten wehen Seines Zieles Lorbeer-Zweige, Götter auf- und niedergehen Auf des Traumes Himmelsleiter. Wo der Himmel offen stehet, Sieht er in den Herrlichkeiten, In der Freude sich ergehen, All die frühen: großen Meister! Aber seine Blicke sehen Treulich hin, nach einem Geiste; Wie ein guter Bürger stehet Dieser in dem hohen Kreise! 861 Und dcs Schlummrers Lippe bebet, Denn er sieht ihn aus den weiten Himmelssälen abwärts schweben, Aus dcs Traumes Himmelsleiter. „Grüß dich Gott, mein Sohn," so redet Zu dem Träumer sanft der Greise, „Möchte meines Sohnes Werke Sehen und im Himmel preisen!" „„Lieber Vater, viel zu sehen Muß man nicht zur Erde reisen, Doch ich will euch bald und gerne Was das Haus vermag auch zeigen. „„Seht den Bacchus und Minerven; Glaube kaum, daß sie sich gleichen — Da nicht göttlich uns die Schelme, Drum muß ich sie menschlich zeigen. „„Alles das kommt auf die Treppen, Die ich euch möcht' gerne weisen, Doch mir fehlt es am Billette, Das man soll der Wache zeigen. „„Dort stehn auch zwei Basreliefe Recht vernünftig an den Seiten, Tief genug sie anzusehen, Und zu hoch sie zu begreifen! II. 36 S62 „„Und dann in den Fcnsterblenden Ruhn zwei Löwen, die nicht beißen, — All das macht ich mit den Händen, Mit dem Eisen, Holz und Weiserin"" „Wie ich dann nicht viel verstehe, Will mir's auch nicht viel bedeuten," — Hebt der Vater an zu sprechen, Und der Sohn läßt sich bescheiden. „Götter machst du, — auf die Treppen Stellt der Mensch sie schnöder Weise, Und wie diese Götter stehen Einst sie auf der Himmelsleiter! „Sehen unter sich die Hölle, Ober sich des Himmels Kreise, Und gebannet auf der Stelle, Wird sich Gott nicht um sie reißen! „Du wirst mit den Menschen sterben, Die zum Himmel aufwärts reisen, Und die Erdengötter werden Auf der Treppe stehen einstens!" „„Lieber Vater, eure Rede Ist recht gut und wohlgemeinet, Doch nun seht auch andre Werke, Deren ich mich glücklich preise. 863 „„Sehet dort die guten Menschen, Die gesunden, lieben, treuen, Die sich meine Freunde nennen, — Wollt euch dieser Werke freuen! „„Aus den Steinen mach ich Götter, Denn ich seh nicht gern die Steine, Aus den Menschen mach' ich Freunde, Mir das Göttliche zu zeigen!"" Und der Vater will noch sprechen, Doch es kracht die Himmelsleiter, Oder war's des Künstlers Bette, Oder waren's alle beide. Um nach seiner Uhr zu sehen, Muß er sich die Augen reiben, Und so hat er aus Versehen Traum und Lorbeer abgestreifct. In die Stube tritt behende Ein Gesandter, — überreichet Ihm, was ihm die Freunde schenken, Viel nicht, doch ist's gut gemeinet. Und er blicket nach der Decke, Wo er sah die Himmelsleiter, „„Sehet, lieber Vater, sehet, So geht's her in diesen Zeiten! 36 » „„Hab ich einen Gott geboren, Muß ich oft auf Zahlung Passen, Heute ward dein Sohn geboren, Gleich bringt Freundschaft Kaffetassen!" " Und ganz ernstlich aufgestanden Bist geboren du zum Spasse, Geht dir auch der Traum zu Schanden, Hast du doch die Kaffetasse. Das bescheidene Mlleli. Am 10. October 1839. Der Demnth Sinnbild ist das Veilchen mit dem Spruch: „Ich laß mich suchen" — „und auch finden," seufzt sein Düften; Denn „such, o such doch," lockt sein tiefer Wohlgeruch, Und sein Geheimniß schwebt auf trunknen,Frühlingslüften! Und als ich's „b'hüt di Gott!" gegrüßt: „Du scheinst nicht viel. Bist lieblicher an Duft und Mmuth doch als Viele," Sprach's Baseldütsch: „Ach nei, i denk halt allewil Numme ä ganz bescheide Röllcli ze spiele!" Ich aber dacht bei mir: Du opferst fromm gebückt Der Demuth Blumenkelch still betend auf den Knieen; Doch an ein edles Herz im Brautkranz einst gedrückt Wird stolz wie Weiherauch dein Duft zum Himmel ziehen. Und sieh ein Schreiber mit der Feder hinter'm Ohr Pflückt sich das Veilchen schnell, ohn' daß er viel sich bückte, Doch kaum steckt er zur Zier der Demuth Sinnbild vor, Als auch sein süßer Duft ihm Herz und Haus beglückte. 36 « Umfriedet war sein Gut, sein Irren fand ein Ziel, Und's Veilchen nun geliebt, geehret über Viele, Sprach Baseldütsch: „Ach nei, i denk halt allewil Numme ä ganz beschcide Rölleli ze spiele!" Doch Sirach spricht: „Ein Gut, das nicht ein Zaun umgibt. Steht allem Schaden Preis, und liegt bald wüst und wirre, Auch schwankt ein Hauswirth, den kein frommes Eh'weib liebt, Ohn' Fried' und Ziel umher, als ging er in der Irre!" „Ei Demuthsblümchen werd' nur nicht zu hochgemuth, Heb auch zur Sonne nicht zu kühn die blauen Blicke; Der edle Schreiber trägt stolzirend dich am Hut, Sorg, daß die Mittagsgluth dein Düften nicht ersticke!" Das Veilchen, so gewarnt vor allzuhohem Styl, Spricht demüthig geneigt auf seinem niedern Stiele Auf Baseldütsch: „Ach nei, i denk halt allewil Numme ä ganz bescheide Rölleli ze spiele!" Doch glaub, mein Veilchen, ich dem Sirach mehr, als dir. Er spricht: „Wie vor dem Herrn im Himmel aufgegangen Die Sonne strahlet als der ganzen Schöpfung Zier, So ist ein frommes Weib auch ihres Hauses Prangen!" Jst's, Veilchen! wahr? daß bald du Blumen - Backfischlein, Du duftig Jüngferchen, du zartes blaues Fräule, Wirst Frau Finanzräthin und auch Frau Helf'rin sein, Ja, eh' du um dich siehst, des Hauses Trost und Säule? 567 DaS Veilchen so gefragt, erbebt auf seinem Stiel Gleich einem Zitterli, so Hagel auf es fiele, Und stammelt Baseldütsch: „Nei, i denk allewil Numme ä ganz bcschcide Rölleli ze spiele!" Spiel's allewil; — doch hält der Mann sein Gut zu Rath, Ward ihm, nach Sirach's Wort, ein frommes Weib zu Theile, Die als Gehülfin treu mitwandclt seinen Pfad, Und ihm zur Seile steht als allen Trostes Säule Sprich, Veilchen! weißt du auch, bei deinem Hochzeitmahl Wird Liebe lustberauscht vcrschwendrischer noch prunken, Als mit der Perle, die zerflossen im Pokal Kleopatra einst dem Antonius zugetrunken. Doch war die Perle, die sie trank in diesem Spiele, Dreihunderttausend Thaler Werth! „so giebt's nicht Viele," Sprach's Veilchen Baseldütsch: „Nei, i denk allewil Numme ä ganz bescheide Nölleli ze spiele!" Ich glaub des Weisen Wort: „Ist einem Mann beschert Ein tugendsames Weib, die er die Seine nennet, Die ist viel köstlicher als aller Perlen Werth!" Spricht Salomo, der wohl so Weib als Perlen kennet. Sprich, Veilchen! ist es wahr? man sagt, gar große Pracht An köstlichem Geräth' und Schmuck von hohem Wcrthe Hab, Kleinod, man mit dir dem Schreiber zugebracht, In Silberschalen man dich Gcldkern ihm bescherte. S«8 Das scheint ein bischen stolz, fällt aus der Demuth Styl Und trifft schier allzufern von dem bescheidnen Ziele, Da sprach's auf Baseldütsch: „Nei, i denk allewil Numme ä ganz bescheide Rölleli ze spiele!" Doch Sirach spricht: „Ein Weib von standhaftem Gemüth Äst goldner Säule gleich auf silbernem Gestelle, Und gleich der Lampe, die auf heil'gcm Leuchter glüht, Scheint auch ein schönes Weib, das fromm verbleibet, Helle!" Bist, Veilchen! wirklich von so hoher Abkunft du, Daß nur das Edelste dir wäre ebenbürtig, Und daß nur Jenes, dem das Herrliche, kommt zu, Auch deiner, die von Gottes Gnaden, wäre würdig? Sprich, Veilchen! Blume, die vom blauen Himmel fiel, Lehrt uns dein Düften nicht Heiniweh zum höchsten Ziele? Da sagt es Baseldütsch: „Nei, i denk allewil Numme ä ganz bescheide Rölleli ze spiele!" Spiel's allewil; doch auch vom weisen König lern: Das Haus, die Güter von den Eltern sich vererben, Doch ein vernünftig Weib kommt eigentlich vom Herrn, Und die Holdselige wird hohen Ruhm erwerben! Ein tugendsames Weib ist mehr als Perlen Werth, Des Mannes Herz darf sich vertrauend ihr ergeben, Durch deren Fleiß er nie des Unterhalts entbehrt, Die nur ihm Liebes thut, kein Leides je im Leben! 369 Zu Flachs und Wolle hat die Spindel sie im Griff, Die gute Arbeit strömt von ihren fleiß'gen Händen, Sie wirkt und schaffet stets — und wie ein Kaufmannsschiff Führt ihrer Werke Lohn sie her von fernen Enden. Sie stehet auf zur Nacht, gibt Nahrung ihrem Haus, Bereitet und vertheilt die Speise ihren Dirnen, Und strömet wie der Mond gemess'nen Segen aus, In Fried' und Ordnung still vcrleuchtcnd den Gestirnen. Längst auf ein Feld bedacht, kauft sie's um klugen Preis, Pflanzt einen Weinberg mit dem Lohn aus ihren Händen; In Werk und Wandel stät und weis' in Zucht und Fleiß Erstarkt sie ihren Arm und gürtet fest die Lenden. Zur Nacht erlischt ihr nie die Lampe an der Wand," Mit Freuden nicrket sie auf ihres Fleißes Frommen, Greift nach dem Rocken hin mit segenvoller Hand, Und ihren Fingern ist die Spindel stets willkommen. Die vollen Hände streckt sie mild zum Armen aus, Und ihre Arme sind zum Dürft'gen hingebrcitet; Nie bringt der Winter ihr die Sorge in das Haus, Denn zwiefach hat sic längst die Ihrigen bekleidet. Sie machet Hüllen sich und Teppiche sie flicht; Purpur und Seide weiß ist Stoff ihres Gewandes, Sie wird des Mannes Ruhm im Thor, wo zu Gericht Er sitzet in dem Kreis der Nettesten des Landes. 870 Sie pfleget auch Gewand köstlich um guten Preis Und Gürtel zum Verkauf dem Krämer schön zu machen. Ihr Schmuck ist Reinlichkeit und ihre Zierde Fleiß, Au ihrer Laufbahn Ziel wird sie des Lohnes lachen. Mit Weisheit öffnet sie den niebeflcckten Mund, Auf ihrer Zunge wohnt der Zucht holdsel'ge Lehre, Sie achtet auf das Thun des Hauses alle Stund', Auf daß sie nie ihr Brod in Müßiggang verzehre. Erwachsen singen ihr die Söhne Lob und Preiß, Es singt der Mann von ihr, daß laut ihr Ruhm erschalle: „Oft bringen Frauen Glück in's Haus durch Zucht und Fleiß, Sophia, Weisheit du, du übertrifsst sie Alle!" Schönheit und Lieblichkeit welkt hin, doch Weiser Zucht Des gottesfürcht'gen Weibs soll dauernd Lob erklingen, Es ist ihr Ruhm und Preis der eignen Hände Frucht, Und in den Thoren wird ihr Werk ihr Lob vollbringen. So lobet Salomo auf seinem Saitcnspiel Ein frommes Weib; — nun sprich, wie kommst du zu dem Ziele? Da sprach es Baseldütsch: „I denk halt allewil Numme ä ganz bescheide Rölleli ze spiele!" Spiel's allewil; dann bleibst vom Ziele du nicht fern, Klang doch das hohe Lied einst von der Demuth Pforte Dem Engel wieder: „Sieh, ich bin die Magd des Herrn, Und es geschehe mir, der Magd, nach deinem Worte!" 571 Licd der Srautsiihrcrin. Am 19. October. Es eilte meinem Lied die Braut acht Tage vor Froh in die neue Welt auf hochzeitlichem Wagen; Da fragte ich ringsum der Kränzel-Jungfern Chor: „Wer's b'scheide Rölleli der Braut Wohl nach möcht' tragen?" Und Alle sprachen: „Zieh zu jener Jungfrau hin, Die dort so sittig geht in silbergrauer Seide, Die Weiße Krause schließt am Hals ihr ein Rubin, Sie hat die Braut gelehrt das Rölleli bescheide. „Gar sinnig schreitet sie, das Köpfchen still gesenkt, Dem Jahrestage zu, da sie auch ward vermählet, Blickt ernst auf's Ringlein, ihr vom Bräutigam geschenkt. Und forschet, ob ihr nichts an ihrem Schmucke fehlet." Demüthig bot ich ihr der Hochzeitsrcime Spiel, Und bat: „O lenk mein Lied zu dem bescheidnen Ziele!" „Jst's nicht an mich?" sprach sie, „ich dacht doch allewil. Auch numme ä bescheide Rölleli ze spiele!" S72 „Wie kommst du nur so spät, heut' ist schon die Octav, Daß jene überschritt die hochzeitliche Schwelle, Doch Weib sich's auf den Tag von meinem Feste traf, Gib's Nölleli nur her, auf daß ich's treu bestelle!" In ihren Gürtel steckt sie nun des Liedes Band, Und vor der Kirche sie bei einem Kreuze kniete, Auf dem den Bräutigam sie süß entschlummert fand; Den Jungfrau'n dann umher winkt sie zum Wechsellicde. Sie stimmt ein Tauflied an, einfach aus altem Buch, Zum Jesulein gebeugt in der Gespielen Kreise; Wie folgt, so klang das Lied in Frag' und Gegenspruch Einfältig, wohlgemeint, in armer linder Weise. „Und wenn mir Niemand singt, so sing mir selber ich, Der Ehre König hat gefreiet einst um mich, Und in der Taufe ward ich heut' ihm angetraut, Er hat mich treu geliebt, als seine liebste Braut!" Was gab er dann, o Braut! als einen Mahlschatz dir? „Ein goldnes Ningclein, darin strahlt ein Saphir! " Und was bedeutet dann im Ringlein der Saphir? „Daß seinen heiligen Geist er hat geschcnket mir. Im Ringlein leuchtet auch ein kostbarer Rubin, Weil ich mit seinem Blut zum Heil besprenget bin!" Sag, ist das Ringlein auch pnr lauter reines Gold? „Ja traun, drum bin ich ihm von ganzem Herzen hold!" 87 » Sag, liebe Braut, warum du dann getaufet bist? „Mein Theil an Avam's Schuld darin vertilget ist! " Ward in der Taufe dir auch eine heil'ge Pflicht? „Der bösen Eigenlust, der darf ich folgen nicht, Und kämpfen muß ich treu wohl wider Fleisch und Blut, Daß es nicht ab mich kehrt von meinem höchsten Gut!" Hast du dem bösen Feind anch ernstlich abgesagt? „Gewiß, ich will nur thun, was Gott dem Herrn behagt!" Was hast dem Bräutigam verheißen du noch mehr? „Zu üben treu und fromm sein Wort und seine Lehr'!" Und was bedeutet dann das feine Taufhemdlein? „Daß ich anziehen muß Christum den Herren mein!" Dies Hemdlein, warum ist's so fein und so schneeweiß? „Weil meine Zucht und Ehr' ich hüten soll mit Fleiß!" Warum sind Kreuzlein fein so viel hineingenäht? „Weil vielem Kreuz und Leid ein Christ entgegen geht!" Sag uns, o liebe Braut! wann wird die Heimfahrt sein? „Die ist am jüngsten Tag, da kommt der Bräut'gam mein, In allen Ehren wird er daun heimholen mich, Wonach mein Herz verlangt, wonach es sehnet sich. Vergelten wird er dann mit Freud' mir alles Leid, Ich werd' mich sein erfreun in alle Ewigkeit! 374 Auf seine Zukunft harr' besorgt ich an der Thür Um meiner Lampe Oel, die ich stets fleißig schür, Daß er, so er dann kommt, mich finde ganz bereit, Und mir da gebe nicht unfreundlichen Bescheid, Wie den fünf thörichten Jungfrauen wird geschchn, Die vor der Thüre draus unmuthig werden stehn, Weil ihre Lampen sie nicht hatten Wohl geschürt Und aufgefüllt mit Oel, so wie es sich gebührt! Christe, mein Bräutigam! ich fleh, o komme schier Und hol mich aus dem Thal des Jammers heim zu dir, Denn dir ward ich getauft und heut' getraut im Namen Des Vaters und des Sohns und heil'gen Geistes! Amen." Die Monate. Ein Hochzeitsgcdicht für Herrn vr. Förster und Fräulein Focke bestimmt für den 21. August 1818. Eingangs-Chor aller Monate. „Freudig führen wir das Jahr In gemessenen Kreisen, Rastlos wandelnd immerdar Ordnen wir die Zeiten. Unsre mächt'ge Herrscherin Ist des Himmels Königin, Leitend unsre Bahn Nach dem ew'gen Plan! „Jenner, Hornung Maienlust, März, April heut grüßen, Juni, Juli und August Legen sich zu Füßen; Auch September und October klingt Und November, doch der December singt 87 « Dir ein Liebeslied, Dein Deccmbcr blüht! Unter deinem Kranz hervor Spitze Braut die Ohren, Horch auf unfern Chor, Daß nichts geh' verloren! Aus gutem Rath Schaff gute That!" Da stehen sie nun in einer Neih', Als ob hier Kalendermacher Hochzeit sei; Ich will sie malerisch, ich will sie gruppirt, Zusammengcdreit, auseinandergeviert; Denn Schlegel spricht: „Wer Drei in Vier gefunden, Dess' Blick wird in dem Centrum erst gefunden!" Aber ihr verstehet nicht, was er spricht, Darum erkläre ich euch, ich versteh' es auch nicht! Ihr habet gefreit, das war hohe Zeit, Hochzeit, zusammengepaart, zusammengezweit; Aber aller guten Dinge sind doch drei, Gott stehe dem holden Brautpaar bei, Das Dritte wird ihnen unter gutem Zeichen Aus dem himmlischen Kalender dann steigen. (Die Monate treten in die Jahreszeiten zusammen.) Da könnt ihr sie Alle dreiweis nun sehen, Es ist, als ob vier Drillinge hier stehen, Der Erste heißt Frühling — März, April und Mai Bringen Lust, Liebe, Blüthen und Narrethei; 377 Der zweite heißt Scmmer — Juni Juli, August, Voll Umarmung und Sonne und Erndtclust; Der dritte Herbst — September,, October, November, Den Frucht und Wein und Martinsgans preist; Der vierte heißt Winter — December, Januar, Februar, Der bringt für die Kinder Weihnachten und sagt: „Prost Neujahr!" Aber unser holdseliges Brautpaar, Was sagt denn das dazu? O du lieber, lieber Winter, Wir auch sind recht fromme Kinder, Du und ich, und ich und du, Sagt das liebe Paar sich zu. Aber aus dem du und ich Wird ein wir, glaubt sicherlich. Und wir sind eine ganze Reihe, Drum sollt ihr verliebten Zweie Auf die ganze Reihe hören; Die Zeiten sollen das Jahr euch lehren, Denn in dem Heute liegt das Morgen, Für das mögt ihr miteinander sorgen, Und dann habt ihr noch lange Zeit — Und dann kommt erst die Ewigkeit, O Zeit und Zeit genug, Verwendet sie fein klug, Verwendet sie fein fromm, So heißt euch Gott Willkomm! Nun trete erster Drilling vor, Und sing dem Paar das Frühlingschor! II. 37 578 Chor dcs Frühlings. Der Frühling erscheint, Die Knospen schwellen, Aus Feldern und Wäldern Steigen die Hellen Melodischen Lieder Der Vöglein empor! Die Schwalbe nun kehret, Die Reben weinen, Der Wein im Faß gähret, Möcht' sich vereinen; Ein buntes Gefieder Erschwingt sich im Chor, Aus blühendem Thor, Zum Himmel empor! März. (Braunes Gewand mit kleinen Grasspipcn, Helm des Mars mit Veilchen und Primeln. — Widder. — Topf mit Milch und Besen als Gabe.) Ich bin der März und führ' des Widders Bild, Denn gleich dem Widder aufspringt die Natur Und stößt mit jungen Hörnern an das Schild Des eis'gcn Nords; der Klang erweckt die Flur, Und krachend bricht das blanke -Eisgefild; Die Quelle rinnt, an derem Segensspur Die fromme Primel und das Veilchen mild Aufschlägt der blauen Augen Duft-Azur. 37S Herr, geh nicht mit dem Veilchen in's Gerichte, Denn ach, es hat schon eine Liebesgeschichte! Gesang. Blühe liebes Veilchen, Stilles Sonnenkind, Blühe noch ein Weilchen Amor ist noch blind. Weißt du was ich denke? Psychen zum Geschenke Pflückt er, Veilchen, dich, Oder gar für sich. Brich mich stilles Veilchen, Amor, ich bin dein, Und in einem Weilchen Wcrd' ich Psychen sein! Weißt du, was ich denke, Wenn ich blühend schwenke Meinen Duft um dich, Amor, brich, ach brich! So singet die Natur in der Kapelle Des Feindes, dicht an heil'ger Kirchenschwelle, Wo der Verführer seine Netze spannt. O fliehet, eilt, streut Palmen auf den Wegen, Der Heiland naht und bricht des Todes Band, 37 * 58N Bis nieder in den Abgrund dringt sein Segen, Den frommen Keimen all wird Heil bekannt, Die sehnsuchtsvoll in Winterschlaf gelegen, Sie stehen auf mit ihm, der auferstand! Alleluja! singt es in allen Chören Und noch ein andres Grüßet: läßt sich hören! Wenn Sauet Gregor die Kinder durch die Wiesen Lobsingend führt, Sanct Gertraud zu begrüßen, Da wird das Feierlied oft zum Getümmel, Die Hände heben sie und schrei'n zum Himmel: „Storch, Langebein, hast du auch dran gedacht Und zu dem Frühling Spielwcrk mitgebracht?" Drum heiliget ein treues Paar sein Haus, Uebt Gastfreiheit; wo deutsch ein Schornstein raucht Gibt's über'm Dach kein schön'rcr Giebelstrauß, Als Storchenbau. Ja treue Ehe braucht Als Glücksrad dieses Rad von Reisern kraus, Und wenn die Sehnsucht in dem Frühling haucht, Da klappert's, und besorget für den Fremden Näht Mütterchen ihm Bettchen, Mützchcn, Hemden. Nimm dieses deutsche Scherzwort, das dich grüßet, Zu frommen Ohren auf, sonst ist verrathen Der Monat aller Grüße, der sich schließet: „Gegrüßet seist du, Jungfrau voller Gnaden!" Sieh, weil der Winter nun wird auSgefegt, So bracht ich euch den buntgeschmückten Besen, Der spät noch pädagog'sche Früchte trägt, Wie ich in dem Kalender Hab gelesen. S81 - >. > April. (Grünes Gewand, Myrthenkrone. — Stier. — Bringt Ostereier.) ;! Ich bin April und führ' des Stieres Zeichen, j Der im Aprile wird zum Pflug gespannt, ^ Aperire heißet öffnen, öffnend reichen ^ Die Knospen schon der Sonne ihre Hand, ^ Die überraschend oft mit Ruthenstreichen st. Statt Küssen sie berührt; es ist bekannt, !i Nicht ausgeschlafen ist der Sinn mir kraus, Ich reibe mir noch erst die Angen aus. Ich bin ein Wetterwend'scher Narrenmond, Der bald den vollen Frühling affectirt, Sich bald verschnappt, von Winter fantasirt, ' Doch trau mir nur, denn meistens bei mir wohnt Die heil'ge Osterzcit, ein frommes Lied ! Von meinen Lippen dich begrüßend zieht. Geistlich cs Präludium. Arie. Mein Vater hat gesagt, ich soll, Ich soll das Kindlein wiegen, Er will mir auf den Abend auch Drei Ostereier sieden. ' Sied't er mir drei, ^ Ißt er mir zwei, l Ja zwei, ja zwei, ja zwei, H Und ich, ich mag nicht wiegen Nur um ein einzig Ei! ^ S82 Mein' Mutter hat gesagt, ich soll,. Ich soll die Magd verrathen, Sie backt mir auf den Abend auch Drei süße Osterfladen. Backt sie mir drei, Ißt sie mir zwei, Ja zwei, ja zwei, ja zwei, Und ich, um einen Fladen nur Treib nicht Verrätherei! Mein Schatz hat mir gesagt, Ich soll an ihn gedenken, Er wollt mir auf den Abend auch Drei süße Küßlein schenken. Schenkt er mir drei, Bleibt's nicht dabei, Bleibt's nicht, bleibt's nicht dabei. Was schiert der Osterfladen mich, Was schiert mich's Osterei! Da trieb ich wieder schon mein Narrenspiel, Doch in April Hab ich mich selbst geschickt, Da Ostern Heuer in den März schon fiel, Hält' ich in den Kalender doch geblickt; Ich schlage drum euch auf ein ander Buch Und sag untrüglichen Aprilenspruch: „Herrengunst, Aprilenwetter, Weiberlieb' und Nosenblätter, Glänzt, wankt, wechselt, welket viel, Fühl es, wer's nicht glauben will!" Ich bin der Mond, wo sich die Jugend sehnt Und große Schlösser in die Lüste baut, Wo Mancher sich den hörnen Siegfried wähnt, Und bringt's zuletzt zu einer Gänsehaut. Gar rührende Gedanken gehn im Schwang, Man ist verkannt und will in's Kloster gehn, Man liebt und bricht und wird nach nicht gar lang Auf Sauet Walpurgis Tag bei'm Blocksbergs Tanz gesehn Ach, um die Aussicht, sagen, gehn sie Alle, Doch nur die Einsicht hütet vor dem Falle. Zuletzt kommt guter Rath selbst im April, Der von aperire, öffnen, zugenannt; Thn auf die Hand, wer Gottes Segen will, Wer da nicht glaubt, ist wie verschlossne Hand, Für unfern Herrn, der jetzt gen Himmel fährt Und auch die Ostereier hier bescheert! Mai. (Grünes Gewand mit Blumen gestickt. Grüner Zweig. Zwillinge.) Ich bin der Mai, und führ' das Zwillingszeichen, Weil Alles doppelt küsset, duftet, blüht. Und alle Wonnen süß gepaaret schleichen Durch's Blüthenlabhrinth, um Lust bemüht, Von allen Zweigen Engel Kelche reichen, O wie geküßt des Lebens Wange glüht! Ich Hab das Herz so voll, bin so gekränzet, Daß mir der Gott durch Leib und Seele glänzet, S8L Es sehnet sich die Erde himmelwärts, Die Liebe pocht mit tausend Blüthen an, Schon sinkt der Himmel thauend an ihr Herz, Es düstet bräutlich rings der Thhmian, Und träumend spiegelt seinen grünen Schauer Im klaren Fluß der Eichwald, jung belaubt, Du ernster Rosmarin, du Freund der Trauer, Hebst sinnend treu das immergrüne Haupt. O keusch gesenkter Blick der Maienbraut, Erblüh'nder Mund, wie redet ihr so laut, Du unerschlossnes Herz, ich hör' dich pochen; Die Rose, die noch in der Knospe träumt. Weiß nicht, ob sie nach wcn'gen Sommcrwocheu Im Rausche aller Wonnen überschäumt, Weiß nicht, ob sie von Thau und Düften voll Zum Lichte weinen oder lachen soll. Schlank Lilicnkraut, bald wird in deinen Kelchen Die Nachtverirrte fromme Biene schwelgen. Ich Hab' die Hände und den Schooß so voll, Ich weiß nicht, was der Braut ich geben soll, Da nehm ich aus des Hauptes blüh'nder Locke Des zücht'gen Lenzes duft'ge Maienglocke, Sie locke eine meiner Priesterinncn Zu mir heran, die mag den Kranz ersinnen: Ob er aus Blumen sich, aus Liedern webe, Denn Färb' und Duft und Ton ist, was ich gebe! Heran, heran, Frau Nachtigall, Ergieße Liedes Flug und Fall, 585 Mach Frühlingsduft und Sehnsucht laut, Erquicke mir die holde Braut! diccilirl. Viele, diele, liebe, süße Mägdlein kenne ich, nenne ich, Wenn ich im Thau, auf der Au, Sie begrüße, sitzen sie nieder Bei'm duftenden, berauschenden Flieder, Singen Lieder, schmücken das Mieder Mit Primeln, Aurickeln, Lilien, Basilien, Hyacinthen und winden sich Kränze, Daß es glänze, im Lenze! Ich gieße süße Grüße über die Wiese, Mit Maienglocken zu locken Die Blumengeschmückten, entzückten Docken! Ich grüße sie alle, mit Namensschalle, Grüß dich Gott lieb, lieb Ludmilla, Lilla, Sibylla, Camilla; Grüß dich Gott, lieb, lieb Agneta, Margretha, Lisbetha, Ameleya, Sophia, Dore, Leonorc, Nicke, Ficke, Anna, Johanna, Marianne, Susanne! Grüß dich Gott und das Himmelblau, Süße Jungfrau, aber alle, alle, alle, Wie auch ihr Name süß Halle und schalle, Sind mir doch nicht so lieb, lieb, lieb, lieb, lieb. Als du lieb, du süß, du hold, mild, wild Bild! > ! 386 Du mein fein, rein, lind Kind, Du gut Blut, treugemuth Försterbräutchcn! Sehnsucht, Schwermuth, Wehmuth, O wie schwüle Gefühle fühle Ich im kleinen Herzen, Daß ich stolz in Demuth Recht im Gluthgewühle Mir den Muth erkühle Und in bittern Schmerzen! Schluß-Chor d cs Frühlings. „Der Liebe Streit," sprach Nachtigall, „Ist der Versöhnung Wiege; Sie wiege durch Schall und durch Wiederhall, Und keiner wisse wer siege, Bis schaukelnd und gaukelnd neue Lust Die Lieb aus dem Herzen sich legt an die Brust!" So mmcr-Chor. Die Au ist voll Glanz, Nun geht's an den Tanz. Mit Sichel zieht Michel Und Grethel und Hans! Nun schneidet und breitet Wer will und wer muß; Wenn Grethel ausgleitet, Kriegt Hans einen Kuß, 387 Sie gibt ihm den Kranz, Hans schwingt sie im Tanz, Die Sichel schwingt Michel Und prügelt den Hans ! Juni. (Grüngelbes Gewand. Krone von grünen Ähren nnb Leinblüthen. — Krebs. — Gabe: Kirschen und Johannesbecren.) Der Juni bin ich, führ' des Krebses Zeichen, Weil bald rückschreitend auf der Sonne Bahn Das Licht beginnt dem Tage zu entschleichen; Doch alle Gartensterne zünden Lichtlein an, Wer kann an Farbe, Lust und Duft mir gleichen? Lass' Lilie, Rose, Nelke, Tulipan, Nur immerhin die Schmetterlinge schwelgen, Die goldne Biene schafft in euren Kelchen. Wie die goldnen Bicnlein schweben Auf der bunten Blumenfahrt, Hunderttausend Küsse geben Duftigen Lippen aller Art, So aus. jedes Herzens Grunde Sehnt sich Mund zu Liebes Munde! Ach ich leide, Und die Pein Wächst durch Freude, Lied und Wein, 388 Ohne dich mein Leben! Dein Umfangen Macht gesund, Mein Verlangen Stillt dein Mund. Lass' die Bienlein schweben! Es ist Wohl Zeit, sein Liebchen auszuführen, Wenn Flieder und Hollunder süß berauscht, Und sich der Wein im Faß beginnt zu rühren, Der seines Bruders Blüthe draus erlauscht. Die flüggen Vögel flattern um die Hecken, Und tausend süße Beeren gibt's zu pflücken, Da lernt man sich erst kennen unter'm Necken, Und Einer für den Andern sammelnd bücken. Der Kukuk ruft, thut uns die Jahre kund, Sanct Veit zieht ein, umtanzt von tausend Mücken, Und süße Kirschen küssen rothen Mund. Auch sehen wir die frommen Schafe schecren, Und lernen was uns Noth thut, die Geduld; Kein Paar wird je den heil'gen Hausstand ehren, Wo Eins nicht fromm erträgt des Andern Schuld! Sieh auf! am Berg dort lodert Feuer, Und Bursch und Mägdlein springen drüber hin, Johannes kommt, kein Spielpreis scheint zu theuer, Herodias, der tollen Tänzerin! Verliert den Kopf nicht, wißt, der Feind ist niemals faul, Und geht hübsch still nach Haus zu Peter und zu Paul, Ich schenke euch von meinen Süßigkeiten Erinnerungen, eingemacht für saure Zeiten! (Gelbes Gewand — rothes Haar — Löwe. Bringt Ährenkrone, Maulbeeren, Fliegenwedel, Honig und Wachs.) Ich führ' den Löwen, heiße Julius, Vom Cäsar her; denn recht nach Löwenart Hab ich an Muth und Feuer Ueberfluß, Schau meiner Tage wunderrciche Fahrt. Auf reifen Aehren schwebt der Biene Kuß, Und alle Segnungen stehn dicht geschaart; Der Apfel möcht erröthend sich verstecken, Doch schwillt sein Herz, das Blatt kann ihn nicht decken. Marie üben Berg und Thal hinzieht, Elisabeth begrüßet sie mit Segen; Dem Heile, das die Hoffnung schon ersieht, Hüpft ahnungsvoll ein heimlich Herz entgegen. Und das Magnificat, im Geist erschwungen, Hat nun die Himmelsnachtigall gesungen! Heiß ist die Zeit, es naht der Feuerwagen, Elias zu dem Himmel aufzutragen. Heiß ist die Zeit, wenn gleich St. Margareth An Ketten führt den überwundnen Drachen, Hetzt ihn der HundStag doch, daß sengend weht Ein schwüler Fcuerdampf aus seinem Rachen. Drum auf mit Gott! das Gras herabgemäht, Es muß die Glnth das Heu uns trocken machen, S90 Die Trachen all, die fromm wir überwunden, Sind unserm Dienst als Sclaven festgcbunden. Drum laßt uns, da sich die Apostel theilen, Zu Gottes Erndte, hin in alle Welt, Mit treuer Hand nach unserm Tagwerk eilen, Gesellt und ungesellt, wie's Gott gefällt! Und wen es in die Wüste zieht zu Magdalenen, Der schlage aus dem Fels den Quell der Thränen, Denn diese hat das beste Theil erwählt, Das nimmer wird von ihr genommen werden! Und schau die Martha, die sich sorgend quält, Sie knetet einen Himmel sich aus Erden, Doch liebte sie der Herr, ob ihrem Glauben. Auch mag der Braut die Rüstung man erlauben; Denn wer nicht in dem Heumond fleißig zappelt, Und wer nicht in der Erndte tüchtig zappelt, Und wer nicht, wenn die Sonnenflicgen stechen, Recht emsig um sich fährt mit Sens' und Rechen, Der geht im Winter um mit einem Strohseil, Und fragt vergebens oft: „Wo ist gut Stroh feil?" Lch bringe, was mein Zeichen mir verlieh», Die Biene baute in des Löwen Nachen, Den Samson brach. Nehmt Wachs und Honig hin, Und weil dabei mich Bien' und Fliegen stachen, Wird mir auch wohl der Wedel hier vcrziehn. 891 Augu st. EcuersarLenes Gewand. — Kornblumenkranz. — Jungfrau bringt einen bekränzten Krug und Flachs.) Semper Augustus heiße ich. Mein Bild, Das Jungfräulein, zieht in der Sonne Glut Zur Erndte, in das goldne Korngesild', Cyanen winken ihr vom Schattenhut, Sie blicket wie ein Krieger hinter'»: Schild, Und zückt die Sense durch die Segcnsflut. Und nieder finkt vor ihr die Halmenwelle, Dem Bräut'gam mäht sie zu, drum geht's so schnelle. Der Donner rollt, es steht ein Regenbogen, So hoch das Herz der Jungfrau sich erhebt, Seufzt sie vom Strahl des Himmels angezogen Wie Petrus, da der Herr verkläret schwebt: „Hier lass' uns Hütten bau'n, hier ist gut sein," Doch meint den ird'schen Bräut'gam sie allein. Die Wachtel lockt, cs steht ein Regenbogen, Sanct Laurenz mit dem Roste kommt gezogen, Und als den fleiß'gen Bräutigam er segnet, Spricht der: „Ein Lied will deiner Gluth ich singen, Wenn mir durch sie die Erndte nicht verregnet." Der Hcil'ge hilft. — Er weiß nur vorzubringen: „Laurenzia, schönste Laurenzia mein, Wann werden wir endlich beisammen sein!" 392 Die Störche sammeln sich, es steht ein Regenbogen, Da singt die Jungfrau laut trotz allen Frommen: „Maria ist zum Himmel eingezogen! Wann wird zur Einfuhr doch der Wagen kommen?" Und denkt, schon fertig mit dem Garbenbinden, Welch Mägdlein wird er auf den Wagen schwingen? Welch Mägdlein mit dem Erndtekranz ansingen? Kornblume muß Orakelspruch verkünden: „Liebt mich, von Herzen, Schmerzen, wenig, nicht." Sie pflückt sie, bis das letzte Blatt, von Herzen, spricht. Und er an's Herz ihr sinkt bei'm letzten Worte. Horch, Festgesaug! es steht ein Regenbogen, Und mit dem Kranze durch die Ehrenpforte Wird ans dem Wagen sie nach Haus gezogen. Wie hoch, wie hoch, ja Wohl ein Hochzeitwagen, Sie bücket nieder sich mit ihrem Kranz, Sie fürchtet an den Himmel anznragen, Doch Erd' und Himmel gleicht sich aus im Tanz, Und morgen, wenn der Herbst ist angebrochen, Will dieses Paar hinweg so ganz verstohlen. Umsonst — noch einer reist nach Flitterwochen! Horcht! klappernd spricht zum Neste: „Gott befohlen," Der Storch, der halten wird, was er versprochen, Und zieht bei St. Bartholomäus Most zu holen; Vergesset nicht den Krug, ich bring's euch zu, Hier Brod im Schweiß des Angesichts, dort ewige Ruh'! Schluß-Chor des Sommers. Weil das Leben reif und voll, Eine Frucht man brechen soll, 39 » Und die andre schütteln. Spatzen macht's nicht gar zn toll, Reizt ihr mehr noch meinen Groll, So werf ich mit Knütteln. Herbst-Chor. Der Herbst beginnt, die Traube glüht, Der Vöglcin bunte Schaar entflieht, Die grüne Welt wird roth, Der Alte-Weiber-Sommer blinkt, Die Kelter knarrt, manch Pärchen singt: Ich gebe Wein, gib Brod, Dem Bräutigam die Braut süß winkt Und in dem Hochzeitmoste trinkt Ein Schmetterling sich todt. September. (Purpurgewand. — Weiulaubkrone. Wage — schenkt ein Füllhorn mit Trauben und Wachholderbccrcn.) September heiße ich, ich führ' die Wage Und wäge Licht und Nacht in gleichen Schalen, Wohin der Sonne Fenerstrahl entflohen, sage Dir bald der Traube Gluth in Goldpokalen. Zur Farbe ward das Licht, die glüh'nden Tage Sich in der Aepfel rothen Wangen malen. Die Blüthe ward zur Frucht und ward gebrochen, Die Frühlingssonne in des Sommers Lust verglüht, Träumt abendröthlich auf des Herbstes Flitterwochen, Und in's gelobte Land die Schwalbe zieht. Mit Moses nimm des Herren Reisescgen, II. 38 SSL Ich sende einen Engel, der dich leitet, Der vor dir hergeht, schützend auf den Wegen, Und dich zum Ort eiuführt, den ich bereitet. Befiehl den Engeln drum dein neues Leben, Und dich und deine Habe und dein Streben. Ein Frieden naht. Im Wald, im Felsenhaus Kniet St. Ägidius, es schweigt das Horn, Der Förster weichet fromm dem Wilde ans, Das umgetriebcn wird von Lieb' und Zorn, Und nimmt ein scheues Reh vor ihm die Flucht, Verfolget er es nicht mit seinen Pfeilen; Er weiß, daß cs den frommen Heil'gen sucht, Ihm seine Milch als Nahrung mitzutheilcn. Der Herr lass' gleiche Schonung uns erwerben, Daß wir nicht in der Leidenschaft Hinsterben. Die Zeit ist lind. Ein Kelch dem Himmelsthau, im Staube Ist unter Dornen nun die Lilie geboren, Maria sendet Strahlen und cs reift die Traube, Und wo in kalten Nächten nichts erfroren, Da dürfen wir an guten Geist noch glauben. O Hab ein rein Gefäß in festem Keller, Die Kelter reinige, lad' Winzer ein, Und zahle recht; bis auf den letzten Heller Will der, der Weinstock ist, bezahlet sein. Der Weinstock, der um Kreuzerhöhung steht, Der gibt den Geist, wenn man zur Lese geht. Sieh! auch zum Vogelfang ist gute Zeit, Die zahme Gans liest Ähren durch die Stoppeln, Ähr Reiselied die Wildgans oben schreit, Da ist Aufmerksamkeit sehr zu verdoppeln. S»s Im Schießen, Beitzen, Räuchern, Mästen, Braten, Denn Alles wimmelt jetzt von Eandidaten. Auch Lachs und Häring stellt sich fleißig ein, Der will gesalzen, der geräuchert sein. — Doch mahnt ein Spruch: „Durch Fisch- und Vogelfängen Ist manch Studentlein schon zu Grund gegangen!" Ein Birkeustämmchen Pflanz zu Ruth und Besen, Und geh zum Wald Wachholderbeer zu lesen, Und kaufst du Holz dir ein, si velis, Weil nun der Sommerrock wird mluUIis, Spricht der Kalender, thut dir's gut Michalis. Doch zu Tobias sprach der Engel: „Da mit Thränen Du betetest, reicht ich dem Herrn dein Flehn, So mag dein Lieben, Sorgen, Danken, Sehnen Auch mit Sauet Michael zum Herren gehn. Er wird einst bei'm Gericht die Wage halten, Nimm meine hin, und lass' sie richtig walten! Oktober. (Jncarnat Gewand, Krone von Eichenlaub, Korb mit Trauben, Missen und Kastanien, kann ein schönes Weinglas schenken, Scorpion.) October bin ich, führ den Scorpion, Das Bild geheimer Rache im Panier, Denn ein Scorpionsstich ward Orion's Lohn Für ungemessne Jagd und Lustbegier; Diana keusch, ringfertig rächt den Hohn, Und ließ ihn sterben, durch das gift'ge Thier. Drum wir am Himmel ewig warnend sehen 38 * Orion vor dem Scorpione untergehen. Habt acht! in meinem Mond schmückt Gottes Gut Nicht gleich vertheilct mehr die freud'ge Welt, Der Traube milder Kuß ward Mostes Glut. Frei streift das Wild, es sank das Schattenzelt, Und Durst und Jagd verlangen leicht nach Blut, Der Feind den grünen Zweig zur Schlinge stellt. Die Zeit wird kühl, das Feuer ist geboren; Die liebe Sonne ward zu Meteoren. Dem Bacchus Dionysus nicht zu trauen, Sieh du Sanct Dionys den Kelch ausspenden, Den Franken, die manch bösen Rausch uns brauen, Sollst du zum Freund Sanct Sergii dich auch wenden, Dich an Sanct Bacchus Martertod erbauen. Ich bring auch Frau'n, dein Herbstfest zu vollenden, Dich grüßt Sanct Ursula mit den Jungfrauen, Sanct Hedwig auch, das Kirchlein auf den Händen. Den Zehnten sollst du Gottes Kindern reichen, Sonst straft dich Scorpic, das Nachczeichen. Als Beispiel theil' ich euch das Meine gern, Wcinbeer und Nüsse ißt sich's gar zu gut selbander, So Beer um Bcerlein wird man stets verwandter, Der knackt die Nuß, der Andre schält den Kern, Und als der Eine fromm gewesen, fand er Im Kern das Marterwerkzeug unseres Herrn, Doch die Kastanien — seid ihr erst bekannter, Ach, braucht die eignen Finger stets, um aus den Kohlen, Und habt ihr eine, braucht die Zange, sie zu holen. sr>7 November. (Gewand von der Farbe welker Blätter, eine Krone von Oelzweigen, ein Körbchen mit Rosinen, Mandeln, Beifuß und Achseln oder dergleichen. Gänse, etwa auf einem Bratspieß oder Schlachtmesser zum Geschenk. Zeichen: Schütze.) November bin ich, führ' des Schützen Zeichen, Dem schon der Nord den frost'gen Bogen spannt, Was grünte und was blühte muß erbleichen, Wohl dem, der ohne den Kalender an der Wand, Wenn Tage schon wie Leichenbitter schleichen, Secunden zählt am Pnlsschlag lieber Hand. Wo Liebe im Kamine wahrt das Feuer, Stirbt nicht die Gluth, wär's Holz auch noch so theuer. Doch richte dich, zum schönsten Mahle spar Die Fülle auf. Es sendet dir zum Feste, Der dir den Wein gab, Allerheil'gen Schaar, Der dir die Gluth aus kühlen Trauben Preßte, Stellt sie als Geist aus trübem Leibe dar; Zum Kelch wird dein Pokal durch solche Gäste. Auch sollst du allen Seelen zum Gedenken Ausgießend eines Bechers Opfer schenken. Sieh, wer dem Himmel nicht versperrt die Erde, Der ist nicht an der Sonne Bahn gebunden, Und statt des Frühlings singt an seinem Herde Cäcilia in ernsten Abendstunden. Elisabeth bringt Rosen, denn im Werthe Wird milde Gabe so vor Gott erfunden. Und Katharina, die Doctoren lehrte, Schlägt ihm ein Buch auf in Erlösers Wunden. Und friert er, wirft Sanct Martin ihm vom Schimmel Den Mantel zu, warm wie der Christen Himmel. Doch bei Sanet Martin denk ich meiner Gaben: Nosinen, Mandeln, Futter für Studenten, Auch Apfel, Beifnß, die nicht so erhaben, Geb ich zur Fülle euch für Gans' und Enten, Mit denen euch der heil'ge Mann will laben. Und auch den Bratspieß nehmt zu treuen Händen. Doch seht Sauet Andres naht, mahnt mich zu eilen, Schnell muß ich noch der Köchin Rath ertheilcn; Wer übermüthig ohne heil'gen Geist Bei'm Küchenfeucr wie die Vesta wacht, Nicht Gott noch Menschen gibt, was er verheißt, Bedenk, von Flederwischen angefacht, Wird leicht die Flamme, die scheinheilig gleist, Und nehm den Apostol'schen Nath in Acht, Heilig ist jungfräulich, nicht schmählich ist eh'lich, Ohn' beides ist abscheulich, Nath Gottes wähl ich. Drum prüfet euch, eh' in den Gäusestall Ihr vor dem Freier flieht, wohin Martin Der Bischofswahl entfloh, der laute Schall Der Kapitol'schen Wache meldet euch wie ihn. Die liebliche November-Nachtigall Muß drum seitdem zum Halsgcrichte hin. Beim Bratenwendcn singt im hohen Ton Die Köchin nun: „Andreas, lieber Schutzpatron!" Schluß-Chor des Hcrhßcs. Glücklich der, den in des Herbstes Tagen Vorwurf nicht und Reue nagen, Der die lange Lebensbahn Ruhig überschauen kann, 399 Der an seinen Tagewerken Sich erlaben kann und stärken, Wie der Wein in banger Zeit Herz und Geist erfreut! Wintcr-Ch or. Der Winter deckt mit flockichten Gewänden Die öde und erstorbene Flur; Zum neuen Leben in des Todes Banden Stärkt sich die schlummernde Natur, Ja Bräutigam und Braut ist, wer da glaubet, Bon Lieb' und Hoffnung ist erfüllt; Ihm wird sein Frühling nimmermehr geranbet Und all sein ird'sches Sehnen ist gestillt; Für ihn gibt's keine arme Zeit, Er ist sich selbst die Ewigkeit, Die freudige Ewigkeit! D c c e >n b e r. (Schwarzes Kleid, ein weißer Schleier, eine Dornenkrone drauf und ein Engclchen mit Gloria. Ein Weihnachtsbäumchen, ein eiserner Löffel. — Steinbock.) December heiß ich, und den Steinbock führ' ich, Gleich ihm aufkletternd strebet bald der Tag, Von Außen traur' ich, Freud' im Innern spür ich, Der Wein, der fromm im dunklen Fasse lag, Wird in Begcist'rung heil'ger Nächte rührig, Im Dornenkranz den Morgenstern ich trag. Ein Wink des Himmels in der Zeiten Fülle, Als unser Heil erschien in ird'schcr Hülle. Verschleiert unter Dornen keimt Verhängniß, 60 « Und innerlich geworden träumt die Zeit, Die Hände faltend über der Empfängnis; Mariä. Betend wacht die Christenheit Recht in Mntterseligkeit! Adam und Eva ahnen im Gefängniß Der Unterwelt, das Heil sei nicht mehr weit, Der neue Adam, der aus der Bcdrängniß Des Todes alle Glaubenden befreit. Sie senden euch zu eurem Bunde Grüße, Der ihnen eingesetzet ward im Paradiese. Durch einen Menschen kam zur Welt die Sünde, Durch Einen kam das Heil in diesen Tagen. Horch, „lilorm in excellis!" ich verkünde: „Geboren ist das Lamm, die Schuld zu tragen, Geboren ist der Bräutigam, der seine Braut, Die Kirche, auf den Fels im Sturm gebaut!" Zur Krippe eilen Hirten mit der Gabe, Die Gabe, die erkannt wird, ist ihr Glaube. Den geb euch Gott! Ich bring euch was ich habe, Des Glaubens und der Einfalt Bild, die Taube! Ianna r. (JanuSkopf, weißes Kleid, Feuerbecken, Pelz oder Muff, Wassermann. — Geschenk: Ein Korb mit trockenen Früchten oder ein Kohlenbecken.) Ich bin der Januar. Wie Janus schaut, So schau' ich rück- und vorwärts in die Zeit. Der Wassermann regiert; halt warm die Braut, Es friert der Tag. Horch! alle Welt so laut: „Prost Neujahr!" um ein kleines Trinkgeld schreit. «01 Heut' ward der Name Jesus unserm Herrn. Seht! über meinem Haupt erscheint ein Stern, Der Könige zu seiner Wiege führt. O selig, wen ein solcher Stern regiert! Gold bringen sie als Liebe, Weihrauch als Gebet, Und Myrrhen als Abtödtung. Wer jetzt opfern geht Und Lieb', Gebet, Entsagung bringt als Gaben, Wird die drei Kronen der drei Könige haben, Müßt er vergebens auch sein Reich im Kuchen Und seine Krone in der Bohne suchen. Wem solche Krön' zum Lohne fiel, Und stünde er wie Sanct Sebastian Dort an dem Baum, der Pfeile nacktes Ziel, Hat gen den Todtespfeil den Panzer an; Wem solche Krone will der Herr bescheeren, Braucht nicht der Wolle von Sanct Agnes Lamme Sich zu 'nem Winterpallinm zu begehren; Ihn wärmt aus Christi Wunden eine Flamme, Die niederfuhr den Paulus zu bekehren, Der Blitz, der segnend strahlt vom Kreuzcsstamme. So spricht der Januar und bringt den Kuchen, Gold, Myrrhen, Wciherauch darin zu suchen! Februar. (Blaues Gewand mit einem Gürtel geschürzt. — Fische. — Bringt einen Korb mit Tauben und Eiern.) Ich bin der Februar. Weil die Natur Einst ans den Wassern ist zum Licht gestiegen; Sieh hier der Fische doppelte Figur In meinem Schilde sich zusammen schmiegen, 39 ^ -'«kn-SM, 602 Aus meiner Furchen harter Wellenspur Steigt Leben; was der Winter streng verschwiegen, Liegt auf der Zunge mir. Mein volles Herz Kann ich kaum bergen bis zum lieben März! Doch nehm ich mich bei meiner Lust in Acht Und halt hübsch still den Frühling auf dem Schooß. Es tobt herum die tolle Fastenacht; Wie leicht könnt er mir einen bösen Stoß Von einem Faschingsgecken kriegen, Daß er im März noch in dem Bett müßt liegen. Nein, lieber in die Kirche mit dem jungen Jahr, Zu opfern dort ein zartes Taubenpaar Mit Gottes Mutter. Wären alle Kerzen, Die brennen sollen durch die ird'sche Zeit, Entzündet heut' an reinem Muttcrherzen, Und in dem Dienst der Liebe eingeweiht! Auch weil ich merke, daß ich vorlaut bin, Zn prangen mit den Freuden dieser Erde, Beug ich mein Haupt dem Aschcnkreuze hin, Gedenk, daß Staub ich war, Staub wieder werde. Und so geziert tret schüchtern ich entgegen Dem heiligen Blasius, und nehm den Segen Und dich Veronika, die mir das Bild Des Sühners zeigt, von Dornen scharf umwunden, Nehm gegen den Versucher ich zum Schild; Mein Wahlspruch wird: „O Haupt voll Blut und Wunden!" Und so bereitet geh ich durch die Tage Und fleh: „Sanct Agatha gib heile Brust Für meinen Frühling, den ich heimlich trage, Gib Dorothea Rosen, meinem Kind, zur Lust, Sanct Apollonia gib leichte Zähne!" Und was ich nur in Andacht recht ersehne, Das geben Alle mir, sehn sie mein Schild, Des dorngekrönten Heilands Lcidensbild. So komm ich endlich zu Sanct Peter's Stuhle müde, Und ruhe aus mit Beten und mit Danken, Und sehn' mich, daß ein Hirt die Lämmer hüte, Die rings umher in wüster Irre wanken, Und schlummre ein im ersten Strahl, es kracht, Und als ich ob dem Schalle aufgewacht, Fliegt um mich her Mariensommer weiß, Und Alles ruft umher: „Matheis bricht's Eis!" Schluß-Chor des Winters. Amen, Amen, Alles ist vollendet! Es geschehe, wie sich's wendet; Was Gott will, ist wohl bestellt, Selig fällt, wer Gott gefällt! Amen, Amen, es geschehe! Wohl und Weh ist in der Ehe, Aber wer dem Herrn sich traut, Der ist Bräutigam und Braut! Anmerku ngen. Zu Seite 391. Der Lurley- oder Loreley-Felsen ist in der Nähe von Bacharach; die Vorbeischiffenden rufen ihn an und freuen sich des vielfachen Echo's. Die von Clemens Brentano erfundene Sage ist in das Volk übergegangen und vielfach auch von neueren Dichtern bearbeitet. Zn S. 396. Die Geschichte von Gottschalk Overstoulz und der Maus, und Bischof Engelbrecht, die den Stoff zu dieser Ballade geliefert, findet sich in der Kölner Chronik. Zn S. 406. Le schien, nach der slavischen Mythologie, Waldgeister, die bis znr Kleinheit des Grashalmes sich erniedern und bis zur Höhe riesenhafter Bäume sich erheben können; wer sie beleidigt, wird von ihnen geschreckt, auf Irrwege gelockt und getodtet. Zu dem Gedichte: „Bei dem Hingange der lieben Freundin, und Mutter." Seite 535. Frau Antonia Johanna Dietz aus Koblenz starb in München den 29. November 1838, wohin sie znr Pflege einer kranken Schwiegertochter und zum Besuche einer Tochter gereist war. Die letzte hatte während der Anwesenheit der Mutter ihr Töchterchen Hannchen, dessen in Strophe 33 Erwähnung geschieht, verloren. Clemens Brentano hatte früher längere Zeit bei Dietz in Koblenz gewohnt, viele Güte und Liebe dort erfahren und sich an dem barmherzigen Sinne des Ehepaars erfreut und erbaut. — Trautchen Nelle eine früher verstorbene fromme Freundin. Die Bilderbude eine Anspielung auf einen zum Besten der Armen veranstalteten Verkauf frommer Bilder. Auch ließ die kunstliebende Frau Dietz öfters Bilder von Künstlern verfertigen, worauf die Strophe 56 hinzielt. — Hermann Joseph in den vorletzten Strophen der Namenspatron ihres Gatten.