Georg Christoph Lichtenberg's * 4 /. t ' ( l » V W^ZkMZsch Neue vermehrte, von dessen Söhnen veranstaltete Original - Ausgabe. Mit dem Portrait, Facsimile und einer Ansicht deö Geburtshauses des Verfassers. Sechster Band. -- ^»SSK S « » » - Göttingen Verlag der Dietcrichschen Buchhandlung. Inhalt des sechsten Bandes. Von der Äolusharfc ..S, Z Warum hat Deutschland noch kein großes öffentliches Seebad?.. H Trostgründe für die Unglücklichen, die am Asten Februar geboren sind.— 24. Die vierzehn Schwestern. — 32. Wie man zum Litogwn cku plst gemacht wird. — 34. Nachricht von einer Wallraihfabrik.— 41. Einige Betrachtungen über vorstehenden Aufsatz, nebst einem Traum.— 48. Auch ein paar Worte von Polen.. . — 56. Das Luftbad.— 61. Über Gewilterkurcht und Blitzableitung.— 70. Über das Eselslehn und die ehemalige Weiberpolizei in Darmstadt.— 83. Von den Kriegs- und Fastschulen der Schinesen, nebst einigen andern Neuigkeiten von daher .... — 92. Ein neuer Damenanzug, vermuthlich in Indien . . — 111. Streit über einen Sitz in der Kirche; keinen bischöflichen — 121. Über Ernährung, Kochen und Kochsparkunst ... — 126. Anhang zu vorstehendem Artikel.— 140. Das war mir einmal eine Wurst ....... — 147. Eine kleine Aufgabe für die Übersetzer des Ovid in Deutschland. — 155. IV Verzeichniß einer Sammlung von Geräthschasten, welche in dem Hause des Sir H. S. künftige Woche öffentlich verauciionirt werden sollen.S. 162. Rede der Ziffer 8 am jüngsten Tage des 1798sten Jahres im großen Rath der Ziffern gehalten .... — 174. Daß du auf dem Blocksberge wärst.— 193. Leuchtende Kartoffeln.— 217. Lieutenant Riou.. . — 220. Wie weit manche Vogel zählen können.— 224. Bon einer in dieser Kaffeezeit seltenen weiblichen Erscheinung ..— 227. Hupazoli und Cornaro, oder: Thue es ihnen nach wer kann. — 231. Vom Würfel.— 237. Bon Makulaturbleichen.— 240. Urnen und Aschenkrüge von einer neuen Art ... — 242. Ein Wort über das Alter der Guillotine .... — 245. Neuer Gebrauch der Hunde.— 261. Wie die Schinesen ihr großes Papier verfertigen . . — 264. Über Bücherformate.— 266. Zcro.— 272. Vom bibliopolischen Jahre ......... — 273. Trost bei trauriger politischer Aussicht.— 275. Etwas Stoff zu Montagsandachten.— 276. Kohlengruben unter der See, und Etwas von negativen Brücken.— 280. Jüdische Jndüstric neben holländischer Frugalitüt . . — 286. Zubereitung des Eises in Indien.— 289. Anekdoten.— 291. Würkung der Musik auf einige Thiere.— 293. Vergleichung der St. Peters-Kirche in Rom mit der St. Pauls-Kirche in London, und beider mit dem Weltgebäude.— 294. Die Glocken.. . — 298. Gevatiernbrief.— 304. Sonderbare Art wilde Enten zu fangen.— 305. Künsteleien der Menschen an Bildung ihres Körpers . — 306. Englische Moden.— 312. Proben sonderbarer Verschwendung aus den Ritterzeiren S. 315. Art der Chineser, Perlen zu machen.— 316. Preisverzeichniß von südländischen Kunstsachen und Naturalien.— 317. Gelehrigkeit der Thiere.— 313. Beitrag zur neuesten Geschichte der Fcldgespenster. . — 322. Von Thieren als Wetterpropheten.— 323. Ein paar Feierlichkeiten und Gebräuche.— 325 . Proben seltsamen Appetits.— 327. Die alten Deutschen.— 331. Merkwürdige Begebenheiten und Gebräuche.... — 335. Tabelle die Hoffnung der Jungfern zu berechnen . . — 342. Seltsames Carneval.— 344. Vermählungsfeier eines Zwergenpaares.— 347. Handel mit heiligen großen Zehen in Italien ... — 348. Sonderbare Bestrafung eines losen Mauls in der Pfalz — 350. Vom Bohon-Upas oder dem Giftbaum.— — Beitrag zu einer Toilettenapotheke.— 358. Über einige Fastnachtsgebräuche unsrer Voreltern . . — 360. Kleine Haustafeln über die Verwendung von Geld und Zeit.— 368. Merkwürdige Belagerung und Einnahme einer Zuckerdose durch ein Corps Ameisen.— 373. Vom Hang zum Putz und von einigen sonderbaren Toilettenstücken.— 375. Sonderbare Behandlungsart der neugebornen Kinder bei einigen Völkern.— 378. Christliches Ostergelächter.— 382. Geschichte der Hochzeitkränze und Brautringe ... — 383. Über einige kräftige Mittel die Vernunft zu betäuben — 388. Vom Recht der Hagestolze bei Deutschen, Römern und Griechen.— 394. Recept aus dem Mittelalter, wie Vergiftungen zu heilen sind.— 402. Beitrag zur Sittengeschichte des Mittelaltcrs. 1. Kaiser Carls IV. genossenes Mahl bei einem seiner Amtleute.— 403. 2. Kaiser Sigismunds Dal psrö zu Straßburg . — 404. VI Geschichte der Handwerker und Zünfte in Deutschland, und ihres blauen Montags „.S. 405. Wundercuren der geweihten Arzte bei einigen amerikanischen Völkern.— 416. Wie der Abt von der Reichenau die Frösche schweigen macht.— 418. Pluderhosen und Teufeleien, ein Paar Modesachen des sechzehnten Jahrhunderts.— 419. Was Schjffziehen in Ungern für eine Strafe sei . . — 424. Wie Gottesacker auf Kirchhöfen und Begräbnisse in den Kirchen entstanden sind.— 426. Was es eigentlich mit dem Geschenke der Bräutigams- bemden und des Schlafrocks bei Hochzeiten für eine Bewandniß habe.— 431. Wie zwei reichsstädtische Gesandte ein Räthsel gelöset — 435. Tschereassische Mädchen ..— 436. Die Brieftauben.— 440. Cagliostro.— 442. Ein Paar neue Schlüsse aus alten Londonschen Mor- talitätstabellen.— 445. Etwas von Jesuiten.— 446. Ein großer Waghals.— 447. Eine moderne Entdeckung des Hrn. Duiens.... — 448. Große Scharfstchtigkeit der Geier.— 450. Merkwürdige Zuneigung einer Gans zu einem Haushunde . — 451. Einige gemeine Irrthümer.— 454. Neue Erfindungen, Moden, physikalische und andere Merkwürdigkeiten.S. 460—490. - M -4A. - IN. -Äl. - -W. - IZö. - II«>. - W. - HZ. -M. - -M. -IIL. - IZS. -IÄ. - j-ISS. Vermischte Schriften. Sechster Theil. VI. i Von der Äolnsharfe *). (Götting. Taschenkalendcr 1792. S. 137—145.) Die Vorstellung von einer Folge harmonischer Töne, die ohne bestimmte Melodie sanft anschwellend, nach und nach wieder in der Ferne hinsterben, gleich den Bewegungen einer erquickenden Frühlingslust, hat, ob ich gleich nie etwas von der Art gehört habe, doch immer viel Reizendes für meine Phantasie gehabt. Ich glaube, ich habe die erste Idee hiervon in den Jahren der Kindheit von dem singenden Baum in den tausend und einer Nacht aufgefangen. Dieser Baum, wenn ein ') Ein hierher gehöriger kleiner Aufsatz, veranlaßt durch die merkwürdige Wetterharfe im Garten des Hauptmanns Haas zu Basel, steht im götting. Taschenkalender 1789 S. 129—134, unter den daselbst vorkommenden: neuen Erfindungen, physikalischen und anderen Merkwürdigkeiten. Als nur physikalischen Inhalts wird derselbe in die gegenwärtige Ausgabe der vermischten Schriften von uns nicht mit aufgenommen. 1 " 4 Lüftchen seine Blätter bewegte, ließ entzückende Töne hören, die mit dem Winde sich hoben und sich mit ihm wieder verloren. Eine Stelle in des phantasiereichcn Zauberers, Spenser's lluins ob liiuo, werde ich daher nicht müde zu lesen. Er sah Orpheus Harfe nach dem Himmel steigen, und hörte in diesem Fluge die Saiten von dem Winde gerührt himmlische Töne verbreiten. Ich setze sie ganz her: I saev sn Iu»z> strunz rill Willi silver tcviuo; ^l lenKtli out ob tbs rivei it cvss resr'li, .^inl borue sbout tkv olouüs to lie cliviueil: »Ulst all tlie cvsv most liouvciüv uoiso nss Imarü Ob tlio stiinAs stirreä n iü> tlw varkling eviucl. Nach Allem, was ich von der Äolusharfe gehört und gelesen habe, ist durch sie meine Vorstellung givßtentheils realisirt, und was würde ein solches Instrument in Deutschland unter den Händen der Hrn. Chladni') und Quandt") nicht werden können? Ich theile deßwegen eine kurze Nachricht davon aus einem beträchtlichen Ouartanien mit, der unter einer Menge ') Ernst Florenz Friedr. Chladni, geb. zu Witten- berg 1756, gest. zu Breslau in seines Freundes Steffens Hause 1827. ") Quandt, Dr. der Medicin; geb. zu Niesky bei Görlitz, gest. 1806. Erfinder der Glaslattenharmonica. Schrieb u. a. Versuche über die Äolsharfe 1797. Nach Chladni einer der scharfsinnigsten Aknstikcr. 5 gewagter und eccentrischer Ideen auf allen Seiten zeigt, daß es seinem würdigen Verfasser zwar hier und da gar sehr an erworbenen gründlichen Kenntnissen, aber nicht an Kraft fehle. Es find dieses die klr^siologiaal llisguisilions or cliscorirsoki ein Üia nalural plrilosopliz- ok lka olomenls, des Hrn. W illiam Zonos k. 14. 8.'), die zu London 1781 erschienen sind. Er führt obige Stelle aus dem Spcnser an, und selbst eine aus dem Talmud (Berac Fol. 6")), wo gesagt wird, daß die Harfe Davids um Mitternacht, wenn der Nordwind sie gerührt, geklungen habe, um damit seinen Aufsatz über die Äolusharfc einzuleiten. Für den Erfinder der Äolusharfe oder des Saiteninstruments, das dem Winde ausgesetzt, für sich zu tönen ansängt, wird gemeiniglich k. Kircher'") angegeben, der davon in s. klronurgia S. 148 handelt. Indessen hat dieses Instrument seine Wiedererweckung in England weder dem k. Kircher, noch dem Verfasser des Werks on tlrs ftrinoiples anel porrer ok H-irmon)-, der davon redet, zu verdanken, sondern einem ') William Jones, geb. zu Lowick in Northumberland 1726, gest. 1800. '*) Veracht, (jüd. Gebet) bei den Nabbinen Lob- und Dankgebet. Talmud bekanntlich die Sammlung der Vorschriften der jüdischen Gesetzgeber (Nabbinen) aus der Mischua und Ge- mara bestehend. '") AthanasiusKircher, Jesuit aus Fulda. Geb. 1602, gest. in Rom 1680. Dichter, der durch Harmonien einer andern Art unsterblich geworden ist, Popen. Als dieser nämlich, während er den Homer übersetzte, öfters den Eustathius') nachschlug, stieß er in diesem auf eine Stelle, worin gesagt wird, daß der Wind, wenn er auf gespannte Saiten stieße, harmonische Töne erzeuge. Diese Idee wurde einem Herrn Oswald, einem schottischen Virtuosen auf dem Violoncello und sehr geschickten Componisten im schottischen Styl, mitgetheilt; dieser erzählte dem Hrn. Jon es Folgendes hierüber. Als er von Popens Entdeckung im Eustathius gehört hatte, fing er sogleich an Versuche darüber anzustellen. Er nahm eine alte Laute, bezog sie, und sehte sie dem Winde in allen nur «sinnlichen Lagen aus, aber ohne Erfolg, und schon war er im Begriff, das Ganze als eine Fabel aufzugeben, als ihn ein glücklicher Zufall wieder darauf zurückbrachte. Ein Harfenspieler, der eine Harse in einem Boot auf der Themse bei sich hatte, bemerkte, daß bei einem Windstoß die Harfe plötzlich einige Töne in der Manier, die man nach eben diesem Instrument, Harpeggio nennt, hören ließ. Der Mann erstaunte über den Zufall, machte ebenfalls viel Versuche eine gleiche Wirkung wieder zu erhalten, aber vergebens. Die schönen Töne waren dahin wie ein Traum. Indessen machte diese Erfahrung Hrn. Oswald wieder Muth mit seinen Ver- ") Eustathius, aus Constantinopel. Berühmter Eom- mentator des Homers. Starb 1184, nachdem er 1155 Erzbischof von Theffalonich geworden war. suchen fortzuführen. Nun kam ihm in den Sinn, daß vielleicht ein mehr beschränkter Luststrom nöthig wäre den Effect hervorzubringen. Er nahm also seine alle Laute und legte sie an die Öffnung eines nur etwas gelüsteten Aufschicbfensters (8asli rvinckorv). In der Nacht erhob sich der Wind, und das Instrument tönte. Der Künstler horte es, sprang aus dem Bette, merkte alle Umstände auf das genaueste an, und da er auf diese Weise den Grund entdeckt hatte, hauptsächlich, daß es auf den dünnen, aber breiten Lufistrom ankam, so fehlte auch der Effect in der Folge nie, und so war die Äolusharfe wieder erfunden. Nach dieser Borstellung ist nun die Construction einer solchen Harfe leicht. Es wird ein schmaler, etwas hoher und langer Kasten von trockncm Tannenhvlze verfertigt, der unten einen Resonanzboden hat, auf diesem werden über zwei Stege, die nahe an den schmalen Enden einander gegenüber liegen, acht bis zehn Darmsaiten, alle im Einklang (unisono), nicht allzu stark aufgespannt, eine der breiten Seiten läßt sich aufschieben, so daß man einen dünnen, aber breiten Luftstrom quer auf die Saiten leiten kann. Um diesem den Durchgang zu verschaffen, kann der obere schmale Boden wie ein Pultdeckel aufgehoben werden, der all beiden Seiten noch Flügel hat, theils um auch bei der Öffnung desselben die Luft von den Seiten einzuschränken, und theils um den Deckel bei jedem Grade von Öffnung durch Friction festzuhalten. So eingerichtet, wird das Instrument mit der Öffnung am Schie- 8 ber dem Winde ausgesetzt. Sobald nun dieser durchzieht, tönt das Instrument. Die tiefsten Töne sind die des obigen Einklangs, aber so wie sich der Wind mehr erhebt, so entwickelt sich eine Mannichfaltigkcit entzückender Töne, die alle Beschreibung übertrifft. Sie gleichen dem sanft anschwellenden und nach und nach wieder dahin sterbenden Gesang entfernter Chöre, und überhaupt mehr einem harmonischen Gaukelspiel ätherischer Wesen, als einem Werke menschlicher Kunst. ES ist hier der Ort nicht, sich in eine Erzählung von Hrn. Ion es Theorie hierüber einzulassen. Sie ist sehr gewagt, und läuft kurz darauf hinaus, daß die Äolusharfe das für die Töne sei, was das Prisma für die Farben ist. Außer diesem ersten Anschein von etwas Wahrem hat der Gedanke aber auch Nichts. Eine scharfe Prüfung hält er nicht aus, es ergeben sich zwar einige Ähnlichkeiten, die etwas Gefälliges haben, aber viel zu entfernt sind, um etwas Wahres und weiter Führendes daraus herzuleiten. Schwer ist es allerdings zu erklären, wie eine einzige Saite, die man in der Äolusharfe aufspannt, alle die harmonischen Tone, sieben oder acht an der Zahl, durchlaufen, und zuweilen mehrere derselben zu gleicher Zeit hören lassen könne, wie Hr. Jones bemerkt hat. Hr. Joncs hat ein Modell eines solchen Instrumentes an die Herren Longman und Broderip in Cheapsidc') geschickt, und unter seiner ") Eine der schönsten Straßen der City von London. 9 Aufsicht welche verfertigen lassen, wo sie also vermuthlich zu haben sein werden. — Ich bin zu wenig mit der Geschichte der Musik und der musikalischen Instrumente bekannt, um zu wissen, ob man nicht schon versucht habe, Saiteninstrumente zu blasen. So sonderbar der Gedanke von Anfang scheint, so sieht man doch bei der Äolusharfe die Möglichkeit eines solchen Instrumentes ein, denn wenn der natürliche Wind Töne auf Saiten hervorbringt, und zwar solche anmuthige und sanfte, warum sollte der aus einem Blasebalg, wie bei der Orgel, es nicht auch können? Freilich mag wohl Vieles von dem Reiz dieses luftigen Harfenspiels, und was die Hörer mit so vieler Begeisterung davon reden macht, hauptsächlich mit in dem Umstand liegen, daß die Töne so ganz ohne alles Zuthun der Kunst von selbst gleichsam entstehen, und dadurch unvermerkt die Seele auf höheres Zaubcrwerk leiten, unter dessen Einfluß sich gefühlvolle Menschen zur Erhöhung unschuldigen Vergnügens oft vorsätzlich und gern schmiegen, so sehr sich auch sonst ihre wachende Vernunft dagegen empören mag. — Zum Beschluß merke ich noch an, daß diese natürliche Äolusharfe also angenehmer klingen muß, als die Musik der noch natürlicheren Äolusorgeln, womit uns zuweilen bei einem Regcnwindchen unsere schlecht verwahrten Fenster und Thüren unterhalten. Jedoch erinnere ich mich, in einem Gartenhause, wo die Ritzen in Fenstern und Thüren, durch die Stäbe verschlossener Sommerläden gar mannichfaltig angeblasen wurden, auch angenehme Töne gehört zu haben. Es k- K waren gewöhnlich Octaven, Quinten, und zuweilen Septimen. Was aber das Vergnügen hierbei gar sehr verminderte, war die beständige Arbeit der Vernunft, von diesen Empfindungen die stark affociirten Ideen von schlechter Beschaffenheit des Hauses, Zahnweh, Schnupfen und rauher Witterung zu trennen, welches, aller Mühe unerachtet, nicht immer gelingen wollte. Warum hat Deutschland noch kein großes öffentliches Seebad? (Götling. Taschenkalender 1793. S. 92 — 109.) Diese Frage ist, dünkt mich, vor mehreren Jahren schon einmal im hannoverischen Magazin aufgeworfen worden. Ob sie Jemand beantwortet hat, weiß ich nicht zuverlässig, ich glaube es aber kaum. Noch weniger glaube ich, daß eine öffentliche Wiederholung derselben jetzt nicht mehr Statt findet. Denn wo gibt es in Deutschland ein Seebad? Hier und da vielleicht eine kleine Gelegenheit, sich an einem einsamen Ort, ohne Gefahr und mit Bequemlichkeit in der See zu baden, die sich allenfalls jeder, ohne Jemanden zu fragen, selbst verschaffen kann, mag wohl Alles sein. Allein wo sind die Orte, die, wie etwa Brighthelmstone'), Mar- ') Brighthelmstone, jetzt gewöhnlich Brighton genannt; in Sufser belegen, 45 cngl. M. von London. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde es, namentlich in Veranlassung eines Werks des Dr. Richard Russell, der auf den 12 gate"), und andere in England, in den Sommermonaten an Frequenz selbst unsere berühmtesten einländischen Bäder und Brunnenplätze übertreffen? Ich weiß von keinem. Ist dieses nicht sonderbar? Fast in jedem Decennium entsteht ein neuer Bad- und Brunnenort, und hebt sich, wenigstens eine Zeit lang. Neue Bäder heilen gut. Warum findet sich bei dieser Bereitwilligkeit unserer Landsleute, sich nicht bloß neue Bäder empfehlen, sondern sich auch wirklich dadurch heilen zu lassen, kein speculirender Kopf, der auf die Einrichtung eines Seebades denkt? Vielleicht kommt durch diese neue Erinnerung die Sache einmal ernstlich zur Sprache, wo nicht in einem medicinischen Journal, doch in einem des Lurus und der Moden, oder, weil die Sache auf beide Bezug hat, in beiden zugleich. Bis dahin mögen einige flüchtige Bemerkungen eines Laien in der Heilkunde, der seinem Aufenthalte zu Margate Nutzen des Seebadens aufmerksam machte, ein Seebad. 1784 ließ der Prinz von Wales, nachher Georg IV., den Grund zu dem Pavilionpallast legen. Die Population war 1801 nur 7339 und stieg bis 1831 auf mehr als 41000 Seelen. Berühmt ist der 18 ^/ 2 ; für 30,000 Pf. St. erbaute, 1136 Fuß lange Omin pier. ") Margate, an der Küste von Kent, 65 engl. M. von London. Sehr besuchtes Seebad von (1831) 10,339 Seelen, und Hafen, der namentlich durch einen 900 Fuß langen Steindamm ( 8 tone pier) geschützt wird, der 100,000 Pf. St. gekostet hat. 13 die gesundesten Tage seines Lebens verdankt, hier stehen. An empfehlenden Zeugnissen einiger der ersten Eingeweiheten in der Wissenschaft fehlt es ihm indessen nicht; er halt sie aber bei einer so ausgemachten Sache, wenigstens hier für entbehrlich. Denn weder der ii/eckcel» noch der ik/cckec,» äc-'t/neu,' werden jetzt den Nutzen des Seebades leugnen. Von dem erstem wenigstens ist nichts zu befürchten, und der andere würde schweigen, sobald man ihm sagte, daß in England nicht allein eine sehr hohe Noblesse, sondern die königliche Familie selbst, vermuthlich durch keusours und den glücklichsten unverkennbaren Erfolg geleitet, sich dieser Bäder jetzt vorzüglich bedient. Was aber außer der Heilkraft jenen Bädern einen so großen Vorzug vor den inländischen gibt, ist der unbeschreibliche Reiz, den ein Aufenthalt am Gestade des Weltmeers in den Sommermonaten, zumal für den Mittelländcr, hat. Der Anblick der Meereswogen, ihr Leuchten und das Rollen ihres Donners, der sich auch in den Sommermonaten zuweilen hören läßt, gegen welchen der hochgepriesene Rheinfall wohl bloßer Waschbeckentumult ist; die großen Phänomene der Ebbe und Fluth, deren Beobachtung immer beschäftigt ohne zu ermüden; die Betrachtung, daß die Welle, die jetzt hier meinen Fuß benetzt, ununterbrochen mit der zusammenhängt, die Otaheite und China bespült, und die große Heerstraße um die Welt ausmachen hilft; und der Gedanke, dieses sind die Gewässer, denen unsere bewohnte Erdkruste ihre Form zu danken hat, nunmehr von der Vorsehung in diese Grenzen zurück gerufen, — alles dieses, 14 sage ich, wirkt auf den gefühlvollen Menschen mit einer Macht, mit der sich Nichts in der Natur vergleichen läßt, als etwa der Anblick des gestirnten Himmels in einer heitern Winternacht. Man muß kommen und sehen und hören. Ein Spaziergang am Ufer des Meeres, an einem heitern Sommermorgen, wo die reinste Luft, die uns selbst das Eudiometer noch auf der Oberfläche unsers Wohnorts kennen gelehrt hat, Eßlust und Stärkung zuträgt, macht daher einen sehr großen Kontrast mit einem in den dumpfigen Alleen der einländischen Kurplätze. Doch das ist bei weiten noch nicht Alles. Das Übrige wird sich erst alsdann beibringen lassen, wenn wir erst über die Gegend eins geworden sind, wo nun in Deutschland ein solches Bad angelegt werden könnte. Die ganze Küste der Ostsee ist mir unbekannt, und ich für mein Theil würde sie dazu nicht wählen, so lange nur »och ein Fleckchen an der Nordsee übrig wäre, das dazu taugte, weil dort das unbeschreiblich große Schauspiel der Ebbe und Fluth, wo nicht fehlt, doch nicht in der Majestät beobachtet werden kann, in welcher es sich an der Nordsee zeigt. Es gibt da zu tausend Unterhaltungen Anlaß, und ich würde kaum glauben, daß ich mich an der See befände, wo der Größe dieser Natursccne etwas abginge. Wenn ich, jedoch ohne das übrige nöthige Locale genau zu kennen, wählen dürfte, so würde ich dazu Nitzebüttel, oder eigentlich Cur- haven") oder das Neue Werk, oder sonst einen Fleck in ") In dem Hamburgischen Amte Nitzebüttel. Seit dem Jahre 15 jener Gegend vorschlagen. Freilich nicht jeder Seeort taugt zu einem öffentliche» Seebad, das auf große Aufnahme hoffen kann. Es kommt sehr viel auf die Beschaffenheit des Bodens der See an. Zu Margate ist es der feinste und dabei festeste Sand, der auch den zartesten Fuß nicht verletzt, ihm vielmehr bei der Berührung behaglich ist, und gerade einen solchen Boden habe ich bei dem Neuen Werk gefunden. Der Beschaffenheit des Bodens zu Cuihaven erinnere ich mich nicht mehr genau. Allein wo auch der Boden nicht günstig ist, läßt sich leicht eine Einrichtung treffen, die alle Unbequemlichkeiten hebt, und die ich zu Deal') gesehen habe. Dieses zu verstehen, muß ich unsere Leser vor allen Dingen mit der Art bekannt machen, wie man sich an diesen Orten in der See badet. Man besteigt ein zweirädriges Fuhrwerk, einen Karren, der ein von Brettern zusammengeschlagenes Häuschen trägt, das zu beiden Seiten mit Bänken versehen ist. Dieses Häuschen, das einem sehr geräumigen Schäferkarren nicht unähnlich sieht, hat zwei Thüren, eine gegen das Pferd und den davor sitzenden Fuhrmann zu, die andere nach hinten. Ein solches Häuschen saßt vier bis sechs Personen, die sich kennen, recht bequem, und selbst 1816 ist daselbst bekanntlich ein wohl besuchtes Seebad angelegt, um das sich namentlich der weil. Senator Abendroth sehr verdient gemacht hat. ') An der Küste von Kcnt, mit 7500 Einwohnern, und sicherer großen Nhede zwischen den Dünen. mir Spielraum, wo er nöthig ist. An die Hintere Seite ist eine Art von Zelt befestigt, das wie ein Reifrock aufgezogen und herabgelassen werden kann. Wenn dieses Fuhrwerk, das an den Badeorten eine Maschine (-> macliiiu;) heißt, auf dem Trocknen in Ruhe steht, so ist der Reifrock etwas aufgezogen, vermittelst eines Seils, das unter dem Dach des Kastens weg nach dem Fuhr- manne hingeht. An der Hintern Thür findet sich eine schwebende, aber sehr feste Treppe, die den Boden nicht ganz berührt. Über dieser Treppe ist ein freihängendes Seil befestigt, das bis an die Erde reicht und den Personen zur Unterstützung dient, die, ohne schwimmen zu können, untertauchen wollen, oder sich sonst fürchten. In dieses Häuschen steigt man nun, und während der Fuhrmann nach der See fährt, kleidet man sich aus. An Ort und Stelle, die der Fuhrmann sehr richtig zu treffen weiß, indem er das Maaß für die gehörige Tiefe am Pferde nimmt, und es bei Ebbe und Fluth, wenn man lange verweilt, durch Fortfahren oder Hufen immer hält, läßt er das Zelt nieder. Wenn also der ausgekleidete Badegast alsdann die Hintere Thür offner, so findet er ein sehr schönes dichtes leinenes Zelt, dessen Boden die See ist, in welche die Treppe führt. Man faßt mit beiden Händen das Seil und steigt hinab. Wer untertauchen will, hält den Strick fest und fällt auf ein Knie, wie die Soldaten beim Feuern im ersten Gliede, steigt alsdann wieder herauf, kleidet sich bei der Rückreise wieder an u. s. w. Es gehört für den Arzt zu bestimmen, wie lange man diesem Vergnügen (denn dieses ist es in sehr hohem Grade,) nachhängen darf. Nach meinem Gefühl war es vollkommen hinreichend, drei bis viermal kurz hinter einander im ersten Gliede zu feuern, und dann auf die Rückreise zu denken. Beim erstenmale wollte ich, um seinen eignen Körper erst kennen zu lernen, rathen, nur einmal unterzutauchen, und dann sich anzukleiden, und nie die Zeit zu überschreiten, da die angenehme Glut, die man beim Aussteigen empfinden muß, in Schauder übergeht. Da das schöne Geschlecht von Anfang, wie ich gehört habe, auch hier, gegen das Unversuchte einige Schüchternheit äußern soll, so finden sich an diesen Orten vortreffliche Kupplerinnen zwischen der Thetis und ihnen, die sie sehr bald dahin bringen, selbst wieder Kupplerinnen zu werden. Dieses sind in Margate junge Bürgerweiber, die sich damit abgeben, die Damen aus- und ankleiden zu helfen, auch eine Art von losem Anzug zu vcrmie- then, der, ob er gleich schwimmt, doch beim Baden das Sicherheitsgefühl der Bekleidung unterhält, das der Unschuld selbst im Weltmeere, so wie in der dicksten Finsterniß, immer heilig ist. Unter diesen Weibern gibt es natürlich, so wie bei den fern verwandten Hebammen, immer einige, die durch Sittsamkeit, Reinlichkeit, Anstand und Gefälligkeit vor den übrigen Eindruck machen und Beifall erhalten. Ich habe eine darunter gekannt, die damals Mode war. Diese besorgte öfters zwei bis drei Fahrzeuge zugleich. Und da war es lustig vorn Fenster anzusehen, wie diese Syrene, wenn sie mit einer Gesellschaft fertig war, von einem Karren nach dem andern oft 20 bis 30 Schritte weit wanderte. Es war bloß der mit Kopfzeug und Bändern VI. 2 18 gezierte Kopf, was man sah, der wie ein Earousselkopf aus Pappdeckel auf der Oberfläche des Meeres zu schwimmen schien. — Ist nun der Boden der See wie der zu Deal, der aus Geschieben von Feuersteinen rc. besteht, nicht günstig, so endigt sich die Freitreppe in einen geräumigen viereckigen Korb, in dem man also steht, ohne je den Boden zu berühren. Doch ich glaube nicht, daß diese Einrichtung, die mir im Ganzen nicht recht gefällt, in Curhafen nöthig sein wird. Geschiebe von Feuersteinen sind da gewiß nicht, ob nicht Schlamm oder glitschiges Seekraut so etwas nöthig machen könnte, getraue ich mir nicht schlechtweg zu entscheiden, glaube es aber kaum. Uber- dieß aber kommt noch bei jenen Gegenden der sehr wenig in- clinirte Boden in Betracht. Das Meer tritt da, auf den sogenannten Watten, bei der Ebbe sehr weit zurück, ein zwar großes und herrliches Schauspiel, das aber für die Hauptabsicht Unbequemlichkeiten haben könnte. Denn die eigentliche Badezeit ist von Sonnenaufgang an bis etwa um 9 Uhr, da es anfängt heiß zu werden. Die größte Frequenz war zu Margate immer zwischen 6 Uhr und halb 9 im Julius und August. Nun könnte es kommen, oder muß vielmehr kommen, daß zuweilen gerade um diese Zeit zu Curhaven das Meer sehr weit von dem Wohnorte zurück getreten wäre, dieses würde oft eine kleine Reise im Schäferkarrcn nach dem Wasser, und, selbst bei der Ankunft bei dem Wasser, noch eine kleine Seereise auf der Achse nöthig machen, um die gehörige Tiefe zu gewinnen. So etwas ist zwar, wie ich aus Erfahrung weiß, den gesunden Patienten AS E,, " «Mzl M i» 'Nicht « vm !l A Iw! >ch Ütm uz,»- >m s«- > z«M Mti Liiijm w«i n MS l!» j»:» in §lil' jl» ül>>! kl,«!- ch'i i>i:>H , «i- ^ 19 nichts weniger als unangenehm, zumal wenn ihrer mehrere, die mit derselben Krankheit behaftet sind, zugleich fahren, allein den Patienten im eigentlichen Verstände könnte doch so etwas lästig sein. — Aber auch hier ließe sich vielleicht Rath schaffen. Wie? das gehört nicht hierher. Ich hoffe, mein Freund, Hr. Weltmann') zu Curhaven, der bekanntlich mit sehr tiefen Kenntnissen die größte Thätigkeit verbindet, soll nun hier den Faden anfassen, wo ich ihn fahren lasse, wenn er es der Mühe werth hält. Sein Gutachten wird hier, in einer wichtigen Angelegenheit entscheidend sein. — Nun aber vorausgesetzt, daß dort alle Bequemlichkeit zum Baden erhalten werden könnte, woran ich nicht zweifle, so hat jene Gegend Vorzüge, deren sich vielleicht wenige Seeplätze in Europa rühmen können. Die glückliche Lage zwischen zwei großen Strömen, der Elbe und der Weser, auf denen alle nur ersinnlichen Bedürfnisse für Gesunde und Kranke, auch mineralische Wasser, leicht zugeführt werden können. Die Phänomene der Ebbe und Fluth, die dort auffallender erscheinen als an wenigen Orten, vielleicht keinem in Europa. Zwischen Ritzebüttel und dem Neuen Werk könnte noch heute einem verfolgenden Heere begegnen, was Pharao mit dem seinigen begegnete ') Reinhard Weltmann, Wasserbaudirectvr in Ritzebüttel; schrieb Beiträge zur hydraulischen Architektur, 4 B. 1791 —1799. Beiträge zur Baukunde schiffbarer Canäle 1802. ") 2. Buch Mose, 14. 2 20 20 Man macht da die Hinreise auf der Achse, und einige Stunden darauf über demselben Gleise die Rückreise in einem bemasteten Schiff. Mit Entzücken erinnere ich mich der Spaziergänge auf dem so eben von dem Meere verlassenen Boden, ja ich möchte sagen, selbst auf dem noch nicht ganz verlassene», wo noch der Schuh, ohne Gefahr von Erkältung, überströmt ward; der Tausende von Seegeschöpfen, die in den kleinen Vertiefungen zurückbleiben, deren einige man selbst für die Tafel sammeln kann, und die den Gleichgültigsten zum Naturalien- sammler machen können, wenn er es nicht schon ist; des Heeres von See- und andern Vögeln (auch darunter Naturalien für die Tafel), die sich dann cinsinden und die angenehmste Jagd zu Fuß an der Stelle gewähren, über die man noch vor einigen Stunden wegsegelte und nach wenigen wieder wcgsegeln kann. Hierzu kommt nun das ununterbrochene Aus - und Ein- segcln oft majestätischer Schiffe mehrerer Nationen, die Cur- haven gegenüber vor Anker gehen, und die man besteigen oder wenigstens in kleinen Fahrzeugen besuchen und umfahre» kann, immer unter dem Anwehen der reinsten Luft und der Eßlust. Freilich werden diese kleinen gar nicht gefährlichen Reisen, öfters kleine Vomitivreischen, und dafür nur desto gesunder. Ich habe von einem der römischen Kaiser gelesen, wo ich nicht irre, so war es August selbst, der in der reinen Seeluft jährlich solche Vomitivreisen unternahm. — Der gesunden Patienten wegen merke ich noch an, daß man hier alle Arten von Seefischen und Schalthieren immer aus der ersten Hand hat, und gerade 21 on,' h Mit» »o Mij r>!r« ^ r^fkl !IÄM- ! h»ltl IM M c^z! tei»^ >i> A- R Lw !M l>» im I» !l M sm, 8c! !t!I. " «ti» l!»^ mü«- um diese Zeit den Häring, noch ehe er das Mittelland erreicht. Die wohlschmeckendste Auster, frischriechend bei der heißen Sonne und den königlichen Steinbütt! Eine mächtige Unterstützung für das Geschäft im Schäferkarrcn. Und nun Helgoland')! Kleine geschlossene Gesellschaften unternehmen, statt Ball und Pharao, eine Reise nach dieser außerordentlichen Insel. Die Bomitivchcn unterwegs verschwinden in dem Genuß dieses großen Anblicks. Wer so Etwas noch nicht gesehen hat, datirt ein neues Leben von einem solchen Anblick, und liest alle Beschreibungen von Seereisen mit einem neuen Sinn. Ich glaube, jeder Mann von Gefühl, der das Vermögen hat sich diesen großen Genuß zu verschaffen und es nicht thut, ist sich Verantwortung schuldig. Nie habe ich mit so vieler, fast schmerzhafter Theilnehmung an meine hinterlassenen Freunde in den dumpfigen Städten zurückgedacht, als auf Helgoland. Ich weiß Nichts hinzuzusetzen, als: man komme und sehe und höre. — Sollte eine solche Anstalt in jenem glücklichen Winkel nicht möglich sein? Ich glaube es. Von Hamburg läßt sich Alles erwarten. Diese vortreffliche Stadt mit ihren Gesellschaften, könnte verbunden mit Bremen, Stade, Glückstadtw. schon allein einem solchen Bade Ausnahme verschaffen, der Fremde bedürfte weiler nichts. Sollte unter den vielen speeulirenden Köpfen ') Während des Kriegs mit Dänemark wurde diese Insel 18V7 von den Engländern in Besitz genommen, und verblieb sie ihnen bei den neuesten Friedensschlüssen. dort nicht einer sein, der ein solches Unternehmen beförderte, auf dessen Ausführung keine geringe Anzahl von Theilnehnrern ' " wartet, wenn ich aus meiner Bekanntschaft auf die übrigen " schließen darf? Große Anstalten wären zum ersten Versuch nicht ' nöthig, nur Bequemlichkeit für die Gäste. Fürs erste, keine ' Komödienhäuser, keine Tänzsäle (das würde sich am Ende Alles l von selbst finden), und keine Pharaobänke. Pharao mit ^ seinem Heer gehört zwischen Ritzebüttel und das Neue Werk zur Zeit der Fluth. Nun noch eine kurze Antwort zur Hebung von einem Paar Bedenklichkeiten, die ich habe äußern hören: 1) Der Ort sei zu weit abgelegen, und 2) verdiene bei einem Seebad das Schicksal des Propheten Jonas immer eine kleine Beherzigung, und der häßliche Rachen eines Haifisches sei im Grunde am Ende nicht viel besser als eine Pharaobank. Was die erste Bedenklichkeit betrifft, so ist sie freilich so ganz ungegründet nicht. Allein nicht zu gedenken, daß alle Seebäder den natürlichen Fehler haben, daß sie an der Grenze der Länder liegen, wo sie sich befinden, so könnte man fragen: was ist ein abgelegener Ort im allgemeinen Verstand, so wie das Wort hier genommen wird, ohne etwa Wien oder Prag oder sonst einen Ort zu nennen, der weit von Nitzebüttel abliegt? Mit ein wenig Überlegung wird es sich bald finden, daß Nitzebüttel diese Benennung nicht verdient, weil nicht allein ein reiches, sondern auch ein bevölkertes Land in der Nachbarschaft liegt. Hat es freilich auf einer Seite, wie alle See- bäder, kein festes Land, so hat es dafür eine Fläche, die einem großen Theil des festen Landes die Passage dahin sehr erleichtert, zumal hier vermittelst der Elbe und der Weser. Dieß ist so wahr, daß ich hiervon einen Beweis nicht zurückhalten will, ob ich gleich merke, daß er für eine Empfehlung fast etwas zu viel beweiset. Das schön gelegene Margate wird von Vornehmen nicht so häufig besucht als andere Seebäder, die die schöne Nachbarschaft nicht haben, eben weil die Themse die Passage dahin, zumal von London aus, zu sehr erleichtert. Daher geschieht es denn, daß sich eine Menge von allerlei Gesinde! einsinket, das sich seiner oft guten Kleider wegen nicht ganz von den Gesellschaften zurückhalten läßt, und welches dennoch unerträglich zu finden ein gesitteter Mann eben keine Ahnen nöthig hat. Zum Glück sind Hamburg und Bremen, ihres übrigen Reichthums ungeachtet, noch immer arm an dieser Menschenclasse. — Vor dem Schicksal des Jonas wird nicht leicht Jemand im Ernste bange sein, der das Locale dieser örter kennt. Die Fische, die einen Propheten fressen könnten, sind da so selten als die Propheten. Eher könnte man die dortigen Fische vor den Badegästen warnen. Seit jeher sind zwar die Fische dort, zumal von Fremden, mit großer Prädilectivn gespeiset worden, es ist mir aber nicht bekannt, daß je einer von ihnen das Compliment erwiedert hätte. Trostgründe für die Unglücklichen, die am LSsten Februar geboren find. (Götting. Taschenkalender 1793. S. 110—119.) Man mag sagen was man will, so ist ein Mensch, der nur alle vier Jahre einen Geburtstag hat, immer kein Mensch wie andere. Ja, einer der in seinem Leben der Geburtstage zu wenige hat, kommt mir in mancher Rücksicht nicht viel glücklicher vor, als die weitläuftige Classe von armen Teufeln, die der Vater zu viele haben; denn was ist dem unsterblichen Wesen, das in uns wohnt, angenehmer, als zu sehen, ja unter der Hand auch wohl gar zu schmecken und zu riechen, daß sich außer ihm noch Wesen derselben Art seiner Existenz und seines Lebens freuen? Wäre auch die Freude dieser Wesen nicht immer die aufrichtigste, wovon man wohl Beispiele hat, gut, so ist es nicht minder angenehm zu sehen, daß diese Wesen es doch nöthig finden müssen, so zu thun als freuten sie sich. Jene aufrichtige Freude verräth zwar Liebe, das ist wahr; die nicht aufrichtige dafür Furcht und Respect, die in sehr vielen Fällen un- 25 endlich mehr werth sind. Von diesen Frcudensbezeigungcn nun verliert dos unglückliche Geschöpf, das am 29sten Februar geboren ist, nach einer leichten Berechnung, in seinem Leben wenigstens bare 75 Procent in Vergleich mit andern Menschen. Das ist etwas hart. Es sei nun das, was eingebüßt wird, ein Wunsch in Prosa, ein Carmen oder ein wirkliches Gedicht; es seien Bänder, Blumen, Kuchen, Feuerwerke, Illuminationen und Kanonaden, so find immer die 75 Proccnt davon weg wie weggeblasen. Ja, die Sache kann sehr wichtig werden. Gesetzt, der Unglückliche sei der Regent eines Reichs oder einer Stadtschule, der das Recht hat freiwillige Geschenke an seinem > lkt Geburtstage zu erpressen, wie kann ein solcher ein Geschenk ver- langen, das an einem Tage zahlbar ist, der in drei Jahren >Mj« gegen eins gar nicht cristirt? Sind die 29sten Februare, in Jah- I«! ren wo dieser Monat nur 28 hat, also nicht die wahren Laleockso !M graocso') ? Ja, wenn die griechischen Lslenckae bloß ein Poe- ntlck tischcs Nichts sind, wofür sich sublime, antiquarische Pedanterei p w diesen artige» Ausdruck schuf, so sind die 29sten Februare drei- üiH mal in vier Jahren, ein wahres, solides, prosaisches Nichts des gemeinen Lebens und der alltäglichen Haushaltung; das ist ganz was Anderes. Bon jenem spricht man, und dieses fühlt man. — hii Das Bisherige galt bloß das Physische bei dieser Verkürzung; —-- ') A^aee«,k gebrauchte August statt Nttiizs»«»»; iHir da die Griechen keine Lalencksö hatten, also auch nicht danach rechneten. 8ueton. Ootav. tVuz. 87. von der moralischen Seite ist der Verlust »och sehr viel größer. Denn, da jeder Mensch bekanntlich an seinem Geburstage sich irgend etwas künftig zu thun oder zu lassen ernstlich vornimmt, z. B. wie v. Johnson'), künftig früher aufzustehen, oder die Bibel im nächsten Jahre ganz gewiß durchzulescn, oder wie jene Dame keinen Branntwein mehr zu trinken; so kommt ein solcher Mensch natürlich auch um alle diese heilsamen Entschließungen, und man weiß wohl, wie es mit der Ausführung steht, wenn man gar nicht einmal zur Entschließung kommen kann — Aber der Neujahrstag, sagt man, bleibt ihnen doch noch. — Das ist keine Antwort, den Neujahrstag haben die gewöhnlichen Menschen auch, also den 75 Procenlen geht auch hier nichts ab. Ja, was endlich das Traurigste ist, so wird dieses Unheil, wie manches andere, das uns dieses Jahrhundert zugeführt hat, ebenfalls gegen das Ende desselben ärger. Wenn nämlich das Jahr 1796 vorbei ist (das letzte Schaltjahr in diesem Jahrhundert), so haben wir in acht Jahren keines wieder. Also ein Kind, das den 29. Februar 1796 geboren würde und etwa den 28. Febr. 18V4 stürbe, wäre acht Jahr alt geworden, ohne einen einzigen wahren Geburtstag erlebt zu haben, den kümmerlichen etwa ausgenommen, an dem es geboren worden ist, der gar nicht in Rechnung kommen darf und kann, und in dem wahren Gratulantensinn des Worts, kein eigentlicher Ge- ') S. Brunos Losrvell's lälo ok 8smuel 4olinson. Voll. II. S. 144. 145. 8te Ausgabe. London 1816. 27 Dk. chder Üch«, , oki L»l- NlNj mm »ich !» di! wch M Mir Ioi i» iü E Mit «L » l», » «r «>!> s^l burtstag ist. — Doch nun nicht eine Sylbe weiter in diesem Ton, der, wie wir selbst fühlen, schon zu lange gehalten worden ist. Wir würden dieses lächerliche Thema gar nicht berührt haben, wenn nicht die Frage: wann soll ein am 29. Febr. Geborner seinen Geburtstag feiern, in einem berühmten Journal ziemlich ernstlich aufgeworfen, und — unbeantwortet geblieben wäre. Hier ist die Antwort und der Trost: Der Mensch wird zwar an einem gewissen Tage, an einem gewissen Datum geboren, allein sein Eintritt in die Welt, sein erster Athemzug ist das Werk eines Augenblicks. In diesem Punct von Zeit steht die Sonne in einem gewissen Punct der Ekliptik. Er wird also genau ein Jahr alt sein, wenn die Sonne das nächste Mal wieder in demselben Punct der Ekliptik steht, und der bürgerliche Tag, in welchen jener Zeitpunct fällt, ist der Geburtstag des Menschen im eigentlichen Verstände, er heiße nun übrigens im Kalender wie er wolle. Dieses ist, dünkt mich, sehr klar. Das Problem: wann soll ich meinen Geburtstag feiern, wenn ich am 29. Februar geboren bin, wird also auf folgende Weise vollkommen aufgelöset werden, und im Recept- und Problemlösungsstyl abgefaßt etwa so lauten: 1) Laß dir die Secunde, Minute, oder die Stunde deiner Geburt sagen, oder nimm den Tag aus dem Kirchenbuch, weil du aber doch nicht den ganzen Tag über geboren worden bist, so mußt du im letzten Fall etwas Bestimmtes annehmen, z. B. die Mitte des Tages, also Mittags um zwölf. 2) Suche in einem astronomischen Kalender für das Jahr deiner Geburt den Ort der 28 Sonne (ihre Länge) für diesen Zeitpunct. Kannst du ihn selbst berechnen, so ist es desto besser, alsdann würdest du aber eine so einfältige Frage vermuthlich gar nicht thun. 3) Suche ebenfalls im Kalender von dem Jahre, da du deinen Geburtstag feiern willst, den Tag, da die Sonne genau dieselbe Länge hat, dieser Tag ist dein Geburtstag, er heiße nun wie er wolle. Wenn du so verfährst, so wirst du etwas bemerken, das dich frappiren wird, vorausgesetzt, daß du von der Sache, wovon hier die Rede ist, gar nichts verstehst, nämlich, daß du, wenn du auch an jedem andern Tage, z. B. den 1. Mai geboren wärest, du dennoch deinen Geburtstag unter gewissen Umständen zuweilen den 30. April, zuweilen den 2ten Mai feiern müßtest, und daß selbst die Geburtstage der höchsten Potentaten öfters ganz falsch gefeiert werden, und folglich der am Lösten Febr. Geborne nicht gerade immer der Einzige ist, der seinen Geburtstag an einem andern Mouatstage feiern muß, als dem, den ihm die gewöhnliche Methode anweiset. Dieses gründet sich auf den Umstand, daß das Jahr nicht uumero roluuäo aus 368 Tagen, sondern ungefähr aus 368 Tagen und 6 Stunden besteht, wir aber bei unseren bürgerlichen Geschäften uns unmöglich mit solchen Brüchen von Tagen abgeben können. Daher geht es denn auch wirklich dem Jahr selbst nicht besser als uns und den hohen Potentaten. Seine Geburtsstunde wenigstens wird dreimal unter vieren falsch gefeiert. Man freut sich oft über den Tod des alten Jahres mit Jubel, wenn es wirklich noch 18 Stunden schmachtet, und gratulirt dem neuen 18 Stunden vor- 29 s« f>im liti„ 8ai» skm i tit wch i, t» »»>>« Nej W kbm! >az» üik tsilo tl,r lit« r«» M Hut» her, ehe es geboren wird u. s. w. Folgende Tabelle wird völlig hinreichen, den zu leiten, der am 29sten Februar geboren, an seinem Geburtstage gern so schmausen wollte, daß von Seiten des Kalenders nichts dagegen eingewendet werden kann. Wer am 29sten Februar Morgens um 12 Uhr geboren ist, seiert seinen Geburtstag oder eigentlich Geburtsstunde das nächste Jahr den 28. Febr. Morgens um 6, das 2te Jahr den 28. Febr. Mittags um 12, das 3te Jahr den 28. Febr. Abends um 6, das 4te Jahr den 29. Febr. um 12 des Morgens. Am 29. Febr. um 6 des Morgens geboren, das Iste Jahr den 23. Febr. um 12 des Mittags, das 2te Jahr den 28. Febr. um 6 des Abends, das 3te Jahr den 28. Febr. um 12 des Nachts oder am ersten März, das 4te Jahr den 29. Febr. um 6 des Morgens. Am 29. Febr. um 12 Mittags geboren, das Iste Jahr den 28. Febr. um 6 des Abends, das 2te Jahr den 28. Febr. nm 12 des Nachts oder am ersten März, das 3te Jahr den ersten März um 6 Uhr des Morgens, das 4te Jahr den 29sten Febr. um 12 des Mittags. Am 29. Febr. Abends um 6 geboren, das Iste Jahr den 28. Febr. Nachts um 12 oder am ersten März, das 2te Jahr den 1 März um 6 des Morgens, 30 das 3te Jahr den 1. März um 12 Mittags, das 4te Jahr den 29. Febr. um 6 des Abends. Man sieht hieraus, daß man seine Geburtsstunde, wodurch der Geburtstag bestimmt wird, jedes Jahr um 6 Stunden später feiern muß, so lange bis das Schaltjahr die Sache wieder ins Gleichgewicht bringt. Nun noch ein paar Worte für das Jahr 1800, da kein Schaltjahr sein wird. Ein Kind, das z. B. den 29. Febr. 1796 Nachts um 11 Uhr geboren würde, muß, nach dieser Regel, im Jahr 1803 seine Geburtsstunde sogar den 2ten März Abends um 5 Uhr feiern. Warum das Jahr 1800 auch das 1900 kein Schaltjahr sein wird, sondern das 2000 wieder (vorausgesetzt daß sonst Alles beim Allen bleibt), wollen wir im Kalender für das Jahr 1800 erklären"). Man wird aber sehr viel besser thun, es bis dahin selbst zu lernen. Nun das Resultat kurz: Will man seinen Geburtstag oder vielmehr die Stunde nur jedesmal alsdann feiern, wenn Datum und Tageszeit zugleich eintreffen; so kann sie jeder Mensch überhaupt nur alle vier Jahre einmal richtig feiern. Der am 29sten ') Dieser Kalender ist zwar zur gehörigen Zeit erschienen; statt jener Erklärung enthielt er aber: »Blumen und Thränen auf sein (Lichtenbergs) Grab.« Denn schon am 24. Februar 1799 war der »Unvergeßliche« zur Ewigkeit eingegangen. Der neu eingetretene, uns unbekannte Herausgeber, der, wie er selbst erklärte, nur mit Schüchternheit die Fort- setzung des Kalenders übernommen, hatte ihm jene Zeilen der Erinnerung geweiht. 31 Februar Geborne verfährt also sehr richtig, wenn er seinen Geburtstag bald den 28. Febr. bald den ersten März feiert. Der Unwissende glaubt, er irre, da er doch nicht irrt. Der an einem N« andern Tage Geborne, der ihn nach dem Datum feiert, irrt kt inj oft wirklich, allein es merkt es niemand. So kommt es also Zch auch hier, wie bei tausend andern Vorfällen des Lebens auf . dm Lage und Umstände an. Nachdem diese günstig find oder un- inch günstig, kann man bald mit allen seinen Irrthümern für weise lln, und bald mit aller seiner Weisheit für ein gar irriges Schaf gehalten werden. mtn >i im ! ich iz« Lml W »S its >!!- Die vierzehn Schwestern (Götting. Taschenkalcnder 1794. S. 113—115.) Voriges Jahr starb in Laura shire in England Miß Anna Dickinson unverheirathct, in ihrem zwei und sechzigsten Jahre. Sie war die zwölfte von vierzehn Geschwistern, lavier Schwestern, die alle bejahrt und unverheirathet gestorben sind, bis auf die beiden nicht viel jünger», die noch leben, aber ebenfalls nicht verheirathct sind, und, wenn man ihren Versicherungen trauen darf, sich auch nicht verheirathen wollen. Sich nicht verheirathen, hat aber seit jeher so nahe mit Keuschheit, Keuschheit so nahe mit Heiligkeit und Heiligkeit (wenigstens die Heiligen), immer so nahe mit dem Kalcnderwesen in Verbindung gestanden, daß wir diesen vierzehn Heiligen, die eine einzige Familie gleichsam in einem Wurf hervorgebracht hat, und deren Namen den halben Februar roth zu färben hinreichen würde, unmöglich eine Stelle versagen können. Schade ist es, daß das Ocntlemrm'3 lUagsrinv, aus dem wir diese Nachricht nehmen, sonst so gar wenig von dieser licbcnswürdi- 33 d W schij ch ll!k ui e i>i:ö A!^ ll« Ak- i!!^ r?- gen Schwesterschaft sagt. Denn es dringt sich einem, wie man zu reden Pflegt, fast die Frage unwillkürlich auf: was war den» die Ursache dieser Heiligkeit und Keuschheit? Der Schwachen wegen wird angemerkt, daß diese Frage nichts weniger als muthwillig, sondern bloß philosophisch ist. — An Stand und Herkommen hat es diesen Gerechten nicht gefehlt, denn sie heißen und das sagt, heilig oder nicht, so viel als Damen oder Frauenzimmer, und gemeine Mädchen sind weder das Eine, noch das Andere. Häßlichkeit allein kann es auch nicht gewesen sein, so wenig als Armuth allein. Vielleicht eine Mischung aus beiden, die bei etwas Mangel an Temperament sehr stark von der Erde abziehen soll. Mich dünkt aber doch, die Sache liegt tiefer, und vermuthlich in der Form der Keime selbst. Wenn doch nur eine darunter gcheirathet hätte, damit man hätte sehen können, ob wieder lauter Mädchen gekommen wären. Vielleicht hat die Natur dadurch einen solchen verderblichen Fortpflanzungsplan abzubrechen gesucht, daß sie die Vereinigung so vieler weiblichen Keime zugleich mit Abneigung gegen gemischte Gesellschaft verbunden hat, so daß also das Leben der vierzehn Jungfrauen außer Mutterleibe nur bloß eine Fortsetzung ihrer gesellschaftlichen Existenz im Ovario war. — Diese neue Theorie hat mit manchen neuern physikalischen das Artige gemein, daß sich einige Hanpterscheinungen nicht daraus erklären lassen. So fallen mir z. B. so eben die Sohne des Erzvaters Jacob ein, die nichts weniger als Feinde gemischter Gesellschaft gewesen sind, wovon der Sand am Meer zeugt, der hier und da unsere schönsten Fluren übersandet und aller Urbarmachung so sehr entgegen ist. 34 Wie man znm «R,» pr»)8 i»Ir»t gemacht wird. (Götting. Taschenkalender 1794. S. 116—123.) Dieses kag-s plat, wie es insgemein heißt, liegt in Nordamerika an der nordöstlichen Seite des See Superior (4.gli E d - -- z i« ll ?- 41 rtir- Otz i kli«: >« L 'r K K« Nachricht von einer Wallrathfabrik. t, u _ tt L !>irst (Götting. Taschenkalendcr 1794. S. 125—134.) m sie _ chic MsKx Der Wallrath s8porms Lvt>, Llano 4s Laleias) ist beiz M kanntlich eine weiße, fettige, brüchige Masse von talgartigem allst Geruch, die in dem Kopfe des Pottfisches (kk)setvr mscro- coplialus) gefunden wird. Sie liegt zwischen der weichen und harten Haut des Gehirns sowohl, als des Rückenmarks, dieses Fisches in solcher Menge, daß man mit dem von einem einzigen Thiere gesammelten oft mehrere Tonnen anfüllen kann. Er wird in der Heilkunst verschiedentlich, sowohl innerlich in verschiedener Form, als auch äußerlich in Pflastern gebraucht. Vorzüglich aber dient er als Zusatz zum Wachs bei den Lichtern, die dadurch eine sehr schöne Weiße erhalten, nicht so brüchig sind, als die Wachslichter, und dabei nicht allein Heller, sondern auch rathsamer brennen. Freilich ist sehr begreiflich, daß, so lange man diese Materie nur allein aus den Köpfen der Pottsischc nehmen kann, sie nie sehr gemein, und dergleichen 42 Lichter nie sehr wohlfeil werden können. Desto angenehmer wird also unsern Lesern die Nachricht sein, die uns von einem Freunde mitgetheilt worden ist, daß man diese Materie in England nunmehr aus dem Fleische der Thiere durch Kunst zu verfertigen wisse, und daß ein gewisser Doetor, dessen Name nicht genau angegeben werden konnte, bereits ein Patent über diese Erfindung genommen habe, und Wallrathlichter wohlfeiler als Wachslichter liefern werde. Da die Sache ihre Richtigkeit hat, das Verfahren aber wenigstens eine Zeit lang ein Geheimniß bleiben wird, so wollen wir unsern Lesern ein Paar Geschichten mittheilen, die vermuthlich die Veranlassung zu der Entdeckung gewesen sind, und also auch manchen thätigen Landsmann von uns ebenfalls darauf leiten können. Überdicß gibt die erstere einen kleinen Beitrag zur Geschichte unsers Leibes nach dem Tode ab, und hat sonst noch so viel Lehrreiches für den Physiker, daß sie schon allein deßwegen eine Stelle hier verdient. Wir entlehnen die Erzählung auszugsweise aus Hin. v. Erells chemischen Annalen, von 1792, 12ten St. S. 522 u. s. w., wo sie sich aus den ^nnsles ir >d innocens) zu Paris wachen fällten, entdeckten sie eine ganze Reihe neuer Thatsachen, die den Beobachter der thierischen Natur in Erstaunen setzen mußten, weil sie seit so vielen verflossenen Jahrhunderten noch nicht wahrgenommen sind. Man glaubte nämlich, daß binnen sechs Jahren, alle Leichname gänzlich in Verwesung gingen, und man hakte nicht den mindesten Grund zu vermuthen, daß in einer Zeit von vierzig Jahren, dieser gänzlichen Zerstörung irgend Etwas entgangen sein könnte. Noch weniger ahndete man die Art der Veränderung, welche ein Boden, der seit sehr langer Zeit gleichsam mit thierischen Ausdünstungen gesättigt war, auf frische Leichen hervorbringen könne. Man fand die Leichen in dreierlei Form. Von einigen die bloßen Gerippe und Knochen, wie dieses gewöhnlich der Fall ist, wenn Körper einzeln in eine feuchte Erde gescharrt werden, die öfters wieder umgegraben wird. Bei der zweiten Gattung der einzeln Begrabenen fand man die weichen Theile, zwischen der Haut und den Knochen, vertrocknet und hart wie bei Mumien. Die dritte und merkwürdigste, von welcher hier eigentlich die Rede sei» wird, hatte eine Art von Verwandlung erlitten. Sie fand sich in den Gräbern von dreißig Fuß Tiefe und zwanzig ins Gevierte, worin man, so dicht als möglich neben einander, der armen Leute Särge (aus Brettern von ungefähr einen halb Zoll Dicke) setzte und wo in jede Gruft 1500 Leichen kamen. Hierauf bedeckte man die letzte Schicht mit etwa einem Fuß Erde, und grub in einiger Entfernung gleich wieder eine neue Gruft: eine solche Gruft blieb ungefähr drei 44 Jahre offen ehe sie angefüllt wurde'). Gemeiniglich geschah es nicht unter fünfzehn, und nicht über dreißig Jahre, daß an demselben Orte wieder eine neue Gruft gemacht wurde. — In einer dergleichen seit fünfzehn Jahr verschlossenen, fanden die Herren Fourcroy und Thourel ") die Särge noch ganz gut erhalten, nur wo sie über einander stehen (vermuthlich wo sie oben und unten einander berührten, nicht an den Seilen), etwas angegangen: das Holz war fast überall noch gesund, nur gelb gefärbt. Nach aufgehobenen Deckeln von mehreren Särgen fanden sie die Leichen auf dem Rücken liegend, und so platt und zusammengedrückt, als wenn sie einen starken Druck ausgestanden hätten. Das leinene Zeug, was sie umgab, war an den Leichen gleichsam anklebend, und ungeachtet der scheinbar erhaltenen Form der Theile, fand man darunter nur unförmliche Massen von einer weichen, biegsamen, weißgrauen Materie, welche die Knochen von allen Seiten umgab, sie hatte keine Festigkeit und zerbrach bei einer etwas harten Berührung und ') Im Vorbeigehen eine ganz artige Probe von den so oft gerühmten Polizeianstalten in dem damals noch bchos'ten Frankreich (Oallia braecata). Anm. des Verfassers. ") Michael Augnstin Thouret, geb. 1748 zu ?ont-I'Lvögno gest. 1810. Mitglied der k. Gesellschaft der Medicin, der semlüvo conslitugntv, des Tribunals und der constituirendcn Versammlung. Bruder des Jacob Wilh. Thouret, geb. 1746. enthauptet 1794, eines der berühmtesten Mitglieder der.4ssem- 1>Iv6 coustiluimto. hatte selbst die Eindrücke der Leinwand angenommen. Sie gab dem Druck der Finger nach, und erweichte sich, wenn man sie etwas rieb. Die Leichen rochen nicht sehr widrig, und die Tod- tengräbcr kannten diese Materie, die sie ganz treffend Fett nannten, recht wohl, und berührten sie ohne Widerwillen. Sie sagten, bei einzelnen Körpern fänden sie dieses Fett nie, sondern nur in den gemeinschaftlichen Gruben. Nicht bei allen Leichen war der llebergang in dieses fette Wesen gleich weit gediehen, in einigen fand man noch kenntliche Stücke ron Muskeln. Bei denen, wo diese Umwandlung vollkommen war, waren die Massen, welche die Knochen bedeckten, durchaus von derselben Art fettiger Materie. Die Bänder und Flechsen waren nicht mehr vorhanden; die Knochen-Gelenke waren ohne Verbindung, und jene ihrer eigenen Schwere überlassen; die geringste Gewalt trennte sie; deshalb pflegten auch die Todtcngrüber die Leichen, welche die Herren nach Hause geschafft haben wollten, über einander mit Leichtigkeit vom Kopf bis zum Fuße zusammen zu rollen. In solchen Leichen findet sich die Höhle des Unterleibes nicht mehr. Seine Decken und Muskeln sind in Fett verwandelt, und liegen auf dem Nückgrath. Der Bauch ist ganz platt und meistcntheils ohne Spur von Eingeweiden. Man fand weder Lunge noch Herz, statt dessen einige Klumpen von der weißen Materie, so wie zuweilen auch dergleichen in der Gegend der Milz und der Leber. Die Brüste waren in eine sehr weiße und gleichförmige Fettmassc verwandelt, eben diese Masse umgab auch die Köpfe, die Ohren waren verwandelt, ja selbst das Haupthaar, doch fand sich auch immer welches noch unverändert. Merkwürdig ist, daß beim Gehirn die Verwandlung nie fehlte. Die Masse hatte, wie man sich leicht vorstellen kann, nicht bei allen einerlei Lonfistenz, welches wohl von der Zeit abhängt. Bei den älteren hatte sie, zumal in trocknem Erdreich, das Ansehen von Wachs und war halb durchsichtig. Doch dieses mag für uns genug sein, weiteren Unterricht wird man in dem Aufsätze selbst, am angeführten Ort finden, der überhaupt noch herrliche Beiträge zu einer Geschichte des Leibes nach dem Tode enthält, nämlich derer, die der mütterlichen Erde auf die gewöhnliche Weise wieder zugezählt werden. Denn von solchen, die in kostbaren Gefäßen in Kellern, und denen, die an hänfenen Schnüren an der Luft getrocknet werden, ist die Rede nicht. Die zweite Geschichte, die wahrscheinlich die nächste Veranlassung zu der Entdeckung war, nehmen wir aus dem neuesten Bande der pliilosopkieal Drsussvlions^ für das Jahr 1792, k. II. S. 197. Ein genusser Hr. Sneyd übersandte der lon- donschen königl. Societät ein Stück von einem Vogel, wahrscheinlich einer Ente oder jungen Gans, die man in einem Fischteich, da wo ein kleiner Bach in denselben fällt, unken auf dem Schlamme liegend gefunden hatte. Sie war ebenfalls in eine fettige Materie verwandelt, die dem Wallrath sehr glich, nach der Schmelzung eine noch stärkere Konsistenz bekam, und dem Wachse ähnlich wurde. Da Herr S. nie etwas von einer besondern Eigenschaft jenes Wassers gehört hat, so hält er für 47 'Atz lkl nun li it» Ä »ij !N bt M kl> ;>, ti, st K I?« »!»« >1 >Ä l°K «« Allli !zU ,!»c wahrscheinlich, daß die Veränderung des Körpers unten im Morast vorgegangen sei, und der Bach ihn nach der Hand heraus- gespühlt und nach dem Teiche geführt habe. Dieses wären nun diese merkwürdigen Erscheinungen und das Resultat eines chemischen Naturprozesses, Muskeln, Gehirn u. s. w. von Thieren in Fett zu verwandeln, dem es, sollte man denken, nicht gar schwer sein könnte, auf die Spur zu kommen. In einer Note, die dem Aufsatz des Herrn Fourcroy beigefügt ist, wird gesagt, Hr. Thouret habe zwei Jahre hindurch mit unermüde- tcm Eifer seine Aufmerksamkeit auf alle Umstände bei diesem Ausgrabcn gewandt, und werde ein besonderes Werk darüber schreiben. Ob dieses Werk wirklich erschienen sei, ist uns nicht bekannt; genug daß es dem Engländer geglückt ist, durch Kunst diese Operation der Natur nachzumachen. Einige Betrachtungen über vorstehenden Aufsatz, nebst einem Tranm. (Götting. Taschenkalender 1794. S. 134—145.) Welcher Naturforscher hätte ehemals nur muthmaßen können, daß ein Haufen von 1500 vergrabenen menschlichen Körpern sich in dreißig Jahren in Fett verwandeln würde? Gesetzt, es wären dieser Körper, wie etwa der Bäume in einem Wald, eine oder mehrere Millionen gewesen, und die Knochen wären mit der Zeit ebenfalls verschwunden, was würde nicht über ein solches Wa llrath-Flötz geschrieben und gezankt worden sein! Wir sehen also auch aus diesem uns so nahe liegenden Beispiele wieder, daß die unorganische Natur ihre chemischen Prozesse hat, die wir nicht kennen, und wie viele mag es dieser nicht in der Tiefe gegeben haben, wo nicht allein die Ingredienzen in ungeheuren Massen, langsam, und welches wohl ein Hauptumstand ist, entfernt von atmosphärischer Lust, in ganz anderen Mediis behandelt werden? Unsere Chemie hängt ab von der Schicht der Dunstkugel, worin wir leben, 49 !» k« ü> L I «v ilttit !-stillt « B ,-l» „it>l klS ihrem Druck und ihrer Qualität. Ihre Bestandtheile sowohl, als die der Materien, die sie aufnimmt, vorzüglich des Wassers, mischen sich in Alles. Wir können, ohne die uns umgebende Lust zu zersetzen, keine große Hitze hervorbringen, dieses gibt unsern Prozessen von der Seite eine sehr große Einförmigkeit und Beschränktheit. Da aber Hitze ganz independent von reiner Luft, ja von aller Lust ist; so läßt sich leicht ermessen, daß da, wo sie einen sehr hohen Grad, ohne diese Zersetzung der Körper durch Luft, erreicht, die Producte derselben ganz verschieden sein müssen von denen in unserer Schicht, wo sogleich Brand entsteht. Was die Vulkane auswerfen, braucht in der Tiefe nicht zu brennen, und brennt auch da vermuthlich nicht. Man bedenke ferner die Gewalt der Dämpfe, nicht bloß des Wassers, sondern anderer Flüssigkeiten u. s. w. in ;enen tiefern Schichten, was für Veränderungen können diese nicht in den Körpern in ihrer Nachbarschaft hervorbringen! Vermuthlich war es auch bloß ein Dunst, was die Muskeln in Fett verwandelte! Hierbei erinnere man sich an die Steinkohlen- Flötze, an die Stein salz-Flötze, an die Gänge, und frage sich, ob es nicht Verwegenheit ist, über jene Prozesse, aus der unserer Luft- und Dunstschicht allein angemessenen Chemie zu entscheiden. Und doch ist hier noch bei weiten nicht die Rede vonderHyperchemie in organischen Körpern; ich meine von der Erzeugung des Elfenbeins, des Horns, des Talgs, der Butter und der Seide aus Begetabilicn, und des Harzes, des Laugensalzes, der Weine und Säuren durch VI. 4 Vegetabilien aus Luft und Wasser u. s. w. Dieses liegt freilich jenseit unsrer Laboratorien, aber wer will die Gränze angeben, wo sich unsere Chemie in jene verliert? Zu welcher gehört die Gährung? Die Bestandtheile des Turmalins') hat man auf ein Haar angegeben, wenigstens glaubt man es; aber hat man Turmaline gemacht? Ich muß gestehen, wenn ich alles dieses zusammennehme, und noch übcrdieß bedenke, daß nun doch Manches in unsrer Kruste gewiß uns eben so organisch aussieht, als einer Büchermilbe die Schweinsleder- Papier- und Kleister- flötze, in denen sie wühlt, so überfällt mich eine gewisse Schüchternheit bei unsrer sogenannten Theorie der Erde und chemischen Zerlegung der Körper, von der ich mich kaum loszumachen im Stande bin. Alles das ist aber nun seit einiger Zeit sehr viel, durch einen ganz ärgerlichen Traum, verschlimmert worden, den ich hatte, und den ich nun in möglichster Kürze ohne allen morgenländischen Prunk in bloßer Werktagsprose erzählen will: Ein Traum. Mir war, als schwebte ich, weit über der Erde, einem verklärten Alten gegenüber, dessen Ansehen mich mit etwas viel Höherem als bloßem Respect erfüllte. So oft ich meine Augen gegen ihn aufschlug, durchdrang mich ein unwiderstehliches Gefühl von Andacht und Vertrauen, und ich war eben im ') Edler Schörl, auch Aschenzieher genannt, aus Ceilon rc., ein Mineral, das sich durch seine elektrische Eigenschaft besonders auszeichnet. 51 Viitzj »Kl, aikij, Illiik M milk 4 m i, ti ck lt»,k »I! ill in»- llsüi «I« M «>» Begriff, mich vor ihm niederzuwerfen, als er mich mit einer Stimme von unbeschreiblicher Sanftheit anredete. »Du liebst die Untersuchung der Natur," sagte er, „hier sollst du Etwas sehen, das dir nützlich sein kann.« Indem er dieses sagte, überreichte er mir eine bläulich grüne und hier und da ins Graue spielende Kugel, die er zwischen dem Zeigefinger und Daumen hielt. Sie schien mir etwa einen Zoll im Durchmesser zu haben. „Nimm dieses Mineral,« fuhr er fort, „prüfe es, und sage mir, was du gefunden hast. Du findest da hinter dir Alles, was zu solchen Untersuchungen nöthig ist, in höchster Vollkommenheit; ich will mich nun entfernen, bin aber zu rechter Zeit wieder bei dir.« Als ich mich umsah, erblickte ich einen schönen Saal mit Werkzeugen aller Art, der mir im Traum nicht so fremd schien, als nachher beim Erwachen. Es war mir, als wäre ich öfter da gewesen, und ich fand, was ich nöthig hatte, so leicht, als hätte ich Alles selbst vorher hingelegt. Ich besah, befühlte und beroch nunmehr die Kugel, ich schüttelte und behorchte sie, wie einen Adlerstcin ich brachte sie an die Zunge; ich wischte den Staub und eine Art von kaum merklichem Beschlag mit einem reinen Tuche ab, erwärmte sie und rieb sie auf Elektricität am Nockärmel; ich probirte sie gegen den Stahl, das Glas, und den Magneten, und be- ^ „I 's Ein Thoneisenstein, auch Eisenniere, Klapperstein genannt, mit eingeschlossenen und daher klappernden Stückchen und Körnern. 4 stimmte ihr specif. Gewicht, das ich, wo ich mich recht erinnere, zwischen vier und fünf fand. Alle diese Proben fielen so aus, daß ich wohl sah, daß das Mineral nicht sonderlich viel werth war, auch erinnerte ich mich, daß ich in meiner Kindheit von dergleichen Kugeln, oder doch nicht sehr verschiedenen, drei für einen Kreuzer auf der Frankfurter Messe gekauft hatte. Indeß schritt ich doch nun zu der chemischen Prüfung, und bestimmte die Bestandtheile in Hunderttheilen des Ganzen. Auch hier ergab sich nichts Sonderliches. Ich fand etwas Thonerde, ungefähr eben so viel Kalkcrde, aber ungleich mehr Kieselerde, endlich zeigte sich noch Eisen und etwas Kochsalz und ein unbekannter Stoff, wenigstens einer, der zwar manche Eigenschaften der bekannten hatte, dafür aber wieder eigene. Es that mir Leid, daß ich den Namen meines Alten nicht wußte, ich hätte ihn sonst gern dieser Erde beigelegt, um ihm auf meinem Zettelchen ein Compliment zu machen. Übrigens muß ich sehr genau bei meinen Untersuchungen verfahren sein, denn als ich Alles zusammen addirte, was ich gefunden hatte, so machte es genau hundert. So eben hatte ich den letzten Strich in meiner Rechnung gemacht, als der Alte vor mich hintrat. Er nahm das Papier und las es mit einem sanften Lächeln, das kaum zu bemerken war; hierauf wandte er sich mit einem Blick voll himmlischer Güte, mit Ernst gemischt, gegen mich, und fragte, »weißt du wohl, Sterblicher, was das war, was du da geprüft hast?« Der ganze Ton und Anstand, womit er dieses sprach, verkündigte nunmebr 53 - ilx jlkU- Äüj, » llS i s« mzlni !^ ' M! «do Nk P>-- . ib «-» ziir» iah eir: ,W lisch M l!«? Allil deutlich den Überirdischen. »Nein! Unsterblicher,« rief ich, indem ich mich vor ihm niederwarf, »ich weiß es nicht.« Denn auf mein Zettclchcn wollte ich mich nun nicht mehr berufen. Der Geist. So wisse, cS war, nach einem verjüngten Maßstabe, nichts Geringeres als — die ganze Erde. Ich. Die Erde? — Ewiger, großer Gott! und das Weltmeer mit allen seinen Bewohnern, wo sind denn die? Er. Dort hängen sie in deiner Serviette, die hast du weggewischt. Ich. Ach! und das Luftmeer und alle die Herrlichkeit des festen Landes! Er. Das Luftmeer? Das wird dort in der Tasse mit destillirtem Wasser sitzen geblieben sein, und mit deiner Herrlichkeit des festen Landes? Wie kannst du so fragen? Das ist unfühlbarer Staub; da an deinem Nockärmel hängt welcher. Ich. Aber ich fand ja nicht eine Spur von Silber und Gold, das den Erdkreis lenkt! Er. Schlimm genug. Ich sehe, ich muß dir helfen. Wisse: mit deinem Feuerstahl hast du die ganze Schweiz und Savoycn, und den schönsten Theil von Sicilien herunter gehauen, und von Africa einen ganzen Strich von mehr als 1000 Quadrat- meilen, vom mittelländischen Meer bis an den Tafelberg, völlig ruinirt und umgewendet. Und dort auf jener Glasscheibe — o! so eben sind sie herunter geflogen — lagen die Cordilleren, und was dir vorhin beim Glasschneiden ins Auge sprang, war der Chimborasso. 54 Ich verstand und schwieg. Aber neun Zchntheile meines ^ noch übrigen Lebens hätte ich darum gegeben, wenn ich meine M chemisch zerstörte Erde wieder gehabt hätte. Allein um eine » andere bitten, einer solchen Stirne gegenüber, das konnte ich nicht. Je weiser und gütiger der Geber war, desto schwerer w wird es dem Armen von Gefühl ihn zum zweiten Mal um lij eine Gabe anzusprechen, sobald sich der Gedanke in ihm regt, ßi er habe von der ersten vielleicht nicht den besten Gebrauch ge- » macht. Aber eine neue Bitte, dachte ich, vergibt dir wohl ?! dieses verklärte Batergesteht: „O!« rief ich aus, „großes, in unsterbliches Wesen, was du auch bist, ich weiß, du kannst es, die vergrößere mir ein Senfkorn bis zur Dicke der ganzen Erde, Äj und erlaube mir die Berge und Flötze darauf zu untersuchen, » bis zur Entwickelung des Keims, bloß der Revolutionen wegen.« t» „Was würde dir das helfen?« war die Antwort. „An deinem !iü Planeten hast du ja schon ein Körnchen für dich zur Dicke der r« Erde vergrößert. Da prüfe. Vor deiner Umwandlung vil kommst du nicht auf die andere Seite des Vorhangs, die du suchst, weder auf diesem, noch einem andern Körnchen der Schöpfung. Hier nimm diesen Beutel, prüfe was darin ist, tsf und sage mir, was du gefunden hast.« Beim Weggehen setzte H er fast scherzend hinzu: „verstehe mich recht, chemisch prüfe es, mein Sohn; ich bleibe dieses Mal länger aus.« — Wie froh war ich, als ich wieder was zu untersuchen hatte, denn nun, dachte ich, will ich mich besser in Acht nehmen. Gib Acht, sprach ich zu mir selbst, es wird glänzen, und wenn es 55 glänzt, so ist es gewiß die Sonne, oder sonst ein Fixstern. Als ich den Beutel aufzog, fand ich, ganz wider meine Erwartung, ein Buch in einem nicht glänzenden einfachen Bande. Die Sprache und Schrift desselben waren keine der bekannten, und obgleich die Züge mancher Zeilen flüchtig angesehen, ziemlich so ließen, so waren sie es, näher betrachtet, doch eben so wenig als die vcrwickeltstcn. Alles was ich lesen konnte, waren die Worte auf dem Titelblatt: Dieses prüfe, mein Sohn, aber chemisch, und sage mir, was du gefunden hast. Ich kann nicht läugnen, ich fand mich etwas betroffen in meinem weitläuftigen Laboratorio. Wie? sprach ich zu mir selbst, ich soll den Inhalt eines Buchs chemisch untersuchen? Der Inhalt eines Buchs ist ja sein Sinn, und chemische Analyse wäre hier Analyse von Lumpen und Druckerschwärze. Als ich einen Augenblick nachdachte, wurde es auf einmal helle in meinem Kopf, und mit dem Licht stieg unüberwindliche Schamröthe auf. O! rief ich lauter und lauter, ich verstehe, ich verstehe! Unsterbliches Wesen, o vergib, vergib mir; ich fasse deinen gütigen Verweis! Dank dem Ewigen, daß ich ihn fassen kann! — Ich war unbeschreiblich bewegt, und darüber erwachte ich. Auch ein paar Worte von Polen (Götting. Taschenkalender 1795. S. 109 — 114.) Wer in diesem kleinen Aufsätze die Wörter: Eonstitu- tion, Revolution, Rebellion, Kosciusko'), Largo-- Witz"), Jakobiner und französisches Geld stickt, wird gewiß vergeblich suchen. Vielleicht findet er aber liier und da einen kleinen Zug, der sich bei der Lectüre von Blättern gebrauchen läßt, in denen jene Wörter vorkommen. Es ist ein bloßes Sittengemälde, das zwar nur wenig umfaßt, aber dennoch auf das Ganze schließen läßt, klein, aber von großer Wahrheit. Man ist zwar in Deutschland nicht bloß unter Ge- ') Thaddäus Kosciuszko, geb. 1756, gest. 1817 zu Svlothurn, in Folge eines Sturzes mit dem Pferde. Sein Leichnam 1818 in Krakau beigesetzt. ") Polnische Stadt; bekannt durch den Abschluß der polnischen Conföderation vom Jahre 170l, welche den Untergang des Königreichs mit beförderte. lehrten, sondern selbst in den minder unterrichteten Classen von Menschen, von dem Vorurtheil zurückgekommen, als gäbe es in Polen Nichts, als adliche Despoten, Kantschuhe, schmutzige Juden und Weichsclzöpfe. Allein wie es, trotz der Bemühungen so vieler vortrefflichen Männer, noch hier und da unter diesem braven Volke aussieht, werden die Leser aus diesem kleinen Beispiele beurtheilen können. Warum es aber so aussieht, ist eine Frage, die schwerlich Jemand, der kein Er-Jesuit ist, mit Präcision wird beantworten können. Ob es je anders werden wird, ist n«ch schwerer zu entscheiden. Vielleicht denkt man an diesen Schlamm, wenn man einmal mit dem Pon- tini scheu fertig sein wird. Ich sah, sagt der Bischof Kosakovski') (1792 Coadjutor von Lithauen), da, wo ich mich aufhielt, und selbst auf dem Wege, erschreckliche Figuren einherschleichcn, welche die Pferde scheu machten und mit Lumpen behängen waren, männlichen und weiblichen Geschlechts. Die noch unmündigen Kinder lernten die Lebensart ihrer Ältern — und gleichwohl war die Erde fruchtbar und fett, welches mich augenscheinlich überzeugte, daß es nur an Lehrern fehle, welche den Fleiß beleben, Sittlichkeit pflanzen, und ihrem Nächsten aus dem Stande der Ohnmacht helfen möchten. Den Pfarrer traf ich auf dem Kirchhofe lärmend und scheltend an. Er war ein untersetzter, starker, ') S. die bekannten Nachrichten von Polen im Isten Theil. Anm. des Verfassers. 58 schwarzer fvon Gesicht nämlichf und runzeliger Mann, dem die Augenbraunen über die Augen hingen. In der Hand hielt er einen Stock und sah mich kaum mit halben Augen an. Ich wollte dieser donnernden Miene nicht entgegengehe», sondern ging in die Kirche. fNun höre man, was für ein christliches Gotteshaus dieses warf. Neben der Thüre erblickte ich mehrere Halseisen, eiserne Schellen für Hände und Füße, und Ringe für den Leib angeschlagen, und an der Thüre selbst hingen zwei aus dicken Seilen zusammen gedrehte Peitschen. Wein Gott! war denn niemand da, die Worte darüber zu schreiben: Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht!f Beim Eingänge in die Kirche lagen auf der einen Seite allerhand unbekannte Gerüche, Hörner auf den Kopf zu setzen und ein großer SIrohkranz fvcrmuthlich Schimpfschmuck für arme Wild- und Fclddiebe, denn daß sie bei Copulationen gebraucht worden wären, ist nicht wahrscheinlichf, in kleine Tücher gehüllte Götzen und dergleichen. Auf der ander» Seile war eine große, mit einem starken Vvrhänge- schlosse verwahrte, Sparbüchse fvcrmuthlich der Hausgötzc des schwarzen Mannesf, und dabei das Weihwasser. Einige vierschrötige, mit gehörigen (Aufklärungs-)Prügeln versehene Kerls, hatten beim Eingang in die Kirche die Wache. fWas war das? Nöthige sie herein zu gehen? oder nöthige sie wegzulaufen?f. Der Gottesdienst fsv wie etwa der Kirchhof eine Sanitätsanstalt istf sing sich mit einem durchdringenden Geschrei auf dem Kirchhofe an falso mit Heulen und Zähn- klappen); ich ging geschwind hervor und sah den Herrn Pfarrer mit Chorhemd und Stole bekleidet, das Kreuz in der Hand haltend, über einem auf die Erde gestreckten Unglücklichen stehen, welchen unter geistlichen Ermahnungen zwei Kerls mit zwei dicken (leiblichen) Stricken blaueten. sWenn solche Ermahnungen die von der Natur eigentlich zu ihrem Empfang bestimmte Stelle treffen, so wird wenigstens dem unanständigen Niedersitzen während des Gottesdienstes dadurch vorgebeugt). Acht oder zehn wurden so nach der Reihe hingelegt. Aus dem geistlichen Unterricht selbst erfuhr ich die Ursachen, daß dieses die Strafe dafür wäre, daß 1) diese Leute zu ihren Hochzeiten, Kindtaufen und Begräbnissen das Getränk bei Juden, als Feinden Christi, mit Vorbeigehung der Schenke (des Freundes Christi) des Herrn Pfarrers genommen hatten, wo es theurer und schlechter, und oben drein mit kleinerem Maaß geschenkt wurde, aber sonst ohne allen (kirchlichen) Makel war. 2) Daß sie sich bei Ketzern, Juden und Ungläubigen vermuthet hatten; und 3) daß sie dem') Ruf des Herrn Pfarrers zur Bebauung der (heiligen) Erde seiner Äcker (vermuthlich für bloße auf den Himmel gestellte Assignate), nicht wollten gebrauchen lassen. Deutscher Landsmann, der du dieses liesest, hebe deine Hände auf zum Himmel und danke ihm, daß er dich in ein 60 Land gesetzt hat, wo es freilich auch Hals eisen gibt, aber bloß zu deiner Sicherheit, und Schellen, in die dich Niemand schmieden kann, als du selbst durch deine Thaten; segne das Land, wo kein Sterblicher die Macht hat, dich auf den Kirchhof hinzustrecken, als wiederum nur du durch deine Ausschweifungen, oder der Todtengraber, oder höchstens der Arzt; wo dir geistliche Ermahnung und Lehre aller Art überall frei und offen steht, und wo du dich zur leiblichen immer mit Muthwillen selbst drängen mußt, und endlich das Land, wo, wenn auch Kopfzierden aufgesetzt werden, wie die, die da in der Kirche lagen, sie doch nie den armen Wilddieb krönen, sondern nur den armseligen Jäger selbst, der nicht Mann genug war, oder nicht Kopf genug hatte, das Bißchen Wildprel zu hüten, das in seinem häuslichen Park, zwischen Tisch und Bett, friedlich einherging. 61 ^ «i, l-idr kK»! ! ilU " Das Luftbad. >tni! _ MMI iE (Gotting. Taschenkalender 1795. S. 115 — 128.) lit >1 - In unserm Taschenbuchs von 1792 ') haben wir einige Nachricht vom Seebad gegeben, und nachher mit Vergnügen bemerkt, daß unsere Vorschlage nicht ganz fruchtlos gewesen H find. Der Himmel gebe, daß es die Bäder selbst eben so wenig sein mögen, woran wohl nicht zu zweifeln ist. Würden auch in einem Jahr nur zehn Krankheiten damit abgewaschen, so wäre der Nutzen schon sehr groß, zumal in dieser traurigen Zeit, wo die Arzneien täglich theurer und die Krankheiten immer wohlfeiler werden. Diesen Artikel wollen wir dem Luftbad widmen, das vermuthlich die wenigsten unsrer Leser noch in dem Lichte werden betrachtet haben, in welchem es hier erscheinen wird. Ehemals badete man sich bloß im Wasser, und sehr viele Völker, namentlich die gesundesten, kennen bis diese Stunde ') Sollte heißen 1793, S. oben S. 11. noch keine andere Bäder als See- und Flußbäder. Hütten sie auch schon einige darüber, so haben sie doch die Wörter nicht dazu, und das ist gerade so viel, als hätten sie gar Nichts. In der Christenheit badet man sich jetzt in allen vier Elementen, und da, wo man deren sünfe zählt, obendrein auch im fünften. Erstens im Wasser; zweitens im Feuer, so weit man es vertragen kann, dahin gehören die russischen Schweißtreibhäuser, und die den Alten schon bekannte Jnso- lation') und Aprication"), das Sonnen, wenn man diese nicht etwa lieber ein Lichtbad nennen will; drittens in der Lust, wovon wir sogleich reden werden; viertens in der Erde. Dieses Bad sowohl als das Wort dazu, ist eine Erfindung des berühmten Dr. Graham"'), des Erfinders des himmlischen Bettes. So kostbar sein himmlisches Bett war, so wohlfeil ist sein Erd bad. Mau läßt ein Loch in die Erde graben, so tief, daß man darin bis an den Hals stehen kaun, und stellt sich nackend hinein, läßt alsdann wieder Erde hinzuwerfen, und etwas fest anstampfen bis an den Hals. Es darf nichts frei bleiben, als der Kopf, selbst die Arme nicht, daher man sich in ameisenreichen Gegenden die Ameisen wedeln lassen muß. Auch die Hunde müssen entfernt werden, weil diese manche Köpfe leicht für Ackersteine halten möchten. Es soll dieses Bad ") Bestrahlung, durch die Sonne. ") Aufenthalt im Sonnenschein. ") S. Th. 5. Seite 355. 356. »ich dick, !>»r », i fisch» !»l°- I» ä!«I »ia ikßi' i ts l« ,U !» !sr >» lS »ijk L-r 63 ein Mittel wider sehr viele Übel sein, fast so wie das Grab selbst, das am Ende alle heilt, und Graham's beide Erfindungen, Erdbad und himmlisches Bett, in sich vereint. Der gelehrte Erfinder hat auch eine Theorie davon gegeben; sie ist aber etwas verwickelt, und erwartet noch ihre Bestätigung erst von der Erfahrung. Der Dr. selbst hat es einigemal ohne Schaden gebraucht; Andere wollen es nicht rühmen. Es gehört also in der Alatoria moäica in die reiche Classe von Arzneimitteln, die zuweilen nicht schaden. Fünftens endlich das Bad im fünften Element, ich meine das elektrische. Hierzu könnte man noch ein sechstes rechnen, Mcsmers magnetisches Bad, und endlich bloß der Zahl Sieben zu Liebe, das Quecksilber- oder Mcrcurialbad. Dieses paßt freilich nicht so ganz hierher. Wer indessen Philosophie studirt hak, wird mir diese Einschaltung leicht vergeben, und bloß der Un- studirten wegen merke ich an, daß man es mit dem Verpacken von Begriffen hält, wie mit dem Verpacken von Waaren. Wenn Alles in der Kiste ist, was eigentlich hineingehört, und es schlottert noch, so steckt man etwas Anderes dazwischen. Daß den nackenden Körper ganz, einer angenehm kühlen oder auch selbst einer kalten Luft auf kurze Zeit auszusetzen, eben die Wirkung ungefähr thut, wie das kalte Bad, wenigstens die angenehme Wärme beim Ankleiden hervorbringt, wie ein mäßig gebrauchtes kaltes Bad, werden vermuthlich mehrere unserer Leser aus der Erfahrung wissen. Ja, bei der guten Wirkung des kalten Bades selbst ist es ungewiß, wie viel davon der Bc- ÄI!> » 6 t rührung der Lust zugeschrieben werden muß, die nun, nachdem der Leib von allen unmcrklichcn Unreinigkeitcn, die die Ausdünstung zurückläßt, gereinigt ist, desto näher an den Körper antreten, und die beste Wirkung in kurzer Zeit hervorbringen kann. Vermuthlich ist auch die Sache von Ärzten schon weiter untersucht worden, als mir bekannt ist. Ich führe hier nur an, daß Frank- lin, dessen flüchtigste Äußerungen immer mit Respect gehört zu werden verdienen, ein großer Freund von dem Luftbad gewesen ist. Besonders verdient aber hier erwähnt zu werden das, freilich sonderbare, Cabinetstückchcn von einem Menschen, ich meine Burnet Lord Mvuboddo"), ein bekanntlich schwer gelehrter Mann. Der berühmte Schauspieler Foote nannte ihn eine clzevirsche") Ausgabe von I)r. Johnson, vermuthlich weil sein Anblick weder an Koloß noch Bär, erinnert, wovon das Kaliber des erstem und die Sitten des letzter» leicht jedem ins Gedächtniß kommen mußten, der das Glück hatte, den Doctor zu sehen, oder das Unglück, ihm zu widersprechen. Man weiß lei- ') Monboddo, Jacob Burnet Lord. Geb. 1714 zu Mon- boddo in Schottland; gest. 1799. Richter zu Edinburgh. Schrieb: Ou ll>6 origi'n aml progress oll.siiguggo. 1773—1792. 6 Voll. 8. tXnoiviit motaplr^sio, on tlre Lcleuco ol lliv uuiversals. 1779—1799. 6 Voll. 4. ") Elzevir oder Elzevier, bekanntlich eine berühmte Buchdruckerfamilie, die im löten und 17ien Jahrhundert in Holland (Leiden) blühte, und sich durch Feinheit und Zierlichkeit ihrer Typen auszeichnete. 65 der freilich, daß Lord Monboddo glaubt, die Menschen wären ehemals riesenmäßig und dabei geschwänzt gewesen; daß er sogar deßwegen den Weltumseglern Untersuchungspläne vorgelegt hat, die Sache aufs Reine zu bringen; daß er glaubt, er spreche das Griechische völlig so aus, wie man es ehemals zu Athen ausgesprochen habe; daß er sich mit Öl salbt, wie die Alten rc. Alles dieses kümmert uns hier wenig, genug, er nimmt sehr oft ein Luftbad, das ist, er macht sich ganz nackend, in freier Luft, eine starke Bewegung, und glaubt, daß er es diesem Verfahre» zu danken habe, daß er sich in seinem siebenzigsten Jahre noch so jung fühlt, als in seinem dreißigsten. Auch hat man mir erzählt, daß er die Fräulein Burnet, seine Töchter, zuweilen nöthigen soll, dieses Bad zu gebrauchen, welches wegen der großen Durchsichtigkeit der Luft und (da man bei Tage baden muß), der großen Scharfsichtigkeit der im Stande der Schuld Lebenden wegen, immer eine bedenkliche Cur ist. Dieses Alles war längst bekannt, und man achtete nicht viel darauf. Nun aber fängt doch die Sache an ernstlicher zu werden, wenigstens ist sie nun dahin gebracht, daß man davon reden kann, ohne zu fürchten, durch gesuchte unnütze Grübelei die Würde der Naturlehre, oder durch muthwillig scheinende Vorschläge die Majestät der Stti- samkeit und Unschuld zu beleidigen. Ein englischer Arzt, Abernethy*), hat durch viele Ge- ") 8urgicsl snä pliz-siologicsl Lsssz-s br >7«/-» ?. II. I.onäon 1793. Die Abhandlung selbst ist überschrieben: VI. 8 66 duld erfordernde Versuche gefunden, daß das, was in der Luft, die die menschliche Haut berührt, theils durch Übergang aus dem Körper in dieselbe, theils durch Eintritt aus ihr in den Körper vorgeht, große Ähnlichkeit mit dem bekannten Ein- und Ausathmungsprozeß durch die Lungen habe. Reine, dephlogi- stisirte Luft wird ungefähr eben so dadurch verändert, als durch das Ein - und Ausalhmen. Da nun der Lungenprozcß bisher mit großer Wahrscheinlichkeit für den Haupt quell der Wärme warmblütiger Thiere gehalten wurde: so folgt daraus, daß, wenn diese Versuche richtig sind, der Mensch gleichsam über den ganzen Körper einathme, ohne es zu wissen, und also ohne sein Zuthun einen Zufluß von Wärme erhalte, der ihm bisher so unbekannt geblieben ist, als es für unzählige Menschen, noch bis jetzt, die Ausleerungen sind, die an der Oberfläche vorgehen. Erhält aber der Mensch Wärme durch Ein athmen (so wollen wir es nennen) über die ganze Haut: so muß die Kleidung nothwendig ein großes Hinderniß für diesen Prozeß werden. Zwischen Fell und Hemd u. s. w. muß sehr bald eine Luft entstehen, die für den Prozeß nicht mehr taugt, und die Erstickung muß ihren Anfang nehmen, wenigstens zwischen Fell und Hemd. Gesicht und Hände athmen indessen On liio nalnro e>k tbe matter perszdred and absorbod srom tbs sbin. Anm. des Verfassers. John Abcrnethy, geb. zu Abcrnethy in Schottland, um 1763, gest. zu London 183l. Hunter's Schüler. noch fort. Wer weiß, ob nicht bei dem schönern und Würmern Geschlecht, die die Grenzen der Nacktheit an Armen und Busen zuweilen etwas erweitert haben, ein dunkles Vorgefühl dieser neuen Wahrheit zum Grunde lag. Ja wer weiß, ob nicht, was, wo ich nicht irre, unser vortrefflicher von Cronegk ge- weissagt hat, eben aus diesem dunkeln Vorgefühl von Ab erriet hy's Theorie, der tiefe Ausschnitt am Busen, und der hohe Abschnitt am Unterrock sich endlich einander auf halbem Wege begegnen und zum bloßen Feigenblatt unserer ersten Eltern zusammenschmelzen werden. So führt auch diese Theorie, so wie die neueste Politik auf eine baldige Wiederkehr vom paradiesischen Stand der Unschuld und Gleichheit. — Ein sehr netter Schluß, der unmittelbar aus Hrn. Ab erriet hy's Erfahrungen folgt, ist, daß, wenn es einen in Kleidern friert, es einen deßwegen noch nicht gerade auch nackend frieren müsse. Denn es könnte uns ja bloß deßwegen in Kleidern frieren, weil der Wärmeerzeugungsprozeß nun über eine so große Fläche der Haut gehemmt ist, daß freilich die Nase und die Fingerspitzen den Verlust bald empfinden müssen. Wir berufen uns hierbei auf die Erfahrung. Man versuche es einmal und kleide sich nackend in einem Zimmer aus, das bis zu dem Grade kalt ist, daß man sich die Hände reiben und ein kleines Feuer wünschen möchte: so wird man deutlich bemerken, daß die unangenehme Empfindung von Kälte gar nicht zunimmt, wenigstens gar nicht in dem Verhältniß, in der man es nach einer solchen Entblößung erwarten sollte. Ja ich möchte fast sagen, man fände sich wär- mer, wenigstens behaglicher. Es mag nun hier Wärme nach Abernethy's Vorstellung erzeugt werden, oder die kalte Luft mag wirken wie kalte Bäder überhaupt, und in der Haut sowohl als den Gefäßen die Spannung hervorbringen, die den Umlauf des Bluts begünstigt, und auf diese Weise erwärmen. Ja es kann Beides zugleich stattfinden, oder auch beides einerlei sein, nur anders gedacht. Genug, daß es im Ganzen wahr ist. Es scheint, also nichts weniger als verwerflich zu sein, sich tagtäglich oder wenigstens zuweilen auf eine kurze Zeit nackend der Lust auszusetzen. Doch ist es unser ernstlicher Rath, ja dabei einen Arzt zu befragen, oder wenigstens, nach Maßgabe der Beschaffenheit des Körpers, behutsam zu Werk zu gehen, damit nicht in unserm Comtoir Klagen über Schnupfen, Zahnweh und Erkältungen einlaufen. Denn unser kleines Taschenbuch möchte lieber Alles in der Welt sein, nur kein: «/e,ker eigner D«c<07-, das wohl im Grunde nichts Anderes sagt, als: Jeder Mensch sein eigner Giftmischer. In wie fern durch Hrn. Or. Faust's') Vorscbläge zu Kindertrachten, die Sache eingeleitet werden könnte, oder wie weit sich seine Vorschläge mit dieser Theorie vertragen, oder ob nicht von dieser Seite her selbst seine Vorschläge eine anständigere Einleitung ") Bernh. Chph. Faust, geb. 1755 zu Rotenburg in Ehurhessen, gest. 18l2, Hofrath und Leibarzt in Bückeburg. Berühmt namentlich auch durch seinen Gcsundheilskaie- chismus, 1794. 69 itt, »st >l!k lt li l« dw «i:i l-i. >.L ii'K i.ü ik ti'i Nj hätten erhalten können, überlasse ich dem sehr würdigen und gewiß wohlmeinenden Manne selbst zur Entscheidung. Er hat sicherlich sehr viel Wahres gesagt, das aber wenig Eindruck gemacht hat, weil der Hauptgesichtspunkt, wie mich dünkt, etwas unanständig gewählt ist. Es wäre genug gewesen, nur einmal in einer einzigen Zeile auf so etwas hinzuweisen; man hätte ihn doch verstanden. Hat es nicht überhaupt eine besondere Beschaffenheit mit unsrer jetzigen Schriftsteller«, daß man über heimliche Sünden überall öffentlich schreiben kann, aber über öffentliche immer heimlich schreiben muß, wenn man nicht eingesteckt sein will? So viel von dem Luftbad, das freilich den Nachtheil mit sich führt, daß man, um es zu gebrauchen, fast weiter Nichts nöthig hat, als im Freien das Hemd einmal über die Ohren zu ziehen. Alle die herrlichen Reisen nach fremden Gegenden fallen weg, und mit diesen auch die zu manchen Zwecken so zuträglichen Trennungen der im Himmel zusammengeschlossenen, ich meine die sogenannte Strohwittwcnschaften. Die Ärzte müßten denn etwa zeigen, daß zu einem ächten Luftbad eine reinere und daher höhere Luftschicht nothwendig gewählt werden müßte, und sonach, den Harz oder die Bergstraße oder die Schweiz in Vorschlag bringen, wo dann freilich die Unternehmer Sorge tragen müßten, der Durchsichtigkeit und Scharfsichtigkeit zu begegnen, von der wir oben geredet haben. z«I I'i» ! Über Gewitterfurcht und Blitzableitung. (Auf Verlangen.) (Götting. Taschenkalender 1795. S. 127—144.) Jetzt, da ich dieses schreibe (im Ansang des August 1794), zeigen sich bei uns, so wie an mehreren Orten, Spuren der Ruhr. Es sollen, wie man sagt, schon sechs Menschen daran gestorben sein; das wären also schon gerade noch einmal so viel in wenigen Tagen, als der Blitz Menschen in unserer Stadt in mehr als einem halben Jahrhundert') getödtet hat; und wie ') Die ältesten Menschen erinnern sich bloß dieser drei Fälle, die sich alle in den letzten sechs und zwanzig Jahren ereignet haben. Die hiesige Chronik, die sonst sorgfältig von Einschlagen spricht, erwähnt nur eines einzigen Falles, den man nicht einmal hierher rechnen kann, denn der Blitz traf nicht den Verunglückten selbst, sondern er wurde von Steinen getödtet, die der durch denselben entzündete Pulvervorrath umherwarf. Also hätte statt des halben Jahrhunderts ein weit größerer Zeitraum im Text gesetzt werden können. Anm. des Verfassers. viele Menschen mag die Ruhr wohl in diesem halben Jahrhundert getödtet haben? Und doch ist man dabei sehr ruhig. Ich 'ehe sogar, daß man nicht einmal für die wohlfeilsten Ruhr- ableiter sorgt. Man geht noch immer in den dünnsten West- lhen einher, obgleich der Wind schon über die Stoppeln weht; >a ich habe bemerkt, daß man noch vor wenigen Tagen hier und da bei offenen Fenstern schlief, die man bei Gewittern sehr sorgfältig verschloß; und doch hat man kein Beispiel, daß der Blitz je zu einem offenen Fenster hineingefahren wäre, da hingegen die Ruhr gar leicht in die Schlafkammern schlägt, wenn sie ein offenes Fenster findet, zumal, wenn ste unversehens, nach einem heißen Tage, mit einem kühlen Regen und einem feuchten Lüftchen ankommt. — Ist das nicht sonderbar? Wie würden sich wohl die Menschen in diesen Tagen verhalten, wenn die Ruhr, wie ein dickes, schwarzes Gewölk, oder gar wie ein dunkelgrünes, dergleichen Donnerwetter einmal Jemand gesehen haben wollte, am Horizont herauf, niedrig und langsam angezogen käme, die Spitzen der Bäume berührte, den Tag in Dämmerung verwandelte, und nun das bestimmte Schlachtopfer jedesmal mit einem Donnerschlag befiele, der die Häuser beben machte? Blitzen sollte es nicht dabei, doch um den Schlag anzukündigen, müßte etwa die Dämmerung einige Secunden vor demselben noch um einige Tintenstufen schwärzer werden. Ich glaube, des Singens und Betens würde kein Ende sein. Ja ich fürchte, selbst mancher Weise ssspiens) möchte sich von einem solchen Himmel etwas mehr als bloß decken lassen. Daß dabei die tödtlichen Schläge sich noch besonders auszeichnen müßten, versteht sich. Wie da? Und doch schwebt jetzt ein solches Wetter über unsern Häuptern, nur ohne Donnerschläge und schwarz- grüne Wolken, die überhaupt gerade die Nebensache bei dem Handel wären, und wir setzen unsere Geschäfte ruhig fort. Nur bedenke man noch die Fieber-, Pocken- und Schlagflußwetter die immer umherziehen und einschlagen.-Doch wir überlassen diese Betrachtungen dem Leser, aus Furcht durch weiteres Ausmalen die Gattungen der Donnerwetter für manche Menschen zu vermehren, für die schon eine einzige zu viel ist. Nun zur Anwendung: Also in Göttin gen sind in einem halben Jahrhundert und darüber nur drei Menschen vom Blitze getödtet worden, und dieses, welches ein Hauptumstand ist, nicht einmal in drei verschiedenen Schlägen, sondern in zweien'). Ferner, so weit die Erinnerung alter Menschen und die hiesige Chronik reicht, hat der Blitz hier niemals gezündet, ausgenommen im Jahr 1555, zwischen Weihnachten und Neujahr, unsern damals viel hohem Jacobithurm, und dann einmal in einem Pulverthurm. Doch wurde nicht der Thurm gezündet, sondern das Pulver; also Wohnhäuser, so weit unsere Erfahrung reicht, eigentlich nie, und dennoch fürchtet man sich, wie ich höre, noch hier ') Zwei Personen tödtete der Strahl am 16. Jul. 1768 auf einmal, und einen Dritten am 24. Jun. dieses Jahrs (1794). Anm. des Verfassers. und du bei einem Donnerwetter wie bei einer Belagerung. Ich bitte Euch, theuerste Phantasiekranken, wenn es donnert, einmal einen Augenblick nur an das Wort Belagerung zu denken und Euch allenfalls an unsere braven Landsleute, zum Beispiel in Menin'), zu erinnern, wo es überall donnerte und blitzte, überall einschlug, überall zündete und überall todtere, und das in einer Viertelstunde mehr, als der Blitz bei uns in 500 Jahren. Und dennoch fürchtet Ihr Euch, die Ihr bei der herrschenden Nuhr gelassen bleibt? Also so viel vermag eine finstere Wolke und ein Bißchen Donner über Euch! O! ich fühle, daß es fast kindisch ist, selbst bei dem schwer listen Donnerwetter, an die leichteste Belagerung zu erinnern, aber ich weiß auch, daß manche Menschen, die sich vor dem Tode fürchten, es gar wohl vertragen können, daß man sie mit Nettungsmitteln erstickt. Jemand, der sich aus Furcht nicht entschließen konnte, sich einen Zahn ausziehen zu lassen, ging mit hohem Muthe an das Werk, nachdem man ihn an die Gelassenheit erinnert hatte, womit Sokrates seiner großen Seele den Körper auszog. Wenns nur hilft. Jedermann ist Herr in seiner Geistesökonomie, und wir wollen uns nicht darum be- ') Menin, kleine durch Vauban angelegte Festung in Belgien, an der Cyl. Berühmt durch den Ausfall, welchen die Hannoveraner am 30. April 1794, unter der oberen Anführung des Generals von Hammer stein, machten, und wobei der damalige hannov. Artilleriehauptmann Scharnhorst sich namentlich auszeichnete. kümmern, warum es gut geht, wenns nur gut geht. Ist doch wohl manche große Heldenthat, in der nachher der Ee- schichtschreiber auf der Stube große Plane witterte, gethan worden, auf daß eineOpernsängcrin den Namen des Helden in den Zeitungen lesen möge. So wird die Welt regiert, also warum nicht ein Herz, das an der Donnerfurcht (Brontophobie) erkranket? Man schaffe Alles herbei, und denke sogar an seine braven Landsleute in Menin. Ich weiß, daß dieser Trost so wirksam gewesen ist, daß, während der Donner rollte, und der Regen wie Hagel an die Fenster schlug, der Patient dabei selbst über seine eigene Furchtsamkeit zu lächeln anfing, des Contrasts wegen. Er fühlte sich lächerlich und bei diesem Gefühl sehr wohl. Wirklich ist es auch die einzige Lage in der Welt, worin sich allenfalls ein Mann von Ehre mit Wohlbehagen lächerlich finden läßt, wenn er dem eingebildeten Todesstreich, den er ängstlich schon über sich schweben steht, dadurch entgehen kann, daß er sich dem wohlgemeinten Spotte eines gutmüthigen Freundes auf ein paar Minuten aussetzt. Besser aber, man spottet über sich selbst. Ich rathe also noch einmal, beim Donnerwetter an Belagerung zu denken, das Lächeln über sich selbst wird schwerlich ausbleiben. So viel gegen unsere armen Pbantasiekranken. Nun aber auch ein Wort für sie. Zum Theil liegt freilich der Grund von jener übermäßigen Furcht da, wo noch so mancher andere von unserm Elend liegt, in der Erziehung. Horch! der liebe Gott zürnt, sagt 75 man Kindern, wenn es donnert, aber nicht Siehe! Er zürnt, wenn man ihre kleinen Mitbrüder bei einer Pockenepidemie zu halben Dutzenden an einem Tage zu Grabe trägt. Diese traurige Vorstellung wird dann ferner noch durch eine andere sehr alltägliche begünstigt, daß der liebe Gott seinen Wohnsitz unmittelbar über den Wolken habe, so wie diese wiederum Unterstützung durch Myth o lo g i e erhält, die man immer noch (freilich mit Recht) neben dem Christenthum hertreibt. Hierzu kommt dann unwandelbare, menschliche Natur; die unwiderstehliche Macht des Klanges über unser ganzes Wesen. Selbst die gefühllosesten Menschen werden durch den Donner der Pauken bei einem: Herr Gott dich loben wir, an einem Dankfest, dem übrigens ihr Herz beipflichtet, zu Thränen hingerissen; und Händel's majestätisches: Gib ihnen Hagelsteinc für Brod (6r'r>e r/ten> Lar'kLtoneL /oi» lo-ea^), wirkt mit der Macht des Donners auf die Versammlungen. Auch der Wilde fürchtet den Knall der Kanone schon, ehe er noch die Wirkung ihrer Kugeln kennt. Ich möchte wohl wissen, ob man Beispiele von Taubgebornen hat, die sich vor dem Gewitter gefürchtet haben. Wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, so glaube ich, ich würde mich ehemals wenig oder gar nicht vor einem Gewitter gefürchtet habe», das nicht gedonnert hätte. Jetzt kann es dem Guthörenden wenig helfen, wenn er die Ohren zuhält, aber daß es doch, etwas wenigstens, helfen soll, haben mich große Kenner aus eigener Erfahrung versichert. Gegen diese durch schlechte Erziehung erst eingepflanzte und dann durch menschliche Narur von einer Seite begünstigte Furcht, weiß ich in der Welt keinen Noth, als man lehre den Patienten Wahrheit in ihrer reinsten Form, die schadet niemals. Man erkläre ihm, was das Gewitter ist, ohne leichtsinnige Herabsetzung noch ängstliche Übertreibung der Gefahr. Man vergleiche die Gefahr dabei mir der von Krankheiten, wie wir oben gesehen haben, und zeige mit aller der Stärke, die man dem Satze, ohne tiefe Einsicht und ganz ohne Rednerkünste so leicht ertheilen kann, daß die Gewitter die leichtesten Epidemien sind, die einen Landstrich befallen können. Eigentlich gar keine. Der Schlagstuß, vor dem kein Mensch einen Augenblick sicher ist, tödtet in jedem Städtchen in einem Jahre mehr Menschen, als der Blitz in einem großen Lande, in zehn. Man sage ihm, daß der Blitz, dessen Donner die Erde beben macht, sich durch ein wenig Draht oder ein Bißchen Vergoldung Hinleiren läßt, wo man ihn hin haben will. Daß er Menschen tödtet (jedoch nicht einmal alle die er trifft), habe er mit jedem fallenden Dachziegel, und daß er Häuser anzünde, mit jedem verwahrlosten Lichte gemein. Bei weiten die wenigsten Feucrsbrünste rühren vom Blitze her, gerade so wie bei weiten die wenigsten gewaltsamen Todesarten. Man sage ihm dieses. Kann er sich bei dieser Lehre des Lächelns nicht enthalten (welches Gottlob! gewöhnlich der Fall ist), desto besser. Ja ich rechnete schon zum voraus auf dieses Lächeln, als ich es niederschrieb: daß bei weiten die wenigsten Feuersbrünste vom Blitze herrührten. Es ist immer gut und selbst angenehm, Furcht und Trost sich auf einer Stelle begegnen und becomplimentiren zu lassen, wo der Rangstreit längst entschieden ist. Wenigstens für einen Dritten. Wäre es möglich, unsere tagtäg liehe Feuersgefahr durch Donner anzudeuten, es würde nicht aufhören zu donnern, zumal an Orten, wo man des Nachts im Belle studirt. Gottlob, daß die meisten dieser oft nahen Schläge kalt sind. So viel von Gewitterfnrcht für den Menschen, der seiner Vernunft noch mächtig ist. Er wird nach einiger Übung finden, daß zwar der Donnerschlag bei ihm Nichts von seiner Erhabenheit und Größe verlieren, aber in ihm eben das seelenstärkende, hohe, andächtige Gefühl, ohne alle Furcht, erwecken wird, womit ihn der Paukendonner bei einem: HerrGvtt dich loben wiric. erfüllt. Was ihm sonst schrecklich war, wird ihm nun eine Art von Unterhaltung werde», die er außer dem Trost, den er andern Anwesenden damit reicht, sogar erblich machen kann. Ein kleiner Wink für Hausväter und Hausmütter, den ich zu verstehen bitte. — Armseligen Nervenkranken kann freilich nicht gepredigt werden, für die ist die Kirche aus; man muß sie dem Arzt übergeben, der sie nach der Apotheke begleitet: ein Spazier- gang, der, die Begleitung des Arztes abgerechnet, an manchen Orten ohnehin schon sehr gewöhnlich sein soll. Aber nun ! Wenn eS gar in unsrer Macht stände, diesen Blitz, vor dem wir uns, der Paukenparade wegen, womit er sich zeigt, so sehr fürchten, ganz von unsern Häusern, wo nicht zu entfernen, doch eben so unschädlich für sie zu machen, und ihn eben so von uns abhalten zu können, wie wir von uns und unsern Meubeln den Regen durch Dächer abhalten. Aber dieses können wir. Und zwar gerade mit der Zuverlässigkeit, mit der wir uns gegen den Regen unter einem guten Obdach, und gegen den Sonnenstich unter einer dichten Laube, verwahren. Daß dieses nicht Jedermann glaubt, ist nicht zu verwundern. Wir haben so selten Gelegenheit die Probe zu machen, weil leider! jene Schirme gegen den Blitz noch immer nicht den allgemeinen Eingang finden wollen, der nöthig wäre, jene Überzeugung endlich zu bewirken. Wäre zum Beispiel eine ganze Stadt mit Blei oder Kupfer gedeckt, so daß auch kein Stall ohne ein solches Dach wäre, und würden diese Dächer alle gehörig durch Metall mit der Erde verbunden: so würde man gar nichts mehr von schädlichen Wirkungen des Blitzes an diesem Orte hören, ja man würde am Ende gar nicht mehr wissen, ob und wo der Blitz Herabgefahren sei, wenn er herabgcfahren wäre. Nach einer Generation würde sich alles Schreckliche hierbei völlig verlieren; man würde dem Donnerwetter, das man jetzt wie eine Belagerung fürchtet, zuhören, wie der Kanonade bei einer Musterung, und dem Wetterstrahl zusehen wie einem Lustfeuer. Hörte man von andern Orten her, daß unarmirte Häuser vom Blitz gezündet oder Menschen in denselben getödtet worden wären, so würde man dieses eben so wenig seltsam finden, als daß es Jemanden auf seinen Speicher regnet, wenn das Dach nicht verwahrt ist, oder daß Jemand bei einem Gewitter naß wird, der sich nicht unterstellt. So muß es kommen, wen» alle Gewit- tcrfurcht sich von der Erde verlieren soll. Man muß nur deut- lich und anichaulich einsehen lernen, daß man sich vor dem Blitze sichern kann, wenn man will. Wer es nicht thun will, gut , LnLeak §r'Lr, wenn er getroffen wird oder ihm sein Haus abbrennt. Ich habe oben das Donnerwetter mit der Ruhr verglichen, vielleicht schadet es nicht, es hier noch zu guter Letzt einmal mit der Winterkülte zu vergleichen, also Wetter mit Witterung. Eine strenge Kälte ist etwas sehr viel Fürchterlicheres und Gefährlicheres als alle Donnerwetter von sechs Sommern zusammengenommen, ob es gleich gemeiniglich sehr stille dabei hergeht. Warum fürchtet man sich nicht davor? Deßhalb weil wir sichere Ableiter für dieselbe haben, Brennmaterialien und Kleidung. Wenn wir auch hören, daß Menschen, denen ihre Geschäfte oder ihre Armuth nicht verstatteten, die Ableitung gehörig anzubringen, um ihre gesunden Glieder oder gar um ihr Leben durch die Kälte gekommen sind; so beklagen wir diese Unglücklichen mit Recht, aber die Kälte selbst wird uns durch solche Beispiele nicht schrecklicher, weil wir wissen, woran die Schuld lag. Eben so und nicht um ein Haar anders verhält es sich mit dem Blitze. So weit hat man es in der Naturkunde gebracht. Die Häuser werden von ihm gezündet und Menschen von ihm getödtet, weil sie nicht für Ableitung desselben gesorgt haben. Der Mensch, der sich bei einem Donnerwetter unter einen hohen Baum stellt, handelt eben so unvorfichig, als der, der sich bei einer strengen Kälte im Freien dem Schlafe überläßt. Wir wissen jetzt mit dem Grade von Zuverlässigkeit, daß man sich vor dem Blitze verwahren kann, mit dem wir es von 80 der Kälte wissen. Daß man an die Verwahrung gegen den ersten nicht so gern geht, weil fie eines Theils kostbar und andern Theils das Einschlagen sehr selten ist, ändert hier für unsere Betrachtungen schlechterdings nichts. Genug, daß der Satz außer allem Zweifel ist: DieMenschen werdendem Blitze getroffen und ihre Häuser angezündet, weil sie es nicht anders haben wollten. Was die Ursache hiervon ist: Knauserei, Leichtsinn, Unwissenheit oder sonst Etwas, darum haben wir uns hier nicht zu bekümmern. Aber bleierne und kupferne Dächer sind kostbar. Freilich. Aber sie sind auch glücklicherweise zu unsrer gegenwärtige» Absicht nicht nöthig. Es ist schon vollkommen hinreichend, wenn nur die Schornsteine, die Firsten und alle hervorstehende Ecken der Gebäude mit zusammenhängenden Streifen, von Blei oder Kupfer belegt, und alle diese Belegungen mit ähnlichen Streifen, die man an der Wand des Hauses herunter an die Erde führt, in Verbindung gebracht werden. Die hohen und spitzen Stangen können ganz wegbleiben. Unsere Absicht ist nicht, hier diese Einrichtung zu lehren. Ohne Zeichnung würde Vieles gar nicht verstanden werden, und selbst der nöthige Unterricht würde ein eignes Taschenbuch für die Liebhaber erfordern. Wir geben also bloß irgend einem künftigen Verleger hiermit den Wink zu einem solchen Taschenbuche, ohne uns, weder um den Titel desselben, »och den davon zu erwartenden Vortheil, und am allerwenigsten uni die Taschen der Deutschen zu bekümmern, die, nach dem zu urtheilen, was sie bisher hineingesteckt haben, ohnehin unmöglich viel kleiner als Maltersäcke sein können. Wir verweisen aber dafür mit Ernst auf ein Werk, das Niemand unbekannt bleiben sollte, den der wichtige Gegenstand, von dem hier die Rede ist, nur im mindesten interessirt, nämlich auf Hrn. Reimarus') neuere Betrachtungen vom Blitze, die in diesem Jahre (1794) zu Hamburg erschienen sind. Das Werk ist von der einen Seite eben so lehrreich für den größten Kenner, als es von der andern herablassend für die gemeinste Fähigkeit ist. Amtleute und Prediger, oder sonst irgend ein Stand in der Welt, zu dem sich der Leidende flüchtet, und von dem er mit Recht Hülse und Belehrung erwartet, sollten dieses Buch kennen, um rathen zu können. Will man nicht folgen. Auch gut. Nur spreche man alsdann vom Erschlagenen oder von dem vom Blitze Abgebrannten nie anders als von dem Erfrornen. Es ist völlig einerlei. Der Unterschied, wenn einer da ist, liegt bloß in unserm Leichtsinn, in unserer Nachlässigkeit, und leider! freilich etwas in unsrer Dürftigkeit, und was können die in der Welt nicht verderben? Vielleicht wäre es gut, um wenigstens dem Furchtsamen, dem es bloß auf persönliche Sicherheit ankommt, einige Hülfe zu verschaffen, wenn man an jedem Ort ein Gebäude, oder ein Paar recht gut gegen den Blitz sicherte, wo man bei einem schweren Donnerwetter hineingehen, oder sich auch incogaito hineintragen lassen könnte. Es könnte ') Johann Albert Heinrich Reimarus, vr. mock., Professor der Naturgeschichte und Naturlehre zu Hamburg. Geb. daselbst 1729, gest. in Nanzau 1814. VI. 6 dazu die Kirche oder auch das Hauptwirthshaus, die Schule, die Badstube u. s. w. auscrsehen werden. — Am meisten ist es zu verwundern, daß die Großen und Reichen, die sich vor dem Gewitter fürchten, nicht mehr auf ihre Sicherheit und Ruhe dabei denke». Wollten sie auch nicht ihre ganzen Schlösser und Palläste sichern lassen, wie leicht könnte nicht ein niedlicher kleiner Pavillon im Garten dazu eingerichtet werden? Man kann kaum, wenn man nur etwas von einem Baumeister oder Dichter ist, dem Trieb widerstehen, allegorische Verzierungen und Sinnsprüche für einen solchen Schlupfwinkel zu erfinden, in den sich die Götter der Erde verkriechen, wenn der Gott des Himmels zu donnern anfängt. 83 Über das Eselslehn und die ehemalige Weiberpolizei in Darmstadt. (Götting. Taschenkalender 1793. S. 145 — 156.) Nachjlebende Erzählung entlehne ich wörtlich aus der vortrefflichen hessischen Geschichte meines würdigen und gelehrten Herrn Landsmanns des Hrn. Consistorialrath und Pros. Wen cks') zu Darmstadt. Der Inhalt derselben scheint, flüchtig betrachtet, etwas stark verfänglich für die Ehre der hessischen Damen des 15tcn und löten Jahrhunderts. Nur bitte ich ums Himmels willen, wenn ich hier von Ehre und Verfänglichkeit spreche, meine Worte nicht gleich wieder selbst in dem verfänglichsten Sinne zu nehmen. Es ist hier bloß von derjenigen Damcn- ehre die Rede, die die Begleiterin jener stillen Sanftmuth, jener himmlische» Nachgiebigkeit und jener unüberwindlichen ') Helfrich Beruh. Wenck, geb. zu Jdstein 1739, gest. 1803. Schrieb: Hessische Landesgeschichte, 3 Bd. 1783—1803; auch mehrfach aufgelegte und zum Theil umgearbeitete (durch Grotefend) lateinische Schulgrammatiken. 6 Stärke, die in dem stillen Geständniß natürlicher Wehrlofigkeit liegt, bei allen gesitteten Völkern seil jeher gewesen ist. Für diese Ehre, sage ich, scheint die Erzählung etwas verfänglich, für keine andere. Denn an Verscherzung desjenigen, was jetzt Damenehre, und, wie mich dünkt, mit Recht ausschließlich heißt, konnte man damals nicht denken, denn das ist, wie sich leicht erweisen ließe, wenn hier der Ort dazu wäre, offenbar eine neue Erfindung. Auch scheint bloß die Erzählung diesem ehrwürdigen Geschlecht allein nachteilig. Ein großer Theil kommt sicherlich dabei auf die Rechnung des andern. Es ist, wie man finden wird, bloß vom ehelichen Menschen die Rede. Aber wer nicht weiß, daß der verheiratete Mensch bloß einfach aussieht, aber wirklich ein einziges an sich ganzes, vierfüßiges Geschöpf ist, der weiß fürwahr sehr wenig, und muß entweder selbst nicht vierfüßig sein, oder nicht verdienen es zu werden. Wird also, wie wir sogleich hören wollen, die eine Hälfte, ich meine die Frau, auf den Esel gesetzt; so möchte ich wohl wissen, wie es nur möglich ist, den Mann nicht sogleich mit darauf zu setzen. Bringt der Mann die Frau selbst darauf, es gehe nun zu, wie es wolle, so thut Sie weiter nichts, als was Er Ihr entweder schon vorgethan, oder Sie wenigstens in der Hoffnung gelitten hat, daß Er Ihr sogleich nachsteigen werde.— Ich setze nun die Erzählung mit des Hrn. Eonsistor.-. Raths eignen Worten her, und in Wahrheit mit nicht geringem Vergnügen, nicht sowohl, wie man leicht denken kann, weil ich selbst aus dem 85 Lande stamme, worin das Esels lehn ehemals Statt fand (so etwas verschwiege ich wohl, Wenns weiter nichts wäre), sondern meinen verehrungswürdigen jetzigen Landsmänninnen hier. durch öffentlich meine Hochachtung dafür zu bezeigen, daß sie ihrem deutschen Vaterlande nun mit Triumph zurufen können: so waren wir ehemals leider! aber thut uns den Gefallen, kommt und seht, was wir jetzt sind; da man in mancher Provinz unsers lieben Vaterlandes gar oft hört: leider! ist es nun freilich mit uns so, aber thut uns den Gefallen und seht in die Chronik, da werdet ihr finden, was wir wenigstens waren. „Der alte, männliche Teutsche,« heißt es in der oben genannten Schrift S. 519, »kannte keine größere Ehre als Tapferkeit, fand also auch nichts Schmählicheres als Weiberschläge. Das war eine Beschimpfung des ganzen männlichen Geschlechts, und so strafte man es auch. Die hiesige Stadt (Darmstadt) wagte jährlich zwölf Malter Korn daran, die der adelichen Familie von Frankenstein unter dem Namen des Eselslehns zu Bessungen (einem Dorfe nahe bei Darmstadt) fielen, und die sie zuweilen wieder als Asterlehn an andere verlieh, zuletzt aber selbst behielt. Der Einhaber des Lehens mußte auf Erfordern der Stadt durch einen besondern Boten einen Esel schicken, auf dem die unteutsche Frau, die ihren Mann geschlagen hatte, nach Urthel und Recht durch die Stadt ritte. Das Recht, den Esel zu führen, hatte seine Einschränkung. Hatte die Frau ihren Mann durch hinterlistige Bosheit, ohne 86 daß er sich wehren konnte, geschlagen, so führte ihn der Franken st ei »er Bote: war aber der Mann in offner, ehelicher Fehde mit der Frau zu Schlägen gekommen, so mußte er den Esel selbst leiten. sSehr recht, wie mich dünkt, f Nachher wurde dieser Esel, vermuthlich auf Anrathen einer geschritten Frau, gebraucht, sonst ungezogene Männer zu bestrafen, denn im Jahr 1536 schrieben Bürgermeister und Rath zu Darmstadt an die Herren von Frankenstein: „Unsern freund, „lichcn Dienst zuvor. Ehrenvcstc besonders gute Freunde. Wir „wissen Such nicht zu verhalten, wie daß etliche Bürger unter „uns haben, die sich ungebürlich und übel gehalten haben, daß „wir sie in Willens uff riechst Aschermittwochen nach unserm „alten Herkommens und Gebrauch zu straffen. Diewcilen nun „allewegen zu solcher Straffe uff Eschermittwochen die von „Franckcnstein oder ihre Lehenträgcr so das Lehen inne gehabt „haben genannt Eßels Lehen, davon dann etlich Korn zu „Bcssingen gefällig :c. Derhalbcn an Euch unser freundlich „Gestirnes und Begehren, Ihr wolt uns uff genannten Dag „solchen Esel sambt dem Mann zu früher Tageszeit zuschicken, „damit wir an unser» Sachen und Fürnehmen ohngehindert „bleiben, wollen wir uns also unserm alten Gebrauch nach „gäntzlich zu Euch versehen und im gleichen und mehreren umb „Euch zu verdienen geneigt sein. Darmstadt uff Montag Malhci „Apostoli. Anno 1536.« Zu andrer Zeit aber verwahrten sich die Herren von Frankenstein ausdrücklich, daß sie den Esel nur gegen die bösen Weiber, die ihre Männer geschlagen, zu stellen verbunden seien. Und dieses bewährt ein, sowohl dem Inhalt, als seinem Bürgerst»,! nach, merkwürdiges Schreiben von Schulteis und Scheffendes bössen Hunderts zu Darmstat') an Junker Hans von Frankenstein und dessen Bruder Georgs Kinder: »Unsern willigen Dienst mit Fleiß »zuvor. Erbaren und vestigen lieben Juncker. Es hat sich bei »unsern Nachbaucrn zu Darmstat Zweidracht, Zanck, Unenigkeir »zwuschen etlichen übermütige», stoltzen, Pistigen und bossen »Weibern erhaben, die sich haben uffgeworffen gegen yren »Männern, und haben sie understanden yre Männer zu schla- »gen, undt deren auch etliche das volbracht haben. Sollichcr »Gewalt, Frebel und Uebcrmut ist wider ein ganzen Samm- »lung einer Gemein, auch sonderlich wider das Burcklvhn, und »das böse Hundert, und diweil es dann in unser Straff so »hart vervallen ist, und unß in keinen Wegk will geburen »nachzulassen-so ist es unser ernstlicher Fursaz dieselben »zu straffen, bit und an seiner Ewer Vestn, uns zu Hilff zu »kommen nach altem Herkommen, wegen als mit dem Esel »und den Mann daruff zu schicken, und wolt uns uit säumen ') Schultheiß und Schöffen vom bößen Hundert geben sich in den Acten nicht nur selbst diesen Titel, sondern empfangen ihn auch von Andern. Es scheint ein Ausschuß aus der Bürgerschaft gewesen zu sei», der in Polizei- und Eriminal- sachen zu sprechen, auch vielleicht für die Verwahrung der Vestung zu sorgen halte, und daher den Namen des bößen Hunderts erhielt. Anmerk. des Originals. »oder verhindern sunderlich den Esel uff erste Dinstage mit dem »Mann zu schicken, so wollen wir uff genannten Dinstag Mor- »gen sru unsern Statboten zu uch schicken, der soll den Esel »und den Mann geleiten gein Darmstat rc. Datum uff des »Herrn Basenacht.« — Noch im Jahr 1555 forderte der Fürstl. Keller, Johann Sänger, weil wieder einige Weiber ihre Männer geschlagen, den Frankensteinischen Esel nach Darmstadt, mit dem Anhang, daß ihn die Herren von Frankenstein nicht allein hierher, sondern im Nothfall auch nach Pfungstadt, Nieder-Ramstadt, und andere Orte der Obergrafschaft (Katzenelnbogen) zu stellen hätten, gegen welches Letztere aber Ludwig von Frankenstein in der Antwort heftig protestirte svielleicht seine Gemahlin durch ihns. — Wie hat sich, ruft der Herr Verfasser mit Recht aus, seit der Zeit die Welt verfeinert! Wie ist es mit der weiblichen Sanftmuth ganz anders geworden! Daß in Darmstadt insbesondere der Franken st ein er Esel, oder Schultheiß und Schöffen vom bösen Hundert dazu beigetragen, wird Niemand vermuthen, wenigstens schweigen die Acten davon. Genug, man fand im folgenden Jahrhundert weder Esel noch Eselslehen mehr nöthig. Auch muß ich zu Rettung hiesiger Stadt nicht vergessen, daß ihr dieses ungalante Verwahrungsmittel gegen die weibliche Übermacht nicht ausschließlich einheimisch war. Als sich 1593 eine Frau zu Maulbach, Amts Homburg an der Ohm, gegen ihren Mann ungehorsam erwiesen, und ihn sogar geschlagen hatte; so berichtete der dortige Keller, Georg 89 Rüdig, dcn Vorgang an die Regierung zu Marburg mit ^ dem unmaßgeblichen Bedenken, daß, wie ihn Etliche versichert, in solchem Falle, nach altem Brauch, die Frau auf einem Esel ^ reiten, und der Mann, der sich schlagen lassen, den Esel leiten müsse. So weit der Verfasser. ße Was man auch immer von der ganzen Sache denken mag, »4 so dünkt mich ist der unmaßgebliche Zuruf des Herrn Keller, » Georg Rüdig, immer eine Sache, die Aufmerksamkeit ver- H dient. Es müßte, dünkt mich, überhaupt in der Welt etwas iv mehr zugerufen werden, und zwar voraus, nicht hintendrein. P Es fällt doch zuweilen etwas auf ein gutes Land. In der i» Türkei wird von den Nachtwächtern den Ehemännern eine kleine »j. Erinnerung gegeben, die bei uns wegfällt, weil sie unnöthig ,>! ist; das bewahret Euer Feuer (Küchenfeuer nämlich) und i» das lobet Gott dem Herrn kommt auch ab. Wo will A das hinaus? Ich lobe mir daher sehr das venetianische Cri- u! minalgericht, das sich immer beim Anfang einer Sitzung an den armen Müller (einen ehemals von ihm unschuldig zum y Tode verdammten) laut erinnern läßt: Erinnert euch des armen Müllers! Und noch mehr gefällt mir König Philipp, von Macedonien, der sich täglich oder gar stündlich zurufen ließ: m Philipp, du bist ein Mensch! Ja, wenn die Sprech- Maschinen je zur Vollkommenheit sollten gebracht werden, wozu » jetzt Hoffnung ist, so würde ich bei unsern Stubenuhren, statt A des Kuckucks, der uns (sehr weltlich) bloß an den Frühling ,, erinnert, die Worte vorschlagen: Du bist ein Mensch. Da 90 der Sylben gerade viere sind, so könnte der Hingang des ersten Viertheils durch: Du, des zweiten durch: Du bist, des dritten durch: Du bist ein, und endlich der ganzen Stunde vor dem Stundenschlag selbst durch: Du bist ein Mensch, angedeutet werden. Die Worte: Du bist ein :c. müßten eine erstaunliche Wirkung bei schlaflosen Nächten thun, weil das Abbrechen des Urthels beim Artikel, nun einem, vor der gänzlichen Hinfahrt der Stunde, noch Zeit ließe sich selbst zu fragen: was man eigentlich sei? Ein wahrhaftes Vorbild des Lebens, wo man auch gewöhnlich erst beim Anfang des vierten Viertheils diese Frage mit Ernst an sich thut. Überhaupt, glaube ich, könnten keine Worte einen größer« Eindruck auf irgend einen Menschen machen, er sei König oder Bettler, als die: Du bist ein :c., auf einem einsamen Spaziergange vom Himmel herab gegen ihn gesprochen; oder, wenn es ein Frauenzimmer wäre: Du bist eine :c. Wohl alsdann Dem oder Der, die ruhig horchen, und nichts als: rechtschaffener Mann oder rechtschaffene Frau für den Schluß der Versicherung erwarten kann! Welche Glückseligkeit und welches Verdienst, so in der Welt gelebt zu haben, daß man bei einer solchen Anrede vom Himmel das Substantivum mit Ruhe abwarten kann! Charaktere wie diese, würden gemeiner sein, als sie sind, wenn wir von der Natur Ohren empfangen hätten, schon zu hören, wenn es im Leben Ein Vier theil schlägt. Wie kommt dieses Alles hierher, werden unsere Leser sra- 91 gen, zum Frankensteinschen Esel? Ich hübe mich in Wahrheit über den König-Philipps-Uhren so verirrt, bah ich es kaum selbst mehr weiß. Doch nun erinnere ich mich. Die Verirrung sing sich mit der Klage über Mangel an Zuruf an, und da meinte ich bloß, daß es nicht schaden könnte, auch noch heut zu Tage dem vicrfüßigen Ehethiere zuzurufen: Erinnere dich an den lieben Franken stein er. Von den Kriegs- und Fastschulen der Schinefen, nebst einigen ander» Neuigkeiten von daher. (Götting. Taschenkalender 1796. S. 121—146.) So lange ich über Völker zu denken im Stande gewesen bin, habe ich immer gemuthmaßet, daß die Schinesen das weiseste, gerechteste, sinnreichste und glücklichste Volk auf Gottes Erdboden seien. Durch dieses häufige Muthmaßen habe ich es nun endlich so weit gebracht, daß ich wirklich und mit völliger Überzeugung, als wäre ich selbst dabei gewesen, glaube, daß diese Auserwählten des Himmels alle unsere sogenannten leidigen neuen Erfindungen schon vor zehntausend Jahren gekannt haben, und folglich wohl noch in dem Besitz von tausend andern sein mögen, die wir, der Himmel weiß wann, noch alle werden machen müssen, ehe wir, wie sie, zur Ruhe kommen. Gesetzt auch, es fände sich hier und da Etwas, das sich mit der ersten Behauptung nicht recht zu vertragen scheint, z. B. daß sie bis diese Stunde noch keine Taschenuhr repariren können, daß sie nicht die ersten Anfangsgründe der Perspective verstehen rc.: so sind das wahre Kindereien. Und außerdem, wer Viel weiß, vergißt Viel. Dieses ist ja so wahr, daß wir im Deutschen sogar, und mit Recht, den höchsten Grad von langer, verjährter und vertrauter Bekanntschaft mit einer Sache dadurch ausdrücken, daß wir sagen: das hätten wir längst vergessen. O wer weiß, ob wir uns nicht auch noch auf das Rückwärtserfinden (so sollte man das Vergessen bei einem sinnreichen und erfinderischen Volk nennen), werden legen müssen, wenn es in der Welt, diesseits des Rheins so fortgehen sollte, wie es jenseits angefangen hat. Ich sage, solche Vorwürfe sind wahre Kleinigkeiten. — Dagegen aber bedenke man ihre himmlische Verfassung im Staate, so wie im Hause; in der Kirche, wie in der Küche! Fürwahr nächst dem Strumpfwirkerstuhl und der englischen Spinnmaschine, das feinste Kunstwerk, das die Welt je gesehen hat, und doch will man noch von Taschenuhren sprechen! Millionen greifen da, wie ihr Flügelmann greift. Diese Flügelmänner ererciren wieder höher» Flügelmännern nach, und so immer weiter, bis zum Flügelmann aller Flügelmänner, und folglich aller Millionen, hinauf. Thut dieser Pulver auf die Pfanne, so liegt in einem N u Pulver auf allen Pfannen der ganzen Welt (so heißt Schina im Schinesischen). Wo hundert Bediente für eine Tafel aufwarten, gesetzt auch, der Saal faßte ihrer nur achtzig zu gleicher Zeit, so ist da kein Gedränge und kein Geräusch; keine Bvuteille läuft gegen die andere, und kein Braten wider den andern, und die flüssigsten Saucen schweben zwischen den seidenen Klei- dern durch, als wärm sie gefroren. — Alles glitscht da über einander weg, ohne sich zu reibet«, die Werke der Kunst, so wie die, die ihnen der Storch bringt. Wie ihre Köpfe von außen, so sind sie auch von innen. Schädel und Meinungen wie gedrechselt, Alles ä I'oeuk ä'sutruvks überall. Über Sätze, an denen wir mit unsern Haken- und Habichtsnasen hundert Mal hängen bleiben, glitschen sie mit ihren stumpfen Talgtröpfchen im Gesicht hin, wie geschmiert. Wenn daher von oben commandirt würde: zweimal fünf ist dreizehn, so wäre auch zweimal fünf dreizehn, von der großen Mauer bis Quanto n g. Diese weisen Einrichtungen, wodurch sich die Staatswirth- schaft sowohl als das Wirthschaften überhaupt, gleichsam an das copernicanische System anschließt und zur Fortsetzung desselben wird, haben uns, wir können es nicht läugnen, längst begierig gemacht, über Manches in diesem unermeßlichen Reiche nähere Aufschlüsse zu erhalten. Denn daß uns das Beste dieser großen Spinnmaschine noch unbekannt ist, wird sehr wahrscheinlich, wenn man bedenkt, daß selbst in Europa, wo doch die Postkutschen und Paquetbvote tagtäglich die Nationen vollend rückwärts durcheinander mischen, dennoch nicht selten gerade das Größte und Merkwürdigste in einem Lande dem nächsten Nachbar unbekannt bleiben kann. So fragte z. B. noch vor Kurzem ein sehr gelehrter und berühmter Engländer, dessen Schriften wir sogar in Übersetzungen leftn, einen reisenden Deutschen, ob es wahr sei, daß es deutsche Hexameter gebe! 95 Einigermaßen ist nunmehr unser Wunsch durch nachstehenden Bericht erfüllt, indem wir wenigstens hier eine Probe sehen, aus welcher sich auf das Übrige schließen läßt. Die Nachricht rührt von einem gewissen Herrn Sharp her, der als Butler (Kellermeister und Mundschenk) die letzte Gesandtschaftsreise nach Schina mitgemacht hat. Man lächle nicht darüber, daß wir das Zeugniß eines englischen Bettlers anführen. Dieses sind keine verächtlichen Menschen, es hängt Vieles von der Geistescirculativn im Staat von ihnen ab, auch tragen sie daher keine Livree, die Nase ausgenommen, die bei gewissen Jahren zuweilen den Purpur des Standes anzieht. Herr Sharp hatte überdies, wie wir hören, die Schule zu Harrow auf der Höhe') sllsrroev on tl,e UM) besucht, und nachher in Cambridge englische Theologie, Philosophie und Naturkunde studirt, eine Mischung, die gewöhnlich nicht gut durch das Filtrum der neun und dreißig Artikel durchgeht. Er vertauschte daher die Kirche mit dem Keller, behielt aber im letzten Departement das Beste aus dem ersten bei, Treue, Dienstfertigkeit und ein gewisses Interesse an Allem was die Bildung und Leitung des Menschen in allen Ständen angeht. Dieser glaubwürdige, redliche Mann hat einem unsrer Freunde, ') Eine der berühmtesten hohen Schulen in England, unter der Königin Elisabeth gestiftet, wo unter andern Sheridan, Lord Byron, Sir Robert Peel, Earl Spencer rc. erzogen wurden. Das schön gelegene Dorf ist engl. Meilen von London entfernt. der ihn zuCambridge gekannt hat, folgende Nachrichten mit- § " getheilt, die wir in einer wörtlichen Übersetzung hier einrücken: - ' Wir fanden auf dem platten Lande von Schina eine ' besondere Art weitlüuftiger Gebäude, die ein klostermäßiges -Si Ansehen hatten, und wie aus einer Form gegossen schienen, welches in diesem Lande überhaupt bei Dingen einer Art sehr gewöhnlich ist. Wer eine Species von Gebäuden kennt, der kennt gleich alle, die zu demselben Genus gehören. So i»>! sehen z. B. die Knabenschulen, der Form nach, aus wie Mäd- ^ chenschulen, nur find die letztern bunter, und unter den Fen- stern sind Perlenschnüre angemalt, an den Dächern hängen h-n Schellen, und die Stunden ruft ein Kuckuck, da bei den Knabenschulen ein großes Becken angeschlagen wird. Eben so »t! sehen die Häuser, worin hohe Hazardspiele gespielt werden, von «üv außen völlig aus, wie die Tollhäuser, nur daß in den letztern li» eiserne Gitter vor den Fenstern, und die Wände anders bemalt n sind. So fand ich an einem Tollhause einen Mann abgebildet, rH der Bindfaden von einem runden Haspel ab auf einen vier- — eckigen haspelte, welches (ich), wie ich glaube, auf die Quadratur des Zirkels ging. Bei den Spielhäusern ist die gewöhnliche G, Zierde oben ein sogenannter Trappenfuß, welches die Spadille D der Schinesen ist, und über der Hauslhüre sah ich einmal einen Mann gemalt, der Geld neben einer Pulvertonne zählte, und dabei sein Pfeifchen rauchte, und obendrein ein Stümpchen ^ Wachslicht ohne Leuchter auf die Tonne geklebt hatte. Doch ich komme auf mein Klostergebäude zurück. Wir sahen ihrer ^ 96 auf einer Tour von sieben und fünfzig Meilen (fünfzehn deutsche) wenigstens sechs bis sieben. Auf mein Befragen, was dieses für Gebäude seien, sagte mir der Mandarin, der mir mitgegeben war, sie hießen Tsing-Long, welches unser Dolmetscher, der kleine Wang-o-Tang, den wir so oft beim Capitain Blake in Parlement - Street gesehen haben, und der mir und uns allen von unendlichem Nutzen war'), durch Kriegs- und Hungerakademien oder Kriegshungerschulen übersetzte. Ich konnte mich des Lächelns nicht enthalten, wie sich der arme Wang-o-Tang quälte, mir dieses auf Englisch, wo man auf den Kriegsschulen nichts weniger als hungert, deutlich machen wollte. Sie misten, er kann das r nicht aussprechen, und kein Schinese kann es, da kam immer das militalg- »csllsmivs lo loaln tlio alt »k staivinZ (nülitarg- aoaclomies to losiu tliv »rt ok starviug) hervor. Was ist das? fragte ich den Mandarin. Das will ich Euch erklären, sagte er. Doch ehe ich Ihnen erzähle, was er sagte, muß ich Ihnen den Mann beschreiben. ') Der Herausgeber hat diesen vortrefflichen jungen Menschen selbst gekannt und gesprochen, und besitzt noch einige Schriftzüge von ihm, die er ganz auf schinesische Weise in seiner Gegenwart geschrieben hat. Anm. des Verfassers. Daß Herausgeber hier und in den folgenden Anmerkungen zu dem gegenwärtigen Aufsätze mit dem Verfasser ein und dieselbe Person sei, haben wir bereits oben, in der Bemerkung zu Amintor's Morgenandacht, anzuführen Gelegenheit gehabt. 98 Er schien mir zwischen vierzig und fünfzig Jahren zu sein, von mittlerer Größe, und nicht sowohl fett als dickbäuchig. Sein Gesicht erinnerte mich an den Pfeifenkvpf,.den, wie Sie wissen, Smith im Cajus-Collegio') aus dem Haag mitbrachte. Völlig so. Das Gesicht war wie aus Meerschaum geschnitten, und fast von der Farbe, nur etwas grünlicher, die Nase erkannte man nur, wenn er von der Seite saß, dabei saß er immer mit tief im Schooße gefallenen Händen, und wirbelte die Daumen, vermuthlich bloß für uns, oder für seinen innern Sinn, denn sehen konnte er das Wirbeln nicht, es lag sehr Vieles darzwi- schen. Dabei sah er uns nur selten mit seinen zartgeschlitztcn Sauaugen an, aber wenn er einen ansah, so war es auch darnach. Sie können sich keinen satalern Spionenblick denken. Bei jedem glaubte ich, er zöge mir das Hemd über die Lhrcn. Der Anblick ging über alle Beschreibung. Es mußte auch wirklich etwas Rares sein, denn selbst Wang-o-Tang trat mir zuweilen auf den Fuß und lächelte, wenn es der Mann nicht sehen konnte. Kurz, wir waren noch keine halbe Stunde gefahren, so merkte ich wohl, daß man uns in diesem Pudding zur Zehrung, zugleich den Hof, die ganze Geistlichkeit und die Nentkammer, nach einem verjüngten Maßstabe k» »ncc Im Englischen steht clever 8»ull> ok Casus Colleze. Vermuthlich der Name eines Studenten von Cambridge aus diesem Collegiv, der den Beinamen ckeve,-, wacker, geschickt, erhalten hatte. An m. des Berfasse rs. 99 ' mit eingebacken hatte. Dem Himmel sei nur Dank, daß ich es "" früh genug merkte, so war Alles gut. Unsere Tsing-Long sagte er, sind Kriegsschulen. Ich weiß, Ihr habt auch welche. " Ich kenne sie. Sie sind für den Activkrieg, zum Unterricht E des eigentlichen Soldaten. Dergleichen haben wir auch, nur, * setzte er bescheiden hinzu, sind die unsrigen unendlich viel besser. "" Wir sind Schinesen und denken weiter. Die Schulen, die ", Ihr hier seht, sind das nicht, was die Eurigen sind. Hier lehrt A man den Passivkrieg; nicht die Kunst, den Krieg geschickt zu führen, sondern ihn mit Standhaftigkeit zu ertragen. Der »i Gedanke frappirte mich, ich kann es nicht leugnen, und ich fing an die Daumen zu wirbeln. Er stutzte einen Augenblick, und hörte mit den seinigen auf. Nach einer Pause fuhr er fort: >. Wie ist es möglich, daß ein kluges Volk, wie Ihr, nur darauf denkt, Menschen abzurichten, den Krieg geschickt zu führen, ii und an die übrigen, die ihn eigentlich leiden, gar nicht denkt, i, Auch diesen lehren Wir ihr Exercitium, auch diese müs- x sen geübt werden, so wie die andern, so wird der Krieg eine Kleinigkeit. Es kommt in der Welt Alles auf Übung an. Wo N der Feind einfällt, sinket er bei uns jetzt ein Volk, das sich so ,, gut auf das Erdulden versteht, als er sich auf das Kränken. Ich versichere Euch, wir haben auf diesen Akademien Leute gezogen, die, wenn sie von dem Feinde geplündert, gepeitscht und ^ geschunden wurden, anstatt zu heulen und zu wehklagen, sich ^ bloß dabei an die Universitätsjahre erinnerten. Ihr habt bei euch Menschen, aber Ihr wißt nicht, was Ihr aus ihnen machen 7 ' sollt. Wenn Ihr ein Schiff bauet, so haut Ihr der Eiche die Äste ab, sägt und zimmert und hobelt an ihr, biegt die Bohlen mit Kraft, bekrampt und benagelt sie von allen Seiten. Nicht wahr? Und Ihr wollt eine Staatsverfassung bauen, das künstlichste Schiff von der Welt, und wollt es im Sturm steuern, während Ihr den Bäumen, woraus es besteht, ihr Laub und ihre Äste laßt? Geht mir weg mit Eurer politischen Baukunst. Das versteht Ihr nicht. — Dieses war für einen Britten zu viel, das Blut stieg mir zu Kopfe, — i'our ') hatte ich schon gesagt, als Wang-o-Tang mich bei den Händen anfaßte und rief: hier Hofkutsche, hier Hofkutsche, hier nicht Unterhaus, nicht Unterhaus. Die Ängstlichkeit des Menschen, seine Gutmüthigkeit, und vorzüglich seine naive Voraussetzung, daß meine gebrauchte Phrase parlamentarischer Natur wäre, wirkte sehr glücklich auf mich. Ich mußte lachen, und drückte dem treuen Dolmetscher zwischen meiner Vernunft und meiner Hitze die Hände recht herzlich. Wenn man doch immer einen solchen Dolmetscher hätte. Indessen etwas verdorben hatte ich denn doch die Sache. Der Pudding fragte den Wang-o- Tang, was —io»,- hieße? Wang-o-Tang sagte ihm, wie er mir nach der Hand erzählte, es wäre dieses ein gewohn- Diese Redensart, die mit ähnlichen einigemal vorkommt, hat Hr. Sharp doch wohl nicht aus der Kirche mit in den Keller genommen. Es scheint eine neue Requisition zu sein. Vielleicht unter Weges gemacht. Anm. des Herausgebers. licher englischer Gruß, man bediene sich dessen aber auch beim Disputiren, um seine Zweifel gegen ein wichtiges Argument einzuleiten. Hierauf erwiderte der Mandarin nichts, als Zweifel? Hm! — So viel glaube ich gewiß: hätte ich nicht mir zur Gesandtschaft gehört, ich wäre nach einem Tsing-Long gebracht worden, um meine noch übrige Lebenszeit den Passivkrieg zu studiren. Nach einigem Stillschweigen sagte ich, daß ich sehr begierig wäre, die innere Einrichtung einer solchen Akademie kennen zu lernen. Es dauerte aber wenigstens fünf Minuten, ehe er ein Wort sagte. Diese Pausen heißen hier zu Lande Tsi, das ist so viel als Brandmauer. Waug-o- Tang versicherte mich, daß dieses eine seltene Herablassung des Mannes wäre, daß er ein so dünnes Tsi zwischen sich und meinem großen respectwidrigen Eifer gesetzt hätte, es müßte wirklich ein guter Mann sein. Es gebe Brandmauern von Stunden und halben Tagen. Ja es habe einmal ein gemeiner Bürger einen angesehenen Mann im Staate aus Mangel an Überlegung gefragt: wie lange er noch auf sein Geld warten sollte, das er ihm vorgeschossen hätte? Die Folge war ein Tsi von anderthalb Jahren, worauf er die Antwort erhielt: So lange als es mir gefällt. Meine Antwort war indessen günstiger. Das sollt Ihr; Ihr sollt sie kennen lernen, sagte er, wenn Ihr Euch etwas wollet gefallen lassen. — O ja! Alles lasse ich mir gefallen. Nun wohlan, hier zog er ein Büchschen aus der Tasche, und nahm vier Kugeln heraus; wenigstens von der Dicke einer großen Haselnuß. Was wollen Sie da- 102 mit? fragte ich. Diese Kugeln sind von Federharz, versetzte er, davon drücke ich Euch ein Paar in jedes Ohr, so tief als sie hinunter wollen, Ihr habt nichts zu befürchten, die Ku- gelu verquellen nicht, es ist Harz. — Warum aber die Ohren ti>>! verstopfen? k Er. (Etwas hohnlächelnd.) Weil Ihr nichts hören sollt. »lit Ich. Nun gut, warum aber nicht hören? Er. Weil die Jugend da sehr laut spricht. M Ich. Ich verstehe aber ja kein Schinesisch. k Er. Es wird nur wenig Schinesisch da gesprochen. mr Ich. Was den» ? Englisch ? (H i er c i n e dün n e B rand- ^ mauer.) Zj, Wang-o-Tang. Mein Gott, verstehen Sie ihn denn ' nicht, er meint, in den untern Classen werde viel geheult, ge- winselt und gewehklagt, das man durch Mauern durchholen z könne, das meint er mit dem Lautsprechen und nicht Schinesisch sprechen. Er. Wollt Ihr? Ich. Wie krieg ich aber die Blitzdinger wieder heraus? ^ (Diese Worte übersetzte Wang-o-Tang durch: Wie bringe ^ ich aber die kleinen Korallen wieder heraus?) Er. Das thut der Hofchirurgus. Ich. Wo? / Er. Zu Peking. , Ich. Aber da kommen wir ja unter acht Tagen nicht wie- er hin, wie lange soll ich den» taub bleiben? 103 Er. Könnt Ihr nicht rechnen? Acht Tage. Ich. Nein! Ich will nicht, ich will Eure verdammten Menschenschindereien nicht sehen. (Übersetzung: Ich will Eure Kriegsphilanthropine nicht sehen.) Er. Wie Ihr befehlt: Ich habe Ordre, mich ganz nach Euch zu richten. Ich. Der Henker hole Eure Ordre (bang Dour oräer). (Übcrs. Sie sind sehr gütig.) Er. Aber kann ich denn die Einrichtung nicht wenigstens von einem glaubwürdigen Manne erfahren. Wang-o-Tang. Glaubwürdig? dafür haben wir im Schincsischen kein Wort. Ich. Das habe ich wohl gemerkt, und die Leute, die es sind, auch nicht? Nicht wahr? Nein! sagte der redliche W. o. T., mit einem verschämten Lächeln, wodurch seine Versicherung über die Hälfte wieder gestrichen wurde, weil kein Schinese lügt. O, lieber, guter Freund, sagte ich, indem ich ihm auf die Schulter klopfte, es thut mir dann sehr Leid, so eben gefunden zu haben, daß Du diese noble Kunst in Europa gelernt hast. Er verstand mich ganz so, wie ich es meinte, und wurde so roth, als es ein gelber Schinese werden kann. Mache nur, fuhr ich fort, daß ich etwas von Euern Hungerakadcmien zu hören kriege. Mein Appetit darnach ist sehr gestiegen, und ich fürchte, der Pudding da läßt mich verhungern. Sorgen Sie nicht, sagte W. o. T., und wendete sich zu dem Mandarin: Hr. Schalp (Sharp), der völlig überzeugt ist, daß Sie alle Einrichtungen der ganzen Welt (Schina) kennen, bittet unterlhänig um eine Nachricht vvn einem kleinen Theil derselben, von unsern Tsing-Longs. Dieses war die eigentliche Sprache für dieses Paar Ohren, und nun hob er mit einer Freundlichkeit, die ich auf der ganzen Reise noch nicht an ihm bemerkt hatte, gegen mich mit einer kleinen Verbeugung an: Eure Ignoranz in der Staatsverfassung des ersten Volks der Erde, macht Euch keine Schande, weil Ihr sie demüthig eingesteht, und Verlangen bezeigt, klüger zu werden. So wißt denn, daß die Schinesen nur bloß in Dingen unterrichtet werden, wovon sie in der Welt dereinst Gebrauch machen können, und daß sie darin zu einem solchen Grade von Vollkommenheit unterrichtet werden, daß sie auch nothwendig davon Gebrauch machen müssen, wenn sie fortkommen wollen. Ihr werdet daher gesehen haben. Alles, was der Schinese thut, thut er, als hätte ihn die Natur ausdrücklich für das Geschäft gemacht, das er treibt. So ersparen wir unsern Leuten alles Denken, so wie es die große Weltursache der Biene, dem Biber und der Kreuzspinne erspart. Die Vernunft dazu liegt freilich irgendwo, aber es ist europäischer Wahnwitz, sie noch in dem Jnstinctmenschen ferner fortzuhägen, nachdem sie nicht weiter nöthig ist. Ich wette Hundert gegen Eins, wenn Eure Taschenuhren Eure Vernunft hätte», es würde keine mit der andern gleichgehcn. Ihr ercolirt, wie ich höre, die Vernunft. Nun fürwahr, wenn das nicht ein europäischer Einfall ist, so gibt es keinen, dabei lachte er zum ersten Mal ganz 105 laut. Ihr Hohlköpft Ihr'), habt Ihr denn nicht gemerkt, daß die Vernunft eine Gabe des Menschen ist, die er bloß zum Gebrauch bekommen hat, andere Dinge zu bessern, nicht sie selbst, das kann er nicht, und was Eure Schwätzer so nennen, das war Alles schon da, und Ihr habt von diesen sogenannten Verbesserungen oft selbst schon Gebrauch gemacht, ehe Ihr sie erfandet. Hieraus sah ich in der That, daß dieser Mensch etwas von unserer Philosophie erfahren hatte. Ich sagte aber bloß: Tsing-Long, damit er sich nicht verlöre. Recht gut, sagte er, ich komme gleich Eurem Verlangen entgegen; ich muß nur nothwendig anmerken, daß also der einzige Gebrauch, den wir von der Vernunft machen, der ist, sie selbst nach und nach mit dem Körper unter der Form von Instinkt und Kunsttrieb gleichsam wie zu verschmelzen und aus dem Menschen höhere Thierarten zu schaffen, mit Jnstinctkünsten, die noch ganz das Ansehen von höchster Vernunft haben, aber eigentlich es nicht mehr sind. Vernunft hat sie geschaffen, hat sich aber nach vollendetem Bau nach und nach weggeschlichen, oder ist durch Ver- theilung unmerklich geworden. Eben so ist es mit unserer Philosophie. Diese war bereits vor funfzigtausend Jahren völlig fertig. Jetzt philosophirt man, wie man lackirt, nach Recepten. ') Wir lassen hier die kleinen Einschiebsel weg, die Hr. Sharp hier und da in diesen Vortrag hineingemurmelt haben will, sie sind nicht immer die gesittetsten. Hier z. B. sagt er: Don kritettt llou. Anm. des Herausgebers. 106 Oder so wie wir Musikanten haben und keine Musiker mehr, so haben wir auch nur bloß Philosophanten undPhysikan- t e n, und keine Philosophen und keine Physiker mehr. Aus diesen bestand bloß die evnstituirende Versammlung vor funfzigtausend Jahren. Findet sich jetzt Einer, der unsern Kunstthieren wieder Vernunft einhauchen will, so schneide man ihm ein Ohr ab, brennt ihn auf die Stirn, und gibt ihm in eignen Häusern zn leben. Wird er auch da noch zn laut, so gibt man ihm den Genickfang. Nun haben unsere Weisen gezeigt, daß die Summe der Übel in der Welt immer dieselbe bleibt, so wie die Summe der Lust und des Wassers, nur sind sie dem Laufe der Natur nach über das Ganze vertheilt, so wie es ungesundes Wasser und ungesunde Luft hier und da gibt. Wäre es aber nicht besser, wenn alles schlechte Wasser und alle schlechte Lust an einem Orte in der Welt beisammen wäre, so würde sich Alles dahin ziehen, was nur darin leben und wachsen kann, und wir hätten Alles rein. Ja die Natur hat wirklich schon den Anfang mit dem Wasser gemacht. Hat nicht das Salzwasser seine angewiesenen Grenzen, wo sich nun unzählige Thiere hingezogen haben? So haben wir nun den Gedanken gehabt, das unvermeidliche Übel in der Welt, und zumal das des Passivkriegcs, ganz auf eine einzige Menschenclasse zu wälzen, so könne» die Übrigen in Ruhe und im Überflüsse leben. Weil es aber hart sein würde, dieses den Leuten ohne Unterricht zuzumuthen, so werden sie sorgfältig dazu erzogen, und dieses geschieht in unsern Tsing- Longs. Das Studium ist allerdings schwer, daher hat man den jungen Studenten es durch einen großen Ehrentitel zu erleichtern gesucht, den niemand als sie und der Kaiser führen darf, sie heißen Li-Tsu, das ist, die Himmlischen. Das Hauplstudium ist Fasten und schlechtes Essen. Sie bekommen zuweilen in fünf Tagen kein Essen zu sehen. Wenn sie ohnmächtig werden, so macht man ihnen Rauch mit Gänsefedern; will es gar nicht mehr gehen, so erhallen sie mäßige Portionen Pferdefleisch oder sonst Etwas von weggeworfenen Thieren, kurz sie leben immer in einem Belagerungszustände, und sie sind dabei vergnügt, weil sie glauben, es wäre in der ganzen Welt so. Ja, ich versichere Euch, wir haben auf diese Weise nun über eine halbe Million Menschen in Wesen umgeschmolzcn, die das Feld vortrefflich bauen, und schlechterdings Nichts essen wollen und essen können, als was wir wegwerfen, und schlechterdings nicht essen wollen und nicht essen können. Ihr seht daraus, was eine weise Regierung aus dem Menschen machen kann, wenn sie die Kunst versteht, die Vernunft zu Kunsttrieben zu verschmelzen. Der Mensch ist das Thier, das für sich selbst eigentlich Nichts ist, aber Alles werden kann, und von diesen göttlichen Anlagen macht Ihr keinen Gebrauch. Ich sehe, Ihr werdet müde. Ich gebe Euch also nur ein Beispiel von dem Nutzen unserer Himmlischen auch außer dem Kriege, eins unter Tausenden. Bor etwa sechstausend Jahren entstand in einem Theile der Welt ein solcher Mißwachs, daß unsere Rechenmaschinen zeigten, es würden gegen achtzigtausend Menschen Hungers sterben müssen, und das in einer Zeit von vier- 108 zehn Monaten und fünf und zwanzig Tagen vom nächsten Jahre an gerechnet. Sogleich zog man alle Einwohner aus jenem zurück, und füllte den gefährlichen Fleck mit hunderttausend unsrer Himmlischen an. Die Einwohner wurden nun in die Gegend der Tsing-Longs vertheilt, wo sie nun die Zeit über herrlich von dem schmausten, was für die Himmlischen ungenießbar war. Für diese hingegen war der Mißwachs gerade, was sie suchten, und nachoem Alles wieder so gut gebaut war, daß sie wenig mehr zu leben fanden, so wurden die Plätze wieder gewechselt, und Alles war wieder im Gange. Hättet Ihr Euch dazu verstanden, Euch die Kugeln in die Ohren drücken zu lassen, so hättet Ihr etwas sehen sollen, das Euch Freude würde gemacht haben, ich habe die Vollmacht dazu in meiner Tasche. Was ist denn das? fragte ich. Ich hätte brennende Pechkränze in das Gebäude werfen lassen, wo die Akademisten schlafen. — Und warum das? — Euch die Freude zu machen, zu sehen, wie sich diese Salamander beiderlei Geschlechts im Feuer zu finden wissen. So was ist ihnen nicht mehr als uns ein plötzlicher Regen bei einem Spaziergange. — Wird Euch nicht wohl? Ich. Nein! nicht sonderlich. Er. Womit kann ich aufwarten? Ich. Haben Sie keine Kohlen und Gänsefedern? Er. Nein, hier nicht, aber ich habe — — Ich. Laßt, laßt, Mr. Pudding. (Wahrlich ich bekümmerte mich nun wenig darum, was Wang-o-Tang O B U> igi T K.1 t i>, verdolmetschen wollte oder nicht. Ich war auf Alles gefaßt, und fand mich daher sehr leicht wieder, griff mit wahrem Gefühl von Überlegenheit über dieses infame politische Lumpengesindel, nach meinem Flaschcnkeller, schenkte ihm und mir einen Dumper ein, den er auch annahm, und sagte): /.--re 6 60/) >./, 6 ///L /./,V6 Do„. /)— äour /o n/k 6ter» . . . Ich glaube fast, ich habe gesagt: io» «»,/ , doch weiß ich es nicht. Er. Was heißt das 6oe -k- 6-»F- Wir müssen hier abbrechen, und behalten uns einige wichtige Artikel aus diesem Journale noch bevor, doch können wir uns nicht enthalten, noch eine, demselben in einem besondern Heft beigefügte Nachricht von einer sonderbaren Mode 110 D M unter den Frauenzimmern anzuführen. Herr Sharp hat sie überdieß mit einigen Betrachtungen eingeleitet, die auch unter uns wirken können. Wahrscheinlich ist die Rede nicht mehr von Schi na. Wir machen daher daraus einen besondern Artikel: Ein neuer Damenanzug, vermuthlich in Indien. (Götting. Taschenkalender 1796. S. 146 ff.) Die größten Leser der Modenjournale und die einsichtsvollsten Kenner von Damenputz haben seit jeher beklagt, daß dieses über die ganze Erde in Erfindungen unerschöpfliche Geschlecht, wo es auf Zierde ankommt, noch nicht auf den Einfall gerathen ist, den Modenwechscl, der jetzt auf langweilige Monate oder Wochen eingeschränkt bleibt, auf Minuten und Secunden zurückzubringen. Was ich hier meine, ist, es müßte mehr augenblickliche Veränderung in dem Damenputze sein. Man bedenke nur die unzähligen Lagen des dreieckigen Huts mit ungleicher Spitze bei den Mannspersonen. Was für Bedeutung in seiner veränderlichen Lage! 1) Mit dem breiten Ende voraus, die Kokarde hinten und lief in das glühende Gesicht gedrückt, was für Muth spricht nicht aus ihm, selbst da, wo die Sonne nicht scheint? 2) Bei eben dieser Lage der Ecken gegen die Welt- 112 gegcnden, aber zurückgeworfen, so daß die weiße Stirne bis an den Haarwuchs frei wird, was für reizende Liederlichkeit (man vergebe diesen Ausdruck) schwebt nicht um ein solches Haupt, zumal wenn der übrige Anzug, vorzüglich die Wäsche, der Materie nach ohne Tadel ist. Sitzt 3) die Spitze gerade über der Nase, nicht zu hoch und nicht zu niedrig, so vermuthet man einen eben so richtig gesetzten, in Allem sich immer parallelen Mann. Sobald aber 4) die Spitze nur im mindesten gegen Osten oder Westen abweicht'), so geht aus dieser Zierde sogleich höhere Bedeutung hervor. Es ist immer etwas Männliches, Positives darin. Man ist sein eigener Herr. 5) In dieser Lage zurückgestoßen, mischt sich die Bedeutung stark mit Nr. 2. Bleibt 6) die Spitze zwar über der Nase, und ist hingegen eine der Seiten gegen den Horizont geneigt, so entsteht die Lage, die man den Hut auf einem Ohr nennt. Ist die Inklination stark, so ist es schwerlich unten darunter ganz richtig. Er fällt aus dieser Lage sehr oft auf die Erde, und der Besitzer, der ihn aufheben will, nicht selten hintcndrein. ') In diesem Ausdruck wird die Lage des Gesichtsmeridians allemal durch die Richtung der Nase bestimmt. Dieses ' ist völlig der Sprache des gemeinen Lebens gemäß. In manchen Gegenden von Deutschland, wo nicht gar in allen, sagt man von einem so gesetzten Hute, er weise auf halb Zwölf. Der Ausdruck ist aus der Gnomonik hergeholt. Anm. des Herausgebers. So etwas kann den rechtlichsten und parallelsten Menschen aus Nr. 3. begegnen, wenn sie sich nicht in Acht nehmen. Wir haben dieses öfters bei den wackersten Bürgersleuten bemerkt. Es geschieht gewöhnlich in dem Zustande, der bei ihnen den Übergang von den Sonntagsandachten zu den Montagsandachten macht. Wird 7) eine Krempe heruntergeschlagen, wie gewöhnlich im Sommer geschieht, so entsteht daraus Schutz und Zierde, zumal für Gesichter, die einem ohnehin etwas aufzu- rathen geben, und denen etwas Nebel günstig ist. Auf diesem Nr. 7. beruht die ganze Theorie der Damenhüte des alten Sthls; die leere Stirne wird dadurch gedeckt, die Verglei- chung schöner Augen mit dem schönen Munde und seinen Zähnen dem Anstauner unendlich erleichtert, und über alle diese Herrlichkeiten kann am Ende vom Unterfutter des Hutes rosenfarbenes Licht zurückgeworfen werden, wodurch Nichts in der Welt verdorben wird. — Hat man den Hut vorn heruntergeschlagen, so muß man sich nur in Acht nehmen, daß die Krempe nicht wieder halb in die Höhe springt, oder gar so heruntergeschlagen, 8) hintenhin gerath, dieses erniedrigt den besten Mann, und mancher gute Christ könnte sogar durch ein solches Dach über dem Zopf, in Verdacht wegen seines Glaubens gerathen. Aus diesem Wenigen werden die Leser gesehen haben, was aus beweglicher Kleidung gemacht werden kann. Nichts Geringeres als eine ganze Sprache, wovon dieses kaum acht Stammwörter für den Hut sind, die aber sehr reich ist, und ihre ei- VI. 8 114 genen Wendungen und Figuren, ihre eigene Prose und Poesie hat. Der Männeranzug hat daher durch den runden Hut wirklich unendlich viel von seiner Bedeutung verloren. Ehemals preßte man zwar seinen dreieckigen Vorgänger, und trug das trockene Präparat unter dem Arme. Allein, weil er da nicht blieb, sondern aus einer Hand in die andere ging, so betete und fluchte, und drohte und charmirte er mit in der Welt, wie auf dem Theater, vertrat Fächerstelle, Präsentir- tcllerstclle für Fächer, Schnupftücher, Handschuhe, oder was sonst noch einer schönen Hand entfallen konnte, und war daher sehr gesprächig. Dieses ist nun Alles durch den runden Hut gleichsam wie abgeschnitten. Er ist viel zu einfach und von zu wenig Worten für die beredte Welt, daher er auch selten mitgenommen wird, wo Beredsamkeit nöthig ist. Er ist eigentlich Trauer, und wurde daher ehedem bloß im tiefsten Leid, und also immer nur kurze Zeit, getragen. Zumal hat der Anblick eines Menschengewühls durch ihn fast allen Reiz für den Zuschauer verloren. Es ist Nichts mehr. Die Pantalons, der Spazierknüppel, und der hohe steife Kragen, find nur ein geringer Ersatz für den Triangel. Beinkleider bleibe» Beinkleider. Sie waren, so lange sie eristiren, immer nur von wenig Worten, und diese sprachen die strammen, ledernen, seit jeher besser als die Pantalons. Der Spazicr- knüppel ist freilich beredter, aber doch immer nur in gewissen Fächern, ik/eun. „nd r»„n», Menschenrechte, Raum und Zeit u. d. gl.; beim steifen Kragen denkt man höchstens einmal 115 an das Halseisen, so ist man fertig. In der That fängt man auch schon wieder an, den runden Hut oval zu schneiden, und sonach Parteilichkeit gegen die Weltgegendcn bei ihm einzuführen. Das war ein guter Schritt, uud es lassen sich bessere Zeiten hoffen. Vergleicht man nun dieses mit den Hüten unserer Damen (der englischen), was für Einförmigkeit pro tempore! Wie der Hut sitzt, so sitzt er von vier des Nachmittags bis Morgens um zwei. Ist das Spiel der Augen und der Lippen auch noch so mannichfaltig, was hilft das, wenn um den Kopf herum immer auf einer Saite dazu gegeigt wird? Fast nichts ist ja veränderlich an dem Meisterstück der Schöpfung, als höchstens die Gürtung mit der Saloppe, und der Flug der Robe beim schnellen Gange, oder wenn Aufwärts (gegen den Wind) gesegelt wird, oder das Einr essen') derselben, wenn Leewärts (vor dem Winde) gelaufen oder über einen kleinen Gassenkanal gesetzt werden soll. Wäre es nicht herrlich, ihrem Anzüge noch mehr Beweglichkeit und dadurch mehr Bedeutung zu geben. Davon haben wir an diesem Hofe") eine Probe gesehen, die wirklich Alles übersteigt, was man von dieser Art ') Ein reffen (to rook) heißt einen Theil eines Segels einbinden, um dadurch seine Fläche gegen den Wind zu vermindern. Anm. des Heran sg. ") Wo? das wird sich künftig angeben lassen. Anm. des Herausg. 8 ' sehen kann. Die reichste Sprache verarmt hierbei und erschöpft sich i/ k'§ akk . Die Damen tragen da, statt der biegsamen Schleppen der Roben, eine Art von steifem Pfauenschweif, der sich an den Hüften anfängt, und von da in einer ziemlich sanften Neigung gegen den Horizont herabsteigt. Nach einer ungefähren Schätzung sind es von den Hüften bis aus Ende wenigstens zwölf Fuß. Wenn sie über die Slraße gehen, tragen sie ihn in einem abwechselnd mit Rosenfarbe, Silber- und Perlenfarbe gestreiften Beutel, und das Ende wird von Kindern getragen, die Liebesgöttern nicht unähnlich sehen. Schon dieses läßt groß, und gibt Hoffnungen, die noch viel größer sind. Wenn sie in den Präsentarionssaal kommen, der, beiläufig zu sagen, von einer solchen stupenden Grüße ist, daß das Exercierhaus, das ich auf unsern Reisen durch Deutschland in Manheim gesehen habe'), etlichemal darin Platz haben würde; so wird der Schweif aus der Scheide gezogen, und die Dame stellt sich, dem Throne gegenüber, auf eine bestimmte Stelle des mit Marmor bunt ausgelegten Fußbodens. Diese Stellen sind kreisförmige Platten von einer sehr abstechenden Farbe, und liegen wenigstens vier und zwanzig Fuß aus einander. Mehr Damen, ') Dieses ist keine sehr angenehme Probe von dem Gedächtnisse oder der Genauigkeit dieses Reisenden. Das Erercierhaus steht nicht zu Manheim, sondern zu Darmstadt. Anm. des Herausg. als solcher Stellen sind, können bei einer Andienz nicht erscheinen. Ich stand seitwärts hinter dem Throne etwas hoch, und erhielt, kraft eines Patents, das vom Hof-Fourier unterzeichnet war, die Erlaubniß, durch das vergoldete Laubwerk des Throns durchzusehen. Die Damen rangirten sich, vier in einer Reihe und ,/»!,,co»ce sechs Reihen hinter einander. Diese vier und zwanzig Personen nahmen also einen Raum von fast vierzehntausend Quadratfußen ein. Schon wie sie jetzt standen, ging der Anblick über alle Beschreibung, sie waren mit Juwelen wie besäet, und mit Federn aller Art wie bepflanzt. Allein alles dieses war nur das Gestell zum Feuerwerk. Jetzt erschien der Kaiser unter einem Donner von Pauken und kriegerischer Musik, und auf einmal singen die Schweife an, langsam aufzuschwellen, und das Pflaster allmälig unter Wellen von tausendfarbigcm Licht zu verschwinden. So wie sich der Kaiser gesetzt hatte, und nun die Assemblee mit einer gnädigen Neigung des Haupts begrüßte, brausten die Schweife völlig auf, und jede Dame stand mitten in einem Halbkreise von vier und zwanzig Fuß im Durchmesser; die Pracht eines solchen Halbmessers mit dem Regenbogen vergleichen, hieße sie völlig herabsetzen. Nicht einmal zum Saume dieser Sonnen aus Kolibris Federn hätte der Regenbogen in aller seiner Herrlichkeit dienen können. Alle Farben hatten den höchsten metallischen Glanz, und viele darunter schienen wirkliches Feuer. Nachdem sie eine Minute so gestanden hatten, singen die Schweife an, sich nach einer sanften Musik zu wiegen, und bald auf 118 diese bald jene Seite langsam um den Mittelpunkt zu drehen, dieses that einen bewundernswürdigen Effect. Fürwahr! alle Macht der Feuerwerkern ist Verfinsterung, und alle Farbencla- viere der Welt find Maultrommeln gegen eine solche Herrlichkeit. Als sie so standen, gingen die jungen Hofcavalicre durch die Reihen, und machten den Damen die Cour, ich horte oft lachen, und einer hatte sogar die Verwegenheit, den Kopf durch einen Schweif zu stecken. Die Dame, der er zugehörte, lächelte zwar, allein man hat mir gesagt, es hätte dem jungen Herrn gefährlich werden können, wenn es der Kaiser gesehen hätte. Es muß dieser Scherz immer so getrieben werden, daß es von der Mitte des Throns nicht gesehen werden kann, und überdieß muß man die Dame genau kennen. Von dem Mechanismus der Schweife und wie sie gesteuert werden, habe ich nichts Deutliches erfahren können. So viel ist aber gewiß, daß es zum Theil durch die Beugung der Knie geschieht, denn bei den tiefsten Verbeugungen war er gewöhnlich am höchsten und am breitesten. Auch hatten sie die Hände an der Seite in einer Art von Taschen, worin vermuthlich die Hebel verborgen waren. Wir übergehen hier die Abschicdscere- monien, und zeichnen nur Folgendes aus. Sobald der Kaiser weg war, ließen die Damen die Schweife alle fallen und zogen sie zusammen, und sprachen Paarweise mit einander, und ich konnte deutlich einen gewissen Rang unterscheiden, denn wenn eine gegen die andere fast völlig aufbraußte, so lüftete oft die andere kaum den Schweif, oder breitete ihn auch aus, ohne 119 ihn von der Erde aufzuheben, welches vortrefflich aussah, aber Stolz bedeuten soll, und es ist nicht zu leugnen, es war Würde darin. Andere, die von gleichem Range waren, und etwas gegen einander hatten, hoben ihn hoch auf, ohne ihn aus einander zu machen, und das zuweilen einigemal hinter einander. Unter andern war dieses bet einem Paar sehr auffallend, die sich auch wahrscheinlich zankten, denn die Schweife gingen immer auf und nieder, und es war unmöglich, nicht an ein Paar Elstern (freilich von himmlischer Pracht und Schönheit) dabei zu denken. Auf einmal ging die eine plötzlich zurück, und drehte sich so schnell um, daß das Ende des Schwanzes der andern gerade unter der Nase hinfuhr, welches diese damit erwiderte, daß sie der ersten den Rücken kehrte, und den ihrigen ganz hoch auseinander machte. Hierbei hatte ich die erwünschte Gelegenheit, zu sehen, wie ein ausgebreiteter Schweif von hinten aussieht. Ich kann den Anblick nicht rühmen. Der ganze Bogen war weiß, aber man konnte deutlich sehen, wie die Fischbeinstäbe, wodurch er vermuthlich die Aussteifung erhielt, alle nach einem Mittelpunkt zuliefen, wie die Federn bei dem Pfau, wodurch denn freilich Verachtung nach allgemein anerkannten Principits ausgedrückt werden kann. Es sollte mich sehr freuen, setzt Hr. S. hinzu, durch diese Nachricht unsern Putzmacherinnen und Vallctmeistern Gelegenheit gegeben zu haben, unsern Assembleen und Theatern eine neue Zierde zu verschaffen, denn Dieses würde eine solche Mode noch immer sein, wenn auch die Zirkclflächen nur den sechzehnten Theil von jenen betrügen, und die Durchmesser von vier und zwanzig Fuß auf sechs zurückgebracht würden, wobei freilich das Schleppen des Schweifes ganz wegfallen würde. Allein schon eine Volante, die sich bei einer Verbeugung der Dame zu einer Glorie um dieselbe ausbreitete, müßte eine Wirkung thun, die weit über mein Lob erhaben Ware. Streit über eine»» Sitz in der Kirche; keine»» bischöflichen. (Götting. Taschenkalender 1797. S. 132—137.) Bekanntlich hat Boileau den Streit über ein Chorpult zu einem komischen Heldengedicht') und seiner eignen Unsterblichkeit mit großer Kunst genutzt. Hier ist die Geschichte auch eines Streites, auch über ein Kirchen-Ameublement, nämlich, einen Familienstand in derselben. Will sie Jemand auch zu seiner eignen Unsterblichkeit nützen, so steht sie ihm sehr gern zu Befehl. Sie ist zwar nicht komisch, vielmehr gerade das Gegentheil, allein dabei so einzig in ihrer Art, so blutreich, und so toll, daß, um ein Meisterwerk für die jetzige deutsche Lesewclt daraus zu machen, man fast nichts weiter zu thun hat, als das Kalenderblättche», so wie es hier ist, ein paar Mal durch die poetische Strecke laufen zu lassen. Denn ') I.s Imtrin, Uoömo Ireioi - comiguo so» six clumts). es stirbt in dieser kurzen Geschichte eine Person vor Schrecken, einer zweiten werden beide Ohren abgeschnitten, und eine dritte wird unschuldig gehenkt. Dieses ist, dünkt mich, alles Mögliche, nicht bloß für ein Trauerspiel, sondern für jede schreckliche Geschichte überhaupt. Die Begebenheit hat sich in Irland zugetragen, und zu ihrer Zeit, vor ungefähr ein und zwanzig Jahren, wie man denken kann, großes Aufsehen erregt. Im Jahr 1795 wurde das Andenken an dieselbe durch den Tod der Person, die ihre Ohren dabei eingebüßt hatte, wieder erneuert. In der Todtenliste nämlich, die jedem Monate des Gentlemans Magazins angehängt wird, werden nicht selten Lebcnsumstände merkwürdiger Verstorbener kurz erzählt, und da findet sich in dem Novemberstück jenes Jahres nachstehender Artikel: Im Octvbcr dieses Jahrs starb zu Newton-Barry in Irland Mad. Ralph, deren Geschichte merkwürdig ist. Es war nämlich an ihrem Todestage gerade neunzehn Jahre, daß zwrei Männer, Carrol und Dangan, dafür gehenkt wurden, daß sie dieser Mad. Ralph beide Ohren abgeschnitten hatten. Die Ursache dieser unmenschlichen Behandlung war, daß ein gewisser sonst schwacher aber rachsüchtiger Man», Namens Dempsey, in der Kirche einen Sitz für sich und seine Familie errichten ließ, wodurch er den schönsten Theil des Gebäudes versperrte. Dieses nahmen Herr und Madam Ralph sehr übel, und ließen den Sitz niederreißen. Was sie für ein Recht dazu hatten, wird nicht gesagt. Hierüber wurde Dempsey so aufgebracht, daß er sogleich einige der damaligen umherstreifcndcn 123 Whiteboys") engagirte, ihn an dieser Familie zu rächen. Diese Kerle überfielen daher in der Nacht die Wohnung des Herrn Ralph, der zu seinem Glück nicht zu Hause war. Sie ergriffen also Mad. Ralph, schleiften sie aus dem Bette auf die Heerstraße, und schnitten ihr da beide Ohren ab. Eine ihrer Töchter, ein junges und schönes Frauenzimmer, starb an den Folgen des Schreckens, das ihr das Schreien der Mutter verursacht hatte. Diese schreckliche Begebenheit erregte den Abscheu der ganzen Gegend; viele Personen wurden ergriffen, und unter diesen auch Carrol und Dang an, die, durch das eidliche Zeugniß der Frau Ralph überführt, beide gehenkt wurden. Dangan gestand vor seinem Tode, daß er zwar mit in dem Ralphischen Hause gewesen wäre, an der abscheulichen That aber keinen Antheil habe, und daß Carrol ganz unschuldig sei. Carrol selbst bestand durchaus auf seiner Unschuld, und Jedermann glaubte auch, er würde wegen seines sonstigen guten Charakters pardonirt werden. Es geschah aber nicht. Eine geraume Zeit nach dieser Begebenheit wurde ein berüchtigter Whiteboy, Namens Arthur Murphy, in der Provinz zum Tode verdammt. Dieser gestand vor seiner Hinrichtung, daß er die Hauptperson bei dem Ohrenabschneiden ') Bekanntlich eine Bande namentlich nächtlicher Unruhstifter in Irland, in den 7ver Jahren des vorigen Jahrhunderts, die ihren Namen von den weißen Hemden erhielten, welche sie über ihrer Kleidung trugen. 124 gewesen, und Carrol hingegen ganz unschuldig sei. Gerechter Himmel, was für eine Begebenheit! Menschen, die sich Christen nennen, besolden ausdrücklich einen Mann, um ihnen wöchentlich einmal die göttlichen Lehren der allgemeinen Menschenliebe und Verträglichkeit mit Nachdruck einzuschärfen, oder was sich davon in der Woche etwa verwischt haben konnte, wieder aufzufrischen. Diese Vortrüge mit Bequemlichkeit und ungestört anhören zu können, bauen sie sich Sitze; über die Lage dieser Sitze gegen die Stelle, von welcher das Wort allen Ohren gleich reichlich zuströmte (denn von einem Bethesda') ist hier die Rede nicht), zanken sie sich. Und über diesem Zank werden ein Paar Christenohren abgeschnitten, ein junges und schönes Mädchen stirbt vor Schrecken, und ein Man» unschuldig unter Henkers Händen! — Daß Frau Ralph gerade am Anniversario von Carrol's Erecution starb, ist wohl nicht bloßer Zufall. Mehrere Jahre vor ihrem Tode ward Carrol's Unschuld klar. Sie halte den armen Teufel mit irländischer Hastigkcit und Übereilung an den Galgen geschworen. Es trinkt sich mit schlechtem Appetit aus dem Lebensbecher, wenn ei» solcher bitterer Bodensatz sich mit jedem Zuge mischt. Der Octobertag mag ihr wohl jährlich bitterer ') Der aus dem Evangelio Johannis, Cap. 8., bekannte ehemalige Teich der Barmherzigkeit, dessen Wasser denjenigen heilte, der sich zuerst in ihm badete, nachdem er von einem Engel bewegt worden war. 125 und bitterer geworden sein, bis endlich die Schwäche des Alters und seine Empfindlichkeit den Lebensfadcn zu dem Grade verdünnt hatten, daß es ihn zu zerreißen Nichts weiter bedurfte, als der Erinnerung: heute sind es neunzehn Jahre, daß bloß durch dich ein Mensch unschuldig am Galgen gestorben ist. Über Ernährung, Kochen und Kost- sparkttnst. (Götting. Laschcnkalender 1797. S. 137—156.) Nachstehende Blätter sind hauptsächlich aus einer der neuesten Schriften des Grafen von Rumford (ehemaligen Sir Benjamin Thompson's) gezogen'). Bei dem Reichthum von neuer Materie, die sie enthalten, kann von uns hier Nichts ') t7o»n< Lxperimontal Lssaz-s, politiosl, eco- nomicsl -mü z>liilosopliical. l.ou6on 1796, wovon eine Übersetzung im Verlag des weimarischen Jndustriecomtoirs angekündigt worden ist. Anm. des Verfassers. Graf von Rumford, geb. 1752 auf der kleinen amerikanischen Insel Numford. Diente während des amerik. Kriegs als Major in der englischen Armee, nach dem Frieden in bai- rischen Diensten. Churfürst Carl Theodor machte ihn zum Grafen und Generallieutcnant. Kehrte 1808 nach England zurück; ließ sich 1812 in Frankreich nieder und starb 1814 zu Anteuil bei Paris. 127 als höchstens Erweckung der Nengicrde auf das Buch selbst erwartet werden, Befriedigung keiuesweges, ob wir uns gleich auch hier nur auf einen sehr kleinen Theil derselben einschränken. Graf van Rumford gehört unstreitig mit unter die ersten Naturforscher unserer Zeit. Alle Theile der Naturlehre, die er nur berührt, erhalten von seinem Genie Aufklärung.und Erweiterung. Was er hier der Welt übergibt, sind nicht etwa bloß sinnreiche Speculationen, die immer, von einem solchen Genie angestellt, respektabel sein würden; es sind großentheils Versuche, alle nach einer sehr großen Scale in der wirklichen Welt ausgeführt. Seine Vermögensumstände sowohl, als übrige glückliche Lage in der Welt, setzen ihn in den Stand, seine Speculationen nicht allein, wo es nöthig ist, mit Aufwand zu verfolgen, sondern, wenn sie zur Reise gediehen sind, im Großen anzuwenden, und so nachher das Ganze, zugleich mit dessen Rechtfertigung zur Seite, bekannt zu machen. Wo würde unsere Naturlehre mit ihrer Anwendung auf das gemeine Leben nicht jetzt schon sein, wenn sie immer so behandelt würde, oder wenn Menschen, die sie so zu behandeln im Stande sind, ihr ihre Muße widmen wollten, wie Graf von Rumford? Gewöhnlich aber macht man aus jeder flüchtigen Hypothese ein Erwerbartikelchen, und zieht damit auf die Messe. Ist die Hypothese auf der einen abgesetzt, so verkauft man auf der nächsten den Widerruf davon, und die Erzählung aller Umstände, wodurch der Irrthum endlich an den Tag kam, und so bezahlt das Publikum am Ende ein künstliches Nichts immer dop- peil so theuer, als eine simple Realität. Nachstehende Gedanken befinden sich hier und da zerstreut in dem vortrefflichen Aufsätze über die Armcnanstaltcn in Baiern. Graf Rum ford ist bekanntlich Soldat in Churbaierischen Diensten, in welche er mit Erlaubniß Sr. Majestät unsers Königs im Jahr 1784 trat. Seine Hauptbeschäftigung war, ein neues System von Ordnung, Disciplin und Ökonomie unter den dortigen Truppen einzuführen. Hierbei hatte er beständig die große und wichtige Wahrheit vor Augen, daß keine besondere politische Anstalt in der Welt anders gut sein kann, als in sofern sie zum Besten desGanzen beiträgt. Bei allen seinen Unternehmungen hierin, suchte er also beständig das Interesse des Soldaten mit dem Interesse des Bürgers zu verbinden, und das Militär, selbst in Friedenszeiten, zum öffentlichen Wohl mitwirken zu machen. Diesen großen Zweck zu erreichen, nämlich ein respektables stehendes Corps zu erhalten, das der Bevölkerung, den guten Sitten, den Manufakturen und dem Ackerbau so wenig als möglich schadete, war es nothwendig den Soldaten zum Bürger und den Bürger zum Soldaten zn machen. Was er zu dem Ende dort wirklich ausgeführt hat, wird man zu Anfang des ersten Versuchs mit Vergnügen und selbst nicht ohne Bewunderung lesen. Die Verbesserung des Svldatenstandes, mit jenem großen Zweck vor Augen, ernstlich gesucht, mußte nothwendig Reformen in andern Fächern der Staatsverwaltnng und der Polieei nach sich ziehen. Unter den mannichfaltigen Maaßregeln, wodurch der Soldat zur Mitwirkung zum öffentlichen Wohl in Friedenszeiten gebracht werden konnte, schien keine von größerem Gewicht, als die, ihn zu brauchen das Land von Bettlern, Dieben und Vagabunden zu reinigen, mit denen Baicrn zum Erstaunen, ja zum Unglaublichen, überall überschwemmt war. Allein dieses machte Unterhaltungsanstalten für diese Menschenclassen nothwendig. Denn daß man, wie sich Niesbeck') ausdrückte, in Baicrn die Heerstraßen ehemals mit Galgen bepflanzte, wie an andern Orten mit Wallnußbäumen, hatte nicht geholfen. So gab immer Eines das Andere. Dieses Gesinde! mußte nämlich beschäftigt und gespeist werden. Diese Speise mußte nahrhaft, aber auch wohlfeil sein; dieses führte unsern großen Naturforscher auf die Untersuchung sowohl der Nahrhaftigkeit der Speisen und der Ernährung überhaupt, als auch der Wärmcökono- mie und der Holzsparkunst. Seine Untersuchungen über die erstem theilt er in obcngenannten Schriften mit, die über die letztem werden diesen bald folgen, und, aus dem Wenigen zu schließen, was uns aus Unterredungen mit dem vortrefflichen Erfinder davon bekannt geworden ist, jene für das menschliche Geschlecht so höchst interessante Wissenschaft um einen großen Schritt weiter bringen"). ') Casp. Niesbeck, geb. 1750 zu Höchst, bei Frankfurt, gest. 1786 in Arau. Verfasser einer geschützten Reise durch Deutschland, die zuerst 1783 in Zürich erschien. ") Die Schrift über die Verbesserung der offnen Camine, so wie sie in England im Gebrauche sind, befindet sich schon VI. 3 130 Unter allen Operationen der organischen Natur verdient schwerlich eine unsere Aufmerksamkeit mehr als die, wodurch Thiere und Pflanzen genähret werden und wachsen, und doch ist kaum irgend eine noch so wenig ernstlich untersucht worden als diese. Indessen hat der Hunger, den der gegenwärtige Krieg hier und da befürchten ließ, den Fleiß der Menschen mehr als jemals auf diesen Gegenstand gezogen. Beide Häuser des englischen Parlaments sowohl, als die Commission zur Beförderung des Ackerbaues (Haarst ob ^griculturs), sind aufmerksam darauf geworden, und man hat Hoffnung, sagt der Graf, daß von nun an die Sache der ernstlichsten Untersuchung unterworfen werden wird; sollte Dieses der Fall wirklich sein, so getraut er sich voraus zu sagen, daß die großen Vortheile, die daraus für das in dieser Sanimlung. Sie bat sehr großen Eindruck gemacht. Man hat alle Vorschlage durch den besten Erfolg gekrönt gesehen, und wie aus einem diesem Aufsätze vorgedrucklen Briefe von Sir John Sinclair erhellt, so haben der Lord Pro- vost und der Magistrat von Edinburg eine Summe verwilligt, einen Mann von London kommen zu lassen, um auch in ihrer Stadt den Plan in Ausübung zu bringen. Anm. des Verfassers. Sir John Sinclair, geb. 1754. Präsident der Gesellschaft des Ackerbaues, Parlamentsmitglied. Schrieb unter Anderen: Ilistorz- ok llio pnlilio revonno ok lliv lllritisli 8m— piro. 3 Voll. 3te Ausg. 1805. 8tr>listic->I accaunt ok 8cot— Isnü eto. 4 Voll. 1792—1799. 131 menschliche Geschlecht erwachsen müssen, das Schrecken, dem sie ihren Ursprung zu danken haben, in den Annalen der bürgerlichen Gesellschaft bis in die späteste Zeit merkwürdig machen werden. Seitdem man weiß, fährt der Graf fort, daß das Wasser kein einfacher, sondern ein zusammengesetzter Stoff ist, hat die Lehre von der Ernährung sehr viel an Licht gewonnen. Man weiß nunmehr mit einem hohen Grade von Zuverlässigkeit, daß das Wasser bei der Ernährung und dem Wachsthum der Pflanzen eine sehr viel wichtigere Molle, und diese auf eine andere Weise spielt, als die Naturforscher bisher geglaubt haben. Es ist nicht sowohl das Vehikel ihrer Nahrung, als vielmehr ein wichtiger Theil der Nahrung selbst. Es wird durch die Pflanzen zersetzt und ein Theil davon in die Substanz derselben aufgenommen; ja, der Dünger selbst trägt eigentlich nur mittelbar zu ihrer Ernährung bei, indem er jene Zersetzung des Wassers befördert. Von der Ernährung der Pflanzen zu der des thierischen Körpers ist aber nur ein geringer Schritt, den die strengste Analogie von so vielen Seiten her rechtfertigt. Da überdicß das Wasser zu beiden Processen unumgänglich nöthig ist, warum sollte es und seine Bestandtheile auch nicht hier eben so gut und auf eben die Weise zur Nahrung dienen als dort? Der Verfasser hat überwiegende Gründe, so etwas zu glauben. Seine lange Beschäftigung mit Speisung der Armen in München setzte ihn in den Stand, eine große Menge mannichfaltiger Versuche über diesen Punkt anzustellen, und der Erfolg überstieg 9 ' 132 ftuie Erwartung. Er fand bald, daß die Kräftigtest einer Suppe nicht sowohl von der Menge fester nahrhafter Theile in derselben, als vielmehr von einer schicklichen Auswahl derselben und der Behandlung des Feuers dabei abhänge. Es ist wirklich zum Erstaunen, wie wenig solide Nahrung nöthig ist, den Hunger zu stillen und Leben und Gesundheit zu erhalten, und mit wie geringem Aufwand der stärkste Mann und der thätigste Taglöhner bei der sauersten Arbeit gesättigt werden kann. Wie wenn es also mit den Speisen wäre, wie mit dem Dünger bei den Pflanzen, und die solideren, z. B. mit den Suppe» gemischten Theile, bloß dienten, die Zersetzung der Flüssigkeit zu befördern? Es kann kaum anders sein, wenn man bedenkt, daß eine Portion von 20 Unzen einer Suppe, wozu der Verfasser das Recept gibt, völlig hinreichend befunden worden ist, den Hunger einer erwachsenen Person zu stillen, und daß dennoch in dieser Portion kaum 6 Unzen soliden Stoffs waren. Der letztere bestand aus Gerstengraupen, Erbsen, Kartoffeln, einigen gedörrten Semmelschnitten, und dem nöthigen Salze; der flüssige Theil bloß aus Wasser und etwas Essig. So wird es auch begreiflich, wie man im Werkhause zu München 1200 Menschen täglich mit einer kräftigen Suppe hat speisen und sättigen können, die, Kost und Lohn von drei weiblichen und zwei männlichen Bedienten, Feuerung und sogar die jährlich nöthigen Küchenreparaturen mit eingerechnet, nur etwas über eilftehalb Thaler kostete. Das beträgt für die Portion zu 20 Unzen (^vo,,- stu/io»), nicht einmal drei Pfennige hiesigen 133 Geldes. Noch wohlfeiler, fast in dem Verhältniß von 4 zu 3, wurde die Suppe, als man Kartoffeln hinzuthun, und dadurch die andern kostbarern Zuthaten ersparen konnte. Man liest nämlich hier mit Verwunderung, daß noch vor noch nicht gar langer Zeit die Kartoffeln in Baiern fast gänzlich unbekannt waren, und nachher, als man sie einführte, so stark, zumal von den Armen, verabscheut wurden, daß man sie in dem Werkhause schlechterdings heimlich einführen mußte. In einem entlegenen Winkel des Gebäudes wurde ein Zimmer zur Küche zurecht gemacht, und darin die Kartoffeln so lange gekocht, bis alle Textur, woran mau sie noch hätte erkennen können, zerstört war. So mischte man sie mit der Suppe. Allein die Kostgänger bemerkten bald, daß sich ihre Suppe gar sehr verbessert hatte, und gaben der Abänderung ihren Beifall endlich so deutlich und laut, daß man nicht länger Anstand nahm, ihnen das Geheimniß zu eröffnen; und nun sind sie so sehr für die Kartoffeln eingenommen, daß man ohne dieselbe» nicht leicht mit ihnen mehr würde fertig werden können. Die Art und Weise, wie hier das Directvrium ein, allerdings ganz respektables, Corps armer Menschen behandelte, zeigt, daß ein eben so feiner Menschenkenner und Menschenfreund, als großer Naturforscher, an der Spitze desselben steht. An andern Orten hätte man vielleicht, um die Kartoffeln schmackhaft zu machen, die Peitsche mit dem Eßlöffel verbunden, oder die Gesellschaft in eine Art von Belagerungszustand gesetzt und hungern lassen. — Die gedörrten Brotschnitte werden hinzugethan, um das Kauen zu verlängern, und das mit dem Essen verbundene Vergnügen (t/cc zilea^m-e o/'eat»tA), das sich Niemand gern nehmen läßt, zu vermehren. Dieses Vergnügen, dem unser Verfasser, mit weisem Vorbedacht, ein eignes Kapitel gewidmet hat, wird theils dadurch befördert, daß man der eigentlich nährenden, aber öfters geschmacklosen, Substanz einen angenehmen Geschmack zu geben sucht, welches durch eine Menge sehr wohlfeiler Mittel, worunter das Salz selbst gehört, erhalten werden kann, und dann, daß man dem schnellen Verschlucken vorbeugt, und zum Kauen nöthigt. Dieses Letztere wird nun durch die Schnitte befördert, die an sich geschmacklos sind. Man röstet sie deßwegen zuweilen, und öfters sogar in einer Fettigkeit, die das Eindringen des Wassers, und folglich das schnelle Zergehen derselben hindert, und daher das Kauen immer nothwendiger macht. Was hierauf der Verfasser über die Art sagt, wie der Soldat in Baiern gespeist wird, verdient gewiß die Aufmerksamkeit der Personen, von deren Direktion das Wohlbefinden dieses Standes abhängt, und ist mit einer so lehrreichen Umständlichkeit und Präcision erzählt, die Nichts zu wünschen übrig läßt. Um aber diese Absicht, sowohl in Rücksicht auf die Nabr- hafligkeit und die Wohlfeile der Speisen, sicher zu erreichen, kommt es gar sehr auf die Art zu kochen und die Behandlung des Feuers an. Es muß Nichts übereilt, Alles lange und langsam gekocht werden, ja es ist sehr viel besser, die Suppe mehr kochend heiß, als kochend zu erhalten. Es ist unglaublich, wie sehr hierin nicht bloß in den Küchen, sondern auch in allen 135 Werkstätten, worin gekocht werden muß, gefehlt wird. Ich will nur auf einen Hauptumstand aufmerksam machen, der erst in künftigen Aufsätzen des Grafen vollständig erörtert werden wird. Jeder Anfänger in der neuern Naturlehre kennt die ungeheure latente Wärme der Dämpfe des kochenden Wassers. Beim Wasserkochen werden also in einer Stadt oft taufende von Klafterholz verbrannt, kochend heißen Dampf zu erzeugen, der Niemanden dient; er verliert sich in der Luft. An seinem Wasser freilich ist nichts verloren, aber an seiner kostspieligen Hitze sehr viel. Wenn uns der nächste Regen das erstere mit großen Procentcn wieder gibt, so ist letztere mit allen den Pro- renten, die sie hätte bringen können, verloren. Wasser kochend, das heißt aufwallend, zu erhalten, erfordert unglaublichen Aufwand von Brennmaterialien, bloß zur Erzeugung eines unnützen Dampfs in einer solchen Menge, als sich bei jenen heftigen Aufwallungen erzeugt. Hingegen Wasser, daS Einmal gekocht hat, kochend heiß zu erhalten, erfordert nur wenig Feuerung, und doch ist gewiß bei neun Operationen unter zehn, wobei Wasser gekocht wird, letzteres nicht bloß hinreichend, sondern vortheilhafter auch in Rücksicht der Bereinigung des Gekochten mit dem Wasser. Bei unsern Theemaschinen hat man auch längst, ohne den eigentlichen Grund des Verfahrens zu kennen, davon Gebrauch gemacht; auch den einmal kochenden Theekessel öfters über Nachtlichtern mit Vortheil aufgehängt. Wer, um Wasser bloß kochend heiß zu erhalten, es immer kochend erhält, verfährt nicht klüger, als der, der einen Be- 136 chcr Weins bis zum Überlaufen voll zu erhalten, immer Wein zugießen wollte, der alle wieder abflösse. Je schneller er zugösse, desto mehr würde ablaufen. Je mehr man Feuer unter das kochende Wasser macht, desto mehr Dampf entsteht; allein so wie dort der Becher nicht voller wird durch das Zugießen, so wird hier das Wasser nicht heißer durch das verstärkte Feuer. So wie es also bei dem Becher sehr viel rathsamcr gewesen wäre, ihn erst so hoch als möglich anzufüllen, und dann allenfalls das, was verdampft, oder sonst verspillt wird, mit Vorsicht wieder nachzutragen, eben so auch hier. Wenn der Kessel bedeckt und überhaupt zwischen Materien eingeschlossen ist, die die Wärme wenig fortlciten, und man einmal weiß, wie viel ein solches mit kochend heißem Wasser angefülltes Gefäß in einer gegebenen Zeit an Hitze verliert, so läßt sich dieser Verlust mit sehr geringem Aufwand ersetzen, und der Endzweck des Kochens völlig erreichen. Zur Probe von dem Unterschied zwischen der gewöhnlichen empirischen Kocherei und einem vcrnunftmä- ßigen Kochen: Bei Speisung der Soldaten wurde, was die Feuerung anbetrifft, noch auf die gewöhnliche Weise verfahren und in irdenen Töpfen gekocht, und im Durchschnitt kam auf ein Pfund Suppe gahr zu machen, fast ein Pfund Holz s'°/n). In dem neuen Werkhause, wo man wissenschaftlich verfuhr, wurden 600 Pfund Suppe mit 44 Pfund Tannenholz gahr gekocht. Dieses gibt eine Holzcrsparniß in dem Verhältniß von fast 13 zu 1. Das ist doch fürwahr keine Kleinigkeit, mit einer Klafter Holz eben so viel ausrichten zu können, als 137 ein Anderer mit einem Dutzend und darüber. Merkwürdig ist noch, daß das Kochen im Werkhanse fünftehalb Stunden dauerte, bei den Soldaten nur drittehalb. Hier zeigt sich eine kleine Verwandtschaft mit dem mechanischen Gesetz, daß was man an Kraft gewinnt, an der Zeit verloren wird, die aber hier von gar keinem Belang ist, und selbst noch von sehr geringern sein würde, wenn sich die Köche die Zeit bezahlen ließen, und der Lohn sich verhielte, wie die gebrauchte Zeit. Freilich um diese so höchst Vortheilhafte Berfahrungsart ganz kennen zu lernen, werden wir erst die übrigen Abhandlungen des Grafen abwarten müssen, denn selbst Einiges von dem, was ich hier beigebracht habe, ist mir aus der Unterredung mit ihm bekannt, aber jetzt (August 1786) vermuthlich schon in London gedruckt. Doch kann ein Umstand nicht Übergängen werden, dessen auch schon in diesen Versuchen gedacht wird. Um die Hitze so viel als möglich zusammenzuhalten, müssen die Gefäße gut bedeckt und nicht zu oft geöffnet werden. So würden aber die Speisen leicht anbrennen. Dieses zu verhindern, werden die Böden der Kessel doppelt gemacht. Inwendig in dem Kessel wird nämlich ein zweiter Boden angenietet, nur muß dieses mit sehr kleinen Nageln geschehen, weil die Speisen um die Köpfe starker Nagel herum leicht etwas anbrennen. Übrigens kann der innere Boden den Kessel ganz durchaus berühren, denn die kleinste Luftschicht, oder bloß der Mangel an physischer Cvhäsion zwischen den beiden Böden, ist hinreichend dem Anbrennen vorzubeugen. Der größeren Festigkeit wegen, 138 kann man auch die beiden Böden noch, außer dem Rand, an verschiedenen Stellen zusammennieten. Beim Verzinnen des " Kessels wird gesorgt, daß das Zinn sich an dem Rande des in- ? nern Bodens etwas setzt, um dem Eindringen des Wassers zwi- " schen beide Böden vorzubeugen. I Wenn erst langsames und langes Kochen, wie wir gesehen haben, mit Holzersparung vereint werden kann, so k wird manches Gericht an Nahrhaftigkeit und Schmackhaftigkeit unendlich gewinnen. Übereiltes Gahrmachcn ist beiden so nach- theilig als übereiltes Verschlucken. Der türkische Weitzen, den immer ein gewisser roher Geschmack noch von der Küche ent- « kernte, wird, auf diese Weise behandelt, eines der schmackhaft ? testen und nahrhaftesten Mittel, die es gibt, und übertrifft sogar h hierin den Reis. Dieses haben selbst die Neger in Nordame- « rica und Westindien auscrfunden; sie Pflegen da, mehr deutlich als anständig, in ihrer Sprache zu sagen: der Reis wird in unsern Bäuchen zu Wasser und stießt ab; der Maiz bleibt bei s uns, und gibt uns Kraft zu arbeiten. — Aus diesen wenigen Proben wird man ersehen, was aus der Kochkunst gemacht werden kann, sobald sie ein einsichtsvoller Physiker seiner Aufmerksamkeit würdigt. Vermuthlich sind auch die Zeiten nicht mehr fern, da Physik und Chemie, denen die lateinische Küche, ich meine die Apotheke, so Vieles, wo nicht gar Alles, zu danken hat, ihre Herrschaft auch über die populäre Hausapotheke, ich meine die Küche, erstrecken wird. Da sie so viel geleistet haben, die Apotheke, die sonst wie eine 139 Art von Fegfeuer, dicht zwischen Küche und Kirchhof log'), so weit als möglich von dem letzter« abzurücken, so wäre es unstreitig ihr größter Triumph, sie auch so weit als möglich von ersterer zu entfernen, die noch immer Hand in Hand gehen und sich einander in die Hände arbeiten. Nun zum Beschluß dieser kurzen Kritik der Kochkünste ein Recept zu einem schmackhaften und kräftigen Punsch, welches in einer der Abhandlungen nur beiläufig und in einer Note vorkommt: Man läßt in dem dazu bestimmten Wasser eine Handvoll Reis zwei bis drei Stunden kochen, und verfährt übrigens wie gewöhnlich. ') Zu Elze, einem hildesheimischcn Städtchen-f), an der Pvststraße zwischen Eimbeck und Hannover, war ein Theil hiervon, ehemals wenigstens, bildlich zu sehen. Da lag die Apotheke dicht am Kirchhofe, und es war unmöglich, vorbeizufahren, ohne an das: 8ic psgina zungit smioos zu denken. Eine französische Küche von der andern Seite hätte das Kleeblatt und die Zahl der guten Dinge vollkommen gemacht. Anm. des Verfassers. -f) Ist seit 1813 hannöverisch. Anhang zu vorstehendem Artikel (Göttiug. Taschenkalender 1797. S. 157 —160, wo der Artikel unter der Rubrik Miscellaneen rc. steht.) a) Vom Feuer. Aus dem unmittelbar vorstehenden Artikel erkennt man schon, wie wenigen Gebrauch man bisher im Ernst in der Haushaltung, Gewerben und Künsten von demjenigen gemacht hat, was die Physik von dem Feuer und dessen vortheilhaster Unterhaltung bereits sehr deutlich lehrt. Es scheint, als wenn die Noth hier zum zweiten Mal als Lehrmeisterin auftreten müßte, die Menschen klüger zu machen. Noch immer besteht die Wolke, die über London schwebt, aus Tausenden von Scheffeln von Steinkohlen, die die Ungeschicklichkeit da hinauf wegwirft, ohne den mindesten Gewinn, als etwa den, die Sonne zu verfinstern und die Häuser mit Ruß zu bepudern. Mit unserm Rauch aus den Schornsteinen ist es nicht viel besser; es ist weggeworfenes oder eigentlich ohne allen vernünftigen Zweck gänzlich zerstörtes Brennholz. Zumal verstehen die Bäcker die Kunst, uns unser Brot durch solche Rauchopfer zu vertheilen!. Feuer, das jetzt bei unsern gegenwärtigen Kenntnissen unter der Direktion des Menschen brennt, sollte bloß dienen, nie herrschen und nie mehr verzehren, als gerade zu dem Dienst, den es leistet, nöthig ist. Allein selbst da, wo man sich sonst manche Bequemlichkeit versagt, heizet, kochet und siedet man noch gewöbnlich auf einen sehr hohen Fuß, ich meine mit zwei-, dreimal so großem Aufwand von Feuer, als nöthig ist. Freilich, um Alles, was Physik und Chemie hierüber lehren, nun in das bürgerliche Leben überzutragen, dazu sind Einrichtungen nöthig, die oft, bis die beste gefunden ist, großen Aufwand erfordern. Holz und Kohlen zu verbrennen, ist sehr leicht. Den Rauch mit zu verbrennen, so daß man die Schornsteine inwendig könnte anweißen lassen, ohne Gefahr sie deßwegen früher beschmutzt zu sehen, als manche Wohnstube; dadurch die größtmögliche Hitze zu erhalten, und diese Hitze ganz zu dem vorgesetzten Zweck hinzuleiten, ist möglich, allein es auf die wohlfeilste Art auszuführen, macht Versuche nöthig. Ist die Einrichtung gefunden, so ist die Sache gewöhnlich leicht nachgemacht. Bei der englischen Dampfmaschine hat man diese Einrichtung bereits getroffen. Diese Anstalten werden freilich immer etwas von der argandschen Lampe haben müssen, die eigentlich ein kleiner Windosen ist, bei dessen Feuer man bloß sehen, so wie der Windofen eine argandsche Lampe darstellt, bei deren Feuer man sich bloß wärmen will. Aber in besondern Fällen sind, wenn man auch gleich dieses weiß, die 142 Anwendungen nicht leicht. Was für ein Feld für Große und Reiche mit solchen Versuchen dem Dürftigern vorzugehen, und, möchte man hinzusetzen, über ihn zu herrschen! Wem wird nicht Ungleichheit des Standes und Vermögens verehrungswür- ^ dig sein, wenn sie sich unter dieser Form zeigen? Auch ist die Sache Gottlob! so selten nicht, eben weil das Studium der Natur einen unwiderstehlichen Reiz für den unbefangenen Menschen hat, der nur bloß durch Erziehungskünste abgestumpft werden kann. Der große Naturforscher, von welchem im vor- hergehenden Artikel die Rede war, verdient auch hierin Allen ^ von seinem Rang und Glücksumständen zum bleibenden Muster " aufgestellt zu werden. Nicht allein viele von seinen Einrich- tungen, die er nun jedermann so leicht hingibt, haben ihm sehr großen Aufwand verursacht, sondern er hat, wie ich höre, in 8t England sowohl als America (seinem Varerlande, wo ich nicht m irre), Capitalien niedergelegt, von deren Ertrag jeder belohnt Hi werden soll, der die Lehre vom Feuer und dessen Be- « Handlung zum Nutzen des gemeinen Lebens mit p! neuen Entdeckungen bereichern wird. Wie Viele gibt es nicht M in Deutschland, die den Grafen, wenigstens in dem letzten 8 Punkt, nachahmen könnten, und wie Viele ahmen ihn nach? Ha «it 143 Ii) Über ökonomische Behandlung der Wasscrdämpfe. (Götling. Taschenkalender 1798. S. 190— 195.) Es ist im Taschenbuche vom vorigen Jahre') bereits gesagt worden, daß die Dämpfe des kochenden Wassers eine ungeheure Menge Hitze wegnehmen, die völlig, mit allem Auswand von Brennmaterialien, wodurch sie erzeugt werden muß, verloren geht. Von der Wahrheit dieser Behauptung kann man sich schon durch folgende Betrachtung überzeugen, die wohl für Niemand zu schwer sein wird. Es ist eine völlig ausgemachte Wahrheit, daß, wenn man um einen großen Kessel mit Wasser ein Feuer machte, das hinlänglich wäre Kupfer und Gold zu schmelzen, so würde das Wasser, vorausgesetzt, daß dessen Dämpfe einen freien Abzug hätten, doch nur die geringe Hitze von 212" Fahrenheit, annehmen, und der Kessel würde nicht eher schmelzen, bis alles Wasser verkocht wäre. Was ist es hier, das das Wasser so sehr abkühlt? Nichts Anderes, als der aufsteigende Dampf. Das kochende Wasser befindet sich in der Mitte zwischen einem Heizer und einem Ab kühl er, einem positiven und einem negativen Feuerquell, die immer gleich viel geben, daher nimmt dessen Hitze nicht zu, aus eben der schönen Ilr- ') S. den vorhergehenden Aufsatz: Vom Feuer. 144 fache, warum ein Gefäß nicht voll werden kann, wenn unten so Viel abfließt, als oben hineingegossen wird. Nur findet hier noch der nicht sehr tröstliche Unterschied Statt, daß das Gesäß doch angefüllt werden kann, wenn ich mehr zugösse, als abfließt, dieses aber beim Feuer unmöglich ist, denn je mehr Hitze zugeführt wird, desto mehr erweitert sich das Loch, durch das sie abfließt, und Einnahme und Ausgabe bleiben immer gleich. Alles was das stärkere Zufeuern bewirkt, ist Beschleunigung des Prozesses. Der Kessel, der bei einem schwachen Feuer Tage gebraucht hätte, um zu verkochen, verkocht nun vielleicht in wenigen Stunden, aber das Wasser ist während des Prozesses in einem so heiß, als im andern.— In diesem Punkte nun ist die Haushaltungskunst weit hinter der Na- rurlehre zurückgeblieben, mit welcher sie, wo möglich, gleichen Schritt zu halten suchen sollte. Daß man in vielen Fällen eine Menge Brennmaterialien ersparen könnte, wenn man Wasser statt kochend zu erhallen, bloß kochend heiß oder nahe dabei erhielte, ist schon oben angezeigt worden. Wo aber Dieses nicht gut angeht, sollte man wenigstens suchen, die ungeheure Menge von Feucrwesen in den Dämpfen zu nützen. Wenn man zum Beispiel an den Teckel eines dicht verschlossenen Kessels mit Wasser, ein krummgebogcncs Nohr anlöthet, dessen anderes Ende man bis an den Boden eines mit kaltem Wasser angefüllten hölzernen Eimers leitet, so kann man, wenn das Wasser im Kessel kocht, auch dem im Eimer die Hitze des kochenden geben, und das bloß durch den Wasserdampf aus 115 dem Kessel, der ohne diesen Gebrauch in den Schornstein gegangen wäre. So wurden hier Kartoffeln in einem hölzernen Eimer in einer halben Stunde bis zum Zerplatzen gahr gekocht. Der Versuch sah drollig genug aus. Das Wasser in dem bloß blechcrnen Gefäße kochte bei einem sehr mäßigen Feuer auf einem Dreifuß im Camin, und der Eimer mit den Kartoffeln stand frei auf dem Fußboden des Zimmers. Doch hatte man die Vorsicht gebraucht, auch den Eimer mit einem hölzernen Deckel zu schließen, durch den das Nohr ging. Dessen ungeachtet entwischte da noch eine große Menge kochend heißer Dämpfe, die man wieder in einen zweiten Eimer hätte leiten können, u. s. f. Daß man das im Kessel kochende Wasser noch hätte nutzen können, versteht sich von selbst, und ist eigentlich das, was hier den Vortheil ausmacht. Es ist überhaupt unverzeihlich, daß man noch bei dem sich überall zeigenden Holzmangel, der noch am Ende gar einmal Völkerwanderungen verursachen könnte, mit dem so kostbaren Feuer so wirthschaftet, wie mit dem Wasser, das Nichts kostet. Hr. Wedgwood*) hat mit seinem -Pyrometer gefunden, daß bei einigen englischen Glas- und Schmelzhütten die Hitze viel zu ') Josias Wedgwood, geb. 1730, gest. 1795. Chef einer englischen Porcellanfabrik, Mitglied der k. Societät in London und der Alterthumsforscher; veranlaßte den Ankauf der ersten Sammlung der hamiltonschen hctrurischen Vasen durch die Nation. VI. 10 146 groß ist. Sollte es bei dc» unsrigen anders sein? I» den Küchen gehet es nicht besser her. Konnten die Koche, die ja ohnehin ein Geschlecht anßmachen, das zwischen dem zweiten und dritten Stande schwebt, wie die Fledermäuse zwischen den Bögeln und Säugcthieren, auch Wärme versuchen (kosten) lernen, wie sie Saucen versuchen. Der Gebrauch des Thermometers ist ja nicht schwer. Man könnte eines in dem Kochlöffelstiel anbringen. — Doch ich niuß abbrechen, damit nicht ein Spötter glaubt, ich habe die Idee zu einem solchen Thermometer aus Hrn. Marlowe's Auktionskatalog genommen, und den Artikel dort verschwiegen'). ') Vergleiche den unten S. 162 folgenden Aufsatz: Verzeich- »iß einer Sammlung von Geräthschaste», welche — öffentlich vcrauctionirt werden sollen. 147 Das war mir einmal eine Wurst. (Ein Beitrag zur Theorie der Processionen.) (Götting. Taschenkalendcr 1798. S. 121-131.) Man kann sich, dünkt mich, ohne dem Begriffe sonderliche Gewalt anzuthun, jede Procession von Menschen im Zuge, es mögen nun immer je einer nach dem andern, oder ihrer je zwei und zwei, oder je drei und drei, u. s. f. hinter einander aufmar- schiren, als eine Schnur gedenken, auf die man sie aufgereihet hat, zu allerlei Gebrauch, etwa wie Co rollen, Perlen, Morcheln und dergl. Ist diese Vergleichung, woran ich nicht zweifle, richtig, so verdiente wohl bei der Theorie der Processionen die Schnur hauptsächlich Rücksicht, da jedermann bekannt ist, daß weder Corallcn noch Perlen, noch Morcheln, auf Schnüren wachsen, und erst manche Vorbereitung erfordern, ehe sie sich auf Fäden ziehen lassen. Nun habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen, daß sich nahe an tausend Menschen, von einem etwas feisten Manne, mit einer Wachskerze in der Hand, nicht bloß durch alle Straßen der Stadt schleifen ließen, son- 1V ' dcrn obendrein einen ganzen Berg hinauf, und alles dieses ging so glatt und gerade durch, daß an keiner Ecke und an keiner Schenke auch nur eine einzige dieser Perlen hängen geblieben wäre. Das muß eine sonderbare Schnur sein, dachte ich, denn wenn ich auch gleich begriff, wie dieses oder jenes mikroskopische Perlchen sich an dem feinen, mir wenigstens unsichtbaren, Faden fortschleppen ließ: so war es mir unbegreiflich, wie der nächste Nachbar derselben, ein grober, bleierner Sechspfünder eben so leicht folgte. Bei diesen Schwierigkeiten, die die Theorie der Schnur bei Processionen darbietet, habe ich mich eines bekannten Ersindungsmittels bedient, das freilich, wie alle künstliche Erfindungsmittel, den ehrlichsten Mann zuweilen im Stich läßt. Ich habe Alles compilirt, was ich über Processionen, mit Wachslichtern, Crucifixen, Fahnen, heiligen Lumpen, Cocarden ein- zwei - und dreifarbigen u. s. f. auftreiben konnte, und endlich das Glück gehabt, einen sichtbaren Faden zu finden, der durch Analogie auf die unsichtbaren in allen übrigen zu führen vielleicht im Stande ist. Es ist immer viel gewonnen, wenn man unter verwandten Dingen ein einziges ganz kennt. Wer nicht weiß, wo die Schwalben im Winter hinkommen, hat, wo nicht Alles, doch das Beste gewiß gewonnen, wenn er entdeckt, was zu der Zeit aus den Störchen wird. Die Procession, auf die hier gezielet wird, ist nämlich eine, worin sich der Faden sogar mehr als einem Sinne offenbaret, und die also folglich der größten Aufmerksamkeit eines Jeden werth ist, der weiter über diesen Zweig menschlicher Handlungen, der sogar am Ende mit dem gesellschaftlichen Vertrag überhaupt aus ein ein Stamme zu sprossen scheint, nachdenken will.— Die Scene liegt zu Königsberg in Preußen, also in dem Lande, dem wir das einzig wahre Weltsystem, die einzig wahre Philosophie, und die einzig wahre Taktik bereits zu danken haben, und, man sollte denken, die einzig wahre Theorie von Processionsschnüren, wenn sie dort entdeckbar gemacht worden sein sollte, wäre einer solchen Gesellschaft nicht ganz unwürdig. Der Faden, worauf die Menschen bei dieser Procession sichl- barlich gereihet waren, und an welcher sie einher geschleift wurden, war eine Bratwurst, und zwar eine Bratwurst von nicht weniger als einer Länge von 1005, schreibe Ein Tausend und fünf Ellen oder zwei Tausend und zehn Fuß. Was für eine Wurst! So wird gewiß mancher Leser ausrufen, und selbst in der hiesigen Gegend, die doch in ganz Deutschland gleichsam für das eigentliche Gosen der Würste angesehen wird. Solche Wurstprocessionen waren zwar in Preußen nicht selten, und Casp. Henneberg er') hat in seiner Erklärung der preuß. Landtafel b'ol. 190, 191 umständliche Nachricht davon gegeben, allein gegenwärtige übertrifft jene alle. Ich entlehne die Nachricht davon, größtentheils wörtlich, aus Li li en th al's ") erläutertem Preußen, worin sie sich ') Pfarrer des großen Hospitals in Königsberg. Geb. 1529. in Thüringen, gest. 1600. ") Michael Lilienthal, geb. 1686 zu Liebstadt in Preußen, 150 im ersten Bande S. 77 ff. und zwar, wie ausdrücklich erinnert wird, aus einem lliario ÄI8plo genommen, bestndet. »Anno 1601. den 1. Jan. haben die Fleischer allhier zu Königsberg eine Wurst 1005 Ellen lang durch die Städte Königsberg nach Schloß getragen, und Jhro Fürstl. Gnaden davon etliche Ellen verehret, weil sie innerhalb 18 Jahren keine gemacht hatten. Sie sind mit Trommeln und Pfciffcn aufgezogen, vornan ein Führer mit einem Spiesc, wohl ausgeputzt mit Federn und Binden, mit fliegender weißen und grünen Fahne. Diesen sind gefolget 103 Fleischhauerkncchte, haben die Wurst getragen. Auf beiden Seiten sind beiher gegangen, welche die Wurst in Acht nahmen, daß sie nickt Schaden litte. Wie sie nach Schloß sind gekommen, haben sie Ihrer Fürstl. Gnaden verehret 130 Ellen von selbiger Wurst. Dom Schloß sind sie über die Schmiedebrücke in den Kneiphof, von da durch die Altstadt in den Löw erricht gezogen, allda sind sie von den Beckern empfangen worden, welchen sie auch viel Ellen von selbiger Wurst geschenket, und von den Becker» nachmahls zu Gaste behalten worden, auch bis in die Nacht zusammen lustig gewesen. Auf Begehren Fürstl. Durchlaucht ist von den Fleischhauern, was die lange Wurst gekostet, und drauf gegangen alles aufs fleißigste überschlagen und zum Bericht aufgesetzet worden: gest. in Königsberg 1750. Mitglied der Societät der Wissenschaften in Berlin und Petersburg. 151 Die Wurst ist 1005 Ellen lang, bat gewogen 22 Stein und 5 Pfund, thut 885 Pfund. Dazu ist kein ander Fleisch gekommen, als: 81 lautere Schweineschinkeii; 118 Mr. 10 gr. Die Därme von 45 Schweinen (wahrscheinlich noch von andern, die ihre Schinken nicht dazu hergegeben halten). Item anderthalb Tonnen Salz; . . 3 — 5 — tem anderthalb Tonnen Bier; . . 3 — Icm 18 und ^ Pfund Pfeffer; . . 24 — 13 — tem haben daran gearbeitet 3 Meister, 87 Gesellen, thut 00 Personen: Haben dabei ausgetrunken 2 Faß und eine Tonne Bier. Aber die ganze Zeche über ist aufgegangen ungefähr 40 Faß Bier, jedes Faß 12 Mark thut 480 — Den ersten Tag daran gearbeitet von 6 Uhr des Morgens an bis auf den Abend um 7; des andern Tages von 8 bis um 1. Der Kränze (womit sie geschmückt war) sind gewesen 100, haben gekostet.112 — 16—3 Pf. 8uinma 743 — 14 — 3 — An Thalern, den Thaler zu 30 gr. gerechnet, thut 412 Thaler 16 gr. 3 Pf.')«. ') Sollte nach der Summe in Marken zu 20 gr. wohl 152 »Zu dieser Wurst hatten die Kuchcnbecker acht große Strützel (Strietzel) und sechs große runde Kringel gebacken, und auf Fürstl. Durchl. gnädiges Begehren berichtet, was bei Backung der großen Strützel aufgegangen und dazu gekommen." Weil diese Geschichte eigentlich nicht mehr zu jenem ersten großen Phänomen gerechnet werden kann; so lassen wir hier die detaillirte Specifikation weg, und führen nur an, daß zu diesen Strützel», Kringeln und Bretzeln 12 Scheffel Weitzen genommen worden, daß der Strützel achte, und darunter zwei von 9^ Fuß Länge, der Bretzeln aber sechs gewesen sind, die, mit dem verbrannten Holz, der Höwe (Hefen), Salz, zwei Pfund Anis, dem angebrachten, aus Pfefferkuchenteich gebackenen und vergoldeten Beckergescllenwappen, den Löwenköpfen, Sonne, Mond, Sternen und Kronen aus gleichem Teig, nicht mehr als 43 Mr. 3 gr., also nur etwa 24 Thaler, gekostet haben. Dafür sind es aber auch nun nahe an 200 Jahre her, wo das Geld noch nicht so wohlfeil war wie jetzt. Durch diese Betrachtung wird auch die Wurst von 412 Thalern noch sehr viel respektabler, ob sie gleich keines weiteren Raisonnements bedarf, um jeden, der Gefühl für diese Art von Produkten der Kunst hat, mit Respect für sich zu erfüllen. heißen 413 Thlr. 6 gr. 3 Pf., allein auch jene Summe ist unrichtig, sie ist eigentlich — 742 Mr. 4 gr. 3 Pf., welches 412 Thaler 12 gr. 3 Pf. macht. Hr. Lilienthal gedenkt auch eines Irrthums überhaupt, fügt aber hinzu, daß Alles so im Manuskript stehe. Anm. des Verfassers. 153 Attig ist hierbei, daß die Becker, die eigentlich nicht aufzo- ""H' gen, sondern bloß die andern empfingen, und also wahrscheinlich;, ljch nur in kurzen Gliedern, oder wohl gar nur im Kreise stan- '* den, sich auch durch kurze Strietzel, Bretzeln und Kringel gleich- sam zusammengebunden hatten, dahingegen die Fleischhauer- Mo, knechte, gerade, wie ihre Wurst, eine Linie von 1005 Ellen forsch mieten. Nach geschehenem Verein wird sich auch die Wurst auf- Wm, gerollt haben, und da läßt sich doch wirklich auch kein schöne- lmzc, rcs Sinnbild von Segen, Frieden und Eintracht unter Wesen, Mim die poch nun einmal etwas Derberes find, als mathematische oder metaphysische Pünktchen, gedenken, als ein Trupp fröhlicher 'ittm Fleischer- und Beckerkncchte, um die sich eine Bratwurst schlingt, ftrr- die am Ende, wo sie geknüpft werden muß, sich gleichsam in M. eine Bandschleife von Bretzeln und Kringeln und in Trotteln D von Strietzeln verwandelt. So was verdiente gemalt zu wer- «ch den. Die Procession ist auch wirklich gemalt worden, und zwar md im altstädtischen Gemeingarten zu Königsberg, unten an der Wand. Ja man hat das Gemälde sogar im Jahr 1691 , l« renovirt. Dieses hätte billig erst im Jahr 1701 geschehen müs- sen, so hätte sich Alles leichter behalten lassen. Die oben von uns angegebene Vorstellung ist mehr für die Bearbeitung des Medailleurs, und ich hoffe, man wird das Jahr 1801 nicht ohne Illl- ^ eine solche Erneuerung vorübergehen lassen, oder, noch besser, die Procession selbst erneuern. Noch herzlicher aber ist der Wunsch, i» und selbst die Hoffnung, daß in meinem armen, zerrütteten !. Vaterlandc, und namentlich am linken Ufer des Rheins, den 154 Malern und Medailleuren, noch vor dem Jahr 1801, Stoff zur Verewigung solcher Processionen und solcher Gruppirungen gegeben werden möge. Ein einziges solches üstsillon >-«»-1, wie das königsbergische, das mit so vieler herzlichen Fröhlichkeit geschlossen worden ist, und eine einzige solche Wurst- processtvn wäre ihres Genies und ihres Fleißes unendlich würdiger, wenigstens als alle die üataillons r/nai-rer und die dortigen Flcischhauerproccssionen der Neufranken mit Fahnen und schwerem Geschütz. Diese bedürfen zu ihrer Verewigung weder des Malers, noch des Medailleurs. Die Ok-I-Arn»«« der Ba- taillenerzähler (Geschichtschreiber) und die Segenswünsche der Länder, die sie zertreten haben, sind ihnen sichere Bürgen für ihren Nachruhm! Die Anwendung dieser, wie wir hoffen, neuen Theorie der Processionen, erfolgt nach dem allgemeinen Frieden. 155 Eine kleine Aufgabe für die Übersetzer des iOvid in Deutschland. (Götting. Taschenkalender 1798. S. 132—138.) Dryden sagt: folgende beide schönen Verse aus Ovid's: Sappho an Phaon'), könnten nicht in gleich vielen Zeilen englisch gegeben werden: 8i, nisi «zuae form» potorit le cligua vieler,', XuIIa suturs lua est; nulla fulura tue, ost. Da dieses eine kleine Ausgabe nicht bloß für deutsche Dichter, sondern auch für Dichterinnen, die wohl hierin vorzüglich Rücksicht verdienen, sein soll: so will ich den Sinn jener Zeilen, umschrieben, hersetzen, in der sichern Überzeugung, daß vorzüglich die Dichterinnen, wenn sie ihn einmal gefaßt haben, auch den nächsten Weg vom Herzen zur Sprache, den sie, sich selbst überlassen, selten verfehlen, hier am sichersten finden werden. Es war ja eine Geschlcchtsvcrwandte, die den Gedanken hatte, ') lleroiü. XV. 39 und 40. und alle find Erbinnen irgend einer kleinen Verlassenschaft dieses verewigten Mädchens. Sappho sagt oder will sagen: Phaon! Wenn nur Die, die Deiner durch Schönheit würdig wäre, die Deinige werden kann: so kann nie eine die Deinige werden.— Dieses ist der Sinn, die Materie; die Form ist in der Schmelzung zu Prose größtentheils verloren gegangen. Für unsere Dichter bedurften die Zeilen keiner Erläuterung, für die Dichterinnen wird ein Wink von ihrem Phaon oder selbst ein Blick auf sein Bild, hinreichen, dem zerflossenen Ausdruck der Empfindung wieder die dichterisch-metrische Naturform, Krystallisation mochte ich sagen, wiederzugeben, die von Ewigkeit her immer einerlei war und es auch fernerhin sein wird. Getändelt hat Ovid, seiner Gewohnheit nach, auch hier ein wenig. Aber wer in aller Welt tändelt nicht in diesen Dingen zuweilen, auch selbst wenn er es ernstlich meint? Auch dieß ist ja Natur. Ich sollte denken, wenn nur die Empfindung, die der Tändelei zum Grunde liegt, richtig, wahr, stark und deutlich aus dem Herzen stammt, so adelt sie leicht jeden Ausdruck, zumal wenn er dem Ohre schmeichelt. — Die Wiederholungen der Worte in der zweiten Zeile, so wie sein berühmtes Urlnolplum clnlcs 08t, seil llnis iitttoi'LL gehören ganz zur Familie der Reime, und scheinen aus denselben Anlagen unseres Gemüthes zu stammen, die diesen hernach in Umlauf gebracht haben. Nun wieder zur Geschichte der Aufgabe. 157 Obgleich Dryden dieses behauptet hatte, fanden sich doch bald zwei englische Übersetzungen jener Zeilen ein, und zwar von demselben Manne, einem gewissen Herrn Corbyn Morris. Ich setze sie beide hierher, weil die darin genommenen Wendungen, wegen der Verwandtschaft unserer Sprache mit der englischen, einen deutschen Übersetzer vielleicht leiten können. Die Übersetzung wird man mir hoffentlich schenken. (1) Ik Hut to one, tlrat's oguallg- eliviue, >'ono gou'II iucliuo to, vou'II to none incline. ( 2 ) Ik, save rvlross cksrms rvitlr ogual lustro skiuo, Ißono erer tlrine c»n do, nouv over can I>c tliino. Wäre es also nicht einmal der Mühe werth, zu versuchen, ob wir es im Deutschen nicht besser können? Denn ich zweifle scbr, ob die englische Übersetzung dem großen Dryden Genüge gethan haben würde, der gewiß, als er seinen Ausspruch that, etwas Lieblicheres, wenigstens gewiß etwas Geschmeidigeres, verlangte, als diese englischen Zeilen. — Vor mehreren Jahren sprach ich an einem Abend mit unserm sei. Bürger') über dieses drydensche Problem. Es schien ihm zu gefallen, und schon am folgenden Morgen schickte er mir nicht weniger als ') Gottfried August Bürger, der berühmte Dichter der Lenore rc., geb. den 1.Januar 1748 zu Wolmerswende bei Halberstadt, gest. den 8. Juni 1794 zu Göttingen. 158 fünf Übersetzungen, wovon aber zwei durch vorsätzlichen Muih- willcn mehr Parodien und Caricatnren, als ernstlich gemeinie Übersetzungen waren, und in der That sind die Verse des Ovid's sehr geschickt, allerlei lustige Schwanke zu veranlasse». Ich muß aber sehr bedauern, daß ich das Blatt, auf welchem sie von Bürgert eigener Hand geschrieben standen, und worauf ich überdieß nachher die wohlgeratenen Versuche einiger hannoverischen Freunde, diese Verse ins Französische zu übersetzen, geschrieben hatte, jetzt nicht auffinden kann. Ganz verloren glaube ich indessen nicht, daß es ist'). Loch muß ich zugleich ') Unter den auf uns gekommenen Papieren des Verfassers hat sich das Blatt nicht gefunden. Doch sind von Bürger's fünf Übersetzungen, durch dessen Biographen, die drei deutschen erhalten, während die übrigen zwei zu muthwillig schienen, um mitgetheilt zu werden. Wir lassen sie hier folge» : 1. Wenn außer Wohlgestalt, vollkommen wie die Deine, Dein Herz nicht Eine rührt: so rührt Dein Herz nicht Eine. 2. Wenn außer einer Braut, der Deine Reize fehlen, Du Keine wählen darfst: so darfst Du Keine wühlen. 3. Wenn außer der, die Dir an Schönheit gleicht auf Erden, Dein Keine werden kann: so kann Dein Keine werden. S. Ludw. Chph's Althof's Nachrichten von den vornehmsten Lebensumständen Gottfr. Aug. Bürgers; nebst einem Beitrage zur Charakteristik desselben. Abgedruckt in Bür- 159 zum Trost künftiger Übersetzer anmerken, daß weder Bürger noch ich ganz mit der Arbeit zufrieden waren. Es hatte sich ger's sämmtlichen Werken, 4tcr Band, Göttingcn 1844, S. 106-203. Dem Berfasser waren außerdem noch folgende Übersetzungen zugegangen, die wir in seinem literärischen Nachlasse aufgefunden : » 4. Ach es wird, kann Deiner an Reiz unwürdig, o Schönster, Keine die Deinige sein, Keine die Deinige sein. (Von Geo. Ludw. Spalding, Pros. am Berl. Gymnasium; Herausgeber des Quinctilian, geb. 1762, gest. 1811. —) 5. Willst Du, Adonis! nur die ähnlich-schönste frei'n, So wird Dir Keine recht, und Keine für Dich sein! (Vom Hofr. Justus Claproth in Göttingen, Verfasser der lurispruüontis lloureiuatica oto., geb. 1728, gest. 1805. —) 6. Darf nur jenes, das Mädchen, das Deiner werth durch den Reiz ist, Dein sich nennen, so nennt Keines von Allen sich Dein. 7. Darf nur Jene, die Deiner an Liebreiz würdig erscheinet, Dein sich nennen, so nennt keines der Mädchen sich Dein. (Bom Reg.-Rathe Renatus Frcih. von Senkcnberg, in Gießen, Verfasser von oarmina graooa et Istlna, der Supplemente zu lüponii Uikliotlioca zurillica und der Fortsetzung von Häberüns Reichsgeschichte. Geb. 1751, gest. 1800. —) 8. O! wenn außer dem Weibe, das Dich durch Reize verdienet, Kein Du nennest die Braut: nennest Du keine die Braut. (Von einem Ungenannten aus Göttingeu.) 160 nämlich mich, wie der Engländer, dem Zwange des Reims unterworfen. Das ist aber unbillig. Wenn sich die deutsche Sprache mit der lateinischen hier messen soll, so müssen beide, nach allen Gesetzen des rechtlichen Zweikampfs, mit gleicher Armatur auf dem Platze erscheinen, und die deutsche vergäbe sich allerdings zu viel, wenn sie, bei ihrer eigenen Wohlbeleibtheit, noch obendrein ihr Roß mit einem Geläute behängen wollte, das dessen Bewegungen nothwendig erschweren muß. — Also keine Reime. Diese können auch, wie mich dünkt, hier um so eher entbehrt werden, da ja der ganze Ton dieser Zeilen, der nicht verfehlt werden darf, in einer dem Reime ähnlichen Symmetrie der Worte besteht. Sollten sich in unserm Vaterlands Dichter oder Dichterinnen finden, die durch Auflösung des drydenschen Problems die bekannten Prätensionen unsrer Muttersprache von Neuem zu begründen suchen wollten: so werden ja wohl die Herausgeber 9. Wenn einzig, o Phaon, das Weib, Dein würdig an Schönheit und Liebreiz, Die Deinige nennen sich darf: darf Keine nennen sich Dein. (Vom Justizratbe Buri in Offenbach.) 10. 8'il saut, pour Vous cliarmor, avoir wus Vos attraits, ^ ous n'aimoror jamais, Vous naimervü jamais. 11. 8i, pour to plaire, >1 kaut t'egalcr ou attraits, I'Iiaon, tu n'aimeras, tu u'aimoras jamais. (Bon Ungenannten.) 161 unsrer Musenalmanache den glücklichsten Versuchen darunter, über deren Werth zu richte», ihnen, so viel ich ihrer kenne. Niemand die völlige Competenz abspreche» wird, ein Plätzchen in ihren Annalen einräumen. Viel Raum wird, bei solchen Richtern, nicht nöthig sein. Zur Belohnung freilich habe ich weiter Nichts zu versprechen, als die, die gewöhnlich von dem Fähigste» nur allein gesucht wird, den Beifall der Kenner, und das Vergnügen, das mit Auflösung jeder schwierigen Aufgabe immer verbunden ist. Es ist ja ohnehin bekannt genug, daß man zwar für gute Verse am Ende Geld nehmen kann (das ist sehr billig), daß aber, so lange die Welt steht, schwerlich noch eine einzige gute Zeile des Geldes wegen ist gemacht worden. O wenn der Lohn des Augenblicks nicht wäre, und erst gerechnet werden müßte, wahrlich die Welt würde stille stehen! Verzeichnis einer Sammlung von Geräth- schaften, welche in dem Hause des Sir H. S. künftige Woche öffentlich verauc- tionirt werden sollen. (Nach dem Englischen.) (Götting. Taschenkalender 1798. S. 15,4—169.) Vielleicht gewährt nachstehendes Vcrzeichniß einigen unserer Leser eine kurze Unterhaltung. Ich fand dasselbe bei meinem kurzen Aufenthalt in England in einer Bibliothek auf dem Lande, wo es auf die Hintern weißen Blätter eines Bandes von Swift's Werken von einer saubern Hand geschrieben war. Unmtttelbar unter obiger Aufschrift stand in einer Parenthese: in tlre mariner ok l)r. 8rvikt (in Dr. Swift's Manier). Der Besitzer der Bibliothek versicherte, es sei aus einem öffentlichen Blatte genommen, und eine ziemlich treffende Satyre auf einen damals verstorbenen, reichen aber unwissenden Naturalien-, Artefacten- und' Raritätensammler, der mit ungeheurem Aufwand eine Menge des unnützesten Plunders in seinem Cabinet aufgehäuft habe. 163 Man habe ihn aus Spott Sir Hans Sloane') genannt, und darauf zielten die Buchstaben in der Aufschrift, der Man» habe, wo er nicht irre, eigentlich Marlowe geheißen. Seine Sammlung habe zwar nicht die nachstehenden Stücke, aber wirklich mehrere eben so tolle enthalten, und darunter auch einige, womit er war betrogen worden, und womit, sollte man denken, kein Kind hätte betrogen werden können, unter Andern eine Cocusnuß, welche in Schottland wild gewachsen; eine solide Kugel von einem neuen Metall, die nicht mehr wog, als ein gleich großes Stück Kork; die beiden Kugeln hingen wirklich an einer gleicharmigen Wage und balancirten einander. Der edle Besitzer hatte nie bemerkt, daß der Wagebalken an der Seite des Metalls hohl, hingegen der andere solide oder gar mit Blei ausgegvssen war. Der Schalk, der ihn mit dieser Rarität betrogen hatte, war vorsichtig genug, den Wagebalken vortrefflich auszuarbeiten, und den Kork sowohl als das Metall ') Nach dem bekannten großen Manne, dessen vortreffliche Sammlung die Basis der jetzigen Naturaliensammlung des brit- lischen Museums ausmacht. Anm. des Berfassers. Geb. zu Killileagh in Irland 1660, gest. 1732. Ging mit dem Herzog von Albemarle nach Jamaica, von wo er eine große Menge neuer Pflanzen zurückbrachte. Secrctair der k. Gesellschaft (1693), Newton's Nachfolger als deren Präsident (1727). Sein Cabinet zu sehen kam Linus (1736) nach London. Er überließ dasselbe für 20,000 Rthlr. der Nation, während es ihm wenigstens 50,000 gekostet. 11 164 so an ihm zu befestigen, daß sie ohne Feile und Zange nicht abgenommen werden konnten, um die Stellen zu wechseln, oder sie auf einer andern Wage zu wiegen. Außerdem soll die Zahl unnützen und dabei kostbaren Hausgeräthes über alle Maßen groß gewesen sein. Swist's niedrig komische Manier ist, wie mich dünkt, ziemlich gut getroffen. Kenner der Produkte dieses sonderbaren Kopfes werden wissen, daß Sr. Hoch würden nicht selten noch viel niedriger gedichtet, ja sich sogar sehr häufig zu groben Unfläthereien herabgelassen haben. Auch diese waren in dem Verzeichnisse nachgeahmt, bleiben aber hier natürlich weg. Daß ich nicht bloß übersetzt, sondern manches auf unsere Sitten und Gebrauche übergetragen habe, wird man mir gern vergeben. Denn was in dieser Art von Witz ohne hinzugefügte Erläuterung keinen Eindruck macht, macht mit der Erläuterung gewöhnlich auch nur einen sehr kümmerlichen. Vor allen Dingen muß man aber den Leser bitten, nicht zu vergessen, daß der Aufsatz einige Tage nach dem Tode des unsinnigen Sammlers erschien, von dem damals in allen Gesellschaften die Rede war. Das war die eigentliche Blüthezeit des Pflänzchens, das hier nur bloß elend aufgetrocknet erscheint: 1) Ein Messer ohne Klinge, an welchem der Stiel fehlt. 2) Ein doppelter Kinderlöffel für Zwillinge. 3) Eine Repetirsonnenuhr von Silber. 4) Eine Sonnenuhr an einen Reisewagcn zu schrauben. 5) Eine ditto, welche Lieder spielt. 6) Eine Schachtel voll kleiner, feingearbeiteter Patronen mit Pulver gefüllt, hohle Zähne damit zu sprengen. 7) Eine Linuse §e (soll vermuthlich poreöe heißen). Wenn man sich gehörig daraufsetzt, so wird ein Dusch mit Pauken und Trompeten gehört. Er schallt durch das ganze Haus. Ein Möbel für einen großen Herrn. Hat 1V0 Gui- neen gekostet. 8) Eine große Sammlung von porcellancnen Kammertöpfcn, von zum Theil sehr lustigen Formen. — Die beiden letzten Artikel können eine Stunde vor der Auction hinter einer spanischen Wand, oder auch in einem Nebenzimmer, prvbirt werden. 9) Eine Bettstelle, in Form eines Sarges, schwarz gebeitzt, mir überzinnten Henkeln, nebst 12 Gueridons für 12 Nachtlichter. Für Methodisten und Betschwestern. 1l>) Eine clitto Bettstelle, sich selbst des Nachts darin in der Stube herumzufahren. 11) Ein prächtiges Jmpcrialbett, worin drei Großveziere an der Pest gestorben. 12) Eine vortreffliche Sammlung von Instrumenten, die Juden zu bekehren. Sie sind meistens von polirtem Stahl, und das Niemenwerk von rothem Marocco. Zumal ist die große Peitsche ein Meisterstück der englischen Riemcrkünste. 13) Ein vortrefflich gearbeitetes Modell von einem Leichenwagen, zwölf Leichen zugleich darin hinaus zu fahren. 13) Eine Flasche mit Wasssr aus einem Stück Eis, welches im 166 Jahr 1740 noch um Pfingsten auf der Straße gelegen. Es hat die sonderbare und von keinem l't^sico noch bemerkte Eigenschaft, daß es bei jedem kalten Winter, wenn man es hinaussetzt, sich gleichsam seiner Freiheit erinnert, und das Glas zersprengt. Der Selige hatte der königlichen Societät eine Abhandlung darüber überreicht, sie ist aber wegen allerlei Cabalen nie gedruckt worden. 15) Ein goldner Trumpfzähler. Etwas Einziges in seiner Art. Er wird wie ein Ring an den Finger gesteckt, doch so, daß er über ein Gelenk zu stehen kommt. Wenn ein Trumpf gespielt wird, biegt man den Finger sanft, so zeigt er die Zahl der gespielten Trümpfe, ungefähr wie ein Schrittzähler die Schritte. 16) Eine ganz vollständige Hauspulvermühle, worin Jedermann sein Schießpulver selbst verfertigen kann, und zwar einen halben Centncr auf einmal. Sie ist so bequem eingerichtet, daß sie unter einem etwas großen Schreibtisch, oder auch unter einer etwas erhöhten Bettlade, in Gang gesetzt werden kann. Der Pudel, der das Rad treibt, wird mit verkauft. 17) Ein astronomischer Verirtubus; wenn ein Freund durchsieht und man drehet eine kleine Schraube, so bläset er demselben Pfeffer und Schnupftaback in die Augen. Ist auch auf der Erde zu gebrauchen. Hierüber soll der Selige einmal ein Paar Ohrfeigen bekommen haben. 18) Ein vortrefflicher Jagdtubus mit einem Flintenschloß; wenn man die Gläser herausnimmt, welches mit einem einzigen 167 Ruck geschieht (eigentlich werden sie bloß in ihre Sei- tcnbehälter geschoben), so kann man kleine Vogel damit schießen. 19) Ein Barometer, welches immer schönes Wetter zeigt. Das Thermometer dabei zeigt Jahr aus Jahr ein eine angenehme tcmperirte Wärme. 20) Ein vollkommener Apparat von allerlei Trauergeräthe für hohe Häuser, als: s) Ein schwarzes Billard mit weißen Schnüren und schwarz angelaufenen Nageln beschlagen, und rings umher mit Fcstons von weißem Cattun behängen. Die Glöckchen an demselben sind von Silber, aber mit schwarzem Sammet gedämpft. 1>) Ein Dutzend Trauerwürfel, schwarz mit weißen Punkten. 0) Ein Dutzend ditto für halbe Trauer, violett mit schwarzen Punkten. ) Eine bleierne Eßglocke, während der Trauer zu läuten, i) Mehrere schwarz emaillirte Halsbänder mit weißen Tvd- tenköpfcn, für die Jagdhunde. Mehrere Masken für Personen, die nicht weinen wolle» oder können. Sie sind alle von den größten Meistern Englands gearbeitet, und von großer Schönheit, zwar blaß aber zum Entzücken, zumal die Frauenzimmermasken. Die Thränen an denselben sind durchaus durch natürliche Perlen vorgestellt, worunter einige an den Mas- 169 ken für die nächsten Verwandten, von der Größe einer Erbse sind u. s. w. 21) Eine Suite von Kleidungsstücken für ein Kind mit zwei Köpfen, vier Beinen und vier Armen, von der Wiege an bis ins zwanzigste Jahr. Ein wahres Meisterstück der Schneiderkunst. Sie können auch zur Probe von zwei einzelnen Menschen angezogen werden, welches, zumal in gemischter Gesellschaft, zu drolligen Scenen Anlaß gibt. 22) Eine Sammlung von vortrefflichen Formen, Drittel- und Zweidrittelstücke zu gießen, nebst einem Centner Metall dazu. Dieser Artikel wird, um der Delikatesse der Käufer zu schonen, im Dunkeln verauctionirt und im Dunkeln abgeliefert. Das dafür zu entrichtende Geld wird von dem Auctionator bei einer Diebslatcrne in einem Winkel gezählt. Er ist ein Mann von Ehre. 23) Einige Flaschen Lappländer Achtundvierziger. Im Englischen steht: 8omo liotiles ob lcolsrnl-Dlastvira (einige Flaschen von isländischem Madeira). 24) Eine ganze Sammlung von theils verbotenen, theils sehr verrufenen Büchern, mit Kupferstichen von großer, obscöner Schönheit. Sie sind sämmtlich in schwarzen Corduan mit goldenem Schnitt gebunden, zum Gebrauch der Jugend zu Eton und Westmünster'), sich in der Kirche damit zu amüsiren. ') Der Übersetzer hat es nicht wagen wollen, die Namen 170 25) Ein höchst merkwürdiges Stück. Eine kleine mit unbeschreiblicher Kunst gearbeitete Maschine des conculüoium (soll wohl heißen eomiubiuin oder eommercium) animse et corporis zu erklären. Die Walze, welche Alles in Bewegung setzt, hat drei verschiedene Stellungen für die drei bekannten Systeme; eine für den physischen Einfluß, eine für die gclegenheitliehen Ursachen, und eine für die vorherbestimmteHarmonie. Doch hat die Walze noch Raum für zwei bis drei andere; nur müssen sie einen Leib und eine Seele statuircn, doch könnte im Fall der Noth die Seele auch herausgenommen werden. Der Leib an diesem kostbaren Werke ist von viel mehr als halbdurchsichtigem Horn gearbeitet, und etwa vier bis fünf Zoll lang. Die Seele aber, nicht größer als eine große Ameise, ist ganz, Flügelchen und Alles, von Elfenbein, nur ist ihr linkes Beinchcn etwas schadhaft. Die Bewegung wird der Maschine durch keine Kurbel mitgetheilt (man würde sie damit zerreißen), sondern durch ein Paar kleine Windmühlenflügel aus der feinsten Goldschlägerhaut, gegen welche mit einem dazu gehörigen, und in einiger Ent- dieser berühmtesten Schulen Englands mit deutschen zu vertauschen, so leicht es auch sonst gewesen wäre. Anm. des Vers. Eton, 21 Meilen von London, an der Themse bei Wind- sor. Die Schule wurde 1440 von Heinrich VI. gestiftet. f^cLt,nr',rrle>-- Vc/tool, innerhalb der Mauer der Abtei belegen; von der Königin Elisabeth 1560 gestiftet. 171 fernung von der Maschine befestigten, sogenannten doppelten, stäte fortblasenden Blasebalg (lolüs -'»/lnr'c,») geblasen wird, durch diese Flügel wird eine Schraube ohne Ende (cookles gedreht, welche Alles in Bewegung setzt. 26) Die peinliche Halsgerichtsordnung') (im Englischen steht die llslieas Lorpus Acte")), von dem Seligen selbst in Musik gesetzt. Es ist die vollständige Partitur mit Pauken und Trompeten. Bei einigen Passagen enthält das Accom- pagnement sogar Kanonenschüsse. Sonst hat hier und da auch die Maultrvmmel Solo. 27) Einige Formen, Petrefacta zu machen. Das Recept zur Masse ist dabei. Auch ein Borrath von Pcctiniten, Te- rebratulitcn, Ammonshörnernu. s. f., auch ganz neu erfundenen Muscheln, die damit verfertigt worden: sie lassen alle völlig antik. 28) Das seltenste Stück, nicht allein in dieser Sammlung, sondern vielleicht in der ganzen Welt, nämlich ein Stück echten Granits, worin ein metallenes so fest steckt, daß es durch Menschenhände unmöglich hineingekommen sein, ja, ohne das Ganze zu zertrümmern, auch nicht dadurch heraus- gezogen werden kann. Alle, die es sehen, bekennen einstimmig, daß es zum Bücherdruck gedient habe. Der Selige hat es von einem vornehmen Herrn, der seine Länder ') Kaiser Karls V. von 1532. ") Königs Karls II. von 1679. 172 auf dcm Berge Libanon hat, für eine große Summe gehäuft. 29) Eine prächtige Staatscarosse mit vieler Vergoldung. Hoch über dem Kutschersitze ist ein prächtiger Spiegel angebracht, der gegen die Ebene, worauf die Kutsche steht oder geht, unter einem Winkel von 45° nach der Kutsche zu geneigt ist. Hinten über der Kutsche correspondirt ihm ein ähnlich liegender, aber entgegengesetzter. Durch dieses prachtvolle Polemoskop wird der Kutscher in den Stand gesetzt, auf dem Bocke sogleich zu sehen, ob sich Jemand hinten aufgesetzt hat. Ist dieses der Fall, so stampft er nur mit dem Fuß auf eine Feder, und der Passagier bekommt sogleich einen derben Stoß gegen das Sitzfleisch, so daß er nicht leicht wiederkommt. 39) Ein Gespann Pferde, denen der Verstorbene das Maeula- turfrcssen beigebracht hat. Ein Artikel für Buchhändler und Verleger. Wir brechen hier ab, damit nicht dieser gelehrte Artikel, wenn er noch mehr Ausdehnung erhält, am Ende gar den ganzen Taschenkalender in Pferdefutter verwandelt. Anmerkung der Herausgeber: Unter den Papieren des Verfassers hat sich ein kleiner, von seiner Hand geschriebener, Nachtrag zu obigem Verzeichnisse gefunden, den wir von der gegenwärtigen Sammlung nicht ausschließen zu müssen glaubten und daher hier folgen lassen: 1) Ein künstliches Instrument, sich selbst mit Leichtigkeit zu trepaniren. 2) Einige Arzneien, des Tags dreimal zu nehmen. st) Ein Schnapsgläschcn mit Kette und Haken, an den Bettvorhang zu hängen, für Kranke und Personen, die des Nachts schnapsen. 4) Eine Mäusefalle, nebst den Mäusen dazu. 5) Eine Büste von Wilhelm Teil, in Schwcizerkäse geschnitten. 6) Sehr bequem eingerichtete Nachtwächterhörncr, womit man sich des Nachts die Stunden selbst blasen kann. 7) Eine noch ganz neue Kanzel mit Schallbrett und Resonanzboden. Auch eine Sanduhr für große und kleine Stunden. 8) Ein Schächtelchcn mit Pillen, alle 50 Jahre eine zu neb- men. Drei davon, wenn nur in der Zeit des Einnehmens kein Fehler begangen wird, sind im Stande, einem Menschen das Leben auf 150 Jahre zu verlängern. Sie find vom Grafen Cagliostro. 9) Einige Brillen für alte Jagdhunde, die nicht gut in die Ferne sehen. 10) Ein messingenes Schlüsselloch. 11) Etliche Bücher für Personen die links sind. 12) Ein Gesangbuch für Stammelnde. 174 Rede der Ziffer 8 am jüngsten Tage des 1798sten Jahres im großen Rath der Ziffern gehalten. (Die Nulle, wie gewöhnlich, im Präfidentenstuhl.) Inhalt. Anfang; die Rednerin spricht viel von sich; wird ausgelacht; ereifert sich; Lobrede auf die Nulle; Decimalsystem; Touloner Flotte; Berg Sinai; die Nulle wird roth; Erster Tag des XIXten Jahrhunderts; Beschluß; Ende. (Götting. Taschenkalender 1799. S. 83—108.) Durchlauchtigste Nulle, Großgüligste Präsidentin und Stellvertreterin Unser Aller, Allerseits, nach angestammter Ungleichheit, höchst zu verehrende Mitschwestern, 9, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1 Morgen wird der Tag sein, an welchem ich in unserem geheimen chronologischen Ausschuß die Bank der Einer auf zehn ') Daß nachstehende Rede, sogar mit Äußerungen der Zu- Jahre verlassen, und morgen über ein Jahr (tiefer Seufzer) der, an dem ich die der Hunderte wieder besteigen werde, auf der ich nun seit Ultimo llecvmbris 899 nicht gesessen habe. Ihr werdet mir also verstatten, theuerste Mitschwestern, daß ich, ehe ich meine Stelle im geheimen Ausschuß der Schwester Neune, übertrage, ein paar Worte zu Euch rede, wozu mir einige Bor- fälle während meines Sitzes auf diese Bank Veranlassung gegeben haben, und worüber es in dem Jahre, das morgen seinen Ansang nimmt, vielleicht noch oft zur Sprache kommen möchte. Ich finde zwar in den Annalen des chronologischen Aus- schusses kein Beispiel, daß je von irgend einer Schwester bei ähnlichen Gelegenheiten öffentlich im großen Rath wäre gesprochen worden. Ja ich erinnere mich noch sehr wohl, ob es gleich 1000 Jahre her find, daß ich sogar am ersten Jänner, 800, Hörer dabei, schon jetzt (im Julius 1798), also fast ein halbes Jahr vorher, ehe sie gehalten worden ist, abgedruckt erscheint, würde nicht leicht Jemand unter unsern Lesern, der zugleich Zeitungsleser ist, wunderbar finden, selbst wenn sie, als von Menschen vor Menschen gehalten vorausgesetzt würde. Hier aber sprechen bloße arithmetische Wesen zu arithmetischen Wesen, deren Geschichte einer reinen Behandlung a priori, nach ewigen Gesetzen unserer Natur, um so mehr fähig erachtet werden muß, als man sogar diese Methode nicht ohne Glück in unsern Tagen selbst auf unreine, empyrische lüstoric-, und pliz-sic» anzuwenden versucht hat. Anm. des Verfassers. 176 an dem Tage, da ich die Ehre hatte, zum erstenmal in cent- gräflichcr Glorie im Ausschuß zu sitzen, nicht zu Euch geredet habe. Aber, geliebte Mitschwestern, tempors muianiur. Die 8, die das neunte Jahrhundert beherrschte, ist nicht mehr die, die das neunzehnte beherrschen wird; in 1000 Jahren läßt sich wohl waS lernen. O ich habe es hundertmal bereuet, daß ich am letzten December 1789, als ich mich von der Bank der Zehner zurückzog, nicht Manches über den Fall der alten Bastille und der alten Philosophie, der sich unter meinem praosiüio ereignete und mir schwer auf dem Herzen lag, gleich damals declarirt habe. Gottlob aber, es kann mir, als der sichern Erbin des Vorsitzes der Hunderte im nächste» Jahrhunderte, nicht an Gelegenheit fehlen, nachzuholen, was ich versäumet habe, nämlich zu erweisen, daß Ba stillen und Philosophien geboren werden und sterben und wieder geboren werden und wieder sterben, so wie mutsti8 mutunäis, ihre Erbauer und ihre Erfinder. (Hier Geräusch.) O! ich verstehe Euch wohl. Ihr scheint es nicht zum Besten zu nehmen, daß ich, als bloße Milschwester, und weder die höchste noch die geringste unter Euch, es zuerst wage, Schlüsse zu machen und von Rechenschaft zu sprechen. Schlimm genug für Euch. (Ge- murmel.) Doch damit Ihr seht, daß ich meinen Werth kenne, und meinen Stammbaum studirt habe: so müßt Ihr allerdings wissen: ich bin unter Euch allen erstens die vollkommenste gerade Zahl (große Stille), bin zweitens unter Euch allen der einzige wahre Würfel (spöttisches Lächeln von 177 E" »I; ^ r- chh l-iij« m» jlch M « M ,!k !, M I« «jd t«»'! j!v jdiich LL.1IL i>" dcr Präsidentin und der Eins); bestehe drittens aus zwei gleichen Quadraten (die Präsidentin lächelt sort); bin viertens, was das Sonderbarste ist, zugleich der Würfel der Zahl, deren doppeltes Quadrat ich bin; und diese Zahl ist, fünftens, die ewige unvcrwerfliche Schiedsrichterin über alles Gerade und Ungerade im unermeßlichen Reiche der Zahlen von Vorn und von Hinten in alle Ewigkeit. (Spöttisches Amen! von Einigen; tiefe Verbeugung der Schwester Zwei.) Daher mich auch, ohne Ruhm zu melden (heimliches Gickeln), die gütige Natur nach ihrer anbetungswürdigen, ewigen Weisheit im Range der arithmetischen Größe, zwischen Dich, Quadrat aller guten Dinge, hochverehrliche Neune'), und Dich, hochwürdige apokalyptische Sieben, von Ewigkeit her gestellt hat. Ja, wenn ich alles dieses zusammennehme, so fühle ich mich kühn genug, gerade heraus zu sagen, daß keine unter Euch allen, in Rücksicht auf Naturgabe, sich mit mir messen kann, als unsere erhabenste Präsidentin, die Nulle. (Lautes Gelächter. Sehr naiv, riefen Einige; sehr wahr, Andere; und Eine hatte sogar die Verwegenheit, n»co>-» zu rufen. Dieses brachte die Rednerin sichtbarlich auf und sie fuhr mit einiger Heftigkeit fort:) Pfui schämt Euch! Ist ') Die Rednerin spielt hier offenbar auf daS deutsche Sprichwort an: aller guten Dinge sind Drei. Anm. des Verfassers. 12 VI. 178 dos eine Aufführung für ganze Zahlen? Oder befinde ich mich vielleicht unter einer Rotte nichtswerther Decimalbrüchc, wovon man unendliche Reihen wegwirft, und am Ende den ganzen mächtigen Verlust mit einem Paar Pünktchen oder einem et cetvra ersetzt? (Große Stille, weil man wohl fühlen mochte, daß man mehr die Präsidentin, als die Achte beleidigt hatte.) Und sagt mir, was ist denn Lächerliches darin, daß ich mich neben der Nulle wichtig dünke ? Kennt Ihr wohl die wahrscheinliche Grenze des menschlichen Lebens? Was für Ziffern hat denn die allgütige Natür auser- sehcn, diese Grenzen zu bestimmen? Habt Ihr wohl von einem Buche gehört, worin es heißt: Wenns hoch kommt, so sinds achtzig')? Und wie schreibt man diese Achtzig? Wie? — O! es sollte mir ein Leichtes sein, Euch mit drei Worten zu Jakobinern zu machen. Ich thue es aber nicht, und werde bloß zeigen, daß Euer Mangel an Respect gegen unsere Präsidentin sich allein auf Eure Ignoranz gründete. Erlaube mir also, erhabene Nulle, Präsidentin unseres Raths, Kreis, Kugel, Bild der Ewigkeit, Schöpferin und Erbin des Chaos, oder wie Du sonst genannt sein willst, daß ich, ehe ich zum Hauptvortrage meiner Angelegenheiten komme, ein paar Augenblicke, einigen dieser Elenden zu Liebe, bei Deinem Verdienst verweile. Sagt, Spötterinnen, war es nicht die Nulle, die die Jahre zählte, ehe noch Zeit und Zahl waren, und dann wieder ') Der 9vste Psalm, v. 10. zählen wird, wenn diese nicht mehr sein werden? Fand nicht Shakespear, der große Allfühler, selbst das Zeichen der Nulle so wichtig und so ehrwürdig, daß er sogar die Well damit bezeichnete'), und die Schaubühne, die seine Privatwelt war? Wäre er ein Deutscher gewesen, so würde er sicherlich jetzt sein Vaterland dankbar ebenfalls damit bezeichnen. War Sie es nicht, die den großen Gedanken faßte, die 1 zur 10, 100, 1000 rc. zu erheben, und dann, durch eine leichte Schwankung, wiederum zu 0, 1; 0, 01; 0, 001 rc. zu erniedrigen, wie man eine Hand umwendet? Wahrlich das Größeste, was je in der Welt, im Felde sowohl, als auf dem Papier, durch Schwankung ausgerichtet worden ist, und überdieß so schwanger an Betrachtungen über Größe und Hinfälligkeit menschlicher Dinge, deren Werth oft bloß von Schwankungen einiger Nullen abhängt, daß, theuerste Mitschwestern (so nenne ich Euch schwesterlich wieder, da ich Zeichen der Rührung bei Euch bemerke), daß, sage ich, die Zeit meines Aufenthaltes auf dieser Bank, ja, daß die ganze Zeit, die ich hier gesessen habe, zu kurz sein würde, alles dieses zur Geburt zu bringen. So wurde die Nulle endlich Schöpferin des großen Decimalsystems, und der großen Zehnfingrigkeit, die, wenn nicht Admiral Nelson, der bekanntlich nur fünf Finger hat"), den Lauf der ') S. Th. 4, S. 44. ") Er verlor einen Arm bei Teneriffa. Anm.d. Vrf. (1797) Admiral Lord Horatio Nelson, Herzog von Brenta, geb. 12 ' 180 Thaten hemmt, sich mit ihren zehn Fingern Alles unterwerfen wird. Denn Ihr müßt wissen, daß die große Nation, die ihre Freiheit mit 581 Schlachten"), wovon 580 auf der Erde, und eine über den Wolken vorgefallen ist, erkauft hat, die Ebnerin der mächtigsten Thronen, die Durchstechen» der Landenge von Suez, die Abgleichen» durch Ungleichheit und die Käuferin des mit Geld Uncrkäuflichen; daß, sage ich, diese Nation dieses Decimalsystem mit der ihr eignen Kraft und Barschaft an Thaten unterstützt, und mit dem Feldgeschrei: Friede dem Einmal Eins, und Krieg allen Tafeln, Sonnenuhren und Zifferblättern der ganzen Welt, von Westen nach Osten zieht. O! wie habe ich wahrend meines Präsidiums auf der Einerbank oft gelächelt, wenn man von Bonaparte's") geheimen Absichten sprach und die hauptsächlichste darunter vergaß, nämlich: den Berg Sinai zu erobern, eine Druckerei auf demselben anzulegen, und so das Decimalsystem über die ganze rechnende Welt zu den 29. Sptbr. 1758 zu Burnham Thorpe in Norfolk, blieb in der Schlacht von Trafalgar, auf der Victory, am 21. Oktober 1805. ') Genius der Zeit. Juni 1798, S. 253. Anm.d.Vf. "') So, und nicht Buonapartc muß man schreiben. Er selbst schreibt, wie ich höre, seinen Namen ohne u, auch fehlt das u unter dem ihm ähnlichsten Porträt. Anm. des Herausgebers (Berf.). Napoleon Bonaparte, geb. zu Ajaccio, den 15. August 1769, starb auf St. Helena, den 5. Mai 1821. 181 «Vx ii-t, V'ks W >iw »im i-» >Ü", um» , !>» je lii 8i!ij> tliir il-K U.l.1 :ll- r«i verbreiten. Der Gedanke hat in der That etwas Großes'). Denn erstlich ist das der Berg, auf welchem bekanntlich das erste Decimalsystem auf steinernen Tafeln gedruckt worden, das daher Gottlob! auch so ziemlich Eingang gefunden hat; zweitens beweist es eine gewisse Erkenntlichkeit der großen Nation, die allerdings jenem Berge eine Art von Salisfaction schuldig war, da bei ihr, zugleich mit der Einführung der neuen Decimalmaße, manche Hauptartikel jenes alten Systems gleichsam abolirt worden waren. Wie ich höre, so wird mit den neuen Sinustafeln der Anfang gemacht werden, und in der großen Nniversalorographie der Berg künftig seinen Namen von dieser Stiftung erhalten, wiewohl man der Schwachen wegen ihn einige Zeit bloß mit -Von.r L«'»: bezeichnen wird, das jedes Herz lesen kann, wie es will, oder än««»»« "). Doch ich fühle, ich verliere mich in der Erzählung Deiner Thaten und deines Werthes, große erhabene Nulle, sinnliches Bild des unabbild- lichen Nichts. Wo würde ich ein Ende finden in Dir, dem unerschöpflichen Thema von Tausenden? Ich ermüde. Doch erlaube mir, nur noch einige Minuten Deinen bürgerlichen Ver- ') Man sagt, ein Lito/en circoncis habe ihn zuerst gehabt. Anm. des Berfassers. ") Ein Gerücht, daß zu Paris eine eigene Commission niedergesetzt sei, die verba irreZulari:» abzuschaffen, um der Welt das Lonjugiren zu erleichtern, bleibt bis dato unverbürgt. Anm. des Verfassers. 182 hältnissen in tiefster Verehrung zu weihen. Warst Du es nicht, Citoyenne, die seit jeher deutsches Verdienst, wenn Alles fehlte, aus Deinem unerschöpflichen Verrathe belohntest, den hungrigen Dichter bald mit Deinem runden Ambrosiazwie- back labtest, bald in die leere Tasche des Lottospielers und des tief speculirenden Kaufmanns, weiß, klar und rund, tröstend hinab perltest. Warst Du es nicht, die allein den Armen nicht verließ und baar übrigblieb, wenn Alerander, Tamer- lan, derCosacke Pugatscheff') und der Zigeuner Gallant, oder sonst noch älteres oder neueres Gesinde!, Alles, Häuser, Schiedladen und Börsen, gefaßt, zurückließen? (Die Präsidentin verhüllt sich und glüht schamroth durch den Schleier durch, wie der volle Mond bei einer Totalverfinsterung. Die Rednerin bemerkt es, und geht zu einem neuen Gegenstand mit einer tiefen Verbeugung über). Theuerste Mitschwestern, ich komme nun (indem sie sich die Augen wischt), da ein großer Theil der Zeit, die ich zu reden hatte, verstrichen ist, nach Rednerart, geschwind zur Hauptsache. Ob ich eben so geschwind darüber hingehen werde, hängt von der Zeit ab. Ihr wißt, ich rede in der Gespensterstunde. Schlägt die Glocke zwölf — weg bin ich. Ich habe sowohl aus dem Reichs- als allgemeinen literarischcn Anzeiger, und ') Jameljan Pugatschaff, geb. zu Sänovicsk am Don, 1726. Zu Moskau hingerichtet 1775. > noch aus einigen andern Anzeigern, und darnnrcr sogar einigen englischen, mit Verwunderung ersehen, daß man in der Cbri- stenwelt über die Grenzlinie des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts eine Art von Streit fiibrt, der mit dem über die Nheingrenze einige Ähnlichkeit hat; nur mit dem Unterschiede, daß die eine Partei ganz auf dem rechten, die andere ganz auf dem linken Ufer besteht. An eine Mittellinie ist noch nicht gedacht worden. Das hätte auch noch gefehlt. Ich will mich erklären. Ihr wißt, morgen über ein Jahr besteige ich die Bank der Hunderte, und unsere Präsidentin ist, trotz so vieler diplomatischen Geschäfte, die sie in der Welt jetzt zu dirigiren hat, entschlossen, das Präsidium auf der Bank der Zehner und nebenher der Einer als Filial zu übernehmen, das ist, wir werden 1800 schreiben. Morgen über zwei Jahre tritt sie die niedrigere Stelle von beiden der E,iris, die mit so vielem Ruhme die Allerhöchste seit 800 Jahren begleitet hat, zum Filial ab, und wir werden 1801 haben. Die Frage ist nun, wann und an welchem Tage sollen Personen, die viel auf Ge- buristagsschmäusc halten, den Geburtstag des neunzehnten Jahrhunderts feiern? An dem Tage, an welchem ich auf die Bank der Hunderte trete, oder (nachdem ich diese ein Jahr besessen habe), an dem Tage, da die Eins das Geschäft der Einer übernimmt? Kürzer: am Isten Jänner 1800 oder 1801? Ihr fehl deutlich, daß mich dieser Streit nothwendig sehr in- teressiren muß. Mein ganzes erstes Regicrungsjahr mit Hundert errang steht auf dem Spiel, und ist gerade die Strom- 18 t breite, um welche gestritten wird. Keine Kleinigkeit für den, der zu Herzen nimmt, daß es hier auf die Frage ankommt: ob jenes, mein erstes Jahr, den jämmerlichen Nachtrab eines alten Jahrhunderts machen, oder die Anführerin eines neuen sein soll, das mit verjüngter Glorie seinen Einzug in die staunende Welt nehmen wird. Bedenkt, Mitschwestern, die Anführerin des neunzehnten, also des Jahrhunderts, das vermuthlich die Zahl der Planeten verdoppeln, und die der Trabanten und der Metalle vervierfachen wird; des Jahrhunderts, worin vermuthlich die Luftschlachten der Völker sich zu den Land- und Seeschlachten wie 580 zu 1 verhalten werden, so daß die Zeitungsschreiber, von Paris bis Hamburg, sie mit hundertfüßigen Teleskopen aus dem Comtoir selbst bevisiren, bephantasiren und als Augenzeugen beschreiben können; und worin man die hoch vorübersausendcn Helden und ihre Sänger wie Raubvögel und Lerchen aus der Luft schießen wird. O! und des Jahrhunderts, das gewiß die Ehre haben wird, die Früchte einer neuen Wissenschaft, ich meine der mit großem Geld- und Blutaufwand eröffneten, neufränkischen Erperi- mentalpolitik, entweder einzuernten, oder, als hienieden unreifbar, zum Dünger für etwas minder Utopisches wieder unterzupflügen. Das Herz blutet mir, wenn ich bedenke, daß wahrscheinlich mein Antrittsjahr 1800 noch an das vergangene wird abgeliefert werden müssen. Hierüber muß ich mich erklären (sieht nach der Uhr und fängt an geschwinder zu reden). 185 "!'s„ t« »« iliiG »!» !>^> Wp !», I>- »M M Lwx il. k! «t, b lziM ßilw t>l>» ,!«r i>!,F ,zHlS jijO Ihr wißt allerseits, daß im 6ten Jahrhundert zu Nom ein kaum vier Fuß hoher Abt lebte, der, wo ich nicht irre, aus Scythien stammte. Er hieß Dionysius'), und wegen seines geringfügigen Körpers, der kleine (e^,° kkch >>m. >»xj t« sil«. , i» , « s« I »r »ßt II!« r« !N>t B- sinden könnten, als neue Meilen, neue Thermomcterscalen und neue Schmarotzerepochcn. (Hier etwas Gemurmel von ,Vo„§ und Uhrzisferblättern. Die Rednerin hört es, fährt aber ruhig fort.) Mit einem Wort, wir zählen Jahre nach Tausenden, nach Hunderten u. s. w. So bald wir aber dieses thun, so müssen wir auch offenbar, um die Hundert voll zu machen, die Hundert selbst nicht fehlen lasten. Wo nach Hunderten gezählt wird, macht die Hundert selbst den Beschluß. So wäre also das Jahr, das nun in wenigen Minuten zu Ende gehen wird, das 1798ste nach Christi Geburt gewesen, folglich fehlen noch zwei, um das Hundert voll zu machen, und der Geburlstagsschmauß des neunzehnten Jahrhunderts muß gefeiert werden: am Isten Jänner 180l. Also das erste Jahr, worin ich auf der Bank der Hunderte erscheine, ist wirklich (man bemerkt ein Zittern in der Stimme), der Nachtrab des vergangenen Jahrhunderts, und ich muß mich damit trösten, daß ich, in rangmäßiger Verbindung mit der Schwester Eins, die Ehre habe, das 18te Jahrhundert endlich einmal mit voller Zahl zu besiegeln, welches bisher immer mit einer 17 und Dccimalbrüche» des Säculums geschehe» ist. Da ich dieses mir von der Vernunft übergebene Siegel ein ganzes Jahr noch als Bürgerin des 18ten Jahrhunderts führen werde: so hoffe ich auch damit selbst die bruia, die bisher nicht begreifen konnten, warum das 18le Jahrhundert mit einer 17 bezeichnet wurde, zu überzeugen, daß wir bisher im 18ten Jahrhundert gelebt haben. Der Ge- 188 rechte erbarmt sich auch seines Rindviehes. Ihr erkennt nun- mehr. theuerste Mitschwestern, hieraus meine Unparteilichkeit. Ja (sich ermunternd), mit Freuden lege ich die schimmernde Krone, die mir bei meiner Erhöhung gereicht wurde, in das Grab des hingestorbenen Jahrhunderts. — Indessen sollte es mich nichts weniger als betrüben, wenn die Geburtstagsschmau- ser auch den ersten Tag meiner Erscheinung (1. Jan. 1800), an welchem sich Millionen Hände zu einem neuen Zuge gewöhnen müssen, und sich mit kalligraphischem Wonnegefühl gewiß, wiewohl nicht ohne unzählige Schnitzer, endlich gewöhnen werden, auch ein wenig feierten. Denn so würden ja (sie lächelt in sich selbst hinein), was die Welt immer liebt, der Schmaustage, statt eines, zwei (frohes, jovialisches Lächeln von allen Seiten). Ja, wo ich nicht sehr irre, so ist gerade jener neue Datumszug wohl hauptsächlich Ursache, warum über die Frage gestritten wird, und eben deßwegen schon eines kleinen Präliminärschmauses, vor dem großen Definitivschmause, werth. Indessen aber, theuerste Mitschwestern, so sehr ich auch alte, ehrwürdige Gebräuche respectire, und überzeugt bin, daß sich unser christliches Jahrhundert erst mit dem Isten Jänner 1801 anfange, so kann ich Euch doch unmöglich verhehlen, daß es auch Gründe gibt, die entgegengesetzte Meinung zu vertheidigen, wiewohl ich sehr gern zugebe, daß diese Gründe eben nicht gerade die sein mögen, womit sie von ihren gewöhnlichen Anhängern vertheidigt wird. Es ist nämlich gewiß, t) daß unsere gegenwärtige, wahr oder fälschlich sogenannte dionysische Epoche sich von der Beschneidung Christi und weder von seinem Geburtstage, dem 25sten December, noch von dem Jncarnationstage desselben anhebt, einem Tage, der hierbei so wichtig gehalten wurde, daß die Engländer bis 1782 sogar ihr Jahr von demselben zu zählen ansingen und noch bis jetzt spielt dieser Tag (der Löste März, Doch,Mariaverkündigung) unter ihnen, bei Miethcontracten u. d. gl. seine Rolle. Also fällt weder der G e- burts- noch derJncarnationstag an den Anfang unserer jetzt recipirten Epoche. Sondern beide Tage, auf die doch Alles ankommt, fallen in das Jahr vorher, und folglich zählen wir, im strengsten Verstände, nicht Jahre nach dem Geburtsund Jncarnationstage, sondern nach dem Geburts- und Jncar- nationsjahr Christi. 2) Ist wohl ganz außer allem Zweifel, daß wir nicht vergangene, sondern laufende Jahre zählen. Unser gewöhnlicher Ausdruck, anno 1, anno 1000, anno 1798 zeugt, so wie der lateinische Ausdruck: anno /,»§« eLi-Kt,«». nar„„» /-r-'nio, niltteL-uio oto., daß man, im bürgerlichen Leben, nicht vergangene Jahre zählet, sondern laufende. Man datirt Briefe nach dem laufenden Jahre, so wie nach dem laufenden Monatstage. Bezeichnet aber jener Ausdruck bloß Jahre ') Erst in diesem Jahre (1752) nahmen die Engländer den neuen verbesserten (gregorianischen) Kalender an, wie dies 1753 in Schweden geschah. 190 nach dem Geburts- und Jncarnationsjahre, wie soll man denn dieses Geburts- und Jncarnationsjahr selbst bezeichnen? Doch wohl nicht mit dem Namen des ersten Jahres vor der Geburt und Inkarnation? Dieses wäre ja eben so widersinnig, als es das erste nach derselben zu nennen. Es bleibt also Nichts übrig, als, da unsere Jahrrechnung mit einem ersten Jänner anfängt, vor welchem die Geburt und Inkarnation Christi liegt und liegen muß, das ganze Jahr der Begebenheit selbst mit 6 zu bezeichnen, und dessen Anfangspunkt um ein ganzes Jahr hinter den der christlichbürgerlichcn Epoche zurückzusetzen, aber nicht ein ganzes Jahr hinter das Datum der Begebenheiten selbst, auf die es eigentlich hier ankommt, sondern nicht einmal ein ganzes Vierteljahr hinter den Tag der Inkarnation. Sobald man aber ein Jahr Christi 0 hat, das ist, ein Jahr, das man weder das erste Jahr vor dessen Geburt, noch das erste nach derselben nennen kann: so ist es wenigstens Niemand zu verdenken, am allerwenigsten aber Jemandem, der etwa mehr mit dem Absoluten der Meßkunst, als mit dem Conventionellen bürgerlicher Beschlüsse bekannt wäre, wenn er für recht und billig hielte, unsere Jahre von jenem 0 Punkte an zu zählen, also nicht laufende, sondern verstrichene Jahre, gerade so wie der Astronom ohnehin schon seine Zeiche» des Thierkreiscs bei den Längen der Planeten und seine Monatstage zählt, und wie wir selbst im gemeinen Leben unsere Stunden zählen. Denn Ul Uhr, 50' heißt ja auch nicht 50 Min. der dritten Stunde, sondern der vierten, so wie 190 Nthlr. 6 Ggr. nicht 6 Ggr. des lOOstcn Thalers, oder so viel als 89 Nthlr. 6 Ggr. bedeutet. Warum soll denn nun 1793 1. Jul. gerade so viel sagen, als 6 Monate des 1798sten Jahres, und nicht 1798 Jahr und 6 Monate nach jenem 0, das nicht viel unrichtiger liegt, als jener Anfangspunkt, und wodurch obendrein so viele Gleichförmigkeit in die Sprache über Ze>trechnung überhaupt gebracht würde? Denn, so viel ich sehe, würde dadurch die Ordnung der Tafeln nicht im mindesten ge- störr werden. Wenn man den Ort der Sonne für 1798 den 1. Jul., 5 Uhr berechnen will, so schreibt man aus den Tafeln den Ort für die Epoche von 1793, das ist, für den Anfang dieses Jahrs nach bürgerlicher Rechnung ab, addirt dazu die Veränderung von 6 Monaten und von 5 Stunden. Aber der Anfang des 1798sten Jahres, nach der gewöhnlichen Rechnung, ist ja mit dem Ende das 1798ste von jener 0 angerechnet einerlei. Allem so gerechnet, schreiben wir jetzt, da ich rede (sieht nach der Uhr), von jenem 0 an, 1798 Jahre, 11 Monate, 39 Tage, 23 Stunden, 5ö Min., und heute über ein Jahr, ginge mit dem 1799sten Jahr, nach der gewöhnlichen Rechnung, das lOüste des Jahrhunderts, auf diese Weise gezählt, zu Ende. Noch merke ich an, daß es ja nicht sonderbarer wäre, wenn die Astronomen ihre Jahrhunderte anders zählten, als daß stc ihre Tage anders zählen, wie sie wirklich thun, nämlich, nicht laufende, sondern vergangene, und diese noch oben drein von einem andern 0 ab, als das im bürgerlichen Leben. Zum Beschluß erinnere ich noch einmal, daß ich nicht verbessern, 192 nicht neuern, sondern bloß entschuldigen wollte. (Die Neune regt sich, um von der Bank Besitz zu nehmen.) Ich sehe, theuerste Schwester und Nachfolgerin, Du eilst meine Stelle einzunehmen. Ich weiche. Bedenke, Du hast ein wichtiges Jahr vor Dir. Sorge ja für Frieden, und halte Dich durchaus, während Deiner Regierung, als das Quadrat aller guten Dinge, und nicht (etwas in den Bart murmelnd) wie im kalten Winter. (Die Glocke schlägt 12, man hört etwas von: Viel Lärm um Nichts; die 8 geht ab, und die r» setzt sich auf die Bank. Gratulationen zum neuen Jahre von allen Seiten.) Nachschrift des Herausgebers'). Vorstehende Rede ist von unbekannter Hand mit der beigefügten Versicherung eingeschickt worden, daß einigen Freunden des hiesigen Taschenbuchs ein Dienst geschähe, wenn sie in diesen Jahrgang eingerückt würde. Man konnte der Erfüllung dieses Wunsches um so weniger entgegen sein, als man wirklich Willens war, etwas Ähnliches im Jahrgange für 1800 zu sagen. Da indessen die Wendung, die der Berfasser genommen hat, die Einrückung im gegenwärtigen ganz gut entschuldigt, so mag der Aufsatz nun hier stehen. Auf den Nullpunkt der ') Herausgeber und Verfasser sind hier wieder ein und dieselbe Person. S. die Bemerkung Th. 5, S. 334. 193 Epochen, als schicklichen teriuinum a guo, hätte der Verfas- ^ ij str wohl einen noch stürkern Accent legen können. Wir zählen die geographischen Längen mir Siecht von dem westlichen Ende der alten Welt, von der Insel Ferro, wie man sich ausdrückt. Aber da, wo der Nullpunkt dieses Maßstabes hinfällt, liegt weder das westliche Ende der alten Welt, noch die Insel Ferro. kl« Sondern jener Punkt ist eigentlich derjenige, von welchem ab M gezählt, das pariser Observatorium eine Länge von 20 runden litts Graden erhält. Vielleicht nahm der Verfasser Anstoß an der «ü Bergleichung des Festes der Beschneidung mit dem pariser Ob- servatorio. Allein diese Bedenklichkeit wäre von geringer Bedeutung gewesen. Denn wirklich ist dem Herausgeber kaum ein Beispiel bekannt, worin das alte Paris so bescheiden gehandelt hätte, als in dieser Längenzählung. Nunmehr aber ,il» freilich, da bei der neuen Theilung des Quadranten die Länge mi« des pariser Observatoriums — 22", 222 ...... et sia j,jj, in ialinitum, werden müßte, so müssen wir die Entscheidung M, des Direktoriums erwarten, wo die alte Welt künftig aufhö- ren soll. Wie wir hören, soll die V gewillet sein, ebenfalls vor ihrem E Abtritt von der Bank der Hunderte, Rechenschaft von ihrer ^ Verwaltung abzulegen. Da diese große Aufklärer! n, oder wie sie in obiger Rede heißt, die apokalyptische, hundert merkwürdige Jahre darauf gesessen hat, so kann ein solcher ^ compto reu,In allerdings sehr interessant werden. Da wir nun Hoffnung haben, das Original so früh als möglich zum Ge- VI. 13 brauch für unser Taschenbuch zu erhalten, so machen wir dieses, um Lollisionen zu vermeiden, hierdurch vorläufig bekannt. Wir werden indessen nur Dasjenige aus dem weüläus- tigen Werke ausziehen, was für unser Taschenbuch, nach seiner bisherigen Einrichtung, gehört, und wie es sein geringer Umfang verstattet. Daher denn einige der wichtigsten Rubriken, wie wir hören, als: wie die Karte von Europa zu illu- miniren sei; vorn neuesten Völkerrecht; über die neueste Bedeutung von ik/eu», und Du»,» oder das politische Ich und Nicht-Ich u. s. w., den Herren Verlegern gewiß nicht werden verweigert werden, wenn sie sich an die benannte apokalyptische V selbst wenden wollen. 195 "iih »Hit Daß du auf dem Blocksbergs warst. M Eüi Traum wie viele Träume. Ul - (Götting. Taschenkalender 17S9. S. 150 — 180.) kgl» tl! K Durch den Tod eines vortrefflichen Mannes, mit dem ich mehrere Jahre in vertrautem Umgänge gelebet habe, bin ich kürzlich zu dem Besitz eines Manuskripts von seiner Hand gekommen, an dessen Entstehung ich selbst einigen Antheil in so fern habe, als das Meiste in demselben die Resultate von Unterhaltungen in unsern Abendstunden ausmachte. Wir spielten, statt mit Karten, die wir beide unversöhnlich haßten, mit Einfällen und Projekten aller Art, oft in die späte Nacht. Ich kann aber nicht sagen, daß wir, weil wir nicht um Geld spielten, deßwegen immer ruhig auseinander gegangen wären. Der letzte Stich des Gegners, wenn die bestimmte Glocke schlug, hatte immer etwas Unangenehmes für einen oder den andern, und ich erinnere mich sogar einmal, daß ich, als ich schon bei meinem Hause war, wieder umkehrte, um einen falsch gespielten Trumpf wieder zurück zu nehmen, aber meinen Freund 13 ' 196 schon gerade auf den Lorbern ruhend eingeschlafen fand, die mich die ganze Nacht wach erhielten. Das Buch ist grün eingebunden, und soll daher künftig Alles, was ich daraus entlehnen werde, welches wohl der Fall zuweilen sei» könnte, mit der Überschrift: aus dem grünen Buche, bezeichnet werden. Der Titel ist etwas sonderbar, wiewohl nicht ohne Menschen- und Meffekenntuiß abgefaßt, er heißt: echt deutsche Flüche, und Verwünschungen für alle Stände, nebst einem Anhange von Sprichwörtern und Fiktionen. Bon den Ficlioncn haben unsere Leser schon wirklich Einiges gehabt, unter andern war unser B cd lam für Erfinder') fast wörtlich aus dem grünen Buche genommen. Beim Aufmachen des Manuskripts fiel mir ein Brief in die Hände, der, wie die Unterschrift zeigt, von einem nicht sehr unbekannten Verleger war. Mein Freund hatte ihm das Manuskript angeboten, ohne mir Etwas davon zu sagen, vermuthlich um mir mit dem Gelde eine unvermuthete Freude zu machen. Das war ganz seine Art. Daß er mir aber mit dem Briefe keine unerwartete Freude gemacht hat, verstehe ich nicht ganz. Hier ist der Brief. „Ew. erhalten anbei Dero Manuskript zurück, weil selbiges Dero Zeit so nicht gebrauchen kan. Einige Artickel find wirck- lich reitzbar, per Exempel jener vom doppelten Printzen und jener von Flüchen vor Kindern. Doch winschen meine Frau und ich etwas mehr von Deolvgen hinein und der Schaam Hafftig- ') S. Th. 5, S. 372ff. 197 keit und die Obrigkeit, etwas reitzbar versteht sich und Pasqui- landisch, das sind itzoiger Zeit warme Semmel in der Welt. Wollten Selbige Selbiges noch einschieben wollen, so wolle» « Wir sehen. Zenzur haben Wir nicht zu fürchten; meine Frau "Äs, liest ihm alles für, und ist bei ihm wie ein Kind im Hause. Sie hüppt auch über manches '). Verbleibe Dero affectionirter rc." Außer der hohen mercantilischen Suade, die durchaus in «w diesem Briefe glüht, war es mir besonders angenehm, eine alte An fast vergessene Idee von mir, ich meine die von einem doppelnd, ten Kronerben, wieder zu finden, wovon das grüne Buch zwar nicht die Ausführung, aber doch den Plan ziemlich deutlich ent- hält. Hauptsächlich dieser Frau Verlegen» wegen, die, wie ihr eigener Mann gesteht, über Manches gern weghüpft, muß ich M, sagen, was das eigentlich für eine Idee ist, und von wem sie „M herstammt, falls etwa besagte Dame damit über ihr Gewissen M weg, in irgend eine Romancumanufactur damit hüpfen sollte. M Hier ist Etwas davon: ^ In einem bisher nicht sehr bekannten Reiche Asiens gibt eine geliebte Königin außerordentliche Hoffnung zu einem Thron- M erben, oder eigentlich zu reden, Hoffnung zu einem außcror- deutlichen Thronerben. Denn wirklich wuchsen die Hoffnun- gen gegen das Ende der Schwangerschaft so stark, daß man M sich öffentlich ins Ohr sagte: es würden wohl zwei Kronprinzen K» - 9 Soll wohl heißen: überhüpft beim Lesen Manches. Anm. des Verfassers. 198 auf einmal kommen. — Das Publikum fangt an mit Meinungen schwanger zu gehen, ebenfalls doppelt und ebenfalls eine schwere Geburt verkündigend. — Politiker mit und ohne Prügel regen sich. — Kleine Vorentscheidungen ehe der Himmel entschieden bat. — Entscheidung des Himmels. — Bül- letin: Gestern Abend wurde Jhro Majestät von zwei Kronerben glücklich entbunden, beide vollkommen ausgebildet, schön, gesund und munter, nur am untern Theile des Rückgrats und etwas weiter abwärts zusammengewachsen, und gewissermaßen Ein Stück, in allen übrigen Haupttheilen völlig doppelt. Dank, Anbetung und Verehrung für den doppelten Segen! — Geschichte der Entbindung von einem Zuschauer in der Neben- stube. — Sie erblicken das Licht der Welt mit zwei Füßchcn einerlei Art, ob zwei rechten oder zwei linken, ist ungewiß. Wendung und Geburt. — Eine Deputation des Magistrats wünscht unterthänigst, daß die Mißgeburt zum Wohl des Vaterlandes möchte sanft erstickt werden. — Unsanfte Erstickung der Deputation von Rechtswegen. — Tiefsinnige Untersuchung über den Werth des Doppelten in der Welt. -— Von Leib und Seele. — Vom doppelten Adler. — Es erscheinen Addressen und Glückwünsche von allen Enden des Königreichs. — Die Dichter sprechen von einem Versuch der Natur, endlich der Welt ein Modell von einem vollkommenen Regenten zu gebe». Das Kind heißt bei ihnen bald Castor und Pollur an einem Stück; bald Majorität und Minorität an einem Stück, und einer nennt es sogar den Zwei einigen. — Erziehung bis zur Bcinkleidcrzcit und Schnitt dieser Beinkleider. Man merkt beim Anprvbiren, daß dieses ein wichtiger Artikel in der künftigen Regierung sein werde. — Es wird ein eignes Conseil niedergesetzt, das über die beste Form dieses Anzugs entscheiden soll; bestehet aus drei Ärzten, drei Philosophen und drei Schneidern. — Große Uneinigkeit in diesem Conseil, sogar einige Prügeleien.— Cülot listen und Sanscülottisten durch das ganze Reich. — Sieg der erster», weil sich mit Recht die Geistlichkeit zu ihnen schlägt. — Der Prinz bekommt Hosen. — Dreitägige öffentliche Ausstellung derselben und Urtheile der Welt darüber. Verzeichniß von Schriften darüber, die sich an die 200 belaufen. — Neigungen des Doppclprinzen fangen an zu keimen. Der eine zeigt viel Hang zur Speculation und einem sitzenden Leben, der andere zum activen. — Sonderbare Scenen, die sich daraus schon jetzt ergeben. — Arzte und Schneider lachen, der Klerus und die Philosophen weinen.— Doppelte Pagen, doppelte Kammerdiener und doppelte Hofmeister. Es will sonst nicht gehen '). Hiermit schließt sich der erste Theil. — — Indem ich zum zweiten Theil übergehen will, sehe ich mit schriftstellerischem Entsetzen, aus der Überschrift dieses Artikels, ') Die Fragmente, welche in Beziehung auf den beabsichtigten Roman, worin ein doppelter Prinz die Hauptperson sein sollte, unter den Papieren des Verfassers aufgefunden wurden, sind Th. 1, S. 50 ff. mitgetheilt. daß ich mich verloren habe, und fürchte fast, daß die Verwünschung, die sie enthält, über mich und meinen doppelten Prinzen, von manchem Leser möge ausgesprochen worden sein. Ich bitte um Vergebung; es kam in meinem Eigenthum Feuer aus, da dieses nun so ziemlich geborgen ist, so habe ich die Ehre, versprochenermaßen, aufzuwarten. Alles Folgende sind die eigenen Worte meines in dem zweiten Viertel dieses Jahres (1798) leider! verstorbenen Freundes. Die Anrede ist an mich wie folgt: Du weißt, mein Theuerster, daß es seit jeher eines meiner Lieblitigsgeschäste in müssigen Stunden gewesen ist, deutsche Ratio nalflüche und Verwünschungen zu sammeln, um daraus gelegentlich einige zur endlichen Bestimmung des Nationalcharakters nöthiger und noch fehlender Elemente durch Philosophie zu scheiden. So wie Leibnitz schon gesagt hat, daß die Menschen sehr viel sinnreicher in ihren Spielereien, als in ihren ernsten Geschäften wären, so habe ich auch gefunden, daß, ohne deßwegen die Flüche unter die Spielereien zu rechnen, der Mensch sehr viel charakteristischer flucht als betet, vielleicht, weil er meistens aus dunkelem Gefühl seines hohen Werthes flucht und verwünscht, und aus einem ähnlichen Bewußtsein seines Unwerlhes und seiner Abhängigkeit betet. Um Etwas dieser Art auszufüllen, legte ich mich neulich mit meinem Dir bekannten Zettel zu Bette, in der Absicht Etwas dieser Art, vor dem Einschlafen, auszusiuden, was ich am Morgen in meine sogenannte Tactes 0 ... es (G .... s ch e Nächte) eintragen könnte. Ich stieß sehr bald auf die in manchen Gegenden Deutschlands sehr bekannte Verwünschung: Daß du aufdein Blocksberge ') wärst. Ich weiß nicht, was mich eigentlich bet dieser Zeile zum Stillstand brachte, ich ruhete dabei aus und schlief ein. Sogleich saß ich in einem leichten Wagen mit Vieren, und fuhr in einer Nacht bei sternenhellem Himmel frisch zu. Ich kann nicht sagen, daß mir die Fahrt sehr gefallen hätte. Vermuthlich hatte sich beim Einschlafen Etwas von Walpurgisnacht auf meinen Traumapparat niedergeschlagen, so daß ich mich bei meinem Postillion nicht viel besser befand, als Bürgers Lenore gegen das Ende ihrer Reise ') So heißt unser Brocken in einem großen Theile von Deutschland, und ist unter diesem Namen selbst Kindern, die 100 Meilen von ihm leben, bekannt. Man wünscht oder verwünscht gewöhnlich Dinge dahin, deren man im hohen Grade überdrüssig ist. Die Verwünschung verträgt sich wirklich mehr als eine mit christlicher Liebe; sie thut nämlich dem Affect Genüge und hebt die Wiederkehr des Verwünschten nicht auf, wodurch sie sich sehr von andern unterscheidet, die man, im christlichen Deutschland wenigstens (denn von der deutschen Türkei ist hier noch nicht die Rede), und mit einem Anfangsbuchstaben und Punkten druckt. Wer eine sehr merkwürdige, neuere Verwünschung, auf den Blocksberg, lesen will, wird sie im 2icn Hefte des IVren Bandes der neuesten Staatsanzeigen S. 142 finden. Der Verwünscher ist ein rechtschaffener Mann, der Franziskaner, Pater Guido Schulz. An merk. des Verfassers. 202 bei ihrem Dragoner. Indessen ich faßte Herz. Schwager, fragte ich, was ist das dort oben? Ist das ein Nordlicht? Schwager. Wo? Ich. I! dort oben, sieht er das Licht nicht? Schw. O! Wissen Sie denn das nicht? Morgen ist Neujahrstag. Ich. Das weiß ich wohl, aber was hat denn das Nordlicht mit dem Neujahrstage zu thun? Schw. (lachend) Ich führe doch wohl keinen Emigranten? Sie sprechen gut Hochdeutsch. Ich. (etwas auffahrend) Hanswurst, sei kein Narre, und sage, was Du willst mit Deinem Geschwätze da. Schw. Dank für ihr Du. Wissen Sie denn nicht, daß heute große Ausstellung ist. Ich. Was für eine Ausstellung? Schw. Auf dem Blocksbergs. Das ist der Blocksberg dort mit dem Lichte. Mit Ihrem Nordlichte! Ist denn dort Norden? (Der Kerl hatte Recht, das Licht lag gerade in Südosten, und dieses Gefühl von Unrecht gab mir mein Blut wieder.) Ich. O! sag er mir kurz und gut, lieber Freund, was er mir sagen will, und am Ende auch sagen wird: Was ist das? Er. Nun wenn Sie so befehlen, aber, sagen Sie mir: haben Sie einen armen Schwager nicht zum Besten? I ch. Auf Ehre nicht! nur zu, frei heraus mit der Sprache. Ich verstehe noch zur Zeit von Allem Nichts. Er. Nun gut denn, wenn Sie es so haben wollen. Diese Nacht stehet auf dem Blocksberge Alles öffentlich aus, was in dem ganzen vergangenen Jahre hinauf ist gewünscht worden. Alles prächtig illuminirt, so helle wie am Tage. Ich. O! lieber Hcrzensschwager, da laß uns hin. Das muß ich sehen. Aber ists nicht schon zu spät? Er. Das nicht, aber haben Sie eine Frau')? Ich. Was ist denn das nun wieder? Er. O ich meinte nur, ob Sie verhciralhct wären, (Dabei hörte ich sogar, daß er in den Bart lächelte.) Ich. Ja, ich bin vcrheirathet. Was nun weiter mit allem dem infamen Zaudern? Ich bin verheirathet. ') Es thut dem Herausgeber Leid, daß er die Reden des Schwagers nicht in der plattdeutschen Sprache des Originals herzusetzen wagen darf. Die des Plattdeutschen kundigen Leser können sich indessen diesen Verlust leicht ersetzen. Für die übrigen kann man zwar den Sinn der Worte wiedergeben, und das ist hier geschehen, aber die unaussprechliche Naivität dieser Äußerungen, das Colorit des Sinnes zu empfinden, muß man unter diesen Menschen gelebt haben. Da, wo der gemeine Mann eine von der Sprache der höhern Stünde verschiedene Sprache redet, wird es diesen leichter die Simplicität der Gesinnungen und Bemerkungen von jenen zu empfinden. Wo der gemeine Mann hingegen die Sprache der höhern Welt spricht, ist der Cours gegen ihn. Mit der Gemeinheit der Sprache, geht das Eigenthümliche der Empfindung verloren. Anm. des Vers. 204 Er. Lieber Herrr, ich meine es gut, das können Sie glauben. Ich habe lange keinen so freundlichen Herrn gefahren. Ich. Nun gut, gut, heraus mit der Sprache. Er. I! wenn Sie es so haben wollen. Ich meine nur (hier wieder gefälliges, hörbares Lächeln), es wäre möglich, daß Ihre liebe Frau Sie im vergangenen Jahre auf den Blocksberg gewünscht hätte. Ich. Und was denn da? Er. Da würden Sie sich selbst denn dort oben herum mar- schiren sehen, so wie Sie da in der Kutsche sitzen, gerade so, Tracht und Alles, wie im Spiegel; vor so was graut einem. Ich. flaut lachend) Ehrlicher Teufel. Also das meintest Du? O! wenn es weiter Nichts ist, guter Kerl, habe keine Sorge. Gesetzt, ich sähe mich auch da, muß es denn gerade meine Frau sein, die mich dahin gewünscht hat? das könnten ja andere Leute sein. Ich kenne ihrer eine Menge, die mich auf den Blocksberg wünschen. Das weiß ich und mache mir eine Ehre daraus. Jeder rechtschaffene Mann in dieser Welt zählt ihrer leicht ein Dutzend, eben weil er ein rechtschaffener Mann ist. Er. Gut, lieber Herr, das weiß ich wohl, aber wenn der Zettel nicht wäre. Ich. Was für ein Zettel? Er. I! der Zettel auf dem Rücken. I ch. Ich bitte Dich ums Himmels willen, sprich fort, wir kommen sonst um dieHochzeit. Was sind denn das für Zettel? Er. Ein jeder trägt da einen Zettel auf dem Rucken, darauf steht mit feurigen (hier eine Pause), mit feurigen, feurigen Buchstaben geschrieben. Ich. Was denn? Er. Von wem man herauf gewünscht worden ist, und wie viele Male. (Hier eine Pause von meiner Seite. In der That wurde mir dochhicrbci nicht ganz recht zu Muthe. Denn man kann in einer sehr vergnügten Ehe leben, und dann doch zuweilen auf den Blocksberg gewünscht werden. Es war mir um die Leute zu thun. Ich dachte nach, und erinnerte mich einiger kleinen Vorfälle, dieses merkte der Schwage r.) Er. Schlafen Sie? Sie sind ja so stille? Ich. Wer wird schlafen, bei einer solchen Reise mit einem so angenehmen Schwager ? Aber höre Er. Gesetzt, ich fände nun meine Frau auch da, würde Sie mich kennen? Er. Nein! Als bloßen Passagier und Zuschauer nicht. Die sind unsichtbar für die B erw üns ch ten. Aber die Verwünschten selbst sehen einander. Die bloßen Passagiere sehen Alles, ohne gesehen zu werden. Erblicken Sie also Ihre liebe Frau oben, so werden Sie es am besten wissen, was das sagen will. Erblicken Sie sich selbst und Ihre Frau Arm in Arm, so hat dieses nichts zu bedeuten. Das können immer gute Ehen sein. Nur auf den Kopfputz kommt alsdann viel an. 206 Ich. Ich sehe, der Schwager ist sehr insormirt. Er. O! Ich müßte ein Dummkopf sein, wenn ich es nicht verstände. Ich habe Hunderte hinaufgefahren, auch wieder herunter, wenn sie sich nicht — — Sie verstehen mich wohl. Ich. Nein, lieber Schwager, ich verstehe es nicht. Er. O doch. Ich. Nein wahrlich nicht. Er. Ich meine, wenn sie sich nicht droben erhenkt haben. Ich. Also haben sich wirklich Passagiere droben erhenkt? Er. O! mehr als einmal. Ich. Und weswegen denn? Er. Von wegen des Kopsputzes, von dem ich vorher geredet habe. Ich. Kopfputz? Gibt es denn einen zum Erhenkcn? Er. O ja. Ich. Was für einen? Er. Wenn Sie nicht wollen für ungut nehmen — Hörner. Ich. Kannst Du mich, lieber Schwager, wohl in einer Stunde hinführen? Er. O! in — in — einer Minute. Ich sehe, Sie wissen nicht, wer Sie fährt. Ich habe meine geheimen Verbindungen hier, bin aber Ihr guter Engel, fürchten Sie nichts. In diesem Augenblicke fühlte ich mich weit über Alles erhoben, was die Welt Chausseen nennt. Ich schwamm, wie an einem Luftballon hängend, sanft dem Nordlicht entgegen. Alles, was noch in mir wog und zog, waren einige schwere Gedanken über die Folgen dieser Aufklärung, über wichtige Punkte des vergangenen sowohl, als künftigen Lebens, der ich jetzt entgegenging, und die der Himmel so weislich in Dunkel hüllt. Ich tadelte im Grunde meiner Seele nunmehr meine Verwegenheit, denn mein ganzes Leben zielte gar nicht auf einen solchen Überfall hin. Wer hätte auch so was denken sollen? Nach wenigen Minuten sanken wir auf den kleinen Brocken nieder, mechanisch sanft, aber für mich, mit einer Art von elektrischem Stoße aus dem Boden der Weissagung, der durch alle Glieder ging. In diesem Augenblicke war mir der Brocken heilig. Man kann sich keinen himmlischem Anblick denken, der ganze höhere Gipfel des Brockens, der vor uns lag, stand wie im Feuer. Alles noch etwas fern. Mein Postillion, der, wie ich nun deutlich sah, weder die braunschweigische, noch die kaiserliche Montur trug, faßte mich bei der Hand, schüttelte sie lächelnd. Ich bin noch immer der alte Schwager im Thale. Sie denken nach; haben Sie keine Sorge, und (setzte er, Gottlob! lächelnd, hinzu) zum Er henken ist immer Zeit. Nun ging ich mit Muth dem Berge zu. Himmlischer Anblick überall. Überall wie Junius Licht an einem heitern Mittage. Aber selbst in der Allee, der wir uns näherten, erschien keine Spur von Schatten. Was ist das? fragte ich meinen Führer, sind das Harztannen? I! mein Himmel, Sie wissen nicht, wo Sie find, versetzte er, das Licht blendet Sie. Das sind Bäume, die Deutschland hierher gewünscht hat. In dem Augenblick sah ich, daß es Freiheitsbäume waren, roth, blau und weiß gestreift; oben Bänder von gleicher Farbe. Bravo, meine lieben Landsleute, dachte ich, und nun fing ich an zu verstehen. So viel kommt auf einen guten Wink an. Trotz meines Unterrichts im Thale, hielt ich Alles hier für ein Paradies, und hatte gänzlich vergessen, daß ich mich unter lauter verwünschten Dingen befand. — Der Glanz hatte alle Schuld. An den Bäumen wehten Flaggen mit Zahlen. Was soll die Zahl da? fragte ich meinen Führer. Das ist die Zahl der Verwünschungen, sagte er. Nun dachte ich, willst du doch eine wenigstens behalten. Es war ein herrlich gehobelter und verzierter Baum, oben mit vier Schilden, nach den vier Weltgegenden, mit Inschriften, die ich nicht lesen mochte. Es war mir mehr um die Zahlen zu thu», woraus sich auf die Inschriften schließen ließ. Es war zum Erstaunen: voran stand eine Eins, und, dafür stehe ich, hinterher zum allerwenigsten fünf Nullen. Also war dieser Baum wenigstens hundert tausend Mal verwünscht worden. Das dachte ich wohl, sagte ich zu mir selbst, so mußte es komme». Unter den Bäumen spazierten einige Ofsiciere mit gestickter Uniform, Arm in Arm mir Leuten, die nicht in Uniform waren. Es wurde viel Französisch gesprochen, aber von Einigen so schlecht und breit, daß man wohl hören konnte, es waren Deutsche, die es erst in späteren Jahren aus ökonomischer Desperativn gelernt hatten. Was ist denn das für ein Trupp dort unter jenen Freiheitstannen, der keine Uniform trägt? fragte ich. Das sind Lieferanten an sich, antwortete mein Führer. Hierbei konnte ich 209 mich kaum des herzlichsten Lachens enthalten, über meine eigne Jdeenvcrbindung, versteht sich. Mir sielen dabei die Dinge an sich der neuen Philosophie ein, und so gewann der Ausdruck, im Munde eines Postillions, also eigentlich des Mundstücks zum Mundstücke des Posthorns, ein etwas drolliges Ansehen. Der gute Kerl, der sich meinen Schutzengel nannte, war ganz unschuldig dabei. Er verstand unter Lieferanten an sich, eine sehr bekannte Species von Lieferanten, die bloß an sich selbst liefern, und dieses Ungeziefer, deutsches und französisches, auf dem Blocksbergs zu sinken, war nicht unerwartet. Wer würde diese Strichvogel nicht lieber in der Halsschlinge sehen, als hier im Freien streichend? Gleich hinter der Frciheitstanne erblickte ich eine Menge Buden mit Kleidern; alle waren weiß, braun und schwarz. Ich glaubte in Älonmoutk-Street') in London zu sein. Als ich etwas näher trat, sah ich aus der Überschrift, daß es lauter Ordenshabite waren, vorzüglich Habite junger Nonnen; ich glaube nicht zu irren, wenn ich die Sammlung auf 5000 schätze. Sie waren systematisch aufgehängt, zwischen einem Paare Non- nenkleidern hingen immer einige Mvnchshabite. Capuciner, Eine Straße, worin nicht sowohl vor Alter gestorbene Kleider, als vielmehr solche, die die Pest der Mode oft in der Blüthe ihrer Jahre hingerafft hat, ihre Auferstehung erwarten, die denn auch nicht ausbleibt; wenn man die Erlaubniß, in den Provinzen und im Auslande zu spüken, Auferstehung nennen kann. Anm. des Verfassers. VI. 14 ' -i stl 210 Franciskaner und die den La Trappe konnte ich deutlich erkennen. Sie schiene» sich wie zu umarmen. Jetzt sing ich an, diesen Tag zu preisen, der meine Theorie vom Menschen so sehr bestätigte. Leid that es mir, als ich in denselben Buden einige protestantische Krügelchen, schwarzen Stock und Mantel und schwarz gebundene Bücher mit vergoldetem Schnitt erblickte. Wie ist das in aller Welt möglich? sagte ich ganz laut. Was möglich! versetzte mein Führer, es ist Alles möglich, fort, fort, wir haben keine Zeit. Es wird besser kommen. Das Nächste war ein kaum übersehbares Gehäge, worin es von wilden Schweinen, Hirschen, Nehböckcn und Hasen wimmelte. In der Mitte glänzte auf einer erhöhten Tafel in feuriger Schrift: Was Henker, fragte ich, haben denn die wilden Schweine in Deutschland Unterthanen? — Hier nicht viel gefragt. Sehen Sie, sehen Sie dort die herrlichen Equipagen! Es war zum Entzücken. Zum wenigsten zehn sechsspännige Wagen von einer Leichtigkeit, daß ein Pferd ihrer sechs gezogen hätte, rennten unter Begleitung von menschlichen Ncnnthieren, schön wie Engel, in ihrem Silbergeschirr'), vorüber. Ich kannte keinen von den Herrn darin, doch glaube ich, vier bis fünf Tonsuren bemerkt zu haben, zwei fuhren rückwärts, und vorwärts saßen Damen. Nonnen waren es nicht. O! da hätte ') Vermuthlich Läufer. Anm. des Verfassers. ich die Kehrseite sehen mögen, rief ich. Geschwind, Geschwind! Sehen Sie, da stehts auf den Kutschen hinten, rief mein Führer. Es war nicht zu verkennen. Die Flammenschrift hieß; Das haben wir schon einmal gehabt, sagte ich. Nun öffnete sich der Schauplatz immer mehr. Gänge, gedrängt wie die Börse zu Amsterdam um Mittag, zeigten sich zu beiden Seiten. Es war nicht auszukommen, der Geist ermüdete. Ich las bloß einige Aufschriften. Z. B. ü«,- «lern D«»ke». ' Nl«n»c>'. Allgemeine Rückendevise: 1 Ü!-' »acke Hier erkannte ich zwei oder drei. Ganz voran stand unser lieber I>l. mit seinem abgespannten Passionsgesichte. Er hatte seinen kleinen Dollond in der Hand, und sah gerade nach mir. Ich wollte ihn grüßen, als mir einfiel, daß ich unsichtbar für ihn wäre. Ich sah mich also in der Richtung seines Fernglases um, und siehe, da stand der junge Schurke hinter mir, der gewiß diese gute Seele, zum Dank für ihre weise und väterliche Leitung, tausendmal heraufgewünscht hatte. Ich suchte den Revers des Buben zu gewinnen, um zu sehen, wem er seine Brockenreise zu verdanken hätte. Das Zcitelchen glühte ganz sein: vott LtU»e»t erurA lüa, «>e ckein rla ,Vo»»l'cru' «ii/'/tüike «u Recht so, dachte ich. Vielleicht zielte der kleine Dolllond nach dieser Jnscription. Indem ich noch diesem infamen Geschöpfe meine tiefste Verachtung durch Freude bezeigen wollte'), stieß mich ') Hieraus können manche Leser lernen, was Dictate reiner 14 ' 212 mein Führer fast etwas unsanft an. Ums Himmels willen erschrecken Sie nicht! — WaS, was ist denn? — Sehen Sie denn nicht dort den Herrn? — Wo, wo? I, dort! Sie kennen doch auch wahrlich alle Menschen, und sich selbst nicht. — Wie ein Donnerschlag ging es mir durch alle Glieder, nicht was mein Führer sagte (das wußte ich längst), sondern der Anblick von meinem Ich nicht Ich, zum erstenmale in der Welr, außerhalb des Spiegels, und mit Bewegungen, die mit den meinigen gar nicht in katoptrischcr Ilsrmonia praestoliüit» standen. Ich stand, wie eine Bildsäule versteinert, da; Ich nicht Ich hingegen war sehr munter, schaute umher, und schien sehr viel vergnügter, als sein Er nicht Er. Offenbar mußte Etwas zwischen Uns sein, was weder Er noch Ich war, und wovon Keiner von uns Etwas wußte. — Es war ein unbeschreiblicher Anblick, Sich selbst so, ohne Sich selbst, gehen zu sehen, wo man bei jedem Tritt der Abbildung zu erblicken fürchtet, was man nicht sieht, wenn man ihn selbst thut. — Aufrichtig zu reden, so gefiel ich mir nicht sonderlich. Ich würde den Hut anders gesetzt, den Stock anders getragen, und mich nicht so oft umgesehen haben, wie Ich nicht Ich. Indeß dachte ich: praktischer Vernunft sind. Ich wußte, daß mich der Kerl nicht sah, und daß ihn meine Freude weder verwunden, noch heilen konnte. Dessenungeachtet machte ich das ganze Exercitium an ihm durch, wie an einer Gliederpuppe. An merk. des Verfassers. 213 >«ih i «i, ttk A, iiii> >i» !»>i! i»N ftb , »l «k du» i!«ö M> !»ft Mi tint! «ijl jM «i i>« es ist Alles sonst so genau und richtig, also vermuthlich auch das, was du nicht für so genau hältst. Nun wohlan, sagte ich zu mir selbst, das soll mir der Keim zu einer Theorie des Schauspiels sein. Dieses war eine kleine Autorregung, ein Intermezzo, das der Kopf der Autoren ihrem Herzen oft zum Besten gibt, wenn er etwas Besseres geben konnte, oder sollte. Nun kam der Mensch in mir wieder. — Mir gefiel in Wahrheit der Hut mit dem hohen Deckel, den Ich nicht Ich trug, nicht so ganz, ob Ich gleich selbst einen solchen aufhatte. Mir siel der Kopfputz ein. Weine Unruhe und incine Neugierde war unglaublich. Ich hätte einen Fürstenhut darum gegeben, diesen Filz abheben zu können. Auf einmal begegnete meinem Repräsentanten ein alter guter Freund von uns, den vermuthlich seine Haushälterin, mit ihrem verlobten Erspcctanten, hierher gewünscht hatte. Mein Ech o w esen zog den Hut ab. Gerechter Himmel! Was für ein Anblick! Wenn Dir je, theuerster Leser, an dem zweiten oder dritten Abend deiner ersten Liebe, der aufgehende Vollmond durch das Blüthengitter deiner Laube in dein begeistertes Auge geblickt hat, so hast du den Vollmond ganz mit dem Wonnegefühl gesehen, mit dem ich durch ein Gedränge von Bändern, Federn und anderen wehenden und nicht wehenden Kopfzierden, meinen kahlenScheitel erblickte. Er war es völlig, so wie ich ihn noch diesen Morgen vor dem Spiegel gesehen hatte; glatt freilich, aber auch ohne alle Spur von jenen kleinen, aber solideren Sprößlingen, die oft der bloße geheime Wunsch des Weibes schon keimen machen soll. Also 214 nicht einmal der Spießer') bist du, dachte ich. Eigentliches Gehörn hatte ich nie gefürchtet. Dieses erfüllte mich mit einem Muthe. — O! ich glaube, ich wäre dem Leidigen selbst entgegengegangen. Ich. Komm, komm, guter Freund, geschwind, sagte ich zu meinem Führer. Er. Was denn, was wollen Sie denn? Ich. Ich muß die Jnscription lesen. Er. Was für Jnspection? Ich. Guter Tropf, ich will wissen, wer mich auf den Blocksberg gewünscht hat. Er. O thun Sie das nicht. Es wäre doch wohl möglich. Ich. Was möglich? Ich fürchte keine Möglichkeit. Komm, komm. Wir eilten. Ich las den Zettel, und lächelte. Es war nichts Neues. Ich erblickte zwei Namen. Der eine war der von einem sonst scheinbar guten Schlucker, der eine entfernte Anwartschaft auf mein Amt hat, der mir immer zum neuen Jahre gratulirt, und des Monats wenigstens einmal bei mir speist. Der andere, der von einem Bedienten, der nicht mehr allein in Keller gehen darf. — Ich gratulire, gratulire aus Ihrem Gesichte, lieber Herr, sagte mein Führer, indem er mir die ') Ein junger Hirsch, der das erstemal aufsetzt, und daher nur Spieße, statt des Gehörnes, hat. Adclung. Anm. des Verfassers. Hand drückte. — Auf einmal sah er sich um und stutzte — Wat — die — schwere -rief er, indem er meine Hand wegwarf und lief. Ich wußte in der Welt nicht, was dem guten Kerl angekommen war. — Auf einmal löste sich das Räthsel. Ich sah nämlich das Ich nicht Ich meines treuen Führers einherschreiten, nicht als Spießer, sondern mit dem vollkommensten Gehörn, das ich in meinem Leben gesehen habe, und von Ast zu Ast glänzte die Inschrift: r>o,t li'cbc-i L/«e/p«u. Die Worte galten bloß die Verwünschung, das Gehörne bedurfte keiner Inschrift. Ich muß bekennen, weil der Kerl rüstig, jung und schön war, und ich einige Ursache hatte zu glauben, daß liebe D'/le/ioit auch hier irgendwo noch in gleichem Putz spüke, so konnte ich mich des herzlichen Lachens nicht enthalten. Nach dem Gehäge mit ihm, nach dem Gehäge, rief ein Gedränge von Menschen, worunter selbst einige Spießer waren. Meine Bewegung über diesen sonderbaren Vorfall wurde immer heftiger und so — erwachte ich. -Das, was aber von meinem eigentlichen Ich wieder zuerst recht wieder zu sich kam, war doch wieder der Autor. Ich dachte an meine neue Theorie vom Schauspiele, und fand nun wachend, zu meinem nicht geringen Verdruß, daß das Alles längst bekannte Sachen waren; längst gedachte und gesagte, wenigstens aber zum erstenmal lebhaft empfunden. Das ist doch immer etwas werth. Ich kam hierbei auf deinen alten Satz, lieber Freund. Du sagtest einmal bei dem Sprichwort?: hierüber muß ich mich beschloßen, es gelte bei verwickelten Angelegenheiten des Lebens, wo es gewöhnlich gebraucht werde, nicht vom Schlaf, sondern vom Wachen im Bette, und hauptsächlich dem Erwachen am Morgen; von Gegenständen der schönen Künste hingegen, in mehr eigentlichem Verstände, doch sollte man da lieber sagen: hierüber muß ich mich beträumen. Die größten Dichter und Künstler seien immer Menschen gewesen, die dieses wachend gekonnt, und immer in desto höherem Grade, je weniger sie sich auf das obige Beschlafen verstanden hätten.— Schade nur, lieber Freund, daß Deine Regel den traurigen Umstand mit dem besten gemein hat, daß sie der, der sie versteht und fühlt, nicht nöthig hat, und der, der sie nöthig hätte, vico verss u. s. w. Leuchtende Kartoffeln (Götting. Taschenkalendcr 1791. S. 164—167. unter der Rubrik: Neue Entdeckungen rc.) Es gibt Leute, die glauben, daß sich aus Kartoffeln Alles machen lasse, was der Mensch zur Nothdurst gebraucht, und das Meiste von dem, was er zum Überfluß, also eigentlich zum Unnölhigen, nöthig hat. Freilich, wenn man etwa die verschiedenen Zeuge zu Kleidern und manchen Geräthschafren, die zu dieser Metamorphofirung der Kartoffeln nöthig sind, ausnähme, so hätten diese Leute so gar unrecht eben nicht: selbst bei Kleidungsstücke» ließen sich noch hier und da Auswege finden. Daß man z. B. wo nicht Schuhe, doch Holschen aus Kartoffeln machen könne, wird Niemand bezweifeln, der weiß, daß man die elegantesten Dosen und Spiegelrahmcn aus ihnen macht; ja selbst für die Perücken sehe ich schon eine Möglichkeit, seitdem ich gehört habe, daß ein Genie die kühnen Gedanken gehabt habe, Perücken aus kapier mache zu machen und aus Ghps zu gießen, die des Puders eben so wenig bedürfen, als ste es vertragen. Was ich zur Bestärkung jener Leute in ihrem Glau- 218 ben eigentlich hier beibringen wollte, ist, daß man nun wohl künftig auch einmal ohne weiteres Zuthun bei Kartoffelschein im Dunkeln wird lesen und schreiben können. Meine Hoffnung ist Scherz, aber folgendes Factum ist Ernst. Am 7. Jänner dieses Jahrs (1790) ging ein Officier zu Strasburg des Abends um tl Uhr an den Casernen vorbei und bemerkte in einem Zimmer der gemeinen Soldaten noch Licht. Da dieses den Leuten scharf verboten ist und also Feuer zu vermuthen war, so verfügte er sich sogleich nach dem Zimmer. Als er hineintrat, fand er die Leute im Bette sitzend und voller Vergnügen über leuchtende Körper, mit denen sie auf der Decke ihr Spiel trieben. Auf Befragen, was das sei, hörte er, daß es Stücke einer rohen Kartoffel wären, die sie, als sie welche für die morgende Suppe ge- schälel, beim Anschneiden untauglich befunden und weggeworfen, nachher aber leuchten gesehen und wieder aufgenommen hätten. Der Officier ließ sich einige Scheiben geben, um sie zu untersuchen, und fand, daß sie von einer Kartoffel waren, die bereits in die Keimungsgährung übergegangen war. Sie leuchtete so stark, daß man bequem dabei lesen konnte. Am Tage untersucht, fand er sie wenig mehlig, mit weißen Adern durchlaufen und mit einer Menge, dem bloßen Auge kaum sichtbarer, Theilchen besäet, die einen fast metallischen Glanz hatten; sie hatten den frischen Ehampignongcruch, den man auch beim leuchtenden faulen Holze bemerkt. Am 8ten Jänner leuchteten sie noch, aber schwächer; den Sten noch schwächer; am 10ten war alles Licht verschwunden. Merkwürdig ist doch hierbei, daß man dieses Phänomen nicht öfter bemerkt, da die Kartoffeln so häufig aus dunkeln Kellern geholt werden müssen: vielleicht ist es aber auch nöthig, daß man sie durchschneidet. Bekäme man den Prozeß, Kartoffeln leuchtend zu machen, und zwar durch bloßes Keimcn-lassen, in seine Gewalt, so würden sie unstreitig einen neuen Bortbeil, zumal den Armen, bei manchen Verrichtungen gewähren. Noch muß ich anmerken, daß der bekannte Hr. Valmont de Bomare') ein Sendschreiben dieses Ofsicicrs über diese merkwürdige Erscheinung in der königl. Gesellschaft zur Beförderung des Ackerbaues vorgelesen hat. ") Jacob Christoph Valmont de Bomare, geb. zu Noncn 1731, gest. 1807. Bekannt durch sein Oictiounairo raisonnö univsrsel ck'Insloiro naturelle, das zuerst 1765 in 5 Th. 8. erschien, und zuletzt, mit Supplementen, zu Lyon 1800 in 15 Theilen. Lieutenant Niou (Götting. Taschcnkalender 1791. S. 167 —171, unter: Neue Entdeckungen ic.) Vielleicht erinnern sich unsere Leser noch einer Geschichte aus den Zeitungen, vom Frühjahr 1790, die vieles Aufsehen in England machte: daß nämlich ein gewisser Schiffslieut. Niou, der ein Schiff, lieg Ouarclian, commandirte, in einer Entfernung vom Cap, wo so etwas gar nicht zu erwarten war, auf eine Eisinsel stieß, wodurch sein Schiff einen solchen Leck bekam, daß man die Boote aussetzte und ein Theil des Volks das Schiff verließ; daß aber Lieut. Niou es nicht verließ, und zwar nicht etwa aus Verwirrung, oder sonst zufälligen Ursachen, sondern mit kaltem Blute sich dazu entschloß, und sogar noch dem Sc- cretair der Admiralität mit wenigen Worten seinen Entschluß in einem Billet meldete, das er den Flüchtenden mitgab; daß dieser Lieut. Niou aber endlich wohlbehalten am Cap mit seinem baufälligen Schiffe ankam rc.'). Bei Lesung dieser Geschichte ") Man hat diese Begebenheit sogar auf das Theater gebracht. Aum. des Verfassers. sielen mir einige Gedanken des großen Franklin wieder ein, die er in einem Schreiben an Hrn. Le Roy'> zu Paris äußerte, und die von Commandeuren sowohl, als Eigenthümern von Schiffen nie genug beherzigt werden können: Ich lese nun (schrieb der philosophische Greis im August 1785, und zwar auf der See am Bord des londvnschen Packetboots) fast siebzig ganzer Jahre Zeitungen, und wenige Jahre gingen vorbei, daß ich nicht Nachrichten gelesen hätte von Schiffen, die man ohne eine Seele am Bord, und mit Wasser im Raum herumschwimmend angetroffen hätte, oder von andern, die in gleichem Zustand aus Land geworfen worden wären. Die Besatzung hatte nämlich in diesen Fällen das Schiff verlassen, war vielleicht glücklich angekommen, vielleicht aber auch nicht. Die Nachricht, die dergleichen Leute von ihrem Unfall geben, lautet gewöhnlich so: Das Schiff hätte ein Leck bekommen, sie hätten lange gepumpt, da aber das Wasser immer mehr gewonnen, so haben sie sich in das Boot geworfen u. s. w. Daß dieses sehr oft viel zu voreilig geschehe, ist Hrn. Franklin sehr wahrscheinlich, und er gibt Folgendes als Ursachen an, die den Muth der Leute ohne Noth zu sehr niederschlagen. Das Schiff ist nach unten zu viel enger als oben, also ein Leck, der von Anfang schnell zu füllen scheint, wird nachlassen, wenn das Wasser höher kommt; ferner wenn ') Joh. David Le Noy, Mitglied des franz. Instituts; geb. 1728, gest. 1803. Schrieb unter Andern: iXouvollo voiluro proposvs paur los vaissoaux ote. 222 der Leck unten ist, so füllt sich auch deßwegen das Schiff schneller, weil die äußern Wassersäulen durch ihre Höhe stärker drücken; allein so wie sich das Schiff füllt, und die innern Wassersäulen sich der Gleichheit mit den äußern nähern, so verlieren die äußern ihre Gewalt, das Wasser in das Schiff zu treiben, immer mehr. — Allein, so wie das Wasser im Schisse steigt, so erreicht es nach und nach eine Menge leichter Körper, z. B. leere Kisten und hauptsächlich leere Wasserfässer, die, wenn sie befestigt sind, daß sie nicht frei schwimmen können, nun das Schiff sehr mächtig zu unterstützen anfangen. Auch besteht die Ladung der Schiffe selbst oft aus einer Menge von Dingen, die specifisch leichter sind als das Wasser, die, so lange sie über Wasser sind, das Schiff belästigen, sobald sie aber in das Wasser zu liegen kommen, das Schiff heben helfen; Salz und Zucker, die specifisch schwerer sind als Wasser, schmelzen, fließen fort und erleichtern das Schiff rc. Alle diese Umstände wird Niemand unbedeutend finden, der bedenkt, daß es von dem Gewicht einer Unze abhängen kann, ob ein Schiff flott bleiben oder sinken soll. Frank- lin ist überzeugt, daß manches Kriegsschiff, wo wegen der Große der Konsumtion die Zahl der leeren Wasserfässcr sehr beträchtlich sein muß, in der Schlacht noch vom Sinken hätte gerettet werden können, wenn man es zur beständigen Regel gemacht hätte, die ausgetrunkenen Fässer jedesmal fest zuzuschlagen, und an solche Orte in Verwahrung zu bringen, wo sie nicht frei schwimmen können. Er billigt daher das Verfahren der Schinesen sehr, die den Schiffsraum in eine Menge kleiner Kammern abtheilen, die alle wasserdicht verschlossen werden können, so daß, wenn ein Leck springt, immer nur eine davon gefüllt wird, wodurch das Schiff, wenn sie sich auch bis zur Wasserlinie füllte, nicht zum Sinken gebracht werden kann. Wir haben, sagt er, diesen Gebrauch nicht nachgeahmt, vielleicht weil man Packraum verliert; allein dieses meint er, ließe sich wieder durch die geringere Affccuranz und ein höheres Geld, das der Passagier bezahlte, der sich gewiß bei großen Reisen, lieber einem solchen Schiff anvertrauen würde, als einem andern, wieder gewinnen. Unsere Seeleute, fährt er fort, find aber ein unerschrockenes Volk, das dergleichen Borschläge bloß aus der Furcht verwirft, man möchte sie für Memmen halten, es kennt keine andre Furcht, als die, für furchtsam gehalten zu werden. 224 Wie weit manche Vogel zählen können. (Götting. Taschenkalender 1792. S. 168—172, unter: Miscellaneen Nr. 2.) Ich hatte eine Nachtigal, der ich des Tages zweimal, jedesmal drei von den Larven des Mehlwurms zu essen gab. Dabei hielten wir es so: Ich öffnete die Thüre, die an der schmalen Seite ihres länglich viereckigen Cabinets war, da sie denn, die meine Absicht kannte, sogleich auf die Stange zunächst der Thüre sprang, mich mit ihren großen Augen ansah und die Speise erwartete. Sobald sie einen Wurm empfangen hatte, hüpfte sie mit demselben auf die entfernteste Stange, gar nicht aus Furcht, denn sie ließ mich sonst oft Minuten lang bei offenem Thürchen ihr ganz nahe in die Augen sehen, sondern vermuthlich weil es bei Nachtigallen so der Gebrauch ist. Dort wendete sie ihn einige Mal im Schnabel herum und verschlang ihn alsdann ganz und auf einmal. Hierauf sprang sie wieder an die Thüre, um den zweite» zu empfangen, mit dem sie es eben so machte, und eben so empfing sie auch den dritten, allein 225 nie kam sie wieder hervor, nachdem sie diesen empfangen hatte, ob ich gleich immer in der Stellung stehen blieb, und sie unmöglich bemerken konnte, daß keine Würmer mehr da waren. Um genau zu wissen, ob dieses wirklich Anlage zur Rechenkunst in dem Vogel war, oder bloß Sättigung, so wurde ihr, wiewohl selten, ein vierter Wurm angeboten, da sie denn sogleich mit Begierde hervorsprang. Meine Nachtigall konnte also bis auf drei zählen. Gern hätte ich versucht, sie bis zur Zahl vier zu bringen, allein das wäre dem guten Thier schädlich gewesen, nnd ich wußte damals schon aus eigener Erfahrung, daß es im Ganzen ein sehr schnöder Gewinn im Leben ist, den Kopf auf Kosten des Magens zu bereichern. Nachher hörte ich, daß man bei einer Eule etwas Ähnliches bemerkt hatte. Drei Freunde pflegten des Abends öfters nach einer Felsenhöhle spazieren zu gehen, in welcher eine Eule genistet hatte. Wenn diese den Besuch kommen hörte, pflegte sie heraus zu fliegen und sich nicht weit von dem Eingänge hinzusetzen, und sogleich wieder hinein zu fliegen, wenn diese alle Drei wieder heraus waren, allein nie flog sie hinein, so lange sie nur Zwei außen bemerkte. Dieses sieht auch aus wie zählen, jedoch da 3 Menschen ein anderer Haufe sind als 2, und das Ganze anders aussieht, so ist die Sache leichter, als bei der Nachtigall, indessen will ich auch nicht entscheiden, durch was für eine Art von Anschauung die Nachtigall zu jenem Begriff gelangt sein möge. Also vorn Vogel der Liebe (wenigstens verdiente die Nachtigall es zu sein, so gut als die Taube oder der — Sperling), und dem Vogel V>. 15 226 der Weisheit, wissen wir, daß sie wenigstens auf 3 zählen können, vorn Bvgel der Juno, also der Macht, dem Pfau, habe ich nie so etwas gehört, er ist auch viel zu stolz und zu schön geputzt, als daß sich von Seiten des Geistes viel von ihm erwarten ließe. 227 >!» > itj, Von einer in dieser Kaffeezeit seltenen weiblichen Erscheinung. (Götting. Taschenkalender 1793. S. 123—128, unter: Miscellanccn Nr. 2.) Unter den vielen Ähnlichkeiten, die das reine Wasser mit der Lugend hat, ist gewiß die keine von den geringsten, daß es viel gelobt und wenig geachtet wird. So wie diese wird es in seiner reinsten Form, wie es vom Himmel strömt, am wenigsten geschätzt; man verlangt bei beiden immer Etwas von Beimischung dessen, was bei der einen keine eigentliche Tugend und beim andern kein eigentliches Wasser mehr ist. Man leitet es daher, um es trinkbar zu machen, in unzählige Töpfe, Kessel und Schalen, um sich in denselben mit fremden Stoffen zu verbinden, oder läßt es von der Sonne durch die Fibern von tausend Wurzeln, Hölzern und Stängeln treiben, da man es dann mannichfaltig gewürzt, entweder aus Früchten saugt oder, zu Wein geadelt, mit Wohlbehagen trinkt. Ja im letzten Fall zählt man sogar die Jahre seiner Erhebung über das verächtliche Negcnwasser wie Ahnen, und schätzt den, so wie in den weisesten Staaten die Menschen, am meisten, der ihrer die mei- 12 ' 228 sten zählt. Es darf da nichts Wässeriges in der Composition sein; Rhein- und Moselweine werden immer desto mehr gesucht, je weniger von dem Rhein und der Mosel selbst unmittelbar hineingelaufen ist. Da nun wegen der fast allgemeinen Gleichgültigkeit der Menschen gegen die Tugend, immer diejenigen, die eine besondere Parteilichkeit gegen dieselbe geäußert haben, von den Geschichtschreibern, wenn nämlich Platz dazu war, einiges Andenkens gewürdigt worden sind, so können wir aus einem ähnlichen Grunde einer exemplarischen Wasserlrinkerin in unsern kleinen Annalen unmöglich eine Stelle versagen. Hier ist Raum genug, und wir zeichnen uns dadurch gar sehr von den eben erwähnten Geschichtschreibern aus, bei denen, mut. ni»t., die Wassertrinker, vor der Menge von Weinsäufern, Kaffeeschwestern und Schnapsbrudern, gar nicht zukommen können. Katharina Bonsergent wurde, wegen ihres außerordentlichen Durstes, schon in ihrer frühesten Kindheit merkwürdig, und zog die Aufmerksamkeit sorgfältiger Beobachter auf sich. Bis in ihr drittes Jahr hatten sie ihre Eltern andern Leuten übergeben, am Ende desselben nahmen sie sie aber zu sich ins Haus. Hier bemerkten sie bald, daß eine ungewöhnliche Menge Wasser im Hause aufging, und fanden endlich, daß ihre kleine Tochter täglich ungefähr zwei Eimer voll zu sich nahm. Im Anfange glaubten sie, sie sei bloß verwöhnt. Sie suchten sie daher durch Liebkosungen und endlich durch Drohungen vom Trinken abzuhalten. Man versagte ihr das Wasser, verkleinerte die Portionen, aber Alles war umsonst. Sie sahen mit Er- 229 staunen, wie listig sie sich heimlich Wasser zu verschaffen wußre. Im Sommer trank sie das erste das beste, was ihr vorkam, und im Winter nahm sie ihre Zuflucht zu Eis und Schnee. Besonders trug sie Sorge, sich jedesmal für die Nacht einen reichlichen Vorrath zu ersparen. Als ihr aber endlich doch ihr seltsamer Hang üble Begegnung von ihren Eltern zuzog, entlief sie und kam nach Paris, wo sie sich als Magd vermuthete, und eine bessere Aufnahme fand. Ihrer übrigen guten Aufführung wegen übersah man ihr diese kleine Schwelgerei; denn man mnß sich erinnern, daß in Paris das Wasser Geld kostet, nämlich eine Tracht, zu zwei Eimern gerechnet, sechs Svls. Bald darauf, in ihrem zwei und zwanzigsten Jahre, verheira- thete sie sich an einen Schuhflicker Namens Fery. Diesem verschwieg sie ihre sonderbare Capacitäl bis nach der Hochzeit, da denn der arme Teufel öfters die Folgen davon sehr bitter empfand. Er verdiente nicht selten des Tages kaum so viel, als nöthig war, den Durst seiner lieben Ehehälfte zu stillen (vom Wasser abstrahirt), gerade so wie bei uns. Indessen müssen sie sich doch gut vertragen haben, denn mit diesem Manne hat sie eilf Kinder gehabt. Merkwürdig ist, daß sie, während ihrer Wochen, da man denken sollte, daß sie vielleicht Verlangen nach stärkenden Getränken haben würde, das Wasser allen andern vorzieht. Ja ihr Durst darnach ist alsdann weit stärker, und sie trinkt gewöhnlich vier Quartier ohne abzusetzen. In dem kalten Winter 1788, da sie mit dem zehnten Kinde schwanger war, trank sie täglich vier gestrichene Eimer voll. Dieses 230 siel dem Hrn. Fery sehr schwer, er nahm daher seine Zuflucht zum Schnee, den er von den Dächern kratzte. Daß man doch die Kaffeebohnen bei uns nicht auch von den Dächern kratzen kanti! Sie trinkt übrigens Nichts als Wasser, keinen Kaffee!! keinen Branntwein und keinen Wein. Ein einziges Glas des letztem ist im Stande ihr Ohnmachten zuzuziehen. Sie spuckt nie aus, ist nicht wassersüchtig, liebt gesalzene Sachen nicht, auch trinkt sie im Sommer nicht mehr als im Winter. Sobald sie sich übel befindet, läßt der Durst nach. Sie ist von mittlerer Statur, von feiner zarter Haut, etwas sommerflcckig und von rötb- licher Gesichtsfarbe, übrigens eher fett als mager, doch sind ihre Arme verhältnißmäßig etwas magerer, als der übrige Körper. Die Unterlippe ist etwas dick, springt öfters auf und schmerzt alsdann. Von den eilf Kindern hat sie indessen nur zwei auf. gebracht, wovon das älteste mit einem Ausschlag behaftet ist. Von den Ursachen, die eine so seltsame Disposition hätten bewirken können, hat sich Nichts gefunden, als daß die Großmutter, bei welcher sie sich vor ihrem dritten Jahre aufhielt, den Wein liebte, und dem kleinen Kinde öfters welchen gegeben haben soll. — Der Raum des Taschenbuchs verstattet nicht, die Beweise von der Wahrheit dieser Geschichte beizubringen. Sie ist aber außer allem Zweifel. Wer sich davon selbst überzeugen will, kann die umständliche Erzählung in den )Iero. 68. nachsehen. 231 Hnpazoli und Corriaro, oder: Thue es ihnen nach wer kann. (Götting. Taschenkalender 1793. S. 137—143, unter: Miscellaneen Nr. 5.) Ich glaube kaum, daßHupazoli, wenn man Alles zusam mcunimmt, je seines Gleichen gehabt hat, wenigstens in der Zeit des neuen Testaments nicht. Er ward den 15ten März 1587 zu Casale geboren, und starb den 27sten Jänner 1702 in seinem 1 löten Jahr. Er lebte also in drei Jahrhunderten, ein Glück, das selbst der 169jährige Henry Jenkins, wiewohl nur um zwei Jähre, verfehlte: er wurde nämlich 1501 geboren und starb 1670 '). Er heirathete fünf Frauen, mit denen er ') Der berühmte Thomas Parr war hierin bei seinem geringeren Alter glücklicher: er wurde 1583 gebore», und starb 1735, wurde also 152 Jahre alt, und lebte in drei Jahrhun- certen. Anm. des Verfassers. Aus der Note zu dem Aufsätze: Das Neueste über die Kröten (götting. Taschenkalender 1797. S. 190), fügen wir 232 vier und zwanzig Kinder zeugte, und außerdem zählte er noch fünf und zwanzig Bastarde. Er trank nie etwas Anderes als Wasser, rauchte keinen Tabak, aß wenig, aber gut, besonders Wildpret und Früchte, und weil er glaubte, daß ihn diese hinlänglich mit Feuchtigkeit versähen, so trank er öfters ganze Monate hindurch Nichts als den Saft der Skorzonerwurzcl'). Er wohnte nie einem Schmause bei, um allzeit früh zu Abend essen und eine halbe Stunde nachher zu Bette gehen zu können. Er ließ nie zur Ader und brauchte keine Arznei als seine Diät (dieses Wort klingt neben den neun und vierzig Kindern ein wenig sonderbar, indessen ist auch nur die Rede von seiner obiger biographischen Notiz noch hinzu, daß Thomas Parr nicht vor Alter, sondern an einer Indigestion starb, die er stch aus der königlichen Küche am 5. Nov. 1735 holte. Als Carl I. eines Tags zu ihm sagte: Parr, ihr habt länger gelebt als andere Menschen, was habt ihr mehr gethan, als andere? antwortete er sogleich aus dem Stegreif: Ich habe im hundertsten Jahre Kirchenbuße gethan. Er heirathete noch einmal in seinem 120. Jahre. Nach seinem Tode genoß er die Ehre — von dem großen Harvey secirt zu werden. ') Dieses ist nicht sehr präcis gesprochen: Er trank nie etwas Anderes als Wasser — und weil er Feuchtigkeit genug hatte, so trank er rc. Vermuthlich gebrauchte er den Skorzonersaft nicht als regelmäßiges Getränk, sondern nur zuweilen in kleinen Dosen, oder man muß diesen Trank mit zu dem Saft aus Früchten rechnen. Anm. des Verfassers. Diät). Im lOOsten Jahre wurden seine grauen Haare wieder schwarz; im logten verlor er die Zähne, und im litten bekam er wieder zwei neue. Er hinterließ zwei und zwanzig Bände, worin Alles aufgeschrieben war, was er in seinem Leben verrichtet hatte. Ich entlehne diese Geschichte, deren Wahrheit ich weiter nicht verbürgen kann, aus dem hannöverschen Magazin (l787. St. 38), in welches sie aus dem berliner Jntelligenzblatt gekommen ist. Man wird da noch mehrere Umstände aufgezeichnet finden. — Ob dieser Mann noch etwas außer seiner Diät in der Welt getrieben hat, weiß ich nicht. Weiter nachzusuchen gestattet mir jetzt die Zeit nicht. Im Joch er, den ich bei der Hand habe, habe ich ihn vergeblich gesucht, und freilich, wenn er weiter nichts, geschrieben hat, als seine zwei und zwanzig Bände, so geben ihm diese so wenig ein Recht auf eine Stelle in jenem Werk, als seine fünf und zwanzig Bastarde. Obwohl diese Bünde irgendwo vorhanden sein mögen? Ein merkwürdiges Manuskript wäre es allemal, und ich möchte wohl lieber einmal einen Blick in dasselbe thu», als in ein gedrucktes Opus von so vielen Bänden, das ich kenne. Strenge und ununterbrochene Mäßigkeit in Essen und Trinken, die nach dem gewöhnlichen Maßstabe geschätzt, fast an Mangelleiden grenzt, durch dauerhafte Gesundheit und ein hohes und kraftvolles Aller belohnt zu sehen, hat etwas sehr Angenehmes unk zu Nachahmung Reizendes, und das Lesen solcher Geschichten ist daher sehr am Geburts- oder Neujahrstage zu empfehlen. Freilich taugt dazu Hupazoli's Geschichte weniger, als die des bekann- 234 leren Cornaro'), weil bei Ersterem die offenbare Parteilichkeit der Natur, bei der Aussteuer seinds Körpers, eher niederschlagend als aufmunternd ist. Die Geschichte des Letzteren hingegen wird man nicht ohne lebhaftes Vergnügen in einem vortrefflichen Aufsatz des Herrn Hofmcd. Hufe land in Weimar (deutsch. Mereur 1792. St. 3 S. 256) über die Verlängerung des Lebens lesen. Man ficht da deutlicher, welches Ursache und welches Wirkung ist. Er führte bis in sein vierzigstes Jahr ein sehr schwelgerisches Leben, und zog sich dadurch eine fürchterliche Krankheit zu. Die Ärzte gaben ihn nicht bloß auf, sondern bestimmten ihm, so zu sagen, schon die Stunde seines unvermeidlichen Todes. Indessen er genaß (vielleicht weil ihn die Ärzte verlassen hatten), und unterwarf sich nun einer Diät und hielt sie mit einer Präcision, die freilich von ungewöhnlicher Seelenstärke und Macht über sich selbst zeugt. Wo ich nicht irre, so waren es nicht viele Unzen"), was er täglich aß, und ') Ludovicv Cornaro aus Venedig, starb zu Padua 1586 im 104len Jahre. Schrieb: Oiscorsi elolls vila sobri«, in verschiedene Sprachen übersetzt, namentlich ins Deutsche durch Lu- dovici, Leipzig 1707. ") Zusatz des Verfassers von S. 201 des bezeichneten göt- ting. Tascherzkalendcrs: «Damit — der Ausdruck: nur wenige Unzen, Niemanden von einem Leben ü Is Lornaro abschrecken möge, so füge ich hier die bestimmte Zahl für diejenigen bei, die etwa den deutschen Mereur nicht gleich bei der Hand haben. Er 235 so brachte er sein Leben über hundert Jahre hinaus. O! wen» man doch alle die Gewichte und Gegengewichte kennte, wodurch der große Mann einen so schweren Entschluß auf einer so feinen und zerbrechliche» Spitze, über ein halbes Jahrhundert durch, so weg balancirte, obne auch nur zu wanken, als hätte Alles auf der gleichen Erde gestanden! Liebe zum Leben oder zu körperlichem Wohlbehagen war es schwerlich allein. Vielleicht Gefallen an der Sache selbst, Ehrgeiz, hohe überspannte Begriffe ron der Würde des Menschen, religiöse Büßung oder sonst Etwas, das man nicht erfahren hat. Der Himmel führt seine Heiligen wunderlich. — Ich bin überzeugt, daß die Hälfte des menschlichen Geschlechts, wenigstens des zahmen Theils desselben, den man den gesitteten nennt, über die Hälfte zu viel ißt, denn was man, zumal unter den Hähern Classen, Hunger nennt, ist meistens mehr ein Appetit nach Hunger, als der eigentliche Bedürfnißhungcr selbst. Was müßle nicht ein allgemeines Essen ä Is Lornaro bewirken, in den Körpern und in den — Finanzen! Ich sagte so eben, daß man bei Cornaro's Geschichte deutlicher sähe, was Ursache und was Wirkung hierin sei. Ich glaube nämlich, daß in mancher von dergleichen Ge- schichtserzählungen beide verwechselt worden sind. Ich habe mehr aß täglich 24 Unzen und trank 26. Mehr sage ich nicht, denn meine Absicht war eigentlich, auf Hrn. Hufeland's vortreffliche Schrift aufmerksam und nicht die Lesung derselben entbehrlich zu machen." 236 alte Leute gekannt, die einen großen Theil ihrer Zeit damit hinbrachten, Las Logbuch, bei ihrer uninteressanten Reise über daS leidige LIsrs inortuum des Lebens, mit großer Pünktlichkeit zu führen, so wie Hupazvli. Sie waren überhaupt pünktlich. Die sogenannte» Leute nach der Uhr werden gewöhnlich alt. Das Handeln nach der Uhr aber setzt innere uhrmüßige Anlage voraus, wovon Ersteres nur die Fortsetzung und Sichtbarmachung ist. Alles, was man treibt, ut apes Ooomotriam, führt gewiß zum Zweck der Natur. Umgekehrt könnte Zwang, auch wenn ihn die Vernunft gut hieße, zuweilen wenigstens eben so wirken, wie Mangel an Diät, und es auch in manchen Fällen wirklich sein. Nun — so eben bemerke ich erst, daß ich bei der besten Absicht Mäßigkeit und ein Leben ä la Lornsro zu empfehlen, unvermerkt Gefahr laufe, der Vertheidiger des Gegentheils zu scheinen. Einen kräftigeren Wink für einen Schriftsteller, abzubrechen, gibt es wohl in der Welt nicht. Also kein Wort weiter. 237 Von» Würfel. (Götting. Taschcnkalender 1793. S. 146 — 149, unter: Miscellaneen Nr. 7.) Der geometrische Würfel ist derjenige reguläre Körper, der von sechs Quadraten begrenzt wird. Weitere Bestimmungen seiner Eigenschaften sind für unsere gegenwärtige Betrachtung unnütz. Was die Betrachtung desselben hierher bringt, ist die wirklich besondere Unbestimmtheit, womit man sich im gemeinen Leben ausdrückt, wenn man von ihm spricht, und die vielleicht den Psychologen wichtig werden kann. Nichts ist gemeiner als dert Würfel viereckt zu nennen. Ein junger Engländer, den ich unterrichtete, nannte ihn zum erstenmal s soliä sguaro, ein solides Quadrat, und ein berühmter deutscher Schriftsteller von sonst großen Verdiensten in der Naturgeschichte, spricht sebr deutlich von den vier Seiten eines Würfels, und meint unstreitig damit alle. Auch wurde in den Relationen von dem schwedischen Kvnigsmord in vielen Blättern von viereckigen Kugeln gesprochen, das ist nun freilich arg. Was diese ganze Würfelgeschichte dem Philosophen aber noch besonders merkwür- 238 dig machen muß, ist der Unistand, daß unter allen regulären Körpern, der Würfel gerade der einzige ist, der in allen Läden mit nnmerirten Seiten verkauft wird. Die Seiten desselben werden eins, zwei, drei bis sechs allen Menschen vorgezählt, man würfelt, gewinnt und verliert damit, und wenn man davon, als einem Körper, überhaupt spricht, so ist das viereckige und vierseitige immer wieder da. Am ganzen Würfel ist schlechterdings Nichts, was etwas von vieren an sich hätte, als die Seite des Quadrats, deren sechs er zu Grenzen hat. Der Würfel hat sechs Seiten, jede ein Quadrat; er hat acht Ecken, solide Winkel, deren jeder von drei rechten ebenen Winkeln, und zwölf Eckseiten, deren jede durch den Durchschnitt zweier auf einander senkrecht stehenden Ebene» sormirt wird, und endlich die vier und zwanzig ebenen rechten Winkel seiner sechs Seitenflächen. Also hier haben wir deutlich, se ch s, acht, zwölf, und vier und zwanzig, was den ganzen Körper angeht, aber Etwas, das nur viermal vorkäme, bloß bei einzelnen Seitenflächen. Also den Würfel Viereck! nennen, heiße ich doch wirklich ein sehr solides Wesen, ja den Maßstab der Solidität selbst, sehr superficiell und sehr einseitig, im strengsten Verstände des Worts, betrachten. Man hat ihn, wo ich nicht irre, bisher als Emblem der Dauer und Beständigkeit gebraucht, weil er schwer zu wälzen ist, und eher rutscht, als überschlägt. Es ist die Frage, ob man ihn nicht, wo nicht als Sinnbild, doch als eclatanles Beispiel der Einseitigkeit und Superficialirät anführen 239 könnte, wenn man ihre Falzen in wissenschaftlichen Dingen beleuchten will. Doch jede Wissenschaft hat ihre eigenen solide» Quadrate und viereckte Würfel, die sich bequemer dazu gebrauchen lassen. Vielleicht haben an dieser sehr gemeinen falschen Vorstellungsart, oder eigentlich an dem falschen Ausdruck, unsere Wohnzimmer Schuld. Man sagt, zwischen seinen vier Wänden sitzen, und nennt überhaupt ein Zimmer viereckt, wenn es vier Wände hat. Allein da ist auch der Ausdruck ganz richtig, weil das Wort Wand weder von dem Fußboden, noch von der Decke eigentlich gebraucht werden kann. 240 Von Maeulaturbleichen*). '> ii (Gvtting. Taschenkalender 1793, unter: Einige physikalische Merkwürdigkeiten Nr. 7 und 8, S. 158—160.) Wenn man doch auch Maeulaturbleichen hätte, es (das Papier) noch einmal wieder bedrucken zu können, wenn die Dessins darauf aus der Mode kommen, oder eigentlich gar nicht recht Mode werden wollen! — Ich sehe gar nicht ein, warum man gleich jeden Wisch eines Anfängers mit eben der permanenten Farbe druckt, mit welcher die Werke der Meisterhand gedruckt werden. Den» so gering auch immer die Dauer des Wisches sein mag, so dauert er doch immer so lange als das Papier, worauf er gedruckt ist, und das ist viel zu ') Der Verfasser wurde auf diesen Gedanken wohl dadurch geleitet, daß in dem unmittelbar vorhergehenden Artikel des Taschenbuchs (7), von dem künstlichen Bleichen der Leinwand die Rede war. Obiger kleiner Aussatz kommt übrigens, als solcher, im Taschenbuche nicht vor, er ist vielmehr aus dem Schlüsse des oben bemerkten 7ten und einem Theile des 8ten zusammengesetzt; und haben wir die ursprüngliche Fassung wieder hergestellt. 241 lange. Nun aber erfordert unser Durst nach Wissenschaft, von der einen Seite, immer mehr Papier, und von der andern, unser Freiheitssinn, immer mehr Lumpen zu Bandagen und Charpie. Wo will das am Ende hinaus ? Da wäre nun mein unmaßgeblicher Vorschlag, Druckcrfarbe von verschiedener Dauer zu erfinden, wenigstens noch eine außer der jetzigen. Diese müßte so beschaffen sein, daß man sie in einer einzigen Nacht wieder Wegbleichen könnte. Geschähe dieses durch einen wohlfeilen Zusatz zum Wasser, so riskirte man nicht, bei dem gewöhnlichen Gebrauch in der Haushaltung, Etwas von dem Buche durch Wasser zu verlieren. Wäre nun der Werth des Buches entschieden, so druckte man die folgenden Auflagen, oder wäre es der Werth des Mannes, gleich die erste auf die jetzige Weise. Was das für eine Freude für einen jungen Schriftsteller sein müßte, wenn er nun zum erstenmal mit stehenbleibcn- dcn Buchstaben gedruckt würde! Es wäre eine Art von litera- rischer Majorcnnität. Freilich müßte, wenn die Sache Eingang finden sollte, kein Spötter darüber kommen und gewisse Schriftsteller alsdann etwa Oeus äs Louleur nennen, oder gar anfangen, von Mulatten zu spreche», das würde den ganzen Handel verderben. Allein ganz im Ernst: ich sehe nicht ein, warum man unserm Druck eine so ungeheure Festigkeit gibt, daß man ihn fast durch keine Kunst wegbringen kann. Etwas weniger Festigkeit würde der Hauptabsicht gar nicht schaden, und in mancher Rücksicht z. B- auch bei der Verarbeitung gedruckter Bücher zu Papiermasse, von beträchtlichem Nutzen sein. Vl ' " 16 242 Urnen und Afchenkrüge von einer neuen Art. (Götting. Taschcnkalender 1794. S. 178—181, unter: Neue Entdeckungen :c. Nr. 8.) Wenn man von dem Scheitel seiner Silhouette durch die Mitte des Halses eine gerade Linie zieht, wodurch also der Schatten des Kopfes in zwei Theile getheilt wird, und nunmehr diejenige Hälfte, die das Gesicht enthält, sich um diese Linie drehen läßt, bis sie wieder in die erste Lage kommt, so beschreibt jeder Punkt des Umrisses einen Kreis, auf dessen Ebene jene Linie (die Achse) senkrecht steht, und das Silhouettenstück selbst wird einen Körper beschreiben, der in den meisten Fällen, zumal wenn die Lage der Achse gut gewählt wird, einer gewöhnlichen Urne nicht unähnlich ist. Zuweilen entstehen sogar herrliche hetruscische Formen, und gemeiniglich geben die schönsten Frauenjimmerköpfe die schönsten Urnen. Fallen sie etwas breit und nicht schlank genug aus, so darf man nur die Achse der Umdrehung etwas mehr nach vorn zu nehmen; der Anfang der erhabenen Brust gibt immer ein gutes Fußgestcll. Die Lage der Achse auch gegen den Anfang der Frisur und die Form dieses Anfangs selbst tragen oft etwas znr Verschönerung bei. Wer versuchen will, was für eine Urne sein Schattenriß gibt, kann sich davon vorläufig auf folgende Weise leicht überzeugen. Man falzt ein Blätrchen Papier zusammen, öffnet es wieder und zeichnet das Borderiheil der Silhouette mit Bleistift so hinein, daß der Bruch des Papiers die Achse der Umdrehung vorstellt; alsdann fährt man den Zügen schnell mit Dinte nach, und falzt während die Dinte noch naß ist, die andere Hälfte des Blättchens wieder darauf, so druckt sich die Zeichnung auch darauf ab, und beide Gesichter stellen nun einen Januskopf vor, der zugleich den Umriß der Urne darstellt, wonach denn die Urne selbst leicht verfertigt werden kann. Vermuthlich werden unsere Leser schon solche Stockknöpschen, oder andere Knöpf- chen, die hier und da zu Handhaben kleiner Deckel dienen könnten, gesehen haben, deren Profile Silhouetten vorstellen. Ich habe unter andern ein solches Knöpfchen gesehen, das die Silhouette Ludwig des XVI. vorstellte, das sehr gut gearbeitet war. Ich glaube aber, es ist eben nicht gerade das schmeichelhafteste Denkmal, das man geliebten Personen in seiner Haushaltung stiftet, wenn man ihre Köpfe zu Slockknöpfen oder zu Handhaben an Deckeln von Rauchtabacksdosen gebraucht. Ich denke, wenn mau ja solche, leicht zu verfertigende und dabei in eine nicht unangenehme Mystik gehüllte Denkmäler nun doch einmal haben will, so wähle man lieber dazu die Urne. Ich bin überzeugt, daß manche solche Urnen selbst geschmackvolle 16 ' 244 Grabmäler nicht verunzieren würden, und ein geringer Verstoß gegen die Schönheit, würde ja wohl durch die Erinnerung zugedeckt, daß das Gefäß zugleich den Profil des Verstorbenen enthalte. Daß aber schöne und zumal jugendliche Gesichter gehörig behandelt, auch schöne, geschmackvolle Urnen geben, hätte ich gern mit einer Zeichnung bewiesen, wenn die Zeit nicht zu kurz gewesen wäre. Freilich ist der Welt mit solchen Urnen auf Grabmälern, so wie überhaupt mit solchen jugendlichen Köpfen auf Kirchhöfen, wenig gedient. — Geometrischen Lesern braucht man übrigens nicht zu sagen, daß nicht alle Gesichter zu solchen Urnen taugen, nämlich diejenigen nicht, bei denen ein Perpendikel aus irgend einem Punkt des Umrisses auf die Achse, den Umriß noch einmal oder zweimal schneidet. Dahin gehören z. B. die Gesichter mit den überhängenden Habichtsnasen u. s. w., wovon man den Beweis leicht selbst finden wird. 245 Ein Wort über das Alter der Guillotine. (Götting. Taschenkalender 1705. S. 157—165, unter: Miscellancen Nr. 1.) Der lyoner Arzt Jean Baptiste Guillotin') wird gewöhnlich, und wie ich glaube, mit Recht, für den Erfinder ') Die dem Verfasser vorgelegenen biographischen Notizen über den Arzt Guillotin stimmen zum Theil mit den später gesammelten, welche einer ruhigern Zeit angehören, nicht übercin. Nach diesen war der Arzt Joseph Jgnatius Guillotin 1738 zu Saintes geboren. Er war der Verfasser einer -,1'eti- „tion des cilo^en8 domioiliös ä I'aris du 8 Docomtiro 1/88,« so wie eines «llesullat du (Conseil d'Ltst d» ko>, ot trö8-lium- »blo -ldr 088 v do romercimeut pro 80 ntvo su Iloi par Ie8 8ix »Eorps do la villo do 1'-»i8.» Der freie Ton, in dem er geschrieben, brachte ihn dem Schaffet nahe, endigte aber mit seinem Triumph. Er wurde Mitglied der Ltats göneraux, und beschäftigte sich, im Auftrage des Eorriitä do loZäslation, mit einer Untersuchung, welche die Erfindung der s. g. Guillotine zur Folge hatte. Er starb als geachteter praktischer Arzt zu 246 dcr berüchtigten Maschine gehalten, durch die er selbst am 14. März 1794, weil er einer verdächtigen Korrespondenz mit Turin beschuldigt wurde, sein Leben endigen mußte. Des Mannes Absicht war gut, denn, wenn dach einmal Köpfe abgeschlagen werden sollen,.so ist nicht leicht eine vollkommnere Maschine zu dieser Absicht möglich, als die Guillotine. Sie wird indessen nunmehr das so unsichere Schwert, oder das nicht viel zuverlässigere Beil, bei uns nicht mehr verdrängen, seitdem die Hunnen des achtzehnten Jahrhunderts sie zu einer Absicht genutzt haben, die mit ihrer eigentlichen ersten Bestimmung fast eben einen solchen Kontrast macht, als Herrn Guillotin's Vornahme (Johannes der Täufer) mit Herrn Guillotin's Erfindung selbst. Man hat darüber gespottet, daß ein Arzt eine Köpfmaschine erfunden habe; gerade als wenn es so etwas Seltenes wäre, daß Ärzte Mittel erfänden, die Menschen geschwind aus der Welt zu schaffen. Es ist noch eine große Frage, durch welche Erfindung mehr Menschen gefallen sind, durch die Guillotine, oder durch die beliebten Pülverchcn des Hrn. Doctor Ailhaud"). Paris am 26ten Mai 1814, wo ihm Or. Lourru die Leichenrede hielt. (S. Liograplüe universelle anrieiino et inoclerue. 4 . XIX, I^aris 1817. und 4. II. s^ueraril, I.» I'ranke In'teraire ou Die- lionnairs Lililivgrapliigue. 4'. III. karis 1829.) ') Jean Ailhaud, behauptete dcr Erfinder des nach ihm genannten Pulvers zu sein, dessen Verkauf ibm große Neichlhü- Man hat bisher in verschiedenen Blattern Nachrichten über das Alter dieser Erfindung geliefert, wovon mir vermuthlich die wenigsten zu Gesicht gekommen sind, weil ich überhaupt nicht darnach gesucht, sondern mir nur angemerkt habe, was ich in Schriften fand, die ich obnehin würde gelesen haben. So wird in dem Luropean HIagariue, danuarg- 1794 S. 7 die Erfindung auf das Jahr 1590 zurückgeführt; im Oenlleman's Zliizariiie, dsnusr^ 1794 S. 40 bis auf 1553. I» den Hamburger Ad- dreß-Comtoir-Nachrichten 1794 Nro. 65 bis auf 1552. In allen diesen Nachrichten wird sich auf Abbildungen bezogen. Die älteste mir vorgekommene Nachricht von einem Werkzeuge, das sich hierherziehen läßt, befindet sich aber in einem Werke, dessen man, wo ich nicht irre, einmal in der jenaischen Literaturzeitung zu gleichem Zweck gedacht hat, das mir aber vor schon geraumer Zeit, von unserm Herrn Bibliothekar Neuß') aus hiesiger Bibliothek mitgetheilt worden ist. Ich setze den Titel mer verschaffte. Schrieb: Irsite äs I'oiigins «los malsdies et des elkels da la poudre purAstivo 1738, wovon mehrere Ausgaben erschienen sind. Starb zu Air 1756. Sein Sohn Jean Caspar Ailhaud, Baron de la Pellet, kaufte die Stelle eines 8ecieli,iro du koi, und starb 1800. Er schrieb: »ledeeinv universell« prouvee pur le raisounemeut ete. 1760. 1764. ') Jeremias David Reuß, geb. zu Rendsburg 1750, gest. zu Gottingcn 1837. Verfasser des Ilepertorium Commen- tstionum s 8ociet-dilius literarüs editarum etc. her: Laialoxus 8anclor»m et goslorum eorum ei rlivorsis vo- lumiuibus colleetus vto. <1 Dom. Dolro cko Xatalilius') äs Vo- iietiis, Doi ßralia Irpissopo Lquiliuo. Impressum Dugäum per ^«coiu,» .b'nceo». .Vnno 1514. In diesem Werke, dessen nicht sehr elegante Holzschnitte die Jnspection aller derer verdienen, die einmal Willens sind, nene Martermaschinen zu erdenke», befindet sich auch Doi. 16, 18, 85, 89 eine solche Maschine abgebildet. Nämlich ein schweres Beil, das, wie der Block einer Ramme, zwischen Nahmen aufgezogen, auf den Hals des Opfers herabfällt, und ihn, auf eine» Klotz gelehnt, abhackt. Dieses allein beweisen alle diese antiquarischen Untersuchungen. Aber das ist keine Guillotine. Alle diese Anstalten, so weit man sie aus den Abbildungen beurtheilen kann, sind so sehr von der Guillotine unterschieden, als das Hackemesser von dem Krauthobel. Das herabfallende schwere Beil hackt den Kopf ab, aber die Guillotine schneidet ihn ab. Das ist doch offenbar zweierlei, und, wo ich mich recht erinnere, hat auch Hr. Guillvtin hierauf einen besondern Accent gelegt. Es ist ein sehr großer Unterschied zwischen abhacken und abschneiden. Die Unterscheidung findet sich ja schon sogar in der Sprache, wenigstens in der »listigen. Bei ') Petrus de Natalibus, Bischof von Jsola, im vc- netianischen Gebiete, in Venedig geboren, lebte zu Ende des 14ren Jahrhunderts. Sein »Eatalozus» erschien zuerst zu Vi- cenza 1493 in lolio. 249 allen den alten Köpfmaschinen, die man für Guillotinen ausgibt, fällt die Schneide des Messers oder Beils horizontal herab, faßt also alle Fibern des Halses nach der Breite auf einmal, und bleibt, nachdem der Kopf (wenn der Himmel will) ab ist, auf dem Klotze liegen. Auch ist von der ganzen Schneide des Beils nur ein geringer Theil wirksam, nämlich gerade so viel davon, als die Breite des Halses beträgt. Bei der Guillotine hingegen ist die Schneide stark gegen den Horizont geneigt, das fallende Messer greift also nur anfangs wenige Fibern des Halses an, und bahnt sich so unvermerkt den Weg zu dem stärker» Theil. Daher auch der Hals bei der Guillotine in einer Aushöhlung, oder gar in einer Art von Halsband, das durch Breter formirt wird, liegen muß, um bei dem ersten Anfall nicht von der Seite auszuweichen, und das Messer bleibt nicht auf einem Block liegen, sondern geht an den Bretern ganz vorbei, über den abgeschnittenen Hals hinaus, wie der Hobel. Der wirksame Theil der fallenden Schneide ist hier sehr viel größer, als bei dem hackenden Beil, und richtet sich nach dem Neigungswinkel der Schneide gegen den Horizont. Wird nun übrigens dafür gesorgt, daß die Zeit des Durchgangs des Messers durch den Hals nicht größer ist, als die zum Abhacken nöthige, so wird auch dieser kleine Zeitraum bei der Guillotine minder empfindlich sein, als bei dem fallenden Beil. Die Sache ist einer mathematischen Darstellung fähig, womit ich aber unsere Leser verschonen will. Ich habe gehört, daß das Messer der 250 Guillotine einen Fall von 32 Fuß hoben soll. Dos Gewicht desselben ist mir unbekannt. Das Beil klemmt zugleich, indem es schneidet, so wie die Scheere, und ist schmerzhaft, weil die Muskelsibern der senkrecht auf ihre Longe eindringenden Schneide den größtmöglichen Widerstand leisten, und ohne Klcmmung des Ganzen nicht getrennt werden können. Der Leidende stirbt freilich in beiden Fällen (wenn die Maschine kräftig genug ist) in einem Augenblick; aber die Schmerzen dieses Augenblicks haben ihre Grade, wo nicht immer für den Leidenden selbst von Dauer, doch für die Zurückgebliebenen, die sich diesen Punkt mir Siecht, in seinem Namen, zu Minuten ausdehnen. Aber auch was der Leidende in dem kritischen Punkt, in welchem er leidet, von Zeit zu wenig für die Empfindung hat, dos hat er sehr oft im Vorauswissen zu viel. Wer da weiß, daß er unter dem Beil sterben muß, in einem Augenblick, betrachtet diesen Augenblick durch ein Ver- größerungsmittcl. Unter solchen Umständen, glaube ich, ist es Pflicht, selbst für die praktische Mechanik, jene schwere Passage nach allen Kräften zu erleichtern. Wenn ich anders recht gesehen habe, so verbindet schon das Schwert selbst, Beil und Guillotine. Die Spitze des Schwerts beschreibt beim Abhauen nicht durchaus einen Kreis, sondern der erste Einhieb ist ein Abhacken, und der zweite Theil ei» Schnitt, wobei dos Schwert von dem Scharfrichter angezogen wird. Aus diesen wenigen Betrachtungen, mit Jedes eigner Erfahrung im Leben bei Verwundungen zu- summen gehalten, wird leicht erhellen: Daß die Guillotine mit langer Schneide, großem Gewicht, und hohem Falle, das sanfteste Mittel ist, den Kopf vom Rumpf zu trennen; sie allein schneidet, im eigentlichen Verstände; das Beil hackt und klemmt; das Schwert hackt und schneidet, und klemmt also auch, weil es hackt; die Schcere klemmt und schneidet; die Sage, das schmerzhafteste Werkzeug unter allen, zerreißt durch Dehnung und schneidet. Wenn also nichts Näheres über die fallenden Messer der Alten bekannt wird, so ist und bleibt die Erfindung der Guillotine eine Erfindung des Herrn Jean Baptiste Guillotin zu Lyon. Denn wenn man einmal in der Geschichte der Erfindungen nicht subtiler distinguiren wollte, als hierbei bisher geschehen ist, so wäre offenbar der Erfinder der Holzart auch der vom Aderlaß- schnepper. Zum Beschluß fuge ich, gewisser Leser wegen, ein Paar Anmerkungen bei, aus welchen die übrigen machen können, was sie unmaßgeblich wollen. In Herrn Hofrath Richter's chirurgischer Bibliothek finde ich im IXten Bande S. 178, die Nachricht, daß die vier Ärzte, denen der unglückliche König im Jahr 1782 lne Untersuchung von Mesmer's Magnetismus übertrug, waren: Bortin, Sallin, d'Arcet und Guillotin. War dieses wohl der Erfinder der Maschine? Das wäre die erste Bemerkung. Die zweite ist kürzer. Des unglücklichen und guten Königs Amme hieß Guillot. Die Sache ist, wenn man 252 Zeitungen kraue» darf, gewiß. Ich habe es in mehreren bemerkt gefunden. Dessenungeachtet könnte ein lügenhafter Fran- zos leicht das Ammenhistörchen hingeworfen haben, ein Sinn- gedichtchen darauf zu pflanzen. I ch habe aber wenigstens das Pflänzchen nicht gesehen. Nachschrift der Herausgeber. Als durch den vorstehenden Artikel unmittelbar veranlaßt, lassen wir das interessante Gutachten Sömmcrring's über die Guillotine, welches er dem Verfasser schickte, nebst dem Übersendungsschreiben, — da dieses auch in Beziehung auf den Th. 5, S. 34V ff. abgedruckten Aufsatz, über einige wichtige Pflichten gegen die Augen, nicht ohne Interesse ist, — folgen. Beide find nach den in unserm Besitze befindlichen Originalen abgedruckt; das Gutachten findet sich in französischer Sprache im ülagss,',, onog-clopöiliguo 1795 und ist jüngst in derselben Sprache abgedruckt in Sömmerrings Leben von N. Wagner S. 270. Frankfurt, den 26ten Mai 1795. Ich muß Ihnen doch, mein Theuerster, meine Gedanken über die Guillotine schicken, da sie hauptsächlich durch Ihre» Aufsatz im Taschenbuch veranlaßt wurden; können Sie sie für das folgende Jahr gebrauchen, so geschieht ihnen große Ehre. Meine Auflage Ihres Aufsatzes über die Pflichten gegen die Augen hat so guten Abgang gefunden, daß mich die Verleger bitten, baldmöglichst einen neuen Abdruck zu besorgen, weil kein Eremplar mehr übrig ist, und sie doch Bestellungen annehmen. Hätten Sie also noch Einiges hinzuzufügen, so verbänden Sie das Publikum und uns insbesondere, wenn Sie mir solches mittheilten. Ich bin gewiß, daß wenigstens einige hundert Personen weniger vom schwarzen Staare leiden, als ohne die Bekanntmachung dieser heilsamen Warnungen. Ich lebe hier halb emigrirt, also nicht zum angenehmsten, desto mehr freue ich mich, daß Ihre Zirkel nicht gestört worden sind. Valo eum Puls et ms ams Puum 8 ö in m o i r i n g. Bei Einführung dieser Art der Hinrichtung scheint die Idee obgewaltet zu haben: daß man, mittelst derselben, nicht nur auf die schnellste unfehlbarste, sondern hauptsächlich auch mit den kürzesten Schmerzen verbundene, Weise dem Leben ein Ende machen könnte; allein an eine Nachempsindung, an ein Nachfühlen, an ein fortdauerndes Bewußtsein nach der Hinrichtung, scheint man gar nicht gedacht, geschweige die Dauer dieses Bewußtseins nach der Hinrichtung in Anschlag gebracht oder berechnet, am allerwenigsten bezweckt zu haben. Und doch dünkt mich, ist nichts leichter, als dies Jemanden zu beweisen, der nur einige Kenntniß von der Einrichtung und den Lebenskräften unseres Körpers besitzt, und ein wenig nachdenken will, indem hierbei ausgemachte bekannte Data, nicht Vermuthungen oder Hypothesen zum Grunde liegen. 254 Diejenige», die von der Wahrheit folgender zweier Sätze, nämlich, 1) Alles Bewußtsein ist im Hirne, 2) Zum Bewußtsein ist der Kreislauf des Bluts durchs Hirn auf eine Zeitlang nicht nothwendig, — überzeugt sind, brauchen auch nur dieser Winke, nur der Zusammenstellung dieser beiden Sätze, um den Schluß sogleich daraus zu ziehen: daß diese Todesart höchst grausam deßwegen sein müsse, weil der vorn Rumpf getrennte Kopf, in dem alles Bewußtsein, die wahre Personalität, das eigentliche Ich noch eine Zeitlang übrigbleibt, die dem Halse zugefügten schrecklichen Schmerzen nachfühlt, nachempfindet. Wenn also der Satz, Alles Bewußtsein hat seinen Sitz im Hirne, unwidersprechlich wahr ist, so muß die wichtige Folgerung daraus auch unwidersprechlich wahr erscheinen, daß nämlich so lange das Hirn seine Lebenskraft behält, auch die Seele, das ist der eigentliche Mensch, Bewußtsein, daß aber ein vom Rumpf getrennter Kopf noch eine Zeitlang seine Lebenskraft behält, und äußert, beweisen die auffallenden Erscheinungen an selbigem, die von gültigen Beobachtern bemerkt wurden. So sagt (Llom. kl^sioloziae 1'oin. 4, p.354): in Iiomino logimus vsput resoctum »,,>e toi'uu»» respexisss, cum ckigilus in »leclullam spinalem iminitterotur. Weikard (philosophischer Arzt. 17S0, Erster Band S. 221) sah selbst an einem abgehauenen Menschenkvpf sich die Lippen bewegen. Leveling (S. Haller's Grundriß der Physiologie, Erlangen 1793, S. 330) machte mehreremale, selbst auf meinen Vorschlag, auf Richtstätten den Versuch, in den abgeschlagenen Köpfen das Rückenmark zu reizen, und sagt, daß die konvulsivischen Bewegungen des Gesichts schrecklich gewesen wären. Es thut mir freilich leid, ihn selbst zu diesen Versuchen ermuntert zu haben, eh ich es besser bedacht hatte. Ich bin überzeugt, ginge noch Lust gehörig durch die am Haupte un- versebrt gebliebenen Sprachorgane, solche Köpfe würden noch sprechen. Meine eigenen, an abgeschnittenen Köpfen verschiedener Thiere gemachten, Versuche, wo ich nach Verlauf mehrerer Minuten noch Lebenskraft in den Kopfmuskeln spürte, will ich nicht anführen, ohngeachtet sie das Gleiche beweisen, weil das Verhältniß des Hirns znm Kopfe durchaus bei allen Thieren von dem beim Menschen zn sehr verschieden ist. Indessen kann man die Wahrheit, daß getrennte Thierköpfe noch eine Zeitlang die Trennung überleben, täglich in Küchen und Schlachtbänken bestätigt sehen. Wenn also das Hirn im getrennten Menschenhaupte eine Zeitlang in so hohem Grade wirksam blieb, daß es sogar die Gefichtsmuskeln in Bewegung zu setzen vermochte, so läßt sich wohl gar nicht zweifeln, daß es so lange ebenfalls Empfindung und Bewußtsein behält. Wie lang dieses anhält, ist noch nicht entschieden. Darf man nach den Versuchen mit dem galvanischen Reiz-, mitte! an den Nerven der Glieder, die man vom lebenden Menschen amputirte, urtheilen, so möchte es über eine Viertelstunde um so länger anhalten, als der Kopf, seiner Dicke und Rundung wegen, nicht sobald seine Wärme verliert. Ferner ist es ja bekannt genug, daß oft die Kraft des Hirns, Bewegung in den Muskeln zu bewirken, schon verschwunden ist, wenn das Vermögen zu empfinden noch übrigblieb. Wer nur ein wenig auf sich selbst achtete, wird bisweilen sich in dem Zustand befunden haben, daß er unvermögend war, seine Glieder zu bewegen, während daß die sinnlichen Empfindungen ungestört blieben, z. B. im Winter erstarren die Finger so, daß sie zum Schreiben ohnmächtig oder wenigstens ungeschickt werden, während daß ihre Empfindung bleibt. — Sterbende sehen und hören noch, nach längst Verlorner Kraft die Muskeln zu bewegen. — Ja man hat sogar Beispiele, daß für todt gehaltene Leute Alles um sich hörten, fühlten, ja sogar sahen, die doch zur geringsten Äußerung einer Bewegung ihrer Muskeln unfähig, ohnmächtig waren. Ein anderer Gedanke, der sich mir bei Betrachtung der Stelle, welche das trennende Eisen trifft, aufdringt, ist: daß der Hals diejenige Stelle unseres Körpers ist, die unter allen übrigen, wegen der meisten an ihm liegenden Nerven, gerade der bei weitem allerempfindlichste ist. Am Halse nämlich liegen die Stämme aller Nerven der obern Gliedmaßen, die 257 «Ü!» «tz, >K, !MM »s» «j M Äü Illll! ll, ili > 1 «p >j>ir »I >r :d< «ii M AÄ Stämme aller Eingeweidenerven, der Brust und des Unterlei. bes (der sympathische, der Stimmnerve und Zwerchmuskelnerve), und das Rückenmark, als Urquell selbst derjenigen Nerven, die den untern Gliedmaßen gehören. Folglich ist auch der Schmerz bei Zertrennung, oder nach dem, wie ich die Guillotine wirken sahe, möchte ich lieber sagen, bei Zcrmalmung oder Zcrquetschung, des Halses (denn an eine reine Slbschnei- dung läßt sich, schon bloß wegen der knöchernen Wirbelsäule, gar nicht denken) der allerhefligste, allergrößte, der sich nur denken läßt. Wahrlich, man muß diese Nerven kennen, und in der Natur selbst gesehen haben, um sich von der Größe dieser Schmerzen einigen Begriff machen zu können. Und währte auch dieser schreckliche Schmerz, welches aber nach oben Gesagtem gar nicht wahrscheinlich ist, nur wenige Secunden lang, so bleibt noch immer die Frage: Kann die kurze Dauer die horrende Intensität des Schmerzes aufwiegelt? Wozu also diese entsetzlichen Qualen, die man dem Unglücklichen gleichsam noch nach dem Tode zufügt? Mit innigem Bedauern hörte ich daher so manche würdige Männer, wenn von der Ungewißheit unseres Schicksals in damaligen Zeiten, von der Tugend, die geradezu aufs Schaffet führte, die Rede war, die Idee äußern, wenn sie denn hingerichtet werden sollten, so wünschten sie, es geschähe durch die Guillotine. Die guten Leute wußten wahrlich nicht, was sie VI. 258 wollten, denn mit dieser Äußerung sagten sie gerade das Gegentheil von dem, was sie meinten. Bon der Hinrichtung durchs Schwert und Beil gilt das Nämliche. Die Frage, die so natürlich auf das Borhcrgesagte zu folgen pflegt: Welche Art der Hinrichtung, welche Art der Entseelung ist die sanfteste, und in dieser Hinsicht vernünftigste? läßt sich meines Trachtens mit einem Worte beantworten: Hängen. Alle nämlich, die theils sich selbst ausgehängt hatten, theils von Andern aufgehängt worden waren, und wieder zum Leben kamen, und von denen ich Mehrere selbst sprach, bezeugten einstimmig, daß man sich die Empfindung beim Erhängen vollkommen als ein sanftes Einschlafen denken könne. In dem Augenblick der Erwürgung hätte sie, ohne alle besondere Schmerzen, ohne alle Empfindung, ohne irgend eine gefühlte Ängstlichkeit, der tödtliche Schlummer übernommen, aus dem sie endlich wie aus einer süßen Ohnmacht erwacht wären. Es wird wenig Ärzte von einigermaßen ausgebreiteter Praxis geben, denen solche Fälle nicht mehreremale vorgekommen wären, die folglich nicht im Stande wären, redende Zeugen für diese Wahrheit aufzuführen. Dieser Beweis a posloriori also ist ganz unwiderleglich, da man mehrere Leute hat, die aus diesem Tode wieder ins Leben zurückkamen, also die Empfindung beschreiben konnten, welches in Ansehung der Köpfung unmöglich ist. Allein ein wenig Nachdenken findet auch den Beweis für diese Wahrheit a priori. Ein Mensch nämlich, dessen Hirn an einer Stelle, wo nach einer Verletzung des Schädels ein Stück der Hirnschale fehlt, anhaltend mit den Fingern gedrückt wird, schläft unter der Hand ein. Da nun gerade das Nämliche erfolgt, wenn das Hirn durch angehäuftes Blut zusammengedrückt wird: so läßt sich folglich schließen: Bei einem Gehängten häuft sich das durch die großen /ler- lerias vertostralos (welche, weil sie in den Knochenkanälen des Halswirbels hinauslaufen, nicht zusammengeschnürt werden können) ins Hirn strömende Blut an, während das durch die Venen aus dem Hirn zurückkehrende Blut durch das den Hals zusammenschnürende Band im Hirne zurückgehalten wird, das Hirn drückt, und in wenig Secunde» einen Schlaf bewirkt, welcher endlich in die wirkliche Entseelung, in den wahren Tod, ohne ferneres Bewußtsein des Schlafenden übergeht. Denn daß im Schlaf unser Bewußtsein aufhört, ist ja bekannt. Der entgegengesetzte Fall ist beim Enthaupten, hier wird Blut dem Hirne entzogen. Die Zuckungen, die bisweilen, denn gewöhnlich sind sie schlechterdings nicht, wie man so oft in London sehen kann, erfolgen sollen, sind Nichts weniger, als Zeichen einer Beängstigung oder eines sonstigen Schmerzens. Denkenden Männern beweisen zu wollen, daß es eitles Vorurtheil sei, in dieser Todesart etwas Schimpfliches zu finden, wäre Thorheit. Schreckliche Zuckungen sieht man ebenfalls an den Guillo- 260 kinirte» , »ebst allen den grünlichen Zurichtungen, dem unbarmherzigen Binden, schaudervollen Haarabscheeren, unanständigen Entblößungen, Besudelungen des zerstückle» Leichnams, alle barbarische Gräßlichkeiten der Schlachtbank, kurz alle wahrlich die Menschheit entehrende Abscheulichkeitcn, die diese grausame schmerzhafte Art der Hinrichtung begleiten. Neuer Gebrauch der Hunde (Gölting. Taschenkalender 1795, S. 195— 198, unter: Neue Entdeckungen rc. Nr. 8.) Unter den vielen Gegenständen der Natur, die unsere Bewunderung verdienen, aber selten im Ernst damit beehrt werden, gehören die Hundsnascn gewiß nicht unter die letzten. Man findet die erstaunliche Unterscheidungskraft, die in der Nase dieses häuslichen Thieres liegt, nicht außerordentlich, weil sie etwas Alltägliches ist. Aber etwas Alltägliches in einem Sinne des Worts, kann in einem andern etwas sehr Ungemeines sein, und in diese Classe gehört namentlich die Erscheinung, von der wir hier reden. Der Hund findet das Schnupftuch seines Herrn, das er in das Feld geworfen hat, wieder, nach einer Entfernung von Tausenden von Schritten und weiter. Er findet sogar unter einer Menge Geld die Münze aus, die sein Herr darunter gesteckt hat, und ihn selbst in dem Gedränge, wo sich die Gerüche von unzähligen Herren, wovon jeder der seinige sein könnte, wie Lichtstrahlen durchkreuzen. Daß ihn zwar hier das Gesicht zuweilen unteistützen mag, ist wahrscheinlich, aber was 262 unterstützt ihn bei der Fährte des entfernten Wildes oder bei der tief verborgenen Trüffel? Die Frage ist also: hat man wohl von der Nase dieses nützlichen Thieres schon allen den Gebrauch gemacht, den man von ihr machen kann? Ich für mein Theil glaube es gar nicht. Nur einige Beispiele. Es ist bekannt, daß die Ärzte sich bei manchen Krankheiten im Anfange in großer Verlegenheit finden, wenn sie ausmachen sollen, welcher Natur sie sei, gallichtcr oder inflammatorischer, ob Brechmittel oder Aderlaß den Anfang machen müsse. Ich glaube, ein im Hospital gut abgerichteter Hund würde dieses in einem Augenblick entscheiden. Er würde z. B. den Schwanz hängen lassen, und die rechte Vorderpfote aufheben, wenn die Krankheit gallicht, oder ihn ausstrecken und die linke lüften, wenn sie inflammatorisch wäre. Man lächelt vielleicht hierüber, zumal, wenn man sich den Arzt denkt, wie er, mit seiner Kuppel von Dachshunden, Pudeln, Spitzen und Hühnerhunden begleitet, einmarschirt Aber hier ist fürwahr nichts zu lachen. Lächeln würde man mit Recht, wenn man die Reihe falscher, verführerischer Hypothesen sehen könnte, mit denen er nach dem Tode des Patienten ausmarschirt, und wie sie alle den Schwanz hängen lassen, und nun zu Hause privatim durchgeprügelt werden. — Worüber die jetzige Welt lächelt, lächelt deßwegen die Nachwelt noch nicht, und Kalender hab?n ein Recht auf die Nachwelt. Und nun gar die Chemie mit ihren reaZentibus! Man hat eine bekannte, alte, lustige Bemerkung: Das, was in der Apotheke, wenn man hineinkomme, zuerst 263 >«D dilf» b i! Mr i«i» kj» iLL lrm, hmlr »njlr ekrb >dlt- itw: liU ßs» ««« «-»- rieche, sei die Nase. Hier ist also der Hund recht zu Hause. Mich dünkt, es müßten sich Hunde für das Oxygc», das Hydra gen, das Phlogrston und den Kohlenstoff abrichten lasse», so gut als für die Trüffel. — Wozu nun alles das? Antwort: dafür: In unserer Stadt genießen die Hunde eines nicht gemeinen Schutzes; sie heulen und bellen auf den Straßen die ganze Nacht. Ich tadle dieses keinesweges, eben weil ich es für nichts werter ansehe, als für dringende Bitte um Brot und Beförderung bei unleugbarem Verdienst, und folglich für ein Getöse, das sich auf Recht gründet, und so hat es, durch eine Vorstellung gedämpft, nichts Widriges für mich. So und in solchen Fällen ist es verstattet, sich selbst zu helfen, wenn sonst Niemand helfen kann oder, will. 264 Wie die Schinesen ihr großes Papier verfertigen. (Gvtting. Taschenkalender 1796, S. 169 —171, unter: Neue Erfindungen rc. Nr. 6.) Wer das Papier der Schinesen bloß aus ihren Büchern kennt, kann sich kaum einen Begriff von der Schönheit desjenigen machen, das siezn ihren großen Zeichnungen verfertigen. Es kommt an Weiße, Starke und Dicke dem besten französischen gleich. Was es aber ganz vor allen europäischen Papieren auszeichnet, ist, daß sie Bogen von acht bis neun Fußen in der Länge und von verhältnißmäßiger Breite ganz aus einem Stücke zu machen verstehen. Was den letzten Umstand, nämlich die Größe der Bogen betrifft, so hat uns Frank! in gelehrt, wie sie dabei zu Werke gehen. In der Mitte zwischen zwei Wanne», eigentlich aus Backsteinen mit einem Cement verstrichenen wasserdichten Trögen, die etwas größer find als der Bogen Papier werden soll, steht ein niedriger Ofen, eben so lang als die Tröge, aber breiter, mit einem etwas niedrigen Dache. Die beiden Ebenen, die das Dach des Ofens formiren, find gegen die Tröge zu geneigt, und jede dieser Ebenen ist ungefähr der 265 Größe des zu verfertigenden Papiers gleich. Hieraus, und aus der Neigung der Ebenen, die nur gering zu sein braucht, ergibt sich die Breite des Ofens. Diese Abdachungen des Ofens verfertigen sie aus einer Art von Stucco, das eine gute Politur annimmt. In den Trögen befindet sich die Papiermasse zum Ausschöpfen bereitet. Das Sieb, womit der Bogen geschöpft wird, erhält seine Sleifigkeit gerade so, wie unsere gewöhnlichen Siebe, durch einen dünnen und hohen, und daher zugleich starken und doch leichten Rand. Dieses Schöpfsieb ist, um die Arbeit noch mehr zu erleichtern, an beiden schmalen Enden durch Gewichte balancirt, die an Schnüren hängen, welche man über Rollen an der Decke des Zimmers führt, so daß also die beiden Arbeiter, die das Schöpfen verrichten, von dem Gewichte des Siebes fast nichts zu tragen haben, und folglich zu den übrigen dabei nöthige» Operationen die freie Kraft ihrer Arme gebrauchen können. Ist nun der Bogen geschöpft, wobei, wie es sich wobl von selbst versieht, der Rand des Siebes nach unten gekehrt sein inuß, so wird er, nachdem das Wasser abgelaufen ist, auf die zunächst befindliche gehörig erwärmte Abdachung des Ofens angedrückt. Hier erhält er sehr bald Trockenheit genug, daß ihn ein Knabe davon durch Aufrollen abnehmen kann. Eben dieses geschieht durch zwei andere Arbeiter und einen andern Knaben an der andern Seite des Ofens. Um dem Papier den nöthigen Leim zu geben, vermischen sie bloß ein Decocl von, Reis mit der Masse desselben. 266 Über Bücherformate. (Götting. Taschenkalender 1786, S. 171 —178, unter: Neue Erfindungen rc. Nr. 7.) Da hier von Papierform die Rede war, so stehen wohl einige Bemerkungen über unsere Bücherformate hintendrein nicht ganz am unrechten Orte. Sollte dieser kleine Artikel manchen Leserinnen etwas zu mathematisch scheinen, so müssen wir ihnen zu bedenken geben, daß dieses Verfahren ganz « ist, eine Mode, die sie sonst so sehr schätzen. Man hat bekanntlich in England ein 6c»e/e,n«»'« ,VnA«Li»e und ein .V» also eins für den Mann von Stand und eins für die Dame. Der Inhalt dieser beiden Monatsschriften steht nicht selten in einem Verhältniß, das gerade das umgekehrte von demjenigen ist, in welchem, nach der irrigen Meinung einiger Herren, die Fähigkeiten von Herren und Damen stehen sollen. Um das erstere lesen zu können, ist bloß nöthig, daß man wacht und die Augen des Leibes aufthut; die Abbildungen von ') Bei Wilkie, auf St. Pauls Kirchhof. An merk. des Verfassers. 267 alten Klöstern und halb verwesten Grabsteinen fallen alsdann von selbst hinein. Hingegen ist es mit den Wurzelzeichen und geometrischen Figuren des andern nicht also, da muß noch mehr aufgethan werden — die Augen des Geistes. Eine so große Anstalt ist nun bei unserer Betrachtung nicht nöthig, sie wäre, , ein kleines Wurzelzeichen abgerechnet, säst ganz für das 6e»t- !« lema»'§ — Die Papiersorten, worauf unsere Bücher gedruckt werden, haben die Form von Rechtecken, in welchen die Verhältnisse der Seiten sehr variiren, einige nähern ^ sich der Gleichheit sehr, indessen ist mir wenigstens noch kein uit Druck- oder Schreibpapier vorgekommen, das ganz gleichseitig ge- Wesen wäre. In hiesiger Gegend wird aber schon ein Conceptpapier ßm verfertigt, worin die beiden Seiten des ganzen Bogens sich ver- »T halten wie 6:7, dieses gibt ein langes, unangenehmes Folio von einem Seitenverhültniß von 7:12, worauf denn dasOuarto - ^ wiederum 6:7 und Octavo wieder 7 :12 bekommt, voraus- ^ gesetzt, daß, bei jedem Bruch des Bogens, allemal die größere ijt Seite gebrochen wird, welches auch gemeiniglich geschieht. Nen- nen wir also bei unserm Papier die beiden Seiten a und b, wo wir b größer setzen wollen als «, so sind die Verhältnisse M der Seiten in den gewöhnlichen Formaten diese: P a t e n t f o r in «. i — a : L Folio : « — Ü! :2« Quart z» : zr, ^ »: ! Ü Octav II ^1- r>: 2« st Sedez " ^ - b 268 Aus dem Anblick der letzten Columne erhellet, daß sich die Formate immer abwechselnd ähnlich werden, und daß das verächtliche Sedez mit dem majestätische» Patent einerlei Verhältnisse bekommt. Bricht man immer bloß die kürzere Seite, so erhält man zuerst ein langes Folio, und dann ein verhältnißmäßig »och längeres Quarto u. s. w. Die Stammtafel dieser Formate ist: : ä ic. Hiervon sind die ersten noch zu gebrauchen, und kommen in Ncchnungsbüchern, Musterkarten, allerlei Arten von Listen, als Demokratenlisten u. s. w. hier und da vor. Sehr weit geht es indessen mit dieser Reihe nicht, für Bücher wenigstens-, sie verlieren sich bald in Schuster- und Schncidcrmaße und Unterlagen für die Pastetenbäcker. Ein Schicksal, das freilich auch manchen andern Büchern droht, aber nicht des Formats wegen. Bricht man abwechselnd erst nach der langen Seite, und dann nach der kurzen, so sieht das Geschlecht so aus : a; : 4«; ... !c. In dieser Reihe kommen einige nicht unangenehme längliche Formate im Kleinen vor, die man hier und da zu Spruchbüchcrn, Beichtbüchern, manchen Tabellen, und überhaupt solchen Hülfsbüchelchen zu nutzen Pflegt, die man wie Terzcrolen bei sich trägt. — Hier entsteht nun die Frage: 1) könnte man nicht dem Papier eine solche Form geben, daß alle Formate einander ähnlich würde»? und 2) wäre ein solches Format bequem und schön? Die erste Frage wird jeder Anfänger in der Algebra beantworten können. Wir wollen die Auflösung hersetzen. Weil hier immer eine Seite des Bogens so groß angenommen werden kann, als man will, so wollen wir die kleinere wiederum a, die größere aber, die gesucht wird, s? nennen, so wäre also bei diesem Papier, die Patent form a:-x und folglich, sr gebrochen, gäbe für das Folio . . 4-x: s — x:2s, wie oben. Weil nun aber diese Formate einander ähnlich sein sollen, so ist s:x x: 2s; also .x^ 2«^ und X nV"2. So wäre also dieses Verhältniß der Seiten bei der Patentform — s : sv^2 — 1: p^2 V" 2 ^ bei Folio : 1 1: V 2 u. s. w. ins Unendliche. Da nun bekanntlich das Verhältniß von 1 : 2 das Verhältniß der Seite des Quadrats zu dessen Diagonale ist: so kann sich Jedermann sogleich ein Blatt von dieser Form schneiden. Vielleicht ergeht es ihm alsdann wie mir vor mehreren Jahren, da ich unvermuthet gewahr ward, daß der Bogen Papier, den ich für das Beispiel zuschneiden wollte, schon die Form hatte, die ich ihm zu geben willens war. Unser gewöhnliches Schreibpapier in klein Folio hat nämlich hier zu Lande wirklich diese Form schon, und es war mir angenehm, zu finden, daß irgend Jemand schon bei der ersten Bildung des Papiers, sogar die Figur desselben eines Gedankens gewürdigt hatte, also einer Ehre, die ihm nachher im Dienste selbst, bald beim Schreiben, bald beim Lesen 270 < nicht selten versagt wird. Wer dieses Papier kennt, oder sich die Mühe nehmen will, ein solches Blatt zu schneiden, wird finden, daß es ein sehr gefälliges und bequemes Format ist. So viel zur Beantwortung der beiden Fragen, und nun zum Beschluß noch ein paar Bemerkungen. Das Beschneiden des Papiers beim Binden der Bücher setzt freilich der genauen Anwendung dieser Theorie große Schwierigkeiten entgegen. Denn man sieht leicht, daß, wenn das Verhältniß der Seiten nun auch beim beschnittenen Buche noch Statt finden soll, worauf es hier hauptsächlich ankommt, die beiden Dimensionen der Blätter beim Beschneiden auch in eben dem Verhältniß vermindert werden müßten, in dem sie selbst stehen. Indessen trifft hier der Umstand ein, daß sie nach der kleineren Dimension nur eine, hingegen nach der längeren zwei Verkürzungen erleiden, die einander nicht ganz gleich sind. Dieses, und daß das Auge geringe Abweichungen von der Regel nicht bemerken kann, trügt zusammen dazu bei, daß, wie wir aus der Erfahrung wissen, das Gefällige dieses Verhältnisses durch diese Buchbinderoperation nicht verloren geht, und alle Formate sich sehr ähnlich sehen. Wenigstens wird dadurch dem unangenehmen Sprung von einem langen Format zu einem fast quadratförmigen, wie dieses der Fall bei manchem Folio und Quart ist, sehr gut vorgebeugt. Auch würde man bei etwas größerm Papier nicht nöthig haben, zwischen Octav und Scdez noch eine halbe Staffel, ein Duodez, einzuschalten, so wenig als man, um längliche Formale zu gewin- 271 ^ nen, jetzt zwischen Folio und Quart »och eine Terz ein- schaltet. Denn das Sedez, das sich bei dem gewöhnlichen Papier dem Quadrat sehr nähert, welches die unangenehmste Figur ist, die ein kleines Format haben kann, würde nun in lines reots (IvLoenäoute, die angenehme Bildung seiner ht« Vorgänger erben, w id pch Np sm lot Illt! ,IÜ «W ck i» ii» «p 272 Z e r o. (Gvtting. Taschenkalender 1796, S. 193, unter: Miscellaneen Nr. 5.) Ich bin zuweilen gefragt worden, wo das französische Wort 2ci'», das eine Nulle bedeutet, herkomme? Unstreitig ist es einerlei mit und die im Lateinischen und Englischen noch jetzt Nullen bedeuten, und die man am besten von dem hebräischen §a/,/t»o, zählen, und -e/rL«--, Zählung, herleitet. Menage sl.es orizinos äs Is Isngus lrauxoiso, art. c/li/i-e) sagt: I.es LspaZnols ont premisrement emprunls co mot äes Grades. Das wäre Wer nun überdieß weiß, wie oft die Spanier das 1 mit Ir vertauschen, wird 2eL,-o und 2e,-o nicht unnatürlich sinden. 273 an Vorn bibliopolischerr Jahre. -: :I (Götting. Taschcnkalender 1796. S. 194 f.) .! Dieses wichtige, aber wenig bemerkte, Jahr fängt sich geil kr wohnlich sechs, bisweilen acht Wochen vor dem sogenannten yai Kirchenjahre an, und ein ganzes Viertel vor unserer gewöhn- itk lichen Zeitrechnung. Bücher im Augustmonat 1795 gedruckt, M erhalten die Jahrzahl 1796, als wären es Kalender. Sie sollen ii!„; nämlich auf der Ostermesse des künftigen Jahres noch immer «r als frische — Häringe erscheinen. Die Absicht ist gut, und Mi kein Mann von Gefühl wird etwas darwider haben, wenn g« auch nur das kümmerliche Schmetterlingslcben eines einzigen 4 ,» armen Buchs dadurch nur ein paar Monate hingehalten wird. Sterben müssen doch alle! Allein, wie alle wohlthätige Anstalten, hat auch diese ihre großen Nachtheile, zumal hier, wo die Herrn Direkteren nicht immer Einsicht genug besitzen, zu beurtheilen, ob nicht ihre wohlgemeinte Vorsicht dem Liebling am Ende schade. Ich erinnere mich sehr wohl einer gewissen Schrift, worin von Wittcrungsprophezeihungen die Rede war. Der Verfasser hatte darin, vielleicht bloß durch einen glücklichen VI. 18 274 Griff, wirklich einen kalten Winter ein Vierteljahr vorausgesagt. DaS Buch erschien um Michaelis mit der Jahrzahl des folgenden Jahres auf dem Titel. Hierdurch ri^kirte der Verfasser ganz um die Ehre selbst des glücklichen Griffs zu kommen, wenn der zweite Winter warm gewesen wäre. Indessen übersehen ist ihm sein Verdienst nicht worden. Der göttingische Recensent hat den Umstand bemerkt, und nachdem die Prophezeihung eingetroffen war, dem Verfasser die so verdienten Honneurs gemacht. — Dieses erinnert uns im Vorbeigehen an eine Vorsicht, die denen sehr zu empfehlen ist, die die englische Geschichte des vierten DecenniumS dieses Jahrhunderts aus gedruckten Urkunden bearbeiten wollen, da herrscht oft ein wahres Babel in den Zeitangaben. Folgendes Beispiel wird die Sache erläutern. Im Februar 1735, nach unserer Art zu zählen, kamen in London an demselben Tage Zeitungen heraus, die das Jahr 1734 hatten, obgleich denselben Monat, weil sie nämlich ihr neues Jahr, der alten Gewohnheit nach, erst mit I.-xl)-- (25. März) des unsrigen anfingen, und dieses erzeugte folgende allerdings merkwürdige Verwirrung: In derselben Woche erschien in London die Rede des Königs mit dem Datum 1732—3; die Addresse des Oberhauses wegen dieser Rede, mit 1732, und die der Gemeinen mit 1733. 275 ?!tz, sltllj »L chiz Trost bei trauriger politischer Aussicht. (Götting. Taschenkalender 1796. S. 196 f.) ichj: ! »li» bi >1, M ,:dl ,l» Diesen Trost habe ich in einem Buche gefunden, das wenig gelesen wird, wovon ich aber jetzt, nachdem ich es ausgefunden habe, Woche für Woche einige Blätter lese — und dieses ist: derBand politischer Zeitungen vomvorigenJahre. Man muß den Versuch selbst machen, um sich zu überzeugen, was das für eine Unterhaltung ist. Natürlich liest man allemal nur die Blätter daraus, die Procter propter dasselbe Datum mit dem heutigen Tage führen. Betrachtungen in hundertfacher Form strömen einem alsdann so zu, daß man sich ihrer kaum erwehren kann. Bald ruht man nachdenkend aus, bald lächelt man und bald lacht man, und wie unschuldig ist nicht diese Beschäftigung? Freilich leiden die heutigen Zeitungen ein wenig, wenn man sie neben jenen liest. Es ist kaum möglich, nicht an das Iioclie miki eras tibi zu gedenken: Heute an mir, morgen an dir; was ich war, bist du jetzt, und wirst dereinst sein, was ich bin. 18 ' 276 Etwas Stoff zu Montagsandachten.^ (Götting. Taschenkalender 1796. S. 197 ff.) 1) Alle einander gleich zu sein, erwarten wir erst im Himmel gewiß. ES ist viel darüber gestritten worden, ob sich dieser Zustand früher erwarten ließe, oder nicht. Allein die streitenden Parteien, wenigstens die besten unter ihnen, sind nicht so verschieden als man glaubt. Die Gleichheit der einen möchte wohl nichts Anderes sein als die Ungleichheit der andern. Die Gleichheit, die der Mensch hier verlan- gen kann, ist sicherlich: der erträglichste Grad der Ungleichheit. Schade, daß dieses Gleichgewicht sich nur durch Druck und Gegendruck erhalten läßt, und daß sich die zuletzt anordnende Partei immer, zur Sicherheit für die Zukunft, einen kleinen Ausschlag vorbehält, und vorbehalten wird. , 2) Das Gesetz ehrt und fürchtet man, aber lieben, im eigentlichen Verstände, kann man es nicht. Was für ein großer Gedanke daher, ihm einen Repräsentanten zu geben, den man nicht bloß ehren und.fürchten, sondern auch lie- 277 pr 4 le: !«k >, s«! üilt: ji-' l 4U ,!» I I« zli«! chli' ben kann, einen guten Regenten. Die Welt würde sich dem Himmel nähern, wenn dieses von beiden Seiten anerkannt würde. Ohne etwas Anthropomorphismus läßt sich selbst Gott bloß fürchten und ehren, aber nicht lieben. Der Grund hiervon liegt sehr tief in unsrer Natur, aber sicher und unabänderlich. Verehrung von Tyrannen und Anbetung der Heiligen sind bloße Abartungen des Triebes, zeugen aber immer von der Realität der Art. Hierbei werden wir wohl ruhen müssen. Noch hat keine ^ Götterdemokratie eine Welt erschaffen und erhalten, oder sie alle waren Eins, und was heißt das? 3) Lord Shaftesbury sprach einmal mit einem Freunde über Religion. In derselben Stube befand sich ein Frauenzimmer, die sich, um die Unterredung nicht zu stören, mit ihrer Arbeit in einen entfernten Winkel gesetzt hatte. Shaf- tesbury sagte: Verschiedenheit der Meinungen in Religionssachen fände sich nur unter Menschen von mittelmäßigen Fähigkeiten und Kenntnissen; Leute von Geist hätten durchaus nur Eine Religion. Und was ist das für eine, Mylord? fragte das Frauenzimmer, begierig auffahrend. Das sagen Leute von Geist nicht, war die Antwort. 4) Furcht, sagt Lucrez, hat die Götter geschaffen, aber wer schuf diese allmächtige Furcht? Ik kssr ^rllo msäo nlmiA/ih/ lear? 5) „Sie wollen keinen Herrn; Selbst Herren sein wollen Sie.« 278 Lidkops tilk^ evoulck not Iravs, but tliog- rvoulä be. V) Da die Handlungen eines jeden Menschen sich nothwendig ungleich sein müssen: so frage dich: welches ist die schlechteste, die du in deinem Leben begangen hast? Die Antwort pflegt gute» Menschen bald einzufallen. Diese Frage kann auch am Sonntage gethan werden, und desto sicherer ohne Schaden, da die Antwort außer uns selbst, nur noch von einem Einzigen gehört wird. 7) Du dringst auf Prcßfreiheit. Recht gut. Nur frage ich dich: würdest du sie auch alsdann verstatten, wenn dein von dir gekränktes, hülfloscs Weib, dein von dir tyrannifirtcs Gesinde, dein hingehaltener Gläubiger, und vor allen Dingen der Mann anfangen wollte, von dir drucken zu lassen, der durch seine höhere Einsicht dich mit deinem ganzen Com- pilatorrubm, durch einen Federstrich vielleicht, in Staub verwandeln könnte? 8) Die große und untrügliche Kunst, sich in Gesellschaft allgemein lieben, ja selbst verehren zu machen, ist sicherlich nicht die, eignen Witz, Verstand und Kenntnisse an den Tag zu legen, sondern: ohne Zudringlichkeit und als brächte es die Natur der Unterredung so mit sich, jedem der Gegenwärtigen, wo möglich, Gelegenheit zu geben, zu zeigen, daß Er Witz oder Verstand oder Kenntnisse besitze. Jedem nach seiner Art. Wenn doch dieses beherzigt würde, was würde nicht aus den Gesellschaften werden? Diese große, aber freilich etwas seltene Gabe, die immer in dem Sub- 279 ^ jecte Menschenliebe und Wellkenntniß, und übcrdieß beschei- ^ denes Gefühl von eigenem anerkannten Werth voraussetzt, wird nicht leicht Jemand in einem höhern Grade besitzen Hsi» können, als sie unser unsterblicher Möser besessen hat. ktle Wahrlich, sagte einmal ein Mann von Geist zu uns, wenn l * man mit Mösern oft in Gesellschaft kommt, so fängt man lA an zu glauben, man wisse Etwas und sei Etwas. >! H »!l> chk i b» bp, L« -I»! iöt- iß -i» «I« «i I«K 280 Kohlengruben unter der See, und Etwas von negativen Brücken. (Götting. Taschenkalender 1799, S. 205 — 209, unter: Neue Erfindungen :c. lit. s.) Daß es i» Schottland Steinkohlengruben gibt, die sich weit unter der See weg erstrecken, ist eine bekannte Sache. Ich bringe dieses auch nicht seiner Sonderbarkeit oder gar Neuheit, sondern einer artig ausgedrückten Betrachtung wegen hierher, die Faujas St. Fond') in seiner Reise durch England und Schottland dabei anstellt, und hoffentlich vielen unserer Leserinnen und Leser nicht unwillkommen sein wird. Sie steht im ersten Theile S. 155. 156. der wi ed em a n nisch cn Übersetzung dieses Werks: »Wir kamen, heißt es, nach Alva, Clackman- nan und Kulroß, wo ein starker Bau auf sehr schönen Kohlengruben getrieben wird. — Sehr merkwürdig ist es, daß diese so reichen Steinkohlenlager sich auf eine ziemlich bcträcht- ') Barthelemi Faujas St. Fond, geb. 1750 zu Montelimart, gest. 1819 zu Paris als Oberaufseher des Museums der Naturgeschichte. 28 t liche Strecke unter das Bette des Meeres fvrtsetzen, und daß die Arbeiter in diesen Gruben, wo sie gegen einiges Durchsin- tern durch Dampfmaschinen gesichert find, welche das Wasser aus den Schachten heben, mit Sicherheit fortarbeiten, ohne sich über die ungeheuren Wassermassen, welche über ihren Köpfen schweben, zu beunruhigen. Während also diese «»ermüdeten, kühnen Grubenarbeiter, schwach beleuchtet von dem traurigen Schimmer ihres Lämpchens, diese tiefen Höhlen von den Schlägen ihrer Hacken wiederhallen machen, gehen Schiffe, von günstigen Winden getrieben, mit vollen Segeln über ihren Köpfen hin, und die Matrosen drücken, über das heitere Wetter erfreut, ihre Zufriedenheit durch frohe Lieder aus; zu einer andern Zeit aber zieht ein Wetter auf, der Horizont steht in Flammen, der Donner brüllt, das Meer tobt wüthig, Alles ist in Bestürzung, die ganze Mannschaft zittert; dann singen die Grubenarbeiter, unbewußt dessen, was zu dieser Zeit vorgeht, froh und zufrieden im Thore mit Freuden ihre Lust und ihre Liebe, während das Schiff über ihren Köpfen zu Trümmern geht und versinkt: leider das zu treffende Bild des täglichen Wechsels im menschlichen Leben !« So weil Fa uj as St. Fo n d.— Was würde, kann man wohl hier fragen, Horaz gesagt haben, wenn man ihm, als er sein berühmtes: lllki roöur ct «er etc.') ') Ocl. I, 3, 9 sgg. III! robur, ot aes lriplor lurca psctus erat, gui krozilom trucl Lommisit pelazo rotem Primus etc. niederschrieb, von Menschen geredet hätte, die es dereinst mit glücklichem Erfolg wagen würden, hoch über seinem zerbrechlichen Schiff und den Wogen seines tückischen Meeres dahin zu schweben, sich auf dem Boden eben dieses Meeres Stunden lang aufzuhalten, und mit dem zerbrechlichen Schiffchen ruhig herauf zu correspondircn'), und endlich andern, die von oben herab gezählt, sogar in einer vierten Etage unter allen diesen, nach Steinkohlen wühlen würden? Mit seinem IVr'k «ckn,««>«"), mit dem einem zuweilen bei solchen Gelegenheiten begegnet wird, hätte der große Mann gewiß nicht geantwortet, denn er verstand seinen Horaz besser, als manche Neuere den sogenannten ihrigen; er bewundert ja den ersten Schiffer selbst. Vielleicht hätte er gesagt: es ist Nichts unmöglich, so wie der Schwager, der meinen Freund nach dem Blocksberge fuhr'"), und da hätte er Recht gehabt, wie bei seinem lV-'t ack,nur muß dort erklärt werden, was für ein Unmögliches verstanden wird, so wie hier was für ein B e wu n d ern. Da es sich denn finden wird, daß, so wie der letzte Satz eine der größten moralischen Wahrheiten, so der erste eine der größe- sten Aufmunterungen für den menschlichen Geist zu Muth und Thätigkeit enthält. Nun das Fernere von » e g a tiv e n Brücken. ') Dieses hat der große Halley gethan. Anm. des Verfassers. ") Horst. Iryist. 1, 6, l. '") S. oben S. 210. 283 Wenn man sich den Durchschnitt eines Strombettes als einen Zirkelabschnitt gedenkt, dessen Chorde die Wasserlinie vorstellte, so heißt hier eine positive Brücke ein zusammenhängender Weg von einem Ende an das andere, oberhalb dieser Linie, trockenen Fußes zu gelangen; eine negative hingegen eben ein solcher Weg, aus welchem aber dieser Zweck unterhalb dieser Linie erreicht würde. Hier gibt es aber, wie bei den chemischen Auflösungen, zwei Fälle, einen nassen und einen trockenen Weg. Von dem letzten ist hier nur allein die Rede. Eine negative Brücke wäre also ein Weg, der unter dem Strombette weg von einem Ufer nach dem andern ginge, so wie die schottischen Kohlengruben und Stollen unter der See. Ein solcher Gang könnte gewölbt und mit Laternen erleuchtet werden. So lächerlich dieser Gedanke, flüchtig angesehen, scheint, so wäre doch wohl ein Fall gedenkbar, wo die negative Brücke weniger kostete, als die positi ve. Denn die positiven müssen 1) des Tageslichts wegen und wegen ihrer Ansichten aus der Nähe und Ferne, oft vielen unnützen und architektonischen Staat machen, den die negativen füglich sparen können; 2) hindern erstere die freie Fahrt bemasteter Fahrzeuge, und solcher, die von Menschen oder Pferden gezogen werden müssen, sehr; 3) der Eisgang macht öftere, kostbare Reparaturen bei ihnen nöthig; 4) beengen sie ferner den Strom, welches, bei starkem Zufluß des Wassers, den Benachbarten sehr gefährlich werden kann. Alles dieses fällt bet letzter» weg. Hierzu kommt noch, daß gerade an solchen Stellen, wo das höchste Interesse der einander gegenüber K» 284 Wohnenden eine positive Brücke nöthig machte, das Interesse Anderer, zumal der Schiffer, solches verbietet, und Gerechtsame Statt haben, die nicht verletzt werden dürfen. Ein solcher Fall mag wohl Ursache sein, daß man, wie ich höre, aber bis jetzt noch nicht verbürgen kann, willens ist, ein Paar Grafschaften in England auf diesem trockenen Wege unter der Themse weg mit einander zu verbinden. Wer die Werke Brindley'S und des Herzogs von Bridgewater und englische Jndüstrie kennt, wird an der Ausführung nicht zweifeln; es ist bei diesem Volk hierzu Nichts weiter nöthig, als die Überzeugung, daß es nöthig ist, und höchstens die Freude, einem auf den Buchstabe» seiner Rechte sich stützenden, hartnäckigen Opponenten einen un- vermutheten Streich über oder unter diesem Buchstaben weg zu spielen, und also auch von der Seite zu triumphiren ") Bekanntlich ist ein solcher »trockner Weg unter dem Strom- vbette der Themse, gewölbt und mit Laternen erleuchtet,« — der Tunnel — etwa zwei Meilen unterhalb der londoner Brücke, wo der Fluß 1000 Fuß breit ist, zwischen Notherhithe und Wapping, in neuerer Zeit ausgeführt, und sind dadurch die Grafschaften Surrey und Middleser vereinigt. Der von dem Ingenieur Jsambert Brunel, einem geborenen Franzosen, 1823 entworfene Plan wurde 1824 vom Parlamente genehmigt, und die Arbeit, wobei man mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, und die namentlich, — in Folge eines großen Durchbruchs der Themse vom Januar 1828, — sieben Jahre ruhte, gleichwohl binnen acht Jahren, bis zu der am 25. März 1843 erfolgten Eröffnung des Durchgangs für 285 Fußgänger, mit einem Aufwende von ungefähr 460,000 Pf. St. beendigt. Die erforderliche Vorrichtung für das Hinein- und Herauffahren von Wagen ist dabei noch nicht gerechnet. Es besteht der Tunnel übrigens aus zwei von Backsteinen ausgemauerten, unmittelbar neben einander herlaufenden Bogengängen, von überhaupt 1300 Fuß Länge, 38 Fuß Breite und 22 Fuß Höhe, die zwei gepflasterte Fahrwege, nebst angemessenen Fußsteigen, von überhaupt etwa 14 Fuß Breite, bilden. Diese Gänge sind durch 63 offene Bögen, in deren jedem zwei Gaslichter brennen, mit einander verbunden; an jedem Ende leuchtet ein großer Stern von Gasflammen. Interessant ist vielleicht noch die Angabe, daß vom 28. März 1843 bis 5. März 1844 den Tunnel 2,038,477 Fußgänger pas- sirtm, und daß bei seinem Baue nur sieben Arbeiter umkamen, während dies Loos beim Bauen der neuen londoner Brücke — März 1824 bis August 1831 — vierzig traf. Jüdische Jndüstrie neben holländischer Frngalität. (Götling. Taschenkalender 1799. S. 210. 211.) Siedman erzählt in seinem bekannten Buche') allerlei Wunder, die er in Surinam angetroffen hat, von großen halb- schwarzen idealischcn Schönheiten, großen Schlangen, neuen Affen, neuen giftigen Jnsectcn, alten Christen, die ihre Knechte leichter Vergehungen wegen zu Tode peitschen lassen; einer holländischen christlichen Schönen, die das Kind ihrer Sclavin, weil dessen Schreien ihren zarten Ohren lästig siel, ins Wasser ') ^arrativv ok a live z-ears sxpeäilion against tlio sse- groes ol surinam. II Voll. 4lo. I.ondon 1796. Mit 80 Kupfer- tafeln. (Deutsch übersetzt im Auszuge. Hamb. 1797. 8.) An merk. des Verfassers. Joh. Gabriel Stedman, geb. in Schottland 1748. Officier in einem schottischen Regiments in Holland. Solde; ging 1772 als Volontair mit nach Surinam. Gest. zu Tiverton 1797. Henry übersetzte seilte Reise ins Französische 1799. i! Voll. 8. 287 werfen ließ, und dergleichen mehr. Unter allen aber hat mir am besten gefallen, was er im zweiten Bande S. 198 erzählt, nämlich, daß er zu Paramaibo^bci einem gewissen Herrn Neynsdorp, einem Pflanzer, einen Juden angetroffen habe, der dessen Kinder in der christlichen Religion unterrichtete, also ,m eigentlichen Verstände einen christlichen Religions- sprach meist er von angeborner jüdischer Religion. Ist das nicht herrlich? Es geht doch Nichts über die Juden. Man will es nur nicht immer recht erkennen. Man erlaube uns hierbei nur die einzige Frage: würde wohl Herr Reynsdorp, wenn er ein Liebhaber von Mettwürsten gewesen wäre, die Verfertigung derselben in seinem Hause einem Juden anvertrauet haben, gesetzt auch, der Jude habe sich, nach einem gegebenen Recept, damit befangen wollen? — Allein hier erfordert es denn doch Humanität sowohl als Wahrheitsliebe zu Herrn Reynsdorps, und folglich seines Juden, Ehre, anzuzeigen, daß Herr Stedman an einem andern Orte von Herrn Neyns. dorp sagt: „auf seinen Kaffeeplantagen herrscht Friede, Milde und wahrhaft menschliches Verfahren gegen die Sclaven, keine Klagen, keine Banden u. s. w., und ein Mann von solchen Gesinnungen übergibt seine Kinder einem Juden zum Unterricht in der christlichen Religion? Hier scheint etwas zu fehlen, welches auszumitteln Herr Sted man, ein sonst braver Soldat, nicht Philosoph genug war. Ich habe in der Überschrift dieses Verfahrens Herrn Reynsdorps Frugalität zugeschrieben. Ich brauche wohl nicht zu erinnern, daß Geiz von Frugalität un- 288 terschiedcn ist, wie Hungerleiden von weiser Diät. Wie wenn der Holländer bei seinem Erziehungsplan nicht sowohl Geld- als Geistesausgaben zu ersparen gesucht, und etwa seinen Juden genauer gekannt hätte, als sich aus dem bloßen Wort schließen läßt. Getauft war er nicht, sonst wäre wohl die ganze Geschichte keiner Aufzeichnung werth gewesen, aber er war ein portugiesischer Jude, das ändert die Sache schon etwas. Wäre der Herr ein berlinischer aus Mcndelssohn's Schule gewesen, so getraue ich mir nicht allein Hrn. Reynsdorps Charakter, sondern die ganze peitschen- und bandensreie Haushaltung auf dessen Plantagen, daraus zu entziffern, auch wohl über die Bedeutung der Worte Christ und Jude in dieser Stelle einige Auskunft zu geben. 289 ^Zubereitung des Eises iu Indien. sGoliiug. Taschenkalender vom Jahre 1788. S. 31 ff.) So wie erkünsteltes Bedürfniß den Europäer gelehrt hat, sich in Norden ein künstliches Indien für seinen Gaumen zu schaffen, so weiß der wollüstige Asiale jetzt mit weit sinnreicherer Lcckerhaftigkeit selbst am Wende-Cirkel einen Winter für seine Tafel hervorzubringen. Denn da der Europäer ohne vielen Scharfsinn das Klima seines Gewächshauses vermittelst der Ofen und Thermometer stimmen kann, wie er will, so muß hingegen der Asiate seiner Jahrszeit einzelne kalte Minuten mit vieler Borsicht rauben, und seinen Raub sorgfältig aufsparen, bis er sich auf diese Art endlich einen Winter zusammen gestohlen hat, mir dem er hernach schalten und walten kann, wie er will. In Calcutta, wo nach Sir Robert Barkers Aussage, das Wasser niemals gefriert, wenn es so gerade dem Klima überlassen wird, speiset man jetzt seinen Scheidet und Creme gefroren, selbst wenn das Fahrenheitische Thermometer aus 112 Grade sieht. Die Art das Eis zu gewinnen ist sehr sinnreich, und kann den Nalurkündiger und Ökonomen auf nützliche Speculationen leiten. In einer großen, offenen Ebene werden Gruben von etwa M Fuß ins Gevierte und 2 Fuß tief in die Erde gemacht. Den Boden derselben bedeckt man auf 8 Zolle hoch mit Zuckerrohr ') Wegen Bezeichnung der nunmehr folgenden Aufsätze aus dem Göttingischen Taschenbuch mit einem Kreuzchcn, wird auf die Anmerkung in Th. 5. S. 245 verwiesen. VI. 19 290 oder auch mit wohl getrockneten Stengeln von indianischem Kom. Auf diese Streu werden alsdann eine Menge flacher, irdener Pfannen gestellt, in die das Wasser, das gefrieren soll, gegossen wird. Diese Gefäße sind nicht glafirt, kaum einen viertel Zoll dick und ohngefäbr fünf viertel tief. Der Thon, woraus sie bestehen, ist so porös, daß ihn das Wasser öfters ganz durchdringt. Des Abends in der Dämmerung füllt man sie mit weichem Wasser, das man vorher hat kochen lassen, an, und des Morgens vor Sonnenaufgang gehen die Eismacher hinaus, leeren die dünnen überfrornen Pfannen in Körbe aus, in denen das Eis fitzen bleibt, welches sie alsdann »ach einer Grube bringen, die man gemeiniglich an einem trockenen, etwas erhabnen Ort angelegt hat. Solche Gruben macht man gewöhnlich 14 bis 15 Fuß tief, und futtert sie mit Stroh und einer Art grober wollener Decken aus. Das hinein gesammelte Blätter-Eis wird hierauf mit Handrammen zusammen gestoßen, und formirt auf diese Art sehr bald ein einziges solides Stück. Die Öffnung der Grube wird alsdann mit Stroh und Decken sorgfältig verwahrt, und oben drüber ein Strohdach aufgerichtet, und so hält es sich, wie bei uns, zu beliebigem Gebrauch den Sommer durch. Nicht jede Witterung im December, Jänner und Februar ist diesem Verfahren gleich günstig. Sir Robert hat bemerkt, daß oft in Nächten, die aus dem Gefühl zu urtheilen, die rauhsten und kältesten waren, kein Eis erzeugt wurde, hingegen war in den stillen und heiteren, die man für gelinder hielr, oft das Wasser bis auf den Boden der Gefäße gefroren. Veränderliches Wetter bei Wolken und Wind ist selten Vortheilhaft, heitere Stille aber, bei scharfer Luft und wenigem Thau nach Mitternacht, meistens. Es ist Schade, daß Sir Robert kein Thermometer bei den Pfannen aufgehangen hat, dadurch würde die Erklärung vielleicht sehr erleichtert worden sein. Jetzt muß man annehmen, daß doch die Temperatur der Luft wenigstens nah beim Gefrierpunkt gewesen sein muß, dadurch wird dem Wasser seine Wärme entzogen, aber wegen der lockern Substanz der Gefäße selbst, und der schwammichten Struktur des darunter gelegten Rohres nicht wieder von der Erde ersetzt, wie hingegen beim Wasser i» 291 den Lachen und Pfützen geschieht. Ferner befördert die Flachheit der Pfannen und ihre geringe Größe das Gefrieren, weil das Wasser nicht stark bewegt werden kann, und wenn es auch ein wenig bewegt wird, doch bald wieder zur Ruhe kommen muß. Auch scheinen die den Pfannen selbst wieder ähnlichen Gruben die schicklichste Form zu haben, um weder die Luft so sehr abzuhalten wie ein Keller, noch auch den Wind zu sehr zuzulassen, welches eine nachtheilige Bewegung des Wassers in manchen Fällen verursachen könnte. Endlich ist auch das Kochen des Wassers dem Gefrieren günstig. Fahrenheit hat schon bemerkt, daß, wenn Wasser sehr stille gehalten wird, so bleibt es bei einigen Graden unter dem Gefrierpunkt flüssig, friert aber hernach bei der geringsten Bewegung plötzlich; hingegen lehren die neuern Versuche des Herrn Black in Edinburg"), daß gekochtes Wasser, auch wenn es stille gehalten wird, gleich bei -s- 32 Fahrenheit friert. Vielleicht rührt dieses daher, daß das allmälige Wiedereindringen der Luft, von welcher das letztere durch das Kochen beraubt worden war, ihm die, wiewohl un- bemerkbare, aber bei einer so geringen Kälte zum Gefrieren nöthige Bewegung mittheilt, die in dem frischen Wasser nicht statt findet. So erfinderisch ist die Leckerhaftigkeit. Zur Auflösung einer Aufgabe, zu der den weichlichen Asiaten vielleicht kein Preis von einer Goldschaumünze gebracht haben würde, hat ihn die Hoffnung auf einen kühlen Leckerbissen gebracht. ^Anekdoten. lGötting. Laschenkalcnder vom Jahre 1778. S. 73. 74.) Bei den Admiralitätsämtern in Holland steht man eine Tafel, worauf der Preis eines jeden Gliedes, das ein Soldat Joseph Black, berühmter Chemiker; geb. 1728. gest. Ill 292 verliert, bestimmt ist. Für 2 Augen 1500 fl.; für 1 Auge 350 fl.; für 2 Arme 1500 fl.; für deu rechten 450 st.; für den Unken 350 fl.; für die 2 Hände 1200 fl.; für die rechte 300 fl.; für die linke 200 fl.; für beide Füße 400 fl.; für einen Fuß 350 fl. Ludwig der XIII.') mußte, auf Vorschrift seines Arztes Ba- vard, in einem Jahre 215 Purganzen und 212 Clystire nehmen, und 47 mal zur Ader lassen. Als in England im Jahre 1775 die Straußfedern allen andern Kopsputz der Dame» verdrängten, und Versammlungen von vier bis fünfhundert derselben einer Saat nicht unähnlich sahen, mit welcher der West an einem Sommerabend spielt: erschien einmal auf einer Masquerade ein niedlicher Vogelstrauß. Er schien um den Verlust seiner Federn äußerst bekümmert, und lief von einem befiederten Damenkopf nach dem andern, und forderte sie mit sanftem Necken wieder. Hingegen hatte er über den Theil seines Leibes, dem man die Federn geraubt hatte, vielleicht aus einer diesem Thier eignen Schaamhaftigkeit, oder auch aus einer kleinen Rache, ein modernes Kopfzeug von 1774 gestürzt. Zu Zeiten Heinrich des Vlll. erging eine Verordnung an die königl. Bedienten, worin ihnen ernstlich befohlen wird, aus den Häusern, wohin der König besuchen ging, keine Schlüssel, Messer, Löffel und dergl. mitzunehmen. Als man dem bekannten Omai einen Garten in England zeigte, blieb er bei einer mediceischen Venus in Lebensgröße in Gedanken stehen. Und da man ihn um die Ursache fragte, sagte er: es wundert mich, daß man in einem Lande, wo das Frauenzimmer nicht nackend geht, doch nackende Bildsäulen von ihnen aufstellt. Die Sachsen zu den Zeiten der Heptarchie") schalten die unter ihnen wohnenden Dänen üppig, weil sie sich täglich kämmten, wöchentlich badeten, und ihre Kleider nicht so lange tru- ') geb. 1601. gest. 1643. König seit 1610. ") Die sieben s. g. Königreiche der Angelsachsen, die nach der Mitte des 5ten Jahrhunderts entstanden, wurden unter Egbert dem Großen, König von Messer, 828, zu einem Reiche vereinigt. 293 gen, bis sie ibiicn vom Leibe faulten: auch nennen die alten schwedischen Schriftsteller diejenigen ihrer Landsleute üppig, die Brat aus reinem Korn aßen, und ihr Mahl nicht mit gemahlener Baumrinde vermischten. In Hannover bewahrt man auf der königl. Bibliothek nach einige der ersten politischen Zeitungsblättcr, die in Frankreich im Jahre 1631 herausgekommen. In einem derselben wird von einem Ort berichtet, dessen Namen uns entfallen ist, man habe eine solche Hitze gehabt, daß die Kanonen auf den Wallen von selbst losgegangen seien'). Dieser Fehler, in den die ersten Zeilungen verfielen, scheint nun das ganze Geschlecht derselben angesteckt zu haben. 7§8ürkung der Musik auf einige Thiere. (Götling. Taschenkalendcr vom Jahre 1778. S. 82 . 83.) Hr. Vigneul Marville "> ließ an einem Ort, wo sich allerlei Thiere beisammen befanden, auf einer Trompete zum Fen- ') Diese »Gazette« in 4to befindet sich noch gegenwärtig auf gedachter konigl. Bibliothek. Es beißt darin: "du tl-unp de- rt Alagdebourg du 20 du mois de Ala/ 1631." bei Gelegenheit der Erstürikyiiig der Festung durch Tilly: "I.n clwleur "do cette sournee aidoit » eustiuniner I'air do teil«; Sorte «>ue "los Canons se decliorgerent lvus d'eux mesmes vt ssns «zu' "aueun mist lo leu." ") ^lel-mgos ddiistoiro et de I,i'ternturo par Vigneul Zlar- rille; Ilouen 1609 — 1701. 3 Voll. in 12. Neue Ausgabe durch den ^hhe llanier. I'aris 1725. Wieder gedruckt unter dem Titel: Vigneul-^larrillian-i, als tom. 5 und 6. einer Sammlung ^na, 1789. 10 Voll. 8. Von>'oeI söonavon- iur-,), geb. 1634 zu Paris; starb 1704 als Cartheuser zu Grillen in der Normandie. 294 ster hinaus blasen, um zu sehen, was diese Musik für einen Eindruck auf sie machen würde. Was er bemerkt hat, ist Folgendes: Die Katze bekümmerte sich gar nicht darum. Der Hund setzte sich nieder, sah herauf, und war eine ganze Stunde aufmerksam. Ein Pferd, das unter dem Fenster fraß, rupfte sein Heu fort, und sah nur allemal ein wenig herauf, wenn es das Maul eben voll genommen hatte. Der Esel fraß seine Disteln fort, ohne sich auch nur ein cinzigesmal umzusehen. Die vorbeigehenden Kühe blieben ein wenig stehen, und sahen herauf, gingen aber bald weiter, als wenn sie nunmehr wüßten, was es wäre. Einige Bögel in Käfigen sangen sich fast zu Tode. Der Hahn dachte nur an seine Hühner und die Hühner nur an's Scharren. ^ Vergleichnng der St. Peters-Kirche in Rom mit der St. Pauls-Kirche in London, und beider mit dem Weltgebände. (Götting. Taschenkalender vom Jahre 1778. S. 85—89). Englische Fuße. Längen und Breiten. ^St. Peters- ^ Kirche. St. Pauls- Kirche. Ganze Länge der Kirche und Vorlaube ! 729 500 Länge des Kreuzes. j 510 250 Breite der Fronte mit den Thürmen. 364 180 Breite derselben ohne die Thürme. . 318 110 Breite der Kirche und drei Schiffe i 255 130 Längen und Breiten. Länge der Vorlaube inwendig . . . Breite derselben. Länge der Gallerie bei den obern Staffeln. . . Breite des Schiffs bei der Thüre . . Breite desselb. bei dem dritten Pfeiler und der Tribüne ...... Breite der Nebengänge . . . . . Weite zwischen den Pfeilern des Schiffs Äußerer Durchmesser der Kuppel . . Innerer Durchmesser derselben . . . Von der Thüre bis an die Kuppel . Von der Kuppel bis an's Ende der „ Tribüne. Äußerer Durchmesser der Laterne . . Höhen. Bon der Erde bis an die Spitze des Kreuzes. Die Thürme, wie sie bei St. Peters waren und bei St. Pauls sind . . Bis an den Gipfel der höchsten Statue an der Fronte. Die ersten Säulen korinthischer Ordnung . . . .. Ihr Fuß und Stuhl. Ihr Capital. Architrab, Frieß und Karnies . . . Die römischen Säulen an der St. Pauls und toskanischen an der Peterskirche . Die Verzierungen derselben oben und unten. Der Fronton, mit seinem Sims, hoch Englische Fuße. St. Peters- St. Pauls- Kirche. Kirche. 218 50 40 20 29l 100 67 40 73 40 29 17 44 25 189 145 138 100 313 190 167 170 36 18 4374 340 2894 222 175 135 74 33 19 13 10 5 19 10 ! 254 25 144 16 19' 10 296 Englische Fuße. Höhen. St. Peters- St. Pauls- Kirche. Kirche. Der Fronton, mit seinem Sims, breit Basis der Kuppel bis an die Säulen- S2 74 stühle. 36^ 38 Säulen der Kuppel. 32 28 Ihr Fuß und Säulenstuhl .... 4 5 Ihr Capitäl, Archnrab, Frieß u. Karnies Vom Kranz bis an die äußere Krüm- 12 12 mung der Kuppel. Die Laterne von der Kuppel bis an 25z 40 den Knopf. 63 50 Durchmesser des Knopfs. Das Kreuz mit seinen untern Berzie- 9 6 rungen . Stalüen in der Fronte mit ihrem Fuß- 14 6 gestell . 2sz 15 Die äußere Krümmung der Kuppel . 89 50 Höhe der Bilderblindcn an der Fronte 20 14 Breite. 9 5 Erste Fenster in derselben .... 20 13 Breite........... 10 7 Dieses sind die Ausmessungen zweier der herrlichsten Tempel, die das Geschöpf in den neuern Zeiten dem Schöpfer geheiligt hat. Wir wollen nun einmal, der Vergleichung wegen, einen flüchtigen Blick auf den großen Tempel des Allmächtigen werfen, oder eigentlich zu reden, auf den kleinen Winkel einer seiner unermeßlichen Hallen, den unser blödes Auge überschauen und unsere schwache Vernunft überdenken kann. Schon in einer Höhe von 30 Meilen würde St. Peters Tempel dem Auge als ein Punkt erscheinen; und in einer von 800 würden Rom und London mit allen seinen Herrlichkeiten nicht mehr zu sehen sein. So würde unsere Erde als ein kaum merklicher Punkt erscheinen, wenn wir sie aus der Sonne sähen, und aus einem Planeten des Sirius gesehen, würde auch dieser 297 wohlthätige Feuerball, in welchem selbst die Bah» des Mondes versteckt liegen könnte, und der 16 Planeten, so viel wir wissen, und vielleicht taufenden von Kometen, Licht und Leben gibt, in einen Funken zusammen schwinden, den man mit einer Sternschnuppe verwechselt. Laßt uns nun einmal den Weg betrachten, den wir in Gedanken zurückgelegt haben. Bon unserer Sonne zum Sirius. Eine Entfernung, unter deren Vorstellung menschliche Einbildungskraft erliegt. Das Licht selbst würde sie kaum in 6 Jahren durchlaufen, und eine Kanonenkugel mit ihrer größten und immer gleichen Geschwindigkeit, würde eben so viel Millionen darüber zubringen. Allein, in Vergleichung mit dem Ganzen, wo wären wir alsdann? Bor wie nach, an dem Gestade eines unermeßlichen Oceans, beschäftigt einen Tropfen zu messen. Mit diesem Maasstab in Gedanken gehe nun hin und betrachte den Himmel in einer heitern Winternacht, erst mit ungewaffnetem Auge, dann gehe zu Vergrößerungen fort, und du wirst finden, daß dir die hundertste auch wieder einen hundertsten Himmel ausschließt. Mit diesem Maasstab in Gedanken sehe zur Milchstraße hinauf, oder wie, unsern fetzigen Kenntnissen angemessener, der erhabncste Dichter der neuern Zeit, Milton, sie nennt, den Weg mit Sternen deputiert'), wo der Mond dem gewaffneten Auge mehr Sterne bedeckt, als der vereinte Fleiß aller Astronomen bis jetzt verzeichnet hat — betrachte dieses, und denke dann: Dieses ist ein kleiner Winkel einer der unermeßlichen Hallen des Tempels des Allmächtigen, eben so unbegreiflich in dem Bau seines Tempels, als in dem Bau der Mücke, die in einer Thräne ertrinkt. ') — In litt; xnlaxg', tlnit mill-v rvi>>- »kiicli nigsttlv, as a rirclinj- rono, lliou seost /'owlsci''ck rvilst ülars. Hlillon's purailiso I.ost. VII, 579 s>f. 298 ^Die Glocken. (Götting. Taschenkalender vom Jahre 1782. S. 26—39 ind.) Diese nützlichen Instrumente, die die Stunden des Tages und der Nacht einer ganzen Stadt auf einmal erzählen, vermittelst welcher man mit einer Stadt auf einmal sprechen, und selbst schon entlegenen Orten seine Gedanken und Wünsche in Nothfällen so bequem zu verstehen geben kann, find schon sehr lange erfunden, und ihr Gebrauch bald kirchlich, bald politisch, bald kriegerisch gewesen. Es ist aber sowohl die eigentliche Zeit der Erfindung der Glocken, als ihr Gebrauch bei den Christen, das Volk dadurch zum Gottesdienst einzuladen, schwer mit Genauigkeit auszumachen. Daß man im alten Testament nichts davon gewußt, ist wohl ausgemacht; denn was da von Glöck- chen vorkommt, ist, wie die Granatäpfel in den Säulen der Halle bei Salomons Tempel, wohl bloß von Schellen zu verstehen, welche wir, die wir aufgeklärtere Begriffe von Gott sowohl, als dessen Dienst, und dabei feinere Ohren haben, jetzt nur noch an „die Kinderrasseln und die Schlittenpferdc n. s. w. anknüpfen. Überhaupt wird man finden, jemehr ein Volk Vergnügen an Schellen oder auch Glöckchen findet, die ohne Ordnung durch einander klingen, desto roher, kindischer oder barbarischer ist es. Die Thürme der Chineser klimpern den ganzen Tag so, wie der Chineser in Künsten und Wissenschaften klimpert. Die unzähligen elenden Glockenspiele der Holländer scheinen, selbst das auf dem Amsterdamer Stadthaus nicht ausgenommen, bloß für Schiffer, Matrosen und Krämer bestimmt, und sind wirklich für die Ohren eines Mannes von Geschmack und Gefühl, was die dortigen Canäle des Sommers für dessen Nase sind. In den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt konnten sich die Christen solcher Zeichen nicht bedienen, auch wenn die Instrumente selbst schon da gewesen wären, sie mußten sich heimlich, ja öfters unter der Erde, versammeln, um verborgen zu bleiben, daher man ste auch Lichtscheue nannte. Im vierten Jahrhunderte bekamen sie völlige Freiheit unter Con- stantin dem Großen, und da findet man Spuren von öffentlichen Signalen zur Versammlungszeit, ob es aber Glocken waren, weiß man nicht; man weiß vielmehr, daß selbst im siebenten Jahrhunderte sich die christlichen Mönche dazu noch der Trompeten bedient, oder wohl gar, wie noch jetzt an manchen Orten die Katholiken zu gewissen Zeilen thun, einer hölzernen Tafel, an die man schlug. Dieses versteht sich aber nur von öffentlichen Signalen, denn daß man sich der Glocken in Klöstern schon im sechsten Jahrhundert zum Privatgebrauch im Kleinen bedient habe, ist wohl gewiß. Bald darauf dehnte man ihren Gebrauch auf Gemeinden aus, sie wurden immer freier und höher aufgehängt, erst auf die Kirchenbücher, und dann auf die Thürme, und im achten Jahrhundert war ihr Gebrauch überhaupt schon sehr allgemein. Von den großen Glocken aus Erz ist ohne Zweifel Italien, und zwar das sogenannte Campanien, die Erfinderin, so wie das Morgenland zuerst die Schellen und Handglöckchen hatte. Ich sage von den Glocken aus Erz, denn man brannte ste zuweilen an andern Orten aus Thon mit hölzernen Klöppeln, ja verfertigte sie sogar aus Holz. Eine solche soll noch jetzt in der Stiftskirche S. Blasn zu Braunschweig unter den Alterthümern aufbewahrt werden, die man die Charfreitagsglocke nennt. Die große Göltingische Glocke, von der einige Leute glauben, sie sei von Holz, ist es eigentlich nicht, sondern sie klingt nur so'). In Campanien selbst wird die Ehre der Erfindung der Stadt Nola, die. jetzt fast wüste ist, zugeschrieben. Das Erz dieser Provinz war seit jeher so berühmt, als seine röthliche Erde, und die kamziana supsllox (campanisches Geschirr) war selbst in den geschmackvollesten Zeiten Roms geschätzt. Das schönklingende Erz, das ihnen die Natur reichlich darbot, brachte sie vermuth- ') Ihr Taufname war, nach der heil. Jungfrau, Maria; später der s. g. Brummer; war seit langer Zeit gesprungen. Gegossen 1348, wurde sie 1827 umgegossen. 300 lich auf den Gedanken, die morgenländischen Handglöckchen erst nachzumachen und dann zu vergrößern, und so wurde Nola bald ein Markt für Glocken, daher heißen sie im Lateinischen nicht allein camp-mao, sondern auch uolae, und behielten hernach, wie wir auch an den Namen vieler Zeuge und unzähligen andern Erfindungen sehen, jene Namen bei, als sie anderwärts verfertigt wurden. Unser deutsches Wort Glocke, das franz. cloolio, engl. cloclc, angelsächs. Olugzs, das Oloccus, tstoccs, Ologga im mittlern Latein, das dänische Klokke, schwed. Istlooba, stammt wohl nach Wachters Bemerkung von dem veralteten klochen, klocken her, wofür man jetzt klopfen sagt, und gehört zu dem Geschlechte der Wörter locken, Glucke u. s. w. Die Materie, woraus sie gemeiniglich im Großen verfertigt werden, ist Kupfer und Zinn, und hält man 5 Theile Kupfer gegen 1 Theil Zinn für eine sehr gute Mischung; Andere nehmen statt des Zinns allein halb Zinn halb Messing, oder, in ganze» Zahlen, 1 Theil Zinn, ein Theil Messing und 10 Theile Kupfer. Man hat zuweilen auch Silber hinzugethan, und andächtige Fürstinnen sollen ehemals oft ihr theures Silbergeräthe mit ungewöhnlicher Selbstverläugnung in Schürzen nach dem Schmelzofen getragen haben, Centnerweiß gewiß nicht, und Centnerweiß hätte es doch geschehen müssen, wenn die Ohren der Gemeinde den Vortheil davon hätten verspüren sollen. So wie sie es anfingen, da sie es nur bei Pfunden höchstens zuwerfe» konnten, ist es weggeschmissen und auf immer verloren; man kört es so wenig, als man es sieht, und es wieder von dem Übrigen zu scheide», müßte man oft noch 3 mal mehr wegschmeißen, als das ganze Silber werth ist. Glocken ganz aus Silber würden freilich besser klingen, auch wäre das Silber nicht weggeworfen, es wäre nun die Schatzkammer auf den Stadtthurm verlegt, und der Fürst hätte das Vergnügen bei dem Geläute noch an Allerlei zu denken, das die Musik erhöbe; allein so etwas wäre deßwegen nicht anzurathen, weil sie zu Kriegszeiten leicht das Schicksal erfahren mögtcn, was ihre Nebcn-Ge- schöpfe, die silbernen Apostel, so oft betroffen hat. Auch soll durch eine schickliche Verbindung der zu mischenden Metalle überhaupt und hauptsächlich durch Verbindung des Mißmuths mit dem Zinn ein Klang erhalten werden können, der dem vom Silber gar nichts nachgibt. Ehe wir zur Geschichte einiger merkwürdigen Glocken übergeben, so können wir nicht umhin, einige allgemeine Betrachtungen über dieselben anzustellen, die unsern Lesern nicht unange. nehm sein werden. Denn der menschliche Verstand hat theils bei diesen so theuern, so nützlichen und so gemeinen Instrumenten, theils noch nicht Alles geleistet, was er dabei durch Anstrengung leisten könnte, theils zuweilen wirklich geschlafen, theils über alle Grenzen ausgeschweift. Es ist nämlich noch nicht ausgemacht, ob die gegenwärtige, allerdings sehr schöne Form der Glocken, die bequemste, wohlfeilste und zweckmäßigste sei, und ob Nicht unter vielen Umständen bloße Platten, wie z. E. die silbernen Medaillen im Kleinen, oder halbe hohle Cylinder oder muldenförmige Stücke mir den coneavcn oder eonvcrcn Seiten gegen einander über gehangen, eben das leisten könnten, entweder wohlfeiler ober bequemer? Geschlafen hat der menschliche Verstaub gewiß, als er auf die gewöhnliche Art die Glocken zu läuten verfiel, oder doch auf die großen ungeheuern Lasten anwendete, was bei den kleinern freilich anging. Man setzte nämlich oft einige hundert Cenrner Metall in Bewegung, um es an einen Klöppel anzuschlagen, dessen Größe dagegen nicht in Betracht kam. Man legte gewissermaßen das Eisen, das man schmieden wollte, auf den Hammer und schmiedete mit dem Ambos und Klotz, und dieses zwar zum größten Nachtheil des ganzen Kirchthurms, der davon selbst zu schwingen anfing, viel eher baufällig ward oder gar den Einsturz drohte. Nunmehr schmiedet man an vielen Orten mit dem Hammer, wodurch sehr viel erspart wird. Ausgeschweift, und zwar über alle Gränzen, hat er, als man anfing, diese Lasten Metall, als Nebengeschöpfe und Chri- stenkindek anzusehen und einzuweihen, ja selbst zu taufen und mit christl. Namen zu belegen. Und dieses soll noch jetzt zuweilen in Ländern geschehen, wo man zu ewigem Gefängniß, ja selbst zum Tode verurtheilt werden könnte, wenn man sich einfallen ließe, einer Baßgeige, die weit anmuthiger klingt und überhaupt menschlicher aussieht, etwa, weil sie bei Kirchenmusiken sollte gebraucht werden, gleiche Ehre wiederfahren zu lassen. 302 Die Gebräuche, die bei einer solchen Taufe beobachtet wur- 1 den, waren folgende: Ehe die Glocke aufgehängt wurde, zündete ^ man 1) eine Menge Lichter um dieselbe an, und der Bischof, ! der den Actus verrichten sollte, ging um sie herum. 2) Betete § der Bischof einige Psalmen für sich und wusch die Glocke inwendig und auswendig im Namen des dreieinigcn Gottes mit Salzwasser. 3) Salbte er sie mit heiligem Öl und machte einige Kreuze darauf. 4) Betete er wieder, und zwar, daß Gott der Glocke die Kraft geben möge, mit ihrem Klang die Herzen der Menschen zu erwecken, und Donner, Hagel, Wind und Wetter zu vertreiben; wobei alle Anwesenden niedcrknieten. 5) Fragte er nach dem Namen der Glocke, und nachdem er die i Ölkreuze mit einem leinenen Tuch abgewischt, malte er sieben andere mit dem Chrisma darauf, inwendig aber nur eins, wobei er wieder betete. 6) Wnrde die Glocke beräuchert und eingesegnet , und endlich wurde ihr 7) ein reines weißes Hemd angezogen und so im bloßen Hemd endlich an den Ort ihrer Bestimmung gezogen. Hierauf wurde herrlich geschmaußt, und sich über die Wiedergeburt der Glocke gefreut. Die Namen waren 1 bald männliche, bald weibliche, meistens aber von Heiligen. > Der Gevattern waren gemeiniglich sehr viele, zuweilen auf 300, s und weil diese die Glocke während der Taufhandlung unmöglich « alle berühren konnten, so faßten sie ein Seil an, das an die- i selbe gebunden war, und standen da, als wenn sie sich wollten < elektrisiren lassen, und etwas Ähnliches geschah auch wirklich. ' Denn die Gevattern mußten derb bezahlen, und nicht allein den Bischof oder den Suffraganeus, der die Taufe verrichtet hatte, reichlich beschenken, sondern auch die Glocke, vermuthlich, damit sich dieselbe dem Bischof und Suffraganeus auch von ihrer Seite, wenn sie älter wurde, erkenntlich beweisen konnte. Bei dieser Gelegenheit schrieb man auch Gevatternbriefe, und eine Stadt schrieb z. B. an die Bürgermeister der andern und lud sie zu > wohlthätigen Zeugen einer so wichtigen Handlung ein. ! Für die größte Glocke in Deutschland wird die auf dem ! St. Stephans Thurm zu Wien gehalten, die der Kaiser Joseph I. 1711 von dem Stückgießer Aichamer, aus allerlei von den Türken eroberten Kanonen gießen ließ. Sie ist über 10 Fuß hoch und hat unten 32 Schuh und 2 Zoll im Umkreis, wiegt ohne Klöppel 354 Centner, mit dem Klöppel aber, der 114 Schuh lang ist, 367 Centner und 28 Pfund. Der Helm, an'welchem sie hängt, wiegt 64 und das Eisenwerk, womit sie befestigt ist, 82 Ceniner, Alles zusammen 513 Centner 28 Pfund. Für die zweite im Rang wird die Berliner auf der königlichen Schloß- und Domkirche gehalten. Die dritte ist die Erfurtische, die 276 Centner wiegen und unten 14^/g Ellen im Umfange haben soll: dann kommt die Breßlauische von 224, und die auf dem Münster zu Straßburg von 204 Centnern. Mit Nachrichten von auswärtigen Glocken wollen wir unsere Leser nicht aufhalten, da die von einheimischen selbst schon nicht sehr erbaulich sind. Doch können wir hierbei nicht umhin, Etwas von der zu Moskau zu sagen, deren Herr Berkenmcyer in seinem Antiguarius Erwähnung thut. Nach diesem Schriftsteller wiegt dieselbe nicht weniger als 3 Millionen und 940,000 Pfund. Wenn hier kein Mißverständniß im Gewicht ist, so müßte man hundert und eilf Wiener Glocken, und darüber, zusammenschmelzen, um Eine Moskowitische daraus zu machen. Es ist aber sehr wahrscheinlich, daß, so wie wir oben bei der Wiener Glocke, das Joch und Eisenwerk endlich mit gerechnet haben, Hr. Berkenmeyer noch überdieß auch einen Theil des Thurms selbst, auf welchem sie hängt, dazu genommen habe. Mehr Glauben verdient Tanner, gewesener Kümmerer bei einem polnischen Gesandten. Dieser schreibt in seinem Buch Iwzslio kolono-I-itliusniea in Noscoviain. Nürnberg 1689. 4to, Cap. 13, S. 61, daß er diese Glocke selbst gemessen und gefunden habe, ihr Umfang unten betrage 28 Ellen, und, daß 2 Männer den Klöppel unten kaum umfassen könnten. Wäre also diese Glocke der Wienerschen völlig ähnlich und die bei beiden gebrauchten Maaße dieselben, auch das Metall einerlei, so möge sie ohngefähr 189,700 Pfund und Hr. Berkenmeyer bleibe, seiner Lüge wegen, in einem kleinen Rest von 3 Millionen siebenhundert und fünfzig tausend und dreihundert Pfund Metall. Die Aufschriften auf den Glocken sind oft seltsam. Viele haben folgende, oder doch welche, die ohngefähr eben das sagen: ^ivos vooo, moituos plsngo, sulzura Irsngo d. i. Die Leb en- 304 zerstreue ich. Das Letztere könnte füglich und mir niedrerem Rechte heißen: Die Blitze locke ich. Daher vermuthlich ha. den einige mehr philosophische Glockengießer gesetzt: tonst, us trsngo; den Donner breche ich, nämlich, wenn man nahe bei der Glocke steht, wenn sie geläutet wird, so mögie man den Donner wohl nicht hören können. Noch ist eine Aufschrift auf der Sturmglocke Roland zu Gent, welche 11,000 Pfund wiegt, merkwürdig. Roland! Roland! as ick klappe, denn is Brand, As ick lüe (läute), denn is Orlog (Krieg) in Fland erlaub. ^ Gevatternbrief. Em Beitrag zum vorhergehenden Artikel. (Von den Glocken). (Götting. Tasche,ikalcnder vorn Jahre 17d2. S. 40. 41). Im Jahr 1516 wurde der Rath zu Tcnnstedt in Thüringen von dein Adel und den Kirchenvorstehern von klein Baigel zur Glockentaufe zu Gevattern gebeten, der Brief, worin dieses geschah, steht in Olo-riii s)-ntagmato rorum Urnringi- esrum 4to 1704. S. 364 und lautet folgendergcstalt: Unsere freundliche Dienste zuvor, Ehrsame, Weise Herrn, Wir seynd willens, wils Gott, unsere Glocken auf den Sonntag Ifxsltationis s. tnncis nechstkommciide, nach Ordnung der heiligen christlichen Kirchen zu weihen und reichen lassen: Ist unsrer gütliche Bitte, wollen auf vermeldte Zeit üm Gottes Willen bei uns sampt andern unsern guten 305 Freunden erscheinen und Großpate mit sein. Wollet das Lohn von dem Allmächtigen Gölte, und dem Patron«, 8. 8ixto und der heil. Jungfrawen S. Julianen nehmen. So wollen wirs willig gerne verdienen. Datum Sonntag nach Lgickj anno 1516. Curt und Clauß Bitzthum von Eckstedt sampt den Altar Leuten. Denen Ehrsamen. Weisen Bürgermeistern zu Tennstett, unsern besonders günstigen Förderern. Hierauf setzt der Verfasser noch binzu: Es mußten aber die Gevattern neben einander an den Strick greifen, der an die Glocke gebunden war. und gehörte hierzu ein stattliches Patengeld und Ausrichtung eines großen Wollebens, daß manchmal in kleinen Dörfern die Glockentnufe wohl in die 100 Gülden kostete. iSonderbare Art wilde Ente» zu fangen. sGötting. Taschenkalender vom Jahre 1782. S. 103. 104). Nachstehende Art Enten zu fangen, wurde vor einiger Zeit >n einem französischen Kalender bekannt gemacht, der Herausgeber wurde deßwegen als ein leichtgläubiger getadelt und bekannte auch seine Leichtgläubigkeit. Indessen stand ein Naturkündiger, der den Fang aus Hrn Condamine's') Munde gelernt hatte. ') Charles Marie de la Condamine, berühmter Naturforscher und Reisender. Geb. zu Paris 1710. Gest. daselbst 1774. VI. 20 306 auf, und rettete ihn wieder. Die Sache ist auch außer allem Zweifel und der Gebrauch sowohl in Ost- als Westindien ganz gemein. Erzählungen davon stehen schon selbst in den ältesten Reisebeschreibungen. Der Jäger schneidet einen Kürbis so aus, daß er ihm auf den Kopf paßt und er durchsehen kann; schwimmt, oder, wo es angeht, noch besser, wadet nach den Enten zu. Die Enten, die glauben, es käme ein Kürbis an, hallen fich ganz stille. Auf diese Weise kann der Jäger, selbst mitten unter sie kommen, und sie nicht allein bei den Beinen herunter ziehen und ihnen den Hals abdrehen, sondern sie sogar befühlen und nur die fettesten wählen. Wenn doch die Enten das Innere manches Menschenkopfs sehen könnten, wie Mancher könnte ohne diese Decke gegen sie schwimmen, und sie unbemerkt befühlen. i Künsteleien der Menschen an Bildung ihres Körpers. (Götting. Taschenkalender 1778. S. 59 f.) Die mannichfaltigen Künsteleien der Menschen an Bildung ihres Körpers sind ohne Widerrede eine der interessantesten Spe- culationen in der Anthropologie. Sie geben für das Relative im Begriff von Schönheit, und für die allgemeine Unzufriedenheit der Menschen mit dem, was sie aus der Hand der Natur erhalten haben, gleich starke Beweise ab. Wir kennen kein Volk des Erdbodens, sei's noch so roh, sei's noch so cultivirt, das nicht dergleichen Verschönerungen sollte ersonnen oder von andern angenommen haben: und wir wissen uns von der andern Seite weniger Theile des menschlichen Körpers zu entsinnen, an welchen nicht der Geschmack dieser oder jener Nationen irgend eine Verbesserung anzubringen getrachtet hätte. Vielleicht, daß manche Versuche der Arr, anfänglich bloß dienten, um körperliche Fehler zu decken, und unter der Hand so weit zu gefallen ansingen, daß man sie auch ohne diese Fehler in Gang brachte. So wie die Polackcn zuerst Puder in die Haar- warfen, um ihre Weichselzopfe zu bergen, und man anfangs bloß Muschcn brauchte, um Flecken der Haut zu verstecken: bis endlich Puder und Muschen auch ohne Weichselzöpfe und Muttermale zu den zwei wesentlichsten Tvileltensiücken erhuben wurden. Die Künsteleien dieser Art betreffen entweder die bloße Farbe deS Körpers, oder auch die wirkliche Bildung desselben, und wir werden aus beiden Classen die frappantesten Beispiele anzuführen suchen. Die bloße Schminke scheint eins der natürlichsten und unschuldigsten Verschönerungsmittel zu sein, dessen Gebrauch durch sein hohes Alterthum sowohl, als durch seine Allgemeinheit gerechtfertigt wird. Über die Erfindung der Schminke gibt die Geschichte nicht den geringsten Aufschluß; doch dürfte man aus der Homonymie ihrer Benennung im Lateinischen und Hebräischen') ein Argument für ibren phönicische» Ursprung ziehen. Vermuthlich hat ebenfalls Noth oder Zufall mehr Antheil an ibrem ersten Gebrauch, als Nachsinnen und Erfindungskraft. Vielleicht, daß ein Mädchen nach einer Unpäßlichkeit ihre vorigen Reize bald wieder dadurch herzustellen suchte — oder ein anderes den Reiz ihrer Wangen durch Schaamröthe erhöht sah, und sie daher durch Schminke beständiger zu machen suchte — oder ein drittes sehr mal L propos erröibete, und um dieser Unannehmlichkeit für künftig auszuweichen, lieber ihr Gesicht mit ewiger Räthe bezog — oder ein viertes, durch den Gebrauch der Schminke jene Züge unleserlicher zu machen bossle, welche die Zeit in gewissen Jahren auch auf die schönsten Wangen zu graben pflegt. Hoffentlich war doch unter allen möglichen Fällen der letzte am wenigsten Ursache, warum die allen Dichter ihre Beniis sich schminken lassen, ehe sie sie auf Jda zum Paris schicken. ') D/i>lc/e; chpxo?; ; -Vl^ii Miiiiini, ein Meerstrauch, der zum Purpurfarben, zur Schminke, gebraucht wurde. 20 ' 308 Noth und weiß ist nicht die Nniversaltinte aller Menschcn- haut, und es versteht sich daher von selbst, daß auch nicht alle Schminke aus diesen beiden Farben entlehnt sein kann. Der Südländer, der sich Ebenholz an die Stelle denkt, die unsere Dichter mit Rosen und Alabaster vergleichen, macht seine Schminke aus Ruß, so wie der kupferfarbene Amerikaner die seinige aus brauner Erde und Orlean. Eine Sammlung aller Schminke der verschiedenen Nationen würde eine Farbenpyramide abgeben können, und so vielfach ihre Nüancen sein würden, so mannich- saltig ist auch die Art ihres Gebrauchs. Man trägt nicht alle Schminke auf den Ort auf, wo sie wirken soll. Es gibt welche, die man wie jede Arznei einnehmen muß, wenn sie rothe Backen machen soll; und andere, die man in dergleichen Absicht nicht im Gesichte, sondern im Nacken einreibcn muß. Zunächst an die Schminke gränzt eine andere, aber minder natürliche Sitte vieler Volker, den Körper mit bunten abstechenden Farben, oder gar mit allerhand Figuren zu bemalen. Die alten Picken haben von dieser Gewohnheit ihren Namen erhalten, und noch jetzt malen sich die Einwohner von Capo verd himmelblau, so wie die Neuholländer die Schwärze ihres Körpers durch weiße Streifen, womit sie sich überall bezeichnen, zu erhöhen suchen. Diese Art von Malerei muß sowohl, als die Schminke, von Zeit zu Zeit erneuert werden, hat aber von der andern Seile den Vortheil, daß man sie auch verändern oder gar verwischen kann. Dieß Alles fällt bei einer andern, und ungleich allgemeinern Gewohnheit weg, die beinahe über die ganze Erde herrscht, die man unter dem Namen des Tatouirens kennt, und die darin besteht, daß man allerhand Figuren mit Nadelstichen, oder mittelst gespitzter Zähne, in die Haut zeichnet, und erst alsdann Farbe in diese kleinen Wunden reibt. In Asien, in America, und in den neuerlich entdeckten Südländern ist diese Sitte fast durchgehends gebräuchlich. Bei den Aleuten auf den Inseln des nordischen Archipelagus, nennt man es ausnähen, weil wirklich ein mit Kienruß beschmierter Faden, unter der Oberhaut durchgezogen wird. Hr. Niebnhr hat uns die Zeichnung von einem artigen arabischen Mädchen gegeben, die ihr Gesicht eben so wohl durch eingekratzte Striche zu verschönern glaubte, als 309 die häßlichen Bewohner des nordöstlichen Asiens die Tschukischen oder als die Tungusen. In America herrscht das Takouiren von Norden bis Süden fast durchgängig, die Damen unter den Esquimaur Punctiren sich die Lippen, und Parkinson hat Bildnisse der Feuerländec geliefert, wo beide Geschlechter vielfache Striche auf der Stirn, Backen und über der Nase hatten. Wie weil man diese Kunst bei den Utaheiten und Neuseeländern gebracht habe, bedarf jetzt keine Erwähnung, da Bougainville und Parkinson so gut als irgend ein Taschenkalender Toilettenlecture geworden find. Die vornehmen Tatarinnen färben sich die Nägel mit einer Salbe, wozu uns Hr. Pallas') das Recept aufbehalten hat. Sie nehmen die gemeine Gartenbalsamine, trocknen und pulvern sie, und setzen sie mit Alaun an, beim Gebrauch wird sie mit frifchem Gänsekoth vermischt, und so eine Nacht über auf die Nägel gebunden. Wir gehen zu den Proceduren über, wo man ganze Theile vom Körper abgesondert hat. Ein Beispiel der Art ward zuerst von Gott zum Zeichen seines Bundes mit Abraham bestimmt") und hat in heißen Himmelsstrichen, einen ungezweifelten Physischen Nutzen. Schon die ältesten.Ägyptier, Colcher und Äthiopier haben die gleiche Sitte anostnommen, und man hat sie neuerlich auch bei den Utaheiten vorgefunden, so wie in vielen Gegenden von Asien und Africa die gleiche Operation mit ähnlichen Theilen am andern Geschlechte, und ebenfalls aus physischen Absichten vorgenommen wird. Aus einem unglücklichen Vorurtheil für die Arbeitsamkeit und Fertigkeit im Laufen, berauben die Hottentotten ihre Knäb- chm eines andern Theils ihres Körpers"'). Doch scheint die mindere Fruchtbarkeit, die man bei diesem Volke wahrgenommen ') Peter Simon Pallas, kaiserl. ruß. Staatsrath; geb. zu Berlin 1741. gest. daselbst 1811. Lebte mehrere Jahre in Taurien. I. Buch Mosis, XVII. 10 — 12. Im Taschenkalender vom Jahre 1788 wird dieß S. 20!) unter den zu verbessernden gemeinen Irrthümern aufgeführt. 310 haben will, dcn Satz: daß die Hälfte weniger sei, als das Ganze, auch hier vollkommen zu rechtfertigen. In die Nachbarschaft dieser Gebräuche müssen wir auch das Rasiren und die gänzliche Vertilgung der Haare setzen. Die Bnratten dulden, so wie die Esqumraur, bloß ein kleines Stutzbärtchen am Kinn, und vertilgen hingegen alle übrigen Haare im Gesichte. Die Utaheiten leiden keine Haare unter den Achseln, und beschuldigten die Europäer, bei denen sie das Gegentheil fanden, mit Recht einer Malpropertö. Kopfhaar und Bart ausgenommen, rotten die Türken alle übrigen Haare am Körper völlig aus, sowie im Gegentheil die mehrsten Ame- ricaner kein Bartbaar dulden; eine Sitte, die zu der alten Sage Anlaß gegeben hat, daß die Bewohner der nenen Welt von Natur unbärkig wären. Wir wissen nun aber mit Gewißheit, daß viele Völker in America, und zwar aus den verschiedensten Zonen, ihren Bart allerdings wachsen lassen; und daß die übrigen den ihrigen durch Kunst und mittelst verschiedener Werkzeuge, die wir nun genau genug kennen, zu vertilgen wissen. Es bleiben uns noch diejenigen Gebräuche anzuzeigen übrig, wo man den Körper durch Umbildung und Zwang gewisser Theile zu verschönern glaubt; wohin z. B. das Pressen der Kin- dcrköpfe bei vielen Bölkcrn gehört, eine Sitte, Leren Hippokra- tcs schon von den ältesten Scythen erwähnt, und von der sich die Spuren in allen Wclttheilcn vorfinden lassen. Noch im vorigen Jahrhunderte drückte man in Deutschland die Mädchen- köpfe mit Gewalt in die Länge, damit ihnen die Fontangcn desto besser sitzen sollten. Die Nrakaner legen ihren Kindern schwere Bleiplatten auf die Scheitel, um sie niederzudrücken; und von den Künsteleien am gleichen Theile haben zwei ganze nordamrricanische Nationen dcn Namen Kugelköpfc z' 1 'öl 08 äo Houlv! und Plattköpfc ('I'öles plales) erhalten. Keine Nation scheint niit ihrer natürlichen Bildung unzufriedener, und sorgfältiger sie umzuschaffen, als die Ehinesen. Sie bilden ihre Köpfe nach einem, in unsern Augen, sehr unförmlichen Oval. Sie zerren die äußern Augenwinkel in die Höhe, dulden nur wenige Haare im Bart und auf dem Kopfe; ziehen die Nägel an ihren Händen, die auch ohne das Beschneiden schon durch - 311 den Gebrauch allmälig abgenutzt werden würden, sorgfältig hjS zur halben Länge der Finger, und ihre Damen quetschen sich die Füße so unförmlich klein, bis sie zum Gehen völlig unbrauchbar werden. Die Malabaren, die Bewohner der Molucken, und der Oster- insel auf dem stillen Meere, ziehen ihre Ohrläppchen bis auf die Schulter herab; und alte Völker mit gleicher Gewohnheit haben wohl zu dem alten Gerüchte von Menschen mit so ungeheuren Ohren, daß sie statt Mäntel dienen könnten, Anlaß gegeben. Das Abschneiden der NZgel gehört unstreitig auch hieher, auch unsere Ohrlöcher. Verschiedene Völker durchbohren sich die Scheidewand zwischen den Naselöchern, und hängen große Ringe hinein; und einige in der Südsee stecken zierlich gearbeitete Stücke Selenit, oder einen Knochen quer durch. Eine der merkwürdigsten Verschönerungen ist unter den Aleutcn im nordischen Archipelagus gebräuchlich. Sie stecken sich nämlich Wallroßzähne durch die Lippen und die Backen, um jenen Seeunge- beuern gleich zu scheinen. Auch Pater Sepp merkt an, daß die Einwohner von Paraguay sich kleine Knochen und Federn in die Backen steckten. Wir eröffneten den gegenwärtigen Artikel mit der Schminke, deren Gebrauch wir sehr natürlich fanden. Hoffentlich ließe sich das Gleiche wohl von den Schnürbrüsten behaupten, denen wenigstens die Ärzte der neuern Zeit sehr vieles ungegründet Nachteiliges aufzubürden gesucht haben. Auch das Alterthum scheint den künstlichen Mitteln, schlanke Taille zu bilden, das Wort zu reden. Es war dieß schon das Studium der alten griechischen Mütter, und bei aller der unbeschränkten Achtung, die wir gegen die Verdienste des Ritters Linns hegen, werden wir uns doch nie so weit vergessen können, daß wir unsere geschnürten Damen mit ihm für Mißgeburten halten, und den verstümmelten Hottentotten, deren wir oben Erwähnung thaten, zugesellen sollten. ^Englische Moden (Götting. Taschenkalender 1778. S. 66 ff.) Zu König Heinrich des II. ') -Zeit trugen die englischen Damen Mantel, die bis auf die Fersen reichten, und unter dem Kinn zugeknöpft wurden. Sie waren schmal, und hingen bloß am Rücken hinunter, ohne die Arme und den Wuchs zu bedecken. Unter König Edward dem III.") trugen die Mannspersonen kleine Hüte, die man unter dem Kinn band, wie das Frauenzimmer; und Schuhe mit fingerlangen aufwärts gekrümmten Schnauzen. Die Königin Anna"'), Gemahlin Richard des II.-f), dieselbe, die den Quersattel erfand, dessen sich jetzt die englischen Damm beim Ausreiten, und auf den Parforcejagden bedienen, bat den hohen Kopfputz aufgebracht. Zuweilen bestand er aus 2 Spitzen, gemeiniglich aber nur aus einer, wie ein Zuckerhut. Von der Spitze desselben flatterte eine Art Wimpel durch die Luft hin, die zuweilen die Erde berührt hätten, wenn man sie nicht aufgenommen und mit ihren Enden in den Gürtel gesteckt hätte. Unter Heinrich dem IV.-ff-) wurden einmal die Ermel so lang getragen, daß ein lustiger Dichter, Hocclive, sagt, sie leckten die Straßen trocken damit. Unter Heinrich dem V. -ff-f) wurde ein Befehl öffentlich be- ') Heinrich II. geb. 1133. gest. 1189. König von England seit 1154. ") Eduard III. geb. 1313. gest. 1377. Stifter des Hosenbandordens. '") Tochter Kaiser Carls IV. Königs von Böhmen. -f) Richard II. geb. 1366. gest. 1400. ermordet auf Befehl Heinrichs von Lancaster. -f-f) Heinrich IV. geb. 1866. gest. 1413. König seit 1399. -j-f-j-) Heinrich V. geb. 1388. gest. 1422. LÄL-SWMK 313 kannt gemacht, daß die stumpfen Schuhe der Mannspersonen bei den Zähen nie über 6 Zoll breit gemacht werden sollten. Unter Heinrich dem VIII. *) wurde eine Art höchst unbequemer ausgestopfter Westen Mode: denn, weil der König sehr dick und stark war, so wurde es bald für artig gehalten, sich ein ähnliches Ansehen zu geben. Zur Zeit der Königin Elisabeth") trug man eine Art Wamms, mit einem so ungeheuren, großen, wegstarrenden Kragen, daß man,, wenn sie bis oben hinauf zugeknüpft waren, die Umstehenden kaum sehen konnte. Freund, sagte daher einmal ein Geistlicher, dem sein Schneider eben einen solchen Wamms anprobirt hatte, greife in meine Tasche und befriedige dich selbst, denn wir werden einander wohl nie wieder sehen. Unter Jacob I."') trug man ein schwarzes Band im Ohr, das so lang war, daß Edward Hawley von einem Schotten, Namens Maxwell, als er an Hof kam, einmal daran hinausgezogen wurde, welches damals einen solchen Lärmen verursachte, daß sich die ganze Londonsche Noblesse des Schimpfs annahm, und Blutvergießen verursacht haben würde, wenn sich nicht der König ins Mittel geschlagen hätte. Unter eben dieser Regierung waren die Reifröcke schon sehr ausschweifend. Eines Tags verlangte die Sultanin die Gemahlin des damaligen englischen Gesandten zu Constantinopel, Sir Peter Wyche, zu sehen. Sie machte ihre Aufwartung mit allen ihren Damen in Rcifröcken. Die Sultanin erstaunte über die wegftehenden Hüften, und fragte, ob alle englische Damen so geformt wären. Es ist keine besondere Form, antwortete Lady Wyche, die englischen Damen find geformt wie andere Damen auch: allein die Sultanin konnte es nicht glauben, bis ihr Lady Wyche endlich den Betrug zeigte. Auch um diese Zeit wurden die weiten Pluderhosen so übertrieben weit gemacht, daß sie durch obrigkeitl. Befehl eingeschränkt werden mußten. Ein Mann, der wegen eines andern Verbrechens vor den Richter kam, hatte solche Hosen an, und ') Heinrich VIII. geb. 1491. gest. 1547. "> Elisabeth, geb. 1533. gest. 1603. Jacob I. geb. 1566. gest. 1625. K I V 1 314 erhielt deßwegen einen scharfen Verweis; er entschuldigte sich aber damit, daß er sie diesesmal nicht aus Eitelkeit ausgestopft hätte. Er wurde also visitirt, und man zog aus seinen Beinkleidern: 1) Ein Paar Bettlaken, 2) zwei Tischtücher, 3) zehn Servietten, 4) vier Hemden, 5) eine Kleiderbürste, 6) einen Spiegel, 7) einen Kamm, 8) einige Nachtmützen, und noch allerlei Hausratb, den er mit in die Nichterstube genommen hatte, weil er ihn zu Haus (im Gefängniß) nicht wohl per- schließen konnte. Zuweilen stopfte man diese Hosen gar mit Kleien aus. Einstmal zerriß sich ein junger Herr im Aufstehen die Beinkleider an einem Splitter des Stuhls, und die Kleie fing an aus- zulausen. Die gegenwärtigen Damen lachten sehr, aber heimlich: der junge Herr, der glaubte, es gälte seine Einfälle, lachte herzlich mit; aber je mehr er lachte, sagt der launigte Schriftsteller, der dieses erzählt, desto mehr Kleie gab die Mühle. Eine Art von ausgesteiftem Halsputz aus feinem gelbgefärbtem Musselin nahm unter Jacob dem Ersten so überhand, daß sich, wie ein Schriftsteller der damaligen Zeit sich hierüber ausdrückt, die ganze Nation damit lächerlich machte. Diese Mode nahm ein schleuniges und betrübtes Ende. Die Erfinderin, Madame Turner, die eines andern Verbrechens wegen gehenkt wurde, hatte die sehr stiefmütterliche Sorgfalt für ihre Erfindung, sich in derselben aufknüpfen zu lassen, daher die Tracht plötzlich verschwand. Carl der Erste") trug ein herabhängendes geknüpftes Halstuch, einen kurzen grünen Wamms, mit, gegen die Schulter zu weiten, geschlitzten Ermel», mit zurückgestrichenen Manschetten en rie-rao. Lange, grüne Hosen, tief unter dem Knie mit gelben Bändern gebunden, rothe Strümpfe, große Rosen auf den Schuhen, und einen kurzen rothen Mantel mit blauem Futter, und einem Stern. Über das trug er sein Haar lang, besonders eine Locke länger, als die übrigen, an der linken Seite. Um das Jahr 1641 waren die Schuhe fast noch einmal so lang, als der Fuß, so daß die Leute beim Gottesdienst nicht mehr kniecn konnten. ') Carl I. geb. 1600 ; enthauptet 1649. 315 Im Jahr 1650 hatten die Damen sowohl als die Herren zum erstenmal den Einfall, die Haare über die Stirn zu streichen, daß sie die Augenbrauncn berührten. Um eben dieselbe Zeit trugen beide Geschlechter so hohe siüte, daß auf der Straße immer eine von beiden Händen beschäftigt sein mußte, sie gegen den Wind zu erhalten. 7 Probe»» sonderbarer Verschwendung aus den Ritterzeiten. (Götting. Taschenkalendcr 1778, S. 73. 76.) Raimund der Fünfte, Graf von Toulouse'), hielt zu Ende drS 12ten Jahrhunderts einen feierlichen Hof, um den König von Arragonien, und Raimund, Herzog von Naibonne, mit einander auszusöhnen. Bei dieser feierlichen Versammlung suchte jeder der vornehmen Anwesenden den andern an Pracht, Freigebigkeit, oder eigentlicher an Verschwendung zu übertreffen. Der Graf von Toulouse theilte für dieß Zeitalter ungeheure Summen Geldes unter die Ritter und Knappen aus, aber von seinen Gästen thaten sich folgende auf eine recht ausschweifende Art hervor. Bertrand Nambaud ließ ein ganzes Feld nahe am Schloß umpflügen, und darin an Deniers und andern kleinen Münzsorten für 30,000 Unzen Silbers an Werth aussäen. Wilhelm Le Gros de Martel ließ in der Küche alle Speisen für die ganze Gesellschaft, die aus etlichen tausend Personen bestand, bei Wachslichtern bereiten. Endlich verbrannte Raimund de Venois, der seine Reichthümer auf keine schicklichere Art zeigen konnte, dreißig von seinen besten Pferden, vor den Augen des ganzen Hofstaats. Die neuern Zeiten sind zwar nicht so reich an ähnlichen Ausschweifungen, aber zuweilen finden sich doch ') Geb. 1134. gest. 1194. 316 in deren Geschichte Beispiele, die ein gleicher ritterlicher Taumel belebte. Am Ende des 14. Jahrhunderts verbrannte Colin Campbcl in Schottland, mit dem Zunamen des Wunderbaren, seine eigene Wohnung, bei einem Besuche des Lord O'Neil aus Irland, damit dieser bei derNettung seiner Güter, seine Schätze und kostbare Feldequipagcn zu sehen bekäme. James Hay, Graf von Carlisle, und Abgesandter Jacob des Ersten in Frankreich, zeigte fast auf gleiche Art, bei seinem Einzüge in Paris, seines Herrn Reichthümer. Er und sein Gefolge waren überaus reich und prächtig gekleidet, doch zeichnete sich sein Reitpferd vorzüglich aus. Der Hufbeschlag desselben war von Silber, aber so los befestigt, daß bei jeder Courbette ein oder zwei Stück davon unter das versammelte Volk flogen, und hinter demselben folgte ein Hufschmid, mit einem ganzen Sack voll von gleichem Metall, die dem Pferd in aller Geschwindigkeit wieder aufgelegt wurden. ^Art -er Chrneser, Perlen zu machen. (Götting. Taschenkalender 1778, S. 70. 7l). Die Art, deren sich hie Chineser bediene», Perlen zu verfertigen, die ein Mittel zwischen künstlichen und natürlichen sind, ist sehr sinnreich. Aus der gewöhnlichen Perlenmutter verfertigen sie kleine Kugeln, von der Größe, die die Perle haben soll, ziehen sie auf Schnuren, sechs etwa auf eine, und sondern sie durch Knoten von einander ab. Wenn nun die Muscheln zu Anfang des Sommers herauf kriechen, und geöffnet an der Sonne liegen, legen sie in jede eine solche Schnur. Mit diesem Fang senkt sich die Muschel zu Boden. Das folgende Jahr holt man sie herauf und öffnet sie, da man dann jede der künstlichen Perlen mit einer Perlcnhaut überzogen findet, die ihnen völlig das Ansehen der ächten gibt. Hr. Grill 317 Abrahamson hat eine solche Muschel an die königl. schwedische Akademie der Wissenschaften geschickt. Es war ein NMus c^guous, den man auch in Schweden findet, und war aus einem See einige Meilen von Canion genommen. Die Perlen, von welchen auch Proben überschickt wurden, sahen den ächten ganz ähnlich, nur blieb ein kleiner Fleck unbedeckt, wo die Perle nämlich an der Muschel sest saß. Ließe man ihnen mehr Zeit, so gäben sie sich vermuthlich los; aber auch so wie sie find, lassen sie sich bei Stickereien gebrauchen. Wo solche Muscheln find, und wo man sicher sein kann, ste wieder zu finden, ist es allerdings der Mühe werth, Versuche anzustellen. Diese Sicherheit wäre aber, selbst bei großen Seen, leicht zu erhalten, so bald die Sache mit einigem Vortheil betrieben werden könnte. ^Preisverzeichniß von südländischen Knnstsachen und Naturalien. (Götting. Taschenkalender 1782. S. 73 ff.j. Bekanntlich haben die neuen Reisen ins Südmeer nicht den Handel, sondern bloß die Wissenschaft erweitert. Kein Produkt jener Inseln, keine einzige Waare, kann in Europa so benutzt werden, daß es der Mühe lohnte, sie dort einzutauschen und herzuführen. Die glücklichen Insulaner —, glücklich, weil ihnen Wasser und Brotfrucht genügt — werden also vom Goldhunger nichts zu befürchten haben; ihre Entfernung schützt sie selbst gegen die Gefahr von europäischen Pflanzvölkern heimgesucht zu werden. Wären auch das Klima und der Boden zum Kaffee-und Zuckerbau bequem, so sind doch Westindien, die Moritzinsel und Mokba selbst, ungleich näher, und es läßt sich der offenbare Verlust berechnen, der mit der Anpflanzung dieser Gewächse in den Südländern verknüpft sein würde. Ich 318 übergehe, daß die dortige Bevölkerung auch ohne fremden Zuwachs stark genug ist. Jndesten darf man nicht denken, daß die edle Wißbegierde unsers philosophischen Jahrhunderts sich bloß auf Gegenstände von unmittelbarer Nutzbarkeit erstreckt. Die Zeiten sind nicht mehr, wo man nur darin Befriedigung suchte, im engen Kreise der sublunarischen bristen; die Früchte seiner Regsamkeit wirklich zu genießen. Dein kelleren Auge wird diese Spanne des Lebens zu klein; es durchschaut künftige Jahrtausende, vergißt großmüthig sich selbst, und arbeitet bloß für die Enkel. Wo ehemals die praktische Philosophie ihren Sitz hatte, und mu Genügsamkeit nur immer die frohe Feier des gegenwärtigen Augenblicks bewirken wollte, da throner ntinmehr die Sp er ulall on, und sammelt Alles zu dem Bau, den einst die Nachwelt aufführen soll. Alles, was neu ist. Holz und Steine oder Schutt und Spinnweben, ist ihr willkommen, und vermehrt ihr großes Magazin von Baumaterialien, ihre Nomenclaturen und Definikionsregister. Wenn jener Philosoph Recht haben sollte, der aus der frühen Impotenz seiner Zeitgenossen ein künftiges ephemeres Menschengeschlecht prophezeihte, dessen Gelehrte in Windeln liegen, und dessen Greise ein hohes Alter von vier- undzwanzig Jahren erreichen würden, so übt der spekulative Sammelgeist fürwahr ein Werk der Liebe an der Nachwelt, die denselben Kreis, den wir erst in siebenzig bis achtzig Jahren vollenden, in so viel kürzerer Zeit durchlaufen soll. Ob zu eben diesem Behufe die Entdeckung eines Mittels, die Menschen, wie die Blattläuse, ohne Befruchtung fortzupflanzen, nicht vorzüglich vvrtheilhaft sein dürste, müssen die Naturforscher entscheiden, die den Einfluß des physischen Lebens auf die Denkkrafr abzumessen pflegen Setzten die Akademien einen Preis auf diese Erfindung, so würden sich die Gelehrten wenigstens eben so nützlich damit beschäftigen, als wenn sie ausspeculiren müssen, daß die Wahrheit schädlich, und der Irrthum zuträglich ist. Mit dieser kleinen Apologie voran, wird den Lesern hier ') Von dem großen Newton sagt man, daß er in unverletzter jungfräulicher Keuschheit sein langes ruhmvolles Leben beschlossen habe. Anm. d. Vers. 319 ein Preisverzeichniß von allerhand Seltenheiten aus dem Südmeere und den dortigen Eilanden vorgelegt'). Hoffentlich wird man sich über den hohen Werth, den man diesen Waaren in England beigelegt hat, nicht mehr verwundern, wenn man sich nur einmal überreden könnte, daß ihn nicht die bloße Neube- gicrde, sondern jene rühmlichere Sorgfalt sür den Unterricht der Nachkommenschaft bestimmt! Man denke, welch ein Opfer dem Genius der Zukunft gebracht werde, wenn ein Sammler sein ganzes Leben durch, dahin aibeitet, den vollständigsten Schatz von Schneckenhäusern auf die Nachwelt zu bringen; wenn er selbst auf jede Untersuchung ihres innern Werthes, auf jeden Gedanken über ihren Nutzen Verzicht thut, nur dem künftigen Besitzer diese Ehre ganz zu überlassen! Auch wir selbst,— wenn schon der Kalender nicht länger als ein Jahr regiert, mithin dom großen Archiv für die zukünftige Generation ausgeschlossen bleibt, — wir schreibens uns hoch genug an, durch diese Mittheilung unfern Lesern den Weg zu einem ähnlichen Verdienste um ihre Enkel gebahnt zu haben. ^Gelehrigkeit der Thiere. (Götting. Taschenkalender 1782. S. 97—103). Den allerbündigsten unwidcrleglichsten Beweis von den unendlichen Vorzügen, wodurch der Mensch über die ganze übrige beseelte Schöpfung erhoben wird, gibt schon die unbeschränkte Herrschaft, mit welcher er sich .ganze Gattungen von Thieren unterjochen, oder doch wenigstens von den übrigen einzelnen Jn- dividua nach seinem Gefallen bändigen, abrichten, mit einem ') Wir glauben dieß Verzeichniß, welches die vorzüglichsten Artikel enthält, die bei Nr. Nsrtin, in Ivinz's 8treot, lwvent- gsräen und bei Nr. Ilumzilir)-, in 8t. Nartin's I.ano, I.onclon, ju haben waren, füglich weglassen zu können. Wort über ihr ganzes Naturell, über ihre Lebensart, Triebe u. s. w. nach Willkür disponiren kann. Zwei Priester der Natur, Plinius und Büffon, haben zwei Thiere von diesem allgemeinen Gesetz der Unterwürfigkeit ausnehmen wollen, da jener die Maus sür ungelehrig und dieser den Tiger für unbändig gehalten hat; allein Beides ist ungegründet. Außer dem Beispiel von abgerichteten Mäusen, das wir weiter unten anführen werden, finden sich schon beim ältern Scaliger und andern Naturforschern genug Beispiele von welchen, die völlig kirre und folgsam gewesen sind, und wir wissen, daß »och vor nicht gar langen Jahren ein Landprediger im Thüringischen zur Vertreibung seiner Muße eine ansehnliche Menge Mäuse so kunstreich abgerichtet hat, daß sie ihrer Freiheit ohnbeschadet umher liefen und doch seinem Ruf folgten und sich zur gesetzten Tischzeit um seinen Teller versammelten und seinen Bissen mit ihm theilten. Und daß der Tiger nichts weniger als unbändig ist, haben wir vor drei Jahren an dem gesehen, der hier durch Götlingen geführt wurde und der sich eben so gut als ein zahmer Löwe streicheln, den Rachen aufreißen und den Arm hineinstecken ließ. Furcht von der einen — und Fütterung und anderes Wohlthun von der andern Seite, können gewiß alle Thiere auf der weiten Erde mürbe und unter die Hand des Herrn der Schöpfung biegsam und geschmeidig machen. Die Geschichte ist bekannt, da ein wilder amerikanischer Tiger im Zwinger zu Dresden den Wärter anfiel, aber durch den unerwarteten, obschon noch so ungleichen Widerstand desselben, so schüchtern und muthlos gemacht ward, daß er, sobald ihn der Wärter los ließ, mit geraden Beinen in seinen Käficht sprang, sich iy die Ecke drückte und zitternd wieder verschließen ließ. Fast eben so verhielt sich ein Bär, der zu Ende des vorige» Jahrhunderts einen Bauer auf dem Schwarzwalde anfiel, da dieser oben am Rande eines steilen Bergs Holz haute. Der Mann warf seine Art von sich, wollte seine Füße gegen das Thier versuchen, über dem Balgen aber kommen beide an den Rand und rollen, wie ein Knaul in einander verwickelt, die Anhöhe hinab; so wie sie auf den Boden kommen, reißt sich der bestürzte Bär los, gallopirt brummend davon, und der Holzbacker klettert wieder in die Höhe und geht stille wieder an 321 seine Arbeit. Auch Cvnrad Gesner erzählt schon einen Fall, da in einer Nacht drei auf Beute ausgehende Geschöpfe, ein Fuchs, ein Wolf und ein altes Weib hintereinander in eine Grube sielen, und sich doch so gut in wechselseitigem Respect zu erhalten wußten, daß alle drei am Morgen unversehrt herausgezogen wurden, ohne daß eines das andere gebissen hätte. Was aber andererseits Gutmüthigkeit und Wohlthun auch über die wildesten Thiere vermöge, davon hat man an Nhinocern und selbst an Manaten') und Crocodilen bewundernswürdige Beispiele gesehen. Vielleicht lebt noch jetzt in England in einem ehrwürdigen Alter eine gute vertrauliche Kröte, die schon zu der Zeit, da der berühmte Pennant ihre Geschichte beschrieb, etliche und dreißig Jahr alt war, bei einem Landjunker außen an der Hofthür in einem Loche hausirte, alle Abend von ihrem Herrn besucht und gefüttert ward und aus der ganzen Nachbarschaft zahlreiche Besuche und allgemeine Bewunderung erhielt. Und der alte Letzner ") in seiner braunschweig - lllneburgischen Chro- nica hat schon vor 200 Jahren das Andenken einer solchen menschenfreundlichen Kröte verewigt, die im Kloster Barsinghausen ohnweit Hannover residirte und da des langen zärtlichen Umgangs und der Pflege einer dasigen Klostersräulein genoß. So haben Pelisson'") und der Graf Lauzun, jener in der Bastille und dieser im Gefängniß zu Pignerol mit Spinnen Freundschaft gemacht, die alle Morgen, so wie jene vom Stroh aufstiegen, sich aus ihrem Fensterwinkel am Faden herabließen, und die Fliegen zum Frühstücke aus der Hand ihrer Wohlthäter erwarteten. Und so ist kein Zug im Naturell der Thiere, deu der Mensch nicht nach seiner Phantasie abändern und umschassen könnte. Er kann die heftigsten Triebe der Thiere — selbst ihre Anti- ') älanatus, Seekuh. ") Joh. Letzner, geb. 153t zu Hardegsen bei Göttingen, Pastor zu Jber, starb nach 1612. Verfasser einer großen Menge zum Theil noch eingedruckter Chroniken. Pelisson-Fontanier (Paul), franz. Rechtsgelehrter und Historiograph, geb. zu Beziers 1624, starb 1693. Saß als Vertrauter Fouquet's von 1661 vier Jahr in der Bastille. VI, 2t 322 pachten — unterdrücken, und umgekehrt ihnen Geschick zu den kunstreichsten und doch nnnntürlichsten Handlungen beibringen. Was scheint unabänderlicher als die Gierde, mit welcher die Katze Mäuse und Bögel verzehrt! und doch erzählt Cappeller') die Geschichte eines Luzerner Geistlichen, bei dem ein Hund, eine Katze, eine Maus und ein Sperling zusammen aus einer Schüssel fraßen, und die einer alten Jungfer, die, ihre Einsamkeit zu vertreiben, nicht weniger als zwei und zwanzig solcher Tischgenossen hatte, die aufs friedlichste aus einem gemeinschaftlichen Napfe zusammen fraßen, und worunter Mäuse, Katzen, Amseln, Hunde, Turteltauben, Murmelthiere, Staare und Kapaunen zu sehen waren. Die fremdesten, außerordentlichsten, kunstreichsten Handlungen aber, die man Thieren beigebracht hat, find unzählig. Die müsfigen Römer lehrten Elephanten zu Tische sitzen, sich in der Sänfte tragen lassen, auf dem Seile tanzen und saubere Billets schreiben. Man hat mit abgerichteten Dompfaffen Concerte gegeben, und nicht nur zahlreiche Vögcl, Papageien, Raben, Staare, Elstern rc. reden gelehrt; sondern Leibnitz hat in den Annalen der pariser Akademie sogar von einem Hunde Nachricht gegeben, den ein Bauerjunge ohnweit Zeitz in Meißen zu Anfang dieses Jahrhunderts bei dreißig Worte vernehmlich auszusprechcn gelehrt hatte. ^Beitrag zur neuesten Geschichte der Feldgespenster. (Götting. Taschenkalender 1779, S. 81. 82.) Hr. Bolta, derselbe welcher dem jetzt sehr bekannten Elektrophor den Namen gegeben hat, fand, daß, wenn 'man in Pfützen, die keinen grandigen Boden haben, mit einem Stock ') Siehe weiter unten aus dem Taschenkalender vom Jahre 1791. stößt, und die Luft, die aus den aufsteigenden Blasen kommt, mit einem gläsernen Gefäß auffängt, fie sich an einem Licht sehr leicht entzündet, und überhaupt so leicht, daß fast keine Materie leichter durch den elektrischen Funken gezündet wird, als diese Luft. Nicht allein Pfützen, sondern sogar Moräste, über die man noch so eben weggehen kann, ohne einzusinken, enthalten sie. Diese Luft, mit zwölf Theilen der gemeinen Luft vermischt, entzündet sich oft auf einmal und brennt fort. So entstehen die Jrwische vermuthlich alle, und hundert Feuergestalten, die den bangen Wandrer in der Nacht schrecken, und die glühenden Schütze, die den Aberglauben ehmals lockten. Jetzt verfertigt fie also die Kunst schon, und es ist kein Zweifel, daß die Nachwelt sie bei ihren Illuminationen brauchen wird, wo diese Flämmchen wie bleiche Planeten unter den funkelnden Firsternen der Lampen irren werden. ^Von Thieren als Wetterpropheten. (Göttlng. Taschenkalender vom Jahre 1779. S. 97 ff.) Wer den unermeßlichen Antheil erwägt, den die Wcttcr- disturse, nicht in Deutschland allein, sondern in Labrador und am Cap und unter jedem Meridian, an der Unterhaltung der menschlichen Gesellschaft und an der Füllung leerer Minuten, bade»; wer hierzu das vielfache Privatintercsse, die vorläufigen Unruhen rc. summirt, worein so oft eine Familie bei einer vorhabenden Partie de Plaisir, eine Dame bei einer morgenden Wäsche rc. in puncto des Wetters versetzt werden muß: der wird uns seinen stillen Beifall nicht versagen, wenn wir ihm hier — am schicklichsten Ort von der Welt, im Kalender — ein 'Wlatt aus dem Buch der Natur aufschlagen, woraus er so reichhaltigen gemeinnützigen Stoff zu Anspinnung eines Ge- sprächsädchens, zur Einrichtung der häuslichen Angelegenhei- 21 ' 324 ten, und was mehr als Alles sagen will, auch oft zum Trost für ein paar schöne Augen, die nach dem zweideutigen Himmel sehen, schöpfen kann. Wir machen dieses Jahr den Anfang mit dem unvernünftigen Vieh: und ob wir uns gleich nicht in das Detail unsrer Hrn Kollegen einzulassen wagen, die in ihren resp. Haushal- tungs- Comtoir- und Schreibkalendcrn für jeden der 365 Tage ein eignes Wetter festzusetzen belieben: so getrauen wir uns dock, ihnen in Rücksicht der Untrüglichkeit ganz kecklich die Palmen aus den Händen zu winden: um so mehr, da wir kein einziges Wetterzeichen angeben, dessen Zuverläßigkeit uns nicht von irgend einem erfahrnen Weidmann, Schäfer, Hirten, Vogelsteller oder guten Mütterchen versichert, und großentheils durch unsre eigne Untersuchung erprobt und bewährt gefunden wäre. Also ohne Umschweif: Helles, gutes, wenigstens trockn es Wetter gibt es: Wenn des Abends die Fledermäuse häufig hervorflattern; die Mistkäfer aus den Fahrwegen herumfliegen; und die Mücken nach Sonnenuntergang spielen. Wenn sich die Raben haufenweis im Feld versammeln, und die Holztaube im Wald stark singt. Wenn die Lerchen und Schwalben hoch fliegen. Wenn die Vögel häufig mit dem Schnabel nach den Fettdrüsen am Ende des Rückens fahren, da Ol auspressen und die Federn damit einsalben, um sich gegen die Nässe zu schützen. Wenn die grünen Wasserfrösche Abends in den Teichen viel guacksen. (I^L. bedeutet in Deutschland ganz sicher gut Wetter. Der seel. Linnäus sagt: prsoclioit pluvism. Müßt' in Schweden anders sein.) Wenn die Wetterfische (Peizker) das Wasser hell lassen, und die Laubfrösche im Glas oben, außer dem Wasser sitzen. Hingegen ists Anzeige von Regenwetter: Wenn das Hausvieh unruhig wird: die Pferde und Esel sich reiben, die stopfe schütteln, in die Höhe schnuffern; zumal wenn die Esel viel schreien und springen, wenn das Rindvieh sehr scharrt und tritt. Wenn die Schaafe ohne Hunger so gierig fressen, und die Schweine viel wühlen. Wenn die Hunde unruhig werden, herumlaufen, scharren, 325 Gras fressen (thun sie das bei heißem Wetter, so kommt wahrscheinlich Gewitter). Wenn die Katzen sich putzen. Wenn die Maulwürfe sehr emsig graben. Wenn die Hühner außer der Zeit und ohne Veranlassung oft krähen, und darnach ins Hühnerhaus kriechen. Wenn die Tauben zeitig vom Feld in den Kobel zurückkehren. Wenn sich die Hühner, Tauben u. a. Vogel sehr gierig in Sand baden. Wenn die Schwalben niedrig, hingegen die Kraniche hoch fliegen. Wenn die Raben klar schreien und sich an die Bäume hängen. Wenn die Dohlen mit den Flügeln schlagen und mit dem Schnabel zwischen den Federn wühlen. Wenn die Waldvögel zu ihren Nestern eilen, und die Was- servögel viel tauchen, sich baden rc. Wenn die Pfauen (außer der Brunstzeit) des Nachts oft rufen. Wenn die Störche und Kraniche den Schnabel unter den Flügel legen, und die Brust behacken. Wenn das Männchen vom Laubfrosch stark quackst. Wenn die Kröten häufig hervorkommen. Wenn die Stechfliegen (eonops) in die Häuser kommen, und sich einem an die Beine setzen. Wenn die Ameisen emsig arbeiten; die Bienen zeitig heimeilen, nicht weit wegfliegen. Wenn die Flöhe viel stechen. Wenn die Regenwürmer hervor kriechen. ^ Ein. Paar Feierlichkeiten und Gebräuche. (Götting. Taschenkalender 1780. S. 29. 30.) Im Jahr 1583 wollt- die Universität Oxford einem polnischen Abgesandten bei seiner Anwesenheit ihre Ehrerbietung 326 bezeigen, und ließ von den dortigen Studenten ein Trauerspiel aufführen; es war die Geschichte des Äneas und der Dido. In diesem gibt die Dido dem Äneas ein Gastmahl, um welches selbst Trimalcio beim Perron sie beneidet haben würde. An dem einen Ende der Tafel wurde nämlich der Zorn des Achilles und die ganze Belagerung von Troja in einer ungeheuren Marzipantorte vorgestellt, und am andern das bekannte Ungewitter, das die beiden Liebenden in die Höhle jagte. Dieses war das größte Meisterstück und vielleicht der höchste Flug der Zuckerbäckerkunst der neuern Zeit. Denn es hagelte nicht allein Pfeffernüsse und Zuckerstengel,, und schneite Schaum von Silla- bubs, sondern es regnete und rieselte auch Eau de Lavende und Nosenwasscr, welches ganz ungemeine Satisfaktion gegeben haben soll. Als Christian der VierteKönig von Dänemark, auf seiner Reise nach Norwegen die Stadt Bergen besuchte, so ließ ihm der dasige Magistrat zu Ehren unter Pauken und Trompeten einige junge Kaufleute peitschen. Wen dieses etwa befremden sollte, der muß wissen, daß dieses eine Art von Magisterprv- motion war. Denn wer ehemals in Bergen den Kaufmannsstand erwählte, mußte diese Probe am Ende aushalten. Zuweilen wurden die Candidatcn noch in Rauch aufgehenkt, und ins Wasser gesteckt. Vermuthlich betraf das Letztere nur die Weinbändlcr. Wie 1731 einige indianische Oberhäupter mit Penfilvanien ein Friedensgeschäfte geendigt hatten, so wurden ebenfalls den Wilden zu Ehren auf dem Markt von Philadelphia die Feuerspritzen probirt. Lächerlich war diese Feierlichkeit gewiß nicht. Wir lassen noch jetzt, zu Ehren, Fontänen springen, die selten so künstlich, und gewiß nie so nützlich sind, als die Feuerspritzen. °) Regierte von 1588 bis 1648. Proben seltsamen Appetits. (Götting. Taschcnkalender 1780. S. 74—82.) Nachrichten von Originalwerken und Originalgcnies sind so fthr in dem Geschmack unserer Zeit, daß ich glaube, folgende Erzählung von einigen merkwürdigen Menschen wird für die meisten unserer Leser unterhaltend sein, obgleich der Sitz der Kraft, wodurch sie sich die Unsterblichkeit verschafft haben, etwas tiefer lag als der Kopf. Auch hoffe ich durch eine getreue Erzählung dem jetzt so empfindlichen Nationalstolz meiner jungen Landsleute nicht zu nahe zu treten, denn obgleich die meisten dieser Helden Ausländer sind, so ist doch gewiß der vorzüglichste unter ihnen ein Deutscher. Vor einigen Jahren starb, wie Hr. Blondeau, königl. Pros. der Mathematik zu Brest, dem Abt Rozier berichtet, ein Galeerensklave, Namens Andre Bazile, im Hospital der Marine daselbst in seinem 38ten Jahr. Bon seinem Leben ist wenig bekannt geworden, als daß er zuweilen nicht recht bei Sinnen gewesen, und einen ungewöhnlichen Appetit gehabt habe, Beides erhellt auch so ziemlich deutlich aus nachstehendem Auszug aus dem Tectionsbericht. Während seiner Krankheit sprach er wenig, nur etwa einige Tage vor feinern Tode sagte er wider die Wärterin: st'ai millo rlialilvs äs ckoses äans lo vontro czui sont Wut mon mal. Als man ihn öffnete, fand manS auch wirklich so: nämlich in seinem Magen 1) ein Stück von einem Faßreif Iß Zoll lang und einen Zoll breit. 2) Ein Stück von einem Ginsternstock 6 Zoll lang und 6 Linien dick. 3) Ein ditto 8 Zoll lang und 6 Linien dick. 4) Ein ditto 6 Zoll lang und l> Linien dick. 5) Ein ditto von gleicher Dicke und 4 Zoll lang. st) Ein ditto von gleicher Dicke und Länge. 7) Ein Stück Eichenholz 4 Zoll 6 Linien lang, einen Zoll drei Linien breit und 0 Linien dick. 8) Ein desgleichen trianguläres 44 Zoll haltend. 9) Ein desgleichen 4 Zoll lang, 6 Linien breit und 4 dick. 10—18) Neun dergleichen Stück theils 4 theils 3 Zoll lang. 328 19) Ein chlindrischcs Stück Weidcnholz 4 Zoll lang und 3 Linien dick. 20—23) 4 Stück ditto. 24) Ein Stück von einem Faßreif 5 Zoll lang und 1 Zoll breit. 25) Die Rinde von einem Stück Faßreif 3 Zoll 6 Linien lang und 1 Zoll breit. 26) Ein Stück Eichenholz wie ein Pfropf gestaltet. 27) Einen hölzernen Löffel, an der Schaufel etwas zernagt, 5 Zoll lang. 28) Einen ditto zinnernen, die Schaufel etwas zusammen gebogen , 7 Zoll lang. 29) Den Stiel eines zinnernen Löffels 4 Zoll 5 Linien lang. 30) Die Schaufel eines zinnernen Löffels zusammengebogen 2 Zoll 2 Linien lang. 31) Ein ditto 2 Zoll 10 Linien lang. 32) Ein Stück Zinn vermuthlich von einem Löffel. 33) Drei Stücke von zinnernen Schnallen gebrochen, von unregelmäßiger Gestalt, auf denen man die Eindrücke der Zähne bemerkte. 34) Die Röhre von einem blechenen Trichter 3 Zoll 6 Linien lang. 35) Ein ditto 2 Zoll 6 Linien lang. 36) Ein Stück von einer metallenen Hespe anderthalb Unzen schwer. 37) Einen Pfeifenkopf nebst einem Stück der Röhre mit Bindfaden bewickelt. 38) Einen Nagel ohne Spitze 2 Zoll lang. 39) Einen ditto sehr spitzen, 1^ Zoll lang. 40) Ein Klappmesser mit einem hölzernen Stiest, zugemacht, 3^ Zoll lang, und mit der Klinge 1 Zoll breit. 41) Zwei beträchtliche Stücke Fensterglas. 42) 5 Zwetschensteine. 43) Ein Stück Oberleder von einem Schuh. 44) Ein Stück Horn. 45) Ein Stück gemeines Leder. Der Pater Paulian thut in seinem Wörterbuch der Naturlehre eines Steinfreffers Erwähnung, den er einen Wilden nennt, und den er selbst gesehen und untersucht hat. Er wurde von einem holländischen Schiff auf einer kleinen nordischen sonst unbewohnten Insel angetroffen, und nach Frankreich gebracht. Er aß nicht allem Kieselsteine 1^ Zoll lang und 1 Zoll breit, sondern machte sich auch aus zerstoßenen Kieseln, Feuersteinen und Marmor einen Teig, der sein größter Leckerbissen und zugleich die gesundeste Speise für ihn war. Gemeiniglich aß er 25 Kiesel den Tag. Er hatte einen sehr weiten Schlund, sehr große Zähne und einen korrosiven Speichel. Als ihn der Pater sah, konnte er nur die Wörter oui, uon, csillou und don aussprechcn. Durch den Anblick einer kleinen Fliege unter dem Mikroskop wurde er sehr gerührt, und er wollte nicht aufhören sie zu betrachten, sonst war sein Leben zwischen Essen, Rauchen und Schlafen getheilt. Man hat ihn getauft und in Paris das Kreuzmachen gelehrt. Der Dritte ist der in unsern Gegenden berüchtigte Joseph Kohlniker, der merkwürdigste unter allen, ein gesunder Kerl, über 6 Fuß lang und ungewöhnlich stark von Muskeln, ein Deutscher, und ohnstreilig die Krone der Steinfreffer. Er war aus Passau gebürtig, seine Großmutter und Mutter waren beide Bielfresserinnen, letztere wurde aus Hunger rasend, und fraß, wie man sagt, ihr eignes Kind; in ihrer Raserei wurde sie endlich wieder geschwängert, und die Frucht dieser Liebe war Joseph Kohlniker. Schon in seinem dritten Jahr fing er aus übermäßigem Hunger an Steine zu verschlingen, als er älter wurde, thaten ihm gewöhnliche Speisen allein gar kein Gnüge mehr, und wenn er auch noch so viel verschlang. Bei den Kaiserlichen wurde er seines Appetits wegen abgedankt, ob er gleich für 8 Mann einquartirt wurde. Bei einer Reise nach Amsterdam schleppte er 260 Pfund Steine mit, weil dort, wie er erfahren hatte, die Kiesel rar find. Er sagte: unter alle Speisen müßte er Steine mischen, sonst sättigten fie ihn nicht, er könnte sich aber mit bloßen Steinen auf 8 Tage behelfen, alsdann aber wäre sein Appetit außerordentlich, und müßte, wie er fich ausdrückte, Gott denen gnädig sein, wo er hinkäme. Mitunter aß er auch Hutfilz und Alles, was ihm in den Weg kam, nur Stockfisch und Käse konnte er nicht vertragen, diese erweckten bei ihm ein Erbrechen; gegen letztem war er so empfindlich, daß er nicht einmal seinen Schnupstaback aus einem Kram nehmen konnte, wo zugleich Käse feil war. Zu Dresden aß er einmal innerhalb 8 Stunden 2 Kälber, eins gebraten und eins gekocht, und trank dazu 12 Maas Wein, und in Braunschweig verschlang er 25 Pfund Fleisch mit 25 Bouteillen Wein in 7 Stunden. In seinem Getränke war er nicht delicat, es war ihm gleichviel, ob es Wein, Wasser, Bier oder Branntewein war, doch mußte er letztem aus weiten Gefäßen trinken, sonst stieg er ihm zu Kopf. Seinen Sauerkohl bereitete er sich auf eine eigne Weise zu. Er that eine große Quantität roh in eine Schüssel, warf dazu eine Handvoll Salz, alsdann drei starke Hände voll Kieselsteine, und dazu brockte er ein Brod, 330 und verschlang Alles ungekocht. Er war in seinem Leben nie krank, hat nie über,Magenschmer,;cn geklagt, und starb endlich zu Jlfcld 1771 an einem Schlagfluß. Als er den Abend vorder in diesen Ort hineinging, freute er sich über die schönen Steine, und sagte zu seiner Frau: Gott Lob und Dank, hier gibts doch Steine. Man hat ihn auch hier in Götiingen speisen sehen, und Hr. Dr. Vogel') in Ratzeburg hat von ihm eine eigene Dissertation geschrieben. Ich glaube, es wird nicht leicht jemand gefunden werden, der diesem den Namen eines Originals abspricht. Bei Paris lebte ein Winzer, der Kröten und Eisen fraß. Auch bei Thieren hat man oft eine äbnliche Freßbegierde bemerkt. .In der E-areltv ck'-Vgriculluro 1778. ksro. 29 wird eines Huhns gedacht, in dessen Magen man metallene Knöpfe, Stücke Glas, Geld und dergleichen fand. Sein Magen war von einer unzähligen Menge Stadeln durchspießt, so daß er von außen einem kleinen Igel glich, und dennoch befand es sich wohl, und war sehr fett, als man es schlachtete. Merkwürdig ist auch folgende Anekdote von dem berühmten Münzenkcnner Vaillant"), ob sie gleich nicht ganz bieder gehört. Auf einer Reise von Marseille nach Rom wurde er von einem Eorsarcn gefangen und nach Algier geschleppt, und erst nach 4 Monaten losgegeben. Er schiffte sich auf einer Fregatte nach Frankreich ein, diese wurde wieder angefallen und zwar von einem Eorsarcn von Tunis; beim Anblick dieses neuen Unglücks, und um nicht wieder Alles zu verlieren, wie vorher, verschluckte Vaillant 15 goldnc Medaillen, und rettete sich mit der größten Lebensgefahr noch durch ein Boot. Die Natur soll sie ihm alle richtig wieder zugezählt haben. *), Vogel, S. G. Medicin. Abhandlung von dem zu Jlfcld verstorbenen Vielfraß und Steinfrcsser, nebst Scktionsbe- richt. Aus dem Lat. 1781. ") Vaillant, Jobannes Foy, geb. zu Beanvais 1632, gest. 1706; wurde von Colbert zu Ordnung und Vermehrung verschiedener Münzcabinete gebraucht. ^Die alten Deutschen. (Göttlng. Taschenkalender 1781. S. 26—35.) Ein großer Theil der heutigen Deutschen möcht sich von seinen Vorfahren, den alten Deutschen, so seltsame abenteuerliche Vorstellungen — denkt sie sich bald als Enakskinder und Eisenfresser, die bloß unter Auerochsen und Sauen aufgewachsen und sich so wie diese mit Eicheln gemästet; oder gar als Kraftbarden und Müssiggänger, die wie die Heuschrecke in der Fabel lieblich gesungen und unlieblich gehungert hätten u. s. w. — daß es hoffentlich nicht am unrechten Orte ist, wenn wir hier einmal den Umriß eines treuern wahren Gemäldes jener unsrer guten Bäter zu entwerfen suchen. Die Deutschen (versteht sich die vor tausend und anderthalb tausend Jahren) waren zwar durchgehends große wohlgebaute Leute; aber dabei nichts weniger als Riesen, wofür man sie, theils aufs Wort der römischen Geschichtschreiber, und theils der großen Knochen und Gerippe wegen, die sich zuweilen in ihren Gräbern finden sollten, ausgegeben hat. Daß die feindseligen Römer die Deutschen für Riesen ansahen, konnte vielleicht schon in einer verzciblichen Furcht seinen Grund haben: auch mochten wohl wirklich die Deutschen in Vergleich mit einem durch Langeweile und andere Laster so abgezehrten, entnervten Volk ein riescnmäßiges Ansehen gewinnen: den größten Antheil an jener Schilderung hat doch aber wohl immer eine billige Politik, da nämlich die Ehre der römisches Soldaten allemal gewinnen mußte, wenn sie zu Hause ihren Landsleuten die Deutschen als Riesen beschrieben. Ihre Niederlagen wurden dann minder schimpflich, aber ihre kleinen erhaltnen Siege hingegen zehnfach glorreich. Die vermeinten Riesengebeine aber, die sich in den sogenannte» Hünenhügeln oder Riesengräbern gefunden haben sollen, sind, wie eine genauere Untersuchung gelehrt hat, Pferdeknecht» gewesen, da, wie bekannt, bei den Leichenbegängnissen 332 der alten deutschen Helden, des Verstorbenen Leibpferd zugleich ^ mit seines Herrn Leiche verbrannt und begraben wurde: eine Sitte, wovon sich schon bei den ältesten so wie bei den wilde- " sten Völkern Spuren finden, und die sich sogar noch unter den > spätern christlichen Deutschen erhalten hat. Unter andern Feierlichkeiten, die Homerus bei Patroklus Leiche beschreibt, wird ' auch sein Pferd mit ihm verbrannt: in den alten calmuckischen Gräbern finden die russischen Reisenden noch häufig Pferdeknochen, Steigbügel, Zaume u. s. w., ja man hat sogar noch neuerlich in Holland und anderwärts in den Grabmalen christlicher Ritter aus den Zeiten der Kreuzzüge die Gebeine ihres Pferdes ' neben ihrer eignen Asche vorgefunden. Doch die alten Deutschen waren nicht bloß große athletische, sondern zugleich blühend gesunde und wohlgebildete Menschen, ^ hatten so wie noch jetzt die mehresten nordischen Völker, blondes > Haar und blaue Augen, und bei ihrem unablässigen Baden ' eine weiße frische Haut, so daß die Schönheit ihrer Mädchen ^ schon in jenen Zeiten weitberühmt gewesen und von Ausonius ^ und andern römischen Dichtern mit viel Wärme und sehr ma- § lerisch„besungen worden ist. i Über drei Züge des Charakters der alten Deutschen .kommen alle Nachrichten, die wir von ihnen lesen, überein. Über ihre > beispiellose Ehrlichkeit nämlich, über ihre Tapferkeit, und ihre Liebe zum Trunk. Jene, die Aufrichtigkeit und Treue der Deutschen, ist überall zum Sprichwort worden: Kaiser Julianus') rühmte sich nur dieser Tugend, nannte sie seinen Stolz, und gestand, daß er sie hier in unsrer Nachbarschaft am Harz, wo er bekanntlich einen Theil seiner Jugend zugebracht, erlernet hätte: und da man den beiden Friesen Verritus und Maloriges, die in Geschäfte» nach Rom gereist waren, das Theater des Pompejus, und in diesem einen Platz für fremde Gesandten tapferer und treuer Völker zeigte, sprangen sie voll edlen Stolzes hinauf und riefen: „welch Volk wollte die Deutschen an Muth und Treue übertreffen!« Auch hatte die deutsche Tapferkeit sich schon ') Julianus (Flavius Claudius), römischer Kaiser, genannt Apostata, geb. 331 zu Constantinopel, gest. 365. früh den hochmüthigen Römern furchtbar gemacht, und das Blut ihrer Legionen mußte ihnen das schwere Geständniß abbringen, dieß Volk, und zwar dieß Volk allein, unüberwindlich zu nennen. Eine dritte Eigenschaft endlich, die man ihnen eben so wenig als jene beiden streitig machen durste, war ihr Hang zum Trunk: der jedoch ein weit minder eigenthümliches Vorrecht unsrer Vater gewesen zu sein scheint. Die rohesten Völker aller Weltgegenden haben sich so gut als die cullivirtesten berauschende Getränke ersonnen: und sogar die Thiere, die dem Menschen entweder in ihrer körperlichen Bildung oder in Rücksicht ihrer Geisteskräfte am nächsten kommen, dte Affen nämlich und der Elephant, sind passionirte Liebhaber des Weins, des Rums, Arack u. s. w. Und selbst die weisesten Menschen, Cato, Solon und Archestlaus haben „eben so durch ihr Beispiel, als Hippo- krates, der Vater der Ärzte, und Seneca, der sonst so sobre Stoiker, in ihren Schriften (jener in seinem Werke von den Vapeurs, und dieser in dem von der Gemüthsruhcj, die Zuläs- ßgkeit eines nicht zu öfter» und mäßigen Rausches unwider- sprechlich erwiesen. Die Deutschen lebten nicht in Städten und Flecken, sondern gleichsam in zerstreuten Horden, einzelne Familien oder wenige bei einander, so wie etwa noch jetzt auf der lüneburger Heide und in manchen andern Gegenden von Deutschland. Im Sommer campirten sie meist im Gehölz, in Lauben und leichten Hütten: mit Annäherung des Winters aber bezogen sie ihre Wohnhäuser, deren Wände so wie noch jetzt bei vielen nördlichen Völkern bloß aus übereinander gelegten Balken bestanden, deren Fugen sie dann mit Thon verstrichen, und sie von außen mit Ocker oder Bolus oder andern Farbenerden bunt anstrichen. Ihre häusliche Kleidung war simpel und artig: meist Pelzwerk oder von Leder, und so wie bei den Utaheire» aus Bast von Baumrinden, besonders von Linden und Weiden. Die Mädchen trugen auch wohl kurze leinene Hemden, doch alle mit offnen Busen und bloßen Schultern und Armen. Sie lebten meist von Viehzucht, Jagd und Fischerei, trieben aber auch, wo es die Gegend zuließ, schon zu Cäsars Lei- 334 X § tcn Älckerbau. Und überhaupt war ihr Tisch weder sv einförmig noch so mager bestellt, als ihnen insgemein im Haß nachgeredet wird. Man müßte ihnen eine unbegreifliche Stupidität zutrauen, wenn man glauben wollte, sie Hütten Eicheln und Wurzelstrunke gefressen, und bloß ihre Augen am lieblichen Anblick des Wildprets, der Rehe, der Aucrhäne, der Feldhühner, Schnepfen und der herrlichsten Fische geweidet. Unsre Bäter verstanden Kochkunst: sie wußten, wie schon Tacitus sagt. Salz zu sieden, und konnten ihre vielfachen Gerichte auf eben so vielfache Weise zubereite». Ihre kalte Küche bestand in allerhand Milchspeisen, Butter, Käse, wildem Honig, und Wald- früchten, Schlehen, Hainbutten, Haselnüssen, so mancherlei Beeren u. s. w. Ihr Trank war meist Bier, und zwar aus Waizen sowohl, als aus Gersten: die aber an der Grenze lebten und Handel treiben konnten, ließen sich auch Wein zuführen. Sie scheinen die Nachtheile des Geschwindessens gekannt zu haben, und hielten daher lange Mablzeiten, und zwar (wie sichs von ihrem geselligen gastfreien Charakter schon ohnehin vermuthen ließe, Wenns auch die alten Schriftsteller nicht ausdrücklich gesagt hätten), meist Pickenicke, wo jede Familie ihre Schüssel brachte, und nachher zusammen voll fröhlichen Mutbs bei einem wohlthätigen Feuer oder in grünen Schatten unter Gespräch und lustigem Gesang verzehrten. Denn die natürliche Anlage der Deutschen zum Singen und zur Musik wird schon in jenen Zeiten von Julianus als Augenzeugen versichert, und ist bekanntlich noch jetzt, zumal in einigen Provinzen, in Thüringen, Böhmen rc. zum Bewundern stark und ganz allgemein, völlig angeboren. Die ländliche Bauernmusik in den genannten Gegenden, seis in der Kirche oder unter der Gemeinlinde, und in der Schenke, hat zumal im vorletzten Kriege die Bewunderung der Franzosen und andrer Ausländer erregt: und Rousseau schrieb einen Theil des kriegerischen Muthes der Deutschen, und ihre Siege auf die feurige aufmunternde Harmonie ihrer Märsche, worin sie den mehrsten andern europäischen Völkern bei weiten überlegen wären. Ihre Jugend erzogen die Deutschen hart, so daß es Galenits mit Erstaunen erzählt, wie sie die neugebornen Kinder, die noch von der mütterlichen Wärme rauchten, zum nächsten Flusse 335 WW^W^SW>W»W!«> trugen und gleichsam wie ein glühendes Eisen da ablöschten und stählten. Sie heiratheten spät und übereilten die Natur nicht, sondern ließen ihr Zeit, den Körper erst zur männlichen Stärke und zur rollen Reife zu bringen: aber dafür waren auch ihre Ehen fruchtbar, und bis ins höhere Alter noch immer reich an Kindern, die sie für einen Segen des Himmels und für den größten Stolz der Eltern ansahen. Die Treue der Liebenden und der Ehegatten war ewig unverbrüchlich. Bei einem ungetrennten Umgang zwischen beiden Geschlechtern, bei einer dünnen leichten Kleidung, die dem Auge so wenig körperliche Reize versteckte, folglich dem Spiel einer müssigen Phantasie so wenig zu errathen übrig lies, und bei einem arbeitsamen geschäftigen thätigen Leben, wäre ihnen ohne- hm weder Lust, noch Muße zu buhlerischen Intriguen und andern Folgen des Müssiggangs und der langen Weile geblieben, wenn auch gleich nicht die Slrenge ihrer Gesetze schon jeden Schatten einer solchen verächtlichen Untreue niit ewiger Schande gebrandmarkt hätte. ^Merkwürdige Begebenheiten «nd Gebräuche (Götting. Taschenkalendcr 1781. S. 70—85.) Auf der guineischen Pfefferküste wurden 1743 zwei Negerfürsten aus gleichen Ursachen in Krieg verwickelt, wie Dänemark und Schweden zuweilen im sechszehnten und vorigen Jahrhundert. König Wilhelm und Martin stritten sich, wer den ihnen König oder Capitain heißen sollte, so wie Erich der Vierzehnte, und Friedrich der Zweite über die berüchtigten drei Kronen, oder Carl der Neunte und Christian der Vierte über den Titel König der Lappen, und die Grenzen der aller Cultur unfähigsten Wüste. Die christlich europäischen Namen der beiden afrikanischen Potenzen werden hoffentlich nicht der Glaubwürdigkeit dieses noch sonderbarer geendigten Präcedenzstreits schaden, da bekanntlich die Sclavenhändler in Guinea die lächerlichste Titelsucht nebst europäischen Brannlweinsbegierden und Worten eingeführt haben. Daher nennen sich die in der Nachbarschaft der englisch - afrikanischen Forts wohnenden Negerkönige, Herzoge von Cumberland, Marlborough und Prinzen von Wales, und die Machbaren der dänischen Handelslogen führen den Namen der angesehensten adelichen Familien dieses Königreichs. Stur die holländischen Bundesverwandten in Guinea unterscheiden sich in ihrer Titulatur sehr sonderbar von den andern und können ihr Geschlecht nicht so leicht in eine europäische Stammtafel cinflechten. Die Holländer haben für fie besondere drollichte Titel erfunden, als groote Peter Passn p, kleine Peter Passup, entweder weil sie die Namen Oranicn, Nassau, und Statthalter für zu edel für Chams verfluchte Nachkommenschaft hielten, oder weil sie aus Erfahrung wußten, daß auch der unbedeutendste europäische Schall immer noch ehrend genug für einen Negerfürsten wäre. Zwei Jahr führten Martin und Wilhelm einen zweifelhaften Krieg, worin manches Reisfeld zerstört, und mancher Pal- last von Schilf und Bambus in die Asche gelegt ward. Martin verlor in demselben fünf und Wilhelm drei Unterthanen, aber in ihrer Kellerei machte dieser Verlust ein beträchtliches minus von hundert und hundert und fünfzig Bouteillcn Branntewein, denn so viel hätten immer acht Neger auf den Sklavenschiffen gegolten. Der Friede, der endlich diese Fehden endigte, war für den überwundenen Martin noch nachtheiliger. Er mußte darin der königlichen Würde entsagen, und mit dem niedrigern Titel Capitain Martin zufrieden sein. Auch durste er künftig, so oft er Europäern Audienz gab, oder ihre Sklavenschiffe mit seiner Gegenwart beehrte, nur barfuß erscheinen, und das Vorrecht Strümpfe und Schuhe zu tragen bedung sich der Sieger Wilhelm aus. Diese sind auch in andern Gegenden von Afrika ein Zeichen von Freiheit und Würde, und »och jetzt erlauben die Holländer am Cap ihren sonst europäisch bekleideten Bedienten keine Strümpfe und Schuhe. Noch vor Martins und Wilhelms Kriege sind wohl eher große europäische Reiche aus nichts wichtigern Ursachen zerfallen. Carl Gustav von Schweden, der nach völlig bezwungenen nordischen Reichen, Italien erobern, und in Nom als ein zweiter Alarich ein zweites gothisches Reich stiften wollte, kündigte der Krone Polen den Krieg an, weil sie den Sunrsdorfer Frieden, durch Weglassung eines rc. im schwedischen Titel gebrochen. Hier waren 1653 die Prätensionen, welche die polnischen Könige aus dem Hause Wasa auf schwedische Krone und Titel machten, so entschieden, daß die Könige von Schweden sowohl wie von Polen, künftige Streitigkeiten zu verhindern, die Titel der von ihnen wirklich beherrschten Reiche mit einem dreifachen rc. rc. rc. schließen sollten. König Casimir fand demohner,übtet für gut, den polnischen Titel in Verhandlungen mit Schweden um einige rc. zu rermehren, welches damals beiden Höfen wichtig genug schien, Unterhandlungen anzufangen, und den ganzen Streit durch ein neucrfundcnes Wort Istcetersi! zu verewigen. Wie aber Casi- mir unter Carl Gustavs Regierung in dem Creditiv seines Gesandten Merstein abermal den schwedischen Titel um ein rc. verkürzte, empfand der kriegerische Carl Gustav diese Beleidigung so hoch, daß er sie namentlich in der Erklärung des Krieges gegen Polen anführte, der dem Casimir beinahe die Krone gekostet hätte, und durch den olivischcn Frieden ganz beigelegt wurde. Carls des zwölften Glück in Polen und Sachsen verhinderte nur nebst den Garants des travendahler Friedens, daß zu Anfang dieses Jahrhunderts, aus dem Fracturstreit zwischen Dänemark und Holstein Gottorp kein ähnlicher Krieg entstand. Dänemark verlangte, ungeachtet in dem travendahler Fiieden eine völlige Gleichheit zwischen diesen beiden in Holstein gemeinschaftlich regierenden Häusern ausbedungen war, daß in den gemeinschaftlichen Landesausschreiben der königliche Titel mit größer« Buchstaben gedruckt werden sollte. Der Administrator von Holstein Gottorp wollte die verglichene Gleichheit auch auf die Gleichheit der Buchstaben in den gemeinschaftlichen Verordnungen ausgedehnt wissen: wenn gleich vor dem travcn- dahler Frieden dieß Haus zuweilen so nachgiebig gewesen, in dem königlich dänischen Titel größere Buchstaben als in dein VI. 22 herzoglichen zu erlauben. Sechs Jahr hemmte dieser Fractur- zwist den Lauf der höhern Justiz, und aller gemeinschaftlichen Regierungsgeschäfte, bis endlich Holstein Gottorp 1710 sich bequemte, seinen berzoglichen Titel durch kleinere Lettern von dem königlich dänischen zu unterscheiden. In einem Theil des schottischen Hochlandes war noch im vorigen Jahrhundert folgender seltsamer Gebrauch. An einem bequemen Ort wurde jährlich ein Markt gehalten, wo eine Menge Menschen von beiderlei Geschlecht zusammenkamen. Die Unverheiratheten sahen sich nach Galten und Gattinnen um, wählten sich was ihnen gefiel, gingen hierauf Hand >n Hand Paarweise weg, und lebten zusammen bis zum Markt des folgenden Jahrs. Alsdann erschienen diese Paare wieder auf dem alten Platz und erklärten sich ihr Gefallen und Mißfallen. Wenn beide Theile standhaft blieben, so wurde der Handschlag erneuert, und die Verbindung dauerte auf Lebenszeit, und es war an keinen Markt der Erlösung mehr zu gedenken. Wenn hingegen ein Theil abgeneigt war, so wurde die Verbindung aufgehoben, und beiden Theilen stand eine neue Wahl frei; doch mußte der unbeständige darunter die Frucht des Probejahrs ernähren, wenn eine da war. Diese Gewohnheit rührte, wie Hr. Pennant, aus dessen Reise durch Schottland dieses genommen ist, anmerkt, von dem Mangel an Geistlichen vor der Reformation in jenen Gegenden her. In unserm heil. r. Reich war der Mangel an Geistlichen eben nicht, worüber man vor der Reformation zu klagen hatte. Etwas von Wittwen. In einigen unfruchtbaren nördlichen Ländern und in dem Archipelagus zwischen Asien und Amerika, nimmt sich ihrer, wenn sie nicht erwachsene Kinder haben, niemand leicht an, sie suchen sich von weggeworfenen Theilen von Seehunden und andern Fischen zu nähren, finden sie hiervon Nichts, so sterben sie oft mit ihren Kindern Hungers. Bei vielen alten Völkern und fast durch den ganzen Orient war es ihnen theils durch Gesetze verboten und theils aus Herkommen unerlaubt wieder zu heirathen. Man glaubte nämlich, 339 sie müßten nach diesem Leben ihren Männern in jenem auch wieder Gesellschaft leisten. Sie mußten sich also auf der Erde zu einem einsamen Leben bequemen, um ihrem Manne dereinst im Himmel alle Zwistigkeiten zu ersparen. Bei den Griechen war es lange infam für eine Wittwe, wieder zu heirathen. Ja den Männern war es kaum erlaubt. Charonidas schloß alle Männer, die Kinder hatten und eine zweite Frau nahmen, vvn öffentlichen Berathschlagungen aus: War, sagte er, eines Mannes Ehe glücklich, so soll er sich an diesem seltenen Glück genügen lassen; war sie aber unglücklich, so muß er seiner Sinnen beraubt sein, wenn ers noch einmal versucht. Unter Christen, bei denen die meisten Ehen glücklich sind, klingt dieses freilich lächerlich. Die Ceremonien des Trauerns und Wehklagens sind zwar unter allen Völkern und Himmelsstrichen hauptsächlich ein Geschäft des schönen Geschlechts gewesen, theils ihres vorzüglich sympathetischen Gefühls wegen, theils aber auch, wie Doctor Alexander, der ein ganzes Buch über das Frauenzimmer geschrieben hat, Nachrichten haben will, weil sie das Trauern und Wehklagen völlig in ihrer Gewalt haben solle; allein die Wittwen aller Zeiten sind doch gewiß hierin immer sehr viel weiter gegangen, als die übrigen ihres Geschlechts. Die Wittwen bei den Juden trauerten zum wenigsten 10 Monate um ihre Männer, und alle gesittete Völker folgen diesem Gebrauch bald in größerem bald geringerem Maaße, und bei allen ist es ehrenrührig, innerhalb dieser Zeit zu heirathen. Die Römer bestimmten eine Zeit durch eigene Gesetze. Auch zu Genf bestimmt das Gesetz ein halbes Jahr. In Schottland und Spanien trauerten ehemals die Wittwen bis an ihren Tod, wenn kein zweiter Gemahl der Ceremonie ein Ende machte. Die schottländischen Wittwen brachten das »sie Jahr in einer schwarz tapezierten Stube zu, in welche kein Tageslicht kommen durfte. Im zweiten Jahr tapezierte man grau und ließ die Sonne zuweilen wenigstens herein blicken. Aber weder in der schwarzen, noch der grauen Stube durfte et> was außer den allernöthrgsten Meubeln stehen. Kein Spiegel, keine Commode und kein Silbergeschirr. Die Wittwe selbst 22 ' 340 durste nichts von Juwelen an sich haben, und mußte immer schwarz gehen. Bei den Lhikkasahs in Nordamerika trauern sie 3 Jahre, und das erste Jahr hindurch alle Morgen und alle Abend mit lautem Heulen und Wehklagen. War der Mann ein Kriegsheld, so muß sie den ganzen ersten Monat unter ihres Mannes Kriegespfahl zubringen und immer heulen und weinen. Dieser Pfahl ist roth angemalt und mit den Waffen und Siegeszeichen des Verstorbenen behängen, die man daran laßt, bis sie selbst abfallen. Viele Wittwen sterben über dieser Ceremonie weg. Die ganzen 3 Jahre über sind ihr alle Arten von Vergnügen versagt, selbst das so sehr entzückende für sie, ihre Haare mit Öl und Fett schmieren zu dürfen. Die nächsten Anverwandten des Verstorbenen bewachen sie genau, ob sie auch Alles hält. Aber alles dieses ist nur Kinderspiel gegen das, was sie in dem despotischen Africa auszustehen haben. Weiber und Con- cubinen sind da nicht allein zu Sclaven ihrer Männer in diesem Leben verdammt, sondern auch in jenem; kaum sind also die Männer todt, so werden seine Weiber, Bediente, und öfters selbst Pferde strangulirt, um ihre Serails und Marställe dort wieder zu füllen. Am Vorgebirge der guten Hoffnung, wo man mehr auf Jungfrauen als auf Wittwen hält, müssen sich die letzteren, damit sie sich nicht für Jungfern mehr ausgeben können, bei jedes Mannes Tod em Glied vom Finger hacken. In Darien im südlichen America herrschte ehemals ein gleicher Gebrauch unter beiden Geschlechtern, und wenn ein Wittwcr eine Wittwe heira- thete, so wechselte man bei der Trauung nicht, wie bei uns Fingerringe, sondern Stücke von Fingern selbst. Bei den Hindoos, den alten Bewohnern der Ufer des Ganges, wurde das geliebteste Weib unter den Weibern des Verstorbenen mir ihm zugleich verbrannt, ja, wie Einige behaupten, zuweilen alle. Den Ursprung dieser fürchterlichen Mode, beim Leichenbcgängniß des Mannes die Wittwe lebendig zu braten, schreibt man der einmal dort eingerissen gewesenen Mode der Weiber ihre Männer zu vergiften zu. Andere hingegen glauben, daß, als der große Gesetzgeber und Prophet der Hindoos, Brama, gestorben sei, so haben sich seine Weiber aus Schmerz über den .unersetzlichen Verlust mit ihm verbrannt. Nach diesem großen Beispiel wollten hernach andere Wittwen nicht den Namen bahrn, als liebten sie ihre Männer weniger, als jene ihren Drama. Sehr oft besteigen sie den Scheiterhaufen mit einer bewundernswürdigen Ruhe und Heiterkeit, allein allgemein ist diese Selbstverleugnung doch nicht, einige setzen sich sogar lieber auf Lebenszeit dem Schimpf und der Verachtung aus, als daß sie sich mit ibren Männern aufopfern sollten, und sehr viele thun es wcnig- siens mit Angst und Neue über ibren gefaßten Entschluß. Hat sich aber eine einmal dazu entschlossen, so ist selten Rettung mehr, denn Vistnu wartet ihrer; man zwingt sie den Scheiterhaufen zu besteigen, und hält sie oben mit langen Stangen fest nieder, bis sie von den Flamme» ergriffen wird, und das Heulen und Schreien wirb durch lärmende Musik und Freudengeschrei überstimmt. Dieser schreckliche Gebrauch hat in den neuesten Zeiten bei weitem noch nicht aufgehört. Am 4lcn Fein. 1742 verbrannte sich die 17jährige Wittwe eines gewissen Rham Chrurd, eines augesebcnen Mannes. Auch die Familie der Wittwe war eine von den ersten. Sie faßte den Entschluß sich zu verbrennen, sobald der Mann die Augen zuthat. Man versuchte alle mögliche Gründe sie davon abzubringen, man stellte ihr den Zustand ihrer Kinder vor, und alle die Schrecken eines so fürchterlichen und schmerzhaften Todes; allein als man ihr von Schmerzen sprach, hielt sie ibren Finger eine ganze Zeit ins Feuer, legte Kohlen auf ihre Hand, schmiß Weihrauch darauf und räucherte den umherstcbenden Brammen. Da man endlich die Spräche änderte und sagte, sie dürfe es nicht thun, sie würde die Erlaubniß dazu nickt erhalten, wurde sie auf einmal sehr traurig, sie besann sich aber bald wieder und sagte: mein Tod steht doch in meiner Gewalt; wenn ihr mir nicht zugebt, ihn auf die ge- wohnliche Weise zu finden, so hungere ich mich zu Tode. Bei so vieler unerschütterlicher Entschlossenheit sahen endlich die Verwandten sich genöthigt ihre Einwilligung dazu zn geben. Früh Morgens des andern Tages wurde der Leichnam nach bm Ufern des Ganges hingebracht, und ohngefähr um 10 llbr folgte die Wittwe, unter Begleitung dreier Hauptbraminen, ihrer Kinder und Verwandten, und einer Menge von Zuschauern. 342 Weil der Befehl den Scheiterhaufen anzuzünden erst gegen 1 Uhr anlangte, so wurde die Zwischenzeit mit Beten und Waschen im Ganges zugebracht. Sobald er angelangt war, stand sie etwa noch eine halbe Stunde unter ihren Verwandtinnen, alsdann that sie ihre Armbänder und andern Putz ab und band Alles in eine Art von Schürze. So wurde sie nach der einen Ecke des Scheiterhaufens hingeführt, auf welchem eine Art von Laube aus trocknem Holzwerk und Reifern errichtet war. Diese bestieg sie nach einigen vorhergegangenen Ceremonien, machte eine tiefe Verbeugung gegen die Füße des Verstorbenen, und sah ihm nachdenkend und still etwa eine Minute lang ins Gesicht, alsdann zündete sie die Laube an drei Stellen an. Wie sie merkte, daß der Wind das Feuer von ihr wegbließ, so steckte sie dieselbe auch auf der Windseite an und nahm ihren Platz wieder ein. Da saß sie nun mit einem Anstand und einem Ausdruck von Würde und Ruhe, den keine Worte auszudrücken im Stand sind, bis endlich das Feuer den Scheiterhaufen selbst ergriff, Alles zusammenstürzte, und sie in den Flammen begrub. ^Tabelle die Hoffnung der Jungfern zu berechnen. (Götting. Taschenkalender 1783. S. 46—48. In welchem Alter verschwindet die Hoffnung der Jungfern, einen Mann zu erhalten, oder welches ist das höchste Alter, in dem das Frauenzimmer beirathet? Über diese Frage find noch bisher, da man so viele Wahrscheinlichkeiten berechnet hat, keine Beobachtungen angestellt worden. Desto größer ist das Verdienst eines Predigers in Schweden, des Hrn Hedin, welcher dergleichen in seinem Kirchspiele Kräcklinge, im Stifte Nerike und Sirengnäs, wo in allem 8t>0 Seelen sind, gemacht hat. Er hat seit 37 Jahren, nämlich vom März 1739 an, bis dahin 1776, jedes mal, wenn eine verheirathete Person, oder ein Witt- wer, oder eine Wittwe, in seiner Gemeine mit Tode abging, genau nachgefragt und aufgeschrieben, wie alt die Person gewesen, als sie sich zum ersten mal verheirathet habe. Ferner fragte er alle verheirathete Wittwer und Wittwen in seiner Gemeine, die noch im März 1776 lebten, wie alt sie gewesen, als sie zum erstenmal in den Ehestand getreten. Hieraus machte er einen Auszug und folgende Tabelle. Die Zeile A bedeutet das Alter der Heirathenden; die Zeile Bme die Anzahl der Bräutigamme; und die Zeile Bte die Anzahl der Bräute. Z. B. bei 18: im Alter von 18 Jahren hakn 2 Junggesellen und 17 Jungfern, in Zeit von 37 Jahren, in Kräcklinge geheirathet. A. jBmejBtel A. jBmcj Bte 15 0 2 34 11 12 16 0 2 35 8 5 17 0 10 36 6 7 18 2 17 37 4 3 19 3 17 38 7 0 20 8 26 39 1 8 21 10 18 40 1 7 22 10 23 41 3 2 23 11 25 42 3 1 24 34 24 43 1 3 25 29 24 44 0 1 26 29 26 45 0 2 27 27 23 46 0 1 28 20 20 47 0 1 29 25 12 48 0 1 30 21 15 49 1 1 31 24 14 50 0 2 32 15 11 51 1 0 33 10 9 Also hält sich die wahrscheinliche Hoffnung alter Jungfern m Kräcklinge bis ins 34ste, oder gar bis ins 40ste Jahr, und stirbt erst mit dem 5lsten gänzlich ab. Bei Hagestolzen aber bricht sich dort der Muth zu heirathen im 44sten Jahre völlig. Seltsames Carneval (Götting. Taschcnkalendcr vom Jahre 1784. S. 38—44.) Als im Jahr 1715 die Czarinn zur unaussprechlichen Freuds des Czaars von einem Prinzen entbunden wurde, dauerten die FrcuderiSbezeugungen 8 Tage. Die Feierlichkeiten bei dieser Gelegenheit waren ungewöhnlich prächtig, überall glänzende Gastmahle, Feuerwerke und Bälle. Bei einem solchen Gastmahl wurden einmal drei seltsame Pasteten aufgesetzt. In der ersten derjenigen, nämlich auf der Tafel der Großen des Reichs, saß eine nackende Zwergin, die nichts als ein bloßes Kopfzeug auf dem Leibe hatte; nachdem sie herausgcstiegen war, hielt sie eine Rede an die Anwesenden, und dann wurde die Pastete weggetragen. Auf der Tafel der Damen wurde eine ähnliche mit einem ähnlich angekleideten Zwerg servirl; die dritte enthielt 12 lebendige Feldhühner, die mit großem, flatterndem Getöse bei der Eröffnung durch das Gewölbe hervor brachen, zu nicht geringem Erstaunen der Gesellschaft. Den Abend darauf wurde ein herrliches Feuerwerk abgebrannt, mit vielen wohlausgedachten Devisen, ganz oben stand in großen Buchstaben: Hoffnung mit Geduld. Auf diese Freudensbezeugungen folgte eine Art von Karneval, wovon eigentlich die Hauptabsicht folgende war. Der Ezaar hatte nämlich die patriarchalische Würde, und die damit verknüpften großen Nevenüen der Krone einverleibt, und um nun den Patriarchen, so wie er bisher aussah, beim Volk lächerlich zu machen, so ging er folgender Weise zu Werk. Man kleidete den Hofnarren Sotof, einen Mann von 84 Jahren, der bei dieser Gelegenheit mit einer muntern raschen Wittwe von 34 315 Jabren vermählt werden sollte, wie einen Patriarchen an. Die Hochzeit dieses seltsamen Paares, wurde mir einer Masquerade von ohngefähr 400 Personen beiderlei Geschlechts gefeiert, wovon je vier und vier eigene Trachten und eigene musikalische Instrumente halten. Zu Hochzeitbittern hatte man die vier größten Stotterer im Reich «uscrsehen; die vier Läufer waren die vier unbeholfensten, fettsten und podagrischsten Kerle, die man auftreibcn konnte. Die Brautführer, Aufseher und Tafel- wärter waren steinalte Männer, und der Priester, der die Trauung verrichtete, war über hundert Jahr alt. Die Proces- sloii, die beim Pallast des Czaars anbub, und von da über den zugefrornen Strom nach der großen Kirche beim Ralhhaus ging, geschah in folgender Ordnung. Erst kam ein Schlitten mit den vier Läufern, dann einer mit den vier Stammlern, und so fort, andere mit den Brautführern, Wärtern rc. Hierauf folgte der Knees Romadanofski, der in dieser Färse den Czaac spielte, er stellte eine Art von König David vor, halte aber, statt der Harfe, eine Leier, die mit Bürenpelz überzogen war, in der Hand. Weil er hier die vornehmste Person vorstellen sollte, so hatte man seinem Schlitten die Form eines Throns gegeben, und er selbst hatte eine Davidskrone auf; an die vier Ecken des Schlittens hatte man vier Bären angebunden, welche Bedienten vorstellten, ein fünfter stand hinten auf, und faßte mit seinen Pfoten den Schlitten, diese Bären reizte man beständig mit Stacheln, so daß sie mit ihrem beständigen Brummen ein recht fürchterliches Getöse machten. Hierauf kamen Braut und Bräutigam, auf einem sehr erhaben ausdrücklich hierzu verfertigten Schlitten. Auf dem Schlitten waren überall Liebesgötter angebracht, wovon jeder ein großes Horn in der Hand hielt. Auf dem Kutschersitz saß ein Widder mit ungeheuern Hörnern, und bilitenauf stand ein Ziegcnbock mit einem ähnlichen Kopfputz. Auf diese folgte eine Menge Schlitten, die von allerlei Thieren gezogen wurden, als Widdern, Böcken, Reheböcken, Bullen, Bären, Hunden, Wölfen, Schweinen und Eseln. Hierauf kamen viele sechsspännige Wurstschlitten mit den gehörigen Gesellschaften. So wie der Zug anbob, wurden alle Glocken der ganzen Stadt geläutet, und die Trommeln des Forts, dem er sich näherte, wurden auf dem Wall gerührt; die verschiedenen 346 Thiere wurde» mit Gewalt zum Schreien gebracht, und die Gesellschaft klimperte, rasselte und klapperte mit ihren Instrumenten, wodurch, wie man sich vorstellen kann, ein Getöse entstand, das alle Beschreibung übertrifft. Der Czaar mit seinen drei Begleitern, dem Prinzen Menzikoff, dem Grafen Aprarin und Bruce, waren wie frießländische Bauern gekleidet, jeder mit einer Trommel. Bon der Kirche ging der Zug wieder zurück nach dem Pallast, wo sich die Gesellschaft bis um 12 Uhr des Nachts divertirie, da sie denn in derselben Ordnung bei Fackeln die Neuvermählten nach ihrer Wohnung begleiteten, um sie da, wie fichs gebort, und richtig zu Bette gebracht zu sehen. Dieses Carueval dauerte zehn ganzer Tage, in welchen die Gesellschaft von Haus zu Haus zog, wo sie immer kalte Küche und starke Getränke vorfand, so daß während der ganzen Zeit keine nüchterne Seele in ganz Petersburg anzutreffen war. Den letzten Tag gab der Czaar ein großes Tractament auf dem Rathhaus, bei dessen Beschluß jeder einen großen Pokal, der der doppelte Adler hieß, und eine starke Bouieille Wein hielt, aus- trinkcn mußte. Um diesem auszuweichen, suchte ich') mich wegzuschleichen, indem ich beim Wache habenden Ossicier vorgao, ich hätte etwas für den Czaar auszurichten. So entkam ich glücklich nach dem Hause des Hrn. Keldermon, der ehemals einer von des Czaar's Hofmeistern gewesen war, und noch immer sehr bei ihm in Gnaden stand. Hr. Kelderman kam mir bald nach, aber doch nicht eher bis er den doppelten Adler aus- getrunken hatte. Bei seiner Ankunft sagte er, es sei ihm ganz übel vom vielen Trinken, setzte sich nieder, und legte den Kopf auf den Tisch und schien endlich zu schlafen; da er dieses öfters that, so hatten seine Frau und Töchter kein Arges daraus, bis sie einige Zeit darauf bemerkten, daß er nicht athmete, als sie näher hinzutraten, fanden sie ihn todt und steif, welches, wie man sich vorstellen kann, die Familie in die äußerste Verwirrung setzte. Da ich wußte, wie viel der Czaar auf den Mann hielt, so gab ich ihm alsbald Nachricht von dem traurigen Borfall. Der Kaiser verfügte sich auch sogleich selbst zur Wittwe und bezeugte derselben sein Beileid. Die Leiche wurde auf seine ') Bruce. 347 Kosten veranstaltet (bestattet), und der Wittwe auf Lebenszeit ein ansehnlicher Gehalt ausgesetzt. Auf diese Weise endigte sich dieses Larneval, allein es ging noch einige Zeit darauf, ehe die Mitglieder wieder ganz zu Sinnen kamen. ^Bermähluiigsfeier eines Zwergenpaares. (Götting. Taschenkalender 1784. S. 44 —46.) Im Jahr 1713 veranstaltete die Prinzessin Natalia, einzige Schwester des großen Czaars von derselben Mutter, eine eigene Hochzeitfeier für zwei ihrer Zwerge, die stch einander heirathen wollten. Zu diesem Endzweck wurden verschiedene kleine Kutschen verfertigt, und kleine schottländische Pferde herbeigeschafft, dieselben zu ziehen, und alle Zwerge des ganzen Reichs, drei und neunzig an der Zahl, wurden eingeladen. Sie zogen hierauf in einer großen Procession durch alle Straßen von Moskau. Woran fuhr ein großer Wagen mit Pauken, Trompeten, Waldhörnern und Hoboen. Hierauf folgte der Marschal mit seinem Nachtrab zwei und zwei zu Pferd, alsdann Braut und Bräutigam nebst ihren Begleitern in einer Kutsche mit sechsen. Diesen folgten fünfzehn kleine, jede mit sechs schottländischen Pferd- chen bespannte Kutschen, und in jeder derselben vier Zwerge. Es war ein erstaunlicher Anblick, so viele kleine Geschöpfe, alle mit verhältnißmäßiger Equipage beisammen zu sehen. Zwei Eskadrons Dragoner begleiteten den Zug, um das Gedränge abzuhalten, und viele Standspersoncn folgten in ihren Kutschen nach der Kirche, wo das kleine Paar zusammengegeben wurde. Bon da aus, ging der Zug in voriger Ordnung zurück nach der Prinzessin Pallast, wo ein herrliches Mahl für die Gesellschaft bereitet war. Zwei lange Tafeln waren zu beiden Seiten eines großen Saals gedeckt, woran die Zwerge speißten. Die Prin- 348 zcssin nebst ibrcn beiden Nieren den Prinzessinnen Anna und Elisabeth selbst gingen nicht eher an die Tafel, bis sie sahen, daß die Gesellschaft ihre Sitze ordentlich eingenommen hatte, und mit der Aufwartung Alles in Richtigkeit war. Des Abends führten die Prinzessinnen selbst mit großer Feierlichkeit die Braut zu Bette. Nach dieser Ceremonie, wurde der Zwerggesellschaft ein großes Zimmer eingeräumt, sich unter sich selbst lustig zu machen; das Ganze wurde endlich mit einem Ball geschlossen, der bis an den bellen Morgen dauerte. Die Gesellschaft, welche die Prinzessinnen hierbei begleitete, war so zahlreich, daß sie mehrere Zimmer füllte. ^Handel mit heiligen großen Zehen in Italien. (Götling. Taschenkalender 1784. S. 47 — 50). So außerordentlich unsern Lesern nachstehende Geschichte scheinen muß, so wahr und ausgemacht ist sie. Die Erzählung rührt unmittelbar von einem der aufgeklärtesten Männer unserer Zeit Sir William Hamilton') her, der nicht allein den ganzen schändlichen Handel selbst zuerst entdeckt, sondern auch durch seine weise Fürsorge auf immer vermuthlich gelegt bat. Im Jahr 1780 kam Sir William Hamilton nach dem kleinen Städtchen Jsagua inAbruzzo, und bemerkte daselbst in einer dem heiligen Cosmas und Damian gewidmeten Kirche, daß eine Menge Weiber und Mädchen andächtig nach einem jungen Canonicus hinschlichen, der ein großes Becken ') Sir William Hamilton, geb. 1730, gest. 1803. Berühmter Natur- und Aiterthumssorscher. 1764 englischer Gesandter in Neapel. 349 vor fich stehen hakte, in welches diese andächtigen etwas opferen, das Sir William nicht gleich erkenne» konnte. Als er sich erkundigte, was das sei, was die Damen da in das Becken trügen, so sagte man ihm, es wären in Wachs geformte, große Zehen des Schutzheiligen dieser Kirche, des heiligen Losmo.— Und warum würden sie denn geopfert f Es geschähe, war die Antwort, sich damit Fruchtbarkeit zu erbitten. Daß man nun grade die große Zehe des Heiligen wählte, und nicht lieber den Laumen oder sonst einen Finger oder eine ganze Hand, machte tue Neugierde des Philosophen rege; er trat also hinzu, um die großen Z eb ensammlung näher zu betrachten, und fand am Ende: daß das christliche Frauenzimmer zu Jsagua in Ab- bruzzo in einem christlichen Tempel im Jahr Christi Ein tausend siebenhundert und achtzig, um Fruchtbarkeit zu erlangen, wahre Priapen opferte, die mit vieler Kunst in Wachs geformt waren, und die man um ein scandalcuscs Verfahren wenigstens hinter einer unschuldigen Benennung etwas zu verstecken, große Zehen genannt hatte. Die Mönche des Orts schickten nämlich Leute aus mit Korben voll dieser Zehen, die sie feil auf den Straßen herum boten. Eigentlich hatten sie keinen bestimmten Preis, man konnte geben, was man wollte, aber da man hauptsächlich die Eigenschaft an ihnen rühmte, daß die Wirkung immer desto sicherer wäre, je mehr man dafür bezahlte, so zogen sie dadurch beträchtliche Summen an sich. Offenbar waren an dem Orte ehedem Priapeja gefeiert worden, und die Einkünfte dieser Wachsfiguren mochten den guten Nachfolgern des Heidenthums zu beträchtlich geschienen haben, um sie nicht zum Besten der heil. Mutter Kirche zu verwenden, und den heidnischen Gebrauch in einem christlichen Tempel unter einem etwas züchtigern Namen einzuführen. Sir William glaubt, die Wachspriapen würden noch in den nämlichen Formen gegossen, deren sich ehedem die heidnischen Priester bedient hätten. Bei seiner Rückkehr nach Neapel erzählte er seine Entdeckung am Hofe, und erst 1780 wurde der Priapenhandel dem lieben heil. CoSmo gelegt. 350 ^Sonderbare Bestrafung eines losen Manls in der Pfalz. (Götting. Taschenkalender 1784, S. 64. 65.) Churfürst Karl Ludwig von der Pfalz, der wegen des Wild- fangsrechts Zwistigkeiten mit allen seinen Nachbarn hatte, und bei der Gelegenheit auch einmal gegen einen Herzog von Loth- ringen zu Felde zog, von dem er am 26. Sept. 1668 geschlagen ward, gab manchem Unterthanen wohl Ursache zu Klagen, die er dennoch nicht zum besten nahm. Eine Frau zu Weinheim erhielt unter andern folgenden Befehl: Nachdem des Pfalzgrafen Churfürst!. Durchlaucht in gewisse Erfahrung kommen, daß des Wührtsfrau zum Bock zu Weinheim ohnlängst sich gegen hohe Personen verlauten lassen, Chur- pfalz hinführe eine Anzahl Gänße zu halten, damit man lieber mit Federn, als im Feld Krieg führe; Als haben Ihre Churfürst!. Durch!, ihr Anerbieten in Gnaden angenommen, und ist Dero gnädigster Befehl, daß gedachte Wührtsfrau die Churpfäl- zische Canzlei, jährlich mit Schrcibfedern genugsam versehen, solche alle Jahr auf Martini das erstemal, richtig liefern, auch daß dieses also geschehe, Canzleidirekror von Wollzogen darob halten solle. Heidelberg, den 20. Augusti 1669. Carl Ludwig. ^ Dom Bohoir-Ilpas oder dem Giftbaum. (Götting. Taschenkalender 1785. S. 104—118.) Nachstehende Erzählung, die uns mit einem Baume näher bekannt macht, der das im Gewächsreich zu sein scheint, was 351 die Klapper-, und Brillenschlange im Thierreich sind, rührt vvn einem gewisser N. P. Forsch, einem Holländer, her, dessen Buch Heydinger, ein ehemaliger deutscher Buchhändler in London, ins Englische übersetzt hat. So wunderbar und seltsam auch Manches darin scheinen möchte, und hier und da vielleicht auch wirklich, wie es bei solchen Dingen gewöhnlich zu geschehen Pflegt, übertrieben sein mag, so wenig läßt sich im Ganzen an der Wahrheit der Erzählung zweifeln. Sie ist nichts als ein Commentar über das, was schon Kämpfer (Kmoen. exot. p. S75. ff.) vvn diesem Gift unter dem Namen Vvrisnum j>1a- essüsrienso sagt, auch kennen die Naturgeschichtschreiber schon ähnliche Bäume wenigstens, dahin gehören z. B. einige Rhus- arten, die Hippomane Mancinella rc. Ich fahre nun mit Hm. Förschs eigenen Worten fort: Dieser Baum, sagt er, der in seinen Wirkungen fürchterlicher ist, als Hunger und Pestilenz zusammengenommen, heißt imMalayischen Bohon-Upas. Ich muß bekennen, daß ich anfangs an dessen Existenz zweifelte, bis mich nähere Erkundigung von meinem Irrthum überzeugte. Ich erzähle nur bloß simple, ungeschmückte Thatsache», von denen ich Augenzeuge gewesen bin. Der Leser kann sich auf die Treue der Erzählung verlassen. Im Jahr 1774 stand ich als Chirurgus im Dienst der ostindischen Compagnie zu Batavia, und erhielt während meines Aufenthalts verschiedene Nachrichten von dem Bohon-Upas und dessen Wirkungen. Alles, was ich davon hörte, kam mir aber äußerst unglaublich vor, erregte aber meine Neugierde so sehr, daß ich mich fest entschloß, selbst zu sehen, und bloß meiner eigenen Beobachtung zu trauen. Zu dem Ende wendete ich mich an den Generalgouverneur, Hrn. Petrus Albertus van der Parra, wegen eines Paffes durch das Land. Meine Bitte wurde mir gewähr», und nachdem ich alle nöthige Erkundigung eingezogen hatte, begab ich mich auf den Weg. Zugleich hatte ich mir ein Empfehlungsschreiben von einem alten m a l ay isch cn Priester an einen andern verschafft, der jenem Baum so nahe wohnt, als es sich nur wohnen läßt, nämlich 15 bis 16 Meilen davon ab. Der Brief war mir von großem Nutzen bei meiner Unternehmung, weil letzterer Priester von dem Kaiser dorthin gesetzt ist, diejenigen zum Tod zu bereiten, die verschiedener Verbrechen wegen 352 verdammt worden sind, sich dem Baum z» nähern, und das Gift, das in diesem Gummi sitzt, zu holen. L>er Bvhon- Upas befindet sich auf Java etwa 27 Stnndenwegs von Ba- tavm, 14 von Soura Charta, dem Sitz des Kaisers, und etwa zwischen 18 und 20 von Tinkjoe, der jetzigen Residenz des Sultans von Java. Er ist ringsum von hohen Gebirgen umgeben, und das ganze Land umber ist auf 10 bis 12 Meilen gänzlich unfruchtbar. Kein Baum, kein Strauch, ja kein Kraut findet sich da. Ich habe die ganze Gegend, etwa 18 Meilen von dem Mittelpunkt umher umrcisct, und habe das Land überall gleich traurig befunden. Am leichtesten besteigt man das Gebirge von der Seite, wo der alte Priester wohnt, und von seinem Hause werden daher auch die Missethäter, die das Gift holen müssen, abgeschickt. Man vergiftet allerlei Waffen damit und der Verkauf desselben trägt dem Kaiser ein Beträchtliches ein. Das Gift selbst, welches man zn erhalten sucht, dringt zwischen der Rinde und dem Baum selbst heraus, und ist eher eine Art Camphcr als Gummi. Kein Missethäter wird zur Sammlung desselben gebraucht, als der das Leben verwirkt bat, wie man sich leicht vorstellen kann. Nachdem ihm das Urtheil gesprochen ist, wird er vom Richter im öffentlichen Gericht gefragt, ob er lieber durch den Henker sterben oder eine Büchse voll Gift vom Upas-Baum holen wolle. Gemeiniglich ziehen sie das Letztere vor, weil sie da nicht allein noch einige Hoffnung haben,, mit dem Leben davon zu kommen'), sondern auch wenn sie wieder kommen auf Lebenszeit von dem Kaiser versorgt zu werden. Auch haben sie Erlaubniß sich noch eine Gunst vom Kaiser auszukitten, die gemeiniglich auf eine Kleinigkeit hinauslauft (laufen muß vermuthlich) und gewöhnlich zugestanden ivird. Alsdann versiebt man sie mit einer silberne» oder schildpattnen Büchse, worin sie das Gift thun müssen, und erhalten den nöthigen llnterrickt, wie sie sich auf der gefährlichen Expedition zu verhalten haben. Unter andern gebietet man ihnen sich immer nach dem Wind zu richten, nämlich ') Hauptsächlich wobl auch mit, weil sie Hoffnung haben sich neben dem Baume vorbei in eine andere Gegend des Landes zu schleichen. Anm. des Verfassers. r, <ä>> ÄI 'st Ü. sich jedesmal dem Baum mit dem Wind zu nähern, damit die Ausdünstungen des Baumes immer vorn Wind von ihnen abwärts getrieben werden, hingegen sich immer gegen den Wind, aus glücken Ursachen von dem Baum zu entfernen. Ferner bindet man ihnen ein, so expedit zu sein als möglich, weil das ein Hauptrettungsmittel ist. Ist dieses geschehen, so werden sie nach dem oben erwähnten Priester abgeschickt, wohin sie gemeiniglich von ihren Freunden begleitet werden. An diesem viel verweilen sie gewöhnlich einige Tage, um günstigen Wind abzuwarten, und während dieser Zeit bereitet sie der Priester zu dem gefährlichen Schritt durch Gebet und Ermahnungen beständig vor. Wen» endlich die Stunde der Abreise herannaht, so zieht ihnen der Priester eine lange lederne Kappe mit zwei Gläsern in der Gegend der Augen über, die idncn bis an die Brust nicht; und zieht ihnen ein Paar lederne Handschuhe au. Hierauf werden sie noch einige Meilen weit von ihm und den Verwandten begleitet, gehörig znrecht gewiesen, hauptsächlich auf einen Bach aufmerksam gemacht, dem sie folgen müssen, weil der Upas an dessen Ufern wächst, noch einmal ermähnt, eingesegnet, und so fortgeschickt. Der würdige Alte sagte mir, daß er nun in den 30 Jahren, die er hier wäre, auf 700 Missethäter so zubereitet und abgeschickt habe, und daß kaum einer aus zehn wieder zurückgekommen wäre. Er zeigte mir hierauf eine Liste, der abgeschick- trn und zurückgekommenen, zugleich mit der Anzeige des Verbrechens. Nachher sahe ich bei dem Stockhausverwalter zu Svura-Charta eine ähnliche, die vollkommen mit jener übereil, kam. Ich selbst habe einigemal dieser traurigen Ceremonie beigewohnt, und die Verbrecher gebeten, mir einen kleinen Ast oder nur einige Blätter dieses wunderbaren BaumS mitzubringen, ich habe ihnen auch seidene Schnüre mitgegeben, die Dicke des Baums zu messen, habe aber nichts weiter je erhalten können, als einige trockne Blätter, die man aufgelesen hatte. Alles, was mau mir sagen konnte, war, daß der Baum an einem Bach stände, von mittler Größe wäre, und nahe bei sich noch 5 oder 6 kleine stehen hätte; der Boden wäre ein bräunlicher Sand, vvl- Vl. 23 354 ler Steine, die ihn fast völlig ungangbar machten, übrigens wüchse umher gar weiter nichts, und Alles läge voller todten Körper'). Ich fragte hierauf den Alten um die erste Entdeckung des Baums und seine Meinung darüber, worauf er mir sagte: In ihrem neuen Alcoran stände, daß vor mehr als hundert Jahren das Land um den Baum her von einem Volk bewohnt gewesen wäre, das sich ganz den Sünden von Sodom und G o- morrha ergeben gehabt härte. Worauf Mahomet sich zu Gott gewendet, der das schändliche Volk zu strafen, diesen Baum hätte wachsen lasten, der sie alle weggerafft habe. So viel ist gewiß, daß alle Malayen diesen Baum als ein geheiligtes Werkzeug Gottes ansehn, und von dessen Gift zu sterben hat nichts Unehrliches in sich. Auch bemerkte ich, daß die Delinquenten immer ihre besten Kleider angezogen hatten. Man hat mir gesagt, daß nicht allein auf eine große Strecke kein menschliches Geschöpf aushalten könne, sondern daß auch selbst die Fische im Wasser stürben, und die Vögel, die sich dem Dunstkreis des Baums näherten, todt aus der Luft niederfielen, auch finden sich da weder Ratten noch Mäuse, noch sonst Ungeziefer. Vögel, die auf diese Weise gestorben waren, haben die Delinquenten dem alten Geistlichen mitgebracht. Ich muß hier noch ein Factum anführen, das außer allem Zweifel ist, und sich während meines Aufenthalts auf Java ereignete: Im Jahr 1755 brach im Lande des Massay, eines souverainen Herrn, der an Würde dem dortigen Kaiser wenig nachgicbt, eine Rebellion aus. Das Volk weigerte sich nämlich eine neue Taxe zu bezahlen und widersetzte sich ihrem Regenten öffentlich. Der Massay schickle ein Corps von 1000 Mann ab, die Rebellen mit sannnr ihren Familien aus seinem Staate zu vertreiben. Auf diese Weise wurden 400 Familien (auf 1600 Seelen) genöthigt ihr Vaterland zu verlassen. Weder der Kaiser »och der Sultan wollten ihnen einigen Schutz verstatten, nickt weil sie Rebellen waren, sondern wirklich aus Furchl den Massay, ihren Nachbar, zu beleidigen. In dieser erbärmlichen Lage ') Wohl nicht voll silberner und schildpatrncr Büchschen. Anm. des Verfassers. 355 Mb ihnen nichts mehr übrig, als sich in die Länder um den Upas zu ziehen, wozu sie sich die Erlaubniß des Kaisers erbaten. Ihre Bitte wurde ihnen gewährt, jedoch mit dem Vorbehalt ihre Wohnung nicht weiter als 12 Meilen von dem Baum aufzuschlagen, um den weiter entfernten Bewohnern nicht in ihren Befitzthümern lästig zu fallen. Sie mußten sich also hierein finden, allein in weniger als zwei Monaten waren sie bis auf 300 geschmolzen. Die angesehnsten unter diesen verfügten sich zum Massay, stellten ihm ihren Verlust vor, und baten um Gnade, der sie auch, als nunmehr wegen ihrer Vergehung hinlänglich gestraft, wieder aufnahm. Einige von diesen habe ich bald nach ihrer Zurückkunft gesprochen; alle hatten ein erbärmliches Ansehen, sie sahen blaß und schwach aus, und nach Uem, was sie mir von den Symptomen und den Umständen irzählten, die den Tod ihrer Brüder begleiteten, als Convul- ßMN und andern heftigen Zufällen, bin ich überzeugt, daß sie m dem Gift des Baumes gestorben find. Freilich scheint die Stärke des Giftes auf eine so große Strecke fast unglaublich, zumal wenn man bedenkt, daß es doch wenigstens möglich ist, daß Delinquenten wieder zurückkehren: Mein mein Erstaunen verminderte sich, nachdem ich Folgendes bemerkt hatte: Wenn der abgeschickte Delinquent einen günstigen und starken Wind antrifft, der die Dünste vor ihm bertreibt, und er selbst außerdem von guter Leibcsbeschaffenheit ist, so sieht man die Möglichkeit einer gesunden Rückkunft ein. Mein diese Winde sind selten; die schwächern sind nicht beständig; zuweilen wohl gar keine, und dieses verursacht den Tod. Wehten in diesen Gegenden öfters heftige Winde, so würde man weniger von den schrecklichen Wirkungen des Baumes hören. Zm Februar 1776 wohnte ich zu Soura-Charta einer Erecution von 13 Beischläferinnen des Kaisers bei, die einer Untreue gegen denselben überführt worden waren. Es war Vormittags um cilf Uhr, als die schönen Missethäterinnen auf einen offnen Platz innerhalb der Mauer des kaiserlichen Pallasts vorgeführt wurden. Hier wurde das Urtheil über sie gesprochen, daß sie durch eine mit dem Upassaft vergiftete Lanzetre sterben sollten. Hierauf wurde ihnen ein Alcoran gebracht, bei welchem sie nach Mahomets hergebrachtem Gesetz beschwören und 23 ' 350 betheuern mußten, daß sowohl die gegen sie gebrachte Klage gegründet, als das Urtheil und die Strafe gerecht und billig sei. Dieses thaten sie, indem sie ihre rechte Hand auf den Al- coran, die Linke aber auf ihre Brust legten, mit gegen den Himmel gerichteten Augen-, hierauf hielt der Richter den Al- coran an ihre Lippe» und sie küßten ihn. Nach Endigung dieser Ceremonien ging der Scharfrichter fvlgendermaßen zu Werk. — Dreizehn Pfosten, jeder etwa fünf Fuß hoch, waren vorläufig errichtet, an diese wurden die dreizehn Miffethäteriiinen fest gebunden und ihr Busen ganz entblößt. In dieser Lage- blieben sie einige Zeit unter beständigem Gebet und Beistand der Priester, bis endlich der Stichler dem Scharfrichter das Signal gab, hierauf zog dieser ein Instrument hervor, das viele Ähnlichkeit nur dem Schnepper harre, womit man den Pferden zur Ader läßt. Mit diesem Instruments dessen Klinge mit Upassaft vergiftet war, machte er jeder eine Öffnung in der Mitte der Brust, schnell hintereinander weg, so daß die ganze Operation in 2 Minuten vorbei war. Die Wirkung des Giftes war zum Erstaunen, den» in weniger als 5 Minuten wurden die Mädchen von einem Zittern der Glieder und Evnvulsionen befallen, worauf sie denn bald unter den größten Beängstigungen, indem sie beständig Gort und Mahonie! um Barmherzigkeit anflehten, starben. In 16 Minuten nach meiner Ubr, die ich in der Hand kielt, waren sie alle hin. Einige Stunden nach dem Tode zeigten sich an ihren Leibern gelbliche Fleckei,, ihre Gesichter schwollen auf, die Gesichtsfarbe verwandelte sich in eine Art von Blau, und das Weiße im Auge wurde gelb. Hierauf erzählt F. noch einige Versuche, die er selbst mit verschiedenen Thieren angestellt hat, denen er das Upasgift theils in kleine» Wunden, theils auch innerlich beibrachte, der Erfolg war allemal der Tod. Nach dem innerlichen Gebrauch zeigte sich im Magen geronnenes Blut. Auf Java wird unendliches Unheil mit diesem Gift angerichtet, jeder Mann von Stande trägt seinen Dolch, der damit vergiftet ist. Zu Kriegszeiten vergiften die Malarien die Quellen damit; auf diese Weise verloren die Holländer in ihrem letzten Kriege ihre halbe Armee. Es ist daher gewöhnlich, auf Märschen lebendige Fische niirzu- führen, und jedesmal einige in die Quellen oder Brunnen z» werken, aus denen die Truppen trinken sollen; denn befinden sich die Fische wobl im Wasser, so kann man ohne alle Gefahr davon trinken. Man könnte am Ende fragen, fährt Hr. F. fort, woher kommt es aber, daß man ron diesem wunderbaren Baum bisher so wenig gehört bat? Die Antwort ist, weil Leute, die totthinreisen, es nicht sowohl der Naturgeschichte als des Handels wegen thun. Uberdas ist Java durchgängig als eine ungesunde Insel bekannt; reiche Leute bleiben nicht lange da, und die nicht reichen suchen es zu werden, und dazu wäre Untersuchung der Natur gewiß der reckte Weg nickt, auch verstehen die meisten die Sprache zu wenig, um auf Reisen in. Inneren des Landes fortkomme» zu könne». Er hofft aber, daß nunmehr durch seine Nachricht die Neugicr der Reisenden gereizt werde. Der Herausgeber des Aliiianacks hat Hoffnung bald zu erfahren, ob der berühmte Herr Tbunberg, der auf Java gewesen ist, hierüber vielleicht etwas angemerkt hat. (Götting. Taschenkalcnder 1788. S. 185.) Was von dem Bubon Upas, von dessen Gift wir vor einigen Jahre» in dem Taschenbuch (1785, >>. 104) eine Nachricht aus dem Englischen geliefert haben, wahr ist, ist Folgendes, das ich aus einem Schreiben des berühmten Pros. Tbiin- derg an den Hrn. Ritter Murrav mittheile: »Der giftige Zaum Bubon Uvas ist noch unbekannt: sehr wahrscheinlich iß er aber ein 8nIoroxvIon. Was der Verfasser jener englischen Schrift von dessen giftiger Wirkung auf Delinquenten erzählt, ist unleugbar: alle Ceremonien aber bei dem Einsammle» des Gifts stützen sich auf den Aberglauben, wohin auch dies gehört, daß neben diesem Baume in einer Weite von mehreren Meilen kein anderer zu finden sei. Alles dieses ist übertrieben, obgleich der Saft und die Ausdünstung des Baums in der Nabe tödt- üch sein können, wie von dem Illnis loxicostenstron bekannt iß. Auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung gibt es ein sehr Mges 8>iIviox>Ian, dessen Saft die Hottentotten mit dem Schlangengift vermischen, womit sie sodann ihre Pfeile vergiften, welche dadurch noch tödtlicher werden, als durch das Schlangengift allein. Ich besitze, wofern ich nicht irre, eine» Ast vom 358 Buhon Upas, aber ohne Blüthe. Mit Gewißheit läßt sich doch ^il nicht bestimmen, ob er von eben dem Baume her sei, so lange noch niemand das Herz gehabt hat, einen Ast und Blüthe von ^ dem wahren Baum zurückzubringen, welches gewiß weniger ge- fährlich ist, als den Saft oder das Gummi selbst zu holen. ^.1 Java ist an mehreren Orten sehr ungesund, ohne daß man die Schuld auf einen ähnlichen Baum schieben kann, wovon Hitze, , wässerichte Dünste und Windstille die Ursachen sind. Dadurch sterben mehrere Tausend Menschen jährlich." P Beitrag zu einer Toillettenapotheke. (Götting. Taschenkalender 1785. S. 180—181.) 1) Römische Pomaden. ü- Unter allen wohlriechenden Pomaden, die in der Provence ^ und in verschiedenen Städten Italiens bereitet werden, wird diese vorzüglich geschätzt, wahrscheinlich wegen der Menge der wohlriechenden Kräuter, die man hier von vorzüglicher Güte dazu anwenden kann. Größtentheils wird sie in den Klöstern, zum Theil auch von eigenen Fabrikanten bereitet. Man nimmt Schweinsfett und Bockstalg, nachdem man sie weicher oder ^ härter haben will, von einem mehr als vom andern. Die- -U ses wird mit etwas Kochsalz zusammengeschmolzen, wodurch l die feinen Blutgefäße und andere Unreinigkeiten, die noch in demselben enthalten sind, weggenommen werden, und seihet es durch ein wollenes Tuch in einen Kessel mit Wasser, worin es s mit einer hölzernen Keule gut geschlagen und ausgewaschen wird. rtz Man gießt das Wasser ab, frisches drauf, läßt es stehn, stößt 7: es wieder, und wiederholt dieses so lange, bis es gar keinen Ä Geruch mehr hat, alsdann legt man das Fett schichtweise mit 7: wohlriechenden Blumen und Kräutern in einen Kessel, stellt i:- solchen in die Sonne, und nach einiger Zeit schmelzt man diese Pomade über sehr gelindem Feuer und läßt sie durch Wollenzeug laufen, die zurückgebliebenen Blumen und Kräuter drückt man gelinde aus, und mischt das Ausgedrückte zu der Pomade. Es gibt deren verschiedene Sorten, die den Geruch und den Namen von Bergamott, Orangenblüthen, Jonkillcn, Tuberosen, Ta- zetten, Hyacinthen, Lavendel, Rosmarin, Rosen, Nelken, Thymian, spanischen Hopfen, Majoran, Melisse, Krausemünze und verschiedenen andern wohlriechenden Kräutern haben. 2) Jasminöl. Man tränkt Baumwolle in ein gar nicht riechendes frisches Ol, am besten ist das Öl der Beennüsse dazu, diese Baumwolle legt man schichtweise mit den Jasminblüthen zusammen in ein Sieb, läßt dieses 24 Stunden stehen, legt sodann wieder frische Schichten von Blüthen zwischen die Baumwolle, und wiederholt dieses Verfahren so lange, bis das Öl in der Baumwolle den Jasmingeruch völlig angenommen hat, da man denn das Ol sorgfältig auspreßt und in festen Gläsern aufbewahrt. Eben diese Operation kann man mit mehreren wohlriechenden Blumen vornehmen, Tuberosen, Tazetten, Lavendel, Melisse u. s. w. würden sehr gut dazu sein, mit dem wilden Jasmin (kirils- äelpkus coroosrius I.in.) hat es nicht glücken wollen. 3) Feinere destillirte Öle. Aus den wohlriechenden Kräutern, Lavendeln, Melisse, Majoran, Münze u. s. w. werden sie vorzüglich in der Pro- dmce, wo diese Kräuter von vorzüglichem Wohlgeruch wachsen, bereitet, selten erhält man sie aber rein, sondern gewöhnlich sind ße mit Weingeist oder einem andern geruchlosen Öle verfälscht, das häufigste Öl gibt der Rosmarin, und dieses ist daher am wohlfeilsten. Die Öle aus wohlriechenden ostindischen Gewürzen bereitet man vorzüglich in Holland im Großen, und verfälscht ste nach hergebrachtem Brauch mit Walrath, Beenöl und andern destillirte» wohlfeiler» Ölen, vorzüglich häufig erhält man sie aus den Gewürznelken und Muskatnüssen (aus dem Pfunde 360 von ersteren anderthalb bis zwei Unze»), weniger aus dem Zimmt, Cederholze, Muskatblüthcn u. s. w. Das Citronvl wird in Italien entweder durch Auspressen auf einer Glasplatte oder mit ein„em eignen Instrument, durch welches die Bläschen, welche das Öl enthalten, aufgeritzt werden, vorzüglich bereitet. Die Öle aus unsern einländischen gewurzhaftcn Samen Anis, Fenchel u. s. w. werden in Magdeburg wohlfeiler uud besser bereitet. 4) Bereitung der rothen Schminke. Man hat gröbere und feinere Sorten. Der erdigte Grundstoff ist allemal specksteinartig, aber von verschiedener Feine. Die brianzoncr oder spanische Kreide, die zur Reinigung der Galonen und Flecken auf Kleidern dient, wird gelinde gebrannt, eine feinere Gattung, die man 'Islo !I 9 — 136 21 — — 10 - 152 2 — — 11 — 167 7 — — 12 — 182 12 — l!!' — 13 — 197 17 — — 14 — 212 22 — Vl. 24 370 Wenn man täglich ausgibt Thlr. Ggr. Pf. — 15 — — 16 — — 17 — — 18 — — 19 — — 20 — — 21 — — 22 — — 23 — 1 — — 2 _ -- — — 4 — — 5 — 6 — — 7 — — 8 — — 9 — — 10 — — 11 — — 12 — — so beträgt solches jährlich Thlr. Ggr. Pf. 228 3 243 8 258 13 273 18 288 23 304 4 319 9 334 11 349 19 365 — 730 — 1095 — 1460 — 1825 — 2190 — 2555 — 2920 — 3285 — 3650 — 4015 — 4380 — Eine andere Frage ist: wie viel kann ich täglich ausgeben, wenn ich z. E. 100, 200 oder 300 Rthlr. einznnchmen habe, ohne mit der Einnahme zu kurz zu kommen? Dieses zeigt folgende Tabelle: Wenn man jährlich einnimmt Thlr. 2 3 4 5 6 so kann man täglich ausgeben Thlr. Ggr. Pf. — — 2 — — 3 — — 4 und behält übrig Thlr. Ggr. Pf. — 17 7" — 11 2 — 4 9 1 4 9 — 22 4 Wenn man jährlich einnimmt so kann man täglich ausgeben und behält übrig Thlr. Thlr. Gg> - Pl. Thlr. Ggr. Pf. 7 — — 5 _ 15 ii « — — 6 — 9 6 9 — — 7 — 3 1 lO — — 7 1 3 1 20 — 1 3 — 23 9 30 — 1 11 — 20 5 40 — 2 7 — 17 1 50 — 3 3 — 13 9 00 — 3 11 — 10 5 70 — 4 7 — 7 1 80 — 5 3 — 3 9 90 — 5 11 — — 5 100 — 6 6 1 3 6 200 — 13 1 1 — 7 300 _ 19 8 — 21 8 400 1 2 3 — 18 9 500 1 8 10 — 15 20 600 1 15 5 — 12 11 700 1 22 — — 10 — 800 2 4 7 — 7 1 900 2 11 2 -. 4 2 1000 2 17 9 — 1 3 2000 5 11 6 — 2 6 3000 8 5 3 — 3 9 4000 10 23 — — 5 — 5000 13 6 9 — 6 3 Der Verlust von Zeit ist noch wichtiger als der vom Geld, denn durch richtigen Gebrauch der crsteru kann der Verlust des letzten oft wieder ersetzt werden. Es ist kaum glaublich, wie nachlässig die Menschen mit der Zeit umgehen. Hierüber ist so °si gepredigt worden, daß es unnütz sein würde, hier noch ein Wort deßwegen zu verlieren. Die Menschen achten nämlich so wenig auf solche Predigten als auf die Zeit selbst, und glauben wohl gar, durch einen sehr gemeinen Selbstbetrug, die Wich- 24 ' tigkeit einer Vorschrift einsehen, hieße so viel, als sie befolgen. Ich will also vielmehr ein Beispiel geben: Ich habe vor meh- rern Jahren auf Universitäten einen jungen Menschen gekannt, der alle Morgen eine Stunde mit Putzen seiner Schuhschnallen, Reinigung seiner Pfeifenrohre und Polirung des Pfeifenkopfs zubrachte. Es war das Erste was er that, und gemeiniglich noch ehe er seine Beinkleider angezogen hatte. Dieses betrug in den 3 Jahren, da er sich auf Universitäten aufhielt, 1095 Stunden, also 45 Tage 15 Stunden. Allein was für Tage und was für Stunden? Antwort: Tage und Stunde», worin keine Nacht und kein Schlaf war, wo nicht bei Tisch gesessen, und nicht geplaudert wurde, wo der Körper immer gleich gestärkt und zur Arbeit am tüchtigsten war; lauter reine, ihm völlig eigene Zeit. Dieser Mensch hätte in diesen 1095 Stunden das Englische erlernen, und sich die Anfangsgründe der Mathematik und Physik bekannt machen können. Bon allen diesen aber lernte er nichts, weil es ihm unnütz schien, und er ohnehin, wie er sagte, zu thun genug hätte. Da dieser Artikel schon Tabellen genug enthält, so will ich die Leser, die ohnehin, wenn sie die Zeit, da sie die 4 Species hätten erlernen können, nicht mit Schnallenputzen zugebracht haben, sich dergleichen leicht selbst entwerfen können, mit langen Tabellen verschonen, doch wird die folgende kurze nicht unnütz sein. Wer tägl. verliert St. Min. verliert in 3 Uni- versitätsjahrcn St. Min. in 50 Jahre St. Min — 1 18 15 304 10 — 10 182 30 3041 40 — 20 375 — 6083 20 — 30 557 30 9125 _ — 40 730 — 12166 40 — 50 912 30 15208 20 1 — 1095 — 18250 — 2 _ 2190 — 36500 _ 3 — 3285 — 54750 — 4 — 4380 — 73000 _ 5 — 5475 — 91250 — 373 Ich habe mit Fleiß die Stunden nicht auf Tage und Jahre reducirt, um nicht zu der falschen Vorstellung, die den Eindruck sehr schwächen würde, Anlaß zu geben, als wären diese Tage und Jahre von der gewöhnlichen Art, nämlich mit Schlaf-, Essenszeit u. s. w. vermischt. Hier wird bloß eine Zeit verstanden, die zu jeder beliebigen nützlichen Beschäftigung hätte verwandt werden können, dahingegen Schlafen und Essen sehr nützliche und nöthige Verrichtungen find, wie uns unsere Leser ohne weiteren Beweis glauben werden. ^Merkwürdige Belagerung und Einnahme einer Zuckerdose durch ein Corps Ameisen. (Götting. Taschenkalender 1786. S. 179—181.) Die Geschichte dieser Belagerung ist aus der Neisebeschrei- bung des berühmten Astronomen Le Gentil") gezogen, und also im strengsten Verstand wahr, ein Borzug, den nicht alle Belagerungsgeschichten haben, die öfters, wie man sagt, durch eine Art von Erbsünde etwas von den Gebrechen ihrer aller Mutter, der trojanischen, an sich tragen sollen. Der Vorfall ist merkwürdig, schön und wohl gar einer dichterischen Behandlung fähig. Vielleicht schenkt auch ein witziger Kopf, der dieses liest, diesen kleinen sechsbeinigen Helden ein kleines Denkmal in irgend einem Musenalmanach. ') Le Gentil, clo la Oal-nsiöro (Ouill. Ilg'sc. 4os.), geb. zu Contanas 1745, gest. 1792. Mitglied der französischen Akademie der Wissenschaften. Schrieb: Vo^ago änns los mors äo Unäs, ksit psr oräro äu Iloi ä I'ovossion cln passago cko ^enus sur le ckisgus äu soleil, lo 6. stuin 1761 et lo 3 6n möms mois 1769. Es ist bekannt, daß Frankreich, wenn es gleich mit der ganzen Welt Friede hat, dennoch mit den Ratze» auf S t. M a u- ritius und den Ameisen in Indien in einem ewigen und sehr verdrießlichen Krieg lebt. Man hat darüber viel geschrieben, gedacht und gethan: allein es hilft nichts, so oft es zur Activ» kommt, so werden die Franzosen allemal geschlagen. Die Kriegskunst dieser Thiere ist sehr simpel. Alles wird durch Bravour, Menge und formte Märsche gethan, allenfalls konnte man sagen, daß sie einige Kenninisse von der Co tonne hätten. Von dieser haben die Ratzen schon mehrnialeri eine solche glückliche Anwendung auf die Maitzfelder auf St. Mauritius gemacht, daß es, wenn es ferner so geht, höchst wahrscheinlich ist, daß sie endlich den Franzosen die Insel abnehmen werden. Doch jetzt bloß von den Ameisen. Ein Eorps von Ameisen wagte es, zwischen den Jahre» !761 und 09 dem Hrn. Le Gentil seine Zuckerdose wegzunehmen nnd zu plündern. Sobald er Wind davon bekam, war er darauf bedacht, die Dose zu befestigen, und zwar versah er sie förmlich mit Wall und Graben auf folgende Weise: Er setzte die Tose in eine etwas tiefe Schüssel und goß die Schüssel voll Wasser, so daß also die Ameisen, wenn sie die Dose einnehmen wollten, erstlich einen überhängenden Wall (den Rand der Schüssel) zu erklettern, dann einen Graben mehr als 50 Ameisenlän- gen breit zu überschwimnien hatten, wobei es ohne Verlust nicht abgehen konnte, nnd endlich mußten sie noch durch und durch naß den Hanptwall ersteigen. Alles dieses schreckte sie nicht ab. Der bedeckte Weg ward in kurzer Zeit von einer unzählige» Menge erstiegen, als sie aber an den Graben kamen, stutzten sie nicht wenig, nnd es ließ, als wenn sie die Sache aufgebe» wollten, allein es fanden sich bald beherztere, die, ohne sich zu bedenken, in den Graben sprangen und versuchten überzuschwim- men; sie ertranken aber alle. Den Zurückgebliebenen, die also ihre Eameraden vor ihren Augen erbärmlich ertrinken sahe», benahm dieses den Muth nicht, es sprangen immer mehrere hinein, so daß endlich der ganze Graben mit Leiche» bedeckt war. Dieses war es, was sie verlangten, nämlich das ganze Eorps marschirte nun trocknes Fußes über die schwimmenden Leichen, als eine Brücke über den Graben weg, erstieg den Hauptwall und plünderte die Dose. Hütte wohl eine Legion macedonischer Veteranen mehr für ihren Alexander thun können, wo es darauf ankam, für ihn irgend enic persische Zuckerdose zu plündern ? 7Dom Hang znm und von einigen sonderbaren Toilettenstücken. (Gotting. Taschenkalendcr 1787. S. 134—141.) So wenig wir den ernsten Patrioten ihren Eifer verargen, wenn sie beim Luxus ihrer Zeitgenossen, denen nun eigne Modejournale zum Bedüifnisi zu werden anfangen, mit inniger Indignation ihr: »Zeiten oSitten! ausrufen: so billige Nachsicht sollten sie hingegen doch auch uns Kalenderschreibern angerudert lassen, wenn wir in dergleichen Fällen dennoch das: schicket euch in die Zeit! nicht ganz aus den Augen lassen. Unser Kalender hat nun schon sert Mcnschengedenken unter andern auch zu einem kleinen Handrepcrtorium der ireuesten Mo- dekleidungen und Kopfputzes gedient, und so wird man es nicht am unrechten Orte finden, wenn wir nächst dieser jährlichen Lieferung in elligie, auch einmal einen schriftliche» Beitrag zum Studium der Moden geben, ja gar ein Wort zu ihrer Rechtfertigung zu sagen, unternehmen. Lffenbar fließt doch der Hang zum Putz aus der Sucht zu gefallen. Und wenn die letztere, wie es keines Beivehes bedarf, nner der erste» und für die menschliche Gesellschaft wohlthätigsten Grundtriebe ist, die die Natur am tiefsten und am allgemeinsten in die menschliche Seele gelegt bat, so wird man den ersten an und für sich nicht bloß verzeihlich, sondern geradezu, ebenfalls ganz natürlich und selbst vortdeilhaft finden müssen. Dann aber braucht man sich ferner bloß zu erinnern, daß sich dieser Hang, wie es die Sache mit sich bringt, nach dein 376 Begriff von Schönheit richten muß, und daß endlich nichts relativer und veränderlicher und mehr von Zufällen abhängend gedacht werden kann, als eben dieser, um nun auch das eben so Veränderliche und theils Ausschweifende in den Moden mit billigern Augen zu beurtheilen. Selbst unter den Thieren scheinen einige eine Art von Gefühl für den Putz zu haben, wie man z. B. nach der Versicherung aufmerksamer Reisenden an den Elephanten in Indien bemerken soll, wenn sie bei Aufzügen rc. mit Blumenbinden behängt, ihre vergoldeten Elfenbeinzähne mit Ringen besteckt werden w. Im Menschengeschlecht aber ist wohl durchaus noch kein Volk unter der Sonne gesehen worden, das nicht durch irgend eine Art von Putz, die ihm von der Natur verliehenen Reize zu erhöhen und sich dadurch liebenswürdiger zu machen suchen sollte. Selbst die armseligen Einwohner des traurigen Feuerlandcs nicht ausgenommen, die elenden kümmerlichen Pescheräs, die als der Abschaum der Menschheit geschildert werden. Denn auch von diesen besitzt das göttingische Museum in der großen Sammlung südländischer Merkwürdigkeiten ein Halsband von niedlichen schillernden Schneckchen, das bei der daran verwendeten Kunst sogar Verdacht von studirtcr Koketterie erwecken könnte. Es gibt Völker, die so ganz dem von unsern neuern Sophisten so gepriesenen Naturstande treu geblieben sind, daß sie sogar vom Feigenblatt unsrer ersten Eltern keinen Gebrauch machen. Von der Art sind die Einwohner von Neuholland. Diese gehen schlechterdings ganz unbekleidet; aber dennoch nicht ganz ungeputzt. Sie incrustiren wenigstens den Körper mit einem schwarzen Firniß, den sie wieder mit weißen Streifen bemalen, und knebeln sich einen fast spannenlangen Knochen durch die Nase, der dick genug ist, um aller Luft den Weg zu versperren, so daß sie nicht anders als mit offnem Munde athmen, nie anders als mit schnarrender Resonanz sprechen können. Andre Völker, die zwar den sehr weisen Gebrauch jenes Feigenblatts einsehen, haben aber doch auf Surrogate dieses einfachsten aller Bekleidungsstücke raffinirt, die theils von so sonderbarer Einrichtung sind, daß sie offenbar etwas mehr als die bloße Bedeckung zur Absicht zu haben scheinen. «kt« Ä > Ä" B«» :M> iie» W lim» a si?« äki M s UM j 8»'! , !ria > Kij L! -bkj ü>N L, Im südöstlichen Africa z. B. bediente man sich ehedem zu diesem Gebrauch eines Katzenschwanzes. Die Einwohner von Darien trugen nach Wassers Bericht statt dessen eine Maschine, die er mit einer Lichtputze vergleicht. Ein benachbartes amerikanisches Volk einen Kürbis oder ein großes Schneckenhaus. Noch weit auffallender und umständlicher ist ein kolossali- scher Apparatus, dessen sich die männlichen Einwohner von Mallicolo und den übrigen neuen Hebriden auf der Südsee bedienen, und wovon Capt. Cook in der Beschreibung seiner zweiten Reise um die Welt Abbildungen geliefert hat: nämlich eine cylindrische Kapsel von einer solchen Länge und Stärke, daß ste durch besondere Stricke getragen und um den Leib befestigt werden muß. Endlich verdient auch noch ein anderer Schmuck unter den Erfindungen dieser Art Erwähnung, der ebenfalls in der gedach- len südländischen Sammlung im hiesigen Museum befindlich ist, und bei unsern Antipoden in Neuseeland zu Hause gehört. Es ist dies ein hölzerner, mit Bindfaden umwickelter Reif, dessen oberer Bogen mit einem ausgebreiteten Federbusch besetzt ist, und der rnutstis nnitsuüis auf die gleiche Weise wie die vorge- dachten Kapseln getragen wird, und durchaus bloß zur Parade bestimmt zu sein scheint. Allein die Vorkehrungen dieser Art sind bei weitem nicht etwa bloß den Wilden eigen. Es war eine Zeit, wo auch unsere Vorfahren diesen Theil ihres Anzuges auf eine ähnliche Weise auszuzeichnen suchten. Besonders im löten und löten Jahrhundert, wo es der gute Ton mit sich brachte, die Beinkleider vorn mit einem Knopfe zu zieren, dessen ungeheures Maaß sich auf den Kunstdenkmälern aus jenen Zeiten erhalten hat. Der Verf. dieses Aufsatzes erinnert sich, eines dergleichen in der Kirche zu Wildungen gesehen zu haben. Es ist das steinerne Monument eines Grafen Samuel von Waldeck, der in Lebensgröße daran ausgehauen ist, und an dessen Knopf die Chorschüler gewöhnlich ihre Hüte hängen. Überhaupt schien in jenen Zeiten der Prunk beim männlichen Anzug auf die Beinkleider, so wie der weibliche hingegen auf einen sehr ansehnlichen cul üe ksri» concentrirt zu sein. Zumal war in dcr Mitte des Ivtcn Jahrhunderts der Lurus mit den Beinkleidern zu einer beispiellosen Hohe gestiegen, da man auf >00 bis 13V Ellen Karteck zum Unterfutter eines einzige» Paares Pluderhosen verwandte, die nach der Zeit durch die Pumphosen verdrängt wurden, die man mit Pferdehaaren ausstopfte, und wo zu einem Paar kaum drei Kalbhüute zureichten. Es lebte zu der Zeit ein guter alter I'rol. tkooloz. zu Frankfurt au der Oder, Andr. Musculus, der seinen Eifer über diese Greuel a. 1855, in einem eignen merkwürdigen Werke: vom zcrluderten Zucht- und ehrvergeßnen plnde- richtcn Hvsenteufel ausließ, worin er in der That Alles erschöpft hat, was sich nur irgend über die Moralität der Beinkleider sagen läßt. ^Sonderbare Behandlungsart der neu- geborne» Kinder bei einigen Völkern. (Götting. Taschenkalcndcr 1787. S. 142—150.) Zu den unendlichen Vorzügen, die den Menschen über die übrige thierische Schöp'ung erheben, gekört vor allen auch die unbegreifliche Geschmeidigkeit und Festigkeit seiner Eonstitution, da er leichter als irgend ein anderes Thier sich an Alles gewöhnen, glücklicher als irgend sonst eines seinen Körper gegen die mannichfaltigsten widrigen Eindrücke abhärten kann. Kein anderes Thier kann so wie er unter jedem Meridian und in allen Erlrenien von grimmiger Kälte und von brennender Hitze ausdauern, keins so wie er durchaus aller Arten von Nahrungsmitteln, entweder einzig und allein ausschließlich, oder in den abenteuerlichsten ungereimtesten Mischungen gewöhnen. Der größte und sprechendste aller Beweise für diese Dauerhaftigkeit und Stärke der menschliche» Natur, könnte freilich wohl daraus hergenommen worden, daß, trotz der widersinnigste» und doch abwechselnd herrschenden Heilmethoden der Ärzte, sich die Mortalität des Menschengeschlechts, im Ganzen genommen, immer ziemlich gleich geblieben zu sein scheint. Allein auch schon die Behandlungsart der neugebornen Kinder bei verschiedenen Völkern kann die Sache einleuchtend machen, wovon einige Beispiele, zumal in unsern pädagogischen Tagen, hier nicht am unrechten Orte senr werden. Wir Meisterstücke der Schöpfung kommen mit einem weißen käsichten Firniß zur Welt, der dann das erste Bad nothwendig macht, wozu sich viele Völker, selbst in den kältesten Erdstrichen, des nächsten liebsten Flusses bedienen. Unsre alten deutschen Vorfahren tauchten, wie Galenus erzählt, das noch von seinem bisherigen mütterlichen Aufenthalte rauchende neugeborne Kind,, in den eiskalten Fluß, und freilich seht dieser Patriarch der Ärzte die Sache für eine absichtliche Probe an, da man Kinder, die sie nicht zu überleben vermochten, überhaupt auch nicht der Erhaltung werth gehalten habe. Ein ähnliches Principium herrschte wenigstens weiland bei den russischen Müttern: man tröstete sich bald über den Verlust der wenigen schwächlichen Weichlinge, die in dem Wechsel des neunmonatlichen mütterlichen warmen Bades (von 960 Fahrend.) mit dem nachherigen eiskalten (von 32") ihr ungcnvßnes Leben einbüßten. In Lappland grub ehedem die Mutter das Kind im Augenblick da sie von ihm entbunden war, in Schnee, und wenn ße merkte, daß ihm da der Orhcm bald entgehen wollte, suchte ße ihm denselben durch Eintauchen in heißes Wasser zu erhalten, und diese Behandlung wiederholte sie im ganzen ersten Lebensjahre des Kindes wenigstens täglich dreimal. Nun, und in der That, ein Stahl, der so gelöscht wird, muß gut werden. Auch glaubt daher der große Panegyrist des kalten Wassers, Joh. Floyer, die englische Krankheit sei nur erst seitdem entstanden, da man in der englischen Kirche aufgehört, die Kinder ! bei der Taufe ganz einzutauchen, und sie statt dessen bloß besprengt habe. i Man hat im aufgeklärtem Europa statt jener Wasserprobe eine Art Feuerprobe eingeführt, die in der That, wenn sie aus- 380 gehalten werden kann, einen sehr soliden Fond von Lebenskräf- len des neugeborncn Kindes voraussetzt; ich meine das Wickeln. Die ersten drei Vierteljahre seiner ganzen Eristenz brachte das Kind in einer säst kuglicht zusammengerollten Lage zu. Nun da es das Licht der Welt begrüßt hatte, ward es kerzengerade ausgespannt in Windeln geschlagen, mit Binden umwickelt, und dann dieser kleine mumistrte Märtyrer erst in ein Kissen gebunden, und mit diesem unter Federbetten in eine Wiege vergraben, diese wieder mit einer Himmeldecke verwahrt, und wo möglich nun zum heißen Ofen gesetzt. In der That sollte man glauben, daß einem Menschen, der solche Qualen hat ertragen können, keine andern im Laufe seines künftigen Lebens unerträglich fallen dürsten. Und doch scheint das Wickeln der Kinder überhaupt beides durch sein hohes Alterthum und durch seine Allgemeinheit bei den mehrsten Völkern des Erdbodens gerechtfertigt zu werden. Denn nur bei wenigen werden die Kinder uneingewickelt getragen. Die Weiber der Eskimos stecken ihre Kinder in ihre Stieseln, und die in Norton-Sund im nordwestlichsten America (nach den Nachrichten in Cooks letzter Reise) die ihrigen hinten in die Jacke. Die Kinder der Caraiben und der Neger werden meist ganz frei auf dem Rücken getragen, und müssen sich mit den Füßen in den Seiten der Mutter anklammern. Allein es ist bekannt, daß sie eben daher fast durchgehends krumme Beine und cinwärts- stehende Knie davon tragen. Und wirklich ist das Wickeln der Kinder an und für sich, um es sicherer Handthieren zu können, und solgends bei nomadischen Völkern zum bequemern Transport, fast unumgänglich. Die nordamericanischen Wilden binden fast durchgehends ihre Säuglinge in Felle gewickelt auf ein Vrettchen fest, das ihnen zugleich als Wiege dient. So tragen sie es unterwegs auf dem Rücken, und wissen es, wenn es schreit, sehr bald durch Schütteln zum Schweigen zu bringen. In der Hütte aber oder im Walde hängen sie es auf, wobei dann die Indianer um Süd-Carolina herum bis nach Neu-Mexico die Sorge tragen, daß das Kind dabei auf seinem Wiegenbrett mit den Beinen wenigstens um einen Fuß höher hängt als mit dem Kopfe, der durch die Last des übrigen ganz unbeweglich befestigten Körpers '"iN .. trt -live y» Ai» i Mr ^ n!> 'iNrk' nchii kM kn ti> ^ t Zl Ät - L,l «U! H l Ab H», gegen einen derbausgestopftcn Sandsack gepreßt wird, um dem Kinde einen flachen breiten Scheitel und eine niedre Stirne zu verschaffen, die bei diesen Nationen fürs nori plus ultra der Schönheit gehalten wird. Doch versichern beobachtende und glaubwürdige Reisende, daß sie dabei auch die Absicht haben sollen, durch diesen so lang anhaltenden Druck auf den noch weichen nachgiebigen Schädel die Augenhöhlen allgemach weiter auseinanderzulreiben, und sich dadurch einen wettern Gesichtskreis zu verschaffen, der ihnen dann im Kriege und auf der Jagd,.tc. sehr Vortheilhaft zu statten komme. Übrigens ist der. Gebrauch, den neugebornen Kindern die Köpfe nach gewissen für schön gehaltenen Formen zu drücken, so wie das Wickeln selbst, vom höchsten Alter und von der aus- gebreitelsten Allgemeinheit. Hippokrates hat schon vor mehr als 2000 Jahren von einem Volke am schwarzen Meere Nachricht gegeben, das, wie er sagt, lange vor seiner Zeit die Gewohnheit gehabt, den Kindern die Köpfe in die Länge zn zwängen, daß aber allgemach diese durch so viele Generationen hindurch wiederholte Sitte endlich zum erblichen Schlag, und jene anfangs erkünstelten Spitzköpfe den Kindern zu seiner Zeit gleich vom Mutterleibe an angeboren worden. In den beiden letztvcrflossenen Jahrhunderten war die Sitte, den Säuglingen die Köpfe in eine Mvdeform zu pressen, selbst in den cultivirtesten Theilen von Europa, gäng und gebe. Und noch im Anfang des jetzigen drückten die französischen, die niederländischen und die deutschen Damen ihren neugebornen Mädchen die Köpfe aufs gewaltsamste, damit ihnen dereinst die Fon- tange desto stattlicher sitzen sollte. Spuren dieses Gebrauchs scheinen sich sogar noch bis auf unsere Zeiten hin und wieder erhallen zu haben. Wenigstens beklagt Rousseau die Köpfe seiner aufgeklärten Zeitgenossen, die von außen durch die Hände der Wartfrauen, und von innen durch unsere Philosophen zurechtgeforml werden müßten, und pries daher die Caraiben nur für halb so unglücklich, weil sie doch wenigstens mit der letzter» Art von Faponnirung verschont blieben. Freilich lassen sie aber dagegen ihren Kindern die erstere Art in desto reichlicherm Maaße angedeihen. Denn bekanntlich 382 pressen sie diesen den Kopf zwischen zwei Bretter, so lange bis ihnen die Augapfel bersten »vollen, und ein weiser zäher Schleim aus der Nase zu quellen anfängt. Auch die freien Neger, die unter den Earaiben wohnen, haben diese Sitte advptirt, uni dadurch ihre frcigebornen Kinder ron den Kindern der eingebrachten Negersklaven auszuzeichnen. Völlig die gleiche Gewohnheit herrschte auch bis gegen Ende des löten Jahrhunderts unter den Peruanern, da sie von der römischen Geistlichkeit auf der dritten Kirchenversammlung zu Lima ,a. 1585 in einem besondern Kanon verboten, und die Mutter, die je wieder ihrem Kinde die Kopspresse anlegen würde, mit der Strafe bedroht ward, zehn ganzer Tage — den christlichen Missivusuutcrricht besuchen zu müssen. ^ Christliches Osterftelächter. (Götting. Taschcnkaleiider 1787. S. 151. 152.) Erst in spätern Zeiten, kurz vor Luthers Reformation, wurde in der christlichen Kirche eine Sitte üblich, das Öfter- gelächrer, hin und wieder auch Jsaac (Lacher) genannt. Am Osterfeste nämlich pflegten die Prediger ihre Zuhörer, so viel als möglich, durch lustige Histörchen, Gesticulationen und andere Dinge lachen zu machen. Man glaubte, weil das Volk a» der Leidensgeschichte Jesu so lange Zeit lauter traurige und »iederichlagende Sachen gehört, sich auch dabei durch strenge Falle» abgemattet habe, so sei es billig, ihnen nun auch einige Kurzweil zum beste» zu geben. Wer nun darin am geschicktesten war, und machen konnte, daß die ganze christliche Gemeinde, im Discant und Generalbaß, cinmüthig lachte, war der beste Osterprediger. Wenn ein solcher auch nicht immer vorn Anfang bis zu Ende Lachpredigl hielt, so hatte doch ge- 383 wohnlich die Halste oder der dritte Theil diese Absicht. Aus die Rubriken dieser christkaiholischen Kurzweil, wird man nach der Feinheit jener Zeiten leicht von selbst rathen: sie beißen: Obscovna et onrnis Avneris nuzav (Zötchen und Narrenspossen). Um bloß die letztere Art zu erläutern, so erzählte einer, nue pfiffig der heil. Petrus bisweilen die Gastwirihe geprellt, wenn er hier oder da das Evangelium gepredigt; ein anderer stellte auf der Kanzel den Kuckuck vor, wie er aus einer hoblen Weide ruf; ein drittes Beispiel endlich, das Matthesius') mittbei- let, lautet mit seinen Worte» also: „Da der Svne Gottes für »tue Borburg der Hellen kam, vnd mit seim Crcutz anstieß, »haben zwen Teufel jre lange Nasen zu rigeln sürgcsteckt. Als »aber Christus anklopfst, das Thür vnnd Angel mit gemalt »aufgieng, hab er den zweyen Teufeln jre Nasen abgeflossen. »Solchs nennten zu der zeit die geirrten >'»,,§ « 7 Geschichte der Hochzeitkränze und Brantringe. (Götling. Taschenkalcndcr 1787, S. 153—163.) Der Gebrauch des Kranzes zu gewisse» feierlichen Werken testiert sich lief in d;e Zeiten des Altertbums. Er war ein Symbol von sehr maniuchfaltigen Dingen, worunter die Bedeutung der U n v er g ä u g l i ch k e i t und Hoheit, die älteste Idee der Volker gewesen zu sem scheinet. Aus diesen; Grunde dachten sie sich zuerst, wie wenigstens Schriftsteller des Alterthums sagen, ihre Gottheiten bekränzt. Könige, als Götter der Erde, ahmten bald das Zeichen der himmlischen Wesen nach; und so entstand das Diadem hoher Häupter, das aus einem ') Job. Mattbesius, geb. zu Nochlitz 1504, gest. 1568. Rkctor zu Joachimsthal; schrieb eine Menge Predigten. 384 anfänglich einfachen Kranze in eine Krone ausgeartet ist. Die älteste Erwähnung eines solchen königlichen Kranzes, ist die des hebräischen Geschichtschreibers Mose, da wo er die Schicksale des frommen Josephs erzählt, den der Souverain von Ägypten durch ein Diadem zum Großvezier dieses Landes auszeichnete. Nach und nach erweiterte sich der Gebrauch der Kränze: als Zeichen der Ehre, des Glücks und der Freude, wurden sie endlich bei jeder Begebenheit üblich, die mit einem dieser drei Dinge Zusammenhang hatte. So bekränzte man bei Opfern sich und das Opferthier sammt Priestern und Altar, um die Gottheit dadurch zu ehren. Auch die Sieger erhielten Kränze, um ihr Wohlverhalten auszuzeichnen, wenn sie im Felde den Feind geschlagen, oder in öffentlichen Spielen den Vorzug errungen hatten; so wie Dichter damit beschenkt wurden, die ihren Helden rc. am würdigsten besangen. Besonders aber vervielfältigte sich ihr Gebrauch bei fröhlichen Mahlen und Angelegenheiten der Liebe. Nicht nur Pocale wurden bekränzt, sondern auch jeder Gast, oft sogar zwei und dreifach; indem sie nicht nur auf den Kopf einen Kranz legten, sondern auch einen um die Schläfe, und einen dritten um den Hals wanden, oder an der Brust herabhängen ließen. (Der Ursprung dieser Bekränzungen soll gewesen sein, weil die Alten zur Stillung des Kopfwehes kein besseres Mittel gewußt, als den Kopf durchs Binden zu pressen. Anfangs habe dieser Band aus wollenen oder linnenen Sachen bestanden, nachher sei er zur mehreren Zierde mit Epheu, Myrthen, Rosen u. dergl. durchflochten worden, die zugleich den Nutzen gewähret, daß sie durch ihre Farben und Gerüche die Sinne ergötzt, und durch ihre kühlende Kraft die Hitze des Weins und der Speisen gemildert hätten. Bacchus wurde daher als doppelter Arzt gepriesen, theils weil er Erfinder des Weins, einer so schätzbaren Arznei, gewesen, theils zugleich weil er den Gebrauch des kühlenden Epheu den Sterblichen bekannt gemacht habe, der so vortrefflich die Hitze der Stirn dämpfe.) Der Liebe dienten Kränze zum Symbol in mehrerlei Absicht, worunter ein Fall ist, um den wir Niemanden beneiden wollen: es ist der, wo ein armer schmachtender Tropf, bei nächtlichem Harren vor der Thür seiner spröden Geliebten, ihre Pfosten p? '.A 5 ld -«sr il >6 liltl ikll! api> L lui ii i>! Li> !>ilw Äp! >»«> Ä b»'k -Nil »Sü s,l>> "k!i -i«! mit Kränzen behing, um sich damit die Vorbedeutung einer glücklichen Crhörung vorzuspiegeln. Braut und Bräutigam hingegen trugen Kränze (die bisweilen die Tochter von ihrer Mutier, und der Bräutigam von seiner Braut, oder auch umgekehrt empfing), alsglücklichesZeichenderVollcndung, theils wegen ihrer zum Ziel gekommenen Wünsche, theils aus.Rücksicht bisher besiegter Leidenschaften und Triebe der Jugend; zugleich aber auch dem Gölte der Hochzeit, Hymen aus, zu Ebren. Und diese Kränze schränkten sich alsdann nicht bloß auf die Personen des neuen Paares ein; auch ihr Bette, die Hochzeitfackeln, bei deren Schimmer die Braut des Abends in des Bräutigams Haus begleitet wurde, und selbst zuweilen alle Gäste des Hochzeitmahles waren bekränzt. Wurde dieses neue Paar in der Folge zum erstenmale Vater und Mutter, so waren auch hier, bei Nömern und Griechen, Kränze gewöhnlich, die aber nicht getragen, sondern von der Mutter (zuweilen auch «om Vater) als Zeichen der Freude an die Thüren des Hauses gehangen wurden. War es ein Knabe, den die Mutter zur Welt brachte, so hing sie einen Kranz von Ölzweigen auf, und gebar sie eine Tochter, so wurde, als Symbol weiblicher Geschäfte, ein Kranz von Linnen aufgehängt. Nicht bloß aber heidnische Volker der alten Welt, auch der Hebräer freute sich des Hochzeitkranzes, wie aus dem Liebesgedicht, Hohes Lied Salomons genannt, und mehreren Stellen zu wissen steht. — Wie nun bis und zu den Zeiten des Christenthums kein bekanntes Volk vorhanden war, das nicht Kränze zu einem Gegenstand hochzeitlicher Feierlichkeiten gemacht hätte, so ging dieser Gebrauch endlich auch in die Sitten der Christen über. Lange j>var sträubte sich das christliche Gewissen, diese Sitte der Heiden nachzuahmen; sie hielten Hochzenkränze sowohl als andere für Zeichen der Abgötterei, womit sie die Heiligkeit ihres Glaubens nicht entweihen dürften. Tertullian predigte sogar vom Kranze auf dem Kopfe einer Frau, als einem Zeichen der schändlichsten Unzucht. Und andere Vater der Kirche versäumten nicht, ihren Gläubigen die Unschicklichkeit solcher Kränze damit aus Herz zu legen, daß es Verspottung Christi sei, sich leichtsinnig, bloß zum Spiel und Scherz mit duftenden Blumen den Kops Vl. 23 zu umwinden, da Christus bei seinem ehrwürdigen Leiden eine Krone von Dornen getragen habe. Dabei bticb es, bis mit den ersten christlichen Kaisern, die sich und ihren Bräuten am Tage der Hochzeit ohne Bedenken den Kranz auffetzten, der Scrupel verschwand. Das Volk ahmte nach, und Gewipens- bisse kamen bald so sehr aus der Mode, daß nicht nur Gregor von Nanzianz den Hochzeitvätern riech, ihren Töchtern am Ehrentage selbst den Kranz aufzusetzen, sondern daß auch diese Sitte sogar heilige Ceremonie vor dem Altar wurde. Wenn das verlobte Paar in die Kirche gekommen war, fanden sie auf dem Altare, vor dem sie unter ausgestreueten Blumen standen, den gesegneten Kelch und dabei zwei Kränze, die ihrer warteten. Der Diaconus verlas die Formel der Collecte, worauf der Priester, nach verrichtetem Gebet, ihnen feierlich im Namen des Vaters rc. den bereitliegenden Kranz auffetzte, der vorher gleichfalls durch heilige Formeln gewcihet war. — Somit ward also der Kranz auch bei Cbristen ein Theil des hochzeitlichen Schmucks; als Ehrenzeichen des Wohlvcrhaltens, und Trophäe besiegter Anfechtungen für jedes junge Paar, trat er, sammt seinem Gebrauch, zugleich in seine alte Bedeutung ein, mit der er aus heidnischen Händen überliefert war. Und was ihm sonst vom heidnischen Neligionszug anklebte, wurde, als unverträglich mit christlichen Ideen, abgestreift. Seitdem nun blieb dieser hochzeitliche Kranz in ungestörtem Brauch, und ist noch immer ein Zeichen des Glücklichen, der den Erstling seiner ehelichen Tage lebt. Kränze bei einer zweiten Ehe aber waren nie häufig, und kamen bald ganz ab, weil die Christen der frühern Jahrhunderte wiederholte Verheiralhungen, wo nicht ganz für unerlaubt, doch für ein Zeichen der Wollust hielten, und durch die entzogene Ehre des Kranzes solche Ehen wenigstens herabwürdigen wollten: ähnlich darin den heidnischen Nömern, die derjenigen Frau einen Keuschheitskranz z» trage» verstatteten, die, ohne mehrere Ehen zu versuchen, nur einem Manne ergeben blieb. Auch der Ring ist ein Erbstück des Alterthums, dessen Werkmeister eben so tief in Vergessenheit liegt,,.als das Andenken dessen, der den ersten Kranz gewunden. Ägypter und Hebräer bedienten sich seiner schon in den frühesten Zeiten: von Ägyptern erhielten ihn die Griechen, und von diesen die Völ- kerschaften Italiens; worunter er insbesondere von den Hctrus- ker» zu den Römern kam. In den ersten Zeiten ihrer Republik bedienten sich diese, gleich unsern alten Deutschen und andern Völkern, bloß eiserner Ringe. Goldene waren anfangs nur ein Vorzug derer, die in wichtigen Angelegenheiten als Gesandte verschickt wurden, und nächst diesen wurden sie der Charakter des Senatoren - und Mittelstandes. Als endlich die Eitelkeit plebeischer Damen die goldenen Finger junger Ritter zu beneiden anfing, und ihnen doch ein unhöfliches Gesetz Gold untersagte: so nahmen sie ihre Zuflucht zum Silber; Eisen blieb gemeiniglich nur das Eigenthum der Sclaven, außer daß man es auch wohl, als Symbol der Tapferkeit bisweilen am Finger derer erblickte, die als Helden auf dem Triumphwagen so eben das Fest ihrer Siege feierten. Später hingegen bekamen nicht nur die beklommenen Wünsche der gemeinen Damen Luft; sondern es gab sogar eine Zeit, wo man beide Hände dergestalt einschmiedete, daß nicht nur jeder Finger, sondern auch jedes Fingergelenke links und rechts seinen Ring hatte. Die ursprüngliche und Hauptbestimmung des Ringes aber ist, nicht sowohl Gegenstand des Schmucks, als vielmehr ein Pettschaft zu sein. Und in dieser Beziehung eben ist er ein so allgemein übliches Pfand der Verlobten geworden. Der Bräutigam gab seiner Geliebten einen Ring, als Symbol, baß ihre getroffene Verabredung, als unverbrüchlich, hiemid so gut wie untersiegelt sei. Diese Bedeutung hatte er bei Griechen und Römern, wie bei den ältesten Hebräern und andern Völkern, deren die Geschichte gedenkt, so daß also der Gebrauch, Ansprüche des Herzens durch Ringe zu verpfänden, eine vor Alter bereits grau gewordene Sitte war, als Christenthum entstand. Hatten die ersten Anfänger dieses neuen Glaubens den abgöttischen Kranz voll Eifer und Ungestüm verworfen, so behielten fle den so bedeutungsvollen Ring desto williger bei, je reiner er von allem Religivnsbezug aus den Händen der Römer kam. Und wie er vordem bloß zum Unterpfand der Verlobung diente, ohne bei den Ceremonien der Verehligung selbst von Gebrauch zu sein, so flochten sie ihn bald nachher auch in die Feierlichkeiten des Altars mit ein, um die Verlobung des neuen Paars 25 ' nochmals, vor den Augen der Gemeine, zu bestätigen. An welcher Hand man den Ring führte, war übrigens nicht bei allen Völkern überein. Die Juden hatten ihn an der Rechten; daß aber andere, namentlich Griechen und Römer, ihn am vierten Finger der Linken trugen, wo er nun noch angebracht wird, sollte den Grund haben, weil dieser Finger eine Ader cntbalte, die mit dem Herz in genauer Verbindung stehe. Den Ring hingegen am Mittelfinger zu tragen, wurde für ein unsittliches Symbol gehalten, und vermieden. ^Über einige kräftige Mittel die Vernunft zu betäuben. (Götting. Taschenkalender 1787. S. 164—177.) Wenn man die Wichtigkeit einer Erfindung nach der beifälligen Allgemeinheit ihres Gebrauchs beurtheilen darf, so ist Vater Noah seine, Sorgen und Grillen und gelegentlich den Gebrauch der Vernunft selbst, in einem fröhlichen Trunk zu begraben, ohne Widerrede eine der wichtigsten von allen. Es sind wenige Völker der Erde, die allen Gebrauch irgend eines berauschenden Getränkes verkennen sollten, und die ihn kennen, die lieben ihn. Ja selbst diejenigen Thiere, die dem Menschen entweder in Rücksicht ihrer Bildung oder ihrer vorzüglichern Geisteskräfte, näher stehen, als die übrigen, scheinen leicht Geschmack daran zu finden, da wenigstens Affen, Papageien ,c. sich sehr bald und bis zur Leidenschaft an Wein und Branntewein gewöhnen, und für Elephanten kein kräftigeres Ermunte- rungsmittel zur Arbeit gedacht werden kann, als ein Glas Rack. Auch scheint die gute Mutter Natur dafür gesorgt zu haben, daß, da sie unter allen Thieren nur einzig und allein den Menschen die ganze Erde unter allen Klimate», folglich auch da zu bewohnen bestimmt hat, wo sich kein Rebensaft ziehen läßt, 389 sie doch überall auf kräftige Surrogate bedacht gewesen, die die Stelle desselben zu jenen wichtigen Zwecken vertreten können. Unter diesen ist wohl das Bier eins der ältesten. Denn wenn sich auch sein vorgebliches Alter nicht bis in die ägyptische und griechische Mythologie verliert, so waren doch wenigstens unsere Urahnen, die alten Deutschen, gewiß schon vor an- derthalbtansend Jahren im Besitze desselben. Kaiser Julian, der bekanntlich selbst in Deutschland gewesen ist, hat es in einem Epigramm besungen, worin er ihm freilich mehr seine Bewunderung als seinen Beifall, zumal in Vergleich mit dem Weine, zu schenken scheint. Die Erfindung des Brannteweins läßt sich wohl schwerlich mit einiger Zuverlässigkeit über den Anfang des 14len Jahrhunderts hinaussetzen. Und dann bleibt noch ungewiß, welchem von beide» berüchtigten Abenteurern und respective Adepten die Ehre davon zukommt, ob dem Uoctor illuminatns, Siaimund Lullus, oder wie es doch wahrscheinlicher ist, schon seinem Lehrer Arnold von Billeneuve. Sei's welcher er wolle, so könnte sicher kein andrer Erfinder, wenn er für die Folgen seiner Erfindung responsabel sein sollte, einen härtern Stand haben! selbst Barthvld Schwarzen, menschenfreundlichen Andenkens, nicht ausgenommen. Denn, um nur eins statt aller zum Beweis dafür anzuführen, so sind doch alle die Tausende von Christen, die sich selbst im Branntewein zu todt gesoffen, so gut wie für nichts gegen die unzähligen Tausende von Schlachtopfern zu rechnen, die sie durch die Verbreitung desselben unter die Un- christen aller Welttheile hingerichtet haben. Es ist Nichts, was den Europäern einen vortheilhastern und dauerhaftem Jngreß bei den Wilden verschafft hat, als eben der Branntewein. Denn, so widerlich er auch einem noch so rohen Gaumen im Anfang sein kann, so schnell wird er ibm doch zum dringendsten aller Bedürfnisse. Die Grönländer verabscheuten anfangs dieses Toll Wasser, wie sie es nennen, eben so sehr, als sie es nachher aufs gierigste tranken. Die Peruaner, die doch ohnehin von je eigne berauschende Getränke hatten, zogen dennoch den Branntewein, den ihnen die Euroväer zuführten, bei weitem vor, und er ward bald das einzige Band, das den Handel beider Nationen unterhielt, da jrne durchaus sich auf keine andern europäischen Waaren einließen, wenn nicht Branntewein darunter war. In Quito war das Vorrecht, sich betrinkcn zu dürfen, noch vor Kurzem bloß auf die Mannsen eingeschränkt. Die Weiber mußten nüchtern bleiben, um ihre Männer aus den Gelagen heimschleppcn zu können. In andern Gegenden von Peru aber nahmen schon längst auch Weiber und Kinder an diesem Nektar Theil; denn den letzter» ward er meist zugleich mit der Muttermilch eingefüllt; ein Educationsprincipium, das, wie man zuverlässig weiß, vor etwa einem halben Jahrhundert auch in einigen Gegenden von Deutschland geherrscht hat. Zum Beweis der unbändig heftigen Gierde der Amerikaner nach Branntewein, erzählt Ulloa'), daß es sich mehr als einmal zugetragen, daß ein sonst treuer indischer Bedienter seinen Herrn auf der Reise im Schlafe ermordet habe, einzig und allein, um dessen Branntcweinflascbe austrinken zu können. Auf Guinea und den benachbarten Küsten ist bekanntlich der Branntewein die kräftigste Triebfeder den Sklavenhandel zu unterhalten. Die kleinen Negerkönige trieben unaufhörlich Menschenraub unter einander, bloß um dafür Branntewein erkaufen zu können, und ihre stolzesten Ehrentitel, Vollzapf und Trunkenbold, nicht unwürdiger Weise zu führen. Eben so wichtig ist der Vertrieb des europäischen Brannteweins bis in die äußersten Enden von Asien. Der Haupt- ertrag, den die russische Krone von Kamtschatka zieht, ist bloß der Verkauf des Brannteweins, der zu Krascheninikows Zeiten jährlich auf -1060 Rubel betrug. Und doch fehlte es den Kamt- schadalen ohnehin nicht an mehrerlei Arten von einheimischen berauschenden Getränken aus ihrem Zuckerrohr (Heraclvum §>'- und andern Pflanzen. So wie sie auch, eben so wie die Kvräken, Jukagiren und andre heidnische sibirische Völker, zur gleichen Absicht den Aufguß von dem furchtbar giftigen Flie- genschwamm trinken, der seine Wirkung selbst noch, nachdem er durchs Blut gegangen, behält. Daher die ärmer» Koräken, die sich keinen Vorralh von Fliegenschwamm ') Don Antonio d« Ulloa, geb. 1716, gest. 17vä. Sehr verdienter spanischer Reisender und Seemann. 391 ankaufen können, den Harn der davon berauschten Reichen auf- « fangen, und sich so eben so gut den gewünschten glücklichen Taumel zu verschaffen wissen: und zwar laßt sich dieß, wie Steiler') versichert, auf gleiche Weise weiter fort bis auf den vierten fünften Mann wiederholen. Nicht viel »elicater scheint die Bereitung eines andern berauschenden Tranks, der doch in einem großen Theil von Süd- amerika und auf den bekanntesten Inselgruppen des stillen Weltmeeres allgemein im Gebrauch ist, da man eine Menge meh- lichter Pflanzenwurzeln durchkaut, das Gekaute zusammen in ein Gefäß speit, es dann ein wenig gährcn läßt, und nun Tas- senweise ausschlürft. In Brasilien bedienet man sich dazu der Maniokwurzeln siatroplis -««»rüst), und da war, wenigstens zu des ehrlichen Hanns Staden von Homburg Zeiten, das Kauen und die weitere Bereitung bloß den Mädchen überlassen. Auf der Südsee hingegen wird die Wurzel einer Pfefferart spipor tat-/'«/-'-»») dazu gebraucht, die in der Landessprache, so wie der daraus gekaute Spcicheltrank, Kava genannt wird. Capt. Cook und die Herren Förster fanden die ganze Procedur auf den Freundschasls- und Societätsinseln meist eben so, wie sie Scheuten und le Maire schon vor 180 Jahren auf der Horns- msel gesehen und beschrieben haben. -/Die dasigen Könige," sagt Schauten, „die diesen lieblichen Trank mit ihren Hofjunkern für ihren Malvasier hielten, präsentirten auch unsern Leuten denselben, als ein seltsames und köstliches Werk; weil sie aber das wunderbare Mengniß gesehen, war ihnen der Durst bald erloschen." Aufs Cook's letzter Reise faßten doch einige seiner Leute ein Herz, und tranken von diesem Malvasier. Sie wurden davon berauscht oder vielmehr sinnlos, betäubt, wie von übermäßigem Genuß des Mohnsafts, womit es der verstorbene Wundarzt Anderson, derben Capt. Cook auf seiner letzten Fahrt begleitete, in einem Aussatze, den dieser seiner Neisebeschre,bring inserirt hat, vergleicht. Auch darin kommen beide Arten von Betäubungsmitteln übcrein, daß sie durch die Angewohnheit so leicht zum dringendsten unentbehrlichsten Bedürfniß werden, ohne ') Geo. Wilh. Steiler, geb. in Fonnbar 1709, gest. in Sibirien 1743. Baring's Begleiter auf seiner Entdeckungsreise. doch im Mindesten dem Gaumen angenehm zu sein. Denn die vornehmen Einwohner der Freundschaftsinseln, die doch meist den ganzen Morgen beim Kavatrinken zubringen, schienen doch großentheils bei jedem Schluck das Gesicht, wie bei etwas Widerlichem, zu verziehen, und hinterdrein mit einem Schauder befallen zu werden. Das Opium bleibt wegen seiner so unbegreiflich wunderbaren, so beispiellos einzigen Wirkungen auf Körper und Geist, bei weitem das merkwürdigste, und trotz der unzähligen Schriften, worin man seit den letzten 20 Jahren seine Wirkungsart zu erklären versucht bat, noch immer das räthselhafteste von allen berauschenden Mitteln. Ein mäßiger Gebrauch desselben scheint sowohl die körperlichen als die Geisteskräfte auf eine sehr vortheilhafte Weise zu ercitiren. Es erfrischt und ersetzt die schwindenden Kräfte bei Ermüdungen zum Wunder. Daher z. B. die Boten und Erpressen in der Türkei nie ohne Opium sein dürfen. Eduard Smith, der sich lange in den Morgenländern aufgehalten, erzählt die Geschichte eines solche» Läufers, der den Ort seiner Bestimmung zwar erreichte, aber im Augenblick der Ankunft für todt niederfiel, weil ihm kurz vorher sein Opium ausgegangen war. Man errieth dieß, und eine Dosis davon dem Menschen geschwind in den Mund gesteckt, brachte ihn glücklich wieder zum Leben. Und den Geist versetzt ein mäßiger Genuß von Opium in die munterste glücklichste Laune von der Welt, die sich auch selbst beim habituelle» täglichen Genuß dieses Saftes, dem sich die Morgenländer so leicht und so häufig überlassen, doch noch lange Zeit erhält. Hr. von Peyssonel erzählt in seinen Erinnerungen gegen des Baron Tott Memoiren, wie er den Minister Jsmael Bai besucht habe, der auch ein starker Opiumesser war, aber doch in den Intervallen zwischen dem lethargischen Dumpßsinn, den der Mißbrauch desselben verursacht, überaus geistreich sprach, und selbst in seinen soporösen Parorysmen kein Wort von dem verlor, was Peyssonel indessen sagte. Aber eben das ist das traurige Unglück, daß sich die Natur zu bald an eine mäßige Dose Opium gewöhnt, so daß diese dann beim täglichen Gebrauch ihre Wirksamkeit zu verlieren anfängt, daß aber solchen Personen zugleich das Opium, und zwar in immer stärker» Dosen, nun von Tag 393 "h ' zu Tag unentbehrlicher wird, und sie so allgemach in einen Zu- >ki stand versinken, der alles das unendlich übersteigt, was man sich nur von den Greueln der unmäßigsten unaufhörlichen Brann- teweinssäufer Schauderhaftes vorstellen kann. Ein vortrefflicher K, Beobachter, der Hr. Dr. Rein egg') in Persien, hat dem Hrn. Baron von Asch in St. Petersburg") eine überaus merkwür- kst dige Abhandlung über die Wirkungsart des Mohnsafts bei den N Morgenländern, zugeschrieben, die Hr. Pros. Blumenbach im W 2ten Bande der medic. Biblioth. bekannt gemacht hat, und M woraus, wie wir hoffen, viele unserer Leser ein paar ausgezo- l» gene Stellen gar gerne hier lesen werden, lk Junge Leute, die, vom bösen Beispiel gereizt, sich auch ans li>h Opium gewöhnen wollen, gehen bei einem erfahrnen Opiumeffer i l« oder Theriaky, wie man sie in der Türkei und in Persien nennt, K förmlich in die Lehre, und unterwerfen sich einem zehntägigen » in der That recht bänglichen Regimen, das fast einen beständi- i» gen Wechsel von Schlafen, dumpfsinuigem Erwachen, sinnlosem ist Taumeln, Erbrechen, Frost, angstvoller Beklemmung zur Folge » hat, das dann aber nach und nach auch den Geist in die so » ganz eigne gewünschte Stimmung versetzt, daß er ganz nach st eigner Willkühr jede Art von Phantasie und leidenschaftlichem i Gefühl erwecken, und sich dem innern Genuß desselben so ganz überlassen kann. Freilich hält es dann aus der gedachten Ur- « fache schwer, sich lange mit der gleichen mäßigen Dose von lr Opium zu begnügen. Doch gibt es viele, die so viele Gewalt O über sich haben, daß sie sich immer nur an ein bestimmtes Maaß » davon halten. Und diese bedienen sich des Opiums unter fol- » gender Gestalt: sie lassen eine Unze Saffran in süßen Wein di- Ät geriren, und endlich etwas aufkochen. Hernach drücken sie den w Saffran fest und stark aus, werfen ihn weg, und lassen den »st » O U ') Jac. Reineggs, Sohn eines Barbiers Ehlich in Eisleben, geb. 1744; nahm erst nach dessen Tode jenen Namen an. War Schauspieler, Barbier, Doctor der Medicin, Stifter einer Druckerei in Tiflis. Starb als ka>s. russ. Collegienrath in Petersburg 1793. ") Geo. Thom. Baron von Asch, geb. zu Petersburg 1729; gest. 1807 als kaiserl. russ. Stabs- und Regimentsarzt. Wein bis zur Honigdicke «brauchen; sie werfen hierzu eine Unze klein geschnittenes Opium, und wenn dieses zergangen, so thun sie noch eine Unze geschabten grauen Amber hinzu. Sie lassen hernach aber dieß in heißem Wasser abdunsten und theilen es in zwei Hälften, deren jede für einen Monat hinreichend ist. Allein, wenige Theriakys haben Festigkeit und Enthaltsamkeit genug, es bei diesem bestimmten, verhältnißmäßig noch unschuldigen Maaße bewenden zu lassen. Viele, denen der Zustand unerträglich füllt, wenn die Wirkung des eingenommenen Opiums allgemach sich zu verlieren anfängt, suchen sich durch immer öfter und stärker wiederholte Dosen einen ununterbrochenen Rausch zu verschaffen, und so sieht man da Menschen, denen zwei Loth Opium für jeden Tag kaum noch zureichend sind; und diese Menschen sinken dann allgemach in den jammervollen Zustand, dessen oben erwähnt worden. Ihre ganze Bildung wird wie uingeschaffen; das Gesicht aufgedunsen, seine Muskeln schlapp, wie paralytisch; die Augen stier, triefend, der ganze Körper als wenn er vor Kraftlosigkeit zusammenfallen wollte; von einem beständigen Froste durchdrungen, daher sich solche Unglückliche in den Aschenheerden und andern warmen Orten herumwälzen, und überhaupt bei der immer mehr zunehmenden ekelhaftesten Sinnlosigkeit allen Menschen zum Abscheu werden, bis zuletzt eine langsame Wassersucht ihrem Jammer ein Ende macht. ^Vom Recht der Hagestolze bei Deutschen, Römern «nd Griechen. sGötting. Taschenkalender 1787. S. 178—192). Die jährlichen Geburts- und Copulationslisten liefern zwar den Beweis, daß man ziemlich allgemein überzeugt sei von dem Satze: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.« Gleichwohl gab es vor Alters, wie noch jetzt, mehrere sonderbare Leute, die nicht glaubten, oder zu glauben schienen, was ihre eigenen Vater und die Beispiele aller Zeiten für die erste aller Wahrheiten gehalten, und mit so praktischem Eifer jederzeit bekräftiget hatten. Sie führen den Namen Hagestolze, zur Abwechselung bisweilen Haverstolte. Das Wort kommt (wie Stryk und Andere sagen) her von H a g a, ein H o f, und Stolz, ein kleiner Sitz, Aufenthalt. Wenn bei den alten Deutschen der Vater starb, so erbte der älteste Sobn die Haga, die übrigen wurden mit etwas Wenigem abgefunden. Weil aber doch > die Familien gern beisammen blieben, so bauten sich die Bruder an die Haga ihres Vaters kleine Wohnungen oder Stolzen, und wurden deßwegen Hagestolzen genannt. Weil sie nun meistens im ehrlose» Stande lebten , da sie zu wenig geerbt hatten, um eine Frau ernähren zu können, so wurden darnach alle alte Junggesellen Hagestolzen genannt. Da nun der Staat, aus Gründen, die der weise Salomo tproverb. XIV, 8. «In multitiiäiiie populi üigrütas Ilegis, ot in paucitnte I'leliis ignominis I'rincipi8») schon gesagt hat, bei obigem Satze jederzeit seine Rechnung fand, so mkeressirten sich nicht bloß Römer und Griechen, sondern auch deutsche Staatsgesetze für ihn: etablirten gegen diejenigen, die unbefugter Weise unbeweibt blieben, ein sogenanntes Recht der Hagestolze, das, außer einigen andern deutschen Provinzen, besonders in der Unterpfalz und da herum am Oberrhein eingeführt wurde. Diesem Recht zufolge, verliert ein Hagestolz sein Erblassungsrecht, und kann seine Güter weder an Blutsverwandte, noch andere Leute vermachen, sondern muß sie bei seinem Tode dem Landesherrn überlassen. Und obgleich nicht alle und jede Güter seiner Berlassenschaft auf solche Weise verfallen, sondern, wie die Gesetze lauten, nur »sein wohlge- wonnenes Gut," mit Ausschluß dessen, was er durch Erbschaft von seinen Eltern oder anderswoher erhalten hat, oder was Lehngutist; so gehört doch zu jenem Alles, was abgeschiedene Junggesellen aus irgend eine Weise auch selbst noch zu der Zeit erworben haben, ehe der gesetzliche Termin ihrer Hage- stolzcnschaft anging. Sollte einer aber seine wirklichen Erbgüter, es sei ganz oder zum Theil verkauft, und das dafür erhaltene Geld auf irgend eine Weise zu seinem Erwerb verwendet haben: 396 so werden auch diese alsdann mit in den Strudel gezogen, und ein Theil der fiskalischen Erbschaft; wenn nicht Mitleid gegen die hinterlassenen Verwandten, oder sonst Begünstigungen, eine Ausnahme verursachen. Als eigentlicher Hagestolz aber ist nur derjenige anzusehen, der weder durch schwache Einnahme und Vermögen, noch auch durch Wahnsinn, leibliche Unrüchtigkeit, oder durch das Gelübde des geistlichen Standes gehindert wird, sich zu vcrehlichen. Auch einen Leibeigenen traf das Recht derHagestolze nicht, sondern nur freie und eigene Leute, die erben und vererben konnten. Wie alt ein Hagestolz sein müsse, um als ein solcher vom Staat angesehen zu werden, ist nicht überall auf einerlei Weise bestimmt. Gemeiniglich ist der torminus a W «>M>t! Mit? i)>ll «II- kilfii » id »k«> :ilm Ä ir eiliti Hi! »i. .1 397 sii«, Ich Ä! f» ik» !» 8ii» Zik iil» ii» 15 ü jl! m e, S» i« !P « St !« iie b M Kd besfallen, die sie etwa ausstellen dürste? Wie soll sie alsdann, bei ihrem endlichen Hinlrilt im 80sten Jahre, wegen einer JOjäh- rigen Ehelosigkeit dadurch gestraft werden, daß der Fiscus die Selige beerbt? Da es nicht ganz deutlich aus dem Bisberigen erhellen mochte, ob auch Jungfrauen, die bis ins SOsteJahr sich gescheuer haben, Mütter zu werden, unter jenem Hagestolzenrechi begriffen seien; so muß dieß hier ausdrücklich noch erinnert werden, Nur will sich von selbst verstehen, was der alte Schotte! ins') für eine Ausnahme macht, wenn er treuherzig sagt: »denen veraltenden Jungfrauen mangelt es wohl nicht so sehr am guten Willen, als am Freier." Auch unter den Römern war Sorge und Beschwerlichkeit des ehelichen Lebens nicht selten ein Vorwand der Ehelosigkeit, die besonders zu Augusts Zeiten außerordentlich eingelassen war. Aber auch Metellus fand nöthig, seinen Mitbürgern Folgendes zu Gemüthe zu führen: «8i slns nxoro po88einu8, s)u>rlt 08 , 6880 , ornnes er, nioIe8tiri carei'eniu8. 8eä guoniun, ilit Matura trurliült, ut N 60 cttin lllls LniiL eoiniitttlie, noe Litte >»18 »iio inocka vivi P 088 it; Sliluti porpetuae pot,n8, gurrn, brsvi voluptati coa8ulene8lr,n(Ii buju8 inuneri.« aüvoerltionen, esÜ8 a88ecuti: cun, iuteiim eoii8umti uint uoni ve8trl, et mariti et pr>tri8 noniiuo ') Just. Geo. Schottel, geb. zu Eimbeck 1612, gest. 1676. Dr. suri8. Schrieb u. a, m. Drselatnin üe 8ingulari- bus guibusüain et untigul8 in lierinuni-, sn>ibu8 et ol,8ervstis. v»vui. Ito igitur, ot nvilosam vxsolrila slipem, utilvm po- storltiiti nuinorosae!» Nie war aber Rom mit einer größer» Menge unverhcira- lheter Personen angefüllt, als zu Julius Cäsars und Augusts Zeiten, und unter seinen nächsten Nachfolgern. Da es am Zuwachs junger Mannschaft fehlte, seitdem die alten in den blutigen Bürger- und andern Kriegen geschmolzen waren; so wurden die sogenannten llege» äuliao und I'spis-l'oppsea gemacht, die theils zum Ehestand durch Belohnungen aufmuntern, theils vorn Cölibat durch Strafen abhalten sollten. Vcr- heirathete hatten unter andern Vorzügen auch diese, daß ihnen der Vorsitz in Senatsversammlungen und öffentlichen Schauspielen vor Unverehelichten zukam. Die Strafe der letztem war hauptsächlich, daß sie, zu Erbschaften unfähig, die reichsten Anfälle dem Fiscus überlassen mußten; es wäre denn, daß sich einer, dem Beding des Gesetzes gemäß, innerhalb 100 Tagen eine Frau anzuschaffen entschloß. Nur scheinen diese Gesetze wenig oder nichts geholfen zu haben: denn als August einige Jahre darauf den römischen Adel zusammenbenef, und sie bei ihrer Bürgerpflicht in einer sehr nachdrücklichen Rede zum Ehestände abermals ermähnte, stellte er die Werheirathcten auf eine, und die Uriverheiratheten auf die andere Seite. Und hier wieß sich aus, daß der letzter» nicht nur bei weitem die mehrsten, sondern daß auch selbst die beiden Consuln Papias und Poppäus unter ihnen waren. Versucht konnte und mußte einer damals freilich zum Cölibat leicht werde», und die Erscheinung so vieler Unverehlichten war nichts weniger als unnatürlich bei einem aufs höchste gestiegenen Lurus und folgenden Sitten römischer Damen, die erst Scneca im Allgemeinen beschreiben mag, ehe wir auch den Juvenal ins besondere darüber abhöre». Zuvor aber muß erinnert werden, daß die Quelle dieser sogleich zu beschreibenden Galanterien von den Allen in die ganz zügellose» Ehescheidungen gesetzt wird, wo eine Frau immer wie ein Ball aus einer Hand in die andere ging. August wollte diesen öfteren Veränderungen ein Ziel setzen: es entstand daher ein Gesetz, daß jede Frau als Ehebrecherin sollte angesehen werden, die mehr als acht Männer nehmen würde. Das half aber nichts. 399 Marti al') spottet des Gesetzes, und erwähnet einer gewissen Madam Thelesine, die innerhalb 30 Tagen nicht weniger als zehn Männer genommen habe.— Seneca's Stelle") lautet: »Seitdem einige Damen ihre Jahre nicht nach der Zahl »der Cvnsuln, sondern ihrer Männer rechnen, ist seitdem wohl »noch einige Sitlsamkeil übrig? — Schämt man sich wohl »im Geringsten vor dem Ehebruch? Ist es nicht dahin gekommen, daß keine mehr in anderer Absicht einen Mann hat, als »nur um den Ehebrecher zu locken? Zucht und Keuschheit ist »nun ein Beweis von Häßlichkeit. Wird man wohl leicht eine »Frau in so elenden und niedrigen Umständen finden, daß ihr »ein Paar Ehebrecher sollten genug sein ? Wann sie nur nicht »für jede Stunde einen besondern hat! Ja wie oft ist nicht »einmal ein Tag für Alle hinlänglich? Diejenige Frau bei uns »weiß nicht zu leben, und ist von der alten Welt, die nicht »weiß, daß der Ehestand ein beständiger Ehebruch ist. Seitdem »diese Denkungsart sich verbreitet hat, ist alle Scheu vor dem »Laster verschwunden.« Ein Mann, sagt Juvenal'"), besonders wenn seine Frau begütert ist, muß untcrthäniger Diener sein, oder sich gefallen lassen, daß sie, ehe noch der grüne Kranz trocken, und der Schmuck vom Hvchzeilhause abgenommen worden, davon gehe, und sich ein gnderes Reich suche, wo sie als Königin herrschen kaun. Wenn er nicht blindlings gehorsamen und sich zu den unbilligsten Dingen verstehen will, so ist es noch gnädig, wenn ') I.. Vl. ep. 7. 3nlis I.ox pogulis ox guo, ksustino, rennt» ost ^lguo intrnro üomos juss» 1'uüioitis est, K»t minus !>ut certe non plus liiecr-»,« esl, I'i: nuliit ckecnno )»m Mio. sluao nubit totios, non nubit, ncknk/ern loge etc. Anm. des Berfassers. ") I,. III, cap. 16 üo Ilenet. Anm. des Verfassers. "') 8»t. 6. Anm. des Verfassers. 400 sie ihn einen Unsinnigen schilt'). Er muß geduldig die Augen zuhalten, wenn er ste gleich bei Galanterien betrifft, um nur nicht Himmel und Hölle wider sich zu empören"). Er wird auch wohl etwas mit dem Pantoffel geklopft'"); das war aber Alles noch gnädig. Ihr Ungestüm trieb sie oft so weit, daß sie ihren Mann durch Gift suchte blödsinnig, und wohl gar rasend zu machen s ). Die römischen Damen dankten für die Beschwerlichkeiten der Schwangerschaft und Zeugung; sie wollten schön bleiben und ihre Leiber nicht verderben. Daher brauchten sie Mittel, um entweder sich bei Unfruchtbarkeit zu erkalten, oder die Frucht in sich zu tödten. Wenn sie das nicht gethan hätten, so würde mancher Römer, sagt Juvenal, sogar Vater von einem kleinen Mohr geworden sein. Andere, die sich dem Manne noch gefällig beweisen wollten, stellten sich schwanger,,, und schoben nachher ein Kind unter -sp). Damit auch im Übrigen der Ausschweifung ein gutes Beförderungsmittel nicht fehle, so trug das Frauenzimmer Gewände aus einer Art von Flor; man nannte solche Kleider >ebulr>8, weil man dadurch den Leib der Dame wie durch einen Nebel beaugenscheinigen konnte. Die Griechen hatten zwar zum Theil die Zahl ihrer Bürger bestimmt, unter und über welche fie keine haben wollten. Es waren oft kleine Staaten, deren Bezirk sehr eingeschränkt war, wo man bei einer allzugroßcn Volksmenge für Mangel der Lebensmittel bange war. Wenn alw eine kleine Republik ihre Zahl hatte, so mochte jeder übrigens leben wie er wollte. ') V. 223: O llomons! ita servus Koma ost? Xikil 1e- cerit. Lsto, live volo, sie zubeo, sit pro rationo voluntas. Anm. des Verfassers. ") 4. 284: . . Llaines licet et mors roelo Lousuuclas. Homo sum. >ilül vsl auil-i- cius illis Deprensis, irsm -Ngus auinios r> crimlne summn. Anm. des Vers. "') 4 . 610. . . . Ll soles pulssro n-Nes. Anm. des Verf. -s) V. 611 ff. Anm. des Verf. V. 601 ff. Anm. des Verf. 2 » ' -ü>l «o> »ik> sr A ilill »k lli rii s>.! iick ff 401 Jedoch finden sich auch hier einige Staaten, die ausdrückliche Vorkehrungen gegen den Cölibat gemacht haben. Lykurg hatte zu Sparta Folgendes für gut befunden: wer sich weigerte zu Heirarhen, wurde von gewissen öffentlichen Schauspielen, besonders den Kampfspielen ausgeschlossen, wo die Mädchen nackend mit einander rangen; zur gesetzten Zeit des Winters mußten sie nackend auf öffentlichem Markte in einem Kreise herum ziehen, und ein Lied absingen, das auf sie selbst gemacht war. Und weil Lykurg überhaupt viel vom Stand der Unschuld hielt, so wurden Hagestolze auch überdieß noch an einem gewissen Feste von den Frauen um den Altar mit Ruthen herum getrieben und nackend gepeitscht., Endlich entging ihnen auch die Ehrer- bietnng, die sonst den Älterer» von der Jugend erwiesen werden mußte. Bei den Korinthern wurden Hagestolzen, wenn sie als solche gestorben, die bei Andern üblichen Begräbnißceremo- nien verweigert, und bei den Atheilten fern wurden Hagestolze in ältern Zeiten, wie zu Sparta, von Frauen um den Altar gepeitscht. Unter den Langobarden war eine Zeit, wo es aus heiliger Andacht auch den Damen einfiel, einer ewigen Jungfrauschaft zu huldigen. Da sich aber bald die Gesetze dagegen setzten, so trafen viele die Auskunft-, daß sie sich mit Knaben und Kindern verheirarheten. Diese Sitte nahm sehr überhand, bis endlich auch dieser Chicane durch geschärfte Verbote gesteuert, und dergleichen Kindereien cassirt wurden. 402 ^Neeept aus dem Mittelalter, wie Vergiftungen zu heilen find. (Gölting. Taschenkalender 1787, S. 193. 194.) Daß Albrecht l.'), Rudolphs von Habsburg Sohn, einäugig war, ist bekannt. Nicht Jedermann aber weiß, wie er es geworden ist; uns schwerlich dürfte Jemand unter den tausend möglichen Fällen aus die Ursache rathen, d,e Jacob von Königshöfen in seiner Elsass. und Straßb. Chronik mit folgenden Worten angibt: „Jme, dem Kunig Obrecht, wart eines moles vergeben; da „hinge»! jn die Arzete an die Beine, un stochent ime ein ouge „us, un brochtcnt mit ertzenige zu, das die vergift alle ging zu „den ougen us un genas.« Daß dieß wirklich goldene Praxis des Mittelalters war, bestätigt auch folgende Stelle von Kaiser Heinrich dem VII., der in einem Dorfe bei Pisa von einem Dominikaner im Abend- mahle vergiftet wurde: „Hernach als Keyscr Heinrich (VIl) wollte wieder nach Rom „gehen, ist im leichtfertiger weise mit Gift vergeben worden. „Und als dem Kcyser gerathen worden, er sollte wieder nach „Pisen (gehen), daß er durch ufhengung mit den Füssen, nnd „eines Auges Verlierung von dem Gift bcfreyet würde, so bat „der Keyser geantwortet: Er sei in Gottes Dienste, und wollte „denselben, den er zu seinem Heil empfangen hätte, nickt aus „seinem Leibe treiben. Und als er also fort nach den Flecken „Bonconvent kommen, hat er weiter nicht können, sondern ist „am Tage des heil. Bartholomäi des Apostels (den 24. August) „verschiede»; welchen das Kriegsherr nach Pneu wieder krackt, „woselbst er mit unsäglichen Klagen herrlich begraben worden, „iin Jahr 1313.« ') Geb. 1248, ermordet 1. Mai 1308. ^ Beitrag zur Sittengeschichte des Mittelalters. (Gvtting. Taschenkalender 1787. S. 195—199.) I Kaiser Carls IV. genossenes Mahl bei einem seiner Amtleute*). »Als nun der Kaiser"") ins Schloß umb Mittags zeit ein- »gekehrt, vnnd einen Jmbis ihme vnnd den Hofflenten auffzn- »tragen (dem Amtmann des Fleckens) befohlen, hat der ge- »schwindl diesen Vortheil erfunden, daß er die Säw im Flecken »alsbald zusammen aufs einen Haussen treiben, Ohren vnnd »Schwäntze abschneiden, solche in die Küchen bringen, bereiten, »vnnd auff mancherlei Manier kochen, vnnd zu Tische tragen »lassen, damit männiglich als in Eyl wol gesättigt vnnd zu »Frieden gewesen. Jedoch hals den Kaiser vnnd andern befrcmb- »tet, woher vnnd warnmb er sie nur mit Ohren vnnd Schwentzen »abgespeist vnnd svlchs vom Amptman gefragt. Ich habe in «Eyl, sagt derselbe, vnnd mit geringerm Tosten Ewer Majestät »nicht versehen können, dann sollte ich Säw oder ander Vieh »haben lassen abstechen vnnd bereiten, hetre sichs z» lang mit »dem Jmbs verweilet, vnnd were auch grosser Vnkosten aup- »gangen, Jetzo aber haben die Vnterthanen ihre Zahl Vieh wie »zuvor, vnnd ein schlechten Verlust an Schwenzen vnnd Ohren. »Solche Antwort vnnd geschwinder vortheilhafter Anstallt hat »dem Kaiser sehr wol gefallen« rc. ') Aus Lehman ns Speierscher Chronik S. 784. Anm. des Verfassers. Carl IV., geb. 1316, gest. zu Prag 1378. ") Die Rede ist von einer Reise, die der Kaiser machte, und wo er viele Hofleute bei sich halte. Anm. des Vers. 26 ' 404 2 Kaiser Sigis munds Lsl pai-6 zu Straß bürg. Sigismund war einer der schönsten Fürsten seiner Zeit. Seine große Statur, seine langen etwas gekräuselten Haare, sein langer Bart sollen ibin ein majestätisches Ansehen gegeben haben, das durch das Liebreiche seiner Manieren gemildert, und er dadurch bei Jedermann angenehm geworden sei. Ausgezeichnet war seine Liebe zum schonen Geschlecht, und sein Hang zur Fröhlichkeit; und davon gab auch sein Aufenthalt zu Straßburg 1414 einen guten Beweis. Cr hatte sich nämlich, um der Kirche in Ansehung des damaligen Zwiespalts Ruhe, und der Dog- inatik Reinigkeit zu verschaffen, mit Papst Johann XXIll. zu Lodi, über die Ausführung seines Vorhabens besprochen, und kehrte nach Deutschland durch Helveticn zurück, wo er in Bern nicht nur überhaupt mit seinem Gefolge, gegen 800 Pferde stark, freigehalten, sondern wo auch, wie ein Schriftsteller anmerkt, Alles was er oder sein Hofgesinde, das ziemlich zerrissen war, kaufte oder nur machen ließ, von den Bernern bezahlt wurde. Zu Basel setzte sich der Kaiser auf den Rhein und fuhr nach Straßbnrg, wo er den 1l. Jnl. 1414 ankam. Außerdem, baß er hier herrlich empfangen, und mit 3 Fuder Wein, 1 rothen und 2 weißen rc. beschenkt, und von der Stadt Alles bezahlt worden ist, was der König „uff die Zeit kostet bett," nämlich, mit den Geschenken, die man ihm und seinem Gefolge und andern Fürsten und Herrn gemacht, 1300 Gulden, schreibt auch Herzog') in seiner Chronik: „daß die Damen in Straßbnrg „in des Lohnherrn (Oberbaumeistcrs) Hof, da der König inne „gelegen, zu Primen Zeit (ganz frühe) kommen seind; und „als der König solchs gewahr worden, sei er aufgestanden, habe „einen Mantel um sich geworfen, und barfuß mit den „Weibern durch die Stadt getanzt, lind da er in die „Korbeegafsen gekommen, hätten sie ihm ein Paar Seh »g „umb 7 Kreuzer gekauft, ihm solche angeton, und habe ') Beruh. Hcrtzog, lebte um 1592. Schrieb eine clsas- slsche Chronik. 405 K,z "k «0° ltf« tjch iLi, «,« ÄII ldt, «!.-, l«, »!'. M «, 11^ il- I» :Nt I üO A«! !» I»! l, >» l»>« kt«I zt» WWW „der König als ein weißlicher schimpflicher Herr zugelassen, wie „die Weiber mit ibm gehandelt — kam zum Hochsteege und „ranzte, und fügte sich wieder in seine Herberg und rügte." Nach ei»em 7tägigen Aufenthalt, setzte er seinen Weg auf dem Mein nach Spcyer fort. Um aber den Straßbnrgerinnen seine Dankbarkeit zu beweisen, „ließ er den besten Frauen, „und den erw ölten jr jeglicher ein gülden Fingcrlin zur letz. „Zwei Jahre darnach schickte der König abcrmal den Frauen zu „Straßburg, den Edlen, 100 Fingerlin, und hieß sie theilen „unter die Frauen, und hieß auch jegliches Ammeister Frawen „eines geben. ^Geschichte der Handwerker und Zünfte in Deutschland, und ihres blauen Montags. (Götting. Taschenkalender 1788. S. 81—104.) Bis ins zehnte Jahrhundert wußte noch Niemand in Deutschland von Handwerkern, als einer Gattung freier Bürger im Staat, oder dachte sich ihre Beschäftigung als gangbare Nahrung freier Leute. Wie wenig überhaupt noch vor Karin dem Großen einheimische Kunstprodukte und Handwerker unsern Urvatern bekannt waren, ist aus dem Handelsverkehr zu ersehen, das damals bereits in Deutschland begonnen batte. Der Deutsche lauschte z.B. Waffen, Bänder, und überhaupt alle Artikel, die in Handwcrks- arbeit bestanden, vorn Ausländer ei», ohne dagegen etwas anders feil zu bieten, als Pelzwerk und Thicrhäute, Gänsefedern und Mcnschenbaar, Vieh und Menschen selbst, die als Sclaven verkauft wurden. Karls Regierung, dessen großer Geist in mehrern Dingen tausend schlafende Kräfte weckte, und unter seinen Völkern eine neue Welt schuf, machte auch durch Fortschritte des Kmiflfleißes r> 406 Epoche. Und hätte sein biederes Herz eine geläuterte Andacht gehegt, so wie sie seines groben Verstandes werth war; so würde die junge Industrie, die nur seil kurzem erst aus ihrem Keime war, zu einem noch bessern Wachsthums gediehen sein, und nicht durch nachtheiligen Vorschub der Frömmigkeit von ihm zugleich wieder gelitten habe». Eine seiner Verordnungen, die noch vor seiner Kaiserwürde gegeben ist (80k), macht bereits den größten Theil aller Hand- werksarten namhaft, die zu unsrer Zeit erlernet werden '). Es vereinigten sich aber mehrere Ursachen, die den Fortgang dieser Kunst- und Handarbeiten hindern, und ihrer Ausbildung im Wege stehen mußten. Um davon nur ein Paar zu nennen, so brachte es zuvörderst die Nationalerzichung mir sich, daß der Freigeborne nichts schätzte, als Waffen, Jagdhorn und Brevier; Künste aber und Handwerksbeschäftigungen schienen unter seinem Stande, und blieben, so wie der Ackerbau, geringern Händen überlassen. War er bemittelt, so kam er ohnedem nicht in Versuchung, seinem Vorurtheile zu entsagen, und sich mit gedachten Arbeiten abzugeben, und fehlte es ihm an Brot, so trat er in Herren - und anderer Freibürgcr Dienste, oder durfte nur frommer Müssiggänger werden, und sein Tisch war täglich bereitet. Dazu hatte selbst Karl das Scinige beigetragen. Keine Andacht nämlich war dem Geschmacke der damaligen frei- oder edclgebornen Müssiggänger willkommener, als Wallfahrten, die zum Unglück durch öffentliche Anstalten der Gastfreiheit allzusehr begünstiget wurden. Schon vor Karin ') Karl befiehlt nämlich den Aufsehern seiner Maicrhöfe oder Flecken, gute Künstler in ihrem Dienste zu haben, als „Schmiede, Gold- und Silberarbeiter, Schuster, Drechsler, Wagner, Schildmacher, Vogelsteller (d. i. solche, die die Stoßvögel abrichteten), Seifensieder, Brauer, die Bier, Apfel- und Birnmost, und was sonst zum Trinken tauglich ist, zubereiten können, Becker, Nctzmacher, die gute Netze zum Jagen zu machen im Staude sind, und nebst diesen noch andere, die zu lang wäre, herzuzählen." Anm. des Verfassers. hatte diese Andacht so überband genommen, und sich verdächtig gemacht, daß sich die Wallfahrer zuletzt mit einem Zeugnisse von ihrem Bischöfe versehen keßen, daß sie" nicht des M üs si g g a n g s wegen, sondern aus Andacht ihre Reise vorhätten. In der Folge »ahm dieses Unwesen nicht nur nicht ab, sondern riß noch mehr ei»; und Karl selbst hatte an dieser Art von Andacht Geschmack. Er ließ sich, gleich andern Wallfahrern, eine Pilgertasche machen, die er bei seine» Reisen »ach Rom anlegte, und nachher auch mit ins Grab bekam. Im Jahr 802 befahl er, daß Niemand einem Wallfahrer oder Reisenden überhaupt, Obdach und Herberge versage, und wer ihm etwas Biedreres geben wolle, dem werde es Gott belohnen. Das Jahr darauf kam eine neue Verordnung, daß man ihn, den Wallfahrer oder Reisenden, solle nehmen lassen, was zu seiner Nahrung diene, ausgenommen das Gras auf den Wiesen und das Getreide auf dem Acker. Außerdem waren in jedem Kloster, und in Städten neben den Domkirchen, Hospitäler angelegt, wo man überall dergleichen Frömmlingen gütlich that. Kein Vogel also unter dem Himmel fand sorgenloser seine Nahrung, als wer sich zum Wallfahren entschloß. Eginhard selbst sagt in Karls Leben, diese Leute hatten sich, wegen allzu großer Gunstbezeugungen gegen sie, so stark vermehrt, daß sie zuletzt dem Reich und dem Hofe zur Last geworden: Karl aber habe den Ruf der Freigebigkeit diesem Ungemach vorgezogen. Ein dritter Ü,»stand endlich, der die Betriebsamkeit und somit die Aufnahme der Kunstarbeiten hinderte, war der zu geringe Anbau von Deutschland, das überall voller Wälder und zu leer von Städte» war. Man lebte zu abgesondert und in zu geringem gesellschaftlichen Verkehr, war eingeschränkt in seinen Bedürfnissen, hatte kein Geld, und wenig Reiz zu wechiel- seitigem Gewinn. Vielmehr brachte es das Herkommen mit sich, daß jede Familie ihre Nothwendigkeit meist selbst bereitete, und sowohl Weiber- als Männerhände halten Theil daran. Wie es überhaupt Sitte verschiedener Völker noch ist, und bereits im grauesten Alterthume war, daß Männer von weiblichen Händen gekleidet wurden, so geschah es ehedem auch von deutschen Frauen und Mädchen. Linnene Zeuge zu bereiten, ist, so weit alte Nachrichten reichen, die erste Kunstarbeit 408 in Deutschland; unsre Vorfahren hatten sie von Galliern geler- net, und verstanden sich bereits zu Tacitus Zeiten darauf: denn schon damals saß die deutsche Frau am Webcrstuhl und fertigte Linnen, um sich und den Mann zu kleiden. In der Folge kamen noch Wolle und seidene Stoffe hinzu; aber auch diese wurden, bis ins Mittelalter herab, von weiblichen Händen verarbeitet, und werden noch unter Otto dem Zweiten (974- 983) von Männerarbeit als weibliches Kunstwerk unterschieden. Selbst Prinzessinnen schämten sich nicht, am Spinnrocken und Wcberstuhle zu fitzen, oder mit Schneidergeräthe umzugehen. Zum Beispiele dient die Kaiserstochter Luitgard, und Kaiserin Kunigunde. Und wie sehr bei Erziehung seiner Töchter Karl der Große Spinnen und Weben zum Gegenstände seiner Sorge machte, ist aus Eginhard bekannt. Das Frauenzimmer arbeitete, und hatte überhaupt seinen Aufenthalt in abgesonderter Wohnung, xenitium oder Frauen- baus genannt, das von Mannspersonen, wegen leicht begreiflicher Sorge, nur selten besucht werden durfte. Noch im Mit- telaltcr fanden sich dergleichen für die leibeigenen Mägde der Stifter, und waren vorzüglich auf fränkischen Maierhöfen gewöhnlich. In den ältesten Zeiten war ein solches Frauenhaus unterirdisch, nachher stark verwahrt und mit einem Graben befestiget, um, wie versichert wird, die Bewohnerinnen gegen Notbzucht zu schützen. Überhaupt sagt man unsern löblichen Vorfahren in dieser Art von Züchtigung eine eigene Bereitwilligkeit nach, wozu sie und wenigstens einige gute Vermuthungen in ihren Gesetzen hinterlassen haben, die einige Jahrhunderte hindurch voll von Verordnungen über diese» Gegenstand sind. Im allen alemannisch e n Recht wird ein vorderes Frauenhaus von einem Hintern unterschieden: belobtem Artikel von Nothzucht zufolge, ist jenes wahrscheinlich für Mütter und Töchter, und dieses der Aufenthalt gemeiner Sklavinnen gewesen; denn dort wurden gewaltthätige Umarmungen mit sechs, und hier mit drei Schillingen Strafe gebüßt. Was nicht von weiblichen Händen pflegte verfertiget zu werden, waren Schuhe, Waffenrüstung und Schmiedearbeir überhaupt, Bauwesen, Geräthschaft und alle Bedürfnisse von här- terer Arbeit. Diese wurden meist unmittelbar von Leibeigenen besorgt, die dem freien Güterbesitzer auf dem Lande, zum Theil auch in Städten, dienstbar waren. Nur selten, obgleich nicht unerhört, war es, daß hier und da der freigeborne Mann selbst eine Kunst verstand, und eigne Hand anlegte; aber nie leicht um Lohn für andere. Mit Metallarbeiten gaben sich besonders auch Mönche ab, jedoch nur zum Gebrauch ihres Klosters. Es wurden auch Sclavenmärkte gehalten, wo gleichfalls Menschen, die Handwerke trieben, käuflich waren. Wer kaufen wollte, fragte die feil stehenden, was für eine Kunst ein jeder verstände, und half nach Befinden seinem Bedürfnisse ab. Dieß war noch im neunten Jahrhundert ziemlich gangbarer Brauch. Wie aber durch Einfluß des Christenthums der Sclavenhandcl überhaupt immer eingeschränkter wurde; so schufen andere stille Revolutionen insbesondere, mit dem Gang der Gewerbe, zugleich immer mehr und mehr das Schicksal der Handwerker um. Die Urkunden des zehnten und eilften Jahrhunderts machen, in Absicht der Städter, einen Unterschied zwischen Bürgern und Einwohnern. Zu jenen gehörten solche, die von ursprünglich freien, oder gefreiten Familien abstammten, deren letztere im dritten Gliede das Bürgerrecht erhalten hatten. Nichtbürger und bloße Einwohner aber, waren theils Gefreite, die noch nicht im dritten Gliede frei, und des Bürgerrechts theilhaftig waren, theils eigene Leute, die sich mit Handwerksarbeit beschäftigten. Nur die erste Gattung von Städtern war waffenfähig, und nährte sich vom Acker- und Weinbau oder den Zinsen von ihren Landgütern, ohne sich weder mit Kaufmannschaft, die von Gefreiten der zweiten Art getrieben wurde, noch mit Handwerkern abgeben zu dürfen. Wie nun theils das alte Herkommen, theils auch manche von Heinrich dem Ersten gemachte Einrichtung, die ihren Bezug auf Krieg und Waffen hatte, die freien Güterbesitzer, und besonders Lehnleute, als eigentlichen Militairstand, immer fester zusammenschloß, so leiteten andererseits die Umstände den Geist der geringern Städter immer mehr auf Betriebsamkeit und Gewerbe. Durch die unablässigen Kriege und Händel der damaligen Zeit, wobei die waffenfähigen Bürger Dienste leisten mußten, schmolzen diese Jahr für Jahr zusammen, da indeß die 410 unbewaffneten in friedlicher Ruhe sich mehrten, und durch ihre Industrie in der Stille zu Wohlstand und Begüterung gelangten. Dieß wurde auch Reiz für Andere. Was immer der Leibeigenschaft auf dem Lande und unter den Bauern entgehen konnte, oder von der geringern Klasse der Freigebornen war, drängte sich in die Städte, und machte durch Fleiß und Emsigkeit selbst den Adel sich zinsbar. Reichthum und Macht wirkten auch hier auf gewöhnliche Weise, und hoben den gewerbetreibenden Stand endlich, noch ohne Hülfe eines Gesetzes, von selbst aus seiner Verachtung empor. Am ersten wuchs in der Fähigkeit, Waffen zu tragen, die Kaufmannschaft, dem alten Freibürgcr oder Nitterstande »ach. In Ansehung der Handwerker aber blieb noch die alte Scheidewand, bis Heinrich der Fünfte (11061—>25), auch diese für freie Bürger und wehrhaft erklärte. Diese kaiserliche Verfügung ging zwar anfangs nur Spei er an; allein andere Städte wußten sich bald gleiche Vortheile zu verschaffen, oder erhielten sie auch sonst, ohne auf den Kaiser zu warten. Und dieß war denn zugleich ein wesentlicher Schritt zu nachhingen Gilden, Innungen und Zünften; vor deren Erscheinung bereits, außer der S chn eidergeräth scha ft, auch Wollenweberci angefangen harte, in Männcrhände überzugehen, und eine der wichtigsten Ursachen zur Aufnahme der Städte zu werden. Die erste Veranlassung der Zünfte liegt noch in Vergessenheit. Sie sind einem großen Theile nach Copie der Magisträte in Städten und städtischer Regierung. Die älteste, bis jetzt bekannte Erwähnung einer Gilde in Deutschland, ist die der Gewandschneider, oder Tuch - und Zeughändler in Magdeburg, die 1153 der Erzbischof Wichmann mit besonderen Freiheiten versah. Diesem Beispiele folgten sodann die Männer vom Riehm und der Pfrieme, die fast um gleiche Zeit das Recht erhielten, sich einen Zunftmeister zu wählen. Und so gibt es der Beispiele noch viele von andern Städten aus eben diesem Jahrhunderte. Ältere aber sind sowohl von Italien als England bekannt. Die Erlangung des Zunfrrechts zog Ehre, Anseht, und Rang für die Handwerker in deutschen Städten nach sich. Sie ent- -st«, „i'l '*üll -Di ilit Ä ÄU Itlli »K Ä e« Ms inili W tjlii « Lt Oll ä!» sz "ti lehnt«! den Titel der Musen, und wurden „Magister« oder Meister, und ihre Ehehälften „Magisterinnen« genannt. Ihre Vorsteher hießen „Erzmagister" (Jwclümagistri), oder Obermeister und Altmänner. Sie bekamen in der Folge ein besonderes Siegel, hatten eigene Gewohnheiten und Gesetze, bestimmte Jnnungsstuben und Versammlungstage. Ein Ünächr- geborner konnte so wenig ein Handwerker werden, als derjenige ein Ziinftgcnosse blieb, der eines Verbrechens schuldig ward: „damit ihre Zünfte so rein seien, als wenn sie eine Taube gelesen hätte.« Wer viel hat, verlangt mehr: sie griffen nach dem Nuder der Städte, das die Obermeister hier und da ausschließlich, anderswo wenigstens theilweise zu führen begehrten. Es begann also ein Streit, in welchem auf anderthalb Jahrhunderte fort, bald Obermeister und Altmänner umgebracht, bald Bürgermeister- und Rathsherrenblut vergossen, bisweilen auch ganze Reihen von Altmännern wie Krammetsvogel aufgehenkt'), oder auf öffentlichem Markte gebraten") wurden. Diese Zerrüttungen zogen Verfall aller Künste und Handwerker nach sich, und störten auf gleiche Weise das Glück der Einwohner und die Aufnahme der Städte. Nirgend war der Kampf stärker, als in Reichsstädten. Die Magistrate waren unablässig bemüht, unter kaiserlichem Schutze den Zünften ein Ende zu machen; und in eben der Maaße suchten wieder Handwerker ihrerseits, unter den Fittigen des Adlers ihre Zünfte zu sichern. Dieß wurde eine neue Quelle des Streits. Ein Kaiser war den Magisträten, der andere den Zünften günstig; es erfolgten daher oft widerrufende Verordnungen, die zuletzt immer die Faust des Stärkern mit authentischen Erklärungen versah. So wurde mit abwechselndem Siege bis in die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts gefochten; wo endlich der Ausgang doch glücklich für die Sache der Zünfte entschied. Denn nicht nur Markgraf Ludwig von Brandenburg verordnete (1345), daß in den Rath zu Stendal jedes Jahr sieben Gildebrü- der gewählt werden sollten; sondern es erhielten die Handwer- ') Zehn zu Braunschweig im I. 1220. Anm. des Berf. ") Zehn ckilto zu Magdeburg 130l. Anm. des Berf. 412 ker auch in andern, besonders in Reichsstädten, beträchtliche Rechte am städtischen Regiment. Wovon jedoch seit dem sechzehnten Jahrhundert, außer abgedachten Reichsstädten, nicht viel mehr, als Schatten noch übrig ist. Was bei ihrem bisherigen Streit den Zünften Nachdruck gab, war der große Wohlstand der Handwerker, dessen Quelle in der Hansa entsprang. Die Kaufleute jenes berühmten Bundes versähen fast ganz Europa mit deutschen Manufakturen, und von den Reichthümern, die sie dafür zurückbrachten, strömte sodann jedesmal ein Theil in ganz Deutschland umher über die Handwerker aus. Einzelne Bürger, und sogar Schuster, eines der ärmsten Metiers zu unserer Zeit, waren im Stande, selbst Kaiser mit ihrem Seckel zu unterstützen: denn Kaiser Sigismund verachtete nicht die 3000 Mark Groschen, die ihm einst ei» Schuster lieh. Dem Ansehen der Handwerker und ihrer Begüterung entsprach auch ihre Lebensart. Noch jetzt gibt es Zünfte, deren Gesellen Degen tragen, und dieß wurde hauptsächlich im fünfzehnten Jahrhundert Mode. Um sich an Fest- und Galatagen zu putzen, gehörte bei einigen Gesellen ein Schwert an die Seite, oder, nach Beschaffenheit des Handwerks, ein langes Messer. Ihre Meister traten einher in sam meinen Jupcn, an den Ermeln mit Silber besetzt. Die Hoffart der Frauen aber, laut damaliger Klcidcrgesetze, bestand in langen Manteln, i» Kleidern mit Schleppen, die auf die Erde hingen, in Pelzen und großen Sturmhauben. Um dieser Eitelkeit zu steuern, wurden alle hoffärtige Matronen durch landesherrliche Befehle entboten, ihre Kleider mit Schleppen auf das Rathhaus abzuliefern, wo man in christlicher Milde gesonnen sei, ihnen die Schweife abzuschneiden, und an die Armen zu vertheilen. Mit dem Flor der Hansa hielt das Glück der Handwerker gleichen Schritt: so lange also jene stand, blühte auch das Ansehen der Letztem fort, in deren Zünfte sich oft, wie noch jetzt in England, die vornehmsten Personen einschreiben ließen. Als sie aber im sechzehnten Jahrhundert siel, begruben ihre Trümmern zugleich auch Reichthum und Ehre der Zürnte, und Handwerker sanken in ihre heutigen Verhältnisse herab. Wozu auch ehemalige Eifersucht der Fürsten gegen die Macht der Städte das Ihrige beigetragen hat. So hörten also die allen Klagen über Herrschsucht und Hoffart auf; aber andere Beschwerden wurden nun dagegen laut, die der Meister nämlich, über Ungestüm und Mißbräuche ihrer Gesellen. Keiner darunter aber hat sich, selbst in Gesetzen und Jahrbüchern des Reichs, berüchtigter gemacht, als der sogenannte blaue Montag. Seine Spur verliert sich nn Anfange des sechzehnten Jahrhunderts Man könnte den üblichen Müßiggang der Handwerker am Montage aus dem kanonischen herleiten, und Hütte dann nicht übel gemuthmaßet, wenn man nun weiter glaubte, daß das Beiwort »blau« seinen zureichenden Grund in den kralligen Fäusten und Stöcken habe, die an diesem Tage ge, meiniglich in Übung sind. Wenigstens pflegt in diesem Sinne so mancher Kumpan einen blauen Montag an sich zu tragen. Da es indessen auch einen blauen Dienstag gibt, so ist vielleicht richtiger und gilt überbaupt, was eine angedruckte thüringische Chronik des sechzehnten Jahrbnnderrs, vom Ursprünge des blauen Montags insbesondere in Tbü ringen erzählt. In den Fasten nämlich wurden die meisten deutschen Kirchen, nach Nationalsitte des sechzehnten Jahrhunderts, blau ausgeschmückt; und um eben diese Zeit singen die Handwerker an, die Fastcnmontage durch Unterlassung aller Arbeit zu feiern. Dieß thaten nicht nur Meister, sondern ertheilten gleiche Erlaubniß auch ihren Gesellen und Knechten. Diese genossen ihrer Muße, nach Sitte der Zeit, bei Trank und Speise, und unter dem ermunternden Zuruf, daß »heute blauer Fraßmontag« sei. Eine Nationalsitte, die nur Fastnachtslustbarkeit sein sollte, dehnte sich bald auf alle Wochen, auch außer der Fastenzeit, aus; und ihre Bleister waren dabei desto nachgiebiger, weil ihnen gleichfalls ein zweiter Ruhetag behagte. Damit war also der blaue Montag fertig. Sein Miß- ') Etwas davon zeigt sich bereits in der Policeiordnung des Churfürsten Joachim l. von Brandenburg, vom Jahr 151ö. Anm. des Verfassers. brauch artete immer stärker, und bald in die gröbsten Ausschweifungen, in Tumulte und Todtschläge aus; und blieb, ungeachtet der strengsten Verordnungen, die hier und da gegen ihn ergingen, gleichwohl so ungestört im Gange, daß er endlich, nebst andern Mißbrauchen, ein Gegenstand der Berathschlagung selbst für Kaiser und Reich geworden ist. Die Veranlassung gab das löbliche Corps der Schuhknechte zu Augsburg 1726. Diese hatten mit ihren Kumpanen in Würzburg, denen es bereits 1724 auch schon unter dem Hute gespukt hatte, einen aufrührerischen Briefwechsel geführt, und das zu dieser Absicht aus der Lage entwendete Handwerkssiegel ihren Altgesellen anvertrauet. Der Magistrat untersagte ibuc» dergleichen Korrespondenz; sie aber erklärten dieses Verbot für einen Eingriff in ihre Rechte. Ehe dieß noch beigelegt war, kam hinzu, daß einige, die durch Schlägereien beim Magistrale in Geldstrafe verfallen waren, eine» neuen Unfug aufbrachten. Der unmaßgebliche Rath nämlich, den sie mit ihrem Beutel gepflogen hatten, führte sie aus den Gedanken, sich nach Sub- sidien umzuseben. Ihnen leuchtete also ein, es sei billig, daß Schuldige und Unschuldige gleichen Antheil entrichteten. Wer andrer Meinung war, und nicht sogleich mit Freuden seine Kreuzer darbot, erhielt den sinnreichen Unterscheidungßnamen eines Spöttischen, alle übrige aber wurden Brave benennt. Mit dieser Benennung verbanden sie zugleich eine ebrcnvvlle Ceremonie, d ic S p ö tri s ch en zu beuteln. Wer ein Spöttischer war, und sich sehen ließ, den suchte man, so viel immer der gute Wille vermochte, auf folgende Weise zu amüsiren. Er wurde bei den Ohren und Haaren gefaßt, und gezogen, so lang jene nur werden wollten; zur Abwechslung sodann gerauft, geschüttelt und gestoßen, auch einigemal beru mg ed reb t w., und das Alles mit einer Feinheit, die der Leser selbst erralken wird; wir wollen nur mit dem kleinen Maaßstabe noch zu Hülfe kommen, daß mancher Gebeutelte alles Bewußisein, niedrere aber alles Gebör verloren. Der Spöttische mußte, wenn mau nicht immer zu beuteln fortfahren sollte, alle Mißhandlung in Geduld ertragen, und zuletzt, wenn es der braven Compagnie aufznbören beliebte, für das Empfangene bestens danken, und laut versichern, »es sei ihm Recht geschehen. 415 -ich «»kr tt» Gt W chü », ii«!> t« iz- :«k t« 8- » kS !ii »>> I», M lt!« !» ii- «:- K« >s Kid >!>» D! ^sit Um diesen vortrefflichen Gebrauch auch in andern Städten einzuführen, unterhielten sie einen Briefwechsel mit einigen Herren ihrer Art in München, der aber verrathen wurde. Nach mehreren Händeln, die nun zwischen ihnen und dem Magistrate vorfielen, der ihrem Unwesen steuern wvllte, verließen endlich in einem allgemeinen Aufruhr 107 die Stadt, und schrieben von Friedberg aus, wo sie sich hinbegeben hatten, an ihre Mitbrüder nach Leipzig, Dresden, Berlin ic., wie folget: »Wir baben einen Aufstand machen müssen, mit diesem, daß »wir unsre alte Gerechtigkeit behalten, und berichten Euch, daß »keiner nachber Augsburg reisen thut, was ein braver Kerl »ist, oder gehet er hin, und arbeitet in Augsburg: so wird »er seinen verdienten Lohn schon empfangen, was aber, das »wird er schon erfahren.« Dieser Aufstand machte in ganz Deutschland Aufsehen. Die Mißbrauche der Handwerker waren für die innere Ruhe der Städte und ihre Policei zu wichtig, als daß sie nicht endlich auf dem allgemeinen Reichstag hätten zur Sprache kommen sollen. Dieß geschah, und der Erfolg davon war ein Reichsgesetz von 1731, kraft dessen nicht nur andere Mißbrauche, sondern auch der so nachtheilige blaue Montag abgestellt sein sollte. In wenigen gleichstanden aber, außer den brandenbur- gischen, war man auf die Befolgung dieses Gesetzes bedacht; in vielen kam es nicht einmal zu öffentlicher Bekanntmachung. Von Kaiser Franz wurde es zwar (1764) erneuert, und über die Abstellung des b l a u e n M o n ta g s insbesondere kam einige Jahre darauf (1771—72) selbst ein neuer Reichstagsschluß zu Stande. Gleichwohl ist es noch immer beim Alten, und jeder Montag, fast überall bis auf die heutige Woche noch blau. Selbst in den österreichischen Erblandcn bat man mehr durch andere Mittel, als krakt erwähnter Reichsordnung, den Müßiggang des Montags abzubringen gesucht'). ') Man sehe hierüber, wie über Mehrcres im abstehendem Aufsatz, eine sehr gute Abhandl. des Hrn. Pros. Hause» in seinen Staatsmaterialien 1783, 3. St. Anm. des Vcrf. 416 ^ Wundercuren der geweihten Ärzte bei einigen amerikanischen Völkern. (Götting. Taschenkalender 1788. S. 174 —177.) Die Ärzte in Guiana machen eine geschlossene Gesellschaft aus, die keinen Lehrling anders als nach allerhand sonderbaren deshalb mit ihm genommenen Proben und Präcautionen in ihren Geheimnissen initürt. Und diese Geheimnisse bestehen größtentheils darin, daß der Arzt seine Kranken nicht mit Arzneimittel — sondern dadurch behandelt, daß er ihm allerhand Grimassen, Verdrehungen des Körpers rc. Vormacht, ihn anbläst, begreift, mit seinen beiden Händen über den Kranken streicht, dieselben dann gegen einander fügt u. dcrgl. m. Bei manchen dieser guianischen Völker wird aber nickt einmal am Kranken selbst, sondern vollkommen mit gleich gutem Erfolg nur in seiner Gegenwart an einem hölzernen Teufel herumhandirt, den der Äskulap auch von Zeit zu Zeit mit Leibeskräften durchprügelt, so lange bis beim Patienten der Kampf zwischen seiner guten Natur und der Krankbcit entschieden, uns nun die eine oder die andere den Sieg davon getragen bat. Besagter Asculap braucht seinerseits dabei auch allenfalls nur die billige Vorsicht, daß er sich sein sostrum mehrenthcils nur pränumeriren läßt. Wenn aber der Kranke selbst ein armer Teufel „ist, so versichert Barrere'), daß es große Mühe koste, einen Asculap zu vermögen, sich mit seinem hölzernen Teufel zu ihm zu bemüben: so wie er hingegen im gegenseitigen Falle die aufmerksame Dienstfertigkeit selbst ist, und den gclrcuesten Unterhändler zwischen dem preßhaften Wilden und dem hölzernen ') Peter Barrere, Botaniker. Starb in Peipignan als Garnisonsarzt 1753. Schrieb u. A. Isioiivollo rolation sto la krauce ogmnoctialo. 1'aris 1743. 417 dsi lt« «>» llki tf»! >O il» M « Ä !ii- >si »> l« >!«'! «!T -!«> rr. sliD Teufel macht. Er vertraut z. B. dem ersten: »Freund, der „Teufel sagte mir gestern, daß er nicht eher von dir ausführen „würde, als bis du ihm ein Messer gibst,« wenn der Kranke dagegen versichert, daß er gerade kein Messer habe, und dafür dem Schwarzen ein Spicgelchen oder ein Päckchen Schminke fRuku) anbietet, so antwortet der Vertraute desselben: »Gut, „ich will ihn diesen Abend fragen, ob er damit zufrieden ist,« und bringt dann am folgenden Morgen gewöhnlich die erwünschte affirmative Antwort. Bei einem andern amerikanischen Volke, den liebenswürdigen Californiern, steht die medicinische Aufklärung nach dem Bericht des Pater Bryert ohngefähr auf gleichem Fuß. Wir wollen den ehrwürdigen Vater selbst darüber sprechen hören: Er sagt nämlich, »daß viele unter ihnen für Gcsundmacher sich ausgeben, welche in der Sache selbst nichts als dumme Betrüger sind. ES haben aber die einfältigen Indianer einen so großen Glauben an dieselbe, daß, wenn sie nicht wohl zu Paß sind, sie allezeit einen, zwei oder mehrere dieser Schlingel zu sich kommen lassen. Diese Charletane waschen, lecken und blasen durch ein Röhrlein den Kranken eine Weile an, machen etliche Grimassen, murmeln etwas daher, das sie selbst nicht verstehen, und zeigen endlich, nach vielem Schnaufen und Arbeiten dem Patienten einen Feuerstein oder etwas dergleichen, so sie verborgen gehalten, mit Vermelden, es wäre nun die Ursache des Übels, welche dieser Stein war, gehoben, und die Wurzel des Schmcrzens aus dem Leibe gerissen. Zwölf solcher Lügner bekamen aus einem Tage von mir ihren verdienten Lohn, und mußte das ganze Volk versprechen, künftighin ihrer müßig zu gehn, mit Bedrohung — ihnen widrigenfalls nicht mehr zu predigen.« III . lj->- ^ VI. 27 418 Wie der Abt von der Neichenau die Frösche schweigen macht. (Götting. Taschciikalcndcr 1788. S. 178—180.) Was weiland die Fabel dichtete, wie Menschen nnd Thiere gegen einander z» Felde gezogen, die Pygmäen mit den Kranichen Krieg geführet rc. — das ist doch mehr als einmal in der That realisirt worden. Die alten Balearier waren, wie der altere Plinius erzählt, einmal von den Kaninchen so in die Enge getrieben, daß sie sich gegen dieselben militärischen Sur- curs vom Kaiser' Augustus erbitten mußten '). Und eben so kamen einst die weltberühmten Abderitcn unter Cassanders Regierung mit den Fröschen ins Gedränge. Sie betrugen sich aber auch hier als weltberühmte Abderiten, dachten: Der Klügste gibt nach, überließen den Fröschen das Feld, und sich hingegen, bis auf günstigere Zeiren, einem freiwilligen Erilium: Abkera ward der quarenden Frösche wegen eine Zeitlang von seinen Einwohnern geräumt. — Abt Marx von der Reichenau war seiner Zeit nicht so nachgiebig wie jenes weise Wölkchen, bediente sich aber auch nicht wie mancher seiner canonifirtcn Bruder in dergleichen Fällen eines kräftigen Bannfluches, sondern eines andern nicht minder kräftigen Mittels, das sich aus folgender Urkunde des mehreren ergibt: „Verzeichnus ettlich vnd mancherley Gerechtigkaite» zu Un- lengcn des Kelchhofs vnd anderer Sachen halber. UZ Abt Marxens Lehnbuch gezogen. Die Truchseßen zu der Schaar belangend. Wir Marcus rc. rc. haben geliehen dem edlen, besten, un- ') »Lerlum est. Lalcaricos sclversus provontum cunicu- lorum suxilium militaro s Diso t^UAusto petiisse.» Urin. (Xsl. Hist. Vlll, 55, 61.) Anm. des Verfassers. 419 .. fern Getreuen Hansen von Trieberg von der wilden Triebcrg als Lehcntrager des wohlgebohrncn Herren Wilhelmen Truch- ses Freyherr« zu Waldburg unsers günstigen Herren fünfzehn Huben zu Uulcngcu des Kelchhoffs vnd andrer Sachen halber, alles nach Uswies eines papirern Rodels, so ab einen birgament- nc» Rodel geschrieben, den er vns zeiget vnd verlese» lies, vnd lautet dcrselbig Rodel von Wort zu Wort also« — — u. — »Item es ist zu wissen, wann vnser Herr der Abt vs der Reichen»» zu Mayen kehm gen Nnlen- ^ ^ gen vnd über Stacht da wollt seyn, begert dann vnser ^ I Herr der Abt an die von Fridingen, ihr Knecht zu "" sende» an die Camsach, vnd sollend mit Stock chen die Fröschen schwaigen, so sie best mögen, vngever- lich ir.« — rc. iv >8 ist, ^Pluderhosen und Teufeleien, ein Paar v Modesachen des sechszehnten Jahr- " Hunderts. ck «t> (Götting. Taschenkalender 1780. S. 148—159.) _ »>I , ^ Ehe noch Welschlaud, Paris oder London das Urbild für modische Damen und Herren in Deutschland ward, genoß dieser Ehre Burgund. Mit den feinen wollenen Zeugen und Tüll^ chm,, die Deutschland und der größte Theil von Europa aus den Niederlanden erhielt, hatte sich zugleich neben andern modischen Dingen im sechszehnten Jahrhundert eine Hosentracht «F der Niederländer empfohlen, die das Verdienst hatte, daß we- ^ »igstens Niemand genirt darin eiuherging; man nannte sie (und kennt sie in manchen Gegenden, z. B. im Sachsen - Altenbur- su!> zischen »och als Naiionalrecht des Landmannes, obgleich in § etwas veränderter Gestalt und nach verjüngtem Maaße, unter ^ 27 ' l I 420 dem Namen der) Pump- oder Pluderhosen. Sie gingen -xB vom Gurt bis an die Schuhe, waren weit, und sowohl in die Länge herab, als in die Quere aufgeschnitten. Diese Aufschnitte -D wurden mit einem Futter von dünnem Zeuge durchzogen, und r-Ä dieses Zeug in so viele Falten zusammengelegt, daß man davon zu einer recht stattlichen Hose bisweilen auf 130 Ellen verbrauchte. Anfangs, als diese Mode noch in ihrer Minderjährigkeit zot war, trug man Hosen von Tuch, und fütterte die nur erst dazu genommenen fünf Ellen Tuch inwendig und zwischen den Auf- ,ix> schnitten ungefähr mit zwanzig Ellen seidenen Zeugs aus. e-m Nachher aber, als diese anfänglichen Höschen zu Hosen gewor- z ^ den waren, wurde Tuch zu schwer; man machte sie von einer Art Rasch, und wer nichts Gemeines sein wollte, trug sie von seidenem Zeuge. Jedoch ereignete sich lehtern Falls hier und da, was jenen unaufgeklärten Zeiten gar noch nicht zukam, und ein offenbarer ^ Eingriff in die Rechte des achtzehnten Jahrhunderts gewesen " sein soll: man machte mehr Staat, als man bezahlen konnte; ^ wenigstens sagen Chroniken der damaligen Zeit, daß sich ver- schiedene von Adel ruinirt hätten, weil bloß für eine Hose mehr ^ aufgegangen sei, als ein ganzes Dorf Einkünfte gegeben habe. Es konnte nicht fehlen, daß Obrigkeiten und Theologen .. darüber entrüstet wurden; letztere erhoben ihre Stimme zuerst, , und jene folgten, um ihr Gewissen zu bewahren. Die Geist- ' ^ lichen predigten von den Kanzeln, die Obrigkeiten durch Polizei- ordnungen dawider. Jedoch wollte es mit der Sache zu keinem ^ Ziele konimcn, bis sich — der Teufel ins Mittel schlug, und sie zu seiner eigenen Angelegenheit machte. Einen der ersten Angriffe auf das Unwesen der Pluderhosen, —- wagte der Diaconus der Oberkirche zu Frankfurt an der Oder ^ in einer erbaulichen Sonntagspredigt 1555. Muthwillige Stu- » denlen, anstatt seinen Ermahnungen Raum zu geben, wie der- gleichen ernsthafte Leute sonst das Lob haben, verwandelten viel- mehr die gehojfte „Frucht seines Eifers am nächsten Sonntage in ein schreckliches Argerniß: denn die christliche Gemeinde fand, als sie abermals versammlet war, ein Paar große Pluderhosen an einem Pfeiler, der Kanzel gerade gegenüber, aufgehangen. Dieß brachte die gesummte Geistlichkeit auf. Doctor Andreas 421 Musculus'), Professor zu Frankfurt und Generalsuperintendent in der Mitlelmark, nahm vor allen das Wort, und hielt eine überaus ernstliche Strafpredigt. Er gab sie sodann (auf Verlangen) vermehrt heraus unter dem Titel: vom Hosen- ieufel«"), und dedicirte diesen seinen Teufel den beiden frank- furtischen Bürgermeistern, Witterstatt und Michael Vollfraß. Musculus verkündigte darin den Deutschen insgesammt, und seinen Märkern insbesondere: »Gottes Zorn und alles Unglück, darin sie bereits bis über »die Ohren lägen. Es wäre kein Wunder, wenn auch die Sonne »nicht mehr schiene, die Erde nicht mehr trüge, und Gott mit »dem jüngsten Tage gar drein schlüge, wegen dieser gräulichen »und unmenschlichen Kleidung. Gott habe ihn im Amte bei »der Kirche und Universität gesetzt, auf daß er mit Predigen und »Lesen, öffentlichem Schreiben und Wehklagen wider solche große »Bosheit, welche den jüngsten Tag ohne Zweifel bald würde »rege machen, sich auflehnen solle. Er wolle sich jetzt an den »Hosenteufel machen, der sich in diesen Tagen und Jahren al- »lercrst aus der Hölle begeben, und den jungen Gesellen in die »Hosen gefahren wären, und sich in sechstausend Jahren nicht »habe dürfen hervormachen: daher er gewißlich dafür balle, daß »dieses der letzte Teufel sei, der noch vor dem jüngsten Tage, »als der letzte in der Ordnung, auch das Seine auf Erden thun »und ausrichten sollte. Man brauche zu diesen Hosen nicht al- »lein 20 bis 40 Ellen Kartek'") zum Füttern, sondern er wisse, -daß Manche bis 130 Ellen zum Futter nehmen lassen, und «wundere sich, daß die Erde nicht solche Menschen verschlungen ') Geb. zu Schneeberg 1514, gest. 1581. "> »Gedrukt zu Frankfurt an der Oder durch Johann Eichorn smw OlvchVl. 4.« — Im Raum zwischen dem Titel und Druckort wird ei» Mann in Pluderhosen, nebst zwei ihn quälenden gräßlichen Teufeln im Holzschnitt abgebildet. Anm. des Verfassers. '") Ein wollenes Zeug, oder eine Art Rasch, das zu Arras iu den Niederlanden fabricirt, und nach Deutschland verfahren wurde. Anm. des Verfassers. „habe. Gott werde es ihnen aber bis zum jüngsten Tage auf »das Kerbholz schreibe».« Wie es einem armen Maler um solcher Hosen willen damals ergangen, davon ist gleichfalls in dieser Predigt eine schreckliche Geschichte zu lese». »Ein frommer Mann nämlich bestellte »ein Gemälde, wodurch das jüngste Gericht ernst und schrecklich vorgestellt würde. Der Maler habe sich dessen aufs beste »beflissen, nnd die beim jüngsten Gericht nöthigen Teufel aufs »gräulichste mit pludcrichtcn Hosen gemalt, wie sie eben getragen wurden. Da sei denn der Teufel gekommen und habe »dem Maler einen gewaltigen Backenstreich gegeben, mit den »Worten, daß er ihm Gewalt gethan und mit Unwahrheit also »gemalet, indem er nicht so scheußlich und greulich sei, als er »ihn mit den Lu d erh o s en abkontrafect babe.« Der scharfsichtige Musculus zieht daraus die »»verwerfliche Lehre: »daß diese »Tracht nicht zum Wohlstand und Zierde dienen könne, weil »selbst der unreine und unflätige Teufel sich deren schäme.« Beiläufig aber kann dieses Bruchstück aus der Künstlcrgeschichte auch dazu dienen, die Maler der damaligen Zeit zu entschuldigen, wenn sie nicht weit in ihrer Kunst kainen, da sich der Teufel mit so handgreiflichen Urtheilen über die Werke ihres Pinsels zu richten anmaßte, und ihrer Erfindungsgabe Grenzen setzte. Da auch andere Theologen außer Musculus diese Hosen zu groß und von zu vielem Spielraum fanden: so machten sie mit ihm gemeine Sache, und erklärten sie voll entflammten Eifers von heiliger Stätte für süudlich, brachten es auch bei den weltlichen Obrigkeiten dahin, daß sie theils verboten, theils enger getragen werden mußten. In der rostockischen Kleiderordnung von 1585 wird den Adelichen aufgegeben, daß dergleichenHosen mit nicht mehr als höchstens 12 oder 14 Ellen Karteke, oder so viel Tast, durchzogen sein solle. In Dänemark aber, obschvn man da nicht so weit als in Deutschland gegangen war, und nur 80 Ellen Kartek zu einer Hose nahm, wurden sie ganz verboten, mit dem Befehl des Königs jedem, der sich hinfort in dergleichen Hosen sehen ließe, sie auf der Stelle am Leibe zu zerschneiden. Am meisten war Churfürst Joachim II. von Brandenburg wider diese Mode aufgebracht. Unter andern Exempeln, die er stakuirte, traf sein Eifer auch einen Herrn vom Adel, der eines li iä I lei iikl ch» «A ftri st» »p, M> W «uo> i Ihl h«!> ftrd >irt >D ! lt« j f5» »>" 1! Sonntags mit seinen Pluderhosen so eben auf dem Kirchwege war. Diesem ließ er oben den Gurt an verschiedenen Stellen aufschneiden, daß die Hosen ohne Rettung herunterfielen, und der Eigenthümer mitten unter dem Getümmel und Spotkgeläch- ker der Zuschauer unbehoset nach Hause eilen mußte. Indeß schien sich diese Mode dennoch, des Musculus treuherziger Warnung und des churfürstlichen Verbots ungeachtet, immer noch zu erhalten. Die Theologen sahen sich genöthigt, zu andern Mitteln zu greifen. Im Februar 1583 wurde daher, zum Zeichen des göttlichen Mißfallens über diese Tracht, von einem Schafe zu Templin in der Ukermark ein Stück Fleisch geboren, welches ein Paar leibhafte Pumphosen waren. Es wollten aber die verstockten Marter alle diese Warnungen nicht beherzigen: um Johannis desselben Jahres gebar also eine Zim- mermannSfrau in Prenzlau ein Kind, das nicht allein ein Paar pluderichte Pumphosen anhatte, die bis auf die Füße hingen, sondern es war auch um den Hals und die Hände mit einem Gekröse geziert, welches von den nachher aufgekommenen Halskrausen und Manschetten ein Vorläufer war. Überhaupt war es, wie Herr Möhsen, dem ich hier folge, erzählt, zu damaliger Zeit um neue Moden eine gefährliche Sache, sobald sie Theologen befremdete. Als nach den Zeiten Kaiser Karls V. die spanische Tracht in Deutschland aufkam, säumte der liebe Gott nicht, die Brandenburger insbesondere durch ein unzeitiges Kind zu warnen, welches zu Plctzen bet Stendal in völliger spanischen Tracht und mit weilen niederländischen Hosen zur Welt kommen mußte. Dergleichen Mißgeburten, die mit neumodischen Kleidungsstücken männlicher und weiblicher Art das Licht der Welt erblickten, kamen im Brandenburgischen hier und da so lange zum Vorschein, bis eine Verordnung kam, daß alle Mißgeburten an die Akademie der Wissenschaften eingeschickt werden sollten. Hiermit nahmen Zeichen und Wunder ein Ende. Musculus hatte so viel Beifall mit dem Titel seiner Schrift gefunden, daß er nun auch einen Versuch mit einem Fluch- Ehe- und mit mehrern Teufeln machte, die er nach einander herausgab. In dem Hosenteufel aber fanden seine Leser so viel Salbung, daß »och in demselben Jahre eine zweite Auf- 424 lüge veranstaltet wurde unter deni erweiterten Titel: //Vorn zerluderten, zucht und ehrerwegenen pludrichten Hosenteufel, Vermanung und Warnung, ^nuo LIOl.VI«'). Auch mehrere andere Theologen wurden durch diesen Abgang und Beifall von Musculus Predigten gereizt, vor der Fronte ihrer heiligen Reden und moralischen Schriften gleichfalls einen Teufel paradiren zu lassen. So kamen in kurzer Zeit nacheinander Spangenbergs Jagdteufel, Friedrichs Sauf- teufel, ein Lügen- Hoffarths- und Tanzteufel und dergleichen mehr, zum Vorschein. Und um keinen umkommen zu lassen, so wurden vier und zwanzig Teufel dieser Art, die einzeln herausgekommen waren, zu Frankfurt am M. 1575 und wieder 1785, zu einer Gruppe in einem D/«eatro Di'nl,«- toi-iin» zusammengedruckt, und legen noch jetzt von dem guten Geschmack unserer Vorfahren ein unverwerfliches Zeugniß ab. ^Was Schiffziehen in Ungern für eine Strafe fei. (Götting. Taschenkalender 1789. S. 159—161). Die Todesstrafe ist bekanntlich in den österreichischen Staaten zwar nicht schlechterdings abgeschafft, aber doch auf äußerst seltene Fälle eingeschränkt. Statt ihrer wird nun insgemein auf Schandbühne mit Stockstreichen, auf B ran dm arkung und Schiffzieben erkannt. Schwerlich find viele Leser mit der schrecklichen Beschaffenheit der letztem Strafe bekannt, hier ist also ein umständlicher Bericht aus Ungern: //Jeder Züchtling »bekommt um den Hals einen eisernen Ring, und um den Leib ') Zu Frankfurt am Main wurde die dritte Auflage gemacht 1563, 8. Anm. des Verfassers. »einen eisernen Reif, der ihm nie abgenommen wird. Bermit« »reist dieses Reifes werden fünf an eine eiserne Stange beseliget, von der sie weder bei Tage noch des Nachts loskommen. »Kommt einem von ihnen die Nothdurft an, so werden alle »fünf damit beschäftiget. Ihre Kost ist höchst elend; das Do. »nauwasser führen sie in einer um sich Hangenden blechernen »Büchse mit sich. Ihre Kleidung ist schlecht. Und werden ihnen »die Kleider naß, wenn sie bisweilen bis an den halben Leib in »dem Wasser gehen, so müssen sie wieder am Leibe trocknen. »Des Nachts finden sie ihr Lager auf der Erde, weil man sie »nicht ins Schiff zu nehmen getrauet, aus Furcht, sie möchten »ihre wenigen Wärter ins Wasser stürzen, und sich losmachen. «Allen Veränderungen des Wetters, der Hitze des Tages und »der Kälte der Nacht, gegen welche sie sich nicht schützen kön- »nen, und den Schlägen ihrer Aufseher und Antreiber ausge- »setzt, müssen sie nothwendig in kurzer Zeit dahin sterben; we- »nigstens zeigt eine dreijährige Erfahrung, daß von 450 zwei »Drittel gestorben find. Krankheiten entschuldigen nicht, und »wenn einer hinfällt, so müssen ihn die vier übrigen mit sich »fortschleppen, weil er an die Stange geschmiedet ist. An »Arzneimittel ist auch nicht zu gedenken: ihre Natur muß sich »selbst helfen, oder sie müssen crepiren. Oft werden sie in der »Nacht von Schnacken so geplagt, daß ihnen der Kopf anschwillt. »Die Last, die sie stromaufwärts zu ziehen haben, strengt ihre »ohnehin durch alle diese Umstände geschwächten Kräfte eben so »sehr an, als bergaufwärtsziehende Pferde. Will einer stille »stehen, so fällt der Stock auf ihn, und er wird von dem Ringe, »der ihn an die Stange fesselt, aufs Empfindlichste auf den »Rücken gestoßen. Kurz ihr Unglück übersteigt alle Schilderung. »— Und diese entsetzliche Strafe bessert Niemanden, auch den «Zuschauer nicht! — 426 -j- Wie Gottesacker auf Kirchhöfen und Bearäbnisse in den Kirchen entstanden find. (Götting. Taschenkalender 1790, S. 81—91.) Durch Ärzte und Philosophen ist in neuern Zeiten die Schädlichkeit des Gebrauchs, Kirchen und Kirchhöfe zu Leichenbehäl- tern zu machen, in ziemlich allgemeine Betrachtung gekommen. Die vielseitig darüber laut gewordenen Stimmen haben bereits auch hier und da gute Wirkung gethan, und man trachtet an immer mehrern Orten denen, die künftig entschlafen, ihr stilles Revier außer dem Kreise der Lebenden anzuweisen. Bei diesem so sehr und mit Recht aufgeregten Unwillen aller Vernünftigen wider die längere Duldung jener unvernünftigen Gewohnheit, und während man in aufgeklärteren Gegenden so ernstlich bemüht ist, Gottesäcker von Kirchhöfen und Begräbnisse aus Kirchen wegzuschaffen, gereicht es vielleicht den Lesern dieser Blätter zum Vergnügen, über die Entstehung des unsinnigen Beginnens, sich durch Leichcngrüfte die Atmosphäre zu verpesten, hier auf einigen Seiten eine kleine Erörterung zu finden. Der Schreiber dieses Aufsatzes entlehnt das Wesentliche aus einer neuern Schrift,— Grollmanns') Geschichte der Stollgebühren,— die noch neuerlicher, dem rechtmäßigen Verleger zu Liebe, in einer »Sammlung seltener — Abhandlungen" nachgedruckt ist. Die Entstehung der Gottesäcker auf Kirchhöfen und der Begräbnisse in Kirchen hängt ursprünglich mit den Glaubensideen ") Grollmann (Heinr. Moritz Gottlieb), Pros. in Göttingen, geb. zu Jena 1756, gest. als Pros. in Moskau 1804. Schrieh unter Andern: Kurze Geschichte der Stolgebühren oder geistlichen Accidenzien, nebst andern Hebungen, nach ihrer ersten Entstehung und allmäligen Entwickelung abgehandelt. 1785. 8. der Christen zusammen; aber kein Christ dachte noch in den ersten Jahrhunderten des Christenthums daran, sein Grab innerhalb einer Stadt zu haben. Der Bischof, der die Grabstätte bestimmte und überhaupt über das Ganze der Beerdigung Aufsicht hatte, sorgte, als die heidnische Religion noch die herrschende war, nur dafür, daß der Leichnam eines Christen seinen Platz nicht neben einem Heiden bekommen, und durch die Nachbarschaft solch eines groben Sünders entweiht werden mochte. Die Gräber waren, zufolge ausdrücklicher Gesetze der Römer, ohne Ausnahme außerhalb der Städte, und besonders an öffent- üchen Landstraßen, ,-damit sie den vorübergehenden Wanderer »erinnern mochten, daß der hier begrabene Staub auch einst- »mals gelebt habe, und daß er, der Wanderer, eben so noch »sterben werde.« Selbst Kaiser erhielten da ihre Grabstätte, wie z. B. August und Tiberius an der via ^eppis, und Domitian an der via istatina. Über das bisher bestehende Gesetz wurde von den heidnischen Kaisern genau gehalten; kein heidnischer Unterthan, geschweige der verfolgte Christ, durste sich daher leicht beikvmmen lasten, eine Ausnahme zu machen. Die Leichname, wenn man sie nicht auf Acker oder in Gärten begrub, wurden in jenen bisweilen an Wegen, meistens aber an Bergen und Anhöhen befindlichen Todtengemächern der Märtyrer beigesetzt, wo sich die Christen bei entstandenen Verfolgungen zur Haltung ihres Gottesdienstes heimlich zu versammeln pflegten. Diese unterirdischen Gemächer waren so geräumig, daß manche derselben (man sehe z. B. Burnet über die Katakomben bei Neapel) sogar mit kleinen Städten-verglichen werden. Die Särge standen an beiden Seiten auf und neben einander, und freilich schätzte es schon damals jeder Christ für ein Glück, an einer solchen Ruhestätte neben einem Heiligen aufgehoben zu werden. Nachdem endlich die christliche Religion einen Kaiser zum Proselyten, und ihre Bekenner Friede bekommen hatten, artete die bisherige Hochachtung gegen Diejenigen, die unter den Drangsalen der abgelaufenen drei Jahrhunderte als vermeintliche Helden des Märtyrcrtbums gestorben waren, immer mehr und mehr in abergläubigc Verehrung aus. Diese und jene Stätte im Felde umher, wo die Gebeine eines solchen ruhten, wurde durch weiße 428 Altäre ausgezeichnet, oder auch, ihrer Heiligkeit wegen, mit Kapellen und Kirchen überbauet. Und so wurden auch die neuen Kirchen, die nun allenthalben in den Städten emporstiegen, nebst den schon vorhandenen dadurch besonders heilig und gcweihet, daß man die Asche und Überbleibsel solcher Märtyrer aus ihren Gräbern holte, und unter dem Altare vergrub. Kaum war das geschehen, und das erste Grab in der Kirche gemacht: so wurde es für stolze Heuchler oder abergläubige Schwachkvpfe ein Magnet zur Nachfolge. Jene letzten sich an dem Gedanken einer ungewöhnlichen Ehre, unv diese wähnten, daß es der armen Seele besser ginge, wenn ihr Leichnam an einer so heiligen Stelle verwese, wo die Gebeine und Überbleibsel eines oder gar mehrerer Märtyrer ruheten, wo Altäre ständen, »auf welchen Christus geehret, und wo so manches -Gebet der Verwandten und anderer Christen verrichtet würde.« Schon Constantin machte den Anfang, und bestellte sein Grab in der von ihm erbaueten Apostelkirche zu Con- stantinopel, womit er zugleich die Bahn auch für andere Kaiser brach, die sich von nun an eben dieses Begräbniß wählten. Bischöfe ferner wähnten, daß zwischen Kaiserthum und Priesterwürde ein unzertrennlicher Zusammenhang sei: und so kamen auch sie dahin, oder rückten Wohl gar vorzugsweise inS Innere der Kirche selbst hinein, da Constantin und seine Nachfolger aus Bescheidenheit bloße Thürhüter waren, wie ein damaliger Kirchenvater ein Paarmal in seinen Schriften darüber triumphirt. Endlich folgten auch diejenigen nach, deren Leben sich hinlänglich durch Freigebigkeit an die Priesterschaft und solche Handlungen ausgezeichnet hatte, die der Aberglaube zu den Erfordernissen eines Heiligen rechnete. Laien und Un heilige hätten, dem bisher bestehenden, und sogar von Neuem eingeschärften römischen Gesetze zufolge, zur Stadt hinaus gehört: das aber war dem Geiste der Verwandten, oder auch dem Willen des Verstorbenen selbst, nicht selten zuwider. Sie traten also mit dem Bischöfe i» Unterhandlung, und ersetzten durch Geld, was dem Seligen an Tugend abging, um in einer Kirche begraben zu werden. Dieser schon zu Theodosius Zeiten überhand genommene Mißbrauch, wobei sich Einige gegen das Gesetz: »daß kein Tod- ,,ter innerbalb der Stadt begrabe» werden sollte«,— mit der Ausflucht zu sichern suchten, daß Begräbnisse in der Kirche durch kein ausdrückliches Verbot untersagt wären, veranlaßte den Kaiser, dieser Spitzfindigkeit fürs Künftige mit dürren Worten in seinem Gesetzbuchs zu begegnen. Und eben dieses fand nachher auch Justinian nöthig, obschon er den ersten Theil des Theodostaiiischen Gesetzes — von Beerdigungen in den Städten überhaupt,,— wegließ. Indessen half das Nichts, die Übertretung ging immer fort; bis Leo der Weise das bisher bestehende Gesetz der alten Römer, daß Begräbnisse außerhalb der Stadt sein müßten, weil sie innerhalb derselben ein böses Omen machten, aus Rücksicht der Heiligkeit christlicher Leichen, für ungereimt und aufgehoben erklärte, und forthin Jedermann ohne Unterschied frei ließ, seinen Todten in oder außer der Stadt zu begraben. Unter den Christen im Abendlande ging es nicht besser: auch hier wurde die Sucht nach Begräbnissen in den Kirchen immer gemeiner, bis die Sache im sechsten und vom siebenten Jahrhundert an eine Angelegenheit verschiedener Concilien wurde. Diese suchten durch nachdrückliche Schlüsse alles fernere Begraben in den Kirchen abzustellen: indem sie statt dessen aber die Auskunft trafen, daß sie den Raum außerhalb den Mauern der Kirche im Nothfall zu Grabstätten anwiesen: so war das zugleich ein wesentlicher Schritt, die bisherigen Kirch- böfe fürs Künftige völlig zu unsern gewöhnlichen Gottesäckern umzuschaffen. Der offene, hier und da mit Säulen besetzte Platz vor den Kirchen Atrium und kortious Lcclosise) wurde anfangs zu Grabstätten genommen, und ihm an manchen Orten der Name Paradies gegeben, wo der entseelte Leichnam dem Tage der Auferstehung entgegenschlummcre. Freilich waren auch diese Plätze noch immer nur für vornehme oder sonst ausgezeichnete Leichen bestimmt. Es kam auch nicht auf Jemands bloßen Willen an, um allda bestattet zu werden, so wenig, als es den adelichen Familien in Frankreich, die nun, ums Jahr 800, nach und nach ansingen, auf Erbbe- 430 gräbnisse in den Kirchen Ansprüche zu machen, so geradezu frei stand, ihr Grab nach Willkühr auch wirklich darin zu nehmen. Es blieb vielmehr nach wie vor dem Gutbefinden der Bischöfe heimgestcllt, und wurde nächst denen zugleich auch dem Pfarrer eines jeden Orts übertragen, jedesmal zu entscheiden, ob auch der Leichnam eines heiligen Grabes in oder bei einer Kirche wertb sei. Wozu noch kam, daß die verlangte Grabstätte ohne verhältnißmäßiges Entgelt vorn Bischof oder Pfarrer nie leicht bewilligt wurde. Die geringern Volksclassen mochten daher ordentlicher Weise zwar immer »och ihre Todten auf gemeinen Plätzen außerhalb der Stadt begraben, während Andere, weil sie vornehm oder reich genug waren, auf Kirchhöfen und um Kirchen herum ihre Stätte erhielten. Lange aber scheint dieser Unterschied nicht gedauert zu haben. Wenn jene gemeinen Grabstellen außer den Städten unentgeltlich waren, so brachte selbst der Vortheil der Geistlichen mit sich, den Gebrauch der Kirchhöfe zu erweitern, und sofort auch auf die geringern Stände auszudehnen, die gleichfalls das fromme Verlangen anwandelte, in besserer Erde zu verwesen: denn mit diesem erweiterten Gebrauch vermehrten sich die Gebühren für die Grabstellen; und war es auch nur wenig, so war es doch immer mehr, als sonst, was nun das Grab gemeiner Leute einbrachte. Für die besondern Rücksichten blieb ohnehin, durch verhaltnißmäßige Entfernung der Gräber von den Kirchmauern, immer ein kcnnbarer Unterschied frei. In Bestimmung der Zeit, wann, besagter Weise, die Kirchhöfe so allgemein als Todtenäcker in Gebrauch gekommen, ist es weder nöthig noch möglich, genau zu sein. Gegen Kirchenbegräbnisse ergingen Concilienverbote bis ins elfte Jahrhundert, wegen der Gräber auf Kirchhöfen aber, ist schon seit dem achten Alles stille. Kein Concilium, keine Synode denkt seit der Zeit mehr daran, diese erst noch, als etwas Besonderes, ausdrücklich zu erlauben. ^Was es eigentlicb mit dem Geschenke der Bräutiqamshemden und des Schlaf- rocks bei Hochzeiten für eine Bewand- nisi habe. (Götting. Taschenkalcnder 1790. S. 92—100 iucl.) In den meisten Gegenden Deutschlands ist es unter Ber- lobten Sitte, daß die Braut ihren Geliebten mit einem »der mehrern Hemden beschenkt, und dieser überdieß am Abend seiner Wunsche einen Schlafrock und eine Mütze auf dem Hochzeitbette findet. Diese Kleidungsstücke sind in ihrer ursprünglichen Bestimmung Ba bekleid er, die, als entfernte Folgen mit Aussatz und Kreuzzügen Zusammenhang haben. Der Aussatz ist ein in den Morgenlandern sehr gemeines Übel, und fleißigen Bibellesern schon als gewöhnliche Plage des Volkes Gottes bekannt. Seine eigentliche Heimath, wie alle Ärzte versichern, ist Ägypten, wo er von dem Mangel gesunden und reinen Wassers, vom Genuß schlecht gesalzener Fische in faulenden Seen und Teichen gefangen, und stark gesalzenem halb faulen Käse entstehen soll, die daselbst die Kost des gemeinen Mannes find. Diese Krankheit, der höchste Grad des Scorbuts mit einem Ausschlag über den ganzen Körper, steckte auch die Kreuzfahrer an, und nahm desto stärker überhand, je mehr der Ursachen Ware», die das Übel beförderten. Bei ungewohntem Klima und schlechter Kost, mit der sie aus Hunger in wüsten Gegenden, wo schon vorher durch andere Kreuzfahrer Alles aufgezehrt war, ohne Unterschied vorlieb nehmen mußten, war auch an Reinlichkeit und gehörige Kleidung unter so rohen Haufen nicht zu denken. Die Hemden, die man damals trug, waren gewöhnlich von Wolle: denn Leinwand war zum gemeinen Gebrauch viel zu kostbar und selten, wie das Beispiel der Gemahlin Carls VII. beweist, welche, nach dem Bericht eines beglaub- 432 ten französischen Schriftstellers, in ganz Frankreich damals die einzige Person war, die zwei Hemden von Leinwand halte. Der- gleichen wollene Hemden aber am Leibe des Aussätzigen nahmen nicht nur die Jnfectivn desto leichter an,„ sondern reizten auch die Entzündung mehr und machten das Übel ärger. Hierzu kam, außer dem gänzlichen Mangel einer ersprießlichen Diät, auch völlige Unbekannlschafl der Mittel, diese Krankheit zu heile». Wer es gut machen wollte, verordnete Schweinefleisch und besonders Speck zur tägliche» Eur, und gab Wein zu trinken; wie Joinville beschreibt, der zugleich bemerkt, wie sauer es sich König Ludwig IX. bei dieser Gelegenheit habe werden lasten, um den Namen eines Heiligen zu verdienen. Von den zurückkommenden Wallfahrern wurde sodann dieser Aussatz in alle Länder verschleppt, und ganz Europa dergestalt damit angesteckt, daß es einige Jahrhunderte gedauert hat, ehe er ausgerottet werden konnte. Aus angestellten Untersuchungen sachkundiger Ärzte ergibt sich zwar, daß diese Krankheit sich bereits lange vor der Periode der Kreuzfahrer in Europa gezeigt hatte; aber nie war sie so allgemein gewesen, als während und nach dem Zeitraum der Kreuzzüge Weil man anfangs kein besseres Mittel kannte, um das Anstecken zu verhüten, als dergleichen Kranke, nach dem Beispiel der Morgenländer, und wie schon Moses in seinem Polizeigesetz verordnet hatte, von den Gesunden abzusondern: so wurden in den Städten umher eigene Aussatzhäuser erbaut, worin man die Jnsicirten, deren Krankheit für unheilbar und für eine besondere Strafe Gottes gehalten wurde, die durch kein leibliches Mittel abzuwenden sei, bei nöthiger Verpflegung eingeschlossen hielt. Matlhicn Paris versichert, daß es unter Ludwigs VIII. Regierung über 19,000 dergleichen Häuser in Europa gegeben habe. und ihrer allein in Frankreich im Jahr 1225 mehr als 2000 gezählt worden seien. In Deutschland gab dieser Aussatz Gelegenheit, daß eine So wie die Pocken, die aus Abyssinic» nach Arabien gekommen, durch die Kreuzzüge in Deutschland gleichfalls mehr bekannt geworden sind. Anm. des Verfassers. 433 bisher ganz ungewohnte Sache leidenschaftlich beliebt würde. Schmutz und Unsauberkeit nämlich schienen keine geringe Schuld an der Beharrlichkeit und Verbreitung der Seuche zu haben; Fürsten und Geistlichkeit gaben sich also Mühe, das Mittel in Gang zu bringen, welches Moses dem Volke Gottes empfohlen hatte: fleißiges Baden. Die Geistlichen machten es zu einer Handlung der Andacht, durch welche man seine Sünden abwasche und Vergebung bei Gott erwerbe. In vielen Klöstern, so wie von den Obrigkeiten in Städten, wurden Badstuben angelegt, deren viele durch fromme Stiftungen zu Seelenbädern') gemacht wurden. Diese hatten den Zweck, daß arme Leute zu bestimmten Zeiten entweder in den Klöstern oder auch in den Badstuben der Städte und in Hospitälern umsonst gebadet, und, wenn sie es verlangten, auch geschröpft oder zur Ader gelassen, und hernach gespei- set, oder auch mit Brot, Bier und Salz beschenkt wurden, zum Heil des Stifters, und zur Abkühlung seiner Seele im Fegefeuer. 11m auch den Ritterstand zur Reinlichkeit zu bringen, und ihn seiner schmutzigen langen Bärte zu entwöhnen, so sollte kein Ritter in einen Orden aufgenommen, oder ein Knappe zum Ritter gemacht werden, der nicht den Abend vorher sich hätte gebadet und den Bart abnehmen lassen. Ersteres geschah mit vielen Ceremonien, um das Baden nothwendiger und zur Ordenspflicht zu machen; hingegen hielt es mit dem Abnehmen der Bärte schwerer, weil die Geistlichen darin eine Zierde suchten. Es scheint überhaupt für Obrigkeiten und Geistliche keiner ermüdenden Nachsicht bedurft zu haben, um das auf die Bahn gebrachte Mittel zur herrschenden Mode zu machen. Bald in den ersten Zeiten waren Brautbäder, das Baden der Hochzeitgäste, und wöchentliches Baden der Handwerksgesellen, ein Brauch. Aber auch diese nützliche Sache blieb dem Laufe der Dinge getreu, und artete, wie Alles was herrschend wird, endlich in Mißbrauch aus. Die Handwerksbursche forderten nicht allein von ihren Meistern wöchentliches Badegeld, oder eine Vermehrung des Lohns; sondern führten auch Sonnabends sogenannte Badeschichten. ') lialriea suimarum, Iloliixorrs anrmso. Anm. des Verf. VI. 23 434 ein, und liefen früh von der Arbeit, um nach der Badstube zu kommen '). Auch die Geistlichen, und selbst Bischöfe, wußten sich den neu aufgekommenen Gebrauch, Badehcmden zu verschenken, nützlich und zu einer Art von Auflage zu machen. Die Bürger von Augsburg, zum Beispiel, mußten ihrem Bischöfe, so oft er badete, zwei neue Badcschürzen, und dem Kapellan vierzig Pfennige schenken. Am wenigsten aber unter Allen konnte die Liebe diesen Zweig einer möglichen Gunstbczeugung unbenutzt lassen. Wie mau nach und nach überbaupt eine eigene Pracht mit Bade- klcidern trieb, so wurden sie vorzüglich von Bräuten zu einem wesentlichen Artikel derjenigen Geschenke gemacht, die jeder Bräutigam von den Händen seiner Verlobten zu erwarten hatte. Es wurde überdieß Sitte, daß die Braut nicht allein vor der Hochzeit gebadet, und dabei wacker geschmauset wurde, sondern daß auch Braut und Bräutigam auf ihre Koste» die Hochzeitgäste zum Bade führten, und die Braut ihre und des Bräutigams Verwandte mit Badehcmden beschenkte. Diesen lästigen Auswand nahmen endlich hier und da Po- lizeigesctze in Anspruch; man verbot die Hinführung der Hoch- zcitgäste zum Bade, und bestimmte zugleich die Schranken, in welchen sich Bräute mit ihren Geschenken zu halten hätten. Die rvstockische Kleidervrdnung z. B. von 158l setzt fest, daß die Braut dem Bräutigam nickt mehr schenken sollte, als eine Badekappe, nicht über fünf Gulden an Werth; ferner zwei Haupttücher und einen BadebeuIel. — Nachdem in veränderter Zeit der Geist das Baden weder als Nothmittel der Reinlichkeit, noch als Artikel der Ordens- pflichtcn, oder zum Wohl der Seele im Fegefeuer nöthig findet; und andererseits eine neuere Krankheit, als jener Aussatz war, die öffentlichen Badstuben überhaupt verdächtig, und in mancherlei Rücksicht bedenklich gemacht hat: so ist auch das Baden ') Wahrscheinlich schreibt sich davon der noch bestehende Gebrauch der Handwerker her, Sonnabends eine Stunde eher, als andere Tage, Feierabend zu machen. Anm. des Vers. '>> der Braut und der Hochzeitgäste dahin: jedoch das sonst übliche . Badegeschenk an den Bräutigam, obgleich unkenntlich, noch ^ vorhanden. »dr üjc —_ > ^Wie zwei reichsstcidtische Gesandte ein Näthsel gelöset. ^ (Götting. Taschenkalender 1790. S. 101. 102.) j«, ^ ----- !Ill ,tl» Dem K. Rndolph von Habsburg wird bekanntlich nach. G gesagt, daß er gern geschimpft und gern gespaßt habe. Als nach »-» Sitte jener Zeiten, da die Kaiser im Reiche herum von einer Provinz zur andern reisten und Gerichthof hielten, einst auch ^ zwei reichsstädtische Gesandte vor ihm erschienen, und in einer > wichtigen Rechtssache von dringender Eile um allergnädigste Ent- ,, scheidung baten, »hat er in Acht genomcn, daß der Gesandten H. »einer ern grawcn Kopff und schwartzcn Bart, der andere aber uj »ein grawen Bart und schwartzcn Kopff« habe. Beide ließ er K über ihr Anbringen, und über die Gefahr der Eile bei ihrer >^, Sache, ausreden, und erbot sich dann: »ihnen mit förderlicher »Hülff zu willfahren, so bald sie jhme die Ursach jhrer Ungleichheit ^ »der Haare im Bart und Kopff würden offenbahren.« Die Ge- sandten baten hierüber »umb Bedacht« und erschienen des an- jitc ^ein Tags wieder, da denn »der erst hat gesagt, Allcrgnädigster tvs. 'Herr, daß mein Bart graw nnnd der Kopff schwartz, ist die »Ursach, daß meine fürnembste Sorg gewesen, wie ich Las Maul ,>A »jum besten möcht niederhalten, darumb bin ich ehr umbß «Maul graw worden, als aussm Kopff. Der ander sagt, er -bett sein Haar auffm Kopf mit auß Mutterleib gebracht, der yP «Bart aber über etlich Jahr erst hernach gewachsen und jünger ß«! ' ' ') Geb. 1218, gest. zu Germersheim 1291. 436 //sei, dakumb sey der Kopfs gram und der Bart schwarz.« Die Stadt genoß die Frucht dieser Talente: denn der Chronist') setzt hinzu, der König habe beider Bericht mit Gefallen gehört, und sie mit guter Verrichtung entlassen. -- «P ^ Tschereassische Mädchen. ,, - «y (Götting. Taschenkalender 1780. S. 1l4—123.) _ .1 «> Tschercassren, ein ansehnliches Land am Fuße des Caucasus in der Erdenge zwischen dem caspischen und dem schwarzen Meere, ist wohl den mehrsten unsrer Leser bloß durch das Landesproduct l bekannt, das dieser Artikel zur Aufschrift hat. Und da doch El über den Vertrieb dieses Products so manche irrige und theils »d. widersprechende Vorstellungen noch ziemlich allgemein im Gange sind, und doch gerade jetziger Zeit bei Anlaß des Türkenkriegs Et desselben oft Erwähnung geschieht, so wird man hoffentlich die- ««« sen Aufsatz hier nicht am unrechten Orte finden. Die so allgemein berühmte Schönheit der tschercassischen Mi« Mädchen, worin ste selbst den georgianischen und mingrelischcn mi« weit vorstehen, scheint ihren Grund theils zwar in dem milden «ich. glücklichen Himmelsstrich, unter dem sie geboren werden, mehr «>', aber wohl noch in der sorgfältigen Erziehung zu haben, die bei W diesem Volke fast ganz auf Erhaltung jener Vorzüge abzwcckt. Um Die feine Haut sichern die Mütter ihren Töchtern schon in ^ den ersten Kinderjahren durch die Einimpfung der Pocken, welche wohlthätige Operation bekanntlich eben aus Tschercassicn erst nach Eonstantinopel, von da nach London und Hannover, und nachher erst ins übrige Europa übergegangen ist. Die schlanke Taille zu erhalten, näht man den kleinen Mädchen den Unter- ^ , ') Lehmann speyerische Chronik. Anm. des Berf. ^ leib fest in einen breiten ledernen Gurt ein, der ihnen nie abgenommen wird, sondern bloß wenn er mit zunehmendem Wachsthum endlich platzt, mit einem andern eben so dicht anpassenden vertauscht wird. Erst wenn sie heirathen, loset ihn der Bräutigam am Hochzeitabcnd mit seinem Dolch. Sie werden von Kindheit an zu eleganten Weiberarbeiten, Nähe», Stricken rc. angehalten, wovon das göttingische Museum unter den Geschenken des Hrn. Baron von Asch merkwürdige Proben besitzt. Die gleiche Sorge wird auf ihr Betragen, Anstand rc. gewandt. Und daß sie auch, selbst in dem, was man feinen Ton nennt, ihren obgedachten, übrigens wegen ihrer Schönheit berühmten Nachbarinnen in Georgien überlegen seien, wird wenigstens allgemein versichert. Die türkischen Groß- berren hatten vordem Georgianerinnen und Tschercassierinnen in ihren Harems. Allein es ist eine bekannte und noch neuerlich von Hrn. Peyssonel wiederholte Erzählung, daß ein Sultan, der eine Nacht mit einer der erstem zugebracht, sie gefragt, ob es bald Tag würde ? »Ja,« antwortete sie, »denn ich merke das »an einem gewissen Bedürfniß, was mich immer gegen Morgen »um die Zeit anwandelt.« Der Sultan fand die Antwort zu naiv und beurlaubte seine Dame sogleich. Ein paar Tage nachher that er einer Tschercassierin die an jener ihre Stelle gekommen war, die nämliche Frage. Sie antwortete: »ja, Aurora »kommt, ich merke, daß der Morgenzephyr schon mit ihren Locken »spielt.« — Diese, freilich nichts weniger als naive, Antwort war so nach des Sultans Geschmack, daß er sichs und seinen Nachfolgern von Stund an zum Gesetz machte, nie eine andere, als eine Tschercassierin mit seinem nähern Umgang zu beehren. Die Tschercassierinnen sind, bei einer durch das gedachte Einnähen des Unterleibes zum Umspannen schlanken Taille, doch übrigens von einem blühenden vollen Fleisch, was durchgehends bei den Türken zur höchsten Schönheit gerechnet wird. Das von plus ullra in ihren Augen ist, wenn sie von einer Dame sagen können: »ihr Antlitz ist wie der volle Mond und ihre »Hüften wie Polster.« Die Farbe der Augen und Haare ist bei den Tschercassie- rinnen verschieden. Es gibt Mädchen mit schwarzen und welche nnt blauen Augen, welche mit schwarzem, andere mit blondem, noch andere mit rothem Haar. In ihrem Baterlande findet man diese letzte Farbe so über Alles schön, daß sich auch die Blondinen ihr Haar mit besonderen Pomaden roth färben. Bei diesen vielseitigen Vorzügen der Tschercassterinnen begreift sich der hohe und fast ausschließliche Werth sehr leicht, worin sie bei den Morgenländern, namentlich bei den Türken, Persianern, und bei den vornehmen crimmischen und nogayischen Tataren stehen. Bei den letztem ist durch die Vermischung mit dem tschercassischen Blute ihre sonst nichts weniger als angenehme Nationalbildung nach und nach so verschönert, daß man jetzt unter den vornehmern Nogayern ic. viele Gesichter findet, die sich der mütterlichen Schönheit nähern. Eben jener hohe Werth, worin die tschercassischen Mädchen bei den gedachten Völkern stehen, gibt den Grund, warum gewöhnlich die Eltern solcher schönen Töchter dieselben sehr willig jenen Fremden überlassen, und um ihren Preis zu erhöhen, so viele Sorgfalt auf ihre körperliche Bildung und übrige Erziehung verwenden. Die Aussicht in das blendende Glück, das diesen Töchtern dann bevorsteht, da manche vielleicht Sul- taninnen werden können u. dgl., macht den Müttern die Trennung von denselben nicht bloß leicht, sondern erwünscht, vollends die reiche Ausstattung an nützlichen Waaren dazugerechnet, die nicht sie den Töchtern, sondern die armenischen und crimmischen Menschenhändler ihnen den Müttern selbst geben. Freilich wird aber auch ein großer Theil dieser schönen Mädchen nicht erkauft, sondern geraubt, — und das vorzüglichst durch die in jenen Gegenden, zumal auf Menschenraub herumstreifenden und wegen ihres unüberwindlichen Löwenmu- tbes allgemein berühmten Cesphier, die dann ihre schöne Beute wieder an gedachte Sclavenhändler verkaufen. Der Hauptmarkt für den tschercassischen Mädchenhandel ist (oder war wenigstens bisher) zu Cassa, in der Crimm, wo überhaupt dieses Gewerbe den beträchtlichsten Zweig des Com- merces ausmacht. Die Kaufleute aus Rumili (Griechenland) und Natolien (Kleinasien) ziehen zu gesetzten Zeiten dahin zur Messe, doch hatte ehedem der Khan allemal zuerst das Aussuchen. Der Preis für eine Tschercassierin ist freilich äußerst relativ. Doch z. B. für ein schönes junges Mädchen mit recht rothem 439 «k stl, Wz H» i« »»>!!, Uo IIP »üj II,'I < b' « Liii- W «t K lt«i iliik illü! «n«» i^i „ll- »" M «>-»>> Haar gewöhnlich 12 bis 14 Beutel türkisch, d. i. 6 bis 7000 Piaster oder Gulden. Es ist eine oft nachgeschriebene Sage, daß es sowohl Christen als Juden, von welcher Nation fie auch sein möchten, verboten sei, tschercassische Mädchen zu kaufen, und das aus dem Grunde, weil die Tschercassier zu den Mohamedanern gerechnet würden. Dies Verbot kann vielleicht in der Türkei rc. gelten: aber weder in Tschercassie» selbst, noch auf dem Markte zu Caffa, scheint man davon Notiz zu nehmen. Wie de la Motraye Tschercassien durchreiste, bot man ihm öfters hübsche Mädchen zu Kauf an. Und wie noch neuerlich Hr. Kleemann in Caffa war, wurden ihm ebenfalls Tschercassierinnen vorgestellt. Eine davon, die 18 Jahr alt sein sollte, und nach seiner Beschreibung einen ansehnlichen Wuchs, schlanken Leib, guten Gang, hellblondes Haar, große blaue Augen, eine etwas lange Nase und reizende Lippen, weiße schön gereihte Zähne, eine blendende Haut, einen etwas langen Hals und den schönsten Busen hatte, ward ihm von ihrem armenischen Verkäufer für 4000 Piaster angeboten. Andere Schriftsteller haben gerade im Gegentheil behaupten wollen, es gebe vielmehr in den Harems der Türken keine wahre Tschercassterinnen, denn dieses wären rechtgläubige Christen, und zur Knechtschaft zu edel (— dieß sind die Worte eines der größten Völker- und Ländcrkenners unserer Zeiten, der sich dabei auf sichre Nachrichten beruft —) Der Jrrtbum kann daher entstanden sein, weil wirklich einmal die christliche Religion unter den Tschercassiern eingeführt war, da nämlich Czaar Iwan Wa- stliowitsch um die Mitte des XVI. Jahrhunderts sich ihres Landes bemächtigte. Aber sie sind kaum hundert Jahre lang der griechischen Kirche zugethan gewesen, sondern aus Mangel air Unterricht ist nun wenigstens seit eben so langer Zeit das Christenthum unter ihnen unbekannt, und sie bekennen sich dagegen wieder zur mohamedanischen Religion von der scumischen Secte. Im Grunde aber scheinen sie überhaupt eben so wenig'eifrige Mohamcdaner als Christen zu sein. Wenigstens wußten die Russen schon vor 60 Jahren, daß bei Verträgen mit den Tschercassiern ihr Eid auf den Koran so unzuverlässig war, als wenn sie auf die Bibel schworen, und fügten ihm also eine 440 Klausel bei, die tiefern und heiligern Eindruck auf sie machte: ^ „breche ich diesen Eid, so werde mein Weib zur Hure und ich ^ zum Schelm." -s-Die Brieftauben. A (Götting. Taschenkalender 1790. S. 123—128.) MI Die Schnelligkeit womit die Haustauben große Reisen in ^ einem Fluge zurücklegen können, und ihre Anhänglichkeit an ihren Schlag oder Kobel, dem sie aus weiter Ferne wieder zuei- len, hat vorlängst den ganz natürlichen Gedanken veranlaßt, sich ihrer zum Brieftransport zu bedienen: ein Einfall, den man Ud> seit langen Jahrhunderten in allen drei Theilen der alten Welt sä realisirt hat. Am häufigsten, und vermuthlich auch zuerst in r» den Morgenländern, wo man sich zu diesem Gebrauch einer »sl eignen schwarzblauen Art von Tauben bedient, die sich beson- ders durch rothe Fleischwarzen um den Schnabel und um die Augen herum auszeichnet, die aber doch keine verschiedene Gat- lit tung, sondern eine bloße Spielart von der gemeinen Haustaube iiu zu sein scheint. Ein Reisender in Ägypten oder Kleinasien rc., uit der gern Nachricht an den Ort seiner Abfahrt senden will, nimmt »i von da, wenn er abgeht, einige Tauben aus dem Schlag mit, und bindet ihnen dann unterwegs seine Depeschen in einem klei- nen Briefchen unter die Flügel, womit sie, sobald sie losgelas- ich sen werden, eiligst ihrem alten Schlage zufliegen, wo ihnen d,i! dieselben, der Abrede gemäß, von dem auf ihre Ankunft war- tenden Korrespondenten abgenommen werden. Der alte ehrliche ^ Reisige Schildtberger') von München, der zu Anfang des ') Joh. Schiltbergcr, aus München, ward bei des Königs Sigismund in Ungarn unglücklichem Kriegszuge gegen ^ Bajazet 1395 gefangen, und hatte Persien und Arabien als Gefangener zu durchziehen. , fünfzehnten Jahrhunderts etliche und dreißig Jahre lang seine berühmten Abenteuer erst als Bajazets, und dann als Tamer- lans Gefangener bestanden, versichert, daß man zu seiner Zeit den Tauben, die man zum Brieftragen bestimmt, zu Hause immer Zucker unter ihr Futter gethan, um ste desto mehr an ihre Heimäth zu gewöhnen, damit ste aus der Ferne, wo sie dieses ihr Lieblingsfutter nicht genießen, desto eiliger zu ihr zurückkehren mochten. Sonst nimmt man auch zu gleicher Absteht bloß männliche Tauben mit, weil sie dann desto hitziger wieder zu ihren Weibchen eilen. Am sichersten ist es zumahl, wenn diese eben Eier brüten oder Junge haben. Ehe der Reisende seine Briefträger wieder fliegen läßt, füttert er sie aufs Reichlichste, damit sie nicht der Hunger treibt sich unterwegs zu verweilen. Zu gleichem Zwecke werden ihnen auch vorher die Füße in Essig gebadet, weil sie dann das Baden im Wasser unterwegs unterlassen, was sonst ihre Briefe verderben würde. Zum Überfluß aber werden doch diese selbst mit Wachs überzogen, um sie auf allen Fall gegen Nässe zu sichern. Und wo möglich werden doch Duplikate vom Brief gemacht und zweien Tauben zugleich mitgegeben, falls etwa eine von beiden bei trübem Wetter sich verirren oder gar verunglücken sollte. Das Geringste ist, daß so eine Taube einen Weg, wozu der schnellste Fußgänger wenigstens sechs Tagereisen braucht, in einem einzigen Tage zurücklegt. Den Weg von Scanderona nach Alcppo, der volle estf deutsche Meilen beträgt, machen sie in weniger als sechs Stunden. Noch bis zu Anfang dieses Jahrhunderts wurden zwischen manchen Orten in der Levante, z. B. zwischen den beiden gedachten Städten, zwischen Damiata und Hiska rc. ordinäre Taubenposten unterhalten. An manchen dieser Orte, auch zu Alerandrien rc. waren öffentliche Taubenposthäuscr, wo die Reisenden welche zur Miethe kriegen, und ihre Korrespondenten dann die von den wiederkommenden Tauben mitgebrachten Briefe bei dem Aufseher abholen konnten. In manchen Gegenden, wie z. B. in Bassora, Bagdad rc. bedient man sich der Taubenpost auch noch bis diese Stunde. Den wichtigsten Gebrauch hat man von den Brieftauben im Kriege gemacht. Die Leser des Tasso wissen, wie die Brief- 442 taube, die Sultan Solyman an Aladin nach Jerusalem abgeschickt hatte, gerade über dem christlichen Lager von einem Falken verfolgt in Gottfrieds Schooß flüchtete, und dadurch der ganze feindliche Plan verrathen und vereitelt wird. Nun das ist freilich mit dichterischer Licenz ausgeschmückt. Aber daß allerdings in den Kreuzzügen häufiger Gebrauch von den Posttauben gemacht worden, ist aus den gleichzeitigen Schriftstellern bekannt. So ließen z. B. die Abgeordneten, die der Fürst von Hafart an Gottfried schickte, sobald sie den Bund mit demselben geschloffen hatten, ihre zwei mitgebrachten Tauben mit der Nachricht davon ihrem Herrn zufliegen. Aber so hat man sich auch schon bei den alten Römern der Tauben zu Kriegsdepeschen bedient. So correspondirten in der Belagerung von Modena Hirtius und Dccimus Brutus mit einander. Und so find noch erst vor ein paar hundert Jahren auch im nördlichen Europa, nämlich in dem spanisch-niederländischen Kriege (namentlich in der Belagerung von Haarlem und in der zweite» lcidcuscheu) gemeine Haustauben, die man noch zeitig genug aus der Stadt zur Armee des Prinzen Wilhelm von Ora- nien gebracht hatte, oft mit glücklichem Erfolg von diesem zum Briestransport gebraucht worden: bis durch einen Zufall so eine Brieftaube in der belagernden Spanier Hände fiel, und da man hinter ihre Aufträge kam, dann alle über das Lager fliegende Tauben ohne Unterschied weggeschossen wurden. -j- Cagliostro. (Götting. Taschenkalendcr 17S2. S. 171—175.) ES werden wenige unserer Leser sein, die nicht das Leben des Joseph Balsame') oder des sogenannten Grasen Ea- ') Geb. zu Palermo 1745, gest. im Gefängnisse zu St. Leo, im Kirchenstaate 1795. 443 gliostro gelesen haben, das zu Rom aus der apostolischen Cammerdruckerci nebst einigen Nachrichten von den Freimaurer- secten erschienen ist, und wovon man zwei Übersetzungen, oder eigentlich eine Übersetzung und einen Auszug im Deutschen hat. Hier zu Lande wird man in der Hauptsache wenig Neues aus diesem Wcrkchen lernen, denn daß Cagliostro der infamste Schurke dieses Jahrhunderts war, und der eigentlich verdient bätte, die vier bis fünfhundert Jahre, die er höchstens noch zu leben hat, auf der verworfensten Galeere zuzubringen, das wußten wir längst. Nur Kinder oder Menschen wie die Kinder, konnten so etwas nicht sehen. Dieses ist es auch was die Lesung dieses Werkchens für einen vernünftigen Menschen noch erträglich macht, weil man es mit einem solchen verworfenen Geschöpfe nicht so genau nimmt. Aber was das sonst für ein Proceß ist! Daß doch der Gauner so früh wieder nach Nom zurück kommen mußte! Er hätte an den Quellen des Nils oder an einem ähnlichen Plätzchen, die Betbruderjahre abwarten, und dann nach Nom kommen und allenfalls die letzte Station auf den Knieen machen müssen, so hätte er noch immer canonistrt werden können. Die Anlage zum Heiligen war da und zwar in hohem Grade, nur war der Mann noch zur Zeit zu gesund und zu wollüstig, um den Betrüger für die Bäuche der Kirche zu spielen; so spielte er ihn bloß für seinen eigenen, und das war sein Unglück. Nicht ohne den größten Unwillen lassen sich daher die sehr unapostolischcn Insinuationen lesen, die hier ge- gen eine ganze Menschenclasse überall vorkommen, ohne zu bedenken, was in der jetzigen Gährungszeit der gesellschaftlichen Verfassungen des menschlichen Geschlechts solche fromme Banditenwinke für Folgen für einzelne, unschuldige Glieder haben können. Ich bin kein Freimaurer, kein Mitglied irgend einer geheimen Gesellschaft in der Welt, und denke es auch nie zu werden: allein Vernunft und Herz empören sich, wenn man hier von Rom aus, den größten Spitzbuben immer mit einer Art von Triumph mit einem Orden in Verbindung gestellt sieht, in welchem auf alle Weise gewiß, die berüchtigten Schurken seltener sind als in der Geschichte der Päbste. Was kann das der katholischen Kirche schaden, wenn sich erweisen läßt, daß eine ganze Reihe ihrer Oberhäupter wahrhafte Auswürfe der 444 menschlichen Natur gewesen, und eine andere Reihe es bloß aus Furcht nicht öffentlich geworden sind?— Zuweilen verfällt das Buch sogar ins Kindische, wenn man Mönchskniffe kindisch nennen kann. So wird S. 98 der Zürich scheu und S. 126 der Weimarschen Übersetzung gesagt: Cagliostro, ein in der Maurerei so vortreffliches Genie, der über Alles so vortreffliche Auskunft habe geben können, habe dennoch mir unwandelbarer Glaubhaftigkeit behauptet, er verstände die Bedeutung der Buchstaben I.. D. D. nicht, die unter einem Patent standen, von welchem man mehrere Exemplare bei ihm fand und das er selbst verfertigt haben soll, (gerade als wenn der Spitzbube irgend etwas von dem verstanden hätte was er sprach und that), man wisse aber anders woher (das ist: unser Mönchswitz führte uns in dieser betrübten Zeit auf den artigen Einfall), daß es heisse: Lilium Doüibus Dostrue. Kann etwas Erbärmlicheres gedacht werden ? Dem lahmen Declilms hört man so recht die Auslegnerei von Dstribus an. Warum nicht lieber schlechtweg Laterna Dliilosoplriam üoosat, oder Dontilicum Doctrix. Wie wenn es nun Loco prlvsto üstum, (etwas Ähnliches bedeuten diese Buchstaben schon im älteren Rom), oder Litterae patentes äoclorum, oder so etwas, oder gar Laus plurima 1)eo geheißen hätte? Überhaupt gibt es schwerlich noch drei Buchstaben des Alphabets, mit denen sich so Alles andeuten läßt was man will, als diese. Man bedenke nur die reichhaltigen Wörter, Lutkerus, kapa und Diabolus; die einzeln mit andern figuriern könnten, die: Laverna, I'ontilices, Dea, die Liberias I'opuli üelonüonäa, die schöne vaticanische Sentenz: Libvrtas pbilosopkanüi üestruenüa, das schwere Wort kalibulum, das hier so nahe bei der Intern» steht, und das Docrotnin am Ende, das von Haus aus ja schon mit einem einzelnen D geschrieben wurde, und hundert andere. Es könnte auch heißen Lineas parsllelas rlncoro oder üucainus, und dat ginge sonnenklar auf die Gleichheit der Stände. Doch genug hiervon. Zum ruhigen menschenfreundlichen Schluß merke ich nur noch an, daß es auch heiße» könnte: Latenter, kriulonlor, Decenter. Ich weiß nicht, ob dieses ein Freimaurer-Motto ist, aber das weiß ich, daß Viele aus diesem Lrdcn, die mir bekannt geworden find, nach diesem Motto gelebt haben. 445 -ss Ein Paar neue Schlöffe aus alten Lon- -onschen Mortalitätstabellen. (Gvtting. Taschenkalcnder 1702. S. 177. 178.) ->) In 75 Jahren starben in London am Selbstmord gerade noch einmal so viel als am Scitenstich. b) In 75 Jahren wurden in London ermordet 559 Menschen, sich selbst ermordet haben 2869, also mehr als fünfmal so viel. Dieses dient, wenigstens für jene Stadt, zur Bestätigung zweier Sprichwörter: Jeder ist sich selbst dernächste, und: Des Menschen ärgster Feind ist er selbst. o) In demselben Zeitraum riß das Alter so viele Menschen hin, als die Pocken. Vielleicht ist dieses die Ursache, warum man in den Jahren der Überlegung, ich meine zwischen 17 und 25, so eifrig bemüht ist sich das Alter, wonicht inocu- liren zu lassen, doch wenigstens dafür zu sorgen, d„aß man nicht daran sterbe. Auch erhellt hieraus ein Trost für Ältern, deren Kinder die natürlichen Pocken bekommen, den sie freilich von einer andern Seite leichter und stärker haben können, nämlich, daß ein Kind, das die Pocken bekömmt, noch eben sowohl vor Aller sterben kann als an den Pocken, wie viel wahrscheinlicher ist es also, daß es überhaupt durchkömmt. Das Alter ist die tödtlichste aller Krankheiten, denn man hat noch kein Beispiel, daß jemand, der davon befallen wurde, durchgekommen wäre, und doch kann man mit Grunde dabei ausrufen: Schade, daß sie so wenige Menschen bekommen! 44h ^ Etwas von Jesuiten. (Götting. Taschenkalender 1795. S. 165. 166.) Hr. v. Uffenbach') merkt in seinen Reisen folgende Inschrift an, die er, ich vergesse wo? angetroffen hat, und die werth wäre häufiger unter Haustafeln, und hauptsächlich Ls- lenäarüs perpvtuis, angetroffen zu werden; auch allenfalls unter dem Spiegel: (Zuick Jesuit-» sit, kiemo seit, hiisi, gui 3esuil-i 6t, et Hin ffosuils stsrmanebit. Dieses hat ein Freund folgendermaßen ver — deutscht: Was ein Jesuit sei, das weiß der Teu- henker oder wer dabei gewesen ist zwei Dutzend Jahre oder drei. Was damals bloß der Teu-Henker wissen mochte, wissen nun Gottlob die besten Menschen beider Kirchen, und ich hoffe die Welt kann vor dem Kampfe zwischen Licht und Finsterniß jetzt sicher sein, der noch vor einiger Zeit zu befürchten war. ') Zacharias Conrad von Uffenbach, geb. zu Frankfurt a. M. 1683. gest. 1734. Mitglied des Senats seiner Vaterstadt. Ein Theil der Beschreibung seiner Reisen ist 1753 gedruckt. Bruder des Johann Friedrich von Uffenbach, kaiserl. Raths ic., der seinem Namen durch die Schenkung seiner Bibliothek an die Universität Güttingen ein ehrendes Gedächtniß gestiftet hat. 447 ^Ein großer Waghals. (Götting. Taschenkalender 1797. S. 169—171.) Vor einigen Jahren hielt sich ein Kerl auf den Straßen von London auf, der sich und seine Familie durch ein Kunststück ernährte, das nicht leicht gefährlicher sein konnte. Er sprang nämlich auf die Naben der Hinterräder vorüberfahrender Kutschen, so daß er auf dieselben zu sitzen kam; faßte zu gleicher Zeit die Speichen und drehte sich nun, wie jemand, der ein Rad schlügt, mit dem Rade fort, während seine Frau das Honorarium in den Straßen und von den Fenstern einsammelte, aus denen man den Künstler passiren gesehen hatte. Es soll ihr etwas eingetragen haben; vermuthlich weil man ein Weib beklagte, daß eine solche Bestie von Jrion zum Manne hatte, und also vermuthlich bei dem Almosen schon den Chi- rurgus oder gar die Wittwe mitbedachte. Er trieb es lange, wurde aber endlich einmal lebendig gerädert nach dem Hospital gebracht; weiter geht die Geschichte nicht. Schade, daß ein Geschöpf von dem Muthe und der Adresse, im Leben nicht an die Stelle zu stehen gekommen ist, wo er mit Ehre, im Dienste seines Vaterlandes davon hätte Gebrauch machen können. Seine Geschichte würde alsdann jetzt vielleicht umständlicher sein und weiter Hinausreichen, als eine Zeitung und ein Taschenbüchel- chen sie tragen kann. So wurde der große Sey blitz') als Knabe einmal belauscht, wie er sich, ohne seiner Eltern oder irgend Jemandes Vermissen, ganz für sich übte, mit dem Pferde zwischen den brausenden Flügeln einer Windmühle durch zu sprenge». Das waren die ersten leisen Regungen von dem Muthe und der Gegenwart des Geistes, den die Welt noch lange bewundern wird, und namentlich die Franzosen bei Roßbach so herzlich und ganz ohne allen Verdacht von Heuchelei bewundert haben. ') Friedr. Wilh. v. Seydlitz, geb. zu Eleve 1722. gest. 177J. 448 ^ Eine moderne Entdeckung des Herrn Dntens. (Götting. Taschenkalender 1798. S. 176—179.) Herr Dutens'), der sich in seinem berühmten Werke ckc ftrebl, die Neuern um die Ehre schier aller Erfindungen zu bringen, und ihnen in den ersten Ausgaben seines Buchs auch fast nichts weiter übrig gelassen hat, als die Buchdruckerkunst, die Glocken, die pneumatische Orgel, den Zucker aus dem Rohr, die Uhren durch Räderwerk, den Compaß, die Mühlen, das Porcellan, die Entdeckung von America und das Fernrohr, — dieser Herr Dutens, sage ich, hat nunmehr selbst die moderne Entdeckung gemacht, daß die Alten auch das letztere, das Fernrohr mit Gläsern (denn Röhren, um dadurch deutlich zu sehen, halten sie), gekannt haben. Er trägt seine Entdeckung in der neuern Quartausgabc seines Buchs, die 1796 zu London erschienen ist, vor. Nachdem er Vieles beigebracht, was eigentlich nur, wie er auch selbst einsieht, beweiset, daß sie durch Röhren sahen (dergleichen sich ja bei uns, um Licht von der Seite abzuhalten, der gemeine Mann mit der hohlen Hand macht), und bei der Gelegenheit den Boden einer tiefen Grube, worin man die Sterne bei Tage sehen kann, das erste Urteleskop genannt hat, beruft er sich auf eine Stelle im Strabo, worin er sogar Refraktion der Lichtstrahlen durch Glas und B er- ') Louis Dutens, geb. zu Tours 1730, ging nach England, begleitete Lord Algernon, Sohn des Herzogs von Norl- humberland, auf dessen Reisen; starb in London 1812. Gab heraus: lleclierclies sur IHZine ckes ckecouverlos allribuäos sux lHoäornes. 1766. 2 Voll. 8. Vierte Ausgabe 1812. u. Iwibnilii Opera omaia. Oenexe. 1769. 6 Voll. - 449 größer ung findet. Der Auszug aus dieser Abhandlung, de» ich vor mir habe, enthalt weder die Stelle aus dem Strabo selbst, noch auch eine genaue Hinweisung auf dieselbe, ob er gleich eine große Stelle aus dem Aristoteles, und kleinere aus dem Plutarch und Jamblichus in der Grundsprache enthält, die nichts beweisen, daher jene nähere Hinweisung auch wohl im Original fehlen möchte. Die genauere Untersuchung hiervon liegt außerhalb des Plans dieses Taschenbuchs, und vielleicht auch jedes andern. Indessen verdiente die Stelle vielleicht eine nähere Betrachtung, nicht um das hohe Alter der Fernrohre zu beweisen, sondern den wahren Sinn der Worte anzugeben, um zu zeigen, wie die Alten nach ihren Kenntnissen so haben reden können, ohne deßwegen nur den mindesten Begriff von einer Verbindung von Linsengläsern zu haben. Die Sprachforschung könnte dadurch gewinnen.— Wie wäre es möglich gewesen, daß eine solche Erfindung, die zumal auch die Großen interesstrt haben wurde, wieder hätte verloren gehen, oder so wenige Fruchte (eigentlich gar keine) «ragen oder so wenig erwähnt werden können? Freilich wenn die Alten von Gelehrten mit dem Geiste studirt werden, mit dem die Apokalypse leider! noch immer von lln gelehrten studirt wird, so läßt sich auch wohl die Boussole im Homer finden; auch hat man sie wirklich darin gefunden, obgleich kein Wort davon darin steht. Bei diesem antiquarischen Hange des Menschen, das Neue im Alten zu finden, müßte steh, sollte ich denken, von einem Manne, der Witz mit Phantasie und Mcn- schenkenntniß mit Sachkenntnissen mancher Art verbände, ein Buch schreiben lassen, aus welchem die Dutens des 28sten Jahrhunderts beweisen könnten, alle leidigen neuen Entdeckungen jener Zeiten habe man schon vor tausend Jahren gekannt. Es wäre dieses freilich ein etwas sonderbarer Gebrauch von einer so seltenen Verbindung von Geistesgaben. Dafür dürfte aber dem Manne auch wegen des tausendjährigen Lebens seines Werks nicht bange sein. Die mystischen Prophezeihungen werden, wie die Rheinweine, immer mehr gesucht und theurer bezahlt je älter sie werden. So wie der Prophet in seinem Vatcrlande nicht gilt, so gilt er auch nicht in seinem Jahrhundert, und die Bücher, die zu keiner Zeit Jemand ganz versteht, selbst der VI. 29 450 Autor nicht (das ist ein Hauptpunkt), sind diejenigen, die zu alle» Zeiten am gierigsten gelesen werben. ^ Große Scharfsichtigkeit der Geier. (Götting. Taschenkalendcr 1798. S. 183—185.) L -L Herr Everard Home, der in den kkilos. Dransgol. für 1795 und 1796 sehr sinnreiche Aufsätze über die Veränderungen des Auges nach der Entfernung der Gegenstände geliefert hat, führt in den letzter» ein merkwürdiges Beispiel von der Scharfsichtigkeit der Geier an, wenn anders, was er erzählt, wirklich die Folge eines scharfen Gesichts, und nicht etwa eines andern Sinnes, oder die vereinte Wirkung mehrerer gewesen ist. Einige Herren, die auf der Insel Cassimbusar in Bengalen jagten, hatten ein wildes Schwein von ungemeincr Große erlegt, und neben ihrem Zelte liegen lassen. Etwa eine Stunde nachher bemerkten sie bei vollkommen klarem Himmel einen schwarzen Fleck in einer großen Entfernung in der Lust, der immer größer und größer wurde, und endlich sah man, daß es ein Geier war, der in gerader Linie auf das Schwein zuflog, sich darauf setzte und gierig zu fressen anfing. In weniger als einer Stunde hatte er schon eine Gesellschaft von siebenzig andern, die von allen Seilen gekommen waren, meistens aber aus hoher Luft, wo sie zuerst an Stellen gesehen wurden, an denen man wenige Minuten vorher noch nichts hatte bemerken können. — Um doch auszufinden, ob nicht andere Sinnen und namentlich der des Geruchs mitgewirkt habe, hätte man zu einer andern Zeit ein solches Stück Wild mit Laub oder Gras bedecken müsse». Man denke nur an die unbegreifliche Feinheit der Hundesnasen, die in einem wahren Chaos von Gerüchen, nur den anzeigen, der zu ihrem Departement gehört, und auf dessen Erforschung sie sich gelegt haben. Auch wäre es möglich gewesen, Äk M »st ÄtN A, j Ä 'l-W 'it, »si ^ d, 451 daß jene Geier, eben weil auf dieser Insel zu Zeiten gejagt wird, oder weil sie überhaupt reich an Wild ist, derselben regelmäßig die Visite machten, um zu sehen, ob etwas zu thun sei. Wäre es aber das Gesicht jener Thiere gewesen, was hier hauptsächlich thätig war, so findet der Mensch vielleicht noch Mittel, sie zu Entdeckung entfernter Gegenstände abzurichten, wie die Hunde zu der von Trüffeln. Daß man sich vor Erfindung des Cvmpasses zuweilen der Raben bedienet bat, so wie Noah der Tauben, um entferntes Land zu entdecken, ist bekannt. Im Kriege könnten solche animalische Teleskope vorzüglich nützen, und wer weiß, ob nicht bald ein benachbartes sinnreiches Volk, das so viel Altrömisches wieder eingeführt hat, t ! nicht auch noch einmal, statt der abgedankten Feldprediger, bei » seinen Armeen wieder ^u§/>r'ce§ einführt. , -j- Merkwürdige Zuneigung einer Gans zu einem Haushunde. i (Götling. Taschenkalender 1798. S. 186 — 190.) i, _. i «d Nachstehende merkwürdige Geschichte findet sich im vierten Band von lünvirons ok I,on<1oii. So unglaublich sie » scheint, so ausgemacht ist sie und durch das einstimmige Zeug- ii« niß aller Einwohner eines ganzen Kirchspiels bestätiget. Herr < Karre-William Sharp e, auf dessen Landgute Little Grove, i!» m Herrfordshire, sie sich zugetragen, hatte sie seinem Erem- >» Plare von W i l lo u g h b y's') Ornithologie beigeschrieben, und so kam sie in Herrn Lyson's Hände. !i>> Die Gans, von welcher hier die Rede ist, war eine von O denen, die man cauadische nennt (» t?«»aeka Diese i» -- K ') Willoughby, Francis, geb. 1635, gest, 1676. Or- A »idliologiae likri lies. 1,onckon 1676. t »I. 29 452 Art Gänse liebt eigentlich das Hühnerhoflebcn nicht, sondern streicht gern umher. Allein dieses Thier hatte einen Hofhund -gS des Hauses in eine solche Affeckion genommen, daß sie sich immer bei dessen Stalle aufhielt, und sich nur von demselben entfernte, wenn sie ihrem Futter nachging, kaum aber hatte sie gefressen, so kehrte sie sogleich nach dem Stalle zurück. So saß ^ sie den ganzen Tag neben der Hütte ihres Lieblings. Hinein ^ ^ zu gehen wagte sie indessen nicht, ausgenommen bei Regcnwet- ^ ter. Wenn der Hund bellte, so sing sie sogleich an zn gackeln, und schoß wohl gar auf die Personen, denen ihrer Meinung nach das Bellen galt, und versuchte sie in die Beine zu beißen. ^ Zuweilen machte sie einen Versuch mit dem Hunde zu essen, dieses gab aber dieser, der überhaupt seine so warme Freundin mit großer Kaltblütigkeit behandelte, schlechterdings nicht z». Wenn das übrige Federvieh zur Ruhe ging, ging sie nie mit, wenn man sie nicht mit Gewalt dazu trieb. Des Morgens, . ^ wenn sie mit den übrigen auf die Weide getrieben werden sollte, ! ' war sie nicht von dem Hofthore wegzubringen, sondern saß da ^ den ganzen Tag davor, wo sie den Hund wenigstens sehen " konnte. Als nun endlich beschlossen wurde, dem treuherzigen Thiere seinen Willen zu lassen, und sie nicht weiter mit solchen ^ gewaltsamen Trennungen zu kränken, überließ sie sich diesem e" Umgänge mit aller Herzlichkeit. Sie lief sogar des Nachts mit "E ihm auf dem Hofe herum, wenn er die Runde machte, und wenn er zuweilen am Tage einen Spatziergang in das Torf unternahm, begleitete sie ihn, um mit seinem Reisetrab Schritt halten zu können, halb gehend und halb fliegend. Diese außer- ^lt ordentliche Zuneigung endigte sich nur mit dem Tode des Hun- des, der zwei Jahre, nachdem man sie zuerst bemerkt hatte, erfolgte. Es wurde damals allgemein geglaubt, der Hund habe zufälligerweise die Gans einmal von dem mörderischen Anfall eines Fuchses gerade in dem entscheidenden Moment befreiet. Während der Krankheit des Hundes verließ sie ihn gar nicht mehr, selbst nicht einmal um ihr Futter zu suchen, und man hatte Ursache zu vermuthen, daß sie würde verhungert sei» (?), wenn man ihr nicht eine Schaale mit Korn bei die Hütte gesetzt hätte. Diese ganze Zeit über hielt sie sich in der Hütte selbst auf, und litt nicht, daß sich jemand derselben näherte, die Per- 453 son ausgenommen, die dem Hunde oder ihr das Essen brachte. Das Ende dieses treuen Tbiers war höchst traurig. Nach dem Tode des Hundes wollte sie lange die Hütte nicht verlassen. Als man endlich einen andern Hund, von fast gleicher Größe und Farbe, dem verstorbenen zum Nachfolger gab, wurde das arme Thier durch den äußern Schein betrogen, und als sie sich treuherzig zu ihm, in der Meinung, es wäre ihr alter Beschützer noch, in die Hütte begab, faßte sie der Succeffvr bei der Kehle und ermordete sie auf der Stelle. Was diese Geschichte merkwürdig macht, ist, daß die Zuneigung entstand, als das Thier schon erwachse» war, daß sie so ziemlich einseitig blieb, und daß sie nicht bloß Gewohnheit, sondern so etwas vvm contra! social zum Grunde hatte. Die Gans, die vermuthlich öfters den Fuchs gespürt haben mochte, fand sich unter des Hundes Regierung sicher, und sie diente ihm dafür wieder, ob es gleich nicht verlangt worden war; sie verfolgte den Feind,„dem der angeschlossene Hund bloß die Zähne weisen konnte. Übrigens ist Freundschaft zwischen sonst gegen einander feindseligen Thieren, die man zusammen aufgezogen hat, nichts weniger als ungewöhnlich. Doch verdient ein Beispiel angeführt zu werden, das man in Göttingen gesehen hat. Jemand hatte einen Fuchs mit einem Huhn aufgezogen; diese bezeigten die größte Zuneigung gegen einander, und waren immer beisammen, und dieses noch dazu an einem ziemlich einsamen Orte des Hauses, wo sie sich also größtentheils unter ihren eigenen vier Augen mit einander unterhalten mußten. Als das Huhn starb, trauerte der Fuchs nicht allein sehr aufrichtig, sondern soll auch den Ort ihres Umganges, wie ich bore, einige Zeit vermieden haben, weil er seine Freundin da nicht mehr fand. I 454 Einige gemeine Irrthümer. (Götting. Taschenkalender 1779. S. 72 ff.) Ich weiß keinen schicklicheren Artikel für einen Kalender, als diesen. So lange es Menschen gibt, wird es an Bereicherung und Fortsetzung desselben so wenig fehlen, als an Finsternissen, so lange unser Sonnensystem dauert. Freilich wird vielleicht dieser Artikel künftig in seinem eignen Eingeweide wühlen, wenn uns dieser Ausdruck verstattet ist, und was er jetzt als Irrthum aufstellt, künftig als Wahrheit zurücknehmen. Der berühmte Dr. Brown') hat ein ganzes Buch davon geschrieben, allein die Irrthümer, die er rügt, sind durch das Licht des gegenwärtigen Tages meistens zerstreut, und er selbst vielleicht hat sie vertreiben helfen. Eine genaue Bestimmung des Begriffs von einem populai- ren Irrthum mochte wohl schwer sein, und wäre hier auch übel angebracht. Wir verstehen hierunter solche, die in der guten Gesellschaft, oft unter sonst vernünftigen Leuten häufig im Schwange gehen, und was selbst Gelehrte, die nicht gerade von dem Fach sind, sicher zu wissen glauben, aber falsch wissen. Zu keinem Artikel wünschten wir aufrichtiger Beiträge der Gelehrten, als zu diesem, sie sollen allemal, wenn sie gut find, mit Erkenntlichkeit in jedem Verstand, von uns aufgenommen werden. Wir werden unsere Belehrung oft als Zweifel vortragen; gegründete Zweifel über eine Sache, worüber man positiv zu sein können glaubte, ist allemal Belehrung und kein geringer Schritt zur Wahrheit. ') Thomas Brown, geb. zu London 1605, gest. als Arzt zu Leiden, 1682. Schrieb: I'ssuüoüoxis epickemics seu ox-unsn errorum popularium. Deutsch durch Ehrn. Peganium, in deutsch Reutner genannt. Frkst. und Leipzig 1680. Auch holländisch und französisch. s« ji-, -,jr. 7' Aal ß M S, »ilii tz« Ml !«Sl Wr ites ikk »S W M äiM D >!» :»«l All, »»»! 455 Die Zwergnation auf Madagaskar ist, sowie die Riesen- nation der Patagonen eine Fabel. Hr. Kommersen'), dessen Geist man die erster,, zu danken hat, war selbst nach dem Bericht seiner Freunde ein Schwärmer, und beobachtete als ei» solcher. Die Maler und Kupferstecher zeichnen oft ihre Regenbogen perspektivisch und oval, rind die Projektionen ibrer Kugeln cirkel- rund; das Erste ist immer falsch, und das Letztere in den meisten Fällen. Es ist nunmehr erwiesen, daß die sogenannten Jumars und die Bifs und die Bafs nichts sind als Maulesel, auch ist es falsch, daß die Maulesel gar nicht empfangen und gebären. Beim Federharze trägt man sich an manchen Orten noch mit der Fabel, die wir mehr der Krästigkeit, womit sie widerlegt werden kann, als ihrer Wichtigkeit wegen anzeigen. Die Leute, die an den wunderbaren Eigenschaften dieses Harzes noch nicht Wunders genug haben, wollen versichern, daß eine Kugel aus demselben verfertigt, gemeiniglich, wenn man sie fallen ließe, höher spränge, als sie gefallen wäre. Sie haben aber nicht bedacht, daß eine solche Kugel endlich aus der Welt hinaussprin- gen müßte. Nach Hrn. Dr. Försters sehr gegründeter Muthmaßung fällt all das schöne gleiche Verhältniß zwischen Knaben und Mädchen in der Welt weg, und es ist höchst wabrscheinlich, daß in manchen Gegenden weit mehr Mädchen als Knaben geboren werden. Wer keine Hermaphroditen glaubt, sagt das schwäbische Magazin, der lese des Hrn. d'Arnauds anatomisch-chirurgische Abhandlung davon. Man schließt oft von der Stärke eines Models ohne weitere Rücksicht auf die Stärke des Werks, wovon es die Vorstellung im Kleinen ist. Diese Schlüsse haben große und kostspielige Irrthümer erzeugt. Man sehe hiervon eine Abhandlung B ') Pbil. Commerson, geb. 1727, gest. auf Jsle de B France 1773. Er machte mit Bougainville die Reise um die « 1 Erde. Von ihm rübrte der Name Hortensie, für die bekannte >»i Zierblume her, und Förster nannte nach ihm die Pflanzengattung Lvmmorsonis. Schrieb ein Llarlz-rolozv äo Is Ilol-miguo. ,-Mi 456 des Hrn. Euler in den Eommentarien der Petersburgischcn Akad. vom Jahr 1773, hauptsächlich was die Brücken betrifft. Die Bäume setzen nicht einen Ring des Jahrs an, sondern zwei, sie können aber nur bei den schnellwachsendcn mit dem bloßen Auge unterschieden werden. Der gemeine Mann glaubt, die Gewitter kämen oft wieder zurück, und das zuweilen nach 3 Tagen. Dieses ist ganz falsch, es sind neue Gewitter. Die Gewitter ziehen immer dem Wind entgegen, ist eine ähnliche Bemerkung, die aber wegen der Unbestimmtheit des Ausdrucks einiger Auseinandersetzung bedarf. Einem starken, herrschenden Wind kann eine Gewitterwolke so wenig entgegen ziehen, als eine Pflaumfeder. Es ist eben so lächerlich, zu sagen, der gemeine Regen kommt mit dem Wind, und das Gewitter zieht gegen denselben, als zu behaupten, Büchenholz fließe mit dem Strom, hingegen Tannenholz denselben hinauf. Was wir oft und genau in dieser Sache bemerkt haben, ist Folgendes: Wenn ein Gewitter in der Nabe hängt, so kommt gemeiniglich ein Wind von der Wolke her, dieses ist wahrscheinlich ein Luftzug, der durch die Kühlung unter der Wolke, und den Fall des häufigen Regens oder Hagels nach der benachbarten warmen und dünnen Luft verursacht wird. Heiß und kühl in einer Gegend liegt, bei einem Gewitter, näher beisammen und hat schärfere Grenzen als bei einem andern Regen. Es ist daher ein Vergnügen, zu sehen, wie die Wetterfahnen bei einem vorbeigehenden Gewitter, den Rücken immer nach der Wolke kehren. Sobald sie aus diesem Wirkungskreis heraus sind, nehmen sie die Stellung wieder an, die der herrschende Wind erfordert. Z. E. es herrscht ein Südwind, und es steigt in Südwesten ein Gewitter auf, so zeigt die Fahne des Thurms nach Nordost, das Gewitter vom Südwind getrieben, kommt nun der Stadt in Westen, so weist die Fahne nach Osten, endlich kommt das Gewitter in Nordwest zu stehen, und die Fahne weist nach Südost. Nun sängt das Gewitter an, dem Wind scheinbar entgegen zu ziehen, und dieses ist die Zeit, welche die falsche Bemerkung begünstigt; die Fahne weist immer südlicher: wenn aber endlich die Donnerwolke in Norden verschwindet, so kehrt die Fahne wieder in ihre erste Lage zurück, und weist nach Norden. Man muß also 457 hierin den Luftzug nahe bei der Wolke von der Richtung des Hauptwindes unterscheiden, welchem Beides, die Wolke und jener Luftzug, gehörig folgt. An manchen Orten können auch hohe Berge, welche die elektrische Wolke anziehen, einen Irrthum veranlassen, auch hat man vielleicht oft die Ausbreitung einer Gewitterwolke nach allen Seiten oder ihre schnelle Vergrößerung für den Zug des ganzen Wetters angesehen. (Götting. Taschenkalender 1780. S. 40 ff.) Der Taback hat nicht seinen Namen von der Insel Tabago, sondern umgekehrt, die Spanier gaben der Insel den Namen, weil sie so viel Taback darauf fanden. Das Kraut hieß anfangs Cohoba, Cohobba, Givia, auf Mexikanisch Heil und Pyueil (nicht Welt und Pyuelt, wie in vielen Büchern steht), eine andere Species hieß Luauhyetl. Nicht das Kraut, sondern das Robr, wodurch es geraucht wurde, hieß Tabacos, sagt Hernan- dez'). Monardes ") in seiner llistoria meäiciual soll der Erste sein, der obigen Irrthum hat. Bei dem Spiel Paar oder Unpaar? ist es „nicht gleichviel, ob man Paar oder Unpaar rath. Es ist ein Übergewicht für Unpaar. Denn wenn ich eine Handvoll Geldstücke, um diese Frage zu thun, aus meiner Tasche hole, so war die ganze Anzahl derer, die ich in der Tasche hatte, entweder gerade oder ungerade. War das Erste, so konnte ich freilich gleich leicht eine gerade oder eine ungerade Zahl derselben zu fassen kriegen: war aber das Letztere, so war der Fälle, daß ich eine ungerade Anzahl faßte, einer mehr als derer, da ich eine gerade greife» konnte. Denn jede ungerade Zahl enthält Eine ungerade Zahl mehr in sich, als sie gerade enthält. Z. E. 7 enthält 1, 3, 5, 7, aber nur 2, 4,. 6. Also ist bei obigem Spiel ein wiewohl oft sehr geringes Übergewicht von Seiten des Ungeraden. Die Kröpfe einiger Alpenbewohner können wohl nicht vom ') Hernandez (kftsnciseus), Philipps II. Leibarzt, der in der Mitte des löten Jahrhunderts nach Westindien, nalurhistorischer Forschungen wegen, gesandt wurde. ") Monardes (Nicol.), Arzt in Sevilla: geb. um 1oc8. 453 Schneewasser herrühren, wie Viele behauptet haben, denn auf Sumatra gibt es ein Volk, das meistens Kröpfe von der Dicke eines Straußeis und oft eines Menschenkopfs hat, und da gibt es kein Schneewaffer. Die Leute, von denen man sagt, sie reden durch die Nase, reden nicht durch die Nase; und wenn sie durch die Nase redeten, so würde man sagen, sie redeten nicht dadurch. (Götting. Taschenkalender 1781. S. 93 ff.) Ich habe gefunden, daß viele „angesehene Schriftsteller im Deutschen immer Mittagslinie statt Äquator sagen. Es ist aber dieses sehr unrichtig gesprochen, da das Wort Mittagslinie eine so sehr bestimmte Bedeutung hat, und den Durchschnitt der Mittagsflache mit dem Horizont bedeutet. Daß uns der Äquator gegen Mittag liegt, womit man jenen Ausdruck entschuldigen will, ist nicht einmal wahr. Wenn man eine Berticalfläche durch „den wahren Osten oder Westen legt, so liegt eben so viel vom Äquator derselben gegen Norden als gegen Süden, daß er aber dem Parallelkreis, den wir beschreiben, gegen Süden liegt, rechtfertigt den Ausdruck auch nicht, denn in dem Verstand käme er den beiden Wendecirkeln, dem südlichen Polarcirkel und unzäbligen andern Parallelen eben so gut zu. Will man ibn den Gleicher oder die Mittellinie nennen, so will ich nicht widersprechen, man nenne ihn nur nicht Mittagslinie. (Götting. Taschenkalender 1785. S. 207 ff.). Man irrt, wenn man glaubt, unser y sei ein bloßes i krisle. Otfried') hat es ausdrücklich erfunden oder aus dem Griechischen genommen, um den Mittellaut zwischen u und i damit anzudeuten. Weil das Schachspiel ein Spiel ist, wobei auf den Zufall nichts und auf die Geschicklichkeit des Spielers Alles ankommt, und dabei eine Menge möglicher Züge sowohl von der einen ") Otfried, deutscher Benediktiner im Kloster Weißcnburg im Elsaß, in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts. Um Reinigung der deutschen Sprache sehr verdient. als der andern Seite überdacht und mit ihren Folgen verglichen werden müssen, so hat man gewöhnlich geglaubt, daß nur Personen von durchdringendem Geist große Schachspieler sein könnten. Allein dieses ist sehr falsch. Man sieht täglich sehr mittelmäßige Köpfe, die vortreffliche Schachspieler sind, und wiederum Personen von durchdringendem Verstand, die es nie in diesem Spiel über die Mittelmäßigkeit bringen können. Hr. Iaucourt, der den Artikel: Schachspiel für die Encyclopädie ausgearbeitet hat, spricht sogar von einigen Blödsinnigen (imbecillesl, die große Schachspieler gewesen sind. Dem Herausgeber selbst ist ein Fall bekannt, da es viele Mühe und Zeit kostete, einem starken Schachspieler den Gebrauch der Nepperschen Stäbchen beizubringen. Nach der Meinung einiger berühmten Neueren ist es mit dem Schwanengesang und mit dem Einhorn nichts so Fabelhaftes, als man wohl sonst glaubte. (Götting. Taschenkalender 1788. S. 181 ff.) Der Name der bekannten, fürchterlichen Krankheit, des Miserere, rührt wohl von einem Mißverstand her. welches die griechische Benennung für dieselbe ist, und bloß die Idee von Verwickelung (der Eingeweide) und nichts weiter ausdrückt, ist vermuthlich einmal von jemanden mit welches Erbarmen heißt, verwechselt worden. Ich führe dieses nicht an, um damit jenem Übel das Mindeste von seinem Erbarmungswürdigen nehmen zu wollen, das sich ihm nicht nehmen läßt, sondern nur außer dieser Berichtigung des Sprachgebrauchs, anzuzeigen, daß wenn das Erbarmungswürdige einmal den Namen einer Krankheit bestimmen soll, leider! in diesem Jammerthal die Wahl sehr schwer werden möchte. Der Jammer heißt auch schon die fallende Sucht an mehreren Orten, und, wie mich dünkt, mit beträchtlichem Übergewicht über das Miserere, das zwar mit fürchterlichen, aber doch immer nur kurzen Leiden verbunden ist. 460 4Me»e Erfindungen, Moden, physikalische und andere Merkwürdigkeiten. (Götting. Taschenkalender 1778. S. 46 ff.) Hr. Hartley') hat, die Häuser vor Feuer zu sichern, vorgeschlagen, die Decken mit Eisenblechen zu belegen, welches mit 5 Procent des Werthes des Hauses geschehen kann. An einem Geburtstage des Königs speisele Hr Hartley in einem auf diese Art feuerfest gemachten Hause in einem obern Saale mit einer großen Gesellschaft, während als man in dem darunter befindlichen Zimmer Freudenfeucr ansteckte, die bis an die Decke und zu den Fenstern herausschlugen. Die Stadt London hat ihm neuerlich deßwegen das Bürgerrecht geschenkt.— In England verfertigt man bereits Taschenelektrophore, die nicht viel größer sind, als eine große runde Tabatiere, und nimmt und gibt schon in Gesellschaft Prisen von Elektricität. Wer weiß, ob nicht dereinst diese stechenden Funken, die man auch an die Nase appliciren kann, endlich den Schnupftaback verdrängen werden? — Hr. Lambert sowohl, als Hr. Kühl") haben Veränderungen in den Farben einiger Gegenden des Mondes bemerkt, die bei jedem Umlauf wieder komme», und eine unsren Jahrszeiten ähnliche Veränderung zu sein scheinen. Der Mond schimmelt also zuweilen und verliert diesen Schimmel wieder. Denn was sind unsere Wälder und grünen Felder anders, in Vcrgleichung mit der Kugel, worauf sie sind? Nichts als überschimmelte Stellen ') David Hartley, Parlamentsmitglied für Hüll. Einer der ersten Gegner des Sclavenhandels. Fricdensunterhändler mit Franklin. Starb, 84 Jahre alt, 1813 zn Bath. ") Lam brecht Heinr. Kühl, Professor in Greifswalde. Verfasser einer Einleitung in die Astronomie 1768—1779. 461 dieses zu uns unbekanntem Zwecke um die Sonne schwebenden Klumpens. (Götting. Taschcnkalendcr 1779. S. 58 ss.) Mama und Mummum. So wie der Laut Mama den Kindern aller Zeiten und aller Völker immer süß geklungen hat, so scheint hingegen Mum- mum oder Mummel seit jeher ihr Schrecken gewesen zu sein. Der Mümmelmann, der noch jetzt die ungezognen Kinder in Deutschland holt, holte sie schon im alten Griechenland. TU-,/-/,», (Mommo oder Mommu vermuthlich) hieß bei ihnen die Maske, welche die Person vorsteckte, die dazu gebraucht wurde, Kinder in Schrecken zu jagen. Ja die Mandigoer, eine Negcrnation am Senegal, haben sogar einen solchen Mummel, die Weiber in Ordnung zu hallen, wenn sie, wie bei solchen wilden Völkern zuweilen noch geschieht, unartig sind. Es ist ein fürchterlich verkleideter Kerl, der ein abscheuliches Getöse macht, und sie zu fressen droht. Er wird gleich geholt, sobald die Frau zankt oder Vapeurs hat, da sie denn gemeiniglich stille und ordentlich werden soll. Dieser nützliche Ehefriedensstister heißt bei ihnen Mumbo Jumbo. Alte Hofetiquette. Am Hofe der alten Könige in Wales mußte derjenige, der sich durch Worte oder durch Handlungen an dem Monarchen vergriff, diesem eine goldene Trinkschaale geben, die so viel enthielt, als der König auf einmal austrinken konnte. Der Deckel mußte so breit wie das Gesicht seiner Majestät, und der ganze Becher so dick sein, wie der Nagel am Daumen eines welschen Bauern, oder wie die Schaalen eines GänseeicS. (Götting. Taschenkalender 1779. S. 83 ff.) Es gibt jetzt leider 58 verschiedene Arten von Thermometern, die Hr. Swinde»'), Pros. zu Franecker, alle besonders beschrieben hat. ") Jan Hendrik van Swinden, geb. in Haag 1746. gest. 1823. 462 Durch die besondere Neigung, die ein gewisser Prinz hatte, schöne Katzen aus allen Theilen von Europa zusammen zu bringen, ist es nun so ziemlich ausgemacht worden, daß es keine Kater mit drei Farben, z.E. schwarz, weiß und gelb gibt'). Hr. Piaggio, derselbe, der zu Porti« die ausgegrabenen Papiere loszuwickeln beschäftigt ist, macht mit 12 Paar Kupfer- platten, die verschiedene Zeichnungen enthalten, durch Verbindung 479 Millionen Arten von Tapeten. Es scheint dem Menschen nichts nöthiger, als Essen und Trinken und Schlafen, und doch hat es selbst Frauenzimmer gegeben, die in drittehalb Jahren weder gegessen noch getrunken, und andere, die in 25 Jahren nicht geschlafen haben. Das böse Sieb drehen kommt schon in Lucians") Pseudo- mantis und in Theokrits 3ter Idylle (V. 31) vor. (Gölting. Taschcnkalender 1780. S. 82 ff.) Hr. v. Marcorelle hat zu Narbonne die Verminderung der Svnnenwärme während der Svnnenfinsterniß am 24. Jun. 1778 beobachtet und gefunden, daß das Reaumurische Thermometer um 4 Grade (9 Fahrenheitische) heruntersank. Er glaubt, daß durch mehrere solcher Beobachtungen sich die Größe der Finsternisse würde angeben lassen. Hr. Le Brun, Chirurgus in St. Domingo, hat gefunden. ') Blumenbach's Naturgeschichte scheint dieses zu bestätigen. ") Der griechische Philosoph und Satyriker Lucian voll Samosata, lebte von 120 bis 200 nach Christi; Theokrit aus Syrakus, der Bucolica und Idyllen schrieb, um 270 vor Christo.— Siebdrehen, bemerkt Wieland in seiner Übersetzung von Lucians Alexander oder der falsche Prophet, fTH. 3. S. 175), Ko s kin o m a n t ie, oder Divination mittelst Umdrehung eines frei schwebenden Siebes, ein sebr alter Aberglaube des gemeinen Volks, der sich noch bis zu unsern Zelten hie und da erhallen hat.— Die Scene der Hexenküche in Göthe's Faust, deutet darauf hin. Vergl. auch Jacob Grimm's deutsche Mythologie, 2te Ausgabe. 1844. Bd. 2. S. 1061 ff. daß der Kaffee ganz bewundernswürdige Eigenschaften hat, wenn man sich darin badet. Beim Schlage, der fallenden Sucht, bei Krumpfen, Gliederschmerzen und sogar bei Vapeurs hat er sich als Bad sehr wirksam erwiesen. (Götting. Taschenkalender 1781. S. 102ff.) Unter den Personen, die keine Farben, sondern nur eine Gradation von Licht und Schatten unterscheiden können, und davon es Beispiele in ziemlicher Menge gibt, zeichnete sich der vortreffliche Colardeau'), der französische Sänger der Heloise, vor Andern dadurch aus, daß er Vergnügen an der Malerei fand. Er zeichnete sehr gut. Eines Tages zeichnete er sein Portrait und traf sich völlig, allein als es zu den Farben kam, brachte er blau auf gelb, und trug das Grüne neben das Rolhe, ohne daß er einen Mißstand merkte, und Alles das that er mit dem Anschein der gewissenhaftesten Genauigkeit eines Mannes, der die größte Vollkommenheit seines Werks zum Zweck hat. Ein gesundes Auge konnte nicht leicht etwas Sonderbareres sehen, als ein solches Portrait. Unter den Malern ist diese Art von Blinden selten. Unter den Dichtern sind sie sehr gemein und erhallen sich auch bei der großen Menge ähnlich blinder Leser, sstournal du I?aris 1780. dio. 224). Hr. Elliot, ein gelehrter englischer Apotheker, hat Versuche mit seinen Augen angestellt, die um so merkwürdiger find, als nicht leicht Jemand neugierig genug sein wird, sie ihm nachzumachen. Er drückte nämlich seine verschlossenen Augen so lange, bis alle die bekannten leichten Erscheinungen verschwanden, und kein Druck mehr im Stande war, irgend eine Erscheinung wie Licht hervorzubringen. Wie er die Augen aufthat, hatte er die Satisfaction zu sehen, daß er gänzlich blind war, ja die Sonne selbst konnte er nicht mehr sehen. Nach und nach kam jedoch die Empfindung wieder. Ähnliche Versuche hat er mit seinen Ohren angestellt, in die er Instrumente steckte, ") Charles Pierre Colardeau, geb. 1732, zu Join- ville, gest. 1776. Schrieb: l.ettr« »moureuso d'llolvisa ä -Vb.'ülsrä, traduotion libro. 1758. imilöo do 1'ope. 464 und dadurch allerlei Töne hervorbrachte. Er hat dadurch Hoffnung zu einer ganz neuen Musik gegeben, die in einer großen Gesellschaft Jeder nach seiner Art genießen kann, ohne das Concert des Andern damit zu stören. Er hat ein eignes Werk darüber geschrieben, das in den Göttingischen Anzeigen von 1780 bereits recensirt ist. Wilhelm Boßmann erzählt in seiner Reise nach Guinea'), wo er sich 13 Jahre aufgehalten. Folgendes: Er fragte einmal einen Fidcnser: wie viel Kinder haben Sie? Ach, antwortete er mit einem Achselzucken und Seufzer über die schimpflich geringe Anzahl, leider nur 70, und 70 sind mir gestorben. Sie haben aber dafür auch 40, 50, ja einige Vornehme 400, 1000, und Könige 4000, 5000 Weiber. Vor einigen Jahren reiste ein Mann in Suffolk, der sich einbildete, er befinde sich in gesegnete» Leibesumständcn, auf 80 englische Meilen, um sich von einem geschickten Accoucheur tou- chiren zu lassen. (Götting. Taschenkalender 1782. S. 59 ff.) Die unnützen Hunde und Hündchen nehmen jetzt in Paris so sehr überhand, daß es wohl nicht überflüssig sein kann, die deutschen Obrigkeiten davon zu benachrichtigen, weil vermutblich diese Mode bald ihren Zug über den Rhein nehmen wird, und wirklich ihre Vvrtruppen denselben schon passirl zu haben scheinen. Es ist jetzt fast kein Kammermädchen mehr dort, die nicht ihren Jupiter, ihre Juno, oder ihren Bulcan oder ihre Venus oder ihren Azor und Zelmire hat. Man kann sich, sagt ei» witziger und über diese Thorheiten mit Recht unwilliger Schriftsteller in eben genanntem Journal (stournal cko 1781. Ka. 151), in Paris in Gesellschaft nicht mehr niedersetzen, ohne eine solche Gottheit zu erdrücken, und, schuldig oder unschuldig, die Familie wegen der Beleidigung des Hausgötzcn Feuer und Flammen auf einen speien zu sehen. Gehet man in Lnrenburg oder den Tuillericn spazieren, so kann man kaum zwei Schritte thun, ohne daß jemand ruft: 1'rener garste ä ') Hamburg, 1708. 8 englisch, auch französisch. 465 mon diion: Nehmen Sie sich in acht! mein Hund! Man härt da oft Jupiters ganzen Hofstaat abrufen, und es ist eine Frage, ob man jenen Göttern ehemals so viel Ehre erzeigt bat, als jetzt ihren Namensvrrwandtcn. Allein, fügt er ernstlich hinzu: dieses Alles sind Possen, aber es geht einem durch die Seele, wenn man bedenkt, wie diese Penaken gefüttert werden, man richtet ihnen die fettesten Hühner und überhaupt die größten Leckerbissen an. Und doch habe ich, fährt er fort, eine Dame, die ihren Hund so fütterte, einem Nothleidenden die Unterstützung von einem Stückchen Kupfermünze versagen sehen! Hoffentlich werden die deutschen Polizeien diesem Übel durch eine Hundskvpfsteuer in Zeiten vorbeugen. Nichts wäre billiger und vielleicht nichts einträglicher. Wenn jetzt der Taglöhner 3 Gr. des Monats bezahlt, so könnten Jupiter und Venus, Azor und Zelmire leicht einen Ducaten entbehren, und dafür bezahlten die deutschen Blesse, Prinze, Wasser, die Faß an, Greife w. nichts. Der Ritter ä'Llboo, der ein Buch geschrieben, worin er an- räth, den Officierwittwen in Frankreich einen Unterhalt durch eine Auflage auf die Schminke zu verschaffen, hat unwidersprech- lich dargethan, daß in Frankreich jährlich auf zwei Millionen Töpfchen Schminke verbraucht werden. Ein gewisser P. Morgues verfertigt jetzt auf Subscription von 100 Livres, Wecker. Sie bestehen aus einem Uhrwerk, wie die gewöhnlichen, und wecken auch, wie die gewöhnlichen. Dieses Uhrwerk aber hat mit einer schönen Base Verbindung, die man auf das Camin stellt. Um den bestimmten Augenblick steckt sich ein Licht an, und das Feuer im Camin fängt an zu brennen (das Haus doch wohl nicht zuweilen auch?), die Bettvorhänge werden aufgezogen, die Fenstervorhänge fliegen in die Höhe, und die Fensterladen öffnen sich. Bei Überlieferung der Maschine werden noch 100 Livres bezahlt. Hr. Lavocat, Hofmechanikus zu Brüssel, hat eine Schlinge angegeben, Obstdiebe zu sangen, die er für 6 Livres verkauft. Man hatte ihm vieles Obst gestohlen, er ließ also eine Leiter an einem Baume stehen und legte die Schlinge darunter, den folgenden Tag hatte er den Dieb, der sich schlechterdings nicht regen konnte. Bald darauf ließ er eine eben so bewaffnete Let- VI. 30 466 ter an einem offenen Fenster stehen, und sing damit einen Kerl, der hinein steigen wollte. Seit dieser Erfindung kann man, wie er sagt, Leiter» sicher stehen lassen, es steigt keiner hinauf. Wie es sich aber auch mit diesem Umstand verhalten mag, so ist doch wohl gewiß, daß ein Hauptvorzug dieser Einrichtung darin besteht, daß sie nicht allein Diebe fängt, sondern auch Diebe macht oder wenigstens die fängt, die sie macht. Hr. Hautrcy, ein Künstler zu Paris, Hot eine Art-von Da- menhut erfunden, dem man vermittelst angebrachter Federn alle Formen geben kann, die die Mode oder die Frisur erfordert. Auch läßt sich ein Sonnenschirm daraus machen. Der Hut heißt deßwegen ('.luipeau l'si-isol, und ist vielleicht eine Nachahmung von dem ursprünglich preußischen (iliapeau ksrapluve, der jetzt wieder getragen wird. (Götting. Taschenkalender 1784. S. 50 ff.) Ein gewisser Hr. Hofmann aus Strasburg, hat zu Paris ein Mittel erfunden, Zeichnungen und Schriftzüge in Zeit von wenigen Minuten dergestalt auf Kupfer zu copircn, daß er sogleich einige tausend Abdrücke nehmen kann. Hr. Le Rour hat eine Mütze angegeben, die, wenn sie gehörig aufgesetzt wird, bei einem Falle von einer beträchtlichen Höhe, nicht nur macht, daß die Füße gleich nach unten kommen, sondern auch den Fall selbst so bricht, daß man, wie der Erfinder sich ausdrückt, allemal avov lioaucoup üo üouoour auf die Beine zu stehen kommt. Es hat neuerlich Jemand in Frankreich erwiesen, daß die Gewohnheit der C h a p e a u r, d i c D a m e n zu führen, sowohl über die Straße, als auch sogar von einer Stube in die andere, von den sehr hohen Absätzen herrühre, welche die letzteren einmal in Frankreich getragen haben sollen, bei denen es ohne große Übung, gar nicht möglich war, unter hundert Schritten nicht einen Fehltritt zu thun. Die Damen mußten sich also an Jemanden anschließen, der fester stand und ging, als sie selbst, um keinen Fehltritt zu thun. Nach einigen Moralisten hat tue Ehe einen ähnlichen Ursprung. Dr. Bealtie, einer der ersten jetzt lebenden Philosophen -«L ,r»I ->A U,i M!ll> »L iÄ, n>ed !»i zebki Wi im», Ät t vj t ü til M A r L p >i Äz -jti -»z, -diß, 7 «I Großbritanniens, erzählt in einer seiner neuesten Schriften eine Geschichte von einem Hunde, die »vohl hier eine Erwähnung verdient. Hätte sie dieser würdige Mann nicht mit so vieler philosophischer Vorsicht seinem Werke einverleibt, so wür- ! den wir sie diesem Kalender nicht einverleiben, wenn auch deutsche . Kalender noch nicht den Credit hätten, den sie selbst bei Ausländern jetzt zu haben anfangen. Ein Liebhaber der Jägerei, der > Freund eines vertrauten Freundes des Doclors, ging an 'einem Wintertag mit seinem Hunde auf die Jagd. Sie mußten über einen Strom gehen, der zugefroren war, in der Mitte brach der Jäger, der seine Flinte glücklicher Weise quer vor dem Leibe hielt, ein, und die Flinte, die sich zu beiden Seiten auf das Eis legte, verhinderte seinen plötzlichen Untergang. Sie gab nämlich eine Stütze ab, sich eine Zeitlang daran zu halten. Indessen heraus konnte er sich nicht arbeiten, befürchtete auch wohl, durch allzu starkes Bestreben, noch das unterstützende Eis zu zerbrechen, und auf diese Weise ohne Rettung zu Boden zu gehen. Der Hund, der seinen Herrn in dieser Noth sah, bemühte sich, wiewohl vergeblich, ihm durch allerlei Künste zu helfen. Endlich lief er, in größter Eile, nach dem benachbarten Dorfe, sprang freundlich um die Leute herum, die ihm begegneten, und schien ihnen Etwas sagen zu wollen; als diese ihn nicht verstehen wollten, faßte er sie am Rock an, und zog sie nach der Gegend, wo sein Herr sich in Noth befand. Einige, die die Emsigkeit des Hundes bewunderten, singen an, ihn zu verstehen, und folgten ihm, fanden den Mann im Eise und retteten ihn. Wenn man das ganze Factum nicht leugnen will; ! und wer wollte dieses bei einem solchen Erzähler wohl thun? ! so ist die Frage, wie man es erklären soll? Hat der Hund dieses aus besondern ihm vorzüglich beiwohnenden Kräften seiner Seele gethan? oder ist das Ganze aus einer besondern Mitwirkung der Gottheit geschehen? oder läßt es sich aus den gewöhnlichen Fähigkeiten dieser Thiere erklären? Das Erstere kann nicht wohl sein, man würde sonst mehr von dem Hunde gehört haben, und hätte er so etwas mit völliger Überlegung gethan, so hätte man wenigstens sehr übel gehandelt, daß man ihn nicht auf irgend eine Londvnsche liotiilling Softool geschickt, oder ihm die ersten Principia der Lkonomie und Moral beigebracht hat. 3ü' 463 Das Zweite läßt sich ohne große Noth nicht annehmen, und doch hat es der gute Beattie angenommen, und die Wunder haben also in Schottland nach ihm noch nicht aufgehört. Wir glauben, daß die Sache sich ganz gut aus dem Letzten erklären läßt, zumal da es, solange die Erzählung nicht schlechterdings das Gegentheil enthält, immer erlaubt ist, Umstände hinzu zu denken, die in sich selbst nicht widersprechend sind. Der Verfasser dieses Artikels hat, wie er glaubt, sich die Sache erklärt, wünscht aber mit Mehrern, die Meinungen Anderer darüber zu vernehmen, und wird dieselben, wo sie nicht in andern Monatsschriften Platz finden sollten, sehr gern im Göttingischcn Magazin bekannt machen: die Frage wäre kurz diese: wie läßt sich Dr. Beat- tics Geschichte aus den bekannten, theils unculti- virten, theils cultivirten Anlagen der Hunde, deren man sich zur Jagd bedient, am leichtesten erklären, ohne die sehr un philosophisch herbeigeholte nmnittclbarc Einwirkung der Gottheit, deren weiser Fürsorge ohnehin dennoch Alles überlassen bleibt, zu erklären. Dem großen und gutherzigen schottischen Wcltwcisen geschähe vielleicht selbst ein Dienst, oder wo nicht dieses, doch dem deutschen Übersetzer jener Abhandlungen. Dr. Dcattics Erzählung steht in einer neuerlich von ihm herausgegebenen Sammlung kleiner philosophischer Abhandlungen, die ich nur in eiucm Auszug kenne, den ich leider! nicht mehr bei der Hand habe. Die Abhandlung ist, wo ich nicht irre, über schrieben: Von dem Gedächtniß der Thiere. (Götting. Tascbciikalender 1785. S. 185 ff.) Das Ricinusöl kann vermittelst recht trocknen ungelöschten Kalkes so verdickt werden, daß es dem chinesischen Frderharze gleicht. Weil diese feste Gallerte weder vorn Wasser, noch dem Weingeist angegriffen wird, so lassen sich daraus vielleicht allerlei durchsichtige und dabei unzerbrechliche Gefäße verfertigen. Vielleicht ist dieses gar das malleablc Glas der Alten. (Götting. Taschenkalender 1786. S. 181 ff.) Ei» gewisser Hr. Bottineau will die Kunst besitzen, Schiffe -169 auf der See zu entdecken, wenn sie noch unter dem Horizont, ja selbst, wie der Titel seiner Schrift sagt, noch 150 franz. Meilen von dem Ort des Beobachters entfernt sind, und ihre jedesmalige Distanz angeben'). Er macht zwar, weil er noch immer eine Belohnung vom Ministerio erwartet, ein Geheimniß aus der Sache, versichert aber, er schließe auf die Gegenwart der Schisse aus einer gewissen Erscheinung, so wie man etwa aus dem aufsteigenden Rauch auf Feuer schließe. Auch die Gegenwart von Inseln will er auf diese Weise angeben können. Manchem unserer Leser wird dabei das Sehrohr des Hrn. Kindermann einfallen, womit er von Dresden aus die Schiffe auf der Rhede von Otaheite zu sehen hoffte. Indessen wird man denn doch genöthigt, sein Lächeln über den Herrn Bot- lineau noch etwas zurück zu halten, wenn man in seinem Buch die wichtigsten Zeugnisse lieft, worin versichert wird, daß er seit 15 Jahren die Ankunft von mehr als 730 Schiffen auf ver Insel Frankreich ordentlich vorausgesagt habe. Selbst in dem Bericht des Gouvernements dieser Insel an den Mar- schal von Castries, wird die Sache nicht für ein Märchen erklärt, sondern vielmehr von derselben mit Achtung geredet. Er berichtete einmal, daß eine Flotte, die man doch nicht erwartete, nahe sei. Hr. von Souillac schickte sogleich eine Fregatte nebst einer Korvette ab, nm sie zu recognoscircn; dieses zeigt wenigstens, daß man zu dem Manne Zutrauen haben müsse, allein daß man die englische Flotte wirklich fand, beweist auch, daß er es verdient habe. Daß sich die Eisfelder lange vorher, ehe man sie selbst zu Gesicht bekommt, durch ein gewisses Licht am Horizont verrathen, ist bekannt; auch daß der Himmel über dem festen Lande oder einer großen Insel sich zuweilen anders ausnehmen mag, als über der See, läßt sich vermuthen; daß aber eine so kleine schwimmende Insel als ein Schiff ist, sich durch solche Zeichen verrathen sollte, ist nicht sehr wahrscheinlich, und auf eine so große Strecke hinaus, schwerlich möglich. Die leichteste Erklärung wäre wohl, wenn man an- ') Sein Buch führt den Titel: Alömoiro sur la Ißausco- pio vn I'art cls elocouvrir los vaisseaux vt los lerres ä uuo äislsnco consielörahlo. 1786. 8. nähme, die Boraussagungen des Hrn. B. gründen sich auf gutes Glück, oder das ganze Buch sei eine Erdichtung, und Hr. Bottineau eine Art von Professor C o u l ta u d'), der gefunden baden sollte, daß die Schwere mit der Entfernung von der Erde zunehme. Dieses Letztere ist es aber, wie ich von sehr guter Hand weiß,,, nicht. Nach Hrn. Odmanns Bemerkung ärgert sich die Bachstelze ost sehr über den einförmigen Ton des Kuckuks, und macht ihm allerlei Drohungen, die dieser aber sehr kalt verachtet. Hingegen hat er mehrmals bemerkt, daß sie den Ortolan (Lrn- derira liortulsna) und den kleinen r o t h p l ä t t i g en Hänfling fbUngilla linari-i) mit Gewalt zum Schweigen gedrückt, und mit ausgespanntem Schwänze und vorausgestrecktem Halse den fortzujagen gesucht bat, der seinen Mund zu öffnen wagte, nachdem sie ihn lange mit ihrem schwirrenden Ton gedroht hatte. Der Nachtigall wäre so Etwas zu verzeihen, aber der Bachstelze! — sGötting. Taschenkalcndcr 1787. S. 199.) Kalter Punsch (denn beim heißen würde es unmöglich sein), stark mit sirer Luft geschwängert, und eine Zeitlang an einem kühlen Orte in gut verwahrten Bouieillen stehen gelassen, soll, wie ein Kenner versichert, ein Getränk geben, das an Geist und Anmuth den besten Champagner übertrifft. — (Götting. Taschenkalender 1788. S. 188 ff.) In des Königs von Frankreich Cabinet befindet sich jetzt ') Ein gewisser Coultaud, der sich sncien prolcsseur äs 1'ligsiquv « Puren unterzeichnete, behauptete in einem Briese aus Fauliguy stloiernsl äs lieaux t^rls et äs Sciences, luin 1769), durch wiedcrbolte Versuche mit dem Pendel diese Entdeckung gemacht zu haben. Weitere Untersuchungen zeigten aber, daß das Ganze nur ein Betrug sei, daß die Versuche nie angestellt worden, sich auch ein Pros. Coultaud in Turin nickt befinde. S. de Lüc, Briefe über die Geschichte der Erde. 8. Th. 1. 45. Bries. 471 ein Affe, der sich von ollen übrigen Arten durch eine sehr schöne Nase, die der menschlichen gleicht, unterscheidet, auch ist die Zwischenwand zwischen den Naselöchern (soptum), die gewöhnlich bei den Affen sonst sehr dick ist, bet diesem dünne, wie bei den Menschen. Der Schriftsteller, aus dem ich diese Nachricht entlehne, meint, dieser Affe sei, seiner Ähnlichkeit mit dem Menschen wegen, eine wahre Demüthigung für den Stolz desselben. Das hat aber Alles wohl wenig zu bedeuten, so lange die Affen, und hätten sie auch die Nase des valicanischen Apoll, keine Menschen in ihren Nakuraltencabinetlen aufstellen. Hr. Daubenton') hat ihm den Namen 8imia inwalis gegeben.— Aus dem Munde eines vortrefflichen Gelehrten und glaubwürdigen Mannes habe ich folgende Geschichte, woraus man > sieht, wie das Licht der Vernunft jetzt überall zu leuchten an- I fängt, sogar unter dem Volk in Kürntheu. Ein alter redlicher Geistlicher in der dortigen Gegend, der seiner Gemeinde öfters ! die Wahrheit ganz unversteckt zu sagen, auch derselben wohl unter der Hand mit Gottes Strafgericht zu drohen Pflegte, ging eines Tages auf dem Felde spatzieren, wo er von einem mit Hagel begleiteten Wirbelwind überfallen wurde, der ihm die Perücke abnahm und weit in die Saaten hineinführte, die durch das Werter gänzlich verwüstet wurden. Der Pastor rettete sich mit dem Schnupftuch um den Kopf nach Hause, verschwieg aber, um sich nicht dem Spott der Mulhwilligen auszusetzen, die Geschichte. Einige Tage darauf fand man die Perücke, ebenfalls , verhagelt, in dem verheerten Felde. Der Fund wurde bald bekannt, und nun glaubte die ganze Gemeinde, die alte Perücke > des Pastors habe den Hagelsturm hervorgebracht, dieses ging so weit, daß der brave Mann seines Lebens nicht mehr sicher war, und wirklich versetzt werden mußte. — , In dem Theile Oberschlestens, der dem Könige von Preußen zugehört, und freilich die dümmsten Unterthanen desselben einhalten soll, nahm sich ein Mönch die Freiheit, den katholischen ') Louis Jean Marie Dauben ton, geb. zu Mont- bar 1716; anfangs Theologe, wurde berühmter Naturforscher rc.; starb 1799. 472 Soldaten bei der Beichte vorläufige Absolution wegen des Meineides zu geben, wen» sie dem Könige descrtircn wollten. Dieses erfuhr General Foucquet, ließ den Schurken aus dem Beichtstühle holen und ohne weitere Umstände aufknüpfen, und auf diese Weise wurde die Ehre des Namens Christenthum wieder gerettet. Denn wenn dereinst die Nenseeländer oder Feuerländer, oder die Menschenfresser der Südsee bloß den ersten Theil der Geschichte gehört hätten, daß es nämlich in Europa Menschen gäbe, die sich Christen nennten, und die glaubten, den Himmel zu verdienen, wenn sie Unterthanen zum Meineid gegen ihre Könige verführten, so könnten die christlichen Seefahrer sich leicht wieder einmal, wie ehemals die Holländer in Japan, in die Nothwendigkeit versetzt sehen, sich, der Schande und dem Tode zu entgehen, nicht für Christen, sondern für Holländer auszugeben. — (Götting. Taschenkalender 1788. S. 128 ff.) Selbst das heil. Oberhaupt der Kirche hat sich der Mode unterworfen. Seine Heiligkeit haben die dreifache päbstliche Krone zu altmodisch und schwer befunden, und lassen sie daher nach dem neuesten Geschmack umarbeiten. Der Mann, der diese Nachricht im Journal des Lurus und der Moden gibt, setzt schalkhaft hinzu: daß sie leicht und modern genug werden wird, zweifle ich nicht; denn man sagt, der Juwelier habe in Wien, Florenz und Neapel bei den besten Meistern gelernt. — Als der berühmte Abbö Fortis von Cirella nach Paola in Calabrien in einer Felucke fuhr, fand er, daß fast alle Bootsknechte sich schwarze Figuren und Sinnbilder in die Haut und das Fleisch eingeätzt hatten. Einer, den er etwas genau in aller Stille beobachtete, hatte seinen Arm mit Hieroglyphen, die denen am großen Obelisk auf dem Platze Navona zu Rom glichen, über und über bedeckt. Auf jedem Finger der rechten Hand hatte er ein Kreuz; auf der rechten Hand einen Fisch, weiter hin ein Schiff in vollen Segeln; dann einen Kometen, dann eine Armkette, an welcher ein Herz hing, das mir einem Pfeil durchbohrt war, dann ein Wappen des Königreichs beider Si- cilie»; weiter oben ein Crucifix von Engeln umgeben; und end- lich eine mit Sternen bekränzte Mutter Gottes. Und diese ganze Procession, ruft der Abt aus, auf einem einzigen Arm! Auf dem linken hatte er den Sancl Michael, der über und über be- panzert war und den Drachen unter die Füße trat; ferner den Mond, eine Menge Sterne, eine Sirene :c. In der Gesellschaft fanden sich einige Wcltgeisiliche mit heiligen Pastelchen, womit sie die See zum Schweigen zu bringen gedachten, falls sie zu toben anfangen sollte. — Der Medailleur Werner in Nürnberg hat auf Blan- chard's Luftschiffereien eine Denkmünze verfertigt, auf deren einer Leite der Luftballon zu sehen ist, mir der Umschrift aus Horazens dritter Ode im ersten Buche: 1V«k >iiorrakr'l„i§ «luu,» e§t. Hierbei macht Hr. von Moser im 8tcn Bande seines patriotischen Archivs die treffende Anmerkung: man habe das Beste weggelassen, nämlich den gleich darauf folgenden Vers: Lovlum Ipsum petlmus slukriti'a. — Diese Anmerkung hätte auch wohl anfangs auf den ersten Blitzableiter gepaßt, jetzt würde sie nicht mehr passen. — Zum Trost für alte Candidaten kann Folgendes dienen: Michael Kirchner, Prediger in der Churmark, fing in seinem 46ten Jahre an Theologie zu studiren; heirathete in seinem 5lten; stand 58 Jahre im Amt; zeugte 8 Kinder und hatte 40 Enkel und einen Urenkel. Wer mehr von diesem merkwürdigen Manne zu lesen wünscht, kann Hrn. Zöllners unterhaltendes Werk: zurallgemeinenLectürc im 6. Bande nachschlagen.— (Götting. Taschcnkalendcr 1790. S. 136 f.) Der Abbo Bertholon und Hr. Carmois sind noch immer sehr für die Vegetation befördernde Kraft der Elektricität, der Letztere glaubt sogar, die negative sei besonders wirksam. Was das durcheinander geht! Vermuthlich ist von Allem kein Wort wahr. Vorsichtigere, von allem Borurtheil freiere, und mit dem zu zweckmäßiger Einrichtung und Abänderung der Versuche nöthigen philosophischen Geiste begabtere Männer als Ingen ho uß und Paets van Troostwyck lassen sich schwerlich gedenken, und diese haben schlechterdings nichts, gar nichts gesunden. So geht es, und wird hoffentlich so gehen, mit allen 474 Gespenstern, die die Liebe zum Seltsamen und Wunderbaren jetzt in unserm Vaterland am Tage erzeugt, während, Gottlob! ihre ältere Schwester, die Furcht, mit ihren Gespenstern so ziemlich nachläßt. Allein Alles ist gut. Die Leichtgläubigkeit der einen Classe unserer Landleute hat sicherlich den Scharfsinn der andern geschärft. Der glückliche Eroberer steht selten an dem Rubicon stille, wohin sein Plan die Grenze setzte. Die positive Thorheit mancher Magnetisircr hat sicherlich in uns den Hang zu negativen Entdeckungen nicht wenig befördert. Da dieses nicht wahr ist, fragt sich jetzt jeder Unparteiische, vielleicht ist es, noch mehr nicht? Q! durch die ganze Physik wimmelt es von Geschwätz, wie das über thierischen Magnetismus. Dieser Streitigkeiten gibt es Hunderte; sie werden nur nicht im gemeinen Leben bekannt, weil sie den Kranke» keine Hoffnungen und dem Arzte keinen Vortheil gewähren, und überdas das pro und contra für die Kaffeeschwestern zu schwer ist. Hr. Walker zu Bath hat nun seinen Untersuchungen über die gefrieren machenden Materien einen hohen Grad von Vollkommenheit gegeben. Er ist schon jetzt im Stande, das Quecksilber in jeder Jahrszcit und in jedem Klima leicht zum Gefrieren zu bringen, ohne die mindeste Beihülfe irgend eines Eises. Alles ist Salpetersäure, Salmiak, Glaubersalz und flammender Salpeter. Was für eine entzückende Aussicht für die Wollüstlinge Indiens, die keinen natürlichen Winter haben, sich nun für ihre Tafeln wenigstens einen künstlichen verschreiben zu können. Ja, es ist, wenn es auch ein Traum ist, wenigstens ein angenehmer, zu denken, daß wir bisher in der Unwissenheit in Rücksicht auf Erzeugung der Kälte gelebt haben, worin manche armselige Menschen über die des Feuers noch jetzt leben. Wir lächeln über den rohen Wilden oder bemitleiden ihn, der nicht im Stande ist, sich Feuer anzumachen; so könnte wohl leicht ein Nabob von 18V0 über den von 1790 lächeln, der noch nicht im Stande war, sich Kälte anzumachen. Ja, wenn der Einbildungskraft, die doch auch die strengste Vernunft zum Rceognosciren nöthig hat, zu trauen ist, so könnten wohl Zeiten kommen, da man Städte und Dörfer so in Frost steckte, wie man sie bisher in Brand gesteckt hat. I Ä« !»!'/ -list Illl z ki in da zu eit bei ked auf ÜU! sch rin irr- glit im i Bl »ich «- wd Nld -»'S liüh Rl 475 (Götting. Taschenkaleudcr 1791. S. 158 ff.) Cupeller führt in seiner Geschichte des Pilatusberges im luzerner Gebiete, S. 160 an, daß im Jahre 1682 eine Matrone in Luzcrn gelebt habe, bei welcher täglich folgende Gäste aus einer und derselben Schüssel speisetc»: Ein Hund, eine Katze, eine Maus, ein Murmelthier, eine weiße Dohle, eine Henne, ein Capaun, eine Amsel, eine Drossel, ein Stahr, ein Häher, eine Meise, ein Sperling und eine Turteltaube. Lb die Matrone verheirathet gewesen, und ob alsdann dieser paradiesische Friede auch immer an ihrem Tische geherrscht habe, wird nicht gesagt. — Beispiele von glücklicher Industrie und vernünftiger Sparsamkeit können nicht oft genug beherzigt werden; sie bringen oft leichter zu guten Entschlüssen, als alle Ermahnungen. Fruchteten sie auch nur auf einen Tag oder ein Paar, so ist es immer baarer Gewinn. Folgende wahre Geschichte hat etwas sehr Anziehendes. In London gingen vor einigen Jahren die Vorsteher eines Kirchspiels von Haus zu Haus, um Geld zur Wiederer- bauung ihrer abgebrannten Kirche zu sammeln. Unter andern kamen sie auch an eines, dessen Thür bloß zugemacht war, und auf dessen Gang ein Wann mit seiner Haushälterin ziemlich laut und heftig sprach. Als sie, die Ursache des Streits zu erfahren, etwas vor der Thüre horchten, fanden sie, daß er über ein Schwefelstöckchen hergekommen, welches die Haushälterin weggeschmissen hatte, ob es gleich nur erst an einem Ende abgebrannt war. Die beiden Männer sahen sich einander an, wollten anfangs nicht in das Haus gehen, worin ein solcher Streit geführt wurde, und auch weil sie wußten, daß man selbst sonst wohlthätige Leute zur Zeit eines Streits um Nichts bitten muß, am allerwenigsten um Geld. Indessen gingen sie doch hinein und brachten ihr Anliegen an. Der Hausherr, der von der Redlichkeit der Männer überzeugt war, hörte das Gesuch ruhig an, ging nach seinem Bureau und brachte ihnen —zehn Gui- neen. Die Vorsteher konnten sich dabei einer eigenen Art des Lächelns nicht enthalten, das der Hausherr sogleich bemerkte. Worüber lächeln Sie, meine Herren? fragte er. Die guten Männer wollten anfangs nicht mit der Sprache heraus, welches die Neugier des Andern noch vermehrte. Endlich gestanden sie ihm, sie hatten einen so reichlichen Beitrag in diesem Hanse nicht erwartet, weil sie ihn so eben belauscht hätten. I a, meineHerrc n, sagte er, seitdem ich meine Haushaltn ng durchaus mit der Genauigkeit führe, sehe ich mich im Stande, ohne mir zu schaden, wohl zu thun.— Ein Pabst, Zacharias, glaube ich, that die Leute in den Bann, welche an Antipoden glaubten, und jetzt könnte der Fall leicht kommen, daß ein anderer Pabst die Antipoden einmal i» den Bann thäte, wenn sie nicht an ihn, ihren römischen Antipoden, oder seine Jnfallibilität glaubten. Ein Nachfolger jenes Pabstes hat auch wirklich schon Länder weggeschenkt, welche Leuten gehörten, deren Beine zwar noch keinen Winkel von 18V Graden, aber doch schon einen beträchtlich stumpfen mit den seinigen machten. Das ist doch auch ein Fortschritt, worüber sich die Antipoden des Pabstes freuen können. Es wird mit allem Übrigen so gehen. Freilich, wo die gesunde Vernunft erwünscht und gebeten kommt, da kommt sie auch geschwind, wo sie aber strafend kommt, da schleicht sie auch oft wie die Strafe, peäo clauäo, holt aber den armen Sünder am Ende sicher ein'). — (Götting. Taschenkalender 17V3. S. 122.123.) Steigender Lurus unter den Heiligen. Nie bat wohl der Hang des schönen Geschlechts zum Putz eine kräftigere Unterstützung und Rechtfertigung erhalten, als durch das treuliche Berfahren der Mutter Gottes zu Mühlheim. Ich finde das Argument fast unwiderleglich. Nämlich am 6. August 179l zeigte sich diese Heiligste der Heiligen an besagtem Ort zum erstenmal bei einer Procession mit einer goldenen Uhr an der Serte und machte durch diesen einzigen Zug auf einmal allem Geschwätz gegen Moden und Modejournal auf immer ein Ende. Sie nahm diese Uhr als ein Geschenk des Hrn. Kirchenraths B. sehr ') Dieser Artikel mit einiger Abänderung und ohne den Nachsatz ist bereits aus der ältern Ausgabe oben Tb. 2 S. 171. 172 aufgenommen. 477 gnädig an, und trägt sie. Nun wissen nur leider, was wir künftig bei unsern kleinen häuslichen Debatten zu thun haben. Über dieses Factum, das in seiner Art entscheidend ist, siehe die Annalen der theologischen Literatur, in des 3ten Jahrgangs 43ter Woche, S. 684. (Götting. Taschenkalender 1794. S. 145 ff.) Sicheren Nachrichten zufolge werden zu Schwabach jährlich für 30,000 Gulden M a »l tr o in m e l n verfertigt, das wären also, eine ä 4 Pfennig gerechnet, eine Million, vierhundert und vierzig tausend Maultrommeln. Ob wohl dieser ungeheure Absatz Zusammenhang mit der deutschen Schriftstellerei, zumal der poetischen, kritischen und politischen haben mag? — Welche Zauberkraft eine ehrliche und unbefangene Miene selbst auf rohe Menschen haben kann, zeigt folgende Anekdote. Nicht weit von Glasgow lebt ein gewisser Hr. H..., ein redlicher, vortrefflicher Mann, der aber gewöhnlich sehr zerstreut ist. In dieses Mannes Haus kam eines Tages eine taube und stumme Wahrsagerin, denn sie besaß Künste genug, den jungen Mamsellen die Herrlichkeiten ihres künftigen Lebens deutlich zu verkündigen, ebne sich der Rede dabei zu bedienen. Ach, kommen Sie, Papa, kam die jüngste Tochter des Herrn H. gelaufen, da ist Ihnen eine Wahrsagerin, so gibles keinemehr, und dabei istsictaubundstumm. Nun schlich der gesetzte und redliche Mann hin, und bloß in seiner Zerstreuung und nicht im Mindesten aus einer andern Absicht fragte er sie: »Sage sie mir einmal, gute Frau, wie lange ist sie denn schon taub?" Künftigen Sommer, sagte sie mit einem Kniks, sind's gerade 14 Jahr. Man hat dergleichen Erzählungen mehr, wo sich aber bloß der Gefragte vergißt; hier vergißt sich auch der Fragende, und fängt ein listiges Weib, bloß durch den hohen Grad von Unbefangenheit, dieser Begleiterin der Unschuld. Auch ist fund das ist keine Kleinigkeit) die Geschichte wahr. Merkwürdig und nicht übel ausge- dacht ist hier die Verbindung der Taubstummheit mit der Wahrsagerei. Was dem Ohr abgeleugnet wird, wird dem Seherauge 478 hundertfältig zugelegt. Wer etwas hören will in der Welt, der muß sich taub stellen. Auf der Insel Scio ist eine seltsame Regel im Gebrauch, nach welcher die Kopfsteuer von christlichen Einwohnern erhoben nnrd. Man nimmt ihnen mit einer Schnur das Maaß um den Hals (eine etwas mystische Operation in jenen Reichen), verdoppelt hierauf die so gefunoene Länge, und läßt sie die beiden Enden dieses Maaßes zwischen die Zähne nehmen. Kann nun die auf diese Weise entstehende Schlinge rückwärts noch über den Kopf geschlagen werden, so müssen sie bezahlen, wo nicht, so sind sie frei. Es ist bekannt, daß die Kinder in Vergleichung mit den übrigen Theilen des Leibes, und also auch des Halses, dicke Köpfe haben, woraus der Grund dieser Regel im Allgemeinen erhellt. Daß es aber wirklich so sehr knapp, wie mau sagt, dabei hergeht, ist doch merkwürdig. Wir haben den Versuch häufig angestellt. Bei mehreren Kindern, wovon das älteste von eilf Jahren war, ging bei keinem der Kopf durch die Schlinge, bei erwachsenen Personen, wovon die jüngste nicht unter zwanzig Jahren war, hingegen immer, ausgenommen einer einzigen, von fünf und zwanzig Jahren, bei der es doch auch vermuthlich würde gegangen sein, wenn der Kopf rafirt gewesen wäre. Der Hals war hier überhaupt merkwürdig dünn. Folgender Einfall von Linguet verdient jetzt wohl wieder einmal in Erinnerung gebracht zu werden. Es ist ein Wortspiel, das sich zum Glück deutsch geben läßt. Als er eben in der Bastille, worin er bekanntlich gesessen hat, angekommen war, kam ein Mensch zu ihm und bot ihm seine Dienste an. Wer ist er denn? fragte Linguet. Ich bin der Barbier von der Bastille. O, sagte er, die hätte er längst rasircn sollen. (II v a lang tems, gug vorn; aurior äu I'svoir rasoe). Innerhalb der Bastille ging einem damals ein solcher Einfall wohl einmal durch; außerhalb aber nicht. Man hat Beispiele von guten Rednern, die, wo nicht schlechte, doch sehr mittelmäßige Schriftsteller waren, und umgekehrt, von vortrefflichen Schriftstellern, die öffentlich schlecht sprachen oder gar nicht sprechen konnten. Dieser Fall ist aus leicht einzusehenden Ursachen der gewöhnlichste. Aber daß ein Schauspieler, und zwar ein im hohen Grade großer Spieler, ein Mann von jtlB w'l W «i-i i:jil jitii «> l isn Sm «v mn he» M § 01 ! Nr Lk, stre tliha Us> h». »jlisl Ar :>iki, ^ »l. 479 Kenntnissen und von Welt, ein vortrefflicher Gesellschafter, der viel und Alles mit dem feinsten Witz gewürzt in den ansehnlichsten Gesellschaften sprach, auf einmal verstummt, wenn er aufgefordert wird, von einer Sache öffentlich ein paar Worte zu sagen, die notorisch niemand in der ganzen Versammlung so gut verstand als er, das ist doch Wohl eine seltsame Erschei- ^ »ung. Dieser Mann war Garrick. Es entstand nämlich über der Geldeninahme bei dem Benefizabend eines Schauspielers aus Garricks Gesellschaft ein Proceß, und Garr ick selbst mußte entweder als Zeuge, oder weil er selbst in die Sache verwickelt war, vor Gerichr erscheinen. Hier ergab es sich nun, daß der Ausdruck clcai- bcue/it häufig vorkam, den der Richter nicht ganz verstand. Erklären Sie uns doch, sagte er daher zu Garrick, wasdas eigentlich ist, « okcn^ be»t-/,'k. Garrick wurde betroffen, die ganze Versammlung, die, wie man sich vorstellen kann, nicht klein gewesen sein wird, merkte seine Verwirrung. tV clear benellt? sagte er stotternd, s olear bsnollt, äI V I .Olll ? >VIiv , ^Iv l.oiä, csll a clc«,' bc»e/it — a rloar bonvlitMn diesem iäem per iclem und einem Lächeln der , ganzen Versammlung schloß sich Herrn Garrick's Erläuterung. > , Eines Schauspielers bonellt heißt bekanntlich diejenige > Vorstellung eines Stücks, wovon er die Einnahme bezieht und - worin er auch gewöhnlich seine Haupt- und Favoritrvlle hat. ! Vermuthlich sind aber diese kwnelits nicht alle gleich unbeschränkt, so daß der Schauspieler zuweilen noch manche Kosten aus der Einnahme bestreiken muß, dahingegen eke«r ' dasjenige genannt wird, wo die ganze Einnahme klarer, reiner Profit für ihn, und also eine besondere Begünstigung ist. Ich sage vermuthlich, weil ich selbst hierüber nicht ganz sicher bin. Diese Ungewißheit über die eigentliche Bedeutung eines englischen Worts ist wohl einem Deutschen zu verzeihen, da sie einer der zwölf Richter von England nicht wußte, und Garrick in der Definition derselben stecken blieb. Uberdas hängt der Werth dieser Anekdote nicht von der Erklärung dieses Wortes ab. Einer andern Nachricht zufolge war der Ausdruck — a lree ticnelit. Anm. des Verfassers. 480 Folgende Bemerkung von Hobbes, die, obgleich etwas gedrechselt dargestellt, nichts desto weniger sehr wahr ist, vertiern, dünkt mich, zu unserer Zeit besondere Beherzigung. Demokratie, sagt er, ist eine Aristokratie von Rednern, abwechselnd zuweilen mit der Monarchie von einem Redner. (Götting. Taschenkalender 1783. S. 168 ff.) Wohin wird es noch mit den Complimenten k o m mcn? Die Türken nennen die Christen noch immer Hunde. Indessen halten die Türken viel aus Hunde. Aus Höflichkeit nennt man sich dort denn doch oft selbst so. Knox erzählt, daß die vornehmsten Herren in Ceylon, wenn der König sie von ungefähr nach ihren Kindern fragte, mit einer Art von tiefer, aber dort anständiger, Unterthänigkeit geantwortet hätten: Ew. Königl. Majestät Hund hat vier, fünf Jungen. Noch unterthäniger wäre es, sagt er, gewesen, sich einen todten Hund zu nennen. Warum nicht lieber schlechtweg: Ew. Majestät un- rerthänigstes Gar Nichts. Freilich der todte Hund ist noch weniger. Aus einem m ens ch li ch en G ar Nichts kann Alles werden, aber aus einem todten Hunde gar nichts. Ein seltsamer Besuch. Eigentlich eine Wallfahrt. Ich entlehne die folgende Erzählung aus Hrn. Schirm mels interessanter Reise durch Schlesien, wo man sie S. 162 finden wird, und zwar mit des rechtschaffenen, wohlmeinenden Mannes eignen Worten. Es ist, wie schon unsere Aufschrift zeigt, von einer Visite die Rede. ,/So groß auch die Versuchung ist, so widerstehe ich dennoch allen Reizen zur Satyre, und erzähle bloß plan und simpel die Visite, welche die heilige Maria zu Neustadt (im preuß. Schlesien) alle Jahre den 8ten September als an Ihrem Geburtstage, der ebenfalls heiligen Maria zu Oberglogau macht. Gedachten Tages nämlich wird die neustädter Maria (die, beiläufig gesagt, eine baumwollene Perücke aufhat), auf einer Bahre von vier Jungfrauen rii^ lni link/ Lr redt Ich! imd M» »jtl >>!t t!I f M me im Hid alle 'M 481 getragen, in Procession nach Oberglogau gebracht. Zwei andere Jungfrauen, die den besondern Namen von Kränzcljungfern führen, gehen dem Bilde zur Seite und halten es an Bändern, damit es nicht zu sehr hin und her wackelt. Diese letzter,! müssen ganz vorzüglich einen unbescholtenen Ruf und die reinste jungfräuliche Keuschheit besitzen, und man glaubt, daß die heil. Maria es nicht bloß wisse, wenn es in diesem Punkte unrichtig ist, sondern, daß sie auch sehr unzufrieden darüber sei. Die Mädchen drängen sich sehr zu diesem religiösen Marschalamte, und werden gemeiniglich, entweder noch in demselben Jahre, oder doch in dem folgenden durch eine Heirath dafür belohnt. Aber, setzt der philosophische Erzähler hinzu, sollte denn nicht ein- cinzigesmal einer von diesen Kränzeljungfern etwas Menschliches begegnet sein? Und wie äußerte in diesem Falle die heilige Maria ihre Unzufriedenheit? Eins und das Andere wäre in der That ein wahres Mirakel. Wir kehren nun zur Bisilc zurück: „Man empfängt die ankommende mit Glockenschall und ebenfalls Procession; bringt sie erst in die Pfarrkirche, dann zu den Minoritcn, wo sie die Nacht in der Lorettocapelle bleibt, und — wie soll ich sagen? — bei der Oberglogauischen Maria schläft. Den Morgen darauf wird fie wieder abgeholt, und nachdem sie in der Pfarrkirche Abschied genommen, feierlich zum Thore hinausgebracht: dann eingepackt, vor Neustadt wieder ausgepackt, und von eben den sechs Jungfern, wiederum unter Glockenschall und einem zahlreichen Gefolge, das keines- weges bloß aus Pöbel (?) besteht, in die hiesige (Neustädtisch c) Pfarrkirche zurückgebracht, wo sie so lange verharrt, bis der 8te September sie von neuem zur Reise aufruft. „Es ist, führt Hr. S. fort, dem Menschen, und insbesondere dem Schriftsteller natürlich, auch da, wo er wenig oder gar keine Aussicht zu nutzen hat, gleichwohl ein Wort der Ermahnung anzubringen. Kaum kann ich hoffen, daß (leider!) meine Schrift einem oder dem andern dieser Wallfahrer in die Hände falle» wird. Aber gesetzt einmal, was würde wohl ein solcher oder eine solche sagen, wenn die wirkliche Maria sie also und folgendermaßen anredete: „Lieben Leute, ihr meint es „gut mit mir, aber wo habt ihr euer» Verstand, indem ihr vr. 3i »mit meinen Bildern solch eine kindische Spielerei treibt? Daß »ihr bei dem todten Bilde an mich denkt, mir eure Achtung »bezeigt, mich als Borbitterin anruft, das lasse ich mir gefallen-, »aber was darüber ist, das ist vom Übel! Oder was würdet »ihr wohl von euern Kindern denken, wenn sie nach euerm Tode »solche Gaukeleien mit eure» Bildern trieben? Würdet ihr nicht »wünschen, daß, wenn sie nicht mehr Kinder an Jahren sind, sie »Euch gesetztere und verständigere Proben ihrer Liebe ablegen »möchten? Ahmt meine Tugenden nach (sehr vortrefflich), insbe- »sondere meine Keuschheit, meine Sittsamkeit, meine Häuslich- »keit, meinen stillen Fleiß auf Erden; das ist das beste Opfer, »die reinste Verehrung, die ihr mir darbringen könnt, und die »meiner Verbitte (?) für euch den kräftigsten Nachdruck geben wird!« Nach einigen Betrachtungen, die ich jedem, er sei Protestant oder Katholik, im Buche selbst nachzulesen und zu beherzigen bitte, fährt der Verfasser fort: »Es ist sonderbar, aber sehr begreiflich, daß die Auswüchse des Katholicismus unter einer aufgeklärten, protestantischen Regierung gerade am besten gedeihen. (Es ist nämlich hier vom preuß. Oberschlesien die Rede). Eben weil die Regierung aufgeklärt ist, weil sie Gewissenszwang und Religionsbedrückung scheut, läßt sie Alles in 8tstu guo. Der aufgeklärte katholische Regent, der sich das ^us circa 8acra anmaßt, greift stark und nachdrücklich die Mißbräuche seiner Religion an: aber ändert er dadurch die Gesinnungen? Stimmt er die Köpfe, die Denkungsart um? In der Gegend von Neustadt will man wenigstens bemerkt haben, daß seit Josephs Reformation der Aberglaube eher zu- als abgenommen; wenn die Wallfahrten im Lande verboten werden, so treibt man sie nur um desto eifriger außer Landes, und so ist der letzte Betrug ärger als der erste!» Der einzige Mann, der hier helfen könne, meint der Verfasser, sei der Pabst. Es könne sein, daß dereinst einmal einer käme, der das für die Wallfahrten thäte, was Gan- ganelli für die Jesuiten gethan hat. jOb dieses sobald zu hoffen stehe, getraue ich mir nicht zn entscheiden, daß es aber zum Heil jener und selbst benachbarter protestantisch er Länder zu wünschen wäre, füllt in die Augen. Wenn man denn doch bedenken wollte, daß bei unsern großen Fortschritten in Naturkmide, Philosophie und Geschichte das Erwachen der be- 483 lrogenen Menge unmöglich ausbleiben kaun und ausbleibe» wird. Wehe aber alsdann dem Lande, wo jene Erweckung durch muthwillige Spoiler oder Menschen geschieht, die solcher neuerwachren Köpfe und durch festen Schlaf solcher zu Unthaten gestärkten Fäuste zu ihren Absichten bedürfen! Das war, wo ich nicht irre, der Fall in Frankreich. Ich habe vor vielen Jahren, wenigstens lange vor dem 14. Jul. 1789Franzosen von einer etwas niedrigen Classe, von den Gebräuchen der katholischen Kirche mit einem Muthwillcn reden hören, den sich gewiß kein nur halbgesitteter Deutscher gegen den Storch erlauben würde, der die Kinder bringt, und die Mama in das Bein beißt. Man nannte es Jrreligion. Es war aber das nicht; sondern bloß deutliche Einsicht in die Abgeschmacktheit mancher Gebräuche, nun, nach einer dem Pöbel eigenen Syllogistik, gegen andere genützt, wo sie nicht mehr anzuwenden war. Wer auf dem rechten Wege zur Erkenntniß Gottes geführt wird, er sei von welchem Stand er wolle, wird äußere Gebräuche gewiß nicht verächtlich finden, und wenn er sie verächtlich findet, so liegt gewiß die Schuld an dem Lehrer. Nur entferne man alle Nar- renspossen davon, zumal solche, die ihre schnöde Stütze wohl gar der gröbsten Sinnlichkeit verdanken, die darin ihre viehische Befriedigung findet. Unwissenheit und Unbefangenheit des Kindes, in Rücksicht auf Zeugung, gründet sich ganz auf menschliche Natur, dauert aber auch nur so lange, bis sie selbst so alt werden, als ihre wohlmeinenden Betrüger, wo sie alsdann selbst wohlmeinende Betrüger werden. Diese Erhebung ist für sie ein Adelstand, der ihnen gefällt, und dessen Vorrechte sie desto lieber vertheidigen, als ihnen nothwendig der Bortheil, den dieser kleine, kurze, und unschuldige Betrug für sie selbst bar, einleuchten muß. Aber ein Pöbel, der sich auf einmal als Pöbel betrogen findet, hat keinen Pöbel unter sich, sich durch ähnlichen Betrug, wo nicht zu rächen, doch für die Zukunft ähnliche Beruhigung zu verschaffen. Ein Jeder kann Vater werden, aber nicht Jeder ein Erzbischof. Und doch wächst die Einsicht auch bei dieser niedrigen Classe von Menschen fort, wenigstens gibt es hier in der Skale von Graden der ') Bekanntlich Tag der Erstürmung der Bastillc. 3l ' Ignoranz keinen fixen Punkt, der auf menschliche Natur gegründet wäre. Kein zehnjähriges Kind wird leicht in unserm Klima seines Gleichen zeugen, aber Schuster können Religionsstifter, und Bierbrauer Feldherren werden. Also in dem letzten Stande kann sich Kraft anhäufen, zu einer plötzlichen Erplosion. Dieses allein verdient schon Rücksicht, und weise Schonung der ganzen Classe. Findet sich der Pöbel deutlich in einem Stück betrogen, so wird ihm leicht Alles Betrug, zumal wenn er von höherer Kunst darin unterstützt wird'), und die Erplofion ergreift alsdann leicht alle Religion und die Staatsverfassung selbst! Diesen Artikel setze ich ohne Überschrift her, und hatte große Neigung, ihn: den Artikel ohne Überschrift zu nennen; nicht sowohl aus Mangel an Überschriften, als aus Unentschlossenheit, welchen ich wählen sollte unter der Menge. Der Artikel selbst ist kurz der: Herr Sneedorf"), der berühmte reisende dänische Gelehrte, fand in dem wohleingerichteten Tollhause zu Hohen- bcim im Würtenbergischen unter 38 Rasenden beiderlei Geschlechts, die sich darin befanden, 7, schreibe sieben Magister, die durch übertriebenen Fleiß in dieses Haus gerathen waren. Eine genaue Geschichte dieser sieben Weisen, wenn sie ohne Kränkung der Verwandten bekannt gemacht werden könnte, möchte wohl leicht ein wichtigerer Beitrag zur Geschichte der Philoso- ') In dieser Absicht allein werden in Frankreich unzählige Blätter geschrieben. Wirklich läßt es sich kaum ohne Lächeln ansehen, wenn man in manchen deutschen Zeitungen diese Produkte für den Augenblick so ernsthaft beurtheilt liest, als wären sie niedergelegt, den Preis oder wenigstens das Acccssit vor dem Tribunal derreinenStaatskunstzu erhalten. Mir fällt immer dabei der bekannte Philosoph ein, der ein wider ihn verfertigtes Sinngedicht in Syllogismen auflöste und zeigte, daß es absurd sei. Die Folge war, man lachte nach wie vor bei dem Sinngedicht, und nun auch oben drein über die Syllogismen, und was der Mann einfach abhalten wollte, traf ihn nun doppelt. Anm. des Vers. ") Briefe eines reisenden Dänen 1791. 92. phie und der Anstrengung sein, als die von siebenmal sieben andern, die frei herumgehen. Toll zu werden ist ein Unglück, sowie es oft den glücklichsten Waghälsen in jedem Handel begegnen kann; aber wieviel ganz glückliche Waghälse gibt es nicht in der Welt, die vom Bankerot frei eine glückliche Nachkommenschaft hinterlassen? Die Bemerkung ist sehr gemein, daß eigentliches, zu Einer Absicht beschränktes Genie an Tollheit gränzt, k^ullum magnum Ingenium sinv mixtura gugdsm ckc„,c»r«'ac, hat schon Seneca') gesagt; und der gemeine Engländer sagt sprichwörtlich: Der Kerl ist zu dumm, um ein Narr zu werden. (Götting. Taschenkalender 1798, S. 195 ff.) Bitterer, aber gerechter Witz. Zwei englische Anekdoten. (->) Die natürliche Tochter des Lord S...., ein Frauenzimmer von großer Schönheit, großem, von ihrer Mutter im Dienst erworbenem Vermögen, aber, welches Schade war, sehr großer Eitelkeit, wurde, wie leicht zu ermessen ist, fast täglich von Freiern angegangen. Sie wies sie sämmtlich ab, und zwar, wie man mit Recht glaubt, bloß um mit diesen Triumphen in Gesellschaft prangen zu können. Eines Tages hatten sich wiederum zwei gemeldet, die sie, weil es Personen von Rang und Familie gewesen waren, wenigstens fürs Erste in Ungewißheit ließ. Gleich darauf ging sie in eine Gesellschaft, wo sie „den Vorfall sogleich wieder erzählte, und am Ende mit vieler Äußerung von Eitelkeit und sichtbarer Erhebung über ihre sittsameren aber von allen Freiern unbesuchten Freundinnen fragte: Sagen Sie, was soll ich nun thun? Soll ich hei- rathen oder nicht? — Folgen Sie meinem Rath, erwiederte eine Dame, welcher diese Prahlereien endlich uner- ') L.„ An. Seneca, 1 Folgende Replik des Lord Ehestersield, bekanntlich zu seiner Zen eines der witzigsten Köpfe Englands, gehört nicht ganz unter diese Rubrik; witzig ist sie zwar, auch gerecht, aber, alle Umstände zusammen genommen, nicht bitter. Sie wurde einer Dame gegeben, und so sebr der Lord auch das schöne Geschlecht in seinen Briefen herabgesetzt hat, so war er doch viel zu galant, um irgend einer Dame eine Bitterkeit ins Gesicht zu sagen. — Eine unverheirathete Dame von Stande, die auch als Schriftstellerin bekannt ist, deren Name mir aber jetzt nicht bestallt, verband mit vielem Witz, großer Lebhaftigkeit und einer gewissen Art von Leichtsinn in ihren Einfällen, nichts desto weniger eine strenge Tugend und exemplarische Reinheit des Lebens. Das wußte Jedermann. Diese wurde öfters sogar in öffentlichen Blättern um so mehr mitgenommen, je weniger sie selbst zuweilen zurückhaltend mit ihrer Satyre war, und jemehr die Schriftsteller, die gar die Absicht nicht hatten ihr zu schaden, überzeugt waren, daß sie ihr nicht einmal schaden konnten. Eines Tages kam sie in großer Eile zu Lord Ehestersield, ihrem Freunde, und sagte: Denken Sie ums Himmels willen, Mylvrd, was die Schelmen da wieder gemacht haben. Da stehet in der Zeitung, ich wäre gestern mit Zwillingen niedergekommen. — In was für einer Zeitung? fragte der Lord. — In der Morgenpost, war die Antwort. O wenn es weiter nichts ist, versetzte Ehest erst cld tröstend, von den Neuigkeiten dieses Lügen- blatts glaube ich immer nur die Hälfte. — Schade freilich, daß das, was die Zeitung der Dame aufgebürdet hatte, eine Last war, deren Hälfte die Schultern nicht um ein Haar weniger drückt, als die ganze. L 487 sGötling. Laschenkalender 1796. S. 191 —193). Gelehrte Diebstähle. Lessing soll gesagt haben: das muffe ein elender Schriftsteller sein, der nicht zuweilen etwas borge. Nun das inag gelten, wenn nur die Interessen bezahlt werden, durch leichte Entrichtung von etwas Erkenntlichkeit gegen den Eigenthümer, an einem andern Ort und bei einer andern Gelegenheit. Allein wer tollte glauben, daß Voltaire, der Alles, was er berührte, in Verse verwandelte, einen der schönsten und bedeutungsvollsten Verse der ganzen Henriade so ganz unverwandelt und ohne Schein von Erkenntlichkeit sollte geraubt haben, und noch dazu den zweiten vvm Anfang des ganzen Gedichts? clianto lo Heros, gui regua sur I» I raoce, Dieser zweite Vers steht Wort für Wort, in einem 1661 zu Paris gedruckten Gedichte des Abbe Cassagnes: //emz, lo Arauck au koi, 1'oeme. In diesem Gedichte wird der große Heinrich Ludwig den XIV. anredend eingeführt: l.orsgu' apres cont coiulials, zu possellaz- la Vranco Aus Erkenntlichkeit merken wir an, daß wir diese ganze Bemerkung dem Herrn von Bar abgeborgt haben sllabioles litterai- ros '4. V. p. 73). Allein über Alles gehen die Plünderungen — ach! des armen Porick! In den -1/mte/ec»<>.->' 7/,-öv Vol. IV. I'. 1. befindet sich ein Aufsatz eines gewissen Herrn Ferriar, der überschrieben ist: <7o,»,ue»