c n Leb Gustaf» Adolfs, Königs von S ch we d e n. Aus dem Schwedischen des And. Fryxell nach der zweiten Auflage übersetzt und mit den nöthigen Anmerkungen versehen v o « T. H o m b e r g» Leipzig, 1 8 4 2 . I. L. H i N r i ch s sch r A U ch h a N d l u N g. * Vorwort zu der Uebersetzung. Das warme Interesse, welches sich seit einiger Zeit in Deutsch- land für die schwedische Literatur zu regen angefangen hat, war eine der Ursachen, welche mich zur Übersetzung dieses Buches bewogen. Denn ich meine, man genießt und versteht die Lite- ratur eines Volkes besser, wenn man auch seine Geschichte ein weniger ausführlicher kennt. Der hier behandelte Zeitraum der schwedischen ist einer der interessantesten derselben; theils im Allgemeinen durch die großartige Persönlichkeit des Mannes, welcher demselben auf eine bewundernswerthe Weise seinen Geist einzuhauchen verstand, theils für uns Deutsche besonders durch die Theilnahme Schwedens am dreißigjährigen Kriege. Meine Uebersetzung ist zwar, d. h. so sehr der Genius der Sprache es erlaubt, eine wörtliche; doch habe ich viele Anmerkungen so wie auch eine geschichtliche Einleitung hinzufügen müssen; beides aus folgender Ursache. Fryxells Gustaf Adolf ist keine für sich bestehende Schrift, sondern der sechste Theil eines geschichtlichen Werkes dieses Verfassers, welches den Titel führt: Berattelser ur Swenska Historien (Erzählungen aus der schwedischen Ge- schichte) und welches in Schweden schon mehrere Auflagen erlebt hat. In der Idee, diesen Theil desselben einzeln als Biographie Gustaf Adolfs herauszugeben, ward ich durch eine Vorrede des Verfassers selbst bestärkt, worin er ungefähr sagt, daß er in diesem Werke gleichsam ein biographisches Lese- buch liefern wolle, durch welches seine Landsleute den großen 7Ä IV Vorwort zu der Uebcrsetzung. Männern ihrer Vorzeit nahe treten sollten, um durch die Erkenntniß ihres Wesens und ihrer Thaten auch zu einem edlem Leben sich begeistern zu lassen. Hierdurch aufmerksam gemacht, ging ich den Theil, welcher des großen Königs Leben enthalt, aufmerksam durch, und fand, daß er sich ganz zur einzelnen Uebersctzung eignete, sobald ich nur da, wo der Verfasser sich auf schon in frühern Theilen Erzähltes bezieht, durch Noten nachhülfe, und zugleich den Leser durch eine Einleitung zu dem Standpunkte hinführte, wo der Verfasser ihn empfängt. Dies ist geschehen, und ich habe geglaubt es meinem Helden schuldig zu sein, ein wenig ausführlich sowohl die verwirrte, zügellose und rohe Zeit, welche seiner Regierung vorherging, wie auch die Charaktere seiner drei Vorgänger zu schildern. Wer in ein solches Chaos Licht und Ordnung zu bringen vermag, muß wohl einen wirklich großen Geist besitzen, und wer unter solchen Beispielen der Willkühr, Härte und grausamen Rachsucht aufwächst, und dennoch einer der humansten Fürsten seiner Zeit wird, verdient gewiß unsre innigste Bewunderung! Ich habe zu den Noten und der Einleitung nicht nur das Fryxellsche Werk selbst, sondern auch Geisers Geschichte Schwedens benutzt, und bemerke für diejenigen Leser, welche geneigt sein möchten, Fryxell einer zu großen Vorliebe für Gustaf Adolf zu beschuldigen, daß Gcijer ihn wenigstens eben so hochstellt, ja von der Aechtheit seiner Tugend mit einer wahren Verehrung spricht. Was die Noten unter dem Texte betrifft, so habe ich die des Verfassers durch F., die meinigcn durch H. bezeichnet; diejenigen, welche die Quellen nachweisen, deren der Verfasser sich bedient, folgen, um den Leser nicht zu oft zu unterbrechen, Ende eines jeden Bündchens. Der Verfasser gibt über am sie folgende Erklärungen. I) Bond. bezeichnet das Archiv zu Safstahvlm, dem Grf. G. Trolle Bonde zugehörig. 2) "Palmsk. bezeichnet die Palmsköldischen Sammlungen zu Up- sala. 3) Riksark. bcz. das Reichsarchiv. 4) D'Albed. bez. die mit der Nosenhanschen Sammlung vereinigte des Baron D'Albedyll. 5) Nidderst. bez. die Oxenstjcrnaschen Sammlungen zu Tidön, dem Freiherr» F. Riddcrstolpc zugehörig. 6) Brah. bez. die zu Skokloster vereinigten Brahe- V »dij; >>l«q izLi >!-:- >v.s !Ht« ÜZ irrt:, -t>kb zmrzt W d >Ä, khriiiz 4kl- Mi k^v, tl l>i!> jlill- f! K-^ Vorwort zu der Uebersetzung. scheu und Bjelkischen Sammlungen. 7) Falkenb. bez. die Falkenbergischen Sammlungen zu Brokind, dem Hosmarschall Grafen Falkenberg zugehörig. 8) Sack. bez. Sackische Handschriften zu Bergshammar, dem Freiherr» C. Sack zugehörig. Außerdem gibt der Verfasser noch folgende Werke an, die er benutzt hat. Earvv, llli., ligpemi ivnsis Ilioerariiim. NoAimtiav NV6XXXIX. Coßmar, Z. W. C., Beitrage zur Untersuchung der gegen den Grafen Adam zu Schwarzenberg erhobenen Beschuldigungen. Berlin 1828. Förster, F., Albrecht von Wallensteins Briefe. Berlin 1828. Iwttres et lVIeinvIi'vs 6o Onstnvo .ädollo. karis AII166X0. Murr, C. G. v., Beiträge zur Geschichte des dreißigjährigen Krieges. Nürnberg 1790. lXervgorl, X., Nomoirs ot' caralior in llio nrm^ ok Ouslavns Acloljilius. London 1791. Nöse, B., Herzog Bernhard der Große von Sachsen Weimar. Weimar 1828. Schottky, I. M., über Wallensteins Privatleben. München 1832. Lrrodisli Iiitelli^encor. London 1632. Zober, G. H., ungedruckte Briefe Albrechts von Wallen- stein und Gustaf Adolf des Großen. Stralsund 1830. Zum Schluß noch Folgendes über die schwedischen Familien- und Eigennamen. Ich habe geglaubt die erstem unverändert beibehalten zu müssen, da ich wirklich nicht weiß warum wir mit diesem Volke allein eine Ausnahme machen sollten? Auch haben diejenigen, welcheschwedischeFamiliennamen deutsch wiedergegeben, dies nur auf inconsequente Weise gethan, sie haben z. B. gesagt Güldenhelm, aber vielleicht auf derselben Seite: Oxenstjerna, da es dann doch auch heißen müßte: Ochsenstcrn, u. s. w. Ich habe daher die Namen schwedisch genannt, so wie man ja auch in Uebersetzungen französische, englische u. a. Namen nicht verändert; aber da, wo diese schwedischen Familiennamen eine auffallende Nebenbedeutung haben, was so häufig wie bei keinem andern Volke der Fall VI Borwort zu der Ucbersetzung. ist, jedesmal wo ich sie zuerst anführte, diese Bedeutung ,'m Deutschen hinzugefügt. — Auch die Eigennamen habe ich ganz so wiedergegeben wie sie im Original vorkommen, nur daß ich diejenigen, welche mit den deutschen ganz gleich lauten, als z. B. Katharina, Christian u. s. w. auch auf deutsche Weise geschrieben habe. Die übrigen behielt ich ihrer Eigenthümlichkeit wegen bei, selbst da wo sie zu übersetzen gewesen waren, als z. B. Nils (Nicolaus) Per, (Peter) u. s. w. Manche, die rein skandinavischen Ursprungs sind, würden gar keine Uebersetzung zugelassen haben, und diese daher doch nur etwas Unvollständiges geblieben sein, dessen Werth ich nicht einsehen konnte. Die Namen der Provinzen habe ich hingegen so wiedergegeben wie man sie gewöhnlich in den deutschen geographischen Lehrbüchern bezeichnet findet, und dies, um das Aufsuchen für wißbegierige Leser zu erleichtern. I ii h a l t S v c r z e i ch li i ß dc 6 ersten Theiles. Seite. Einleitung zu der Ucbcrsetzung . (Capitel i. Ueber Gustaf Adolfs Jugend . . - 2. Gustaf Adolf wird Könlg . - 3. Der Krieg mit Dänemark . - 4 . Der Krieg mit Rußland . - 6. Ueber Herzog Johann . - 6. Ueber Herzog Karl Philipp . - Ueber die vcrwittwete Königin Christina. . . . . 57 - Ueber Prinzessin Katharina . '»1 - 9. Gustaf Adolf und Ebba Brahe . - 10 . Gustaf Adolfs Vermahlung . - 11 . Der Krieg mit Polen . - 12 . Farensbachs Verräthcrci . - 13 . Riga's Eroberung . ^ * I - 14 . Gustaf Adolf vor Dauzig . - 15. Treffen bei Wallhof . * I - 16 . Treffen bei Mewc . .» I - 17 . TcuffelS Unfall bei Hamnierstcin. .... l ^ - 18 . Treffen beim Danzigcr-Haupte . - 19 . Äke Tvtt bei Grebin . - 20 . Treffen bei Dirschau . - 21 . Nils Stjcrnskölds Tod . » I - 22 . Der Feldzug im Jahre 1628 . - 23 . Treffen bei Gorzno. 7..7» --V- »' VIII Inhaltsverzeichniß des ersten Bandes. «kv ^ Capitel 24. Treffen bei Stuhm. 117 - 25. Waffenstillstand zu StuhmSdorf. 122 L 2«. Ueber König Gustaf?ldolf. 124 r 27. Ueber Axel Oxenstjerna. 132 H-! r 28. Gustaf Adolfs Zeitgenossen. M r 29. Gustaf Adolf und der Adel. 176 r 50. Gustaf Adolf und dle Geistlichen. 185 5 51. Gustaf Adolf und das Unterrichtswcscn. 186 » 22. Gustaf Adolf und die Beamten. 190 > - «s;». S 32. Gustaf Adolf hebt den GcwcrbSflciß. 191 » 34. Gustaf Adolfs Verbesserungen in der Kriegskunst. . 183 r 35. Gustaf Adolfs Heerführer und Truppen. 198 r 36. Anfang des dreißigjährigen Krieges. 203 r 27. Die deutschen Fürsten. 215 r 38. Die deutschen Feldherren. 220 D > s 39. WallcnsteinS Absetzung. 231 s 40. Gustaf Adolfs Erwägungen hinsichtlich des dreißigjährigen KricgcS. 236 r 41. Gustaf Adolfs Abreist. . . . .. 24 t 7- - ^ .« 7 ? «*> ,-i.vv« Einleitung zu der Ucbcrsetzung. Gustaf Eriksson Wasa, als Köuig Gustaf I. genannt, einer der edelsten Schweden aller Zeiten, nachdem er sein Vaterland von der dänischen Tyrannei befreit, und dasselbe dnrch die Wohlthaten einer Regierung beglückt hatte, die beinah 40 Jahre lang mit Kraft Unordnung und Unrecht bekämpfte, und Glück, Wohlstand und sittliche Veredlung der Unterthanen mit unermüdlicher Liebe und Treue zu befördern suchte, hinterließ bei seinem Tode, 1560, vier Söhne: Erik, Johann, Magnus und Karl; der älteste 27, der jüngste 10 Jahre alt. Gustaf war dreimal verheirathet gewesen: zuerst mit Katharina von Sachsen-Lauenburg, dann mit Margaretha Lejonhnfwud und endlich mit Katharina Stenbock. Der ersten Ehe entsproßte Erik, der zweiten die drei andern Söhne. Der Schweden Liebe und Dankbarkeit gegen Gustaf Wasa, hatte aus dem bisherigen Wahlreiche ein Erdreich gemacht; und so folgte ihm sein ältester Sohn ohne Widerspruch. Erik XIV. war, gleich allen Masers, ein körperlich und geistig ausgezeichneter Mann, schön von Gestalt und Gesicht-bildung, geübt in allen ritterlichen Künsten, voller Kenntnisse und natürlichem Scharfsinn, ja sogar Dichter, Tonkünstler und Mahler. „Aber," (sagt Geijer in seiner Geschichte Schwedens), „vergleicht man mit diesen reichen Gaben seine Handlungsweise, so sieht man, daß es nicht die ma nn i ch fält ig en Anlagen und Geschick- lichkeilen sind, die den Menschen machen — hier war es jene Fruchtbarkeit über unterirdischem Feuer!" — Und frühzeitig verzehrte dies ihn selbst und Viele, die ihm nahe kamen. Gustaf I., welcher während seiner langen Regierung der Ansicht gefolgt war, „daß ein glückliches Reich mehr werth sei als ein großes," hinterließ Erik den Frieden mit den Nachbaren, das Land in großem Wohlstände und eine volle Schatzkammer. Doch hatte der alte König einen Fehler begangen, dessen Folgen manches von ihm gestiftete Gute gefährdeten. Er hatte nehmlich « L -- > seine drei jungem Söhne mit erblichen Herzogthümern ausgestattet, Johann war Herzog in Finnland, Magnus in Ostgothland, Karl in Südermannland; Erik aber ihr König und Lehnsherr. Zwar hatte er dies gethan, (wie man aus einer Aeußerung von ihm schließt), um seinem Stamme einen festem Schutz gegen die Anmaßungen der „Herren" (dem höhern äußerst herrschsüchtigcn und eigenmächtigen Adel Schwedens) zu geben, und so die königliche Würde, wenn vielleicht Erik, dessen unseligen Charakter er mit Schmerz durchschaute, sie bald verwirken würde, doch einem seiner andern Söhne zu erhalten, da sie durch ihre Herzogthümer an Macht und Ansehen hoch über dem ganzen Adel des Landes standen und ihn solchergestalt im Zaume halten konnten. Aber er hatte auch durch diese Einrichtung den Saamen der Zwietracht zwischen diese seine Söhne gestreut, der freilich durch Eriks Nichtbeachtung mancher testamentlichen Verordnung des Vaters genährt ward. Von Anfang an fürchtete Erik sich vor seinen Brüdern und wandte sich mehr dem Adel zu, den er durch Begünstigungen zu gewinnen suchte, indem er die Macht seiner Brüder, und dies mit Zustimmung der Stände, beschränkte. Indessen zeichnete sich seine Regierung anfangs durch manche gute Verordnungen aus. So errichtete er z. B. in dem, noch sehr in gesetzlose Unordnung versunkenen Reiche zuerst ein immerwährendes Obergericht, des „Königs Nämnd," (eine Art von Jury) genannt, welches später von Johann wieder abgeschafft, von Gustaf II. Adolf aber, in etwas veredelter Form, wieder hergestellt ward (siehe das 32ste Cap.). Doch diese und ähnliche gute Einrichtungen verbreiteten nur einen schnell vorübergehenden Glanz über seine Regierung, und was sich auch von Anfang an gezeigt hatte, seine ungemeßne Verschwendung und Prachtliebe (bei seiner Krönung) die rastlose Veränderlichkeit seines Sinnes (Lei seinen HeirathSanträgen an fremde Fürstinnen, deren er heimlich mehrere zu gleicher Zeit machen ließ) das Mißtrauen, die Wunderlichkeit und die furchtbare Heftigkeit seines Wesens arteten immer mehr aus, und wurden allmählig die vorherrschenden Bestandtheile seines Charakters. Heftigkeit war überhaupt ein Charakterzug aller Wasa's; bei Erik aber hatten ihre Ausbrüche von Anfang an den vollen Anstrich des Wahnsinns, in den er später verfiel. Sein Unglück war es aber auch, daß er einem durchaus schlechten Günstlinge, dem in der schwedischen Geschichte berüchtigten Goran Persson, in die Hände fiel, den man mit Stecht seinen bösen Dämon nennen kann. Was Erik Gewaltsames und Grausames ausgeführt hat, das ist von diesem niederträchtigen und habsüchtigen, aber schlauen Manne ausgegangen, und eS ergreift uns eine wehmüthige Trauer über die menschliche Schwäche, wenn wir in Eriks nachgelassenem Lage- buche sehen, wie das Bessere in seiner Seele in stetem Kampfe mit dem bösen Feinde war, aber ohne desselben Herr werden zu können. Und dennoch vermochte auch dieser unglückliche, innerlich verwirrte Sohn eines großen, mit sich einigen Vaters, ein eben so treues als inniges Gefühl in sich zu tragen, ich meine seine Neigung.zu der heißgeliebten Karin, die weder Zeit, noch Unglück, noch selbst der Wahnsinn in ihm zu zerstören vermochte! '*). *) Karin Mausdottcr war die Tochter eines Corporals aus Eriks Leibgarde , und verkaufte als dreizehnjähriges Mädchen auf öffentlicher Straße Nüsse, wo sie Erik durch ihre ausgezeichnete Schönheit und Amnuth auffiel und be. zauberte ; so sehr, daß er seine Schwester Elisabeth bewog, sie unter ihre Hof- fräulein aufzunehmen n»d ihr Unterricht aller Art ertheile» zu lassen. Bald zeichnete sie sich durch ein eben so liebenswürdiges als sittliches Benehme» aus, und der herrische König ward der dcmüthigstc und ergebenste Liebhaber. Die kleine Karin, (wie sie oft genannt wird) erwiederte endlich die Liebe eines Mannes, der nicht nur mächtig, schon und geistreich, sondern auch, wenn er »nr seinem Herzet, folgte, liebenswürdig war, und gab sich ganz ihrem geliebten Erik hin, der ihre Liebe so hoch zu schätzen wußte, daß er von dieser Stunde an alle bisherigen Liebe,Verhältnisse, (denn er hatte ausschweifend genug gelebt) abbrach, und nur seiner Karin lebte. Als sie ihm vollends einen Sohn gebar, gab er alle Gedanke» a» eine ebenbürtige Gemahlin auf, und beschloß heimlich sie künftig zu seiner rechtmäßigen Gattin zu erheben. Bis dieser Zeitpunkt gekommen wäre, fuhr er fort sie mit solche» Beweisen von Liebe nnd Treue zu behandeln, daß das Volk glaubte, sie habe ihn durch einen Licbcstrank verzaubert. Eöran PcrSson fing an besorgt zu werden; denn obgleich Karin sich durchaus nicht i» die Rcgicrnugsgcschäste mischte, nnd ihren Einfluß auf den König nur bisweilen gebrauchte nur ihn von grausame» Handlungen zurückzuhalten, so fürchtete er doch, daß sie allmählig mächtiger werde» möchte als er. Daher suchte» er und seine Anhänger dieselbe durch falsche Beschuldigungen bei Erik i» Ungnade zu bringen; aber dieser, gegen dies Eine menschliche Wesen unerschütterlich in seinem Vertrauen, gcricth in einen so furchtbaren Zorn, daß nur die flehentliche» Bitten der gutherzigen Karin selbst die Lcrlänindcr retten konnte,,. Hätte sie dieselben nur ihrem Schicksal überlasse»! ihrem geliebte» Erik wie dem ganze» Lande wäre es zum Heile gewesen! — Seine Treue und Zärtlichkeit für sie blieb immer gleich, und äußerte sich in den zarteste» Aufmerksamkeiten. So machte er z. B. Licbcsli.dcr aus sie, setzte sie selbst in Musik, und ließ sie a,k schönen Abenden, wenn er mit ihr auf dem Mälarscc umher fuhr, von seine» Musikern spiele» und singen. — Endlich ISS8 ließ er sich öffentlich mit seiner geliebten Karin trauen und sie mit großer Pracht krönen. Doch nur wenige Monate genoß sie dieser neuen Ehre, da ward Erik der Krone und der Freiheit beraubt. I» seinem Gefängniß besuchte Karin ihn, so oft sie nur Erlaubniß dazu erhielt, nnd ihre Nahe war der einzige Lichtstrahl, der in die Der erste vorbereitende Schritt zu seinem spätern Sturze, war die Gcfangcnuehmuug seines Bruders Johann. Schon 1561 hatte Erik nehmlich ein Heer unter Klas KristerSson Horn nach Esthland geschickt, um die Stadt Neval auf ihre Bitte gegen die Nüssen zu schützen. Nach einigen Monaten ergab sich der Adel in Esthland nebst Neval, unter Zusichcrung seiner Privilegien in schwedischen Gehorsam, und Erik schrieb sich seitdem „der Schweden, Gothen, Wenden nebst mehrern ihrer Angehörigen König, Herr über die liefländischen Landmarken und über Neste." — Hiermit that Schweden seinen ersten Schritt jenseits der Ostsee und fing einen mehr als hundertjährigen Krieg an. Dennoch gelang es vorläufig den Frieden mit Rußland zu erhalten, da sowohl dies wie Schweden, Polen fürchteten und beneideten. Ganz im Gegensatz zu diesen Gefühlen nun, schloß sich Herzog Johann aber immer mehr an Polen an, und warb endlich um die Schwester des kinderlosen Königs dieses Landes, Sigis- munds II., um Katharina Jagellonica. Erst gab Erik zwar seine Einwilligung, nahm sie aber balo zurück und befahl seinem Bruder unverzüglich nach Schweden zurückzukommen. Johann aber kümmerte sich nicht darum, begab sich zu seiner Braut und ward, nachdem er heimlich mehrere für Erik nachtheilige Bedingungen eingegangen, mit ihr vermählt; woraus er sie nach Finnland führte. Als Erik ihm befehlen ließ, nach Stockholm zu kommen uni sich dort über sein Betragen zu verantworten, rief er seine Finnen zur Vertheidigung auf, und suchte Hülfe in Polen und Preußen; woraus er als Aufrührer zum Tode verurtheilt ward. Er vertheidigte sich zwei Monate lang im Schlosse zu Abo, mußte sich endlich, 1563, ergeben und ward nach Gripsholm in ein anständiges Gefängniß gebracht. Seiner Gemahlin ward ein königliches dunkle Nacht seiner langen nnd harten Gefangenschaft siel. Als er ermordet, ward die Karin von dem bald Reite fühlende» Johann »>it besonderer Milde nnd Gnade behandelt nnd in Finnland mit Gütern beschenkt, die er, da sie durch ihr stilles und reines Leben immer höher in seiner und der öffentlichen Achtung stieg, von Zeit z» Zeit vermehrte. Von »Kindern hatte sie »nr »och einen Sohn, Gustaf Lriksson den Jüngern, und eine Tochter Sigrid. Ersterer, voll Geist tittd Gelehrsamkeit, muhte im Altslande verweilen, nnd starb nach einem höchst abcnthcncrliche» Leben in Rußland. Sigrid vermählte sich erst mit Henrik Klasso» Toll, später mit Nils NilSsc» Natt och Dag. In ihrer Nähe führte die gestürzte, aber mit ihrem Schicksal versöhnte Fran, von geliebten Enkeln umgebe», ein glückliches Lebe», nnd starb erst in hohem Alter, 1612, von der ganze» Gegend um ihrer Wohlthätigkeit willen betrauert. H. (nach l'nvxnUsaoitttl.» Uititor. lll, ). 5 CmlUtting zu dcr Uedersetzung. Schloß und fürstlicher Unterhalt angeboten, wenn sie sich von ihm trennen wolle; aber sie zeigte statt aller Antwort ihren Trauring, in welchem die Worte, standen: „^tomo nisi mors *)," und folgte ihm ins Gefängniß, wo sie ihm seinen Sohn Sigismunv, den nachherigen König von Polen, gebar. Johann war zwar von den Standen zum Tode verurtheilt worden; doch, obgleich von Göran PerSson unaufhörlich dazu ermähnt, konnte Erik sich doch nicht entschließen, seinen Bruder hinrichten zu lassen, ja er hielt sogar strenge darauf, daß diesem die Gefangenschaft so viel wie möglich erleichtert ward. Er scheint vorgehabt zu haben ihn in fortwährenden Gewahrsam zu halten, denn er-übertrug dessen Erbrechte auf den zweiten Bruder Magnus, welcher letztere indessen, aus Gewissensbissen darüber, daß er dies angenommen und überhaupt das Verfahren gegen Johann gebilligt hatte, wahnsinnig wurde**'). Seit Johanns Gefangennehmung, durch welche er sich mit einem großen Theile des Adels verfeindet hatte, indem Johann durch seine Mutter, Margaretha Lejonhufwud, mit den ersten Familien desselben verwandt war, verfiel Erik immer mehr, indem er sich immer ausschließender mit gemeinern Günstlingen umgab, die ihm fortwährend Argwohn und Haß gegen die Großen einflößte». — Unterdessen war Krieg mit Dänemark ausgcbroche». „Alter Haß und junge Könige, das war die wirkliche Veranlassung dazu!" sagt Fryrcll. Die scheinbare Kriegserklärung war die Wiedervereinigung des schwedischen Wappens der drei Kronen mit dem dänischen und norwegischen durch den jungen König von Dänemark, wodurch dieser offenbar die einst durch die Union begründeten Ansprüche Dänemarks auf Schweden erneuern zu wollen schien. Als alle Drohungen Eriks nichts fruchteten, brach der Krieg los und wüthete grausam; in ihm war es, wo Klas Kristersson Horn seine Heldenthaten verrichtete (man sehe ine 28sten Eap. die 13te Note). Während dieses Krieges war Erik immer argwöhnischer geworden und sah überall Verschwörungen des Adels; am heftigsten ') „Keiner als dcr Tod." »«) Doch war er von jeher sehr schwache» Geistes i anch ging ein Gerücht, daß dcr Wahnsinn in dcr Familie Was« erblich sei. Mag»»» lebte in diesen. Zustande noch 12 Jahre. .0,. 6 Einleitung zu der Uebersetzung. haßte und fürchtete er die Familie Sture. Nachdem er an dem Ausgezeichnetsten derselben, Nils, auf bloßen Verdacht hin, öffentlich die schimpflichste Strafe vollziehen lassen, und sich dann wieder mit demselben versöhnt hatte, ließ er einige Zeit nachher unter dem Verwände einer entdeckten Verschwörung gegen das HauS Wasa eben jenen Nils Sture, dessen Vater und Bruder nebst mehrerer Andern vom höchsten Adel ins Gefängniß werfen, und von seinen bösen Rathgebern unaufhörlich aufgehetzt, stürzte er eines Tages, auf die fälschlich erfundne Nachricht, daß Herzog Johann losgekommen sei und Aufruhr errege, in Nils Stnre's Gefängniß und durchstieß ihn, worauf seine Begleiter den Mord vollendeten, und auch noch Vater und Bruder nebst zwei andern der Gefangenen tödtetcn. Erik indessen, jetzt vollends vom Wahnsinn, der sich schon vor seiner blutigen That gezeigt, im höchsten Grade ergriffen, rannte wie rasend aus dem Schloß und schweifte drei Tage lang in den Wäldern umher. Endlich fand man ihn wieder, doch noch im wahnsinnigen Zustande, sich selbst verwünschend und weder Trank noch Speise nehmend. Erst der herbeigeholten Karin gelang es ihn zu beruhigen und nach Upsala zurückzuführen. Von jetzt an wechselte Licht und Finsterniß in seiner Seele, aber auf eine so sonderbare Weise, daß man oft nicht weiß, welches von beiven eigentlich vorherrscht; eben so die Neue und das Beharren im Unrecht. Diesen schwankenden Zustand benutzten Johanns Verwandte mütterlicher Seite, um diesen mit dem Könige zu versöhnen und seine Befreiung zu bewirken, waS ihnen auch gelang , 1567. In der Zusammenkunft zwischen beiden Brüdern, warf Erik sich Johann zu Füßen, flehte um seine Verzeihung und nannte ihn seinen Herrn und Köuig, Johann knieete nun ebenfalls zu ihm hin, und versicherte ihn hingegen seiner Treue und Ergebenheit, welcher Peinlichen Scene endlich beider Stiefmutter, Katharina Stenbock, ein Ende machte. Aber das Mißtrauen zwischen beiden Brüdern konnte sie nicht vertilgen. — Vier Jahre hatte Johanns Gefangenschaft gewährt. Jetzt zog Erik selbst mit in den dänischen Krieg, und indem sich darin seine Gesundheit wieder kräftigte, machte auch die Neue wieder der frühern Neigung zur grausamen Willkühr Platz, und 7 " i« !, Äl!, k-S §E rch ms ititzl a ^ hnzrz Är ÄM> > ü» Nr ssn M la ii ite iik nM Uzibist kctüti mm W iil jck»j> ,« Ää. Äl »Hl ik Ak««« ikiSM » a--tF U' Einleitung zu der Uebersctzung. äußerte sich in mehrern gewaltsamen Handlungen, und in einem schlecht verhehlten Bedauern über die übereilte Befreiung des ge- fürchteten Bruders. Um diese Zeit, 1568, ließ der russische Groß- fürst ihn durch eine Gesandtschaft auflodern, sein früher heimlich gegebenes Versprechen, demselben Johanns Gemahlin, von welcher jener einst auf beleidigende Weise verschmäht worden war, auszuliefern, nun endlich zu erfüllen. Erik, mit seinem Bruder wenigstens scheinbar versöhnt, ward dadurch in die größte Verlegenheit versetzt, und wies daS Verlangen bestimmt ab; doch trug gewiß die Nachricht davon nicht wenig zu Johanns bald nachher ausbrechender Empörung bei, die freilich wie eine Art von Nothwehr erscheint, wenn man die Gefahren bedenkt, mit welchen ihn die wieder erwachte feindselige Gesinnung Eriks bedrohte. Dieser erhielt die Nachricht davon wenige Tage nach der schon erwähnten Krönung seiner geliebten Karin; und nicht nur Johann, sondern auch der achtzehnjährige Karl hatte ihm den Gehorsam aufgekündigt und sich mit jenem verbündet. Der höhere Adel fiel ihnen bald bei, und Erik sah sich auf eine ziemlich geringe Macht beschränkt, doch beschloß er seine Krone theuer zu verkaufen und bestand auch mehrere Tressen mit einem persönlichen Muthe, der wie das letzte Aufflackern des großen Stammgeistes in ihm erschien; immer sah man seinen weißen Helmbusch im dicksten Handgemenge flattern, und Mancher fiel von seiner Hand! Bei einem Ausfall aus Stockholm mußte selbst Pontus de la Gardie vor seiner wiloen Tapferkeit zurückweichen. Doch endlich ward er durch Verrath besiegt: nicht nur ein Heerführer nach dem andern ging zu den Herzögen über, sondern die Bürger Stockholms ließen auch die Anhänger derselben heimlich in die Stadt; und nun war an keinen Widerstand mehr zu denken. Vor den versammelten Ständen ward Erik vor Gericht gestellt. Er führte selbst seine Vertheidigung , und als Johann ihn einmal mit dem Ausruft unterbrach, daß er von Sinnen wäre, antwortete er: „Nur einmal war ich von Sinnen, damals, als ich dich aus dem Gefängniß entließ!" Er ward abgesetzt und zu beständiger, doch fürstlicher Gefangenschaft verurtheilt. Doch Johann behandelte den Unglücklichen als Gefangnen nicht so, wie er als solcher von ihm behandelt worden war. Von Gattin und Kindern ward er getrennt und in ein enges düstres Gemach gesperrt. Dabei mußte er alle Schrecknisse 8 Anleitung ;u der U.'boisotzung. der härtesten Gefangenschaft ausstehen, oft sogar körperliche Mißhandlungen seiner Wächter, als welche mehrmals persönliche Feinde bestellt waren. Oft nahm man ihm die Kleider um ihn frieren zu lassen, dann wieder seine Bücher und musikalischen Instrumente, womit er sich die Zeit zu vertreiben Pflegte. Vergebens beklagte er sich in mehrern Briefen an Johann darüber; ihm Feindlichge- sinnte blieben seine Wächter und von ihrer Laune hing es ab, ob er mehr oder weniger gequält wurde. Zu seinem Unglück wurden im Lause seiner achtjährigen Gefangenschaft öftere Versuche zu seiner Befreiung gemacht, welche, nachdem sie mißlungen, seine Lage nur erschwerten, und ihm endlich den Tod zuzogen. Denn Johann lebte in beständiger Furcht vor ihm, und beschloß endlich diesem Zustande ein Ende zu machen. Vergebens hatte er schon oft versucht, Karls Zustimmung zur Hinrichtung Eriks zu erhalten, indem er demselben seine Besorgnisse über die Pläne der Anhänger desselben mittheilte; Karl antwortete stets, daß die Gefahr nichts zu bedeuten habe und man des Bruders Leben schonen müsse. Um doch nicht allein die Schuld auf sich zu nehmen, wandte sich nun Johann an seinen Neichsrath, und dieser erklärte, daß Erik um der Ruhe des Reiches willen vom Leben zum Tode gebracht werden müsse. Dies geschah denn auch wirklich im Februar 1577. Man ließ ihm die Wahl der Todesart, und er wählte Gift. Er nahm vorher das Abendmahl und als ihn, da er schon in den letzten Zügen lag, der Geistliche fragte: ob er allen seinen Feinden verzeihe, antwortete er: „Ja, von Herzen gerne!" Und auch wir mögen ihm gerne verzeihen, der so schwer gebüßt hat unü sowohl dadurch, wie durch die billige Berücksichtigung aller Umstände, unerachtet seiner Vergehen, noch mehr unser Bedauern als unsern Abscheu in Anspruch nimmt. -— Karl verhehlte seinen Unwillen über diese That nicht, deren Ungerechtigkeit Johann und seine Rathgeber dadurch zu erkennen gaben, daß sie bekannt machen ließen, König Erik sei an einer plötzlichen, heftigen Krankheit gestorben. — Johann und Karl hatten ihren Bruder zwar gemeinsam gestürzt, und auch unter sich eine gemeinsame Regierung verabredet; aber es war Johann gelungen, sich vom Neichsrathe und den Ständen als alleinigen König anerkennen zu lassen (1568) und Karl mußte sich fügen, obgleich mit bitterm Groll im Herzen. Einleitung zu der Übersetzung. 0 Dic Charaktere dieser beiden Bruder, die beinah in beständigem Streite mit einander gelebt haben, bilden einen ausfallenden Gegensatz. Von Johann hat einer seiner Zeitgenossen gesagt, „daß er in Gcberde und Benehmen sich hochherzig gestellt habe, obgleich sein Herz furchtsam gewesen sei." In diesen Worten liegt wirklich der Grundfehler seines Wesens ausgesprochen. So wie ihm der feste Muth der Tugend fehlte, so fehlte ihm auch jene Kühnheit, deren man eben so znr erfolgreichen Ausübung des Unrechts bedarf. Sein inneres wie sein äußeres Leben war ein fortwährender Zustand des Schwankens; bald erschien er in hohem Grade eigensinnig, bald eben so veränderlich, bald wahrhaft hart, bald nachgiebig und schwach. Wie man von manchem Menschen sagt: er wollte wohl das Gute, aber er war zu schwach cS auszuüben; so könnte man von Johann sagen: er wollte wohl manchmal das Böse, aber es fehlte ihm meist der Muth es durchzuführen! Ich will ihm damit nicht alles Gute absprechen, sondern nur jene Eigenthümlichkeit seines Wesens bezeichnen, wodurch bei ihm das Unterlassen eines Verbrechens nicht -Resultat der Tugend, sondern der Schwäche war. — Den Familienfehler der Heftigkeit besaß er ebenfalls in hohem Grade, und soll in dieser Hinsicht sehr schwer zu behandeln gewesen sein. Außerdem war sein Gemüth von Natur düster, mißtrauisch und zu einsamen Grübeleien geneigt. Durch seine lange Gefangenschaft ward dieser Hang in ihm noch genährt, lind wir werden nachher sehen, wie er sich sein ganzes Lebenlang mit religiösen Grübeleien quälte, und von einem Glauben zum andern schwankte. Sein Studium der theologischen Schriften seiner Zeit, machte ihn noch ungewisser und innerlich unglücklicher. Uebrigens war er ein sehr gelehrter Prinz. Er sprach Latein, Polnisch, Deutsch, Italienisch und Englisch, und verstand Griechisch und Französisch. Er liebte die schönen Künste nicht nur, sondern war auch der erste schwedische König, welcher sie öffentlich beförderte und beschützte, besonders die Baukunst und die Musik. An seinem Hofe waren stets mehrere ausländische Künstler, besonders Architekten; er baute unaufhörlich, und verschwendete daran mehr als gebilligt ward. Dagegen that er für die Gewerbe wenig oder gar nichts. Auch auf ihn übte seine Umgebung großen Einfluß, und als seine erste, edle, nur zu fanatische Gemahlin gestorben war, fiel er schlechten Günstlingen 10 Einleitung zu der Übersetzung. in die Hände, welche durch jenen Einfluß die sonderbare Mischung von Härte und Schwäche in seinem Wesen noch vermehrten. Welch' ein ganz anderer Mann war Karl! Der wußte immer klar und bestimmt was er wollte, und ruhte nicht eher bis er sein Ziel erreicht hatte, gleichviel ob sein Weg mit Blut gefärbt werden mußte — dies ist freilich der schlimme Punkt dabei! Wehe dem, der Lurch irgend etwas sich seinen Haß zugezogen hatte! Er konnte überzeugt sein, daß Karl ihm nicht nur alles Böse wünschen, sondern es ihm auch bei erster Gelegenheit mit unbeugsamer Härte zufügen würde. Erik Sparre und seine Unglücksgefährten liefern unter andern: den Beweis davon. Unbeugsamkeit und Härte! dies waren wirklich die hervorstechendsten Züge seines Charakters, und mit Recht ist er der Eiserne genannt worden. Er bedurfte ihrer auch, um unter den obwaltenden Umständen zum Throne zu gelangen und in ein so verwirrtes und verfallenes Reich, wie das schwedische durch Erik und Johann geworden, wieder einige Ordnung und Gesetzlichkeit zu bringen. Er besaß einen ungewöhnlichen Scharfsinn, und sein Geist war, im Gegensatze zu dem Grübler Johann, ganz auf das Praktische gerichtet. Doch würde man irren, wenn man ihn darum für einen Verächter der Wissenschaften hielte: er beschützte dieselben im Gegentheile in hohem Grade, da sein richtiger Verstand das Licht zu schätzen wußte, welches ihre Pflege über ein ganzes Volk zu verbreiten vermag; und er besaß auch selbst ausgezeichnete Kenntnisse. Doch überwog bei ihm daS Thun in hohem Grade das Wissen. Eine rastlose, Erstaunen erregende Thätigkeit zeichnete ihn aus. „Auf allen Seiten von Krieg, Aufruhr und Hinterlist umgeben", sagt Fryrell, „that er für die innere Regierung, Ordnung und Verbesserung deö Reiches in zehn Jahren doch beinah eben so viel, als Gustaf Wasa und Karl XI. in weit längerer Zeit." Mit strenger Ordnung und Thätigkeit paarte sich bei ihm Sparsamkeit und ökonomische Wirthschaftlichkeit, sowohl in seinem häuslichen Leben, welches höchst einfach und regelmäßig war, wie auch von Anfang an in der Verwaltung seines Herzog- thumes, und später des ganzen Reiches. Die Bewohner des erster,: priesen sich glücklich, unter einem so verständigen Regenten zu stehen, welcher jede nützliche Thätigkeit beförderte und unterstützte, und der Gesetzlosigkeit mit eiserner Strenge entgegentrat, Einleitung zu der Übersetzung. ri während in den übrigen Theilen des Reiches Ucbermuth und grausame Willkühr der Großen das Volk bis aufs Blut peinigte. Karl aber war eben ein Mann des Volkes, und war es, weil er es sein wollte, und dies weil er, der geborene Herrscher, den herrschsüchtigen Adel haßte und von ihm gehaßt ward. Darum nannte ihn dieser später auch den „Vauernkönig." Er aber freute sich dieses Titels und ging mit den Bauern und Bürgern um wie mit seinen Freunden, mit den Großen aber als wären sie seine Knechte. Auch er, dieser Mann des klaren und scharfen Verstandes, litt an dem Familienfehler der Heftigkeit in so hohem Grade, daß mancher angesehene Mann die Schwere seiner Hand kennen lernte, und Flüche und Schimpsworlc aus jeden herabregneten, der seinen Zorn erregte. Beide Brüder, sowohl Johann wie Karl, hatten, gleich allen Wasa's, ein ausgezeichnetes, wohlgebildetes Aeußere; doch war Johann der Schönere. In seinen Zügen, heißt es, waren Güte, Schönheit und Majestät verschmolzen; Karl hingegen trug in seinem übrigens auch evlen Gesichte zu sehr den Ausdruck großer Strenge, um angenehm zu erscheinen. Daß es für Johann höchst schwierig sein mußte, als Lehnsherr eines solchen Bruders, der wie zum Herrscher geboren war, sich in Ansehen bei demselben zu erhalten, begreift man leicht! Er fühlte dies auch so sehr, daß er gleich zu Anfang seiner Regierung auf alle Weise den Arel sich zu verbinden suchte und demselben noch viel größere Privilegien ertheilte, als er bisher schon besessen hatte. Aus Furcht vor Rußland schloß Johann 1570 Frieden mit Dänemark, und bald entbrannte jener Krieg mit dem erster» Lause, in welchem Pontuö de la Gardie seine Lorbeeren sammelte ^), und die schwedischen Krieger sich für künftige wichtigere Kämpfe übten. Unterdessen ruhte der Streit zwischen den beiden Brudern beinah gar nicht. Johann hatte Karl, um ihn über seine Ausschließung von der Mitherrschaft zu beschwichtigen, größere Freiheiten und Gerechtsame in seinem Herzogthume bewilligt, dasselbe auch vergrößert. Aber Karl verlangte immer mehr und ging in ) Siehe das rsste Capitel. 12 Einleitung zu der Uobersetzung. seinen Ansprüchen ein Unabhängigkeit immer weiter, so baß er zuletzt die königlichen Gerechtsame in seinem Herzogthmne gar nicht mehr anerkennen wollte, und nur mit Mühe der Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen den beiden Brüdern verhütet werden konnte, besonders nach dem Tode Beider Gemahlinnen, die großen Einfluß auf dieselben ausübten. Denn nicht nur Johann liebte seine erste Gemahlin Katharina Jagellonica ganz außerordentlich, sondern auch der sonst so unbeugsame und harte Karl hegte die zärtlichste Liebs zu seiner ersten Gattin. Er war 1577 selbst nach Deutschland gereist, um sich unter den deutschen Fürstinnen eine Braut zu suchen, und sein Herz war von der erst fünfzehnjährigen Prinzessin Maria von der Pfalz so ganz gefangen worden, daß er um ihre Hand warb, obgleich sie noch ein halbes Kind war. Erst 1579 ward sie ihm vermählt, und führte mit ihm, den sonst Niemand zu bändigen vermochte, eine sehr glückliche Ehe. Durch ihre milde, liebevolle Tugend flößte sie ihm nicht nur eine eben so innige als treue Liebe ein, sondern wußte ihn auch von manchem gewaltsamen Schritts zurückzuhalten und dem Bessern in ihm oft den Sieg zn verschaffen. Nach ihrem leider schon 1589 erfolgten Tode verhärtete sein Herz immer mehr. — Katharina Jagellonica starb schon 1583; auch sie hatte Johanns Heftigkeit oft gestillt und ihn von zornigen Ausbrüchen gegen seinen Bruder zurückgehalten. Mit ihrem Tode wich überhaupt der Geist des Friedens immer mehr aus Johanns Seele, obgleich sie freilich dadurch, daß sie seinen Uebertritt zum katholischen Glauben veranlaßte, seine Stellung nur noch unsichrer und schwankender gemacht hatte. Wir müssen hier ein paar Schritte zurückgehen. Gustaf Wasa hatte nehmlich in Schweden die Reformation eingeführt. Er war dazu theils durch besondere Vorliebe für das Lutherthum, welches er in Lübeck kennen gelernt hatte, theils durch Staatßgründe bewogen worden. Die Finanzen des Reiches waren nehmlich, als er die Regierung antrat, in einem so elenden Zustande, daß der Gedanke, sie durch Einziehen der Kirchen- »nd Klostergüter zu verbessern, gewiß etwas sehr Verführerisches haben mußte! Genug, Vortheil und Ueberzeugung verbanden sich, Gustaf wandte sich selbst an Luther, der ihm zwei junge Schweden, Olaus und Laurcntius Petri, welche seine Schüler in Wittenberg Einleitung zu der Uebersetzung. 13 gewesen, empfahl; das wichtige Werk ward mit Verficht und -Beharrlichkeit vorgenommen, und schon 1527 verordnete der NeichS- tag zu Westeräs die Einziehung der geistlichen Güter. Sein« Minder ließ der König natürlicher Weise im neuen Glauben erziehen, und alle, außer Johann, blieben demselben auch getreu. Dieser ward bald durch seine Gemahlin Katharina, die eine sehr eifrige Katholikin war, wankend gemacht. In der Einsamkeit des Gefängnisses arbeitete sie, mit dem Eiftr des Glaubens und der Liebe, an seiner Seele; und schon Erik hatte ihn in den letzten Jahren seiner Regierung in Verdacht ein heimlicher Papist zu sei», wogegen sich Johann aber noch sehr heftig vertheidigte. Als Johann zur Regierung kam, fand er das Kirchenwesen in großer Unordnung. Wie früher die katholischen so waren jetzt die lutherischen Geistlichen zum großen Theil unwissende, ja nichtsnutzige Menschen, ihres hohen Berufes durchaus unwürdig. Dabei waren die Kirchen verfallen, das Kirchensilber verschwunden u. st w. Genug, der König fand hinlänglichen Grund in die kirchlichen Angelegenheiten einzugreifen. Aber er that es aus eine Weise, die bald Verdacht erweckte; denn nicht nur schaffte er Mißbräuche ab, sondern verordnete auch Wiederherstellung der Klöster, Verehrung der Heiligen, Fürbitten für die Todten u. dgl. m. Auch Jesuiten ließ er heimlich nach Schweden kommen, die sich für Lutheraner ausgaben und als solche in Stockholm angestellt wurden, in ihren Vorlesungen und Disputationen aber auf geschickte Weise die Schwächen der neuen Lehre aufzudecken suchten. Indessen fühlte Johann doch bald wie schwierig es sein würde, den Katholicismus gleich ohne Weiteres wieder einzuführen; er und seine Vertrauten unter den Geistlichen verfaßte» daher ganz im katholischen Geiste eine neue Kirchenordnnng, die sie aber nicht Meßbuch, sondern Liturgie nannten , und welche die Brücke zur Rückkehr in den reinen Katholicismus bilden sollte; 1576 erschien sie gedruckt, in lateinischer und deutscher Sprache *). Ihr Gebrauch ward geboten und Luthers Katechismus verboten, so wie auch eigentliche katholische Lehrbücher eingeführt und noch vieles Andre gethan, was die Wiederherstellung des Katholicismus befördern konnte. -) Sie ward auch, wahrscheinlich spottweisc, das „rothe Buch" genannt, weil sie eine» rothe» Einband hatte, und die Rainen der Heiligen darin mit rothe» Buchstaben gedruckt waren. H. 14 Einleitung zu der Nebersehung. Aber die ganze Denkungsweise des Volkes war diesen Bestrebungen ausgemacht entgegen. Nicht zufällig hatte der Protestantismus so leichten Eingang in Schweden gefunden, sondern darum, weil er mit dem ruhig verständigen Geiste dieses Volkes mehr übereinstimmte als der Katholicismus. Dazu kam noch die Erinnerung an die schweren Abgaben, welche früher an Klöster und Kirchen hatten entrichtet werden müssen — und der Widerwillen gegen die Liturgie ging in Widerstand über. An die Spitze der Lutheraner stellte sich Herzog Karl. Erst versuchte Johann ihn liebevoll zurecht zu weisen; da dies aber nicht gelang, wollte er mit Gewalt einen andern Bischof in Jenes Herzogthum setzen; wagte aber doch nicht durchzudringen, weil Karl von seinen Unterthanen sehr geliebt war, und diese besonders eifrig am Luthcrthum hingen. Doch auch in andern Theilen des Reichs mißlangen die Versuche mit der Liturgie, für deren Einführung Johann viele Jahre lang mit uuermüdetem Eifer kämpfte, auch da noch, als er mit Nom unzufrieden war. Er selbst war, zur unendlichen Freude seiner Gemahlin, 1578 heimlich katholisch geworden. Doch erkaltete sein Eifer für den Katholicismus allmählig, da er einsah, daß der Pabst nie auf seine Bedingungen, unter welchen er sich offen zu demselben bekennen und ihn in Schweden wieder einführen wollte, eingehen würde und schon die bloße Einführung der Liturgie so großen Widerstand erfuhr und eine so heftige Unzu- friedenheit erregte, daß er anfing zu fürchten, ein ferneres Beharren in diesen Bemühungen könne ihm wohl gar die Krone kosten. Und als er nun, kaum zwei Jahre nach dem Tode seiner geliebten Katharina, sich zum zweitenmäle vermählte, nehmlich mit der 16jäh- rigen Gunnila Bjelke, die einer eifrig protestantischen Familie angehörte, da fuhr er zwar noch einige Jahre fort, die Liturgie zu empfehlen doch ohne Gewalt dabei zu gebrauchen, ermattete aber endlich doch darin, und so wie man behauptet, er habe eine Zeit lang auf Vereinigung mit der griechischen Kirche gedacht, so soll er auch in seiner letzten Lebenszeit sich wieder seinem ersten Glaube», der evangelischen Lehre, zugewendet haben! Mit seiner ersten Gemahlin hatte Johann zwei Kinder: Sigismund und Anna. Beide waren, der Mutter zu Liebe» im katholischen Glauben erzogen worden (doch ward Anna später eine eifrige Protestantin). Als im Jahre 1586 der König Stephan Einleitung zu der Übersetzung. 15 Vathor von Polen kinderlos starb, wußte dessen Wittwe, Katharina Jagcllonica's Schwester, die Wahl auf ihren Neffen Sigismund zu lenken. Dieser nahm auch nach langem Unterhandeln mit den Polen die Krone an, unterschrieb eine durch Erik Sparre im Namen des schwedischen Avels verfaßte schriftliche Uebereinkunft darüber, wie künftig Sigismund als König beider Reiche, nehmlich Polens und Schwedens, sich zu verhalten habe und reiste 1587 ab. Aber er bereute nur zu bald diesen Schritt! Es ist bekannt, welch ein gequältes Dasein das eines Königs von Polen war, und vollends für Sigismund, der von Natur träge und unthätig war. Bald schrieb er die jammervollsten Briefe an seinen Vater, der, ihn auf seine leidenschaftliche Weise liebend, ihn nur ungern nach Polen entlassen hatte, und nun gleich heimlich beschloß, ihn nach Schweden zu entführen und dann nie wieder von sich zu lassen! Zu diesem Endzweck schlug er seinem Sohne eine Zusammenkunft in Neval vor, welche auch 1589 zu Stande kam. Doch kaum verbreitete sich unter dem zahlreich anwesenden polnischen und schwedischen Adel das Gerücht, daß Johann seinen Sohn mit nach Schweden nehmen wolle, so erhob sich der eine wie der andre gleich heftig dagegen. Die Polen verlangten, daß Sigismund ihnen unverzüglich nach Polen folgen solle, da eben Nachricht gekommen, daß die Tartaren ins Land gefallen wären, und die Schweden kündigten dem Könige geradezu den Gehorsam auf, wenn er durch eine so unbesonnene -Handlung dem Lande einen neuen Krieg zuziehe, welcher nothwendig erfolgen müsse. Die schriftliche Vorstellung, welche bei dieser Gelegenheit die schwedischen NathSherren einreichten, schildert den Zustand des Landes in den traurigsten Farben. „Die Noth", heißt eS unter andern,, „sei nun nach den langen Kriegen so hoch gestiegen, daß das Reich nichts mehr zu geben habe; während der harten Zeit der letzten Jahre seien viele Leute, Pferde und Vieh vor Hunger umgekommen; wo ehemals fruchtbare Aecker und Wiesen gewesen, wuchere jetzt wilder Wald; manche die früher als wohlhabende Bauern gelebt, liefen jetzt mit Stab und Sack bettelnd umher; unter der Geistlichkeit herrsche Uneinigkeit, der Liturgie wegen; das nicht besoldete Heer sei mißvergnügt. Erleichterung der Lasten sei oft versprochen, aber nie gehalten worden, die ungeschickte und verschwenderische Hofhaltung, ohne Ordnung und Gehorsam, die große» Bauten, Schlösser und 16 Einleitung zu der Übersetzung. Kirchen vermehrten die Armuth" u. s. w. Welche Bitterkeit diese (gerechten) Vorstellungen in eines Johanns Herzen erregen mußten, kann man sich denken! Er antwortete gar nicht darauf, mußte sich aber dennoch, als Polen und Schweden gleich heftig drohten, von dem geliebten Sohne trennen und allein nach Schweden zurück- kehren, wozu ihn auch noch die, ihm durch Hogenskild Bjelke, den er als Statthalter in Stockholm gelassen, zugekommene Nachricht bestärkte, daß Herzog Karl in Schweden Unruhen begonnen habe. Indessen fand er, als er heimgekommen, daß Herzog Karl sich ganz ruhig verhalten, sah nun die Nachricht von Hogenskilo Bjelke für eine bloße List an, um ihn zurückzulocken, und gerieth in heftigen Zorn. Da unterdessen Karls Gemahlin Maria gestorben, und dieser den Vorsatz ausgesprochen hatte, sich nicht wieder zu vermählen, wodurch Johann weniger von seiner Ehrsucht fürchten zu müssen glaubte, so beschloß er sich mit demselben zu versöhnen, schrieb ihm und lud ihn freundlich zu sich ein. Karl kam, und Johann versöhnte sich nicht nur mit ihm, sondern bat ihn auch, ihn in der Regierung des Landes zu unterstützen. Man kann denken, daß letzterer sich dies nicht umsonst sage» ließ! Schon vor dieser Versöhnung hatte die Verfolgung gegen einige der angesehensten Rathsherreu begonnen, die später unter Karl einen so blutigen Ausgang nehmen sollte. Johann konnte ihnen die grelle aber wahre Schilderung seiner schlechten Regierung nicht vergessen, und mochte außerdem fühlen, daß dem allmählig sehr übermüthig gewordenen Adel eine Demüthigung nicht schaden könnte. Alan wird sich erinnern, daß Johann demselben bei seiner Thronbesteigung bedeutende Privilegien bewilligt hatte; später erweiterte der Adel dieselben eigenmächtig noch immer mehr, und der schwache Johann, aus Furcht vor seinem Bruder, schwieg dazu. Mit der Macht wuchs der Muth. Die alten Geschlechter fingen an die errungene Macht der Wasa's, von denen sich nun schon zwei so ungeschickt im Negieren erwiesen, zu beneiden und das erlangte Erbrecht derselben als eine Anmaßung zu bezeichnen. Sie selbst nahmen hochtrabende Titel an, und lebten auf ihren Gütern wie kleine Fürsten, den aus ihrer Mitte hervorgcgangcnen Herrschern gleichsam zum Trotze. Doch blieb es bei der bloßen mißvergnügten Stimmung; keine aufrührerische That konnte ihnen vorgeworfen werden. L7 Einleitung zu der Übersetzung. An der Spitze dieser mißvergnügten Parthci standen Erik Sparre und Hvgenskild Bjelke, besonders der Erstere, ein Mann, dessen Charakter ganz und gar wie aus dem Eisen seines Landes gebildet zu sein schien! Johann kannte diese Gesinnungen schon lange, hatte aber doch noch nicht gewagt Schritte gegen den Adel zu thun; doch durch die Beleidigung die er in Neval erfahren zu haben glaubte, und die falsche Nachricht durch die ihn Hogenskild Bjelke zurück- gelockt hatte, ward sein Zorn zu heftig aufgeregt, als daß die Furcht ihn noch länger hätte zurückhalten können. Aber nicht nur gegen die eben genannten Beiden richtete derselbe sich; auch Türe Bjelke, Gustaf und Sten Bauer und Klas Tott erfuhren ihn. Erst erging der Befehl, ihre Belohnungen einzuziehen und sie in keins der Schlösser der Krone einzulassen; dann wurden sie nach Stockholm berufen, um sich wegen des „Aufruhrs in Neval" zu verantworten. Aber da ihnen kein eigentliches Vergehen bewiesen werden konnte und sie nicht zu bewegen waren, sich schuldig zu bekennen, so mußte sich Johann endlich damit begnügen, daß sie erklärten, „sie hätten aus Unverstand in verschiedenen Dingen den König erzürnt und bäten daher um Verzeihung;" worauf sie Erlaubniß erhielten, auf ihre Güter zu reisen. Die Sache schien nun beendigt; aber Karl, der sich unterdessen mit seinem Bruder versöhnt hatte, nahm sie wieder auf. Zwischen ihm und dem höher» Adel herrschte von jeher eine große Spannung, und dies aus mannichfachen Ursachen. Erstens kam sein Stolz als Königssohn und Erbfürst des Reiches oft mit jenen in unangenehme Reibung, die sich im Gedanken an ihre vielen und großen Ahnen nicht weniger dünkten als er. Ihr Hochmuth fühlte sich tödtlich beleidigt, als Karl bei Johanns Vermählung mit Gunnila Bjelke seine Mißbilligung zu erkennen gab, indem er sagte, die Töchter des schwedischen Adels seien der Hand eines Wasa nicht würdig. Ferner kam der Eigennutz ins Spiel. Karl riß gern an sich was er erfassen konnte, und ge- rieth dadurch oft in Streit mit den adelichen Herren, die in seinem Aürstcnthume wohnten, besonders mit Erik Sparre und Hogenskild Bjelke. Diese widersetzten sich unerschrocken, klagten bei Johann, und wurden dann von diesem beschützt. Karl durchschaute früh die ungünstigen Gesinnungen des hohem » S Einleitung zu der Ucbcrsetzung. 18 Adels gegen die Wasa'S, und versicherte schon 1583 seinem Bruder, daß jener vorhabe, die Erb Vereinigung wieder abzuschaffen. Johann aber theilte dies seinen Nathsherren mit und vermehrte dadurch die Erbitterung. — Am meisten brachte den Herzog der Umstand auf, daß der Rath dem Könige stets in Allem beistimmte, was zu seinem Nachtheil gereichte, und Einschränkung seiner fürstlichen Privilegien bezweckte. Besonders zeichnete sich hierin Erik Sparrc aus; ja dieser hatte sogar ein Buch darüber geschrieben, wie nöthig es für die Ruhe des Reiches wäre, daß die Herzoge nicht zu große Freiheiten besäßen. Johann war sehr davon befriedigt, Karl aber faßte seitdem einen unversöhnlichen Haß gegen Sparre, welcher letztere endlich als blutiges Opfer desselben fiel. Sobald der Herzog nun mit seinem Bruder versöhnt war, fing er an ihm das Benehmen der genannten Nathsherren in einem so verdächtigen Lichte darzustellen, daß dieser beschloß, sie von neuem vorzufodern, vor das Gericht der zusammenberufenen Stände zu stellen, und sie hauptsächlich wegen heimlicher Komplotte gegen die Erbfolge anzuklagen. Dies geschah; zwei Jahre lang wurden sie durch Gefängniß und Drohungen verschiedener Art gequält, ohne daß man sie zu einem Geständnis; bringen konnte, und endlich wieder bis auf Weiteres auf ihre Güter entlassen, da das Volk ein beunruhigendes Mitleid mit ihnen gezeigt hatte, Gunnila mit Bitten nicht nachließ, und Johann, der jetzt an einer zehrenden Krankheit litt, auch wieder mit Karl, der sich 1593 wieder mit Christina von Holstein vermählt hatte, gespannt war. Bald nachher, im November 1592 starb der unglückliche, stets mit sich und dem Leben uneinige König, mit dem wehmüthigen Bekenntniß, daß es ein Mißgriff sei, die Menschen in Glaubenssachen zwingen zu wollen. Jetzt sollte das Reich an Sigismund kommen. Bis dieser angelangt wäre, übernahm Herzog Karl in Vereinigung mit dem Rathe die Regierung, welche Maßregel Sigismund gemeldet und von diesem gebilligt ward. In Schweden aber fürchtete man einen König, der nicht nur katholisch war, sondern auch vollkommen in den Banden der Jesuiten lag. Sich dagegen von vornherein zu schützen, ward im Februar 1593 in Upsala, hauptsächlich auf Karls Veranlassung, 19 Einleitung zu der Uebersetzung. eine allgemeine Kirchenversammlung gehalten, in welcher die durch Johann eingeführten Veränderungen in Kirchengebrauch und Lehre wiever abgeschafft, und der Katechismus Luthers wieder zum Grunde des Religionsunterrichts gelegt wurde. Durch diese Upsala- Versammlung, deren Andenken die schwedische Kirche jedes Jahrhundert feiert, ward die Reformation in Schweden erst so recht eigentlich befestigt. Endlich, 1594, kam Sigismund hinüber, um sich krönen zu lassen; aber die Stände, mit dem Herzog Karl an der Spitze, ließen es nicht eher zu, bis Sigismund folgende Bedingungen eingegangen war: Kein Katholik solle in Schweden irgend ein Amt bekleiden können; welcher Schwede katholisch würde oder seine Kinoer in diesem Glauben erziehen ließe, solle sein Mitbürgerrecht verlieren; Katholiken dürften sich zwar im gleiche aufhalten, wenn sie sich friedlich verhielten, aber katholischer Gottesdienst werde nur in der Kapelle des KönigS gestattet. Wie wenig es diesem Ernst mit den eingegangenen Bedingungen war, zeigte sich schon während seiner nur kurzen Anwesenheit im Lande seiner Väter. Doch vermehrte auch er, ehe er nach Polen zurückkehrte, auf eine schriftliche Vorstellung Erik Sparre's, wieder die Privilegien des Adels, vielleicht auch aus Furcht gegen Karl. Dieser hatte sich, nachdem Sigismund gekrönt war, in sein Herzogthum zurückgezogen. Balv maßte sich der Rath, durch Erik Sparre geführt, auf eine entschiedn- Weise die Regierung an; aber jetzt erhob sich Karl wieder, pro- testirte dagegen und ward als Neichsverweser anerkannt. Doch hatte er einen schwierigen Stand, denn Sigismund hatte, aus Mißtrauen gegen ihn, mehrere seiner Anhänger zu Statthaltern über die Provinzen ernannt (worunter auch wieder Erik Sparre!) und sie durch besondre und heimliche Vollmachten unabhängig vom Herzog und dem Rath gemacht. Im Jahr 1594 ward Karin der erste Sohn, der einst so große Gustaf Adolf geboren, und der Vater, um seine Freude durch eine Wohlthat zu bezeigen, errichtete zur Feier dieses langersehnten Ereignisses von neuem die Hochschule zu Upsala, welche durch Johann, zur Bestrafung ihres Widerstandes gegen die Liturgie, aufgehoben worden war. Ich würde diese Einleitung zu weit ausdehnen, wenn ich S* 2 !) Einleitung zu der Uebcrsetzung. hier alle Machinationen Karls gegen die Nathsherren nnd dieser gegen ihn erzählen trollte; ich muß nur noch sagen, das, endlich der Herzog, anf dessen Seite der Bauern» und Bürgerstand war, den Sieg davon trug und die Nathsherren, unter ihnen Erik Sparre, das Reich verließen nnd sich nach Polen zu Sigisinnnd degaben. Dieser kam 1598 in ihrer Begleitung mit polnischen Truppen nach Schweden; es kam zu Feindseligkeiten, nnd Sigisinnnd ward in der Schlacht hei Stängebro so gänzlich geschlagen, daß er Karl Vergleichsvorschläge machen ließ, wozu dieser auch bereit war unter der Bedingung, daß ihm Erik Sparre, Gustaf und Sten Bauer, Türe Vjelke und Göran Knutsson Posse ausgeliefert wurden. Diese, ihr Schicksal voraussehend, flehten den König an, sie nicht aufzuopfern; er versuchte zu ihrer Rettung was er vermochte, aber Karl war unbeweglich, gab indessen sein fürstliches Wort, daß ihnen nichts Willkührliches geschehen, sondern der freie Reichstag nach dem Gesetz sie richten sollte; so wurden sie denn ausgeliefert. „Wenn wir," sagten sie selbst, „dem Herzoge so treu gedient hätten, wie dem Könige, so hätten wir gewiß einen bessern Lohn davon getragen." Hierauf ward ein Vertrag zwischen Karl und Sigismund geschlossen und der Friede scheinbar hergestellt; aber anstatt, wie er versprochen, nach Stockholm zu kommen, entfloh Sigismund heimlich aus einem Lande, in welchem er sich nun vor seinem Nebenbuhler nicht mehr sicher glaubte, und kehrte nach Polen zurück. Dieser Schritt raubte ihm und den Scinigcn die Krone von Schweden. Denn jetzt versammelten sich die Stände und sagten ihm den Gehorsam auf, wenn er nicht innerhalb sechs Monaten seinen Sohn Uladislaus nach Schweden schicke, um in der evangelischen Lehre zum König des Landes erzogen zu werden; von welcher Bedingung Sigismund nichts hören wollte, sondern das Verfahren der Stände und des Herzogs für ein aufrührerisches erklärte, welches er ahnen werde. Nach seiner Abreise brach eine allgemeine Verfolgung gegen die königliche Parthei aus. Der Bürgerkrieg nahm einen heftigern und gehässigern Charakter an, und Karl, der jetzt mächtiger war als je, betrat »ach der Eroberung von Kalmar, wo er selbst zu oberst auf der Sturmleiter erschien, die blutige Bahn der Rache, indem Einleitung zu der Übersetzung. 2! er den Befehlshaber daselbst, Johann Sparre, Eriks Bruder, nebst mehrern Andern, gegen die allgemeine Erwartung, als Aufrührer hinrichten und ihre Köpfe über dem Stadtthor aufstecken ließ. Als Erik Sparre es vernahm, wußte er sein und der andern Herren Schicksal voraus, und verfaßte sein berühmtes Testament, worin sich der volle Zorn einer empörten Seele aus männliche Weise ansspricht. Erst im Anfang des Jahres 1600 begann, vor den versammelten Ständen zu Linköping, der Prozeß gegen die angeklagten Herren deS Rathes, nachdem sie l'j, Jahr im Gefängniß, von Frau und Kindern getrennt, gesessen hatten. Karl selbst war ihr und mehrerer Anderer des Adels Ankläger. Die Hanptbe- schuldignngen waren, daß sie die schon unter Johann offenbarten Gesinnungen auch ferner in sich genährt und danach gehandelt hätten, indem sie dem Herzog ungehorsam gewesen wären, und sogar eingegangne Beschlüsse der Stände gebrochen, Jenem nach Ehre und Leben gestanden und endlich fremde Kriegsheere gegen das Vaterland geführt hätten. Mehrere der Angeklagten bekannten sich für schuldig, flehten um Gnade und erhielten sie. Die übrigen NeichSrälhe: Erik Sparre, Gustaf und Sten Bauer und Türe Bjelke, welche standhaft erklärten, daß sie hier nur Partheien, keine Richter erblickten, und daher feierlich protestirten, wurden zum Tode verurtheilt. Karl widerstand allen Bitten der Bischöfe, blieb kalt beim Knieefall der Frauen und den Thräne» der zahlreichen Kinder der Genannten, gab Befehl zur Vollziehung des Urtheils und reiste von Linköping ab. Am 20. März 1600 wurden sie auf öffentlichem Markte mit dem Schwerte enthanplet, nachdem sie bis zum letzten Lcbenshauche feierlich ihre Unschulo betheuert und eine männliche Standbafligkeit bewiesen hatten. Der schlaue Hogenskild Bjelke war diesmal noch am Tode vorbeigekommen. Doch Karl vergaß ihn nicht! Fünf Jahre später ward er wieder vor Gericht gerufen, und wegen Reden voll Haß gegen Karl zum Tode verurtheilt. Der dritte Bruder Bjelke, einst der reichste Mann in Schweden, mußte mit Frau und Kindern und drei Bruderssöhnen ins Elend wandern. Dasselbe Schicksal traf noch 33 Männer aus den ersten und ältesten Geschlechtern des Adels. So räumte Karl auf, elf er die Krone Einleitung zu der Uebersetzung. ->> annahm, die ihm schon 1600 von den Ständen war angeboten worden. Erst 1604 erklärte er sich bereit, sie anzunehmen, nachdem der junge Herzog Johann (man sehe das 2te und 5te Cap.) darauf Verzicht geleistet hatte. Gustaf Adolf ward als Kronprinz anerkannt, Karl Philipp als Erbfürst des Neichs; stürben beide und Herzog Johann ohne männliche Nachkommen, so sollte die älteste unverheirathete Prinzessin Königin werden. Dies war der n or köp in g isch e Erb vertrag. Erst 1607 ließ Karl sich unter großen Feierlichkeiten krönen. Seine ganze Regierung war ein fortwährender Krieg, hauptsächlich dadurch veranlaßt, daß SigiSmund seine Ansprüche auf sein väterliches Reich unter keiner Bedingung aufgeben wollte. Doch auch in die Angelegenheiten Rußlands mischte er sich; man sehe darüber das 4te Capitel; nnd zuletzt brach auch noch ein Krieg mit Dänemark aus. — Mißwachs, Hungersnoth und Pest kamen in den ersten Jahren noch zu den Leiden des ewigen Krieges hinzu; man kann daher leicht denken, daß seine Regierung nicht unter die glücklichsten Zeiten Schwedens zu rechnen ist. Dennoch war die Masse des Volkes für Karl, denn man fühlte es seinem ganzen Wesen und Handeln an, daß er unerachtet der allgemeinen Noth unablässig darauf bedacht war, durch Einrichtungen der verschiedensten Art seinen Unterthanen allmählig wieder zu neuem Wohlstände zu verhelfen. Auch erkannte das Volk es dankbar, daß unter seiner eisernen Hand die Willkühr der Beamten und des Adels erlag, und wieder Ordnung nnd Gesetzlichkeit im Reiche zu herrschen anfingen. Unaufhörlich reiste er umher, sah selbst zu wie seine Beamten verfuhren, hörte die Klagen der Unterdrückten oder Uebervortheilten, und sagte jenen aus seine derbe Manier seine Meinung *), die oft in strenge Strafe überging. Den Adel hatte Karl durch Hinrichtungen und Landesverweisungen so seiner hervorragendsten Persönlichkeiten beraubt und -) Nur e!» Beispiel davon! Die Wittwe eines Geistliche» beklagte steh über ein crlittncS Unrecht best» Kammcrgcricht, ward aber ohne Weiteres abgewiesen. Da ging sie zu,ii Könige nnd klagte ihm ihre Noth; dieser las ans- mcrksam die Klagschrist, und schickte sie dann der Kammer mit der Nandbe- bcmcrknng: „ Ihr guten Männer der Kammer! Sofern Ihr nicht dieser armen Wittwe ihr Recht verschafft, so könnt Ihr versichert sein, daß mein Stock aus Euren Rucke» Polnisch tanzen wird." H. („ach zryrek V.) Einleitung zu der Uebersetzung. 23 dadurch eingeschüchtert, daß der ganze Stand ein andrer geworden zu sein schien und Keiner aus seiner Mitte es wagte, die Hand auch nur von fern nach den Zügeln der Regierung auszustrecken, so lange er lebte. Nur seine Siechte hinsichtlich der Lehns- und Erbgüter, wie des Rüstdienstes und mancher Einkünfte, welche die Krone wieder in Anspruch nahm, fuhr er fort hartnäckig zu vertheidigen, und lag darüber in einem beständigen Streite mit dem Könige. Auch mit der Geistlichkeit hatte Karl manchen Kampf zu bestehen, da er auch hier seine ordnende Hand nicht weglassen konnte, und dagegen von ihr einer heimlichen Vorliebe für den Calvinismus beschuldigt ward. Karl starb zu früh für seinen Ruhm, 1611. Zwar war er 60 Jahre alt; aber er hatte spät begonnen, da man seine selbst- ständige Regierung doch erst von Sigismunds Flucht an rechnen kann. Wer in einer solchen Zeit der Verwirrung, Unordnung, Gesetzlosigkeit, ja Zügellosigkcit, wie die nach Eriks und Johanns Regierungen in Schweden war, als Ordn er auftritt, wird leicht zum blutigen Scharfrichter, am leichtesten wenn er einen so strengen und harten Charakter hat wie Karl. Wie sehr wir ihn auch darum tadeln, so müssen wir ihm doch die Gerechtigkeit widerfahren lassen zu gestehen, daß er sich nie der Hinterlist bediente, um seine Feinde zu verderben, sondern ihnen stets offen mit dem gezogenen Schwert entgegentrat. Nie ist es ihm eingefallen, sich gegen irgend Jemanden des Meuchelmordes zu bedienen. Eriks Vergiftung konnte er Johann III. lange nicht verzeihen, und des letzter» Sohn Johann, der doch ein so gefährlicher Sammelpunkt für die Unzufriedenen im Lande hätte werden können, war nicht nur sicher vor ihm, sondern er erfüllte auch gegen denselben alle Pflichten eines nahen Anverwandten, und rieth sogar seinem Sohne Gustaf Adolf, demselben zu weichen, wenn er künftig auf seinen Siechten bestehen sollte. Genug, 'Alle fürchteten und Viele haßten ihn, aber Keinem konnte es jemals einfallen ihn zu verachten. Ich sagte, er sei zu früh für seinen Ruhm gestorben; in sofern nehmlich als das Schicksal ihm nicht Zeit ließ, das durch ihn Umgestürzte besser wieder aufzubauen, und die ausgestreuten Saaten durch sorgfältige Pflege zur Reife zu bringen. Doch was er nur begonnen hatte, das führte sein großer und edler Sohn im schönern Sinne fort, so weit die auch ihn beinah fortwährend in Anspruch nehmenden Kriege eS zuließen; und gewiß im Vorgefühl hiervon Pflegte Karl manchmal, die Hand auf dem Haupt des jungen Gustaf Adolfs, zu sagen: ,, III« kuciot! Er wird es thun!" Daß und wie er es gethan, werden wir jetzt sehen. Er st es Capitel. Ueber Gustaf Adolfs Jugend. Am Jahre 1594 den 9. December, Morgens n,n halb acht Uhr, ward auf dem Stockholmer Schlosse Herzog Gustaf Adolf gebore», der älteste Sohn des Königs Karls IX. und seiner zweiten Gemahlin, Christina von Holstein. Man richtete zu jener Zeit noch große Aufmerksamkeit auf die Geburtsstnnde eines Menschen. Mehrere Sterndeuter getrauten sich in dieser Beziehung, aus der Stellung der Himmelskörper, dem jungen Herzoge ein glänzendes und glückliches Leben prophe- zeihen zu können. Man deutete auch auf ihn eine Prophezeihung des berühmten Tycho Brahe. Im Jahre 1372 hatte nehmlich ein vorher nicht gesehener Komet aus dem Sternbilde Kaffiopea hervorgeleuchtet. Der genannte Forscher hatte bei dieser Gelegenheit vvrhergesagt, in Finnland werde ein Prinz geboren werden, welcher künftig große Veränderungen im deutschen Reiche verursachen , und die Evangelischen von der päpstlichen Tyrannei befreien werde. Anfangs legte man wenig Gewicht auf diese Prophe- zeihungen; doch ihr Ruf stieg immer mehr, je mehr sie in Erfüllung zu gehen schienen. Auf die gewohnte Weise ward das Fehlende hinzugefügt und das Unrichtige berichtigt, und bald wollte man in den Sternen die kleinsten Lebensbegebenheiten des großen Königs vorhergelesen haben! Als ein Erbtheil seiner Eltern hatte Gustaf Adolf einen starken Körper erhalten, welcher durch eine sehr mäßige und einfache Lebensweise während der Zeit seiner Erziehung noch mehr abgehärtet ward. Selbst in der strengsten Jahreszeit folgte er seinen Eltern auf langen Reisen, weil jene ungerne den erfreuenden Anblick von des Sohnes früzcitig hervorleuchtenden Anlagen und Tugenden entbehrten. Schon als Kind zeigte Gustaf Adolf eine unerschrockene Gemüthsart und eine große Neigung für den Krieg und Alles, was dazu gehört. Als fünfjähriger Knabe folgte er seinem Vater zu der Belagerung von Kalmar. Man fragte ihn, welches von 25 Ueber Gustaf Adolfs Jugend. den Fahrzeugen, die im Hafen lagen, ihm am besten gefalle. „DaS dort," antwortete er, und zeigte auf ein großes Kriegsschiff, der schwarze Reiter genannt. Als man die Ursache dieser Vorliebe wissen wollte, erwiederte er: „Ei darum, weil es die meisten Kanonen hat!" — Ein audresmal spatzierte er mit seinem Vater auf der Wiese bei OerstigSnäs außerhalb Ny- köping umher. Die Wärterin warnte ihn, nicht ins Gebüsch zu gehen, weil es dort Schlangen geben konnte. — „Gib mir einen Stock," rief der Knabe lebhaft, „so will ich sie todtschlagen!" — „Glaub' ihm nicht, er fürchtet sich!" sprach der alte König, der vergnügt das Gespräch anhörte. — Kriegerische Spiele waren des Prinzen größtes Vergnügen, sowohl mit seinem Bruder Karl Philipp, wie mit andern Knaben; und als er seinen Vater auf dem liefländischcn Feldzuge begleitete, sah man ihn mit der größten Aufmerksamkeit die Bewegungen der Truppen, die Aufführung der Festungswerke und dergleichen betrachten. „Sehet da," sangen die Skalden von dieser Reise, „den alten Adler, der bei Zeiten den jungen aus dem Neste hinausführt, daß er sich an Kampf und Heldenthaten gewöhne!" Mit diesem ausgezeichneten Muthe verband Gustaf Adolf eine eben so ausgezeichnete Milre des Charakters, welche indessen keines- weges als ein Erbtheil von seinen Eltern angesehen werden konnte! Er war der Einzige im königlichen Hanse, der sich Mühe gab den Vater zur Schonung zubewegen, und dein es auch manchmal gelang , und schon als Kind gewann er sich durch solche Eigenschaften manches Herz; so wie auch durch seine frühzeitig bewiesne Freigebigkeit, wovon man manche Beispiele erzählt. Ein Bauer schenkte ihm einst ein kleines öländisches Pferd. Der fünfjährige Prinz zählte alsobald dem Manne einige ungarische Gulden hin, und sagte: „Da hast du deine Bezahlung! Du magst wohl Geld nöthig haben, und willst mir doch vermuthlich das Pferd nicht umsonst geben." Gustaf Adolf bewies bei seinen Studien sowohl ein ausgezeichnetes Fassungsvermögen wie Ordnung und Fleiß. Frühzeitig reif für höhere Beschäftigungen, hatte er beinah nie die gewöhnlichen Kinderfreuden gekannt. Jagd und kriegerische Spiele waren seine einzige Zerstreuung; außerdem war er eifrig beschäftigt sich zu unterrichten, oder lauschte aufmerksam dem Gespräche älterer Personen über die Angelegenheiten des Staates. „Er war," 28 Erstes Capitel. sagte man, „nie Kind, sondern gleich König." Zu seinem Hofmeister ward Otto Helmer von Mörner ernannt; seine Lehrer waren, in der Geschichte, tliul. üuiüim, in den übrigen Gegenständen Johann Skytte. Der König selbst hatte hinsichtlich seiner Erziehung Vorschriften voller Gottesfurcht, Verstand und Ernst erlassen. Im selben Geiste wirkte Skytte selbst. Mit Worten hielt er dem Prinzen vor, wie nützlich und nothwendig es sei, die Wissenschaften kennen zu lernen, und in der Regierung eines Landes Klugheit und Redlichkeit zu beweisen. „ Er solle zu seinen Rathgeber gottcsfürchtige und feste Männer wählen, nicht unkundige Personen, welche Eseln im Purpurmantel gleichen; nicht solche, welche Ja! Ja! und Nein! Nein! sagen, nachdem ihr Herr das eine oder das andre gesagt hat; noch weniger solche höfische Grosithuer und umher schleichende Verläumdcr, wovon eS oft, wie von einer Unzahl Würmern und Engerlingen an den Höfen wimmelt." >—- Der Unterricht ward mit Eifer und Erfolg von 1604 bis 1610 ununterbrochen fortgesetzt, wo Skytte in Staatsangelegenheiten nach Holland gesandt ward. Aber auch von dorther fuhr er fort, mit Ernst und Liebe zu seinem frühern Lehrlinge zu reden. „Wie eifrig," schreibt er, „wie brennend mein Verlangen war, durch mauuichfachen Vorrath des Wissens- würdigsten Eure Hoheit zur Regierung des Vaterlandes geschickt zu machen, das bezeugt mir mein eignes Gewissen und die manchen Jahre, die ich darauf verwendet habe. Jetzt, wo ich die reichste Frucht genießen sollte, werde ich von einer so cdeln Beschäftigung abgerufen, und in Staatsangelegenheiten ins Ausland gesendet; aber entfernt wie nahe, beschwöre ich Eure Hoheit bei allen Mühen der vergangenen Jahre, bei dem Ruhme des eignen Namens, und bei der wahren Glückseligkeit des Vaterlandes, sich nicht durch leere und eitle Freuden vom Voranschreiten auf der einmal eingeschlagenen Bahn ablocken zu lassen. Bedenken Eure Hoheit, welch großen Nachtheil und wie mancher Menschen Verachtung sie sich zuziehen würde, wenn sie Tugend und Wissenschaft bei Seite legte, das einzig Beständige in diesem Leben! und sich der Weichlichkeit und dem eitlen Vergnügen ergäbe! Dann wäre ich ja unglücklich, und alle meine Arbeit vergebens!" — Diese ernsten Ermahnungen, fortwährend durch den lebendigen Eifer und die Liebe der Lehrer unterstützt, brachten auch ungewöhnliche 27 Äs. !chil 'U- i'iiii bniji I». i»ir m !»»- mtz L isr M m i! tu m lrmlz M n n ich mim M« W- Ä !> LÜl i,A fllNb »W l rA ,> "> Tiii« ,W Ueber Gustaf Adolfs Jugend. Früchte hervor. Der Prinz sprach mit ziemlicher Fertigkeit Latein, Deutsch, Niederländisch, Französisch und Italienisch, und verstand dabei Spanisch, Englisch, Schottisch und außerdem auch noch etwas Polnijch und Russisch. In der Geschichte hatte er tiefe Ein- sichten, in der Philosophie nicht unbedeutende. Den Seneca wußte er beinah auswendig, und verstand mit ausgezeichneter Geschick- lichkeit dessen Kraflsprache bei vorkommenden Gelegenheiten anzuwenden; in spätern Jahren ward Hugo Grvtius sein liebster Schriftsteller. Diese Beschäftigungen flößten ihm ernste Gedanken ein. Man sah ihn Kalo den einen, bald den andern Helden aus der frühern Zeit zum Vorbild nehmen; nicht selten den Prinzen Moritz von Oranien, dessen Kriegesthaten damals durch ganz Europa allgemein bewundert wurden. Die Wichtigkeit seines künftigen Berufes, und die damit verbundene schwere Verantwortlichkeit , entgingen dem klaren Blicke, dem zartfühlenden Herzen nicht; oft sah man Thränen in seinen Augen, wenn die Gedanken und das Gespräch sich aus diesen Gegenstand wandten. -— Und schon frühzeitig mußte er in dessen Mühen eingeweiht werden. Schon vom 9. Jahre an wohnte er den Versammlungen des NeichSrathes bei; im 12. fing er an, kleinere Geschäfte zu erledigen; mit 16 Jahren war er dem Vater schon ein unentbehrlicher Gehülfe. Er schrieb Truppenlieferungen aus, und musterte sie, sorgte für die nöthigen Vorräthe, führte kleinere Kriegsnnternch- mungen aus, unterhandelte mit fremden Gesandten oder mit den eignen Neichsständen, sich überall Liebe und Bewunderung erwerbend. Vom Nathsherrn bis zum Bauern blickte jedes Auge mit Hoffnung und Vertrauen auf den jungen Prinzen, von ihm Rettung und Hülfe für das bedrängte Vaterland erwartend. Zweites Capitel. Gustaf Adolf wird König. Bei Karls IX. Tode war Gustaf Adolf noch nicht ganz 17 Jahre alt, und also nach den schwedischen Gesetzen noch zu jung, um den Thron zu besteigen. Manchen schien es auch, als hätte Herzog Johann *) nähere Rechte dazu. Dessen frühere Verzichtleistung konnte man theils als erzwungen durch Karls *) Siehe die Einleitung und das Sie Capitel. 28 Zweites Capitel. Ansehen und Macht, theils als ungültig an sich ansehen, weil Johann damals noch minderjährig gewesen; und dieser selbst gab nicht undeutlich zu verstehen, das; er derselben Meinung sei. Karl IX. hatte auch in seinem Testamente Gustaf Adolf gerathen, dem Herzog Johann zu weichen, im Fall dieser auf seinem Rechte bestehen sollte. Man beschloß daher die Sache den Ständen zur Entscheidung zu übergeben. Unterdessen sollte das gleich durch die verwittwcte Königin Christina, durch Herzog Johann und sechs Neichsräthe, worunter Arcl Orenstjerna (Ochsenstern) verwaltet werden. Im Deeember 1611 versammelten sich die Stände zu Ny- köping. Herzog Johann erklärte offen, daß er sich als denjenigen ansehe, der die nächsten Rechte auf die Krone habe. Doch er war von stiller und träger Gemüthsart und liebte die Ruhe; dazu kam noch. daß die Vorliebe des ganzen Reiches für Gustaf Adolf sich unumwunden aussprach. So erneuerte Johann denn seine Verzichtleistung, und er erhielt dagegen Dalsland *) und einen Theil von West-Gothland, als Vergrößerung seines bisherigen Fürstenthums. Schließlich ward Gustaf Adolf, in Betracht seiner großen und ungewöhnlich frühzeitigen Geisteskräfte, für mündig erklärt. Die verwittwete Königin, Herzog Johann und die Neichsräthe legten ihre Vormundschaft nieder, und Gustaf Adolf trat die Regierung an. DaS Reich befand sich in einer höchst traurigen und gefährlichen Lage. Im Innern herrschte Armuth und Uneinigkeit. Die Einkünfte und die Macht des Königs wurden bedeutend durch die großen Lehne beeinträchtigt, welche sowohl den beiden vcrwittwrten Königinnen, Christina und der noch lebenden Katharina Stcnbock*'") so wie auch den Herzogen Johann und Karl Philipp angewiesen waren. Der Adel, durch Karl IX. gewaltsam im Zaume gehalten, nahm die Gelegenheit wahr, und verschaffte sich bei Gustaf Adolfs Huldigung mehrere sehr bedenkliche Vortheile. Die Geistlichkeit war höchlich mißstimmt über die Glaubensverändcrungen wodurch Johann und Karl sie beunruhigt hatten ***), und warf *) Nich« zu verwechseln mit Dalarnc, Dalckarlicn, sondern ein Theil des jetzigen Van McncrSborg. H. ") Dritte und letzte Gemahlin Gnstas I, Wasa's. H. "*) Siehe die Einleitung. 29 Gustaf Adolf wird König. sehnsüchtige Blicke auf den ausgezeichneten und im evangelischen Glauben standhaften König Christian IV. von Dänemark. Der Bürger- und Bauernstand war beinah zu Grunde gerichtet durch die ewigen Kriegtzsteueru und Truppenlieferungen. Im südlichen Schweden waren große Striche Landes vom Feinde verheert; auch in ander» Laudöortcu blieben immer mehr Häuser und Höfe wüst und unangebant liegen, da es an Menschen zur Benutzung, und an Geld zum Versteuern fehlte. Das Elend erzeugte Unzufriedenheit, besonders in Dalekarlie» und Helsingland, wo wirklich bedrohliche Unruhen ausbrachen, und nur mit Mühe gestillt werden konnten. Sigismunds *) Anhänger, oder richtiger Karls vielfältige und bittere Feinde, benutzten die Stimmung der Gemüther. Durch die Landstädte wurden eine Beenge Briefe verbreitet, in welchen das Volk ermähnt ward, „Karls gottlosen Abkömmling zu verlassen. Die Unglücksfällr, welche das Land so hart darnieder drückten, wären eine Strafe des Himmels, für die bewicsne Treulosigkeit gegen ihren gesetzlichen, von Gott verordneten König." Das Reich bedurfte also wohl der Erleichterung und Ruhe; aber statt dessen crfvdcrten feine äußer» Verhältnisse neue Anstrengungen, und dies auf die allerunbedingteste Weise! Gustaf Adolf hatte nehmlich mit den drei Kronen SchwcdeuS auch drei Kriege geerbt, nehmlich gegen Rußland, Polen und Dänemark. Alle drei crfoderten Geld und Menschen; aber der gegen Dänemark war doch der allerbedrohlichste. > Die Dänen, von einem jungen und kraftvollen Könige angeführt, hatten Kalmar, einen der Schlüssel des Reiches, erobert, und die südlichen Städte des Landes überschwemmt. Jetzt stand gleichsam das Herz des 'Reiches, vielleicht seine ganze Selbstständigkeit auf dem Spiele. Kein Ausweg war da! Die öffentlichen Vorräthe und Kassen waren erschöpft und leer, und Gustaf Adolf hatte zuweilen nicht einmal für die täglichen Ausgaben auch nur einige Thaler in der Tasche. Um unbedeutende Schnciderrechnungen zu bezahlen, mußte er Ver- schrcibungen oder Anweisungen auf die bleibenden Steuern, welche die Krone von Butter, Heu, Getreide u. st w. zog, ausstellen. Und manchmal wurden diese nicht einmal angenommen! Man schien zweifelhaft darüber, ob die Krone wohl jemals ihre Per- V ) Siehe die Einleitung. 30 Drittes Capitel. bindlichkeiten werde erfüllen wollen, oder wenigstens ob sie im Stande sein werde, eS zn thun. Siebzehn Jahre und vierzehn Tage war König Gustaf Adolf alt, als er diese Regierung antrat. Drittes Capitel. Der Krieg mit Dänemark. Der Krieg mit Dänemark war in mancher Hinsicht die drückendste Last für das Reich. Der mächtige und gut angeführte Feind war schon weit ins Land gedrungen, und die Aussichten zn seiner Vertreibung »raren höchst trübe. Schweden bedurfte und wünschte Friede», ebenso der junge König. Bei seiner Krönung ließ er daher den, vom Vater angenommenen Titel: Der Lappen und K aj a n cr K ö n i g, welcher zum Theil den Streit veranlaßt hatte, wegfallen; auch machte er außerdem seinem Gegner billige Friedensvorschläge. Sie blieben ohne Antwort. König Christian wollte die so günstige Gelegenheit gegen ein von Allem entblößtes Reich und einen unerfahrnen König benutzen. Aber die Liebe zu diesem Könige und diesem Reiche, und der Haß gegen die Dänen war so groß, daß die schwedischen Stände sich willig neuen Kriegssteucrn unterwarfen. Der König selbst verwandelte Tafel- silber und Kostbarkeiten in Geld, eben so manche Privatpersonen, und Anleihen wurden in und außerhalb Landes geschlossen. Vermöge dieser Hülfsmittel wurden einige Truppen zusammengebracht und ausgerüstet, mit deren Hülfe es Gustaf Adolf gelang, die allcrdrohendsten Gefahren abzuwehren. Der Krieg ward nach der Sitte der Zeit unter Plünderungen und unmenschlichen Verheerungen geführt. Das Glück war veränderlich, doch behauptete Dänemark im Ganzen das Uebergewicht. Unter den Schweden zeichneten sich, nächst dem Könige selbst, eben auch Herzog Johann, und die schon zu Karls Zeit erprobten Helden Nils Stjernsköld (Sternschild), Jesper Cruus und Peter Hammersiölv (Hammerschild) aus, und eS gelang allmählig ihrer Tapferkeit und ihren eifrigen Anstrengungen dem übermächtigen Feinde das weitere Vordringen zu verwehren, und endlich dem Vaterlande einen erträglichen Frieden zn verschaffen. —- Wir wollen aus diesem Kriege einige der merkwürdigsten Begebenheiten anführen. Der Krieg mit Dänemark. 31 Das Treffen bei Wittsjö. — Im Januar 1612 machten die Dänen einen Einfall in Smaland, wo sie zufällig keine schwedischen Truppen vorfanden. Das Land ward überschwemmt, und auf das grausamste verheert. Hunderte von Dörfern wurden verbrannt, eben so die Stadt Weriö und das Schloß von Kronoberg, worauf der Feind sich gegen Jönköping zu wenden schien. Gustaf Adolf, welcher beabsichtigte, von Kalmar aus in Blekingen einzubrechen, eilte fetzt mit seinem kleinen Heere von nur 3000 Mann nach Smaland; aber dies Heer ward von Nils Stjernsköld, Herrmann Wrangel und ähnlichen Männern angeführt. Die Dänen zogen sich an der Grenze hinunter zurück; Gustaf Adolf folgte ihnen auf den Fersen nach. „Morgen", schrieb er dem Herzog Johann, „denken wir unsere Mittagsmahlzeit in Dänemark zu halten." — Am folgenden Tage, es war der 5. Februar, überschritt er auch die Gränze, und ruckte in Schonen ein. Kein Widerstand ward versucht und das offne Land schauderhaft verheert. Die Stadt Wä und vier und zwanzig Kirchspiele zwischen Göinge und Willand wurden ausgeplündert und niedergebrannt, die Weiber mißbandelt, die Kinder ermordet. Die Einwohner, von Verzweiflung ergriffen, zündeten selbst ihre Wohnungen an und flohen in die Wälder; ja manche, welche nicht entkommen konnten, tödteten sich selbst, um der Wuth der Soldaten zu entgehen. — Inzwischen fingen die KricgSvorräthe an zn fehlen; außerdem erfuhr man, daß der Feind sich in bedeutender Anzahl um Ähus zusammenziehe. Gustav Adolf beschloß daher, sich mit den Truppen zu vereinigen, welche unter Herzog Johann und Jesper Cruus in Halland standen. In dieser Absicht zog er auf der westlichen Seite über die Gränze hinaus, und kam den 11. Februar Abends bei Wittsfö an, wo er über Nacht lagerte. Unterdessen hatte der dänische Anführer, Breide Nantzow, eine überlegne Macht gesammelt, und es gelang ihm damit die Schweden zn überraschen. Erst Abends um 5 Uhr fand der Ueberfall statt. Gustaf Adolf hatte schon seine Artillerie und einen Theil des Heeres voraus- gesandt. Die Zurückgebliebenen suchten sich aus dem Kirchhofe zu vertheidigen; wurden aber balv in Unordnung gebracht. Herrmann Wrangel, nebst mehrern andern Befehlshabern, wurde gefangen genommen, mehrere Hundert niedergehauen, und Viele, welche 32 Drittes Capitel. sich über den zngefrornen See retten wollten, ertranken. Der König selbst war nahe daran ihr Leos zu theilen. Das Eis brach unter seinem Pserde zusammen, und beide stürzten ins Wasser. In der Verwirrung der Flucht und dem beginnenden Abenddunkel schien der König rettungslos verloren; aber sein Kammerjunker, Per Bauer, nebst einem uppländischen Reiter, Namens Thomas Larsson, eilten herbei, und es gelang ihnen, ihm wieder aufzuhelfen. Bauer fiel dabei selbst in die Oeffnung, ward aber von seinem Bruder Nils Baner gerettet. Kaum war Gustaf Adolf aus dem Wasser, als er sich den silbernen Gürtel abschnallte, und ihn Thomas Larsson reichte, indem er sagte- „Ich werde dich mit einem Stück Brod bedenken, das für dich und deine Kinder hinreichen soll!" Der verfolgende Feind ließ keine Zeit zu längerem Zwiegespräch. Durchnäßt, aber vom Dunkel der Nacht begünstigt, eilte der König mit den übrigen Flüchtlingen auf unbekannten Waldwegen nach Smaland hinauf. Die Dänen machten viele Gefangene und eroberten mehrere Fahnen, außerdem auch Gustaf Adolfs Pferd, Degen und Pistolen, welche letztere mit Edelsteinen und reicher Vergoldung geschmückt waren. Sie gaben den Verlust der Schweden auf 1400 Mann an, Gustaf Adolf aber nur auf 300. Nantzow beabsichtigte den errungenen Vortheil zu benutzen und in Smaland einzufallen; aber Gustaf Adolf ließ daselbst allen waffenfähigen Männern entbieten, sich unter Stjernsköld's Anführung zu versammeln, und Nantzow fand für gut von seinem Unternehmen abzustehen. Als Gustaf Adolf im folgenden Jahre durch WcsteräS reiste, gab er die Besitzung Jgelsta im Kirchspiele Romfertuna dem Reiter Thomas Larsson und dessen Nachkommen zum immerwährenden Bcsitzthume. Bei den großen gerichtlichen Untersuchungen in Karls XI. Zeit, ward sie wieder für die Krone eingezogen. Doch der König besann sich bald. Schon 1683, bet einer Musterung zu Westcräs, schenkte er dieselbe von neuem, als einen eidlichen Nittersitz der Krone (mit welchem für den Eigenthümer die Verpflichtung verbunden war, einen Reiter zu stellen) Thomas Larsson's Enkeln und Erben. Per Bauer ward bet des Königs Krönung zum Ritter geschlagen, und genoß manche Gunstbezeugungen, sowohl für seine an den Tag gelegte Treue bet Wittsjö, wie für seine übrigen Der Krieg mit Dänemark. 33 guten Eigenschaften, Er war der zweite Sohn deS in Linköping enthaupteten Gustaf Bauer *) und ein im gemeinen Wesen erfahrner, thätiger und redlicher Herr, Er ward endlich Reichs - und Kanzleirath, und stand während Arel Orenstjcrna'S Abwesenheit zehn Jahre lang der Kanzlei vor, und dieS unter den schwierigsten Zeiten des dreißigjährigen Krieges. Gnllbergs Vertheidigung. (Frau Emerentia). Während diese Begebenheiten an der südöstlichen Grenze statt fanden, war König Christian mit einem zweiten dänischen Heere an der westlichen Seite eingefallen, und hatte Ny-Lödöse erobert. Die Stadt übergab sich ohne Widerstand; dennoch wird berichtet, daß alle Männer niedergehauen wurden. Von dort wandte sich der Feind gegen Gnllberg. Diese Festung war vor Kurzem mit Mannschaft und Lebensrnitteln versehen und Martin Kraken anvertraut worden, welcher mit Emerentia Pauli verheirathet war. Am 27. Januar, 2 Uhr Morgens, begann König Christian mit drei bis viertausend Mann den Sturm, fand aber tapfern Widerstand. Als die Dänen ihre Sturmleitern anlegten, ließ Krakou schwere Faübänme auf sie hinab, die Leitern und Menschen zermalmten. Die Nachfolgenden wurde» mit Steinen und Schüssen empfangen, und so ein Sturm nach dem andern zurückgeschlagen. Endlich ward Krakou am Arm verwundet und verletzte sich das Bein so, daß es unbrauchbar ward; aber Frau Emerentia übernahm den Befehl mit eben so viel Muth als Erfolg. Eine Petarde hatte das Thor gesprengt, so daß einige Dänen bis unter das Gewölbe desselben vordrangen; aber Frau Emerentia hatte, an der Spitze der Soldatenfrauen, eine Menge Kufen, Tonnen und anderer Holzgeräthschafte» dahin geschleppt, welche den Feind verhinderten im ersten Anfall durchzudringen. Unterdessen ließ sie auf dem Dache eines kleinen nebenan stehenden Hauses zwei Kanonen aufstellen, welche mit abgebrochnen Hufeisen und anderin Eisenwerk die andringenden Dänen begrüßten. Zu gleicher Zeit harte sie heiße Lange auf die Mauer bringen lassen, und gerade als die Feinde am dichtesten nach dem Thore hin drängten, goß sie die Lauge auf sie hinunter, so daß jene, um uns ihrer eigenen Worte zu bedienen, „wie abgebrühete Schweine unter dem Thor- I ) Siehe die Linleiittiig. 4 -' - ' -F'-. i rL Drittes Capitel. gewölbc liegen blieben." Die Dänen erneuerten indessen bei: Sturm noch mehrmals, so daß daS nnter die Schweden vertheilte Pulver endlich verbraucht war. Der Hauptmann Swcn zu Namna- klcf, hatte die Pulverkammer verschlossen, den Schlüssel zu sich genommen, und sich dann, wie man glaubt aus Furcht, heimlich versteckt. Fran Emerentia ließ die Thür aufbrechen, und hinlänglich Pulver austheilen; dann suchte sie Herrn Swen aus, der sich an einem schmählichen Orte verborgen hatte, woselbst er mit einigen schmutzigen Beweisen von Fran Emercntia's Verachtung vorlieb nehmen mußte! — Die Dänen hatten nun vier Petarden springen lassen, und fünfmal Sturm gelaufen, beides ohne irgend einen bedeutenden Vortheil gewonnen zu haben. Als die Morgendämmerung eintrat, zwischen 7 und 8 Uhr, zogen sie sich daher zurück, indem sie eine große Anzahl von Todten zurückließen. Unerachtct ihres Abzuges, ging Frau Emerentia wachsam bei den Mauern umher. Bei der zunehmenden Helle des Tages, sah sie unten aus der Wiese einen dänischen Befehlshaber, der auf einem weißen Pferde saß. „Schieß auf den da!" sprach sie-zu einem der geschicktesten Schützen. Er that es. Der Befehlshaber war Christian selbst. Der Schuß traf das Pferd so, daß Gehirn und Blut den König bespritzte. „Der Kukuck hol' die Krähe! *) die schläft nicht!" rief Christian aus, und zog sich mit dem Heer noch weiter von der Festung zurück. Nun erst wandte sich Frau Emerentia nach dem Innern der Burg. Dort fand sie in ihrer Stube dreißig gefangne Dänen, welche um Esse» baten, indem sie jämmerlich klagten, daß sie seit zwei Tagen nichts erhalten hätten. Frau Emerentia antwortete, „das; sie ihnen Brod znm Todestage geben wolle" — ließ sie darauf hinausführen, und Alle niederhauen, einen Einzigen ausgenommen. Nnn kam Botschaft von Christian, mit dem Ersuchen, seine Todten begraben zu dürfen. Frau Emerentia antwortete: „Hat Gott uns Glück gegeben, daß wir sie erschlagen konnten, so sind wir auch wohl im Stande, sie selbst zu begraben." „Aber," fügte sie hinzu, „der Besuch der Dänen kam uns diesmal gar zn unvcrmnthet! Wollen sie uns diesen Mittag noch einmal die Ehre erzeigen, so werden wir einen bessern Empfang für sie in Bereitschaft haben!" — ") Litt Wettspiel, indem Krähe auf Schwedisch Kräka hecht. H. Der Krieg mit Dänemark. 35 Christian nahm die Einladung nicht an, sondern rückte gegen Clfsborg, und Martin Kraken ließ 200 Dänen begraben, welche vor der Festung umher lagen. Frau Emcrentia'S Tapferkeit blieb noch lange und weit umher berühmt; und über ihren Mann hört man noch jetzt in dortiger Gegend unter dem Volke folgenden Reim: „Herr Kreik cj hade mcr an cn Hand och cn fot; Och likawäl sä stod hau sä inamielig emot *)." Nach einem eben so vergeblichen Versuch gegen Elssborg, wandte sich Christian nach Westgothland hinauf. Der ganze südwestliche Theil desselben ward verheert. Die Städte Skara und Alt-Lödöse, die Schlösser LärkeSholm, Gräfsnäs und Höjcntorp, die bischöfliche Wohnung zu VrumSbo, nebst mehr als dreitausend Dörfern wurden in Asche gelegt; die Bewohner mit unmenschlicher Grausamkeit behandelt, und eine bedeutende Beute gemacht, besonders zu GräfSnäs, wohin die ganze Gegend, im Vertrauen auf die Uneinnehmbarkeit des Schlosses, ihre Kostbarkeiten gebracht halte. Endlich faßte der Vogt Lars Jonsson Muth, und sammelte die Bauern deS Distriktes Walla, worauf die Dänen sich nach Halland zurückzogen, wo in der Kirche zu Warberg öffentliche Danksagungen über den glücklichen Zug gehalten wurden. Treffen aus der Skillinger Heide. — Beinah zu derselben Zeit, als Christian Westgothland verheerte, waren Herzog Johann und JeSpcr CruuS in das gleichfalls vertheidigungslose Halland eingefallen: achtzehn Kirchspiele wurden verheert und Warberg verbrannt. Endlich traf man doch bei letztgenannter Stadt auf einige Truppen, welche aber in die Flucht geschlagen, und beinah zwei Meilen weit, bis nahe bei Falkenberg gejagt wurden. Aber gerade als sie über die Skillinger Heide ritten, kamen zu ihrer Hülse sieben Fahnen Reiter an, von König Christian selbst geführt, welcher gerade auf seinem Rückzüge von Westgothland war. Ein kurzer, aber heftiger Kampf entstand. Die Schweden, schon zur Hälfte Sieger, griffen heftig und übermüthig an, rufend: „Jüte, Jüte, hast Du keinen Priester Lei Dir?" nehmlich um sie zum Tode vorzubereiten. Die Dänen, schon durch die vorhergegangnc Niederlage entmuthigt und in Unordnung gebracht, leisteten nur schwachen Widerstand, wie eifrig auch die *) Hcrr Kriik hatt' nicht mehr als eine,. Faß und eine Hand, n»d gleich, wohl hielt er so männlich Stand. 3 * Anführer sie aufzumuntern suchten. Der vier und zwanzigjährige Stet, Rosensparrc (Noscnsparrcn) stürzte sich mitten in den Kamps, um seine LandSlentc zu vermögen Stand zu halten. Einer seiner Freunde dat ihn vorsichtig zu sein. „Bedenke," rief er, „daß Du der Letzte der Rosensparre bist!" - - „Du hast Recht," antwortete Herr Sten: „das ist ein schöner Gedanke — ein guter Name geht über Alles!" und mit diesen Worten stürzte er sich mitten unter die schwedischen Hansen. Nach wenigen Augenblicken war er niedergehauen, eben so Franz Rantzow nebst mehrer» ander» Edelleuten. Die Däne» warfen sich in die Flucht, die Schweden folgten ihnen auf dem Fuße nach. Vei'm FrägnaredS , Felde blieb König Christians Pferd in einem Moraste stecken.- Die übrigen Dänen waren schon voraus, die Schweden kamen spornstreichs nach, und Tod oder Gefangenschaft schwebte über seinem Haupte. Da eilte Christian Barnekvu vorbei, sah deS Königs Gefahr und überließ ihm sein Pferd; worauf Christian entfloh und Barne- kou niedergehauen ward. Die einbrechende Stacht rettete die Dänen vor einer vollkommncn Niederlage. „Wenn der Tag ein paar Stunden weiter gereicht hätte," sagte Herzog Johann, „so hätten meine Augen ihre Lust an Schwedens Feinden sehen können!" Zweihundert fünfzig oder dreihundert Dänen hatten unterdessen inS Gras beißen müssen. Ein großer, rostfleckiger Stein auf dem Frägnarcds Felde führt noch jetzt den Namen: Christian Barnekon's Stein. „Hier war es," sagt das Volk, „wo Barnekon von den Schweden ge- lödtet ward, und dies sind die Flecken seines treuen Blutes, welches niemals von dem Steine hat abgewaschen werden können." ElfsborgS Fall. Die Festung Clfsborg beherrschte den Ausfluß der Göta - Elf *), und vertheidigte das kürzlich angelegte Göteborg (Gothenburg), welche Stadt mit ihrem aufblühenden Handel den Dänen stets ein Dorn im Auge war. Christian wollte die Gelegenheit benutzen, um wo möglich Stadt und Festung zu zerstören, und zog daher mit einer ansehnlichen Macht, theils zu Lande, theils zur See, dahin. Adolf Sträle (Strahl) führte den Oberbefehl zu Clfsborg, und hatte kürzlich so bedeutende Vcr- ) Das schwedische Wort Elf heißt Fluß. H> Dcr Krieg mit Danetnark. 3 / beffcrungen an den FcstungSlvcrken vorgenommen, das, er erkläue, er brauche keinen Feind inehr zn »ürchtcu Aber bei dem Gerüchte vom Herannahen deü dänischen Heeres sing er an, klagende Briefe an den König zu schreiben, und verlangte entweder seiner Stelle entledigt zn werden oder Verstärkung zu erhalten; hinzufügend, „dafi er steh nicht getraute die Festung behaupten zn können/' — Gustaf Adolf ermähnte ihn, „als ein tapfrer und beherzter Schwede, einen für das Vaterland so wichtige» Platz zn vertheidigen. Zugleich gelobte der König bald selbst zum Entsatz herbei zu eilen." — Unterdessen erhielt Nils Stjernskölv den Vesehl, mit frischen Truppen zur Verstärkung hin zu eilen, aber er kam zu spät; Cbristiau hatte die Festung schon eingeschlossen, und zwei dänische Kriegsschiffe, welche sich zwischen dem Stegebergc lind Otrillan legten, schnitten alle weitere Zufuhr ab. Stjcrnsköld zog sich zurück, und suchte nur den Feind an ausgedehntem Streif- zügen zu verhindern. Christian nahm nun die Belagerung mit großem Ernste vor, und bemächtigte sich bald einiger der Anßenwerke. Er foderte daher die Festung auf sich zu übergeben, allein Strecke antwortete durch zwei Ausfälle. Da ließ Christian mehrere Batterien auffahren, und schoß den Thurm und die Wälle nieder, so daß diese in ihrem Falle den Graben füllten. Nun ward die Anffoderung erneuen, aber Strale antwortete: „Daß Elfsborg nicht Kalmar wäre*/». Er wolle mit dein Feinde nur durch Kugeln und Pulver reden." — Das Schießen begann von neuem, und gegen Abend beschloß Christian zu stürmen. Einige englische Truppen wurden zuerit gegen den Mauerbruch geschickt. Es gelang ihnen wohl hinein zu kommen, aber sie wurden unverzüglich und mit der größten Tapferkeit wieder hknanSgctrieben, so daß zwei hundert Mann todt im Graben lagen. Christian ließ sein eignes Lcibregiment a» der Stelle der Engländer anrücken, aber auch diese ausgesuchten Truppen konnten nichts ausrichten. Die Seh,reden überschütteten sie mit brennenden Pechkränzen, siedendem Wasser und kräftigen Hieben. Sie mußten sich »»verrichteter Sache zurückziehen. Aber in der Festung stand eö auch sehr schlimm. Duieh das Hanthieren mit den Pechkränzen war Feuer auSgebroehen, Kalmar war, mitte Karl IX., durch Bcrrälycrc, dc» Bcschlchadei» m d>c GcweM der Dancu gekommen. -G Drittes Capitel. und der Feind bemühte sich, durch unaufhörliches Schiefen den Brand noch zu vermehren. Beinah die Hälfte der Besatzung war gefallen; nur noch zwei hundert Mann waren übrig geblieben, und auch diese zum Theil krank und verwundet; Sträle selbst hatte eine Kugel in den Schenkel bekommen. Nun kam die erneute Ermahnung „die Burg zu übergeben, sonst sollte kein einziger Mensch darin am Leben gelassen werden." Sträle sah keine Möglichkeit sich länger zu vertheidigen, sondern übergab das Schloß gegen freien Abzug mit stiegendcn Fahnen und klingendem Spiel. Die Belagerung hatte neunzehn Tage gewährt. Der Dänen Freude über diese Eroberung war sehr groß. Christian ließ znm Andenken daran eine Schaumünze Prägen, und seine Hcflcntc tranken in der eingenommncn Festung ihrer heimge- llicbcnen Frauen Gesundheit, unter Spiel und Scherz. Die Freude ward noch größer, als sie sechs Tage nachher, ohne Schwertschlag, Gullbergs Schloß mit 80 Kanonen, 1500 Musketen und Lebensrnittel für ein ganzes Jahr inue bekamen. Die Besatzung, durch Elfsborgs Geschick in Schrecken gesetzt, hatte nicht einmal versucht, sich zu wehren. Martin Krakou und Eme- rentia Pauli waren schon früher nach Warholm versetzt worden. Dies doppelte Unglück erweckte in Schweden Bestürzung, Zorn und Sorge, sowohl beim Könige, wie beim Volke, Stjern- scöld erhielt einen strengen Verweis; Sträle kam noch schlimmer weg. Er ward gefangen genommen, vor Gericht gezogen, aber doch in Betracht seiner tapfern Vertheidigung freigesprochen. Indessen, als später das theure Lösegeld für Elfsbcrg erlegt werden mußte, erweckte dies in jeder Hütte, und bei jeder Auszahlung des Beitrages von neuem den Unwillen über Olof Sträle. Selbst Gustaf Adolf konnte dieser Gefühle nicht Herr werden. Als er Im Jahr 1617 nach Elfsborg kam, und es ihm nach der Lage desselben schien, daß das Schloß möglicher Weise noch einige Zeit hätte vertheidigt werden können, ließ er von neuem eine gerichtliche Untersuchung gegen Sträle vornehmen, wo dieser dann zu einer ansehnlichen Geldstrafe verurtheilt ward. Das Volk hörte aber doch niemals auf, bald durch höhnenden Spott, bald durch Schimpfworte den Unglücklichen zu verfolgen, und selbst der -Regierung Schutzbrief vermochte nicht, ihn vor diesem Ausbruche deS allgemeinen Unwillens zu retten. Dcr Krieg mit Danoinnrk. Die Dänen bei Warholm. Im August 1612 hatte König Christinn die dänische Flotte in den vollkommensten Stund gesetzt, und führte sie hierauf nach den Scheren von Stockholm. Die schwedische Flotte lag unter Göran Gyllenstjerna (Gülvenstern), schwach bemannt und in elendem Zustande bei Elssnabben. Ais Christian nach Dalarön kam, wandte sich daher Gyllenstjerna zurück, und legte sich unter Warholms Kanonen. Die Dänen folgten ihm bis Södra Stäke, (1'^ Meile von Stockholm) und Djur- hamm. Ihre Ankunft erregte einen außerordentlichen Schrecken in Stockholm und den umherliegenden Städten. Die verwittwete Königin Christina flüchtete von Nyköping nach Gripsholm, wohin auch eiligst alle Kostbarkeiten und wichtige Papiere gebracht wurden. Die Einwohner des Herzogthumes wurden zur Vertheidigung der Küste, die Westmannländer und Uppländer nach Stockholm entboten. Die Dalekarlier zogen freiwillig aus, und vor dem Süd- thore sing man schon an Bollwerke aufzuführen. Die dänische Flotte drang unterdessen aber doch bis Warholm vor. Doch hier führte Martin Krakou den Befehl, und unter der Festung Gyllen- stjerna mit der Flotte. Christian stieg selbst an's Land, untersuchte die Lage, und fing an die Festung zu beschießen, aber ohne Erfolg. Er foderte die schwedische Flotte zu einer Seeschlacht heraus; aber Gyllenstjerna lag mit seinen Schiffen unbeweglich unter Krakou's schützenden Kanonen. In Srockholm hatte indessen die Furcht vor einem Besuche des Feindes den höchsten Grad erreicht, und der eine Eilbote nach dem andern ward an den König abgefertigt. Dieser war gerade von einer schweren Krankheit erstanden, die er sich auf den beständigen gleisen zugezogen hatte. Zu Zönköping traf ihn der erste Bote. Augenblicklich warf er sich aufs Pferd und eilte, von nur zwei Personen gefolgt, Tag und Nacht hindurch nach Stockholm, wo er nach dreimal 24 Stunden, Morgens um 3 Uhr, ankam. Zwei Stunden später saß er schon wieder zu Pferde, und eilte an der Spitze einiger in Eile zusammen berufener Truppen nach Warholm hin. Er hoffte, nicht nur Stockholm vertheidigen zu können, sondern auch daß Wind und Wasser die Dänen in den Scheren aufhalten würden, so daß er selbst unterdessen mehr Truppen sammeln und sowohl sie selbst wie ihre Flotte zerstören könnte. Aber Christian hatte schon eingesehen, daß er nichts 40 Drittes Capitel. ausrichten konnte. Der Wind war günstig, und gerade den Tag vor Gustaf Aoolfs Ankunft hatte er die schwedischen Scheren schon wieder verlassen. Gerhard Nantzow's Zug. Ungefähr zur selben Zeit als Christian Elfsborg eroberte, führte Gerhard Nantzow eine andre dänische Kriegsmacht von Kalmar nach Smäland hin. Beide Heere sollten zu Jönköping zusammentreffen. Die Schweden wurden mit Leichtigkeit anS den Ryßby'schen Schanzen vertrieben, welche hierauf vom Feinde eingenommen wurden, so wie auch das Land oberhalb Högsbp und Möusteras. Darauf ward, freilich nach scharfem Widerstände, Borgholm, nebst ganz Oeland erobert, dessen Einwohner, besonders die Geistlichkeit, ihre bisher bewiesen« Treue gegen Schweden theuer bezahlen mußten. Hierauf ward der Zug nach Wimmerby und Westerwik fortgesetzt, letzteres niedergebrannt, und die durchzogenen Kirchspiele verheert. Nantzow fügte dem Lande einen Schaden zu, der durch mehrere Jahre nicht wieder gut gemacht werden konnte. Man fürchtete jeden Tag seinen Besuch in Ostgothland, und die Erinnerung an Daniel Nantzow's Verheerungen in Erichs XIV. Zeit vermehrte den Schrecken. Aber als die Noth am höchsten war, erschien auch die Hülfe. Schon vorher hatte Gustaf Adolf Peter Hammarsköld und einige andre tapfre Herren zu Anführern der Bauernschaarcn ernannt, die sich in den Wäldern gegen den Feind zusammengerottet hatten. Als er nun noch in eigner Person und mit ordentlichen Truppen hinzu kam, mußte Nantzow sich zurückziehen. Er ward auf daS Heftigste verfolgt, theils durch das Kriegsvolk, theils durch die Bauern. In manchen kleinen Scharzmützeln erlitten die Dänen beständige Verluste, und manche Gegenden und Orte des Landes erhalten »och jetzt beim Landvolke das Andenken a» die frühern Kämpfe. Auf dem Rückzüge verlor Nantzow 1500 Mann. Während Gustaf Adolf so an der östlichen Grenze beschäftigt war, war König Christian von der westlichen nach Jönköping vorgedrungen. Aber hier erreichte ihn die Nachricht von Nantzow's Rückzug, und daß Gustaf Adolf in vollem Anrücken sei. Christian sah, daß der Hauptzweck ganz verfehlt worden, und zog daher schon nach der dänischen Grenze zurück, ehe er »och von den verfolgenden Schweden erreicht woi'dcn war. Der Kriog mit Dänemark. 4t Peter Mickel ü s o n H a m m a r s k ö l d. Zu Hammarscbo, einem Dorfe im Kirchspiele Malilla in Siuäland, ward von armen Eltern der später so berühmte Peter Mickrlsson geboren *). Als Kind verdiente er sich seinen Lebensunterhalt dadurch, daß er das Vieh vermögenderer Ackerbauern hütete, kam aber einst zufällig unter einen so unbilligen Hausherrn, daß Peter es nicht länger i» seinem Dienste aushalten konnte. Er entfloh »ach Kalmar, und kam als Troßbube, später als Reiter, in König Sigismunds Dienst. Hier zeichnete er sich bald durch muthige Naschheit und Zuverläßigkeit aus, erstieg die niedern Befehlsstufeu, und war bei Freund und Feind, sowohl für seine Tapferkeit wie für seine unerschütterliche Treue gegen seinen König bekannt. In der Schlacht bei Stäugebro *'*) ward er gefangen und vor den Herzog (nachher Karl IX.) geführt. „So hab' ich dich nun endlich gefaßt, du Schelm!" rief der Herzog aus. Peter antwortete kühn: „Ich bin kein Schelm, Ew. Gnaden! Meinem Könige habe ich Treue geschworen, und ihm habe ich als ein ehrlicher Mann gedient. Wenn ich Ew. Gnaden meinen Eid geleistet hätte, so würde ich denselben eben so treu gehalten haben." — Der Herzog fand Gefallen an seinem offnen Benehmen, Peter ward begnadigt und in Karls Dienst genommen, wo er denselben Eifer zeigte, wie früher unter Sigismund; er ward Rittmeister, Statthalter von Oeland, und 161«, unter dem Namen Hammar- skölv geadelt. Im Winter des Jahres 1612 versuchten die Dänen mehrmals zu Oeland zu landen, wurden aber stets von Hammarstölv kräftig zurückgewiesen. Mitte Februar war eine so starke Kälte eingetreten, daß der kalmarsche Sund mit Eis bedeckt war. Da zogen die Dänen in voller Schlachtordnung darüber dem festen Lande zu. -Aber Hammarsköld hatte, um desto besser Wache halten zu können, die ganze Zeit über außen im Dorfe Björn- hofva gelegen. Als er den Feind anrücken sah, verbarg er einen Theil seiner Leute in einem nahgelegnen Walde, den andern Theil stellte er am Strande auf und mit dem dritten zog er selbst über *) Nach andern Nachrichten sollte er der Sohn des Statthalters Mittel zu Kalmar sein. 8^- .. ") I» dieser Schlacht erfocht Karl einen so vollkommenen Sieg nber Sigismnnd, daß dieser seitdem die Krone Schwedens slir verloren ansehen konnte. H- ..->1 ' »! Driltcö Capitel. das CiS den Dänen entgegen. Diese wurden so empfangen, daß sie sich nach Kalmar zurückwandten, und nachher eine lange Zeit nicht wagten, Ocland oder Peter Hammarsköld anzugreifen! Es war im Juni deS Jahres 1612 , als Gerhard Rantzow seinen früher erwähnten Zug antrat. Er begann ihn mit einem Angriff auf Oeland. Am Pfingsttage, früh Morgens, stiegen die dänischen Truppen an fünf Stellen aus Land, die Hauptmacht unter Nantzow selbst nicht weit von Mörbylanga. Hammarsköld, durch Spione zum Voraus von Allem unterrichtet, rückte ihm gleich nach der Landung entgegen. Ein heftiger Kampf entspann sich, und währte beinah den ganzen Vormittag. Mehrere Male mußten die Dänen weichen, aber ihre Kanonen und ihre Ueber- macht zwangen Hammarsköld endlich doch, sich zurückzuziehen. Er hatte zwei Meilen Wegs bis zur Festung, und ward dabei unaufhörlich durch die dänische Reiterei beunruhigt. Aber Ham- marsköld erhielt seine Leute in so guter Ordnung, daß sie ohne einen bedeutenden Verlust nach dem Schlosse zurückgelangten. Den folgenden Tag waren die Dänen von allen Seiten näher gerückt. Nichts desto weniger verließ Hammarsköld die Festung aus eine halbe Meile weit, und sing an, mit dem Feinde zu scharmützeln. Die Soldaten hatte er in die Mitte gestellt, die Bauern auf den Flügeln. 'Anfangs war er im Vortheile, aber bald geriethen die Bauern in Unordnung. Das ganze Heer ward vom Feinde eingeschlossen, und Hammarskölv sah sich vom Schlosse abgeschnitten. Da machte er an der Spitze der Soldaten einen verzweifelte» Angriff, unv es gelang ihm, sich durchzuschlagen. Nun fing eine s»hr heftige Belagerung an. Elf Tage lang warfen die Dänen unaufhörlich Feuerbälle und Kugeln gegen die Festung. Hammarsköld hatte vier Compagnien Solvaten bei sich; aber seine Kanonen waren so klein, daß sie den Dänen keinen bedeutenden Abbruch thun konnten. Nach einigen Tagen des Beschießen) fingen Brustwehr und Mauerlhürme an niederzustürzen, und wie eifrig auch die Schweden sich bemühten, durch neue, an der innern Seite aufgeführte Wälle die Oeffnungcn auszufüllen, so war dies doch vergebens; venn ein Stück Mauer nach dein andern stürzte in den Graben, und die Dänen fingen schon an, sich zum Sturme bereit zu machen. Da stellte die Besatzung Hammarskölv vor, daß er besser daran thun würde, sein und der Seinige» Der Krieg mit Dänemark. 43 Leben für den künftigen Dienst des Vaterlandes aufzusparen, als durch einen nutzlosen Widerstand sowohl Truppen als Festung aufzuopfern. Man Lot eine Kapitulation an; doch die Dänen fodcrten: „daß vor allein Andern Hammarsköld ausgeliefert werden sollte, danach wollten sie das klebrige in Erwägung ziehen." Dieser Vorschlag erregte zornigen Schmerz bei der Besatzung. „Eher", riefen die Soldaten, „werden wir sterben! eher lassen wir uns vom Feinde niedersäbcln, oder zünden selbst den Pul- verthurm an, ehe wir unsern Anführer verlassen!" Nantzow wagte die Sache bei einer so gesinnten Besatzung nicht weiter zu treiben, sondern gewährte ihr freien Abzug, mit der Bedingung, das Schloß nebst Kriegsvorräihe zu übergeben. Für sich besonders mußte Peter Hammarsköld geloben, drei Jahre lang nicht die Waffen gegen die Dänen zu tragen. Aber die letzteren hielten ihr Versprechen nicht, sondern plünderten unter verschiedenen Verwänden die ausziehende Besatzung. Hammarsköld sah sich daher auch nicht für verbunden an, den geleisteten Eid zu halten, sondern trat gleich wieder in Dienst, sobald er zu den Schweden gekommen war. Er bemannte mit Fischern und Bauern einige Scherenboote und griff die Dänen an, die in Westerwik waren. Aber diese ungeübten Leute konnten nur wenig ausrichten, und die Boote wurden theils in den Grund gebohrt, theils in Brand geschossen, so daß Hammarsköld nur mit Mühe das eigne Leben retten konnte. Ohne den Muth zu verlieren, eilte er nach Ost- gothland hinauf, wo die Einwohner gerade in der größten Angst vor dem gefürchteten Einfall durch Nantzow schwebten. I» den Wäldern um Sounnen umher, hatte sich ein Haufen schwedischer Bauern versammelt, welche Hammarsköld znm Anführer verlangten und erhielten. Er half zuerst die Dänen aufhalten und dann sie wegjagen, wie schon erzählt worden. Nach dem Frieden zu Knäröd suchte Hammarsköld die Ruhe. Er war nun ein alter Mann, und außerdem über seinen ganzen Körper zerschossen, zerfleischt und zerhauen, so daß er sich endlich vor Steifheit kaum zu rühren vermochte. Der Friede zu Knäröd. Beide Reiche litten bedeutend durch diesen mit Erbitterung geführten Krieg, besonders Schweden. Dänemarks überwiegende Macht, wie sein Glück schlug die Gemüther nieder. Das Reich war schon durch die langen voraus- 44 Drittes Capitel. gegangenen Unruhen ganz verarmt, lind seine geringen Kräfte »infiten nun noch mich drei verschiedenen Seiten hin vertheil! werden, nach Polen, Rußland und Dänemark. Die südlichen Landschaften, Smäland, Wcstgothland und Dalsland ") mehrmals durch den Feind überschwemmt und verheert, konnten keine Steuern mehr bezahlen, ja kaum noch ihre Bewohner ernähren. Im südöstlichen Winkel von Smäland litt das Volk aber doch am allermeisten. Mehrere Male in jedem Jahre wurden die Kirchspiele sowohl von den Schweden, wie von den Dänen überschwemmt, und jedesmal die Einwohner gezwungen, den gerade gegenwärtigen Siegern den Eid der Treue abzulegen; worauf sie dann wieder von den Nächstfolgenden grausam verfolgt und bestraft wurden, weit sie, wie man sagte, ihre vorher eingegangenen Verpflichtungen gebrochen hätten. DaS arme Volk verbarg sich endlich in den dichte» Wäldern, in seinem Herzen sowohl die Schweden wie die Dänen verwünschend. Unerachtet dieses Unglü-ckS, unerachtet deS vollkommenen Mangels , der überall sichtbar ward, verspürte man doch weniger Niedergeschlagenheit, als man erwarten konnte. Hierzu trug hauptsächlich die Liebe und das Vertrauen zu dem jungen Könige bei. Man sah ihn unermüdlich umher reisen, bald nach der einen, bald nach der andern Seite der Grenze, immer die Stelle aussuchend, wo die Gefahr am größten war. Treu und beharrlich durch Arcl Orenstjerna unterstützt, war er unerschöpflich darin, neue Auswege aufzufinden, um Soldaten, Mund- und Kriegs- vorräthe n. dgl. m. herbeizuschaffen. Seine milde und heitre UmgangSweife belebte Aller Mnth, und als die Dänen zu harte Friedenobedingungcn machten, unterwarfen sich die Schweden ohne Widerspruch sehr drückende» Beiträgen zur Fortsetzung des Krieges. Aber auch Dänemärk schmachtete nach dem Frieden. Christian hatte sehr große Anstrengungen für die beiden beendigten Fcldznge gemacht, der Erfolg aber denselben nicht entsprochen. Gustaf Adolfs täglich mehr steigendes Ansehen, seine zunehmende Erfahrung und Kraft, verminderten die Aussichten für die Zukunft noch mehr. Dänemarks höherer Adel wünschte auch daS Ende dcö KriegcS, aus Furcht, daß daS während desselben gc- ) Eiche im ricn Lap. die UU Ncu. Der Krieg mit Dänemark. 4Z fiiegcnc Ansehen ChrisiianS denselben veranlassen mochte, jene« Freiheiten zn beschränken; daher legte er der Fortsetzung desselben allerhand Hindernisse in den Weg. Als nun dieser König sah, das, nichts weiter auszurichten war, erklärte er sich zum Frieden bereit. Zuerst zn lllföbäck, später zu Knäröd kamen die Bevollmächtigten der beiden Reiche zusammen, unter denen die Reichskanzler Arel Orcnstjerna und Christian Friis. Die stegeSstolzen Dänen selstngeu hmrte Bedingungen vor. In allen minder bedeutenden Punkten gab Gustaf Adolf nach, und das gleich, damit „Keiner ihn übertriebener Ehrsucht beschuldigen könnte." Er entsagte dem Titeln „der Lappen und Kajaner König", und gestaltete Dänemark, drei Kronen im Wappen zn führen, doch mit dem ausdrücklichen Borbehalte, daß darauf kein Anspruch irgend einer Art auf die schwedische Krone könnte gegründet werden. Auch in Wichtigerem mußte er nachgeben, um nur das zu retten, was vom Reiche noch übrig war. Schweden entsagte allen Ansprüchen auf Sonncnburg, so wie auf die Lappen zwischen TitiS- sjord und Waraugcr, und sollte dazu auch noch in sechs Jahren eine Million Thaler bezahlen, für welche Elfsborg mit einigen umherliegenden Distrikten so lange zum Pfande blieb. Der Friede zu Knäröd war einer der allerdrückendsten, welche Schweden jemals mit Dänemark abgeschlossen hatte. Besonders drückend waren die Steuern, welche um der versprochenen Geldsumme willen ausgeschrieben werden mußten, und die unter dein Namen: Elfsborgs Lösegelv lauge in verhaßtem Andenken lebten. Die Meisten, sogar der dänische König selbst, glaubten, daß diese Summe in dem so sehr verarmten Lande unmöglich zusammengebracht werden könnte, und Christian sah sich schon im Geiste als den immerwährenden Besitzer Elfsborgs an; aber vermöge unglaublicher Anstrengungen, sowohl des Königs wie des Volkes, gelang es endlich doch, die bestimmte Summe herbei zu schaffen, und Elssborg mußte zurückgegeben werden. Dieser besonders heftige Krieg mit seinen gegenseitigen Verheerungen, erweckte von neuem den alten Haß zwischen den beiden Nachbarn, und vermehrte ihn noch bedeutend. Besonders erbittert waren die Schweden, welche am meisten gelitten hatten, und durch die jährlichen Beiträge zu Elfsborgs Lösegcld noch immer so cmpstndlich daran erinnert wurden. Dänemark und 46 Viertes Capitel. die Dänen waren der Gegenstand des bittersten, mir Furcht ver- mischten Unwillens, und Virgils Ausdruck: Illmea v„„noz, Dunnum insillino u. s. w., wurde beständig auf das verhaßte Nachbarvolk angewendet. Selbst die Könige theilten diese Den- kungswcise. Beide große und ausgezeichnete Männer, bewiesen sie einander aus alle Weise äußere 'Achtung und Freundschaft, und suchten jede Ursache zu neuen Zwistigkeitcn zu vermeiden. Aber in beider Herzen herrschte heimlich Mißtrauen und Groll. Christian konnte nie vollkommen seinen Neid über Gustaf Adolfs spätere Siege verbergen. Dieser hinwieder erkannte aufrichtig Christians große Eigenschaften an, und erklärte, „daß er den dänischen König unter allen Regenten Europa'S am höchsten schätze; aber," fügte er hinzu, „ich wollte nur, daß wir nicht so nahe Nachbarcn wären!" Viertes Capitel. Der Krieg mit Rußland. In Rußland dauerten die Unruhen noch fort, welche durch die falschen Demetriusse geweckt worden waren. Das Volk, sowohl das höhere wie das niedere, war durch die beständigen Thronwechsel und Kriege verwirrt und verwildert, und im ganzen gleiche fand sich nicht ein einziger Mann, der genug Ansehen und Kraft gehabt hätte, um die streitenden Partheien zu vereinigen. Diese suchten, jede für sich, Unterstützung in Schweden und Polen, und wählten deren Prinzen zn ihren Großfürsten. Diese Nachbarn benutzten aber Rußlands Verlegenheit auf eine ziemlich eigennützige Weise. Polen gelobte den Uladislans *), Schweden den Karl Pbilipp hinzusenden; aber beide suchten unter diesem Verwände nur die Gelegenheit, das ganze unglückliche Land, oder wenigstens einen Theil davon für sich zu erobern. Solches waren die Folgen zuerst von Boris Gudonow's Verbrechen, dann auch von dem so leichtsinnig gegen ihn unternommenen Aufruhr*""). ') Cigismunds Sohn. ") Dce bcriihmtc Großfürst Jwa» Wasiljcwitsch hatte das russische Reich seinem schwachen nnd „»bedeutenden Sohne Fcodor hinterlasse», welcher von dem Brndcr seiner Gemahlin, Boris Gndonow, einen, schlaue», knt)N!„ und nntcrnchmcndcn Manne, ganz nnd gar beherrscht warb. Fecdor's sriiyzeiligcn Tod schrieb man ihm heimlich z»; der Bruder, Demctrius, war schon Dcr Krieg mit Nusluiid. 47 Polens und SchwedenS eigennütziges Verfahren weckte endlich der Nüssen Ansincrksamkeit und Widerstand. Die wenigen Eocl- lente, welche noch etwas Kraft und Vaterlandsliebe besaßen, versammelten sich zu Moskau, und erwählten zum Großfürsten Michael Federowilsch Romanow, einen hoffnungsvollen Jüngling, welcher später der Stammvater des romanowschen Kaiserhauses ward. All» verschiedenen Parihcie» vereinigten sich allmählig um den cinge- bornen Beherrscher, und die betrogenen Hoffnungen erzeugten einen noch gesteigerten Haß gegen die Ausländer. Natürlicher Weise gerieth dadurch die neue Regierung sowohl mit Polen wie mir Schweden in Krieg-, kam aber dabei mehrentheils zn kurz, indem das Land von Allem entblößt, und das Kriegsvolk in der Kriegs- zucht und Ordnung seinen Feinden durchaus untergeordnet war. Rußland ward endlich genöthigt, zn Stolbowa mit Gustaf Adolf einen Frieden einzugehen, welcher der vortheilhafteste war, den Schweden jemals mit diesem Nachbarn abgeschlossen hat. — Die merkwürdigsten Umstände des vorhergegangnen Krieges waren folgende. Herzog Karl Philipps Wahl. Nachdem Jakob de la Gardie *) Nowgorod eingenommen hatte, wählten die Einwohner den damaligen Kronprinzen Gustav Adolf zum Großfürsten. Aber bald kam die Nachricht, daß Karl IX. gestorben, uns Gustaf Adolf zn seinem Nachfolger erwählt worden sei. De la Gardie sah vor- frühcr ermordet worden, und Boris bestieg nun den erledigte» Thron. Aber obgleich er. durch eine kluge und kräftige Regierung die öffentliche Meinung z» versöhnen suchte, so lebte doch hcinilich eine so allgemeine Unzufriedenheit im Volke fort, da» es dem Betrüger Griska gelang, sich unter den, Verwände, das! er der dem Tode entronnene Dcmctrins sei, einen so großen Anhang zu verschaffen, daß Boris sich vergiftete und Griska seine Stelle einnähn,, die er aber bald durch grausames und lasterhaftes Verfahren wieder einbüßte, obsihon ersteh mit der Tochter eines der mächtigsten russischen Großen, der schönen und schlauen Marina, vermählt hatte. Als dieser erste falsch« Dcmcteius ermordet worden, ward Marina ins Kloster gesteckt, und der angesehene Anführer Wastli) Szuifkt) znm Großfürsten erwählt. Doch bald erhob sich ein »euer Betrüger, der Schulmeister Johann von Sokola, und gab sich für den, seinen Mördern entronnenen, Demetrins aus. Marina ward aus den, Kloster geholt und stellte sich als erkannte sie in dem Betrüger wuklich ihren Gemahl. Doch auch dieser zweite falsche Dcmtcrins ward bald ermordet, und Marina hatte zwar Muth und Geist genug, um sich znr Herrscherin auszuwerfen, ward aber nicht von. Glück begünstigt. — Schon vor des letzten DcmetriuS Tode war Szuisk» wieder abgesetzt worden, und nachdem der blutige Kampf der Parthcicn noch einige Zeit fortgesetzt worden, trat dicAeitpcricdc ei», welche dieses Lapitcl schildert. (Man sehe aber auch die 8,e Rote in, 28stc» Lapitcl.) H. ") Siehe die Stc Note im 2-jsten Lapitcl, H. 48 Viertes Capitel. . « -i' aus, daß die Nüssen auf keine Weise würden vermocht werden können, den schwedischen König selbst znm Beherrscher zu nehmen. Er hielt daher den eingetretenen Todesfall einige Zeit geheim, bis die Gemüther gehörig vorbereitet waren, worauf Herzog Karl Philipp a» dcö Bruders Stelle auSerkohren ward. Obgleich diese Wahl durch de la Gardie'ö Ansehen und unter dem Einflüsse der schwedischen Kanonen vorgeschrieben worden, so ward sie doch balv und ziemlich allgemein anerkannt. Die Landesstriche von Archangel, Jaroslaw, ja selbst von Moskau erklärten sich bereit, den schwedischen Prinzen anzunehmen. In Stockholm war cS indessen anders beschlossen worden. Man wollte den Zufall benutzen, und entweder ganz Rußland, oder wenigstens einen Theil davon an Schweden bringen, und Gustaf Adolf beabsichtigte daher, selbst die ihm früher angebotene Krone zu nehmen. Dies erweckte Argwohn bei den 'Russen, und auf ihre und de la Gardie's Vorstellungen beschloß man, daß Gustaf Adolf seine Ansprüche niederlegen, und Karl Philipp an dessen Stelle das seitdem erhaltene Anerbieten annehmen und nach Nowgorod reisen solle. Aber diese Reise ward von einer Zeit zur andern verschoben; der Gründe dazu gab es manche. Die vcrwittwcte Königin schwankte; sie wünschte freilich die großfürstliche Krone auf deS geliebten Sohnes Haupt zu sehen, aber sie hatte auch ihr Bedenken dabei, ihn zu einem so rohen und unruhigen Volke zu senden. Sie legte wirklich manche Hindernisse in den Weg; balv sollte er sich noch weiter in seinen Studien vervollkommne»; bald wagte man cS nicht, ihn in der strengen Jahreszeit hinzusenden u. s. w. Auch glaubt man, daß einige der alten schwedischen Geschlechter ungern das große Ansehen sahen, welches der Stamm de la Gardie sich schon errungen, und demselben daher das noch größere mißgönnten, welches damit verbunden gewesen sein würde, dem königlichen Hause eine neue Krone zu erwerben. Die Regierung selbst strebte eifriger nach dem Vortheile, die schwedischen Grenzen auf Rußlands Kosten zu erweitern, als nach der Ehre, einen schwedischen Prinzen aus den russischen Thron zu setze». Aus allen diesen Gründen verzögerte sich die Abreise Herzog Karl Philipps, obschon die Russen einen Gesandten nach dem andern schickten, um ihn zur Eile anzutreiben. Unterdessen fuhren 49 Der Krieg mir Rußland. Jakob de !a Gardie und Ewert Horn *) fort, immer mebr um sich zu greifen. Der erstere nahm Nöteborg ein; der letztere Ko- porie, Jaina, Augdow und Jwangorod. Dies vermehrte der Nüssen Abneigung. In der Umgegend von Nowgorod wagte wohl Keiner, sich den siegreichen Schweden zu widersetzen; aber im innern Rußland faßte man Muth, und wählte, wie schon erwähnt, den Mikael 'Romanow zum Großfürsten. Um diese Zeit begab sich Herzog Karl Philipp endlich auf den Weg; aber er war erst bis Wiborg gekommen, als ihn die Nachricht erreichte, daß der größte Theil des Reiches von ihm abgefallen, und zur Parthei des Mikael Romanow übergegangen wäre. Zugleich kam anS Schweden die Botschaft, daß die verwittwete Königin, krank vor Angst und Unruhe, nach des Herzogs 'Rückkehr verlange und sie erwarte. Gustaf Adolf und der schwedische Rath, welche unterdessen die wichtigsten Grcnzfestnngen in ihre Hände bekommen hatte», drangen noch weniger auf die Fortsetzung seiner Reise, und nach einiger Ueberlegung kehrte der Herzog nach seinem Vaterlande zurück. Es kann nicht gelängnet werden, daß Karl Philipp wahrscheinlich Großfürst von Rußland geworden wäre, wenn er sich beim ersten Rufe zur Stelle begeben hätte. Aber in Schweden wollte Niemand, weder der König, noch die verwittwete Königin, noch der.Rath, noch die Stände, sich dazu bekennen , die so nachtheilig gcwordne Säumniß verursacht zu haben. Jakob delaGardie. Nun brach in vollen Flammen der Krieg zwischen Gustaf 'Adolf und dem neugcwählten Großfürsten aus. Zahlreiche Schämen der nun einigen und eifrigen Russen strömten nach der Grenze hin; der Krieg nahm eine blutigere Gestalt an, und bei Bronitz fielen Treffen vor, die schärfer waren als irgend eines in allen vorhergehenden Feldzügen. Der Schweden Ordnung, Kriegsgewvhnhcit und Tapferkeit verschafften ihnen gleichwohl die Ueberhand. Hierzu trug aber auch der ausgezeichnete Oberbefehl bei. Ewert Horn fuhr fort, mit Muth und Geschick- lichkeit die schwedischen Streifzüge anzuführen, und seine Ankunft war stets ein sicherer Vorbote zu der Russen Niederlage und Flucht. Das Ganze ward von Jakob de la Gardie mit eben so viel ungewöhnlicher Kraft als Klugheit geleitet. Er beherrschte die VictteZ Capitel. 5 !> I'» 7 ' l .> '- Kriegsbewegungen wie den Gang der Unterhandlungen, und hatte sich durch seine Persönlichkeit das größte Ansehen bei den Nüssen erworben. Die glückliche Wendung des Krieges und das Durchsetzen der Wahl des Herzogs, war größtentheils de la Gardie's Werk. Es verdroß ihn daher auf das Höchste, als die schwedische Regierung all' sein Bemühen für die Erhebung des königliche» Hanfes aus den russischen Thron wieder zerstörte. Er erkannte die Spur seiner Neider, und war noch minder zufrieden mit Gustaf Adolfs Betragen selbst, so daß er endlich sogar seinen Abschied verlangte. König Sigismund von Polen wollte die Gelegenheit benutzen, und suchte durch Schmeicheleien und große Versprechungen dc la Gardie aus dem schwedischen Dienste zu locke»; aber dieser schickte den Brief mit erneuten Versicherungen seiner Treue an seinen rechtmäßigen König. Gustaf Adolf wußte einen solchen Mann zu würdigen. Er beredete ihn zu bleiben, und begab sich selbst, in den Jahren Ili 14 und 1015, nach der östliche» Grenze, „um," wie er sagte, „von diesem erfahrnen Helden die Kriegskunst zu' erlernen." -— Ewert Horns Tod. Nachdem der berühmte Karl Hen- riksson*) Horn im Jahr 1.',90 in Ungnade gefallen war ** ), brachte er seine letzten zehn Lebensjahre meistens auf seinen Erbgütern in Finnland zu, fern von Stagtsgcschäften, nur für Frau und Kinder lebend. Seine Söhne erhielten dadurch eine sehr sorgsame Erziehung. Herr Ewert, der zweite in der Reihenfolge, war »ach der Sitte der Zeit sehr gelehrt. Er verstand Latein, Deutsch und Französisch von Grund aus. Eben so sehr zeichnete er sich durch Einsicht in andere Gegenstände, durch Redlichkeit -) Ich im»; hier ein sür allemal Folgendes über die den Namen so oft «„gehe,,igle Sylbe „son" sage». SS war in allen Zeiten in Schwede» Sitte, sich nach dem Vater, (anch wohl nach den. Stammen,te) zu nennen. Karl HcniikSso» Horn heißt soviel wie Karl Horn, Sohn von Henrik Horn: Henrik Horn war genannt worden, Henrik Klassen Horn, weil dessen Vater KlaS geheißen hatte. Hatte Ewert eine» Sohn, der Gustaf hieß, so ward dieser wieder genannt, Gnsias Lwcrtssvn Horn n. s. w. Hier ist «in stehender Familienname, was früher in Schweden sehr häufig nicht der Fall war. Ein Jeder erhielt zu seinem Taufnamcn den Tausname» dc§ VatcrS mit der angehängten Sylbe „scn" hinzu, und so im,„er scrt. Dieser Sitte blieb die Familie des berühmten Lennart TvrstcnSso» besonders lange getreu, (man sehe im 28 stc» Lap. die vorletzte Note). Derselbe Gebrauch ward auch manchmal aus das weibliche Geschlecht angewendet, so z. P. Karin MllnSdotter, d. h. Karin, MänS Tochter. ,o>. ") Man sehe im 28 srcn Capitel. und Brauchbarkeit, am meisten aber durch seine ungewöhnliche Tapferkeit aus. Bei Ausführung der meisten Kriegsthaten während deö russischen Feldzuges, war Ewert Horn de la Gardie's rechte Hand. Ein achtungsvolles Verhältniß herrschte zwischen beiden Helden, und nicht die geringste Spur von Mißtrauen oder Neid war darin zu entdecken. De la Gardie erkannte offen vor König und Volk HornS große Verdienste an; und als Neid und Ver- läumdung de la Gardie anzuschwärzen suchten, war es Ewert Horn, welcher unerschrocken und kräftig seine Vertheidigung übernahm. Diese beiden Männer und ihrHeldenbund waren es, wodurch der finnische Meerbusen innerhalb der schwedische» Grenzen gebracht ward, und beinah ein Jahrhundert lang die Russen von der Ostsee ausgeschlossen wurden. Gustaf Adolf erkannte diese Verdienste an. 'Als sie in den Treffen bei Bronitz, um Nowgorod zu erhalten, sich dem überlegenen russischen Kriegsheer bloßgestellt hatten, schrieb er ihnen und bat sie, nicht der Natur und der Uebermacht zu trotzen, indem er hinzufügte: „Es ist mir ja mehr an Euren Personen gelegen, als an dem ganzen Groß - Nowgorod !" — Schon lange hatte Gustaf Adolf die Gelegenheit ersehnt, in diesen Kämpfe» sein eignes Feldherrntalent zu erproben und auszubilden; aber der Krieg mit Dänemark und wichtige inländische Geschäfte hatten von Jahr zu Jahr ihn daran verhindert; eben so der Rath, aus Furcht vor des Königs Leben, und vor einer wachsenden Kriegslust. Endlich im Jahre 1614 kam er auf kurze Zeit herüber zum Heere, und hatte die Freude die vom Feinde zurückgenommne Festung Augdow wieder zu erobern. Im Jahr 1615 kam er abermals, und nahm die Belagerung von Pleskow vor; sie zog sich in die Länge. Die Stärke der Besatzung, Krankheiten unter den Schweden, eine ungünstige Witterung und außerdem die Aussichten zu einem vortheilhaften Frieden, bewogen den König endlich das ganze Unternehmen aufzugeben. Im Beginn dieser Belagerung ward Herr Ewert Horn in einem unbedeutenden Scharmützel erschossen. Man hatte ihn am Morgen gebeten, nicht die leicht zu erkennende Feldherrntracht anzulegen; aber er setzte sich über die Gefahr und Warnung hinweg. Der Kamps selbst war höchst unbedeutend; nur zwei oder drei der Schweden fielen, aber unter ihnen Ewert Horn, zu des Königs und des ganzen Heeres Schmerz und Bedauern. Das Jahr darauf ward er unter 4 » 52 Viertes Cavitel. seinen eignen Siegesfahnen auf dem väterlichen Gute KanckaS begraben. Gustaf Adolf selbst folgte dein Leichenbegängnisse. Der Friede zu Stolbowa. Das durch in - und ausländische Feinde so lange zerrifine Rußland, wünschte und bednrfte Frieden, wenigstens mit einem seiner drei Feinde, Schweden, Polen oder der Tartarci. Gustaf Adolf, welcher einsah, daß fortan wenig Ehre und kein Vortheil mehr zu gewinnen war, wünschte auch Ruhe von dieser Seite, um sich dann mit ungetheiltcr Macht nach Polen wenden zu können. Die Unterhandlungen wurden eröffnet, gingen aber anfangs nur sehr langsam vor sich. Die siegreichen Schweden machten herrische Federungen, denen die Russen durch Hinziehen der Sache zu entgehen hofften. Aber unterdessen drohten auf der einen Seite die Tartaren, auf der andern die Polen, und die Russen mußten endlich, aus Furcht vor so vielen Feinden, nachgeben. Am 27. Februar 1617 ward der Frieden zu Stolbowa, einem Dorfe nicht weit vom Ladoga, geschloffen. Rußland trat au Schweden ab: Kerholm mit seinem Gebiete, Nöteborg mit demjenigen Theile seines Gebietes, welcher zwischen dem Ladogasee und dem finnischen Meerbusen lag, Jngermanuland mit den Festungen Jwa- nogorod, Jama und Koporie, entsagte allen Ansprüchen auf Tiefland , und zahlte außerdem noch 20,000 Rubel. — Schweden gab dagegen die Ansprüche Karl Philipps auf, erkannte Mikael Romanow als Großfürsten an, und gab die eroberten Festungen Ladoga-Nowgorod, Stara-Rußa, Porchow und Augdow zurück. Der Friede ward von schwedischer Seite durch Jakob de la Gardic, Arwid Wildman und Heinrich Horn, einem Bruder Ewert Horns abgeschlossen. Die Russen waren gewöhnt, dc la Gardie als den vornehmsten Mann in Schweden nächst dem Könige zu betrachten. Als Aeltcrer im Rathe sollte hingegen Heinrich Horn bei den FriedcnSnnterhandlungen eigentlich den Platz über de la Gardie einnehmen; aber dieser verweigerte ihm denselben , theils aus Stolz, theils unter dem Vorgeben, daß durch eine solche Herabsetzung sein Ansehen und Einfluß bei den Russen vermindert und dadurch der Frieden verzögert werden würde. Heinrich Horn gab nach, sowohl aus Verehrung für de la Gardie's Thaten, als auch um nicht durch persönliche Zwistigkeiteu daS allgemeine Beste zu verscherzen; und der Friede ward unter den erwähnte» Bedingungen abgeschlossen. Der Krieg mit Rußland 5>j Nun war also auch dcr zweite von Karl IX. geerbte Krieg beendigt, und daö durch einen so ausgezeichnet ehrenvollen und vortheilhasten Frieden! Jubel und Freude, wie Dankbarkeit und Liebe zu dem jungen Könige erfüllten das ganze Reich. Dieser war selbst sehr erfreut über den glücklichen Ausgang. Er stellte den Ständen vor, „wie manche fruchtbare Landschaft, wie manche fischreiche und für den Handel günstig gelegene Flüsse mit dem Reiche vereinigt worden wären. Durch die Flüsse Narowa und Newa seien nun Schweden die Thore geöffnet, um seinen eignen Handel zu treiben, und nach Belieben könne es dieselben den Russen verschließen. Letztere wären so vollkommen von der Ostsee ausgeschlossen, daß sie auf deren Gewässern nicht einmal ein Boot aussetzen könnten. Außerdem wäre die jetzige Grenze leichter zu vertheidigen. Jngermannland werde durch den PeipnS und die Narowa geschützt; Finnland, Schwedens Verhaus, durch die Newa und den breiten Ladogasee, welchen Wassergraben die Russen so leicht nicht würden überspringen können!" Mit wahrem Seher- blick erkannte der König jetzt schon die Gefahren, welche Schweden für die Zukunft von Rußland her drohten; besonders wenn es festen Fuß an der Ostsee fassen könnte. In einem Briefe an Ar. Orenstjerna freut er sich daher, daß eS ihm gelungen sei, sie von diesem Vortheile auszuschließen; „denn," schreibt er, „faßt dcr Starrkopf einmal Fuß im Vorhause, so drängt er sich auch wohl in das Hans selbst hinein!" Fünftes Capitel. Ueber Herzog Johann. Es war eine sehr empfindliche Unbequemlichkeit im Anfange Gustaf Adolfs Regierung, daß ein großer Theil dcS Landes zu Fürstenthümcrn oder zu Lcibgedingen für die Herzoge Johann und Karl Philipp, und für die verwittwcten Königinnen Stcnbock unv Ehristina bestimmt und abgeircten war. Hierdurch wurden des Königs Einkünfte und Macht vermindert, und die Kraft wie der Zusammenhang im Verfahren dcr Regierung geschwächt; zudem konnten künftig die unangenehmsten Zwistigkeitcn dadurch veranlaßt werden, so wie es früher unter den Regierungen dcr Könige Johann und Erich der Fall gewesen war. Doch das Glück bc- frnte Gustaf Adolf von ollen solchen Austritten, da im Zeitraum von elf Jahren beide Herzoge mit Tode abginge», ohne irgend einen rechtmäßigen Erben zn hinterlassen. Herzog Johann, der Sohn Johanns III. und Gunnila Bjelke's (Balkan), war gelehrt und rechtschaffen, im Kriege tapfer, im Frieden sanft und fromm gesinnt. Zur Regierung hatte er weder Fähigkeit noch Lust, sondern überließ sie nicht ungern Gustaf Adolf gegen einige Vergrößerung seines Fürstenthumes. In dieser Denkungsart ward er auch durch seine Diener im Allgemeinen, besonders durch seinen Günstling Göran Gyllenstjerna bestärkt. Von andern Seiten hingegen wurden manche Versuche gemacht, um durch Herzog Johann im Reiche Unruhen zu erregen, und Sigismund ließ ihm in dieser Absicht einen Bries zustellen, welcher in einem Mcsserhest verborgen war. Aber Johann schickte den Brief augenblicklich an Gustav Adolf. Dieser begegnete seiner Seits dem Herzoge stets mit der größten Aufmerksamkeit und mit wirklichem Vertrauen; nannte ihn des Staates Pfeiler, und trug ihm verschiedne wichtige Geschäfte auf, die alle ziemlich gut und zur Genüge ausgerichtet wurden. In seinen eignen Angelegenheiten hingegen erwies der Herzog sich weniger tauglich. Das Fürstenthum verfiel, und das früher so reiche Ostgothland war endlich ganz und gar verarmt; eben so dessen Herzog. Bei seinem Tode hinterließ er bedeutende Schulden, und bat in seinem Testamente, daß die Einkünfte des Herzog- thumes noch einige Zeit zur Bezahlung derselben möchten bestimmt werden, „damit die betrogenen Gläubiger keine Ursache hätten zu jammern und sich über seinen todien Staub zu beklagen." '). Zu dieser schlechten Verwaltung trug des Herzogs beständige Kränklichkeit sehr viel bei, vielleicht auch seine unglückliche Ve» heirathung. Das schlaue Paar, Karl IX. und die Königin Christina, hatte nehmlich voraus gesehen, wie gefährlich Herzog Johann werden tonnte, wenn er eine fremde und ehrgeizige Fürstin zur Gemahlin erhielte. Um dem zuvorzukommen, beschlossen sie ihn mit ihrer eignen Tochter, der an Körper und Seele schwachen Maria Elisabeth zu vermählen. Zwar fühlten diese Beiden keine besondre Neigung für einander; aber sie waren noch jung, Johann 21, Maria 15 Jahre, beide von Natur nachgiebig, und von Kindheit an zu einem blinden Gehorsam gegen Karls und Christines Be- Ueber Herzog Johann. 5Z fehle gewöhnt. Im Anfang des Jahres 1011 wurden sie verlobt. Gemäß der damaligen Verfassung war zwar die Ehe zwischen Geschwisterkindern verboten; doch Karl fragte hierin weder die Geistlichkeit noch die Stände um ihre Meinung, und Niemand wagte ungefragt etwas dagegen zu sagen. Nach Karls Tode befolgte die Regierung denselben Plan, und auf dem Reichstage zu Stockholm 1012 ward die Frage über der Prinzessin Brautschatz aufgeworfen. Nun faßten die Geistlichen Muth, und reichten, ohne gefragt zu sein, ein ernstes Bedenken gegen eine Ehe zwischen Geschwisterkindern im Allgemeinen ein, mit dem Anliegen, daß es dem Könige gefallen möchte, solches zu verbieten. Die vcrwittwete Königin Ehristiua ward über diese ihre Kühnheit höchlich erzürnt, und schrieb ihnen einen vorwurfsvollen Brief, worin sie unter andern daran erinnerte, daß die Ehe nicht unter das geistliche, sondern unter das weltliche Gesetz gehöre. Die Regierung nahm keine Rücksicht auf der Geistlichen Einspruch, und 1012 den 29. November wurden die beiden fürstlichen Personen auf dem Schlosse zu Stockholm, mit aller damals gebräuchlichen Pracht und Feierlichkeit mit einander getraut. Ihre Ehe ward unglücklich. Kränklich war der Herzog, kränklicher noch die Herzogin; sie war sogar zuweilen ihres Verstandes beraubt. Gegenseitige Liebe und Vertrauen fehlten. Kein Kind erheiterte ihr Zusammenleben; keine ernste Beschäftigung nahm ihre Zeit in Anspruch. Nichtsthuend, krank, Einer dcS Andern wie des ganzen Lebens überdrüssig, brachten sie kummervolle Tage balv zu Braborg, balv zu Kongsbro oder Wavstena z». Die Freude floh und das Unbehagen zog ein, wo sie erschienen. Das Publikum flüsterte sich in die Ohren, daß man deutlich Gottes Strafe über die unerlaubte Ehe sehen könnte. Selbst die vcrwittwete Königin Christina änderte endlich ihre Ansicht und ihr Sprechen über diese Sache. „Gott verzeih' es der Geistlichkeit," sagte sie, „daß sie nicht das Blatt vom Munde nahm und bestimmt Nein zu der unglücklichen Verbindung sagte!" Diese traurige Ehe dauerte glücklicher Weise nicht lange. Im März 1018 starb der Herzog, fünf Monate später die Herzogin Da sie keine Kinder hinterließen, fiel das ganze Fürstenthum an die Krone zurück. 5V Sechste Capitel. Sech st es Capitel. Ueber Herzog Karl Philipp. Wahrend die Königin Christin» Karl IX. auf dem liefländi- sehen Feldzuge folgte, ward Herzog Karl Philipp 1601 auf dem Schlosse zu Reval geboren, und war und blieb als das jüngste Kind immer der Mutter Günstling. Bei seinen Lehrern, I. Skytte und I. Chesnecopherus, sammelte er gute Kenntnisse; er war von Natur wortkarg aber tiefdenkend, goitesfürchtig, ehrlich, thätig, stolz, sowohl von Gemüth wie von Aussehen — ein würdiger Bruder des großen Gustaf Adolf. Manche fürchteten künftige Unruhen zwischen zwei Brudern von so großen Anlagen; aber niemals konnte man die geringste Spur von gegenseitigem Neid oder Unwillen entdecken, obgleich der Mutter augenscheinliche Vorliebe für Herzog Karl Philipp den ältern Bruder leicht hatte aufbringen können. Als Gustaf Adolf 162t zum polnischen Kriege abreiste, wünschte Herzog Karl Philipp den Feldzug mitzumachen. Er schrieb und bat um Arel Oreustjerna's und mehrerer Anderer Fürwort, indem er sein brennendes Verlangen schilderte dem Vaterlaude zu dienen und zugleich sich Erfahrung in Kriegssachen zu erwerben. Manche glaubten, daß er die ihm in der Kindheit zugesagte russische Krone noch nicht aus dem Gesichte verloren hätte, und darum wünschte, persönlich in jenen Gegenden zu erscheinen und sich daselbst bekannt zu machen. Seine Bitte ward ihm bewilligt, und der junge Herzog zeichnete sich Lei Niga's Belagerung durch Thätigkeit, Ausdauer und Muth aus. Aber gleich nachher erkrankte er zu Nanv», Gustaf Adolf, welcher auf dem Punkte stand nach Hause zu reisen, wollte des Bruders Ge- ncsuug abwarten; aber dieser, der wußte, welche wichtige Geschäfte seine Anwesenheit in Schweden nöthig machten, überredete den König abzusegeln, unter dem Vorgeben, daß die Krankheit nicht besonders bedeutend wäre ?). Gleich nach Gustaf Adolfs Abfahrt starb der Herzog, den 25. Januar 1022. Sein Fürsten- thum ward für die Krone eingezogen, und die schwedische Regierung hat seitdem immer den Grundsatz befolgt, nie mehr solche Belohnungen auszutheilen. Die Staatsmänner freuten sich, von den beiden letzten so glücklich losgekommen zu sein. „ES war zu fürchten," sagte Arel Orenstjerna, „daß wenn Herzog Karl Ueber Herzog Karl Philipp. 2? Philipp lange am Leben geblieben wäre, wir früher oder später im 'Reiche ein Blutbad angerichtet gesehen hätten." Frühzeitig und mit dem ganzen Feuer der Jugend hatt» Herzog Karl Philipp Liebe für Fräulein Elisabeth, der Tochter deS Reichsschatzmeisters Suwed Nibbing gefaßt, und war mit ihr im Alter von 18 Jahren eine heimliche Ehe eingegangen 3). Nach seinem Tode gebar sie die Tochter Elisabeth Gyllenhjelm ( Güldenhelm), welche bei ihrer Großmutter, der alten verwittweten Konigin Christina, anferzogcn ward. Später ward diese erst mit Axel Natt och Dag (Nacht und Tag) pcrheirathet, nachher mit Valthasar Marschalk, und zeichnete sich auf daS Vortheilhafteste als Hofmeisterin, zuerst bei der Königin Maria Eleonora, später bei Hedwig Eleonora aus. Ihre Mutter, Elisabeth Nibbing, permählte sich, nach deS Herzogs Tode, mit Knut Liljehök (Lilien- habicht). Siebentes Capitel. Ueber die verwittwete Königin Christin a. Die verwittwete Konigin Christina hatte ein ziemlich hübsches Aeußcre, und eine wohlgebildete, hohe Gestalt. Sie war scharfsinnig, thätig, männlich in Styl und Wesen, höchst selbstständig, und im Alter mehr und mehr dem Geize zugeneigt *). ') Da sie Gustaf Adolfs Mutter ist, so fuge ich hier hinzu, was Fryrell in dem mehrfach erwähnte» Buche über sie gesagt hat: „Die Königin Christina war in innerer wie in äußerer Hinsicht eine passende Frau siir König Karl. Sie war ein großgcwachsncs, starkgcbauics Frauenzimmer, mit hoher und breiter Stirn, großen scharfen Augen von blauer Farbe, erhabner Nase, einem strengen und befehlenden Aussehe» und dem entsprechender Gemüthsart. Ihren Hof beherrschte stc streng, Alle in guter Zucht und Ordnung haltend. In der Ockonomie tat» sie ihrem Manne gleich, wett» stc ihn nicht noch übertraf! Man erzählt, daß sie den Mägde» mit der Elle das Garn zugemessen hätte, womit stc ihr Leinen säumen sollten. Man findet nirgend angegeben, daß sie öfter Fürbitten für Angeklagte eingelegt hätte; cS fiel jenen auch kaum jemals ein, es von ihr zu begehren. In, Gegentheile wird behauptet, das; stc es war, welche heimlich ihren MwM zur Ehrsucht und zu größerer Grausamkeit aufreizte, und daher kam cS denn auch, daß man sie „die verfluchte holsteinische Nachtprcdigcrin " nannte. „Sie war," sagte man, „die Lva, welche zuerst ihren Mann verlockte in Leu Reichsapfel zu beißen." — Mit Karl lebte stc in einer glücklichen Ehe, besonders im Anfange. Bei ihrer starken Gesundheit konnte sie ihm auf alle» Reise» und Kricgcszügc» folgen und ihn pflegen, und bei ihrem gesunden, richtigen Verstände und ihrer großen Thätigkeit, war sie ganz geeignet dazu, der Regierung vorzustehen, wenn Karl bisweilen allein nach Liefland ging. Die heftige Gemüthsart der königlichen Ehest»,e. veranlaßte aber dcch bisweilen unangenehme Auftritte. Dies fand 58 Siebentes Cnpitok. Sie liebte ihre beiden Söhne mit mütterlicher Zärtlichkeit, und legte ohne Zögern die Vormundschaftlicht Regierung zu Gunsten Gustaf Adolfs nieder. Unter dessen erste« Negierungsjahr hörte sie niemals auf, mit der zärtlichsten Aufmerksamkeit seinen Schritten zu folgen und ihm bald ihren Beistand, bald ihren Rath sowohl in Hinsicht seiner Gesundheit wie der Regierung zu ertheilen. Doch konnte sie niemals der Versuchung zum Eigennutze widerstehen. Durch ihre Sparsamkeit war sie oft im Stande ihm durch Geldleihen auszusteifen, aber nie ohne gehörige Sicherheit, und 6 bis 12 i»'. Ot. Zinsen. Bei der Erbtheilnng nach Herzog Johanns und Maria Elisabeths Tode, suchte sie so diel an sich zu scharren, wie ihr nur möglichster Weise zukommen konnte4), und es war unmöglich sie zu vermögen, daß sie von dem unerlaubten auswärtigen Handel abgelassen hätte, durch welchen sie und ihre Untergebenen sich bereicherten. Des KönigS Liebe zu Ebba Brahe scheint zuerst der Mutter Erkaltung verursacht zu haben. Jemehr außerdem der erstere bei zunehmenden Alter, Glück und Fähigkeit anfing selbstständig zu Handel», desto ausschließlicher wendete Ehristina sich dem jünger» Sohne zu. Sie suchte anfangs zwar Unpartheilichkcit zu zeigen, und erklärte bei einigen Zwistigkeiten über des Königs und des HerzogS wechselseitigen Verbindlichkeiten, „daß es ihr gleich schmerzlich sein würde, welchem von Beiden sie auf die Finger klopfen müßte!" Aber sie schloß sich doch mehr und mehr an den Jüngern an. Als Vormunden» verfocht sie seine Gerechtsame im Fürstenthumc, oft bis zur Ungereimtheit, und war schwach genug dem Jünglinge die mißbillige»!»» -Ausdrücke in Beziehung auf die Herzogthümer wieder zu erzählen, welche ihre Spione aus dem Munde des ältern Bruders aufgefangen hatten. Es bedurfte wohl zweier so cdeldenkendcr Herren wie Gustaf Adolf und Karl Philipp waren, um durch eine solche Handlungsweise nicht gegen einander in Harnisch gebracht zu werden. Ihr Unwille gegen Gustaf Adolf ward dadurch noch ver- insonderhcit während des dänischen Krieges statt. Die Königin zeigte einig- mitleidige Fürsorge für die Gefangenen, und der durch Alter Itnd Sorgen at'< gespannte König argwöhnte eine heimlich günstige Gcstnnnng für den Feind bei idr. Er fing an sie das „Inten-Weib" zu nenne,,, nnd ihr nianche andrc ähnliche Titel zn gebe». Das frühere gut- Verhältniß ward »ie wieder vollkommen herzest, llt." — 59 Ueber die verwittwete Königin Christinn. mehrt, das; sie in ihren Dienst die beiden von Karl IX. verwendeten, von Gnstaf Adolf aber entlassenen Männer Nicolaus ChesnecopheruS und Erich Elofsson aufgenommen hatte. Diese fuhren fort, bei Christinn und Karl Philipp gegen Gustaf Adolf dieselben Ränke spielen zu lassen, die sie früher bei Karl IX. gegen Sigismnnd angewendet hatten. - Chcsneeopherus verfaßte heimlich eine lange Abhandlung, worin er sich auf jede Weise bemühte, die Rechte der Herzoge zu erheben und die der Krone herabzusetzen. Durch einen Mißgriff kam er dazu, selbst die Schrift in des Königs Hände zu liefern; mit welcher Wirkung, kann man sich wohl vorstellen! Keine Fürbitten halfen, sondern Chesneco- phcrns mußte in demüthigen, von Arel Orenstjerna aufgesetzten Ausdrücken dem Könige Abbitte thun, und das in Gegenwart der Herzoge selbst r). Gustaf Adolf bewies übrigens seiner Mutter die kindlichste Ehrfurcht und Unterwürfigkeit. Wenn es angelegentliche, für das Reich selbst wichtige Geschäslssachen betraf, blieb er zwar unbeweglich; aber sonst gab er gewöhnlich ihren Einfällen nach, wie nahe sie auch manchmal seinem Ansehen und seiner Wohlfahrt traten. So z. B. fiel es ihr ein, sich „der Lappen und Kajancr Königin" nennen zu lassen, obgleich der Sohn beim letzten Friedensschluß diesem Titel entsagt hatte. Der König von Dänemark beklagte sich darüber, und Gustaf Adolf bat; aber vergebens! Sie fuhr dennoch bis zu ihrem Tode fort, sich „der Lappen und Kajancr Königin" zu nennen! Keiner der beiden Könige kümmerte sich endlich mehr darum. Nach Karl Philipps Hinscheiden verlor sie Heiterkeit und Kräfte, und zog sich beinah ganz und gar aus der Welt zurück. Die letzten Jahre brachte sie in der Stille auf dem Schlosse von Nyköping zu, in Vereinigung mit ihrer Schwester, der Prinzessin Agnes, und ihres Sohnes Töchterchen, der kleinen Elisabeth Gpl- lenhjelm, deren Kinderspiele die Altersfreuden der Großmutter ausmachten. Sie starb endlich im Jahre 1626, und ward in der Domkirche zu Strengnäs, zwischen Karl IX. und dem Herzoge Karl Philipp begraben, alle ihre zusammengesparten Reichthümer Gustaf Adolf zurücklassend. 00 , Achtes und neuntes Capitel. Achtes Capitel. Ueber Prinzessin Katharina. Von sechs Kindern, welche Karl IX. mit seiner ersten Gemahlin, der Fürstin Maria hatte, war Katharina das einzige, welches zn reifern Jahren gelangte. Sie zeichnete sich gar nicht durch Schönheit aus, aber sie vereinigte in ihrem Wesen der Mutter Milde mit des Vaters Tauglichkeit und Verstand. Diese Eigenschaften machten, daß sie von Allen geliebt ward, sogar von der strengen Stiefmutter, noch mehr von den Brudern, deren Zuneigung sie ununterbrochen und in hohem Grade besaß. Verschiedene Heirathsvorschläge in Beziehung auf sie wurden verhandelt; unter andern warb ein Herzog von Rohan, und das mit seines Königs lebhafter Fürsprache, um ihre Hand; aber die Sache kam nicht zu Stande 6). Im Jahr 1615 ward sie im Alter von 21 *) Jahren mit dem Pfalzgrafcn von Zweibrückcn Johann Casimir, welcher sich damals einige Zeit in Schweden aufhielt, vermählt. Die Verbindung schien durch persönliche Neigung von beiden Seiten veranlaßt worden zu sein, und blieb immer das Vorbild einer wahrhaft glücklichen Ehe. Katharina ward durch diese Heiralh die Stammmutter zweier Königsge- schlechicr Schwedens. Von der ältesten Tochter, Christi»« Mag- dalena, stammt das Holstein-Gottorpsche, und vom ältesten Sohne» Karl Gustaf, das Pfalz - Zweibrücksche Haus her. Neuntes Capitel. Gustaf Adolf und Ebba Brahe. Der Neichsdrost Magnus Brahe war mit Vrita (Vrigitta) Lcjonhufwud (Löwenhaupt) vermählt, welche die jüngste Tochter von Gustaf Wasa's Schwager, dem alten Stcu Eriksson Lejon- hufwud war. Sie hatten zusammen nur ein Kind, eine Tochter, welche den Namen Ebba erhielt, eines Theils nach ihrer Vase, Erich Sparre'S Frau, und andern Theils nach ihrer Großmutter, *) Es Muli dies ein Druckfehler im Originaltexte sei». Karls Gemahlin Maria starb schon 1588; wollte man nun anch annchmcn, daß stc kurz vor ihrem Tode diese Tochter geboret, hätte, so wurde dieselbe 161L doch schon 26 Jahre alt gewesen sein, H. Gustaf Adolf und Ebbn Brahe. 61 der berühmten Gräfin Ebba * ). Das junge Fräulein ward ebenfalls, aber auf ehrenvollere Weise, der Welt bekannt, nehmlich durch seltne Schönheit und Tugend und ein weehselvvlles Schicksal. Fran Brigitta war der Königin Christinn besonders vertraute Freundin gewesen. Auf ihrem Todtcnbette erbat sie sich daher als letzten Gnadenbcweis, daß die Königin die nun bald mutterlose Ebba unter ihren Schutz nehmen möchte. Christina gewährte ihrer sterbenden Freundin diesen Wunsch, und führte kurze Zeit nachher das jnnge Fräulein mit sich an den Hos, woselbst Ebba durch ihr liebenswürdiges und verständiges Betragen, so wie durch ihre ausgezeichnete Schönheit, bald im höchsten Grade sowohl der ver- wittwetcn Königin wie aller Andern Wohlwollen gewann. Ihre persönlichen Eigenschaften, mit gleich ausgezeichneten Borzügen der Geburt nnd des Reichthums vereinigt, machten die junge Ebba -Brahe bald zu einem Gegenstände des Wetteifers für die jungen schwedischen Edelleute, und selbst Herzog Johann von Ostgothland hatte eine Zeitlang im Sinne, sie zu seiner Braut zu wählen. Der Plan ward durch die Königin Christina hintertrieben, welche statt dessen deS Herzogs früher besprochne Ber- mählung mit der Prinzessin Maria Elisabeth veranstaltete. Ebba Brahe's Schönheit sollte Christinen aber doch in einer noch viel empfindlichern Weise Sorgen machen, als bisher! Durch den vertrauten Umgang der Mutter, waren Gustaf Adolf und Ebba Brahe oft in jünger» Jahren zusammen gewesen, und hatten dabei eine warme Kindheitsfreundschaft für einander gefaßt. Mit zunehmenden Jahren nahm die Vertraulichkeit ab, und sie trafen einander selten mehr, zumal da der Prinz beständig beschäftigt war, theils durch Studien, theils durch Reisen und Negierungsangelcgenheiten. Jetzt, nach Frau Vrigatta's Tode, sahen sie einander wieder, sie fünfzehn, er siebzehn Jahre alt, beide ohne Widerspruch die Schönsten, die Ausgezeichnetsten des ganzen HofeS, sowohl in Andrer, wie in ihren eignen Augen. Eine stille, gegenseitige Bewunderung, eine immer mehr wachsende Ergebenheit und endlich die wärmste Liebe entwickelte sich, gewiß *) Eigentlich ward sie im ganze» Lande der Graf Ebba genannt, ihres männlichen herrsch- nnd strcitfiichtigcn nnd hochfahrenden Charakters wegen. Nach dem Tode ihres Gemahls, Sie» Lcjonhnfwnd, war sie einer der eifrigsten Verfechter der Rechte des Adels. H. 62 Neuntes Capitel. wohl nur nach und nach, aber um desto stärker und tiefer in ihren ernsten Gemüthern. Herzog Johanns schwache Liebesslamme war entglommen und wieder erloschen, ohne daß die Hoflcute, ohne daß vielleicht die beiden selbst seine Gefühle geahnt hatten. Erst am Schlüsse des Jahres 1612 fand Gustaf Adolf Gelegenheit Ebba seine Gesinnung zu erklären, und dagegen die Versicherung ihrer Zärtlichkeit zu erhalten. Ein solches Verhältniß konnte inzwischen nicht lange weder des Hofes noch der scharfsinnigen ver- wittweten Königin Aufmerksamkeit entgehen. Die letztere beschloß auf alle mögliche Weise der Verbindung entgegen zu arbeiten. Sie gab den beiden Liebenden deutlich ihre Abgeneigtheit dagegen zu erkennen, und suchte sie außerdem so viel wie möglich getrennt von einander zu halten, in der Hoffnung, daß Zeit, Vergnügungen und Geschäfte den achtzehnjährigen König zerstreuen würden. Sie betrog sich! Mit den Schwierigkeiten wuchs auch die Liebe. In den wärmsten 'Ausdrücken sprach Gustaf Adolf seine Gefühle, seine Hoffnungen in den unzähligen Briefen, die er an seine geliebte Ebba schrieb, so wie auch in einigen Versen aus, die er selbst verfaßt haben soll. Durch seine Schwester, die Prinzessin Katharina, verschaffte er sich genaue Nachrichten über Alles, was in dieser Beziehung bei Hofe vorfiel, und ließ endlich förmlich beim Grafen Magnus um die Hand seiner Tochter anhalten. Fräulein Ebba hingegen, welche täglich den Neckereien deS Hofes und dem offenbaren Unwillen der vcrwittwcten Königin ausgesetzt war, verlor den Muth, und schrieb mehrere Briefe, worin sie ihren königlichen Liebhaber bat, alle Gedanken an eine Verbindung mit ihr aufzugeben. „Hcrzensallcrliebstcs Fräulein," antwortete Gustaf Adolf, „bei der treuen Liebe die ich für Euch empfand und noch immer empfinde, bitte ich Euch flehentlich doch nie wieder ein solches Wort an mich zu richten, als sollte ich Eurer nicht weiter gedenke». Im Gegentheile scheint es mir, daß wir mit jener Beständigkeit, welche eine reine Liebe schmückt, unser künftiges Glück nicht sollen fahren lassen, in der festen Hoffnung, daß durch eine solche Treue der Sinn Ihrer Majestät zuletzt überwunden werden, und so endlich der glückliche Tag anbrechen wird, welcher mein brennendes Verlangen stillen, und wie ich hoffe, auch Euer treues Herz erfreuen wird!" Unter dem Schreibe» sah man Gustaf Adolfs und Ebba Brahe's Namen in einander ver- Gustaf Adolf und Edda Brühe. 03 schlugt», zuweilen auch den letzteren in dem brennenden Herzen des erster» *>. Als die verwittwcte Königin sah, daß sie auf diese Weise nichts ausrichten könnte, änderte sie ihr Benehmen, und fing an Ebb« Brahe mit mehr Gute und Wohlwollen zu behandeln. Gustaf Adolf aber ließ nun mit erneuter Hoffnung durch den Herzog Julius Heinrich von Sachsen Laucnburg seine Bitte um die Zustimmung der Mutter wiederholen. Diese gab eine ausweichende Antwort: „sie sehe ungern eines KönigS Vermählung mit der Töcbtcr eines Unterfassen. Wenn eine solche indessen durchaus statt rinden müsse, so wisse sie freilich keine passendere dazu, als Fräulein Ebba, welche Aller Hochachtung besitze und verdiene. Die Königin wünsche aber doch, daß diese Vermählung noch einige Jahre aufgeschoben werde, damit ihre beiderseitige Gesinnung in dieser Hinsicht sich noch besser bewähre." — Jetzt schien die Sache einzig und allein aus den beiden Liebenden, auf deren Treue und Ergebenheit zu beruhen. Gustaf Adolf zweifelte daher nicht mehr an dem Ausgange, und mahlte schon in Gedanken und Briefen in den heitersten Farben die selige Zeit aus, wo er sein geliebtes Fräulein sein nennen werde. Der Graf MagnuS halte natürlicher Weise nichts gegen den Vorschlag, und auch Ebba überließ sich einige Zeitlang den freudigsten Hoffnungen. Aber die Sache war noch lange nicht ausgemacht! Alle die Gründe, welche ehemals gegen Erichs XIV. Bewerbung um Fräulein Sture, und Johanns III. um Sigrid Brahe und Gunnila Djelke angeführt wurden, stichle auch jetzt die oerwittwcte 2» Hcllcnbcrgs Geschichte Gustaf II. Adolfs, III. Bd. S. 253 u. s. f., werden fünf Briefe von Gnu. Ad. an Ebba Breche angeführt, nchtnlich von Weist») den 2)>. Januar 1613; Wäsbh den I. März 1613; Stockholm de» I. April 1SI3 ; Narwa den 20. September ISI4; und der fünfte ohne Datum, Nachrichten über des Herzogs von Lauenbnrg Bcrmittclung bei der ver- wittwctcn Königin enthaltend. Außerdem findet sich i» de» Sammlungen des Gesandte» Hr». E. G. von Brinekmann ei» Originalbricf von Stockholm den 20. Juni ISI3; und in der Gymnasial - Bibliothek zu Westcräs in Hülpfcrs. Troilska Sammlungen, Quarto. Vol. 6. Nr. S. Copice» von zwei andern Briefen, ohne Damm, welche aber hinsichtlich ihrer Darstellung-weise ganz außerordentlich den oben gcnanmcn gleichen, so, daß man mit ziemlicher Gewißheit acht Briefe, theils Original, theils Abschrift, von Gustaf Adolf a» Ebba Brahe rechne» kann. Endlich findet man auch in den Brahe'fche» und Sacki'fchc» Sammlungen drei Licbcslicdcr, der Angabe gemäß, von Gustaf Adolf an Ebba Brahc geschrieben. F. ") Gunnila ward aber doch Johanns (zweite) Gemahlin. Sie, ein schöne«, ichährigcs Mädchen, liebte den jungen Per Liljcsparre, und gab dem r' > ,.-.1 64 NcuntcZ Capitel. I'» 7 ' » . » König!» wieder hervor, und manche der angesehensten Männer des gleiches unterstützten ihre Bcmühnngen, theils ans Staatsursachen, theils aus Neid. Am thätigsten wirkte hierin Arel Orenstjerna, dessen Freundschaft und Rath den größten Einfluß auf den jungen König hatten. ES war aber doch lange vergebens: Gustaf Adolf, immer voll kindlicher Ehrfurcht, wollte zwar in einer so wichtigen Angelegenheit nicht gegen den bestimmt ausgesprochncn Willen seiner Mutter haudelu, erklärte aber auch auf der andern Seite eben so bestimmt, daß er die festgesetzte Zeit abwarten, und sich auf keinen Fall mit einer Andern vermählen werde. Die verwitt- wete Königin ward darob wieder sehr böser Laune, und ließ Fräulein Ebba oft die schlimmen Folgen davon empfinden. Gustaf Adolf erfuhr dies. Er verbarg zwar seinen Unwillen über daS Benehmen der Mutter, veranstaltete aber augenblicklich, daß Ebba den Hof verließ und sich zur alten verwittweten Königin, Katharina Stenbock zu Strömsholm, flüchtete. Sein Briefwechsel mit ihr währte fort. Im Herbst deS Jahres 1614 schrieb Gustaf Adolf ihr von Narwa aus, und theilte ihr voll Freude die Thaten mit, welche er „zu Fräulein Ebba's Ehre und zu des Vaterlandes Vertheidigung gegen den übermüthigen Feind ausgeführt habe." —- Zeit und Entfernung bewirkten aber dennoch nach und nach eine Veränderung in des Königs Denkungsart. Es gelang der verwittweten Königin und Arel Orenstjerna ihn zu überzeugen, daß er seine besondere Neigung höhern Staatsgründen zum Opfer bringen müsse. Gustaf Adolf fühlte, daß dies Opfer zugleich das ganze Glück seines Privatlebens in sich fasse — aber das Vaterland soderte eS von ihm, und er unterwarf sich. Von andern Verbindungen wollte er aber nicht reden hören, und als Jemand in solcher Absicht eine Reise nach Deutschland vorschlug, betheuerte er eifrig, daß er niemals irgend eine deutsche Fürstin zur Gemahlin nehmen werde; ja er gab im Allgemeinen zu verstehen, daß er vorhabe sich gar nicht zu vermählen. Es hieß daher eine Zeitlang, daß der Herzog Karl Philipp sein Nachfolger sein werde, 47iährigcn Johann eine bestimmt abschlägige Antwort. Dieser, heftig erzürnt, war, ihr seine» Handschuh ins Gesicht und ging hinweg; dennoch kam die Ehe durch den Ehrgeiz der Verwandte» Gnnnila's z» Stande. Sie ward überredet, theils durch Drohungen, theils durch Bitten; dcnnvch scheint ein gutes eheliches Verhältniß unter ihnen geherrscht zu haben. Beider Sohn war Herzog Johann. t Herzog H. »zu -R W K tll! !>lh i«. iich Mj itp Ä:- > m chs « M Ulf m A !>z 0Ä D> »ll M ßt- ta, ftl >>, »« »> liri Gustaf Adolf und Ebba Brahe. 6L und er selbst ermahnete diesen, zu diesem Endzweck bald an seine Vermahlung zu denken. Ein andermal, als seine Schwester, Prinzessin Katharina, ihre glückliche Verbindung mit Johann Casimir einging, entfielen ihm, gleichsam im prophetischen Geiste, die Worte: „Ich hoffe Du wirst einen Sohn gebären, der einst mein Nachfolger auf dem schwedischen Throne sein wird *)." Ebba Brahe sah und betrauerte des Königs verändertes Benehmen, aber ohne zu klagen. Doch zeigte auch sie den be- stimmtesten Widerwillen gegen jede neue Verbindung, vielleicht in der Hoffnung, daß die frühere wieder angeknüpft werden könne. Ein neuer Umstand machte aber doch endlich diesem verwickelten Verhältnisse ein Ende. Unter den nach Gothenburg berufenen Holländern befand sich Abraham Cabeliau, er selbst ausgezeichnet durch Neichthupi und Brauchbarkeit, seine Tochter Margaret!)» durch höchst ungewöhnliche Anmuth. Letztere erregte sogar die Aufmerksamkeit des jungen Königs, da sie mit Ebba Vrahe selbst in Hinsicht auf Schönheit, doch nicht auf Sittlichkeit, wetteifern konnte. Auf unbekannte Veranlassung folgte Margaretha Cabeliau im Jahre 1615 ihrem Vater zu dem schwedischen Kriegsheere in Liefland. Während der langen Belagerung von Pleskow ward ihre Bekanntschaft mit dem Könige so vertraut, daß sie im folgenden Frühling einen Sohn, den später sogenannten Gustaf von Wasa- borg, gebar. Die verwittwete Königin, welche beständig fürchtete, daß Gustaf Adolfs Neigung für Ebba Brahe mit erneuter Stärke wieder aufwachen könnte, erfaßte mit Freuden diesen Umstand, um der letztem vorzustellen, wie herabwürdigend es für sie sei, sich auf die Versicherungen eines so jungen und so flüchtigen Königs zu verlassen. Dasselbe sagte ihr die alte Katharina Stenbock und ihre anderen Freunde, ja ihr eignes Nachdenken und ihr eigner Stolz. Sie wollte nicht mit der leichtsinnigen Margaretha Cabeliau wetteifern, sondern versagte sich von jetzt an jeden Gedanken an den frühern Liebhaber. Ein Jahr nachher ward der Frieden zu Stalbowa abgeschlossen. Jakob de la Gardie kehrte, mit Siegen und Ehren geschmückt, in die Heimath zurück. Er hatte Schwedens Grenzen r ) Man sehe das Sie Capitel. s '.>1 66 Neuntes Capitel. sr.'< -',s '»7 I. t' erweitert, dessen Waffen sogar bis in die uralte moskewitische Hauptstadt geführt, und »rar nahe daran gewesen, dem schwedischen Königshause eine neue Krone zu erwerben*). Das ganze Reich wiedcrhallte von seinem Lobe, und Gustaf Adolf beeilte sich, mit den höchsten Würden diese-s Reiches so ausgezeichnete Verdienste zu belohnen. Gleich nach seiner Rückkehr machte de la Gardie der alten Königin Wittwe zu Strömsholm seine Aufwartung. Bei dieser Gelegenheit ward er gleich von Ebba Brahe's Schönheit und Benehmen so eingenommen, daß er ihr seine Hand anbot. Alle billigten und unterstützten den Antrag, besonders die beiden verwittweten Königinnen. Ebba selbst konnte nicht blind gegen die Vorzüge des junge» Helden sein; er war jetzt vier und dreißig Jahre alt, und ein ebenso angenehmer als ausgezeichneter Mann; schon denselben Herbst fand ihre feierliche Verlobung statt. Wenn wohl einmal die Erinnerung an ihre Jugendliebe und deren goldne Hoffnungen ihrer Seele vorschwebte, dann suchte sie dieselbe durch ernste Betrachtungen über ihre neue Verbindung, deren Vortheile und Verpflichtungen zu vertreiben. Eines Tages war ste zufällig, in solche Gedanken versenkt, in einer Feustervertiefung deS Stockholmer Schlosses stehen geblieben. Sich unbemerkt glaubend, schnitt sie mit ihrem Diamantringe folgende Zeilen in die Fensterscheibe ein: „Jag är förmöjd mcd lütte» nim, Och tackar Gud för näden sin " **). Die verwittwete Königin Christina sah es und schrieb gleich aus abnliche Weise darunter: „Dct ena du will: det andra du skall. Sa plägae Let gä i dylika fall" ***). Im Frühlinge des Jahres 16 l8 feierten Jakob de la Gardie und Ebba Brahe ihre Hochzeit. Ihr Zusammenleben ward ein sehr glückliches. Ebba besaß stets de la Gardie's Liebe und Vertraue». Von Kindern umgeben, folgte sie ihrem Manne auf seinen Feldzügen, aufmerksam für seine Gesundheit und Pflege, *) Siehe über Jakob de la Gardie hauptsächlich das 4tc und daS rsstc Capitel. *') D. h. Ich bi» zufrieden mit meinem Schicksale, und danke Gott für seine Gnade. D. h. Das Line willst du, das Andre wirf» du; so pflegt es oft in ähnlichem Fall zu gehen. «.»> ., » wie selbst für die der Soldaten sorgend. Man verglich sie mit Agrippina, welche ebenfalls, liebend und geliebt, ihrem Germaniens durch alle Gefahren des KriegeS gefolgt war. Sie gebar ihrem Manne vierzehn Kinder. Man hat in spätern Zeiten bisweilen Rücksicht auf ein altes Gerücht genommen, als ob das vierte dieser Kinder, der nachher so berühmt gewordne Magnus Gabriel, Gustaf Adolfs Sohn gewesen wäre. Diese Sage entbehrt alles historischen Grundes, und streitet außerdem auch ganz und gar gegen die Denkungsart, welche sowohl Gustaf Adolf wie auch Ebba Brahc stets an den Tag gelegt haben. Zehntes Capitel. Gustaf Adolfs Vermählung. Die verwittwete Königin, der Rath und die Stände hatten schon öfters Gustaf Adolf aufgefodert, dem Reiche eine Königin zu geben, weil dasselbe zur Sicherung seiner künftigen Ruhe einer festgesetzten Thronfolge bedürfe. Schon Karl IX. hatte für den damals erst sechzehnjährigen Prinzen um Elisabeth von England, eine schöne, edele und heldenmüthige Prinzessin geworben, welche in jeder Hinsicht Gustaf Adolfs würdig gewesen wäre; aber sie war gerade zu jener Zeit mit dem Markgrafen Friedrich, dem nachherigen, so unglücklichen Könige Friedrich von Böhmen verlobt worden. Mehrere Jahre später fand ein Heirathsantrag von Würtemberg statt; aber noch voll Trauer über den Verlust seiner Ebba Brahe, gab der junge König zu verstehen, daß er weder von der würtembergischen noch von irgend einer andern deutfthen Fürstin weiter hören wolle. Der Churfürst Johann Sigismund von Brandenburg hatte mit seiner Gemahlin, Anna von Preußen, mehrere Kinder, unter denen Maria Eleonora sich durch ungewöhnliche Schönheit auszeichnete. Ihr Haar war dunkel, Stirn, Nase und Augenbrauncn erhaben schön gewölbt, die Augen groß und dunkelblau, der Wuchs schlank, ihre Gemüthsart lebhaft und herablassend. Das Gerücht von ihren Reizen verbreitete sich durch ganz Europa, und erregte überall die Aufmerksamkeit der jungen Fürsten; so auch in Schweden. Schon 1615 brachte man einen Heirathsvorschlag zwischen 5 * Zehntes Capitel. 66 Gustaf Adolf und der damals sechzehnjährigen Prinzessin in Anregung. Der brandenburgische Hof, welcher in Ansehung Ostpreußens mit dem Könige von Polen in Streit lag, wünschte sich durch eine Verbindung mit Schweden zu verstärken, und gab seine Absichten ziemlich deutlich zu' erkennen. Der schwedische Gesandte Birkhvlt hörte von allen Seiten lange Lobreden über der jungen Fürstin Schönheit, Tugenden und Verstand halten. „Glücklich das Land," sagte man, „dessen Mutter sie einst sein wird!" Er unterließ nicht diese bedeutungsvollen Worte in seinen Briefen anzuführen; aber Gustaf Adolf wollte nicht darauf eingehe», und da Birkholt sich immer wieder von neuem über diesen Gegenstand ausbreitete, erhielt er endlich den ernstlichen Befehl zur Antwort, „sich mit Staats - und nicht mit Heirathsangelegenheiten zu befassen. " — Seit der Churfürst selbst die preußischen Angelegenheiten erledigt hatte, hörte indessen auch seine früher bewiesne Geneigtheit auf, und die Sache schien ganz und gar ins Stocken gerathen zu sein. Das Gerücht von diesem Vorschlage und von Gustaf Adolfs persönlichen Eigenschaften verfehlte gleichwohl nicht seine Wirkung auf das Herz der jungen Fürstin; und der Churfürst Pflegte sich oft damit zu belustigen, auf die Gesundheit des Königs von Schweden und ihre künftige Vermählung mit demselben zu trinken, und dadurch eine glühende Nöthe auf den Wangen seiner Tochter hervor zu rufe» 7). Im Frühlinge IttlÄ feierte Ebba Vrahe ihre Hochzeit mit Jakob de la Gardie, und nun beschloß Gustaf Adolf i» eigner Person die so vielfach besprcchne Maria Eleonora kennen zu lernen. Die Reise ward mit der größten Heimlichkeit vorgenommen; nur Arel Orenstjerna und einige wenige Vertraute hatten Theil daran. Im August segelte der König von Kalmar ab, um nach Deutschland überzusetzen, und war nach vierzehn Tagen schon wieder zurück. Im Publikum glaubte man nicht anders, als daß er in dieser Zeit auf der Ostsee umher fahre, um einige neue Kriegsschiffe zu versuchen. Inzwischen wird behauptet, daß er in Berlin gewesen und, obgleich unerkannt, sich Gelegenheit verschafft habe, Maria Eleonora zu sehen. Was er gesehen und gehört, war hinlänglich seine Wahl zu bestimmen, und einige Zeit nach seiner Rückkehr fing er selbst an sich in seinen Briefen an Birkholt mit dieser Heirathsangclegenbeit zu beschäftigen. Gustaf Adolfs Vermahlung. 09 Am churfürsttichcn Hofe entstanden indessen mehrere Schwierigkeiten. Der Churfürst selbst und mit ihm seine nächsten Nathgeber waren zur refsrmirtcn Religion übergetreten; seine Gemahlin und deren Unterthanen hielten sich hingegen eifrig zu der lutherischen Parthei. Der Churfürst und seine Anhänger warm aus diesem Grunde nicht besonders geneigt zu Maria Eleonorens Verlobung mit einem lutherischen Königs; die Chnrsürstin Anna hingegen desto mehr. Sie war eine unternehmende Frau, und hatte daher auch, gegen den Willen ihres Gemahls, ihre Töchter in ihrem eignen Glaubensbekenntnisse auferzogen. Da nun der Churfürst, Kränklichkeitshalber, sich selbst wenig mehr mit den Geschäften befaßte, so setzte die Churfürstin endlich ihren Willen durch, und schon 1619 erwartete man die königliche Braut in Schweden s). Aber nun traten neue Hindernisse ein. Johann Sigismund starb, und Georg Wilhelm folgte ihm. Dieser, reformirt wie sein Vater, hegte einen heimlichen Widerwillen gegen die lutherische Verschwägerung, und ward in dieser Gesinnung durch einige auswärtige Höfe noch mehr bestärkt. Katholische Fürsten, und besonders König Sigismnnd von Polen, fürchteten nehmlich die Macht, welche durch eine nähere Verbindung zwischen Schweden und Brandenburg entstehen konnte. Daher widerrieth Sigismund überhaupt die ganze Vermählung, und hielt schließlich um Maria Eleonorens Hand für seinen eignen Sohn, den Prinzen Madis- laus, an. Der Churfürst, welcher gerade Polens zur Bestätigung in seinem Erbrechte auf Preußen bedurfte, hätte sich Sigismund gerne gefällig bewiesen; doch so groß war das Ansehen der ver- wittweten Churfürstin, daß er es nicht wagte, sich ihr offenbar zu widersetzen. „Ich glaube nicht das Recht zu haben," schrieb er nach Polen, „ über meiner Schwester Hand gegen ihren eignen und ihrer Mutter Willen zu bestimmen." Da unter diesen Umständen die Sache sich in die Länge zu ziehen schien, beschloß Gustaf Adolf sich in eigner Person hinzubegeben, um eine endliche Entscheidung zu bewirken. Die Reise ging ohne Pracht und beinah heimlich vor sich, indem nur die nächsten Rathgeber beider Höfe davon wußten, und die Gesellschaft bestand bloß aus dem Pfalzgrafen Johann Casimir, (Gustaf Adolfs Schwager) und einigen wenigen andern Personen. An einem Samstagabend des Frühlings 1620, ritt 70 Zehntes Capitel. Gustaf Adolf in Berlin ein, und ward an zwei Gasthöfen hintereinander abgewiesen, weil die Leute glaubten, daß er zu gewissen englischen Miethstruppen gehöre, die gerade lärmend und Muthwillen ausübend durch die Stadt zogen. Endlich gelang es ihm Aufnahme zu finden, und nun ließ er heimlich die verwittwete Churfürstin von seiner Ankunft benachrichtigen, und erhielt die Antwort, den folgenden Tag sich in der Schloßkirche einzufinden. Schon um 9 Uhr Morgens war er an der bezeichneten Stelle, und fand daselbst den ganzen kleinen Hof versammelt. Seine einfache, aber doch reiche Kleidung, das schöne und edle Antlitz, die vornehme, majestätische Haltung, erweckten gleich die Aufmerksamkeit der Hofleute, und überall sah man neugierige Blicke, und hörte flüsternd fragen: „wer der geheimnißvolle Fremdling doch wohl sein möge?" Die Neugier vermehrte sich noch, da die Churfürstin Anna ihn einlud, ihr in ihre innern Gemächer zu folgen, und alle Andern davon ausschloß. Nun sahen Gustaf Adolf und Maria Eleonora einander zum erstenmal, und dieser Anblick war hinreichend, um auf immer beider Schicksal zu bestimmen. Die ein und zwanzigjährige Maria Eleonora, durch sorgfältige, geschmackvolle Kleidung, noch mehr durch die volle Anmuth der Jugend geschmückt, übertraf Alles, was Gustaf Adolf sich nach unvollkommnen Abbildungen und einem flüchtigen Anblick von ihr vorgestellt hatte, und Maria Eleonora sah vor sich den Helden verwirklicht, dessen Bilv, mit männlicher Schönheit geschmückt, mit fürstlicher Tugend und den Lorbeer» kriegerischer Ehre gekrönt, schon seit langer Zeit ihrer Phantasie vorschwebte und in ihrem Herzen herrschte. Die Verlobung ward mit Herz und Hand, und unter der Mutter wärmstem Segen geschlossen. Von Berlin aus nahm Gustaf Adolf eine Reise nach den Rheingegenden vor, um dort wohnende Geschlechts- und Glaubcns- verwandte zu besuchen. Auf diesem Abstecher gab er sich für einen schwedischen Hauptmann Namens Gars *) aus. Er traf in Heidelberg ein, und blieb Allen, ausgenommen einigen ältern Mitgliedern des pfalzgräflichen Hauses, durchaus unbekannt. Diese hielten die Sache so geheim, und behandelten ihn scheinbar mit solcher Gleichgültigkeit, daß ein Jeder ihn für *) DaS Wort ist zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben des lateinische« Titels 6itLi»>u» liex 8uvtir»e. F. Gustaf Adolfs Vermählung. 7L ei»c» einfachen Evclmann in Johann Casimirs Gesellschaft hielt. Am ersten Tage machte der Hof einen Spatziergang, die fürstlichen Personen voraus, deren Gefolge hinter ihnen, in gehörigem Abstände. Gustaf Aböls, anfangs sich zu letzter», haltend, kam allmählich immer näher, um der Erster» Gespräch mit anzuhören. Die junge Prinzessin Katharina sah es; die Dreistigkeit des vermeintlichen Edelmannes verdroß sie, und sie sagte zu ihrer Schwester auf Französisch: „Diese Schweden scheinen recht naseweise und unerträgliche Menschen zu sein!" Dies sagte sie so laut, daß Gustaf Arolf ein jedes Wort verstand, doch ohne sich etwas davon merken zu lassen. Am andern Tage sollte er, nebst einigen Andern der schwedischen Herren, nach dem Elsaß reiten, um ein dort versammeltes Lager zu besehen, und NuSdorf, ein pfälzflscher Hof- mann, ward dazu bestimmt ihr Führer zu sein. Dieser fand so großes Behagen an Gustaf Adolfs Umgang, daß er sich mit ihm in weitläustige Gespräche einließ, die meistens über allgemeine Begebenheiten der Zeit sowohl in Schweden wie in Deutschland sich erstreckten. Die wechselnden Aussichten der Nheinufer gaben auch Veranlassung zu manchen Bemerkungen. Als der König die großen Schlösser und Ländereien sah, welche die Bischöfe im pfälzischen Bezirke besaßen, sagte er: „So etwas würde mein gnädiger König in Schweden nicht dulvcn; dort haben wir diese Opferkönige schon zur natürlichen Ordnung zurückgeführt." — Hierauf zeigte er vielen Unwillen gegen die Katholiken, und erzählte, „wie ein alter Mönch aus Erfurt, gegen eine geringe Bezahlung und bloß um Gustaf Adolfs Ncugier zu befriedigen, vor demselben die ganze katholische Messe gelesen habe." — Rusdorf wollte die Gelegenheit benutzen und durch diesen, wie es schien, so verständigen und genau unterrichteten Schweden, einen HeirathSvorschlag zwischen Gustaf Adolf und der erwähnten Prinzessin Katharina einleiten. Er fing damit an, weit und breit über den König von Schweden und dessen gute Eigenschaften zu sprechen. Der Andre antwortete in allgemeinen Ausdrücken. „Er soll ja ganz vollkommen Deutsch und Französisch iprechen?" fragte Rusdorf. '„Er spricht beives ungefähr so wie ich," antwortete der Andre. „Aber," fuhr Rusdorf fort, „es ist sonderbar, daß die Schweden ihrem Könige erlauben, so lange »»vermählt zu bleiben, da doch die Ruhe des Reiches auf der Thronfolge bc- 72 Zehntes Capitel. ruht." — „Der Schweden König," unterbrach ihn Gustaf Adolf, „wird sich nach seinem eignen, nicht nach der Stände Willen vermählen." — Nun ging Rusdorf gerade zur Sache über, und fing an die Vortheile seines Vorschlages zu entwickeln, sowohl in persönlicher wie in Staats-Hinsicht. Gustaf Adolf antwortete ausweichend , wodurch das Gespräch sich endlich wieder auf allgemeine Angelegenheiten wendete. Bei beendigter Reise wünschte Nusdorf seines Begleiters Namen zu wissen. „Es würde glücklich für mich sein," sagte er, „in Schweden einen Freund wie Euch zu besitzen, wenn etwa mein Fürst mich bei irgend einer Veranlassung in jenes Land schicken sollte." — „Mein Name," antwortete der Andre, „ist Gars, Hauptmann über des Königs Leibgarde-, und ich gelobe Euch nicht nur meine Freundschaft, sondern auch meines Königs besondre Gunst, wenn Euer Weg Euch jemals in mein Vaterland führen sollte." — Rusdorf ward später wirklich in schwedische Dienste aufgenommen. Nach der Rückkehr zu Heidelberg ward es bekannt wer dieser Fremde war, auch der Prinzessin Katharina. Sie erhielt außerdem Kenntniß von dem Vorschlage, welcher hinsichtlich ihrer Person gemacht worden war, und es heißt, daß sie nach dieser Nachricht sowohl ihr Betragen wie auch ihre Meinung hinsichtlich des früher so unerträglichen Schweden s) änderte; aber dieser eilte von des Rheinstromes blühenden Ufern und Mädchen hinweg nach seinem Vaterlande, um dort alle Einrichtungen zum Empfange seiner verlobten Braut zu treffen. Zu der Letztem Ueberfahrt wurden acht der größten Schiffe der Krone unter dem Reichsadmiral Gyllenhjelm ausgerüstet. Die zahlreiche und prächtige Gesandtschaft selbst ward vom Reichskanzler Arel Orenstjerna angeführt. Verschiedne neue verdrießliche Hindernisse waren eingetreten, hauptsächlich durch die Abgcneigtheit des Churfürsten veranlaßt. Gustaf Adolf befahl daher Orenstjerna keine Schwierigkeiten hinsichtlich der Bedingungen bei Unterschrift des Ehekontrakts zu machen, sondern nur vor allen Dingen die baldige Abreise der Braut zu betreiben. Orenstjerna vollführte den Auftrag mit besondern: Erfolg. Die verwittwete Churfürst!» erklärte sogar, daß sie das Unterschreiben des Ehekontrakts gar nicht zum Voraus verlange; im Vertrauen auf Gustaf Adolfs eignes Rcchtlichkeitsgefühl und seinen Edelmuth, wolle sie diese Gustaf Adolfs Vermählung. 7,i Angelegenheit anfschiel-en, bis sie mit ihm selbst in Schweden zusammentreffe. Der junge Churfürst selbst war bei Orenstjerna's Ankunft nach Preußen abgereist. Aus Furcht, daß er auch jetzt noch versuchen möchte neue Schwierigkeiten in dAN Weg zu legen, beschloß Anna nach seiner Rückkehr ihre Tochter nach Schweden zu führen, obschon ihr eigner Gemahl, der alte Churfürst, noch nicht begraben war. Eö wird sogar erzählt, sie sei durch eine geheime, ihr allein zugängliche Thür, hinab in das Gewölbe gestiegen, in welchem die churfürstlichen Kleinodien bewahrt wurden,, und habe davon so viele Kostbarkeiten mitgenommen, wie steh, ihrem Ermessen nach, ungefähr Maria Eleonorens Erbtheil an Werth belaufen konnte. Zwei Briefe kamen noch an, der eine vom Churfürsten, der andere vom Könige von Polen: Anna, welche fürchtete, darin neue hinderliche Vorschriften zu finden, ließ sie unerbrochen, und trat die Reise mit einer Eilfertigkeit an, die fast einer Flucht ähnlich sah. Durch Mecklenburg kamen sie nach Wismar, wo Maria Eleonora nebst Mutter, Tante, einer jüngern Schwester und einer zahlreichen Begleitung au Bord der schwedischen Flotte stieg, um nach Kalmar überzusetzen. Voller Sehnsucht und Ungeduld hatte sich Gustaf Adolf unterdessen nach dieser Stadt begeben, um Alles zum Empfang der Braut in Ordnung zu bringen. Dies war nicht leicht! Erstens war die Pest auSgebrochen, und das gerade zu dieser Zeit. Gustaf Adolf ließ Alles hinwegräumen was von der Ansteckung ergriffen worden war, die Menschen wurden weggeführt, die Häuser niedergebrannt. Weiter zeigte sich ein vollkommner Mangel an allen Bedürfnissen in dem vom Feinde vor einigen Jahren beinah gänzlich verheerten Orte. Bett - und Tischzeug mußte man aus Stock- holm, Gewürze und Zuckerwerk aus Deutschland holen; und alle, selbst diese kleinen, Angelegenheiten mußte der König selbst besorgen, da nur Wenige unter den Andern wußten, wie dergleichen in andern Ländern gebräuchlich war, und er um keinen Preis wollte, daß die junge Braut, bei ihrem ersten Schritt in Sckweden, den Reichthum und die Annehmlichkeiten der südlichern Länder vermissen sollte. Der 7. Oktober sah endlich die schwedische Flotte in den kalmarschen Sund einlaufen. Die Reichsräthe Abraham Brahe, Gabriel Bengtsson Orenstjerna und Nils Stjernsköld empfingen die Frauenzimmer auf den Schiffen, der König selbst am Ufer, 74 Zehntes Capitel worauf sie mehrere Tage im Schlöffe umcr Tanz und Freuden zubrachten. Darauf ward der Zug landeinwärts angetreten, aber in gemächlicher Langsamkeit. Gustaf Adolf selbst war hingegen schon hehrere Tage vorher und auf das Schleunigste nach Stockholm voraus geeilt, da selbst dort seine persönliche Gegenwart nöthig war, um Alles gehörig anzuordnen. Zu Westeräs traf er wieder mit seiner Braut zusammen, mußte dann aber von neuem voraus nach Stockholm eilen, wo er sie schließlich bei dem feierlichen Einzüge am 25. November in Empfang nahm. Das Beilager ward denselben Tag gefeiert, und die Krönung den 28.; beide mit ausgezeichneter Pracht und großem Aufwande. Der ganze Adel, Männer und Frauenzimmer bis zu mehrern Hunderten, die Bischöfe, Fürsten und fremde Gesandte waren eingeladen. Alle hatten, nebst ihren Dienern, freie Wohnung und Beköstigung im Schlosse. Ein einzelner Kaufmann übergab z. B. eine Rechnung über 177 Ohm Rheinwein, 70 Pipen französischen und 15 Pipen spanischen Wein, nebst 144 Lasten ") deutsches Bier, welches Alles auf dieser königlichen Hochzeit getrunken wäre. Gustaf Adolfs und Maria Elconora's Zusammenleben schien nun, auf den ersten Anblick, alle äußern Kennzeichen innerer Glückseligkeit an sich zu tragen. Maria Eleonora liebte ihren Gemahl bis zur Anbetung, und Gustaf Adolf benahm sich gegen seine Gemahlin mit Zärtlichkeit und unablässiger Aufmerksamkeit. Doch konnte man wohl merken, daß er nicht ungern ihr Anerbieten, ihn auf seinen Kriegszügen zu begleiten, ablehnte, und daß er ihr niemals das geringste Vertrauen in wichtigen StaarS- sachen schenkte. Ihre Gemüthsart und ihre Scelenkräfte waren dazu nicht geeignet, und noch weniger um eine auf Hochachtung und Vertrauen gegründete Liebe einzuflößen. Sie war sonderbar und voller Launen; ihrem Geiste, der in gewisser Hinsicht ausgezeichnet zu nennen, fehlte doch ganz und gar das ruhige und leitende Nachdenken. Selbst ihre Liebe für Gustaf -Adolf war nichts anders als eine Abgötterei, und führte bisweilen ganz sonderbare Auftritte herbei. In seiner Abwesenheit ward sie von einer so unüberwindlichen Sehnsucht überfallen, daß dieselbe manchmal in wirkliche Krankheit überging. Sie schrieb Briefe über ) Eine Last macht in Schweden 12 Tonnen. 75 Gustaf Adolfs Vermählung. Briefe an ihn, mit den betrübtest«! Schilderungen ihrer Trauer, ihres Schmerzes; mit den inständigsten Bitten doch zurückzukehren, oder zu erlauben, daß sie zu ihm komme. Selbst Arel Orenstjerna erhielt mehrere solcher Briefe mit dem Begehren „daß er doch vorn Könige die Zustimmung zu ihren Bitten erwirken, und überhaupt denselben bereden möge, sich stets in Stockholm aufzuhalten; sie versprach ihm dafür ihre grenzenlose Dankbarkeit. — Um sie zu beruhigen, blieb ihre Mutter eine lange Zeit hindurch in Schweden;, aber es war vergebens! Es war vergebens, daß diese sonst so durchgreifende, über Alle herrschende Fürstin, daß Gustaf Avols selbst Maria Elevncra bat, sich wenigstens einige Wochen in Geduld zu ergeben, nach deren Verlauf er selbst zurück zu sein hoffe. Es war vergebens, daß man Ihr sogar zu verstehen gab, ihre Ankunft werde dem Könige sehr ungelegen kommen, Nichts half. Sie erklärte, „daß sie sterben werde, wenn sie nicht zuihremHerrn reisen dürfe." — Kostbare 'Ausrüstungen mußten gemacht werden, und noch erreichte sie den König auf halbem Wege, und kam unvermuthet zu ihm ins Lager, und der Befehlshaber des Schlosses in Liefland gerieth in nicht geringe Verlegenheit, der Eßwaaren und des Hausgeräthes wegen, da die Königin mit ihrer Begleitung sie so unerwartet überfiel ">). — Maria Eleonora war im Allgemeinen heftig und unbedachtsam im Fassen ihrer Beschlüsse, veränderlich in der Ausführung derselben, mithin unordentlich in ihrer Haushaltung und dadurch oft in Schuloen versunken, bisweilen ohne Wissen des Königs "). Dies ward zum Theil durch ihre verschwenderische Freigebigkeit verursacht, noch mehr aber durch ihren ausgezeichneten Geschmack für Musik, Malerei, und besonders für die Baukunst; eben so für kostbare Kleider und Schmucksachen. Da die ernsten und noch wenig gebildeten Schweden dergleichen nicht zu schätzen wußten, war sie auch noch unvorsichtig genug, besonders in Anfällen böser Laune, verächtliche Worte gegen das Land und seine Bewohner auszustoßen; wodurch natürlicher Weise deren Kälte gegen sie, so wie das Unangenehme ihrer eignen Stellung nur noch bedeutend vermehrt ward. Gustaf Adolf sah diese ihre Fehler wohl, aber er sah auch ihr reines Herz und ihre andern guten Eigenschaften, und schwieg. Eine tief innige Zuneigung konnte dabei aber freilich nie in seiner 76 Elftes Capitel. Brust erzeugt werden, und Maria Eleonora blieb für «hu immer mehr oder weniger ein Kind, der Gegenstand eurer überlegnen Liebe, die sich wohl hingeben, aber nichts dagegen empfange» kann. Er plauderte mit ihr in müßigen Stunden, und überhäufte sie mit schönen Kleidern und Kostbarkeiten, aus welche Dinge sie, wie er wußte, so besonders großen Werth legte. Es war auch ihre größte Freude, im doppelten Schmuck, den der höchste Glanz des Reichthums und der Kunst, wie die volle Anmuth der Schönheit ihr verlieh, sich ihm zu zeige», und dadurch seinen Blicken und Lippen Beifall und Bewunderung zu entlocken. Manche ahneteu aber doch, daß Gustaf Adolf wohl das Bedürfniß einer tiefern Liebe kennen, daß das Bild der vortreffliche» Ebba Brahe wohl manchmal vor seiner sehnenden Seele aufsteigen möchte! Wenn dem so war, so wußte er wenigstens seine Gefühle meisterhaft zu verbergen. Die Welt sah und glaubte nicht anders, als daß der König und die Königin sich gleich glücklich fühlten. Elftes Capitel. Der Krieg mit Polen. König Sigismund konnte auf keine Weise vermocht werden, seinen Ansprüchen auf die Krone Schwedens zu entsagen und das nun herrschende Königsgeschlecht anzuerkennen. Er fuhr fort sich selbst stets König von Schweden zu nennen, Gustaf Adolf hingegen Herzog von Südermanland, Nerke und Wermland, welche Landschaften des Vaters Fürstenthum gebildet hatten. Daneben suchte er Aufruhr zu stiften durch heimlich inö Land gebrachte und dann öffentlich angeschlagne Bekanntmachungen, durch heimlich vertheilte Briefe, durch verkleidete Aufwiegler (oder polnische Schmeißfliegen, wie Gustaf Adolf sie nannte). Aber dies war auch das Einzige was er auszurichten vermochte. Gleich nach Karls IX. Tode, als Schweden und dessen jungem Könige von allen Seiten Krieg drohte, hätte Sigismund die beste Gelegenheit gehabt, wenigstens Liefland und Estland zurückzunehmen. Aber er benutzte sie nicht, theils aus eigner Trägheit, theils weil die polnischen Stände unwillig waren und sich ihrer gewohnten Widerspruchslust überließen. — Die in Liefland stehenden schwedischen und polnischen Truppen, beiderseits in geringer Anzahl und in elendem Zustande, lagen in vollkommncr Unthätigkeit einander gegenüber. Man ging den einen Waffenstillstand nach dem andern ein, und so verfloß die ganze Zeit von 1611 bis 1617, in welchem Jahre es Gustaf Adolf endlich gelang, den dänischen und den russischen Krieg zu beendigen, um dann mit ungetheilten Kräften sich gegen Polen zu wenden. Schwaden und seine Einwohner wünschten aber auch von dieser Seite den Frieden, um sich nach dem beinah sechszigjährigen Kriege endlich zu erholen. Auch der junge König erkannte es, wie nöthig derselbe war. Er schlug daher billige Friedensbedingungen vor; aber Sigisuiunds Federungen waren hingegen ungereimt übertrieben, z. B. daß Gustaf Adolf den schwedischen Thron SigiSmund überlassen und sich selbst mit des Vaters -Herzogthum begnügen sollte n. s. w. Diese Ansprüche eines Fürsten, der nicht einmal seine eignen Grenzen vertheidigen konnte, erweckte in Schwede» den Unwillen des Volkes wie des Königs. Aus dein Reichstage zu Oerebro 1617 legte Gustaf Adolf die Beweise von seiner eignen friedlichen Gesinnung und von Sigismunds Unbillig- keil vor; daneben einen Brief von diesem Könige an Herzog Johann, mit dem Versuch innere Unruhen zu stiften u. s. w. Die Stände, über Sigismunds Handlungsweise ausgebracht, erklärten, daß sie, so sehr sie such Frieden wünschten und bedürften, sich doch nicht den Steuern entziehen würden, die erfodert werden würden um den eingebildeten und übermüthigen König in Polen zu züchtigen. So brach denn der polnische Krieg von neuem aus, und währt« zwölf Jahre. Sein hauptsächlichster Schauplatz war während der ersten acht Jahre Liefland, während der übrigen das polnische Preußen, und dort besonders die Landstriche an der niedern Weichsel. In den Jahren 1617 und 161Ä kamen nur einige kleinere Scharmützel vor, wonach ein Waffenstillstand bis 1621 abgeschlossen ward. In dieser Zeit war es Gustaf Adolf gelungen, die Unterhandlungen über seine Vermählung abzuschließen, und das Reich einige Kräfte sammeln zu lasse». Im Jahr 1621 eröffnete er daher den Krieg wieder mit erneuter Kraft. Bis 1625 ward er in Liefland und Kurland geführt. Gustaf Adolf eroberte diese Landschaft, nebst der bedeutenden Handelsstadt Riga, machte 78 Elftes Capitel. einen Einfall in Samogitien, und besiegte die Polen in mehrern Treffen. Friedensunterhandlungen kamen von neuem auf die Bahn. Die Lithauer, welche Gustaf Avolfs Einfall fürchteten, waren zum Vergleich geneigt; aber die eigentlichen Polen ließen sich durch Sigismund zum Gegentheil vermögen, und die Friedensuntcrhaud» lungen liefen fruchtlos ab. Nun beschloß Gustaf Adolf, durch nachdrücklicheres Handeln Polens König und Volk zu friedlichem Gedanken zu zwingen. Er versetzte den Krieg nach Preußen, damit die Polen selbst in der Nähe dessen Beschwerden möchten kennen lernen. Zugleich beabsichtigte er, sich aller Häfen zu bemächtigen, um so dem Feinde den Handel abzuschneiden, und selbst die bedeutenden Zoll- einkünfte zu erhalten. Jakob de la Gardie und Gustaf Horn sollten unterdessen gegen die Lithauer Tiefland vertheidigen, welchen Auftrag sie auch männlich vollführten. Am 15. Juni 1626 landete Gustaf Adolf bei Pillau, und eroberte noch im selben Jahre Königsberg, Braunsberg, Elbing, Stuhm, Marienburg und Mewa u. m. a. Gegen den Winter kehrte er nach Schweden zurück, kam aber im Mai 1627 wieder herüber, und tummelte sich mit den Polen bald bei Dauzig, bald bei Dirschau herum, und würde unfehlbar sehr bedeutende Vortheile gewonnen haben, wenn er nicht zweimal und auf längre Zeit durch erhaltn« Wunden verhindert worden wäre, das Unternehmen selbst zu betreiben. Den Winter drauf war er wieder in Schweden, und kam abermals 1628 im Mai zurück. In diesem Jahre erstreckte er seine Eroberungen bis zur polnischen Grenze, und seine leichten Truppen schwärmten bis vor Warschau, überall Unruhe und Schrecken verbreitend. Der König hätte vielleicht mit dem Hauptheere selbst noch mehr zuwege bringen könne»; aber er befolgte bei seiner Kriegführung immer den Grundsatz, sich so wenig wie möglich von der Küste zu entfernen, um nicht die Möglichkeit zu verlieren von der Heimath aus Hülfe zu erhalten. Den folgenden Winter brachte Gustaf Adolf wieder im Vaterlandc zu, während welcher Zeit Hcrrmann Wrangcl den bedeutenden Sieg bei Gorzno gewann. Diese fortwährenden Widerwärtigkeiten machten die polnischen Stände mehr und mehr zum Frieden geneigt. Aber Sigismund Der Krieg mit Polen. 79 wollte seine Ansprüche noch nicht aufgeben, zumal da er eine von, Kaiser schon lange versprochn? Unterstützung erwartete. Im Jahr 1629 landeten auch 10,000 Mann Hülfstruppen aus Deutschland an. Aber Gustaf Adolf war selbst mit frischer Mannschaft aus Schweden herüber gekommen. Blutige Kämpfe fielen bei Stuhm und Marieuburg vor, ohne daß eins der beiden Heere sich einen ausgemachten Sieg hätte zuschreiben können. Unterdessen brach die Pest in beiden Lagern aus, am schlimmsten aber bei den Polen, so wie auch Zwietracht zwischen den Letztgenannten und den deutschen Hülfstruppen; ohnedem zeigten beide wenig Neigung, gegen die tapfern Schweden noch länger für Sigismunds leere Ansprüche Leben und Blut zu verscherzen; so daß dieser König endlich 1629 im September gezwungen ward, den sechsjährigen Waffenstillstand zu Stuhmdorf einzugehen, welcher seitdem verlängert ward, und fünf und zwanzig Jahre währte. Die Ueberlegenheit der schwedischen Truppen über die Polen, trat in diesem Kriege von Jahr zu Jahr sichtbarer hervor, und es war nur mit Mühe, daß letztere sich in Preußen behaupten konnten. Die Einwohner dieser Landschaft singen auch an eine besondere Zuneigung zu Gustaf Adolf zu fassen, so daß er in den Städten oft mit dem AuSruf empfangen wurde: „da kommt unser König!" Wofern nicht die unglücklichen Zufälligkeiten von Gustaf Adolfs Verwundungen und dem rcgnigten Sommer von 1628 eingetreten wären, so ist große Veranlassung da zu glauben, daß ganz Preußen so wie vorher Liefland erobert worden wäre. Gleichwohl muß nicht vergessen werden, daß Danzigs besonders tapfre und standhafte Selbstverthcidigung auch bedeutend zur Rettung des Landes beitrug. Es war gerade wahrend dieses Krieges, daß Gustaf Adolf hinsichtlich der innern Regierung des Landes die meisten jener Verbesserungen ausführte, welche seine Regierung so Vortheilhast auszeichnen. Er segelte nehmlich, wie auch schon erwähnt, jeden Herbst aus Preußen nach Schweden zurück. Der Winter ward dann theils in Reisen durch das Vaterland, theils in Ueber- lcgungen mit dem Rathe oder den Ständen, theils in Rüstungen zu dem kommenden Feldzuge zugebracht. Letzterer ward von den Schweden nicht ungern unternommen. Die beständigen glücklichen Erfolge des Krieges belebten die Hoffnung und das Selbstgefühl 80 Zwölftes Capitel. des ganzen Volkes. Eine jede Herüberkunft deS Königs war ein Siegesfest, welches in Freude und Triumph gefeiert ward, wo die eroberten Fahnen unter Danksagungen und Gesängen in der Tempelwölbung befestigt wurden. Eine jede Rückreise war ebenfalls ein Fest für die jungen schwedischen Helden, welche sich »ach Thaten und Ehre sehnten. Arel Orenstjerna war hier wie überall Gustaf Adolf Alles in Allem. Bei Kriegsbewegnngen, Friedensunterhandlungen, Reichstagen, genug überall wo etwas Wichtiges unternommen werden sollte, mußte Orenstjerna persönlich zugegen sein, oder wenigstens seinen Rath ertheilen. Im Winter, wenn Gustaf Adolf sich in Schweden aufhielt, mußte Orenstjerna in Preußen bleiben, wo er allein für das Land wie für das Kriegsherr sorgen sollte; und beide waren gut versorgt! Wir wollen nun in besondern Capiteln die merkwürdigsten Begebenheiten erzählen, welche im polnischen Kriege vorfielen. Zwölftes Capitel. Farensbachs Verratherei. Wolmar von Farensbach, ein liefländischer Edelmann, war schon 160l als Gefangner nach Schweden gekommen und dort mehrere Jahre geblieben. Ausgewechselt, ging er in die Dienste des Herzogs Wilhelm Kettler von Kurland, und als dieser sowohl mit der ^irländischen Ritterschaft wie mit Polen in Uneinigkeit gerieth, ging Farensbach gegen hohe Versprechungen zu den Schweden,über. Er war ein sonderbarer Mann und voll von Gegensätzen. Im Kriege ausgezeichnet tapfer und geschickt, besonders um den Feind zu überraschen; in Unterhandlungen schlau, thätig und durchgreifend; aber daneben in seinem ganzen Wesen heftig, veränderlich, falsch und eigennützig; oft heimlich von beiden Partheicn Geld nehmend aber keiner treu dienend. — Gustaf Adolf und seine Freunde hegten freilich großes Mißtrauen gegen einen solchen Krieger, wollten aber doch sein vortheilhaftes Bündniß nicht abweisen. Zu größerer Sicherheit stellten sie ihm Nils Stjern- sköld zur Seite. Anfangs ging Alles gut und wohl. Düna- mündc, Niga's Schanze, Pernau, Grobin und Gumbinncn wurden FarensbachS Berralhcrei. öi erobert, zum Theil durch FarensbachS Geschicklichkeit. Aber die Freiheit zu plündern, welche er seinen Soldaten ließ, erregte zuerst Uneinigkeit zwischen ihm und den schwedischen Heerführern. Diese glaubten auch bei Farensbach eigennützige Absichten und heimliche, mit den Polen geschmiedete Ränke zu entdecken. Jener hingegen merkte ihr Mißtrauen und war darüber nicht wenig erzürnt, wo denn die Jesuiten in Riga die Gelegenheit ergriffen, und ihn ins Geheim zu Sigismund hinüber zu locken suchten. Bei dieser Lage der Sachen begab es sich, daß aus Schweden ein Schiff ankam, welches Geld sür Stjernskold mitbrachte. Da dieser gerade abwesend war, verlangte Farensbach, daß es ihm übergeben werden sollte; aber der Befehlshaber des Schiffes weigerte sich, weil er ausdrücklichen Befehl habe das Gelb nur in Stjernskölvs eigne Hände abzuliefern. Nun ward Farensbach auf das Heftigste aufgebracht. Seine Soldaten plünderten das Schiff, todteren einen Theil der Besatzung, nahmen das Geld weg, und ritten dann, von Farensbach selbst angeführt ins polnische Lager hinüber und nahmen Dienste bei Sigismund. Dies Alles geschah 1617. Die Schweden verloren durch FarensbachS Verrärherci mehrere der eingenommenen Festungen, worauf der Waffenstillstand abgeschlossen ward, dessen wir schon erwähnte» (von 1617—1621). FarensbachS Treue gegen Sigismund dauerte auch nicht lange! Einige Jahre später ging er wieder in Gustaf Adolfs Dienst zurück, und empfing eine gewisse Summe Geldes, um in Holland 3600 Mann zu werben. Farensbach vergeudete in Spiel und Aufwand diese Geldmittel und ging dann zum Kaiser über. Hier ward er sehr gut aufgenommen, denn gleich allen andern Schülern Gustaf Adolfs war Farensbach sehr erfahren in der Befestigungsund Felrmessungskunst, so daß er in dieser Hinsicht als der Geschickteste im kaiserlichen Heere angesehen wurde. Demunerachtet stand er immerfort in heimlichem Briefwechsel mit den Schweden, und versicherte sie seiner Ergebenheit. Aber im Jahr 1632 folgte er Tilly aus dessen Zuge gegen Bambcrg, und trug sehr viel zu dem Verluste bei, welchen Gustaf Horn bei letztgenannter Stadt erlitt. Gustaf Adolf ward aufs Aeußerste gegen den Verräther aufgebracht; aber Farensbach schrieb und entschuldigte sich mit der Nothwendigkeit, daß er in des Kaisers Dienst ja auch einen ze- I. « 82 Dreizehntes Capitel. wissen Eifer zeigen müsse, um kein Mißtrauen zu erwecken. Er erbot sich, zur Versöhnung Jngolstadt in der Schweden Hände zu liefern, beredete auch den österreichischen General Cratz anf diese Verrätherei einzugehen, und nur ein Zufall verhinderte die Ausführung. Der Kaiser, welcher unterdessen nicht die mindeste Ahnung von diesen Unterhandlungen hatte, ernannte Farensbach zum Befehlshaber zu Regensburg, um seine treuen Dienste zu belohnen! Aber gleich nachher wurden die heimlichen Ränke entdeckt, und Farensbach selbst gefangen genommen und zum Tode verurkheilt. Seine Frau und Kinder eilten nach Wien um seine Begnadigung zu erwirken, und es gelang ihnen unter dem Beistande von Farensbachs Freunden, zumahl da dieser durch seine Kriegskenntnisse beinah unentbehrlich war; ein Eilbote ward mit dem Begnadigungsbriefe abgesendet. — Unterdessen war in Regensburg der Tag der Hinrichtung erschienen, und Farensbach ward, wie es bei Officieren gebräuchlich war, nur umgeben von Soldaten, hinausgeführt. Beim Besteigen der Erhöhung und dem ersten Anblick der daselbst bereit liegenden Werkzeuge, stieß er hastig die Wache hinweg, sprang wieder hinunter, wand einem der Soldaten das Gewehr aus der Hand, und versuchte, sich damit den Weg zur Flucht zu bahnen. Dies Alles geschah so schnell, daß Farensbach vier Soldaten niedergestoßen hatte, ehe sie nur noch an Widerstand denken konnten. Aber jetzt ward er selbst ergriffen, zu Boden geworfen und niedergestochen, und endlich der ganze Körper von den erbitterten Soldaten in Stücke zerhauen, lind gerade in diesem Augenblicke landete der aus Wien abgeschickte Bote mit seinem Begnadigungsschreiben an! Dreizehntes Capitel, Riga's Eroberung. Im Jahr 1621 war Polen in einen sehr ernsten und gefährlichen Krieg gegen die Türken verwickelt. Gustaf Adolf hoffte daher, Sigismund zu billiger Verglcichung geneigt zu finden. Aber dieser König wollte seinen Ansprüchen nicht entsagen, und suchte nur durch verlängerten Waffenstillstand Muße zu gewinnen bis der türkische Krieg beendigt wäre. Dies stimmte aber nicht mit Schwedens und Gustaf Adolfs Vortheil überein. Der letztere 83 Riga's Eroberung. beschloß daher keinen weitem Waffenstillstand zu bewilligen, sondern mit aller Kraft seinen Feind anzugreifen, während dieser auch noch andererseits beschäftigt wäre. Hierbei fand sich aber doch Ein schwieriger Punkt. Die Türken wurden zu jener Zeit noch als die gemeinsamen Erbfeinde aller christlichen Völker angesehen. Ein Reich, welches in einen Krieg mit der Türkei verwickelt war, anzufallen, ward mit Abscheu, und ein Bündniß mit der Türkei für wenig besser als ein Bündniß mit dem bösen Geiste betrachtet. Gustaf Adolf ließ sich durch diese Bedenklichkeiten aber doch nicht abhalten. Er sandte an die Regenten und Völker Europa's offne Schreiben, den deutlichsten Beweis enthaltend, daß er selbst kein Mittel zu billiger Vergleichung versäumt habe; daß aber Sigismunds Halsstarrigkeit allein die Schuld des Krieges trage. Demunerachtet entging er dem bittersten Tadel nicht. Im Juli 1621 versammelte er bei Elfsnabben eine sehr bedeutende Macht, um damit nach Liefland überzusetzen. Widrige Winde verzögerten die Abreise längere Zeit, während dessen der König mit eigner Hand seine Kriegsartikel aufsetzte, die sowohl durch Klugheit und Einsicht in diesen Gegenstand, wie durch Liebe zur Ordnung und Sittlichkeit ausgezeichnet waren. Unterdessen kamen beive Königinnen, Mutter und Gemahlin nebst Schwiegermutter ins Lager. In Leren Gegenwart ward das Heer auf dem Felde bei Ährsta gemustert, wobei das neue Kriegsgesetz vorgelesen und beschworen ward, und von diesem Tage an kann mau die neue Umgestaltung des schwedischen Kriegers zu der schönen Vereinigung von Muth und Menschlichkeit datiren, welche ihn seit dem über das gewöhnliche Soldatenleben erhob. — Endlich erhob sich ein günstiger Wind; die Königinnen kehrten nach Stockholm zurück, und die Flotte ward nach Sandhamm geführt. Am Johannistage verließ sie beim schönsten Wetter mit schwellenden Segeln den Hafen. Sie bestand aus ein hundert acht und fünfzig größern und kleinern Schiffen. Schon am folgenden Tage erhob sich ein Unwetter, welches die ganze Flotte trennte und zerstreute, und sie mehrere Tage auf der Ostsee umher trieb. Das Schiff, auf welchem sich der König und Herzog Karl Philipp befanden, ward, nebst einigen andern nach Pernau hin getrieben, wo der König und der Herzog an's Land gingen. Die übrigen Schiffe versammelten sich bei Nunö 6 * 8 » Dreizehntes Capitel. unter dem Neichsadmirale Gyllcnhjelm. Nach einigen Tagen Wartens kam von Pernau die Nachricht von des Königs Landung, worauf die ganze Flotte sich wieder vereinigte und gerade auf Riga zu segelte. Diese bedeutende Handelsstadt liegt an der Düna, ungefähr Meile von deren Mündung in's Meer. Die Stadt gehörte zum alten Hanseatischen Bunde, und konnte in mehrfacher Hinsicht als eine freie Reichsstadt betrachtet werden, stand aber unter polnischem Schutze. Bei dem Gerüchte von Gustaf Adolfs Rüstungen, hatte sie daher Hülfe begehrt; aber Sigismund konnte ihr, in Erwägung des türkischen Krieges, nur 300 Mann senden. Riga beschloß aber dennoch einen kräftigen Widerstand zu leisten, und konnte vermöge seiner Hülfsmittel an Mannschaft und Geld als ein nicht zu verachtender Feind angesehen werden. Sein einziger Hafen war die Einfahrt in den Dünastrom. Um die Schweden davon zurückzuscheuchen, ward zum Schein ein großes Lager am äußersten Ende der Dünamündung aufgeworfen; aber da dessen Befestigung an sich sehr schwach war, und es an Mannschaft zur gehörigen Besatzung fehlte, so wagten die Rigaer nicht, Kanonen hinzuschicken. Als die Flotte am 31. Juli um Mittagszeit nahte, erblickte Gyllenhfelm das große und, wie es schien, stark befestigte Lager. Fahnen wehten und Gewehre blinkten auf den Wällen, und häufige Schüsse nebst Pulverdampf gaben zu verstehen, daß sich darin eine bedeutende Kriegsmacht befände. Gyllenhjelm wagte daher nicht, in den Strom hinein zu segeln, und sich dadurch den Kanonen eines solchen Lagers auszusetzen, sondern legte die Flotte draußen auf der Nhede vor Anker. Aber am Nachmittage erhob sich ein starker Nordweststurm, welcher vier Tage anhielt, und so heftig war, daß mehrere Schiffe von ihren Ankern losgerissen, und auf die Küste geworfen wurden; andre mußten ihre Masten abhauen, und alle litten bedeutenden Schaden; besonders wurden die mitgenommenen Pferde durch die fortwährende gewaltsame Bewegung ganz unbrauchbar gemacht. Den 4. August ließ der Sturm endlich nach, und Gyllenhjelm beschloß, aus Furcht vor einem neuen, in die Düna hinein zu steuern, es möchte kosten waS es wollte. Schnell ward das Fahrwasser untersucht, die Schiffe legten sich in Ordnung, eins hinter dem andern mit geladenen Kanonen, und außerdem Soldaten in Riga s Eroberung. 8ö offnen Boten, um gleich den Feind empfangen zu können. So ausgerüstet, steuerte er gerade in die Mündung des FlusseS hinein. Sobald die Nigaer sein Vorhaben bemerkten, fingen sie an die Fahnen zu schwenken und Schuß auf Schuß zu thun; aber va Gyllenhjelm seinen Lauf fortsetzte, ohne sich abschrecken zu lassen, und die Schweden anfingen zu landen, zündeten die Polen ihr Lager an, und eilten, ohne einigen Widerstand geleistet zu haben, nach Riga zurück, wo noch denselben Abend die Vorstädte abgebrannt wurden. Gyllenhjelm ließ unverzüglich die ganze Mannschaft an's Land setzen, und einige Tage später kam auch Gustaf Adolf an, mit ihm Jakob de la Gardie und ein Haufen deS finnländischen Kriegsvolkes. Nun ward die Stadt von allen Seiten eingeschlossen. Nordwärts am Mühlgraben ward ein verschanztes Lager unter de la Gardie angelegt. Am Sandberge, nordöstlich von der Stadt, war das zweite und größte unter dem Könige selbst. Auf der östlichen Seite am Strande hatten Herrmann Wrangel und Patrik Ruthwen sich gelagert. Nach Süden hin auf der andern Seite der Flotte lag Hcrrmann Fleming in der sogenannten Kobron - Schanze. Der Neichsadmiral Gyllenhjelm und der Viccadmiral Klas Fleming hatten die ganze Flotte unter sich und schnitten alle Zufuhr ab. Gustaf Adolfs Macht ward für beinah 20,000 Mann stark angesehen. In Riga befanden sich nur 300 wirkliche Soldaten; aber die Bürgerschaft war zahlreich, streitbar und voll Eifer für die Freiheit der Stadt und ihren auf derselben beruhenden Handel. Als Gustaf Adolf sie am 12. August anffoderte, erhielt er daher eine stolze und abschlägige Antwort. Alan hatte auch von polnischer Seite her ganz neuerdings die Versicherung einer tüchtigen und baldigen Hülfe erhalten. Den 14. August begann daher das Feuer von Seiten der Schweden. Es war sehr heftig, besonders gegen die sogenannten Jakobs - und Sandthore. Zuweilen wurden an Einem Tage über tausend Kugeln hinein geworfen. Die dicken Mauern wurden endlich durchbohrt und die Thürme niedergeschossen. Nach mehrern kleinern Versuche», wagte der König in der Nacht von, 20. auf den 30. August einen Angriff, ward aber mit Verlust zurückgeschlagen. Die Rigaer bewiesen einen ausgezeichneten Muth und große Beharrlichkeit. Dreizehntes Capitel. t>0 Der hartnäckige Widerstand machte Gustaf Adolf besorgt, besonders da er benachrichtigt ward, daß Radziwil an der Spitze polnischer Hülfstruppen nahe. Zudem bemerkte man auf russischer Seite große Unzufriedenheit über die, jetzt erst hervortretende nähere Grenzbestimmung, so daß man, aus Furcht vor einem neuen Kriege, dort nicht alle Truppen wegziehen durfte. Zur Vermehrung der Sorge kam aus Schweden die Nachricht, daß die Königin vor Sehnsucht krank sei, und sich durchaus nicht zufrieden geben könne. Gustaf Adolf schrieb an seine Schwiegermutter, welche die Absicht hatte nach Deutschland zurückzukehren, und überredete sie noch länger bei der kranken Tochter zu bleiben; wodurch eS ihm denn gelang, die letztere wenigstens auf einige Zeit zu beruhigen. Zu gleicher Zeit kam als Eilbote von der östlichen Grenze her, Herrmann Fleming mit der Nachricht, daß die Nüssen endlich nachgegeben hätten, so daß von der Seite nun nichts mehr zu befürchten wäre. „Ihr bringt noch Nachrichten wie ein ehrlicher Mann!" rief Gustaf Adolf aus, nachdem Fleming seinen Auftrag ausgerichtet hatte, und der letztere durste zur Belohnung sich ein paar Bauernhöfe zu erb und eigen aussuchen. Nach einigen Tagen kam Radziwil mit der durch Sigismund versprochenen Hülfe, und die Rigaer sahen mit außerordentlicher Freude auf dem Bergrücken an der südlichen Seite des Flusses die polnische Standarte wehen. Aber Radziwil führte nur eine unbedeutende Anzahl Reiterei mit sich. Er wagte sich nicht ins offne Feld, sondern verlegte sein Lager auf einige schattige Höhen, eine Strecke weit ostwärts von Kobrons Schanze; und nach einigen vergeblichen Versuchen, Mannschaft in die Stadt zu werfen, eilte er wieder hinweg, aus Furcht selbst angegriffen zu werden. Nach Radziwils Abzug erneuerten die Schweden das Schießen mit erhöhter Heftigkeit. Bomben und Granaten wurden in schrecklicher Menge in die Stadt geworfen, von den unverdroßnen Einwohnern aber immer wieder ausgelöscht. Gleichwohl litt die Stadt bedeutend, denn die schwedischen Laufgräben waren nun schon so nahe gerückt, daß ihre Musketkugeln durch Häuser und Kirchen flogen. Gustaf Adolf ließ von neuem die Bürgerschaft aufsodern, beeilte aber zugleich die Belagerungsarbeiten mit verdoppeltem Eifer. Unter beständigen Scharmützeln wurden Laufgräben und Wälle bis ganz an die Festung aufgeworfen, wobei Gustaf Adolf und Niga's Eroberung. 87 Karl Philipp oft selbst mit dem Spaten in der Hand ihren Soldaten das Beispiel der Arbeitsamkeit wie des MntheS gaben. Eines Tages kam nehmlich eine Stückkngcl und zerschmetterte den Tiefländer Stackelberg so nahe an des Königs Seite, daß das Blnt diesem die Kleider bespritzte; und ein andermal flog eine Kugel durch sein Zelt, zwar ohne Schaden zu thun, aber auch ohne ihn vermögen zu können, eine andre Stelle zu wählen. Die Soldaten folgten dem Beispiele. Mansfelds Regiment drang vor, und legte seine Verschanzungen an den Außcnwerken der Festung selbst an. Andre schwammen Nachts über den Stadtgraben, und befestigten an den Pfälen auf der innern Seite dicke Taue, auf welche dann Kettenbrücken gelegt wurden, worüber die Mannschaft zog, und so in den innern Festungswerken festen Fuß faßte, doch nur unter beständigem Fechten. Selbst unter der Erde ward der Kampf fortgesetzt, da beider Partheien Minirer dort auf einander stießen und dann in ihren finstern Gängen in ein blutiges Handgemenge geriethen. Am 9. September beschloß Gustaf Adolf einen Angriff gegen das Sandthor zu machen. Johann Bauer sollte die Stürmenden anführen, mit ihm die Franzosen de la Chapclle, Vater und Sohn. Die schwedischen Soldaten, welche mit dem fremden Namen nicht fertig werden konnten, nannten sie gewöhnlich den großen und den kleinen Laske pelle. Der Angriff und die Vertheidigung waren gleich kräftig, und mehreremale wurden die Schweden zurückgetrieben, der alte de la Chapelle ermunterte seinen Sohn unerschrocken vorzudringen. Der Jüngling gehorchte und fiel im selben Augenblick in dem dichten Kugelregen, der mit ihm mehrere der Officiere wie der Soldaten niederwarf. Nun kam Gustaf Horn mit Hülss- trnppcn und der Kampf ward noch schärfer. Horn und Bauer wurden beide verwundet, wichen aber nicht von ihren Soldaten. Endlich gelang es ihnen die Städter vom niedern Walle wegzutreiben, und daselbst zu eignem Schutze starke Verschanznngen auszuwerfen. Nun glaubten die Schweden der Eroberung der Stadt ziemlich sicher sein zu können. Riga war ein Erzbischofrhum, Wende» ein demselben unterworfenes Bischofsstift. Als nun eines Tages Gustaf Adolf und Arel Orenstjerna zusammen zu Mittag äffen, verlangte der letztere die Gesundheit des baldigen Erzbischofs von -«8 Dreizehntes Capitel. Riga trinken zu dürfen, wobei er sich gegen den König verbeugte. Dieser verstand die Meinung und lachte, und trank dann dagegen die Gesundheit des künftigen Bischofs von Wenden. Nach der Eroberung Riga's gab er wirklich Orenstjerna das ganze Stift Wenden. Die Nigaer hingegen sahen ihre Sache noch nicht für so ganz verloren an. In Hoffnung auf Entsatz, verlangten sie einmal nach dem andernmale Waffenstillstand; erhielten aber natürlicher Weise abschlägige Antwort. Bei einer solchen Gelegenheit» hatte Gustaf Adolf geäußert, daß die Schweden selbst auch dann noch stark genug sein würden die Stadt einzunehmen, wenn sene Entsatz bekämen. Hierauf sich beziehend , schlugen die Bürger vor, daß es ihnen erlaubt sein möchte, Verstärkung durch einige polnische Truppen einzuziehen, so würde der Konig nachher eine desto glänzendere Ehre von seinem Siege haben. Aber Gustaf Adolf lachte und antwortete: „daß er nicht unnöthiger Weise die Ehre so theuer erkaufen wolle; sondern die Vortheile zu benutzen beabsichtige, die er schon inne habe." Zugleich ließ er Alles zum Sturm bereit machen. Er hatte mit eigner Hand einen ausführlichen Plan des Angriffs aufgesetzt, und Kenner der Kriegskunst haben die Klugheit, die nichts übersehende Besonnenheit bewundert, welche sich darin zeigen. Der zum Sturm bestimmte Tag war der 12. September. Das Schießen mit Kugeln und Bomben begann schon am Morgen, und die Mittagszeit war zum Anfang des Stürmens bestimmt. Da sandte Gustaf Adolf zum letztenmale einen Trompeter hinein, stellte der Bürgerschaft die Gefahren ihrer Lage vor, und legte auf ihr Gewissen all' das Blut, welches vergossen werden, all' die Gräßlichkeiten, deren Ausübung zu verhindern unmöglich sein würde, im Fall die Stadt mit Sturm genommen würde. Diese Gründe wirkten. Selbst die Polen riechen eine längre und unnütze Vertheidigung ab, und nach einiger Tage Unterhandlung, hielt Gustaf Adolf seinen feierlichen Einzug. Ganz Kurland ward in diesem Herbst überschwemmt, worauf der König nach Stockholm zurückkehrte, wo Gustaf Horn und Johann Bauer, für bewiesene Tapferkeit zu Rittern geschlagen wurden. Riga s Eroberung war die erste große Waffenthat, wodurch Gustaf Adolf die Aufmerksamkeit Europa's auf sich zog. Der 8 -) Gustaf Adolf vor Danzig. Reichthum und die Gegenwehr der Stadt, so wie des Königs Klugheit und Beharrlichkeit hatten nehmlich von beiden Seiten im höchsten Grade das allgemeine Interesse gefesselt. Zwischen Gustaf Adolf und Sigismnnd war für das Jahr 1623 ein Waffenstillstand abgeschlossen worden. Nichts desto winiger wußte der letztere sich von den polnischen Standen Unterstützung zu neuen Rüstungen gegen Schweden zu verschaffen. Man erfuhr von Zeit zu Zeit, daß er in und um Danzig Truppen Dies erregte sowohl beim Volke wie bei der Regierung große Vorsicht sowohl ihre Person wie ihre Schätze aus dem an der Küste gelegenen Nyköpiug nach Gripsholm *), und Manche folgten ihrem Beispiele. Nyköpings und Kalmars Festungswerke wurden verbessert, das Volk ward aufgeboten und in Rotten getheilt, um immer bereit zur Selbstvertheidigung zu sein. In Smaland sollten Herrmaun Wrangel und Per Bauer, in Finnland Karl Gyllenhjclm den Oberbefehl führen. Um die Ver» theidigungsaustalten besser in der Nähe zu sehen, fuhr Gustaf Adolf selbst die Küste auf und ab, während die Kriegsflotte zu Warholm ausgerüstet ward. Er hatte einige Kundschafter nach Preußen gesandt, welche mit der Nachricht zurückkehrten, daß Sigismuuv erster Tage in Danzig erwartet würde, wo 6000 Mann und 200 Scheeren-Fahrzeuge, mehrere in Beschlag genommne Handelsschiffe nicht mitgerechnet, versammelt waren. Gustaf Adolf konnte nicht länger an Sigismunds Absicht zweifeln, und beschloß ihm daher zuvor zu kommen. Vierzehntes Capitel. Gustaf Adolf vor Danzig. und Schiffe sammle, daß er selbst beabsichtige, mit seiner Gemahlin und seinem ältesten Sohne eine Reise in jene Gegenden zu machen, und daß ohnedem polnische Schiffe anfingen Gewaltthätigkeiten gegen schwedische Seefahrer auszuüben. Alles schien zu beweisen, daß Sigismund vorhabe, nicht nur den eingegangnen Waffenstillstand zu brechen, sondern auch sein Kriegsherr über die Ostsee zu führen, und Schweden in dessen eignen Grenzen anzugreifen. Unruhe. Die verwittwete Königin Christina flüchtete mit gewohnter ) Kvnigl. Schloß aus einer Insel im Molar. vo Vierzehntes Capitel. Am 13. Juni segelte er mit 20 gut ausgerüsteten und bemannten Kriegsschiffen von Elfsnabben ab, und landete »ach drei Lagen aus der Nhede von Danzig. Hier bemächtigte er sich einiger Handelsschiffe, und ließ die Stadt fragen, wie weit sie dem Könige Sigismund erlauben würde, innerhalb ihrer Mauern und ihres Hafens Nüstnngen gegen Schweden, dem beschwornen Waffenstillstände zuwider, vorzunehmen. Danzig wünschte, als eine Handelsstadt, am liebsten in Frieden mit beiden Partheien seinen Handel forttreiben zu können, und sandte daher einen Schreiber mit ausweichender Antwort zum Könige hinaus. Gustaf Adolf aber federte die verlangte Versicherung, und das „in bestimmten Worten und bald; sonst sehe er sich genöthigt, seine Truppen ans Land zu setzen, Schanzen auszuwerfen und die Sache mit mehr Nachdruck anzugreifen." Zugleich sandte er seinen Gruß an Sigismund und dessen Königin. „ Er hätte die Letztere wohl gerne zu sich bitten mögen, fürchte aber, daß sie wenig Behagen an den sonnenverbrannten und schwarzen Seemannsgcsichtern finden würde, welche dort umher schweiften. Prinz Uladislaus wäre hingegen willkommen, wie ein Soldat bei'm andern. Sie könnten dann ihre gemeinschaftlichen Angelegenheiten und Vortheile miteinander besprechen." Die Königin lud Gustaf Adolf dagegen in die Stadt ein, und Uladislaus gelobte Lei andrer Gelegenheit auf die Flotte hinaus zu kommen; aber keiner dieser Besuche ward wirklich gemacht. Die Bürgerschaft wollte sich indessen der verlangten schriftlichen Erklärung entziehen; da legte Gustaf Adolf die Flotte noch näher an Weichselmünde und nahm noch mehrere Schiffe weg. Die Danziger fingen an unruhig zu werden. Der Verlust der Schiffe war schon eingetreten, und die Zukunft drohte mit Niga's Schicksal. Sie fingen daher an bei Sigismund beharrlich auf die Erlaubniß zu dringen, die verlangte Erklärung geben zu dürfen, so wie auch darauf, daß er selbst seine eignen Rüstungen einstellen sollte. Unterdessen hatte Gustaf Adolf letztere näher untersucht und sie nach Sigismunds gewohnter Art gefunden. Die Schiffe waren klein und in elendem Zustande; die Kriegsmannschaft unzureichlich und der für die Reise eingenommene Mund- vorrath schon durch Nachlässigkeit ganz verdorben. Gustaf Adolf sandte, bei der ersten Nachricht hiervon, den Befehl nach Schweden, alle weitere Vcrtheidigungsanstalten einzustellen, und die Bauern Treffen bei Wallhvf. 91 in ihre Heimath zu entlasse». Nach einigen Tagen segelte er auch selbst mit der halben Flotte zurück. Stjernsköld und Klas Fleming blieben mit zehn Schiffen liegen, bis endlich die verlangte Ver- schreibung ankam. Da wurden die Schiffe der Danziger losgelassen, und steuerten nun selbst wieder nach Schweden. Fünfzehntes Capitel. Treffen bei Wallhof. Die Lithauer wurden von Jahr zu Jahr des Krieges immer müder, und fingen an Schwierigkeiten hinsichtlich des Beitrages zu machen, der zu weiter» Rüstungen von ihnen gefedert wurde. Außerdem war der tapfre Kodkewitz während des vorigen türkischen Krieges gestorben. Diese Umstände, nebst Sigismunds gewöhnlicher Nachlässigkeit machten, daß Gustaf Adolf nur geringen Wiverstand bei einem Angriff auf Kurland und Liefland fand. Um die Mitte des Sommers segelte er daher mit einer bedeutenden Macht nach Riga hinüber, von wo aus er den Feind nach allen Seiten hin angriff. Jakob de la Gardie und Gustaf Horn wurden nach Liefland gesandt, wo sie in einigen Monaten Dorpat, Nyeu- husen, Marienburg, Trikal, Avzel u. s. w. einnahmen, so daß beinah das ganze Land erobert ward. Der König selbst, von Johann und Per Bauer, Gyllenhjelm, Arnheim, dem jungen Thüre u. a. gefolgt, zog zu Land und zu Wasser die Düna hinauf, und nahm Kockenhusen, Bersou, Seelburg, Scheffeling u. III. a. ein, worauf sie sich über ganz Kurland verbreiteten und Birzen, Bantske und Mitau eroberten. Dies Alles geschah unter geringem Widerstände. Es gab zwei tüchtige Feldherren bei den Polen, nehmlich Christoph Nadziwill und Gosiewsky; aber Sigismund machte den alten Leo Sapieha zum Anführer, und gab ihm Gosiewsky nur als Unterbefehlshaber zu seinem Beistande. Sapieha aber kümmerte sich gar nicht um Gosiewsky, sondern gab sein ganzes Vertrauen seinem jungen, unerfahrnen Sohne, Stanislaus- Hierdurch fühlten sich Nadziwill und Gosiewsky beleidigt und zogen sich zurück. Die Kriegsbewegungen nahmen einen lahmen und verwirrten Gang an. Unterdessen konnte Maria Eleonora in Schweden keine Ruhe I 92 Fünfzehntes Capitel. -l .Äjc finden, sondern segelte nach Neval hinüber. Von hier aus wollte , sie mit aller Gewalt in's Lager reisen, obgleich man ihr vorstellte, daß der Weg dahin durch das von der Pest angesteckte Liefland führte. Gustaf Adolf beredete sie aber doch zurück zubleiben, indem er ihr das Versprechen gab, in einigen Wochen selbst nach Reval zu kommen. Er hoffte wirklich, daß die Polen billigen FricdenSbedingungen Gehör geben würden, und hatte daher einige Unterhändler zn ihnen gesandt; aber diese wurden gefangen genommen und feindliche Truppen in Kurland versammelt, und Gustaf Adolf sah die Nothwendigkeit eines Winterzuges ein, um seine Eroberungen zu schützen. Er befahl aber dies bis auf Weiteres der Königin zu verheimlichen, und rückte dann mit einer ziemlich starken Macht nach Kockenhusen vor. Der Zug war sowohl mit Gefahren wie mit Beschwerden verknüpft. Der Feind hatte das andre Ufer besetzt, und dem Könige ward eines Tages das Pferd von einer dorther kommenden Stückkugel gelörtet. Ferner erkrankten Mehrere, selbst aus seiner nächsten Umgebung, so daß er die meisten Geschäfte selbst verrichten mußte. „Ich bin," schreibt er §n Arel Orenstjerna, „sowohl Sekretär wie Kämmerer. Wäre auch der Calefactor krank, so würde ich oiimin Irin sein!" —> Bei erhaltner Nachricht, daß Sapieha eine ziemliche Macht bei Wallhof versammelt hätte, nahm Gustaf Adolf tausend ausgesuchte Musketiere und so viel Reiterei, wie er in der Eile zusammen ziehen konnte, und rückte damit am 5. Januar 1626 über die Düna, und dann gerade gegen den Feind. Dieser ward gewarnt, legte Feuer an Dorf und Verschanzungcu und rückte ins Feld, aber in einer Schlachtordnung, die, nach polnischer Art, wenig Ordnung zeigte. ES war am 6. Januar, früh Morgens, als die Schweden vorrückten. Der junge Thüre führte den rechten, Gustaf Horn und unter ihm Trüffel den linken Flügel an; der König selbst leitete das Ganze. Nach einem kurzen Kampfe ergriff erst der Polen Reiterei, dann auch ihr Fußvolk die Flucht. Siebenhundert Erschlagne lagen auf dem Felde, ein hundert und fünfzig Gefangne, und darunter Gosiewsky selbst wurden ins schwedische Lager gebracht, dazu noch fünf Fahnen, drei Feldstücke und der ganze Troß deS Feindes. Der Schweden Verlust war so gut wie gar keiner. DieS war das erste ordentliche Treffen, wclckeS Gustaf Adolf gewann. Dc la Gardie, Wrangel Treffen bei Mewe. 9.4 und alle ältere Feldherren waren abwesend, so daß der König allein das ganze Verdienst des Planes wie der Ausführung hatte. Nach dem Treffen bei Wallhof waren die Schweden vor einem weiter,! Angriffe geschützt. Gustaf Adolf wollte eben so wenig in der kalten Jahreszeit irgend einen bedeutender» Zug in dem kalten Lande vornehmen, sondern wandte sich nach Niga zurück. Hier vertheilte er unter seine treuen Freunde die Brahe, Bauer, Gyllenhjclm, Klas Fleming, den jungen Thüre u. m. a. eine Menge liefländischcr Güter, theils um ihre Verdienste zu belohnen , theils aber auch um sie desto eifriger in der Vertheidigung des neu eroberten Landes zu machen. Zum Statthalter über Lief- land ernannte er Jakob de la Gardie, und wies ihm Niga zu seinem Sitze an; über Esthland aber Johann de la Gardie, in Neval. Nach dieser letzter» Stadt eilte jetzt Gustaf Adolf zur Vereinigung mit der Königin, und brachte daselbst die letzte Halste des Januar, und den ganzen Februar zu, worauf sie zusammen nach Schweden zurückkehrten. Sechzehntes Capitel. Treffen bei Mewe. Da König Sigismund noch fortwährend die billigsten Vergleichsvorschläge abwies, rüstete Gustaf Adolf sich den folgenden Frühling zu einem neuen Feldzuge. Um den Polen näher auf den Leib zu rücken, und sie dadurch zu einer friedlicher» Denknngs- weise zu zwingen, beschloß er diesmal in Preußen zu landen. Ein Heer von 14,000 Mann ward bei Elfsnabben unter Anführung des Königs selbst, Gustaf Horns, Johann Bauers, Tor- stenSsons, des jungen Thüre, Teuffels u. m. a. versammelt. Am 22. Juni 1627 segelte die Flotte von Elfsnabben ab, und war schon den 26. im Hafen von Pillau. Diese Stadt nebst ganz Ostpreußen war eine Polen unterworfene Provinz, welche jetzt der Churfürst von Brandenburg inne hatte. Dieser hatte heimlich seinem Schwager gelobt, keinen Widerstand zu leisten. Daher als die Flotte in den Hafen steuerte, ward sie freilich mit sehr heftigem Schießen empfangen aber die Kanonen waren nur mit bloßem Pulver geladen! Gustaf Adolf ging am folgenden Tage bei Passarge (einem Dorfe an der Passarge, wo diese ins frische Haff 94 Sechzehntes Capitel. fließt), ans Land, und nach Verlauf eines Monates hatte er eine Menge Städte, unter andern Braunsberg, Frauenburg, Elbing, Marienburg u. s. w. erobert und Danzig dicht umringt. Die Städte hatten Brandschatznngen erlegen muffen, und der Jesuiten kostbare Büchcrsammlung zu Braunsberg ward nach Upsala gesandt; aber übrigens beobachteten die schwedischen Truppen eine so gute Kriegszuchk, daß die Einwohner des Landes oft gerade deren Schutz gegen ihre natürlichen Vertheidiger, die Polen, anriefen. Der glückliche Erfolg der Schweden beruhte zum Theil darauf, daß Sigismund gar keine Vertheidigungsanstalten gemacht hatte, unerachtet Gustaf Adolfs Absichten auf Preußen lange vorher schon bekannt waren. Er selbst hatte, nach gewohnter Art, seine Rüstungen immer von einem Tag zum andern aufgeschoben; seine Feldherren stritten mit einander um den Oberbefehl, seine Unterthanen um die Kriegssteuern, und unterdessen nahmen die Schweden Land und Städte weg. Die Noth zwang endlich zur Einigkeit, und anfangs September zogen Sigismund und Uladislaus endlich nach Preußen hinab. Einer heimlichen Uebereinkunft gemäß hatten die Danziger, während Sigismund dies Heer sammelte, Gustaf Adolf mit scheinbaren Friedensanerbietungen aufgehalten. Jetzt brachen sie alle Unterhandlungen ab, und die Schweden befanden sich zwischen der mächtigen Handelsstadt auf der einen, und den überlegnen Polen auf der andern Seite. Sigismund hatte beschlossen, Mewe zu belagern, eine kleine Stadt an der Weichsel, mit einer unbedeutenden Besatzung von 60 Bürgern und 140 Schweden. Gustaf Adolf sah den Ort für wichtig an, indem derselbe die Schiffsahrt auf der Weichsel beherrschte. Er wollte zugleich jeden Schein der Furcht vor den Polen vermeiden, besonders da er selbst kürzlich Verstärkung erhalten hatte. Daher brach er am 11. September von Dirschau auf, und zog mit seinem ganzen Heere gen Mewe hin. Um die Weichsel an schädlichen Ueberschwemmungen zu verhindern, haben die Landesbewohner in einiger Entfernung vom Strande den Fluß entlang hohe Dämme aufgeführt. Gustaf Adolf ordnete seinen Zug so, daß er immer den Wall rechter, und den Fluß linker Hand hatte, wodurch er denn auf beiden Seiten vor jedem Angriff geschützt war. Kein Feind war zu erblicken, außer einigen Kosacken, welche mit Johann Baner scharmützelten, der den Befehl Treffen bei Mewc. 9ä an der Montauerspitz führte. Nicht weit von Falkenau schlug Gustaf Adolf das Lager zwischen dem Fluß und dem Damm auf; worauf er mit 2000 Mann Fußvolk und 1000 Reitern näher rückte, um die Stellung der Polen zu untersuchen. Er fand sie wohl verschanzt auf einigen ziemlich steilen Bergrücken an der nordwestlichen Seite der Stadt. Zwischen diesen Hohen und dem Flusse lag eine kleine Ebene, mit einem Stück Waldung, aus Eichen und Haselstauden gebildet. Um die Stellung näher zu erforschen , hatte der König einige Truppen in den Eichenwald eindringen lassen, welche solchergestalt in ein heftiges Scharmützel . mit den Polen gericthen. Sigismnnd stand oben auf dem Berge, überschaute die Gegend, und sandte einen Haufen nach dem andern hinunter. Die Schweden, beinah übermannt, fingen an zu fliehen, faßten aber wieder Fuß, als der König selbst mit Verstärkung herbeieilte, und sie durch Wort und Beispiel aufmunterte. Da er unterdessen hinlänglich die Lage des Feindes untersucht hatte, so kehrte er nach dem Hauptheere zurück, während Herrmann Wrangel die nachdrängenden Polen zurück trieb. Jetzt kamen von Pillau der junge Thüre und Patrik Nuthwen ^mit zwei neuen Regimentern an. Nach dieser bedeutenden Verstärkung zog Gustaf Avolf wieder aus dieselbe Weise aus, wie zum erstenmale, und machte endlich auf einer Entfernung von nur 2000 Schritten von den polnischen Verschanzungen Halt. Hieraus wandte er noch einen Tag dazu an, theils sein Lager zu befestigen, theils das des Feindes zu erforschen; dann beschloß er zu stürmen. Der junge Thüre, und unter ihm Nils Brahe und Hepburn, führten den rechten Flügel, der Schotte Musting den linken an. Der König, welcher die vorhergehende Nacht unwohl gewesen war, wollte diesmal keinen Theil am Kampfe nehmen, sondern blieb mit Per Brahe im Eichenwalde. Die Schweden griffen mit ausgezeichneter Tapferkeit und Klugheit an. Um gegen die polnischen Kanonen geschützt zu sein, zogen sie anfangs durch den Eichenwald, und dann so nahe unten am Berge hin, daß alle Stückkugeln über ihren Häuptern hingingen. Aber nun war das Schwierigste noch übrig, nehmlich sich an den Höhen selbst hinauf zu arbeiten, welche ungewöhnlich steil und außerdem vom Feinde besetzt waren. Glücklicher Weise waren dieselben aber eben an ihren Abhängen mit Buschwerk bewachsen, welchen Umstand 96 Sechzehntes Capitel. Gustaf Adolf mit berechnet hatte; die» diente nehmlich den Schweden sowohl zum Schutz wie zur Hülfe. Das Gewehr in der einen Hand, hielten sie sich mit der andern an den Zweigen und Wurzeln fest, und arbeiteten sich so hinauf, den Polen unerwartet, und lange nicht von ihnen bemerkt. Theils auf diese Weise, theils auf einem sich schlangelnden Fußsteig drang Musting mit seinen Soldaten die Höhen hinan, und das beinah ohne allen Widerstand. Aber jetzt erhub sich der schärfste Kampf, den ganzen Bergrücken entlang. Prinz Uladislaus hielt sich tapfer an der Spitze der Polen. Gustaf Adolf seinerseits vermochte es nicht länger unthätig zu bleibe», als das unaufhörliche Schießen einen leb- . hastern Kampf anzeigte. Er eilte hin und stürzte sich mitten ins Gewimmel. Einmal ward er von den Feinden umringt. Ein Reiter sah es. Um den König nicht zu verrathen, rief er einigen seiner Kameraden zu: „Kommt und helft mir meinen Bruder dort vertheidigen!" Sie folgten ihm und der König ward befreit. Einige Augenblicke nachher sah Gustaf Adolf wie derselbe Reiter gefangen ward. Hastig nahm er einige der Nächsten mit sich, eilte hin und trieb die Polen weg, worauf er dem so befreiten Reiter zurief: „Nun, Bruder Kamerad! nun sind wir wieder quitt!" Auf der rechten Seite waren eben Nils Vrahe und Hepburn auch auf der Höhe angelangt. Eine weil überlegne Macht warf sich ihnen entgegen, und Hepburn ward gleich sehr schlimm im Kniee verwundet; aber Nils Brahe hielt mit der höchsten Hcrzhaftigkeit den heftigen Angriff aus, bis seine Truppen sich eilig verschanzt hatten, und Thüre selbst mit der Hauptmacht ankam. Voll Erbitterung über die Schande, aus einer so vortheil- haften Stellung vertrieben zu werden, stürzten sich die polnischen Husaren und Heiduken in wildester Wuth gegen den rechten Flügel. Thüre zog seine Truppen »ach einer gelcgnern Stelle zurück. Die Husaren folgten und schrieen: „Die schwedischen Hunde wagen es nicht, die polnische» Hiebe abzuwarten!" — Aber am Rande des Berges ließ Thüre seine Soldaten Fuß fassen, und empfing dann den Feind mit einer so mörderlichen Salve, daß Roß und Reiter übereinander tummelten, und die Uebriggc- blicbenen vor den scharfen Schüssen und den blanken Piken zurückprallten. Zu gleicher Zeit fingen Mustings Truppen an, sie in Treffen bei Mews. 07 die Flanke zn nehmen, so daß bald der ganze Vcrg mit Todte» bedeckt war. Die Husaren warft» sich in die Flucht, obgleich UladiSlaus sich mit der äußersten Anstrengung bemühte sie zurückzuhalten. Die Schweden hatten unterdessen von allen Seiten den Berg erstiegen und sich verschanzt. Die polnischen Anführer gaben die Hoffnung auf, sie zurücktreiben zu können, und zogen daher mit Troß und Feldstücken ab, indem sie das Lager in den Händen des Feindes ließen. Die Polen hatten 4000 Mann verloren; die Schweden hingegen nur 500. Nach beendigtem Kampfe zog Girstaf Mols in Mewe ein, und dankte der Bürgerschaft, der Besatzung und dem Kriegsheer für bcwiesne Treue und Tapferkeit. Daraus ward das Abendgebet gehalten, nach dessen Beendigung der Oberhofprediger Johannes Botwioi dem Könige Glück zu dem gewonnenen Siege wünschte. Gustaf Adolf hatte erfahre», daß dieser von einer nah- gelegenen Höhe dem Kampfe zugesehen hatte. Er antwortete daher lächelnd: „Ich zweifelte keinen Augenblick am Siege, weil ich Moses auf dem Berge für uns beten sah!" — Die Kühnheit und Gcschicklichkeit, welche die Schweden bei dieser Gelegenheit bewiesen hatten, jagte den Polen Furcht ein. Sie zogen sich zurück und ließen friedliche Gedanken kund werden. Eine Unterhandlung ward angefangen; aber Sigismund foderte „ganz Liefland und Esthland, und außerdem für einen seiner Söhne das volle Erbrecht in Schweden, im Falle Gustaf Adolf ohne männliche Erben stürbe, und zugleich das Recht von Zeit zu Zeit nach diesem Reiche hin und her zu reisen." u. s. w. Gustaf Adolf brach mit Verachtung die Unterhandlungen ab, und da der Herbst an weiter» Kriegsbewegnngcn hinderte, so ließ er seine Truppen im Winterquartier zurück, und reiste selbst nach Schweden hinüber. DaS Gerücht von den gewonnenen Siegen war ihm voraus gegangen, und bereitete ihm einen Einzug, der beinah einem Triumphe glich. Die eroberten Fahnen wurden dem Volke zur Anschauung ausgehängt, und Stolz und Kampflust durchströmten immer mehr eine jede Brust. Auch die Geburt der Prinzessin Ehristina traf gerade in diese Zeit, aus welcher Begebenheit die Parthei des Königs noch mehr Muth und Stärke schöpfte. Die Stände wurden zusammen berufen. Gustaf Adolf legte ihnen » 7 08 Siebzehntes Capitel. Bericht ab, von seinen in Polen errungenen Siegen, seinen Fricdensanerbictnngen, und SigismundS dagegen gestellten Fode- rnngen. Die Ungereimtheit der letzter» regte alle Gemüther zu einer solchen Höhe deS Unwillens auf, daß die Stände einhellig und unverzüglich Alles bewilligten, was der König znr Fortsetzung des Krieges verlangt hatte; und um Sigismnnd für alle künftige Zeiten ganz und gar jede Hoffnung aus die schwedische Krone zu benehmen, ward der eben gebcrnen Prinzessin Christina als des Vaters Nachfolgerin gehulvigt, im Fall dieser ohne männliche Nachkommen sterben würde. Sieben zehntes Capitel. Teuffels Unfall bei Hammerstein. Während des Winters von 1626 auf 1627 führte über die Schweden der junge Thüre den Oberbefehl, über die Polen der Unterfeldherr Koniecpolskh, welcher im türkischen Kriege Proben von Muth und Geschicklichkeit abgelegt hatte. Im tiefsten Winter hatten die Kriegsbcwegnngen geruhr; aber Danzig, welches von den Schweden eingeschlossen war, sandte Boten auf Voten mit dem dringendsten Anhalten n:n Entsatz. Im März 1627 zog daher Kouiecpolskt) durch Pommerellen nach der Stadt Pardnbitz, wo Nils Horn den Oberbefehl führte. Da diese Stadt eine geringe Besatzung hatte, und aller Arten von Vorräthen entbehrte, so mußte er nach kurzem Widerstände die Festung übergeben. Hierdurch erhielt Danzig offne Zufuhr von der westlichen Seite. Die Obersten Teufst! und Strunff hatten in Deutschland für Gustaf Adolfs Dienst 1500 Plann geworben, mit welchen sie gerade jetzt durch Pommern zogen, um sich zu den Schweden in Pardnbitz zu begeben. Bei der Nachricht von der Uebergabe dieser Stadt, wandte Tcuffel sich südlich, um durch die sogenannten Waldow'schen Einöden bis zu ThureS Lager bei Dirschau dnrch- zudringeu. Durch verschied»?, ihm von der pommersche» Regierung in den Weg gelegte Hindernisse, war sein Zug verzögert worden, so daß Koniecpolsky Nachricht davon erhielt. Er muthmaßke Teuffels Absicht, und marschierte in höchster Eile Tag und Nacht um auf denselben zu stoße», was ihm auch gelang. Nahe bei Schlochau begegnete er den Deutschen, welche, geringer an Zahl Treffen beim Danziger-Haupte. VO und dabei ungeübt, bald weichen und ihren ganzen Troß im Stiche lassen mußten. Sie zogen sich nach Hanimerstcin zurück, von den Polen auf dem Fuße gefolgt, die sie endlich umringten und angriffen. Anfangs tristeren sie zwar inpstr Widerstand; aber als der nicht gleich helfen wollte, und außerdem auch die polnischen Kanonen zu spielen anfingen, verlohren sie alle Fassung. Vergebens versuchte Trüffel ihnen Muth einzusprechen, ihnen zu beweisen, daß die Gefahr nicht so groß sei, wie sie ihnen scheine, u. s. w. Sie hörten nicht auf seine Worte, und da er ihnen als ihr Anführer befahl zu gehorchen, wurden sie aufrührerisch, steckten ihre Hüte als FriedcnSzcicheii auf ihre Lanzen, und zogen in das Lager des Feindes, wo Einige Dienst nahmen; die Meisten aber erhielten Erlaubniß nach Deutschland zurückzukehren, nachdem sie feierlich gelobt hatten, ein ganzes Jahrlang nicht gegen Polen zu dienen. Trüffel ward gefangen genommen, aber Kalo nachher ausgewechselt; er ward hieraus Oberst des Garde- oder Hofregimcnts, welches sich nachgehends so berühmt unter dem Namen des gelben Regimentes machte*). Achtzehntes Capitel. Treffen beim Danziger-Haupte. Im Mai 1627 kehrte Gustaf Adolf mit neuen Truppen zurück. Diesmal eröffnete er den Fcldzug mit besonders guten Hoffnungen; denn das schwedische Heer bestand auS beinah 35,006 Mau», und war zudem vortrefflich ausgerüstet. Die Polen hingegen waren noch weit davon entfernt in Ordnung zu sein. Dennoch hemmten einige unglückliche Zufälligkeiten der Schweden Fortschritte. Gustaf Adolf wollte nicht eher tiefer ins Land eindringen, bis er Danzig erobert hätte. Er hielt es nehmlich für gefährlich einen mächtigen Feind hinter sich zurück zu lassen, und wünschte vor allen Dingen in Besitz der bedeutenden Zolleinkünfte zu kommen, welche der Danziger Handel lieferte. Er wandte daher alle seine Kräfte gegen diese Stadt, und errang auch in Kurzem verschied»» Vortheile. Er hatte die Schanze, das Danziger-Haupt, eingenommen, und wollte von hieraus nach dem sogenannten Klein- Werrer übergehn. Aber die Polen hatten auf dem cntgegenge- *) Liehe das ZSste Capitel. 7 » '« f '7^' -'/I ! ^! i. 100 Achtzehntes Capitel. setzten Ufer starke Verschanzungen aufgeführt, weswegen er Erschloß den Uebergang unter dein Schutze der nächtliche» Dunkelheit zu bewerkstelligen. Das Vornehinen ward so heimlich gehalten, daß nur Wenig- des oronigö Absteht erfuhren. In der Nacht vom 23. auf den 24. Mai wurden 1200 Mann beordert, an Bord zu gehn, um den Uebergang vorzunehmen. Der junge Thüre führte die vordersten Boote auf der einen, Johann Bauer und unter ihm Taupadcl die auf der andern Seit« an, ein Jeder hatte 000 Musketiere bei sich. Nach ihnen sollten Lesilie und Erik Ryning mit mehrerm Fußvolk folgen, und zuletzt Ake Tott mit Reitern. Gustaf Adolf hatte Per Brahe mit sich genommen, welcher, mitten in der Nacht geweckt und nichts von dem Vorhaben wissend, ohne Waffen gekommen war, weswegen der König ihm, damit er doch einigermaßen geschützt wäre, einen Helm aufsetzte. Gustaf Adolf hatte befohlen, das tiefste Schweigen zu beobachten; aber die Finsterniß der Nacht, und die Ungcwohn- hcit der Soldaten mit dem Seewesen, machte, daß Thure'S Boote theils auf den Grund, theils gegen einander stießen, wodurch ein Geholter verursacht ward, so daß die feindlichen Wachen aufmerksam wurden, und ansingen Feuer zu geben. Die schwedischen Boote geriethen dadurch immer mehr in Verwirrung, weswegen der König mit Per Brahe und vier Leibsoldatcu in einen kleinern Nachen sprang, und sich in den Strom hinein rudern ließ, um die Ordnung wieder herzustellen. Die Stacht und der Kanonen» dampf verursachten unterdessen eine solche Finsterniß, daß er die Mannschaften nicht unterscheiden konnte, sondern die Anführer der andern Boote beim Namen rufen, und auf solche Weise einem Jeden von ihnen seinen Platz anweisen mußte. Hierunter fiel ihm der Helm vom Kopf in den Strom; aber Brahe setzte ihm gleich den seinigcn auf. Ailmählig kamen die Mannschaften wieder in Ordnung, und steuerten gegen den Feind; der König selbst war kaum einen Steinwurf weit vom linken Ufer entfernt. Die Polen ihrerseits schössen ganz verzweifelt, und Manche sprangen noch dazu bis an den Leib ins Wasser um die Kommenden anzugreifen. Gerade in diesem Augenblicke ward der König so heftig in den Unterleib getroffen, daß er im Boote hinfiel, und sich auf den Tod verwundet glaubte. Per Brahe sprang auf, stellte sich aus Steuerruder und befahl den Ruderern umzukehren, welche? i Treffen beim Danzigcr-Haupte. 101 sie thaten; darunter wurden sie aber so lebhaft von den Schliffen der Polen verfolgt, daß zwischen Gustaf Adolf und Brahe hindurch nicht weniger alö neun Kugeln ins Boot gingen. Der letztere stopfte die Löcher mit seinem Schnupftuche zu, damit das Wasser nicht eindränge und das Boot nicht sänke "). Die Ruderer strengten ihre Kräfte an und kamen glücklich nach dem Ufer, von welchem sie ausgefahrcn, zurück, ohne daß noch irgend einer der übrigen Männer weiter verwundet worden wäre. Die übrigen Fahrzeuge kehrten ebenfalls zurück, und wurden auf dieselbe Weise vom Feuer des Feindes verfolgt. Nils Brahe, beinah der einzige, welcher daS andere User erreicht hatte, stieß auf den Grund und konnte erst gegen den Morgen wieder loskommen, wo er denn bei der zunehmenden Helle durch die Kugeln des Feindes allein in seinem Boote sechs und zwanzig Mann verlohr. Gustaf Adolf glaubte, daß die Kugel durch den ganzen Unterleib gegangen wäre, und unfehlbar den Tod veranlassen würde. Er verlohr aber doch weder Besinnung noch Ruhe, sondern untcr- redeie sich auf der Rückfahrt mit Brahe und rieth, daß die Schweden seines Todes wegen nicht den Muth verlieren oder die Waffen niederlegen sollten, bevor sie sich einen billigen Frieden erkämpft härten. Bei Untersuchung der Wunde fand cS sich aber doch, daß sie nicht so gefahrdrohend war. Gustaf Adolf war nehmlich schon zu jener Zeit sehr dick, so daß die Kugel, theils durch das Fleisch, theils durch die Kleider in ihrem Laufe aufgehalten worden war, und im Unterlcibe steckte, ohne irgend einen wesentlichen Nachtheil zu verursachen, obgleich sie »ach mehrcrn Wochen noch immer nicht hatte heraus gezogen werden können. Die Wunde war in kurzer Zeit geheilt. Da aber die Freunde deö KöuigS, hierdurch gewarnt, für künftig ein größeres Unglück fürchteten, so ließen sie ihn durch Arel Orenstferna bitten, von jetzt an sich selbst weniger bloß zu stellen. Gustaf Adolf antwortete hierauf mit dem Sprichworte, welches er bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich gebrauchte: „Noch nie ist ein König durch eine Kugel gefallen. Außerdem," fügte er hinzu, „folgt der Soldat immer dem Beispiele seines Anführers, und der Feldherr, welcher sich zurückhält, erringt weder Ehre noch Siege. Cäsar zeigte sich immer im ersten Gliede, und Alexander tränkte jeden Wahlplatz mit seinem eignen Blute." Neunzehntes und zwanzigstes Capitel. ll»2 Des Königs Wunde und daraus entstandene Unpäßlichkeit, verursachten unterdessen Unruhe und Zögern im schwedischen Heere; so daß die Polen sich sammeln und nach Preußen ziehen konnten. Danzig war wieder gerettet. Neunzehntes Capitel. Ake Tott bei Grebin. Einige Zeit nach diesem Unglücke trug sich eine Begebenheit zu, durch welche Ake Tott besondere Ehre einlegte. Gustaf Adolf hatte nehmlich ihn und Alerander Beßlie mit 200 Reitern und 500 Fuß-Soldaten ausgeschickt, nm der Polen Bewegungen aus dem Klein-Werder zu erforschen. Bei Grebin fand er sich plötzlich in einen Hinterhalt gelockt, und auf allen Seilen von einem überlegenen Feinde umgeben; es waren Koniec- polskys Vortrnppen. Aber Ake Tott war der Mann nicht, der sich jemals vor Hieb und Stich fürchtete! Er rief seinen Reitern zu, „daß sie wie ehrliche Schweden darauf losgehn sollten," worauf er selbst mit dem Schwert in der Hand gegen den Feind sprengte, von den Seinigcn treulich gefolgt. Der Kampf war kurz, aber blutig. Die Polen konnten dem außerordentlich heftigen Angriffe nicht widerstehen. Die Schweden brache» sich durch, und ritten mit vier eroberten Fahnen hinweg. Hundert und fünfzig Polen lagen hinter ihnen auf dem Wahlplatze. Gustaf Adolf war hoch erfreut über diese bewiesene Tapferkeit, und das Glück seiner Truppen. DaS ganze Heer ward aufgestellt und mitten vor demselben Tott und seine tapfern Burschen. In kurzen, aber kräftigen Worten redete der König von ihrer Tapferkeit, und erkannte den Soldaten verschiedene Belohnungen zu. Tott schlug er vor den Augen des ganzen Heeres zum Ritter, und befestigte ihm mit eigner Hand den gclrnen Degen an die Seite. Zwanzigstes Capitel. Treffen bei Dirschau. Bei der Ankunft der Polen rückte Gustaf Adolf mit dem schwedischen Heere nach dem frühern Lagerplätze bei Dirschau. Die Polen lagen dicht nebenan in einem verschanzten Lager, bei Lubischcn, und täglich fielen scharfe Scharmützel unter den Vor- Treffen bei Tirschaii. 103 Posten vor. Am 30. Juli drang bei einer solchen Gelegenheit ein polnischer Husar weil vor bis mitten nnter die Schwere», und stand unvcrmuihct mit erhobenem Säbel vor dem Könige. Dieser hielt eilig den Degen vor; der Hieb war gleichwohl so heftig, daß er jenen rückwärts gegen deS Königs Kopf schlug, aber im selben Augenblick siel der Pole selbst, von nah an zwanzig Schüssen durchbohrt. — Am 1. August ritt Gustaf Adolf mit einem kleinen Reitcr.rupp aus, nm die Stellung des Feindes zu untersuchen. Unterwegs begegnete er einigen Compagnien Husaren, welche balo zerstreut wurden. Gustaf Adolf verfolgte sie so lebhaft, daß er lange vor den klebrigen allein mit einem seiner Lcibsoldatcn nahe beim polnischen Lager ankam. Er ritt eine Erhöhung hin- e uf, und nahm sein kleines Fernglas heraus um die Lage desselben ;u erforschen. Zwei Polen nahmen die Gelegenheit wahr und schlichen sich unbemerkt hinter den König. Der Leibsoldat, welcher sie nicht eher bemerkt hatte, als bis sie beinahe bei ihnen waren, stieß einen Laut des Schreckens aus, worauf der König kaum Zeit hatte, sich umzuwenden, seinen Degen zu ziehen und denselben dem Säbel deS Polen entgegen zu halten. Der erste Hieb zerschmetterte des Königs Degcnplatte, der zweite nahm ihm den Rand des HutcS ab; aber Gustaf Adolf, der unterdessen seine volle Besinnung erlangt hatte, nahm als ei» geschickter Fechter dritten Hieb führen konnte. Der andre war schon durch die Pistole,LcS Leibsoldaken gefallen, und Gustaf Adolf eilte z» den nur Erik Soop mit den Wcstgothcn nicht, welche den Feind aufhielten und ihren Kameraden Zeit verschafften, sich zu besinnen und den Kampf zu erneuern. In diesem Treffen ward Konicc- polsly daS Pferd unter dem Leibe erschossen, so daß dieser eine lange Zeit hindurch zu Fuß fechten mußte, bis einer der Kosackcn er mochte sich eu die Truppen die Gelegenheit wahr, und durchbohrte den Polen, ehe dieser den lizDt Seinigen zurück. — Den 7. August fiel ein bedeutenderes Treffen >er ^ vor, wobei die schwedische Reiterei unter dem Könige, dem jungen kaum' Thüre und Herrmann Wrangel, und die polnische unter Koniec- polsly große Tapferkeit bewiesen. Einmal machte letztere einen so heftigen Angriff, daß alle schwedischen Nciterhause» zurückwichen, zogen sich von Leiden Seiten in ihre Lager zurück. 104 Zwanzigstes Capitel. Am folgende» Tage ließ Gustaf Adolf sein ganzer Heer aufs freie Fels ausziehen. Er selbst nebst Johann Bauer führte die Mitte, der junge Thüre den linken und Herrmann Wrangel den rechten Flügel an. Koniecpolsky hingegen hielt die Polen ruhig in ihren Verschanzungen, weswegen Gustaf Adolf beschloß sie anzugreifen. Die Kanonen wurden auf einige Erdhügel gefahren, von wannen ihre Kugeln Tod und Verwirrung unter den Feinden anrichteten, so daß diese anfingen sich zum Abzüge fertig zu machen. Um die Flucht noch mehr zu beschleunigen, sollte Bauer dessen Musketiere aus einem nahgclegene» Dorfe vertreiben; da ward der König so heftig in die linke Schulter getroffen, daß der Arm ganz in die Hohe gerückt ward, »nv er selbst einen Augenblick glaubte, derselbe sei von einer Kanonenkugel ganz und gar weggerissen. Er sank langsam in Per Brahe's Arme nieder, Ströme Bluts schössen ihm aus Nase und Mund, und Alle erwarteten seinen augenblicklichen Tod. Brahe sandte nach einem Feldschere, der vorläufig die Wunde verband, worauf der König nach dem Lager zurückgeführt ward. Zum Scheine setzten die Schweden den Angriff noch ein wenig fort, zogen sich dann aber zurück. Die schon auf dem Rückzüge begriffenen Polen wunderten sich höchlichst, daß die Schweden ihren schon errungenen Vortheil nicht verfolgten. Aber gerade jetzt kam ein Ueberlänfer, der Gustaf Adolfs Hinsinke» und das strömende Blut gesehen hatte, und berichtete Koniecpolsky des Königs Tod. Dieser ward von dem Unglück seines großen Gegners so ergriffen, daß er einige Augenblicke unentschlossen und stumm da stand. Endlich führte er seine Truppen nach dem kaum vcrlaßnen Lager zurück, doch ohne die gleichfalls zurückkehrenden Schweden zu beunruhigen. Bei näherer Untersuchung fand sich, daß die Wunde wohl gefährlich, aber nicht tödtlich war. Die Kugel war dicht bei»» Schlüsselbeine, nur zwei Zoll weit von der Gurgel, eingedrungen, und im Schulterblatt stecken geblieben. Als der Arzt die Unmöglichkeit beklagte, dieselbe herauszuziehen, antwortete der König: „Laßt sie da nur als ein Denkzeichcn sitzen!" Und sie blieb wirklich sitzen, so lange er lebte. Die Wunde heilte zwar allmählig, aber der König behielt seitdem immer einige Steifheit im rechten Arme; die Finger, besonders die beiden letzten, blieben lahm. Das Schreiben ward ihm schwer, auch konnte er seitdem nicht gut mehr Treffen bei Dirschau. 165 den Harnisch auf der Schnllcr leiden, sondern bediente sich an dessen Stelle des Kollers >;). Diese häufigen Beweise von der uncrschrocknen Gemüthsart des Königs, flößten den Soldaten die größte Bewunderung, so wie die lebhafteste Begier ein, daS schöne Beispiel zu befolgen. Aber die höher» Befehlshaber, welche im Fall seines Todes, große Unruhen vorhersahen, dachten anders darüber. Durch Arel Lreustjerua, als ihrem Wortführer, hielten sie demüthigst au, „daß der König doch bedenken möchte, von welchen: großen Gewichte sein Leben für das Vaterland wäre, und sich daher nicht so oft und bei so unbedeutenden Gelegenheiten, wie seit einiger Zeit geschehen, bloßstcllen möchte, schon jetzt zum Nachtheile des allgemeinen Besten, und in Besorgniß eines noch größer» künftigen Unglücks." — Gustaf Adolf antwortete: „Ich kann nicht glauben, Ihr guten Herren und Männer, daß meine Person von so großem Gewichte sei, wie Ihr vorgebt; denn wenn mir auch etwas Sterbliches widerfahren sollte, so bin ich vollkommen und fest überzeugt, daß Gottes Vorsehung so wie bisher so auch in Zukunft über das schwedische Land wachen würde. Und nachdem mich Gott nun zum Könige gemacht und mir diese Bürde auferlegt hat, so soll ich mich ihr weder auö Furcht noch aus Trägheit entziehen, noch auf meinen persönlichen Vortheil sehen. Und sollte auch im wechselnden Geschick des Krieges der Tod mein Loos sein, wie kann wohl ein König ehrenvoller fallen, als im Kampfe für seinen Gott und sein Volk't" — Beim Verbinden der Wunde nahm sich eines Tages der Feldschecr heraus, dem Könige ähnliche Vorstellungen zu machen. Gustaf-Adolf antwortete bloß: „i^o suiur ullrn eio>,iilu»l! " * ) Während die Wunde heilte, ruhte:: die Kriegsbeweguugen. Aber aus England kam Jakob Spens als Gesandter und überbrachte den Hosenbandsorden, welche» der König feierlich entgegen nahm; worauf er selbst die im Heere gegenwärtigen tapfern Engländer Nuthwen, Lcßlie und Hepburn zu Rittern schlug. Da es anfing gegen den Herbst zu gehen, so legte Gustaf Adolf seine Truppen in die Winterquartiere, und vertraute Arel Orenstjcrna Preußens ganze Regierung, sowohl hinsichtlich der ) Schuster, bleib' bei deine». Leiste»! Z- Ein und zwanzigstes Capitel. 100 VeNvallunzs - wie der Rcgieningsgcsch-ifte an. Unter ihm wurden zu Heerführern ernannt, Herrinann Wrangel nnd der junge Thüre, weneben Johann Bauer den Oberbefehl auf dem Danziger-Haupt und Alerander Leßtie in Pillau erhielten. Den 18. October segelte der König von letztgenannter Stadt ab, und landete den 20. auf Oeland. Auf dem Reichstage, der zu Stockholm zusammen berufen ward, schlug Gustaf Adolf in Gegenwart der Stande Nils Brahe und Erik Soop, für deren bewiesene Tapferkeit, zu Rittern; und im folgenden Frühlinge veranstaltete er selbst der beiden Brüver Per und Nils Vrahe's Hochzeitsfeier. Ein und zwanzig st es Capitel. Nils Stjcrnskölds Tod. Schon durch die vorhergegangenen Erzählungen ist Nils Stcrnstöld genugsam bekannt, namentlich durch seine bei Dnna- münde bewiesene Selbstaufopferung "). Das Jahr darauf ward -) Der Verfasser spielt hier auf eine That Stjcrnskölds a«, die er im vorhergehende» Baute feiner Geschichte erzählt hat. Wahrend eine» Waffenstillstandes mit den Pole», hatte nehmlich Karl» Feldherr, der Graf von WauSfeld, 1608 plötzlich Dütianiünde übcrfallcn und c» eingenommen; Nil» Stjernsköld ward zum Befehlshaber darüber ernannt. Die Polen, außer sich vor Zorn über diese Treulosigkeit, brachen nun auch ihrerseits den Waffensttll. stand, und begannen, imtcr KodkcwilvS Anführung, die Belagerung. „Düna- Ntündc ward so eng wie möglich eingeschlossen, sowohl zu Lande wie zur See. Kcdlcwih fetzte seine Ehre darin, die Festung ;n erobern, Stjcrn köld he zn vertheidigen; beide waren gleich beharrlich, nnd die Belagerung zog sich nicht nur Tage und Wochen, sondern Monate lang hin. Karl schickte Mansfeld mit 2000 Mann zum Entsatz; aber Kodkcwitz jagte ihn wieder zurück. Er selbst ward aber auch bei jeden, Versuch gegen die Festung mit groben, Verlust zurückgeschlagen. So verfloß beinah ei» Jahr. Kodkcwitz genest, endlich außer sich vor Verdruss. Er hatte zu Pernau Stjcrnskölds Iran nnd Kinder zn Gefangenen gemacht, nnd drohte »n» dieselben nach Polen in gesangliche Hast zn senden, wenn Dünamündc ihm nicht gleich übergebe» werde. „Gott sei mein Zeuge," antwortete Stjernsköld, „dass ich sür Frau und Kinder gern da» eigne beben zum Opfer bringe» würde. Aber sie gehöret! »nr mir; die Festung hingegen meinem Könige. Ich würde ihn, eine schlechte Treue beweise», wenn ich durch feine Burg meine Kinder loskaufte. Ich werde daher die Stadt ver- ihctdigen, welche« Schicksal auch die Meinigen treffen möge. Ich hoffe aber zugleich, dass Du, als ein tapfrer Feldherr, sie so behandeln wirst, wie Du wünschen würdest, dass ich die Deinigen behandelte, wenn sie in meine Hände sielen." — Kodkcwitz wusste diese heldcnmüthigc Dcnkungsart zu würdigen. Die Gesangcncn wurden gut behandelt und bald in Freiheit gesetzt. Er wünschte die Schweden in, Edclmnihe wie im Kampfe zu überwinden. — Die Belagerung dauerte über Jahr und Tag. Endlich fing der Hunger an, gräßliche Verheerungen unter der Besatzung anzurichten t da musste Stjcrnsköld sich endlich ergeben. Er ward als Gefangener gut behandelt und bald ausgewechselt," H. er wahrend der Belagerung der Festung Jwanowgvrod so schwer verwundet, daß er mehrere Jahre lang Krücke» gebrauchen mußte. Dennoch »ahm er als Feldmarschall den thätigsten Antheil am dänischen Kriege. Er vertrieb den Feind von der ryßbischen Schanze im November 1011; nahm Theil an Gustaf Adolfs Einfall in Sckoncn im Winter 1612, beschützte gleich nachher Smäland, und führte weiter hin im Jahre die Truppe» in Wcstgothland an. Nachher ward er Reichsrath und Landshauptmann von Jön- koping, darauf nach Holland geschickt, um Kriegsvolk zu werben, und endlich 1617 Befehlshaber in Liefland. Die Unfälle, welche Farensbachs Falschheit verursachte, die Strapatzen des Krieges und die Unbequemlichkeiten der alten Wunden, dies Alles machte doch endlich, daß er des Feldlebens überdrüßig ward. Selbst von einer heftigen Gemüthsart, und Gustaf Adolf noch wie einen halb unmündigen Jüngling betrachtend, glaubte er Worte und Benehmen eben nicht so gar genau abwägen zu müssen. Er schrieb daher ganz kurz und begehrte seinen Abschied, indem er die Drohung hinzufügte, „daß er jedenfalls das Heer verlassen würde, sein Begehren möge Beifall finden oder nicht." — Gustaf Adolf antwortete mit einem Ernste, der Stjernslöld ganz unerwartet kam. „ Wir wundern nnS nicht wenig über Euren unbc- dachtsamen Brief. Ihr mögt wissen, daß, wenn Ihr es Euch wirklich solltet einfallen lassen, ohne unsre Erlaubniß das Heer zu verlassen, Ihr uns dafür strenge Rechenschaft geben werdet. Wir sind nicht gesonnen solche Worte, noch weniger solche Thaten von unsern Dienern zu dulden, zumahl da wir nichts -Anderes verlangen, als was Euch von Amtswegen und für genossenen Lohn obliegt. Wir haben auch keine Befehlshaber nöthig, um nur umher zu reiten und das Kricgsvolk zu mustern; sondern sie sollen darauf bedacht sein, mit uns das Vaterland, sobald es dessen bedarf, zu vertheidige», und außerdem unsern Befehlen pünktlich nachzukommen, sofern sie unsere Ungnade vermeiden wollen." — Stjernskvlv foderte in der ersten Hitze den Abschied, sah aber bald seine Uebercilung ein, und erbat und erhielt des Königs Verzeihung. Stjcrnstölds unerschrockner Muth und fröhliches Gemüth machten, daß Gustaf Adolf ihn übrigens sehr liebte. Man erzählt davon folgende Begebenheit aus dessen erstem Negierungsjahr. Bei 108 Ein und zwanzigstes Capitel. einer fröhlichen Veranlassung gab die verwittwcte Königin Christinn ein Fest, bei welchem sowohl der König wie Stjernstöld, so wie auch der Herzog Julius Heinrich von Sachsen Lauenburg gegenwärtig waren. Dieser Fürst hatte sich schon früher durch eine unordentliche Lebensweise Gustaf Adolfs Mißfallen in eben so hohem Grade zugezogen, wie Stjernstöld dessen Wohlwollen. Der Letztere nahm, unerachtet seines, durch Kugeln und Hiebe steif gewordnen BeineS, Theil am Tanze. Der Herzog gab sich alle Mühe den verstümmelten Krieger zum Gelächter zu mache», und stellte heimlich seinen Fuß so, daß dieser drüber fallen sollte. Aber Gustaf Adolf, welcher ganz dicht dabei stand und dieS sah, gab dem Herzog im selben Augenblicke eine so kräftige Ohrfeige, daß ihm das Blut aus der Nase sprang. Hierauf erfolgte zwischen dem Könige und dem Herzoge ein nächtlicher Zweikampf, über welchen man gleichwohl keine andre Auskunft erhalten konnte, als die, daß eS Arel Orenstjsrua endlich gelang die Sache einigermaßen beizulegen. Herzog Julius verließ aber doch gleich nachher das Land, und manche Geschichtschreiber glauben, daß eS diese Ohrfeige gewesen, welche später Gustaf Adolf das Leben gekostet habe "). Stjernstöld folgte dem Könige in den preußischen Feldzug, und führte oft als Unter-Admiral den Befehl zur See. AIS der König im Herbst 1027 nach Schweden zurückkehrte, ward Sljern- sköld beordert mit einem Theil der Flotte vor Danzig liegen zu bleiben und dessen Handel zu sperren. Er erfüllte seinen Auftrag, litt aber dabei sehr viel, sowohl durch Mangel an Mundvorrath wie durch die unaufhörlichen Herbststürme. Bor dem November ließ er die schwächer» Schiffe, eins nach dein andern, nach Schweden zurückkehren, und behielt schließlich nur sechs Kriegsschiffe auf der Nhede zurück. — Unterdessen hatten die Danziger eine Flotte von zehn Schiffen ausgerüstet und zum Anführer über dieselben einen Dänen, Arendt Dickmann, gesetzt, der tapfer und im Seewesen geübt war. Am 18. November führte dieser seine ganze Flotte aus der Weichsel hinaus, und fand nur zwei der schwedischen Schiffe vor, nehmlich den Jäger, von Stjernstöld selbst geführt, und ein andres, die Sonne. Die vier andern lagen ' ) Siehe das Lapit.: Die deutsche» F ü r si e», und iui Lee» Thl. die Lap.: Die S eh lache bei L ü he», und Saqcu über Gustaf Adolf- Tod. NilS Stjernskölds Tod. 109 weiter hin, Hella gegenüber, theils durch Gegenwind, theils durch Anders daran verhindert zum Beistände herbei zu kommen. Die Schweden halten bessere Kanonen, und vertheidigten sich daher kräftig, so lange der Kamps anS einer gewissen Entfernung geführt ward; aber die Polen, welche dies bald merkten, segelten näher, und legten sich, um jedes der beiden schwedischen Schiffe vier Schiffe stark, ganz nahe daran. Jetzt erhob sich ein verzweifelter Kampf. Dickmann hatte sich aus Leben und Tod an Bord mit dem schwedischen Admiral selbst gelegt. Dieser erhielt zwei Musketkngeln, die eine in den Hals, die andre in den Rücken, fuhr aber doch ununterbrochen in seiner Vertheidigung fort, nner- achtct die Feinde von allen Seiten i» sein Schiff drangen. Unterdessen war das schwedische Schiff, die Sonne, nahe daran übermannt und geentert zu werden. Der Befehlshaber desselben, welcher die Unmöglichkeit einer längern Vertheidigung einsah, zündete die Pulverkammer an, und sprengte sich selbst mit der Besatzung und den eindringenden Feinden in die Luft. Stjernsköld, ebenfalls einsehend, daß Alles verloren war, befahl seinem Bedienten eben so die Pulverkammer anzuzünden. „Meine Seele soll mit den Philistern sterben!" dachte er, wie in den Tagen der Vorzeit Simson. Der Diener nahm die Lunte und eilte hinweg um den Befehl auszuführen; aber während er auf die Pulverkammer zuging, kam eine Stückkugel und nahm ihm den Kopf weg. Eine andere riß im selben Augenblick Stjernsköld den linken Arm weg, und warf ihn selbst besinnungslos aufs Verdeck hin, worauf der Feind von allen Seilen eindrang und sich des Schiffes bemächtigte. Nach wenigen Augenblicken verschied Stjernsköld; doch nicht ungerächt. Der tapfre Dickmann war ebenfalls gefallen, und mit ihm 400 Man». Die Besatzung der beiden schwedischen Schiffe stieg zusammen nicht auf Hundert. Stjern- skölds Schiff ward im Triumph »ach Danzig geführt, wo seine Leiche unter großen Ehrenbezeugungen in der Hauptkirche beigesetzt ward. Später ward sie den Schweden ausgeliefert, und in der Gilberga-Kirche in Südermannland begraben '4). Nils Stjernsköld hatte mit seiner Frau, Magdalena Stakcl- bcrg, vier Söhne. Die drei ältesten fielen frühzeitig im Kampfe für das Vaterland. Der jüngste, Klas Stjernsköld, ward, in Betracht der Verdienste seiner Vorväter, zur freiherrlichcn Würde IIO Zwei und zwanzigstes Capitel. erhoben. Das Wappen erinnerte an des Vaters Heldenthaten. Ans dein einen Felde sieht man das Schiff: d-r seiger, in Wolken und Pnlverdampf eingehüllt; auf dem andern, so wie auch auf dem Helme, Stjernskölds durch die Kugel zerschmetterten Arm, noch in der Todesstunde das für Schwedens Krone fechtende Schwert führend. Ztvci und zwanzigstes Capitel. Der Feldzug im Jahre 1628. Schon am 13. Mai 1628 war Gustaf Avclf mit frischen Verstärkungen bei Pillau gelandet, wo in Berathung mit Arel Orenstjerna der Plan für den neuen Fcldzug gemacht wurde. Gustaf Adolf zog nach dem Danziger-Haupt, vereinigte sich mit Johann Dauer, und hoffte nun endlich Danzig züchtigen zu können, ehe die nach Gewohnheit langsamen Polen zum Einsätze herbeigekommen wären. Der Anfang versprach viel. Es gelang dem Könige, Heer und Artillerie über ein großes Moor zu schaffen und dann Fuß in der Nähe der Stadt zu fassen, wozu auch noch mehrere Danziger Schiffe von den Schweden genommen wurden. Aber am 10. Juni fing ein heftiges Negenwctter an, welches den ganzen Juni und Juli hindurch anhielt, so daß man seit mehreren Mcnschenaltern nicht desgleichen gesehen hatte. Die an sich niedriggelegenen und sumpfigen Umgebungen wurden ganz überschwemmt, so daß die Schweden sich von dort wegbegeben mußten. Einige Truppen wurden sogar vorn Wasser auf einer einzeln liegenden Anhöhe so gänzlich umgeben, daß der König nur mit Mühe den nöthigen Mundvorrath hin zu schaffen vermochte, bis sie endlich abgeholt werden konnten. Das schwedische Heer mußte um dieser Ursachen willen sich südlich hin nach dem alten Lager bei Dirjchau zurückziehen. Danzig war zum zweiten Male gerettet. Anfangs August trat wieder eine bessere Witterung ein; aber weil Konieepolsky mit dem polnischen Heere unterdessen angekommen war, so konnte Gustaf Aoolf bei dessen Nähe nichts Besonderes gegen Danzig vornehmen, sondern suchte statt dessen die Gelegenheit auf, in einer ordentlichen Schlacht seine Kräfte mit eben diesem Heere zu messen; aber vergebens. Zu Anfange des Krieges und besonders während Karls IX. Zeit sahen sich die Polen als den Schweden in allen Arten von Waffen überleben an; und sie waren es anch. Nach Rigas Eroberung fingen sie an zn erkennen, dasi die Schweden sie in der Vclagerungskunst überflügelt hatten; aber im offnen Felde, meinten sie, würden die Polen wohl ihr früheres Ilcbergewicht beibehalten. Nach dem Feldzuge des Jahres 1626, und besonders nach dem Treffen bei Mewe, mußten die Vernünftigeren dem schwedischen Fnsioolke den Vorzug vor dem polnischen einräumen. Nach dem Treffen bei Dirschau ging es beinah eben so in Hinsicht auf die Reiterei, und die Polen sahen mit Schmerz, wie ihre frühere Ucberlegcnheit ganz verschwunden war. Dnrch die Schnelligkeit ihrer Pferde besaßen sie gleichwohl noch einen bestimmten Vortheil in klebcrraschungen und in dem sogenannten kleinen Kriege. Der kluge Koniccpols.y sah dies Alles ein, und wich daher auf das Sorgfältigste einer jeden Hauptschlacht aus, indem er hingegen dnrch Hunger und Streifzüge den Schweden zu schaden suchte. Da beschloß Gustaf Adolf tiefer ins Land zn dringen, theils um in den noch nicht verheerten Orten Unterhalt für seine Mannschaft zu finden, theils um den Polen Schrecken einzuflößen und Koniec- polsky zur Schlacht zu zwingen. Am 8. August feierte das Heer einen allgemeinen Bettag, und am folgenden Morgen fand der Ausbruch statt. Die Schweden waren 15,006 Mann stark und wurden vom Könige selbst angeführt und unter ihm von Herrmann Wrangel, Ake Tott, Bauer, den beiden Thüre, Diedrich Falkenberg, Trüffel, Soop, Rnthwcn, Hepburn, TorsteuSson, La Ehapelle u. s. w. Der Zug ging am östlichen Ufer der Weichsel hin, während Koniccpolsky mit den Polen auf der entgegengesetzten Seite folgte. Die Schweden eroberten Marien- werder, Neuenburg, Engelsburg nebst mehreren Schlössern und kleinen Städten, und gewannen bedeutende Beute, besonders dnrch Zacharias Pauli, dem Obersten der südermannländischen Reiter. Sobald nehmlich die Truppen Mangel an Lcbensmitrcln litten, ward Pauli ausgesandt, und es schlug selten fehl, daß er nicht mit mehrere» Brodwagen und einigen hundert Stück Vieh zurückgekommen wäre, wenn auch die anderen nach derselben Gegend ausgeschickten Streifzüge nichts hatten finden können. Teusfcl, Soop, Hepburn u. m. a. scharmützelten beständig mit dem Feinde, eben so der König selbst. Als er vor Graudenz lag, kam eine 112 Zwei und zwanzigste Capitel. sehr bedeutende Verstärkung au. Der König von Dänemark hatt» nehmlich den Nheingrafen Otto Ludwig, so wie den Obersten Vaudis mit ihren Truppen verabschiedet, welche sich aus eignem Antriebe nach Preußen begaben, um in Gustaf Adolfs Dienste z» treten. Hierdurch noch muthigcr geworden, zogen die Schweden gerade auf die Stadt Straßburg los und »ahmen deren Belagerung vor. Koniecpolsky schickte Entsatztrnppe», welche aber zurückgetrieben wurden, worauf die Belagerung mit solchem Eifer fortgesetztward, daß mehrere der Festungswerke theils niedergeschossen, theils in die Luft gesprengt wurden, und der Befehlshaber La- montaigne, welcher außerdem Mangel an Pulver litt, sah sich am 24. September gezwungen, auf die Bedingung einzugehen, daß die Festung am folgenden Tage, gegen freien Abzug der Besatzung, übergeben werden sollte. Aber am folgenden Tage kamen einige polnische Truppen und verursachten Allarm im schwedischen Lager, so daß es gelang, einiges Pulver in die Festung zu schaffen. Nun schrieen die Polen, daß Lamontaigne die abgeschlossene Ea» pitulation brechen müsse, da sie hofften, sich nun mit dem angekommenen Pulver noch länger vertheidigen zu können. Aber dieser weigerte sich, sein einmal gegebenes Wort zu brechen, zumahl da zwei seiner Officiere als Geißel überliefert worden waren. Zur bestimmten Stunde übergab er daher das Schloß den Schweden, und die Besatzung zog nach dem polnischen Lager, wo Koniecpolsky unverzüglich Lamontaigne am Leben strafen ließ, weil er die Feste zu früh aufgegeben habe. 2n Straßburg war durch die Polen Alles so gänzlich aufgezehrt, daß das schwedische Heer weit umher streifen mußte, um sich seinen nöthigen Lebensunterhalt zu verschaffen. Einmal ward eine bedeutendere Macht unter Diedrich Falkenstein und Baudis ausgesandt. Diese durchstreiften Masowien und das innere Polen, Gegenden, in welchen seit Hunderten von Jahren kein Feind mehr gesehen worden war, und verbreiteten Schrecken bis vor Warschau's Mauern. Man fing sogar schon an, in letztgenannter Stadt an Vertheioigungsanstalten zu denken. Der Starost und der Bürgermeister musterten die Stadkwachc und begaben sich dann nach dem Zeughaus». Aber gerade indem sie in den Saal traten, stürzte das Gewölbe desselben ein, töotete Manche, schadete noch Mehreren, und selbst der Starost und der Bürgermeister mußten, Treffen bei Gorzno. 113 übel zugerichtet, aus dein Schütte weggetragen werden. DieS ward rein Volke für ein unglückliches Borzeichen angesehen und vermehrte das Schrecken noch so sehr, daß Manche nach den entlegneren Provinzen des Reiches flüchteten. Unterdessen hatte Falken- berg eine ansehnliche Beute zusammen gebracht, womit es ihm gelang, zum Könige glücklich zurückzukommen. Die langanhaltenden Herbstregen und die dadurch entstandene Feuchtigkeit hatten bedeutend der Gesundheit der Soldaten geschadet. Dazu kam noch der Mangel an ordentlichen Vorräthen, welches Veranlassung zu Streifercien und einer unregelmäßiger» Lebensweise war. Das schwedische Heer hatte aus diesen Ursachen sehr gelitten. Manche waren gestorben, Viele krank und alle Uebrigeu abgemattet. Gustaf Adolf beschloß daher, unerachtet aller Vorstellungen seines Schwagers, den Soldaten frühzeitige und gute Winterquartiere in dem bisher vom Kriege verschonten branden- burgischen Preußen zu geben. Trüffel und der junge Thür« wurden zu Befehlshabern in Straßburg ernannt, worauf der König sich am 30. Sept. von dort wegbegab und die Küste hinauf zog. Koniecpolsky zog nach, und es gelang ihm und dem Inländer, Oberst Buttler, bei Osterode Baudis mit einem Haufen Reiter zu überraschen und gefangen zu nehmen. Mit dieser That endigte der Krieg und beive Heere bezogen die Winterquartiere. Ende Oetober kehrte der König nach Schwede» zurück. Drei und zwanzigstes Capitel. Treffen bei Gorzno. Bei seiner letzten Abreise aus Preußen hatte Gustaf Adolf wie gewöhnlich Arel Orenstjerna die höchste Gewalt über Land und Heer anvertraut. Bei den Polen hatte ebenfalls Konicc- polsky sich entfernt und unterdessen war Stanislaws Potocki zum Feldherrn ernannt worden. Dieser fing an, Straßburg zu belagern, und dies mit der Aussicht auf einen baldigen glücklichen Erfolg, da die Besatzung Mangel an allem Nöthigen litt, und der eine Feldherr, der junge Thüre, an einer ansteckenden Krankheit gestorben, und der andere, Teuffel, nach Elbingen berufen worden war. Beider Nachfolger, Major Weidenstein, vertheidigte sich aber doch mit Nachdruck, obgleich er Boten aus » 8 ,14 Drei und zwanzigstes Capitel. Boren an Oreiistjerna sandte, um Entsatz zn erhalten. Der letztere ließ daher die schwedischen Truppen zu einer Anzahl pon beinah 8000 Mann zusammenziehen, und ernannte den Feldmarschall Herrmann Wrangel zum Anführer derselben. Unter ihm führten den Befehl über die Reiterei der Nheingraf, General Baudis, Zacharias Paust und Streust; über das Fußvolk Teuffel, Ehren- reuter, Arel Liste, L-istehök, Namsay, Arwid Wittenberg u. m. a. Der Aufbruch fand am 25. Januar statt,- und der Weg ging über Dollstadt, Salseldt, Osterode und von dort auf der südlichen Seite der Drewenz, um in diesen minder ausgeplünderten Gegenden leichter Unterhalt zu finde». Dieser Zug der Schweden ward so schnell und »»vermuthet ausgeführt, daß der Feind zu dessen Verhinderung unmöglich seine ganze Macht sammeln konnte. Von Osterode an hatte er durch kleine Anfälle die Schweden zu beunruhigen gesucht, war aber dabei selbst beinah immer im Verluste gewesen. Nachdem Potocki endlich allmählig eine bedeutende Anzahl Truppen an sich gezogen hatte, faßte er Fuß in dem kleinen Marktflecken Gorzno, zwei Meilen von Straßburg. Hier war ein enger Paß, durch den zu dringen für die Schweden sehr schwer war. Sie wurden nehmlich von Gorzno und Slraßburg durch einen kleinen Fluß geschieden, welcher von Polen aus, ein wenig oberhalb Straßburg in die Drewenz fällt. Obgleich einer der kleineren Flüsse, ist er doch reißend und tief, friert selten zu und ist auf beiden Seiten von weitläuftigen Sümpfen umgeben. Bei Gorzno theilt er sich bei einer kleinen Insel, über welche zwei Brücken den in dortiger Gegend einzigen Ucber- gang bieten. Auf der andern Seite war das User hoch und theils bebaut, theils mit Holz bewachsen, so daß die Polen, auf zwiefache Art geschützt, die beste Gelegenheit hatten, die Schweden am Vordringen zu hindern. Sie hatten auch die erste Brücke abgetragen, und die andere, so wie auch die Häuser und die Holzung waren mit Soldaten besetzt. Am 1. Februar Nachmittags kamen die Schweden zur Stelle. Wrangel sah den Uebergang für gefährlich an, und sandte Leute nach beiden Seiten des Flusses hin aus, um irgend eine bessere Stelle aufzusuchen; aber vergebens, denn der sumpfige Boden und der noch nicht ganz zugefrorene Fluß machten den Uebergang ohne Brücke unmöglich. Indessen offenbarte sich bei dieser Gelegenheit, so wie schon früher während des Treffen bei Gorzno. 115 ganzen Zuges, eine außerordentliche Kampflust im schwedischen Heere. Da auch Orenstserna ausdrücklich befohlen hatte, sich, wenn Straßburgs Entsatz es erfodere, in eine Schlacht einzu- lassen, so beschloß Wrangel, den Versuch zu wage». Arel Liste mit den Ostbottuingern baute in der Nacht die abgetragene Brücke wieder auf, und zeitig am Morgen des 2. Februar fingen die Schweden den Angriff an. Teuffel führte das Centrum, Arel Liste und Namsay den einen, Ehrenreuter den andern Flügel. DaS Feuer der schwedischen Feldstücke und Handgcwehre begann, und ward von den Polen aus Gehölz und Dorf erwiedert; aber als die Schweden näher vordrangen, ließen die Polen ihre vvrtheil- hafte Stellung im Stiche, und zogen sich nach dem Hauptheere hin zurück, so daß die Schweden mit Artillerie und Troß ringe, hindert über den Fluß kommen und sich des Passes bemächtigen konnten. Arif der andern Seite der Holzung war eine große Ebene, wo Potocki das Heer in Schlachtordnung aufgestellt hatte. Mau hatte ihn aufgesodert, die Schweden gleich am Ufer des Flusses anzugreifen, wo die herübergekommenen Truppen immer gleich niedergehauen werden könnte», ehe die andren noch zu ihrem Beistande da wären. Potocki antwortete, „daß ein solches Scharmützeln wenig Nutzen und Ehre mit sich führen würde. Er wolle daher des Feindes ganze Macht herüber kommen lassen; ihn dann angreifen und mit Einem Schlage zerstören, ehe er sich noch in Ordnung aufgestellt habe." — Aber Wrangel hatte Alles vorhergesehen und sehr genaue Befehle ertheilt. Die Schweden waren außerdem sehr geübt und rasch in ihren Bewegungen, so daß Potocki, ehe er noch das geringste davon ahnte, schon das ganze schwedische Heer vor sich aufgestellt sah, und das in einer weit bessern Ordnung, als das scinige. Der linke Flügel ward von Ehrenreuter angeführt, das Centrum vom Rheingrafen, der rechte Flügel von Trüffel. Die Reserve war im Anzüge unter Baudis, Listehök und Paust. Alle Schweden, sowohl Ofsiciere wie Gemeine, brannten vor Eifer und bald fing das Schießen an, zuerst mit Kanonen und dann mit Handgewehren, doch nur aus einiger Entfernung. Wrangel, welcher sah, daß der Feind beabsichtige sich in eine ordentliche Schlacht einzulassen, wollte die Ankunft der Reserve abwarten. Aber durch Tcuffels Heftigkeit fing das Treffen eher an, als der Feldherr es wollte. Gleich 8 » 116 Drei und zwanzigstes Capitel. neben dem Schlachtfeld? lag nehmlich ein Dorf, dessen Besitz Teuffel wichtig für den Ausgang des Kampfes hielt. Er sandte daher einige Musketiere aus, um cö einzunehmen; aber die Polen, welche die Bewegung sahen und verstanden, schickten ebenfalls eine Compagnie Husaren hin, um jene daran zu verhindern. Diese wurden von den Musketieren von einer scharfen Salve empfangen, erhielten aber Unterstützung, so daß Teuffel mit seinem Fußvolke erst ins Gedränge kam und endlich in Unordnung gerietst, als die polnischen Husaren von mehreren Seiten in die Reihen einbrachen. Streust und Hans Wrangel, welche mit ihren Reitern am nächsten standen, eilten zur Hülfe herbei. Jetzt entstand aus diesem Flügel ein sehr lebhaftes Gefecht. Der Polen deutsche Reiter flohen binnen Kurzem; aber die Husaren vertheidigten sich tapfer, und indem heftigen Handgemenge wurden bald Freunde und Feinde unter einander gemischt. Das ganze übrige Heer sah mit stummer Erwartung diesem Kampfe zu. Die Husaren waren der Polen Kerntruppen, und Teuffel mit seinem gelben Regimcnte fing unter den Schweden schon an, dasselbe Ansehen zu gewinnen. Endlich sah man aus dem unordentlichen Haufen allmählig die Husaren hervorkommen und die Flucht ergreife» ; sie konnten dem vereinigten Angriffe der Reiterei und des Fußvolkes der Schweden nicht widerstehen. Dieser Anblick jagte dem übrigen polnischen Heere Schrecken ein, und dessen Reiterei machte eine Schwenkung zur Seite, um sich zurück zu ziehen. Der Rhcingraf hatte unterdessen nur mit äußerster Mühe und auf Wrangels ausdrücklichen Befehl seine Ungedulv zügeln könne»; aber als er nun den Feind den Rückzug antreten sah, fürchtete er, daß derselbe „ungeschoren" davon kommen möchte, und sprengte daher mit seinen Reitern vor, ohne den Befehl dazu zu erwarten. Bei diesem Anblicke ergriff die ganze polnische Reiterei die Flucht, und ward auf dem Fuße verfolgt. Das polnische Fußvolk, solchergestalt verlassen, mußte theils fliehen, theils das Gewehr strecken. Die Reitcrjagd ging unterdessen über das ganze Feld hin. Meh- reremale suchten die Polen Fuß zu fassen, wurden aber gleich von den in guter Ordnung verfolgenden Schweden vertrieben, und so ging es beinah zwei Meilen weit, bis endlich ein Wald der Ebene und dem Kampfe ein Eure machte. Mehr als 1500 Mann lagen todt aus dem Schlachtfelde, und 500 Gefangene, Treffen bei Stuhl». 11 ? 4 Kanonen nebst alte» Troßwagen waren der Sieger Vente. Der Weg nach Straßburg stand offen, und Wränget nahm sein Haupt- quartier in Gorzns, wo Potocki die Nacht vorher gelegen hatte. Am folgenden Tage ward Straßburg mit Mannschaft und Verrathen versehen, worauf Wraugel gerade auf Thor» zu zog, um in der ersten Verwirrung des Feindes diesen wichtigen Ort zu überraschen. Es wäre beinah gelungen, denn i» der Stadt lag nur sehr wenig Kriegsvolk, und die Vorstädte nebst den Außen- werkcn wurden gleich eingenommen. Aber beim ersten Gerücht von der Schlacht bei Gorzno, war der polnische Oberst Denhoff, welcher diesen Angriff voraus gesehen, nach Thorn geeilt, zwei Stunden vor den Schweden angekommen, und hatte sich gleich an die Spitze der Vertheidiger gestellt. Wraugel fand bald, daß nichts auszurichten war, weil er, des schnellen Marsches wegen, keine Belagerungswerkzcugc hatte mit sich führen können. Außerdem waren seine Pferde übermüdet, und die mit Beute beladenen Reiter verlangten nach Hause und fingen endlich au, sich unerlaubter Weise vom Heere wegzuschleichen. Er brannte daher die Vorstädte ab, verheerte das Land, und zog dann wieder in die Winterquartiere. Am 13. Februar war er wieder zu Elbiug. Der Zug hatte nicht volle drei Wochen gedauert. Um die andern Polen daran zu verhindern, daß sie Potocki zu Hülfe kamen, hatte Oreustjerna Johann Bauer und Erik Soop sich unterdessen mit den in Pommcrellen stehenden polnischen Truppen herumschlagen lassen. Vier »lud zwanzigstes Capitel. Treffen bei Stuhm. Sigismunds hartnäckiges Beharren im Fortsetzen des KriegeS gründete sich hauptsächlich auf die Hoffnung, daß er Unterstützung von fremden Mächten erhalten werde. Oesterreich und Spanien hatten nehmlich nun schon seit mehreren Jahren gelobt, ihm wieder zu der schwedischen Krone zu verhelfen, zu welchem Endzwecke letzteres es auf sich genommen hatte, eine Flotte, ersteres ein Hülfshecr von 20,000 Mann auszurüsten. Bisher war es Lei bloßen Worten geblieben, weil beide Mächte durch eigene Angelegenheiten hinlänglich in Anspruch genommen worden waren. 118 Vier und zwanzigstes Capitel. Aber um diese Zeit hatte Oesterreich den König von Dänemark zum Frieden und die meisten deutschen Staaten zur Unterwürfigkeit gezwungen. Ein Theil der solchergestalt unbeschäftigten kaiserlichen Truppen sollte nun, in Folge des frühern Versprechens, nach Polen gesandt werden, um zur Vertreibung Gustaf Adolfs beizutragen. Die Polen hatten schon von den 1590er Jahren her mit mißtrauische» Blicken Sigismunds nahe Verbindung mit Oesterreich betrachtet *). Sie fürchteten schon damals dieses mächtige Nachbarreich, und weigerten sich so lange wie möglich von dort her Hülfstruppen zu nehmen. Der empfindliche Verlust bei Gorzno zwang sie aber endlich ihren Beifall dazu zu geben. Zehntausend Mann von des Kaisers Truppen sollten ins Land kommen, aber unter Sigismunds Oberbefehl stehen. Unterhalt und Löhnung sollten durch die polnische Krone beschafft werde», wogegen die Hülfstruppen niemals irgend ein Dorf oder eine Stadt besetzen durften, Thor» ausgenommen, welches ihnen als Nieder- lags-Ort offen stehen sollte. Die Spanier, besonders der ausgezeichnete Feldherr Spinola, sahen frühzeitig die Gefahr ein, womit Gustaf Adolfs große Eigenschaften des Kaisers große Macht bedrohten. Sie riechen daher, wenigstens 20,000 Mann zu senden. Aber der österreichische Hof, stolz Lurch seine mannichfachen Siege, betrachtete mit Verachtung die vergleichungsweise an Zahl geringen schwedischen Truppen, und deren Schneekönig, wie man Gustaf Adolf nannte. Zehntausend Mann hielt man für mehr als hinreichend, um ihn aus Preußen hinweg zu jagen. Wallenstein seines Theils wünschte den Frieden, um in den ruhigen'Besitz des eben erhaltnen Fürstenthumes Mcklenburg zu gelangen, und wollte daher Gustaf Adolf so lange wie möglich in Preußen aufhalten. Er rüstete also mit vieler Bereitwilligkeit die verlangten Truppen aus, und gab seinem vertrauten Freunde Arnheim den Befehl über dieselben. „Geh' nach Preußen", schrieb er, „und jage den Schneekönig fort, und sollte das nicht gelingen, so grüß ihn von mir und sag ihm, daß ich bald nachkommen und es selbst thun würde." — Arnheim sah aber die Sache *) Dieser haue sich nehmlich »lil einer österreichischen Prinzessin rcrmählt, die er sehr lieble. H. Treffen bei Stuhm. II!) nicht so leicht an. Er wünschte sich ihr zu entziehen, wagte aber doch nicht gegen Wallcnsteins bestimmte Vorschrift zu handeln. Er sing damit an, die Sache in die Länge zu ziehen, in der Hoffnung, daß etwa ein eintretender Waffenstillstand oder irgend eine andere Veränderung ihn von diesem mißlichen Auftrage befreien möchte. Aber der Kaiser und Wallenstein sandten Brief auf Brief an ihn ab, und Mitte Mai 1629 mußte er den gefürchteten Zug antreten. Von Pommern aus brach er in Preußen ein, und vereinigte sich bei Granden; mit Koniecpolsky. Gustaf Adolph ließ Wallenstein fragen, „warum der Kaiser Truppen gegen ihn sende, da Gustaf Adolf doch nichts gegen den Kaiser vornehme?" Wallenstein antwortete ganz kalt: „Der Kaiser hat mehr Truppen, als er bedarf; er hat daher einige Regimenter verabschiedet und denselben erlaubt, in die Dienste seines Freundes, des Königs von Polen, zu gehen; kann also jetzt nicht mehr über dieselben befehlen." Gleich nach dem Treffen bei Gorzno schloß Qrenstjerna mit den Polen einen Waffenstillstand bis zum 1. Juni. Schon 8 Tage vor dessen Ablauf war Gustaf Adolf mit Verstärkungen zu Elbinz angekommen. Er beabsichtigte in diesem Jahre den Krieg nach Deutschland zu versetzen, und in Preußen nur vertheidigungsweffe zu Wege zu gehen; daher hatte er eine bedeutende Anzahl Truppen mitgebracht. Das Erste, was ihn empfing, war die Nachricht vom Herannahen des kaiserlichen Hülssheeres. Den ganzen Tag nach seiner Ankunft schloß er sich daher mit Qrenstjerna ein zu gemeinsamer Ueberlegung, worauf folgende Maßregeln genommen wurden. Torstcnssons und Ruthwens Regimenter mit einigen andern Truppen wurden bei Dirschau gelegt, eine andere Abtheilung bei der Montauerspitz und das, Hauptheer unter Herrmann Wränget bei Marienburg, alle drei in stark befestigten nnd durch Brücken vereinigten Lagern. Hierdurch beherrschten die Schweden die Schifffahrt auf der ganzen Weichsel, konnte» sich die eigene Zufuhr erleichtern und die des Feindes verhindern, und waren im Stande jedesmal einander gleich beizuspringen. Zugleich ward der Befehl an mehrere in Liefland liegende Regimenter gesandt, schnell zur Verstärkung herbei zu eilen. Mitte Juni zog der König mit der Reiterei nach Marien- 120 Vier und zwanzigstes Capitel. Werder hin. Konieepolsky und Arnheim, welche genau der Schweden Bewegungen auskundschafteten, beschlossen ihn zu überraschen. Gu- staf Adolf merkte die Absicht, und fing an, sich über Honigsfeld und Stuhm zurückzuziehen. Im Walde zwischen den beiden letztgenannten Orten war ein sehr schwieriger Paß, dessen Wichtigkeit beiden Feldherren bekannt war. Gustaf Adolf sandte den Rheingrafen mit zwei Reiterregimentern, um den Platz zu besetzen; aber Konieepolsky war ihm zuvorgekommen und war die ganze Nacht durch marschiert, so daß die Kroaten schon einige Stunden vor dem Rheingrafen dort angekommen waren und angefangen hatten, sich zu verschanzen. Das Fußvolk langte gleich nachher an und stellte sich beim Passe auf, aber die Reiterei ward weiter hin gesandt. Der Rheingraf hatte von Gustaf Adolf den Befehl erhalten, die Polen nicht anzugreifen, wenn diese den Paß schon inne haben sollten. Aber beim ersten Anblicke des Feindes vergaß er in der Hitze dieses Verbot, und stürzte zum Angriff vor. Konieepolsky zog sich zurück und lockte ihn so in einen im Walde verborgenen Hinterhalt. Der Kampf war heftig, aber kurz. Zweihundert Schweden wurden niedergehauen, fünf Fahnen verloren; unv nur mit Mühe konnten der Nheingraf und die Uebriggebliebenen sich durch die sie umzingelnden Feinde Bahn brechen. In diesem Augenblick kam Gustaf Adolf mit der übrigen Reiterei an. Auf der andern Seite harte auch die polnische und deutsche Reiterei sich in überlegner Anzahl versammelt, woher sie denn auch vor Eifer brannten anzugreifen. Arnheim wollte zwar das Fußvolk abwarten; doch Konieepolsky, weicher sich hauptsächlich auf die Reiterei verließ, gab Befehl den Kampf zu beginnen. Er war äußerst heftig. Die Schweden waren untergeordnet an Zahl, Uebung und Bewaffnung, nicht aber an Muth, woher der Ausgang lange zweifelhaft blieb. Selbst die 'Anführer stürzten sich inS Handgemenge. Konieepolsky ward einmal gefangen , aber wieder befreit. Gustaf Adolf hatte ein wechselvolieres Schicksal. In der Hitze des Kampfes war er unerkannt mitten unter die Kroaten gerathen, und von ihnen gefangen genommen worden. Ein schwedischer Reiter sah es, und reichte ihm unbemerkt seine Pistole indem er ihm zurief: „Sieh da, Kamerad!" Der König ergriff die Pistole, jagte die Kugel durch den einen Kroaten, Treffen bei Stuhm. 12L schlug den ander» mit dem Kolben ins Gesicht und machte sich mit Hülfe des Schweden frei; aber nur für einen Augenblick. Ein andrer feindlicher Reiter faßte den König am Gürtel und zog ihn so mit sich, so daß Gustaf Adolf kein andrer Ausweg blieb als den Gürtel über den Kopf abzustreifen, wobei er den Hut verlor, aber doch glücklich los kam. Den Augenblick drauf ward er gleichwohl von einem dritten Kroaten angegriffen, welcher mit der einen Hand des Königs rechte Hand fest hielt, und mit der andern den Säbel zum Todcsstreich erhob; aber gerade im selben Augenblick kam Erik Soop und schoß den Kroaten durch die Brust. Soop war von seinen westgothländischen Reitern gefolgt, unter deren Bedeckung der König zu den Seinigcn zurückkehrte. Der eintretende Abend ließ den Kampf unentschieden; doch fand Gustaf Adolf für gut im Dunkel der Nacht sich in Maricn- burgs Mauern zurückzuziehen. Er entführte dem Feinde neunzehn Fahnen, hatte selbst auch elf und außerdem zehn Kanonen verloren, und zugleich daS Schlachtfeld geräumt, wo der Feind als Sieger stehen geblieben war. „Noch nie," sagte Gustaf Adolf, „war ich in einem so heißen Bade! Doch freut es mich, daß ich dabei Bekanntschaft mit den kaiserlichen Truppen gemacht habe." Nach diesem Kampf berief Gustaf Adolf mehrere frische Regimenter zu sich; aber auch nach deren Ankunft hielt er sich ruhig in seinen Verschanzungen und begnügte sich damit seine Stellung bei Maricnburg, Montauerspitz und Dirschau zu vertheidigen. Aber bei der Nachrickt von dem für die Polen vorthcil- haften Kampfe bei Stuhm, eilte König Sigismund, von seinen beiden Prinzen und bedeutenden Verstärkungen begleitet, nach dem Lager, in der Erwartung nun endlich den gefürchteten Feind vertreiben zu können. Er ließ auch theils durch Konicepolsky, theils durch Arnheim verschiedene Angriffe gegen Marienburg wie gegen die Montauerspitz ausführen; aber sie wurden jedesmal und mit großem Verluste von den Schweden zurückgeschlagen. Diese bald größer», bald kleinern Scharmützel fanden längre Zeit beinah täglich statt, aber auch mit beinah täglichem Verluste für die Polen, welche auf solche Weise im Ganzen über vier tausend Mann verloren. Arnheim, schon von Anfang an unzufrieden, ward es noch mehr und verlangte seinen Abschied. Die Polen mißtrauten ihm, weil sie ihn für Brandenburgs heimlichen An- 122 Fünf und zwanzigstes Capitel. Hänger hielte», und beeilten sich ihn zu entfernen. Herzog JnliuS Heinrich von Sachsen-Lauenburg übernahm den Befehl; aber die Sachen wurden nur noch verwirrter. Unwillen und Streitigkeiten kamen zwischen Polen und Deutschen auf. DaS große zusammengedrängte Heer verursachte Mangel, Feldkrankheitcn und endlich die Pest. Sigismund und die Prinzen reisten wieder nach Hause, und das Heer löste sich im selben Maße auf, wie die Pest zunahm. Ihre Verheerungen waren fürchterlich; ganze Dörfer und -Negimentslagcr wurden durchaus verödet. Die freiere Zufuhr und die bessern Wohnungen in den Städten, deren die Schweden sich erfreuten, waren Ursache, daß die Epidemie in ihren Reihen weit geringere Verheerungen anrichtete. Dieser Fcldzug, welcher anfangs ein so drohendes Ansehen hatte, endigte mit einer vollkommncn Auflösung des polnischen wie des kaiserlichen Heeres, ohne daß die Schweden irgend einen bedeu- lendern Verlust erlitten hätten, als denjenigen, welchen die Pest auch ihnen verursacht hatte. Fünf und zwanzigstes Capitel. Waffenstillstand zu Stuhmsdorf. Aus dem Lager verbreitete sich die Pest durch Polen und bis Warschau selbst hin, überall schauderhafte Verwüstungen anrichtend. Der Unwillen der Polen gegen den in so mancher Hinsicht verderblichen Krieg, stieg immer höher und äußerte sich immer lauter; eben so das allgemeine, hartnäckige Geschrei nach Frieden. Diese Wünsche wurden von dem französischen Gesandten Charnaee unterstützt. Dieser suchte Sigismund deutlich zu machen, „wie schwer es sogar selbst Oesterreichs versammelten Kräften, und wieviel schwerer also noch Polen werden würde, einen jungen, siegreichen und von seinen Unterthanen geliebten Fürsten, wie Gustaf Adolf, deS Thrones zu entsetzen. Es würde daher kluger sein, seinem Stamme die Thronfolge in Polen zu sichern zu suche», und zu dem Endzwecke durch die Wohlthaten des FriedenS die erkaltete Liebe des Volkes wieder zu gewinnen. König Sigismund sollte auch weniger auf den Kaiser hören, welcher nur beabsichtige auf Kosten Polens Gustaf Adolf zu beschäftige», während ganz Deutschland uurer seinem Joche liege. Später werde auch die Waffenstillstand zum Stuhmsdorf. 123 Reihe an Schweden oder wohl gar an Polen selbst kommen; denn Eroberungssucht sei des Kaisers einzige Triebfeder, die Fürsorge für deu katholische» Glauben nur eiu Schleier, hinter welchem er jene verberge." — Diese Gründe wirkten auf Sigismund ein. Alle früheren Friedcnsvermitller waren Protestanten gewesen und hatten daher nur Mißtrauen erregt. Eharuaee hingegen war Katholik und verstand aus dem Grunde die Kunst Vertrauen zu gewinnen. Gustaf Adolf zeigte er hingegen „des Kaisers und Wallen- steins beleidigenden Uebermuth; außerdem Oesterreichs Sklavenjoch, welches schon auf ganz Deutschland laste, und bald ganz Europa bedrohe; endlich die unsterbliche Ehre, welche den künftigen Befreier von dieser doppelten der geistlichen wie der weltlichen Sklaverei erwarte. Um aber Muße zu einem solchen Unternehmen zu gewinnen, sollte man so schnell wie möglich den vergleichungsweise unbedeutenden polnischen Krieg beendigen, und dabei nicht so genau eine jede Kleinigkeit abwägen." — Die letztgenannten Ermahnungen wurden zum Theil von Arel Orenstjerua unterstützt. Der König bestand hartnäckig darauf einige preußische Städte zu erhallen. Mit der ganzen Offenheit des persönlichen Freundes und deö Vaterlandsfreundes warnte Orenstjerua vor dieser Unklugheit und erinnerte daran wie Johann III., um den leeren Titel eines Wotski-Petin *) zu behaupten, sich und dem Vaterlande das verlängerte Unglück des Krieges zugezogen habe. Seine Vorstellungen wirkten. Durch Vermittelung von Charnacc so wie von den Gesandten Hollands, Englands und Brandenburgs fingen die Unterhandlungen zu Stuhmsdorf, einem Dorfe gleich neben Stuhm an, auf schwedischer Seite durch Arel Orenstjerua, Herrmaun Wraugel und Johann Bauer geleitet. Der Polen Noth, Gustaf -Adolfs Verlangen nach dem Abschluß und Charnace's Eifer beeilten die Unterhandlungen. Nach fünf Wochen war man einig über die Bedingungen; es ward ein Waffenstillstand auf 6 Jahr abgeschlossen. Sigismund behielt wohl den Titel eines Erbkönigs von «) Wotsky-Pciin war eine der russischen Landschaften, die der große Pontus dc la Gardic (siehe das r8sic Cap.) ftlr seine» König Johann III., erobert halte. Johann, durch die gewonnenen Siege übermüthig gen,acht, wollte den nach diesen Landschaften angenoninienen Titel nicht wieder ausgeben, wie sehr auch dc la Gardic es ihui ricih, und die Zricdcnsuntcrhandlungc» zerschlugen sich wieder. H. 124 Sechs und zwanzigstes Capitel. Schweden, ward aber genöthigt Gustaf Adolf als wirklichen König anzuerkennen, und ihm alle dazu gehörige» Titel zu geben. Von seinen Eroberungen behielt Schweden ganz Liefland, mit Riga, nebst den, dnrch ihre Zölle so einträglichen-Häfen Memcl, Pillau, VrannSberg und Elbing. Sechs und zwanzig st es Capitel. Ueber König Gustaf Adolf. König Gustaf Adolf war ein ansehnlicher Herr, etwas über drei Ellen '*) lang, gut gewachsen, doch in den letzten Jahren sehr dick werdend, ja so sehr, daß nur ungewöhnlich starke Pferde ihn auf einem laug dauernden Ritte zu trage» vermochten. Er war demunerachtet gesnnd und stark, ja selbst abgehärtet und rührig, obgleich nicht so sehr wie der Vater. Kurzsichtigkeit war das einzige körperliche Gebrechen , worüber er sich beklagen konnte. Seine Haltung war edel und voll 'Anmuth; den Körper trug er gerade, das Kinn ein wenig voraus; das Haar kurz und über der Stirn hinaus gestrichen; es war, gleich dem Knebel- und kurzen, spitzen Kinnbärte goldgelb, woher er oft der Goldkönig genannt ward. Stirn und Nase waren erhaben gewölbt, die Augen offen und lichtblau, sein Antlitz behielt stets die Farben wie die Fülle der Jugend bei. In seinem Blick, seinen Gesichtszügcn und seinem ganzen Wesen war auf eine seltne Weise die herablassendste Milde mit dem Ernst und der Majestät des KönigS vereinigt. Nur wenige Menschen sind mit so ausgezeichneten Seelen- krästrn begabt gewesen wie Gustaf Adolf. Mit eben so schnellem als tiefem Blicke durchschaute er alle persönliche wie allgemeine Verhältnisse, und das schon als Jüngling oft besser als die unter Arbeit und Erfahrung ergrauten Staatsmänner. Eben so besaß er das Talent, ohne Vorbereitung und gleichwohl mit besonderer Klarheit und Anmuth seine Gedanken zu entwickeln, durch Sanftheit der Stimme und Geberden beinah noch größer als Redner erscheinend, als sein großer Großvater. „Er hat," sagte man, „eben so Viele durch die Zunge wie durch das Schwert überwunden. " ) Die schwedische Elle macht r Faß. H. Seil» Gedächtniß war sehr stark, und umfaßte in seinen männlichen Jahren die Gesetze und dir Einwohner des gleiches niir derselben Leichtigkeit, wie in seinen Jünglingsjahren die verschiedensten Wissenschaften und Sprachen. Als Feldherr kannte er nicht nur die obern Befehlshaber, sondern auch die geringern Officicre, ja sogar manche der ausgezeichneten! Soldaten. In seinem Herzen wohnte eine wahre und lebendige Gottesfurcht, die sich in Wort und That aussprach. Das Morgen- und Abendgebet versäumte er selten; den Gottesdienst nie. Fluchen, leichtsinniges und chrfurchtsloses Sprechen über geistliche Dinge konnte er durchaus nicht leiden. Ost fand man ihn für sich allein in der heiligen Schrift lesend. „Ich suche mich," sagte er, „durch Nachdenken über das heilige Wort gegen böse Verlockungen zu stärken. Ein Mensch in meiner Stellung ist keinem Andern als Gott für seine Thaten verantwortlich; aber gerade diese Selbstständigkeit führt zu manche» Versuchungen , gegen welche wir nie genug auf unsrer Huth sein können." Er selbst verfaßte manche der gebräuchlichen Feldgebcte, und der berühmte Psalm: „Försäras cj, du Ulla Hop *)!" ist, wie man glaubt, ebenfalls von ihm. Ein gleichzeitiger Chronikenschreiber sagt in dieser Hinsicht von ihm: „König Gustaf Adolf ist ein Herr, der alle seine Unternehmungen mit Gebet beginnt, und sie daher mit Danksagungen beendigt." Des Königs ganzes Leben war ein Spiegel dieser reinen und innigen Gottesfurcht. Nach der Verirrung mit Margaretha Cabe- liau konnte man ihm niemals wieder die geringste Ausschweifung vorwerfen. Schlemmerei , Spiel und Unthätigkeit waren ihm ganz und gar fremd. Selbst durch ungewöhnliche Eigenschaften ohne allen Zweifel erhaben über seine ganze Umgebung, war er es auch eben dadurch über jede Versuchung zu Mißgunst und Neid. Der Falschheit bedurfte er nicht, da er nichts zu verbergen hatte; der argwöhnischen Furcht nicht, da er Keinem Unrecht that; „ich kann," sagte er, „ruhig im Schooße eines jeden meiner Unterthanen schlafen." — Habgierig war er — aber nur nach der Ehre, indem er dieselbe im Siege der Wahrheit und im Wohle des Vaterlandes suchte. Besonders edel und liebenswürdig zeigte ) D. h. Erschrick nur „ich:, du kleiner Haufe». 126 Sechs und zwanzigstes Capitel. er sich im Verhältniß zu seinen Nächsten. Seine Mutter, die verwittwctc Königin Christinn, hatte die süßesten Hoffnungen seiner Jugend zerstört, den jünger» Bruder Karl Philipp gegen ihn aufzureizen gesucht, und manche Auftritte veranlaßt, die für das Reich gefährlich, für ihn selbst unangenehm gewesen, und dennoch begegnete er stets dieser Mutter mit kindlicher Ehrfurcht und Unterwürfigkeit, ihren Launen in Allem nachgebend, was nicht des Vaterlandes Wohl oder seine königliche Pflicht beeinträchtigte. Seine beiden Nebenbuhler um die Krone, Herzog Johann für die Gegenwart, und Karl Philipp für die Zukunft, verwandelte er in seine zuverlässigsten Freunde, selbst ihnen mit der aufrichtigsten und brüderlichste» Freundschaft begegnend. Seiner Gemahlin war er unverbrüchlich treu, und suchte so viel wie möglich der Welt ihre Schwachheiten zu verbergen. Sein Verhältniß zu seiner Halbschwester, der Pfalzgräfin Katharina und zu seinem Freunde Arcl Orenstjcrna, ist ein glänzendes Vorbild des Schönsten und Edelsten, was die brüderliche Liebe und die unerschütterliche Freundschaft darzustellen vermögen *). *) Ich kann nicht umhin, hier »och Etwas über ihn mitzutheilen, was scinc» Charakter i» einen, wahrhaft menschlich schönen stichle zeigt, und GrancrtS Werk: Christina, Königin von Schweden und ihr Hof, beinah wörtlich entnommen ist. Nehmlich: Die Königin Maria Clccnora war schon zweimal niedergekommen, als sie ihrem Gemahle die nachher so berühmt gc« wordnc Christina gebar; zuerst mit einem Töchtcrchen, welches aber schon im 4te» Jahre starb, dann mit einen, Knabe» von wenigen Monaten. Dieses zwiefache Mißgeschick steigerte die Sehnsucht des KönigS und seiner Gemahlin nach einen, Thronerben „m so höber. Auf einer Reise in Finnland, welche sie zusammen unternahmen, i» Äbo, fand die Königin steh znm drittcnmale gesegnet. Gustaf Adolf hatte gerade in, polnischen Kriege siegreich gckampst, und war von hohen Ideen und -Pläne» begeistert. Alle Zeichen verkündete» eine» Kronprinzen; Trännic, welche sie und ihr Gemahl hatte», schienen mystc. riös; die Astrologen versicherten es, n. s. w. Die Zeit der Entbindung rückte heran; aber der König war bedeutend krank an, dreitägigen Fieber, welches ihn im Herbst in Preußen befalle» hatte. — — In, December 1826 gc. bar die Kömgin glücklich, unter sonderbare» Umständen. Das Kind kam zur Welt mit einen, Helme von, Kopfe bis z» den Knieen, so, daß nur Gesicht, Arme und Beine frei waren, es war ganz mit Haare» bedeckt, und hatte eine starke und rauhe Stimme. Die umstehenden Franc» glaubte» alle, cS fei ei» Knabe, und erfüllte» den ganze» Paklast mit der Freudenbotschaft, die auch der König in» so eher für wahr hielt, weil er es wünschte und hoffte. — Als der Irrthum entdeckt wurde, war man in großer Verlegenheit, wie man dem freudigen Vater die Täuschung bcnchme» sollte. Die Prinzessin Katharina über. »ahn, es endlich und trug das Kind auf ihre» Armen zu ihm hin. Hier zeigte Gustaf Adolf ganz sei» schönes Gemüth, ohne Bestürzung blicken zu lasse», nahm er das Kind i» scinc Arme und empfing es so zärtlich, als wäre er in seiner Erwartung nicht getäuscht worden. „Wir wollen Gott Dank sagen," sprach er z» seiner Schwester: „ich hoffe, daß diese Tochter wohl dc» Werih Ueber Gustaf Adolf. 127 Solchergestalt selbst das Beispiel eines reinen und tadellosen Lebens gebend, duldete er auch in seiner Umgebung keine Per» sonen von schlechten Sitten. Klatschereien und Verläumduugen wurden mit Verachtung abgewiesen; Spiel, Vollerer und Ausschweifungen waren ganz und gar verbannt. Wenn irgend ein junger Herr anfing sich nach dieser Seite hin zu wenden, so ward er gleich ohne Umstände vorn Hofe weggejagt; und die andern nahmen sich in Acht. Schwedens Köuigsburg war nicht nur der Wohnsitz der kriegerischen Ehre, der Kenntnisse, des Geschmacks und der sichern Annehmlichkeiten des Lebens; sondern auch der Gottesfurcht, der Gerechtigkeit und der Sittlichkeit; und die Bewohner Schwedens blickten zu ihr auf, nicht nur mit Bewunderung für den Glanz, welche ihre Mauern umschlossen, sondern auch mit Verehrung und warmer Liebe für das Erle, Verehrungs- würdige, welches in denselben wohnte; und das erhabne Beispiel verbreitete seine wohlthätige Wirkung über das ganze Reich. Gustaf Wasa, Gustaf Adolf und die drei gleichgesinnteu Karle waren in dieser Hinsicht die wahren Vater des Vaterlandes, die durch ihre Regierung und ihr Beispiel das Volk zu jener Deukungsart voll Kraft, Ernst, Tugend und Gediegenheit erzogen, welche allein die wahre Grundlage des Glückes der Einzelnen, wie ganzer Staaten bildet. Gustaf Adolf liebte das Glänzende und Ausgezeichnete, aber nur in persönlichen Eigenschaften und Thaten, nicht in Pracht und äußerlichem Schmuck. Seine Lebensweise war sehr mäßig und einfach, eben so seine Kleidung, und sowohl zu Hanse wie im Felde. Bei allgemeinen Feierlichkeiten zeigte er aber doch jene Pracht, welche der Majestät zukommt. Der König haßte Nichtsthun und Vergnügungssucht. Er selbst war unermüdetlich in der Arbeit. Man sah ihn schon als Knaben mit dem Buch in der Hand bis tief in die Nacht hinein sitzen. eines Knaben für mich habe» wird; möge Gott sie mir erhalte», wie er sie mir gegeben hat." Die Prinzessin wollte seine Hoffnung aus einen Thronerben durch die Vorstellung beleben, das; er und seine Gemahlin noch jung seien; er antwortete aber wieder: „Ich bin zufrieden, liebe Schwester, ich bitte Gott sie mir zn erhalten." Darauf sandte er das Kind mit seinem Segen zurück, und war so froh, daß jedermann erstaunte. Er befahl, das Do I»<-»,n z„ singe», und alle Frcudc»bczcngnngcn anzustellen, die bei der Geburt des erste» Prinzen gebräuchlich sind. kachcnd sagte er von dem Mädchen: „Sie wird geschickt werden, denn sie hat n»S Alle betrogen!" H, 128 Sechs und zwanzigstes Capitel. Jagd, Luftfahrten und dergleichen Zeitvertreib legte er früh bei Seite, und widmete seine Tage beinah ausschließend den Regie- rungsgcschäften. So wollte er auch seine Beamten haben, und wies sie persönlich und streng zurecht, wo er das Gegentheil bemerkte. Die Ausdrücke waren nach der Sitte der Zeit kräftig. Den Vögten ward gedroht, „daß sie es mit ihrem Kopf bezahlen würden," oder „daß sie einen Strick als Halsband bekomme» würden;" man erkannte darin den Sohn Karls IX. Einst sollte ei» Officier einige Festungswerke aufführen, ging aber damit s.hr langsam und nachlässig zu Werke. Der König ward unzufrieden darüber. Der Officier führte zu seiner Entschuldigung an: „daß die hart zugcsrorne Erde alles Graben unmöglich gemacht hätte." Der König antwortete: „Für faule Schweine ist die Erde immer zugefroren!" ein altes schwedisches Bauern-Sprichwort, womit sein Vater, Großvater und seine Oheime dergleichen Ausflüchte der Bequemlichkeit abzuspeisen pflegten! Hoch erhaben über persönlichen Eigennutz und persönliche Schwachheiten, brauchte er nie die Gerechtigkeit zu scheuen. Bei einem Güterstreite trat er selbst als Parthci vor dem Hofgerichte auf, befahl den Mitgliedern desselben ohne Ansehen der Personen, alle gewöhnlichen Nechtsgebräuche wahr zn nehmen, und rühmte nachher ihr Verfahren, da sie dem Gesetz gemäß ein für den König nachtheiligcs, aber, wie er endlich selbst einsah, vollkommen gerechtes Urtheil fällten. Gustaf Adolf liebte die Wissenschaften und die Leetüre. Durch seine frühe Thronbesteigung und sein noch früheres Thcilnehmen an den Regiernngsgeschästen, ward seine wissenschaftliche Erziehung zu früh unterbrochen. Aber noch als König Pflegte er in freien Stunden seinen frühern Lehrer, Johann Skytte, rufen zu lassen, und sich auch da noch seines Unterrichtes zu bedienen. Xeuophon, Scncca und besonders Hugo GrotiuS waren seine Lieblingsschriftsteller. Auch mit der Geschichte beschäftigte er sich gerne, und nannte sie eine Lehrerin fürs Leben. Die Metaphysik war die einzige Wissenschaft, die er weniger begünstigte; vielleicht in Folge von Skytte's und der ramistische» Philosophen*) Eingebungen. Gustaf Adolf zeichnete sich auch als Schriftsteller aus. Seine Verse, wenn auch keine Meisterwerke, tragen doch den Stempel einer reinen und erhabnen Denkungsart. In seiner Beschreibung der Negierungszeit seines Vaters zeigt er sich hingegen als ein sowohl an Geist wie an Darstellungsweise ausgezeichneter Geschichtsschreiber. Endlich war er ohne Vergleichung der größte Redner seiner Zeit. Von Gemüth war er ganz besonders leutselig und herablassend, ja so sehr, daß er von Manchen darüber getadelt ward, besonders von Solchen, die nicht sein angebornes Talent kannten, persönliche Vertraulichkeit mit königlicher Majestät zu verschmelzen. Er sprach gern und freundlich, und nicht nur mit seiner nächsten Umgebung, sondern auch mit den übrigen Unterthanen, von welchem Stande sie auch sein mochten. Man sah ihn sich lange mit erfahrnen Beamten von ihren Berufsgeschäften und den Landstädten unterhalten, mit angesehenen Bürgern, eben so mit Bauern und Ackersleuten, auf solche Weise genaue Auskunft über den Zustand des Landes einsammelnd, und dagegen Aufmunterungen und nützlichen Rath ertheilend. Am freundlichsten war er aber doch gegen alte, ausgediente Soldaten. Mehrere derselben wurden als Trabanten im Schlosse angestellt, und selten ging der König vorbei, ohne ein wohlwollendes Wort an sie zu richten. Der älteste von ihnen war ein grauhaariger Greis, welcher zu Gustaf Wasa's Zeit Theil an dem russischen Kriege genommen hatte. Diesen ehrte er besonders, setzte sich oft an seine Seite und sprach mit ihm von vergangnen Tagen, und von dem alten König „Gustel" und dessen Gewohnheiten. Gustaf Adolfs Heftigkeit und dadurch veranlaßte Uebercilungen waren ein Fehler, welcher zuweilen Veranlassung zu bedanerns- werthen Auftritten gab. Es geschah nehmlich nicht selten, besonders in jüngcrn Jahre», daß er sich durch heftige Worte, ja sogar durch Hieb und Schlag verging, und es war ihm schwer, selbst beinah unmöglich den Ausbruch seiner Gefühle zu zügeln. Jahre und Erfahrung lehrten ihn aber doch endlich die schwere Kunst sich selbst zu beherrschen, und meistens konnte man nur von einer schnell vorübergehenden Nöthe oder einem augenblicklichen Verziehen des Gesichtes auf seine innere Bewegung schließen. Er selbst kannte und bekannte diese seine Schwäche. „Aber," fügte er hinzu „meine Freunde, können wohl Nachsicht mit meiner U. S i.ro Sechs und zwanzigstes Capitel. Heftigkeit haben; so wie ich sie auch mit ihren Fehlern habe, mit des Einen Langsamkeit, deS Andern Gewinnsucht, des Dritten Eigennutz u. s. w." Dahingegen war er leicht und schnell versöhnt, und suchte eifrig und edelmüthig jede Uebcreilnng wieder gut zu machen. Anhaltenden Groll und UnwiEn hegte er niemals. Man erzählt in dieser Beziehung folgende Begebenheit. Ein schottischer Oberst, Namens Seaton, beging einst bei einer Musterung einen Fehler, auf dessen Veranlassung der König sich befugt fand ihm einen Vorwnrf zu machen. Seaton fing an sich zu entschulrigen und zu vertheidigen, worunter der Wortwechsel eine so lebhafte Wendung nahm, daß der König endlich dem Obersten eine Ohrfeige gab, und das mitten vor der ganzen Linie. Seaton konnt« natürlicher Weise keine Genugthuung erhalten, sondern begehrte auf der Stelle seinen Abschied, und eilte noch denselben Abend über die dänische Grenze zu kommen, um dort neue Dienste zu suchen. Der König bereute balv was er gethan, nahm ein paar Begleiter mit und ritt ihm nach. Eben auf der andern Seite der Grenze holte er Seaton ein. „Herr Oberst!" sprach er, „ich habe Euch Unrecht gethan und Euch zugleich beleidigt. Das thut mir leio, denn ich sehe Euch für einen Ehrenmann an, und darum komme ich Euch Genugthuung zu geben. Hier außerhalb Schwedens Grenzen sind Gustaf Avelf und Seaton einander gleich. Seht hier zwei Pistolen oder zwei Degen! -Nacht Euch, wenn 2hr könnt!" Seaton warf sich ihm zu Füßen, und bat um die Erlaubniß in eines solchen Königs Dienst leben und sterben zu dürfen! Gustaf Adolf umarmte ihn, und sie ritten zusammen nach dem Lager zurück, wo er in Mehrerer Gegenwart die Genngthunng erzählte, welche Seaton erhalten hatte. Gustaf Adolf war einer der größten Heerführer, die es jemals gegeben hat. Die vielen Verbesserungen, welche die Kriegskunst durch ihn erfahren, sollen künftig näher besprochen werden. Persönliche Tapferkeit hatte und bewies er im höchsten Grade, so daß er darüber von Vielen getadelt ward, als ein Solcher nehmlich, der die Obliegenheit deS Soldaten mit der deS Feldherrn vermische. Es war aber nun einmal seine Ueberzeugung, daß ein Anführer von seinen Soldaten nicht mehr Muth fodern könne, als er selbst zeige. Die Furcht war ihm auch eine durchaus fremde Empfindung. Wenn man ihn warnte, antwortete er scherzend: Ueber Gustaf Adolf. 131 »ii ^t»„ >«l A N-- H,r »» >>« Ä- !«, j>k ilich Ntt M! »t!I «dj >»t Ä Ä. l-hk Ei- » WÄ W - »i »> »« „Noch ist kein König durch eine Kanonenkugel gefallen!" auch wohl ernst hinzufügend: „Vertrauen auf Gott, ist die beste Vorsicht!" — oder: „welcher Tod könnte für einen König schöner sein, als der für sein Volk und seine gerechte Sache zu fallen?" — Alle seine während der Feldzüge bestandenen Gefahren herzuzählen, wäre beinah unthunlich; neun große Narben, außer denjenigen, die er an seinem Todestage erhielt, legten Zeugniß davon ab. Dreimal war er in Gefahr zu ertrinken, nehmlich bei Wittsjö, Dcmmin und Vräwik; bei der letztgenannten Gelegenheit verlor er das Pferd, und konnte nur mit Mühe sein eignes Leben retten. Man rieth ihm ein andermal ab in daS Bergwerk zu Faluu hinabzusteigen. „Was!" sagte er, „soll ein König nicht die beste Schatzkammer seines Reiches besuchen?" Wenige Menschen haben in einem so hohen und ausgezeichneten Ansehen gestanden, wie Gustaf Adolf, selbst bei seinen Feinden. „Er ist der größte König der Welt," sagte der Pabst. Die Katholiken sprachen mit Bewunderung „von seinen vielen Tugenden, seiner Kriegszucht, seiner Gerechtigkeit, seiner Sittlichkeit, seiner warmen und unverstellten Gottesfurcht, obgleich von einem ruchlosen Glauben befangen." Kaum eine einzelne Schmähschrift erschien gegen diesen ihren Todfeind. Bis in die abgelegensten Gegenden Europa's, zu halbwilden Fürsten und Völkern drang sein Ruhm und sein Name. Die Türkei suchte seine Freundschaft; die Tartaren schickten ihm glückwünschende Gesandten, und der mvskewitische Großfürst wußte nicht, wie er genug seine Ergebenheit, seine Bewunderung ausdrücken sollte. Dies geschah ihm von Fremden, sogar von Feinden. Von den Seinigen ward er angebetet. Es gab im schwedischen -Heere eine große Schaar Engländer und noch mehr Schotten, welche gerade zu jener Zeit am lebhaftesten von, -Haß gegen das Pabstthum und einer schwärmerischen Liebe für den protestantischen Glauben erfüllt waren. Diese» war Gustaf Adolf ein zweiter Judas Maecabäus, der Löwe des Nordens, wie jener einst der Löwe Juda's; eben so das unschuldige Lamm, weiches sein Blut gibt zur Erlösung der Welt. Kurz vor der Schlacht bei Lützen, waren die meisten schottischen Regimenter in Schwaben zurückgelassen worden, und dadurch verhindert worden an dieser Schlackt Theil zu nehmen. Es ist wahrhaft rührend ihre Klagen darüber zu lesen, daß es ihnen nicht vergönnt gewesen 8» Sieben und zwanzigstes Capitel. 132 ihrem bis in den Tod geliebten König Gustav uS auch in diesen seinen Tod zu folgen. Eben so sehr, wenn nicht »och mehr, ward er von den durch'ihn aus weltlicher und geistlicher Sklaverei befreiten Deutschen angebetet, die Jahrhunderte lang seinen Namen in gesegnetem Andenken behielten. Die Schweden liebten und verehrten ihn als ihren größten König, der nur mit dem eben so großen und eben so geliebten Großvater gleichzustellen sei. Arel Orenstjerua stellte ihn über Alle. „Niemals" schrieb er, „hat Schweden einen größer» König besessen. Gustaf Adolf der Große und deS Vaterlandes Vater sind Titel, die ihm von Rechtswegen gebühren. In der ganzen Welt gibt es Keinen, der ihm gleichgestellt werden könnte, und seit Jahrhunderten hat eS keinen Solchen gegeben. Ich zweifle, daß kommende Zeiten jemals wieder Seinesgleichen hervorbringen werden." Sieben und zwanzig st es Capitel. Ueber Axel Oxenstjerna. Die Orcnstjerna's, vom selben Stamme wie die Sparrc'S, leiten ihre mütterliche Stammlinie vom Erikschcn Königsgeschlechte ab, und führen die väterliche bis ins zwölfte Jahrhundert hinauf. Der gemeinsame Stammvater Sirtcn SirtenSson zu. Tofta, lebte zu Knut Crikssons Zeit. Von seinen zwei Abkömmlingen im vierten Gliede, Laurens und Nils stammen, von ersten» die Sparre's, von letzten» die Orenstjerua s ab. Das letztgenannte Geschlecht ward sowohl zahlreich als mächtig, und kein andres zählt so viele Neichsräthe unter seinen Mitgliedern. Es hat dem Vaterlande ausgezeichnete Dichter, mächtige Prälaten und ungewöhnliche Staatsmänner gegeben. Die Namen Arel, Bengr, Johann Gabriel und Ions BengtSson, knüpfen an daS oren- stjernsche Wappenschild die Erinnerung an Alles, was Schweden Großes, Kraftvolles und Schönes hat. Stolz und unbändige Herrschsucht hatten den Erzbischof JönS Bengtsson und dessen Angehörige in eine unaufhörliche Fehde gegen Karl Knutsson *) und die Sture's versetzt, und diese *) Bald nach der grollen Margaretha Tode entstanden unter ihrem unwürdige» Nachfolger, Erik XIII., Unruhen i» Dclckarlicn, an deren Spitze der große Engclbrckt EngelbrektSso» stand. Erik selbst gab Schweden auf; und Engclbrckt ward ReichSrorstchcr, fiel aber auch bald als ei» Opfer der Partheicn. Ueber Axel Oxenstjerna. 133 Familie war im Allgemeinen während der ganzen kalmarschcn Union eine treue Anhängerin Dänemarks. Aber die Straft folgte dem Verbrechen gegen daS Vaterland; denn »»erachtet alt' ihrer Macht unterlagen sie doch in dem ungerechten Kampf, und das ehemals so zahlreiche Geschlecht schien nahe daran auszusterben. Zu Swante Slure's '") Zeit war mir Ein Qrenstjerna übrig, nehmlich Herr Krister Vengtsson zu Mörby. Dessen erste Frau starb, ohne Erben zu hinterlassen. Veit der zweiten, Frau Anna Cehnstedt, zeugte er hingegen nicht weniger als zwölf Kinder, welche aber alle gleich nach der Geburt starben. Jede Hoffnung, daß das Geschlecht der L.renstjerna erhalten werden könnte, schien verschwunden! Der Aberglaube jener Zeit erzeugte folgende Sage über das Wiederaufleben des Geschlechtes, die damals auch nicht bezweifelt ward. Man behauptete nehmlich, daß es der böse Geist wäre, welcher immer in der ersten Nacht nach ihrer Geburt die Kinder wegholte, ehe sie noch getauft wären. Kurz vorher ehe Frau Anna mit ihrem dreizehnten Kinde niederkommen sollte, erhielt sie im Traume die Verkündigung, daß cS ein Sohn sein würde, der gleich nach der Geburt Gabriel getauft werden müßte, dann würde der Knabe nicht nur am Leben bleiben, sondern auch der Stammvater großer und mächtiger Nachkommen werden. Sie erzählte Herrn Krister ihren Traum, und da sie in der That gleich nachher einen Knaben gebar, so ward dieser wirklich Gabriel genannt, obgleich Keiner des Geschlechtes jemals diesen Namen geführt hatte. In der Nacht hörte man, wie der böse Geist unter fürchterlichem Getöse und Geholter sausend durch die Lust herankam. Die Thür ging auf, und eine wüthende Stimme schrie: „Heißest Du Gabriel? Heißest Du Gabriel?" — Eine der anwesenden Frauen antwortete: „Ja! Gabriel heißt er! in des Herrn Jesu Namen!" — Da ward die Thür so heftig zuge- Jetzt trat sein bisheriger Mitkämpfer, Kart KnntSscn, an die Spitze. Er war ein Man» von ausgezeichnete» geistige» und körperliche» Vorzüge», »nd mildem Sinn: aber z» ehrsüchtig, z» prachtlicbcnd und z» nachstchtig gegen feine Freunde »nd Feinde, Erst RcichSvorstehcr, ward er 1448 (oder 4g) König, ward zweimal vertriebe», wieder zurückgerufen, und starb 1470, indem er den grobe» Sten Sture zum .gtcichsvorstehcr ernannte und ihn,, den er liebte, warnend ricth, nie nach der KönigSwürbc zu streben, tue ihm selbst nur Unglück und frühen Tod gebracht habe. H. *) Man sehe das r8stc Capitel. L34 sieben und zwanzigstes Capitel. schlagen, daß die ganze Wohnung zitterte, und die Decke der Borhauses einstürzte, worauf der böse Geist verschwand, und nie wieder etwas von sich hören ließ. Das Kind aber wuchs heran und ward unter Gebet und Gesang von gottesfurchtigen Frauen gewartet; und wenn diese wohl einmal eingeschlummert waren, und der Knabe zu weinen begann, dann kamen Engel in Gestalt kleiner Elfen, und wiegten und sangen das Kind mit ihren leisen Sümmchen wieder in den Schlaf. Herr Küster Bengtsson ward nicht lange nachher im stock- holmer Blutbad enthauptet. Aber der junge Gabriel, schon von seiner Geburt an ein Liebling der Engel und Menschen, wuchs auf in Gottesfurcht, wissenschaftlichen Studien und ritterlichen' Uebungen, und erwarb sich allgemeine Liebe und Achtung. Unter Gustaf Wasa ward er Neichsrath, unter Erik XIV. Freiherr, der Erste, welcher in Schweden mit dieser Würde bekleidet ward *). Er gab diesem Könige den untrüglichsten Beweis seiner Treue, indem er ihn offen vor den vielen sinnlosen Heirathsplanen womit derselbe sich herumtrug warnte, so wie auch vor den übertriebenen Verfolgungen gegen die Sture's u. s. w. Er vermied es thätigen Theil an den Streitigkeiten zu nehmen, welche bei der Absetzung dieses unglücklichen KönigS vorfiele»; ward aber, dessen unerachtet, sobald Johann die Krone errungen hatte, zum Neichsmarschall erhoben. Die bei seiner Geburt statt gehabte Prophezeihung schien in Erfüllung zu gehen. Er erreichte ein sehr hohes Alter, unter stets zunehmender Achtung und immer größer,» Vertrauen, Mit seiner Frau, Beata Trolle, hatte er sechs Söhne und fünf Töchter, welche alle zu reifern Jahren gelangten, und schon während der Eltern Lebzeiten eheliche Verbindungen mit den vornehmsten Geschlechtern Schwedens eingingen; doch wurden die Söhne ohnedem auch schon durch sich selbst höchst angesehene Männer. Im letzten Jahre seines Lebens lud der alte Herr Gabriel seine Angehörigen ein, alle zusammen bei ihm zu Mörby das Weihnachtsfest zu feiern. Sie fanden sich zahlreich ein. Der Alle veranstaltete dabei folgendes Weihnachtsspiel. Alle seine Kinder, Schwiegersöhne, Schwiegertöchter und Enkel, nicht weniger als fünfzig Personen ausmachend, mußten, einander an den Händen fassend. ') Lichc im wlgc»dcn Lar. die zu Neu. Ueber Axel Oxenstjerna. 135 einen großen Kreis mitten im Saale bilden; sogar die zarten Enkelchen, die noch nicht gehen konnten, mußten doch, von ihre» Ammen getragen, dem Spiele folgen. Darauf traten die beiden Alten in den Kreis, und begannen mit einander den Tanz, welcher nachher von der ganzen Reihe allmählig fortgesetzt ward. Dieser Tanz lebte lange und in sehr liebem Andenken in dem zahlreichen Geschlechte fort, und er war noch lange Zeit nachher durch das ganze Reich unter dem Namen, Mörbyleke», das Mörby - Spiel, bekannt. Unter den Enkeln in diesem Kreise befand sich ein kaum einjähriger Knabe, mit lichtem Haar und blauen, lebhaften Augen — es war der später so berühmt gewordene Arcl Oren stj erna. Sein Vater war der Reichs- und Kammer-Rath Gustaf GabrielS- scn, seine Mutter Barbara Arelsdotter Bjelke, (Balken) eineVatcrS- schwester der Königin Gunnila. Arel Orenstjcrna ward zu Fänö in Uppland, den 16. Juni 1583 geboren. Mit seinen Brudern wuchs er zu Hause bei den Eltern in strenger Zucht und Ordnung auf. Sein Lehrer war Jsak Nothovius, ein armer smaländischer Knabe, welcher sich durch Schule. Gymnasium und Universität empor gearbeitet hatte, und endlich als Bischof von Abo starb. Des jungen Orenstjerna's Unterricht ward mit großem Ernst betrieben, besonders was die alten Sprachen uns die Theologie, die beliebtesten Gegenstände jener Zeit, betrifft. Alle Bruder machten bedeutende Fortschritte, aber in Sonderheit Arel, welcher der Aclteste, und an Geistesfähigkeitcn Begabteste war. Im Jahr 1567 starb der Vater. Da beschloß Frau Barbara ihre Söhne ins Ausland zu senden, damit sie nicht in die Streitigkeiten verwickelt würden, welche, wie sie deutlich voraussah, manche Jahre hindurch das Vaterland beunruhigen würde». Im Jahre 1598 ward daher, unter Nothovius Leitung, eine greise nach Deutschland angetreten, wo dre ausgezeichnetsten Lehrer und Universitäten besucht wurden, besonders Rostock, Jena und Witlenberg. Aus der letztgenannten Universität vertheidigte Arel Orcnstjerua vier theologische Abhandlungen, und legte dabei ungewöhnliche Gelehrsamkeit und großen Scharfsinn an den Tag. Manche glaubten, daß er die Absicht hätte, die priesterliehe Laufbahn zu betreten; gewiß ist, daß er dazu die gründlichsten Kenntnisse hatte, uns sein Lebeulang viel Vorliebe für diesen Gegenstand behielt. Latein 156 Sieben und zwanzigstes Capitel. verstand er aus dem Grunde. Obgleich ein großer Redner in seiner Muttersprache, drückte er sich doch sowohl kräftiger als zierlicher im Lateinischen aus, und konnte nie den zu jener Zeit allmählig aufkommcudeu Gebrauch leiden, in Staatssachen lieber die französische als die alte Nömersprache anzuwenden. Außer den genannten Gegenständen lernte er Deutsch und Französisch, Geschichte und Slaatswissenschaft, und trieb endlich auch alle ritterlichen Uebungen. Im Jahr 1602 ließ Karl IX. den strengen Befehl ergehen, daß alle Schweden, welche sich auswärts aufhielten, unverzüglich in ihr Vaterland zurückkehren sollten. Die Brüdcr Orenstjerna waren daher 1603 wieder in ihrer Heimaih. Gleich beim erstenmale, als sie sich bei Karl IX. einstellten, faßte dieser eine besondre Zuneigung für Herrn Arel, und ernannte ihn binnen Kurzem zum Kammerjunker. Als solcher erwarb er sich noch mehr Gunst. Im Jahre 1606 ward dem damals erst drei und zwanzigjährigen Jüngling eine Gesandtschaft nach Mecklenburg anvertraut. Dies war sein erstes Staatsgeschäft. Er führte es so gut aus, daß der König mehrere Aufträge an die andern deutschen Höfe damit vereinigte, und ihn endlich, abwesend, znm Reichsrath ernannte, der damals erst sechs und zwanzig Jahre alt war. Vierzehn seiner Vorväter hatten in gerade niedersteigender Linie, der Sohn nach dem Vater, diese Würde bekleidet. Arel war der fünfzehnte und größte. Durch eine Menge wohl ausgeführter Aufträge erwarb er sich immer mehr Vertäuen, so daß Karl IX. bei seinem Tode den acht und zwanzigjährige» Arel Orenstjerna zu einem der Vormünder Gustaf Arolfs ernannte. Im Jahre 1608 hatte Arel Orenstjerna sich mit Anna Bäät von Tidöu, geboren 1ft79 vermählt. Diese Verbindung war eine sehr glückliche. Arel Orenstjerna selbst war ein guter und liebevoller Hausvater, seine Gattin eine holde und achtungswerthe Frau, und mehrere hoffnungsvolle Kinder erhöhten noch das Glück ihrer Ehe. Mannichfaltige Briefe beweisen auch, wie warm sein Herz für diese geliebte Umgebung schlug; aber unzählige Gcfthäfte gestatteten ihm selten einen Augenblick, nie einen ganzen Tag ungestört den Seinigen zu leben. Seine innig geliebte Tochter Ehristina, sollte sich 1628 mit Gustaf Horn ") vermählen; aber der Vater mußte, der Geschäfte des Vaterlandes wegen, die Hoch- ') Stehe eas zzsre Cap. Ueber Axel Oxmstjerna. 137 zeit seiner Tochter versäumen. Der Brief, welchen er bei dieser Gelegenheit schrieb, zeigt sowohl seine Denkungsart wie die seines Zeitalters. „Herzensliebe Tochter," schrieb er, „der höchste Gott möge Dich und Deinen theuern Mann segnen, beglücken und bewahren! Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie sehr gerne ich an Eurem Hochzeitstage bei Euch gewesen wäre; aber die Umstände, worin sich das Vaterland befindet, erlaubten es nicht. Ihr wißt es aber doch hinlänglich, das; ich ein treneS Vaterherz für Euch in mir trage, und das; ich täglich bete, mein Segen möge Eurem Hause Gluck bringen, an der Erhörung dieses Gebetes nicht zweifelnd. — Geliebte Tochter! wandle in Liebe und Demuth vor den Augen Deines Mannes! Seine Familie sei auch die Deinige. Mache nie Mißbrauch von seiner Liebe, und oermeide Alles, wovon du merkest, daß es ihm mißfällt; wohl wissend, daß von seinem Wohlgefallen, nächst Gott, Dein ganzes Gluck und Wohlergehen abhängt. Erfüllst Du dies, so weiß ich gewiß, daß er Dir dagegen auch die Liebe und Ehre beweisen wird, welche Dir gebühren, und daß der höchste Gott Eure Ehe mit Freude und Glückseligkeit segnen werde, wie ich eS täglich gläubig von ihn; erstehe." —- Sein Gebet ward erhört, und das glückliche Zusammenleben des Schwiegersohnes mit der Tochter erhöhte noch die Glückseligkeit der Eltern. Aber es kam, wenn auch spät, so doch auch hier wie überall das Unglück, und traf ein Herz, wie es nicht überall eins findet. Im Jahr 1629 entriß ihm die Pest seinen ältesten, und wie es scheint, hoffnungsvollsten Sohn, den schon zwei und zwanzigjährigen Gustaf Qreustjerna. „Welch' ein Schmerz dies für mich war," schreibt er, „das kann ein Jeder leicht begreifen. Doch schien es mir besser, gleich Trost von Gottes Wort und der Vernunft anzunehmen, als später von der Zeit, welche doch endlich jeden Kummer lindert, wie schwer er auch anfangs zu ertragen scheint »5)." Zwei Jahre nachher besuchte die oben angeführte Christina ihren Mann, welcher im deutschen Kriege beschäftigt war. Sie ward daselbst von der Pest angesteckt und starb in ihres Mannes Armen. „Werther und geliebter Sohn!" schrieb Orenstjerna da an diesen letztem; „ich will Euch nicht meinen Schmerz noch den meiner Frau beschreiben und dadurch den Enrigen noch vermehren, wohl wissend, daß derselbe ohne dies schon groß genug ist, da ich Euer und meiner 138 Sieben und zwanzigstes Capitel. selige» Tochter glückliches Zusammenleben ja hinlänglich kannte. Ich für meine Person werde gewiß suchen, mich in Demuth unter Gottes Willen zu fügen. Er gibt und er nimmt; gesegnet sei sein Name! Ich zweifle auch nicht, daß Ihr wie ein Mann, mit Vernunft und Gedulv tragen werdet was Gott Euch auferlegt. Aber darum bitte ich densclbigen Gott gläubig und täglich, daß er meiner Frau, bei der wehmuthsvollcn Schwäche des Mutterherzens und des nahenden Alters, hinlänglich Stärke und Muth verleihen möge, um ein so großes Unglück zu ertragen. Die Verstorbene beklage ich nicht. Sie ist der Bosheit und dem Elende dieser Welt entrückt, welche wir Ueberlebendcn noch genugsam müssen kennen lerne», bis wir sie, was Gott verleihe! in einer ewigen Seligkeit wiederfinden Arel Orenstjerna war ein Herr von etwas mehr als mittelmäßiger Größe, mit schwedischem Ernste in Mienen, Charakter und Sitte». Als StaatS- und Geschäftsmann war er einer der Ausgezeichnetsten, welche Schweren, ja vielleicht Europa hervorgebracht Hai. Ein ungewöhnlicher Scharfsinn, eine unerschütterliche Nuhe leiteten seine Beschlüsse, Kraft und beharrlicher Fleiß die Ausführung derselben; Nichts ward bis auf den morgenden Tag verschoben, »och weniger vergessen. Eben so wenig konnte irgend Etwas diese Alles umfassende Thätigkeit ermüden. Seine Fähigkeit in dieser Hinsicht gränzt an das Unglaubliche. Bei allen wichtigen Verhandlungen, es mochten Berathschlagungcn, Zusammenkünfte der Neichsstände, Untersuchungen sein, ja selbst bet den Feldzügen, überall mußte er zugegen sein, und überall erkannte man den wohlthätigen Einfluß seiner Thätigkeit und seines redlichen Willens. Der Forscher findet keinen Zweig der schwedischen Verwaltung, welcher nicht Arel Orenstjerna irgend eine Verbesserung zu verdanken hätte. Und gleichwohl war seine Zeit hauptsächlich den eigentlichen auswärtigen Angelegenheiten gewidmet. Wenn Gustaf Adolf im Herbst ins Vaterland zurückkehrte, ließ er Arel Orenstjerna immer in Preußen zurück, als den höchsten Befehlshaber über Heer und Land. Neben den vielen Arbeiten, welche hieraus für ihn hervorgingen, fuhr er auch noch fort, nicht nur das Hauptsächlichste seiner eigentlichen Dienstgcschäfte in Schweden zu besorgen, sondern auch als des Königs vornehmster Nath- gcber beinah unmittelbare» Theil an allen wichtigeren Angelegen- Ueber Arei Orenstjerna. 139 heilen zu nehmen. Fast nin den andern, wenigstens um den dritten Tag, schrieb er mit eigner Hand umständlich an den König über den Zustand des Landes, über den Gang der Unter- handlungen oder der Kriegsbewcgungen; daneben verfaßte er historische und politische Aufsätze, machte Berechnungen über des Reiches Einkünfte und Ausgaben, über die Vorräthe für den Feldzug u. s. w., und führte außerdem noch einen sehr bedeutenden Briefwechsel. Die Nachwelt betrachtet mit Erstaunen die unerhörte Menge von Abhandlungen, die sich noch von Oren- stjerna's Hand vorfinden »7), um desto mehr, wenn man zugleich bedenkt, wie sehr seine Zeit durch die laufenden Geschäfte des Tages in Anspruch genommen war. Eine ko weit umfassende und so mannichfaltige Thätigkeit wäre unmöglich gewesen ohne den strengen Ernst und die pünktliche Ordnung, wozu er sowohl sich selbst, wie Andere anhielt; auf diese Weise allen Geschäftsmännern seiner Zeit wie der Nachwelt zum Vorbilde dienend. Eine beständige Gesundheit und ein glcichmüthiger Sinn erleichterten ihm freilich sowohl die Arbeit wie die Sorgen. „Mit den Kleidern", pflegte er zu sagen, „lege ich auch die Sorgen ab." Nur dreimal hatte Schmerz und Sorge den Schlaf von seinen Augen verscheuchen können, nehmlich bei der ersten Nachricht von Gustaf Adolfs Tode, von der Niederlage bei Nörr- lingen und von Christina's Beschluß, die Krone niederzulegen; doch jedesmal nur auf Eine Nacht. Bald kehrte sei» festes Vertrauen auf die Vorsehung zurück, mit ihm die Hoffnungen des Tages und die Ruhe der Nacht. Dies über Orenstjerna's ungewöhnliche Geschicklichkeit und Arbeitsfähigkeit. Eben so bewunderungswürdig, oder vielmehr noch bewunderungswürdiger sind die Grundsätze, welche diese seine Thätigkeit leiteten. Es waren die Gerechtigkeit, die Aufrichtigkeit und die Ehre; und dies gerade zu einer Zeit, wo Nichelieu's Falschheit und Eigennutz als die höchste Stufe der Staatsknnst angesehen wurde! Hierin wie in allem Andern steht Orenstjerna wahrhaft hoch. Als ein würdiger Nachfolger der Sture, Gustaf Wasa's und Gustaf Adolfs befolgte er selbst und ließ den nach ihm Kommenden den Grundsatz: „daß die Richtschnur für Schwedens Regierung immer war und mit Gottes Hülfe immer bleiben werde: Gerechtigkeit und ein christliches Regiment." — 140 Sieben und zwanzigstes Capitel. Seine gleichmäßig heitre und angenehme Umgänglichkcit verschaffte ihm der Menschen Zuneigung; seine unerschütterliche Ned- lichk.it und Gerechtigkeit deren Achtung. Auf seinem Privatleben haftet auch nicht der leiseste Schatten. Er war Aristokrat in der höchsten und edelsten Bedeutung des Wortes. Ganz und gar in der Tenkungsweise seiner Zeit lebend, fiel es ihm nicht ein, an dem Rechte des Adels: ausschließend die höhern Geschäfte und die Einkünfte des Reiches sowohl, wie dessen Verwaltung inne zu haben, zu zweifeln. Er betrachtete die adclichcn Geschlechter, jedes in seinem Stammortc, als die natürlichen Vormünder über die sie umgebende unadeliche und oft unwissende Menge. Aber neben diesen Rechten stellte er auch eben so hohe Verpflichtungen auf. Er forderte vor Allem Ucberlczcnheit in Wissenschaft und Bildung, schon damals überlaut über die adcliche Erziehung klagend, welche sich mehrentheils „mit der Reit- und Tanzschule und dem Hofleben begnügte; ihre Jugendzeit könnten sie doch in Wahrheit besser anwenden »»)." Hochmuth aus Geburt ohne Verdienst, konnte er nie leiden; bei solchen Gelegenheiten pflegte er zu sagen: „Äleüns est olnriim liori, ijuni» nusc-l" "). Eben so mißvergnügt war er über die verwerfliche Gewohnheit des Adels, nur nach den bequemsten, glänzendsten und einträglichsten Stellen zu streben und den Un- adelichen die mühsamern, aber oft wichtigern Geschäfte zu überlassen. Der Adel, meinte er, dürfe fürs Vaterland keine Mühe, keine Opfer scheuen; sondern im Gegentheil in allem Diesem den andern Ständen mit einem guten Beispiel vorangehen. Wenn die Rede von neuen Steuern war, so setzte er cS oft durch, daß der schon schwer belastete gemeine Mann geschont wurde; „denn wenn auch die Bauern noch mehr Theil an den Lasten nehmen könnten, die das Bedürfniß des Staates erforderte, so wäre doch auch die Gefahr in die Wagsehaale zu legen, daß sie in ihrem Unverstände darüber aufrührerisch werden, und Unwesen, sowohl zu ihrem als des gleiches Schaden, anfangen möchte». Sie müßten darum geschont werden; aber zugleich sollten die Verständigern sie zur Geduld ermähnen und sie über die Federungen deS Reiches und der Zeit aufklären. Der Adel hingegen, welcher alle llm- ) Lrwcet'uc Ehre ist best« al6 crcwtt. Ueber Arel Oxensijcrna. 141 stände sehr gut kannte und außerdem den größten Theil am gleiche hätte, mußte jedes Opfer eben so willig bringen, wie er es zu bringen verpflichtet wäre." — Daß dies nicht nur schöne Worte waren, beweisen verschiedene Handlungen, die zu Oren- stjerna's unsterblicher Ehre aufbewahrt bleiben muffen. Im Jahre 1E2E, nach den ersten Eroberungen in Preußen, hoffte Gustaf Pools, daß er durch noch Einen kräftige» Feldzug Schweden auch von dieser Seite einen dauerhaften Frieden werde verschaffen können; doch war dabei eine wichtige Frage zu lösen, nehmlich wo mau die Mittel für die zu diesem Endzweck nöthigen Rüstungen hernehmen sollte? Da schrieb Qrenstjerna an seinen Bruder: „Gottes Gnade hat unserm Unternehmen Glück gegeben, und wir haben den Feind durch die gewonnenen Bcrtheilc schon so sehr in unsrer Gewalt, daß er endlich nm Frieden betteln wird, wenn wir nur nicht durch eigene Versäumnis' die Sache verderben. Wir bedürfen daher der Unterstützung, sowohl an Vor- räthen wie an Mannschaft, und am liebsten recht vieler und schwedischer, denn auf die Fremden ist wenig zu rechnen. Du weißt aber selbst, wieviel Unterschlcif bei den Ausschreibungen beiderlei Art vorkommt. Mir scheint cS daher, daß der -Adel diesmal gutwillig seine Privilegien und Rechte niederlegen und die Ausschreibung auch bei seinen Bauern, und sowohl innerhalb wie außerhalb der Freimeile ") zulassen sollte, wodurch dann jede Gelegenheit zu Unterschleifen wegfallen würde. Der Krone Gewinn würde unsäglich sein, des Adels Verlust nur geringe. Da es nur eine, durch die augenblicklichen Umstände hervorgerufene freiwillige Handlung sein würde, so könnte sie künftig auch nicht zur Richtschnur genommen werden. Wenn Ihr daher, anstatt über Kleinigkeiten zu grübeln und zu zanken, des Königs Majestät freiwillig und kräftig unter die Arme greift, so habt Ihr erstens Jedermann gezeigt, daß das allgemeine Beste Euer höchstes Gesetz, Euer vornehmstes Privilegium ist, und demnächst werdet Ihr mit Gottes Hülfe durch dieses Opfer dem Vaterlands einen schnellen und guten Ausgang des KriegeS verschaffen, so daß wir selbst, ») Zu den von Johann III. ertheilten Privilegien des Adels gehörte auch, daß dessen Bauern von der Auffodcrnng znni Kriegsdienste inncrhalv einer Meile von den Adclshöfcn frei waren. Dies hieß die Frein, eile. H. (nach Geifer II.) 142 Sieben und zwanzigstes Capitel. so wie Schwedens übrige Einwohner, endlich einmal in Frieden und Rnhe mit Fran und Kindern unter unsern Eichen und Linden werden sitzen können, wie einst die Kinder Israels unter ihren Feigenbäumen!" >9) Orenstjerna's cdelmüthiger Rath ward bc- solgt, und nur durch diese Nachgiebigkeit des Adels ward es Gustaf Adolf möglich, den folgenden Felvzug mit so großem Erfolge auszuführen. Orenstjerna's frohe Hoffnungen auf einen endlichen Frieden verschwanden aber doch mehr und mehr. Die Gefahre» hingegen vermehrten sich, und schon ein Jahr nachher fing er nicht ohne Staunen und Sorge an, den bevorstehenden gefährlichen Kampf gegen den Kaiser und die Katholiken vorherzusehen. In einem Brief an seinen Bruder, datirt aus Elbingen den 1. November 1027, spricht er in dieser Beziehung seine Besorgnisse und Hoffnungen folgendermaßen aus: „Obgleich der Dienst des Vaterlandes mich daran verhindert, die Geschäfte nach gewohnter Art mit Euch daheim zu besprechen, so erachte ich es doch nöthig und mit unserer brüderlichen Liebe und Vertrauen übereinstimmend, Dir etwas freier und weitläuftiger meine Meinung über den Zustand und die Bedürfnisse des Vaterlandes auseinander zu setzen. — Lieber Vrnder! Der Krieg mit »»fern alten Feinden, den Polen, hat wohl seine Beschwerden, wie der Krieg sie im Allgemeinen zn haben Pflegt. Die Auflagen und Ausschreibungen fallen bei der Armuth schwer, welche im Vatcrlande herrscht, besonders für den unwissenden gemeinen Plann, welcher deren Nothwendigkeit nicht einsehen kann. Ebenso ist es schwer für das Kriegsvolk, lange von Vaterland, Freunden und Angehörigen getrennt zu leben, die man spät, vielleicht auch wohl niemals in dieser Welt wiedersehen wird, und dabei selbst täglich in Gefahr zu sein, durch Mangel oder durch Feindesschwert »mzukomme». Ich selbst habe größere Beschwerden zu erdulden, als Ihr daheim denken könnt! weiß oft den einen Tag nicht, wovon die Truppen am folgenden leben sollen, noch minder, wovon nach einem Monate! Aus der Heimath wcnig Hülfe, hier nur Noth und Mangel und den Feind vor der Thüre. Eben so kann sich auch ein Jeder vorstellen, wie unangenehm cS sein muß, von Frau und Kindern und meinem ganzen Besitzlhume getrennt zu leben, welches letztere wie das Wasser um den Stein läuft, so daß ich für mich Ueber Axel Oxcnstjerna. 143 und die Meinigen mit der Zeit wenig Andres zu erwarten habe, als Schulden und Armuth. Alles dies durch einen guten Frieden abzuwenden, sollte daher wohl für mich persönlich mein höchster Wunsch sein. Aber, so darf weder unsre, »och der Unsrigen Beschwerde, ja nicht einmal der gewisse Untergang, uns dem Dienste des Vaterlandes entziehen, hingegen sollen wir, als ehrliche Diener und ächte Vaterlandsfreunde, stets bereit sein, dessen Nachtheil und Verderben abzuwehren, und das mit Vermöge», Blut, Leben, ja mit Allem, was uns theuer ist; auf diese Art unsern Freunden und Zeitgenossen ein gutes Beispiel gebend, und den Nachkommen einen ehrlichen Namen zurücklassend, welchen ich unter den weltlichen Dingen für die höchste Belohnung ansehe. Und dies sollen wir um so eher thun, als wir dadurch einen guten Ausgang dieses Krieges erwarten dürfen und daS binnen Kurzem. Ich kann nehmlich meinen Bruder in Wahrheit versichern (nicht als wollte ich Gott etwas vorschreiben, sondern nur einfach als Mensch, nach menschlicher Vernunft schließend) daß, wenn wir nur den Krieg mit Kraft fortsetzen, und Gott uns fortan wie bisher einen glücklichen Fortgang verleiht, nicht daran zu zweifeln ist, daß wir den Feind bald zu einem für das Vaterland nützlichen und ehrenvollen Frieden zwingen werden. — Aber hier kommt nun ein andrer Umstand, der den Muth des Feindes erhöht, und den unsrigen beinah gänzlich niederschlagen könnte: ich meine das mächtige Bündniß, welches der Kaiser, die Könige von Spanien und Polen und die katholische Ligue miteinander geschlossen haben, so wie auch die großen und unvermutheten Siege, womit des Kaisers Feldherr sowohl Dänemark wie Deutschland beinah ganz unterjocht hat. Es leidet keinen Zweifel, daß das Feuer auch bei uns angezündet werden wird, sobald es in Dänemark ausgebrannt hat. Ich schaudre, wenn ich an die Gefahr denke, welche uns durch ein so mächtiges Bündniß bevorsteht, und erachte es unnöthig dieselbe weiter zu beschreiben, da sie so offenbar in die Augen fällt, daß Mehrere als ersprießlich ist, durch ihr Drohen werden in Verwirrung gebracht werden. Ich glaube auch, daß die Gefahr größer ist, als sie jemals in unserer oder unserer Vater Zeit gewesen ist; und es könnte wohl geschehen, daß wir und unsre Kinder mit dem ganzen Vaterlande in die doppelte Knechtschaft des Körpers und der Seele geriethen, welches 144 Sieben und zwanzigstes Capitel. Gott um seiner Barmherzigkeit willen abwenden möge! — Aber da durch Angst und Klagen die Sache eher verschlimmert als verbessert wird, und Solches mehr Weibern geziemt als Männer», am allerwenigsten aber Denjenigen, welche der Regierung vorstehen sollen; darum laß uns nicht verzweifeln, noch Alles drunter und drüber gehen lassen, wie die Dänen gethan haben, noch weniger uneins sein, Par- theieu bilden und Einer dem Andern die Schuld zuschieben. Ich halte dafür, daß diese Zeit so beschaffen ist, daß derKönig eben nicht viel an seine Majestät, seine Macht zu gebieten und zu befehlen denken oder davon reden soll, noch weniger der Neichsrath an sein Ansehen; daß der Adel und die Geistlichkeit alle Zwistigkeiten über Privilegien und Gerechtsame, sowohl gegen die Krone, wie gegen andre Mitunterthancn bei Seite legen sollen; das Kriegsvolk sich mit seinem Solve begnügen, und die Bürgerschaft und der Bauernstand gutwillig der Nothdurft des -Reiches an Mannschaft und Borrath abhelfen sollen. Mit einem Worte, Keiner soll sich zurückziehen, sondern Alle sollen miteinanrer Eins sein; und so wie ein Jeder Theil hat am Wohlstände und an der Freiheit des Vaterlandes, so möge er auch beitragen zu dessen Rettung; nicht so viel bedenken und überlegen, wie sauer und schwer es werden müsse seine Ausgaben zu vermehren, und sein Vermögen zu vermindern, sonder» viel lieber einen Theil davon zum Opfer bringen, um nur das klebrige behalten zu können. Wofern Ihr die Sache mit einer so männlichen Entschlossenheit betreibt, so verzweifle ich gar nicht an einem guten Ausgangs, sondern hoffe, daß Gott das Vaterland noch in seinem uralten Ansehen und in seiner Freiheil erhalten, und es vielleicht stark genug machen werde, das Haus Oesterreich auf seiner Bahn aufzuhalten. Hingegen aber, sobald ein Jeder anfängt, sich in seine vier Wände zurückzuziehen und nur au seinen Privatvorthcil zu denken, dann ist es aus mit dem Vaterlande, und es bleibt dann mir und andern redlichen Vaterlandsfreunden nichts Andres übrig als in Verzweiflung kämpfend unterzugehen." „Um eine Ausrüstung zuwege zu bringen, welche der Größe der Gefahr entspreche, will ich daher gerathen haben, die Flotte in den vollkommensten Stand zu setzen; die Ausschreibungen der Mannschaften sonder Unterschleif zu bewerkstelligen, und endlich alle Abgaben, welchen Namen sie auch haben mögen, mit Ernst Ueber Axel Oxenstjerna. 145 einzutreiben, und das von allen Bewohnern Schwedens, ohne Rücksicht auf etwaige Freiheiten und Privilegien. Doch scheint mir dies noch nicht hinreichend. Aber, da der gemeine Mann durch die andern Steuern schon am meisten belastet ist, und wofern die Bürde noch mehr vermehrt würde, aus Ungeduld und Unverstand, sich und uns ins Verderben stürzen könnte, so soll er mit dem weiten: Zuschusse verschont bleiben. Wo hingegen wir, die wir uns mit der Wohlfahrt des Vaterlandes aufs innigste verflochten fühlen, verpflichtet sind, demselben nach unserm Vermögen beizuspringen; so daß Alle von: Adel, der Priester- und Bürger- schaft, die Bergwerksbesitzer, die Bevollmächtigten des Heeres *), die Richter, die Vögte; mit einen: Worte, Alle, die sich hinter ihre adelichen Freiheiten verstecken, die sollten all' ihr bewegliches und festes Eigenthum aufnehmen lassen, und davon zum Nutzen des Vaterlandes den hundertsten, oder den fünfzigsten, oder vielleicht den dreißigsten Theil hergeben. Aus solche Weise könnte eine ansehnliche Summe zusammengebracht, und dem Vaterland« geholfen werden. Ich weiß wohl, daß dies Manchen schwer werden wird; doch sie mögen bedenken, daß es doch besser ist, so lange es noch Zeit ist, freiwillig Etwas zu opfern, als später gezwungen Alles zu verlieren, und Frau und Kind am Bettelstäbe einher gehen zu sehen, wie es leider unsren Glaubensverwaudten in Deutschland geht, die solchergestalt dafür büßen müssen, daß sie den: Vaterlande nicht bei Zeiten zu Hülfe gekommen sind. kvlix g»em kuoiullt »Nenn >iericu!» euutnm! Lieber Bruder! Dies ist es was mir gerade durch den Sinn fuhr, und ich habe nichts dagegen, daß Du es den übrigen Herren des Rathes mittheilst. Brüderlich bitte ich Dich, Deiner Pflicht und Vaterlandsliebe gemäß zu thun, was Du kannst! daß Du und die andern Reichsräthe, nebst unsern Verwandten, Freunden und andern redlichen Schweden Ihrer königlichen Majestät ihre schwere Bürde werdet tragen helfen, insonderheit um dadurch den gemeinen Mann aufzuklären, und so die Unzufriedenheit zu verhindern, welche über diese unausweichlichen Beschwerden sonst aus Unverstand entstehen könnte. Ja! der höchste *) Karl IX. hatte Lc» Einfluß des Soldatcnstandcs dadurch verstärkt, daß er Bevollmächtigte des Heeres auf den Reichstag rief; was lange beobachtet ward. H- t»ach Geifer.) 146 Sieben und zwanzigstes Capitel. Gott gebe Euch Allen den Geist der Einigkeit, Verträglichkeit und des Wohlwollens, desgleichen ein muthigeS Herz, nebst gutem und heilsamen Rathe, so will ich hoffen, daß wir uns noch einst über unsern männlich gefaßten Beschluß und dessen glückliche Erfolge zusammen freuen werden »»)." In der Charakterschilderung Orenstjerna's fehlt noch ein Zug, vielleicht der schönste; nehmlich sein Verhältniß zu seinem Könige. Als Gustaf Adolf den Thron bestieg, hatte er zwei ausgezeichnete Männer zur Seite, seinen früheren Lehrer, Johann Skytte, und seinen Vormund Arel Orenstjerna; beide waren, obgleich verschieden in ihrer Denkungsart, doch durch Kenntnisse, Ernst und Brauchbarkeit geeignet, des jungen Königs Vertrauen zu gewinnen. Aehnlichkeit der Gemüthsart und der Ansichten verbanden ihn mit Orenstjerna, und schon damals zeigten sich zwischen ihnen die Spuren inniger Freundschaft und felsenfesten Vertrauens, und der edle, gemeinsam gefaßte Beschluß ihr ganzes Leben und alle ihre Kräfte dem Vaterlande zu widmen. Gustaf Adolf war bei seiner Thronbesteigung siebzehn, sein Rathgeber acht und zwanzig Jahre alt. Anfangs zeigte sich auch, obgleich beinah unmerklich, auf Orenstjerna's Seite eine gewisse Ueberlegenheit des Alters und der Erfahrung, welche aber doch allmählig ganz verschwand, jemehr Gustaf Adolfs große Eigenschaften sich entwickelten, und endlich in ein entgegengesetztes Verhältniß überging. Bei zunehmenden Jahren entstand nehmlich in Orenstjerna die wärmste Ergebenheit, die tiefste Verehrung für des Königs überlegenen Geist; doch niemals so, daß Orenstjerna nicht stets offen seine Meinung ausgesprochen hätte, immer ehrlich des Vaterlandes Bestes erzielend, und daher von dessen König immer gern gehört. Unerachtet sie beiderseits das äußere Verhältniß des Königs und Unterthans genau beobachteten, so schien doch zuweilen die innere Vertraulichkeit durch. Während des preußischen Krieges, ward eines Tages der König ein wenig ärgerlich über Orenstjerna's Bedenk- lichkeiten, und rief aus: „Wenn nicht meine Hitze ein wenig Leben in Eure Kälte brächte, so würde Alles erstarren und still stehen!" Orenstjerna antwortete ganz ruhig: „Und wenn nicht meine Kälte Ew. Majestät Hitze ein wenig abkühlte, so würden Dieselben schon längst verbrannt sein!" Der König lachte und beide setzten ihr» Arbeit fort. So saßen sie oft ganze Tage lang Ueber Axel Oxenstjerna. 147 zusammen im verschloßncn Zimmer, unter gemeinsamen Ueber- legnngen. Diese Unterredungen und ein beständiger Briefwechsel unterrichteten bald das Publikum von ihrer vertrauten Freundschaft. Orenstjerna's Ansehen stieg im Verhältniß dazu; aber Keiner konnte ihm jemals vorwerfen, daß er dieselbe auf die eine oder andre Seite zu unedlen Zwecken mißbraucht hätte. Die Weltgeschichte hat keine zweite Vereinigung zweier solcher Männer auszuweisen wie Gustaf Adolf und Arel Oxenstjerna. Dieses Heldenpaar hervorgebracht zu haben, wird ewig Schweden zur Ehre gereichen! Schwedens Ehre und Wohlfahrt waren auch das Ziel ihrer gemeinsamen Bemühungen; und die erhabne und edle Beschaffenheit dieses Zieles, nebst dem in so reichem Maaße geschenktem und verdientem Vertrauen war es, was ihre Seelen so innig verband. Wahrhaft rührend sind die Briefe, die gegenseitigen Ermunterungen, die der große König und der große Minister einander schrieben, beide auf ihren Schultern die Schwere der Regierungslast fühlend. „Ich bitte Euch," schrieb der König 1629, „frischen und festen Muth zu behalten, und nicht unter all' den Widerwärtigkeiten zu ermatten, welche uns in diesen schweren Zeiten entgegentreten, sondern zu bedenken, daß mit den Schwierigkeiten auch die Ehre wächst, sowohl bei den Zeitgenossen wie bei der Nachwelt; und endlich, daß des Vaterlandes Freiheit und Gottes wahre Verehrung zwei Dinge sind, die wohl werth sind, daß man für sie allen Kummer, alle Mühe, alles Unglück, ja sogar den Tod selbst mit Freuden erleide!" Als einen unvergänglichen, durch sie selbst geflochtenen Erinnerungskranz an ihre Freundschaft, wollen wir diese Schilderung mit Anführung zweier unter ihnen gewechselten Briefe beschließen aus der Zeit nehmlich, als Gustaf Adolf schon den deutschen Krieg angefangen hatte, Oxenstjerna aber noch in Preußen zurückgeblieben war. Der König sing an, in der Nähe die Schwierigkeiten immer deutlicher einzusehen, welche seinem Unternehmen entgegen standen. Hiermit vereinigten sich Ahnungen eines ihm bald bevorstehenden Todes, Besorgnisse über seine ihn überlebenden Angehörigen, so wie über des Vaterlandes Geschick; und endlich die kleinen aber quälenden Sorgen hinsichtlich der täglichen Bedürfnisse. Er hatte einen Plan gemacht, wodurch er sich, vermöge des Kornhandels bedeutende Beiträge zum Unterhalte des Heeres verschaffen L«* 148 Sieben und zwanzigstes Capitel. wollte; aber er fand Niemand, dem er mit vollkommncm Vertrauen die Ausführung hätte übertragen können. Qrenstjerna kannte des Königs Wünsche, und bot seinen Beistand an, obgleich schon von Geschäften überhäuft. Der Brief traf den König gerade in der oben erwähnten Gemüthöstimmung. Obgleich er der dirschauischcn Wunde wegen die Feder nur mit Mühe führen konnte, schrieb er doch ganz und gar mit eigner Hand eine Antwort, welche besser als alles Andere das Verhältniß zwischen den beiden ausgezeichneten Freunden klar macht. Sie ist aus Golnow, vom 4. December 1630 datirt, und lautet folgendermaßen: „Meinen besten Gruß und alles Gute, was ich, mit Gott, des Allmächtigen Hülfe, zu geben vermag! Ich habe Eure Rathschläge über den Krieg des nächsten Jahres erhalten, und finde darin Eure Treue gegen mich und das Vaterland wieder. Unsere Nachkomme», welche künftig den Gang der Sachen übersehen können, werden Euren heilsamen Rath wie Euren Fleiß ihn durchzusetzen, preisen. Es wäre zu wünschen, daß sich Mehrere fänden, die mit gleicher Treue und gleichem Verstände die Geschäfte handhabten, sowohl zu des Reiches wie zu unser Aller besonderer Wohlfahrt. Aber Gott theilt seine Gaben so ungleich aus! Darum und um unserer Sünden willen, finden wir unter den Menschen allerlei Art von Fehlern und Mängeln, welche ich bei manchen meiner Reichsbeamten in so hohem Grade bemerke, daß ich oft verzweifeln würde, wenn nicht Gott aus seinem Himmel wunderbarer Weise Hülfe sendete, wo das menschliche Auge keine mehr zu finden vermag. Fahrt um dessentwillen fort, Recht zu thun, und ermattet nicht in meinem und des Reiches Diensten! besonders jetzt bei diesem Kornhandel, denn ich vertraue meine Wohlfahrt lieber Euren, als Andrer Händen an. Ich hatte schon alle Gedanken an diese Sache aufgegeben; nicht, weil ich nicht eingesehen hätte, wie sehr sie uns nützen könnte; sondern weil ich Keinen wußte dem ich sie anvertrauen könnte, ohne daß er für sich selbst das Mehl davon genommen, und mich mit der Spreu abgespeist hätte! Aber seitdem Ihr diese Sache auf Euch genommen, freue ich mich sehr; denn nun hoffe ich bestimmt dadurch eine gute Stütze zu erhalten, bei der Last die ich tragen muß. Gott, der Alles unter seiner Fürsorge hält, helfe uns auch durch diesen Winter, dann, hoffe ich, wird durch Eure Sorgfalt der Sommer unö leichter werden. Uobcr Axel Oponstjerna. 149 Gott gebe uns, so künftig wie bisher, einen glücklichen Fortgong für unsere gerechte Suche, um der Ehre seines Namens, der Ruhe seiner Kirche, und unser Aller ewigen Seligkeit willen!" „ Unsere hiesige Lage würde ich Euch ausführlich schildern, wenn nicht meine Hand, von dem dirschauer Hiebe her, steif und beinah untauglich zum Schreiben Ware. Wisset aber doch, daß der Feind augenblicklich zwar schwach an Reiterei und Fußvolk ist, doch nicht seiner eigentlichen Lage nach, da er ja ganz Deutschland zur Verfügung hat. Dennoch bin ich beschäftigt, Truppen zusammenzuziehen um ihn bald möglichst zu besuchen, wozu Gott mir seinen Beistand geben wolle!!! — Es ist nun im zwanzigsten Jahre, daß ich mit vieler Mühe, aber auch mit vieler Ehre, unserm Vaterlande vorstehe. Ich habe dasselbe immer geliebt und geehrt, eben so dessen treue Bewohner, und um ihretwillen Bequemlichkeit, Reichthum, ja das Leben selbst gering geachtet; in dieser Welt nichts Anderes suchend, als die Pflichte» zu erfüllen, zu welchen Gott mich hat geboren werden lassen. Nun ist zwar diese unsre Sache gerecht und gut, des KriegeS Ausgang aber dennoch eben so ungewiß, wie des Menschen Lebenszeit. Wenn mir etwas Sterbliches widerführe, so würden die Meinigen in mancher Hinsicht bemitleidenswerth sein; beide Frauen; die Mutter in sich selbst rathlos; die Tochter eine unmündige Jungfrau; unglücklich wenn sie sich selbst berathen wollen, unglücklich wenn Andre ihnen Rath geben sollen. Darum ermähne ich Euch und bitte Euch um Christi willen, nicht den Muth sinken zn lassen, wofern dergleichen eintreffen sollte. Mein Andenken und der Meinigen Wohlfahrt lege ich in Eure Hanv. Thut so mit ihnen, wie Ihr wünscht, daß Gott mit Euch und den Eurigen thun möge, und wie ich auch gegen diese handeln würde, wenn sie nach Gottes Willen dessen bedürfen sollten. Die väterliche Liebe Preßt mir diese Zeilen aus der Feder. Ich betrachte Euch nehmlich als ein mir von Gott verliehenes Hülfsmittel, um manche schwere Sachen leichter tragen zn können, so auch diejenige, welche mich in dieser Welt am allerschwersten' drückt. Doch Alles dies, nebst Leben und Seele und Allem was Gott mir gegeben hat, befehle ich in seine Hand, mit Zuversicht in dieser Welt das Beste hoffend, und nach diesem Leben Friede, Freude und ewige Seligkeit. Und dies Alles wünsche ich anck. 150 Sieben und zwanzigstes Capitel. Euch zu seiner Zeit aus treuem Herzen. Ich bleibe Euch, so lange ich lebe, immer günstig und wohl geneigt»')." „ Gustavus Adolphus." Orenstjerna antwortete: „Eurer königlichen Majestät meinen unterthänigen Dienst, so lange ich lebe. Eurer Majestät günstigen Hanbbrief vom 4. vorigen Monats, habe ich mit gebührender Ehrfurcht empfangen und durchgelesen, kann mich aber an diesem Lesen niemals sättigen, zugleich ihn jedesmal an meine Lippen drückend, so oft ich ihn in die Hand nehme. Daß Eure Majestät, der Kürze dieses Lebens und der menschlichen Schicksale eingedenk, ihr Vertrauen in meine geringe Person bezeigt, daß Eure Majestät mich für solchen Fall zum Muthe ermähnt, und mir ihre hohe Familie anempfiehlt, und daS mit Worten und Gründen, welche nicht nur mich, einen treuen Diener, sondern selbst den härtesten Stein rühren würden; daß endlich Eure Majestät von ihrer Höhe sich herabläßt, dagegen bei gleichen Umständen mir gleiche Fürsorge für die Meinigen zu versprechen; dies Alles erweckt in mir solche Gefühle, daß ich gar nicht weiß was ich antworten soll« Ich sehe darin Euer Majestät lebhaftes Verlangen, alle Mittel, auch die geringsten für des Vaterlandes künftiges Wohl, so wie auch für deren eigene geliebte Gemahlin und Leibescrben anzuwenden. Aber nachdem nun Eure Majestät mir ihre hohen Sorgen anvertraut, so darf ich hingegen auch nicht verberge», was mein Gemüth am öftersten und härtesten drückt. Unter allen, sowohl persönlichen wie allgemeinen Schwierigkeiten, welche mich bisher umgaben, habe ich immer durch Arbeit und Fleiß einen guten Ausgang zu erzielen gehofft, so wie ich auch immer geglaubt habe, daß das Vaterland wohl noch aus größern Gefahren gerettet werden könnte, als die jetzigen sind, so lange ich Eure Majestät nur am Leben und gesund wußte. Aber so oft mich der Gedanke ergreift, daß Eure Majestät auch ein Mensch ist, denselben Gefahren und Unglücksfällen unterworfen, von denen Keiner frei ist, weder der, welchen der Purpur schmückt, noch derjenige, welcher im groben Kittel einhergeht; und wenn ich dann dabei des Vaterlandes Zustand bedenke, sowohl was seine innern wie seine äußern Angelegenheiten betrifft, dann fühle ich meine Schwäche, und bete schaudernd, daß ich diesen Tag nicht erleben möge. Mein höchster Trost und meine höchste Stärke ist Gottes Barmherzigkeit Ueber Axel Oxenstjerna. und Gnade, welche das Vaterland und das königliche Haus bis auf diesen Tag wunderbarlich beschützt hat. Zm Vertrauen auf jene Gnade hoffe und wünsche ich von Herzen, und bitte Gott innigst darum, daß mir die Glückseligkeit widerfahren möge, meine ganze Lebenszeit hindurch in Eurer Majestät Dienst und nach deren Befehlen arbeiten zu dürfen, wo ich dann anch mit gutem Muthe einen guten Ausgang aller Unternehmungen hoffe, wie schwierig und gefährlich sie auch erscheinen mögen. Aber wenn Gott um unsrer Sünden willen uns Alle und insonderheit mich dadurch strafen wollte, daß wir den Tag erleben sollten wo Eurer Majestät etwas Sterbliches widerführe, so ist ja Eurer Majestät und noch mehr mir selbst genugsam bekannt, wie gering die Kräfte sind, die ich besitze; eben so, wie bald das geringe Ansehen, in welchem ich etwa stehen mag, verschwinden wird, da es einzig und allein auf Eurer Majestät Gunst beruht. Was ich thun kann, weiß ich nicht, schätze es auch gar nicht hoch. Aber, Alles was in meinen äußersten Kräften steht, das gelobe ich ohne Falsch, mit Unterwürfigkeit und Treue, sowohl bei Eurer Majestät Hingange, den Gott noch lange verzögern wolle, so wie während deren Leben, für dieselbe und deren hohe Angehörige zu thun, zu leiden und auszuhalten, so weit ich es verstehe und vermag, gerne mein und der Meinigen Leben, Blut und Alles aufopfernd, was den Menschen in dieser Welt theuer ist, so daß ich es verantworten könne, nicht nur vor der Gegenwart und Nachwelt, deren Urtheil zuweilen ein unrichtiges ist, sondern vordem Richter der ganzen Welt. Dieselbe DenkungSart werde ich meinen Nachkommen empfehlen, und ihnen zum Erbe lassen, sofern ihnen mein Segen etwas werth ist. Zum Schluss« bitte ich Gott inniglich und von ganzem Herzen, die Sache nicht bis dahin kommen zu lassen, sondern Eurer Majestät Gesundheit und langes Leben, stets heilsamen Rath und die nöthigen Kräfte zu verleihen, um zuerst diesen Krieg glücklich zu beendigen, und dann in vielen und ruhigen Jahren für des Vaterlandes Verbesserung und Vermehrung sorgen zu können, und endlich zur gehörigen Zeit und in zufriednem Alter geliebten Leibeserben deren Thron zu hinterlassen, daß sie ihn von Vater auf Soh» und sofort besetzen mögen, so lange die Welt steht. Ich empfehle mich und sie Meinigen Eurer Majestät Gunst und Gnade, und bleibe all' 152 Sieben und zwanzigstes Capitel. mein Lebenlang Eurer königlichen Majestät unterthänigster, treuer und gehorsamer Diener Elbingen, 17 . Januar. Arel Orenstjerna *). 1631 . ») Ueber diesen großen Mann, den die engherzige Neigung der Menschen, das Hohe und Glänzende zu sich herab in den Staub zu ziehe», vielfach zu verkleinern gesucht hat, sage ich »cch Folgendes hinzu, welches ich aus Fryrcll und Gcijcr entnehme: Man hat behauptet, daß Ar. Orenstjerna mit Eigennutz und Härte seine Bauern behandelt hätte; zur Unterstützung dieser Behauptung ober nur eine einzige alte Aeußerung anführen können, nehmlich die: „ daß Graf Arel bei seinen Untergebenen in furchtbarem Andenke» lebe." Dies hat man auf den Reichskanzler bezogen, aber mit Unrecht, denn es findet such nicht ein einziges Ercmpcl, daß Orenstjerna i» den Schriften jener Zeit Graf Arel genannt worden wäre. Er ward so spät Graf, erst zu Ende des Jahres IS4S, daß er auch nachher immer seine» alten Namen, der Reichskanzler, beibehielt; vollends, da man ohnedem schon anfing, wegen der zunehmende» Anzahl von Grafen, die vorher gebräuchlichen Benennungen Graf Per, Graf Nils n. s. w. abzuschaffen. — Unter „Graf Arel" verstand man in alle» Schriften jener Zeit, und gewiß auch in jener Aeußerung den Arel Lcjon- hufwud, der allgemein für seine» Eigennutz und seine Gewaltthätigkeiten bekannt war. (Man sehe das folgende Cap.). Was Ar. Orenstjerna betrifft, so war er ein verständiger und sparsamer Haushaltcr, aber Habsucht oder Härte habe» ihm nie nachgewiesen werden können. ES find im Gegentheil briefliche Beweise da, daß er seine Untergebene» mit Gute und Gerechtigkeit behandelte, obgleich er sie znr Ordnung und Arbeitsamkeit anhielt. —> Auch hat er sich nie auf Kosten des Staates bereichert, und unter der vvrmundschaftlichcn Regierung, wo er zwar nicht dem Namen, wohl aber der That nach König war, weder sich, noch Söhne», »och Brudern auch nur eine Einzige Bclehnnng verschafft; erst Christina selbst beschenkte und belehnte ihn und die Seinigcn als sie selbst regierte. Auch war er es gerade, welcher im Rathe der Krone und der nn- adclichen Stände Rechte gegen den habsüchtigen Adel vertheidigte. — Eben so unbegründet hat man ihn beschuldigt sich durch Deutschlands Raub bereichert zu haben; da man aber keinen einzigen Beweis anführen kaun, so hat man verbreitet, daß jene geraubten Schätze mit der» Schiff untergegangen seien, welches 16Z4 seine Sache» nach Schweden hinübcrbringcn sollte, aber bei Sand- hamm Schiffbruch litt. Glücklicher Weise ist aber der Brief erhalten, welchen er darüber an seinen Sohn schrieb: „Ich habe von der» Schiffbruch gehört, wodurch meine und Deine Sachen sammt den Kanzlcibüchcrn, verloren gegangen find. Es ist ein empfindlicher Schaden für »nS, den wir nun aber tragen müssen. Kannst du etwas zurückerhalten, so ist es gut, wo nicht, nun so ist es auch gut; wird auch etwas gerettet, so wird es doch wohl vom Wasser verdorben sein. Mich beunruhigen am meisten die Briefe und Kanzlcipapicrc! schlimm, wenn sie weg find, »och schlimmer wenn sie in der Dänen Hände gerathen! Hätte ich die nur zurück oder wüßte wenigstens, daß sie nicht in. Besitz des Feindes wären, so würde ich das Andre wenig achte» (LZ)." So würde er wohl nicht geschrieben habe» wenn ein besonderer Schatz mit untergegangen wäre! ein solcher hätte auch wohl nicht vom Wasser verdorben werden können. Arel Orenstjerna hinterließ bei seinem Tode kein größeres Bcr- mögen als man, bei dem was er geerbt und an Gehalt gezogen, von einem so gute» Haushaltcr leicht voraussetzen konnte. — Feinde hat er gehabt, wie alle großen Männer, und wie dies besonders in seiner Stellung nach Gustaf Adolfs Tod sehr natürlich war. Doch beinah alle Edler» seiner Zeit ließen ihm Gerechtigkeit widerfahren, und bewiese» ihm stets die wärmste Verehrung, Gustaf Adolfs Zeitgenossen. 153 Acht und zwanzigstes Capitel. Gustaf Adolfs Zeitgenossen. Das Geschlecht der Sture neigte sich zum Untergänge. Swante, der einzige lebendige Abkömmling der Reichsvorsteher Swante Sture und Sten Sture dem Jüngern, zugleich Enkel mütterlicher Seits des großen Klas Kristersson Horn, war selbst ein in jeder Hinsicht unbedeutender Mann. In und mit ihm erlosch die männliche Linie des einst so berühmten Sture-Geschlechtes *). auch da »och als er bei Christinn i» Ungnade gefalle» war. Aber selbst diele läßt ihm in ihre» Memoiren rolle Gerechtigkeit widerfahren: „er besaß eine vollendete Weisheit und Vorsicht, einen umfassenden Geist, ein großes Herz," sagt sie unter vielem Ander» von ihm. Hugo Grotius nannte ihn den größten Man» seiner Zeit. — Bon seinem reinen Privatleben ist schon gesprochen. In den übriggebliebenen Briefen an seine Söhne zeigt sich stets neben einer durchdringenden Klugheit, zugleich eine bewunderungswürdige hiebe zur Billigkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit. Wo sie ihn um Nach in schwierige» Lage» fragen, heißt es: „halte Dich an dem, was recht und ehrlich ist, denn das dauert doch am längsten. „Aber" fügt er hinzu, „ benimm Dich dabei nicht wie ei» plumper, ungeschickter Bauer." Nur i» der Noth des Vaterlandes räth er zu bist und Verstellung; nie im Privatleben. „ Die Welk," schreibt er au eine» Sohn, „besteht aus Verstellung und Falschheit. Dies muß man bedenken, um nicht von ihr betrogen zu werdet:, aber nie um ihr darin zu folgen. Vertrauen zu Gott, Ficiß in seinem Beruf, ein rechtschaffnes Betragen, durch eine ehrliche Vorstcht unterstützt, das sind die beste» Mittel um gut Lurch diese Welt hindurch z» kommen." —> Der polnische Großkanzlcr Lubomirski verfaßte eine Grabschrift auf ihn worin er genannt wird, „Priester, ohne Priesterweihe, König ohne Königsnamc — denn er war größer als alle Namen. Die Mäßigkeit gab ihm ei» gesundes, die Gesundheit ei» langes, die Gottesfurcht ein ewiges Leben." Das Bisherige ist aus Frhrcl, Bd. VIII., entlehnt; doch auch Geiser läßt ihm volle Gerechtigkeit widerfahre». „ Man muß Arcl Orcnsticrua bewundern, " sagt er, Bd. NI., „desto mehr, je näher man ihn kennet, lernt, und je größer die Hindernisse find, mit denen er zu kämpfe» hat." — „In seine» Gutachten lernt man eine» großen Staatsmann, einen großen Patrioten und einen Mann kenne», der freisinniger war, als die Welt es weiß." H. Schwede» hat drei große RcichSvorstchcr dieses Namens gehabt, nehmlich Sien Sture den Aclicrn, Swante Sture, und Stc» Sture den Jüngern; doch waren sie nicht aus derselben Familie, worüber nachher. Sten Sture der Acltcrc, war „tapfer, kühn und erfahre» im Kriege, gewandt, klug und vorsichtig in der Regierung des StaatcS, gerecht, aufrichtig und beharrlich in seiner ganzen Handlungsweise. Durch Karl KnuiSso» l stehe die istc Note im vorige» Lap.) zum Rcichsvorstchcr ernannt, und 1471 von den Ncichsständc» als solcher anerkannt, regierte er sein Vaterland zu dessen Wohl »ud seinem eigne» Ruhm im Ganze» 28 Jahre, doch nicht ohne Unterbrechung. Sei» Privatleben war ei» fortwährender Kamps mit der Eifersucht des Adels, dessen Stolz sich ungern einem Manne unterwarf, der seines Gleichen war, und mit den dänischen Könige», die vermöge der kalmarschcn Union noch immer Ansprüche auf Schwede» machten. Wirklich stieg allmählig der nc dischc Haß der Großen gegen Sture, der doch vorsichtig durch ein einfaches uuspruchlcses Leben, obgleich vergeblich, stc zu versöhne» suchte, so hoch, daß 124 Acht und zwanzigstes Capitel. Das Geschlecht der Brahe stammt von Anders zu Moham- ruar her, Neichsrath zu Eriks X. Zeit. Die Stammgiiter waren Nydboholm, Finnsta, Terna u. s. w., das Wappen zwei Adlerflügel, woher sie auch das Adlerflügel-Geschlecht genannt wurden. der größte Theil derselben den König Johann I. von Dänemark herbeirief. Seen Sture, einsehend, daß er der Uebcrmach« unterliegen werde, «rat freiwillig zurück und erkannte Johann gleichfalls als König an, L497. Doch schon im Jahre aror war man der dänischen Herrschaft wieder müde. Die Däne» wurden vertrieben und Etc» Sture von neue», zum RcichSvorstehcr eingesetzt, als welcher er ILO» plötzlich starb, emcr unverbürgte» Sage nach an Gift. Er hinterließ keine männliche Nachkomme» und mit ihm starb eigentlich das alte Geschlecht der Sture männlicher Seils aus. Aber schon zu Seen Sture's Lebzeiten hatte der tapfre Nils Nail och Dag (Nacht und Tag) »ach seiner Mutter die eine Sture war, diese» Namen angenommen und dieser Nsts Sture war Swantc Sture's Vater. Swantc Sture ward ohne Widerspruch als RcichSvorstehcr anerkannt. Er war ebenfalls ein sehr ausgezeichneter Mann, doch von heftigerm und barschen» Wesen als sein Vorgänger; in seinem Zorn so gewaltig, daß das Vo k sagte: seine Stimme klinge wie der rollende Donner, wenn er die Schuldigen mit Worte» strafe. Doch war er bald wieder versöhnt, und ei» frohgelaunter, freigebiger Herr, durch seine kühne Tapferkeit im Kriege und seine durchgreifende Uncrschrockcnhcit in Staats- sachc» von den Großen gefürchtet und von den Krieger» gcljcdt. Auch er starb plötzlich IS12. Sei» Sohn, Stc» Sture der Jüngere, fand anfangs eine starke Gegenparthei zu bekämpfen, die sogar einen Ander» zum RcichSvor- srchcr wählte. Doch drang sei» Anhang endlich durch. Stcn Sture d. I. verland mir den ausgezeichneten Gcistcsgaben seines Vaters ei» mildes, freundliches und liebevolles Herz, welches ihn oft so weit führte, daß seine Freunde ihm zu große Nachsicht und Leichtgläubigkeit gegen seine Feinde vorwarfen, denen er nie Schlechtes und Niedriges zutraute weil seine eigne edle Seele es nicht zu fasse» vermochte. So ging es ihn, mit Christian II. von Dänemark, der jetzt die Ansprüche seines Vaters, Johann I. crncucrtc, und Stc» Sture's ritterliches Bcnchmc» gegen ihn mit Undank und Hohn belohnte. Mehrere Jahrelang bestand er siegreich die Einfälle der Dänen; im Jahr IL20 führte er wieder seine 10,000 Bauern - Krieger gegen Christians überlegnes Heer, und würde ihn vielleicht nochmals besiegt haben wenn er nicht gleich im Beginn der Schlacht (bei Bogcsnnd) tödtlich verwundet worden wäre. Sobald die Scinigcn ihn falle» sahen, hielte» sie die Schlacht für verloren; im erste» Gefühl der Verzweiflung trieben stc die Dänen zwar zurück, ergriffen aber bald, da es an einem andern gute» Anführer fehlte, die Flucht. Herr Stc», den man in einem Schlitten flüchtete, starb schon in demselben a» seiner Wunde, und hinterließ das ganze Reich in Sorge, Niedergeschlagenheit und Verwirrung. — Seine heldcnmüthigc Gemahlin Christina, geb. G y llc» st j crna , verdient hier »och einer besondern Erwähnung. Sie allein verzweifelte nicht an der Erhaltung des Vaterlandes. Obgleich niedergebeugt von Schmerz bei der Nachricht von« Tode ihres Mannes, eilte sie augenblicklich »ach Stockholm, übernahm hier den Oberbefehl, ließ die Festungswerke verbessern, Waffen und Pulver herbeischaffen, und den Soldaten ihren'Sold auszahlen; zu ihnen und den Bürgern sprach sie mit solchem Feuer der Beredsamkeit, daß Alle ihr gelobte», sich bis zum letzten Man» zu vertheidigen. Hieraus schrieb sie an die schwedischen Hcrrcn die eindringlichste» Briefe, ermähnte sie zur Einigkeit und federte sie aus, einen tapfern und tüchtige» Man» zum RcichSvorstehcr zu wählen (ihr ältester Sohn war erst v Jahre alt). Aber nicht bei den Vornehme», sonder» beim Volke erweckte ihr hochherziges Beispiel Nachahmung. Als die Bauern hörten, daß Sture's Wittwe Stockholm so tapser vertheidige, standen sie überall auf und Gustaf Adolfs Zeitgenossen. 155 Der Name Brahe ward zuerst gegen 1440 vom Reichsrathe Peter Magnusson, nach dessen Großvater mütterlicher Seite, dem dänischen Reichsrathe Peter Brahe, angenommen; denn in Dänemark hat seit uralten Zeiten ein Geschlecht dieses Namens (aber mit andern Wappenzeichen) geblüht. Der schwedische Stamm der Brahe hat sich stets in großem Ansehen erhalten. Birger Persson zu Finnsta war Neichsrath und Lagma» *) von Uppland zu Anfange des 14. Jahrhunderts, zugleich Leiter der wichtigen Gesetzverbesserungen, welche zu jener Zeit vorgenommen wurden. Als der König Birger Magnusson sich durch Hinterlist und Brudermord den allgemeinen Abscheu zugezogen hatte, war es Birger Persson welcher, nebst Mats Kettilmundsson im Jahre 1319 ihm die Krone von seinem unwürdigen Haupte nahm. Zwanzig Jahre später ward diese Krone seinem Sohne angeboten, dem fielen über die Dänen her, wo sie dieselben fanden. Aber wie sie anch anfangt siegte», endlich mnßtcn sie doch unterliegen, da sie keine ordentlichen Anführer hatte». Denn der Adel hatte sich nun entschieden Christian zugewendet, und lud den blutdürstigen Tyrannen, welcher bald nachher die Straßen Stockholms mit dem Blute der Edelste» aus seiner Mitte tränkte, selbst ein, den schwedischen Thron zu besteige». Nachdem Frau Christina sich länger als s Monate vcr- theidigt hatte, beschloß sie endlich, da sie den Eifer der Besatzung und der Bürgerschaft ermatten sah, und LaS ganze übrige Land sich unterworfen hatte, die Stadt zu übergeben. Es ward ein feierlicher Vertrag zwischen ihr iiiid Christian geschlossen und durch Eide bekräftigt. Dies war im September ISrl»; aber schon Anfangs November fand das fürchterliche stock Holm er Blutbad statt, welches Christian einem Nero an die Seite setzt. Nach mehrtägigem Morden, ließ er Frau Christi»« vor sich führe», und frug stc höhnisch: ob sie verbrannt, ertränkt oder lebendig begraben sein wolle? Die edle Frau, die dem Tode so oft muthig entgegen gegangen, war jetzt von Schmerz und Abscheu (Christian hatte auch die Leiche» ihres Mannes und ihres Sohnes wieder aus- grabcn lasse») so angegriffen, daß sie ohnmächtig zu seinen Fußen hinstürzte. Die Bitten der Umstehenden und ihre großen Reichthümer erhielten ihr zwar das Leben; doch ward sie mit ihrer alten Mutter, die schon in den Strom geworfen aber wieder herausgezogen worden war, mit ihrer Halbschwester, Frau Cecilia, Gustaf W asa' s Mu tt c r, deren beide» Töchtern und vielen andern tdcln Frauen als Geißeln »ach Kopenhagen geführt und in ein scheußliches Gefängniß, den blauen Thurm, gesetzt, wo Gustafs Mutter, Schwester» und »ichrcre andere Frauen vor Hunger, Durst und Kälte umkamen. Im vorige» Cap. und in der Einleitung sind die Verfolgungen erwähnt, welche die Sture unter Erik XIV. erlitten. Selbst Gustaf l. haue die Sture, obgleich sie ihm verwandt, ihrer alte» Macht und Beliebtheit beim Volke wegen, gefürchtet, doch dies Gefühl i» sich verschlossen; der nur seinen Leidenschaften folgende Erik ließ dasselbe i» sich bald in Hgß ubergehn, und die Edelste» des Geschlechtes wurde» gefangen genommen und in ihre» Gefängnissen ermordet, Einer sogar von des Königs eigner Hand, welcher letztere indessen gleich nachher vom schrecklichsten Wahnsmn ergriffe» ward. H. (nach F., II. III. u. IV.) ') Lagma» (Gcsctzcsmaun) in den ältern Zeiten eine Art Sprecher des Volkes in der allgemeine» Volksversammlung; wie dies besonders UpplandS Lag m a » war. H. 156 Acht und zwanzigstes Capitel. wegen seiner Gerechtigkeit und Tugend so hochgeachteten Israel Virgersson Brahe (von diesem aber abgelehnt); und dessen Schwester, die berühmte St. Brita *) befestigte durch Gottesfurcht, Selbstverläugnung und Muth den Heiligenschein um ihre Stirn. Joakim **) Brahe fiel im stockholmer Blutbad; sein Sohn, der sogenannte alte Graf ***) Per, war ein höchst geachteter und angesehener Man» voll Verstand und Gelehrsamkeit, doch ohne kriegerische Talente. Er hielt sich ruhig aber furchtlos auf seinem Nydboholm, stand aber beim Volke in so hoher Achtung, dafi Johann III. bei seinen Verfolgungen gegen den Adel, i h n nicht anzugreifen wagte. M a g n u s Breche ward, als Herzog Karls Anhänger, 1602 zum Neichsfelrherrn, und 1611 zum Neichsdrosten erhoben. Er war ein unterrichteter, geschickter und redlicher Herr, der oft und mit Nutzen in wichtigen Angelegen- «) Die heilige Brigitta stand im Norden noch lange nach ihren, Tode in hohem Ansehen. Ihr Lebe» gibt ein trcneS Bild von den religiösen Elemente» ihrer Zeit. Ihre Kindheit n»d Jngend ist von Wandern dnrchwcbt. Christus und Maria erscheine» ihr häufig und unterreden sich mit ihr; dnrch Kastcinngcn aller Art »ödtct stc das Fleischliche i» sich; dnrch den Wille» ihres Vaters vcr- heiraihet, stößt sie anch ihrem Manne große Frömmigkeit ei»; stc mache» eine Wallfahrt nach Sauet Jago di Compostella, worauf ihr Mann Mönch wird; Brigina wird nun initiier craltirtcr und strenger in ihrer Lebensweise; 1340 macht stc, aus Christi Befehl, eine Wallfahrt nach Rom, wo stc in großem Ansehe» lebt, n»d dein Pabst im Name» der Jnngfran Maria seinen Tod vorher sagt, wenn er nach Avigno» zurückkehre, was anch cintrift; in ihrem hohen Alter, 1371, befiehlt ihr Christas, noch eine Wallfahrt »ach Jerusalem zu mache», und als stc sich mit Kränklichkeit entschuldigen will, antwortete Christus: „Wer ist wohl der Erschaffer der Natur? Ich werde Dir Kräfte geben; ich werde Dich hin nnd zurückführe» und Dein Wächter sein." So macht stc sich auf, von zwei Söhne» und einer Tochter begleitet, kehrt anch glücklich zurück und stirbt in Rom, 7S Jahre alt. H. (nach F. II.) ") Er haue Gustaf Wasa'S Schwester Margarctha zur Gemahlin. H. ) Die Grase» - nnd Freiherr» - Würde ward erst dnrch Erik XIV. bei Gelegenheit seiner Kiönnng, I5SI , in Schweden eingeführt. Er wollte dadurch theils den höher» Adel gewinnen, theils den großen Abstand zwischen diesem und seinen ehrgeizigen Brudern, den Herzogen, aufheben. Drei Herren wurden z» Grafen erklärt, „chnilich Per Brahe, Swantc Sture und Gustaf RooS; »cn» zu Freiherren, nnter denk» wir hier nenne» S tcn Eri kf v I» Lcfonhufwnd, KlaS KristcrSson Horn und Gustaf OlofSson Stcnboek mit seinem Sohne Erik. AIS Siitenschilderling jener Zeit diene »och Folgendes: Der älteste Sch» des Grafen Per Brahc war mit einer deutsche» Fürstin, Elisabeth von Lüncburg vermählt. Die alte» Chrcnikcnschlribcr klage» sehr über den Aufwand, welcher dnrch diese Verbindung im Lande eingeführt ward. Elisabeth brachte nehmlich eine sehr kostbare nnd reiche Sammlnng vv» Kleider» mit, deren Gleichen früher nie in Schwede» gesehen worden war. Alle Frauen a«S dein Hanse Brahc beeilten sich nun, sich Putz derselben Art anznschaffen, um nicht schlechter gekleidet als die fremde fürstliche Schwägerin zu erscheinen; und so verbreitete sich Prunksucht dnrch das Land. — H. (nach Z. III. n. IV.) Gustaf Adolfs Zeitgenossen. 157 heilen des NeicheS gebraucht ward. Von seiner Tochter, Ebba Brahe, haben wir schon gesprochen; Sohne hatte er nicht; und das Geschlecht ward vom jüngsten Bruder, Abraham Vrahe, fortgepflanzt. Nach der Schlacht bei Stangebro ward dieser letztere von Karl IX. zu Gnaden angenommen, dessen Fahnen er seitdem treulich folgte. Abraham Brahe hatte eine Neigung zu der Jungfrau Elsa, der Tochter des alten Reichsdrostes Nils Gyllenstjerna, gefaßt. Beider Angehörigen hatten ihre Zustimmung zu einer künftigen Verbindung gegeben; aber die Hochzeit ward von Jahr zu Jahr aufgeschoben. Die Zeiten waren unruhig, wenig geeignet zu frohen Festen, und zudem befanden sich manche Anverwandte beider Familien theils in gesanglicher Haft, theils halten sie aus dem Lande fliehen müssen. Außerdem war Jungfrau Elsa die Tochter des höchsten Beamten in Schweden, und Abraham Brahe der Abkömmling des zweiten Grafengeschlechtes des Landes, nach der Sitte der Zeit aber mußte eine Hochzeit zwischen Personen von solchem Ansehen mit so ausgezeichneter Feierlichkeit und Pracht gefeiert werden, daß dazu viele und kostbare Vorbereitungen er- foderlich waren. Das ewige Warten dauerte den Beiden endlich zn lange. Im Jahre 1599, nachdem Karl Kalmar eingenommen hatte, erhielt Abraham Brahe Erlaubniß, die Seinigeu zu besuchen. Unterwegs erfuhr er, daß Jungfrau Elsa kurz vorher von Fogelwik Weggefahren sei, um ihre Tante zu Tyrsjö zu besuchen, und daß sie nur eine kleine Strecke Weges vor ihm voraus habe. Abraham Brahe beeilte nach dieser Nachricht seine Reise so viel wie nur möglich, und erreichte endlich den Schlitten, worin Jungfrau Elsa einsam saß, von einem Knechte gefahren. Brahe sprang hinzu und wechselte den Platz mit dem letzter», indem er sagte, „daß er selbst seiner Jungfrau Fuhrmann sein wolle," worauf die Reise unter mannichfachem Gespräch fortgesetzt ward. Als sie an den Weg nach Tyresjö kamen, welcher rechts abging, that Brahe als sehe er ihn nicht, sondern fuhr vorbei, gerade aus Stockholm zu. Der Knecht begann aus alle» Kräften zu rufen, „daß der Graf den verkehrten Weg einschlage!" aber Brahe antwortete: „Folg' Du mir nur getrost; ich weiß recht gut, welchen Weg ich fahre!" Die Reise ging nun in höchster Geschwindigkeit voran, und das gerade »ach NyLboholm. 158 Acht und zwanzigstes Capitel. Hierhin wurden einige der am nächsten wohnenden Verwandten berufen, worauf die Hochzeit ohne weitere Vorbereitungen gefeiert ward *4). — Graf Abraham war ein unterrichteter Herr, besonders in der Mathematik "), dazu redlich, arbeitsam, Wirth- schaftlich und häuslich, angesehen um seiner selbst willen, mehr aber noch durch seine Söhne. Er hatte nehmlich mit seiner Gemahlin manche Kinder, die alle mehr oder minder berühmt wurden. Der jüngste Sohn, Joakim, starb schon im Alter von 23 Jahren, damals schon Oberst, und als tapfer und tüchtig bekannt. Der mittelste, Nils Brahe, war Gustaf Adolfs treuer Begleiter in allen Feldzügen, und stand sowohl beim Könige, wie auch bei den Soldaten in sehr hohem Ansehen. Gustaf Adolf hielt dafür, daß nächst Lennart Torstensson in ihm die größten Feldherrnanlagen im ganzen Heere lägen. Er war erst Oberst der Uppländer, dann - deS gelben Regimentes »6). Am berühmtesten unter den Brüdern ward aber doch der älteste, oder der junge Graf Per, wie er gewöhnlich zur Unterscheidung von seinem Großvater genannt ward. Er war von hohem Wuchs, hatte ein offnes und ehrliches Aussehen, worin der Brahe'sche Familienzug, das gespaltene Kinn, auf Klugheit und Scharfsinn deutete, welche Eigenschaften er auch wirklich von seinem Großvater mütterlicher Seile geerbt hatte, so wie Ehr- und Thätigkeitsliebe von seinem Vater. Ungewöhnliche Kenntnisse und Geschicklichkeitcn hatten ihm eine sorgfältige Erziehung und eigner Fleiß gegeben. Dieser Per Brahe gewann Gustaf Adolfs Vertrauen in so hohem Grade, daß man glaubte, er könne mit der Zeit sogar für Orenstjerna ein gefährlicher Nebenbuhler werden.. Gleich Nils Brahe *) zeigte er große Anlagen für das Kriegswesen, konnte aber doch wegen seiner schwachen und schwankenden Gesundheit auf die Dauer das Leben !m Felde nicht aushalten. Aber neben seinen kriegerischen Eigenschaften, hatte er auch ausgezeichnete Talente in andrer Hinsicht, und war zu seiner Zeit als einer der Geschicktesten in Behandlung seiner Muttersprache und in der Kunst, seine Gedanken mit Klarheit zu Papier zu bringen, bekannt. Der König schickte ihn daher von Würzburg aus nach Hause, um eine Stelle in der Neichskammer einzunehmen, und gab ihm zugleich die Aussicht ) Blidc koinmc» im lStc» Cap. vor. H. Gustaf Adolfs Zeitgenossen. 159 auf das Amt eines Rcichsdrostes, wenn einmal sein Oheim, der alte Magnus Brahe, mit Tode abgehen sollte??). Der unter der vorigen Regierung so bekannt gewordene Arel Lcwe n h aupt * ) starb landesflüchtig und hinterließ drei Sühne. Weil der Vater seine Besitzungen verwirkt hatte, und der älteste Sohn, Johann Kasimir, ihm nach Deutschland gefolgt war, so erbte der jüngere, Sten Lewenhaupt, die ganze Grafschaft. Dieser war (wie auch sein Vater es gewesen) ein höchst gewaltthätiger, ungerechter und eigennütziger Herr, so wie deren oft in den Gerichtsbüchern jener Zeit geschildert werden. Ohne Scheu eignete er sich der Krone, seiner Nachbaren und der ihm untergebenen Bauern Besitzungen an, und ließ einen Jeden gefangen nehmen und mißhandeln, der darüber zu klagen wagte. Als der ältere Bruder Erlaubniß erhielt, zurück zu kehren, wollte Gras Sten den jenem zufallenden Theil des Erbes nicht herausgeben, sondern das weltliche Gesetz mußte den Bruderzwist schlichten. Nur Wenige aus dem schwedischen Adel haben sich durch ein so wahrhaft böseS Betragen bekannt gemacht, wie dieser Graf Sten. Untergebene, Verwandte, Beamte, Nachbaren, ja ganze Kirchspiele führten die bittersten Klagen über ihn. Gustaf Adolf warnte und drohte einmal ums andremal; aber so groß war des Adels Einfluß und Mißbrauch seiner Privilegien, daß er diesen Gewaltthätigkeiten lange nicht Einhalt zu thun vermochte. Endlich mußte der eigensinnige Mann sich aber doch unter des Königs wachsende Macht beugen; aber nach dessen Tode nahm er die früheren *) Die spatere Familie Lewciiha» pt ist anS der alte» Lejonhufwnd hervorgegangen. Im vic» Capitel ist der berüchtigte» Lbba Lesonhufwud gedacht, die allgemein unter dem Spitznamen: Graf Lbba bekannt war! ihre beinah eben so berüchtigten Sohne waren Slrcl nnd Moritz Lcjon- hnswud, die sich bald zn SigiSmund, bald zn Herzog Karl hielten, doch war Moritz beständiger als Arel. „Beide Brlldcr hatte» deutsche Franc», woher ihre Abkömmlinge, welche sich eine Zeitlang in Deutschland auf. hielte» , sich auch Lcwcnkopf oder Lcwcnhaupt" (wahrscheinlich Löwen. Haupt?) nannte», welcher letztere Name endlich sür den gräfliche» Zweig angenommen wurde, jnr Unterscheidung von der nur adclichc» Familie Lejon- hufwud. Arel Lejvnhufwnd, der das Jntrignirc» und Wechseln zwischen den Parthcicn nicht lasse» konnte, erweckte endlich Karls Mißtrauen so sehr, daß er ihn wollte gefangen nehmen lassen; doch dieser gewarnt, floh mit Frau und Kindern nach Deutschland ( 1601 ), wo er durch erster» im Elsaß Besitzungen hatte. Hier verfaßte er Schmähschriften gegen Karl, kam, als dieser gestorben, ohne Erlaubniß nach Schweden zurück, mußte aber, als er gleich wieder eine Gewaltthat a» einem seiner Untergebenen ausübte, das Land abermals verlassen, und starb in Deutschland. H. (nach F. IV.) 160 Acht und zwanzigstes Capitel. bösen Gewohnheiten wieder an. Da vereinigten sich Arel Oren- stjerna und Per Brahe, um diesen unangenehmen Auftritten ein bnde zu machen, und Sten Lewenhaupt ward seiner Grafschaft verlustig erklärt. Der Bruder, Johann Kasimir, war wohl etwas, doch auch nicht viel besser. Aber dessen Söhne, die drei Neichs- räthe Gustaf Adolf, Karl Moritz und Ludwig Meirich Lewenhaupt erhoben das Geschlecht und den Namen wieder zn ihrem frühern Ansehen. Der Stamm de la Gardie stand in seiner vollen Blüthe. Der Stammvater, Pontns de la Gardie, und seine Heldenthaten lebten noch in frischem Andenken fort. Des Sohnes, des großen Jakob de la Gardie's Ruhm war auf seiner Mittagshöhe, und der andere Bruder, Johann, gelangte auch durch eigne Tüchtigkeit. in den Senat. Die Mißgunst der schwedischen Geschlechter gegen dies fremde, ward durch eingegangene Verhei- rathungen gemildert. Jakob war mit Ebba Brahe vermählt, Johann erst mit einer Orenstjerna, dann mit einer Posse *). -) Schon durch ihre Verbindung mit Ebba Brahc erweckt die Familie de la Gardie das Interesse hinlänglich um etwas Näheres über sie mitzutheilen. — Der Siamnwatcr, PoninS de la Gardie, war anS dem Langncdoc, einem altfranzöstschc» Geschlechte entsprossen. Er war als süngcrcr Sohn zum Mönch bestimmt; doch eine unwiderstehliche Neigung trieb ihn auf die kriegerische kauf. bahn. Er machte erst eine» Fcidzng in Italien mit, dann in Schottland und endlich »ahn, er Dienste bei den Dänen. Als im Jahr 1565 unter Erik XIV. die Schwede» den Dänen Warberg abnahmen, ging, nach Eroberung der Stadt durch die Elstern, der Hanpima»» PontnS de la Gardie aus dänischen Diensten in schwedische über. Mit seinem scharfen und klugen Geiste durchschaute er bald die verwirrte» Verhältnisse seines neue» Vaterlandes; er soll der Erste gewesen sein, welcher Eriks Absetzung in Vorschlag brachte, und sich, als Johann und der höhere Adel darauf eingingen, am thätigsten dabei bewies, wodurch er denn auch stets in hoher Gunst bei Johann III. stand, der ihn 1511 zum Frei. Herr» erhob und ihm 1580 seine natürliche Tochter, Sophia Gyllcnhjclm, znr Gemahlin gab. Seine» kriegerischen Ruht» erwarb er steh hauptsächlich in Ruß. land, wo er die glänzende» Siege seines große» Sohnes vorbereitete, aber Lurch einen unglückliche» Anfall schon 1585 in der Narowa seinen Tod fand. —> Sein Sohn Jakob ward noch berühmter als er. Ueber dessen Erziehung wachte sein Großvater Johann III. mit Sorgfalt. Schon mit 15 Jahren zeichnete Jakob de la Gardie steh als Anführer eines Regimentes aus; als I8jährigcr Jüngling vertheidigte er mit seinem Freunde Ehllcnhjcli» die licsländischc Feste Wolmar auf eine so hcldcnmüthigc Weise, daß d e Feinde selbst Beide, als stc endlich zur Ucbcrgabc gezwungen waren, mit Ehrcnbezcugnngcn überhäuften. AnS der Gcsangcnschast befreit, diente er, um steh in der Kriegskunst »och mehr zu vervollkommne», ei» Jahrlang mit Glanz unter Moritz von Oranicn, und kehrte dann, obgleich Heinrich IV. von Frankreich ihn, die vorchcilhaftcstcn A». crbictungc» machte, nach Schweden zurück. Er war erst LS Jahre alt, als Karl IX. ihm den Oberbefehl im Kriege gegen die Russen anvertraute, lSiehe das -ttcEap. und die rwNotc daselbst). Seine KriegcSthatc» in Rußland habe» ihm iti der schwedischen Geschichte einen unsterblichen Ruhm verschafft; er war Gustaf Adolfs Zeitgenossen. 161 Unter den Orcnstjern a ist, außer dem schon ausführlich besprochenen Herrn Arel, erstens noch zu merken sein Bruder, der NeichSrath und endlich Neichsdrost G abri el Or cnstjcrna, ein unterrichteter und wohlmeinender Herr, von seinen Zeitgenossen und der Nachwelt schon darum verehrt, daß er seines VrndcrS volles und gerechtes Vertrauen besaß; dann ferner unter deren vielen Geschwisterkindern: Gabriel BengtSson, zuletzt Gras, Reichsschatzmeister und Neichsadmiral, nebst dessen Bruder, B eu g t Ore u sts ern a, bekannt durch Gelehrsamkeit und Brauchbarkeit, vor Allem aber durch seine vielen Reisen im südlichen Europa und in Asien, wodurch er auch gewöhnlich der Neise- Bengt genannt ward*). groß, indem er siegreich vordrang, und groß, indem er sich zurückzog, überall den eben so cntschlvßncn als umsichtigen Feldherrn offenbarend. Bis in das alte Moskau hatte er die schwedischen Waffen geführt, und sich außerdem als Mensch in so hoher Achtung bei den Russen gesetzt, daß es ihn, wohl gelungen sei» würde, den schwedischen Einfluß dnrchans vorherrschend im Lande zu befestigen, wenn er von Schweden her nur besser unterstützt worden wäre. Die Eroberung von Groß - Nowgorod ( eine so mächtige, für nnbezwinglich gchaltnc Stadt, daß man in Rußland das Sprichwort hatte: „Wer vermag es, Gott oder Groß - Nowgorod zu widerstehen?") verlieh seinen, Ruhme den höchste» Glanz. I» spätern Jahren zeichnete er sich beinah eben so sehr als Staatsmann aus. Nach Gustaf Adolfs Tode war er nächst dem Reichskanzler Arel Orenstjerna der bedeutendste Man» in Schweden, und obgleich früher einige Mißverständnisse zwischen diesen Beiden obgewaltet hatten, so gewannen sie, besonders nachdem sie einander durch des Reichskanzlers Bruder, Gabriel Oren- srjerna liebevolle Vermittelung näher gekommen waren, die aufrichtigste Hochachtung und Freundschaft für einander, die Nichts wieder zerstörte: denn als später die PartHeien den, Reichskanzler über den Kopf wuchsen, als er in Ungnade (bei Lhristina) fiel, als Jakobs Sohn, MagnuS de la Gardie, sein vornehmster Gegner ward, blieb Ersterer ihm dennoch treu ergeben, und übernahm bei Hof und Volk des vcrlänmdetcn Reichskanzlers Vertheidigung. — Beide waren in StaatSfragen beinah immer gleicher Meinung, und wenn Arel Orenstjerna in langer Rede Leu Gegenstand entwickelt haste, so fetzte de la Gardie gewöhnlich durch einige kurze und treffende Worte gleichsam das Siegel darunter. Auch in Liebe zum Vatcrlandc und in Bereitwilligkeit demselben jede» Opfer zu bringen, waren sie einander gleich. — Ueber de la Gardze's Vermählung mit Ebba Breche sehe man das !>tc Eap. — Er war einer der reichsten Männer in Schweden, und obgleich freigebig, doch auch ein guter Hanshaltcr. Unter seinen vielen Besitzungen wählte er am liebsten das nag, ihn, benannte Jakobsdal, jetzt UlrikSdal, zu seinen, Aufenthalte. Hier hane cr einen für jene Zeit ungewöhnlich schöne» Blumengarten mit Springbrunnen und andern Verzierungen. Doch d,e Einrichtung des SchlopeS entsprach dem nicht. Fremde Gesandten fanden den höchst angesehenen Rctchsfeldherrn auf hölzernen, Stuhl ,„ einen, Finimcr mit nackten Kalkwänden sitzen. De la Gardie, zwar stolz aber nicht hochmüthig, war der väterliche Bersorger seiner Untergebenen, und that auf seinen zahlreichen Besitzungen alles Mögliche, um sowohl ihr geistiges wie ihr körperliches Wohl zu befördern. — H. („ach Fr. III., IV , V. n. VIII.) ') Ich muß hier „och Johann Orenstjerna, Arels Sohn, anführen, Acht und zwanzigstes Capitel. 162 Es wird erzähl!, daß, als zu Knut des Großen Zcil die Dänen i» einer Feldschlacht schon in die Flucht getrieben gewesen, ei» Krieger, Namens Tnmme, hervorgesprungen sei, einen eilige» brochcncn Eichcnast ergriffen, denselben über seinen Kopf geschwungen und seine Landslcute ermähnt habe, umzuwenden und ihm und seinem Banner (dänisch ebenfalls Banner, schwedisch Bauer) zn folgen. Sie thaten es und siegten. An diese alte Sage hat man den Ursprung des Geschlechtes Bauer geknüpft, den erwähnten Tumme als dessen Stammvater, und sein Banner als das Vorbild z» Wappen und Namen angegeben. Der wirkliche Stammvater, Jsak, lebte in Schonen (welches damals dänisch war) ungefähr um 1320. Die Familie kam während der Unious- zeit nach Schweden, und ward bald so sehr mit dem Lande einverleibt, daß der Tyrann Christian 11. für gut fand, zwei Bauers hinrichten zu lassen, weil sie ihrem neuen Vaterlande gar zu ergeben waren. Zu höherem Ansehen ward der Name zuerst durch die beiden unglücklichen, aber ausgezeichneten Brüder Sten und Gustaf Bauer *'), so wie durch des letzter» Söhne gebracht; Sten Bauer starb ohne Leibeserben. Gnstaf hingegen hinterließ viele Kinder, die der ein eben so heftiger, rauher und leidenschaftlicher Mensch, wie sein Datei besonnen, versöhnend und ruhig war, aber auch gleich diese», voll Bcrstand, Kenntnissen und Bildung. Anfangs bei der Königin Christin» in Ehren stehend, ward er bald von den, geschmeidigen, angenehmen, zu», Hofmann gebor,»» MagnuS Gabriel dc la Gardic verdrängt. H. -) Beide waren unter den RathSherren, welche Karl IX. zum Tode vcrr nrthcilcn und hinrichten ließ lsiehe Einleitung). Sie» Bauer war ei» heftiger, aber redlicher Mann. Gustaf, mit wenigen Andern zur Blume des schwedische» Adels gerechnet, war ein angenehmer, gelehrter und eben so gut denkender wie gut redender Herr. „Handle chrli ch n n d s p r I ch » »crsehrocke n!" war sei» Wahlspruch, und selbst seine Feinde muhten seiner erprobten Redlichkeit Gerechtigkeit widcrsahrc» lassen. Er war mit Christin» Sture vcrhcirathct, und lebte mit ihr in der glücklichste» Ehe, als jenes harte und ungerechte Todes- nrchcck ihn aus ihre» Armen riß. Man hat »och eine ausführliche Beschreibung seiner letzten Lebenslage, die Frau und Kinder in, Gesang»»; mit ihn, zubringen durften. „Lieben Kinder!" sprach er kurz vor seinem Tode, „man hat so »ii, mir verfahren, daß ich Euch kein Erbe hinterlasse. Aber dies sage ich Euch; wen» Ihr meinen Namen nennen hört, so sollt Ihr niemals um ,»einet- willen die Augen niederschlagen: und dies Erbe schätze ich höher, als alle Güter der Welt!" Und als die weinende» Kinder mit ihn, zu sterben wünschten, sprach er: „Ihr sollt weder um irgend einer Noth willen zn sterben, »och UNI irgend einer Wollust zn leben wünschen. Eben so wenig sollt Ihr Rache rufe», sondern die Rache Dem anheimstellen, der da gerecht richtet." Als im letzte» Augenblick der Bischos von StrcngnäS nochmals leise die Frage an ihn richtete; ob er sich noch nicht schuldig bekenne? antwortete er mit lauter Stimme: ,, Nein! »ein! in Jesu Namen !" und mit diese» Worte» fiel sei» Kopf. . H. l »ach F. IV.) Gustaf Adolfs Zeitgenossen. L03 alle mehr oder minder ausgezeichnet waren, am meisten aber doch die drei Bruder Per, Arcl und Johann. Bon Per Bane'r ist schon mehrmals gesprochen (nehmlich in der Beschreibung des polnischen Krieges). Arel Bane'r war ein ehrlicher, offenherziger und besonders froh gelaunter nnd trefflicher Herr, daher auch sehr geliebt von Gustaf Adolf, welcher ihn erst zum Rcichsstall- meister nnd später zum Neichsmarschall machte. Alan machte die Bemerkung, daß die beiden Günstlinge des Königs Arel hießen, daß der König aber einen jeden von ihnen an der für ihn passenden Stelle zu gcbranchcn wußte, nehmlich Arel Bauer beim f i liehe» Gastmahl und aus der Jagd, nnd Arel Orenstjerna im NathSzimmer nnd im Lager. Arel Bauer war mit Abraham -Drahe'S ältester Tochter, Ebba, vermählt. Vorher hatte sie Ake Tott und Beugt Orenstjerna einen Korb gegeben, der erstere durch Tapferkeit und Reichthum, der letztere durch ausgedehnte Reisen und Kenntnisse bekannt. Arel Bauer gelang es, durch sein heitres und liebenswürdiges Wesen der schönen Ebba Herz und Hand zu gewinnen. Die beiden anderen Freier hciratheten später Ebba's Schwestern, Christina und Margaretha. Berühmter und weit ausgezeichneter als beive Brüder, Vorfahren und alle Glieder dieses Geschlechtes ward der dritte Bruder: Johann Bauer. Lebhafte Gesiehtszüge, braune, blitzende Augen, Entschlossenheit in seinem Wesen und Sprechen zeichneten ihn schon als Kind aus. Bei einem Besuche zu Djursholm *) fand Karl IX. ein besondres Wohlgefallen an dem jungen Knaben, nahm ihn spielend auf den Schooß und fragte: „Hast du nicht Lust den Hof zu sehen und in meinen Dienst zu kommen?'' Aber der Knabe antwortete laut und unerschrocken: „ Der Teufel mag Dir dienen, der Du meinem Vater den Kopf abgeschlagen hast!" — Als er acht Jahre alt war, stand er eines Tages und spielte in einem offnen Fenster im dritten Stock des Hörmingsholmer Schlosses. Vor ihm breiteten sich die Buchten der Ostsee aus, über welche ein Schiff nach dem andern dahin eilte und verschwand. „Nach Deutschland", hieß es, „eilten diese Segel, nach Deutschland", wo die unglücklichen, »erfolgten Verwandten endlich eine Freistatt gesunden hätten. Der kleine Knabe spannte sein Schnupftuch zwischen den Fensterbogen ') Das StamnigM der Bauers. II 164 Acht und zwanzigstes Capitel. 5 > „nS, und schwatzte kindisch, aber ahnungsvoll davon, daß auch er einmal nach Deutschland segeln werde; aber mitten im Eifer seines fröhlichen Spielens stürzte er aus dem Fenster. DaS hinab- eilcnde Kindermärchen fand ihn, wie er ganz unbeschädigt und vergnügt auf einem unter den Schlosifcnstern liegenden Steinhaufen saß. Er versicherte, daß Meister Johann, der Gärtner, ihn im Fall aufgefangen hätte; dieser hingegen wußte von nichts. „Man sieht, daß Du zu etwas Großem aufbewahrt bist!" sagte Gustaf Aoolf, als er später die Begebenheit erzählen hörte. — Johann Bauer war während seines Heranwachsens ein wilder, »»lenksamer Knabe. Den Frauenzimmern wich er gerne aus; seine Studien betrieb er träge und beendigte sie frühzeitig; doch gab er dagegen unwidersprcchliche Beweise von Scharfsinn, Nasch- heit und einem unbezwiuglichcn Muth. Mit 15 Jahren zog er als Kornett in den Krieg und legte seine ersten Lehrproben bei der Belagerung von Pleskow ab; dann wohnte er ununterbrochen dem liefiändischen und dem preußischen Fclozuge bei, stets sowohl durch eigne Heldenthaten, wie durch des Königs Vertrauen ausgezeichnet. 1020 war er Hauptmann in der Garde, 1027 Oberst der Ostgothen, 1028 Generalmajor, 1030 Neichsrath und General. Seine Kriegsthate» liefern einen reichen Gegenstand für die folgenden Erzählungen ^). *) Johann Bauers Feldhcrrngrößc konnte sich in ihren, volle» Glänze erst nach Gustaf Adolfe Tode zechen; der Verfasser vczeichnct daher „>i, den letzten Worten die folgenden Theile seines Werkes, wo eben jener König schon voni Schauplätze abgetreten ist; aus ihnen fuge ich „och Folgendes als Ergänzung des hier Fehlenden hinzu. Nach des Königs Tode wäre Bauer wohl der Passendste znr Ausfüllung seiner Icldhcrrnstellc gewesen, und es heißt anch, das; Gustaf Adolf ih» als solchen bezeichnet habe. l Geijcr erzählt dies in, III. Bande f. Ecsch. Schwedens). Aber Bauer war »och schwach und krank von seinen bei Nürnberg crhaltnen Wunden, und der Tod des Königs ergriff ihn so tief, daß er auf der Stelle nach Schwed-n zurückkehren und sich a„S dcni öffentlichen Treiben zurückziehe» wollte. Nur Orenstjerna'S dringende „nd ernste Vorstellungen bewogen ihn bei,» Heere zu bleiben; doch hatte sich unterdessen Herzog Bernhard von Weimar schon des Oberbefehls bemächtigt. Erst nach der »„glücklichen Schlacht bei Nördlingcn 1834, in Folge deren Herzog Bernhard in französische Dienste ging, ward Bauer der erste Mann im schwedische» Heere, und erwarb sich den Ruhn, einer der größten Feldherren gewesen zu sei», welche die neuere Geschichte auszuweisen hat. Aber leider hielt er sich nicht von den. Vorwürfe der Grausamkeit frei, insofern nehmlich, als er der PlündcrnngSsncht der Soldaten so wenig wehrte, daß sich die Schweden unter seinen, Oberbefehl den Fluch eines großen Theils von Deutschland -„zogen. Anch war er den Frauen und den. Wein zu sehr ergeben. Doch i»nß ,„a» anch zu seiner Ehre bemerken, daß er, dessen Truppen so manchc Länder vcr- t Gustaf Advlfs Zeitgeuvssen. 165 Die Familie Horn von Amnine, deS berühmten Kleis Kri- sterSsons ^') Abkömmlinge, waren um diese Zeit weniger ausgezeichnet; die Horn von KanckaS desto mehr, besonders Karl HenrikSsonö **) vier Söhne, die alle zuletzt ihren Platz im RciehS- hccrtcn und plünderten, bei sei,um Tode kein bedeutendes Vermögen hinterließ, and niit dem was er besaß, sicis bereit war, dem Vatcrlandc init Aiiscpscrnng bciznspringen; so wie er diesem auch überhaupt uuersehüttcrlich treu war, uud deu vcrführerischtcn BcsiechnngSvcrsnchcn vcu Seite» Oesterreichs widerstaud. Ar. Orcttsrscrua sagt von ihnn: „Ich bckeuvc, daß Gott Herrn Johann große Eigettschasicu, dauebcn aber auch große Fehler gegeben hat, so daß ich nicht recht weiß, welche von beiden überwiegen. Mau kanu nicht glauben, welch' r», wunderlicher Kopf er ist!" — Don seinen Zeitgenossen ward Baner für einen ausgezeichnete» Heerführer angesehen, der unermüdlich in der Stunde der Erfahr, gerecht gegen seine Untergebne», besonders geschickt darin ein Schlachtfeld richtig zn beurtheilen, zerstreute Truppen wieder zu sammeln, und in Sonderheit geschickt in der Kunst wäre, stch aus ihn umringenden Feinden glücklich herauszuziehen. Sein Rückzug von Torgan und der Lbcrpsalz ist immer als ei» Meisterstück bewundert worden. Belagerungen waren nicht seine starke Seite; er suchte den Feind lieber im Felde aus, und hier ward er nie besiegt. Er besaß nicht allein Mnih, sondern auch, wenn es sein mußte, demselben entsprechende Besonnenheit und Vorsichtigkeit. Er rühmte sich, daß er sich niemals ohne Berechnung in einen Kampf eingelassen habe, nnd war im Ganzen sehr geizig mit dem Blute seiner Soldaten. Widerspruch duldete er von Keinem im Heere, und selbst Orenstjcrna's Befehlen gehorchte er nicht immer. Doch erkannte dieser seine» Werth als Feldherr so sehr an, da» er es war, der Banc'rs wiederholtes Verlangen zurückberufe» zu werden Zmnicr wieder hintertrieb; nnd behauptete: „ vom Krankenbette anS kenne Baner »och besser den Oberbefehl fuhren, als irgend ei» Andrer aus dem Rücken seines SchlachtrcsscS; Schweden bedürfe Jol> Bauers Dienste: darum müsse Ich. Bauer dienen!" Und er diente fort, »»erachtet seiner früh zerstörten Gesundheit nnd erkrankte so hartnäckig, daß er nnr ans einer Tragbahre dein Heere folgen konnte nnd auf einem Rückzüge mit demselben in Hglbcrstadt I6II starb, erst vierzig und einige Jahre alt. H. (nach I. VII.) «) Zn MagnnS Smeks Zeit (ff IZ74) kam ans Brabant nach Schweden ein Mann, genannt Sigmnnd dc Hörne. Von ihm stammen alle die berühmten Familien Hern. Das Stammgnt seines Sohnes war Aminnc in Zinnland. Schon zn Gustaf I. Zeit hatte die Familie zwei berühmte Männer aufzmveise»: Klas Kristcrsscn Horn bon Aminnc, nnd dessen Oheim Henrik Klasse» von Kanckas. Klas Horn war ei» Miaun von geraden,, offnen, Charakter, der sogar einem Erik XIV. Hochachtung nnd Vertrauen einflößte, und dabei eben so ausgezeichnet wenn er die Truppen zn Hände, wie wenn er sie zur See ansnhrte, doch ist er wohl am bekanntesten als Admiral, da er an, öfterste» znr See siegte nnd das gewöhnlich mit überraschender Schnelligkeit nnd Kühnheit. Er war einer dersenigcn, die durch Erik zn erst in Schweden zn Freiherren erhoben wurden. Henrik Klasson Horn vertheidigte mit seinen, Sohne Karl unter Eriks nnd Johanns Zeit tapfer den durch seinen Neffen, den vorhin bcsprochncn KlaS Horn errungenen Theil von Esthland gegen die Russen. Doch ist er weniger berühmt als sein Sohn nnd seine Enkel; (man sehe die folgende Note). H, (nach F. III. n. IV.) **) Karl Henriksson Horn (schon in der vorigen Note erwähnt) war nicht nur ein tapfrer Krieger, sondern auch ei» edler und verständiger Mann. Nachdem er lange mit Ruhm und Glück in Jngermannland gegen die Russen gefochten, sah er stch endlich, von einen, weit überlegnen Heere hart bedräng«, 166 Acht und zwanzigstes Capitel. räch erhielten. Den älteste», Henrik Horn, haben wir beim russischen Friedensschlüsse kennen gelernt; den zweiten, Ewert Horn, ebenfalls im russischen Kriege. Der dritte, KlaS Horn, »ahm als Lagman das Wohl der Länder wahr, welche EwertS Schwert und Henriks Unterhandlungen dem Vatcrlande errungen hatten. Der jüngste, aber berühmteste war Gustaf Horn. Er war 1592 geboren, und wuchs mit seinen Brüdern unter einer gleichmäßigen und ununterbrochenen Aufsicht in der stillen und ehrbaren Wohnung des Vaters in Finnland auf. Unterricht erhielten sie von dem gelehrten, redlichen, aber sonderbaren Forsius, unter dessen Leitung besonders Gustaf mit seiner leichten Fassungskraft und unermüdlichen 'Arbeitsamkeit gute Kenntnisse erwarb. Siebenzehn Jahre alt, reiste er ins Ausland und besuchte die hohen Schulen zu Rostock, Jena und Tübingen, kehrte mit zwanzig Jahren zurück und diente zwei Jahre im russischen Kriege unter seinem berühmten Bruder Ewert. Von neuem verreiste er hieraus, indem er nach Holland ging, wo er unter Moritz von Oranicn die höhere Kriegskunst erlernte. Bei seiner Rückkehr ward er Kammerjunker bei Gustaf Adolf, dessen Vertrauen und innige Freundschaft er sich je länger je mehr erwarb, so daß der König ihn mit Grund seine rechte Hand zu nennen Pflegte. Gustaf Horn war auch ein unterrichteter, kluger und vorsichtiger, aber dennoch tapfrer Mann; an Kühnheit und Genie zwar unter Johann Bauer, an Kenntnissen und Sittlichkeit aber weit über demselben stehend. Gustaf Adolf vertraute ihm unter andern die ltntcrhand- lungen Wege» seiner Frelwerberei in Berlin, und dann auch die Kriegsheere in Licfland und Preußen, immer mit der Gewißheit, daß seine Aufträge gut ausgeführt werden würden. Während der Jahre 1626 —1629 vertheidigte er Liesland gegen Gosiewsky mit Tapferkeit und Glück, und gewann mehrere nicht unbedeutende Treffen, welcher Feldzug gleichwohl weniger bekannt ward, da er mit den weit wichtigern Kriegsbewegungen des Hanpthecres unter »nd von aller Hülfe seiner kandslente verlassen, genöthigt ein paar Städte aus- »uliesern nnd einen Waffenstillstand zu schließen. Alle verständige» Benrthcilcr fanden, daß Karl Hör» da» Möglichste geleistet hätte; nur Johann III. nicht! Er ließ ihn vor ein Kriegsgericht stelle» nnd znm Tode vcrnrihcilc»; erst aus dem Richtplatzc ward er begnadigt. Nachdem er 10 Jahre in der gnrückgc- ibgcnhcit gelebt, ward er von Karl IX. wieder in Wirksamkeit gesetzt nnd mir Ehren übcrbänsi; starb aber schon im folgenden Jahre Ivoi. H. (nach Z. IV.) Gustaf Adolfs ^ieitgenolien. 10 ? dem Könige selbst zusammenfiel 2g). Gustaf Horn war mit Christum, A.rel Orenstjerna's Tochter, oerheirathct *'). Henrik Tott, mit Erik XIV. Tochter, Sigrid Wase **), verhciralhet, hatte einen Sohn Namens Ake hinterlassen, welcher unter Gustaf Adolfs Regierung große Berühmtheit erlangte. Er war von einem heftigen und unternehmenden Charakter, u»v zeichnete sich schon in seinen Studentcnjahren als einer der handfestesten und kühnsten Anhänger des MesseniuS in den oft ge- waltthätigcn Unruhen aus, welche auf der hohen Schule durch diesen Professor und Johannes Nudbeck veranlaßt wurden. Dieselbe Gemüthsart nahm er in den Krieg mit, wo er einen Muth zeigte, der gar keine Gefahr scheute. Gustaf Adolf nannte ihn den Schneepflug, welcher den Weg für die Andern bahnen müsse, und benutzte ihn als solchen. — Ake Totc ward zum General der Reiterei und zum NcichSrathe erhoben; erweckte aber oft des Königs Unzufriedenheit durch Ucbermuth, «) Bei Gustaf Adolfs Tode war Gustaf Horn Fcldniarschall, und hatte unter dessen Auge» viele Proben kriegerischer Tüchtigkeit abgelegt, so das, es wohl nicht zn verwundern war, wenn Orcnsrjcrna feinet» geliebten Schwiegersöhne den Oberbefehl wünschte. Aber auch er mußte vor Bernhard von Weimar zurücktreten. Indessen widerfuhr ihm, nach der unglücklichen Schlacht bei Nörd- lingen, 1634, die er so dringend abgcratycn, da einige junge «»erfahrne Ofsieierc ihn der Feigheit beschuldigten, die Gcnngtynnng, das; Herzog Bernhard, >n der allgemeinen Flucht der Lcinigcn mit fortgerissen, in Verzweiflung ausrief: „Das Horn ein weiser, ein kluger Mann sei, er aber ei» Narr, ein Tolthänslcr, und die Ursache von Horns Tode!" denn man glaubte, das; dieser unter den Gcfallncn sei; er war aber nur gefangen. — Er ward zwar von den Feinden mit großer Achtung behandelt, aber lange festgehalten, denn man erkannte wohl wie wichtig cS für die Schweden sei» mußte einen Matt» von seiner Erfahrung und Tüchtigkeit im Heere zu besitzen. 1641 sollte er endlich ausgewechselt werden, als die Nachricht von Ioh. Bauest- Tod ankam. Da fand man es doch zn thöricht, einen so ausgezeichneten Feldherrn wie Horn, leszngeben, und führte ihn nach Baicrn zurück. Ein Jahr spater ward er aber doch ausgewechselt, und zwar er allein gegen drei kaiserliche Generale. Gustaf Horn war ein schroffer Gegensatz zu Ioh. Bauer. Seine sanften Sitte» gefielen den Soldaten nicht besonders, »och weniger feine Strenge gegen Plnn- dernngen »nd Ausschweifungen. Er war daher im Heere nicht sehr beliebt, wodurch es auch dcm Herzog Bernhard gelang, sowohl bei den Soldaten, wie iin Krieg-rathe einen überwiegende» Einfluss zn erlangen. Aber übrigens besah Gustaf Horn die Liebe aller Rechtschaffnen, und stand in feinem Vatcrlande wie im Auslande in hohem Ansetzn. Als er nach seiner Auswechselung seine Rückreise durch Frankreich nahm, ward er vorn Könige wie ein Fürst behandelt und empfing die Huldigungen der ausgezeichnetsten Männer des Landes. Endlich kehrte er nach dreizehnjähriger Abwesenheit nach Schweden zurück, nahm seine Stelle im ReiehSraihe wieder ein, und hielt sich beständig zn Ar. Orcnstjcrna und dessen Grundsätzen. H- (»ach F. VlI. n. >IIl.) ") Ma» schc'die Note der Einleitung. H. 108 Acht und zwanzigstes Capitel. Unverträglichkeit und zügellosen Ciini. Nur wenig besser war er bei den Frauenzimmern angeschrieben und trug ein paar Körbe davon, bis eS ihm endlich gelang, Abraham Vrahe's jüngste Tochter, Christinn, zu erhalten. Herrmann Wrangel, welcher zu Karls IX. Zeit als schwedischer Bürger aufgenommen ward, vollführte mehrere bedeutende Thaten, und ward endlich zum Neichsrath und Feld- marschall erhoben. Im Charakter zeigte er aber doch viel Aehn- lichkeit mir Ake Tott, mit welchem er auch bisweilen sehr unangenehme Austritte hatte. Im preußischen Kriege ging dies einmal so weit, Laß sie sich zum Zwcikampfe herauSfoderren. Gustaf Adolf hatte den Zwcikampf bei Todesstrafe verboten, den er in der That eigentlich nicht leioen konnte, obgleich er sich in jüngeren Jahren selbst wohl hatte dazu verleiten lassen. Die beiden Herren erdreisteten sieh aber doch im Vertrauen auf ihren Generalsrang, einen Versuch zu machen. Zufälliger Weise ward der König von Allem unterrichtet, und nahm der Sache gemäß seine Maaßregeln. Die beiden Kämpfer fanden sich zur gehörigen Zeit am bestimmten Orte ei», waren aber nicht wenig verwundert, daselbst einen Ad- judanten des Königs mit einer Compagnie Soldaten zu finden. Sie fragten: „was hierdurch bezweckt werde?" Der Avjudaut antwortete: „daß sie recht wohl wüßten, daß der Zweikampf von Sr. königlichen Majestät bei Todesstrafe verboten wäre. Da sie gleichwohl vermessen genug gewesen wären, dergleichen vornehmen zu wollen, sso hätte des Königs Majestät ihrer Kampflust nicht hinderlich sein, sondern ihnen gern erlauben wollen, einer deL andern Henker zu werden; aber, zum warnenden Beispiele für das übrige Heer, sollte derjenige, welcher den Zweikamps überlebte, auf der Stelle nach dem Buchstaben deS Gesetzes bestraft werden. Darum sei auch der Scharfrichter herbestellt." Bei diesen Worten trat derselbe wirklich in seinem vollen Schmuck hervor und stellte sich neben die Kämpfer. Begreiflicher Weise ward nichts aus dem Zweikampfe; und beide Herren erhielten durch einige Wochen Gefängniß Gelegenheit, ihren Zorn abzukühlen. Demunerachtct dauerte es nicht lange, bevor Herrmann Wraugels Heftigkeit wieder nahe daran war, noch ein größeres Unglück zu verursachen. Er hatte nehmlich, in Ansehung seiner vorgerücktem Jahre, schon angefangen, dem Staate in der Nathskammer anstatt Gustaf Adolfs Zeitgenosse. 169 im Felde zu dienen; da faßte er noch, unerachtel seines Alters, eine heftige Liebe zn Margaretha Stcnbock, doch ohne gleiche Gefühle erwecken zu können. Sinn bildete er sich ein, mit oder ohne Ursache, daß cö der dänische Gesandte, Knndzen, wäre, welcher Margarethen Widerwillen gegen seine Person einflöße. Eines Tages begegnete er Knndzen draußen vor dem Schlosse, und gerieth bei diesem Anblicke so in Zorn, daß er auf ihn zustürzte und ihm mit seinem Stocke mehrere Schläge auf den Kopf gab, so Laß das Blut herabströmte, und der Stock in Stücken sprang. Knndzen rang ihm die übrigen Stücke aus der Hand; doch Wrangel eniriß einem dastehenden Diener den Degen, und der Streit würde vielleicht einen noch blntigern Ansgang genommen haben, wofern nicht Arel Bauer Wrangel um den Leib gefaßt hätte, und dadurch allem weitem Handgemenge zuvorgekommen wäre. Die Sache machte sehr großes Aussehen, und ohne des Rathes eifrige Vermittelung und Dänemarks Furcht vor Schwedens siegenden Waffen, wäre wahrscheinlich offener Krieg zwischen den beiden Nachbarreichen die Folge einer so rücksichtslosen Verletzung des Völkerrechtes geworden. Nach einer alten Sage, und der Bedeutung des Namens selbst gemäß, soll die Familie der Fleming s aus Flandern gekommen sein. Man erzählt, daß der Stammvater vom Kaiser Karl IV. geadelt worden wäre, bei welchem er Schatzmeister gewesen und daher eine Geldkiste zum Wappenzeichcn erhalten habe. Bestimmte Geschlechts-Nachweisnngen gehen bis zn Herrn Peter und dessen zwei Söhnen, den Neichsrälhen IönS und Ktas, bis ungefähr zum Jahr I4tt0 hinaus. Von der ältesten oder sogenannten Swidja-Linie zeichnete sich der Admiral Erik Fleming unter Gustaf Wasa und der Neichsfeldherr Klas Fleming '") unter *) Klas Fleming hat sich in jener wilden, unzuverlässigen Zeit dnech eine so nnerfchütterlichc Treue gegen Johann IN., der auch beinah »nr ihn, unbedingt vertraute, n»d dann gegen Sigisninnd ausgezeichnet, daß er wohl eine besondere Erwähnung verdient. Er war ein ganz sonderbarer Mann, unwissend, von rohen Sitten, grob ini höchsten Grade, aber in seiner Treue gegen seinen rechtmäßigen Fürsten so rein wie das ächteste Gold. Karl und er haßten sich auf das Heftigste, und der Erstere suchte durch Spöttereien über Zlemings Sitten und ganzes Wesen oft seine Verachtung an den Tag zu lege». „Das eine Schwein frißt das andre!" sagte er, als man Zlemings Vorliebe für Schinken erwähnte. Dieser vergalt ihn, seine Gesinnung vollkommen und gab häufig zu erkennen, daß er ihn gar nicht für mehr ansehe als sich selbst. So unterschrieb er such in einem Brief nach Polen, während er SigismuudS 170 Acht und zwanzigstes Capitel. SigiSinund aus. Diese Lienie starb mit dem jungen Johann Fleming*) im Jahre 1500 aus. Die jetzt lebenden FlemingS werden von der jünger» oder der sogenannten WillnäS-Linie hergeleitet. Cars Fleming, Statthalter zu Äbo, war vermahlt mit Anna Horn, der Schwester des tapfern Karl Hcnriksson. Beider Sohn, Klas Fleming (der Jüngere) ward ein sehr merkwürdiger Mann. Er war 1502 geboren, verlor frühzeitig seinen Vater, erhielt aber von seiner Mutter eine sehr sorgfältige Erziehung, erst in Sache vertheidigte; „KlaS Fleming, Freiherr zu Wik, Reichsmarschall, Ober- Admiral und KricgSobcrster, der nun zn viele Regenten hat, obwohl er sich nicht mehr als nach Einem richtet, der da heißt König SigiSmnndnS; kommen meines Gleichen und binde» was an, so geb' ich ihnen Eins anf de» Kops!" — Und das hat er oft genug gethan! Haue SigiSmund mehrere solcher Anhänger gehabt, so möchte der Kamps m» die schwedische Krone vielleicht kitte ganz andre Wendung genommen habt»! Denn nncrachtei seines rohen Wesens besah er doch einen großen natürliche» Verstand, nnd eilte» scnrigcn Eifer im Bc. treibet, seiner Unternehmungen, wodurch er den» auch manchen Sieg davon trug. Die Polen spotteten über seine sonderbaren Sitte», und nannte» ihn Vomitivs ailinirnltiUs , anstatt Vomitivs ^tlmirnlis! Aber nicht spottend, sondern mit wahrer Hochachtung werden wir ihn „ bcwnndcrnSwcrth" nennen, wenn wir bedenket!, daß er unter den schwankenden Parthcie» als der einzig Reine dasteht, insosern nehmlich, das; er allein weder durch persönliche noch StandeSrnclnchkcn geleitet ward, sondern einzig nnd allein durch die treue Ergebenheit gegen denienigcn, welche» er als seinen einzig rechtmäßige» König ansah. Aus einer Reise »ach Nhland, 1SÜ7, starb er so plötzlich, daß Einige glaubten, er sei vcrgistkt, Andre die gegen ihn ausgebrachten Zinnen hätten ihn, eine Krankheit angezaubert, (welche Kunst man ihnen zuschrieb). Nach seinen, Tode fuhr seine edle stolze Gemahlin, Frau Ebba, eine Stenbock, fort das Seh'oß von Abo so tapfer gegen Karl zu vertheidigen, daß dieser dasselbe endlich nur Lurch den Verrath der Besatzung erhielt. Er lies; sich den Sarg seines noch Nt, begrabenen Feindes öffnen, weil ein Gerücht ging, KlaS Fleming lebe »och, in, Sarge aber seien seine Kostbarkeiten aufbewahrt. Karl faßte den Todten am Bart, zog daran und sagte; „Wenn Tu jetzt lebtest, so würde Dein Kops nicht ganz scher sitzen!" Aber Frau Ebba, die dabei stand, antwortete nnerschrcekcn; „Wenn mein seliger Herr lebte, so würde Euer Gnaden gar nicht hier herein gekommen sein!" — Sie ward mehrere Jahre gefangen gehalten. — Beider Sohn war der edle, ritterliche Johann Renting, der in der ersten Blüthe seiner Jahre als der wnrd'gc Soh» seines treuen Vater« fiel. Er war, ein 20jährigcr Jüngling, in Geschäften SigiSmnndS nach Finnland gekommen, nnd ward dort Ntit andern Anhänger» desselben ergriffen und vor Karl gebracht. Dieser fühlte Mitleid mit seiner Jugend nnd bot ihn, Verzeihung an, wenn er in seinen Dienst übergeht, wolle. Aber der Jüngling antwortete; „Ich habe keinen Grund, die Treue zu breche», die ich meinem Könige gelobt habe. Aber dennoch," fügte er hinzu nnd beugte ein Kniee, „bitte ich Ew. sürstlichc Gnaden demüthigst nni Vcrschonnng." — „Warum," fragte Karl, „ehrst Du mich nicht anf beiden Knieen?" — Renting antwortete: „Diese Ehre spare ich für meinen Gott und meinen König auf." — Karl erschrak vor der Größe, welche itt dieser jungen Seele zn liegen schien, und ließ ih» Ntit den Andern hinrichten, „damit er ihn, künftig nicht, wie einst sein Vater cS gethan, schaden mochte;" und der Jüngling starb so mnthig, wie er gelebt haben würde. H, (nach Z. IV.) *) Man sehe die vorige Rote am Ende. Gustaf Adolfs Zcitgmo»ni. 17L der Heimlich, dann auf uusläudischeu Hochschulen. J»i Aller von 20 Jahren zog er als Kornett in den Krieg unter seinem Vetter, Ewerk Horn. Als Gustaf Adolf in den Jahre» 1614 und 15 Theil au diesem Fcldzuge nahm, lernte er KlaS Fleming kennen und schätzen. Er ernannte ihn zu seinem Kammerherrn, gleich nachher zum Rittmeister, und schon 1010 zum Unter-Admiral. Klas FlemingS Thätigkeit, Muth und wichtige Dienste werden künftig öfters erwähnt werden. Karl Karlsson Gyllenhjelm *') war aus seiner Gefangenschaft zurückgekommen und zuerst Ncichsrath, dann nach Göean Gyllenstjcrna's Tode Rcichsadmiral geworden, wo er dann als solcher im Neichsrathe seinen Platz neben Jakob de la Gardie, seinem frühern Kameraden, sowohl in der Gefangenschaft wie im Felde, einnahm. Gyllenhjelm halte aus der ungesunden Gefangenschaft einen kränklichen Körper davon getragen, behielt aber gleichwohl ein fröhliches und freundliches Gemüth, und war dabei in seinem ganzen Wandel das schönste Vorbild von Gottesfurcht und Ehre, so wie von den einfachen Sitten der Vorzeit. Erik Sparre **) hinterließ sieben Söhne. Der älteste, Gustaf, und der vierte, Sigismund, hielten sich in Polen aus; die fünf andern in Schweden, wo zwei von ihnen Freiherren und drei Neichsrälhe wurde»; alle unterrichtete und ausgezeichnete ») Er war ei» »»ächter Seh» Karls IX. Seiner Gefangenschaft ist schon in der Niete über Jakob de la Gardie ermähnt. Sie dancrtc iShü Jahr! De la Gardie ward nach S Jahren ausgewechselt nnd war anch stets müder behandelt worden als Ghllenhjilm, denn Sigismnnd hoffte Karl dnrch die harte Beyandlnng seines Sohnes zn bcnnruhigcn und zu VcrglcichSanerbietnngen zn bewegen; aber er täuschte steh. Nach de la EardieS Abreise ward Gyllenhjelm immer strenger gehalten. Eiserne Kettelt It,»schloffen seine Fülle, sei» Gefängnis; war fcilchk und weder Wind- noch Regendtcht, nnd dennoch ward nie geheizt. Einen Trost nur lies; man ihm: Bücher nnd Schreibzeug, unter crstcrn auch die Bibel. Er ward it, seiner Gefangenschaft ei» gelehrter Mann; oft kamen Jesuiten nnd Mönche nnd wollten ihn bekehren, aber Gyllcnhfclm widerlegte stc siegreich. Auch verfaßte er selbst einige Schriften. Endlich nach II Jahren ward seilt Schicksal milder; Karl IX. war gestorben nnd Sigismnnd haue kein Interesse mehr ihn zurückzuhalten. Die Königin wünschte ihn zu sehen; er ward in seilte» Fesseln zn ihr geführt. Sie ließ ihm dieselben abnehmen, nnd schenkte ihm zwanzig Dukaten nebst einer schwarzen Kleidung, als Trailer für König Karl. Doch ballerte cS noch l'/- Jahr bis er vollkommen frei ward. Ueber Warschau reiste er zurück, wo ihn anch du Prinzessin Anna ( SigiS- »iitndS Schwester) reich beschenkte n»d ihn hochbelobtc über seine Standhaftigkcit it» lutherischen Glauben. — Ghllcnhiclm glich äußerlich seinem Vater nnd besaß anch dessen Muth, Beharrlichkeit und Kraft; doch waren diese Eigenschaften dnrch eilt schönes Gemüth veredelt. H. (nach F. IV. u. V.) ") Ueber ihn sehe man die Einleilnug. L72 Acht und zwanzigstes Capitel. Männer, aber doch lange nicht so wie ihr Vater. Außerdem ward unter diesem Familiennamen noch besonders berühmt Hans Georg Sparre, ein Schwede, aber ans unbekannter Nebenlinie. Er diente einige Zeit als Oberstleutnant im blauen Regimcnte, und ging dann aus unbekannte» Ursachen zum Kaiser über, in dessen Dienst er General der Reiterei ward, als welcher er ost im dreißigjährige» Kriege vorkommt. Unter Karls IX. Regierung war der früher so zahlreiche Stamm der Bjelke ansehnlich zusammen geschmolzen *). Unter den wenigen Ucbriggebliebene» ist nur Herr Sten Swantesson Bjelke als ein Mann von ungewöhnlichen Geistesfähigkeiten zu merken. Er ward oft und mit Vortheil gebraucht. Mancher halte schöne Hoffnungen hinsichtlich seiner gefaßt, und Gustaf -Adolf äußerte: „daß Sten Bjelke der Einzige wäre, welcher einigermaßen Arel Orcustjerna's Stelle ausfüllen könne, wenn dieser unglücklicher Weise sterben möchte.^ Aber Sten Bjelke starb leider selbst in feinen besten Jahren. Unter den Gylleustjerna's war des alten Nils Gyllen- stjerna's "*) jüngrer Sohn, Herr Görau, am bekanntesten. Als Karls IX. getreuer Anhänger war er Ncichs - Admiral geworden; führte aber als solcher nichts Besondres aus. Schätzensweriher ward er durch den redlichen und auf das Wohl deS Reiches bedachte» Rath, dcu er dem jungen Herzog Johann gab, welcher bauptsächlich durch Gylleustjerna's Einfluß alle seine -Ansprüche aus die Krone aufgab. (Mau sehe daS 5te Eap.) Derselbe Torsten Lennartsson, welcher 1öb>8 SigiSmund auS dem Schiffbruch bei Hella rettete , hatte bei seiner Mutter einen erst drei Monate alten Sohn NameuS Lenuarr (Leonharo) *) Man sche die Einleitung. Besonders Türe Bjelke war einer der schönsten, tugendhafteste» und gebildetsten Männer seiner Zeit. H. "1 Dieser schlaue HnchS war erst Eriks Günstling, n»d wuchte steh dann als solcher bei Johann III. eben so fest zu setze», indem er bei Zeiten umgesattelt hatte. Johann ,nachte ihn z>, seinem Kanzler, als welcher er vielen Einfluß ausübte. Er war ein gelehrter und sehr geschickter Mann, und dabei so schlau uud vorsichtig, das; mau bei auskommenden Parthcicn selten sage» konnte, zu welcher er eigentlich gehörte; doch konnte man gcwist seit; ibn Veit» Ende des Kampfes unter der hegenden zu finden. H. (»ach F. IV.) Als SigiSmnnd nach der Schlacht bei S-tangebro heimlich Schweden verliest, litt er ans der Ueberfahrt von Kalmar »ach Danzig bei Hella Schiff- bruch, und war im Begriff von den Wogen verschlungen zu werden als Len- «artsscn ihn mit eigner Lebensgefahr daraus rettete. H. Gustaf Adolfs Zeitgenossen. !73 zurückgelassen. Der Vater lebte achtzehn Jahre in der Landesverweisung. Der Sohn, ein stiller Knabe von leichtem Begriffsvermögen, wuchs bei seiner Großmutter zu Forstena bei Hunne- berg auf, und kam »ach ihrem Tode erst zu Boo Nibbing, später als H-osjunker zu Gustaf Adolf, welcher bald des Jünglings erwachende Anlagen entdeckte. Bei einem vorfallenden Scharmützel schickte der König ihn mit einem mündlichen Befehle an einen Obersten. Torstcnsson ritt nach dem bezeichneten Orte hin, be- merkte aber unter WegeS, daß der Feind seine Stellung geändert hatte, wodurch die vom König besohlue Bewegung schädlich werden mußte. Aus eigner Bewegung änderte er daher seinen Auftrag, und gab in des KönigS Namen dem Obersten diejenigen Befehle, die er selbst bei dieser Gelegenheit für die besten hielt; dann ritt er zurück. Gustaf Adolf rief ihm zu, daß wenn der Feind seine Stellung geändert hätte, er auch gleich mit andern Vorschriften zurück reiten müßte, und gab ihm nun denselben Befehl, welchen der Jüngling schon vorher nach eignem Ermessen ertheilt hatte. Torsteussou bat um Verzeihung und bekannte seine Kühnheit. Gustaf Adolf sah ihn an, und sprach lächelnd: „Du passest besser zum Feldherrn als zum Hvfjuuker!" — Nach sechs Jahren war er auch schon Oberst, nach acht General der Artillerie, und nahm als solcher am deutschen Kriege Theil. Er legte eine so seltne Vereinigung von Genie und Kühnheit, und zugleich auch wieder von Berechnung und Pünktlichkeit an den Tag, daß nur wenige Schweden aus dem Schlachtfelde solche Thaten ausgeführt haben wie Lcnnart TorstenSso»! Gustaf Adolf erkannte früh seinen Werth. Wenn die Ncde auf den Kreis von jungen werdenden Helden siel, der ihn umgab, und Vergleichungen verschiedener Art angestellt wurden, dann sagte der König zuletzt gewöhnlich: „ Mein Lennart wird aber doch noch der Beste unter ihnen Allen werden!" *). ') Wie richtig dies Unheil war, hat die Folgezeit bewiese». — Schon im I4tcn Jahrh, stand das TorstenSsonschc Geschlecht, wcstgothischcr Abkunft, in Schwede» in Ansehen; sein Stammgut war Forstena. Länger als Andre behielten seine Abkömmlinge die Sitte bei, sich nur nach dem Vater und den, Stammgnt zu nennen; (man sehe im 4ten Lap. die 4ic Note). Sie hatte» keinen Familiennamen, sondern wurden in gleichzeitigen Schriften nur das Forstcnageschlccht genannt. Nachdem unser Lcnnart sich als Zcldinarschaik seine» unsterblichen Ruhm erworben hatte, nahmen seine Nachkommen als Familiennamen, den durch ihn so berühmt gewordenen Batcrnamcn Torstcnsson an. — Auch LcnnartS kriegerische Laufbahn wäre beinah durch eine grausame Gefangen, schaff aus immer unterbrochen worden. I» der Schlacht bei Nürnberg iv33 174 Acht und zwanzigste Capitel. Johannes Schröder»-; (der schon als Lehrer Gustaf Adolfs genannte Skytte) nimmt eine ausgezeichnete Stelle in der Geschichte dieser Zeit ein. Dem Gerüchte nach auch ein Sohn Karls IX., erhielt er eine gute Erziehung, ward früh heroorgc- zogen, und erwies sich eben so tüchtig als Gustaf Adolfs Lehrer, wie als Gesandter an mchrern ausländischen Hosen. Er ward unter dem Namen Skytte, welcher von seiner Mutter entnommen war, geadelt, erst in England, dann in Schweden zum Freiherr» erhoben, weiter zum Neichsrath, zum Statthalter über Licsland und zum Kanzler der Hochschule zu Upsala ernannt, sich überall durch Kenntnisse, Geschicklichkeit und Pflichteifer auszeichnend. Bei Gustaf Adolf, seinem frühern Schüler, behielt er immer großen Einfluß "). ward er gefangen, und zu Jngolstadt in ei» kaltes nnd feuchtes Gefängniß geworfen, dessen Mauern ganz mit Salpeter überzogen waren. Der lang« Aufenthalt darin (bis Ende zz) zerstörte seine Gesundheit anf immer; nie ward er oo» Gicht wieder frei. Aber nncrachtct seiner Kränklichkeit, die ih» oft zwang das Bett zn Huten, zeichnete er als Feldherr steh gerade dnrch eine solche Schnelligkeit in seinen kriegerischen Bewegungen aus, daß man ihn um dieser Eigenschaft willen den Blitz nannte. — TorstenSson war von einer sanften und fröhlichen Sinnesart, nnd liebte einen guten Tisch nnd ein gutes Glas Wein, doch beides mit Maaß. Härte und Rachsucht waren seiner Seele fremd, und die Heiterkeit womit er seine steten körperlichen Leiden ertrug, wahrhaft bewunderungswürdig. Nach Ioh. Bauers Tode ward ihn, die oberste Leitung deS KriegcS übertragen, IV4I, nnd derselbe naht» unter ihm einen mildern Charakter an. Er sah steh zwar auch zu schweren Brandschatznngen gezwungen; aber er verbot nnd bestrafte das Plündern. Daher und weil er seiner Kränklichkeit wegen auch nicht so recht das Feldlebcn mitmachen konnte, war er bei den unter Bauer verwilderte» Soldaten nicht besonders beliebt. Er wußte aber eine vortreffliche Ordnung im Heer nnd im Lager zn erhalten, worin ihn, später Karl H. nnd Türennc folgte», welche beide bekannten, daß stc von TorstenSson, der erstere Alles, der letztere Viel gelernt hätten. Die Schußwaffe war seine vornehmste Stärke, und in seiner Hand besonders wirksam; der Feind schätzte ihn allein daher gleich IN on» Mann! Seine immer mehr zunehmende Kränklichkeit zwang ihn schon it>4t> so dringend auf seine schon oft abgewiesene Bitte um Entlassung zn bestehen, daß stc ihm endlich gewährt werde» mußte. Bei seiner Rückkehr ward er von der saugen Königin mit Ehrenbezeugungen überhäuft, und dnrch ihren Besuch erfreut, als Krankheit ihn verhinderte, ihr seine Aufwartung zn machen. TorstenSson war auch durch Rechnchaffcnheit, klncigcnnützjgkeit und Gottesfurcht ein höchst achtnngswürdiger Mensch. — Sein Nachfolger beim Heer war Karl Gustaf Wrangcl, Herrniann WrangelS Sohn, ebenfalls ein großer Feldherr, doch kein liebenswürdiger Mensch. H. (nach Z. VIII.) ') Indessen sagt Frhrcl selbst in, VIII.Thlc. f. Geschichte, daß der König später weniger zufrieden mit ihm als Geschäftsmann gewesen wäre, und ihm manchmal Vorwürfe über Langsamkeit, über leere Ausflüchte tt. s. w< gemacht, und Skytte auch über die lästigen Geschäfte geklagt habe, daß sie ihm die nöthige GeisicSrnhc zn seinen Studien raubten u. s. w. Gewiß ist, daß er sich seinen Hanptrnhm als Gelehrter, als Beschützer der Wissenschaften, als Wohl- thäter Derjenigen die sie trieben und als Kanzler der Hochschule z» Upsala erwarb, H. Gustaf Adolfs Zeitgenossen. 175 Dieser Johann Skytte war übrigens ein Mann, der anch auf die Zukunft Schwedens einen großen Einfluß ausübte. Er wird gewöhnlich als der Anführer und erste Stifter jener Parthei angegeben, welche seitdem unter dem Namen der Skyttianischen Ligne an der Verminderung der Macht des schwedischen Adels arbeitete. In Ansehung der Nichtnng, welche Skytte an jener Statt dem Staate geben wollte, finden sich verschiedene Angaben. Einige behaupten, daß er, durch die Griechen und Nömer für die Freistaaten eingenommen, Schweden für die Einführung der Vollsgewalt hätte vorbereiten wollen; andre wieder, und dies mit mehr Grund, daß er zwar den Adel habe stürzen wollen, aber nur um durch dessen Fall die Königsmacht noch höher zu heben. Jetzt »och entscheiden zu wollen, welche von diesen Ansichten die richtige ist, möchte wohl unmöglich sein, besonders bej einem so tief denkenden und vorsichtigen Manne wie Johann Skytte. Indessen ist es ausgemacht, daß er mit dem ganzen schwedischen Adel in einem heimlichen Streite lag, der sowohl durch die vom Vater, Karl IX., übernommene» Grundsätze, wie durch die zwischen ererbter und erworbener Würde gewöhnlich statt findenden Verhältnisse von Mißgunst und Mißtrauen veranlaßt ward. Was aber hierbei Skytte weniger zur Ehre gereicht, ist, daß diese seine feindliche Gemüthsvcrfassung sich auch gegen den gewiß großen Aristokraten, aber doch noch größer» VaterlandSfrcund, Arel Orenstjerna richtete, welcher, wie eS scheint nicht ohne Grund, klagte, daß Skytte auch seinen wohlgemeintesten Unternehmungen entgegen arbeite. — Man erzählt in Hinsicht aus diese Verhältnisse folgende Begebenheit. Jakob de la Gardie, Johann Skytte, Erlaub Bäat und Karl Gyllenhjelm standen eines Tages in einem Gespräch über die zuletzt verfloßncn Zeiten begriffen. Skytte rühmte Erik XIV. als einen der aufgeweckteste», gelehrtesten und geist reichsten K öp fe sc i n er Z e i t. — „Ja," fiel de la Gardie ei», „aber fügt auch hinzu einer der tollsten; zudem war er ein Tyrann, welchen Spitzbuben und Lumpenkerle in ihren Händen hatten." — „Aber," sagte Skytte, „wenn König Erik den Rath befolgt hätte, welche jene Lumpen- kerle ihm gaben, so würde Herzog Johann ihm niemals die Krone vom Haupte genommen haben!"— „Ja, ja, antwortete de la Gardie, „immer haben Lumpenkerle es mit solchen Könige» 176 Neun und zwanzigstes Capitel. gehalten!" — Skytte wollte antworten, aber eS gelang Gyl- lenhjelin und Väat sie von weiter», Wortwechsel abzuhalten. — So fand sich auch zu Gustaf Adolfs Zeit die zwischen dem höher» und niedrigern Stande gewöhnliche Mißgunst und Bitterkeit vor, aber des KönigS gerechte und strenge Regierung nahm beiden Parthcicn Veranlassung und Lust gegen einander loszubrechen, und sie sahen sich statt dessen gezwungen, gemeinsam für das Wohl des gemeinsamen Vaterlandes zn arbeiten. Renn und z w a n z i g st e s Capitel. Gustaf Adolf und der Adel. Mancher vermuthete, daß dcS Adels Unzufriedenheit mit Karl IX. dessen Sohn von, Throne ausschließen würde. Dies war aber doch nicht der Fall. Man beschloß Gustaf Avolf anzuerkennen, theils aus Furcht vor Sigismunds Nachrechnungen, theils auch vielleicht in der Hoffnung, unter dem jungen, abhängigen Könige die Einschränkungen wieder abschaffen zu können, welche die vorige Regierung hinsichtlich der Macht deS -Adels eingeführt hatte. So geschah es auch, und kein König auS den, Wasa-Geschlechte, hat so große Privilegien für den Adel unterschreiben müssen wie Gustaf 'Adolf. Und sie blieben nichts weniger als todte Buchstaben, sondern wurden mit der rücksichtslosesten Dreistigkeit benutzt. Die ganze neuere schwedische Geschichte hat kaum ein Beispiel solchen Uebcrmuihcs und Eigennutzes auszuweisen, wie in dem ersten Negierungsjahr Gustaf 'Adolfs Einige aus dem Adel gaben. Stcn LcwenhauptS Aufführung ist schon besprochen. Sticht besser war Moritz Horn. Joachim Bcrndes in Finnland und noch mehr seine Frau, trotzten dem Gesetz und der Obrigkeit rücksichtslos, aber ungestraft; Berndes ward sogar zum Kammerrath befördert. Es war so zu sagen an der Tagesordnung, daß der Adel sich auf seinen Reisen gewaltsam beim Bürgerlichen einguanirte *), und Aehnliches mehr that, wogegen er seine Verpflichtung zum Roßricnst oder Nüstcienst so unveranl- *) Aber nicht »nr Adcliche thaten dies, sondern eS kam nbcrhanpt so ost vor, dass Reisende mit Gewalt Herberge »nd Nahrnng verlangte», das ma» ein eignes Wort siir diesen Misbranch hatte, nehmlich VllM^iUininx, wörtlich: Gcwaltdewirthniig. H. ") Ehemals ninlitc der Adel nnd die, welche sicncrsrcic Güter besahen Gustaf Adolf und der Adel. t/7 wörtlich vernachlässigte, daß im dänischen Kriege oft kaum acht Adcliche beim ganzen Heere gesunden wurden. Des Königs Briefe, Werk vollenden und diesen Stand ganz zermalmen müsse. Nachdem dieS geschehen, könne der König nach eignem Wohlgefallen, und ohne irgend einen Widerspruch fürchten zu müssen, regieren! woneben auch noch die Einkünfte der Krone durch die Einziehung der adelichen Güter ansehnlich vermehrt werden würden." — Aeußerung mit, und wollte seine Meinung darüber wissen. Oren- Rach gegeben, des Königs und des Vaterlandes Feind wäre. Ich will zwar nicht," sagte er, „den verstorbnen König der Ungerechtigkeit beschuldigen, noch weniger die Sache der unter seiner Regierung Hingerichteten Herren vertheidigen. Doch muß man bedenken, daß das Reich sich damals in einer solchen Unordnung und Verwirrung befand, daß es schwierig für einen Jeden zu wissen war, zu Wem er sich eigentlich halten sollte. Es wäre daher eine lobenswerthe Handlung gewesen, so manche der vorzüglichsten Mitglieder des Reiches zu schonen, sofern man sich durch eine mildere Behandlung ihrer Treue hätte versichern können. Außerdem kann es durchaus nicht bewiesen werden, daß König Karl im Sinne gehabt hätte, den vornehmsten Stand des Reiches auszurotten. Solches würde auch undankbar gewesen sein, da es gerade dieser Stand war, welcher dem Geschlechte der Wasa's zuerst die Krone, und dann auch das Erbrecht dazu gab. SchwedenS Könige haben auch gelobt, ihr Volk zu beschützen und zu vertheidigen, nicht eS zu unterdrücken. Es wäre daher ungerecht, «in, ich «ni Ä Befehle und Drohungen wurden verachtet, und gegenseitige Fa- »lilienvcrbindnngen schützten die gesetzlosesten Frevel. Beim Antritte seiner Regierung erhielt der junge König zwei ganz entgegengesetzte Rathschläge hinsichtlich der Behandlung des AdelS. Johann Skytte stellte dringend vor, „daß man Karls IX. Gustaf Adolf dachte über den Vorschlag nach; aber er stimmte zu wenig mit seinem Charakter und seiner DenknngSart übercin. Er wandte sich daher auch an Orenstjerna, theilte ihm Skyttens stjerna antwortete eifrig, „daß derjenige, welcher einen solchen ihrem König zu Pscrde aas eigne Koste» in den Krieg solgeu; diese Stellung eines Reiters zum königliche» Heere, welche zu verschiedenen geilen auch verschieden mcdifieirt erscheint, war die gesetzliche Bedingung siir die Steuersreilieit, wetwe »>c>cr ^lauo genor I 12 178 Neun und zwanzigstes Capitel. die Besitzungen an sich zu reißen, welche der Avel von Schwedens erster Bebauung a» iune gehabt hat, eben so diesen Stand aus einem Reiche zu vertreiben, welches dessen Vorfahren in so manchen Jahrhunderten mit ihrem Blute vertheioigt haben. Ferner muß man sich erinnern, daß König und Reich nicht ohne den Arel sein können; denn auS diesem Stande gehen geistvolle Männer hervor, tüchtig zu des 'Reiches höchsten Aemter», so im Frieden wie im Kriege. Die Ursache davon ist, daß seine Söhne von Kindheit an dazu angehalten werden, durch Lugend, Klugheit und Muth sich der Ehre ihrer Vorfahren und ihrer eignen an- gebornen Vorzüge würdig zu erweisen. Ein solcher edler Wetteifer wird selten in der Seele des großen Hausens verspürt, welcher mehrenthcils nichts Andres bezweckt, als sich zu ernähren und Reichthümer zu sammeln, wo die Gelegenheit dazu sich darbietet; eben so sieht mau selten, daß irgend ein Bürger- oder Bauern- sohu sich zu einer hohen Stellung emporschwänge, und geschieht es einmal, so bemerkt man leicht, daß solche Mensche» sich doch nicht recht darin zu finden wissen, sondern immer in ihrem 'Reden und Wesen einige Ucberbleibsel ihrer frühern Niedrigkeit behalte». Endlich, wofern der König den Ade! vertheioigt, wird er von demselben hinwiederum geehrt, geliebt und treu bedient werden; der entgegengesetzte Fall aber eröffnet einen 'Abgrund von Mißtraue» und Unruhe." — Orenstjerna's Rath stimmte in mancher Hinsicht mit Gustaf Adolfs eigner Denkuugsart überci», welcher auch den leisesten Schatten von Grausamkeit und Ungerechtigkeit verabscheute, und eher jeden andern Ausweg suchte als einen solcher Art. Der Adel war auch zu jener Zeit wirklich beinah allein im Besitze der Kenntnisse und der Erziehung, welche geschickt zum Staatsdienste machten, und schwierig, wenn nicht unmöglich war es außer demselben taugliche Männer zu den Geschäften zu finden. Göran Pcrsson, Olof Swerkersson und Erik Lege!, ei» jeder mit seinem 'Anhange, hatten auch freilich wenig Vertrauen zu Emporkömmlingen aus den unadelichen Ständen eingeflößt *'). Außerdem von Natur Allem gewogen, was groß und glänzend war, liebte Gustaf Adolf den Arel mit seiner feinern Bildung, seinen ehrenvollen '1 Ueber Göran PcrSsc» sehe man die Einleitung; Erik war dessen Lehn und Karls IX. Giinfiliug; 2las LwcrkcrSscn, wie ich glaube, Sigismuuds. H. Erinnerungen, und fühlte mehr Beruf an der Spitze dieses Standes Lorbeeren und Länder zu erobern, als im Kampfe mit demselben Strafen und Einschränkungen nebst den damit verbundenen unangenehmen Auftritten zu veranlassen. Diese Gründe bewogen Gustaf Adolf Orenstjerna'S Rath zu befolgen. Eine Menge von Karl IX. des Landes verwiesene Edelleute erhielten die Erlaubniß, ins Vaterland zurückzukehren, und Einige sogar die durch ihre Vater verwirkten Güter zurück. Der Adel hielt mit Macht auf seine Privilegien, unerachtet er di» Ausübung seiner Verpflichtungen oft bedeutend versäumte. Gustaf Adolf sah oder schien anfangs die Unrechtmäßigkeiten nicht zu sehen, deren der Adel sich schuldig machte, vielleicht weil er sich noch zu schwach fühlte dieselben zu verhindern. Allmählig änderte sich aber dies Verhältniß. Des Königs immer mehr wachsendes Ansehen und des Volkes zunehmende Liebe, gab ihm selbst eine größere Zuversicht und dem Adel eine heilsame Furcht. Von Jahr zu Jahr zeigte sich im Benehmen des Königs eine immer mehr zunehmende Kraft und Sicherheit, und die Klagen über des Adels Uebermuth wurden im selben Verhältnisse immer seltner. Diese letztere Veränderung ward nicht durch irgend eine Beschränkung der Privilegien bewirkt, noch weniger durch häufige und strenge Bestrafungen, sondern mehr durch den neuen Geist, welchen Gustaf Adolf diesem Stande einzuflößen wußte. Er umgab sich mit den ausgezeichnetsten Mitgliedern einer jeden Familie. Im Rathe saßen Magnus Brahe, Jakob de la Gardie, Ar. Orenstjerna u. m. a. Zu seiner persönlichen Umgebung, im Frieden wie im Kriege, wählte er, zuerst Ar. Orenstjerna, weiter Per und Nils Brahe, Per, Johann und Arel Bauer, Gustaf, Henrik und Klag Horn, Lennart Torstensson, Klas Fleming u. m. a. Selbst durch sein» persönlichen Eigenschaften wie durch seine Geburt der Größte unter den Großen, brauchte er nicht zu befürchten durch diese glänzende Umgebung überstrahlt zu werden; immer und von Allen ward der König in ihm erkannt, auch wenn die Krone nicht sein Haupt schmückte. Diesen Kreis alles dessen, was das Vaterland EdleS und Großes besaß, belebte er mit seinem eignen Geiste. Selbstaufopferung, Tapferkeit, Liebe für Vaterland und Gesetzlichkeit, Gottesfurcht und Sittlichkeit sprachen aus jedem Worte, jeder Handlung des Königs. Die Andern folgten dem Beispiele aus IS Neun und zwanzigstes Capitel. 180 Liebe zu ihrem königliche» Freunde und zu seinen Tugenden; und so entstand ein edler Wetteifer in Hinsicht auf Kenntnisse, Mutk> und Vaterlandsliebe. Vom Hofe aus verbreitete sich diese Denkungs- art anch weiter durch die übrigen Orte des Landes, und bildete bald einen Adel der nicht nur der Geburt, sondern auch dem Geiste nach edel genannt zu werden verdiente. Der Eigennutz ring an sich zu schämen und zu verbergen; der prahlerische Hoch» muth gegen die unadelichcn Stände, und das gewaltsame Berauben der wehrlose» Bauern erröthete vor einem verächtlichen Blicke Gustaf Adolfs und seiner Freunde. Um ausgezeichnete Mitglieder dieses Standes zu belohnen, pflegte Gustaf Adolf ihnen bisweilen sehr ausgedehnte Besitzungen zu schenken; doch immer nahe an der Grenze gelegen. Er wollte dadurch den Adel um so eifriger in der Vertheidigung des neu Eroberten machen. „Ich verflechte ihren Vortheil mit dem dcS Vaterlandes," sagte er. Denselben Grundsatz beobachtete auch die folgende Regierung. So erhielt Arel Orenstjerna Wenden, Gustaf Horn Marienburg, beide in Liefland gelegen; Johann Bauers und Karl Gustaf Wrangels Grafschaften Sordewalla und Salmis lagen am nördlichen Strande des Ladoga, die Flemingsche Freihcrrschaft Licbelitz im östlichen Finnland, u. s. w. UebrigenS war Gustaf Adolf weil davon entfernt, zur Besetzung der Aemter sich nur ausschließlich des Adels zu bedienen. Ein brauchbarer Mann ward herbeigezogen und benutzt, wo er sich anch fand. Der unadelich geborne Johann Stylte ward zum Neichsrathe erhoben, ein früher sehr seltner Fall; anch Calvins, Fegranus, Nicodcmi u. m. a. Bürgerliche wurden oft in den wichtigsten Staatsangelegenheiten benutzt. Auch war es unter dieser Regierung, wo ein in geistiger Hinsicht gleichmäßigeres Verhältniß zwischen dem Arel und den übrigen Ständen vorbereitet ward; obgleich es noch nicht in äußern Wirkungen sichtbar hervorzutreten vermochte. Bisher hatte nur der höhere Adel und einige wenige vcm Glück ungewöhnlich begünstigte Bürgerliche Gelegenheit gehabt, ihren Söhnen einen vollkommen angemeßne» Unterricht geben zu lassen. Die jungen Edelleute standen durch Liese ihre bessere Erziehung unvergleichlich hoch über den andern Ständen da, nicht mehr nur durch Geburt, Reichthum und Um- gangssikte, sondern auch durch Kenntnisse und innere Bildung, und waren solchergestalt gleichsam von selbst zn den höher» und wichtigern Geschäften berechtigt, weil sie am meisten dazu befähigt waren. Ihre untergeordnete Stellung ward den bürgerlichen Ständen durch das Gefühl ihres wirklichen Tiefcrstchens gewissermaßen erleichtert. Anders ward das Verhältniß später. 3n denen von Gustaf Adolf errichteten Gymnasien erhielten in jeder größer» Stadt des Landes Hunderte von armen unadelichen Jünglingen eine treffliche Erziehung und ausgebreitete Kenntnisse, so daß sie oft ihre Altersgenossen auS der Ritterschaft erreichten, nicht selten übertrafen. Das Gefühl der Gleichheit an innen» Werthe erzeugte das Verlangen nach Gleichheit in äußern Vorzügen ; nnv eS ward nun den Unadelichen schwer, auf einer niedrigern Stelle zurück zu bleiben und eine höhere, sowohl wichtigere wie einträglichere, dem bisweilen minder unterrichteten und geschickten Edelmann überlassen zu sehen. Erst in der Zeit der Königin Ehristina, fingen die äußern Wirkungen dieser inner» Veränderungen an sich zu offenbaren. Wir wenden uns zu Gustaf Adolf und seinen Zeitgenosse» zurück. Auf die schon entwickelte Weise, und in Folge seiner persönlichen Ueberlcgenheit, stieg des KönigS Macht allmählig uu- verglcichlich höher als die bestehende Verfassung eigentlich zugestand. Im Jahr 1617 bei der Krönung verlangten Einige aus der Ritterschaft, „daß ein angeklagter Edelmann nicht gefänglich eingezogen werden, sondern freies Geleit genießen sollte, bis er überwiesen worden wäre." — Aber Gustaf 'Adolf antwortete bestimmt: „daß auf solche Weise des Gesetzes Kraft zerstört und llebermuth und Ungerechtigkeit befördert werden würden. Er könne unmöglich aus der einen Seite solche Freiheiten versprechen, und auf der andern das Recht und die Gesetze aufrecht erhalten, was gleichwohl der vornehmste Punkt im Königseide wäre." — Der Adel schwieg von da an über diesen Gegenstano. Gustaf Adolfs Einfluß ward endlich so groß, daß kaum irgend ein unumschränkter König eitlen größer» besaß. Beinah alle, wenigstens gewiß alle wichtigen Geschäfte wurden von ihm allein geleitet. Der Rath hatte manches Mal nichts Andres zn thun, als zu seinem Zeitvertreibe die holländischen Zeitungen zu lese». Besonders merkwürdig in dieser Hinsicht ist ein zwischen dem Könige un» den Rathsherrcn am Schlüsse des Jahres 1636 vor- 182 Neun und zwanzigste» (äapilel. gefallncr Zwist. Um so viel wie möglich sich die Mittel zur Ausführung deS Krieges zu verschossen, hatte der König den Rath schriftlich ermähnt, so eilig wie möglich für das Eintreiben sowohl der vom vorigen Jahre noch rückständigen Steuern, wie auch der zugestandenen Bewilligungen, z. B. besonders ausgeschriebener Beiträge, Viehsteuern u. s. w. zu sorgen. Der Rath antwortete durch allerhand Entschuldigungen, „wie ein allgemeiner Mißwachs die Bauern außer Stande setze jene Beiträge zu erlegen; und wie auch dem Adel, der Geistlichkeit und den Bürgern die Mittel fehlten irgend eine bedeutende Unterstützung zu leisten u. s. w. Sie bäten daher, daß es ihnen nicht in Ungnade aufgenommen werden möchte, daß sie ihrer königliche» Majestät Willen und Begehren nicht nachkommen könnten. Sie hätten freilich gewünscht, unter des KriegeS Ungemach und Beschwerden ihre Majestät durch angenehmere Nachrichten zu erfreuen, anstatt dieselbe mit neuen Klagen noch weiter zu betrüben; aber in Betracht ihrer Amtspflicht hätten sie diesen Schritt nicht unterlassen können." — Der König »ahm dies- Schreiben sehr übel auf. „Ich hatte erwartet," antwortete er, „daß Ihr, gute Herren, Euch mit aller Willigkeit befleißigen würdet, mir die Bürde, welche ich hier in Feindesland unter Gefahren und Arbeiten zu tragen habe, zu erleichtern; auf daß nicht diese bis hierhin wohl ausgeführte Sache verunglücken und der Krleg sich nach Schweden zurückwälzen möchte, zu unser Aller Verderben. Aber Ihr, gute Herren, seid nur darauf bedacht gewesen, Entschuldigungen aufzufinden um damit Euren Brief auszufüllen, nicht Mittel um des Reiches Bedürfnisse zu befriedigen. Ihr redet vom diesjährigen Gctrciocwuchs, daß eben so viel Schwingel als Roggen gekommen ist; so mögt Ihr, gute Herren, nur Gott danken, für die Saat, die denn doch noch zurück geblieben ist, und ihn bitten, daß Euer Vaterland nimmer einen schlimmern Mißwachs erfahre! Ihr schreibt auch über die hohen Getreidepreife; sie kommen zufällig daher, daß diejenigen, welche Getreide haben, durch andrer Leute Schaden reich werden wollen," u. s. w. „Wir haben jetzt sechs und neunzig tausend Mann aus allerlei Volk und Sprache zusammen, und könnten daher wohl mir allem Grunde und »»erachtet Eurer angeführten Entichuldiguugen, die einmal bewilligten Steuern eintreiben. Toeb lieben wir inner Vaterland und dessen Einwohner so sehr, daß Gustaf Adolf und der Adel. 183 wir versuchen wollen, ob wir diese Steuern entbehren, »nd mit andern Mitteln für die Befreiung unsrer unterdrückten Glaubens- verwandten so wie für unsres Vaterlandes und unsrer Nachkommen Sicherheit und Nutzen arbeite» können. Auf solche Weise werden wir sogar den ungerechten und böswilligen Menschen jede Gelegenheit uns zu vcrlänmden benehmen. Auch wird unser Verlust nicht so groß sein, dieweil die Steuern, welche uns und dein Kriegsvolke zufließen sollte», zum großen Theil in den Taschen gewissenloser Vorsteher zurückbleiben, welche sich mit dem Schweiß und Blut deS Volkes bereichern." — Der Nath beeilte sich, ,, seinen Kummer über des KöuigS ungnädigen Bries, seinen Eifer Sr. Majestät treuen Beistand zu leisten, und seine unterthänige Bitte auszudrücken, Las, was sie aus Unverstand gefehlt, aus wniglicher Gnade zu entschuldigen u. s. w." Zugleich hielten sie bei Arel Orenstjerna um Vermittelung an. Dieser, damals sich in Preußen aushaltend, antwortete Folgendes: „Ich bin viel zu geringe, um Euren Brief zu kritisiern, noch weniger Sr. königliche» Majestät Antwort; aber wenn ich als Freund und Amts- bruder frei und ohne Euren Zorn zu erregen meine Meinung darüber sagen darf, so muß ich wohl bekennen, daß alle durch Euch angeführte Schwierigkeiten vollkommen gegründet sind. Sie hätten auch nicht verschwiegen werden müssen, wenn es unS noch freistünde, den Krieg anzufangen oder nicht. Aber jetzt, nachdem das Feuer einmal ansgebrcchcn ist, muß es auch, koste es was es wolle, wieder gelöscht werden; sofern man sich nicht unthätig hinstellen und zusehe» will, wie Alles zusammen verbrennt. Man soll daher jene Schwierigkeiten freilich wohl unter sich in Erwägung ziehen, sie auch bei Zeit und Gelegenheit darstellen; aber gleichwohl »och mehr sich damit beschäftigen Heilmittel dagegen auS- zudenken. Ihr habt keinen Umstand angeführt, wovon ich nicht glaubte, daß der König ihn eben so gut kannte wie wir, obgleich er sich jetzt stellt als wäre dies nicht der Fall; so wie wir selbst, um so recht unsern Beruf zu erfüllen, in den Augen anderer Milunterthan'en die Schwierigkeiten, gegen unsre beßre Ueberzeugung , geringer darstellen würden. Wir haben gewiß Alle vermöge dieser 'Auslagen und Kriegssteuern in einen sauren Apfel zu beiße»; aber cS kann nicht durch weniger abgemacht werde», besonders wenn man an das große Kriegsherr und die vielen groß- 184 Neun und zwanzigste Capitel. thuenden Officicre denkt, die seine Majestät unterhalten muß. Eure Meinung war gewiß gut; aber wenn ich frei meine Gedanken sagen darf, so hat es Euch in dieser Angelegenheit an einem guten Verfasser Eurer Vorstellung gefehlt. DaS Gelingen einer Sache hängt oft weniger von ihrem Inhalte ab, als von der Art wie sie dargestellt wird, und Ika^u», uuies suu iiulurn tenornv s»nl *); unter so schwierigen Umständen wie die jetzigen, könnten auch weniger empfindliche dadurch verletzt werden, sofern die Schreibart nicht so ist, wie sie sich zwischen dem Herrn und dem Diener am besten schickt." — Inzwischen hatte dieser Auftritt die Folge, daß Gustaf Adolf, mit Vorbeigehen des Rathes, die Oberaufsicht und Verwaltung aller Kammergeschäfle seinem Schwager, Johann Kasimir anvertraute, und der König wie das gleich hatten alle Ursache mit dieser Wahl zufrieden zu sein. Die Kriegssteueru konnten aber doch nicht, wie der König vorgehabt hatte, erlassen werden; die Kriegsbedürfnisse zwangen ihn hingegen sie unverkürzt einzutreiben. Da Gustaf Adolf es wagte, einen solchen Schritt gegen Personen von so hohem Ansehen, wie die damaligen Rathshcrrcn, zu thun, so kaun mau danach leicht urtheilen, mit welchem Ernste er die klebrige» in Schranke» zu halten wußte. Im Allgemeinen war er empfindlich in Allem was sein Ansehen betraf: „Ich muß sorgen, daß meine Stellung heilig gehalten werde," sagte er, „nnd Niedre wie Hohe guüi iuiis lehren." — Einige angestellte Jünglinge finge» selbstklng an, die Handlungen der Regierung zu Hofmeistern, nach gewohnter Weise nicht ohne bittern Tadel. Man berichtete es dem Könige. „So lange sie sich mit dem Knurren begnügen," sagte er, „mögen sie laufen, aber fangen sie an zu laut zu belle»; so schlag' ich ihnen anfS Maul." — Ein paarmal schlug er auch wirklich zu, und das so kräftig, daß es seitdem stille blieb; selbst das Knurren verstummte. Doch muß auch zugestanden werden, daß wirklich keine Veranlassung dazu gegeben wurde, wenigstens nicht für den richtig urtheilenden Kritiker. Gleich seinem Vater und Großvater führte Gustaf Adolf selbst das Steuer des Staatsschisses, es niemals Andern überlassend, am wenigsten den ewig wechselnden Windstößen des ) ?tl Kipngc find neu Name empfindlich, Gustaf Adolf und die Geistlichen 185 VolkSwillcnS. Er war aber doch in inaiichcr Hinsicht ein Mann dcö Volkes. Auf dessen 'Aufklärung und Veredlung zielten seine Verbesserungen in der Verwaltung und im Unterrichtswesen, so wie seine ganze Regierung, hin, und für dessen Freiheit und Aufklärung brachte er seine Ruhe und sein Leben zum Opfer. Zu der Volksgewalt hingegen, zu der großen Menge Vermögen die Angelegenheiten deS Staates aufzufassen und zn beurtheilen, hatte er wenig Vertrauen. „Der große Haufen," sagte er, „hat von solchen Sachen weder Kenntniß, noch Erfahrung, noch Verstand." — Wenn man von der Bewunderung des Volkes für seine Person sprach, antwortete er: „So sind die Menschen! ohne Maß in ihren Urtheilen. Endwcder ist man bei ihnen schneeweiß oder kohlschwarz; ein Engel oder ein Teufel; niemals ein Mensch mit dessen Schwächen, aber auch mit dessen Verdiensten!" Dreißigstes Capitel. Gustaf Adolf und die Geistlichen. Gnstaf Adolf, selbst von wahrer und inniger Gottesfurcht durchdrungen, ließ es sich auch sehr angelegen sein, seinem Volke dieselben Gefühle einzuprägen. Ordnung und Kirchenzucht wurden aus das Ernstlichste befördert. Verachtung und Leichtsinn in dieser Hinsicht so wie Unehrerbietung gegen den Gottesdienst und waS dahin gehört, ward streng bestraft, zuweilen mit Laudesoerweisung, manchmal mit dem Tode. Er ließ sich das Ansehen der Geistlichkeit angelegen sein; „sie sollen," sagte er, „wirkliche Volkstribunen sein," da sie selbst am besten die Umstände des gemeinen Mannes kennen, und durch Lehre und Leben denselben zu allem Gute» und Nützlichen leiten. Unwürdige Geistliche wurden ohne Umstände abgesetzt; die Würde der Gemeinde und die Beförderung der Gottesfurcht ward für wichtiger angesehen, als deö Verbrechers Frau und Kinder. Um diese Angelegenheit schneller handhaben zu können, beabsichtigte der König in Stockholm ein allgemeines Eonsistorium für das ganze gleich einzurichten; aber die Cache ging nicht in Erfüllung. Gustaf Wasa's Bibelauflage war schon lange vorher ausgegangen , und jetzt sehr selten geworden. Gustaf Adolf ließ sie durchsehe» und verbessern, worauf 1618 eine neue Auflage er- 180 Ein und dreißigste Capitel. schien, prachtvoller als irgend ein bisher im Vaterlande herausgegebenes Buch. Die Unruhen, welche Johann und Karl durch vorgenommene Glaubensveränderungcn verursacht hatten, dienten Gustaf Adolf zur Warnung. Er hielt sich unerschütterlich an das evangelisch« Glaubensbekenntnis!. Einige Ausländer schlugen eine Verschmelzung der Lehren Luthers und Ealvins vor, und selbst der theologische Arel Qrenstjerna horte nicht ungern davon rede». Der König hingegen wies die Sache ruhig aber bestimmt ab, und sanvte die Urheber derselben aus dem Lande; in Schweden sollte ein Glaube, eine Hoffnung und ein Bekenntnis; sei». Einige Jesuiten, die steh cingcschlichen, wurden wieder weggejagt, und Drei Schwede», welche die katholische Religion angenommen hatten und nicht wieder abschwören wollten, wurden nach dem Buchstaben des Gesetzes vcrurtheilt und hingerichtet. Für sich selbst war der König weit erhaben über eine beschränkte Unduldsamkeit. Er liebte zwar den lutherischen Glauben mit warmem Eifer, und die Katholiken waren seine Feinde im Felde und im Rathe; aber besiegt harten sie sich seiner Nachsicht und Milde zu erfreuen. Die Jesuiten waren die Einzigen, mit denen er sich nie versöhnen konnte. Ein und dreißigstes Capitel. Gustaf Adolf und das Unterrichtswcsen. Gustaf Adolf beförderte auf alle Weise die Wissenschaften und den Unterricht, und das in allen Klassen seiner Unterthanen. Beim Aniritte seiner Regierung waren die höher» Lehranstalten zu Upsala zu Schulen herabgesnnkcn, die Schulen noch tiefer. Zu Beamten wurden wohl »och manche brauchbare Männer gefunden, zu Geistlichen wenige, zu andern Bcrnfsgeschästen gar keine. Die Professoren entehrten sich selbst und ihre Beschäftigung durch gegenseitige Uneinigkeit und Streitigkeiten, die unter ihnen selbst mit groben Schimpfworten, unter ihren verschiedenen Anhängern aus der Jugend mit Stock und Faust geführt wurden. „Wenn wir nicht a»S eigner Erfahrung wüßten," schrieb der König, „welchen Gewinn und 'Nutzen Künste und Wissenschaften mit sich führen, so würden wir wenig Ursache haben, uns um Eure Hochschule zu bemühen -> noch weniger Euch in unsre besondre Gunst uns Gnade zu schließen; Ihr, die Ihr gar nicht mehr beachtet, was Eucr Beruf uns -Amt von Euch sodert." — Er machte hieraus mit strengem Ernste dem Unwesen ein Ende. Unruhige oder nn- taugliche Professoren wurden theils abgesetzt, theils gehörig gezüchtigt, theils zu Passendern Geschäfte» versetzt, und die Jugend tu heilsamer Zucht erhalten. Die Anzahl der Lehrer und die Eintheilung der -Arbeiten ward näher bestimmt. Den Professoren wurden hinlängliche Gehälter ausgesetzt, ärmer» Studenten öffentliche Unterstützungen und der ganzen Universität bedeutende Privilegien ertheilt, und zugleich das nach Gustaf Adolf benannte Universitätsgebäude erbaut. Die Bibliothek ward durch die ererbten Bücher des Königs und durch die alten Klostcrsammlungen zu Wadstena, Sigtuna, Gräniunkholm gegründet, und durch mehrere, den Jesuiten in Preußen und Deutschland abgenommene Büchersammlnttgeu vermehrt, und zur Verbreitung der höher» Bildung nach entlegnem Orten eine Hochschule zu Dorpat errichtet. Gustaf AvolfS Liebe zu den Wissenschaften bewog ihn zu »och größer» und persönlicheren Aufopferungen. Von seinen Vorfahren hatte er eine Menge Güter geerbt, die von 'Alters her dem Wasa - Geschlechte zugehört hatten, oder bei Einführung der Reformation demselben zugesprochen worden waren. Sie bestanden zusammen auS 313 ganzen Hcmman *'), vier Mühle» und verschiedenen kleinern Besitzungen, und wurden mit einem gemeinsamen Name» die G ustav ia n i sch en Erbgüter genannt; sie waren des KönigS Privateigenthnm "") und ganz und gar von den Besitzungen der Krone getrennt. Im Jahr 1024 schenkte Gustaf Adolf sie allesamt»! der Universität zu Upsala zum ewigen Eigenthum , sich selbst zur ewigen Ehre. Das Beispiel wirkte. Mehrere unter den Großen des Reiches machten Verfügungen znm Besten des Unterrichtswesens; Johann Skytte errichtete auf eigne Kosten den nach ihm benannten Lehrstuhl; Gyllenhjelm bestimmte ein Gewisses zum Unterhalte armer Studenten, und selbst die vcr- wiitwete Königin Ehristina ward vermocht, zu demselben Endzwecke -) Das schwedische Wort H c m m a » hat verschiedene Bedeutungen ; hier heißt es: so viel Acker, als ein Bauer gut bedaucn konnte. s.r. "1 Als bei Einführung der Reformation unzählige Besitzungen der Kloster und Kirche» den, Adel zufielen, erhielt der, kürzlich znm König- erwählte Gustaf Waia als einet,, der ersten Adels . Geschlechter Lchwcdeus entsprossen, gleichfalls seinen Theil davon. H. 188 Ein und dreißigstes Capitel. Geld herzugeben. Als Wachter und Erhalter dieses seines Werkes setzte der König Johann Stylte zum Kanzler der Universität ein, in welcher Wurde demselben Arel Orenstjerna folgte, beide selbst Gelehrsamkeit besitzend und liebend, und zugleich hinlänglich mit Kraft versehen, um das ganze Werk zu ordnen und in Ordnung zu erhalte». Schwedens niedrigeres UutcrrichtSwcscn erhielt eigentlich erst unter Gustaf Adolf sein Dasein. Die vorher bestehenden Schulen waren beinah unbrauchbar. Gustaf Adolf sah die Nothwendigkeit ein, sie zu verbessern, und es waren, wie man glaubt, der Bischof Johannes Nudbcck und -Arel Orenstjerna, welche zuerst die jetzt bestehenden Gymnasien und Gclehrtenschulen in Borschlag brachten; dergleichen wurden errichtet zu Strengnäs, Linköping, Äbo, Wi- borg und Westeräs. Durch Gustaf Wasa und seine Söhne Verbreiteten sich Wissenschaft und Bildung in die höher» Stände dcS gleiches '"); es war Gustaf Adolf und das von ihm geschaffne höhere und niedere llnterrichtsweseu, wodurch bald die geringeren Beamten und die Mittelklasse aus dem Zustande der geistigen Finsterniß und Unwissenheit, worin sie bisher verweilt hatten, herv orge;ogcn wurden. Gustaf Adolfs Verfahren in dieser Hinsicht, trägt den gemeinsamen Stempel seiner Liebe zu den Wissenschaften, so wie seiner Liebe zu seinem Volke; »um sieht darin deutlich sein Bemühen durch die erster» auf das letztere einzuwirken, und das in einer so großen Ausdehnung wie nur möglich. Dies war zum Theil eine Folge der Richtung des Zeitalters. Die alte scholastische Philosophie hatte sowohl Geist als Ansehen verloren; und ihre Lehrer beschäftigten sich meist nur mit unnützen Spitzfindigkeiten. Schon manche Stimmen hatten sich dagegen erhoben, unter andern auch die des großen Gustaf Wasa; aber demunerachtct dauerte der Mißbrauch fort. Unterdessen stand in Paris ein Lehrer NamenS Raums auf, welcher deutlich die Mangclhaftigkcit der Scholastik an den Tag legte, und dagegen ein Lehrgebäude vertheidigte, welches sowohl leichtfafilicher war, als auch unmittelbarer die Bildung der menschlichen Seele zu Wissenschaft und Tugend zu teincm Endzwecke hatte. Dieser Raums ward von den Katholiken ). Man sehe die Einten,mg. hcsüg angegriffen, und als Ketzer zum Tode verurthcilt; aber seine Lehren verbreiteten sich und gewannen großes Ansehen unter den Protestanten. In Schweden wurden sie von Nie. Vothniensis, Erieus Schinuerus und Erieus Scheppernd zuerst eingeführt, nachher unter den Unruhen wegen der Liturgie unterdrückt, gewannen aber nach Johanns Tod wieder bedeutenden Eingang. In diesen Lehren war zuerst Johann Skytte und später durch ihn Gustaf Adolf auferzoge». Sie stimmten vollkommen mit der eignen Denkungsart dieses Königs, so wie mit dem Protestantismus überein; und Seueea wie Hugo Grotius, seine beiven Lieblingsschriftsteller, hatten im selben Geiste gearbeitet. Klarheit und Anmuth in der Darstellungsweisc, um von einem größer» Publikum begriffen und mit Interesse aufgefaßt zu werden, nebst Reinheit und Erhabenheit des Inhalts, um dadurch heilsam auf eben jenes Publikum einzuwirken, das waren die Anfodcrungen, welche ein König an die Wissenschaften machte, der sie nicht nur in und für sich selbst liebte, sondern auch so weit wie möglich die Wirkungen ihres wohlthätigen Lichtes zu verbreiten wünschte. Im Zusammenhange mit dieser Denkungsart, und zugleich in Folge seiner lebhaften Vaterlandsliebe, drang Gustaf -Adolf sehr eifrig auf den Gebrauch der Muttersprache bei wissenschaftlichen Arbeiten. Selbst ausgezeichnet bewandert in fremden Sprachen, übersah er doch nicht die Vortheile, welche durch Verbesserung der Muttersprache gewonnen werden konnten. „Es ist," schrieb er, „stets einem Reiche zum Ruhme angerechnet worden, wenn die Wissenschaften, welche dem Menschengeschlechte zum Nutzen gereichen , in dessen eigner Sprache vorgetragen worden sind, so daß daS Volk gleich von Jugend an sich darin üben konnte, uns nicht, wie es jetzt geschieht, genöthigt war, die fremden Sprachen zu lernen, »m dadurch erst zum Inhalte selbst zu gelangen, wobei es oft geschieht, daß das Mittel mehr Zeit wegnimmt als der Hauptzweck, die Sprache mehr als die Wissenschaft! Es ist daher unser Wille, daß diejenigen, welche sich mit den Wissenschaften befassen, darauf sehen mögen, daß diese Gegenstände, sowohl jetzt wie künftig, bei der Jugend, so weit es sich thu» läßt, in der Muttersprache abgehandelt werden." ') Siehe die Emleilinig. 190 Zwei und dreisiigsieZ Capitel. Zwei und d r e i si i g st c S Capitel. Gustaf Adolf und die Beamten. Unter Gustaf Adolfs Regierung wurden in der innern Verwaltung des Reiches mehr und tiefer eingreifende Verbesserungen vorgenommen, als man von einem Könige erwarten konnte, dejfen Zeit so bedeutend durch beständige Kriege in Anspruch genommen war. Aber auch während der Feldzüge folgte er mit genauster Aufmerksamkeit allen Regierungsgeschästcn, und Winters war er unermüdlich darin, theils durch Zusammenbcrufung der Stände, theils durch Reisen in die entferntem Gegenden sich von der Lage und den Bedürfnissen des Reiches so wie von den Mitteln letzter» abzuhelfen, zu unterrichten. Gustaf Aoolfs Regierung war auch in dieser Hinsicht eine neue Schöpfung. Die Reichstage waren früher ohne irgend eine bestimmt vor- gescbriebne Ordnung gehalten worden. Zuweilen waren nur der -Adel, die Geistlichkeit und die Bürgerschaft zusammen berufen worden; bei eiligen Geschäften nur der -Rath, die Bischöfe und die Bürgermeister einiger der größer» Städte. -Bisweilen kamen nur wenige oder auch wohl gar keine Abgeordnete aus Finnland; ein andres Mal wurden besondre Zusammenkünfte mit dieser Landschaft gehalten, u. s. w. Ein solches Verhältniß führte natürlicher Weise manche Nngelegenheiten mit sich. Im Jahr l t>34 verfaßte Gustaf Adolf daher eine Reichstag-ordnung, welche allen nachfolgende» zur Grundlage diente. Schwedens erste Negierungssorm vom Fahr 1034 und die in derselben bestimmte Verthcilung der Geschäfte, ward von Gustaf Adolf, wenn auch nicht ausgearbeitet, so doch ihre Bewerkstelligung vorbereitet. Die Verwaltung der Provinzen erhielt einen geordneter» Gang, und der erste Versuch ward gemacht, vermittelst des Reichs - Hauptbuches eine Uebersicht über die Einkünfte und Ausgaben des Landes zu erhalten. An der Verbesserung der gerichtlichen Verfassung ward mit Eifer gearbeitet. Das Stadtgcsetz ward gedruckt herausgegeben, und zugleich verboten ferner, wie früher, nach handschriftlichen Gesetzbüchern zu richten. Die Prozeßordnung ward verbessert; aber das Wichtigste von Allein war die Einsetzung der Hofgcrichle. Die Zeit der Könige war nehmlich bisher »»nöthiger Weise dadurch Gustaf Adolf hebt dm Gowerböfleiß. i;u 7» in Anspruch gcnommc» worden, daß sie die Streitsachen anhören und entscheiden mußten, in welchen von den Untergerichte» her an sie appellirt ward. Erik XIV. hatte freilich um dieser Ursache willen ein höchstes Gericht, das sogenannte „Nämnd des Königs" *) errichtet; aber dies ward von Johann III. wieder aufgehoben, ohne daß etwas Andres an die Stelle gesetzt ward. Gustaf Adolf verordnete daher zwei neue Gerichte unter dem Namen der Hofge- richte, nehmlich 16l4 in Stockholm und 1623 in Abo, welche die letzte Entscheidung geben sollten, sofern appellirt wurde. Diese Einrichtung, anfangs schwankend und unbestimmt, hat seitdem einen festen Bestand gewonnen, und fährt noch jetzt fort eine der Grundlagen in der schwedischen Gesetzgebung zu bilden. Drei und dreißigstes Capitel. Gustaf Adolf hebt den Gcwerbsfleiß. Unter der langen und weisen Regierung Gustaf Wasa's, hatt» der Zustand des Reiches sich bedeutend verbessert. Gedeihen und Wohlstand herrschten unter allen Bewohnern desselben. Silberbecher, -Ringe und blanke Thaler, im Eckschrank verwahrt, bewiesen, daß der Bauer wohl das Beispiel der Sparsamkeit und Ordnung zu befolgen verstand, welches die 'Regierung ihm gab; er hatte sein Eskils-Gemach sowohl wie der König selbst. Aber dies veränderte sich ganz und gar unter den äußern und innern Kriegen der Söhne, wobei sowohl der Krone wie der Unterthanen Vermögen aus dem Reiche wanderte. Gustaf 'Adolf fand beim Antritt seiner Regierung jene wie diese beinah ganz verarmt, und die meisten Nahrungszweige in vollkommnen Verfall gerathen. Man führte aus fremden Häfen Wachs, Honig, Bier, Hanf, Hopfen und eine Menge dergleichen Waaren ein, welche das Land ebensowohl selbst hervorbringen konnte, und so gelangte die klingende Münze noch geschwinder ins Ausland. Gustaf *1 Siehe die Einleitung. ") Gustaf Weise, haue grolle Schatze gesammelt, schein durch die Ein. Ziehung der Kirchen - und Klostcrgütcr, 2 Adolf suchte auf jede Weise diesem Uebelstande abzuhelfen. Er begünstigte uns ermunterte den Nahrungsflciß in allen seinen Zweigen, und auf seinen gleisen suchte er gesprächsweise die Aufmerksamkeit der Einwohner anf verschleime neu crfnndne Mittel zu lenken, durch welche sie mehr Vortheile aus ihren Besitzungen ziehen könnten. Statt des schwedischen Schafts warb das deutsche bei den Banern eingeführt, da des erster» Wolle znr Bereitung von Bekleidungsstücke» unbrauchbar war. Die Viehzucht ward durch Holländer verbessert, die man nach Schweden berief. Der Ackerbau ward ziemlich Vortheilhast betrieben, denn das Reich führte jährlich ungefähr 7000 Lasten Getreide aus; es war aber hauptsächlich der Aoel, welcher die Handhabung desselben verbesserte, wozu er sowohl das Vermögen wie die Einsicht besaß. Zu gleicher Zeit wurde» die Fabriken ermuntert; geschickte Arbeiter und reiche Unternehmer wurden ins Land beruft», und die Namen dc Gecr, Grill, Geiser und de Besche werden aus jenen Zeiten hergeleitet. — Bald verspürte man die Wirkungen solcher heilsamen Bemühungen. Die erste Gewehrfabrik und Papiermühle wurden angelegt, außerdem eine Menge Gärbereien, Brauereien, ebenso Webstühle für Tuch und Seidenzeuge u. s. w. Um diese Waaren vortheilhaft absetzen und außerdem selbst das Frachtgeld verdienen zu können, warb der Handel befördert. Neue Verordnungen wurden erlassen und eine Blenge Gesellschaften entstanden unter dem Namen der Kupfer-, Eiseu-, Holz - Handelskompagnien u. s. w., welche oft sehr stnureich ausgebucht waren, und sowohl den Privatpersonen wie der Krone einen bedeutende» Gewinn abwarfen. Der Handel kam in einen blühender» Zustand als er seit Gnstaf Wasa's Zeit gewesen, und die Einkünfte der Zölle fingen an bedeutend zu werden. An und für sich fühlte Gustaf Adolf aber doch immer ein gewisses Mißtrauen gegen die großen Kaufleute. „Sie haben," sagte er, „ihr Vaterland in ihrem Geldkasten, und tragen es mit sich dahin, woher ihnen der größte Gewinn winkt." Diese viel versprechenden Aussichten waren eigentlich ein» Wirkung von Gustaf Adolfs und seiner Freunde persönlichen Anstrengungen. Die Zeit selbst war nicht sehr günstig für dergleichen Unternehmungen. Der Krieg, mit seinen sielen Federungen an Geld und Meirichen, legte de» verschiedenen Erwerbszwcigcn, die beider bedurften, bedeutende Hindernisse in den Weg. Die Handelsgesellschaften und die Fabriken'gediehen selten zur vollen Reife, indem die Krone sich genöthigt sah, deren Mittel anzugreifen, sobald sie welche gesammelt hatten. Eben so litt der Ackerbau durch hohe, früher nicht gekannte Steuern verschiedener Art. Das Volk sah ein, daß es diesen Anstrengungen nicht entgehen konnte, und daß der König nicht für sich, sondern nur für des Landes Bestes die auf solche Weise verlangten Mittel verwendete. Die Unzufriedenheit richtete sich daher nicht gegen ihn, sondern gegen das Land selbst; mancher Bauernhof blieb unangebaut liegen, und eine Menge Bauern wollten das Land verlassen und ihr Glück unter einer günstigern Sonne versuchen. Einige der schwersten Steuern müssen in der That aus Gustaf Adolfs Zeit hergeleitet werden. In Berücksichtigung der bedrängten Lage des Landes, unterwarf steh das Volk diesen Steuern, aber nur für diese besondre Zeit; dennoch wurden sie unter den folgenden, langwierigen Kriegen in stehende Steuern verwandelt. Vier und dreißigstes Capitel. Gustaf Adolfs Verbesserungen in der Kriegskunst. Krieg war Gustaf Adolfs dauerndste Beschäftigung geworden und die Kriegskunst trägt daher auch die meisten Spuren seines ordnenden Geistes an sich. Beinah ein jeder einzelne Theil derselben unterlag einer vollkommnen Umgestaltung. Es war eigentlich während des preußischen Feldzuges, daß diese Veränderungen allmählig von ihm erfunden und eingeführt wurden. Die Bewehrung und die Feldübungen des Fußvolkes waren mit manchen Unbequemlichkeiten behaftet. Die Piken waren 18 Fuß lang und dadurch sehr schwierig zu handhaben; die Musketen so schwer, und das Abschießen derselben so verwickelt und beschwerlich , daß der Soldat es nicht aus freier Hand verrichten konnte, sondern eine lange, spitze Gabel mit sich führen mußte, die, auf die Erde gestellt, als Stütze beim Zielen diente; die Patronen wurden in einem kleinen Behältniß bewahrt, welches «n dem um den Leib befestigten Gürtel oder Bandelier hing. Durch alle diese Umstände und die zu jener Zeit ganz besonders «nbehülfliche Zündung vermöge der Lunte, waren die Handgriffe , S» Bier und dreißigstes Capitel. 104 sv verwickelt, daß im kaiserliche» Heere für das Laden und Abschieße» der Gewehre nicht »linder als nenn und achtzig verschieden« Tempo's erfodert wurden. — Eben ;o hinderlich war die Ausstellung der Soldaten. Die Compagnieen und Regimenter waren sehr groß; die erster» 300, die letztem 3000 Mann, die eine Halste Pikeniere, die andere Musketiere, gewöhnlich zehn Mann hoch aufgestellt, wodurch die hintersten ganz unthätig bleibe» mußten. In der Schlachtordnung wurden sie dem damals gellenden niederländischen Gebrauche gemäß in große», sogenannten vertiern, d. h. in vollen Vierecken von mehrer» tausend Mann aufgestellt, die zwar kräftig bei einem Anfall wirken konnten, aber auch sehr schwerfällig waren und leicht in Unordnung zu bringen waren. -— So war im Allgemeinen das europäische Fußvolk beschaffen, als Gustaf Adolf den deutschen Krieg anfing, und dadurch eine vollkommne Umgestaltung des bisher geltenden Gebrauchs veranlaßte. Die Piken wurden von 18 bis auf 11 Fuß verkürzt, die Musketen leichter gemacht, die Gabel ward abgeschafft, und der Soldat mußte sich gewöhnen, aus freier Hand zu schießen, welche letztere Veränderung gegen den Rath der meisten Officiere vorgenommen wurde. Statt des Bandeliers ward die Patrontasche eingeführt und daS Schloß verbessert, wodurch die Handgriffe einfacher wurden. In jedem Haufen wurden die Pikeniere vermindert, dahingegen die Musketiere bis zu zwei Dritteltheile vermehrt, um dadurch auch das Feuer zu vermehren. Die Compagnieen und Regimenter wurden vermindert, die erster» bis auf 144, die letztem bis auf 1008 Mann, wodurch die Truppen beweglicher, und durch die zugleich vermehrten Officiere besser angeführt wurde». Die Linie war nur sechs Mann hoch; zuweilen zählten die Musketiere sogar nur drei Glieder. Anstatt der alten Tertier erfand Gustaf Adolf die sogenannten Brigaden, wo die Musketiere und Pikeniere des Regimcntes in kleinern Hausen, mit dazwischen liegenden Lücken aufgestellt waren, um sich vermittelst derselben besser rühren und einander beibringen zu könne». Sie waren entweder Ganz-Brigaden von 2016 oder Halb - Brigaden von 1008 Man». Diese letztem wurden bald zu den in der Kriegskunst so berühmten Gustavia irischen Co- ionnen umgebildet. Das schwedische Heer, in dieser Weise auf- qesielll, glich einer Festung, wovon alle Theile einander verthei- Gustaf Adolfs Verbesserungen in der Kriegskunst. 195 digten; die hervortretenden Kolonnen entsprachen den Bastionen, die Basis der Brigaden den Courtinen; hinter denselben wie hinter einem Walle, bewegte sich die Reserve und die zweite Linie, bereit zur Hülfe herbei zu eilen, sobald es verlangt würde. Die kaiserliche Reiterei litt an denselben Unbequemlichkeiten wie das Fußvolk. Der Reiter, vom Kopf bis zu den Füßen in Eisen gekleidet, und mit einer schweren Muskete bewaffnet, war selbst unfähig zu allen schnellern Bewegungen, und ermüdete bald auch das stärkste Pferd. Die Regimenter machten ungefähr 750 Mann aus, die Schwadronen 144, und waren ebenfalls sechs oder zehn Mann hoch aufgestellt. Gustaf Adolf nahm ihnen den größten Theil der Eisenbekleivung, nur den Brustharnisch und den Helm beibehaltend; die Muskete ward in den Karabiner verwandelt, und die Regimenter wurden auf ungefähr 550 herabgesetzt, die Schwadronen auf 66 Pferde, nur zu vier Gliedern aufgestellt. Der kürzlich aufgekommene Gebrauch der Dragoner ward bedeutend verbessert und erweitert. Die kaiserliche Reiterei wendete die sogenannte Caracole an, d. h. nachdem die Reiter ihr Gewehr abgeschossen hatten, schwenkten sie Rechts und Links, machten so Platz für das zweite Glied und stellten sich selbst hinter das letzte, um von neuem zn laden. Gustaf Adolf hingegen befahl seinen Reitern im Gallop vorzudringen, das Gewehr abzuschießen, und dann mit dem Säbel in der Hand sich auf den Feind zu werfen. Am meisten Nutzen hatte er aber doch von einer eignen Erfindung, welche darin bestand, daß er zwischen jedem Negimente Reiterei kleinere Haufen von Musketieren aufstellte, welche durch ein mörderisches Feuer die eigne Reiterei unterstützten und die des Feindes niederschössen. Diese Erfindung war es, welcher er mehrere seiner Siege zu danken hatte. In der Verschanzungs- und Feldmessungskunst war Gustaf Adolf ohne allen Zweifel der Größte seiner Zeit; aber der Endzweck dieses Buches erlaubt es nicht, seine in dieser Hinsicht großen Verbesserungen zu entwickeln; unter denen in der Artillerie waren die sogenannten Lederkanonen am berühmtesten. Sie wurden von M. v. Wurmbrand erfunden und zuerst im preußischen Feldzugr angewendet. Der Name Lederkanonen ist eigentlich nicht ganz Passend. Die Röhre selbst war nehmlich aus dünnem Kupfer, von verschiedenen eisernen Reifen umgeben, dann mit zusammen I»* 19 « Vier und dreißigstes Capitel. gekittelei» Tau umwickelt, und endlich das Ganze mil Leder überzogen. Der Vorzug dieser Feldstücke war ihre außerordentlich« Leichtigkeit; die Unvolikcmmenheit derselben aber, daß sie nach einigen wenigen Schüssen so erhitzt wurde», daß sie nachher eine lange Zeit nicht gebraucht werden konnten. Sie kamen daher auch schon 1631 außer Gebrauch. Weniger berühmt, aber mehr ango wendet ward Gustaf Adolfs andre Ersinvung, die nehmlich, die Kanonen kürzer zu machen. Anfangs glaubte man nehmlich, daß die Kraft der Kugel durch die Lange des Rohres bestimmt würde, und goß daher die Kanonen so lang wie möglich. Der Mißgriff war wohl schon aufgedeckt, aber der Mißbrauch dauerte dennoch fort, bis Gustaf Adolf die Feldstücke nach einem bessern Maße gießen ließ. Diese wurden nachher durch ganz Europa angenommen, und im französischen Heere mehr als hundert Jahre unter dem Namen kioces Liiölloises beibehalten. Gustaf Adolf brachte mehr Berechnung in das Ganze der KriegSbewegungen, als bisher gebräuchlich gewesen. Er folgte beständig dem Grundsätze, niemals länger vorzudringen, als die Flanken und der Rücken vor einem Angriff sicher wären. Es war besonders im preußischen Kriege, daß er diesen Lehrsatz ausbildete, und die erste Hälfte des deutschen Feldzuges zeigt die pünktlichste Beobachtung desselben. Dieser Grundsatz hat seitdem viel Aufmerksamkeit erregt. Gustaf Adolf nennt ihn rnlio oder Status bolli, aber Spätere haben ihn die L c h r e v o n d e r B asis der Operationen genannt. Die hauptsächlichste und wohlthätigste von allen Veränderungen Gustaf Adolfs war die, welche die Kriegszucht und Feldordnuug betraf. Dem Soldaten einen ordentlichen Unterhalt und Sold zu verschaffen, war früher eine Sache, um die man sich wenig bekümmerte; dahingegen ließ man ihm aber auch die Freiheit, sich selbst seine Bedürfnisse und Beköstigung in dem Lande zuzueignen, durch welches man zog. Die Zügellosigkeit erzeugte schauderhafte Auftritte, und daS Lager war ein Sammelplatz, eine Freistatt für alle Ausschweifungen und Verbrechen. Diesen Zustand der Dinge suchte Gustaf Adolf ganz und gar umzuwandeln. Mit der Zärtlichkeit eines Vaters sorgte er für die Gesundheit und die Bedürfnisse seiner Soldaten, verschaffte ihnen warme Kleider, hinlängliche Verräth« und regelmäßigen Sold. Selten wandte er die körperliche Gustaf Adolfs Verbesserungen in der Kriegskunst. 197 Strafe an, welche das Gefühl der Ehre schwächt, das doch i» der Brust des Soldaten leben soll; dahingegen geschah eS nicht selten, daß er sowohl Einzelne wie ganze Haufen wegjagte. Um sie an die Fahne zu binden, war der Fähudrich nicht nur von aller Theilnahme an den Bestrafungen frei gesprochen, sondern gerade derjenige, welcher bei solchen Gelegenheiten Fürbitte für die Fehlenden einlegen durfte. Gustaf Adolf selbst war in seinem Umgänge mit den Soldaten stets sanft und herablassend, daher auch von ibucn bis zur Anbetung geliebt, und dies »»erachtet er auf der andern Seite auch wieder eine in jener Zeit unerhörte Strenge ausübte. Denn so wie er für ihre Bedürfnisse gleich einem Vater sorgte, so foderte er dagegen auch von ihnen einen kindlichen Gehorsam. Die geringste Uebcrtrctung der vorgcschriebnen Kriegsartikel ward streng bestraft, und die bisher so zügellosen Soldaten mußten sich zum Gehorsam bequemen. Sie thaten eS, denn Gustaf Adolfs Kriegsartikel waren vom Geiste einer unverstellten Ehrfurcht vor der Gottesfurcht, Tugend, Gerechtigkeit und Wahrheit durchdrungen; und des Königs eignes Beispiel leuchtete dein ganzen Heere vor. Der öffentliche Gottesdienst ward in Achtung erhalten. Gewöhnlich ward dabei Luthers Psalm: Eine feste Burg ist unser Gott! gesungen, und bei den Worten: „Fragst Du wie sein Name heißt? Jesus Christus heißet er: ward die Antwort von einer Salve der ganzen Artillerie begleitet. Bet jedem Negimente befand sich ein Feldprediger, der vor den Truppen Morgens und Abends die öffentlichen Gebete verrichtete, und ausgedehnte Vollmacht halte, die sich ins Lager einschleichenden Verbrechen zu bestrafen. Spiel, Völlerei, Ausschweifungen und Schlägereien waren streng verboten, und um den Versuchungen der Unthätigkeit zuvor zu kommen, wurden die Soldaten zur Ausführung von Festungswerken, die Officiere zu andern Geschäften verwendet. Lockre Weiber wurden entweder fortgejagt, oder mit ihren Soldaten getraut. Die Kinder folgten dem Troß, und standen unter einem besondern Lehrmeister, welcher jeden Tag, wo das Regiment still lag, seine Schule hielt. Wenn irgend ein Vergehen vorkam, hielt sich der König nicht an die Soldaten, sondern an die Offieierc. „Es wäre," meinte er, wie einst der alte König Gustaf, „der Befehlenden Schuld, wenn die Untergebenen nicht gehorchten." ß I 1l)8 Fünf und dreißigstes Capitel. Gustaf Adolf erntete mehrere Vortheile von dieser strengen Kriegszucht. Seine Soldaten waren im Allgemeinen still und gehorsam; die Geschichte hat keinen irgend bedeutenden Anfiaus in seinem Heere zu berichten, deren doch sonst überall statt fanden. Durch Beobachtung einer mäßigen und ordentlichen Benutzung der Lebensmittel konnten seine Truppen sich oft noch lange erhalten, wenn der unordentliche Feind in der Hälfte der Zeit schon einen gleichen Vorrath verthan hatte. Ihm und seinen Truppen kam auch stets das Vertrauen und die Liebe der Einwohner entgegen, wodurch manche seiner Unternehmungen über Erwarten gelangen. Das Gefühl der gegen Gott und Menschen erfüllten Pflichten erzeugte allmählig in den Herzen der Soldaten wie in dem des Anführers einen ruhigen und unerschütterlichen Muth, der auf das Vertrauen in die eigne gerechte Sache, und in die darüber wachende Hand der Vorsehung gegründet war. Dies Gefühl war es, welches die schwedischen Soldaten und deren Befehlshaber nicht nur zu Kriegern, sondern zu Helden machte, mrd das sogar noch manche Jahre nach des großen Königs Tod. „Es ist," pflegte er zu sagen, „ein großer Unterschied zwischen einem Maro- dör und einem Soldaten, zwischen einem Kroaten und einem Helden. Man kann gewiß ein tollkühner Klopffechter, nicht aber ein guter Soldat sein, ohne auch ein guter Christ zu sein." Fünf und dreißigstes Capitel. Gustaf Adolfs Heerführer und Truppen. In den ersten Jahren von Gustaf Adolfs Regierung, waren seine ausgezeichnetsten Krieger die schon unter Karl IX. erprobten Jakob de la Gardie, Ewert Horn, Herrmann Wrangel, Nils Nicolaus Stjernsköld, Jesper Mattsson Cruus, Peter Hammar- sköld, u. a. m. Im selben Verhältnisse wie diese alterten oder abtraten, wurden sie durch des Königs gleichzeitige Freunde Gustaf Horn, Nils Brahe, Johann Bauer, Lennart Torstensson ersetzt, welche Alle früher schon von uns erwähnt sind. In den letzten Jahren seiner Regierung fingen an sich auszuzeichnen Johann Lilsehök (Lilien-Habicht), Torsten Stälhandske (Stahlhandschuh), Karl Gustaf Wrangel, Arwid Wittenberg, Cars Kagg, Arel Lilje u. m. a., damals meist noch wenig bekannte Jünglinge, Gustaf Adolfs Heerfiihrer und Truppen. auf den niedrigern Stufen deö Dienstes stehend, aber im kommen- den Zeitalter des schwedischen Reiches Ehre und Schutz. Sie waren in Gustaf Adolfs Schule gebildet. Alle diese Männer waren vermöge der Geburt oder des Ge- setzcs schwedische Bürger. Ueber die älteren unter ihnen haben nur schon gesprochen, die jüngeren gehören eigentlich dem nächsten Zeitalter an. Aber Gustaf Adolfs liebenswürdiges Wesen, sein großer Geist und das ungewöhnliche Glück seiner Unternehmungen, lockten auch manche berühmte Krieger aus ander» Ländern an, sogar während des dreißigjährigen Krieges. Es waren dies meist Deutsche oder Schotten. Unter den ausgezeichnetsten merke man sich folgende. Der Rhein gras Otto Ludwig war tapfer, aber zuweilen etwas zu hitzig, und insonderheit bekannt als ausgezeichneter Anführer der Reiterei. Er diente früher unter Dänemarks Fahnen, und zeichnete sich in der Schlacht bei Lütter auS; erregte sodann Ehristians lV. Verdacht in Hinsicht auf Christina Muncks und sah sich gezwungen den Dienst zu verlassen, wo er dann, wie gesagt, zu Gustaf Adolf überging. Dem dänischen Könige zu Gefallen, war einst die Rede davon ihn zu verabschieden, aber auf die Fürbitte der übrigen Befehlshaber ward er beibehalten. Er stieg später bis zum General der Reiterei «s). Der Pfalzgraf Christian von Birke nfcld, war ebenfalls tapfer und tüchtig und ward endlich auch zum General der Reiterei ernannt. Dodo von Kniep Hausen war als ein sehr geschickter und erfahrner Krieger bekannt, besonders in Hinsicht auf die Anführung des Fußvolkes. Er hatte beinah ganz von Anfang an Theil am dreißigjährigen Kriege genommen, und unter Mansfcld, dem Herzog Christian von Braunschweig, dem Könige von Dänemark gedient, zuweilen unglücklich, aber immer mit Ehre. Bei Gustaf Adolfs Zug nach Deutschland nahm er schwedische Dienste. Er war klug, erfahren und vorsichtig, aber freilich manchmal gar zu langsam, vielleicht gerade darum minder glücklich. Aber wo es galt durch Ausdauer etwas auszurichten, da war Kniephausen an seinem rechten Platze! Er besaß eine besondre Geschicklichkeit darin, durch unerschütterliche Ruhe dem wüthendsten Angriff des Feindes Widerstand zu leisten. Fünf und dreißigste Capitel. LOO Maximilian Teuffel verließ des Kaisers Dienst und ging in den von Gustaf Adolf über, und das schon damals als Riga erobert war. Er zeichnete sich durch große Raschheit und Tapferkeit aus, und ward endlich zum Obersten in des KvnigS Leibgarde oder in dein sogenannten gelbe» Regimente erhoben, welches eben unter und durch Teuffel zu einem so außerordentlichen Ansehen stieg. In Beziehung aus Knicphausens und TeuffelS ungleiche Eigenschaften pflegte Gustaf Adolf den erster» den „Amboß," und den letzter» den „Hammer" zu nennen, „unglücklich der, welcher zwischen beide gerätst!" Die Deutschen witzelten übrigens über Teussels und Tott's Namen, indem sie sagten: „ Der schwedische König kann wohl siegen, da er den Tod und den Teufel in seinen Diensten hat!" Die beiden Thnrn, Vater und Sohn, gehörten zu den ausgezeichnetsten Fremden in Gustaf Adolfs Dienst. Sie stammten auS einem alten und reichen böhmischen Geschlechte. Der Vater, Heinrich Matthias von Thür», war ein ungewöhnlich schöner, starker, tapfrer, gelehrter und sehr liebenswürdiger Mann, welcher dem österreichischen Hause lange und treu diente. Aber als der Kaiser anfing, der Böhmen Privilegien und Gerechtsame gewaltthätig anzugreifen, stellte sich Thnrn an die Spitze seiner beeinträchtigten Landslente, und war Derjenige, welcher den nachher so berühmt gewordenen dreißigjährigen Krieg anfing. Besiegt, mußte er aus seinem Vaterlande fliehen, und reiste als ein Lands- siüchtiger in Ungarn, Venedig, Holland, Dänemark umher, in solche Länder nehmlich, die in einem feindlichen Verhältnisse zum Kaiser standen. Endlich kam er nach Schweden. Dort hatte sich sein Sohn, Franz Bernhard, schon seit einigen Jahren aufgehalten , und sich durch Erfahrung, Brauchbarkeit und ein lobcns- werthes Betragen Gustaf Adolfs Gunst und Vertrauen in hohem Grade erworben. Im preußischen Feldzuge ward ihm oft der Oberbefehl nächst dem Könige übertragen, und als der junge, hoffnungsvolle Mann starb, erweckte sein Tod ein allgemeines und tiefes Bedauern. Der Vater fuhr noch einige Jahre fort, Theil an den Staatsangelegenheiten zu nehmen, zog sich aber endlich doch in ein stilles und ruhiges Leben zurück, und starb in Pernan im Jahr 1640. Wolf Christian VaudiS, in Holstein geboren, war Gustaf Adolfs Heerführer und Truppen. 20 t außerordentlich tapfer, erfahren und geschickt, besonders im Dienst der Reiterei; aber zugleich hart und eigennützig, schändlich sowohl die eignen Soldaten wie die Einwohner des Landes mit Plackereien und Erpressungen quälend r»), (§,- ging zuerst in panische, dann in schwedische, endlich in sächsische Dienste, darin immer nur dem persönlichen Vortheile folgend. Unter den Schotten ist Hepburn zn merken, von den Obersten des Königs einer der tapfersten und zuverlässigsten, aber, wie gewöhnlich seine Landslente, übertrieben stolz; daher auch endlich aus Unzufriedenheit zu Frankreich übergehend, wo er später Feldmarschall ward s >). Alexander Lcßlie war schon mit auf de la Gardie's berühmtem Zuge nach Moskau gewesen. Er war tapfer, erfahren, und Gustaf Adolf treu ergeben, und endlich nach dem Alkersrechte bis zum General hinaufgestiegen, obschon er, wie behauptet ward, weder lesen noch schreiben konnte. — Ungefähr vom selben Gehalte.war sein Landsmann, der alte, lustige Patrick Ruthwen, welchen Gustaf Adolf, wenn manchmal ei» Trinkgelag gehalten werden mußte, gern gebrauchte, um ihn als Wirth an seine Stelle zu setzen; ein Amt, welches indessen zuweilen auch von Johann Bauer übernommen ward. Georg Christoph von Taupadel, zuletzt Oberst bei den Dragonern, war einer der geschicktesten und brauchbarsten Offieiere Gustaf Adolfs, und kaum findet sich im deutschen Kriege irgend eine ausgezeichnete That, woran Taupadel nicht mehr oder minder Antheil gehabt hätte. Auch ward sein Regiment bis zuletzt nicht weniger als dreimal von Grnndaus zernichtet. Aber alsbald strömten neue Helden Taupadels bekanntem Banner zu, und binnen einigen Tagen sah er seine Hansen wieder vollzählig. Nach Gustaf Adolfs Tod folgte er dem Herzoge Bernhard von Weimar in Frankreichs Dienste *). *) Dieser Taupadel nebst Haubald und Jak. Duwall werden gewöhnlich mit einander vermischt, bisweilen auch wohl zu Einer Person gemacht, wodurch mehrere Mißverständnisse entstanden find; stehe Harte. i. 277. 2. 78. Knalilo privralo libers. von Franchevillc I>. 197. Manvillvn 27Z u. s. s. Das Verhältniß scheint folgendes gewesen zn sei». Jakob und sei» Bruder Morilz Mac - Dngald, von schottischer Herkunft, waren 7VZ2, der erstere Oberkommando»! in Schlesien, der letztere Oberstleutnant, und wurden später beide zugleich mit ihrem Verwandten, dem Obersten Arcl Dngald, unter dein Namen Duwall geadelt; der Slclterc hatte schon 7N7S bei Mansfclds Regiment in Liesland gestanden. Riddcrst. 74V. —> Haubald war Oberstleutnant beim blauen 202 Fünf und dreißigstes Capitel. Von den Truppen war unter dem Fußvolke das sogenannte gelbe Regiment das berühmteste; der Name war der Farbe des Soldatenrockes entnommen. Es war eigentlich des KöuigS Leibgarde, und allein so groß wie zwei andre Regimenter. Im preußischen Felvzuge unter Teuffels Anführung fing es an sich als das erste Regiment des Heeres auszuzeichnen, sowohl was das Verdienst als den Rang betraf. Dies sein Ansehen vermehrte sich noch im deutschen Kriege. Der König nannte es sein Kopfkissen, aus welchem er sicher ruhen könne. Nach Teuffels Tode ward es von Nils Breche angeführt, welcher zugleich mit dem ganzen Leibregimente heldenmüthig sein Leben auf demselben Schlachtfelde und an demselben Tage opferte, wo ihr König fiel. Das blaue Regiment, unter dem Obersten Wiuckel, war ein geworbenes Regiment, schon unter Karl IX. bekannt. Seinen Namen erhielt es aus derselben Ursache wie das gelbe. Demselben gleich war auch seine Anzahl, sein Ansehen und sein endliches Schicksal. Diese zwei Regimenter waren so groß, daß ein jedes von ihnen eine ganze Brigade ausmachte. Zu den übrigen Brigaden wurden zwei, auch wohl drei Regimenter erfodert. Unter ihnen sind zu merken: Die s ch w ed is ch e Bri g a d e. Sie bestand aus Dalekarlicrn unter Ake O.renstjerna, Karelarniern unter Klas Hastfer, West- gothen unter Karl Hard, oder zuweilen, an deren Stelle, Ost- bothniern unter Arel Lilje; den Namen erhielt sie daher, daß sie aus lauter eingebornen Schweden gebildet war. Die Brigade hatte gewöhnlich ihren Platz »eben dem blauen Regimcnte, an dessen Gefahren und Ehre Theil nehmend. Die grüne, wie man glaubt, dieselbe mit der schottischen Brigade, bestand aus schottischen Regimentern unter Regimcntc; hier Christoph. Ridderst. 7t. v. HanbaldS eigne Unterschrift. — Tanpadel, TnpadclinS, Tnbalt, Dewbaicl, wie er nach verschiedene» Muthmaßungen und Aussprachen genannt worden, hieß Georg Christoph von Tanp- adcl und war Oberster eines Dragoner - Regimentes. Siehe drei s. cigenhänd. Briefe Riddcrst. 726, 7Z6, vergleiche Bot),»es Noten zu Harte 2. 1«. nnd Thcat. Enrop. rr. 629. Er scheint von böhmischem oder deutschen! Adel gewesen zu sein. Siehe Wallcnstcins Privatleben von Schotlky p. IZV. — Chcmnig ist der einzige Schriftsteller, welcher diese drei ungleichen Personen nicht miteinander vermischt. F. Ansang des dreißigjährigen KriegeS. 203 Hepburn 32 ), Sie war schon mir im Preußischen Kriege gewesen. Nach Hepbnrns Abschied ward sie von Wildenstein angeführt, welcher sich zn dieser Stelle als Oberstleutnant des gelben Regimentes herangebildet hatte. Nach einigen Angaben bestand die grüne Brigade in der Schlacht bei Lützcn aus Herzog Bernhards deutschen Regimentern. Die weiße Brigade, so genannt nach ihren Fahne», bestand aus pommerschen, zu Gustaf Adolf übcrgegangnen Truppen, zuerst unter Damitz, dann unter Witzthum, zuletzt unter Burth. Die rothe Brigade bestand aus den Regimentern Ho Heu- dorf, Erich Hand und Hall. Die schwarzen Regimenter waren durch Falkenberg und Sperreuter geworben. Unter der 'Reiterei standen zu vorderst in der Schlachtordnung wie im Gefecht die Finnländer, angeführt von Torsten Stal- handsle. In ihren Reihen war es, wo der tapfre Taupadel, wie auch der später so berühmt gewordne Karl Gustaf Wränget sich bildeten. — Dann kamen die Westgothen unter Erik Soop, stets das Ansehen behauptend, welches sie in dem Treffen bei Dirschau sich erstritten hatten. Die Süd ermann! and er unter Zacharias Pauli zeichneten sich im preußischen Feldzuge aus 33); aber erschienen dann nicht eher wieder als in der Schlacht bei Lützcn. Berühmter waren die Smäländer. Peter Vrahe war ihr Oberster; aber da dieser beständig an des Königs Seite sein mußte, so wurden sie gewöhnlich von Friedrich Stcnbock angeführt, einem Enkel von Erich Stcnbock und Malin Sture. Es war an der Spitze dieses Regimentes, daß der große König erschossen ward. Sechs »nd dreißigstes Capitel. Anfang des dreißigjährigen Krieges. Deutschland ist aus mehreren, theils größer», theils kleinern Staaten zusammengesetzt, die zu jener Zeit zwar auch ein jeder auf sich beruhten, doch aber zugleich zu einem einzigen Reichskörper vereinigt waren. Ihr gemeinsames Oberhaupt war der deutsche, oder wie er damals genannt ward, der römische Kaiser, welcher von den sogenannten Chur- oder Wahlsürsten gewählt ward. 204 Sechs und dreißigstes Capitel. Obgleich diese Würde also nicht erblich war, so hatte doch daL österreichsche Haus während beinah zweihundert Jahren dieselbe innc gehabt. Diesem Hause gehörte außerdem Böhmen, Ungar» und Oesterreich, durch welche eigne Besitzungen und der Kaiserkrone Glanz dessen Ansehen so hoch gestiegen war, daß man mehrmals fürchtete, es werde sich der unumschränkten Herrschaft bemächtigen, zuerst über Deutsebland, und dann über ganz Europa. Zur Ausführung des ersten Theils dieses Planes konnte es wenigstens aus seine Spanien beherrschenden Verwandten, und im Allgemeinen auf die katholische Parthei in ganz Europa rechnen. Der Augsburger Religionsfriede hatte freilich dem ersten Kriege, welchen die durch Luther und Zwingli bewirkte Reformation veranlaßt hatte, ei» Ende gemacht; aber ganz Europa fuhr doch fort in zwei große Partheien getheilt zu sein. zwischen welchen, uncrachtet der äußern Ruhe, eine heftige und unversöhnliche Feindschaft herrschte. Auf der einen Seite standen Italien, Frankreich, Spanien, Oesterreich, Polen, nebst der sogenannten Ligue, aus Deutschlands katholischen Fürsten bestehend; auf der protestantischen Seite hingegen England, Holland, Dänemark, Schweden, die Fürsten von Nord-Deutschland, und eine unzählige Menge Anhänger aus den südlichen Theilen dieses Landes, wie auch aus Frankreich und Polen. Die katholische Parthei erhielt ihr Hauptgewicht durch das Haus Oesterreich, dessen Ergebenheit für diese Religion allgemein bekannt war. Es hoffte auch, obgleich nur ganz im Geheimen, sich bei dieser Gelegenheit zum Oberherrn über ganz Deutschland aufschwingen zu können. Es war der übererbte und vielleicht hervorstechendste Plan dieser Parthei, daß die Welt nur zwei Häupter und Befehlshaber haben sollte, den Pabst in geistlichen, und den Kaiser in weltlichen Dingen. Innere Unruhen und äußere Kriege, besonders mit der Türkei, hatten indessen alle Versuche zur Ausführung des Planes verhindert; wozu außerdem auch seit längerer Zeit kein Kaiser die erfoderlichen Eigenschaften gehabt hatte. Im Jahr 1612 bestieg Matthias den kaiserlichen Thron, schon durch vorgerückte Jahre und mannichfaltige Unruhen ermattet und die Ruhe suchend. Er hatte keinen Abkömmling. I» späteren Jahren nahm er daher den Sohn seiner Schwester, den Erzherzog Ferdinand, zum Erben an, einen beharrlichen, klugen und kraft- Anfang des dreißigjährigen Krieges. 2».', rollen Herrn, der ini reifern Jugendalter Wärme mit Kraft vereinigte. Dieser, von Jesuiten erzogen, war der päbstlichen Lehre mit Herz und Seele ergeben, und besaß außerdem genug Klugheit, um einzusehen, welchen besondern Vortheil es für ihn dabei einzuernten geben könne, wenn er der Anführer der ganzen katholischen Parthei würde. Die Nachricht, daß er zum Erben des Kaisers angenommen worden sei, verbreitete daher Unruhe durch ganz Europa, und nur mit Mühe konnten die böhmischen und ungarischen Stände vermocht werden, ihn zu Matthias Nachfolger zu erwählen, besonders da es in beide» Reichen eine große Anzahl Protestanten gab. Er mußte sich ausdrücklich und mit einem Eide verbindlich machen, genau die Privilegien zu wahren und heilig zu hallen, welche diese Länder, sowohl durch vorhergehende Bedingungen mit eignen Regenten, wie auch durch den NeligionS- frieden im Allgemeinen erhalten hatten. Ferdinand ging auf diese Bedingung ohne Bedenken, aber mit dem festen Beschlusse ein, sie bei der ersten günstigen Gelegenheit zu brechen. Eine solche blieb nicht lange aus, da des Kaisers zunehmende Jahre und Kränklichkeit bald alle Geschäfte in Ferdinands Hände brachten. Dieser verfuhr gleich mit der offenbarsten Gewalt. Den beschwornen Privilegien Böhmens gemäß, sollten die Aemter zwischen den beiderlei Glaubensgenossen gleich vertheilt werden, und jeder Gottesdienst ungestört bleiben. In vollkommnem Widerstreite gegen dies« Zugeständnisse, fing Ferdinand an, die Protestanten von allen Geschäften auszuschließen, und ließ ihnen unter durchaus erdichteten Vorwändcn, zwei ihrer Kirchen, die eine in Prag, die andre in Braunau, wegnehmen. DaS Volk murrte. Viele der besten Freunde des Hauses Oesterreich ricthen zur Vorsicht, sogar der alte Matthias selbst; aber Ferdinand blieb unbeweglich. Das böhmische Volk, von Alters her frei und seit denr Hussiten-Kriege gewöhnt, seine Freiheit zu vertheidigen, konnte eine solche Behandlung nicbt ertragen. Besonders war der mächtige und größtentheilS protestantische Adel aufgebracht; auch der Stolz dortiger Katholiken fühlte sich in und mit dem Vaterlande beeinträchtigt. Aus allen Glaubenspartheien sammelten sie sich daher in großer Anzahl zu Prag, laut über Ferdinands Gewaltsamkeiten im Allgemeinen, und besonders über seine Haupt-Anhänger im böhmischen Rathe, den beide» Herren Martinitz und Slawata, 206 Sechs und dreißigstes Capitel. klagend. Den 23. Mai 1618 ging Graf Heinrich Matthias von Thurn, von vielen böhmischen Edelleuten und Kriegern nebst einer großen Volksschaar gefolgt aufs Schloß hinauf, und trat in den Saal, wo die kaiserlichen Rathshcrrn versammelt waren. Einer der böhmischen Herren stellte ihnen des Volkes Unzufriedenheit über die begangnen Ungerechtigkeiten vor, und erklärte: „daß die Böhmen Ferdinand nicht in der Absicht gewählt hätten, daß er unumschränkter Herr und sie Sklaven sein sollten. Sie bäten daher, daß Ferdinand seine Regierungsweise ändern möchte, sonst würden sie den Regenten ändern." — Die Rathsherren suchten durch eine freundliche Antwort die Aufgeregten zu beruhigen, aber diese richteten nun ihre Beschuldigungen gegen Marlinitz und Slawata besonders. Als diese sich vertheidigen wollten, brach ein anderer der Herren in die Worte aus: „Wozu der vielen Umstände? Laßt sie uns nach alt-böhmischem Brauche aus dem Fenster stürzen!" — Gesagt, gethan! Lobkowitz, einer der eifrigsten Böhmen, sprang gerade auf Martinitz zu, und ergriff ihn bei den Händen, einige Andre bei den Fußen, worauf dieser Raths- Herr wirklich auS dem Fenster geworfen ward. Slawata wollte sich davon schleiche», aber Thurn ergriff ihn beim Arme und rief: „Seht hier, edle Herren! hier ist der Andere!" und Slawata mußte denselben Weg nehmen; eben so der Schreiber; den Anderen, als den minder Gehaßten, ward Gelegenheit gelassen, sich durch die Flucht zu retten. Der Saal war im dritten Stockwerke; aber zufällig lag ein großer Misthaufen unter dem Fenster, dessen tiefes und weiches Bett die fallenden Nathsherren aufnahm, so daß Keiner von ihnen bedeutenden Schaden nahm. Diese gewaltsame Handlung war zugleich das Zeichen zum Ausbruche des Aufruhrs im ganzen Lande. Alle Böhmen, sowohl Kaiholiken wie Protestanten, griffen zu den Waffen, und vertrieben Alles, was Oesterreicher hieß. Dies war der Anfang des so berühmten dreißigjährigen Krieges. Der alte Kaiser und sein vertrauter Nathgcbcr, der Kardinal Kiesel schlugen vor, durch Nachgiebigkeit die Unruhen zu stille», aber Ferdinand wollte von nichts Andern: reden hören, als von Strenge und Gewalt. Er schien sich über den Aufruhr zu freuen, als über eine gesetzliche Veranlassung den Protestanten ihre Privilegien wieder abzunehmen, ja, diese verhaßte Parthei ganz und Ansang des dreißigjährigen Krieges. 20 ? gar auszurotten. Er fürchtete aber doch Widerstand bei dem mächtigen Klesel zu finden, und ließ daher den alten Mann heimlich nnd schnell aus Wien wegbringen, und in einem entlegenen Schlosse gefangen halten. Matthias konnte diese Iliiglücksfälle nicht ertragen; Sorge und Kummer stürzten ihn ins Grab. Ferdinands offenbar gezeigte Härte und Unversöhnlichkeit brachte die Böhmen noch immer mehr auf. Unter Thurns und Mansfclds Anführung vertrieben sie die Oesterreicher aus Böhmen, Schlesien und Mähren. Ersterer drang bis nach Wien vor, welches von ihm belagert ward, und nur Boueguois zufällige Ankunft rettete Ferdinand davor, in seiner eignen Hauptstadt gezwungen zu werden, die stolzen Federungen der Aufrührer zu unterzeichnen. Diese letztem beriefen eine Neichsversammlung nach Prag, wo zum Könige erwählt ward, der Pfalzgraf bei Rhein, Friedrich der Fünfte. Dieser war ein Schwiegersohn des KöuigS von England, und außerdem selbst einer der mächtigsten deutschen Fürsten, so daß die Böhme» Grund zu haben glaubten, von diese» beiden Seiten, so wie auch von den ander» Protestanten bedeutende Unterstützung erwarten zu dürfen. In Ober-Oesterreich hatten außerdem der größte Theil der Bauern die neue Lehre angenommen, und standen bereit sich bei der ersten Gelegenheit mit den Böhmen zu vereinen, eben so in Ungarn, wo außerdem für den Kaiser ein gefährlicher Feind in dem Siebenbürgischen Fürsten Bethlen Gabor erstand, welcher mehr als einmal nahe daran war, sich zum Herrn über dies ganze Land aufzuschwingen. Es war unläugbar, daß Ferdinand sich in einer sehr schwierigen Lage befand. Auf der andern Seite hatte er aber auch manche Gründe um einen glücklichen Ausgang zu hoffe». Zu allererst Spaniens, Oesterreichs, Polens und der katholischen Ligue, unermeßliche Streitkräfte. Frankreich, unter einer ungeschickten vormundschaft- lichen Regierung, wagte nichts zu unternehmen; England, bei dem schwachen und nachgiebigen Charakter seines Königs eben so wenig. Die Protestanten waren unter einander uneinig, und die Lutheraner wollten aus Mißgunst den neugewählten böhmischen König nicht unterstützen, weil er den reformirtcn Glauben angenommen hatte. Der Churfürst von Sachsen verrieth ganz und gar und verließ seine Glaubensverwandten, weil der listige Ferdinand ihm die Hoffnung vorspiegelte, mit seinem Churfürstenthume 208 Sechs und dreißigstes Capitel. die Lausitz vereinigt zu bekommen. Durch eine kluge Benutzung dieser Spaltungen, welche unter seinen Feinden herrschten, gelang es Ferdinand, auf dem Reichstage zu Negensburg »ach Matthias zum Kaiser gewählt zu werden. Dies geschah am 29. August 1619, zwei Tage später als sein Gegner Friedrich zum Könige von Böhmen gewählt worden war. Beide Parlhcien rüsteten sich zu einem entscheidenden Kampfe. Die Kräfte waren sehr ungleich. Für Ferdinand kämpften 50,000 .Österreicher, 30,000 Spanier, 30,000 Mann der Ligne, 20,000 Sachsen, von welchen Schaaren der größere Theil aus alten und abgehärtete» Kriegern bestand, von gleichfalls erprobten Feldherren angeführt, als Boucguoi, Dampier, Spinola, Tilly, nebst den jungen, nach Ehre nnd kriegerischen Thaten dürstenden Helden Wallenstein, Pappenheim, Alrringer u. m. a. — König Friedrich hingegen sah sich von seinen Glaubensverwandten verlassen, sogar von seinem königlichen Schwiegervater. 13,000 Mann der freien Reichsstädte nebst 10,000 Ungarn, daS war die einzige Hülfe die er erhalten konnte, und die letztem gereichten ihm durch Plünderungssucht und Unordnung mehr zum Schaden als zum Lintzen. Unter seinen Heerführern waren Thurn und Mansfeld die einzigen ausgezeichneten. Friedrich, jung, lebhaft und stolz, verlor doch nicht den Muth. „ Der Würfel ist geworfen, " sprach er. „Der Kampf muß entscheiden, ob mein Haupt eine Krone tragen soll oder nicht!" — und er verwarf die unbilligen Friedensbedingungen, welche Ferdinand ihm mehr zum Schein als im Ernste vorgeschlagen hatte. Am 19. November 1620 kam es endlich zu einer Feldschlacht auf dem sogenannten weiße» Berge vor Prag. Nach einen» kurzen Kampfe nahm das böhmische Heer die Flucht, die Ungarn zuerst; Thurns Regiment vertheidigte sich bis auf den letzten Mann, einzig in seinem Untergänge nnd in seiner Ehre. Die Niederlage »rar vollkommen; Prag und ganz Böhmen erobert. Friedrich mit seiner Gemahlin mußte vor dein verfolgenden Feinde die Flucht nehmen, zuerst nach seinen Erb- ländern, dann nach Holland, wo er, arm und unglücklich, gezwungen war, ganz und gar von den Allmosen fremder Mächte zu lebe». Ferdinand ließ seine eiserne Hand schwer auf die Besiegten niederfallen. I» ganz Böhmen wurden die Protestanten theils Anfang deZ dreißigjährigen Krieges. 209 vertrieben, theils gezwungen, den katholischen Glauben anzunehmen; ihre Kirchen niedergerissen oder den Katholiken geöffnet. Dreißig- tausend Haushaltungen, darunter ein hundert und fünf und achtzig adeliche Familien, Thun: an ihrer Spitze, hatten das Land verlassen müssen; unter den Zurückbleibenden verloren die meisten ihr Eigenthum, und sieben und zwanzig der ausgezeichnetsten Herren ihren Kopf. Böhmen erhielt eine Wunde, wovon es sich lange nicht zu erholen vermochte. Die Bauern in Oesterreich hatten sich durch böhmische Aufwiegler verleiten lassen, die Waffen zu ergreifen. Sie verließen sich auf ihre große Anzahl, wie auch auf ihre gerechte Sache und kommende Wunder. Ihre Anführer, die strafende Hand der Regierung fürchtend, versicherten sie, daß die Sache einen glücklichen Fortgang haben würde, und thaten Alles um ihren Muth und ihre Wuth bis zum Acußersten aufzuregen. Aber die unordentlichen Haufen wurden bald und ohne Mühe zu vielen Tausenden durch Pappenheim, der an der Spitze regelmäßiger Truppen ankam, niedergehauen. Die Ungarn wurden durch Boucquoi bezwungen und Bethlen Gabor genöthigt, um Frieden zu bitten. Alle österreichischen Länder beugten sich wieder in Gehorsam und Unterwürfigkeit vor Ferdinands siegender Macht. Eben so gewaltthätig und eigenmächtig verfuhr er selbst in Bezug auf die Angelegenheiten des deutschen Reiches. Friedrich ward als Aufruhrstifler in die Acht erklärt. Derjenige Theil seiner Länder, welcher am Rheine lag, ward von spanischen Truppen eingenommen und besetzt; der andere, oder die sogenannte Ober- Pfalz, bestand fort, und die ehurfürstliche Würde ward nun alsbald dem Herzoge Marimilian von Baiern, als Belohnung für seine, Ferdinand bewiesene Treue, ertheilt. Die letztgenannte Handlung war in vollkommnem Widerstreite mit der bestehenden Verfassung, indem der Kaiser kein Recht hatte auf solche Weise Reichsfürsten ohne der andern Zustimmung einund abzusetzen. Es erweckte dies auch allgemeine Unzufriedenheit, sowohl bei den Katholiken wie bei den Protestanten, wobei die letzter» auch noch äußerst aufgebracht über das gewaltsame Verfahren mit ihren böhmischen Glaubensverwandten waren. Die Fürsten reichten ernste Vorstellungen ein, und das Volk murrte. Verschiedene Heerführer, welche sich bereit erklärten für die Sache der Freiheit kämpfen zu wollen, und in dieser Absicht Truppen I. 14 210 Sechs und dreißigstes Capitel. warben, fanden großen Zulauf. ES waren der Graf Ernst von Mansfeld, und der Herzog Christian von Braunschweig. In eigentlichen Schlachten wurden sie immer von den kaiserliche» Feldherren geschlagen, aber die Ausdauer und der Muth dieser Anführer, so wie des Volkes offne und der Fürsten heimliche Unterstützung, setzten sie immer wieder bald in den Stand sich von neuem im Felde zu zeigen. Ganz Deutschland ward von diesen unordentlichen, beinah räuberartigen Schwärmen sowohl, wie von den nur wenig bessern kaiserlichen Soldaten überschwemmt und verheert. Endlich fingen letztere an, allerwärts die Ueberhand zu erhalten. In der Hoffnung dadurch des Kaisers Verzeihung zu erhalten, ließ der schwache Friedrich sich zu einem offnen Schreibe» bereden, worin er dem Grafen von Mansfeld und dem Herzoge von Braunschweig, die doch bisher seine einzigen Vertheidiger gewesen waren, alle Gemeinschaft mit ihnen aufkündigte. Diese Feldherren, solchergestalt von Friedrich verlassen, und von dem in jeder Hinsicht überlegnen Tilly verfolgt, waren endlich gezwungen ihre schon vorher sich im Zustande der Auslösung befindenden Truppen nun auch förmlich aufzulösen, und selbst in fremde Länder zu fliehen. Ganz Deutschland lag durchaus wehrlos in des Kaisers Hand. Da jetzt alle Feinde vertrieben waren, so erwartete man, daß der Kaiser dem ermatteten Reiche Frieden und Ruhe zurückgeben würde. Man betrog sich. Ferdinand hielt seine Heere zusammen, man wußte nicht zu welchem Endzwecke. Unter Protestanten und Katholiken erwachte daher die alte Furcht, daß er vorhabe sich zum unumschränkten Herrn über Deutschland zu machen. Dänemark und Schweden befürchteten ebenfalls künftige Plane gegen ihre Glaubens - und Reichsfreiheit. Der König von England, in seiner Hoffnung betrogen, daß der Kaiser auf seine Vorstellungen den unglücklichen Friedrich wieder zu Gnaden annehmen würde, erklärte sich endlich willig, diesem einigen wirksamern Beistand z» leisten. Es fehlte nur an einem Anführer, den man an die Spitze dieser zerstreuten Kräfte stellen könnte. Frankreich, seiner Natur nach Oesterreichs Gegner, hatte unter einer schwachen und unverständigen vormuudschaftlichcn Regierung seines Nebenbuhlers Unternehmungen unterstützt, anstatt ihnen entgegen zu arbeiten. Dieses Verhältniß änderte sich. Durch Anfang deS dreißigjährigen Krieges. 211 Ränke, Klugheit und Kraft war es dem berühmten Kardinale Richelieu gelungen, einen beinah unumschränkten Einfluß auf Ludwig XIII. und dadurch auch auf den Gang der Geschäfte zu erhalten, so daß Frankreich bald ganz und gar von ihm allein regiert ward. Dieser Mann erkannte es klar, wie gefährlich die österreichische Macht sowohl Frankreich wie auch ganz Europa werden würde, wenn sie Gelegenheit erhielte, die unumschränkte Herrschaft über Deutschland an sich zu reißen. Die einzige Art und Weise dies zu verhindern, war die Protestanten zu unterstützen. Dies war nun aber wieder schwierig für Richelieu, der katholischer Kardinal, Minister eines katholischen Königs und dazu beschäftigt war, in Frankreich eben diese Protestanten zu unterdrücken, denen in Deutschland geholfen werden sollte. Dennoch faßte er den kühnen Plan dazu und führte ihn auch aus. In seinen Reden, Schriften und Handlungen äußerte er immer eine innige Ergebenheit gegen die katholische, und einen bittern Haß gegen die protestantische Religion. Zugleich aber behauptete er offen, daß Ferdinands Eifer für erstere nur ein Verwand wäre, um vermittelst desselben ganz Deutschland zu unterjochen, ein Unternehmen, welchem jeder redliche Franzose entgegen arbeiten müßte. Richelieu ward balv die Seele der Unterhandlungen, welche zwischen den oben erwähnten Mächten gegen Oesterreichs wachsende Gewalt statt fanden. Die Frage war nur, welchen Fürsten man zum Führer des Krieges wählen sollte. Die Wahl schwankte zwischen den beiden protestantischen Königen Gustaf Adolf von Schweden, und Christian IV. vdn Dänemark, beide durch persönliche Eigenschaften bekannt, und beide Oesterreichs künftige Plane fürchtend. Frankreich wünschte Gustaf Adolf; England hingegen Christian IV., mit welchem daS königliche HauS nahe verwandt war. Beide schrieben ihre Bedingungen vor. Gustaf Adolf, dessen Volk durch mehrere vorhergehende und einen noch fortdauernden Krieg ermattet war, federte bedeutende Vortheile. Christian hingegen hatte während eines zwölfjährigen Friedens Kräfte und Muth gesammelt. Die nahe Nachbarschaft Deutschlands machte es ihm sowohl wichtiger als leichter die Sache der Protestanten zu unterstützen. Die Ehre, so mancher Völkerschaften Befreier zu werden, lockte seine stolze Seele, auf der andern Seite vielleicht auch ein heimlicher Neid gegen Gustaf Adolf, dessen 14 212 Sechs und dreißigstes Capitel. bereits crrungne Lorbeeren dem ehrsüchtigen Christian in die Augen stachen. Er schlug daher weit vortheilhaftere Bedingungen vor, ward zum Kriegsobersteu für den niedersächstschen Kreis gewählt, und ein Vündniß mit England und den deutschen Fürsten abge- schlössen, ehe es Frankreich gelungen war, näher mit Gustaf Aböls übereilt zu kommen. Dieser letztere zog sich zurück, indem er den Verbündeten Glück zu einem so würdigen Anführer und d eni unzweifclhaft daraus hervorgehen- den guten Ausgange der Sache wünschte. Es war im Sommer 1625, als dieser Krieg anfing. Einige protestantische Fürsten, darunter die Herzoge von Mecklenburg und der Administrator von Magdeburg vereinigten sich mit König Christian. Mansfeld und Christian von Braunschweig sammelten wieder ihre zerstreuten Haufen und eilten zum Kampfe. Der König selbst brach mit der dänischen Macht in Westphalen und Niedersachsen ein, eroberte verschiedene Festungen, und drang nach Hessen vor. Hier fand er die Truppen der Ligue unter Tilly's Anführung. Christian sah vollkommen die Unmöglichkeit ein, mit seinen neu geworbenen Haufen in offner Schlacht Tilly's unter den Waffen ergraute Krieger zu bestehen. Er wich daher sorgfältig jeder Gelegenheit zum Kampfe aus. Der schlaue Tilly zog vorwärts und rückwärts, und wendete alle möglichen Kriegslisten an um den Feind ins Feld zu locken; aber vergebens! Christian verstand es so vertheilhaft seinen Zug zu ordnen oder seine Stellung zu wählen, daß Tilly ihn nicht ohne die augenscheinlichste Gefahr hätte angreifen können. S- ging es das Jahr 1025, und den größten Theil des Jahres 1626. Endlich, am 27. August des letztgenannten Jahres, gelang es Tilly den König zur Schlacht zu zwingen. Es war bei Lütter am Barenbcrge. Die Dänen und ihr König bewiesen eine ehrenhafte Tapferkeit. Dreimal führte er sie ins Feuer, aber Tilly's Streiter standen unerschütterlich, oder drangen unwiderstehlich vor. Die Dänen wurden endlich in die Flucht gejagt, nachdem sie ungefähr 4000 Mann verloren hatten, worauf sie binnen Kurzem auS Deutschland vertrieben waren. Bis hierhin war der Krieg gegen die Protestanten größtenteils mit den Streitkräfteu der katholischen Ligue geführt worden, welche mehr oder minder von, baierischen Churfürsten Marimilian Ansang des dreißigjährigen Äriegeö. 213 abhängig war. Nm auch in dieser Hinsicht eine vollkommne Selbstständigkeit zu erlangen, wünschte Ferdinand eine reu ihm allein abhängende Kriegsmacht zu besitzen; es fehlten ihm aber die Geldmittel eine solche anwerben zu lassen. Da errichtete der reiche und tapfre Wallenstein, auf eigne Kosten, aber zu des Kaisers Dienst, ein Kriegsherr von 50,000 Mann. Mit demselben zog er im Herbste 1025 nach Nord-Deutschland, schlug im folgenden Frühlinge Mansfeld bei Dessau, und jagte ihn durch Schlesien und ganz Ungarn, wo dieser Heerführer erkrankte und starb. Dasselbe Schicksal hatte im selben Jahre der zweite Vertheiviger der deutschen Freiheit, der Herzog Christian von Vraunschweig; und der dritte, Kouig Christian von Dänemark ward in Holstein sowohl von Lilly, wie von dem aus Ungarn zurückgekehrten Wallenstein eingeschlossen. Aber da diese beiden Männer sich nicht mit einander vertragen konnten, so wußte der erstere die Sache so zu wenden, daß Lilly Befehl erhielt, nach der holländischen Grenze zu ziehen; Wallenstein aber sollte mit dem kaiserlichen Heere den Krieg gegen Dänemark beendigen. Durch Lilly's Sieg bei Lütter war dieser in der Hauptsache eigentlich schon beendigt; Wallenstein brauchte nur die schon reifen Früchte einzusammeln. Er überschwemmte das ganze nördliche Deutschland, Holstein und Jütland, und nur die Wogen des Velt und Christians treffliche Flotte waren es, weiche die dänischen Inseln selbst vor demselben Unglück schützten. Es ist eine Sage, daß Wallenstein in seinem gewaltigen Aerger das ihn hindernde Meer mit glühenden Kugeln hätte beschießen lassen. So endigte der Feldzug von 1627. Ferdinand hatte glücklich auch diesen Sturm besiegt. Seine Macht und sein Ansehen schienen fester begründet als jemals, und ganz Deutschland erwartete mit bangem Beben den Beschluß des strengen Siegers. Mit derselben Eigenmächtigkeit, die er früher gegen den Pfalzgrafen bewiesen, verurtheilte er auch bei dieser Gelegenheit die beiden Herzoge von Mecklenburg in die Acht, und schenkte Wallenstein deren Länder, nebst der herzoglichen Würde, unerachtet der Unrechtmäßigkeit der Sache, und der lauten Einsprüche der Fürsten. Außerdem gab er Wallenstein Vollmacht, als kaiserlicher Großadmiral über die Nordsee zu gebieten, und suchte durch ihn sich der Seestädte in Pommern und Mecklenburg zu bemächtigen, und daselbst eine Sechs und dreißigstes Capitel. 214 furchtbare Flotte zusammen zu bringe». Die drehende Unglückswolke näherte sich immer mehr dem Norden. Unter den Ostseehäfen war Stralsuud zu jener Zeit einer der wichtigsten, sowohl durch Handel und Reichthum, wie durch seine besonders feste und günstige Lage. Wallcnstein suchte sich daher desselben zu bemächtigen, erst mit List, dann mit Gewalt; aber die freie Reichsstadt wußte sich gegen beide zu vertheidigen. Die Könige von Schweden und Dänemark, erkennend, wie gefährlich eine kaiserliche Flotte in der Ostsee für sie sei» würde, beschlossen gemeinschaftlich Stralsund zu beschützen, und schickten in dieser Absicht zuerst dänische Truppen unter Holk und dann schwedische unter Leßlie und Nils Brahe. Walleustein seiner Seits hatte Arnheim mit einer bedeutenden Macht und dem Befehle hingesendet, die Stadt, zu welchem Preis es auch wäre, einzunehmen. Aber alle seine Angriffe wurden zurückgetrieben. Wallenstein, außer sich vor Zorn, schwur hoch und theuer, „daß er Stralsund in seiner Gewalt haben müßte, und wenn es auch mit diamantnen Ketten am Himmel befestigt wäre." Er rückte mit seinem ganzen Heere vor die Stadt, und richtete Sturm auf Sturm gegen ihre Wälle. Aber Bürger und Soldaten wetteiferten in muthiger Vertheidigung. Walleustein mußte endlich unverrichteter Sache wieder abziehen, nachdem er vorStralsunds Mauern 11,000 Mann verloren hatte. Zugleicher Zeit hatte auch die dänische Flotte alle Schiffe zerstört, die Walleustein mit unglaublichen Kosten angeschafft und ausgerüstet hatte. Er war nun wohl Admiral, aber ohne ein einziges Schiff zu besitzen! Der Kaiser sah nun deutlich die Unmöglichkeit ein, gegen die vereinigte Macht und Flotte Schwedens und Dänemarks einen bedeutenden Vortheil erringen zu können. Er bot daher Christian einen sehr vortheilhasten Vergleich an. Dieser hatte zwar gelobt, ohne Schwedens Theilnahme sich auf keine Unterhandlungen einzulassen; aber Noth und eigner Vortheil siegten. Im Mai 1029 schloß er einen besondern Frieden mit dem Kaiser, so seine Bundes- verwandten, den König von Schweden und die Herzoge von Mecklenburg aufopfernd. Durch denselben erhielt er, gegen das Versprechen, sich nicht mehr in die deutschen Angelegenheiten zu mi,chen, alle seine verlernen Länder zurück. Nun hatte Ferdinand ganz freie Hand, um im deutschen Reiche Die deutschen Fürsten. 215 vorzunehmen, was ihm nur gefiele, besonders da Gustaf Adolf durch den Krieg gegen Sigismund und dessen voin Kaiser erhaltne HülfStruppen ganz und gar in Preußen beschäftigt war. Ferdinand nahm diese Gelegenheit wahr, um seinen Gegnern den Todesstreich zu versetzen. Vermittelst einer scharfen Verordnung hatte er schon befohlen, daß alle Protestanten in den österreichischen Staaten entweder auswandern oder zum katholischen Glauben übergehen sollte». Den 6. März 1629 fertigte er das sogenannte RestitutionsEdikt aus. Er befahl nehmlich, daß jede Art Eigenthum, welches der katholischen Kirche genommen worden, derselben ohne alle Verkürzung zurückgegeben werden sollte; und kaiserliche Bevollmächtigte wurden ausgesandt, um die Verordnung in Wirksamkeit zu setzen. Der Protestanten Schrecken war unbeschreiblich! Eine unberechenbare Anzahl friedlicher Bewohner war nun über hundert Jahrelang im Besitze mannichfaltiger, schon seit der ersten Neformatiouszeit eingezogner Kirchengüter gewesen. Nun sollten sie ihr so lange beseßncs Eigenthum verlieren, und Haus und Heimath verlassen, oder sich unter strengen Herren eines fremden und feindlichen Glaubens sklavisch abarbeiten. Einige Staaten reichten wohl ihre Beschwerden gegen diesen Beschluß ein; aber Lilly und Wallensteiu standen ihnen mit ihren Heeren drohend gegenüber, und schon war daS schreckliche Edikt in mchrern Kreisen in Wirksamkeit gesetzt worden. Es schien, als ob Nichts mehr die deutschen Protestanten retten könnte. Sieben und dreißigstes Capitel. Die deutschen Fürsten. Um die Zeit, von welcher hier die Rede ist, mit ihren großen StaatSveränderuugen richtiger auffassen zu können, ist es nöthig die deutschen Fürsten, welche durch persönliche Eigenschaften oder Lage und Macht auf den AuSgang des KampfcS einwirkten, ein wenig näher kennen zu lernen. Zuerst ist unter allen der uns nun schon bekannte Ferdinand II. zu merke», römischer Kaiser, König über Böhmen und Ungar», Herzog über die österreichischen Länder, durch Rang und Besitzungen der mächtigste Regent in Europa. Er war 1578 geboren, und, wie schon erwähnt, klug, beharrlich, stolz und 2!6 Sieben und dreißigstes Capitel. kühn von Natur, noch mehr aber durch die erhallue Erziehung. Vom zwölften bis zum siebzehnten Jahre hielt er sich bei den Jesuiten zu Jngolstadt auf, und genoß deren Unterricht. Hier ward in ihm der Grund zu der uubegränztesten Ergebenheit finden katholischen Glauben gelegt, und zugleich der kühne Entschluß geweckt, für dessen Verbreitung weder Gewalt noch List zu sparen. Er behielt aus jener Zeit eine beinah abergläubische Verehrung und Liebe für seine Erzieher. Auf Reisen nahm er, wenn es nur eben möglich war, seine Wohnung in ihrem Kloster, und aus ihrem Orden wählte er seinen Beichtvater, den Pater Lamormain, welcher allmählig bedeutenden Einfluß erhielt. Ferdinand war höchst pünktlich in Erfüllung aller Neligionsgc- bräuche, Wallfahrten, Fasten und dergleichen. Er trug immer Heiligenbilder und Reliquien bei sich, und hatte feierlich die Jungfrau Maria nicht nur zu seiner Schutzpatronin genommen, sondern sie auch zum Oberfelvhcrrn über das ganze österreichische Heer ernannt. Nächst diesem Glaubenscifer, oder vielmehr neben ihm, zeigte sich eine Herrschsucht, die eben so unbeschränkt hinsichtlich ihrer Grenzen wie ihrer Mittel war; und es schien manchmal als ob des Kardinal Richelieus Behauptung: daß bei Ferdinand der erstere nur ein Deckmantel für die letztere wäre, vollkommen richtig wäre. Ferdinand selbst, zeigte sich selten oder nie bei den Heeren; aber aus der Tiefe seines Palastes wußte er mit der größten Klugheit seine Feldherren zu wählen und zu beurtheilen, und die Unterhandlungen zu leiten; kühn das Glück benutzend, und nie verzweifelnd unter dein verzweifeltsten Mißgeschicke. So war der Mann, welcher, an der Spitze der katholischen Parthei, Gustaf Adolfs Gegner werden sollte. Nächst Ferdinand zeichnete sich auf derselben Seite der Herzog, spater der Churfürst von Baiern, Maximilian, aus. Er war geboren l573, und gleich dem Kaiser bei den Jesuiten in Jngolstadt erzogen. Von Jugend an zeichnete er sich durch einen besonders hellen Kopf, Fleiß, tüchtige Kenntnisse und Sittlichkeit aus; als regierender Fürst durch Thätigkeit, Ordnung, und den verständigsten Einfluß auf alle Zweige der Verwaltung. Er war aus Ueberzeugung eifriger Katholik, doch nicht bis zur Verfolgung; ein unerschütterlicher Anhänger Oesterreichs, sowohl aus Klugheit wie aus Freundschaft; auch durch Bande des Blutes. Ferdinand Die deuischen Fürsten. 2L7 hatte nehmlich in zweiter Ehe Maximilians Schwester, und Maximilian Ferdinands Tochter, beide Maria Anna genannt. Bei der Kaiserwahl fanden sich einige unter den Fürsten, welche, aus Mißgunst gegen Oesterreich, an Ferdinands Statt den hochgeachteten Maximilian erwählen wollten. Dies ward, theils durch die List der Jesuiten, theils aber auch durch Marimilian's eigne Vorsicht verhindert. Statt Ferdinands Mitbewerber ward er dessen treuster Freund, und erhielt dafür, wie wir schon erzählt, die Ober-Pfalz und die Churwürre zur Belohnung. — Die übrigen unter den katholischen Fürsten waren weniger berühmt. Unter den Protestanten war der sächsische Churfürst Johann Georg der ausgezeichnetste hinsichtlich der Größe seiner Besitzungen, nicht aber seiner persönlichen Eigenschaften; denn er war beschränkt und träge von Natur, und dazu noch dem Vergnügen ergeben, vor Allem der Jagd und dem Glase. Besonders liebte er das Vier, und er ward daher der Bier-König oder der Bier- Görge genannt. Mit einem Gefühl von Aufgeblasenheit und Hochmuth, sah er sich für den Anführer der Protestanten an; verrieth sie aber aus das Schändlichste beim mindesten Schein eignen Vortheils. Im Jahr 1619 gab ihm Ferdinand das unbestimmte Versprechen, daß er die Lausitz erhalten sollte, und gleich war Johann Georg bereit seine Truppen die Unternehmungen der Kaiserlichen gegen die Protestanten und den unglücklichen Friedrich unterstützen zu lassen. Als Ferdinand seine Verbindlichkeit zu vergessen schien, fing der Churfürst an, einen heftigen Lärm über verschleime begangne Unrechtmäßigkcitcn zu erheben, schwieg aber gleich wieder, als er die Lausitz zum Unterpfande für seine gegen Böhmen gemachten Rüstungen erhielt. Ferdinand war klug genug, um durch persönliche Artigkeiten dem Churfürsten zu schmeicheln, so daß dieser so sehr am Narrenseil herumgeführt ward, daß er ein unthätiger Zuschauer der Niederlage der andern Protestanten blieb. Sein Betragen erweckte bald Schmerz, bald Spott. Er ward Deutschlands Judas Jscharioth genannt. „Der Bier-König," sagte man, „setzt einen höher» Werth auf das Merseburger Bierfaß als auf das Beste der Protestanten;" und ein andermal: „Der Kaiser verfährt mit Sachsen, wie Polyphem mit Ulysses — er verschont ihn, aber nur — um ihn zuletzt 218 Sieben und dreißigstes Capitel. Gustaf Adolfs Schwager, der Churfürst Georg Wilhelm von Brandenburg war ein Herr, der ziemlich große Besitzungen und gewöhnliche Eigenschaften hatte. Er ward von seinem Günstlinge Schwartzenberg beherrscht, welcher noch wohl gar Katholik, und wie man glaubte, dem Kaiser heimlich ergeben war. Friedrich, Pfalzgraf bei Rhein und später König von Böhmen, war ein lebhafter, rascher und fröhlicher Herr, aber zu oberflächlich und nickt beharrlich genug. Seine kurze Regierung über Böhmen und sein daraus hervorgehendes Unglück ist schon erwähnt. Er war nur einen Winter König, und erhielt daher den Zunamen: der Winterkönig. Seine Gemahlin, Elisabeth von England, war eine ausgezeichnet schöne und hochgesinnte Fürstin. Als Friedrich zweifelhaft war, ob er die böhmische Krone annehmen sollte, äußerte sie: „daß Derjenige, welcher den Muth gehabt habe, eine Königstochter zu freien, sich noch weniger vor einer Königskrone fürchten dürfe." Dieser Prinzessin Schönheit und ritterlich edles Betragen, so im Glück wie im Unglück, wappnete manchen tapfern Krieger zum Vertheidiger der protestantischen Sache und der ihrigen. In H essen-Cassel regierte der Landgraf WilhelmV., ein kluger und unerschrockner Herr, unter den deutschen Fürsten der Erste, welcher sich offen für die Schweden erklärte. Noch berühmter war seine Gemahlin, Amalia Elisabeth, zu ihrer Zeit vielleicht die ausgezeichnetste und angesehenste Fürstin in Europa. Verstand, Sittlichkeit, Muth, Beharrlichkeit bezeichneten alle ihre Unternehmungen. Nach des Landgrafen Tode regierte sie, wahrend der Minderjährigkeit der Kinder, das Fürstenthum mit Klugheit, Glück und Kraft, nnd das unter den stürmischten Zeiten. Sie war der Schwede» unerschütterliche, und einzig unerschütterliche Verbündete währenddes ganzen achtzehnjährigen Krieges "), und ging mit ihnen siegreich aus dem Kampfe hervor, ihrem jetzt mündigen Sohne des Vaters Länder, nicht nur mit erweiterten Grenzen, sondern auch im Innern in einem bessern Zustande übergebend, als vielleicht irgend einer der übrigen deutschen Staaten sich befand. Diese Fürstin war es, um deren Hand Herzog Bernhard von Weimar sich bewerben wollte, als der Tod ihn überraschte. ) Nehmlich von 1630 an gerechnet, mc Gustaf Adolf nach Deutschland kam. Die deutschen Fürsten. 210 Herzog Iohann von SachscnWeimar stammle von der sogenannten Ernestiuischen Linie des HanscS Sachsen ab, welche im Kampfe gegen den Kaiser und die Katholiken vor beinah hundert Jahren die churfiirstliche Würde verloren hatte. Er hegte daher einen alten Haß gegen diese seine Erbfeinde, eben so seine Söhne. Er hatte deren nicht weniger als elf, worunter sieben schon in reifern Jahren waren, und mit der größten Erbitterung Theil am Kriege nahmen. Unter ihnen ist Herzog Wilhelm zu merken, welcher in Gustaf Adolfs Dienst Proben großer Tapferkeit ablegte, und des Vaters Nachfolger ward. Am höchsten auf der Bahn der Ehre und des Ruhmes stieg aber doch endlich der jüngste Bruder, Herzog Bernhard, einer der vorzüglichsten Helden des nächstkommeuden Zeitraumes. Das Haus Sachsen Lauenburg stand in mehrfacher Verwandtschaftsverbindung mit der schwedischen KönigSfamilie. Gustaf Wasa hatte aus demselben seine erste Gemahlin genommen, und in dasselbe seine Tochter verheiralhet. Der letzter» Schwager, Herzog Franz der Zweite, war ein Fürst, der arm an Landern, aber reich an Kindern war, denn er hatte deren nicht weniger als neunzehn, darunter neun Söhne, welche alle das erwachsne Alter erreichten. Armuth zwang sie bei fremden Heeren und Höfen das Glück zu suchen, und wir finden sie in alle Umwälzungen jener Zeit verwickelt, thätig, kühn und unternehmend, aber ohne Festigkeit und Zuverlässigkeit. Drei unter ihnen gingen endlich zur katholischen Religion über. Der älteste, August, ward des Vaters Nachfolger; Julius Heinrich, bekannt durch seine Schlägerei mit Gustaf Adolf *') ward später Katholik und des Kaisers beständiger Anhänger; Franz Karl, anfangs Lutheraner und der Schweden Verbündeter, später Katholik und dem Kaiser verbündet; Rudolf Maximilian, tapfer und immer getreu gegen Oesterreich; und endlich der jüngste Franz Albrecht, geboren 1508, hinterlistig und veränderlich, im kaiserlichen Lager aufgewachsen, später nacheinander übergehend zu den Schweden, den Sachsen und endlich wieder zu den Kaiserlichen. Er war es, den man später allgemein im Verdacht wegen Gustaf Adolfs Mord hatte. (Man sehe hier auch die letzte Note). ') Man «ehe da» Iisic Lariiel. 22V Acht und dreißigstes Capitel. Herzog Christian von Brau »schweig nahm als Mansfelds Waffenbruder besonders lebhaft Theil am dreißigjährigen Kriege. Im Allgemeinen veranlaßte ihn dazu seine leivcnichaftliche Gemüthsart, im Besondern aber auch noch seine Bewunderung für die unglückliche Pfalzgräfin Elisabeth. Ihr Bilv im Herzen, und ihren Handschuh auf dem Helm, stürzte er steh in den Kampf. Seine Heftigkeit zerstörte aber zum öftersten alles das wieder, was sein Muth manchmal errungen hatte. Furchtbarer war der Graf Ernst von Mansfeld, ein ausgezeichnet tapfrer, geschickter und beharrlicher Vertheidiger der Protestanten. Manches Mal ward er von dem mächtigern und auch geschickter» Tilly geschlagen, verlor aber nie den Muth. Niemand verstand besser als er die Kunst, zerstreute Truppen zu sammeln, und sich wieder im Felde zu zeigen, dann oft furchtbarer als vor seiner Niederlage. So fuhr er fort, sieben Jahrelang Deutschland zu durchstreichen, geliebt als der bisweilen einzige Vertheidiger der Freiheit, aber auch gefürchtet« nm der zügellosen PkündcrungSsucht seiner Truppen willen. Die Katholiken suchten ihn durch glänzende Versprechungen auf ihre Seite zu locken, aber vergebens. Nach dem 1626 bei Dessau vorgefallnen unglücklichen Kampf gegen Wallenstein, flüchtete er nach Ungarn, mit dem Vorsätze in venetianische Dienste zu gehen. Nicht weit von Spalatro überfiel ihn eine schwere Krankheit. Als er den Tod nahe fühlte, stand er auf, ließ sich mit seinen Waffen bekleiden, und erwartete, auf zweien seiner Officiere gestützt, sein Ende. „ Ein Heerführer," sprach er, „muß stehend in seinen Waffen sterben." (Er war erst im 46sten Jahre). Acht nud dreißigstes Capitel. Die deutschen Feldherren. Boucquoi, Dampier, Spinola u. in. a., welche im Anfange des dreißigjährigen Krieges den Oberbefehl führten, waren in den zwölf Jahren schon wieder abgetreten, welche vor Gustaf Adolfs Ankunft in Deutschland verflossen waren. Deren Schüler und nächste Nachfolger waren diejenigen, welche hauptsächlich mit den Schweden zu thun hatten, und daher auch in deren Gescknchle gehören. Die deutschen Feldherren. 221 Zuerst tritt der berühmte Tilly auf. Sein rechter Name war eigentlich Johann Tzerklaö zu Tilly, 1550 zu Lüttich, aus einem alten, adelicheu Geschlechte geboren. Schon von seiner frühsten Kindheit an, zeigte er Sinn für kriegerische Beschäftigungen, daneben aber ein stilles und bescheivencS Wesen. Zuerst als Page in bairische Dienste tretend, zog er sich durch diese Eigenschaften den Spott der Hoflcutc und den Zunamen : der stumme Tischsttzcr, zu. Fürst Maximilian hingegen fing bald an, die ausgezeichneten Anlagen zu ahnen, welche in dem anspruchslosen Jünglinge noch verborgen lagen. Dieser sehnte sich unterdessen aus dem leeren Treiben am Hofe, in das thätigere Leben der Feldlager hin. Er diente zuerst in den Niederlanden, dann in Ungarn, wo er in kurzer Zeit bis zum Oberstleutnant, Oberst, und endlich bis zum General der Artillerie emporstieg; dies Alles schon zu Kaiser Rudolfs Zeit. Hernach trat er in bairische Dienste, und hier war es, wo er sich seine reichsten Lorbeeren errang. Durch ihn wurden die bairischen Truppen in kurzer Zeit so trefflich eingeübt und ausgerüstet, daß sie für die besten von beinah ganz Europa gelten konnte». An ihrer Spitze gewann er Sieg über Sieg über den Grafen von Mansfeld, über den Herzog von Braunschweig, über jeden Feind, welcher es auch sein mochte; und es war hauptsächlich durch Tilly, daß die Schlacht auf dem weißen Berge einen so glücklichen Ausgang nahm. So große Verdienste wurden aber auch allgemein anerkannt. Maximilian von Baiern ehrte ihn durch die allervcrtranlichste Freundschaft, und der Kaiser ernannte ihn 1023 zum Neichsgrafen von Tilly. Er war auch in mancher Hinsicht ein großer und achtungswürdiger Mann; in der Schlacht sowohl muthig wie vorsichtig, und in kriegerischer Geschicklichkeit von keinem seiner Zeitgenossen übertroffen; dabei ein Mann von Wort, uneigennützig, gerecht, im höchsten Grade sittlich; er rühmte sich: „nie Wein geschmeckt, nie Frauengunst genossen, nie eine Niederlage erlitten zu haben." Seinem ererbten Glauben, dem katholischen, war er von Herzen upd unerschütterlich ergeben, zuweilen bis zur Grausamkeit gegen Andersdenkende; und endlich blieb ihm die Bescheidenheit, welche ihn in der Jugend auszeichnete, so sehr eigen, daß er sich weigerte den Titel Prinz anzunehmen, welchen der Kaiser ihm aus freien Stücken anbot. — Er war ein langer, magrer Herr, mit kurzem, ) >2 Acht und dreißigstes Capitel. unordentlich umher hängendem Haar; die Stirn breit, mit starken Runzeln wie das ganze Gesicht, die Nase lang und erhaben gebogen, die Backenknochen sehr hervorstehend, aber Wangen und Augen eingesunken, mit kurzem Knebel - und Kinnbärte. Er erschien gewöhnlich in grüner, spanischer Tracht, mit aufgeschlagenem Hute, von welchem eine rothe Straußfeder den Rücken lang hinab hing. In der Schlacht ritt er meistens einen kleinen, unansehnlichen Grauschimmel. Im Jahr 1583, den 4. September, ward in Prag Albrecht Wenceslaus EusebiuS, Freiherr von Walostein, oder Albrecht von Wallenstein, wie er gewöhnlich genannt wird, geboren. Schon als Kind verrieth er einen wilve» und unbändigen Sinn, und vergebens suchten die Eiters durch Privatlehrer seinen Ueber- muth zu zügeln. Sie brachten ihn auf die Schule zu Golvberg, wo er einem, durch Tüchtigkeit und Kraft ausgezeichneten Lehrer, Namens Fuhner, übergeben ward. Nachdem dieser, ohne den geringsten Erfolg, sowohl Güte wie Strenge angewendet hatte, schickte er den ungezogenen Knaben den Eltern zurück. Diese sandten ihn nun in Begleitung von Privatlehrern auf die Hochschule nach Nürnberg, da sie sich zur lutherischen Religion bekannten. Wallenstein war jetzt 16 Jahr alt. Mit der wildesten Heftigkeit überließ er sich allen den Ausschweifungen und Gewaltthätigkeiten , die gewöhnlich unter der Hefe der Studenten im Schwange sind. Besonders war er ein fleißiger Anstifter und Theilnehmer sowohl allgemeiner wie besonderer Schlägereien. Mehrmals ward er durch seine Lehrer gewarnt, einmal auch versuchsweise eingesteckt, aber endlich, da Alles ohne Wirkung auf ihn blieb, ernstlich angewiesen die Stadt zu verlassen, welches er auch that. Alles dies fand in nur etwas mehr als einem halben Jahre statt. Nach diesen widerwärtigen Begebenheiten trat er als Page in den Dienst deS Markgrafen von Burgau. Hier begab es sich eines Tages, daß er, auf dem Schlosse zu Jnspruck in einem Fenster des dritten Stockwerkes sitzend, einschlief. In der Beängstigung eines unruhigen Traumes warf er sich hin und he§, und fiel endlich aus dem Fenster hinab, erlitt aber, uncrachtet des gräßlichen Falles, nicht den geringsten Schaden. DaS Ungewöhnliche in dieser Begebenheit flößte ihm ernste, manchmal schwärmerische Gedanken ein. Er glaubte, daß er durch eine höhere Die deutschen Feldherren. 22.'i Hand zu einer höheren Bestimmung erhallen worden wäre. Eine auffallende Veränderung ging mit seinem ganzen Wesen vor. Der wilde, unbändige Geist blieb wohl zurück, aber schweigend und verschlossen in sich selbst, versenkt in düstre Grübeleien über die Räthsel der Welt und des menschlichen Lebens. Er ging zur katholischen Religion über, in der festen Ueberzeugung, daß es die Jungfrau Maria wäre, welche ihm zu diesem Endzweck das Leben gerettet hätte. Später ging er auf Reisen, um seine Studien fortzusetzen und zu vollenden. Er besuchte Spanien, Frankreich, die Niederlande und Italien, genaue Kenntniß dieser Länder einsammelnd. Hierbei ward er mit verschiedenen Gelehrten bekannt, welche ihm Geschmack für die zu jener Zeit noch so allgemein beliebte Sterndcuterel beibrachte». Dieser nahm in Padua immer mehr zn, wo er diese Wissenschaft längre Zeit unter dem Professor Argoli studierte, welcher seinem Schüler aus dem Lauf der Gestirne eine merkwürdige und glänzende Zukunft vorhersagen zu können glaubte. Sein ganzes Leben hindurch behielt Wallenstein immer die wärmste Vorliebe für diesen Gegenstand, und in spätern Jahren ward er stets von einem alten, berühmten Sterndeuter, Namens Seni, begleitet. Von Padua begab sich Wallenstein »ach Ungarn, und betrat während des Feldzuges gegen die Türken zum erstenmale die Kriegesbahn, schon damals durch einen unbezwinglichen Muth ausgezeichnet. Nach dem Frieden 1606 kehrte er nach Böhmen zurück. Sein Vater war gestorben und hatte nur ein geringes Erbe hinterlassen. Wallenstein, jetzt nicht nur arm, sondern von den Böhmen wegen seines Uebertritts zur katholischen Religion gehaßt, konnte nicht hoffen in diesem Lande ein besonderes Glück zu machen. Aber der katholische Erzbischos von Prag hatte zufällig den jungen Mann und seine ungewöhnlichen Anlagen kennen gelernt. Er wünschte ihn in eine gewisse Unabhängigkeit zu versetzen, und schlug ihm in dieser Absicht eine Vermählung mit einer alten, aber außerordentlich reichen Wittwe vor. Die Ehe kam wirklich zu Stande. Das Publikum, welches Wallensteins sonderbare Gemüthsart und seine unermeßliche Ehrsucht noch nicht recht kannte, wollte durchaus nicht glauben, daß er es freiwillig über sich vermocht hätte die alte, häßliche Frau zu heirathen. „Sie hat ihm einen bezauberten Liebestrank gegeben," hieß es, Acht und dreißigstes Capitel. 224 „daraus ist dann sowohl die unnatürliche Ehe wie Wallensteins übrige Sonderbarkeiten hervorgegangen." — Indessen starb sie binnen Kurzem, und hinterließ dem jungen Wittwer ein beinah unermeßliches Vermögen. Es war um diese Zeit, daß die Unruhen am österreichischen Hofe und im Lande selbst auSbrachen. Wallenstein wies alle An- erbietungen ab, Theil an dem Bruderstreite zwischeu Kaiser Rudolf und seinem künftigen Nachfolger Matthias zu nehmen. Statt dessen warb er zweihundert Reiter, und führte sie dem damaligen Erzherzoge Fcrdinanv zu, welcher in einen Krieg mit Venedig verwickelt war. Bei dieser Gelegenheit legte er durch Tapferkeit und Freigebigkeit den Grund zu der ungewöhnlichen Gunst, worin er seitdem sowohl bei Ferdinand wie bei den Soloalen stand. Nach beendigtem Kriege ward er zum Obersten ernannt, und vermählte sich mit der jungen und schönen Jsabella Katharina von Harrach, einer Tochter von Ferdinands Geheimrath und Günstling. Er ward selbst kaiserlicher Kammerherr und Graf, und zeichnete sich in Wien durch eine besonders glänzende Lebensweise aus. Bei dem Aufruhre von 1618 boten die Böhmen Wallenstein die oberste Feloherrnstelle an; aber er blieb seinem Kaiser treu, und führte zu dessen Gunsten an der Spitze eines von ihm selbst geworbenen Kürassierregimcnts manche tapfre That aus. Die Böhmen, darüber aufgebracht, zogen alle seine Güter ein, so wie auch die von acht Andern desselben Namens und Geschlechtes. Die Verbindung mit Ferdinand ward dadurch nur noch fester. Zufällig war Wallenstein gerade abwesend, als die Schlacht auf dem weißen Berge vorfiel; aber seine Kürassiere hatten doch wesentlichen Antheil an dem glücklichen Ausgange derselben. Mit demselben guten Erfolge diente er seitdem gegen Bethlen Gabor; trug zuerst zu WienS Rettung bei, und führte dann nach Boucguois und Dampiers Tode das kaiserliche Heer zu verschiedenen Siegen, durch welche Bethlen Gabor genöthigt ward sich zurückzuziehen. Jetzt ward Frieden mit Böhmen sowohl wie mit Ungarn geschlossen; Wallenstein erhielt seine Verlornen Güter zurück, und außerdem als besondere Belohnung die Herrschaft Friedland, zuerst mit der Würde eines Reichsgrafen, dann 1623 eines Rcichsfürstcn, und endlich 1624 eines Herzogs. Sein ungewöhnliches Glück erweckte den Neid, und er ward des Eigennutzes und der Versäumniß Die deutschen Feldherren. angeklagt. Wallenstein fand sich persönlich in Wien ein, theilte auf der einen Seite 12,000 Dukaten unter diejenigen aus, welche ihn richten sollten, und stellte auf der andern seine glänzenden KriegeS- thaten in ihrem klaren, nicht zuvrrkennenden Lichte dar. Er ward freigesprochen und zum Generalmajor befördert! Darauf lag er einige Zeit müßig in Böhmen. Er bot seine Dienste dem Herzoge Marimilian von Baiern an; doch Tilly, welcher einen sv ausgezeichneten Nebenbuhler fürchtete, wußte eS im Geheimen sv einzurichten, daß er eine abschlagende Antwort erhielt. Hierdurch ward der Grund zu der bittern Feindschaft gelegt, welche seitdem zwischen Wallenstein auf der einen, und Marimilian und Tilly auf der andern Seite herrschte. Ersterer vermochte es aber doch nicht lange unthätig zu bleiben. Ferdinand bedurfte eines Kricgshceres, hatte aber nicht die nöthigen Mittel dazu. Da erbot sich Wallenstein, zu des Kaisers Verfügung aber auf eigne Kosten, nicht weniger als 40,000 Mann zu werben und auszurüsten. Man lachte im Anfang über den Vorschlag, als über eine leere Prahlerei. Aber die Noth dauerte fort, und Wallenstein blieb bei seinem Anerbieten. Da schien es dem Kaiser, daß er leicht einen Versuch, der ja nicht einmal etwas kosten würde, wagen könnte, und der Vorschlag ward unter der Bedingung angenommen, daß nur 20,000 Mann ausgerüstet werden sollten. „Zwanzigtauscnd Mann," antwortete Wallenstein, „müßten verhungern; aber Fünszigtauscnd können sich selbst ihren Unterhalt verschaffen;" und es blieb dabei, lieber ganz Deutschland verbreitete sich nun das Gerücht, daß Wallenstein auf eigne Kosten ein Kriegsheer errichten wolle. Das Ungewöhnliche des Unternehmens, Wallensteins Name, Glück und Freigebigkeit, lockten ganze Schaarcn von Soldaten herbei, nicht nur Mansfelds zerstreuteHaufen, sondern auch sogar manchen Krieger aus Tilly's Reihen; und mit Erstaunen sah man Wallenstein bald an der Spitze von 60,000 Mann! Es war mit diesem Heere, daß er 1626 Mansfeld durch Sachsen, Schlesien und Ungarn jagte, 1627 Holstein und Jütland eroberte, 1628 Stralsund belagerte und das nördliche Deutschland im Zaume hielt. Man staunte Ferdinands Glück an, einen solchen Feldherrn gefunden zu haben. Ferdinand selbst erkannte dankbar wie sehr er demselben verpflichtet war, und ernannte Wallenstein, wie schon erwähnt, 1629 zum Herzoge von Mecklenburg. I. 13 226 Acht und dreißigstes Capitel. Indessen fing der Kaiser bald an, heimliche Besorgnisse vor einem so mächtigen und eigenmächtig handelnden Unterthanen in sich zu hegen. Wallensteins Charakter und ganze Persönlichkeit war nicht geeignet Vertrauen einzustoßen. Er war groß und mager; mit kurzem ausstehendem Haar, hoher, glatter Stirn, kleinen schwarzen und sebarffnnkelnden Augen und gelber Gesichtsfarbe. Strenge und eisige Kälte verriethen sich in jedem Blick, jeder Geberdc. Die Lippen bewegten sich beinah nie zum Lächeln, selten zum Gespräche, und die wenigen Worte, die er dabei vernehmen ließ, wurden mit einer scharfen Stimme, deren unangi- nehmen Ton er nicht zu miloern vermochte, ausgesprochen. Er war nüchtern, mäßig und sehr arbeitsam, balv voller Mißtrauen und Verstellung, bald übertrieben gerade und auffliegend. Gegen Verbrecher war er unerbittlich, zuweilen ungereimt hart. Wenn ein Soldat des Ungehorsams angeklagt ward, antwortete er oft ohne weitere Untersuchung, ganz trocken und kurz: „Hängt den Hund!" Dasselbe Schicksal erfuhr ein Kammerdiener, welcher ihn zu früh weckte. Seine Härte und sein Zorn kannten keine Grenzen, aber auf der andern Seite eben so wenig seine Freigebigkeit. Er hielt es unter seiner Würde, ein Geschenk von weniger als 1000 Neichsthaler zu geben. Für die Gesundheit und Pflege der Soldaten sorgte er aufmerksam, ihnen zugleich freie Hand lassend, sich durch Plündern außerdem noch zu ernähren und zu bereichern. Diener und Höflinge belohnte er fürstlich. Fürstlich war auch seine eigne Lebensweise; ja beinah kaiserlich. Auf seinen Besitzungen in Prag, Gitschin und Friedland wurden prächtige Bauten ausgeführt. Besonders ausgezeichnet war das Schloß zu Prag. Schon der Stall allein glich einem kleinen Pallaste, wo dreihundert ausgesuchte Prachtrosse aus Marmorkrippen fraßen. Der eigentliche Pallast war auf das Prachtvollste eingerichtet, mir heimlichem, aus Tropfstein gebilveten Badezimmer, großen, prächtigen Säälen, von den ersten Malern mit Gemälden geschmückt, welche Wallensteins Thaten darstellten, zuweilen ihn selbst als Sieger von den Sonnenpferden gezogen, mit dem Morgenstern über der lorbeerumkränzten Stirn. Auf Reisen führte er fünfzig sechsspännige Wagen für sich und seine Gesellschaft mit sich; fünfzig andre folgten ihm mit der Dienerschaft und dem Haus- gcrathe; und eben so viele Leibtrabanten standen täglich in den Die deutschen Feldherren. 227 äußern Gemächer». Der Hof bestand aus sechszig adelichen Pagen, zwölf frcihcrrlichcn Rittern und vier Kammerherren; das Ganze machte zusammen 900 Personen und 1072 Pferde aus. Täglich ward die herzogliche Tafel für hundert Gäste gedeckt. Er selbst erschien aber selten daran, die Menschen fliehend und hassend, als ein undankbares und böses Geschlecht, und zugleich so äußerst empfindlich gegen jedes Geräusch, daß die Herren seines Hofes sich die Sporen mit Seidenband umwickeln mußten, um auch das leiseste Klirren derselben zu verhindern. Seine Gemahlin und Tochter sah er nur selten; einen vertrauten Freund hatte er niemals. Seine Zeit war zwischen Amtsgcschäften, Briefwechsel, astrologischen Studien mit Sein, düstren Grübeleien und Plänen unermeßlicher Ehrsucht getheilt. Auf solche Weise einsam und im Innersten seines Pallastes verschlossen lebend, herrschte er dennoch von daher beinah unumschränkt, nicht nur über sein Heer, sondern so zu sagen über ganz Deutschland. Die Soldaten folgten ihm mit dem blindesten Gehorsam, sowohl durch seine Strenge und Freigebigkeit, wie durch sein geheimnißvolles Wesen an ihn gekettet. Das deutsche Volk behandelte er mit der ganzen Härte eines siegreichen Kriegers, dessen Fürsten nicht nur als Seinesgleichen, sondern sogar mit beleidigendem Uebermuthe; aber lange wagte Keiner sich dem eben so mächtigen wie gesürchteten Sieger zu widersetzen. Der Kaiser selbst mußte manchesmal schweigen und sehen, wie Gallenstein seinen gegebenen Befehlen geradezu entgegen handelte; wie er es nicht einmal der Mühe werth hielt, sich darüber zu entschuldige». An der Spitze seines zahlreiche», auf ihm allein beruhenden Heeres, stand er mitten in Deutschland, eine Allen gleich fürchterliche Macht, nicht ohne Grund von Manchen DeutschlandsDictator genannt! Wie Wallenstein auf dem Reichstage zu Negensbnrg von diesem ausgezeichneten Platze wieder eben so schnell hinabstieg, wie er hinaufgestiegen war, wird künftig erzählt werden. Der Dritte in der Reihe dieser ausgezeichneten Feldherren war Gottfried Heinrich, Graf von Pappenheim Trieglingen, geboren 1594, also in gleichem Alter mit Gustaf Adolf, wie Wallenstein mit Arel Orenstjerna. Der Vater war kaiserlicher Marschall, und führte als solcher zwei Schwerter lm Wappen. Der junge Pappenheim hatte eben -so bei seiner 15 228 Acht und dreißigstes Capitel. Geburt zwei, wie mit rother Farbe und in derselben Stellung gezeichnete Schwerter auf seiner Stirn. Mit der Zeit wuchsen sie allmählig aus, und seit seinem fünf und zwanzigsten Jahre bemerkte man sie nur noch bei heftigen Aufregungen. Pappenheim war von stolzer und muthiger Gemüthsart, und man sah ihn als Kind selten oder nie Thränen vergießen; daneben war er frohgelaunt, offen und lernbegierig, und besaß gute Kenntnisse, die er theils Privatlchrern, theils weiten Reisen verdankte. Unter dein Herzoge von Baiern begann er seine kriegerische Laufbahn, und stieg schnell zu den Hähern Graden empor. Bei der Schlacht anf dem weißen Berge (1620) war er schon Oberst. Gleich im Beginn dieses Treffens ward er verwundet, fuhr aber doch fort Theil am Kampfe zu nehmen, bis sein Pferd, zu Tode getroffen, sich überschlug, und dann auf ihm liege» blieb, so daß er nicht vermochte, sich unter demselben hervor zu arbeiten. In diesem Zustande ward er mehrmals überritten und verwundet, und blieb endlich besinnungslos auf dem Schlachtfelve liegen. „Ich wußte nicht recht," pflegte er selbst zu sagen, „ob ich im Paradiese oder in der Holle war. Für ersteres befand ich mich nicht wohl genug, für letztere nicht schlimm genug; weswegen ich endlich glaubte, ich möchte wohl im Fegefeuer sein." — Er ward aus diesen Träumen durch einen plündernden kaiserlichen Soldaten geweckt. Als dieser sah, daß Pappenheim die Augen öffnete, sagte er; „Du Hund! Du hast schone Beinkleider an, Tu sollst sterben!" und dabei erhob er den Säbel. „Um GoiteSwillen!" rief Pappenheim, „laß mich lebe»! Ich bin der Oberst Pappcn- heim und will Dich reichlich belohnen!" Er ward nach Prag gebracht und dem Leibarzte des Herzogs Maximilian zur besondern Pflege übergeben. Er hatte nicht weniger als zwanzig Wunde», worunter sechs sehr gefährliche; aber die gute Pflege und noch mehr die »»geschwächte Lebenskraft stellten ihn bald wieder vollkommen her. Er nahm seitdem an allen Kriegszügen Theil, sich in hohem Grade durch Geschicklichkeit und Muth, am meisten aber Loch durch letztere Eigenschaft auszeichnend. Bei seinem Tode hatte er nicht weniger alö hundert Narben! Pappenheim war von hohem Wüchse, hatte ein volles Gesicht, erhabne Stirn und Nase und lebhafte Augen, und war nicht ohne einige Ähnlichkeit mit Gustaf Adolf. - In seiner Seele lebte der ritterliche Sinn früherer Die deutschen Feldherren. 229 Zeiten, der sich besonders in seinem Verhältnisse zu diesem Könige äußerte. Laut einer alten Familicnsage sollte künftig ein mit Narben bedeckter, und auf weißem Rosse reitender Graf Pappenheim im Kampfe einen großen und berühmten König besiegen. Man erzählt, daß Pappenheim überzeugt gewesen wäre, diese Prophezeihung bezöge sich auf ihn und Gustaf Aböls, und daß er Alles gethan habe um ihre Erfüllung herbei zu führen. Beständig sah man ihn ein weißes Pferd reiten und immer wählte er in den Treffen seinen Platz gerade dem Könige gegenüber, und suchte eifrig mit ihm handgemein zu werden (wozu es indessen nie kam). Zu gleicher Zeit fühlte er für diesen seinen Feind eine aufrichtige Hochachtung, und äußerte dieselbe bei jeder Gelegenheit unverhohlen. Durch die Art sich zu kleiden, zu benehmen, ja sogar sein Haar zu tragen, suchte er die Ähnlichkeit zwischen sich und seinem großen Gegner nur noch bemerkbarer zu machen. Die miteinander wetteifernden Altersgenossen fielen endlich am selben Tage und auf demselben Schlachtfeld«! Haus Georg von Arnheim war 1581 geboren, und stammte aus einer adelichen Familie im Vrandcnburgischen. Er zeichnete sich durch Fleiß, tüchtige Kenntnisse, Schlauheit und Verschwiegenheit auS. Richelieu nannte ihn daher den besten Card in als-Teig in ganz Europa. Er war aber doch der lutherischenNeligion ergeben, und dies mit so viel Eifer und Beharrlichkeit, Laß er anderer Seils der lutherische Capuciner- M ö n ch genannt ward. Fürs klebrige war er veränderlich, falsch, eigennützig. Er war zuerst in polnischen, dann in schwedischen, darauf in österreichischen Diensten, wo er mit Wallenstein eine nähere Freundschaft schloß, welche, uncrachtct des einen und andern Mißverständnisses, ununterbrochen fortdauerte. Nachdem Arnheim aus Widerwillen gegen den polnischen Feldzug 1629 seinen Abschied aus dem kaiserlichen Heere genommen hatte, ging er als Fcldmarschall in sächsische Dienste. Altringer, von geringen Eltern entsprungen, folgte auf verschiedenen Reisen einem französischen Edelmanne erst als Kammerdiener, dann als Privatsekretar, durch seinen Fleiß unterdessen bedeutende Kenntnisse von verschiedenen Ländern, ihrem Zustande und ihrer Sprache sich erwerbend. Später ward er Kanzcllist bei der tribentinischen Kircheuversammlung ") wo seine Gcschicklichkcit ") as NUIÜ hier ein Jnihum Nl tcu Lerichttn ttder Aluwgcr ct'walnn, 230 Acht und dreißigstes Capitel. und sein Glück ihm Mißgunst und Verfolgungen erweckten. Altringer verließ im Zorne Amt und Stadt, mit dem Vorsätze die erste Beschäftigung zu ergreifen, die sich ihm darbieten würde. Zufällig traf er auf einen deutschen Soldaten, welchem er nach Italien folgte. Nachher ging er in baierische Dienste, unaufhörlich von einem Grade zum andern steigend, bis er nach Tilly's Tode Anführer des ganzen bqicrischen Heeres, und vom Kaiser zum Neichsfreiherrn erhoben ward. Er war tapfer, verständig, witzig und ein besonders großer Redner; aber dabei räch- und geldgierig, man nannte ihn den italienischen Spanier. Heinrich Holk, auf der dänischen Insel Alsen geboren, ein unerschrockener und feuriger Krieger, aber ausschweifend, lasterhaft, grausam uud raubsüchtig. Holk und seine Jäger waren ein Gegenstand der Furcht und des Abscheus für ganz Deutschland. Mehrmals änderte er den Herrn und die Religion. Endlich ward er auf einem seiner grausamsten Plündernngszüge von einer tödt- liehen Krankheit angesteckt. Kein Priester konnte bewogen werden, die letzte Beichte des verabscheuten Mannes anzuhören. Er starb, von Allen verlassen, zuletzt sogar von seinen eignen Officieren. Eine der lockern Weibspersonen im Lager empfing seinen letzten Seufzer, Der Graf Merode, in kaiserlichen Diensten, ist am bekanntesten dadurch geworden, daß seine zügellosen und unbändigen Soldaten nach ihm Merodisten oder Merodare genannt wurden, woraus später das Wort Marodörs entstand. Tiefe nbach, Götz, Kolalto, Maradas und der Kroatcnanführer Jsolani waren mehr oder minder berühmte Krlegsobersten, deren Namen oft vorkommen. Es war auch in dieser Zeit, daß die nachher so berühmt gewordenen Feldherren Gallas, Piccolomini und Monteeuccnli zuerst anfingen sich auszuzeichnen. So wie nun einzelne Anführer sich mehr oder minder Ansehen erworben hatten, so war dies auch mit den Truppen selbst der Fall. Gewisse Regimenter waren ihrer Tapferkeit und kriegeden d-r Verfasser übersehen hat. Denn wenn wir auch auuchmc», daß Al- tringer als ganz junger -.Mensch, nnd in den letzten Jahren des Iridcntiuischcn Conciliums diese Stelle bekleidet hätte, so mußte er doch bei Tilly'S Tode ein Greis zwischen !U> uud 100 Jahren gewesen sein, von dem es kaum zu glaube» ist, daß er in einer so gefährliche» Zeit zum Generalissimus ernannt worden wäre! LLalleusteiuZ Absetzung. 23 l rischen Geübtheit wegen durch ganz Deutschland bekannt. So waren Wallen steinS Kürrassiere, und beinah noch mehr Tilly'S Wallonen, der Kern, die erster» der deulschen Reiterei, die letztem des deulschen Fußvolkes. Besonders bekannt war auch das 'Regiment baierischcr Reiter, nach seinem Anführer die Kronbcrger, nach seinem Benehme» die Unüberwindlichen genannt. Sie hatten schwarze Pferde und schwarze Bekleidung, und auf dem Helme einen weißen Todtenkopf. Eine ganz eigne Berühmtheit hatten die Kroaten, eine unregelmäßige ungarische Reiterei, heftig in ihrem Angriff, aber ohne Ordnung und Beharrlichkeit. Diese Kroaten zeichneten sich durch die wildeste PlünderungSsucht, die rohesten Gewaltthätigkeiten aus. Angst und Grauen gingen vor ihnen her, Mord und Brand folgtet! ihrer Spur; selbst der Name Krabaten, wie die Deutschen ihn gewöhnlich auSsprachcn, ward endlich zu einer allgemeinen Benennung für wilde und gewissenlose Menschen. Neun und dreißigstes Capitel. WallensteinS Absetzung. Schon zwölf Jahre hatte dieser verwüstende Krieg durch Deutschlands Auen gewüthet. Seine Verheerungen nahmen einen immer scheußlichern Charakter an. Die Heere glichen umherziehenden Näubcrschaarcn. Sie gaben vor, die einen, daß sie im Interesse katholischer, die andern, daß sie im Interesse protestantischer Fürsten kämpften, plünderten aber demunerachtet Katholiken und Protestanten. Der Krieg ward nicht mehr um der Fürsten, des Volkes, deS kommenden Friedens willen geführt, sondern um die Raubgier der Solvaten und ihrer Anführer zu befriedigen. Weder menschliches noch göttliches Gesetz ward mehr geachtet, eben so wenig der Reichsfürsten laute Klagen. Wallenstein begegnete diesen Fürsten mit einer vornehmen Verachtung, indem er ihnen zu verstehen gab, daß er, als kaiserlicher Obersclvherr, ihnen nicht nur gleich stände, sondern ihnen sogar überlegen wäre. Die Solvaten folgten dem Beispiele, und behandelten die Unterthanen derselben mit einem grenzenlosen llcbermuthe. Wenn der Bauer oder Bürger seine besten Gerichte auftrug, weigerte sich der Reiter sich zu Tische zu setzen, wenn nicht jedesmal ein 232 Neun und dreißigstes Capitel. blanker Dukaten unter seinem Teller lag. Ward diese Federung auö Mangel an gutem Willen oder aus wirklichem Unvermögen nicht erfüllt, dann brach der wilde und thierische Sinn der Soldatenhaufen in seiner ganzen Abschenlichkeit los. Ehrbare Frauen wurden bis zum Tode mißhandelt, und ihre Leichen den Hunden zum Zerreißen vorgeworfen. Die Männer wurden bis aufs Hemd ausgeplündert und beim geringsten Zeichen von Unzufriedenheit ermordet. Die Ofsieiere erpreßten durch abscheuliche Quälereien alle baare Münze, und nahmen, wenn deren beim Auszahlen ihrer Brandschatzungcn fehlte, dafür bewegliche Güter für den kaum hundertsten Theil ihres Werthes. Auf diese Weise ward das Land binnen Kurzem an den Bettelstab gebracht, so daß Ackerbau und Handwerke still standen. Fürsten, die früher reich gewesen, hatten jetzt kaum ihr kümmerliches Brod; und ihre Unterthanen nährten sich von Eicheln und Wurzeln, ja Manche waren gezwungen mit Erde den wüthenden Hunger zu stillen. — Und dies 'Alles, während Walleusteins Kroaten, den Zaum und das Riemenzeug mit Silber und Gols überdeckt, in Ucbcrsluß und Cchwelgcrci lebten; seine Rittmeister wie Fürsten, er selbst mit mehr Pracht als der Kaiser selbst. Es waren eigentlich Pommern, Nieder-Sachsen und Brandenburg, welche am meisten litten; doch auch die andern Landschaften waren nicht verschont geblieben. Nach Dänemarks Besiegung erhob sich daher ein lauter Ruf nach dem wohlthuenden Frieden. Aber noch hatte der Kaiser seine heimlichen Absichten nicht erreicht; noch'fürchtete man einen Einfall dcS schwedischen, wie früher des dänischen Königs, und Wallcnstein stand, um dieser Ursache willen, von seinem ganzen zahlreichen Kriegshcere umgeben da; aber auch umgeben vcm Haß und dem Fluche des ganzen deutschen Landes. Auf ihn richteten sich alle Blicke; er war der unumschränkte Führer dieser Räuberhausen; er hatte sie zuerst zusammengerufen; erhalte sich verbindlich gemacht sie zu unterhalten und zu besolden, und that dies aus Kosten des deutschen Reiches und aller seiner Einwohner. Er selbst sollte zuerst abgesetzt, und dann seine wilden Schaare» aufgelöst werden: dieser Ruf erklang durch ganz Deutschland ! Ferdinand hegte gewiß selbst wohl einige Furcht vor Wallen- stcins ehrgeizigen Planen; aber es war ihm aus der andern Seite auch wieder viel dran gelegen, sowohl den Heerführer wie das 233 Wallensteins Absetzung. Heer beizubehalten, als das Mittel nehmlich, durch welches er, ohne selbst dazu beitragen zu muffen, eine vollkommen unumschränkte Macht über das ganze deutsche Reich ausübte. Aber die Klagen wurden immer lauter, und sie gingen nicht nur sein geringen Volke, sondern auch von den Fürsten selbst aus. „Dem unglücklichen Zustande des Reiches kann nicht abgeholfen werden," schrieb der Erzbischof von Mainz, „dafern des Reiches Dictator nicht abgefetzt wird. Dieselbe Sprache führten auch die andern Churfürsten, besonders Maximilian von Baiern; und Richelieu fachte heimlich ihre Unzufriedenheit an, in der Hoffnung durch Wallensteins Absetzung des Kaisers Macht zu schwächen. Dies war auch eine heimliche Triebfeder der meisten katholischen Fürsten, welche fürchteten, daß Ferriuand, durch Wallensteins Hülfe sich zu ihrem unumschränkten Oberhcrren auswerfen mochte. — Aber auch von wirtlichen und wohlmeinenden Freunden erhielt der Kaiser diesen Rath. „ Euere Majestät," schreibt sein eigner Bruder, „kann sich nicht vorstellen wie die Soldaten verfahren! Ich bin wohl auch einige Jahre mit im Kriege gewesen, und weiß, daß eS selten ohne Gewaltthätigkeiten ablaufen kann; aber bloß zum Zeitvertreib Fenster zu zerbrechen, Hcerd und Mauern zu zerstören, Nase» und Ohren abzuschneiden, zu martern, zu schänden, zu morden — solchem Unfug sollte doch durch den Befehlshaber gesteuert werden! Ich weiß recht gut, daß man Euercr Majestät einzureden sucht, diese Beschuldigungen wären uuge- gründct, aber Ew. Majestät mochten hierin doch wohl mir, Ihrem leiblichen Bruder, so viel Glauben schenken, wie den Herren, welche ihre Beutel mit deS armen Volkes Schweiß und Blut spicken. Ich kann mehrere Officiere nennen, die vor Kurzem noch kaum Kleider auf dem Leibe hatten, aber jetzt schon drei bis vkermal hundert tausend Guloen in klingender Münze zusammengescharrt haben. Die Unzufriedenheit beginnt zu einer erschreckenden Höhe anzuwachsen, und ich habe mein Gewissen nicht anders beruhigen können, als indem ich Ew. Majestät die Sache.in ihrem wirklichen Lichte darstellte." Im Anfange des MonatS Juni 1630 ward ein Reichstag zu Negensburg zusammcnberufen. Hier brach der Sturm, der sich schon lange im Stillen gegen Wallenstcin gesammelt hatte, gewaltig los, und Alle federten einhellig und überlaut die Ab- Neun und dreißigstes Capitel. 234 setzung des verhaßten Feldherrn. Ferdinand suchte ihn zu vertheidigen, und stellte ihnen vor, wie unvorsichtig es sein würde, einen so erprobten, geschickten und tapfern Heerführer zu verabschieden, und ein siegreiches Kriegsheer aufzulösen, beides gerade zu einer Zeit, wo der Einfall eines neuen Feindes, des Königs von Schweden, im Reiche gefürchtet werde. Wallcnsteins verschiedene Anhänger ließen Verlheidignngsschriften gleichen Inhalts drucken; aber die Gegenparthei machte es eben so gegen ihn. „Es ist Zeit," schrieb man, „daß der Kaiser die Noth des gemeinsamen Vaterlandes lindre; es ist Zeit, daß seine Aufmerksamkeit sich auf die bittern Thränen, auf das unschuldige Blut richte, welches an dem erpreßten Gelde klebt- Der Unterdrückten Wimmern und Seufzen, wenn auch auf Erden unbarmherzig verachtet , wird zum Himmel emporsteigen und sich zu einem strafenden Gewitter über dem Haupte des Verbrechers sammeln. Von Wallen- stein kommt all' dies Elend, und die höchste Nothwendigkeit crfo- dert es, diesen Quälereien, unter welchen das Vaterland so viel ausgestanden hat, ein Ende zu machen." Ferdinand wünschte, auf diesem Reichstage seinen Sohn zum römischen Könige erwählt zu sehen, um demselben dadurch die kaiserliche Thronfolge zu sichern. Aber die Churfürsten weigerten sich den Vorschlag zu unterstützen, wenn nicht vorher Wallenstein abgesetzt würde. Ferdinand schwankte; — er fühlte wie die Gewährung dieses Wunsches zugleich eine Unvorsichtigkeit in Hinsicht auf den erwarteten Einfall der Schweden, und eine Undankbarkeit in Ansehung der großen Verdienste Wallensteins wäre. Auf der andern Seite ward er von den Churfürsten, Marimilian an der Spitze, und von seinen heimlichen Gewissensräthen, welche Wallenstein haßten, bestürmt, endlich auch von den Sorgen für sein eignes Haus und dessen Erhaltung. — Er gab nach, und Wallenstein ward abgesetzt; doch erklärte Ferdinand feierlich, „daß solches gegen seine eigne Ueberzeugung und auf der Stände dringendes Begehren geschehen sei. Er wolle weder vor Gott noch vor den Menschen für die Unglücksfälle verantwortlich sein, die daraus hervor gehen könnten." Nun war freilich der mächtige Feldherr vom Kaiser für abgesetzt erklärt; aber Mancher fürchtete, daß er dem Befehle nicht gehorche» werde. Man kannte Wallensteins stolzen und Wullensteins Absetzung. 235 herr;chjüchtigen Sinn, so wie der Soldaten blinde Ergebenheit für ihn, und beschloß daher vorsichtig zu Wege zu gehen. Schon früher war Wallenstein von dein ihm eigentlich gehörenden Haupt- heere weg nach Schwaben gesandt worden, und stand dort an der Spitze von schwächer» und ihm fremdern Truppen. Man hatte die Absicht vorgegeben, dadurch auf den Reichstag zu Regensburg einwirken zu wollen; aber Manche wollten darin eine Vorsichtsmaßregel Ferdinands sehen, der schon damals den Ausgang der Sache vorher gesehen hätte. Nun war Wallenstein also wirklich in Schwaben. Um so weit wie möglich durch die Art und Weise das Beleidigende der Sache selbst zu mildern, trug man zweien seiner eifrigsten Anhänger, Gunstenberg und Werdenberg, aus, die unangenehme Nachricht zu überbringen. „Sie sollten," hieß es, „durch passende und gute Gründe den Herzog vermögen seine Feldhcrrnstelle aufzugeben, und ihn zugleich der fortwährenden Gunst des Kaisers versichern." Schon vorher hatte Wallenstein durch seine Spione Nachricht von dem gefaßten Beschluß erhalten, und auf Veranlassung dessen mit dem Sterndeuter Sein genau überlegt was nun geschehen sollte. Dieser rieth ihm sich nach den Umständen zu fügen; und weißagte ihm zugleich eine glänzende Genugthuung, und eine neue, noch ehrenvollere Laufbahn. Man sagt, daß Wallenstcins Benehmen in dieser Sache hauptsächlich durch jenen Rath bestimmt ward. Die beiden kaiserlichen Gesandten traten, nicht ohne eine gewisse Unruhe über den Ausgang ihres mißlichen Geschäftes, zu ihm ein. Sie singen mit einer langen und wohlgesetzten Vorbereitungsrede an. Wallenstein unterbrach sie gleich zu Ansang, nahm vom Tische eine mit Sternkreisen überzogne Tafel, zeigte sie ihnen und sprach: „diese Kreise können Euch, meine Herren, beweisen, daß ich durch die Sterne schon im Voraus Euren Auftrag kannte, Diese hohe Wissenschaft lehrt mich zugleich, daß des Churfürsten von Baiern Geist ganz und gar den des Kaisers beherrscht, weswegen ich letzterm mein Unglück auch nicht zurechne. Doch thut es mir weh, daß der Fürst, den ich gegen fremde Feinde und einheimischen Aufruhr so treu vertheidigt habe, mich jetzt in der Stunde der Noth selbst ohne Schutz läßt. Dennoch bin ich bereit auch hierin dem Willen meines kaiserlichen Herrn I lä< 2ckü Vierzigstes Capitel. I»' zu gehorchen." — Die Gesandten wurden übrigen» mit glänzenden Festlichkeiten unterhalten, und bei ihrer Abreise erhielten sie kostbare Geschenke. Zugleich übergab ihnen Wallenstein einen Bries an den Kaiser. Er begehrte nur, „gegen böswillige Feinde beschützt zu werden, und die fürstliche Würde und die Besitzungen zu behalten, die der Kaiser ihm einst als Belohnung zuerkannt habe." — Die Churfürsten hingegen weigerten sich bestimmt ihm die Würde eines HerzogS von Mecklenburg, noch weniger das Land selbst, zuzuerkennen; statt dessen begehrten sie, daß er sich stellen solle, um sich wegen der Erpressungen zu verantworten, welche er und sein Heer sich erlaubt hätten. Der letzter» Federung ward freilich keine Folge geleistet; hingegen wagte der Kaiser eS nicht, Wallcnstcins Recht auf Mecklenburg zu vertheidigen, oder wollte eS auch vielleicht nicht. Genug diese Sache blieb unerledigt, und sogar in Wien fing man an von WallensteinZ Titel das Wort, Herzog von Mecklenburg, auszuschließen. Boll Verdruß und Unzufriedenheit zog er sich auf seine in Böhmen liegende Besitzungen zurück. I,> z Vier zig st es Capitel. Gustaf Adolfs Erwägungen hinsichtlich des dreißig- jährigen Krieges. ES fanden sich gewiß manche äußere Verhältnisse vor, welche Gustaf Adolf zur Theilnahme an dem dreißigjährigen Kriege trieben; den Hauptgrund dazu muß man aber doch in -seiner eignen Persönlichkeit, seiner Ansicht von Europa's,'Schwedens und seiner eignen Stellung suchen. ES kann nicht geläugnet werden, daß Oesterreichs wachsende Macht Europa's Freiheit bedrohte, und daß die höchste Noth einen Rächer herbeirief. Man kennte aber demunerachtet noch hoffen, diese Gefahr auch ohne Schwedens Veitritt abgewendet zu sehen. Nicht nur die übrigen Protestanten, sondern auch die Katholiken selbst würden sich zu solchem Endzwecke erhoben haben. Frankreich uuter dem thätigen Richelieu, würde früher oder später die Waffen ergriffen haben. Deutschlands katholische Fürsten, Marimilian an ihrer Spitze, fingen schon an einen starken Widerstand zu bilden; vielleicht wohl heimlich unterstützt durch die Mißgunst SpanienS, PolenS und sogar durch die des Papstes. GustafAdolfS Erwägungen Hinsicht!, d. drcißigjähr. Krieges. 237 Diese beruhigenden Umstände konnten Gustaf Adolf nicht entgehen. Aber großer war die Gefahr, welche der protestantischen Religion drohte. In dieser Hinsicht konnte man mit ziemlicher Gewißheit erwarten, daß Frankreich und die katholischen Fürsten, wenn auch übrigens voll Mißgunst gegen den Kaiser, ihm eine hülsreiche Hand biete» würden, wonach wenig Hoffnung für das evangelische Glaubensbekenntniß übrigblieb. Dessen eigne Vertheidiger waren zu schwach um auf sie rechnen zu können; England, an Kraft und Richtung noch unentwickelt, dazu unter einer schwachen Regierung durch innere Unruhen zerrissen; Holland mit Mühe sich selbst vertheidigend; Dänemark zum Stillschweigen und zur Uuthätigkeit gebracht; Sachsen und Brandenburg, mit scheinbarer Freiheit, aber dabei unter des Kaisers erhobenem Schwerte stehend; Schweden, abgelegen, arm an Mitteln und Truppen, und für sich selbst beider bedürfend. So waren also die Aussichten für die religiöse Freiheil Europa's noch finstrer, als die für seine politische. „Es steht zu fürchten," schrieb Orcn- stjcrna, „daß wir noch zu der doppelten Knechtschaft der Seele und des Körpers werden gezwungen werden." Gustaf Adolf war gewissermaßen in und zu der protestantischen Glaubenslehre Vertheidigung geboren und erzogen; er halte von Vater und Großvater diesen Auftrag geerbt. Dies stimmte mit seinen eignen Gefühlen übereil,, welche lebhaft und warm für die heilige Sache der Menschheit, des Lichtes und der Freiheit erglühten. Es stimmte auch mit seiner eignen Stellung übereil,, da er selbst einem neuen KönigSstamme entsprossen und durch die neue Lehre auf den Thron erhoben worden war. Es stimmte endlich übereil, mit seines Herzens innerster Ueberzeugung von der Wahrheit dieser Lehre, von ihrer Unentbehrlichkcit für jede weitere Entwickelung der Staaten und der Wissenschaft. Auch hatte er schon frühzeitig angefangen, im dunkeln, ahnungsvollen Gefühle seines künftigen Berufes, unruhige Blicke nach Deutschland hinüber zu werfen. Gleichwohl würde Gustaf Adolf ohne SigiSmundS Eigensinn und den dadurch veranlaßten polnischen Feldzug nicht sobald, ja vielleicht niemals dazu gekommen sein, Theil an dem deutschen Kriege zu nehmen. Der Wenduugspunkt in dieser Sache siel ungefähr in das Jahr 1618 . Der dänische Krieg sowohl wie 238 Vierzigste Capitel. der russische waren beendigt, und Gustaf Adolf suchte sich mit Polen zu vergleichen, und das sehr ernstlich. Das schwedische Volk, ermüdet durch die nun beinah sechszigjährigen Fehden, äußerte unverhohlen seine Sehnsucht nach Ruhe, und die Liebe, die Segnungen, welche Gustaf Avolf für die zwei schon errungenen Friedensschlüsse erntete, lockten zu dem dritten hin. Danach konnte er dann ungestört sich der innern Regierung und der erfreulichen Beschäftigung hingeben, über sein ganzes Reich Gedeihen und Wohlstand, Ordnung und Licht zu verbreiten. Schweden würde dann noch einmal ein goldenes Zeitalter durchlebt habe», so wie in den letzten Jahren von Gustaf Wasa's Regierung, und wenn Gustaf Adolf einmal sein Land im Genusse der schon reifen und reichen Früchte des Friedens gesehen hatte, so würde er es schwerlich über sich vermocht haben, diese seine eigne Schöpfung, dies sein glückliches Volk wieder in die Gefahren und das Elend deS Krieges zu stürzen. Aber Sigismunds Eigensinn und übertriebnen Ansprüche zerstörten diese goldncn Hoffnungen, und stürzten Schweden und seinen König in die Wirbel deS polnischen Krieges. Hier war es, wo Gustaf Adolf zuerst Gelegenheit fand, seine kriegerischen Eigenschaften auszubilden. Hier war es, wo er selbst und die Welt seine ungewöhnlichen Fähigkeiten kennen lernten, und sowohl das entwickelte Selbstgefühl, wie das immer mehr wachsende Vertrauen des ganzen Curopa's waren es, welche ihn seitdem mit lauter und unwiderstehlicher Stimme, von Innen wie von Außen, zu noch wichtigern Thaten auffoderten. Er vermochte es nicht die überlaute, unablässige Auffoderung, sich kämpfend und rettend in die brausenden Wogen des großen Weltstreites zu stürzen, zum Schweigen zu bringen. Er fühlte, daß nicht Schweden allein, sondern ganz Europa sein Vaterland sei. Schweden, das geliebte Schweden, war fortan nicht mehr der ausschließliche Gegenstand seiner Fürsorge, sondern eher das Mittel, um die erhabne That auszuführen, wozu er sich berufen fühlte, nehmlich Enropa's Rettung aus der geistigen wie aus der weltlichen Sklaverei. Man hat es getadelt, daß Gustaf Adolf Schweden in den dreißigjährigen Krieg verwickelte, und dadurch um eines fremden Volkes willen sein eignes aufopferte. In wie weit er auf die Dauer dieser Einmischung hätte entgehen können, ist noch unentschieden. Außerdem sah Gustaf Avolf weder die einzelnen Menschen Gustaf Adolfs Erwägungen Hinsicht!, d. dreißigjühr. Krieges. 239 »och die einzelnen Staaten für isolirte, von dem Ganzen abgesonderten Theile an, welche gedeihen nnd wachsen konnten mitten in der allgemeinen Zerstörung. Er betrachtete die europäischen Völker bin- gegcn als Bruder, zu demselben Erbe der Freiheit und des Lichtes berufen, und Mesammt unter einander zum gegenseitigen Beistande in dem Kampfe für diesen grossen Gegenstand verpflichtet. In einem solchen Geiste redete er zu dem schwedischen Volke, und es verstand ihn und folgte ihm auf seiner erhabnen Bahn, willig mit ihm Kräfte nnd Blut opfernd, aber auch mit ihm zum höchsten Gipfel der Ehre und des Ansehens emporsteigend. Nach Darstellung dieser innern Triebfedern Gustaf Adolfs zur Theilnahme am Kriege, wolle» wir auch die äußern Umstände anführen, welche ihn näher dazu bestimmten. Schon längre Zeit vorher hatten Deutschlands protestantische Fürsten ein Bündniß mit Gustaf Adolf nachgesucht. Verschied»« Schreiben waren zu solchem Endzwecke in den Jahren 1014, 1019 und 1021 abgesendet worden; aber eigne Geschäfte hielten den König von jeder wirksamen Theilnahme an diesen fremden Angelegenheiten ab. Im Jahre 1023 vermehrten sich die Besorgnisse der Protestanten, aber auch ihre Beharrlichkeit nahm zu. Gustaf Adolf fing an immer mehr Beruf zu dem Unternehmen in sich zu fühlen, ward aber, wie schon erzählt, durch den pol- nischen Krieg verhindert, und außerdem kam ihm auch der König von Dänemark zuvor. Aber nach des Letzter» Niederlage vermehrte sich die Gefahr für Schweden und im selben Grade auch Gustaf Adolfs Neigung, derselben kühn unter die Augen zu treten. Der Kaiser und Wallenstein behandelten ihn mit dem beleidigendsten Hochmuthe. Sie weigerten sich ihm den Königstitel zu geben, und wiesen seinen Gesandten von den Friedens- unterhandlungen zu Lübeck schimpflich hinweg. Hierzu kamen wirkliche Feindseligkeiten. In Polen diente 1027 gegen Gustaf Adolf ein kaiserliches Regiment unter dem Herzog Adolf von Holstein; im Jahr 1029 das ganze Arnheimsche Heer. Kaiserliche Truppen harten Gewaltthätigkeiten gegen schwedische Seefahrer verübt, und Wallensteins Titel: des römischen Reiches Großadmiral über die Nordsee, seine drohenden Schiffsrüstungen gaben genugsam zu erkennen, was man gegen Schweden vorhabe, wen» Deutschland erst bezwungen wäre. 240 Vierzigs!-' Capitel. Gustaf Adolf und Arcl Orenjsterna waren nicht die Männer, welchen Blindheit oder Furcht die Augen vor diesen Gefahren hätte verschließen können. Sie sahen Beide die Unmöglichkeit ein, auf die Dauer einem Kriege gegen den Kaiser auszuweichen; sie glaubten Beide auch, daß eS vortheilhaftcr sein würde, den Feind auf der südlichen Seite der Ostsee anzugreifen als seinen Einfall in Schwedens Grenzen abzuwarten; doch regte sich dies Alles in Beiden nicht ohne mit Zweifeln und Unruhe vermischt zu sein. „Gott ist mein Zeuge," schrieb der König, „wie sehr des Vaterlandes und meiner Unterthanen Noth mir zu Herzen geht; doch scheint es mir besser, der Gefahr muthig unter die Augen zu treten und den Krieg auf fremden Grund und Boden zu führen, als den Feind in unsre eignen Landmarken dringen zu lasse», wohin er sonst unzweifelhaft kommen wird." — Orenstjerna schrieb an den Rath: „Wenn ich diesen bevorstehenden Krieg betrachte, des Feindes siegreiche Macht, des Vaterlandes Armuth, des Krieges Hülfsmittel, Anfang, Wechselfälle und möglichen Ausgang, dann sträubt sich mir ras Haar auf dem Kopfe! Wer würde demselben nicht ausweichen, sofern es nur möglich wäre? Aber nachvem Gott uns in einer solchen Zeit hat geboren werden lassen, und unS zu des KönigS und des Vaterlandes Nathgebern eingesetzt hat, so sollen wir nicht nur die Gefahren aufsuchen, sondern auch die Mittel um sie zu besiegen. Hierzu rechne ich vornehmlich das, den Feinv anS dem Naterlande entfernt zu halten" u. s. w. — In dieser Sache waren Gustaf Adolf und Orenstjerna eins, woher Stralsund auch gleich entsetzt ward; aber eine andre Frage war zu lösen: nehmlich wie und wo der Krieg geführt werden sollte? — Gustaf Adolf wollte, daß man schon 1629 die Hauptmacht nach Deutschland führen sollte. Orcn- stjerna aber glaubte, daß man den Angriffskrieg in Preuße», wo man schon Festungen inne hatte und das Land kannte, fortsetzen, und sich hingegen damit begnügen müßte, Stralsund zu besetzen und durch die Unterstützung dieser Stadt den Kaiser zu beschäftigen, so wie man früher in König Johanns Zeit durch Nevals hartnäckige Vertheidigung die russische Macht in ihrem Siegesläufe aufgehalten hatte. Man sah es deutlich, wie Orenstjerna aus einer beinah unbewußten Besorgniß so lange wie nur möglich den fürchterlichen Kampf zu vermeiden wünschte. Nicht Gustaf Adolfs Abreise. 24t so der König. Der einmal unvermeidlich gewordne Krieg sollte je eher je besser angefangen werden, bevor ganz Deutschland unrettbar unter das Joch gebracht Ware. Gerade der Umstand, daß Gustaf Adolf angriffsweise verführe, würde den Muth sowohl seiner eignen Truppen wie den seiner Verbündeten vermehren. Der König und sein Freund wechselten in Beziehung auf diese Angelegenheit mehrere vertrauliche und weitläuftige Briefe. Orenstjerna konnte unmöglich des Königs Gründe für den Angriffskrieg widerlegen. Aber auf der andern Seite konnte er auch nicht unterlassen, ihm unaufhörlich den entblößten Zustand Schwedens, des Kaisers so vielfach bedeutendere Streitkräfte, und den dadurch zu erwartenden unglückliche» Ansgang immer wieder vor die Augen zu rücken; welche Gründe nun wieder für Gustaf Adolf eben so schwer zu widerlegen waren. Endlich schrieb der Letztere: „Was ausgerichtet werden kann oder nicht, das weiß allein Gott, welcher den Willen zu beginnen und die Kraft zu vollenden gibt, wenn die Sache zu seiner Ehre und zu unsrer Seligkeit gereichen kann. Ihr könnt leichter die Hindernisse zeigen, als ich die Möglichkeiten; weswegen ich mich auch nur lieber damit begnügen will, künftig in der Wirklichkeit meinen Vorsatz auszuführen, als ihn hier zum Voraus auf dem Papiere darzustellen." — Orenstjerna gab nach, indem er dies als eine ckisiwsitio vivion betrachtete. „Der König," sagte er, „wird dazu von einem mächtigen Geiste getrieben, dein Niemand widerstehen kann." — Es ward beschlossen, den Kaiser in Deutschland anzugreifen, und das schon 1629. Der Angriff ward aber noch aufgeschoben, weil Gustaf Adolf zu Lübeck noch einen neuen Versuch zu friedlicher Vergleichung machte. Aber als Wallenstein den schwedischen Gesandten schimpflicher Weise wegjagte, und der Kaiser Arnheim nach Polen sandte, da ward der Krieg für das folgende Jahr unwiderruflich beschlossen; „aber," schrieb der König, „von diesem Augenblick an erwarte ich keine einzige ruhige Stunde mehr in meinem ganzen Leben!" und bei seiner Ankunft in Stock- holm bestimmte er daselbst in der Nidderholms - Kirche die Stelle für sein künftiges Grab. Ein und vierzigstes Capitel. Gustaf Adolfs Abreise. Des Königs und Arel Orenstjerna's Besorgnisse fingen an, U L« 242 Ein und vierzigstes Capitel. sich immer weiter zu verbreiten, je näher die Gefahr herbei rückte, erst in den Rath, dann durch das Reich. Per Brahe und Johann Skyttc, welche in hohem Grade des Königs Vertrauen besaßen, suchten ansangs jede unmittelbare Einmischung in ein so weit aussehendes Unternehmen abzurathen. „Man »lüsse versuchen," sagten sie, „so lange wie möglich dem furchtbaren Kriege auszuweichen." Aber von Jahr zu Jahr sahen sie immer deutlicher die Nothwendigkeit ein, und gingen endlich zu des Königs Ansichten über. Beim Schlüsse des Jahres 1629 begehrte er des Rathes Meinung darüber: Ob er den Feind in Deutschland angreifen, oder in Schwedens G ren z en d css en A n g ri ff a bw arteu sollte? Nach Erwägung aller Gründe für und gegen, ward die erste Meinung einhellig angenommen; doch von dem vorsichtigen Skytte mit dem ausdrücklichen Vorbehalte, wofern der Friede auf keine Weise erhalten werden könne. Der König erklärte seine Zufriedenheit mit diesem Beschlusse, hinzufügend, „daß er seiner SeitS schon lange dieser Ansicht gewesen sei; die Sache aber dem Rathe habe anheimstellen wollen, um künftig bei möglichem Mißlingen nicht allein die Schuld tragen zu müssen." Schon im vorher gehenden Jahre hatte Gustaf Adolf die nöthigen Anstalten zu dem zu erwartenden Feldzuge gemacht. Mehrere neue Regimenter wurden unter Kniephausen, Falkenberg, Duwall und Hall geworben. Einige der alten erhielten Erlaubniß im Sommer 1629 nach Schweden zu kommen, um nach dem ermüdenden Feldzuge von 1628 auszuruhen. In Preußen wurden 16,000 Mann unter Arel Orenstjerna und Gustaf Horn zurückgelassen. Eine geringere Macht unter Alexander Leßlie', Nils Brahe und Taupadel hatte Stralsuud inne, und scharmützelte mit den auf Rügen liegenden kaiserlichen Truppen. Eine Kriegserklärung erachtete Gustaf Adolf um so weniger nöthig, als der Krieg schon begonnen hatte, zuerst durch des Kaisers Hülfssen- dungen nach Polen, dann durch die der Schweden nach Stralsund. Aber um sein Unternehmen zu rechtfertigen, erließ er an die Regenten und Völker Eurvpa's einen offnen Brief, welcher die Ursachen des Krieges mittheilte. An solchen fehlte es nicht. „Der Kaiser hatte Gustaf Adolfs Brief an Bethlen Gabor behalten und erbrochen, und Sigismund zum Krieg aufgehetzt, sowohl durch Versprechungen, wie durch Hülfstruppen, im Jahr 1627 unter Herzog Gustaf Adolfs Abreise. 243 Adolf von Holstein und im Jahr 1629 unter Arnhcim. Er hatte sich die Herrschaft über die Ostsee angemaßt und den schwedischen Handel beunruhigt, und außerdem gegen alles Recht die Herzoge von Mecklenburg, des schwedischen Königshauses Verwandte vertrieben; endlich Schwedens Gesandten schimpflich von den Friedens- Unterhandlungen zu Lübeck hinweggewiesen und dessen König den ihm gebührenden Titel verweigert." Dieses Schreiben, in Verein mit der hohen Meinung die man schon jetzt von Gustaf Adolfs persönlichen Eigenschaften hatte, belebte von neuem in unzähligen Gemüthern die beinah ersterbende Hoffnung auf eine Rettung aus dem nahe bevorstehenden Joche Oesterreichs und des PabstthumeS. In England, Holland und Dänemark zeigte man seine Freude, seine Hoffnungen schon offner. Richelieu schwieg. Deutschland, welches schon litt, und für die Zukunft am meisten zu fürchten hatte, wagte kaum ein einziges Wort zu äußern. Die Fürsten und das Volk verlangten gleich stark nach dem Befreier aus Norden, wie er genannt ward, und entsandten für den glücklichen Fortgang seines Unternehmens die wärmsten Gebete, aber nur ganz im Stillen. Oesterreichs Macht und das Beispiel der durch das frühere Bündniß mit Dänemark unglücklichen Länder, hemmten jeden öffentlichen Ausdruck der allgemeinen Denknngsweise. Die Churfürsten verbaten sich ausdrücklich Gustaf Adolfs Herüber- kunft, ihn in ihren Briefen nicht einmal König, sondern nur Fürst nennend. Sie wollten lieber das gegenwärtige Uebel tragen, als durch neuen Widerstand noch mehr Ferdinands Zorn und Wallen- steins Schwert reizen. — Selbst Frankreich, welches den König zu diesem Kriege angetrieben hatte, blieb anfangs unthätig. Gustaf Adolf weigerte sich nehmlich auf andre als vortheilhafte Bedingungen einzugehen, und Richelieu wollte nichts wagen bis er gesehen hatte wie die Sache sich wenden würde. Schweden und Gustaf Adolf standen ganz und gar nur auf sich selbst angewiesen da. Ende Mai 1630 wurden die Stände nach Stockholm berufen, und die schwer aufzulösende Frage auch ihnen vorgelegt. Ein Jeder konnte leicht die großen Beschwerden und Ungelegenheiten voraussehen, welche dieser Krieg für die Zukunft mit sich führen mußte; aber dennoch erhob sich keine einzige Stimme dagegen. Das Edle und Großartige des Unternehmens riß alle Herzen mit sich hin, und das Volk brachte freiwillig sein Vermögen für die 244 Ein und vierzigstes Capitel. heilige Sache zum Opfer dar, für welche sein König sich bereit zeigte das eigne Leben hinzugeben. Der Krieg ward genehmigt, und die nöthigen Steuern bewilligt. Den 20. Mai versammelten sich die Stände im Reichssaale, wo der König erschien, seine vierjährige Tochter an der Hand. Zuerst ward der NeichStagsbe- schluß verlesen, durch welchen dieser Prinzessin die Thronfolge zugesichert ward, und die Stände erneuerten ihren Huldigungseid. Darauf folgte die Verordnung über die Reichsregierung während der Abwesenheit des Königs. Endlich nahm Gustaf Adolf selbst das Wort. Die Tochter auf seine Arme nehmend, empfahl er sie der Liebe und dem Schutze der Stände in so warmen Ausdrücken , daß ihm selbst wie der ganzen Versammlung die Thränen in die Augen traten. Darauf ließ er das Kind von sich, und setzte seine Rede fort, indem er seinen Unterthanen „für ihre Bereitwilligkeit hinsichtlich der gefoderten Kriegssteuern dgnkte, in Sonderheit, da er wohl wisse, daß dieselben nicht ohne große Schwierigkeiten entrichtet werden könnten. Dennoch hätten sie Alle Gott zu danken, der nun schon so manche Jahre ihr? eignen Grenzen mit den Verheerungen des Krieges verschont, und ihnen seinen Beistand verliehen hätte, Siege und Land zu gewinnen. „Jetzt," fuhr er fort, „jetzt gehe ich um einen weit schwierigern und wichtigern Kampf zu beginnen. Es geschieht nicht auS Leichtsinn, dessen ist Gott mein Zeuge! noch weniger meines persönlichen Vortheils willen oder aus Lust am Kriege. Der Kaiser hat mich auf mannichfaltige Weise zu diesem Schritt gezwungen. Er hat meine Person beschimpft, unsern Feinden geholfen, unsre Bundes- und Glaubensverwandte verfolgt, welche nun, von geistlicher und weltlicher Knechtschaft niedergedrückt, nach ihrer Befreiung seufzen — und mit Gottes Hülfe sollen sie nicht vergebens seufzen!" „Was mich betrifft, so weiß ich recht gut, was mir bevorstehen kann. Ich habe schon bei manchen Gelegenheiten für Schweden mein Blut vergossen, und werde auch einmal für dasselbe mein Leben lassen; denn es heißt ja, der Krug geht so lange zu Wasser bis er bricht! Darum will ich, bevor ich diesmal vom Vaterlande scheide, im innigen Gebet Euch Alle, Schwedens Bewohner, nahe und ferne! in Gottes, des Allerhöchsten Schutz mit Leib und Seele empfehlen, wünschend, daß wir, wenn einst die Stunde kommt, im Reich der unvergänlichen Freuden einander wieder begegnen mögen!" Gustaf Adolfs Abreise. „Euch, Ihr Herren des Reichsrathes, wünsche ich Verstand und Kraft um Eurem Amte zur Ehre Gottes, zur Erhaltung seines reinen Wortes und des Vaterlandes Frieden, Einigkeit und Wohlstand vorstehen zu können. Möchte auch einem jeden Einzelnen von Euch die Freude vergönnt sein, um sich her Nachkommen aufwachsen zu sehen, welche einst dem Vaterlande auf dieselbe Weise beistehen können!" „Der Ritterschaft und dem Adel wünsche ich Glück und Kraft, um durch Tapferkeit und Heldenthaten gleichsam noch einmal unsrer Vorfahren, der alten Gothen, Namen wieder aufleben zu machen, einen Namen, welcher einst seinen unsterblichen Glanz über die ganze Erde verbreitete! Auf dieselbe Weise sollt Ihr dieselbe Ehre erwerben, Eures KönigS Gnade und den einzigen ächten Ruhm des Ritters." „Euch, vom geistlichen Stande, ermähne ich zur Einigkeit und wahren Gottesfurcht. Leuchtet Euren Zuhörern nicht nur mit der Lehre, sondern auch mit Eurem Leben vor, so werdet Ihr Gewalt über ihre Herzen haben. Führet sie dann zur Eintracht, zum Glauben und Gehorsam, auf daß sie sich nicht von bösen Menschen mögen verlocken lassen, sondern festhalten an der Krone und dem Vaterlande." „Euch, von der Bürgerschaft und dem Bauernstände, wünsche ich alles mögliche Glück und Wohlergehen! Möchten Eure niedrigen Hütten sich in starke Häuser aus Stein verwandeln, Eure kleinen Boote in geräumige Schiffe; Eure Aecker und Wiesen mit tausendfältigen Saaten Eure Scheunen und Vorrathshäuser füllen, zur Vermehrung Eures und des Vaterlandes Reichthum! — Ja, Euch Alle, Schwedens geliebte Bewohner! empfehle ich in Gottes milde Obhut, und sage Euch mein herzliches Lebewohl; vielleicht zum letztenmale!" — Thränen brachen hier aus seinen Augen, und eine kurze Stille entstand, nur durch das halb unterdrückte Schluchzen der gerührten Versammlung unterbrochen. Der König erhob wieder die Stimme, und endete durch sein bei solchen Gelegenheiten gebräuchliches Gebet: „Herr! wende Dich zu uns und sei Deinem Diener gnädig! Erfülle uns beizeiten mit Deiner Gnade, auf daß wir uns freuen mögen in allen unsern Lebenstagen! Ja, erfreue uns wieder, nachdem wir so lange im Unglück gelitten haben; und offenbare Deinen Dienern Deine Macht; Deine Ehre sei ihr Erbe! Gott, unser Gott, sei uns gnädig und gewogen! Fördre unsrer Hände Werk! Unsrer Hände Werk fördre der Herr! Amen!" 246 Ein und vierzigstes Cnpitel. Alle Stände waren zu Mittag auf das Schloß entboten. Gustaf Adolf ging umher und unterredcte sich mit den Meisten von ihnen. Er hatte schon immer im gewöhnlichen Leben ein freundliches und liebenswürdiges Wesen — diesmal mehr als je. Die Liebe zu seinen Unterthanen, die innere Bewegung Lei dem Gedanken an den vorhergegangenen wie an den noch bevorstehenden Abschied, die Ahnung ihn erwartender Gefahren, vielleicht einer ewigen Trennung; dies Alles in Vereinigung mit seinem natürlichen Muthe und seiner gewöhnlichen Heiterkeit, machte diese Unterredungen zu einem hinreißenden Gemisch von Freude und Ernst, die beide durch eine beständig hervortretende Innigkeit verschönert wurden. Alle trennten sich von ihm mit einem von Bewunderung und Liebe durchdrungenen Herzen. Unterdessen waren die Truppen bei Elfsnabben versammelt worden. Man sah dort unter der Reiterei Per Braste mit den Smäländcrn, und Erik Soop mit den Westgothländern, nebst Joa.kim Braste mit einigen Schwadronen geworbener Mannschaft. Unter dem Fußvolke Nils Braste, Duwall, Arel Lilje, Diedrich Falkcnberg, Dodo von Kniepstausen, n. s. w. jeder mit seinem Rcgimente. Die für die Fahnen gewählten Denksprüche zeigten die Denknngsweise. Man laS dort die Worte: 8i ve»8 pro iwliis, guis contra nos? **) oder: 6u8lnr»8 ^llolplum, rex Lnecinv, llekonsor lilloi ) oder: Nnrs rcz> it viisei», Düoinis 8ccj>Ir>im ****). Ein liefländisches Regiment unter Denhoff statte eine schwarze Damast-Fahne, auf welcher JsaakS Opferung mit den Worten abgebildet war: Ct ^.ümlmin lilinin pro vco, sie no8 vitnm zwo icxe j ). Das ganze Heer machte 16 Schwadronen Reiterei und 92 Compagnien Fußvolk aus, zusammen 15,090 Mann. Der Anführer der erstem war Ake Tott, des letztem Johann Vaner, der Artillerie Leonhard Lor- stensson. Unter den übrigen stöhern Befehlshabern bemerkte man den Nheingrafen Otto Ludwig, Baudißin, Teuffel, den alten Thurn u. m. A. ') Nach Andern segelte er von Kalmar ab. ") Wenn Gott mit nn« ist, wer kann gegen uns sein? "*) Gustaf Adolf, Schweden« König, de« Glauben« Bcrthcidigcr. "**) Mar« fuhrt da« Schwert, und Theilst« da« Zepter. b) So wie Abraham seine» Sehn Ecit darbrachte, fo wir unser Leben dem Könige. Gustaf Adolfs Abroift. 247 Als Allcs bereit zur Einschiffung war, begab sich der König nach Elfsnabben, von: Hofe und einer zahlreichen Volksschaar gefolgt. Das Heer ward noch einmal gemustert, und fing dann an sich einzuschiffen; endlich der König selbst. Die kleine Prinzessin Christinn war auch zugegen. Man hatte sie einige wenige Worte auswendig lernen lassen, durch welche sie Abschied vom Vater nehmen sollte; aber dieser, mit so manchen wichtigern Dingen beschäftigt, schien sie lange gar nicht zu bemerken; da ward sie endlich ungeduldig und zog ihn an dem Rock. Nun fielen seine Blicke auf die geliebte Tochter. Unter Liebkosungen, Thränen und stummen Segnungen schloß er sie in seine Arme. Die Abschiedsstunde schlug; er gab das Kind zurück, ging an Bord und segelte unter dem jubelnden Zuruf und den Segenswünschen der Menge ab. In den Scheren ward die Flotte von widrigen Winden aufgehalten und mußte einige Tage vor Anker liegen. Endlich erhob sich ein kräftiger Nordwind und alle Schiffe stießen ab, in vier Abtheilungen geordnet. Die erste führte der König selbst, die zweite Gyllcnhjelm, die dritte Cars Nodersköld (Rudcrscbild) und die vierte, oder die Reserve, Erik Nyning. Wind und Wetter waren günstig. In ruhiger Fahrt und guter Ordnung steuerte die ganze Flotte aus dem Hafen, und bald verschwand vor ihren Blicken der letzte bläuliche Schein des Vaterlandes! Citate. 1) Bc»d. Hcrzcg Johann vv» Sstgothland Testament. Brabcrg, v.März 1815. r ) Pal m s k. -wi .1 L»> Concept von Arcl Orcnstjcrna s eigner Hand. 6) Riksark. ^cta Historie» 1589 vt 1600. Abhandlnngen , die Werbung Il-nr! Oe kokisn's um Katharina, Karls IX. Tochter betreffend. 7) Riddcrst. IVn. 72 — 81. Hier.Birkholt an Ar. Orcnstscrna. Siockh., 10 . Nov. 1815. — Hier. Birkh. Relation über den Zug „ach Berlin. 248 Citate. 8) Brah. pol. 18V. Mehrere im Frühling und Sommer oo» 1619 zivifchc» den Höfen von Stockholm und Berlin gewechselte Briefe über Gustaf Adolfs beabsichtigte Hinreise. 9) D'Alb cd. RuSdors an dc Gruc». Heidelberg, 2. Mai 1620. Iv) Riksark. Lei» Historik». 1612 — 1632. Per Bauer an Ar. Orc». stjcrna. Rcval, 18. Juli 1622. Riddcrst. lVo. 182. Mehrere Briefe von Maria Eleonore» a» Ar. Orcnst. Bitten enthaltend, daß dieser doch den König überrede» möchte von, Fcldznge abzustehen, oder Maria Eleonore» die Erlaubniß verschaffe» möchte, ihm zu folge» ee. s. w. 11) Falkenb. Ar. Orcust. ae, Gabr. Orcnst. Würzbnrg, 7. Nov. 1832. 12 ) Brah. kol. 84. Falke »b. Ar. Orcnst. an Gabr. Orcnst. Dirschan, 6. Januar 1627. 13) Brah. pol. 84. 14) Riksark. Des Reichskanzlers Nr. Orcnst. Briefe 1624 —1642. Ar. Orcnst. a» den Senat in Danzig. Elbingen, 26. Nov. »nd 2. Dcc. 1827. Des Senates Antwort. Danzig, iv.Dce. 1627. 12) Falke nb. Ar. Orcnst. aee Gabr. Orcnst. Elbingen, 22.Scpt. 1629. 16 ) Falkcnb. Ar. Orcnst. an Gnst. Horn. Elbingen, 18. Aug. 1631. 17) Riksark. Sieben dicke Foliobändc mit Briefen und Aufsäßen von Ar. Orcnst. von den Jahren 1626 —1632. Siehe ebenfalls R i d d c r st. n. Fa lkc» b. 18 ) Falkcnb. Ar. Orcnst. an Gabr. Orcust. ohne Datum. 19) Falkcnb. Ar. Orcnst. an Gabr. Orcnst. Tigcrhof in Preußen, 26. Octobcr 1626. 20) RikSark. Einige Originalbricsc des Reichskanzlers Ar. Orcnst., »cbst Copicn. deo. zo. Ar. Orcnst. a» Gabr. Orcnst. Elbingen, 1. Nov. 1627. 21) Palmsk. »li.'l acl Historiain re^is 6ust»vl ^ckolplti. D. IV. Gustaf Adolf an Ar. Orcnst. Golnow, 4. December I63V. 22) Riksark. Einige Qriginalbriefe »cbst Copicn des Reichskanzlers Ar. Orcnst. Ar. Orcnst. a» Gustaf Adolf. Elbingen, 15. Januar 1631. Dies ist Ar. Orcnsijcrna'S eigenhändiges Original - Concept selbst, llcbrigcns findet man mehrfache Abschriften von diese» beiden Briefen. 23) Falkcnb. Ar. Orcnst. an Joh. Orcnst. Meß, Iv. Januar 1632. 24) Riksark. Lote, Historie» 1297. Ghllcnhjclms Bericht über König SigiSmnnd Hcrübcrknnft ins Reich. 22 ) Bray. pol. 84. 26) Brah. pol. 84. 27) Brah. pal. 84. 28) Brah. pol. 180 . Gustaf Adolf an Gustaf Horn. Riga, 6. Octobcr 1622 . Stockholm, 6. April 1628. I. dc la Eardie an Gustaf Horn in dc» Jahren 1627 — 1632. 29) Riddcrst. 72. s. CarS Grnbbc an Ar. Orcnst. Bcrwald, 2. Ja». 1631. 30) Riddcrst. 72. I,. Ears Grnbbc an Ar. Orcnst. Frankfurt a. Main, 10. Juni 1632. Dndcrstadt, l.Oct. 1632. Dndcrstadt, 24. Juli 1632. 31) Riddcrst. 74. 6. Ein cigenhänd. Brief vonHcpbnrn von»März 1634 , worin er sich als polonel lind ltlarecltal «le t'aon> lies .»Iioees llu Iloi tres pliretien unterzeichnet. 32) Riksark. Des Reichskanzlers Brief 1630. Liste über das Kriegsvolk i» Preuße». 33) Sack. (Biiiidt 22.) Vollmacht für O. Sack. 10 . Oct. 1627. als Major, und den 14. Mai 1629. als Oberstleutnant über die fudermanländischen Landrcitcr unter Aachar. Panli. 34) Riksark. Lct» Historie» 1612—1632. CarS Grnbbe a» Ar. Orcnst. Stralsnnd, 28. März 1631.